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-The Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs
-Bänden. Dritter Band, by Wilhelm Hauff
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Dritter Band
-
-Author: Wilhelm Hauff
-
-Annotator: Alfred Weile
-
-Release Date: December 7, 2019 [EBook #60873]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
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-
- Wilhelm Hauffs
-
- sämtliche Werke in sechs Bänden
-
- Mit einer biographischen Einleitung
- von _Alfred Weile_
-
- Neu durchgesehene Ausgabe
-
- :: :: in neuester Rechtschreibung :: ::
-
- Dritter Band.
-
- A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei
- _Berlin_ NO.⁴³ Neue Königstr. 9
-
-
-
-
-Lichtenstein.
-
-Romantische Sage aus der württembergischen Geschichte.
-
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-
-
-Einleitung.
-
- Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt,
- Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte;
- Doch euren Augen soll ihn jetzt die Kunst,
- Auch euren Herzen menschlich näher bringen: --
- Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang
- Und wälzt die größre Hälfte seiner Schuld
- Den unglückseligen Gestirnen zu.
-
- _Schiller_.
-
-
-Die Sage, womit sich die folgenden Blätter beschäftigen, gehört
-jenem Teil des südlichen Deutschlands an, welcher sich zwischen den
-Gebirgen der Alb und des Schwarzwaldes ausbreitet. Das erstere dieser
-Gebirge schließt, von Nordwest nach Süden in verschiedener Breite sich
-ausdehnend, in einer langen Bergkette dieses Land ein, der Schwarzwald
-aber zieht sich von den Quellen der Donau bis hinüber an den Rhein und
-bildet mit seinen schwärzlichen Tannenwäldern einen dunkeln Hintergrund
-für die schöne, fruchtbare, weinreiche Landschaft, die, vom Neckar
-durchströmt, an seinem Fuße sich ausbreitet und Württemberg heißt.
-
-Dieses Land schritt aus geringem, dunklem Anfang unter mancherlei
-Kämpfen siegend zu seiner jetzigen Stellung unter den Nachbarstaaten
-hervor. Es erregt dies um so größere Bewunderung, wenn man die Zeit
-bedenkt, in welcher sein Name zuerst aus dem Dunkel tritt; jene Zeit,
-wo mächtige Grenznachbarn, wie die Staufen, die Herzöge von Teck, die
-Grafen von Zollern um seine Wiege gelagert waren; wenn man die inneren
-und äußeren Stürme bedenkt, die es durchzogen und oft selbst seinen
-Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen drohten.
-
-Gab es ja doch sogar eine Zeit, wo der Stamm seiner Beherrscher auf
-ewig aus den Hallen ihrer Väter verdrängt schien, wo sein unglücklicher
-Herzog aus seinen Grenzen fliehen und in drückender Verbannung leben
-mußte, wo fremde Herren in seinen Burgen hausten, fremde Söldner das
-Land bewachten, und wenig fehlte, daß Württemberg aufhörte zu sein,
-jene blühenden Fluren zerrissen und eine Beute für viele oder eine
-Provinz des Hauses Oesterreich wurde.
-
-Unter den vielen Sagen, die von ihrem Lande und der Geschichte ihrer
-Väter im Munde der Schwaben leben, ist wohl keine von so hohem
-romantischen Interesse als die, welche sich an die Kämpfe der eben
-erwähnten Zeit, an das wunderbare Schicksal jenes unglücklichen Fürsten
-knüpft. Wir haben versucht, sie wiederzugeben, wie man sie auf den
-Höhen von Lichtenstein und an den Ufern des Neckars erzählen hört,
-wir haben es gewagt, auch auf die Gefahr hin, verkannt zu werden.
-Man wird uns nämlich entgegenhalten, daß sich der Charakter Ulrichs
-von Württemberg[1] nicht dazu eigne, in einem historischen Romane
-mit milden Farben wiedergegeben zu werden. Man hat ihn vielfach
-angefeindet, manches Auge hat sich sogar daran gewöhnt, wenn es die
-lange Bilderreihe der Herzoge Württembergs mustert, mit scheuem Blick
-vom ältern Eberhard auf Christoph[2] überzuspringen, als sei das
-Unglück eines Landes nur allein in seinem Herrscher zu suchen, oder als
-sei es verdienstlich, das Auge mit Abscheu zu wenden von den Tagen der
-Not.
-
-Und doch möchte es die Frage sein, ob man nicht in Beurteilung
-dieses Fürsten nur seinem erbittertsten Feinde, Ulrich von Hutten,
-nachbetet, der, um wenig zu sagen, hier allzusehr Partei ist, um als
-leidenschaftloser Zeuge gelten zu können. Die Stimmen aber, die der
-Herzog und seine Freunde erhoben, hat der rauschende Strom der Zeit
-übertäubt, sie haben die zugleich anklagende und richtende Beredsamkeit
-seines Feindes, jene donnernde Philippika ~in ducem Ulericum~, nicht
-überdauert.
-
-Wir haben fast alle gleichzeitigen Schriftsteller, die Stimmen eines
-längst vergangenen vielbewegten Jahrhunderts, gewissenhaft verglichen
-und fanden keinen, der ihn geradehin verdammt. Und wenn man bedenkt,
-welch gewaltigen Einfluß Zeit und Umgebungen auf den Sterblichen
-auszuüben pflegen, wenn man bedenkt, daß Ulrich von Württemberg
-unter der Vormundschaft schlechter Räte aufwuchs, die ihn zum Bösen
-anleiteten, um ihn nachher zu mißbrauchen, wenn man sich erinnert, daß
-er in einem Alter die Zügel der Regierung in die Hände bekam, wo der
-Knabe kaum zum Jüngling reif ist, so muß man wenigstens die erhabenen
-Seiten seines Charakters, hohe Seelenstärke und einen Mut, der nie
-zu unterdrücken ist, bewundern, sollte man es auch nicht über sich
-vermögen, die Härten damit zu mildern, die in seiner Geschichte das
-Auge beleidigen.
-
-Das Jahr 1519, in welches unsere Sage fällt, hat über ihn entschieden,
-denn es ist der Anfang seines langen Unglückes. Doch darf die Nachwelt
-sagen, es war der Anfang seines Glückes. War ja doch jene lange
-Verbannung ein läuterndes Feuer, woraus er weise und kräftiger als
-je hervorging. Es war der Anfang seines Glückes, denn seine späteren
-Regentenjahre wird jeder Württemberger segnen, der die religiöse
-Umwälzung, die dieser Fürst in seinem Vaterlande bewerkstelligte, für
-ein Glück ansieht.
-
-In jenem Jahr war alles auf die Spitze gestellt. Der Aufruhr des
-armen Konrad war sechs Jahre früher mit Mühe gestillt; doch war das
-Landvolk hie und da noch schwierig, weil der Herzog sie nicht für sich
-zu gewinnen wußte, seine Amtleute auf ihre eigene Faust arg hausten
-und Steuern auf Steuern erhoben wurden. Den schwäbischen Bund, eine
-mächtige Vereinigung von Fürsten, Grafen, Rittern und freien Städten
-des Schwaben- und Frankenlandes, hatte er wiederholt beleidigt,
-hauptsächlich auch dadurch, daß er sich weigerte, ihm beizutreten. So
-sahen also alle seine Grenznachbarn mit feindlichen Blicken auf sein
-Tun, als wollten sie nur Gelegenheit abwarten, ihn fühlen zu lassen,
-welch mächtiges Bündnis er verweigert habe. Der Kaiser Maximilian, der
-damals noch regierte, war ihm auch nicht ganz hold, besonders seit er
-im Verdacht war, den Ritter Götz von Berlichingen unterstützt zu haben,
-um sich an dem Kurfürsten von Mainz zu rächen.
-
-Der Herzog von Bayern, ein mächtiger Nachbar, dazu sein Schwager, war
-ihm abgeneigt, weil Ulrich mit der Herzogin Sabina nicht zum besten
-lebte. Zu allem diesem kam, um sein Verderben zu beschleunigen,
-die Ermordung eines fränkischen Ritters, der an seinem Hofe lebte.
-Glaubwürdige Chronisten sagen, das Verhältnis des Johann von Hutten zu
-Sabina sei nicht so gewesen, wie es der Herzog gern sah. Daher griff
-ihn der Herzog auf einer Jagd an, warf ihm seine Untreue vor, forderte
-ihn auf, sich seines Lebens zu erwehren, und stach ihn nieder. Die
-Huttischen, hauptsächlich Ulrich von Hutten, erhoben ihre Stimmen wider
-ihn, und in ganz Deutschland erscholl ihr Klage- und Rachegeschrei.
-
-Auch die Herzogin, die durch stolzes, zänkisches Wesen Ulrich schon
-als Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe bereitet hatte, trat
-jetzt als Gegnerin auf, entfloh mit Hilfe Dietrichs von Spät, und sie
-und ihre Brüder traten als Kläger und bittere Feinde bei dem Kaiser
-auf.[3] Es wurden Verträge geschlossen und nicht gehalten, es wurden
-Friedensvorschläge angeboten und wieder verworfen, die Not um den
-Herzog wuchs von Monat zu Monat, und dennoch beugte sich sein Sinn
-nicht, denn er meinte, recht getan zu haben. Der Kaiser starb in dieser
-Zeit. Er war ein Herr, der Ulrich trotz der vielen Klagen dennoch Milde
-bewiesen hatte. An ihm starb dem Herzog ein unparteiischer Richter,
-den er in diesen Bedrängnissen so gut hätte brauchen können, denn das
-Unglück kam jetzt schnell.
-
-Man feierte das Leichenfest des Kaisers zu Stuttgart in der Burg, als
-dem Herzog Kunde kam, daß Reutlingen, eine Reichsstadt, die in seinem
-Gebiete lag, seinen Waldvogt auf Achalm erschlagen habe. Diese Städtler
-hatten ihn schon oft empfindlich beleidigt, sie waren ihm verhaßt und
-sollten jetzt seine Rache fühlen. Schnell zum Zorn gereizt, wie er war,
-warf er sich aufs Pferd, ließ die Lärmtrommeln tönen durch das Land,
-belagerte die Stadt und nahm sie ein. Der Herzog ließ sich von ihnen
-huldigen, und die Reichsstadt war württembergisch.[4]
-
-Aber jetzt erhob sich der schwäbische Bund mit Macht, denn diese Stadt
-war ein Glied desselben gewesen. So schwer es auch sonst hielt, diese
-Fürsten, Grafen und Städte alle aufzubieten, so weilten sie doch hier
-nicht, sondern hielten zusammen, denn der Haß ist ein fester Kitt.
-Umsonst waren Ulrichs schriftliche Verteidigungen.[5] Das Bundesheer
-sammelte sich bei Ulm und drohte mit einem Einfall.
-
-So war also in dem Jahr 1519 alles auf die Spitze gestellt. Konnte
-der Herzog das Feld behaupten, so behielt er recht, und es war nicht
-zu zweifeln, daß er dann großen Anhang bekommen würde. Gelang es dem
-Bunde, den Herzog aus dem Felde zu schlagen, dann wehe ihm. Wo so
-vieles zu rächen war, durfte er keine Schonung erwarten.
-
-Die Blicke Deutschlands hingen bange an dem Erfolg dieses Kampfes,
-sie suchten begierig durch den Vorhang des Schicksals zu dringen, um
-zu erspähen, was die künftigen Tage bringen werden, ob Württemberg
-gesiegt, ob der Bund den Walplatz behauptet habe. Wir rollen diesen
-Vorhang auf, wir lassen Bild an Bild vorüberziehen, möge das Auge nicht
-zu frühe ermüdet sich davon abwenden.
-
-Oder sollte es ein zu kühnes Unternehmen sein, eine historische Sage
-der Vorzeit in unsern Tagen wieder zu erzählen? Sollte es unbillig
-sein zu wünschen, daß sich die Aufmerksamkeit der Leser einige kurze
-Stunden nach den Höhen der schwäbischen Alb und nach den lieblichen
-Tälern des Neckars wende?
-
-Die Quellen des Susquehannah und die malerischen Höhen von Boston, die
-grünen Ufer des Tweed und die Gebirge des schottischen Hochlandes,
-Altenglands lustige Sitten und die romantische Armut der Gälen leben,
-Dank sei es dem glücklichen Pinsel jener berühmten Novellisten, auch
-bei uns in aller Munde. Begierig liest man in getreuen Uebertragungen,
-die wie Pilze aus der Erde zu wachsen scheinen, was vor sechzig oder
-sechshundert Jahren in den Gefilden von Glasgow oder in den Wäldern von
-Wallis sich zugetragen. Ja, wir werden bald die Geschichte der drei
-Reiche so genau innehaben, als hätten wir sie nach den gelehrtesten
-Forschungen ergründet. Und doch ist es meist nur der große Unbekannte,
-der uns die Bücher seiner Chroniken erschloß und Bild an Bild in
-unendlicher Reihe vor dem staunenden Auge vorüberführte; er ist es,
-der diesen Zauber bewirkte, daß wir in Schottlands Geschichte beinahe
-besser bewandert sind als in der unsrigen, und daß wir die religiösen
-und weltlichen Händel unserer Vorzeit bei weitem nicht so deutlich
-kennen als die Presbyterianer und Episkopalen Albions.
-
-Und in was besteht der Zauber, womit jener unbekannte Magier unsere
-Blicke und unsere Herzen nach den »bergigten Heiden« seines Vaterlandes
-zog? Vielleicht in der ungeheuren Masse dessen, was er erzählt, in
-der grauenvollen Anzahl von hundert Bänden, die er uns über den Kanal
-schickte? Aber auch wir haben mit Gottes und der Leipziger Messen
-Hilfe Männer von achtzig, hundert und hundertundzwanzig! Oder haben
-vielleicht die Berge von Schottland ein glänzenderes Grün als der
-deutsche Harz, der Taunus und die Höhen des Schwarzwaldes? Ziehen
-die Wellen des Tweed in lieblicherem Blau als der Neckar und die
-Donau, sind seine Ufer herrlicher als die des Rheins? Sind vielleicht
-jene Schotten ein interessanterer Menschenschlag als der, den unser
-Vaterland trägt, hatten ihre Väter röteres Blut als die Schwaben und
-Sachsen der alten Zeit, sind ihre Weiber liebenswürdiger, ihre Mädchen
-schöner als die Töchter Deutschlands? Wir haben Ursache, daran zu
-zweifeln, und hierin kann also jener Zauber des Unbekannten nicht
-liegen.
-
-Aber darin liegt er wohl, daß jener große Novellist auf historischem
-Grund und Boden geht, nicht als ob der unsrige weniger geschichtlich
-wäre, aber wir haben ja schon seit Jahrhunderten uns angewöhnt, unter
-fremdem Himmel zu suchen, was bei uns selbst blühte, und wie wir die
-rohen Stoffe ausführen, um sie in anderer Form mit Bewunderung und
-Ehrfurcht als teure Kleinode wieder in unsere Grenzen aufzunehmen, so
-bewundern wir jedes Fremde und Ausländische, nicht weil es groß oder
-erhaben, sondern weil es nicht in unsern Tälern gewachsen ist.
-
-Doch auch wir hatten eine Vorzeit, die, reich an bürgerlichen Kämpfen,
-uns nicht weniger interessant dünkt als die Vorzeit des Schotten. Darum
-haben auch wir gewagt, ein historisches Tableau zu entrollen, das, wenn
-es auch nicht jene kühnen Umrisse der Gestalten, jenen zauberischen
-Schmelz der Landschaft aufweist, und wenn das an solche Herrlichkeiten
-gewöhnte Auge umsonst die süße, bequeme Magie der Hexerei und den
-von Zigeunerhand geschürzten Schicksalsknoten darin sucht, ja wenn
-sogar unsere Farben matt, unser Crayon stumpf erscheint, doch eines
-zur Entschuldigung für sich haben möchte, ich meine die historische
-Wahrheit.
-
-
-
-
-1.
-
- Was soll doch dies Trommeten sein?
- Was deutet dies Geschrei?
- Will treten an das Fensterlein,
- Ich ahne, was es sei.
-
- _Uhland._
-
-
-Nach den ersten trüben Tagen des März 1519 war endlich am zwölften ein
-recht freundlicher Morgen über der Reichsstadt Ulm aufgegangen. Die
-Donaunebel, die um diese Jahreszeit immer noch drückend über der Stadt
-liegen, waren schon lange vor Mittag der Sonne gewichen, und immer
-freier und weiter wurde die Aussicht in die Ebene über den Fluß hinüber.
-
-Aber auch die engen kalten Straßen mit ihren hohen dunkeln
-Giebelhäusern hatte der schöne Morgen heller als sonst beleuchtet
-und ihnen einen Glanz, eine Freundlichkeit gegeben, die zu dem
-heutigen festlichen Ansehen der Stadt gar trefflich paßte. Die große
-Herdbruckergasse -- sie führt von dem Donautor an das Rathaus -- stand
-an diesem Morgen gedrängt voll Menschen, die sich Kopf an Kopf wie eine
-Mauer an den beiden Seiten der Häuser hinzogen, nur einen engen Raum
-in der Mitte der Gasse übrig lassend. Ein dumpfes Gemurmel gespannter
-Erwartung lief durch die Reihen und brach nur in ein kurzes Gelächter
-aus, wenn etwa die alten, strengen Stadtwächter eine hübsche Dirne,
-die sich zu vorlaut in den freigelassenen Raum gedrängt hatte, etwas
-unsanft mit dem Ende ihrer langen Hellebarde zurückdrängten oder wenn
-ein Schalk sich den Spaß machte, »sie kommen! sie kommen!« rief, alles
-lange Hälse machte und schaute, bis es sich zeigte, daß man sich wieder
-getäuscht habe.
-
-Noch dichter aber war das Gedränge da, wo die Herdbruckergasse auf
-den Platz vor dem Rathaus einbiegt. Dort hatten sich die Zünfte
-aufgestellt. Die Schiffergilde mit ihren Altmeistern an der Spitze, die
-Weber, die Zimmerer, die Bräuer, mit ihren Fahnen und Gewerbzeichen,
-sie alle waren im Sonntagwams und wohlbewaffnet zahlreich dort
-versammelt.
-
-Bot aber schon die Menge hier unten einen fröhlichen, festlichen
-Anblick dar, so war dies noch mehr der Fall mit den hohen Häusern
-der Straße selbst. Bis an die Giebeldächer waren alle Fenster voll
-geputzter Frauen und Mädchen, um welche sich die grünen Tannen- und
-Taxuszweige, die bunten Teppiche und Tücher, mit welchen die Seiten
-geschmückt waren, wie Rahmen um liebliche Gemälde zogen.
-
-Das anmutigste Bild gewährte wohl ein Erkerfenster im Hause des Herrn
-Hans von Besserer. Dort standen zwei Mädchen, so verschieden an
-Gesicht, Gestalt und Kleidung, und doch beide von so ausgezeichneter
-Schönheit, daß, wer sie von der Straße betrachtete, eine Weile
-zweifelhaft war, welcher er wohl den Vorzug geben möchte.
-
-Beide schienen nicht über achtzehn Jahre zu haben. Die eine, größere,
-war zart gebaut, reiches braunes Haar zog sich um eine freie Stirne,
-die gewölbten Bogen ihrer dunkeln Brauen, das ruhige blaue Auge, der
-fein geschnittene Mund, die zarten Farben der Wangen -- sie gaben ein
-Bild, das unter unsern heutigen Damen für sehr anziehend gelten würde,
-das aber in jenen Zeiten, wo noch höheren Farben, volleren Formen der
-Apfel zuerkannt wurde, nur durch seine gebietende Würde neben der
-andern Schönen sich geltend machen konnte.
-
-Diese, kleiner und in reichlicherer Fülle als ihre Nachbarin, war
-eines jener unbesorgten, immer heiteren Wesen, welche wohl wissen, daß
-sie gefallen. Ihr hellblondes Haar war nach damaliger Sitte der Ulmer
-Damen in viele Löckchen und Zöpfchen geschlungen und zum Teil unter ein
-weißes Häubchen voll kleiner künstlicher Fältchen gesteckt. Das runde
-frische Gesichtchen war in immerwährender Bewegung, noch rastloser
-glitten die lebhaften Augen über die Menge hin, und der lächelnde Mund,
-der alle Augenblicke die schönen Zähne sehen ließ, zeugt deutlich, daß
-es unter den vielerlei abenteuerlichen Gruppen und Gestalten nicht an
-Gegenständen fehle, die ihrer fröhlichen Laune zur Zielscheibe dienen
-mußten.
-
-Hinter den beiden Mädchen stand ein großer bejahrter Mann; seine
-tiefen strengen Züge, seine buschigen Augenbrauen, sein langer dünner,
-schon ins Graue spielender Bart, selbst sein ganz schwarzer Anzug, der
-wunderlich gegen die reichen bunten Farben um ihn her abstach, gaben
-ihm ein ernstes, beinahe trauriges Aussehen, das kaum ein wenig milder
-wurde, wenn ein Schimmer von Freundlichkeit, hervorgelockt durch die
-glücklichen Einfälle der Blondine, wie ein Wetterleuchten durch das
-finstere Gesicht zog. Diese Gruppe, so verschieden in sich durch Farbe
-und Schattierung wie durch Charakter und Jahre, zog hin und wieder
-die Aufmerksamkeit der Untenstehenden auf sich. Manches Auge hing
-an den schönen Mädchen, und sie beschäftigten eine Weile durch ihre
-überraschende Erscheinung jene müßige Menge, die schon ungeduldig zu
-werden anfing, daß das Schauspiel, dessen sie harrte, noch immer sich
-nicht zeigen wollte.
-
-Es ging schon stark auf Mittag. Die Menge wogte immer ungeduldiger,
-preßte sich stärker, und hin und wieder hatte sich schon einer oder der
-andere aus den Reihen der ehrsamen Zünfte auf den Boden gelagert, da
-tönten drei Stückschüsse von der Schanze auf dem Lug-ins-Land herüber,
-die Glocken des Münsters begannen tiefe volle Akkorde über die Stadt
-hinzurollen, und im Augenblick hatten sich die verworrenen Reihen
-geordnet.
-
-»Sie kommen, Marie, sie kommen!« rief die Blonde im Erkerfenster und
-schlang ihren Arm um den Leib ihrer Nachbarin, indem sie sich weiter
-zum Fenster hinausbeugte. Das Haus des Herrn von Besserer bildete die
-Ecke der vorerwähnten Straße, von dem Erker konnte man hinab, beinahe
-bis an das Donautor, und hinüber bis in die Fenster des Rathauses
-sehen, und die Mädchen hatten also ihren Standpunkt trefflich gewählt,
-um das Schauspiel, dessen sie harrten, ganz zu genießen.
-
-Die Gasse zwischen den beiden Reihen des Volkes war indes mit Mühe
-weiter gemacht worden, die Stadtwächter stellten sich mit weit
-ausgestreckten Hellebarden auf, tiefe Stille herrschte unter der
-ungeheuren Menge, nur das Geläute der Glocken tönte noch fort.
-
-Jetzt hörte man den dumpfen Schall der Pauken, vermischt mit den hohen
-Klängen der Zinken und Trompeten, und durch das Tor herein bewegte sich
-ein langer glänzender Zug von Reitern. Die Stadtpauker und Trompeter,
-die berittene Schar der Ulmer Patriziersöhne war eine zu alltägliche
-Erscheinung, als daß das Auge lange darauf verweilt hätte. Als aber das
-schwarze und weiße Banner der Stadt, mit dem Reichsadler, als Fahnen
-und Standarten aller Größen und Farben zum Tor hereinschwankten, da
-dachten die Zuschauer, daß jetzt der rechte Augenblick gekommen sei.
-
-Auch unsere Schönen im Erkerfenster schärften jetzt ihre Blicke, als
-man die Menge am untern Teil der Straße ehrerbietig die Mützen abnehmen
-sah.
-
-Auf einem großen starkknochigen Rosse nahte ein Mann, dessen kräftige
-Haltung, dessen heiteres, frisches Ansehen in sonderbarem Kontrast
-stand mit der tiefgefurchten Stirne und dem schon ins Graue
-spielenden Haar und Bart. Er trug einen zugespitzten Hut mit vielen
-Federn, einen Brustharnisch über ein eng anschließendes rotes Wams,
-Beinkleider von Leder, mit Seide ausgeschlitzt, die wohl von neuem
-recht hübsch gewesen sein mochten, aber durch Regen und Strapazen
-eine einförmige dunkelbraune Farbe erhalten hatten. Weite schwere
-Reiterstiefel schlossen sich unter den Knieen an. Seine einzige Waffe,
-ein ungewöhnlich großes Schwert mit langem Griffe ohne Korb, vollendete
-das Bild eines gewaltigen, unter Gefahren früh ergrauten Kriegers. Der
-einzige Schmuck dieses Mannes war eine lange goldene Kette von dicken
-Ringen, fünfmal um den Hals gelegt, an welcher ein Ehrenpfennig von
-gleichem Metall auf die Brust herabhing.
-
-»Sagt geschwind, Oheim, wer ist der stattliche Mann, der so jung und
-alt aussieht?« rief die Blonde, indem sie das Köpfchen ein wenig nach
-dem schwarzen Herrn, der hinter ihr stand, zurückbeugte.
-
-»Das kann ich dir sagen, Bertha,« antwortete dieser. »Es ist Georg von
-Frondsberg[6], oberster Feldhauptmann des bündischen Fußvolkes, ein
-wackerer Mann, wenn er einer bessern Sache diente!«
-
-»Behaltet Eure Bemerkungen für Euch, Herr Württemberger,« entgegnete
-ihm die Kleine, indem sie lächelnd mit dem Finger drohte, »Ihr wißt,
-daß die Ulmer Mädchen gut bündisch sind!«
-
-Der Oheim aber, ohne sich irre machen zu lassen, fuhr fort: »Jener dort
-auf dem Schimmel ist Truchseß Waldburg, der Feldleutnant[7], dem auch
-etwas von unserem Württemberg wohl anstünde. Dort hinter ihm kommen
-die Bundesobersten. Weiß Gott, sie sehen aus wie Wölfe, die nach Beute
-gehen.«
-
-»Pfui! verwitterte Gestalten!« bemerkte Bertha, »ob es wohl auch der
-Mühe wert war, Bäschen Marie, daß wir uns so putzten? Aber siehe da,
-wer ist der junge schwarze Reiter auf dem Braunen? Sieh nur das bleiche
-Gesicht und die feurigen, schwarzen Augen! Auf seinem Schilde steht:
-_Ich hab's gewagt._«
-
-»Das ist der Ritter Ulrich von Hutten,« erwiderte der Alte, »dem Gott
-seine Schmähworte gegen unsern Herzog verzeihen wolle. Kinder! das ist
-ein gelehrter, frommer Herr. Er ist zwar des Herzogs bitterster Feind,
-aber ich sage so. Denn was wahr ist, muß wahr bleiben![8]
-
-Und siehe, da sind Sickingens[9] Farben, wahrhaftig, da ist er selbst.
-Schaut hin, Mädchen, das ist Franz von Sickingen. Sie sagen, er führe
-tausend Reiter in das Feld. Der ist's mit dem blanken Harnisch und der
-roten Feder.«
-
-»Aber sagt mir, Oheim,« fragte Bertha wieder, »welches ist denn Götz
-von Berlichingen, von dem uns Vetter Kraft so viel erzählt. Er ist ein
-gewaltiger Mann und hat eine Faust von Eisen. Reitet er nicht mit den
-Städten?«
-
-»Götz und die Städtler nenne nie in _einem_ Atem,« sprach der Alte mit
-Ernst. »Er hält zu Württemberg.«[10]
-
-Ein großer Teil des Zuges war während diesem Gespräch am Fenster
-vorübergezogen, und mit Verwunderung hatte Bertha bemerkt, wie
-gleichgültig und teilnahmlos ihre Base Marie hinabschaute. Es war
-zwar sonst des Mädchens Art, sinnend, zuweilen wohl auch träumend
-auszusehen, aber heute, bei einem so glänzenden Aufzug, so ganz
-ohne Teilnahme zu sein, deuchte ihr ein großes Unrecht. Sie wollte
-sie eben zur Rede stellen, als ein Geräusch von der Straße her ihre
-Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein mächtiges Roß bäumte sich in der
-Mitte der Straße unter ihrem Fenster, wahrscheinlich scheu gemacht
-durch die flatternden Fahnen der Zünfte. Sein hoch zurückgeworfener
-Kopf verdeckte den Reiter, so daß nur die wehenden Federn des Baretts
-sichtbar waren; aber die Gewandtheit und Kraft, mit welcher er das
-Pferd herunterriß und zum Stehen brachte, ließ einen jungen mutigen
-Reiter ahnen. Das lange hellbraune Haar war ihm von der Anstrengung
-über das Gesicht herabgefallen. Als er es zurückschlug, traf sein Blick
-das Erkerfenster.
-
-»Nun, dies ist doch einmal ein hübscher Herr,« flüsterte die Blonde
-ihrer Nachbarin zu, so heimlich, so leise, als fürchte sie, von dem
-schönen Reiter gehört zu werden, »und wie er artig und höflich ist!
-Sieh nur, er hat uns gegrüßt, ohne uns zu kennen!«
-
-Aber das stille Bäschen Marie schien der Kleinen nicht viel
-Aufmerksamkeit zu schenken. Ein glühendes Rot zog über die zarten
-Wangen. Ja! wer die ernste Jungfrau gesehen hätte, wie sie so kalt
-auf den Zug hinabsah, hätte wohl nie geahnet, daß so viel holde
-Freundlichkeit um diesen Mund, so viel Liebe in diesem sinnenden Auge
-wohnen könnte, als in jenem Augenblick sichtbar wurde, wo sie durch ein
-leichtes Neigen des Hauptes den Gruß des jungen Reiters erwiderte.
-
-Der kleinen Schwätzerin war unsere flüchtige, aber wahre Bemerkung über
-dem Anblick des schönen Mannes völlig entgangen. »Nur schnell, Oheim!«
-rief sie und zog den alten Herrn am Mantel, »wer ist dieser in der
-hellblauen Binde mit Silber? Nun?«
-
-»Ja, liebes Kind!« antwortete der Oheim, »den habe ich in meinem Leben
-nicht gesehen. Seinen Farben nach steht er in keinem besondern Dienst,
-sondern reitet wohl auf seine eigene Faust gegen meinen Herzog und
-Herrn, wie so viele Hungerleider, die sich an unsern Töpfen laben
-wollen.«
-
-»Mit Euch ist doch nichts anzufangen,« sagte die Kleine und wandte
-sich unmutig ab. »Die alten und gelehrten Herren kennet Ihr alle auf
-hundert Schritte und weiter. Wenn man aber einmal nach einem hübschen,
-höflichen Junker fragt, wißt Ihr nichts. Du bist auch so, Marie,
-machtest Augen auf den Zug hinunter, als ob es eine Prozession am
-Fronleichnam wäre; ich wette, du hast das Schönste von allem nicht
-gesehen und hattest noch den alten Frondsberg im Kopfe, als ganz andere
-Leute vorbeiritten!«
-
-Der Zug hatte sich während dieser Strafrede Berthas vor dem Rathause
-aufgestellt; die bündische Reiterei, die noch vorüberzog, hatte wenig
-Interesse mehr für die beiden Mädchen. Als daher die Herren abgesessen
-und zum Imbiß ins Rathaus gezogen waren, als die Zünfte ihre Glieder
-auflösten und das Volk sich allmählich zu verlaufen begann, zogen auch
-sie sich vom Fenster zurück.
-
-Bertha schien nicht ganz zufrieden zu sein. Ihre Neugier war nur halb
-befriedigt. Sie hütete sich übrigens wohl, vor dem alten ernsten Oheim
-etwas merken zu lassen. Als aber dieser das Gemach verließ, wandte sie
-sich an ihre Base, die noch immer träumend am Fenster stand:
-
-»Nein, wie einen doch so etwas peinigen kann! Ich wollte viel darum
-geben, wenn ich wüßte, wie er heißt. Daß du aber auch gar keine Augen
-hast, Marie! Ich stieß dich doch an, als er grüßte. Siehe, hellbraune
-Haare, recht lang und glatt, freundliche dunkle Augen, das ganze
-Gesicht ein wenig bräunlich, aber hübsch, sehr hübsch. Ein Bärtchen
-über dem Mund, nein! ich sage dir -- wie du jetzt nur wieder gleich
-rot werden kannst!« fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort, »als ob zwei
-Mädchen, wenn sie allein sind, nicht von dem schönen Mund eines jungen
-Herrn sprechen dürften. Dies geschieht oft bei uns. Aber freilich bei
-deiner seligen Frau Muhme in Tübingen und bei deinem ernsten Vater in
-Lichtenstein kamen solche Sachen nicht zur Sprache, und ich sehe schon,
-Bäschen Marie träumt wieder, und ich muß mir ein Ulmer Stadtkind
-suchen, wenn ich auch nur ein klein wenig schwatzen will.«
-
-Marie antwortete nur durch ein Lächeln, das wir vielleicht etwas
-schelmisch gefunden hätten. Bertha aber nahm den großen Schlüsselbund
-vom Haken an der Türe, sang sich ein Liedchen und ging, um noch einiges
-zum Mittagessen zu rüsten. Denn wenn man ihr auch etwas zu große
-Neugierde vorwerfen konnte, so war sie doch eine zu gute Haushälterin,
-als daß sie über der flüchtigen Erscheinung des höflichen Reiters das
-Zugemüse und den Nachtisch vergessen hätte.
-
-Sie hüpfte hinaus und ließ ihre Base allein bei ihren Gedanken. Und
-auch wir stören sie nicht, wenn sie jetzt die schönen Bilder der
-Erinnerung durchgeht, die jene Erscheinung mit einem Male aus dem
-tiefen, treuen Herzen hervorgerufen hatte, wenn sie jener Zeit gedenkt,
-wo ein flüchtiger Blick von ihm, ein Druck seiner Hand ihre Tage
-erhellte, wenn sie jener Nächte gedenkt, wo sie im stillen Kämmerlein,
-unbelauscht von der seligen Muhme, jene Schärpe flocht, deren freudige
-Farben sie heute aus ihren Träumen weckten. Wir lauschen nicht, wenn
-sie errötend und mit niedergeschlagenen Augen sich fragt, ob Bäschen
-Bertha den süßen Mund des Geliebten richtig beschrieben habe?
-
-
-
-
-2.
-
- Steigt deine Hoffnung wieder?
- Ist nicht dein Herz entbrannt?
- Du fühlst dich, Jüngling, wieder
- Im alten Schwabenland.
-
- _G. Schwab._
-
-
-Der festliche Aufzug, den wir auf den letzten Blättern beschrieben
-haben, galt den Häuptern und Obersten des schwäbischen Bundes, der an
-diesem Tage, auf seinem Marsch von Augsburg, wo er sich versammelt
-hatte, in Ulm einzog. Der Leser kennt aus der Einleitung die Lage der
-Dinge. Herzog Ulrich von Württemberg hatte durch die Unbeugsamkeit, mit
-welcher er trotzte, durch die allzu heftigen Ausbrüche seines Zornes
-und seiner Rache, durch die Kühnheit, mit welcher er, der einzelne,
-so vielen verbündeten Fürsten und Herren die Stirne bot, zuletzt noch
-durch die plötzliche Einnahme der Reichsstadt Reutlingen den bittersten
-Haß des Bundes auf sich gezogen. Der Krieg war unvermeidlich; denn es
-stand nicht zu erwarten, daß man Ulrich, nachdem man so weit gegangen,
-friedliche Vorschläge tun werde.
-
-Hiezu kamen noch die besonderen Rücksichten, die jeden leiteten.
-Der Herzog von Bayern, um seiner Schwester Sabina Genugtuung zu
-verschaffen, die Schar der Huttischen, um ihren Stammesvetter zu
-rächen, Dietrich von Spät[11] und seine Gesellen, um ihre Schmach
-in Württembergs Unglück abzuwaschen, die Städte und Städtchen, um
-Reutlingen wieder gut bündisch zu machen, sie alle hatten ihre Banner
-entrollt und sich mit blutigen Gedanken und lüstern nach gewisser Beute
-eingestellt.
-
-Bei weitem friedlicher und fröhlicher waren bei diesem Einzug die
-Gesinnungen _Georgs von Sturmfeder_, jenes »artigen Reiters«, der
-Berthas Neugierde in so hohem Grade erweckt, dessen unerwartete
-Erscheinung Mariens Wangen mit so tiefem Rot gefärbt hatte. Wußte er
-doch kaum selbst, wie er zu diesem Feldzug kam, da er, obgleich den
-Waffen nicht fremd, doch nicht zunächst für das Waffenwerk bestimmt
-war. Aus einem armen, aber angesehenen Stamme Frankens entsprossen,
-war er, frühe verwaist, von einem Bruder seines Vaters erzogen worden.
-Schon damals hatte man angefangen, gelehrte Bildung als einen Schmuck
-des Adels zu schätzen. Daher wählte sein Oheim für ihn diese Laufbahn.
-Die Sage erzählt nicht, ob er auf der hohen Schule in Tübingen, die
-damals in ihrem ersten Erblühen war, in Wissenschaften viel getan.
-Es kam nur die Nachricht bis auf uns, daß er einem Fräulein von
-Lichtenstein, die bei einer Muhme in jener Musenstadt lebte, wärmere
-Teilnahme schenkte als den Lehrstühlen der berühmtesten Doktoren. Man
-erzählt sich auch, daß das Fräulein mit ernstem, beinahe männlichem
-Geiste alle Künste, womit andere ihr Herz bestürmten, gering geachtet
-habe. Zwar kannte man schon damals alle jene Kriegslisten, ein hartes
-Herz zu erobern; und die Jünger der alten Tubinga hatten ihren Ovid
-vielleicht besser studiert als die heutigen. Es sollen aber weder
-nächtliche Liebesklagen noch fürchterliche Schlachten und Kämpfe um
-ihren Besitz die Jungfrau erweicht haben. Nur _einem_ gelang es, dieses
-Herz für sich zu gewinnen, und dieser _eine_ war Georg. Sie haben
-zwar, wie es stille Liebe zu tun pflegt, niemand gesagt, wann und wo
-ihnen der erste Strahl des Verständnisses aufging, und wir sind weit
-entfernt, uns in dieses süße Geheimnis der ersten Liebe eindrängen
-zu wollen, oder gar Dinge zu erzählen, die wir geschichtlich nicht
-belegen können. Doch können wir mit Grund annehmen, daß sie schon bis
-zu jenem Grad der Liebe gediehen waren, wo man, gedrängt von äußeren
-Verhältnissen, gleichsam als Trost für das Scheiden, ewige Treue
-schwört. Denn als die Muhme in Tübingen das Zeitliche gesegnet und
-Herr von Lichtenstein sein Töchterlein zu sich holen ließ, um sie nach
-Ulm, wo ihm eine Schwester verheiratet war, zu weiterer Ausbildung zu
-schicken, da merkte Rose, Mariens alte Zofe, daß so heiße Tränen und
-die Sehnsucht, mit welcher Marie noch einmal und immer wieder aus der
-Sänfte zurücksah, nicht den bergigen Straßen, denen sie Valet sagen
-mußte, _allein_ gelte.
-
-Bald darauf langte auch ein Sendschreiben an Georg an, worin ihm
-sein Oheim die Frage beibrachte, ob er jetzt, nach vier Jahren, noch
-nicht gelehrt genug sei? Dieser Ruf kam ihm erwünscht. Seit Mariens
-Abreise waren ihm die Lehrstühle der gelehrten Doktoren, die finstere
-Hügelstadt, ja selbst das liebliche Tal des Neckars verhaßt geworden.
-Mit neuer Kraft erfrischte ihn die kalte Luft, die ihm von den Bergen
-entgegenströmte, als er an einem schönen Morgen des Februar aus den
-Toren Tübingens seiner Heimat entgegenritt. Wie die Sehnen seiner Arme
-in dem frischen Morgen sich straffer anzogen, wie die Muskeln seiner
-Faust kräftiger in den Zügel faßten, so erhob sich auch seine Seele
-zu jenem frischen heiteren Mute, der diesem Alter so eigen ist, wenn
-die Gewißheit eines süßen Glückes im Herzen lebt, und vor dem Auge,
-das Erfahrung noch nicht geschärft, Unglück noch nicht getrübt hat,
-die Zukunft heiter und freundlich sich ausbreitet. Wie der klare See,
-der das heitere Bild, das auf ihn herabschaut, nicht minder freundlich
-zurückwirft und mit diesen reizenden Farben seine Tiefe verhüllt, so
-hat gerade das Ungewisse dieser Zukunft seinen eigentümlichen Reiz. Man
-glaubt in Kopf und Arm Kraft genug zu tragen, um dem Glück seine Gunst
-abzuringen, und dies Vertrauen auf sich selbst gibt bei weitem mutigere
-Zuversicht als die mächtigste Hilfe von außen.
-
-So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder, als er durch den
-Schönbuchwald seiner Heimat zuzog. Zwar brachte ihn dieser Weg dem
-Liebchen nicht näher, zwar konnte er nichts sein nennen als das Roß,
-das er eben ritt, und die Burg seiner Väter, von welcher der Volkswitz
-sang:
-
- Ein Haus auf drei Stützen,
- Wer vorn hereinkommt,
- Kann hinten nicht sitzen.
-
-Aber er wußte, daß dem festen Willen hundert Wege offen stehen, um
-zum Ziel zu gelangen, und der alte Spruch des Römers: ~Fortes fortuna
-juvat~, hatte ihm noch nie gelogen.
-
-Wirklich schienen auch seine Wünsche nach einer tätigen Laufbahn bald
-in Erfüllung zu gehen.
-
-Der Herzog von Württemberg hatte Reutlingen, das ihn beleidigt hatte,
-aus einer Reichsstadt zur Landstadt gemacht, und es war kein Zweifel
-mehr an einem Krieg.
-
-Der Erfolg schien aber damals sehr ungewiß. Der schwäbische Bund, wenn
-er auch erfahrenere Feldherren und geübtere Soldaten zählte, hatte doch
-in allen Kriegen durch Uneinigkeit sich selbst geschadet. Ulrich, auf
-seiner Seite, hatte vierzehntausend Schweizer, tapfere, kampfgeübte
-Männer, geworben, aus seinem eigenen Lande konnte er, wenn auch minder
-geübte, doch zahlreiche und tüchtige Truppen ziehen, und so stand die
-Wage im Februar 1519 noch ziemlich gleich.
-
-Wo alles um ihn her Partei nahm, glaubte Georg nicht müßig bleiben zu
-dürfen. Ein Krieg war ihm erwünscht. Es war eine Laufbahn, die ihn
-seinem Ziele, um Marie würdig freien zu können, bald nahe bringen
-konnte.
-
-Zwar zog ihn sein Herz weder zu der einen, noch zu der andern Partei.
-Vom Herzog sprach man im Lande schlecht, des Bundes Absichten schienen
-nicht die reinsten. Als aber durch Geld und Klagen der Huttischen und
-durch die Aussicht auf reiche Beute bestochen, achtzehn Grafen und
-Herren, deren Besitzungen an sein Gütchen grenzten, auf einmal[12] dem
-Herzog ihre Dienste aufsagten, da schien es ihn zum Bunde zu ziehen.
-Den Ausschlag gab die Nachricht, daß der alte Lichtenstein mit seiner
-Tochter in Ulm sich befinde. Auf jener Seite, wo Marie war, durfte er
-nicht fehlen, und so bot er dem Bunde seine Dienste an.
-
-Die fränkische Ritterschaft, unter Anführung Ludwigs von Hutten, zog
-sich am Anfang des März gegen Augsburg hin, um sich dort mit Ludwig von
-Bayern und den übrigen Bundesgliedern zu vereinigen. Bald hatte sich
-das Heer gesammelt und ihr Weg glich einem Triumphzug je näher sie dem
-Gebiete ihres Feindes kamen.
-
-Herzog Ulrich war bei Blaubeuren, der äußersten Stadt seines Landes
-gegen Ulm und Bayern hin, gelagert. In Ulm sollte jetzt noch einmal
-zuvor im großen Kriegsrat der Feldzug besprochen werden, und dann
-hoffte man in kurzer Zeit die Württemberger zur entscheidenden
-Schlacht zu nötigen. An friedliche Unterhandlungen wurde, da man
-so weit gegangen war, nicht mehr gedacht, Krieg war die Losung und
-Sieg der Gedanke des Heeres, als ein frischer Morgenwind ihnen die
-Grüße des schweren Geschützes von den Wällen der Stadt entgegentrug,
-als das Geläute aller Glocken zum Willkomm vom andern Ufer der Donau
-herübertönte.
-
-Wohl schlug auch Georgs Herz höher bei dem Gedanken an seine erste
-Waffenprobe. Aber wer in ähnlicher Lage sich befand, wird ihn nicht
-tadeln, daß auch friedlichere Gedanken in seiner Seele aufzogen und
-ihn Kampf und Sieg vergessen ließen. Als zuerst, noch in weiter Ferne,
-das kolossale Münster aus dem Nebel auftauchte, als nachher der
-verhüllende Dunstschleier herabfiel und die Stadt mit ihren dunkeln
-Backsteinmauern, mit ihren hohen Tortürmen sich vor seinen Blicken
-ausbreitete, da kamen alle Zweifel, die er früher tief in die Brust
-zurückgedrängt hatte, schwerer als je über ihn. »Schließen jene Mauern
-auch die Geliebte ein? Hat nicht ihr Vater, seinem Herzog treu,
-vielleicht in die feindlichen Scharen sich gestellt, und darf der,
-dessen ganze Hoffnung darauf beruht, den Vater zu gewinnen, darf er
-sich jenem gegenüberstellen, ohne sein ganzes Glück zu vernichten? Und
-ist der Vater auf feindlicher Seite, kann Marie möglicherweise noch in
-jenen Mauern sein? Und wenn alles gut wäre, wenn unter der festlichen
-Menge, die sich zum Anblick des einziehenden Heeres drängt, auch Marie
-auf ihn herabschaut, hat sie auch die Treue noch bewahrt, die sie
-geschworen?« --
-
-Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudigeren Gewißheit Raum;
-denn wenn sich auch alles Unglück gegen ihn verschwor, Mariens Treue,
-er wußte es, war unwandelbar. Mutig drückte er die Schärpe, die sie
-ihm gegeben, an seine Brust, und als jetzt die Ulmer Reiterei sich an
-den Zug anschloß, als die Zinken und Trompeten ihre mutigen Weisen
-anstimmten, da kehrte seine alte Freudigkeit wieder, stolzer hob er
-sich im Sattel, kühner rückte er das Barett in die Stirne, und als der
-Zug in die festlich geschmückten Straßen einbog, musterte sein scharfes
-Auge alle Fenster der hohen Häuser, um sie zu erspähen.
-
-Da gewahrte er sie, wie sie ernst und sinnend auf das fröhliche Gewühl
-hinabsah, er glaubte zu erkennen, wie ihre Gedanken in weiter Ferne
-den suchten, der ihr so nahe war; schnell drückte er seinem Pferde die
-Sporen in die Seiten, daß es sich hoch aufbäumte und das Pflaster von
-seinem Hufschlag ertönte. Aber als sie sich zu ihm herabwandte, als
-Auge dem Auge begegnete, als ihr freudiges Erröten dem Glücklichen
-sagte, daß er erkannt und noch immer geliebt sei, da war es um die
-Besinnung des guten Georg geschehen; willenlos folgte er dem Zuge
-vor das Rathaus, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte ihn seine
-Sehnsucht alle Rücksichten vergessen lassen und unwiderstehlich zu dem
-Eckhaus mit dem Erker hingezogen.
-
-Schon hatte er die ersten Schritte nach jener Seite getan, als er sich
-von kräftiger Hand am Arm angefaßt fühlte.
-
-»Was treibt Ihr, Junker?« rief ihm eine tiefe, wohlbekannte Stimme
-ins Ohr. »Dort hinauf geht es die Rathaustreppe. Wie? ich glaube, Ihr
-schwindelt; wäre auch kein Wunder, denn das Frühstück war gar zu mager.
-Seid getrost, Freundchen, und kommt. Die Ulmer führen gute Weine, wir
-wollen Euch mit altem Remstaler anstreichen.«
-
-Wenn auch der Fall aus seinem Freudenhimmel, in welchem er einige
-Minuten geschwebt hatte, auf den Rathausplatz in Ulm etwas unsanft
-war, so wußte er doch dem alten Herrn von Breitenstein, seinem
-nächsten Grenznachbar in Franken, Dank, daß er ihn aus seinen Träumen
-aufgeschüttelt und von einem übereilten Schritte zurückgehalten hatte.
-
-Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und folgte mit ihm
-den übrigen Rittern und Herren, die sich von dem scharfen Morgenritte
-an der guten Mittagskost, die ihnen die freie Reichsstadt aufgesetzt
-hatte, wieder erholen wollten.
-
-
-
-
-3.
-
- Ich höre rauschende Musik, das Schloß ist
- Von Lichtern hell. Wer sind die Fröhlichen?
-
- _Schiller_.
-
-
-Der Saal des Rathauses, wohin die Angekommenen geführt wurden, bildete
-ein großes, längliches Viereck. Die Wände und die zu der Größe des
-Saales unverhältnismäßig niedere Decke waren mit einem Getäfel von
-braunem Holz ausgelegt, unzählige Fenster mit runden Scheiben, worauf
-die Wappen der edlen Geschlechter von Ulm mit brennenden Farben gemalt
-waren, zogen sich an der einen Seite hin, die gegenüberstehende Wand
-füllten Gemälde berühmter Bürgermeister und Ratsherren der Stadt, die
-beinahe alle in der gleichen Stellung, die Linke in die Hüfte, die
-Rechte auf einen reichbehängten Tisch gestützt, ernst und feierlich auf
-die Gäste ihrer Enkel herabsahen. Diese drängten sich in verworrenen
-Gruppen um die Tafel her, die, in Form eines Hufeisens aufgestellt,
-beinahe die ganze Weite des Saales einnahm. Der Rat und die Patrizier,
-die heute im Namen der Stadt die Honneurs machen sollten, stachen in
-ihren zierlichen Festkleidern mit den steifen schneeweißen Halskrausen
-wunderlich ab gegen ihre bestaubten Gäste, die, in Lederwerk und
-Eisenblech gehüllt, oft gar unsanft an die seidenen Mäntelein und
-samtenen Gewänder streiften. Man hatte bis jetzt noch auf den Herzog
-von Bayern gewartet, der, einige Tage vorher eingetroffen, zu dem
-glänzenden Mittagmahl zugesagt hatte; als aber sein Kämmerling seine
-Entschuldigung brachte, gaben die Trompeter das ersehnte Zeichen,
-und alles drängte sich so ungestüm zur Tafel, daß nicht einmal die
-gastfreundliche Ordnung des Rates, der je zwischen zwei Gäste einen
-Ulmer setzen wollte, gehörig beobachtet wurde.
-
-Breitenstein hatte Georg auf einen Sitz niedergezogen, den er ihm als
-einen ganz vorzüglichen anpries. »Ich hätte Euch,« sagte der alte
-Herr, »zu den Gewaltigen da oben, zu Frondsberg, Sickingen, Hutten
-und Waldburg setzen können, aber in solcher Gesellschaft kann man den
-Hunger nicht mit gehöriger Ruhe stillen. Ich hätte Euch ferner zu den
-Nürnbergern und Augsburgern führen können, dort unten, wo der gebratene
-Pfau steht -- weiß Gott, sie haben keinen übeln Platz -- aber ich weiß,
-daß Euch die Städtler nicht recht behagen, darum habe ich Euch hieher
-gesetzt. Schauet Euch hier um, ob dies nicht ein trefflicher Platz
-ist? Die Gesichter umher kennen wir nicht, also braucht man nicht viel
-zu schwatzen. Rechts haben wir den geräucherten Schweinskopf mit der
-Zitrone im Maul, links eine prachtvolle Forelle, die sich vor Vergnügen
-in den Schwanz beißt, und vor uns diesen Rehziemer, so fett und zart,
-wie auf der ganzen Tafel keiner mehr zu finden ist.«
-
-Georg dankte ihm, daß er mit so viel Umsicht für ihn gesorgt habe, und
-betrachtete zugleich flüchtig seine Umgebung. Sein Nachbar rechts war
-ein junger, zierlicher Herr von etwa fünfundzwanzig bis dreißig Jahren.
-Das frischgekämmte Haar, duftend von wohlriechenden Salben, der kleine
-Bart, der erst vor einer Stunde mit warmen Zänglein gekräuselt sein
-mochte, ließen Georg, noch ehe ihn die Mundart davon überzeugte, einen
-Ulmer Herrn erraten. Der junge Herr, als er sah, daß er von seinem
-Nachbar bemerkt wurde, bewies sich sehr zuvorkommend, indem er Georgs
-Becher aus einer großen silbernen Kanne füllte, auf glückliche Ankunft
-und gute Nachbarschaft mit ihm anstieß und auch die besten Bissen von
-den unzähligen Rehen, Hasen, Schweinen, Fasanen und wilden Enten, die
-auf silbernen Platten umherstanden, dem Fremdling auf den Teller legte.
-
-Doch diesen konnte weder seines Nachbars zuvorkommende Gefälligkeit
-noch Breitensteins ungemeiner Appetit zum Essen reizen. Er war noch
-zu sehr beschäftigt mit dem geliebten Bilde, das sich ihm beim Einzug
-gezeigt hatte, als daß er die Ermunterungen seiner Nachbarn befolgt
-hätte. Gedankenvoll sah er in den Becher, den er noch immer in der Hand
-hielt, und glaubte, wenn die Bläschen des alten Weines zersprangen
-und in Kreisen verschwebten, das Bild der Geliebten aus dem goldenen
-Boden des Bechers auftauchen zu sehen. Es war kein Wunder, daß der
-gesellige Herr zu seiner Rechten, als er sah, wie sein Gast, den Becher
-in der Hand, jede Speise verschmähe, ihn für einen unverbesserlichen
-Zechbruder hielt. Das feurige Auge, das unverwandt in den Becher sah,
-der lächelnde Mund des in seine Träume versunkenen Jünglings schienen
-ihm einen jener echten Weinkenner anzuzeigen, die auf feingeübter Zunge
-den Gehalt des edlen Trankes lange zu prüfen pflegen.
-
-Um der Ermahnung des wohledlen Rates, den Gästen das Mahl so angenehm
-als möglich zu machen, gehörig nachzukommen, suchte er auf der
-entdeckten schwachen Seite dem jungen Manne beizukommen. Es war zwar
-gegen die Gewohnheit des jungen Ulmers, viel Wein zu trinken, aber dem
-jungen Mann zulieb, der etwas so Hohes und Gebietendes an sich hatte,
-mußte er schon ein übriges tun. Er schenkte sich seinen Becher wieder
-voll und begann: »Nicht wahr, Herr Nachbar, das Weinchen hat Feuer und
-einen feinen Geschmack? Freilich ist es kein Würzburger, wie Ihr ihn
-in Franken gewohnt sein werdet, aber es ist echter Elfinger aus dem
-Ratskeller und immer seine achtzig Jahre alt.«
-
-Verwundert über diese Anrede, setzte Georg den Becher nieder und
-antwortete mit einem kurzen »Ja, ja! --« der Nachbar ließ aber den
-einmal aufgenommenen Faden nicht so bald wieder fallen. »Es scheint,«
-fuhr er fort, »als munde er Euch doch nicht ganz; aber da weiß ich Rat.
-Heda! gebt eine Kanne Uhlbacher hieher! -- Versuchet einmal diesen, der
-wächst zunächst an des Württembergers Schloß; in diesem müßt Ihr mir
-Bescheid tun: Kurzen Krieg, großen Sieg!«
-
-Georg, dem dieses Gespräch nicht recht zusagte, suchte seinen Nachbar
-auf einen andern Weg zu bringen, der ihn zu anziehenderen Nachrichten
-führen konnte. »Ihr habt,« sprach er, »schöne Mädchen hier in Ulm,
-wenigstens bei unserem Einzug glaubte ich deren viele zu bemerken.«
-
-»Weiß Gott,« entgegnete der Ulmer, »man könnte damit pflastern.«
-
-»Das wäre vielleicht so übel nicht,« fuhr Georg fort, »denn das
-Pflaster Eurer Straßen ist herzlich schlecht. Aber sagt mir, wer wohnt
-dort in dem Eckhaus mit dem Erker; wenn ich nicht irre, schauten dort
-zwei feine Jungfrauen heraus, als wir einritten.«
-
-»Habt Ihr diese auch schon bemerkt?« lachte jener. »Wahrhaftig, Ihr
-habt ein scharfes Auge und seid ein Kenner. Das sind meine lieben Basen
-mütterlicherseits, die kleine Blonde ist eine Besserer, die andere ein
-Fräulein von Lichtenstein, eine Württembergerin, die auf Besuch dort
-ist.«
-
-Georg dankte im stillen dem Himmel, der ihn gleich mit einem so nahen
-Verwandten Mariens zusammenführte. Er beschloß, den Zufall zu benützen,
-und wandte sich, so freundlich er nur konnte, zu seinem Nachbar. »Ihr
-habt ein Paar hübsche Mühmchen, Herr von Besserer ...«
-
-»Dietrich von Kraft nenne ich mich,« fiel er ein, »Schreiber des großen
-Rates.«
-
-»Ein Paar schöne Kinder, Herr von Kraft; und Ihr besuchet sie wohl
-recht oft?«
-
-»Jawohl,« antwortete der Schreiber des großen Rates, »besonders seit
-die Lichtenstein im Hause ist. Zwar will mein Bäschen Bertha etwas
-eifersüchtig werden, denn im Vertrauen gesagt, wir waren vorher ein
-Herz und eine Seele, aber ich tue, als merke ich es nicht, und stehe
-mit Marien um so besser.«
-
-Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs Ohren klingen,
-denn er preßte die Lippen zusammen, und seine Wangen färbten sich
-dunkler.
-
-»Ja, lachet nur,« fuhr der Ratsschreiber fort, dem der ungewohnte
-Geist des Weines zu Kopfe stieg, »wenn Ihr wüßtet, wie sie sich
-beide um mich reißen. -- Zwar -- die Lichtenstein hat eine verdammte
-Art, freundlich zu sein; sie tut so vornehm und ernst, daß man nicht
-recht wagt, in ihrer Gegenwart Spaß zu machen, noch weniger läßt sie
-ein wenig mit sich schäkern wie Bertha; aber gerade das kommt mir
-so wunderhübsch vor, daß ich elfmal wiederkomme, wenn sie mich auch
-zehnmal fortgeschickt hat. Das macht aber,« murmelte er nachdenklicher
-vor sich hin, »weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut
-sie sich; laßt nur den einmal über der Ulmer Markung sein, so soll sie
-schon kirre werden.«
-
-Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen, als sonderbare
-Stimmen ihn unterbrachen. Schon vorher hatte er mitten durch das
-Geräusch der Speisenden diese Stimmen zu hören geglaubt, wie sie in
-schleppendem, einförmigem Ton ein paar kurze Sätze hersagten, ohne zu
-verstehen, was es war. Jetzt hörte er dieselben Stimmen ganz in der
-Nähe, und bald bemerkte er, welchen Inhaltes ihre eintönigen Sätze
-waren. Es gehörte nämlich in den guten alten Zeiten, besonders in
-Reichsstädten, zum Ton, daß der Hausvater und seine Frau, wenn sie
-Gäste geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden und bei
-jedem einzelnen umhergingen, mit einem herkömmlichen Sprüchlein zum
-Essen und Trinken zu nötigen.
-
-Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, daß der hohe Rat beschloß,
-auch an diesem Mahl keine Ausnahme zu machen, sondern ~ex officio~
-einen Hausvater samt Hausfrau aufzustellen, um diese Pflicht zu üben.
-Die Wahl fiel auf den Bürgermeister und den ältesten Ratsherrn.
-
-Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel »nötigend« umgangen, kein
-Wunder, daß ihre Stimmen durch die große Anstrengung endlich rauh und
-heiser geworden waren und ihre freundschaftliche Aufmunterung wie
-Drohung klang. Eine rauhe Stimme tönte in Georgs Ohr: »Warum esset Ihr
-denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?« erschrocken wandte sich der
-Gefragte um und sah einen starken großen Mann mit rotem Gesicht; ehe
-er noch auf die schrecklichen Töne antworten konnte, begann an seiner
-andern Seite ein kleiner Mann mit einer hohen dünnen Stimme:
-
- »So esset doch und trinket satt,
- Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.«
-
-»Hab' ich's doch schon lange gedacht, daß es so kommen würde,« fiel
-der alte Breitenstein ein, indem er ein wenig von der Anstrengung, mit
-welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte, ausruhte.
-
-»Da sitzt er und schwatzt, statt die köstlichen Braten zu genießen, die
-uns die Herren in so reichlicher Fülle vorgesetzt haben.«
-
-»Mit Verlaub,« unterbrach ihn Dietrich von Kraft, »der junge Herr ißt
-nichts, er ist ein Zechbruder und trefflicher Weinschmecker; hab' ich's
-nicht gleich weg gehabt, daß er gerne zu tief ins Glas guckt? Darum
-tadle ihn keiner, wenn er sich lieber an den Uhlbacher hält.«
-
-Georg wußte gar nicht, wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede kam;
-er war im Begriff, sich zu entschuldigen, als ihn ein neuer Anblick
-überraschte. Breitenstein hatte sich jetzt über den Schweinskopf mit
-der Zitrone im Maul erbarmt, hatte die Zitrone geschickt aus dem Rachen
-des Tieres operiert und begann mit großem Behagen und geübter Hand die
-weitere Sektion vorzunehmen, da trat der Bürgermeister auch zu ihm, und
-eben als er an einem guten Bissen kaute, hub er an: »Warum esset Ihr
-denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?« Dieser sah den Nötigenden
-mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine Sprachorgane keine
-Zeit. Er nickte daher mit dem Haupte und deutete auf die Reste des
-Rehziemers; der kleine Mann mit der Fistelstimme ließ sich aber nicht
-irre machen, sondern sprach freundschaftlichst:
-
- »So esset doch und trinket satt,
- Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.«
-
-So war es nun in den »guten alten Zeiten!« Man konnte sich wenigstens
-nicht beklagen, nur zu einem Schauessen geladen worden zu sein. Bald
-aber bekam die Tafel eine ganz andere Gestalt. Die großen Schüsseln
-und Platten wurden abgetragen und geräumigere Humpen, größere Kannen,
-gefüllt mit edlem Wein, aufgesetzt. Die Umtränke und das in Schwaben
-schon damals sehr häufige Zutrinken begann, und nicht lange, so äußerte
-auch der Wein seine Wirkungen. Dietrich Spät und seine Gesellen sangen
-Spottlieder auf Herzog Ulrich und bekräftigten jeden Fluch oder
-schlechten Witz, den einer ausbrachte, mit Gelächter oder einem guten
-Trunke. Die fränkischen Ritter würfelten um die Güter des Herzogs und
-tranken einander das Tübinger Schloß im Weine ab. Ulrich von Hutten
-und einige seiner Freunde hielten in lateinischer Sprache eine laute
-Kontrovers mit einigen Italienern wegen des Angriffs auf den römischen
-Stuhl, den kurz zuvor ein unberühmter Mönch in Wittenberg unternommen
-hatte; die Nürnberger, Augsburger und einige Ulmer Herren, die sich
-zusammengetan hatten, waren über den Glanz ihrer Republiken in Streit
-geraten, und so füllte Gelächter, Gesang, Zanken und der dumpfe Klang
-der silbernen und zinnernen Becher den Saal.
-
-Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anständigere, ruhigere
-Fröhlichkeit. Dort saßen Georg von Frondsberg, der alte Ludwig Hutten,
-Waldburg Truchseß, Franz von Sickingen und noch andere ältliche,
-gesetzte Herren.
-
-Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenstein,
-nachdem er sich genugsam gesättiget hatte, seine Blicke und sprach zu
-Georg: »Das Lärmen um uns her will mir gar nicht behagen; wie wäre es,
-wenn ich Euch jetzt dem Frondsberg vorstellte, wie Ihr in den letzten
-Tagen gewünscht habt?«
-
-Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten bekannt zu
-werden, stand freudig auf, um dem alten Freunde zu folgen. Wir werden
-ihn nicht tadeln, daß sein Herz bei diesem Gange ängstlicher pochte,
-seine Wangen sich höher färbten, seine Schritte, je näher er kam,
-ungewisser und zögernder wurden. Wen haben nicht in seiner Jugend, wenn
-er einem glänzenden, ruhmbekränzten Vorbild nahte, ähnliche Gefühle
-bestürmt? Wem sank da nicht sein eigenes Ich zur Unbedeutendheit
-zusammen, während der Gefeierte zum Riesen wuchs? Georg von Frondsberg
-galt schon damals für einen der berühmtesten Feldherren seiner Zeit.
-Italien, Frankreich und Deutschland erzählten von seinen Siegen, und
-die Kriegskunst wird ihn ewig in ihren Annalen nennen, denn er war der
-Stifter und Gründer eines geordneten, in Reihen und Gliedern fechtenden
-Fußvolkes. Sagen und Chroniken erhielten das Bild dieses Helden bis
-auf unsere Tage, und wer gedenkt nicht unwillkürlich jener homerischen
-Helden, wenn er von diesem Manne liest: »Er war so stark an Gliedern,
-wenn er den Mittelfinger der rechten Hand ausstreckte, daß er damit
-den stärksten Mann, so sich steif stellte, vom Platz stoßen, ein
-rennendes Pferd beim Zaum ergreifen und stellen, die großen Büchsen und
-Mauerbrecher allein von einem Ort zum andern führen konnte?« Zu ihm
-führte Breitenstein den Jüngling.
-
-»Wen bringt Ihr uns da, Hans?« rief Georg von Frondsberg, indem er den
-hochgewachsenen, schönen, jungen Mann mit Teilnahme betrachtete.
-
-»Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr,« antwortete Breitenstein,
-»ob Euch nicht beifällt, in welches Haus er gehören mag?«
-
-Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der alte Truchseß
-von Waldburg wandte prüfend sein Auge herüber. Georg war schüchtern
-und blöde vor diese Männer getreten; aber sei es, daß die freundliche,
-zutrauliche Weise Frondsbergs ihm Mut machte, sei es, daß er fühlte,
-wie wichtig der Augenblick für ihn sei, er bekämpfte die Scham, den
-Blicken so vieler berühmter Männer ausgesetzt zu sein und sah ihnen
-entschlossen und mutig ins Gesicht.
-
-»Jetzt, an diesem Blick erkenne ich dich,« sagte Frondsberg und bot ihm
-die Hand, »du bist ein Sturmfeder?«
-
-»Georg Sturmfeder,« antwortete der junge Mann, »mein Vater war Burkhard
-Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte, in Italien an Eurer Seite.«
-
-»Er war ein tapferer Mann,« sprach der Feldhauptmann, dessen Auge immer
-noch sinnend auf Georgs Zügen ruhte, »an manchem warmen Schlachttag
-hat er treu zu mir gehalten; wahrlich, sie haben ihn allzu frühe
-eingescharrt! Und du,« setzte er freundlicher hinzu, »du hast dich
-eingestellt, um seiner Spur zu folgen? Was treibt dich schon so frühe
-aus dem Neste, und bist kaum flügg?«
-
-»Ich weiß schon,« unterbrach ihn Waldburg mit rauher, unangenehmer
-Stimme; »das Vöglein will sich ein paar Flöckchen Wolle suchen, um das
-alte Nest zu flicken!«
-
-Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen jagte
-eine hohe Glut auf die Wange des Jünglings. Er hatte sich nie seiner
-Dürftigkeit geschämt, aber dieses Wort klang so höhnend, daß er sich
-zum erstenmal dem reichen Spötter gegenüber recht arm fühlte. Da fiel
-sein Blick über Truchseß Waldburg hin durch die Scheiben auf jenes
-wohlbekannte Erkerfenster, er glaubte Mariens Gestalt zu erblicken, und
-sein alter Mut kehrte wieder, »Ein jeder Kampf hat seinen Preis, Herr
-Ritter,« sagte er, »ich habe dem Bund Kopf und Arm angetragen; _was_
-mich dazu treibt, kann _Euch_ gleichgültig sein.«
-
-»Nun, nun!« erwiderte jener, »wie es mit dem Arm aussieht, werden wir
-sehen, im Kopfe muß es aber nicht so ganz hell sein, da Ihr aus Spaß
-gleich Ernst macht.«
-
-Der gereizte Jüngling wollte wieder etwas darauf erwidern, Frondsberg
-aber nahm ihn freundlich bei der Hand; »Ganz wie dein Vater, lieber
-Junge; nun, du willst zeitlich zu einer Nessel werden.[13] Und wir
-werden Leute brauchen, denen das Herz am rechten Flecke sitzt. Daß du
-dann nicht der Letzte bist, darfst du gewiß sein.«
-
-Diese wenigen Worte aus dem Munde eines durch Tapferkeit und
-Kriegskunst unter seinen Zeitgenossen hochberühmten Mannes übten so
-besänftigende Gewalt über Georg, daß er die Antwort, die ihm auf der
-Zunge schwebte, zurückdrängte und sich schweigend von der Tafel in ein
-Fenster zurückzog, teils um die Obersten nicht weiter zu stören, teils
-um sich genauer zu überzeugen, ob die flüchtige Erscheinung, die er
-vorhin gesehen, wirklich Marie gewesen sei.
-
-Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg zu
-Waldburg: »Das ist nicht die Art, Herr Truchseß, wie man tüchtige
-Gesellen für unsere Sache gewinnt; ich wette, er ging nicht mit halb
-soviel Eifer für die Sache von uns, als er zu uns brachte.«
-
-»Müßt Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?« fuhr jener
-auf. »Was braucht es da? Er soll einen Spaß von seinem Obern ertragen
-lernen.«
-
-»Mit Verlaub,« fiel ihm Breitenstein ins Wort, »das ist kein Spaß, sich
-über unverschuldete Armut lustig zu machen; ich weiß aber wohl, Ihr
-seid seinem Vater auch nie grün gewesen.«
-
-»Und,« fuhr Frondsberg fort, »sein Oberer seid Ihr ganz und gar noch
-nicht. Er hat dem Bunde noch keinen Eid geleistet, also kann er noch
-immer hinreiten, wohin er will; und wenn er auch unter Euren eigenen
-Fahnen diente, so möchte ich Euch doch nicht raten, ihn zu hänseln, er
-sieht mir nicht danach aus, als ob er sich viel gefallen ließe!«
-
-Sprachlos vor Zorn über den Widerspruch, den er in seinem Leben nie
-ertragen konnte, blickte Truchseß den einen und den andern an, mit
-so wutvollen Blicken, daß sich Ludwig von Hutten schnell ins Mittel
-schlug, um noch ärgeren Streit zu verhüten: »Laßt doch die alten
-Geschichten!« rief er. »Ueberhaupt wäre es gut, wir heben die Tafel
-auf. Es dunkelt draußen schon stark, und der Wein wird zu mächtig.
-Dietrich Spät hat schon zweimal des Württembergers Tod ausgebracht,
-und die Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine
-Schlösser niederbrennen oder verteilen soll.«
-
-»Laßt sie immer,« lachte Waldburg bitter, »die Herren dürfen ja heute
-machen, was sie wollen, Frondsberg wird ihnen doch das Wort reden.«
-
-»Nein,« antwortete Ludwig Hutten, »wenn einer von so etwas reden
-darf, bin ich es, als der Bluträcher meines Sohnes; aber ehe noch
-der Krieg erklärt ist, müssen solche Reden unterbleiben. Mein Vetter
-Ulrich spricht mir auch zu heftig mit den Italienern über den Mönch von
-Wittenberg, und er verschwatzt sich zu sehr, wenn er in Zorn gerät.
-Laßt uns aufbrechen.«
-
-Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen auf, und als die
-nächsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war der Aufbruch allgemein.
-
-
-
-
-4.
-
- Wollt ihr wissen, was die Augen sein,
- Womit ich sie sehe durch alle Land'?
- Es sind die Gedanken des Herzens mein,
- Damit schau ich durch die Mauer und Wand.
-
- _Walther von der Vogelweide._
-
-
-Georg hatte in dem Fenster, wohin er sich zurückgezogen, nicht so
-entfernt gestanden, daß er nicht jedes Wort der Streitenden gehört
-hätte. Er freute sich der warmen Teilnahme, mit welcher Frondsberg
-sich des unberühmten, verwaisten Jünglings angenommen hatte, zugleich
-aber konnte er es sich nicht verbergen, daß sein erster Schritt in
-die kriegerische Laufbahn ihm einen mächtigen, erbitterten Feind
-zugezogen hatte. Der Truchseß war zu bekannt im Heere wegen seines
-unversöhnlichen Stolzes, als daß Georg hätte glauben dürfen, Huttens
-vermittelnde und besänftigende Worte haben jede Erinnerung an diesen
-Streit verlöscht, und daß Männer von Gewicht wie Waldburg, in solchen
-Fällen der vielleicht unschuldigen Ursache ihres Zornes die Schuld
-nicht erlassen, war ihm aus manchen Fällen wohl bekannt. Ein leichter
-Schlag auf seine Schulter unterbrach seine Gedanken, und er sah, als
-er sich umwandte, seinen freundlichen Nebensitzer, den Schreiber des
-großen Rats, vor sich.
-
-»Ich wette, Ihr habt Euch noch nach keinem Quartier umgesehen,« sprach
-Dietrich von Kraft, »und es möchte Euch auch jetzt etwas schwer werden,
-denn es ist bereits dunkel, und die Stadt ist überfüllt.«
-
-Georg gestand, daß er noch nicht daran gedacht habe, er hoffe aber, in
-einer der öffentlichen Herbergen noch ein Plätzchen zu bekommen.
-
-»Darauf möchte ich doch nicht so sicher bauen,« entgegnete jener,
-»und gesetzt, Ihr fändet auch in einer solchen Schenke einen Winkel,
-so dürft Ihr doch sicherlich darauf rechnen, daß Ihr schlecht genug
-bedient seid. Aber wenn Euch meine Wohnung nicht zu gering scheint, so
-steht sie Euch mit Freuden offen.«
-
-Der gute Ratsschreiber sprach mit so viel Herzlichkeit, daß Georg
-nicht Anstand nahm, sein Anerbieten anzunehmen, obgleich er beinahe
-befürchtete, die gastfreundliche Einladung möchte seinen Wirt gereuen,
-wenn die gute Laune zugleich mit den Dünsten des Weines verflogen sein
-werde. Jener aber schien über die Bereitwilligkeit seines Gastes hoch
-erfreut; er nahm mit einem herzlichen Handschlag seinen Arm und führte
-ihn aus dem Saal.
-
-Der Platz vor dem Rathaus bot indes einen ganz eigenen Anblick
-dar. Die Tage waren noch kurz, und die Abenddämmerung war während
-der Tafel unbemerkt hereingebrochen, man hatte daher Fackeln und
-Windlichter angezündet; ihr dunkelroter Schein erhellte den großen
-Raum nur sparsam und spielte in zitternden Reflexen an den Fenstern
-der gegenüberstehenden Häuser und auf den blanken Helmen und
-Brustharnischen der Ritter. Wildes Rufen nach Pferden und Knechten
-scholl aus der Halle des Rathauses, das Klirren der nachschleppenden
-Schwerter, das Hin- und Herrennen der vielen Menschen mischte sich in
-das Gebell der Hunde, in das Wiehern und Stampfen der ungeduldigen
-Rosse, eine Szene, die mehr einem in der Nacht vom Feinde überfallenen
-Posten als dem Aufbruch von einem friedlichen Mahle glich.
-
-Ueberrascht blieb Georg unter der Halle stehen. Der Anblick so vieler
-fröhlicher Gesichter, der kräftigen Gestalten, die in jugendlichem Mute
-ansprengten, kühne Reiterkünste übten und dann singend und jubelnd
-in kleinen Haufen abzogen und in der Nacht verschwanden; dieser
-nächtliche, flüchtige Anblick erinnerte ihn, wie ungewiß, wie schnell
-auch diese Tage vorübergehen werden, wie alle diese fröhlichen Gesellen
-dem tiefen Ernste des Krieges entgegenziehen, wie mancher noch ehe der
-Frühling völlig herauf ginge, mit seinem Körper den grünenden Rasen
-decken werde, wie sie gefallen sein werden, ohne mit ihrem Blute etwas
-eingelöst zu haben, als die Träne eines Kameraden und den kurzen Ruhm,
-als brave Männer vor dem Feinde geblieben zu sein.
-
-Unwillkürlich streifte sein Auge nach jener Seite hin, wo er seinen
-Kampfpreis wußte. Er sah dort viele Leute an den Fenstern stehen, aber
-der schwärzliche Rauch der Fackeln, der wie eine Wolke über den Platz
-hinzog, verhüllte die Gegenstände wie mit einem Schleier und ließ sie
-nur wie ungewisse Schatten sehen; unbefriedigt wandte er sein Auge ab.
-»So ist auch meine Zukunft,« sagte er zu sich; »das Jetzt ist helle,
-aber wie dunkel, wie ungewiß das Ziel!«
-
-Sein freundlicher Wirt riß ihn aus diesem düstern Sinnen mit der Frage,
-wo seine Knechte mit seinen Pferden seien? Wenn der Platz, worauf sie
-standen, heller erleuchtet gewesen wäre, so hätte vielleicht der gute
-Kraft eine flüchtige, aber brennende Röte, die bei dieser Frage über
-Georgs Wangen zog, bemerken können. »Ein junger Kriegsmann,« antwortete
-er schnell gefaßt, »muß sich so viel wie möglich selbst zu helfen
-wissen, daher habe ich keinen Diener bei mir; mein Pferd aber habe ich
-Breitensteins Knechten übergeben.«
-
-Der Ratsschreiber lobte im Weiterschreiten die Strenge des jungen
-Mannes gegen sich selbst, gestand aber, daß er, wenn er einmal zu Felde
-ziehe, den Dienst nicht so strenge lernen werde. Ein Blick auf sein
-zierlich geordnetes Haar und den fein gekräuselten Bart überzeugte
-Georg, daß sein Begleiter aus voller Seele spreche, und die zierliche
-bequeme Wohnung, in welcher sie bald darauf anlangten, widersprach
-diesem Glauben nicht.
-
-Das Hauswesen des Herrn von Kraft war eine sogenannte
-Junggesellenwirtschaft, denn Herrn Dietrichs Eltern waren längst
-abgeschieden, als er in das Mannesalter und zugleich in seinen
-Posten beim großen Rate eintrat. Er hätte sich vielleicht längst um
-eine Genossin seiner Herrlichkeit umgesehen, wenn nicht die Anmut
-des Junggesellenlebens, der nicht zu verachtende Vorteil, von allen
-jungen Damen der Stadt als eine gute Partie (nach heutigen Begriffen)
-angesehen und honoriert zu werden, vor allem aber, wie man sich ins
-Ohr flüsterte, die entschiedene Abneigung, die seine alte Amme und
-Haushälterin vor einer jungen Gebieterin hegte, ihn immer von diesem
-Schritte abgehalten hätte.
-
-Herr Dietrich hatte ein großes Haus, nicht weit vom Münster, einen
-schönen Garten am Michelsberg, sein Hausgeräte war im besten Stande,
-die großen eichenen Kasten voll des köstlichen Linnenzeuges, das
-die Kraftinnen und ihre Zofen seit vielen Generationen in den
-langen Winterabenden zusammengesponnen hatten; die eiserne Truhe
-im Schlafzimmer enthielt eine erkleckliche Anzahl von Goldgülden,
-Herr Dietrich selbst war ein hübscher, solider Herr, ging immer
-geschniegelt und gebügelt, mit gesetztem, anständigem Gang in den
-Rat, hatte einen guten Haus- und Ratsverstand, war aus einer alten
-Familie; war es ein Wunder, wenn die ganze Stadt sein Leben pries und
-jedes hübsche Ulmer Stadtkind sich glücklich geschätzt hätte, in diesen
-bequem ausstaffierten Ehehimmel zu kommen?
-
-Georg kamen übrigens diese Verhältnisse bei näherer Besichtigung
-nichts weniger als lockend vor. Die einzigen Hausgenossen des
-Ratsschreibers waren ein alter, grauer Diener, zwei große Katzen
-und die unförmig dicke Amme. Diese vier Geschöpfe starrten den Gast
-mit großen, bedenklichen Augen an, die ihm bewiesen, wie ungewohnt
-ihnen ein solcher Zuwachs der Haushaltung sei. Die Katzen umgingen
-ihn schnurrend, mit gekrümmtem Rücken, die Amme schob unmutig an der
-ungeheuren Buckelhaube von Golddraht und fragte, ob sie für zwei
-Personen das Abendessen zurichten solle? Als sie aber nicht nur ihre
-Frage bestätigen hörte, sondern auch den Auftrag (man war ungewiß,
-war es Bitte oder Befehl) bekam, das Eckzimmer im zweiten Stock für
-den Gast zuzurichten, da schien ihre Geduld erschöpft; sie ließ einen
-wütenden Blick auf ihren jungen Gebieter schießen und verließ mit
-ihrem Schlüsselbund rasselnd das Gemach. Georg hörte noch lange die
-hohltönenden Treppen unter ihren schweren Tritten erbeben, und die öde
-Stille des großen Hauses gab in vielfältigem Echo das Gepolter der
-Türen zurück, welche sie im Grimme hinter sich zuwarf.
-
-Der graue Diener hatte indessen einen Tisch und zwei große Armstühle an
-den ungeheuren Ofen gerückt; den Tisch besetzte er mit einem schwarzen
-Kasten, stellte zu beiden Seiten desselben ein Licht und einen
-silbernen Becher mit Wein und entfernte sich dann, nachdem er einige
-leise Worte mit seinem Herrn gewechselt hatte. Herr Dietrich lud seinen
-Gast ein, an seiner gewöhnlichen Abendunterhaltung teilzunehmen. Er
-öffnete den schwarzen Kasten, es war ein Brettspiel.
-
-Georg graute vor dieser Unterhaltung seines Gastfreundes, als er ihm
-erzählte, daß er seit seinem zehnten Jahre alle Abende mit der Amme
-an diesem Spiele sich ergötze. Wie öde, wie unheimlich kam ihm das
-Haus vor. Das Rennen und Laufen der Amme hatte doch noch an Leben und
-Bewegung erinnert, jetzt aber lag Grabesstille über den weiten Gängen
-und Gemächern, nur zuweilen vom Knistern der Lichter, vom Ticken des
-Holzwurmes im schwärzlichen Getäfel und von dem eintönigen Rollen
-der Würfel unterbrochen. Das Spiel hatte nie etwas Anziehendes für
-ihn gehabt, seine Gedanken waren auch ferne davon, und die tiefe
-Melancholie der öden Gemächer und der Gedanke, nur wenige Straßen von
-ihr entfernt, doch den lang ersehnten Anblick der Geliebten entbehren
-zu müssen, breitete düstere Schatten über seine Seele. Nur die
-ungeheuchelte Freude Herrn Dietrichs, beinahe alle Spiele zu gewinnen,
-die seinem gutmütigen Gesicht etwas Angenehmes verlieh, entschädigte
-ihn für den Verlust der langsam hinschleichenden Stunden.
-
-Mit dem Schlage der achten Stunde führte Dietrich seinen Gast zum
-Abendbrot, das die Amme, trotz ihres Unmutes, trefflich bereitet hatte,
-denn sie wollte der Ehre des Kraftischen Hauses nichts vergeben.
-Hier öffnete auch der Ratsschreiber wieder die Schleusen seiner
-Beredsamkeit, indem er seinem Gaste das Mahl durch Gespräch zu würzen
-suchte. Aber umsonst spähete dieser, ob er nicht von seinem schönen
-Mühmchen reden werde; nur _eine_ Ausbeute bekam er: Kraft zählte unter
-den württembergischen Rittern, die in Ulm anwesend seien, auch den
-Ritter von Lichtenstein auf. Doch schon dieses Wort erweckte dankbare
-Gefühle gegen die Wendung seines Schicksals in ihm. Jetzt erst freute
-er sich, einer Partei beigetreten zu sein, die ihm sonst, außer den
-berühmten Namen, die sie an der Spitze trug, ziemlich gleichgültig
-war. So aber hatte auch ihr Vater sich in dem Sammelplatze des Heeres
-eingefunden, und durfte er auch nicht hoffen, daß ihm das Glück
-vergönnen werde, an der Seite des teuren Mannes zu fechten, so trug er
-doch die Gewißheit in der Brust, ihm beweisen zu können, daß Georg von
-Sturmfeder nicht der letzte Kämpfer im Heere sei.
-
-Der Hausherr führte ihn nach aufgehobener Tafel in sein Schlafgemach
-und schied von ihm mit einem herzlichen Glückwunsch für seine Ruhe.
-Georg sah sich das Gemach, das man ihm angewiesen hatte, näher an
-und fand, daß es ganz zu dem öden Hause passe. Die runden, vom Alter
-geblendeten Scheiben der Fenster, das dunkle Täfelwerk an Wand und
-Decke, der große, weit vorspringende Ofen, selbst das ungeheure Bette
-mit breitem Himmel und steifen schweren Gardinen, sie gewährten ein
-düsteres, beinahe trauriges Ansehen. Aber dennoch war alles zu seiner
-Bequemlichkeit eingerichtet. Frische, schneeweiße Linnen blinkten ihm
-einladend aus dem Bette entgegen, als er die Vorhänge zurückschlug;
-der Ofen verbreitete eine angenehme Wärme, eine Nachtlampe war an der
-Decke aufgehängt, und selbst der Schlaftrunk, ein Becher wohlgewürzten,
-warmen Weines, war nicht vergessen. Er zog die Gardinen vor und
-ließ die Bilder des vergangenen Tages an seiner Seele vorüberziehen.
-Geordnet und freundlich kamen sie anfangs vorüber, dann aber verwirrten
-sie sich, in buntem Gedränge führten sie seine Seele in das Reich der
-Träume, und nur ein teures Bild ging ihm heller auf, es war das Bild
-der Geliebten.
-
-
-
-
-5.
-
- -- Ist's kein Wahn?
- Will der Holde, Vielgetreue,
- Dem ich Herz und Leben weihe,
- Heute noch zu Gruß und Kusse nahn?
-
- _F. Haug._
-
-
-Georg wurde am anderen Morgen durch ein bescheidenes Pochen an seiner
-Türe erweckt. Er schlug die Vorhänge seines Bettes zurück und sah,
-daß die Sonne schon ziemlich hoch stehe. Es wurde wieder und stärker
-gepocht, und sein freundlicher Wirt, schon völlig im Putz, trat ein.
-Nach den ersten Erkundigungen, wie sein Gast geschlafen habe, kam Herr
-Dietrich gleich auf die Ursache seines frühen Besuches. Der große Rat
-hatte gestern abend noch beschlossen, die Ankunft der Bundesgenossen
-auch durch einen Tanz zu feiern, der am heutigen Abend auf dem Rathause
-abgehalten werden sollte. Ihm, als dem Ratsschreiber, kam es zu,
-alles anzuordnen, was zu dieser Festlichkeit gehörte: er mußte die
-Stadtpfeifer bestellen, die ersten Familien feierlich und im Namen
-des Rates dazu einladen, er mußte vor allem zu seinen lieben Mühmchen
-eilen, um ihnen dieses seltene Glück zu verkündigen.
-
-Er erzählte dies alles mit wichtiger Miene seinem Gaste und versicherte
-ihm, daß er vor dem Drang der Geschäfte nicht wisse, wo ihm der Kopf
-stehe. Doch Georg hatte nur für _eines_ Sinn; er durfte hoffen, Marien
-zu sehen und zu sprechen, und darum hätte er gerne Herrn Dietrich für
-seine gute Botschaft an das freudig pochende Herz gedrückt.
-
-»Ich sehe es Euch an,« sagte dieser, »die Nachricht macht Euch Freude,
-und die Tanzlust leuchtet Euch schon aus den Augen. Doch Ihr sollt ein
-paar Tänzerinnen haben, wie Ihr sie nur wünschen könnt; mit meinen
-Bäschen sollt Ihr mir tanzen, denn ich bin ihr Führer bei solchen
-Gelegenheiten und werde es schon zu machen wissen, daß Ihr und kein
-anderer zuerst sie aufziehen sollet; und wie werden sie sich freuen,
-wenn ich ihnen einen so flinken Tänzer verspreche!« Damit wünschte er
-seinem Gast einen guten Morgen und ermahnte ihn, wenn er ausgehe, sein
-Haus zu merken und das Mittagessen nicht zu versäumen.
-
-Herr Dietrich hatte, als sehr naher Verwandter, schon so frühe am Tag
-Zutritt im Hause des Herrn von Besserer, besonders heute, da ihn seine
-vielen Geschäfte bei diesem Morgenbesuche entschuldigten.
-
-Er fand die Mädchen noch beim Frühstück. Wohl hätte dort manche
-unserer heutigen Damen ein elegantes Dejeuner von gemaltem Porzellan
-und den nach den schönsten antiken Vasen geformten Schokoladenbecher
-vermißt. Aber wenn es wahr ist, daß natürliche Anmut und Würde auch
-im geringsten Kleide sich dem Auge nicht verhüllen, so dürfen wir
-schon mit mehr Mut gestehen, daß Marie und die fröhliche Bertha an
-jenem Morgen ein Biersüppchen verspeisten. Ob aber dieses Geständnis
-der ästhetischen Haltung dieser Damen nicht Eintrag tut? Es mag sein;
-wer übrigens Marien und Bertha in dem weißen Morgenhäubchen, in dem
-reinlichen Hauskleide gesehen hätte, würde gewiß auch, wie Vetter
-Kraft, Verlangen getragen haben, dieses Frühstück mit den holden
-Mädchen zu teilen.
-
-»Ich sehe dir es an, Vetter,« begann Bertha, »du möchtest gar zu gerne
-von unserer Suppe kosten, weil dir deine Amme heute einen Kinderbrei
-vorgesetzt hat; aber schlage dir diese Gedanken nur gleich aus dem
-Sinne; du hast Strafe verdient und mußt fasten --«
-
-»Ach, wie wir so sehnlich auf Euch gewartet haben,« unterbrach sie
-Marie.
-
-»Jawohl,« fiel ihr Bertha in die Rede, »aber bilde dir nur nicht
-ein, daß wir eigentlich dich erwarteten; nein, ganz allein deine
-Neuigkeiten.«
-
-Der Ratsschreiber war schon gewohnt, von Bertha so empfangen zu
-werden; er wollte daher, um sie zu versöhnen, daß er nicht gestern
-abend noch ihre Neugierde befriedigt habe, seine Nachrichten in desto
-längerem Strome geben; aber Bertha unterbrach ihn. »Wir kennen,« sagte
-sie, »deine breiten Erzählungen und haben auch das meiste vom Erker
-aus selbst mit angesehen; von eurem Trinkgelage, wo es arg genug
-hergegangen sein soll, will ich auch nichts wissen, darum antworte
-mir auf meine Frage.« Sie stellte sich mit komischem Ernst vor ihn
-hin und fuhr fort: »Dietrich von Kraft, Schreiber eines wohledlen
-Rates, habt Ihr unter den Bündischen keinen jungen, überaus höflichen
-Herrn gesehen, mit langem, hellbraunem Haar, einem Gesicht, nicht so
-milchweiß wie das Eure, aber doch nicht minder hübsch, kleinem Bart,
-nicht so zierlich wie der Eure, aber dennoch schöner, hellblauer
-Schärpe mit Silber ...«
-
-»Ach, das ist kein anderer als mein Gast!« rief Herr Dietrich. »Er ritt
-einen großen Braunen, trug ein blaues Wams, an den Schultern geschlitzt
-und mit Hellblau ausgelegt?«
-
-»Ja, ja, nur weiter!« rief Bertha. »Wir haben unsere eigenen Ursachen,
-uns nach ihm zu erkundigen.«
-
-Marie stand auf und suchte ihr Nähzeug in dem Kasten, indem sie den
-beiden den Rücken zukehrte; aber die Röte, die alle Augenblicke auf
-ihren Wangen wechselte, ließ ahnen, daß sie kein Wort von Herrn
-Dietrichs Erzählung verlor.
-
-»Nun, das ist Georg von Sturmfeder,« fuhr der Ratsschreiber fort; »ein
-schöner, lieber Junge. Sonderbar, auch ihr seid ihm gleich beim Einzug
-aufgefallen« -- und nun erzählte er, was am Gastmahl vorgegangen sei,
-wie ihm der hohe Wuchs, das Gebietende und Anziehende in des Jünglings
-Mienen gleich anfangs aufgefallen, wie ihn der Zufall zu seinem Nachbar
-gemacht, wie er ihn immer lieber gewonnen und endlich in sein Haus
-geführt habe.
-
-»Nun, das ist schön von dir, Vetter,« sagte Bertha, als er geendet
-hatte, und reichte ihm freundlich die Hand; »ich glaube, es ist das
-erste Mal, daß du es wagst, Gäste zu haben. Aber das Gesicht der alten
-Sabine hätte ich sehen mögen, als Junker Dieter so spät noch einen Gast
-brachte.«
-
-»O, sie war wie der Lindwurm gegen St. Georg; aber als ich ihr ganz
-verblümt zu verstehen gab, es könne wohl geschehen, daß ich bald eine
-meiner schönen Basen heimführen würde ...«
-
-»Ach, geh doch!« entgegnete Bertha, indem sie ihm hocherrötend ihre
-Hand entreißen wollte; aber Herr Dietrich, dem sein Mühmchen noch nie
-so hübsch als in diesem Augenblick geschienen hatte, drückte die weiche
-Hand fester, und Mariens ernsteres Bild verlor von Sekunde zu Sekunde
-an Gehalt, und die Wagschale der fröhlichen Bertha, die jetzt in holder
-Verschämtheit vor ihm saß, stieg hoch in den Augen des glücklichen
-Ratsschreibers.
-
-Marie hatte indes schweigend das Gemach verlassen, und Bertha ergriff
-mit Freuden diese Gelegenheit, ein anderes Gespräch einzuleiten.
-
-»Da geht sie nun wieder,« sagte sie und sah Marien nach, »und ich
-wollte darauf wetten, sie geht in ihre Kammer und weint. Ach, sie hat
-gestern wieder so heftig geweint, daß ich auch ganz traurig geworden
-bin.«
-
-»Was hat sie nur?« fragte Dietrich teilnehmend.
-
-»Ich habe so wenig wie früher die Ursache ihrer Tränen erfahren,« fuhr
-Bertha fort. »Ich habe gefragt und immer wieder gefragt, aber sie
-schüttelt dann nur den Kopf, als wenn ihr nicht zu helfen wäre. ›Der
-unselige Krieg!‹ war alles, was sie mir zur Antwort gab.«
-
-»So ist der Alte noch immer entschlossen, mit ihr nach Lichtenstein
-zurückzugehen?«
-
-»Jawohl,« war Berthas Antwort. »Du hättest nur hören sollen, wie der
-alte Mann gestern beim Einzug auf die Bündischen schimpfte. Nun -- er
-ist einmal seinem Herzog mit Leib und Seele ergeben, darum mag es ihm
-hingehen. Aber sobald der Krieg erklärt ist, will er mit ihr abreisen.«
-
-Herr Dietrich schien sehr nachdenklich zu werden. Er stützte den Kopf
-auf die Hand und hörte seiner Muhme schweigend zu.
-
-»Und denke,« fuhr diese fort, »da hat sie nun gestern nach dem Einritte
-der Bündischen so heftig geweint. Du weißt, sie war zwar vorher schon
-immer ernst und düster, und ich habe sie an manchem Morgen in Tränen
-gefunden. Aber als habe schon dieser Einzug über das ganze Schicksal
-des Krieges entschieden, so untröstlich gebärdete sie sich. Ich glaube,
-Ulm liegt ihr nicht so am Herzen, aber ich vermute,« setzte sie
-geheimnisvoll hinzu, »sie hat eine heimliche Liebe im Herzen.«
-
-»Ach freilich, ich habe es schon lange gemerkt,« seufzte Herr Dietrich,
-»aber was kann ich denn dafür?«
-
-»Du? Was du dafür kannst?« lachte Bertha, auf deren Gesicht bei diesen
-Worten alle Trauer verschwunden war. »Nein! Du bist nicht schuld an
-ihrem Schmerz. Sie war schon so, ehe du sie nur mit einem Auge gesehen
-hast!«
-
-Der ehrliche Ratsschreiber war sehr beschämt durch diese Versicherung.
-Er glaubte in seinem Herzen nicht anders, als der Abschied von ihm gehe
-der armen Marie so nahe, und fast schien ihr wehmütiges Bild in seinem
-wankelmütigen Herzen wieder das Uebergewicht zu bekommen. Bertha aber
-ließ nicht ab, ihn mit seiner törichten Vermutung zu höhnen, bis ihm
-auf einmal der Zweck seines Besuches wieder einfiel, den er während
-des Gespräches ganz aus den Augen verloren hatte. Sie sprang mit
-einem Schrei der Freude auf, als ihr der Vetter die Nachricht von dem
-Abendtanz mitteilte.
-
-»Marie, Marie!« rief sie in hellen Tönen, daß die Gerufene, bestürzt
-und irgend ein Unglück ahnend, herbeieilte. »Marie, ein Abendtanz
-auf dem Rathaus!« rief ihr die beglückte Bertha schon unter der Tür
-entgegen.
-
-Auch diese schien freudig überrascht von dieser Nachricht. »Wann?
-Kommen auch die Fremden dazu?« waren ihre schnellen Fragen, indem ein
-hohes Rot ihre Wangen färbte und aus dem ernsten Auge, das die kaum
-geweinten Tränen nicht verbergen konnte, ein Strahl der Freude drang.
-
-Bertha und der Vetter waren erstaunt über den schnellen Wechsel von
-Schmerz und Freude, und der letztere konnte die Bemerkung nicht
-unterdrücken, daß Marie eine leidenschaftliche Tänzerin sein müsse.
-Doch wir glauben, er habe sich hierin nicht weniger geirrt, als wenn er
-Georg für einen Weinkenner hielt.
-
-Als der Ratsschreiber sah, daß er jetzt, wo die Mädchen sich in eine
-wichtige Beratung über ihren Anzug verwickelten, eine überflüssige
-Rolle spiele, empfahl er sich, um seinen wichtigeren Geschäften
-nachzugehen. Er beeilte sich, seine Anordnungen zu treffen und die
-hohen Gäste und die angesehensten Häuser zu laden. Ueberall erschien er
-als ein Bote des Heils, denn wie die Sage erzählt, ist die Freude am
-Tanzen nicht erst in unseren Tagen über die Mädchen gekommen.
-
-Auch seine Anordnungen waren bald getroffen. Es war noch nicht zum
-Grundsatz geworden, daß man nur in einer langen Reihen von Zimmern,
-bei flimmernden Lüstern, umgeben von jenen unzähligen, unwesentlichen
-Dingen, welche die Mode als notwendig preist, fröhlich sein könne. Der
-Rathaussaal gab hinlänglichen Raum, und die kunstlosen Lampen, die an
-den Wänden aufgehängt waren, hatten bisher Helle genug verbreitet, die
-schönen Jungfrauen von Ulm in ihrer Pracht zu sehen.
-
-Doch nicht seine Anordnungen allein waren dem Ratsschreiber gelungen,
-er hatte nebenbei auch manche geheime Nachricht erspäht, die bis jetzt
-nur der engere Ausschuß des Rates mit den Bundesobersten teilte.
-
-Zufrieden mit dem Erfolg seiner vielen Geschäfte, kam er gegen
-Mittag nach Hause, und sein erster Gang war, nach seinem Gaste zu
-sehen. Er traf ihn in sonderbarer Arbeit. Georg hatte lange in
-einem schöngeschriebenen Chronikbuch, das er in seinem Zimmer
-gefunden hatte, geblättert. Die reinlich gemalten Bilder, womit die
-Anfangsbuchstaben der Kapitel unterlegt waren, die Triumphzüge und
-Schlachtenstücke, welche, mit kühnen Zügen entworfen, mit besonderem
-Fleiße ausgemalt, hin und wieder den Text unterbrachen, unterhielten
-ihn geraume Zeit. Dann fing er an, erfüllt von den kriegerischen
-Bildern, die er angeschaut hatte, seinen Helm und Harnisch und das vom
-Vater ererbte Schwert zu reinigen und blank zu machen, indem er zu
-großem Aergernis der Frau Sabine bald lustige, bald ernstere Weisen
-dazu sang.
-
-So traf ihn sein Gastfreund. Schon unten an der Treppe hatte er
-die angenehme Stimme des Singenden vernommen. Er konnte sich nicht
-enthalten, noch einige Zeit an der Türe zu lauschen, ehe er den Gesang
-unterbrach.
-
-Es war eine jener ernsten, beinahe wehmütig tönenden Weisen, wie sie,
-durch ihren innern Wert erhalten und fortgetragen, bis auf unsere Tage
-herabkamen. Noch heute leben sie in dem Munde der Schwaben, und oft
-und gerne haben wir, ergriffen von ihrer einfachen Schönheit, von den
-gehaltenen Klängen ihrer vollen Akkorde, an den lieblichen Ufern des
-Neckars sie belauscht.
-
-Der Sänger begann von neuem:
-
- »Kaum gedacht,
- War der Lust ein End' gemacht;
- Gestern noch auf stolzen Rossen,
- Heute durch die Brust geschossen,
- Morgen in das kühle Grab.
-
- »Doch was ist
- Aller Erden Freud' und Lüst'!
- Prangst du gleich mit deinen Wangen
- Die wie Milch und Purpur prangen,
- Sieh, die Rosen welken all.
-
- »Darum still
- Geb' ich mich, wie Gott es will.
- Und wird die Trompete blasen,
- Und muß ich mein Leben lassen,
- Stirbt ein braver Reitersmann.«
-
-»Wahrlich, Ihr habt eine schöne Stimme,« sagte Herr von Kraft, als er
-in das Gemach eintrat. »Aber warum singt Ihr so traurige Lieder? Ich
-kann mich zwar nicht mit Euch messen, aber was ich singe, muß fröhlich
-sein, wie es einem jungen Mann von achtundzwanzig geziemt.«
-
-Georg legte sein Schwert auf die Seite und bot seinem Gastfreund die
-Hand. »Ihr möget recht haben,« sagte er, »was Euch betrifft. Aber wenn
-man zu Feld reitet wie wir, da hat ein solches Lied große Gewalt und
-Trost, denn es gibt auch dem Tode eine milde Seite.«
-
-»Nun, das ist ja gerade, was ich meine,« entgegnete der Schreiber
-des großen Rates. »Wozu soll man das auch noch in schönen Verslein
-besingen, was leider nur zu gewiß nicht ausbleibt? Man soll den Teufel
-nicht an die Wand malen, sonst kommt er, sagt ein Sprichwort. Uebrigens
-hat es damit keine Not, wie jetzt die Sachen stehen.«
-
-»Wie? Ist der Krieg nicht entschieden?« fragte Georg neugierig. »Hat
-der Württemberger Bedingungen angenommen?«
-
-»_Dem_ macht man gar keine mehr,« antwortete Dietrich mit wegwerfender
-Miene. »Er ist die längste Zeit Herzog gewesen, jetzt kommt das
-Regieren auch einmal an uns. Ich will Euch etwas sagen,« setzte er
-wichtig und geheimnisvoll hinzu, »aber bis jetzt bleibt es noch unter
-uns. Die Hand darauf. Ihr meint, der Herzog habe 14000 Schweizer? Sie
-sind wie weggeblasen. Der Bote, den wir nach Zürich und Bern geschickt
-haben, ist zurück. Was von Schweizern bei Blaubeuren und auf der Alb
-liegt -- muß nach Haus.«
-
-»Nach Haus zurück?« rief Georg erstaunt. »Haben die Schweizer selbst
-Krieg?«
-
-»Nein,« war die Antwort, »sie haben tiefen Frieden, aber kein Geld.
-Glaubt mir, ehe acht Tage ins Land kommen, sind schon Boten da, die das
-ganze Heer nach Haus zurückrufen.«
-
-»Und werden sie gehen?« unterbrach ihn der Jüngling, »sie sind auf ihre
-eigene Faust dem Herzog zu Hilfe gezogen, wer kann ihnen gebieten,
-seine Fahnen zu verlassen?«
-
-»Das weiß man schon zu machen. Glaubt Ihr denn, wenn an die Schweizer
-der Ruf kommt, bei Verlust ihrer Güter und bei Leib- und Lebensstrafe
-nach Haus zu eilen,[14] sie werden bleiben? Ulrich hat zu wenig Geld,
-um sie zu halten, denn auf Versprechungen dienen sie nicht.«
-
-»Aber ist dies auch ehrlich gehandelt?« bemerkte Georg, »heißt das
-nicht, dem Feinde, der in ehrlicher Fehde mit uns lebt, die Waffen
-stehlen und ihn dann überfallen?«
-
-»In der Politika, wie wir es nennen,« gab der Ratsschreiber zur
-Antwort und schien sich dem unerfahrenen Kriegsmann gegenüber kein
-geringes Ansehen geben zu wollen; »in der Politika wird die Ehrlichkeit
-höchstens zum Schein angewandt. So werden die Schweizer z. B. dem
-Herzog erklären, daß sie sich ein Gewissen daraus machen, ihre Leute
-gegen die freien Städte dienen zu lassen. Aber die Wahrheit ist, daß
-wir dem großen Bären mehr Goldgülden in die Tatze drückten als der
-Herzog.«
-
-»Nun, und wenn die Schweizer auch abziehen,« sagte Georg, »so hat doch
-Württemberg noch Leute genug, um keinen Hund über die Alb zu lassen.«
-
-»Auch dafür wird gesorgt,« fuhr der Schreiber in seiner Erläuterung
-fort, »wir schicken einen Brief an die Stände von Württemberg und
-ermahnen sie, das unleidliche Regiment ihres Herzogs zu bedenken,
-demselben keinen Beistand zu tun, sondern dem Bunde zuzuziehen.«[15]
-
-»Wie?« rief Georg mit Entsetzen, »das hieße ja den Herzog um sein Land
-betrügen. Wollt ihr ihn denn zwingen, der Regierung zu entsagen und
-sein schönes Württemberg mit dem Rücken anzusehen?«
-
-»Und Ihr habt bisher geglaubt, man wolle nichts weiter, als etwa
-Reutlingen wieder zur Reichsstadt machen? Von was soll denn Hutten
-seine zweiundvierzig Gesellen und ihre Diener besolden? Wovon denn
-Sickingen seine tausend Reiter und zwölftausend zu Fuß, wenn er nicht
-ein hübsches Stückchen Land damit erkämpft? Und meint Ihr, der Herzog
-von Bayern wolle nicht auch sein Teil? Und wir? Unsere Markung grenzt
-zunächst an Württemberg --«
-
-»Aber die Fürsten Deutschlands,« unterbrach ihn Georg ungeduldig;
-»meint Ihr, sie werden es ruhig mit ansehen, daß ihr ein schönes Land
-in kleine Fetzen reißet? Der Kaiser, wird er es dulden, daß ihr einen
-Herzog aus dem Lande jagt?«
-
-Auch dafür wußte Herr Dietrich Rat. »Es ist kein Zweifel, daß Karl
-seinem Vater als Kaiser folgt. Ihm selbst bieten wir das Land zur
-Obervormundschaft an, und wenn Oesterreich seinen Mantel darauf deckt,
-wer kann dagegen sein? Doch sehet nicht so düster aus. Wenn Euch nach
-Krieg gelüstet, dazu kann Rat werden. Der Adel hält noch zum Herzog,
-und an seinen Schlössern wird sich noch mancher die Zähne einbrechen.
-Wir verschwatzen übrigens das Mittagsmahl. Kommt bald nach, daß
-wir erfahren, was Frau Sabine uns gekocht hat.« Damit verließ der
-Schreiber des großen Rates von Ulm so stolzen Schrittes, als wäre er
-selbst schon Obervormund von Württemberg, das Zimmer seines Gastes.
-
-Georg sandte ihm nicht die freundlichsten Blicke nach. Zürnend schob
-er seinen Helm, den er noch vor einer Stunde mit so freudigem Mute
-zu seinem ersten Kampf geschmückt hatte, in die Ecke. Mit Wehmut
-betrachtete er sein altes Schwert, diesen treuen Stahl, den sein Vater
-in manchem guten Streite geführt, den er sterbend seinem verwaisten
-Knaben als einziges Erbe vom Schlachtfeld gesendet hatte. »Ficht
-ehrlich!« war das Symbolum, das der Waffenschmied in die schöne Klinge
-gegraben hatte, und er sollte sie für eine Sache führen, die ihre
-Ungerechtigkeit an der Stirne trug? Wo er der Kriegskunst erfahrener
-Männer, der Tapferkeit des einzelnen die Entscheidung zutraute, da
-sollten geheime Ränke, die Politika, wie Herr Dietrich sich ausdrückte,
-entscheiden? Wo ihn der fröhliche Glanz der Waffen, die Aussicht
-auf Ruhm gelockt hatte, da sollte er nur den habgierigen Plänen
-dieser Menschen dienen? Ein altes Fürstenhaus, dem seine Ahnen gerne
-gedient hatten, sollte er von diesen Spießbürgern vertreiben sehen?
-Unerträglich wollte ihm auch der Gedanke scheinen, von diesem Kraft
-sich belehren lassen zu müssen.
-
-Doch dem Unmut über seinen gutmütigen Wirt konnte er nicht lange Raum
-geben, wenn er bedachte, daß ja jene Pläne nicht in seinem Kopfe
-gewachsen seien, und daß Menschen, wie dieser politische Ratsschreiber,
-wenn sie einmal ein Geheimnis, einen großen Gedanken in Erfahrung
-gebracht haben; ihn hegen und pflegen wie ihren eigenen; daß sie sich
-mit dem adoptierten Kinde brüsten, als wäre es Minerva, aus ihrem
-eigenen harten Kopfe entsprungen.
-
-Mit milderen Gedanken kam er zu seinem Gastfreund, als man ihn zu Tisch
-rief.
-
-Ja, die ganze Ansicht der Dinge wurde ihm nach einigen Stunden bei
-weitem erträglicher, als er sich erinnerte, daß ja auch Mariens Vater
-dieser Partei folge. Es war ihm, als möchte die Sache doch nicht so
-schwarz sein, welcher Männer wie Frondsberg ihre Dienste geliehen.
-
- Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
- Das schwer sich handhabt wie des Messers Schneide;
- Gleich heißt ihr alles schändlich oder würdig,
- Bös oder gut.
-
-Dieses wahre Wort des Dichters möge die Gesinnung Georgs bezeichnen,
-die Gesinnung Georgs, der vielleicht allzuschnell seine Ansicht über
-jene Dinge ändert. Und wie die düsteren Falten des Unmuts auf einer
-jugendlichen Stirne sich schneller glätten, wie selbst schmerzliche
-Eindrücke in des Jünglings Seele von freundlichen Bildern leicht
-verdrängt werden, so erhellte auch Georgs Seele der freudige Gedanke an
-den Abend.
-
-Man hat uns erzählt, daß unter die schönsten Stunden im Leben der Liebe
-die gehören, wo die Erwartung sich an schöne Erinnerungen knüpft. Der
-Geist sei da ahnungsvoller, das Herz gehobener. So mochte auch Georg
-fühlen. Er träumte von den schönen Augenblicken, wo es ihm vergönnt
-sein werde, die Geliebte zu sehen, sie zu sprechen, ihre Hand zu fassen
-und in ihrem Auge zu lesen.
-
-
-
-
-6.
-
- Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen,
- Da flüstert sie leise, sie kann's nicht verschweigen.
-
- _Uhland._
-
-
-Wenn es möglich gewesen wäre, auf einem Trödelmarkt oder in der Auktion
-eines Antiquars ein »Taschenbuch zum geselligen Vergnügen, mit neuen
-Tanztouren vom Jahr 1519« aufzufinden, wir hätten nicht leicht so
-angenehm überrascht werden können, als durch einen Fund ähnlicher Art,
-den uns der Zufall in die Hände spielte.
-
-Wir waren nämlich in vorliegender Historie bis an dieses Kapitel
-gekommen, das, um der Sage zu folgen, von einem Abendtanz handeln soll;
-da fiel uns auf einmal der Gedanke schwer aufs Herz, daß wir ja nicht
-einmal wissen, wie und was man in jenen Zeiten getanzt habe.
-
-Wir hätten zwar schlechthin sagen können, »sie tanzten«, aber wie
-leicht wäre geschehen gewesen, daß eine unserer freundlichen Leserinnen
-einen Anachronismus gemacht und etwa Georg von Frondsberg in ihren
-Gedanken einen Kotillon hätte vortanzen lassen. In dieser Verlegenheit
-stießen wir auf das sehr selten gewordene Buch: »Vom Anfang, Ursprung
-und Herkommen der Turniere im heiligen römischen Reich. Frankfurth
-1564.« Wir fanden in diesem teuern Folianten unter andern trefflichen
-Holzschnitten einige, die einen solchen Abendtanz vorstellen, wie
-er zuzeiten Kaiser Maximilians, etwa ein Jahr vor dieser Historie,
-gehalten wurde.
-
-Wir dürfen beinahe mit Gewißheit annehmen, daß der Abendtanz im Ulmer
-Rathaussaal sich in nichts von jenem Angeführten unterschied, und man
-wird sich den deutlichsten Begriff von einem solchen Vergnügen machen,
-wenn wir eines dieser Bilder beschreiben.
-
-Den Vordergrund nehmen Zuschauer und die Pfeifer, Trommler und
-Trompeter ein, die, nach dem Ausdrucke des Turnierbuches, »eins
-aufblasen«. Zu beiden Seiten, mehr dem Hintergrunde zu, steht die
-tanzlustige Jugend, in reiche, schwere Stoffe gekleidet. In unseren
-Tagen sieht man bei solchen Gelegenheiten nur zwei Grundfarben,
-schwarz und weiß, worein sich die Herren und Damen, wie in Nacht und
-Tag geteilt haben; anders zu jenen Zeiten. Ein überraschender Glanz
-der Farben strahlt uns aus jenem Bilde entgegen. Das herrlichste Rot,
-vom brennendsten Scharlach bis zum dunkelsten Purpur, jenes brennende
-Blau, das uns noch heute an den Gemälden alter Meister überrascht,
-sind die freudigen Farben ihrer malerisch drapierten Gewänder. Die
-Mitte der Szene nimmt der eigentliche Tanz ein. Er hat am meisten
-Aehnlichkeit mit der Polonaise, denn er ist ein Umzug im Saale. Den Zug
-eröffnen vier Trompeter mit langen Wappenfahnen an den Instrumenten;
-diesen folgt der Vortänzer und seine Dame; diese Stelle bekleidet bei
-jedem Tanze wieder ein anderer, und es entschied hiebei nicht die
-Geschicklichkeit, sondern der Rang des Tänzers. Auf diese folgen zwei
-Fackelträger und dann Paar um Paar der lange Zug der Tanzenden. Die
-Damen schreiten ehrbar und züchtig einher, die Männer aber setzen ihre
-Füße wunderlich, wie zu kühnen Sprüngen, einige scheinen auch mit den
-Absätzen den Takt zu stampfen, wie wir auf jeder Kirchweihe in Schwaben
-noch heutzutage sehen können.
-
-So war der Abendtanz zu Ulm. Man blies schon längst zum ersten auf,
-als Georg von Sturmfeder in den Rathaussaal eintrat. Seine Blicke
-schweiften durch die Reihen der Tanzenden, und endlich trafen sie
-Marien. Sie tanzte mit einem jungen, fränkischen Ritter seiner
-Bekanntschaft, schien aber der eifrigen Rede, die er an sie richtete,
-nicht Gehör zu geben. Ihr Auge suchte den Boden, ihre Miene konnte
-Ernst, beinahe Trauer ausdrücken; ganz anders als die übrigen Fräulein,
-die, in der wahren Tanzseligkeit schwimmend, ein Ohr der Musik,
-das andere dem Tänzer liehen, und die freundlichen Augen bald ihren
-Bekannten, um den Beifall in ihren Mienen zu lesen, bald ihren Tänzern
-zuwandten, um zu prüfen, ob ihre Aufmerksamkeit auch ganz gewiß auf sie
-gerichtet sei.
-
-In gehaltenen Tönen hielten jetzt die Zinken und Trompeten aus und
-endeten; Herr Dietrich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam,
-ihn, wie er versprochen, zu seinen Muhmen zu führen. Er flüsterte
-ihm zu, daß er selbst schon für den nächsten Tanz mit Bäschen Bertha
-versagt sei, doch habe er soeben um Mariens Hand für seinen Gast
-geworben.
-
-Beide Mädchen waren auf die Erscheinung des ihnen so interessanten
-Fremden vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte die Erinnerung
-dessen, was sie über ihn gesprochen, Berthas angenehme Züge mit hoher
-Glut, und die Verwirrung, in welche sie sein Anblick versetzte,
-ließ sie nicht bemerken, welches Entzücken ihm aus Mariens Auge
-entgegenstrahlte, wie sie bebte, wie sie mühsam nach Atem suchte, wie
-ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien.
-
-»Da bringe ich euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen lieben Gast,«
-begann der Ratsschreiber, »der um die Gunst bittet, mit euch zu tanzen.«
-
-»Wenn ich nicht schon diesen Tanz an meinen Vetter zugesagt hätte,«
-antwortete Bertha, schneller gefaßt als ihre Base, »so solltet Ihr ihn
-haben, aber Marie ist noch frei, die wird mit Euch tanzen.«
-
-»So seid Ihr noch nicht versagt, Fräulein von Lichtenstein?« fragte
-Georg, indem er sich zu der Geliebten wandte.
-
-»Ich bin an Euch versagt,« antwortete Marie. So hörte er denn zum
-erstenmal wieder diese Stimme, die ihn so oft mit den süßesten Namen
-genannt hatte; er sah in diese treuen Augen, die ihn noch immer so hold
-anblickten wie vormals.
-
-Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldleutnant Waldburg
-Truchseß, dem man den zweiten Tanz gegeben hatte, schritt mit seiner
-Tänzerin vor, die Fackelträger folgten, die Paare ordneten sich, und
-auch Georg ergriff Mariens Hand und schloß sich an. Jetzt suchten
-ihre Blicke nicht mehr den Boden, sie hingen an denen des Geliebten;
-und dennoch wollte es ihm scheinen, als mache sie dieses Wiedersehen
-nicht so glücklich wie ihn, denn noch immer lag eine düstere Wolke von
-Schwermut oder Trauer um ihre Stirne. Sie sah sich um, ob Dietrich und
-Bertha, das nächste Paar nach ihnen, nicht allzunahe seien. -- Sie
-waren ferne.
-
-»Ach Georg,« begann sie, »welch unglücklicher Stern hat dich in dieses
-Heer geführt?«
-
-»Du warst dieser Stern, Marie,« sagte er; »dich habe ich auf dieser
-Seite geahnet, und wie glücklich bin ich, daß ich dich fand! Kannst
-du mich tadeln, daß ich die gelehrten Bücher beiseite legte und
-Kriegsdienste nahm? Ich habe ja kein Erbe als das Schwert meines
-Vaters; aber mit diesem Gut will ich wuchern, daß der deinige sehen
-soll, daß seine Tochter keinen Unwürdigen liebt.«
-
-»Ach Gott! Du hast doch dem Bunde noch nicht zugesagt?« unterbrach sie
-ihn.
-
-»Aengstige dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch nicht
-völlig zugesagt; aber es muß nächster Tage geschehen. Willst du denn
-deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm gönnen? Warum magst du um
-mich so bange haben? Dein Vater ist alt und zieht ja doch auch mit aus.«
-
-»Ach, mein Vater, mein Vater!« klagte Marie, »er ist ja -- doch brich
-ab, Georg, brich ab -- Bertha belauscht uns; aber ich muß dich morgen
-sprechen, ich muß, und sollte es meine Seligkeit kosten. Ach! wenn ich
-nur wüßte, wie?«
-
-»Was ängstigt dich denn nur so?« fragte Georg, dem es unbegreiflich
-war, wie Marie, statt sich der Freude des Wiedersehens hinzugeben,
-nur an die Gefahren dachte, denen er entgegengehe? »Du stellst dir
-die Gefahren größer vor, als sie sind,« flüsterte er ihr tröstend zu.
-»Denke an nichts, als daß wir uns jetzt wiederhaben, daß ich deine
-Hand drücken darf, daß Auge in Auge sieht wie sonst. Genieße jetzt die
-Augenblicke, sei heiter!«
-
-»Heiter? O diese Zeiten sind vorbei, Georg! Höre und sei standhaft --
-mein Vater ist nicht bündisch!«
-
-»Jesus Maria! was sagst du?« rief der Jüngling und beugte sich, als
-habe er das Wort des Unglücks nicht gehört, herab zu Marien; »o sage,
-ist denn dein Vater nicht hier in Ulm?«
-
-Sie hatte sich stärker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen;
-bei dem ersten Laut wären ihre Tränen unaufhaltsam geflossen; sie
-antwortete nur durch einen Druck der Hand und ging, mit gesenktem
-Haupt nach Kraft suchend, ihren Schmerz zu bekämpfen, neben Georg her.
-Endlich siegte der starke Geist dieses Mädchens über die Schwäche ihrer
-Natur, die einem so tiefen Kummer beinahe erlegen wäre. »Mein Vater,«
-flüsterte sie, »ist Herzog Ulrichs wärmster Freund, und sobald der
-Krieg entschieden ist, führt er mich heim auf den Lichtenstein!«
-
-Betäubend wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren Tönen schmetterten
-die Trompeten, sie begrüßten den Truchseß, der eben an dem Musikchor
-vorüberzog; er warf ihnen, wie es Sitte war, einige Silberstücke zu,
-und von neuem erhob sich ihr betäubender Jubel.
-
-Das leise Gespräch der Liebenden verstummte vor der rauhen Gewalt
-dieser Töne, aber ihr Auge hatte sich in diesem Schiffbruch ihrer Liebe
-um so mehr zu sagen, und sie bemerkten nicht einmal, wie ein Geflüster
-über sie im Saal erging, das sie als das schönste Paar pries.
-
-Aber nur zu wohl hatte Bertha diese Bemerkungen der Menge gehört.
-Sie war zu gutmütig, als daß Neid darüber in ihre Seele gekommen
-wäre, aber sie setzte sich doch im Geiste an Mariens Platz und fand,
-daß man vielleicht das Paar nicht minder schön gefunden hätte. Auch
-das Gespräch, das zwischen den beiden begonnen hatte, fiel ihr auf.
-Die ernste Base, die selten oder nie mit einem Manne lange sprach,
-schien mehr und angelegentlicher zu reden als ihr Tänzer. Die Musik
-hinderte sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde, die man
-vielleicht nicht mit Unrecht jungen Mädchen ausschließlich zuschreibt,
-wurde in ihr rege, sie zog ihren Tänzer näher an das vordere Paar, um
--- ein wenig zu lauschen; aber war es Zufall oder Absicht, das Gespräch
-verstummte, als sie näher kam oder wurde so leise geführt, daß sie
-nichts davon verstand.
-
-Ihr Interesse an dem schönen jungen Mann wuchs mit diesen Hindernissen;
-noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so lästig geworden als in diesen
-Augenblicken; denn die zierlichen Redensarten, womit er ihr Herz zu
-umspinnen gedachte, verhinderten sie, jene genauer zu beobachten. Sie
-war froh, als endlich der Tanz sich endigte. Denn sie durfte hoffen,
-daß der nächste an des jungen Ritters Seite desto angenehmer für sie
-sein werde.
-
-Sie täuschte sich nicht in ihrer Hoffnung; Georg kam, sie um den
-nächsten Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und sie hüpfte
-fröhlich an seiner Seite in die Reihen. Aber es war nicht mehr
-derselbe, der vorhin mit Marien so freundlich gesprochen hatte.
-Verstört, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken, war der junge Mann an
-ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar, daß er sich immer wieder erst
-sammeln mußte, wenn er eine ihrer Fragen beantworten sollte.
-
-War dies jener »höfliche Ritter,« welcher sie, ohne daß sie sich
-je gesehen hatten, so freundlich grüßte? War es derselbe, welcher
-so heiter, so fröhlich war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen führte?
-Derselbe, der mit Marien so eifrig sich unterredet hatte? Oder sollte
-diese --? Ja, es war klar. Marie hatte ihm besser gefallen, ach!
-vielleicht weil sie die erste war, die mit ihm tanzte. Je weniger
-Bertha gewohnt war, sich der ernsten Marie nachgesetzt zu sehen, um
-so mehr befremdete sie dieser Sieg ihrer Base, um so mehr glaubte sie
-sich beeifern zu müssen, ihren Rang, ihre Gaben geltend zu machen. Sie
-setzte daher mit ihrer heiteren Geschwätzigkeit das Gespräch über den
-bevorstehenden Krieg, das sie mit Mühe angesponnen hatte, fort, als
-sie nach Beendigung des Tanzes zu Marien und dem Ratsschreiber traten.
-»Nun, und der wievielte Feldzug ist es denn, Herr von Sturmfeder, dem
-Ihr jetzt beiwohnt?«
-
-»Es ist mein erster,« antwortete dieser kurz abgebrochen, denn er war
-unmutig darüber, daß jene ihn noch immer im Gespräch halte, da er mit
-Marie so gern gesprochen hätte.
-
-»Euer erster?« entgegnete Bertha verwundert. »Ihr wollt mir etwas
-weismachen, da habt Ihr ja schon eine mächtige Narbe auf der Stirne.«
-
-»Die bekam ich auf der hohen Schule,« antwortete Georg.
-
-»Wie? Ihr seid ein Gelehrter?« fragte jene eifrig weiter. »Nun, und da
-seid Ihr gewiß recht weit gewesen; etwa in Padua oder Bologna oder gar
-bei den Ketzern in Wittenberg.«
-
-»Nicht so weit, als Ihr meint,« entgegnete er, indem er sich zu Marien
-wandte; »ich war in Tübingen.«
-
-»In Tübingen!« rief Bertha voll Verwunderung. Wie ein Blitz erhellte
-dies einzige Wort alles, was ihr bisher dunkel war, und ein Blick auf
-Marien, die mit niedergeschlagenen Augen, mit der Röte der Scham auf
-den Wangen vor ihr stand, überzeugte sie, daß die lange Reihe von
-Schlüssen, die sich an jenes Wort anschlossen, ihren nur zu sicheren
-Grund haben. Jetzt war ihr auf einmal klar, warum sie der artige Ritter
-begrüßt, warum Marie weinte, die ihn gewiß gerne auf der feindlichen
-Seite gesehen hätte, warum er so viel mit jener gesprochen, warum er
-bei ihr selbst so einsilbig war. Es war keine Frage, sie kannten sich,
-sie mußten sich längst gekannt haben.
-
-Beschämung war das erste Gefühl, das bei dieser Entdeckung Berthas
-Herz bestürmte; sie errötete vor sich selbst, wenn sie sich gestand,
-nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben, dessen
-Seele ein ganz anderer Gegenstand beschäftigte. Unmut über Mariens
-Heimlichkeit verfinsterte ihre Züge. Sie suchte Entschuldigung für ihr
-eigenes Betragen und fand sie nur in der Falschheit ihrer Base. Hätte
-diese ihr gestanden, in welchem Verhältnis sie zu dem jungen Manne
-stehe, sie hätte ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt; er wäre ihr
-dann, meinte sie, höchst gleichgültig geblieben, sie hätte nie diese
-Beschämung erfahren. Wir haben es von guter Hand, daß junge Damen große
-Beleidigungen, tiefere Schmerzen im Gefühl ihrer Würde mit Anstand
-zu ertragen wissen; daß sie aber oft, wenn es sich um geringe Dinge
-handelt, nicht Gleichmut genug besitzen, um das Wahre vom Falschen zu
-unterscheiden, nicht Großmut genug, um zu vergessen.
-
-Bertha hatte an diesem Abend den unglücklichen jungen Mann keines
-Blickes mehr gewürdigt, was ihm übrigens über dem größeren Schmerz, der
-seine Seele beschäftigte, völlig entging. Sein Unglück wollte es auch,
-daß er nie mehr Gelegenheit fand, Marien wieder allein und ungestört
-zu sprechen; der Abendtanz ging zu Ende, ohne daß er über Mariens
-Schicksal und über die Gesinnungen ihres Vaters gewisser wurde, und
-Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit, ihm zuzuflüstern, er
-möchte morgen in der Stadt bleiben, weil sie vielleicht irgend eine
-Gelegenheit finden würde, ihn zu sprechen.
-
-Verstimmt kamen die beiden Schönen nach Hause. Bertha hatte auf alle
-Fragen Mariens kurze Antwort gegeben, und auch diese, sei es, daß
-sie ahnete, was in ihrer Freundin vorgehe, sei es, weil sie selbst
-ein großer Schmerz beschäftigte, war nach und nach immer düsterer,
-einsilbiger geworden.
-
-Aber auf beiden lastete die Störung ihres bisherigen freundschaftlichen
-Verhältnisses erst recht schwer, als sie ernst und schweigend in
-ihr Gemach traten. Sie hatten sich bisher alle jene kleinen Dienste
-geleistet, welche junge Mädchen nur zu noch engerer Freundschaft
-verbinden. Wie ganz anders war es heute! Bertha hatte die silberne
-Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, daß es in langen
-Ringellocken über den schönen Nacken herabströmte. Sie versuchte,
-es unter das Nachthäubchen zu stecken; ungewohnt, diese Arbeit ohne
-Mariens Hilfe zu verrichten, kam sie nicht damit zustande, aber zu
-stolz, ihre Feindin, wie sie Marien in ihrem Sinne nannte, ihre
-Verlegenheit merken zu lassen, warf sie das Häubchen in die Ecke und
-ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden.
-
-Schweigend nahm Marie das verworfene Häubchen wieder auf und trat
-hinzu, das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und
-aufzubinden.
-
-»Hinweg, du Falsche!« rief die erzürnte Bertha, indem sie die
-hilfreiche Hand zurückstieß.
-
-»Bertha, hab' ich dies um dich verdient?« sprach Marie mit Ruhe und
-Sanftmut. »O, wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin, du würdest
-sanfter gegen mich sein!«
-
-»Unglücklich?« lachte jene laut auf, »unglücklich! vielleicht weil der
-artige Herr nur einmal mit dir tanzte?«
-
-»Du bist recht hart, Bertha;« antwortete Marie, »du bist böse auf mich
-und sagst mir nicht einmal, warum.«
-
-»So? Du willst also nicht wissen, daß du mich betrogen hast? Nicht
-wissen, wie mich deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschämung
-aussetzen? Ich hätte nie geglaubt, daß du so schlecht, so falsch an mir
-handeln würdest!«
-
-Von neuem erwachte in Bertha das kränkende Gefühl, sich hintangesetzt
-zu sehen; ihre Tränen strömten, sie legte die heiße Stirne in die Hand,
-und die reichen Locken flossen über ihr zusammen und verhüllten die
-Weinende.
-
-Tränen sind die Zeichen milderen Schmerzes. Marie kannte diese
-Tränen und fuhr mit mehr Vertrauen fort: »Bertha! Du schiltst meine
-Heimlichkeit. Ich sehe, du hast erraten, was ich nie von selbst
-sagen konnte. Setze dich selbst in meine Lage. Ach, du selbst, so
-heiter und offen du bist, du selbst hättest mir dein Geheimnis nicht
-vertrauen können. Aber jetzt ist es ja aus. Du weißt, was meine Lippen
-auszusprechen sich scheuten. Ich liebe ihn, ja ich werde geliebt, und
-nicht erst von gestern her. Willst du mich hören? Darf ich dir alles
-sagen?«
-
-Berthas Tränen flossen noch immer. Sie antwortete nicht auf jene
-Fragen, aber Marie hub an zu erzählen, wie sie Georg im Hause der
-seligen Muhme kennen gelernt habe; wie sie ihm gut gewesen, lange ehe
-er ihr seine Liebe gestanden. Alle jene schönen Erinnerungen lebten
-in ihr auf, mit glühenden Wangen, mit strahlendem Auge führte sie die
-Vergangenheit herauf. Sie erzählte von so mancher schönen Stunde, vom
-Schwur ihrer Treue, von ihrem Abschied. »Und jetzt,« fuhr sie mit
-wehmütigem Lächeln fort, »jetzt hat ihn dieser unglückliche Krieg auf
-diese Seite geführt. Er hört, wir seien hier in Ulm, er glaubt nicht
-anders, als mein Vater sei dem Bunde beigetreten, er hofft, mich durch
-sein Schwert zu verdienen, denn er ist arm, recht arm! O Bertha, du
-kennst meinen Vater. Er ist so gut, aber auch so strenge, wenn etwas
-seiner Meinung widerspricht. Wird er einem Manne seine Tochter geben,
-der sein Schwert gegen Württemberg gezogen hat? Siehe, das waren meine
-Tränen! Ach, ich wollte dir so oft sagen, warum sie fließen, aber eine
-unbesiegbare Scham schloß meine Lippen. Kannst du mir noch zürnen? Muß
-ich mit dem Geliebten auch die Freundin verlieren?«
-
-Auch Mariens Tränen flossen, und Bertha fühlte den eigenen Schmerz von
-dem größeren Kummer der Freundin besiegt. Sie umarmte Marien schweigend
-und weinte mit ihr.
-
-»In den nächsten Tagen,« fuhr diese fort, »will mein Vater Ulm
-verlassen, und ich muß ihm folgen. Aber noch einmal muß ich Georg
-sprechen, nur ein Viertelstündchen. Bertha, du kannst gewiß Gelegenheit
-geben. Nur ein ganz kleines Viertelstündchen!«
-
-»Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig machen?« fragte
-Bertha.
-
-»Was nennst du die gute Sache?« antwortete Marie. »Des Herzogs Sache
-ist vielleicht nicht minder gut als die eure. Du sprichst so, weil ihr
-bündisch seid. Ich bin eine Württembergerin, und mein Vater ist seinem
-Herzoge treu. Doch sollen wir Mädchen über den Krieg entscheiden? Laß
-uns lieber auf Mittel sinnen, ihn noch einmal zu sehen.«
-
-Bertha hatte über der Teilnahme, mit welcher sie der Geschichte ihrer
-Base zugehört hatte, ganz vergessen, daß sie ihr jemals gram gewesen
-war. Sie war überdies für alles Geheimnisvolle eingenommen, daher kamen
-ihr diese Mitteilungen erwünscht. Sie fühlte, wie wichtig und ehrenvoll
-der Posten einer Vertrauten sei, und gab sich daher alle mögliche Mühe,
-dem liebenden Paar mit ihrem Scharfsinn zu dienen.
-
-»Ich hab's gefunden,« rief sie endlich aus, »wir laden ihn geradezu in
-den Garten.«
-
-»In den Garten?« fragte Marie schüchtern und ungläubig, »und durch wen?«
-
-»Sein Wirt, der gute Vetter Dietrich, muß ihn selbst bringen;«
-antwortete sie, »das ist herrlich, und dieser darf auch kein Wörtchen
-davon merken, laß mich nur dafür sorgen.«
-
-Marie, entschlossen und stark bei großen Dingen, zitterte doch bei
-diesem gewagten Schritte. Aber ihre mutige, fröhliche Base wußte ihr
-alle Bedenklichkeiten auszureden, und mit zurückgekehrter Hoffnung und
-befreit von der Last des Geheimnisses, umarmten sich die Mädchen, ehe
-sie sich zur Ruhe legten.
-
-
-
-
-7.
-
- Und wie ein Geist schlingt um den Hals
- Das Liebchen sich herum:
- »Willst mich verlassen, liebes Herz,
- Auf ewig?« und der bittre Schmerz
- Macht's arme Liebchen stumm.
-
- _Schubart._
-
-
-Sinnend und traurig saß Georg am Mittag nach dem festlichen Abend in
-seinem Gemach. Er hatte Breitenstein besucht und wenig Tröstliches für
-seine Hoffnungen erfahren. Der Kriegsrat hatte sich an diesem Morgen
-versammelt, und unwiderruflich war der Krieg beschlossen worden.
-Zwölf Edelknaben waren, die Absagebriefe des Herzogs von Bayern,
-der Ritterschaft und gesamter Städte an ihre Lanzen geheftet, zum
-Gögglinger Tor hinausgejagt, um die Feindesbotschaft dem Württemberger
-nach Blaubeuren zu bringen. Auf den Straßen rief man einander fröhlich
-diese Nachricht zu, und die Freude, daß es jetzt endlich ins Feld gehen
-werde, stand deutlich auf allen Gesichtern geschrieben. Nur _einen_
-traf diese Kunde wie das schreckliche Machtwort seines Schicksals. Der
-Gram trieb ihn aus dem Kreise der fröhlichen Gesellen, die jetzt den
-Weinstuben zuzogen, um in lautem Jubel das Geburtsfest des Krieges
-zu begehen und das Los künftiger Siege im Würfelspiel zu belauschen.
-Ach! ihm waren ja schon die Würfel gefallen! Ein blutiges Schlachtfeld
-dehnte sich zwischen ihm und seiner Liebe aus, sie war ihm auf lange,
-vielleicht auf ewig verloren.
-
-Eilige Tritte, welche die Treppe heraufstürmten, weckten ihn aus seinem
-Brüten. Der Ratsschreiber steckte den Kopf in die Türe. »Glück auf,
-Junker!« rief er, »jetzt hebt der Tanz erst recht an. Aber Ihr wißt es
-vielleicht noch gar nicht? Der Krieg ist angekündigt, schon vor einer
-Stunde sind unsere Absageboten ausgeritten.«
-
-»Ich weiß es,« antwortete sein finsterer Gast.
-
-»Nun, und hüpft Euch das Herz nicht freier? Habt Ihr auch gehört
--- nein, das könnt Ihr nicht wissen,« fuhr Dietrich fort, indem er
-zutraulich näher zu ihm trat, »daß die Schweizer bereits abziehen?«
-
-»Wie, sie ziehen?« unterbrach ihn Georg. »Also hat der Krieg schon ein
-Ende?«
-
-»Das möchte ich nicht gerade behaupten,« fuhr der Ratsschreiber
-bedenklich fort, »der Herzog von Württemberg ist noch ein junger,
-mutiger Herr und hat noch Ritter und Dienstleute genug. Zwar wird er
-wohl keine offene Feldschlacht mehr wagen, aber er hat feste Städte
-und Burgen. Da ist einmal der Höllenstein, und darin Stephan von
-Lichow, ein Mann wie Eisen; da ist Göppingen, das Philipp von Rechberg
-auch nicht auf den ersten Stückschuß ergeben wird; da ist Schorndorf,
-Rothenburg und Asperg, da ist vor allem Tübingen, das er tüchtig
-befestigt hat. Es wird noch mancher ins Gras beißen, bis ihr eure Rosse
-im Neckar tränket.
-
-Nun, nun!« fuhr er fort, als er sah, daß seine Nachrichten die finstere
-Stirne seines schweigenden Gastes nicht aufheitern konnten, »wenn Ihr
-diese kriegerischen Botschaften nicht freundlich aufnehmet, so schenkt
-Ihr vielleicht einem friedlicheren Auftrag ein geneigtes Ohr. Sagt
-einmal, habt Ihr nicht irgendwo eine Base?«
-
-»Base? Ja, warum fragt Ihr?«
-
-»Nun sehet, jetzt erst verstehe ich die verwirrten Reden, die vorhin
-Bertha vorbrachte. Als ich aus dem Rathause kam, winkte sie mir hinauf
-und befahl mir, meinen Gast heute nachmittag in ihren Garten an der
-Donau zu führen, Marie habe Euch etwas sehr Wichtiges an Eure Base, die
-sie sehr gut kenne, aufzutragen. Ihr müßt mir schon den Gefallen tun,
-mitzugehen. Solche Geheimnisse und Aufträge sind zwar gewöhnlich nicht
-weit her, und ich wollte wetten, sie geben Euch ein Müsterlein für den
-Webstuhl oder eine Probe feiner Wolle oder ein tiefes Geheimnis der
-Kochkunst oder gar ein paar Körnlein von einer seltenen Blume mit, denn
-Marie ist eine große Gärtnerin -- doch, wenn Ihr gestern an dem Mädchen
-Gefallen gefunden habt, gehet Ihr wohl selbst gerne mit.«
-
-Mitten in den schmerzlichen Gedanken an die Scheidestunde mußte Georg
-über die List der Mädchen lachen. Freundlich bot er dem guten Boten die
-Hand und schickte sich an, ihn in den Garten zu begleiten.
-
-Dieser lag an der Donau, ungefähr zweitausend Schritte unter der
-Brücke. Er war nicht groß, zeugte aber von Sorgfalt und Fleiß.
-Die schönen Obstbäume waren zwar noch nicht belaubt, und die in
-wunderlichen Formen abgestochenen Beete hatten noch keine Blumen, aber
-ein langer Taxusgang, der an dem Ufer des Flusses sich hinzog und
-in einer geräumigen Laube endete, gab durch sein helles Grün einen
-lebhaften Anblick und hinlänglichen Schutz gegen die einem weißen Hals
-und schönen Armen so gefährlichen Strahlen der Märzsonne. Dort, auf
-dem breiten, bequemen Steinsitze, wo die Lücken der Laube eine freie
-Aussicht die Donau hinauf und hinab gewährten, hatten die Mädchen unter
-mancherlei Gesprächen der jungen Männer geharrt.
-
-Marie saß traurig in sich gekehrt. Sie hatte den schönen Arm auf eine
-Lücke der Laube aufgestützt und das von Gram und Tränen müde Köpfchen
-in die Hand gelegt. Ihr dunkles, glänzendes Haar hob die Weiße ihres
-Teints um so mehr heraus, als stiller Kummer ihre Wangen gebleicht
-und schlaflose Nächte dem lieblichen blauen Auge seinen sonst so
-überraschenden Glanz geraubt und ihm einen matteren, vielleicht nur
-um so anziehenderen Schimmer von Melancholie gegeben hatten. Das
-vollendete Bild fröhlichen Lebens, saß die frische, runde, rosige
-Bertha neben ihr. Wie ihre gelblichen Locken mit Mariens dunklen
-Haaren, ihr rundes, frisches Gesichtchen mit den ovalen, schärferen
-Formen ihrer Base, wie ihre freundlichen, beweglichen hellbraunen Augen
-in auffallendem Kontrast standen mit dem sinnenden, geistvollen Blick
-Mariens: so wurde auch jede ihrer raschen, lebhaften Bewegungen zum
-Gegensatz gegen jene stille Trauer.
-
-Bertha schien ihre rosigste Laune hervorgeholt zu haben, um ihre Base
-zu trösten oder doch ihren großen Schmerz zu zerstreuen. Sie erzählte
-und schwatzte, sie lachte und ahmte die Gebärde und Sprache vieler
-Leute nach, sie versuchte alle jene tausend kleinen Künste, womit die
-Natur ihre fröhliche Tochter ausstattete. Aber wir glauben, daß sie
-wenig ausrichtete, denn nur hie und da gleitete ein wehmütiges, schnell
-verschwebendes Lächeln über Mariens feine Züge hin.
-
-Endlich ergriff sie, als gar nichts mehr helfen wollte, ihre Laute, die
-in der Ecke stand. Marie besaß auf diesem Instrument große Fertigkeit,
-und Bertha hätte sich sonst nicht so leicht bewegen lassen, vor der
-Meisterin zu spielen. Doch heute hoffte sie durch ihr Geklimper
-wenigstens ihrer Base ein Lächeln zu entlocken. Sie setzte sich mit
-großem Ernste nieder und begann:
-
- »Fragt mich jemand, was ist Minne?
- Wüßt' ich gern auch darum meh(r).
- Wer nun recht darüber sinne,
- Sag' mir, warum tut sie weh?
- Minne ist Liebe, tut sie wohl;
- Tut sie weh, heißt sie nicht Minne,
- O, dann weiß ich, wie sie heißen soll.«
-
-»Wo hast du dies alte schwäbische Liedchen her?« fragte Marie, die der
-einfachen Musik und dem lieblichen Text gern ihr Ohr lieh.
-
-»Nicht wahr, es ist hübsch? Aber es kommt noch viel hübscher, wenn
-du hören willst,« antwortete Bertha. »Das hat mich in Nürnberg ein
-Meistersänger, Hans Sachs, gelehrt; es ist übrigens nicht von ihm,
-sondern von Walther von der Vogelweide, der wohl vor dreihundert Jahren
-gelebt und geliebt hat. Höre nur weiter:
-
- Ob ich recht erraten könne,
- Was die Minne sei? So sprecht ja.
- Minne ist zweier Herzen Wonne;
- Teilen sie gleich, so ist sie da.
- Doch -- soll ungeteilt sein,
- So kann ein Herz allein sie nicht enthalten.
- Willst du mir helfen, traute Jungfrau mein?«
-
-»Nun, hast du geteilt mit dem armen Junker?« fragte die schelmische
-Bertha ihre errötende Base. »Vetter Kraft möchte gerne auch mit mir
-teilen, einstweilen kann er aber seinen ganzen Part allein tragen.
-Doch du wirst wieder ernst, ich muß noch ein Liedchen des alten Herrn
-Walther singen:
-
- Ich weiß nicht, wie es damit geschah,
- Meinem Auge ist's noch nie geschehen,
- Seit ich sie in meinem Herzen sah,
- Kann ich sie auch ohne Augen sehen.
- Da ist doch ein Wunder mit geschehen,
- Denn wer gab es, daß es ohne Augen
- Sie zu aller Zeit mag sehen?
-
- Wollt ihr wissen, was die Augen sein,
- Womit ich sie sehe durch alle Land'?
- Es sind die Gedanken des Herzens mein,
- Damit schau' ich durch Mauer und Wand,
- Und hüten diese sie noch so gut,
- Es schauen sie mit vollen Augen
- Das Herz, der Wille und mein Mut.«
-
-Marie lobte das Lied des Herrn Walther von der Vogelweide als einen
-guten Trost beim Scheiden. Bertha bestätigte es. »Ich weiß noch einen
-Reim,« sagte sie lächelnd und sang:
-
- »Und zog sie auch weit in das Schwabenland,
- Seine Augen schauen durch Mauer und Wand,
- Seine Blicke bohren durch Fels und Stein!
- Er schaut durch die Alb nach dem Lichtenstein!«
-
-Als Bertha noch im Nachspiel zu ihrem Liedchen begriffen war, ging die
-Gartenpforte. Männertritte tönten den Gang herauf, und die Mädchen
-standen auf, die Erwarteten zu empfangen.
-
-»Herr von Sturmfeder,« begann Bertha nach den ersten Begrüßungen,
-»verzeihet doch, daß ich es wagte, Euch in meines Vaters Garten
-einzuladen. Aber meine Base Marie wünscht Euch Aufträge an eine
-Freundin zu geben. -- Nun, und daß wir andern nicht zu kurz kommen,«
-setzte sie, zu Herrn Kraft gewandt, hinzu, »so wollen wir eins plaudern
-und den Abendtanz von gestern mustern.« Damit ergriff sie ihres Vetters
-Hand und zog ihn mit sich den Gang hinab.
-
-Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt. Sie lehnte sich
-an seine Brust und weinte heftig. Die süßesten Worte, die er ihr
-zuflüsterte, vermochten nicht, ihre Tränen zu stillen. »Marie,« sagte
-er, »du warst ja sonst so stark, wie kannst du nun gerade jetzt allen
-Glauben an ein besseres Geschick, alle Hoffnung aufgeben?«
-
-»Hoffnung?« fragte sie wehmütig, »mit unserer Hoffnung, mit unserem
-Glück ist es für ewig aus.«
-
-»Sieh,« antwortete Georg, »eben dies kann ich nicht glauben, ich trage
-die Gewißheit unserer Liebe in mir so innig, so tief, und ich sollte
-jemals glauben, daß sie untergehen könnte?«
-
-»Du hoffst noch? So höre mich ganz an. Ich muß dir ein tiefes Geheimnis
-sagen, an dem das Leben meines Vaters hängt. Mein Vater ist so sehr
-ein bitterer Feind des Bundes, als er ein Freund des Herzogs ist.
-Er ist nicht nur deswegen hier, um sein Kind heimzuholen, nein, er
-sucht die Pläne des Bundes zu erforschen und mit Geld und Rede zu
-verwirren. Und glaubst du, ein so bitterer Gegner des Bundes werde
-seine einzige Tochter einem Jüngling geben, der durch unser Verderben
-sich emporzuschwingen sucht, einem, der sich an Menschen anschließt,
-die kein Recht, sondern nur Raub suchen?«
-
-»Dein Eifer führt dich zu weit, Marie,« unterbrach sie der Jüngling.
-»Du mußt wissen, daß mancher Ehrenmann in diesem Heere dient!«
-
-»Und wenn dies wäre,« fuhr jene eifrig fort, »so sind sie betrogen und
-verführt, wie auch du betrogen bist.«
-
-»Wer sagt dir dies so gewiß?« entgegnete Georg, welcher errötete, die
-Partei, die er ergriffen, von einem Mädchen so erniedrigt zu sehen,
-obgleich er ahnete, daß sie so unrecht nicht habe. »Wer sagt dir
-dies so gewiß? Kann nicht dein Vater auch verblendet und betrogen
-sein? Wie mag er nur mit so vielem Eifer die Sache dieses stolzen,
-herrschsüchtigen Mannes führen, der seine Edlen ermordet, der seine
-Bürger in den Staub tritt, der an seiner Tafel das Mark des Landes
-verpraßt und seine Bauern verschmachten läßt?«
-
-»Ja, so schildern ihn seine Feinde,« antwortete Marie, »so spricht
-man von ihm in diesem Heere; aber frage dort unten an den Ufern des
-Neckars, ob sie ihren angestammten Fürsten nicht lieben, wenngleich
-seine Hand zuweilen schwer auf ihnen ruht. Frage jene Männer, die
-mit ihm ausgezogen sind, ob sie nicht freudig ihr Blut für den Enkel
-Eberhards geben, ehe sie diesem stolzen Herzog von Bayern, diesen
-räuberischen Edlen, diesen Städtlern ihr Land abtreten.«[18]
-
-Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich. »Aber wie entschuldigen denn
-diese warmen Verteidiger den Mord des Hutten?« fragte er.
-
-»Ihr sprecht immer von Eurer Ehre,« antwortete Marie, »und wollt
-nicht leiden, daß ein Herzog seine Ehre verteidige? Hutten ist
-nicht meuchelmörderisch gefallen, wie seine Anhänger in alle Welt
-ausgeschrieen haben, sondern im ehrlichen Kampfe, worin der Herzog
-selbst sein Leben einsetzte. Ich will nicht alles verteidigen, was er
-tat; aber man soll nur auch bedenken, daß ein junger Herr, wie der
-Herzog, von schlechten Räten umgeben, nicht immer weise handeln kann.
-Aber er ist gewiß gut, und wenn du wüßtest, wie mild, wie leutselig er
-sein kann!«
-
-»Es fehlt nur noch, daß du ihn auch den schönen Herzog nennst,« sagte
-Georg, bitter lächelnd. »Du wirst reichen Ersatz finden für den armen
-Georg, wenn er es der Mühe wert hält, mein Bild aus deinem Herzen zu
-verdrängen.«
-
-»Wahrlich, dieser kleinlichen Eifersucht habe ich dich nicht fähig
-gehalten,« antwortete Marie, indem sie sich mit Tränen des Unmuts,
-im Gefühl gekränkter Würde, abwandte. »Glaubst du denn, das Herz
-eines Mädchens könne nicht auch warm für die Sache ihres Vaterlandes
-schlagen?«
-
-»Sei mir nicht böse,« bat Georg, der mit Reue und Beschämung einsah,
-wie ungerecht er sei, »gewiß, es war nur Scherz!«
-
-»Und kannst du scherzen, wo es unser ganzes Lebensglück gilt?«
-entgegnete Marie. »Morgen will der Vater Ulm verlassen, weil der Krieg
-entschieden ist! Wir sehen uns vielleicht lange, lange nicht mehr, und
-du magst scherzen? Ach, wenn du gesehen hättest, wie ich so manche
-Nacht mit heißen Tränen zu Gott flehte, er möge dein Herz hinüber auf
-unsere Seite lenken, er möge uns vor dem Unglück bewahren, auf ewig
-getrennt zu sein, gewiß! du könntest nicht so grausam scherzen!«
-
-»Er hat es nicht zum Heil gelenkt,« antwortete Georg, düster vor sich
-hinblickend.
-
-»Und sollte es nicht noch möglich sein?« sprach Marie, indem sie
-seine Hand faßte und mit dem Ausdruck bittender Zärtlichkeit, mit der
-gewinnenden Sanftmut eines Engels ihm ins Auge sah; »sollte es nicht
-noch möglich sein? Komm mit uns, Georg, wie gerne wird der Vater einen
-jungen Streiter seinem Herzog zuführen! Ein Schwert wiegt viel in
-solchen Zeiten, sagte er oft, er wird es dir hoch anschlagen, wenn du
-ihm folgst, an seiner Seite wirst du kämpfen, mein Herz wird dann nicht
-zerrissen, nicht geteilt sein zwischen jenseits und diesseits; mein
-Gebet, wenn es um Glück und Sieg fleht, wird nicht zitternd zwischen
-beiden Heeren irren!«
-
-»Halt ein!« rief der Jüngling und bedeckte seine Augen, denn der
-Sieg der Ueberzeugung strahlte aus ihren Blicken, die Gewalt der
-Wahrheit hatte sich auf ihren süßen Lippen gelagert. »Willst du mich
-bereden, ein Ueberläufer zu werden? Gestern zog ich mit dem Heere
-ein, heute wird der Krieg erklärt, und morgen soll ich zu dem Herzog
-hinüberreiten? Kann dir meine Ehre so gleichgültig sein?«
-
-»Die Ehre?« fragte Marie, und Tränen entstürzten ihrem Auge. »Sie ist
-dir also teurer als deine Liebe? Wie anders klang es, als mir Georg
-ewige Treue schwur! Wohlan. Sei glücklicher mit ihr als mit mir! Aber
-möge dir, wenn dich der Herzog von Bayern auf dem Schlachtfeld zum
-Ritter schlägt, weil du in unsern Fluren am schrecklichsten gewütet,
-wenn er dir ein Ehrenkettlein umhängt, weil du Württembergs Burgen am
-tapfersten gebrochen, möge dir der Gedanke deine Freude nicht trüben,
-daß du ein Herz brachst, das dich so treu, so zärtlich liebte!«
-
-»Geliebte!« antwortete Georg, dessen Brust widerstreitende Gefühle
-zerrissen, »dein Schmerz läßt dich nicht sehen, wie ungerecht du bist.
-Doch es sei! daß du siehest, daß ich den Ruhm, der mir so freundlich
-winkte, der Liebe zum Opfer zu bringen weiß, so höre mich: Hinüber zu
-euch darf ich nicht, aber ablassen will ich von dem Bunde, möge kämpfen
-und siegen, wer da will -- mein Kampf und Sieg war ein Traum, er ist zu
-Ende!«
-
-Marie sandte einen Blick des Dankes zum Himmel und belohnte die Worte
-des jungen Mannes mit süßem Lohne. »O! glaube mir,« sagte sie, »ich
-fühle, wieviel dich dieses Opfer kosten muß; aber sieh mir nicht so
-traurig an dein Schwert hinunter: wer frühe entsagt, der erntet schön,
-sagt mein Vater; es muß uns doch auch einmal die Sonne des Glückes
-scheinen. Jetzt kann ich getrost von dir scheiden; denn wie auch der
-Krieg sich enden mag, du kannst ja frei vor meinen Vater treten, und
-wie wird er sich freuen, wenn ich ihm sage, welch schweres Opfer du
-gebracht hast!«
-
-Berthas helle Stimme, die der Freundin ein Zeichen gab, daß der
-Ratsschreiber nicht mehr zurückzuhalten sei, schreckte die Liebenden
-auf. Schnell trocknete Marie die Spuren ihrer Tränen und trat mit Georg
-aus der Laube.
-
-»Vetter Kraft will aufbrechen,« sagte Bertha, »er fragt, ob der Junker
-ihn begleiten wolle?«
-
-»Ich muß wohl, wenn ich den Weg nach Hause nicht verfehlen soll,«
-antwortete Georg. So teuer ihm die letzten Augenblicke vor einer langen
-Trennung von Marie gewesen wären, so kannte er doch die strenge Sitte
-seiner Zeit zu gut, als daß er, ohne den Vetter, als Landfremder bei
-den Mädchen geblieben wäre.
-
-Schweigend gingen sie den Garten hinab, nur Herr Dietrich führte
-das Wort, indem er in wohlgesetzten Worten seinen Jammer beschrieb,
-daß seine Base morgen schon Ulm verlassen werde. Aber Bertha mochte
-in Georgs Augen gelesen haben, daß ihm noch etwas zu wünschen übrig
-bleibe, wobei der uneingeweihte Zeuge überflüssig war. Sie zog den
-Vetter an ihre Seite und befragte ihn so eifrig über eine Pflanze, die
-gerade zu seinen Füßen mit ihren ersten Blättern aus der Erde sproßte,
-daß er nicht Zeit hatte, zu beobachten, was hinter seinem Rücken
-vorgehe.
-
-Schnell benützte Georg diesen Augenblick, Marien noch einmal an sein
-Herz zu ziehen, aber das Rauschen von Mariens schwerem seidenen
-Gewande, Georgs klirrendes Schwert weckten den Ratsschreiber aus
-seinen botanischen Betrachtungen. Er sah sich um, und o Wunder! er
-erblickte die ernste, züchtige Base in den Armen seines Gastes.
-
-»Das war wohl ein Gruß an die liebe Base in Franken?« fragte er,
-nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte.
-
-»Nein, Herr Ratsschreiber,« antwortete Georg, »es war ein Gruß an mich
-selbst, und zwar von der, die ich einst heimzuführen gedenke. Ihr habt
-doch nichts dagegen, Vetter?«
-
-»Gott bewahre! Ich gratuliere von Herzen,« antwortete Herr Dietrich,
-der von dem ernsten Blick des jungen Kriegsmannes und von Mariens
-Tränen etwas eingeschüchtert wurde. »Aber der Tausend, das heiß' ich
-~veni, vidi, vici~. Ich scherwenzte schon ein Vierteljahr um die Schöne
-und habe mich kaum eines Blickes erfreuen können, und heute muß ich nun
-gar den Marder selbst herausführen, der mir das Täubchen vor dem Mund
-wegstiehlt.«
-
-»Verzeihe den Scherz, Vetter, den wir uns mit dir machten,« fiel ihm
-Bertha ins Wort, »sei vernünftig und laß dir die Sache erklären.«
-Sie sagte ihm, was er zu wissen brauchte, um gegen Mariens Vater zu
-schweigen. Mehr durch die freundlichen Blicke Berthas besänftigt,
-versprach er zu schweigen; unter der Bedingung, setzte er schalkhaft
-hinzu, daß sie etwa auch einen solchen Gruß an ihn bestelle.
-
-Bertha verwies ihm, wiewohl nicht allzu strenge, seine unartige
-Forderung, und fragte ihn neckend an der Gartentüre noch einmal um
-die Naturgeschichte des ersten Veilchens, das die Sonne hervorgelockt
-hatte. Er war gutmütig genug, eine lange und gelehrte Erklärung darüber
-zu geben, ohne weder durch Mariens leises Weinen, noch durch Georgs
-klirrendes Schwert sich unterbrechen zu lassen. Ein dankender Blick
-Mariens, ein freundlicher Handschlag von Bertha belohnte ihn dafür beim
-Scheiden, und noch lange wehten die Schleier der schönen Bäschen über
-den Gartenzaun hin, den Scheidenden nach.
-
-
-
-
-8.
-
- Im stillen Klostergarten
- Eine bleiche Jungfrau ging;
- Der Mond beschien sie trübe,
- An ihrer Wimper hing
- Die Träne zarter Liebe.
-
- _Uhland._
-
-
-Ulm glich in den nächsten Tagen einem großen Lager. Statt der
-friedlichen Landleute, der geschäftigen Bürger, die sonst ehrbaren und
-ruhigen Schrittes ihrem Gewerbe nach durch die Straßen gingen, sah
-man überall nur wunderliche Gestalten mit Sturmhauben und Eisenhüten,
-mit Lanzen, Armbrüsten und schweren Büchsen. Statt der Ratsherren, in
-ihrer einfachen schwarzen Tracht, zogen stolze Ritter, mit wehenden
-Helmbüschen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer großen Schar
-bewaffneter Dienstleute, über die Plätze und Märkte. Noch lebhafter war
-dies kriegerische Bild vor den Toren der Stadt; auf einem Anger an der
-Donau übte Sickingen seine Reiterei, auf einem großen Blachfelde gegen
-Söflingen hin pflegte Frondsberg sein Fußvolk zu tummeln.
-
-An einem schönen Morgen, etwa drei bis vier Tage, nachdem Marie
-von Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen hatte, sah man eine
-ungeheure Menge Menschen aus allen Ständen auf jener Wiese versammelt,
-um diesen Uebungen Frondsbergs zuzusehen. Sie betrachteten diesen
-Mann, dem ein so großer Ruf vorangegangen war, vielleicht mit
-nicht geringerem Interesse als wir, wenn wir die kaiserlichen oder
-königlichen Söhne des Mars die Dienste eines Feldherrn verrichten
-sehen. Knüpft sich ja doch gerade an die Person eines ausgezeichneten
-Führers das Interesse, das dem ganzen Heere gilt, ja wir meinen oft,
-die Schlachten, von denen uns die Sage oder öffentliche Blätter
-erzählen, um so deutlicher zu verstehen, wenn wir die Gestalt des
-Heerführers vor das Auge zurückrufen können.
-
-So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm zu Mute sein, wenn
-sie ihre engen Straßen verließen, um den Mann des Tages in seinem
-Handwerk zu sehen. Die Geschicklichkeit, mit der er sein Fußvolk, das
-sonst in zerstreuten Haufen gefochten hatte, zu geschlossenen Massen
-vereinigte; die Schnelligkeit, womit sie sich nach seinem Winke nach
-allen Seiten schwenkten oder in furchtbare, von Piken und Donnerbüchsen
-starrende Kreise zusammenzogen; seine mächtige Stimme, die selbst die
-Trommeln übertönte, seine erhabene, kriegerische Gestalt, dies alles
-gewährte ein so neues anziehendes Bild, daß auch die bequemsten Bürger
-es nicht scheuten, einen langen Vormittag auf dem Anger zu stehen und
-unbeweglich dieses Schauspiel zu genießen.
-
-Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen noch freundlicher und
-fröhlicher zu sein als sonst. Mochte ihn der warme Anteil, den die
-guten Ulmer an ihm nahmen, und der auf allen Gesichtern geschrieben
-stand, erfreuen? mochte ihm hier außen an dem schönen Morgen, unter
-seinen Waffenübungen wohler sein als in den engen, kalten Straßen der
-Stadt? Er blickte so freundlich auf die Menge hin, daß jeder glaubte,
-von ihm besonders beachtet und begrüßt zu werden, und der Ausruf: »Ein
-wackerer Herr, ein braver Ritter!« jedem seiner Schritte folgte.
-
-Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu sein; wenn er
-vorübersprengte, so durfte man gewiß sein, daß er dort mit dem Schwert
-oder der Hand herüber grüßte und traulich nickte.
-
-Die Hintersten stellten sich auf die Zehen, um den Gegenstand seiner
-freundlichen Winke zu sehen; die Näherstehenden sahen sich fragend
-an und verwunderten sich, denn keiner der versammelten Bürger schien
-dieser Auszeichnung würdig. Als Frondsberg wieder vorübersprengte und
-die Zeichen seiner Gnade wiederholte, gaben wohl hundert Augen recht
-genau acht, und es fand sich, daß die Grüße einem großen, schlanken,
-jungen Manne gelten mußten, der in der vordersten Reihe der Zuschauer
-stand. Das Wams von feinem Tuch und Seidenschlitzen, die hohen
-Barettfedern, mit welchen der Morgenwind spielte, sein langes Schwert
-und eine Feldbinde oder Schärpe zeichneten ihn auf den ersten Blick
-vor seinen Nachbarn aus, die minder geschmückt als er, auch durch
-untersetztere Figuren und breite Gesichter sich nicht zu ihrem Vorteil
-von ihm unterschieden.
-
-Der Jüngling schien aber zum Aergernis der guten Spießbürger nicht sehr
-erfreut über die hohe Gnade, die ihm vor ihren Augen zuteil ward. Schon
-seine Stellung, das Haupt gesenkt, die Arme über die Brust gekreuzt,
-schien nicht anständig genug für einen feinen Junker, wenn er von einem
-alten Kriegshelden gegrüßt wurde. Ueberdies errötete er bei jedem Gruß
-des Feldhauptmanns, dankte nur durch ein leichtes Neigen und sah ihm
-mit so düsteren Blicken nach, als gälte es ein langes Scheiden, und
-dieser Gruß wäre der letzte eines lieben Freundes gewesen.
-
-»Ein sonderbarer Kauz der Junker dort,« sagte der Obermeister aller
-Ulmer Weber zu seinem Nachbar, einem wackeren Waffenschmied; »ich gäbe
-mein Sonntagswams um einen solchen Gruß von dem Frondsberger, und
-dieser da muckt nicht darüber. Hieße es nicht in der ganzen Stadt: Was
-hat der Meister Kohler mit dem Frondsberg? Waren ja neulich miteinander
-wie zwei Brüder. O, die kennen einander schon lange, hieß es dann, und
-sind gute Freunde von alters her. Ich kann mich ordentlich ärgern,
-daß ein so gescheiter und gewaltiger Herr solch einen Laffen alle
-Paternoster lang grüßt.«
-
-Der Waffenschmied, ein kleiner, alter Kerl, hatte ihm seinen Beifall
-zugenickt. »Gott straf' mich, Ihr habt recht, Meister Kohler! Stehen
-nicht dort ganz andre Leut', die er grüßen könnte? Ist nicht der Herr
-Bürgermeister auf dem Platz, und steht dort nicht mein Gevatter, der
-Herr von Besserer, am Eck? Ich wollt' dem Junker den Kopf beugen
-lernen, wenn ich Herr wäre; aber glaubt mir, der da beugt seinen Nacken
-nicht, und wenn der Kaiser selbst käme. Er muß auch etwas Rechtes sein,
-denn der Ratsschreiber, mein Nachbar, der sonst allen Gästen feind ist,
-hat ihn in seiner Behausung.«
-
-»Der Kraft?« fragte der Weber verwundert. »Ei, ei! Aber halt, dahinter
-steckt ein Geheimnis. Das ist gewiß so ein junger Potentat oder gar des
-Bürgermeisters von Köln sein Sohn, der auch unter dem Heer mitreiten
-soll. Steht nicht dort des Kraften alter Johann?«
-
-»Weiß Gott, er ist's,« fiel der Waffenschmied ein, den die Vermutungen
-des Webers neugierig gemacht hatten; »er ist's, und ich will ihn
-beichten lassen, trotz dem Propst von Elchingen.« Aber so klein
-auch der Raum zwischen den beiden Bürgern und dem alten Diener des
-Kraftischen Hauses war, so konnte doch der Schmied nicht zu ihm
-durchkommen, so dicht standen die Zuschauer. Endlich drang die
-gewichtige Miene des Obermeisters aller Weber durch, denn er war reich
-und angesehen in der Stadt; er erwischte den alten Johann und zog
-ihn zu dem Schmied. Doch auch der alte Johann konnte wenig Bescheid
-geben, er wußte nichts, als daß sein Gast ein Herr von Sturmfeder sei.
-»Uebrigens muß er nicht ›weit her‹ sein,« setzte er hinzu, »denn er
-reitet ein Landpferd und hat keine Dienstleute mit sich; meinem Herrn
-aber wird der Gast übel bekommen, denn unsere alte Sabine, die Amme,
-ist wie ein Drache, daß er die Hausordnung stört und ungefragt, nur so
-mir nichts dir nichts, ein fremdes Menschenkind mit Stiefeln und Sporen
-ins Haus schleppt.«
-
-»Nichts für ungut,« fiel ihm der Obermeister in die Rede, »Euer Herr,
-Johann, ist ein Narr! Die alte Hexe -- Gott verzeih mir's -- hätte ich
-schon lange auf die Straße geworfen, wo sie hingehört. Hat der Herr
-doch sein gutes Alter, und soll sich behandeln lassen, als läge er noch
-in den Windeln.«
-
-»Ihr habt gut reden, Meister Kohler,« antwortete der alte Diener, »aber
-das versteht Ihr doch nicht recht. Auf die Gasse werfen? Wer soll denn
-nachher haushalten?«
-
-»Wer?« schrie der erhitzte Weber. »Wer? Ein Weib soll er nehmen,
-eine Hausfrau wie ein anderer Christ und Ulmer Bürger auch; was hat
-er nötig, als Junggeselle zu leben und allen Mädchen in der Stadt
-nachzulaufen? Hab' ich ihn nicht neulich angetroffen, wie er meiner
-Katharine schön getan hat? Schiff und Geschirr hätte ich ihm mögen an
-den Kopf werfen, dem gestrengen Herrn, so aber -- seine Mutter selig
-hat manch schönes Tafelstück bei mir weben lassen, die brave Frau -- so
-mußt' ich meine Mütze abziehen und sagen: ›Gehorsamen guten Abend, und
-was befehlen Euer Wohledlen?‹ Daß dich der --«
-
-»Ei, schau' einer!« sagte Johann mit unmutigem Gesicht; »ich habe
-immer gedacht, ein Herr wie der Ratsschreiber, mein Herr, könne in
-allen Ehren mit Eurem Töchterlein ein Wort wechseln, ohne daß die böse
-Welt --«
-
-»So? Ein Wort wechseln, und abends nach der Vesperglock' im März? Er
-heiratet sie doch nicht, und meint Ihr, meines Kindes guter Ruf müsse
-nicht so rein sein wie Eures Herrn weiße Halskrause? Das könnt' ich
-brauchen!«
-
-Der Obermeister hatte während seiner eifrigen Reden den alten Johann
-an der Brust gepackt und seine Stimme so erhoben, daß die Umstehenden
-aufmerksam wurden; der Meister Schmied hielt es daher für das beste,
-den Erzürnten mit Gewalt wegzuziehen, und er verhütete so zwar weitere
-Streitigkeiten, doch konnte er nicht verhüten, daß es schon mittags in
-der ganzen Stadt hieß: Herr von Kraftens Johann habe noch in seinen
-alten Tagen eine Liebschaft mit des Obermeisters Töchterlein und sei
-von dem erzürnten Vater auf der Wiese darüber zur Rede gestellt worden.
-
-Die Uebungen des Fußvolks waren indes zu Ende gegangen, das Volk
-verlief sich, und auch den jungen Mann, der die unschuldige Ursache zu
-jenem Streit gewesen war, sah man seine Schritte der Stadt zuwenden;
-sein Gang war langsam und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als
-sonst, seine Blicke suchten noch immer den Boden oder schweiften mit
-dem Ausdruck von Sehnsucht oder stillem Gram nach den fernen blauen
-Bergen, den Grenzmauern von Württemberg.
-
-Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglücklich gefühlt als
-in diesen Stunden. Marie war mit ihrem Vater abgereist; sie hatte ihn
-noch einmal beschwören lassen, seinem Versprechen treu zu sein, und wie
-unglücklich machte ihn dieses Versprechen! Wohl hatte es ihn damals
-nicht geringen Kampf gekostet, es zu geben; aber der betäubende Schmerz
-des Abschiedes, der Gram des geliebten Mädchens hatten überwunden.
-Doch jetzt, wo er mit festerem Blicke seinen Umgebungen, seiner
-Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig erschien ihm seine
-Lage! Nichts davon zu sagen, daß alle seine goldenen Träume, alle jene
-kühnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit einem Mal verschwanden; nichts
-davon zu sagen, daß auch sein Ziel, das so nahe lag, Marien durch
-Kriegsdienste zu verdienen, ungewiß in die Weite hinausgerückt war --
-er sollte auf die Gefahr hin, von Männern, deren Achtung ihm teuer war,
-verkannt zu werden, diese Fahnen verlassen, gerade in einem Augenblick,
-wo man der Entscheidung entgegenging. Von Tag zu Tag, solange es ihm
-nur möglich war, verschob er diese Erklärung; wo sollte er Gründe, wo
-Worte hernehmen, vor dem alten, tapfern Degen Breitenstein, seinem
-väterlichen Freunde, seinen Abzug zu rechtfertigen? Mit welcher Stirne
-sollte er vor den edlen Frondsberg treten! Ach! jene freundlichen
-Grüße, womit er den Sohn seines tapfern Waffengenossen zu freudigem
-Kampfe aufzumuntern schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert.
-An seiner Seite war sein Vater gefallen, er hatte gehört, wie der
-Sterbende den Ruhm seines Namens und ein leuchtendes Beispiel als
-einziges Erbe dem unmündigen Knaben zusandte; dieser Mann war es, der
-ihm jetzt so liebevoll die Schranken öffnete, und auch ihm mußte er in
-so zweideutigem Lichte erscheinen.
-
-Er hatte sich unter diesen trüben Gedanken langsam dem Tore der Stadt
-genähert, als er sich plötzlich am Arm ergriffen fühlte; er sah sich
-um, ein Mann, dem Anschein nach ein Bauer, stand vor ihm.
-
-»Was willst du?« fragte Georg, etwas unwillig, in seinen Gedanken
-unterbrochen zu werden.
-
-»Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid,« antwortete der Mann.
-»Sagt einmal, was gehört zu _Licht_ und _Sturm_?«
-
-Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete jenen
-genauer. Er war nicht groß, aber kräftig; seine Brust war breit, seine
-Gestalt gedrungen. Das Gesicht, von der Sonne braun gefärbt, wäre
-flach und unbedeutend gewesen, wenn nicht ein eigener Zug von List und
-Schlauheit um den Mund und aus den grauen Augen Mut und Verwegenheit
-geleuchtet hätten. Sein Haar und Bart war dunkelgelb und gerollt; er
-trug einen langen Dolch im ledernen Gurt, in der einen Hand hielt er
-eine Axt, in der andern eine runde, niedere Mütze von Leder, wie man
-sie noch heute bei dem schwäbischen Landvolk sieht.
-
-Während Georg diese flüchtigen Bemerkungen machte, wurden auch seine
-Züge lauernd beobachtet.
-
-»Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, Herr Ritter,« fuhr
-jener nach kurzem Stillschweigen fort; »was paßt zu Licht und Sturm,
-daß es zwei gute Namen gibt?«
-
-»Feder und Stein!« antwortete der junge Mann, dem es auf einmal klar
-wurde, was unter jener Frage verstanden sei; »was willst du damit?«
-
-»So seid Ihr Georg von Sturmfeder,« sagte jener, »und ich komme von
-Marien von --«
-
-»Um Gottes willen sei still, Freund, und nenne keinen Namen,« fiel
-Georg ein, »sage schnell, was du mir bringst.«
-
-»Ein Brieflein, Junker!« sprach der Bauer, indem er die breiten,
-schwarzen Kniegürtel, womit er seine ledernen Beinkleider umwunden
-hatte, auflöste und einen Streifen Pergament hervorzog.
-
-Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren wenige Worte,
-mit glänzend schwarzer Tinte geschrieben; den Zügen der Schrift sah
-man aber an, daß sie einige Mühe gekostet haben mochten, denn die
-Mädchen von 1519 waren nicht so flink mit der Feder, um ihre zärtlichen
-Gefühle auszudrücken, als die in unseren Tagen, wo jede Dorfschöne
-ihrem Geliebten zum Regiment eine Epistel, so lang als die dritte
-St. Johannis, schreiben kann. Die Chronik, woraus wir diese Historie
-genommen, hat uns jene Worte aufbewahrt, welche Georgs gierige Blicke
-aus den verworrenen Zügen des Pergaments entzifferten:
-
- »Bedenk' deinen Eid, -- Flieh bei Zeit.
- Gott dein Geleit. -- Marie dein in Ewigkeit.«
-
-Es liegt ein frommer, zarter Sinn in diesen Worten; und wer sich ein
-liebendes Herz dazu denkt, wie es mit diesen Zeilen in die Ferne
-fliegen möchte, ein Auge voll Zärtlichkeit, umflort von einem Schleier
-stiller Tränen, einen holden Mund, der das Blättchen noch einmal küßt,
-verschämte Wangen, die bei diesem geheimnisvollen Gruße erröten, wer
-dies hinzu denkt, der wird es Georg nicht verargen, daß er einige
-Augenblicke wie trunken war. Ein freudiger, glänzender Blick, nach den
-fernen blauen Bergen hin, dankte der Geliebten für ihren tröstenden
-Spruch; und wahrlich, er war auch zu keiner andern Zeit nötiger gewesen
-als gerade jetzt, um den gesunkenen Mut des jungen Mannes zu heben.
-Wußte er doch, daß ein Wesen, das teuerste, was für ihn auf der Erde
-lebte, ihn nicht verkannte. Der Schluß jener Zeilen erhob sein Herz zur
-alten Freudigkeit, er bot dem guten Boten die Hand, dankte ihm herzlich
-und fragte, wie er zu diesen Zeilen gekommen sei.
-
-»Dacht' ich's doch,« antwortete dieser, »daß das Blättchen keinen
-bösen Zauberspruch enthalten müsse; denn das Fräulein lächelte so
-gar freundlich, als sie es mir in die rauhe Hand drückte. Es war
-vergangenen Mittwoch, als ich nach Blaubeuren kam, wo unser Kriegsvolk
-stand. Es ist dort in der Klosterkirche ein prächtiger Hochaltar,
-worauf die Geschichte meines Patrons, des Täufers Johannes, vorgestellt
-ist. Vor sieben Jahren, als ich in großer Not und einem schmählichen
-Ende nahe war, gelobte ich alle Jahre um diese Zeit eine Wallfahrt
-dahin. So hielt ich es alle Jahre seit der Zeit, da mich der Heilige
-durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat. Wenn ich nun mein Gebet
-verrichtet hatte, ging ich allemal zum Herrn Abt, um ihm ein paar
-schöne Gänse oder ein Lamm zu bringen, oder was er sonst gerade gern
-hat. -- Aber ich mache Euch Langeweile mit meinem Geschwätz, Junker?«
-
-»Nein, nein, erzähle nur weiter,« antwortete Georg, »komm, setze dich
-zu mir auf jene Bank.«
-
-»Das würde sich schön schicken!« entgegnete der Bote, »wenn ein Bauer
-an des Junkers Seite sitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann vor aller
-Augen so oft gegrüßt hat; erlaubt mir, daß ich mich vor Euch hinstelle.«
-
-Georg ließ sich auf einen Steinsitz am Wege nieder, der Bauer aber
-fuhr, auf seine Axt gestützt, in seiner Erzählung fort: »Ich hatte
-diesmal bei den unruhigen Zeiten wenig Lust zur Wallfahrt, aber
-›gebrochener Eid tut Gott leid‹, heißt es, und so mußte ich mein
-Gelübde vollbringen. Wie ich vom Gebet aufstand, um dem Abt zu bringen,
-was recht ist, sagte mir einer der Pfaffen, daß ich diesmal nicht zu
-Seiner Ehrwürden könne, weil viele Herren und Ritter dort zu Besuch
-seien. Ich bestand aber doch darauf, denn der Abt ist ein leutseliger
-Herr und hätte mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht heimgesucht
-hätte. Wenn ihr je ins Kloster hinauskommt, so vergesset nicht nach der
-Treppe zu schauen, die vom Hochaltar zum Dorment führt. Sie geht durch
-die dicke Mauer, welche die Kirche ans Kloster schließt, und ist lang
-und schmal. Dort war es, wo mir das Fräulein begegnet ist. Es kommt mir
-nämlich ein feines Weibsbild im Schleier mit Brevier und Rosenkranz die
-Treppe herab entgegen; ich drücke mich an die Wand, um sie vorbei zu
-lassen, sie aber bleibt stehen und spricht: ›Ei Hans, woher des Weges?‹«
-
-»Woher kennt Euch denn das Fräulein?« unterbrach ihn Georg.
-
-»Meine Schwester ist ihre Amme und --«
-
-»Wie, die alte Rose ist Eure Schwester?« rief der junge Mann.
-
-»Habt Ihr sie auch gekannt?« sagte der Bote. »Ei, seh' doch einer! Aber
-daß ich weiter sage: Ich hatte eine große Freude, sie wiederzusehen,
-denn ich besuchte meine Schwester häufig in Lichtenstein und habe
-das Fräulein gekannt, als man sie noch in ihres Vaters Schwertkuppel
-gehen lernte. Aber ich hätte sie kaum wiedererkannt, so groß war sie
-geworden, und die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am ersten
-Mai. Ich weiß nicht, wie es ging, aber mich dauerte ihr Anblick in der
-Seele, und ich mußte fragen, was ihr fehle, und ob ich ihr nicht etwas
-helfen könne? Sie besann sich eine Weile und sagte dann: ›Ja, wenn du
-verschwiegen wärest, Hans, könntest du mir wohl einen großen Dienst
-leisten!‹ Ich sagte zu, und sie bestellte mich bis nach der Vesper.«
-
-»Aber wie kommt sie nur in das Kloster?« fragte Georg. »Sonst darf ja
-doch kein Weiberschuh über die Schwelle.«
-
-»Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet, und da so viel Volk in
-Blaubeuren liegt, so ist sie dort besser aufgehoben als im Städtchen,
-wo es toll genug zugeht. Nach der Vesper, als alles still war, kam
-sie ganz leise in den Kreuzgang. Ich sprach ihr Mut zu, wie es eben
-unsereins versteht, da gab sie mir dies Blättchen und bat mich, Euch
-aufzusuchen.«
-
-»Ich danke dir herzlich, guter Hans,« sagte der Jüngling. »Aber hat sie
-dir sonst nichts an mich aufgetragen?«
-
-»Ja,« antwortete der Bote, »mündlich hat sie mir noch etwas
-aufgetragen; Ihr sollt Euch hüten, man habe etwas mit Euch vor.«
-
-»Mit mir?« rief Georg, »das hast du nicht recht gehört, wer und was
-soll man mit mir vorhaben?«
-
-»Da fragt Ihr mich zu viel,« entgegnete jener; »aber wenn ich es
-sagen darf, so glaube ich, die Bündischen. Das Fräulein setzte noch
-hinzu, ihr Vater habe davon gesprochen, und hat nicht der Frondsberg
-Euch heute zugewinkt und Euch geehrt wie des Kaisers Sohn, daß sich
-jedermann darob verwunderte? Glaubt nur, es hat allemal etwas zu
-bedeuten, wenn solch ein Herr so freundlich ist.«
-
-Georg war überrascht von der richtigen Bemerkung des schlichten Bauers;
-er entsann sich auch, daß Mariens Vater tief in die Geheimnisse der
-Bundesobersten eingedrungen sei und vielleicht etwas erfahren habe, was
-sich zunächst auf ihn bezöge. Aber er mochte sinnen, wie er wollte, so
-konnte er doch nichts finden, was zu dieser geheimnisvollen Warnung
-Mariens gepaßt hätte. Mit Mühe riß er sich aus diesem Gewebe von
-Vermutungen, indem er den Boten fragte, wie er ihn so schnell gefunden
-habe?
-
-»Dies wäre ohne Frondsberg so bald nicht geschehen,« antwortete er;
-»ich sollte Euch bei Herrn Dietrich von Kraft aufsuchen. Wie ich aber
-die Straße hereinging, da sah man viel Volk auf den Wiesen. Ich dachte,
-eine halbe Stunde mache nichts aus, und stellte mich auch hin, um das
-Fußvolk zu betrachten. Wahrlich, der Frondsberg hat es weit gebracht.
--- Nun, da war mir's, als hörte ich nahe bei mir Euren Namen nennen;
-ich sah mich um, es waren drei alte Männer, die sprachen von Euch und
-deuteten auf Euch hin, ich aber merkte mir Eure Gestalt und folgte
-Euren Schritten, und weil ich meiner Sache doch nicht ganz gewiß war,
-so gab ich Euch das Rätsel von Sturm und Licht auf.«
-
-»Das hast du klug gemacht,« sagte Georg lächelnd; »aber dennoch komm
-in mein Haus, daß man dir etwas zu essen reiche. Wann kehrst du wieder
-heim?«
-
-Hans bedachte sich eine Weile; endlich aber sagte er, indem ein
-schlaues Lächeln um seinen Mund zog: »Nichts für ungut, Junker; aber
-ich habe dem Fräulein versprechen müssen, nicht eher von Euch zu
-weichen, als bis Ihr dem bündischen Heer Valet gesagt habt.«
-
-»Und dann?« fragte Georg.
-
-»Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein und bringe ihr die gute
-Nachricht von Euch; wie wird sie sich sehnen! Alle Tage steht sie wohl
-im Gärtchen auf dem Felsen und sieht ins Tal hinab, ob der alte Hans
-noch nicht kommt!«
-
-»Die Freude soll ihr bald werden,« antwortete Georg, »vielleicht reite
-ich schon morgen, und dann schreibe ich vorher noch ein Brieflein.«
-
-»Aber greifet es doch klug an,« sagte der Bote, »das Pergament darf
-nicht breiter sein als jenes, das ich brachte; denn ich muß es wieder
-im Kniegürtel verstecken. Man weiß nicht, was einem in so unruhiger
-Zeit begegnen kann, und dort sucht es niemand.«
-
-»Es sei so,« antwortete Georg, indem er aufstand. »Für jetzt lebe
-wohl; um Mittag komme zu Herrn von Kraft, nicht weit vom Münster. Gib
-dich für meinen Landsmann aus Franken aus, denn die Ulmer sind den
-Württembergern nicht grün.«
-
-»Sorget nicht, Ihr sollt zufrieden sein,« rief Hans dem Scheidenden
-zu. Er sah dem schlanken Jüngling nach und gestand sich, daß das holde
-Pflegekind seiner Schwester keine üble Wahl getroffen habe, wenn auch
-die rosigen Wangen des Kindes bei der ersten Liebe der Jungfrau etwas
-von ihren blühenden Farben verloren hatten.
-
-
-
-
-9.
-
- Was unter dieser Sonne kann es geben,
- Das ich nicht hinzuopfern eilen will,
- Wenn Sie es wünschen? -- Fliehen Sie!
-
- _Schiller._
-
-
-Georg war es von Anfang bange, wie sich sein neuer Bekannter in dem
-Kraftischen Hause benehmen werde. Er fürchtete nicht ohne Grund, jener
-möchte sich durch seine Mundart, durch unbedachte Aeußerungen verraten,
-was ihm höchst unangenehm gewesen wäre; denn je fester er bei sich
-beschlossen hatte, das Bundesheer in den nächsten Tagen zu verlassen,
-um so weniger mochte er in den Verdacht geraten, in Verbindung mit
-Württemberg zu stehen. Konnte und durfte er ja doch im schlimmen Falle,
-wenn der Bote entdeckt würde, wenn er bekannte, an ihn geschickt
-worden zu sein, die Geliebte nicht verraten. Er wollte umkehren und
-den Mann aufsuchen, ihn bitten, sich sobald als möglich zu entfernen,
-aber als er bedachte, daß dieser schon längst von dem Platz ihrer
-Unterredung sich entfernt haben müsse, daß er indes zu Kraft kommen
-könne, schien es ihm geratener, dahin vorauszueilen, um jenem dort die
-nötigen Winke zu geben und ihn vor Unvorsichtigkeit zu bewahren.
-
-Und doch, wenn er sich das kühne Auge, die kluge, verschlagene Miene
-des Mannes ins Gedächtnis rief, glaubte er hoffen zu dürfen, daß Marie,
-obgleich ihr keine große Wahl übrig blieb, keinem unsicheren Mann diese
-Botschaft anvertraut haben konnte.
-
-Und wirklich traute er seinem Auge, seinem Ohr kaum, als ihm um Mittag
-ein Landsmann aus Franken gemeldet und sein Liebesbote hereingeführt
-ward. Welche Gewalt mußte dieser Mensch über sich haben! Es war
-derselbe, und doch schien er ein ganz anderer. Er ging gebückt, die
-Arme hingen schlaff an dem Körper herab, selten schlug er die Augen
-auf, sein Gesicht hatte einen Ausdruck von Blödigkeit, der Georg ein
-unwillkürliches Lächeln abnötigte. Und als er dann zu sprechen anfing,
-als er ihn in fränkischer Mundart begrüßte und mit der geläufigen
-Zunge eines geborenen Franken dem Herrn von Kraft auf seine mancherlei
-Fragen antwortete, da kam er in Versuchung, an übernatürliche Dinge
-zu glauben, die Märchen seiner Kindheit stiegen in seinem Gedächtnisse
-auf, wo ein freundlicher Zauberer oder eine huldreiche Fee in allerlei
-Gestalten dem Dienst zweier Liebenden sich widmet und sie glücklich
-mitten durch das feindselige Schicksal hindurchführt.
-
-Der Zauber war bald gelöst, als er mit dem Boten auf seinem Zimmer
-allein war und ihn der gute Schwabe von seiner Persönlichkeit
-versicherte; aber doch konnte er ihm seine Bewunderung nicht versagen
-über die Rolle, die er so gut gespielt.
-
-»Glaubt deshalb nicht minder an meine Ehrlichkeit,« antwortete der
-Bauer; »man wird oft genötigt, von Jugend auf durch solche Künste sich
-fortzuhelfen, sie schaden keinem und tun doch dem gut, der sie kann.«
-
-Georg versicherte, ihm nicht minder zu trauen als vorher, der Bote
-aber bat dringend, er möchte doch jetzt auch auf seine Abreise denken,
-er möchte bedenken, wie sehr sich das Fräulein nach dieser Nachricht
-sehne, daß er nicht früher heimkehren dürfe, als bis er diese Gewißheit
-bringen könne.
-
-Georg antwortete ihm, daß er nur noch den Abmarsch des Bundesheeres
-abwarten wolle, um in seine Heimat zurückzukehren.
-
-»O, da braucht Ihr nicht mehr lange zu warten,« antwortete der Bote;
-»wenn sie morgen nicht aufbrechen, so ist es übermorgen, denn das Land
-ist offen bis ins Herz hinein. Ich darf Euch trauen, Junker, darum sag'
-ich Euch dies.«
-
-»Ist es denn wahr, daß die Schweizer abgezogen sind,« fragte Georg,
-»und daß der Herzog keine Feldschlacht mehr liefern kann?«
-
-Der Bote warf einen lauernden Blick im Zimmer umher, öffnete behutsam
-die Türe, und als er sah, daß kein Lauscher in der Nähe sei, begann er:
-
-»Herr! ich war bei einem Auftritt, den ich nie vergesse, und wenn
-ich neunzig Jahre alt werde! Schon unterwegs waren mir auf der Alb
-große Scharen der heimziehenden Schweizer begegnet; ihre Räte und
-Landammänner hatten sie heimgerufen; bei Blaubeuren standen aber noch
-über achttausend Mann, jedoch lauter gute Württemberger und nichts
-anderes drunter.«
-
-»Und der Herzog,« unterbrach ihn Georg, »wo war denn dieser?«
-
-»Der Herzog hat in Kirchheim zum letztenmal mit den Schweizern
-unterhandelt, aber sie zogen ab, weil er sie nicht bezahlen konnte.[16]
-Da kam er gen Blaubeuren, wo sich sein Landvolk gelagert hatte.
-Gestern morgen wurde durch Trommelschlag bekannt gemacht, daß sich bis
-neun Uhr alles Volk auf den Klosterwiesen einstellen solle. Es waren
-viele Männer, die dort versammelt waren, aber jeder dachte ein und
-dasselbe. Seht, Junker! der Herzog Ulrich ist ein gestrenger Herr und
-weiß den Bauer nicht für sich zu gewinnen. Die Steuern sind hart, der
-Jagdfrevel ist scharf und grausam, am Hof aber wird verpraßt, was man
-uns genommen hat. Aber wenn ein solcher Herr im Unglück ist, da ist
-es gleich ein anderes Ding. Jetzt fiel uns allen nur ein, daß er ein
-tapferer Mann und unser unglücklicher Herzog sei, dem man das Land mit
-Gewalt entreißen wolle. Es ging ein Gemurmel unter uns, der Herzog
-wolle eine Schlacht liefern, und jeder drückte das Schwert fester in
-der Hand, grimmig schüttelten sie ihre Speere und riefen den Bündlern
-Verwünschungen zu. Da kam der Herzog --«
-
-»Du sahst den Herzog, du kennst ihn?« rief Georg neugierig. »O sprich,
-wie sieht er aus?«
-
-»Ob ich ihn kenne?« sagte der Bote mit sonderbarem Lächeln.
-»Wahrhaftig, ich sah ihn, als es ihm nicht wohl war, mich zu sehen. Der
-Herr ist noch ein junger Mann, wenn es viel ist, ist er zweiunddreißig
-Jahr. Er ist stattlich und kräftig, und man sieht ihm an, daß er die
-Waffen zu führen weiß. Augen hat er wie Feuer, und es lebt keiner,
-der ihm lange hineinschaute. -- Der Herzog trat in den Kreis, den das
-bewaffnete Volk geschlossen hatte, und es war Totenstille unter den
-vielen Menschen. Mit vernehmlicher Stimme sprach er, daß er sich, also
-verlassen, nimmer zu helfen wüßte.[17] Diejenigen, worauf er gehofft,
-seien ihm benommen, seinen Feinden sei er ein Spott; denn ohne die
-Schweizer könne er keine Schlacht wagen. Da trat ein alter, eisgrauer
-Mann hervor, der sprach: ›Herr Herzog! Habt Ihr unsern Arm schon
-versucht, daß Ihr die Hoffnung aufgebt? Schaut, diese alle wollen für
-Euch bluten; ich habe Euch auch meine vier Buben mitgebracht, hat jeder
-einen Spieß und ein Messer, und so sind hier viele Tausend; seid Ihr
-des Landes so müde, daß Ihr uns verschmäht?‹ Da brach dem Ulrich das
-Herz; er wischte sich Tränen aus dem Auge und bot dem Alten seine Hand.
-›Ich zweifle nicht an eurem Mut,‹ sprach er mit lauter Stimme; ›aber
-wir sind unserer zu wenig, so daß wir nur sterben können, aber nicht
-siegen. Geht nach Haus, ihr guten Leute, und bleibet mir treu. Ich muß
-mein Land verlassen und im bitteren Elend sein. Aber mit Gottes Hilfe
-hoffe ich auch wieder hereinzukommen.‹ So sprach der Herzog, unsere
-Leute aber weinten und knirschten mit den Zähnen und zogen ab in Trauer
-und Unmut.«[18]
-
-»Und der Herzog?« fragte Georg.
-
-»Von Blaubeuren ist er weggeritten, wohin, weiß man nicht. In den
-Schlössern aber liegt die Ritterschaft, sie zu verteidigen, bis der
-Herzog vielleicht andere Hilfe bekommt.« --
-
-Der alte Johann unterbrach hier den Boten und meldete, daß der Junker
-auf zwei Uhr in den Kriegsrat beschieden sei, der in Frondsbergs
-Quartier gehalten werde; Georg war nicht wenig erstaunt über diese
-Nachricht, was konnte man von ihm im Kriegsrat wollen? Sollte
-Frondsberg schon ein Mittel gefunden haben, ihn zu empfehlen?
-
-»Nehmt Euch in acht, Junker,« sprach der Bote, als der alte Johann
-das Gemach verlassen hatte, »und bedenkt das Versprechen, das Ihr dem
-Fräulein gegeben; vor allem erinnert Euch, was sie Euch sagen ließ: Ihr
-sollt Euch hüten, weil man etwas mit Euch vorhabe. Mir aber erlaubt,
-als Euer Diener in diesem Haus zu bleiben; ich kann Euer Pferd
-besorgen und bin zu jedem Dienst erbötig.«
-
-Georg nahm das Anerbieten des treuen Mannes mit Dank an, und Hans trat
-auch sogleich in seinen Dienst, denn er band seinem jungen Herrn das
-Schwert um und setzte ihm das Barett zurecht. Er bat ihn noch unter der
-Türe, seines Schwures und jener Warnung eingedenk zu sein.
-
-Dem unbegreiflichen Ruf in den Kriegsrat und der sonderbar zutreffenden
-Warnung Mariens nachsinnend, ging Georg dem bezeichneten Hause zu; man
-wies ihn dort eine breite Wendeltreppe hinan, wo er in der ersten Türe
-rechts die Kriegsobersten versammelt finden sollte. Aber der Eingang in
-dieses Heiligtum ward ihm nicht so bald verstattet; ein alter bärtiger
-Kriegsmann fragte, als er die Tür öffnen wollte, nach seinem Begehr und
-gab ihm den schlechten Trost, es könne höchstens noch eine halbe Stunde
-dauern, bis er vorgelassen werde; zugleich ergriff er die Hand des
-jungen Mannes und führte ihn, einen schmalen Gang hindurch, nach einem
-kleinen Gemach, wo er sich einstweilen gedulden solle.
-
-Wer je in besorgter Erwartung einsam und allein auf der Marterbank
-eines Vorzimmers saß, der kennt die Qual, die Georg in jener Stunde
-auszustehen hatte. Das ungeduldige Herz pocht der Entscheidung
-entgegen, alle Nerven sind gespannt, das Auge möchte die Tür
-durchbohren, das Ohr schärft sich, wenn in der Ferne eine Türe
-knarrt, Schritte über den Hausgang rauschen oder undeutliche Stimmen
-im anstoßenden Zimmer lauter werden. Aber die Türen haben umsonst
-getönt, die Schritte, immer näher und näher kommend, gehen vorüber,
-der ungleiche Ton der Stimmen sinkt zum Geflüster herab. Die Bretter
-des Fußbodens und die Fenster des Nachbarhauses sind bald gezählt, und
-schon wieder zeigt der helle Ton der Glocke eine umsonst verlebte halbe
-Stunde an. Das Ohr begleitet alle Glocken und Uhren der Stadt, bemerkt
-ihre hohen und tiefen Töne -- auch sie haben ausgeschlagen; man steht
-auf, macht einen Gang durch das enge Gemach, horch! da geht wieder eine
-Türe, gewichtige Schritte kommen den Gang herauf, die Klinke der Türe
-bewegt sich nach so langer Zeit wieder.
-
-»Georg von Frondsberg läßt Euch seinen Gruß vermelden,« sprach der alte
-Kriegsmann, der nach so langer Zeit wieder zu Georg kam, »es könne
-vielleicht noch eine Weile dauern; doch sei dies ungewiß, darum sollet
-Ihr hier bleiben. Er schickt Euch hier einen Krug Wein zum Vespern.«
-
-Der Diener setzte den Wein auf den breiten Fenstersims des Zimmers,
-denn ein Tisch war nicht vorhanden, und verließ das Gemach.
-
-Georg sah ihm staunend nach; er hätte dies nicht für möglich gehalten;
-über eine Stunde war schon verschwunden, und noch nicht? Er griff zu
-dem Wein, er war nicht übel, aber wie konnte ihm in seiner traurigen
-Einsamkeit das Glas munden?
-
-Es ist ein gewöhnlicher Fehler junger Leute in Georgs Jahren, daß sie
-sich für wichtiger halten, als es ihre Stellung in der Welt eigentlich
-mit sich bringt. Der gereifte Mann wird eine Beeinträchtigung seiner
-Würde eher verschmerzen oder wenigstens sein Mißfallen zurückhalten,
-während der Jüngling, empfindlicher über den Punkt der Ehre, leichter
-und schneller aufbraust. Kein Wunder daher, daß Georg, als er nach zwei
-tödlich langen Stunden in den Kriegsrat abgeholt wurde, nicht in der
-besten Laune war. Er folgte schweigend dem ergrauten Führer, der ihn
-hieher geleitet hatte, den langen Gang hin.
-
-An der Türe wandte sich jener um und sagte freundlich: »Verschmäht den
-Rat eines alten Mannes nicht, Junker, und legt die trotzige finstere
-Miene ab; es tut nicht gut bei den gestrengen Herrn da drinnen.«
-
-Georg war in dem Augenblick zu wenig Herr über sich, als daß er den
-wohlgemeinten Rat hätte befolgen können, er dankte ihm durch einen
-Händedruck, ergriff dann rasch die gewaltige eiserne Türklinke, und die
-schwere eichene Zimmertüre drehte sich ächzend auf.
-
-Um einen großen schwerfälligen Tisch saßen acht ältliche Männer, die
-den Kriegsrat des Bundes bildeten. Einige davon kannte Georg. Jörg
-Truchseß, Freiherr von Waldburg, nahm als Oberst-Feldleutnant den
-obersten Platz an dem Tische ein, zu beiden Seiten von ihm saßen
-Frondsberg und Franz von Sickingen, von den übrigen kannte er keinen
-als den alten Ludwig von Hutten; aber die Chronik hat uns ihre Namen
-treulich aufbewahrt; es saßen dort noch Christoph Graf zu Ortenberg,
-Alban von Closen, Christoph von Frauenberg und Diepolt von Stein,
-bejahrte, im Heere angesehene Männer.
-
-Georg war an der Türe stehen geblieben, Frondsberg aber winkte
-ihm freundlich, näher zu kommen. Er trat nun bis an den Tisch und
-überschaute nun mit dem freien kühnen Blick, der ihm so eigen war, die
-Versammlung. Aber auch er wurde von den Versammelten beobachtet, und
-es schien, als fänden sie Gefallen an dem schönen, hochgewachsenen
-Jüngling, denn mancher Blick ruhte mit Wohlwollen auf ihm, einige
-nickten ihm sogar freundlich zu.
-
-Der Truchseß von Waldburg hob endlich an: »Georg von Sturmfeder,
-wir haben uns sagen lassen, Ihr seid auf der Hochschule in Tübingen
-gewesen, ist dem also?«
-
-»Ja, Herr Ritter,« antwortete Georg.
-
-»Seid Ihr in der Gegend von Tübingen genau bekannt?« fuhr jener fort.
-
-Georg errötete bei dieser Frage; er dachte an die Geliebte, die ja nur
-wenige Stunden von jener Stadt entfernt auf ihrem Lichtenstein war;
-doch er faßte sich bald und sagte: »Ich kam zwar nicht viel auf die
-Jagd, auch habe ich sonst die Gegend wenig durchstreift, doch ist sie
-mir im allgemeinen bekannt.«
-
-»Wir haben beschlossen,« fuhr Truchseß fort, »einen sicheren Mann
-in jene Gegend zu schicken, auszukundschaften, was der Herzog
-von Württemberg bei unserm Anzug tun wird. Es soll auch über die
-Befestigung des Schlosses Tübingen, über die Stimmung des Landvolkes in
-jener Gegend genaue Nachricht eingezogen werden; ein solcher Mann kann
-dem Württemberger durch Klugheit und List mehr Abbruch tun als hundert
-Reiter, und wir haben -- Euch dazu ausersehen.«
-
-»Mich?« rief Georg voll Schrecken.
-
-»Euch, Georg von Sturmfeder; zwar gehört Uebung und Erfahrung zu einem
-solchen Geschäft, aber was Euch daran abgeht, möge Euer Kopf ersetzen.«
-
-Man sah dem Jüngling an, daß er einen heftigen Kampf mit sich
-kämpfte. Sein Gesicht war bleich, sein Auge starr, seine Lippen fest
-zusammengeklemmt. Die Warnung Mariens war ihm jetzt auf einmal klar;
-aber wie fest er auch bei sich beschloß, den Antrag auszuschlagen, wie
-erwünscht beinahe diese Gelegenheit erschien, um dem Bunde zu entsagen,
-so kam ihm die Entscheidung doch zu überraschend, er scheute sich, vor
-den berühmten Männern seinen Entschluß auszusprechen.
-
-Der Truchseß rückte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, als der
-junge Mann so lange mit seiner Antwort zögerte: »Nun, wird's bald?
-Warum besinnet Ihr Euch so lange?« rief er ihm zu.
-
-»Verschonet mich mit diesem Auftrag,« sagte Georg nicht ohne Zagen;
-»ich kann, ich darf nicht.«
-
-Die alten Männer sahen sich erstaunt an, als trauten sie ihren Ohren
-nicht. »Ihr dürft nicht, Ihr könnt nicht?« wiederholte Truchseß
-langsam, und eine dunkle Röte, der Vorbote seines aufsteigenden
-Zornes, lagerte sich auf seine Stirne und um seine Augen.
-
-Georg sah, daß er sich in seinen Ausdrücken übereilt habe; er sammelte
-sich und sprach mit freierem Mute: »Ich habe Euch meine Dienste
-angeboten, um ehrlich zu fechten, nicht aber, um mich in Feindesland zu
-schleichen und hinterrücks nach seinen Gedanken zu spähen. Es ist wahr,
-ich bin jung und unerfahren, aber so viel weiß ich doch, um mir von
-meinen Schritten Rechenschaft geben zu können; und wer von Euch, der
-Vater eines Sohnes ist, möchte ihm zu seiner ersten Waffentat raten,
-den Kundschafter zu machen?«
-
-Der Truchseß zog die dunkeln, buschigen Augenbrauen zusammen und schoß
-einen durchdringenden Blick auf den Jüngling, der so kühn war, anderer
-Meinung zu sein als er. »Was fällt Euch ein, Junker!« rief er. »Eure
-Reden helfen Euch jetzt zu nichts, es handelt sich nicht darum, ob es
-sich mit Eurem kindischen Gewissen verträgt, was wir Euch auftragen; es
-handelt sich um Gehorsam, wir wollen es, und Ihr _müßt_!«
-
-»Und ich _will_ nicht!« entgegnete ihm Georg mit fester Stimme. Er
-fühlte, daß mit dem Zorn über Waldburgs beleidigenden Ton sein Mut von
-Minute zu Minute wachse, er wünschte sogar, der Truchseß möchte noch
-weiter in seinen Reden fortfahren, denn jetzt glaubte er sich jeder
-Entscheidung gewachsen.
-
-»Ja freilich, freilich!« lachte Waldburg in bitterem Grimm, »das Ding
-hat Gefahr, so allein in Feindesland herumzureiten. Ha! Ha! Da kommen
-die Junker von Habenichts und Binnichts und bieten mit großen Worten
-und erhabenen Gesichtern ihren Kopf und ihren tapfern Arm an, und wenn
-es drauf und dran kommt, wenn man etwas von ihnen haben will, so fehlt
-es an Herz. Doch Art läßt nicht von Art, der Apfel fällt nicht weit vom
-Stamme -- und wo nichts ist, da hat der Kaiser das Recht verloren.«
-
-»Wenn dies eine Beleidigung für meinen Vater sein soll,« antwortete
-Georg erbittert, »so sitzen hier Zeugen, die ihm bezeugen können,
-daß er in ihrem Gedächtnisse als ein Tapferer lebt. Ihr müßt viel
-getan haben in der Welt, daß Ihr Euch herausnehmt, auf andere so tief
-herabzusehen!«
-
-»Soll ein solcher Milchbart mir vorschreiben, was ich reden soll?«
-unterbrach ihn Waldburg. »Was braucht es da das lange Schwatzen? Ich
-will wissen, Junkerlein, ob Ihr morgen Euer Pferd satteln und Euch
-nach unseren Befehlen richten wollt oder nicht!«
-
-»Herr Truchseß,« antwortete Georg mit mehr Ruhe, als er sich selbst
-zugetraut hatte, »Ihr habt durch Eure scharfen Reden nichts gezeigt,
-als daß Ihr wenig wisset, wie man mit einem Edelmann, der dem Bunde
-seine Dienste anbot, wie man mit dem Sohn meines tapfern Vaters reden
-müsse. Ihr habt aber als Oberster dieses Rates im Namen des Bundes zu
-mir gesprochen und mich so tief beleidigt, als ob ich Euer ärgster
-Feind wäre, darum kann ich nichts tun als, wie Ihr selbst befehlet,
-mein Roß satteln, aber gewiß nicht zu Eurem Dienst. Es ist mir nicht
-länger Ehre, diesen Fahnen zu folgen, nein, ich sage mich los und ledig
-von euch für immer; gehabt euch wohl!«
-
-Der junge Mann hatte mit Nachdruck und Festigkeit gesprochen und wandte
-sich, zu gehen.
-
-»Georg,« rief Frondsberg, indem er aufsprang, »Sohn meines Freundes! --«
-
-»Nicht so rasch, Junker!« riefen die übrigen und warfen mißbilligende
-Blicke auf Waldburg; aber Georg war, ohne sich umzusehen, aus dem
-Gemach geschritten, die eiserne Klinke schlug klirrend ins Schloß, und
-die gewaltigen Flügel der eichenen Pforte lagerten sich zwischen ihm
-und dem wohlmeinenden Nachruf der besser gesinnten Männer; sie schieden
-Georg von Sturmfeder auf ewig von dem schwäbischen Bunde.
-
-
-
-
-10.
-
- O wenn die Nacht des Grames dich umschlinget,
- Mit schwerem Leid dein wundes Herz oft ringet,
- Wenn nur der Stern, der nach der Sonne stehet
- Der Liebe Stern in dir nicht untergehet.
-
- _P. Conz._
-
-
-Georg fühlte sich leichter, als er auf seinem Zimmer über das
-Vorgefallene nachdachte. Jetzt war ja entschieden, was zu _entscheiden_
-er so lange gezögert hatte, entschieden auf eine Weise, wie er sie
-besser nicht hätte wünschen können. So hatte er jetzt einen guten
-Grund, das Heer sogleich zu verlassen, und der Oberst-Feldleutnant
-mußte die Schuld sich selbst beimessen.
-
-Wie schnell hatte sich doch alles in den vier Tagen gewendet; wie
-verschieden waren die Gesinnungen, mit denen er in diese Stadt einzog,
-von denen, die ihn aus ihren Mauern hinaustrieben! Damals, als der
-Donner der Geschütze, der feierliche Klang aller Glocken, die lockenden
-Töne der Trompeten ihn begrüßten, wie schlug da sein Herz dem Kampf
-entgegen, um Marien zu verdienen! Und als er das erste Mal vor jenen
-Frondsberg geführt wurde, wie erhebend war der Gedanke, unter den Augen
-dieses Mannes zu streiten, aus seinem Munde sich Ruhm zu erwerben! --
-Und wie erkaltete bald darauf sein Eifer, als der Bund in seinen Augen
-jenen Glanz verlor, mit welchem ihn seine jugendliche Phantasie umgeben
-hatte; wie schämte er sich, sein Schwert für die zu ziehen, die, nur
-von Eigennutz und Habgier getrieben, das schöne Land sich zur Beute
-ausersehen hatten! Wie schrecklich der Gedanke, Marie und die Ihrigen
-auf der feindlichen Seite zu wissen, treuergeben dem unglücklichen
-Fürsten, den auch er aus seinen Grenzen jagen helfen sollte? Um eine
-solche Sache sollte er jenes teure Herz brechen, das unter jedem
-Wechsel treu für ihn schlug? »Nein! Du hast es wohl mit mir gemeint,«
-sprach er, indem sein Auge dem Strahl der Abendsonne, der durch die
-runden Scheiben hereinfiel, hinauf zu dem blauen Himmel folgte; »du
-hast es wohl mit mir gemeint; was jedem andern, der heute an meiner
-Stelle stand, zum Verderben gewesen wäre, hast du für mich zum Heil
-gelenkt!« Jene Heiterkeit, die, seit er wußte, wie furchtbar sich das
-Geschick zwischen ihn und die Geliebte stellte, einem trüben Ernst
-gewichen war, kehrte wieder auf seine Stirne, um seinen Mund zurück; er
-sang sich ein frohes Lied, wie in seinen _frohesten_ Augenblicken. --
-
-Erstaunt betrachtete ihn der eintretende Herr von Kraft. »Nun, das
-ist doch sonderbar,« sagte er; »ich eile nach Haus, um meinen Gast in
-seinem gerechten Schmerz zu trösten, und finde ihn so fröhlich wie nie;
-wie reime ich das zusammen?«
-
-»Habt Ihr noch nie gehört, Herr Dietrich,« entgegnete Georg, der für
-geratener hielt, seine Fröhlichkeit zu verbergen, »habt Ihr nie gehört,
-daß man auch aus Zorn lachen und im Schmerz singen kann?«
-
-»Gehört hab' ich es schon, aber gesehen nie bis zu diesem Augenblick,«
-antwortete Kraft.
-
-»Nun, und Ihr habt also auch von der verdrießlichen Geschichte gehört?«
-fragte Georg. »Man erzählt es sich gewiß schon auf allen Straßen?«
-
-»O nein,« antwortete der Ratsschreiber, »man weiß nirgends etwas davon,
-man hätte ja zugleich Eure geheime Sendung nach Württemberg damit
-ausposaunen müssen. Nein! Ich habe, Gott sei Dank, so meine eigenen
-Quellen und erfahre manches noch in _der_ Stunde, wo es getan oder
-gesprochen wurde. Aber nehmt mir's nicht übel, Ihr habt da einen dummen
-Streich gemacht!«
-
-»So,« antwortete Georg lächelnd, »und warum denn?«
-
-»Bot sich Euch nicht die schönste Gelegenheit, Euch auszuzeichnen? Wem
-wären die Bundesobersten mehr Dank schuldig als --«
-
-»Sagt es nur heraus,« unterbrach ihn Georg, »als dem Kundschafter in
-des Feindes Rücken. Es ist nur schade, daß mein Vater und die Ehre
-meines Namens mich _vor_, und nicht _hinter_ den Feind bestimmt haben,
-es sei denn, daß er vor mir fliehe.«
-
-»Dies sind Bedenklichkeiten, die ich nicht bei Euch gesucht hätte.
-Wahrlich, wenn ich so bekannt in jener Gegend wäre wie Ihr, man hätte
-es mir nicht zweimal sagen dürfen.«
-
-»Ihr habt hier zu Lande vielleicht andere Grundsätze über diesen
-Punkt,« sagte Georg, nicht ohne Spott, »als wir in unserem Franken, das
-hätte Truchseß von Waldburg bedenken und einen Ulmer schicken sollen.«
-
-»Ihr bringt mich da eben recht noch auf etwas anderes. Der
-Oberst-Feldleutnant! Wie habt Ihr ihn Euch so zum Feinde machen mögen?
-Denn daß dieser Euch das Geschehene in seinem Leben nicht verzeiht,
-dürft Ihr gewiß sein.«
-
-»Das ist mein geringster Kummer,« antwortete Georg, »aber eines tut mir
-weh, daß ich den Uebermütigen, der schon meinem Vater Böses getan, wo
-er konnte, nicht vor meine Klinge stellen und ihm zeigen kann, daß der
-Arm nicht so ganz zu verachten ist, den er heute von sich gestoßen hat.«
-
-»Um Gottes willen,« fiel Kraft ein, »sprecht nicht so laut, er könnte
-es hören. Ueberhaupt müßt Ihr Euch sehr zusammennehmen, wenn Ihr ferner
-im Heere unter ihm dienen wollt.«
-
-»Ich will den Herrn Truchseß von meinem verhaßten Anblick bald
-befreien. So Gott will, habe ich die Sonne zum letztenmal in Ulm
-untergehen sehen!«
-
-»So wäre es wahr,« fragte Herr von Kraft mit Staunen, »was man noch
-dazusetzte, und was ich nicht glauben konnte: Georg von Sturmfeder will
-wegen dieser Kleinigkeit unsere gute Sache verlassen?«
-
-»Verletzung der Ehre ist nirgends eine Kleinigkeit,« antwortete Georg
-ernst, »am wenigsten bei einem Stand wie der unsrige. Was aber Eure
-gute Sache betrifft, so habe ich nachgerade eingesehen, daß ich weder
-für eine gute Sache, noch für eine gute Meinung, sondern für ein paar
-große Herren und für ein paar Mauern voll Spießbürger mich schlagen
-sollte.«
-
-Der unangenehme Eindruck, den besonders die letzten Worte auf den
-Ratsschreiber machten, entging ihm nicht, er fuhr daher, indem er seine
-Hand ergriff und drückte, ruhiger fort: »Nehmet mir meine scharfen
-Worte nicht übel, mein freundlicher Wirt, weiß Gott, ich habe Euch
-nicht damit beleidigen wollen; aber aus Eurem eigenen Munde habe ich
-die Gesinnungen und Zwecke der verschiedenen Parteien in diesem Heere
-erfahren. Schreibt es Euch selbst zu, wenn ich meinen eigenen Weg
-einschlage, da _Ihr_ mir die Binde von den Augen genommen habt.«
-
-»Ihr habt so unrecht gerade nicht, guter Junker, es wird bunt hergehen,
-wenn die Herren erst das schöne Land da drüben unter sich teilen; aber
-da habe ich gedacht, es geht ja in einem hin, Ihr könntet Euch auch
-Euer Scherflein dabei verdienen. Man sagt, Ihr dürft es mir aber nicht
-übelnehmen, Euer Haus sei etwas herabgekommen, da meinte ich --«
-
-»Nichts davon!« fiel Georg rasch ein, gerührt von der Gutmütigkeit
-seines Gastfreundes. »Das Haus meiner Väter zerfällt, unsere Tore
-hängen auf gebrochenen Angeln, auf der Zugbrücke wächst Moos, und auf
-dem hohen Wartturm hausen Eulen. In fünfzig Jahren steht vielleicht
-noch ein Turm oder ein Mäuerchen und erinnert den Wanderer, daß hier
-einst ein ritterliches Geschlecht hauste. Aber wenn auch die morschen
-Mauern über mir zusammenstürzen und den Letzten meines Stammes unter
-ihren Trümmern begraben, niemand soll von mir sagen, ich habe für
-ungerechtes Gut das Schwert meines Vaters gezogen.«
-
-»Jeder nach seiner Weise,« antwortete Dietrich, »es klingt dies alles
-recht schön; aber ich für meinen Teil würde mir schon etwas gefallen
-lassen, um mein Haus anständig und wohnlich wiederherzustellen. --
-Möget Ihr übrigens Euren Entschluß ändern oder nicht, auf jeden Fall
-hoffe ich, werdet Ihr es Euch noch einige Tage bei mir gefallen lassen.«
-
-»Ich erkenne Eure Güte,« antwortete Georg; »aber Ihr seht, daß ich
-unter den gegenwärtigen Umständen nichts mehr in dieser Stadt zu tun
-habe. Ich gedenke mit Anbruch des Morgens zu reiten.«
-
-»Nun, und kann man Euch Grüße mitgeben?« sagte der Ratsschreiber mit
-überaus schlauem Lächeln. »Ihr reitet doch den nächsten Weg nach
-Lichtenstein?«
-
-Der junge Mann errötete bis in die Stirne hinauf. Es war zwischen ihm
-und seinem Gastfreund seit Mariens Abreise dieser Gegenstand noch nicht
-zur Sprache gekommen; um so mehr überraschte ihn jetzt die schlaue
-Frage seines Gastfreundes. »Ich sehe,« sagte er, »daß Ihr mich noch
-immer falsch verstehet. Ihr glaubet, ich habe dem Bunde nur deswegen
-den Rücken zugewandt, um mich an die Feinde anzuschließen? Wie möget
-Ihr nur so schlimm von mir denken!«
-
-»Ach, geht mir doch!« entgegnete der kluge Ratsschreiber. »Niemand
-anders als mein reizendes Bäschen hat Euch von uns abwendig gemacht.
-Ihr hättet wohl zu allem, was der Bund getan, ein Auge zugedrückt, wenn
-der alte Lichtenstein auch mitgemacht hätte; nun er auf der andern
-Seite steht, glaubt Ihr auch schnell umsatteln zu müssen!«
-
-Georg mochte sich verteidigen, wie er wollte, der Ratsschreiber war
-zu fest von seiner eigenen Klugheit überzeugt, als daß er sich diese
-Meinung hätte ausreden lassen. Er fand diesen Schritt auch ganz
-natürlich und sah nichts Böses oder Unehrliches darin. Mit einem
-herzlichen Gruß an die Base in Lichtenstein verließ er das Zimmer
-seines Gastes. Doch auf der Schwelle wandte er sich noch einmal um.
-»Fast hätte ich das Wichtigste vergessen,« sagte er, »ich begegnete
-Georg von Frondsberg auf der Straße. Er läßt Euch bitten, heute abend
-noch zu ihm in sein Haus zu kommen.«
-
-Georg hatte sich zwar selbst vorgestellt, daß ihn Frondsberg nicht ohne
-Abschied werde ziehen lassen, und doch war ihm bange vor dem Anblick
-dieses Mannes, der es so gut mit ihm gemeint, und dessen freundliche
-Pläne er so schnell durchkreuzt hatte. Er schnallte unter den Gedanken
-an diesen schweren Gang sein Schwert um und wollte eben seinen Mantel
-zurechtlegen, als ein sonderbares Geräusch von der Treppe her seine
-Aufmerksamkeit auf sich zog. Schwere Tritte vieler Menschen näherten
-sich seiner Türe, er glaubte Schwerter und Hellebarden auf dem Estrich
-seines Vorsaales klirren zu hören. Er machte schnell einige Schritte
-gegen die Türe, um sich von dem Grund seiner Vermutung zu überzeugen.
-
-Aber noch ehe er die Türe erreicht hatte, ging diese auf. Das matte
-Licht einiger Kerzen ließ ihn mehrere bewaffnete Kriegsknechte sehen,
-die seine Türe umstellt hatten. Jener alte Kriegsmann, der ihn heute
-vor dem Kriegsrat empfangen hatte, trat aus ihrer Mitte hervor.
-
-»Georg von Sturmfeder!« sprach er zu dem Jüngling, der mit Staunen
-zurücktrat, »ich nehme Euch auf Befehl eines hohen Bundesrats gefangen.«
-
-»Mich, gefangen?« rief Georg mit Schrecken. »Warum? Wessen beschuldigt
-man mich denn?«
-
-»Das ist nicht meine Sache,« antwortete der Alte mürrisch, »doch wird
-man Euch vermutlich nicht lange in Ungewißheit lassen. Jetzt aber seid
-so gut und reicht mir Euer Schwert und folget mir auf das Rathaus.«
-
-»Wie? Euch soll ich mein Schwert geben?« entgegnete der junge Mann mit
-dem Zorn beleidigten Stolzes. »Wer seid Ihr, daß Ihr mir meine Waffen
-abfordern könnet? Da muß der Rat ganz andere Leute schicken als Euch,
-so viel verstehe ich auch von Eurem Handwerk!«
-
-»Um Gottes willen, gebt doch nach,« rief der Ratsschreiber, der
-sich bleich und verstört an seine Seite gedrängt hatte, »gebt nach!
-Widerstand kann Euch wenig nützen. Ihr habt es mit dem Truchseß zu
-tun,« flüsterte er heimlicher; »das ist ein böser Feind, bringt ihn
-nicht noch ärger gegen Euch auf.«
-
-Der alte Kriegsmann unterbrach die Einflüsterungen des Ratsschreibers.
-»Es ist wahrscheinlich das erste Mal, Junker,« sagte er, »daß Ihr in
-Haft genommen werdet, deswegen verzeihe ich Euch gern die unziemlichen
-Worte gegen einen Mann, der oft in einem Zelt mit Eurem Vater schlief.
-Euer Schwert möget Ihr auch immerhin behalten. Ich kenne diesen Griff
-und diese Scheide und habe den Stahl, den sie verschließt, manchen
-rühmlichen Kampf ausfechten sehen. Es ist löblich, daß Ihr viel darauf
-haltet und es nicht in jede Hand kommen lassen möget; aber aufs Rathaus
-müßt Ihr mit, denn es wäre töricht, wenn Ihr der Gewalt Trotz bieten
-wolltet.«
-
-Der Jüngling, dem alles wie ein Traum erschien, ergab sich
-schweigend in sein Schicksal, er trug dem Ratsschreiber heimlich
-auf, zu Frondsberg zu gehen und diesen von seiner Gefangenschaft zu
-unterrichten. Er wickelte sich tiefer in seinen Mantel, um auf der
-Straße bei diesem unangenehmen Gang nicht erkannt zu werden, und folgte
-dem ergrauten Führer und seinen Landsknechten.
-
-
-
-
-11.
-
- Die Eisentür geht auf, des Kerkers schwarze Wand
- Erhellt ein blasser Schein, er höret jemand gehen
- Und stemmt sich auf, und sieht --
-
- _Wieland._
-
-
-Die Truppe, den Gefangenen in der Mitte, bewegte sich schweigend dem
-Rathaus zu. Nur eine einzige Fackel leuchtete ihnen voran, und Georg
-dankte dem Himmel, daß sie nur sparsame Helle verbreitete; denn er
-glaubte, alle Menschen, die ihm begegneten, müßten es ihm ansehen,
-daß er ins Gefängnis geführt werde. Nächst diesem beschäftigte ihn
-unterwegs vorzüglich _ein_ Gedanke: es war das erste Mal in seinem
-Leben, daß er in ein Gefängnis geführt wurde, er dachte daher nicht
-ohne Grauen an einen feuchten, unreinlichen Kerker. Das Burgverließ in
-seinem alten Schlosse, das er als Knabe einmal besucht hatte, kam ihm
-immer vor das Auge. Er war einigemal im Begriff, seinen Führer darüber
-zu befragen, doch drängte der Gedanke, man möchte es für kindische
-Furcht ansehen, seine Frage immer wieder zurück.
-
-Nicht wenig war er daher überrascht, als man ihn in ein geräumiges,
-schönes Zimmer führte, das zwar nicht sehr wohnlich aussah, denn es
-enthielt nur eine leere Bettstelle und einen ungeheuren Kamin, aber in
-Vergleichung mit den Bildern seiner Phantasie eher einem Prunkgemach
-als einem Gefängnis glich. Der alte Kriegsmann wünschte dem Gefangenen
-gute Nacht und zog sich mit seinen Knechten zurück. Ein kleiner,
-hagerer, sehr ältlicher Mann trat ein. Der große Schlüsselbund, welcher
-an seiner Seite hing und jeden seiner Schritte wie mit Kettengerassel
-bezeichnete, gab ihn als den Ratsdiener oder Schließer kund. Er legte
-schweigend einige große Scheite Holz ins Kamin, und bald loderte ein
-behagliches Feuer auf, das dem jungen Mann in der kalten Märznacht
-sehr zu statten kam. Auf die Bretter der breiten, leeren Bettstelle
-breitete der Schließer eine große wollene Decke, und das erste Wort,
-das Georg aus seinem Munde hörte, war die freundliche Einladung an den
-Gefangenen, sich's bequem zu machen. Die harten Brettchen, nur mit
-einer dünnen Decke überlegt, mochten nun freilich nicht sehr einladend
-aussehen, doch lobte Georg die Bemühungen des Alten und sein Gefängnis.
-
-»Das ist halt die Ritterhaft,« belehrte ihn der Schließer. »Die für den
-gemeinen Mann ist unter der Erde und nicht so schön, doch ist sie dafür
-desto besuchter.«
-
-»Hier war wohl seit langer Zeit niemand?« fragte Georg, indem er das
-öde Gemach musterte.
-
-»Der letzte war vor sieben Jahren ein Herr von Berger, er ist in jenem
-Bett verschieden. Gott sei seiner armen Seele gnädig! Es schien ihm
-aber hier zu gefallen, denn er ist schon in mancher Mitternacht aus
-seiner Bahre heraufgestiegen, um sein altes Zimmer zu besuchen.«
-
-»Wie?« sagte Georg lächelnd, »hieher soll er sich nach seinem Tode noch
-bemüht haben?«
-
-Der Schließer warf einen scheuen Blick in die Ecken des Zimmers, die,
-von dem unruhigen Flackern des Kaminfeuers kaum erhellt, sich bald
-vor-, bald zurückzudrängen schienen. Er legte das Holz mehr zurecht und
-brummte: »Man spricht so mancherlei.«
-
-»Und auf jener Decke ist er verschieden?« rief Georg, den bei allem
-jugendlichen Mut doch ein unwillkürlicher Schauder überlief.
-
-»Ja, Herr!« flüsterte der Schließer leise, »dort auf jener Decke ist er
-abgefahren. Gott gebe, daß es nicht tiefer als ins Fegefeuer ging. Wir
-nennen deswegen die Decke nur das Leichentuch, das Zimmer aber heißt
-des Ritters Totenkammer!« Mit leisen Schritten, als fürchte er, durch
-jeden Laut den Toten zu erwecken, schlich er aus dem Gemach, desto
-vernehmlicher rauschten außen seine Schlüssel in dem Türschloß, als
-feierten sie seinen Triumph, einem greulichen Spuk entflohen zu sein.
-
-»Also auf dem Leichentuch in des Ritters Totenkammer?« dachte Georg
-und fühlte, wie sein Herz lauter pochte. Man hatte zwar damals
-das menschliche Gemüt noch nicht wie in unsern Tagen durch eigene
-Gespenster- und Schauerbücher für das Grauenhafte empfänglich gemacht;
-doch hatten Ammen und alte Knechte hinlänglich dafür gesorgt, den Geist
-des Junkers Georg mit diesem reichlich wuchernden Unkraut anzupflanzen.
-
-Er war daher unschlüssig, ob er sich auf das Leichentuch legen sollte
-oder nicht. Aber er sah keinen Stuhl, keine Bank in der ganzen
-Totenkammer, der Boden, mit Backsteinen zierlich ausgelegt, war noch
-kälter als das kalte, feuchte Leichentuch. Er begann, sich dieser
-Untersuchungen, dieses Zögerns zu schämen, und bald nahm ihn das
-gastliche Lager des Verstorbenen auf.
-
-Auch das härteste Lager ist weich für den, der mit gutem Gewissen
-zur Ruhe geht. Georg hatte sein Nachtgebet gesprochen und war bald
-entschlummert. Aber aus dem Leichentuch stiegen wunderliche Träume
-auf und lagerten sich bange über den jungen Mann. Er sah deutlich,
-wie der alte Schließer zu dem großen Schlüsselloch hereinguckte und
-sich segnete, daß er auf der andern Seite der Türe stehe, denn in
-der Totenkammer begann es recht unheimlich zu werden. Es fing an,
-wunderlich umher zu rauschen, auf den Backsteinen schlurften alte
-Sohlen in häßlichen Tönen. Georg glaubte zu träumen; er ermannte sich,
-er horchte, er horchte wieder, aber es war keine Täuschung. Schwere
-Schritte tönten im Gemach; jetzt wurde das Feuer heller angeschürt,
-der ungewisse Schein der Flamme spielte um eine große, dunkle Gestalt;
-sie bewegte sich, der Weg vom Kamin zum Bette war gar nicht weit. Die
-Schritte kommen näher, das Leichentuch wird angefaßt und geschüttelt.
-Georg, von unabwendbarer Furcht befallen, drückt die Augen zu, aber
-als die Decke gerade neben seinem Haupte gefaßt wurde, als eine kalte,
-schwere Hand sich auf seine Stirne legte, da riß er sich los aus
-seiner Angst, er sprang auf und maß mit ungewissen Blicken jene dunkle
-Gestalt, die jetzt dicht vor ihm stand. Hell flackerten die Flammen im
-Kamine, sie beleuchteten die wohlbekannten Züge Georgs von Frondsberg.
-
-»Ihr seid es, Herr Feldhauptmann?« rief Georg, indem er freier atmete
-und seinen Mantel zurecht legte, um den Ritter nach Würde zu empfangen.
-
-»Bleibt, bleibt,« sagte jener und drückte ihn sanft auf sein Lager
-nieder. »Ich setze mich zu Euch auf das Bett, und wir plaudern noch ein
-halb Stündchen, denn es ist auf allen Glocken erst neun Uhr, und in
-Ulm schläft noch niemand als dieser Sprudelkopf, den man zur Abkühlung
-heute nacht recht hart gebettet hat.« Er faßte Georgs Hand und setzte
-sich zu seinen Füßen auf das Bett.
-
-»O, wie kann ich diese milde Nachsicht verdienen!« sprach Georg, »stehe
-ich nicht in Euren Augen als ein Undankbarer da, der Euer Wohlwollen
-zurückstößt und, was Ihr gütig für ihn angesponnen, mit rauher Hand
-zerreißt?«
-
-»Nein, mein junger Freund!« antwortete der freundliche Mann, »du stehst
-vor meinen Augen als der echte Sohn deines Vaters. Gerade so schnell
-fertig mit Lob und Tadel, mit Entschluß und Rede war er. Daß er ein
-Ehrenmann dabei war, weiß ich wohl, aber ich weiß auch, wie unglücklich
-ihn sein schnelles Aufbrausen, sein Trotz, den er für Festigkeit
-ausgab, machten.«
-
-»Aber sagt selbst, edler Herr!« entgegnete Georg. »Konnte ich heute
-anders handeln? Hatte mich nicht der Truchseß aufs Aeußerste gebracht?«
-
-»Du konntest anders handeln, wenn du die Weise und Art dieses Mannes
-beachtetest, welche sich dir letzthin schon kundgab. Auch hättest du
-denken können, daß Leute genug da waren, die dir kein Unrecht geschehen
-ließen. Du aber schüttetest das Kind mit dem Bade aus und liefst weg.«
-
-»Das Alter soll kälter machen,« erwiderte der junge Mann, »aber in der
-Jugend hat man heißes Blut. Ich kann alles ertragen, Härte und Strenge,
-wenn sie gerecht sind und meine Ehre nicht kränken. Aber kalter Spott,
-Hohn über das Unglück meines Hauses kann mich zum wütenden Wolf machen.
-Wie kann ein so hoher Mann nur Freude daran haben, einen so zu quälen?«
-
-»Auf diese Art äußert sich immer sein Zorn,« belehrte ihn Frondsberg.
-»Je kälter und schärfer er aber von außen ist, desto heißer kocht in
-ihm die Wut. Er war es, der auf den Gedanken kam, dich nach Tübingen
-zu senden, teils weil er sonst keinen wußte, teils auch, um dir das
-Unrecht, das er dir angetan, wieder gut zu machen; denn in seinem
-Sinn war diese Sendung höchst ehrenvoll. Du aber hast ihn durch deine
-Weigerung gekränkt und vor dem Kriegsrat beschämt.«
-
-»Wie?« rief Georg. »Der Truchseß hat mich vorgeschlagen? So kam also
-jene Sendung nicht von Euch?«
-
-»Nein,« gab ihm der Feldhauptmann mit geheimnisvollem Lächeln zur
-Antwort, »nein! Ich habe ihm sogar mit aller Mühe abgeraten, dich zu
-senden, aber es half nichts, denn die wahren Gründe konnte ich ihm doch
-nicht sagen. Ich wußte, ehe du eintratst, daß du dich weigern würdest,
-dies Amt anzunehmen. -- Nun, reiße doch die Augen nicht so auf, als
-wolltest du mir durch das lederne Koller ins Herz hineinschauen. Ich
-weiß allerlei Geschichten von meinem jungen Trotzkopf da!«
-
-Georg schlug verwirrt die Augen nieder. »So kamen Euch die Gründe
-nicht genügend vor, die ich angab?« sagte er. »Was wollt Ihr denn so
-Geheimnisvolles von mir wissen?«
-
-»Geheimnisvoll? Nun, so gar geheimnisvoll ist es gerade nicht, denn
-merke für die Zukunft: wenn man nicht verraten sein will, so muß man
-weder bei Abendtänzen sich gebärden wie einer, der vom St. Veitstanz
-befallen ist, noch nachmittags um drei Uhr zu schönen Mädchen gehen.
-Ja, mein Sohn, ich weiß allerlei,« setzte er hinzu, indem er lächelnd
-mit dem Finger drohte, »ich weiß auch, daß dieses ungestüme Herz gut
-württembergisch ist.«
-
-Georg errötete und vermochte den lauernden Blick des Ritters nicht
-auszuhalten. »Württembergisch?« entgegnete er, nachdem er sich mit Mühe
-gefaßt hatte, »da tut Ihr mir unrecht; nicht mit Euch zu Feld ziehen
-zu wollen, heißt noch nicht, sich an den Feind anschließen; gewiß, ich
-schwöre Euch --«
-
-»Schwöre nicht,« fiel ihm Frondsberg rasch ins Wort, »ein Eid ist ein
-leichtes Wort, aber es ist doch eine drückend schwere Kette, die man
-bricht oder von der man zerbrochen wird. Was du tun wirst, das wird so
-sein, daß es sich mit deiner Ehre verträgt. Nur eines mußt du dem Bunde
-an Eidesstatt geloben, und dann erst wirst du deiner Haft entlassen: in
-den nächsten vierzehn Tagen nicht gegen uns zu kämpfen.«
-
-»So legt Ihr mir also dennoch falsche Gesinnungen unter?« sprach Georg
-bewegt. »Das hätte ich nicht gedacht; und wie unnötig ist dieser
-Schwur! Für wen, und mit wem sollte ich denn auf jener Seite kämpfen?
-Die Schweizer sind abgezogen, das Landvolk hat sich zerstreut, die
-Ritterschaft liegt in den Festungen und wird sich hüten, den nächsten
-besten, der vom Bundesheer herüberläuft, in ihre Mauern aufzunehmen,
-der Herzog selbst ist entflohen --«
-
-»Entflohen?« rief Frondsberg aus. »Entflohen? Das weiß man noch nicht
-so gewiß; warum hätte der Truchseß denn die Reiter ausgeschickt?«
-setzte er hinzu. »Und überhaupt, wo hast du diese Nachrichten alle her?
-Hast du den Kriegsrat belauscht? Oder sollte es wahr sein, was einige
-behaupten wollen, daß du verdächtige Verbindungen nach Württemberg
-hinüber unterhältst?«
-
-»Wer wagt dies zu behaupten?« rief Georg erblassend.
-
-Frondsbergs durchdringende Augen ruhten prüfend auf den Zügen des
-jungen Mannes. »Höre, du bist mir zu jung und ehrlich zu einem
-Bubenstücke,« sagte er, »und wenn du etwas solches im Schilde führtest,
-hättest du dich wohl nicht vom Bunde losgesagt, sondern auch ferner
-Württembergs Spion gemacht.«
-
-»Wie? spricht man so von mir?« unterbrach ihn Georg. »Wenn Ihr nur ein
-Fünkchen Liebe zu mir habt, so nennt mir den schlechten Kerl, der so
-von mir spricht!«
-
-»Nur nicht gleich wieder so aufbrausend!« entgegnete Frondsberg
-und drückte die Hand des jungen Mannes. »Du kannst denken, daß,
-wenn ein solches Wort öffentlich gesprochen würde oder ich an diese
-Einflüsterungen glaubte, Georg von Frondsberg nicht zu dir käme, aber
-etwas muß denn doch an der Sache sein. Zu dem alten Lichtenstein kam
-öfters ein schlichter Bauersmann in die Stadt; er fiel nicht auf zu
-einer Zeit, wo so vielerlei Menschen hier sind. Aber man gab uns
-geheime Winke, daß dieser Bauer ein verschlagener Mann und ein geheimer
-Botschafter aus Württemberg sei. Der Lichtensteiner zog ab, und der
-Bauer und sein geheimnisvolles Treiben war vergessen. Diesen Morgen
-hat er sich wieder gezeigt. Er soll vor der Stadt lange Zeit mit dir
-gesprochen haben, auch wurde er in deinem Haus gesehen. Wie verhält
-sich nun diese Sache?«
-
-Georg hatte ihm mit wachsendem Staunen zugehört. »So wahr ein Gott über
-mir ist,« sagte er, als Frondsberg geendet hatte, »ich bin unschuldig.
-Heute früh kam ein Bauer zu mir und --«
-
-»Nun, warum verstummst du auf einmal?« fragte Frondsberg, »du glühst ja
-über und über, was ist es denn mit diesem Boten?«
-
-»Ach! ich schäme mich, es auszusprechen, und dennoch habt Ihr ja schon
-alles erraten; er brachte mir ein paar Worte von -- meinem Liebchen!«
-Der junge Mann öffnete bei diesen Worten sein Wams und zog einen
-Streifen von Pergament hervor, den er dort verborgen hatte. »Seht, dies
-ist alles, was er brachte,« sagte er, indem er es Frondsberg bot.
-
-»Das ist also alles?« lachte dieser, nachdem er gelesen hatte; »armer
-Junge! und du kennst also diesen Mann nicht näher? Du weißt nicht, wer
-er ist.«
-
-»Nein, er ist auch weiter nichts als unser Liebesbote, dafür wollte ich
-stehen!«
-
-»Ein schöner Liebesbote, der nebenher unsere Sachen auskundschaften
-soll; weißt du denn nicht, daß es der gefährlichste Mann ist? es ist
-der Pfeifer von Hardt.«
-
-»Der Pfeifer von Hardt?« fragte Georg. »Zum erstenmal höre ich diesen
-Namen; und was ist es denn, wenn er der Pfeifer von Hardt ist?«
-
-»Das weiß niemand recht; er war im Aufstand vom armen Konrad einer der
-schrecklichsten Aufrührer, nachher wurde er begnadigt; seit der Zeit
-führt er ein unstätes Leben und ist jetzt ein Kundschafter des Herzogs
-von Württemberg.«
-
-»Und hat man ihn aufgefangen?« forschte Georg weiter, denn
-unwillkürlich nahm er wärmeren Anteil an seinem neuen Diener.
-
-»Nein, das gerade ist das Unbegreifliche; man machte uns so still als
-möglich die Anzeige, daß er sich wieder in Ulm sehen lasse; in Eurem
-Stall soll er zuletzt gewesen sein, und als wir ihn ganz im geheimen
-aufheben wollten, war er über alle Berge. Nun, ich glaube deinem Wort
-und deinen ehrlichen Augen, daß er in keinen andern Angelegenheiten
-zu dir kam. -- Du kannst dich übrigens darauf verlassen, daß er, wenn
-es derselbe ist, den ich meine, nicht allein deinetwegen sich nach
-Ulm wagte. Und solltest du je wieder mit ihm zusammentreffen, so nimm
-dich in acht, solchem Gesindel ist nicht zu trauen. Doch der Wächter
-ruft zehn Uhr. Lege dich noch einmal aufs Ohr und verträume deine
-Gefangenschaft. Vorher aber gib mir dein Wort wegen der vierzehn Tage,
-und das sage ich dir, wenn du Ulm verläßt, ohne dem alten Frondsberg
-lebewohl zu sagen --«
-
-»Ich komme, ich komme,« rief Georg, gerührt von der Wehmut des
-verehrten Mannes, die jener umsonst unter einer lächelnden Miene zu
-verbergen suchte. Er gab ihm Handtreue, wie es der Kriegsrat verlangte;
-der Ritter aber verließ mit langsamen Schritten die Totenkammer.
-
-
-
-
-12.
-
- Nur einmal noch laß leuchten
- Mir deiner Augen Strahl,
- Laß hören deine Stimme
- Nur noch ein einzigmal!
-
- _K. Grüneisen._
-
-
-Die Mittagssonne des folgenden Tages sendete drückende Strahlen auf
-einen Reiter, welcher über den Teil der schwäbischen Alb, der gegen
-Franken ausläuft, hinzog. Er war jung, mehr schlank als fest gebaut,
-und ritt ein hochgewachsenes Pferd von dunkelbrauner Farbe; er war
-wohl bewaffnet mit Brustharnisch, Dolch und Schwert; einige andere
-Stücke seiner Armatur, als der Helm und die aus Eisenblech getriebenen
-Arm- und Beinschienen, waren am Sattel befestigt. Die hellblau und
-weißgestreifte Feldbinde, die von der rechten Schulter sich über die
-Brust zog, ließ erraten, daß der junge Mann von Adel war, denn diese
-Auszeichnung war damals ein Vorrecht höherer Stände.
-
-Er war auf einem Berggipfel angekommen, welcher eine weite Aussicht
-ins Tal hinab gewährte. Er hielt sein schnaubendes Roß an, wandte es
-zur Seite und genoß nun den schönen Anblick, der sich vor seinem Auge
-ausbreitete. Vor ihm eine weite Ebene, von waldigen Höhen begrenzt,
-durchströmt von den grünen Wellen der Donau; zu seiner Rechten die
-Hügelkette der württembergischen Alp, zu seiner Linken in weiter,
-weiter Ferne die Schneekuppen der Tiroler Alpen. In freundlichem Blau
-spannte der Himmel seinen Bogen über diese Szene, und seine sanften,
-lichten Farben kontrastierten sonderbar mit den schwärzlichen Mauern
-Ulms, das am Fuße des Berges lag, mit seinem dunkelgrauen ungeheuren
-Münsterturm. Die dumpfen Glocken dieser alten Kirche begannen in
-diesem Augenblick den Mittag einzuläuten; ihre Töne zogen in langen,
-beruhigenden Akkorden über die Stadt, über die weite Ebene, bis sie
-sich an den fernen Bergen brachen und zitternd in das Blau der Lüfte
-verschwebten, als wollten sie auf ihrer melodischen Leiter die Wünsche
-der Menschen zum Himmel tragen.
-
-»So begleitet ihr also den Scheidenden, wie ihr seinen Eintritt begrüßt
-habt,« rief der junge Reiter, »mit denselben Tönen, mit denselben
-feierlichen Akkorden sprechet ihr zu ihm, wann er kommt und geht; wie
-anders, wie so ganz anders deutete ich eure ehernen Stimmen, als mein
-Ohr euch zum erstenmal lauschte. Da vernahm ich in euch verwandte Töne,
-es klang mir wie ein Ruf zur Geliebten! Und jetzt, da ich scheide, ohne
-Aussicht, ohne Freude, jetzt ruft ihr mir dieselben Töne entgegen?
-Die Geburt meiner seligen Hoffnung habt ihr ebenso eingeläutet wie
-jetzt das Grabgeläute meiner Hoffnung. Das Bild des Lebens!« setzte er
-wehmütig hinzu, indem er nach einem langen Abschiedsblick auf dieses
-Tal, auf diese Mauern sein Pferd wandte. »Das Bild des Lebens! Um
-Wiege und Sarg schweben sie in gleichen Tönen, und die Glocken meiner
-Hauskapelle haben an jenem fröhlichen Tage, wo man mich zur Taufe trug,
-mir ebenso getönt, wie sie mir tönen werden, wenn man den letzten
-Sturmfeder zu Grabe trägt!«
-
-Das Gebirge wurde jetzt steiler, und Georg, denn als diesen haben
-unsere Leser den jungen Reiter schon längst erkannt, Georg ließ sein
-Pferd langsam hinschreiten, indem er seinen Gedanken nachhing. Es war
-der Weg nach seiner Heimat, und die Vergleichungen, die er zwischen
-dieser Heimkehr und dem fröhlichen Auszug anstellte, mochten nicht dazu
-beitragen, seine düsteren Gefühle aufzuhellen. Der gestrige Tag, der
-schnelle Wechsel heftiger Empfindungen, seine Verhaftung, zuletzt noch
-heute der Abschied von Männern, die ihm wohlwollten, hatten ihn heftig
-angegriffen.
-
-Wie treuherzig und gutmütig hatte Dietrich von Kraft, sein zierlicher
-Gastfreund, seine Abreise bedauert. Wie gleich war sich dieser gute
-Mensch in seinem Wohlwollen gegen ihn geblieben, vom ersten Becher an,
-den er mit ihm im Rathaussaale geleert, bis zum Abschiedstrunk, den
-er seinem Gast noch auf das Pferd hinauf kredenzte. Und wie hatte er
-ihm gelohnt? Beschäftigt mit sich selbst, hatte er ihn wenig geachtet,
-übersehen. Wie hatte er dem biedern Breitenstein, wie dem Helden
-Frondsberg, der ihn vor den Augen eines Heeres wie seinen Liebling
-ausgezeichnet hatte, wie hatte er ihnen vergolten? Wahrlich, es ist
-für ein edles Gemüt kein Gedanke drückender als der, für undankbar zu
-gelten bei Männern, in deren Augen wir geachtet sein möchten.
-
-Er hatte unter diesen trüben Gedanken eine gute Strecke auf dem
-Gebirgsrücken zurückgelegt. Die Strahlen der Märzsonne wurden immer
-drückender, die Pfade rauher, und er beschloß, unter dem Schatten einer
-breiten Eiche sich und seinem Pferde Mittagsruhe zu gönnen. Er stieg
-ab, schnallte den Sattelgurt leichter und ließ das ermüdete Tier die
-sparsam hervorkeimenden Gräser aufsuchen. Er selbst streckte sich unter
-der Eiche nieder, und so gerne er sich dem Schlafe überlassen hätte,
-wozu nach dem ermüdenden Ritte ihn der kühle Schatten einlud, so hielt
-ihn doch die Besorgnis, in so unruhigen Zeiten in einem Lande, das so
-nahe dem Schauplatz des Krieges lag, um sein Roß und vielleicht gar
-um seine Waffen zu kommen, einige Zeit wach, bis er in jenen Zustand
-versank, wo die Seele zwischen Wachen und Schlafen umsonst mit dem
-Körper kämpft, der ungestüm seine Rechte fordert.
-
-Er mochte wohl ein Stündchen so geschlummert haben, als ihn das Wiehern
-seines Pferdes aufschreckte. Er sah sich um und gewahrte einen Mann,
-der, ihm den Rücken gekehrt, sich mit dem Tier beschäftigte. Sein
-erster Gedanke war, daß man seine Unachtsamkeit benützen und das Pferd
-entführen wolle. Er sprang auf, zog sein Schwert und war in drei
-Sprüngen dort. »Halt! Was hast du da mit dem Pferd zu schaffen!« rief
-er, indem er seine Hand etwas unsanft auf die Schulter des Mannes legte.
-
-»Habt Ihr mich denn schon wieder aus Eurem Dienst entlassen, Junker?«
-antwortete dieser und wandte sich zu ihm. In den listigen, kühnen
-Augen, an dem lächelnden Mund erkannte Georg sogleich den Boten, den
-ihm Marie gesandt hatte. Er war noch unschlüssig, wie er sich gegen ihn
-benehmen sollte, denn Frondsbergs Warnung schreckte ihn ab, Mariens
-Zuversicht empfahl ihn, doch der Bauer fuhr fort, indem er ihm eine
-gute Handvoll Heu vorzeigte: »Ich konnte mir wohl denken, daß Ihr
-keinen Futtersack mitnehmen werdet. Auf den Bergen da oben sieht es
-noch schlecht aus mit dem Gras, da habe ich denn Eurem Braunen einen
-Armvoll Heu mitgebracht. Es hat ihm trefflich behagt.« So sprach der
-Bauer und fuhr ganz gelassen fort, dem Pferd das Futter hinzureichen.
-
-»Und woher kommst du denn?« fragte Georg, nachdem er sich ein wenig von
-seinem Erstaunen erholt hatte.
-
-»Nun, Ihr seid ja so schnell von Ulm weggeritten, daß ich Euch nicht
-gleich folgen konnte,« antwortete jener.
-
-»Lüge nicht,« unterbrach ihn der junge Mann. »Sonst kann ich dir fürder
-nicht vertrauen. Du kommst jetzt nicht aus jener Stadt her.«
-
-»Nun, Ihr werdet mich doch nicht schelten, daß ich mich etwas früher
-auf den Weg machte als Ihr?« sagte der Bauer und wandte sich ab. Doch
-entging Georg nicht, daß jenes listige Lächeln wieder über sein Gesicht
-zog.
-
-»Laß mein Pferd jetzt stehen,« rief Georg ungeduldig, »und komm mit
-mir unter die Eiche dort. Da setze dich hin und sprich, aber ohne
-auszuweichen, warum hast du gestern abend so plötzlich die Stadt
-verlassen?«
-
-»An den Ulmern lag es nicht,« entgegnete jener; »sie wollten mich sogar
-einladen, länger bei ihnen zu bleiben, und wollten mir freie Kost und
-Wohnung geben.«
-
-»Ja, ins tiefste Verließ wollten sie dich stecken, wo weder Sonne noch
-Mond hinscheint, und wohin die Kundschafter und Späher gehören.«
-
-»Mit Verlaub, Junker,« erwiderte der Bote, »da wäre ich, wiewohl ein
-paar Stockwerke tiefer, in dieselbe Behausung gekommen wie Ihr.«
-
-»Hund von einem Aufpasser!« rief der Junker ungeduldig, indem Zorn
-seine Wange rötete. »Willst du meines Vaters Sohn in eine Reihe stellen
-mit dem Pfeifer von Hardt?«
-
-»Was sprecht Ihr da!« fuhr der Mann an seiner Seite mit wilder Miene
-auf. »Was nennt Ihr für einen Namen? Kennt Ihr den Pfeifer von Hardt?«
-Er hatte vielleicht unwillkürlich bei diesen Worten die Axt, die
-neben ihm lag, in seine nervige Rechte gefaßt. Seine gedrungene feste
-Gestalt, seine breite Brust gaben ihm, trotz seiner nicht ansehnlichen
-Größe, doch das Ansehen eines nicht zu verachtenden Kämpfers; sein wild
-rollendes Auge, sein eingepreßter Mund möchten manchen einzelnen Mann
-außer Fassung gebracht haben.
-
-Der Jüngling aber sprang mutig auf, er warf sein langes Haar zurück,
-und ein Blick voll Stolz und Hoheit begegnete dem finstern Auge jenes
-Mannes. Er legte seine Hand an den Griff seines Schwertes und sagte
-ruhig und fest: »Was fällt dir ein, dich so vor mich hinzustellen
-und mit dieser Stirne mich zu fragen? Du bist, wenn ich nicht irre,
-der, den ich nannte, du bist dieser Meuterer und Anführer von
-aufrührerischen Hunden. Pack' dich fort, auf der Stelle, oder ich will
-dir zeigen, wie man mit solchem Gesindel spricht!«
-
-Der Bauer schien mit seinem Zorn zu ringen; er hieb die Axt mit
-einem kräftigen Schwung in den Baum und stand nun ohne Waffe vor dem
-zürnenden jungen Mann. »Erlaubet,« sagte er, »daß ich Euch für ein
-andermal warne, daß Ihr Euren Gegner, und sei er auch nur ein geringer
-Bauersmann wie ich, nicht zwischen Euch und Eurem Braunen stehen
-lasset; denn wenn ich Euren Befehl, mich fortzupacken, hätte aufs
-schnellste befolgen wollen, wäre er mir trefflich zu statten gekommen.«
-
-Ein Blick dahin überzeugte Georg, daß der Bauer wahr gesprochen habe.
-Errötend über diese Unvorsichtigkeit, die beweisen konnte, wie wenig
-er noch Erfahrung im Kriege besitze, ließ er seine Hand von dem Griff
-seines Schwertes sinken und setzte sich, ohne etwas zu erwidern, auf
-die Erde nieder. Der Bauer folgte, jedoch in ehrerbietiger Entfernung,
-seinem Beispiel und sprach: »Ihr habt ganz recht, daß Ihr mir grollt,
-Herr von Sturmfeder, aber wenn Ihr wüßtet, wie weh mir jener Name tut,
-würdet Ihr vielleicht meine schnelle Hitze verzeihen! Ja, ich bin der,
-den man so nennt; aber es ist mir ein Greuel, mich also rufen zu hören.
-Meine Freunde nennen mich Hans, aber meinen Feinden gefällt jener Name,
-weil ich ihn hasse.«
-
-»Was hat dir dieser unschuldige Name getan?« fragte Georg, »warum nennt
-man dich so? Warum willst du dich nicht so nennen lassen?«
-
-»Warum man mich so nennt?« antwortete jener. »Ich bin aus einem Dorf,
-das heißt Hardt und liegt im Unterland, nicht weit von Nürtingen.
-Meinem Gewerbe nach bin ich ein Spielmann und musiziere auf Märkten und
-Kirchweihen, wenn die ledigen Burschen und die jungen Mägdlein tanzen
-wollen. Deswegen nannte man mich den Pfeifer von Hardt. Aber dieser
-Name hat sich mit Untat und Blut befleckt in einer bösen Zeit, darum
-habe ich ihn abgetan und kann ihn nimmer leiden.«
-
-Georg maß ihn mit einem durchdringenden Blicke, indem er sagte: »Ich
-weiß wohl, in welcher bösen Zeit: Als ihr Bauern gegen euren Herzog
-rebelliert habt, da warst du einer von den Aergsten. Ist's nicht also?«
-
-»Ihr seid wohlbekannt mit dem Schicksal eines unglücklichen Mannes,«
-sagte der Bauer, finster zu Boden blickend. »Ihr müßt aber nicht
-glauben, daß ich noch derselbe bin. Der Heilige hat mich gerettet und
-meinen Sinn geändert, und ich darf sagen, daß ich jetzt ein ehrlicher
-Mann bin.«
-
-»O, erzähle mir,« unterbrach ihn der Jüngling, »wie ging es zu in jenem
-Aufruhr? Wie wurdest du gerettet? Wie kommt's, daß du jetzt dem Herzog
-dienst?«
-
-»Das alles will ich auf ein andermal versparen,« entgegnete jener;
-»denn ich hoffe nicht, zum letztenmal an Eurer Seite zu sein. Erlaubt
-mir dafür, daß ich auch Euch etwas frage: Wo soll Euch denn dieser Weg
-hinführen? Da geht nicht die Straße nach Lichtenstein!«
-
-»Ich gehe auch nicht nach Lichtenstein!« antwortete Georg
-niedergeschlagen. »Mein Weg führt nach Franken zu dem alten Oheim. Das
-kannst du dem Fräulein vermelden, wenn du nach Lichtenstein kommst.«
-
-»Und was wollt Ihr beim Oheim? Jagen? Das könnt Ihr anderswo ebensogut.
-Langeweile haben? Die kauft Ihr allerorten wohlfeil. Kurz und gut,
-Junker,« setzte er gutmütig lächelnd hinzu, »ich rate Euch, wendet Euer
-Roß und reitet so ein paar Tage mit mir in Württemberg umher. Der Krieg
-ist ja so gut als beendigt. Man kann ganz ungehindert reisen.«
-
-»Ich habe dem Bund mein Wort gegeben, in vierzehn Tagen nicht gegen ihn
-zu fechten; wie kann ich also nach Württemberg gehen?«
-
-»Heißt denn das gegen ihn fechten, wenn Ihr ruhig Eure Straße ziehet?
-So also, vierzehn Tage lang? In vierzehn Tagen glauben sie den Krieg
-vollendet? Wird noch mancher nach vierzehn Tagen den Kopf verstoßen an
-den Mauern von Tübingen. Kommt mit, es ist ja nicht gegen Euren Eid!«
-
-»Und was soll ich in Württemberg?« rief Georg schmerzlich, »soll ich
-recht in der Nähe sehen, wie meine Kriegsgesellen bei Eroberung der
-Festen sich Ruhm erwerben? Soll ich den Bundesfahnen, denen ich auf
-ewig lebewohl gesagt und den Rücken gekehrt, noch einmal begegnen?
-Nein! Nach Franken will ich ziehen, in meine Heimat,« sagte er düster,
-indem er die umwölkte Stirn in die Hand stützte; »in meine alten Mauern
-will ich mich begraben und träumen, wie ich hätte glücklich sein
-können!«
-
-»Das ist ein schöner Entschluß für einen jungen Mann von Eurem Schrot
-und Korn! Habt Ihr denn in Württemberg gar nichts zu tun, als des armen
-Herzogs Burgen zu stürmen? Nun, reitet immerhin,« fuhr er fort, indem
-er den Jüngling mit listigem Lächeln anblickte, »versucht einmal, ob
-der Lichtenstein nicht mit Sturm genommen werden könne?«
-
-Der junge Mann errötete bis in die Stirne hinauf. »Wie magst du nur
-jetzt deinen Scherz treiben,« sagte er halb in Unmut, halb lächelnd,
-»wie magst du mit meinem Unglück spaßen?«
-
-»Fällt mir nicht ein, Scherz mit meinem gnädigen Junker zu treiben,«
-antwortete sein Gefährte; »es ist mein voller Ernst, daß ich Euch
-bereden möchte, dorthin zu ziehen.«
-
-»Und was dort tun?«
-
-»Nun! den alten Herrn für Euch gewinnen und die Tränen des bleichen
-Fräuleins stillen, das wegen Euch Tag und Nacht weint!«
-
-»Und wie soll ich auf den Lichtenstein kommen? Der Vater kennt mich
-nicht, wie soll ich mit ihm bekannt werden?«
-
-»Seid Ihr der erste Rittersmann, der nach Sitte der Väter eine freie
-Zehrung in einem Schloß fordert? Lasset nur mich dafür sorgen, so sollt
-Ihr bald auf den Lichtenstein kommen!«
-
-Der Jüngling sann lange Zeit nach, er erwog alle Gründe für und wider,
-er bedachte, ob es nicht gegen seine Ehre sei, statt vom Schauplatz
-des Krieges sich zu entfernen, in eine Gegend zu reisen, wohin sich
-der Krieg notwendig ziehen mußte. Doch als er bedachte, wie milde die
-Bundesobersten selbst seinen Abfall angesehen hatten, wie sie sogar
-im Fall seines völligen Uebertrittes zum Feinde nur vierzehn Tage
-Frist angesetzt hatten, als ihm Mariens trauernde Miene, ihre stille
-Sehnsucht auf ihrem einsamen Lichtenstein vorschwebte, da neigte sich
-die Schale nach Württemberg.
-
-»Noch einmal will ich sie sehen, nur noch einmal sie sprechen,« dachte
-er. -- »Nun wohlan!« rief er endlich, »wenn du mir versprichst, daß nie
-davon die Rede sein soll, mich an die Württemberger anzuschließen, daß
-ich nicht als Anhänger eures Herzogs, sondern als Gast in Lichtenstein
-behandelt werde, wenn du dies versprichst, so will ich folgen.«
-
-»Für mich kann ich dies wohl versprechen,« antwortete der Bauer, »aber
-wie kann ich etwas geloben für den Ritter von Lichtenstein?«
-
-»Ich weiß, wie du mit ihm stehest, und daß du oft zu ihm nach Ulm
-kamst, und er sein Vertrauen in dich setzt. So gut du ihm geheime
-Botschaft aller Art bringen konntest, nicht minder kannst du ihm auch
-dies beibringen.«
-
-Der Pfeifer von Hardt sah den jungen Mann lange staunend an. »Woher
-wißt Ihr dies?« rief er. »Doch -- die, welche mich verfolgten, können
-auch dies gesagt haben. Nun gut, ich verspreche Euch, daß Ihr überall
-so angesehen sein sollt, als Ihr wollet. Besteiget Euer Roß, ich will
-Euch führen, und Ihr sollt willkommen sein auf Lichtenstein!«
-
-
-
-
-13.
-
- Da spricht der arme Hirte: »Des mag noch werden Rat;
- Ich weiß geheime Wege, die noch kein Mensch betrat.
- Kein Mensch mag sie ersteigen, nur Geißen klettern dort;
- Wollt ihr sogleich mir folgen, ich bring' Euch sicher fort.«
-
- _Uhland._
-
-
-Von jenem Bergrücken, wo Georg den Entschluß gefaßt hatte, seinem
-geheimnisvollen Führer zu folgen, gab es zwei Wege in die Gegend von
-Reutlingen, wo Mariens Bergschloß, der Lichtenstein, lag. Der eine war
-die offene Heerstraße, welche von Ulm nach Tübingen führt. Sie führte
-durch das schöne Blautal, bis man bei Blaubeuren wieder an den Fuß
-der Alb kommt, von da quer über dieses Gebirge, vorbei an der Feste
-Hohen-Urach, gegen St. Johann und Pfullingen hin. Dieser Weg war sonst
-für Reisende, die Pferde, Sänften oder Wagen mit sich führten, der
-bequemere. In jenen Tagen aber, wo Georg mit dem Pfeifer von Hardt über
-das Gebirge zog, war es nicht ratsam, ihn zu wählen. Die Bundestruppen
-hatten schon Blaubeuren besetzt, ihre Posten dehnten sich über die
-ganze Straße bis gegen Urach hin und verfuhren gegen jeden, der nicht
-zum Heere gehörte oder zu ihnen sich bekannte, mit großer Strenge und
-Erbitterung. Georg hatte seine Gründe, diese Straße nicht zu wählen,
-und sein Führer war zu sehr auf seine eigene Sicherheit bedacht, als
-daß er dem jungen Mann von diesem Entschluß abgeraten hätte.
-
-Der andere Weg, eigentlich ein Fußpfad und nur den Bewohnern des Landes
-genau bekannt, berührte auf einer Strecke von beinahe zwölf Stunden
-nur einige einzelnstehende Höfe, zog sich durch dichte Wälder und
-Gebirgsschluchten und hatte, wenn er auch hie und da, um die Landstraße
-zu vermeiden, einen Bogen machte und für Pferde ermüdend und oft
-beinahe unzugänglich war, doch den großen Vorteil der Sicherheit.
-
-Diesen Pfad wählte der Bauer von Hardt, und der Junker willigte mit
-Freuden ein, weil er hoffen durfte, hier auf keine Bündischen zu
-stoßen. Sie zogen rasch fürbaß, der Bauer war immer an Georgs Seite.
-Wenn die Stellen schwierig wurden, führte er sorgsam sein Pferd und
-bewies überhaupt so viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt für Reiter und
-Roß, daß in Georgs Seele jene Warnungen Frondsbergs vor diesem Manne
-immer mehr an Gewicht verloren und er nur einen treuen Diener in ihm
-sah.
-
-Georg unterhielt sich gerne mit ihm. Er urteilte über manche Dinge,
-die sonst außer dem Kreise des Landmanns liegen, klug und scharfsinnig
-und mit einem so schlagenden Witz, daß er dem sonst ernsten, jungen
-Mann, den seine zweifelhafte Lage oft trübe stimmte, unwillkürlich
-ein Lächeln abnötigte. Von jeder Burg, die in der Ferne aus den
-Wäldern auftauchte, wußte er eine Sage zu erzählen, und die Klarheit
-und Lebendigkeit, mit welcher er vortrug, bewies, daß er bei manchem
-Hochzeitsschmaus, bei manchem Kirchweihtanz neben seinem Amt als
-Spielmann auch das eines Erzählers übernommen haben müsse. Nur so
-oft Georg auf sein eigenes Leben, besonders auf jene Periode kommen
-wollte, wo der Pfeifer von Hardt eine bedeutende Rolle in dem Aufruhr
-des armen Konrad gespielt hatte, brach er düster ab oder wußte mit
-mehr Geläufigkeit, als man dem schlichten Manne zugetraut hätte, das
-Gespräch auf andere Gegenstände zu bringen.
-
-So waren sie ohne Aufenthalt fortgereist. Hans wußte immer voraus,
-wann wieder ein Gehöfte kam, wo sie Erfrischung für sich und gutes
-Futter für das Pferd finden würden. Ueberall war er bekannt, überall
-wurde er freundlich, wiewohl, wie es Georg schien, meistens mit
-Staunen aufgenommen; er flüsterte dann gewöhnlich ein Viertelstündchen
-mit dem Hausvater, während die Hausfrau dem jungen Ritter emsig und
-freundlich mit Brot, Butter und unvermischtem Apfelwein aufwartete,
-und die »Büebla« und »Mädla« den hohen, schlanken Gast, seine schönen
-Kleider, seine glänzende Schärpe, die wallenden Federn seines
-Barettes bewunderten. War dann das kleine Mahl verzehrt, hatte Georgs
-Pferd wieder Kräfte gesammelt, so begleitete das ganze Haus den
-Scheidenden bis an die Türe, und der junge Reiter konnte zu seiner
-Beschämung niemals die Gastfreundschaft der guten Leute belohnen.
-Mit abwehrenden Blicken auf den Pfeifer von Hardt weigerten sie sich
-standhaft, seine kleinen Gaben anzunehmen. Auch dieses Rätsel löste
-ihm sein Begleiter nicht; denn seine Antwort: »Wenn die Leute nach
-Hardt kommen, kehren sie auch wieder bei mir ein,« schien nur eine
-ausweichende Antwort zu sein.
-
-Die Nacht brachten sie ebenfalls in einem dieser zerstreuten Höfe
-zu, wo die Hausfrau ihrem vornehmen Gast mit nicht geringerer
-Bereitwilligkeit auf der Ofenbank ein Bett zurecht machte, als sie ihm
-zu Ehren ein paar Tauben geopfert und einen dickgeschmälzten Haferbrei
-aufgetragen hatte.
-
-Den folgenden Tag setzten sie ihre Reise auf dieselbe Art fort, nur kam
-es Georg vor, als ob sein Führer mit noch mehr Vorsicht als gestern zu
-Werke gehe; denn er ließ, wenn sie sich einem Hof nahten, den Reiter
-wohl fünfhundert Schritte davon Halt machen, nahte sich behutsam den
-Gebäuden, und erst, nachdem er alles sorgfältig ausgespähet hatte,
-winkte er dem Junker, zu folgen. Georg befragte ihn umsonst, ob es in
-dieser Gegend gefährlicher sei, ob die Bundestruppen schon in der Nähe
-seien? Er sagte nichts Bestimmtes darüber.
-
-Doch gegen Mittag, als die Gegend lichter wurde und der Weg sich mehr
-gegen das ebene Land herabzuziehen schien, schien auch die Reise
-gefährlicher zu werden; denn der Spielmann von Hardt schien sich von
-jetzt an gar nicht mehr den Wohnungen nähern zu wollen, sondern hatte
-sich in einem Hof mit einem Sack versehen, der Futter für das Pferd und
-hinlängliche Viktualien für sie beide enthielt. Es schien, als ob er
-meist noch einsamere Pfade als bisher aufsuche. Auch glaubte Georg zu
-bemerken, daß sie nicht mehr dieselbe Richtung verfolgten wie früher,
-sondern sehr stark zur Rechten ablenkten.
-
-Am Rand eines schattigen Buchenwäldchens, wo eine klare Quelle und
-frischer Rasen zur Ruhe einlud, machten sie Halt. Georg stieg ab, und
-sein Führer zog aus seinem Sack ein gutes Mittagsmahl. Nachdem er das
-Pferd versehen hatte, setzte er sich zu den Füßen des jungen Ritters
-und begann mit großem Appetit zuzugreifen.
-
-Georg hatte seinen Hunger gestillt und betrachtete jetzt mit
-aufmerksamem Auge die Gegend. Es war ein schönes, breites Tal,
-in welches sie hinabsahen. Ein kleines Flüßchen eilte schnell
-durchhin; die Felder, wovon es begrenzt war, schienen gut und fleißig
-angepflanzt, eine freundliche Burg erhob sich auf einem Hügel am
-andern Ende des Tales, die ganze Gegend war freundlicher als der
-Gebirgsrücken, über welchen sie gezogen waren.
-
-»Es scheint, wir haben die Alb verlassen,« sagte der junge Mann, indem
-er sich zu seinem Gefährten wandte. »Dieses Tal, jene Hügel sehen bei
-weitem freundlicher aus als der Felsboden und die öden Weideplätze, die
-wir durchzogen. Selbst die Luft weht hier milder und wärmer als oben,
-wo uns die Winde oft so hart anfaßten.«
-
-»Ihr habt recht geraten, Junker,« sagte Hans, indem er die Reste
-ihrer Mahlzeit sorgfältig in den Sack legte; »diese Täler gehören zum
-Unterland, und jenes Flüßchen, das Ihr sehet, strömt in den Neckar.«
-
-»Wie kommt es aber, daß wir so weit vom Wege abbiegen?« fragte Georg.
-»Es kam mir schon oben im Gebirge vor, als haben wir die alte Richtung
-verlassen, aber du wolltest nie darauf hören. Dieser Weg muß, soviel
-ich die Lage von Lichtenstein kenne, viel zu weit rechts führen.«
-
-»Nun, ich will es Euch jetzt sagen,« antwortete der Bauer, »ich wollte
-Euch auf der Alb nicht unnötig bange machen, jetzt aber sind wir, so
-Gott will, in Sicherheit; denn im schlimmsten Fall sind wir keine vier
-Stunden mehr von Hardt, wo sie uns nichts mehr anhaben sollen.«
-
-»In Sicherheit?« unterbrach ihn Georg verwundert. »Wer soll uns etwas
-anhaben?«
-
-»Ei, die Bündischen,« erwiderte der Spielmann. »Sie streifen auf der
-Alb, und oft waren ihre Reiter keine tausend Schritte mehr von uns.
-Mir für meinen Teil wäre es nicht lieb gewesen, in ihre Hände zu
-fallen; denn sie sind mir, wie Ihr wohl wisset, gar nicht grün. Und
-auch Euch wäre es vielleicht nicht ganz recht, gefangen vor den Herrn
-Truchseß geführt zu werden.«
-
-»Gott soll mich bewahren!« rief der Junker. »Vor den Truchseß? Lieber
-lasse ich mich auf der Stelle totschlagen. Was wollen sie denn aber
-hier? Es ist ja hier in der Nähe keine Feste von Württemberg, und du
-sagtest mir ja doch, sie können ungehindert durchs Land ziehen; wonach
-streifen sie denn?«
-
-»Seht, Junker! es gibt überall schlechte Leute. Was ein rechter
-Württemberger ist, der läßt sich eher die Haut abziehen, als daß er
-den Herzog verrät, nach welchem die Bündler jetzt ein Treibjagen
-halten. Aber der Truchseß soll unter der Hand einen ganzen Haufen
-Gold versprochen haben, wenn man ihn fängt. Er hat seine Reiter
-ausgeschickt, diese streifen jetzt überall, und die Leute sagen, es
-gebe einige unter den Bauern, die sich vom Gold blenden lassen und den
-Spürhunden alle Klingen und Schlupfwinkel zeigen.«[19]
-
-»Nach dem Herzog sollen sie streifen? Der ist ja aus dem Lande geflohen
-oder, wie andere sagen, in Tübingen auf seinem festen Schlosse, wo ihn
-vierzig Ritter beschützen.«
-
-»Ja, die vierzig Edlen sind dort,« antwortete der Bauer mit schlauer
-Miene. »Auch des Herzogs Söhnlein, der Christoph, ist dort, das hat
-seine Richtigkeit; ob aber der Herzog selbst dort ist, weiß niemand
-recht. Im Vertrauen gesagt, wie ich ihn kenne, schließt er sich nur zur
-höchsten Not in eine Feste ein; er ist ein kühner, unruhiger Herr, und
-es ist ihm wohler in den Wäldern und Bergen, wenn es auch Gefahr hat.«
-
-»Den Herzog also suchen sie? Also müßte er hier in der Nähe sein?«
-
-»Wo er ist, weiß ich nicht,« erwiderte der Pfeifer von Hardt, »und
-ich wollte wetten, dies weiß niemand als Gott; aber wo er sein wird,
-weiß ich,« setzte er hinzu, und es schien Georg, als ob ein Strahl von
-Begeisterung aus dem Auge dieses Mannes breche; »wo er sein wird, wenn
-die Not am höchsten ist, wo seine Getreuen sich zu ihm finden werden,
-wo manche treue Brust zur Mauer werden wird, um den Herrn in der Not
-gegen diese Bündler zu schützen. Denn ist er auch ein strenger Herr, so
-ist er doch ein Württemberger, und seine schwere Hand ist uns lieber
-als die gleißenden Worte des Bayern und des Oesterreichers.«
-
-»Und wenn sie den unglücklichen Fürsten erkennen, wenn sie auf ihn
-stoßen? Hat er nicht seine Gestalt verhüllt und unkenntlich gemacht? Du
-hast mir einmal sein Gesicht beschrieben, und ich glaube ihn beinahe
-vor mir zu sehen, besonders sein gebietendes, glänzendes Auge. Aber wie
-ist seine Gestalt?«
-
-»Er mag kaum acht Jahre älter sein als Ihr,« entgegnete jener; »er
-ist nicht so groß als Ihr, aber in vielem Euch ähnlich an Gestalt;
-besonders wenn Ihr zu Pferd saßet und ich hinter Euch ging, da gemahnte
-es mich oft, und ich dachte: so, gerade so sah der Herzog aus in den
-Tagen seiner Herrlichkeit.«
-
-Georg war aufgestanden, um nach seinem Pferd zu sehen; die Worte des
-Bauern hatten ihn um seine Sicherheit besorgt gemacht, und er sah
-jetzt erst ein, wie töricht er gehandelt, in diesem Kriegsstrudel
-sich durch ein okkupiertes Land stehlen zu wollen. Es wäre ihm höchst
-unangenehm gewesen, in diesem Augenblick gefangen zu werden; zwar
-konnte er nach seinem Eide reisen, wohin er wollte, wenn er nur in den
-nächsten vierzehn Tagen keinen _tätlichen_ Anteil an dem Kampfe gegen
-den Bund nahm; aber er fühlte, welch nachteiliges Licht es dennoch
-auf ihn werfen müßte, in dieser Gegend, so weit von dem Wege nach
-seiner Heimat, aufgegriffen zu werden, und dazu noch in Gesellschaft
-eines Mannes, der den Bundesobersten sehr verdächtig, sogar gefährlich
-geschienen hätte. Umzukehren war keine Möglichkeit, denn es ließ sich
-beinahe mit Gewißheit annehmen, daß die Bundestruppen bereits die
-ganze Breite der Alb eingenommen hatten; das sicherste schien, sich zu
-beeilen, über die äußersten Posten des Heeres hinauszukommen; man hatte
-dann die Gefahr im Rücken, vor und neben sich aber freie Bahn.
-
-Das sonst so muntere Tier, das seinen Herrn über diese Gefahren hinaus
-tragen sollte, hing die Ohren; die große Eile und die ermüdenden,
-steinigen Fußpfade hatten seine Kraft geschwächt; zu seinem großen
-Verdruß bemerkte Georg sogar, daß es auf dem linken Vorderfuß nicht
-gerne auftrete, was nach einem achtstündigen Weg über scharfe, eckige
-Felsen nicht zu verwundern war. Der Bauer bemerkte die Verlegenheit
-des Junkers; er untersuchte das Tier und riet, es noch einige Stunden
-stehen zu lassen, gab aber zugleich den Trost, er sei der Gegend so
-kundig, daß sie eine große Strecke in der Nacht zurücklegen könnten.
-
-
-
-
-14.
-
- Es ziehen vom Schwabenbunde
- Die Jäger durchs Gefild,
- Sie spüren in die Runde
- Nach einem Fürstenwild.
-
- _G. Schwab._
-
-
-Der junge Mann ergab sich in sein Schicksal und suchte Zerstreuung in
-der lieblichen Aussicht, die sich noch bei weitem herrlicher seinen
-Augen öffnete, als ihn der Bauer etwa fünfzig Schritte höher geführt
-hatte. Sie standen auf einer Felsenecke, die einen schönen Ausläufer
-der schwäbischen Alb begrenzte. Ein ungeheures Panorama breitete
-sich vor den erstaunten Blicken Georgs aus, so überraschend, von so
-lieblichem Schmelz der Farben, von so erhabener Schönheit, daß seine
-Blicke eine geraume Zeit wie entzückt an ihnen hingen. Und wirklich,
-wer je mit reinem Sinn für Schönheiten der Natur, ohne himmelhohe
-Alpen, ohne Täler wie das Rheingau zu suchen, die schwäbische Alb
-bestiegen hat, dem wird die Erinnerung eines solchen Anblickes unter
-die lieblichsten der Erde gehören.
-
-Man denke sich eine Kette von Gebirgen, die von der weitesten
-Entfernung dem Auge kaum erreichbar, durch alle Farben einer herrlichen
-Beleuchtung, von sanftem Grau, durch alle Nüancen von Blau, am Horizont
-sich herzieht, bis das dunkle Grün der näherliegenden Berge mit seinem
-sanften Schmelz die Kette schließt. Auf diesen Gipfeln eines langen
-Gebirgsrückens erkennt das Auge Schlösser und Burgen ohne Zahl, die wie
-Wächter auf diese Höhen sich lagern und über das Land hinschauen. Jetzt
-sind ihre Türme zerfallen, ihre stattlichen Tore sind gebrochen, den
-tiefen Burggraben füllen Trümmer und Moos, und die Hallen, in welchen
-sonst laute Freude erscholl, sind verstummt; aber damals, als Georg
-auf dem Felsen von Beuren stand, ragten sie noch fest und herrlich;
-sie breiteten sich wie eine undurchbrochene Schar gewaltiger Männer
-zwischen den Heldengestalten von Staufen und Hohenzollern aus.
-
-»Ein herrliches Land, dieses Württemberg!« rief Georg, indem sein Auge
-von Hügel zu Hügel schweifte. »Wie kühn, wie erhaben diese Gipfel und
-Bergwände, diese Felsen und ihre Burgen! Und wenn ich mich dorthin
-wende gegen die Täler des Neckar, wie lieblich jene sanften Hügel, jene
-Berge mit Obst und Wein besetzt, jene fruchtbaren Täler mit schönen
-Bächen und Flüssen, dazu ein milder Himmel und ein guter, kräftiger
-Schlag von Menschen!«
-
-»Ja,« fiel der Bauer ein, »es ist ein schönes Land; doch hier oben will
-es noch nicht viel sagen, aber was so unter Stuttgart ist, das wahre
-Unterland, Herr! da ist es eine Freude, im Sommer oder Herbst am Neckar
-hinabzuwandeln; wie da die Felder so schön und reich stehen, wie der
-Weinstock so dicht und grün die Berge überzieht, und wie Nachen und
-Flöße den Neckar hinauf- und hinabfahren, wie die Leute so fröhlich an
-der Arbeit sind und die schönen Mädchen singen wie die jungen Lerchen!«
-
-»Wohl sind jene Täler an der Rems und dem Neckar schöner,« entgegnete
-Georg; »aber auch dieses Tal zu unsern Füßen, auch diese Höhen um uns
-her haben eigenen, stillen Reiz. Wie heißen jene Burgen auf den Hügeln,
-sprich, wie heißen jene fernen Berge?«
-
-Der Bauer überblickte sinnend die Gegend und zeigte auf die hinterste
-Bergwand, die dem Auge kaum noch sichtbar aus den Nebeln ragte. »Dort
-hinten, zwischen Morgen und Mittag, ist der Roßberg; in gleicher
-Richtung herwärts, jene vielen Felsenzacken sind die Höhen von Urach.
-Dort, mehr gegen Abend, ist Achalm, nicht weit davon, doch könnt Ihr
-ihn hier nicht sehen, liegt der Felsen von Lichtenstein.«
-
-»Dort also,« sagte Georg stille vor sich hin, und sein Auge tauchte
-tief in die Nebel des Abends, »dort, wo jenes Wölkchen in der Abendröte
-schwebt, dort schlägt ein treues Herz für mich; jetzt auch steht sie
-vielleicht auf der Zinne ihres Felsens und sieht herüber in diese Welt
-von Bergen, vielleicht nach diesem Felsen hin. O, daß die Abendlüfte
-dir meine Grüße brächten, und jene rosigen Wolken dir meine Nähe
-verkündeten!«
-
-»Weiter hin, Ihr sehet doch jene scharfe Ecke, das ist die Teck; unsere
-Herzoge nennen sich Herzoge von Teck, es ist eine gute feste Burg;
-wendet Eure Blicke hier zur Rechten, jener hohe, steile Berg war einst
-die Wohnung berühmter Kaiser, es ist Hohenstaufen.«
-
-»Aber wie heißt jene Burg, die hier zunächst aus der Tiefe
-emporsteigt?« fragte der junge Mann; »sieh nur, wie sich die Sonne an
-ihren hellen weißen Wänden spiegelt, wie ihre Zinnen in goldenen Duft
-zu tauchen scheinen, wie ihre Türme in rötlichem Lichte erglänzen.«
-
-»Das ist Neuffen, Herr! auch eine starke Feste, die dem Bunde zu
-schaffen machen wird.«
-
-Die Sonne des kurzen, schönen Märztages begann während dieses
-Zwiegesprächs der Wanderer hinabzusinken. Die Schatten des Abends
-rollten dunkle Schleier über das Gebirge und verhüllten dem Auge die
-ferneren Gipfel und Höhen. Der Mond kam bleich herauf und überschaute
-sein nächtliches Gebiet. Nur die hohen Mauern und Türme von Neuffen
-rötete die Sonne noch mit ihren letzten Strahlen, als sei dieser Felsen
-ihr Liebling, von welchem sie ungern scheide. Sie sank, auch diese
-Mauern hüllten sich in Dunkel, und durch die Wälder zog die Nachtluft,
-geheimnisvolle Grüße flüsternd, dem heller strahlenden Mond entgegen.
-
-»Jetzt ist die wahre Tageszeit für Diebe und für flüchtige Reisende wie
-wir,« sagte der Bauer, als er des Junkers Pferd aufzäumte; »sei es noch
-um eine Stunde, so ist die Nacht kohlschwarz, und dann soll uns, bis
-die Sonne wieder aufgeht, kein bündischer Reiter ausspüren!«
-
-»Glaubst du, es habe Gefahr?« fragte Georg, indem er seine Hand nach
-dem Helm ausstreckte und das dünne Barett abnahm. »Meinst du nicht, wir
-sollten uns besser wappnen?«
-
-»Laßt hängen, Junker,« rief der Bauer lachend, »solch eine Sturmhaube
-ist an sich schon kalt und gibt in einer frischen Nacht nicht sehr
-warm; laßt immer Euer Barett sitzen; in dieser Gegend suchen sie den
-Herzog nicht, und wollten sie kommen, wir zwei fürchten ihrer viere
-nicht.«
-
-Der junge Mann ließ zögernd seinen schönen Helm am Sattelknopf hängen,
-er schämte sich, weniger Mut zu zeigen als sein Begleiter, der
-unberitten, nur durch eine dünne lederne Mütze geschützt und mit einer
-einfachen Axt schlecht bewaffnet war. Er schwang sich auf. Sein Führer
-ergriff die Zügel des Rosses und schritt voran den Berg hinab.
-
-»Du meinst also?« fragte Georg nach einer Weile, »bis hierher werden
-sich die bündischen Reiter nicht wagen?«
-
-»Es ist nicht wohl möglich,« antwortete der Pfeifer, »Neuffen ist ein
-starkes Schloß und hat gute Besatzung; sie werden es zwar in kurzer
-Zeit mit Heeresmacht belagern, aber Gesindel, wie die Handvoll Reiter
-des Truchseß, wagt sich doch nicht in die Nähe einer feindlichen Burg.«
-
-»Schau! Wie hell und schön der Mond scheint,« rief der Jüngling, der,
-noch immer erfüllt von dem Anblick auf dem Berge, die wunderlichen
-Schatten der Wälder und Höhen, die hellglänzenden Felsen betrachtete;
-»sieh, wie die Fenster von Neuffen im Mondlicht schimmern!«
-
-»Es wäre mir lieber, er schiene heute nacht nicht,« entgegnete sein
-Führer, indem er sich zuweilen besorgt umsah; »dunkle Nacht wäre besser
-für uns, der Mond hat schon manchen braven Mann verraten. Doch jetzt
-steht er gerade über den Reissenstein, wo der Riese gewohnt hat; es
-kann nicht mehr lange dauern, so ist er hinunter.«
-
-»Was schwatzest du da von einem Riesen, der auf dem Reissenstein
-gewohnt hat?«
-
-»Ja, dort hat vor langer Zeit ein Riese gewohnt,[20] das hat seine
-Richtigkeit; dort über dem Berg, gerade wo jetzt der Mond steht,
-liegt ein Schloß, das heißt der Reissenstein; es gehört jetzt den
-Helfensteinern; es liegt auf jähen Felsen, weit oben in der Luft,
-und hat keine Nachbarschaft als die Wolken und bei Nacht den Mond.
-Geradeüber von der Burg, auf einem Berge, worauf jetzt der Heimenstein
-steht, liegt eine Höhle, und darinnen wohnte vor alters ein Riese.
-Er hatte ungeheuer viel Gold und hätte herrlich und in Freuden leben
-können, wenn es noch mehr Riesen und Riesinnen außer ihm gegeben hätte.
-Da fiel es ihm ein, er wolle sich ein Schloß bauen, wie es die Ritter
-haben auf der Alb. Der Felsen gegenüber schien ihm gerade recht dazu.
-
-»Er selbst war ein schlechter Baumeister; er grub mit den Nägeln
-haushohe Felsen aus der Alb und stellte sie auf einander, aber sie
-fielen immer wieder ein und wollten kein geschicktes Schloß geben. Da
-legte er sich auf den Beurener Felsen und schrie ins Tal hinab nach
-Handwerkern; Zimmerleute, Maurer und Steinmetze, Schlosser, alles solle
-kommen und ihm helfen, er wolle gut bezahlen.
-
-»Man hörte sein Geschrei im ganzen Schwabenlande, vom Kocher hinauf bis
-zum Bodensee, vom Neckar bis an die Donau, und überallher kamen die
-Meister und Gesellen, um dem Riesen das Schloß zu bauen. -- Reitet aus
-dem Mondschein, Junker, hierher in den Schatten; Euer Harnisch glänzt
-wie Silber und könnte leicht den Spürhunden in die Augen glänzen!
-
-»Nun, um wieder auf den Riesen zu kommen, so war es lustig anzusehen,
-wie er vor seiner Höhle im Sonnenschein saß und über dem Tal drüben
-auf dem hohen Felsen sein Schloß bauen sah; die Meister und Gesellen
-waren flink an der Arbeit und bauten, wie er ihnen über das Tal hinüber
-zuschrie; sie hatten allerlei fröhlichen Schwank und Kurzweil mit ihm,
-weil er von der Bauerei nichts verstand. Endlich war der Bau fertig,
-und der Riese zog ein und schaute aus dem höchsten Fenster aufs Tal
-hinab, wo die Meister und Gesellen versammelt waren, und fragte sie, ob
-ihm das Schloß gut anstehe, wenn er so zum Fenster hinausschaue. Als er
-sich aber umsah, ergrimmte er, denn die Meister hatten geschworen, es
-sei alles fertig, aber an dem obersten Fenster, wo er heraussah, fehlte
-noch ein Nagel.
-
-»Die Schlossermeister entschuldigten sich und sagten: es habe sich
-keiner getraut, vors Fenster hinaus in die Luft zu sitzen und den Nagel
-einzuschlagen. Der Riese aber wollte nichts davon hören, sondern zahlte
-den Lohn nicht aus, bis der Nagel eingeschlagen sei.
-
-»Da zogen sie alle wieder in die Burg, die wildesten Burschen
-vermaßen sich hoch und teuer, es sei ihnen ein geringes, den Nagel
-einzuschlagen; wenn sie aber an das oberste Fenster kamen und
-hinausschauten in die Luft und hinab in das Tal, das so tief unter
-ihnen lag, und ringsum nichts als Felsen, da schüttelten sie den Kopf
-und zogen beschämt ab. Da boten die Meister zehnfachen Lohn, wer den
-Nagel einschlage, und es fand sich lange keiner.
-
-»Nun war ein flinker Schlossergeselle dabei, der hatte die Tochter
-seines Meisters lieb, und sie ihn auch, aber der Vater war ein harter
-Mann und wollte sie ihm nicht zum Weibe geben, weil er arm war. Der
-faßte sich ein Herz und dachte, er könne hier seinen Schatz verdienen
-oder sterben; denn das Leben war ihm verleidet ohne sie. Er trat vor
-den Meister, ihren Vater, und sprach: ›Gebt Ihr mir Eure Tochter, wenn
-ich den Nagel einschlage?‹ Der aber gedachte seiner auf diese Art
-loszuwerden, wenn er auf die Felsen hinabstürze und den Hals breche,
-und sagte ja.
-
-»Der flinke Schlossergeselle nahm den Nagel und seinen Hammer, sprach
-ein frommes Gebet und schickte sich an, zum Fenster hinauszusteigen
-und den Nagel einzuschlagen für sein Mädchen. Da erhob sich ein
-Freudengeschrei unter den Bauleuten, daß der Riese vom Schlaf aufwachte
-und fragte, was es gebe, und als er hörte, daß sich einer gefunden
-habe, der den Nagel einschlagen wolle, kam er, betrachtete den jungen
-Schlosser lange und sagte: ›Du bist ein braver Kerl und hast mehr Herz
-als das Lumpengesindel da; komm, ich will dir helfen.‹ Da nahm er ihn
-beim Genick, daß es allen durch Mark und Bein ging, hob ihn zum Fenster
-hinaus in die Luft und sagte: ›Jetzt hau' drauf zu! ich lasse dich
-nicht fallen.‹
-
-»Und der Geselle schlug den Nagel in den Stein, daß er fest saß;
-der Riese aber küßte und streichelte ihn, daß er beinahe ums Leben
-kam, führte ihn zum Schlossermeister und sprach: ›Diesem gibst du
-dein Töchterlein.‹ Dann ging er hinüber in seine Höhle, langte
-einen Geldsack heraus und zahlte jeden aus bei Heller und Pfennig.
-Endlich kam er auch an den flinken Schlossergesellen; zu diesem sagte
-er: ›Jetzt gehe heim, du herzhafter Bursche, hole deines Meisters
-Töchterlein und ziehe ein in diese Burg, denn sie ist dein.‹
-
-»Des freuten sich alle; der Schlosser ging heim, und --«
-
-»Horch! Hörtest du nicht das Wiehern von Rossen?« rief Georg, dem es
-in der Schlucht, die sie durchzogen, ganz unheimlich wurde. Der Mond
-schien noch hell, die Schatten der Eichen bewegten sich, es rauschte im
-Gebüsch, und oft wollte es ihm bedünken, als sehe er dunkle Gestalten
-im Wald neben sich hergehen.
-
-Der Pfeifer von Hardt blieb stehen, ungeduldig, daß ihn der Junker
-nicht bis zum Ende erzählen lasse: »Es kam mir vorhin auch so vor, aber
-es war der Wind, der in den Eichen ächzt, und der Schuhu schrie im
-Gebüsch. Wären wir nur das Wiesental noch hinüber, da ist es so offen
-und hell wie bei Tag; jenseits fängt wieder der Wald an, da ist es dann
-dunkel und hat keine Not mehr. Gebt Eurem Braunen die Sporen und reitet
-Trab über das Tal hin, ich laufe neben Euch her.«
-
-»Warum denn jetzt auf einmal Trab?« fragte der junge Mann. »Meinst du,
-es habe Gefahr? Gestehe nur, nicht wahr, du hast sie auch gesehen, die
-Gestalten im Wald, die neben uns herschlichen. Glaubst du, es sind
-Bündische?«
-
-»Nun ja,« flüsterte der Bauer, indem er sich umsah, »mir war es auch,
-als ob uns jemand nachschleiche; drum sputet Euch, daß wir aus dem
-verdammten Hohlweg herauskommen, und dann im Trab über das Tal hinüber,
-weiterhin hat es keine Gefahr.«
-
-Georg machte sein Schwert locker in der Scheide und nahm die Zügel
-seines Rosses kräftiger in die Faust. Schweigend zogen sie die Schlucht
-hinab, beleuchtet von so hellem Mondschein, daß der junge Mann jeden
-Zug seines Gefährten erkennen konnte und deutlich sah, daß er seine Axt
-auf die Schulter nahm und ein Messer, das er im Wams verborgen hatte,
-herauszog und in den Gürtel steckte.
-
-Sie wollten eben am Ausgang des Hohlweges in das Tal einbiegen, da
-rief eine Stimme im Gebüsch: »Das ist der Pfeifer von Hardt, drauf
-Gesellen, der dort auf dem Roß muß der Rechte sein!«
-
-»Fliehet, Junker, fliehet!« rief sein treuer Führer und stellte sich
-mit seiner Axt zum Kampf bereit; doch Georg zog sein Schwert, und in
-demselben Augenblick sah er sich von fünf Männern angefallen, während
-sein Gefährte schon mit drei andern im Handgemenge war.
-
-Der enge Hohlweg hinderte ihn, sich seiner Vorteile zu bedienen und
-zur Seite auszubiegen. Einer packte die Zügel seines Rosses, doch in
-demselben Augenblick traf ihn Georgs Klinge auf die Stirne, daß er ohne
-Laut niedersank; doch die andern, wütend gemacht durch den Fall ihres
-Genossen, drangen noch stärker auf ihn ein und riefen ihm zu, sich zu
-ergeben; aber Georg, obgleich er schon am Arm und Fuß aus mehreren
-Wunden blutete, antwortete nur durch Schwerthiebe.
-
-»Lebendig oder tot,« rief einer der Kämpfenden, »wenn der Herr Herzog
-nicht anders will, so mag er's haben!« Er rief's, und in demselben
-Augenblick sank Georg von Sturmfeder, von einem schweren Hieb über den
-Kopf getroffen, nieder. In tödlicher Ermattung schloß er die Augen,
-er fühlte sich aufgehoben und weggetragen und hörte nur das grimmige
-Lachen seiner Mörder, die über ihren Fang zu triumphieren schienen.
-
-Nach einer kleinen Weile ließ man ihn auf den Boden nieder, ein Reiter
-sprengte heran, saß ab und trat zu denen, die ihn getragen hatten.
-Georg raffte seine letzte Kraft zusammen, um die Augen noch einmal
-zu öffnen; er sah ein unbekanntes Gesicht, das sich über ihn beugte.
-»Was habt ihr gemacht?« hörte er rufen. »Dieser ist es nicht, ihr habt
-den Falschen getroffen. Macht, daß ihr fortkommt, die von Neuffen
-sind uns auf den Fersen.« Matt zum Tode schloß Georg sein Auge, nur
-sein Ohr vernahm wilde Stimmen und das Geräusch von Streitenden,
-doch auch dieses zog sich ferne; feuchte Kälte drang aus dem Boden
-des Wiesentales und machte seine Glieder erstarren, aber ein süßer
-Schlummer senkte sich auf den Verwundeten herab, und mit dem letzten
-Gedanken an die Geliebte entschwanden seine Sinne.
-
-
-
-
-15.
-
- Von vieler Burgen Walle
- Des Bundes Fahnen wehn;
- Die Städte huld'gen alle,
- Kein Schloß mag widerstehn,
- Nur Tübingen, die Feste,
- Verspricht noch Wehr und Trutz.
-
- _Schwab._
-
-
-Der schwäbische Bund war mit Macht in Württemberg eingedrungen, von
-Tag zu Tag gewann er an Boden, von Woche zu Woche wurden seine Heere
-furchtbarer. Zuerst war nach langer, mutiger Gegenwehr der Höllenstein,
-das feste Schloß von Heidenheim, gefallen. Ein tapferer Mann, Stephan
-von Lichow, hatte dort befehligt; aber mit seinen paar Feldschlangen,
-mit einer Handvoll Knechte konnte er den Tausenden des Bundes und der
-Kriegskunst eines Frondsberg nicht widerstehen. Bald nachher fiel
-Göppingen. Nicht minder tapfer, als der von Lichow, hatte sich Philipp
-von Rechberg gewehrt, hatte sogar für sich und seine Knechte freien
-Abzug erfochten; aber das Schicksal des Landes vermochte er nicht
-abzuwenden. Teck, damals noch eine starke, feste Burg, fiel durch
-Unvorsichtigkeit der Besatzung; am mutigsten hielt sich Möckmühl; es
-schloß einen Mann in seinen Mauern ein, der sich allein mit zwanzig
-der Belagerer geschlagen hätte; sein eiserner Wille war oft nicht
-minder schwer als seine eiserne Hand auf ihnen gelegen. Auch diese
-Mauern wurden gebrochen, und Götz von Berlichingen fiel in des Bundes
-Hand. Auch Schorndorf konnte den Kanonen Georgs von Frondsberg nicht
-widerstehen; es war die festeste Stadt gewesen; mit ihr fiel das
-Unterland.[21]
-
-So war nun ganz Württemberg bis herauf gegen Kirchheim in der
-bündischen Gewalt, und der Bayern Herzog brach sein Lager auf, um
-mit Ernst an Stuttgart zu gehen. Da kamen ihm Gesandte entgegen nach
-Denkendorf, die um Gnade flehten. Sie durften zwar nicht wagen, vor
-dem erbitterten Feind ihren Herzog zu entschuldigen; aber sie gaben
-zu bedenken, daß ja er, die Ursache des Krieges, nicht mehr unter
-ihnen sei, daß man nur gegen seinen unschuldigen Knaben, den Prinzen
-Christoph, und gegen das Land Krieg führe. Aber vor der ehernen Stirne
-Wilhelms von Bayern, vor den habgierigen Blicken der Bundesglieder
-fanden diese Bitten keine Gnade. Ulrich habe diese Strafe verdient, gab
-man zur Antwort, das Land habe ihn unterstützt, also mit gefangen, mit
-gehangen -- auch Stuttgart mußte seine Tore öffnen.
-
-Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollständig; der größte
-Teil des Oberlandes hielt noch zu dem Herzog, und es schien nicht,
-als ob er sich auf den ersten Aufruf ergeben wolle. Dieses höher
-gelegene Gebirgsland wurde von zwei festen Plätzen, Urach und Tübingen,
-beherrscht; so lange diese sich hielten, wollten auch die Lande umher
-nicht abfallen. In Urach hielt es die Bürgerschaft mit dem Bunde, die
-Besatzung mit dem Herzog. Es kam zum Handgemenge, worin der tapfere
-Kommandant erstochen wurde; die Stadt ergab sich den Bündischen.
-
-Und so war in der Mitte des April nur Tübingen noch übrig; doch
-dieses hatte der Herzog stark befestigt, dort waren seine Kinder
-und die Schätze seines Hauses; dem Kern des Adels, vierzig wackern,
-kampfgeübten Rittern, und zweihundert der tapfersten Landeskinder
-war das Schloß anvertraut. Diese Feste war stark, mit Kriegsvorräten
-wohl versehen, an ihr hingen jetzt die Blicke der Württemberger;
-denn aus diesen Mauern war ihnen schon manches Schöne und Herrliche
-hervorgegangen, von diesen Mauern aus konnte das Land wieder dem
-angestammten Fürsten erobert werden, wenn es sich so lange hielt, bis
-er Entsatz herbeibrachte. Und dorthin wandten sich jetzt die Bündischen
-mit aller Macht. Ihrer Gewappneten Schritte tönten durch den Schönbuch,
-die Täler des Neckars zitterten unter dem Hufschlag ihrer Rosse; auf
-den Feldern zeigten tiefe Spuren, wohin die schweren Feldschlangen,
-Falkonen und Bombarden, die Kugel- und Pulverwagen, der ganze
-furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war.
-
-Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder nicht
-gesehen. Ein tiefer, aber süßer Schlummer hielt wie ein mächtiger
-Zauber seine Sinne viele Tage lang gefangen; es war ihm in diesem
-Zustand wohl zumut, wie einem Kinde, das an dem Busen seiner Mutter
-schläft, nur hin und wieder die Augen ein wenig öffnet, um in eine Welt
-zu blicken, die es noch nicht kennt, um sie dann wieder auf lange zu
-verschließen. Schöne, beruhigende Träume aus besseren Tagen gaukelten
-um sein Lager, ein mildes, seliges Lächeln zog oft über sein bleiches
-Gesicht und tröstete die, welche mit banger Erwartung seiner pflegten.
-
-Wir wagen es, den Leser in die niedere Hütte zu führen, die ihn
-gastfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen des neunten Tages,
-nachdem er verwundet wurde.
-
-Die Morgensonne dieses Tages brach sich in farbigen Strahlen an den
-runden Scheiben eines kleinen Fensters und erhellte das größere Gemach
-eines dürftigen Bauernhauses. Das Geräte, womit es ausgestattet war,
-zeugte zwar von Armut, aber von Reinlichkeit und Sinn für Ordnung.
-Ein großer, eichener Tisch stand in einer Ecke des Zimmers, auf zwei
-Seiten von einer hölzernen Bank umgeben. Ein geschnitzter, mit hellen
-Farben bemalter Schrein mochte den Sonntagsstaat der Bewohner oder
-schöne, selbstgesponnene Leinwand enthalten; das dunkle Getäfel der
-Wände trug ringsum ein Brett, worauf blanke Kannen, Becher und Platten
-von Zinn, irdenes Geschirr mit sinnreichen Reimen bemalt, und allerlei
-musikalische Instrumente eines längst verflossenen Jahrhunderts, als
-Zimbeln, Schalmeien und eine Zither, aufgestellt waren. Um den großen
-Kachelofen, der weit vorsprang, waren reinliche Linnen zum Trocknen
-aufgehängt, und sie verdeckten beinahe dem Auge eine große Bettstelle
-mit Gardinen von großgeblümtem Gewebe, die im hintersten Teile der
-Stube aufgestellt war.
-
-An diesem Bette saß ein schönes, liebliches Kind von etwa sechzehn bis
-siebzehn Jahren. Sie war in jene malerische Bauerntracht gekleidet,
-die sich teilweise bis auf unsere Tage in Schwaben erhalten hat. Ihr
-gelbes Haar war unbedeckt und fiel in zwei langen, mit bunten Bändern
-durchflochtenen Zöpfen über den Rücken hinab. Die Sonne hatte ihr
-freundliches, rundes Gesichtchen etwas gebräunt, doch nicht so sehr,
-daß es das schöne, jugendliche Rot auf der Wange verdunkelt hätte;
-ein munteres blaues Auge blickte unter den langen Wimpern hervor.
-Weiße, faltenreiche Aermel bedeckten bis an die Hand den schönen
-Arm, ein rotes Mieder, mit silbernen Ketten geschnürt, mit blendend
-weißen, zierlich genähten Linnen umgeben, schloß eng um den Leib; ein
-kurzes schwarzes Röckchen fiel kaum bis über die Knie herunter; diese
-schmucken Sachen, und dazu noch eine blanke Schürze und schneeweiße
-Zwickelstrümpfe mit schönen Kniebändern, wollten beinahe zu stattlich
-aussehen zu dem dürftigen Gemach, besonders da es Werktag war.
-
-Die Kleine spann emsig feine glänzende Fäden aus ihrer Kunkel, zuweilen
-lüftete sie die Gardinen des Bettes und warf einen verstohlenen Blick
-hinein; doch schnell, als wäre sie auf bösen Wegen erfunden worden,
-schlug sie die Vorhänge wieder zu und strich die Falten glatt, als
-sollte niemand merken, daß sie gelauscht habe.
-
-Die Türe ging auf, und eine runde, ältliche Frau, in derselben Tracht
-wie das Mädchen, aber ärmlicher gekleidet, trat ein. Sie trug eine
-dampfende Schüssel Suppe zum Frühstück auf und stellte Teller auf dem
-Tisch zurecht. Indem fiel ihr Blick auf das schöne Kind am Bette, sie
-staunte sie an, und wenig hätte gefehlt, so ließ sie den Krug mit gutem
-Apfelwein fallen, den sie eben in der Hand hielt.
-
-»Was fällt der aber um Gotteswilla ei', Bärbele?« sagte sie, indem sie
-den Krug niedersetzte und zu dem Mädchen trat. »Was fällt der ei',
-daß de am Wertich da nuia rauta Rock zum Spinna anziehst? und au 's
-nui Mieder hot se an, und, ei daß di! -- au a silberne Kette! und en
-frischa Schurz und Strümpf no so mir nix dir nix aus em Kasta reißa?
-Wer wird denn en solcha Hochmut treiba, du dummes Ding, du? Woißt du
-net, daß mer arme Leut sind? und daß du es Kind voma onglückliche Mann
-bist?« --
-
-Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden lassen; sie
-schlug zwar die Augen nieder, aber ein schelmisches Lächeln, das über
-ihr Gesicht flog, zeigte, daß die Strafpredigt nicht sehr tief gehe.
-»Ei, so lasset Uich doch b'richta,« antwortete sie, »was schadet's
-denn dem Rock, wenn i ihn au amol ama christlicha Wertich ahan? An der
-silberna Kette wird au nix verderbt, und da Schurz kann i jo wieder
-wäscha!«
-
-»So? als wemma et immer gnuag z'wäscha und z'putza hätt? So sag mer no,
-was ist denn in de g'fahra, daß de so strählst und schöa machst?«
-
-»Ah was!« flüsterte das errötende Schwabenkind, »wisset Er denn net,
-daß heut der acht' Tag ist? Hot et der Aetti g'sait, der Junker werd'
-am heutiga Morga verwacha, wenn sei Tränkle guete Wirking häb? Und do
-hanne eba denkt --«
-
-»Ist's um dui Zeit?« entgegnete die Hausfrau freundlicher. »Da host
-wärle reacht; wenn er verwacht und sieht älles so schluttich und
-schlampich, se ist's et guot und könnt Verdruß gä beim Aette. Ih sieh
-au aus wia na Drach. Gang, Bärbele, hol mer mei schwarz Wammes, mei
-rauts Miader und en frischa Schurz.«
-
-»Aber Muater,« gab die Kleine zu bedenken, »Er wendt Uich doch et do
-atan wölla? Wenn der Junker jetzt no grad verwacha tät! Ganget lieber
-uffe und teant Uich droban a, i bleib derweil bei em.«
-
-»Da host au reacht, Mädle,« murmelte die Alte, ließ selbst das
-Frühstück stehen und ging, um sich in ihren Putz zu werfen. Die
-Tochter aber öffnete das Fenster der frischen erquickenden Morgenluft,
-sie streute Futter auf den breiten Sims, viele Tauben und Sperlinge
-flogen heran und verzehrten mit Gurren und Zwitschern ihr Frühstück;
-die Lerchen in den Bäumen vor den Fenstern antworteten in einem
-vielstimmigen Chorus, und das schöne Mädchen sah, von der Morgensonne
-umstrahlt, lächelnd ihren kleinen Kostgängern zu.
-
-In diesem Augenblick öffneten sich die Gardinen des Bettes, der Kopf
-eines schönen jungen Mannes sah heraus; wir kennen ihn, es ist Georg.
-
-Ein leichtes Rot, der erste Bote wiederkehrender Gesundheit, lag auf
-seinen Wangen; sein Blick war wieder glänzend wie sonst, sein Arm
-stemmte sich kräftig auf das Lager. Erstaunt blickte er auf seine
-Umgebungen; dieses Zimmer, dieses Geräte waren ihm fremd, er selbst,
-seine ganze Lage kam ihm ungewohnt vor. Wer hatte ihm diese Binde um
-das Haupt gebunden? Wer hatte ihn in dieses Bett gelegt? Es war ihm wie
-einem, der mit fröhlichen Brüdern eine Nacht durchjubelt, die Besinnung
-endlich verloren hat und auf einem fremden Lager aufwacht.
-
-Lange sah er dem Mädchen am Fenster zu; dieses Bild, das erste, das ihm
-bei seinem Erwachen aus langem Schlafe entgegentrat, war so freundlich,
-daß er das Auge nicht davon abwenden konnte; endlich siegte die
-Neugierde, über das, was mit ihm vorgegangen war, gewisser zu werden;
-er machte ein Geräusch, indem er die Gardinen des Bettes noch weiter
-zurückschlug.
-
-Das Mädchen am Fenster schien zusammenzuschrecken; sie wandte sich um,
-über ein schönes Gesicht flog ein brennendes Rot, freundliche, blaue
-Augen staunten ihn an; ein roter, lächelnder Mund schien vergebens
-nach Worten zu suchen, den Kranken bei seiner Rückkehr ins Leben zu
-begrüßen. Sie faßte sich und eilte mit kurzen Schritten an das Bette,
-doch machte sie unterwegs mehreremal Halt, als besinne sie sich, ob er
-denn wirklich wieder aufgewacht sei, ob es sich auch schicke, daß sie
-zu ihm trete, da er jetzt wieder lebe wie ein anderer Mensch.
-
-Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schönen Kindes lächelnd
-zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen.
-
-»Sag' mir, wo bin ich? Wie kam ich hierher?« fragte Georg. »Wem gehört
-dieses Haus, worin ich, mir scheint, aus einem langen Schlaf erwacht
-bin?«
-
-»Sind Er wieder ganz bei Uich?« rief das Mädchen, indem sie vor Freude
-die Hände zusammenschlug. »Ach, Herr Jeses, wer hett' es denkt? Er
-gucket oin doch au wieder g'scheit an und et so duselig, daß oims
-ällemol angst und bang wora ist.«
-
-»Ich war also krank?« forschte Georg, der das Idiom des Mädchens nur
-zum Teil verstand. »Ich lag einige Stunden ohne Bewußtsein?«
-
-»Ei, wie schwätzet Er doch!« kicherte das hübsche Schwabenkind und nahm
-das Ende des langen Zopfbandes in den Mund, um das laute Lachen zu
-verbeißen: »a paar Stund' saget Er? Heit nacht wird's g'rad nei Tag, da
-se Uich brocht hent.«
-
-Der Jüngling staunte sie mit ernsten Blicken an. Neun Tage, ohne zu
-Marien zu kommen! Zu Marien? Mit diesem himmlischen Bilde kehrte wie
-mit _einem_ Schlage seine Erinnerung wieder; er erinnerte sich, daß
-er vom Bunde sich losgesagt; daß er sich entschlossen habe, nach
-Lichtenstein zu reisen, daß er über die Alb auf geheimen Wegen gezogen
-sei, daß -- er und sein Führer überfallen, vielleicht gefangen wurden.
-»Gefangen?« rief er schmerzlich. »Sage, Mädchen, bin ich gefangen?«
-
-Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die klaren Blicke
-des jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine freundlichen
-Züge ernst, beinahe wild wurden; sie glaubte, er falle in jenen
-schrecklichen Zustand zurück, wo er, vom Wundfieber hart angefallen,
-einige Stunden lang gerast hatte, und der schwermütige Ton seiner Frage
-konnte ihre Furcht nicht mindern. Unschlüssig, ob sie bleiben oder um
-Hilfe rufen sollte, trat sie einen Schritt zurück.
-
-Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angst die
-Bestätigung seiner Frage zu lesen. »Gefangen, vielleicht auf lange,
-lange Zeit,« dachte er, »vielleicht weit von ihr entfernt, ohne
-Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr zu wissen!« Sein Körper war
-noch zu erschöpft, als daß er der trauernden Seele widerstanden hätte;
-eine Träne stahl sich aus dem gesenkten Auge.
-
-Das Mädchen sah diese Träne, ihre Angst löste sich augenblicklich in
-Mitleiden auf, sie trat näher, sie setzte sich an sein Bett, sie wagte
-es, die herabhängende Hand des Jünglings zu ergreifen. »Er müesset et
-greina,« sagte sie; »Euer Gnada sind jo jetzt wieder g'sund, und -- Er
-kennet jo jetzt bald wieder fortreita,« setzte sie, wehmütig lächelnd,
-hinzu.
-
-»Fortreiten?« fragte Georg, »also bin ich nicht gefangen?«
-
-»G'fanga? Noi, g'fanga send Er net; es hätt zwor a paarmol sei kenna,
-wia dia vom schwäbischa Bund vorbeizoga send; aber mer hent Uich
-allemol guet versteckt; der Vater hot g'sait, mer solla da Junker koin
-Menscha seha lau.«
-
-»Der Vater?« rief der Jüngling; »wer ist der gütige Mann? Wo bin ich
-denn?«
-
-»Ha, wo werdet Er sei?« antwortete Bärbele, »bei aus send Er in Hardt.«
-
-»In Hardt?« Ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten Wände gab ihm
-Gewißheit, daß er Freiheit und Leben jenem Manne zu verdanken habe, der
-ihm wie ein Schutzgeist von Marien zugesandt war. »Also in Hardt? Und
-dein Vater ist der Pfeifer von Hardt? Nicht wahr?«
-
-»Er hot's et gern, wemmer em so ruaft,« antwortete das Mädchen; »er ist
-freile sei's Zoiches a Spielma, er hairts am gernsta, wemmer Hans zua
-nem sait.«
-
-»Und wie kam ich denn hierher?« fragte jener wieder.
-
-»Ja wisset Er denn au gar koi Wörtle meh?« lächelte das hübsche Kind
-und bediente sich des Zopfbandes. Sie erzählte, ihr Vater sei schon
-seit einigen Wochen nicht zu Hause gewesen, da sei er einesmals vor
-neun Tagen in der Nacht an das Haus gekommen und habe stark gepocht,
-bis sie erwacht sei. Sie habe seine Stimme erkannt und sei hinabgeeilt,
-um ihm zu öffnen. Er sei aber nicht allein gewesen, sondern noch
-vier andere Männer bei ihm, die eine, mit einem Mantel verdeckte,
-Tragbahre in die Stube niedergelassen haben. Der Vater habe den Mantel
-zurückgeschlagen und ihr befohlen zu leuchten, sie aber sei heftig
-erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann sei auf der Bahre
-gelegen. Der Vater habe ihr befohlen, das Zimmer schnell zu wärmen,
-indessen habe man den Verwundeten, den sie seinen Kleidern nach für
-einen vornehmen Herrn erkannt habe, auf das Bett gebracht. Der Vater
-habe ihm seine Wunden mit Kräutern verbunden, habe ihm dann auch selbst
-einen Trank bereitet, denn er verstehe sich trefflich auf die Arzneien
-für Tiere und Menschen. Zwei Tage lang seien sie alle besorgt gewesen,
-denn der Junker habe gerast und getobt; nach dem zweiten Tränklein
-aber sei er stille geworden, der Vater habe gesagt, am achten Morgen
-werde er gesund und frisch erwachen, und wirklich sei es auch so
-eingetroffen.
-
-Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der Rede des Mädchens
-zugehört. Er hatte sie oft unterbrechen müssen, wenn er ihre
-zierlichen Ausdrücke nicht recht verstand, oder wenn sie in ihrer Rede
-abschweifte, um die Kräuter zu beschreiben, woraus der Pfeifer von
-Hardt seine Arzneien bereitet hatte.
-
-»Und dein Vater,« fragte er sie, »wo ist er?«
-
-»Was wisset mir, wo er ist!« antwortete sie ausweichend, doch als
-besinne sie sich eines Besseren, setzte sie hinzu: »Uich kammes jo
-saga, denn Ihr müesset guet Freund sei mit em Vater. Er ist nach
-Lichtastoi.«
-
-»Nach Lichtenstein?« rief Georg, indem sich seine Wangen höher färbten.
-»Und wann kommt er zurück.«
-
-»Ja er _sott_ schau seit zwoi Tag do sei, wie ner gsait hot. Wenn em no
-nix g'scheha ist. D'Leut saget, dia bündische Reiter bassen em uff.«
-
-Nach Lichtenstein -- dorthin zog es ja auch ihn. Er fühlte sich kräftig
-genug, wieder einen Ritt zu wagen und die Versäumnis der neun Tage
-einzuholen. Seine nächste und wichtigste Frage war daher nach seinem
-Roß, und als er hörte, daß es sich ganz wohl befinde und im Kuhstall
-seiner Ruhe pflege, war auch der letzte Kummer von ihm gewichen. Er
-dankte seiner holden Pflegerin für seine Wartung und bat sie um sein
-Wams und seinen Mantel. Sie hatte längst alle Spuren von Blut und
-Schwerthieben aus den schönen Gewändern vertilgt; mit freundlicher
-Geschäftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus dem geschnitzten und
-gemalten Schrein, wo sie neben ihrem Sonntagsschmuck geruht hatte.
-Lächelnd breitete sie Stück für Stück vor ihm aus und schien sein Lob,
-daß sie alles so schön gemacht habe, gerne zu hören, dann enteilte sie
-dem Gemach, um die frohe Botschaft, daß der Junker ganz genesen sei,
-der Mutter zu verkündigen.
-
-Ob sie der Mutter auch gestanden, daß sie schon seit einer halben
-Stunde mit dem schönen freundlichen Herrn geplaudert habe, wissen wir
-nicht. Wir haben aber Ursache, daran zu zweifeln, denn jene ältliche,
-runde Frau hatte Erfahrung aus ihrer Jugend und glaubte, ihrem
-Töchterlein die Warnung nie genug wiederholen zu können, sie solle sich
-wohl hüten, mit einem jungen Burschen länger als ein Ave Maria lang zu
-sprechen.
-
-
-
-
-16.
-
- -- Was kümmert's dich? Du fragst
- Nach Dingen, Mädchen, die dir nicht geziemen.
-
- _Schiller._
-
-
-Als die runde Frau und Bärbele von der Bodenkammer herabstiegen, war
-ihr erster Gang nicht in das Gemach, wo ihr Gast war, sondern nach der
-Küche, und zwar aus zweierlei Gründen: einmal, weil jetzt dem Gast ein
-kräftiges Habermus gekocht werden mußte, und dann -- von der Küche ging
-ein kleines Fenster in die Stube, dorthin stellte sich die Mutter, um
-die Mienen des Junkers zu rekognoszieren.
-
-Bärbele stellte sich auf die Zehen und schaute ihrer Mutter über die
-Schultern durchs Fensterlein. Sie staunte, und ihr Herz pochte seit
-siebzehn Jahren zum erstenmal recht ungestüm; denn so hübsch hatte
-sie sich doch den Junker nicht gedacht. Sie war zwar oft von seinem
-Anblick bis zu Tränen gerührt gewesen, wenn er mit starren Augen,
-ohne Bewußtsein, beinahe ohne Leben dalag. Seine bleichen, noch im
-Kampfe mit dem Tode so schönen Züge hatten sie oft angezogen, wie ein
-rührendes, erhabenes Bild den frommen Sinn einer Betenden anzieht; aber
-jetzt, sie fühlte es, jetzt war es was ganz anderes. Die Augen waren
-wieder gefüllt von schönem, mutigen Feuer; es wollte dem Bärbele auf
-den Zehen bedünken, als habe sie, so alt sie geworden, noch gar keine
-solche gesehen. Das Haar lag nicht mehr in unordentlichen Strängen um
-die schöne Stirne; es fiel geordnet und reich auf den Nacken hinab.
-
-Seine Wangen hatten sich wieder gerötet, seine Lippen waren so frisch
-wie die Kirschen an Petri und Paul; und wie ihn das seidengestickte
-Wams gut kleidete und der breite weiße Halskragen, den er über das
-Kleid herausgelegt hatte! Aber das konnte das Mädchen nicht ergründen,
-warum er wohl immer auf eine aus weiß und blauer Seide geflochtene
-Schärpe niedersah, so fest, so eifrig, als wären geheimnisvolle Zeichen
-eingewoben, die er zu entziffern bemüht sei. Ja, es kam ihr sogar vor,
-als drücke er die Feldbinde an das Herz, als führe er sie an die Lippen
-voll Andacht und Inbrunst, wie man Reliquien zu verehren pflegt.
-
-Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch das Fensterlein
-vollendet. »'s ist a Herr wie na Prinz,« sagte sie, indem sie das
-Habermus umrührte. »Was er a Wammes a hot! Dia Herra z'Stuagert
-kennet's et schöner hau. Was duet er no mit dem Fetza, won er in der
-Hand hot? Er guckt a jo schier ausenander! Es ist, ka sei a bißle Bluat
-na kommt, daß ens verzirnt.«
-
-»Noi, sell isch et,« entgegnete Bärbele, die jetzt bequemer das Zimmer
-übersehen konnte, »aber wisseter, Muater, wia mer's fürkommt? Er macht
-so gar fuirige Auga druf na: sell ist gewiß ebbes von seim Schatz.«
-
-Die runde Frau konnte sich nicht enthalten, über die richtige Vermutung
-ihres Kindes etwas weniges zu lächeln, doch schnell nahm sie ihre
-mütterliche Würde wieder zusammen, indem sie entgegnete: »A, was woist
-du von Schätz! So na Kind wia du muaß gar a nix so denka! Gang jetzt
-weg vom Fensterle dort, lang mir sell Häfele her. Der Herr wird a
-fürnehms Fressa g'wohnt sei, i muaß am a bißle viel Schmalz in de Brei
-dauh!«
-
-Bärbele verließ etwas empfindlich das Fenster. Sie wußte, daß sie ihrer
-Mutter nicht widersprechen dürfe, aber diesmal hatte sie offenbar
-unrecht. Ging nicht das Mädchen schon seit einem Jahr in den Lichtkarz,
-wo von den Mädchen des Dorfes über Schätzchen und Liebe viel gesprochen
-und gesungen wurde? Hatten nicht einige ihrer Gespielinnen, die wenige
-Wochen älter waren als sie, schon jede einen erklärten Schatz, und
-sie allein sollte nicht davon sprechen, nicht einmal etwas davon
-wissen dürfen? Nein, es war recht unbillig von der runden Frau, ihrem
-Töchterlein, das, wenn sie sich auf die Zehen stellte, der Mutter über
-die Schultern sehen konnte, solche Wissenschaft geradehin zu verbieten.
-Aber wie es zu geschehen pflegt, das Verbot reizt gewöhnlich zur
-Uebertretung, und Bärbele nahm sich vor, nicht eher zu ruhen, als bis
-sie wisse, warum der junge Ritter mit so gar »fuirigen Augen« auf seine
-Feldbinde hinschaue.
-
-Das Frühstück des Junkers war indessen fertig geworden, es fehlte
-nichts mehr als ein Becher guten alten Weines. Auch dieser war bald
-herbeigebracht, denn der Pfeifer von Hardt war zwar ein geringer
-Mann, aber nicht so arm, daß er nicht für feierliche Gelegenheiten
-ein Fäßchen im Keller liegen hatte. Das Mädchen trug den Wein und das
-Brot, und die runde Frau ging in vollem Sonntagsstaat, die Schüssel mit
-Habermus in beiden Fäusten, ihrem holden Töchterlein voran in die Stube.
-
-Es kostete den jungen Mann nicht geringe Mühe, den vielen Knicksen der
-Pfeifersfrau Einhalt zu tun. Sie hatte in ihrer Jugend einmal auf dem
-Schlosse zu Neuffen gedient und wußte, was Lebensart war. Daher blieb
-sie mit der rauchenden Schüssel an ihrer eigenen Schwelle stehen, bis
-ihr der gestrenge Junker ernstlich befahl, vorzutreten. Die Tochter
-aber stand errötend hinter der runden Frau, und ihr verschämtes Gesicht
-ward nur auf Augenblicke sichtbar, wenn die Mutter sich recht tief
-verneigte. Auch sie machte die gehörige Anzahl Knickse, doch mochten
-sie nicht so ungemein ehrerbietig sein, denn sie hatte ja schon ein
-halbes Stündchen mit ihm geplaudert.
-
-Das Mädchen deckte jetzt den Tisch mit frischen Linnen, setzte dem
-Junker das Habermus und den Wein an den Ehrenplatz in der Ecke der
-Bank unter dem Kruzifix; dann steckte sie einen zierlich geschnitzten
-hölzernen Löffel in das Mus. Er blieb aufrecht darin stehen, und es war
-dies ein gutes Zeichen, daß das Frühstück delikat bereitet sei. Als der
-Junker sich niedergelassen hatte, setzten sich auch Mutter und Tochter
-an den Tisch zu ihrem Suppennapf, doch in bescheidener Entfernung
-und nicht ohne das Salzfaß zwischen sich und ihren vornehmen Gast zu
-stellen. Denn so wollte es die Sitte in den guten alten Zeiten.
-
-Georg hatte, während sie das Frühmahl verzehrten, Muße genug, die
-beiden Frauen zu betrachten. Er gestand sich, daß die Hausehre des
-Pfeifers von Hardt eine stattliche Frau sei, die vielleicht manchen
-weniger kühnen Mann als seinen Führer und Erretter unter die Stelzen
-ihrer gewichtigen Schuhe (Pantoffel hatte sie wohl nicht) gebracht
-hätte. Auch das Kind des Spielmanns dünkte ihm eine liebliche Dirne,
-und ein so schöner Kopf, solche freundlichen Augen hätten vielleicht in
-seinem Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen, wäre es nicht
-von _einem_ Bilde schon ganz erfüllt gewesen, wäre nicht die Kluft so
-unendlich groß gewesen, welche Geburt und Verhältnisse zwischen den
-Erben des Namens Sturmfeder und die geringe Tochter des Pfeifers von
-Hardt befestigt hatten. Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke mit
-Wohlgefallen auf ihren reinen unschuldigen Zügen, und wäre die runde
-Frau nicht mit ihrer Suppe zu beschäftigt gewesen, so wäre ihr wohl die
-Röte nicht entgangen, die auf den Wangen ihres Kindes aufstieg, wenn
-zufällig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge des jungen Mannes
-begegnete.
-
-»Der Napf ist leer, jetzt ist es Zeit zu schwatzen.« Dieser richtige
-Spruch galt auch hier, sobald das Tischtuch weggenommen war. Georg
-lagen vornehmlich zwei Dinge am Herzen: er mußte gewiß sein, wann
-der Pfeifer von Lichtenstein zurückkommen würde, weil er nur seine
-Nachrichten über die Geliebte abwarten wollte, um dann sogleich zu ihr
-zu eilen; und zweitens war es ihm sehr wichtig, zu erfahren, wo das
-Heer des Bundes in diesem Augenblick stehe. Ueber das erstere konnte er
-keine weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Mädchen früher schon
-gesagt hatte. Der Vater sei etwa seit sechs Tagen abwesend, habe aber
-versprochen, am fünften Abend wieder hier zu sein, und sie erwarten ihn
-daher stündlich. Die runde Frau vergoß Tränen, indem sie dem Junker
-klagte, daß ihr Mann, seitdem dieser Krieg begonnen, kaum einige
-Stunden zu Haus gewesen sei. Er sei von früheren Zeiten her schon als
-ein unruhiger Mann berüchtigt, jetzt murmeln die Leute auch wieder
-allerlei über ihn, und gewiß bringe er seine Frau und sein Kind durch
-sein gefährliches Leben noch in Unglück und Jammer.
-
-Georg suchte alle Trostgründe hervor, um ihre Tränen zu stillen; es
-gelang ihm wenigstens insoweit, daß sie ihm seine Fragen nach dem
-Bundesheer beantwortete.
-
-»Ach Herr,« sagte sie, »es ist a Graus und a Jommer; 's ist g'rad, wie
-wenn der wild Jäger uf de Wolka reitet und mit seine g'schpenstige Hund
-übers Land wegzieht. 's ganz Unterland hent se schau, und jetzt goht's
-mit em hella Haufa ge Tibenga.«
-
-»So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand?« fragte Georg
-verwundert, »Höllenstein, Schorndorf, Göppingen, Teck, Urach? Sind sie
-alle schon eingenommen?«
-
-»Aelles hent se. A Mann von Schorndorf hot's g'sait, daß se de
-Höllastoi, Schorndorf und Göppinga hent. Aber von Teck und Aurich kane
-Uich ganz gnau berichta, mer send jo koine drei, vier Stund davo.«
-Sie erzählte nun: am dritten April sei das Heer vor Teck gezogen. Sie
-haben einen Teil des Fußvolkes vor das eine Tor gesetzt und sich mit
-der Besatzung über die Uebergabe besprochen. Da seien alle Knechte
-zu diesem Tor geeilt und haben zugehört, und indessen sei das andere
-Tor von den Feinden bestiegen worden.[22] Im Schloß Urach aber seien
-vierhundert herzogliche Fußknechte gewesen. Diese habe die Bürgerschaft
-nicht in die Stadt lassen wollen, als der Feind anrückte. Es sei zum
-Gefecht zwischen ihnen gekommen, worin die Knechte auf den Markt
-gedrungen seien, dort aber sei der Vogt von einer Kugel getroffen und
-nachher mit Hellebarden niedergestoßen worden. Die Stadt habe sich
-dem Bunde ergeben. »Es ist koi Wunder,« schloß die runde Frau ihre
-Erzählung, »älle Burga und Schlösser nehme se ei; denn se hent lange
-Feldschlanga und Bombardierstuck, wo se Kugla draus schießet, graißer
-als mei Kopf, daß älle Maura zemabrecha und älle Tirn einfalla müeßet.«
-
-Georg konnte nach diesem Bericht ahnen, daß eine Reise von Hardt nach
-Lichtenstein nicht minder gefährlich sein werde als jener Ritt über
-die Alb, denn er mußte gerade die Linie zwischen Urach und Tübingen
-durchschneiden. Doch war Urach schon seit mehreren Tagen von dem Heere
-verlassen. Die Belagerung von Tübingen mußte notwendig viele Mannschaft
-erfordern, und so konnte Georg dennoch hoffen, daß keine eigentlichen
-Posten mehr den Strich Landes, den er zu durchreisen hatte, besetzt
-halten werden.
-
-Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines Führers. Seine
-Kopfwunde war geheilt; sie war nicht tief gewesen, denn die Federn
-seines Barettes und sein dichtes Haar hatten dem Hiebe, der nach ihm
-geführt worden war, seine Schärfe benommen; doch war der Schlag noch
-immer kräftig genug gewesen, um ihn auf so viele Tage des Bewußtseins
-zu berauben. Auch seine übrigen Wunden an Arm und Beinen waren geheilt,
-und die einzige körperliche Folge jener unglücklichen Nacht war
-eine Mattigkeit, die er dem Blutverlust, dem langen Liegen und dem
-Wundfieber zuschrieb; doch auch diese schwand von Stunde zu Stunde,
-denn ein frischer Mut und sehnsüchtige Gedanken in die Ferne verjagen
-gar bald solche schlimmen Gäste.
-
-Es gehörte übrigens dieser frische Mut und ein wenig jugendliche
-Neugierde dazu, ihm die langsam hinschleichenden Stunden erträglich
-zu machen. Es gehörte die muntere Tochter des Pfeifers dazu, um
-ihn vergessen zu lassen, wie unerträglich lange ihr Vater auf sich
-warten lasse. Er sah hier, was er sich schon lange zu sehen gewünscht
-hatte, eine echte schwäbische Bauernwirtschaft. Wie drollig kamen ihm
-ihre Sitten, ihre Sprache vor. Sein Franken, so nahe es an dieses
-Württemberg grenzte, hatte doch wieder einen andern Schlag von Leuten.
-Es deuchte ihm, seine Bauern seien pfiffiger, verschlagener, in
-manchen Dingen weniger roh als diese; aber die gutmütige Ehrlichkeit
-dieser Leute, die aus ihren Augen, aus ihrer Sprache, aus ihrem ganzen
-Wesen hervorblitzte; ihre muntere, unverdrossene Arbeitsamkeit; ihre
-Reinlichkeit, die ihrer Armut ein ehrbares, sogar schmuckes Ansehen
-gab, dies alles machte, daß er zu fühlen glaubte, es haben diese Leute
-als Menschen mehr inneren Gehalt als die, welche er in seinen Gauen
-kennen gelernt hatte, wenn sie auch in manchen Dingen nicht so viel
-Verschlagenheit zeigten.
-
-Bewundern mußte er auch die trauliche gutmütige Geschwätzigkeit des
-Mädchens. Die runde Frau mochte schmälen, wie sie wollte, mochte sie
-noch so oft ermahnen, den hohen Stand des Ritters zu bedenken, sie
-ließ es sich nicht nehmen, ihren Gast zu unterhalten, besonders da
-sie ihren geheimen Plan, zu erforschen, ob sie in Hinsicht auf die
-Feldbinde besser geraten habe als die Mutter, noch nicht aufgegeben
-hatte. Sie hatte hierüber noch ihre ganz besonderen Gedanken. Als
-nämlich der Junker so gar krank gelegen, war sie in der Nacht noch
-lange aufgeblieben, um dem Vater Gesellschaft zu leisten, der am Bette
-des Verwundeten wachte; doch bald schlief sie über ihrer Arbeit ein. Es
-mochte ungefähr zehn Uhr in der Nacht sein, da sie von einem Geräusch
-im Zimmer aufgeschreckt wurde. Sie sah einen Mann mit dem Vater
-angelegentlich sprechen; seine Züge entgingen ihr nicht, obgleich er
-sich in eine große Kappe gehüllt hatte; sie glaubte einen Diener des
-Ritters von Lichtenstein, der schon oft auf geheimnisvolle Weise zu dem
-Pfeifer von Hardt gekommen war, und bei dessen Anwesenheit sie immer
-das Zimmer hatte verlassen müssen, in ihm zu erkennen.
-
-Neugierig, endlich einmal zu hören, was dieser Mann bei dem Vater
-zu tun habe, schloß sie ihre Augen wieder fest zu; denn es war ihr
-wahrscheinlich, daß ihr Vater sie nur im Zimmer ließ, weil er sie für
-fest eingeschlafen hielt. Der Mann erzählte von einem Fräulein, die
-über eine gewisse Nachricht untröstlich sei. Sie habe den fremden Mann
-gebeten und gefleht, nach Hardt zu gehen und Nachricht einzuziehen,
-sie habe geschworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe, ihrem Vater
-alles zu sagen und zur Pflege des Kranken selbst zu kommen. Solches
-hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen; der Vater hatte darauf
-das Fräulein beklagt, hatte dem Boten den ganzen Zustand des Kranken
-geschildert und versprochen, daß er, sobald sich der Kranke gebessert
-habe, selbst kommen werde, um dem Fräulein diesen Trost zu bringen. Der
-fremde Mann hatte sodann dem Kranken ein Löckchen von seinen langen
-Haaren abgeschnitten, es in ein Tuch geschlagen und unter dem Wams wohl
-verwahrt; darauf war er, vom Vater geführt, aus der Stube gegangen, und
-kurz nachher hörte sie ihn bei Nacht und Nebel wieder wegreiten.
-
-Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschäfte der folgenden Tage
-bald wieder aus dem leichten, jugendlichen Sinn der Tochter des
-Pfeifers von Hardt verdrängt, sie erwachte aber jetzt aufs neue,
-aufgeregt durch das, was Bärbele durchs Küchenfenster gesehen hatte.
-Sie wußte, daß der Ritter von Lichtenstein eine Tochter habe, denn die
-Schwester des Spielmanns war ja ihre Amme. Und dieses Fräulein mußte
-es wohl sein, die den Lichtensteiner Knecht gesandt habe, um sich so
-angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die sogar selbst kommen
-wollte, um ihn zu pflegen.
-
-Alle Sagen von liebenden Königstöchtern, von Rittern, die krank in
-Gefangenschaft gelegen und von holden Fräulein errettet wurden, alles,
-was über dieses Kapitel jemals in der traulichen Spinnstube erzählt
-worden war -- und es gab viele »grausige« Geschichten hierüber -- kam
-ihr in das Gedächtnis. Sie wußte nun zwar nicht, wie es mit der Minne
-so vornehmer Leute beschaffen sei, aber sie dachte, es werde dem hohen
-Fräulein wohl ungefähr ebenso ums Herz sein wie den Mädchen von Hardt,
-wenn sie an einen schmucken Burschen von Ober-Ensingen oder Köngen ihr
-Herz verschenkt haben. Und in dieser Hinsicht kam ihr das Verhältnis,
-dem sie in Gedanken nachspürte, gar reizend vor, besonders dachte sie
-sich den Schmerz des Fräuleins auf ihrer fernen, hohen Burg recht
-grausam und rührend, wie sie nicht wisse, ob ihr Schatz lebendig oder
-tot sei, wie sie nicht zu ihm könne, um ihn zu sehen und zu pflegen.
-
-Sie wußte ein Lied, das man oft im Lichtkarz sang; es hatte eine schöne
-Weise und kam ihr unwillkürlich auch jetzt in den Sinn; es hieß:
-
- »Wenn i im Bett lieg' und bi krank,
- Wer führt mer mei Schätzle zum Tanz;
- Und wenn i im Grab lieg' und faule,
- Wer kußt no ihr Honigmaule?«
-
-Tränen traten ihr in die sonst so fröhlichen Augen, als sie bedachte,
-wie leicht der Junker seinem Liebchen hätte wegsterben können, und
-wie sie dann so einsam und ohne Liebe gewesen wäre, und doch war sie
-gewiß recht schön und eines vornehmen reichen Ritters Kind. Doch ist
-nicht der Junker noch viel schlimmer daran? dachte das gutherzige
-Schwabenkind weiter; dem Fräulein hat ja der Vater jetzt Nachricht von
-ihm gebracht, aber er, er wußte ja seit vielen Tagen kein Wörtchen von
-ihr; denn früher wußte er nichts von sich selbst, und seit er wieder
-ganz bei Leben war, konnte er auch nichts wissen; darum hatte er wohl
-die Binde, die er gewiß von ihr hatte, so beweglich angeschaut und ans
-Herz und den Mund gedrückt? Sie nahm sich vor, ihm zu erzählen, was
-in jener Nacht vorgegangen sei; vielleicht ist es ihm doch ein Trost,
-dachte sie.
-
-Georg hatte bemerkt, wie die fröhliche Miene des spinnenden Bärbeles
-nach und nach ernster geworden war, wie sie über etwas nachzusinnen
-schien, ja er glaubte sogar eine Träne in ihrem Auge bemerkt zu haben.
-»Was hast du, Mädchen,« fragte er, als die Mutter gerade das Zimmer
-verlassen hatte; »warum wirst du auf einmal so still und ernst und
-netzest ja sogar deine Fäden mit Tränen?«
-
-»Send denn Ihr so lustig, Junker?« fragte Bärbele und sah ihm recht
-fest ins Auge; »i han g'moint, es sei vorig ebbes aus Eure Auga
-g'rollt, was selle Binde dort g'netzt hot. Sell hent Er gewiß vo Eurem
-Schätzle, und jetzt tuet Uichs loid, daß Er et bei er send.«
-
-Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben, denn der junge Mann errötete
-tief über ihre Frage. »Du hast vielleicht recht,« sagte er lächelnd,
-»doch bin ich deswegen nicht gar zu traurig, ich werde sie bald
-wiedersehen.«
-
-»Ach, was des für a Freud sein wird in Lichtastoi!« entgegnete Bärbele
-mit einem schelmischen Seitenblick.
-
-Georg erstaunte; sollte ihr der Vater von dem Geheimnis seiner Liebe
-etwas gesagt haben? »In Lichtenstein?« fragte er sie, »was weißt du von
-mir und Lichtenstein?«
-
-»Ach, i mag's dem gnädigen Fräule wohl gönna, daß se wieder a Mol a
-Freud hot; mer hot mer g'sait, se häb rechtschaffa g'jommeret, wie Er
-so krank gwe send.«
-
-»Gejammert, sagst du?« rief Georg, indem er aufsprang und zu ihr trat.
-»So wußte sie um meine Krankheit? O sage, was weißt du von Marie?
-Kennst du sie? Was sagte der Vater von ihr?«
-
-»Der Vater hot koi sterbes Wörtle zu mer g'sait, und i wißt au net,
-daß es a Fräule von Lichtastoi geit, wenn et mei Bas ihr Amm wär. Aber
-Er müeßet mer's et übel nemma, Junker, dasse a bissele g'horcht hau;
-gucket, des Ding ist so ganga.« Sie erzählte dem Junker, wie sie hinter
-das Geheimnis gekommen sei, und daß der Vater, wahrscheinlich um guten
-Trost zu bringen, nach Lichtenstein gegangen sei.
-
-Georg wurde schmerzlich bewegt durch diese Nachricht, er hatte bis
-jetzt geglaubt, Marie werde die Nachricht seines Unfalls zugleich mit
-der tröstlichen Kunde seiner Genesung erhalten, und jetzt mußte er
-erfahren, daß sie mehrere bange Tage in Ungewißheit geschwebt habe:
-in der schrecklichen Ungewißheit, ob er nicht hier noch entdeckt
-werde, ob er gerettet werde, ob sie ihn je wiedersehen würde; er
-kannte ihr treues Herz, und wie lebhaft konnte er sich ihren Kummer
-denken! Wahrlich, sein eigenes Unglück schien ihm gering und nicht zu
-beachten, wenn er sich den Jammer des teuren Mädchens vorstellte.
-Wie viel hatte sie in Ulm gelitten, wie schmerzlich war ihr der
-Abschied von ihm geworden; und kaum hatte ihr Herz wieder freier
-geatmet in dem Gedanken, daß er des Bundes Fahnen verlassen werde,
-kaum hatte sie ein wenig heiterer in die Zukunft gesehen, so kam ihr
-die Schreckensbotschaft von der tödlichen Wunde. Und dieses alles vor
-den Blicken des Vaters verschließen zu müssen, diesen großen Schmerz
-allein tragen zu müssen, ohne eine, auch nur _eine_ Seele zu haben, bei
-welcher sie weinen, bei welcher sie Trost suchen konnte. Jetzt fühlte
-er erst, wie notwendig es sei, schnell nach Lichtenstein zu eilen, und
-seine Ungeduld wurde zum Unmut, daß jener sonst so kluge Mann gerade in
-diesen kostbaren Augenblicken so lange ausbleibe.
-
-Das Mädchen mochte seine Gedanken erraten: »I sieh wohl, Er möchtet
-gern von uns fort; wenn no der Vater do wär, den alloi fendet Er da Weg
-nach Lichtastoi net; Er send koi Witaberger, des merke an der Sproch,
-und do kennet Er leicht verirra. Wisset Er was? I lauf em Vater entgege
-und mach, daß er bald kommt.«
-
-»Du wolltest ihm entgegengehen?« sagte Georg, gerührt von der
-Gutmütigkeit des Mädchens. »Weißt du denn, ob er schon in der Nähe ist?
-Vielleicht ist er noch stundenweit entfernt, und in einer Stunde wird
-es Nacht!«
-
-»Und wär's so Nacht, daß mer da Weg mit de Händ' greifa müeßt, und
-müeßt e laufa bis Lichtastoi, i wett's gern dauh, Er kommet jo no
-bälder zu --« Errötend schlug sie die Augen nieder, denn trieb sie auch
-ihr gutes Herz, sich zum Liebesboten des Ritters anzubieten, so schämte
-sie sich doch, jenes zarte Verhältnis, das ihr heute so klar wie noch
-nie zuvor einleuchtete, zu berühren.
-
-»Und willst du mir zulieb gehen bis Lichtenstein, so wäre es ja töricht
-von mir, zurückzubleiben und erst deinen Vater zu erwarten. Ich sattle
-geschwind mein Roß und reite neben dir her, und du zeigst mir den Weg,
-bis ich ihn nicht mehr verfehlen kann.«
-
-Das Mädchen von Hardt schlug die Augen nieder und spielte mit dem
-langen Zopfband. »Aber es wird jo scho en era Stund Nacht,« flüsterte
-sie kaum hörbar.
-
-»Ei, was schadet das? Dann bin ich um den Hahnenschrei in
-Lichtenstein,« antwortete Georg; »du wolltest dich ja vorhin selbst bei
-Nacht und Nebel auf den Weg machen.«
-
-»Ja, i wohl,« entgegnete Bärbele, ohne aufzusehen, »aber Euch ist's
-gewiß et g'sund, wo ner erst krank gwä sent, so in der kühla Nacht en
-Weg von sechs Stund z'macha.«
-
-»Das kann ich nicht beachten,« rief Georg, »und die Wunde ist ja
-geheilt, ich bin gesund wie zuvor: nein! rüste dich immer, gutes Kind,
-wir brechen sogleich auf, ich gehe, mein Pferd zu satteln.« Er nahm den
-Zaum von einem Nagel an der Wand, wo er aufgehängt war, und schritt zur
-Türe.
-
-»Herr! Euer Gnaden!« rief ihm das Mädchen ängstlich nach; »lasset's
-lieber geh. Gucket, 's tuet se et, daß mer so selbander in der Nacht
-fortganget. D'Leut in Hardt send so gar wunderlich, und mer tät mer
-gewiß ebbes abhänga, wenne -- Wartet lieber bis morga früh, so wille
-Uich meinetwega führa bis Pfullinga.«
-
-Der Junker ehrte die Gründe des guten Mädchens und hing schweigend
-den Zaum wieder an die Wand. Es möchte ihm freilich lieber gewesen
-sein, wenn die Leute von Hardt weniger geneigt wären, Böses zu denken;
-doch es war hier nichts zu tun, als sich schweigend in sein Schicksal
-zu ergeben. Er beschloß daher, diesen Abend und die folgende Nacht
-noch auf den Pfeifer zu warten; käme er nicht, so wollte er mit dem
-frühesten Morgen zu Pferd sein und unter Leitung seiner schönen Tochter
-nach Lichtenstein aufbrechen.
-
-
-
-
-17.
-
- Die linden Lüfte sind erwacht,
- Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
- Sie schaffen an allen Enden.
- O frischer Duft, o neuer Klang!
- Nun, armes Herze, sei nicht bang!
- Nun muß sich alles, alles wenden.
-
- _Uhland._
-
-
-Aber der Pfeifer von Hardt kehrte auch in dieser Nacht nicht nach Haus
-zurück, und Georg, der seine Sehnsucht nach der Geliebten nicht mehr
-länger zügeln konnte, sattelte, als der Morgen graute, sein Pferd. Die
-runde Frau hatte nach einigen harten Kämpfen mit ihrem Töchterlein
-erlaubt, daß sie den Junker geleiten dürfe. Sie wußte zwar, daß ein so
-unerhörtes Ereignis viele Abende zur Unterhaltung in den Spinnstuben
-von Hardt dienen werde, und sah es deswegen nicht ganz gerne; wenn sie
-aber bedachte, wieviel ihrem Eheherrn an dem jungen Ritter gelegen
-sein müsse, weil er ihn in sein Haus aufgenommen und wie einen Sohn
-gepflegt hatte, so glaubte sie doch, diesen letzten Dienst ihrem Gast
-nicht abschlagen zu dürfen; doch machte sie die Bedingung, daß Bärbele
-vorausgehen und ihn eine Viertelstunde hinwärts an einem Markstein
-erwarten müsse.
-
-Georg nahm gerührt Abschied von der stattlichen, runden Frau, die ihm
-zu Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsstaat prangte; er hatte
-in den geschnitzten Schrank einen Goldgulden gelegt, ein wichtiges
-Geschenk für die damalige Zeit und eine bedeutende Summe für die
-Reisekasse Georgs von Sturmfeder. Der Pfeifer von Hardt soll übrigens
-nie etwas von diesem Depositum erfahren haben; sei es nun, daß die
-gute runde Frau den Goldgulden nicht gefunden hat, oder daß sie ihrem
-Eheherrn nichts davon berichtete, aus Angst, er möchte den Junker durch
-die Rückgabe des Geschenkes beleidigen. Nur soviel ist gewiß, daß die
-Frau des Spielmanns kurze Zeit nach diesem Vorfall mit einem nagelneuen
-Rock in der Kirche erschien, zur Verwunderung aller Weiber in der
-Gegend, und daß ihre Tochter Bärbele ein schönes Mieder von feinem Tuch
-mit Goldborden auf der nächsten Kirchweih trug, das man früher nie an
-ihr gesehen. Auch soll sie jedesmal errötet sein, wenn die Mädchen das
-neue Mieder befühlten und lobten. Welch großen Staat konnte man in den
-guten Zeiten um einen Goldgulden machen!
-
-Georg fand seine Führerin auf dem bezeichneten Markstein sitzend. Sie
-sprang auf, als er herankam, und ging mit raschen Schritten neben ihm
-her. Das Mädchen kam ihm heute noch viel hübscher vor als gestern.
-Ihre Wangen hatte der frische Aprilmorgen mit hohem Rot bedeckt, und
-ihre Augen glänzten freundlich. Ihre Tracht eignete sich ganz gut zu
-einem weiten Marsch, denn das kurze Röckchen hinderte den Fuß nicht,
-flink auszuschreiten. Sie hatte ein Körbchen an den Arm gehängt, als
-wolle sie zum Markt in die Stadt gehen. Sie trug aber weder Gemüse noch
-Früchte darin, was sie wohl sonst in die Stadt zu bringen pflegte,
-sondern ein Regentuch, mit dem sie sich gegen die wechselnden Launen
-eines Apriltages versehen hatte. Der Junker dachte bei sich, als sie
-so schmuck und rüstig neben ihm hinging, daß das Mädchen wohl einmal
-eine gute tüchtige Hausfrau zu werden verspreche, und pries den jungen
-Burschen glücklich, der einst das Kleinod des Spielmannes von Hardt für
-sich gewinnen werde.
-
-Sie hatte unstreitig viel von dem lebhaften Geiste ihres Vaters geerbt;
-denn, wie auch jener bei der Reise über die Alb seinem vornehmen
-Gefährten durch Erzählungen und Hindeutungen auf die Gegend den Weg zu
-verkürzen bemüht gewesen war, so wußte auch sie, so oft das Gespräch
-zu stocken begann, entweder auf einen schönen Punkt in den Tälern und
-Bergen umher aufmerksam zu machen, oder sie teilte ihm unaufgefordert
-eine und die andere Sage mit, die sich an ein Schloß, an ein Tal oder
-einen Bach knüpfte.
-
-Sie wählte meistens Nebenwege und führte den Reiter höchstens zwei- bis
-dreimal durch Dörfer, von zwei zu zwei Stunden aber machten sie Halt.
-Endlich nach vier solchen Stationen sah man in der Entfernung von einer
-kleinen halben Stunde ein Städtchen liegen; der Weg schied sich hier,
-und ein Fußpfad führte links ab in ein Dorf. An diesem Scheidepunkt
-blieb das Mädchen stehen und sagte: »Was Er dort sehet, ist Pfullinga,
-von dort kann Uich jedes Kind da Weg nach Lichtestoi zeiga.«
-
-»Wie? Du willst mich schon verlassen?« fragte Georg, der sich an die
-munteren, sinnigen Reden seiner Begleiterin so gewöhnt hatte, daß ihn
-der Abschied überraschte. »Warum gehst du nicht wenigstens mit mir bis
-Pfullingen? Dort kannst du in der Herberge etwas essen und trinken; du
-willst doch nicht geradezu nach Hause laufen?«
-
-Das Mädchen suchte freundlich auszusehen und zu scherzen, doch
-konnte sie einen schmerzlichen Zug um den Mund und trübe Augen nicht
-verbergen; denn wohl mochte auch ihr die Nähe ihres schönen Gastes
-teurer geworden sein, als sie vielleicht selbst wußte. »Do mueß i von
-Uich gehe, gnädiger Herr,« sagte sie, »so gern i au no weiters mitging;
-aber d'Mueter will's so; dort in dem Dörfle am Berg hanne a Baas und
-bei der bleibe heut, und morga gange wieder nach Hardt. Jetzt b'hüet
-Uich Gott der Herr und d'heilig Jungfrau, und älle seine Heilige nemmet
-Uich in Schutz. Grüeßet mer de Vater und au,« setzte sie lächelnd
-hinzu, indem sie schnell eine Träne abschüttelte, »grüeßet mer sell
-Frähla, die Er so gern hent.«
-
-»Dank dir, Bärbele,« entgegnete Georg und reichte ihr die Hand zum
-Abschied vom Pferd herab. »Ich kann dir deine treue Pflege nicht
-vergelten; aber wenn du nach Haus kommst, so schau' in den geschnitzten
-Schrank, dort wirst du etwas finden, das vielleicht zu einem neuen
-Mieder oder zu einem Röckchen für den Sonntag reicht. Nun, und wenn
-du es dann zum erstenmal anhast und dein Schatz dich darin küßt, so
-gedenke an Georg von Sturmfeder!«
-
-Der junge Mann gab seinem Pferde die Sporen und trabte über die grüne
-Ebene hin dem Städtchen zu. Zweihundert Schritte weit entfernt schaute
-er sich noch einmal nach der Tochter des Spielmannes um. Sie stand
-noch dort, wo er sie verlassen hatte, im roten Mieder, im kurzen
-Röckchen, mit langen Zöpfen und weißen Strümpfen; sie war es und keine
-andere; aber sie hielt die Hand vor die glänzenden Augen, und Georg war
-ungewiß, ob sie die Strahlen der Sonne dadurch abhalten wolle, indem
-sie ihm nachblickte, oder ob sie vielleicht jene Träne verwische, die
-er in ihren Wimpern blinken sah, als sie Abschied nahm.
-
-Bald war er am Tor der kleinen Stadt angelangt. Er fühlte sich ermüdet
-und durstig und fragte daher auf der Straße nach einer guten Herberge.
-Man wies ihn nach einem kleinen düsteren Haus, wo ein Spieß über der
-Türe und ein Schild, mit einem springenden Hirsch geziert, zur Einkehr
-einluden. Ein kleiner barfüßiger Junge führte sein Pferd in den Stall,
-ihn selbst aber empfing in der Türe eine junge, freundliche Frau und
-führte ihn zur Trinkstube.
-
-Es war dies ein weites, finsteres Zimmer, an dessen Wänden sich
-schwere eichene Tische und Bänke hinzogen. Die ungeheure Mengen von
-Kannen und Bechern, die blank gescheuert von den Gestellen am Getäfel
-herabblinkte, bewies, daß die Herberge zum Hirsch sehr besucht sein
-müsse. In der Tat saßen auch, obgleich es erst Mittag war, schon viele
-Gäste beim Wein. Sie schauten den stattlichen jungen Ritter prüfend an,
-als er an ihren Tischen vorüber zum Ehrenplatz, in ein sechseckiges,
-wie eine Laterne aus lauter Fenstern erbautes Erkerlein geführt wurde;
-doch ließen sie sich in ihrem Gespräch durch den vornehmen Gast nicht
-lange stören, sondern schwatzten weiter über Krieg und Frieden, über
-Schlachten und Belagerungen, wie ehrsame Spießbürger in so unruhigen
-Zeiten, wie Anno 1519, zu tun pflegten.
-
-Die Wirtin schien an ihrem Gast Gefallen zu finden. Sie schaute mit
-lächelnder Miene nach ihm herüber, wenn sie am Erkerlein vorbeiging,
-und als sie ihm eine Kanne alten Heppacher und einen silbernen
-Becher vorsetzte, zog sich ihr etwas großer Mund zu holdseliger
-Freundlichkeit. Sie versprach ihm auch, ein junges Huhn zu braten
-und einen Tisch zu decken, wenn er sich nur ein wenig gedulden
-wolle; einstweilen solle er sich den Wein gut bekommen lassen. Das
-laternenförmige Erkerlein lag um zwei Stufen höher als die übrige
-Trinkstube; Georg konnte daher mit Muße die Tische übersehen und
-trinkend die Gäste mustern. Obgleich er nicht viel in Herbergen und
-Weinstuben sich herumzutreiben pflegte, so hatte er doch, vielleicht
-dadurch, daß er weniger sprach als beobachtete, einen eigenen Takt
-in Beurteilung solcher Umgebungen gewonnen, der ihn auch bei seinen
-jetzigen Beobachtungen unterstützte.
-
-Die Gesellschaft, die um einen der großen eichenen Tische saß, bestand
-aus etwa zehn bis zwölf Männern. Sie unterschieden sich auf den ersten
-Anblick nicht sehr voneinander; große Bärte, kurze Haare, runde Mützen,
-dunkle Wämser gehörten dem einen so gut wie dem andern an; doch
-sonderte ein schärferer Blick bald vorzüglich drei von den übrigen. Der
-eine -- er saß Georg am nächsten, war ein kleiner, fetter, freundlicher
-Mann. Sein Haar war im Nacken etwas länger als das der anderen, er
-hatte es sorgfältiger gekämmt, auch schien sein dunkler Bart besser
-gepflegt zu sein. Ein Mantel von feinem schwarzem Tuch und ein Filzhut
-mit spitzigem Kopf und breiter Krempe, die hinter ihm an einem Nagel
-hingen, bezeichneten einen Mann von einigem Gewicht, vielleicht gar
-einen Ratsherrn. Er mochte auch eine bessere Sorte trinken als die
-übrigen, denn er schlürfte bedächtig, und wenn er mit dem Deckel an
-seinem Krug das Zeichen gab, daß er leer sei, tat er dies mit einem
-gewissen Anstand und vernehmlicher als die übrigen. Er sah bei allem,
-was gesprochen wurde, überaus fein und listig aus, als wisse er noch
-manches, ohne es gerade hier preisgeben zu wollen. Auch hatte er das
-Vorrecht, das Kellnermädchen in die Wangen zu kneipen oder ihren runden
-Arm zu »tätscheln«, wenn sie ihm die gefüllte Kanne brachte.
-
-Ein anderer Mann, der am entgegengesetzten Ende des Tisches saß, stach
-nicht minder gegen seine Umgebung ab als der Fette; alles war an ihm
-länglich und hager. Sein Gesicht, von der Stirne bis zu dem langen,
-zugespitzten Kinn, maß wohl eine gute Mannesspanne; seine Finger, mit
-welchen er auf dem Tische den Takt eines Liedes spielte, das er leise
-vor sich hinpfiff, hatten etwas Spinnenartiges, und als sich Georg
-einmal zufällig bückte, gewahrte er zu seinem großen Erstaunen, daß
-der hagere Mann lange, dünne Beine beinahe unter dem ganzen Tisch
-hin ausgestreckt hatte. Er hatte um seine Nase etwas Hochfahrendes,
-das sich auch in der Art, wie er allem, was die Bürger vorbrachten,
-widersprach, ausdrückte; er sah aus wie einer, der viel mit vornehmen
-Herren umgegangen ist, ihre Art und Weise angenommen hat, aber doch
-nicht recht bequem damit zurechtkommt. Er konnte nicht aus dem
-Städtchen sein, denn er hatte die Wirtin nach seinem Pferd gefragt.
-Nach Georgs Mutmaßungen war er ein reisender Arzt, wie sie zu jener
-Zeit im Lande umherzogen, um die Menschen künstlich umzubringen.
-
-Der dritte Mann, der dem Gast im Erker auffiel, sah etwas zerrissen und
-zerlumpt aus; er hatte übrigens etwas Bewegliches, Listiges in seinem
-Wesen, das ihn von der gutmütigen, behaglichen Ruhe der Spießbürger
-merklich unterschied. Er hatte über dem einen Auge ein großes Pflaster,
-das andere aber blickte kühn und offen um sich. Ein großer Reisestock
-mit eiserner Spitze, der neben ihm lag, und sein lederbesetzter Rücken,
-worauf er gewöhnlich einen Korb oder eine Kiste tragen mochte, ließen
-schließen, daß er entweder ein Bote sei oder wahrscheinlicher noch
-einer jener herumziehenden Krämer, die auf Märkte und Kirchweihen,
-nebst wunderbaren Nachrichten aus fernen Landen, für die Weiber
-wirksame Mittel gegen verhextes Vieh und für die Mädchen schöne bunte
-Bänder und Tücher bringen.
-
-Diese drei waren es auch, die das Gespräch führten, das nur hin und
-wieder durch einen Ausruf der Verwunderung oder durch ein Klopfen mit
-den Krugdeckeln von den übrigen ehrsamen Bürgern unterbrochen wurde.
-
-Diese Männer handelten übrigens eine Materie ab, die Georgs Interesse
-sehr in Anspruch nahm: sie sprachen über die Unternehmungen des
-Bundes im württembergischen Unterland. Der Krämer mit dem ledernen
-Rücken hatte erzählt, daß Möckmühl, worin sich Götz von Berlichingen
-eingeschlossen, von den Bündischen erstürmt und jener tapfere Mann
-gefangen worden sei.[23]
-
-Der Ratsherr hatte zu dieser Nachricht listig gelächelt und einen
-guten Zug von seiner besseren Sorte getrunken; der Hagere ließ aber
-den Lederrücken nicht aussprechen, er schlug den Takt mit den langen
-Fingern etwas vernehmlicher und sagte mit hohler Stimme: »Das ist
-erstunken und erlogen, Freund! seht, das ist gar nicht möglich, denn
-der Berlichingen versteht die schwarze Kunst und ist fest, das muß ich
-wissen, und überdies hat er allein mit seiner eisernen Hand in mancher
-Schlacht zweihundert Mann maustot geschlagen, was wird er sich denn
-fangen lassen?«
-
-»Mit Verlaub,« unterbrach ihn der fette Herr, »dem ist nicht also,
-sondern Götz ist in der Tat gefangen und sitzt in Heilbronn. Aber
-nicht, weil er erlegen ist, denn sein Schloß in Möckmühl ist nicht
-erstürmt worden, sondern die Bündischen haben ihm und den Seinigen
-freien Abzug versprochen; wie er aber aus dem Tor kam, wurde er
-überfallen, seine Knechte getötet und er gefangen. Seht, das ist nicht
-recht, und da hat der Bund schändlich gehandelt.«
-
-»Da muß ich doch bitten, Herr!« sprach der Lange, »daß man nicht also
-von den Bundesobersten spricht; ich kenne viele Herren davon genau, wie
-zum Beispiel Herr Truchseß von Waldburg mein geneigter Herr und Freund
-ist.«
-
-Der fette Herr schien etwas erwidern zu wollen, spülte aber das, was
-ihm auf der Zunge lag, mit einigem Wein hinunter. Jedoch die Bürger
-brachen bei Erwähnung so vornehmer Bekanntschaften in ein Gemurmel des
-Staunens aus und lüfteten ehrerbietig ihre Mützen.
-
-»Nun, wenn Ihr bei dem Bunde so gut bekannt seid,« sagte der Zerlumpte
-mit etwas trotziger Miene, »so werdet Ihr uns die beste Nachricht geben
-können, wie es um Tübingen aussieht.«
-
-»Es pfeift auf dem letzten Loche,« antwortete der Gefragte; »ich war
-vor kurzer Zeit dort und sah die fürtrefflichen und schrecklichen
-Anstalten zur Belagerung.«
-
-»Ei, -- So, -- Wie,« flüsterten die Bürger und rückten näher zusammen,
-als erwarteten sie wichtige Kunde.
-
-Der hagere Mann lehnte sich an die Lehne seines Stuhles zurück, steckte
-die langen Finger in die Degenkuppel, streckte die Beine um einige
-Zoll länger aus und sprach: »Ja, ja, ihr Leute, dort sieht es arg aus;
-alle Ortschaften in der Nachbarschaft sind in großem Schaden, denn die
-Obstbäume sind alle abgehauen, man schießt mit aller Macht auf Stadt
-und Schloß, und die Stadt hat sich schon ergeben; im Schloß liegen
-vierzig Ritter, aber sie können die paar Mäuerlein nicht mehr lange
-halten!«
-
-»Was? Ein paar Mäuerlein?« rief der fette Herr und setzte seine Kanne
-klirrend auf den Tisch. »Wer je das Schloß von Tübingen gesehen hat,
-kann nicht von ein paar Mäuerlein reden. Hat es nicht auf den Seiten,
-wo es an den Berg stößt, zwei tiefe Graben, daß die Bündler mit keiner
-Leiter hinauf können, und Mauern zwölf Schuh dick, und Türme, aus
-welchen sie ihre Feldschlangen nicht übel spielen lassen?«
-
-»Umgeschossen, umgeschossen!« rief der lange Mann mit so greulich
-hohler Stimme, daß die erschrockenen Bürger die Türme von Tübingen
-krachen zu hören glaubten; »den neuen Turm, den der Ulrich neulich
-aufbaute, hat der Frondsberg umgeschossen, wie wenn er nie dagestanden
-wäre.«[24]
-
-»Aber damit ist noch nicht alles hin,« antwortete der Zerlumpte. »Und
-die Ritter machen Ausfälle aus dem Schloß und haben schon manchen auf
-dem Wörth am Neckar schlafen gelegt. Und dem Frondsberg haben sie den
-Hut vom Kopf geschossen, daß er heute noch Ohrensummen hat.«[25]
-
-»Da seid Ihr falsch berichtet,« sprach der Hagere nachlässig;
-»Ausfälle? Dafür haben die Belagerer leichte Reiter wie die Teufel;
-es sind Griechen, ich weiß nicht vom Ganges oder Epiros, man heißt
-sie Stratioten; die haben einen Obersten, den Georg Samares, der läßt
-keinen Hund aus dem Loch ausfallen.«[26]
-
-»Der hat halt auch ins Gras beißen müssen,« entgegnete der zerlumpte
-Mann mit einem höhnischen Seitenblicke; »die Hunde, wie Ihr sie nennt,
-sind dennoch ausgefallen, obgleich der Grieche vor dem Loch stand, und
-haben ihn gebissen und gefangen, und --«
-
-»Gefangen? Den Samares?« rief der Lange, aus seiner vornehmen Ruhe
-aufgeschreckt; »Freund, das habt Ihr falsch gehört!«
-
-»Nein,« antwortete jener sehr ruhig, »ich habe die Glocken läuten
-hören, als man ihn in Sankt Jörgenkirche begraben hat.«
-
-Die Bürger schauten aufmerksam nach dem langen Fremden, um zu
-erforschen, was für einen Eindruck diese Nachricht auf ihn mache. Er
-ließ seine buschigen Augenbrauen herab, daß von seinen Augen nichts
-mehr zu sehen war, zwirbelte seinen langen dünnen Knebelbart, schlug
-mit der knöchernen Hand auf den Tisch und sagte: »Und wenn sie ihn auch
-in zehn Stücke zerhauen hätten, den Griechen, es hilft doch nichts! das
-Schloß muß über, da hilft nichts, und hat man Tübingen, dann gute Nacht
-Württemberg! Der Ulrich ist zum Land hinaus, und meine gnädigen Herren
-und Gönner sind Meister.«
-
-»Wer steht Euch davor, daß er nicht wiederkommt? Und dann? -- --« sagte
-der kluge, fette Herr und klappte den Deckel zu.
-
-»Was? Wiederkommen!« schrie jener, »der Bettelmann! Wer sagt das, daß
-er wiederkommt? Wer wagt es? He?«
-
-»Was geht es uns an?« murmelten die Gäste unmutig, »wir sind friedliche
-Bürger, uns ist's einerlei, wer Herr im Land ist, wenn nur die Steuern
-anders werden. -- Wenn man in der Herberg ist, wird doch auch noch ein
-Wort erlaubt sein.« So sprachen sie, und der Hagere schien zufrieden,
-daß ihm keiner etwas Ernstliches entgegnete. Er sah einen um den andern
-mit stechendem Blicke an, zog dann sein Gesicht in freundlichere Falten
-und sagte: »Es war nur zur Erinnerung, daß wir den Herzog fürder nicht
-mehr brauchen; mein' Seel', mir ist er wie Gift und Operment, darum
-gefällt mir auch das Paternoster so gut, das einer auf ihn gemacht
-hat;[27] ich will es einmal singen.« Die Bürger sahen finster vor sich
-hin und schienen nicht sehr begierig auf den Spottgesang, der ihrem
-unglücklichen Herzog galt. Jener aber befeuchtete seine Kehle mit einem
-guten Trunk und sang mit heiserer, unangenehmer Stimme:
-
- »Vater Unser,
- Reutlingen ist unser:
- Der du bist,
- Eßlingen hat nicht lange Frist.
- Geheiligt werde dein Nam',
- Heilbronn und Weil wollen wir han;
- Zukomm' uns dein Reich,
- Ulm sieht uns auch gleich;
- Dein Will' geschehe,
- Die Münz hat gereit ein anderes Geprähe;
- Unser täglich Brot,
- Wir haben Geschütz für alle Not;
- Gib uns heut, und vergib uns unsere Schuld,
- Wir haben des Königs in Frankreich Huld;
- Als wir vergeben unseren Schuldigern,
- Wir wollen dem Bund das Maul zusperr'n!
- Laß uns nicht versucht werden,
- Wir wollen bald Kaiser werden.
- Sondern erlös' uns vom Uebel. Amen.
- So behalten wir des Kaisers Namen.«
-
-Er schloß seinen Gesang mit einem fatalen, zitternden Schnörkel,
-der weiter keinen Effekt hervorbrachte, als daß die Bürger einander
-heimlich anstießen und über die jämmerlichen Töne des Sängers die
-Achsel zuckten. Er aber schaute stolz in dem Kreise umher, als wolle er
-in den Mienen seiner Zuhörer den gerechten Beifall lesen.
-
-»Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen,« sagte der Zerlumpte; »so
-fein kann ich's nicht, aber doch weiß ich auch ein neues Lied und will
-es mit Eurem Verlaub singen.«
-
-Der Hagere sah ihn scheel und spöttisch an, die Bürger aber nickten ihm
-zu, und er begann mit einem angenehmen Tenor, indem er die Augen halb
-zuschloß, aber doch hin und wieder auf den jungen Mann hinüberschielte,
-als beobachte er, welchen Eindruck sein Gesang mache:[28]
-
- »O weh, wo bleibet deine Kraft,
- Württemberg, du arme Landschaft;
- Ich klag' dich billig hart und sehr,
- Denn der Bader von Ulm, der ist dein Herr.
-
- Der zu Nürnberg die Wetschger macht,
- Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht,
- Der Salzsieder von Schwäbisch Hall,
- Von Ravensburg die Krämer all.
-
- Von Rotweil die neuen Schweizerknaben
- Wollten der Gans auch ein Feder haben,
- Und der Schneider von Memming ist in der Sach'
- Und auch der Kürschner von Biberach.«
-
-Lärmender Beifall und Gelächter unterbrach den Sänger; sie langten über
-den Tisch herüber, schüttelten dem Zerlumpten die Hand und lobten sein
-Lied. Der Hagere sprach kein Wort, sondern warf finstere Blicke auf
-die Gesellschaft; man war ungewiß, ob er den Beifall des Zerlumpten
-beneidete, oder ob der Gegenstand des Liedes ihn beleidigte. Der fette
-Herr aber sah ungemein klug aus, brummte die Weise des Liedes mit und
-nickte bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt.
-
-Der Sänger mit dem ledernen Rücken fuhr fort:
-
- »Den Saymer von Kempten ich euch meld'
- Und Holzhauer von dem Herdtfeld
- Und andere, die ich nit nennen will,
- Der Haufen ist groß und wird gar zu viel.
-
- Und auch der ist in dem Strauß,
- Der richt' alles mit Ungeld aus,
- Ich mein' Junker Ermlich und sein Gesind,
- Des reichen Barchetwebers Kind.«
-
-»Daß Euch der Kuckuck in den Hals fahr', Ihr Lumpenhund!« fuhr der
-lange Mann auf, als er die letzten Worte hörte. »Ich weiß wohl, wen
-Ihr mit dem Barchetweber meint; meinen gnädigen Gönner, den Herrn
-von Fugger. Den soll mir ein solcher Landläufer verunglimpfen?« Er
-begleitete diese Worte mit einem ausdrucksvollen Mienenspiel und mit
-schrecklicher Gebärde.
-
-Doch der mit dem ledernen Rücken ließ sich nicht einschüchtern; er
-stellte seine ungemein muskulöse Faust vor sich hin und sagte: »Den
-Landläufer könnt Ihr für Euch behalten, Herr Calmus, man weiß wohl, wer
-Ihr seid; und wenn Ihr nicht augenblicklich Euer Maul haltet, so will
-ich Euch Eure Rührlöffel-Arme vom Leibe schlagen.«
-
-Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst, daß er in so gemeine
-Gesellschaft geraten sei; er zahlte seinen Wein und ging vornehmen
-Schrittes aus der Trinkstube.
-
-
-
-
-18.
-
- Weh mir, ich habe die Natur verändert.
- Wie kommt der Argwohn in die freie Seele?
- Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin,
- Denn alles log mir, was ich hochgeachtet.
-
- _Schiller._
-
-
-Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte, sahen die Gäste erstaunt
-einander an; es war ihnen zu Mut, als hätten sie ein schweres Gewitter
-aufsteigen sehen, es hätte gekracht, als ob die Erde bersten wolle, ja,
-als wäre ein erschrecklicher, tötender Blitz auf sie herabgefahren, und
-siehe da, es war nur ein »kalter Schlag«. Dem Mann mit dem Lederrücken
-dankten sie, daß er den ungezogenen, übermütigen Gast so schnell
-entfernt habe, und fragten, was er wohl von dem hageren Fremden wisse?
-
-»Den kenne ich wohl,« antwortete dieser; »das ist unseres Herrgotts
-Tagdieb, ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen verkauft gegen
-die Pest, den Hunden den Wurm schneidet und die Ohren stutzt, die
-Mädchen von dicken Hälsen befreit und den Weibern Augenwasser gibt,
-daß sie blind werden. Er heißt eigentlich Kahlmäuser, aber weil er ein
-Gelehrter sein will, heißt er Doktor Calmus. Er nistet sich bei allen
-großen Herren ein, und wenn ihn einer einmal einen Esel geheißen hat,
-so meint er schon, er sei sein bester Freund.«
-
-»Mit dem Herzog muß er aber nicht gut stehen,« bemerkte der schlaue
-Herr; »denn er hat doch lästerlich über ihn geschimpft.«
-
-»Ja, mit Herrn Ulrich steht er freilich nicht gut; das ging aber so:
-der Herzog hatte einen schönen dänischen Jagdhund, der hatte sich im
-Schönbuch einen Dorn tief in die Pfote getreten. Den Herzog dauerte
-der Hund; er forschte nach einem geschickten Mann, der das Tier heilen
-könnte, und zufällig war der Kahlmäuser da und bot sich mit wichtigem
-Gesicht dazu an. Er bekam im Schloß in Stuttgart alle Tage gut zu
-essen und eine Maß Wein; das schmeckte ihm nun so gut, daß er über
-ein Vierteljahr an der Hundspfote dokterte. Da ließ ihn eines Tages
-der Herzog samt dem Hund rufen und fragte, was er ausgerichtet habe.
-Er soll viel gelehrtes Zeug geschwatzt haben, doch der Herr hat nicht
-darauf geachtet, sondern die Pfote selbst untersucht, und da fand es
-sich, daß sie schon ganz schwarz und brandig war. Da nahm der Herzog
-den Kahlmäuser, so lang er war, trug ihn an die lange Treppe, auf der
-man bis in den zweiten Stock hinaufreiten kann, und warf ihn hinunter,
-daß er halb tot unten ankam. Und seit der Zeit ist der Doktor Calmus
-nicht gut auf den Herzog zu sprechen. Andere sagen auch, er sei der
-Kundschafter gewesen zwischen dem Hutten und der Frau Sabina und habe
-nur deswegen den Hund übernommen, weil er dadurch ins Schloß kam.«
-
-»So? Mit dem Hutten hat er es gehalten?« sagte einer der Bürger. »Das
-hätten wir wissen sollen, so hätten wir ihm das Fell recht gegerbt, dem
-Lumpendoktor! Der Hutten ist doch an all dem unseligen Kriege schuld
-mit seiner Liebelei, und der dürre Kahlmäuser hat ihm dazu geholfen!«
-
-»~De mortuis nil nisi bene~; man muß die Toten schonen, sagen die
-Lateiner,« entgegnete der fette Herr; »der arme Teufel hat es mit dem
-Leben teuer genug bezahlt.«
-
-»Aber es ist ihm recht geschehen,« rief jener Bürger mit großer Hitze;
-»an des Herzogs Stelle hätt' ich's gerade auch so gemacht, ein jeder
-Mann muß sein Hausrecht wahren.«
-
-»Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd?« fragte der fette Herr
-mit überaus schlauem Lächeln. »Da habt Ihr die beste Gelegenheit; ein
-Schwert habt Ihr ja, und eine Eiche wird sich auch finden, wohin Ihr
-seinen Leichnam hängen könnet.«
-
-Ein schallendes Gelächter der Bürger von Pfullingen belehrte den Gast
-im Erker, daß jener eifrige Verteidiger des Hausrechts in seinem
-eigenen Hause nicht so ganz strenge Justiz üben müsse. Er errötete und
-murmelte einige unverständliche Worte in seinen Becher hinein.
-
-Der Zerlumpte aber, der als Fremder nicht mitlachen wollte, nahm sich
-seiner an: »Jawohl hat der Herzog ganz recht gehabt; denn er hätte den
-Hutten auf der Stelle hängen können, ohne daß er erst mit ihm focht; er
-ist ja Freischöff vom westfälischen Stuhl, vom heimlichen Gericht und
-darf einen solchen Ehrenschänder ohne weiteres abtun. Und er hatte die
-besten Beweise gleich bei der Hand; kennt Ihr das schöne Liedlein? Ich
-will einmal ein paar Verse daraus singen:
-
- Und im Wald er sich zum Hutten wandt':
- ›Was flimmert dort an deiner Hand?‹ --
- ›Herr Herzog, 's ist ein Ringelein,
- Das hab' ich von meiner Liebsten fein.‹
-
- ›Ei, Hans, du bist ein stattlich Mann,
- Hast auch ein gülden Kettlein an!‹ --
- ›Das hat mir auch mein Schatz geschenkt,
- Zum Zeichen, daß sie mein gedenkt.‹
-
-Dann heißt es weiter:
-
- O Hutten, gib dei'm Gaul die Sporn,
- Des Herzogs Auge rollt voll Zorn,
- O Hutten, fleuch, noch ist es Zeit,
- Er reißt das Schwert schon aus der Scheid'.«
-
-»Laßt es lieber gut sein,« unterbrach ihn der fette Herr mit ernster
-Miene; »es ist nicht gut, daß man in solchen Zeiten dies Lied in
-der Herberge singt; dem Herzog kann es nicht mehr nützen, und die
-Bündischen sind rings um uns; es könnte leicht einer etwas davon
-hören,« setzte er mit einem stechenden Blick auf Georg hinzu, »und dann
-hieße es gleich: Pfullingen zahlt hundert Gulden Brandsteuer mehr.«
-
-»Weiß Gott, Ihr habt recht,« sagte der Zerlumpte; »es ist nicht mehr
-wie früher, wo man ein freies Wort sprechen und singen durfte beim
-Wein in der Trinkstube; da muß man immer umschauen, ob nicht dort ein
-Herzoglicher und auf der andern Seite ein Bündler sitzt; aber den
-letzten Vers will ich noch singen, trotz Bayern und dem Schwabenbund:
-
- Es steht eine Eich' im Schönbuchwald,
- Gar breit in den Aesten und hoch gestalt't;
- Die wird zum Zeichen Jahrhunderte stahn;
- Dort hing der Herzog den Hutten dran.«
-
-Er hatte ausgesungen, das Gespräch der Bürger sank jetzt zum Geflüster
-herab, und Georg glaubte zu bemerken, daß sie über ihn ihre Glossen
-machten. Auch die freundliche Wirtin schien neugierig, zu wissen, wen
-sie in ihrem Erkerlein beherberge. Sie setzte die Speisen, die sie
-ihm bereitet hatte, vor ihn hin, nachdem sie ein schönes Tafeltuch
-über den runden Tisch ausgebreitet hatte; dann nahm sie selbst an
-der entgegengesetzten Seite Platz und befragte ihn, wiewohl sehr
-bescheiden, über das Woher? und Wohin?
-
-Der junge Mann war nicht gesonnen, ihr über den eigentlichen Zweck
-seiner Reise genaue Auskunft zu geben. Das Gespräch der Gäste an der
-langen Tafel hatte ihn belehrt, daß es hier nicht minder gefährlich
-sei, zu gar keiner Partei zu gehören, als sich für irgend eine
-bestimmt zu erklären, er sagte daher, er komme aus Franken und werde
-noch weiter hinauf ins Land, in die Gegend von Zollern reisen, und
-schnitt somit jede weitere Frage ab; denn die Wirtin war zu bescheiden,
-als daß sie sich den Ort, wohin er gehe, noch näher hätte bezeichnen
-lassen. Es schien ihm aber eine gute Gelegenheit, sich nach Marien zu
-erkundigen, denn er war glücklich, wenn ihm die Wirtin zum goldenen
-Hirsch auch nur ihren Namen nennen, nur den Saum ihres Kleides
-beschreiben würde. Er fragte daher nach den Burgen umher und nach den
-ritterlichen Familien, die in der Nachbarschaft wohnen.
-
-Die Wirtin schwatzte gerne. Sie gab ihm in weniger als einer
-Viertelstunde die Chronik von fünf bis sechs Schlössern aus der Gegend,
-und bald kam auch Lichtenstein an die Reihe. Der junge Mann holte
-tiefer Atem bei diesem Namen und schob die Schüssel weit hinweg, um
-seine Aufmerksamkeit ganz der Erzählerin zu widmen.
-
-»Nun, die Lichtensteiner sind gar nicht arm, im Gegenteil, sie haben
-schöne Felder und Wälder, und keine Rute Landes verpfändet: da ließe
-sich der Alte lieber seinen langen Bart abscheren, obgleich er gar viel
-darauf hält und ihn immer streichelt, wenn er mit den Leuten spricht.
-Er ist ein strenger, ernster Mann. Was er einmal haben will, das muß
-geschehen, und sollte es biegen oder brechen. Er ist auch einer von
-denen, die es so lange mit dem Herzog hielten. Die Bündischen werden es
-ihm übel entgelten lassen.«
-
-»Wie ist denn seine ..., ich meine, Ihr sagtet, er habe eine Tochter,
-der Lichtenstein?«
-
-»Nein,« antwortete die Wirtin, indem sich ihr sonst so heiteres Gesicht
-in grämliche Falten zog, »von der habe ich gewiß nicht gesprochen, daß
-ich es wüßte. Ja, er hat eine Tochter, der gute alte Mann, und es wäre
-ihm besser, er führe kinderlos in die Grube, als daß er aus Jammer über
-sein einziges Kind abfährt.«
-
-Georg traute seinen Ohren nicht. Was konnte die Wirtin gerade von
-Marien so Arges denken, daß sie den Vater glücklich pries, wenn er
-dieses Kind nicht hätte? »Was ist es denn mit diesem Fräulein?« fragte
-er, indem er sich vergebens abmühte, recht scherzhaft auszusehen; »Ihr
-macht mich neugierig, Frau Wirtin. Oder ist es ein Geheimnis, das Ihr
-nicht sagen dürft?«
-
-Die Frau zum goldenen Hirsch schaute aus dem Erker heraus nach allen
-Seiten, ob niemand lausche; aber die Bürger waren ruhig in ihrem
-Gespräch begriffen und achteten nicht auf sie, und sonst war niemand in
-der Nähe, der sie hören konnte. »Ihr seid ein Fremder,« hub sie nach
-diesen Forschungen an, »Ihr reiset weiter und habt nichts mit dieser
-Gegend zu schaffen, darum kann ich Euch wohl sagen, was ich nicht jedem
-vertrauen möchte. Das Fräulein dort oben auf dem Lichtenstein ist
-ein -- ein -- ja bei uns Bürgersleuten würde man sagen, sie ist ein
-schlechtes Ding, eine lose Dirne --«
-
-»Frau Wirtin!« rief Georg.
-
-»So schreiet doch nicht so, verehrter Herr Gast, die Leute schauen sich
-ja um. Meinet Ihr denn, ich sage, was ich nicht ganz gewiß weiß? Denkt
-Euch, alle Nacht Schlag elf Uhr läßt sie ihren Liebsten in die Burg.
-Ist das nicht schrecklich genug für ein sittsames Fräulein?«
-
-»Bedenket, was Ihr sprechet! Ihren Liebsten?«
-
-»Ja leider, nachts um elf Uhr ihren Liebsten. Es ist eine Schande und
-ein Spott! Es ist ein ziemlich großer Mann, der kommt, in einen grauen
-Mantel gehüllt, ans Tor. Sie hat es zu machen gewußt, daß zu dieser
-Zeit alle Knechte vom Tore entfernt sind und nur der alte Burgwart,
-der ihr auch in ihrer Kindheit zu allen losen Streichen half, um den
-Weg ist. Da kommt sie nun allemal, wenn es drüben in Holzelfingen elf
-Uhr schlägt, selbst herunter in den Hof, die Nacht mag so kalt sein,
-als sie will, und bringt den Schlüssel zur Zugbrücke, den sie zuvor
-ihrem alten Vater vom Bette stiehlt; dann schließt der alte Sünder, der
-Burgwart, auf, die Brücke fällt nieder, und der Mann im grauen Mantel
-eilt in die Arme des Fräuleins.«
-
-»Und dann?« fragte Georg, der beinahe keinen Atem mehr in der Brust,
-kein Blut mehr in den Wangen hatte, »und dann?«
-
-»Ja, dann wird Braten, Brot und Wein geholt. So viel ist gewiß, daß
-der nächtliche Liebste einen ungeheuren Hunger haben muß, denn er hat
-in mancher Nacht einen halben Rehziemer rein aufgezehrt und zwei, drei
-Nößel Wein dazu getrunken. Was weiter geschieht, weiß ich nicht. Ich
-will nichts vermuten, nichts sagen, aber das weiß ich,« setzte sie mit
-einem christlichen Blick gen Himmel hinzu, »beten werden sie nicht.«
-
-Georg schalt sich nach kurzem Nachdenken selbst aus, daß er nur einen
-Augenblick gezweifelt habe, daß diese Erzählung eine Lüge, von irgend
-einem müßigen Kopf ersonnen sei; oder, wenn auch etwas Wahres darin
-wäre, so konnte es doch nichts sein, das Marien zur Unehre gereicht
-hätte.
-
-Wenn es wahr ist, daß die Liebe eines Jünglings in den guten alten
-Zeiten zwar nicht weniger leidenschaftlich war als in unseren Tagen,
-aber mehr den Charakter reiner, anbetender Ehrfurcht trug, daß nach
-der Sitte der Zeit die Geliebte nicht auf gleicher Stufe mit ihrem
-Verehrer, sondern um eine höher stand, wenn wir den romantischen
-Erzählungen alter Chroniken und Minnebücher trauen dürfen, die so viele
-Beispiele aufführen, daß sich edle Männer, wenn sie in Liebe sind, für
-die Treue und Reinheit ihrer Dame auf der Stelle totschlagen lassen,
-so ist es nicht zu verwundern, daß Georg von Sturmfeder, wenigstens
-auf _diese_ Indizien hin, von Marien nichts Schlechtes denken konnte.
-So rätselhaft ihm selbst jene nächtlichen Besuche vorkommen mochten,
-so sah er doch klar, es sei weder bewiesen, daß der Vater nichts darum
-wisse, noch daß der geheimnisvolle Mann gerade ein Liebhaber sein
-müsse. Er trug diese Zweifel auch seiner Wirtin vor.
-
-»So? Meint Ihr, der Vater wisse um die Geschichte?« sprach sie. »Dem
-ist nicht so. Sehet, ich weiß das gewiß, denn die alte Rosel, die Amme
-des Fräuleins --«
-
-»Die alte Rosel hat es gesagt?« rief Georg unwillkürlich. Ihm
-war ja diese Amme, die Schwester des Pfeifers von Hardt, so wohl
-bekannt. Freilich, wenn diese es gesagt hatte, war die Sache nicht so
-zweifelhaft; denn er wußte, daß sie eine fromme Frau und dem Fräulein
-sehr zugetan war.
-
-»Ihr kennt die alte Rosel?« fragte die Wirtin, erstaunt über den Eifer,
-womit ihr fremder Gast nach dieser Frau fragte.
-
-»Ich? Sie kennen? Nein, erinnert Euch nur, daß ich heute zum erstenmal
-in diese Gegend komme. Nur der Name Rosel fiel mir auf.«
-
-»Sagt man bei Euch nicht so? Rosel heißt Rosina bei uns, und so nennt
-man die alte Amme in Lichtenstein. Nun seht, diese hält viel auf mich
-und kommt hie und da zu mir, dann koche ich ein süßes Weinmüschen, was
-sie für ihr Leben gerne ißt, und zum Dank vertraut sie mir allerlei
-Neues. Von ihr habe ich auch, was ich Euch sagte. Der Vater weiß gar
-nichts von diesen nächtlichen Besuchen, denn er geht schon um acht
-Uhr zu Bette. Die Amme schickte das Fräulein jedesmal um acht in ihre
-Kammer. Das fiel nun nach ein paar Tagen der guten Rosel auf. Sie
-stellte sich, als gehe sie zu Bette, und siehe da, was geschieht? Kaum
-ist alles ruhig im Schloß, so macht das Fräulein, das sonst keinen
-Span anrührt, eigenhändig ein Feuer auf dem Herd, kocht und bratet, was
-sie kann und weiß, holt Wein aus dem Keller, holt Brot aus dem Schrank
-und deckt in der Herrenstube den Tisch. Dann schaut sie zum Fenster
-hinaus in die kalte schwarze Nacht, und richtig, wenn es drüben elf
-Uhr schlägt, rasselt die Zugbrücke nieder, der nächtliche Geselle wird
-eingelassen und geht mit dem Fräulein in die Herrenstube. Sie hat auch
-schon gehorcht, die Rosel, was wohl drinnen vorgehe, aber die eichenen
-Türen sind gar dick. Dann lugte sie auch einmal durchs Schlüsselloch,
-sah aber nichts als den Kopf des Fremden.«
-
-»Nun, und ist er schon alt? Wie sieht er aus?«
-
-»Alt? Wo denket Ihr hin! Die sieht mir auch danach aus, daß sie es mit
-einem Alten hätte! Jung ist er und schön, wie mir die Rosel sagt. Er
-hat einen dunklen Bart um Mund und Kinn, schönes gerolltes Haar auf dem
-Kopf, und sah recht freundlich und liebreich aus.«
-
-»Daß ihm der Satan den Bart Haar für Haar auszwicke!« murmelte Georg
-und strich mit der Hand über das Kinn, das noch ziemlich glatt war.
-»Frau! besinnt Euch, habt Ihr denn dies alles so recht gehört von der
-Frau Rosel? Hat sie dies alles so gesagt? Machet Ihr nicht noch mehr
-dazu?«
-
-»Gott bewahre mich, daß ich über jemand lästere! Da kennt Ihr mich
-schlecht, Herr Ritter! Das alles hat mir Frau Rosel gesagt, und noch
-mehr hat sie vermutet und mir ins Ohr geflüstert, was eine ehrliche
-Frau einem schönen jungen Herrn nicht wiedersagen kann. Und denket
-Euch, wie recht schlecht das Fräulein ist, sie hat noch einen andern
-Liebhaber gehabt, und dem ist sie also untreu geworden!«
-
-»Noch einen?« fragte Georg aufmerksam, denn die Erzählung schien ihm
-mehr und mehr an Wahrscheinlichkeit zuzunehmen.
-
-»Ja, noch einen. Es soll ein gar schöner, lieber Herr sein, sagte mir
-die Rosel. Sie war mit dem Fräulein einige Zeit in Tübingen, und da war
-ein Herr von -- von -- ich glaube, Sturmfittich heißt er -- der war
-auf der hohen Schule, und da lernten sich die beiden Leutchen kennen,
-und die Amme schwört, es sei nie ein schmuckeres Paar erfunden worden
-im ganzen Schwabenland. Sie hat ihn auch ganz schrecklich lieb gehabt,
-das ist wahr, und sei sehr traurig gewesen um ihn, als sie von Tübingen
-ging. Nun ist sie dem armen Jungen untreu geworden, das falsche Herz,
-und die Amme heult, wenn sie nur an den schönen, treuen Herrn denkt.
-Er soll noch viel, viel schöner gewesen sein als der, den sie jetzt
-hat.«
-
-»Frau Wirtin, wie oft lasset Ihr mich denn klopfen, bis ich einen
-vollen Becher bekomme,« rief der fette Herr aus der Trinkstube herauf;
-denn die Frau Wirtin hatte über ihrer Erzählung alles übrige vergessen.
-
-»Gleich, gleich!« antwortete sie und flog an den Schenktisch hin, den
-durstigen Herrn mit seiner besseren Sorte zu versehen; und von da ging
-es zum Keller, und Boden und Küche nahmen sie in Anspruch, so daß der
-Gast im Erker gute Weile hatte, einsam über das, was er gehört hatte,
-nachzusinnen.
-
-Den Kopf auf die Hand gestützt, saß er da und schaute unverrückt in die
-Tiefe seines silbernen Bechers. So saß er am Nachmittag, so saß er am
-Abend. Die Nacht war schon lange eingebrochen, und er saß noch immer
-so hinter dem runden Tisch im Erker, tot für die Welt umher, nur hin
-und wieder verriet ein tiefes Seufzen, daß noch Leben und Empfindung
-in ihm sei. Die Wirtin wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte. Sie
-hatte sich wenigstens zehnmal neben ihn gesetzt, hatte versucht, mit
-ihm zu sprechen, aber er hatte ihr gedankenlos mit starren Augen ins
-Gesicht geschaut und nichts geantwortet. Es war ihr ganz angst dabei
-geworden, denn gerade so hatte sie ihr seliger Mann angestarrt, als er
-das Zeitliche gesegnete und ihr den goldenen Hirsch hinterließ.
-
-Sie beriet sich mit dem fetten Herrn, und auch der Mann mit dem
-Lederrücken gab seine Meinung preis. Die Wirtin behauptete, entweder
-sei er verliebt bis über die Ohren, oder man habe es ihm angetan. Sie
-belegte ihre Behauptungen mit einer schrecklichen Geschichte von einem
-jungen Ritter, den sie gesehen, und der aus lauter Liebe am ganzen Leib
-erstarrt sei, bis er am Ende gestorben.
-
-Der Zerlumpte war nicht dieser Meinung. Er glaubte, dem jungen Mann
-sei vielleicht ein Unglück geschehen, wie jetzt oft im Krieg vorkomme,
-und er sei deswegen in so tiefe Trauer versenkt. Der fette Herr aber
-blinzelte einigemal nach dem stummen Gast im Erker hinauf und fragte
-dann mit sehr pfiffiger Miene, von welchem Gewächs und Jahrgang der
-Ritter trinke?
-
-»Nun, ich hab' ihm Heppacher gegeben von 1480. Es ist das Beste, was
-der goldene Hirsch hat.«
-
-»Da haben wir es!« rief der kluge Mann. »Ich kenn' den Heppacher
-Achtziger, den kann solch ein Junkerlein nicht führen, und der ist
-ihm zu Kopf gestiegen. Laßt ihn sitzen, laßt ihn immer sitzen, seinen
-schweren Kopf in der Hand, ich wette, ehe es acht Uhr schlägt, hat er
-ausgeschlafen und ist wieder so frisch wie der Fisch im Wasser.«
-
-Der Zerlumpte schüttelte den Kopf und sagte nichts dazu, die Wirtin
-aber belobte den gewohnten Scharfsinn des fetten Herrn und fand seine
-Vermutung am wahrscheinlichsten.
-
-Es war neun Uhr in der Nacht, die täglichen Zechgäste hatten schon
-alle die Trinkstube verlassen, und auch die Wirtin wollte sich zum
-Abendsegen rüsten, als der fremde Herr aus seinem Zustand erwachte. Er
-sprang auf, machte einige Gänge durchs Zimmer und blieb endlich vor
-der Hausfrau stehen. Er sah düster und verstört aus, und die wenigen
-Stunden vom Mittag bis jetzt hatten seinen sonst so freundlichen,
-offenen Zügen tiefe Spuren des Grams eingedrückt.
-
-Die Wirtin dauerte sein Anblick, sie wollte ihm, eingedenk des klugen
-fetten Herrn, noch ein heilsames Süpplein kochen und ihm dann ein
-treffliches, weiches Bett anweisen, doch er schien für diese Nacht ein
-rauheres Lager sich erwählt zu haben.
-
-»Wann sagt Ihr,« hub er mit leiser, unsicherer Stimme an, »wann geht
-der nächtliche Gast nach Lichtenstein, und wann kommt er zurück?«
-
-»Um elf Uhr, lieber Herr, geht er hinein, und um den ersten
-Hahnenschrei kommt er wieder über die Zugbrücke.«
-
-»Lasset mein Pferd satteln und besorgt mir einen Knecht, der mich nach
-Lichtenstein geleite.«
-
-»Jetzt in der Nacht?« rief die Wirtin und schlug vor Verwunderung die
-Hände zusammen. »Jetzt wollet Ihr ausreiten? Ei geht doch. Ihr treibt
-Spaß mit mir!«
-
-»Nein, gute Frau, es ist mein wahrer Ernst; aber sputet Euch ein wenig,
-ich habe Eile.«
-
-»Die habt Ihr den ganzen Tag nicht gehabt,« entgegnete jene; »und jetzt
-wollt Ihr auf einmal über Hals und Kopf in die Nacht hinaus. Zwar die
-frische Luft kann nichts schaden bei solchen Kranken; aber weiß Gott,
-Euer Pferd lasse ich nicht aus dem Stall, Ihr könnt mir herunterfallen
-oder allerlei Unglück anrichten, und dann hieße es, wo hat denn die
-Hirschwirtin wieder den Kopf gehabt, daß sie die Leute so laufen läßt?«
-
-Der junge Mann hatte ihre Rede ganz überhört, denn er war wieder in
-sein düsteres Sinnen zurückgesunken. Als sie aufhörte zu sprechen,
-schrak er auf und wunderte sich, daß sie seinen Befehl noch nicht
-befolgt habe.
-
-Er ging, als sie noch immer zauderte, um sein Pferd selbst zu besorgen.
-Da dachte sie, daß sie doch keine Gewalt habe, ihn zurückzuhalten, und
-daß es geratener sein möchte, ihn ziehen zu lassen. »Lasset dem Herrn
-seinen Braunen herausführen,« rief sie, »und der Andres soll sich
-rüsten, heute noch ein Stück Weges zu gehen! -- Er hat recht, daß er
-jemand mitnehmen will,« sprach sie für sich weiter, »der kann ihn doch
-im Notfall halten. Zwar sagt man, sie haben ein paar Sinne mehr, wenn
-sie etwas im Kopfe haben, und es falle keiner so leicht vom Pferde,
-wenn er auch hin und her schwankt wie der Schwengel in der großen
-Glocke, aber besser ist besser. -- Was Ihr schuldig seid, Herr Ritter?
-Nun Ihr habt gehabt eine Maß Alten, macht zwölf Kreuzer, und das Essen
--- nun, es ist nicht der Rede wert, was Ihr gegessen habt. Ihr habt ja
-mein Huhn kaum angesehen. Nun, wenn Ihr für den Stall und das Essen
-noch zwei Kreuzer zulegen wollt, so wird Euch eine arme Witfrau schön
-danken.«
-
-Nachdem die Rechnung in dem niederen Münzfuß der guten alten Zeiten
-berichtigt war, entließ die Wirtin zum goldenen Hirsch ihren Gast. Sie
-war ihm zwar nicht mehr so gewogen wie heute mittag, als er herrlich
-wie der junge Tag in ihre Trinkstube getreten war, aber dennoch konnte
-sie sich nicht verhehlen, als er beim Schein der Kienfackeln sich
-aufs Pferd schwang, daß sie nicht leicht einen schöneren Mann gesehen
-habe, und sie schärfte daher ihrem Knecht, der ihn begleitete, um so
-sorgfältiger ein, recht genau auf ihn acht zu geben, weil es bei diesem
-Herrn doch nicht ganz richtig im Kopfe sei.«
-
-Vor dem Tor von Pfullingen fragte der Knecht den nächtlichen Reiter,
-wohin er reiten wolle, und auf seine Antwort: »Nach Lichtenstein,«
-schlug er einen Weg rechts ein, der zum Gebirge führte. Der junge Mann
-ritt schweigend durch die Nacht hin; er sah nicht rechts, er sah nicht
-links, er sah nicht auf nach den Sternen, nicht hinaus in die Weite,
-seine gesenkten Blicke hafteten am Boden. Es war ihm wie damals, als
-ihn die Mörder am Wege niedergeschlagen hatten. Seine Gedanken standen
-stille, er hoffte nicht mehr, er hatte zu leben, zu lieben und zu
-wünschen aufgehört. Und doch war ihm damals wohler gewesen, als ihm auf
-dem kühlen Teppich des Wiesentales die Besinnung schwand; er war ja
-entschlummert mit dem erhebenden Gedanken an sie, und die erstarrenden
-Lippen hatten noch einmal einen süßen Namen ausgesprochen.
-
-Aber jetzt war die Leuchte verlöscht, die seinen Pfad durchs Leben
-erhellt hatte. Es war ihm, als habe er nur noch einen kurzen Weg im
-Dunkeln hinzugehen, um dann in lichteren Höhen als auf dem Lichtenstein
-seine Ruhe zu finden. Und unwillkürlich zuckte seine Rechte hie und da
-ans Schwert, als wollte er sich versichern, daß ihm dieser Gefährte
-wenigstens treu geblieben sei, als sei dies der gewichtige Schlüssel,
-der die Pforte sprengen sollte, die aus dem Dunkel zum Lichte führt.
-
-Der Wald hatte längst die Wanderer aufgenommen. Steiler wurden die
-Pfade, und das Roß strebte mühsam unter der Last des Reiters und seiner
-Rüstung bergan; doch der Reiter bemerkte es nicht. Die Nachtluft wehte
-kühler und spielte mit den langen Haaren des Jünglings, er fühlte es
-nicht. Der Mond kam herauf und beleuchtete seinen Pfad, beleuchtete
-kühne Felsenmassen und die hohen, gewaltigen Eichen, unter welchen er
-hinzog, er sah es nicht. Unbemerkt von ihm rauschte der Strom der Zeit
-an ihm vorüber, Stunde um Stunde verging, ohne daß ihm der Weg lang
-bedünkte.
-
-Es war Mitternacht, als sie auf der höchsten Höhe ankamen. Sie traten
-heraus aus dem Wald, und getrennt durch eine weite Kluft von der
-übrigen Erde lag auf einem einzelnen, senkrecht aus der nächtlichen
-Tiefe aufsteigenden Felsen der Lichtenstein.
-
-Seine weißen Mauern, seine zackigen Felsen schimmerten im Mondlicht.
-Es war, als schlummere das Schlößchen, abgeschieden von der Welt, im
-tiefen Frieden der Einsamkeit.
-
-Der Ritter warf einen düsteren Blick dorthin und sprang ab. Er band
-das Pferd an einen Baum und setzte sich auf einen bemoosten Stein,
-gegenüber von der Burg. Der Knecht stand erwartend, was sich weiter
-begeben werde, und fragte mehreremal vergeblich, ob er seines Dienstes
-jetzt entlassen sei?
-
-»Wie weit ist's noch bis zum ersten Hahnenschrei?« fragte endlich der
-stumme Mann auf dem Steine.
-
-»Zwei Stunden, Herr!« war die Antwort des Knechtes.
-
-Der Ritter reichte ihm reichlichen Lohn für sein Geleite und winkte
-ihm, zu gehen. Er zögerte, als scheue er sich, den jungen Mann in
-diesem unglücklichen Zustand zu verlassen, als aber jener ungeduldig
-seinen Wink wiederholte, entfernte er sich stille. Nur einmal noch sah
-er sich um, ehe er in den Wald eintrat. Der schweigende Gast saß noch
-immer, die Stirne in die Hand gestützt, im Schatten einer Eiche, auf
-dem bemoosten Stein.
-
-
-
-
-19.
-
- Durch diese hohle Gasse muß er kommen;
- Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht. -- Hier
- Vollend' ich's -- die Gelegenheit ist günstig.
-
- _Schiller._
-
-
-Man hat zu allen Zeiten viel Schönes und Wahres über die Torheit
-der Eifersucht geschrieben, und dennoch sind die Menschen seit
-Urias' Zeiten darin nicht weiser geworden. Leute von überaus kühler
-Konstitution werden zwar sagen, wenn jener berühmte jüdische Hauptmann
-nicht die Torheit begangen hätte, seine schöne Frau nur für sich allein
-haben zu wollen oder gar auf den König David eifersüchtig zu werden,
-so wäre der berüchtigte Uriasbrief nie geschrieben worden und besagter
-Hauptmann hätte es vielleicht noch weit im Dienste bringen können.
-Andere aber, denen die Natur heißes Blut und einen Stolz, ein Gefühl
-der Ehre gegeben hat, das durch Hintansetzung oder Treubruch leicht
-aufgeregt und beleidigt wird, werden beim eintretenden Falle jenem
-unglücklichen Uebel unterliegen, wenn sie auch mit allen Beweisgründen
-der kälteren Vernunft sich selbst die Torheit ihres Beginnens
-vorpredigen.
-
-Georg von Sturmfeder war nicht von so kühlem Blute, daß ihn die
-Nachricht, die er heute erhielt, nicht aus allen Schranken der
-Billigkeit und Mäßigung herausgejagt hätte; er war überdies in einem
-Alter, wo zwar die offene Seele sich noch nicht daran gewöhnt hat,
-dem Menschen ~a priori~ zu mißtrauen, wo aber ein solcher Fall um so
-überraschender ist, um so gefährlicher wirkt, eben weil das arglose
-Herz ihn nie gedacht hat. Da kocht das Gefühl der gekränkten Treue,
-da braust der Stolz auf, der sich beleidigt dünkt; den prüfenden
-Verstand, der das Falsche vom Rechten zu sondern pflegt, umziehen
-trübe, düstere Wolken und verhüllen ihm das Wahre; ein Wörtchen
-Wahrscheinlichkeit in einem Gewebe von Lüge überzeugt ihn; die Sonne
-der Liebe sinkt hinab, und es wird Nacht in der Seele. Dann schleichen
-sich jene nächtlichen Gesellen: Verachtung, Wut, Rache, in das von
-allen guten Engeln verlassene Herz, und die unendliche Stufenleiter
-der Empfindungen, welche von Liebe zu Haß führt, hat die Eifersucht in
-wenigen Augenblicken zurückgelegt.
-
-Georg war auf jener Stufe der düsteren, stillen Wut und der Rache
-angekommen; über diese Empfindung brütend, saß er unempfindlich gegen
-die Kälte der Nacht auf dem bemoosten Stein, und sein einziger, immer
-wiederkehrender Gedanke war, den nächtlichen Freund »_zu stellen und
-ein Wort mit ihm zu sprechen_«.
-
-Es schlug zwei Uhr in einem Dorf über dem Walde, als er sah, daß sich
-Lichter an den Fenstern des Schlosses hinbewegten; erwartungsvoll
-pochte sein Herz, krampfhaft hatte seine Hand den langen Griff des
-Schwertes umfaßt. Jetzt wurden die Lichter hinter den Gittern des Tores
-sichtbar, Hunde schlugen an; Georg sprang auf und warf den Mantel
-zurück. Er hörte, wie eine tiefe Stimme ein vernehmliches »Gute Nacht!«
-sprach. Die Zugbrücke rauschte nieder und legte sich über den Abgrund,
-der das Land von Lichtenstein scheidet, das Tor ging auf, und ein Mann,
-den Hut tief ins Gesicht gedrückt, den dunklen Mantel fest umgezogen,
-schritt über die Brücke und gerade auf den Ort zu, wo Georg Wache hielt.
-
-Er war noch wenige Schritte entfernt, als dieser mit einem dröhnenden:
-»Zieh, Verräter, und wehr' dich deines Lebens!« auf ihn einstürzte; der
-Mann im Mantel trat zurück und zog; im Augenblick begegneten sich die
-blitzenden Klingen und rasselten klirrend aneinander.
-
-»Lebendig sollst du mich nicht haben,« rief der andere; »wenigstens
-will ich mein Leben teuer genug bezahlen!« Zugleich sah ihn Georg
-tapfer auf sich eindringen, und an den schnellen und gewichtigen
-Hieben merkte er, daß er keinen zu verachtenden Gegner vor der Klinge
-habe. Georg war kein ungeübter Fechter, und er hatte manch ernstlichen
-Kampf mit Ehre ausgefochten, aber hier hatte er seinen Mann gefunden.
-Er fühlte, daß er sich bald auf die eigene Verteidigung beschränken
-müsse, und wollte eben zu einem letzten gewaltigen Stoß ausfallen,
-als plötzlich sein Arm mit ungeheurer Gewalt festgehalten wurde; sein
-Schwert wurde ihm in demselben Augenblick aus der Hand gewunden,
-zwei mächtige Arme schlangen sich um seinen Leib und fesselten ihn
-regungslos, und eine furchtbare Stimme schrie: »Stoßt zu, Herr! ein
-solcher Meuchelmörder verdient nicht, daß er noch einen Augenblick zum
-letzten Paternoster habe!«
-
-»Das kannst du verrichten, Hans,« sprach der im Mantel; »ich stoße
-keinen Wehrlosen nieder; dort ist sein Schwert, schlag ihn tot, aber
-mach' es kurz.«
-
-»Warum wollt Ihr mich nicht lieber selbst umbringen, Herr!« sagte Georg
-mit fester Stimme; »Ihr habt mir meine Liebe gestohlen, was liegt an
-meinem Leben?«
-
-»Was habe ich?« fragte jener und trat näher.
-
-»Was Teufel ist das für eine Stimme?« sprach der Mann, der ihn noch
-immer umschlungen hielt; »die sollte ich kennen!« Er drehte den jungen
-Mann in seinen Armen um, und wie von einem Blitz getroffen, zog er die
-Hände von ihm ab! »Jesus Maria und Joseph! Da hätten wir bald etwas
-Schönes gemacht! Aber welcher Unstern führt Euch auch gerade hierher,
-Junker? Was denken auch meine Leute, daß sie Euch fortlassen, ohne daß
-ich dabei bin!«
-
-Es war der Pfeifer von Hardt, der Georg also anredete und ihm die Hand
-zum Gruß bot; dieser aber schien nicht geneigt, dieses freundliche
-Zeichen einem Manne zu erwidern, der noch soeben das Handwerk des
-Henkers an ihm verrichten wollte; wild blickte er bald den Mann im
-Mantel, bald den Pfeifer an. »Meinst du,« sagte er zu diesem, »ich
-hätte mich von deinen Weibern in Gefangenschaft halten lassen sollen,
-daß ich deine Verräterei hier nicht sehe? Erbärmlicher Betrüger! Und
-Ihr,« wandte er sich zu dem anderen, »wenn Ihr ein Mann von Ehre
-seid, so stehet mir und fallet nicht zu zwei über einen her; wenn Ihr
-wißt, daß ich Georg von Sturmfeder bin, so mögen Euch meine früheren
-Ansprüche auf das Fräulein nicht unbekannt sein, und mit Euch mich zu
-messen, bin ich hierher gekommen. Darum befehlet diesem Schurken, daß
-er mir mein Schwert wiedergebe, und laßt uns ehrlich fechten, wie es
-Männern geziemt.«
-
-»Ihr seid Georg von Sturmfeder?« sprach jener mit freundlicher Stimme
-und trat näher zu ihm. »Es scheint mir, Ihr seid etwas im Irrtum
-hier. Glaubet mir, ich bin Euch sehr gewogen und hätte Euch längst
-gerne gesehen. Nehmet das Ehrenwort eines Mannes, daß mich nicht die
-Absichten in jenes Schloß führen, die Ihr mir unterleget, und seid mein
-Freund!«
-
-Er bot dem überraschten Jüngling die Hand unter dem Mantel hervor,
-doch dieser zauderte; die gewichtigen Hiebe dieses Mannes hatten ihm
-zwar gesagt, daß er ein Ehrenwerter und Tapferer sei, darum konnte und
-mußte er seinen Worten trauen; aber sein Gemüt war noch so verwirrt
-von allem, was er gehört und gesehen, daß er ungewiß war, ob er
-den Handschlag dessen, den er noch vor einem Augenblick als seinen
-bittersten Feind angesehen hatte, empfangen sollte oder nicht. »Wer ist
-es, der mir die Hand beut?« fragte er. »Ich habe Euch meinen Namen
-genannt und könnte wohl billigerweise dasselbe von Euch verlangen.«
-
-Der Unbekannte schlug den Mantel auseinander und schob das Barett
-zurück; der Mond beleuchtete ein Gesicht voll Würde, und Georg
-begegnete einem glänzenden Auge, das den Ausdruck gebietender Hoheit
-trug. »Fraget nicht nach Namen,« sprach er, indem ein Zug von Wehmut
-um seinen Mund blitzte, »ich bin ein Mann, und dies mag Euch genug
-sein; wohl führte auch ich einst einen Namen in der Welt, der sich
-mit dem ehrenwertesten messen konnte, wohl trug auch ich die goldenen
-Sporen und den wallenden Helmbusch, und auf den Ruf meines Hifthorns
-lauschten viele hundert Knechte. Er ist verklungen; aber eines ist mir
-geblieben,« setzte er mit unbeschreiblicher Hoheit hinzu, indem er die
-Hand des jungen Mannes fester drückte, »ich bin ein Mann und trage ein
-Schwert:
-
- ~Si fractus illabatur orbis,
- Impavidum ferient ruinae~«.
-
-Er drückte das Barett wieder in die Stirne, zog seinen Mantel hoch
-herauf und ging vorüber in den Wald.
-
-Georg stand in stummem Erstaunen auf sein Schwert gestützt. Der Anblick
-dieses Mannes -- es war ihm unbegreiflich -- hatte alle Gedanken der
-Rache in seinem Herzen ausgelöscht. Dieser gebietende Blick, dieser
-gewinnende, wohlwollende Zug um den Mund, das tapfere, gewaltige Wesen
-dieses Mannes erfüllten seine Seele mit Staunen, mit Achtung, mit
-Beschämung. Er hatte geschworen, mit Marien in keiner Berührung zu
-stehen, er hatte es bekräftigt mit jener tapferen Rechten, die noch
-eben die gewichtige Klinge leicht wie im Spiel geführt hatte; er hatte
-es bestätigt mit einem jener Blicke, deren Strahl Georg wie den der
-Sonne nicht zu ertragen vermochte, eine Bergeslast wälzte sich von
-seiner Brust, denn er _glaubte_, er _mußte_ glauben.
-
-Wenn man bedenkt, wie sehr zu jener Zeit körperliche Eigenschaften
-gewogen und angeschlagen wurden, wie man Tapferkeit auch an dem Feinde
-hochschätzte und achtete, wie das Wort eines anerkannt tapferen Mannes
-so fest stand wie der Schwur auf die Hostie, wenn man ferner bedenkt,
-wie groß die Wirkung eines anmutigen oder aber eines imponierenden
-Aeußeren auf ein jugendliches Gemüt ist, so wird man sich über die
-Veränderung nicht zu sehr wundern, welche in diesen kurzen Augenblicken
-mit der Gesinnung des Jünglings vorging.
-
-»Wer ist dieser Mann?« fragte Georg den Pfeifer, der noch immer neben
-ihm stand.
-
-»Ihr hörtet ja, daß er keinen Namen hat, und auch ich weiß ihn nicht zu
-nennen.«
-
-»Du wüßtest nicht, wer er ist?« entgegnete Georg; »und doch hast du ihm
-beigestanden, als er mit mir focht? Geh! Du willst mich belügen!«
-
-»Gewiß nicht, Junker,« antwortete der Pfeifer; »es ist, Gott weiß
-es, wahr, daß jener Mann derzeit keinen Namen hat; wenn Ihr übrigens
-durchaus erfahren wollet, was er ist, so wisset, er ist ein Geächteter,
-den der Bund aus seinem Schloß vertrieb; einst aber war er ein
-mächtiger Ritter im Schwabenland.«
-
-»Der Arme! Darum also ging er so verhüllt? Und mich hielt er wohl für
-einen Meuchelmörder! Ja, ich erinnere mich, daß er sagte, er wolle sein
-Leben teuer genug verkaufen.«
-
-»Nehmt mir nicht übel, werter Herr,« sagte der Bauer, »auch ich hielt
-Euch für einen, der dem Geächteten auf das Leben lauern soll, darum
-kam ich ihm zu Hilfe, und hätte ich nicht Eure Stimme noch gehört,
-wer weiß, ob Ihr noch lange geatmet hättet. Wie kommt Ihr aber auch
-um Mitternacht hierher, und welches Unheil führt Euch gerade dem
-geächteten Mann in den Wurf! Wahrlich, Ihr dürft von Glück sagen, daß
-er Euch nicht in zwei Stücke gehauen; es leben wenige, die vor seinem
-Schwert standgehalten hätten. Ich vermute, die Liebe hat Euch da einen
-argen Streich gespielt!«
-
-Georg erzählte seinem ehemaligen Führer, welche Nachrichten ihm im
-Hirsch zu Pfullingen mitgeteilt worden seien. Namentlich berief er sich
-auf die Aussage der Amme, des Pfeifers Schwester, die ihm so höchst
-wahrscheinlich gelautet habe.
-
-»Dacht' ich's doch, daß es so was sein müsse,« antwortete der Pfeifer.
-»Die Liebe hat manchem noch ärger mitgespielt, und ich weiß nicht, was
-ich in jungen Jahren im ähnlichen Fall getan hätte. Daran ist aber
-wieder niemand schuld als meine alte Rosel, die alte Schwätzerin; was
-hat sie nötig, der Wirtin im Hirsch, die auch nichts bei sich behalten
-kann, zu beichten?«
-
-»Es muß aber doch etwas Wahres an der Sache sein,« entgegnete Georg,
-in welchem das alte Mißtrauen hin und wieder aufblitzte. »So ganz ohne
-Grund konnte doch Frau Rosel nichts ersinnen!«
-
-»Wahr? Etwas Wahres müsse daran sein? Allerdings ist alles wahr
-nach der Reihe; die Knechte werden zu Bett geschickt und die alte
-Aufpasserin auch, um elf Uhr kommt _der Mann_ vor das Schloß, die
-Zugbrücke fällt herab, die Tore tun sich ihm auf, das Fräulein empfängt
-ihn und führt ihn in die Herrenstube --«
-
-»Nun? Siehst du?« rief Georg ungeduldig; »wenn dieses alles wahr ist,
-wie kann dann jener Mann schwören, daß er mit dem Fräulein --«
-
-»Daß er mit dem Fräulein ganz und gar nichts wolle?« antwortete der
-Pfeifer. »Allerdings kann er das schwören; denn es ist nur _ein_
-Unterschied bei der ganzen Sache, den die Gans, die Rosel, freilich
-nicht gewußt hat, nämlich, daß der Ritter von Lichtenstein in der
-Herrenstube sitzt, das Fräulein aber sich entfernt, wenn sie ihre
-heimlich bereiteten Speisen aufgetragen hat. Der Alte bleibt bei dem
-geächteten Mann bis um den ersten Hahnenschrei, und wenn er gegessen
-und getrunken und die erstarrten Glieder am Feuer wieder erwärmt hat,
-verläßt er das Schloß, wie er es betreten.«
-
-»O ich Tor! daß ich dies alles nicht früher ahnete! Wie nahe lag die
-Wahrheit, und wie weit ließ ich mich irre leiten! Aber verflucht sei
-die Neugierde und Lästersucht dieser Weiber, die in allem noch etwas
-ganz Besonderes zu sehen glauben und denen das Unwahrscheinlichste
-und Grellste gerade das liebste ist! -- Aber sprich,« fuhr Georg nach
-einigem Nachdenken fort, »auffallend ist es mir doch, daß dieser
-geächtete Mann alle Nacht ins Schloß kommt; in welch unwirtlicher
-Gegend wohnt er denn, wo er keine warme Kost, keinen Becher Weins und
-keinen warmen Ofen findet? -- Höre, wenn du mich dennoch belögest!«
-
-Des Pfeifers Auge ruhte mit einem beinahe spöttischen Ausdruck auf
-dem jungen Mann. »Ein Junker wie Ihr,« antwortete er, »weiß freilich
-wenig, wie weh Verbannung tut; Ihr wißt es nicht, was es heißt, sich
-vor den Augen seiner Mörder verbergen, Ihr wißt nicht, wie schaurig
-sich's in feuchten Höhlen, in unwirtlichen Schluchten wohnt, Ihr kennt
-die Wohltat nicht, die ein warmer Bissen und ein feuriger Trunk dem
-gewährt, der bei den Eulen speist und bei dem Schuhu in der Miete ist;
-aber kommt, wenn es Euch gelüstet; der Morgen bricht noch nicht an,
-und in der Nacht könnet Ihr nicht nach Lichtenstein; ich will Euch
-dahin führen, wo der geächtete Ritter wohnt, und Ihr werdet nicht mehr
-fragen, warum er um Mitternacht nach Speise geht!«
-
-Die Erscheinung des Unbekannten hatte Georgs Neugierde zu sehr
-aufgeregt, als daß er nicht begierig den Vorschlag des Pfeifers von
-Hardt angenommen hätte, besonders auch, da er darin den besten Beweis
-für die Wahrheit oder Falschheit seiner Aussagen finden konnte. Sein
-Führer ergriff die Zügel des Rosses und führte es einen engen Waldweg
-bergab. Georg folgte, nachdem er noch einen Blick nach den Fenstern
-des Lichtensteins zurückgeworfen hatte. Sie zogen schweigend immer
-weiter, und dem jungen Mann schien dieses Schweigen nicht unangenehm
-zu sein, denn er machte keinen Versuch, es zu unterbrechen. Er hing
-seinen Gedanken nach über den Mann, zu dessen geheimnisvoller Wohnung
-er geführt wurde. Unablässig beschäftigte ihn die Frage, wer dieser
-Geächtete sein könnte. Er erinnerte sich fast wie aus einem Traum,
-daß mehrere Anhänger des vertriebenen Herzogs aus ihren Besitzungen
-gejagt worden seien, ja es deuchte ihm sogar, es sei in der Herberge zu
-Pfullingen während seines teilnahmlosen Hinbrütens von einem Ritter,
-Marx Stumpf von Schweinsberg, die Rede gewesen, nach welchem die
-Bündischen fahnden. Die Tapferkeit und ausgezeichnete Stärke dieses
-Mannes war in Schwaben und Franken wohlbekannt; und wenn sich Georg
-die zwar nicht überaus große, aber kräftige Gestalt, die gebietende
-Miene, das heldenmütige, ritterliche Wesen des Mannes ins Gedächtnis
-zurückrief, ward es ihm immer mehr zur Gewißheit, daß der Geächtete
-kein anderer als der treueste Anhänger Ulrichs von Württemberg, Marx
-Stumpf von Schweinsberg sei.
-
-Besonders schmeichelhaft für die Phantasie des jungen Mannes war auch
-der Gedanke, einen gefährlichen Gang mit diesem Tapfern gemacht und in
-einem Gefecht seine Klinge mit der seinigen gemessen zu haben, dessen
-Ausgang zum wenigsten sehr unentschieden war.
-
-So dachte in jener Nacht Georg von Sturmfeder, aber noch viele Jahre
-nachher, als der Mann, den er in jener Nacht bekämpfte, längst wieder
-in seine Rechte eingesetzt war und seinem Hifthorn wieder Hunderte
-folgten, rechnete er es unter seine schönsten Waffentaten, dem tapfern,
-gewaltigen Unbekannten keinen Schritt breit gewichen zu sein.
-
-Die Wanderer waren während dieses Selbstgesprächs des jungen Mannes
-auf einer kleinen, freien Waldwiese angekommen; der Pfeifer band das
-Pferd seitwärts an und winkte Georg, zu folgen. Die Waldwiese brach in
-eine schroffe, mit dichtem Gesträuch bewachsene Abdachung ab; dort
-schlug der Pfeifer einige verschlungene Zweige zurück, hinter welchen
-ein schmaler Fußpfad sichtbar wurde, welcher abwärts führte. Nicht ohne
-Mühe und Gefahr folgte Georg seinem Führer, der ihm an einigen Stellen
-kräftig die Hand reichte. Nachdem sie etwa achtzig Fuß hinabgestiegen
-waren, befanden sie sich wieder auf ebenem Grund, aber umsonst suchte
-der junge Mann nach der Stätte des geächteten Ritters. Der Pfeifer ging
-nun zu einem Baum von ungeheurem Umfang, der innen hohl sein mußte,
-denn jener brachte zwei große Kienfackeln daraus hervor; er schlug
-Feuer und zündete mit einem Stückchen Schwefel die Fackeln an.
-
-Als diese hell aufloderten, bemerkte Georg, daß sie vor einem großen
-Portal stehen, das die Natur in die Felsenwand gebrochen hatte; und
-dies mochte wohl der Eingang zu der Wohnung sein, wo der Geächtete, wie
-sich der Pfeifer ausdrückte, bei dem Schuhu zur Miete war. Der Mann
-von Hardt ergriff eine der Fackeln und bat den Jüngling, die andere
-zu tragen, denn ihr Weg sei dunkel und hie und da nicht ohne Gefahr.
-Nachdem er diese Warnung geflüstert, schritt er voran in das dunkle Tor.
-
-Georg hatte eine niedrige Erdschlucht erwartet, kurz und eng, dem
-Lager der Tiere gleich, wie er sie in den Forsten seiner Heimat hin
-und wieder gesehen, aber wie erstaunte er, als die erhabenen Hallen
-eines unterirdischen Palastes vor seinen Augen sich auftaten. Er hatte
-in seiner Kindheit aus dem Munde eines Knappen, dessen Urgroßvater
-in Palästina in Gefangenschaft geraten war, ein Märchen gehört, das
-von Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden war; dort war ein
-Knabe von einem bösen Zauberer unter die Erde geschickt worden, in
-einen Palast, dessen erhabene Schönheit alles übertraf, was der
-Knabe je über der Erde gesehen hatte; was die kühne Phantasie des
-Morgenlandes Prachtvolles und Herrliches ersinnen konnte, goldene
-Säulen mit kristallenen Kapitälern, gewölbte Kuppeln mit Smaragden
-und Saphiren, diamantene Wände, deren vielfach gebrochene Strahlen
-das Auge blendeten; alles war jener unterirdischen Wohnung der Genien
-beigelegt. Diese Sage, die sich der kindischen Einbildungskraft tief
-eingedrückt, lebte auf und verwirklichte sich vor den Blicken des
-staunenden Jünglings. Alle Augenblicke stand er still, von neuem
-überrascht, hielt die Fackel hoch und staunte und bewunderte, denn in
-hohen, majestätischen Bogen zog sich der Höhlengang hin und flimmerte
-und blitzte wie von tausend Kristallen und Diamanten. Aber noch größere
-Ueberraschung stand ihm bevor, als sich sein Führer links wandte und
-ihn in eine weite Grotte führte, die wie der festlich geschmückte Saal
-des unterirdischen Palastes anzusehen war.
-
-Sein Führer mochte den gewaltigen Eindruck bemerken, den dieses
-Wunderwerk der Natur auf die Seele des Jünglings machte. Er nahm ihm
-die Fackel aus der Hand, stieg auf einen vorspringenden Felsen und
-beleuchtete so einen großen Teil dieser Grotte.
-
-Glänzend weiße Felsen faßten die Wände ein, kühne Schwibbogen,
-Wölbungen, über deren Kühnheit das irdische Auge staunte, bildeten die
-glänzende Kuppel; der Tropfstein, aus dem diese Höhle gebildet war,
-hing voll von vielen Millionen kleiner Tröpfchen, die in allen Farben
-des Regenbogens den Schein zurückwarfen und als silberreine Quellen in
-kristallenen Schalen sich sammelten. In grotesken Gestalten standen
-Felsen umher, und die aufgeregte Phantasie, das trunkene Auge glaubte
-bald eine Kapelle, bald große Altäre mit reicher Draperie und gotisch
-verzierte Kanzeln zu sehen. Selbst die Orgel fehlte dem unterirdischen
-Dome nicht, und die wechselnden Schatten des Fackellichtes, die an den
-Wänden hin und her zogen, schienen geheimnisvoll erhabene Bilder von
-Märtyrern und Heiligen in ihren Nischen bald auf-, bald zuzudecken.
-
-So schmückte die christliche Phantasie des jungen Mannes, voll
-Ehrfurcht vor dem geheimnisvollen Wirken der Gottheit, das
-unterirdische Gemach zur Kirche aus, während jener Aladdin mit der
-Wunderlampe die Säle des Paradieses und die ewig glänzenden Lauben der
-Huris geschaut hätte.
-
-Der Führer stieg, nachdem er das Auge des Jünglings für hinlänglich
-gesättigt halten mochte, wieder herab von seinem Felsen. »Das ist
-die Nebelhöhle,« sprach er; »man kennt sie wenig im Land, und nur
-den Jägern und Hirten ist sie bekannt; doch wagen es nicht viele
-hereinzugehen, weil man allerlei böse Geschichten von diesen Kammern
-der Gespenster weiß. Einem, der die Höhle nicht genau kennt, möchte
-ich nicht raten, sich herabzuwagen; sie hat tiefe Schlünde und
-unterirdische Wasser, aus denen keiner mehr ans Licht kommt. Auch gibt
-es geheime Gänge und Kammern, die nur fünf Männern bekannt sind, die
-jetzt leben.«
-
-»Und der geächtete Ritter?« fragte Georg.
-
-»Nehmt die Fackel und folget mir,« antwortete jener und schritt voran
-in einen Seitengang. Sie waren wieder etwa zwanzig Schritte gegangen,
-als Georg die tiefen Töne einer Orgel zu vernehmen glaubte. Er machte
-seinen Führer darauf aufmerksam.
-
-»Das ist Gesang,« entgegnete er, »der tönt in diesen Gewölben gar
-lieblich und voll. Wenn zwei oder drei Männer singen, so lautet es,
-als sänge ein ganzer Chor Mönche die Hora.« Immer vernehmlicher tönte
-der Gesang; je näher sie kamen, desto deutlicher wurden die Wendungen
-einer angenehmen Melodie. Sie bogen um eine Felsenecke, und von oben
-herab ertönte ganz nahe die Stimme des Singenden, brach sich an den
-zackigen Felsenwänden in vielfachem Echo, bis sie sich verschwebend
-mit den fallenden Tropfen der feuchten Steine und mit dem Murmeln
-eines unterirdischen Wasserfalles mischte, der sich in eine dunkle,
-geheimnisvolle Tiefe ergoß.
-
-»Hier ist der Ort,« sprach der Führer, »dort oben in der Felswand ist
-die Wohnung des unglücklichen Mannes; hört Ihr sein Lied? Wir wollen
-warten und lauschen, bis er zu Ende ist, denn er war nicht gewohnt,
-unterbrochen zu werden, als er noch oben auf der Erde war.«
-
-Die Männer lauschten und verstanden durch das Echo und das Gemurmel der
-Wasser etwa folgende Worte, die der Geächtete sang:
-
- »Vom Turme, wo ich oft gesehen
- Hernieder auf ein schönes Land,
- Vom Turme fremde Fahnen wehen,
- Wo meiner Ahnen Banner stand.
- Der Väter Hallen sind gebrochen,
- Gefallen ist des Enkels Los,
- Er birgt, besiegt und ungerochen,
- Sich in der Erde tiefem Schoß.
-
- Und wo einst in des Glückes Tagen
- Mein Jagdhorn tönte durchs Gefild,
- Da meine Feinde gräßlich jagen,
- Sie hetzen gar ein edles Wild,
- Ich bin das Wild, auf das sie birschen,
- Die Bluthund' wetzen schon den Zahn,
- Sie dürsten nach dem Schweiß des _Hirschen_,
- Und sein Geweih[29] steht ihnen an.
-
- Die Mörder han in Berg und Heide
- Auf mich die Armbrust aufgespannt,
- Drum in des Bettlers rauhem Kleide
- Durchschleich' ich nachts mein eigen Land;
- Wo ich als Herr sonst eingeritten
- Und meinen hohen Gruß entbot,
- Da klopf' ich schüchtern an die Hütten
- Und bettle um ein Stückchen Brot.
-
- Ihr warft mich aus den eignen Toren,
- Doch einmal klopf' ich wieder an;
- Drum Mut! Noch ist nicht all' verloren,
- Ich hab' ein Schwert und bin ein Mann.
- Ich wanke nicht; ich will es tragen;
- Und ob mein Herz darüber bricht,
- So sollen meine Feinde sagen:
- Er war ein Mann und wankte nicht.«
-
-Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden
-Tönen seines Liedes nachsandte, ließ ahnen, daß er im Gesang nicht
-viel Trost gefunden habe. Dem rauhen Manne von Hardt war während dem
-Liede eine große Träne über die gebräunte Wange gerollt, und Georg war
-es nicht entgangen, wie er sich anstrengte, die alte feste Fassung
-wiederzuerhalten und dem Bewohner der Höhle eine heitere Stirne und ein
-ungetrübtes Auge zu zeigen. Er gab dem Junker auch die zweite Fackel
-in die Hand und klimmte den glatten schlüpfrigen Felsen hinan, der zu
-der Grotte führte, woraus der Gesang erklungen war. Georg dachte sich,
-daß er ihn vielleicht dem Ritter melden wolle, und bald sah er ihn mit
-einem tüchtigen Strick zurückkehren. Er klimmte die Hälfte des Felsens
-wieder herab und ließ sich die Fackeln geben, die er geschickt in eine
-Felsenritze an der Seite steckte; dann warf er Georg den Strick zu
-und half ihm so die Felsenwand zu erklimmen, was ihm ohne diese Hilfe
-schwerlich gelungen wäre. Er war oben, und wenige Schritte noch, so
-stand er vor dem Felsengemach des Geächteten.[30]
-
-
-
-
-20.
-
- -- In wunderbaren Gestalten
- Ragt aus der dunkeln Nacht das angestrahlte Gestein,
- Mit wildem Gebüsch versetzt, das aus den schwarzen Spalten
- Herabnickt und im Widerschein
- Als grünes Feuer brennt. Mit Furcht vermengtem Grauen
- Bleibt unser Ritter stehn, den Zauber anzuschauen.
-
- _Wieland._
-
-
-Der Teil jener großen Höhle, welchen sie jetzt betraten, unterschied
-sich merklich von den übrigen Grotten und Kammern. Er war von Sandstein
-und hatte, weil dieser Stein die Feuchtigkeit einschluckt, ein
-trockenes, wohnlicheres Ansehen. Der Boden war mit Binsen und Stroh
-bestreut, eine Lampe, die an der Wand angebracht war, verbreitete ein
-hinreichendes Licht auf die Breite und den größten Teil der Länge
-dieser Grotte. Gegenüber saß jener Mann auf einem breiten Bärenfelle,
-neben ihm stand sein Schwert und ein Hifthorn; ein alter Hut und der
-graue Mantel, mit welchem er sich verhüllt hatte, lagen am Boden. Er
-trug ein Wams von dunkelbraunem Leder und Beinkleider von grobem blauem
-Tuche, ein unscheinbarer Anzug, der aber seinen kräftigen Körperbau und
-seine feinen edlen Züge nur noch mehr heraushob. Er mochte ungefähr
-vierunddreißig Jahre haben, und sein Gesicht war noch immer hübsch und
-angenehm zu nennen, obgleich die erste Blüte der Jugend von Gefahren
-und Strapazen abgestreift schien und der verwilderte Bart ihm zuweilen
-etwas Furchtbares verlieh; diese flüchtigen Bemerkungen drängten sich
-Georg auf, als er am Eingang der Grotte stillstand.
-
-»Willkommen in meinem Palatium, Georg von Sturmfeder!« rief der
-Bewohner der Höhle, indem er sich von dem Bärenfelle aufrichtete, dem
-Jünglinge die Hand bot und ihm winkte, auf einen ebenso kunstlosen
-Sitz von Rehfellen sich niederzulassen. »Seid herzlich willkommen. Es
-war kein übler Einfall unseres Spielmanns, Euch in diese Unterwelt
-herabzuführen und mir einen so angenehmen Gesellschafter zu bringen.
-Hans! Du treue Seele, du warst bisher unser Majordomus, Truchseß
-und Kanzler, wir ernennen dich jetzt zu unserem Kellermeister und
-Obermundschenk. Sieh, dort hinter jener Säule des schönsten Granit muß
-ein Krug stehen, worin sich noch ein Rest alten Weines befindet. Nimm
-meinen Jagdbecher von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das wir
-jetzt führen, gieß ihn voll bis an den Rand und kredenze ihn unserem
-ehrenwerten Gaste!«
-
-Georg sah erstaunt auf den geächteten Mann. Er hatte nach dem
-Schicksal, das ihn betroffen, nach seinen unwirtlichen Umgebungen,
-zuletzt noch nach dem Klaggesang, den er gehört hatte, einen Mann
-erwartet, der zwar unbesiegt von den Stürmen des Lebens, aber ernst,
-vielleicht sogar finster in seinem Umgang sein werde, und er fand ihn
-heiter, unbesorgt, scherzend über seine Lage, als habe ihn auf der Jagd
-ein Sturm überfallen und genötigt, eine kleine Weile in dieser Höhle
-Schutz gegen das Wetter zu suchen. Und doch war es ein schrecklicherer
-Sturm als der furchtbarste Orkan der Natur, der ihn aus der Burg seiner
-Väter vertrieb, und doch war er ja das gejagte Wild, das gegen die
-Geschosse der mordlustigen Jäger hier eine Zuflucht fand!
-
-»Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast,« sagte der Ritter, als
-Georg bald ihn, bald seine Umgebungen mit verwunderten Blicken maß.
-»Vielleicht habt Ihr erwartet, daß ich Euch etwas weniges vorjammern
-werde? Aber über was soll ich klagen? Mein Unglück kann in diesem
-Augenblick keiner wenden, darum ziemt es sich, daß man heitere Miene
-zum bösen Spiel macht. Und sagt selbst, wohne ich hier nicht, wie
-Fürsten selten wohnen? Habt Ihr meine Hallen gesehen und die weiten
-Säle meines Palastes? Glänzen nicht ihre Wände wie Silber? Wölben
-die Decken sich nicht, wie aus Perlen und Diamanten zusammengesetzt?
-Werden sie nicht getragen von Säulen, die von Smaragden und Rubinen
-und allen Edelsteinen der Erde prangen? Doch hier kommt Hans, mein
-Obermundschenk, mit dem Weine. Sprich, mein Getreuer! ist das all unser
-Getränk, was in diesem Becher ist?«
-
-»Wasser, so klar als Kristall, hat Eure Wohnung,« sprach der Pfeifer,
-der mit der heiteren Laune seines Gefährten schon vertraut war, »aber
-auch ein Restchen Wein, das wenigstens noch drei Becher füllt, ist im
-Krug, und -- nun wir haben ja heute einen Gast und können schon etwas
-draufgehen lassen -- ich will es nur gestehen, ich habe heute nacht
-einen vollen Krug alten Uhlbacher hereingebracht, er steht bei dem
-andern.«
-
-»Das hast du wohl gemacht,« rief der geächtete Ritter, und ein Strahl
-der Freude drang aus seinem glänzenden Auge. »Glaubet nicht, Herr
-Georg, daß ich ein Schlemmer und Säufer bin; aber guter Wein ist
-ein edles Ding, und ich liebe es, in guter Gesellschaft den vollen
-Becher rund gehen zu lassen. Pflanze die Krüge nur hier auf, werter
-Kellermeister, wir wollen tafeln, wie in den Tagen des Glücks. Ich
-bring' es Euch, auf den alten Glanz des Hauses Sturmfeder!«
-
-Georg dankte und trank. »Ich sollte die Ehre erwidern,« sagte er, »und
-doch weiß ich Euren Namen nicht, Herr Ritter. Doch ich bringe es Euch!
-Möget Ihr bald wieder siegreich in die Burg Eurer Väter einziehen, möge
-Euer Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen -- es lebe!« Georg
-hatte die letzten Worte mit starker Stimme gerufen und wollte eben
-den Becher ansetzen, als das Geräusch vieler Stimmen, vom Eingang der
-Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die vernehmlich, »es lebe! lebe!«
-riefen. Verwundert setzte er den Becher nieder. »Was ist das?« sagte
-er, »sind wir nicht allein?«
-
-»Es sind meine Vasallen, die Geister,« antwortete der Ritter lächelnd,
-»oder wenn Ihr so lieber wollt, das Echo, das Eurem freundlichen Rufe
-beistimmt. Ich habe oft,« setzte er ernster hinzu, »in den Zeiten des
-Glanzes das Wohl meines Hauses von hundert Stimmen ausrufen hören, doch
-hat es mich nie so erfreut und gerührt als hier, wo mein einziger Gast
-es ausbrachte und die Felsen dieser Unterwelt es beantworteten. Fülle
-den Becher, Hans, und trinke auch du, und weißt du einen guten Spruch,
-so gib ihn preis.«
-
-Der Pfeifer von Hardt füllte sich den Becher und blickte Georg mit
-freundlichen Blicken an: »Ich bring' es Euch, Junker, und etwas recht
-Schönes dazu: Das Fräulein von Lichtenstein!«
-
-»Hallo, sa! sa! trinkt! Junker, trinkt!« rief der Geächtete und lachte,
-daß die Höhle dröhnte. »Aus bis auf den Boden, aus! Sie soll blühen und
-leben für Euch! Das hast du gut gemacht, Hans! Sieh nur, wie unserem
-Gast das Blut in die Wangen steigt, wie seine Augen blitzen, als küsse
-er schon ihren Mund. -- Dürft Euch nicht schämen! Auch ich habe geliebt
-und gefreit, und weiß, wie einem fröhlichen Herzen von vierundzwanzig
-Jahren zu Mute ist!«
-
-»Armer Mann!« sagte Georg. »Ihr habt geliebt und gefreit und mußtet
-vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder zurücklassen?« Er fühlte
-sich, während er dies sprach, heftig am Mantel gezogen, er sah sich
-um, und der Spielmann winkte ihm schnell mit den Augen, als sei dies
-ein Punkt, worüber man mit dem Ritter nicht sprechen müsse. Und den
-Jüngling gereuten auch seine Worte, denn die Züge des unglücklichen
-Mannes verfinsterten sich, und er warf einen wilden Blick auf Georg,
-indem er sagte: »Der Frost im September hat schon oft verderbt, was
-im Mai gar herrlich blühte, und man fragt nicht, wie es geschehen
-sei. Meine Kinder habe ich in den Händen rauher, aber guter Ammen
-gelassen, sie werden sie, so Gott will, bewahren, bis der Vater wieder
-heimkommt.« Er hatte dies mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch
-als wolle er die trüben Gedanken aus dem Gedächtnis abwischen, fuhr er
-mit der Hand über die Stirne, und wirklich glätteten sich die Falten,
-die sich dort zusammengezogen hatten, augenblicklich; er blickte wieder
-heiterer um sich her und sprach:
-
-»Der Hans hier kann mir bezeugen, daß ich schon oft gewünscht habe,
-Euch zu sehen, Herr von Sturmfeder. Er hat mir von Eurer sonderbaren
-Verwundung erzählt, wo man Euch wahrscheinlich für einen der
-Vertriebenen gehalten und angefallen hat, indessen der Rechte Zeit
-gewann, zu entfliehen.«
-
-»Das soll mir lieb sein,« antwortete Georg. »Ich möchte fast glauben,
-man hat mich für den Herzog selbst gehalten, denn diesem paßten sie
-damals auf; und ich will gerne die tüchtige Schlappe bekommen haben,
-wenn er dadurch gerettet wurde.«
-
-»Ei, das ist doch viel. Wisset Ihr nicht, daß der Hieb, der nach Euch
-geführt wurde, ebenso gut tödlich werden konnte?«
-
-»Wer zu Feld zieht,« entgegnete Georg, »der muß seine Rechnung mit der
-Welt so ziemlich abgeschlossen haben. Es ist zwar schöner, in einer
-Feldschlacht vor dem Feinde bleiben, wenn die Freunde jubeln und die
-Kameraden umherstehen, um einem den letzten Liebesdienst zu erweisen.
--- Aber doch wäre ich damals auch gestorben, wenn es hätte sein müssen,
-um die Streiche dieser Meuchelmörder von dem Herzog abzulenken.«
-
-Der Geächtete sah den Jüngling mit Rührung an und drückte seine Hand.
-»Ihr scheint großen Anteil an dem Herzog zu nehmen,« sagte er, indem
-er seine durchdringenden Augen auf ihn heftete, »das hätte ich kaum
-gedacht; man sagte mir, Ihr seiet bündisch.«
-
-»Ich weiß, Ihr seid ein Anhänger des Herzogs,« antwortete Georg, »aber
-Ihr werdet mir schon ein freies Wort gestatten. Seht, der Herzog
-hat manches getan, was nicht recht ist; zum Beispiel die Huttische
-Geschichte, sie mag nun sein wie sie will, hätte er unterlassen können.
-Sodann mag er mit seiner Frau hart umgegangen sein, und Ihr müßt selbst
-gestehen, er ließ sich doch zu sehr vom Zorne bemeistern, als er
-Reutlingen sich unterwarf --«
-
-Er hielt inne, als erwarte er die Antwort des Ritters, doch dieser
-schlug die Augen nieder und winkte schweigend dem jungen Mann,
-fortzufahren. »Nun, so dachte ich von dem Herzog, als ich bündisch
-wurde, so und nur etwas stärker sprach man von ihm im Heere. Aber eine
-große Fürsprecherin hatte er an Marien, und es ist Euch vielleicht
-bekannt, daß ich mich auf ihr Zureden lossagte. Nun bekamen die Sachen
-bald eine andere Gestalt in meinen Augen, sei es, weil ich von Natur
-mitleidig bin und niemand ungerecht mißhandelt sehen kann, oder auch,
-weil ich die Absichten der Bündischen besser durchschaute, -- ich
-sah, daß dem Herzog zu viel geschehe; denn der Bund hatte offenbar
-kein Recht, den Herzog aus allen seinen Besitzungen und sogar von
-seinem Fürstenstuhl zu vertreiben und ihn ins Elend zu jagen. Und
-da gewann der Herzog wieder in meinen Augen. Er hätte ja vielleicht
-noch eine Schlacht wagen können, aber er wollte nicht das Blut seiner
-Württemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen. Er hätte können den
-Leuten Geld abpressen und die Schweizer damit halten, aber er war
-größer als sein Unglück. Seht -- das hat mich zu seinem Freunde
-gemacht.«
-
-Der Ritter schlug die Augen auf, seine Brust schien höher zu schlagen,
-seine edle Gestalt richtete sich stolz empor, er sah Georg lange an
-und drückte seine Hand an sein pochendes Herz. »Wahrlich,« sagte er,
-»es lebt eine heilige, reine Stimme in dir, junger Freund! Ich kenne
-den Herzog wie mich selbst, aber ich darf sagen, wie du sagtest, er
-ist größer als sein Unglück und -- besser, als der Ruf von ihm sagt.
-Aber er hat wenige gefunden, die ihm Probe gehalten haben! Ach, daß
-er nur hundert gehabt hätte, wie du bist, und es hätte kein Fetzen
-der bündischen Paniere auf einer württembergischen Zinne geweht.
-Daß du sein Freund werden könntest! Doch es sei ferne von mir, dich
-einzuladen, sein Unglück mit ihm zu teilen, es ist genug, daß deine
-Klinge und ein Arm wie der deinige nicht mehr seinen Feinden gehört.
-Mögen deine Tage heiterer sein als die seinigen, möge der Himmel dir
-deine guten Gesinnungen gegen einen Unglücklichen belohnen!«
-
-Es wehte ein Geist in den Worten des geächteten Ritters, der manch
-verwandte Saite in dem Herzen des Jünglings anschlug. War es die
-Anerkennung seines persönlichen Wertes, der ihm aus dem Munde eines
-Tapferen so ermunternd klang, war es die Aehnlichkeit des Schicksals
-dieses Unglücklichen mit seiner eigenen Armut und mit dem Unglück
-seines Hauses, war es die romantische Idee, nicht für das siegende
-Unrecht, sondern für die gerechte Sache, gerade weil sie im tiefsten
-Unglück war, sich zu erklären -- Georg fühlte sich unwiderstehlich
-zu diesem geächteten Mann, zu der Sache, für die er litt, hingezogen;
-begeistert faßte er seine Hand und rief: »Es spreche mir keiner von
-Vorsicht, nenne es keiner Torheit, sich an das Unglück anzuschließen!
-Mögen andere dieses schöne Land dort oben teilen und in den Gütern
-dieses unglücklichen Fürsten schwelgen -- ich fühle Mut in mir, mit ihm
-zu tragen, was er trägt, und wenn er sein Schwert zieht, seine Lande
-wieder zu erobern, so will ich der erste sein, der sich an seine Seite
-stellt. Nehmt meinen Handschlag, Herr Ritter, ich bin, wie es auch
-komme, Ulrichs Freund für immer!«
-
-Eine Träne glänzte in dem Auge des Geächteten, indem er den Handschlag
-zurückgab. »Du wagst viel, aber du bist viel, wenn du Ulrichs Freund
-bist. Das Land da oben gehört jetzt den Räubern und Dieben, aber hier
-unten ist noch gut Württemberg. Hier vor mir sitzt der Ritter und
-der Bürger, vergesset einen Augenblick, daß ich ein armer Ritter und
-ein unglücklicher geächteter Mann bin, und denket, ich sei Fürst des
-Landes, wie ich Herr der Höhle bin. Ha! noch gibt es ein Württemberg,
-wo diese drei zusammenhalten, und sei es auch tief im Schoß der Erde.
-Fülle den Becher, Hans, und lege deine rauhe Hand in die unsrigen, wir
-wollen den Bund besiegeln!«
-
-Hans ergriff den vollen Krug und füllte den Becher. »Trinkt, edle
-Herren, trinkt,« sagte er, »Ihr könnet Euch in keinem edleren Wein
-Bescheid tun als in diesem Uhlbacher.«
-
-Der Geächtete trank in langen Zügen den Becher aus, ließ ihn wieder
-füllen und reichte ihn Georg. »Wie ist mir doch?« sagte dieser. »Blühet
-nicht dieser Wein um Württembergs Stammschloß? Ich glaube, man nennt
-also den Wein, der auf jenen Höhen wächst?«
-
-»Es ist so,« antwortete der Geächtete, »Rothenberg heißt der Berg,
-an dessen Fuß dieser Wein wächst, und auf seinem Gipfel steht das
-Schloß, das Württembergs Ahnen gebaut haben. -- O, ihr schönen Täler
-des Neckars, ihr herrlichen Berge voll Frucht und Wein! Von euch, von
-euch auf immer?« Er rief es mit einer Stimme, die aus einem gebrochenen
-Herzen voll Schmerz und Kummer heraufstieg, denn die Wehmut hatte die
-Decke gesprengt, womit der feste, unbeugsame Sinn dieses Mannes seine
-kummervolle Seele verhüllt hatte.
-
-Der Bauer kniete nieder zu ihm, ergriff seine Hand und weckte ihn aus
-dem düsteren Hinbrüten, dem er sich einige Augenblicke hingegeben
-hatte. »Seid stark, guter Herr! Ihr werdet sie wiedersehen, fröhlicher,
-als Ihr sie verlassen habt.«
-
-»Ihr werdet sie wiedersehen, die Täler Eurer Heimat,« rief Georg,
-»wenn der Herzog einrückt in sein Land, wenn er einziehet in die Burg
-seiner Ahnen, wenn die Täler des Neckars und seine weinreichen Höhen
-widerhallen vom Jubel des Volkes, dann werdet auch Ihr Eurer Wohnung
-wieder entgegenziehen. Verscheuchet die trüben Gedanken, ›~nunc vino
-pellite curas~‹ trinket, vergesset nicht, was wir vorhin gesprochen
-haben, ich tue Euch Bescheid in diesem Württemberger Wein, -- ›der
-Herzog und seine Treuen!‹«
-
-Ein angenehmes Lächeln ging wie ein Sonnenblick bei diesen Worten
-auf den düstern Zügen des Ritters auf. »Ja!« rief er, »Treue ist das
-Wort, das Genesung gibt dem gebrochenen Herzen, wie ein kühler Trank
-dem einsamen Wanderer in der Wüste. Vergesset meine Schwäche, Junker,
-verzeihet sie einem Mann, der sonst seinem Kummer nicht Raum gibt.
-Aber wenn Ihr je vom Gipfel des Rotenberges hinabgesehen hättet auf
-das Herz von Württemberg, wie der Neckar durch grüne Ufer zieht, wie
-manneshohe Halmen in den Feldern wogen, wie sanfte Hügel am Fluß sich
-hinaufziehen, bepflanzt mit köstlichem Wein, wie dunkle, schattige
-Forsten die Gipfel der Berge bekränzen, wie Dorf an Dorf mit den
-freundlichen roten Dächern aus den Wäldern von Obstbäumen hervorschaut,
-wie gute, fleißige Menschen, kräftige Männer, schöne Weiber auf diesen
-Höhen, in diesen Tälern walten und sie zu einem Garten anbauen, --
-hättet Ihr dieses gesehen, Junker, gesehen mit _meinen_ Augen und säßet
-jetzt hier unten, hinausgeworfen, verflucht, vertrieben, umgeben von
-starren Felsen, tief im Schoß der Erde! O, der Gedanke ist schrecklich
-und oft zu mächtig für ein Männerherz!«
-
-Georg bangte, der Ritter möchte durch die traurige Gegenwart und seine
-schöneren Erinnerungen wieder in seine Wehmut zurückgeführt werden,
-daher suchte er schnell dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: »Ihr
-waret also oft um den Herzog, Herr Ritter? O sagt mir, ich bin ja jetzt
-sein Freund, sagt mir, wie ist er im Umgang? Wie sieht er aus? Nicht
-wahr, er ist sehr veränderlich und hat viele Launen?«
-
-»Nichts davon,« antwortete der Geächtete, »Ihr werdet ihn sehen und
-lernet ihn am besten ohne Beschreibung kennen. Aber schon zu lange
-haben wir von fremden Angelegenheiten gesprochen. Von Euren eigenen
-saget Ihr gar nichts? Nichts von dem Zweck Eurer jetzigen Reise,
-nichts von dem schönen Fräulein von Lichtenstein? -- Ihr schweiget und
-schlaget die Augen nieder? Glaubet nicht, daß es Neugierde sei, warum
-ich frage. Nein, ich glaube Euch in dieser Sache nützlich sein zu
-können.«
-
-»Nach dem, was diese Nacht zwischen uns geschehen ist,« antwortete
-Georg, »ist von meiner Seite keine Zurückhaltung, kein Geheimnis mehr
-nötig. Es scheint auch, Ihr wußtet längst, daß ich Marien liebe,
-vielleicht auch, daß sie mir hold ist?«
-
-»O ja,« entgegnete der Ritter lächelnd, »wenn ich anders die Zeichen
-der Liebe verstehe und richtig deuten kann; denn sie schlug, wenn von
-Euch die Rede war, die Augen nieder und errötete bis in die Stirne;
-auch nannte sie Euren Namen mit eigenem, so eigenem Ton, als gäben alle
-Saiten ihres Herzens den Akkord zu diesem Grundton an.«
-
-»Ich glaube, Euer scharfes Auge hat richtig bemerkt, und deswegen will
-ich nach Lichtenstein. Ich war von Anfang willens, als ich mich vom
-Bunde lossagte, nach Haus zu ziehen, aber die Alb ist schon halbwegs
-von Franken hieher, da dachte ich, ich könnte das Fräulein noch einmal
-zuvor sehen. Der Mann hier führte mich über die Alb. Ihr wisset, was
-meine Reise um acht Tage verzögerte. Sobald der Morgen herauf ist, will
-ich oben im Schloß einsprechen, und ich hoffe, ich komme dem alten
-Herrn jetzt willkommener, da ich das neutrale Gebiet verlassen und zu
-seiner Farbe mich geschlagen habe.«
-
-»Wohl werdet Ihr ihm willkommen sein, wenn Ihr als Freund des Herzogs
-kommt, denn er ist ihm treu und sehr ergeben. Doch könnte es sein,
-daß er Euch nicht traute, denn er soll ein wenig mißtrauisch und
-grämlich gegen fremde Menschen sein. Ihr wisset, wie ich mit ihm stehe,
-denn er ist der barmherzige Samariter, der mich, wenn ich nachts aus
-meiner Höhle steige, mit warmer Speise und mit noch wärmerem Trost für
-die Zukunft labt. Ein paar Zeilen von mir mögen Euch bei ihm besser
-empfehlen als ein Freibrief des Kaisers, und zum Zeichen für ihn und
-manchen andern nehmt diesen Ring und traget ihn zum Andenken an diese
-Stunde, er wird Euch als einen Freund der gerechten Sache Württembergs
-verkünden.« Er zog bei diesen Worten einen breiten Goldreif vom
-Finger. Ein roter Stein war in die Mitte gefaßt, und in den drei
-Hirschgeweihen[31] mit dem Jagdhorn auf dem Wappenhelm, die darin
-eingegraben waren, erkannte der junge Mann das Zeichen Württembergs. Um
-den Ring standen erhabene eingeprägte Buchstaben, deren Sinn er nicht
-verstand. Sie hießen ~UHZWUT~.
-
-»Uhzwut? Was bedeutet dieser Name?« fragte er. »Ist es etwa ein
-Feldgeschrei für die Anhänger des Herzogs?«
-
-»Nein, mein junger Freund,« antwortete der geächtete Ritter. »Diesen
-Ring trug der Herzog lange an seiner Hand, und er war mir immer sehr
-wert, ich habe aber noch viele andere Andenken von ihm und konnte
-dieses an keinen Besseren abtreten. Die Zeichen heißen Ulrich Herzog zu
-Württemberg und Teck!«
-
-»Er wird mir ewig teuer sein,« erwiderte Georg, »als ein Andenken
-an den unglücklichen Herrn, dessen Namen er trägt, und als schöne
-Erinnerung an Euch, Herr Ritter, und die Nacht in der Höhle.«
-
-»Wenn Ihr an die Zugbrücke von Lichtenstein kommet,« fuhr der Ritter
-fort, »so gebet dem nächsten besten Knecht den Zettel, den ich Euch
-schreiben werde, und diesen Ring, solches dem Herrn des Schlosses zu
-bringen, und Ihr werdet gewiß empfangen werden, als wäret Ihr des
-Herzogs eigener Sohn. Doch für das Fräulein müßt Ihr Eure eigenen
-Zeichen haben, denn auf sie erstreckt sich mein Zauber nicht; etwa ein
-herzlicher Händedruck, die geheimnisvolle Sprache der Augen oder ein
-süßer Kuß auf ihren roten Mund; doch, um gehörig vor ihr zu erscheinen,
-habt Ihr Ruhe nötig, denn Eure Augen möchten nach einer durchwachten
-Nacht etwas trübe sein. Daher folget meinem Beispiel, strecket Euch auf
-die Rehfelle nieder und legt Euren Mantel als Kopfkissen unter. Und du,
-würdiger Majordomus, oberster Kämmerer und Mundschenk, Hans, getreuer
-Gefährte im Unglück, reiche diesem Paladin noch einen Becher zum
-Schlaftrunk, daß ihm jene Felle zum weichen Pfühl, diese Felsengrotte
-zum Schlafklosett werde, und ihn der Gott der Träume mit seinen
-lieblichsten Bildern besuche!«
-
-Die Männer tranken und legten sich zur Ruhe, und Hans setzte sich, wie
-ein treuer Hund, an die Pforte der Felsenkammer. Bald kam Morpheus
-mit leisen Tritten zu dem Lager des Jünglings und streute seine
-Schlummerkörner über ihn, und er hörte nur noch halb im Traume, wie der
-geächtete Mann sein Nachtgebet sprach und mit frommer Zuversicht zu dem
-Lenker der Schicksale flehte, über ihn und jenes unglückliche Land,
-in dessen tiefem Schoß er jetzt ruhte, seinen Schutz und seine Hilfe
-herabzusenden.
-
-
-
-
-21.
-
- Aus einem tiefen grünen Tal
- Steigt auf ein Fels als wie ein Strahl,
- Drauf schaut das Schlößlein Lichtenstein
- Vergnüglich in die Welt hinein.
-
- _Schwab._
-
-
-Georg konnte sich anfangs nicht recht auf seine Lage und die
-Gegenstände umher besinnen, als er von dem Pfeifer von Hardt aus dem
-Schlaf aufgeschüttelt wurde; allmählich aber kehrten die Bilder der
-vergangenen Nacht in seine Seele zurück, und er erwiderte freudig den
-Handschlag, mit welchem ihn der geächtete Ritter begrüßte. »So gerne
-ich Euch noch tagelang in meinem Palast beherbergen würde,« sprach
-dieser, »so möchte ich Euch doch raten, nach Lichtenstein aufzubrechen,
-wenn Ihr anders ein warmes Frühstück haben wollet. In meiner Höhle kann
-ich Euch leider keines bereiten lassen, denn wir machen niemals Feuer
-an, weil der Rauch uns gar zu leicht verraten könnte.«
-
-Georg stimmte seinen Gründen bei und dankte ihm für seine Beherbergung.
-»Wahrlich,« sagte er, »ich habe selten eine fröhlichere Nacht beim
-Becher verlebt als in dieser Höhle. Es hat etwas Reizendes, so
-tief unter den Füßen der Menschen zu atmen und mit Freunden sich
-zu besprechen. Ich gebe nicht den herrlichsten Saal des schönsten
-Schlosses um diese Felsenwände!«
-
-»Ja, unter Freunden, wenn der Becher munter kreist,« entgegnete der
-Bewohner der Höhle; »aber unfreiwillig hier zu sitzen, tagelang einsam
-in diesen Kellern über sein Unglück zu brüten, wenn das Herz sich
-hinaussehnt in den grünen Wald, unter den blauen Himmel, wenn das
-Auge, müde dieser unterirdischen Pracht, hineintauchen möchte in die
-reizende Landschaft, hinüber schweifen möchte über lachende Täler zu
-den fernen Bergen der Heimat; wenn das Ohr, betäubt von dem eintönigen
-Gemurmel dieser Wasser, die Tropfen um Tropfen von den Wänden rieseln
-und gesammelt in bodenlose Tiefen hinabstürzen, sich hinaussehnt, den
-Gesang der Lerche zu hören, zu lauschen, wie das Wild in den Büschen
-rauscht!«
-
-»Armer Mann! Es ist wahr, eine solche Einsamkeit muß schrecklich sein!«
-
-»Und dennoch,« fuhr jener fort und richtete sich höher auf, indem ein
-stolzer Trotz aus seinen Augen blitzte, »und dennoch preise ich mich
-glücklich, mit Hilfe guter Leute diese Zuflucht gefunden zu haben.
-Ja, ich wollte lieber noch hundert Faden tief hinabsteigen, wo die
-Brust keine Luft mehr zu atmen findet, als in die Hände meiner Feinde
-fallen und ihr Gespötte werden; und wenn sie dahin mir nachkämen, die
-blutgierigen Hunde des Bundes, so wollte ich mich mit meinen Nägeln
-weiter hineinscharren in die härtesten Felsen, ich wollte hinabsteigen
-tiefer und immer tiefer, bis wo der Mittelpunkt der Erde ist. Und
-kämen sie auch dorthin, so wollte ich die Heiligen lästern, die mich
-verlassen haben, und wollte dem Teufel rufen, daß er die Pforten
-der Finsternis aufreiße und mich berge gegen die Verfolgung dieses
-übermütigen Gesindels.« Der Mann war in diesem Augenblick so furchtbar,
-daß Georg unwillkürlich vor ihm zurückbebte. Seine Gestalt schien
-größer, alle seine Muskeln waren angespannt, seine Wangen glühten,
-seine Augen schossen Blitze, als suchten sie einen Feind, den sie
-vernichten sollten, seine Stimme dröhnte hohl und stark, und das Echo
-der Felsen sprach ihm in schrecklichen Tönen seine Verwünschungen nach.
-Obgleich diese Gradation dem Jüngling zu stark vorkommen mochte, so
-konnte er doch die Gefühle eines Mannes nicht tadeln, den man, weil er
-seinem Herrn treu geblieben war, aus seinen Besitzungen hinausgeworfen
-hatte, den man wie ein angeschossenes Wild suchte, um ihn zu töten. »Es
-liegt ein Trost in dieser Gesinnung,« sagte er zu dem Geächteten, »und
-Ihr werdet Euer Unglück leichter tragen, wenn Ihr den Gegensatz recht
-scharf ins Auge fasset. Ich bewundere Euch um Eure Seelenstärke, Herr
-Ritter; aber eben dieses Gefühl der Bewunderung nötigt mir eine Frage
-ab, die vielleicht noch immer zu unbescheiden klingt, doch Ihr habt
-mich in der letzten Nacht zu oft Freund genannt, als daß ich sie nicht
-wagen dürfte: nicht wahr, Ihr seid Marx Stumpf von Schweinsberg?«
-
-Es mußte etwas Lächerliches in dieser Frage liegen, das Georg nicht
-finden konnte, denn der Ernst, der noch immer auf den Zügen des Ritters
-gelegen, war wie weggeblasen; er lachte zuerst leise vor sich hin,
-dann aber brach er in lautes Gelächter aus, in welches, wie auf ein
-gegebenes Zeichen, auch der Spielmann einstimmte.
-
-Georg sah bald den einen, bald den andern fragend an, aber seine
-verlegenen Blicke schienen nur die Lachlust der beiden Männer noch mehr
-zu reizen. Endlich faßte sich der Geächtete: »Verzeihet, werter Gast,
-daß ich das Gastrecht so gröblich verletzte und mir nicht lieber die
-Zunge abgebissen habe, ehe ich etwas von Euch lächerlich fand; aber
-wie kommt ihr nur auf den Marx Stumpf? Kennt Ihr ihn denn?«
-
-»Nein, aber ich weiß, daß er ein tapferer Ritter ist, daß er wegen des
-Herzogs vertrieben wurde, und daß die Bündischen auf ihn lauern, und
-paßt dieses nicht alles ganz gut auf Euch?«
-
-»Danke Euch, daß Ihr mich für so tapfer haltet, aber das möchte
-ich Euch doch raten, daß Ihr dem Stumpf nicht bei Nacht in den Weg
-kommet wie mir, denn dieser hätte Euch ohne weiteres zu Kochstücken
-zusammengehauen. Der Schweinsberg ist ein kleiner, dicker Kerl, einen
-Kopf kleiner als ich, und darum kam mir unwiderstehlich das Lachen.
-Uebrigens ist er ein ehrenwerter Mann und einer von den wenigen, die
-ihren Herrn im Unglück nicht verließen.«
-
-»So seid Ihr nicht dieser Schweinsberg?« entgegnete Georg traurig, »und
-ich muß gehen, ohne zu wissen, wer mein Freund ist?«
-
-»Junger Mann!« sagte der Geächtete mit Hoheit, die nur durch den
-gewinnenden Ausdruck der Freundlichkeit gemildert wurde, »Ihr habt
-einen Freund gefunden durch Euer tapferes, ehrenvolles Wesen, durch
-Euren offenen, freien Blick, durch Eure warme Teilnahme an dem
-unglücklichen Herzog. Es sei Euch genug, diesen Freund gewonnen zu
-haben; fraget nicht weiter, ein Wort könnte vielleicht dieses trauliche
-Verhältnis zerstören, das mir so angenehm ist. Lebet wohl, denket an
-den geächteten Mann ohne Namen und seid versichert, ehe zwei Tage
-vorbeigehen, sollt Ihr von mir und meinem Namen hören.« Es wollte Georg
-dünken, als stehe dieser Mann, trotz seines unscheinbaren Kleides,
-vor ihm wie ein Fürst, der seinen Diener huldreich entläßt, so groß
-war jene unbeschreibliche Hoheit, die ihm auf der Stirne thronte, so
-erhaben der Glanz, der aus seinem Auge drang.
-
-Der Pfeifer hatte unter diesen Worten die Fackeln angezündet und stand
-erwartend am Eingang der Grotte; der geächtete Ritter drückte einen
-Kuß auf die Lippen des Jünglings und winkte ihm, zu gehen. Er ging und
-wußte nicht, wie ihm geschah; noch nie war ihm ein Mensch so freundlich
-nahe, und doch zugleich so unendlich hoch über ihm gestanden; noch nie
-hatte er gefühlt, wie in jenen Augenblicken, daß ein Mann, entkleidet
-von jenem irdischen Glanze, der das Leben schmückt, selbst in ärmlicher
-Hülle und Umgebung eine Erhabenheit und Größe von sich strahlen könne,
-die das Auge blendet und das Gefühl des eigenen Ichs so plötzlich
-überrascht und hinabdrückt. Mit diesem Gedanken beschäftigt, ging
-er durch die Höhle; die erhabene Pracht der Natur, die beim Eintritt
-sein Auge überrascht und gefesselt hatte, ging für ihn verloren; er
-staunte nicht mehr, daß sie im Schoße eines unscheinbaren Berges
-sich so herrlich und großartig ausgesprochen habe. War ja doch sein
-inneres Auge mit einem Gegenstand beschäftigt, in welchem sie sich noch
-imposanter und großartiger aussprach als in der nächtlichen Pracht
-dieser Felsen; denn er bewunderte die Erhabenheit des menschlichen
-Geistes über jedes irdische Verhältnis und dachte nach über die
-Majestät einer großen Seele, die auch im Gewande eines Bettlers ihren
-angeborenen Adel nicht verleugnen kann.
-
-Ein heller freundlicher Tag empfing sie, als sie aus der Nacht der
-Höhle zum Licht herausstiegen. Georg atmete freier und leichter in
-der kühlen Morgenluft, denn der feuchte Dunst, der in den Gängen
-und Grotten der Höhle umzieht, und wovon sie vielleicht den Namen
-Nebelhöhle trägt, lagert sich beengend auf die Brust. Sie fanden das
-Pferd des jungen Ritters noch an derselben Stelle angebunden, munter
-und frisch wie sonst, und selbst die Waffenstücke, die am Sattel
-befestigt waren, hatten durch den Nachttau nicht Schaden gelitten, wie
-Georg befürchtet hatte, denn der Pfeifer von Hardt hatte ein grobes
-Tuch, das ihm beim Unwetter gegen Regen und Kälte dienen mochte, über
-den Rücken des Pferdes ausgebreitet. Georg machte seine Kleidung und
-das Zeug des Rosses zurecht, während der Bauer diesem einige Hände voll
-Heu zum Morgenbrot reichte, und dann ging es weiter den Berg hinan. Sie
-waren erst wenige Schritte vorgerückt, als der Klang einer Glocke aus
-dem Tal herauftönte und die feierliche Stille des Morgens unterbrach;
-eine andere antwortete, drei bis vier stimmten ein, bis die melodischen
-Töne von wenigstens zwölf Glocken von den Höhen umher und aus den
-Tälern aufstiegen. Ueberrascht hielt der junge Mann sein Pferd an: »Was
-ist das?« rief er. »Brennt es irgendwo, oder wie, sollten wir heute ein
-Fest im Kalender haben? Weiß Gott, ich bin durch meine Krankheit so aus
-aller Zeit herausgekommen, daß ich den Sonntag nur daran erkenne, daß
-die Mädchen neue Röcke und frische Schürzen anhaben.«
-
-»Es ist wohl schon manchem Kriegsmann so gegangen,« antwortete Hans der
-Spielmann; »ich selbst habe mich oft erst auf die Zeit besinnen müssen,
-wenn ich wichtigere Dinge im Kopf hatte als Mess' und Predigt; aber
-heute ist es ein anderes Ding,« setzte er ernster hinzu und schlug ein
-Kreuz, »heut ist Karfreitag. Gelobt sei Jesus Christus!«
-
-»In Ewigkeit!« erwiderte der Jüngling. »Es ist das erste Mal in meinem
-Leben, daß ich den Tag nicht würdig begehe, wie ich soll, und dieser
-Tag erinnert mich an manche schöne Stunde meiner Kindheit. Damals
-lebte noch mein Vater; ich hatte eine sanfte, gute Mutter und ein ganz
-kleines Schwesterlein. Wir beide freuten uns immer, wenn der Karfreitag
-kam; wir wußten nichts von der Bedeutung des Tages, aber wir rechneten
-dann, daß es nur noch zwei Tage bis Ostern sei, wo uns die Mutter
-schöne Sachen bescherte. »~Requiescant in pace!~« setzte er hinzu,
-indem er seitwärts blickte, um eine Träne zu verbergen; »sie sind
-drüben alle drei und feiern dort ihren heiligen Freitag.«
-
-»Man sollte nicht von so unheiligen Dingen sprechen,« sagte der Pfeifer
-nach einigem Stillschweigen, »aber mein Beichtiger mag es mir schon
-vergeben. Ich denke, Ihr solltet nicht traurig sein, Junker! Denen, die
-schlafen, ist es wohl, und die, die wachen, sollen vorwärts und nicht
-rückwärts sehen. So würde ich an Eurer Stelle daran denken, wie Ihr
-einst auch Euren Kindlein das Ostern bescheren könnet, und wie sie sich
-freuen werden am Karfreitag. Seid Ihr nicht auf der Brautfahrt, und
-wird ein gewisses Fräulein nicht auch eine gute, sanfte Mutter werden?«
-
-Georg suchte umsonst ein Lächeln zu unterdrücken, das dieser sonderbare
-Trostspruch hervorgelockt hatte. »Höre, guter Freund,« entgegnete er,
-»dir ist zur Not ein solches Wort erlaubt; doch möchte ich keinem
-anderen raten, meine Ohren durch solche sündigen Gedanken zu entweihen.«
-
-»Nichts für ungut, Herr! Ich wollte weder Euch noch das Fräulein damit
-beleidigen; soll auch nicht mehr geschehen. Aber sehet Ihr nicht dort
-schon den Turm aus den Wipfeln ragen? Noch eine kleine Viertelstunde,
-und wir sind oben.«
-
-»Soviel ich gestern in der Nacht bemerken konnte, ist das Schloß auf
-einen einzelnen jähen Felsen hinausgestellt. Bei Gott, ein kühner
-Gedanke, da konnte wohl niemand hinüberkommen, wer nicht mit den Geiern
-im Bunde war und fliegen gelernt hatte; freilich jetzt könnte man ihm
-mit Stückschüssen sehr zusetzen.«
-
-»Meint Ihr? Nun es stehen auch vier gute Doppelhaken in der Halle, die
-auch ein Wörtchen antworten würden. Wenn Ihr recht gesehen habt, so
-müßt Ihr bemerkt haben, daß der Felsen ringsum durch ein breites Tal
-von den Bergen umher gesondert ist, dorther könnte man nicht viel
-Schaden tun; die einzige Seite, die näher an dem Berge liegt, ist die,
-wo die Zugbrücke herübergeht. Pflanzet einmal dort Geschütz auf und
-sehet zu, ob es Euch der Lichtensteiner nicht in den Grund schießt, ehe
-Ihr nur ein Fenster aufs Korn genommen habt. Und wie wollt Ihr Geschütz
-heraufführen in diesen Schluchten und Bergen, ohne daß Euch wenige
-entschlossene Männer mehr Schaden tun, als das ganze Nest wert ist?«
-
-»Da habt Ihr recht,« antwortete Georg; »ich möchte wissen, wer den
-Gedanken gehabt hat, auf den Felsen ein Schloß zu bauen.«
-
-»Das will ich Euch sagen,« erwiderte der Spielmann, der mit allen
-Sagen seines Landes vertraut war; »es lebte einmal vor vielen Jahren
-eine Frau, die mußte viele Verfolgung dulden und wußte sich nicht
-mehr zu raten. Da kam sie an diesen Felsen und sah, wie ein großer
-Geier mit seiner Familie und allem Haushalt dort lebte und gegen alle
-Nachstellung sicher war. Da beschloß sie, den Geier zu verdrängen. Sie
-ließ das Schloß dorthin bauen, und als alles fertig war, ließ sie die
-Brücke aufziehen, stieg auf die Zinne ihres Turmes und sprach: ›Nun bin
-ich Gottes Freund und aller Welt Feind.‹ Und es konnte ihr keiner mehr
-etwas anhaben. Aber sehet, da sind wir schon. Lebet wohl, vielleicht,
-daß ich Euch schon heute nacht wiedersehe. Ich steige jetzt ins Land
-hinab und bringe dann dem Herrn in der Höhle Kundschaft, wie es dort
-unten aussieht. Vergesset nicht, an der Brücke Brief und Ring dem Herrn
-des Schlosses zu senden, und hütet Euch, das Siegel selbst zu brechen.«
-
-»Sei ohne Sorgen! Ich danke dir für dein Geleite, und grüße meinen
-werten Gastfreund in der Höhle.« Georg sprach es, trieb sein Pferd an,
-und in wenigen Augenblicken war er vor der äußeren Verschanzung von
-Lichtenstein angelangt.
-
-Ein Knecht, der das Tor bewachte, fragte nach seinem Begehr und
-rief einen andern herbei, ihrem Herrn das Brieflein und den Ring
-zu übergeben. Georg hatte indes Zeit genug, das Schloß und seine
-Umgebungen zu betrachten. War ihm schon in der Nacht, beim ungewissen
-Schein des Mondes und in einer Gemütsstimmung, die ihn nicht zum
-aufmerksamsten Beobachter machte, die kühne Bauart dieser Burg
-aufgefallen, so staunte er jetzt noch mehr, als er sie vom hellen Tag
-beleuchtet anschaute. Wie ein kolossaler Münsterturm steigt aus einem
-tiefen Alptal ein schöner Felsen, frei und kühn, empor. Weitab liegt
-alles feste Land, als hätte ihn ein Blitz von der Erde weggespalten,
-ein Erdbeben ihn losgetrennt oder eine Wasserflut vor uralten Zeiten
-das weichere Erdreich ringsum von seinen festen Steinmassen abgespült.
-Selbst an der Seite von Südwest, wo er dem übrigen Gebirge sich nähert,
-klaffte eine tiefe Spalte, hinlänglich weit, um auch den kühnsten
-Sprung einer Gemse unmöglich zu machen, doch nicht so breit, daß nicht
-die erfinderische Kunst des Menschen durch eine Brücke die getrennten
-Teile vereinigen konnte.
-
-Wie das Nest eines Vogels, auf die höchsten Wipfel einer Eiche oder
-auf die kühnsten Zinnen eines Turmes gebaut, hing das Schlößchen
-auf dem Felsen. Es konnte oben keinen sehr großen Raum haben, denn
-außer einem Turm sah man nur eine befestigte Wohnung, aber die
-vielen Schießscharten im unteren Teil des Gebäudes und mehrere weite
-Oeffnungen, aus denen die Mündungen von schwerem Geschütz hervorragten,
-zeigten, daß es wohl verwahrt und trotz seines kleinen Raumes eine
-nicht zu verachtende Feste sei; und wenn ihm die vielen hellen Fenster
-des oberen Stockes ein freies, luftiges Ansehen verliehen, so zeigten
-doch die ungeheuren Grundmauern und Strebepfeiler, die mit dem Felsen
-verwachsen schienen und durch Zeit und Ungewitter beinahe dieselbe
-braungraue Farbe wie die Steinmasse, worauf sie ruhten, angenommen
-hatten, daß es auf festem Grunde wurzle und weder vor der Gewalt der
-Elemente noch dem Sturm der Menschen erzittern werde. Eine schöne
-Aussicht bot sich schon hier dem überraschten Auge dar, und eine noch
-herrlichere, freiere ließ die hohe Zinne des Wartturms und die lange
-Fensterreihe des Hauses ahnen.
-
-Diese Bemerkungen drängten sich Georg auf, als er erwartend an der
-äußeren Pforte stand, die wohlverschanzt herwärts über der Kluft, auf
-dem Lande den Zugang zu der Brücke deckte. Jetzt tönten Schritte über
-die Brücke, das Tor tat sich auf, und der Herr des Schlosses erschien
-selbst, seinen Gast zu empfangen. Es war jener ernste, ältliche Mann,
-den Georg in Ulm mehremal gesehen, dessen Bild er nicht vergessen
-hatte; denn die düsteren, feurigen Augen, die bleichen, aber edlen
-Züge, seine große Aehnlichkeit mit der Geliebten, hatten sich tief in
-die Seele des Jünglings eingeprägt.
-
-»Ihr seid willkommen in Lichtenstein!« sagte der alte Herr indem
-er seinem Gast die Hand bot und eine gütige Freundlichkeit den
-gewöhnlichen strengen Ernst seiner Züge milderte. »Was steht ihr
-müßig da, ihr Schlingel!« wandte er sich nach dieser ersten Begrüßung
-zu seinen Dienern. »Soll etwa der Junker sein Roß mit hinaufführen in
-die Stube? Schnell, hinein mit in den Stall; das Rüstzeug traget auf
-die Kammer am Saal! -- Verzeihet, werter Herr, daß man Euch so lange
-unbedient stehen ließ, aber in diese Bursche ist kein Verstand zu
-bringen. Wollet Ihr mir folgen?«
-
-Er ging voran über die Zugbrücke, Georg folgte. Sein Herz pochte bei
-diesem Gange voll Erwartung, voll Sehnsucht, seine Wangen röteten sich
-vor Liebe und vor Scham, wenn er an die letzte Nacht und an die Gefühle
-zurückdachte, die ihn zuerst vor diese Burg geführt hatten. Sein Auge
-suchte an den Fenstern umher, ob es nicht die Geliebte erspähe, sein
-Ohr schärfte sich, um vielleicht ihre Stimme zu vernehmen, wenn auch
-ihr Anblick ihm jetzt noch verborgen war. Aber umsonst suchten seine
-Blicke diese Mauern zu durchbohren, umsonst fing sein scharfes Ohr
-jeden Laut begierig auf, noch schien sie sich nicht zeigen zu wollen.
-
-Sie gelangten jetzt an das innere Tor. Es war nach alter Art tief,
-stark gebaut und mit Fallgattern, Oeffnungen für siedendes Oel und
-Wasser, und allen jenen sinnreichen Verteidigungsmitteln versehen,
-womit man in den guten alten Zeiten den stürmenden Feind, wenn er
-sich der Brücke bemeistert haben sollte, abhielt. Doch die ungeheuren
-Mauern und Befestigungen, die sich von dem Tor an rings um das Haus
-zogen, verdankte Lichtenstein nicht der Kunst allein, sondern auch der
-Natur; denn ganze Felsen waren in die Mauerlinie gezogen, und selbst
-der schöne, geräumige Pferdestall und die kühlen Kammern, die statt
-des Kellers dienten, waren in den Felsen eingehauen. Ein bequemer,
-gewundener Schneckengang führte in die oberen Teile des Hauses, und
-auch dort waren kriegerische Verteidigungen nicht vergessen; denn
-auf dem Vorplatz, der zu den Zimmern führte, wo in anderen Wohnungen
-häusliche Gerätschaften aufgestellt sind, waren hier furchtbare
-Doppelhaken und Kisten mit Stückkugeln aufgepflanzt. Das Auge des
-alten Ritters ruhte mit einem gewissen Ausdruck von Stolz auf diesem
-sonderbaren Hausrat, und in der Tat konnten diese Geschütze damals für
-ein Zeichen von Wohlhabenheit und selbst Reichtum gelten, denn nicht
-jeder Privatmann war imstande, seine Burg mit vier oder sechs solchen
-Stücken zu versehen.
-
-Von hier ging es noch einmal aufwärts in den zweiten Stock, wo ein
-überaus schöner Saal, ringsum mit hellen Fenstern, den Ritter von
-Lichtenstein und seinen Gast aufnahm.[32] Der Hausherr gab einem
-Diener, der ihnen gefolgt war, mehr durch Zeichen als Worte einige
-Befehle, die ihn aus dem Saale entfernten.
-
-
-
-
-22.
-
- -- Und der Graf, gerührt von solches
- Hohen Opfers hohem Geiste
- Bei der Freude süßer Regung,
- Kann der Freundschaft mildem Taue,
- Der durchs Herz ihm, der durchs Auge
- Schon ihm schleicht, nicht widerstehen.
-
- _P. Conz._
-
-
-Als die beiden Männer in dem weiten Saale von Lichtenstein allein
-waren, trat der Alte dicht vor Georg hin und schaute ihn an, als messe
-er prüfend seine Züge. Ein Strahl von Begeisterung und Freude drang aus
-seinen Augen, und die Melancholie seiner Stirne war verschwunden, er
-war heiter, fröhlich sogar, wie der Vater, der einen Sohn empfängt, der
-von langen Reisen zurückkehrt. Endlich stahl sich eine Träne aus seinem
-glänzenden Auge, aber es war eine Träne der Freude, denn er zog den
-überraschten Jüngling an sein Herz.
-
-»Ich pflege nicht weich zu sein,« sprach er nach dieser feierlichen
-Umarmung zu Georg; »aber solche Augenblicke überwinden die Natur, denn
-sie sind selten. Darf ich denn wirklich meinen alten Augen trauen?
-Trügen die Züge dieses Briefes nicht? Ist dieses Siegel echt, und darf
-ich ihm glauben? Doch -- was zweifle ich! Hat nicht die Natur Euch ihr
-Siegel auf die freie Stirne gedrückt? Sind die Züge nicht echt, die sie
-auf den offenen Brief Eures Gesichtes geschrieben? Nein, Ihr könnet
-nicht täuschen -- die Sache meines unglücklichen Herrn hat einen Freund
-gefunden?«
-
-»Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meinet, so habt Ihr recht
-gesehen, sie hat einen warmen Anhänger gefunden. Der Ruf bezeichnet mir
-längst den Herrn von Lichtenstein als einen treuen Freund des Herzogs,
-und ich wäre vielleicht auch ohne den Rat jenes unglücklichen Mannes,
-der mich zu Euch schickte, gekommen, Euch zu besuchen.«
-
-»Setzet Euch zu mir, junger Freund,« sagte der Alte, dessen Augen
-immer noch mit Liebe auf dem Jüngling zu ruhen schienen; »setzet Euch
-her und höret, was ich sage. Ich liebe es sonst nicht, wenn die Leute
-ihre Farbe ändern, ich habe in meinem langen Leben gelernt, daß man
-die Ueberzeugung eines jeden ehren müsse, und daß ein Mann, wenn er
-nur sonst reine Absichten hat, nicht gerade deswegen zu verdammen sei,
-weil er anderer Meinung ist als wir. Aber wenn man seine Farbe mit so
-uneigennützigen Absichten ändert wie Ihr, Georg von Sturmfeder, wenn
-man dem Glück den Rücken kehrt, um sich an das Unglück anzuschließen,
-da hat die Aenderung großen Wert, denn sie trägt das Gepräge einer
-edlen Tat an der Stirne.«
-
-Georg errötete über sich selbst, als er hörte, wie der Lichtensteiner
-seine uneigennützigen Absichten pries. War es denn nicht auch die
-schöne Tochter, was ihn zu der Fahne des Vaters führte? Und mußte
-er nicht in der Achtung dieses Mannes sinken, wenn über kurz oder
-lang dieses Motiv seines Uebertrittes ans Licht kam? »Ihr seid zu
-gütig,« antwortete er; »die Absichten eines Menschen liegen oft tiefer
-verborgen, als man auf den ersten Anblick glaubt; seid versichert, daß
-mein Uebertritt zu Eurer Sache zwar zum Teil von dem empörten Gefühl
-des Rechtes geleitet wurde; doch könnte es auch einen irdischeren
-Beweggrund geben, Herr Ritter, und ich möchte nicht, daß Ihr mich
-für zu gut hieltet, es würde mir um so weher tun, wenn Ihr nachher
-ungünstiger von mir urteiltet.«
-
-»Ich liebe Euch um dieser Offenheit willen nur noch mehr,« entgegnete
-der Herr des Schlosses und drückte seinem Gast die Hand. »Doch traue
-ich meiner Erfahrung und meiner Kenntnis der Gesichter, und von Euch
-will ich kühn behaupten, daß, wenn Euch auch noch eine andere Absicht
-leitet als das Gefühl des Rechtes, diese Absicht doch keine schlechte
-sein kann. Wer Schlechtes im Schilde führt, ist feig, und wer feig ist,
-wagt es nicht, den Truchseß, den Herzog von Bayern und den schwäbischen
-Bund vor den Kopf zu stoßen und so aufzutreten, wie Ihr aufgetreten
-seid.«
-
-»Was wisset Ihr von mir?« rief Georg mit freudigem Erstaunen, »habt Ihr
-denn je von mir gehört vor diesem Augenblick?«
-
-Der Diener, welcher bei diesen Worten die Türe öffnete, unterbrach
-die Antwort des alten Herrn; er setzte Wildbret und volle Becher vor
-Georg hin und schickte sich an, den Gast zu bedienen. Doch ein Wink
-seines Herrn entfernte ihn aufs neue. »Verschmähet diesen Morgenimbiß
-nicht,« sagte er zu dem jungen Manne; »den ersten Becher sollte zwar
-die Hausfrau kredenzen, wie es die angenehme Sitte heischt; aber die
-meinige ist schon lange tot, und meine einzige Tochter, Marie, die an
-ihrer Stelle das Hauswesen versieht, ist ins Dorf hinabgegangen, um am
-hohen Feste eine Predigt zu hören und die Messe. Nun, Ihr fraget mich,
-ob ich noch nie von Euch gehört hatte? Ihr seid ja jetzt unser, daher
-darf ich Euch wohl sagen, was man sonst verschweigt. Ich war zur Zeit,
-als Ihr in Ulm einrücktet, in jener Stadt, um meine Tochter abzuholen,
-die sich dort aufhielt, hauptsächlich aber, um manches zu erfahren, was
-für den Herzog zu wissen wichtig war; Gold öffnet alle Pforten,« setzte
-er lächelnd hinzu, »auch die des hohen Rates, und so hörte ich täglich,
-was die Bundesobersten beschlossen. Als der Krieg erklärt wurde, war
-ich genötigt, abzureisen; ich hielt aber treue Männer in jener Stadt,
-die mir auch das Geheimste berichteten, was vorging.«
-
-»War nicht einer davon der Pfeifer von Hardt,« fragte Georg, »den ich
-bei dem Geächteten traf?«
-
-»Und der Euch über die Alp führte? Jawohl! Diese brachten immer
-Kundschaft. So erfuhr ich denn auch, daß man beschloß, einen Späher
-hinter den Rücken des Herzogs zu schicken, etwa in die Gegend von
-Tübingen, um dem Bunde sogleich Nachricht von unseren Schritten zu
-erteilen. Ich erfuhr auch, daß die Wahl auf Euch gefallen sei. Nun
-muß ich Euch redlich gestehen, Ihr und Euer Name war mir ziemlich
-gleichgültig, nur bedauerte ich Euch, als ich hörte, daß Ihr noch
-solch ein junges Blut seid, denn sobald Ihr über die Alb kamet als
-Kundschafter, wäret Ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit totgeschlagen
-oder unter die Erde gesetzt worden, wo keine Sonne und kein Mond
-hinscheint. Um so überraschender war mir und vielen Männern die
-Nachricht, wie Ihr es ausgeschlagen und wie tapfer Ihr vor jenen
-Herren gesprochen. Auch daß Ihr absagtet und auf vierzehn Tage Urfehde
-schwören mußtet, erfuhr ich. Und wie freut es mich, daß Ihr nun gar
-unser Freund geworden seid!«
-
-Die Wangen des jungen Mannes glühten, sein Auge strahlte vor Freude;
-brach ja doch dieser Augenblick alle Schranken, welche die Verhältnisse
-zwischen ihm und Marie gezogen hatten. Sein langer Wunsch, dessen
-Erfüllung oft so weit in die Ferne hinausgerückt schien, war in
-Erfüllung gegangen; er hatte unbewußt Mariens Vater für sich gewonnen.
-»Ja, ich habe ihnen abgesagt,« antwortete Georg, »weil ich ihr Wesen
-nicht mehr leiden mochte; ich bin Euer Freund geworden; doch wäre
-es möglich, ich hätte mich nicht so bald zu Eurer Sache bekannt;
-aber als ich unten in der Höhle neben jenem geächteten Mann saß, als
-ich bedachte, wie man mit den Edeln und selbst mit dem Herrn des
-Landes umgehe, wie seine gewaltigen Reden so mächtig an meiner Brust
-anklopften, da war es mir auf einmal hell und klar, hierher müsse ich
-stehen, hier müsse ich streiten. Und glaubt Ihr, es werde bald etwas zu
-tun geben? Denn ich bin nicht zu Euch herübergeritten, um die Hände in
-den Schoß zu legen!«
-
-»Das konnte ich mir denken,« sagte der Ritter lächelnd; »vor vierzig
-Jahren hatte ich auch so rasches Blut, und es ließ mich nicht lange
-auf einem Fleck. Wie die Sachen stehen, wißt Ihr; man kann sagen, eher
-schlimm als gut. Sie haben das Unterland, sie haben den ganzen Strich
-von Urach herauf. Auf _eines_ kommt alles an: hält Tübingen fest, so
-siegen wir.«
-
-»Die Ehre von vierzig Rittern bürgt dafür,« rief Georg mit Unmut;
-»das Schloß ist stark, ich habe kein stärkeres gesehen, Besatzung ist
-hinlänglich da, und vierzig Männer von Adel werden sich so leicht nicht
-ergeben. Es kann nicht sein, es darf nicht sein. Haben sie nicht des
-Herzogs Kinder bei sich und den Schatz des Hauses? Sie _müssen_ sich
-halten.«
-
-»Wohl, wenn sie alle dächten wie Ihr. Es kommt gar viel auf Tübingen
-an. Wenn der Herzog Entsatz bringen kann, so hat er an Tübingen einen
-festen Punkt, von wo aus er sein Land wiedererobern kann; es sind große
-Kriegsvorräte dort, es ist ein großer Teil des Adels; solange sie zu
-seiner Partei halten, ist Württemberg nur dem Boden nach gewonnen, dem
-Geiste nach ist es noch des Herzogs; aber ich fürchte, ich fürchte!«
-
-»Wie? Unmöglich können sich die Vierzig ergeben!«
-
-»Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt,« erwiderte der Alte; »Ihr
-wißt nicht, welche Lockungen und Schlingen manchen ehrlichen Mann
-straucheln machen können; und es ist mancher in der Burg, dem der
-Herzog zu viel getraut hat. Er merkt auch wohl, daß es nicht ganz
-lauter und rein hergeht, denn er schickte den Ritter Marx Stumpf von
-Schweinsberg an sie mit einem beweglichen Schreiben[33], das Schloß
-nicht zu übergeben, sondern ihm Gelegenheit zu machen, in dasselbe
-zu kommen, weil er dort zu sterben bereit sei, wenn es Gott über ihn
-verhänge.«
-
-»Der arme Herr!« rief Georg bewegt. »Aber ich kann nicht glauben,
-daß der Landesadel so schändlich freveln könnte; sie werden ihn
-einlassen in die Burg, er wird ihren Mut aufs neue beseelen, er wird
-Ausfälle machen, er wird sie schlagen, die Belagerer, trotz Bayern und
-Frondsberg; wir werden uns an ihn anschließen, wir werden fechtend
-durch das Land ziehen und diese Bündler verjagen.«
-
-»Marx Stumpf ist noch nicht zurück,« sagte der Ritter von
-Lichtenstein mit besorgter Miene; »auch haben sie seit gestern das
-Schießen eingestellt. Sonst hörte man jeden Stückschuß hier auf dem
-Lichtenstein, aber seit gestern ist es still wie im Grabe.«
-
-»Vielleicht schweigt das Geschütz wegen des Festes; gebt acht, sie
-werden morgen oder am Ostermontag wieder donnern lassen, daß es durch
-Eure Felsen hallt.«
-
-»Was da!« entgegnete jener. »Wegen des Festes? Seinem Herzog treu
-zu dienen, ist auch ein frommer Dienst, und es wäre den Heiligen im
-Himmel vielleicht lieber, sie hörten den Donner der Feldschlangen von
-Tübingens Wällen, als daß sie die Ritter müßig sehen. Müßiggang ist
-aller Laster Anfang! Aber wenn nur der Stumpf in das Schloß kommt, der
-wird sie aufrütteln aus ihrem Schlummer.«
-
-»Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tübingen geschickt,
-sagt Ihr? Der Herzog will ins Schloß, weil die Besatzung seit einigen
-Tagen zu wanken scheint? Da kann also Ulrich nicht bis Mömpelgard
-entflohen sein, wie die Leute sagen; da ist er vielleicht in der
-Nähe? O daß ich ihn sehen könnte, daß ich mich mit ihm nach Tübingen
-schleichen könnte!«
-
-Ein sonderbares Lächeln zog flüchtig über die ernsten Züge des Alten.
-»Ihr werdet ihn sehen, wenn es Zeit ist,« sagte er. »Ihr werdet ihm
-angenehm sein, denn er liebt Euch schon jetzt. Und ist das Glück gut,
-so sollt Ihr auch mit ihm nach Tübingen kommen, Ihr habt mein Wort
-drauf. -- Doch jetzt muß ich Euch bitten, Euch ein Stündchen allein
-zu gedulden. Mich ruft ein Geschäft, das aber bald abgetan sein wird.
-Nehmt Euch meinen Wein zum Gesellschafter, schauet Euch um in meinem
-Haus; ich würde Euch einladen, auf die Jagd auszureiten, wenn ein
-solches Vergnügen zum Karfreitag paßte.«
-
-Der alte Herr drückte seinem Gast noch einmal die Hand und verließ das
-Zimmer. Bald nachher sah ihn Georg aus dem Schlosse dem Walde zu reiten.
-
-Als sich der junge Mann allein gelassen sah, fing er an, seinen Anzug
-ein wenig zu besorgen, der durch den Ritt in der Nacht, durch seinen
-Aufenthalt in der Höhle etwas außer Ordnung gekommen war. Wer je unter
-solchen Umständen in die Nähe der Geliebten kam, wird es ihm nicht
-übelnehmen, wenn er vor einem kleinen Spiegel von poliertem Metall,
-den er in diesem Gemach vorfand und der wohl zu Mariens Gerätschaften
-gehören mochte, Bart und Haare ordnete, das Wams ein wenig reinigte und
-jede Spur von Unordnung aus seinem Anzug zu verbannen suchte. Er erging
-sich dann in dem großen Zimmer und suchte unter den vielen Fenstern
-eines auf, von welchem er auf den Felsenweg hinabschauen konnte, den
-Marie von der Kirche im Tal heraufkommen mußte.
-
-Es waren fröhliche Gedanken, die sich in bunter Menge an seiner Seele
-vorüberdrängten, schnell und flüchtig wie ein Zug heller Wölkchen,
-die am blauen Gewölb des Himmels dahingleiten. Dies war die Burg,
-die er seit mehr als einem Jahre im Wachen geträumt, in Träumen klar
-gesehen hatte, dies die Berge, die Felsen, von denen sie ihm so oft
-erzählte, dies die Gemächer ihrer Kindheit! Es hat etwas Anziehendes,
-in den Zimmern zu verweilen, wo die Geliebte groß geworden ist. Man
-träumt sich um Jahre zurück, man sieht sie als kleines Mädchen in
-diesen Kammern, in diesen Gängen sich umtreiben; man geht um einige
-Jahre vorwärts, man sieht sie noch klein, aber verständig, der Mutter
-jene kleinen Künste der Haushaltung abspähen, die sie viele Jahre
-nachher als Hausfrau nötig hat. Doch in dem kleinen Köpfchen gestaltet
-sich schon jetzt ein eigenes Hauswesen. Es ist vielleicht jene Ecke,
-dachte Georg lächelnd, wo sie in kindischer Geschäftigkeit, was sie
-von den Brosamen der Küche erbeutete, zu Speisen von eigener Erfindung
-bereitete, wo sie das hölzerne Wesen, das ein Knecht kunstreich
-schnitzelte und die Amme mit einigen bunten Fetzen behängt hat, für ein
-wackeres Kind hält und es mit wichtiger Miene zu füttern gedenkt.
-
-Und dann jene anmutsvolle Stufe zwischen Kind und Jungfrau! Wo ist wohl
-das stille Plätzchen, wo sich das fünfzehnjährige Fräulein, wenn sie
-in dem Garten und Feld nach Kinderweise getobt hatte, sich ernst und
-feierlich hinsetzte, die Kunkel zur Hand nahm und goldne Fäden zog,
-während ihr der Vater von der Mutter und von den Tagen seiner Jugend
-erzählte oder durch weise Lehren und gewichtige Sprüche den Geist der
-Jungfrau zu erheben suchte?
-
-Wo ist das Lieblingsfenster, wohin sie sich, immer höher und schöner
-heranwachsend, gerne setzte und mit unbewußter, dunkler Sehnsucht in
-die Ferne sah, über das Leben und ihre eigene Zukunft nachsann und
-sich in freundliche Träume versenkte?
-
-Es war ihm so heimisch, so wohl in diesem Hause, es war _ihr_ Geist,
-der hier waltete, der ihn umschwebte, den er, ob sie auch fern war,
-freundlich begrüßte. Dieses Gärtchen, auf einem schmalen Raum am
-Felsen, hatte sie besorgt und gepflegt, diese Blumen, die in einem Topf
-auf dem Tische standen, hatte sie vielleicht heute schon gepflückt. Er
-ging hin, diese Zeichen ihres freundlichen Sinnes zu begrüßen.
-
-Er beugte sich herab über die Blumen, er führte die duftenden Veilchen
-zum Mund. In diesem Augenblick glaubte er ein Geräusch vor der Türe zu
-vernehmen. Er sah sich um -- sie war es, es war Marie, die staunend und
-regungslos, als traue sie ihren Augen nicht, an der Türe stand. Er flog
-zu ihr hin, er zog sie in seine Arme, und seine Lippen erst schienen
-sie zu überzeugen, daß es nicht der Geist des Geliebten sei, der ihr
-hier erscheine. Wie viel hatten sie sich zu fragen, bei weitem mehr,
-als sie nur antworten konnten! Es gab Augenblicke, wo sie, wie aus
-einem Traum erwacht, sich ansahen, sich überzeugen mußten, ob sie denn
-wirklich sich wiederhaben?
-
-»Wieviel habe ich um dich gelitten,« sagte Marie, und ihre Wangen
-straften sie nicht Lügen; »wie schwer wurde mir das Herz, als ich aus
-Ulm scheiden mußte. Zwar hattest du mir gelobt, vom Bunde abzulassen,
-aber hatte ich denn Hoffnung, dich so bald wiederzusehen? -- Und dann,
-wie mir Hans die Nachricht brachte, daß du mit ihm nach Lichtenstein
-kommen wolltest, aber du seist überfallen, verwundet worden. Das Herz
-wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu dir, konnte dich
-nicht pflegen!«
-
-Wie beschämt war Georg, wenn er an seine törichte Eifersucht
-zurückdachte, wie fühlte er sich so klein und schwach Mariens zarter
-Liebe gegenüber. Er suchte sein Erröten zu verbergen, er erzählte, oft
-unterbrochen von ihren Fragen, wie sich alles so gefügt habe, wie er
-dem Bunde abgesagt, wie er überfallen worden, wie er der Pflege der
-Pfeifersfrau sich entzogen habe, um nach Lichtenstein zu reisen.
-
-Georg war zu ehrlich, als daß ihn Mariens Fragen nicht hin und wieder
-in Verlegenheit gesetzt hätten. Besonders als sie mit Verwunderung
-fragte, warum er denn so tief in der Nacht erst nach Lichtenstein
-aufgebrochen sei, wußte er sich nicht zu raten. Die schönen klaren
-Augen der Geliebten ruhten so fragend, so durchdringend auf ihm, daß
-er um keinen Preis eine Unwahrheit zu sagen vermocht hätte.
-
-»Ich will es nur gestehen,« sagte er mit niedergeschlagenen Augen, »die
-Wirtin in Pfullingen hat mich betört. Sie sagte mir etwas von dir, was
-ich nicht mit Gleichmut hören konnte.«
-
-»Die Wirtin von mir?« rief Marie lächelnd. »Nun was war denn dies, daß
-es dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?«
-
-»Laß es doch! Ich weiß ja, daß ich ein Tor war. Der geächtete Ritter
-hat mich ja schon längst überzeugt, daß ich völlig unrecht hatte.«
-
-»Nein, nein,« entgegnete sie bittend, »so entgehst du mir nicht. Was
-wußte die Schwätzerin wieder von mir? Gestehe nur gleich --«
-
-»Nun, lache mich nur recht aus. Sie erzählte, du habest einen Liebsten
-und lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle Nacht in die Burg.«
-
-Marie errötete. Unwille und die Lust, über diese Torheit zu lachen,
-kämpften in ihren schönen Zügen. »Nun, ich hoffe,« sagte sie, »du hast
-ihr darauf geantwortet, wie es sich gehört, und aus Unmut über eine
-solche Verleumdung ihr Haus verlassen? Dachtest vielleicht, du könntest
-unser Schloß noch erreichen und hier übernachten?«
-
-»Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht. Siehe, ich war noch halb
-krank, ich glaubte ihr auch anfangs gewiß nicht; aber deine Amme, die
-alte Frau Rosel, wurde aufgeführt, sie hatte es der Wirtin gesagt, sie
-hatte mich selbst ins Spiel gebracht und bedauert, daß ich um meine
-Liebe betrogen sei, da -- o sieh nicht weg, Marie, werde mir nicht
-böse! -- ich schwang mich aufs Pferd und ritt vors Schloß herauf, um
-ein Wort mit dem zu sprechen, der es wage, Marien zu lieben.«
-
-»Das konntest du glauben?« rief Marie, und Tränen stürzten aus ihren
-Augen. »Daß Frau Rosel solche Sachen ausgesagt, ist unrecht, aber sie
-ist ein altes Weib, klatscht gerne; daß die Frau Wirtin solche Sachen
-nachsagt, nehme ich ihr nicht übel, denn sie weiß nichts Besseres zu
-tun; aber du, _du_ Georg, konntest nur einen Augenblick so arge Lügen
-glauben? Du wolltest dich überzeugen, daß --« von neuem strömten ihre
-Tränen, und das Gefühl bitterer Kränkung erstickte ihre Stimme.
-
-Georg zürnte sich selbst, daß er so töricht hatte sein können, aber er
-fühlte auch, daß, wenn er ein großes Unrecht an der Geliebten begangen
-hatte, es nur die Liebe war, die ihn verleitete. »Verzeihe mir nur
-diesmal,« bat er; »sieh, wenn ich dich nicht so lieb gehabt hätte, ich
-hätte gewiß nicht geglaubt; aber wenn du wüßtest, was Eifersucht ist!«
-
-»Wer recht liebt, kann gar nicht eifersüchtig sein,« sagte Marie
-unmutig; »aber schon in Ulm hast du etwas solches gesagt, und schon
-damals hat es mich recht tief betrübt. Aber du kennst mich gar nicht;
-wenn du mich recht gekannt hättest, wenn du mich geliebt hättest wie
-ich dich, wärest du nicht auf solche Gedanken gekommen.«
-
-»Nein! Ungerecht mußt du doch nicht werden,« rief Georg und faßte ihre
-Hand. »Wie kannst du mir vorwerfen, daß ich dich nicht liebe wie du
-mich? Hätte es denn nicht möglich sein können, daß ein Würdigerer als
-ich erschienen, daß der arme Georg durch irgend einen bösen Zauber aus
-deinem Herzen verdrängt worden wäre? Es ist ja doch alles möglich auf
-der Erde!«
-
-»Möglich?« unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den Georg oft mit
-Lächeln an der Tochter des Ritters von Lichtenstein betrachtet hatte,
-schien sie allein zu beseelen. »Möglich? Wenn Ihr nur einen Augenblick
-so Arges von mir für möglich gehalten hättet, ich wiederhole es, Herr
-von Sturmfeder! so habt Ihr mich nie geliebt. Ein Mann muß sich nicht
-wie ein Rohr hin und her bewegen lassen, er muß feststehen auf seiner
-Meinung, und wenn er liebt, so muß er auch glauben.«
-
-»Diesen Vorwurf habe ich von dir am wenigsten verdient,« sagte der
-junge Mann, indem er unmutig aufsprang; »wohl bin ich ein Rohr, das vom
-Winde hin und her bewegt wird, und mancher wird mich darum verachten --«
-
-»Es könnte sein!« flüsterte sie, doch nicht so leise, daß es sein Ohr
-nicht erreichte und seinen Unmut zum Zorn anblies.
-
-»Auch du willst mich also darum verachten, und doch bist du es,
-was mich hin und her bewegt! Ich habe dich auf bündischer Seite
-gesucht, ich war selig, als ich dich dort fand. Du batest mich, davon
-abzulassen, ich ging. Ich tat noch mehr. Ich kam zu euch herüber,
-es kostete mich beinahe das Leben, und doch ließ ich mich nicht
-abschrecken. Ich ergriff Württembergs Partei, ich kam zu deinem Vater,
-er nahm mich wie einen Sohn auf und freute sich, daß ich sein Freund
-geworden -- aber seine Tochter schilt mich ein Rohr, das vom Winde hin
-und her bewegt wird! Aber noch einmal will ich mich -- zum letztenmal
--- von dir bewegen lassen: ich will fort, weil du meine Liebe so
-vergiltst, noch in dieser Stunde will ich fort!«
-
-Er gürtete unter den letzten Worten sein Schwert um, ergriff sein
-Barett und wandte sich zur Türe.
-
-»Georg!« rief Marie mit den süßesten Tönen der Liebe, indem sie
-aufsprang und seine Hand faßte. Ihr Stolz, ihr Zorn, jede Wolke des
-Unmuts war verschwunden, selbst die Tränen hemmten ihren Lauf, und nur
-bittende Liebe blickte aus ihrem Auge. »Um Gottes willen, Georg! ich
-meinte es nicht so böse; bleibe bei mir, ich will alles vergessen, ich
-schäme mich, daß ich so unwillig werden konnte.«
-
-Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht so schnell zu besänftigen,
-er sah weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr bittendes Lächeln
-gewonnen zu werden; denn sein Entschluß stand fest, das Schloß
-zu verlassen. »Nein!« rief er, »du sollst das Rohr nicht mehr
-zurückwenden. Aber deinem Vater kannst du sagen, wie du seinen Gast aus
-seinem Haus vertrieben hast.« Die runden Fensterscheiben zitterten vor
-seiner Stimme, sein Auge blickte wild umher, er entriß seine Hand der
-Geliebten, gefolgt von ihr schritt er fort, er riß die Türe auf, um auf
-ewig zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine Erscheinung fesselte,
-die wir im nächsten Kapitel näher beschreiben werden.
-
-
-
-
-23.
-
- Herrengunst, Aprilenwetter,
- Frauenlieb' und Rosenblätter,
- Würfel, Karten, Federspiel
- Verkehren sich oft, wer's glauben will.
-
- _Altes Sprichwort._
-
-
-Als Georg die Tür öffnete, richtete sich aus einer sehr gebückten
-Stellung die hagere, knöcherne Gestalt der Frau Rosel auf. Es war
-dies eine jener alten Dienerinnen, die, wenn sie von früher Jugend an
-in einer Familie bleiben, sich einbürgern, in die Familie verwachsen
-und gleichsam ein notwendiger Zweig davon werden. Sie hatte ihre
-Nützlichkeit besonders nach dem Tode der Frau von Lichtenstein erprobt,
-wo sie Marie mit großer Sorgfalt pflegte und aufzog. Sie war so von
-einer Zofe zur Kindsfrau, von der Kindsfrau zur Haushälterin, von
-diesem Posten zu Mariens Oberhofmeisterin und Vertrauter avanciert. Sie
-hatte aber, wie ein kluger Feldherr, sich den Rücken gesichert, sie
-hatte jene Posten, aus denen sie in die höheren Stellen vorgerückt war,
-nicht wieder besetzen lassen, sondern verwaltete sie alle zusammen, wie
-sie behauptete, mit großer Gewissenhaftigkeit, und weil es doch sonst
-niemand verstehe. Sie hatte durch diesen Kunstgriff und durch ihre
-lange Dienstzeit die Zügel der häuslichen Regierung an sich gebracht,
-das Gesinde ging und kam nach ihrem Blick, und sie gab zu verstehen,
-daß sie beim Herrn alles gelte, obgleich seine Gnade nur darin bestand,
-daß er sie nicht in Gegenwart der übrigen auszankte.
-
-Mit dem Fräulein lebte sie in neueren Zeiten nicht mehr im besten
-Verhältnis. Sie hatte in den Tagen der Kindheit und ersten Jugend ihr
-ganzes Vertrauen besessen. Noch in Tübingen war sie wenigstens halb ins
-Geheimnis ihrer Liebe gezogen, und Frau Rosel nahm wirklich so tätigen
-Anteil an allem, was ihr Fräulein betraf, daß sie gesagt hätte: »Wir
-lieben den Herrn von Sturmfeder aufs zärtlichste,« oder -- »_uns_ will
-das Herz beinahe brechen, weil wir scheiden müssen.«
-
-Diesem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende. Das Fräulein
-bemerkte, daß Frau Rosel zu gerne schwatze, sie war ihr auf der Spur,
-daß sie sogar von ihrem Verhältnis zu Georg geplaudert habe. Sie war
-daher von jetzt an kälter gegen die Alte, und Frau Rosel merkte im
-Augenblick, warum dies geschehe. Als aber bald darauf die Reise nach
-Ulm angetreten wurde, als Frau Rosel, obgleich sie sich einen neuen
-Rock von Fries und eine köstliche Haube von Brokat hierzu verfertigt
-hatte, auf höheren Befehl in Lichtenstein bleiben mußte, da wurde die
-Kluft noch weiter; denn die Alte glaubte, das Fräulein habe es beim
-Vater dahin gebracht, daß sie nicht nach Ulm mitreisen dürfe.
-
-Das Vertrauen wurde nicht hergestellt, als Marie von Ulm zurückkehrte.
-Frau Rosel zwar, die lieber mit der Herrschaft als dem Gesinde lebte,
-suchte einigemal Erkundigungen über Herrn Georg einzuziehen und so das
-alte Verhältnis wieder anzuknüpfen, doch Mariens Herz war so voll, die
-Amme ihr zu verdächtig, als daß sie etwas gesagt hätte. Als daher der
-geächtete Ritter nächtlicherweise ins Schloß kam, als das Fräulein so
-geheimnisvoll Speisen für ihn bereitete und, wie Frau Rosel glaubte,
-mit ihm allein war, als sie auch hier nicht mehr ins Geheimnis gezogen
-wurde, da schüttete sie ihr Herz gegen die Frau Wirtin in Pfullingen
-aus, und es war Georg nicht so ganz zu verdenken, daß er jenen Worten
-traute, kannte er ja doch Frau Rosel nur als Vertraute ihres Fräuleins,
-wußte er ja doch nicht, wie dieses Verhältnis indessen so anders sich
-gestaltet habe.
-
-Frau Rosel war im Sonntagsstaat mit ihrer Dame diesen Morgen in die
-Kirche gewallfahrtet. Sie hatte ihre Sünden, worunter Neugierde
-ziemlich weit obenan stand, dem Priester gebeichtet, auch Absolution
-dafür erhalten und war mit so viel leichterem Herzen und Gewissen
-auf den Lichtenstein zurückgekehrt, als sie vorher schwer und unter
-der Last der Sünden seufzend, hinabgestiegen war. Die salbungsvollen
-Worte des Paters mochten aber doch nicht so tief gedrungen sein, um
-ihre Sünden mit der Wurzel auszurotten, denn als sie in ihr Kämmerlein
-hinaufstieg, um Rosenkranz und Sonntagsschmuck abzulegen, hörte sie ihr
-Fräulein und eine tiefe Männerstimme heftig miteinander sprechen, es
-wollte ihr sogar bedünken, ihr Fräulein weine.
-
-»Sollte er wohl bei Tag hier sein, weil der Alte ausgeritten?« dachte
-sie. Die natürliche Menschenliebe und ein zartes Mitgefühl zog ihr Auge
-und Ohr ans Schlüsselloch, und sie vernahm in abgebrochenen Worten den
-Streit, dessen Zeugen auch wir gewesen sind.
-
-Der junge Mann hatte die Türe so rasch geöffnet, daß sie nicht mehr
-Zeit gehabt hatte, sich zu entfernen, sondern kaum noch aus ihrer
-gebückten Stellung am Schlüsselloch auftauchen konnte. Doch sie wußte
-sich zu helfen in solchen mißlichen Fällen, sie ließ Georg nicht an
-sich vorüber, ließ beide nicht zum Wort kommen, sie ergriff die Hände
-des jungen Mannes und überströmte ihn mit einem Schwall von Worten:
-
-»Ei, du meine Güte! hätt' ich glaubt, daß meine alten Augen den Junker
-von Sturmfeder noch schauen würden! Und ich mein', Ihr seid noch
-schöner worden und größer, seit ich Euch nimmer sah! Hätt' ich das
-gewußt! Steh' da, wie ein Stock an der Tür', denke, ei! wer spricht
-jetzt mit dem gnädigen Fräulein? Der Herr ist's nicht; von den Knechten
-ist's auch keiner! Ei, was man nicht erlebt! Jetzt ist's der Junker
-Georg, der da drin spricht!«
-
-Georg hatte sich während dieser Rede der Frau Rosel vergeblich von ihr
-loszumachen gesucht. Er fühlte, daß es sich nicht gezieme, vor ihr zu
-zeigen, daß er auf Marien zürne, und doch glaubte er keinen Augenblick
-mehr bleiben zu können. Er rang endlich eine Hand aus der knöchernen
-Faust der Alten, aber indem er sie frei fühlte, hatte sie auch schon
-Marie ergriffen, hatte sie, ohne auf Frau Rosels höhnisches Lächeln
-zu achten, an ihr Herz gedrückt. Er war bei dieser Bewegung einem
-ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu bannen schienen. Jetzt aber
-erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine neue Verlegenheit. Er fühlte
-seinen Unmut schwinden, er fühlte, daß es Marie nicht so bös mit ihm
-gemeint habe. -- Wie sollte er aber jetzt mit Ehren zurückkehren?
-Wie sollte er so ganz ungekränkt scheinen? Wäre er mit Marien allein
-gewesen, so war es vielleicht noch eher möglich, aber vor diesem
-Zeugen, vor der wohlbekannten Frau Rosel umzukehren, sich durch einen
-Händedruck, durch einen Blick erweichen lassen und gefangen geben? Er
-schämte sich vor diesem Weib, weil er sich vor sich selbst schämte, und
-wir haben gehört, daß dieses Gefühl der Scham, die Ungewißheit, _wie_
-man, ohne zu erröten, zurückkehren könne, schon oft aus einer kurzen
-Trennung in Unmut eine dauernde gemacht und die schönsten Verhältnisse
-gebrochen habe.
-
-Frau Rosel hatte sich einige Augenblicke an der Angst, an dem Gram
-ihres Fräuleins geweidet, dann aber siegte die ihr angeborene
-Gutmütigkeit über die kleine Schadenfreude, die in ihr aufgestiegen
-war. Sie faßte die Hand des Junkers fester: »Ihr werdet uns doch
-nicht schon wieder verlassen wollen, nachdem Ihr kaum ein Stündchen
-auf dem Lichtenstein verweilt habt? Ehe Ihr etwas zu Mittag gegessen,
-läßt Euch die alte Rosel gar nicht weiter, das ist gegen alle Sitte
-des Schlosses. Und den Herrn habt Ihr wahrscheinlich auch noch nicht
-begrüßt?«
-
-Es war schon ein großer Gewinn für Mariens Sache, daß Georg _sprach_:
-»Ich habe ihn schon gesprochen, dort stehen noch die Becher, die wir
-zusammen leerten.«
-
-»Nun,« fuhr die Alte fort, »da werdet Ihr wohl noch nicht von ihm
-Abschied genommen haben?«
-
-»Nein, ich sollte ihn im Schloß erwarten.«
-
-»Ei, wer wird dann gehen wollen?« sagte sie und drängte ihn sanft in
-das Zimmer zurück. »Das wär' mir eine schöne Sitte. Der Herr könnte ja
-Wunder meinen, was für einen sonderbaren Gast er beherbergte. Wer bei
-_Tag_ kommt,« setzte sie mit einem stechenden Blick auf das Fräulein
-hinzu, »wer beim hellen Tag kommt, hat ein gut Gewissen und darf sich
-nicht _wegschleichen_ wie der Dieb _in der Nacht_.«
-
-Marie errötete und drückte die Hand des Jünglings, und unwillkürlich
-mußte dieser lächeln, wenn er an den Irrtum der Alten dachte und die
-strafenden Blicke sah, die sie auf Marien warf.
-
-»Ja, ja, wie ich sagte,« fuhr Frau Rosel fort, »braucht Euch nicht
-wegzustehlen wie der Dieb in der Nacht. Wäre vielleicht besser gewesen,
-Ihr wäret schon früher gekommen. Im Sprichwort heißt es: Sieh für dich,
-irren ist mißlich; und: wer will haben Ruh', bleib' bei seiner Kuh!
-Aber ich will nichts gesagt haben.«
-
-»Nun ja,« sagte Marie, »du siehst, er bleibt da; was willst du nur mit
-deinen Reden und Sprüchlein? Du weißt selbst, sie passen nicht immer.«
-
-»So? Aber bisweilen treffen sie doch einen, dem es nicht lieb ist. Aber
-Reu' und guter Rat ist unnütz nach geschehener Tat. Ich weiß schon,
-Undank ist der Welt Lohn, ich kann ja schweigen. Wer will haben gute
-Ruh', der seh' und hör' und schweig' dazu.«
-
-»Nun, so schweige immerhin,« entgegnete das Fräulein etwas gereizt;
-ȟbrigens wirst du wohl tun, wenn du den Vater nicht geradezu merken
-läßt, daß du Herrn von Sturmfeder schon kennst. Es wäre möglich, er
-könnte glauben, er sei wegen uns nach Lichtenstein gekommen.«
-
-Frau Rosel kämpfte zwischen guter und böser Laune. Es tat ihr wohl,
-daß man sie brauche, daß man Stillschweigen von ihr erbitten müsse;
-auf der andern Seite war sie noch unwillig darüber, daß das Fräulein
-seit neuerer Zeit so wenig Vertrauen in sie gesetzt habe. Sie murmelte
-daher nur einige unverständliche Worte vor sich hin, indem sie die
-Stühle wieder an die Wände stellte, die Becher von dem Tisch nahm und
-die Flecken abwischte, die der Wein auf der Schieferplatte, womit der
-Tisch eingelegt war, zurückgelassen hatte. Marie gab Georg, der sich
-an ein Fenster gestellt hatte und noch nicht völlig mit sich und der
-Geliebten ausgesöhnt schien, einen Wink, den er nicht unbeachtet ließ.
-Ihm selbst war viel daran gelegen, daß Mariens Vater noch nichts um
-ihre Liebe wußte; er fürchtete, jener möchte es als einziges Motiv
-seines Uebertrittes zu Württemberg ansehen, er möchte ihn darum weniger
-günstig beurteilen, als er bisher getan. Dies erwägend, näherte sich
-Georg der alten Frau Rosel. Er klopfte ihr traulich auf die Schultern,
-und ihre Züge hellten sich zusehends auf. »Man muß gestehen,« sagte er
-freundlich, »Frau Rosel hat eine schöne Haube; aber dies Band paßt doch
-wahrlich nicht dazu, es ist alt und verschossen.«
-
-»Ei was!« sagte die Alte etwas ärgerlich, denn sie hatte sich wohl auf
-eine freundliche Rede gefaßt gemacht; »was kümmert Euch meine Haube,
-ein jeder fege vor seiner Tür. Sieh auf dich und auf die Deinen,
-danach schilt mich und die Meinen. Ich bin ein armes Weib und kann
-nicht Staat machen wie eine Reichsgräfin. Wenn alle Leute wären gleich,
-und wären alle sämtlich reich, und wären all' zu Tisch gesessen, wer
-wollt' auftragen Trinken und Essen?«
-
-»Nun, so hab' ich's nicht gemeint,« sagte Georg besänftigend, indem
-er eine Silbermünze aus seinem Beutelein zog. »Aber mir zu Gefallen
-ändert Frau Rosalie schon ihr Band; und daß meine Forderung nicht gar
-zu unbillig klingt, wird sie diesen Dicktaler nicht verschmähen!«
-
-Wer hat nicht an einem Oktobertag trotz Sturm und Wolken die Sonne
-durchdringen und Gewölk und Nebel verjagen sehen? So ging es auch am
-Horizont der Frau Rosel freundlich auf. Die artige Weise des Junkers,
-ihr Lieblingsname Rosalie, der ihr viel wohltönender dünkte als das
-verdorbene Rosel, und endlich der Dicktaler mit dem Krauskopf des
-Herzogs und dem Wappen von Teck -- wie konnte sie so vielen Reizen
-widerstehen? »Ihr seid doch der alte freundliche Junker!« sagte sie,
-indem sie, sich tief verneigend, den Taler in die ungeheure lederne
-Tasche an ihrer Seite gleiten ließ und den Saum von Georgs Mantel zum
-Munde führte. »Gerade so wußtet Ihr es in Tübingen zu machen. Stand
-ich am Jörgenbrunnen, ging ich von der Burgsteig hinab auf den Markt,
-richtig rief es hinter mir: ›Guten Morgen, Frau Rosalie! und wie geht
-es dem Fräulein?‹ Und wie oft und reich habt Ihr mich dort beschenkt;
-wenigstens zwei Dritteile von dem Rock, den ich hier trag', verdank'
-ich Eurer Gnade!«
-
-»Laßt das, gute Frau,« unterbrach sie Georg. »Und was den Herrn
-betrifft, so wirst du --«
-
-»Was meint Ihr!« erwiderte sie, indem sie die Augen halb zudrückte.
-»Habe Euch in meinem Leben nicht gesehen. Nein, da könnt Ihr Euch drauf
-verlassen. Was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß, und was mich nicht
-brennt, das blase ich nicht!«
-
-Sie verließ bei diesen Worten das Zimmer und stieg in den ersten Stock
-hinab, um dort in der Küche ihr Regiment zu verwalten.
-
-Dankbar und freudig zog sie den Taler aus der Ledertasche und besah ihn
-hin und her; sie pries bei sich die Freigebigkeit des wackern Junkers
-und bedauerte ihn im stillen, daß seine Liebe so schlecht vergolten
-werde, denn daß es ihr Fräulein mit einem andern habe, war ihr
-ausgemachte Sache. Vor der Küche stand sie gedankenvoll still. Sie war
-in Zweifel mit sich, ob sie der Sache ihren Lauf lassen solle, oder
-ob es nicht besser wäre, dem Junker einige Winke über den nächtlichen
-Besucher zu geben. »Doch, kommt Zeit, kommt Rat, vielleicht sieht er es
-selbst und braucht mich nicht dazu. Ueberdies -- ein Rater in zweier
-Feinde Mitten, kann es leicht mit beiden verschütten; man kann warten
-und zusehen, denn Hitz' im Rat, Eil' in der Tat, gebären nichts als
-Schad'. Wer will haben gute Ruh', der seh' und hör' und -- schweig'
-dazu!«
-
-Solchen Rat pflog mit sich selbst Frau Rosel vor der Küche; die
-Liebenden aber, denen diese Beratung galt, hatten sich nach ihrem
-Abzug bald wiedergefunden. Georg vermochte nicht den bittenden Blicken
-Mariens zu widerstehen; und als sie mit den süßesten Tönen der Liebe
-ihn fragte, ob er ihr wieder gut sei, da vermochte er nicht nein zu
-sagen, und der Friede war, was selten der Fall ist, in kürzerer Zeit
-wieder geschlossen, als die Fehde begonnen hatte.
-
-Mit hohem Interesse hörte Marie auf Georgs fernere Erzählung, und
-es gehörte der feste Glaube des jungen Mannes an die Geliebte und
-sein Vertrauen in das Wort des Geächteten dazu, um nicht von neuem
-außer Fassung zu kommen. Denn als er beschrieb, wie er auf den
-Ritter getroffen und sich mit ihm geschlagen habe, da errötete sie,
-sie richtete sich stolzer auf und drückte die Hand des Geliebten,
-sie gestand ihm, daß er einen wichtigen Kampf bestanden habe, denn
-jener Mann sei ein tapferer Kämpe. Und als er erzählte, wie sie
-hinabgestiegen in die Nebelhöhle, wie sie den Geächteten besuchten,
-wie er tief unter der Erde in ärmlicher Umgebung doch so groß und
-erhaben geschienen, da stürzten Tränen aus ihren Augen, sie blickte
-hinauf zum Himmel, als bete sie im stillen, er möchte das traurige
-Geschick dieses Mannes wenden, und als er fortfuhr und sagte, was sie
-gesprochen, und wie der Mann der Höhle sich seinen Freund genannt,
-wie er sich zu Württembergs Sache, zu der Sache der Unterdrückten und
-Vertriebenen mit Wort und Handschlag verpflichtet habe, da strahlte
-Mariens Auge von wunderbarem Glanze; sie sah Georg lange an, er glaubte
-eine Begeisterung in ihrem Auge, in ihren Zügen zu lesen, die nicht die
-Freude, daß er ihres Vaters Partei ergriffen habe, allein vollbrachte.
-
-»Georg!« sagte sie, »es werden viele sein, die dich einst um diese
-Nacht beneiden werden. Du darfst es dir auch zur Ehre rechnen, denn
-glaube mir, nicht jeden hätte Hans zu dem Vertriebenen geführt.«
-
-»Du kennst ihn,« erwiderte Georg; »du weißt um sein Geheimnis? O sag
-mir doch, wer ist er? Ich habe selten einen Mann gesehen, dessen Auge,
-dessen Miene, dessen ganzes Wesen mich so beherrscht hätte wie dieser.
-Wo lagen seine Besitzungen, wo ist das Schloß, aus dem er vertrieben
-ist? Er sagt, er wolle jetzt keinen andern Namen haben als ›der Mann‹,
-aber sein Arm, dessen Stärke ich gefühlt, sein heller Blick verbürgte
-mir, daß er einst einen berühmten Namen in der Welt gehabt haben müsse.«
-
-»Er hatte einen Namen,« antwortete Marie, »einen, der sich mit den
-besten messen konnte; aber wenn er dir ihn nicht selbst gesagt hat,
-so darf ich ihn auch nicht nennen, das wäre gegen mein Wort, das ich
-darauf gegeben. Herr Georg muß sich also schon noch gedulden,« setzte
-sie lächelnd hinzu, »so hart es ihm auch ankommt, denn er ist ein
-neugieriger Herr.«
-
-»Mir kannst du es ja doch sagen,« unterbrach sie Georg; »sind wir nicht
-_eins_? Darf das eine ein Geheimnis haben, ohne daß es der andere Teil
-wissen muß? Schnell! antworte, wer ist der Mann in der Höhle?«
-
-»Werde nicht böse; sieh, wenn es nur mein Geheimnis wäre, so müßtest du
-es auch wissen und könntest es mit Recht verlangen, aber so -- ich weiß
-zwar, daß es bei dir so sicher wäre als bei mir, aber ich darf nicht.«
-
-Sie sprach noch, als die Türe aufsprang und eine Dogge von ungeheurer
-Größe hereinstürzte.[34] Georg fuhr unwillkürlich auf, denn einen Hund
-von solcher Größe und Stärke hatte er nie gesehen. Der Hund stellte
-sich ihm gegenüber, schaute ihn mit rollenden Augen an und fing an
-zu murren. Es tönte aus seiner breiten Brust herauf dumpf und hohl
-wie ein nahender Sturm, und die wohlgeordnete Reihe scharfer Zähne,
-die er vorwies, zeigte ihn als einen Kämpfer, dessen Zorn man nicht
-reizen dürfe. Ein Wort von Marie reichte hin, ihn ruhig und besänftigt
-zu ihren Füßen zu legen. Sie streichelte seinen schönen Kopf, aus
-welchem die klugen Augen noch immer bald nach ihr, bald nach dem Junker
-spähten. »Er hat Menschenverstand!« sagte sie lächelnd. »Er kommt, um
-mich zu warnen, daß ich den Mann in der Höhle nicht verraten soll.«
-
-»Ein herrlicher Hund, wie ich nie einen gesehen! Wie er den Kopf so
-stolz aus dem goldnen Halsband hervorträgt, als gehöre er einem Kaiser
-oder König!«
-
-»Er gehört _ihm_, dem Vertriebenen,« erwiderte Marie, »und weil ich
-auf dem Sprunge war, den Namen seines Herrn zu nennen, kam er, mich zu
-warnen.«
-
-»Warum aber führt der Ritter seinen Hetzer nicht mit sich? Wahrlich,
-ein Arm wie der seine, unterstützt von einem solchen Tier, darf sechs
-Mörder nicht fürchten.«
-
-»Das Tier ist wachsam,« antwortete sie, »aber wild. Wenn er es in der
-Höhle unten hätte, so hätte er zwar einen sicheren Schutz, wie aber,
-wenn durch Zufall ein Mensch in jene Höhle käme? Sie ist so groß, daß
-man den Mann nicht darin ahnen kann, aber die Dogge würde ihn verraten.
-Sie würde knurren und anschlagen, sobald sie Tritte hörte, und sein
-Aufenthalt wäre entdeckt. Darum hat er ihm befohlen, als er wegging,
-hier zu bleiben, er versteht dies Gebot, und ich sorge für ihn. Er hat
-ordentlich das Heimweh nach seinem Herrn, und die Freude solltest du
-sehen, wenn es Nacht wird; er weiß, daß dann sein Herr bald ins Schloß
-kommt, und wenn die Zugbrücke niederfällt und die Schritte des Mannes
-auf dem Hofe tönen, da ist er nicht mehr zu halten; er würde sechsfache
-Ketten zerreißen, um bei ihm zu sein.«
-
-»Ein schönes Bild der Treue! doch ein schöneres noch ist der Mann, dem
-dieser Hund gehört. Hing er doch eben so treu an seinem Herrn und ließ
-sich verbannen und ins Elend jagen; es ist töricht von mir,« setzte
-Georg hinzu, »ich weiß, Neugierde steht einem Manne nicht an, aber
-wissen möchte ich, wer er ist.«
-
-»So gedulde dich doch, bis es Nacht wird! Wenn der Mann kommt, will
-ich ihn fragen, ob du es wissen darfst; ich zweifle nicht, er wird es
-erlauben.«
-
-»Es ist noch lange bis dahin, und jeden Augenblick muß ich an ihn
-denken; wenn du mir es nicht sagst, so muß ich mich an den Hund wenden,
-vielleicht ist er gütiger als du.«
-
-»Versuche es immer,« rief Marie lächelnd, »wenn er sprechen kann, so
-soll er es nur gestehen.«
-
-»Hör' einmal, du ungeheurer Geselle,« wandte sich Georg zu dem Hund,
-der ihn aufmerksam ansah, »sage mir, wie heißt dein Herr?«
-
-Der Hund richtete sich stolz auf, riß den weiten Rachen auf und brüllte
-in schrecklichen Tönen: »U -- u -- u!«
-
-Marie errötete. »Laß doch die Possen,« sagte sie und rief den Hund
-zu sich; »wer wird mit Hunden sprechen, wenn man in menschlicher
-Gesellschaft ist!«
-
-Georg schien nicht darauf zu hören. »U! hat er gesagt, der gute Hund?
-Der ist darauf geschult, ich wollte alles wetten, es ist nicht das
-erste Mal, daß man ihn fragt: wie heißt dein Herr?«
-
-Kaum hatte Georg die letzten Worte gesprochen, so fing der Hund mit
-noch greulicheren Tönen als vorher sein U -- u -- u! zu heulen an. Aufs
-neue errötete Marie, sie hieß beinahe unwillig den Hund schweigen; er
-legte sich ruhig zu ihren Füßen.
-
-»Da haben wir's,« rief Georg lachend, »der Herr heißt U! Und fing das
-sonderbare Wort auf dem Ringe, den mir der Ritter gab, nicht auch mit
-U an? Ungeheuer! Heißt dein Herr vielleicht _Uffenheim_? Oder Uxküll?
-Oder Ulm? Oder vielleicht gar --«
-
-»Unsinn! Der Hund hat gar keinen andern Laut als U; wie magst du dir
-nur Mühe geben, daraus etwas zu folgern! Doch hier kommt der Vater
-den Berg herauf; willst du, daß es ihm verborgen bleibe, so nimm dich
-zusammen und verrate dich nicht. Ich gehe jetzt; denn es ist nicht gut,
-wenn er uns beisammen antrifft.«
-
-Georg gelobte es. Er umarmte noch einmal die Geliebte und versah sich
-von ihrem süßen Mund auf viele Stunden, um wenigstens an der Erinnerung
-sich zu erfreuen, wenn die Gegenwart des Vaters jede zärtliche
-Annäherung unmöglich machte. Der Hund des Herrn U -- sah verwundert auf
-die liebliche Gruppe; doch sei es, daß er wirklich Menschenverstand
-hatte oder daß er bei seinem Herrn schon Aehnliches erlebt hatte und
-einsah, daß der Junker das Fräulein nicht umbringen wolle, er machte
-keine Miene, seiner Dame zu Hilfe zu kommen, und erst der Hufschlag,
-der von der Brücke heraufscholl, schreckte die Errötende aus den Armen
-des glücklichen Jünglings.
-
-
-
-
-24.
-
- Der Herzog schaut hinunter lang
- Und spricht mit einem Seufzer bang:
- Wie fern, ach! von mir abgewandt,
- Wie tief, wie tief liegst du, mein Land.
-
- _G. Schwab._
-
-
-Karfreitag und Osterfest waren vorübergegangen, und Georg von
-Sturmfeder befand sich noch immer in Lichtenstein. Der Herr dieses
-Schlosses hatte ihn eingeladen, bei ihm zu verweilen, bis etwa der
-Krieg eine andere Wendung nehmen würde oder Gelegenheit da wäre, der
-Sache des Herzogs wichtige Dienste zu leisten. Man kann sich denken,
-wie gerne der junge Mann diese Einladung annahm. Unter _einem_ Dach mit
-der Geliebten, immer in ihrer Nähe, oft ein Stündchen mit ihr allein,
-von ihrem Vater geliebt -- er hatte in seinen kühnsten Träumen kein
-ähnliches Glück ahnen können. Nur eine Wolke trübte den Himmel der
-Liebenden, die düstere Wolke, die zuweilen auf der Stirne des Vaters
-lag. Es schien, als habe er nicht die besten Nachrichten von seinem
-Herzog und dem Kriegsschauplatz. Es kamen zu verschiedenen Tageszeiten
-Boten in die Burg, aber sie kamen und gingen, ohne daß der Ritter
-seinem Gast eröffnete, was sie gebracht haben. Einigemal glaubte Georg
-in der Abenddämmerung sogar den Pfeifer von Hardt über die Brücke
-schleichen zu sehen; er hoffte, von diesem vielleicht etwas erfahren
-zu können; er eilte hinab, um ihm zu begegnen, aber wenn er bis an die
-Brücke kam, war jede Spur von ihm verschwunden.
-
-Der junge Mann fühlte sich etwas beleidigt über diesen Mangel an
-Zutrauen, wie er es bei sich und in seinen Aeußerungen gegen Marie
-nannte. »Ich habe doch den Freunden des Herzogs mich ganz und gar
-angeboten, obgleich ihre Partie nicht viel Lockendes hat; der Mann in
-der Höhle und der Ritter von Lichtenstein bewiesen mir Freundschaft
-und Vertrauen, aber warum nur bis auf diesen Punkt? Warum darf ich
-nicht erfahren, wie es mit Tübingen steht? Warum nicht, wie der Herzog
-operiert, um sein Land wiederzuerobern? Bin ich nur zum Dreinschlagen
-gut? Verschmäht man mich im Rat?«
-
-Marie suchte ihn zu trösten. Es gelang oft ihren schönen Augen, ihren
-freundlichen Reden, ihn diese Gedanken vergessen zu lassen, aber
-dennoch kehrten sie in manchem Augenblicke wieder, und die sorgenvolle
-Miene des alten Herrn mahnte ihn immer an die Sache, welcher er
-beigetreten war.
-
-Am Abend des Osterfestes konnte er endlich dieses Stillschweigen nicht
-länger ertragen. Er fragte auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu
-gelten, wie es mit dem Herzog und seinen Plänen stehe, ob man nicht
-auch seiner endlich einmal bedürfe? Aber der Ritter von Lichtenstein
-drückte ihm freundlich die Hand und sagte: »Ich sehe schon lange,
-wackerer Junge, wie es dir das Herz beinahe abdrücken will, daß du
-nicht teilnehmen kannst an unseren Mühen und Sorgen; aber gedulde
-dich noch einige Zeit, vielleicht nur _einen_ Tag noch, so wird sich
-manches entscheiden. Was soll ich dich mit ungewissen Nachrichten,
-mit traurigen Botschaften plagen? Dein heiterer Jugendsinn ist
-nicht gemacht, bedächtlich in ein Gewebe von Bosheit zu schauen
-und die künstlich geschlungenen Fäden wieder los zu machen. Wenn
-die Entscheidung naht, dann, glaube mir, wirst du ein willkommener
-Genosse sein, bei Rat und Tat. Nur so viel brauchst du zu wissen, es
-steht mit unserer Sache weder schlimm noch gut; doch bald muß es sich
-entscheiden.«
-
-Der junge Mann sah ein, daß der Alte recht haben könne, und doch war
-er nichts weniger als zufrieden mit dieser Antwort. Auch erfuhr er den
-Namen des Geächteten nicht. Marie hatte ihn, als er in der nächsten
-Nacht ins Schloß gekommen war, gefragt, ob sie ihrem Gast seinen Namen
-nennen dürfe, er hatte nichts darauf gesagt, als: »Noch ist's nicht an
-der Zeit!«
-
-Noch ein dritter Umstand war es, der Georg beinahe beleidigend vorkam.
-Er hatte dem Herrn von Lichtenstein gesagt, wie sehr ihn der Mann in
-der Höhle angezogen habe, wie er nichts Erfreulicheres kenne, als recht
-oft in dessen Nähe zu sein, und dennoch hatte man ihn nie mit einem
-Wort eingeladen, eine Nacht mit dem geheimnisvollen Gaste zuzubringen.
-Er war zu stolz, sich aufzudrängen, er wartete von Nacht zu Nacht, ob
-man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu sprechen; es geschah
-nicht, er beschloß, wenigstens einmal uneingeladen zuzusehen, wie der
-Fremde in die Burg komme, und betrachtete sich deswegen die Gelegenheit
-genau. Seine Kammer, wohin er regelmäßig um acht Uhr geführt wurde, lag
-gegen das Tal hinaus, gerade entgegengesetzt der Seite, wo die Brücke
-über den Abgrund führte. Von hier war es also nicht möglich, ihn kommen
-zu sehen. Das große Zimmer im zweiten Stock, das nicht weit entfernt
-von seiner Kammer lag, wurde jede Nacht abgeschlossen, von dort aus
-konnte er also auch nicht hinabsehen. Auf dem Vorplatz, der die Kammern
-umher und den Saal verband, gingen zwar zwei Fenster gegen die Brücke
-hinaus, sie waren aber vergittert und hoch, so daß man zwar ins Freie
-hinüber, aber nicht hinab auf die Brücke sehen konnte.
-
-Es blieb ihm daher nichts übrig, als sich irgendwo zu verbergen, wenn
-er den nächtlichen Besuch sehen wollte. Im ersten Stock war dies nicht
-möglich, weil dort so viele Leute wohnten, daß er leicht entdeckt
-werden konnte. Doch als er den Torweg und die Ställe musterte, die
-unter dem Schloß in den Felsen gehauen waren, bemerkte er an der
-Zugbrücke eine Nische, die von den Torflügeln bedeckt wurde, welche man
-nur, wenn der Feind vor den Toren war, verschloß. Dies war der Ort,
-der ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewähren schien, um zu
-beobachten, was um ihn her vorging. Links vor der Nische schloß sich
-die Zugbrücke an das Tor, rechts war die Treppe, die hinaufführte, vor
-ihm der Torweg, den jeder gehen mußte, der ins Schloß kam. Dorthin
-beschloß er in der kommenden Nacht sich zu schleichen.
-
-Um acht Uhr kam der Knappe mit der Lampe, um ihm wie gewöhnlich ins
-Bett zu leuchten. Der Herr des Schlosses und seine Tochter sagten ihm
-freundlich gute Nacht. Er stieg hinan in seine Kammer, er entließ den
-Knecht, der ihn sonst entkleidete, und warf sich angekleidet auf das
-Bette. Er lauschte auf jeden Glockenschlag, den die Nachtluft aus dem
-Dorf hinter dem Walde herübertrug. Oft schlossen sich seine Augen,
-oft schwebte er schon auf jener unsicheren Grenze zwischen Wachen
-und Schlafen, wo sich die Seele nur mit ermatteten Kräften gegen die
-Bande des Schlummers sträubt, aber immer wieder rang er sich los, wenn
-seine Gedanken klar genug waren, um ihm seinen Zweck ins Gedächtnis
-zurückzuführen.
-
-Zehn Uhr war längst vorüber. Die Burg war still und tot, Georg raffte
-sich auf, zog die schweren Sporen und Stiefel ab, hüllte sich in
-seinen Mantel und öffnete behutsam die Türe seiner Kammer. Er hielt
-den Atem an, um sich nicht durch Schnauben zu verraten, die Angeln
-seiner Türe knarrten, er hielt an, er lauschte, ob niemand diese
-verräterischen Töne gehört habe. Es blieb alles still. Der Mond fiel
-in mattem Schein auf den Vorplatz. Georg pries sich glücklich, daß
-ihn dieses trügerische Licht nicht zum zweitenmal verraten werde. Er
-schlich weiter an die Wendeltreppe. Noch einmal hielt er an, um zu
-lauschen, ob alles stille sei. Er hörte nichts als das Sausen des
-Windes und das Rauschen der Eichen über der Brücke. Er stieg behutsam
-hinab. In der Stille der Nacht tönt alles lauter, und Dinge erwecken
-die Aufmerksamkeit, die man am Tage nicht beachtet hätte. Wenn Georgs
-Fuß auf ein Sandkörnchen trat, so rauschte es auf der gewöhnlichen
-Wendeltreppe, daß er erschrak und glaubte, man müsse es im ganzen Hause
-gehört haben. Er kam an dem ersten Stock vorüber. Er lauschte, er hörte
-niemand, aber aus dem Herd in der Küche flackerte ein lustiges Feuer.
-Jetzt war er unten. Zu dem Weg von seiner Kammer bis zum Tor, den er
-sonst in einem Augenblicke zurücklegte, hatte er eine Viertelstunde
-verwandt.
-
-Er stellte sich in die Nische und zog den Torflügel noch näher zu sich
-her, so daß er völlig von ihm bedeckt war. Eine Spalte in der Türe
-war groß genug, daß er durch sie alles beobachten konnte. Noch war
-alles still im Schloß. Nur flüchtige Schritte glaubte er über sich zu
-vernehmen, es war wohl Marie, die geschäftig hin und her ging.
-
-Nach einer tödlichen langen Viertelstunde schlug es im Dorfe elf Uhr.
-Dies war die Zeit des nächtlichen Besuches, Georg schärfte sein Ohr,
-um zu vernehmen, wann er komme. Nach wenigen Minuten hörte er oben
-den Hund anschlagen, zugleich rief über dem Graben eine tiefe Stimme:
-»Lichtenstein!«
-
-»Wer da?« fragte man aus der Burg.
-
-»Der Mann ist da!« antwortete jene Stimme, die Georg von seinem Besuche
-in der Höhle so wohl bekannt war.
-
-Ein alter Mann, der Burgwart, kam aus einer Kasematte, die in den
-Grundfelsen gehauen war. Er öffnete mit einem wunderlich geformten
-Schlüssel das Schloß der Zugbrücke. Indem er noch damit beschäftigt
-war, stürzte in großen Sprüngen der Hund die Treppe herab, er winselte,
-er wedelte mit dem Schwanz, er hüpfte an dem Burgwart hinauf, als wolle
-er ihm behilflich sein, die Brücke für seinen Herrn herabzulassen. Und
-jetzt kam auch Marie, sie trug ein Windlicht und leuchtete damit dem
-Alten, der mit seinem Aufschließen nicht zurechtzukommen schien.
-
-»Spute dich, Balthasar!« flüsterte sie. »Er wartet schon eine gute
-Weile, und draußen ist's kalt, und es weht ein garstiger Wind.«
-
-»Jetzt nur noch die Kette los, gnädiges Fräulein,« antwortete er, »dann
-sollt Ihr gleich sehen, wie schön meine Brücke fällt. Ich habe auch,
-wie Ihr befohlen habt, die Fugen mit Oel geschmiert, daß sie nicht mehr
-knarren und die Frau Rosel aus ihrem sanften Schlaf aufwecken.«
-
-Die Ketten rauschten in die Höhe, die Brücke senkte sich langsam nach
-außen und legte sich über den Abgrund. Der Mann aus der Höhle, in
-seinen groben Mantel eingehüllt, schritt herüber. Georg hatte sich das
-Bild dieses Mannes tief ins Herz geprägt, und doch überraschten ihn
-aufs neue seine auffallend kühnen Züge, sein gebietendes Auge, seine
-freie Stirne, das Kräftige, Gewaltige in seinen Bewegungen.
-
-Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und noch lange
-Jahre bewahrte Georg die Erinnerung an diese Gruppe. Die schlanke
-Gestalt der Geliebten, das dunkle Haar, dessen Flechten aufgegangen
-waren und nun um den zierlichen Hals herabströmten, die blendende
-Stirne, das sinnige, blaue Auge, dem die langen, dunklen Wimpern und
-die schöngeschwungenen Bogen der Brauen einen eigentümlichen Reiz
-gaben, der kleine rote Mund, die zarte Farbe ihrer Wangen, dies alles
-überstrahlt von dem Lichte, das sie in der Hand hielt, bewirkte, daß
-Georg glaubte, die Geliebte nie so reizend gesehen zu haben als in
-diesem Augenblick, wo der Kontrast gegen die scharfen, kräftigen Formen
-des Mannes, der neben ihr stand, ihr zartes, liebliches Wesen noch mehr
-hervorhob.
-
-Der nächtliche Gast half mit beinahe übermenschlicher Kraft dem alten
-Pförtner die Brücke wieder aufziehen. Dann zog sich der Alte zurück,
-und Georg vernahm folgendes Gespräch:
-
-»Ist Nachricht da von Tübingen? Ist Marx Stumpf zurück? Ich lese
-Unglück in Euren Mienen!«
-
-»Nein, Herr, er ist noch nicht zurück,« sagte Marie, »der Vater
-erwartet ihn aber noch diese Nacht.«
-
-»Daß ihm der Teufel Füße mache! Ich muß warten, bis er kommt, und
-sollte es Tag darüber werden. -- Hu! _eine kalte Nacht_, Fräulein,«
-sagte der Geächtete, »meine Schuhu und Käuzlein in der Nebelhöhle muß
-es auch gewaltig frieren, denn sie schrieen und jammerten in kläglichen
-Tönen, als ich heraufstieg.«
-
-»Ja, es ist kalt,« antwortete sie, »um keinen Preis möchte ich mit
-Euch hinabsteigen. Und wie schauerlich muß es sein, wenn die Käuzlein
-schreien. Mir graut, wenn ich nur daran denke.«
-
-»Wenn Junker Georg Euch begleitete, ginget Ihr doch mit,« erwiderte
-jener lächelnd, indem er das errötende Gesicht des Mädchens am Kinn ein
-wenig in die Höhe hob. »Nicht wahr, mit _dem_ ginget Ihr in die Hölle?
-Was das für eine Liebe sein muß! Weiß Gott, Euer Mund ist ganz wund.
-Gar zu arg müßt Ihr es doch nicht machen mit Küssen.«
-
-»Ach, Herr!« flüsterte Marie, indem sich aufs neue eine dunkle Röte
-über die zarten Wangen goß; »wie mögt Ihr nur so sprechen? Wißt Ihr,
-daß ich gar nicht mehr herabkomme, Euch gar nicht mehr koche, wenn Ihr
-so von mir und dem Junker denket?«
-
-»Nun, einen Scherz müßt Ihr mir schon gelten lassen,« sagte der
-Ritter und kniff sie in die errötenden Wangen; »ich habe ja in meiner
-Behausung da unten so wenig Zeit und Gelegenheit zum Scherzen. Aber
-was gebt Ihr mir, wenn ich für den Junker ein gutes Wort einlege beim
-Vater, daß er ihn Euch zum Mann gibt? Ihr wißt, der Alte tut, was ich
-haben will, und wenn ich ihm einen Schwiegersohn empfehle, nimmt er ihn
-unbesehen.«
-
-Marie schlug die schönen Augen auf und sah ihn mit freundlichen Blicken
-an. »Gnädiger Herr,« antwortete sie, »ich will es Euch nicht wehren,
-wenn Ihr für Georg ein gutes Wort sprechet; übrigens ist ihm der Vater
-schon sehr gewogen.«
-
-»Ich frage, was ich für ein gutes Wort bekomme? Alles hat seinen Preis.
-Nun, was wird mir dafür?«
-
-Marie schlug die Augen nieder. »Ein schöner Dank,« sagte sie; »aber
-kommt, Herr, der Vater wird schon längst auf uns warten.«
-
-Sie wollte vorangehen, der Geächtete aber ergriff ihre Hand und hielt
-sie auf. Georgs Herz pochte beinahe hörbar, es wurde ihm bald heiß,
-bald kalt, er faßte den Torflügel und wäre nahe daran gewesen, diese
-Fürsprache um einen fixen Preis zu verbitten.
-
-»Warum so eilig?« hörte er den Mann der Höhle sagen. »Nun, sei
-es um ein Küßchen, so will ich loben und preisen, daß dein Vater
-sogleich den Pfaffen holen läßt, um das heilige Sakrament der Ehe an
-euch zu vollziehen.« Er senkte sein Haupt gegen Marie herab, Georg
-schwindelte es vor den Augen, er war im Begriff, aus seinem Hinterhalt
-hervorzubrechen; das Fräulein aber sah jenen Mann mit einem strafenden
-Blick an. »Das kann unmöglich Euer Gnaden Ernst sein,« sagte sie,
-»sonst hättet Ihr mich zum letztenmal gesehen.«
-
-»Wenn Ihr wüßtet, wie erhaben und schön Euch dieser Trotz steht,«
-sagte der Ritter mit unerschütterlicher Freundlichkeit, »Ihr ginget
-den ganzen Tag im Zorn und in der Wut umher. Uebrigens habt Ihr recht,
-wenn man schon einen andern so tief im Herzen hat, darf man keine
-solche Gunst mehr ausspenden. Aber feurige Kohlen will ich auf Euer
-Haupt sammeln, ich will dennoch den Fürsprecher machen und an Eurem
-Hochzeitstag will ich bei Eurem Liebsten um einen Kuß anhalten, dann
-wollen wir sehen, wer recht behält.«
-
-»Das könnet Ihr!« sagte Marie, indem sie ihm lächelnd ihre Hand
-entzog und mit dem Licht voranging; »aber machet Euch immer auf eine
-abschlägige Antwort gefaßt, denn über diesen Punkt spaßt er nicht
-gerne.«
-
-»Ja, er ist verdammt eifersüchtig,« entgegnete der Ritter im
-Weiterschreiten. »Ich könnte Euch davon eine Geschichte erzählen,
-die mir selbst mit ihm begegnet ist; aber ich habe versprochen zu
-schweigen. --«
-
-Ihre Stimmen entfernten sich immer mehr und wurden undeutlicher. Georg
-schöpfte wieder freier Atem. Er lauschte und harrte noch in seiner
-Nische, bis er niemand mehr auf den Treppen und Gängen hörte. Dann
-verließ er seinen Platz und schlich nach seiner Kammer zurück. Die
-letzten Worte Mariens und des Geächteten lagen noch in seinen Ohren.
-Er schämte sich seiner Eifersucht, die ihn auch in dieser Nacht wieder
-unwillkürlich hingerissen hatte, wenn er bedachte, in welch unwürdigem
-Verdacht er die Geliebte gehabt und wie rein sie in diesem Augenblick
-vor ihm gestanden sei. Er verbarg sein errötendes Gesicht tief in den
-Kissen, und erst spät entführte ihn der Schlummer diesen quälenden
-Gedanken.
-
-Als er am andern Morgen in die Herrenstube hinabging, wo sich um sieben
-Uhr gewöhnlich die Familie zum Frühstück versammelte, kam ihm Marie mit
-verweinten Augen entgegen. Sie führte ihn auf die Seite und flüsterte
-ihm zu: »Tritt leise ein, Georg! Der Ritter aus der Höhle ist im
-Zimmer. Er ist vor einer Stunde ein wenig eingeschlummert. Wir wollen
-ihm diese Ruhe gönnen!«
-
-»Der Geächtete!« fragte Georg staunend, »wie kann er es wagen, noch bei
-Tag hier zu sein? Ist er krank geworden?«
-
-»Nein!« antwortete Marie, indem von neuem Tränen in ihren Wimpern
-hingen; »nein! Es muß in dieser Stunde noch ein Bote von Tübingen
-anlangen, und diesen will er erwarten. Wir haben ihn gebeten,
-beschworen, er möchte doch vor Tag hinabgehen, er hat nicht darauf
-gehört. Hier will er ihn erwarten.«
-
-»Aber könnte denn der Bote nicht auch in die Höhle hinabkommen?« warf
-Georg ein. »Er setzt sich ja umsonst dieser Gefahr aus.«
-
-»Ach, du kennst ihn nicht, das ist sein Trotz; wenn er sich einmal
-etwas in den Kopf gesetzt hat, so geht er nicht mehr davon ab, und nur
-zu leicht wird er mißtrauisch; deswegen konnten wir ihm nicht sehr
-zureden, wegzugehen; er hätte glauben können, wir tun es nur wegen
-uns. Sein Hauptgrund zu bleiben ist, daß er sich gleich mit dem Vater
-beraten will, sobald er Nachricht bekommt.«
-
-Sie waren während dieser Rede an die Türe der Herrenstube gekommen,
-Marie schloß so leise als möglich auf und trat mit Georg ein.
-
-Die Herrenstube unterschied sich von dem großen Gemach im obern Stock
-nur dadurch, daß sie kleiner war. Auch sie hatte die Aussicht nach drei
-Seiten, durch Fenster mit kleinen runden Scheiben, durch welche sich
-die Morgensonne in vielfarbigen Strahlen brach. Decke und Wände umzog
-ein Getäfel von schwarzbraunem Holz, mit farbigen Hölzern kunstreich
-ausgelegt. Einige Ahnenbilder der Lichtensteiner schmückten die Wand,
-welche keine Fenster hatte, und Tische und Gerätschaften zeigten, daß
-der Ritter von Lichtenstein ein Freund alter Sitten und Zeiten sei und
-seinen Hausrat, wie er ihn vom Großvater empfangen hatte, auch auf die
-Tochter vererben wolle. Vor einem großen Tisch in der Mitte des Zimmers
-saß der Herr des Schlosses. Er hatte sein Kinn mit dem langen Bart auf
-die Hand gestützt und schaute finster und regungslos in einen Becher,
-der vor ihm stand. Die Weinkannen und Deckelkrüge auf dem Tisch, der
-Becher vor dem alten Herrn machte, daß man ungewiß war, ob er die Nacht
-beim Becher zugebracht habe, oder ob er so frühe am Tage sich durch
-einen guten Trunk Kräfte sammeln wolle.
-
-Er grüßte seinen jungen Gast, als dieser an den Tisch zu ihm getreten
-war, durch ein leichtes Neigen des Hauptes, indem ein kaum bemerkliches
-Lächeln um seinen Mund zog. Er wies auf einen Becher und einen Stuhl zu
-seiner Seite. Marie verstand den Wink, schenkte einen Becher voll und
-kredenzte ihn dem Geliebten mit jener holden Anmut, die allem, was sie
-tat, einen eigentümlichen Stempel aufdrückte. Georg setzte sich an die
-Seite des Alten und trank.
-
-Dieser rückte ihm näher und flüsterte ihm mit heiserer Stimme zu: »Ich
-fürchte, es steht schlimm!«
-
-»Habt Ihr Nachricht?« fragte Georg ebenso heimlich.
-
-»Ein Bauer sagte mir heute früh, gestern abend haben die Tübinger mit
-dem Bunde gehandelt.«
-
-»Gott im Himmel!« rief Georg unwillkürlich aus.
-
-»Seid still und weckt ihn nicht! Er wird es nur zu frühe erfahren,«
-entgegnete ihm jener, indem er auf die andere Seite der Stube deutete.
-
-Georg sah dorthin. An einem Fenster der Seite, die gegen den jähen
-Abgrund liegt, saß der geächtete Mann. Er hatte den Arm auf das Sims
-gestützt, die sorgenvolle Stirne, das vom Wachen müde Auge lag in
-der tapfern Hand -- er schlummerte. Sein grauer Mantel war über die
-Schulter herabgefallen und ließ ein abgetragenes, unscheinbares
-Lederkoller sehen, in das die kräftige Gestalt gehüllt war. Sein
-krauses Haar fiel nachlässig um die Schläfe, und einige Büsche des
-gerollten Bartes quollen unter der Hand hervor.
-
-Zu seinen Füßen lag sein großer Hund; er hatte seinen Kopf auf den Fuß
-seines Herrn gelegt, seine treuen Augen hingen teilnehmend an dem Haupt
-des Geächteten.
-
-»Er schläft,« sagte der Alte und zerdrückte eine Träne in den Augen.
-»Die Natur fordert die Schuld an den Körper und umhüllt die Seele mit
-einem wohltätigen Schleier. Er atmet leicht. O daß es beruhigende
-Träume wären, die ihm vorschweben! Die Wirklichkeit ist so traurig, wer
-sollte ihm nicht wünschen, daß er sie im Traume vergißt!«
-
-»Es ist ein hartes Schicksal!« erwiderte Georg, indem er wehmütig auf
-den Schlafenden blickte. »Vertrieben von Haus und Hof, geächtet, in die
-Wüste hinausgejagt! Sein Leben jedem Buben preisgegeben, der in der
-Ferne seinen Bolz auf ihn anlegt! Bei Tag unter der Erde, bei Nacht
-wie ein Dieb umherschleichen zu müssen! Wahrlich, es ist hart! Und
-dies alles, weil er seinem Herrn treu war und jene Bündler nach seinen
-Gütern gelüsteten.«
-
-»Der Mann dort hat manches verfehlt in seinem Leben,« sprach der Ritter
-von Lichtenstein mit tiefem Ernst. »Ich habe ihn beobachtet seit den
-Tagen seiner Kindheit bis zu dieser Stunde; ich kann ihm das Zeugnis
-geben, er hat das Gute und Rechte gewollt. Zuweilen waren die Mittel
-falsch, die er anwandte, zuweilen verstand man ihn nicht, zuweilen ließ
-er sich von der Hitze der Leidenschaft hinreißen -- aber wo lebt der
-Mensch, von dem man dies nicht sagen könnte? Und wahrlich, er hat es
-grausam gebüßt!« Er hielt inne, als hätte er schon mehr gesagt, als er
-sagen wollte, und umsonst suchte Georg über den Vertriebenen mehr zu
-erfahren. Der Alte versank in Stillschweigen und tiefes Sinnen.
-
-Die Sonne war über die Berge heraufgekommen, die Nebel fielen, Georg
-trat ans Fenster, die herrliche Aussicht zu genießen. Unter dem Felsen
-von Lichtenstein, wohl dreihundert Klafter tief, breitet sich ein
-liebliches Tal aus, begrenzt von waldigen Höhen, durchschnitten von
-einem eilenden Waldbach. Drei Dörfer liegen freundlich in der Tiefe.
-Dem Auge, das in dieses Tal hinabsieht, ist es, als schaue es aus dem
-Himmel auf die Erde. Steigt das Auge vom tiefen Tale aufwärts an den
-waldigen Höhen, so begegnet es malerisch gruppierten Felsen und den
-Bergen der Alb; hinter dem Bergrücken steigt die Burg Achalm hervor und
-begrenzt die Aussicht in der Nähe. Aber vorbei an den Mauern von Achalm
-dringt rechts und links das Auge tiefer ins Land. Der Lichtenstein
-liegt den Wolken so nahe, daß er Württemberg überragt. Bis hinab ins
-tiefste Unterland können frei und ungehindert die Blicke streifen.
-Entzückend ist der Anblick, wenn die Morgensonne ihre schrägen Strahlen
-über Württemberg sendet. Da breiten sich diese herrlichen Gefilde wie
-ein bunter Teppich vor dem Auge aus. In dunklem Grün, in kräftigem
-Braun der Berge beginnt es, alle Farben und Schattierungen sind in
-diesem wundervollen Gewebe, das in lichtem Blau sich endlich mit der
-Morgenröte verschmilzt. Welche Ferne von Lichtenstein bis Asperg, und
-welches Land dazwischen! Es ist kein Flachland, keine Ebene. Viele
-Strömungen von Hügeln und Bergen ziehen sich hinauf und herunter, und
-von Hügeln zu Hügeln, welche breite Täler und Ströme in ihrem Schoße
-bergen, hüpft das Auge zu dem fernen Horizont.
-
-Georg betrachtete bewundernd. Er strengte seine Augen mehr und mehr
-an, er suchte in die Weite zu dringen und jedes Schloß, jedes Dorf
-in der weiten Aussicht zu unterscheiden. Marie stand neben ihm. Sie
-teilte seine Bewunderung, obgleich sie seit ihrer frühesten Kindheit
-dieses Schauspiel genossen. Sie zeigte ihm flüsternd jeden Fleck, sie
-wußte ihm jede Turmspitze zu nennen. »Wo ist eine Stelle in deutschen
-Landen,« sprach Georg, in diesen Anblick versunken, »die sich mit
-dieser messen könnte! Ich habe Ebenen gesehen und Höhen erstiegen, von
-wo das Auge noch weiter dringt, aber diese lieblichen Gefilde zeigen
-sie nicht. So reiche Saaten, Wälder von Obst, und dort unten, wo die
-Hügel bläulicher werden, ein Garten von Wein! Ich habe noch keinen
-Fürsten beneidet, aber hier stehen zu können, hinaus zu blicken von
-dieser Höhe und sagen zu können, diese Gefilde sind _mein_!«
-
-Ein tiefer Seufzer in ihrer Nähe schreckte Marien und Georg aus ihren
-Betrachtungen auf. Sie sahen sich um, wenige Schritte von ihnen stand
-im Fenster der Geächtete und blickte mit trunkenen, glänzenden Blicken
-über das Land hin, und Georg war ungewiß, ob jene Worte oder das
-Andenken an sein Unglück die Brust dieses Mannes bewegt hatten.
-
-Er begrüßte Georg und reichte ihm die Hand. Dann wandte er sich zu dem
-Herrn des Schlosses und fragte, ob noch immer keine Botschaft da sei?
-»Der von Schweinsberg ist noch nicht zurück,« antwortete dieser.
-
-Der Geächtete trat schweigend an das Fenster zurück und schaute in die
-Ferne. Marie füllte ihm einen Becher. »Seid getrosten Mutes, Herr,«
-sagte sie, »schauet nicht mit so finstern Blicken auf das Land. Trinket
-von diesem Wein, er ist gut württembergisch und wächst dort unten an
-jenen blauen Bergen.«
-
-»Wie kann man traurig bleiben,« antwortete er, indem er sich wehmütig
-lächelnd zu Georg wandte, »wenn über Württemberg die Sonne so schön
-aufgeht und aus den Augen einer Württembergerin ein so milder, blauer
-Himmel lacht? Nicht wahr, Junker, was sind diese Berge und Täler, wenn
-uns solche Augen, solche treue Herzen bleiben? Nehmt Euren Becher und
-laßt uns darauf trinken! So lange wir Land besitzen in den Herzen, ist
-nichts verloren: ›_Hie gut Württemberg allezeit_‹«.[35]
-
-»Hie gut Württemberg allezeit,« erwiderte Georg und stieß an. Der
-Geächtete wollte noch etwas hinzusetzen, als der alte Burgwart mit
-wichtiger Miene hereintrat. »Es sind zwei Krämer vor der Burg,« meldete
-er, »und begehren Einlaß.«
-
-»Sie sind's, sie sind's,« riefen in einem Augenblick der Geächtete und
-Lichtenstein. »Führ' sie herauf.«
-
-Der alte Diener entfernte sich. Eine bange Minute folgte dieser
-Meldung. Alle schwiegen, der Ritter von Lichtenstein schien mit seinen
-feurigen Augen die Türe durchbohren, der Geächtete seine Unruhe
-verbergen zu wollen, aber die schnelle Röte und Blässe, die auf seinen
-ausdrucksvollen Zügen wechselte, zeigten, wie die Erwartung dessen,
-was er hören werde, sein ganzes Wesen in Aufruhr brachte. Endlich
-vernahm man Schritte auf der Treppe, sie näherten sich dem Gemach. Der
-gewaltige Mann zitterte, daß er sich am Tisch halten mußte, seine Brust
-war vorgebeugt, sein Auge hing starr an der Türe, als wolle er in den
-Mienen der Kommenden sogleich Glück oder Unglück lesen -- jetzt ging
-die Türe auf.
-
-
-
-
-25.
-
- -- -- Wie du nun so ganz
- Verlassen dastehst und so ganz entblößt,
- Und wie nun ich, dein einz'ger Lehensmann,
- Der einz'ge bin, der dich noch Herzog nennt,
- Und wie nun mir allein die Ehre bleibt,
- Dir Dienst zu leisten bis zum letzten Hauch.
-
- _Uhland._
-
-
-Auch Georg hatte erwartungsvoll hingesehen. Er musterte mit schnellem
-Blick die Eintretenden; in dem einen erkannte er sogleich den Pfeifer
-von Hardt, der andere war -- jener Krämer, den er in der Herberge von
-Pfullingen gesehen hatte. Der letztere warf einen Pack, den er auf dem
-Rücken getragen, ab, riß das Pflaster weg, womit er ein Auge bedeckt
-hatte, richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf und stand nun
-als ein untersetzter, stark gebauter Mann mit offenen, kräftigen Zügen
-vor ihnen.
-
-»Marx Stumpf!« rief der Geächtete mit dumpfer Stimme, »wozu diese
-finstere Stirne? Du bringst uns gute Botschaft, nicht wahr, sie wollen
-uns das Pförtchen öffnen, sie wollen mit uns aushalten bis auf den
-letzten Mann?«
-
-Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekümmerten Blick auf ihn.
-»Machet Euch auf Schlimmes gefaßt, Herr!« sagte er. »Die Botschaft ist
-nicht gut, die ich bringe.«
-
-»Wie,« entgegnete jener, indem die Röte des Zornes über seine Wangen
-flog und die Ader auf seiner Stirne sich zu heben begann, »wie, du
-sagst, sie zaudern, sie schwanken? Es ist nicht möglich, sieh dich wohl
-vor, daß du nichts Uebereiltes sagst; es ist der Adel des Landes, von
-dem du sprichst.«
-
-»Und dennoch sage ich es,« antwortete Schweinsberg, indem er einen
-Schritt weiter vortrat; »im Angesichte vor Kaiser und Reich will ich es
-sagen, sie sind Verräter.«
-
-»Du lügst!« schrie der Vertriebene mit schrecklicher Stimme. »Verräter,
-sagst du? Du lügst! Wie wagst du es, vierzig Ritter ihrer Ehre zu
-berauben? Ha! gestehe, du lügst!«
-
-»Wollte Gott, ich allein wäre ein Ritter ohne Ehre, ein Hund, der
-seinen Herrn verläßt; aber alle vierzig haben ihren Eid gebrochen, Ihr
-habt Euer Land verloren, Herr Herzog! Tübingen ist über.«
-
-Der Mann, dem diese Rede galt, sank auf einen Stuhl am Fenster; er
-bedeckte sein Gesicht mit den Händen, seine Brust hob und senkte sich,
-als suche sie vergeblich nach Atem, und seine Arme zitterten.
-
-Die Blicke aller hingen gerührt und schmerzlich an ihm, vor allen
-Georgs; denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs das Dunkel
-erhellt, in welchem ihm bisher dieser Mann erschienen war. Er war es
-selbst, es war Ulrich von Württemberg! In einem schnellen Fluge zog es
-an seiner Seele vorüber, wie er diesen Gewaltigen zuerst getroffen,
-wie er ihn tief in der Erde Schoß besucht, welche Worte jener zu ihm
-gesprochen, wie sein ganzes Wesen ihn schon damals überrascht und
-angezogen hatte; es war ihm unbegreiflich, daß er nicht längst schon
-von selbst auf diese Entdeckung gekommen war.
-
-Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu brechen. Man hörte
-nur die tiefen Atemzüge des Herzogs und das Winseln seines treuen
-Hundes, der sein Unglück zu kennen und zu teilen schien. Endlich
-winkte Lichtenstein dem Ritter von Schweinsberg, sie traten zu Ulrich,
-sie faßten sein Gewand und schienen ihn erwecken zu wollen; er blieb
-unbeweglich und stumm. Marie hatte weinend in der Ferne gestanden, sie
-nahte sich jetzt mit unsicheren, zagenden Schritten, sie legte ihre
-schöne Hand auf seine Schulter, sie blickte ihn lange an, sie faßte
-sich endlich ein Herz und flüsterte: »Herr Herzog! hie ist noch gut
-Württemberg alleweg!«
-
-Ein tiefer Seufzer löste sich aus seiner gepreßten Brust, aber seine
-Hände drückten sich fester auf die Augen, er sah nicht auf. Jetzt nahte
-auch Georg. Unwillkürlich kam ihm der heldenmütige Ausdruck dieses
-Mannes in die Seele, jene gebietende Erhabenheit, die er ihm, als er
-ihn zum erstenmal gesehen, gezeigt hatte; jedes Wort, das er damals
-gesprochen, kehrte wieder, und der junge Mann wagte es, zu ihm zu
-sprechen: »Warum so kleinmütig, Mann ohne Namen: ~Si fractus illabatur
-orbis, impavidum ferient ruinae!~«
-
-Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulrich von Württemberg. Sei es
-dieser sein Wahlspruch, sei es jene Mischung von Seelengröße, Trotz und
-wahrer Erhabenheit über das Unglück, was ihm bei seinen Zeitgenossen
-den Namen des »_Unerschrockenen_« erwarb -- er zeigte sich von diesem
-Augenblick an seines Namens würdig.
-
-»Das war das rechte Wort, mein junger Freund,« sprach er zur
-Verwunderung aller mit fester Stimme, indem er seine Hände sinken ließ,
-sein Haupt stolzer aufrichtete und das alte kriegerische Feuer aus
-seinen Augen loderte; »das war das rechte Wort. Ich danke dir, daß du
-mir es zugerufen. Tretet vor, Marx Stumpf, Ritter von Schweinsberg, und
-berichtet mir über Eure Sendung. Doch reiche mir zuvor einen Becher,
-Marie!«
-
-»Es war letzten Donnerstag, daß ich Euch verließ,« hob der Ritter an;
-»Hans steckte mich in diese Kleidung und zeigte mir, wie ich mich
-zu benehmen habe. In Pfullingen kehrte ich ein, um zu probieren, ob
-man mich nicht kenne, aber die Wirtin gab mir so gleichgültig einen
-Schoppen, als habe sie den Ritter Stumpf in Ihrem Leben nie gesehen,
-und ein Ratsherr, den ich noch vor acht Tagen tüchtig ausgescholten
-hatte, trank mit mir, als hätte ich zeitlebens den Kram auf dem Rücken
-getragen. Der junge Herr dort war auch in der Schenke.«
-
-Der Herzog schien sich an dieser Erzählung zu zerstreuen; munterer, als
-man bei so großem Unglück hätte denken sollen, fragte er: »Nun, Georg,
-du hast ihn gesehen; sah er so recht aus wie ein schäbiger, filziger
-Krämer? Wie?«
-
-»Ich denke, er hat seine Rolle gut gespielt,« antwortete der junge Mann
-lächelnd.
-
-»Von Pfullingen zog ich abends noch fürbaß bis nach Reutlingen.
-Dort war in der Weinstube ein ganzer Trieb Bündischer: Augsburger,
-Nürnberger, Ulmer, alle mögliche Städtler, und jubilierten mit den
-Reutlingern, daß man die Hirschgeweihe wieder von ihrem Wappen
-genommen, die Ihr ihnen aufgesetzt habt. Sie schimpften und sangen
-Spottlieder über Euch, die bewiesen, wie sehr sie Euch noch immer
-fürchten. Am Karfreitag früh ging ich nach Tübingen, das Herz pochte
-mir, als ich das Burgholz herunterkam und das schöne Neckartal vor
-meinen Blicken lag, und die festen Türme und Zinnen von Tübingen vom
-Berg herüberragten.«
-
-Der Herzog preßte die Lippen zusammen, wandte sich ab und sah hinaus
-ins Weite. Der von Schweinsberg hielt inne und blickte teilnehmend auf
-seinen Herrn, doch jener winkte ihm, fortzufahren.
-
-»Ich stieg hinab ins Tal und wandelte weiter nach Tübingen. Die Stadt
-war schon seit vielen Tagen von den Bündischen besetzt, und nur wenige
-Truppen standen mehr im Lager, das sie über dem Ammertal auf dem Berge
-geschlagen hatten. Ich beschloß, mich in die Stadt zu schleichen
-und hinzuhorchen, wie es mit dem Schloß stehe, ehe denn ich auf dem
-geheimen Wege zur Besatzung ginge. Ihr kennet die Herberge in der obern
-Stadt, nicht weit von der St. Georgenkirche; dort trat ich ein und
-setzte mich zum Weine. Die bündischen Ritter, so erfuhr ich unterwegs,
-kehrten oft dort ein, daher schien mir dies der beste Platz zu meinem
-Zweck.«
-
-»Ihr wagtet viel,« unterbrach ihn Herr von Lichtenstein; »wie leicht
-konnten Leute da sein, die Euch abkaufen wollten, und da wäre der
-Krämer bald entdeckt gewesen!«
-
-»Ihr vergeßt, daß es Festtag war,« entgegnete jener, »ich hatte also
-guten Grund, mein Bündel nicht auszupacken und anzupreisen nach
-Krämersitte. Doch so leicht wäre ich wohl nicht entdeckt worden, habe
-ich doch an Georg von Frondsberg ein Büchslein mit Wundbalsam verkauft!
-Weiß Gott, ich hätte lieber mit ihm gestritten, daß er es gleich hätte
-brauchen können. -- Es war noch das Hochamt in der Kirche, daher war
-niemand in der Herberge; vom Wirt aber erfuhr ich, daß die Ritter im
-Schloß einen Waffenstillstand bis Ostermontag früh gemacht haben. Als
-die Kirche aus war, kamen richtig, wie ich mir gedacht hatte, viele
-Ritter und Herren in die Herberge zum Frühtrunk. Ich setzte mich in
-einen Winkel auf die Ofenbank, wie es armen Leuten geziemt in Gegenwart
-so großer Herren.«
-
-»Wen sahst du dort?« fragte der Herzog.
-
-»Ich kannte einige, andere erriet ich aus dem Gespräch, das sie
-führten. Es war Frondsberg, Alban von Closen, die Huttischen, Sickingen
-und noch viele; bald trat auch der Truchseß von Waldburg ein. Ich zog
-die Kappe tiefer ins Gesicht, als ich ihn sah, denn er wird noch nicht
-vergessen haben, wie ich ihn vor fünfzehn Jahren im Lanzenstechen zu
-Nürnberg von der Mähre warf.«
-
-»Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans von Breitenstein?« unterbrach
-ihn Georg.
-
-»Breitenstein? daß ich nicht wüßte, doch ja, so hieß wohl jener, der
-den Hammelschlegel auf _einem_ Sitz verzehrte. Jetzt fingen sie an, von
-der Belagerung zu reden und vom Waffenstillstand. Sie sprachen hin und
-her, oft flüsterten sie auch untereinander, doch ich habe gute Ohren
-und vernahm, was mir nicht lieb war. Der Truchseß nämlich erzählte, daß
-er einen Pfeil in die Burg habe schießen lassen mit einem Brieflein an
-Ludwig von Stadion. Es muß dies schon mehreremal geschehen sein, denn
-die Ritter verwunderten sich nicht, als er weiter fortfuhr und sagte,
-wie er auf demselben Weg eine Antwort erhalten habe.«
-
-Des Herzogs Stirne verfinsterte sich. »Ludwig von Stadion!« rief er
-schmerzlich. »Ich hätte Häuser auf ihn gebaut! Er war mir so lieb, ich
-tat ihm alles, was ich ihm an den Augen absehen konnte -- er hat mich
-zuerst verraten?«
-
-»Im Brieflein stand, daß er, der Stadion, und noch zwölf andere der
-Fehde müde, auch schon halb und halb willens seien, sich zu ergeben;
-Georg von Hewen aber habe ihnen abgeraten.«
-
-»Um den hab' ich's nicht verdient,« sagte Ulrich; »ich war ihm gram,
-weil er mich oft getadelt hat, wenn ich nicht nach seinem Sinne tat.
-Wie man sich irren kann in den Menschen! Hätte man mich gefragt,
-wer mich verraten würde und wer dagegen spreche, ich hätte hier den
-Stadion, dort vielleicht Georg von Hewen genannt!«
-
-»Im Brieflein stand auch noch weiter, daß Euer Durchlaucht vielleicht
-Entsatz bringen oder, wenn dies nicht möglich, auf geheimen Wegen
-in die Burg sich begeben wollen. Die Bündischen sprachen mancherlei
-hierüber; sie waren aber darin einig, daß man die Besatzung zu einem
-Vergleich bringen müsse, ehe Ihr heranrücktet oder gar ins Schloß
-kämet; denn dann, meinten sie, könnten sie noch lange belagern müssen.
-Wie ich nun dies alles hörte, schien es mir nicht geraten, durch den
-geheimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu entdecken; denn
-wie leicht konnte Stadion schon die Oberhand gewonnen haben, und dann
-war ich verraten. Ich beschloß, den Tag noch zu warten; hörte ich bis
-Samstag früh nichts Schlimmeres über die Besatzung, so wollte ich ins
-Schloß dringen und Ew. Durchlaucht Schreiben übergeben. Ich streifte
-im Lager und in der Stadt umher, und niemand hielt mich an; auch
-suchte ich mich immer in der Nähe der Obersten zu halten. So kam der
-Nachmittag.«
-
-»Das war noch Freitags, an dem Fest?« fragte Lichtenstein.
-
-»Am heiligen Freitag war's. Nachmittags um drei Uhr ritt Georg von
-Frondsberg mit etlichen andern Hauptleuten vor die Stadtpforte an dem
-Schloß und schrie hinauf, ob sie im Schlosse bauen? Ich stand nicht
-weit davon und sah, wie Stadion auf den Wall kam und antwortete: ›Nein,
-denn es wäre wider den Pakt des Stillstandes; aber ich sehe, daß Ihr im
-Feld bauet.‹ Georg von Frondsberg rief: ›So es geschehen, ist es ohne
-meinen Befehl geschehen; wer bist du?‹ Da antwortete der im Schloß:
-›Ich bin Ludwig von Stadion.‹ Drauf lächelte der Bündische und strich
-sich den Bart. ›Ist's also, wie du sagst,‹ rief er, ›so will ich's
-wenden,‹ ritt zu ein paar Schanzkörben und warf sie um. Dann rief er
-dem Stadion zu, mit einigen Rittern herabzukommen und miteinander
-einen Trunk zu tun.«
-
-»Und sie kamen?« rief der Herzog. »Die Ehrvergessenen kamen?«
-
-»Auf dem Schloßberg vor dem äußersten Graben ist ein Platz, dort
-sieht man weit ins Land; hinab ins Neckartal, hinauf die Steinlach,
-hinüber an die Alb und Zollern, und viele Burgen schmücken die
-Aussicht. Dorthin ließen sie einen Tisch bringen und Bänke, und
-die Bundesobersten setzten sich zum Wein. Dann ging das Tor von
-Hohen-Tübingen auf, die Brücke fiel über den Graben, und Ludwig von
-Stadion mit noch sechs anderen kamen über die Brücke; sie brachten Eure
-silbernen Deckelkrüge, sie brachten Eure goldenen Becher und Euren
-alten Wein, sie grüßten die Feinde mit Gruß und Handschlag und setzten
-sich, besprachen sich mit ihnen beim kühlen Wein.«
-
-»Der Teufel gesegne es ihnen allen!«[36] unterbrach ihn der Ritter von
-Lichtenstein und schüttete seinen Becher aus. Der Herzog aber lächelte
-schmerzlich und gab Marx Stumpf einen Wink, fortzufahren.
-
-»So taten sie sich gütlich bis in die Nacht und zechten, bis sie rote
-Köpfe bekamen und taumelten; ich stand nicht ferne, und keine ihrer
-verräterischen Reden entging mir. Als sie aufbrachen, nahm der Truchseß
-den Stadion bei der Hand: ›Herr Bruder,‹ sagte er, ›in Eurem Keller
-ist ein guter Wein, lasset uns bald ein, daß wir ihn trinken.‹ Jener
-aber lachte darüber, schüttelte ihm die Hand und sagte: ›Kommt Zeit,
-kommt Rat.‹ Wie ich nun sah, daß die Sachen also stehen, beschloß ich
-mit Gott, mein Leben dran zu setzen und in die Burg zu den Verrätern
-zu gehen. Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde, wo der kleinere
-unterirdische Gang beginnt. Ungesehen stieg ich hinab und drang bis
-in die Mitte. Dort hatten sie das Fallgatter herabgelassen und einen
-Knecht hingestellt, er legte an auf mich, als er mich durch die
-Finsternis kommen hörte, und fragte nach der Losung. Ich sprach, wie
-Ihr befohlen, das Losungswort Eures tapfern Ahnherrn, Eberhards im
-Bart: »~Atempto~;« der Kerl machte große Augen, zog aber das Gatter auf
-und ließ mich durch. Jetzt ging ich schnellen Schrittes weiter vor und
-kam heraus im Keller. Ich schöpfte einige Augenblicke Luft, denn der
-Atem war mir schier ausgeblieben in dem engen Gang.«
-
-»Armer Marx! geh, trink einen Becher, das Reden wird dir schwer,« sagte
-Ulrich. Willig befolgte jener das gütige Geheiß seines Fürsten und
-sprach dann mit frischer Stimme weiter: »Im Keller hörte ich viele
-Stimmen, und es war mir, als zanke man sich. Ich ging den Stimmen nach
-und sah eine ganze Schar der Besatzung vor dem großen Faß sitzen und
-trinken. Es waren einige von Stadions Partei und Hewen und mehrere der
-Seinigen. Sie hatten Lampen aufgestellt und große Humpen vor sich; es
-sah schauerlich aus, fast wie das Femgericht. Ich barg mich in ihrer
-Nähe hinter ein Faß und hörte, was sie sprachen. Georg von Hewen sprach
-mit rührenden Worten zu ihnen und stellte ihnen ihre Untreue vor; er
-sagte, wie sie ja gar nicht nötig haben, sich zu ergeben, wie sie
-auf lange mit Vorräten versehen seien, wie Euer Durchlaucht ein Heer
-sammeln werden, Tübingen zu entsetzen, wie eher die Belagerer in Not
-kommen als sie.«
-
-»Ha! wackerer Hewen; und was gaben sie zur Antwort?«
-
-»Sie lachten und tranken. ›Da hat es eine gute Weile, bis _der_ ein
-Heer sammelt! Wo das Geld hernehmen, und nicht stehlen?‹ sagte einer;
-Hewen aber fuhr fort und sagte, wenn es auch nicht so bald möglich sei,
-so müßten sie sich doch halten bis auf den letzten Mann, wie sie Euch
-zugeschworen, sonst handeln sie als Verräter an ihrem Herrn. Da lachten
-sie wieder und tranken und sagten: ›Wer will auftreten und uns Verräter
-nennen?‹ Da rief ich hinter meinem Faß hervor: ›Ich, ihr Buben! Ihr
-seid Verräter am Herzog und am Land!‹ Alle waren erschrocken, der
-Stadion ließ seinen Becher fallen, ich aber trat hervor, nahm meine
-Kappe ab und den falschen Bart, stellte mich hin und zog Euren Brief
-aus dem Wams. ›Hier ist ein Brief von Eurem Herzog,‹ sagte ich, ›er
-will, ihr sollet euch nicht übergeben, sondern zu ihm halten; er selbst
-will kommen und mit euch siegen oder in diesen Mauern sterben.‹«
-
-»O Tübingen!« sagte der Herzog mit Seufzen, »wie töricht war ich, daß
-ich dich verließ! Zwei Finger meiner Linken gäbe ich um dich; was sage
-ich, zwei Finger? Die Rechte ließ ich mir abhauen, könnte ich dich
-damit erkaufen, und mit der Linken wollte ich dem Bund den Weg zeigen!
-Und gaben sie nichts, gar nichts auf meine Worte?«
-
-»Die Falschen sahen mich finster an und schienen nicht recht zu wissen,
-was sie tun sollten. Hewen aber vermahnte sie nochmals. Da sagte Ludwig
-von Stadion, ich komme schon zu spät. Achtundzwanzig der Ritterschaft
-wollen sich der Fehde mit dem Bunde begeben und den Herzog solche
-allein ausmachen lassen. Komme er wieder mit Heeresmacht ins Land,
-so wollen sie getreulich zu ihm stehen, aber aufs ungewisse wollen
-sie den Krieg nicht fortführen, denn ihre Burgen und Güter werden so
-lange beschädigt und gebrandschatzt, bis sie nicht mehr gegen den
-Bund dienen. Ich verlangte nun, sie sollen mich hinaufführen in den
-Rittersaal, ich wolle versuchen, ob nicht Männer da seien, das Schloß
-zu halten, ich zählte auf, wen ich noch für treu halte, die Nippenburg,
-die Gültlingen, die Ow, die beiden Berlichingen, die Westerstetten, die
-Eltershofen, Schilling, Reischach, Welwart, Kaltental, -- der von Hewen
-aber schüttelte den Kopf und sagte, ich habe mich in manchem geirrt.«
-
-»Und Stammheim, Thierberg, Westerstetten, meine Getreuen, hast du sie
-nicht gesehen?«
-
-»O ja, sie saßen im Keller beim Stadion und tranken Euren Wein. Hinauf
-wollten sie mich aber nicht lassen. Selbst Hewen, selbst Freiberg und
-Heideck, die mit ihm waren, rieten ab, sie sagten, die zwei Parteien
-seien ohnedies schon schwierig gegeneinander, der Stadion habe die
-Mehrzahl für sich und auch den größten Teil der Knechte. Wenn ich
-hinaufgehe, komme es im Schloßhof und im Rittersaal zum Kampfe, und
-es bleibe ihnen, als den Geringeren, nichts übrig, als zu sterben. So
-gerne sie nun auch für Euch den letzten Blutstropfen aufwenden, so
-wollen sie doch lieber in der Feldschlacht gegen den Feind fallen,
-als von ihren Landsleuten und Waffenbrüdern totgeschlagen werden. Da
-blieb mir nichts übrig, als sie zu bitten, sie möchten sich des Prinzen
-Christoph und Eures zarten Töchterleins annehmen und ihnen das Schloß
-bei der Uebergabe erhalten. Einige sagten zu, andere schwiegen und
-zuckten die Achsel, ich aber gab den Verrätern meinen Fluch als Christ
-und Ritter, sagte fünf von ihnen auf und lud sie zum Kampf auf Leben
-und Tod, wenn der Krieg zu Ende sei, dann wandte ich mich und ging auf
-demselben Wege aus der Burg, wie ich gekommen war.«
-
-»Herr Gott im Himmel! hätte ich dies für möglich gehalten!« rief
-Lichtenstein. »Zweiundvierzig Ritter, zweihundert Knechte, eine feste
-Burg, und sie doch verraten! Unser guter Name ist beschimpft; noch
-in späten Zeiten wird man von unserem Adel sprechen, und wie sie ihr
-Fürstenhaus im Stich gelassen; das Sprichwort: ›Treu und ehrlich wie
-ein Württemberger‹, ist zum Hohn geworden!«
-
-»Wohl konnte man einst sagen, treu wie ein Württemberger,« sprach der
-Herzog Ulrich, und eine Träne fiel in seinen Bart. »Als mein Ahnherr
-Eberhard einst hinabritt gen Worms und mit den Kurfürsten, Grafen und
-Herren zu Tische saß, da sprachen und rühmten sie viel vom Vorzug ihrer
-Länder. Der eine rühmte seinen Wein, der andere sprach von seiner
-Frucht, der dritte gar von seinem Wild, der vierte grub Eisen in seinen
-Bergen. Da kam es auch an Eberhard im Bart. ›Von Euren Schätzen weiß
-ich nichts aufzuweisen,‹ sagte er, ›doch gehe ich abends durch den
-dunkelsten Wald, und komm' ich nachts durch die Berge und bin müd' und
-matt, so ist ein treuer Württemberger bald zur Hand, ich grüße ihn und
-leg' mich in seinen Schoß und schlafe ruhig ein.‹ Des wunderten sich
-alle und staunten und riefen: ›Graf Eberhard hat recht,‹ und ließen
-treue Württemberger leben. Geht jetzt der Herzog durch den Wald, so
-kommen sie und schlagen ihn tot, und leg' ich meine Treuen in die
-Burgen, kaum wende ich den Rücken, so handeln sie mit dem Feind. _Die_
-Treue soll der Kuckuck holen; -- doch fahre fort, gib mir den Kelch bis
-auf die Hefe, ich bin der Mann dazu, ohne Furcht den Grund zu sehen.«
-
-»Nun, daß ich's kurz sage, ich hielt mich noch in Tübingen auf, bis ich
-Gewißheit bekäme wegen der Uebergabe. Gestern, am Ostermontag, sind
-sie zusammengekommen; sie haben die Pakten schriftlich aufgesetzt und
-nachher durch den Herold auf den Straßen ausrufen lassen; um fünf Uhr
-abends haben sie das Schloß übergeben. Ihr seid der Regierung förmlich
-entsetzt. Prinz Christoph, Euer Söhnlein, behält Schloß und Amt
-Tübingen, doch zu des Bundes Dienst und unter seiner Vormundschaft, und
-in das übrige, heißt es, werden sich die Herren teilen. Ich habe viel
-Jammer erfahren in meinem Leben, ich habe einen Freund im Lanzenstechen
-umgebracht, ein liebes Kind ist mir gestorben und mein Haus abgebrannt,
-aber so wahr mir Gott gnädig sei und seine Heiligen, mein Schmerz war
-nie so groß als in jener Stunde, wo ich des Bundes Farben neben Euer
-Durchlaucht Panieren aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz Württembergs
-Geweihe und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken sah!«
-
-So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne war während seiner
-Erzählung völlig heraufgekommen, auch an den äußersten Bergen war
-der Nebel gefallen, und was um die fernen Höhen von Asperg zog, war
-ein Duft, der wie ein zarter Schleier vom Horizont herabhing und die
-Gegenden, über welche er sich breitete, nur in noch reizenderem Lichte
-durchschimmern ließ. Angetan mit dem sanften Grün der Saaten, mit den
-dunkleren Farben der Wälder, geschmückt mit freundlichen Dörfern, mit
-glänzenden Burgen und Städten lag Württemberg in seiner Morgenpracht.
-Sein unglücklicher Fürst überschaute es mit trüben Blicken. Die Natur
-hatte ihm einen festen Mut und ein Herz gegeben, das Kummer und Elend
-nicht zu brechen vermochte; nicht zu jeder Stunde, nicht jedem teilte
-er seine Empfindungen mit, und wenn ein großes Unglück über ihn kam,
-pflegte er zu schweigen und zu handeln.
-
-Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten festen Burg
-seine letzte Hoffnung gefallen war, verschloß er einen großen Schmerz
-in einer tapferen Brust. Wer stand je an dem Sarg einer Mutter und
-fühlte nicht, wenn er den letzten Blick auf die teuren, bleichen Züge,
-auf den verstummten Mund warf, bittere Empfindungen in sich aufsteigen?
-Es ist die Reue, was in solchen Augenblicken den Menschen übermannt.
-Man erinnert sich, wie unendlich viel sie für uns getan, wie sie uns
-als Kind so liebreich hegte, wie ihr kein Opfer zu schwer ward, das
-sie dem Jüngling nicht gebracht hätte. Und wie haben wir vergolten?
-wir waren gleichgültig gegen so viele rührende Liebe, wir glaubten, es
-müsse nun einmal so sein, wir waren sogar undankbar und murrten, wenn
-nicht alle unsere Wünsche schnell erfüllt wurden, wir verpraßten ihr
-Gut und achteten nicht auf ihre stillen Tränen.
-
-Jetzt, wo dieses liebevolle Auge uns nicht mehr sieht, wo dieses Ohr
-auf immer verschlossen ist, das nur auf unsere Wünsche lauschte, wo
-diese Hände unseren letzten Druck nicht mehr fühlen, diese Hände,
-die uns mühsam nährten: jetzt bestürmen alle jene Gefühle von Reue,
-Dankbarkeit, Liebe unsere Brust, deren eines hingereicht hätte in den
-vorigen Tagen, sie glücklich zu machen!
-
-Ein ähnliches Gefühl der Reue war es, was drückend auf der Brust
-Ulrichs von Württemberg lag, als er auf sein Land hinabschaute, das
-auf ewig für ihn verloren schien. Seine edlere Natur, die er oft im
-Gewühle eines prächtigen Hofes und betäubt von den Einflüsterungen
-falscher Freunde verleugnet hatte, trauerte mit ihm, und es war nicht
-sein Unglück allein, was ihn beschäftigte, sondern auch der Jammer des
-okkupierten Landes.
-
-Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in die Ferne zu
-seinen Freunden wandte, staunten sie über den Ausdruck seiner Züge. Sie
-hatten erwartet, Zorn und Grimm über den Verrat seiner Edlen auf seiner
-Stirne, in seinen Augen zu lesen, aber es war eine tiefe Rührung, ein
-stiller großer Schmerz, was seinen Mienen einen Ausdruck von Milde gab,
-den sie nie an ihm gekannt hatten.
-
-»Marx! Wie verfahren sie gegen das Landvolk?« fragte er.
-
-»Wie Räuber,« antwortete dieser; »sie verwüsten ohne Not die Weinberge,
-sie hauen die Obstbäume nieder und verbrennen sie am Wachtfeuer,
-Sickingens Reiter traben durch das Saatfeld und treten nieder, was die
-Pferde nicht fressen. Sie mißhandeln die Weiber und pressen den Männern
-das Geld ab. Schon jetzt murrt das Volk allerorten, und lasset erst den
-Sommer kommen und den Herbst! Wenn aus den zerstampften Fluren kein
-Korn aufgeht, wenn auf den verwüsteten Bergen keine Weinbeere wächst,
-wenn sie erst noch die ungeheure Kriegssteuer, die der Bundesrat
-umlegen wird, bezahlen müssen, -- da wird das Elend erst recht angehen.«
-
-»Die Buben!« rief der Herzog, und ein edler Zorn sprühte aus seinen
-Augen, »sie rühmten sich mit großen Worten, sie kämen, um Württemberg
-von seinem Tyrannen zu befreien, es zu entheben aller Not. Und sie
-hausen im Lande wie im Türkenkrieg. Aber ich schwöre es, so mir Gott
-eine fröhliche Urständ gebe und seine Heiligen gnädig sein wollen
-meiner Seele, wenn keine Saat aufgeht in den verwüsteten Tälern des
-Neckars und auf seinen Höhen keine Traube reift, ich will kommen und
-mähen und Garben schneiden -- in ihren Gliedern, ich will kommen
-mit schrecklichen Winzern, will sie treten und keltern und ihr Blut
-verzapfen. Ich will rächen, was sie an mir und meinem Land getan, so
-mir der Herr helfe.«
-
-»Amen!« sprach der Ritter von Lichtenstein. »Aber ehe Ihr hereinkommt,
-müßt Ihr auf gute Art hinaus sein aus dem Land. Es ist keine Zeit zu
-verlieren, wenn Ihr ungefährdet entkommen wollt.«
-
-Der Herzog sann eine Weile nach und antwortete dann: »Ihr habt recht,
-ich will nach Mömpelgard; von dort aus will ich sehen, ob ich so viele
-Mannschaft an mich ziehen kann, um einen Einfall in das Land zu wagen.
-Komm her, du treuer Hund, du wirst mir folgen ins Elend der Verbannung.
-Du weißt nicht, was es heißt, die Treue brechen und den Eid vergessen.«
-
-»Hier steht noch einer, der dies auch nicht kennt,« sagte Schweinsberg
-und trat näher zu dem Herzog. »Ich will mit Euch ziehen nach
-Mömpelgard, wenn Ihr meine Begleitung nicht verschmähet.«
-
-Aus den Augen des alten Lichtenstein blitzte ein kriegerisches Feuer.
-»Nehmt auch mich mit Euch, Herr!« sagte er. »Meine Knochen taugen
-freilich nicht mehr viel, aber meine Stimme ist noch vernehmlich im
-Rat.«
-
-Marie sah mit leuchtenden Blicken auf den Geliebten. Ueber die Wangen
-Georgs von Sturmfeder zog ein glühendes Rot, sein Auge leuchtete vom
-Mut der Begeisterung.
-
-»Herr Herzog!« sagte er. »Ich habe Euch meinen Beistand angetragen in
-jener Höhle, als ich nicht wußte, wer Ihr wäret, Ihr habt ihn nicht
-verschmäht. Meine Stimme gilt nicht viel im Rat, aber könnet Ihr ein
-Herz brauchen, das recht treu für Euch schlägt, ein Auge, das für
-Euch wacht, wenn Ihr schlafet, und einen Arm, der die Feinde von Euch
-abwehrt, so nehmt mich auf und lasset mich mit Euch ziehen!«
-
-Alle jene Empfindungen, die ihn zu dem Manne ohne Namen gezogen hatten,
-loderten in dem Jüngling auf, sein Unglück und die erhabene Art, wie
-er es trug, vielleicht auch jener aufmunternde Blick der Geliebten,
-erhöhten diese Flammen zur Begeisterung und zogen ihn zu den Füßen des
-Herzogs ohne Land.
-
-Der alte Herr von Lichtenstein blickte mit stolzer Freude auf seinen
-jungen Gast, gerührt sah ihn der Herzog an und bot ihm seine Hand, hob
-ihn auf von den Knieen und küßte ihn auf die Stirne.
-
-»Wo solche Herzen für uns schlagen,« sagte er, »da haben wir noch feste
-Burgen und Wälle und sind noch nicht arm zu nennen. Du bist mir lieb
-und wert, Georg von Sturmfeder, du wirst mich begleiten, mit Freuden
-nehme ich deine treuen Dienste an. Marx Stumpf von Schweinsberg,
-dich brauche ich zu wichtigerem Geschäft, als meinen Leib zu decken.
-Ich werde dir Aufträge geben nach Hohentwiel und der Schweiz. Eure
-Begleitung, guter Lichtenstein, kann ich nicht annehmen. Ich ehre
-Euch wie einen Vater, Ihr habt getreu an mir gehandelt, Ihr habt mir
-allnächtlich Eure Burg geöffnet; ich will's vergelten. Wenn ich mit
-Gottes Hilfe wieder ins Land komme, soll Eure Stimme die erste sein in
-meinem Rat.«
-
-Sein Auge fiel auf den Pfeifer von Hardt, der demütig in der Ferne
-stand: »Komm her, du getreuer Mann!« rief er ihm zu und reichte ihm
-seine Rechte, »du hast dich einst _schwer an Uns verschuldet_, aber du
-hast treu abgebüßt, was du gefehlt.«
-
-»Ein Leben ist nicht so schnell vergolten,« sagte der Bauer, indem er
-düster zum Boden blickte, »noch bin ich in Eurer Schuld, aber ich will
-sie zahlen.«
-
-»Gehe heim in deine Hütte, so ist mein Wille. Treibe deine Geschäfte
-wie zuvor, vielleicht kannst du uns treue Männer sammeln, wenn wir
-wieder ins Land kommen. Und Ihr, Fräulein, wie kann ich Eure Dienste
-lohnen? Seit vielen Nächten habt Ihr den Schlaf geflohen, um mir die
-Türe zu öffnen und mich zu sichern vor Verrat! Errötet nicht so, als
-hättet Ihr eine große Schuld zu gestehen. Jetzt ist es Zeit zu handeln.
-Alter Herr,« wandte er sich zu Mariens Vater, »ich erscheine als
-Brautwerber vor Euch, Ihr werdet den Eidam nicht verschmähen, den ich
-Euch zuführe?«
-
-»Wie soll ich Eure Reden verstehen, gnädigster Herr?« sagte der Ritter,
-indem er verwundert auf seine Tochter sah.
-
-Der Herzog ergriff Georgs Hand und führte ihn zu jenem. »_Dieser_ liebt
-Eure Tochter, und das Fräulein ist ihm nicht abhold; wie wäre es, alter
-Herr, wenn Ihr ein Pärlein aus ihnen machtet? Zieht nicht die Stirne
-so finster zusammen, es ist ein ebenbürtiger Herr, ein tapferer Kämpe,
-dessen Arm ich selbst versuchte, und jetzt mein treuer Geselle in der
-Not.«
-
-Marie schlug die Augen nieder, auf ihren Wangen wechselte hohe Röte
-mit Blässe, sie zitterte vor dem Ausspruch des Vaters. Dieser sah sehr
-ernst auf den jungen Mann. »Georg,« sagte er, »ich habe Freude an Euch
-gehabt seit der ersten Stunde, daß ich Euch sah; sie möchte übrigens
-nicht so groß gewesen sein, hätte ich gewußt, _was_ Euch in mein Haus
-führte.«
-
-Georg wollte sich entschuldigen, der Herzog aber fiel ihm in die Rede:
-»Ihr vergesset, daß _ich_ es war, der ihn zu Euch schickte mit Brief
-und Siegel, er kam ja nicht von selbst zu Euch; doch was besinnet
-Ihr Euch so lange? Ich will ihn ausstatten wie meinen Sohn, ich will
-ihn belohnen mit Gütern, daß Ihr stolz sein sollet auf einen solchen
-Schwiegersohn.«
-
-»Gebt Euch keine Mühe weiter, Herr Herzog,« sagte der junge Mann
-gereizt, als der Alte noch immer unschlüssig schien. »Es soll nicht
-von mir heißen, ich habe mir ein Weib erbettelt und ihrem Vater mich
-aufdrängen wollen. Dazu ist mein Name zu gut.« Er wollte im Unmut das
-Zimmer verlassen, der Ritter von Lichtenstein aber faßte seine Hand:
-»Trotzkopf,« rief er, »wer wird denn gleich so aufbrausen? Da, nimm
-sie, sie sei dein, aber -- denke nicht daran, sie heimzuführen, so
-lange ein fremdes Banner auf den Türmen von Stuttgart weht. Sei dem
-Herrn Herzog treu, hilf ihm wieder ins Land zu kommen, und wenn du
-treulich aushältst: am Tag, wo ihr in Stuttgarts Tore einzieht, wo
-Württemberg seine Fahnen wieder aufpflanzt und seine Farben von den
-Zinnen wehen, will ich dir mein Töchterlein bringen, und du sollst mir
-ein lieber Sohn sein!«
-
-»Und an jenem Tag,« sprach der Herzog, »wird das Bräutchen noch viel
-schöner erröten, wenn die Glocken tönen von dem Turme und die Hochzeit
-in die Kirche ziehet! Dann werde ich zum Bräutigam treten und zum Lohn
-fordern, was mir gebührt. Da, guter Junge, gib ihr den Brautkuß; es ist
-zu vermuten, daß es nicht der erste ist, herze sie noch einmal, und
-dann gehörst du mein, bis an den fröhlichen Tag, wo wir in Stuttgart
-einziehen. Lasset uns trinken, Ihr Herren, auf die Gesundheit des
-Brautpaars!«
-
-Auf Mariens holden Zügen stieg ein Lächeln auf und kämpfte mit den
-Tränen, die noch immer aus den schönen Augen perlten. Sie goß die
-Becher voll und kredenzte den ersten dem Herzog mit so dankbaren
-Blicken, mit so lieblicher Anmut, daß er Georg glücklich pries und sich
-gestehen mußte, manch anderer möchte um solchen Preis selbst sein Leben
-wagen.
-
-Die Männer ergriffen ihre Becher und erwarteten, daß ihnen der Herzog
-einen guten Spruch dazu sagen werde nach seiner Weise. Aber Ulrich
-von Württemberg warf einen langen Abschiedsblick auf das schöne Land,
-von dem er scheiden mußte, einen Augenblick wollte sich eine Träne in
-seinem Auge bilden, er wandte sich kräftig ab. »Ich habe hinter mich
-geworfen,« sagte er, »was mir einst teuer war, ich werde es wiedersehen
-in besseren Tagen. Doch hier in diesen Herzen besitze ich noch Länder.
-Beklaget mich nicht, sondern seid getrosten Mutes, wo der Herzog ist
-und seine Treuen: _hie gut Württemberg alleweg_!«
-
-
-
-
-26.
-
- In Schwaben, wo dein Vater Herzog war,
- Wo ihn und dich ein biedres Volk geliebt,
- Wo mancher jetzt auf seiner Feste haust,
- Der unter deinem Banner einst gekämpft.
- Dort muß von dir noch ein Gedächtnis sein,
- Dorthin sei unser irrer Pfad gelenkt,
- Des Schwarzwalds dichter Schatten neh'm uns auf.
-
- _Uhland._
-
-
-Wohl nie so schwül hat ein Sommer über Württemberg gelegen als der
-des Jahres 1519. Das ganze Land hatte dem Bunde gehuldigt und meinte,
-es werde jetzt Ruhe haben. Aber jetzt erst zeigten die Bundesglieder
-deutlich, daß es nicht die Wiedereinnahme von Reutlingen gewesen
-sei, was sie zusammenführte. Sie wollten bezahlt sein, sie wollten
-Entschädigung haben für ihre Mühe. Die einen wollten, man solle
-Württemberg unter sie teilen, die anderen, man solle es an Oesterreich
-verkaufen, die dritten wollten es Ulrichs Kindern erhalten, -- aber
-unter des Bundes Obervormundschaft. Sie stritten sich um den Besitz
-des Landes, auf das weder der eine noch der andere gerechte Ansprüche
-machen konnte. Das Land selbst war in Spaltung und Parteien. Es sollte
-die Kriegskosten decken, und doch war niemand da, der zahlen wollte.
-Die Ritterschaft hielt es für eine erwünschte Gelegenheit, sich ganz
-vom Lande loszusagen und sich für unabhängig zu erklären. Die Bürger
-und Bauern waren ausgesogen, ihre Felder waren verwüstet und zertreten,
-sie sahen nirgends eine Aussicht, sich zu erholen; die Geistlichkeit
-wollte auch nicht allein bezahlen, und so war alles in Hader und
-Streit. Es ging auch vielen tief zu Herzen, daß ihr angeborener Fürst
-so schnöde behandelt worden war. Manchem kam jetzt, da der Herzog fern
-von dem Lande seiner Väter in Verbannung hauste, Reue und Sehnsucht an.
-Sie verglichen sein Regiment mit dem jetzigen. Es war nicht besser,
-wohl aber schlimmer geworden; aber sie lebten unter zu hartem Zwang,
-als daß sie ihre Schmerzen hätten offenbaren können.
-
-Der Regentschaft des Bundes entging diese Unzufriedenheit des Volkes
-nicht; sie mußte, wie sich in alten Berichten findet, »manche seltsame
-und böse Rede« hören; sie suchte durch geschärfte Strenge sich
-Anhänglichkeit zu erwerben, sie streute Lügen über den Herzog aus.[37]
-Man gebot den Priestern, gegen ihn zu predigen; wer von ihm Gutes rede,
-soll gefangen werden, wer ihn heimlich unterstütze, soll der Augen
-beraubt, sogar enthauptet werden.
-
-Aber Ulrich hatte noch treue Leute unter dem Landvolk, die ihm auf
-geheimen Wegen Kunde brachten, wie es in Württemberg stehe. Er saß in
-seiner Grafschaft Mömpelgard und harrte dort mit den Männern, die ihm
-ins Unglück gefolgt waren, auf günstige Gelegenheit, in sein Land zu
-kommen. Er schrieb an viele Fürsten, er beschwor sie, ihm zu Hilfe zu
-kommen; aber keiner nahm sich seiner sehr tätig an. Er schrieb an die
-zur neuen Kaiserwahl versammelten Kurfürsten -- sie halfen nicht. Das
-einzige, was sie taten, war, dem neuen Kaiser in seiner Kapitulation
-eine Klausel anzuhängen, die Württemberg und den Herzog betraf, --
-er hat sie nicht geachtet. Als sich der Herzog von aller Welt also
-verlassen sah, wankte er dennoch nicht, sondern setzte alles daran,
-sein Land mit eigener Macht wiederzuerobern. Es waren einige Umstände,
-die für ihn sehr günstig schienen. Der Bund hatte nämlich, als er Kunde
-bekam, daß sich niemand des Vertriebenen annehmen wolle, seine Völker
-entlassen. Die meisten Städte und Burgen behielten nur sehr schwache
-Besatzungen, und selbst in Stuttgart waren nur wenige Fähnlein Knechte
-gelassen worden.
-
-Durch diese Maßregel aber hatte sich der Bund einen Feind erworben, den
-man gering schätzte, der aber viel zur Aenderung der Dinge beitrug,
--- es waren dies die Landsknechte.[A] Diese Menschen, aus allen
-Enden und Orten des Reiches zusammengelaufen, boten gewöhnlich dem
-ihre Hilfe an, der sie am besten zahlte; für was und gegen wen sie
-kämpften, war ihnen gleichgültig. Um sie zu halten, mußte man ihnen
-vieles nachsehen, und Raub, Mord, Plünderung, Brandschatzen führten
-sie auf ihre eigene Faust aus, um sich zu entschädigen, wenn sie
-den Sold nicht richtig bekamen. Georg von Frondsberg war der erste
-gewesen, der sie durch sein Ansehen im Heere, durch tägliche Uebungen
-und unerbittliche Strenge einigermaßen im Zaum hielt. Er hatte sie in
-regelmäßige Rotten und Fähnlein eingeteilt, er hatte ihnen bestimmte
-Hauptleute gegeben, er hatte sie gelehrt, geordnet und in Reihen und in
-Gliedern zu fechten. Sie zeigten aber jetzt, daß sie aus einer guten
-Schule kamen; denn als sie vom Bund entlassen waren, liefen sie nicht
-wie früher zerstreut durch das Land, um Dienste zu suchen, sondern
-rotteten sich zusammen, richteten zwölf Fähnlein auf, erwählten aus
-_ihrer Mitte_ Hauptleute[38] und selbst einen Obersten in der Person
-des _langen Peters_. Sie waren schwierig auf den Bund, nährten sich von
-Raub und Brandschatzen im Land und führten Krieg auf eigene Rechnung.
-Die Anarchie war in Württemberg so groß, daß ihnen niemand die Spitze
-bot. Der Bund hatte sich an Streitkräften entblößt und war zu sehr mit
-seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, als daß er das arme Land
-von dieser Bande befreit hätte. Die Ritterschaft war uneinig, sie saßen
-auf den Schlössern und sahen ruhig diesem Treiben zu; die Besatzung der
-Städte war zu gering, um ihnen mit Kraft Einhalt zu tun, und Bürger
-und Bauern sahen sogar diesen Haufen gerne, wenn seine Forderungen
-nur nicht allzu groß waren, denn die Landsknechte schimpften weidlich
-auf den Bund, dem niemand hold war. Ja es ging sogar die Sage, diese
-Kriegsmänner seien nicht abgeneigt, dem Herzog wieder zu seinem Land zu
-verhelfen.
-
- [A] Landsknechte schreiben wir, nicht Lanzknechte, wie man in
- neuerer Zeit getan, und berufen uns auf die »Historia des Herrn
- Frondsberg« etc.
-
-Es war ein schöner Morgen in der Mitte Augusts, als sich diese Leute
-in einem Wiesentale gelagert hatten, das der Grenze von Baden zunächst
-gelegen war. Die riesigen, schwarzen Tannen und Föhren, die das Tal auf
-drei Seiten einschlossen, gehörten noch dem Schwarzwald an, und das
-Flüßchen, das durch das Tal eilte, war die Würm. Halb überschattet vom
-Wald, halb in den Weidenbüschen des Tales versteckt, lag das kleine
-Heer in wunderlichen Gruppen und pflegte der Ruhe. In der Entfernung
-von zweihundert Schritten sah man Posten aufgestellt, deren blitzende
-Lanzen oder rotglühende Lunten schon von weitem Furcht einjagten. In
-der Mitte des Tales, im Schatten einer Eiche, saßen fünf Männer um
-einen ausgespannten Mantel, den sie als Tisch gebrauchten, um ein Spiel
-auf ihm zu spielen, das heute noch den Namen Landsknecht führt. Diese
-Männer zeichneten sich vor ihren übrigen Genossen durch breite rote
-Binden aus, die sie über die Schulter und Brust herabhängen hatten,
-sonst aber hatte ihre Bekleidung auch das zerrissene und morsche
-Aussehen wie das der übrigen Soldateska. Einige hatten Sturmhauben
-auf, andere große Filzhüte, mit eisernen Bändern beschlagen, dazu
-Lederkoller, welche von Regen, Staub und Biwaks alle möglichen
-Schattierungen erhalten hatten.
-
-Bei näherem Blick erkannte man übrigens noch zwei Dinge, durch welche
-sie sich von ihren Kameraden unterschieden. Sie führten nämlich keine
-Donnerbüchsen oder Spieße, wie sie die Landsknechte gewöhnlich trugen,
-sondern Raufdegen von ungemeiner Länge und Breite. Auch hatten sie,
-wie es damals die Edelleute und Anführer trugen, auf ihren Hüten und
-Sturmhauben bunte, wallende Federbüsche aus Hahnenschwänzen, um sich
-ein ritterliches Ansehen zu geben.
-
-Die fünf Männer schienen große Geschicklichkeit im Spiel zu besitzen,
-vorzüglich aber einer, der sich mit dem Rücken an die Eiche lehnte.
-Es war dies ein langer wohlbeleibter Mann. Er hatte einen Hut auf,
-dessen Rand sich wie ein bedeutender Mühlstein um den Kopf zog. Der
-Hut war mit einer Goldtresse besetzt, auf der Stirnseite war er mit
-dem goldenen Bild des heiligen Petrus geschmückt, aus welchem zwei
-ungeheure rote Hahnenfedern hervorragten. Dieser Mann mußte weit in der
-Welt herumgekommen sein, denn er konnte auf französisch, italienisch,
-ungarisch fluchen, seinen Bart aber trug er ungarisch, er hatte ihn
-nämlich mit Pech so zusammengedreht, daß er wie zwei eiserne Stacheln
-auf beiden Seiten der Nase eine Spanne in die Luft hinausstarrte.
-
-»~Canto cacramento!~« rief dieser große Mann mit einem dröhnenden
-Baß, »der kleine Wenzel ist mein. Drauf! Ich stech' ihn mit dem
-Eichel-König.«
-
-»Mein ist er, mit Verlaub,« rief sein Nebenmann, »und der König dazu.
-Da liegt die Eichel-Sau!«
-
-»~Mord de ma Vich~, zagt der Franzoz; Hauptmann Löffler, Ihr wollt
-Eurem Oberst diesen Stich abjagen? Schämt Euch, schämt Euch; daz ist
-ein Rebeller, der daz tut. Gott straf' mein' Zeel', Ihr wollt mich
-vom Regiment absetzen?« Der große Mann funkelte zu diesen Worten
-gräßlich mit den Augen, schob seinen großen Hut auf das Ohr, daß seine
-überhängenden Augenbrauen und eine mächtige rote Narbe auf der Stirne
-sichtbar wurden, die ihm ein ungemein kriegerisches Ansehen gaben.
-
-»Beim Spiel, Herr Oberst Peter, gilt keine Kriegsordnung,« antwortete
-der andere Spieler. »Ihr könnet uns Hauptleuten befehlen, ein Städtchen
-zu blockieren und zu brandschatzen, aber beim Spiel ist jeder
-Landsknecht so gut wie wir.«
-
-»Ihr zeid ein Meuter, ein Rebeller gegen die Obrigkeit, Gott straf'
-mein Zeel', und wäre es nicht gegen meine Würde, ich wollt' Euch in
-Kochstücke mazakerieren; aber spielt weiter.«
-
-»Da liegt dein Daus« -- »drauf der Quarter« -- »den stech' ich mit dem
-Zinken,« -- »Schellen-Wenzel, wer sticht den? --«
-
-»Ich,« sprach der Große, »da liegt der Schellenkönig, Mordblei! der
-Stich ist mein.«
-
-»Wie bringst du den Schellenkönig 'rauf?« rief ein kleines, dürres
-Männchen mit spitzigem Gesicht und kleinen, giftigen Aeuglein und
-heiserer Stimme. »Hab' ich nicht gesehen, als du ausgabst, daß er unten
-lag? Er hat betrogen, der lange Peter hat schändlich betrogen!«
-
-»Muckerle, Hauptmann vom achten Fähnlein! ich rat' Euch, haltet Euer
-Maul,« sagte der Oberst. »~Bassa manelka!~ ich versteh' keinen Spaß.
-Die Mauz zoll den Löwen nicht erzürnen.«
-
-»Und ich sag's noch einmal; wo hättest du sonst den König her? Vor dem
-Papst und dem König von Frankreich will ich's beweisen; du falscher
-Spieler!«
-
-»Muckerle,« erwiderte der Oberst und zog kaltblütig seinen Degen aus
-der Scheide, »bete noch ein Ave Maria und ein Gratias, denn ich schlage
-dich tot, zo wie daz Spiel auz ist.«
-
-Die übrigen drei Männer wurden durch diese Streitigkeiten aus ihrer
-Ruhe aufgeschreckt. Sie erklärten sich für den kleinen Hauptmann
-und gaben nicht undeutlich zu verstehen, daß man dem Obersten wohl
-dergleichen zutrauen könnte; dieser aber vermaß sich hoch und teuer,
-er habe nicht betrogen. »Wenn der heilige Petruz, mein gnädiger Herr
-Patron, den ich auf dem Hut trage, sprechen könnte, der würde mir,
-zo wahr er ein christlicher Landsknecht war, bezeugen, daß ich nicht
-betrogen!«
-
-»Er hat nicht betrogen,« sagte eine tiefe Stimme, die aus dem Baum zu
-kommen schien. Die Männer erschraken und schlugen Kreuze wie vor einem
-bösen Spuk, selbst der tapfere Oberst erbleichte und ließ die Karte
-fallen; aber hinter dem Baum hervor trat ein Bauersmann, der mit einem
-Dolch bewaffnet war und eine Zither an einem ledernen Riemen auf der
-Schulter hängen hatte. Er sah die Männer mit unerschrockenen Blicken an
-und sagte: »Es ist, wie ich sagte, dieser Herr da hat nicht betrogen,
-er bekam schon beim Ausgeben Schellen- und Eichelkönig, Fünfe und Vier
-von Laub und den Schippen-Unter in die Hand.«
-
-»Ha! du bist ein wackerer Kerl,« rief der Oberst vergnügt, »zo wahr ich
-ein ehrlicher Landsknecht -- will zagen Oberst bin, -- ez ist all wahr,
-waz du gezagt hast.«
-
-»Was ist denn das?« rief der kleine Hauptmann Muckerle mit giftigen
-Blicken. »Wie hat sich der Bauer daher eingeschlichen, ohne daß unsere
-Wachen ihn meldeten? Das ist ein Spion, man muß ihn hängen!«
-
-»Zei nicht wunderlich, Muckerle! daz ist kein Spioner; komm, zetz'
-dich zu mir. Bist ein Spielmann, daz du die Cittarra umhängst wie ein
-Spanier, wenn er zu zeinem Schätzerl geht?«
-
-»Ja, Herr! ich bin ein armer Spielmann; Eure Wachen haben mich nicht
-angehalten, als ich aus dem Walde kam. Ich sah euch spielen und wagte
-es, den Herren zuzusehen.«
-
-Die Hauptleute dieses Freikorps waren nicht gewohnt, so höflich mit
-sich sprechen zu hören, daher faßten sie Zuneigung zu dem Spielmann
-und luden ihn sehr herablassend ein, sich zu ihnen zu setzen, denn
-sie hatten in fremden Kriegsdiensten gelernt, daß große Könige und
-Feldherren sehr vertraulich mit den Meistern des Gesanges umgehen.
-
-Der Oberste tat einen Trunk aus einer zinnernen Flasche, bot sie dem
-kleinen Hauptmann und sprach mit heiterer Miene: »Muckerle, daz zoll
-mein Tod zein, waz ich getrunken, wenn ich nicht allez vergesse; Hader
-und Zank haben ein Ende; wir wollen nicht weiter spielen, Ihr Herren!
-ich liebe Gezang und Lautenspiel, wie wäre ez, wenn wir uns aufspielen
-ließen?«
-
-Die Männer willigten ein und warfen die Karten zusammen; der Spielmann
-stimmte seine Zither und fragte, was er singen solle.
-
-»Sing ein Lied vom Spiel!« rief einer, »weil wir gerade dran sind.«
-
-Der Spielmann sann ein wenig nach und hub an:
-
- »Von dem Zinken, Quater und As
- Kommt mancher in des Teufels Gaß,
- Von Quater, Zinken und von Dreien
- Muß mancher Waffengo schreien,
- Von As, Seß und Daus
- Hat mancher gar ein ödes Haus,
- Von Quater, Drei und Zinken
- Muß mancher lauter Wasser trinken,
- Von Zinken, Drei und Quater
- Weinen oft Mutter, Kind und Vater,
- Von Zinken, Quater und Seß
- Muß Jungfrau, Metz und Agnes
- Oft gar lang unberaten bleiben,
- Will er die Läng' das Spiel betreiben.«[39]
-
-Der Oberst Peter und die Hauptleute lobten das Lied und reichten dem
-Spielmann zum Dank die Flasche. »Gott gesegne es euch,« sagte dieser,
-indem er die Flasche zurückgab; »viel Glück zu eurem Zuge; ihr seid
-wohl Obersten und Hauptleute des Bundes und ziehet wieder zu Feld?
-darf man fragen, gegen wen?«
-
-Die Männer sahen sich an und lächelten, der Oberste aber antwortete
-ihm: »Ganz unrecht habt Ihr nicht; wir haben früher dem Bund gedient,
-jetzt aber dienen wir niemand alz unz selbst, und wer Leute braucht,
-wie wir zind.«
-
-»Die Schweizer werden heuer ein gutes Jahr haben, man sagt ja, der
-Herzog wolle wieder ins Land?«
-
-»Aller Hund Krümmen komme auf die Schweizer,« rief der Oberst; »wie
-übel zind zie an ihm gefahren; der gute Herzog hat all' zeine Hoffnung
-auf zie gesetzt, und, ~diavolo maledetto~, wie haben zie ihn im Stich
-gelassen bei Blaubeuren!«
-
-»Sie haben ihn schändlich verlassen,« sagte der Hauptmann Muckerle mit
-heiserer Stimme; »aber doch so man's beim Licht b'sieht, so g'schieht
-ihm wohl halb recht, dann er sollt' sie je wohl kennt haben; es leit
-doch am Tag, daß sie kein dicks Brittlein bohren. Der Tüfel hol' sie
-all!«
-
-»Ja, der Herzog hat halt nichts Besseres haben können,« entgegnete der
-Spielmann; »freilich, wenn er solche Herren gehabt hätte wie ihr und
-eure tapfren Fähnlein, da wäre der Bund noch bei Ulm.«
-
-»Du hast da ein wahrez Wort gesprochen, guter Gezell! Landsknecht'
-hätt' er zollen haben und keine Schwyzer. Und hält er zich jetzt wieder
-zu ihnen, zo weiß ich, waz ich von ihm halte. Landsknecht' hätt' er
-zollen haben, ich zag's noch einmal. Nicht wahr, Magdeburger?«
-
-»Dat will ick man och meenen,« antwortete der Magdeburger.
-»Landsknechte oder keener können den Heertog wieder uf den Stuhl
-setzen. Die Schweizer können man gar nichts, als mit den Hellebarden
-in die Glieder stechen; dat ist all ihre Kunst. Aber Ihr solltet man
-sehen, wie wir die Donnerbüchsen laden, auf die Gabel legen un mit den
-Lunden drauf, dat dich dat Wetter! Dat Manäfer macht uns keener nich
-nach, Gott straf' mir, keener. Sie brauchen eine halve Stunde, um ihre
-Kugel loszuschießen, und wir Landsknechte eene halve Vertelstund'.«
-
-»Ja, alle Achtung vor den Herren Landsknechten,« sagte der Spielmann
-und lüftete ehrerbietig die Mütze; »freilich, euch Herren sollt' er
-haben; aber der Bund wird euch so gut belohnt haben, daß ihr dem armen
-Herzog nicht zu Hilfe ziehen möget.«
-
-»Gelohnt, socht er?« rief der fünfte Hauptmann und lachte. »Jo, wenn
-er's Geld von Blech schlagen könnt', der schwäbisch Hund! Bei denen
-gilt's Sprichwort:
-
- Dien' wohl und fordre keinen Sold,
- So werden dir die Herren hold.«
-
-»Ich sog', schlecht hot er uns bezahlt. Und wenn seine Durchlaucht der
-Herr Herzog mi hoben will, ich steh' 'nem z'Dienst wie jedem.«
-
-»Ztaberl, du hast recht,« sagte der Oberst und wichste den ungarischen
-Bart. »Mordblei, die Katz' ist gern, wo man sie strählet. Wenn der
-Herr Ulrich gut zahlt, zo wird, Gott straf' mein' Zeel', unsere ganze
-Mannschaft mit ihm ziehen.«
-
-»Nun, das werdet ihr bald sehen können,« entgegnete der Bauer listig
-lächelnd, »habt ihr noch keine Antwort vom Herzog auf eure Botschaft?«
-
-Der Oberst Peter ward feuerrot bis in die Stirne. »Mordelement! wer
-bist denn du, Menschenkind, daz du mein Geheimnuz weißt? Wer hat dir
-gezagt, daz ich zum Herzog schickte?«
-
-»Zum Herzog hob' Er g'schickt, Peter? Wos hobt Er denn für G'heimnis
-mitenonder, doß wir's nit wissen dörften. Sog' es nur gleich!«
-
-»Nun, ich hab' gedacht, ich müsse wieder einmal für euch alle denken
-wie immer, und hab' einen Mann zum Herzog geschickt, ihm in unzerm
-Namen einen schönen Gruz entboten und fragen lassen, ob er unz brauchen
-könnt'? Dez Monats für den Mann einen halben Dicktaler, uns Obersten
-und Hauptleut' aber ein Goldgülden und täglich vier Maaz alten Wein.«
-
-»Dat is keen bitterer Vorschlach, der Teiwel! Eenen Goldgülden
-monatlich? Ich bin dabei, und es wird keener wat dagegen haben. Hast du
-Antwort von dem Heertog?«
-
-»Bis jetzt noch keine; aber, ~Bassa manelka!~ wie kamst du zu meinem
-Geheimnuz, Bauer? Ich hau' dir ein Ohr ab, Gott straf' mein Zeel', zo
-tu ich wie mein Patron, der heilige Petruz, war auch ein Landsknecht,
-dem Malchuz, der war von den jüdischen Schwyzern, ein Hellebardierer.
-Zag' schnell oder ich hau'!«
-
-»Langer Peter!« rief der kleine Hauptmann Muckerle mit ängstlicher
-Stimme, »laß um Gott'swillen _den_ gehen; der ist fest und kann hexen.
-Ich weiß noch wie heut, daß wir ihn in Ulm fangen sollten und in Herrn
-von Krafts, des Ratsschreibers, Stall kamen, wo er sich aufhielt, denn
-er war ein Kundschafter, so machte er sich klein und immer kleiner, bis
-er ein Spatz wurde und über uns 'naus flog.«
-
-»Waz?« schrie der tapfere Oberst und rückte von dem Spielmann hinweg,
-»_der_ ist's? Wo dann der Magistrat auzrufen ließ, man zolle alle
-Spatzen totschießen, weil zich ein württemberger Spioner in einen
-verwandelt habe? Man heißt zie, glaub' ich, jetzt noch die Ulmer
-Spatzen.«
-
-»Der ist's,« flüsterte Muckerle; »es ist der Pfeifer von Hardt, ich
-hab' ihn gleich erkannt.«
-
-Der Oberst und die Hauptleute hatten sich von ihrem Erstaunen noch
-nicht ganz erholt. Sie sahen den Mann, von welchem der Ruf so
-wunderbare Dinge erzählte, halb ängstlich, halb neugierig an. Er selbst
-hatte ein zu wohlgeübtes Ohr, als daß er nicht verstanden hätte,
-was diese Leute unter sich flüsterten; aber er tat, als bemerkte er
-ihr Staunen und Verstummen nicht; er beschäftigte sich ruhig mit
-seiner Zither. Endlich faßte sich der lange Peter, wohlbestallter
-Oberst dieses Heeres, ein Herz, zwirbelte den Bart einigemal, zog
-dann den ungeheuren Hut vom Kopf und sprach: »Verzeihet doch, lieber
-Gezelle, wertgeschätzter Pfeifer, daß wir zo ohne alle Umstände mit
-Euch verfahren zind; konnten wir denn wissen, wen wir da neben unz
-haben? Zeid vielmal gegrüßet, hab' schon oft, Gott straf' mein' Zeel',
-gedacht, möchte nur einmal den fürtrefflichen Kerl zehen, den Pfeifer
-von Hardt, der in Ulm am hellen Tag alz Spatz auzgeflogen.«
-
-»Ist schon gut,« unterbrach ihn der Spielmann unmutig; »lasset die
-alten Geschichten ruhen. Nun, von wegen des Herzogs kam mir die
-Nachricht zu, ich soll euch Herren auf den heutigen Tag aufsuchen,
-und wenn ihr noch geneigt wäret, mit ihm zu ziehen, so wolle er gerne
-zahlen, was ihr ihm vorgeschlagen.«
-
-»~Canto cacramento!~ daz ist ein frommer Herr! ein Goldgülden dez
-Monats und täglich vier Maaz Wein! Er zoll leben!«
-
-»Und wann wird er kommen?« fragte der Hauptmann Löffler; »wo werden wir
-zu ihm stoßen?«
-
-»Wenn kein Unglück geschehen ist, heute noch. Heute ist er auf
-Heimsheim losgebrochen, die Besatzung ist schwach. Wenn er sie
-überwältigt hat, rückt er heute noch weiter.«
-
-»Schaut! reitet dort unten nicht ein Geharnischter? Sieht aus wie ein
-Ritter!« Die Männer sahen aufmerksam nach dem Ende des Tales. Dort sah
-man einen Helm und Harnisch in der Sonne blinken, auch ein Pferd wurde
-hie und da sichtbar. Der Pfeifer von Hardt sprang auf und klimmte auf
-die Eiche hinan. Von diesem hohen Standpunkt konnte er das Tal besser
-übersehen. Noch war der Reiter zu fern, als daß er seine Züge hätte
-unterscheiden können, aber er glaubte seine Feldbinde zu erkennen, er
-glaubte den Mann zu erkennen, den er in dieser Stunde erwartete.
-
-»Was siehst du?« riefen die Hauptleute. »Ist es einer, der zufällig
-durchs Tal reitet, oder glaubst du, er kommt vom Herzog?«
-
-»Richtig, weiß und blau ist die Schärpe,« sprach der Pfeifer; »das ist
-sein langes Haar, so sitzt er zu Pferd. Ei, du Goldjunge, willkommen
-in Württemberg! Jetzt sieht er eure Wachen, jetzt reitet er auf sie
-zu; schau', wie die Bursche ihre Lanzen vorstrecken und die Beine
-ausspreizen.«
-
-»Ja, was Landsknechte sind, die verstehen den Kriegsbrauch; darf keiner
-vorbei, wo die Hauptleute liegen, ohne daß er Rede steht.«
-
-»Halt! jetzt rufen sie ihn an; er spricht mit ihnen, sie deuten hieher;
-er kommt!« Der Pfeifer von Hardt stieg mit freudeglühendem Gesicht vom
-Baume herab.
-
-»~Diavolo maledetto! bassam marendete!~ Zie werden ihn doch nicht
-allein reiten lassen? Ez wird doch einer zein Roß am Zügel führen nach
-Kriegsbrauch! Wie? Ist ez ein Ritter, der kommt?«
-
-»Ein Edelmann, so gut wie einer im Reich,« antwortete der Pfeifer;
-»und der Herzog ist ihm sehr gewogen.« Bei dieser Nachricht standen
-die Hauptleute auf, denn ob sie sich gleich nicht wenig einbildeten,
-Hauptleute zu heißen, so wußten sie doch, daß sie eigentlich nur
-Landsknechte und dem Ritter jedes Zeichen von Ehrerbietung schuldig
-seien. Der Oberst aber setzte sich gravitätisch am Fuß der Eiche
-nieder, strich den Bart, daß er hell glänzte, setzte den großen Hut
-mit der Hahnenfeder zurecht, stützte sich auf seinen großen Hieber und
-erwartete so den Ritter.
-
-
-
-
-27.
-
- Der Herzog ist gekommen,
- Er liegt nicht weit im Feld;
- Er hat's dem Feind genommen,
- Er bringt 'nen Sack mit Geld.
-
- _G. Schwab._
-
-
-Dem Platze, wo die Hauptleute und der lange Peter, ihr Oberst,
-versammelt waren, nahte sich jetzt ein geharnischter Reiter, dessen
-Pferd von zwei Landsknechten geführt wurde. Der Ritter hatte das
-Visier seines blanken Helmes herabgeschlagen, die breiten Schultern
-und die kräftigen Lenden und Beine waren mit Platten und Schienen von
-Stahl verhüllt, aber die wallenden Federn seines Helmbusches und die
-wohlbekannten Farben einer Schärpe, die über den Panzer herablief, die
-Haltung und das edle, kräftige Wesen des Nahenden hatten dem Pfeifer
-von Hardt längst gesagt, wen er zu erwarten habe. Und er betrog sich
-nicht, denn einer der Knechte trat jetzt vor den Oberst und berichtete,
-daß der »Edle von Sturmfeder« mit den Anführern der gesamten
-Landsknechte etwas zu sprechen habe.
-
-Der lange Peter antwortete im Namen der übrigen: »Zag' ihm, er ist
-willkommen. Peter Hunzinger der Oberst, Ztaberl von Wien, Cunrad der
-Magdeburger, Balthasar Löffler und der tapfere Muckerle, wohlbestallte
-Hauptleute, erwarten ihn zum Gespräch. -- Gott straf' mein' Zeel', er
-hat einen schönen Harnisch und einen Helm wie der König Franz, aber
-zein Gaul dürfte besser zein, Mordblei! er ist an allen vieren steif!«
-
-»Dos ist holt, sog' ich, weil er den ganzen Sommer g'stonden ist in
-Mömpelgard beim Herzog.«
-
-Die Männer belächelten den Witz des Wieners, doch hüteten sie sich,
-ihre Freude laut werden zu lassen, denn der Ritter hielt nicht
-allzuferne. Noch immer machte er keine Miene, abzusteigen und sich
-ihnen zu nahen. Er sprach mit dem Knecht, schlug dann das Visier auf
-und zeigte ein schönes, freundliches Gesicht. »Steht dort nicht Hans
-der Spielmann?« rief er mit lauter Stimme. »Erlaubet, daß er ein wenig
-zu mir trete.«
-
-Der Oberst nickte dem Pfarrer zu, er ging, und der Junker schwang sich
-vom Pferde. »Willkommen in Württemberg, edler Herr!« rief der Mann
-von Hardt, indem er den Handschlag des Junkers treuherzig erwiderte.
-»Bringt Ihr gute Botschaft? Ich seh's Euch an den Augen an, es steht
-gut mit dem Herzog.«
-
-»Komm! tritt hier ein wenig auf die Seite,« sagte Georg von Sturmfeder
-mit freudiger Hast. »Wie steht es auf Lichtenstein? Denkt sie an mich?
-Hast du einen Brief, ein paar Zeilen? O gib schnell! Was läßt sie mir
-sagen, guter Hans?«
-
-Der Pfeifer lächelte schlau über die Ungeduld des liebenden Jünglings.
-»Einen Brief hab' ich nicht; keine Zeile. Sie ist gesund und der alte
-Herr auch; das ist alles, was ich weiß.«
-
-»Wie!« unterbrach ihn Georg, »keinen Gruß? Keine Botschaft? So hat sie
-dich gewiß nicht ziehen lassen!«
-
-»Als ich vorgestern Abschied nahm, sagte das Fräulein: ›Sag' ihm, _er
-soll sich sputen, daß er einziehet in Stuttgart_.‹ Sie wurde gerade so
-rot wie Ihr jetzt, als sie dies sprach.«
-
-Der junge Mann errötete voll freudiger Gefühle, sein Auge glänzte,
-und ein freundliches Lächeln zeigte, daß er den Sinn dieser Worte
-verstanden habe.
-
-»Bald, bald werden wir einziehen, so Gott will,« sagte er. »Aber wie
-lebten sie diesen langen Sommer? Nur dreimal kam uns Botschaft von
-ihnen zu! Warst du oft auf Lichtenstein, Hans? War sie traurig? Was
-sprach sie?«
-
-»Lieber Herr,« antwortete der Mann von Hardt, »geduldet Euch noch, auf
-dem Marsch will ich Euch ein langes und breites erzählen, für jetzt
-nur so viel: sobald der Alte hört, daß Ihr auf Stuttgart ziehet, will
-er von Lichtenstein aufbrechen und Euch die Braut zuführen. Denn er
-zweifelt nicht, daß ihr die Stadt überwältiget. Habt ihr Heimsheim?«
-
-»Wir haben es. Ich jagte mit zwölf Reitern in die Tore, ehe sie sich's
-versahen. Die Besatzung war zwar etwas stärker als wir, aber mutlos und
-unzufrieden. Ich handelte mit ihnen in des Herzogs Namen, da glaubten
-sie, er liege mit vielen Truppen noch im Hinterhalt, und ergaben sich.
-So weit wären wir nun in Württemberg, aber wie ist der Weg weiterhin?«
-
-»Offen, bis ins Herz offen. Ich bringe Euch wichtige Nachricht vom
-Ritter von Lichtenstein; daß die gewaltigen Herren aus dem Lande sind,
-wisset Ihr --«
-
-»Sie halten einen Bundestag in Nördlingen,[40] ist's nicht so? Freilich
-wissen wir's, denn auf _diese_ Nachricht brach der Herzog aus Baden
-auf.«
-
-»Nun, und wenn die Katzen fort sind, tanzen die Mäuse auf dem Tisch!
-Die Besatzungen sind überall unbesorgt, an den Herzog denkt kein
-Bündler mehr, sie sind nur aufmerksam auf den Bundestag, welchen
-Herrn wir bekommen werden: den Oesterreicher, den Bayer, den Prinzen
-Christophel, oder ob uns der Städtebund, Augsburg und Aalen, Nürnberg
-und Bopfingen, regieren werde.«
-
-»Welche Augen sie machen werden,« rief Georg lächelnd, »wenn der Stuhl
-schon besetzt ist, um welchen sie streiten!«
-
- »Der Frosch hüpft wieder in sein Pfuhl,
- Wenn er auch säß' auf einem goldnen Stuhl!«
-
-sagt's Sprichwort. Sie werden ihre Büchsen auf die Schulter nehmen
-und's Regieren sein lassen.«
-
-»Und die Württemberger? Wie denken sie jetzt vom Herzog? Glaubst du, er
-werde viel Anhang finden? Werden sie uns zu Hilfe ziehen?«
-
-»Was Bürger und Bauern sind, ja. Von der Ritterschaft weiß ich's nicht,
-und der alte Herr zuckte die Achsel, wenn ich ihn fragte, und murmelte
-ein paar Flüche. Ich fürchte, es steht hier nicht alles, wie es soll.
-Aber Bürger und Bauern, die sind für den Herzog. Es sind allerlei
-sonderbare Zeichen geschehen, die das Volk aufmuntern. So ist neulich
-im Remstal ein Stein vom Himmel gefallen, drauf war ein Hirschgeweih
-eingegraben und die Worte: »Hie gut Württemberg allweg«, und auf der
-andern Seite soll man auf lateinisch gelesen haben: »Herzog Ulrich soll
-leben!«[41]
-
-»Vom Himmel gefallen, sagst du?«
-
-»So sagt man. Die Bauern hatten große Freude dran, aber die bündischen
-Herren wurden zornig, nahmen die Schulzen gefangen und wollten ihnen
-abpressen, woher der Stein des Anstoßes komme. Und als man bei hoher
-Strafe verbot, vom Herzog zu sprechen, da lachten die Männer und
-sagten, jetzt träumen wir von ihm. Alles wünscht ihn zurück, denn sie
-wollen sich lieber von ihrem anerkannten Herrn drücken als von Fremden
-die Haut abziehen lassen.«
-
-»Gut; der Herzog und seine Reiter können in wenigen Stunden hier sein.
-Sein Plan ist, sich gerade durchs Land nach Stuttgart zu schlagen. Ist
-die Hauptstadt unser, so fällt uns auch das Land zu. Und wie ist es mit
-den Landsknechten dort? Wollen sie mitziehen?«
-
-»Fast hätte ich die vergessen,« sagte Hans; »sie werden ungeduldig
-werden, wenn wir sie zu lange warten lassen. Gehet doch recht klug mit
-ihnen um, es sind stolze Gesellen und lassen sich Hauptleute schelten.
-Aber haben wir die fünfe gewonnen, so sind zwölf Fähnlein des Herzogs.
-Besonders mit dem Oberst, dem langen Peter, müßt Ihr gar höflich sein.«
-
-»Welcher ist der lange Peter?«
-
-»Der dicke Mann, der unter der Eiche sitzt. Er hat einen steifen
-Schnauzbart und einen vornehmen Hut auf dem Kopf. Der ist der Höchste
-unter ihnen.«
-
-»Ich will mit ihm reden, wie du sagst,« antwortete der junge Mann und
-ging mit dem Pfeifer zu den Landsknechten. Die lange Unterredung der
-beiden hatte sie schon etwas unmutig gemacht, und der kleine Muckerle
-schoß stechende Blicke auf den Gesandten des Herzogs. Als dieser aber
-mit edlem Anstand und freiem, siegendem Blick unter sie trat, wurden
-sie schüchtern und verlegen, und als er sie endlich mit höflichen,
-schmeichelhaften Worten anredete, wurden ihre tapfern Herzen von der
-Anmut Georgs von Sturmfeder für des Herzogs Sache gewonnen.
-
-»Wohlerfahrener Oberst,« sprach er, »tapfere Hauptleute der
-versammelten Landsknechte, der Herzog von Württemberg hat sich den
-Grenzen seines Landes genaht, hat die Stadt Heimsheim erobert und ist
-willens, auf gleiche Weise sein ganzes Herzogtum wieder an sich zu
-bringen --«
-
-»Gott straf' mein' Zeel', er hat recht; tät'z auch zo machen --«
-
-»Er hat den tapfern Arm und die fürtreffliche Kriegskunst der
-Landsknechte erprobt, als sie noch gegen ihn standen; er versieht
-sich zu ihnen, daß sie ihm mit gleichem Mute jetzt beistehen werden,
-und verspricht ihnen mit seinem fürstlichen Wort, die Bedingungen zu
-halten, die sie ihm angeboten haben.«
-
-»Ein frommer Herr,« murmelten sie untereinander mit beifälligem Nicken,
-»ein Goldgülden des Monats -- und Mordblei -- täglich vier Maß Wein für
-die Hauptleut'!«
-
-Der Oberst stand auf, entblößte sein kahles Haupt zum Gruß und sprach,
-von manchem Räuspern der Verlegenheit unterbrochen: »Wir danken Euch,
-hochedler Herr, wollen's tun, wollen mitziehen -- wir wollen dem
-schwäbischen Bund heimgeben, waz er unz getan, zo wollen wir. Die
-allerbesten und tapfersten, wie auch fürtrefflichsten Leute haben zie
-fortgeschickt, als brauchten zie keine Landsknechte mehr. Da steht zum
-Beispiel der Hauptmann Löffler; wenn'z einen tapfereren Landsknecht
-gibt in der Christenheit, zo laß ich mir die Haut vom Leib schälen und
-laß mich braten wie eine Zau. Da steht der Ztaberl von Wien; zo einen
-hat die Zonne noch nie beschienen und der Mond. -- Da ist dann der
-Magdeburger, wie der ficht keiner in der Türkei -- und der Muckerle
-da, man zollt ihm'z nicht anzehen; aber daz ist der beste Schütz mit
-der Donnerbüchs und trifft auf vierzig Gäng inz Schwarze. -- Von mir
-mag ich nicht reden, Eigenlob stinkt, aber ~Bassa manelka!~ in Spanien
-und Holland hab' ich gedient, und ~Canto cacramento!~ in Italien und
-Deutschland, Mordblei! in jedem Heere kennt man den langen Peter. Gott
-straf' mein' Zeel', wenn ich und die andern hinter den schwäbischen
-Hund, wollt' zagen Bund, komme, ~diavolo maledetto~! Da werden zie daz
-Hazenpanier ergreifen und mit den Absätzen hinter sich hauen!«
-
-Es war dies die längste Rede, die der lange Peter in seinem Leben
-gehalten hat, und noch in späten Jahren, als er längst bei Pavia den
-Ruhm der deutschen Landsknechte mit dem Tod besiegelt hatte, führten
-seine Genossen, wenn sie den jüngeren Kameraden vom langen Peter
-erzählten, diesen Moment als einen der erhabensten seines Lebens auf.
-Wie er dagestanden sei, auf das lange Schwert gestützt, den großen Hut
-mit der Hahnenfeder kühn auf das Ohr gerückt, die rechte Hand in die
-Seite gestemmt und die Beine ausgespreizt, da habe ihm nichts gefehlt
-als ein besseres Wams und eine Gnadenkette, um ihn für einen echten
-Oberst und wahrhaften Feldherrn zu halten.
-
-Die Hauptleute luden jetzt den Junker von Sturmfeder ein, eine
-Musterung über das neugeworbene Heer zu halten. Der dumpfe Schall
-der ungeheuren Trommeln tönte durchs Tal und weckte die Schläfer
-aus ihrer Ruhe. Noch schien Frondsbergs kriegerischer Geist und
-sein strenger Ordnungssinn über ihnen zu schweben, denn in wenigen
-Augenblicken hatten sie sich zu drei großen Kreisen gebildet, die je
-aus vier Fähnlein bestanden. Einem Auge, das an die schnelle taktmäßige
-Bewegung, die schöne Haltung und die gleiche Farbe der Regimenter
-unserer Zeit gewöhnt ist, möchte wohl jener Anblick überraschend,
-ja lächerlich erschienen sein. Die Landsknechte waren nach ihrem
-Geschmack gekleidet, doch hatte die Mode der Zeit im Schnitt ein wenig
-Gleichförmigkeit in ihren Anzug gebracht. Sie trugen gewöhnlich enge
-Wämser von Leder oder auch Lederwesten mit Aermeln von grobem Tuch. Die
-Lenden staken in ungeheuer weiten Pluderhosen, die, am Knie zugebunden,
-durch ihre Litzenschwere noch etwas tiefer herunterhingen. Die vollen
-Waden umgaben grobe Strümpfe von hellen Farben, und die Füße waren
-mit groben Bundschuhen von ungefärbtem Leder bekleidet. Ein Hut, eine
-Tuch- oder Ledermütze, eine erbeutete oder für eigene Rechnung gekaufte
-Blechhaube bedeckte den Kopf, und die bärtigen Gesichter dieser
-Männer, die oft zwanzig Jahre unter allen Heeren und Himmelsstrichen
-Europas dienten, hatten einen kühnen, martialischen Ausdruck. Ihre
-Bewaffnung bestand in einem langen Dolch und einer Hellebarde; ein Teil
-war auch mit Donnerbüchsen bewaffnet, die man mit Lunten losbrannte.
-
-So standen sie mit ausgespreizten Beinen, Fuß an Fuß geschlossen,
-wie ein festes Bollwerk, und Georgs kriegerischen Sinn erfreute der
-Anblick dieser kampfgeübten Männer, die wohl zu wissen schienen, daß
-sie vereinzelt nichts, aber in Massen verbunden auch einer zahlreichen
-Schar von Feinden furchtbar seien.
-
-Die Hauptleute hatten den Kriegsbrauch und das Kommandowort ihrer
-früheren Anführer wohl im Gedächtnis behalten. Sie traten daher mit dem
-jungen Ritter in einen dieser Kreise, und der tiefe, weit tönende Baß
-des langen Peters befahl: »Gebt acht, ihr Leute! Kehrt euch um!«
-
-Schnell hatten sich die Kreise nach innen gekehrt und vernahmen nun
-die Reden ihrer Hauptleute, die ihnen jene Aufforderung des Herzogs
-von Württemberg auseinandersetzten. Ein freudiges Gemurmel zeigte, daß
-sie mit diesen Bedingungen zufrieden seien und Ulrich von Württemberg
-so eifrig dienen wollten, als sie vorher gegen ihn gedient hatten.
-Die Hauptleute ließen jetzt auch einige Uebungen machen, und Georg
-bewunderte die Geschicklichkeit der Landsknechte und glaubte fest,
-man werde es in der Kriegskunst auf Erden schwerlich noch viel weiter
-bringen. Er täuschte sich! Doch sein Irrtum ist so verzeihlich als
-jener unserer Großväter, welche die Heroen des großen Friedrich für
-unübertrefflich hielten und den gottlosen Spott ihrer Enkel über Zopf-
-und Gamaschendienst nicht ahneten. Und wird nicht eine Zeit kommen, wo
-man auch über die guten alten Zeiten von 1829 lächeln wird? Freilich,
-so schlanke Taillen wie heutzutage sah man bei den Landsknechten und
-ihren Hauptleuten Anno 1519 nicht. Doch hätten jene martialischen
-Figuren einem ganzen heutigen Heere mit Normalbärten aushelfen können.
-
-Etwa nach einer Stunde meldeten die Vorposten, daß man unten im Tale,
-von der Gegend von Heimsheim her, Waffen blinken sehe, und wenn man
-das Ohr auf die Erde lege, seien die Tritte vieler Rosse deutlich zu
-vernehmen.
-
-»Das ist der Herzog,« rief Georg, »führt mein Pferd vor, ich will ihm
-entgegenreiten.«
-
-Der junge Mann galoppierte durch das Tal hin, und die Hauptleute
-und ihre Gesellen blickten ihm nach und bewunderten die Kraft und
-Gewandtheit, mit welcher er in der schweren Rüstung aufs Pferd
-gesprungen war, lobten seinen Anstand und seine Haltung, so lange
-sie ihn noch sehen konnten. Bald mischte sich sein Helmbusch mit den
-Büschen und Lanzenspitzen, die man unten im Tal bemerkte. Sie kamen
-näher, jetzt sah man Helme blinken, jetzt wurden die Reiter bis um
-die Brust sichtbar, jetzt erschienen sie auf einmal auf einer kleinen
-Anhöhe, und man konnte die ganze Schar übersehen. Der Pfeifer von Hardt
-schaute mit blitzenden Augen in die Ferne. Seine Brust hob und senkte
-sich, die Freude schien ihn des Atems zu berauben, sprachlos nahm er
-den Obersten an der Hand und deutete auf die Reiterschar.
-
-»Welcher ist der Herzog?« fragte dieser. »Ist'z der auf dem
-Mohrenschimmel?«
-
-»Nein, das ist der edle Herr von Hewen. Seht Ihr das Banner von
-Württemberg? Wie, seh' ich recht? Bei Gott, der Junker von Sturmfeder
-darf es tragen!«
-
-»Daz ist eine große Ehre! Mordblei, ist erst fünfundzwanzig und darf
-die Fahne tragen! In Frankreich darf das nur der Connetabel tun, der
-erste Mann nach dem König Franz. Dort heißt man'z Ohrenflamme und ist
-aus lauter Gold. Aber welcher ist der Herzog Ulrich?«
-
-»Seht Ihr den im grünen Mantel mit den schwarz und roten Federn auf dem
-Helm? Er reitet neben dem Banner und spricht mit dem Junker, er reitet
-einen Rappen und zeigt gerade mit dem Finger auf uns -- seht, das ist
-der Herzog.«
-
-Die Reiterschar mochte ungefähr vierzig Pferde betragen. Sie bestand
-meist aus Edelleuten und ihren Dienern, die dem Herzog in seine
-Verbannung nachgezogen waren oder, von seinem Einfall benachrichtigt,
-an der Grenze seines Landes sich an ihn angeschlossen hatten. Sie waren
-alle wohlberitten und bewaffnet. Georg von Sturmfeder trug Württembergs
-Panier, neben ihm ritt ganz geharnischt der Herzog. Als dieser Zug
-jetzt den Landsknechten etwa auf zweihundert Schritte nahe war, erhob
-der lange Peter seine Stimme und sprach: »Gebt acht, ihr Leut'! Wann
-Zeine Durchlaucht nahe ist und ich meinen Hut vom Scheitel reiße, zo
-schreiet: ›Vivat Ulericus!‹ Schwenket die Fähnlein in der Luft, und
-ihr Trommler rasselt auf euren Fellen, daß euch das Donnerwetter!
-Schlagt den Wirbel wie beim Sturm auf eine Festung; ~Bassa manelka!~
-Haut drauf, und wenn der Schlegel bricht -- zo begrüßen die tapferen
-Landsknecht' einen Fürsten.«
-
-Diese kurze Anrede tat ihre vollkommene Wirkung; die kriegerische
-Schar murmelte das Lob des Herzogs, sie schüttelten ihre Hellebarden,
-stampften ihre Büchsen klirrend auf den Boden, und die Trommler
-faßten ihre Schlegel krampfhaft in die Hand, und als jetzt Georg von
-Sturmfeder, der Bannerträger von Württemberg, ansprengte und hinter
-ihm hoch zu Roß, erhaben wie in den Tagen seiner Herrschaft, mit
-kühnen, gebietenden Blicken Herzog Ulrich von Württemberg sich zeigte,
-da entblößte der lange Peter ehrfurchtsvoll sein Haupt, die Trommeln
-rasselten wie zum Sturm einer Feste, die Fähnlein neigten sich zum
-Gruß, und die Landsknechte riefen ein tausendstimmiges »Vivat Ulericus!«
-
-Der Bauersmann von Hardt war still in der Ferne gestanden, hatte nicht
-auf diese kriegerischen Grüße gehört, seine ganze Seele schien nur in
-seinem Auge zu liegen, das trunken an seinem Herrn hing. Der Herzog
-hielt den Rappen an, blickte um sich, und es war tiefe Stille unter den
-vielen Menschen. Da trat der Bauer vor, kniete nieder, hielt ihm den
-Bügel zum Absteigen und sprach: »Hie gut Württemberg allweg!«
-
-»Ha! Bist du es, Hans, mein Geselle im Unglück, der mir den ersten Gruß
-von Württemberg bringt? Meine Edeln habe ich hier erwartet, daß sie
-mich begrüßen bei meinem ersten Schritt auf württembergischen Grund,
-meinen Kanzlar und meine Räte. Wo sind die Hunde? Die Stände meiner
-Landschaft, wo blieben sie, will man mich nicht wiedersehen in der
-Heimat? Ist keiner von allen da, mir den Bügel zu halten als der Bauer?«
-
-Seine Begleiter drängten sich staunend um den Herzog her, als sie ihn
-also sprechen hörten. Sie wußten nicht, war es Ernst oder bitterer
-Scherz über sein Unglück. Sein Mund schien zu lächeln, aber sein Auge
-blitzte mutig, und seine Stimme klang ernst und befehlend. Sie sahen
-einander wegen dieser düsteren Laune zweifelhaft an, aber der Pfeifer
-von Hardt erwiderte seinem Fürsten: »Diesmal ist's nur der Bauer, der
-Euch auf Württembergs Boden hilft, aber verachtet nicht ein treues Herz
-und eine feste Hand. Die andern werden schon auch kommen, wenn sie
-hören, daß der Herr Herzog wieder im Lande sei.«
-
-»Meinst du,« sprach Ulrich bitter lachend, indem er sich vom Pferde
-schwang, »sie werden auch kommen? Bis jetzt haben wir wenig Kunde
-davon; aber ich will anklopfen an ihren Türen, daß sie merken sollen,
-es ist der _alte_ Herr, der in sein Haus will!
-
-Sind dies die Landsknechte, die mir dienen wollen?« fuhr er fort,
-indem er aufmerksam das kleine Heer betrachtete; »sie sind nicht übel
-bewaffnet und sehen männlich aus. Wieviel sind es?«
-
-»Zwölf Fähnlein, Euer Durchlaucht,« antwortete der Oberst Peter, der
-noch immer mit gezogenem Hut vor ihm stand und hie und da verlegen den
-ungarischen Bart zwirbelte. »Lauter geübte Leut'; Gott straf' mein'
-Zeel', tut mir leid, wenn ich geflucht hab', der König in Frankreich
-hat sie nicht besser.«
-
-»Wer bist denn du?« fragte ihn der Herzog, der die große dicke Figur
-mit dem langen Hieber und dem roten Gesicht verwundert anschaute.
-
-»Ich bin eigentlich ein Landsknecht meines Zeichenz, man nennt mich den
-langen Peter, jetzt aber wohlbestallter Oberst verzammelter --«
-
-»Was, Oberst! Diese Narrheit muß aufhören. Ihr mögt mir wohl ein
-tapferer Mann sein, aber zum Hauptmann seid Ihr nicht gemacht. Ich
-selbst will Euer Oberst sein, und zu Hauptleuten werde ich einige
-meiner Ritter machen.«
-
-»~Bassa manelk~ -- tut mir leid, wenn ich geflucht hab', aber erlaubt,
-Herr Herzog, einem alten Kerl ein Wort: daz ist gegen unsern Pakt mit
-dem Goldgülden monatlich und den vier Maaz Wein tagtäglich. Da steht
-zum Beispiel der Ztaberl aus Wien, 'z gibt keinen Tapferen unter dem
-Mond --«
-
-»Schon gut, Alter, schon gut! Auf die Goldgülden und den Wein soll
-mir's nicht ankommen. Wer bisher Hauptmann war, soll es richtig
-bekommen. Nur den Befehl müßt Ihr abgeben. Habt ihr Pulver und Kugeln?«
-
-»Das will ich meenen!« sagte der Magdeburger, »wir haben noch von Euer
-Durchlaucht eigenem Pulver und Blei, das wir in Tübingen mitgenommen.
-Wir haben Munition auf achtzig Schuß für den Mann.«
-
-»Gut! Georg von Hewen und Philipp von Rechberg, ihr teilt euch in die
-Knechte, jeder nimmt sechs Fähnlein. Ihr da, die ihr euch Hauptleute
-nennet, könnet bei den einzelnen Fähnlein bleiben und den beiden Herren
-an die Hand gehen. Ludwig von Gemmingen, seid so gut und nehmet den
-Oberbefehl über das Fußvolk. Jetzt geradesweges auf Leonberg. Freu'
-dich, mein treuer Bannerträger,« sagte Ulrich, als er sich aufs Pferd
-schwang, »so Gott will, ziehen wir morgen in Stuttgart ein.«
-
-Die Reiterschar, den Herzog an der Spitze, zog fürder. Der lange Peter
-stand noch immer unverrückt auf dem Platz, den Hut mit der stolzen
-Hahnenfeder in der Hand, und schaute den Reitern nach.
-
-»Daz ist einmal ein Fürst!« sprach er zu den Hauptleuten, die neben ihm
-standen. »Waz der für eine gewaltige Stimme hat, und wie er greulich
-mit den Augen funkelt, daz ez einem angst und bange wird. Hu, ich
-meinte, er woll' mich mit Haut und Haar verschlucken, alz er mich
-fragte: Wer bist denn du?«
-
-»Mir wor's g'rod, wie wenn einer siedend Wasser über mein Leib schütten
-tät. In Wien ist doch auch 'n Kaiser, aber der tut nit so g'waltig wie
-der do!«
-
-»Also Hauptleut' sind wer g'wesen,« sprach der Hauptmann Muckerle,
-»_die_ Herrlichkeit hat nit lang dauert.«
-
-»Narr! daz ist mir recht. Würde bringt Bürde, zagt ein Sprichwort,
-die anderen haben oft nicht recht gehorcht, wenn wir befohlen haben;
-Diavolo, hat doch erst heute einer mich ausgelacht. Hat allez einen
-besseren Schick, wenn'z die Herren anführen. Den Goldgülden und die
-vier Maaz haben wir ja doch, und daz bleibt die Hauptsache.«
-
-»Dat meen' ich ooch! und dat haben wer dem langen Peter tu verdanken.
-Er soll leben!«
-
-»Dank' schön; aber daz zag' ich, _der_ Herr wird dem Bund aufzünden,
-Mordblei! Wenn der erst ein Schwert in die Hand nimmt, der jagt die
-Städtler allein auz dem Land! Und zeine Räte und Kanzlar und die
-Landschaft! Habt ihr gehört, wie greulich er über die geflucht hat? Ich
-möcht' in keinez Haut stecken.«
-
-Das Wirbeln der Trommeln unterbrach das Gespräch dieser tapferen
-Krieger. Diese Töne erschollen nicht mehr auf ihren Befehl, aber der
-lange Peter war in seinen vielen Feldzügen so sehr an den Wechsel
-von Glück und Unglück, von Hoheit und Niedrigkeit gewöhnt worden,
-daß er über den Sturz seines Regiments nicht trauerte. Gelassen nahm
-er die Hahnenfeder von dem großen Hut, legte die rote Schärpe und
-den langen Hieber, die Zeichen seiner Würde, ab und ergriff eine
-Hellebarde. »Gott straf' mein' Zeel', ez ist schwer für einen Kerl
-wie ich, zwölf Fähnlein zu regieren,« sagte er, als er sich wieder
-als guter Landsknecht in die Reihen seiner Kameraden stellte. »Aber
-bei Sankt Petruz, dem trefflichen Landsknecht -- er muß jetzt auch
-Oberst zein in den himmlischen Heerscharen ~Kyrie eleizon!~ -- der
-Mensch muß allez probieren auf Erden.« Die Landsknechte schüttelten
-ihm die Hand und bestätigten es. Es tat seinem tapferen Herzen wohl,
-zu hören, er habe sein Kommando trefflich verwaltet. Die drei Ritter,
-ihre Anführer, saßen auf und stellten sich zu ihren Fähnlein, die
-Landsknechte richteten sich in gewohnter Ordnung zum Marsch, und Ludwig
-von Gemmingen ließ die Trommeln rühren zum Aufbruch.
-
-
-
-
-28.
-
- Erstiegen ist der Wall, wir sind im Lager!
- Jetzt werft die Hülle der verschwiegnen Nacht
- Von euch, die euren stillen Zug verhehlte,
- Und macht dem Feinde eure Schreckensnähe
- Durch lauten Schlachtruf kund!
-
- _Schiller._
-
-
-Es war in der Nacht vor Mariä Himmelfahrt, als Herzog Ulrich vor dem
-Rotenbildtore in Stuttgart anlangte. Er hatte auf seinem Zuge schnell
-das Städtchen Leonberg erobert und war dann unaufhaltsam immer weiter
-gedrungen. Vieles Volk lief zu, denn wie ein Lauffeuer hatte sich die
-Nachricht verbreitet, daß der Herzog wieder im Lande sei. Jetzt erst
-zeigte es sich, wie wenig Freunde der Bund sich erworben hatte; denn
-überall wurde die Freude laut, daß das gehässige Regiment des Bundes
-ein Ende habe, daß das angestammte Fürstenhaus wieder in seine alten
-Rechte sich einsetze.
-
-Auch nach Stuttgart war bald diese Nachricht vorgedrungen und hatte die
-verschiedensten Empfindungen dort erregt. Der Adel, der sich in der
-Stadt befand, wußte nicht, was er sich vom Herzog zu versehen hatte.
-Die Uebergabe von Tübingen war noch in zu frischem Gedächtnis, als daß
-er ganz unbesorgt gewesen wäre. Aber die Erinnerung an den glänzenden
-Hof Ulrichs von Württemberg, an die fröhlichen Tage, die sie dort
-verlebt hatten, die Vergleichung dieser Zeit mit dem freudenlosen Leben
-der Bundesräte mochte sie günstig für den Herzog stimmen, wenn auch
-mancher Ursache hatte, seine Wiederkehr nicht gerade herbeizuwünschen.
-Die Bürgerschaft konnte ihre Freude über diese Nachrichten kaum
-verbergen; sie verließen ihre Häuser, traten haufenweise auf den
-Straßen zusammen und besprachen sich über die Dinge, die ihrer
-warteten. Sie schimpften leise, aber weidlich auf den Bund, ballten
-grimmig ihre Fäuste in der Tasche und waren überaus patriotisch
-gesinnt. Sie erinnerten sich der erlauchten Ahnen des vertriebenen
-Fürsten, es war sein Name Württemberg, den auch sie trugen, sie zählten
-so manchen wackeren Herrn aus der Familie auf, unter welchem sie und
-ihre Väter glücklich gelebt, der Württembergs Namen berühmt gemacht
-hatte. Auch der Gedanke tat ihnen wohl, daß von ihrer Entscheidung für
-den einen oder den anderen Teil so viel abhänge, weil man im ganzen
-Lande auf die Stuttgarter sehe. Sie waren zwar weit entfernt, gegen die
-bündische Besatzung auf ihre eigene Faust einen Aufruhr zu unternehmen,
-aber sie sprachen zu einander: »Gevatter, wartet nur, bis es Nacht
-wird, da wollen wir den Reichsstädtlern zeigen, wo sie her sind, wir
-Stuttgarter.«
-
-Dem bündischen Statthalter, Christoph von Schwarzenberg, entging diese
-Bewegung unter den Bürgern nicht. Zu spät sah er ein, wie töricht man
-getan habe, das Heer zu entlassen. Er wandte sich an die Bundesstände,
-die noch zu Nördlingen versammelt waren, und begehrte Hilfe, aber er
-selbst gab die Hoffnung auf, Stuttgart so lange halten zu können, bis
-ein neues Heer im Feld erschienen sei. Er traf zwar einige Anstalten
-zur Gegenwehr; aber die Blitzesschnelle, mit welcher der Herzog
-erschien, vereitelte alle seine Bemühungen. Als er sah, daß er den
-Bürgern nicht trauen könne, daß ihm der Adel nicht beistehe, daß die
-Besatzung nicht einmal zur Sicherung der Tore hinreiche, entwich er bei
-Nacht und Nebel mit den Bundesräten nach Eßlingen. Ihre Flucht war so
-eilig und geheim, daß sie sogar ihre Familien zurückließen und niemand
-in der Stadt ahnte, daß der Statthalter und die Räte nicht mehr in den
-Mauern seien; daher waren die Anhänger des Bundes noch immer getrosten
-Mutes und glaubten nicht an die Gerüchte von der schnellen Annäherung
-des Herzogs.
-
-Der Marktplatz war damals noch das Herz der Stadt Stuttgart, zwar
-hatten sich schon zwei große Vorstädte, die Sankt Leonhards- und die
-Turnieracker-Vorstadt um sie gelagert, welche, mit Graben, Mauern und
-starken Toren versehen, das Ansehen eigener Städte bekommen hatten.
-Aber noch standen die Ringmauern und Tore der Altstadt, und ihre Bürger
-sahen nicht ohne Stolz herab auf die Vorstädtler. Der Marktplatz war
-es, wo nach alter Sitte bei jeder besonderen Gelegenheit die Bürger
-sich versammelten; auch an dem wichtigen Abend vor Mariä Himmelfahrt
-strömten sie dorthin zusammen. Zur Zeit, wo der Bürger noch mit der
-Wehre an der Seite auftreten durfte, hatte sein öffentlich gesprochenes
-Wort auch mehr zu bedeuten als in späteren Tagen, wo Tinte, Feder und
-Papier die Oberhand gewannen. Und wahrlich, die Bürger von Stuttgart
-waren, bei Nacht und in Massen versammelt, ganz andere Leute als
-morgens. Mancher, der, hätte man ihn vormittags um seine Meinung
-wegen des Herzogs gefragt, antwortete: »Was geht es mich an, bin ein
-friedlicher Bürgersmann,« erhob jetzt seine Stimme und schrie: »Wir
-wollen dem Herzog die Tore öffnen, fort mit den Bündischen! Wer ist ein
-guter Württemberger?«
-
-Der Mond schien hell auf die versammelte Menge herab, die unruhig hin
-und her wogte. Ein verworrenes Gemurmel drang von ihr in die Lüfte.
-Noch schienen sie unschlüssig, vielleicht weil keiner kühn genug
-war, sich an die Spitze zu stellen. Aus den hohen Giebelhäusern, die
-den Platz einschlossen, schauten viele hundert Köpfe auf den Markt
-hernieder. Es waren die Weiber und Töchter der Versammelten, die
-ängstlich und gespannt auf das Gemurmel lauschten; denn die Stuttgarter
-Mädchen waren damals ein neugieriges Völkchen und hielten es im Herzen
-aus Mitleiden mit dem Herzog.
-
-Schon wurde das Murmeln der Menge immer lauter und verständlicher; der
-Ruf: »Wir wollen die Knechte vom Tor wegjagen und dem Herzog die Stadt
-auftun,« immer deutlicher, da sah man einen langen, hageren Mann auf
-eine Bank am Brunnen springen, wo er die ganze Menge überragte. Er
-focht mit ungeheuer langen Armen in der Luft umher, tat einen weiten
-Mund auf und schrie mit heiserer Stimme um Gehör. Es wurde nach und
-nach stiller auf dem Platz, man vernahm einzelne Worte aus seiner Rede:
-»Was? Die ehrsamen Bürger von Stuttgart wollen ihren Eid brechen --
-habt ihr nicht dem Bunde geschworen? Wem wollet ihr die Tore öffnen?
-Dem Herzog? Er kommt mit ganz geringer Mannschaft, denn er hat ja kein
-Geld, um Leute zu bezahlen, und da müsset dann ihr wieder den Beutel
-auftun und blechen! Da wird's heißen, Stuttgart zahlt zehntausend
-Gulden, weil es von Uns abgefallen ist. Hört ihr? Zehntausend Gulden
-sollt ihr zahlen!«
-
-»Wer ist denn der lange Kerl?« fragten sich die Männer. -- »Er hat
-nicht unrecht -- werden tüchtig zahlen müssen.« -- »Ist er ein Bürger,
-der da oben? Wer seid Ihr?« rief einer der kühnsten, »woher wollt Ihr
-wissen, was wir zahlen müssen?«
-
-»Ich bin der berühmte Doktor Calmus,« sprach der Redner mit feierlicher
-Stimme, »und weiß das ganz genau. Und wen wollt ihr vertreiben? Den
-Kaiser, das Reich, den Bund? So viele reiche Herren wollt ihr vor den
-Kopf stoßen? Und warum? Wegen dem Utz, der euch das Fell über die Ohren
-zieht; denkt nur an das geringere Gewicht, an die harten Jagdfrevel.
-Jetzt hat er gar kein Geld mehr; er ist ein Lump, hat alles verspielt
-in Mömpelgard --«
-
-»Halt Er sein Maul!« schrieen die Bürger. »Was geht das ihn an? Er ist
-kein hiesiger Bürger; fort mit dem Kahlmäuser -- schlagt ihn tot --
-werft ihn als Fisch in den Brunnen -- der Herzog soll leben!«
-
-Doktor Calmus erhob noch einmal seine Stimme, aber die Bürger
-überschrieen ihn.
-
-In diesem Augenblick kam ein neuer Trupp Bürger aus der oberen Stadt
-herabgerannt. »Der Herzog ist vor dem Rotenbildtor,« riefen sie, »mit
-Reitern und Fußvolk! Wo ist der Statthalter? Wo sind die Bundesräte? Er
-will in die Stadt schießen, wenn man nicht aufmacht! -- Fort mit den
-Bündischen! Wer ist gut württembergisch?«
-
-Der Tumult wuchs von Sekunde zu Sekunde. Die Bürger schienen noch
-unschlüssig, da bestieg ein neuer Redner die Bank; es war ein feiner
-Herr, der durch sein schmuckes Aeußere einen Augenblick den Bürgern
-imponierte: »Bedenket, ihr Männer,« rief er mit feiner Stimme, »was
-wird der durchlauchtige Bundesrat dazu sagen, wenn ihr --«
-
-»Was scheren wir uns um den Durchlauchtigen!« überschrie man ihn.
-»Fort! Reißt ihn herab mit dem rosenfarbenen Mäntelein und dem glatten
-Haar, das ist ein Ulmer! Fort mit ihm -- auf ihn, er ist von Ulm!«
-
-Aber ehe sie noch diesen Entschluß ausführten, trat ein kräftiger Mann
-hinauf, warf mit einem Schlag den Doktor rechts und den Ulmer mit dem
-rosenfarbenen Mäntelein links von der Bank und winkte mit der Mütze in
-die Luft. »Still! Das ist der Hartmann,« flüsterten die Bürger, »der
-versteht's, hört, was er spricht!«
-
-»Höret mich!« sprach dieser. »Der Statthalter und die Bundesräte sind
-nirgends zu finden, sie sind entflohen und haben uns im Stich gelassen,
-darum greifet die beiden da, wir wollen sie als Geißeln behalten. Und
-jetzt hinauf ans Rotebildtor! Dort steht unser rechter Herzog, 's ist
-besser, wir machen selbst auf, als daß er mit Gewalt eindringt. Wer ein
-guter Württemberger ist, folgt mir nach.«
-
-Er stieg herab von der Bank, und jubelnd umgab ihn die Menge. Die
-beiden Fürsprecher des Bundes wurden, ehe sie sich dessen versahen,
-gebunden und fortgeführt. Jetzt ergoß sich der Strom der Bürger
-vom Marktplatz zum oberen Tor hinaus über den breiten Graben der
-alten Stadt in die Turnieracker-Vorstadt, am Bollwerk vorbei zum
-Rotenbildtor. Die bündischen Knechte, die das Tor besetzt hielten,
-wurden schnell übermannt, das Tor ging auf, die Zugbrücke fiel herab
-und legte sich über den Stadtgraben.
-
-Dort hatten indessen die Anführer des Fußvolkes ihre besten Truppen
-aufgestellt, denn man wußte nicht genau, wie die Bündischen sich bei
-Annäherung des Herzogs benehmen würden. Ulrich selbst hatte die Posten
-beritten. Vergeblich suchte Georg von Sturmfeder ihn zu überzeugen, daß
-die Besatzung von Stuttgart so schwach sei, daß sie ihnen nicht die
-Spitze bieten könne, vergeblich stellte er ihm vor, daß die Bürger ihn
-zurücksehnen und willig ihre Tore öffnen werden. Der Herzog schaute
-finster in die Nacht hinaus, preßte die Lippen zusammen und knirschte
-mit den Zähnen.
-
-»Das verstehst du nicht,« murmelte er dem Jüngling zu. »Du kennst die
-Menschen nicht; sie sind alle falsch; traue niemand als dir selbst. Sie
-drehen den Mantel nach jedem Wind! -- Aber diesmal will ich sie fassen.
-Meinst du, ich habe mein Land umsonst mit dem Rücken angesehen?«
-
-Georg konnte diese Stimmung des Herzogs nicht begreifen. Im Unglück
-war er fest, sogar mild und sanft gewesen, hatte von manchem schönen
-Brauch gesprochen, den er einführen wolle, wenn er wieder ins Land
-komme, hatte selten Zorn über seine Feinde, beinahe nie Unmut über die
-Untertanen gezeigt, die von ihm abgefallen waren; aber sei es, daß mit
-dem Anblick der vaterländischen Gegenden auch das Gefühl der Kränkung
-stärker als zuvor in ihm erwachte, sei es, daß es ihm unangenehm
-auffiel, daß der Adel und die Stände noch nichts hatten von sich hören
-lassen: er war, seit er die Grenzen Württembergs überschritten, nicht
-freudig, gehoben, erwartungsvoll, sondern ein stolzer Trotz blitzte aus
-seinen Augen, seine Stirne war finster, und eine gewisse Strenge und
-Härte im Urteil fiel seinen Umgebungen, besonders Georg von Sturmfeder
-auf, der sich in diese neue Seite von Ulrichs Charakter nicht gleich
-zu finden wußte.
-
-Die Aufforderung an die Stadt mochte wohl schon seit einer halben
-Stunde ergangen sein. Bald war die Frist abgelaufen, die er ihr
-gegeben hatte, und noch immer war keine Antwort da; man hörte nur ein
-ängstliches Hin- und Herrennen in der Stadt, aus welchem man weder gute
-noch böse Zeichen deuten konnte.
-
-Der Herzog ritt zu den Landsknechten vor, die erwartungsvoll auf ihren
-Hellebarden und Donnerbüchsen lehnten. Die drei Ritter, welche sie
-führten, standen am Graben und hielten durch ihre Anwesenheit die
-Knechte in Ruhe und Ordnung. Beim Schein des Mondes betrachtete Georg
-ängstlich Ulrichs Züge. Die Ader auf seiner Stirne war aufgelaufen,
-eine tiefe Röte lag auf seinen Wangen, und seine Augen brannten in
-düsterer Glut.
-
-»Hewen! Laßt Leitern anschleppen!« sagte er mit dumpfer Stimme. »Der
-Donner und das Wetter! Es ist mein eigen Haus, vor dem ich stehe, und
-die Hunde wollen mich nicht einlassen. Ich laß noch einmal blasen,
-machen sie dann nicht sogleich auf, so schmeiß' ich Feuer in die Stadt,
-daß ihre Käfige zusammenbrennen.«
-
-»~Bassa manelka~, waz mich daz freut!« sagte der lange Peter, der in
-der ersten Rotte neben dem Herzog stand, leise zu seinen Kameraden:
-»Jetzt werden Leitern beigeschleppt, wie die Katzen wir hinauf, mit den
-Hellebarden über die Mauer gestochen, daß die Kerl' heruntermüssen, mit
-den Büchsen dreingepfeffert, ~canto cacramento~!«
-
-»Dat will ik meenen!« flüsterte der Magdeburger, »und dann hinunter in
-die Stadt, angezündet an den Ecken, geplündert, gebürstet, da will ik
-man ooch bei sin.«
-
-»Um Gottes willen, Herr Herzog,« rief Georg von Sturmfeder, welcher
-die Reden des Herzogs und die greuliche Freude der Landsknechte wohl
-vernommen hatte; »wartet nur noch ein kleines Viertelstündchen, es ist
-ja Eure eigene Residenzstadt. Sie beraten sich vielleicht noch.«
-
-»Was haben sie sich lange zu beraten?« entgegnete Ulrich unwillig. »Ihr
-Herr ist hier außen vor dem Tore und fordert Einlaß. Ich habe schon zu
-lange Geduld gehabt. Georg! Breite mein Panier aus im Mondschein, laß
-die Trompeter blasen, fordere die Stadt zum letztenmal auf! Und wenn
-ich dreißig zähle nach deinem letzten Wort, und sie haben noch nicht
-aufgemacht, beim heiligen Hubertus, so stürmen wir. Spute dich, Georg!«
-
-»O Herr! Bedenket, eine Stadt, Eure beste Stadt! Wie lange habt Ihr in
-diesen Mauern gelebt, wollt Ihr Euch ein solches Brandmal aufrichten?
-Gebt noch Frist!«
-
-»Ha!« lachte der Herzog grimmig und schlug mit dem Stahlhandschuh auf
-den Brustharnisch, daß es weithin tönte durch die Nacht, »ich sehe,
-dich gelüstet nicht sehr, in Stuttgart einzuziehen und dein Weib zu
-verdienen. Aber bei meiner Ungnade, jetzt kein Wort mehr, Georg von
-Sturmfeder. Schnell ans Werk! Ich sag', roll' mein Panier auf! Blast,
-Trompeter, blast! Schmettert sie auf aus dem Schlaf, daß sie merken,
-ein Württemberger ist vor dem Tor und will trotz Kaiser und Reich in
-sein Haus. Ich sag', fordere sie auf, Sturmfeder!«
-
-Georg folgte schweigend dem Befehl. Er ritt bis dicht vor den Graben
-und rollte das Panier von Württemberg auf. Die Strahlen des Mondes
-schienen es freundlich zu begrüßen, sie beleuchteten es deutlich und
-zeigten seine Felder und Bilder. Auf einer großen Fahne von roter Seide
-war Württembergs Wappen eingewoben. Der Schild zeigte vier Felder. Im
-ersten waren die württembergischen Hirschhörner angebracht, im zweiten
-die Würfel von Teck, im dritten die Reichssturmfahne, die dem Herzog
-als Reichsbannerträger zukam, und im vierten die Fische von Mömpelgard,
-der Helm aber trug die Krone und das Uracher Jägerhorn. Der junge
-Mann schwenkte das schwere Panier in der starken Hand, drei Trompeter
-ritten neben ihm auf und schmetterten ihre wilden Fanfaren gegen die
-verschlossene Pforte.
-
-Im Tore öffnete sich ein Fenster; man fragte nach dem Begehr. Georg
-von Sturmfeder erhob seine Stimme und rief: »Ulrich, von Gottes Gnaden
-Herzog zu Württemberg und Teck, Graf zu Urach und Mömpelgard, fordert
-zum zweiten- und letztenmal seine Stadt Stuttgart auf, ihm willig und
-sogleich die Tore zu öffnen; widrigenfalls wird er die Mauer stürmen
-und die Stadt als feindlich ansehen.«
-
-Noch während Georg dieses ausrief, hörte man das verworrene Geräusch
-vieler Tritte und Stimmen in der Stadt, es kam näher und näher und
-wurde zum Tumult und Geschrei.
-
-»Gott straf' mein' Zeel', zie machen einen Auzfall!« sagte der lange
-Peter, laut genug, um vom Herzog verstanden zu werden.
-
-»Du könntest recht haben,« erwiderte dieser, indem er sich plötzlich
-zu dem erschrockenen Landsknecht wandte. »Schließt dichter an, streckt
-die Piken vor und haltet die Lunten bereit. Wir wollen sie empfangen
-nach Verdienst.«
-
-Die ganze Linie zog sich vom Graben zurück, nur die drei ersten
-Fähnlein stellten sich da, wo die Zugbrücke sich ans Land legen mußte,
-auf. Ein Wall von Piken starrte jedem Angriff entgegen, und die
-Schützen hatten die Donnerbüchsen aufgelegt und hielten die Lunten
-über dem Zündloch. Tiefe Stille der Erwartung war auf dieser Seite,
-desto brausender drang der Lärm aus der Stadt herüber. Die Brücke fiel
-herab, aber keine Feinde waren es, die zu einem Ausfall herüberdrangen,
-sondern drei alte, graue Männer kamen aus dem Tor; sie trugen das
-Wappen der Stadt und die Schlüssel.
-
-Als der Herzog dies sah, ritt er etwas freundlicher hinzu. Georg folgte
-ihm und betrachtete diese Uebergabe. Zwei dieser Männer schienen
-Ratsherren oder Bürgermeister zu sein. Sie beugten das Knie vor dem
-Herrn und überreichten ihm die Zeichen ihrer Unterwerfung. Er gab
-sie seinen Dienern und sagte zu den Bürgern: »Ihr habt uns etwas
-lange warten lassen vor der Türe. Wahrhaftig, wir wären bald über die
-Mauer gestiegen und hätten eigenhändig eure Stadt zu unserem Empfang
-beleuchtet, daß euch der Rauch die Augen hätte beizen sollen. Der
-Teufel! Warum ließet ihr so lange warten?«
-
-»O Herr!« sagte einer der Bürger. »Was die Bürgerschaft betrifft, die
-war gleich bereit, Euch aufzutun. Wir haben aber etliche vornehme
-Herren vom Bunde hier, die hielten lange und gefährliche Reden an das
-Volk, um es gegen Euch aufzuwiegeln. Das hat so lange verzögert.«
-
-»Ha! Wer sind diese Herren? Ich hoffe nicht, daß ihr sie habt entkommen
-lassen! Mich gelüstet, ein Wort mit ihnen zu sprechen.«
-
-»Bewahre, Euer Durchlaucht! Wir wissen, was wir unserm Herrn schuldig
-sind. Wir haben sie sogleich gefangen und gebunden. Befehlt Ihr, daß
-wir sie bringen?«
-
-»Morgen früh ins Schloß! Will sie selbst verhören; schicket auch den
-Scharfrichter; werde sie vielleicht köpfen lassen.«
-
-»Schnelle Justiz, aber ganz nach Verdienst!« sprach hinter den beiden
-Bürgern eine heisere, krächzende Stimme.
-
-»Wer spricht da mir ins Wort?« fragte der Herzog und schaute sich um;
-zwischen den beiden Bürgern heraus trat eine sonderbare Gestalt. Es war
-ein kleiner Mann, der den Höcker, womit ihn die Natur geziert hatte,
-unter einem schwarzen, seidenen Mantel schlecht verbarg. Ein kleines
-spitziges Hütlein saß auf seinen grauen schlichten Haaren, tückische
-Aeuglein funkelten unter buschigen, grauen Augenbrauen, und der dünne
-Bart, der ihm unter der hervorspringenden Adlernase hing, gab ihm das
-Ansehen eines sehr großen Katers. Eine widerliche Freundlichkeit lag
-auf seinen eingeschrumpften Zügen, als er vor dem Herzog das Haupt zum
-Gruß entblößte, und Georg von Sturmfeder faßte einen unerklärlichen
-Abscheu und ein sonderbares Grauen vor diesem Mann gleich beim ersten
-Anblick.
-
-Der Herzog sah den kleinen Mann an und rief freudig: »Ha! Ambrosius
-Volland, unser Kanzlar! Bist du auch noch am Leben? Hättest zwar früher
-schon kommen können, denn du wußtest, daß wir wieder ins Land dringen
--- aber sei uns deswegen dennoch willkommen.«
-
-»Allerdurchlauchtigster Herr!« antwortete der Kanzler Ambrosius
-Volland, »bin wieder so hart vom Zipperlein befallen worden, daß ich
-beinahe nicht aus meiner Behausung kommen konnte; verzeihet daher,
-Euer --«
-
-»Schon gut, schon gut!« rief der Herzog lachend. »Will dich schon
-kurieren vom Zipperlein. Komm morgen früh ins Schloß; jetzt
-aber gelüstet uns, Stuttgart wiederzusehen. Heran, mein treuer
-Bannerträger!« wandte er sich mit huldreicher Miene zu Georg. »Du hast
-treulich Wort gehalten, bis an die Tore von Stuttgart. Ich will's
-vergelten. Bei St. Hubertus, jetzt ist die Braut dein nach Recht und
-Billigkeit. Trag mir meine Fahne vor, wir wollen sie aufpflanzen auf
-meinem Schloß und jenes bündische Banner in den Staub treten! Gemmingen
-und Hewen, Ihr seid heute nacht noch meine Gäste; wir wollen sehen, ob
-uns die Herren vom Schwabenbund noch ein Restchen Wein übrig gelassen
-haben!«
-
-So ritt Herzog Ulrich, umgeben von den Rittern, die seinem Zuge gefolgt
-waren, wieder in die Tore seiner Residenz. Die Bürger schrieen Vivat,
-und die schönen Mädchen verneigten sich freundlich an den Fenstern zum
-großen Aergernis ihrer Mütter und Liebhaber; denn alle dachten, diese
-Grüße gelten dem schönen jungen Ritter, der des Herzogs Banner trug
-und, beleuchtet vom Fackelschein, wie St. Georg, der Lindwurmtöter,
-aussah.
-
-
-
-
-29.
-
- O Burg, von Geistern tapfrer Ahnen,
- Die tatenfreudig hier gelebt,
- Und wackrer Fürsten Ruhm umschwebt,
- O, deren Bild mit frommem Mahnen
- Sich in des Nahen Bilder webt.
-
- _Ph. Conz._
-
-
-Das alte Schloß zu Stuttgart hatte damals, als es Georg von Sturmfeder
-am Morgen nach des Herzogs Einzug beschaute, nicht ganz die Gestalt,
-wie es noch in unsern Tagen zu sehen ist, denn dieses Gebäude wurde
-erst von Ulrichs Sohn, Herzog Christoph, aufgeführt. Das Schloß der
-alten Herzoge von Württemberg stand übrigens an derselben Stelle und
-war in Plan und Ausführung nicht sehr verschieden von Christophs Werk,
-nur daß es zum größten Teil aus Holz gebaut war. Es war umgeben von
-breiten und tiefen Gräben, über welche gegen Mitternacht eine Brücke
-in die Stadt führte. Ein großer, schöner Vorplatz diente in früheren
-Zeiten dem fröhlichen Hofe Ulrichs zum Tummelplatz für ritterliche
-Spiele, und mancher Reiter wurde von des Herzogs eigener gewaltiger
-Hand in den Sand geworfen. Die Zeichen dieses ritterlichen Sinnes
-sprachen sich auch in andern Teilen des Gebäudes aus. Die Halle im
-unteren Teile des Schlosses war hoch und gewölbt wie eine Kirche,
-daß die Ritter in dieser »Tyrnitz« bei Regentagen fechten und Speere
-werfen und sogar die ungeheuren Lanzen ungehindert darin handhaben
-konnten. Von der Größe dieser fürstlichen Halle zeugt die Aussage der
-Chronisten, daß man bei feierlichen Gelegenheiten dort oft zwei- bis
-dreihundert Tische gedeckt habe. Von da führte eine steinerne Treppe
-aufwärts, so breit, daß zwei Reiter nebeneinander hinaufreiten konnten.
-Dieser großartigen Einrichtung des Schlosses entsprach die Pracht der
-Zimmer, der Glanz des Rittersaales und die reichen, breiten Galerien,
-die zum Tanz und Spiele eingerichtet waren.
-
-Georg maß mit staunendem Auge diese verschwenderische Pracht der
-Hofburg. Er verglich den kleinen Sitz seiner Ahnen mit diesen Hallen,
-diesen Höfen, diesen Sälen; wie klein und gering kam es ihm vor! Er
-erinnerte sich der Sage von der glänzenden Hofhaltung Ulrichs, von
-seiner prachtvollen Hochzeit, wo er in diesem Schloß siebentausend
-Gäste aus allen Teilen des Deutschen Reiches speiste und tränkte, wo
-in dem hohen Gewölbe der Tyrnitz und in dem weiten Schloßhofe einen
-ganzen Monat lang Ritterspiel und Gelage gehalten wurden, und wenn der
-Abend einbrach, hundert Grafen, Ritter und Edelleute mit Hunderten der
-schönsten Damen in jenen Sälen und Galerien tanzten. Er blickte hinab
-in den herrlichen Schloßgarten, das Paradies genannt. Seine Phantasie
-bevölkerte diese Lustgehege und Gänge mit jenem fröhlichen Gewimmel
-des fröhlichen Hofes, mit den Heldengestalten der Ritter, mit den
-festlich geputzten Fräulein, mit allem Jubel und Sang, der einst hier
-erscholl. Aber wie öde und leer deuchten ihm diese Mauern und Gärten,
-wenn er die Gegenwart mit den Bildern seiner Phantasie verglich. Die
-Gäste der Hochzeit, der glänzende, lustige Hof ist verschwunden, sprach
-er zu sich, die fürstliche Gemahlin ist entflohen, der glänzende
-Frauenkreis, der sie einst umgab, hat sich zerstreut, die Ritter und
-Grafen, die einst hier schmausten und ein reiches Leben voll Spiel und
-Tanz verlebten, sind von dem Fürsten abgefallen, die zarten Sprossen
-seiner Ehe sind in fernen Landen -- er selbst sitzt einsam in dieser
-herrlichen Burg, brütet Rache an seinen Feinden und weiß nicht, wie
-lange er nur in dem Hause seiner Väter bleiben wird; ob nicht aufs neue
-seine Feinde noch mächtiger heranziehen; ob er nicht noch unglücklicher
-wird als je zuvor.
-
-Vergebens strebte der Jüngling, diese trüben Gedanken, welche der
-Widerspruch der Pracht seiner Umgebungen mit dem Unglück des Herzogs in
-ihm erweckt hatte, zu unterdrücken. Vergebens rief er das Bild jenes
-holden Wesens herauf, das er jetzt bald auf ewig sein nennen durfte,
-vergebens malte er sich sein häusliches Glück an ihrer Seite mit den
-lockendsten, reizendsten Farben aus; jene trüben Bilder kehrten immer
-wieder. Sei es, daß jener Mann durch die Erhabenheit, die er im Unglück
-gezeigt hatte, einen so großen Raum in der Brust des Jünglings gewonnen
-hatte, sei es, daß ihn die Natur in einzelnen Augenblicken mit einem
-unwillkürlichen Gefühl der Ahnung begabte, er blieb sinnend und ernst,
-und es war ihm, als sei der Herzog nichts weniger als glücklich, als
-müsse er ihn vor irgend einem drohenden Unglück warnen.
-
-»So überaus ernst, junger Herr?« fragte eine heisere Stimme hinter
-ihm und weckte ihn aus seinen Gedanken. »Ich dächte doch, Georg von
-Sturmfeder hätte alle Ursache, heiter und guter Dinge zu sein!«
-
-Der junge Mann wandte sich verwundert um und schaute herab -- auf den
-Kanzler Ambrosius Volland. War ihm dieser Mann schon gestern durch
-seine widrige Freundlichkeit, durch sein katerhaftes schleichendes
-Wesen unangenehm aufgefallen, so war dies heute noch mehr der Fall,
-da der Kanzler durch überladenen Putz seine Mißgestalt noch mehr
-herausgehoben hatte. Sein dunkelgelbes, verwittertes Antlitz, mit
-dem ewigen stehenden Lächeln, die grünen Aeuglein unter den langen,
-grauen Wimpern, die roten entzündeten Ränder der Augenlider, der dünne
-Katzenbart stachen grell ab gegen ein rotes Barett von Samt und gegen
-einen Mantel von hellgelber Seide, der über den Höcker des kleinen
-Mannes hinabfloß. Unter diesem trug er einen grasgrünen Anzug, rosenrot
-ausgeschlitzt, und rosenrote Kniebänder mit ungeheuren Maschen. Sein
-Kopf stak in den Schultern, und das rote Barett stieß hinten sogleich
-auf den Höcker auf. Der Scharfrichter von Stuttgart pflegte daher zu
-sagen, unter allen Menschen, die er kenne, sei niemand schwerer zu
-köpfen als der Kanzler Ambrosius Volland.
-
-Dieser Mann war es, der an Georg von Sturmfeder mit süßem Lächeln
-hinaufsah und, da ihn dieser noch immer anstarrte, zu sprechen
-fortfuhr: »Ihr kennet mich vielleicht nicht, wertgeschätzter junger
-Freund, ich bin aber Ambrosius Volland, Sr. Durchlaucht Kanzler. Ich
-komme, um Euch einen guten Morgen zu wünschen.«
-
-»Ich danke Euch, Herr Kanzler. Viele Ehre für mich, wenn Ihr Euch
-deswegen herbemühtet.«
-
-»Ehre, wem Ehre gebühret! Ihr seid der Ausbund und die Krone unserer
-jungen Ritterschaft! Ja, wer meinem Herrn so treu beigestanden ist in
-aller Not und Fährlichkeit, der hat Anspruch auf meinen innigsten Dank
-und meine absonderliche Verehrung.«
-
-»Ihr hättet das wohlfeiler haben können, wenn Ihr mitgezogen wäret
-nach Mömpelgard,« erwiderte Georg, den die Lobsprüche dieses Mannes
-beleidigten. »Treue muß man nie loben, eher Untreue schelten.«
-
-Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den grünen Augen des
-Kanzlers, aber er faßte sich schnell wieder zur alten Freundlichkeit.
-»Jawohl, das mein' ich auch. Was mich betrifft, so lag ich am
-Zipperlein hart danieder und konnte also nicht wohl nach Mömpelgard
-reisen, werde aber jetzt mit meinem kleinen Licht, das mir der Himmel
-verliehen, dem Herrn desto tätlicher zur Hand gehen.«
-
-Er hielt einen Augenblick inne und schien Antwort zu erwarten; aber
-der Jüngling schwieg und maß ihn nur hin und wieder mit einem Blick,
-den er nicht recht ertragen konnte. »Nun, Euch wird die Freude erst
-recht angehen. Der Herzog hält erstaunlich viel auf Euch! Natürlich,
-Ihr verdient es auch im höchsten Grad, und der Herzog hat seinen
-Liebling gut gewählt. Wollet doch erlauben, daß Ambrosius Volland Euch
-auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige. Seid Ihr Freund von schönen
-Waffen? Kommet in meine Behausung auf dem Markt, wählet Euch aus meiner
-Armatur, was Euch beliebt. Vielleicht dienen Euch schöne Bücher, habe
-einen ganzen Kasten voll; wählet Euch aus, was Ihr wollet, wie es unter
-Freunden gebräuchlich. Esset auch zuweilen bei mir zu Mittag; meine
-Base, ein feines Kind von siebzehn Jahren, hält mir Haus. Sehet ihr
-nur, hi, hi, hi -- sehet ihr nur nicht zu tief in die Augen.«
-
-»Seid ohne Sorgen, bin schon versehen.«
-
-»So? Ei, das ist recht christlich gedacht; das muß ich loben. Man
-trifft solchen wackern Sinn nicht immer unter unserer heutigen
-Jugend. Ich sagte es ja gleich, der Sturmfeder, das ist ein Ausbund
-von Tugenden. Nun, was ich noch sagen wollte, wir sind bis jetzt so
-miteinander die einzigen von des Herzogs Hofstaat; stehen wir zusammen,
-so werden nur Leute aufgenommen, die wir wollen. Verstehet mich schon!
-hi, hi, eine Hand wäscht die andere. Darüber läßt sich noch sprechen.
-Ihr beehret mich doch zuweilen mit einem Besuche?«
-
-»Wenn es meine Zeit erlauben wird, Herr Kanzler.«
-
-»Würde mich gerne noch länger bei Euch aufhalten, denn in Eurer
-Gegenwart ist mir ganz wohl ums Herz; muß aber jetzt zum Herrn. Er
-will heute früh Gericht halten über die zwei Gefangenen, die gestern
-nacht das Volk aufwiegeln wollten. Wird was geben, der Beltle ist schon
-bestellt.«
-
-»Der Beltle?« fragte Georg, »wer ist er?«
-
-»Das ist der Scharfrichter, wertgeschätzter junger Freund.«
-
-»Ich bitte Euch! der Herzog wird doch nicht den ersten Tag seiner neuen
-Regierung mit Blut beflecken wollen!«
-
-Der Kanzler lächelte greulich und antwortete: »Was das wieder Eurem
-fürtrefflichen Herzen Ehre macht; aber zum Blutrichter taugt Ihr nicht.
-Man muß ein Exempel statuieren. Der eine,« fuhr er mit zarter Stimme
-fort, »der eine wird geköpft, weil er von Adel ist, der andere wird
-gehängt. Behüt' Euch Gott, Lieber!«
-
-So sprach der Kanzler Ambrosius Volland und ging mit leisen Schritten
-die Galerie entlang den Gemächern des Herzogs zu. Georg sah ihm mit
-düsteren Blicken nach. Er hatte gehört, daß dieser Mann früher durch
-seine Klugheit, vielleicht auch durch unerlaubte Künste großen Einfluß
-auf Ulrich gewonnen hatte. Er hatte den Herzog selbst oft mit großer
-Achtung von der Staatsklugheit dieses Mannes sprechen hören; aber
-er wußte nicht warum, er fürchtete für den Herzog, wenn er sich dem
-Kanzler vertraue, er glaubte Tücke und Falschheit in seinen Augen
-gelesen zu haben.
-
-Er sah gerade den Höcker und den wehenden gelben Mantel um die Ecke
-schweben, als eine Stimme neben ihm flüsterte: »Trauet dem Gelben
-nicht!« Es war der Pfeifer von Hardt, der sich unbemerkt an seine Seite
-gestellt hatte.
-
-»Wie? Bist du es, Hans?« rief Georg und bot ihm freundlich die Hand:
-»Kommst du ins Schloß; uns zu besuchen? Das ist schön von dir, bist mir
-wahrhaftig lieber als der mit dem Höcker. Aber was wolltest du mit dem
-Gelben, dem ich nicht trauen solle?«
-
-»Das ist eben der mit dem Höcker, der Kanzler, der ist ein falscher
-Mann. Ich habe auch den Herzog verwarnt, er soll nicht alles tun, was
-er ihm rät; aber er wurde zornig, und -- es mag wahr sein, was er
-sagte.«
-
-»Was sagte er denn? Hast du ihn heute schon gesprochen?«
-
-»Ich kam, um mich zu verabschieden, denn ich gehe wieder heim nach
-Hardt zu Weib und Kind. Der Herr war erst gerührt und erinnerte sich an
-die Tage seiner Flucht und sagte, ich solle mir eine Gnade ausbitten.
-Ich aber habe keine verdient, denn was ich getan, ist eine alte Schuld,
-die ich abgetragen. Da sagte ich, weil ich nichts anders wußte, er
-soll mich meinen Fuchs frei schießen lassen und es nicht strafen als
-Jagdfrevel. Des lachte er und sprach: das könne ich tun, das sei
-aber keine Gnade; ich solle weiter bitten. Da faßte ich ein Herz und
-antwortete: ›Nun, so bitt' ich, Ihr möget dem schlauen Kanzler nicht
-allzuviel trauen und folgen; denn ich meine, wenn ich ihn sehe, er
-meint es falsch.‹«
-
-»So geht es mir gerade auch,« rief Georg. »Es ist, als wolle er mir die
-Seele ausspionieren mit den grünen Augen, und ich wette, er meint es
-falsch. Aber was gab dir der Herzog zur Antwort?«
-
-»›Das verstehst du nicht,‹ sagte er und wurde bös. ›In Klüften und
-Höhlen magst du wohl bewandert sein, aber im Regiment kennt der Kanzler
-die Schliche besser als du.‹ Kann sein, ich habe unrecht, und es soll
-mir lieb sein um den Herzog. Nun lebet wohl, Junker, Gott sei mit Euch!
-Amen.«
-
-»Und wolltest du also gehen? Wolltest nicht noch zu meiner Hochzeit
-bleiben? Ich erwarte den Vater und das Fräulein heute. Bleibe noch ein
-paar Tage. Du warst so oft der Liebesbote und darfst uns nicht fehlen!«
-
-»Was soll so ein geringer Mann wie ich bei der Hochzeit eines Ritters?
-Zwar könnte ich mich hinaufsetzen zu den Spielleuten und auch eines
-aufspielen zum Ehrentanz, aber das tun andere ebensogut als ich, und
-mein Haus verlangt nach mir.«
-
-»Nun, so lebe wohl! Grüße mir dein Weib und Bärbele, dein schmuckes
-Töchterlein, und besuche uns fleißig auf Lichtenstein. Gott sei mit
-dir!«
-
-Dem Jüngling hing eine Träne im Auge, als er dem Bauer die Hand zum
-Abschied bot, denn er hatte in ihm einen kräftigen, biedern Mann,
-einen treuen Diener seines Fürsten, einen mutigen Genossen in Gefahren
-und einen heitern Gesellen im Unglück erkannt. Wohl schwebte ihm
-noch manche Frage über das geheimnisvolle Walten dieses Mannes, über
-seine wunderbare Anhänglichkeit an den Herzog auf den Lippen; aber
-er unterdrückte sie, überwältigt von jener unerklärlichen Macht, von
-jener natürlichen Größe und Würde, welche den Pfeifer von Hardt auch im
-unscheinbaren Gewand des Bauers umgab.
-
-»Noch eins!« rief Hans, als er eben nach dem letzten Händedruck
-des Junkers scheiden wollte. »Wisset Ihr auch, daß Euer ehemaliger
-Gastfreund und zukünftiger Vetter, Herr von Kraft, hier ist?«
-
-»Der Ratsschreiber? Wie sollt' der hieher kommen? Er ist ja bündisch!«
-
-»Er ist hier und nicht gerade im anmutigsten Klosett, denn er sitzt
-gefangen. Gestern abend, als das Volk zusammenlief wegen des Herzogs,
-soll er für den Bund öffentlich gesprochen haben.«
-
-»Gott im Himmel! Das war Dietrich Kraft, der Ratsschreiber? Da muß ich
-schnell zum Herzog, er richtet schon über ihn, und der Kanzler will ihn
-köpfen lassen. Gehab' dich wohl!«
-
-Mit diesen Worten eilte der Jüngling den Korridor entlang zu den
-Gemächern des Herzogs. Er war in Mömpelgard zu allen Tageszeiten zum
-Herzog gegangen, daher machten ihm auch jetzt die Türhüter ehrerbietig
-Platz. Er trat hastig in das Gemach. Der Herzog sah ihn verwundert und
-etwas unwillig an, der Kanzler aber hatte das ewige süße Lächeln wie
-eine Larve vorgehängt.
-
-»Guten Morgen, Sturmfeder!« rief der Herzog, der in einem grünen,
-goldgestickten Kleide, den grünen Jagdhut auf dem Kopf, am Tische saß.
-»Hast du gut geschlafen in meinem Schlosse? Was führt dich schon so
-früh zu Uns? Wir sind beschäftigt.«
-
-Die Augen des jungen Mannes hatten indessen unruhig im Zimmer
-umhergestreift und den Schreiber des Ulmer Rats in einer Ecke
-gefunden. Er war blaß wie der Tod, sein sonst so zierliches Haar hing
-in Verwirrung herab, und ein rosenfarbnes Mäntelein, das er über ein
-schwarzes Kleid trug, war in Fetzen zerrissen. Er warf einen rührenden
-Blick auf den Junker Georg und sah dann auf zum Himmel, als wollte
-er sagen: »Mit mir ist's aus!« Neben ihm standen noch einige Männer
-und auch ein langer, hagerer Mann, den er schon gesehen zu haben sich
-erinnerte. Die Gefangenen wurden von Peter, dem tapferen Magdeburger
-und dem Staberl aus Wien bewacht. Sie standen mit ausgespreizten
-Beinen, die Hellebarden auf den Boden gestemmt, kerzengerade auf ihrem
-Posten.
-
-»Ich sag', Wir haben zu tun,« fuhr der Herzog fort. »Was schaust du
-nur immer nach dem rosenfarbenen Menschenkind? Das ist ein verstockter
-Sünder. Das Schwert wird schon für ihn gewetzt.«
-
-»Euer Durchlaucht erlauben mir nur _ein_ Wort,« entgegnete Georg. »Ich
-kenne jenen Mann und wollte mich mit Hab und Gut für ihn verbürgen,
-daß er ein friedlicher Mann ist und gewiß kein Verbrecher, der den Tod
-verdiente.«
-
-»Bei Sankt Hubertus, das ist kühn! Die Natur hat sich geändert. Mein
-Kanzler, der treffliche Jurist, hat sich aufgeputzt wie ein junger
-Krieger, und mein junger Krieger dort will den Advokaten machen. Was
-sagt Ihr dazu, Ambrosius Volland?«
-
-»Hi, hi! Ich habe Eurer Durchlaucht durch meine Person Spaß machen
-wollen. Weiß aus früherer Zeit, daß Ihr einen kleinen Scherz liebet.
-Nun, der liebe, gute Sturmfeder will die Lustbarkeit vermehren und
-den Juristen spielen. Hi, hi, hi! Wird ihm aber nichts helfen, dem
-Rosenfarbenen. Majestätsverbrechen! wird halt doch geköpft, der im
-Mäntelein!«
-
-»Herr Kanzler,« rief der Jüngling, vor Unmut glühend, »der Herr
-Herzog wird mir bezeugen können, daß ich mich nie zum Schalksnarren
-hergegeben habe. Diese Rolle mache ich andern nicht streitig, und mit
-Menschenleben spiele und scherze ich nie. Es ist mein wahrer Ernst.
-Ich verbürge mich mit meinem Leben für gegenwärtigen Edlen von Kraft,
-Ratsschreiber von Ulm. Ich hoffe, meine Bürgschaft kann angenommen
-werden.«
-
-»Wie?« sagte Ulrich, »das ist wohl der zierliche Herr, dein Gastfreund,
-von dem du mir so oft erzähltest? Tut mir leid um ihn, aber er wurde in
-einem Aufruhr unter sehr gefährlichen Umständen gefangen.«
-
-»Freilich!« krächzte Ambrosius, »ein ~crimen laesae majestatis~.«
-
-»Erlaubet, Herr! Ich habe die Rechte lange genug studiert, um zu
-wissen, daß hier durchaus nicht von einem solchen Verbrechen die Rede
-sein kann. Gestern nacht waren die Bundesräte und der Statthalter
-noch hier, folglich war Stuttgart noch in Gewalt des Bundes, und der
-Ratsschreiber, der durchaus kein Untertan Sr. Durchlaucht ist, hat
-nicht anders gehandelt als jeder bündische Soldat, der auf Befehl
-seines Oberen gegen uns zu Felde zog.«
-
-»Ei, die Jugend, die Jugend! Wie Ihr alles überhaspelt, junger, sehr
-wertgeschätzter Freund! Sobald der Herzog die Stadt aufgefordert
-hatte und den ~animum possidendi~ hatte, war auch alles, was in den
-Mauern sich befand, _sein_. Folglich, wer eine Verschwörung gegen ihn
-anzettelte, ist ein Majestätsverbrecher. Besagter Herr von Kraft aber
-hat schrecklich gefährliche Reden an das Volk gehalten.«
-
-»Nicht möglich! Es wäre ganz gegen seine Art und Weise! Herr Herzog,
-das kann nicht sein!«
-
-»Georg!« sagte dieser ernst, »wir haben lange Geduld gehabt, dich
-anzuhören. Es hilft deinem Freunde doch nichts. Hier liegt das
-Protokoll. Der Kanzler hat, ehe ich kam, ein Zeugenverhör angestellt,
-worin alles sonnenklar bewiesen ist. Wir müssen ein Exempel statuieren.
-Wir müssen Unsere Feinde recht ins Herz hinein verwunden; der Kanzler
-hat ganz recht. Darum kann ich keine Gnade geben.«
-
-»So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und die Zeugen, nur ein paar
-Worte.«
-
-»Ist gegen alle Form Rechtens,« fiel der Kanzler ein; »ich muß dagegen
-protestieren, Lieber! Es ist ein Eingriff in mein Amt.«
-
-»Laß ihn, Ambrosius. Mag er meinetwegen noch ein paar Fragen an den
-armen Sünder tun, er ist doch verloren.«
-
-»Dietrich von Kraft,« fragte Georg, »wie kommt Ihr hieher?«
-
-Der arme Ratsschreiber, den der Tod schon an der Kehle gefaßt hatte,
-verdrehte die Augen, und seine Zähne schlugen aneinander. Endlich
-konnte er einige Worte herausstoßen: »Bin hieher geschickt worden vom
-Rat, wurde Schreiber beim Statthalter --«
-
-»Wie kamet Ihr gestern nacht zu den Bürgern von Stuttgart?«
-
-»Der Statthalter befahl mir abends, wenn etwa die Bürger sich
-aufrührerisch zeigten, sie anzureden und zu ihrer Pflicht und ihrem Eid
-zu verweisen.«
-
-»Ihr sehet, er kam also auf höheren Befehl dorthin. -- Wer nahm Euch
-gefangen?« fuhr Georg zu fragen fort.
-
-»Der Mann, der neben Euch steht.«
-
-»Ihr habt diesen Herrn gefangen? Also müßt Ihr auch gehört haben, was
-er sprach? Was sagte er denn?«
-
-»Ja, was wird er gesagt haben?« antwortete der Bürger; »er hat keine
-sechs Worte gesprochen, so warf ihn der Bürgermeister Hartmann von der
-Bank herunter. Ich weiß noch, er hat gesagt: ›Aber bedenket, ihr Leute,
-was wird der durchlauchtigste Bundesrat dazu sagen!‹ Das war alles, da
-nahm ihn der Hartmann beim Kragen und warf ihn herunter. Aber dort, der
-Doktor Calmus, der hielt eine längere Rede.«
-
-Der Herzog lachte, daß das Gemach dröhnte, und sah bald Georg, bald
-den Kanzler an, der ganz bleich und verstört sich umsonst bemühte,
-sein Lächeln beizubehalten. »Das war also die gefährliche Rede, das
-Majestätsverbrechen? ›Was wird der Bundesrat dazu sagen!‹ Armer
-Kraft! Wegen dieses kraftvollen Sprüchleins verfielst du beinahe dem
-Scharfrichter. Nun, das haben selbst Unsere Freunde oft gesagt: ›Was
-werden die Herren sagen, wenn sie hören, der Herzog ist im Land.‹
-Deswegen soll er nicht bestraft werden, was sagst du dazu, Sturmfeder?«
-
-»Ich weiß nicht, was Ihr für Gründe habt, Herr Kanzler,« sagte der
-Jüngling, indem sein Auge noch immer von Unmut strahlte, »die Sachen so
-auf die Spitze zu stellen und dem Herrn Herzog zu Maßregeln zu raten,
-die ihn überall -- ja, ich sage es, die ihn überall als einen Tyrannen
-ausschreien müssen. Wenn es nur Diensteifer ist, so habt Ihr diesmal
-schlecht gedient.«
-
-Der Kanzler schwieg und warf nur einen grimmigen, stechenden Blick aus
-den grünen Aeuglein auf den jungen Mann. Der Herzog aber stand auf
-und sprach: »Laß mir mein Kanzlerlein gehen; diesmal freilich war er
-zu strenge. Da -- nimm deinen rosenroten Freund mit dir, gib ihm zu
-trinken auf die Todesangst, und dann mag er laufen, wohin er will. Und
-du, Hund von einem Doktor, der du zu schlecht zu einem Hundedoktor
-bist, für dich ist ein württembergischer Galgen noch zu gut. Gehängt
-wirst du doch noch einmal, ich will mir die Mühe nicht geben. Langer
-Peter, nimm diesen Burschen, binde ihn rückwärts auf einen Esel und
-führe ihn durch die Stadt; und dann soll man ihn nach Eßlingen führen
--- zu den hochweisen Räten, wo er und sein Tier hingehört. Fort mit
-ihm!«
-
-Die Züge des Doktor Kahlmäuser, in welchen schon der Tod gesessen war,
-heiterten sich auf. Er holte freier Atem und verbeugte sich tief.
-Peter, Staberl und der Magdeburger fielen mit grimmiger Freude über ihn
-her, luden ihn auf ihre breiten Schultern und trugen ihn weg.
-
-Der Ratsschreiber von Ulm vergoß Tränen der Rührung und Freude. Er
-wollte dem Herzog den Mantel küssen, doch dieser wandte sich ab und
-winkte Georg, den Gerührten zu entfernen.
-
-
-
-
-30.
-
- O tu' es nicht! Tu's nicht!
- Sieh, deine reinen, edlen Züge wissen
- Noch nichts von dieser unglücksel'gen Tat,
- Bloß deine Einbildung befleckte sie,
- Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen
- Aus deiner hoheitblickenden Gestalt.
-
- _Schiller._
-
-
-Der Schreiber des großen Rates schien noch nicht Fassung genug erlangt
-zu haben, um auf dem Wege durch die Gänge und Galerien des Schlosses
-die vielen Fragen seines Erretters zu beantworten. Er zitterte noch
-an allen Gliedern, seine Kniee wankten, und oft drehte er sich um
-und schaute mit verwirrten Blicken hinter sich, als fürchte er, den
-Herzog möchte seine Gnade gereuen, und der greuliche Kanzler im gelben
-Mantel möchte ihm nachschleichen und ihn plötzlich am Genick packen.
-Auf Georgs Zimmer angekommen, sank er erschöpft auf einen Stuhl, und
-es verging noch eine gute Weile, ehe er geordnet zu denken und zu
-antworten vermochte.
-
-»Eure Politika, Vetter, hat Euch einen schlimmen Streich gespielt,«
-sagte Georg; »was fällt Euch aber auch ein, in Stuttgart als
-Volksredner auftreten zu wollen? Wie konntet Ihr überhaupt nur Eure
-bequeme Haushaltung, die sorgsame Pflege der Amme und die Nähe der
-holden Bertha fliehen, um hier dem Statthalter zu dienen?«
-
-»Ach! Sie ist es ja gerade, die mich in den Tod geschickt hat. Bertha
-ist an allem schuld. Ach, daß ich nie mein Ulm verlassen hätte! Mit dem
-ersten Schritte über unsere Markung fing mein Jammer an.«
-
-»Bertha hat Euch fortgeschickt?« fragte Georg. »Wie, seid Ihr nicht
-zum Ziele Eurer Bemühungen gelangt? Sie hat Euch abgewiesen, und aus
-Verzweiflung seid Ihr --«
-
-»Gott behüte! Bertha ist so gut als meine Braut. Ach, das ist gerade
-der Jammer! Wie Ihr von Ulm abgezogen waret, bekam ich Händel mit Frau
-Sabina, der Amme; da entschloß ich mich und hielt bei meinem Oheim um
-das Bäschen an. Nun habt Ihr aber dem Mädchen durch Euer kriegerisches
-Wesen gänzlich den Kopf verrückt. Sie wollte, ich solle vorher zu Feld
-ziehen und ein Mann werden wie Ihr. -- Dann wolle sie mich heiraten.
-Ach, du gerechter Gott!«
-
-»Und da seid Ihr förmlich zu Feld gezogen gegen Württemberg? Welche
-kühnen Gedanken das Mädchen hat!«
-
-»Bin zu Feld gezogen; die Strapazen vergesse ich in meinem Leben nicht!
-Mein alter Johann und ich rückten mit dem Bundesheer aus. Das war ein
-Jammer! Mußten oft täglich acht Stunden reiten. Die Kleider kamen in
-Unordnung, alles wurde bestaubt und unsauber, der Panzer drückte mich
-wund. Ich hielt es nicht mehr aus, und Johann lief heim nach Ulm; da
-bat ich um eine Stelle bei der Feldschreiberei, mietete mir eine Sänfte
-und zwei tüchtige Saumrosse dazu, und so ging es doch erträglicher.«
-
-»Da wurdet Ihr also zu Feld getragen wie der Hund zum Jagen. Habt Ihr
-auch einem Treffen beigewohnt?«
-
-»O ja; bei Tübingen kam ich hart ins Gedränge. Keine zwanzig Schritte
-von mir wurde einer maustot geschossen. Ich vergesse den Schrecken
-nicht, und wenn ich achtzig Jahre alt werde! Als wir dann das
-Land völlig besiegt hatten, bekam ich die ehrenvolle Stelle beim
-Statthalter. Wir lebten ruhig und in Frieden; da kommt auf einmal der
-unruhige Herr ins Land. Ach, daß ich meinem Kopfe gefolgt und mit dem
-Bundesobersten nach Nördlingen auf den Bundestag gezogen wäre! Aber ich
-scheute die beschwerliche Reise.«
-
-»Warum seid Ihr aber nicht mit dem Statthalter davongegangen, als wir
-kamen? Der sitzt jetzt im trockenen in Eßlingen, bis wir ihn weiter
-jagen.«
-
-»Er hat uns im Stiche gelassen und meinem Kopf alles anvertraut; und
-beinahe hätte ich mit dem Kopf dafür büßen müssen. Ich dachte nicht,
-daß die Gefahr so groß sei, ließ mich vom Doktor Calmus verführen,
-eine Rede ans Volk zu halten, um Württemberg dem Bunde zu retten. Das
-hätte gewiß Aufsehen gemacht, und Bertha wäre noch eins so freundlich
-gewesen. Aber die Leute da unten in Württemberg sind Barbaren und ohne
-alle Lebensart; sie ließen mich nicht einmal zum Wort kommen, warfen
-mich herab und behandelten mich ganz gemein und roh. Seht nur meinen
-Mantel an, wie sie ihn zerrissen haben! Es ist schade dafür, er hat
-mich vier Goldgulden gekostet, und Bertha behauptete immer, daß mir
-rosenfarb so gut zu Gesicht stehe.«
-
-Georg wußte nicht, ob er über die Torheit des Schreibers lachen oder
-es als hohen stoischen Gleichmut bewundern sollte, daß er, kaum dem
-Tode entgangen, sein zerrissenes Mäntelein bedauern konnte. Er wollte
-ihn noch weiter über seine Schicksale befragen, als ihn ein Geräusch
-vom Vorplatz des Schlosses her ans Fenster lockte; er sah hinaus und
-winkte schnell Herrn Dietrich herbei, um ihm das Schauspiel gefallener
-irdischer Größe zu zeigen.
-
-Der Doktor Calmus hielt seinen Umzug durch die Stadt. Er saß verkehrt
-auf einem Esel; die Landsknechte hatten ihn wunderlich ausgeschmückt;
-sie hatten ihm eine spitzige Mütze von Leder aufgesetzt, an deren
-Spitze eine Hahnenfeder angebracht war. Vor ihm gingen zwei Trommler,
-zu seinen Seiten sah man in gravitätischen Schritten den Magdeburger
-und den Wiener, den ehemaligen Hauptmann Muckerle und seinen tapfern
-Obersten gehen, die hin und wieder mit den Enden ihrer Hellebarden
-den Esel zu kühnen Sprüngen antrieben. Ein ungeheurer Volkshaufe
-umschwärmte ihn und warf ihn mit Eiern und Erde.
-
-Der Ratsschreiber schaute trübselig auf seinen Gefährten hinab und
-seufzte: »'s ist hart, auf dem Esel reiten zu müssen,« sagte er, »aber
-doch immer noch besser, als gehängt werden.« Er wandte sich ab von
-dem Schauspiel und blickte nach einer andern Seite des Schloßplatzes.
-»Wer kommt denn hier?« fragte er den jungen Ritter. »Schaut, in einem
-solchen Kasten zog ich zu Felde.«
-
-Georg wandte sich um. Er sah einen Zug von Reisigen, die eine Sänfte in
-ihrer Mitte führten. Ein alter Herr zu Pferd folgte dem Zug, der jetzt
-aufs Schloß einbeugte. Georg sah schärfer hinab: »Sie sind's,« rief
-er, »wahrhaftig, es ist der Vater, und in der Sänfte wird sie sitzen!«
-In _einem_ Sprung war er zur Tür hinaus, und der Ratsschreiber sah ihm
-staunend nach. »Wer soll es sein, welcher Vater?« fragte er. Er schaute
-noch einmal durchs Fenster, die Sänfte hielt vor der Zugbrücke des
-Schlosses, und in demselben Augenblicke stürzte Georg aus dem Tore.
-Herr Dietrich sah ihn die Türe der Sänfte ungestüm aufreißen, eine
-verschleierte Dame stieg aus, sie schlug den Schleier zurück -- und
-wunderbar! es war das Bäschen Marie von Lichtenstein. »Ei, seh doch
-einer; er küßt sie auf öffentlicher Straße,« sprach der Ratsschreiber
-kopfschüttelnd vor sich hin; »was das eine Freude ist! Aber wehe, jetzt
-kommt der Alte um die Sänfte herum, der wird Augen machen! Der wird
-schimpfen! -- Doch wie? Er nickt dem Junker freundlich zu, er steigt
-ab, er umarmt ihn. Nein, das geht nicht mit rechten Dingen zu!«
-
-Und dennoch schien es durchaus mit rechten Dingen zuzugehen; denn als
-der Schreiber des großen Rates aus dem Zimmer auf die Galerie trat, um
-sich zu überzeugen, daß ihn seine Augen getäuscht haben müssen, kam
-sein Oheim, der alte Herr von Lichtenstein, die Treppe herauf. An der
-rechten Hand führte er Georg von Sturmfeder, an der linken -- Bäschen
-Marie. Welche Veränderung war mit jenen holden Zügen vorgegangen, die
-sich so tief in sein Herz, in sein Gedächtnis geprägt hatten!
-
-In Ulm war sie ihm zum erstenmal wie ein Bote aus einem unbekannten
-Lande erschienen, so erhaben war der Blick ihrer schönen blauen Augen,
-so majestätisch ihre Stirne, so sinnig jenes kleine Fleckchen zwischen
-den schönen dunklen Bogen der Brauen. Er hatte oft und viel darüber
-nachgedacht, in was denn der Zauber bestehe, der ihn so unwiderstehlich
-fessele? Die Ulmer Mädchen hatten frischere Wangen, lebhaftere Augen,
-ein schalkhafteres Lächeln und den fröhlichen, frischen Glanz einer
-heitern Jugend. Und dennoch war Marie unter ihnen gestanden, still und
-groß wie eine Königin. War es vielleicht der dunkle Schleier ihrer
-Wimpern, der sich oft mit unnennbarem Reiz über das Auge herabsenkte,
-um das Geheimnis einer stillen Träne zu verhüllen? Waren es die feinen,
-geschlossenen Lippen, von süßer Wehmut umlagert? War es der zarte
-Wechsel der Farben auf ihren Zügen, die bald nur gebietende Hoheit
-auszustrahlen, bald das reizende Geheimnis leidender Liebe zu verraten
-schienen? Berthas Heiterkeit, Berthas fröhliche, neckende Gunst hatte
-dieses ernstere Bild längst aus seinem Herzen verdrängt, und doch
-fühlte der arme Herr Dietrich die alte Wunde wieder bluten, als das
-Fräulein von Lichtenstein sich nahte. Aber welcher unbekannten Macht
-sollte er es zuschreiben, daß Mariens Züge einen ganz andern Ausdruck
-gewonnen hatten? Wohl lag noch eine hohe Würde in ihrer Haltung, auf
-ihrer Stirne, aber in ihren Augen glühte eine stille Freude, ihr Mund
-lächelte und scherzte, auf ihren Wangen waren die schönsten Rosen
-aufgeblüht. Sprachlos hatte Dietrich von Kraft diese Erscheinung
-angestarrt, und jetzt erst wurde er auch von dem alten Ritter bemerkt.
-»Seh' ich recht,« rief dieser, »Dietrich Kraft, mein Neffe! Was führt
-denn dich nach Stuttgart, kommst du etwa zur Hochzeit meiner Tochter
-mit Georg von Sturmfeder? Aber wie siehst du aus? Was fehlt dir doch?
-Du bist so bleich und elend, und deine Kleider hängen dir in Fetzen vom
-Leibe!«
-
-Der Ratsschreiber sah herab auf das rosenfarbene Mäntelein und
-errötete. »Weiß Gott,« rief er, »ich kann mich vor keinem ehrlichen
-Menschen sehen lassen! Diese verdammten Württemberger, diese
-Weingärtner und Schusterjungen haben mich so zerfetzt. Aber wahrhaftig!
-der ganze durchlauchtige Bund ist in meiner Person angegriffen und
-beleidigt!«
-
-»Ihr dürft froh sein, Vetter! daß Ihr so davon gekommen seid,« sagte
-Georg, indem er die Angekommenen in sein Gemach einführte; »bedenket,
-Herr Vater, gestern nacht, als wir vor den Toren standen, hielt er
-Reden an die Bürger, um sie aufzuwiegeln gegen uns. Da hat ihn heute
-früh der Kanzler wollen köpfen lassen. Mit großer Mühe bat ich ihn los,
-und jetzt klagt er die Württemberger wegen seines zerfetzten Mänteleins
-an.«
-
-»Mit gnädiger Erlaubnis,« sagte Frau Rosel und verbeugte sich dreimal
-vor dem Ratsschreiber, »wenn Ihr meine Hilfe annehmen wollt, so
-will ich den Mantel flicken, daß es eine Lust ist. Da geht's wie im
-Sprichwort: ›Hat der Junge den Rock zerrissen, hat der Alt' ihn flicken
-müssen.‹«
-
-Herrn Dietrich war diese Hilfe sehr angenehm. Er bequemte sich, zu
-der Frau Rosel ans Fenster zu sitzen, um sich seine Gewänder zurecht
-richten zu lassen. Sie zog aus ihrer großen Ledertasche Zwirn von
-allen Farben und machte sich an die Wunden, die ihm die Württemberger
-geschlagen hatten. Sie unterhielt ihn dabei mit ergötzlichen Reden von
-der Haushaltung und der Zubereitung verschiedener Speisen, die in Frau
-Sabinas Kochregister nicht vorgekommen waren. Entfernt von diesem Paar,
-um die ganze Breite des Zimmers, saßen Georg und Marie im traulichen
-Flüstern der Liebe. Weder der gelehrte Johannes Thetingerus, noch ein
-Johannes Bezius, weder Gabelkofer noch Crusius, so wichtige Kunde wir
-ihnen über diese Zeiten verdanken, melden uns, was diese beiden an
-jenem Morgen zusammen flüsterten; nur so viel können wir berichten,
-daß eine süße Ruhe auf Mariens Zügen lag, daß sie die schönen Augen
-bald freudig aufschlug, bald verschämt wieder senkte, daß sie bald
-lächelte, bald tief errötete und manche Frage des Geliebten mit Küssen
-zurückdrängte.
-
-Der Leser wird es uns Dank wissen, wenn wir ihn von einer Szene, die
-so wenig historischen Grund und Boden, also nach neueren Begriffen
-auch keinen Wert hat, hinweg führen und den Schritten des Ritters von
-Lichtenstein folgen. Er hatte seine Tochter unter der Pflege Georgs,
-seinen Neffen unter der kunstreichen Hand der Frau Rosalie gelassen und
-schritt nun den Gemächern des Herzogs zu. Seine Züge, welchen Alter
-und Erfahrung einen sinnenden Ernst eingedrückt hatten, erschienen
-in dieser Stunde noch ernster -- beinahe traurig. Dieser Mann hatte
-von seinen Vätern die Liebe zum Hause Württemberg geerbt, Gewohnheit
-und Neigung hatten ihn an die Regenten gefesselt, die während seines
-langen Lebens über Württemberg geherrscht hatten, und das Unglück und
-die Verleumdung, welche auf Ulrich unablässig hereinstürmten, hatten
-das Herz des alten Herrn nicht von diesem Herzog losreißen können,
-sie fesselten ihn nur mit noch stärkeren Banden. Mit der Freude eines
-Bräutigams, der zur Hochzeit zieht, mit der Kraft eines Jünglings hatte
-er den weiten und beschwerlichen Weg von seinem Schloß nach Stuttgart
-zurückgelegt, als man ihm gemeldet hatte, daß der Herzog Leonberg
-erobert habe und auf Stuttgart zu ziehe. Keinen Augenblick zweifelte er
-an dem Siege des Herzogs, und so traf es sich, daß er schon am andern
-Morgen der neuen Herrschaft Ulrichs nach Stuttgart kam.
-
-Nicht so fröhlicher Art waren die Nachrichten, die ihm Georg mitteilte,
-als er mit ihm und Marien die Treppe heraufstieg. »Der Herzog,« hatte
-ihm jener zugeflüstert, »der Herzog ist nicht so, wie er sollte;
-Gott weiß, was er mit seinem Lande machen will; er hat unterwegs
-sonderbare Reden fallen lassen, und ich fürchte, er ist nicht in
-den besten Händen. Der Kanzler Ambrosius Volland --« dieser einzige
-Name reichte hin, in dem Ritter von Lichtenstein große Besorgnisse
-aufzuregen. Er kannte diesen Volland, er wußte, daß er zwar gelehrt, in
-allen Regierungsgeschäften überaus wohl erfahren, zu jedem, auch dem
-schwersten Dienst bereit, aber dabei ein Mann sei, der zum wenigsten
-schon öfter ein gewagtes, wo nicht falsches Spiel gespielt habe.
-
-»Wenn der Herzog diesem sein Vertrauen schenkt, wenn er nur seine
-Ratschläge befolgt, dann sei Gott gnädig. Dem Ambrosius ist das
-Land ein Stück Leder, das man nach Willkür handhaben kann, er wird
-es zurechtschneiden wollen zu einem Koller für den Herzog, und die
-Abschnipfel für sich behalten. Aber, wie Frau Rosel zu sagen pflegt:
-Zerschneiden kann jeder Narr, aber wie zusammennähen?« So sprach der
-alte Herr von Lichtenstein zu sich, als er durch die Galerien ging; er
-streichelte unmutig seinen langen, weißen Bart, und seine Augen glühten
-vom Eifer für die gute Sache Württembergs.
-
-Er wurde sogleich vorgelassen und traf den Herzog in großer Beratung
-mit Ambrosius. Der letztere hatte eine ungeheure Schwanenfeder in der
-einen Hand, in der andern hielt er ein Pergament, das mit schwarzer,
-roter und blauer Tinte in vielen zierlichen Schnörkeln beschrieben war.
-Der Herzog spielte mit einem großen Sigill, das er in der Hand hielt;
-er schien mit sich zu kämpfen, er sah bald seinen Kanzler durchdringend
-an, bald heftete sich sein Blick wieder auf das Sigill. Sie waren
-beide so vertieft, daß Lichtenstein einige Minuten im Zimmer stand,
-ohne von ihnen bemerkt zu werden; er betrachtete mit großer Teilnahme
-die edlen Züge Ulrichs von Württemberg. Er sah, wie auf seiner Stirne,
-in seinen sprechenden Augen so verschiedene Empfindungen wechselten.
-Bald runzelte sich seine Stirne, seine Augenbrauen zuckten, sein Auge
-rollte, dann glätteten sich diese Falten, aus seinen Blicken strahlte
-nur ein tiefer Ernst, der in Nachdenken überging, und oft schien ein
-Anflug von Güte den strengen Ausdruck seiner Züge zu mildern. Aber der
-im gelben Mäntelein, mit der Schwanenfeder in der Hand, stand wie der
-Versucher vor ihm! Er wand und drehte sich vor ihm wie die Schlange im
-Paradies, und das ewig stehende Lächeln, der Ausdruck von Ehrlichkeit,
-den er seinen grünen Aeuglein zu geben wußte, wenn ihn sein Herr scharf
-ansah, sollten einladen, den Apfel anzubeißen.
-
-»Ich kann nicht begreifen,« sprach er mit heiserer, feiner Stimme,
-»warum Ihr es nicht tun möget. Hat wohl Cäsar so lange gezaudert, als
-er über den Rubikon ging? Ein großer Mann hat große Mittel nötig, und
-die Mitwelt und die Nachwelt wird Euch preisen, daß Ihr diese Fesseln
-von Euch geworfen.«
-
-»Weißt du dies so gewiß, Ambrosius Volland?« entgegnete der Herzog,
-indem er ihn düster anblickte. »Man wird sagen: ›Herzog Ulrich war ein
-Tyrann. Er hat die alte Ordnung umgestoßen, die seinen Vätern heilig
-war, er hat den Vertrag, den er selbst aufgerichtet, gebrochen, er hat
-sein Land wie ein fremdes behandelt, er hat die Gesetze nicht gehalten,
-die‹ --«
-
-»Erlaubet,« unterbrach ihn jener, »es kommt nur allein auf die Frage
-an: Wer ist Herr? Der Herzog oder das Land? Wenn das Land Herr ist,
-dann ist's was anderes, dann freilich sind allerlei Pakten, Verträge,
-Klauseln und dergleichen nötig. Die Ritterschaft, die Prälaten und
-die Landschaft sind dann Meister, und Euer Durchlaucht -- nun, sind
-dann der, welcher den Namen dazu hergibt. Seid Ihr aber, was man so
-eigentlich Herr nennt, dann seid _Ihr_ es auch, der Gesetze gibt. Jetzt
-habt Ihr das Heft in der Hand, jetzt noch seid Ihr Herr und Meister.
-Drum fort mit dem alten Recht, hier ist ein neues -- da, nehmt in
-Gottes Namen die Feder, unterzeichnet!«
-
-Der Herzog stand noch eine Weile unschlüssig, seine Wangen glühten,
-seine ganze Gestalt richtete sich höher auf, aber sein Auge haftete
-noch am Boden. Jetzt schlug er es auf, und es blitzte vom Gefühl
-seiner Würde. »Ich heiße Württemberg,« sagte er, »_ich_ bin das Land
-und das Gesetz -- ich unterschreibe.« Er streckte die Rechte aus, die
-Schwanenfeder aus der Hand seines Kanzlers zu empfangen, aber mit
-sanfter Gewalt wurde sein Arm von einer fremden Hand ergriffen und
-weggezogen. Erstaunt sah er sich um und blickte in die ruhigen, aber
-ernsten Züge des Ritters von Lichtenstein.
-
-»Ha! Willkommen!« rief er, »mein getreuer Lichtenstein! Sogleich steh'
-ich Euch Rede, lasset mich nur zuvor dies Pergament unterzeichnen.«
-
-»Erlauben Eure Durchlaucht,« sagte der alte Mann, »Ihr habt mir eine
-Stimme zugesagt in Eurem Rat, darf ich nicht auch wissen um die erste
-Verordnung, die Ihr an Euer Land ergehen lasset?«
-
-»Mit Eurer hochedlen Erlaubnis,« fiel Ambrosius Volland hastig ein,
-»das Ding hat Eile; die Bürgerschaft von Stuttgart versammelt sich
-schon auf der Wiese. Diese Schrift muß ihr vorgelesen werden. Es hat
-wahrhaftig Eile.«
-
-»Nun, Ambrosius!« sagte der Herzog, »so gar eilig ist es nicht, daß
-wir Unserem alten Freund die Sache nicht mitteilen sollten. Wir haben
-nämlich beschlossen, Uns huldigen zu lassen, und zwar nach neuen
-Verträgen und Gesetzen. Die alten sind null und nichtig.«
-
-»Das habt Ihr beschlossen? Um Gottes willen, habt Ihr auch bedacht, zu
-was dies führt? Habt Ihr nicht erst vor wenigen Jahren den Tübinger
-Vertrag beschworen?«
-
-»Tübingen!« rief der Herzog mit schrecklicher Stimme, indem seine Augen
-von Zorn glühten. »Tübingen! Nenne dies Wort nicht mehr! Dort hatte
-ich all meine Hoffnung, dort war mein Land, meine Kinder, ha! und dort
-haben sie mich verraten und verkauft. Ich bat, ich flehte, sie sollen
-zu mir halten, ich wolle Gut und Blut mit ihnen teilen -- Nichts! Man
-wollte von Ulrich nichts mehr. Das neue Regiment gefiel ihnen besser;
-im Elend haben sie mich schmachten lassen, haben zugegeben, daß ihr
-Herzog in Verbannung war, haben geduldet, daß der Name Württemberg ein
-Hohngelächter wurde in allen Reichen -- jetzt bin ich wieder Herr und
-Meister, habe das Heft in der Hand und will mir's nicht wieder aus
-der Hand winden lassen. Haben _sie_ ihren Eid vergessen, bei Sankt
-Hubertus, so ist _mein_ Gedächtnis auch nicht länger. Tübinger Vertrag?
-Ich sag', der Teufel soll alles holen, was mit diesem Namen sich
-verknüpft!«
-
-»Aber bedenken Euer Durchlaucht!« sprach Lichtenstein, von diesem
-Ausbruch der Leidenschaft erschüttert, »bedenket doch, welchen Eindruck
-ein solcher Schritt auf das Land machen muß. Noch habt Ihr nichts als
-Stuttgart und die Gegend; noch liegen in Urach, Asperg, Tübingen,
-Göppingen überall bündische Besatzungen. Wird die Landschaft Euch
-beistehen, den Bund zu verjagen, wenn sie hört, auf welche neue Ordnung
-sie huldigen soll?«
-
-»Ich sag': ist mir die Landschaft beigestanden, als ich Württemberg mit
-dem Rücken ansehen mußte? Sie haben mich laufen lassen und dem Bund
-gehuldigt!«
-
-»Vergebt mir, Herr Herzog,« entgegnete der Alte mit bewegter Stimme,
-»dem ist nicht also. Ich weiß noch wohl den Tag bei Blaubeuren. Wer
-hielt da zu Euch, als die Schweizer abzogen? Wer bat Euch, nicht
-vom Land zu lassen; wer wollte Euch sein Leben opfern? Das waren
-achttausend Württemberger. Habt Ihr _den_ Tag vergessen?«
-
-»Ei, ei, Wertester!« sagte der Kanzler, dem es nicht entging, welchen
-mächtigen Eindruck diese Worte auf Ulrich machten, »ei! Ihr sprechet
-doch auch etwas zu kühnlich. Ist übrigens jetzt auch gar nicht die Rede
-von _damals_, sondern von _jetzt_. Die Landschaft ist von der alten
-Huldigung gänzlich abgekommen, hat dem Bunde eine andere Huldigung
-getan; Seine Durchlaucht ist jetzt als ein neu angekommener Herr
-anzusehen; er hat dies Land mit Gewalt erobert; hat sich nun der Bund
-auf besondere Verträge huldigen lassen, so kann es der Herzog ebenso
-halten. Neuer Herr, neu Gesetz. Man kann sich in allewege nach eigenem
-Gutdünken huldigen lassen. Soll ich die Feder eintauchen, gnädiger
-Herr?«
-
-»Herr Kanzler!« sagte Lichtenstein mit fester Stimme; »habe alle
-mögliche Ehrfurcht vor Eurer Gelahrtheit und Einsicht, aber was Ihr da
-sagt, ist grundfalsch und kein guter Rat. Jetzt gilt es, zu wissen, wen
-das Volk liebt. Der Bund hat durch sein Walten im Lande alles gegen
-sich aufgebracht; es war die rechte Zeit, daß Seine Durchlaucht wieder
-kam, jetzt fliegen ihm alle Herzen zu. Wird er sie nicht gewaltsam
-von sich stoßen, wenn er alles Alte umreißt und nach eigener, neuerer
-Satzung schaltet und waltet? O, bedenkt, bedenkt, die Liebe eines
-Volkes ist eine mächtige Stütze!«
-
-Der Herzog stand mit untergeschlagenen Armen da, düster vor sich
-hinblickend, er antwortete nicht. Desto eifriger tat dies der Kanzler
-im gelben Mäntelein. »Hi, hi, hi! Wo habt Ihr die schönen Sprüchlein
-her, Liebwerter, Hochgeschätzter? Liebe des Volkes, sagt Ihr? Schon
-die Römer wußten, was davon zu halten sei. Seifenblasen, Seifenblasen!
-Hätt' Euch für gescheiter gehalten. Wer ist denn das Land? Hier, _hier_
-steht es ~in persona~, das ist Württemberg, dem gehört's, hat's geerbt
-und jetzt noch dazu erobert. Volksliebe! Aprilenwetter! Wäre ihre Liebe
-so stark gewesen, so hätten sie nicht dem Bunde gehuldigt.«
-
-»Der Kanzler hat recht,« rief Ulrich, aus seinen Gedanken erwachend.
-»Du magst es gut meinen, Lichtenstein, aber er hat diesmal recht. Meine
-Langmut hat mich zum Lande hinausgetrieben; jetzt bin ich wieder da,
-und sie sollen fühlen, daß ich Herr bin. Die Feder her, Kanzler, ich
-sag', so will ich's; so wollen wir Uns huldigen lassen!«
-
-»O Herr, tut nichts in der ersten Hitze! Wartet, bis Euer Blut sich
-abkühlt. Rufet die Landschaft zusammen, machet Aenderungen nach Eurem
-Sinne, nur jetzt nicht, nur nicht, solange der Bund noch Land besitzt
-in Württemberg; es könnte Euch schaden bei den übrigen. Gestattet nur
-noch eine kurze Frist.«
-
-»So?« unterbrach ihn der Kanzler, »daß man dann allgemach wieder in das
-alte Wesen hineinkommt? Gebt acht, wenn die Landschaft erst beisammen
-ist, wenn sie sich erst zusammen beraten, meinet Ihr, da werden sie so
-gutwillig nachgeben? Hi, hi! da wird man Gewalt anwenden müssen, und
-das macht erst verhaßt. Schmiedet das Eisen, solange es warm ist. Oder
-gelüstet Euer Durchlaucht, wieder ganz gehorsamlich unter das alte Joch
-zu stehen und den Karren zu ziehen?«
-
-Der Herzog antwortete nicht. Er riß mit einer hastigen Bewegung
-Feder und Pergament dem Kanzler aus der Hand, warf einen schnellen,
-durchdringenden Blick auf ihn und den Ritter, und ehe noch dieser es
-verhindern konnte, hatte Ulrich seinen Namen unterzeichnet. Der Ritter
-stand in stummer Bestürzung; er senkte bekümmert das Haupt auf die
-Brust herab. Der Kanzler blickte triumphierend auf den Ritter und den
-Herzog. Doch dieser ergriff eine silberne Glocke, die auf dem Tisch
-stand, und klingelte. Ein Diener erschien und fragte nach seinem Befehl.
-
-»Ist die Bürgerschaft versammelt?« fragte er.
-
-»Ja, Euer Durchlaucht! Auf den Wiesen gegen Kannstatt sind sie
-versammelt, Amt und Stadt; die Landsknechte rücken soeben aus, sechs
-Fähnlein.«
-
-»Die Landsknechte? Wer gab die Erlaubnis?«
-
-Der Kanzler zitterte bei dem Ton dieser Frage. »Es ist nur wegen der
-Ordnung,« sagte er, »ich habe gedacht, weil es bei solchen Fällen
-gebräuchlich sei, daß bewaffnete Mannschaft --«
-
-Der Herzog winkte ihm zu schweigen. Er begegnete einem trüben,
-fragenden Blick des alten Lichtenstein, der ihn erröten machte.
-»Mit meinem Befehl geschah es nicht,« sprach er, »doch -- es möchte
-auffallen, wenn wir sie zurückriefen. Es ist ja gleichgültig. Man
-bringe mir den roten Mantel und den Hut; schnell!«
-
-Der Herzog trat ans Fenster und sah schweigend hinaus. Der Kanzler
-schien nicht recht zu wissen, ob sein Herr erzürnt sei oder nicht, er
-wagte nicht zu sprechen, und der Ritter von Lichtenstein beharrte in
-seinem trüben Schweigen. So standen sie geraume Zeit, bis sie von den
-Dienern unterbrochen wurden. Es traten vier Edelknaben ins Gemach,
-der erste trug den Mantel, der zweite den Hut, der dritte eine Kette
-von Gold, und der vierte des Herzogs Schlachtschwert. Sie bekleideten
-den Herzog mit dem Fürstenmantel von purpurrotem Samt mit Hermelin
-verbrämt. Sie reichten ihm den Hut, der die schwarz und gelbe Farbe
-des Hauses Württemberg in reichen wehenden Federn zeigte, diese wurden
-zusammengehalten von einer Agraffe von Gold und Edelsteinen, die eine
-Grafschaft wert waren. Der Herzog bedeckte sein Haupt mit diesem Hut.
-Seine kräftige Gestalt schien in diesem fürstlichen Schmuck noch
-erhabener als zuvor, und die freie majestätische Stirne, das glänzende
-Auge sah gebietend unter den wallenden Federn hervor. Er ließ sich
-die Kette umhängen, steckte das Schlachtschwert an und winkte seinem
-Kanzler, aufzubrechen.
-
-Noch immer sprach der Ritter von Lichtenstein kein Wort. Mit
-bekümmerter Miene hatte er diesen Anstalten zugesehen und sich dann
-abgewendet. Der Herzog schritt mit leichtem Neigen des Hauptes an dem
-alten Ritter vorüber zur Türe, und die wunderliche Figur des Kanzlers
-Ambrosius Volland folgte ihm mit majestätischen Schritten. Hatte
-der Herr den Alten nicht gegrüßt, glaubte auch der Kanzler ihm dies
-nicht schuldig zu sein. Er warf nur einen tückischen Blick nach dem
-Platz hinüber, wo jener noch immer stand und sein großer, zahnloser
-Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln. In der Türe stand der
-Herzog stille, er sah rückwärts, seine bessere Natur schien über ihn
-zu siegen, er kehrte zur Verwunderung des Kanzlers zurück und trat zu
-Lichtenstein.
-
-»Alter Mann!« sagte er, indem er vergeblich strebte, seine tiefe
-Bewegung zu unterdrücken: »Du warst mein einziger Freund in der Not,
-und in hundert Proben habe ich deine Treue bewährt gefunden, du kannst
-es mit Württemberg nicht schlimm meinen. Ich fühle, es ist einer der
-wichtigsten Schritte meines Lebens, und ich gehe vielleicht einen
-gewagten Gang, -- aber wo es das Höchste gilt, muß man alles wagen.«
-
-Der Ritter von Lichtenstein richtete sein greises Haupt auf; in den
-weißen Wimpern hingen Tränen. Er ergriff Ulrichs Hand: »Bleibet,« rief
-er, »nur diesmal, diesmal folget meiner Stimme! Mein Haar ist grau,
-ich habe lange gelebt, Ihr erst drei Jahrzehnte.« -- Indem ertönten
-die Trommeln der Landsknechte in dem Hof. Das ungeduldige Stampfen der
-Rosse drang herauf, und die Herolde stießen, zur Huldigung rufend, in
-die Trompeten.
-
-»~Jacta alea esto!~ war der Wahlspruch Cäsars,« sagte der Herzog mit
-mutiger Miene, »jetzt gehe ich über meinen Rubikon. Aber dein Segen
-möchte mir frommen, alter Mann, zum Rat ist es zu spät!«
-
-Der Ritter blickte schmerzlich aufwärts. Die Stimme versagte ihm, er
-drückte segnend seines Herzogs Rechte an die Brust. Noch zögerte Ulrich
-bei ihm, da streckte der Kanzler den langen, dürren Arm unter dem
-gelben Mäntelein hervor und winkte ihm mit der Pergamentrolle. Er war
-anzuschauen wie der Versucher, dem es gelingt, eine arme Seele mit sich
-hinabzuziehen. Ulrich von Württemberg riß sich los und ging, um sich
-von seiner Hauptstadt huldigen zu lassen.
-
-
-
-
-31.
-
- Kein Feuer, keine Kohle
- Kann glühen so heiß,
- Als eine stille Liebe,
- Von der niemand nichts weiß.
-
- _Altes Volkslied._
-
-
-Die Besorgnisse des alten Herrn schienen nicht so ungegründet gewesen
-zu sein, als Ambrosius Volland sie dargestellt hatte. Ein sehr
-großer Teil des Landes fiel zwar dem Herzog zu, weil die Vorliebe
-für den angestammten Regenten, der Druck des Bundes und die anfangs
-so siegreichen Waffen Ulrichs viele bewogen, die Huldigung, die sie
-gezwungenerweise dem Bunde getan, zu vergessen und sich für Württemberg
-zu erklären.
-
-Aber die neue Huldigung, die alle früheren Verträge umstieß, das
-Gerücht, daß manche Stadt durch Gewalt zu diesen Formen gezwungen
-sei, bewirkte wenigstens, daß der Herzog keine Popularität gewann,
-ein Mangel, der in so zweifelhafter Lage oft nur zu bald fühlbar
-wird. Noch beharrten Urach, Göppingen und Tübingen auf ihren, dem
-Bunde geleisteten, Pflichten, denn ihre bündisch gesinnten Obervögte
-zwangen sie mit Gewalt dazu. Zu Urach hauste Dietrich Spät, des Herzogs
-bitterster Feind. Er brachte in wenigen Tagen so viel Mannschaft
-auf, daß er nicht nur sein ganzes Amt im Zaume hielt, sondern auch
-Einfälle in die Ländereien machte, die dem Herzog wieder zugefallen
-waren. Es ging auch das Gerücht, die Bundesstände seien schnell von
-Nördlingen aufgebrochen, jeder in seine Heimat geeilt um frische Heere
-aufzubieten und Ulrich zum zweitenmal auf Leben und Tod zu bekämpfen.
-
-Ulrich selbst schien weder der einen noch der anderen dieser
-Besorgnisse Raum zu geben. Er pflog bei verschlossenen Türen mit
-Ambrosius Volland Rat. Man sah viele Eilboten kommen und abgehen,
-aber niemand erfuhr, was sie brachten. In Stuttgart aber glaubte man
-fest, der Herzog müsse in der fröhlichsten Stimmung sein, denn wenn
-er mit seinem glänzenden Gefolge durch die Straßen ritt, alle schönen
-Jungfrauen grüßte und mit den Herren zu seiner Seite scherzte und
-lachte, da sagten sie: »Herr Ulrich ist wieder so lustig wie vor dem
-Armen Konrad.« Er hatte seinen Hofstaat wieder glänzend eingerichtet.
-Zwar war er nicht mehr wie früher der Sammelplatz der bayerischen,
-schwäbischen und fränkischen Grafen und Herren, zwar fehlte die
-Fürstin, die sonst einen schönen Kranz blühender Fräulein um sich
-versammelt hatte, aber dennoch fehlte es nicht an schönen Frauen und
-schmucken Edeln, seinen Hof zu verherrlichen, und die Luft dieser Stadt
-schien schon damals der Schönheit so günstig zu sein, daß die bunten
-Reihen in den Sälen und Hallen des Schlosses nicht einer gewöhnlichen
-Versammlung, sondern einer Auswahl aus den schönen Frauen des Landes
-glich.
-
-Tänze und Ritterspiele waren in ihre alten Rechte eingesetzt worden.
-Fest drängte sich an Fest, und Ulrich schien eifrig nachholen zu
-wollen, was er in der Zeit seines Unglücks versäumt hatte. Keines
-dieser geringsten Feste war die Hochzeit Georgs von Sturmfeder mit der
-Erbin von Lichtenstein.
-
-Der alte Herr hatte sich lange nicht entschließen können, sein Wort zu
-halten; nicht daß er die Wahl seiner Tochter mißbilligt hätte, denn
-er liebte seinen Eidam väterlich, er sah in ihm seine eigene Jugend
-wieder aufblühen, er schlug ihm seine freiwillige Verbannung mit dem
-Herzog hoch an; aber wie der Horizont von Ulrichs Glück, so war auch
-die Stirne des alten Mannes noch immer umwölkt, denn er ahnte, daß
-es nicht so bleiben werde, wie es jetzt war, und tief schmerzte es
-ihn, daß der Herzog in so mancher wichtigen Angelegenheit von seinem
-Rat nicht Gebrauch machte, sondern alles heimlich mit seinem Kanzler
-abhandelte. So hatte er unschlüssig und betrübt diesen Tag der Freude
-immer hinausgeschoben, aber die schönen Augen seiner Tochter, in
-welchen er oft einen leisen Vorwurf zu lesen glaubte, Georgs Bitten
-nötigten ihm endlich einen bestimmten Termin ab. Der Herzog ließ es
-sich nicht nehmen, die Hochzeit auszurichten. Er mochte sich jener
-Nächte erinnern, wo der Vater nicht müde ward, ihm seine Anhänglichkeit
-zu bezeigen, wo die zarte Tochter keinen Sturm, keine Kälte scheute,
-um ihn am Burgtor zu empfangen, um ihn mit warmen Speisen zu laben; er
-mochte sich noch aus der jüngsten Vergangenheit der Opfer erinnern, die
-ihm der Bräutigam gebracht hatte, er zeigte auf glänzende Art, wie er
-Treue, Aufopferung und Liebe, die sich ihm so selten bewährt hatten, zu
-vergelten wisse. Der Ritter und seine Tochter waren bisher noch immer
-seine Gäste im Schloß zu Stuttgart gewesen, jetzt ließ er ein schönes
-Haus, nächst der Kollegiatenkirche, mit neuem Hausgerät versehen
-und übergab am Vorabend der Hochzeit den Schlüssel dem Fräulein von
-Lichtenstein mit dem Wunsche, sie möchte es, so oft sie in Stuttgart
-sei, bewohnen.
-
-Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg oft in ungewisser
-Ferne, aber immer mit gleicher Sehnsucht geschaut hatte. Er rief
-sich am Morgen dieses Tages das ganze Leben seiner Liebe zurück; er
-wunderte sich, wie alles so ganz anders gekommen war, als er sich
-gedacht hatte. Wie hätte er, als er damals durch den Schönbuch nach
-der Heimat zog, denken können, daß das Glück, die Geliebte ganz zu
-besitzen, nicht mehr so ferne liegen werde, als er fürchtete. Wie
-hätte er, als er sich an das Bundesheer anschloß, ahnen können, daß
-der Herzog, welchen er zu bekriegen kam, sein Glück gründen werde. Mit
-welch heiterer Ruhe dachte er jetzt an die Stürme jener Tage zurück, wo
-es ihm zuerst wieder möglich geworden war, der Geliebten ein Wörtchen
-der Liebe zuzuflüstern, wo er die Schreckenskunde vernahm, daß ihr
-Vater, ein Feind des Bundes, sie mit sich hinwegführen werde; wo er in
-Berthas Garten die unglücklichste Stunde seines Lebens im schmerzlichen
-Abschied von der Geliebten hinbrachte, wo er auf lange, vielleicht auf
-ewig verloren glaubte, was heute auf ewig sein werden sollte. Jedes
-Wort der Geliebten kehrte wieder in seine Erinnerung, und er mußte
-aufs neue ihre hohe Zuversicht, ihren schönen Glauben an ein gütiges
-Geschick bewundern, den sie auch damals, wo die Zukunft mit einem
-düsteren Schleier verhüllt und keine Aussicht, keine Hoffnung mehr war,
-nicht verlor, den sie mit dem letzten Abschiedskuß auch ihm mitzuteilen
-wußte.
-
-»Er hat uns nicht gelogen, dieser Glaube,« sprach der junge Mann, von
-der Erinnerung bewegt, zu sich; »es lebt eine heilige, ahnungsvolle
-Stimme in ihrer reinen Seele, und ihr klares Auge, das in dem meinigen
-die Gewißheit meiner Liebe las, tauchte auch damals tief in die
-Zukunft und verkündete Glück, es wird sie auch jetzt nicht täuschen,
-wenn es ein süßes, ungestörtes Glück in unserer Verbindung liest.«
-
-Ein bescheidenes Pochen an der Türe unterbrach die lange Gedankenreihe,
-die sich an den heutigen Tag knüpfen und in die ferne Zukunft
-hinausziehen wollte. Es war Herr Dietrich von Kraft, der stattlich
-geschmückt zu ihm eintrat.
-
-»Wie?« rief dieser Schreiber des großen Rates zu Ulm und schlug voll
-Verwunderung die Hände zusammen, »wie? in diesem Wams wollet Ihr Euch
-doch hoffentlich nicht trauen lassen? Es ist schon neun Uhr, die Gänge
-und Treppen des Schlosses wimmeln von Hochzeitsgästen, die von Samt und
-Seide glänzen, und Ihr, die Hauptperson im Stück, schauet ruhig zum
-Fenster hinaus, statt Euren Anzug zu besorgen?«
-
-»Dort liegt der ganze Staat,« erwiderte Georg lächelnd, »Barett und
-Federn, Mantel und Wams, alles aufs schönste zubereitet, aber Gott
-weiß, ich habe noch nicht daran gedacht, daß ich dieses Flitterwerk an
-mich hängen solle. Dies Wams ist mir lieber als jenes schöne neue. Ich
-habe es in schweren, aber dennoch glücklichen Tagen getragen.«
-
-»Ja, ja! Ich kenne es wohl; das habt Ihr bei mir in Ulm getragen, und
-es ist mir noch wohl erinnerlich, wie Euch Bertha in diesem blauen
-Kleid abschilderte, daß ich recht eifersüchtig ward; aber Flitterwerk
-nennt Ihr die Kleider da? Ei, der Tausend! Hätte ich nur mein lebelang
-solche Flitter. Ha, das weiße Gewand, mit Gold gestickt, und der blaue
-Mantel von Samt! Kann man was Schöneres sehen? Wahrlich, Ihr habt mit
-Umsicht ausgewählt, das mag trefflich stehen zu Euren braunen Haaren!«
-
-»Der Herzog hat mir es zugeschickt,« antwortete Georg, indem er sich
-ankleidete, »mir wäre alles zu kostbar gewesen.«
-
-»Ist doch ein prächtiger Herr, der Herzog, und jetzt erst, seit ich
-einige Zeit hier bin, sehe ich ein, daß man ihm bei uns in Ulm zu
-viel getan hat. An einem solchen Hofe ist es doch was anderes als
-in den Städten, und Herzog von Württemberg klingt auch schöner als
-Bürgermeister von Ulm. Und doch möcht' ich nicht in seiner Haut
-stecken. Ihr werdet sehen, Vetter, es geht noch einmal bergab mit ihm.«
-
-»Das ist Euer altes Lied, Herr Dietrich. Erinnert Ihr Euch noch, wie
-Ihr damals in Ulm groß tatet mit Eurer Politika, und wie Ihr regieren
-wolltet in Württemberg? Wie ist es denn jetzt?«
-
-»Ist nicht alles eingetroffen?« erwiderte der Ratsschreiber mit weiser
-Miene. »Weiß noch wie heute, daß ich prophezeite, die Schweizer ziehen
-heim, die Landschaft werden wir für uns gewinnen, und die Burgen werden
-wir einnehmen.«
-
-»Ja, ja! Ihr habt sie erobern helfen,« lachte Georg, »seid ja in einer
-Sänfte zu Feld getragen worden; aber damals sagtet Ihr auch, der Herzog
-werde nie zurückkehren, und jetzt sitzt er ganz warm und ruhig hier.«
-
-»Nicht so ruhig, als Ihr glaubt. Zwar ich wollte ihm und Euch wünschen,
-er behielte sein Land; uns hat es doch nichts genützt, die großen
-Herren nehmen alles für sich, an unsereinen kam nichts als etwa die
-Ehre, für den Bund geköpft zu werden; möchte es ihm wohl gönnen; aber
--- glaubet mir, es sieht nicht so ruhig aus, als man hier meint. Die
-vertriebenen Räte haben von Eßlingen aus an den Kaiser und das Reich
-geschrieben und geklagt; der Bund ist wieder auf den Beinen; bei Ulm
-steht schon wieder ein neues Heer.«
-
-»Gerede, nichts weiter; ich weiß gewiß, daß der Herzog sich mit Bayern
-versöhnen wird.«
-
-»Ja, _will_, aber nicht versöhnen _wird_. Das hat noch manchen Haken.
-Aber was sehe ich? Ihr werdet doch nicht den alten Fetzen von einer
-Feldbinde zu dem stattlichen Hochzeitsschmuck anlegen wollen? Pfui, das
-paßt nicht zusammen, lieber Vetter.«
-
-Der Bräutigam betrachtete die Schärpe mit inniger Liebe. »Das versteht
-Ihr nicht,« sagte er, »wie gut sich dies zum Hochzeitsgewande schickt.
-Es ist ihr erstes Geschenk; sie flocht sie heimlich bei Nacht auf ihrem
-Kämmerlein, als ihr die Kunde kam, daß sie bald scheiden müsse. Sie hat
-manche Träne hineingewoben, hat das Gewebe oft an die Lippen gedrückt,
-drum ward es mir eine Zauberbinde und meinen Augen ein Trost, wenn ich
-im Unglück auf die Brust herniedersah. Sie darf nicht fehlen, diese
-Binde; hat sie die Not mit mir getragen, so sei sie mir ein heiliger
-Schmuck am Tage des Glückes.«
-
-»Nun, wie Ihr wollt, hängt sie in Gottes Namen um; jetzt noch das
-Barett aufgesetzt und schnell den Mantel umgehängt, sie läuten schon
-das Erste drüben in der Kirche. Sputet Euch, lasset das Bräutlein nicht
-so lange warten!«
-
-Der Ratsschreiber stellte sich noch einmal vor den jungen Mann und
-musterte mit strengen Kenneraugen seinen Anzug. Er zog da eine Spange
-schärfer an, er verwischte dort eine Falte, steckte hier eine Feder
-höher, und immer zufriedener wurden seine Blicke. Er gestand sich,
-daß der große, schlanke junge Mann, sein schöner Kopf, die klaren,
-mutigen Augen ganz des lieblichen Bäschens würdig seien. »Weiß Gott,«
-sagte er, »Ihr sehet aus, Vetter, als wäret Ihr von unserem Herrgott
-gerade zum Hochzeiter erschaffen worden. Es ist mir lieb, daß Euch
-heute Bertha nicht sehen kann, es möchte ihr wieder auf acht Tage
-schwindelnd werden, dem armen Kind! -- Kommt, kommt; ich fühle mich
-stolz, Euer Geselle zu sein, wenn ich auch vierzehn Tage zu spät nach
-Ulm zurückkehre.«
-
-Georgs Wangen röteten sich, sein Herz pochte, als er sein Gemach
-verließ. Die Freude, die Erwartung, die Erfüllung jahrelanger Wünsche
-bestürmten seine Sinne, und wie trunken ging er neben Herrn Dietrich
-durch die Galerien. Die Türe ging auf, und Marie im Glanze ihrer
-Schönheit stand umgeben von vielen Frauen und Fräulein, die, vom Herzog
-eingeladen, heute ihre Begleitung bilden sollten. Marie errötete, als
-sie den Geliebten sah, sie betrachtete ihn staunend, als seien seine
-Züge heute mit einem neuen Glanze übergossen; sie schlug die Augen
-nieder, als sie seinen freudetrunkenen Blicken begegnete. Was hätte
-Georg dafür gegeben, die Geliebte an sein Herz ziehen, den Morgengruß
-der Liebe auf ihre Lippen drücken zu dürfen, aber die strenge Sitte
-der Zeit trennte an diesem Tage durch eine weite Kluft, was sich sonst
-schon längst gefunden hätte. Dem Bräutigam war es nicht erlaubt, die
-Hand der Braut zu berühren, ehe sie der Priester in die seinige legte,
-und der Braut wurde es übel aufgenommen, wenn sie den Bräutigam gar zu
-viel und gar zu lange ansah. Züchtig, ehrbar, die Augen auf den Boden
-geheftet, die Hände unter der Brust gefaltet, mußte sie stehen -- so
-wollte es die Sitte.
-
-Bei mancher anderen möchte diese Stellung erzwungen und steif
-erschienen sein, doch, wie die Natur über ihre lieblichsten Töchter in
-jeder Lage, in Trauer und Freude, den Zauber der Schönheit ausgießt,
-so war auch diese unnatürliche Haltung der Braut bei Marien zum
-gelungensten Bild geworden; die zarte Röte, die alle Augenblicke auf
-ihren Wangen wechselte, der süße Mund, in dessen Winkeln ein Lächeln
-aufzukeimen schien, der feine, weiche Vorhang der gesenkten Lider, die
-zarten Fransen der dunklen Wimpern, durch welche die blauen, glänzenden
-Augen wie eine aufgehende Sonne kaum sichtbar durchschimmerten, sie
-gaben ein Bild holder verschämter Liebe, die dem Geliebten die Arme
-öffnen, die seinen Namen mit den süßesten Tönen aussprechen, die die
-Augen aufschlagen möchte, um ihm durch _einen_ Blick ihre Wünsche
-zu verkünden; doch die mächtigere Natur, das verwirrende Gefühl der
-Beschämung windet ihr die Hände nur noch fester zusammen, schlägt die
-zarte Hülle der Wimpern vor das glühende Auge herab und verschließt den
-Mund, daß er nur heimlich und stille lächelt, aber das Geheimnis der
-Liebenden nicht ausspricht.
-
-Verschwunden war die erhabene Haltung Mariens, verschwunden die
-Majestät ihrer Stirne und jener gebietende, ernste Blick, der auch
-den Kühnsten gefesselt hätte; aber man war versucht, jene erhabeneren
-Schönheiten nicht zurückzuwünschen; lag doch in diesem verschämten
-Bekenntnis, durch einen Blick des Geliebten überwunden zu sein, ein
-höherer Reiz, als wenn das stolze Auge frei um sich geblickt und dieser
-geschlossene Mund das Geständnis der Liebe laut und offen ausgesprochen
-hätte. So hatte die Natur Marien an diesem Tage einen neuen Zauber
-verliehen, der so mächtig wirkte, daß Georg einige Momente seine Braut
-verwunderungsvoll betrachtete und sein Herz sich stolzer hob, im
-Gefühle, dieses liebliche Kind sein nennen zu dürfen.
-
-Jetzt kam auch der Herzog, der den Ritter von Lichtenstein an der
-Hand führte. Er musterte mit schnellen Blicken den reichen Kreis der
-Damen, und auch er schien sich zu gestehen, daß Marie die schönste sei.
-»Sturmfeder!« sagte er, indem er den Glücklichen auf die Seite führte,
-»dies ist der Tag, der dich für vieles belohnt. Gedenkst du noch der
-Nacht, wo du mich in der Höhle besuchtest und nicht erkanntest? Damals
-brachte Hans, der Pfeifer, einen guten Trinkspruch aus: ›Dem Fräulein
-von Lichtenstein! Möge sie blühen für Euch!‹ -- Jetzt ist sie dein, und
-was nicht minder schön ist, auch dein Trinkspruch ist erfüllt: Wir sind
-wieder eingezogen in die Burg Unserer Väter.«
-
-»Möge Euer Durchlaucht dieses Glück so lange genießen, als ich an
-Mariens Seite glücklich zu sein hoffe. Aber Eurer Huld und Gnade habe
-ich diesen schönen Tag zu verdanken, ohne Euch wäre vielleicht der
-Vater --«
-
-»Ehre um Ehre, du hast Uns treulich beigestanden, als Wir Unser
-Land wiedererobern wollten, drum gebührte es sich, daß auch Wir dir
-beistanden, um sie zu besitzen. -- Wir stellen heute deinen Vater vor,
-und als solchem wirst du Uns schon erlauben, nach der Kirche deine
-schöne Frau auf die Stirne zu küssen.«
-
-Georg gedachte jener Nacht, als der Herzog unter dem Tor von
-Lichtenstein sich auf diesen Tag vertröstete, unwillkürlich mußte
-er lächeln, wenn er der Würde und Hoheit gedachte, mit welcher die
-Geliebte den Mann der Höhle damals zurückgewiesen hatte. »Immerhin,
-Herr Herzog, auch auf den Mund! Ihr habt es längst verdient durch Eure
-großmütige Fürsprache.«
-
-»Wer sind deine Gesellen, die dich zum Altar geleiten?« fragte der
-Herzog.
-
-»Marx Stumpf und der Ulmer Ratsschreiber, ein Vetter von Lichtenstein.«
-
-»Wie, das feine Männlein, den mein Kanzler köpfen lassen wollte? Da
-hast du links den zierlichsten und rechts den tapfersten Mann des
-Schwabenlandes. Glück zu, junger Herr! Doch ich will dir raten, mehr
-_rechts_ zu halten als links, dann kann es dir nie fehlen auf Erden,
-und wärst du so eifersüchtig als ein Türke. Sieh, sieh, da kommt ja
-der Rechte! sieh, wie seine breite Gestalt sich wunderlich ausnimmt
-unter den Frauenzimmern. Und wie er sich stattlich angetan hat! Den
-verschossenen grünen Mantel trug er schon Anno Elf auf Unserer Hochzeit
-mit Frau Sabina lobesan.«
-
-»Kann mich nicht viel mit dem Anzug befassen,« erwiderte der tapfere
-Ritter von Schweinsberg, der die letzten Worte noch gehört hatte;
-»auch mit dem Tanzen will es nicht recht gehen, Ihr werdet mich
-entschuldigen; will aber heute abend im Ritterspiel der neue Eheherr
-eine Lanze mit mir brechen, so --«
-
-»So willst du ihm aus lauter Zärtlichkeit und Höflichkeit ein
-paar Rippen einstoßen!« lachte der Herzog; »das heiße ich einen
-Bräutigamsgesellen von echter Art. Nein, da rate ich dir, Georg, dich
-lieber links zu halten; der Ulmer wird dir nicht wehe tun.«
-
-Die Flügeltüren öffneten sich jetzt, und man sah auf der breiten
-Galerie das Hofgesinde des Herzogs in Ordnung aufgestellt. An diese
-schlossen sich die Edelknaben an, welche brennende Kerzen trugen;
-dann folgte der glänzende Zug der Fräulein und Edelfrauen, die sich
-zu diesem Feste eingefunden hatten. Sie waren in reiche, mit Gold und
-Silber durchwirkte Stoffe gekleidet, und jede hatte einen Blumenstrauß
-und eine Zitrone in der Hand. Die Braut wurde von Georg von Hewen und
-Reinhardt von Gemmingen geführt. Viele Ritter und Edelleute schlossen
-sich an diese an, in ihrer Mitte ging Georg von Sturmfeder, Marx
-Stumpf zu seiner Rechten, der Ratsschreiber Dietrich von Kraft zu
-seiner Linken. Sein ganzes Wesen schien von einer würdigen Freude
-gehoben, seine Augen blinkten freudig, sein Gang war der Gang eines
-Siegers. Er ragte mit dem wallenden Haar, mit den wehenden Federn des
-Baretts weit über seine Gesellen hervor. Die Leute betrachteten ihn
-staunend, die Männer lobten laut seine hohe, männliche Gestalt, seine
-edle Haltung, aber die Mädchen flüsterten leise und priesen seine
-schönen Züge und das freie, glänzende Auge.
-
-So ging der Zug aus dem Tore des Schlosses nach der Kirche, die nur
-durch einen breiten Platz von ihm getrennt war. Kopf an Kopf standen
-die schönen Mädchen und die redseligen Frauen, sie musterten die Anzüge
-der Fräulein, strengten die Blicke an, als die schöne Braut vorbeiging,
-und waren voll Lobes über den Bräutigam.
-
-Unter den zahlreichen Zuschauern sah man auch eine rüstige, runde
-Bauersfrau mit ihrem Töchterlein stehen. Diese Frau verneigte sich
-immerwährend zur großen Belustigung der Städtler umher, die nur der
-Braut und dem Herzog diese Aufmerksamkeit bewiesen. Sie unterhielt
-sich dabei eifrig mit ihrer Tochter. Das schöne Kind an ihrer Seite
-schien aber wenig auf ihre Reden zu achten; sie übersah den glänzenden
-Zug der Fräulein, ihre hellen Augen waren nur immer auf die nahende
-Braut gerichtet. Je näher diese kam, desto röter färbten sich die
-Wangen des Mädchens, das rote Mieder hob und senkte sich ungestüm, und
-das pochende Herz schien die silbernen Ketten, womit es eingeschnürt
-war, zersprengen zu wollen. Sie sah Marien fest und durchdringend an,
-die hohe Schönheit der jungen Braut schien sie zu überraschen, ein
-wehmütiges Lächeln zuckte um ihren kleinen Mund. »Sie ist's!« rief
-sie unwillkürlich aus und verbarg dann schnell ihr Gesicht hinter dem
-Rücken ihrer Mutter, denn die Umstehenden sahen verwundert nach ihr
-hin.«
-
-»Jo, dia ist's; Bärbele! Dia ist grausig schö!« flüsterte die runde
-Frau und neigte sich tief. »Jetzt wellet mer uf da Junker bassa.«
-
-Das Mädchen schien diesen Rat nicht erst zu bedürfen, denn sie blickte
-längst hinüber nach jener Seite, woher er kommen mußte. »Er kommt, er
-kommt,« hörte sie ihre Nachbarn flüstern; »der ist's in dem weißen
-Kleid, mit dem blauen Mantel, er geht gerade vor dem Herzog.« Sie
-sah ihn, nur einen Blick warf sie nach ihm hin und wagte dann nicht
-mehr aufzublicken; die tiefe Röte ihrer Wangen verschwand, als er
-vorüberging, sie zitterte, eine Träne fiel herab auf das rote Mieder;
--- jetzt war er vorüber, jetzt hob sich das Köpfchen wieder ein wenig
-auf und sandte ihm einen Blick nach, der mehr auszudrücken schien als
-die reine Bewunderung oder das Staunen der Neugierde.
-
-Als der Zug vorüber war, drängten sich die Zuschauer mit Ungestüm zu
-den Kirchtüren, und in einem Augenblick war der Platz, der noch kurz
-zuvor den Anblick einer bunten, wogenden Menge dargeboten hatte, wie
-ausgestorben. Die runde Frau blickte noch immer staunend den schönen,
-geputzten Stadtjungfern nach, welche mit ihren brokatenen Hauben und
-goldgestickten Miedern, mit ihren feinen, langen Röcken, an welchen
-man nur um den Hals und Busen den Zeug allzusehr gespart zu haben
-schien, in der Bauersfrau mächtige Sehnsucht nach solcher Pracht und
-Herrlichkeit erweckt hatten.
-
-Als sie sich umwandte, erschrak sie nicht wenig, denn ihr holdes Kind
-hatte das blühende Gesichtchen in die Hände verborgen und weinte.
-Sie konnte nicht begreifen, was dem Mädchen begegnet sein könne, sie
-faßte ihre Hand, zog sie herab von den Augen -- sie weinte bitterlich.
-»Was hoscht denn, Bärbele,« fragte sie halb unmutig, doch nicht ohne
-Teilnahme, »was heulscht denn? Hoscht's denn et g'seha? Gang, 's ist jo
-a Schand! Wenn's jo ebber sieht; so sag' no, worum du heulscht?«
-
-»I wois et, Muater!« flüsterte sie, indem sie vergeblich ihre Tränen zu
-bezwingen suchte; »es ist mer so weh im Herz drin, i woiß et worum.«
-
-»Laß jetzt bleiba, sag e! Komm, sonst kommemer z'spot in d'Kirch.
-Hairsch, wie se musizieret und singet? Komm, sonst sehe mer nix mai!«
-Die Frau zog bei diesen Worten das Mädchen nach der Kirche. Bärbele
-folgte, sie bedeckte die Augen mit der weißen Schürze, um nicht den
-Stadtleuten zum Gespötte zu werden; aber die tiefen Seufzer, die
-sich aus ihrer Brust heraufstahlen, ließen ahnen, daß sie einen
-tiefen Schmerz vergeblich zu unterdrücken suchte. Die Orgel schwieg,
-der Chorgesang verstummte, als sie an der Kirchtüre anlangten. Die
-Einsegnung des schönen Paares mußte in diesem Augenblicke beginnen.
-Aber vergebens suchte die runde Frau durch die dichten Reihen zu
-dringen, welche die Türe füllten, sie wurde, so oft sie sich in
-einen freien Raum zu schieben suchte, unwillig und mit Scheltworten
-zurückgestoßen.
-
-»Komm, Muater!« sprach das Mädchen. »Mer wellet hoim; mer sent arme
-Leut', uns lasset se et in d'Kirch; komm hoim.«
-
-»Was? D'Kircha sind für älle Leut' erschaffa; au für d'Arme. Wia, ihr
-Herra, lent es e bißle do nei. Mer sehet jo gar nix.«
-
-»Waz!« sprach der Mann, an den sie sich gewendet hatte, und kehrte
-ihr ein rotbraunes Gesicht mit schrecklichem Bart zu, »waz? Packt
-euch fort, wir lassen niemand durch; wir zind die allergnädigsten
-herzoglichen Landsknechte, wir, und nach dem Zanktus, hat der Hauptmann
-befohlen, darf keine Zeele mer durch; Mordblei! tut mir leid, wenn ich
-in der Kirche fluche, aber ich zag', weg da!«
-
-»Die Olte muß weg, sogen wer, ober das Dienderl darf 'rein; komm
-Schatzerl! Do konnst's recht gut sehen; schaut's, jetzt steckt ihr der
-Propst den Ring on, jetzt legt er ihne die Händ' zusommen -- gib mir
-en Schmatzerl, dann darfst's seh'n.« Der Staberl von Wien streckte
-bei diesen Worten seine tapfere Hand nach dem Mädchen aus, doch diese
-schrie laut auf und entfloh weinend; die runde Frau aber verwünschte
-die Stadtleute, die Stadtkirchen und die unanständigen Landsknechte,
-und folgte ihrer Tochter.
-
-
-
-
-32.
-
- So hab' ich endlich dich gerettet
- Mir aus der Menge wilden Reih'n;
- Du bist in meinen Arm gekettet,
- Du bist nun mein, nun einzig mein;
- Es schlummert alles diese Stunde.
- Nur wir noch leben auf der Welt,
- Wie in der Wasser stillem Grunde
- Der Meergott seine Göttin hält.
-
- _Uhland._
-
-
-Herzog Ulrich von Württemberg liebte eine gute Tafel, und wenn in guter
-Gesellschaft die Becher kreisten, pflegte er nicht so bald das Zeichen
-zum Aufbruch zu geben. Auch am Hochzeitsfeste Mariens von Lichtenstein
-blieb er seiner Gewohnheit treu. Man war, als die heilige Handlung
-in der Kirche vorüber war, in den Lustgarten am Schloß gezogen; dort
-hatten sich in den Laubgängen und künstlich verschlungenen Wegen
-die Hochzeitsgäste ergangen oder an den zahmen Hirschen und Rehen
-im Gehege oder an den Bären, die in einem der Gräben des Schlosses
-umherwandelten, sich ergötzt. Um zwölf Uhr hatten die Trompeten zur
-Tafel gerufen. Sie wurde in der Tyrnitz gehalten, einer weiten hohen
-Halle, die viele hundert Gäste faßte. Diese Halle war die Zierde des
-Schlosses zu Stuttgart. Sie maß wohl hundert Schritte in der Länge;
-die eine Seite, die gegen den Garten des Schlosses lag, war von vielen
-breiten Fenstern unterbrochen, und der freundliche Tag ergoß sich
-durch die vielfarbigen Scheiben und erhellte überall das ungeheure
-Gemach, das mit seinen Wölbungen und Säulen mehr einer Kirche als
-einem Tummelplatze der Freude glich. Um die drei übrigen Seiten liefen
-Galerien mit Teppichen reich behängt, sie waren für die Geiger und
-Trompeter und für die Zuschauer bei einem fürstlichen Mahle bestimmt;
-oft aber dienten sie den Damen und Kampfrichtern zu Tribünen, wenn
-nicht der Klang der Becher, sondern Schwerthiebe, das Krachen der
-Lanzen, das Sausen der Speere und das Gelächter und Geschrei der
-Kämpfer beim freien Waffenspiel in der Halle erscholl.
-
-Aber heute sah man hier einen gemischten Kreis schöner Frauen und
-fröhlicher Männer um reichbesetzte Tafeln sitzen. Auf den Galerien
-schwangen die Geiger lustig ihre Fiedelbogen. Die Zinkenisten bliesen
-ihre Backen auf, die Trommler schlugen kräftig auf die Felle, und mit
-Jauchzen und Hallo stimmte die Volksmenge, die man auf den übrigen
-Teilen der Galerien zugelassen hatte, ein, wenn die Herren unten einen
-Trinkspruch ausgebracht hatten. Am oberen Ende der Halle saß unter
-einem Thronhimmel der Herzog. Er hatte seinen Hut weit aus der Stirne
-gerückt, schaute fröhlich um sich und sprach dem Becher fleißig zu. Zu
-seiner Rechten, an der Seite des Tisches, saß Marie; jetzt wollte die
-Sitte nicht mehr, daß sie die Augen niederschlug und sechs Schritte von
-dem Geliebten entfernt blieb. Ein fröhliches Leben war in ihre Augen,
-um ihren Mund eingezogen; sie blickte oft nach ihrem neuen Gemahl,
-der ihr gegenüber saß, es war ihr oft, als müsse sie sich überzeugen,
-daß dies alles kein Traum, daß sie wirklich eine Hausfrau sei und den
-Namen, den sie achtzehn Jahre getragen, gegen den Namen Sturmfeder
-vertauscht habe; sie lächelte, so oft sie ihn ansah, denn es kam ihr
-vor, als gebe er sich, seitdem er aus der Kirche kam, eine gewisse
-Würde. »Er ist mein Haupt,« sagte sie lächelnd zu sich, »mein Herr,
-mein Gebieter; o der gute Herr! das liebe Haupt!«
-
-Und es war so, wie Marie zu bemerken glaubte: Georg fühlte sich
-gehobener, mit einer neuen Würde umgeben; es schien ihm, als zeigen
-ihm die Junker mehr Ehrfurcht, als ziehen ihn die älteren Ritter mehr
-freundlicher zu sich heran, seit er nicht mehr allein in der Welt
-stand, sondern wie sie ein Hausvater, vielleicht der Stammhalter eines
-glänzenden Geschlechtes geworden war. Denn in den guten alten Zeiten
-waren die Begriffe noch anders als heutzutag, und man dachte sich den
-Edelmann und den Bürger nicht anders, als mit Weib und Kindern, und
-überließ das Zölibat den Mönchen.
-
-In die Nähe des Herzogs war der Ritter von Lichtenstein, Marx Stumpf
-von Schweinsberg und der Kanzler gezogen worden, und auch der
-Ratsschreiber von Ulm saß nicht ferne, weil er heute als Geselle des
-Bräutigams diesen Ehrenplatz sich erworben hatte. Der Wein begann schon
-den Männern aus den Augen zu leuchten und den Frauen die Wangen höher
-zu färben, als der Herzog seinem Küchenmeister ein Zeichen gab. Die
-Speisen wurden weggenommen und im Schloßhof unter die Armen verteilt;
-auf die Tafel kamen jetzt Kuchen und schöne Früchte, und die Weinkannen
-wurden für die Männer mit besseren Sorten gefüllt; den Frauen brachte
-man kleine silberne Becher mit spanischem, süßem Weine. Sie behaupteten
-zwar, keinen Tropfen mehr trinken zu können, doch nippten und nippten
-sie von dem süßen Nektar immer wieder, bis man die Nagelprobe hätte
-machen können. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo nach der Sitte der
-Zeit dem neuen Ehepaar Geschenke überbracht wurden. Man stellte Körbe
-neben Marien auf, und als die Geiger und Pfeifer von neuem gestimmt
-hatten und aufzuspielen anfingen, bewegte sich ein langer, glänzender
-Zug in die Halle. Voran gingen die Edelknaben des fürstlichen Hofes,
-sie trugen goldene Deckelkrüge, Schaumünzen, Schmuck von edlen Steinen
-als Geschenke des Herzogs.
-
-»Mögen euch diese Becher, wenn sie bei den Hochzeiten eurer Kinder, bei
-den Taufen eurer Enkel kreisen, mögen sie euch an einen Mann erinnern,
-dem ihr beide im Unglück Liebe und Treue bewiesen, an einen Fürsten,
-der im Glück euch immer gewogen und zugetan ist.«
-
-Georg war überrascht von dem Reichtum der Geschenke. »Euer Durchlaucht
-beschämen uns,« rief er; »wollet Ihr Liebe und Treue _belohnen_, so
-wird sie nur zu bald um Lohn feil sein.«
-
-»Ich habe sie selten rein gefunden,« erwiderte Ulrich, indem er einen
-unmutigen Blick über die lange Tafel hinschickte und dem jungen Mann
-die Hand drückte, »noch seltener, Freund Sturmfeder, hat sie mir Probe
-gehalten, drum ist es billig, daß Wir die reine Treue mit reinem
-Golde und edle Liebe mit edlen Steinen zu belohnen suchen. Doch wie,
-Eure schöne Frau vergießt Tränen? Ich weiß die Quelle dieses klaren
-Taues, es ist die Erinnerung an Unser bitteres Geschick, die Wir selbst
-heraufbeschworen haben. Hinweg mit diesen Tränen, schöne Frau! am
-Hochzeitstag ist es kein gutes Zeichen. Doch mit Verlaub Eures Eheherrn
-will ich jetzt eine alte Schuld einziehen, Ihr wißt noch, welche?«
-
-Marie errötete und warf einen forschenden Blick nach Georg hinüber,
-als fürchtete sie, jenes alte Uebel, das sie oft kaum zu beschwören
-vermochte, möchte wiederkehren. Georg wußte recht wohl, was der Herzog
-meine, denn jene Szene, die er hinter der Türe belauschte, war ihm noch
-immer im Gedächtnis, doch er fand Gefallen daran, den Herzog und Marien
-zu necken, und antwortete, als diese noch immer schwieg: »Herr Herzog,
-wir sind jetzt zusammen ein Leib und eine Seele, wenn also meine Frau
-in früheren Zeiten Schulden gemacht hat, so steht es _mir_ zu, sie zu
-bezahlen.«
-
-»Ihr seid zwar ein hübscher Junge,« entgegnete Ulrich mit Laune, »und
-manche unserer Fräulein hier am Tische möchte vielleicht gerne einen
-solchen Schuldbrief an Euren schönen Mund einzufordern haben; mir aber
-kann dies nicht frommen, denn meine Urkunde lautet auf die roten Lippen
-Eurer Frau.«
-
-Der Herzog stand bei diesen Worten auf und näherte sich Marien, die
-bald errötend, bald erbleichend ängstlich auf Georg herübersah. »Herr
-Herzog,« flüsterte sie, indem sie den schönen Nacken zurückbog, »es
-war nur Scherz; -- ich bitte Euch.« Doch Ulrich ließ sich nicht irre
-machen, sondern zog die Schuld samt Zinsen von ihren schönen Lippen ein.
-
-Der alte Herr von Lichtenstein sah bei dieser Szene finster bald auf
-den Herzog, bald auf seine Tochter; vielleicht mochte ihm Ulrich von
-Hutten beifallen, denn seine Blicke streiften auch ängstlich auf
-seinen Schwiegersohn. Der Kanzler Ambrosius Volland aber schaute mit
-höhnischer Schadenfreude aus den grünen Aeuglein auf den jungen Mann.
-»Hi, hi,« rief er ihm zu, »ich leere meinen Becher auf gutes Wohlsein.
-Eine schöne Frau ist eine gute Bittschrift in aller Not; wünsche
-Glück, liebster, wertgeschätzter Herr; hi! hi! 's ist ja auch was
-Unschuldiges, so lange es vor den Augen des Ehemanns geschieht!«
-
-»Allerdings, Herr Kanzler!« erwiderte Georg mit großer Ruhe, »um
-so unschuldiger, als ich selbst dabei war, wie meine Frau Seiner
-Durchlaucht diesen Dank zusagte. Der Herr Herzog versprach beim Vater
-für uns zu bitten, daß er mich zu seinem Eidam annehme, und bedung sich
-dafür diesen Lohn an unserm Hochzeitstage.«
-
-Der Herzog sah den jungen Mann mit Staunen an; Marie errötete
-von neuem, denn sie mochte sich jene ganze Szene ins Gedächtnis
-zurückrufen; aber keines von beiden widersprach ihm, sei es, weil sie
-es für unschicklich hielten, ihn Lügen zu strafen, sei es, weil sie
-ahneten, er könne sie belauscht haben. Aber Ulrich konnte doch nicht
-unterlassen, ihn heimlich um die näheren Umstände zu befragen; er
-teilte sie ihm in wenigen Worten mit.
-
-»Du bist ein sonderbarer Kauz!« flüsterte der Herzog lachend, »was
-hättest du denn gemacht, wenn Wir damals ein Küßchen erobert hätten?«
-
-»Ich kannte Euch noch nicht,« flüsterte Georg ebenso leise, »drum hätte
-ich Euch auf der Stelle niedergestochen und an der nächsten Eiche
-aufgehängt.«
-
-Der Herzog biß sich in die Lippen und sah ihn verwundert an; dann aber
-drückte er ihm freundlich die Hand und sagte: »Da hättest du alles
-Recht dazu gehabt, und Wir wären in Unseren Sünden abgefahren. -- Doch
-siehe, da bringen sie wieder Spenden für die Braut.«
-
-Es erschienen jetzt die Diener der Ritter und Edeln, die zur Hochzeit
-geladen waren, die trugen allerlei seltenes Hausgeräte, Waffen, Stoff
-zu Kleidern und dergleichen; man wußte zu Stuttgart, daß es der
-Liebling des Herzogs sei, dem dieses Fest gelte, drum hatte sich auch
-eine Gesandtschaft der Bürger eingestellt, ehrsame, angesehene Männer
-in schwarzen Kleidern, kurze Schwerter an der Seite, mit kurzen Haaren
-und langen Bärten. Der eine trug eine aus Silber getriebene Weinkanne,
-der andere einen Humpen aus demselben Metall, mit eingesetzten
-Schaumünzen geschmückt. Sie nahten sich ehrerbietig zuerst dem Herzog,
-verbeugten sich vor ihm und traten dann zu Georg von Sturmfeder.
-
-Sie verbeugten sich lächelnd auch vor ihm, und der mit dem Humpen hub
-an:
-
- »Gegrüßet sei das Ehepaar
- Und leb' zusamt noch manches Jahr!
- Um euch zu fristen langes Leben,
- Will Stuttgart euch ein Tränklein geben.
- Des Lebens Tränklein ist der Wein,
- Komm, guter Geselle, schenk' mir ein.«
-
-Der andere Bürger goß aus der Flasche den Humpen voll und sprach,
-während der erste trank:
-
- »Von diesem Tränklein steht ein Faß
- Vor eurer Wohnung auf der Gaß':
- Es ist vom besten, den wir haben,
- Er soll Euch Leib und Seele laben;
- Er geb' euch Mut, Gesundheit, Kraft:
- Das wünscht euch Stuttgarts Bürgerschaft.«
-
-Der erstere hatte indessen ausgetrunken, füllte den Becher von neuem
-und sprach, indem er ihn dem jungen Mann kredenzte:
-
- »Und wenn Ihr trinkt von diesem Wein,
- Soll Euer erster Trinkspruch sein:
- ›Es leb' der Herzog und sein Haus!‹
- Ihr trinkt bis auf den Boden aus;
- Dann schenkt Ihr wieder frischen ein:
- ›Hoch leb' Sturmfeder und Lichtenstein!‹
- Und lüstet Euch noch eins zu trinken,
- Mögt Ihr an Stuttgarts Bürger denken.«
-
-Georg von Sturmfeder reichte beiden die Hand und dankte ihnen für ihr
-schönes Geschenk; Marie ließ ihre Weiber und Mädchen grüßen, und auch
-der Herzog bezeugte sich ihnen gnädig und freundlich. Sie legten den
-silbernen Becher und die Kanne in den Korb zu den übrigen Geschenken
-und entfernten sich ehrbaren und festen Schrittes aus der Tyrnitz. Doch
-die Bürger waren nicht die letzten gewesen, welche Geschenke gebracht
-hatten; denn kaum hatten sie die Halle verlassen, so entstand ein
-Geräusch an der Türe, wo die Landsknechte Wache hielten, das selbst die
-Aufmerksamkeit des Herzogs auf sich zog. Man hörte tiefe Männerstimmen
-fluchen und befehlen, dazwischen ertönten hohe Weiberstimmen, von denen
-besonders eine, die am heftigsten haderte, der Gesellschaft am obersten
-Ende der Tafel sehr bekannt schien.
-
-»Das ist wahrhaftig die Stimme der Frau Rosel!« flüsterte Lichtenstein
-seinem Schwiegersohn zu, »Gott weiß, was sie wieder für Geschichten
-hat.«
-
-Der Herzog schickte einen Edelknaben hin, um zu erfahren, was das
-Lärmen zu bedeuten habe; er erhielt zur Antwort, einige Bauernweiber
-wollen durchaus in die Halle, um den Neuvermählten Geschenke zu
-bringen, da es aber nur gemeines Volk sei, so wollen sie die
-Knechte nicht einlassen. Ulrich gab Befehl, sie vorzubringen, denn
-die Sprüchlein der Bürger hatten ihm gefallen, und auch von den
-Bauersleuten versprach er sich Kurzweil. Die Knechte gaben Raum, und
-Georg erblickte zu seinem Erstaunen die runde Frau des Pfeifers von
-Hardt mit ihrem schönen Töchterlein, geführt von der Frau Rosel, ihrer
-Base.
-
-Schon auf dem Wege in die Kirche hatte er die holden Züge des Mädchens
-von Hardt, die er nicht aus seinem Gedächtnis verloren, zu bemerken
-geglaubt; aber wichtigere Gedanken und die Heiligkeit des Sakramentes,
-die seine ganze Seele füllten, hatten diese flüchtige Erscheinung
-verdrängt. Er belehrte die Gesellschaft, wer die Nahenden seien, und
-mit großem Interesse blickten sie alle auf das Kind jenes Mannes,
-dessen wunderbares Eingreifen in das Schicksal des Herzogs ihnen oft
-so unbegreiflich gewesen war, dessen Treue so erhaben, dessen Hilfe in
-der Not so willkommen erschienen war. Das Mädchen hatte die blonden
-Haare, die offene Stirne, die Züge ihres Vaters; nur die List, die aus
-seinen Augen, die Kühnheit und Kraft, die aus seinem Wesen sprach, war
-bei ihr, wenn sie nicht schüchtern und blöde war, in eine neckende
-Freundlichkeit und in rüstiges, behendes Wesen übergegangen. So hatte
-sie Georg erkannt, als er im Hause des Pfeifers wohnte; doch heute
-schien sie vor den vielen vornehmen Leuten etwas schüchtern, ja,
-es wollte ihm sogar scheinen, als sei ein neuer Zug in ihr Gesicht
-gekommen, den er früher nicht an ihr bemerkt hatte, eine gewisse Wehmut
-und Trauer, die sich um ihren Mund und in ihren Augen aussprach.
-
-Die Pfeifersfrau wußte, was Lebensart sei, sie verbeugte sich daher
-von der Türe der Tyrnitz in einem fort, bis sie zum Stuhl des Herzogs
-kam. Frau Rosel hatte noch die Röte des Zornes auf ihren magern Wangen,
-denn die Landsknechte, namentlich der Magdeburger und Kaspar Staberl,
-hatten sie höchlich beleidigt und sie eine dürre Stange geheißen. Ehe
-sie noch sich sammeln und den Herrschaften geziemend die Familie ihres
-Bruders vorstellen konnte, hatte die runde Frau schon einen Zipfel von
-des Herzogs Mantel gefaßt und ihn an die Lippen gedrückt. »Gueten Obed,
-Herr Herzich,« sprach sie dazu mit tiefen Knicksen; »wie got Uich's,
-seit Er wieder in Schtuagert send; mei Ma loßt Eich schö grüaßa; mer
-komme aber et zum Herr Herzich, noi, zu dem Herra dort drübe welle mer.
-Mer hent a Hochzeitschenke für sei Frau. Do siezt se jo, gang, Bärbele,
-lang's aus em Krättle.«
-
-»Ach, du lieber Gott!« fiel Frau Rosel ihrer Schwägerin ins Wort;
-»bitt' untertänigst um Verzeihung, Euer Durchlaucht, daß ich die Leut'
-'reingebracht habe; 's ist Frau und Kind vom Pfeifer von Hardt. Ach, du
-Herr Gott! nehmet doch nichts übel, Herr Herzog; die Frau meint's g'wiß
-gut.«
-
-Der Herzog lachte mehr über diese Entschuldigung der Frau Rosel als
-über die Reden ihrer Schwägerin: »Was macht denn dein Mann, der
-Pfeifer? Wird er uns bald besuchen? Warum kam er nicht mit euch?«
-
-»Sell hot sein' Grund, Herr!« erwiderte die runde Frau; »wenn's Krieg
-geit, bleibt er g'wiß et aus; do ka mer'n brauche; aber im Frieda? Noi,
-do denkt er, mit grauße Herra ist's et guet Kirsche fressa.«
-
-Frau Rosel wollte beinahe verzweifeln über die Naivität der runden
-Frau, sie zog sie am Rock und am langen Zopfband, es half nichts, die
-Frau des Pfeifers sprach zu großer Ergötzung des Herzogs und seiner
-Gäste immer weiter, und das unauslöschliche Gelächter, das ihre
-Antworten erregten, schien ihr Freude zu machen. Bärbele hatte indessen
-mit dem Deckel des Körbchens gespielt, sie hatte einigemal gewagt, ihre
-Blicke zu erheben, um jenes Gesicht wiederzusehen, das im Fieber der
-Krankheit so oft an ihrem Busen geruht und in ihren treuen Armen Ruhe
-und Schlummer gefunden hatte, jenen Mund wiederzusehen, den sie so oft
-heimlicherweise mit ihren Lippen berührt hatte, und jene Augen, deren
-klarer, freundlicher Strahl ewig in ihrem Gedächtnis fortglühte. Sie
-erhob ihre Blicke immer wieder von neuem, doch, wenn sie bis an seinen
-Mund gekommen war, schlug sie sie wieder -- aus Furcht, seinem Auge zu
-begegnen -- herab.
-
-»Siehe, Marie,« hörte sie ihn sagen, »das ist das gute Kind, das mich
-pflegte, als ich krank in ihres Vaters Hütte lag, das mir den Weg nach
-Lichtenstein zeigte.«
-
-Marie wandte sich um und ergriff gütig ihre Hand; das Mädchen zitterte,
-und ihre Wangen färbte ein dunkles Rot; sie öffnete ihr Körbchen und
-überreichte ein Stück schöner Leinwand und einige Bündel Flachs, so
-fein und zart wie Seide. Sie versuchte zu sprechen, aber umsonst, sie
-küßte die Hand der jungen Frau, und eine Träne fiel herab auf ihren
-Ehering.
-
-»Ei, Bärbele,« schalt Frau Rosel, »sei doch nicht so schüchtern und
-ängstlich. Gnädiges Fräulein -- wollte sagen, gnädige Frau, habt
-Nachsicht, sie kommt selten zu vornehmen Leuten. Es ist niemand so gut,
-er hat zweierlei Mut, heißt es im Sprichwort. Das Mädchen kann sonst
-so fröhlich sein wie eine Schwalbe im Frühling. --«
-
-»Ich danke dir, Bärbele!« sagte Marie. »Wie schön deine Leinwand ist!
-Die hast du wohl selbst gesponnen?«
-
-Das Mädchen lächelte durch Tränen; sie nickte ein Ja! -- zu sprechen
-schien ihr in diesem Augenblick unmöglich zu sein. Der Herzog befreite
-sie von dieser Verlegenheit, um sie in eine noch größere zu ziehen.
-»Wahrhaftig, ein schönes Kind hat Hans der Spielmann,« rief er aus und
-winkte ihr, näher zu treten. »Hoch gewachsen und lieblich anzuschauen!
-Schaut nur, Herr Kanzler, was ihr das rote Mieder und das kurze
-Röckchen gut ansteht; wie? Ambrosius Volland, meinst du nicht, Wir
-könnten durch ein allgemeines Edikt diese niedliche Tracht auch bei
-unsern Schönen in Stuttgart einführen?«
-
-Der Kanzler verzog sein Gesicht zu einem greulichen Lächeln; er
-beschaute das errötende Mädchen mit seinen Aeuglein vom Kopf bis zu den
-Füßen. »Man könnte zum Grund angeben,« sagte er, »daß dadurch eine Elle
-in der Länge erspart würde. So gut Euer Durchlaucht vor einigen Jahren
-das Maß und Gewicht hat kleiner machen lassen, habt Ihr nach allen
-Regeln der Logika auch das Recht, dem Frauenzimmer die Röcklein zu
-verkürzen. Wäre aber damit nichts gewonnen, denn -- hi, hi, hi! schaut
-nur, was dort wegfiele, müßten dann die hiesigen Schönen oben wieder
-ansetzen. Und wer weiß, ob sie sich gerne dazu verstünden? Sie gehören
-zum Geschlecht der Pfauen, und Ihr wißt schon, daß diese nicht gerne
-auf ihre Beine sehen.«
-
-»Hast recht, Ambrosius,« lachte der Herzog. »Es geht doch nichts über
-einen gelehrten Herrn! Aber sag' einmal, Kind, hast du auch schon einen
-Schatz? einen Liebsten?«
-
-»Ei was, Euer Durchlaucht!« unterbrach ihn die runde Frau, »wer wird so
-ebbes von so ema Kind denka! Se ist a ehrlichs Mädle, Herr Herzich!«
-
-Der Herzog schien nicht auf diese Bemerkung zu hören; er betrachtete
-lächelnd die Verlegenheit, die sich auf den reinen Zügen des Mädchens
-abspiegelte; sie seufzte leise, sie spielte mit den bunten Bändern
-ihrer Zöpfe; sie sandte unwillkürlich einen Blick, aber einen Blick
-voll Liebe auf Georg von Sturmfeder und schlug dann errötend wieder
-die Augen nieder. Der Herzog, dem dies alles nicht entging, brach in
-lautes Lachen aus, in das die übrigen Männer einstimmten. »Junge Frau!«
-sagte er zu Marien, »jetzt könnt Ihr billig die Eifersucht Eures Herrn
-teilen; wenn Ihr gesehen hättet, was ich sah, könntet Ihr allerlei
-deuteln und vermuten.«
-
-Marie lächelte und blickte teilnehmend auf das schöne Mädchen; sie
-fühlte, wie wehe ihr der Spott der Männer tun müsse. Sie flüsterte der
-Frau Rosel zu, sie und die runde Frau zu entfernen. Auch dies bemerkte
-Ulrichs scharfer Blick, und seine heitere Laune schrieb es der schnell
-erwachten Eifersucht zu. Marie aber band ein schönes, aus Gold und
-roten Steinen gearbeitetes Kreuzchen ab, das sie an einer Schnur um
-den Hals getragen, und reichte es dem überraschten Mädchen. »Ich danke
-dir,« sagte sie ihr dazu; »grüße deinen Vater und besuche uns recht oft
-hier und in Lichtenstein. Wie wäre es, wenn du mir dientest als Zofe?
-Du sollst es gut haben und hast ja auch deine Muhme, Frau Rosel, bei
-uns.«
-
-Das Mädchen erschrak sichtbar; sie schien mit sich zu kämpfen; oft
-schien ein freundliches Lächeln »ja« sagen zu wollen, aber ebenso oft
-drängte ein schmerzlicher Zug um den Mund diesen Entschluß zurück. »I
-dank' schö, gnädige Frau!« antwortete sie, indem sie Mariens schöne
-Hand küßte, »aber i mueß daheim bleibe: d'Mueter wird alt und braucht
-me, b'hüt Uich Gott der Herr, älle Heilige walten über Uich, und die
-heilige Jungfrau sei Uich gnädig. Lebet g'sund und froh mit Eurem
-Herra, es ist a gueter, lieber Herr!« Noch einmal beugte sich Bärbele
-herab auf Mariens Hand und entfernte sich dann mit ihrer Mutter und der
-Base.
-
-»Hör' einmal,« rief ihr der Herzog nach, »wenn deine Mutter einmal
-zugibt, daß du einen Liebsten bekommst, so bring' ihn mir; ich will
-dich ausstatten, du hübsches Pfeiferskind!«
-
-Unter diesen Szenen war es vier Uhr geworden, und der Herzog hob die
-Tafel auf. Dies war das Zeichen, daß sich jetzt das Volk von den
-Galerien entfernen müsse, die sogleich mit Polstern und Teppichen
-belegt und zum Empfang der Damen eingerichtet wurden. In dem Parterre
-der Tyrnitz wurden schnell die Tafeln weggeräumt, Lanzen, Schwerter,
-Schilde, Helme und der ganze Apparat zu Ritterspielen herbeigeschleppt,
-und in einem Augenblicke war diese große Halle, die noch soeben der
-Sitz der Tafelfreuden gewesen war, zum Waffensaal eingerichtet. Wie
-die Damen in unsern Tagen gerne lauschen, wenn die Männer sich in
-gelehrte Diskussionen und politische Streitigkeiten einlassen, wie
-jede wünscht, den Geliebten oder Gemahl am scharfsinnigsten urteilen,
-am schnellzüngigsten disputieren zu hören, so war es in den guten
-alten Zeiten den Frauen Freude, selbst blutige Kämpfe ihrer Männer zu
-beobachten, und aus manchem schönen Auge blitzte das Hochgefühl, einem
-Tapferen anzugehören, manche holde Wange schmückte ein höheres Rot,
-nicht wenn der Geliebte in Gefahr, sondern wenn er sich zurückzuziehen
-schien oder seine Hiebe nicht so kräftig waren wie die seines Gegners.
-
-Es wurden an diesem Abend sogar Pferde in die Halle geführt, und
-Marie hatte die Freude, ihrem Geliebten den zweiten Dank im Rennen
-überreichen zu können, denn er machte den Herrn von Hewen zweimal im
-Sattel wanken. Der tapferste Kämpfer war Herzog Ulrich von Württemberg,
-eine Zierde der Ritterschaft seiner Zeit. Meldet ja doch die Sage
-von ihm, daß er an seinem eigenen Hochzeitstage acht der stärksten
-Ritter des Schwaben- und Frankenlandes in den Sand warf. Nachdem die
-Ritterspiele einige Stunden gedauert hatten, zog man zum Tanz in den
-Rittersaal, und den Siegern im Kampfe wurden die Vortänze eingeräumt.
-Der fröhliche Reigen ertönte bis in die Nacht; der Herzog schien alle
-Sorgen vor der bangen Zukunft auf den Höcker seines Kanzlers geschoben
-zu haben, der wie die böse Zeit in einem Fenster saß und mit bitterem
-Lächeln einem Vergnügen zuschaute, von welchem ihn seine eigene
-Mißgestalt ausschloß.
-
-Zum letzten Tanz vor dem Abendtrunk wollte Ulrich die Krone des Festes,
-die junge, schöne Frau Marie, aufrufen; doch im ganzen Saal suchte er
-und Georg sie vergebens auf, und die lächelnden Frauen gestanden, daß
-sechs der schönsten Fräulein sie entführt und in ihre neue Wohnung
-begleitet haben, um ihr dort, wie es die Sitte wolle, die mysteriösen
-Dienste einer Zofe zu erzeigen.
-
-»~Sic transit gloria mundi!~« sagte der Herzog lächelnd. »Und siehe,
-Georg, da nahen sie schon mit den Fackeln, deine Gesellen und zwölf
-Junker, sie wollen dir ›heimzünden‹. Doch zuvor leere noch einen Becher
-mit uns. Geh, Mundschenk! bring' vom Besten!«
-
-Marx Stumpf von Schweinsberg und Dietrich von Kraft nahten sich mit
-Fackeln und boten sich an, Georg nach Hause zu geleiten. An sie
-schlossen sich zwölf Junker, ebenfalls mit Fackeln, an, um dem jungen
-Mann diese Ehre zu erweisen; denn so wollte es die Sitte der guten
-alten Zeit. Der Mundschenk goß die Becher voll und kredenzte sie seinem
-Herzog und Georg von Sturmfeder.
-
-Ulrich sah ihn lange und nicht ohne Rührung an; er drückte seine Hand
-und sagte: »Du hast Probe gehalten. Als ich verlassen und elend unter
-der Erde lag, hast du dich zu mir bekannt; als jene vierzig meine Burg
-übergaben und kein Stückchen Württemberg mehr mein war, bist du mir
-aus dem Land gefolgt, hast mich oft getröstet und auch auf diesen Tag
-verwiesen. Bleibe mein Freund, wer weiß, was die nächsten Tage bringen.
-Jetzt kann ich wieder Hunderten gebieten, und sie schreien ›Hoch!‹ auf
-das Wohl meines Hauses, und doch war mir dein Trinkspruch mehr wert,
-den du in der Höhle ausbrachtest und den das Echo beantwortete. Ich
-erwidere es jetzt und gebe es dir zurück: Sei glücklich mit deinem
-Weibe, möge dein Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen; möge
-es Württemberg nie an Männern fehlen, so mutig im Glück, so treu im
-Unglück wie du!«
-
-Der Herzog trank, und eine Träne fiel in seinen Becher. Die Gäste
-stimmten jubelnd in seinen Ruf, die Fackelträger ordneten sich, und
-seine Gesellen führten Georg von Sturmfeder aus dem Schloß der Herzoge
-von Württemberg.
-
-
-
-
-33.
-
- Auch aus entwölkter Höhe
- Kann der zündende Donner schlagen,
- Darum in deinen glücklichen Tagen
- Fürchte des Unglückes tückische Nähe.
-
- _Schiller._
-
-
-Der Weg, den die berühmten Novellisten unserer Tage bei ihren
-Erzählungen aus alter oder neuer Zeit einschlagen, ist ohne Wegsäule zu
-finden und hat ein unverrücktes, bestimmtes Ziel. Es ist die Reise des
-Helden zur Hochzeit. Mag sein Weg sich noch so oft krümmen, wagt er es
-sogar, Abstecher zu machen und in Wirtshäusern und Burgen ungebührlich
-lange zu verweilen, er eilt nachher um so rascheren Schrittes seinem
-Ziele zu, und wenn er endlich nach so vielen Leiden mit gehöriger Würde
-in die Brautkammer geschoben ist, pflegt der Autor dem Leser die Türe
-vor der Nase zuzuwerfen und das Buch zu schließen. Auch wir hätten mit
-dem herrlichen Reigen im Schlosse zu Stuttgart schließen oder den Leser
-mit dem Fackelzug des Bräutigams aus dem Buche hinaus begleiten können,
-aber die höhere Pflicht der Wahrheit und jenes Interesse, das wir an
-einigen Personen dieser Historie nehmen, nötigt uns, den geneigten
-Leser aufzufordern, uns noch einige wenige Schritte zu begleiten
-und den Wendepunkt eines Schicksals zu betrachten, das, in seinem
-Anfang unglücklich, in seinem Fortgang günstiger, durch seine eigene
-Notwendigkeit sich wieder in die Nacht des Elends verhüllen mußte.
-
-Das Motto, womit wir diesen Abschnitt bezeichneten, ist eine
-Geisterstimme, die warnend durch die Weltgeschichte tönt, die von
-vielen vernommen, von den meisten überhört, von wenigen befolgt wurde.
-Zu allen Zeiten ging ein finsterer Geist durch das Haus der Erde, man
-vernahm oft sein Rauschen, man suchte es durch die Töne der Freude
-zu übertäuben. Ulrich von Württemberg hatte jene Stimme in mancher
-Nacht vernommen, die er sorgenvoll auf seinem Lager durchwachte. Er
-glaubte das Geräusch vieler Gewappneter und die dröhnenden Tritte
-eines Heeres zu vernehmen, er glaubte sie näher und näher um ihn
-sich lagern zu hören, und wenn er sich auch überzeugte, daß es nur
-die Nachtluft war, die um die Türme seines Schlosses brauste, so
-blieb doch eine finstere Ahnung in ihm zurück, daß sein Schicksal
-noch einmal sich wenden könnte. Jene Warnung des alten Ritters von
-Lichtenstein tönte oft in seiner Seele wieder, und vergeblich strengte
-er sich an, die künstlichen Folgerungen seines Kanzlers sich zu
-wiederholen, um ein Verfahren bei sich zu entschuldigen, das ihm jetzt
-zum wenigsten nicht genug überdacht schien; denn seine alten Feinde
-rüsteten sich mit Macht. Der Bund hatte ein neues Heer geworben und
-drang herab ins Land, näher und näher an das Herz von Württemberg.
-Die Reichsstadt Eßlingen bot für diese Unternehmungen einen nur zu
-günstigen Stützpunkt. Sie liegt nur wenige Stunden von der Hauptstadt,
-beinahe mitten im Lande und war, sobald das Heer des Bundes die
-Kommunikation mit ihr hergestellt hatte, eine furchtbare Schanze, um
-Ausfälle nach Württemberg zu begünstigen und zu decken. Das Landvolk
-nahm an vielen Orten den Bund günstig auf, denn der Herzog hatte sie
-durch die neue Art, wie er sich huldigen ließ, ängstlich gemacht. Der
-Württemberger liebt von jeher das Alte und Hergebrachte. Altes Recht,
-alte Ordnung sind ihm goldene Worte, wenn er auch oft nicht weiß, was
-sie bedeuten, und ob das Neue nicht besser ist. Seine Ruhe, die er bei
-andern Zufällen des Lebens zeigt, verläßt ihn, wenn man von Neuerungen
-spricht, und ein Eigensinn, der sogar Trotz wird, läßt ihn das Alte
-mit einer Glut, mit einer natürlichen Begeisterung umfassen, die ihm
-sonst fremd ist und gänzlich außer seinem Wesen, der ruhigen, biederen
-Geschäftigkeit, liegt.
-
-Diese Liebe zum Alten hatte der Herzog an seinem Volk erfahren, als
-er einige Jahre zuvor seinen Räten folgte und zur Verbesserung seiner
-Finanzen ein neues Maß und Gewicht einführte. Der »Arme Konrad«, ein
-förmlicher Aufstand armer Leute, hatte ihn nachdenklich gemacht und den
-Tübinger Vertrag eingeleitet. Diese Liebe zum Alten hatte sich auf eine
-rührende Weise an ihm gezeigt, als der Bund ins Land fiel und das Haupt
-des alten Fürstenstammes verjagen wollte. Ihre Väter und Großväter
-hatten unter den Herzogen und Grafen von Württemberg gelebt, darum war
-ihnen jeder verhaßt, der diese verdrängen wollte. Wie wenig sie das
-Neue lieben, hatten sie dem Bunde und seinen Statthaltern oft genug
-bewiesen.
-
-Der alte, angestammte Herzog, ein Württemberger, kam wieder ins Land,
-sie zogen ihm freudig zu. Sie glaubten, jetzt werde es wieder hergehen
-wie »_vor alters_«; sie hätten recht gerne Steuern bezahlt, Zehnten
-gegeben, Gülten aller Art entrichtet und Fronen geleistet. Sie hätten
-über Schwereres nicht gemurrt, wenn es nur nach hergebrachter Art
-geschehen wäre. So gut ward es ihnen aber nicht. Die alten Formeln
-waren aus dem Huldigungseid verschwunden, die Steuern wurden nicht
-mehr nach hergebrachter Sitte eingezogen, es war alles anders als
-früher, kein Wunder, wenn sie den Herzog als einen neuen Herrn ansahen
-und murrend nach dem alten Recht verlangten. Sie hatten zu Ulrich
-kein Zutrauen mehr, nicht weil seine Hand schwerer auf ihnen ruhte
-als vorher, nicht weil er bedeutend mehr von ihnen wollte als früher,
-sondern weil sie die neuen Formen mit argwöhnischen Augen ansahen.
-
-Ein Herzog, besonders wenn er einem Ambrosius Volland sein Ohr leiht,
-erfährt selten genau, wie man über ihn denkt und ob die Maßregeln klug
-berechnet waren, die ihm seine Räte an die Hand gaben. Und dennoch
-entging Ulrichs hellem Auge die Unzufriedenheit seines Volkes nicht
-ganz. Er merkte, daß er im schlimmen Falle sich nicht auf sie werde
-verlassen können, so wenig als auf die Ritterschaft des Landes, die,
-seit er wieder im Land war, sich sehr neutral verhalten hatte.[42]
-
-Seine Unruhe über diese Bemerkungen suchte er jedem Auge zu verbergen.
-Er beschwor die wildesten Töne der Freude herauf, und oft gelang es ihm
-sogar, zu vergessen, vor welchem Abgrund er stehe. Er versuchte, um
-seinem Volke und dem Heer, das er in und um Stuttgart versammelt hatte,
-Vertrauen und Mut einzuflößen, einige Einfälle, welche die Bündischen
-von Eßlingen aus in sein Land gemacht hatten, verdoppelt heimzugeben.
-Er schlug sie zwar und verwüstete ihr Gebiet, aber er verhehlte sich
-nicht, wenn er nach einem solchen Siege in seine Stellungen zurückging,
-daß das Kriegsglück ihn vielleicht verlassen könnte, wenn der Bund
-einmal mit dem großen Heere im Felde erscheinen werde.
-
-Und er erschien frühe genug für Ulrichs zweifelhaftes Geschick. Noch
-wußte man in Stuttgart wenig oder nichts von dem Aufgebot des Bundes,
-noch lebte man am Hof und in der Stadt in Ruhe und in Freude, als auf
-einmal am zwölften Oktober die Landsknechte, welche der Herzog ein
-Lager bei Kannstatt hatte beziehen lassen, flüchtig nach Stuttgart
-kamen und von einem großen bündischen Heer erzählten, das sie
-zurückgeworfen habe. Jetzt merkten die Bewohner Stuttgarts, daß eine
-wichtige Entscheidung nahe, jetzt sahen sie ein, daß der Herzog längst
-um diesen drohenden Einfall gewußt haben müsse, denn er ließ an diesem
-Tage die Aemter aufbieten, ließ die Truppen sich versammeln, die auf
-das Land umher verlegt gewesen waren, und hielt noch am Abend dieses
-Tages eine Musterung über zehntausend Mann.[43]
-
-Noch in der Nacht zog er mit einem großen Teil der Mannschaft aus, um
-die Stellungen, die ein Teil der Landsknechte zwischen Kannstatt und
-Eßlingen genommen hatte, zu verstärken.
-
-In jener Nacht wurde in Stuttgart manche Träne von schönen Augen
-geweint, denn Männer und Jünglinge, was die Waffen führen konnte, zog
-mit dem Herzog in die Schlacht. Doch das Rauschen des abziehenden
-Heeres übertönte die Klagen der Mädchen und Frauen, sie verhallten wie
-das Wimmern eines Kindes im Kampf der Elemente. Mariens Schmerz war
-stumm, aber groß, als sie den Gatten unter die Türe herabgeleitete, wo
-die Knechte mit den Rossen für ihn und den Vater hielten. Sie hatten
-still und einsam, nur mit ihrem Glück beschäftigt, die ersten Tage
-ihrer Ehe verlebt. Sie dachten wenig an die Zukunft, sie glaubten im
-Hafen zu sein, und indem sie nur sich selbst lebten, überhörten sie
-das Flüstern, die geheimnisvolle Unruhe, die einem nahenden Sturm
-vorangeht. Sie waren gewöhnt, den Vater ernst und düster zu sehen,
-es fiel ihnen nicht auf, wie sein Auge immer trüber, seine Stirne
-finsterer, seine Mienen beinahe traurig wurden. Er sah ihr süßes Glück,
-er fühlte mit ihnen, er verbarg, um sie nicht zu frühe aufzustören,
-was ihm eine bange Ahnung oft genug sagte. Aber endlich nahte der
-entscheidende Schlag. Der Herzog von Bayern war bis in die Mitte des
-Landes vorgedrungen, und der Ruf zu den Waffen schreckte Georg aus den
-Armen seines geliebten Weibes.
-
-Die Natur hatte ihr eine starke Seele und jene entschiedene Erhabenheit
-über jedes irdische Verhängnis gegeben, die nur in einer reinen Seele
-und in der mutigen Zuversicht auf einen höhern Beistand bestehen kann.
-Sie wußte, was Georg der Ehre seines Namens und seinem Verhältnis
-zum Herzog schuldig sei, darum erstickte sie jeden lauten Jammer und
-brachte ihrer schwächeren Natur nur jenes Opfer schmerzlicher Tränen,
-die dem Auge, das den Geliebten tausend Gefahren preisgegeben sieht,
-unwillkürlich entströmen.
-
-»Siehe, ich kann nicht glauben, daß du auf immer von mir gehst,« sagte
-sie, indem sie ihre schönen Züge zu einem Lächeln zwang; »wir haben
-jetzt erst zu leben begonnen, der Himmel kann nicht wollen, daß wir
-schon aufhören sollen. Drum kann ich dich ruhig ziehen lassen, ich weiß
-ja zuversichtlich, daß du mir wiederkehrst!«
-
-Georg küßte die schönen, weinenden Augen, die ihn so mild und voll
-Trost anblickten. Er dachte in diesem Augenblicke nicht an die Gefahr,
-der er entgegengehe, er dachte nur daran, wie groß für das teure Wesen,
-das er in den Armen hielt, der Schmerz sein müßte, wenn er nicht
-mehr zurückkehrte; wie sie dann ein langes Leben einsam, nur in der
-Erinnerung an die wenigen Tage des Glückes, fortleben könnte. Er preßte
-sie heftiger in die Arme, als wolle er dadurch diese schwarzen Gedanken
-verscheuchen, seine Blicke tauchten tiefer in ihre Augen herab, um dort
-Vergessenheit zu suchen, und es gelang ihm; wenigstens trug er ein
-schönes Bild der Hoffnung und der Zuversicht mit sich hinweg.
-
-Die Ritter stießen vor dem Tor gegen Kannstatt zu dem Herzog. Es war
-dunkle Nacht, das erste Viertel des Mondes und das Heer der Sterne
-warfen einen matten Schein herab; Georg glaubte zu bemerken, daß
-der Herzog finster und in sich gekehrt sei; denn seine Augen waren
-niedergeschlagen, seine Stirne kraus, und er ritt stumm seinen Weg
-weiter, nachdem er sie flüchtig mit der Hand gegrüßt hatte.
-
-Ein nächtlicher Marsch hat immer etwas Geheimnisvolles, Bedeutendes
-an sich. Die Sonne, heitere Gegenden, der Anblick vieler Kameraden,
-der Wechsel der Aussichten locken bei Tag den Soldaten zum Gespräch,
-wohl auch zum Gesang. Weil die Eindrücke von außen stärker sind,
-denkt man weniger nach über das Ziel des Marsches, über das Ungewisse
-des Krieges, über die Zukunft, die niemand dunkler verhängt ist als
-dem Kriegsmann im Felde. Ganz anders auf dem Marsch in der Nacht. Man
-hört nur das Gedröhn des Zuges, den taktartigen Hufschlag der Rosse,
-ihr Schnauben, das Klirren der Waffen, und die Seele, die durch das
-Auge keine Bilder mehr empfängt, wird durch dieses eintönige Gemurmel
-ernster; Scherz und Gelächter sind verstummt, das laute Gespräch sinkt
-zum Geflüster herab, und auch dieses gilt nicht mehr gleichgültigen
-Gegenständen, sondern der Entscheidung, welcher man entgegenzieht.
-
-So war auch der Zug in jener Nacht ernst und von keinem Laut der Freude
-unterbrochen. Georg ritt neben dem alten Herrn von Lichtenstein und
-warf hie und da ängstliche Blicke auf diesen, denn er hing, wie von
-Kummer gebückt, im Sattel und schien ernster als je zu sein. Er hätte
-beinahe ohne Leben geschienen, wenn nicht hin und wieder ein Seufzer
-aus seiner Brust heraufgestiegen wäre und seine glänzenden Augen nach
-den Wölkchen geschaut hätten, die um die bleiche Sichel des Mondes
-zogen.
-
-»Glaubt Ihr, es werde morgen zum Gefecht kommen, Vater?« flüsterte
-Georg nach einer Weile.
-
-»Zum Gefecht? Zur Schlacht.«
-
-»Wie? Ihr glaubt also, das Bundesheer sei so stark, daß es uns jetzt
-schon werde die Spitze bieten können? Es ist nicht möglich. Herzog
-Wilhelm müßte Flügel haben, wenn er seine Bayern herabgeführt hätte,
-und Frondsberg ist in seinen Entschlüssen bedächtig. Ich glaube nicht,
-daß sie viel über sechstausend stark sind.«
-
-»Zwanzigtausend,« antwortete der Alte mit dumpfer Stimme.
-
-»Bei Gott, das hab' ich nicht gedacht,« entgegnete der junge Mann mit
-Staunen. »Freilich, da werden sie uns hart zusetzen. Doch wir haben
-geübtes Volk, und des Herzogs Augen sind schärfer als irgend eines im
-Bundesheere, selbst als Frondsbergs. Glaubt Ihr nicht auch, daß wir sie
-schlagen werden?«
-
-»Nein.«
-
-»Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ein großer Vorteil für uns
-liegt schon darin, daß wir für das Land fechten, die Bündischen aber
-dagegen; das macht unseren Truppen Mut; die Württemberger kämpfen für
-ihr Vaterland.«
-
-»Gerade darauf traue ich nicht,« sprach Lichtenstein; »ja, wenn
-der Herzog sich anders hätte huldigen lassen, so aber -- hat er das
-Landvolk nicht für sich; sie streiten, weil sie müssen, und ich
-fürchte, sie halten nicht lange aus.«
-
-»Das wäre freilich schlimm,« erwiderte Georg; »doch die Schwaben sind
-ein biederes, ehrliches Volk, sie werden den Herzog nicht in der Not
-verlassen. Wo glaubt Ihr, daß wir dem Feind begegnen? Wo werden wir uns
-stellen?«
-
-»Zwischen Eßlingen und Kannstatt, bei Untertürkheim haben die
-Landsknechte einige Schanzen aufgeworfen und stehen dort zu
-dritthalbtausend Mann; wir werden uns noch in dieser Nacht an sie
-anschließen.«
-
-Der Alte schwieg, und sie ritten wieder eine geraume Zeit stille
-nebeneinander hin. »Höre, Georg!« hub er nach einer Weile an; »ich
-habe schon oft dem Tod Aug' in Auge gesehen und bin alt genug, mich
-nicht vor ihm zu fürchten; es kann jedem etwas Menschliches begegnen --
-tröste dann mein liebes Kind, Marie.«
-
-»Vater!« rief Georg und reichte ihm die Hand hinüber; »denket nicht
-solches! Ihr werdet noch lange und glücklich mit uns leben.«
-
-»Vielleicht,« entgegnete der alte Mann mit fester Stimme, »vielleicht
-auch nicht. Es wäre töricht von mir, dich aufzufordern, du sollst dich
-im Gefecht schonen. Du würdest es doch nicht tun. Doch bitte ich, denk'
-an dein junges Weib und begib dich nicht blindlings und unüberlegt in
-Gefahr. Versprich mir dies.«
-
-»Gut, hier habt Ihr meine Hand; was ich tun muß, werde ich nicht
-ablehnen, leichtsinnig will ich mich nicht aussetzen; aber auch Ihr,
-Vater, könntet dies geloben.«
-
-»Schon gut, laß das jetzt. Wenn ich etwa morgen totgeschossen werden
-sollte, so gilt mein letzter Wille, den ich beim Herzog niedergelegt
-habe: Lichtenstein geht auf dich über, du wirst damit belehnt werden.
-Mein Name stirbt hier zu Land mit mir, möge der deinige desto länger
-tönen.«
-
-Der junge Mann war von diesen Reden schmerzlich bewegt; er wollte
-antworten, als eine bekannte Stimme seinen Namen rief. Es war der
-Herzog, der nach ihm verlangte. Er drückte Mariens Vater die Hand und
-ritt dann schnell zu Ulrich von Württemberg.
-
-»Guten Morgen, Sturmfeder!« sprach dieser, indem seine Stirne sich
-etwas aufheiterte. »Ich sag' guten Morgen, denn die Hähne krähen dort
-unten in dem Dorf. Was macht dein Weib? Hat sie gejammert, als du
-wegrittst?«
-
-»Sie hat geweint,« antwortete Georg; »aber sie hat nicht mit einem Wort
-geklagt.«
-
-»Das sieht ihr gleich; bei Sankt Hubertus! Wir haben selten eine
-mutigere Frau gesehen. Wenn nur die Nacht nicht so finster wäre, daß
-ich recht in deine Augen sehen könnte, ob du zum Kampf gestimmt bist
-und Lust hast, mit den Bündlern anzubinden?«
-
-»Sprecht, wohin ich reiten soll; mitten drauf soll es gehen im Galopp.
-Glauben Euer Durchlaucht, ich habe in meinem kurzen Ehestand so ganz
-vergessen, was ich von Euch erlernte, daß man in Glück und Unglück den
-Mut nicht sinken lassen dürfe?«
-
-»Hast recht: ~Impavidum ferient ruinae.~ Wir haben es auch gar nicht
-anders von Unserem getreuen Bannerträger erwartet. Heute trägt meine
-Fahne ein anderer, denn dich habe ich zu etwas Wichtigerem bestimmt. Du
-nimmst diese hundertundsechzig Reiter, die hier zunächst ziehen, läßt
-dir von einem den Weg zeigen und reitest Trab gerade auf Untertürkheim
-zu. Es ist möglich, daß der Weg nicht ganz frei ist, daß vielleicht die
-von Eßlingen schon herabgezogen sind, uns den Paß zu versperren; was
-willst du tun, wenn es sich so verhält?«
-
-»Nun, ich werfe mich in Gottes Namen mit meinen hundertundsechzig
-Pferden auf sie und hau' mich durch, wenn es kein Heer ist. Sind sie zu
-stark, so decke ich den Weg, bis Ihr mit dem Zug heran seid.«
-
-»Recht gut gesagt, gesprochen wie ein tapferer Degen, und haust du so
-gut auf sie wie auf _mich_ bei Lichtenstein, so schlägst du dich durch
-sechshundert Bündler durch. Die Leute, die ich dir gebe, sind gut. Es
-sind die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart und den
-andern Städten. Ich kenne sie aus manchem Kampf, sie sind wacker und
-hauen einen Schädel bis aufs Brustbein durch. Das Schwert in der Faust,
-reiten sie dir in die Hölle, wenn sie dir einmal zugetan sind, und wen
-sie einmal ans Hirn getroffen haben, der braucht keinen Arzt mehr auf
-dieser Welt. Das sind die echten Schwabenstreiche.«
-
-»Und bei Untertürkheim soll ich mich aufstellen?«
-
-»Dort triffst du auf einer Anhöhe die Landsknechte unter Georg von
-Hewen und Schweinsberg. Die Losung ist: »Ulericus für immer.« Den
-beiden Herren sagst du, sie sollen sich halten bis fünf Uhr; ehe der
-Tag aufgeht, sei ich mit sechstausend Mann bei ihnen, und dann wollen
-wir den Bund erwarten. Gehab' dich wohl, Georg!«
-
-Der junge Mann erwiderte den Gruß, indem er sich ehrerbietig neigte;
-er ritt an der Spitze der tapferen Reiter und trabte mit ihnen das
-Tal hinauf. Es waren kräftige Gestalten, mit breiten Schultern und
-starken Armen; unter den Sturmhauben hervor blickten ihn mutige Augen
-und breite ehrliche Gesichter freundlich an; er fühlte sich ehrenvoll
-ausgezeichnet, eine solche Schar zu führen. Man näherte sich dem Fuß
-des Rotenberges, auf dessen Gipfel das Stammschloß von Württemberg
-weit über das schöne Neckartal hinsah. Es war vom Sternenschimmer matt
-erhellt, und Georg konnte seine Formen nicht deutlich unterscheiden,
-aber dennoch blickte er immer wieder nach diesen Türmen und Mauern
-hinauf; er erinnerte sich jener Nacht, wo Ulrich in der Höhle mit
-Wehmut von der Burg seiner Väter sprach, von welcher er sonst auf ein
-schönes Land voll Obst, Wein und Frucht hinabgeschaut und dies alles
-_sein_ genannt hatte. Er versank in Gedanken über das unglückliche
-Schicksal dieses Fürsten, das ihm aufs neue den Besitz des schönen
-Landes streitig zu machen schien; er dachte nach über die sonderbare
-Mischung seines Charakters, wie hier wahrhafte Größe oft durch Zorn,
-Trotz und unbeugsamen Stolz entweiht sei.
-
-»Was Ihr dort unten unterscheiden könnet zwischen den beiden Bäumen,«
-unterbrach ihn der Reiter, welcher ihm den Weg zeigte, »ist die
-Turmspitze von Untertürkheim. Es geht jetzt wieder etwas ebener, und
-wenn wir Trab reiten, können wir bald dort sein.«
-
-Der junge Mann trieb sein Pferd an, der ganze Zug folgte seinem
-Beispiel, und bald waren sie im Angesicht dieses Dorfes. Hier war eine
-doppelte Linie von Landsknechten aufgestellt, welche ihnen drohend die
-Hellebarden entgegenstreckten. An vielen Punkten sah man den rötlichen
-Schimmer glühender Lunten, die wie Scheinwürmchen durch die Nacht
-funkelten.
-
-»Halt, wer da?« rief eine tiefe Stimme aus ihren Reihen. »Gebt die
-Losung!«
-
-»Ulericus für immer!« rief Georg von Sturmfeder. »Wer seid Ihr?«
--- »Gut Freund!« rief Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er aus
-den Reihen der Landsknechte heraus und auf den jungen Mann zuritt.
-»Guten Morgen, Georg! Ihr habt lange auf Euch warten lassen, schon
-die ganze Nacht sind wir auf den Beinen und harren sehnlich auf
-Verstärkung, denn dort drüben im Wald sieht es nicht geheuer aus, und
-wenn Frondsberg den Vorteil verstanden hätte, wären wir schon längst
-übermannt.«
-
-»Der Herzog zieht mit sechstausend Mann heran,« erwiderte Sturmfeder,
-»längstens in zwei Stunden muß er da sein.«
-
-»Sechstausend, sagst du? Bei Sankt Nepomuk, das ist nicht genug; wir
-sind zu dritthalbtausend, das macht zusammen gegen neuntausend. Weißt
-du, daß sie über zwanzigtausend stark sind, die Bündischen? Wieviel
-Geschütz bringt er mit?«
-
-»Ich weiß nicht; es wurde erst nachgeführt, als wir ausritten.«
-
-»Komm, laß die Reiter absitzen und ruhen,« sagte Marx Stumpf; »sie
-werden heute Arbeit genug bekommen.«
-
-Die Reiter saßen ab und lagerten sich; auch die Landsknechte lösten
-ihre Reihen auf und stellten nur starke Posten auf den Anhöhen und am
-Neckar auf. Marx Stumpf besichtigte alle Anstalten, und Georg legte
-sich, in seinen Mantel gehüllt, nieder, um noch einige Stunden zu
-ruhen. Die Stille der Nacht, nur durch den eintönigen Ruf der Wachen
-unterbrochen, senkte ihn bald in einen Schlummer, der seine Seele weit
-hinweg über Krieg und Schlachten in die Arme seines Weibes entführte.
-
-
-
-
-34.
-
- In schwarzen Pulverdämpfen
- Verbirgt sich Mann und Roß;
- Ihr schlagt euch immer kecker
- Bergunter alle zumal;
- Jetzt sprengt ihr durch den Necker,
- Jetzt fechtet ihr im Tal.
-
- _G. Schwab._
-
-
-Georg erwachte am Wirbeln der Trommeln, die das kleine Heer unter die
-Waffen riefen. Ein schmaler Saum war am Horizont helle, der Morgen kam,
-die Truppen des Herzogs sah man in der Ferne daherziehen. Der junge
-Mann setzte den Helm auf, ließ sich den Brustharnisch wieder anlegen
-und stieg zu Pferd, den Herzog an der Spitze seiner Mannschaft zu
-empfangen. Aus Ulrichs Zügen war zwar nicht der Ernst, wohl aber alle
-Düsterkeit verschwunden. Sein Auge sprühte von einem kriegerischen
-Feuer, und aus seinen Mienen sprach Mut und Entschlossenheit. Er war
-ganz in Stahl gekleidet und trug über seinem schweren Eisenkleid einen
-grünen Mantel mit Gold verbrämt. Die Farben seines Hauses wehten in
-seinem großen wallenden Helmbusch. Sonst unterschied er sich in nichts
-von den übrigen Rittern und Edeln, die, ebenfalls in blankes Eisen »bis
-an die Zähne« gekleidet, den Herzog in einem großen Kreis umgaben. Er
-begrüßte freundlich Hewen, Schweinsberg und Georg von Sturmfeder und
-ließ sich von ihnen über die Stellung des Feindes berichten.[44]
-
-Noch war von diesem nichts zu sehen; nur an dem Saume des Waldes gegen
-Eßlingen hin sah man hin und wieder seine Posten stehen. Der Herzog
-beschloß, den Hügel, den die Landsknechte besetzt gehalten hatten, zu
-verlassen und sich in die Ebene hinabzuziehen. Er hatte wenig Reiterei,
-der Bund aber, so berichteten Ueberläufer, zählte dreitausend Pferde.
-Im Tal hatte er auf einer Seite den Neckar, auf der andern einen Wald,
-und so war er wenigstens auf den Flanken vor einem Reiterangriff sicher.
-
-Lichtenstein und mehrere andere widerrieten zwar diese Stellung im
-Tal, weil man vom Hügel zu nahe beschossen werden könne; doch Ulrich
-folgte seinem Sinn und ließ das Heer hinabsteigen. Er stellte zunächst
-vor Türkheim die Schlachtordnung auf und erwartete seinen Feind. Georg
-von Sturmfeder wurde beordert, in seiner Nähe mit den Reitern, die er
-ihm anvertraut hatte, zu halten; sie sollten gleichsam seine Leibwache
-bilden; zu diesen berittenen Bürgern gesellten sich noch Lichtenstein
-und vierundzwanzig andere Ritter, um bei einem Reiterangriff den Stoß
-zu verstärken. In jenen Tagen war ein Treffen oft in viele kleine
-Zweikämpfe zerstreut, die Ritter, die einem Heere folgten, fochten
-selten in geschlossenen Massen, sondern suchten mit schnellem Blicke
-einen Gegner unter den Reihen des Feindes, den sie dann mit Schwert und
-Lanze bekämpften. Eine solche Schar war es, die bei Georgs Reiterhaufen
-stand, und den Herzog selbst gelüstete es, seine ungeheure Kraft,
-seine weitberühmte Fertigkeit in einem solchen Zweikampf zu erproben,
-und nur die inständigen Bitten der Ritter hielten ihn ab, diese
-romantische Idee auszuführen. Neben dem Herzog hielt eine sonderbare
-Figur, beinahe wie eine Schildkröte, die zu Pferde sitzt, anzusehen.
-Ein Helm mit großen Federn saß auf einem kleinen Körper, der auf dem
-Rücken mit einem gewölbten Panzer versehen war; der kleine Reiter hatte
-die Kniee weit heraufgezogen und hielt sich fest am Sattelknopf. Das
-herabgeschlagene Visier verhinderte Georg, zu erkennen, wer dieser
-lächerliche Kämpfer sei; er ritt daher näher an den Herzog heran und
-sagte:
-
-»Wahrhaftig, Euer Durchlaucht haben sich da einen überaus mächtigen
-Kämpen zum Begleiter ausersehen. Sehet nur die dürren Beine, die
-zitternden Arme, den mächtigen Helm zwischen den kleinen Schultern --
-wer ist denn dieser Riese?«
-
-»Kennst du den Höcker so schlecht?« fragte der Herzog lachend. »Sieh
-nur, er hat einen ganz absonderlichen Panzer an, der wie eine große
-Nußschale anzusehen, um seinen teuern Rücken zu verwahren, wenn es etwa
-zur Flucht käme. Es ist mein getreuer Kanzler, Ambrosius Volland.«
-
-»Bei der heiligen Jungfrau! Dem habe ich bitter unrecht getan,«
-entgegnete Georg; »ich dachte, er werde nie ein Schwert ziehen und ein
-Roß besteigen, und da sitzt er auf einem Tier, so hoch wie ein Elefant,
-und trägt ein Schwert, so groß als er selbst ist. Diesen kriegerischen
-Geist hätte ich ihm nimmer zugetraut.«
-
-»Meinst du, er reite aus eigenem Entschluß zu Felde? Nein, ich habe ihn
-mit Gewalt dazu genötigt. Er hat mir zu manchem geraten, was mir nicht
-frommte, und ich fürchte, er hat mich mit böslicher Absicht aufs Eis
-geführt; drum mag er auch die Suppe mit verzehren, die er eingebrockt
-hat. Er hat geweint, wie ich ihn dazu zwang, er sprach viel vom
-Zipperlein und von seiner Natur, die nicht kriegerisch sei; aber ich
-ließ ihn in seinen Harnisch schnüren und zu Pferd heben; er reitet den
-feurigsten Renner aus meinem Stall.«
-
-Während dies der Herzog sprach, schlug der Ritter vom Höcker das
-Visier auf und zeigte ein bleiches, kummervolles Gesicht. Das ewig
-stehende Lächeln war verschwunden, seine stechenden Aeuglein waren groß
-und starr geworden und drehten sich langsam und schüchtern nach der
-Seite; der Angstschweiß stand ihm auf der Stirne, und seine Stimme war
-zum zitternden Flüstern geworden: »Um Gottes Barmherzigkeit willen,
-wertgeschätzter Herr von Sturmfeder, viellieber Freund und Gönner,
-leget ein gutes Wort ein beim gestrengen Herrn, daß er mich aus diesem
-Fastnachtspiel entläßt. Es ist des allerhöchsten Scherzes jetzt genug.
-Der Ritt in den schweren Waffen hat mich grausam angegriffen, der Helm
-drückt mich aufs Hirn, daß meine Gedanken im Kreise tanzen, und meine
-Kniee sind vom Zipperlein gekrümmt: bitte, bitte! leget ein gutes Wort
-ein für Euren demütigen Knecht Ambrosius Volland; will's gewißlich
-vergelten.«
-
-Der junge Mann wandte sich mit Abscheu von dem grauen, feigen Sünder.
-»Herr Herzog,« sagte er, indem ein edler Zorn seine Wangen rötete,
-»vergönnt ihm, daß er sich entferne. Die Ritter haben ihre Schwerter
-gelüftet und die Helme fester in die Stirne gedrückt, das Volk
-schüttelt die Speere und erwartet mutig das Zeichen zum Angriff, warum
-soll ein Feigling in den Reihen von Männern streiten?«
-
-»Er bleibt, sage ich,« entgegnete der Herzog mit fester Stimme; »bei
-dem ersten Schritt rückwärts hau' ich ihn selbst vom Gaul herunter.
-Der Teufel saß auf deinen blauen Lippen, Ambrosius Volland, als du Uns
-geraten, unser Volk zu verachten und das Alte umzustoßen. Heute, wenn
-die Kugeln sausen und die Schwerter rasseln, magst du schauen, ob dein
-Rat Uns frommte.«
-
-Des Kanzlers Augen glühten vor Wut, seine Lippen zitterten, und seine
-Mienen verzerrten sich greulich. »Ich habe Euch nur geraten; warum habt
-Ihr es getan?« sagte er. »Ihr seid Herzog, Ihr habt befohlen und Euch
-huldigen lassen; was kann denn _ich_ dafür?«
-
-Der Herzog riß sein Pferd so schnell um, daß der Kanzler bis auf die
-Mähnen seines Elefanten niedertauchte, als erwarte er den Todesstreich.
-»Bei Unserer fürstlichen Ehre,« rief er mit schrecklicher Stimme,
-indem seine Augen blitzten, »Wir bewundern Unsere eigene Langmut. Du
-hast Unseren ersten Zorn benützt, du hast dich in Unser Vertrauen
-einzuschwatzen gewußt; hätten Wir dir nicht gefolgt, du Schlange,
-so stünden heute zwanzigtausend Württemberger hier, und ihre Herzen
-wären eine feste Mauer für ihren Fürsten. O, mein Württemberg! mein
-Württemberg! Daß ich deinem Rat gefolgt wäre, alter Freund; ja, es
-heißt was, von seinem Volk geliebt zu sein!«
-
-»Entfernet diese Gedanken vor einer Schlacht,« sagte der alte Herr von
-Lichtenstein; »noch ist es Zeit, das Versäumte einzuholen. Noch stehen
-sechstausend Württemberger um Euch, und bei Gott, sie werden mit Euch
-siegen, wenn Ihr mit Vertrauen sie in den Feind führet. O Herr! Hier
-sind lauter Freunde, vergebet Euren Feinden, entlaßt den Kanzler, der
-nicht fechten kann!«
-
-»Nein! her zu mir, Schildkröte! An meine Seite her, Hund von einem
-Schreiber! Wie er zu Rosse sitzt, als hätte ihn unser Herrgott
-hinaufgeschneit, den Schneemann! Du hast mein Volk verachtet in
-deiner Kanzlei und ihnen Gesetze gegeben mit deiner Schwanenfeder,
-jetzt sollst du sehen, wie sie streiten; jetzt sollst du sehen, wie
-Württemberg siegt oder untergeht. Ha! seht Ihr sie dort auf dem Hügel?
-Seht Ihr die Fahnen mit dem roten Kreuz? Seht Ihr das Banner von
-Bayern? Wie ihre Waffen blitzen im Morgenrot, wie ihre Glieder von
-tausend Lanzen starren, wie der Wind in ihren Helmbüschen spielt! --
-Guten Tag, ihr Herren vom Schwabenbund! Jetzt geht mir das Herz auf,
-das ist ein Anblick für einen Württemberg.«
-
-»Schaut, sie richten schon die Geschütze,« unterbrach ihn
-Lichtenstein; »zurück von diesem Platz, Herr! Hier ist Euer Leben in
-augenscheinlicher Gefahr; zurück, zurück, _wir_ halten hier; schickt
-uns Eure Befehle von dort zu, wo Ihr sicher seid!«
-
-Der Herzog sah ihn groß an. »Wo hast du gehört,« sagte er, »daß ein
-Württemberg gewichen sei, wenn der Feind zum Angriff blasen ließ? Meine
-Ahnen kannten keine Furcht, und meine Enkel werden noch aushalten
-wie sie, _furchtlos und treu_! Sieh, wie der Berg sich dunkler und
-dunkler füllt von ihren Scharen. Siehst du jene weißen Wolken am Berg,
-Schildkröte? Hörst du sie krachen? Das ist der Donner der Geschütze,
-der in unsere Reihen schlägt. Jetzt, wenn du ein gutes Gewissen hast,
-wirst du leichter Atem holen, denn um dein Leben gibt dir keiner einen
-Pfennig.«
-
-»Lasset uns beten,« sagte Marx von Schweinsberg, »und dann drauf in
-Gottes Namen!«
-
-Der Herzog faltete andächtig die Hände, seine Begleiter folgten seinem
-Beispiel und beteten zum Anfang der Schlacht, wie es Sitte war in den
-alten Tagen. Der Donner der feindlichen Geschütze tönte schauerlich in
-diese tiefe Stille, in welcher man jeden Atemzug, jedes leise Flüstern
-der Betenden hörte. Auch der Kanzler faltete die Hände, aber seine
-Augen richteten sich nicht gläubig auf zum Himmel, sie irrten zagend
-an den Bergen umher, und das Beben seines Körpers, so oft Blitz und
-Rauch aus den Feldstücken des Feindes fuhr, zeigte, daß seine Seele
-nicht zu dem sich aufzuschwingen vermöge, der aus den Strahlen seiner
-Morgensonne über Freunde und Feinde herabblickte.
-
-Ulrich von Württemberg hatte gebetet und zog sein Schwert aus der
-Scheide. Die Ritter und Reisigen folgten ihm, und in einem Augenblick
-blitzten tausend Schwerter um ihn her. »Die Landsknechte sind schon im
-Gefecht,« sagte er, indem sein Adlerauge schnell das Tal überschaute.
-»Georg von Hewen, Ihr rückt ihnen mit tausend zu Fuß nach. Schweinsberg
-lehne sich mit achthundert an den Wald und warte bis auf weiteres.
-Reinhardt von Gemmingen, wollet mit den Eurigen geradeaus ziehen
-und den mittleren Raum zwischen dem Wald und dem Neckar einnehmen.
-Sturmfeder, du bleibst mit deiner Abteilung Reiter; doch bist du jeden
-Augenblick bereit, vorzubrechen. Gott befohlen, ihr Herren; sollten wir
-uns hier unten nicht wieder sehen, so grüßen wir uns desto freudiger
-oben.« Er grüßte sie, indem er sein großes Schwert gegen sie neigte.
-Die Ritter erwiderten den Gruß und zogen mit ihren Scharen dem Feinde
-zu, und ein tausendstimmiges »Ulrich für immer!« ertönte aus ihren
-Reihen.
-
-Das bündische Heer, das auf dem Hügel, den die Herzoglichen früher
-besetzt gehalten hatten, angekommen war, begrüßte seinen Feind aus
-vielen Feldschlangen und Kartaunen; dann zogen sie sich allmählich
-herab ins Tal. Sie schienen durch ihre ungeheure Anzahl das kleine Heer
-des Herzogs erdrücken zu wollen. In dem Augenblick, als die letzten
-Glieder den Hügel verlassen wollten, wandte sich der Herzog zu Georg
-von Sturmfeder. »Siehst du ihre Feldstücke auf dem Hügel?« fragte er.
-
-»Wohl; sie sind nur durch wenige Mannschaft bedeckt.«
-
-»Frondsberg glaubt, weil wir nicht über ihn wegfliegen können, sei
-es unmöglich, sein Geschütz zu nehmen. Aber dort am Wald biegt ein
-Weg links ein und führt in ein Feld. Das Feld stößt an jenen Hügel.
-Kannst du mit deinen Reitern ungehindert bis in jenes Feld vordringen,
-so bist du beinahe schon im Rücken der Bündischen. Dort läßt du die
-Pferde verschnauben, legst dann an und im Galopp den Hügel hinauf; die
-Geschütze müssen unser sein!«
-
-Georg verbeugte sich zum Abschied, aber der Herzog bot ihm die Hand.
-»Lebe wohl, lieber Junge!« sagte er. »Es ist hart von uns, einen jungen
-Ehemann auf so gefährliche Reise zu schicken, aber Wir wußten keinen
-Rascheren und Besseren als dich.«
-
-Die Wangen des jungen Mannes glühten, als er diese Worte hörte, und
-seine Augen blinkten mutig. »Ich danke Euch, Herr, für diesen neuen
-Beweis Eurer Gnade,« rief er, »Ihr belohnt mich schöner, als wenn Ihr
-mir die schönste Burg geschenkt hättet. -- Lebt wohl, Vater, und grüßt
-mein Weibchen.«
-
-»So ist's nicht gemeint!« entgegnete lächelnd der alte Lichtenstein;
-»ich reite mit dir unter deiner Führung --«
-
-»Nein, Ihr bleibet bei mir, alter Freund,« bat der Herzog, »soll mir
-denn der Kanzler hier im Felde raten? Da könnte ich so übel fahren,
-wie mit seinen anderen Ratschlüssen. Bleibet mir zur Seite; machet den
-Abschied kurz, Alter! Euer Sohn muß weiter!«
-
-Der Alte drückte Georgs Hand. Lächelnd und mit freudigem Mute erwiderte
-dieser den Abschiedsgruß, schwenkte mit seinen Reitern ab, und »Ulrich
-für immer!« riefen die Stuttgarter Bürger zu Pferd, welche er in dieser
-entscheidenden Stunde gegen den Feind führte. Georg betrachtete, als
-er an dem Waldsaum hinritt, sinnend die Schlacht. Die Württemberger
-hatten eine gute Stellung, denn der Wald und der Neckar deckte sie, und
-ihre Flügel und das Zentrum waren stark genug, um auch einen mächtigen
-Stoß von Reiterei auszuhalten. Er konnte sich aber nicht verhehlen,
-daß, wenn sie sich aus dieser Stellung herauslocken ließen, sie alle
-diese Vorteile verlieren würden, weil sie dann entweder zwischen dem
-Wald und dem linken Flügel einen bedeutenden Zwischenraum lassen oder,
-um diesen auszufüllen, ihre Schlachtlinie so weit ausdehnen müßten,
-daß sie an innerer Stärke verlieren würden und leichter durchbrochen
-werden könnten. Ein großer Nachteil für die Württemberger war auch ihre
-geringe Anzahl, denn der Feind zählte zwei Dritteile mehr. Er konnte
-zwar in dem engen Tal seine Streitkräfte nicht entwickeln und nur
-wenige Mannschaft auf einmal ins Treffen führen, doch war dies immer
-genug, um die Herzoglichen unausgesetzt zu beschäftigen; der Feind
-behielt dadurch immer frische Leute, und es war zu befürchten, daß die
-sechstausend Württemberger, wenn sie auch noch so tapfer standhalten
-sollten, endlich aus Ermattung werden unterliegen müssen.
-
-Der Wald nahm jetzt Georg und seine Schar auf; sie rückten still
-und vorsichtig weiter, denn Georg wußte wohl, wie schwierig es für
-einen Reiterzug sei, im Wald von Fußvolk angegriffen zu werden. Doch
-ungefährdet kamen sie bis auf das Feld heraus, das ihnen der Herzog
-bezeichnet hatte. Rechts über dem Wald hin wütete die Schlacht.
-Das Geschrei der Angreifenden, das Schießen aus Donnerbüchsen und
-Feldstücken, das Wirbeln der Trommeln hallte schrecklich herüber.
-
-Vor ihnen lag der Hügel, von dessen Gipfel eine gute Anzahl Kartaunen
-in die Reihen der Württemberger spielte; dieser Hügel erhob sich von
-der Seite des Wäldchens allmählich, und Georg bewunderte den schnellen
-Blick des Herzogs, der diese Seite sogleich erspäht hatte, denn von
-jeder andern Seite wäre, wenigstens für Reiter, der Angriff unmöglich
-gewesen. Das Geschütz wurde, soviel man von unten sehen konnte, nur
-durch eine schwache Mannschaft bedeckt, und als daher die Pferde ein
-wenig geruht hatten, ordnete Georg seine Schar und brach im Galopp an
-der Spitze der Reiter vor. In einem Augenblick waren sie auf dem Gipfel
-des Hügels angekommen, und Georg rief den bündischen Soldaten zu, sich
-zu ergeben.
-
-Sie zauderten, und die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von
-Stuttgart ersparten ihnen die Mühe, denn mit gewaltigen Streichen
-hieben sie Helme und Köpfe durch, daß von der Bedeckung bald wenige
-mehr übrig waren. Georg warf einen frohlockenden Blick auf die Ebene
-hinab seinem Herzog zu; er hörte das Freudengeschrei der Württemberger
-aus vielen tausend Kehlen aufsteigen, er sah, wie sie frischer
-vordrangen, denn ihre Hauptfeinde, die Feldstücke auf dem Hügel, waren
-jetzt zum Schweigen gebracht.
-
-Aber in diesem Augenblicke der Siegesfreude gewahrte er auch, daß
-jetzt der zweite und schwerere Teil seiner schnellen Operation, _der
-Rückzug_, gekommen sei; denn auch die Bündischen hatten bemerkt, wie
-ihr Geschütz plötzlich verstummt sei, und ihre Obersten hatten alsobald
-eine Reiterschar gegen den Hügel aufbrechen lassen. Es war keine Zeit
-mehr, die schweren erbeuteten Feldstücke wegzuführen; darum befahl
-Georg, mit Erde und Steinen ihre Mündungen zu verstopfen und sie auf
-diese Weise unbrauchbar zu machen. Dann warf er einen Blick auf den
-Rückweg; zwischen ihm und den Seinigen lag der Wald auf der einen,
-das feindliche Heer auf der andern Seite. Wurde er nur von Reiterei
-angegriffen, so war der Rückweg durch den Wald möglich, weil dann
-der Feind dieselben Schwierigkeiten zu überwinden hatte wie er. Aber
-seinem scharfen Auge entging nicht, daß ein großer Haufe bündischen
-Fußvolkes in den Wald ziehe, um ihm den Rückweg abzuschneiden, und so
-sah er sich von dem Walde ausgeschlossen. Das große Heer des Bundes zu
-durchbrechen, sich mit hundertundsechzig Pferden durch zwanzigtausend
-durchzuschlagen, wäre Tollkühnheit gewesen. Es blieb nur _ein_ Weg, und
-auch auf diesem war der Tod gewisser als die Rettung. Zur Linken des
-feindlichen Heeres floß der Neckar. Am andern Ufer war kein Mann von
-bündischer Seite; konnte er dieses Ufer gewinnen, so war es möglich,
-sich zum Herzog zu schlagen. Schon waren die Reiter des Bundes, wohl
-fünfhundert stark, am Fuß des Hügels angelangt; er glaubte an ihrer
-Spitze den Truchseß von Waldburg zu erblicken; jedem andern, selbst dem
-Tod wollte er sich lieber ergeben als diesem.
-
-Drum winkte er den tapfern Württembergern nach der steilern Seite des
-Hügels hin, die zum Neckar führte. Sie stutzten; es war zu erwarten,
-daß unter zehn immer acht stürzen würden, so jähe war diese Seite, und
-unten stand zwischen dem Hügel und dem Fluß ein Haufen Fußvolk, das sie
-zu erwarten schien. Aber ihr junger, ritterlicher Führer schlug das
-Visier auf und zeigte ihnen sein schönes Antlitz, aus welchem der Mut
-der Begeisterung sie anwehte; sie hatten ihn ja noch vor wenigen Wochen
-eine holde Jungfrau zur Kirche führen sehen, durften sie an Weib und
-Kinder denken, da _er_ diesen Gedanken weit hinter sich geworfen hatte?
-
-»Drauf, wir wollen sie schlachten!« riefen die Fleischer, »drauf, wir
-wollen sie hämmern!« riefen die Schmiede, »immer drauf, wir wollen
-sie lederweich klopfen!« riefen ihnen die Sattler nach; »drauf, mit
-Gott, Ulrich für immer!« rief der hochherzige Jüngling, drückte seinem
-Roß die Sporen ein und flog ihnen voran, den steilen Hügel hinab.
-Die feindlichen Reiter trauten ihren Augen nicht, als sie den Hügel
-heraufkamen, die verwegene Schar gefangen zu nehmen, und sie schon
-unten, mitten unter dem Fußvolk erblickten. Wohl hatte mancher den
-kühnen Ritt mit dem Leben bezahlt, mancher war mit dem Roß gestürzt und
-in Feindes Hand gefallen, aber die meisten sah man unten tapfer auf
-das Fußvolk einhauen, und der Helmbusch ihres Anführers wehte hoch und
-mitten im Gedränge. Jetzt waren die Reihen des Fußvolkes gebrochen,
-jetzt drängten sich die Reiter nach dem Neckar -- jetzt -- setzte ihr
-Führer an und war der erste im Fluß. Sein Pferd war stark, und doch
-vermochte es nicht mit der Last seines gewappneten Reiters gegen die
-Gewalt des vom Regen angeschwellten Stromes anzukämpfen, es sank, und
-Georg von Sturmfeder rief den Männern zu, nicht auf ihn zu achten,
-sondern sich zum Herzog zu schlagen und ihm seinen letzten Gruß zu
-bringen. Aber in demselben Augenblick hatten zwei Waffenschmiede sich
-von ihren Rossen in den Fluß geworfen; der eine faßte den jungen Ritter
-am Arm, der andere ergriff die Zügel seines Pferdes, und so brachten
-sie ihn glücklich ans Land heraus.
-
-Die Bündischen hatten ihnen manche Kugel nachgesandt, aber keine
-hatte Schaden getan, und im Angesicht beider Heere, durch den Fluß von
-ihnen getrennt, setzte die kühne Schar ihren Weg zum Herzog fort. Es
-war unweit seiner Stellung eine Furt, wo sie ohne Gefahr übersetzen
-konnten, und mit Jubel und Freudengeschrei wurden sie wieder von den
-Ihrigen empfangen.
-
-Ein Teil des feindlichen Geschützes war zwar durch diesen ebenso
-schnellen als verwegenen Zug Georgs von Sturmfeder zum Schweigen
-gebracht worden, aber das Verhängnis Ulrichs von Württemberg wollte,
-daß ihm diese kühne Waffentat zu nichts mehr nützen sollte; die
-Kräfte seiner Völker waren durch die immer erneuerten Angriffe des
-an Zahl weit überlegenen Feindes endlich völlig erschöpft worden;
-die Landsknechte hielten zwar mit ihrem gewöhnlichen kriegerischen
-Feuer aus, aber ihre Anführer hatten sich schon genötigt gesehen,
-sie in Kreise zu stellen, um den Andrang der feindlichen Kavallerie
-abzuwehren; dadurch war die Linie hin und wieder unterbrochen, und
-das Landvolk, das man durch eilige Bewaffnung nicht zu Kriegern
-hatte machen können, füllte nur schlecht diese Lücken aus. In diesem
-Augenblick wurde dem Herzog gemeldet, daß der Herzog von Bayern
-Stuttgart plötzlich überfallen und eingenommen habe, daß ein neues
-feindliches Heer in seinem Rücken am Fluß heraufziehe und kaum noch
-eine Viertelstunde entfernt sei. Da merkte er, daß er an diesem Tage
-sein Reich zum zweitenmal verloren habe, daß ihm nichts mehr übrig
-bleibe als Flucht oder Tod, um nicht in die Hände seiner Feinde
-zu fallen. Seine Begleiter rieten ihm, sich in sein Stammschloß
-Württemberg zu werfen und sich dort zu halten, bis er Gelegenheit
-fände, heimlich zu entrinnen; er schaute hinauf nach dieser Burg, die,
-von dem Glanz des Tages bestrahlt, ernst auf jenes Tal herabblickte,
-wo der Enkel ihrer Erbauer den letzten verzweifelten Kampf um sein
-Herzogtum kämpfte. Aber er erbleichte und deutete sprachlos hinauf,
-denn auf den Türmen und Mauern dieser Burg erschienen rote, glänzende
-Fähnlein, die im Morgenwind spielten; die Ritter blickten schärfer
-hin, sie sahen, wie die Fähnlein wuchsen und größer wurden, und ein
-schwärzlicher Rauch, der jetzt an vielen Stellen aufstieg, zeigte
-ihnen, daß es die Flamme sei, welche ihre glühenden Paniere siegend auf
-den Zinnen aufgesteckt hatte. Württemberg brannte an allen Ecken, und
-sein unglücklicher Herr sah mit dem greulichen Lachen der Verzweiflung
-diesem Schauspiel zu. Jetzt bemerkten auch die Heere die brennende
-Burg. Die Bündischen begrüßten diese Flammen mit einem Freudengeschrei,
-den Württembergern entsank der Mut, es war ihnen, als sei dies ein
-Zeichen, daß das Glück ihres Herzogs ein Ende habe.
-
-Schon tönten die Trommeln des im Rücken heranziehenden Heeres
-vernehmlicher, schon wich an vielen Orten das Landvolk, da sprach
-Ulrich: »Wer es noch redlich mit Uns meint, folge nach! Wir wollen
-uns durchschlagen durch ihre Tausende oder zu Grunde gehen. Nimm mein
-Banner in die Hand, tapferer Sturmfeder, und reite mutig mit uns in den
-Feind!« Georg ergriff das Panier von Württemberg, der Herzog stellte
-sich neben ihn, die Ritter und die Bürger zu Pferd umgaben sie und
-waren bereit, ihrem Herzog Bahn zu brechen. Der Herzog deutete auf eine
-Stelle, wo die Feinde dünner standen, dort müsse man durchkommen, oder
-alles sei verloren. Noch fehlte es an einem Anführer, und Georg wollte
-sich an die Spitze stellen, da winkte ihm der Ritter von Lichtenstein,
-seinen Platz an der Seite des Herzogs nicht zu verlassen, und stellte
-sich vor die Reiter; noch einmal wandte er die ehrwürdigen Züge dem
-Herzog und seinem Sohne zu, dann schloß er das Visier und rief:
-»Vorwärts, hie gut Württemberg alleweg!«
-
-Dieser Reiterzug war wohl zweihundert Pferde stark und bewegte sich
-in Form eines Keiles im Trab vorwärts. Der Kanzler Ambrosius Volland
-sah sie mit leichtem Herzen abziehen, denn der Herzog schien ihn ganz
-vergessen zu haben, und er hielt jetzt mit sich Rat, wie er ohne
-Gefahr von seinem hochbeinigen Tier herabkommen sollte. Doch der edle
-Renner des Herzogs hatte mit klugen Augen den Reitern nachgeschaut;
-solange sie sich im Trab fortbewegten, stand er stille und regungslos,
-jetzt aber ertönten die Trompeten zum Angriff, man sah das Panier von
-Württemberg hoch in den Lüften wehen und die tapfere Reiterschar im
-Galopp auf den Feind ansprengen. Auf diesen Moment schien der Renner
-gewartet zu haben; mit der Schnelligkeit eines Vogels strich er jetzt
-über die Ebene hin, den Reitern nach; dem Kanzler vergingen die Sinne,
-er hielt sich krampfhaft am Sattelknopf, er wollte schreien, aber die
-Blitzesschnelle, womit sein Roß die Luft teilte, unterdrückte seine
-Stimme; in einem Augenblick hatte er den Zug eingeholt; so schnell sie
-ihre Rosse auslaufen ließen, er überholte sie, und so hatte es der
-Kanzler in kurzer Zeit bis zum Anführer der Reiter gebracht. Der Feind
-stutzte über die sonderbare Gestalt, die mehr einem geharnischten Affen
-als einem Krieger glich; noch ehe sie sich recht besinnen konnten,
-war der fürchterliche Mann mitten in ihren Reihen, die Württemberger
-brachen, trotz des entscheidenden Augenblickes, in ein lustiges
-Gelächter aus, und auch dieses mochte beitragen, die tapfern Truppen
-von Ulm, Gmünd, Aalen, Nürnberg und noch zehn andern Reichsstädten,
-welche dieser unerwartete Angriff traf, zu verwirren; sie zerstiebten
-vor der ungeheuren Wucht der zweihundert Pferde, und die ganze Schar
-war im Rücken des Feindes. Sie setzte eilig ihren Marsch fort, und ehe
-noch die bündische Reiterei zum Nachsetzen herbeigerufen werden konnte,
-hatte der Herzog mit wenigen Begleitern sich zur Seite geschlagen; er
-gewann einen großen Vorsprung, denn die Reiterei des Bundes erreichte
-die berittene Schar der Bürger erst vor den Toren von Stuttgart, und es
-fand sich unter ihnen weder der Herzog noch einer seiner wichtigeren
-Anhänger, außer dem Kanzler Ambrosius Volland, den man halbtot vom
-Pferde hob. Die bündischen Kriegsleute behandelten ihn, nachdem man
-ihm die gewölbte Rüstung vom Leib geschält hatte, sehr übel, denn
-nur seiner fürchterlichen, alle Begriffe übersteigenden Tapferkeit
-schrieben sie es zu, daß ihnen der Herzog und mit ihm eine Belohnung
-von tausend Goldgulden entgangen war. So geschah es, daß dieser tapfere
-Kanzler, nicht wie sein Herzog _in_ der Schlacht, sondern _nach_ der
-Schlacht _geschlagen_ wurde.
-
-
-
-
-35.
-
- Wohl wieget _eines_ viele Taten auf --
- Sie achten drauf --
- Das ist um deines Vaterlandes Not
- Der Heldentod.
- Sieh hin, die Feinde fliehen, blick' hinan,
- Der Himmel glänzt, dahin ist unsre Bahn.
-
- _L. Uhland._
-
-
-Die Nacht, welche diesem entscheidenden Tage folgte, brachten Herzog
-Ulrich und seine Begleiter in einer engen Waldschlucht zu, die durch
-Felsen und Gesträuche einen sicheren Versteck gewährte und noch heute
-bei dem Landvolk die »Ulrichshöhle« genannt wird. Es war der Pfeifer
-von Hardt, der ihnen auf ihrer Flucht als ein Retter in der Not
-erschienen war und sie in diese Bucht führte, die nur den Bauern und
-Hirten der Gegend bekannt war. Der Herzog hatte beschlossen, hier zu
-rasten, um dann, sobald der Tag graute, seine Flucht nach der Schweiz
-fortzusetzen. Wohl wäre ihm hiezu die Nacht günstiger gewesen, denn
-die Bundestruppen hatten schon das Land besetzt, und es war wenig
-Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß er sie täuschen und ungehindert
-entkommen werde; aber die Pferde waren von dem heißen Schlachttag
-ermüdet, und es war unmöglich, den Herzog und seine notwendige
-Begleitung von neuem beritten zu machen, ohne die Nachforschung des
-Feindes nach diesem Schlupfwinkel zu leiten.
-
-Die Männer hatten sich um ein spärliches Feuer gelagert. Der Herzog
-war längst dem Schlummer in die Arme gesunken und vergaß vielleicht
-in seinen Träumen, daß er ein Herzogtum verloren habe; auch der alte
-Herr von Lichtenstein schlief, und Marx Stumpf von Schweinsberg
-hatte seine mächtigen Arme auf die Kniee gestützt, sein Gesicht in
-die Hände verborgen, und man war ungewiß, ob er schlafe oder, in
-Kummer versunken, über das Schicksal des Herzogs nachdachte, das sich
-mit einem Schlag so furchtbar gewendet hatte. Georg von Sturmfeder
-besiegte die Macht des Schlummers, der sich immer wieder über ihn
-lagern wollte; er war der jüngste unter allen und hatte freiwillig in
-dieser Nacht die Wache übernommen. Neben ihm saß Hans, der Pfeifer
-von Hardt; er sah unverwandt ins Feuer, und seine Gedanken schienen
-sich in einem Liedchen zu sammeln, dessen melancholische Weise er mit
-leiser, unterdrückter Stimme vor sich hin sang. Wenn das Feuer heller
-aufflackerte, schaute er mit einem trüben Blick nach dem Herzog, und
-wenn er sah, daß jener noch immer schlafe, versank er wieder in den
-flüsternden, traurigen Gesang.
-
-»Du singst eine traurige Weise, Hans!« unterbrach ihn Georg, den die
-melancholischen Töne dieses Liedes unheimlich anregten; »es tönt wie
-Totengesang und Sterbelieder, ich kann es nicht ohne Schaudern hören.«
-
-»Wir können alle Tage sterben,« sagte der Spielmann, indem er düster in
-die Flamme blickte; »drum sing' ich gerne ein solches Lied, es ist mir,
-als könnte ich mit solchen Gedanken würdiger sterben.«
-
-»Wie kommst du auf einmal zu diesen Todesgedanken, Hans? Du warst doch
-sonst ein fröhlicher Bursche zur Herbstzeit, und deine Zither tönte auf
-mancher Kirchweih. Da hast du gewiß keine Totenlieder gesungen.«
-
-»Meine Freude ist aus,« erwiderte er und wies auf den Herzog; »all
-meine Mühe, all meine Sorge war vergebens; es ist aus mit dem Herrn,
-und ich -- ich bin sein Schatten; auch mit mir ist's aus; hätte ich
-nicht Frau und Kind, ich möchte heute nacht noch sterben.«
-
-»Wohl warst du immer sein getreuer Schatten,« sagte der junge Mann
-gerührt, »und oft habe ich deine Treue bewundert; höre, Hans! wir sehen
-uns vielleicht lange nicht mehr. Jetzt haben wir Zeit zu schwatzen,
-erzähle mir, was dich so ausschließlich und enge an den Herzog knüpft,
-wenn es etwas ist, das du erzählen kannst.«
-
-Er schwieg einige Augenblicke und schürte das Feuer zurecht; ein
-unruhiges Feuer blitzte in seinen Augen, und Georg war ungewiß, ob es
-die Flamme oder eine innere Bewegung sei, was seine ausdrucksvollen
-Züge mit wechselnder Röte übergoß. »Das hat seine eigene Bewandtnis,«
-sagte er endlich, »und ich spreche nicht gerne davon. Doch Ihr habt
-recht, Herr, auch mir ist es, als werden wir uns lange nicht mehr
-sehen, so will ich Euch denn erzählen. Habt Ihr nie von dem Armen
-Konrad gehört?«
-
-»O ja,« erwiderte Georg, »das Gerücht davon kam noch weiter als bis
-zu uns nach Franken; war es nicht ein Aufstand der Bauern? Wollte man
-nicht sogar dem Herzog ans Leben?«
-
-»Ihr habt ganz recht, der Arme Konrad war ein böses Ding. Es mögen nun
-sieben Jahre sein, da gab es unter uns Bauern viele Männer, die mit der
-Herrschaft unzufrieden waren; es waren Fehljahre gewesen, den Reicheren
-ging das Geld aus, die Armen hatten schon lange keines mehr, und doch
-sollten wir zahlen ohne Ende, denn der Herzog brauchte gar viel Geld
-für seinen Hof, wo es alle Tage zuging wie im Paradies.«
-
-»Gaben denn eure Landstände nach, wenn der Herr so viel Geld
-verlangte?« fragte Georg.
-
-»Sie wagten eben auch nicht immer ›nein‹ zu sagen, des Herzogs Beutel
-hatte aber gar ein großes Loch, das wir Bauern mit unserm Schweiß nicht
-zuleimen konnten. Da gab es nun viele, die ließen die Arbeit liegen,
-weil das Korn, das sie pflanzten, nicht zu ihrem Brot wuchs, und der
-Wein, den sie kelterten, nicht für sie in die Fässer floß. Diese, als
-sie dachten, daß man ihnen nichts mehr nehmen könne als das arme Leben,
-lebten lustig und in Freuden, nannten sich Grafen zu Nirgendsheim,
-sprachen viel von ihren Schlössern auf dem Hungerberge und von ihren
-bedeutenden Besitzungen in der Fehlhalde und am Bettelrain; und diese
-Gesellschaft war der arme Konrad.«
-
-Der Pfeifer legte sinnend seine Stirne in die Hand und schwieg.
-
-»Von _dir_ wolltest du ja erzählen, Hans,« sagte Georg, »von dir und
-dem Herzog.« --
-
-»Das hätte ich beinahe vergessen,« antwortete dieser. -- »Nun,« fuhr er
-fort, »es kam endlich dahin, daß man Maß und Gewicht geringer machte
-und dem Herzog gab, was damit gewonnen wurde. Da ward aus dem Scherz
-bitterer Ernst. Es mochte mancher nicht ertragen, daß ringsumher volles
-Maß und Gewicht, und nur bei uns kein Recht sei. Im Remstale trug der
-Arme Konrad das neue Gewicht hinaus und machte die Wasserprobe.«
-
-»Was ist das?« fragte der junge Mann.
-
-»Ha!« lachte der Bauer, »das ist eine leichte Probe. Man trug den
-Pfundstein mit Trommeln und Pfeifen an die Rems und sagte: ›Schwimmt's
-oben, hat der Herzog recht; sinkt's unter, hat der Bauer recht.‹
-Der Stein sank unter, und jetzt zog der Arme Konrad Waffen an. Im
-Remstal und im Neckartal bis hinauf gegen Tübingen und hinüber an die
-Alb standen die Bauern auf und verlangten das alte Recht. Es wurde
-gelandtagt und gesprochen, aber es half doch nichts. Die Bauern gingen
-nicht auseinander.«
-
-»Aber du, von _dir_ sprichst du ja gar nicht.«
-
-»Daß ich's kurz sage, ich war einer der Aergsten,« antwortete Hans,
-»ich war kühn und trotzig, mochte nicht gerne arbeiten und wurde wegen
-Jagdfrevel unmenschlich abgestraft; da trat ich in den Armen Konrad,
-und bald war ich so arg als der _Gaispeter_ und der _Bregenzer_. Der
-Herzog aber, als er sah, daß der Aufruhr gefährlich werden könne, ritt
-selbst nach Schorndorf. Man hatte uns zur Huldigung zusammenberufen,
-wir erschienen zu vielen Hunderten, aber bewaffnet. Der Herzog
-sprach selbst zu uns, aber man hörte ihn nicht an. Da stand der
-Reichsmarschall auf, erhob seinen goldenen Stab und sprach: ›Wer es
-mit dem Herzog Ulrich von Württemberg hält, trete auf seine Seite!‹
-Der Gaispeter aber trat auf einen hohen Stein und rief: ›Wer es mit
-dem Armen Konrad vom Hungerberg hält, trete hierher!‹ Siehe, da stand
-der Herzog verlassen unter seinen Dienern. Wir andern hielten zu dem
-Bettler.«
-
-»O, schändlicher Aufruhr,« rief Georg, vom Gefühl des Unrechts
-ergriffen; »schändlich vor allen die, welche es so weit kommen ließen!
-Da war gewiß Ambrosius Volland, der Kanzler, an vielem schuld?«
-
-»Ihr könnet recht haben,« erwiderte der Spielmann; »doch höret weiter:
-der Herzog, als er sah, daß seine Sache verloren sei, schwang sich
-auf sein Roß, wir aber drängten uns um ihn her; doch noch wagte es
-keiner, den Fürsten anzutasten, denn er sah gar zu gebietend aus seinen
-großen Augen auf uns herab. ›Was wollt Ihr, Lumpen!‹ schrie er und gab
-seinem Hengst die Sporen, daß er sich hoch aufbäumte und drei Männer
-niederriß. Da erwachte unser Grimm; sie fielen seinem Roß in die Zügel,
-sie stachen nach ihm mit Spießen, und ich, ich vergaß mich so, daß ich
-ihn am Mantel packte und rief: ›Schießt den Schelmen tot!‹«
-
-»_Das warst du_, Hans?« rief Georg und sah ihn mit scheuen Blicken an.
-
-»_Das war ich_,« sagte dieser langsam und ernst; »aber es ward mir
-dafür, was mir gebührte. Der Herzog entkam uns damals und sammelte ein
-Heer; wir konnten nicht lange aushalten und ergaben uns auf Gnad' und
-Ungnad'. Es wurden zwölf Anführer des Aufruhrs nach Schorndorf geführt
-und dort gerichtet; ich war auch unter diesen. Aber als ich so im
-Kerker lag und mein Unrecht und den nahen Tod überdachte, da graute mir
-vor mir selbst, und ich schämte mich, mit so elenden Gesellen, wie die
-elf andern waren, gerichtet zu werden.«
-
-»Und wie wurdest du gerettet?« fragte Georg teilnehmend.
-
-»Wie ich Euch schon in Ulm sagte, durch ein Wunder. Wir zwölf wurden
-auf den Markt geführt, es sollte uns dort der Kopf abgehauen werden.
-Der Herzog saß vor dem Rathaus und ließ uns noch einmal vor sich
-führen. Jene elfe stürzten nieder, daß ihre Ketten fürchterlich
-rasselten, und schrieen mit jammernder Stimme um Gnade. Er sah sie
-lange an und betrachtete dann mich. ›Warum bittest du nicht auch?‹
-fragte er. ›Herr,‹ antwortete ich, ›ich weiß, was ich verdient habe,
-Gott sei meiner Seele gnädig.‹ Noch einmal sah er auf uns, dann aber
-winkte er dem Scharfrichter. Wir wurden nach dem Alter gestellt,
-ich als der jüngste war der letzte. Ich weiß wenig mehr von jenen
-schrecklichen Augenblicken; aber nie vergesse ich den greulichen Ton,
-wenn die Halsknorpel krachten --«
-
-»Um Gottes willen hör' auf,« bat Georg, »oder übergehe das Gräßliche!«
-
-»Neun Köpfe meiner Gesellen staken auf den Spießen, da rief der Herzog:
-›Zehn sollen bluten, zwei frei sein. Bringt Würfel her und laßt die
-drei dort würfeln!‹ Man brachte Würfel, der Herzog bot sie mir zuerst;
-ich aber sagte: ›Ich habe mein Leben verwirkt und würfle nicht mehr
-darüber!‹ Da sprach der Herzog: ›Nun, so würfle ich für dich.‹ Er bot
-den zwei andern die Würfel hin. Zitternd schüttelten sie in den kalten
-Händen die Würfel, zitternd zählten sie die Augen: der eine warf neun,
-der andere vierzehn; da nahm der Herzog die Würfel und schüttelte sie.
-Er faßte mich scharf ins Auge, ich weiß, daß ich nicht gezittert habe.
-Er warf -- und deckte schnell die Hand darauf. ›Bitte um Gnade,‹ sagte
-er, ›noch ist es Zeit!‹ -- ›Ich bitte, daß Ihr mir verzeihen möget, was
-ich Euch Leids getan,‹ antwortete ich; ›um Gnade aber bitt' ich nicht,
-ich habe sie nicht verdient und will sterben.‹ Da deckte er die Hand
-auf, und siehe, er hatte achtzehn geworfen. Es war mir sonderbar zu
-Mut, es kam mir vor, als habe er gerichtet an Gottes Statt. Ich stürzte
-auf meine Kniee nieder und gelobte, fortan in seinem Dienst zu leben
-und zu sterben. Der zehnte ward geköpft, wir beide waren frei.«
-
-Mit immer höher steigender Teilnahme hatte Georg der Erzählung des
-Pfeifers von Hardt zugehört; aber als er schloß, als sich das sonst
-so kühn und listig blickende Auge mit Tränen füllte, da konnte er
-sich nicht enthalten, seine Hand zu fassen, sie fest und herzlich zu
-drücken. »Es ist wahr,« sagte der junge Mann, »du hast Schweres an
-deinem Landesherrn verschuldet, aber du hast auch schrecklich gebüßt,
-denn du hast den Tod dennoch erlitten; jenes schnelle Zücken des
-Schwertes ist nichts mehr gegen das Gefühl, so viele bekannte Menschen
-hinrichten und sich den Tod immer näher kommen zu sehen! Und hast du
-nicht durch ein Leben voll Treue, durch Aufopferung und Wagnis aller
-Art den Fürsten versöhnt, an den du deine Hand legtest? Wie oft hast du
-ihm Freiheit, vielleicht das Leben gerettet! Wahrlich, deine Schuld ist
-reichlich abgetragen.«
-
-Der arme Mann hatte, nachdem er seine Erzählung geschlossen, wieder
-mit düsterem Sinnen ins Feuer geschaut. Er hätte ganz teilnahmlos
-geschienen, wenn nicht unter den Worten Georgs nach und nach ein trübes
-Lächeln auf seinen Zügen erschienen wäre. »Meint Ihr,« sagte er,
-»ich hätte gebüßt und meine Schuld abgetragen? Nein, solche Schulden
-tilgen sich nicht so bald, und ein geschenktes Leben muß für den
-ausgesetzt werden, der es uns fristete. Das Umherschleichen in den
-Bergen, Kundschaft bringen aus Feindes Lager, Höhlen zeigen, wo man
-sich verbergen kann, das ist keine schwere Sache, Herr, und das allein
-tut's nicht. Ich weiß, ich werde noch einmal für ihn sterben müssen --
-und dann, Herr, nehmt Euch meines Weibes und meiner Tochter an.«
-
-Eine Träne fiel in seinen Bart; doch als schäme er sich, so weich zu
-sein, verbarg er sein Gesicht in der Hand und fuhr fort: »Doch dazu
-bin ich noch gut genug; wie jeder Kriegsmann, wie jeder im Volk darf
-ich für ihn sterben; o, könnte ich durch meinen Tod seine Huldigung
-abändern und ihm das Land wieder verschaffen, noch in dieser Stunde
-wollte ich sterben!«
-
-Der Herzog erwachte; er richtete sich auf, er sah mit verwunderten
-Blicken um sich her, als sei er durch einen Zauber in diese Erdschlucht
-versetzt und sehe jetzt erst diese Felsen und Bäume, das spärliche
-Feuer und die von den Flammen beschienenen Männer, seine Begleiter; er
-bedeckte seine Augen mit der Hand, doch er sah wieder auf, als prüfe
-er, ob diese Erscheinungen bleiben; -- sie blieben, und schmerzlich
-sah er bald den einen, bald den andern an. »Ich habe heute ein Land
-verloren,« sprach er, »es hat mich nicht so geschmerzt als dieses
-Erwachen, denn ich habe es im Traume wieder und noch viel schöner
-besessen.«
-
-»Seid nicht ungerecht, Herr,« sagte Marx Stumpf von Schweinsberg,
-indem er sich aus seiner gebückten Stellung aufrichtete; »seid nicht
-ungerecht gegen diese Wohltat der Natur. Wie unglücklich wäret
-Ihr, wenn Ihr auch im Schlummer, der Eure Kräfte für das schwere
-Unglück stärken soll, Euren Verlust noch fühltet, auch da noch so
-düster darüber gebrütet hättet. Ihr seid finster und verschlossen
-eingeschlummert, jetzt sind Eure Züge freundlicher und milder;
-verdanken wir dies nicht Eurem Traum?«
-
-»So hätte ich mögen nie erwachen; o daß ich Jahrhunderte fortgeträumt
-hätte und dann erwacht wäre; es war so schön, so tröstlich, was ich
-träumte!«
-
-Er stützte die Stirne in die Hand und schien schmerzlich bewegt. Der
-alte Herr von Lichtenstein war von den Stimmen der Sprechenden erweckt
-worden; er kannte Ulrich und wußte, daß man ihn nicht über seinen
-schmerzlichen Verlust brüten lassen dürfe; er rückte ihm daher näher
-und sprach:
-
-»Nun, und wollt Ihr uns nicht auch sagen, was Ihr geträumt habt?
-Vielleicht liegt auch für uns ein Trost darin, denn wisset, ich glaube
-an Träume, wenn sie in einer wichtigen, verhängnisvollen Stunde in
-unsere Seele einziehen, und ich glaube, sie kommen von oben, um uns zu
-trösten.«
-
-Der Herzog schwieg noch eine Weile, er schien über die Worte des
-Ritters nachzusinnen; dann fing er an zu erzählen: »Mein Schwager,
-Wilhelm von Bayern, hat mir heute zur Probe seiner Freundschaft die
-Burg meiner Ahnen niedergebrannt. Dort hausten seit undenklichen Zeiten
-die Württemberger, und das Land, das Wir besitzen, trägt von diesem
-Schloß den Namen. Es scheint, als habe er damit Uns eine Todesfackel
-anzünden und mit diesen Flammen Unser Wappen und Gedächtnis und selbst
-den Namen Württemberg vertilgen wollen. Und fast könnte er recht haben;
-denn mein einziges Söhnlein, Christoph, ist in fernen Landen, mein
-Bruder Georg hat noch keine Kinder, und ich -- bin geschlagen, verjagt;
-sie haben wiederum mein Land besetzt und wo ist Hoffnung, daß ich's
-wieder einmal erlange? -- -- Wie ich nun so ganz verlassen und elend
-hier am Feuer saß, wie ich nachdachte über mein kurzes Glück, und wie
-ich vielleicht mein Unglück selbst verschuldet habe; wie ich bedachte,
-auf welch schwachen Stützen meine Hoffnung beruhe, und wie selbst der
-Name Württemberg auslöschen könne, gleich den letzten Funken in der
-Asche meiner Stammburg, da übermannte mich der Jammer, und bitterer
-als je fühlte ich die Schläge meines Schicksals. Unter diesen Gedanken
-entschlief ich. Doch wie im Wachen meine Seele mit Sehnsucht und Trauer
-auf den Höhen des roten Berges und um die rauchenden Trümmer von
-Württemberg schwebte, so erging sich mein Geist auch im Traume dort.«
-
-Ulrich hielt inne; es war, als fülle ein Bild seine Seele, das zu
-schön, zu groß sei, um es mit sterblichen Lippen zu beschreiben; ein
-milder Friede lag auf den Zügen des unglücklichen Fürsten, und ein
-wunderbarer Glanz drang aus seinen aufwärts gerichteten Augen. Die
-Männer umher blickten ihn staunend an; sie hingen an seinen Lippen und
-lauschten auf seine Rede, die ihnen so Wichtiges zu verkünden schien.
-
-»Höret weiter,« fuhr er fort: »ich sah herab auf das schöne Neckartal;
-der Fluß zog wie sonst in schönen blauen Bogen hin, aber das Tal und
-die Berge schienen mir lieblicher, glänzender, die Wälder auf den Höhen
-waren verschwunden, die Wiesen waren nicht mehr, sondern von Berg zu
-Berg zog sich _ein_ großer Garten voll grüner Reben und im Tal sah man
-Obstbäume und schöne blühende Gärten ohne Zahl. Ich stand entzückt
-und schaute und schaute immer wieder hin, denn die Sonne erschien
-freundlicher, der Himmel blauer und reiner, das Grün der Reben und
-Bäume glänzender als jetzt. Und als ich mein trunkenes Auge erhob und
-hinüberschaute über den Neckar, da gewahrte ich auf einem Hügel am Fluß
-ein freundliches Schloß, das im Glanz der Morgensonne sich spiegelte;
-es lag so friedlich da, daß sein Anblick meiner Seele wohl tat, denn
-keine Gräben und hohe Mauern, keine Türme und Zinnen, kein Fallgatter,
-keine Zugbrücke erinnerten an den Zwist der Völker und das unsichere,
-wechselnde Geschick der Sterblichen.
-
-»Und als ich verwundert über den tiefen Frieden des Tales und jenes
-unbewachten Schlosses mich umsah, waren auch die Mauern _meiner_ Burg
-verschwunden; doch hier wenigstens log mir der Traum nicht, denn ich
-sah ja gestern die Zinnen stürzen und den Wartturm sinken, von welchem
-sonst mein Panier in den Lüften wehte. Kein Stein von Württemberg war
-mehr zu sehen, aber ein Tempel stand dort mit Säulen und Kuppel, wie
-man sie in Rom und Griechenland findet. Ich dachte nach, wie dies alles
-auf einmal so habe kommen können, da gewahrte ich Männer in fremder
-Kleidung, die nicht weit von mir standen und auf das Land hinabschauten.
-
-»Der eine dieser Männer zog vor den übrigen meine Aufmerksamkeit auf
-sich; er hatte einen schönen Knaben an der Hand, dem er das Tal zu
-seinen Füßen und die Berge umher, und den Fluß und die Städte und
-Dörfer in der Nähe und Ferne zeigte. Ich betrachtete den Mann, er trug
-die Züge meines Bruders Georg,[45] und es war mir, als müsse er zum
-Stamm meiner Ahnen gehören und ein Württemberg sein; er stieg mit dem
-Knaben den Berg hinab ins Tal, und die andern Männer folgten ihm in
-ehrerbietiger Entfernung; den letzten hielt ich auf und fragte ihn: wer
-jener gewesen sei, der dem Knaben das Land gezeigt habe? ›Das war der
-König,‹ sagte er und stieg den Berg hinab.«
-
-Der Herzog schwieg und sah die Ritter forschend an, als wollte er
-ihre Meinung hören; sie schwiegen lange, endlich nahm der Ritter von
-Lichtenstein das Wort und sprach: »Ich bin fünfundsechzig Jahre alt
-und habe vieles gesehen und gehört auf Erden und manches, worüber der
-menschliche Geist erstaunte, und wo ein frommer Sinn den Finger der
-Gottheit sah. Glaubet mir, auch die Träume kommen von Gott, denn nichts
-geschieht auf Erden ohne Ursache. Es hat in alten Zeiten Seher und
-Propheten gegeben, warum sollte nicht auch in unsern Tagen der Herr
-seiner Heiligen einen herabsenden, daß er einem Unglücklichen im Traume
-die dunkeln Pforten der Zukunft öffne und ihn einen Blick in künftige
-schönere Tage tun lasse? Drum seid getrosten Mutes, Herr! Eure Feste
-hat der Feind verbrannt, ihr habt an einem Tage ein Herzogtum verloren,
-aber dennoch wird Euer Name nicht verlöschen, und Euer Gedächtnis wird
-nicht verloren sein in Württemberg.«
-
-»Ein König --« sprach der Herzog sinnend, »ist es nicht vermessen,
-jetzt, wo ich hinaus muß ins Elend, jetzt an einen König meines Stammes
-zu denken? Kann nicht auch die Hölle solche Träume vorspiegeln, um uns
-nachher desto bitterer zu täuschen?«
-
-»Was zweifelt Ihr an der Zukunft?« sagte Schweinsberg lächelnd. »Hätte
-einer Eurer ritterlichen Ahnen, die auf Württemberg hausten, hätte
-einer wissen können, daß seine Enkel Herzoge sein, daß das weite schöne
-Land ihren Namen Württemberg tragen werde? Nehmet Euren Traum als den
-Wink des Schicksals hin, daß Euer Name in ferner, ferner Zeit auf
-diesem Lande bleiben, daß die spätern Fürsten Württembergs die Züge
-Eures Stammes tragen werden.«
-
-»Wohlan, so will ich hoffen,« erwiderte Ulrich von Württemberg, »will
-hoffen, daß Uns das Land verbleibe, wie dunkel auch jetzt Unsere Lose
-seien. Mögen Unsere Enkel nie so harte Zeiten sehen wie Wir; möge man
-auch von Euch sagen, sie sind -- _furchtlos_!«
-
-»_Und treu!_« sprach der Bauer mit Nachdruck und stand auf. »Doch ist
-es Zeit, Herr Herzog, daß Ihr aufbrechet. Das Morgenrot ist nicht mehr
-fern, und über den Neckar wenigstens müssen wir kommen, solange es noch
-dunkel ist.«
-
-Sie standen auf und waffneten sich; die Pferde wurden herbeigeführt,
-sie saßen auf, und der Pfeifer ging voran, den Weg aus der Schlucht
-zu zeigen. Die Reise des Herzogs zum Land hinaus war mit großer
-Gefahr verbunden, denn der Bund suchte seiner mit aller Mühe habhaft
-zu werden. Um auf einen Weg zu gelangen, wo er sicher seinen Feinden
-entgehen könnte, war der Herzog genötigt, noch einmal über den
-Neckar zu gehen. Dieser Uebergang war nicht ohne Gefahr. Ein starker
-Gewitterregen hatte den Fluß angeschwellt, so daß es nicht möglich
-schien, ihn mit den Pferden zu durchschwimmen. Die Brücken aber waren
-zum größten Teil von dem Bunde besetzt worden; doch auch hier wußte
-Hans guten Rat, denn er hatte durch treue Leute ausgespäht, daß die
-Brücke von Köngen noch frei sei. Man hatte sich wohl nicht die Mühe
-genommen, sie zu besetzen, weil sie Eßlingen und dem feindlichen Lager
-allzunahe war, als daß man hätte glauben können, der Herzog werde dort
-vorüberkommen. Dieser Weg schien wegen seiner großen Gefahr die meiste
-Sicherheit zu gewähren. Ihn wählte Ulrich, und so zogen sie stille und
-vorsichtig dem Neckar zu.
-
-Als sie aus dem Wald ins Feld herauskamen, säumte schon das Morgenrot
-den Horizont. Sie ritten jetzt auf besserem Wege schärfer zu, und bald
-sahen sie den Neckar schimmern, und die hochgewölbte Brücke lag nicht
-ferne mehr von ihnen. In diesem Augenblicke sah sich Georg um und
-gewahrte eine bedeutende Anzahl Reiter, die von der Seite her hinter
-ihnen zogen. Er machte seine Begleiter darauf aufmerksam. Sie sahen
-sich besorgt um und musterten den Zug, der wohl fünfundzwanzig Pferde
-betragen mochte. Es schienen bündische Reiter zu sein, denn des Herzogs
-Völker waren gesprengt und zogen nicht mehr in so geordneten Scharen
-wie diese.
-
-Noch zogen jene ruhig ihren Weg und schienen die kleine Gesellschaft
-nicht zu bemerken, aber dennoch schien es ratsam, die Brücke zu
-gewinnen, wo sich drei Wege schieden, ehe man von ihnen angerufen
-und befragt würde. Der Pfeifer lief voran, so schnell er konnte, der
-Herzog und die Ritter folgten ihm in gestrecktem Trab, und je weiter
-sie sich von den Bündischen entfernten, desto leichter wurde ihnen ums
-Herz, denn alle bangten nicht für ihr eigenes Leben, wohl aber für die
-Freiheit Ulrichs.
-
-Sie hatten die Brücke erreicht, sie zogen hinauf, aber in demselben
-Augenblick, wo sie oben auf der Mitte der hohen Wölbung angekommen
-waren, sprangen zwölf Männer, mit Spießen, Schwertern und Büchsen
-bewaffnet, hinter der Brücke hervor und besetzten den Ausgang.
-Der Herzog sah, daß er entdeckt war, und winkte seinen Begleitern
-rückwärts. Lichtenstein und Schweinsberg, die letzten, wandten ihre
-Rosse, aber schon war es zu spät, denn die bündischen Reiter, die ihnen
-im Rücken nachgezogen waren, hatten sich in Galopp gesetzt und den
-Eingang der Brücke in diesem Augenblick erreicht und besetzt.
-
-Noch war es zu dunkel, als daß man den Feind genau hätte unterscheiden
-können, doch nur zu bald zeigten sich seine feindlichen Absichten.
-»Ergebet Euch, Herzog von Württemberg,« rief eine Stimme, die den
-Rittern nicht unbekannt schien, »Ihr sehet, es ist kein Ausweg da zur
-Flucht!«
-
-»Wer bist du, daß Württemberg sich dir ergeben soll?« antwortete Ulrich
-mit grimmigem Lachen, indem er sein Schwert zog, »du sitzest ja nicht
-einmal zu Roß; bist du ein Ritter?«
-
-»Ich bin der Doktor Calmus,« entgegnete jener, »und bin bereit, die
-vielen Liebesdienste zu vergelten, die Ihr mir erwiesen habt. Ein
-Ritter bin ich, denn Ihr habt mich ja zum Ritter vom Esel gemacht; aber
-ich will Euch dafür zum Ritter ohne Roß machen. Abgestiegen, sag' ich,
-im Namen des durchlauchtigsten Bundes!«
-
-»Gib Raum, Hans,« flüsterte der Herzog mit unterdrückter Stimme dem
-Spielmann zu, der mit gehobener Axt zwischen ihm und dem Doktor stand;
-»geh, tritt auf die Seite! Ihr Freunde, schließt euch an, wir wollen
-plötzlich auf sie einfallen, vielleicht gelingt es, durchzubrechen!«
-Doch nur Georg vernahm diesen Befehl des Herzogs, denn die zwei andern
-Ritter hielten wohl zehn Schritte hinter ihnen den Eingang besetzt und
-waren schon mit den bündischen Reitern im Gefecht, die umsonst dieses
-ritterliche Paar zu durchbrechen und zu dem Herzog durchzudringen
-versuchten. Georg schloß sich an Ulrich an und wollte mit ihm auf den
-Doktor und die Knechte einsprengen, aber diesem war das Flüstern des
-Herzogs nicht entgangen. »Drauf, ihr Männer! der im grünen Mantel
-ist's; lebendig oder tot!« rief er, drang mit seinen Knechten vor und
-griff zuerst an. Sein langer Arm führte einen fünf Ellen langen Spieß.
-Er zückte ihn nach Ulrich, und es wäre vielleicht um ihn geschehen
-gewesen, da er ihn in der Dunkelheit nicht gleich bemerkte, doch Hans
-kam ihm zuvor, und indem der berühmte Doktor Kahlmäuser nach der Brust
-seines Herrn stieß, war ihm die Axt des Pfeifers tief in die Stirne
-gedrungen. Er fiel, so lang er war, mit Gebrüll auf die Knechte zurück.
-Sie stutzten, der Bauersmann schien ein schrecklicher Kämpfer, denn
-seine Axt schwirrte immer noch in den Lüften, er bewegte sie wie eine
-Feder hin und her; sie zogen sich sogar einige Schritte zurück. Diesen
-Augenblick benützte Georg, riß dem Herzog den grünen Mantel ab, hing
-ihn sich selbst um und flüsterte ihm zu, sein Pferd zu spornen und sich
-über die Brüstung der Brücke hinabzustürzen. Der Herzog warf einen
-Blick auf die hochgehenden Wellen des Neckars und hinauf zum Himmel. Es
-schien keine andere Rettung möglich, und er wollte lieber auf Leben und
-Tod den Sprung wagen, als seinen Feinden in die Hände fallen. Doch der
-Anblick, der sich ihm in diesem schrecklichen Moment darbot, zog ihn
-noch einmal zurück.
-
-Die Knechte hatten die Speere vorgestreckt und drangen vor. Der Pfeifer
-stand noch immer, obgleich aus mehreren Wunden blutend, und schlug mit
-der Axt ihre Speere nieder. Seine Augen blitzten, seine kühnen Züge
-trugen den Ausdruck von freudiger Begeisterung, und das Lächeln, das
-um seinen Mund zog, war nicht das der Verzweiflung, nein, seine mutige
-Seele erbebte nicht vor dem nahenden Tod, er blickte ihm mit stolzer
-Freude entgegen, als sei _er_ der Kampfpreis, um den er so viele Sorgen
-und Gefahren auf sich genommen habe. Noch einen schlug er mit seiner
-starken Rechten zu Boden, da stieß ihm einer der Knechte von der Seite
-her die Hellebarde in die Brust, in diese treue Brust, die noch im Tod
-ein Schild für den unglücklichen Fürsten war, dem nie ein treueres Herz
-geschlagen hatte. Er wankte, er sank zusammen, er heftete das brechende
-Auge auf seinen Herrn: »Herr Herzog, _wir sind quitt_!« rief er freudig
-aus und senkte sein Haupt zum Sterben.
-
-An ihm vorüber ging der Weg der Knechte, die mit Freudengeschrei näher
-zudrangen -- da warf sich Georg von Sturmfeder in die Mitte, seine
-Klinge schwirrte in der Luft, und so oft sie niederfiel, zuckte einer
-der Feinde am Boden. Er war der letzte Schild des Herzogs Ulrich
-von Württemberg; sank dieser noch, so war Gefangenschaft oder Tod
-unvermeidlich. Drum wandte er sich zum letzten Mittel. Er warf noch
-einen tränenschweren Blick auf die Leiche jenes Mannes, der seine Treue
-mit dem Tod besiegelt hatte, dann riß er sein mächtiges Streitroß zur
-Seite, spornte es, daß es sich hoch aufbäumte, wandte es mit einem
-starken Drucke rechts, und -- in einem majestätischen Sprung setzte es
-über die Brüstung der Brücke und trug seinen fürstlichen Reiter hinab
-in die Wogen des Neckars.
-
-Georg hielt inne mit Fechten, er sah dem Herzog nach. Roß und Reiter
-waren niedergetaucht, doch das mächtige Tier kämpfte mit den Wirbeln,
-schwamm, arbeitete sich herauf, und wie die beste Barke schwamm es
-mit dem Herzog den Strom hinab. Dies alles war das Werk weniger
-Augenblicke, einige der Knechte wollten hinabspringen ans Ufer, um sich
-des kühnen Reiters zu bemächtigen, doch einer, der Georg am nächsten
-war, rief ihnen zu: »Laßt ihn schwimmen, an _dem_ ist nichts gelegen,
-das hier ist der grüne Vogel, das ist der grüne Mantel; den laßt uns
-fassen.« Georg blickte dankbar auf zum Himmel! Er ließ sein Schwert
-sinken und ergab sich den Bündischen. Sie schlossen einen Kreis um ihn
-und ließen es willig geschehen, daß er abstieg und zu der Leiche jenes
-Mannes trat, der ihnen so schrecklich erschienen war. Georg faßte die
-Hand, welche immer noch die blutige Axt festhielt. Sie war kalt. Er
-suchte, ob das treue Herz noch schlage, aber der tödliche Stoß der
-Lanze hatte es nur zu gut getroffen. Das Auge, das einst so kühn und
-mutig blickte, war gebrochen, geschlossen der Mund, der auch in den
-trübsten Stunden einen ungebeugten, frohen Sinn verkündete. Seine Züge
-waren erstarrt, aber noch schwebte um seine Lippen jenes Lächeln, das
-den letzten Gruß, den er seinem Herrn entbot, begleitet hatte. Georgs
-Tränen fielen auf ihn herab. Er drückte noch einmal die Hand des
-Pfeifers, schloß ihm die Augen zu und schwang sich auf, um den Knechten
-in ihr Lager zu folgen.
-
-
-
-
-36.
-
- O schöner Tag, wann endlich der Soldat
- Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit. --
- O! glücklich, wem dann auch sich eine Tür',
- Sich zarte Arme sanft umschlingend öffnen.
-
- _Schiller._
-
-
-Nach einem Marsch von beinahe drei Stunden näherte sich der Trupp
-der bündischen Knechte, den Gefangenen in ihrer Mitte, dem Lager.
-Sie hatten nicht gewagt, sich laut zu unterreden, aber ihre Mienen
-verkündeten großen Triumph, und Georgs scharfem Ohr entging es nicht,
-wie sie flüsternd den Gewinn berechneten, den sie aus dem Herzog im
-grünen Mantel ziehen werden. Ein freudiges Gefühl bewegte seine Brust,
-er glaubte hoffen zu dürfen, daß der unglückliche Fürst durch seine
-kühne Aufopferung Zeit gewonnen habe, sich zu retten. Nur der Gedanke
-an Marie trübte auf Augenblicke seine Freude. Wie groß mußte ihr Kummer
-schon gewesen sein, als sie die Nachricht von dem Ausgange der Schlacht
-bekam; er hatte ihr zwar durch treue Männer die Nachricht gesandt, daß
-er unverletzt aus dem Streit gegangen sei; aber wußte er nicht, daß
-die traurige Entscheidung von Württembergs Schicksal ihre Seele tief
-betrüben, daß ihre Blicke ängstlich dem Geliebten auf den Gefahren der
-Flucht folgen werden, daß ihre Sehnsucht zu jeder Stunde seinen Namen
-nenne und ihn zurückrufe?
-
-Und durfte er hoffen, vom Bunde zum zweitenmal so leicht entlassen
-zu werden wie damals in Ulm? Gefangen mit den Waffen in der Hand,
-bekannt als eifriger Freund des Herzogs -- mußte er nicht fürchten,
-einer langen Gefangenschaft, einer grausamen Behandlung entgegen zu
-gehen? Die Ankunft an dem äußeren Posten des Lagers unterbrach diese
-düstern Gedanken. Die Knechte schickten einen aus ihrer Mitte ab,
-um die Bundesobersten von ihrem Fang zu benachrichtigen und Befehle
-einzuholen, wohin man ihn führen solle. Es war dies eine peinliche
-Viertelstunde für Georg; er wünschte womöglich mit Frondsberg
-zusammenzutreffen, er glaubte hoffen zu dürfen, daß dieser edle Freund
-seines Vaters ihm seine gütigen Gesinnungen erhalten haben möchte, daß
-er ihn zum wenigsten billiger beurteilen werde als Waldburg Truchseß
-und so mancher andere, der ihm früher nicht günstig war.
-
-Der Knecht kam zurück; der Gefangene sollte so still als möglich
-und ohne Aufsehen in das große Zelt geführt werden, wo die Obersten
-gewöhnlich Kriegsrat hielten. Man schlug zu diesem Gang einen
-Seitenweg ein, und die Knechte baten Georg, seinen Helm zu schließen,
-daß man ihn nicht erkenne, ehe er vor den Rat geführt würde. Gerne
-befolgte er diese Bitte, denn es war ihm in einem solchen Falle nichts
-unerträglicher, als sich den Blicken neugieriger oder schadenfroher
-Menschen aussetzen zu müssen. Sie gelangten endlich an das große
-Zelt. Diener aller Art waren hier versammelt, und die verschiedenen
-Farben und Binden, mit welchen sie geschmückt waren, ließen auf eine
-zahlreiche Versammlung edler Herren und Ritter im Innern des Zeltes
-schließen.
-
-Schon mochte die Nachricht unter sie gekommen sein, daß einige Knechte
-einen Mann von Bedeutung gefangen haben, denn sie drängten sich nahe
-herbei, als Georg sich aus dem Sattel schwang, und ihre neugierigen
-Blicke schienen durch die Oeffnungen des Visiers dringen zu wollen,
-um die Züge des Gefangenen zu schauen. Ein Edelknabe suchte Raum zu
-machen, und er mußte seine Zuflucht zu dem »Namen des Bundesobersten«
-nehmen, um diese dichte Masse zu durchbrechen und dem gefangenen Ritter
-einen Weg in das Innere des Zeltes zu bahnen. Drei jener Knechte,
-die ihn begleitet hatten, durften folgen; sie glühten vor Freude und
-glaubten nichts anders, als jene Goldgülden sogleich in Empfang nehmen
-zu können, die auf die Person des Herzogs von Württemberg gesetzt waren.
-
-Der letzte Vorhang tat sich auf, und Georg trat mutig und festen
-Schrittes ein und überschaute die Männer, die über sein Schicksal
-entscheiden sollten. Es waren wohlbekannte Gesichter, die ihn so
-fragend und durchdringend anschauten. Noch waren die düsteren Blicke
-und die feindliche Stirne des Truchseß von Waldburg seinem Gedächtnis
-nicht entfallen, und der spöttische, beinahe höhnische Ausdruck in den
-Mienen dieses Mannes weissagte ihm nichts Gutes. Sickingen, Alban von
-Closen, Hutten -- sie alle saßen wie damals vor ihm, als er dem Bund
-auf ewig lebewohl sagte; aber wie vieles hatte sich verändert. Und
-eine Träne füllte sein Auge, als es auf jene teure Gestalt, auf jene
-ehrwürdigen Züge fiel, die sich tief in sein dankbares Herz gegraben
-hatten. Es war nicht Hohn, nicht Schadenfreude, was man in Georg von
-Frondsbergs Mienen las, nein, er sah den Nahenden mit jenem Ausdruck
-von würdigem Ernst, von Wehmut an, womit ein edler Mann den tapfern,
-aber besiegten Feind begrüßt.
-
-Als Georg diesen Männern gegenüberstand, hub der Truchseß von Waldburg
-an: »So hat doch endlich der schwäbische Bund einmal die Ehre, den
-erlauchten Herzog von Württemberg vor sich zu sehen; freilich war die
-Einladung zu uns nicht allzu höflich, doch --«
-
-»Ihr irrt Euch,« rief Georg von Sturmfeder und schlug das Visier seines
-Helmes auf. Als sähen sie Minervas Schild und sein Medusenhaupt, so
-bebten die Bundesräte vor dem Anblick der schönen Züge des jungen
-Ritters. »Ha! Verräter! Ehrlose Buben! Ihr Hunde!« rief Truchseß den
-drei Knechten zu. »Was bringt ihr uns diesen Laffen, dessen Anblick
-meine Galle aufregt, statt des Herzogs? Geschwind, wo ist er? Sprecht!«
-
-Die Knechte erbleichten. »Ist's nicht dieser?« fragten sie ängstlich.
-»Er hat doch den grünen Mantel an.«
-
-Der Truchseß zitterte vor Wut, und seine Augen sprühten Verderben; er
-wollte auf die Knechte hinstürzen, er sprach davon, sie zu erwürgen;
-aber die Ritter hielten ihn zurück, und Hutten, zornbleich, aber
-gefaßter als jener, fragte: »Wo ist der Doktor Calmus, laßt ihn
-hereinkommen, er soll Rechenschaft ablegen, er hat den Zug übernommen.«
-
-»Ach Herr,« sagte einer der Knechte, »der legt Euch keine Rechenschaft
-mehr ab; er liegt erschlagen auf der Brücke bei Köngen!«
-
-»Erschlagen?« rief Sickingen, »und der Herzog ist entkommen? Erzählet,
-ihr Schurken!«
-
-»Wir legten uns, wie uns der Doktor befahl, bei der Brücke in
-Hinterhalt. Es war beinahe noch dunkel, als wir den Hufschlag von
-vier Rossen hörten, die sich der Brücke näherten, zugleich vernahmen
-wir das Zeichen, das uns die Reiter über dem Fluß geben sollten, wenn
-die Herzoglichen aus dem Walde kämen. ›Jetzt ist's Zeit,‹ sagte der
-Kahlmäuser. Wir standen schnell auf und besetzten den Ausgang der
-Brücke. Es waren, soviel wir im Halbdunkel unterscheiden konnten, vier
-Reiter und ein Bauersmann; die zwei hintersten wandten sich um und
-fochten mit unsern Reitern, die zwei vorderen und der Bauer machten
-sich an uns. Doch wir streckten ihnen die Lanzen entgegen, und der
-Doktor rief ihnen zu, sich zu ergeben. Da drangen sie wütend auf uns
-ein; der Doktor sagte uns, der im grünen Mantel sei der Rechte; und
-wir hätten ihn bald gehabt, aber der Bauer, wenn es nicht der Teufel
-selbst war, schlug den Doktor und noch zwei von uns nieder. Jetzt stach
-ihm einer die Hellebarde in den Leib, daß er fiel, und dann ging es
-auf die Reiter. Wir packten allesamt den im grünen Mantel, wie uns der
-Kahlmäuser geheißen, der andere aber stürzte sich mit seinem Roß über
-die Brücke hinab in den Neckar und schwamm davon. Wir aber ließen ihn
-ziehen, weil wir den Grünen hatten, und brachten diesen hierher.«
-
-»Das war Ulrich und kein anderer!« rief Alban von Closen. »Ha! über die
-Brücke hinab in den Neckar! Das tut ihm keiner nach!«
-
-»Man muß ihm nachjagen!« fuhr der Truchseß auf; »die ganze Reiterei muß
-aufsitzen und hinab am Neckar streifen, ich selbst will hinaus --«
-
-»O Herr,« entgegnete einer der Knechte, »da kommt Ihr zu spät; es ist
-drei Stunden jetzt, daß wir von der Brücke abzogen, der hat einen guten
-Vorsprung und kennt das Land wohl besser als alle Reiter!«
-
-»Kerl, willst du mich noch höhnen? Ihr habt ihn entkommen lassen, an
-euch halte ich mich, man rufe die Wache; ich laß euch aufhängen.«
-
-»Mäßigt Euch,« sagte Frondsberg; »die armen Bursche trifft der Fehler
-nicht; sie hätten sich gerne das Gold verdient, das auf den Herzog
-gesetzt war. Der Doktor hat gefehlt, und Ihr hört, daß er es mit dem
-Leben zahlte.«
-
-»Also Ihr habt heute den Herzog vorgestellt?« wandte sich Waldburg zu
-Georg, der still dieser Szene zugesehen hatte. »Müßt Ihr mir überall in
-den Weg laufen mit Eurem Milchgesicht? Ueberall hat Euch der Teufel, wo
-man Euch nicht braucht. Es ist nicht das erste Mal, daß Ihr meine Plane
-durchkreuzet --«
-
-»Wenn Ihr es gewesen seid, Herr Truchseß,« antwortete Georg, »der
-bei Neuffen den Herzog meuchlings überfallen lassen wollte, so bin
-ich Euch leider in den Weg gekommen, denn Eure Knechte haben _mich_
-niedergeworfen.«
-
-Die Ritter erstaunten über diese Rede und sahen den Truchseß fragend
-an. Er errötete, man wußte nicht aus Zorn oder Beschämung, und
-entgegnete: »Was schwatzt Ihr da von Neuffen? Ich weiß von nichts;
-doch wenn man Euch dort niedergeworfen hat, so wünsche ich, Ihr wäret
-nimmer aufgestanden, um mir heute vor Augen zu kommen. Doch es ist auch
-so gut; Ihr habt Euch als einen erbitterten Feind des Bundes bewiesen,
-habt heimlich und offen für den geächteten Herzog gehandelt, teilet
-also seine Schuld gegen den Bund und das ganze Reich, seid überdies
-heute mit den Waffen in der Hand gefangen worden -- Euch trifft die
-Strafe des Hochverrats an dem allerdurchlauchtigsten Bund des Schwaben-
-und Frankenlandes.«
-
-»Dies dünkt mir eine lächerliche Beschuldigung,« erwiderte Georg mit
-mutigem Tone; »Ihr wisset wohl, wann und wo ich mich von dem Bunde
-losgesagt habe; Ihr habt mich auf vierzehn Tage Urfehde schwören
-lassen; so wahr Gott über mir ist, ich habe sie gehalten. Was ich
-nachher getan, davon habt Ihr nicht Rechenschaft zu fordern, weil
-ich Euch nicht mehr verpflichtet war, und was meine Gefangennehmung
-mit den Waffen in der Hand betrifft, so frage ich euch, edle Herren,
-welcher Ritter wird, wenn er von sechs oder acht angegriffen wird, sich
-nicht seines Lebens wehren? Ich verlange von euch ritterliche Haft und
-erbiete mich, Urfehde zu schwören auf sechs Wochen; mehr könnet ihr
-nicht von mir verlangen.«
-
-»Wollt Ihr uns Gesetze vorschreiben? Ihr habt gut gelernt bei dem
-übermütigen Herzog; ich höre ihn aus Euch sprechen; doch keinen Schritt
-sollt Ihr zu Eurer Sippschaft tun, bis Ihr gesteht, wo der alte Fuchs,
-Euer Schwiegervater, sich aufhält, und welchen Weg der Herzog genommen
-hat.«
-
-»Der Ritter von Lichtenstein wurde von Euern Reitern gefangen genommen;
-welchen Weg der Herzog nahm, weiß ich nicht und kann es mit meinem Wort
-bekräftigen.«
-
-»Ritterliche Haft?« rief der Truchseß bitter lachend, »da irrt Ihr Euch
-gewaltig; zeiget vorher, wo Ihr die goldenen Sporen verdient habt!
-Nein, solches Gelichter wird bei uns ins tiefste Verließ geworfen, und
-mit Euch will ich den Anfang machen.«
-
-»Ich denke, dies ist unnötig,« fiel ihm Frondsberg ins Wort; »ich weiß,
-daß Georg von Sturmfeder zum Ritter geschlagen wurde; überdies hat er
-einem bündischen Edlen das Leben gerettet; Ihr werdet Euch wohl an die
-Aussage des Dietrich von Kraft erinnern. Auf Verwenden dieses Ritters
-wurde er von einem schmählichen Tod befreit und sogar in Freiheit
-gesetzt. Er kann dieselbe Behandlung von uns verlangen.«
-
-»Ich weiß, daß Ihr ihm immer das Wort geredet, daß er Euer Schoßkind
-war; aber diesmal hilft es ihm nicht, er muß nach Eßlingen in den Turm,
-und jetzt den Augenblick --«
-
-»Ich leiste Bürgschaft für ihn,« rief Frondsberg, »und habe hier so gut
-mitzusprechen wie Ihr. Wir wollen abstimmen über den Gefangenen, man
-führe ihn einstweilen in mein Zelt.«
-
-Einen Blick des Dankes warf Georg auf die ehrwürdigen Züge des
-Mannes, der ihn auch jetzt wieder aus der drohenden Gefahr rettete.
-Der Truchseß aber winkte mürrisch den Knechten, dem Befehl des
-Oberfeldhauptmanns zu folgen, und Georg folgte ihnen durch die Straßen
-des Lagers nach Frondsbergs Zelt.
-
-Nicht lange nachher stand der Mann vor ihm, dem er so unendlich viel zu
-danken hatte. Er wollte ihm danken, er wußte nicht, wie er ihm seine
-Ehrfurcht bezeigen sollte; doch Frondsberg sah ihn lächelnd an und zog
-ihn in seine Arme. »Keinen Dank, keine Entschuldigung!« sprach er;
-»sah ich doch alles dies voraus, als ich in Ulm von dir Abschied nahm;
-doch du wolltest es nicht glauben, wolltest dich vergraben in die Burg
-deiner Väter. Ich kann dich nicht schelten; glaube mir, das Feldlager
-und die Stürme so vieler Kriege haben mein Herz nicht so verhärtet, daß
-ich vergessen könnte, wie mächtig die Liebe zieht!«
-
-»Mein Freund, mein Vater!« rief Georg, indem er freudig errötete.
-
-»Ja, das bin ich; der Freund deines Vaters, dein Vater; drum war ich
-oft stolz auf dich, wenn du auch in den feindlichen Reihen standest;
-dein Name wurde, so jung du bist, mit Ehrfurcht genannt, denn Treue
-und Mut ehrt ein Mann auch an dem Feinde. Und glaube mir, es kam den
-meisten von uns erwünscht, daß der Herzog entkam; was konnten wir mit
-ihm beginnen? Der Truchseß hätte vielleicht einen übereilten Streich
-gemacht, den wir alle zu büßen gehabt hätten.«
-
-»Und was wird mein Schicksal sein?« fragte Georg. »Werde ich lange in
-Haft gehalten werden? Wo ist der Ritter von Lichtenstein? O mein Weib!
-darf sie mich nicht besuchen?«
-
-Frondsberg lächelte geheimnisvoll. »Das wird schwer halten,« sagte er,
-»du wirst unter sicherer Bedeckung auf eine Feste geführt und einem
-Wächter übergeben werden, der dich streng bewachen und nicht so bald
-entlassen wird. Doch sei nicht ängstlich, der Ritter von Lichtenstein
-wird mit dir dorthin abgeführt werden, und ihr beide müsset auf ein
-Jahr Urfehde schwören.«
-
-Frondsberg wurde hier durch drei Männer unterbrochen, die in das Zelt
-stürmten; es war der Feldhauptmann von Breitenstein und Dietrich von
-Kraft, die den Ritter von Lichtenstein in ihrer Mitte führten.
-
-»Hab' ich dich wieder, wackerer Junge!« rief Breitenstein, indem er
-Georgs Hand drückte. »Du machst mir schöne Streiche; dein alter Oheim
-hat dich mir auf die Seele gebunden, ich solle einen tüchtigen Kämpen
-aus dir ziehen, der dem Bunde Ehre mache, und nun läufst du zu dem
-Feind und haust und stichst auf uns, und hättest gestern beinahe die
-Schlacht gewonnen durch dein tollkühnes Stückchen auf unsere Geschütze.«
-
-»Jeder nach seiner Art,« entgegnete Frondsberg; »er hat uns aber auch
-in Feindes Reihen Ehre gemacht.«
-
-Der Ritter von Lichtenstein umarmte seinen Sohn. »Er ist in
-Sicherheit,« flüsterte er ihm zu, und beider Augen glänzten von Freude,
-zu der Rettung des unglücklichen Fürsten beigetragen zu haben. Da
-fielen die Blicke des alten Ritters auf den grünen Mantel, der noch
-immer um Georgs Schultern hing; er erstaunte, er sah ihn näher an. »Ha!
-jetzt erst verstehe ich ganz, wie alles so kommen konnte,« sprach er
-bewegt, und eine Träne der Freude hing in seinen grauen Wimpern; »sie
-nahmen _dich_ für ihn; was wäre aus ihm geworden, wenn dich der Mut nur
-einen Augenblick verlassen hätte? Du hast mehr getan als wir alle, du
-hast gesiegt, wenn wir jetzt auch Besiegte heißen; komm an mein Herz,
-du würdiger Sohn.«
-
-»Und Marx Stumpf von Schweinsberg?« fragte Georg; »auch er gefangen?«
-
-»Er hat sich durchgehauen, wer vermöchte auch seinen Hieben zu
-widerstehen? Meine alten Knochen sind mürbe, an mir liegt nichts mehr,
-aber er ist dem Herzog nachgezogen und wird ihm eine bessere Hilfe sein
-als fünfzig Reiter. Doch den Pfeifer sah ich nicht; sage, wie ist er
-entkommen aus dem Streit?«
-
-»Als ein Held,« erwiderte der junge Mann, von der Wehmut der Erinnerung
-bewegt; »er liegt erstochen an der Brücke.«
-
-»Tot?« rief Lichtenstein, und seine Stimme zitterte. »Die treue Seele!
-Doch wohl ihm, er hat getan wie ein Edler, und ist gestorben, treu, wie
-es Männern ziemt!«
-
-Frondsberg näherte sich ihnen und unterbrach ihre Reden. »Ihr scheint
-mir so niedergeschlagen,« sagte er; »seid mutig und getrost, alter
-Herr! Das Kriegsglück ist wandelbar, und Euer Herzog wird wohl auch
-wieder zu seinem Lande kommen; wer weiß, ob es nicht besser ist, daß
-wir ihn noch auf einige Zeit in die Fremde schickten. Leget Helm und
-Panzer ab; das Gefecht zum Frühstück wird euch die Lust zum Mittagessen
-nicht verdorben haben. Setzet euch zu uns. Ich erwarte gegen Mittag den
-Wächter, unter dessen Obhut ihr auf eine Burg gebracht werden sollet.
-Bis dahin lasset uns noch zusammen fröhlich sein!«
-
-»Das ist ein Vorschlag, der sich hören läßt,« rief Breitenstein.
-»Zu Tisch, ihr Herren; wahrlich, Georg, mit dir habe ich nicht mehr
-gespeist seit dem Imbiß im Ulmer Rathaussaal. Komm, wir wollen redlich
-nachholen, was wir versäumten.«
-
-Hans von Breitenstein zog Georg zu sich nieder, die anderen folgten
-seinem Beispiel, die Knechte trugen auf, und der edle Wein machte den
-Ritter von Lichtenstein und seinen Sohn vergessen, daß sie in mißlichen
-Verhältnissen, im feindlichen Lager seien, daß sie vielleicht einem
-ungewissen Geschick, und wenn sie die Reden Frondsbergs recht deuteten,
-einer recht langen Gefangenschaft entgegengehen. Gegen das Ende der
-Tafel wurde Frondsberg hinausgerufen; bald kam er zurück und sprach mit
-ernster Miene: »So gerne ich noch länger eure Gesellschaft genossen
-hätte, liebe Freunde, so tut es jetzt not, aufzubrechen. Der Wächter
-ist da, dem ich euch übergeben muß, und ihr müßt euch sputen, wollet
-ihr heute noch die Feste erreichen.«
-
-»Ist er ein Ritter dieser Wächter?« fragte Lichtenstein, indem sich
-seine Stirne in finstere Falten zog. »Ich hoffe, man wird auf unseren
-Stand Rücksicht genommen haben und uns ein anständiges Geleite geben?«
-
-»Ein Ritter ist er nicht,« antwortete Frondsberg lächelnd, »doch ist
-er ein anständiges Geleite; ihr werdet euch selbst davon überzeugen.«
-Er lüftete bei diesen Worten den Vorhang des Zeltes, und es erschienen
-die holden Züge _Mariens_; mit dem Weinen der Freude stürzte sie an die
-Brust ihres Gatten, und der alte Vater stand stumm vor Ueberraschung
-und Rührung, küßte sein Kind auf die schöne Stirne und drückte die Hand
-des biedern Frondsberg.
-
-»Das ist euer Wächter,« sprach dieser, »und der Lichtenstein die Feste,
-wo sie euch gefangen halten soll. Ich sehe es ihren Augen an, sie
-wird den jungen Herrn nicht zu strenge halten, und der Alte wird sich
-nicht über sie beklagen können; doch rate ich Euch, Töchterchen, habet
-ein wachsames Auge auf die Gefangenen, lasset sie nicht wieder von der
-Burg, gestattet nicht, daß sie wieder Verbindungen mit gewissen Leuten
-anknüpfen; Ihr haftet mit Eurem Kopf dafür!«
-
-»Aber, lieber Herr,« entgegnete Marie, indem sie den Geliebten inniger
-an sich drückte und lächelnd zu dem strengen Herrn aufblickte:
-»bedenket, _er_ ist ja mein Haupt, wie kann ich ihm etwas befehlen?«
-
-»Eben deswegen hütet Euch, daß Ihr dieses Haupt nicht wieder verlieret;
-bindet ihn mit einem Liebesknoten recht fest, daß er Euch nicht
-entlaufe, er ändert nur gar zu leicht die Farbe; wir haben Beispiele!«
-
-»Ich trug nur _eine_ Farbe, mein väterlicher Freund!« entgegnete der
-junge Mann, indem er in die Augen seiner schönen Frau und auf die
-Feldbinde niedersah, die seine Brust umzog; nur _eine_, und dieser
-blieb ich treu.«
-
-»Wohlan! So halte ferner nur zu ihr,« sagte Frondsberg und reichte ihm
-die Hand zum Abschied. »Lebe wohl! Die Pferde harren vor dem Zelt!
-bringet Eure Gefangenen sicher auf die Feste, schöne Frau, und gedenket
-huldreich des alten Frondsberg.«
-
-Marie schied von diesem Edlen mit Tränen in den Augen; auch die Männer
-nahmen bewegt seine Hand, denn sie wußten wohl, daß ohne seine Hilfe
-ihr Geschick sich nicht so freundlich gewendet hätte. Noch lange sah
-ihnen Georg von Frondsberg nach, bis sie an der äußersten Zeltgasse
-um die Ecke bogen. »Er ist in guten Händen,« sagte er dann, indem
-er sich zu Breitenstein wandte, »wahrlich, der Segen seines Vaters
-ruht auf ihm. Ein gutes schönes Weib und ein Erbe, wie wenige sind im
-Schwabenland.«
-
-»Ja, ja!« erwiderte Hans von Breitenstein, »seiner Klugheit und
-Vorsicht hat er es nicht zu danken; doch wer das Glück hat, führt
-die Braut heim; ich bin fünfzig alt geworden und gehe noch auf
-Freiersfüßen; Ihr auch, Herr Dietrich von Kraft, nicht wahr?«
-
-»Mit nichten und im Gegenteil,« sagte dieser, wie aus einem Traum
-erwachend, »wenn man ein solches Paar sieht, weiß man, was man zu tun
-hat. In dieser Stunde noch setze ich mich in meine Sänfte, reise nach
-Ulm und führe meine Base heim; lebet wohl, ihr Herren!«
-
-Als der schwäbische Bund Württemberg wiedererobert hatte, richtete
-er seine Regierung wieder ein und beherrschte das Land wieder wie im
-Sommer 1519. Die Anhänger des vertriebenen Herzogs mußten Urfehde
-schwören und wurden auf ihre Burgen verwiesen. Georg von Sturmfeder und
-seine Lieben, die dieses Schicksal mit betraf, lebten zurückgezogen
-auf Lichtenstein, und Marien und ihrem Gatten ging in ihrem stillen
-häuslichen Glück ein neues Leben auf.
-
-Noch oft, wenn sie am Fenster des Schlosses standen und hinabschauten
-auf Württembergs schöne Fluren, gedachten sie des unglücklichen
-Fürsten, der einst hier mit ihnen auf sein Land hinabgeblickt hatte;
-und dann dachten sie nach über die Verkettung seiner Schicksale, und
-wie durch eine sonderbare Fügung auch ihr eigenes Geschick mit dem
-seinigen verbunden war; und wenn sie sich auch gestanden, daß ihr Glück
-vielleicht nicht so frühe, nicht so schön aufgeblüht wäre ohne diese
-Verknüpfung, so wurde doch ihre Freude durch den Gedanken getrübt, daß
-der Stifter ihres Glückes noch immer ferne von seinem Lande, im Elend
-der Verbannung lebe. Erst viele Jahre nachher gelang es dem Herzog,
-Württemberg wiederzuerobern. Doch als er, geläutert durch Unglück,
-als ein weiser Fürst zurückkehrte, als er die alten Rechte ehrte
-und die Herzen seiner Bürger für sich gewann, als er jene heiligen
-Lehren, die er in fernem Lande gehört, die so oft sein Trost in einem
-langen Unglück geworden waren, seinem Volke predigen ließ und einen
-geläuterten Glauben mit den Grundgesetzen seines Reiches verband, da
-erkannten Georg und Marie den Finger einer gütigen Gottheit in den
-Schicksalen Ulrichs von Württemberg, und sie segneten den, der dem Auge
-des Sterblichen die Zukunft verhüllt und auch hier wie immer durch
-Nacht zum Lichte führte.
-
-Der Name der Lichtenstein im Württemberger Land ging mit dem alten
-Ritter zu Grabe; doch erlebte er noch im hohen Alter die Freude, seine
-blühenden Enkel waffenfähig zu sehen. So geht Geschlecht um Geschlecht
-über die Erde hin, das Neue verdrängt das Alte, und nach dem kurzen
-Zeitraum von fünfzig oder hundert Jahren sind biedere Männer, treue
-Herzen vergessen; ihr Gedächtnis übertönt der rauschende Strom der
-Zeiten, und nur wenige glänzende Namen tauchen auf aus diesen Fluten
-des Lethe und spielen in ihrem ungewissen Schimmer auf den Wellen. Doch
-wohl dem, dessen Taten jene stille Größe in sich tragen, die den Lohn
-in sich selbst findet und ohne Dank bei der Mitwelt, ohne Ansprüche
-auf die Nachwelt entsteht, ins Leben tritt -- verschwindet. So ist auch
-der Name des Spielmanns von Hardt verklungen, und nur leise Nachklänge
-von seinem Wirken wehen uns an, wenn die Hirten der Gegend die
-Ulrichshöhle zeigen und von dem Mann sprechen, der seinen unglücklichen
-Herzog hier verbarg; so sind selbst jene romantischen Züge aus Ulrichs
-Leben zur Fabel geworden, der Geschichtschreiber verschmäht sie als
-unwesentliche Außendinge, und sie erscheinen uns nur, wenn man auf den
-Höhen von Lichtenstein von dem Herzog erzählt, der allnächtlich vor
-das Schloß kam, und wenn man uns auf der Brücke von Köngen die Stelle
-zeigt, wo jener Unerschrockene den Sprung auf Leben und Tod in die
-Tiefe wagte.
-
-Und sie erscheinen uns da, diese Sagen, wie ungewisse Schatten, die
-eine große Gestalt vom Berge in die Nebel des Tales wirft, und der
-kältere Beobachter lächelt, wenn man ihnen wirkliches Leben und jene
-Farben verleihen will, die ihr unsicheres Grau zu einem Bild des Lebens
-umwandeln. Auch Lichtensteins alte Feste ist längst zerfallen, und
-auf den Grundmauern der Burg erhebt sich ein freundliches Jägerhaus,
-fast so luftig und leicht wie jene spanischen Schlösser, die man in
-unsern Tagen auf die Grundpfeiler des Altertums erbaut. Noch immer
-breiten sich Württembergs Gefilde so reich und blühend wie damals vor
-dem entzückten Auge aus, als Marie an des Geliebten Seite hinabsah
-und der unglücklichste seiner Herzoge den letzten Scheideblick
-von Lichtensteins Fenstern auf sein Land warf. Noch prangen jene
-unterirdischen Gemächer, die den Geächteten aufnahmen, in ihrer alten
-Pracht und Herrlichkeit, und die murmelnden Wasser, die sich in eine
-geheimnisvolle Tiefe stürzen, scheinen längst verklungene Sagen noch
-einmal wiedererzählen zu wollen.
-
-Es ist eine schöne Sitte, daß die Bewohner dieses Landes, auch aus
-entfernteren Gegenden, um die Zeit des Pfingstfestes sich aufmachen,
-um Lichtenstein und die Höhle zu besuchen. Viele hundert schöne
-Schwabenkinder und holde Frauen, begleitet von Jünglingen und Männern,
-ziehen herauf in diese Berge; sie steigen nieder in den Schoß der
-Erde, der an seinen kristallenen Wänden den Schein der Lichter
-tausendfach wiedergibt, sie füllen die Höhle mit Gesang und lauschen
-auf ihr Echo, welches die murmelnden Bäche der Tiefe melodisch
-begleiten, sie bewundern die Werke der Natur, die sich auch ohne das
-milde Licht der Sonne, ohne das fröhliche Grün der Felder so herrlich
-zeigt. Dann steigen sie herauf zum Lichte, und die Erde will ihnen
-noch schöner bedünken als zuvor; ihr Weg führt immer aufwärts zu den
-Höhen von Lichtenstein, und wenn dort die Männer im Kreise schöner
-Frauen, die Becher in der Hand, auf die weiten Fluren hinabschauen,
-wie sie bestrahlt von einer milden Sonne im lieblichsten Schmelz der
-Farben sich ausbreiten, dann preisen sie diese lichten Höhen, dann
-preisen sie ihr gesegnetes Vaterland. Dann kehrt, wie in den alten
-Tagen, Gesang und Jubel und der fröhliche Klang der Pokale auf den
-Lichtenstein zurück und weckt das Echo seiner Felsen und weckt mit ihm
-die Geister dieser Burg, daß sie die fröhlichen Gäste umschweben und
-mit ihnen hinabschauen auf das alte Württemberg. Ob auch das holde
-Fräulein von Lichtenstein, ob Georg und der alte Ritter mit ihnen
-heraufschwebt, ob jener treue Spielmann in den Tagen des Frühlings
-seinem Grab entsteigt und, wie er im Leben zu tun pflegte, hinaufzieht
-nach der Burg, das Fest mit Gesang und Spiel zu schmücken? Wir wissen
-es nicht; doch wenn wir im Abendschein, auf den Felsen gelagert, die
-Landschaft überschauten, wenn wir von den alten guten Zeiten und
-ihren Sagen sprechen, wenn sich die Sonne allmählich senkte und nur
-das Schlößchen noch selig und freundlich in seiner Einsamkeit, von
-den letzten Strahlen mit einem rötlichen Schein umgossen, auf seinem
-Felsen ruhte -- da glaubten wir im Wehen der Nachtluft, im Rauschen der
-Bäume, im Säuseln der Blätter bekannte Stimmen zu vernehmen, es war
-uns, als flüsterten sie uns ihre Grüße zu, als erzählten sie uns alte
-Sagen von ihrem Leben und Treiben. Manches haben wir an solchen Abenden
-erfahren, manches Bild stieg in uns auf und schien sich vor unseren
-Blicken zu verwirklichen, und die es uns woben und malten, die uns ihre
-romantischen Sagen zuflüsterten, wir glauben, es waren -- _die Geister
-von Lichtenstein_.
-
-
-
-
-Anmerkungen.
-
-
-[1] _Ulrich von Württemberg_, geb. 1487, wurde 1498 in seinem elften
-Jahre als Herzog belehnt mit einer Mitregentschaft, welche in seinem
-sechzehnten Jahr aufgehoben wurde, worauf Ulrich von 1503 an allein
-regierte. Er starb im Jahre 1550.
-
-[2] Es ist hier Eberhardt im Bart gemeint, der, geb. 1445, gest.
-1496, sehr weise regierte. Er war der erste Herzog von Württemberg.
-Christoph, geb. 1515, gest. 1568, ein Fürst, dessen Andenken nicht nur
-in Württemberg, sondern in ganz Deutschland gesegnet wird. Er ist der
-Stifter der württembergischen Konstitution.
-
-[3] ~Christ. Tubingii Chron. Blabur., ad annum 1516; Maximilianus
-Caesar ex suggestione ducis Bavariae et sororis uxoris Udalrici
-aliorumque non multum Udalrico deinceps favere cepit.~
-
-[4] Das Nähere über diese Einnahme ist in der trefflichen Geschichte
-Württembergs von C. Pfaff I. 291, und Sattler, Geschichte der Herzoge
-von Württemberg II. 5, hauptsächlich aber bei Pedius Thetinger in
-~Comment. de reb. würtemb. sub. Ulrico Lib. I. in fine~, und ~Schradii
-script. rerum germ. Tom. II. p. 885~ zu lesen.
-
-[5] Der Herzog hatte mit Landgraf Philipp von Hessen ein Bündnis
-errichtet auf zweihundert Reiter und sechshundert zu Fuß, ebenso mit
-Markgraf Ernst von Baden, aber sie entschuldigten sich beide, daß sie
-selbst mit einem Einfall bedroht seien.
-
-[6] Georg von Frondsberg, geb. 1475, gest. 1528, einer der berühmtesten
-Feldherren seiner Zeit, der in Deutschland, Frankreich, Italien, den
-Niederlanden sich mit Ruhm bedeckte. Er ist derselbe, der 1521 zu
-Luther, der auf den Reichstag zu Worms geladen war, jene denkwürdigen
-Worte sagte: »Munchlein, Munchlein, du gehst jetzt einen gefährlichen
-Gang« usw.
-
-[7] So nennt ihn Sattler, Geschichte der Herzoge II. 8.
-
-[8] Ulrich von Hutten, geb. 1488, starb 1523 auf Ufnau im Züricher
-See. Er ist berühmt durch eine große Anzahl Schriften und als kühner
-Beförderer der Reformation. Er griff Ulrich von Württemberg in
-Gedichten, Briefen und Reden an, die der gelehrte Nikolaus Barbatus
-zu Marburg in sehr geläufigem Latein mit triftigen Gründen widerlegt.
-Vergl. Schradius II. 385. Bekannt ist sein Wahlspruch: »~Jacta alea
-esto.~«
-
-[9] Franz von Sickingen, ein berühmter Zeitgenosse des letzteren. Er
-wird in diesem Krieg von Sattler als österreichischer Rat aufgeführt.
-
-[10] Götz von Berlichingen erzählt in seinem Leben (Ausgabe von Franck
-von Steigerwald, Nürnberg 1731) weitläufig, wie es sich zugetragen,
-daß er zum Herzog Ulrich gehalten habe. S. 142 fährt er fort: »Da zog
-der Herzog vor Reutlingen und gewann es auch, darum sich auch Ihre
-fürstliche Gnaden und mein Unglück anheben tat, daß Ihre fürstliche
-Gnaden verjagt worden und ich darob zu Scheitern ging.« Denn der
-schwäbische Bund nahm nicht Rücksicht darauf, daß Götz kurz vorher dem
-Herzog seine Dienste aufgesagt hatte, sondern belagerte ihn in Möckmühl
-und nahm ihn gefangen.
-
-[11] Die Herren von Spät waren der Herzogin auf ihrer Flucht aus dem
-Lande behilflich gewesen. Der Herzog hatte bittere Rache an ihren
-Gütern genommen.
-
-[12] Siehe C. Pfaffs Geschichte I. 278.
-
-[13] Es sind dies Frondsbergs eigene Worte, die er zu Götz von
-Berlichingen sprach, und die dieser in seiner Geschichte, Seite 83,
-anführt.
-
-[14] Die Eidgenossen verboten zuerst nur die Werbungen des Herzogs
-in ihren Landen, wie aus Sattler, Beilage Nr. 8 zum zweiten Teil der
-Herzoge erhellt. Nachher riefen sie ihre Leute ganz zurück, und zwar
-auf die Vorstellungen des schwäbischen Bundes.
-
-[15] Ein gedrucktes Schreiben »des Bundes zu Schwaben an gemeine
-Landschaft zu Württemberg« dieses Inhaltes vom 24. Mart. 1519 findet
-sich in der Beilage Nr. 12 bei Sattler.
-
-[16] Sie zogen den 17. März ab. Der Herzog reiste sogleich nach
-Kirchheim, um sie aufzuhalten, allein hier kam eine zweite Ordre, unter
-Bedrohung des Verlustes ihrer Güter und der Leib- und Lebensstrafe,
-nach Haus zu eilen. Sattler, II. § 6. Thetinger S. 66. ~Interim cum
-Helvetiorum primoribus agunt foederati, missis in urbes eorum legatis,
-ne Ducis Huldrichi negotio belloque se nunc immisceant, suos abscedere
-jubeant.~
-
-[17] Sattler § 6. Ausführlich führt diese Rede an: Thetinger ~comment
-de reb. würtemb. p. 66~.
-
-[18] Diese Ergebenheit und Treue der Württemberger beschreibt am
-angeführten Ort Thetinger. Als einen sehr wichtigen Grund gegen die
-Angriffe Huttens führt sie auch Nikolaus Barbatus in seiner zu Marburg
-gehaltenen Rede auf. Vergl. Schradius II. 386. Wir machen auf diesen
-Umstand besonders aufmerksam, weil man gewöhnlich annimmt, es sei den
-Württembergern recht gewesen, daß man Ulrich verjagte; Thetingers Worte
-sind: »Als dies die Württemberger hörten, beklagten sie ihr Schicksal
-heftig, das ihnen nicht vergönne zu fechten.« -- ~Magno fremitu
-fortunam suam questi.~ -- Noch merkwürdiger sind die Worte Nikolai
-Barbati; er sucht die Beschuldigungen Ulrichs von Hutten zu widerlegen:
-»Welcher Tyrann war den Seinigen wert? Ulrich lieben die Seinigen.
-Welcher Tyrann wird, wenn er verjagt ist, von seinen Untergebenen
-zurückgewünscht? Mit Bitten und Gebet wünschen sich seine Untergebenen
-den Herzog zurück und bitten die Götter, sie möchten ihnen den Herrn
-zurückgeben« usw.
-
-[19] Ulrich beklagte sich mehreremal über die Nachstellungen seiner
-Feinde. Im Jahr 1534 soll ein für ihn von Dietrich Spät gedungener
-Meuchelmörder gefangen worden sein. Sattler, Gesch. d. Herzoge.
-3. Seite 47. Im Jahre 1536 wurde im Amt Dornstetten ein Zigeuner
-verhaftet, welcher aussagte, von Herzog Wilhelm in Bayern für
-Ermordung des Herzogs drei Gulden bekommen zu haben. C. Pfaffs
-Geschichte I. 288. Ein Beweis, daß solche Versuche vorkamen.
-
-[20] Diese Sage erzählt G. Schwab, der treue, freundliche Wegweiser
-über die schwäbische Alb. Er hat sie in einer Romanze: »Der Bau des
-Reissensteins« der Nachwelt aufbewahrt.
-
-[21] Ausführlicher beschreibt diese Operationen des Bundes Sattler in
-seiner Gesch. d. Herz. v. W. II. § 6 usw. Man vergleiche hierüber auch
-die Geschichte des Herrn von Frondsberg, zweites Buch, und Friedrich
-Stumphardt von Kannstatt, Chronik der gewaltsamen Verjagung des Herzogs
-Ulrich, 1534, und Spener, ~Histor. Germ. univers. L. III. C. 4. 23~.
-
-[22] Dieser Verrat von Teck fand wirklich also statt. Vergl. z. B.
-Sattler II. § 7.
-
-[23] Lebensbeschreibung Götzens von Berlichingen, von ihm selbst
-geschrieben, ~edit. Pistorius~. Nürnberg 1731.
-
-[24] Sattler II. § 9. Hierüber ist vorzüglich zu vergleichen Friedr.
-Stumphardt, Chron. § 3. Die Geschichte der Herren von Frondsberg.
-Frankfurt a. M. 2. Buch, und Thetinger, ~Commentarius de Würt. reb.
-gest. Lib. II~.
-
-[25] Bei dieser Belagerung wurde Georg von Frondsberg das Barett vom
-Kopf geschossen. So erzählen Sattler, Stumphardt, Thetinger u. a.
-
-[26] Diese Griechen sind eine sonderbare Erscheinung bei der Belagerung
-von Tübingen: man hieß sie Stratioten; ihr Hauptmann war Georg Samaras
-aus Corona in Albanien. Er ist in der Stiftskirche in Tübingen
-begraben. Ausführlich beschreibt sie Thetinger, ~Comment. de Würtemb.~
-gest. 931. Crusius nennt sie vorzüglich berühmt im Lanzenschwingen.
-
-[27] Man vergleiche über diesen Volkswitz des _Freiherrn von Aretin_
-Beiträge zur Geschichte und Literatur. 1805. 5. Stück, S. 438. Das
-Lied wurde zu Anfang des Jahres 1520, nachdem Reutlingen von Herzog
-Ulrich genommen war, von des letztern Feinden verbreitet und ihm in den
-Mund gelegt.
-
-[28] In der Chronik des Georg Stumphardt über die gewaltsame Verjagung
-des Herzogs Ulrich findet sich als eigener Artikel ein: »_gereimter
-Spruch, also lautend_«, wo in einer großen Menge Knüttelversen das
-Unglück des Herzogs und des Landes beschrieben ist. Aus diesem Gedicht
-sind jene Verse im Text entlehnt.
-
-[29] Anspielung auf das Wappen von Württemberg. Vergl. Anm. 31.
-
-[30] Diese merkwürdige Höhle haben wir nach der Natur zu zeichnen
-versucht. Es bleibt noch übrig, hier einige Notizen über ihre inneren
-Verhältnisse zu geben. Die Vorhöhle beträgt etwas über 150 Fuß im
-Umfange; von hier aus laufen zwei Gänge nach verschiedenen Richtungen,
-die aber nach einer Länge von beinahe 200 Fuß wieder zusammentreffen.
-Auf diesen Wegen trifft man zwei Felsensäle, den einen von 100, den
-andern von 82 Fuß Länge. Wo diese Gänge sich vereinigen, bilden sie
-wieder eine Grotte; von hier aus rechts gegen Norden, mehr in der Höhe,
-liegt wieder eine kleinere Kammer, es ist die, in welche wir den Leser
-zu dem vertriebenen Mann geführt haben. Die weiteste Entfernung vom
-Eingang der Höhle bis zu ihrem Ende beträgt 577 Fuß. Man vergleiche
-hierüber die so interessante als getreue Beschreibung der schwäb. Alb
-von G. Schwab.
-
-[31] Drei Hirschgeweihe, wovon die zwei obersten vier, das untere aber
-drei Enden hat, sind das _alte Wappen_ von Württemberg.
-
-[32] Crusius beschreibt in seiner Chronik das Schlößchen Lichtenstein,
-wie wir es hier nacherzählen. Er sah es zu Ende des sechzehnten
-Jahrhunderts, also etwa 70 Jahre nach dem Jahre 1519. Dort findet sich
-auch die hieher gehörige Stelle:
-
-»Im obern Stockwerk ist ein überaus schöner Saal, ringsum mit
-Fenstern, aus welchen man bis an den Asperg sehen kann: _darin hat
-der vertriebene Fürst, Ulrich von Württemberg, öfter gewohnt, der des
-Nachts vor das Schloß kam und nur sagte: ›Der Mann ist da!‹ so wurde
-er eingelassen._« Wo aber wohnte er den Tag über? Wo hielt sich der
-Vertriebene auf? Die Frage lag sehr nahe.
-
-Jetzt ist in die Ruinen des alten Schlosses ein Jägerhaus erbaut, das
-noch immer den Namen des »Lichtensteiner Schlößleins« trägt und am
-fröhlichen Pfingstfest einer lebensfrohen Menge zum Tummelplatz dient.
-
-[33] Er schickte einen tapfern Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg,
-an sie mit einem beweglichen Schreiben, das Schloß nicht zu übergeben,
-sondern, wo sie solches auch tun wollten, ihm wieder Gelegenheit zu
-machen, in dasselbe zu kommen; weil er in selbigem zu sterben bereit
-sei, wenn es Gott über ihn verhänge. Sattler, Gesch. der Herz. v.
-Württemb. II. 15.
-
-[34] Diesen merkwürdigen Hund beschreibt Thetinger als einen Liebling
-Ulrichs ausführlich. A. a. O. S. I. 58.
-
-[35] »Hie gut Württemberg alleweg« findet sich oft als Wahlspruch
-dieser Partei. Vergl. Pfaffs Geschichte Württembergs Bd. I. S. 306.
-
-[36] »Der Tüfell gsegen jn allen!« sind die Worte des Chronisten
-Stumphardt, die ihm unwillkürlich entschlüpfen, indem er die
-Unterhandlung der Ritter »beim kühlen Wein« beschreibt.
-
-[37] Herzog Ulrich beklagt sich wiederholt, namentlich in diesem
-Zeitpunkt, daß seine Gegner so viele Lügen gegen ihn ausstreuen.
-Er verteidigt sich darüber, besonders in seinen Briefen an die
-schweizerische Eidgenossenschaft. So streuten seine Feinde im Jahre
-1519 aus, er habe einen Edelknaben, Wilhelm von Janowiz, entzwei
-gehauen. Doch Janowiz lebte noch im Jahre 1562 und war Anno 1560
-Kommandant der Feste Asperg. Aber jene Lüge machte damals großes
-Aufsehen, daher kam es, daß ein Schweizer, dem man diesen Mann zeigte
-und sagte, was die Feinde des Herzogs von ihm ausgestreut haben,
-antwortete: »_Er muß nochten ein guter Barbier gsyn syn, der den Knaben
-so suber gehailt hat._« (Sattler II. § 24.)
-
-[38] _Sattler_ erzählt dies folgendermaßen: Der schwäbische Bund hatte
-einen großen Teil seiner Kriegsknechte abgedankt, diese wurden darüber
-schwierig, sie rottierten sich zusammen, richteten zwölf Fähnlein
-auf, erwählten ihre Hauptleute und machten unter sich nach damaligem
-Gebrauch eine Regimentsordnung. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der
-Herzog diese Leute an sich gezogen. Geschichte der Herzoge v. Württemb.
-II. § 16.
-
-[39] Dieses Lied führt auch Lessing in der Sammlung auf, die den Namen
-trägt: »Altdeutscher Witz und Verstand.«
-
-[40] Der Schwaben- und Frankenbund hielt in diesem Sommer einen
-Bundestag in Nördlingen. Auch die Herzogin Sabina und der Herzog von
-Bayern fanden sich dort ein, um hauptsächlich über Württemberg zu
-entscheiden. Sattler II. § 15.
-
-[41] Die Regentschaft mußte zu jener Zeit viel seltsamer,
-leichtfertiger und böser Reden hören. Der Keller in Göppingen
-berichtete einmal, man habe auf der Straße zwischen Grunbach und
-Heppach einen Kieselstein gefunden, auf dessen einer Seite ein
-Hirschgeweih mit der Unterschrift: »Hie gut Württemberg alleweg«, auf
-der andern Seite ein Jagdhorn mit den Worten: »~Vive Dux Ulrice~« zu
-sehen waren. Vergl. Pfaffs Geschichte von Württemberg I. 306.
-
-[42] Ueber dieses neutrale Verhalten des Adels ist zu vergleichen
-Sattler II. § 19.
-
-[43] »Der Herzog zog sich mit ungefähr 6000 Mann Landvolk nach
-Stuttgart, und die angeworbenen Knechte legte er nach Kannstatt.«
-Sattler II. § 21. »Der Herzog, als er erfuhr, daß der Feind so nahe
-sei, rief die Seinigen schnell aus Städten und Dörfern herbei, die auch
-sogleich erschienen.« ~Thetingeri Commentarius etc. lib. III.~
-
-[44] Wir benützen zur Beschreibung dieser Schlacht hauptsächlich: Joh.
-Bezzi hist. ~Ulrici Ducis Würt.~ und Thetinger, der besonders bei dem
-Angriff der Reiterei auf den mit Geschütz besetzten Hügel sehr ins
-einzelne geht.
-
-[45] Graf Georg von Württemberg und Mömpelgard, der Bruder Ulrichs, ist
-der Stammvater des jetzigen Regentenhauses von Württemberg.
-
-Sein Sohn war Friedrich I. reg. Herzog, der das Herzogtum erhielt, weil
-Ludwig, Christophs Sohn, ohne männliche Deszendenz starb.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 6: Fußnote ohne Anker gelöscht:
- Die Anmerkungen befinden sich am Ende dieser Erzählung.
-
- S. 33: viel → viel wie
- muß sich so {viel wie} möglich
-
- S. 78: überrascht → überraschend
- Entscheidung doch zu {überraschend}
-
- S. 87: Ritterschaft → Ritterhaft
- Das ist halt die {Ritterhaft}
-
- S. 101: Laune → Leute
- Gastfreundschaft der guten {Leute}
-
- S. 142: bunten → runden
- Tafeltuch über den {runden} Tisch
-
- S. 143: Schlüssel → Schüssel
- schob die {Schüssel} weit hinweg
-
- S. 237: ficht → ficht keiner
- wie der {ficht keiner} in der Türkei
-
- S. 341: Ermorderung → Ermordung
- in Bayern für {Ermordung} des Herzogs
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i
- sechs Bänden. Dritter Band, by Wilhelm Hauff
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- The Project Gutenberg eBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Dritter Band, by Wilhelm Hauff.
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-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs
-Bänden. Dritter Band, by Wilhelm Hauff
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Dritter Band
-
-Author: Wilhelm Hauff
-
-Annotator: Alfred Weile
-
-Release Date: December 7, 2019 [EBook #60873]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h1>Wilhelm Hauffs<br />
-<span class="smaller">sämtliche Werke in sechs Bänden</span></h1>
-
-<p class="center">Mit einer biographischen Einleitung
-von <em class="gesperrt">Alfred Weile</em></p>
-
-<p class="center">Neu durchgesehene Ausgabe</p>
-
-<p class="center smaller">:: :: in neuester Rechtschreibung :: ::</p>
-
-<p class="center larger">Dritter Band.</p>
-
-<p class="center p2">A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei<br />
-<em class="gesperrt">Berlin</em> NO.<sup>43</sup> <span class="gap">Neue Königstr. 9</span>
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Lichtenstein.</p>
-
-<p class="center">Romantische Sage aus der württembergischen Geschichte.</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span></p>
-
-<h2 id="Einleitung">Einleitung.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt,<br /></span>
-<span class="i0">Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte;<br /></span>
-<span class="i0">Doch euren Augen soll ihn jetzt die Kunst,<br /></span>
-<span class="i0">Auch euren Herzen menschlich näher bringen:&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang<br /></span>
-<span class="i0">Und wälzt die größre Hälfte seiner Schuld<br /></span>
-<span class="i0">Den unglückseligen Gestirnen zu.<br /></span>
-</div></div>
-</div>
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Schiller</em>.
-</p>
-
-<p>Die Sage, womit sich die folgenden Blätter beschäftigen,
-gehört jenem Teil des südlichen Deutschlands an, welcher sich
-zwischen den Gebirgen der Alb und des Schwarzwaldes ausbreitet.
-Das erstere dieser Gebirge schließt, von Nordwest nach
-Süden in verschiedener Breite sich ausdehnend, in einer langen
-Bergkette dieses Land ein, der Schwarzwald aber zieht sich von
-den Quellen der Donau bis hinüber an den Rhein und bildet
-mit seinen schwärzlichen Tannenwäldern einen dunkeln Hintergrund
-für die schöne, fruchtbare, weinreiche Landschaft, die, vom
-Neckar durchströmt, an seinem Fuße sich ausbreitet und Württemberg
-heißt.</p>
-
-<p>Dieses Land schritt aus geringem, dunklem Anfang unter
-mancherlei Kämpfen siegend zu seiner jetzigen Stellung unter
-den Nachbarstaaten hervor. Es erregt dies um so größere Bewunderung,
-wenn man die Zeit bedenkt, in welcher sein Name
-zuerst aus dem Dunkel tritt; jene Zeit, wo mächtige Grenznachbarn,
-wie die Staufen, die Herzöge von Teck, die Grafen
-von Zollern um seine Wiege gelagert waren; wenn man die
-inneren und äußeren Stürme bedenkt, die es durchzogen und oft
-selbst seinen Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen
-drohten.</p>
-
-<p>Gab es ja doch sogar eine Zeit, wo der Stamm seiner Beherrscher
-auf ewig aus den Hallen ihrer Väter verdrängt schien,
-wo sein unglücklicher Herzog aus seinen Grenzen fliehen und in
-drückender Verbannung leben mußte, wo fremde Herren in
-seinen Burgen hausten, fremde Söldner das Land bewachten,
-und wenig fehlte, daß Württemberg aufhörte zu sein, jene blühenden
-Fluren zerrissen und eine Beute für viele oder eine
-Provinz des Hauses Oesterreich wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span></p>
-
-<p>Unter den vielen Sagen, die von ihrem Lande und der
-Geschichte ihrer Väter im Munde der Schwaben leben, ist wohl
-keine von so hohem romantischen Interesse als die, welche sich an
-die Kämpfe der eben erwähnten Zeit, an das wunderbare Schicksal
-jenes unglücklichen Fürsten knüpft. Wir haben versucht, sie
-wiederzugeben, wie man sie auf den Höhen von Lichtenstein und
-an den Ufern des Neckars erzählen hört, wir haben es gewagt,
-auch auf die Gefahr hin, verkannt zu werden. Man wird uns
-nämlich entgegenhalten, daß sich der Charakter Ulrichs von
-Württemberg<a id="FNanchor_1_2"></a><a href="#Footnote_1_2" class="fnanchor">[1]</a> nicht dazu eigne, in einem historischen Romane
-mit milden Farben wiedergegeben zu werden. Man hat ihn
-vielfach angefeindet, manches Auge hat sich sogar daran gewöhnt,
-wenn es die lange Bilderreihe der Herzoge Württembergs
-mustert, mit scheuem Blick vom ältern Eberhard auf Christoph<a id="FNanchor_2_3"></a><a href="#Footnote_2_3" class="fnanchor">[2]</a>
-überzuspringen, als sei das Unglück eines Landes nur allein in
-seinem Herrscher zu suchen, oder als sei es verdienstlich, das
-Auge mit Abscheu zu wenden von den Tagen der Not.</p>
-
-<p>Und doch möchte es die Frage sein, ob man nicht in Beurteilung
-dieses Fürsten nur seinem erbittertsten Feinde, Ulrich
-von Hutten, nachbetet, der, um wenig zu sagen, hier allzusehr
-Partei ist, um als leidenschaftloser Zeuge gelten zu können.
-Die Stimmen aber, die der Herzog und seine Freunde erhoben,
-hat der rauschende Strom der Zeit übertäubt, sie haben die zugleich
-anklagende und richtende Beredsamkeit seines Feindes,
-jene donnernde Philippika <em class="antiqua">in ducem Ulericum</em>, nicht überdauert.</p>
-
-<p>Wir haben fast alle gleichzeitigen Schriftsteller, die
-Stimmen eines längst vergangenen vielbewegten Jahrhunderts,
-gewissenhaft verglichen und fanden keinen, der ihn geradehin
-verdammt. Und wenn man bedenkt, welch gewaltigen Einfluß
-Zeit und Umgebungen auf den Sterblichen auszuüben pflegen,
-wenn man bedenkt, daß Ulrich von Württemberg unter der Vormundschaft
-schlechter Räte aufwuchs, die ihn zum Bösen anleiteten,
-um ihn nachher zu mißbrauchen, wenn man sich erinnert,
-daß er in einem Alter die Zügel der Regierung in die Hände bekam,
-wo der Knabe kaum zum Jüngling reif ist, so muß man
-wenigstens die erhabenen Seiten seines Charakters, hohe Seelenstärke
-und einen Mut, der nie zu unterdrücken ist, bewundern,
-sollte man es auch nicht über sich vermögen, die Härten damit
-zu mildern, die in seiner Geschichte das Auge beleidigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p>
-
-<p>Das Jahr 1519, in welches unsere Sage fällt, hat über ihn
-entschieden, denn es ist der Anfang seines langen Unglückes.
-Doch darf die Nachwelt sagen, es war der Anfang seines Glückes.
-War ja doch jene lange Verbannung ein läuterndes Feuer,
-woraus er weise und kräftiger als je hervorging. Es war der
-Anfang seines Glückes, denn seine späteren Regentenjahre wird
-jeder Württemberger segnen, der die religiöse Umwälzung, die
-dieser Fürst in seinem Vaterlande bewerkstelligte, für ein Glück
-ansieht.</p>
-
-<p>In jenem Jahr war alles auf die Spitze gestellt. Der
-Aufruhr des armen Konrad war sechs Jahre früher mit Mühe
-gestillt; doch war das Landvolk hie und da noch schwierig, weil
-der Herzog sie nicht für sich zu gewinnen wußte, seine Amtleute
-auf ihre eigene Faust arg hausten und Steuern auf Steuern
-erhoben wurden. Den schwäbischen Bund, eine mächtige Vereinigung
-von Fürsten, Grafen, Rittern und freien Städten
-des Schwaben- und Frankenlandes, hatte er wiederholt beleidigt,
-hauptsächlich auch dadurch, daß er sich weigerte, ihm beizutreten.
-So sahen also alle seine Grenznachbarn mit feindlichen Blicken
-auf sein Tun, als wollten sie nur Gelegenheit abwarten, ihn
-fühlen zu lassen, welch mächtiges Bündnis er verweigert habe.
-Der Kaiser Maximilian, der damals noch regierte, war ihm
-auch nicht ganz hold, besonders seit er im Verdacht war, den
-Ritter Götz von Berlichingen unterstützt zu haben, um sich an
-dem Kurfürsten von Mainz zu rächen.</p>
-
-<p>Der Herzog von Bayern, ein mächtiger Nachbar, dazu sein
-Schwager, war ihm abgeneigt, weil Ulrich mit der Herzogin
-Sabina nicht zum besten lebte. Zu allem diesem kam, um sein
-Verderben zu beschleunigen, die Ermordung eines fränkischen
-Ritters, der an seinem Hofe lebte. Glaubwürdige Chronisten
-sagen, das Verhältnis des Johann von Hutten zu Sabina sei
-nicht so gewesen, wie es der Herzog gern sah. Daher griff ihn
-der Herzog auf einer Jagd an, warf ihm seine Untreue vor,
-forderte ihn auf, sich seines Lebens zu erwehren, und stach ihn
-nieder. Die Huttischen, hauptsächlich Ulrich von Hutten, erhoben
-ihre Stimmen wider ihn, und in ganz Deutschland erscholl
-ihr Klage- und Rachegeschrei.</p>
-
-<p>Auch die Herzogin, die durch stolzes, zänkisches Wesen
-Ulrich schon als Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe
-bereitet hatte, trat jetzt als Gegnerin auf, entfloh mit Hilfe
-Dietrichs von Spät, und sie und ihre Brüder traten als Kläger
-und bittere Feinde bei dem Kaiser auf.<a id="FNanchor_3_4"></a><a href="#Footnote_3_4" class="fnanchor">[3]</a> Es wurden Verträge<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span>
-geschlossen und nicht gehalten, es wurden Friedensvorschläge angeboten
-und wieder verworfen, die Not um den Herzog wuchs von
-Monat zu Monat, und dennoch beugte sich sein Sinn nicht, denn
-er meinte, recht getan zu haben. Der Kaiser starb in dieser
-Zeit. Er war ein Herr, der Ulrich trotz der vielen Klagen
-dennoch Milde bewiesen hatte. An ihm starb dem Herzog ein
-unparteiischer Richter, den er in diesen Bedrängnissen so gut
-hätte brauchen können, denn das Unglück kam jetzt schnell.</p>
-
-<p>Man feierte das Leichenfest des Kaisers zu Stuttgart in
-der Burg, als dem Herzog Kunde kam, daß Reutlingen, eine
-Reichsstadt, die in seinem Gebiete lag, seinen Waldvogt auf
-Achalm erschlagen habe. Diese Städtler hatten ihn schon oft
-empfindlich beleidigt, sie waren ihm verhaßt und sollten jetzt
-seine Rache fühlen. Schnell zum Zorn gereizt, wie er war,
-warf er sich aufs Pferd, ließ die Lärmtrommeln tönen durch
-das Land, belagerte die Stadt und nahm sie ein. Der Herzog
-ließ sich von ihnen huldigen, und die Reichsstadt war württembergisch.<a id="FNanchor_4_5"></a><a href="#Footnote_4_5" class="fnanchor">[4]</a></p>
-
-<p>Aber jetzt erhob sich der schwäbische Bund mit Macht, denn
-diese Stadt war ein Glied desselben gewesen. So schwer es
-auch sonst hielt, diese Fürsten, Grafen und Städte alle aufzubieten,
-so weilten sie doch hier nicht, sondern hielten zusammen,
-denn der Haß ist ein fester Kitt. Umsonst waren Ulrichs schriftliche
-Verteidigungen.<a id="FNanchor_5_6"></a><a href="#Footnote_5_6" class="fnanchor">[5]</a> Das Bundesheer sammelte sich bei Ulm
-und drohte mit einem Einfall.</p>
-
-<p>So war also in dem Jahr 1519 alles auf die Spitze gestellt.
-Konnte der Herzog das Feld behaupten, so behielt er recht,
-und es war nicht zu zweifeln, daß er dann großen Anhang bekommen
-würde. Gelang es dem Bunde, den Herzog aus dem
-Felde zu schlagen, dann wehe ihm. Wo so vieles zu rächen war,
-durfte er keine Schonung erwarten.</p>
-
-<p>Die Blicke Deutschlands hingen bange an dem Erfolg dieses
-Kampfes, sie suchten begierig durch den Vorhang des Schicksals
-zu dringen, um zu erspähen, was die künftigen Tage bringen
-werden, ob Württemberg gesiegt, ob der Bund den Walplatz
-behauptet habe. Wir rollen diesen Vorhang auf, wir lassen
-Bild an Bild vorüberziehen, möge das Auge nicht zu frühe ermüdet
-sich davon abwenden.</p>
-
-<p>Oder sollte es ein zu kühnes Unternehmen sein, eine historische
-Sage der Vorzeit in unsern Tagen wieder zu erzählen?
-Sollte es unbillig sein zu wünschen, daß sich die Aufmerksamkeit<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span>
-der Leser einige kurze Stunden nach den Höhen der schwäbischen
-Alb und nach den lieblichen Tälern des Neckars wende?</p>
-
-<p>Die Quellen des Susquehannah und die malerischen Höhen
-von Boston, die grünen Ufer des Tweed und die Gebirge des
-schottischen Hochlandes, Altenglands lustige Sitten und die
-romantische Armut der Gälen leben, Dank sei es dem glücklichen
-Pinsel jener berühmten Novellisten, auch bei uns in aller
-Munde. Begierig liest man in getreuen Uebertragungen, die
-wie Pilze aus der Erde zu wachsen scheinen, was vor sechzig
-oder sechshundert Jahren in den Gefilden von Glasgow oder
-in den Wäldern von Wallis sich zugetragen. Ja, wir werden
-bald die Geschichte der drei Reiche so genau innehaben, als hätten
-wir sie nach den gelehrtesten Forschungen ergründet. Und doch
-ist es meist nur der große Unbekannte, der uns die Bücher
-seiner Chroniken erschloß und Bild an Bild in unendlicher Reihe
-vor dem staunenden Auge vorüberführte; er ist es, der diesen
-Zauber bewirkte, daß wir in Schottlands Geschichte beinahe
-besser bewandert sind als in der unsrigen, und daß wir die
-religiösen und weltlichen Händel unserer Vorzeit bei weitem
-nicht so deutlich kennen als die Presbyterianer und Episkopalen
-Albions.</p>
-
-<p>Und in was besteht der Zauber, womit jener unbekannte
-Magier unsere Blicke und unsere Herzen nach den »bergigten
-Heiden« seines Vaterlandes zog? Vielleicht in der ungeheuren
-Masse dessen, was er erzählt, in der grauenvollen Anzahl von
-hundert Bänden, die er uns über den Kanal schickte? Aber
-auch wir haben mit Gottes und der Leipziger Messen Hilfe
-Männer von achtzig, hundert und hundertundzwanzig! Oder
-haben vielleicht die Berge von Schottland ein glänzenderes
-Grün als der deutsche Harz, der Taunus und die Höhen des
-Schwarzwaldes? Ziehen die Wellen des Tweed in lieblicherem
-Blau als der Neckar und die Donau, sind seine Ufer herrlicher
-als die des Rheins? Sind vielleicht jene Schotten ein interessanterer
-Menschenschlag als der, den unser Vaterland trägt,
-hatten ihre Väter röteres Blut als die Schwaben und Sachsen
-der alten Zeit, sind ihre Weiber liebenswürdiger, ihre Mädchen
-schöner als die Töchter Deutschlands? Wir haben Ursache,
-daran zu zweifeln, und hierin kann also jener Zauber des Unbekannten
-nicht liegen.</p>
-
-<p>Aber darin liegt er wohl, daß jener große Novellist auf
-historischem Grund und Boden geht, nicht als ob der unsrige
-weniger geschichtlich wäre, aber wir haben ja schon seit Jahrhunderten<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span>
-uns angewöhnt, unter fremdem Himmel zu suchen,
-was bei uns selbst blühte, und wie wir die rohen Stoffe ausführen,
-um sie in anderer Form mit Bewunderung und
-Ehrfurcht als teure Kleinode wieder in unsere Grenzen aufzunehmen,
-so bewundern wir jedes Fremde und Ausländische, nicht
-weil es groß oder erhaben, sondern weil es nicht in unsern
-Tälern gewachsen ist.</p>
-
-<p>Doch auch wir hatten eine Vorzeit, die, reich an bürgerlichen
-Kämpfen, uns nicht weniger interessant dünkt als die
-Vorzeit des Schotten. Darum haben auch wir gewagt, ein
-historisches Tableau zu entrollen, das, wenn es auch nicht jene
-kühnen Umrisse der Gestalten, jenen zauberischen Schmelz der
-Landschaft aufweist, und wenn das an solche Herrlichkeiten gewöhnte
-Auge umsonst die süße, bequeme Magie der Hexerei und
-den von Zigeunerhand geschürzten Schicksalsknoten darin sucht,
-ja wenn sogar unsere Farben matt, unser Crayon stumpf erscheint,
-doch eines zur Entschuldigung für sich haben möchte, ich
-meine die historische Wahrheit.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap01">1.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Was soll doch dies Trommeten sein?<br /></span>
-<span class="i0">Was deutet dies Geschrei?<br /></span>
-<span class="i0">Will treten an das Fensterlein,<br /></span>
-<span class="i0">Ich ahne, was es sei.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Uhland.</em>
-</p>
-
-<p>Nach den ersten trüben Tagen des März 1519 war endlich
-am zwölften ein recht freundlicher Morgen über der Reichsstadt
-Ulm aufgegangen. Die Donaunebel, die um diese Jahreszeit
-immer noch drückend über der Stadt liegen, waren schon
-lange vor Mittag der Sonne gewichen, und immer freier und
-weiter wurde die Aussicht in die Ebene über den Fluß hinüber.</p>
-
-<p>Aber auch die engen kalten Straßen mit ihren hohen
-dunkeln Giebelhäusern hatte der schöne Morgen heller als sonst
-beleuchtet und ihnen einen Glanz, eine Freundlichkeit gegeben,
-die zu dem heutigen festlichen Ansehen der Stadt gar trefflich
-paßte. Die große Herdbruckergasse &ndash; sie führt von dem Donautor
-an das Rathaus &ndash; stand an diesem Morgen gedrängt voll
-Menschen, die sich Kopf an Kopf wie eine Mauer an den beiden
-Seiten der Häuser hinzogen, nur einen engen Raum in der
-Mitte der Gasse übrig lassend. Ein dumpfes Gemurmel gespannter
-Erwartung lief durch die Reihen und brach nur in
-ein kurzes Gelächter aus, wenn etwa die alten, strengen Stadtwächter
-eine hübsche Dirne, die sich zu vorlaut in den freigelassenen
-Raum gedrängt hatte, etwas unsanft mit dem Ende
-ihrer langen Hellebarde zurückdrängten oder wenn ein Schalk
-sich den Spaß machte, »sie kommen! sie kommen!« rief, alles
-lange Hälse machte und schaute, bis es sich zeigte, daß man sich
-wieder getäuscht habe.</p>
-
-<p>Noch dichter aber war das Gedränge da, wo die Herdbruckergasse
-auf den Platz vor dem Rathaus einbiegt. Dort
-hatten sich die Zünfte aufgestellt. Die Schiffergilde mit ihren
-Altmeistern an der Spitze, die Weber, die Zimmerer, die Bräuer,
-mit ihren Fahnen und Gewerbzeichen, sie alle waren im Sonntagwams
-und wohlbewaffnet zahlreich dort versammelt.</p>
-
-<p>Bot aber schon die Menge hier unten einen fröhlichen, festlichen
-Anblick dar, so war dies noch mehr der Fall mit den hohen
-Häusern der Straße selbst. Bis an die Giebeldächer waren alle<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span>
-Fenster voll geputzter Frauen und Mädchen, um welche sich die
-grünen Tannen- und Taxuszweige, die bunten Teppiche und
-Tücher, mit welchen die Seiten geschmückt waren, wie Rahmen
-um liebliche Gemälde zogen.</p>
-
-<p>Das anmutigste Bild gewährte wohl ein Erkerfenster im
-Hause des Herrn Hans von Besserer. Dort standen zwei Mädchen,
-so verschieden an Gesicht, Gestalt und Kleidung, und doch
-beide von so ausgezeichneter Schönheit, daß, wer sie von der
-Straße betrachtete, eine Weile zweifelhaft war, welcher er wohl
-den Vorzug geben möchte.</p>
-
-<p>Beide schienen nicht über achtzehn Jahre zu haben. Die
-eine, größere, war zart gebaut, reiches braunes Haar zog sich
-um eine freie Stirne, die gewölbten Bogen ihrer dunkeln Brauen,
-das ruhige blaue Auge, der fein geschnittene Mund, die zarten
-Farben der Wangen &ndash; sie gaben ein Bild, das unter unsern
-heutigen Damen für sehr anziehend gelten würde, das aber in
-jenen Zeiten, wo noch höheren Farben, volleren Formen der
-Apfel zuerkannt wurde, nur durch seine gebietende Würde
-neben der andern Schönen sich geltend machen konnte.</p>
-
-<p>Diese, kleiner und in reichlicherer Fülle als ihre Nachbarin,
-war eines jener unbesorgten, immer heiteren Wesen,
-welche wohl wissen, daß sie gefallen. Ihr hellblondes Haar
-war nach damaliger Sitte der Ulmer Damen in viele Löckchen
-und Zöpfchen geschlungen und zum Teil unter ein weißes
-Häubchen voll kleiner künstlicher Fältchen gesteckt. Das runde
-frische Gesichtchen war in immerwährender Bewegung, noch
-rastloser glitten die lebhaften Augen über die Menge hin, und
-der lächelnde Mund, der alle Augenblicke die schönen Zähne
-sehen ließ, zeugt deutlich, daß es unter den vielerlei abenteuerlichen
-Gruppen und Gestalten nicht an Gegenständen fehle, die
-ihrer fröhlichen Laune zur Zielscheibe dienen mußten.</p>
-
-<p>Hinter den beiden Mädchen stand ein großer bejahrter
-Mann; seine tiefen strengen Züge, seine buschigen Augenbrauen,
-sein langer dünner, schon ins Graue spielender Bart, selbst sein
-ganz schwarzer Anzug, der wunderlich gegen die reichen bunten
-Farben um ihn her abstach, gaben ihm ein ernstes, beinahe trauriges
-Aussehen, das kaum ein wenig milder wurde, wenn ein
-Schimmer von Freundlichkeit, hervorgelockt durch die glücklichen
-Einfälle der Blondine, wie ein Wetterleuchten durch das finstere
-Gesicht zog. Diese Gruppe, so verschieden in sich durch Farbe
-und Schattierung wie durch Charakter und Jahre, zog hin und<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span>
-wieder die Aufmerksamkeit der Untenstehenden auf sich. Manches
-Auge hing an den schönen Mädchen, und sie beschäftigten
-eine Weile durch ihre überraschende Erscheinung jene müßige
-Menge, die schon ungeduldig zu werden anfing, daß das Schauspiel,
-dessen sie harrte, noch immer sich nicht zeigen wollte.</p>
-
-<p>Es ging schon stark auf Mittag. Die Menge wogte immer
-ungeduldiger, preßte sich stärker, und hin und wieder hatte sich
-schon einer oder der andere aus den Reihen der ehrsamen
-Zünfte auf den Boden gelagert, da tönten drei Stückschüsse von
-der Schanze auf dem Lug-ins-Land herüber, die Glocken des
-Münsters begannen tiefe volle Akkorde über die Stadt hinzurollen,
-und im Augenblick hatten sich die verworrenen Reihen
-geordnet.</p>
-
-<p>»Sie kommen, Marie, sie kommen!« rief die Blonde im
-Erkerfenster und schlang ihren Arm um den Leib ihrer Nachbarin,
-indem sie sich weiter zum Fenster hinausbeugte. Das
-Haus des Herrn von Besserer bildete die Ecke der vorerwähnten
-Straße, von dem Erker konnte man hinab, beinahe bis an das
-Donautor, und hinüber bis in die Fenster des Rathauses sehen,
-und die Mädchen hatten also ihren Standpunkt trefflich gewählt,
-um das Schauspiel, dessen sie harrten, ganz zu genießen.</p>
-
-<p>Die Gasse zwischen den beiden Reihen des Volkes war indes
-mit Mühe weiter gemacht worden, die Stadtwächter stellten
-sich mit weit ausgestreckten Hellebarden auf, tiefe Stille herrschte
-unter der ungeheuren Menge, nur das Geläute der Glocken
-tönte noch fort.</p>
-
-<p>Jetzt hörte man den dumpfen Schall der Pauken, vermischt
-mit den hohen Klängen der Zinken und Trompeten, und durch
-das Tor herein bewegte sich ein langer glänzender Zug von
-Reitern. Die Stadtpauker und Trompeter, die berittene Schar
-der Ulmer Patriziersöhne war eine zu alltägliche Erscheinung,
-als daß das Auge lange darauf verweilt hätte. Als aber das
-schwarze und weiße Banner der Stadt, mit dem Reichsadler,
-als Fahnen und Standarten aller Größen und Farben zum
-Tor hereinschwankten, da dachten die Zuschauer, daß jetzt der
-rechte Augenblick gekommen sei.</p>
-
-<p>Auch unsere Schönen im Erkerfenster schärften jetzt ihre
-Blicke, als man die Menge am untern Teil der Straße ehrerbietig
-die Mützen abnehmen sah.</p>
-
-<p>Auf einem großen starkknochigen Rosse nahte ein Mann,
-dessen kräftige Haltung, dessen heiteres, frisches Ansehen in
-sonderbarem Kontrast stand mit der tiefgefurchten Stirne und<span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span>
-dem schon ins Graue spielenden Haar und Bart. Er trug einen
-zugespitzten Hut mit vielen Federn, einen Brustharnisch über
-ein eng anschließendes rotes Wams, Beinkleider von Leder, mit
-Seide ausgeschlitzt, die wohl von neuem recht hübsch gewesen
-sein mochten, aber durch Regen und Strapazen eine einförmige
-dunkelbraune Farbe erhalten hatten. Weite schwere Reiterstiefel
-schlossen sich unter den Knieen an. Seine einzige Waffe,
-ein ungewöhnlich großes Schwert mit langem Griffe ohne Korb,
-vollendete das Bild eines gewaltigen, unter Gefahren früh ergrauten
-Kriegers. Der einzige Schmuck dieses Mannes war
-eine lange goldene Kette von dicken Ringen, fünfmal um den
-Hals gelegt, an welcher ein Ehrenpfennig von gleichem Metall
-auf die Brust herabhing.</p>
-
-<p>»Sagt geschwind, Oheim, wer ist der stattliche Mann, der
-so jung und alt aussieht?« rief die Blonde, indem sie das Köpfchen
-ein wenig nach dem schwarzen Herrn, der hinter ihr stand,
-zurückbeugte.</p>
-
-<p>»Das kann ich dir sagen, Bertha,« antwortete dieser. »Es
-ist Georg von Frondsberg<a id="FNanchor_6_7"></a><a href="#Footnote_6_7" class="fnanchor">[6]</a>, oberster Feldhauptmann des bündischen
-Fußvolkes, ein wackerer Mann, wenn er einer bessern
-Sache diente!«</p>
-
-<p>»Behaltet Eure Bemerkungen für Euch, Herr Württemberger,«
-entgegnete ihm die Kleine, indem sie lächelnd mit dem
-Finger drohte, »Ihr wißt, daß die Ulmer Mädchen gut bündisch
-sind!«</p>
-
-<p>Der Oheim aber, ohne sich irre machen zu lassen, fuhr fort:
-»Jener dort auf dem Schimmel ist Truchseß Waldburg, der
-Feldleutnant<a id="FNanchor_7_8"></a><a href="#Footnote_7_8" class="fnanchor">[7]</a>, dem auch etwas von unserem Württemberg wohl
-anstünde. Dort hinter ihm kommen die Bundesobersten. Weiß
-Gott, sie sehen aus wie Wölfe, die nach Beute gehen.«</p>
-
-<p>»Pfui! verwitterte Gestalten!« bemerkte Bertha, »ob es
-wohl auch der Mühe wert war, Bäschen Marie, daß wir uns so
-putzten? Aber siehe da, wer ist der junge schwarze Reiter auf
-dem Braunen? Sieh nur das bleiche Gesicht und die feurigen,
-schwarzen Augen! Auf seinem Schilde steht: <em class="gesperrt">Ich hab's gewagt.</em>«</p>
-
-<p>»Das ist der Ritter Ulrich von Hutten,« erwiderte der Alte,
-»dem Gott seine Schmähworte gegen unsern Herzog verzeihen
-wolle. Kinder! das ist ein gelehrter, frommer Herr. Er ist
-zwar des Herzogs bitterster Feind, aber ich sage so. Denn was
-wahr ist, muß wahr bleiben!<a id="FNanchor_8_9"></a><a href="#Footnote_8_9" class="fnanchor">[8]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span></p>
-
-<p>Und siehe, da sind Sickingens<a id="FNanchor_9_10"></a><a href="#Footnote_9_10" class="fnanchor">[9]</a> Farben, wahrhaftig, da
-ist er selbst. Schaut hin, Mädchen, das ist Franz von Sickingen.
-Sie sagen, er führe tausend Reiter in das Feld. Der ist's mit
-dem blanken Harnisch und der roten Feder.«</p>
-
-<p>»Aber sagt mir, Oheim,« fragte Bertha wieder, »welches
-ist denn Götz von Berlichingen, von dem uns Vetter Kraft so
-viel erzählt. Er ist ein gewaltiger Mann und hat eine Faust von
-Eisen. Reitet er nicht mit den Städten?«</p>
-
-<p>»Götz und die Städtler nenne nie in <em class="gesperrt">einem</em> Atem,«
-sprach der Alte mit Ernst. »Er hält zu Württemberg.«<a id="FNanchor_10_11"></a><a href="#Footnote_10_11" class="fnanchor">[10]</a></p>
-
-<p>Ein großer Teil des Zuges war während diesem Gespräch
-am Fenster vorübergezogen, und mit Verwunderung hatte Bertha
-bemerkt, wie gleichgültig und teilnahmlos ihre Base Marie
-hinabschaute. Es war zwar sonst des Mädchens Art, sinnend,
-zuweilen wohl auch träumend auszusehen, aber heute, bei einem
-so glänzenden Aufzug, so ganz ohne Teilnahme zu sein, deuchte
-ihr ein großes Unrecht. Sie wollte sie eben zur Rede stellen,
-als ein Geräusch von der Straße her ihre Aufmerksamkeit auf
-sich zog. Ein mächtiges Roß bäumte sich in der Mitte der
-Straße unter ihrem Fenster, wahrscheinlich scheu gemacht durch
-die flatternden Fahnen der Zünfte. Sein hoch zurückgeworfener
-Kopf verdeckte den Reiter, so daß nur die wehenden Federn des
-Baretts sichtbar waren; aber die Gewandtheit und Kraft, mit
-welcher er das Pferd herunterriß und zum Stehen brachte, ließ
-einen jungen mutigen Reiter ahnen. Das lange hellbraune
-Haar war ihm von der Anstrengung über das Gesicht herabgefallen.
-Als er es zurückschlug, traf sein Blick das Erkerfenster.</p>
-
-<p>»Nun, dies ist doch einmal ein hübscher Herr,« flüsterte die
-Blonde ihrer Nachbarin zu, so heimlich, so leise, als fürchte sie,
-von dem schönen Reiter gehört zu werden, »und wie er artig und
-höflich ist! Sieh nur, er hat uns gegrüßt, ohne uns zu kennen!«</p>
-
-<p>Aber das stille Bäschen Marie schien der Kleinen nicht viel
-Aufmerksamkeit zu schenken. Ein glühendes Rot zog über die
-zarten Wangen. Ja! wer die ernste Jungfrau gesehen hätte,
-wie sie so kalt auf den Zug hinabsah, hätte wohl nie geahnet,
-daß so viel holde Freundlichkeit um diesen Mund, so viel Liebe
-in diesem sinnenden Auge wohnen könnte, als in jenem Augenblick
-sichtbar wurde, wo sie durch ein leichtes Neigen des Hauptes
-den Gruß des jungen Reiters erwiderte.</p>
-
-<p>Der kleinen Schwätzerin war unsere flüchtige, aber wahre
-Bemerkung über dem Anblick des schönen Mannes völlig entgangen.
-»Nur schnell, Oheim!« rief sie und zog den alten Herrn<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span>
-am Mantel, »wer ist dieser in der hellblauen Binde mit Silber?
-Nun?«</p>
-
-<p>»Ja, liebes Kind!« antwortete der Oheim, »den habe ich in
-meinem Leben nicht gesehen. Seinen Farben nach steht er in
-keinem besondern Dienst, sondern reitet wohl auf seine eigene
-Faust gegen meinen Herzog und Herrn, wie so viele Hungerleider,
-die sich an unsern Töpfen laben wollen.«</p>
-
-<p>»Mit Euch ist doch nichts anzufangen,« sagte die Kleine
-und wandte sich unmutig ab. »Die alten und gelehrten Herren
-kennet Ihr alle auf hundert Schritte und weiter. Wenn man
-aber einmal nach einem hübschen, höflichen Junker fragt, wißt
-Ihr nichts. Du bist auch so, Marie, machtest Augen auf den
-Zug hinunter, als ob es eine Prozession am Fronleichnam wäre;
-ich wette, du hast das Schönste von allem nicht gesehen und
-hattest noch den alten Frondsberg im Kopfe, als ganz andere
-Leute vorbeiritten!«</p>
-
-<p>Der Zug hatte sich während dieser Strafrede Berthas vor
-dem Rathause aufgestellt; die bündische Reiterei, die noch vorüberzog,
-hatte wenig Interesse mehr für die beiden Mädchen.
-Als daher die Herren abgesessen und zum Imbiß ins Rathaus
-gezogen waren, als die Zünfte ihre Glieder auflösten und das
-Volk sich allmählich zu verlaufen begann, zogen auch sie sich
-vom Fenster zurück.</p>
-
-<p>Bertha schien nicht ganz zufrieden zu sein. Ihre Neugier
-war nur halb befriedigt. Sie hütete sich übrigens wohl, vor
-dem alten ernsten Oheim etwas merken zu lassen. Als aber
-dieser das Gemach verließ, wandte sie sich an ihre Base, die noch
-immer träumend am Fenster stand:</p>
-
-<p>»Nein, wie einen doch so etwas peinigen kann! Ich wollte
-viel darum geben, wenn ich wüßte, wie er heißt. Daß du aber
-auch gar keine Augen hast, Marie! Ich stieß dich doch an, als
-er grüßte. Siehe, hellbraune Haare, recht lang und glatt,
-freundliche dunkle Augen, das ganze Gesicht ein wenig bräunlich,
-aber hübsch, sehr hübsch. Ein Bärtchen über dem Mund,
-nein! ich sage dir &ndash; wie du jetzt nur wieder gleich rot werden
-kannst!« fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort, »als ob zwei
-Mädchen, wenn sie allein sind, nicht von dem schönen Mund
-eines jungen Herrn sprechen dürften. Dies geschieht oft bei
-uns. Aber freilich bei deiner seligen Frau Muhme in Tübingen
-und bei deinem ernsten Vater in Lichtenstein kamen solche
-Sachen nicht zur Sprache, und ich sehe schon, Bäschen Marie<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span>
-träumt wieder, und ich muß mir ein Ulmer Stadtkind suchen,
-wenn ich auch nur ein klein wenig schwatzen will.«</p>
-
-<p>Marie antwortete nur durch ein Lächeln, das wir vielleicht
-etwas schelmisch gefunden hätten. Bertha aber nahm den großen
-Schlüsselbund vom Haken an der Türe, sang sich ein Liedchen
-und ging, um noch einiges zum Mittagessen zu rüsten. Denn
-wenn man ihr auch etwas zu große Neugierde vorwerfen konnte,
-so war sie doch eine zu gute Haushälterin, als daß sie über
-der flüchtigen Erscheinung des höflichen Reiters das Zugemüse
-und den Nachtisch vergessen hätte.</p>
-
-<p>Sie hüpfte hinaus und ließ ihre Base allein bei ihren Gedanken.
-Und auch wir stören sie nicht, wenn sie jetzt die schönen
-Bilder der Erinnerung durchgeht, die jene Erscheinung mit
-einem Male aus dem tiefen, treuen Herzen hervorgerufen hatte,
-wenn sie jener Zeit gedenkt, wo ein flüchtiger Blick von ihm, ein
-Druck seiner Hand ihre Tage erhellte, wenn sie jener Nächte gedenkt,
-wo sie im stillen Kämmerlein, unbelauscht von der seligen
-Muhme, jene Schärpe flocht, deren freudige Farben sie heute
-aus ihren Träumen weckten. Wir lauschen nicht, wenn sie errötend
-und mit niedergeschlagenen Augen sich fragt, ob Bäschen
-Bertha den süßen Mund des Geliebten richtig beschrieben habe?</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap02">2.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Steigt deine Hoffnung wieder?<br /></span>
-<span class="i0">Ist nicht dein Herz entbrannt?<br /></span>
-<span class="i0">Du fühlst dich, Jüngling, wieder<br /></span>
-<span class="i0">Im alten Schwabenland.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">G. Schwab.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Der festliche Aufzug, den wir auf den letzten Blättern beschrieben
-haben, galt den Häuptern und Obersten des schwäbischen
-Bundes, der an diesem Tage, auf seinem Marsch von
-Augsburg, wo er sich versammelt hatte, in Ulm einzog. Der
-Leser kennt aus der Einleitung die Lage der Dinge. Herzog
-Ulrich von Württemberg hatte durch die Unbeugsamkeit, mit
-welcher er trotzte, durch die allzu heftigen Ausbrüche seines
-Zornes und seiner Rache, durch die Kühnheit, mit welcher er,
-der einzelne, so vielen verbündeten Fürsten und Herren die
-Stirne bot, zuletzt noch durch die plötzliche Einnahme der Reichsstadt
-Reutlingen den bittersten Haß des Bundes auf sich gezogen.
-Der Krieg war unvermeidlich; denn es stand nicht zu
-erwarten, daß man Ulrich, nachdem man so weit gegangen,
-friedliche Vorschläge tun werde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span></p>
-
-<p>Hiezu kamen noch die besonderen Rücksichten, die jeden
-leiteten. Der Herzog von Bayern, um seiner Schwester Sabina
-Genugtuung zu verschaffen, die Schar der Huttischen, um ihren
-Stammesvetter zu rächen, Dietrich von Spät<a id="FNanchor_11_12"></a><a href="#Footnote_11_12" class="fnanchor">[11]</a> und seine Gesellen,
-um ihre Schmach in Württembergs Unglück abzuwaschen,
-die Städte und Städtchen, um Reutlingen wieder gut bündisch
-zu machen, sie alle hatten ihre Banner entrollt und sich mit
-blutigen Gedanken und lüstern nach gewisser Beute eingestellt.</p>
-
-<p>Bei weitem friedlicher und fröhlicher waren bei diesem
-Einzug die Gesinnungen <em class="gesperrt">Georgs von Sturmfeder</em>,
-jenes »artigen Reiters«, der Berthas Neugierde in so hohem
-Grade erweckt, dessen unerwartete Erscheinung Mariens Wangen
-mit so tiefem Rot gefärbt hatte. Wußte er doch kaum selbst,
-wie er zu diesem Feldzug kam, da er, obgleich den Waffen nicht
-fremd, doch nicht zunächst für das Waffenwerk bestimmt war.
-Aus einem armen, aber angesehenen Stamme Frankens entsprossen,
-war er, frühe verwaist, von einem Bruder seines Vaters
-erzogen worden. Schon damals hatte man angefangen, gelehrte
-Bildung als einen Schmuck des Adels zu schätzen. Daher wählte
-sein Oheim für ihn diese Laufbahn. Die Sage erzählt nicht,
-ob er auf der hohen Schule in Tübingen, die damals in ihrem
-ersten Erblühen war, in Wissenschaften viel getan. Es kam
-nur die Nachricht bis auf uns, daß er einem Fräulein von
-Lichtenstein, die bei einer Muhme in jener Musenstadt lebte,
-wärmere Teilnahme schenkte als den Lehrstühlen der berühmtesten
-Doktoren. Man erzählt sich auch, daß das Fräulein mit
-ernstem, beinahe männlichem Geiste alle Künste, womit andere
-ihr Herz bestürmten, gering geachtet habe. Zwar kannte man
-schon damals alle jene Kriegslisten, ein hartes Herz zu erobern;
-und die Jünger der alten Tubinga hatten ihren Ovid
-vielleicht besser studiert als die heutigen. Es sollen aber weder
-nächtliche Liebesklagen noch fürchterliche Schlachten und Kämpfe
-um ihren Besitz die Jungfrau erweicht haben. Nur <em class="gesperrt">einem</em>
-gelang es, dieses Herz für sich zu gewinnen, und dieser <em class="gesperrt">eine</em>
-war Georg. Sie haben zwar, wie es stille Liebe zu tun pflegt,
-niemand gesagt, wann und wo ihnen der erste Strahl des Verständnisses
-aufging, und wir sind weit entfernt, uns in dieses
-süße Geheimnis der ersten Liebe eindrängen zu wollen, oder
-gar Dinge zu erzählen, die wir geschichtlich nicht belegen können.
-Doch können wir mit Grund annehmen, daß sie schon bis zu
-jenem Grad der Liebe gediehen waren, wo man, gedrängt von
-äußeren Verhältnissen, gleichsam als Trost für das Scheiden,<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span>
-ewige Treue schwört. Denn als die Muhme in Tübingen das
-Zeitliche gesegnet und Herr von Lichtenstein sein Töchterlein zu
-sich holen ließ, um sie nach Ulm, wo ihm eine Schwester verheiratet
-war, zu weiterer Ausbildung zu schicken, da merkte
-Rose, Mariens alte Zofe, daß so heiße Tränen und die Sehnsucht,
-mit welcher Marie noch einmal und immer wieder aus der
-Sänfte zurücksah, nicht den bergigen Straßen, denen sie Valet
-sagen mußte, <em class="gesperrt">allein</em> gelte.</p>
-
-<p>Bald darauf langte auch ein Sendschreiben an Georg an,
-worin ihm sein Oheim die Frage beibrachte, ob er jetzt, nach
-vier Jahren, noch nicht gelehrt genug sei? Dieser Ruf kam
-ihm erwünscht. Seit Mariens Abreise waren ihm die Lehrstühle
-der gelehrten Doktoren, die finstere Hügelstadt, ja selbst
-das liebliche Tal des Neckars verhaßt geworden. Mit neuer
-Kraft erfrischte ihn die kalte Luft, die ihm von den Bergen entgegenströmte,
-als er an einem schönen Morgen des Februar aus
-den Toren Tübingens seiner Heimat entgegenritt. Wie die
-Sehnen seiner Arme in dem frischen Morgen sich straffer anzogen,
-wie die Muskeln seiner Faust kräftiger in den Zügel
-faßten, so erhob sich auch seine Seele zu jenem frischen heiteren
-Mute, der diesem Alter so eigen ist, wenn die Gewißheit eines
-süßen Glückes im Herzen lebt, und vor dem Auge, das Erfahrung
-noch nicht geschärft, Unglück noch nicht getrübt hat, die Zukunft
-heiter und freundlich sich ausbreitet. Wie der klare See, der
-das heitere Bild, das auf ihn herabschaut, nicht minder freundlich
-zurückwirft und mit diesen reizenden Farben seine Tiefe
-verhüllt, so hat gerade das Ungewisse dieser Zukunft seinen
-eigentümlichen Reiz. Man glaubt in Kopf und Arm Kraft
-genug zu tragen, um dem Glück seine Gunst abzuringen, und
-dies Vertrauen auf sich selbst gibt bei weitem mutigere Zuversicht
-als die mächtigste Hilfe von außen.</p>
-
-<p>So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder, als er
-durch den Schönbuchwald seiner Heimat zuzog. Zwar brachte
-ihn dieser Weg dem Liebchen nicht näher, zwar konnte er nichts
-sein nennen als das Roß, das er eben ritt, und die Burg seiner
-Väter, von welcher der Volkswitz sang:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ein Haus auf drei Stützen,<br /></span>
-<span class="i0">Wer vorn hereinkommt,<br /></span>
-<span class="i0">Kann hinten nicht sitzen.<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span></p>
-<p class="noind">Aber er wußte, daß dem festen Willen hundert Wege offen
-stehen, um zum Ziel zu gelangen, und der alte Spruch des
-Römers: <em class="antiqua">Fortes fortuna juvat</em>, hatte ihm noch nie gelogen.</p>
-
-<p>Wirklich schienen auch seine Wünsche nach einer tätigen
-Laufbahn bald in Erfüllung zu gehen.</p>
-
-<p>Der Herzog von Württemberg hatte Reutlingen, das ihn
-beleidigt hatte, aus einer Reichsstadt zur Landstadt gemacht,
-und es war kein Zweifel mehr an einem Krieg.</p>
-
-<p>Der Erfolg schien aber damals sehr ungewiß. Der schwäbische
-Bund, wenn er auch erfahrenere Feldherren und geübtere
-Soldaten zählte, hatte doch in allen Kriegen durch Uneinigkeit
-sich selbst geschadet. Ulrich, auf seiner Seite, hatte vierzehntausend
-Schweizer, tapfere, kampfgeübte Männer, geworben,
-aus seinem eigenen Lande konnte er, wenn auch minder geübte,
-doch zahlreiche und tüchtige Truppen ziehen, und so stand die
-Wage im Februar 1519 noch ziemlich gleich.</p>
-
-<p>Wo alles um ihn her Partei nahm, glaubte Georg nicht
-müßig bleiben zu dürfen. Ein Krieg war ihm erwünscht. Es
-war eine Laufbahn, die ihn seinem Ziele, um Marie würdig
-freien zu können, bald nahe bringen konnte.</p>
-
-<p>Zwar zog ihn sein Herz weder zu der einen, noch zu der
-andern Partei. Vom Herzog sprach man im Lande schlecht,
-des Bundes Absichten schienen nicht die reinsten. Als aber
-durch Geld und Klagen der Huttischen und durch die Aussicht
-auf reiche Beute bestochen, achtzehn Grafen und Herren, deren
-Besitzungen an sein Gütchen grenzten, auf einmal<a id="FNanchor_12_13"></a><a href="#Footnote_12_13" class="fnanchor">[12]</a> dem Herzog
-ihre Dienste aufsagten, da schien es ihn zum Bunde zu ziehen.
-Den Ausschlag gab die Nachricht, daß der alte Lichtenstein mit
-seiner Tochter in Ulm sich befinde. Auf jener Seite, wo Marie
-war, durfte er nicht fehlen, und so bot er dem Bunde seine
-Dienste an.</p>
-
-<p>Die fränkische Ritterschaft, unter Anführung Ludwigs von
-Hutten, zog sich am Anfang des März gegen Augsburg hin, um
-sich dort mit Ludwig von Bayern und den übrigen Bundesgliedern
-zu vereinigen. Bald hatte sich das Heer gesammelt
-und ihr Weg glich einem Triumphzug je näher sie dem Gebiete
-ihres Feindes kamen.</p>
-
-<p>Herzog Ulrich war bei Blaubeuren, der äußersten Stadt
-seines Landes gegen Ulm und Bayern hin, gelagert. In Ulm
-sollte jetzt noch einmal zuvor im großen Kriegsrat der Feldzug
-besprochen werden, und dann hoffte man in kurzer Zeit die
-Württemberger zur entscheidenden Schlacht zu nötigen. An<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span>
-friedliche Unterhandlungen wurde, da man so weit gegangen
-war, nicht mehr gedacht, Krieg war die Losung und Sieg der
-Gedanke des Heeres, als ein frischer Morgenwind ihnen die
-Grüße des schweren Geschützes von den Wällen der Stadt entgegentrug,
-als das Geläute aller Glocken zum Willkomm vom
-andern Ufer der Donau herübertönte.</p>
-
-<p>Wohl schlug auch Georgs Herz höher bei dem Gedanken an
-seine erste Waffenprobe. Aber wer in ähnlicher Lage sich
-befand, wird ihn nicht tadeln, daß auch friedlichere Gedanken
-in seiner Seele aufzogen und ihn Kampf und Sieg vergessen
-ließen. Als zuerst, noch in weiter Ferne, das kolossale Münster
-aus dem Nebel auftauchte, als nachher der verhüllende Dunstschleier
-herabfiel und die Stadt mit ihren dunkeln Backsteinmauern,
-mit ihren hohen Tortürmen sich vor seinen Blicken
-ausbreitete, da kamen alle Zweifel, die er früher tief in die Brust
-zurückgedrängt hatte, schwerer als je über ihn. »Schließen jene
-Mauern auch die Geliebte ein? Hat nicht ihr Vater, seinem
-Herzog treu, vielleicht in die feindlichen Scharen sich gestellt,
-und darf der, dessen ganze Hoffnung darauf beruht, den Vater
-zu gewinnen, darf er sich jenem gegenüberstellen, ohne sein
-ganzes Glück zu vernichten? Und ist der Vater auf feindlicher
-Seite, kann Marie möglicherweise noch in jenen Mauern sein?
-Und wenn alles gut wäre, wenn unter der festlichen Menge, die
-sich zum Anblick des einziehenden Heeres drängt, auch Marie
-auf ihn herabschaut, hat sie auch die Treue noch bewahrt, die sie
-geschworen?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudigeren Gewißheit
-Raum; denn wenn sich auch alles Unglück gegen ihn
-verschwor, Mariens Treue, er wußte es, war unwandelbar.
-Mutig drückte er die Schärpe, die sie ihm gegeben, an seine
-Brust, und als jetzt die Ulmer Reiterei sich an den Zug anschloß,
-als die Zinken und Trompeten ihre mutigen Weisen anstimmten,
-da kehrte seine alte Freudigkeit wieder, stolzer hob er sich
-im Sattel, kühner rückte er das Barett in die Stirne, und als
-der Zug in die festlich geschmückten Straßen einbog, musterte
-sein scharfes Auge alle Fenster der hohen Häuser, um sie zu
-erspähen.</p>
-
-<p>Da gewahrte er sie, wie sie ernst und sinnend auf das fröhliche
-Gewühl hinabsah, er glaubte zu erkennen, wie ihre Gedanken
-in weiter Ferne den suchten, der ihr so nahe war; schnell
-drückte er seinem Pferde die Sporen in die Seiten, daß es sich
-hoch aufbäumte und das Pflaster von seinem Hufschlag ertönte.<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span>
-Aber als sie sich zu ihm herabwandte, als Auge dem Auge begegnete,
-als ihr freudiges Erröten dem Glücklichen sagte, daß
-er erkannt und noch immer geliebt sei, da war es um die Besinnung
-des guten Georg geschehen; willenlos folgte er dem
-Zuge vor das Rathaus, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte
-ihn seine Sehnsucht alle Rücksichten vergessen lassen und unwiderstehlich
-zu dem Eckhaus mit dem Erker hingezogen.</p>
-
-<p>Schon hatte er die ersten Schritte nach jener Seite getan,
-als er sich von kräftiger Hand am Arm angefaßt fühlte.</p>
-
-<p>»Was treibt Ihr, Junker?« rief ihm eine tiefe, wohlbekannte
-Stimme ins Ohr. »Dort hinauf geht es die Rathaustreppe.
-Wie? ich glaube, Ihr schwindelt; wäre auch kein Wunder,
-denn das Frühstück war gar zu mager. Seid getrost, Freundchen,
-und kommt. Die Ulmer führen gute Weine, wir wollen
-Euch mit altem Remstaler anstreichen.«</p>
-
-<p>Wenn auch der Fall aus seinem Freudenhimmel, in welchem
-er einige Minuten geschwebt hatte, auf den Rathausplatz in
-Ulm etwas unsanft war, so wußte er doch dem alten Herrn
-von Breitenstein, seinem nächsten Grenznachbar in Franken,
-Dank, daß er ihn aus seinen Träumen aufgeschüttelt und von
-einem übereilten Schritte zurückgehalten hatte.</p>
-
-<p>Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und
-folgte mit ihm den übrigen Rittern und Herren, die sich von
-dem scharfen Morgenritte an der guten Mittagskost, die ihnen
-die freie Reichsstadt aufgesetzt hatte, wieder erholen wollten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap03">3.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ich höre rauschende Musik, das Schloß ist<br /></span>
-<span class="i0">Von Lichtern hell. Wer sind die Fröhlichen?<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Schiller</em>.
-</p>
-</div>
-
-<p>Der Saal des Rathauses, wohin die Angekommenen geführt
-wurden, bildete ein großes, längliches Viereck. Die Wände
-und die zu der Größe des Saales unverhältnismäßig niedere
-Decke waren mit einem Getäfel von braunem Holz ausgelegt,
-unzählige Fenster mit runden Scheiben, worauf die Wappen
-der edlen Geschlechter von Ulm mit brennenden Farben gemalt
-waren, zogen sich an der einen Seite hin, die gegenüberstehende
-Wand füllten Gemälde berühmter Bürgermeister und Ratsherren
-der Stadt, die beinahe alle in der gleichen Stellung, die<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span>
-Linke in die Hüfte, die Rechte auf einen reichbehängten Tisch
-gestützt, ernst und feierlich auf die Gäste ihrer Enkel herabsahen.
-Diese drängten sich in verworrenen Gruppen um die Tafel her,
-die, in Form eines Hufeisens aufgestellt, beinahe die ganze
-Weite des Saales einnahm. Der Rat und die Patrizier, die
-heute im Namen der Stadt die Honneurs machen sollten, stachen
-in ihren zierlichen Festkleidern mit den steifen schneeweißen
-Halskrausen wunderlich ab gegen ihre bestaubten Gäste, die, in
-Lederwerk und Eisenblech gehüllt, oft gar unsanft an die seidenen
-Mäntelein und samtenen Gewänder streiften. Man hatte bis
-jetzt noch auf den Herzog von Bayern gewartet, der, einige
-Tage vorher eingetroffen, zu dem glänzenden Mittagmahl zugesagt
-hatte; als aber sein Kämmerling seine Entschuldigung
-brachte, gaben die Trompeter das ersehnte Zeichen, und alles
-drängte sich so ungestüm zur Tafel, daß nicht einmal die gastfreundliche
-Ordnung des Rates, der je zwischen zwei Gäste
-einen Ulmer setzen wollte, gehörig beobachtet wurde.</p>
-
-<p>Breitenstein hatte Georg auf einen Sitz niedergezogen, den
-er ihm als einen ganz vorzüglichen anpries. »Ich hätte Euch,«
-sagte der alte Herr, »zu den Gewaltigen da oben, zu Frondsberg,
-Sickingen, Hutten und Waldburg setzen können, aber in
-solcher Gesellschaft kann man den Hunger nicht mit gehöriger
-Ruhe stillen. Ich hätte Euch ferner zu den Nürnbergern und
-Augsburgern führen können, dort unten, wo der gebratene Pfau
-steht &ndash; weiß Gott, sie haben keinen übeln Platz &ndash; aber ich
-weiß, daß Euch die Städtler nicht recht behagen, darum habe
-ich Euch hieher gesetzt. Schauet Euch hier um, ob dies nicht
-ein trefflicher Platz ist? Die Gesichter umher kennen wir nicht,
-also braucht man nicht viel zu schwatzen. Rechts haben wir den
-geräucherten Schweinskopf mit der Zitrone im Maul, links
-eine prachtvolle Forelle, die sich vor Vergnügen in den Schwanz
-beißt, und vor uns diesen Rehziemer, so fett und zart, wie auf
-der ganzen Tafel keiner mehr zu finden ist.«</p>
-
-<p>Georg dankte ihm, daß er mit so viel Umsicht für ihn gesorgt
-habe, und betrachtete zugleich flüchtig seine Umgebung.
-Sein Nachbar rechts war ein junger, zierlicher Herr von etwa
-fünfundzwanzig bis dreißig Jahren. Das frischgekämmte Haar,
-duftend von wohlriechenden Salben, der kleine Bart, der erst
-vor einer Stunde mit warmen Zänglein gekräuselt sein mochte,
-ließen Georg, noch ehe ihn die Mundart davon überzeugte, einen
-Ulmer Herrn erraten. Der junge Herr, als er sah, daß er
-von seinem Nachbar bemerkt wurde, bewies sich sehr zuvorkommend,<span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span>
-indem er Georgs Becher aus einer großen silbernen
-Kanne füllte, auf glückliche Ankunft und gute Nachbarschaft mit
-ihm anstieß und auch die besten Bissen von den unzähligen
-Rehen, Hasen, Schweinen, Fasanen und wilden Enten, die auf
-silbernen Platten umherstanden, dem Fremdling auf den Teller
-legte.</p>
-
-<p>Doch diesen konnte weder seines Nachbars zuvorkommende
-Gefälligkeit noch Breitensteins ungemeiner Appetit zum Essen
-reizen. Er war noch zu sehr beschäftigt mit dem geliebten Bilde,
-das sich ihm beim Einzug gezeigt hatte, als daß er die Ermunterungen
-seiner Nachbarn befolgt hätte. Gedankenvoll sah er
-in den Becher, den er noch immer in der Hand hielt, und glaubte,
-wenn die Bläschen des alten Weines zersprangen und in Kreisen
-verschwebten, das Bild der Geliebten aus dem goldenen Boden
-des Bechers auftauchen zu sehen. Es war kein Wunder, daß
-der gesellige Herr zu seiner Rechten, als er sah, wie sein
-Gast, den Becher in der Hand, jede Speise verschmähe, ihn
-für einen unverbesserlichen Zechbruder hielt. Das feurige Auge,
-das unverwandt in den Becher sah, der lächelnde Mund des in
-seine Träume versunkenen Jünglings schienen ihm einen jener
-echten Weinkenner anzuzeigen, die auf feingeübter Zunge den
-Gehalt des edlen Trankes lange zu prüfen pflegen.</p>
-
-<p>Um der Ermahnung des wohledlen Rates, den Gästen das
-Mahl so angenehm als möglich zu machen, gehörig nachzukommen,
-suchte er auf der entdeckten schwachen Seite dem jungen
-Manne beizukommen. Es war zwar gegen die Gewohnheit des
-jungen Ulmers, viel Wein zu trinken, aber dem jungen Mann
-zulieb, der etwas so Hohes und Gebietendes an sich hatte, mußte
-er schon ein übriges tun. Er schenkte sich seinen Becher wieder
-voll und begann: »Nicht wahr, Herr Nachbar, das Weinchen
-hat Feuer und einen feinen Geschmack? Freilich ist es kein
-Würzburger, wie Ihr ihn in Franken gewohnt sein werdet, aber
-es ist echter Elfinger aus dem Ratskeller und immer seine
-achtzig Jahre alt.«</p>
-
-<p>Verwundert über diese Anrede, setzte Georg den Becher
-nieder und antwortete mit einem kurzen »Ja, ja!&nbsp;&ndash;« der Nachbar
-ließ aber den einmal aufgenommenen Faden nicht so bald
-wieder fallen. »Es scheint,« fuhr er fort, »als munde er Euch
-doch nicht ganz; aber da weiß ich Rat. Heda! gebt eine Kanne
-Uhlbacher hieher! &ndash; Versuchet einmal diesen, der wächst zunächst
-an des Württembergers Schloß; in diesem müßt Ihr mir Bescheid
-tun: Kurzen Krieg, großen Sieg!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span></p>
-
-<p>Georg, dem dieses Gespräch nicht recht zusagte, suchte seinen
-Nachbar auf einen andern Weg zu bringen, der ihn zu anziehenderen
-Nachrichten führen konnte. »Ihr habt,« sprach er,
-»schöne Mädchen hier in Ulm, wenigstens bei unserem Einzug
-glaubte ich deren viele zu bemerken.«</p>
-
-<p>»Weiß Gott,« entgegnete der Ulmer, »man könnte damit
-pflastern.«</p>
-
-<p>»Das wäre vielleicht so übel nicht,« fuhr Georg fort, »denn
-das Pflaster Eurer Straßen ist herzlich schlecht. Aber sagt
-mir, wer wohnt dort in dem Eckhaus mit dem Erker; wenn ich
-nicht irre, schauten dort zwei feine Jungfrauen heraus, als wir
-einritten.«</p>
-
-<p>»Habt Ihr diese auch schon bemerkt?« lachte jener. »Wahrhaftig,
-Ihr habt ein scharfes Auge und seid ein Kenner. Das
-sind meine lieben Basen mütterlicherseits, die kleine Blonde ist
-eine Besserer, die andere ein Fräulein von Lichtenstein, eine
-Württembergerin, die auf Besuch dort ist.«</p>
-
-<p>Georg dankte im stillen dem Himmel, der ihn gleich mit
-einem so nahen Verwandten Mariens zusammenführte. Er
-beschloß, den Zufall zu benützen, und wandte sich, so freundlich
-er nur konnte, zu seinem Nachbar. »Ihr habt ein Paar hübsche
-Mühmchen, Herr von Besserer&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Dietrich von Kraft nenne ich mich,« fiel er ein, »Schreiber
-des großen Rates.«</p>
-
-<p>»Ein Paar schöne Kinder, Herr von Kraft; und Ihr besuchet
-sie wohl recht oft?«</p>
-
-<p>»Jawohl,« antwortete der Schreiber des großen Rates,
-»besonders seit die Lichtenstein im Hause ist. Zwar will mein
-Bäschen Bertha etwas eifersüchtig werden, denn im Vertrauen
-gesagt, wir waren vorher ein Herz und eine Seele, aber ich tue,
-als merke ich es nicht, und stehe mit Marien um so besser.«</p>
-
-<p>Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs
-Ohren klingen, denn er preßte die Lippen zusammen, und seine
-Wangen färbten sich dunkler.</p>
-
-<p>»Ja, lachet nur,« fuhr der Ratsschreiber fort, dem der ungewohnte
-Geist des Weines zu Kopfe stieg, »wenn Ihr wüßtet,
-wie sie sich beide um mich reißen. &ndash; Zwar &ndash; die Lichtenstein hat
-eine verdammte Art, freundlich zu sein; sie tut so vornehm
-und ernst, daß man nicht recht wagt, in ihrer Gegenwart
-Spaß zu machen, noch weniger läßt sie ein wenig mit sich schäkern
-wie Bertha; aber gerade das kommt mir so wunderhübsch vor,
-daß ich elfmal wiederkomme, wenn sie mich auch zehnmal fortgeschickt<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span>
-hat. Das macht aber,« murmelte er nachdenklicher vor
-sich hin, »weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut
-sie sich; laßt nur den einmal über der Ulmer Markung sein,
-so soll sie schon kirre werden.«</p>
-
-<p>Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen,
-als sonderbare Stimmen ihn unterbrachen. Schon vorher hatte
-er mitten durch das Geräusch der Speisenden diese Stimmen
-zu hören geglaubt, wie sie in schleppendem, einförmigem Ton
-ein paar kurze Sätze hersagten, ohne zu verstehen, was es war.
-Jetzt hörte er dieselben Stimmen ganz in der Nähe, und bald
-bemerkte er, welchen Inhaltes ihre eintönigen Sätze waren. Es
-gehörte nämlich in den guten alten Zeiten, besonders in Reichsstädten,
-zum Ton, daß der Hausvater und seine Frau, wenn sie
-Gäste geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden und
-bei jedem einzelnen umhergingen, mit einem herkömmlichen
-Sprüchlein zum Essen und Trinken zu nötigen.</p>
-
-<p>Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, daß der
-hohe Rat beschloß, auch an diesem Mahl keine Ausnahme zu
-machen, sondern <em class="antiqua">ex officio</em> einen Hausvater samt Hausfrau
-aufzustellen, um diese Pflicht zu üben. Die Wahl fiel auf den
-Bürgermeister und den ältesten Ratsherrn.</p>
-
-<p>Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel »nötigend« umgangen,
-kein Wunder, daß ihre Stimmen durch die große Anstrengung
-endlich rauh und heiser geworden waren und ihre
-freundschaftliche Aufmunterung wie Drohung klang. Eine rauhe
-Stimme tönte in Georgs Ohr: »Warum esset Ihr denn nicht,
-warum trinket Ihr denn nicht?« erschrocken wandte sich der
-Gefragte um und sah einen starken großen Mann mit rotem
-Gesicht; ehe er noch auf die schrecklichen Töne antworten konnte,
-begann an seiner andern Seite ein kleiner Mann mit einer hohen
-dünnen Stimme:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»So esset doch und trinket satt,<br /></span>
-<span class="i0">Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>»Hab' ich's doch schon lange gedacht, daß es so kommen
-würde,« fiel der alte Breitenstein ein, indem er ein wenig von
-der Anstrengung, mit welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte,
-ausruhte.</p>
-
-<p>»Da sitzt er und schwatzt, statt die köstlichen Braten zu genießen,
-die uns die Herren in so reichlicher Fülle vorgesetzt
-haben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span></p>
-
-<p>»Mit Verlaub,« unterbrach ihn Dietrich von Kraft, »der
-junge Herr ißt nichts, er ist ein Zechbruder und trefflicher
-Weinschmecker; hab' ich's nicht gleich weg gehabt, daß er gerne
-zu tief ins Glas guckt? Darum tadle ihn keiner, wenn er sich
-lieber an den Uhlbacher hält.«</p>
-
-<p>Georg wußte gar nicht, wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede
-kam; er war im Begriff, sich zu entschuldigen, als ihn ein
-neuer Anblick überraschte. Breitenstein hatte sich jetzt über den
-Schweinskopf mit der Zitrone im Maul erbarmt, hatte die
-Zitrone geschickt aus dem Rachen des Tieres operiert und begann
-mit großem Behagen und geübter Hand die weitere Sektion
-vorzunehmen, da trat der Bürgermeister auch zu ihm, und eben
-als er an einem guten Bissen kaute, hub er an: »Warum esset
-Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?« Dieser sah
-den Nötigenden mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine
-Sprachorgane keine Zeit. Er nickte daher mit dem Haupte und
-deutete auf die Reste des Rehziemers; der kleine Mann mit der
-Fistelstimme ließ sich aber nicht irre machen, sondern sprach
-freundschaftlichst:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»So esset doch und trinket satt,<br /></span>
-<span class="i0">Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>So war es nun in den »guten alten Zeiten!« Man konnte
-sich wenigstens nicht beklagen, nur zu einem Schauessen geladen
-worden zu sein. Bald aber bekam die Tafel eine ganz andere
-Gestalt. Die großen Schüsseln und Platten wurden abgetragen
-und geräumigere Humpen, größere Kannen, gefüllt mit edlem
-Wein, aufgesetzt. Die Umtränke und das in Schwaben schon
-damals sehr häufige Zutrinken begann, und nicht lange, so
-äußerte auch der Wein seine Wirkungen. Dietrich Spät und
-seine Gesellen sangen Spottlieder auf Herzog Ulrich und bekräftigten
-jeden Fluch oder schlechten Witz, den einer ausbrachte,
-mit Gelächter oder einem guten Trunke. Die fränkischen Ritter
-würfelten um die Güter des Herzogs und tranken einander das
-Tübinger Schloß im Weine ab. Ulrich von Hutten und einige
-seiner Freunde hielten in lateinischer Sprache eine laute Kontrovers
-mit einigen Italienern wegen des Angriffs auf den
-römischen Stuhl, den kurz zuvor ein unberühmter Mönch in
-Wittenberg unternommen hatte; die Nürnberger, Augsburger
-und einige Ulmer Herren, die sich zusammengetan hatten, waren
-über den Glanz ihrer Republiken in Streit geraten, und so<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span>
-füllte Gelächter, Gesang, Zanken und der dumpfe Klang der
-silbernen und zinnernen Becher den Saal.</p>
-
-<p>Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anständigere,
-ruhigere Fröhlichkeit. Dort saßen Georg von Frondsberg, der
-alte Ludwig Hutten, Waldburg Truchseß, Franz von Sickingen
-und noch andere ältliche, gesetzte Herren.</p>
-
-<p>Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans
-von Breitenstein, nachdem er sich genugsam gesättiget hatte, seine
-Blicke und sprach zu Georg: »Das Lärmen um uns her will mir
-gar nicht behagen; wie wäre es, wenn ich Euch jetzt dem Frondsberg
-vorstellte, wie Ihr in den letzten Tagen gewünscht habt?«</p>
-
-<p>Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten
-bekannt zu werden, stand freudig auf, um dem alten Freunde zu
-folgen. Wir werden ihn nicht tadeln, daß sein Herz bei diesem
-Gange ängstlicher pochte, seine Wangen sich höher färbten, seine
-Schritte, je näher er kam, ungewisser und zögernder wurden.
-Wen haben nicht in seiner Jugend, wenn er einem glänzenden,
-ruhmbekränzten Vorbild nahte, ähnliche Gefühle bestürmt? Wem
-sank da nicht sein eigenes Ich zur Unbedeutendheit zusammen,
-während der Gefeierte zum Riesen wuchs? Georg von Frondsberg
-galt schon damals für einen der berühmtesten Feldherren
-seiner Zeit. Italien, Frankreich und Deutschland erzählten
-von seinen Siegen, und die Kriegskunst wird ihn ewig in ihren
-Annalen nennen, denn er war der Stifter und Gründer eines
-geordneten, in Reihen und Gliedern fechtenden Fußvolkes.
-Sagen und Chroniken erhielten das Bild dieses Helden bis auf
-unsere Tage, und wer gedenkt nicht unwillkürlich jener homerischen
-Helden, wenn er von diesem Manne liest: »Er war so
-stark an Gliedern, wenn er den Mittelfinger der rechten Hand
-ausstreckte, daß er damit den stärksten Mann, so sich steif stellte,
-vom Platz stoßen, ein rennendes Pferd beim Zaum ergreifen
-und stellen, die großen Büchsen und Mauerbrecher allein von
-einem Ort zum andern führen konnte?« Zu ihm führte Breitenstein
-den Jüngling.</p>
-
-<p>»Wen bringt Ihr uns da, Hans?« rief Georg von Frondsberg,
-indem er den hochgewachsenen, schönen, jungen Mann mit
-Teilnahme betrachtete.</p>
-
-<p>»Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr,« antwortete
-Breitenstein, »ob Euch nicht beifällt, in welches Haus er gehören
-mag?«</p>
-
-<p>Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der
-alte Truchseß von Waldburg wandte prüfend sein Auge herüber.<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span>
-Georg war schüchtern und blöde vor diese Männer getreten;
-aber sei es, daß die freundliche, zutrauliche Weise
-Frondsbergs ihm Mut machte, sei es, daß er fühlte, wie wichtig
-der Augenblick für ihn sei, er bekämpfte die Scham, den Blicken
-so vieler berühmter Männer ausgesetzt zu sein und sah ihnen
-entschlossen und mutig ins Gesicht.</p>
-
-<p>»Jetzt, an diesem Blick erkenne ich dich,« sagte Frondsberg
-und bot ihm die Hand, »du bist ein Sturmfeder?«</p>
-
-<p>»Georg Sturmfeder,« antwortete der junge Mann, »mein
-Vater war Burkhard Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte,
-in Italien an Eurer Seite.«</p>
-
-<p>»Er war ein tapferer Mann,« sprach der Feldhauptmann,
-dessen Auge immer noch sinnend auf Georgs Zügen ruhte, »an
-manchem warmen Schlachttag hat er treu zu mir gehalten; wahrlich,
-sie haben ihn allzu frühe eingescharrt! Und du,« setzte er
-freundlicher hinzu, »du hast dich eingestellt, um seiner Spur zu
-folgen? Was treibt dich schon so frühe aus dem Neste, und
-bist kaum flügg?«</p>
-
-<p>»Ich weiß schon,« unterbrach ihn Waldburg mit rauher,
-unangenehmer Stimme; »das Vöglein will sich ein paar Flöckchen
-Wolle suchen, um das alte Nest zu flicken!«</p>
-
-<p>Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen
-jagte eine hohe Glut auf die Wange des Jünglings. Er hatte
-sich nie seiner Dürftigkeit geschämt, aber dieses Wort klang so
-höhnend, daß er sich zum erstenmal dem reichen Spötter gegenüber
-recht arm fühlte. Da fiel sein Blick über Truchseß Waldburg
-hin durch die Scheiben auf jenes wohlbekannte Erkerfenster,
-er glaubte Mariens Gestalt zu erblicken, und sein alter
-Mut kehrte wieder, »Ein jeder Kampf hat seinen Preis, Herr
-Ritter,« sagte er, »ich habe dem Bund Kopf und Arm angetragen;
-<em class="gesperrt">was</em> mich dazu treibt, kann <em class="gesperrt">Euch</em> gleichgültig sein.«</p>
-
-<p>»Nun, nun!« erwiderte jener, »wie es mit dem Arm aussieht,
-werden wir sehen, im Kopfe muß es aber nicht so ganz hell
-sein, da Ihr aus Spaß gleich Ernst macht.«</p>
-
-<p>Der gereizte Jüngling wollte wieder etwas darauf erwidern,
-Frondsberg aber nahm ihn freundlich bei der Hand;
-»Ganz wie dein Vater, lieber Junge; nun, du willst zeitlich zu
-einer Nessel werden.<a id="FNanchor_13_14"></a><a href="#Footnote_13_14" class="fnanchor">[13]</a> Und wir werden Leute brauchen, denen
-das Herz am rechten Flecke sitzt. Daß du dann nicht der Letzte
-bist, darfst du gewiß sein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>Diese wenigen Worte aus dem Munde eines durch Tapferkeit
-und Kriegskunst unter seinen Zeitgenossen hochberühmten
-Mannes übten so besänftigende Gewalt über Georg, daß er
-die Antwort, die ihm auf der Zunge schwebte, zurückdrängte und
-sich schweigend von der Tafel in ein Fenster zurückzog, teils um
-die Obersten nicht weiter zu stören, teils um sich genauer zu
-überzeugen, ob die flüchtige Erscheinung, die er vorhin gesehen,
-wirklich Marie gewesen sei.</p>
-
-<p>Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg
-zu Waldburg: »Das ist nicht die Art, Herr Truchseß, wie
-man tüchtige Gesellen für unsere Sache gewinnt; ich wette, er
-ging nicht mit halb soviel Eifer für die Sache von uns, als er
-zu uns brachte.«</p>
-
-<p>»Müßt Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?«
-fuhr jener auf. »Was braucht es da? Er soll einen Spaß von
-seinem Obern ertragen lernen.«</p>
-
-<p>»Mit Verlaub,« fiel ihm Breitenstein ins Wort, »das ist
-kein Spaß, sich über unverschuldete Armut lustig zu machen; ich
-weiß aber wohl, Ihr seid seinem Vater auch nie grün gewesen.«</p>
-
-<p>»Und,« fuhr Frondsberg fort, »sein Oberer seid Ihr ganz
-und gar noch nicht. Er hat dem Bunde noch keinen Eid geleistet,
-also kann er noch immer hinreiten, wohin er will; und wenn
-er auch unter Euren eigenen Fahnen diente, so möchte ich Euch
-doch nicht raten, ihn zu hänseln, er sieht mir nicht danach aus,
-als ob er sich viel gefallen ließe!«</p>
-
-<p>Sprachlos vor Zorn über den Widerspruch, den er in
-seinem Leben nie ertragen konnte, blickte Truchseß den einen
-und den andern an, mit so wutvollen Blicken, daß sich Ludwig
-von Hutten schnell ins Mittel schlug, um noch ärgeren Streit
-zu verhüten: »Laßt doch die alten Geschichten!« rief er. »Ueberhaupt
-wäre es gut, wir heben die Tafel auf. Es dunkelt draußen
-schon stark, und der Wein wird zu mächtig. Dietrich Spät
-hat schon zweimal des Württembergers Tod ausgebracht, und
-die Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine
-Schlösser niederbrennen oder verteilen soll.«</p>
-
-<p>»Laßt sie immer,« lachte Waldburg bitter, »die Herren
-dürfen ja heute machen, was sie wollen, Frondsberg wird ihnen
-doch das Wort reden.«</p>
-
-<p>»Nein,« antwortete Ludwig Hutten, »wenn einer von so
-etwas reden darf, bin ich es, als der Bluträcher meines Sohnes;<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span>
-aber ehe noch der Krieg erklärt ist, müssen solche Reden unterbleiben.
-Mein Vetter Ulrich spricht mir auch zu heftig mit
-den Italienern über den Mönch von Wittenberg, und er verschwatzt
-sich zu sehr, wenn er in Zorn gerät. Laßt uns aufbrechen.«</p>
-
-<p>Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen
-auf, und als die nächsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war
-der Aufbruch allgemein.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap04">4.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Wollt ihr wissen, was die Augen sein,<br /></span>
-<span class="i0">Womit ich sie sehe durch alle Land'?<br /></span>
-<span class="i0">Es sind die Gedanken des Herzens mein,<br /></span>
-<span class="i0">Damit schau ich durch die Mauer und Wand.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Walther von der Vogelweide.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Georg hatte in dem Fenster, wohin er sich zurückgezogen,
-nicht so entfernt gestanden, daß er nicht jedes Wort der Streitenden
-gehört hätte. Er freute sich der warmen Teilnahme, mit
-welcher Frondsberg sich des unberühmten, verwaisten Jünglings
-angenommen hatte, zugleich aber konnte er es sich nicht
-verbergen, daß sein erster Schritt in die kriegerische Laufbahn
-ihm einen mächtigen, erbitterten Feind zugezogen hatte. Der
-Truchseß war zu bekannt im Heere wegen seines unversöhnlichen
-Stolzes, als daß Georg hätte glauben dürfen, Huttens vermittelnde
-und besänftigende Worte haben jede Erinnerung an
-diesen Streit verlöscht, und daß Männer von Gewicht wie Waldburg,
-in solchen Fällen der vielleicht unschuldigen Ursache ihres
-Zornes die Schuld nicht erlassen, war ihm aus manchen Fällen
-wohl bekannt. Ein leichter Schlag auf seine Schulter unterbrach
-seine Gedanken, und er sah, als er sich umwandte, seinen freundlichen
-Nebensitzer, den Schreiber des großen Rats, vor sich.</p>
-
-<p>»Ich wette, Ihr habt Euch noch nach keinem Quartier umgesehen,«
-sprach Dietrich von Kraft, »und es möchte Euch auch
-jetzt etwas schwer werden, denn es ist bereits dunkel, und die
-Stadt ist überfüllt.«</p>
-
-<p>Georg gestand, daß er noch nicht daran gedacht habe, er
-hoffe aber, in einer der öffentlichen Herbergen noch ein Plätzchen
-zu bekommen.</p>
-
-<p>»Darauf möchte ich doch nicht so sicher bauen,« entgegnete
-jener, »und gesetzt, Ihr fändet auch in einer solchen Schenke<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span>
-einen Winkel, so dürft Ihr doch sicherlich darauf rechnen, daß
-Ihr schlecht genug bedient seid. Aber wenn Euch meine Wohnung
-nicht zu gering scheint, so steht sie Euch mit Freuden
-offen.«</p>
-
-<p>Der gute Ratsschreiber sprach mit so viel Herzlichkeit, daß
-Georg nicht Anstand nahm, sein Anerbieten anzunehmen, obgleich
-er beinahe befürchtete, die gastfreundliche Einladung
-möchte seinen Wirt gereuen, wenn die gute Laune zugleich mit
-den Dünsten des Weines verflogen sein werde. Jener aber
-schien über die Bereitwilligkeit seines Gastes hoch erfreut; er
-nahm mit einem herzlichen Handschlag seinen Arm und führte
-ihn aus dem Saal.</p>
-
-<p>Der Platz vor dem Rathaus bot indes einen ganz eigenen
-Anblick dar. Die Tage waren noch kurz, und die Abenddämmerung
-war während der Tafel unbemerkt hereingebrochen, man
-hatte daher Fackeln und Windlichter angezündet; ihr dunkelroter
-Schein erhellte den großen Raum nur sparsam und spielte in
-zitternden Reflexen an den Fenstern der gegenüberstehenden
-Häuser und auf den blanken Helmen und Brustharnischen der
-Ritter. Wildes Rufen nach Pferden und Knechten scholl aus
-der Halle des Rathauses, das Klirren der nachschleppenden
-Schwerter, das Hin- und Herrennen der vielen Menschen mischte
-sich in das Gebell der Hunde, in das Wiehern und Stampfen
-der ungeduldigen Rosse, eine Szene, die mehr einem in der Nacht
-vom Feinde überfallenen Posten als dem Aufbruch von einem
-friedlichen Mahle glich.</p>
-
-<p>Ueberrascht blieb Georg unter der Halle stehen. Der Anblick
-so vieler fröhlicher Gesichter, der kräftigen Gestalten, die
-in jugendlichem Mute ansprengten, kühne Reiterkünste übten
-und dann singend und jubelnd in kleinen Haufen abzogen und
-in der Nacht verschwanden; dieser nächtliche, flüchtige Anblick erinnerte
-ihn, wie ungewiß, wie schnell auch diese Tage vorübergehen
-werden, wie alle diese fröhlichen Gesellen dem tiefen
-Ernste des Krieges entgegenziehen, wie mancher noch ehe der
-Frühling völlig herauf ginge, mit seinem Körper den grünenden
-Rasen decken werde, wie sie gefallen sein werden, ohne
-mit ihrem Blute etwas eingelöst zu haben, als die Träne eines
-Kameraden und den kurzen Ruhm, als brave Männer vor dem
-Feinde geblieben zu sein.</p>
-
-<p>Unwillkürlich streifte sein Auge nach jener Seite hin, wo
-er seinen Kampfpreis wußte. Er sah dort viele Leute an den
-Fenstern stehen, aber der schwärzliche Rauch der Fackeln, der wie<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span>
-eine Wolke über den Platz hinzog, verhüllte die Gegenstände
-wie mit einem Schleier und ließ sie nur wie ungewisse Schatten
-sehen; unbefriedigt wandte er sein Auge ab. »So ist auch meine
-Zukunft,« sagte er zu sich; »das Jetzt ist helle, aber wie dunkel,
-wie ungewiß das Ziel!«</p>
-
-<p>Sein freundlicher Wirt riß ihn aus diesem düstern Sinnen
-mit der Frage, wo seine Knechte mit seinen Pferden seien?
-Wenn der Platz, worauf sie standen, heller erleuchtet gewesen
-wäre, so hätte vielleicht der gute Kraft eine flüchtige, aber
-brennende Röte, die bei dieser Frage über Georgs Wangen zog,
-bemerken können. »Ein junger Kriegsmann,« antwortete er
-schnell gefaßt, »muß sich so <span id="corr033">viel wie</span> möglich selbst zu helfen wissen,
-daher habe ich keinen Diener bei mir; mein Pferd aber habe ich
-Breitensteins Knechten übergeben.«</p>
-
-<p>Der Ratsschreiber lobte im Weiterschreiten die Strenge des
-jungen Mannes gegen sich selbst, gestand aber, daß er, wenn er
-einmal zu Felde ziehe, den Dienst nicht so strenge lernen werde.
-Ein Blick auf sein zierlich geordnetes Haar und den fein gekräuselten
-Bart überzeugte Georg, daß sein Begleiter aus
-voller Seele spreche, und die zierliche bequeme Wohnung, in
-welcher sie bald darauf anlangten, widersprach diesem Glauben
-nicht.</p>
-
-<p>Das Hauswesen des Herrn von Kraft war eine sogenannte
-Junggesellenwirtschaft, denn Herrn Dietrichs Eltern waren
-längst abgeschieden, als er in das Mannesalter und zugleich in
-seinen Posten beim großen Rate eintrat. Er hätte sich vielleicht
-längst um eine Genossin seiner Herrlichkeit umgesehen, wenn
-nicht die Anmut des Junggesellenlebens, der nicht zu verachtende
-Vorteil, von allen jungen Damen der Stadt als eine gute
-Partie (nach heutigen Begriffen) angesehen und honoriert zu
-werden, vor allem aber, wie man sich ins Ohr flüsterte, die
-entschiedene Abneigung, die seine alte Amme und Haushälterin
-vor einer jungen Gebieterin hegte, ihn immer von diesem
-Schritte abgehalten hätte.</p>
-
-<p>Herr Dietrich hatte ein großes Haus, nicht weit vom
-Münster, einen schönen Garten am Michelsberg, sein Hausgeräte
-war im besten Stande, die großen eichenen Kasten voll
-des köstlichen Linnenzeuges, das die Kraftinnen und ihre Zofen
-seit vielen Generationen in den langen Winterabenden zusammengesponnen
-hatten; die eiserne Truhe im Schlafzimmer
-enthielt eine erkleckliche Anzahl von Goldgülden, Herr Dietrich
-selbst war ein hübscher, solider Herr, ging immer geschniegelt<span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span>
-und gebügelt, mit gesetztem, anständigem Gang in den Rat, hatte
-einen guten Haus- und Ratsverstand, war aus einer alten
-Familie; war es ein Wunder, wenn die ganze Stadt sein Leben
-pries und jedes hübsche Ulmer Stadtkind sich glücklich geschätzt
-hätte, in diesen bequem ausstaffierten Ehehimmel zu kommen?</p>
-
-<p>Georg kamen übrigens diese Verhältnisse bei näherer Besichtigung
-nichts weniger als lockend vor. Die einzigen Hausgenossen
-des Ratsschreibers waren ein alter, grauer Diener,
-zwei große Katzen und die unförmig dicke Amme. Diese vier
-Geschöpfe starrten den Gast mit großen, bedenklichen Augen an,
-die ihm bewiesen, wie ungewohnt ihnen ein solcher Zuwachs der
-Haushaltung sei. Die Katzen umgingen ihn schnurrend, mit gekrümmtem
-Rücken, die Amme schob unmutig an der ungeheuren
-Buckelhaube von Golddraht und fragte, ob sie für zwei Personen
-das Abendessen zurichten solle? Als sie aber nicht nur ihre Frage
-bestätigen hörte, sondern auch den Auftrag (man war ungewiß,
-war es Bitte oder Befehl) bekam, das Eckzimmer im zweiten
-Stock für den Gast zuzurichten, da schien ihre Geduld erschöpft;
-sie ließ einen wütenden Blick auf ihren jungen Gebieter schießen
-und verließ mit ihrem Schlüsselbund rasselnd das Gemach.
-Georg hörte noch lange die hohltönenden Treppen unter ihren
-schweren Tritten erbeben, und die öde Stille des großen Hauses
-gab in vielfältigem Echo das Gepolter der Türen zurück, welche
-sie im Grimme hinter sich zuwarf.</p>
-
-<p>Der graue Diener hatte indessen einen Tisch und zwei große
-Armstühle an den ungeheuren Ofen gerückt; den Tisch besetzte
-er mit einem schwarzen Kasten, stellte zu beiden Seiten desselben
-ein Licht und einen silbernen Becher mit Wein und entfernte sich
-dann, nachdem er einige leise Worte mit seinem Herrn gewechselt
-hatte. Herr Dietrich lud seinen Gast ein, an seiner
-gewöhnlichen Abendunterhaltung teilzunehmen. Er öffnete den
-schwarzen Kasten, es war ein Brettspiel.</p>
-
-<p>Georg graute vor dieser Unterhaltung seines Gastfreundes,
-als er ihm erzählte, daß er seit seinem zehnten Jahre alle
-Abende mit der Amme an diesem Spiele sich ergötze. Wie öde,
-wie unheimlich kam ihm das Haus vor. Das Rennen und Laufen
-der Amme hatte doch noch an Leben und Bewegung erinnert,
-jetzt aber lag Grabesstille über den weiten Gängen und Gemächern,
-nur zuweilen vom Knistern der Lichter, vom Ticken
-des Holzwurmes im schwärzlichen Getäfel und von dem eintönigen
-Rollen der Würfel unterbrochen. Das Spiel hatte nie
-etwas Anziehendes für ihn gehabt, seine Gedanken waren auch<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span>
-ferne davon, und die tiefe Melancholie der öden Gemächer und
-der Gedanke, nur wenige Straßen von ihr entfernt, doch den
-lang ersehnten Anblick der Geliebten entbehren zu müssen,
-breitete düstere Schatten über seine Seele. Nur die ungeheuchelte
-Freude Herrn Dietrichs, beinahe alle Spiele zu gewinnen,
-die seinem gutmütigen Gesicht etwas Angenehmes verlieh,
-entschädigte ihn für den Verlust der langsam hinschleichenden
-Stunden.</p>
-
-<p>Mit dem Schlage der achten Stunde führte Dietrich seinen
-Gast zum Abendbrot, das die Amme, trotz ihres Unmutes,
-trefflich bereitet hatte, denn sie wollte der Ehre des Kraftischen
-Hauses nichts vergeben. Hier öffnete auch der Ratsschreiber
-wieder die Schleusen seiner Beredsamkeit, indem er seinem
-Gaste das Mahl durch Gespräch zu würzen suchte. Aber umsonst
-spähete dieser, ob er nicht von seinem schönen Mühmchen
-reden werde; nur <em class="gesperrt">eine</em> Ausbeute bekam er: Kraft zählte unter
-den württembergischen Rittern, die in Ulm anwesend seien, auch
-den Ritter von Lichtenstein auf. Doch schon dieses Wort erweckte
-dankbare Gefühle gegen die Wendung seines Schicksals
-in ihm. Jetzt erst freute er sich, einer Partei beigetreten zu
-sein, die ihm sonst, außer den berühmten Namen, die sie an
-der Spitze trug, ziemlich gleichgültig war. So aber hatte auch
-ihr Vater sich in dem Sammelplatze des Heeres eingefunden,
-und durfte er auch nicht hoffen, daß ihm das Glück vergönnen
-werde, an der Seite des teuren Mannes zu fechten, so trug
-er doch die Gewißheit in der Brust, ihm beweisen zu können,
-daß Georg von Sturmfeder nicht der letzte Kämpfer im
-Heere sei.</p>
-
-<p>Der Hausherr führte ihn nach aufgehobener Tafel in sein
-Schlafgemach und schied von ihm mit einem herzlichen Glückwunsch
-für seine Ruhe. Georg sah sich das Gemach, das man
-ihm angewiesen hatte, näher an und fand, daß es ganz zu dem
-öden Hause passe. Die runden, vom Alter geblendeten Scheiben
-der Fenster, das dunkle Täfelwerk an Wand und Decke, der
-große, weit vorspringende Ofen, selbst das ungeheure Bette mit
-breitem Himmel und steifen schweren Gardinen, sie gewährten
-ein düsteres, beinahe trauriges Ansehen. Aber dennoch war
-alles zu seiner Bequemlichkeit eingerichtet. Frische, schneeweiße
-Linnen blinkten ihm einladend aus dem Bette entgegen, als er
-die Vorhänge zurückschlug; der Ofen verbreitete eine angenehme
-Wärme, eine Nachtlampe war an der Decke aufgehängt, und
-selbst der Schlaftrunk, ein Becher wohlgewürzten, warmen<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span>
-Weines, war nicht vergessen. Er zog die Gardinen vor und
-ließ die Bilder des vergangenen Tages an seiner Seele vorüberziehen.
-Geordnet und freundlich kamen sie anfangs vorüber,
-dann aber verwirrten sie sich, in buntem Gedränge führten
-sie seine Seele in das Reich der Träume, und nur ein teures
-Bild ging ihm heller auf, es war das Bild der Geliebten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap05">5.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i12">&ndash;&nbsp;Ist's kein Wahn?<br /></span>
-<span class="i0">Will der Holde, Vielgetreue,<br /></span>
-<span class="i0">Dem ich Herz und Leben weihe,<br /></span>
-<span class="i0">Heute noch zu Gruß und Kusse nahn?<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">F. Haug.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Georg wurde am anderen Morgen durch ein bescheidenes
-Pochen an seiner Türe erweckt. Er schlug die Vorhänge seines
-Bettes zurück und sah, daß die Sonne schon ziemlich hoch stehe.
-Es wurde wieder und stärker gepocht, und sein freundlicher
-Wirt, schon völlig im Putz, trat ein. Nach den ersten Erkundigungen,
-wie sein Gast geschlafen habe, kam Herr Dietrich gleich
-auf die Ursache seines frühen Besuches. Der große Rat hatte
-gestern abend noch beschlossen, die Ankunft der Bundesgenossen
-auch durch einen Tanz zu feiern, der am heutigen Abend auf
-dem Rathause abgehalten werden sollte. Ihm, als dem Ratsschreiber,
-kam es zu, alles anzuordnen, was zu dieser Festlichkeit
-gehörte: er mußte die Stadtpfeifer bestellen, die ersten
-Familien feierlich und im Namen des Rates dazu einladen,
-er mußte vor allem zu seinen lieben Mühmchen eilen, um ihnen
-dieses seltene Glück zu verkündigen.</p>
-
-<p>Er erzählte dies alles mit wichtiger Miene seinem Gaste
-und versicherte ihm, daß er vor dem Drang der Geschäfte nicht
-wisse, wo ihm der Kopf stehe. Doch Georg hatte nur für <em class="gesperrt">eines</em>
-Sinn; er durfte hoffen, Marien zu sehen und zu sprechen, und
-darum hätte er gerne Herrn Dietrich für seine gute Botschaft
-an das freudig pochende Herz gedrückt.</p>
-
-<p>»Ich sehe es Euch an,« sagte dieser, »die Nachricht macht
-Euch Freude, und die Tanzlust leuchtet Euch schon aus den
-Augen. Doch Ihr sollt ein paar Tänzerinnen haben, wie Ihr
-sie nur wünschen könnt; mit meinen Bäschen sollt Ihr mir
-tanzen, denn ich bin ihr Führer bei solchen Gelegenheiten und
-werde es schon zu machen wissen, daß Ihr und kein anderer<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span>
-zuerst sie aufziehen sollet; und wie werden sie sich freuen, wenn
-ich ihnen einen so flinken Tänzer verspreche!« Damit wünschte
-er seinem Gast einen guten Morgen und ermahnte ihn, wenn
-er ausgehe, sein Haus zu merken und das Mittagessen nicht zu
-versäumen.</p>
-
-<p>Herr Dietrich hatte, als sehr naher Verwandter, schon so
-frühe am Tag Zutritt im Hause des Herrn von Besserer, besonders
-heute, da ihn seine vielen Geschäfte bei diesem Morgenbesuche
-entschuldigten.</p>
-
-<p>Er fand die Mädchen noch beim Frühstück. Wohl hätte
-dort manche unserer heutigen Damen ein elegantes Dejeuner
-von gemaltem Porzellan und den nach den schönsten antiken
-Vasen geformten Schokoladenbecher vermißt. Aber wenn es
-wahr ist, daß natürliche Anmut und Würde auch im geringsten
-Kleide sich dem Auge nicht verhüllen, so dürfen wir schon mit
-mehr Mut gestehen, daß Marie und die fröhliche Bertha an
-jenem Morgen ein Biersüppchen verspeisten. Ob aber dieses
-Geständnis der ästhetischen Haltung dieser Damen nicht Eintrag
-tut? Es mag sein; wer übrigens Marien und Bertha in dem
-weißen Morgenhäubchen, in dem reinlichen Hauskleide gesehen
-hätte, würde gewiß auch, wie Vetter Kraft, Verlangen getragen
-haben, dieses Frühstück mit den holden Mädchen zu teilen.</p>
-
-<p>»Ich sehe dir es an, Vetter,« begann Bertha, »du möchtest
-gar zu gerne von unserer Suppe kosten, weil dir deine Amme
-heute einen Kinderbrei vorgesetzt hat; aber schlage dir diese Gedanken
-nur gleich aus dem Sinne; du hast Strafe verdient und
-mußt fasten&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ach, wie wir so sehnlich auf Euch gewartet haben,« unterbrach
-sie Marie.</p>
-
-<p>»Jawohl,« fiel ihr Bertha in die Rede, »aber bilde dir
-nur nicht ein, daß wir eigentlich dich erwarteten; nein, ganz
-allein deine Neuigkeiten.«</p>
-
-<p>Der Ratsschreiber war schon gewohnt, von Bertha so empfangen
-zu werden; er wollte daher, um sie zu versöhnen, daß
-er nicht gestern abend noch ihre Neugierde befriedigt habe, seine
-Nachrichten in desto längerem Strome geben; aber Bertha
-unterbrach ihn. »Wir kennen,« sagte sie, »deine breiten Erzählungen
-und haben auch das meiste vom Erker aus selbst mit
-angesehen; von eurem Trinkgelage, wo es arg genug hergegangen
-sein soll, will ich auch nichts wissen, darum antworte mir
-auf meine Frage.« Sie stellte sich mit komischem Ernst vor ihn
-hin und fuhr fort: »Dietrich von Kraft, Schreiber eines wohledlen<span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span>
-Rates, habt Ihr unter den Bündischen keinen jungen,
-überaus höflichen Herrn gesehen, mit langem, hellbraunem Haar,
-einem Gesicht, nicht so milchweiß wie das Eure, aber doch nicht
-minder hübsch, kleinem Bart, nicht so zierlich wie der Eure,
-aber dennoch schöner, hellblauer Schärpe mit Silber&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ach, das ist kein anderer als mein Gast!« rief Herr Dietrich.
-»Er ritt einen großen Braunen, trug ein blaues Wams,
-an den Schultern geschlitzt und mit Hellblau ausgelegt?«</p>
-
-<p>»Ja, ja, nur weiter!« rief Bertha. »Wir haben unsere
-eigenen Ursachen, uns nach ihm zu erkundigen.«</p>
-
-<p>Marie stand auf und suchte ihr Nähzeug in dem Kasten,
-indem sie den beiden den Rücken zukehrte; aber die Röte, die
-alle Augenblicke auf ihren Wangen wechselte, ließ ahnen, daß
-sie kein Wort von Herrn Dietrichs Erzählung verlor.</p>
-
-<p>»Nun, das ist Georg von Sturmfeder,« fuhr der Ratsschreiber
-fort; »ein schöner, lieber Junge. Sonderbar, auch ihr
-seid ihm gleich beim Einzug aufgefallen« &ndash; und nun erzählte
-er, was am Gastmahl vorgegangen sei, wie ihm der hohe Wuchs,
-das Gebietende und Anziehende in des Jünglings Mienen gleich
-anfangs aufgefallen, wie ihn der Zufall zu seinem Nachbar gemacht,
-wie er ihn immer lieber gewonnen und endlich in sein
-Haus geführt habe.</p>
-
-<p>»Nun, das ist schön von dir, Vetter,« sagte Bertha, als
-er geendet hatte, und reichte ihm freundlich die Hand; »ich
-glaube, es ist das erste Mal, daß du es wagst, Gäste zu haben.
-Aber das Gesicht der alten Sabine hätte ich sehen mögen, als
-Junker Dieter so spät noch einen Gast brachte.«</p>
-
-<p>»O, sie war wie der Lindwurm gegen St. Georg; aber
-als ich ihr ganz verblümt zu verstehen gab, es könne wohl geschehen,
-daß ich bald eine meiner schönen Basen heimführen
-würde&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ach, geh doch!« entgegnete Bertha, indem sie ihm hocherrötend
-ihre Hand entreißen wollte; aber Herr Dietrich, dem
-sein Mühmchen noch nie so hübsch als in diesem Augenblick geschienen
-hatte, drückte die weiche Hand fester, und Mariens
-ernsteres Bild verlor von Sekunde zu Sekunde an Gehalt, und
-die Wagschale der fröhlichen Bertha, die jetzt in holder Verschämtheit
-vor ihm saß, stieg hoch in den Augen des glücklichen
-Ratsschreibers.</p>
-
-<p>Marie hatte indes schweigend das Gemach verlassen, und
-Bertha ergriff mit Freuden diese Gelegenheit, ein anderes Gespräch
-einzuleiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span></p>
-
-<p>»Da geht sie nun wieder,« sagte sie und sah Marien nach,
-»und ich wollte darauf wetten, sie geht in ihre Kammer und
-weint. Ach, sie hat gestern wieder so heftig geweint, daß ich
-auch ganz traurig geworden bin.«</p>
-
-<p>»Was hat sie nur?« fragte Dietrich teilnehmend.</p>
-
-<p>»Ich habe so wenig wie früher die Ursache ihrer Tränen
-erfahren,« fuhr Bertha fort. »Ich habe gefragt und immer
-wieder gefragt, aber sie schüttelt dann nur den Kopf, als wenn
-ihr nicht zu helfen wäre. ›Der unselige Krieg!‹ war alles, was
-sie mir zur Antwort gab.«</p>
-
-<p>»So ist der Alte noch immer entschlossen, mit ihr nach
-Lichtenstein zurückzugehen?«</p>
-
-<p>»Jawohl,« war Berthas Antwort. »Du hättest nur hören
-sollen, wie der alte Mann gestern beim Einzug auf die Bündischen
-schimpfte. Nun &ndash; er ist einmal seinem Herzog mit Leib
-und Seele ergeben, darum mag es ihm hingehen. Aber sobald
-der Krieg erklärt ist, will er mit ihr abreisen.«</p>
-
-<p>Herr Dietrich schien sehr nachdenklich zu werden. Er stützte
-den Kopf auf die Hand und hörte seiner Muhme schweigend zu.</p>
-
-<p>»Und denke,« fuhr diese fort, »da hat sie nun gestern nach
-dem Einritte der Bündischen so heftig geweint. Du weißt, sie
-war zwar vorher schon immer ernst und düster, und ich habe
-sie an manchem Morgen in Tränen gefunden. Aber als habe
-schon dieser Einzug über das ganze Schicksal des Krieges entschieden,
-so untröstlich gebärdete sie sich. Ich glaube, Ulm liegt
-ihr nicht so am Herzen, aber ich vermute,« setzte sie geheimnisvoll
-hinzu, »sie hat eine heimliche Liebe im Herzen.«</p>
-
-<p>»Ach freilich, ich habe es schon lange gemerkt,« seufzte
-Herr Dietrich, »aber was kann ich denn dafür?«</p>
-
-<p>»Du? Was du dafür kannst?« lachte Bertha, auf deren
-Gesicht bei diesen Worten alle Trauer verschwunden war. »Nein!
-Du bist nicht schuld an ihrem Schmerz. Sie war schon so,
-ehe du sie nur mit einem Auge gesehen hast!«</p>
-
-<p>Der ehrliche Ratsschreiber war sehr beschämt durch diese
-Versicherung. Er glaubte in seinem Herzen nicht anders, als
-der Abschied von ihm gehe der armen Marie so nahe, und fast
-schien ihr wehmütiges Bild in seinem wankelmütigen Herzen
-wieder das Uebergewicht zu bekommen. Bertha aber ließ nicht
-ab, ihn mit seiner törichten Vermutung zu höhnen, bis ihm auf
-einmal der Zweck seines Besuches wieder einfiel, den er während
-des Gespräches ganz aus den Augen verloren hatte. Sie sprang<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span>
-mit einem Schrei der Freude auf, als ihr der Vetter die Nachricht
-von dem Abendtanz mitteilte.</p>
-
-<p>»Marie, Marie!« rief sie in hellen Tönen, daß die Gerufene,
-bestürzt und irgend ein Unglück ahnend, herbeieilte. »Marie,
-ein Abendtanz auf dem Rathaus!« rief ihr die beglückte Bertha
-schon unter der Tür entgegen.</p>
-
-<p>Auch diese schien freudig überrascht von dieser Nachricht.
-»Wann? Kommen auch die Fremden dazu?« waren ihre
-schnellen Fragen, indem ein hohes Rot ihre Wangen färbte und
-aus dem ernsten Auge, das die kaum geweinten Tränen nicht
-verbergen konnte, ein Strahl der Freude drang.</p>
-
-<p>Bertha und der Vetter waren erstaunt über den schnellen
-Wechsel von Schmerz und Freude, und der letztere konnte die
-Bemerkung nicht unterdrücken, daß Marie eine leidenschaftliche
-Tänzerin sein müsse. Doch wir glauben, er habe sich hierin
-nicht weniger geirrt, als wenn er Georg für einen Weinkenner
-hielt.</p>
-
-<p>Als der Ratsschreiber sah, daß er jetzt, wo die Mädchen
-sich in eine wichtige Beratung über ihren Anzug verwickelten,
-eine überflüssige Rolle spiele, empfahl er sich, um seinen wichtigeren
-Geschäften nachzugehen. Er beeilte sich, seine Anordnungen
-zu treffen und die hohen Gäste und die angesehensten
-Häuser zu laden. Ueberall erschien er als ein Bote des Heils,
-denn wie die Sage erzählt, ist die Freude am Tanzen nicht erst
-in unseren Tagen über die Mädchen gekommen.</p>
-
-<p>Auch seine Anordnungen waren bald getroffen. Es war
-noch nicht zum Grundsatz geworden, daß man nur in einer
-langen Reihen von Zimmern, bei flimmernden Lüstern, umgeben
-von jenen unzähligen, unwesentlichen Dingen, welche die Mode
-als notwendig preist, fröhlich sein könne. Der Rathaussaal
-gab hinlänglichen Raum, und die kunstlosen Lampen, die an
-den Wänden aufgehängt waren, hatten bisher Helle genug verbreitet,
-die schönen Jungfrauen von Ulm in ihrer Pracht zu
-sehen.</p>
-
-<p>Doch nicht seine Anordnungen allein waren dem Ratsschreiber
-gelungen, er hatte nebenbei auch manche geheime Nachricht
-erspäht, die bis jetzt nur der engere Ausschuß des Rates
-mit den Bundesobersten teilte.</p>
-
-<p>Zufrieden mit dem Erfolg seiner vielen Geschäfte, kam er
-gegen Mittag nach Hause, und sein erster Gang war, nach seinem
-Gaste zu sehen. Er traf ihn in sonderbarer Arbeit. Georg
-hatte lange in einem schöngeschriebenen Chronikbuch, das er in<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span>
-seinem Zimmer gefunden hatte, geblättert. Die reinlich gemalten
-Bilder, womit die Anfangsbuchstaben der Kapitel unterlegt
-waren, die Triumphzüge und Schlachtenstücke, welche, mit
-kühnen Zügen entworfen, mit besonderem Fleiße ausgemalt, hin
-und wieder den Text unterbrachen, unterhielten ihn geraume
-Zeit. Dann fing er an, erfüllt von den kriegerischen Bildern,
-die er angeschaut hatte, seinen Helm und Harnisch und das vom
-Vater ererbte Schwert zu reinigen und blank zu machen, indem
-er zu großem Aergernis der Frau Sabine bald lustige, bald
-ernstere Weisen dazu sang.</p>
-
-<p>So traf ihn sein Gastfreund. Schon unten an der Treppe
-hatte er die angenehme Stimme des Singenden vernommen.
-Er konnte sich nicht enthalten, noch einige Zeit an der Türe zu
-lauschen, ehe er den Gesang unterbrach.</p>
-
-<p>Es war eine jener ernsten, beinahe wehmütig tönenden
-Weisen, wie sie, durch ihren innern Wert erhalten und fortgetragen,
-bis auf unsere Tage herabkamen. Noch heute leben sie
-in dem Munde der Schwaben, und oft und gerne haben wir, ergriffen
-von ihrer einfachen Schönheit, von den gehaltenen
-Klängen ihrer vollen Akkorde, an den lieblichen Ufern des
-Neckars sie belauscht.</p>
-
-<p>Der Sänger begann von neuem:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Kaum gedacht,<br /></span>
-<span class="i0">War der Lust ein End' gemacht;<br /></span>
-<span class="i0">Gestern noch auf stolzen Rossen,<br /></span>
-<span class="i0">Heute durch die Brust geschossen,<br /></span>
-<span class="i0">Morgen in das kühle Grab.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">»Doch was ist<br /></span>
-<span class="i0">Aller Erden Freud' und Lüst'!<br /></span>
-<span class="i0">Prangst du gleich mit deinen Wangen<br /></span>
-<span class="i0">Die wie Milch und Purpur prangen,<br /></span>
-<span class="i0">Sieh, die Rosen welken all.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">»Darum still<br /></span>
-<span class="i0">Geb' ich mich, wie Gott es will.<br /></span>
-<span class="i0">Und wird die Trompete blasen,<br /></span>
-<span class="i0">Und muß ich mein Leben lassen,<br /></span>
-<span class="i0">Stirbt ein braver Reitersmann.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>»Wahrlich, Ihr habt eine schöne Stimme,« sagte Herr
-von Kraft, als er in das Gemach eintrat. »Aber warum singt
-Ihr so traurige Lieder? Ich kann mich zwar nicht mit Euch<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span>
-messen, aber was ich singe, muß fröhlich sein, wie es einem
-jungen Mann von achtundzwanzig geziemt.«</p>
-
-<p>Georg legte sein Schwert auf die Seite und bot seinem
-Gastfreund die Hand. »Ihr möget recht haben,« sagte er, »was
-Euch betrifft. Aber wenn man zu Feld reitet wie wir, da hat
-ein solches Lied große Gewalt und Trost, denn es gibt auch dem
-Tode eine milde Seite.«</p>
-
-<p>»Nun, das ist ja gerade, was ich meine,« entgegnete der
-Schreiber des großen Rates. »Wozu soll man das auch noch in
-schönen Verslein besingen, was leider nur zu gewiß nicht ausbleibt?
-Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst
-kommt er, sagt ein Sprichwort. Uebrigens hat es damit keine
-Not, wie jetzt die Sachen stehen.«</p>
-
-<p>»Wie? Ist der Krieg nicht entschieden?« fragte Georg
-neugierig. »Hat der Württemberger Bedingungen angenommen?«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Dem</em> macht man gar keine mehr,« antwortete Dietrich
-mit wegwerfender Miene. »Er ist die längste Zeit Herzog gewesen,
-jetzt kommt das Regieren auch einmal an uns. Ich will
-Euch etwas sagen,« setzte er wichtig und geheimnisvoll hinzu,
-»aber bis jetzt bleibt es noch unter uns. Die Hand darauf. Ihr
-meint, der Herzog habe 14000 Schweizer? Sie sind wie weggeblasen.
-Der Bote, den wir nach Zürich und Bern geschickt
-haben, ist zurück. Was von Schweizern bei Blaubeuren und
-auf der Alb liegt &ndash; muß nach Haus.«</p>
-
-<p>»Nach Haus zurück?« rief Georg erstaunt. »Haben die
-Schweizer selbst Krieg?«</p>
-
-<p>»Nein,« war die Antwort, »sie haben tiefen Frieden, aber
-kein Geld. Glaubt mir, ehe acht Tage ins Land kommen, sind
-schon Boten da, die das ganze Heer nach Haus zurückrufen.«</p>
-
-<p>»Und werden sie gehen?« unterbrach ihn der Jüngling,
-»sie sind auf ihre eigene Faust dem Herzog zu Hilfe gezogen,
-wer kann ihnen gebieten, seine Fahnen zu verlassen?«</p>
-
-<p>»Das weiß man schon zu machen. Glaubt Ihr denn,
-wenn an die Schweizer der Ruf kommt, bei Verlust ihrer Güter
-und bei Leib- und Lebensstrafe nach Haus zu eilen,<a id="FNanchor_14_15"></a><a href="#Footnote_14_15" class="fnanchor">[14]</a> sie werden
-bleiben? Ulrich hat zu wenig Geld, um sie zu halten, denn
-auf Versprechungen dienen sie nicht.«</p>
-
-<p>»Aber ist dies auch ehrlich gehandelt?« bemerkte Georg,
-»heißt das nicht, dem Feinde, der in ehrlicher Fehde mit uns
-lebt, die Waffen stehlen und ihn dann überfallen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span></p>
-
-<p>»In der Politika, wie wir es nennen,« gab der Ratsschreiber
-zur Antwort und schien sich dem unerfahrenen Kriegsmann
-gegenüber kein geringes Ansehen geben zu wollen; »in
-der Politika wird die Ehrlichkeit höchstens zum Schein angewandt.
-So werden die Schweizer z. B. dem Herzog erklären,
-daß sie sich ein Gewissen daraus machen, ihre Leute gegen die
-freien Städte dienen zu lassen. Aber die Wahrheit ist, daß wir
-dem großen Bären mehr Goldgülden in die Tatze drückten als
-der Herzog.«</p>
-
-<p>»Nun, und wenn die Schweizer auch abziehen,« sagte
-Georg, »so hat doch Württemberg noch Leute genug, um keinen
-Hund über die Alb zu lassen.«</p>
-
-<p>»Auch dafür wird gesorgt,« fuhr der Schreiber in seiner
-Erläuterung fort, »wir schicken einen Brief an die Stände von
-Württemberg und ermahnen sie, das unleidliche Regiment ihres
-Herzogs zu bedenken, demselben keinen Beistand zu tun, sondern
-dem Bunde zuzuziehen.«<a id="FNanchor_15_16"></a><a href="#Footnote_15_16" class="fnanchor">[15]</a></p>
-
-<p>»Wie?« rief Georg mit Entsetzen, »das hieße ja den Herzog
-um sein Land betrügen. Wollt ihr ihn denn zwingen, der
-Regierung zu entsagen und sein schönes Württemberg mit dem
-Rücken anzusehen?«</p>
-
-<p>»Und Ihr habt bisher geglaubt, man wolle nichts weiter,
-als etwa Reutlingen wieder zur Reichsstadt machen? Von was
-soll denn Hutten seine zweiundvierzig Gesellen und ihre Diener
-besolden? Wovon denn Sickingen seine tausend Reiter und
-zwölftausend zu Fuß, wenn er nicht ein hübsches Stückchen
-Land damit erkämpft? Und meint Ihr, der Herzog von Bayern
-wolle nicht auch sein Teil? Und wir? Unsere Markung
-grenzt zunächst an Württemberg&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber die Fürsten Deutschlands,« unterbrach ihn Georg
-ungeduldig; »meint Ihr, sie werden es ruhig mit ansehen, daß
-ihr ein schönes Land in kleine Fetzen reißet? Der Kaiser, wird
-er es dulden, daß ihr einen Herzog aus dem Lande jagt?«</p>
-
-<p>Auch dafür wußte Herr Dietrich Rat. »Es ist kein Zweifel,
-daß Karl seinem Vater als Kaiser folgt. Ihm selbst bieten
-wir das Land zur Obervormundschaft an, und wenn Oesterreich
-seinen Mantel darauf deckt, wer kann dagegen sein? Doch sehet
-nicht so düster aus. Wenn Euch nach Krieg gelüstet, dazu kann
-Rat werden. Der Adel hält noch zum Herzog, und an seinen
-Schlössern wird sich noch mancher die Zähne einbrechen. Wir
-verschwatzen übrigens das Mittagsmahl. Kommt bald nach, daß
-wir erfahren, was Frau Sabine uns gekocht hat.« Damit verließ<span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span>
-der Schreiber des großen Rates von Ulm so stolzen
-Schrittes, als wäre er selbst schon Obervormund von Württemberg,
-das Zimmer seines Gastes.</p>
-
-<p>Georg sandte ihm nicht die freundlichsten Blicke nach.
-Zürnend schob er seinen Helm, den er noch vor einer Stunde
-mit so freudigem Mute zu seinem ersten Kampf geschmückt hatte,
-in die Ecke. Mit Wehmut betrachtete er sein altes Schwert,
-diesen treuen Stahl, den sein Vater in manchem guten Streite
-geführt, den er sterbend seinem verwaisten Knaben als einziges
-Erbe vom Schlachtfeld gesendet hatte. »Ficht ehrlich!« war das
-Symbolum, das der Waffenschmied in die schöne Klinge gegraben
-hatte, und er sollte sie für eine Sache führen, die ihre
-Ungerechtigkeit an der Stirne trug? Wo er der Kriegskunst
-erfahrener Männer, der Tapferkeit des einzelnen die Entscheidung
-zutraute, da sollten geheime Ränke, die Politika, wie
-Herr Dietrich sich ausdrückte, entscheiden? Wo ihn der fröhliche
-Glanz der Waffen, die Aussicht auf Ruhm gelockt hatte, da sollte
-er nur den habgierigen Plänen dieser Menschen dienen? Ein
-altes Fürstenhaus, dem seine Ahnen gerne gedient hatten, sollte
-er von diesen Spießbürgern vertreiben sehen? Unerträglich
-wollte ihm auch der Gedanke scheinen, von diesem Kraft sich belehren
-lassen zu müssen.</p>
-
-<p>Doch dem Unmut über seinen gutmütigen Wirt konnte er
-nicht lange Raum geben, wenn er bedachte, daß ja jene Pläne
-nicht in seinem Kopfe gewachsen seien, und daß Menschen, wie
-dieser politische Ratsschreiber, wenn sie einmal ein Geheimnis,
-einen großen Gedanken in Erfahrung gebracht haben; ihn hegen
-und pflegen wie ihren eigenen; daß sie sich mit dem adoptierten
-Kinde brüsten, als wäre es Minerva, aus ihrem eigenen harten
-Kopfe entsprungen.</p>
-
-<p>Mit milderen Gedanken kam er zu seinem Gastfreund, als
-man ihn zu Tisch rief.</p>
-
-<p>Ja, die ganze Ansicht der Dinge wurde ihm nach einigen
-Stunden bei weitem erträglicher, als er sich erinnerte, daß ja
-auch Mariens Vater dieser Partei folge. Es war ihm, als
-möchte die Sache doch nicht so schwarz sein, welcher Männer
-wie Frondsberg ihre Dienste geliehen.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,<br /></span>
-<span class="i0">Das schwer sich handhabt wie des Messers Schneide;<br /></span>
-<span class="i0">Gleich heißt ihr alles schändlich oder würdig,<br /></span>
-<span class="i0">Bös oder gut.<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span></p>
-<p>Dieses wahre Wort des Dichters möge die Gesinnung
-Georgs bezeichnen, die Gesinnung Georgs, der vielleicht allzuschnell
-seine Ansicht über jene Dinge ändert. Und wie die
-düsteren Falten des Unmuts auf einer jugendlichen Stirne sich
-schneller glätten, wie selbst schmerzliche Eindrücke in des Jünglings
-Seele von freundlichen Bildern leicht verdrängt werden,
-so erhellte auch Georgs Seele der freudige Gedanke an den
-Abend.</p>
-
-<p>Man hat uns erzählt, daß unter die schönsten Stunden im
-Leben der Liebe die gehören, wo die Erwartung sich an schöne
-Erinnerungen knüpft. Der Geist sei da ahnungsvoller, das
-Herz gehobener. So mochte auch Georg fühlen. Er träumte
-von den schönen Augenblicken, wo es ihm vergönnt sein werde,
-die Geliebte zu sehen, sie zu sprechen, ihre Hand zu fassen und
-in ihrem Auge zu lesen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap06">6.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen,<br /></span>
-<span class="i0">Da flüstert sie leise, sie kann's nicht verschweigen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Uhland.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Wenn es möglich gewesen wäre, auf einem Trödelmarkt
-oder in der Auktion eines Antiquars ein »Taschenbuch zum geselligen
-Vergnügen, mit neuen Tanztouren vom Jahr 1519«
-aufzufinden, wir hätten nicht leicht so angenehm überrascht
-werden können, als durch einen Fund ähnlicher Art, den uns der
-Zufall in die Hände spielte.</p>
-
-<p>Wir waren nämlich in vorliegender Historie bis an dieses
-Kapitel gekommen, das, um der Sage zu folgen, von einem
-Abendtanz handeln soll; da fiel uns auf einmal der Gedanke
-schwer aufs Herz, daß wir ja nicht einmal wissen, wie und was
-man in jenen Zeiten getanzt habe.</p>
-
-<p>Wir hätten zwar schlechthin sagen können, »sie tanzten«,
-aber wie leicht wäre geschehen gewesen, daß eine unserer freundlichen
-Leserinnen einen Anachronismus gemacht und etwa
-Georg von Frondsberg in ihren Gedanken einen Kotillon hätte
-vortanzen lassen. In dieser Verlegenheit stießen wir auf das
-sehr selten gewordene Buch: »Vom Anfang, Ursprung und Herkommen
-der Turniere im heiligen römischen Reich. Frankfurth
-1564.« Wir fanden in diesem teuern Folianten unter<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span>
-andern trefflichen Holzschnitten einige, die einen solchen Abendtanz
-vorstellen, wie er zuzeiten Kaiser Maximilians, etwa
-ein Jahr vor dieser Historie, gehalten wurde.</p>
-
-<p>Wir dürfen beinahe mit Gewißheit annehmen, daß der
-Abendtanz im Ulmer Rathaussaal sich in nichts von jenem Angeführten
-unterschied, und man wird sich den deutlichsten Begriff
-von einem solchen Vergnügen machen, wenn wir eines
-dieser Bilder beschreiben.</p>
-
-<p>Den Vordergrund nehmen Zuschauer und die Pfeifer,
-Trommler und Trompeter ein, die, nach dem Ausdrucke des
-Turnierbuches, »eins aufblasen«. Zu beiden Seiten, mehr dem
-Hintergrunde zu, steht die tanzlustige Jugend, in reiche, schwere
-Stoffe gekleidet. In unseren Tagen sieht man bei solchen Gelegenheiten
-nur zwei Grundfarben, schwarz und weiß, worein
-sich die Herren und Damen, wie in Nacht und Tag geteilt haben;
-anders zu jenen Zeiten. Ein überraschender Glanz der Farben
-strahlt uns aus jenem Bilde entgegen. Das herrlichste Rot,
-vom brennendsten Scharlach bis zum dunkelsten Purpur, jenes
-brennende Blau, das uns noch heute an den Gemälden alter
-Meister überrascht, sind die freudigen Farben ihrer malerisch
-drapierten Gewänder. Die Mitte der Szene nimmt der eigentliche
-Tanz ein. Er hat am meisten Aehnlichkeit mit der Polonaise,
-denn er ist ein Umzug im Saale. Den Zug eröffnen vier
-Trompeter mit langen Wappenfahnen an den Instrumenten;
-diesen folgt der Vortänzer und seine Dame; diese Stelle bekleidet
-bei jedem Tanze wieder ein anderer, und es entschied hiebei
-nicht die Geschicklichkeit, sondern der Rang des Tänzers.
-Auf diese folgen zwei Fackelträger und dann Paar um Paar der
-lange Zug der Tanzenden. Die Damen schreiten ehrbar und
-züchtig einher, die Männer aber setzen ihre Füße wunderlich,
-wie zu kühnen Sprüngen, einige scheinen auch mit den Absätzen
-den Takt zu stampfen, wie wir auf jeder Kirchweihe in
-Schwaben noch heutzutage sehen können.</p>
-
-<p>So war der Abendtanz zu Ulm. Man blies schon längst
-zum ersten auf, als Georg von Sturmfeder in den Rathaussaal
-eintrat. Seine Blicke schweiften durch die Reihen der Tanzenden,
-und endlich trafen sie Marien. Sie tanzte mit einem
-jungen, fränkischen Ritter seiner Bekanntschaft, schien aber der
-eifrigen Rede, die er an sie richtete, nicht Gehör zu geben. Ihr
-Auge suchte den Boden, ihre Miene konnte Ernst, beinahe
-Trauer ausdrücken; ganz anders als die übrigen Fräulein, die,
-in der wahren Tanzseligkeit schwimmend, ein Ohr der Musik,<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span>
-das andere dem Tänzer liehen, und die freundlichen Augen bald
-ihren Bekannten, um den Beifall in ihren Mienen zu lesen, bald
-ihren Tänzern zuwandten, um zu prüfen, ob ihre Aufmerksamkeit
-auch ganz gewiß auf sie gerichtet sei.</p>
-
-<p>In gehaltenen Tönen hielten jetzt die Zinken und Trompeten
-aus und endeten; Herr Dietrich Kraft hatte seinen Gastfreund
-bemerkt und kam, ihn, wie er versprochen, zu seinen
-Muhmen zu führen. Er flüsterte ihm zu, daß er selbst schon
-für den nächsten Tanz mit Bäschen Bertha versagt sei, doch
-habe er soeben um Mariens Hand für seinen Gast geworben.</p>
-
-<p>Beide Mädchen waren auf die Erscheinung des ihnen so
-interessanten Fremden vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte
-die Erinnerung dessen, was sie über ihn gesprochen, Berthas
-angenehme Züge mit hoher Glut, und die Verwirrung, in welche
-sie sein Anblick versetzte, ließ sie nicht bemerken, welches Entzücken
-ihm aus Mariens Auge entgegenstrahlte, wie sie bebte,
-wie sie mühsam nach Atem suchte, wie ihr selbst die Sprache
-ihre Dienste zu versagen schien.</p>
-
-<p>»Da bringe ich euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen
-lieben Gast,« begann der Ratsschreiber, »der um die Gunst
-bittet, mit euch zu tanzen.«</p>
-
-<p>»Wenn ich nicht schon diesen Tanz an meinen Vetter zugesagt
-hätte,« antwortete Bertha, schneller gefaßt als ihre Base,
-»so solltet Ihr ihn haben, aber Marie ist noch frei, die wird mit
-Euch tanzen.«</p>
-
-<p>»So seid Ihr noch nicht versagt, Fräulein von Lichtenstein?«
-fragte Georg, indem er sich zu der Geliebten wandte.</p>
-
-<p>»Ich bin an Euch versagt,« antwortete Marie. So hörte
-er denn zum erstenmal wieder diese Stimme, die ihn so oft
-mit den süßesten Namen genannt hatte; er sah in diese treuen
-Augen, die ihn noch immer so hold anblickten wie vormals.</p>
-
-<p>Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldleutnant
-Waldburg Truchseß, dem man den zweiten Tanz gegeben
-hatte, schritt mit seiner Tänzerin vor, die Fackelträger
-folgten, die Paare ordneten sich, und auch Georg ergriff Mariens
-Hand und schloß sich an. Jetzt suchten ihre Blicke nicht mehr
-den Boden, sie hingen an denen des Geliebten; und dennoch
-wollte es ihm scheinen, als mache sie dieses Wiedersehen nicht so
-glücklich wie ihn, denn noch immer lag eine düstere Wolke von
-Schwermut oder Trauer um ihre Stirne. Sie sah sich um, ob
-Dietrich und Bertha, das nächste Paar nach ihnen, nicht allzunahe
-seien. &ndash; Sie waren ferne.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span></p>
-
-<p>»Ach Georg,« begann sie, »welch unglücklicher Stern hat
-dich in dieses Heer geführt?«</p>
-
-<p>»Du warst dieser Stern, Marie,« sagte er; »dich habe ich
-auf dieser Seite geahnet, und wie glücklich bin ich, daß ich dich
-fand! Kannst du mich tadeln, daß ich die gelehrten Bücher beiseite
-legte und Kriegsdienste nahm? Ich habe ja kein Erbe als
-das Schwert meines Vaters; aber mit diesem Gut will ich
-wuchern, daß der deinige sehen soll, daß seine Tochter keinen
-Unwürdigen liebt.«</p>
-
-<p>»Ach Gott! Du hast doch dem Bunde noch nicht zugesagt?«
-unterbrach sie ihn.</p>
-
-<p>»Aengstige dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch
-nicht völlig zugesagt; aber es muß nächster Tage geschehen.
-Willst du denn deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm
-gönnen? Warum magst du um mich so bange haben? Dein
-Vater ist alt und zieht ja doch auch mit aus.«</p>
-
-<p>»Ach, mein Vater, mein Vater!« klagte Marie, »er ist ja
-&ndash; doch brich ab, Georg, brich ab &ndash; Bertha belauscht uns; aber
-ich muß dich morgen sprechen, ich muß, und sollte es meine
-Seligkeit kosten. Ach! wenn ich nur wüßte, wie?«</p>
-
-<p>»Was ängstigt dich denn nur so?« fragte Georg, dem es
-unbegreiflich war, wie Marie, statt sich der Freude des Wiedersehens
-hinzugeben, nur an die Gefahren dachte, denen er entgegengehe?
-»Du stellst dir die Gefahren größer vor, als sie
-sind,« flüsterte er ihr tröstend zu. »Denke an nichts, als daß
-wir uns jetzt wiederhaben, daß ich deine Hand drücken darf,
-daß Auge in Auge sieht wie sonst. Genieße jetzt die Augenblicke,
-sei heiter!«</p>
-
-<p>»Heiter? O diese Zeiten sind vorbei, Georg! Höre und
-sei standhaft &ndash; mein Vater ist nicht bündisch!«</p>
-
-<p>»Jesus Maria! was sagst du?« rief der Jüngling und
-beugte sich, als habe er das Wort des Unglücks nicht gehört,
-herab zu Marien; »o sage, ist denn dein Vater nicht hier in
-Ulm?«</p>
-
-<p>Sie hatte sich stärker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen;
-bei dem ersten Laut wären ihre Tränen unaufhaltsam
-geflossen; sie antwortete nur durch einen Druck der Hand und
-ging, mit gesenktem Haupt nach Kraft suchend, ihren Schmerz
-zu bekämpfen, neben Georg her. Endlich siegte der starke Geist
-dieses Mädchens über die Schwäche ihrer Natur, die einem so
-tiefen Kummer beinahe erlegen wäre. »Mein Vater,« flüsterte<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span>
-sie, »ist Herzog Ulrichs wärmster Freund, und sobald der Krieg
-entschieden ist, führt er mich heim auf den Lichtenstein!«</p>
-
-<p>Betäubend wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren
-Tönen schmetterten die Trompeten, sie begrüßten den Truchseß,
-der eben an dem Musikchor vorüberzog; er warf ihnen, wie es
-Sitte war, einige Silberstücke zu, und von neuem erhob sich ihr
-betäubender Jubel.</p>
-
-<p>Das leise Gespräch der Liebenden verstummte vor der
-rauhen Gewalt dieser Töne, aber ihr Auge hatte sich in diesem
-Schiffbruch ihrer Liebe um so mehr zu sagen, und sie bemerkten
-nicht einmal, wie ein Geflüster über sie im Saal erging, das sie
-als das schönste Paar pries.</p>
-
-<p>Aber nur zu wohl hatte Bertha diese Bemerkungen der
-Menge gehört. Sie war zu gutmütig, als daß Neid darüber
-in ihre Seele gekommen wäre, aber sie setzte sich doch im Geiste
-an Mariens Platz und fand, daß man vielleicht das Paar nicht
-minder schön gefunden hätte. Auch das Gespräch, das zwischen
-den beiden begonnen hatte, fiel ihr auf. Die ernste Base, die
-selten oder nie mit einem Manne lange sprach, schien mehr und
-angelegentlicher zu reden als ihr Tänzer. Die Musik hinderte
-sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde, die
-man vielleicht nicht mit Unrecht jungen Mädchen ausschließlich
-zuschreibt, wurde in ihr rege, sie zog ihren Tänzer näher an das
-vordere Paar, um &ndash; ein wenig zu lauschen; aber war es Zufall
-oder Absicht, das Gespräch verstummte, als sie näher kam oder
-wurde so leise geführt, daß sie nichts davon verstand.</p>
-
-<p>Ihr Interesse an dem schönen jungen Mann wuchs mit
-diesen Hindernissen; noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so
-lästig geworden als in diesen Augenblicken; denn die zierlichen
-Redensarten, womit er ihr Herz zu umspinnen gedachte, verhinderten
-sie, jene genauer zu beobachten. Sie war froh, als
-endlich der Tanz sich endigte. Denn sie durfte hoffen, daß der
-nächste an des jungen Ritters Seite desto angenehmer für sie
-sein werde.</p>
-
-<p>Sie täuschte sich nicht in ihrer Hoffnung; Georg kam, sie
-um den nächsten Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und
-sie hüpfte fröhlich an seiner Seite in die Reihen. Aber es war
-nicht mehr derselbe, der vorhin mit Marien so freundlich gesprochen
-hatte. Verstört, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken,
-war der junge Mann an ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar,
-daß er sich immer wieder erst sammeln mußte, wenn er
-eine ihrer Fragen beantworten sollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span></p>
-
-<p>War dies jener »höfliche Ritter,« welcher sie, ohne daß sie
-sich je gesehen hatten, so freundlich grüßte? War es derselbe,
-welcher so heiter, so fröhlich war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen
-führte? Derselbe, der mit Marien so eifrig sich unterredet
-hatte? Oder sollte diese&nbsp;&ndash;? Ja, es war klar. Marie hatte
-ihm besser gefallen, ach! vielleicht weil sie die erste war, die
-mit ihm tanzte. Je weniger Bertha gewohnt war, sich der ernsten
-Marie nachgesetzt zu sehen, um so mehr befremdete sie dieser
-Sieg ihrer Base, um so mehr glaubte sie sich beeifern zu müssen,
-ihren Rang, ihre Gaben geltend zu machen. Sie setzte daher
-mit ihrer heiteren Geschwätzigkeit das Gespräch über den bevorstehenden
-Krieg, das sie mit Mühe angesponnen hatte, fort,
-als sie nach Beendigung des Tanzes zu Marien und dem Ratsschreiber
-traten. »Nun, und der wievielte Feldzug ist es denn,
-Herr von Sturmfeder, dem Ihr jetzt beiwohnt?«</p>
-
-<p>»Es ist mein erster,« antwortete dieser kurz abgebrochen,
-denn er war unmutig darüber, daß jene ihn noch immer im
-Gespräch halte, da er mit Marie so gern gesprochen hätte.</p>
-
-<p>»Euer erster?« entgegnete Bertha verwundert. »Ihr wollt
-mir etwas weismachen, da habt Ihr ja schon eine mächtige
-Narbe auf der Stirne.«</p>
-
-<p>»Die bekam ich auf der hohen Schule,« antwortete Georg.</p>
-
-<p>»Wie? Ihr seid ein Gelehrter?« fragte jene eifrig weiter.
-»Nun, und da seid Ihr gewiß recht weit gewesen; etwa in
-Padua oder Bologna oder gar bei den Ketzern in Wittenberg.«</p>
-
-<p>»Nicht so weit, als Ihr meint,« entgegnete er, indem er
-sich zu Marien wandte; »ich war in Tübingen.«</p>
-
-<p>»In Tübingen!« rief Bertha voll Verwunderung. Wie
-ein Blitz erhellte dies einzige Wort alles, was ihr bisher
-dunkel war, und ein Blick auf Marien, die mit niedergeschlagenen
-Augen, mit der Röte der Scham auf den Wangen vor
-ihr stand, überzeugte sie, daß die lange Reihe von Schlüssen,
-die sich an jenes Wort anschlossen, ihren nur zu sicheren Grund
-haben. Jetzt war ihr auf einmal klar, warum sie der artige
-Ritter begrüßt, warum Marie weinte, die ihn gewiß gerne auf
-der feindlichen Seite gesehen hätte, warum er so viel mit jener
-gesprochen, warum er bei ihr selbst so einsilbig war. Es war
-keine Frage, sie kannten sich, sie mußten sich längst gekannt
-haben.</p>
-
-<p>Beschämung war das erste Gefühl, das bei dieser Entdeckung
-Berthas Herz bestürmte; sie errötete vor sich selbst, wenn
-sie sich gestand, nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span>
-zu haben, dessen Seele ein ganz anderer Gegenstand beschäftigte.
-Unmut über Mariens Heimlichkeit verfinsterte ihre Züge. Sie
-suchte Entschuldigung für ihr eigenes Betragen und fand sie
-nur in der Falschheit ihrer Base. Hätte diese ihr gestanden,
-in welchem Verhältnis sie zu dem jungen Manne stehe, sie hätte
-ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt; er wäre ihr dann,
-meinte sie, höchst gleichgültig geblieben, sie hätte nie diese Beschämung
-erfahren. Wir haben es von guter Hand, daß junge
-Damen große Beleidigungen, tiefere Schmerzen im Gefühl ihrer
-Würde mit Anstand zu ertragen wissen; daß sie aber oft, wenn
-es sich um geringe Dinge handelt, nicht Gleichmut genug besitzen,
-um das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, nicht Großmut
-genug, um zu vergessen.</p>
-
-<p>Bertha hatte an diesem Abend den unglücklichen jungen
-Mann keines Blickes mehr gewürdigt, was ihm übrigens über
-dem größeren Schmerz, der seine Seele beschäftigte, völlig entging.
-Sein Unglück wollte es auch, daß er nie mehr Gelegenheit
-fand, Marien wieder allein und ungestört zu sprechen; der
-Abendtanz ging zu Ende, ohne daß er über Mariens Schicksal
-und über die Gesinnungen ihres Vaters gewisser wurde, und
-Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit, ihm zuzuflüstern,
-er möchte morgen in der Stadt bleiben, weil sie vielleicht
-irgend eine Gelegenheit finden würde, ihn zu sprechen.</p>
-
-<p>Verstimmt kamen die beiden Schönen nach Hause. Bertha
-hatte auf alle Fragen Mariens kurze Antwort gegeben, und
-auch diese, sei es, daß sie ahnete, was in ihrer Freundin vorgehe,
-sei es, weil sie selbst ein großer Schmerz beschäftigte, war
-nach und nach immer düsterer, einsilbiger geworden.</p>
-
-<p>Aber auf beiden lastete die Störung ihres bisherigen
-freundschaftlichen Verhältnisses erst recht schwer, als sie ernst
-und schweigend in ihr Gemach traten. Sie hatten sich bisher
-alle jene kleinen Dienste geleistet, welche junge Mädchen nur
-zu noch engerer Freundschaft verbinden. Wie ganz anders war
-es heute! Bertha hatte die silberne Nadel aus dem reichen blonden
-Haar gezogen, daß es in langen Ringellocken über den
-schönen Nacken herabströmte. Sie versuchte, es unter das
-Nachthäubchen zu stecken; ungewohnt, diese Arbeit ohne Mariens
-Hilfe zu verrichten, kam sie nicht damit zustande, aber zu stolz,
-ihre Feindin, wie sie Marien in ihrem Sinne nannte, ihre
-Verlegenheit merken zu lassen, warf sie das Häubchen in die
-Ecke und ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden.</p>
-
-<p>Schweigend nahm Marie das verworfene Häubchen wieder<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span>
-auf und trat hinzu, das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise
-zu ordnen und aufzubinden.</p>
-
-<p>»Hinweg, du Falsche!« rief die erzürnte Bertha, indem sie
-die hilfreiche Hand zurückstieß.</p>
-
-<p>»Bertha, hab' ich dies um dich verdient?« sprach Marie
-mit Ruhe und Sanftmut. »O, wenn du wüßtest, wie unglücklich
-ich bin, du würdest sanfter gegen mich sein!«</p>
-
-<p>»Unglücklich?« lachte jene laut auf, »unglücklich! vielleicht
-weil der artige Herr nur einmal mit dir tanzte?«</p>
-
-<p>»Du bist recht hart, Bertha;« antwortete Marie, »du bist
-böse auf mich und sagst mir nicht einmal, warum.«</p>
-
-<p>»So? Du willst also nicht wissen, daß du mich betrogen
-hast? Nicht wissen, wie mich deine Heimlichkeiten dem Spott
-und der Beschämung aussetzen? Ich hätte nie geglaubt, daß
-du so schlecht, so falsch an mir handeln würdest!«</p>
-
-<p>Von neuem erwachte in Bertha das kränkende Gefühl, sich
-hintangesetzt zu sehen; ihre Tränen strömten, sie legte die heiße
-Stirne in die Hand, und die reichen Locken flossen über ihr zusammen
-und verhüllten die Weinende.</p>
-
-<p>Tränen sind die Zeichen milderen Schmerzes. Marie kannte
-diese Tränen und fuhr mit mehr Vertrauen fort: »Bertha!
-Du schiltst meine Heimlichkeit. Ich sehe, du hast erraten, was
-ich nie von selbst sagen konnte. Setze dich selbst in meine Lage.
-Ach, du selbst, so heiter und offen du bist, du selbst hättest mir
-dein Geheimnis nicht vertrauen können. Aber jetzt ist es ja
-aus. Du weißt, was meine Lippen auszusprechen sich scheuten.
-Ich liebe ihn, ja ich werde geliebt, und nicht erst von gestern
-her. Willst du mich hören? Darf ich dir alles sagen?«</p>
-
-<p>Berthas Tränen flossen noch immer. Sie antwortete nicht
-auf jene Fragen, aber Marie hub an zu erzählen, wie sie Georg
-im Hause der seligen Muhme kennen gelernt habe; wie sie ihm
-gut gewesen, lange ehe er ihr seine Liebe gestanden. Alle jene
-schönen Erinnerungen lebten in ihr auf, mit glühenden Wangen,
-mit strahlendem Auge führte sie die Vergangenheit herauf.
-Sie erzählte von so mancher schönen Stunde, vom Schwur ihrer
-Treue, von ihrem Abschied. »Und jetzt,« fuhr sie mit wehmütigem
-Lächeln fort, »jetzt hat ihn dieser unglückliche Krieg
-auf diese Seite geführt. Er hört, wir seien hier in Ulm, er
-glaubt nicht anders, als mein Vater sei dem Bunde beigetreten,
-er hofft, mich durch sein Schwert zu verdienen, denn er ist arm,
-recht arm! O Bertha, du kennst meinen Vater. Er ist so gut,
-aber auch so strenge, wenn etwas seiner Meinung widerspricht.<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span>
-Wird er einem Manne seine Tochter geben, der sein Schwert
-gegen Württemberg gezogen hat? Siehe, das waren meine
-Tränen! Ach, ich wollte dir so oft sagen, warum sie fließen,
-aber eine unbesiegbare Scham schloß meine Lippen. Kannst
-du mir noch zürnen? Muß ich mit dem Geliebten auch die
-Freundin verlieren?«</p>
-
-<p>Auch Mariens Tränen flossen, und Bertha fühlte den
-eigenen Schmerz von dem größeren Kummer der Freundin besiegt.
-Sie umarmte Marien schweigend und weinte mit ihr.</p>
-
-<p>»In den nächsten Tagen,« fuhr diese fort, »will mein Vater
-Ulm verlassen, und ich muß ihm folgen. Aber noch einmal muß
-ich Georg sprechen, nur ein Viertelstündchen. Bertha, du kannst
-gewiß Gelegenheit geben. Nur ein ganz kleines Viertelstündchen!«</p>
-
-<p>»Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig
-machen?« fragte Bertha.</p>
-
-<p>»Was nennst du die gute Sache?« antwortete Marie. »Des
-Herzogs Sache ist vielleicht nicht minder gut als die eure. Du
-sprichst so, weil ihr bündisch seid. Ich bin eine Württembergerin,
-und mein Vater ist seinem Herzoge treu. Doch sollen
-wir Mädchen über den Krieg entscheiden? Laß uns lieber auf
-Mittel sinnen, ihn noch einmal zu sehen.«</p>
-
-<p>Bertha hatte über der Teilnahme, mit welcher sie der Geschichte
-ihrer Base zugehört hatte, ganz vergessen, daß sie ihr
-jemals gram gewesen war. Sie war überdies für alles Geheimnisvolle
-eingenommen, daher kamen ihr diese Mitteilungen
-erwünscht. Sie fühlte, wie wichtig und ehrenvoll der Posten
-einer Vertrauten sei, und gab sich daher alle mögliche Mühe,
-dem liebenden Paar mit ihrem Scharfsinn zu dienen.</p>
-
-<p>»Ich hab's gefunden,« rief sie endlich aus, »wir laden ihn
-geradezu in den Garten.«</p>
-
-<p>»In den Garten?« fragte Marie schüchtern und ungläubig,
-»und durch wen?«</p>
-
-<p>»Sein Wirt, der gute Vetter Dietrich, muß ihn selbst
-bringen;« antwortete sie, »das ist herrlich, und dieser darf auch
-kein Wörtchen davon merken, laß mich nur dafür sorgen.«</p>
-
-<p>Marie, entschlossen und stark bei großen Dingen, zitterte
-doch bei diesem gewagten Schritte. Aber ihre mutige, fröhliche
-Base wußte ihr alle Bedenklichkeiten auszureden, und mit zurückgekehrter
-Hoffnung und befreit von der Last des Geheimnisses,
-umarmten sich die Mädchen, ehe sie sich zur Ruhe legten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap07">7.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Und wie ein Geist schlingt um den Hals<br /></span>
-<span class="i0">Das Liebchen sich herum:<br /></span>
-<span class="i0">»Willst mich verlassen, liebes Herz,<br /></span>
-<span class="i0">Auf ewig?« und der bittre Schmerz<br /></span>
-<span class="i0">Macht's arme Liebchen stumm.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Schubart.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Sinnend und traurig saß Georg am Mittag nach dem festlichen
-Abend in seinem Gemach. Er hatte Breitenstein besucht
-und wenig Tröstliches für seine Hoffnungen erfahren. Der
-Kriegsrat hatte sich an diesem Morgen versammelt, und unwiderruflich
-war der Krieg beschlossen worden. Zwölf Edelknaben
-waren, die Absagebriefe des Herzogs von Bayern, der
-Ritterschaft und gesamter Städte an ihre Lanzen geheftet, zum
-Gögglinger Tor hinausgejagt, um die Feindesbotschaft dem
-Württemberger nach Blaubeuren zu bringen. Auf den Straßen
-rief man einander fröhlich diese Nachricht zu, und die Freude,
-daß es jetzt endlich ins Feld gehen werde, stand deutlich auf
-allen Gesichtern geschrieben. Nur <em class="gesperrt">einen</em> traf diese Kunde wie
-das schreckliche Machtwort seines Schicksals. Der Gram trieb
-ihn aus dem Kreise der fröhlichen Gesellen, die jetzt den Weinstuben
-zuzogen, um in lautem Jubel das Geburtsfest des Krieges
-zu begehen und das Los künftiger Siege im Würfelspiel
-zu belauschen. Ach! ihm waren ja schon die Würfel gefallen!
-Ein blutiges Schlachtfeld dehnte sich zwischen ihm und seiner
-Liebe aus, sie war ihm auf lange, vielleicht auf ewig verloren.</p>
-
-<p>Eilige Tritte, welche die Treppe heraufstürmten, weckten
-ihn aus seinem Brüten. Der Ratsschreiber steckte den Kopf in
-die Türe. »Glück auf, Junker!« rief er, »jetzt hebt der Tanz
-erst recht an. Aber Ihr wißt es vielleicht noch gar nicht? Der
-Krieg ist angekündigt, schon vor einer Stunde sind unsere Absageboten
-ausgeritten.«</p>
-
-<p>»Ich weiß es,« antwortete sein finsterer Gast.</p>
-
-<p>»Nun, und hüpft Euch das Herz nicht freier? Habt Ihr
-auch gehört &ndash; nein, das könnt Ihr nicht wissen,« fuhr Dietrich
-fort, indem er zutraulich näher zu ihm trat, »daß die Schweizer
-bereits abziehen?«</p>
-
-<p>»Wie, sie ziehen?« unterbrach ihn Georg. »Also hat der
-Krieg schon ein Ende?«</p>
-
-<p>»Das möchte ich nicht gerade behaupten,« fuhr der Ratsschreiber
-bedenklich fort, »der Herzog von Württemberg ist noch<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span>
-ein junger, mutiger Herr und hat noch Ritter und Dienstleute
-genug. Zwar wird er wohl keine offene Feldschlacht mehr
-wagen, aber er hat feste Städte und Burgen. Da ist einmal
-der Höllenstein, und darin Stephan von Lichow, ein Mann wie
-Eisen; da ist Göppingen, das Philipp von Rechberg auch nicht
-auf den ersten Stückschuß ergeben wird; da ist Schorndorf,
-Rothenburg und Asperg, da ist vor allem Tübingen, das er
-tüchtig befestigt hat. Es wird noch mancher ins Gras beißen,
-bis ihr eure Rosse im Neckar tränket.</p>
-
-<p>Nun, nun!« fuhr er fort, als er sah, daß seine Nachrichten
-die finstere Stirne seines schweigenden Gastes nicht aufheitern
-konnten, »wenn Ihr diese kriegerischen Botschaften nicht freundlich
-aufnehmet, so schenkt Ihr vielleicht einem friedlicheren Auftrag
-ein geneigtes Ohr. Sagt einmal, habt Ihr nicht irgendwo
-eine Base?«</p>
-
-<p>»Base? Ja, warum fragt Ihr?«</p>
-
-<p>»Nun sehet, jetzt erst verstehe ich die verwirrten Reden, die
-vorhin Bertha vorbrachte. Als ich aus dem Rathause kam, winkte
-sie mir hinauf und befahl mir, meinen Gast heute nachmittag
-in ihren Garten an der Donau zu führen, Marie habe Euch
-etwas sehr Wichtiges an Eure Base, die sie sehr gut kenne, aufzutragen.
-Ihr müßt mir schon den Gefallen tun, mitzugehen.
-Solche Geheimnisse und Aufträge sind zwar gewöhnlich nicht
-weit her, und ich wollte wetten, sie geben Euch ein Müsterlein
-für den Webstuhl oder eine Probe feiner Wolle oder ein tiefes
-Geheimnis der Kochkunst oder gar ein paar Körnlein von einer
-seltenen Blume mit, denn Marie ist eine große Gärtnerin &ndash;
-doch, wenn Ihr gestern an dem Mädchen Gefallen gefunden
-habt, gehet Ihr wohl selbst gerne mit.«</p>
-
-<p>Mitten in den schmerzlichen Gedanken an die Scheidestunde
-mußte Georg über die List der Mädchen lachen. Freundlich
-bot er dem guten Boten die Hand und schickte sich an, ihn
-in den Garten zu begleiten.</p>
-
-<p>Dieser lag an der Donau, ungefähr zweitausend Schritte
-unter der Brücke. Er war nicht groß, zeugte aber von Sorgfalt
-und Fleiß. Die schönen Obstbäume waren zwar noch nicht
-belaubt, und die in wunderlichen Formen abgestochenen Beete
-hatten noch keine Blumen, aber ein langer Taxusgang, der an
-dem Ufer des Flusses sich hinzog und in einer geräumigen Laube
-endete, gab durch sein helles Grün einen lebhaften Anblick und
-hinlänglichen Schutz gegen die einem weißen Hals und schönen
-Armen so gefährlichen Strahlen der Märzsonne. Dort, auf<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span>
-dem breiten, bequemen Steinsitze, wo die Lücken der Laube eine
-freie Aussicht die Donau hinauf und hinab gewährten, hatten
-die Mädchen unter mancherlei Gesprächen der jungen Männer
-geharrt.</p>
-
-<p>Marie saß traurig in sich gekehrt. Sie hatte den schönen
-Arm auf eine Lücke der Laube aufgestützt und das von Gram
-und Tränen müde Köpfchen in die Hand gelegt. Ihr dunkles,
-glänzendes Haar hob die Weiße ihres Teints um so mehr heraus,
-als stiller Kummer ihre Wangen gebleicht und schlaflose Nächte
-dem lieblichen blauen Auge seinen sonst so überraschenden Glanz
-geraubt und ihm einen matteren, vielleicht nur um so anziehenderen
-Schimmer von Melancholie gegeben hatten. Das vollendete
-Bild fröhlichen Lebens, saß die frische, runde, rosige Bertha
-neben ihr. Wie ihre gelblichen Locken mit Mariens dunklen
-Haaren, ihr rundes, frisches Gesichtchen mit den ovalen, schärferen
-Formen ihrer Base, wie ihre freundlichen, beweglichen
-hellbraunen Augen in auffallendem Kontrast standen mit dem
-sinnenden, geistvollen Blick Mariens: so wurde auch jede ihrer
-raschen, lebhaften Bewegungen zum Gegensatz gegen jene stille
-Trauer.</p>
-
-<p>Bertha schien ihre rosigste Laune hervorgeholt zu haben,
-um ihre Base zu trösten oder doch ihren großen Schmerz zu
-zerstreuen. Sie erzählte und schwatzte, sie lachte und ahmte die
-Gebärde und Sprache vieler Leute nach, sie versuchte alle jene
-tausend kleinen Künste, womit die Natur ihre fröhliche Tochter
-ausstattete. Aber wir glauben, daß sie wenig ausrichtete, denn
-nur hie und da gleitete ein wehmütiges, schnell verschwebendes
-Lächeln über Mariens feine Züge hin.</p>
-
-<p>Endlich ergriff sie, als gar nichts mehr helfen wollte, ihre
-Laute, die in der Ecke stand. Marie besaß auf diesem Instrument
-große Fertigkeit, und Bertha hätte sich sonst nicht so leicht
-bewegen lassen, vor der Meisterin zu spielen. Doch heute hoffte
-sie durch ihr Geklimper wenigstens ihrer Base ein Lächeln zu
-entlocken. Sie setzte sich mit großem Ernste nieder und begann:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Fragt mich jemand, was ist Minne?<br /></span>
-<span class="i0">Wüßt' ich gern auch darum meh(r).<br /></span>
-<span class="i0">Wer nun recht darüber sinne,<br /></span>
-<span class="i0">Sag' mir, warum tut sie weh?<br /></span>
-<span class="i0">Minne ist Liebe, tut sie wohl;<br /></span>
-<span class="i0">Tut sie weh, heißt sie nicht Minne,<br /></span>
-<span class="i0">O, dann weiß ich, wie sie heißen soll.«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p>
-<p>»Wo hast du dies alte schwäbische Liedchen her?« fragte
-Marie, die der einfachen Musik und dem lieblichen Text gern
-ihr Ohr lieh.</p>
-
-<p>»Nicht wahr, es ist hübsch? Aber es kommt noch viel
-hübscher, wenn du hören willst,« antwortete Bertha. »Das hat
-mich in Nürnberg ein Meistersänger, Hans Sachs, gelehrt; es
-ist übrigens nicht von ihm, sondern von Walther von der Vogelweide,
-der wohl vor dreihundert Jahren gelebt und geliebt hat.
-Höre nur weiter:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ob ich recht erraten könne,<br /></span>
-<span class="i0">Was die Minne sei? So sprecht ja.<br /></span>
-<span class="i0">Minne ist zweier Herzen Wonne;<br /></span>
-<span class="i0">Teilen sie gleich, so ist sie da.<br /></span>
-<span class="i0">Doch &ndash; soll ungeteilt sein,<br /></span>
-<span class="i0">So kann ein Herz allein sie nicht enthalten.<br /></span>
-<span class="i0">Willst du mir helfen, traute Jungfrau mein?«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>»Nun, hast du geteilt mit dem armen Junker?« fragte
-die schelmische Bertha ihre errötende Base. »Vetter Kraft möchte
-gerne auch mit mir teilen, einstweilen kann er aber seinen ganzen
-Part allein tragen. Doch du wirst wieder ernst, ich muß
-noch ein Liedchen des alten Herrn Walther singen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ich weiß nicht, wie es damit geschah,<br /></span>
-<span class="i0">Meinem Auge ist's noch nie geschehen,<br /></span>
-<span class="i0">Seit ich sie in meinem Herzen sah,<br /></span>
-<span class="i0">Kann ich sie auch ohne Augen sehen.<br /></span>
-<span class="i0">Da ist doch ein Wunder mit geschehen,<br /></span>
-<span class="i0">Denn wer gab es, daß es ohne Augen<br /></span>
-<span class="i0">Sie zu aller Zeit mag sehen?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Wollt ihr wissen, was die Augen sein,<br /></span>
-<span class="i0">Womit ich sie sehe durch alle Land'?<br /></span>
-<span class="i0">Es sind die Gedanken des Herzens mein,<br /></span>
-<span class="i0">Damit schau' ich durch Mauer und Wand,<br /></span>
-<span class="i0">Und hüten diese sie noch so gut,<br /></span>
-<span class="i0">Es schauen sie mit vollen Augen<br /></span>
-<span class="i0">Das Herz, der Wille und mein Mut.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Marie lobte das Lied des Herrn Walther von der Vogelweide
-als einen guten Trost beim Scheiden. Bertha bestätigte
-es. »Ich weiß noch einen Reim,« sagte sie lächelnd und sang:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Und zog sie auch weit in das Schwabenland,<br /></span>
-<span class="i0">Seine Augen schauen durch Mauer und Wand,<br /></span>
-<span class="i0">Seine Blicke bohren durch Fels und Stein!<br /></span>
-<span class="i0">Er schaut durch die Alb nach dem Lichtenstein!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Als Bertha noch im Nachspiel zu ihrem Liedchen begriffen
-war, ging die Gartenpforte. Männertritte tönten den Gang
-herauf, und die Mädchen standen auf, die Erwarteten zu
-empfangen.</p>
-
-<p>»Herr von Sturmfeder,« begann Bertha nach den ersten
-Begrüßungen, »verzeihet doch, daß ich es wagte, Euch in meines
-Vaters Garten einzuladen. Aber meine Base Marie wünscht
-Euch Aufträge an eine Freundin zu geben. &ndash; Nun, und daß
-wir andern nicht zu kurz kommen,« setzte sie, zu Herrn Kraft
-gewandt, hinzu, »so wollen wir eins plaudern und den Abendtanz
-von gestern mustern.« Damit ergriff sie ihres Vetters
-Hand und zog ihn mit sich den Gang hinab.</p>
-
-<p>Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt. Sie lehnte
-sich an seine Brust und weinte heftig. Die süßesten Worte, die
-er ihr zuflüsterte, vermochten nicht, ihre Tränen zu stillen.
-»Marie,« sagte er, »du warst ja sonst so stark, wie kannst du
-nun gerade jetzt allen Glauben an ein besseres Geschick, alle
-Hoffnung aufgeben?«</p>
-
-<p>»Hoffnung?« fragte sie wehmütig, »mit unserer Hoffnung,
-mit unserem Glück ist es für ewig aus.«</p>
-
-<p>»Sieh,« antwortete Georg, »eben dies kann ich nicht glauben,
-ich trage die Gewißheit unserer Liebe in mir so innig,
-so tief, und ich sollte jemals glauben, daß sie untergehen
-könnte?«</p>
-
-<p>»Du hoffst noch? So höre mich ganz an. Ich muß dir
-ein tiefes Geheimnis sagen, an dem das Leben meines Vaters
-hängt. Mein Vater ist so sehr ein bitterer Feind des Bundes,
-als er ein Freund des Herzogs ist. Er ist nicht nur deswegen
-hier, um sein Kind heimzuholen, nein, er sucht die Pläne des
-Bundes zu erforschen und mit Geld und Rede zu verwirren.
-Und glaubst du, ein so bitterer Gegner des Bundes werde seine
-einzige Tochter einem Jüngling geben, der durch unser Verderben
-sich emporzuschwingen sucht, einem, der sich an Menschen
-anschließt, die kein Recht, sondern nur Raub suchen?«</p>
-
-<p>»Dein Eifer führt dich zu weit, Marie,« unterbrach sie der
-Jüngling. »Du mußt wissen, daß mancher Ehrenmann in
-diesem Heere dient!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span></p>
-
-<p>»Und wenn dies wäre,« fuhr jene eifrig fort, »so sind sie
-betrogen und verführt, wie auch du betrogen bist.«</p>
-
-<p>»Wer sagt dir dies so gewiß?« entgegnete Georg, welcher
-errötete, die Partei, die er ergriffen, von einem Mädchen so erniedrigt
-zu sehen, obgleich er ahnete, daß sie so unrecht nicht
-habe. »Wer sagt dir dies so gewiß? Kann nicht dein Vater
-auch verblendet und betrogen sein? Wie mag er nur mit so
-vielem Eifer die Sache dieses stolzen, herrschsüchtigen Mannes
-führen, der seine Edlen ermordet, der seine Bürger in den
-Staub tritt, der an seiner Tafel das Mark des Landes verpraßt
-und seine Bauern verschmachten läßt?«</p>
-
-<p>»Ja, so schildern ihn seine Feinde,« antwortete Marie,
-»so spricht man von ihm in diesem Heere; aber frage dort unten
-an den Ufern des Neckars, ob sie ihren angestammten Fürsten
-nicht lieben, wenngleich seine Hand zuweilen schwer auf ihnen
-ruht. Frage jene Männer, die mit ihm ausgezogen sind, ob sie
-nicht freudig ihr Blut für den Enkel Eberhards geben, ehe sie
-diesem stolzen Herzog von Bayern, diesen räuberischen Edlen,
-diesen Städtlern ihr Land abtreten.«<a id="FNanchor_18_X"></a><a href="#Footnote_18_19" class="fnanchor">[18]</a></p>
-
-<p>Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich. »Aber wie entschuldigen
-denn diese warmen Verteidiger den Mord des Hutten?«
-fragte er.</p>
-
-<p>»Ihr sprecht immer von Eurer Ehre,« antwortete Marie,
-»und wollt nicht leiden, daß ein Herzog seine Ehre verteidige?
-Hutten ist nicht meuchelmörderisch gefallen, wie seine Anhänger
-in alle Welt ausgeschrieen haben, sondern im ehrlichen Kampfe,
-worin der Herzog selbst sein Leben einsetzte. Ich will nicht alles
-verteidigen, was er tat; aber man soll nur auch bedenken, daß
-ein junger Herr, wie der Herzog, von schlechten Räten umgeben,
-nicht immer weise handeln kann. Aber er ist gewiß gut,
-und wenn du wüßtest, wie mild, wie leutselig er sein kann!«</p>
-
-<p>»Es fehlt nur noch, daß du ihn auch den schönen Herzog
-nennst,« sagte Georg, bitter lächelnd. »Du wirst reichen Ersatz
-finden für den armen Georg, wenn er es der Mühe wert hält,
-mein Bild aus deinem Herzen zu verdrängen.«</p>
-
-<p>»Wahrlich, dieser kleinlichen Eifersucht habe ich dich nicht
-fähig gehalten,« antwortete Marie, indem sie sich mit Tränen des
-Unmuts, im Gefühl gekränkter Würde, abwandte. »Glaubst du
-denn, das Herz eines Mädchens könne nicht auch warm für
-die Sache ihres Vaterlandes schlagen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span></p>
-
-<p>»Sei mir nicht böse,« bat Georg, der mit Reue und Beschämung
-einsah, wie ungerecht er sei, »gewiß, es war nur
-Scherz!«</p>
-
-<p>»Und kannst du scherzen, wo es unser ganzes Lebensglück
-gilt?« entgegnete Marie. »Morgen will der Vater Ulm verlassen,
-weil der Krieg entschieden ist! Wir sehen uns vielleicht
-lange, lange nicht mehr, und du magst scherzen? Ach, wenn
-du gesehen hättest, wie ich so manche Nacht mit heißen Tränen
-zu Gott flehte, er möge dein Herz hinüber auf unsere Seite
-lenken, er möge uns vor dem Unglück bewahren, auf ewig
-getrennt zu sein, gewiß! du könntest nicht so grausam scherzen!«</p>
-
-<p>»Er hat es nicht zum Heil gelenkt,« antwortete Georg,
-düster vor sich hinblickend.</p>
-
-<p>»Und sollte es nicht noch möglich sein?« sprach Marie, indem
-sie seine Hand faßte und mit dem Ausdruck bittender Zärtlichkeit,
-mit der gewinnenden Sanftmut eines Engels ihm ins
-Auge sah; »sollte es nicht noch möglich sein? Komm mit uns,
-Georg, wie gerne wird der Vater einen jungen Streiter seinem
-Herzog zuführen! Ein Schwert wiegt viel in solchen Zeiten,
-sagte er oft, er wird es dir hoch anschlagen, wenn du ihm folgst,
-an seiner Seite wirst du kämpfen, mein Herz wird dann nicht
-zerrissen, nicht geteilt sein zwischen jenseits und diesseits; mein
-Gebet, wenn es um Glück und Sieg fleht, wird nicht zitternd
-zwischen beiden Heeren irren!«</p>
-
-<p>»Halt ein!« rief der Jüngling und bedeckte seine Augen,
-denn der Sieg der Ueberzeugung strahlte aus ihren Blicken, die
-Gewalt der Wahrheit hatte sich auf ihren süßen Lippen gelagert.
-»Willst du mich bereden, ein Ueberläufer zu werden?
-Gestern zog ich mit dem Heere ein, heute wird der Krieg erklärt,
-und morgen soll ich zu dem Herzog hinüberreiten? Kann
-dir meine Ehre so gleichgültig sein?«</p>
-
-<p>»Die Ehre?« fragte Marie, und Tränen entstürzten ihrem
-Auge. »Sie ist dir also teurer als deine Liebe? Wie anders
-klang es, als mir Georg ewige Treue schwur! Wohlan. Sei
-glücklicher mit ihr als mit mir! Aber möge dir, wenn dich der
-Herzog von Bayern auf dem Schlachtfeld zum Ritter schlägt,
-weil du in unsern Fluren am schrecklichsten gewütet, wenn er
-dir ein Ehrenkettlein umhängt, weil du Württembergs Burgen
-am tapfersten gebrochen, möge dir der Gedanke deine Freude
-nicht trüben, daß du ein Herz brachst, das dich so treu, so
-zärtlich liebte!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span></p>
-
-<p>»Geliebte!« antwortete Georg, dessen Brust widerstreitende
-Gefühle zerrissen, »dein Schmerz läßt dich nicht sehen, wie ungerecht
-du bist. Doch es sei! daß du siehest, daß ich den Ruhm,
-der mir so freundlich winkte, der Liebe zum Opfer zu bringen
-weiß, so höre mich: Hinüber zu euch darf ich nicht, aber ablassen
-will ich von dem Bunde, möge kämpfen und siegen, wer da will &ndash;
-mein Kampf und Sieg war ein Traum, er ist zu Ende!«</p>
-
-<p>Marie sandte einen Blick des Dankes zum Himmel und
-belohnte die Worte des jungen Mannes mit süßem Lohne.
-»O! glaube mir,« sagte sie, »ich fühle, wieviel dich dieses Opfer
-kosten muß; aber sieh mir nicht so traurig an dein Schwert
-hinunter: wer frühe entsagt, der erntet schön, sagt mein Vater;
-es muß uns doch auch einmal die Sonne des Glückes scheinen.
-Jetzt kann ich getrost von dir scheiden; denn wie auch der Krieg
-sich enden mag, du kannst ja frei vor meinen Vater treten, und
-wie wird er sich freuen, wenn ich ihm sage, welch schweres Opfer
-du gebracht hast!«</p>
-
-<p>Berthas helle Stimme, die der Freundin ein Zeichen gab,
-daß der Ratsschreiber nicht mehr zurückzuhalten sei, schreckte die
-Liebenden auf. Schnell trocknete Marie die Spuren ihrer Tränen
-und trat mit Georg aus der Laube.</p>
-
-<p>»Vetter Kraft will aufbrechen,« sagte Bertha, »er fragt, ob
-der Junker ihn begleiten wolle?«</p>
-
-<p>»Ich muß wohl, wenn ich den Weg nach Hause nicht verfehlen
-soll,« antwortete Georg. So teuer ihm die letzten Augenblicke
-vor einer langen Trennung von Marie gewesen wären,
-so kannte er doch die strenge Sitte seiner Zeit zu gut, als daß
-er, ohne den Vetter, als Landfremder bei den Mädchen geblieben
-wäre.</p>
-
-<p>Schweigend gingen sie den Garten hinab, nur Herr Dietrich
-führte das Wort, indem er in wohlgesetzten Worten seinen
-Jammer beschrieb, daß seine Base morgen schon Ulm verlassen
-werde. Aber Bertha mochte in Georgs Augen gelesen haben,
-daß ihm noch etwas zu wünschen übrig bleibe, wobei der uneingeweihte
-Zeuge überflüssig war. Sie zog den Vetter an ihre
-Seite und befragte ihn so eifrig über eine Pflanze, die gerade
-zu seinen Füßen mit ihren ersten Blättern aus der Erde sproßte,
-daß er nicht Zeit hatte, zu beobachten, was hinter seinem Rücken
-vorgehe.</p>
-
-<p>Schnell benützte Georg diesen Augenblick, Marien noch einmal
-an sein Herz zu ziehen, aber das Rauschen von Mariens
-schwerem seidenen Gewande, Georgs klirrendes Schwert weckten<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span>
-den Ratsschreiber aus seinen botanischen Betrachtungen. Er
-sah sich um, und o Wunder! er erblickte die ernste, züchtige Base
-in den Armen seines Gastes.</p>
-
-<p>»Das war wohl ein Gruß an die liebe Base in Franken?«
-fragte er, nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte.</p>
-
-<p>»Nein, Herr Ratsschreiber,« antwortete Georg, »es war
-ein Gruß an mich selbst, und zwar von der, die ich einst heimzuführen
-gedenke. Ihr habt doch nichts dagegen, Vetter?«</p>
-
-<p>»Gott bewahre! Ich gratuliere von Herzen,« antwortete
-Herr Dietrich, der von dem ernsten Blick des jungen Kriegsmannes
-und von Mariens Tränen etwas eingeschüchtert wurde.
-»Aber der Tausend, das heiß' ich <em class="antiqua">veni, vidi, vici</em>. Ich scherwenzte
-schon ein Vierteljahr um die Schöne und habe mich kaum
-eines Blickes erfreuen können, und heute muß ich nun gar den
-Marder selbst herausführen, der mir das Täubchen vor dem
-Mund wegstiehlt.«</p>
-
-<p>»Verzeihe den Scherz, Vetter, den wir uns mit dir machten,«
-fiel ihm Bertha ins Wort, »sei vernünftig und laß dir die
-Sache erklären.« Sie sagte ihm, was er zu wissen brauchte,
-um gegen Mariens Vater zu schweigen. Mehr durch die freundlichen
-Blicke Berthas besänftigt, versprach er zu schweigen; unter
-der Bedingung, setzte er schalkhaft hinzu, daß sie etwa auch
-einen solchen Gruß an ihn bestelle.</p>
-
-<p>Bertha verwies ihm, wiewohl nicht allzu strenge, seine unartige
-Forderung, und fragte ihn neckend an der Gartentüre
-noch einmal um die Naturgeschichte des ersten Veilchens, das
-die Sonne hervorgelockt hatte. Er war gutmütig genug, eine
-lange und gelehrte Erklärung darüber zu geben, ohne weder
-durch Mariens leises Weinen, noch durch Georgs klirrendes
-Schwert sich unterbrechen zu lassen. Ein dankender Blick Mariens,
-ein freundlicher Handschlag von Bertha belohnte ihn dafür beim
-Scheiden, und noch lange wehten die Schleier der schönen Bäschen
-über den Gartenzaun hin, den Scheidenden nach.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap08">8.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Im stillen Klostergarten<br /></span>
-<span class="i0">Eine bleiche Jungfrau ging;<br /></span>
-<span class="i0">Der Mond beschien sie trübe,<br /></span>
-<span class="i0">An ihrer Wimper hing<br /></span>
-<span class="i0">Die Träne zarter Liebe.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Uhland.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Ulm glich in den nächsten Tagen einem großen Lager.
-Statt der friedlichen Landleute, der geschäftigen Bürger, die
-sonst ehrbaren und ruhigen Schrittes ihrem Gewerbe nach durch
-die Straßen gingen, sah man überall nur wunderliche Gestalten
-mit Sturmhauben und Eisenhüten, mit Lanzen, Armbrüsten
-und schweren Büchsen. Statt der Ratsherren, in ihrer einfachen
-schwarzen Tracht, zogen stolze Ritter, mit wehenden
-Helmbüschen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer großen
-Schar bewaffneter Dienstleute, über die Plätze und Märkte.
-Noch lebhafter war dies kriegerische Bild vor den Toren der
-Stadt; auf einem Anger an der Donau übte Sickingen seine
-Reiterei, auf einem großen Blachfelde gegen Söflingen hin
-pflegte Frondsberg sein Fußvolk zu tummeln.</p>
-
-<p>An einem schönen Morgen, etwa drei bis vier Tage, nachdem
-Marie von Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen
-hatte, sah man eine ungeheure Menge Menschen aus allen Ständen
-auf jener Wiese versammelt, um diesen Uebungen Frondsbergs
-zuzusehen. Sie betrachteten diesen Mann, dem ein so
-großer Ruf vorangegangen war, vielleicht mit nicht geringerem
-Interesse als wir, wenn wir die kaiserlichen oder königlichen
-Söhne des Mars die Dienste eines Feldherrn verrichten sehen.
-Knüpft sich ja doch gerade an die Person eines ausgezeichneten
-Führers das Interesse, das dem ganzen Heere gilt, ja wir meinen
-oft, die Schlachten, von denen uns die Sage oder öffentliche
-Blätter erzählen, um so deutlicher zu verstehen, wenn wir die
-Gestalt des Heerführers vor das Auge zurückrufen können.</p>
-
-<p>So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm
-zu Mute sein, wenn sie ihre engen Straßen verließen, um den
-Mann des Tages in seinem Handwerk zu sehen. Die Geschicklichkeit,
-mit der er sein Fußvolk, das sonst in zerstreuten Haufen
-gefochten hatte, zu geschlossenen Massen vereinigte; die Schnelligkeit,
-womit sie sich nach seinem Winke nach allen Seiten
-schwenkten oder in furchtbare, von Piken und Donnerbüchsen
-starrende Kreise zusammenzogen; seine mächtige Stimme, die<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span>
-selbst die Trommeln übertönte, seine erhabene, kriegerische Gestalt,
-dies alles gewährte ein so neues anziehendes Bild, daß
-auch die bequemsten Bürger es nicht scheuten, einen langen
-Vormittag auf dem Anger zu stehen und unbeweglich dieses
-Schauspiel zu genießen.</p>
-
-<p>Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen noch freundlicher
-und fröhlicher zu sein als sonst. Mochte ihn der warme
-Anteil, den die guten Ulmer an ihm nahmen, und der auf allen
-Gesichtern geschrieben stand, erfreuen? mochte ihm hier außen
-an dem schönen Morgen, unter seinen Waffenübungen wohler
-sein als in den engen, kalten Straßen der Stadt? Er blickte
-so freundlich auf die Menge hin, daß jeder glaubte, von ihm
-besonders beachtet und begrüßt zu werden, und der Ausruf: »Ein
-wackerer Herr, ein braver Ritter!« jedem seiner Schritte folgte.</p>
-
-<p>Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu
-sein; wenn er vorübersprengte, so durfte man gewiß sein, daß
-er dort mit dem Schwert oder der Hand herüber grüßte und
-traulich nickte.</p>
-
-<p>Die Hintersten stellten sich auf die Zehen, um den Gegenstand
-seiner freundlichen Winke zu sehen; die Näherstehenden
-sahen sich fragend an und verwunderten sich, denn keiner der
-versammelten Bürger schien dieser Auszeichnung würdig. Als
-Frondsberg wieder vorübersprengte und die Zeichen seiner
-Gnade wiederholte, gaben wohl hundert Augen recht genau acht,
-und es fand sich, daß die Grüße einem großen, schlanken, jungen
-Manne gelten mußten, der in der vordersten Reihe der Zuschauer
-stand. Das Wams von feinem Tuch und Seidenschlitzen,
-die hohen Barettfedern, mit welchen der Morgenwind
-spielte, sein langes Schwert und eine Feldbinde oder Schärpe
-zeichneten ihn auf den ersten Blick vor seinen Nachbarn aus,
-die minder geschmückt als er, auch durch untersetztere Figuren
-und breite Gesichter sich nicht zu ihrem Vorteil von ihm unterschieden.</p>
-
-<p>Der Jüngling schien aber zum Aergernis der guten Spießbürger
-nicht sehr erfreut über die hohe Gnade, die ihm vor ihren
-Augen zuteil ward. Schon seine Stellung, das Haupt gesenkt,
-die Arme über die Brust gekreuzt, schien nicht anständig genug
-für einen feinen Junker, wenn er von einem alten Kriegshelden
-gegrüßt wurde. Ueberdies errötete er bei jedem Gruß
-des Feldhauptmanns, dankte nur durch ein leichtes Neigen und
-sah ihm mit so düsteren Blicken nach, als gälte es ein langes<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span>
-Scheiden, und dieser Gruß wäre der letzte eines lieben Freundes
-gewesen.</p>
-
-<p>»Ein sonderbarer Kauz der Junker dort,« sagte der Obermeister
-aller Ulmer Weber zu seinem Nachbar, einem wackeren
-Waffenschmied; »ich gäbe mein Sonntagswams um einen solchen
-Gruß von dem Frondsberger, und dieser da muckt nicht
-darüber. Hieße es nicht in der ganzen Stadt: Was hat der
-Meister Kohler mit dem Frondsberg? Waren ja neulich miteinander
-wie zwei Brüder. O, die kennen einander schon
-lange, hieß es dann, und sind gute Freunde von alters her. Ich
-kann mich ordentlich ärgern, daß ein so gescheiter und gewaltiger
-Herr solch einen Laffen alle Paternoster lang grüßt.«</p>
-
-<p>Der Waffenschmied, ein kleiner, alter Kerl, hatte ihm seinen
-Beifall zugenickt. »Gott straf' mich, Ihr habt recht, Meister
-Kohler! Stehen nicht dort ganz andre Leut', die er grüßen
-könnte? Ist nicht der Herr Bürgermeister auf dem Platz, und
-steht dort nicht mein Gevatter, der Herr von Besserer, am Eck?
-Ich wollt' dem Junker den Kopf beugen lernen, wenn ich Herr
-wäre; aber glaubt mir, der da beugt seinen Nacken nicht, und
-wenn der Kaiser selbst käme. Er muß auch etwas Rechtes sein,
-denn der Ratsschreiber, mein Nachbar, der sonst allen Gästen
-feind ist, hat ihn in seiner Behausung.«</p>
-
-<p>»Der Kraft?« fragte der Weber verwundert. »Ei, ei! Aber
-halt, dahinter steckt ein Geheimnis. Das ist gewiß so ein junger
-Potentat oder gar des Bürgermeisters von Köln sein Sohn, der
-auch unter dem Heer mitreiten soll. Steht nicht dort des
-Kraften alter Johann?«</p>
-
-<p>»Weiß Gott, er ist's,« fiel der Waffenschmied ein, den die
-Vermutungen des Webers neugierig gemacht hatten; »er
-ist's, und ich will ihn beichten lassen, trotz dem Propst von
-Elchingen.« Aber so klein auch der Raum zwischen den beiden
-Bürgern und dem alten Diener des Kraftischen Hauses war,
-so konnte doch der Schmied nicht zu ihm durchkommen, so dicht
-standen die Zuschauer. Endlich drang die gewichtige Miene des
-Obermeisters aller Weber durch, denn er war reich und angesehen
-in der Stadt; er erwischte den alten Johann und zog ihn
-zu dem Schmied. Doch auch der alte Johann konnte wenig
-Bescheid geben, er wußte nichts, als daß sein Gast ein Herr von
-Sturmfeder sei. »Uebrigens muß er nicht ›weit her‹ sein,« setzte
-er hinzu, »denn er reitet ein Landpferd und hat keine Dienstleute
-mit sich; meinem Herrn aber wird der Gast übel bekommen,<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span>
-denn unsere alte Sabine, die Amme, ist wie ein Drache, daß er
-die Hausordnung stört und ungefragt, nur so mir nichts dir
-nichts, ein fremdes Menschenkind mit Stiefeln und Sporen ins
-Haus schleppt.«</p>
-
-<p>»Nichts für ungut,« fiel ihm der Obermeister in die Rede,
-»Euer Herr, Johann, ist ein Narr! Die alte Hexe &ndash; Gott
-verzeih mir's &ndash; hätte ich schon lange auf die Straße geworfen,
-wo sie hingehört. Hat der Herr doch sein gutes Alter, und soll
-sich behandeln lassen, als läge er noch in den Windeln.«</p>
-
-<p>»Ihr habt gut reden, Meister Kohler,« antwortete der alte
-Diener, »aber das versteht Ihr doch nicht recht. Auf die Gasse
-werfen? Wer soll denn nachher haushalten?«</p>
-
-<p>»Wer?« schrie der erhitzte Weber. »Wer? Ein Weib
-soll er nehmen, eine Hausfrau wie ein anderer Christ und
-Ulmer Bürger auch; was hat er nötig, als Junggeselle zu leben
-und allen Mädchen in der Stadt nachzulaufen? Hab' ich ihn
-nicht neulich angetroffen, wie er meiner Katharine schön getan
-hat? Schiff und Geschirr hätte ich ihm mögen an den Kopf
-werfen, dem gestrengen Herrn, so aber &ndash; seine Mutter selig
-hat manch schönes Tafelstück bei mir weben lassen, die brave
-Frau &ndash; so mußt' ich meine Mütze abziehen und sagen: ›Gehorsamen
-guten Abend, und was befehlen Euer Wohledlen?‹ Daß
-dich der&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ei, schau' einer!« sagte Johann mit unmutigem Gesicht;
-»ich habe immer gedacht, ein Herr wie der Ratsschreiber, mein
-Herr, könne in allen Ehren mit Eurem Töchterlein ein Wort
-wechseln, ohne daß die böse Welt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»So? Ein Wort wechseln, und abends nach der Vesperglock'
-im März? Er heiratet sie doch nicht, und meint Ihr,
-meines Kindes guter Ruf müsse nicht so rein sein wie Eures
-Herrn weiße Halskrause? Das könnt' ich brauchen!«</p>
-
-<p>Der Obermeister hatte während seiner eifrigen Reden den
-alten Johann an der Brust gepackt und seine Stimme so erhoben,
-daß die Umstehenden aufmerksam wurden; der Meister
-Schmied hielt es daher für das beste, den Erzürnten mit Gewalt
-wegzuziehen, und er verhütete so zwar weitere Streitigkeiten,
-doch konnte er nicht verhüten, daß es schon mittags in der ganzen
-Stadt hieß: Herr von Kraftens Johann habe noch in seinen
-alten Tagen eine Liebschaft mit des Obermeisters Töchterlein
-und sei von dem erzürnten Vater auf der Wiese darüber zur
-Rede gestellt worden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span></p>
-
-<p>Die Uebungen des Fußvolks waren indes zu Ende gegangen,
-das Volk verlief sich, und auch den jungen Mann, der
-die unschuldige Ursache zu jenem Streit gewesen war, sah man
-seine Schritte der Stadt zuwenden; sein Gang war langsam
-und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als sonst, seine Blicke
-suchten noch immer den Boden oder schweiften mit dem Ausdruck
-von Sehnsucht oder stillem Gram nach den fernen blauen
-Bergen, den Grenzmauern von Württemberg.</p>
-
-<p>Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglücklich
-gefühlt als in diesen Stunden. Marie war mit ihrem Vater
-abgereist; sie hatte ihn noch einmal beschwören lassen, seinem
-Versprechen treu zu sein, und wie unglücklich machte ihn dieses
-Versprechen! Wohl hatte es ihn damals nicht geringen Kampf
-gekostet, es zu geben; aber der betäubende Schmerz des Abschiedes,
-der Gram des geliebten Mädchens hatten überwunden.
-Doch jetzt, wo er mit festerem Blicke seinen Umgebungen, seiner
-Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig erschien ihm
-seine Lage! Nichts davon zu sagen, daß alle seine goldenen
-Träume, alle jene kühnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit
-einem Mal verschwanden; nichts davon zu sagen, daß auch sein
-Ziel, das so nahe lag, Marien durch Kriegsdienste zu verdienen,
-ungewiß in die Weite hinausgerückt war &ndash; er sollte auf die
-Gefahr hin, von Männern, deren Achtung ihm teuer war, verkannt
-zu werden, diese Fahnen verlassen, gerade in einem Augenblick,
-wo man der Entscheidung entgegenging. Von Tag zu Tag,
-solange es ihm nur möglich war, verschob er diese Erklärung; wo
-sollte er Gründe, wo Worte hernehmen, vor dem alten, tapfern
-Degen Breitenstein, seinem väterlichen Freunde, seinen Abzug
-zu rechtfertigen? Mit welcher Stirne sollte er vor den edlen
-Frondsberg treten! Ach! jene freundlichen Grüße, womit er
-den Sohn seines tapfern Waffengenossen zu freudigem Kampfe
-aufzumuntern schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert.
-An seiner Seite war sein Vater gefallen, er hatte gehört, wie
-der Sterbende den Ruhm seines Namens und ein leuchtendes
-Beispiel als einziges Erbe dem unmündigen Knaben zusandte;
-dieser Mann war es, der ihm jetzt so liebevoll die Schranken
-öffnete, und auch ihm mußte er in so zweideutigem Lichte erscheinen.</p>
-
-<p>Er hatte sich unter diesen trüben Gedanken langsam dem
-Tore der Stadt genähert, als er sich plötzlich am Arm ergriffen
-fühlte; er sah sich um, ein Mann, dem Anschein nach ein Bauer,
-stand vor ihm.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span></p>
-
-<p>»Was willst du?« fragte Georg, etwas unwillig, in seinen
-Gedanken unterbrochen zu werden.</p>
-
-<p>»Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid,« antwortete
-der Mann. »Sagt einmal, was gehört zu <em class="gesperrt">Licht</em> und
-<em class="gesperrt">Sturm</em>?«</p>
-
-<p>Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete
-jenen genauer. Er war nicht groß, aber kräftig; seine
-Brust war breit, seine Gestalt gedrungen. Das Gesicht, von
-der Sonne braun gefärbt, wäre flach und unbedeutend gewesen,
-wenn nicht ein eigener Zug von List und Schlauheit um den
-Mund und aus den grauen Augen Mut und Verwegenheit geleuchtet
-hätten. Sein Haar und Bart war dunkelgelb und gerollt;
-er trug einen langen Dolch im ledernen Gurt, in der einen
-Hand hielt er eine Axt, in der andern eine runde, niedere Mütze
-von Leder, wie man sie noch heute bei dem schwäbischen Landvolk
-sieht.</p>
-
-<p>Während Georg diese flüchtigen Bemerkungen machte,
-wurden auch seine Züge lauernd beobachtet.</p>
-
-<p>»Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, Herr
-Ritter,« fuhr jener nach kurzem Stillschweigen fort; »was paßt
-zu Licht und Sturm, daß es zwei gute Namen gibt?«</p>
-
-<p>»Feder und Stein!« antwortete der junge Mann, dem es
-auf einmal klar wurde, was unter jener Frage verstanden sei;
-»was willst du damit?«</p>
-
-<p>»So seid Ihr Georg von Sturmfeder,« sagte jener, »und
-ich komme von Marien von&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen sei still, Freund, und nenne keinen
-Namen,« fiel Georg ein, »sage schnell, was du mir bringst.«</p>
-
-<p>»Ein Brieflein, Junker!« sprach der Bauer, indem er die
-breiten, schwarzen Kniegürtel, womit er seine ledernen Beinkleider
-umwunden hatte, auflöste und einen Streifen Pergament
-hervorzog.</p>
-
-<p>Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren
-wenige Worte, mit glänzend schwarzer Tinte geschrieben; den
-Zügen der Schrift sah man aber an, daß sie einige Mühe gekostet
-haben mochten, denn die Mädchen von 1519 waren nicht
-so flink mit der Feder, um ihre zärtlichen Gefühle auszudrücken,
-als die in unseren Tagen, wo jede Dorfschöne ihrem Geliebten
-zum Regiment eine Epistel, so lang als die dritte St. Johannis,
-schreiben kann. Die Chronik, woraus wir diese Historie genommen,
-hat uns jene Worte aufbewahrt, welche Georgs gierige
-Blicke aus den verworrenen Zügen des Pergaments entzifferten:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Bedenk' deinen Eid, &ndash; Flieh bei Zeit.<br /></span>
-<span class="i0">Gott dein Geleit. &ndash; Marie dein in Ewigkeit.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Es liegt ein frommer, zarter Sinn in diesen Worten; und
-wer sich ein liebendes Herz dazu denkt, wie es mit diesen Zeilen
-in die Ferne fliegen möchte, ein Auge voll Zärtlichkeit, umflort
-von einem Schleier stiller Tränen, einen holden Mund, der das
-Blättchen noch einmal küßt, verschämte Wangen, die bei diesem
-geheimnisvollen Gruße erröten, wer dies hinzu denkt, der wird
-es Georg nicht verargen, daß er einige Augenblicke wie trunken
-war. Ein freudiger, glänzender Blick, nach den fernen blauen
-Bergen hin, dankte der Geliebten für ihren tröstenden Spruch;
-und wahrlich, er war auch zu keiner andern Zeit nötiger gewesen
-als gerade jetzt, um den gesunkenen Mut des jungen
-Mannes zu heben. Wußte er doch, daß ein Wesen, das teuerste,
-was für ihn auf der Erde lebte, ihn nicht verkannte. Der
-Schluß jener Zeilen erhob sein Herz zur alten Freudigkeit, er
-bot dem guten Boten die Hand, dankte ihm herzlich und fragte,
-wie er zu diesen Zeilen gekommen sei.</p>
-
-<p>»Dacht' ich's doch,« antwortete dieser, »daß das Blättchen
-keinen bösen Zauberspruch enthalten müsse; denn das Fräulein
-lächelte so gar freundlich, als sie es mir in die rauhe Hand
-drückte. Es war vergangenen Mittwoch, als ich nach Blaubeuren
-kam, wo unser Kriegsvolk stand. Es ist dort in der Klosterkirche
-ein prächtiger Hochaltar, worauf die Geschichte meines
-Patrons, des Täufers Johannes, vorgestellt ist. Vor sieben
-Jahren, als ich in großer Not und einem schmählichen Ende
-nahe war, gelobte ich alle Jahre um diese Zeit eine Wallfahrt
-dahin. So hielt ich es alle Jahre seit der Zeit, da mich der
-Heilige durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat. Wenn
-ich nun mein Gebet verrichtet hatte, ging ich allemal zum Herrn
-Abt, um ihm ein paar schöne Gänse oder ein Lamm zu bringen,
-oder was er sonst gerade gern hat. &ndash; Aber ich mache Euch
-Langeweile mit meinem Geschwätz, Junker?«</p>
-
-<p>»Nein, nein, erzähle nur weiter,« antwortete Georg, »komm,
-setze dich zu mir auf jene Bank.«</p>
-
-<p>»Das würde sich schön schicken!« entgegnete der Bote, »wenn
-ein Bauer an des Junkers Seite sitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann
-vor aller Augen so oft gegrüßt hat; erlaubt mir,
-daß ich mich vor Euch hinstelle.«</p>
-
-<p>Georg ließ sich auf einen Steinsitz am Wege nieder, der
-Bauer aber fuhr, auf seine Axt gestützt, in seiner Erzählung<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span>
-fort: »Ich hatte diesmal bei den unruhigen Zeiten wenig Lust
-zur Wallfahrt, aber ›gebrochener Eid tut Gott leid‹, heißt es,
-und so mußte ich mein Gelübde vollbringen. Wie ich vom
-Gebet aufstand, um dem Abt zu bringen, was recht ist, sagte
-mir einer der Pfaffen, daß ich diesmal nicht zu Seiner Ehrwürden
-könne, weil viele Herren und Ritter dort zu Besuch
-seien. Ich bestand aber doch darauf, denn der Abt ist ein leutseliger
-Herr und hätte mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht
-heimgesucht hätte. Wenn ihr je ins Kloster hinauskommt, so
-vergesset nicht nach der Treppe zu schauen, die vom Hochaltar
-zum Dorment führt. Sie geht durch die dicke Mauer, welche
-die Kirche ans Kloster schließt, und ist lang und schmal. Dort
-war es, wo mir das Fräulein begegnet ist. Es kommt mir nämlich
-ein feines Weibsbild im Schleier mit Brevier und Rosenkranz
-die Treppe herab entgegen; ich drücke mich an die Wand,
-um sie vorbei zu lassen, sie aber bleibt stehen und spricht: ›Ei
-Hans, woher des Weges?‹«</p>
-
-<p>»Woher kennt Euch denn das Fräulein?« unterbrach ihn
-Georg.</p>
-
-<p>»Meine Schwester ist ihre Amme und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie, die alte Rose ist Eure Schwester?« rief der junge
-Mann.</p>
-
-<p>»Habt Ihr sie auch gekannt?« sagte der Bote. »Ei, seh'
-doch einer! Aber daß ich weiter sage: Ich hatte eine große
-Freude, sie wiederzusehen, denn ich besuchte meine Schwester
-häufig in Lichtenstein und habe das Fräulein gekannt, als man
-sie noch in ihres Vaters Schwertkuppel gehen lernte. Aber ich
-hätte sie kaum wiedererkannt, so groß war sie geworden, und
-die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am ersten Mai.
-Ich weiß nicht, wie es ging, aber mich dauerte ihr Anblick in der
-Seele, und ich mußte fragen, was ihr fehle, und ob ich ihr nicht
-etwas helfen könne? Sie besann sich eine Weile und sagte
-dann: ›Ja, wenn du verschwiegen wärest, Hans, könntest du mir
-wohl einen großen Dienst leisten!‹ Ich sagte zu, und sie bestellte
-mich bis nach der Vesper.«</p>
-
-<p>»Aber wie kommt sie nur in das Kloster?« fragte Georg.
-»Sonst darf ja doch kein Weiberschuh über die Schwelle.«</p>
-
-<p>»Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet, und da so viel
-Volk in Blaubeuren liegt, so ist sie dort besser aufgehoben als
-im Städtchen, wo es toll genug zugeht. Nach der Vesper, als
-alles still war, kam sie ganz leise in den Kreuzgang. Ich sprach<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span>
-ihr Mut zu, wie es eben unsereins versteht, da gab sie mir dies
-Blättchen und bat mich, Euch aufzusuchen.«</p>
-
-<p>»Ich danke dir herzlich, guter Hans,« sagte der Jüngling.
-»Aber hat sie dir sonst nichts an mich aufgetragen?«</p>
-
-<p>»Ja,« antwortete der Bote, »mündlich hat sie mir noch
-etwas aufgetragen; Ihr sollt Euch hüten, man habe etwas mit
-Euch vor.«</p>
-
-<p>»Mit mir?« rief Georg, »das hast du nicht recht gehört, wer
-und was soll man mit mir vorhaben?«</p>
-
-<p>»Da fragt Ihr mich zu viel,« entgegnete jener; »aber wenn
-ich es sagen darf, so glaube ich, die Bündischen. Das Fräulein
-setzte noch hinzu, ihr Vater habe davon gesprochen, und hat
-nicht der Frondsberg Euch heute zugewinkt und Euch geehrt wie
-des Kaisers Sohn, daß sich jedermann darob verwunderte?
-Glaubt nur, es hat allemal etwas zu bedeuten, wenn solch ein
-Herr so freundlich ist.«</p>
-
-<p>Georg war überrascht von der richtigen Bemerkung des
-schlichten Bauers; er entsann sich auch, daß Mariens Vater tief
-in die Geheimnisse der Bundesobersten eingedrungen sei und
-vielleicht etwas erfahren habe, was sich zunächst auf ihn bezöge.
-Aber er mochte sinnen, wie er wollte, so konnte er doch nichts
-finden, was zu dieser geheimnisvollen Warnung Mariens gepaßt
-hätte. Mit Mühe riß er sich aus diesem Gewebe von Vermutungen,
-indem er den Boten fragte, wie er ihn so schnell gefunden
-habe?</p>
-
-<p>»Dies wäre ohne Frondsberg so bald nicht geschehen,« antwortete
-er; »ich sollte Euch bei Herrn Dietrich von Kraft aufsuchen.
-Wie ich aber die Straße hereinging, da sah man viel
-Volk auf den Wiesen. Ich dachte, eine halbe Stunde mache
-nichts aus, und stellte mich auch hin, um das Fußvolk zu betrachten.
-Wahrlich, der Frondsberg hat es weit gebracht. &ndash;
-Nun, da war mir's, als hörte ich nahe bei mir Euren Namen
-nennen; ich sah mich um, es waren drei alte Männer, die
-sprachen von Euch und deuteten auf Euch hin, ich aber merkte
-mir Eure Gestalt und folgte Euren Schritten, und weil ich
-meiner Sache doch nicht ganz gewiß war, so gab ich Euch das
-Rätsel von Sturm und Licht auf.«</p>
-
-<p>»Das hast du klug gemacht,« sagte Georg lächelnd; »aber
-dennoch komm in mein Haus, daß man dir etwas zu essen reiche.
-Wann kehrst du wieder heim?«</p>
-
-<p>Hans bedachte sich eine Weile; endlich aber sagte er, indem
-ein schlaues Lächeln um seinen Mund zog: »Nichts für ungut,<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span>
-Junker; aber ich habe dem Fräulein versprechen müssen, nicht
-eher von Euch zu weichen, als bis Ihr dem bündischen Heer
-Valet gesagt habt.«</p>
-
-<p>»Und dann?« fragte Georg.</p>
-
-<p>»Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein und bringe ihr
-die gute Nachricht von Euch; wie wird sie sich sehnen! Alle
-Tage steht sie wohl im Gärtchen auf dem Felsen und sieht ins
-Tal hinab, ob der alte Hans noch nicht kommt!«</p>
-
-<p>»Die Freude soll ihr bald werden,« antwortete Georg,
-»vielleicht reite ich schon morgen, und dann schreibe ich vorher
-noch ein Brieflein.«</p>
-
-<p>»Aber greifet es doch klug an,« sagte der Bote, »das Pergament
-darf nicht breiter sein als jenes, das ich brachte; denn
-ich muß es wieder im Kniegürtel verstecken. Man weiß nicht,
-was einem in so unruhiger Zeit begegnen kann, und dort sucht
-es niemand.«</p>
-
-<p>»Es sei so,« antwortete Georg, indem er aufstand. »Für
-jetzt lebe wohl; um Mittag komme zu Herrn von Kraft, nicht
-weit vom Münster. Gib dich für meinen Landsmann aus Franken
-aus, denn die Ulmer sind den Württembergern nicht grün.«</p>
-
-<p>»Sorget nicht, Ihr sollt zufrieden sein,« rief Hans dem
-Scheidenden zu. Er sah dem schlanken Jüngling nach und gestand
-sich, daß das holde Pflegekind seiner Schwester keine üble
-Wahl getroffen habe, wenn auch die rosigen Wangen des Kindes
-bei der ersten Liebe der Jungfrau etwas von ihren blühenden
-Farben verloren hatten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap09">9.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Was unter dieser Sonne kann es geben,<br /></span>
-<span class="i0">Das ich nicht hinzuopfern eilen will,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn Sie es wünschen? &ndash; Fliehen Sie!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Schiller.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Georg war es von Anfang bange, wie sich sein neuer Bekannter
-in dem Kraftischen Hause benehmen werde. Er fürchtete
-nicht ohne Grund, jener möchte sich durch seine Mundart,
-durch unbedachte Aeußerungen verraten, was ihm höchst unangenehm
-gewesen wäre; denn je fester er bei sich beschlossen
-hatte, das Bundesheer in den nächsten Tagen zu verlassen, um
-so weniger mochte er in den Verdacht geraten, in Verbindung
-mit Württemberg zu stehen. Konnte und durfte er ja doch im
-schlimmen Falle, wenn der Bote entdeckt würde, wenn er bekannte,<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span>
-an ihn geschickt worden zu sein, die Geliebte nicht verraten.
-Er wollte umkehren und den Mann aufsuchen, ihn
-bitten, sich sobald als möglich zu entfernen, aber als er bedachte,
-daß dieser schon längst von dem Platz ihrer Unterredung
-sich entfernt haben müsse, daß er indes zu Kraft kommen könne,
-schien es ihm geratener, dahin vorauszueilen, um jenem dort
-die nötigen Winke zu geben und ihn vor Unvorsichtigkeit zu bewahren.</p>
-
-<p>Und doch, wenn er sich das kühne Auge, die kluge, verschlagene
-Miene des Mannes ins Gedächtnis rief, glaubte er
-hoffen zu dürfen, daß Marie, obgleich ihr keine große Wahl übrig
-blieb, keinem unsicheren Mann diese Botschaft anvertraut haben
-konnte.</p>
-
-<p>Und wirklich traute er seinem Auge, seinem Ohr kaum,
-als ihm um Mittag ein Landsmann aus Franken gemeldet und
-sein Liebesbote hereingeführt ward. Welche Gewalt mußte
-dieser Mensch über sich haben! Es war derselbe, und doch schien
-er ein ganz anderer. Er ging gebückt, die Arme hingen schlaff
-an dem Körper herab, selten schlug er die Augen auf, sein Gesicht
-hatte einen Ausdruck von Blödigkeit, der Georg ein unwillkürliches
-Lächeln abnötigte. Und als er dann zu sprechen
-anfing, als er ihn in fränkischer Mundart begrüßte und mit der
-geläufigen Zunge eines geborenen Franken dem Herrn von Kraft
-auf seine mancherlei Fragen antwortete, da kam er in Versuchung,
-an übernatürliche Dinge zu glauben, die Märchen
-seiner Kindheit stiegen in seinem Gedächtnisse auf, wo ein
-freundlicher Zauberer oder eine huldreiche Fee in allerlei Gestalten
-dem Dienst zweier Liebenden sich widmet und sie glücklich
-mitten durch das feindselige Schicksal hindurchführt.</p>
-
-<p>Der Zauber war bald gelöst, als er mit dem Boten auf
-seinem Zimmer allein war und ihn der gute Schwabe von seiner
-Persönlichkeit versicherte; aber doch konnte er ihm seine Bewunderung
-nicht versagen über die Rolle, die er so gut gespielt.</p>
-
-<p>»Glaubt deshalb nicht minder an meine Ehrlichkeit,« antwortete
-der Bauer; »man wird oft genötigt, von Jugend auf
-durch solche Künste sich fortzuhelfen, sie schaden keinem und tun
-doch dem gut, der sie kann.«</p>
-
-<p>Georg versicherte, ihm nicht minder zu trauen als vorher,
-der Bote aber bat dringend, er möchte doch jetzt auch auf seine
-Abreise denken, er möchte bedenken, wie sehr sich das Fräulein
-nach dieser Nachricht sehne, daß er nicht früher heimkehren
-dürfe, als bis er diese Gewißheit bringen könne.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span></p>
-
-<p>Georg antwortete ihm, daß er nur noch den Abmarsch des
-Bundesheeres abwarten wolle, um in seine Heimat zurückzukehren.</p>
-
-<p>»O, da braucht Ihr nicht mehr lange zu warten,« antwortete
-der Bote; »wenn sie morgen nicht aufbrechen, so ist es
-übermorgen, denn das Land ist offen bis ins Herz hinein. Ich
-darf Euch trauen, Junker, darum sag' ich Euch dies.«</p>
-
-<p>»Ist es denn wahr, daß die Schweizer abgezogen sind,«
-fragte Georg, »und daß der Herzog keine Feldschlacht mehr
-liefern kann?«</p>
-
-<p>Der Bote warf einen lauernden Blick im Zimmer umher,
-öffnete behutsam die Türe, und als er sah, daß kein Lauscher
-in der Nähe sei, begann er:</p>
-
-<p>»Herr! ich war bei einem Auftritt, den ich nie vergesse,
-und wenn ich neunzig Jahre alt werde! Schon unterwegs
-waren mir auf der Alb große Scharen der heimziehenden
-Schweizer begegnet; ihre Räte und Landammänner hatten sie
-heimgerufen; bei Blaubeuren standen aber noch über achttausend
-Mann, jedoch lauter gute Württemberger und nichts anderes
-drunter.«</p>
-
-<p>»Und der Herzog,« unterbrach ihn Georg, »wo war denn
-dieser?«</p>
-
-<p>»Der Herzog hat in Kirchheim zum letztenmal mit den
-Schweizern unterhandelt, aber sie zogen ab, weil er sie nicht
-bezahlen konnte.<a id="FNanchor_16_17"></a><a href="#Footnote_16_17" class="fnanchor">[16]</a> Da kam er gen Blaubeuren, wo sich sein
-Landvolk gelagert hatte. Gestern morgen wurde durch Trommelschlag
-bekannt gemacht, daß sich bis neun Uhr alles Volk auf
-den Klosterwiesen einstellen solle. Es waren viele Männer, die
-dort versammelt waren, aber jeder dachte ein und dasselbe. Seht,
-Junker! der Herzog Ulrich ist ein gestrenger Herr und weiß
-den Bauer nicht für sich zu gewinnen. Die Steuern sind hart,
-der Jagdfrevel ist scharf und grausam, am Hof aber wird verpraßt,
-was man uns genommen hat. Aber wenn ein solcher
-Herr im Unglück ist, da ist es gleich ein anderes Ding. Jetzt
-fiel uns allen nur ein, daß er ein tapferer Mann und unser
-unglücklicher Herzog sei, dem man das Land mit Gewalt entreißen
-wolle. Es ging ein Gemurmel unter uns, der Herzog
-wolle eine Schlacht liefern, und jeder drückte das Schwert fester
-in der Hand, grimmig schüttelten sie ihre Speere und riefen den
-Bündlern Verwünschungen zu. Da kam der Herzog&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Du sahst den Herzog, du kennst ihn?« rief Georg neugierig.
-»O sprich, wie sieht er aus?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span></p>
-
-<p>»Ob ich ihn kenne?« sagte der Bote mit sonderbarem
-Lächeln. »Wahrhaftig, ich sah ihn, als es ihm nicht wohl war,
-mich zu sehen. Der Herr ist noch ein junger Mann, wenn es
-viel ist, ist er zweiunddreißig Jahr. Er ist stattlich und kräftig,
-und man sieht ihm an, daß er die Waffen zu führen weiß. Augen
-hat er wie Feuer, und es lebt keiner, der ihm lange hineinschaute.
-&ndash; Der Herzog trat in den Kreis, den das bewaffnete Volk geschlossen
-hatte, und es war Totenstille unter den vielen Menschen.
-Mit vernehmlicher Stimme sprach er, daß er sich, also
-verlassen, nimmer zu helfen wüßte.<a id="FNanchor_17_18"></a><a href="#Footnote_17_18" class="fnanchor">[17]</a> Diejenigen, worauf er
-gehofft, seien ihm benommen, seinen Feinden sei er ein Spott;
-denn ohne die Schweizer könne er keine Schlacht wagen. Da
-trat ein alter, eisgrauer Mann hervor, der sprach: ›Herr
-Herzog! Habt Ihr unsern Arm schon versucht, daß Ihr die
-Hoffnung aufgebt? Schaut, diese alle wollen für Euch bluten;
-ich habe Euch auch meine vier Buben mitgebracht, hat jeder
-einen Spieß und ein Messer, und so sind hier viele Tausend; seid
-Ihr des Landes so müde, daß Ihr uns verschmäht?‹ Da brach
-dem Ulrich das Herz; er wischte sich Tränen aus dem Auge und
-bot dem Alten seine Hand. ›Ich zweifle nicht an eurem Mut,‹
-sprach er mit lauter Stimme; ›aber wir sind unserer zu wenig,
-so daß wir nur sterben können, aber nicht siegen. Geht nach
-Haus, ihr guten Leute, und bleibet mir treu. Ich muß mein
-Land verlassen und im bitteren Elend sein. Aber mit Gottes
-Hilfe hoffe ich auch wieder hereinzukommen.‹ So sprach der
-Herzog, unsere Leute aber weinten und knirschten mit den
-Zähnen und zogen ab in Trauer und Unmut.«<a id="FNanchor_18_19"></a><a href="#Footnote_18_19" class="fnanchor">[18]</a></p>
-
-<p>»Und der Herzog?« fragte Georg.</p>
-
-<p>»Von Blaubeuren ist er weggeritten, wohin, weiß man
-nicht. In den Schlössern aber liegt die Ritterschaft, sie zu verteidigen,
-bis der Herzog vielleicht andere Hilfe bekommt.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der alte Johann unterbrach hier den Boten und meldete,
-daß der Junker auf zwei Uhr in den Kriegsrat beschieden sei,
-der in Frondsbergs Quartier gehalten werde; Georg war nicht
-wenig erstaunt über diese Nachricht, was konnte man von ihm
-im Kriegsrat wollen? Sollte Frondsberg schon ein Mittel gefunden
-haben, ihn zu empfehlen?</p>
-
-<p>»Nehmt Euch in acht, Junker,« sprach der Bote, als der
-alte Johann das Gemach verlassen hatte, »und bedenkt das
-Versprechen, das Ihr dem Fräulein gegeben; vor allem erinnert
-Euch, was sie Euch sagen ließ: Ihr sollt Euch hüten,
-weil man etwas mit Euch vorhabe. Mir aber erlaubt, als Euer<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span>
-Diener in diesem Haus zu bleiben; ich kann Euer Pferd besorgen
-und bin zu jedem Dienst erbötig.«</p>
-
-<p>Georg nahm das Anerbieten des treuen Mannes mit
-Dank an, und Hans trat auch sogleich in seinen Dienst, denn er
-band seinem jungen Herrn das Schwert um und setzte ihm
-das Barett zurecht. Er bat ihn noch unter der Türe, seines
-Schwures und jener Warnung eingedenk zu sein.</p>
-
-<p>Dem unbegreiflichen Ruf in den Kriegsrat und der sonderbar
-zutreffenden Warnung Mariens nachsinnend, ging Georg
-dem bezeichneten Hause zu; man wies ihn dort eine breite
-Wendeltreppe hinan, wo er in der ersten Türe rechts die Kriegsobersten
-versammelt finden sollte. Aber der Eingang in dieses
-Heiligtum ward ihm nicht so bald verstattet; ein alter bärtiger
-Kriegsmann fragte, als er die Tür öffnen wollte, nach seinem
-Begehr und gab ihm den schlechten Trost, es könne höchstens
-noch eine halbe Stunde dauern, bis er vorgelassen werde; zugleich
-ergriff er die Hand des jungen Mannes und führte ihn,
-einen schmalen Gang hindurch, nach einem kleinen Gemach, wo
-er sich einstweilen gedulden solle.</p>
-
-<p>Wer je in besorgter Erwartung einsam und allein auf der
-Marterbank eines Vorzimmers saß, der kennt die Qual, die
-Georg in jener Stunde auszustehen hatte. Das ungeduldige
-Herz pocht der Entscheidung entgegen, alle Nerven sind gespannt,
-das Auge möchte die Tür durchbohren, das Ohr schärft
-sich, wenn in der Ferne eine Türe knarrt, Schritte über den
-Hausgang rauschen oder undeutliche Stimmen im anstoßenden
-Zimmer lauter werden. Aber die Türen haben umsonst getönt,
-die Schritte, immer näher und näher kommend, gehen vorüber,
-der ungleiche Ton der Stimmen sinkt zum Geflüster herab. Die
-Bretter des Fußbodens und die Fenster des Nachbarhauses sind
-bald gezählt, und schon wieder zeigt der helle Ton der Glocke
-eine umsonst verlebte halbe Stunde an. Das Ohr begleitet alle
-Glocken und Uhren der Stadt, bemerkt ihre hohen und tiefen
-Töne &ndash; auch sie haben ausgeschlagen; man steht auf, macht einen
-Gang durch das enge Gemach, horch! da geht wieder eine Türe,
-gewichtige Schritte kommen den Gang herauf, die Klinke der
-Türe bewegt sich nach so langer Zeit wieder.</p>
-
-<p>»Georg von Frondsberg läßt Euch seinen Gruß vermelden,«
-sprach der alte Kriegsmann, der nach so langer Zeit
-wieder zu Georg kam, »es könne vielleicht noch eine Weile
-dauern; doch sei dies ungewiß, darum sollet Ihr hier bleiben.
-Er schickt Euch hier einen Krug Wein zum Vespern.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span></p>
-
-<p>Der Diener setzte den Wein auf den breiten Fenstersims
-des Zimmers, denn ein Tisch war nicht vorhanden, und verließ
-das Gemach.</p>
-
-<p>Georg sah ihm staunend nach; er hätte dies nicht für möglich
-gehalten; über eine Stunde war schon verschwunden, und
-noch nicht? Er griff zu dem Wein, er war nicht übel, aber wie
-konnte ihm in seiner traurigen Einsamkeit das Glas munden?</p>
-
-<p>Es ist ein gewöhnlicher Fehler junger Leute in Georgs
-Jahren, daß sie sich für wichtiger halten, als es ihre Stellung in
-der Welt eigentlich mit sich bringt. Der gereifte Mann wird
-eine Beeinträchtigung seiner Würde eher verschmerzen oder
-wenigstens sein Mißfallen zurückhalten, während der Jüngling,
-empfindlicher über den Punkt der Ehre, leichter und schneller
-aufbraust. Kein Wunder daher, daß Georg, als er nach zwei
-tödlich langen Stunden in den Kriegsrat abgeholt wurde, nicht
-in der besten Laune war. Er folgte schweigend dem ergrauten
-Führer, der ihn hieher geleitet hatte, den langen Gang hin.</p>
-
-<p>An der Türe wandte sich jener um und sagte freundlich:
-»Verschmäht den Rat eines alten Mannes nicht, Junker, und
-legt die trotzige finstere Miene ab; es tut nicht gut bei den gestrengen
-Herrn da drinnen.«</p>
-
-<p>Georg war in dem Augenblick zu wenig Herr über sich,
-als daß er den wohlgemeinten Rat hätte befolgen können, er
-dankte ihm durch einen Händedruck, ergriff dann rasch die gewaltige
-eiserne Türklinke, und die schwere eichene Zimmertüre
-drehte sich ächzend auf.</p>
-
-<p>Um einen großen schwerfälligen Tisch saßen acht ältliche
-Männer, die den Kriegsrat des Bundes bildeten. Einige davon
-kannte Georg. Jörg Truchseß, Freiherr von Waldburg, nahm
-als Oberst-Feldleutnant den obersten Platz an dem Tische ein,
-zu beiden Seiten von ihm saßen Frondsberg und Franz von
-Sickingen, von den übrigen kannte er keinen als den alten
-Ludwig von Hutten; aber die Chronik hat uns ihre Namen
-treulich aufbewahrt; es saßen dort noch Christoph Graf zu
-Ortenberg, Alban von Closen, Christoph von Frauenberg und
-Diepolt von Stein, bejahrte, im Heere angesehene Männer.</p>
-
-<p>Georg war an der Türe stehen geblieben, Frondsberg aber
-winkte ihm freundlich, näher zu kommen. Er trat nun bis an
-den Tisch und überschaute nun mit dem freien kühnen Blick, der
-ihm so eigen war, die Versammlung. Aber auch er wurde von
-den Versammelten beobachtet, und es schien, als fänden sie Gefallen
-an dem schönen, hochgewachsenen Jüngling, denn mancher<span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span>
-Blick ruhte mit Wohlwollen auf ihm, einige nickten ihm sogar
-freundlich zu.</p>
-
-<p>Der Truchseß von Waldburg hob endlich an: »Georg von
-Sturmfeder, wir haben uns sagen lassen, Ihr seid auf der Hochschule
-in Tübingen gewesen, ist dem also?«</p>
-
-<p>»Ja, Herr Ritter,« antwortete Georg.</p>
-
-<p>»Seid Ihr in der Gegend von Tübingen genau bekannt?«
-fuhr jener fort.</p>
-
-<p>Georg errötete bei dieser Frage; er dachte an die Geliebte,
-die ja nur wenige Stunden von jener Stadt entfernt auf ihrem
-Lichtenstein war; doch er faßte sich bald und sagte: »Ich kam
-zwar nicht viel auf die Jagd, auch habe ich sonst die Gegend
-wenig durchstreift, doch ist sie mir im allgemeinen bekannt.«</p>
-
-<p>»Wir haben beschlossen,« fuhr Truchseß fort, »einen sicheren
-Mann in jene Gegend zu schicken, auszukundschaften, was der
-Herzog von Württemberg bei unserm Anzug tun wird. Es
-soll auch über die Befestigung des Schlosses Tübingen, über die
-Stimmung des Landvolkes in jener Gegend genaue Nachricht
-eingezogen werden; ein solcher Mann kann dem Württemberger
-durch Klugheit und List mehr Abbruch tun als hundert Reiter,
-und wir haben &ndash; Euch dazu ausersehen.«</p>
-
-<p>»Mich?« rief Georg voll Schrecken.</p>
-
-<p>»Euch, Georg von Sturmfeder; zwar gehört Uebung und
-Erfahrung zu einem solchen Geschäft, aber was Euch daran abgeht,
-möge Euer Kopf ersetzen.«</p>
-
-<p>Man sah dem Jüngling an, daß er einen heftigen Kampf
-mit sich kämpfte. Sein Gesicht war bleich, sein Auge starr, seine
-Lippen fest zusammengeklemmt. Die Warnung Mariens war
-ihm jetzt auf einmal klar; aber wie fest er auch bei sich beschloß,
-den Antrag auszuschlagen, wie erwünscht beinahe diese
-Gelegenheit erschien, um dem Bunde zu entsagen, so kam ihm
-die Entscheidung doch zu <span id="corr078">überraschend</span>, er scheute sich, vor den berühmten
-Männern seinen Entschluß auszusprechen.</p>
-
-<p>Der Truchseß rückte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und
-her, als der junge Mann so lange mit seiner Antwort zögerte:
-»Nun, wird's bald? Warum besinnet Ihr Euch so lange?« rief
-er ihm zu.</p>
-
-<p>»Verschonet mich mit diesem Auftrag,« sagte Georg nicht
-ohne Zagen; »ich kann, ich darf nicht.«</p>
-
-<p>Die alten Männer sahen sich erstaunt an, als trauten sie
-ihren Ohren nicht. »Ihr dürft nicht, Ihr könnt nicht?« wiederholte
-Truchseß langsam, und eine dunkle Röte, der Vorbote<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span>
-seines aufsteigenden Zornes, lagerte sich auf seine Stirne und
-um seine Augen.</p>
-
-<p>Georg sah, daß er sich in seinen Ausdrücken übereilt habe;
-er sammelte sich und sprach mit freierem Mute: »Ich habe Euch
-meine Dienste angeboten, um ehrlich zu fechten, nicht aber, um
-mich in Feindesland zu schleichen und hinterrücks nach seinen
-Gedanken zu spähen. Es ist wahr, ich bin jung und unerfahren,
-aber so viel weiß ich doch, um mir von meinen Schritten
-Rechenschaft geben zu können; und wer von Euch, der Vater
-eines Sohnes ist, möchte ihm zu seiner ersten Waffentat raten,
-den Kundschafter zu machen?«</p>
-
-<p>Der Truchseß zog die dunkeln, buschigen Augenbrauen zusammen
-und schoß einen durchdringenden Blick auf den Jüngling,
-der so kühn war, anderer Meinung zu sein als er. »Was
-fällt Euch ein, Junker!« rief er. »Eure Reden helfen Euch
-jetzt zu nichts, es handelt sich nicht darum, ob es sich mit Eurem
-kindischen Gewissen verträgt, was wir Euch auftragen; es
-handelt sich um Gehorsam, wir wollen es, und Ihr <em class="gesperrt">müßt</em>!«</p>
-
-<p>»Und ich <em class="gesperrt">will</em> nicht!« entgegnete ihm Georg mit fester
-Stimme. Er fühlte, daß mit dem Zorn über Waldburgs beleidigenden
-Ton sein Mut von Minute zu Minute wachse, er
-wünschte sogar, der Truchseß möchte noch weiter in seinen Reden
-fortfahren, denn jetzt glaubte er sich jeder Entscheidung gewachsen.</p>
-
-<p>»Ja freilich, freilich!« lachte Waldburg in bitterem Grimm,
-»das Ding hat Gefahr, so allein in Feindesland herumzureiten.
-Ha! Ha! Da kommen die Junker von Habenichts und Binnichts
-und bieten mit großen Worten und erhabenen Gesichtern
-ihren Kopf und ihren tapfern Arm an, und wenn es drauf und
-dran kommt, wenn man etwas von ihnen haben will, so fehlt es
-an Herz. Doch Art läßt nicht von Art, der Apfel fällt nicht
-weit vom Stamme &ndash; und wo nichts ist, da hat der Kaiser das
-Recht verloren.«</p>
-
-<p>»Wenn dies eine Beleidigung für meinen Vater sein soll,«
-antwortete Georg erbittert, »so sitzen hier Zeugen, die ihm bezeugen
-können, daß er in ihrem Gedächtnisse als ein Tapferer
-lebt. Ihr müßt viel getan haben in der Welt, daß Ihr Euch
-herausnehmt, auf andere so tief herabzusehen!«</p>
-
-<p>»Soll ein solcher Milchbart mir vorschreiben, was ich
-reden soll?« unterbrach ihn Waldburg. »Was braucht es da
-das lange Schwatzen? Ich will wissen, Junkerlein, ob Ihr<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span>
-morgen Euer Pferd satteln und Euch nach unseren Befehlen
-richten wollt oder nicht!«</p>
-
-<p>»Herr Truchseß,« antwortete Georg mit mehr Ruhe, als er
-sich selbst zugetraut hatte, »Ihr habt durch Eure scharfen Reden
-nichts gezeigt, als daß Ihr wenig wisset, wie man mit einem
-Edelmann, der dem Bunde seine Dienste anbot, wie man mit dem
-Sohn meines tapfern Vaters reden müsse. Ihr habt aber als
-Oberster dieses Rates im Namen des Bundes zu mir gesprochen
-und mich so tief beleidigt, als ob ich Euer ärgster Feind wäre,
-darum kann ich nichts tun als, wie Ihr selbst befehlet, mein Roß
-satteln, aber gewiß nicht zu Eurem Dienst. Es ist mir nicht
-länger Ehre, diesen Fahnen zu folgen, nein, ich sage mich los
-und ledig von euch für immer; gehabt euch wohl!«</p>
-
-<p>Der junge Mann hatte mit Nachdruck und Festigkeit gesprochen
-und wandte sich, zu gehen.</p>
-
-<p>»Georg,« rief Frondsberg, indem er aufsprang, »Sohn
-meines Freundes!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nicht so rasch, Junker!« riefen die übrigen und warfen
-mißbilligende Blicke auf Waldburg; aber Georg war, ohne sich
-umzusehen, aus dem Gemach geschritten, die eiserne Klinke schlug
-klirrend ins Schloß, und die gewaltigen Flügel der eichenen
-Pforte lagerten sich zwischen ihm und dem wohlmeinenden Nachruf
-der besser gesinnten Männer; sie schieden Georg von Sturmfeder
-auf ewig von dem schwäbischen Bunde.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap10">10.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">O wenn die Nacht des Grames dich umschlinget,<br /></span>
-<span class="i0">Mit schwerem Leid dein wundes Herz oft ringet,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn nur der Stern, der nach der Sonne stehet<br /></span>
-<span class="i0">Der Liebe Stern in dir nicht untergehet.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">P. Conz.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Georg fühlte sich leichter, als er auf seinem Zimmer über
-das Vorgefallene nachdachte. Jetzt war ja entschieden, was zu
-<em class="gesperrt">entscheiden</em> er so lange gezögert hatte, entschieden auf eine
-Weise, wie er sie besser nicht hätte wünschen können. So hatte
-er jetzt einen guten Grund, das Heer sogleich zu verlassen, und
-der Oberst-Feldleutnant mußte die Schuld sich selbst beimessen.</p>
-
-<p>Wie schnell hatte sich doch alles in den vier Tagen gewendet;
-wie verschieden waren die Gesinnungen, mit denen er in
-diese Stadt einzog, von denen, die ihn aus ihren Mauern hinaustrieben!<span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span>
-Damals, als der Donner der Geschütze, der feierliche
-Klang aller Glocken, die lockenden Töne der Trompeten
-ihn begrüßten, wie schlug da sein Herz dem Kampf entgegen,
-um Marien zu verdienen! Und als er das erste Mal vor jenen
-Frondsberg geführt wurde, wie erhebend war der Gedanke, unter
-den Augen dieses Mannes zu streiten, aus seinem Munde sich
-Ruhm zu erwerben! &ndash; Und wie erkaltete bald darauf sein Eifer,
-als der Bund in seinen Augen jenen Glanz verlor, mit welchem
-ihn seine jugendliche Phantasie umgeben hatte; wie schämte er
-sich, sein Schwert für die zu ziehen, die, nur von Eigennutz und
-Habgier getrieben, das schöne Land sich zur Beute ausersehen
-hatten! Wie schrecklich der Gedanke, Marie und die Ihrigen
-auf der feindlichen Seite zu wissen, treuergeben dem unglücklichen
-Fürsten, den auch er aus seinen Grenzen jagen helfen
-sollte? Um eine solche Sache sollte er jenes teure Herz brechen,
-das unter jedem Wechsel treu für ihn schlug? »Nein! Du hast
-es wohl mit mir gemeint,« sprach er, indem sein Auge dem
-Strahl der Abendsonne, der durch die runden Scheiben hereinfiel,
-hinauf zu dem blauen Himmel folgte; »du hast es wohl mit
-mir gemeint; was jedem andern, der heute an meiner Stelle
-stand, zum Verderben gewesen wäre, hast du für mich zum Heil
-gelenkt!« Jene Heiterkeit, die, seit er wußte, wie furchtbar sich
-das Geschick zwischen ihn und die Geliebte stellte, einem trüben
-Ernst gewichen war, kehrte wieder auf seine Stirne, um seinen
-Mund zurück; er sang sich ein frohes Lied, wie in seinen <em class="gesperrt">frohesten</em>
-Augenblicken.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Erstaunt betrachtete ihn der eintretende Herr von Kraft.
-»Nun, das ist doch sonderbar,« sagte er; »ich eile nach Haus,
-um meinen Gast in seinem gerechten Schmerz zu trösten, und
-finde ihn so fröhlich wie nie; wie reime ich das zusammen?«</p>
-
-<p>»Habt Ihr noch nie gehört, Herr Dietrich,« entgegnete
-Georg, der für geratener hielt, seine Fröhlichkeit zu verbergen,
-»habt Ihr nie gehört, daß man auch aus Zorn lachen und im
-Schmerz singen kann?«</p>
-
-<p>»Gehört hab' ich es schon, aber gesehen nie bis zu diesem
-Augenblick,« antwortete Kraft.</p>
-
-<p>»Nun, und Ihr habt also auch von der verdrießlichen Geschichte
-gehört?« fragte Georg. »Man erzählt es sich gewiß
-schon auf allen Straßen?«</p>
-
-<p>»O nein,« antwortete der Ratsschreiber, »man weiß nirgends
-etwas davon, man hätte ja zugleich Eure geheime Sendung
-nach Württemberg damit ausposaunen müssen. Nein!<span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span>
-Ich habe, Gott sei Dank, so meine eigenen Quellen und erfahre
-manches noch in <em class="gesperrt">der</em> Stunde, wo es getan oder gesprochen
-wurde. Aber nehmt mir's nicht übel, Ihr habt da einen
-dummen Streich gemacht!«</p>
-
-<p>»So,« antwortete Georg lächelnd, »und warum denn?«</p>
-
-<p>»Bot sich Euch nicht die schönste Gelegenheit, Euch auszuzeichnen?
-Wem wären die Bundesobersten mehr Dank schuldig
-als&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sagt es nur heraus,« unterbrach ihn Georg, »als dem
-Kundschafter in des Feindes Rücken. Es ist nur schade, daß
-mein Vater und die Ehre meines Namens mich <em class="gesperrt">vor</em>, und nicht
-<em class="gesperrt">hinter</em> den Feind bestimmt haben, es sei denn, daß er vor mir
-fliehe.«</p>
-
-<p>»Dies sind Bedenklichkeiten, die ich nicht bei Euch gesucht
-hätte. Wahrlich, wenn ich so bekannt in jener Gegend wäre
-wie Ihr, man hätte es mir nicht zweimal sagen dürfen.«</p>
-
-<p>»Ihr habt hier zu Lande vielleicht andere Grundsätze über
-diesen Punkt,« sagte Georg, nicht ohne Spott, »als wir in
-unserem Franken, das hätte Truchseß von Waldburg bedenken
-und einen Ulmer schicken sollen.«</p>
-
-<p>»Ihr bringt mich da eben recht noch auf etwas anderes.
-Der Oberst-Feldleutnant! Wie habt Ihr ihn Euch so zum
-Feinde machen mögen? Denn daß dieser Euch das Geschehene
-in seinem Leben nicht verzeiht, dürft Ihr gewiß sein.«</p>
-
-<p>»Das ist mein geringster Kummer,« antwortete Georg,
-»aber eines tut mir weh, daß ich den Uebermütigen, der schon
-meinem Vater Böses getan, wo er konnte, nicht vor meine
-Klinge stellen und ihm zeigen kann, daß der Arm nicht so ganz
-zu verachten ist, den er heute von sich gestoßen hat.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen,« fiel Kraft ein, »sprecht nicht so laut,
-er könnte es hören. Ueberhaupt müßt Ihr Euch sehr zusammennehmen,
-wenn Ihr ferner im Heere unter ihm dienen wollt.«</p>
-
-<p>»Ich will den Herrn Truchseß von meinem verhaßten Anblick
-bald befreien. So Gott will, habe ich die Sonne zum
-letztenmal in Ulm untergehen sehen!«</p>
-
-<p>»So wäre es wahr,« fragte Herr von Kraft mit Staunen,
-»was man noch dazusetzte, und was ich nicht glauben konnte:
-Georg von Sturmfeder will wegen dieser Kleinigkeit unsere
-gute Sache verlassen?«</p>
-
-<p>»Verletzung der Ehre ist nirgends eine Kleinigkeit,« antwortete
-Georg ernst, »am wenigsten bei einem Stand wie der
-unsrige. Was aber Eure gute Sache betrifft, so habe ich nachgerade<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span>
-eingesehen, daß ich weder für eine gute Sache, noch für
-eine gute Meinung, sondern für ein paar große Herren und
-für ein paar Mauern voll Spießbürger mich schlagen sollte.«</p>
-
-<p>Der unangenehme Eindruck, den besonders die letzten Worte
-auf den Ratsschreiber machten, entging ihm nicht, er fuhr daher,
-indem er seine Hand ergriff und drückte, ruhiger fort: »Nehmet
-mir meine scharfen Worte nicht übel, mein freundlicher Wirt,
-weiß Gott, ich habe Euch nicht damit beleidigen wollen; aber
-aus Eurem eigenen Munde habe ich die Gesinnungen und Zwecke
-der verschiedenen Parteien in diesem Heere erfahren. Schreibt
-es Euch selbst zu, wenn ich meinen eigenen Weg einschlage, da
-<em class="gesperrt">Ihr</em> mir die Binde von den Augen genommen habt.«</p>
-
-<p>»Ihr habt so unrecht gerade nicht, guter Junker, es wird
-bunt hergehen, wenn die Herren erst das schöne Land da
-drüben unter sich teilen; aber da habe ich gedacht, es geht ja in
-einem hin, Ihr könntet Euch auch Euer Scherflein dabei verdienen.
-Man sagt, Ihr dürft es mir aber nicht übelnehmen,
-Euer Haus sei etwas herabgekommen, da meinte ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nichts davon!« fiel Georg rasch ein, gerührt von der Gutmütigkeit
-seines Gastfreundes. »Das Haus meiner Väter zerfällt,
-unsere Tore hängen auf gebrochenen Angeln, auf der
-Zugbrücke wächst Moos, und auf dem hohen Wartturm hausen
-Eulen. In fünfzig Jahren steht vielleicht noch ein Turm oder
-ein Mäuerchen und erinnert den Wanderer, daß hier einst ein
-ritterliches Geschlecht hauste. Aber wenn auch die morschen
-Mauern über mir zusammenstürzen und den Letzten meines
-Stammes unter ihren Trümmern begraben, niemand soll von
-mir sagen, ich habe für ungerechtes Gut das Schwert meines
-Vaters gezogen.«</p>
-
-<p>»Jeder nach seiner Weise,« antwortete Dietrich, »es klingt
-dies alles recht schön; aber ich für meinen Teil würde mir schon
-etwas gefallen lassen, um mein Haus anständig und wohnlich
-wiederherzustellen. &ndash; Möget Ihr übrigens Euren Entschluß
-ändern oder nicht, auf jeden Fall hoffe ich, werdet Ihr es Euch
-noch einige Tage bei mir gefallen lassen.«</p>
-
-<p>»Ich erkenne Eure Güte,« antwortete Georg; »aber Ihr
-seht, daß ich unter den gegenwärtigen Umständen nichts mehr
-in dieser Stadt zu tun habe. Ich gedenke mit Anbruch des
-Morgens zu reiten.«</p>
-
-<p>»Nun, und kann man Euch Grüße mitgeben?« sagte der
-Ratsschreiber mit überaus schlauem Lächeln. »Ihr reitet doch
-den nächsten Weg nach Lichtenstein?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p>
-
-<p>Der junge Mann errötete bis in die Stirne hinauf. Es
-war zwischen ihm und seinem Gastfreund seit Mariens Abreise
-dieser Gegenstand noch nicht zur Sprache gekommen; um so mehr
-überraschte ihn jetzt die schlaue Frage seines Gastfreundes. »Ich
-sehe,« sagte er, »daß Ihr mich noch immer falsch verstehet. Ihr
-glaubet, ich habe dem Bunde nur deswegen den Rücken zugewandt,
-um mich an die Feinde anzuschließen? Wie möget
-Ihr nur so schlimm von mir denken!«</p>
-
-<p>»Ach, geht mir doch!« entgegnete der kluge Ratsschreiber.
-»Niemand anders als mein reizendes Bäschen hat Euch von uns
-abwendig gemacht. Ihr hättet wohl zu allem, was der Bund
-getan, ein Auge zugedrückt, wenn der alte Lichtenstein auch mitgemacht
-hätte; nun er auf der andern Seite steht, glaubt Ihr
-auch schnell umsatteln zu müssen!«</p>
-
-<p>Georg mochte sich verteidigen, wie er wollte, der Ratsschreiber
-war zu fest von seiner eigenen Klugheit überzeugt, als
-daß er sich diese Meinung hätte ausreden lassen. Er fand
-diesen Schritt auch ganz natürlich und sah nichts Böses oder
-Unehrliches darin. Mit einem herzlichen Gruß an die Base
-in Lichtenstein verließ er das Zimmer seines Gastes. Doch auf
-der Schwelle wandte er sich noch einmal um. »Fast hätte ich
-das Wichtigste vergessen,« sagte er, »ich begegnete Georg von
-Frondsberg auf der Straße. Er läßt Euch bitten, heute abend
-noch zu ihm in sein Haus zu kommen.«</p>
-
-<p>Georg hatte sich zwar selbst vorgestellt, daß ihn Frondsberg
-nicht ohne Abschied werde ziehen lassen, und doch war ihm bange
-vor dem Anblick dieses Mannes, der es so gut mit ihm gemeint,
-und dessen freundliche Pläne er so schnell durchkreuzt hatte. Er
-schnallte unter den Gedanken an diesen schweren Gang sein
-Schwert um und wollte eben seinen Mantel zurechtlegen, als
-ein sonderbares Geräusch von der Treppe her seine Aufmerksamkeit
-auf sich zog. Schwere Tritte vieler Menschen näherten
-sich seiner Türe, er glaubte Schwerter und Hellebarden auf dem
-Estrich seines Vorsaales klirren zu hören. Er machte schnell
-einige Schritte gegen die Türe, um sich von dem Grund seiner
-Vermutung zu überzeugen.</p>
-
-<p>Aber noch ehe er die Türe erreicht hatte, ging diese auf.
-Das matte Licht einiger Kerzen ließ ihn mehrere bewaffnete
-Kriegsknechte sehen, die seine Türe umstellt hatten. Jener alte
-Kriegsmann, der ihn heute vor dem Kriegsrat empfangen hatte,
-trat aus ihrer Mitte hervor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span></p>
-
-<p>»Georg von Sturmfeder!« sprach er zu dem Jüngling, der
-mit Staunen zurücktrat, »ich nehme Euch auf Befehl eines hohen
-Bundesrats gefangen.«</p>
-
-<p>»Mich, gefangen?« rief Georg mit Schrecken. »Warum?
-Wessen beschuldigt man mich denn?«</p>
-
-<p>»Das ist nicht meine Sache,« antwortete der Alte mürrisch,
-»doch wird man Euch vermutlich nicht lange in Ungewißheit
-lassen. Jetzt aber seid so gut und reicht mir Euer Schwert und
-folget mir auf das Rathaus.«</p>
-
-<p>»Wie? Euch soll ich mein Schwert geben?« entgegnete der
-junge Mann mit dem Zorn beleidigten Stolzes. »Wer seid
-Ihr, daß Ihr mir meine Waffen abfordern könnet? Da muß
-der Rat ganz andere Leute schicken als Euch, so viel verstehe ich
-auch von Eurem Handwerk!«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, gebt doch nach,« rief der Ratsschreiber,
-der sich bleich und verstört an seine Seite gedrängt hatte,
-»gebt nach! Widerstand kann Euch wenig nützen. Ihr habt
-es mit dem Truchseß zu tun,« flüsterte er heimlicher; »das ist
-ein böser Feind, bringt ihn nicht noch ärger gegen Euch auf.«</p>
-
-<p>Der alte Kriegsmann unterbrach die Einflüsterungen des
-Ratsschreibers. »Es ist wahrscheinlich das erste Mal, Junker,«
-sagte er, »daß Ihr in Haft genommen werdet, deswegen verzeihe
-ich Euch gern die unziemlichen Worte gegen einen Mann,
-der oft in einem Zelt mit Eurem Vater schlief. Euer Schwert
-möget Ihr auch immerhin behalten. Ich kenne diesen Griff und
-diese Scheide und habe den Stahl, den sie verschließt, manchen
-rühmlichen Kampf ausfechten sehen. Es ist löblich, daß Ihr
-viel darauf haltet und es nicht in jede Hand kommen lassen
-möget; aber aufs Rathaus müßt Ihr mit, denn es wäre töricht,
-wenn Ihr der Gewalt Trotz bieten wolltet.«</p>
-
-<p>Der Jüngling, dem alles wie ein Traum erschien, ergab
-sich schweigend in sein Schicksal, er trug dem Ratsschreiber
-heimlich auf, zu Frondsberg zu gehen und diesen von seiner
-Gefangenschaft zu unterrichten. Er wickelte sich tiefer in seinen
-Mantel, um auf der Straße bei diesem unangenehmen Gang
-nicht erkannt zu werden, und folgte dem ergrauten Führer und
-seinen Landsknechten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap11">11.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Die Eisentür geht auf, des Kerkers schwarze Wand<br /></span>
-<span class="i0">Erhellt ein blasser Schein, er höret jemand gehen<br /></span>
-<span class="i0">Und stemmt sich auf, und sieht&nbsp;&ndash;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Wieland.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Die Truppe, den Gefangenen in der Mitte, bewegte sich
-schweigend dem Rathaus zu. Nur eine einzige Fackel leuchtete
-ihnen voran, und Georg dankte dem Himmel, daß sie nur sparsame
-Helle verbreitete; denn er glaubte, alle Menschen, die ihm
-begegneten, müßten es ihm ansehen, daß er ins Gefängnis geführt
-werde. Nächst diesem beschäftigte ihn unterwegs vorzüglich
-<em class="gesperrt">ein</em> Gedanke: es war das erste Mal in seinem Leben,
-daß er in ein Gefängnis geführt wurde, er dachte daher nicht
-ohne Grauen an einen feuchten, unreinlichen Kerker. Das
-Burgverließ in seinem alten Schlosse, das er als Knabe einmal
-besucht hatte, kam ihm immer vor das Auge. Er war einigemal
-im Begriff, seinen Führer darüber zu befragen, doch drängte
-der Gedanke, man möchte es für kindische Furcht ansehen, seine
-Frage immer wieder zurück.</p>
-
-<p>Nicht wenig war er daher überrascht, als man ihn in ein
-geräumiges, schönes Zimmer führte, das zwar nicht sehr wohnlich
-aussah, denn es enthielt nur eine leere Bettstelle und einen
-ungeheuren Kamin, aber in Vergleichung mit den Bildern seiner
-Phantasie eher einem Prunkgemach als einem Gefängnis glich.
-Der alte Kriegsmann wünschte dem Gefangenen gute Nacht und
-zog sich mit seinen Knechten zurück. Ein kleiner, hagerer, sehr
-ältlicher Mann trat ein. Der große Schlüsselbund, welcher an
-seiner Seite hing und jeden seiner Schritte wie mit Kettengerassel
-bezeichnete, gab ihn als den Ratsdiener oder Schließer
-kund. Er legte schweigend einige große Scheite Holz ins Kamin,
-und bald loderte ein behagliches Feuer auf, das dem jungen
-Mann in der kalten Märznacht sehr zu statten kam. Auf die
-Bretter der breiten, leeren Bettstelle breitete der Schließer eine
-große wollene Decke, und das erste Wort, das Georg aus seinem
-Munde hörte, war die freundliche Einladung an den Gefangenen,
-sich's bequem zu machen. Die harten Brettchen, nur mit einer
-dünnen Decke überlegt, mochten nun freilich nicht sehr einladend
-aussehen, doch lobte Georg die Bemühungen des Alten und sein
-Gefängnis.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist halt die <span id="corr087">Ritterhaft</span>,« belehrte ihn der Schließer.
-»Die für den gemeinen Mann ist unter der Erde und nicht so
-schön, doch ist sie dafür desto besuchter.«</p>
-
-<p>»Hier war wohl seit langer Zeit niemand?« fragte Georg,
-indem er das öde Gemach musterte.</p>
-
-<p>»Der letzte war vor sieben Jahren ein Herr von Berger,
-er ist in jenem Bett verschieden. Gott sei seiner armen Seele
-gnädig! Es schien ihm aber hier zu gefallen, denn er ist schon
-in mancher Mitternacht aus seiner Bahre heraufgestiegen, um
-sein altes Zimmer zu besuchen.«</p>
-
-<p>»Wie?« sagte Georg lächelnd, »hieher soll er sich nach
-seinem Tode noch bemüht haben?«</p>
-
-<p>Der Schließer warf einen scheuen Blick in die Ecken des
-Zimmers, die, von dem unruhigen Flackern des Kaminfeuers
-kaum erhellt, sich bald vor-, bald zurückzudrängen schienen. Er
-legte das Holz mehr zurecht und brummte: »Man spricht so
-mancherlei.«</p>
-
-<p>»Und auf jener Decke ist er verschieden?« rief Georg, den
-bei allem jugendlichen Mut doch ein unwillkürlicher Schauder
-überlief.</p>
-
-<p>»Ja, Herr!« flüsterte der Schließer leise, »dort auf jener
-Decke ist er abgefahren. Gott gebe, daß es nicht tiefer als ins
-Fegefeuer ging. Wir nennen deswegen die Decke nur das Leichentuch,
-das Zimmer aber heißt des Ritters Totenkammer!« Mit
-leisen Schritten, als fürchte er, durch jeden Laut den Toten zu
-erwecken, schlich er aus dem Gemach, desto vernehmlicher rauschten
-außen seine Schlüssel in dem Türschloß, als feierten sie
-seinen Triumph, einem greulichen Spuk entflohen zu sein.</p>
-
-<p>»Also auf dem Leichentuch in des Ritters Totenkammer?«
-dachte Georg und fühlte, wie sein Herz lauter pochte. Man hatte
-zwar damals das menschliche Gemüt noch nicht wie in unsern
-Tagen durch eigene Gespenster- und Schauerbücher für das
-Grauenhafte empfänglich gemacht; doch hatten Ammen und alte
-Knechte hinlänglich dafür gesorgt, den Geist des Junkers Georg
-mit diesem reichlich wuchernden Unkraut anzupflanzen.</p>
-
-<p>Er war daher unschlüssig, ob er sich auf das Leichentuch
-legen sollte oder nicht. Aber er sah keinen Stuhl, keine Bank
-in der ganzen Totenkammer, der Boden, mit Backsteinen zierlich
-ausgelegt, war noch kälter als das kalte, feuchte Leichentuch.
-Er begann, sich dieser Untersuchungen, dieses Zögerns zu schämen,
-und bald nahm ihn das gastliche Lager des Verstorbenen
-auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span></p>
-
-<p>Auch das härteste Lager ist weich für den, der mit gutem
-Gewissen zur Ruhe geht. Georg hatte sein Nachtgebet gesprochen
-und war bald entschlummert. Aber aus dem Leichentuch
-stiegen wunderliche Träume auf und lagerten sich bange über
-den jungen Mann. Er sah deutlich, wie der alte Schließer zu
-dem großen Schlüsselloch hereinguckte und sich segnete, daß er
-auf der andern Seite der Türe stehe, denn in der Totenkammer
-begann es recht unheimlich zu werden. Es fing an, wunderlich
-umher zu rauschen, auf den Backsteinen schlurften alte
-Sohlen in häßlichen Tönen. Georg glaubte zu träumen; er
-ermannte sich, er horchte, er horchte wieder, aber es war keine
-Täuschung. Schwere Schritte tönten im Gemach; jetzt wurde
-das Feuer heller angeschürt, der ungewisse Schein der Flamme
-spielte um eine große, dunkle Gestalt; sie bewegte sich, der Weg
-vom Kamin zum Bette war gar nicht weit. Die Schritte kommen
-näher, das Leichentuch wird angefaßt und geschüttelt.
-Georg, von unabwendbarer Furcht befallen, drückt die Augen zu,
-aber als die Decke gerade neben seinem Haupte gefaßt wurde,
-als eine kalte, schwere Hand sich auf seine Stirne legte, da riß
-er sich los aus seiner Angst, er sprang auf und maß mit ungewissen
-Blicken jene dunkle Gestalt, die jetzt dicht vor ihm stand.
-Hell flackerten die Flammen im Kamine, sie beleuchteten die
-wohlbekannten Züge Georgs von Frondsberg.</p>
-
-<p>»Ihr seid es, Herr Feldhauptmann?« rief Georg, indem er
-freier atmete und seinen Mantel zurecht legte, um den Ritter
-nach Würde zu empfangen.</p>
-
-<p>»Bleibt, bleibt,« sagte jener und drückte ihn sanft auf sein
-Lager nieder. »Ich setze mich zu Euch auf das Bett, und wir
-plaudern noch ein halb Stündchen, denn es ist auf allen Glocken
-erst neun Uhr, und in Ulm schläft noch niemand als dieser
-Sprudelkopf, den man zur Abkühlung heute nacht recht hart gebettet
-hat.« Er faßte Georgs Hand und setzte sich zu seinen
-Füßen auf das Bett.</p>
-
-<p>»O, wie kann ich diese milde Nachsicht verdienen!« sprach
-Georg, »stehe ich nicht in Euren Augen als ein Undankbarer
-da, der Euer Wohlwollen zurückstößt und, was Ihr gütig für
-ihn angesponnen, mit rauher Hand zerreißt?«</p>
-
-<p>»Nein, mein junger Freund!« antwortete der freundliche
-Mann, »du stehst vor meinen Augen als der echte Sohn deines
-Vaters. Gerade so schnell fertig mit Lob und Tadel, mit Entschluß
-und Rede war er. Daß er ein Ehrenmann dabei war,
-weiß ich wohl, aber ich weiß auch, wie unglücklich ihn sein<span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span>
-schnelles Aufbrausen, sein Trotz, den er für Festigkeit ausgab,
-machten.«</p>
-
-<p>»Aber sagt selbst, edler Herr!« entgegnete Georg. »Konnte
-ich heute anders handeln? Hatte mich nicht der Truchseß aufs
-Aeußerste gebracht?«</p>
-
-<p>»Du konntest anders handeln, wenn du die Weise und Art
-dieses Mannes beachtetest, welche sich dir letzthin schon kundgab.
-Auch hättest du denken können, daß Leute genug da waren, die
-dir kein Unrecht geschehen ließen. Du aber schüttetest das Kind
-mit dem Bade aus und liefst weg.«</p>
-
-<p>»Das Alter soll kälter machen,« erwiderte der junge Mann,
-»aber in der Jugend hat man heißes Blut. Ich kann alles
-ertragen, Härte und Strenge, wenn sie gerecht sind und meine
-Ehre nicht kränken. Aber kalter Spott, Hohn über das Unglück
-meines Hauses kann mich zum wütenden Wolf machen. Wie
-kann ein so hoher Mann nur Freude daran haben, einen so
-zu quälen?«</p>
-
-<p>»Auf diese Art äußert sich immer sein Zorn,« belehrte ihn
-Frondsberg. »Je kälter und schärfer er aber von außen ist,
-desto heißer kocht in ihm die Wut. Er war es, der auf den Gedanken
-kam, dich nach Tübingen zu senden, teils weil er sonst
-keinen wußte, teils auch, um dir das Unrecht, das er dir angetan,
-wieder gut zu machen; denn in seinem Sinn war diese Sendung
-höchst ehrenvoll. Du aber hast ihn durch deine Weigerung
-gekränkt und vor dem Kriegsrat beschämt.«</p>
-
-<p>»Wie?« rief Georg. »Der Truchseß hat mich vorgeschlagen?
-So kam also jene Sendung nicht von Euch?«</p>
-
-<p>»Nein,« gab ihm der Feldhauptmann mit geheimnisvollem
-Lächeln zur Antwort, »nein! Ich habe ihm sogar mit aller
-Mühe abgeraten, dich zu senden, aber es half nichts, denn die
-wahren Gründe konnte ich ihm doch nicht sagen. Ich wußte,
-ehe du eintratst, daß du dich weigern würdest, dies Amt anzunehmen.
-&ndash; Nun, reiße doch die Augen nicht so auf, als wolltest
-du mir durch das lederne Koller ins Herz hineinschauen. Ich
-weiß allerlei Geschichten von meinem jungen Trotzkopf da!«</p>
-
-<p>Georg schlug verwirrt die Augen nieder. »So kamen Euch
-die Gründe nicht genügend vor, die ich angab?« sagte er. »Was
-wollt Ihr denn so Geheimnisvolles von mir wissen?«</p>
-
-<p>»Geheimnisvoll? Nun, so gar geheimnisvoll ist es gerade
-nicht, denn merke für die Zukunft: wenn man nicht verraten
-sein will, so muß man weder bei Abendtänzen sich gebärden wie
-einer, der vom St. Veitstanz befallen ist, noch nachmittags um<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span>
-drei Uhr zu schönen Mädchen gehen. Ja, mein Sohn, ich weiß
-allerlei,« setzte er hinzu, indem er lächelnd mit dem Finger
-drohte, »ich weiß auch, daß dieses ungestüme Herz gut württembergisch
-ist.«</p>
-
-<p>Georg errötete und vermochte den lauernden Blick des
-Ritters nicht auszuhalten. »Württembergisch?« entgegnete er,
-nachdem er sich mit Mühe gefaßt hatte, »da tut Ihr mir unrecht;
-nicht mit Euch zu Feld ziehen zu wollen, heißt noch nicht,
-sich an den Feind anschließen; gewiß, ich schwöre Euch&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Schwöre nicht,« fiel ihm Frondsberg rasch ins Wort,
-»ein Eid ist ein leichtes Wort, aber es ist doch eine drückend
-schwere Kette, die man bricht oder von der man zerbrochen wird.
-Was du tun wirst, das wird so sein, daß es sich mit deiner
-Ehre verträgt. Nur eines mußt du dem Bunde an Eidesstatt
-geloben, und dann erst wirst du deiner Haft entlassen: in den
-nächsten vierzehn Tagen nicht gegen uns zu kämpfen.«</p>
-
-<p>»So legt Ihr mir also dennoch falsche Gesinnungen unter?«
-sprach Georg bewegt. »Das hätte ich nicht gedacht; und wie
-unnötig ist dieser Schwur! Für wen, und mit wem sollte ich
-denn auf jener Seite kämpfen? Die Schweizer sind abgezogen,
-das Landvolk hat sich zerstreut, die Ritterschaft liegt in den
-Festungen und wird sich hüten, den nächsten besten, der vom
-Bundesheer herüberläuft, in ihre Mauern aufzunehmen, der
-Herzog selbst ist entflohen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Entflohen?« rief Frondsberg aus. »Entflohen? Das
-weiß man noch nicht so gewiß; warum hätte der Truchseß denn
-die Reiter ausgeschickt?« setzte er hinzu. »Und überhaupt, wo
-hast du diese Nachrichten alle her? Hast du den Kriegsrat
-belauscht? Oder sollte es wahr sein, was einige behaupten wollen,
-daß du verdächtige Verbindungen nach Württemberg hinüber
-unterhältst?«</p>
-
-<p>»Wer wagt dies zu behaupten?« rief Georg erblassend.</p>
-
-<p>Frondsbergs durchdringende Augen ruhten prüfend auf den
-Zügen des jungen Mannes. »Höre, du bist mir zu jung und
-ehrlich zu einem Bubenstücke,« sagte er, »und wenn du etwas
-solches im Schilde führtest, hättest du dich wohl nicht vom
-Bunde losgesagt, sondern auch ferner Württembergs Spion
-gemacht.«</p>
-
-<p>»Wie? spricht man so von mir?« unterbrach ihn Georg.
-»Wenn Ihr nur ein Fünkchen Liebe zu mir habt, so nennt mir
-den schlechten Kerl, der so von mir spricht!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span></p>
-
-<p>»Nur nicht gleich wieder so aufbrausend!« entgegnete
-Frondsberg und drückte die Hand des jungen Mannes. »Du
-kannst denken, daß, wenn ein solches Wort öffentlich gesprochen
-würde oder ich an diese Einflüsterungen glaubte, Georg von
-Frondsberg nicht zu dir käme, aber etwas muß denn doch an
-der Sache sein. Zu dem alten Lichtenstein kam öfters ein
-schlichter Bauersmann in die Stadt; er fiel nicht auf zu einer
-Zeit, wo so vielerlei Menschen hier sind. Aber man gab uns
-geheime Winke, daß dieser Bauer ein verschlagener Mann und
-ein geheimer Botschafter aus Württemberg sei. Der Lichtensteiner
-zog ab, und der Bauer und sein geheimnisvolles Treiben
-war vergessen. Diesen Morgen hat er sich wieder gezeigt. Er
-soll vor der Stadt lange Zeit mit dir gesprochen haben, auch
-wurde er in deinem Haus gesehen. Wie verhält sich nun diese
-Sache?«</p>
-
-<p>Georg hatte ihm mit wachsendem Staunen zugehört. »So
-wahr ein Gott über mir ist,« sagte er, als Frondsberg geendet
-hatte, »ich bin unschuldig. Heute früh kam ein Bauer zu mir
-und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun, warum verstummst du auf einmal?« fragte Frondsberg,
-»du glühst ja über und über, was ist es denn mit diesem
-Boten?«</p>
-
-<p>»Ach! ich schäme mich, es auszusprechen, und dennoch habt
-Ihr ja schon alles erraten; er brachte mir ein paar Worte
-von &ndash; meinem Liebchen!« Der junge Mann öffnete bei diesen
-Worten sein Wams und zog einen Streifen von Pergament hervor,
-den er dort verborgen hatte. »Seht, dies ist alles, was er
-brachte,« sagte er, indem er es Frondsberg bot.</p>
-
-<p>»Das ist also alles?« lachte dieser, nachdem er gelesen
-hatte; »armer Junge! und du kennst also diesen Mann nicht
-näher? Du weißt nicht, wer er ist.«</p>
-
-<p>»Nein, er ist auch weiter nichts als unser Liebesbote, dafür
-wollte ich stehen!«</p>
-
-<p>»Ein schöner Liebesbote, der nebenher unsere Sachen auskundschaften
-soll; weißt du denn nicht, daß es der gefährlichste
-Mann ist? es ist der Pfeifer von Hardt.«</p>
-
-<p>»Der Pfeifer von Hardt?« fragte Georg. »Zum erstenmal
-höre ich diesen Namen; und was ist es denn, wenn er der
-Pfeifer von Hardt ist?«</p>
-
-<p>»Das weiß niemand recht; er war im Aufstand vom armen
-Konrad einer der schrecklichsten Aufrührer, nachher wurde er<span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span>
-begnadigt; seit der Zeit führt er ein unstätes Leben und ist jetzt
-ein Kundschafter des Herzogs von Württemberg.«</p>
-
-<p>»Und hat man ihn aufgefangen?« forschte Georg weiter,
-denn unwillkürlich nahm er wärmeren Anteil an seinem neuen
-Diener.</p>
-
-<p>»Nein, das gerade ist das Unbegreifliche; man machte
-uns so still als möglich die Anzeige, daß er sich wieder in Ulm
-sehen lasse; in Eurem Stall soll er zuletzt gewesen sein, und als
-wir ihn ganz im geheimen aufheben wollten, war er über alle
-Berge. Nun, ich glaube deinem Wort und deinen ehrlichen
-Augen, daß er in keinen andern Angelegenheiten zu dir kam. &ndash;
-Du kannst dich übrigens darauf verlassen, daß er, wenn es derselbe
-ist, den ich meine, nicht allein deinetwegen sich nach Ulm
-wagte. Und solltest du je wieder mit ihm zusammentreffen, so
-nimm dich in acht, solchem Gesindel ist nicht zu trauen. Doch
-der Wächter ruft zehn Uhr. Lege dich noch einmal aufs Ohr
-und verträume deine Gefangenschaft. Vorher aber gib mir dein
-Wort wegen der vierzehn Tage, und das sage ich dir, wenn du
-Ulm verläßt, ohne dem alten Frondsberg lebewohl zu sagen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich komme, ich komme,« rief Georg, gerührt von der
-Wehmut des verehrten Mannes, die jener umsonst unter einer
-lächelnden Miene zu verbergen suchte. Er gab ihm Handtreue,
-wie es der Kriegsrat verlangte; der Ritter aber verließ mit
-langsamen Schritten die Totenkammer.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap12">12.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Nur einmal noch laß leuchten<br /></span>
-<span class="i0">Mir deiner Augen Strahl,<br /></span>
-<span class="i0">Laß hören deine Stimme<br /></span>
-<span class="i0">Nur noch ein einzigmal!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">K. Grüneisen.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Die Mittagssonne des folgenden Tages sendete drückende
-Strahlen auf einen Reiter, welcher über den Teil der schwäbischen
-Alb, der gegen Franken ausläuft, hinzog. Er war jung,
-mehr schlank als fest gebaut, und ritt ein hochgewachsenes Pferd
-von dunkelbrauner Farbe; er war wohl bewaffnet mit Brustharnisch,
-Dolch und Schwert; einige andere Stücke seiner Armatur,
-als der Helm und die aus Eisenblech getriebenen Arm- und
-Beinschienen, waren am Sattel befestigt. Die hellblau und
-weißgestreifte Feldbinde, die von der rechten Schulter sich über<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span>
-die Brust zog, ließ erraten, daß der junge Mann von Adel
-war, denn diese Auszeichnung war damals ein Vorrecht höherer
-Stände.</p>
-
-<p>Er war auf einem Berggipfel angekommen, welcher eine
-weite Aussicht ins Tal hinab gewährte. Er hielt sein schnaubendes
-Roß an, wandte es zur Seite und genoß nun den schönen
-Anblick, der sich vor seinem Auge ausbreitete. Vor ihm eine
-weite Ebene, von waldigen Höhen begrenzt, durchströmt von den
-grünen Wellen der Donau; zu seiner Rechten die Hügelkette der
-württembergischen Alp, zu seiner Linken in weiter, weiter Ferne
-die Schneekuppen der Tiroler Alpen. In freundlichem Blau
-spannte der Himmel seinen Bogen über diese Szene, und seine
-sanften, lichten Farben kontrastierten sonderbar mit den schwärzlichen
-Mauern Ulms, das am Fuße des Berges lag, mit seinem
-dunkelgrauen ungeheuren Münsterturm. Die dumpfen Glocken
-dieser alten Kirche begannen in diesem Augenblick den Mittag
-einzuläuten; ihre Töne zogen in langen, beruhigenden Akkorden
-über die Stadt, über die weite Ebene, bis sie sich an den fernen
-Bergen brachen und zitternd in das Blau der Lüfte verschwebten,
-als wollten sie auf ihrer melodischen Leiter die Wünsche
-der Menschen zum Himmel tragen.</p>
-
-<p>»So begleitet ihr also den Scheidenden, wie ihr seinen
-Eintritt begrüßt habt,« rief der junge Reiter, »mit denselben
-Tönen, mit denselben feierlichen Akkorden sprechet ihr zu ihm,
-wann er kommt und geht; wie anders, wie so ganz anders deutete
-ich eure ehernen Stimmen, als mein Ohr euch zum erstenmal
-lauschte. Da vernahm ich in euch verwandte Töne, es klang
-mir wie ein Ruf zur Geliebten! Und jetzt, da ich scheide, ohne
-Aussicht, ohne Freude, jetzt ruft ihr mir dieselben Töne entgegen?
-Die Geburt meiner seligen Hoffnung habt ihr ebenso
-eingeläutet wie jetzt das Grabgeläute meiner Hoffnung. Das
-Bild des Lebens!« setzte er wehmütig hinzu, indem er nach
-einem langen Abschiedsblick auf dieses Tal, auf diese Mauern
-sein Pferd wandte. »Das Bild des Lebens! Um Wiege und
-Sarg schweben sie in gleichen Tönen, und die Glocken meiner
-Hauskapelle haben an jenem fröhlichen Tage, wo man mich zur
-Taufe trug, mir ebenso getönt, wie sie mir tönen werden, wenn
-man den letzten Sturmfeder zu Grabe trägt!«</p>
-
-<p>Das Gebirge wurde jetzt steiler, und Georg, denn als
-diesen haben unsere Leser den jungen Reiter schon längst erkannt,
-Georg ließ sein Pferd langsam hinschreiten, indem er
-seinen Gedanken nachhing. Es war der Weg nach seiner Heimat,<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span>
-und die Vergleichungen, die er zwischen dieser Heimkehr und
-dem fröhlichen Auszug anstellte, mochten nicht dazu beitragen,
-seine düsteren Gefühle aufzuhellen. Der gestrige Tag, der
-schnelle Wechsel heftiger Empfindungen, seine Verhaftung, zuletzt
-noch heute der Abschied von Männern, die ihm wohlwollten,
-hatten ihn heftig angegriffen.</p>
-
-<p>Wie treuherzig und gutmütig hatte Dietrich von Kraft,
-sein zierlicher Gastfreund, seine Abreise bedauert. Wie gleich
-war sich dieser gute Mensch in seinem Wohlwollen gegen ihn
-geblieben, vom ersten Becher an, den er mit ihm im Rathaussaale
-geleert, bis zum Abschiedstrunk, den er seinem Gast noch
-auf das Pferd hinauf kredenzte. Und wie hatte er ihm gelohnt?
-Beschäftigt mit sich selbst, hatte er ihn wenig geachtet,
-übersehen. Wie hatte er dem biedern Breitenstein, wie dem
-Helden Frondsberg, der ihn vor den Augen eines Heeres wie
-seinen Liebling ausgezeichnet hatte, wie hatte er ihnen vergolten?
-Wahrlich, es ist für ein edles Gemüt kein Gedanke
-drückender als der, für undankbar zu gelten bei Männern, in
-deren Augen wir geachtet sein möchten.</p>
-
-<p>Er hatte unter diesen trüben Gedanken eine gute Strecke
-auf dem Gebirgsrücken zurückgelegt. Die Strahlen der Märzsonne
-wurden immer drückender, die Pfade rauher, und er beschloß,
-unter dem Schatten einer breiten Eiche sich und seinem
-Pferde Mittagsruhe zu gönnen. Er stieg ab, schnallte den
-Sattelgurt leichter und ließ das ermüdete Tier die sparsam hervorkeimenden
-Gräser aufsuchen. Er selbst streckte sich unter
-der Eiche nieder, und so gerne er sich dem Schlafe überlassen
-hätte, wozu nach dem ermüdenden Ritte ihn der kühle Schatten
-einlud, so hielt ihn doch die Besorgnis, in so unruhigen Zeiten
-in einem Lande, das so nahe dem Schauplatz des Krieges lag,
-um sein Roß und vielleicht gar um seine Waffen zu kommen,
-einige Zeit wach, bis er in jenen Zustand versank, wo die Seele
-zwischen Wachen und Schlafen umsonst mit dem Körper kämpft,
-der ungestüm seine Rechte fordert.</p>
-
-<p>Er mochte wohl ein Stündchen so geschlummert haben, als
-ihn das Wiehern seines Pferdes aufschreckte. Er sah sich um
-und gewahrte einen Mann, der, ihm den Rücken gekehrt, sich
-mit dem Tier beschäftigte. Sein erster Gedanke war, daß man
-seine Unachtsamkeit benützen und das Pferd entführen wolle.
-Er sprang auf, zog sein Schwert und war in drei Sprüngen
-dort. »Halt! Was hast du da mit dem Pferd zu schaffen!« rief<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span>
-er, indem er seine Hand etwas unsanft auf die Schulter des
-Mannes legte.</p>
-
-<p>»Habt Ihr mich denn schon wieder aus Eurem Dienst entlassen,
-Junker?« antwortete dieser und wandte sich zu ihm. In
-den listigen, kühnen Augen, an dem lächelnden Mund erkannte
-Georg sogleich den Boten, den ihm Marie gesandt hatte. Er
-war noch unschlüssig, wie er sich gegen ihn benehmen sollte, denn
-Frondsbergs Warnung schreckte ihn ab, Mariens Zuversicht
-empfahl ihn, doch der Bauer fuhr fort, indem er ihm eine gute
-Handvoll Heu vorzeigte: »Ich konnte mir wohl denken, daß Ihr
-keinen Futtersack mitnehmen werdet. Auf den Bergen da oben
-sieht es noch schlecht aus mit dem Gras, da habe ich denn Eurem
-Braunen einen Armvoll Heu mitgebracht. Es hat ihm trefflich
-behagt.« So sprach der Bauer und fuhr ganz gelassen fort,
-dem Pferd das Futter hinzureichen.</p>
-
-<p>»Und woher kommst du denn?« fragte Georg, nachdem er
-sich ein wenig von seinem Erstaunen erholt hatte.</p>
-
-<p>»Nun, Ihr seid ja so schnell von Ulm weggeritten, daß ich
-Euch nicht gleich folgen konnte,« antwortete jener.</p>
-
-<p>»Lüge nicht,« unterbrach ihn der junge Mann. »Sonst
-kann ich dir fürder nicht vertrauen. Du kommst jetzt nicht aus
-jener Stadt her.«</p>
-
-<p>»Nun, Ihr werdet mich doch nicht schelten, daß ich mich
-etwas früher auf den Weg machte als Ihr?« sagte der Bauer
-und wandte sich ab. Doch entging Georg nicht, daß jenes listige
-Lächeln wieder über sein Gesicht zog.</p>
-
-<p>»Laß mein Pferd jetzt stehen,« rief Georg ungeduldig, »und
-komm mit mir unter die Eiche dort. Da setze dich hin und
-sprich, aber ohne auszuweichen, warum hast du gestern abend
-so plötzlich die Stadt verlassen?«</p>
-
-<p>»An den Ulmern lag es nicht,« entgegnete jener; »sie wollten
-mich sogar einladen, länger bei ihnen zu bleiben, und wollten
-mir freie Kost und Wohnung geben.«</p>
-
-<p>»Ja, ins tiefste Verließ wollten sie dich stecken, wo weder
-Sonne noch Mond hinscheint, und wohin die Kundschafter und
-Späher gehören.«</p>
-
-<p>»Mit Verlaub, Junker,« erwiderte der Bote, »da wäre
-ich, wiewohl ein paar Stockwerke tiefer, in dieselbe Behausung
-gekommen wie Ihr.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span></p>
-
-<p>»Hund von einem Aufpasser!« rief der Junker ungeduldig,
-indem Zorn seine Wange rötete. »Willst du meines Vaters
-Sohn in eine Reihe stellen mit dem Pfeifer von Hardt?«</p>
-
-<p>»Was sprecht Ihr da!« fuhr der Mann an seiner Seite mit
-wilder Miene auf. »Was nennt Ihr für einen Namen? Kennt
-Ihr den Pfeifer von Hardt?« Er hatte vielleicht unwillkürlich
-bei diesen Worten die Axt, die neben ihm lag, in seine nervige
-Rechte gefaßt. Seine gedrungene feste Gestalt, seine breite
-Brust gaben ihm, trotz seiner nicht ansehnlichen Größe, doch das
-Ansehen eines nicht zu verachtenden Kämpfers; sein wild rollendes
-Auge, sein eingepreßter Mund möchten manchen einzelnen
-Mann außer Fassung gebracht haben.</p>
-
-<p>Der Jüngling aber sprang mutig auf, er warf sein langes
-Haar zurück, und ein Blick voll Stolz und Hoheit begegnete dem
-finstern Auge jenes Mannes. Er legte seine Hand an den Griff
-seines Schwertes und sagte ruhig und fest: »Was fällt dir ein,
-dich so vor mich hinzustellen und mit dieser Stirne mich zu
-fragen? Du bist, wenn ich nicht irre, der, den ich nannte, du
-bist dieser Meuterer und Anführer von aufrührerischen Hunden.
-Pack' dich fort, auf der Stelle, oder ich will dir zeigen, wie man
-mit solchem Gesindel spricht!«</p>
-
-<p>Der Bauer schien mit seinem Zorn zu ringen; er hieb die
-Axt mit einem kräftigen Schwung in den Baum und stand nun
-ohne Waffe vor dem zürnenden jungen Mann. »Erlaubet,«
-sagte er, »daß ich Euch für ein andermal warne, daß Ihr Euren
-Gegner, und sei er auch nur ein geringer Bauersmann wie ich,
-nicht zwischen Euch und Eurem Braunen stehen lasset; denn
-wenn ich Euren Befehl, mich fortzupacken, hätte aufs schnellste
-befolgen wollen, wäre er mir trefflich zu statten gekommen.«</p>
-
-<p>Ein Blick dahin überzeugte Georg, daß der Bauer wahr gesprochen
-habe. Errötend über diese Unvorsichtigkeit, die beweisen
-konnte, wie wenig er noch Erfahrung im Kriege besitze, ließ er
-seine Hand von dem Griff seines Schwertes sinken und setzte
-sich, ohne etwas zu erwidern, auf die Erde nieder. Der Bauer
-folgte, jedoch in ehrerbietiger Entfernung, seinem Beispiel und
-sprach: »Ihr habt ganz recht, daß Ihr mir grollt, Herr von
-Sturmfeder, aber wenn Ihr wüßtet, wie weh mir jener Name
-tut, würdet Ihr vielleicht meine schnelle Hitze verzeihen! Ja,
-ich bin der, den man so nennt; aber es ist mir ein Greuel, mich
-also rufen zu hören. Meine Freunde nennen mich Hans, aber
-meinen Feinden gefällt jener Name, weil ich ihn hasse.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span></p>
-
-<p>»Was hat dir dieser unschuldige Name getan?« fragte
-Georg, »warum nennt man dich so? Warum willst du dich nicht
-so nennen lassen?«</p>
-
-<p>»Warum man mich so nennt?« antwortete jener. »Ich bin
-aus einem Dorf, das heißt Hardt und liegt im Unterland, nicht
-weit von Nürtingen. Meinem Gewerbe nach bin ich ein Spielmann
-und musiziere auf Märkten und Kirchweihen, wenn die
-ledigen Burschen und die jungen Mägdlein tanzen wollen. Deswegen
-nannte man mich den Pfeifer von Hardt. Aber dieser
-Name hat sich mit Untat und Blut befleckt in einer bösen Zeit,
-darum habe ich ihn abgetan und kann ihn nimmer leiden.«</p>
-
-<p>Georg maß ihn mit einem durchdringenden Blicke, indem
-er sagte: »Ich weiß wohl, in welcher bösen Zeit: Als ihr Bauern
-gegen euren Herzog rebelliert habt, da warst du einer von den
-Aergsten. Ist's nicht also?«</p>
-
-<p>»Ihr seid wohlbekannt mit dem Schicksal eines unglücklichen
-Mannes,« sagte der Bauer, finster zu Boden blickend. »Ihr
-müßt aber nicht glauben, daß ich noch derselbe bin. Der Heilige
-hat mich gerettet und meinen Sinn geändert, und ich darf sagen,
-daß ich jetzt ein ehrlicher Mann bin.«</p>
-
-<p>»O, erzähle mir,« unterbrach ihn der Jüngling, »wie ging
-es zu in jenem Aufruhr? Wie wurdest du gerettet? Wie
-kommt's, daß du jetzt dem Herzog dienst?«</p>
-
-<p>»Das alles will ich auf ein andermal versparen,« entgegnete
-jener; »denn ich hoffe nicht, zum letztenmal an Eurer Seite
-zu sein. Erlaubt mir dafür, daß ich auch Euch etwas frage:
-Wo soll Euch denn dieser Weg hinführen? Da geht nicht die
-Straße nach Lichtenstein!«</p>
-
-<p>»Ich gehe auch nicht nach Lichtenstein!« antwortete Georg
-niedergeschlagen. »Mein Weg führt nach Franken zu dem alten
-Oheim. Das kannst du dem Fräulein vermelden, wenn du nach
-Lichtenstein kommst.«</p>
-
-<p>»Und was wollt Ihr beim Oheim? Jagen? Das könnt
-Ihr anderswo ebensogut. Langeweile haben? Die kauft Ihr
-allerorten wohlfeil. Kurz und gut, Junker,« setzte er gutmütig
-lächelnd hinzu, »ich rate Euch, wendet Euer Roß und reitet so
-ein paar Tage mit mir in Württemberg umher. Der Krieg
-ist ja so gut als beendigt. Man kann ganz ungehindert reisen.«</p>
-
-<p>»Ich habe dem Bund mein Wort gegeben, in vierzehn
-Tagen nicht gegen ihn zu fechten; wie kann ich also nach Württemberg
-gehen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span></p>
-
-<p>»Heißt denn das gegen ihn fechten, wenn Ihr ruhig Eure
-Straße ziehet? So also, vierzehn Tage lang? In vierzehn
-Tagen glauben sie den Krieg vollendet? Wird noch mancher
-nach vierzehn Tagen den Kopf verstoßen an den Mauern von
-Tübingen. Kommt mit, es ist ja nicht gegen Euren Eid!«</p>
-
-<p>»Und was soll ich in Württemberg?« rief Georg schmerzlich,
-»soll ich recht in der Nähe sehen, wie meine Kriegsgesellen
-bei Eroberung der Festen sich Ruhm erwerben? Soll ich den
-Bundesfahnen, denen ich auf ewig lebewohl gesagt und den
-Rücken gekehrt, noch einmal begegnen? Nein! Nach Franken
-will ich ziehen, in meine Heimat,« sagte er düster, indem er
-die umwölkte Stirn in die Hand stützte; »in meine alten Mauern
-will ich mich begraben und träumen, wie ich hätte glücklich sein
-können!«</p>
-
-<p>»Das ist ein schöner Entschluß für einen jungen Mann
-von Eurem Schrot und Korn! Habt Ihr denn in Württemberg
-gar nichts zu tun, als des armen Herzogs Burgen zu stürmen?
-Nun, reitet immerhin,« fuhr er fort, indem er den Jüngling
-mit listigem Lächeln anblickte, »versucht einmal, ob der Lichtenstein
-nicht mit Sturm genommen werden könne?«</p>
-
-<p>Der junge Mann errötete bis in die Stirne hinauf. »Wie
-magst du nur jetzt deinen Scherz treiben,« sagte er halb in Unmut,
-halb lächelnd, »wie magst du mit meinem Unglück spaßen?«</p>
-
-<p>»Fällt mir nicht ein, Scherz mit meinem gnädigen Junker
-zu treiben,« antwortete sein Gefährte; »es ist mein voller Ernst,
-daß ich Euch bereden möchte, dorthin zu ziehen.«</p>
-
-<p>»Und was dort tun?«</p>
-
-<p>»Nun! den alten Herrn für Euch gewinnen und die Tränen
-des bleichen Fräuleins stillen, das wegen Euch Tag und Nacht
-weint!«</p>
-
-<p>»Und wie soll ich auf den Lichtenstein kommen? Der Vater
-kennt mich nicht, wie soll ich mit ihm bekannt werden?«</p>
-
-<p>»Seid Ihr der erste Rittersmann, der nach Sitte der
-Väter eine freie Zehrung in einem Schloß fordert? Lasset
-nur mich dafür sorgen, so sollt Ihr bald auf den Lichtenstein
-kommen!«</p>
-
-<p>Der Jüngling sann lange Zeit nach, er erwog alle Gründe
-für und wider, er bedachte, ob es nicht gegen seine Ehre sei,
-statt vom Schauplatz des Krieges sich zu entfernen, in eine
-Gegend zu reisen, wohin sich der Krieg notwendig ziehen mußte.<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span>
-Doch als er bedachte, wie milde die Bundesobersten selbst seinen
-Abfall angesehen hatten, wie sie sogar im Fall seines völligen
-Uebertrittes zum Feinde nur vierzehn Tage Frist angesetzt
-hatten, als ihm Mariens trauernde Miene, ihre stille Sehnsucht
-auf ihrem einsamen Lichtenstein vorschwebte, da neigte
-sich die Schale nach Württemberg.</p>
-
-<p>»Noch einmal will ich sie sehen, nur noch einmal sie sprechen,«
-dachte er. &ndash; »Nun wohlan!« rief er endlich, »wenn du
-mir versprichst, daß nie davon die Rede sein soll, mich an die
-Württemberger anzuschließen, daß ich nicht als Anhänger eures
-Herzogs, sondern als Gast in Lichtenstein behandelt werde,
-wenn du dies versprichst, so will ich folgen.«</p>
-
-<p>»Für mich kann ich dies wohl versprechen,« antwortete
-der Bauer, »aber wie kann ich etwas geloben für den Ritter
-von Lichtenstein?«</p>
-
-<p>»Ich weiß, wie du mit ihm stehest, und daß du oft zu ihm
-nach Ulm kamst, und er sein Vertrauen in dich setzt. So gut
-du ihm geheime Botschaft aller Art bringen konntest, nicht minder
-kannst du ihm auch dies beibringen.«</p>
-
-<p>Der Pfeifer von Hardt sah den jungen Mann lange staunend
-an. »Woher wißt Ihr dies?« rief er. »Doch &ndash; die,
-welche mich verfolgten, können auch dies gesagt haben. Nun
-gut, ich verspreche Euch, daß Ihr überall so angesehen sein sollt,
-als Ihr wollet. Besteiget Euer Roß, ich will Euch führen, und
-Ihr sollt willkommen sein auf Lichtenstein!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap13">13.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Da spricht der arme Hirte: »Des mag noch werden Rat;<br /></span>
-<span class="i0">Ich weiß geheime Wege, die noch kein Mensch betrat.<br /></span>
-<span class="i0">Kein Mensch mag sie ersteigen, nur Geißen klettern dort;<br /></span>
-<span class="i0">Wollt ihr sogleich mir folgen, ich bring' Euch sicher fort.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Uhland.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Von jenem Bergrücken, wo Georg den Entschluß gefaßt
-hatte, seinem geheimnisvollen Führer zu folgen, gab es zwei
-Wege in die Gegend von Reutlingen, wo Mariens Bergschloß,
-der Lichtenstein, lag. Der eine war die offene Heerstraße, welche
-von Ulm nach Tübingen führt. Sie führte durch das schöne
-Blautal, bis man bei Blaubeuren wieder an den Fuß der Alb
-kommt, von da quer über dieses Gebirge, vorbei an der Feste
-Hohen-Urach, gegen St. Johann und Pfullingen hin. Dieser<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span>
-Weg war sonst für Reisende, die Pferde, Sänften oder Wagen
-mit sich führten, der bequemere. In jenen Tagen aber, wo
-Georg mit dem Pfeifer von Hardt über das Gebirge zog, war
-es nicht ratsam, ihn zu wählen. Die Bundestruppen hatten
-schon Blaubeuren besetzt, ihre Posten dehnten sich über die
-ganze Straße bis gegen Urach hin und verfuhren gegen jeden,
-der nicht zum Heere gehörte oder zu ihnen sich bekannte, mit
-großer Strenge und Erbitterung. Georg hatte seine Gründe,
-diese Straße nicht zu wählen, und sein Führer war zu sehr auf
-seine eigene Sicherheit bedacht, als daß er dem jungen Mann
-von diesem Entschluß abgeraten hätte.</p>
-
-<p>Der andere Weg, eigentlich ein Fußpfad und nur den Bewohnern
-des Landes genau bekannt, berührte auf einer Strecke
-von beinahe zwölf Stunden nur einige einzelnstehende Höfe,
-zog sich durch dichte Wälder und Gebirgsschluchten und hatte,
-wenn er auch hie und da, um die Landstraße zu vermeiden, einen
-Bogen machte und für Pferde ermüdend und oft beinahe unzugänglich
-war, doch den großen Vorteil der Sicherheit.</p>
-
-<p>Diesen Pfad wählte der Bauer von Hardt, und der Junker
-willigte mit Freuden ein, weil er hoffen durfte, hier auf keine
-Bündischen zu stoßen. Sie zogen rasch fürbaß, der Bauer war
-immer an Georgs Seite. Wenn die Stellen schwierig wurden,
-führte er sorgsam sein Pferd und bewies überhaupt so viel
-Aufmerksamkeit und Sorgfalt für Reiter und Roß, daß in
-Georgs Seele jene Warnungen Frondsbergs vor diesem Manne
-immer mehr an Gewicht verloren und er nur einen treuen
-Diener in ihm sah.</p>
-
-<p>Georg unterhielt sich gerne mit ihm. Er urteilte über
-manche Dinge, die sonst außer dem Kreise des Landmanns
-liegen, klug und scharfsinnig und mit einem so schlagenden Witz,
-daß er dem sonst ernsten, jungen Mann, den seine zweifelhafte
-Lage oft trübe stimmte, unwillkürlich ein Lächeln abnötigte.
-Von jeder Burg, die in der Ferne aus den Wäldern auftauchte,
-wußte er eine Sage zu erzählen, und die Klarheit und Lebendigkeit,
-mit welcher er vortrug, bewies, daß er bei manchem Hochzeitsschmaus,
-bei manchem Kirchweihtanz neben seinem Amt
-als Spielmann auch das eines Erzählers übernommen haben
-müsse. Nur so oft Georg auf sein eigenes Leben, besonders
-auf jene Periode kommen wollte, wo der Pfeifer von Hardt eine
-bedeutende Rolle in dem Aufruhr des armen Konrad gespielt
-hatte, brach er düster ab oder wußte mit mehr Geläufigkeit, als<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span>
-man dem schlichten Manne zugetraut hätte, das Gespräch auf
-andere Gegenstände zu bringen.</p>
-
-<p>So waren sie ohne Aufenthalt fortgereist. Hans wußte
-immer voraus, wann wieder ein Gehöfte kam, wo sie Erfrischung
-für sich und gutes Futter für das Pferd finden würden. Ueberall
-war er bekannt, überall wurde er freundlich, wiewohl, wie es
-Georg schien, meistens mit Staunen aufgenommen; er flüsterte
-dann gewöhnlich ein Viertelstündchen mit dem Hausvater, während
-die Hausfrau dem jungen Ritter emsig und freundlich mit
-Brot, Butter und unvermischtem Apfelwein aufwartete, und
-die »Büebla« und »Mädla« den hohen, schlanken Gast, seine
-schönen Kleider, seine glänzende Schärpe, die wallenden Federn
-seines Barettes bewunderten. War dann das kleine Mahl
-verzehrt, hatte Georgs Pferd wieder Kräfte gesammelt, so begleitete
-das ganze Haus den Scheidenden bis an die Türe, und
-der junge Reiter konnte zu seiner Beschämung niemals die Gastfreundschaft
-der guten <span id="corr101">Leute</span> belohnen. Mit abwehrenden
-Blicken auf den Pfeifer von Hardt weigerten sie sich standhaft,
-seine kleinen Gaben anzunehmen. Auch dieses Rätsel löste ihm
-sein Begleiter nicht; denn seine Antwort: »Wenn die Leute nach
-Hardt kommen, kehren sie auch wieder bei mir ein,« schien nur
-eine ausweichende Antwort zu sein.</p>
-
-<p>Die Nacht brachten sie ebenfalls in einem dieser zerstreuten
-Höfe zu, wo die Hausfrau ihrem vornehmen Gast mit nicht
-geringerer Bereitwilligkeit auf der Ofenbank ein Bett zurecht
-machte, als sie ihm zu Ehren ein paar Tauben geopfert und
-einen dickgeschmälzten Haferbrei aufgetragen hatte.</p>
-
-<p>Den folgenden Tag setzten sie ihre Reise auf dieselbe Art
-fort, nur kam es Georg vor, als ob sein Führer mit noch mehr
-Vorsicht als gestern zu Werke gehe; denn er ließ, wenn sie sich
-einem Hof nahten, den Reiter wohl fünfhundert Schritte davon
-Halt machen, nahte sich behutsam den Gebäuden, und erst, nachdem
-er alles sorgfältig ausgespähet hatte, winkte er dem Junker,
-zu folgen. Georg befragte ihn umsonst, ob es in dieser Gegend
-gefährlicher sei, ob die Bundestruppen schon in der Nähe seien?
-Er sagte nichts Bestimmtes darüber.</p>
-
-<p>Doch gegen Mittag, als die Gegend lichter wurde und der
-Weg sich mehr gegen das ebene Land herabzuziehen schien, schien
-auch die Reise gefährlicher zu werden; denn der Spielmann von
-Hardt schien sich von jetzt an gar nicht mehr den Wohnungen
-nähern zu wollen, sondern hatte sich in einem Hof mit einem
-Sack versehen, der Futter für das Pferd und hinlängliche Viktualien<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span>
-für sie beide enthielt. Es schien, als ob er meist noch
-einsamere Pfade als bisher aufsuche. Auch glaubte Georg zu
-bemerken, daß sie nicht mehr dieselbe Richtung verfolgten wie
-früher, sondern sehr stark zur Rechten ablenkten.</p>
-
-<p>Am Rand eines schattigen Buchenwäldchens, wo eine klare
-Quelle und frischer Rasen zur Ruhe einlud, machten sie Halt.
-Georg stieg ab, und sein Führer zog aus seinem Sack ein gutes
-Mittagsmahl. Nachdem er das Pferd versehen hatte, setzte er
-sich zu den Füßen des jungen Ritters und begann mit großem
-Appetit zuzugreifen.</p>
-
-<p>Georg hatte seinen Hunger gestillt und betrachtete jetzt mit
-aufmerksamem Auge die Gegend. Es war ein schönes, breites
-Tal, in welches sie hinabsahen. Ein kleines Flüßchen eilte
-schnell durchhin; die Felder, wovon es begrenzt war, schienen
-gut und fleißig angepflanzt, eine freundliche Burg erhob sich
-auf einem Hügel am andern Ende des Tales, die ganze Gegend
-war freundlicher als der Gebirgsrücken, über welchen sie gezogen
-waren.</p>
-
-<p>»Es scheint, wir haben die Alb verlassen,« sagte der junge
-Mann, indem er sich zu seinem Gefährten wandte. »Dieses
-Tal, jene Hügel sehen bei weitem freundlicher aus als der Felsboden
-und die öden Weideplätze, die wir durchzogen. Selbst die
-Luft weht hier milder und wärmer als oben, wo uns die Winde
-oft so hart anfaßten.«</p>
-
-<p>»Ihr habt recht geraten, Junker,« sagte Hans, indem er
-die Reste ihrer Mahlzeit sorgfältig in den Sack legte; »diese
-Täler gehören zum Unterland, und jenes Flüßchen, das Ihr
-sehet, strömt in den Neckar.«</p>
-
-<p>»Wie kommt es aber, daß wir so weit vom Wege abbiegen?«
-fragte Georg. »Es kam mir schon oben im Gebirge vor, als
-haben wir die alte Richtung verlassen, aber du wolltest nie darauf
-hören. Dieser Weg muß, soviel ich die Lage von Lichtenstein
-kenne, viel zu weit rechts führen.«</p>
-
-<p>»Nun, ich will es Euch jetzt sagen,« antwortete der Bauer,
-»ich wollte Euch auf der Alb nicht unnötig bange machen, jetzt
-aber sind wir, so Gott will, in Sicherheit; denn im schlimmsten
-Fall sind wir keine vier Stunden mehr von Hardt, wo sie uns
-nichts mehr anhaben sollen.«</p>
-
-<p>»In Sicherheit?« unterbrach ihn Georg verwundert. »Wer
-soll uns etwas anhaben?«</p>
-
-<p>»Ei, die Bündischen,« erwiderte der Spielmann. »Sie
-streifen auf der Alb, und oft waren ihre Reiter keine tausend<span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span>
-Schritte mehr von uns. Mir für meinen Teil wäre es nicht
-lieb gewesen, in ihre Hände zu fallen; denn sie sind mir, wie
-Ihr wohl wisset, gar nicht grün. Und auch Euch wäre es vielleicht
-nicht ganz recht, gefangen vor den Herrn Truchseß geführt
-zu werden.«</p>
-
-<p>»Gott soll mich bewahren!« rief der Junker. »Vor den
-Truchseß? Lieber lasse ich mich auf der Stelle totschlagen.
-Was wollen sie denn aber hier? Es ist ja hier in der Nähe keine
-Feste von Württemberg, und du sagtest mir ja doch, sie können
-ungehindert durchs Land ziehen; wonach streifen sie denn?«</p>
-
-<p>»Seht, Junker! es gibt überall schlechte Leute. Was ein
-rechter Württemberger ist, der läßt sich eher die Haut abziehen,
-als daß er den Herzog verrät, nach welchem die Bündler jetzt
-ein Treibjagen halten. Aber der Truchseß soll unter der Hand
-einen ganzen Haufen Gold versprochen haben, wenn man ihn
-fängt. Er hat seine Reiter ausgeschickt, diese streifen jetzt überall,
-und die Leute sagen, es gebe einige unter den Bauern, die
-sich vom Gold blenden lassen und den Spürhunden alle Klingen
-und Schlupfwinkel zeigen.«<a id="FNanchor_19_20"></a><a href="#Footnote_19_20" class="fnanchor">[19]</a></p>
-
-<p>»Nach dem Herzog sollen sie streifen? Der ist ja aus dem
-Lande geflohen oder, wie andere sagen, in Tübingen auf seinem
-festen Schlosse, wo ihn vierzig Ritter beschützen.«</p>
-
-<p>»Ja, die vierzig Edlen sind dort,« antwortete der Bauer
-mit schlauer Miene. »Auch des Herzogs Söhnlein, der Christoph,
-ist dort, das hat seine Richtigkeit; ob aber der Herzog
-selbst dort ist, weiß niemand recht. Im Vertrauen gesagt, wie
-ich ihn kenne, schließt er sich nur zur höchsten Not in eine Feste
-ein; er ist ein kühner, unruhiger Herr, und es ist ihm wohler
-in den Wäldern und Bergen, wenn es auch Gefahr hat.«</p>
-
-<p>»Den Herzog also suchen sie? Also müßte er hier in der
-Nähe sein?«</p>
-
-<p>»Wo er ist, weiß ich nicht,« erwiderte der Pfeifer von
-Hardt, »und ich wollte wetten, dies weiß niemand als Gott;
-aber wo er sein wird, weiß ich,« setzte er hinzu, und es schien
-Georg, als ob ein Strahl von Begeisterung aus dem Auge dieses
-Mannes breche; »wo er sein wird, wenn die Not am höchsten
-ist, wo seine Getreuen sich zu ihm finden werden, wo manche
-treue Brust zur Mauer werden wird, um den Herrn in der Not
-gegen diese Bündler zu schützen. Denn ist er auch ein strenger
-Herr, so ist er doch ein Württemberger, und seine schwere Hand
-ist uns lieber als die gleißenden Worte des Bayern und des
-Oesterreichers.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span></p>
-
-<p>»Und wenn sie den unglücklichen Fürsten erkennen, wenn
-sie auf ihn stoßen? Hat er nicht seine Gestalt verhüllt und unkenntlich
-gemacht? Du hast mir einmal sein Gesicht beschrieben,
-und ich glaube ihn beinahe vor mir zu sehen, besonders sein
-gebietendes, glänzendes Auge. Aber wie ist seine Gestalt?«</p>
-
-<p>»Er mag kaum acht Jahre älter sein als Ihr,« entgegnete
-jener; »er ist nicht so groß als Ihr, aber in vielem Euch ähnlich
-an Gestalt; besonders wenn Ihr zu Pferd saßet und ich hinter
-Euch ging, da gemahnte es mich oft, und ich dachte: so, gerade
-so sah der Herzog aus in den Tagen seiner Herrlichkeit.«</p>
-
-<p>Georg war aufgestanden, um nach seinem Pferd zu sehen;
-die Worte des Bauern hatten ihn um seine Sicherheit besorgt
-gemacht, und er sah jetzt erst ein, wie töricht er gehandelt, in
-diesem Kriegsstrudel sich durch ein okkupiertes Land stehlen zu
-wollen. Es wäre ihm höchst unangenehm gewesen, in diesem
-Augenblick gefangen zu werden; zwar konnte er nach seinem
-Eide reisen, wohin er wollte, wenn er nur in den nächsten vierzehn
-Tagen keinen <em class="gesperrt">tätlichen</em> Anteil an dem Kampfe gegen
-den Bund nahm; aber er fühlte, welch nachteiliges Licht es dennoch
-auf ihn werfen müßte, in dieser Gegend, so weit von dem
-Wege nach seiner Heimat, aufgegriffen zu werden, und dazu noch
-in Gesellschaft eines Mannes, der den Bundesobersten sehr
-verdächtig, sogar gefährlich geschienen hätte. Umzukehren war
-keine Möglichkeit, denn es ließ sich beinahe mit Gewißheit annehmen,
-daß die Bundestruppen bereits die ganze Breite der
-Alb eingenommen hatten; das sicherste schien, sich zu beeilen,
-über die äußersten Posten des Heeres hinauszukommen; man
-hatte dann die Gefahr im Rücken, vor und neben sich aber freie
-Bahn.</p>
-
-<p>Das sonst so muntere Tier, das seinen Herrn über diese
-Gefahren hinaus tragen sollte, hing die Ohren; die große Eile
-und die ermüdenden, steinigen Fußpfade hatten seine Kraft geschwächt;
-zu seinem großen Verdruß bemerkte Georg sogar, daß
-es auf dem linken Vorderfuß nicht gerne auftrete, was nach
-einem achtstündigen Weg über scharfe, eckige Felsen nicht zu verwundern
-war. Der Bauer bemerkte die Verlegenheit des Junkers;
-er untersuchte das Tier und riet, es noch einige Stunden
-stehen zu lassen, gab aber zugleich den Trost, er sei der Gegend
-so kundig, daß sie eine große Strecke in der Nacht zurücklegen
-könnten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap14">14.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Es ziehen vom Schwabenbunde<br /></span>
-<span class="i0">Die Jäger durchs Gefild,<br /></span>
-<span class="i0">Sie spüren in die Runde<br /></span>
-<span class="i0">Nach einem Fürstenwild.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">G. Schwab.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Der junge Mann ergab sich in sein Schicksal und suchte
-Zerstreuung in der lieblichen Aussicht, die sich noch bei weitem
-herrlicher seinen Augen öffnete, als ihn der Bauer etwa fünfzig
-Schritte höher geführt hatte. Sie standen auf einer Felsenecke,
-die einen schönen Ausläufer der schwäbischen Alb begrenzte.
-Ein ungeheures Panorama breitete sich vor den erstaunten
-Blicken Georgs aus, so überraschend, von so lieblichem Schmelz
-der Farben, von so erhabener Schönheit, daß seine Blicke eine
-geraume Zeit wie entzückt an ihnen hingen. Und wirklich, wer
-je mit reinem Sinn für Schönheiten der Natur, ohne himmelhohe
-Alpen, ohne Täler wie das Rheingau zu suchen, die schwäbische
-Alb bestiegen hat, dem wird die Erinnerung eines solchen
-Anblickes unter die lieblichsten der Erde gehören.</p>
-
-<p>Man denke sich eine Kette von Gebirgen, die von der weitesten
-Entfernung dem Auge kaum erreichbar, durch alle Farben
-einer herrlichen Beleuchtung, von sanftem Grau, durch alle
-Nüancen von Blau, am Horizont sich herzieht, bis das dunkle
-Grün der näherliegenden Berge mit seinem sanften Schmelz
-die Kette schließt. Auf diesen Gipfeln eines langen Gebirgsrückens
-erkennt das Auge Schlösser und Burgen ohne Zahl, die
-wie Wächter auf diese Höhen sich lagern und über das Land
-hinschauen. Jetzt sind ihre Türme zerfallen, ihre stattlichen
-Tore sind gebrochen, den tiefen Burggraben füllen Trümmer
-und Moos, und die Hallen, in welchen sonst laute Freude erscholl,
-sind verstummt; aber damals, als Georg auf dem Felsen
-von Beuren stand, ragten sie noch fest und herrlich; sie breiteten
-sich wie eine undurchbrochene Schar gewaltiger Männer zwischen
-den Heldengestalten von Staufen und Hohenzollern aus.</p>
-
-<p>»Ein herrliches Land, dieses Württemberg!« rief Georg,
-indem sein Auge von Hügel zu Hügel schweifte. »Wie kühn, wie
-erhaben diese Gipfel und Bergwände, diese Felsen und ihre
-Burgen! Und wenn ich mich dorthin wende gegen die Täler des
-Neckar, wie lieblich jene sanften Hügel, jene Berge mit Obst
-und Wein besetzt, jene fruchtbaren Täler mit schönen Bächen<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span>
-und Flüssen, dazu ein milder Himmel und ein guter, kräftiger
-Schlag von Menschen!«</p>
-
-<p>»Ja,« fiel der Bauer ein, »es ist ein schönes Land; doch
-hier oben will es noch nicht viel sagen, aber was so unter Stuttgart
-ist, das wahre Unterland, Herr! da ist es eine Freude, im
-Sommer oder Herbst am Neckar hinabzuwandeln; wie da die
-Felder so schön und reich stehen, wie der Weinstock so dicht und
-grün die Berge überzieht, und wie Nachen und Flöße den Neckar
-hinauf- und hinabfahren, wie die Leute so fröhlich an der Arbeit
-sind und die schönen Mädchen singen wie die jungen Lerchen!«</p>
-
-<p>»Wohl sind jene Täler an der Rems und dem Neckar
-schöner,« entgegnete Georg; »aber auch dieses Tal zu unsern
-Füßen, auch diese Höhen um uns her haben eigenen, stillen Reiz.
-Wie heißen jene Burgen auf den Hügeln, sprich, wie heißen jene
-fernen Berge?«</p>
-
-<p>Der Bauer überblickte sinnend die Gegend und zeigte auf
-die hinterste Bergwand, die dem Auge kaum noch sichtbar aus
-den Nebeln ragte. »Dort hinten, zwischen Morgen und Mittag,
-ist der Roßberg; in gleicher Richtung herwärts, jene vielen
-Felsenzacken sind die Höhen von Urach. Dort, mehr gegen
-Abend, ist Achalm, nicht weit davon, doch könnt Ihr ihn hier
-nicht sehen, liegt der Felsen von Lichtenstein.«</p>
-
-<p>»Dort also,« sagte Georg stille vor sich hin, und sein Auge
-tauchte tief in die Nebel des Abends, »dort, wo jenes Wölkchen
-in der Abendröte schwebt, dort schlägt ein treues Herz für mich;
-jetzt auch steht sie vielleicht auf der Zinne ihres Felsens und
-sieht herüber in diese Welt von Bergen, vielleicht nach diesem
-Felsen hin. O, daß die Abendlüfte dir meine Grüße brächten,
-und jene rosigen Wolken dir meine Nähe verkündeten!«</p>
-
-<p>»Weiter hin, Ihr sehet doch jene scharfe Ecke, das ist die
-Teck; unsere Herzoge nennen sich Herzoge von Teck, es ist eine
-gute feste Burg; wendet Eure Blicke hier zur Rechten, jener hohe,
-steile Berg war einst die Wohnung berühmter Kaiser, es ist
-Hohenstaufen.«</p>
-
-<p>»Aber wie heißt jene Burg, die hier zunächst aus der Tiefe
-emporsteigt?« fragte der junge Mann; »sieh nur, wie sich die
-Sonne an ihren hellen weißen Wänden spiegelt, wie ihre Zinnen
-in goldenen Duft zu tauchen scheinen, wie ihre Türme in rötlichem
-Lichte erglänzen.«</p>
-
-<p>»Das ist Neuffen, Herr! auch eine starke Feste, die dem
-Bunde zu schaffen machen wird.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span></p>
-
-<p>Die Sonne des kurzen, schönen Märztages begann während
-dieses Zwiegesprächs der Wanderer hinabzusinken. Die Schatten
-des Abends rollten dunkle Schleier über das Gebirge und verhüllten
-dem Auge die ferneren Gipfel und Höhen. Der Mond
-kam bleich herauf und überschaute sein nächtliches Gebiet. Nur
-die hohen Mauern und Türme von Neuffen rötete die Sonne
-noch mit ihren letzten Strahlen, als sei dieser Felsen ihr Liebling,
-von welchem sie ungern scheide. Sie sank, auch diese
-Mauern hüllten sich in Dunkel, und durch die Wälder zog die
-Nachtluft, geheimnisvolle Grüße flüsternd, dem heller strahlenden
-Mond entgegen.</p>
-
-<p>»Jetzt ist die wahre Tageszeit für Diebe und für flüchtige
-Reisende wie wir,« sagte der Bauer, als er des Junkers Pferd
-aufzäumte; »sei es noch um eine Stunde, so ist die Nacht kohlschwarz,
-und dann soll uns, bis die Sonne wieder aufgeht, kein
-bündischer Reiter ausspüren!«</p>
-
-<p>»Glaubst du, es habe Gefahr?« fragte Georg, indem er
-seine Hand nach dem Helm ausstreckte und das dünne Barett
-abnahm. »Meinst du nicht, wir sollten uns besser wappnen?«</p>
-
-<p>»Laßt hängen, Junker,« rief der Bauer lachend, »solch
-eine Sturmhaube ist an sich schon kalt und gibt in einer frischen
-Nacht nicht sehr warm; laßt immer Euer Barett sitzen; in dieser
-Gegend suchen sie den Herzog nicht, und wollten sie kommen,
-wir zwei fürchten ihrer viere nicht.«</p>
-
-<p>Der junge Mann ließ zögernd seinen schönen Helm am
-Sattelknopf hängen, er schämte sich, weniger Mut zu zeigen als
-sein Begleiter, der unberitten, nur durch eine dünne lederne
-Mütze geschützt und mit einer einfachen Axt schlecht bewaffnet
-war. Er schwang sich auf. Sein Führer ergriff die Zügel des
-Rosses und schritt voran den Berg hinab.</p>
-
-<p>»Du meinst also?« fragte Georg nach einer Weile, »bis
-hierher werden sich die bündischen Reiter nicht wagen?«</p>
-
-<p>»Es ist nicht wohl möglich,« antwortete der Pfeifer,
-»Neuffen ist ein starkes Schloß und hat gute Besatzung; sie
-werden es zwar in kurzer Zeit mit Heeresmacht belagern, aber
-Gesindel, wie die Handvoll Reiter des Truchseß, wagt sich doch
-nicht in die Nähe einer feindlichen Burg.«</p>
-
-<p>»Schau! Wie hell und schön der Mond scheint,« rief der
-Jüngling, der, noch immer erfüllt von dem Anblick auf dem
-Berge, die wunderlichen Schatten der Wälder und Höhen, die
-hellglänzenden Felsen betrachtete; »sieh, wie die Fenster von
-Neuffen im Mondlicht schimmern!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span></p>
-
-<p>»Es wäre mir lieber, er schiene heute nacht nicht,« entgegnete
-sein Führer, indem er sich zuweilen besorgt umsah;
-»dunkle Nacht wäre besser für uns, der Mond hat schon manchen
-braven Mann verraten. Doch jetzt steht er gerade über den
-Reissenstein, wo der Riese gewohnt hat; es kann nicht mehr
-lange dauern, so ist er hinunter.«</p>
-
-<p>»Was schwatzest du da von einem Riesen, der auf dem
-Reissenstein gewohnt hat?«</p>
-
-<p>»Ja, dort hat vor langer Zeit ein Riese gewohnt,<a id="FNanchor_20_21"></a><a href="#Footnote_20_21" class="fnanchor">[20]</a> das
-hat seine Richtigkeit; dort über dem Berg, gerade wo jetzt der
-Mond steht, liegt ein Schloß, das heißt der Reissenstein; es gehört
-jetzt den Helfensteinern; es liegt auf jähen Felsen, weit
-oben in der Luft, und hat keine Nachbarschaft als die Wolken
-und bei Nacht den Mond. Geradeüber von der Burg, auf
-einem Berge, worauf jetzt der Heimenstein steht, liegt eine
-Höhle, und darinnen wohnte vor alters ein Riese. Er hatte
-ungeheuer viel Gold und hätte herrlich und in Freuden leben
-können, wenn es noch mehr Riesen und Riesinnen außer ihm
-gegeben hätte. Da fiel es ihm ein, er wolle sich ein Schloß
-bauen, wie es die Ritter haben auf der Alb. Der Felsen gegenüber
-schien ihm gerade recht dazu.</p>
-
-<p>»Er selbst war ein schlechter Baumeister; er grub mit den
-Nägeln haushohe Felsen aus der Alb und stellte sie auf einander,
-aber sie fielen immer wieder ein und wollten kein geschicktes
-Schloß geben. Da legte er sich auf den Beurener
-Felsen und schrie ins Tal hinab nach Handwerkern; Zimmerleute,
-Maurer und Steinmetze, Schlosser, alles solle kommen
-und ihm helfen, er wolle gut bezahlen.</p>
-
-<p>»Man hörte sein Geschrei im ganzen Schwabenlande, vom
-Kocher hinauf bis zum Bodensee, vom Neckar bis an die Donau,
-und überallher kamen die Meister und Gesellen, um dem Riesen
-das Schloß zu bauen. &ndash; Reitet aus dem Mondschein, Junker,
-hierher in den Schatten; Euer Harnisch glänzt wie Silber und
-könnte leicht den Spürhunden in die Augen glänzen!</p>
-
-<p>»Nun, um wieder auf den Riesen zu kommen, so war es
-lustig anzusehen, wie er vor seiner Höhle im Sonnenschein saß
-und über dem Tal drüben auf dem hohen Felsen sein Schloß
-bauen sah; die Meister und Gesellen waren flink an der Arbeit
-und bauten, wie er ihnen über das Tal hinüber zuschrie; sie
-hatten allerlei fröhlichen Schwank und Kurzweil mit ihm,
-weil er von der Bauerei nichts verstand. Endlich war der
-Bau fertig, und der Riese zog ein und schaute aus dem höchsten<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span>
-Fenster aufs Tal hinab, wo die Meister und Gesellen versammelt
-waren, und fragte sie, ob ihm das Schloß gut anstehe, wenn er
-so zum Fenster hinausschaue. Als er sich aber umsah, ergrimmte
-er, denn die Meister hatten geschworen, es sei alles
-fertig, aber an dem obersten Fenster, wo er heraussah, fehlte
-noch ein Nagel.</p>
-
-<p>»Die Schlossermeister entschuldigten sich und sagten: es
-habe sich keiner getraut, vors Fenster hinaus in die Luft zu
-sitzen und den Nagel einzuschlagen. Der Riese aber wollte
-nichts davon hören, sondern zahlte den Lohn nicht aus, bis der
-Nagel eingeschlagen sei.</p>
-
-<p>»Da zogen sie alle wieder in die Burg, die wildesten Burschen
-vermaßen sich hoch und teuer, es sei ihnen ein geringes,
-den Nagel einzuschlagen; wenn sie aber an das oberste Fenster
-kamen und hinausschauten in die Luft und hinab in das Tal,
-das so tief unter ihnen lag, und ringsum nichts als Felsen, da
-schüttelten sie den Kopf und zogen beschämt ab. Da boten die
-Meister zehnfachen Lohn, wer den Nagel einschlage, und es
-fand sich lange keiner.</p>
-
-<p>»Nun war ein flinker Schlossergeselle dabei, der hatte die
-Tochter seines Meisters lieb, und sie ihn auch, aber der Vater
-war ein harter Mann und wollte sie ihm nicht zum Weibe geben,
-weil er arm war. Der faßte sich ein Herz und dachte, er
-könne hier seinen Schatz verdienen oder sterben; denn das
-Leben war ihm verleidet ohne sie. Er trat vor den Meister,
-ihren Vater, und sprach: ›Gebt Ihr mir Eure Tochter, wenn ich
-den Nagel einschlage?‹ Der aber gedachte seiner auf diese Art
-loszuwerden, wenn er auf die Felsen hinabstürze und den Hals
-breche, und sagte ja.</p>
-
-<p>»Der flinke Schlossergeselle nahm den Nagel und seinen
-Hammer, sprach ein frommes Gebet und schickte sich an, zum
-Fenster hinauszusteigen und den Nagel einzuschlagen für sein
-Mädchen. Da erhob sich ein Freudengeschrei unter den Bauleuten,
-daß der Riese vom Schlaf aufwachte und fragte, was es
-gebe, und als er hörte, daß sich einer gefunden habe, der den
-Nagel einschlagen wolle, kam er, betrachtete den jungen Schlosser
-lange und sagte: ›Du bist ein braver Kerl und hast mehr Herz
-als das Lumpengesindel da; komm, ich will dir helfen.‹ Da
-nahm er ihn beim Genick, daß es allen durch Mark und Bein
-ging, hob ihn zum Fenster hinaus in die Luft und sagte: ›Jetzt
-hau' drauf zu! ich lasse dich nicht fallen.<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span>‹</p>
-
-<p>»Und der Geselle schlug den Nagel in den Stein, daß er
-fest saß; der Riese aber küßte und streichelte ihn, daß er beinahe
-ums Leben kam, führte ihn zum Schlossermeister und sprach:
-›Diesem gibst du dein Töchterlein.‹ Dann ging er hinüber in
-seine Höhle, langte einen Geldsack heraus und zahlte jeden aus
-bei Heller und Pfennig. Endlich kam er auch an den flinken
-Schlossergesellen; zu diesem sagte er: ›Jetzt gehe heim, du herzhafter
-Bursche, hole deines Meisters Töchterlein und ziehe ein
-in diese Burg, denn sie ist dein.‹</p>
-
-<p>»Des freuten sich alle; der Schlosser ging heim, und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Horch! Hörtest du nicht das Wiehern von Rossen?« rief
-Georg, dem es in der Schlucht, die sie durchzogen, ganz unheimlich
-wurde. Der Mond schien noch hell, die Schatten der
-Eichen bewegten sich, es rauschte im Gebüsch, und oft wollte es
-ihm bedünken, als sehe er dunkle Gestalten im Wald neben sich
-hergehen.</p>
-
-<p>Der Pfeifer von Hardt blieb stehen, ungeduldig, daß ihn
-der Junker nicht bis zum Ende erzählen lasse: »Es kam mir vorhin
-auch so vor, aber es war der Wind, der in den Eichen ächzt,
-und der Schuhu schrie im Gebüsch. Wären wir nur das Wiesental
-noch hinüber, da ist es so offen und hell wie bei Tag; jenseits
-fängt wieder der Wald an, da ist es dann dunkel und hat
-keine Not mehr. Gebt Eurem Braunen die Sporen und reitet
-Trab über das Tal hin, ich laufe neben Euch her.«</p>
-
-<p>»Warum denn jetzt auf einmal Trab?« fragte der junge
-Mann. »Meinst du, es habe Gefahr? Gestehe nur, nicht wahr,
-du hast sie auch gesehen, die Gestalten im Wald, die neben uns
-herschlichen. Glaubst du, es sind Bündische?«</p>
-
-<p>»Nun ja,« flüsterte der Bauer, indem er sich umsah, »mir
-war es auch, als ob uns jemand nachschleiche; drum sputet Euch,
-daß wir aus dem verdammten Hohlweg herauskommen, und
-dann im Trab über das Tal hinüber, weiterhin hat es keine
-Gefahr.«</p>
-
-<p>Georg machte sein Schwert locker in der Scheide und nahm
-die Zügel seines Rosses kräftiger in die Faust. Schweigend
-zogen sie die Schlucht hinab, beleuchtet von so hellem Mondschein,
-daß der junge Mann jeden Zug seines Gefährten erkennen
-konnte und deutlich sah, daß er seine Axt auf die Schulter nahm
-und ein Messer, das er im Wams verborgen hatte, herauszog
-und in den Gürtel steckte.</p>
-
-<p>Sie wollten eben am Ausgang des Hohlweges in das Tal
-einbiegen, da rief eine Stimme im Gebüsch: »Das ist der Pfeifer<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span>
-von Hardt, drauf Gesellen, der dort auf dem Roß muß der
-Rechte sein!«</p>
-
-<p>»Fliehet, Junker, fliehet!« rief sein treuer Führer und
-stellte sich mit seiner Axt zum Kampf bereit; doch Georg zog
-sein Schwert, und in demselben Augenblick sah er sich von fünf
-Männern angefallen, während sein Gefährte schon mit drei
-andern im Handgemenge war.</p>
-
-<p>Der enge Hohlweg hinderte ihn, sich seiner Vorteile zu bedienen
-und zur Seite auszubiegen. Einer packte die Zügel
-seines Rosses, doch in demselben Augenblick traf ihn Georgs
-Klinge auf die Stirne, daß er ohne Laut niedersank; doch die
-andern, wütend gemacht durch den Fall ihres Genossen, drangen
-noch stärker auf ihn ein und riefen ihm zu, sich zu ergeben; aber
-Georg, obgleich er schon am Arm und Fuß aus mehreren Wunden
-blutete, antwortete nur durch Schwerthiebe.</p>
-
-<p>»Lebendig oder tot,« rief einer der Kämpfenden, »wenn der
-Herr Herzog nicht anders will, so mag er's haben!« Er rief's,
-und in demselben Augenblick sank Georg von Sturmfeder, von
-einem schweren Hieb über den Kopf getroffen, nieder. In
-tödlicher Ermattung schloß er die Augen, er fühlte sich aufgehoben
-und weggetragen und hörte nur das grimmige Lachen
-seiner Mörder, die über ihren Fang zu triumphieren schienen.</p>
-
-<p>Nach einer kleinen Weile ließ man ihn auf den Boden
-nieder, ein Reiter sprengte heran, saß ab und trat zu denen,
-die ihn getragen hatten. Georg raffte seine letzte Kraft zusammen,
-um die Augen noch einmal zu öffnen; er sah ein unbekanntes
-Gesicht, das sich über ihn beugte. »Was habt ihr gemacht?«
-hörte er rufen. »Dieser ist es nicht, ihr habt den
-Falschen getroffen. Macht, daß ihr fortkommt, die von Neuffen
-sind uns auf den Fersen.« Matt zum Tode schloß Georg sein
-Auge, nur sein Ohr vernahm wilde Stimmen und das Geräusch
-von Streitenden, doch auch dieses zog sich ferne; feuchte Kälte
-drang aus dem Boden des Wiesentales und machte seine Glieder
-erstarren, aber ein süßer Schlummer senkte sich auf den Verwundeten
-herab, und mit dem letzten Gedanken an die Geliebte
-entschwanden seine Sinne.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap15">15.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Von vieler Burgen Walle<br /></span>
-<span class="i0">Des Bundes Fahnen wehn;<br /></span>
-<span class="i0">Die Städte huld'gen alle,<br /></span>
-<span class="i0">Kein Schloß mag widerstehn,<br /></span>
-<span class="i0">Nur Tübingen, die Feste,<br /></span>
-<span class="i0">Verspricht noch Wehr und Trutz.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Schwab.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Der schwäbische Bund war mit Macht in Württemberg
-eingedrungen, von Tag zu Tag gewann er an Boden, von
-Woche zu Woche wurden seine Heere furchtbarer. Zuerst war
-nach langer, mutiger Gegenwehr der Höllenstein, das feste
-Schloß von Heidenheim, gefallen. Ein tapferer Mann, Stephan
-von Lichow, hatte dort befehligt; aber mit seinen paar Feldschlangen,
-mit einer Handvoll Knechte konnte er den Tausenden
-des Bundes und der Kriegskunst eines Frondsberg nicht widerstehen.
-Bald nachher fiel Göppingen. Nicht minder tapfer,
-als der von Lichow, hatte sich Philipp von Rechberg gewehrt,
-hatte sogar für sich und seine Knechte freien Abzug erfochten;
-aber das Schicksal des Landes vermochte er nicht abzuwenden.
-Teck, damals noch eine starke, feste Burg, fiel durch Unvorsichtigkeit
-der Besatzung; am mutigsten hielt sich Möckmühl; es schloß
-einen Mann in seinen Mauern ein, der sich allein mit zwanzig
-der Belagerer geschlagen hätte; sein eiserner Wille war oft nicht
-minder schwer als seine eiserne Hand auf ihnen gelegen. Auch
-diese Mauern wurden gebrochen, und Götz von Berlichingen fiel
-in des Bundes Hand. Auch Schorndorf konnte den Kanonen
-Georgs von Frondsberg nicht widerstehen; es war die festeste
-Stadt gewesen; mit ihr fiel das Unterland.<a id="FNanchor_21_22"></a><a href="#Footnote_21_22" class="fnanchor">[21]</a></p>
-
-<p>So war nun ganz Württemberg bis herauf gegen Kirchheim
-in der bündischen Gewalt, und der Bayern Herzog brach sein
-Lager auf, um mit Ernst an Stuttgart zu gehen. Da kamen
-ihm Gesandte entgegen nach Denkendorf, die um Gnade flehten.
-Sie durften zwar nicht wagen, vor dem erbitterten Feind ihren
-Herzog zu entschuldigen; aber sie gaben zu bedenken, daß ja
-er, die Ursache des Krieges, nicht mehr unter ihnen sei, daß man
-nur gegen seinen unschuldigen Knaben, den Prinzen Christoph,
-und gegen das Land Krieg führe. Aber vor der ehernen Stirne
-Wilhelms von Bayern, vor den habgierigen Blicken der Bundesglieder
-fanden diese Bitten keine Gnade. Ulrich habe diese
-Strafe verdient, gab man zur Antwort, das Land habe ihn<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span>
-unterstützt, also mit gefangen, mit gehangen &ndash; auch Stuttgart
-mußte seine Tore öffnen.</p>
-
-<p>Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollständig;
-der größte Teil des Oberlandes hielt noch zu dem Herzog, und
-es schien nicht, als ob er sich auf den ersten Aufruf ergeben
-wolle. Dieses höher gelegene Gebirgsland wurde von zwei
-festen Plätzen, Urach und Tübingen, beherrscht; so lange diese
-sich hielten, wollten auch die Lande umher nicht abfallen. In
-Urach hielt es die Bürgerschaft mit dem Bunde, die Besatzung
-mit dem Herzog. Es kam zum Handgemenge, worin der tapfere
-Kommandant erstochen wurde; die Stadt ergab sich den Bündischen.</p>
-
-<p>Und so war in der Mitte des April nur Tübingen noch
-übrig; doch dieses hatte der Herzog stark befestigt, dort waren
-seine Kinder und die Schätze seines Hauses; dem Kern des
-Adels, vierzig wackern, kampfgeübten Rittern, und zweihundert
-der tapfersten Landeskinder war das Schloß anvertraut. Diese
-Feste war stark, mit Kriegsvorräten wohl versehen, an ihr
-hingen jetzt die Blicke der Württemberger; denn aus diesen
-Mauern war ihnen schon manches Schöne und Herrliche hervorgegangen,
-von diesen Mauern aus konnte das Land wieder
-dem angestammten Fürsten erobert werden, wenn es sich so lange
-hielt, bis er Entsatz herbeibrachte. Und dorthin wandten sich
-jetzt die Bündischen mit aller Macht. Ihrer Gewappneten
-Schritte tönten durch den Schönbuch, die Täler des Neckars
-zitterten unter dem Hufschlag ihrer Rosse; auf den Feldern
-zeigten tiefe Spuren, wohin die schweren Feldschlangen, Falkonen
-und Bombarden, die Kugel- und Pulverwagen, der ganze
-furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war.</p>
-
-<p>Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder
-nicht gesehen. Ein tiefer, aber süßer Schlummer hielt
-wie ein mächtiger Zauber seine Sinne viele Tage lang gefangen;
-es war ihm in diesem Zustand wohl zumut, wie einem
-Kinde, das an dem Busen seiner Mutter schläft, nur hin und
-wieder die Augen ein wenig öffnet, um in eine Welt zu blicken,
-die es noch nicht kennt, um sie dann wieder auf lange zu verschließen.
-Schöne, beruhigende Träume aus besseren Tagen
-gaukelten um sein Lager, ein mildes, seliges Lächeln zog oft
-über sein bleiches Gesicht und tröstete die, welche mit banger
-Erwartung seiner pflegten.</p>
-
-<p>Wir wagen es, den Leser in die niedere Hütte zu führen,<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span>
-die ihn gastfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen
-des neunten Tages, nachdem er verwundet wurde.</p>
-
-<p>Die Morgensonne dieses Tages brach sich in farbigen
-Strahlen an den runden Scheiben eines kleinen Fensters und
-erhellte das größere Gemach eines dürftigen Bauernhauses.
-Das Geräte, womit es ausgestattet war, zeugte zwar von Armut,
-aber von Reinlichkeit und Sinn für Ordnung. Ein großer,
-eichener Tisch stand in einer Ecke des Zimmers, auf zwei Seiten
-von einer hölzernen Bank umgeben. Ein geschnitzter, mit hellen
-Farben bemalter Schrein mochte den Sonntagsstaat der Bewohner
-oder schöne, selbstgesponnene Leinwand enthalten; das
-dunkle Getäfel der Wände trug ringsum ein Brett, worauf
-blanke Kannen, Becher und Platten von Zinn, irdenes Geschirr
-mit sinnreichen Reimen bemalt, und allerlei musikalische Instrumente
-eines längst verflossenen Jahrhunderts, als Zimbeln,
-Schalmeien und eine Zither, aufgestellt waren. Um den großen
-Kachelofen, der weit vorsprang, waren reinliche Linnen zum
-Trocknen aufgehängt, und sie verdeckten beinahe dem Auge eine
-große Bettstelle mit Gardinen von großgeblümtem Gewebe, die
-im hintersten Teile der Stube aufgestellt war.</p>
-
-<p>An diesem Bette saß ein schönes, liebliches Kind von etwa
-sechzehn bis siebzehn Jahren. Sie war in jene malerische
-Bauerntracht gekleidet, die sich teilweise bis auf unsere Tage in
-Schwaben erhalten hat. Ihr gelbes Haar war unbedeckt und
-fiel in zwei langen, mit bunten Bändern durchflochtenen Zöpfen
-über den Rücken hinab. Die Sonne hatte ihr freundliches,
-rundes Gesichtchen etwas gebräunt, doch nicht so sehr, daß es
-das schöne, jugendliche Rot auf der Wange verdunkelt hätte;
-ein munteres blaues Auge blickte unter den langen Wimpern
-hervor. Weiße, faltenreiche Aermel bedeckten bis an die Hand
-den schönen Arm, ein rotes Mieder, mit silbernen Ketten geschnürt,
-mit blendend weißen, zierlich genähten Linnen umgeben,
-schloß eng um den Leib; ein kurzes schwarzes Röckchen
-fiel kaum bis über die Knie herunter; diese schmucken Sachen,
-und dazu noch eine blanke Schürze und schneeweiße Zwickelstrümpfe
-mit schönen Kniebändern, wollten beinahe zu stattlich
-aussehen zu dem dürftigen Gemach, besonders da es Werktag
-war.</p>
-
-<p>Die Kleine spann emsig feine glänzende Fäden aus ihrer
-Kunkel, zuweilen lüftete sie die Gardinen des Bettes und warf
-einen verstohlenen Blick hinein; doch schnell, als wäre sie auf
-bösen Wegen erfunden worden, schlug sie die Vorhänge wieder<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span>
-zu und strich die Falten glatt, als sollte niemand merken, daß sie
-gelauscht habe.</p>
-
-<p>Die Türe ging auf, und eine runde, ältliche Frau, in derselben
-Tracht wie das Mädchen, aber ärmlicher gekleidet, trat
-ein. Sie trug eine dampfende Schüssel Suppe zum Frühstück
-auf und stellte Teller auf dem Tisch zurecht. Indem fiel ihr
-Blick auf das schöne Kind am Bette, sie staunte sie an, und
-wenig hätte gefehlt, so ließ sie den Krug mit gutem Apfelwein
-fallen, den sie eben in der Hand hielt.</p>
-
-<p>»Was fällt der aber um Gotteswilla ei', Bärbele?« sagte
-sie, indem sie den Krug niedersetzte und zu dem Mädchen trat.
-»Was fällt der ei', daß de am Wertich da nuia rauta Rock zum
-Spinna anziehst? und au 's nui Mieder hot se an, und, ei daß
-di! &ndash; au a silberne Kette! und en frischa Schurz und Strümpf
-no so mir nix dir nix aus em Kasta reißa? Wer wird denn
-en solcha Hochmut treiba, du dummes Ding, du? Woißt du net,
-daß mer arme Leut sind? und daß du es Kind voma onglückliche
-Mann bist?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden
-lassen; sie schlug zwar die Augen nieder, aber ein schelmisches
-Lächeln, das über ihr Gesicht flog, zeigte, daß die Strafpredigt
-nicht sehr tief gehe. »Ei, so lasset Uich doch b'richta,« antwortete
-sie, »was schadet's denn dem Rock, wenn i ihn au amol
-ama christlicha Wertich ahan? An der silberna Kette wird au
-nix verderbt, und da Schurz kann i jo wieder wäscha!«</p>
-
-<p>»So? als wemma et immer gnuag z'wäscha und z'putza
-hätt? So sag mer no, was ist denn in de g'fahra, daß de so
-strählst und schöa machst?«</p>
-
-<p>»Ah was!« flüsterte das errötende Schwabenkind, »wisset
-Er denn net, daß heut der acht' Tag ist? Hot et der Aetti
-g'sait, der Junker werd' am heutiga Morga verwacha, wenn
-sei Tränkle guete Wirking häb? Und do hanne eba denkt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ist's um dui Zeit?« entgegnete die Hausfrau freundlicher.
-»Da host wärle reacht; wenn er verwacht und sieht älles
-so schluttich und schlampich, se ist's et guot und könnt Verdruß
-gä beim Aette. Ih sieh au aus wia na Drach. Gang, Bärbele,
-hol mer mei schwarz Wammes, mei rauts Miader und en frischa
-Schurz.«</p>
-
-<p>»Aber Muater,« gab die Kleine zu bedenken, »Er wendt
-Uich doch et do atan wölla? Wenn der Junker jetzt no grad
-verwacha tät! Ganget lieber uffe und teant Uich droban a, i
-bleib derweil bei em.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span></p>
-
-<p>»Da host au reacht, Mädle,« murmelte die Alte, ließ selbst
-das Frühstück stehen und ging, um sich in ihren Putz zu werfen.
-Die Tochter aber öffnete das Fenster der frischen erquickenden
-Morgenluft, sie streute Futter auf den breiten Sims, viele
-Tauben und Sperlinge flogen heran und verzehrten mit Gurren
-und Zwitschern ihr Frühstück; die Lerchen in den Bäumen vor
-den Fenstern antworteten in einem vielstimmigen Chorus, und
-das schöne Mädchen sah, von der Morgensonne umstrahlt,
-lächelnd ihren kleinen Kostgängern zu.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick öffneten sich die Gardinen des Bettes,
-der Kopf eines schönen jungen Mannes sah heraus; wir kennen
-ihn, es ist Georg.</p>
-
-<p>Ein leichtes Rot, der erste Bote wiederkehrender Gesundheit,
-lag auf seinen Wangen; sein Blick war wieder glänzend
-wie sonst, sein Arm stemmte sich kräftig auf das Lager. Erstaunt
-blickte er auf seine Umgebungen; dieses Zimmer, dieses
-Geräte waren ihm fremd, er selbst, seine ganze Lage kam ihm
-ungewohnt vor. Wer hatte ihm diese Binde um das Haupt gebunden?
-Wer hatte ihn in dieses Bett gelegt? Es war ihm
-wie einem, der mit fröhlichen Brüdern eine Nacht durchjubelt,
-die Besinnung endlich verloren hat und auf einem fremden
-Lager aufwacht.</p>
-
-<p>Lange sah er dem Mädchen am Fenster zu; dieses Bild, das
-erste, das ihm bei seinem Erwachen aus langem Schlafe entgegentrat,
-war so freundlich, daß er das Auge nicht davon abwenden
-konnte; endlich siegte die Neugierde, über das, was mit
-ihm vorgegangen war, gewisser zu werden; er machte ein Geräusch,
-indem er die Gardinen des Bettes noch weiter zurückschlug.</p>
-
-<p>Das Mädchen am Fenster schien zusammenzuschrecken; sie
-wandte sich um, über ein schönes Gesicht flog ein brennendes
-Rot, freundliche, blaue Augen staunten ihn an; ein roter,
-lächelnder Mund schien vergebens nach Worten zu suchen, den
-Kranken bei seiner Rückkehr ins Leben zu begrüßen. Sie faßte
-sich und eilte mit kurzen Schritten an das Bette, doch machte
-sie unterwegs mehreremal Halt, als besinne sie sich, ob er denn
-wirklich wieder aufgewacht sei, ob es sich auch schicke, daß sie zu
-ihm trete, da er jetzt wieder lebe wie ein anderer Mensch.</p>
-
-<p>Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schönen
-Kindes lächelnd zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen.</p>
-
-<p>»Sag' mir, wo bin ich? Wie kam ich hierher?« fragte<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span>
-Georg. »Wem gehört dieses Haus, worin ich, mir scheint, aus
-einem langen Schlaf erwacht bin?«</p>
-
-<p>»Sind Er wieder ganz bei Uich?« rief das Mädchen, indem
-sie vor Freude die Hände zusammenschlug. »Ach, Herr Jeses,
-wer hett' es denkt? Er gucket oin doch au wieder g'scheit an
-und et so duselig, daß oims ällemol angst und bang wora ist.«</p>
-
-<p>»Ich war also krank?« forschte Georg, der das Idiom des
-Mädchens nur zum Teil verstand. »Ich lag einige Stunden
-ohne Bewußtsein?«</p>
-
-<p>»Ei, wie schwätzet Er doch!« kicherte das hübsche Schwabenkind
-und nahm das Ende des langen Zopfbandes in den Mund,
-um das laute Lachen zu verbeißen: »a paar Stund' saget Er?
-Heit nacht wird's g'rad nei Tag, da se Uich brocht hent.«</p>
-
-<p>Der Jüngling staunte sie mit ernsten Blicken an. Neun
-Tage, ohne zu Marien zu kommen! Zu Marien? Mit diesem
-himmlischen Bilde kehrte wie mit <em class="gesperrt">einem</em> Schlage seine Erinnerung
-wieder; er erinnerte sich, daß er vom Bunde sich losgesagt;
-daß er sich entschlossen habe, nach Lichtenstein zu reisen,
-daß er über die Alb auf geheimen Wegen gezogen sei, daß &ndash; er
-und sein Führer überfallen, vielleicht gefangen wurden. »Gefangen?«
-rief er schmerzlich. »Sage, Mädchen, bin ich gefangen?«</p>
-
-<p>Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die
-klaren Blicke des jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine
-freundlichen Züge ernst, beinahe wild wurden; sie glaubte, er
-falle in jenen schrecklichen Zustand zurück, wo er, vom Wundfieber
-hart angefallen, einige Stunden lang gerast hatte, und
-der schwermütige Ton seiner Frage konnte ihre Furcht nicht
-mindern. Unschlüssig, ob sie bleiben oder um Hilfe rufen
-sollte, trat sie einen Schritt zurück.</p>
-
-<p>Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer
-Angst die Bestätigung seiner Frage zu lesen. »Gefangen, vielleicht
-auf lange, lange Zeit,« dachte er, »vielleicht weit von ihr
-entfernt, ohne Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr zu
-wissen!« Sein Körper war noch zu erschöpft, als daß er der
-trauernden Seele widerstanden hätte; eine Träne stahl sich aus
-dem gesenkten Auge.</p>
-
-<p>Das Mädchen sah diese Träne, ihre Angst löste sich augenblicklich
-in Mitleiden auf, sie trat näher, sie setzte sich an sein
-Bett, sie wagte es, die herabhängende Hand des Jünglings zu
-ergreifen. »Er müesset et greina,« sagte sie; »Euer Gnada<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span>
-sind jo jetzt wieder g'sund, und &ndash; Er kennet jo jetzt bald wieder
-fortreita,« setzte sie, wehmütig lächelnd, hinzu.</p>
-
-<p>»Fortreiten?« fragte Georg, »also bin ich nicht gefangen?«</p>
-
-<p>»G'fanga? Noi, g'fanga send Er net; es hätt zwor a
-paarmol sei kenna, wia dia vom schwäbischa Bund vorbeizoga
-send; aber mer hent Uich allemol guet versteckt; der Vater hot
-g'sait, mer solla da Junker koin Menscha seha lau.«</p>
-
-<p>»Der Vater?« rief der Jüngling; »wer ist der gütige
-Mann? Wo bin ich denn?«</p>
-
-<p>»Ha, wo werdet Er sei?« antwortete Bärbele, »bei aus
-send Er in Hardt.«</p>
-
-<p>»In Hardt?« Ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten
-Wände gab ihm Gewißheit, daß er Freiheit und Leben jenem
-Manne zu verdanken habe, der ihm wie ein Schutzgeist von
-Marien zugesandt war. »Also in Hardt? Und dein Vater ist
-der Pfeifer von Hardt? Nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Er hot's et gern, wemmer em so ruaft,« antwortete das
-Mädchen; »er ist freile sei's Zoiches a Spielma, er hairts am
-gernsta, wemmer Hans zua nem sait.«</p>
-
-<p>»Und wie kam ich denn hierher?« fragte jener wieder.</p>
-
-<p>»Ja wisset Er denn au gar koi Wörtle meh?« lächelte das
-hübsche Kind und bediente sich des Zopfbandes. Sie erzählte,
-ihr Vater sei schon seit einigen Wochen nicht zu Hause gewesen,
-da sei er einesmals vor neun Tagen in der Nacht an das Haus
-gekommen und habe stark gepocht, bis sie erwacht sei. Sie habe
-seine Stimme erkannt und sei hinabgeeilt, um ihm zu öffnen.
-Er sei aber nicht allein gewesen, sondern noch vier andere
-Männer bei ihm, die eine, mit einem Mantel verdeckte, Tragbahre
-in die Stube niedergelassen haben. Der Vater habe den
-Mantel zurückgeschlagen und ihr befohlen zu leuchten, sie aber
-sei heftig erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann
-sei auf der Bahre gelegen. Der Vater habe ihr befohlen, das
-Zimmer schnell zu wärmen, indessen habe man den Verwundeten,
-den sie seinen Kleidern nach für einen vornehmen Herrn erkannt
-habe, auf das Bett gebracht. Der Vater habe ihm seine
-Wunden mit Kräutern verbunden, habe ihm dann auch selbst
-einen Trank bereitet, denn er verstehe sich trefflich auf die
-Arzneien für Tiere und Menschen. Zwei Tage lang seien sie
-alle besorgt gewesen, denn der Junker habe gerast und getobt;
-nach dem zweiten Tränklein aber sei er stille geworden, der
-Vater habe gesagt, am achten Morgen werde er gesund und
-frisch erwachen, und wirklich sei es auch so eingetroffen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span></p>
-
-<p>Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der
-Rede des Mädchens zugehört. Er hatte sie oft unterbrechen
-müssen, wenn er ihre zierlichen Ausdrücke nicht recht verstand,
-oder wenn sie in ihrer Rede abschweifte, um die Kräuter zu beschreiben,
-woraus der Pfeifer von Hardt seine Arzneien bereitet
-hatte.</p>
-
-<p>»Und dein Vater,« fragte er sie, »wo ist er?«</p>
-
-<p>»Was wisset mir, wo er ist!« antwortete sie ausweichend,
-doch als besinne sie sich eines Besseren, setzte sie hinzu: »Uich
-kammes jo saga, denn Ihr müesset guet Freund sei mit em Vater.
-Er ist nach Lichtastoi.«</p>
-
-<p>»Nach Lichtenstein?« rief Georg, indem sich seine Wangen
-höher färbten. »Und wann kommt er zurück.«</p>
-
-<p>»Ja er <em class="gesperrt">sott</em> schau seit zwoi Tag do sei, wie ner gsait hot.
-Wenn em no nix g'scheha ist. D'Leut saget, dia bündische Reiter
-bassen em uff.«</p>
-
-<p>Nach Lichtenstein &ndash; dorthin zog es ja auch ihn. Er fühlte
-sich kräftig genug, wieder einen Ritt zu wagen und die Versäumnis
-der neun Tage einzuholen. Seine nächste und wichtigste
-Frage war daher nach seinem Roß, und als er hörte, daß
-es sich ganz wohl befinde und im Kuhstall seiner Ruhe pflege,
-war auch der letzte Kummer von ihm gewichen. Er dankte seiner
-holden Pflegerin für seine Wartung und bat sie um sein Wams
-und seinen Mantel. Sie hatte längst alle Spuren von Blut
-und Schwerthieben aus den schönen Gewändern vertilgt; mit
-freundlicher Geschäftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus
-dem geschnitzten und gemalten Schrein, wo sie neben ihrem
-Sonntagsschmuck geruht hatte. Lächelnd breitete sie Stück für
-Stück vor ihm aus und schien sein Lob, daß sie alles so schön
-gemacht habe, gerne zu hören, dann enteilte sie dem Gemach,
-um die frohe Botschaft, daß der Junker ganz genesen sei, der
-Mutter zu verkündigen.</p>
-
-<p>Ob sie der Mutter auch gestanden, daß sie schon seit einer
-halben Stunde mit dem schönen freundlichen Herrn geplaudert
-habe, wissen wir nicht. Wir haben aber Ursache, daran zu
-zweifeln, denn jene ältliche, runde Frau hatte Erfahrung aus
-ihrer Jugend und glaubte, ihrem Töchterlein die Warnung nie
-genug wiederholen zu können, sie solle sich wohl hüten, mit einem
-jungen Burschen länger als ein Ave Maria lang zu sprechen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap16">16.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&ndash;&nbsp;Was kümmert's dich? Du fragst<br /></span>
-<span class="i0">Nach Dingen, Mädchen, die dir nicht geziemen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Schiller.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Als die runde Frau und Bärbele von der Bodenkammer
-herabstiegen, war ihr erster Gang nicht in das Gemach, wo ihr
-Gast war, sondern nach der Küche, und zwar aus zweierlei
-Gründen: einmal, weil jetzt dem Gast ein kräftiges Habermus
-gekocht werden mußte, und dann &ndash; von der Küche ging ein
-kleines Fenster in die Stube, dorthin stellte sich die Mutter, um
-die Mienen des Junkers zu rekognoszieren.</p>
-
-<p>Bärbele stellte sich auf die Zehen und schaute ihrer Mutter
-über die Schultern durchs Fensterlein. Sie staunte, und ihr
-Herz pochte seit siebzehn Jahren zum erstenmal recht ungestüm;
-denn so hübsch hatte sie sich doch den Junker nicht gedacht. Sie
-war zwar oft von seinem Anblick bis zu Tränen gerührt gewesen,
-wenn er mit starren Augen, ohne Bewußtsein, beinahe
-ohne Leben dalag. Seine bleichen, noch im Kampfe mit dem
-Tode so schönen Züge hatten sie oft angezogen, wie ein rührendes,
-erhabenes Bild den frommen Sinn einer Betenden anzieht;
-aber jetzt, sie fühlte es, jetzt war es was ganz anderes. Die
-Augen waren wieder gefüllt von schönem, mutigen Feuer; es
-wollte dem Bärbele auf den Zehen bedünken, als habe sie, so
-alt sie geworden, noch gar keine solche gesehen. Das Haar lag
-nicht mehr in unordentlichen Strängen um die schöne Stirne;
-es fiel geordnet und reich auf den Nacken hinab.</p>
-
-<p>Seine Wangen hatten sich wieder gerötet, seine Lippen
-waren so frisch wie die Kirschen an Petri und Paul; und wie
-ihn das seidengestickte Wams gut kleidete und der breite weiße
-Halskragen, den er über das Kleid herausgelegt hatte! Aber
-das konnte das Mädchen nicht ergründen, warum er wohl immer
-auf eine aus weiß und blauer Seide geflochtene Schärpe niedersah,
-so fest, so eifrig, als wären geheimnisvolle Zeichen eingewoben,
-die er zu entziffern bemüht sei. Ja, es kam ihr sogar
-vor, als drücke er die Feldbinde an das Herz, als führe er sie
-an die Lippen voll Andacht und Inbrunst, wie man Reliquien
-zu verehren pflegt.</p>
-
-<p>Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch
-das Fensterlein vollendet. »'s ist a Herr wie na Prinz,« sagte
-sie, indem sie das Habermus umrührte. »Was er a Wammes<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span>
-a hot! Dia Herra z'Stuagert kennet's et schöner hau. Was
-duet er no mit dem Fetza, won er in der Hand hot? Er guckt
-a jo schier ausenander! Es ist, ka sei a bißle Bluat na
-kommt, daß ens verzirnt.«</p>
-
-<p>»Noi, sell isch et,« entgegnete Bärbele, die jetzt bequemer
-das Zimmer übersehen konnte, »aber wisseter, Muater, wia
-mer's fürkommt? Er macht so gar fuirige Auga druf na: sell
-ist gewiß ebbes von seim Schatz.«</p>
-
-<p>Die runde Frau konnte sich nicht enthalten, über die richtige
-Vermutung ihres Kindes etwas weniges zu lächeln, doch schnell
-nahm sie ihre mütterliche Würde wieder zusammen, indem sie
-entgegnete: »A, was woist du von Schätz! So na Kind wia du
-muaß gar a nix so denka! Gang jetzt weg vom Fensterle dort,
-lang mir sell Häfele her. Der Herr wird a fürnehms Fressa
-g'wohnt sei, i muaß am a bißle viel Schmalz in de Brei dauh!«</p>
-
-<p>Bärbele verließ etwas empfindlich das Fenster. Sie wußte,
-daß sie ihrer Mutter nicht widersprechen dürfe, aber diesmal
-hatte sie offenbar unrecht. Ging nicht das Mädchen schon seit
-einem Jahr in den Lichtkarz, wo von den Mädchen des Dorfes
-über Schätzchen und Liebe viel gesprochen und gesungen wurde?
-Hatten nicht einige ihrer Gespielinnen, die wenige Wochen älter
-waren als sie, schon jede einen erklärten Schatz, und sie allein
-sollte nicht davon sprechen, nicht einmal etwas davon wissen
-dürfen? Nein, es war recht unbillig von der runden Frau,
-ihrem Töchterlein, das, wenn sie sich auf die Zehen stellte, der
-Mutter über die Schultern sehen konnte, solche Wissenschaft
-geradehin zu verbieten. Aber wie es zu geschehen pflegt, das
-Verbot reizt gewöhnlich zur Uebertretung, und Bärbele nahm
-sich vor, nicht eher zu ruhen, als bis sie wisse, warum der junge
-Ritter mit so gar »fuirigen Augen« auf seine Feldbinde hinschaue.</p>
-
-<p>Das Frühstück des Junkers war indessen fertig geworden,
-es fehlte nichts mehr als ein Becher guten alten Weines. Auch
-dieser war bald herbeigebracht, denn der Pfeifer von Hardt war
-zwar ein geringer Mann, aber nicht so arm, daß er nicht für
-feierliche Gelegenheiten ein Fäßchen im Keller liegen hatte.
-Das Mädchen trug den Wein und das Brot, und die runde Frau
-ging in vollem Sonntagsstaat, die Schüssel mit Habermus in
-beiden Fäusten, ihrem holden Töchterlein voran in die Stube.</p>
-
-<p>Es kostete den jungen Mann nicht geringe Mühe, den
-vielen Knicksen der Pfeifersfrau Einhalt zu tun. Sie hatte in
-ihrer Jugend einmal auf dem Schlosse zu Neuffen gedient und<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span>
-wußte, was Lebensart war. Daher blieb sie mit der rauchenden
-Schüssel an ihrer eigenen Schwelle stehen, bis ihr der gestrenge
-Junker ernstlich befahl, vorzutreten. Die Tochter aber stand
-errötend hinter der runden Frau, und ihr verschämtes Gesicht
-ward nur auf Augenblicke sichtbar, wenn die Mutter sich recht
-tief verneigte. Auch sie machte die gehörige Anzahl Knickse,
-doch mochten sie nicht so ungemein ehrerbietig sein, denn sie hatte
-ja schon ein halbes Stündchen mit ihm geplaudert.</p>
-
-<p>Das Mädchen deckte jetzt den Tisch mit frischen Linnen,
-setzte dem Junker das Habermus und den Wein an den Ehrenplatz
-in der Ecke der Bank unter dem Kruzifix; dann steckte sie
-einen zierlich geschnitzten hölzernen Löffel in das Mus. Er
-blieb aufrecht darin stehen, und es war dies ein gutes Zeichen,
-daß das Frühstück delikat bereitet sei. Als der Junker sich
-niedergelassen hatte, setzten sich auch Mutter und Tochter an
-den Tisch zu ihrem Suppennapf, doch in bescheidener Entfernung
-und nicht ohne das Salzfaß zwischen sich und ihren vornehmen
-Gast zu stellen. Denn so wollte es die Sitte in den
-guten alten Zeiten.</p>
-
-<p>Georg hatte, während sie das Frühmahl verzehrten, Muße
-genug, die beiden Frauen zu betrachten. Er gestand sich, daß
-die Hausehre des Pfeifers von Hardt eine stattliche Frau sei,
-die vielleicht manchen weniger kühnen Mann als seinen Führer
-und Erretter unter die Stelzen ihrer gewichtigen Schuhe (Pantoffel
-hatte sie wohl nicht) gebracht hätte. Auch das Kind des
-Spielmanns dünkte ihm eine liebliche Dirne, und ein so schöner
-Kopf, solche freundlichen Augen hätten vielleicht in seinem
-Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen, wäre
-es nicht von <em class="gesperrt">einem</em> Bilde schon ganz erfüllt gewesen, wäre
-nicht die Kluft so unendlich groß gewesen, welche Geburt und
-Verhältnisse zwischen den Erben des Namens Sturmfeder und
-die geringe Tochter des Pfeifers von Hardt befestigt hatten.
-Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke mit Wohlgefallen auf
-ihren reinen unschuldigen Zügen, und wäre die runde Frau
-nicht mit ihrer Suppe zu beschäftigt gewesen, so wäre ihr wohl
-die Röte nicht entgangen, die auf den Wangen ihres Kindes
-aufstieg, wenn zufällig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge
-des jungen Mannes begegnete.</p>
-
-<p>»Der Napf ist leer, jetzt ist es Zeit zu schwatzen.« Dieser
-richtige Spruch galt auch hier, sobald das Tischtuch weggenommen
-war. Georg lagen vornehmlich zwei Dinge am Herzen:
-er mußte gewiß sein, wann der Pfeifer von Lichtenstein zurückkommen<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span>
-würde, weil er nur seine Nachrichten über die Geliebte
-abwarten wollte, um dann sogleich zu ihr zu eilen; und zweitens
-war es ihm sehr wichtig, zu erfahren, wo das Heer des Bundes
-in diesem Augenblick stehe. Ueber das erstere konnte er keine
-weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Mädchen früher
-schon gesagt hatte. Der Vater sei etwa seit sechs Tagen abwesend,
-habe aber versprochen, am fünften Abend wieder hier
-zu sein, und sie erwarten ihn daher stündlich. Die runde Frau
-vergoß Tränen, indem sie dem Junker klagte, daß ihr Mann,
-seitdem dieser Krieg begonnen, kaum einige Stunden zu Haus
-gewesen sei. Er sei von früheren Zeiten her schon als ein
-unruhiger Mann berüchtigt, jetzt murmeln die Leute auch wieder
-allerlei über ihn, und gewiß bringe er seine Frau und sein
-Kind durch sein gefährliches Leben noch in Unglück und Jammer.</p>
-
-<p>Georg suchte alle Trostgründe hervor, um ihre Tränen zu
-stillen; es gelang ihm wenigstens insoweit, daß sie ihm seine
-Fragen nach dem Bundesheer beantwortete.</p>
-
-<p>»Ach Herr,« sagte sie, »es ist a Graus und a Jommer;
-'s ist g'rad, wie wenn der wild Jäger uf de Wolka reitet und
-mit seine g'schpenstige Hund übers Land wegzieht. 's ganz
-Unterland hent se schau, und jetzt goht's mit em hella Haufa
-ge Tibenga.«</p>
-
-<p>»So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand?« fragte
-Georg verwundert, »Höllenstein, Schorndorf, Göppingen, Teck,
-Urach? Sind sie alle schon eingenommen?«</p>
-
-<p>»Aelles hent se. A Mann von Schorndorf hot's g'sait,
-daß se de Höllastoi, Schorndorf und Göppinga hent. Aber von
-Teck und Aurich kane Uich ganz gnau berichta, mer send jo koine
-drei, vier Stund davo.« Sie erzählte nun: am dritten April
-sei das Heer vor Teck gezogen. Sie haben einen Teil des Fußvolkes
-vor das eine Tor gesetzt und sich mit der Besatzung über
-die Uebergabe besprochen. Da seien alle Knechte zu diesem Tor
-geeilt und haben zugehört, und indessen sei das andere Tor von
-den Feinden bestiegen worden.<a id="FNanchor_22_23"></a><a href="#Footnote_22_23" class="fnanchor">[22]</a> Im Schloß Urach aber seien
-vierhundert herzogliche Fußknechte gewesen. Diese habe die
-Bürgerschaft nicht in die Stadt lassen wollen, als der Feind
-anrückte. Es sei zum Gefecht zwischen ihnen gekommen, worin
-die Knechte auf den Markt gedrungen seien, dort aber sei der
-Vogt von einer Kugel getroffen und nachher mit Hellebarden
-niedergestoßen worden. Die Stadt habe sich dem Bunde ergeben.
-»Es ist koi Wunder,« schloß die runde Frau ihre Erzählung,
-»älle Burga und Schlösser nehme se ei; denn se hent<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span>
-lange Feldschlanga und Bombardierstuck, wo se Kugla draus
-schießet, graißer als mei Kopf, daß älle Maura zemabrecha und
-älle Tirn einfalla müeßet.«</p>
-
-<p>Georg konnte nach diesem Bericht ahnen, daß eine Reise
-von Hardt nach Lichtenstein nicht minder gefährlich sein werde
-als jener Ritt über die Alb, denn er mußte gerade die Linie
-zwischen Urach und Tübingen durchschneiden. Doch war Urach
-schon seit mehreren Tagen von dem Heere verlassen. Die Belagerung
-von Tübingen mußte notwendig viele Mannschaft erfordern,
-und so konnte Georg dennoch hoffen, daß keine eigentlichen
-Posten mehr den Strich Landes, den er zu durchreisen
-hatte, besetzt halten werden.</p>
-
-<p>Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines
-Führers. Seine Kopfwunde war geheilt; sie war nicht tief gewesen,
-denn die Federn seines Barettes und sein dichtes Haar
-hatten dem Hiebe, der nach ihm geführt worden war, seine
-Schärfe benommen; doch war der Schlag noch immer kräftig
-genug gewesen, um ihn auf so viele Tage des Bewußtseins zu
-berauben. Auch seine übrigen Wunden an Arm und Beinen
-waren geheilt, und die einzige körperliche Folge jener unglücklichen
-Nacht war eine Mattigkeit, die er dem Blutverlust, dem
-langen Liegen und dem Wundfieber zuschrieb; doch auch diese
-schwand von Stunde zu Stunde, denn ein frischer Mut und
-sehnsüchtige Gedanken in die Ferne verjagen gar bald solche
-schlimmen Gäste.</p>
-
-<p>Es gehörte übrigens dieser frische Mut und ein wenig
-jugendliche Neugierde dazu, ihm die langsam hinschleichenden
-Stunden erträglich zu machen. Es gehörte die muntere Tochter
-des Pfeifers dazu, um ihn vergessen zu lassen, wie unerträglich
-lange ihr Vater auf sich warten lasse. Er sah hier, was er sich
-schon lange zu sehen gewünscht hatte, eine echte schwäbische
-Bauernwirtschaft. Wie drollig kamen ihm ihre Sitten, ihre
-Sprache vor. Sein Franken, so nahe es an dieses Württemberg
-grenzte, hatte doch wieder einen andern Schlag von Leuten.
-Es deuchte ihm, seine Bauern seien pfiffiger, verschlagener, in
-manchen Dingen weniger roh als diese; aber die gutmütige Ehrlichkeit
-dieser Leute, die aus ihren Augen, aus ihrer Sprache,
-aus ihrem ganzen Wesen hervorblitzte; ihre muntere, unverdrossene
-Arbeitsamkeit; ihre Reinlichkeit, die ihrer Armut ein
-ehrbares, sogar schmuckes Ansehen gab, dies alles machte, daß
-er zu fühlen glaubte, es haben diese Leute als Menschen mehr<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span>
-inneren Gehalt als die, welche er in seinen Gauen kennen gelernt
-hatte, wenn sie auch in manchen Dingen nicht so viel Verschlagenheit
-zeigten.</p>
-
-<p>Bewundern mußte er auch die trauliche gutmütige Geschwätzigkeit
-des Mädchens. Die runde Frau mochte schmälen,
-wie sie wollte, mochte sie noch so oft ermahnen, den hohen Stand
-des Ritters zu bedenken, sie ließ es sich nicht nehmen, ihren Gast
-zu unterhalten, besonders da sie ihren geheimen Plan, zu erforschen,
-ob sie in Hinsicht auf die Feldbinde besser geraten
-habe als die Mutter, noch nicht aufgegeben hatte. Sie hatte
-hierüber noch ihre ganz besonderen Gedanken. Als nämlich
-der Junker so gar krank gelegen, war sie in der Nacht noch
-lange aufgeblieben, um dem Vater Gesellschaft zu leisten, der
-am Bette des Verwundeten wachte; doch bald schlief sie über ihrer
-Arbeit ein. Es mochte ungefähr zehn Uhr in der Nacht sein,
-da sie von einem Geräusch im Zimmer aufgeschreckt wurde.
-Sie sah einen Mann mit dem Vater angelegentlich sprechen;
-seine Züge entgingen ihr nicht, obgleich er sich in eine große
-Kappe gehüllt hatte; sie glaubte einen Diener des Ritters von
-Lichtenstein, der schon oft auf geheimnisvolle Weise zu dem
-Pfeifer von Hardt gekommen war, und bei dessen Anwesenheit
-sie immer das Zimmer hatte verlassen müssen, in ihm zu
-erkennen.</p>
-
-<p>Neugierig, endlich einmal zu hören, was dieser Mann bei
-dem Vater zu tun habe, schloß sie ihre Augen wieder fest zu;
-denn es war ihr wahrscheinlich, daß ihr Vater sie nur im Zimmer
-ließ, weil er sie für fest eingeschlafen hielt. Der Mann
-erzählte von einem Fräulein, die über eine gewisse Nachricht
-untröstlich sei. Sie habe den fremden Mann gebeten und gefleht,
-nach Hardt zu gehen und Nachricht einzuziehen, sie habe
-geschworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe, ihrem Vater
-alles zu sagen und zur Pflege des Kranken selbst zu kommen.
-Solches hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen; der Vater
-hatte darauf das Fräulein beklagt, hatte dem Boten den ganzen
-Zustand des Kranken geschildert und versprochen, daß er, sobald
-sich der Kranke gebessert habe, selbst kommen werde, um
-dem Fräulein diesen Trost zu bringen. Der fremde Mann
-hatte sodann dem Kranken ein Löckchen von seinen langen
-Haaren abgeschnitten, es in ein Tuch geschlagen und unter dem
-Wams wohl verwahrt; darauf war er, vom Vater geführt, aus
-der Stube gegangen, und kurz nachher hörte sie ihn bei Nacht
-und Nebel wieder wegreiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span></p>
-
-<p>Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschäfte der folgenden
-Tage bald wieder aus dem leichten, jugendlichen Sinn der
-Tochter des Pfeifers von Hardt verdrängt, sie erwachte aber
-jetzt aufs neue, aufgeregt durch das, was Bärbele durchs
-Küchenfenster gesehen hatte. Sie wußte, daß der Ritter von
-Lichtenstein eine Tochter habe, denn die Schwester des Spielmanns
-war ja ihre Amme. Und dieses Fräulein mußte es
-wohl sein, die den Lichtensteiner Knecht gesandt habe, um sich
-so angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die sogar
-selbst kommen wollte, um ihn zu pflegen.</p>
-
-<p>Alle Sagen von liebenden Königstöchtern, von Rittern,
-die krank in Gefangenschaft gelegen und von holden Fräulein
-errettet wurden, alles, was über dieses Kapitel jemals in der
-traulichen Spinnstube erzählt worden war &ndash; und es gab viele
-»grausige« Geschichten hierüber &ndash; kam ihr in das Gedächtnis.
-Sie wußte nun zwar nicht, wie es mit der Minne so vornehmer
-Leute beschaffen sei, aber sie dachte, es werde dem hohen Fräulein
-wohl ungefähr ebenso ums Herz sein wie den Mädchen von
-Hardt, wenn sie an einen schmucken Burschen von Ober-Ensingen
-oder Köngen ihr Herz verschenkt haben. Und in dieser Hinsicht
-kam ihr das Verhältnis, dem sie in Gedanken nachspürte,
-gar reizend vor, besonders dachte sie sich den Schmerz des
-Fräuleins auf ihrer fernen, hohen Burg recht grausam und
-rührend, wie sie nicht wisse, ob ihr Schatz lebendig oder tot sei,
-wie sie nicht zu ihm könne, um ihn zu sehen und zu pflegen.</p>
-
-<p>Sie wußte ein Lied, das man oft im Lichtkarz sang; es
-hatte eine schöne Weise und kam ihr unwillkürlich auch jetzt in
-den Sinn; es hieß:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wenn i im Bett lieg' und bi krank,<br /></span>
-<span class="i0">Wer führt mer mei Schätzle zum Tanz;<br /></span>
-<span class="i0">Und wenn i im Grab lieg' und faule,<br /></span>
-<span class="i0">Wer kußt no ihr Honigmaule?«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Tränen traten ihr in die sonst so fröhlichen Augen, als
-sie bedachte, wie leicht der Junker seinem Liebchen hätte wegsterben
-können, und wie sie dann so einsam und ohne Liebe gewesen
-wäre, und doch war sie gewiß recht schön und eines vornehmen
-reichen Ritters Kind. Doch ist nicht der Junker noch
-viel schlimmer daran? dachte das gutherzige Schwabenkind
-weiter; dem Fräulein hat ja der Vater jetzt Nachricht von ihm
-gebracht, aber er, er wußte ja seit vielen Tagen kein Wörtchen
-von ihr; denn früher wußte er nichts von sich selbst, und seit er<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span>
-wieder ganz bei Leben war, konnte er auch nichts wissen;
-darum hatte er wohl die Binde, die er gewiß von ihr hatte, so
-beweglich angeschaut und ans Herz und den Mund gedrückt?
-Sie nahm sich vor, ihm zu erzählen, was in jener Nacht vorgegangen
-sei; vielleicht ist es ihm doch ein Trost, dachte sie.</p>
-
-<p>Georg hatte bemerkt, wie die fröhliche Miene des spinnenden
-Bärbeles nach und nach ernster geworden war, wie sie
-über etwas nachzusinnen schien, ja er glaubte sogar eine Träne
-in ihrem Auge bemerkt zu haben. »Was hast du, Mädchen,«
-fragte er, als die Mutter gerade das Zimmer verlassen hatte;
-»warum wirst du auf einmal so still und ernst und netzest ja
-sogar deine Fäden mit Tränen?«</p>
-
-<p>»Send denn Ihr so lustig, Junker?« fragte Bärbele und
-sah ihm recht fest ins Auge; »i han g'moint, es sei vorig ebbes
-aus Eure Auga g'rollt, was selle Binde dort g'netzt hot. Sell
-hent Er gewiß vo Eurem Schätzle, und jetzt tuet Uichs loid,
-daß Er et bei er send.«</p>
-
-<p>Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben, denn der junge
-Mann errötete tief über ihre Frage. »Du hast vielleicht recht,«
-sagte er lächelnd, »doch bin ich deswegen nicht gar zu traurig,
-ich werde sie bald wiedersehen.«</p>
-
-<p>»Ach, was des für a Freud sein wird in Lichtastoi!« entgegnete
-Bärbele mit einem schelmischen Seitenblick.</p>
-
-<p>Georg erstaunte; sollte ihr der Vater von dem Geheimnis
-seiner Liebe etwas gesagt haben? »In Lichtenstein?« fragte
-er sie, »was weißt du von mir und Lichtenstein?«</p>
-
-<p>»Ach, i mag's dem gnädigen Fräule wohl gönna, daß se
-wieder a Mol a Freud hot; mer hot mer g'sait, se häb rechtschaffa
-g'jommeret, wie Er so krank gwe send.«</p>
-
-<p>»Gejammert, sagst du?« rief Georg, indem er aufsprang
-und zu ihr trat. »So wußte sie um meine Krankheit? O sage,
-was weißt du von Marie? Kennst du sie? Was sagte der
-Vater von ihr?«</p>
-
-<p>»Der Vater hot koi sterbes Wörtle zu mer g'sait, und i
-wißt au net, daß es a Fräule von Lichtastoi geit, wenn et mei
-Bas ihr Amm wär. Aber Er müeßet mer's et übel nemma,
-Junker, dasse a bissele g'horcht hau; gucket, des Ding ist so
-ganga.« Sie erzählte dem Junker, wie sie hinter das Geheimnis
-gekommen sei, und daß der Vater, wahrscheinlich um guten
-Trost zu bringen, nach Lichtenstein gegangen sei.</p>
-
-<p>Georg wurde schmerzlich bewegt durch diese Nachricht, er
-hatte bis jetzt geglaubt, Marie werde die Nachricht seines Unfalls<span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span>
-zugleich mit der tröstlichen Kunde seiner Genesung erhalten,
-und jetzt mußte er erfahren, daß sie mehrere bange Tage in
-Ungewißheit geschwebt habe: in der schrecklichen Ungewißheit,
-ob er nicht hier noch entdeckt werde, ob er gerettet werde, ob sie
-ihn je wiedersehen würde; er kannte ihr treues Herz, und wie
-lebhaft konnte er sich ihren Kummer denken! Wahrlich, sein
-eigenes Unglück schien ihm gering und nicht zu beachten, wenn
-er sich den Jammer des teuren Mädchens vorstellte. Wie viel
-hatte sie in Ulm gelitten, wie schmerzlich war ihr der Abschied
-von ihm geworden; und kaum hatte ihr Herz wieder freier geatmet
-in dem Gedanken, daß er des Bundes Fahnen verlassen
-werde, kaum hatte sie ein wenig heiterer in die Zukunft gesehen,
-so kam ihr die Schreckensbotschaft von der tödlichen
-Wunde. Und dieses alles vor den Blicken des Vaters verschließen
-zu müssen, diesen großen Schmerz allein tragen zu
-müssen, ohne eine, auch nur <em class="gesperrt">eine</em> Seele zu haben, bei welcher
-sie weinen, bei welcher sie Trost suchen konnte. Jetzt fühlte er
-erst, wie notwendig es sei, schnell nach Lichtenstein zu eilen,
-und seine Ungeduld wurde zum Unmut, daß jener sonst so
-kluge Mann gerade in diesen kostbaren Augenblicken so lange
-ausbleibe.</p>
-
-<p>Das Mädchen mochte seine Gedanken erraten: »I sieh
-wohl, Er möchtet gern von uns fort; wenn no der Vater do
-wär, den alloi fendet Er da Weg nach Lichtastoi net; Er send
-koi Witaberger, des merke an der Sproch, und do kennet Er
-leicht verirra. Wisset Er was? I lauf em Vater entgege und
-mach, daß er bald kommt.«</p>
-
-<p>»Du wolltest ihm entgegengehen?« sagte Georg, gerührt
-von der Gutmütigkeit des Mädchens. »Weißt du denn, ob er
-schon in der Nähe ist? Vielleicht ist er noch stundenweit entfernt,
-und in einer Stunde wird es Nacht!«</p>
-
-<p>»Und wär's so Nacht, daß mer da Weg mit de Händ' greifa
-müeßt, und müeßt e laufa bis Lichtastoi, i wett's gern dauh,
-Er kommet jo no bälder zu&nbsp;&ndash;« Errötend schlug sie die Augen
-nieder, denn trieb sie auch ihr gutes Herz, sich zum Liebesboten
-des Ritters anzubieten, so schämte sie sich doch, jenes
-zarte Verhältnis, das ihr heute so klar wie noch nie zuvor
-einleuchtete, zu berühren.</p>
-
-<p>»Und willst du mir zulieb gehen bis Lichtenstein, so wäre
-es ja töricht von mir, zurückzubleiben und erst deinen Vater zu
-erwarten. Ich sattle geschwind mein Roß und reite neben dir<span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span>
-her, und du zeigst mir den Weg, bis ich ihn nicht mehr verfehlen
-kann.«</p>
-
-<p>Das Mädchen von Hardt schlug die Augen nieder und
-spielte mit dem langen Zopfband. »Aber es wird jo scho en
-era Stund Nacht,« flüsterte sie kaum hörbar.</p>
-
-<p>»Ei, was schadet das? Dann bin ich um den Hahnenschrei
-in Lichtenstein,« antwortete Georg; »du wolltest dich ja vorhin
-selbst bei Nacht und Nebel auf den Weg machen.«</p>
-
-<p>»Ja, i wohl,« entgegnete Bärbele, ohne aufzusehen, »aber
-Euch ist's gewiß et g'sund, wo ner erst krank gwä sent, so in der
-kühla Nacht en Weg von sechs Stund z'macha.«</p>
-
-<p>»Das kann ich nicht beachten,« rief Georg, »und die Wunde
-ist ja geheilt, ich bin gesund wie zuvor: nein! rüste dich immer,
-gutes Kind, wir brechen sogleich auf, ich gehe, mein Pferd zu
-satteln.« Er nahm den Zaum von einem Nagel an der Wand,
-wo er aufgehängt war, und schritt zur Türe.</p>
-
-<p>»Herr! Euer Gnaden!« rief ihm das Mädchen ängstlich
-nach; »lasset's lieber geh. Gucket, 's tuet se et, daß mer so
-selbander in der Nacht fortganget. D'Leut in Hardt send so
-gar wunderlich, und mer tät mer gewiß ebbes abhänga, wenne
-&ndash; Wartet lieber bis morga früh, so wille Uich meinetwega
-führa bis Pfullinga.«</p>
-
-<p>Der Junker ehrte die Gründe des guten Mädchens und
-hing schweigend den Zaum wieder an die Wand. Es möchte
-ihm freilich lieber gewesen sein, wenn die Leute von Hardt weniger
-geneigt wären, Böses zu denken; doch es war hier nichts
-zu tun, als sich schweigend in sein Schicksal zu ergeben. Er
-beschloß daher, diesen Abend und die folgende Nacht noch auf
-den Pfeifer zu warten; käme er nicht, so wollte er mit dem
-frühesten Morgen zu Pferd sein und unter Leitung seiner
-schönen Tochter nach Lichtenstein aufbrechen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap17">17.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Die linden Lüfte sind erwacht,<br /></span>
-<span class="i0">Sie säuseln und weben Tag und Nacht,<br /></span>
-<span class="i0">Sie schaffen an allen Enden.<br /></span>
-<span class="i0">O frischer Duft, o neuer Klang!<br /></span>
-<span class="i0">Nun, armes Herze, sei nicht bang!<br /></span>
-<span class="i0">Nun muß sich alles, alles wenden.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Uhland.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Aber der Pfeifer von Hardt kehrte auch in dieser Nacht
-nicht nach Haus zurück, und Georg, der seine Sehnsucht nach
-der Geliebten nicht mehr länger zügeln konnte, sattelte, als der
-Morgen graute, sein Pferd. Die runde Frau hatte nach einigen
-harten Kämpfen mit ihrem Töchterlein erlaubt, daß sie den
-Junker geleiten dürfe. Sie wußte zwar, daß ein so unerhörtes
-Ereignis viele Abende zur Unterhaltung in den Spinnstuben
-von Hardt dienen werde, und sah es deswegen nicht ganz gerne;
-wenn sie aber bedachte, wieviel ihrem Eheherrn an dem jungen
-Ritter gelegen sein müsse, weil er ihn in sein Haus aufgenommen
-und wie einen Sohn gepflegt hatte, so glaubte sie doch,
-diesen letzten Dienst ihrem Gast nicht abschlagen zu dürfen;
-doch machte sie die Bedingung, daß Bärbele vorausgehen und
-ihn eine Viertelstunde hinwärts an einem Markstein erwarten
-müsse.</p>
-
-<p>Georg nahm gerührt Abschied von der stattlichen, runden
-Frau, die ihm zu Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsstaat
-prangte; er hatte in den geschnitzten Schrank einen Goldgulden
-gelegt, ein wichtiges Geschenk für die damalige Zeit und
-eine bedeutende Summe für die Reisekasse Georgs von Sturmfeder.
-Der Pfeifer von Hardt soll übrigens nie etwas von
-diesem Depositum erfahren haben; sei es nun, daß die gute
-runde Frau den Goldgulden nicht gefunden hat, oder daß sie
-ihrem Eheherrn nichts davon berichtete, aus Angst, er möchte
-den Junker durch die Rückgabe des Geschenkes beleidigen. Nur
-soviel ist gewiß, daß die Frau des Spielmanns kurze Zeit nach
-diesem Vorfall mit einem nagelneuen Rock in der Kirche erschien,
-zur Verwunderung aller Weiber in der Gegend, und daß
-ihre Tochter Bärbele ein schönes Mieder von feinem Tuch mit
-Goldborden auf der nächsten Kirchweih trug, das man früher
-nie an ihr gesehen. Auch soll sie jedesmal errötet sein, wenn
-die Mädchen das neue Mieder befühlten und lobten. Welch
-großen Staat konnte man in den guten Zeiten um einen Goldgulden
-machen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span></p>
-
-<p>Georg fand seine Führerin auf dem bezeichneten Markstein
-sitzend. Sie sprang auf, als er herankam, und ging mit raschen
-Schritten neben ihm her. Das Mädchen kam ihm heute noch
-viel hübscher vor als gestern. Ihre Wangen hatte der frische
-Aprilmorgen mit hohem Rot bedeckt, und ihre Augen glänzten
-freundlich. Ihre Tracht eignete sich ganz gut zu einem weiten
-Marsch, denn das kurze Röckchen hinderte den Fuß nicht, flink
-auszuschreiten. Sie hatte ein Körbchen an den Arm gehängt,
-als wolle sie zum Markt in die Stadt gehen. Sie trug aber
-weder Gemüse noch Früchte darin, was sie wohl sonst in die
-Stadt zu bringen pflegte, sondern ein Regentuch, mit dem sie
-sich gegen die wechselnden Launen eines Apriltages versehen
-hatte. Der Junker dachte bei sich, als sie so schmuck und rüstig
-neben ihm hinging, daß das Mädchen wohl einmal eine gute
-tüchtige Hausfrau zu werden verspreche, und pries den jungen
-Burschen glücklich, der einst das Kleinod des Spielmannes von
-Hardt für sich gewinnen werde.</p>
-
-<p>Sie hatte unstreitig viel von dem lebhaften Geiste ihres
-Vaters geerbt; denn, wie auch jener bei der Reise über die Alb
-seinem vornehmen Gefährten durch Erzählungen und Hindeutungen
-auf die Gegend den Weg zu verkürzen bemüht gewesen
-war, so wußte auch sie, so oft das Gespräch zu stocken begann,
-entweder auf einen schönen Punkt in den Tälern und Bergen
-umher aufmerksam zu machen, oder sie teilte ihm unaufgefordert
-eine und die andere Sage mit, die sich an ein Schloß, an ein
-Tal oder einen Bach knüpfte.</p>
-
-<p>Sie wählte meistens Nebenwege und führte den Reiter
-höchstens zwei- bis dreimal durch Dörfer, von zwei zu zwei
-Stunden aber machten sie Halt. Endlich nach vier solchen Stationen
-sah man in der Entfernung von einer kleinen halben
-Stunde ein Städtchen liegen; der Weg schied sich hier, und ein
-Fußpfad führte links ab in ein Dorf. An diesem Scheidepunkt
-blieb das Mädchen stehen und sagte: »Was Er dort sehet, ist
-Pfullinga, von dort kann Uich jedes Kind da Weg nach Lichtestoi
-zeiga.«</p>
-
-<p>»Wie? Du willst mich schon verlassen?« fragte Georg,
-der sich an die munteren, sinnigen Reden seiner Begleiterin so
-gewöhnt hatte, daß ihn der Abschied überraschte. »Warum gehst
-du nicht wenigstens mit mir bis Pfullingen? Dort kannst du
-in der Herberge etwas essen und trinken; du willst doch nicht
-geradezu nach Hause laufen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span></p>
-
-<p>Das Mädchen suchte freundlich auszusehen und zu scherzen,
-doch konnte sie einen schmerzlichen Zug um den Mund und trübe
-Augen nicht verbergen; denn wohl mochte auch ihr die Nähe
-ihres schönen Gastes teurer geworden sein, als sie vielleicht
-selbst wußte. »Do mueß i von Uich gehe, gnädiger Herr,«
-sagte sie, »so gern i au no weiters mitging; aber d'Mueter
-will's so; dort in dem Dörfle am Berg hanne a Baas und bei
-der bleibe heut, und morga gange wieder nach Hardt. Jetzt
-b'hüet Uich Gott der Herr und d'heilig Jungfrau, und älle seine
-Heilige nemmet Uich in Schutz. Grüeßet mer de Vater und
-au,« setzte sie lächelnd hinzu, indem sie schnell eine Träne abschüttelte,
-»grüeßet mer sell Frähla, die Er so gern hent.«</p>
-
-<p>»Dank dir, Bärbele,« entgegnete Georg und reichte ihr die
-Hand zum Abschied vom Pferd herab. »Ich kann dir deine
-treue Pflege nicht vergelten; aber wenn du nach Haus kommst,
-so schau' in den geschnitzten Schrank, dort wirst du etwas finden,
-das vielleicht zu einem neuen Mieder oder zu einem Röckchen
-für den Sonntag reicht. Nun, und wenn du es dann zum
-erstenmal anhast und dein Schatz dich darin küßt, so gedenke an
-Georg von Sturmfeder!«</p>
-
-<p>Der junge Mann gab seinem Pferde die Sporen und
-trabte über die grüne Ebene hin dem Städtchen zu. Zweihundert
-Schritte weit entfernt schaute er sich noch einmal nach
-der Tochter des Spielmannes um. Sie stand noch dort, wo er
-sie verlassen hatte, im roten Mieder, im kurzen Röckchen, mit
-langen Zöpfen und weißen Strümpfen; sie war es und keine
-andere; aber sie hielt die Hand vor die glänzenden Augen, und
-Georg war ungewiß, ob sie die Strahlen der Sonne dadurch
-abhalten wolle, indem sie ihm nachblickte, oder ob sie vielleicht
-jene Träne verwische, die er in ihren Wimpern blinken sah, als
-sie Abschied nahm.</p>
-
-<p>Bald war er am Tor der kleinen Stadt angelangt. Er
-fühlte sich ermüdet und durstig und fragte daher auf der Straße
-nach einer guten Herberge. Man wies ihn nach einem kleinen
-düsteren Haus, wo ein Spieß über der Türe und ein Schild,
-mit einem springenden Hirsch geziert, zur Einkehr einluden.
-Ein kleiner barfüßiger Junge führte sein Pferd in den Stall,
-ihn selbst aber empfing in der Türe eine junge, freundliche
-Frau und führte ihn zur Trinkstube.</p>
-
-<p>Es war dies ein weites, finsteres Zimmer, an dessen Wänden
-sich schwere eichene Tische und Bänke hinzogen. Die ungeheure
-Mengen von Kannen und Bechern, die blank gescheuert<span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span>
-von den Gestellen am Getäfel herabblinkte, bewies, daß die Herberge
-zum Hirsch sehr besucht sein müsse. In der Tat saßen
-auch, obgleich es erst Mittag war, schon viele Gäste beim Wein.
-Sie schauten den stattlichen jungen Ritter prüfend an, als er
-an ihren Tischen vorüber zum Ehrenplatz, in ein sechseckiges,
-wie eine Laterne aus lauter Fenstern erbautes Erkerlein geführt
-wurde; doch ließen sie sich in ihrem Gespräch durch den
-vornehmen Gast nicht lange stören, sondern schwatzten weiter
-über Krieg und Frieden, über Schlachten und Belagerungen,
-wie ehrsame Spießbürger in so unruhigen Zeiten, wie Anno
-1519, zu tun pflegten.</p>
-
-<p>Die Wirtin schien an ihrem Gast Gefallen zu finden. Sie
-schaute mit lächelnder Miene nach ihm herüber, wenn sie am
-Erkerlein vorbeiging, und als sie ihm eine Kanne alten Heppacher
-und einen silbernen Becher vorsetzte, zog sich ihr etwas
-großer Mund zu holdseliger Freundlichkeit. Sie versprach ihm
-auch, ein junges Huhn zu braten und einen Tisch zu decken,
-wenn er sich nur ein wenig gedulden wolle; einstweilen solle
-er sich den Wein gut bekommen lassen. Das laternenförmige
-Erkerlein lag um zwei Stufen höher als die übrige Trinkstube;
-Georg konnte daher mit Muße die Tische übersehen und trinkend
-die Gäste mustern. Obgleich er nicht viel in Herbergen und
-Weinstuben sich herumzutreiben pflegte, so hatte er doch, vielleicht
-dadurch, daß er weniger sprach als beobachtete, einen
-eigenen Takt in Beurteilung solcher Umgebungen gewonnen,
-der ihn auch bei seinen jetzigen Beobachtungen unterstützte.</p>
-
-<p>Die Gesellschaft, die um einen der großen eichenen Tische
-saß, bestand aus etwa zehn bis zwölf Männern. Sie unterschieden
-sich auf den ersten Anblick nicht sehr voneinander;
-große Bärte, kurze Haare, runde Mützen, dunkle Wämser gehörten
-dem einen so gut wie dem andern an; doch sonderte ein
-schärferer Blick bald vorzüglich drei von den übrigen. Der
-eine &ndash; er saß Georg am nächsten, war ein kleiner, fetter,
-freundlicher Mann. Sein Haar war im Nacken etwas länger
-als das der anderen, er hatte es sorgfältiger gekämmt, auch
-schien sein dunkler Bart besser gepflegt zu sein. Ein Mantel
-von feinem schwarzem Tuch und ein Filzhut mit spitzigem Kopf
-und breiter Krempe, die hinter ihm an einem Nagel hingen,
-bezeichneten einen Mann von einigem Gewicht, vielleicht gar
-einen Ratsherrn. Er mochte auch eine bessere Sorte trinken
-als die übrigen, denn er schlürfte bedächtig, und wenn er mit
-dem Deckel an seinem Krug das Zeichen gab, daß er leer sei, tat<span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span>
-er dies mit einem gewissen Anstand und vernehmlicher als die
-übrigen. Er sah bei allem, was gesprochen wurde, überaus
-fein und listig aus, als wisse er noch manches, ohne es gerade
-hier preisgeben zu wollen. Auch hatte er das Vorrecht, das
-Kellnermädchen in die Wangen zu kneipen oder ihren runden
-Arm zu »tätscheln«, wenn sie ihm die gefüllte Kanne brachte.</p>
-
-<p>Ein anderer Mann, der am entgegengesetzten Ende des
-Tisches saß, stach nicht minder gegen seine Umgebung ab als
-der Fette; alles war an ihm länglich und hager. Sein Gesicht,
-von der Stirne bis zu dem langen, zugespitzten Kinn, maß
-wohl eine gute Mannesspanne; seine Finger, mit welchen er
-auf dem Tische den Takt eines Liedes spielte, das er leise vor
-sich hinpfiff, hatten etwas Spinnenartiges, und als sich Georg
-einmal zufällig bückte, gewahrte er zu seinem großen Erstaunen,
-daß der hagere Mann lange, dünne Beine beinahe unter dem
-ganzen Tisch hin ausgestreckt hatte. Er hatte um seine Nase
-etwas Hochfahrendes, das sich auch in der Art, wie er allem,
-was die Bürger vorbrachten, widersprach, ausdrückte; er sah
-aus wie einer, der viel mit vornehmen Herren umgegangen ist,
-ihre Art und Weise angenommen hat, aber doch nicht recht bequem
-damit zurechtkommt. Er konnte nicht aus dem Städtchen
-sein, denn er hatte die Wirtin nach seinem Pferd gefragt. Nach
-Georgs Mutmaßungen war er ein reisender Arzt, wie sie zu
-jener Zeit im Lande umherzogen, um die Menschen künstlich
-umzubringen.</p>
-
-<p>Der dritte Mann, der dem Gast im Erker auffiel, sah
-etwas zerrissen und zerlumpt aus; er hatte übrigens etwas Bewegliches,
-Listiges in seinem Wesen, das ihn von der gutmütigen,
-behaglichen Ruhe der Spießbürger merklich unterschied. Er
-hatte über dem einen Auge ein großes Pflaster, das andere
-aber blickte kühn und offen um sich. Ein großer Reisestock mit
-eiserner Spitze, der neben ihm lag, und sein lederbesetzter
-Rücken, worauf er gewöhnlich einen Korb oder eine Kiste tragen
-mochte, ließen schließen, daß er entweder ein Bote sei oder
-wahrscheinlicher noch einer jener herumziehenden Krämer, die
-auf Märkte und Kirchweihen, nebst wunderbaren Nachrichten
-aus fernen Landen, für die Weiber wirksame Mittel gegen verhextes
-Vieh und für die Mädchen schöne bunte Bänder und
-Tücher bringen.</p>
-
-<p>Diese drei waren es auch, die das Gespräch führten, das
-nur hin und wieder durch einen Ausruf der Verwunderung oder<span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span>
-durch ein Klopfen mit den Krugdeckeln von den übrigen ehrsamen
-Bürgern unterbrochen wurde.</p>
-
-<p>Diese Männer handelten übrigens eine Materie ab, die
-Georgs Interesse sehr in Anspruch nahm: sie sprachen über die
-Unternehmungen des Bundes im württembergischen Unterland.
-Der Krämer mit dem ledernen Rücken hatte erzählt, daß Möckmühl,
-worin sich Götz von Berlichingen eingeschlossen, von den
-Bündischen erstürmt und jener tapfere Mann gefangen worden
-sei.<a id="FNanchor_23_24"></a><a href="#Footnote_23_24" class="fnanchor">[23]</a></p>
-
-<p>Der Ratsherr hatte zu dieser Nachricht listig gelächelt und
-einen guten Zug von seiner besseren Sorte getrunken; der
-Hagere ließ aber den Lederrücken nicht aussprechen, er schlug den
-Takt mit den langen Fingern etwas vernehmlicher und sagte
-mit hohler Stimme: »Das ist erstunken und erlogen, Freund!
-seht, das ist gar nicht möglich, denn der Berlichingen versteht
-die schwarze Kunst und ist fest, das muß ich wissen, und überdies
-hat er allein mit seiner eisernen Hand in mancher Schlacht
-zweihundert Mann maustot geschlagen, was wird er sich denn
-fangen lassen?«</p>
-
-<p>»Mit Verlaub,« unterbrach ihn der fette Herr, »dem ist
-nicht also, sondern Götz ist in der Tat gefangen und sitzt in
-Heilbronn. Aber nicht, weil er erlegen ist, denn sein Schloß
-in Möckmühl ist nicht erstürmt worden, sondern die Bündischen
-haben ihm und den Seinigen freien Abzug versprochen; wie
-er aber aus dem Tor kam, wurde er überfallen, seine Knechte
-getötet und er gefangen. Seht, das ist nicht recht, und da hat
-der Bund schändlich gehandelt.«</p>
-
-<p>»Da muß ich doch bitten, Herr!« sprach der Lange, »daß
-man nicht also von den Bundesobersten spricht; ich kenne viele
-Herren davon genau, wie zum Beispiel Herr Truchseß von Waldburg
-mein geneigter Herr und Freund ist.«</p>
-
-<p>Der fette Herr schien etwas erwidern zu wollen, spülte aber
-das, was ihm auf der Zunge lag, mit einigem Wein hinunter.
-Jedoch die Bürger brachen bei Erwähnung so vornehmer Bekanntschaften
-in ein Gemurmel des Staunens aus und lüfteten
-ehrerbietig ihre Mützen.</p>
-
-<p>»Nun, wenn Ihr bei dem Bunde so gut bekannt seid,« sagte
-der Zerlumpte mit etwas trotziger Miene, »so werdet Ihr
-uns die beste Nachricht geben können, wie es um Tübingen
-aussieht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span></p>
-
-<p>»Es pfeift auf dem letzten Loche,« antwortete der Gefragte;
-»ich war vor kurzer Zeit dort und sah die fürtrefflichen und
-schrecklichen Anstalten zur Belagerung.«</p>
-
-<p>»Ei, &ndash; So, &ndash; Wie,« flüsterten die Bürger und rückten
-näher zusammen, als erwarteten sie wichtige Kunde.</p>
-
-<p>Der hagere Mann lehnte sich an die Lehne seines Stuhles
-zurück, steckte die langen Finger in die Degenkuppel, streckte die
-Beine um einige Zoll länger aus und sprach: »Ja, ja, ihr Leute,
-dort sieht es arg aus; alle Ortschaften in der Nachbarschaft
-sind in großem Schaden, denn die Obstbäume sind alle abgehauen,
-man schießt mit aller Macht auf Stadt und Schloß, und
-die Stadt hat sich schon ergeben; im Schloß liegen vierzig Ritter,
-aber sie können die paar Mäuerlein nicht mehr lange halten!«</p>
-
-<p>»Was? Ein paar Mäuerlein?« rief der fette Herr und
-setzte seine Kanne klirrend auf den Tisch. »Wer je das Schloß
-von Tübingen gesehen hat, kann nicht von ein paar Mäuerlein
-reden. Hat es nicht auf den Seiten, wo es an den Berg stößt,
-zwei tiefe Graben, daß die Bündler mit keiner Leiter hinauf
-können, und Mauern zwölf Schuh dick, und Türme, aus welchen
-sie ihre Feldschlangen nicht übel spielen lassen?«</p>
-
-<p>»Umgeschossen, umgeschossen!« rief der lange Mann mit
-so greulich hohler Stimme, daß die erschrockenen Bürger die
-Türme von Tübingen krachen zu hören glaubten; »den neuen
-Turm, den der Ulrich neulich aufbaute, hat der Frondsberg
-umgeschossen, wie wenn er nie dagestanden wäre.«<a id="FNanchor_24_25"></a><a href="#Footnote_24_25" class="fnanchor">[24]</a></p>
-
-<p>»Aber damit ist noch nicht alles hin,« antwortete der Zerlumpte.
-»Und die Ritter machen Ausfälle aus dem Schloß und
-haben schon manchen auf dem Wörth am Neckar schlafen gelegt.
-Und dem Frondsberg haben sie den Hut vom Kopf geschossen,
-daß er heute noch Ohrensummen hat.«<a id="FNanchor_25_26"></a><a href="#Footnote_25_26" class="fnanchor">[25]</a></p>
-
-<p>»Da seid Ihr falsch berichtet,« sprach der Hagere nachlässig;
-»Ausfälle? Dafür haben die Belagerer leichte Reiter
-wie die Teufel; es sind Griechen, ich weiß nicht vom Ganges
-oder Epiros, man heißt sie Stratioten; die haben einen Obersten,
-den Georg Samares, der läßt keinen Hund aus dem Loch
-ausfallen.«<a id="FNanchor_26_27"></a><a href="#Footnote_26_27" class="fnanchor">[26]</a></p>
-
-<p>»Der hat halt auch ins Gras beißen müssen,« entgegnete
-der zerlumpte Mann mit einem höhnischen Seitenblicke; »die
-Hunde, wie Ihr sie nennt, sind dennoch ausgefallen, obgleich
-der Grieche vor dem Loch stand, und haben ihn gebissen und
-gefangen, und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span></p>
-
-<p>»Gefangen? Den Samares?« rief der Lange, aus seiner
-vornehmen Ruhe aufgeschreckt; »Freund, das habt Ihr falsch
-gehört!«</p>
-
-<p>»Nein,« antwortete jener sehr ruhig, »ich habe die Glocken
-läuten hören, als man ihn in Sankt Jörgenkirche begraben hat.«</p>
-
-<p>Die Bürger schauten aufmerksam nach dem langen Fremden,
-um zu erforschen, was für einen Eindruck diese Nachricht
-auf ihn mache. Er ließ seine buschigen Augenbrauen herab,
-daß von seinen Augen nichts mehr zu sehen war, zwirbelte seinen
-langen dünnen Knebelbart, schlug mit der knöchernen Hand auf
-den Tisch und sagte: »Und wenn sie ihn auch in zehn Stücke
-zerhauen hätten, den Griechen, es hilft doch nichts! das Schloß
-muß über, da hilft nichts, und hat man Tübingen, dann gute
-Nacht Württemberg! Der Ulrich ist zum Land hinaus, und
-meine gnädigen Herren und Gönner sind Meister.«</p>
-
-<p>»Wer steht Euch davor, daß er nicht wiederkommt? Und
-dann?&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« sagte der kluge, fette Herr und klappte den
-Deckel zu.</p>
-
-<p>»Was? Wiederkommen!« schrie jener, »der Bettelmann!
-Wer sagt das, daß er wiederkommt? Wer wagt es? He?«</p>
-
-<p>»Was geht es uns an?« murmelten die Gäste unmutig,
-»wir sind friedliche Bürger, uns ist's einerlei, wer Herr im
-Land ist, wenn nur die Steuern anders werden. &ndash; Wenn man
-in der Herberg ist, wird doch auch noch ein Wort erlaubt sein.«
-So sprachen sie, und der Hagere schien zufrieden, daß ihm keiner
-etwas Ernstliches entgegnete. Er sah einen um den andern
-mit stechendem Blicke an, zog dann sein Gesicht in freundlichere
-Falten und sagte: »Es war nur zur Erinnerung, daß wir den
-Herzog fürder nicht mehr brauchen; mein' Seel', mir ist er wie
-Gift und Operment, darum gefällt mir auch das Paternoster
-so gut, das einer auf ihn gemacht hat;<a id="FNanchor_27_28"></a><a href="#Footnote_27_28" class="fnanchor">[27]</a> ich will es einmal
-singen.« Die Bürger sahen finster vor sich hin und schienen
-nicht sehr begierig auf den Spottgesang, der ihrem unglücklichen
-Herzog galt. Jener aber befeuchtete seine Kehle mit einem
-guten Trunk und sang mit heiserer, unangenehmer Stimme:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Vater Unser,<br /></span>
-<span class="i0">Reutlingen ist unser:<br /></span>
-<span class="i0">Der du bist,<br /></span>
-<span class="i0">Eßlingen hat nicht lange Frist.<br /></span>
-<span class="i0">Geheiligt werde dein Nam',<br /></span>
-<span class="i0">Heilbronn und Weil wollen wir han;<br /></span>
-<span class="i0">Zukomm' uns dein Reich,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span>
-<span class="i0">Ulm sieht uns auch gleich;<br /></span>
-<span class="i0">Dein Will' geschehe,<br /></span>
-<span class="i0">Die Münz hat gereit ein anderes Geprähe;<br /></span>
-<span class="i0">Unser täglich Brot,<br /></span>
-<span class="i0">Wir haben Geschütz für alle Not;<br /></span>
-<span class="i0">Gib uns heut, und vergib uns unsere Schuld,<br /></span>
-<span class="i0">Wir haben des Königs in Frankreich Huld;<br /></span>
-<span class="i0">Als wir vergeben unseren Schuldigern,<br /></span>
-<span class="i0">Wir wollen dem Bund das Maul zusperr'n!<br /></span>
-<span class="i0">Laß uns nicht versucht werden,<br /></span>
-<span class="i0">Wir wollen bald Kaiser werden.<br /></span>
-<span class="i0">Sondern erlös' uns vom Uebel. Amen.<br /></span>
-<span class="i0">So behalten wir des Kaisers Namen.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Er schloß seinen Gesang mit einem fatalen, zitternden
-Schnörkel, der weiter keinen Effekt hervorbrachte, als daß die
-Bürger einander heimlich anstießen und über die jämmerlichen
-Töne des Sängers die Achsel zuckten. Er aber schaute stolz
-in dem Kreise umher, als wolle er in den Mienen seiner Zuhörer
-den gerechten Beifall lesen.</p>
-
-<p>»Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen,« sagte der
-Zerlumpte; »so fein kann ich's nicht, aber doch weiß ich auch
-ein neues Lied und will es mit Eurem Verlaub singen.«</p>
-
-<p>Der Hagere sah ihn scheel und spöttisch an, die Bürger aber
-nickten ihm zu, und er begann mit einem angenehmen Tenor,
-indem er die Augen halb zuschloß, aber doch hin und wieder
-auf den jungen Mann hinüberschielte, als beobachte er, welchen
-Eindruck sein Gesang mache:<a id="FNanchor_28_29"></a><a href="#Footnote_28_29" class="fnanchor">[28]</a></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»O weh, wo bleibet deine Kraft,<br /></span>
-<span class="i0">Württemberg, du arme Landschaft;<br /></span>
-<span class="i0">Ich klag' dich billig hart und sehr,<br /></span>
-<span class="i0">Denn der Bader von Ulm, der ist dein Herr.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Der zu Nürnberg die Wetschger macht,<br /></span>
-<span class="i0">Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht,<br /></span>
-<span class="i0">Der Salzsieder von Schwäbisch Hall,<br /></span>
-<span class="i0">Von Ravensburg die Krämer all.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Von Rotweil die neuen Schweizerknaben<br /></span>
-<span class="i0">Wollten der Gans auch ein Feder haben,<br /></span>
-<span class="i0">Und der Schneider von Memming ist in der Sach'<br /></span>
-<span class="i0">Und auch der Kürschner von Biberach.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Lärmender Beifall und Gelächter unterbrach den Sänger;
-sie langten über den Tisch herüber, schüttelten dem Zerlumpten<span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span>
-die Hand und lobten sein Lied. Der Hagere sprach kein Wort,
-sondern warf finstere Blicke auf die Gesellschaft; man war ungewiß,
-ob er den Beifall des Zerlumpten beneidete, oder ob der
-Gegenstand des Liedes ihn beleidigte. Der fette Herr aber sah
-ungemein klug aus, brummte die Weise des Liedes mit und nickte
-bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt.</p>
-
-<p>Der Sänger mit dem ledernen Rücken fuhr fort:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Den Saymer von Kempten ich euch meld'<br /></span>
-<span class="i0">Und Holzhauer von dem Herdtfeld<br /></span>
-<span class="i0">Und andere, die ich nit nennen will,<br /></span>
-<span class="i0">Der Haufen ist groß und wird gar zu viel.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und auch der ist in dem Strauß,<br /></span>
-<span class="i0">Der richt' alles mit Ungeld aus,<br /></span>
-<span class="i0">Ich mein' Junker Ermlich und sein Gesind,<br /></span>
-<span class="i0">Des reichen Barchetwebers Kind.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>»Daß Euch der Kuckuck in den Hals fahr', Ihr Lumpenhund!«
-fuhr der lange Mann auf, als er die letzten Worte
-hörte. »Ich weiß wohl, wen Ihr mit dem Barchetweber meint;
-meinen gnädigen Gönner, den Herrn von Fugger. Den soll
-mir ein solcher Landläufer verunglimpfen?« Er begleitete
-diese Worte mit einem ausdrucksvollen Mienenspiel und mit
-schrecklicher Gebärde.</p>
-
-<p>Doch der mit dem ledernen Rücken ließ sich nicht einschüchtern;
-er stellte seine ungemein muskulöse Faust vor sich hin
-und sagte: »Den Landläufer könnt Ihr für Euch behalten, Herr
-Calmus, man weiß wohl, wer Ihr seid; und wenn Ihr nicht
-augenblicklich Euer Maul haltet, so will ich Euch Eure Rührlöffel-Arme
-vom Leibe schlagen.«</p>
-
-<p>Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst, daß er in
-so gemeine Gesellschaft geraten sei; er zahlte seinen Wein und
-ging vornehmen Schrittes aus der Trinkstube.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap18">18.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Weh mir, ich habe die Natur verändert.<br /></span>
-<span class="i0">Wie kommt der Argwohn in die freie Seele?<br /></span>
-<span class="i0">Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin,<br /></span>
-<span class="i0">Denn alles log mir, was ich hochgeachtet.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Schiller.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte, sahen die
-Gäste erstaunt einander an; es war ihnen zu Mut, als hätten
-sie ein schweres Gewitter aufsteigen sehen, es hätte gekracht, als
-ob die Erde bersten wolle, ja, als wäre ein erschrecklicher, tötender
-Blitz auf sie herabgefahren, und siehe da, es war nur ein
-»kalter Schlag«. Dem Mann mit dem Lederrücken dankten sie,
-daß er den ungezogenen, übermütigen Gast so schnell entfernt
-habe, und fragten, was er wohl von dem hageren Fremden
-wisse?</p>
-
-<p>»Den kenne ich wohl,« antwortete dieser; »das ist unseres
-Herrgotts Tagdieb, ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen
-verkauft gegen die Pest, den Hunden den Wurm schneidet und
-die Ohren stutzt, die Mädchen von dicken Hälsen befreit und den
-Weibern Augenwasser gibt, daß sie blind werden. Er heißt
-eigentlich Kahlmäuser, aber weil er ein Gelehrter sein will, heißt
-er Doktor Calmus. Er nistet sich bei allen großen Herren ein,
-und wenn ihn einer einmal einen Esel geheißen hat, so meint
-er schon, er sei sein bester Freund.«</p>
-
-<p>»Mit dem Herzog muß er aber nicht gut stehen,« bemerkte
-der schlaue Herr; »denn er hat doch lästerlich über ihn geschimpft.«</p>
-
-<p>»Ja, mit Herrn Ulrich steht er freilich nicht gut; das ging
-aber so: der Herzog hatte einen schönen dänischen Jagdhund,
-der hatte sich im Schönbuch einen Dorn tief in die Pfote getreten.
-Den Herzog dauerte der Hund; er forschte nach einem
-geschickten Mann, der das Tier heilen könnte, und zufällig war
-der Kahlmäuser da und bot sich mit wichtigem Gesicht dazu an.
-Er bekam im Schloß in Stuttgart alle Tage gut zu essen und
-eine Maß Wein; das schmeckte ihm nun so gut, daß er über ein
-Vierteljahr an der Hundspfote dokterte. Da ließ ihn eines
-Tages der Herzog samt dem Hund rufen und fragte, was er
-ausgerichtet habe. Er soll viel gelehrtes Zeug geschwatzt haben,
-doch der Herr hat nicht darauf geachtet, sondern die Pfote
-selbst untersucht, und da fand es sich, daß sie schon ganz schwarz
-und brandig war. Da nahm der Herzog den Kahlmäuser, so<span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span>
-lang er war, trug ihn an die lange Treppe, auf der man bis
-in den zweiten Stock hinaufreiten kann, und warf ihn hinunter,
-daß er halb tot unten ankam. Und seit der Zeit ist der Doktor
-Calmus nicht gut auf den Herzog zu sprechen. Andere sagen
-auch, er sei der Kundschafter gewesen zwischen dem Hutten und
-der Frau Sabina und habe nur deswegen den Hund übernommen,
-weil er dadurch ins Schloß kam.«</p>
-
-<p>»So? Mit dem Hutten hat er es gehalten?« sagte einer
-der Bürger. »Das hätten wir wissen sollen, so hätten wir ihm
-das Fell recht gegerbt, dem Lumpendoktor! Der Hutten ist
-doch an all dem unseligen Kriege schuld mit seiner Liebelei, und
-der dürre Kahlmäuser hat ihm dazu geholfen!«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">De mortuis nil nisi bene</em>; man muß die Toten schonen,
-sagen die Lateiner,« entgegnete der fette Herr; »der arme Teufel
-hat es mit dem Leben teuer genug bezahlt.«</p>
-
-<p>»Aber es ist ihm recht geschehen,« rief jener Bürger mit
-großer Hitze; »an des Herzogs Stelle hätt' ich's gerade auch
-so gemacht, ein jeder Mann muß sein Hausrecht wahren.«</p>
-
-<p>»Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd?« fragte
-der fette Herr mit überaus schlauem Lächeln. »Da habt Ihr
-die beste Gelegenheit; ein Schwert habt Ihr ja, und eine Eiche
-wird sich auch finden, wohin Ihr seinen Leichnam hängen
-könnet.«</p>
-
-<p>Ein schallendes Gelächter der Bürger von Pfullingen belehrte
-den Gast im Erker, daß jener eifrige Verteidiger des
-Hausrechts in seinem eigenen Hause nicht so ganz strenge
-Justiz üben müsse. Er errötete und murmelte einige unverständliche
-Worte in seinen Becher hinein.</p>
-
-<p>Der Zerlumpte aber, der als Fremder nicht mitlachen
-wollte, nahm sich seiner an: »Jawohl hat der Herzog ganz recht
-gehabt; denn er hätte den Hutten auf der Stelle hängen können,
-ohne daß er erst mit ihm focht; er ist ja Freischöff vom westfälischen
-Stuhl, vom heimlichen Gericht und darf einen
-solchen Ehrenschänder ohne weiteres abtun. Und er hatte die
-besten Beweise gleich bei der Hand; kennt Ihr das schöne Liedlein?
-Ich will einmal ein paar Verse daraus singen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Und im Wald er sich zum Hutten wandt':<br /></span>
-<span class="i0">›Was flimmert dort an deiner Hand?‹&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">›Herr Herzog, 's ist ein Ringelein,<br /></span>
-<span class="i0">Das hab' ich von meiner Liebsten fein.‹<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">›Ei, Hans, du bist ein stattlich Mann,<br /></span>
-<span class="i0">Hast auch ein gülden Kettlein an!‹&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">›Das hat mir auch mein Schatz geschenkt,<br /></span>
-<span class="i0">Zum Zeichen, daß sie mein gedenkt.‹<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Dann heißt es weiter:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">O Hutten, gib dei'm Gaul die Sporn,<br /></span>
-<span class="i0">Des Herzogs Auge rollt voll Zorn,<br /></span>
-<span class="i0">O Hutten, fleuch, noch ist es Zeit,<br /></span>
-<span class="i0">Er reißt das Schwert schon aus der Scheid'.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>»Laßt es lieber gut sein,« unterbrach ihn der fette Herr
-mit ernster Miene; »es ist nicht gut, daß man in solchen Zeiten
-dies Lied in der Herberge singt; dem Herzog kann es nicht mehr
-nützen, und die Bündischen sind rings um uns; es könnte leicht
-einer etwas davon hören,« setzte er mit einem stechenden Blick
-auf Georg hinzu, »und dann hieße es gleich: Pfullingen zahlt
-hundert Gulden Brandsteuer mehr.«</p>
-
-<p>»Weiß Gott, Ihr habt recht,« sagte der Zerlumpte; »es
-ist nicht mehr wie früher, wo man ein freies Wort sprechen
-und singen durfte beim Wein in der Trinkstube; da muß man
-immer umschauen, ob nicht dort ein Herzoglicher und auf der
-andern Seite ein Bündler sitzt; aber den letzten Vers will ich
-noch singen, trotz Bayern und dem Schwabenbund:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Es steht eine Eich' im Schönbuchwald,<br /></span>
-<span class="i0">Gar breit in den Aesten und hoch gestalt't;<br /></span>
-<span class="i0">Die wird zum Zeichen Jahrhunderte stahn;<br /></span>
-<span class="i0">Dort hing der Herzog den Hutten dran.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Er hatte ausgesungen, das Gespräch der Bürger sank jetzt
-zum Geflüster herab, und Georg glaubte zu bemerken, daß sie
-über ihn ihre Glossen machten. Auch die freundliche Wirtin
-schien neugierig, zu wissen, wen sie in ihrem Erkerlein beherberge.
-Sie setzte die Speisen, die sie ihm bereitet hatte, vor
-ihn hin, nachdem sie ein schönes Tafeltuch über den <span id="corr142">runden</span>
-Tisch ausgebreitet hatte; dann nahm sie selbst an der entgegengesetzten
-Seite Platz und befragte ihn, wiewohl sehr bescheiden,
-über das Woher? und Wohin?</p>
-
-<p>Der junge Mann war nicht gesonnen, ihr über den eigentlichen
-Zweck seiner Reise genaue Auskunft zu geben. Das
-Gespräch der Gäste an der langen Tafel hatte ihn belehrt, daß es
-hier nicht minder gefährlich sei, zu gar keiner Partei zu gehören,<span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span>
-als sich für irgend eine bestimmt zu erklären, er sagte
-daher, er komme aus Franken und werde noch weiter hinauf ins
-Land, in die Gegend von Zollern reisen, und schnitt somit jede
-weitere Frage ab; denn die Wirtin war zu bescheiden, als daß
-sie sich den Ort, wohin er gehe, noch näher hätte bezeichnen
-lassen. Es schien ihm aber eine gute Gelegenheit, sich nach
-Marien zu erkundigen, denn er war glücklich, wenn ihm die
-Wirtin zum goldenen Hirsch auch nur ihren Namen nennen,
-nur den Saum ihres Kleides beschreiben würde. Er fragte
-daher nach den Burgen umher und nach den ritterlichen Familien,
-die in der Nachbarschaft wohnen.</p>
-
-<p>Die Wirtin schwatzte gerne. Sie gab ihm in weniger als
-einer Viertelstunde die Chronik von fünf bis sechs Schlössern
-aus der Gegend, und bald kam auch Lichtenstein an die Reihe.
-Der junge Mann holte tiefer Atem bei diesem Namen und
-schob die <span id="corr143">Schüssel</span> weit hinweg, um seine Aufmerksamkeit ganz
-der Erzählerin zu widmen.</p>
-
-<p>»Nun, die Lichtensteiner sind gar nicht arm, im Gegenteil,
-sie haben schöne Felder und Wälder, und keine Rute Landes
-verpfändet: da ließe sich der Alte lieber seinen langen Bart
-abscheren, obgleich er gar viel darauf hält und ihn immer streichelt,
-wenn er mit den Leuten spricht. Er ist ein strenger,
-ernster Mann. Was er einmal haben will, das muß geschehen,
-und sollte es biegen oder brechen. Er ist auch einer von denen,
-die es so lange mit dem Herzog hielten. Die Bündischen werden
-es ihm übel entgelten lassen.«</p>
-
-<p>»Wie ist denn seine&nbsp;…, ich meine, Ihr sagtet, er habe
-eine Tochter, der Lichtenstein?«</p>
-
-<p>»Nein,« antwortete die Wirtin, indem sich ihr sonst so
-heiteres Gesicht in grämliche Falten zog, »von der habe ich
-gewiß nicht gesprochen, daß ich es wüßte. Ja, er hat eine Tochter,
-der gute alte Mann, und es wäre ihm besser, er führe kinderlos
-in die Grube, als daß er aus Jammer über sein einziges
-Kind abfährt.«</p>
-
-<p>Georg traute seinen Ohren nicht. Was konnte die Wirtin
-gerade von Marien so Arges denken, daß sie den Vater glücklich
-pries, wenn er dieses Kind nicht hätte? »Was ist es denn
-mit diesem Fräulein?« fragte er, indem er sich vergebens abmühte,
-recht scherzhaft auszusehen; »Ihr macht mich neugierig,
-Frau Wirtin. Oder ist es ein Geheimnis, das Ihr nicht sagen
-dürft?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span></p>
-
-<p>Die Frau zum goldenen Hirsch schaute aus dem Erker heraus
-nach allen Seiten, ob niemand lausche; aber die Bürger
-waren ruhig in ihrem Gespräch begriffen und achteten nicht
-auf sie, und sonst war niemand in der Nähe, der sie hören
-konnte. »Ihr seid ein Fremder,« hub sie nach diesen Forschungen
-an, »Ihr reiset weiter und habt nichts mit dieser
-Gegend zu schaffen, darum kann ich Euch wohl sagen, was
-ich nicht jedem vertrauen möchte. Das Fräulein dort oben auf
-dem Lichtenstein ist ein &ndash; ein &ndash; ja bei uns Bürgersleuten
-würde man sagen, sie ist ein schlechtes Ding, eine lose Dirne&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Frau Wirtin!« rief Georg.</p>
-
-<p>»So schreiet doch nicht so, verehrter Herr Gast, die Leute
-schauen sich ja um. Meinet Ihr denn, ich sage, was ich nicht
-ganz gewiß weiß? Denkt Euch, alle Nacht Schlag elf Uhr läßt
-sie ihren Liebsten in die Burg. Ist das nicht schrecklich genug
-für ein sittsames Fräulein?«</p>
-
-<p>»Bedenket, was Ihr sprechet! Ihren Liebsten?«</p>
-
-<p>»Ja leider, nachts um elf Uhr ihren Liebsten. Es ist eine
-Schande und ein Spott! Es ist ein ziemlich großer Mann, der
-kommt, in einen grauen Mantel gehüllt, ans Tor. Sie hat es
-zu machen gewußt, daß zu dieser Zeit alle Knechte vom Tore
-entfernt sind und nur der alte Burgwart, der ihr auch in ihrer
-Kindheit zu allen losen Streichen half, um den Weg ist. Da
-kommt sie nun allemal, wenn es drüben in Holzelfingen elf Uhr
-schlägt, selbst herunter in den Hof, die Nacht mag so kalt sein,
-als sie will, und bringt den Schlüssel zur Zugbrücke, den sie
-zuvor ihrem alten Vater vom Bette stiehlt; dann schließt der
-alte Sünder, der Burgwart, auf, die Brücke fällt nieder, und
-der Mann im grauen Mantel eilt in die Arme des Fräuleins.«</p>
-
-<p>»Und dann?« fragte Georg, der beinahe keinen Atem mehr
-in der Brust, kein Blut mehr in den Wangen hatte, »und
-dann?«</p>
-
-<p>»Ja, dann wird Braten, Brot und Wein geholt. So viel
-ist gewiß, daß der nächtliche Liebste einen ungeheuren Hunger
-haben muß, denn er hat in mancher Nacht einen halben Rehziemer
-rein aufgezehrt und zwei, drei Nößel Wein dazu getrunken.
-Was weiter geschieht, weiß ich nicht. Ich will nichts
-vermuten, nichts sagen, aber das weiß ich,« setzte sie mit einem
-christlichen Blick gen Himmel hinzu, »beten werden sie nicht.«</p>
-
-<p>Georg schalt sich nach kurzem Nachdenken selbst aus, daß er
-nur einen Augenblick gezweifelt habe, daß diese Erzählung eine
-Lüge, von irgend einem müßigen Kopf ersonnen sei; oder, wenn<span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span>
-auch etwas Wahres darin wäre, so konnte es doch nichts sein,
-das Marien zur Unehre gereicht hätte.</p>
-
-<p>Wenn es wahr ist, daß die Liebe eines Jünglings in den
-guten alten Zeiten zwar nicht weniger leidenschaftlich war als
-in unseren Tagen, aber mehr den Charakter reiner, anbetender
-Ehrfurcht trug, daß nach der Sitte der Zeit die Geliebte nicht
-auf gleicher Stufe mit ihrem Verehrer, sondern um eine höher
-stand, wenn wir den romantischen Erzählungen alter Chroniken
-und Minnebücher trauen dürfen, die so viele Beispiele aufführen,
-daß sich edle Männer, wenn sie in Liebe sind, für die
-Treue und Reinheit ihrer Dame auf der Stelle totschlagen
-lassen, so ist es nicht zu verwundern, daß Georg von Sturmfeder,
-wenigstens auf <em class="gesperrt">diese</em> Indizien hin, von Marien nichts
-Schlechtes denken konnte. So rätselhaft ihm selbst jene nächtlichen
-Besuche vorkommen mochten, so sah er doch klar, es sei
-weder bewiesen, daß der Vater nichts darum wisse, noch daß der
-geheimnisvolle Mann gerade ein Liebhaber sein müsse. Er
-trug diese Zweifel auch seiner Wirtin vor.</p>
-
-<p>»So? Meint Ihr, der Vater wisse um die Geschichte?«
-sprach sie. »Dem ist nicht so. Sehet, ich weiß das gewiß, denn
-die alte Rosel, die Amme des Fräuleins&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Die alte Rosel hat es gesagt?« rief Georg unwillkürlich.
-Ihm war ja diese Amme, die Schwester des Pfeifers von Hardt,
-so wohl bekannt. Freilich, wenn diese es gesagt hatte, war die
-Sache nicht so zweifelhaft; denn er wußte, daß sie eine fromme
-Frau und dem Fräulein sehr zugetan war.</p>
-
-<p>»Ihr kennt die alte Rosel?« fragte die Wirtin, erstaunt
-über den Eifer, womit ihr fremder Gast nach dieser Frau fragte.</p>
-
-<p>»Ich? Sie kennen? Nein, erinnert Euch nur, daß ich
-heute zum erstenmal in diese Gegend komme. Nur der Name
-Rosel fiel mir auf.«</p>
-
-<p>»Sagt man bei Euch nicht so? Rosel heißt Rosina bei
-uns, und so nennt man die alte Amme in Lichtenstein. Nun
-seht, diese hält viel auf mich und kommt hie und da zu mir,
-dann koche ich ein süßes Weinmüschen, was sie für ihr Leben
-gerne ißt, und zum Dank vertraut sie mir allerlei Neues. Von
-ihr habe ich auch, was ich Euch sagte. Der Vater weiß gar
-nichts von diesen nächtlichen Besuchen, denn er geht schon um
-acht Uhr zu Bette. Die Amme schickte das Fräulein jedesmal
-um acht in ihre Kammer. Das fiel nun nach ein paar Tagen der
-guten Rosel auf. Sie stellte sich, als gehe sie zu Bette, und siehe
-da, was geschieht? Kaum ist alles ruhig im Schloß, so macht<span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span>
-das Fräulein, das sonst keinen Span anrührt, eigenhändig ein
-Feuer auf dem Herd, kocht und bratet, was sie kann und weiß,
-holt Wein aus dem Keller, holt Brot aus dem Schrank und deckt
-in der Herrenstube den Tisch. Dann schaut sie zum Fenster
-hinaus in die kalte schwarze Nacht, und richtig, wenn es drüben
-elf Uhr schlägt, rasselt die Zugbrücke nieder, der nächtliche Geselle
-wird eingelassen und geht mit dem Fräulein in die Herrenstube.
-Sie hat auch schon gehorcht, die Rosel, was wohl drinnen
-vorgehe, aber die eichenen Türen sind gar dick. Dann lugte sie
-auch einmal durchs Schlüsselloch, sah aber nichts als den Kopf
-des Fremden.«</p>
-
-<p>»Nun, und ist er schon alt? Wie sieht er aus?«</p>
-
-<p>»Alt? Wo denket Ihr hin! Die sieht mir auch danach
-aus, daß sie es mit einem Alten hätte! Jung ist er und schön,
-wie mir die Rosel sagt. Er hat einen dunklen Bart um Mund
-und Kinn, schönes gerolltes Haar auf dem Kopf, und sah recht
-freundlich und liebreich aus.«</p>
-
-<p>»Daß ihm der Satan den Bart Haar für Haar auszwicke!«
-murmelte Georg und strich mit der Hand über das Kinn, das
-noch ziemlich glatt war. »Frau! besinnt Euch, habt Ihr denn
-dies alles so recht gehört von der Frau Rosel? Hat sie dies
-alles so gesagt? Machet Ihr nicht noch mehr dazu?«</p>
-
-<p>»Gott bewahre mich, daß ich über jemand lästere! Da
-kennt Ihr mich schlecht, Herr Ritter! Das alles hat mir Frau
-Rosel gesagt, und noch mehr hat sie vermutet und mir ins Ohr
-geflüstert, was eine ehrliche Frau einem schönen jungen Herrn
-nicht wiedersagen kann. Und denket Euch, wie recht schlecht das
-Fräulein ist, sie hat noch einen andern Liebhaber gehabt, und
-dem ist sie also untreu geworden!«</p>
-
-<p>»Noch einen?« fragte Georg aufmerksam, denn die Erzählung
-schien ihm mehr und mehr an Wahrscheinlichkeit zuzunehmen.</p>
-
-<p>»Ja, noch einen. Es soll ein gar schöner, lieber Herr sein,
-sagte mir die Rosel. Sie war mit dem Fräulein einige Zeit in
-Tübingen, und da war ein Herr von &ndash; von &ndash; ich glaube,
-Sturmfittich heißt er &ndash; der war auf der hohen Schule, und
-da lernten sich die beiden Leutchen kennen, und die Amme
-schwört, es sei nie ein schmuckeres Paar erfunden worden im
-ganzen Schwabenland. Sie hat ihn auch ganz schrecklich lieb
-gehabt, das ist wahr, und sei sehr traurig gewesen um ihn, als
-sie von Tübingen ging. Nun ist sie dem armen Jungen untreu
-geworden, das falsche Herz, und die Amme heult, wenn sie nur<span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span>
-an den schönen, treuen Herrn denkt. Er soll noch viel, viel
-schöner gewesen sein als der, den sie jetzt hat.«</p>
-
-<p>»Frau Wirtin, wie oft lasset Ihr mich denn klopfen, bis
-ich einen vollen Becher bekomme,« rief der fette Herr aus der
-Trinkstube herauf; denn die Frau Wirtin hatte über ihrer Erzählung
-alles übrige vergessen.</p>
-
-<p>»Gleich, gleich!« antwortete sie und flog an den Schenktisch
-hin, den durstigen Herrn mit seiner besseren Sorte zu versehen;
-und von da ging es zum Keller, und Boden und Küche nahmen
-sie in Anspruch, so daß der Gast im Erker gute Weile hatte, einsam
-über das, was er gehört hatte, nachzusinnen.</p>
-
-<p>Den Kopf auf die Hand gestützt, saß er da und schaute unverrückt
-in die Tiefe seines silbernen Bechers. So saß er am
-Nachmittag, so saß er am Abend. Die Nacht war schon lange
-eingebrochen, und er saß noch immer so hinter dem runden Tisch
-im Erker, tot für die Welt umher, nur hin und wieder verriet
-ein tiefes Seufzen, daß noch Leben und Empfindung in ihm sei.
-Die Wirtin wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte. Sie
-hatte sich wenigstens zehnmal neben ihn gesetzt, hatte versucht,
-mit ihm zu sprechen, aber er hatte ihr gedankenlos mit starren
-Augen ins Gesicht geschaut und nichts geantwortet. Es war ihr
-ganz angst dabei geworden, denn gerade so hatte sie ihr seliger
-Mann angestarrt, als er das Zeitliche gesegnete und ihr den
-goldenen Hirsch hinterließ.</p>
-
-<p>Sie beriet sich mit dem fetten Herrn, und auch der Mann
-mit dem Lederrücken gab seine Meinung preis. Die Wirtin
-behauptete, entweder sei er verliebt bis über die Ohren, oder
-man habe es ihm angetan. Sie belegte ihre Behauptungen mit
-einer schrecklichen Geschichte von einem jungen Ritter, den sie
-gesehen, und der aus lauter Liebe am ganzen Leib erstarrt sei,
-bis er am Ende gestorben.</p>
-
-<p>Der Zerlumpte war nicht dieser Meinung. Er glaubte,
-dem jungen Mann sei vielleicht ein Unglück geschehen, wie jetzt
-oft im Krieg vorkomme, und er sei deswegen in so tiefe Trauer
-versenkt. Der fette Herr aber blinzelte einigemal nach dem
-stummen Gast im Erker hinauf und fragte dann mit sehr pfiffiger
-Miene, von welchem Gewächs und Jahrgang der Ritter
-trinke?</p>
-
-<p>»Nun, ich hab' ihm Heppacher gegeben von 1480. Es ist
-das Beste, was der goldene Hirsch hat.«</p>
-
-<p>»Da haben wir es!« rief der kluge Mann. »Ich kenn' den
-Heppacher Achtziger, den kann solch ein Junkerlein nicht führen,<span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span>
-und der ist ihm zu Kopf gestiegen. Laßt ihn sitzen, laßt ihn
-immer sitzen, seinen schweren Kopf in der Hand, ich wette, ehe
-es acht Uhr schlägt, hat er ausgeschlafen und ist wieder so frisch
-wie der Fisch im Wasser.«</p>
-
-<p>Der Zerlumpte schüttelte den Kopf und sagte nichts dazu,
-die Wirtin aber belobte den gewohnten Scharfsinn des fetten
-Herrn und fand seine Vermutung am wahrscheinlichsten.</p>
-
-<p>Es war neun Uhr in der Nacht, die täglichen Zechgäste
-hatten schon alle die Trinkstube verlassen, und auch die Wirtin
-wollte sich zum Abendsegen rüsten, als der fremde Herr aus
-seinem Zustand erwachte. Er sprang auf, machte einige Gänge
-durchs Zimmer und blieb endlich vor der Hausfrau stehen. Er
-sah düster und verstört aus, und die wenigen Stunden vom
-Mittag bis jetzt hatten seinen sonst so freundlichen, offenen
-Zügen tiefe Spuren des Grams eingedrückt.</p>
-
-<p>Die Wirtin dauerte sein Anblick, sie wollte ihm, eingedenk
-des klugen fetten Herrn, noch ein heilsames Süpplein kochen
-und ihm dann ein treffliches, weiches Bett anweisen, doch er
-schien für diese Nacht ein rauheres Lager sich erwählt zu haben.</p>
-
-<p>»Wann sagt Ihr,« hub er mit leiser, unsicherer Stimme
-an, »wann geht der nächtliche Gast nach Lichtenstein, und wann
-kommt er zurück?«</p>
-
-<p>»Um elf Uhr, lieber Herr, geht er hinein, und um den
-ersten Hahnenschrei kommt er wieder über die Zugbrücke.«</p>
-
-<p>»Lasset mein Pferd satteln und besorgt mir einen Knecht,
-der mich nach Lichtenstein geleite.«</p>
-
-<p>»Jetzt in der Nacht?« rief die Wirtin und schlug vor Verwunderung
-die Hände zusammen. »Jetzt wollet Ihr ausreiten?
-Ei geht doch. Ihr treibt Spaß mit mir!«</p>
-
-<p>»Nein, gute Frau, es ist mein wahrer Ernst; aber sputet
-Euch ein wenig, ich habe Eile.«</p>
-
-<p>»Die habt Ihr den ganzen Tag nicht gehabt,« entgegnete
-jene; »und jetzt wollt Ihr auf einmal über Hals und Kopf in
-die Nacht hinaus. Zwar die frische Luft kann nichts schaden
-bei solchen Kranken; aber weiß Gott, Euer Pferd lasse ich nicht
-aus dem Stall, Ihr könnt mir herunterfallen oder allerlei Unglück
-anrichten, und dann hieße es, wo hat denn die Hirschwirtin
-wieder den Kopf gehabt, daß sie die Leute so laufen läßt?«</p>
-
-<p>Der junge Mann hatte ihre Rede ganz überhört, denn er
-war wieder in sein düsteres Sinnen zurückgesunken. Als sie
-aufhörte zu sprechen, schrak er auf und wunderte sich, daß sie
-seinen Befehl noch nicht befolgt habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span></p>
-
-<p>Er ging, als sie noch immer zauderte, um sein Pferd selbst
-zu besorgen. Da dachte sie, daß sie doch keine Gewalt habe,
-ihn zurückzuhalten, und daß es geratener sein möchte, ihn ziehen
-zu lassen. »Lasset dem Herrn seinen Braunen herausführen,«
-rief sie, »und der Andres soll sich rüsten, heute noch ein Stück
-Weges zu gehen! &ndash; Er hat recht, daß er jemand mitnehmen
-will,« sprach sie für sich weiter, »der kann ihn doch im Notfall
-halten. Zwar sagt man, sie haben ein paar Sinne mehr, wenn
-sie etwas im Kopfe haben, und es falle keiner so leicht vom
-Pferde, wenn er auch hin und her schwankt wie der Schwengel
-in der großen Glocke, aber besser ist besser. &ndash; Was Ihr schuldig
-seid, Herr Ritter? Nun Ihr habt gehabt eine Maß Alten,
-macht zwölf Kreuzer, und das Essen &ndash; nun, es ist nicht der
-Rede wert, was Ihr gegessen habt. Ihr habt ja mein Huhn
-kaum angesehen. Nun, wenn Ihr für den Stall und das Essen
-noch zwei Kreuzer zulegen wollt, so wird Euch eine arme Witfrau
-schön danken.«</p>
-
-<p>Nachdem die Rechnung in dem niederen Münzfuß der
-guten alten Zeiten berichtigt war, entließ die Wirtin zum goldenen
-Hirsch ihren Gast. Sie war ihm zwar nicht mehr so gewogen
-wie heute mittag, als er herrlich wie der junge Tag in
-ihre Trinkstube getreten war, aber dennoch konnte sie sich nicht
-verhehlen, als er beim Schein der Kienfackeln sich aufs Pferd
-schwang, daß sie nicht leicht einen schöneren Mann gesehen habe,
-und sie schärfte daher ihrem Knecht, der ihn begleitete, um so
-sorgfältiger ein, recht genau auf ihn acht zu geben, weil es bei
-diesem Herrn doch nicht ganz richtig im Kopfe sei.«</p>
-
-<p>Vor dem Tor von Pfullingen fragte der Knecht den nächtlichen
-Reiter, wohin er reiten wolle, und auf seine Antwort:
-»Nach Lichtenstein,« schlug er einen Weg rechts ein, der zum
-Gebirge führte. Der junge Mann ritt schweigend durch die
-Nacht hin; er sah nicht rechts, er sah nicht links, er sah nicht
-auf nach den Sternen, nicht hinaus in die Weite, seine gesenkten
-Blicke hafteten am Boden. Es war ihm wie damals, als ihn die
-Mörder am Wege niedergeschlagen hatten. Seine Gedanken
-standen stille, er hoffte nicht mehr, er hatte zu leben, zu lieben
-und zu wünschen aufgehört. Und doch war ihm damals wohler
-gewesen, als ihm auf dem kühlen Teppich des Wiesentales die
-Besinnung schwand; er war ja entschlummert mit dem erhebenden
-Gedanken an sie, und die erstarrenden Lippen hatten noch
-einmal einen süßen Namen ausgesprochen.</p>
-
-<p>Aber jetzt war die Leuchte verlöscht, die seinen Pfad durchs<span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span>
-Leben erhellt hatte. Es war ihm, als habe er nur noch einen
-kurzen Weg im Dunkeln hinzugehen, um dann in lichteren
-Höhen als auf dem Lichtenstein seine Ruhe zu finden. Und
-unwillkürlich zuckte seine Rechte hie und da ans Schwert, als
-wollte er sich versichern, daß ihm dieser Gefährte wenigstens
-treu geblieben sei, als sei dies der gewichtige Schlüssel, der
-die Pforte sprengen sollte, die aus dem Dunkel zum Lichte führt.</p>
-
-<p>Der Wald hatte längst die Wanderer aufgenommen.
-Steiler wurden die Pfade, und das Roß strebte mühsam unter
-der Last des Reiters und seiner Rüstung bergan; doch der
-Reiter bemerkte es nicht. Die Nachtluft wehte kühler und
-spielte mit den langen Haaren des Jünglings, er fühlte es
-nicht. Der Mond kam herauf und beleuchtete seinen Pfad, beleuchtete
-kühne Felsenmassen und die hohen, gewaltigen Eichen,
-unter welchen er hinzog, er sah es nicht. Unbemerkt von ihm
-rauschte der Strom der Zeit an ihm vorüber, Stunde um
-Stunde verging, ohne daß ihm der Weg lang bedünkte.</p>
-
-<p>Es war Mitternacht, als sie auf der höchsten Höhe ankamen.
-Sie traten heraus aus dem Wald, und getrennt durch eine
-weite Kluft von der übrigen Erde lag auf einem einzelnen, senkrecht
-aus der nächtlichen Tiefe aufsteigenden Felsen der Lichtenstein.</p>
-
-<p>Seine weißen Mauern, seine zackigen Felsen schimmerten
-im Mondlicht. Es war, als schlummere das Schlößchen, abgeschieden
-von der Welt, im tiefen Frieden der Einsamkeit.</p>
-
-<p>Der Ritter warf einen düsteren Blick dorthin und sprang
-ab. Er band das Pferd an einen Baum und setzte sich auf
-einen bemoosten Stein, gegenüber von der Burg. Der Knecht
-stand erwartend, was sich weiter begeben werde, und fragte
-mehreremal vergeblich, ob er seines Dienstes jetzt entlassen sei?</p>
-
-<p>»Wie weit ist's noch bis zum ersten Hahnenschrei?« fragte
-endlich der stumme Mann auf dem Steine.</p>
-
-<p>»Zwei Stunden, Herr!« war die Antwort des Knechtes.</p>
-
-<p>Der Ritter reichte ihm reichlichen Lohn für sein Geleite
-und winkte ihm, zu gehen. Er zögerte, als scheue er sich, den
-jungen Mann in diesem unglücklichen Zustand zu verlassen, als
-aber jener ungeduldig seinen Wink wiederholte, entfernte er
-sich stille. Nur einmal noch sah er sich um, ehe er in den Wald
-eintrat. Der schweigende Gast saß noch immer, die Stirne in
-die Hand gestützt, im Schatten einer Eiche, auf dem bemoosten
-Stein.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap19">19.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Durch diese hohle Gasse muß er kommen;<br /></span>
-<span class="i0">Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht. &ndash; Hier<br /></span>
-<span class="i0">Vollend' ich's &ndash; die Gelegenheit ist günstig.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Schiller.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Man hat zu allen Zeiten viel Schönes und Wahres über
-die Torheit der Eifersucht geschrieben, und dennoch sind die
-Menschen seit Urias' Zeiten darin nicht weiser geworden. Leute
-von überaus kühler Konstitution werden zwar sagen, wenn
-jener berühmte jüdische Hauptmann nicht die Torheit begangen
-hätte, seine schöne Frau nur für sich allein haben zu wollen
-oder gar auf den König David eifersüchtig zu werden, so wäre
-der berüchtigte Uriasbrief nie geschrieben worden und besagter
-Hauptmann hätte es vielleicht noch weit im Dienste bringen
-können. Andere aber, denen die Natur heißes Blut und einen
-Stolz, ein Gefühl der Ehre gegeben hat, das durch Hintansetzung
-oder Treubruch leicht aufgeregt und beleidigt wird, werden
-beim eintretenden Falle jenem unglücklichen Uebel unterliegen,
-wenn sie auch mit allen Beweisgründen der kälteren
-Vernunft sich selbst die Torheit ihres Beginnens vorpredigen.</p>
-
-<p>Georg von Sturmfeder war nicht von so kühlem Blute,
-daß ihn die Nachricht, die er heute erhielt, nicht aus allen
-Schranken der Billigkeit und Mäßigung herausgejagt hätte;
-er war überdies in einem Alter, wo zwar die offene Seele sich
-noch nicht daran gewöhnt hat, dem Menschen <em class="antiqua">a priori</em> zu mißtrauen,
-wo aber ein solcher Fall um so überraschender ist,
-um so gefährlicher wirkt, eben weil das arglose Herz ihn nie
-gedacht hat. Da kocht das Gefühl der gekränkten Treue, da
-braust der Stolz auf, der sich beleidigt dünkt; den prüfenden
-Verstand, der das Falsche vom Rechten zu sondern pflegt, umziehen
-trübe, düstere Wolken und verhüllen ihm das Wahre; ein
-Wörtchen Wahrscheinlichkeit in einem Gewebe von Lüge überzeugt
-ihn; die Sonne der Liebe sinkt hinab, und es wird Nacht
-in der Seele. Dann schleichen sich jene nächtlichen Gesellen:
-Verachtung, Wut, Rache, in das von allen guten Engeln verlassene
-Herz, und die unendliche Stufenleiter der Empfindungen,
-welche von Liebe zu Haß führt, hat die Eifersucht in
-wenigen Augenblicken zurückgelegt.</p>
-
-<p>Georg war auf jener Stufe der düsteren, stillen Wut und
-der Rache angekommen; über diese Empfindung brütend, saß
-er unempfindlich gegen die Kälte der Nacht auf dem bemoosten<span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span>
-Stein, und sein einziger, immer wiederkehrender Gedanke war,
-den nächtlichen Freund »<em class="gesperrt">zu stellen und ein Wort mit
-ihm zu sprechen</em>«.</p>
-
-<p>Es schlug zwei Uhr in einem Dorf über dem Walde, als
-er sah, daß sich Lichter an den Fenstern des Schlosses hinbewegten;
-erwartungsvoll pochte sein Herz, krampfhaft hatte seine
-Hand den langen Griff des Schwertes umfaßt. Jetzt wurden
-die Lichter hinter den Gittern des Tores sichtbar, Hunde schlugen
-an; Georg sprang auf und warf den Mantel zurück. Er hörte,
-wie eine tiefe Stimme ein vernehmliches »Gute Nacht!« sprach.
-Die Zugbrücke rauschte nieder und legte sich über den Abgrund,
-der das Land von Lichtenstein scheidet, das Tor ging auf, und
-ein Mann, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, den dunklen Mantel
-fest umgezogen, schritt über die Brücke und gerade auf den Ort
-zu, wo Georg Wache hielt.</p>
-
-<p>Er war noch wenige Schritte entfernt, als dieser mit
-einem dröhnenden: »Zieh, Verräter, und wehr' dich deines
-Lebens!« auf ihn einstürzte; der Mann im Mantel trat zurück
-und zog; im Augenblick begegneten sich die blitzenden Klingen
-und rasselten klirrend aneinander.</p>
-
-<p>»Lebendig sollst du mich nicht haben,« rief der andere;
-»wenigstens will ich mein Leben teuer genug bezahlen!« Zugleich
-sah ihn Georg tapfer auf sich eindringen, und an den schnellen
-und gewichtigen Hieben merkte er, daß er keinen zu verachtenden
-Gegner vor der Klinge habe. Georg war kein ungeübter
-Fechter, und er hatte manch ernstlichen Kampf mit Ehre ausgefochten,
-aber hier hatte er seinen Mann gefunden. Er fühlte,
-daß er sich bald auf die eigene Verteidigung beschränken müsse,
-und wollte eben zu einem letzten gewaltigen Stoß ausfallen,
-als plötzlich sein Arm mit ungeheurer Gewalt festgehalten
-wurde; sein Schwert wurde ihm in demselben Augenblick aus der
-Hand gewunden, zwei mächtige Arme schlangen sich um seinen
-Leib und fesselten ihn regungslos, und eine furchtbare Stimme
-schrie: »Stoßt zu, Herr! ein solcher Meuchelmörder verdient
-nicht, daß er noch einen Augenblick zum letzten Paternoster
-habe!«</p>
-
-<p>»Das kannst du verrichten, Hans,« sprach der im Mantel;
-»ich stoße keinen Wehrlosen nieder; dort ist sein Schwert, schlag
-ihn tot, aber mach' es kurz.«</p>
-
-<p>»Warum wollt Ihr mich nicht lieber selbst umbringen,
-Herr!« sagte Georg mit fester Stimme; »Ihr habt mir meine
-Liebe gestohlen, was liegt an meinem Leben?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span></p>
-
-<p>»Was habe ich?« fragte jener und trat näher.</p>
-
-<p>»Was Teufel ist das für eine Stimme?« sprach der Mann,
-der ihn noch immer umschlungen hielt; »die sollte ich kennen!«
-Er drehte den jungen Mann in seinen Armen um, und wie von
-einem Blitz getroffen, zog er die Hände von ihm ab! »Jesus
-Maria und Joseph! Da hätten wir bald etwas Schönes gemacht!
-Aber welcher Unstern führt Euch auch gerade hierher,
-Junker? Was denken auch meine Leute, daß sie Euch fortlassen,
-ohne daß ich dabei bin!«</p>
-
-<p>Es war der Pfeifer von Hardt, der Georg also anredete
-und ihm die Hand zum Gruß bot; dieser aber schien nicht geneigt,
-dieses freundliche Zeichen einem Manne zu erwidern,
-der noch soeben das Handwerk des Henkers an ihm verrichten
-wollte; wild blickte er bald den Mann im Mantel, bald den
-Pfeifer an. »Meinst du,« sagte er zu diesem, »ich hätte mich
-von deinen Weibern in Gefangenschaft halten lassen sollen, daß
-ich deine Verräterei hier nicht sehe? Erbärmlicher Betrüger!
-Und Ihr,« wandte er sich zu dem anderen, »wenn Ihr ein
-Mann von Ehre seid, so stehet mir und fallet nicht zu zwei
-über einen her; wenn Ihr wißt, daß ich Georg von Sturmfeder
-bin, so mögen Euch meine früheren Ansprüche auf das
-Fräulein nicht unbekannt sein, und mit Euch mich zu messen,
-bin ich hierher gekommen. Darum befehlet diesem Schurken,
-daß er mir mein Schwert wiedergebe, und laßt uns ehrlich
-fechten, wie es Männern geziemt.«</p>
-
-<p>»Ihr seid Georg von Sturmfeder?« sprach jener mit
-freundlicher Stimme und trat näher zu ihm. »Es scheint mir,
-Ihr seid etwas im Irrtum hier. Glaubet mir, ich bin Euch
-sehr gewogen und hätte Euch längst gerne gesehen. Nehmet
-das Ehrenwort eines Mannes, daß mich nicht die Absichten
-in jenes Schloß führen, die Ihr mir unterleget, und seid mein
-Freund!«</p>
-
-<p>Er bot dem überraschten Jüngling die Hand unter dem
-Mantel hervor, doch dieser zauderte; die gewichtigen Hiebe dieses
-Mannes hatten ihm zwar gesagt, daß er ein Ehrenwerter und
-Tapferer sei, darum konnte und mußte er seinen Worten
-trauen; aber sein Gemüt war noch so verwirrt von allem, was
-er gehört und gesehen, daß er ungewiß war, ob er den Handschlag
-dessen, den er noch vor einem Augenblick als seinen bittersten
-Feind angesehen hatte, empfangen sollte oder nicht. »Wer
-ist es, der mir die Hand beut?« fragte er. »Ich habe Euch<span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span>
-meinen Namen genannt und könnte wohl billigerweise dasselbe
-von Euch verlangen.«</p>
-
-<p>Der Unbekannte schlug den Mantel auseinander und schob
-das Barett zurück; der Mond beleuchtete ein Gesicht voll Würde,
-und Georg begegnete einem glänzenden Auge, das den Ausdruck
-gebietender Hoheit trug. »Fraget nicht nach Namen,« sprach er,
-indem ein Zug von Wehmut um seinen Mund blitzte, »ich bin
-ein Mann, und dies mag Euch genug sein; wohl führte auch
-ich einst einen Namen in der Welt, der sich mit dem ehrenwertesten
-messen konnte, wohl trug auch ich die goldenen Sporen
-und den wallenden Helmbusch, und auf den Ruf meines Hifthorns
-lauschten viele hundert Knechte. Er ist verklungen; aber
-eines ist mir geblieben,« setzte er mit unbeschreiblicher Hoheit
-hinzu, indem er die Hand des jungen Mannes fester drückte,
-»ich bin ein Mann und trage ein Schwert:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Si fractus illabatur orbis,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Impavidum ferient ruinae</em>«.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Er drückte das Barett wieder in die Stirne, zog seinen
-Mantel hoch herauf und ging vorüber in den Wald.</p>
-
-<p>Georg stand in stummem Erstaunen auf sein Schwert gestützt.
-Der Anblick dieses Mannes &ndash; es war ihm unbegreiflich
-&ndash; hatte alle Gedanken der Rache in seinem Herzen ausgelöscht.
-Dieser gebietende Blick, dieser gewinnende, wohlwollende Zug
-um den Mund, das tapfere, gewaltige Wesen dieses Mannes
-erfüllten seine Seele mit Staunen, mit Achtung, mit Beschämung.
-Er hatte geschworen, mit Marien in keiner Berührung
-zu stehen, er hatte es bekräftigt mit jener tapferen
-Rechten, die noch eben die gewichtige Klinge leicht wie im Spiel
-geführt hatte; er hatte es bestätigt mit einem jener Blicke,
-deren Strahl Georg wie den der Sonne nicht zu ertragen vermochte,
-eine Bergeslast wälzte sich von seiner Brust, denn er
-<em class="gesperrt">glaubte</em>, er <em class="gesperrt">mußte</em> glauben.</p>
-
-<p>Wenn man bedenkt, wie sehr zu jener Zeit körperliche
-Eigenschaften gewogen und angeschlagen wurden, wie man
-Tapferkeit auch an dem Feinde hochschätzte und achtete, wie das
-Wort eines anerkannt tapferen Mannes so fest stand wie der
-Schwur auf die Hostie, wenn man ferner bedenkt, wie groß die
-Wirkung eines anmutigen oder aber eines imponierenden
-Aeußeren auf ein jugendliches Gemüt ist, so wird man sich über
-die Veränderung nicht zu sehr wundern, welche in diesen kurzen
-Augenblicken mit der Gesinnung des Jünglings vorging.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span></p>
-
-<p>»Wer ist dieser Mann?« fragte Georg den Pfeifer, der
-noch immer neben ihm stand.</p>
-
-<p>»Ihr hörtet ja, daß er keinen Namen hat, und auch ich
-weiß ihn nicht zu nennen.«</p>
-
-<p>»Du wüßtest nicht, wer er ist?« entgegnete Georg; »und
-doch hast du ihm beigestanden, als er mit mir focht? Geh! Du
-willst mich belügen!«</p>
-
-<p>»Gewiß nicht, Junker,« antwortete der Pfeifer; »es ist,
-Gott weiß es, wahr, daß jener Mann derzeit keinen Namen
-hat; wenn Ihr übrigens durchaus erfahren wollet, was er ist,
-so wisset, er ist ein Geächteter, den der Bund aus seinem Schloß
-vertrieb; einst aber war er ein mächtiger Ritter im Schwabenland.«</p>
-
-<p>»Der Arme! Darum also ging er so verhüllt? Und mich
-hielt er wohl für einen Meuchelmörder! Ja, ich erinnere mich,
-daß er sagte, er wolle sein Leben teuer genug verkaufen.«</p>
-
-<p>»Nehmt mir nicht übel, werter Herr,« sagte der Bauer,
-»auch ich hielt Euch für einen, der dem Geächteten auf das
-Leben lauern soll, darum kam ich ihm zu Hilfe, und hätte ich
-nicht Eure Stimme noch gehört, wer weiß, ob Ihr noch lange geatmet
-hättet. Wie kommt Ihr aber auch um Mitternacht hierher,
-und welches Unheil führt Euch gerade dem geächteten Mann
-in den Wurf! Wahrlich, Ihr dürft von Glück sagen, daß er
-Euch nicht in zwei Stücke gehauen; es leben wenige, die vor
-seinem Schwert standgehalten hätten. Ich vermute, die Liebe
-hat Euch da einen argen Streich gespielt!«</p>
-
-<p>Georg erzählte seinem ehemaligen Führer, welche Nachrichten
-ihm im Hirsch zu Pfullingen mitgeteilt worden seien.
-Namentlich berief er sich auf die Aussage der Amme, des
-Pfeifers Schwester, die ihm so höchst wahrscheinlich gelautet
-habe.</p>
-
-<p>»Dacht' ich's doch, daß es so was sein müsse,« antwortete
-der Pfeifer. »Die Liebe hat manchem noch ärger mitgespielt,
-und ich weiß nicht, was ich in jungen Jahren im ähnlichen Fall
-getan hätte. Daran ist aber wieder niemand schuld als meine
-alte Rosel, die alte Schwätzerin; was hat sie nötig, der Wirtin
-im Hirsch, die auch nichts bei sich behalten kann, zu beichten?«</p>
-
-<p>»Es muß aber doch etwas Wahres an der Sache sein,«
-entgegnete Georg, in welchem das alte Mißtrauen hin und wieder
-aufblitzte. »So ganz ohne Grund konnte doch Frau Rosel
-nichts ersinnen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span></p>
-
-<p>»Wahr? Etwas Wahres müsse daran sein? Allerdings
-ist alles wahr nach der Reihe; die Knechte werden zu Bett geschickt
-und die alte Aufpasserin auch, um elf Uhr kommt <em class="gesperrt">der
-Mann</em> vor das Schloß, die Zugbrücke fällt herab, die Tore
-tun sich ihm auf, das Fräulein empfängt ihn und führt ihn in
-die Herrenstube&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun? Siehst du?« rief Georg ungeduldig; »wenn dieses
-alles wahr ist, wie kann dann jener Mann schwören, daß er
-mit dem Fräulein&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Daß er mit dem Fräulein ganz und gar nichts wolle?«
-antwortete der Pfeifer. »Allerdings kann er das schwören; denn
-es ist nur <em class="gesperrt">ein</em> Unterschied bei der ganzen Sache, den die Gans,
-die Rosel, freilich nicht gewußt hat, nämlich, daß der Ritter
-von Lichtenstein in der Herrenstube sitzt, das Fräulein aber sich
-entfernt, wenn sie ihre heimlich bereiteten Speisen aufgetragen
-hat. Der Alte bleibt bei dem geächteten Mann bis um den
-ersten Hahnenschrei, und wenn er gegessen und getrunken und
-die erstarrten Glieder am Feuer wieder erwärmt hat, verläßt
-er das Schloß, wie er es betreten.«</p>
-
-<p>»O ich Tor! daß ich dies alles nicht früher ahnete! Wie
-nahe lag die Wahrheit, und wie weit ließ ich mich irre leiten!
-Aber verflucht sei die Neugierde und Lästersucht dieser Weiber,
-die in allem noch etwas ganz Besonderes zu sehen glauben und
-denen das Unwahrscheinlichste und Grellste gerade das liebste
-ist! &ndash; Aber sprich,« fuhr Georg nach einigem Nachdenken fort,
-»auffallend ist es mir doch, daß dieser geächtete Mann alle Nacht
-ins Schloß kommt; in welch unwirtlicher Gegend wohnt er
-denn, wo er keine warme Kost, keinen Becher Weins und keinen
-warmen Ofen findet? &ndash; Höre, wenn du mich dennoch belögest!«</p>
-
-<p>Des Pfeifers Auge ruhte mit einem beinahe spöttischen
-Ausdruck auf dem jungen Mann. »Ein Junker wie Ihr,«
-antwortete er, »weiß freilich wenig, wie weh Verbannung tut;
-Ihr wißt es nicht, was es heißt, sich vor den Augen seiner
-Mörder verbergen, Ihr wißt nicht, wie schaurig sich's in feuchten
-Höhlen, in unwirtlichen Schluchten wohnt, Ihr kennt die
-Wohltat nicht, die ein warmer Bissen und ein feuriger Trunk
-dem gewährt, der bei den Eulen speist und bei dem Schuhu
-in der Miete ist; aber kommt, wenn es Euch gelüstet; der
-Morgen bricht noch nicht an, und in der Nacht könnet Ihr nicht
-nach Lichtenstein; ich will Euch dahin führen, wo der geächtete
-Ritter wohnt, und Ihr werdet nicht mehr fragen, warum er
-um Mitternacht nach Speise geht!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span></p>
-
-<p>Die Erscheinung des Unbekannten hatte Georgs Neugierde
-zu sehr aufgeregt, als daß er nicht begierig den Vorschlag des
-Pfeifers von Hardt angenommen hätte, besonders auch, da er
-darin den besten Beweis für die Wahrheit oder Falschheit seiner
-Aussagen finden konnte. Sein Führer ergriff die Zügel des
-Rosses und führte es einen engen Waldweg bergab. Georg
-folgte, nachdem er noch einen Blick nach den Fenstern des
-Lichtensteins zurückgeworfen hatte. Sie zogen schweigend immer
-weiter, und dem jungen Mann schien dieses Schweigen nicht
-unangenehm zu sein, denn er machte keinen Versuch, es zu
-unterbrechen. Er hing seinen Gedanken nach über den Mann,
-zu dessen geheimnisvoller Wohnung er geführt wurde. Unablässig
-beschäftigte ihn die Frage, wer dieser Geächtete sein könnte.
-Er erinnerte sich fast wie aus einem Traum, daß mehrere Anhänger
-des vertriebenen Herzogs aus ihren Besitzungen gejagt
-worden seien, ja es deuchte ihm sogar, es sei in der Herberge
-zu Pfullingen während seines teilnahmlosen Hinbrütens von
-einem Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg, die Rede gewesen,
-nach welchem die Bündischen fahnden. Die Tapferkeit
-und ausgezeichnete Stärke dieses Mannes war in Schwaben
-und Franken wohlbekannt; und wenn sich Georg die zwar nicht
-überaus große, aber kräftige Gestalt, die gebietende Miene, das
-heldenmütige, ritterliche Wesen des Mannes ins Gedächtnis
-zurückrief, ward es ihm immer mehr zur Gewißheit, daß der
-Geächtete kein anderer als der treueste Anhänger Ulrichs von
-Württemberg, Marx Stumpf von Schweinsberg sei.</p>
-
-<p>Besonders schmeichelhaft für die Phantasie des jungen
-Mannes war auch der Gedanke, einen gefährlichen Gang mit
-diesem Tapfern gemacht und in einem Gefecht seine Klinge mit
-der seinigen gemessen zu haben, dessen Ausgang zum wenigsten
-sehr unentschieden war.</p>
-
-<p>So dachte in jener Nacht Georg von Sturmfeder, aber noch
-viele Jahre nachher, als der Mann, den er in jener Nacht bekämpfte,
-längst wieder in seine Rechte eingesetzt war und seinem
-Hifthorn wieder Hunderte folgten, rechnete er es unter seine
-schönsten Waffentaten, dem tapfern, gewaltigen Unbekannten
-keinen Schritt breit gewichen zu sein.</p>
-
-<p>Die Wanderer waren während dieses Selbstgesprächs des
-jungen Mannes auf einer kleinen, freien Waldwiese angekommen;
-der Pfeifer band das Pferd seitwärts an und winkte
-Georg, zu folgen. Die Waldwiese brach in eine schroffe, mit<span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span>
-dichtem Gesträuch bewachsene Abdachung ab; dort schlug der
-Pfeifer einige verschlungene Zweige zurück, hinter welchen ein
-schmaler Fußpfad sichtbar wurde, welcher abwärts führte. Nicht
-ohne Mühe und Gefahr folgte Georg seinem Führer, der ihm
-an einigen Stellen kräftig die Hand reichte. Nachdem sie etwa
-achtzig Fuß hinabgestiegen waren, befanden sie sich wieder auf
-ebenem Grund, aber umsonst suchte der junge Mann nach der
-Stätte des geächteten Ritters. Der Pfeifer ging nun zu
-einem Baum von ungeheurem Umfang, der innen hohl sein
-mußte, denn jener brachte zwei große Kienfackeln daraus hervor;
-er schlug Feuer und zündete mit einem Stückchen Schwefel die
-Fackeln an.</p>
-
-<p>Als diese hell aufloderten, bemerkte Georg, daß sie vor
-einem großen Portal stehen, das die Natur in die Felsenwand
-gebrochen hatte; und dies mochte wohl der Eingang zu der Wohnung
-sein, wo der Geächtete, wie sich der Pfeifer ausdrückte, bei
-dem Schuhu zur Miete war. Der Mann von Hardt ergriff
-eine der Fackeln und bat den Jüngling, die andere zu tragen,
-denn ihr Weg sei dunkel und hie und da nicht ohne Gefahr.
-Nachdem er diese Warnung geflüstert, schritt er voran in das
-dunkle Tor.</p>
-
-<p>Georg hatte eine niedrige Erdschlucht erwartet, kurz und
-eng, dem Lager der Tiere gleich, wie er sie in den Forsten
-seiner Heimat hin und wieder gesehen, aber wie erstaunte er,
-als die erhabenen Hallen eines unterirdischen Palastes vor
-seinen Augen sich auftaten. Er hatte in seiner Kindheit aus
-dem Munde eines Knappen, dessen Urgroßvater in Palästina
-in Gefangenschaft geraten war, ein Märchen gehört, das von
-Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden war; dort war ein
-Knabe von einem bösen Zauberer unter die Erde geschickt worden,
-in einen Palast, dessen erhabene Schönheit alles übertraf,
-was der Knabe je über der Erde gesehen hatte; was die kühne
-Phantasie des Morgenlandes Prachtvolles und Herrliches ersinnen
-konnte, goldene Säulen mit kristallenen Kapitälern, gewölbte
-Kuppeln mit Smaragden und Saphiren, diamantene
-Wände, deren vielfach gebrochene Strahlen das Auge blendeten;
-alles war jener unterirdischen Wohnung der Genien beigelegt.
-Diese Sage, die sich der kindischen Einbildungskraft tief eingedrückt,
-lebte auf und verwirklichte sich vor den Blicken des
-staunenden Jünglings. Alle Augenblicke stand er still, von
-neuem überrascht, hielt die Fackel hoch und staunte und bewunderte,<span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span>
-denn in hohen, majestätischen Bogen zog sich der Höhlengang
-hin und flimmerte und blitzte wie von tausend Kristallen
-und Diamanten. Aber noch größere Ueberraschung stand ihm
-bevor, als sich sein Führer links wandte und ihn in eine weite
-Grotte führte, die wie der festlich geschmückte Saal des unterirdischen
-Palastes anzusehen war.</p>
-
-<p>Sein Führer mochte den gewaltigen Eindruck bemerken,
-den dieses Wunderwerk der Natur auf die Seele des Jünglings
-machte. Er nahm ihm die Fackel aus der Hand, stieg auf einen
-vorspringenden Felsen und beleuchtete so einen großen Teil
-dieser Grotte.</p>
-
-<p>Glänzend weiße Felsen faßten die Wände ein, kühne
-Schwibbogen, Wölbungen, über deren Kühnheit das irdische
-Auge staunte, bildeten die glänzende Kuppel; der Tropfstein,
-aus dem diese Höhle gebildet war, hing voll von vielen Millionen
-kleiner Tröpfchen, die in allen Farben des Regenbogens den
-Schein zurückwarfen und als silberreine Quellen in kristallenen
-Schalen sich sammelten. In grotesken Gestalten standen Felsen
-umher, und die aufgeregte Phantasie, das trunkene Auge glaubte
-bald eine Kapelle, bald große Altäre mit reicher Draperie und
-gotisch verzierte Kanzeln zu sehen. Selbst die Orgel fehlte dem
-unterirdischen Dome nicht, und die wechselnden Schatten des
-Fackellichtes, die an den Wänden hin und her zogen, schienen
-geheimnisvoll erhabene Bilder von Märtyrern und Heiligen
-in ihren Nischen bald auf-, bald zuzudecken.</p>
-
-<p>So schmückte die christliche Phantasie des jungen Mannes,
-voll Ehrfurcht vor dem geheimnisvollen Wirken der Gottheit,
-das unterirdische Gemach zur Kirche aus, während jener Aladdin
-mit der Wunderlampe die Säle des Paradieses und die
-ewig glänzenden Lauben der Huris geschaut hätte.</p>
-
-<p>Der Führer stieg, nachdem er das Auge des Jünglings für
-hinlänglich gesättigt halten mochte, wieder herab von seinem
-Felsen. »Das ist die Nebelhöhle,« sprach er; »man kennt sie
-wenig im Land, und nur den Jägern und Hirten ist sie bekannt;
-doch wagen es nicht viele hereinzugehen, weil man allerlei böse
-Geschichten von diesen Kammern der Gespenster weiß. Einem,
-der die Höhle nicht genau kennt, möchte ich nicht raten, sich herabzuwagen;
-sie hat tiefe Schlünde und unterirdische Wasser,
-aus denen keiner mehr ans Licht kommt. Auch gibt es geheime
-Gänge und Kammern, die nur fünf Männern bekannt sind, die
-jetzt leben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span></p>
-
-<p>»Und der geächtete Ritter?« fragte Georg.</p>
-
-<p>»Nehmt die Fackel und folget mir,« antwortete jener und
-schritt voran in einen Seitengang. Sie waren wieder etwa
-zwanzig Schritte gegangen, als Georg die tiefen Töne einer
-Orgel zu vernehmen glaubte. Er machte seinen Führer darauf
-aufmerksam.</p>
-
-<p>»Das ist Gesang,« entgegnete er, »der tönt in diesen Gewölben
-gar lieblich und voll. Wenn zwei oder drei Männer
-singen, so lautet es, als sänge ein ganzer Chor Mönche die
-Hora.« Immer vernehmlicher tönte der Gesang; je näher sie
-kamen, desto deutlicher wurden die Wendungen einer angenehmen
-Melodie. Sie bogen um eine Felsenecke, und von oben herab
-ertönte ganz nahe die Stimme des Singenden, brach sich an
-den zackigen Felsenwänden in vielfachem Echo, bis sie sich verschwebend
-mit den fallenden Tropfen der feuchten Steine und
-mit dem Murmeln eines unterirdischen Wasserfalles mischte,
-der sich in eine dunkle, geheimnisvolle Tiefe ergoß.</p>
-
-<p>»Hier ist der Ort,« sprach der Führer, »dort oben in der
-Felswand ist die Wohnung des unglücklichen Mannes; hört Ihr
-sein Lied? Wir wollen warten und lauschen, bis er zu Ende ist,
-denn er war nicht gewohnt, unterbrochen zu werden, als er noch
-oben auf der Erde war.«</p>
-
-<p>Die Männer lauschten und verstanden durch das Echo und
-das Gemurmel der Wasser etwa folgende Worte, die der Geächtete
-sang:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Vom Turme, wo ich oft gesehen<br /></span>
-<span class="i0">Hernieder auf ein schönes Land,<br /></span>
-<span class="i0">Vom Turme fremde Fahnen wehen,<br /></span>
-<span class="i0">Wo meiner Ahnen Banner stand.<br /></span>
-<span class="i0">Der Väter Hallen sind gebrochen,<br /></span>
-<span class="i0">Gefallen ist des Enkels Los,<br /></span>
-<span class="i0">Er birgt, besiegt und ungerochen,<br /></span>
-<span class="i0">Sich in der Erde tiefem Schoß.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und wo einst in des Glückes Tagen<br /></span>
-<span class="i0">Mein Jagdhorn tönte durchs Gefild,<br /></span>
-<span class="i0">Da meine Feinde gräßlich jagen,<br /></span>
-<span class="i0">Sie hetzen gar ein edles Wild,<br /></span>
-<span class="i0">Ich bin das Wild, auf das sie birschen,<br /></span>
-<span class="i0">Die Bluthund' wetzen schon den Zahn,<br /></span>
-<span class="i0">Sie dürsten nach dem Schweiß des <em class="gesperrt">Hirschen</em>,<br /></span>
-<span class="i0">Und sein Geweih<a id="FNanchor_29_30"></a><a href="#Footnote_29_30" class="fnanchor">[29]</a> steht ihnen an.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Die Mörder han in Berg und Heide<br /></span>
-<span class="i0">Auf mich die Armbrust aufgespannt,<br /></span>
-<span class="i0">Drum in des Bettlers rauhem Kleide<br /></span>
-<span class="i0">Durchschleich' ich nachts mein eigen Land;<br /></span>
-<span class="i0">Wo ich als Herr sonst eingeritten<br /></span>
-<span class="i0">Und meinen hohen Gruß entbot,<br /></span>
-<span class="i0">Da klopf' ich schüchtern an die Hütten<br /></span>
-<span class="i0">Und bettle um ein Stückchen Brot.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Ihr warft mich aus den eignen Toren,<br /></span>
-<span class="i0">Doch einmal klopf' ich wieder an;<br /></span>
-<span class="i0">Drum Mut! Noch ist nicht all' verloren,<br /></span>
-<span class="i0">Ich hab' ein Schwert und bin ein Mann.<br /></span>
-<span class="i0">Ich wanke nicht; ich will es tragen;<br /></span>
-<span class="i0">Und ob mein Herz darüber bricht,<br /></span>
-<span class="i0">So sollen meine Feinde sagen:<br /></span>
-<span class="i0">Er war ein Mann und wankte nicht.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden
-Tönen seines Liedes nachsandte, ließ ahnen, daß er
-im Gesang nicht viel Trost gefunden habe. Dem rauhen Manne
-von Hardt war während dem Liede eine große Träne über die
-gebräunte Wange gerollt, und Georg war es nicht entgangen,
-wie er sich anstrengte, die alte feste Fassung wiederzuerhalten
-und dem Bewohner der Höhle eine heitere Stirne und ein ungetrübtes
-Auge zu zeigen. Er gab dem Junker auch die zweite
-Fackel in die Hand und klimmte den glatten schlüpfrigen Felsen
-hinan, der zu der Grotte führte, woraus der Gesang erklungen
-war. Georg dachte sich, daß er ihn vielleicht dem Ritter melden
-wolle, und bald sah er ihn mit einem tüchtigen Strick zurückkehren.
-Er klimmte die Hälfte des Felsens wieder herab und
-ließ sich die Fackeln geben, die er geschickt in eine Felsenritze an
-der Seite steckte; dann warf er Georg den Strick zu und half
-ihm so die Felsenwand zu erklimmen, was ihm ohne diese Hilfe
-schwerlich gelungen wäre. Er war oben, und wenige Schritte
-noch, so stand er vor dem Felsengemach des Geächteten.<a id="FNanchor_30_31"></a><a href="#Footnote_30_31" class="fnanchor">[30]</a></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap20">20.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i24">&ndash;&nbsp;In wunderbaren Gestalten<br /></span>
-<span class="i0">Ragt aus der dunkeln Nacht das angestrahlte Gestein,<br /></span>
-<span class="i0">Mit wildem Gebüsch versetzt, das aus den schwarzen Spalten<br /></span>
-<span class="i0">Herabnickt und im Widerschein<br /></span>
-<span class="i0">Als grünes Feuer brennt. Mit Furcht vermengtem Grauen<br /></span>
-<span class="i0">Bleibt unser Ritter stehn, den Zauber anzuschauen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Wieland.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Der Teil jener großen Höhle, welchen sie jetzt betraten, unterschied
-sich merklich von den übrigen Grotten und Kammern. Er
-war von Sandstein und hatte, weil dieser Stein die Feuchtigkeit
-einschluckt, ein trockenes, wohnlicheres Ansehen. Der Boden
-war mit Binsen und Stroh bestreut, eine Lampe, die an der
-Wand angebracht war, verbreitete ein hinreichendes Licht auf
-die Breite und den größten Teil der Länge dieser Grotte.
-Gegenüber saß jener Mann auf einem breiten Bärenfelle, neben
-ihm stand sein Schwert und ein Hifthorn; ein alter Hut und der
-graue Mantel, mit welchem er sich verhüllt hatte, lagen am
-Boden. Er trug ein Wams von dunkelbraunem Leder und
-Beinkleider von grobem blauem Tuche, ein unscheinbarer Anzug,
-der aber seinen kräftigen Körperbau und seine feinen edlen Züge
-nur noch mehr heraushob. Er mochte ungefähr vierunddreißig
-Jahre haben, und sein Gesicht war noch immer hübsch und angenehm
-zu nennen, obgleich die erste Blüte der Jugend von
-Gefahren und Strapazen abgestreift schien und der verwilderte
-Bart ihm zuweilen etwas Furchtbares verlieh; diese flüchtigen
-Bemerkungen drängten sich Georg auf, als er am Eingang der
-Grotte stillstand.</p>
-
-<p>»Willkommen in meinem Palatium, Georg von Sturmfeder!«
-rief der Bewohner der Höhle, indem er sich von dem
-Bärenfelle aufrichtete, dem Jünglinge die Hand bot und ihm
-winkte, auf einen ebenso kunstlosen Sitz von Rehfellen sich
-niederzulassen. »Seid herzlich willkommen. Es war kein übler
-Einfall unseres Spielmanns, Euch in diese Unterwelt herabzuführen
-und mir einen so angenehmen Gesellschafter zu bringen.
-Hans! Du treue Seele, du warst bisher unser Majordomus,
-Truchseß und Kanzler, wir ernennen dich jetzt zu unserem
-Kellermeister und Obermundschenk. Sieh, dort hinter jener
-Säule des schönsten Granit muß ein Krug stehen, worin sich
-noch ein Rest alten Weines befindet. Nimm meinen Jagdbecher
-von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das wir jetzt<span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span>
-führen, gieß ihn voll bis an den Rand und kredenze ihn unserem
-ehrenwerten Gaste!«</p>
-
-<p>Georg sah erstaunt auf den geächteten Mann. Er hatte
-nach dem Schicksal, das ihn betroffen, nach seinen unwirtlichen
-Umgebungen, zuletzt noch nach dem Klaggesang, den er gehört
-hatte, einen Mann erwartet, der zwar unbesiegt von den Stürmen
-des Lebens, aber ernst, vielleicht sogar finster in seinem
-Umgang sein werde, und er fand ihn heiter, unbesorgt, scherzend
-über seine Lage, als habe ihn auf der Jagd ein Sturm überfallen
-und genötigt, eine kleine Weile in dieser Höhle Schutz
-gegen das Wetter zu suchen. Und doch war es ein schrecklicherer
-Sturm als der furchtbarste Orkan der Natur, der ihn aus der
-Burg seiner Väter vertrieb, und doch war er ja das gejagte Wild,
-das gegen die Geschosse der mordlustigen Jäger hier eine Zuflucht
-fand!</p>
-
-<p>»Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast,« sagte der
-Ritter, als Georg bald ihn, bald seine Umgebungen mit verwunderten
-Blicken maß. »Vielleicht habt Ihr erwartet, daß ich Euch
-etwas weniges vorjammern werde? Aber über was soll ich
-klagen? Mein Unglück kann in diesem Augenblick keiner wenden,
-darum ziemt es sich, daß man heitere Miene zum bösen
-Spiel macht. Und sagt selbst, wohne ich hier nicht, wie Fürsten
-selten wohnen? Habt Ihr meine Hallen gesehen und die weiten
-Säle meines Palastes? Glänzen nicht ihre Wände wie Silber?
-Wölben die Decken sich nicht, wie aus Perlen und Diamanten
-zusammengesetzt? Werden sie nicht getragen von Säulen, die
-von Smaragden und Rubinen und allen Edelsteinen der Erde
-prangen? Doch hier kommt Hans, mein Obermundschenk, mit
-dem Weine. Sprich, mein Getreuer! ist das all unser Getränk,
-was in diesem Becher ist?«</p>
-
-<p>»Wasser, so klar als Kristall, hat Eure Wohnung,« sprach
-der Pfeifer, der mit der heiteren Laune seines Gefährten schon
-vertraut war, »aber auch ein Restchen Wein, das wenigstens
-noch drei Becher füllt, ist im Krug, und &ndash; nun wir haben ja
-heute einen Gast und können schon etwas draufgehen lassen &ndash;
-ich will es nur gestehen, ich habe heute nacht einen vollen Krug
-alten Uhlbacher hereingebracht, er steht bei dem andern.«</p>
-
-<p>»Das hast du wohl gemacht,« rief der geächtete Ritter, und
-ein Strahl der Freude drang aus seinem glänzenden Auge.
-»Glaubet nicht, Herr Georg, daß ich ein Schlemmer und Säufer
-bin; aber guter Wein ist ein edles Ding, und ich liebe es, in
-guter Gesellschaft den vollen Becher rund gehen zu lassen.<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span>
-Pflanze die Krüge nur hier auf, werter Kellermeister, wir
-wollen tafeln, wie in den Tagen des Glücks. Ich bring' es
-Euch, auf den alten Glanz des Hauses Sturmfeder!«</p>
-
-<p>Georg dankte und trank. »Ich sollte die Ehre erwidern,«
-sagte er, »und doch weiß ich Euren Namen nicht, Herr Ritter.
-Doch ich bringe es Euch! Möget Ihr bald wieder siegreich in
-die Burg Eurer Väter einziehen, möge Euer Geschlecht auf
-ewige Zeiten grünen und blühen &ndash; es lebe!« Georg hatte die
-letzten Worte mit starker Stimme gerufen und wollte eben den
-Becher ansetzen, als das Geräusch vieler Stimmen, vom Eingang
-der Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die vernehmlich,
-»es lebe! lebe!« riefen. Verwundert setzte er den Becher nieder.
-»Was ist das?« sagte er, »sind wir nicht allein?«</p>
-
-<p>»Es sind meine Vasallen, die Geister,« antwortete der
-Ritter lächelnd, »oder wenn Ihr so lieber wollt, das Echo,
-das Eurem freundlichen Rufe beistimmt. Ich habe oft,« setzte
-er ernster hinzu, »in den Zeiten des Glanzes das Wohl meines
-Hauses von hundert Stimmen ausrufen hören, doch hat es mich
-nie so erfreut und gerührt als hier, wo mein einziger Gast es
-ausbrachte und die Felsen dieser Unterwelt es beantworteten.
-Fülle den Becher, Hans, und trinke auch du, und weißt du einen
-guten Spruch, so gib ihn preis.«</p>
-
-<p>Der Pfeifer von Hardt füllte sich den Becher und blickte
-Georg mit freundlichen Blicken an: »Ich bring' es Euch, Junker,
-und etwas recht Schönes dazu: Das Fräulein von Lichtenstein!«</p>
-
-<p>»Hallo, sa! sa! trinkt! Junker, trinkt!« rief der Geächtete
-und lachte, daß die Höhle dröhnte. »Aus bis auf den Boden,
-aus! Sie soll blühen und leben für Euch! Das hast du gut
-gemacht, Hans! Sieh nur, wie unserem Gast das Blut in die
-Wangen steigt, wie seine Augen blitzen, als küsse er schon ihren
-Mund. &ndash; Dürft Euch nicht schämen! Auch ich habe geliebt
-und gefreit, und weiß, wie einem fröhlichen Herzen von vierundzwanzig
-Jahren zu Mute ist!«</p>
-
-<p>»Armer Mann!« sagte Georg. »Ihr habt geliebt und gefreit
-und mußtet vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder
-zurücklassen?« Er fühlte sich, während er dies sprach, heftig
-am Mantel gezogen, er sah sich um, und der Spielmann winkte
-ihm schnell mit den Augen, als sei dies ein Punkt, worüber
-man mit dem Ritter nicht sprechen müsse. Und den Jüngling
-gereuten auch seine Worte, denn die Züge des unglücklichen
-Mannes verfinsterten sich, und er warf einen wilden Blick auf
-Georg, indem er sagte: »Der Frost im September hat schon oft<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span>
-verderbt, was im Mai gar herrlich blühte, und man fragt nicht,
-wie es geschehen sei. Meine Kinder habe ich in den Händen
-rauher, aber guter Ammen gelassen, sie werden sie, so Gott will,
-bewahren, bis der Vater wieder heimkommt.« Er hatte dies
-mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch als wolle er
-die trüben Gedanken aus dem Gedächtnis abwischen, fuhr er
-mit der Hand über die Stirne, und wirklich glätteten sich die
-Falten, die sich dort zusammengezogen hatten, augenblicklich;
-er blickte wieder heiterer um sich her und sprach:</p>
-
-<p>»Der Hans hier kann mir bezeugen, daß ich schon oft gewünscht
-habe, Euch zu sehen, Herr von Sturmfeder. Er hat
-mir von Eurer sonderbaren Verwundung erzählt, wo man
-Euch wahrscheinlich für einen der Vertriebenen gehalten und
-angefallen hat, indessen der Rechte Zeit gewann, zu entfliehen.«</p>
-
-<p>»Das soll mir lieb sein,« antwortete Georg. »Ich möchte
-fast glauben, man hat mich für den Herzog selbst gehalten, denn
-diesem paßten sie damals auf; und ich will gerne die tüchtige
-Schlappe bekommen haben, wenn er dadurch gerettet wurde.«</p>
-
-<p>»Ei, das ist doch viel. Wisset Ihr nicht, daß der Hieb, der
-nach Euch geführt wurde, ebenso gut tödlich werden konnte?«</p>
-
-<p>»Wer zu Feld zieht,« entgegnete Georg, »der muß seine
-Rechnung mit der Welt so ziemlich abgeschlossen haben. Es
-ist zwar schöner, in einer Feldschlacht vor dem Feinde bleiben,
-wenn die Freunde jubeln und die Kameraden umherstehen, um
-einem den letzten Liebesdienst zu erweisen. &ndash; Aber doch wäre
-ich damals auch gestorben, wenn es hätte sein müssen, um die
-Streiche dieser Meuchelmörder von dem Herzog abzulenken.«</p>
-
-<p>Der Geächtete sah den Jüngling mit Rührung an und
-drückte seine Hand. »Ihr scheint großen Anteil an dem Herzog
-zu nehmen,« sagte er, indem er seine durchdringenden Augen
-auf ihn heftete, »das hätte ich kaum gedacht; man sagte mir, Ihr
-seiet bündisch.«</p>
-
-<p>»Ich weiß, Ihr seid ein Anhänger des Herzogs,« antwortete
-Georg, »aber Ihr werdet mir schon ein freies Wort
-gestatten. Seht, der Herzog hat manches getan, was nicht recht
-ist; zum Beispiel die Huttische Geschichte, sie mag nun sein
-wie sie will, hätte er unterlassen können. Sodann mag er mit
-seiner Frau hart umgegangen sein, und Ihr müßt selbst gestehen,
-er ließ sich doch zu sehr vom Zorne bemeistern, als er
-Reutlingen sich unterwarf&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er hielt inne, als erwarte er die Antwort des Ritters,
-doch dieser schlug die Augen nieder und winkte schweigend dem<span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span>
-jungen Mann, fortzufahren. »Nun, so dachte ich von dem
-Herzog, als ich bündisch wurde, so und nur etwas stärker sprach
-man von ihm im Heere. Aber eine große Fürsprecherin hatte
-er an Marien, und es ist Euch vielleicht bekannt, daß ich mich
-auf ihr Zureden lossagte. Nun bekamen die Sachen bald eine
-andere Gestalt in meinen Augen, sei es, weil ich von Natur
-mitleidig bin und niemand ungerecht mißhandelt sehen kann,
-oder auch, weil ich die Absichten der Bündischen besser durchschaute,
-&ndash; ich sah, daß dem Herzog zu viel geschehe; denn der
-Bund hatte offenbar kein Recht, den Herzog aus allen seinen
-Besitzungen und sogar von seinem Fürstenstuhl zu vertreiben
-und ihn ins Elend zu jagen. Und da gewann der Herzog
-wieder in meinen Augen. Er hätte ja vielleicht noch eine
-Schlacht wagen können, aber er wollte nicht das Blut seiner
-Württemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen. Er hätte
-können den Leuten Geld abpressen und die Schweizer damit
-halten, aber er war größer als sein Unglück. Seht &ndash; das hat
-mich zu seinem Freunde gemacht.«</p>
-
-<p>Der Ritter schlug die Augen auf, seine Brust schien höher
-zu schlagen, seine edle Gestalt richtete sich stolz empor, er sah
-Georg lange an und drückte seine Hand an sein pochendes Herz.
-»Wahrlich,« sagte er, »es lebt eine heilige, reine Stimme in dir,
-junger Freund! Ich kenne den Herzog wie mich selbst, aber
-ich darf sagen, wie du sagtest, er ist größer als sein Unglück und
-&ndash; besser, als der Ruf von ihm sagt. Aber er hat wenige gefunden,
-die ihm Probe gehalten haben! Ach, daß er nur hundert
-gehabt hätte, wie du bist, und es hätte kein Fetzen der bündischen
-Paniere auf einer württembergischen Zinne geweht.
-Daß du sein Freund werden könntest! Doch es sei ferne
-von mir, dich einzuladen, sein Unglück mit ihm zu teilen,
-es ist genug, daß deine Klinge und ein Arm wie der
-deinige nicht mehr seinen Feinden gehört. Mögen deine Tage
-heiterer sein als die seinigen, möge der Himmel dir deine guten
-Gesinnungen gegen einen Unglücklichen belohnen!«</p>
-
-<p>Es wehte ein Geist in den Worten des geächteten Ritters,
-der manch verwandte Saite in dem Herzen des Jünglings anschlug.
-War es die Anerkennung seines persönlichen Wertes,
-der ihm aus dem Munde eines Tapferen so ermunternd klang,
-war es die Aehnlichkeit des Schicksals dieses Unglücklichen mit
-seiner eigenen Armut und mit dem Unglück seines Hauses,
-war es die romantische Idee, nicht für das siegende Unrecht,
-sondern für die gerechte Sache, gerade weil sie im tiefsten Unglück<span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span>
-war, sich zu erklären &ndash; Georg fühlte sich unwiderstehlich
-zu diesem geächteten Mann, zu der Sache, für die er litt, hingezogen;
-begeistert faßte er seine Hand und rief: »Es spreche
-mir keiner von Vorsicht, nenne es keiner Torheit, sich an das
-Unglück anzuschließen! Mögen andere dieses schöne Land dort
-oben teilen und in den Gütern dieses unglücklichen Fürsten
-schwelgen &ndash; ich fühle Mut in mir, mit ihm zu tragen, was er
-trägt, und wenn er sein Schwert zieht, seine Lande wieder zu
-erobern, so will ich der erste sein, der sich an seine Seite stellt.
-Nehmt meinen Handschlag, Herr Ritter, ich bin, wie es auch
-komme, Ulrichs Freund für immer!«</p>
-
-<p>Eine Träne glänzte in dem Auge des Geächteten, indem
-er den Handschlag zurückgab. »Du wagst viel, aber du bist viel,
-wenn du Ulrichs Freund bist. Das Land da oben gehört jetzt
-den Räubern und Dieben, aber hier unten ist noch gut Württemberg.
-Hier vor mir sitzt der Ritter und der Bürger, vergesset
-einen Augenblick, daß ich ein armer Ritter und ein unglücklicher
-geächteter Mann bin, und denket, ich sei Fürst des
-Landes, wie ich Herr der Höhle bin. Ha! noch gibt es ein Württemberg,
-wo diese drei zusammenhalten, und sei es auch tief im
-Schoß der Erde. Fülle den Becher, Hans, und lege deine rauhe
-Hand in die unsrigen, wir wollen den Bund besiegeln!«</p>
-
-<p>Hans ergriff den vollen Krug und füllte den Becher.
-»Trinkt, edle Herren, trinkt,« sagte er, »Ihr könnet Euch in
-keinem edleren Wein Bescheid tun als in diesem Uhlbacher.«</p>
-
-<p>Der Geächtete trank in langen Zügen den Becher aus, ließ
-ihn wieder füllen und reichte ihn Georg. »Wie ist mir doch?«
-sagte dieser. »Blühet nicht dieser Wein um Württembergs
-Stammschloß? Ich glaube, man nennt also den Wein, der
-auf jenen Höhen wächst?«</p>
-
-<p>»Es ist so,« antwortete der Geächtete, »Rothenberg heißt
-der Berg, an dessen Fuß dieser Wein wächst, und auf seinem
-Gipfel steht das Schloß, das Württembergs Ahnen gebaut
-haben. &ndash; O, ihr schönen Täler des Neckars, ihr herrlichen
-Berge voll Frucht und Wein! Von euch, von euch auf immer?«
-Er rief es mit einer Stimme, die aus einem gebrochenen
-Herzen voll Schmerz und Kummer heraufstieg, denn die Wehmut
-hatte die Decke gesprengt, womit der feste, unbeugsame
-Sinn dieses Mannes seine kummervolle Seele verhüllt hatte.</p>
-
-<p>Der Bauer kniete nieder zu ihm, ergriff seine Hand und
-weckte ihn aus dem düsteren Hinbrüten, dem er sich einige<span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span>
-Augenblicke hingegeben hatte. »Seid stark, guter Herr! Ihr
-werdet sie wiedersehen, fröhlicher, als Ihr sie verlassen habt.«</p>
-
-<p>»Ihr werdet sie wiedersehen, die Täler Eurer Heimat,«
-rief Georg, »wenn der Herzog einrückt in sein Land, wenn er
-einziehet in die Burg seiner Ahnen, wenn die Täler des Neckars
-und seine weinreichen Höhen widerhallen vom Jubel des Volkes,
-dann werdet auch Ihr Eurer Wohnung wieder entgegenziehen.
-Verscheuchet die trüben Gedanken, ›<em class="antiqua">nunc vino pellite curas</em>‹
-trinket, vergesset nicht, was wir vorhin gesprochen haben, ich
-tue Euch Bescheid in diesem Württemberger Wein, &ndash; ›der Herzog
-und seine Treuen!‹«</p>
-
-<p>Ein angenehmes Lächeln ging wie ein Sonnenblick bei
-diesen Worten auf den düstern Zügen des Ritters auf. »Ja!«
-rief er, »Treue ist das Wort, das Genesung gibt dem gebrochenen
-Herzen, wie ein kühler Trank dem einsamen Wanderer
-in der Wüste. Vergesset meine Schwäche, Junker, verzeihet
-sie einem Mann, der sonst seinem Kummer nicht Raum gibt.
-Aber wenn Ihr je vom Gipfel des Rotenberges hinabgesehen
-hättet auf das Herz von Württemberg, wie der Neckar durch
-grüne Ufer zieht, wie manneshohe Halmen in den Feldern
-wogen, wie sanfte Hügel am Fluß sich hinaufziehen, bepflanzt
-mit köstlichem Wein, wie dunkle, schattige Forsten die Gipfel
-der Berge bekränzen, wie Dorf an Dorf mit den freundlichen
-roten Dächern aus den Wäldern von Obstbäumen hervorschaut,
-wie gute, fleißige Menschen, kräftige Männer, schöne Weiber
-auf diesen Höhen, in diesen Tälern walten und sie zu einem
-Garten anbauen, &ndash; hättet Ihr dieses gesehen, Junker, gesehen
-mit <em class="gesperrt">meinen</em> Augen und säßet jetzt hier unten, hinausgeworfen,
-verflucht, vertrieben, umgeben von starren Felsen, tief im
-Schoß der Erde! O, der Gedanke ist schrecklich und oft zu
-mächtig für ein Männerherz!«</p>
-
-<p>Georg bangte, der Ritter möchte durch die traurige Gegenwart
-und seine schöneren Erinnerungen wieder in seine Wehmut
-zurückgeführt werden, daher suchte er schnell dem Gespräch
-eine andere Wendung zu geben: »Ihr waret also oft um den
-Herzog, Herr Ritter? O sagt mir, ich bin ja jetzt sein Freund,
-sagt mir, wie ist er im Umgang? Wie sieht er aus? Nicht
-wahr, er ist sehr veränderlich und hat viele Launen?«</p>
-
-<p>»Nichts davon,« antwortete der Geächtete, »Ihr werdet
-ihn sehen und lernet ihn am besten ohne Beschreibung kennen.
-Aber schon zu lange haben wir von fremden Angelegenheiten
-gesprochen. Von Euren eigenen saget Ihr gar nichts? Nichts<span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span>
-von dem Zweck Eurer jetzigen Reise, nichts von dem schönen
-Fräulein von Lichtenstein? &ndash; Ihr schweiget und schlaget die
-Augen nieder? Glaubet nicht, daß es Neugierde sei, warum
-ich frage. Nein, ich glaube Euch in dieser Sache nützlich sein
-zu können.«</p>
-
-<p>»Nach dem, was diese Nacht zwischen uns geschehen ist,«
-antwortete Georg, »ist von meiner Seite keine Zurückhaltung,
-kein Geheimnis mehr nötig. Es scheint auch, Ihr wußtet
-längst, daß ich Marien liebe, vielleicht auch, daß sie mir hold ist?«</p>
-
-<p>»O ja,« entgegnete der Ritter lächelnd, »wenn ich anders
-die Zeichen der Liebe verstehe und richtig deuten kann; denn sie
-schlug, wenn von Euch die Rede war, die Augen nieder und
-errötete bis in die Stirne; auch nannte sie Euren Namen mit
-eigenem, so eigenem Ton, als gäben alle Saiten ihres Herzens
-den Akkord zu diesem Grundton an.«</p>
-
-<p>»Ich glaube, Euer scharfes Auge hat richtig bemerkt, und
-deswegen will ich nach Lichtenstein. Ich war von Anfang
-willens, als ich mich vom Bunde lossagte, nach Haus zu ziehen,
-aber die Alb ist schon halbwegs von Franken hieher, da dachte
-ich, ich könnte das Fräulein noch einmal zuvor sehen. Der Mann
-hier führte mich über die Alb. Ihr wisset, was meine Reise
-um acht Tage verzögerte. Sobald der Morgen herauf ist, will
-ich oben im Schloß einsprechen, und ich hoffe, ich komme dem
-alten Herrn jetzt willkommener, da ich das neutrale Gebiet
-verlassen und zu seiner Farbe mich geschlagen habe.«</p>
-
-<p>»Wohl werdet Ihr ihm willkommen sein, wenn Ihr als
-Freund des Herzogs kommt, denn er ist ihm treu und sehr ergeben.
-Doch könnte es sein, daß er Euch nicht traute, denn er
-soll ein wenig mißtrauisch und grämlich gegen fremde Menschen
-sein. Ihr wisset, wie ich mit ihm stehe, denn er ist der
-barmherzige Samariter, der mich, wenn ich nachts aus meiner
-Höhle steige, mit warmer Speise und mit noch wärmerem Trost
-für die Zukunft labt. Ein paar Zeilen von mir mögen Euch
-bei ihm besser empfehlen als ein Freibrief des Kaisers, und
-zum Zeichen für ihn und manchen andern nehmt diesen Ring
-und traget ihn zum Andenken an diese Stunde, er wird Euch
-als einen Freund der gerechten Sache Württembergs verkünden.«
-Er zog bei diesen Worten einen breiten Goldreif vom
-Finger. Ein roter Stein war in die Mitte gefaßt, und in den
-drei Hirschgeweihen<a id="FNanchor_31_32"></a><a href="#Footnote_31_32" class="fnanchor">[31]</a> mit dem Jagdhorn auf dem Wappenhelm,
-die darin eingegraben waren, erkannte der junge Mann
-das Zeichen Württembergs. Um den Ring standen erhabene<span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span>
-eingeprägte Buchstaben, deren Sinn er nicht verstand. Sie
-hießen <em class="antiqua">UHZWUT</em>.</p>
-
-<p>»Uhzwut? Was bedeutet dieser Name?« fragte er. »Ist
-es etwa ein Feldgeschrei für die Anhänger des Herzogs?«</p>
-
-<p>»Nein, mein junger Freund,« antwortete der geächtete
-Ritter. »Diesen Ring trug der Herzog lange an seiner Hand,
-und er war mir immer sehr wert, ich habe aber noch viele
-andere Andenken von ihm und konnte dieses an keinen Besseren
-abtreten. Die Zeichen heißen Ulrich Herzog zu Württemberg
-und Teck!«</p>
-
-<p>»Er wird mir ewig teuer sein,« erwiderte Georg, »als ein
-Andenken an den unglücklichen Herrn, dessen Namen er trägt,
-und als schöne Erinnerung an Euch, Herr Ritter, und die Nacht
-in der Höhle.«</p>
-
-<p>»Wenn Ihr an die Zugbrücke von Lichtenstein kommet,«
-fuhr der Ritter fort, »so gebet dem nächsten besten Knecht den
-Zettel, den ich Euch schreiben werde, und diesen Ring, solches
-dem Herrn des Schlosses zu bringen, und Ihr werdet gewiß
-empfangen werden, als wäret Ihr des Herzogs eigener Sohn.
-Doch für das Fräulein müßt Ihr Eure eigenen Zeichen haben,
-denn auf sie erstreckt sich mein Zauber nicht; etwa ein herzlicher
-Händedruck, die geheimnisvolle Sprache der Augen oder
-ein süßer Kuß auf ihren roten Mund; doch, um gehörig vor
-ihr zu erscheinen, habt Ihr Ruhe nötig, denn Eure Augen
-möchten nach einer durchwachten Nacht etwas trübe sein.
-Daher folget meinem Beispiel, strecket Euch auf die Rehfelle
-nieder und legt Euren Mantel als Kopfkissen unter. Und du,
-würdiger Majordomus, oberster Kämmerer und Mundschenk,
-Hans, getreuer Gefährte im Unglück, reiche diesem Paladin
-noch einen Becher zum Schlaftrunk, daß ihm jene Felle zum
-weichen Pfühl, diese Felsengrotte zum Schlafklosett werde, und
-ihn der Gott der Träume mit seinen lieblichsten Bildern besuche!«</p>
-
-<p>Die Männer tranken und legten sich zur Ruhe, und Hans
-setzte sich, wie ein treuer Hund, an die Pforte der Felsenkammer.
-Bald kam Morpheus mit leisen Tritten zu dem Lager des
-Jünglings und streute seine Schlummerkörner über ihn, und
-er hörte nur noch halb im Traume, wie der geächtete Mann
-sein Nachtgebet sprach und mit frommer Zuversicht zu dem
-Lenker der Schicksale flehte, über ihn und jenes unglückliche
-Land, in dessen tiefem Schoß er jetzt ruhte, seinen Schutz und
-seine Hilfe herabzusenden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap21">21.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Aus einem tiefen grünen Tal<br /></span>
-<span class="i0">Steigt auf ein Fels als wie ein Strahl,<br /></span>
-<span class="i0">Drauf schaut das Schlößlein Lichtenstein<br /></span>
-<span class="i0">Vergnüglich in die Welt hinein.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Schwab.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Georg konnte sich anfangs nicht recht auf seine Lage und
-die Gegenstände umher besinnen, als er von dem Pfeifer von
-Hardt aus dem Schlaf aufgeschüttelt wurde; allmählich aber
-kehrten die Bilder der vergangenen Nacht in seine Seele zurück,
-und er erwiderte freudig den Handschlag, mit welchem ihn der
-geächtete Ritter begrüßte. »So gerne ich Euch noch tagelang in
-meinem Palast beherbergen würde,« sprach dieser, »so möchte
-ich Euch doch raten, nach Lichtenstein aufzubrechen, wenn Ihr
-anders ein warmes Frühstück haben wollet. In meiner Höhle
-kann ich Euch leider keines bereiten lassen, denn wir machen
-niemals Feuer an, weil der Rauch uns gar zu leicht verraten
-könnte.«</p>
-
-<p>Georg stimmte seinen Gründen bei und dankte ihm für
-seine Beherbergung. »Wahrlich,« sagte er, »ich habe selten eine
-fröhlichere Nacht beim Becher verlebt als in dieser Höhle. Es
-hat etwas Reizendes, so tief unter den Füßen der Menschen
-zu atmen und mit Freunden sich zu besprechen. Ich gebe nicht
-den herrlichsten Saal des schönsten Schlosses um diese Felsenwände!«</p>
-
-<p>»Ja, unter Freunden, wenn der Becher munter kreist,«
-entgegnete der Bewohner der Höhle; »aber unfreiwillig hier zu
-sitzen, tagelang einsam in diesen Kellern über sein Unglück zu
-brüten, wenn das Herz sich hinaussehnt in den grünen Wald,
-unter den blauen Himmel, wenn das Auge, müde dieser unterirdischen
-Pracht, hineintauchen möchte in die reizende Landschaft,
-hinüber schweifen möchte über lachende Täler zu den
-fernen Bergen der Heimat; wenn das Ohr, betäubt von dem
-eintönigen Gemurmel dieser Wasser, die Tropfen um Tropfen
-von den Wänden rieseln und gesammelt in bodenlose Tiefen
-hinabstürzen, sich hinaussehnt, den Gesang der Lerche zu hören,
-zu lauschen, wie das Wild in den Büschen rauscht!«</p>
-
-<p>»Armer Mann! Es ist wahr, eine solche Einsamkeit muß
-schrecklich sein!«</p>
-
-<p>»Und dennoch,« fuhr jener fort und richtete sich höher auf,
-indem ein stolzer Trotz aus seinen Augen blitzte, »und dennoch<span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span>
-preise ich mich glücklich, mit Hilfe guter Leute diese Zuflucht
-gefunden zu haben. Ja, ich wollte lieber noch hundert Faden
-tief hinabsteigen, wo die Brust keine Luft mehr zu atmen findet,
-als in die Hände meiner Feinde fallen und ihr Gespötte
-werden; und wenn sie dahin mir nachkämen, die blutgierigen
-Hunde des Bundes, so wollte ich mich mit meinen Nägeln weiter
-hineinscharren in die härtesten Felsen, ich wollte hinabsteigen
-tiefer und immer tiefer, bis wo der Mittelpunkt der Erde ist.
-Und kämen sie auch dorthin, so wollte ich die Heiligen lästern,
-die mich verlassen haben, und wollte dem Teufel rufen, daß er
-die Pforten der Finsternis aufreiße und mich berge gegen die
-Verfolgung dieses übermütigen Gesindels.« Der Mann war
-in diesem Augenblick so furchtbar, daß Georg unwillkürlich vor
-ihm zurückbebte. Seine Gestalt schien größer, alle seine Muskeln
-waren angespannt, seine Wangen glühten, seine Augen schossen
-Blitze, als suchten sie einen Feind, den sie vernichten sollten,
-seine Stimme dröhnte hohl und stark, und das Echo der Felsen
-sprach ihm in schrecklichen Tönen seine Verwünschungen nach.
-Obgleich diese Gradation dem Jüngling zu stark vorkommen
-mochte, so konnte er doch die Gefühle eines Mannes nicht
-tadeln, den man, weil er seinem Herrn treu geblieben war,
-aus seinen Besitzungen hinausgeworfen hatte, den man wie ein
-angeschossenes Wild suchte, um ihn zu töten. »Es liegt ein
-Trost in dieser Gesinnung,« sagte er zu dem Geächteten, »und
-Ihr werdet Euer Unglück leichter tragen, wenn Ihr den Gegensatz
-recht scharf ins Auge fasset. Ich bewundere Euch um Eure
-Seelenstärke, Herr Ritter; aber eben dieses Gefühl der Bewunderung
-nötigt mir eine Frage ab, die vielleicht noch immer
-zu unbescheiden klingt, doch Ihr habt mich in der letzten Nacht
-zu oft Freund genannt, als daß ich sie nicht wagen dürfte: nicht
-wahr, Ihr seid Marx Stumpf von Schweinsberg?«</p>
-
-<p>Es mußte etwas Lächerliches in dieser Frage liegen, das
-Georg nicht finden konnte, denn der Ernst, der noch immer
-auf den Zügen des Ritters gelegen, war wie weggeblasen; er
-lachte zuerst leise vor sich hin, dann aber brach er in lautes
-Gelächter aus, in welches, wie auf ein gegebenes Zeichen, auch
-der Spielmann einstimmte.</p>
-
-<p>Georg sah bald den einen, bald den andern fragend an,
-aber seine verlegenen Blicke schienen nur die Lachlust der beiden
-Männer noch mehr zu reizen. Endlich faßte sich der Geächtete:
-»Verzeihet, werter Gast, daß ich das Gastrecht so gröblich verletzte
-und mir nicht lieber die Zunge abgebissen habe, ehe ich<span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span>
-etwas von Euch lächerlich fand; aber wie kommt ihr nur auf
-den Marx Stumpf? Kennt Ihr ihn denn?«</p>
-
-<p>»Nein, aber ich weiß, daß er ein tapferer Ritter ist, daß
-er wegen des Herzogs vertrieben wurde, und daß die Bündischen
-auf ihn lauern, und paßt dieses nicht alles ganz gut auf Euch?«</p>
-
-<p>»Danke Euch, daß Ihr mich für so tapfer haltet, aber das
-möchte ich Euch doch raten, daß Ihr dem Stumpf nicht bei
-Nacht in den Weg kommet wie mir, denn dieser hätte Euch
-ohne weiteres zu Kochstücken zusammengehauen. Der Schweinsberg
-ist ein kleiner, dicker Kerl, einen Kopf kleiner als ich, und
-darum kam mir unwiderstehlich das Lachen. Uebrigens ist er
-ein ehrenwerter Mann und einer von den wenigen, die ihren
-Herrn im Unglück nicht verließen.«</p>
-
-<p>»So seid Ihr nicht dieser Schweinsberg?« entgegnete
-Georg traurig, »und ich muß gehen, ohne zu wissen, wer mein
-Freund ist?«</p>
-
-<p>»Junger Mann!« sagte der Geächtete mit Hoheit, die nur
-durch den gewinnenden Ausdruck der Freundlichkeit gemildert
-wurde, »Ihr habt einen Freund gefunden durch Euer tapferes,
-ehrenvolles Wesen, durch Euren offenen, freien Blick, durch
-Eure warme Teilnahme an dem unglücklichen Herzog. Es sei
-Euch genug, diesen Freund gewonnen zu haben; fraget nicht
-weiter, ein Wort könnte vielleicht dieses trauliche Verhältnis
-zerstören, das mir so angenehm ist. Lebet wohl, denket an den
-geächteten Mann ohne Namen und seid versichert, ehe zwei Tage
-vorbeigehen, sollt Ihr von mir und meinem Namen hören.« Es
-wollte Georg dünken, als stehe dieser Mann, trotz seines unscheinbaren
-Kleides, vor ihm wie ein Fürst, der seinen Diener
-huldreich entläßt, so groß war jene unbeschreibliche Hoheit, die
-ihm auf der Stirne thronte, so erhaben der Glanz, der aus
-seinem Auge drang.</p>
-
-<p>Der Pfeifer hatte unter diesen Worten die Fackeln angezündet
-und stand erwartend am Eingang der Grotte; der
-geächtete Ritter drückte einen Kuß auf die Lippen des Jünglings
-und winkte ihm, zu gehen. Er ging und wußte nicht, wie ihm
-geschah; noch nie war ihm ein Mensch so freundlich nahe, und
-doch zugleich so unendlich hoch über ihm gestanden; noch nie hatte
-er gefühlt, wie in jenen Augenblicken, daß ein Mann, entkleidet
-von jenem irdischen Glanze, der das Leben schmückt, selbst in
-ärmlicher Hülle und Umgebung eine Erhabenheit und Größe
-von sich strahlen könne, die das Auge blendet und das Gefühl
-des eigenen Ichs so plötzlich überrascht und hinabdrückt. Mit<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span>
-diesem Gedanken beschäftigt, ging er durch die Höhle; die erhabene
-Pracht der Natur, die beim Eintritt sein Auge überrascht
-und gefesselt hatte, ging für ihn verloren; er staunte nicht mehr,
-daß sie im Schoße eines unscheinbaren Berges sich so herrlich
-und großartig ausgesprochen habe. War ja doch sein inneres
-Auge mit einem Gegenstand beschäftigt, in welchem sie sich noch
-imposanter und großartiger aussprach als in der nächtlichen
-Pracht dieser Felsen; denn er bewunderte die Erhabenheit des
-menschlichen Geistes über jedes irdische Verhältnis und dachte
-nach über die Majestät einer großen Seele, die auch im Gewande
-eines Bettlers ihren angeborenen Adel nicht verleugnen
-kann.</p>
-
-<p>Ein heller freundlicher Tag empfing sie, als sie aus der
-Nacht der Höhle zum Licht herausstiegen. Georg atmete freier
-und leichter in der kühlen Morgenluft, denn der feuchte Dunst,
-der in den Gängen und Grotten der Höhle umzieht, und wovon
-sie vielleicht den Namen Nebelhöhle trägt, lagert sich beengend
-auf die Brust. Sie fanden das Pferd des jungen Ritters noch
-an derselben Stelle angebunden, munter und frisch wie sonst,
-und selbst die Waffenstücke, die am Sattel befestigt waren, hatten
-durch den Nachttau nicht Schaden gelitten, wie Georg befürchtet
-hatte, denn der Pfeifer von Hardt hatte ein grobes Tuch,
-das ihm beim Unwetter gegen Regen und Kälte dienen mochte,
-über den Rücken des Pferdes ausgebreitet. Georg machte
-seine Kleidung und das Zeug des Rosses zurecht, während der
-Bauer diesem einige Hände voll Heu zum Morgenbrot reichte,
-und dann ging es weiter den Berg hinan. Sie waren erst
-wenige Schritte vorgerückt, als der Klang einer Glocke aus dem
-Tal herauftönte und die feierliche Stille des Morgens unterbrach;
-eine andere antwortete, drei bis vier stimmten ein, bis
-die melodischen Töne von wenigstens zwölf Glocken von den
-Höhen umher und aus den Tälern aufstiegen. Ueberrascht hielt
-der junge Mann sein Pferd an: »Was ist das?« rief er.
-»Brennt es irgendwo, oder wie, sollten wir heute ein Fest im
-Kalender haben? Weiß Gott, ich bin durch meine Krankheit
-so aus aller Zeit herausgekommen, daß ich den Sonntag nur
-daran erkenne, daß die Mädchen neue Röcke und frische Schürzen
-anhaben.«</p>
-
-<p>»Es ist wohl schon manchem Kriegsmann so gegangen,«
-antwortete Hans der Spielmann; »ich selbst habe mich oft erst
-auf die Zeit besinnen müssen, wenn ich wichtigere Dinge im
-Kopf hatte als Mess' und Predigt; aber heute ist es ein anderes<span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span>
-Ding,« setzte er ernster hinzu und schlug ein Kreuz, »heut ist
-Karfreitag. Gelobt sei Jesus Christus!«</p>
-
-<p>»In Ewigkeit!« erwiderte der Jüngling. »Es ist das erste
-Mal in meinem Leben, daß ich den Tag nicht würdig begehe,
-wie ich soll, und dieser Tag erinnert mich an manche schöne
-Stunde meiner Kindheit. Damals lebte noch mein Vater; ich
-hatte eine sanfte, gute Mutter und ein ganz kleines Schwesterlein.
-Wir beide freuten uns immer, wenn der Karfreitag kam;
-wir wußten nichts von der Bedeutung des Tages, aber wir
-rechneten dann, daß es nur noch zwei Tage bis Ostern sei, wo
-uns die Mutter schöne Sachen bescherte. »<em class="antiqua">Requiescant in pace!</em>«
-setzte er hinzu, indem er seitwärts blickte, um eine Träne zu
-verbergen; »sie sind drüben alle drei und feiern dort ihren
-heiligen Freitag.«</p>
-
-<p>»Man sollte nicht von so unheiligen Dingen sprechen,«
-sagte der Pfeifer nach einigem Stillschweigen, »aber mein Beichtiger
-mag es mir schon vergeben. Ich denke, Ihr solltet nicht
-traurig sein, Junker! Denen, die schlafen, ist es wohl, und die,
-die wachen, sollen vorwärts und nicht rückwärts sehen. So
-würde ich an Eurer Stelle daran denken, wie Ihr einst auch
-Euren Kindlein das Ostern bescheren könnet, und wie sie sich
-freuen werden am Karfreitag. Seid Ihr nicht auf der Brautfahrt,
-und wird ein gewisses Fräulein nicht auch eine gute,
-sanfte Mutter werden?«</p>
-
-<p>Georg suchte umsonst ein Lächeln zu unterdrücken, das dieser
-sonderbare Trostspruch hervorgelockt hatte. »Höre, guter
-Freund,« entgegnete er, »dir ist zur Not ein solches Wort erlaubt;
-doch möchte ich keinem anderen raten, meine Ohren durch
-solche sündigen Gedanken zu entweihen.«</p>
-
-<p>»Nichts für ungut, Herr! Ich wollte weder Euch noch das
-Fräulein damit beleidigen; soll auch nicht mehr geschehen. Aber
-sehet Ihr nicht dort schon den Turm aus den Wipfeln ragen?
-Noch eine kleine Viertelstunde, und wir sind oben.«</p>
-
-<p>»Soviel ich gestern in der Nacht bemerken konnte, ist das
-Schloß auf einen einzelnen jähen Felsen hinausgestellt. Bei Gott,
-ein kühner Gedanke, da konnte wohl niemand hinüberkommen,
-wer nicht mit den Geiern im Bunde war und fliegen gelernt hatte;
-freilich jetzt könnte man ihm mit Stückschüssen sehr zusetzen.«</p>
-
-<p>»Meint Ihr? Nun es stehen auch vier gute Doppelhaken
-in der Halle, die auch ein Wörtchen antworten würden. Wenn
-Ihr recht gesehen habt, so müßt Ihr bemerkt haben, daß der
-Felsen ringsum durch ein breites Tal von den Bergen umher<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span>
-gesondert ist, dorther könnte man nicht viel Schaden tun; die
-einzige Seite, die näher an dem Berge liegt, ist die, wo die
-Zugbrücke herübergeht. Pflanzet einmal dort Geschütz auf
-und sehet zu, ob es Euch der Lichtensteiner nicht in den Grund
-schießt, ehe Ihr nur ein Fenster aufs Korn genommen habt.
-Und wie wollt Ihr Geschütz heraufführen in diesen Schluchten
-und Bergen, ohne daß Euch wenige entschlossene Männer mehr
-Schaden tun, als das ganze Nest wert ist?«</p>
-
-<p>»Da habt Ihr recht,« antwortete Georg; »ich möchte wissen,
-wer den Gedanken gehabt hat, auf den Felsen ein Schloß zu
-bauen.«</p>
-
-<p>»Das will ich Euch sagen,« erwiderte der Spielmann, der
-mit allen Sagen seines Landes vertraut war; »es lebte einmal
-vor vielen Jahren eine Frau, die mußte viele Verfolgung dulden
-und wußte sich nicht mehr zu raten. Da kam sie an diesen
-Felsen und sah, wie ein großer Geier mit seiner Familie und
-allem Haushalt dort lebte und gegen alle Nachstellung sicher
-war. Da beschloß sie, den Geier zu verdrängen. Sie ließ das
-Schloß dorthin bauen, und als alles fertig war, ließ sie die
-Brücke aufziehen, stieg auf die Zinne ihres Turmes und sprach:
-›Nun bin ich Gottes Freund und aller Welt Feind.‹ Und es
-konnte ihr keiner mehr etwas anhaben. Aber sehet, da sind wir
-schon. Lebet wohl, vielleicht, daß ich Euch schon heute nacht
-wiedersehe. Ich steige jetzt ins Land hinab und bringe dann
-dem Herrn in der Höhle Kundschaft, wie es dort unten aussieht.
-Vergesset nicht, an der Brücke Brief und Ring dem Herrn des
-Schlosses zu senden, und hütet Euch, das Siegel selbst zu
-brechen.«</p>
-
-<p>»Sei ohne Sorgen! Ich danke dir für dein Geleite, und
-grüße meinen werten Gastfreund in der Höhle.« Georg sprach
-es, trieb sein Pferd an, und in wenigen Augenblicken war er
-vor der äußeren Verschanzung von Lichtenstein angelangt.</p>
-
-<p>Ein Knecht, der das Tor bewachte, fragte nach seinem
-Begehr und rief einen andern herbei, ihrem Herrn das Brieflein
-und den Ring zu übergeben. Georg hatte indes Zeit genug,
-das Schloß und seine Umgebungen zu betrachten. War ihm
-schon in der Nacht, beim ungewissen Schein des Mondes und
-in einer Gemütsstimmung, die ihn nicht zum aufmerksamsten
-Beobachter machte, die kühne Bauart dieser Burg aufgefallen,
-so staunte er jetzt noch mehr, als er sie vom hellen Tag beleuchtet
-anschaute. Wie ein kolossaler Münsterturm steigt aus einem
-tiefen Alptal ein schöner Felsen, frei und kühn, empor. Weitab<span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span>
-liegt alles feste Land, als hätte ihn ein Blitz von der Erde weggespalten,
-ein Erdbeben ihn losgetrennt oder eine Wasserflut
-vor uralten Zeiten das weichere Erdreich ringsum von seinen
-festen Steinmassen abgespült. Selbst an der Seite von Südwest,
-wo er dem übrigen Gebirge sich nähert, klaffte eine
-tiefe Spalte, hinlänglich weit, um auch den kühnsten Sprung
-einer Gemse unmöglich zu machen, doch nicht so breit, daß nicht
-die erfinderische Kunst des Menschen durch eine Brücke die getrennten
-Teile vereinigen konnte.</p>
-
-<p>Wie das Nest eines Vogels, auf die höchsten Wipfel einer
-Eiche oder auf die kühnsten Zinnen eines Turmes gebaut, hing
-das Schlößchen auf dem Felsen. Es konnte oben keinen sehr
-großen Raum haben, denn außer einem Turm sah man nur
-eine befestigte Wohnung, aber die vielen Schießscharten im
-unteren Teil des Gebäudes und mehrere weite Oeffnungen,
-aus denen die Mündungen von schwerem Geschütz hervorragten,
-zeigten, daß es wohl verwahrt und trotz seines kleinen Raumes
-eine nicht zu verachtende Feste sei; und wenn ihm die vielen
-hellen Fenster des oberen Stockes ein freies, luftiges Ansehen
-verliehen, so zeigten doch die ungeheuren Grundmauern und
-Strebepfeiler, die mit dem Felsen verwachsen schienen und durch
-Zeit und Ungewitter beinahe dieselbe braungraue Farbe wie die
-Steinmasse, worauf sie ruhten, angenommen hatten, daß es auf
-festem Grunde wurzle und weder vor der Gewalt der Elemente
-noch dem Sturm der Menschen erzittern werde. Eine schöne
-Aussicht bot sich schon hier dem überraschten Auge dar, und
-eine noch herrlichere, freiere ließ die hohe Zinne des Wartturms
-und die lange Fensterreihe des Hauses ahnen.</p>
-
-<p>Diese Bemerkungen drängten sich Georg auf, als er erwartend
-an der äußeren Pforte stand, die wohlverschanzt herwärts
-über der Kluft, auf dem Lande den Zugang zu der Brücke
-deckte. Jetzt tönten Schritte über die Brücke, das Tor tat sich
-auf, und der Herr des Schlosses erschien selbst, seinen Gast zu
-empfangen. Es war jener ernste, ältliche Mann, den Georg
-in Ulm mehremal gesehen, dessen Bild er nicht vergessen hatte;
-denn die düsteren, feurigen Augen, die bleichen, aber edlen Züge,
-seine große Aehnlichkeit mit der Geliebten, hatten sich tief in
-die Seele des Jünglings eingeprägt.</p>
-
-<p>»Ihr seid willkommen in Lichtenstein!« sagte der alte Herr
-indem er seinem Gast die Hand bot und eine gütige Freundlichkeit
-den gewöhnlichen strengen Ernst seiner Züge milderte. »Was<span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span>
-steht ihr müßig da, ihr Schlingel!« wandte er sich nach dieser
-ersten Begrüßung zu seinen Dienern. »Soll etwa der Junker
-sein Roß mit hinaufführen in die Stube? Schnell, hinein mit
-in den Stall; das Rüstzeug traget auf die Kammer am Saal!
-&ndash; Verzeihet, werter Herr, daß man Euch so lange unbedient
-stehen ließ, aber in diese Bursche ist kein Verstand zu bringen.
-Wollet Ihr mir folgen?«</p>
-
-<p>Er ging voran über die Zugbrücke, Georg folgte. Sein
-Herz pochte bei diesem Gange voll Erwartung, voll Sehnsucht,
-seine Wangen röteten sich vor Liebe und vor Scham, wenn er
-an die letzte Nacht und an die Gefühle zurückdachte, die ihn zuerst
-vor diese Burg geführt hatten. Sein Auge suchte an den
-Fenstern umher, ob es nicht die Geliebte erspähe, sein Ohr
-schärfte sich, um vielleicht ihre Stimme zu vernehmen, wenn
-auch ihr Anblick ihm jetzt noch verborgen war. Aber umsonst
-suchten seine Blicke diese Mauern zu durchbohren, umsonst fing
-sein scharfes Ohr jeden Laut begierig auf, noch schien sie sich
-nicht zeigen zu wollen.</p>
-
-<p>Sie gelangten jetzt an das innere Tor. Es war nach
-alter Art tief, stark gebaut und mit Fallgattern, Oeffnungen für
-siedendes Oel und Wasser, und allen jenen sinnreichen Verteidigungsmitteln
-versehen, womit man in den guten alten
-Zeiten den stürmenden Feind, wenn er sich der Brücke bemeistert
-haben sollte, abhielt. Doch die ungeheuren Mauern und Befestigungen,
-die sich von dem Tor an rings um das Haus zogen,
-verdankte Lichtenstein nicht der Kunst allein, sondern auch der
-Natur; denn ganze Felsen waren in die Mauerlinie gezogen,
-und selbst der schöne, geräumige Pferdestall und die kühlen
-Kammern, die statt des Kellers dienten, waren in den Felsen
-eingehauen. Ein bequemer, gewundener Schneckengang führte
-in die oberen Teile des Hauses, und auch dort waren kriegerische
-Verteidigungen nicht vergessen; denn auf dem Vorplatz, der zu
-den Zimmern führte, wo in anderen Wohnungen häusliche
-Gerätschaften aufgestellt sind, waren hier furchtbare Doppelhaken
-und Kisten mit Stückkugeln aufgepflanzt. Das Auge des
-alten Ritters ruhte mit einem gewissen Ausdruck von Stolz
-auf diesem sonderbaren Hausrat, und in der Tat konnten diese
-Geschütze damals für ein Zeichen von Wohlhabenheit und selbst
-Reichtum gelten, denn nicht jeder Privatmann war imstande,
-seine Burg mit vier oder sechs solchen Stücken zu versehen.</p>
-
-<p>Von hier ging es noch einmal aufwärts in den zweiten<span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span>
-Stock, wo ein überaus schöner Saal, ringsum mit hellen Fenstern,
-den Ritter von Lichtenstein und seinen Gast aufnahm.<a id="FNanchor_32_33"></a><a href="#Footnote_32_33" class="fnanchor">[32]</a>
-Der Hausherr gab einem Diener, der ihnen gefolgt war, mehr
-durch Zeichen als Worte einige Befehle, die ihn aus dem Saale
-entfernten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap22">22.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&ndash;&nbsp;Und der Graf, gerührt von solches<br /></span>
-<span class="i0">Hohen Opfers hohem Geiste<br /></span>
-<span class="i0">Bei der Freude süßer Regung,<br /></span>
-<span class="i0">Kann der Freundschaft mildem Taue,<br /></span>
-<span class="i0">Der durchs Herz ihm, der durchs Auge<br /></span>
-<span class="i0">Schon ihm schleicht, nicht widerstehen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">P. Conz.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Als die beiden Männer in dem weiten Saale von Lichtenstein
-allein waren, trat der Alte dicht vor Georg hin und schaute
-ihn an, als messe er prüfend seine Züge. Ein Strahl von Begeisterung
-und Freude drang aus seinen Augen, und die Melancholie
-seiner Stirne war verschwunden, er war heiter, fröhlich
-sogar, wie der Vater, der einen Sohn empfängt, der von
-langen Reisen zurückkehrt. Endlich stahl sich eine Träne aus
-seinem glänzenden Auge, aber es war eine Träne der Freude,
-denn er zog den überraschten Jüngling an sein Herz.</p>
-
-<p>»Ich pflege nicht weich zu sein,« sprach er nach dieser
-feierlichen Umarmung zu Georg; »aber solche Augenblicke überwinden
-die Natur, denn sie sind selten. Darf ich denn wirklich
-meinen alten Augen trauen? Trügen die Züge dieses Briefes
-nicht? Ist dieses Siegel echt, und darf ich ihm glauben? Doch
-&ndash; was zweifle ich! Hat nicht die Natur Euch ihr Siegel auf
-die freie Stirne gedrückt? Sind die Züge nicht echt, die sie
-auf den offenen Brief Eures Gesichtes geschrieben? Nein, Ihr
-könnet nicht täuschen &ndash; die Sache meines unglücklichen Herrn
-hat einen Freund gefunden?«</p>
-
-<p>»Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meinet,
-so habt Ihr recht gesehen, sie hat einen warmen Anhänger gefunden.
-Der Ruf bezeichnet mir längst den Herrn von Lichtenstein
-als einen treuen Freund des Herzogs, und ich wäre vielleicht
-auch ohne den Rat jenes unglücklichen Mannes, der mich
-zu Euch schickte, gekommen, Euch zu besuchen.«</p>
-
-<p>»Setzet Euch zu mir, junger Freund,« sagte der Alte, dessen
-Augen immer noch mit Liebe auf dem Jüngling zu ruhen<span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span>
-schienen; »setzet Euch her und höret, was ich sage. Ich liebe es
-sonst nicht, wenn die Leute ihre Farbe ändern, ich habe in
-meinem langen Leben gelernt, daß man die Ueberzeugung eines
-jeden ehren müsse, und daß ein Mann, wenn er nur sonst reine
-Absichten hat, nicht gerade deswegen zu verdammen sei, weil er
-anderer Meinung ist als wir. Aber wenn man seine Farbe
-mit so uneigennützigen Absichten ändert wie Ihr, Georg von
-Sturmfeder, wenn man dem Glück den Rücken kehrt, um sich
-an das Unglück anzuschließen, da hat die Aenderung großen
-Wert, denn sie trägt das Gepräge einer edlen Tat an der
-Stirne.«</p>
-
-<p>Georg errötete über sich selbst, als er hörte, wie der
-Lichtensteiner seine uneigennützigen Absichten pries. War es
-denn nicht auch die schöne Tochter, was ihn zu der Fahne des
-Vaters führte? Und mußte er nicht in der Achtung dieses
-Mannes sinken, wenn über kurz oder lang dieses Motiv seines
-Uebertrittes ans Licht kam? »Ihr seid zu gütig,« antwortete
-er; »die Absichten eines Menschen liegen oft tiefer verborgen,
-als man auf den ersten Anblick glaubt; seid versichert, daß mein
-Uebertritt zu Eurer Sache zwar zum Teil von dem empörten
-Gefühl des Rechtes geleitet wurde; doch könnte es auch einen
-irdischeren Beweggrund geben, Herr Ritter, und ich möchte nicht,
-daß Ihr mich für zu gut hieltet, es würde mir um so weher
-tun, wenn Ihr nachher ungünstiger von mir urteiltet.«</p>
-
-<p>»Ich liebe Euch um dieser Offenheit willen nur noch
-mehr,« entgegnete der Herr des Schlosses und drückte seinem
-Gast die Hand. »Doch traue ich meiner Erfahrung und meiner
-Kenntnis der Gesichter, und von Euch will ich kühn behaupten,
-daß, wenn Euch auch noch eine andere Absicht leitet als das
-Gefühl des Rechtes, diese Absicht doch keine schlechte sein kann.
-Wer Schlechtes im Schilde führt, ist feig, und wer feig ist, wagt
-es nicht, den Truchseß, den Herzog von Bayern und den schwäbischen
-Bund vor den Kopf zu stoßen und so aufzutreten, wie
-Ihr aufgetreten seid.«</p>
-
-<p>»Was wisset Ihr von mir?« rief Georg mit freudigem
-Erstaunen, »habt Ihr denn je von mir gehört vor diesem
-Augenblick?«</p>
-
-<p>Der Diener, welcher bei diesen Worten die Türe öffnete,
-unterbrach die Antwort des alten Herrn; er setzte Wildbret
-und volle Becher vor Georg hin und schickte sich an, den Gast
-zu bedienen. Doch ein Wink seines Herrn entfernte ihn aufs
-neue. »Verschmähet diesen Morgenimbiß nicht,« sagte er zu<span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span>
-dem jungen Manne; »den ersten Becher sollte zwar die Hausfrau
-kredenzen, wie es die angenehme Sitte heischt; aber die
-meinige ist schon lange tot, und meine einzige Tochter, Marie,
-die an ihrer Stelle das Hauswesen versieht, ist ins Dorf hinabgegangen,
-um am hohen Feste eine Predigt zu hören und die
-Messe. Nun, Ihr fraget mich, ob ich noch nie von Euch gehört
-hatte? Ihr seid ja jetzt unser, daher darf ich Euch wohl
-sagen, was man sonst verschweigt. Ich war zur Zeit, als Ihr
-in Ulm einrücktet, in jener Stadt, um meine Tochter abzuholen,
-die sich dort aufhielt, hauptsächlich aber, um manches zu erfahren,
-was für den Herzog zu wissen wichtig war; Gold öffnet
-alle Pforten,« setzte er lächelnd hinzu, »auch die des hohen
-Rates, und so hörte ich täglich, was die Bundesobersten beschlossen.
-Als der Krieg erklärt wurde, war ich genötigt, abzureisen;
-ich hielt aber treue Männer in jener Stadt, die mir
-auch das Geheimste berichteten, was vorging.«</p>
-
-<p>»War nicht einer davon der Pfeifer von Hardt,« fragte
-Georg, »den ich bei dem Geächteten traf?«</p>
-
-<p>»Und der Euch über die Alp führte? Jawohl! Diese
-brachten immer Kundschaft. So erfuhr ich denn auch, daß man
-beschloß, einen Späher hinter den Rücken des Herzogs zu
-schicken, etwa in die Gegend von Tübingen, um dem Bunde sogleich
-Nachricht von unseren Schritten zu erteilen. Ich erfuhr
-auch, daß die Wahl auf Euch gefallen sei. Nun muß ich Euch
-redlich gestehen, Ihr und Euer Name war mir ziemlich gleichgültig,
-nur bedauerte ich Euch, als ich hörte, daß Ihr noch solch
-ein junges Blut seid, denn sobald Ihr über die Alb kamet als
-Kundschafter, wäret Ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit totgeschlagen
-oder unter die Erde gesetzt worden, wo keine Sonne
-und kein Mond hinscheint. Um so überraschender war mir und
-vielen Männern die Nachricht, wie Ihr es ausgeschlagen und
-wie tapfer Ihr vor jenen Herren gesprochen. Auch daß Ihr
-absagtet und auf vierzehn Tage Urfehde schwören mußtet, erfuhr
-ich. Und wie freut es mich, daß Ihr nun gar unser
-Freund geworden seid!«</p>
-
-<p>Die Wangen des jungen Mannes glühten, sein Auge
-strahlte vor Freude; brach ja doch dieser Augenblick alle Schranken,
-welche die Verhältnisse zwischen ihm und Marie gezogen
-hatten. Sein langer Wunsch, dessen Erfüllung oft so weit in
-die Ferne hinausgerückt schien, war in Erfüllung gegangen; er
-hatte unbewußt Mariens Vater für sich gewonnen. »Ja, ich
-habe ihnen abgesagt,« antwortete Georg, »weil ich ihr Wesen<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span>
-nicht mehr leiden mochte; ich bin Euer Freund geworden; doch
-wäre es möglich, ich hätte mich nicht so bald zu Eurer Sache
-bekannt; aber als ich unten in der Höhle neben jenem geächteten
-Mann saß, als ich bedachte, wie man mit den Edeln
-und selbst mit dem Herrn des Landes umgehe, wie seine gewaltigen
-Reden so mächtig an meiner Brust anklopften, da
-war es mir auf einmal hell und klar, hierher müsse ich stehen,
-hier müsse ich streiten. Und glaubt Ihr, es werde bald etwas
-zu tun geben? Denn ich bin nicht zu Euch herübergeritten,
-um die Hände in den Schoß zu legen!«</p>
-
-<p>»Das konnte ich mir denken,« sagte der Ritter lächelnd;
-»vor vierzig Jahren hatte ich auch so rasches Blut, und es ließ
-mich nicht lange auf einem Fleck. Wie die Sachen stehen, wißt
-Ihr; man kann sagen, eher schlimm als gut. Sie haben das
-Unterland, sie haben den ganzen Strich von Urach herauf.
-Auf <em class="gesperrt">eines</em> kommt alles an: hält Tübingen fest, so siegen wir.«</p>
-
-<p>»Die Ehre von vierzig Rittern bürgt dafür,« rief Georg
-mit Unmut; »das Schloß ist stark, ich habe kein stärkeres gesehen,
-Besatzung ist hinlänglich da, und vierzig Männer von
-Adel werden sich so leicht nicht ergeben. Es kann nicht sein,
-es darf nicht sein. Haben sie nicht des Herzogs Kinder bei
-sich und den Schatz des Hauses? Sie <em class="gesperrt">müssen</em> sich halten.«</p>
-
-<p>»Wohl, wenn sie alle dächten wie Ihr. Es kommt gar viel
-auf Tübingen an. Wenn der Herzog Entsatz bringen kann,
-so hat er an Tübingen einen festen Punkt, von wo aus er sein
-Land wiedererobern kann; es sind große Kriegsvorräte dort,
-es ist ein großer Teil des Adels; solange sie zu seiner Partei
-halten, ist Württemberg nur dem Boden nach gewonnen, dem
-Geiste nach ist es noch des Herzogs; aber ich fürchte, ich fürchte!«</p>
-
-<p>»Wie? Unmöglich können sich die Vierzig ergeben!«</p>
-
-<p>»Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt,« erwiderte
-der Alte; »Ihr wißt nicht, welche Lockungen und Schlingen
-manchen ehrlichen Mann straucheln machen können; und es ist
-mancher in der Burg, dem der Herzog zu viel getraut hat. Er
-merkt auch wohl, daß es nicht ganz lauter und rein hergeht,
-denn er schickte den Ritter Marx Stumpf von Schweinsberg
-an sie mit einem beweglichen Schreiben<a id="FNanchor_33_34"></a><a href="#Footnote_33_34" class="fnanchor">[33]</a>, das Schloß nicht zu
-übergeben, sondern ihm Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu
-kommen, weil er dort zu sterben bereit sei, wenn es Gott über
-ihn verhänge.«</p>
-
-<p>»Der arme Herr!« rief Georg bewegt. »Aber ich kann
-nicht glauben, daß der Landesadel so schändlich freveln könnte;<span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span>
-sie werden ihn einlassen in die Burg, er wird ihren Mut aufs
-neue beseelen, er wird Ausfälle machen, er wird sie schlagen, die
-Belagerer, trotz Bayern und Frondsberg; wir werden uns an
-ihn anschließen, wir werden fechtend durch das Land ziehen und
-diese Bündler verjagen.«</p>
-
-<p>»Marx Stumpf ist noch nicht zurück,« sagte der Ritter
-von Lichtenstein mit besorgter Miene; »auch haben sie seit
-gestern das Schießen eingestellt. Sonst hörte man jeden Stückschuß
-hier auf dem Lichtenstein, aber seit gestern ist es still
-wie im Grabe.«</p>
-
-<p>»Vielleicht schweigt das Geschütz wegen des Festes; gebt
-acht, sie werden morgen oder am Ostermontag wieder donnern
-lassen, daß es durch Eure Felsen hallt.«</p>
-
-<p>»Was da!« entgegnete jener. »Wegen des Festes? Seinem
-Herzog treu zu dienen, ist auch ein frommer Dienst, und es
-wäre den Heiligen im Himmel vielleicht lieber, sie hörten den
-Donner der Feldschlangen von Tübingens Wällen, als daß sie
-die Ritter müßig sehen. Müßiggang ist aller Laster Anfang!
-Aber wenn nur der Stumpf in das Schloß kommt, der wird
-sie aufrütteln aus ihrem Schlummer.«</p>
-
-<p>»Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tübingen
-geschickt, sagt Ihr? Der Herzog will ins Schloß, weil
-die Besatzung seit einigen Tagen zu wanken scheint? Da kann
-also Ulrich nicht bis Mömpelgard entflohen sein, wie die Leute
-sagen; da ist er vielleicht in der Nähe? O daß ich ihn sehen
-könnte, daß ich mich mit ihm nach Tübingen schleichen könnte!«</p>
-
-<p>Ein sonderbares Lächeln zog flüchtig über die ernsten Züge
-des Alten. »Ihr werdet ihn sehen, wenn es Zeit ist,« sagte er.
-»Ihr werdet ihm angenehm sein, denn er liebt Euch schon jetzt.
-Und ist das Glück gut, so sollt Ihr auch mit ihm nach Tübingen
-kommen, Ihr habt mein Wort drauf. &ndash; Doch jetzt muß ich
-Euch bitten, Euch ein Stündchen allein zu gedulden. Mich ruft
-ein Geschäft, das aber bald abgetan sein wird. Nehmt Euch
-meinen Wein zum Gesellschafter, schauet Euch um in meinem
-Haus; ich würde Euch einladen, auf die Jagd auszureiten, wenn
-ein solches Vergnügen zum Karfreitag paßte.«</p>
-
-<p>Der alte Herr drückte seinem Gast noch einmal die Hand
-und verließ das Zimmer. Bald nachher sah ihn Georg aus
-dem Schlosse dem Walde zu reiten.</p>
-
-<p>Als sich der junge Mann allein gelassen sah, fing er an,
-seinen Anzug ein wenig zu besorgen, der durch den Ritt in der
-Nacht, durch seinen Aufenthalt in der Höhle etwas außer Ordnung<span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span>
-gekommen war. Wer je unter solchen Umständen in die
-Nähe der Geliebten kam, wird es ihm nicht übelnehmen, wenn
-er vor einem kleinen Spiegel von poliertem Metall, den er in
-diesem Gemach vorfand und der wohl zu Mariens Gerätschaften
-gehören mochte, Bart und Haare ordnete, das Wams ein wenig
-reinigte und jede Spur von Unordnung aus seinem Anzug zu
-verbannen suchte. Er erging sich dann in dem großen Zimmer
-und suchte unter den vielen Fenstern eines auf, von welchem
-er auf den Felsenweg hinabschauen konnte, den Marie von der
-Kirche im Tal heraufkommen mußte.</p>
-
-<p>Es waren fröhliche Gedanken, die sich in bunter Menge
-an seiner Seele vorüberdrängten, schnell und flüchtig wie ein
-Zug heller Wölkchen, die am blauen Gewölb des Himmels dahingleiten.
-Dies war die Burg, die er seit mehr als einem
-Jahre im Wachen geträumt, in Träumen klar gesehen hatte,
-dies die Berge, die Felsen, von denen sie ihm so oft erzählte,
-dies die Gemächer ihrer Kindheit! Es hat etwas Anziehendes,
-in den Zimmern zu verweilen, wo die Geliebte groß geworden
-ist. Man träumt sich um Jahre zurück, man sieht sie als kleines
-Mädchen in diesen Kammern, in diesen Gängen sich umtreiben;
-man geht um einige Jahre vorwärts, man sieht sie noch klein,
-aber verständig, der Mutter jene kleinen Künste der Haushaltung
-abspähen, die sie viele Jahre nachher als Hausfrau
-nötig hat. Doch in dem kleinen Köpfchen gestaltet sich schon
-jetzt ein eigenes Hauswesen. Es ist vielleicht jene Ecke, dachte
-Georg lächelnd, wo sie in kindischer Geschäftigkeit, was sie von
-den Brosamen der Küche erbeutete, zu Speisen von eigener
-Erfindung bereitete, wo sie das hölzerne Wesen, das ein Knecht
-kunstreich schnitzelte und die Amme mit einigen bunten Fetzen
-behängt hat, für ein wackeres Kind hält und es mit wichtiger
-Miene zu füttern gedenkt.</p>
-
-<p>Und dann jene anmutsvolle Stufe zwischen Kind und
-Jungfrau! Wo ist wohl das stille Plätzchen, wo sich das fünfzehnjährige
-Fräulein, wenn sie in dem Garten und Feld nach
-Kinderweise getobt hatte, sich ernst und feierlich hinsetzte, die
-Kunkel zur Hand nahm und goldne Fäden zog, während ihr
-der Vater von der Mutter und von den Tagen seiner Jugend
-erzählte oder durch weise Lehren und gewichtige Sprüche den
-Geist der Jungfrau zu erheben suchte?</p>
-
-<p>Wo ist das Lieblingsfenster, wohin sie sich, immer höher
-und schöner heranwachsend, gerne setzte und mit unbewußter,
-dunkler Sehnsucht in die Ferne sah, über das Leben und ihre<span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span>
-eigene Zukunft nachsann und sich in freundliche Träume versenkte?</p>
-
-<p>Es war ihm so heimisch, so wohl in diesem Hause, es war
-<em class="gesperrt">ihr</em> Geist, der hier waltete, der ihn umschwebte, den er, ob sie
-auch fern war, freundlich begrüßte. Dieses Gärtchen, auf einem
-schmalen Raum am Felsen, hatte sie besorgt und gepflegt, diese
-Blumen, die in einem Topf auf dem Tische standen, hatte sie
-vielleicht heute schon gepflückt. Er ging hin, diese Zeichen ihres
-freundlichen Sinnes zu begrüßen.</p>
-
-<p>Er beugte sich herab über die Blumen, er führte die duftenden
-Veilchen zum Mund. In diesem Augenblick glaubte
-er ein Geräusch vor der Türe zu vernehmen. Er sah sich um
-&ndash; sie war es, es war Marie, die staunend und regungslos, als
-traue sie ihren Augen nicht, an der Türe stand. Er flog zu ihr
-hin, er zog sie in seine Arme, und seine Lippen erst schienen sie
-zu überzeugen, daß es nicht der Geist des Geliebten sei, der ihr
-hier erscheine. Wie viel hatten sie sich zu fragen, bei weitem
-mehr, als sie nur antworten konnten! Es gab Augenblicke,
-wo sie, wie aus einem Traum erwacht, sich ansahen, sich überzeugen
-mußten, ob sie denn wirklich sich wiederhaben?</p>
-
-<p>»Wieviel habe ich um dich gelitten,« sagte Marie, und ihre
-Wangen straften sie nicht Lügen; »wie schwer wurde mir das
-Herz, als ich aus Ulm scheiden mußte. Zwar hattest du mir
-gelobt, vom Bunde abzulassen, aber hatte ich denn Hoffnung,
-dich so bald wiederzusehen? &ndash; Und dann, wie mir Hans die
-Nachricht brachte, daß du mit ihm nach Lichtenstein kommen
-wolltest, aber du seist überfallen, verwundet worden. Das
-Herz wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu dir,
-konnte dich nicht pflegen!«</p>
-
-<p>Wie beschämt war Georg, wenn er an seine törichte Eifersucht
-zurückdachte, wie fühlte er sich so klein und schwach Mariens
-zarter Liebe gegenüber. Er suchte sein Erröten zu verbergen,
-er erzählte, oft unterbrochen von ihren Fragen, wie sich alles
-so gefügt habe, wie er dem Bunde abgesagt, wie er überfallen
-worden, wie er der Pflege der Pfeifersfrau sich entzogen habe,
-um nach Lichtenstein zu reisen.</p>
-
-<p>Georg war zu ehrlich, als daß ihn Mariens Fragen nicht
-hin und wieder in Verlegenheit gesetzt hätten. Besonders als
-sie mit Verwunderung fragte, warum er denn so tief in der
-Nacht erst nach Lichtenstein aufgebrochen sei, wußte er sich nicht
-zu raten. Die schönen klaren Augen der Geliebten ruhten so<span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span>
-fragend, so durchdringend auf ihm, daß er um keinen Preis
-eine Unwahrheit zu sagen vermocht hätte.</p>
-
-<p>»Ich will es nur gestehen,« sagte er mit niedergeschlagenen
-Augen, »die Wirtin in Pfullingen hat mich betört. Sie sagte
-mir etwas von dir, was ich nicht mit Gleichmut hören konnte.«</p>
-
-<p>»Die Wirtin von mir?« rief Marie lächelnd. »Nun was
-war denn dies, daß es dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?«</p>
-
-<p>»Laß es doch! Ich weiß ja, daß ich ein Tor war. Der
-geächtete Ritter hat mich ja schon längst überzeugt, daß ich
-völlig unrecht hatte.«</p>
-
-<p>»Nein, nein,« entgegnete sie bittend, »so entgehst du mir
-nicht. Was wußte die Schwätzerin wieder von mir? Gestehe
-nur gleich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun, lache mich nur recht aus. Sie erzählte, du habest
-einen Liebsten und lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle
-Nacht in die Burg.«</p>
-
-<p>Marie errötete. Unwille und die Lust, über diese Torheit
-zu lachen, kämpften in ihren schönen Zügen. »Nun, ich hoffe,«
-sagte sie, »du hast ihr darauf geantwortet, wie es sich gehört, und
-aus Unmut über eine solche Verleumdung ihr Haus verlassen?
-Dachtest vielleicht, du könntest unser Schloß noch erreichen und
-hier übernachten?«</p>
-
-<p>»Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht. Siehe, ich war
-noch halb krank, ich glaubte ihr auch anfangs gewiß nicht; aber
-deine Amme, die alte Frau Rosel, wurde aufgeführt, sie hatte es
-der Wirtin gesagt, sie hatte mich selbst ins Spiel gebracht und
-bedauert, daß ich um meine Liebe betrogen sei, da &ndash; o sieh nicht
-weg, Marie, werde mir nicht böse! &ndash; ich schwang mich aufs
-Pferd und ritt vors Schloß herauf, um ein Wort mit dem zu
-sprechen, der es wage, Marien zu lieben.«</p>
-
-<p>»Das konntest du glauben?« rief Marie, und Tränen
-stürzten aus ihren Augen. »Daß Frau Rosel solche Sachen ausgesagt,
-ist unrecht, aber sie ist ein altes Weib, klatscht gerne; daß
-die Frau Wirtin solche Sachen nachsagt, nehme ich ihr nicht
-übel, denn sie weiß nichts Besseres zu tun; aber du, <em class="gesperrt">du</em> Georg,
-konntest nur einen Augenblick so arge Lügen glauben? Du
-wolltest dich überzeugen, daß&nbsp;&ndash;« von neuem strömten ihre
-Tränen, und das Gefühl bitterer Kränkung erstickte ihre
-Stimme.</p>
-
-<p>Georg zürnte sich selbst, daß er so töricht hatte sein können,
-aber er fühlte auch, daß, wenn er ein großes Unrecht an der<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span>
-Geliebten begangen hatte, es nur die Liebe war, die ihn verleitete.
-»Verzeihe mir nur diesmal,« bat er; »sieh, wenn ich
-dich nicht so lieb gehabt hätte, ich hätte gewiß nicht geglaubt; aber
-wenn du wüßtest, was Eifersucht ist!«</p>
-
-<p>»Wer recht liebt, kann gar nicht eifersüchtig sein,« sagte
-Marie unmutig; »aber schon in Ulm hast du etwas solches gesagt,
-und schon damals hat es mich recht tief betrübt. Aber du
-kennst mich gar nicht; wenn du mich recht gekannt hättest, wenn
-du mich geliebt hättest wie ich dich, wärest du nicht auf solche
-Gedanken gekommen.«</p>
-
-<p>»Nein! Ungerecht mußt du doch nicht werden,« rief Georg
-und faßte ihre Hand. »Wie kannst du mir vorwerfen, daß ich
-dich nicht liebe wie du mich? Hätte es denn nicht möglich sein
-können, daß ein Würdigerer als ich erschienen, daß der arme
-Georg durch irgend einen bösen Zauber aus deinem Herzen
-verdrängt worden wäre? Es ist ja doch alles möglich auf der
-Erde!«</p>
-
-<p>»Möglich?« unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den
-Georg oft mit Lächeln an der Tochter des Ritters von Lichtenstein
-betrachtet hatte, schien sie allein zu beseelen. »Möglich?
-Wenn Ihr nur einen Augenblick so Arges von mir für möglich
-gehalten hättet, ich wiederhole es, Herr von Sturmfeder! so
-habt Ihr mich nie geliebt. Ein Mann muß sich nicht wie ein
-Rohr hin und her bewegen lassen, er muß feststehen auf seiner
-Meinung, und wenn er liebt, so muß er auch glauben.«</p>
-
-<p>»Diesen Vorwurf habe ich von dir am wenigsten verdient,«
-sagte der junge Mann, indem er unmutig aufsprang; »wohl bin
-ich ein Rohr, das vom Winde hin und her bewegt wird, und
-mancher wird mich darum verachten&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Es könnte sein!« flüsterte sie, doch nicht so leise, daß es
-sein Ohr nicht erreichte und seinen Unmut zum Zorn anblies.</p>
-
-<p>»Auch du willst mich also darum verachten, und doch bist
-du es, was mich hin und her bewegt! Ich habe dich auf bündischer
-Seite gesucht, ich war selig, als ich dich dort fand. Du
-batest mich, davon abzulassen, ich ging. Ich tat noch mehr.
-Ich kam zu euch herüber, es kostete mich beinahe das Leben,
-und doch ließ ich mich nicht abschrecken. Ich ergriff Württembergs
-Partei, ich kam zu deinem Vater, er nahm mich wie einen
-Sohn auf und freute sich, daß ich sein Freund geworden &ndash; aber
-seine Tochter schilt mich ein Rohr, das vom Winde hin und her
-bewegt wird! Aber noch einmal will ich mich &ndash; zum letztenmal<span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span>
-&ndash; von dir bewegen lassen: ich will fort, weil du meine Liebe so
-vergiltst, noch in dieser Stunde will ich fort!«</p>
-
-<p>Er gürtete unter den letzten Worten sein Schwert um, ergriff
-sein Barett und wandte sich zur Türe.</p>
-
-<p>»Georg!« rief Marie mit den süßesten Tönen der Liebe,
-indem sie aufsprang und seine Hand faßte. Ihr Stolz, ihr
-Zorn, jede Wolke des Unmuts war verschwunden, selbst die
-Tränen hemmten ihren Lauf, und nur bittende Liebe blickte aus
-ihrem Auge. »Um Gottes willen, Georg! ich meinte es nicht
-so böse; bleibe bei mir, ich will alles vergessen, ich schäme mich,
-daß ich so unwillig werden konnte.«</p>
-
-<p>Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht so schnell
-zu besänftigen, er sah weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr
-bittendes Lächeln gewonnen zu werden; denn sein Entschluß
-stand fest, das Schloß zu verlassen. »Nein!« rief er, »du sollst
-das Rohr nicht mehr zurückwenden. Aber deinem Vater kannst
-du sagen, wie du seinen Gast aus seinem Haus vertrieben hast.«
-Die runden Fensterscheiben zitterten vor seiner Stimme, sein
-Auge blickte wild umher, er entriß seine Hand der Geliebten,
-gefolgt von ihr schritt er fort, er riß die Türe auf, um auf ewig
-zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine Erscheinung fesselte,
-die wir im nächsten Kapitel näher beschreiben werden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap23">23.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Herrengunst, Aprilenwetter,<br /></span>
-<span class="i0">Frauenlieb' und Rosenblätter,<br /></span>
-<span class="i0">Würfel, Karten, Federspiel<br /></span>
-<span class="i0">Verkehren sich oft, wer's glauben will.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Altes Sprichwort.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Als Georg die Tür öffnete, richtete sich aus einer sehr gebückten
-Stellung die hagere, knöcherne Gestalt der Frau Rosel
-auf. Es war dies eine jener alten Dienerinnen, die, wenn sie
-von früher Jugend an in einer Familie bleiben, sich einbürgern,
-in die Familie verwachsen und gleichsam ein notwendiger Zweig
-davon werden. Sie hatte ihre Nützlichkeit besonders nach dem
-Tode der Frau von Lichtenstein erprobt, wo sie Marie mit
-großer Sorgfalt pflegte und aufzog. Sie war so von einer Zofe
-zur Kindsfrau, von der Kindsfrau zur Haushälterin, von diesem
-Posten zu Mariens Oberhofmeisterin und Vertrauter avanciert.
-Sie hatte aber, wie ein kluger Feldherr, sich den Rücken<span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span>
-gesichert, sie hatte jene Posten, aus denen sie in die höheren
-Stellen vorgerückt war, nicht wieder besetzen lassen, sondern verwaltete
-sie alle zusammen, wie sie behauptete, mit großer Gewissenhaftigkeit,
-und weil es doch sonst niemand verstehe. Sie
-hatte durch diesen Kunstgriff und durch ihre lange Dienstzeit
-die Zügel der häuslichen Regierung an sich gebracht, das Gesinde
-ging und kam nach ihrem Blick, und sie gab zu verstehen,
-daß sie beim Herrn alles gelte, obgleich seine Gnade nur darin
-bestand, daß er sie nicht in Gegenwart der übrigen auszankte.</p>
-
-<p>Mit dem Fräulein lebte sie in neueren Zeiten nicht mehr
-im besten Verhältnis. Sie hatte in den Tagen der Kindheit
-und ersten Jugend ihr ganzes Vertrauen besessen. Noch in
-Tübingen war sie wenigstens halb ins Geheimnis ihrer Liebe
-gezogen, und Frau Rosel nahm wirklich so tätigen Anteil an
-allem, was ihr Fräulein betraf, daß sie gesagt hätte: »Wir lieben
-den Herrn von Sturmfeder aufs zärtlichste,« oder &ndash; »<em class="gesperrt">uns</em> will
-das Herz beinahe brechen, weil wir scheiden müssen.«</p>
-
-<p>Diesem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende.
-Das Fräulein bemerkte, daß Frau Rosel zu gerne schwatze, sie
-war ihr auf der Spur, daß sie sogar von ihrem Verhältnis zu
-Georg geplaudert habe. Sie war daher von jetzt an kälter gegen
-die Alte, und Frau Rosel merkte im Augenblick, warum dies geschehe.
-Als aber bald darauf die Reise nach Ulm angetreten
-wurde, als Frau Rosel, obgleich sie sich einen neuen Rock von
-Fries und eine köstliche Haube von Brokat hierzu verfertigt
-hatte, auf höheren Befehl in Lichtenstein bleiben mußte, da
-wurde die Kluft noch weiter; denn die Alte glaubte, das Fräulein
-habe es beim Vater dahin gebracht, daß sie nicht nach Ulm
-mitreisen dürfe.</p>
-
-<p>Das Vertrauen wurde nicht hergestellt, als Marie von Ulm
-zurückkehrte. Frau Rosel zwar, die lieber mit der Herrschaft
-als dem Gesinde lebte, suchte einigemal Erkundigungen über
-Herrn Georg einzuziehen und so das alte Verhältnis wieder
-anzuknüpfen, doch Mariens Herz war so voll, die Amme ihr zu
-verdächtig, als daß sie etwas gesagt hätte. Als daher der geächtete
-Ritter nächtlicherweise ins Schloß kam, als das Fräulein
-so geheimnisvoll Speisen für ihn bereitete und, wie Frau
-Rosel glaubte, mit ihm allein war, als sie auch hier nicht mehr
-ins Geheimnis gezogen wurde, da schüttete sie ihr Herz gegen
-die Frau Wirtin in Pfullingen aus, und es war Georg nicht so
-ganz zu verdenken, daß er jenen Worten traute, kannte er ja
-doch Frau Rosel nur als Vertraute ihres Fräuleins, wußte er<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span>
-ja doch nicht, wie dieses Verhältnis indessen so anders sich gestaltet
-habe.</p>
-
-<p>Frau Rosel war im Sonntagsstaat mit ihrer Dame diesen
-Morgen in die Kirche gewallfahrtet. Sie hatte ihre Sünden,
-worunter Neugierde ziemlich weit obenan stand, dem Priester
-gebeichtet, auch Absolution dafür erhalten und war mit so viel
-leichterem Herzen und Gewissen auf den Lichtenstein zurückgekehrt,
-als sie vorher schwer und unter der Last der Sünden
-seufzend, hinabgestiegen war. Die salbungsvollen Worte des
-Paters mochten aber doch nicht so tief gedrungen sein, um ihre
-Sünden mit der Wurzel auszurotten, denn als sie in ihr
-Kämmerlein hinaufstieg, um Rosenkranz und Sonntagsschmuck
-abzulegen, hörte sie ihr Fräulein und eine tiefe Männerstimme
-heftig miteinander sprechen, es wollte ihr sogar bedünken, ihr
-Fräulein weine.</p>
-
-<p>»Sollte er wohl bei Tag hier sein, weil der Alte ausgeritten?«
-dachte sie. Die natürliche Menschenliebe und ein
-zartes Mitgefühl zog ihr Auge und Ohr ans Schlüsselloch, und
-sie vernahm in abgebrochenen Worten den Streit, dessen Zeugen
-auch wir gewesen sind.</p>
-
-<p>Der junge Mann hatte die Türe so rasch geöffnet, daß sie
-nicht mehr Zeit gehabt hatte, sich zu entfernen, sondern kaum
-noch aus ihrer gebückten Stellung am Schlüsselloch auftauchen
-konnte. Doch sie wußte sich zu helfen in solchen mißlichen Fällen,
-sie ließ Georg nicht an sich vorüber, ließ beide nicht zum Wort
-kommen, sie ergriff die Hände des jungen Mannes und überströmte
-ihn mit einem Schwall von Worten:</p>
-
-<p>»Ei, du meine Güte! hätt' ich glaubt, daß meine alten
-Augen den Junker von Sturmfeder noch schauen würden! Und
-ich mein', Ihr seid noch schöner worden und größer, seit ich
-Euch nimmer sah! Hätt' ich das gewußt! Steh' da, wie ein
-Stock an der Tür', denke, ei! wer spricht jetzt mit dem gnädigen
-Fräulein? Der Herr ist's nicht; von den Knechten ist's auch
-keiner! Ei, was man nicht erlebt! Jetzt ist's der Junker
-Georg, der da drin spricht!«</p>
-
-<p>Georg hatte sich während dieser Rede der Frau Rosel vergeblich
-von ihr loszumachen gesucht. Er fühlte, daß es sich
-nicht gezieme, vor ihr zu zeigen, daß er auf Marien zürne, und
-doch glaubte er keinen Augenblick mehr bleiben zu können. Er
-rang endlich eine Hand aus der knöchernen Faust der Alten,
-aber indem er sie frei fühlte, hatte sie auch schon Marie ergriffen,
-hatte sie, ohne auf Frau Rosels höhnisches Lächeln zu<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span>
-achten, an ihr Herz gedrückt. Er war bei dieser Bewegung einem
-ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu bannen schienen.
-Jetzt aber erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine neue Verlegenheit.
-Er fühlte seinen Unmut schwinden, er fühlte, daß
-es Marie nicht so bös mit ihm gemeint habe. &ndash; Wie sollte er
-aber jetzt mit Ehren zurückkehren? Wie sollte er so ganz ungekränkt
-scheinen? Wäre er mit Marien allein gewesen, so
-war es vielleicht noch eher möglich, aber vor diesem Zeugen,
-vor der wohlbekannten Frau Rosel umzukehren, sich durch einen
-Händedruck, durch einen Blick erweichen lassen und gefangen
-geben? Er schämte sich vor diesem Weib, weil er sich vor sich
-selbst schämte, und wir haben gehört, daß dieses Gefühl der
-Scham, die Ungewißheit, <em class="gesperrt">wie</em> man, ohne zu erröten, zurückkehren
-könne, schon oft aus einer kurzen Trennung in Unmut
-eine dauernde gemacht und die schönsten Verhältnisse gebrochen
-habe.</p>
-
-<p>Frau Rosel hatte sich einige Augenblicke an der Angst, an
-dem Gram ihres Fräuleins geweidet, dann aber siegte die ihr
-angeborene Gutmütigkeit über die kleine Schadenfreude, die in
-ihr aufgestiegen war. Sie faßte die Hand des Junkers fester:
-»Ihr werdet uns doch nicht schon wieder verlassen wollen, nachdem
-Ihr kaum ein Stündchen auf dem Lichtenstein verweilt habt?
-Ehe Ihr etwas zu Mittag gegessen, läßt Euch die alte Rosel
-gar nicht weiter, das ist gegen alle Sitte des Schlosses. Und
-den Herrn habt Ihr wahrscheinlich auch noch nicht begrüßt?«</p>
-
-<p>Es war schon ein großer Gewinn für Mariens Sache, daß
-Georg <em class="gesperrt">sprach</em>: »Ich habe ihn schon gesprochen, dort stehen noch
-die Becher, die wir zusammen leerten.«</p>
-
-<p>»Nun,« fuhr die Alte fort, »da werdet Ihr wohl noch nicht
-von ihm Abschied genommen haben?«</p>
-
-<p>»Nein, ich sollte ihn im Schloß erwarten.«</p>
-
-<p>»Ei, wer wird dann gehen wollen?« sagte sie und drängte
-ihn sanft in das Zimmer zurück. »Das wär' mir eine schöne
-Sitte. Der Herr könnte ja Wunder meinen, was für einen
-sonderbaren Gast er beherbergte. Wer bei <em class="gesperrt">Tag</em> kommt,« setzte
-sie mit einem stechenden Blick auf das Fräulein hinzu, »wer beim
-hellen Tag kommt, hat ein gut Gewissen und darf sich nicht
-<em class="gesperrt">wegschleichen</em> wie der Dieb <em class="gesperrt">in der Nacht</em>.«</p>
-
-<p>Marie errötete und drückte die Hand des Jünglings, und
-unwillkürlich mußte dieser lächeln, wenn er an den Irrtum der
-Alten dachte und die strafenden Blicke sah, die sie auf Marien
-warf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, ja, wie ich sagte,« fuhr Frau Rosel fort, »braucht Euch
-nicht wegzustehlen wie der Dieb in der Nacht. Wäre vielleicht
-besser gewesen, Ihr wäret schon früher gekommen. Im Sprichwort
-heißt es: Sieh für dich, irren ist mißlich; und: wer will
-haben Ruh', bleib' bei seiner Kuh! Aber ich will nichts gesagt
-haben.«</p>
-
-<p>»Nun ja,« sagte Marie, »du siehst, er bleibt da; was willst
-du nur mit deinen Reden und Sprüchlein? Du weißt selbst,
-sie passen nicht immer.«</p>
-
-<p>»So? Aber bisweilen treffen sie doch einen, dem es nicht
-lieb ist. Aber Reu' und guter Rat ist unnütz nach geschehener
-Tat. Ich weiß schon, Undank ist der Welt Lohn, ich kann ja
-schweigen. Wer will haben gute Ruh', der seh' und hör' und
-schweig' dazu.«</p>
-
-<p>»Nun, so schweige immerhin,« entgegnete das Fräulein
-etwas gereizt; ȟbrigens wirst du wohl tun, wenn du den Vater
-nicht geradezu merken läßt, daß du Herrn von Sturmfeder
-schon kennst. Es wäre möglich, er könnte glauben, er sei wegen
-uns nach Lichtenstein gekommen.«</p>
-
-<p>Frau Rosel kämpfte zwischen guter und böser Laune. Es
-tat ihr wohl, daß man sie brauche, daß man Stillschweigen von
-ihr erbitten müsse; auf der andern Seite war sie noch unwillig
-darüber, daß das Fräulein seit neuerer Zeit so wenig Vertrauen
-in sie gesetzt habe. Sie murmelte daher nur einige unverständliche
-Worte vor sich hin, indem sie die Stühle wieder an die
-Wände stellte, die Becher von dem Tisch nahm und die Flecken
-abwischte, die der Wein auf der Schieferplatte, womit der Tisch
-eingelegt war, zurückgelassen hatte. Marie gab Georg, der sich
-an ein Fenster gestellt hatte und noch nicht völlig mit sich und der
-Geliebten ausgesöhnt schien, einen Wink, den er nicht unbeachtet
-ließ. Ihm selbst war viel daran gelegen, daß Mariens Vater
-noch nichts um ihre Liebe wußte; er fürchtete, jener möchte es
-als einziges Motiv seines Uebertrittes zu Württemberg ansehen,
-er möchte ihn darum weniger günstig beurteilen, als er bisher
-getan. Dies erwägend, näherte sich Georg der alten Frau Rosel.
-Er klopfte ihr traulich auf die Schultern, und ihre Züge hellten
-sich zusehends auf. »Man muß gestehen,« sagte er freundlich,
-»Frau Rosel hat eine schöne Haube; aber dies Band paßt
-doch wahrlich nicht dazu, es ist alt und verschossen.«</p>
-
-<p>»Ei was!« sagte die Alte etwas ärgerlich, denn sie hatte
-sich wohl auf eine freundliche Rede gefaßt gemacht; »was kümmert
-Euch meine Haube, ein jeder fege vor seiner Tür. Sieh<span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span>
-auf dich und auf die Deinen, danach schilt mich und die Meinen.
-Ich bin ein armes Weib und kann nicht Staat machen wie eine
-Reichsgräfin. Wenn alle Leute wären gleich, und wären alle
-sämtlich reich, und wären all' zu Tisch gesessen, wer wollt' auftragen
-Trinken und Essen?«</p>
-
-<p>»Nun, so hab' ich's nicht gemeint,« sagte Georg besänftigend,
-indem er eine Silbermünze aus seinem Beutelein zog.
-»Aber mir zu Gefallen ändert Frau Rosalie schon ihr Band;
-und daß meine Forderung nicht gar zu unbillig klingt, wird sie
-diesen Dicktaler nicht verschmähen!«</p>
-
-<p>Wer hat nicht an einem Oktobertag trotz Sturm und
-Wolken die Sonne durchdringen und Gewölk und Nebel verjagen
-sehen? So ging es auch am Horizont der Frau Rosel
-freundlich auf. Die artige Weise des Junkers, ihr Lieblingsname
-Rosalie, der ihr viel wohltönender dünkte als das verdorbene
-Rosel, und endlich der Dicktaler mit dem Krauskopf
-des Herzogs und dem Wappen von Teck &ndash; wie konnte sie so
-vielen Reizen widerstehen? »Ihr seid doch der alte freundliche
-Junker!« sagte sie, indem sie, sich tief verneigend, den
-Taler in die ungeheure lederne Tasche an ihrer Seite gleiten
-ließ und den Saum von Georgs Mantel zum Munde führte.
-»Gerade so wußtet Ihr es in Tübingen zu machen. Stand ich
-am Jörgenbrunnen, ging ich von der Burgsteig hinab auf den
-Markt, richtig rief es hinter mir: ›Guten Morgen, Frau Rosalie!
-und wie geht es dem Fräulein?‹ Und wie oft und reich
-habt Ihr mich dort beschenkt; wenigstens zwei Dritteile von
-dem Rock, den ich hier trag', verdank' ich Eurer Gnade!«</p>
-
-<p>»Laßt das, gute Frau,« unterbrach sie Georg. »Und was
-den Herrn betrifft, so wirst du&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was meint Ihr!« erwiderte sie, indem sie die Augen halb
-zudrückte. »Habe Euch in meinem Leben nicht gesehen. Nein,
-da könnt Ihr Euch drauf verlassen. Was ich nicht weiß, macht
-mir nicht heiß, und was mich nicht brennt, das blase ich nicht!«</p>
-
-<p>Sie verließ bei diesen Worten das Zimmer und stieg in
-den ersten Stock hinab, um dort in der Küche ihr Regiment zu
-verwalten.</p>
-
-<p>Dankbar und freudig zog sie den Taler aus der Ledertasche
-und besah ihn hin und her; sie pries bei sich die Freigebigkeit
-des wackern Junkers und bedauerte ihn im stillen, daß seine
-Liebe so schlecht vergolten werde, denn daß es ihr Fräulein mit
-einem andern habe, war ihr ausgemachte Sache. Vor der Küche
-stand sie gedankenvoll still. Sie war in Zweifel mit sich, ob<span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span>
-sie der Sache ihren Lauf lassen solle, oder ob es nicht besser
-wäre, dem Junker einige Winke über den nächtlichen Besucher
-zu geben. »Doch, kommt Zeit, kommt Rat, vielleicht sieht er es
-selbst und braucht mich nicht dazu. Ueberdies &ndash; ein Rater
-in zweier Feinde Mitten, kann es leicht mit beiden verschütten;
-man kann warten und zusehen, denn Hitz' im Rat, Eil' in der
-Tat, gebären nichts als Schad'. Wer will haben gute Ruh',
-der seh' und hör' und &ndash; schweig' dazu!«</p>
-
-<p>Solchen Rat pflog mit sich selbst Frau Rosel vor der Küche;
-die Liebenden aber, denen diese Beratung galt, hatten sich nach
-ihrem Abzug bald wiedergefunden. Georg vermochte nicht den
-bittenden Blicken Mariens zu widerstehen; und als sie mit den
-süßesten Tönen der Liebe ihn fragte, ob er ihr wieder gut sei,
-da vermochte er nicht nein zu sagen, und der Friede war, was
-selten der Fall ist, in kürzerer Zeit wieder geschlossen, als die
-Fehde begonnen hatte.</p>
-
-<p>Mit hohem Interesse hörte Marie auf Georgs fernere Erzählung,
-und es gehörte der feste Glaube des jungen Mannes
-an die Geliebte und sein Vertrauen in das Wort des Geächteten
-dazu, um nicht von neuem außer Fassung zu kommen. Denn
-als er beschrieb, wie er auf den Ritter getroffen und sich mit
-ihm geschlagen habe, da errötete sie, sie richtete sich stolzer auf
-und drückte die Hand des Geliebten, sie gestand ihm, daß er
-einen wichtigen Kampf bestanden habe, denn jener Mann sei
-ein tapferer Kämpe. Und als er erzählte, wie sie hinabgestiegen
-in die Nebelhöhle, wie sie den Geächteten besuchten, wie er tief
-unter der Erde in ärmlicher Umgebung doch so groß und erhaben
-geschienen, da stürzten Tränen aus ihren Augen, sie blickte
-hinauf zum Himmel, als bete sie im stillen, er möchte das traurige
-Geschick dieses Mannes wenden, und als er fortfuhr und
-sagte, was sie gesprochen, und wie der Mann der Höhle sich
-seinen Freund genannt, wie er sich zu Württembergs Sache, zu
-der Sache der Unterdrückten und Vertriebenen mit Wort und
-Handschlag verpflichtet habe, da strahlte Mariens Auge von
-wunderbarem Glanze; sie sah Georg lange an, er glaubte eine
-Begeisterung in ihrem Auge, in ihren Zügen zu lesen, die nicht
-die Freude, daß er ihres Vaters Partei ergriffen habe, allein
-vollbrachte.</p>
-
-<p>»Georg!« sagte sie, »es werden viele sein, die dich einst um
-diese Nacht beneiden werden. Du darfst es dir auch zur Ehre
-rechnen, denn glaube mir, nicht jeden hätte Hans zu dem Vertriebenen
-geführt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span></p>
-
-<p>»Du kennst ihn,« erwiderte Georg; »du weißt um sein Geheimnis?
-O sag mir doch, wer ist er? Ich habe selten einen
-Mann gesehen, dessen Auge, dessen Miene, dessen ganzes Wesen
-mich so beherrscht hätte wie dieser. Wo lagen seine Besitzungen,
-wo ist das Schloß, aus dem er vertrieben ist? Er sagt, er wolle
-jetzt keinen andern Namen haben als ›der Mann‹, aber sein
-Arm, dessen Stärke ich gefühlt, sein heller Blick verbürgte mir,
-daß er einst einen berühmten Namen in der Welt gehabt haben
-müsse.«</p>
-
-<p>»Er hatte einen Namen,« antwortete Marie, »einen, der
-sich mit den besten messen konnte; aber wenn er dir ihn nicht
-selbst gesagt hat, so darf ich ihn auch nicht nennen, das wäre
-gegen mein Wort, das ich darauf gegeben. Herr Georg muß
-sich also schon noch gedulden,« setzte sie lächelnd hinzu, »so hart
-es ihm auch ankommt, denn er ist ein neugieriger Herr.«</p>
-
-<p>»Mir kannst du es ja doch sagen,« unterbrach sie Georg;
-»sind wir nicht <em class="gesperrt">eins</em>? Darf das eine ein Geheimnis haben,
-ohne daß es der andere Teil wissen muß? Schnell! antworte,
-wer ist der Mann in der Höhle?«</p>
-
-<p>»Werde nicht böse; sieh, wenn es nur mein Geheimnis
-wäre, so müßtest du es auch wissen und könntest es mit Recht
-verlangen, aber so &ndash; ich weiß zwar, daß es bei dir so sicher
-wäre als bei mir, aber ich darf nicht.«</p>
-
-<p>Sie sprach noch, als die Türe aufsprang und eine Dogge
-von ungeheurer Größe hereinstürzte.<a id="FNanchor_34_35"></a><a href="#Footnote_34_35" class="fnanchor">[34]</a> Georg fuhr unwillkürlich
-auf, denn einen Hund von solcher Größe und Stärke hatte
-er nie gesehen. Der Hund stellte sich ihm gegenüber, schaute ihn
-mit rollenden Augen an und fing an zu murren. Es tönte aus
-seiner breiten Brust herauf dumpf und hohl wie ein nahender
-Sturm, und die wohlgeordnete Reihe scharfer Zähne, die er vorwies,
-zeigte ihn als einen Kämpfer, dessen Zorn man nicht
-reizen dürfe. Ein Wort von Marie reichte hin, ihn ruhig und
-besänftigt zu ihren Füßen zu legen. Sie streichelte seinen
-schönen Kopf, aus welchem die klugen Augen noch immer bald
-nach ihr, bald nach dem Junker spähten. »Er hat Menschenverstand!«
-sagte sie lächelnd. »Er kommt, um mich zu warnen,
-daß ich den Mann in der Höhle nicht verraten soll.«</p>
-
-<p>»Ein herrlicher Hund, wie ich nie einen gesehen! Wie er
-den Kopf so stolz aus dem goldnen Halsband hervorträgt, als
-gehöre er einem Kaiser oder König!«</p>
-
-<p>»Er gehört <em class="gesperrt">ihm</em>, dem Vertriebenen,« erwiderte Marie,<span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span>
-»und weil ich auf dem Sprunge war, den Namen seines Herrn
-zu nennen, kam er, mich zu warnen.«</p>
-
-<p>»Warum aber führt der Ritter seinen Hetzer nicht mit
-sich? Wahrlich, ein Arm wie der seine, unterstützt von einem
-solchen Tier, darf sechs Mörder nicht fürchten.«</p>
-
-<p>»Das Tier ist wachsam,« antwortete sie, »aber wild. Wenn
-er es in der Höhle unten hätte, so hätte er zwar einen sicheren
-Schutz, wie aber, wenn durch Zufall ein Mensch in jene Höhle
-käme? Sie ist so groß, daß man den Mann nicht darin ahnen
-kann, aber die Dogge würde ihn verraten. Sie würde knurren
-und anschlagen, sobald sie Tritte hörte, und sein Aufenthalt
-wäre entdeckt. Darum hat er ihm befohlen, als er wegging,
-hier zu bleiben, er versteht dies Gebot, und ich sorge für ihn.
-Er hat ordentlich das Heimweh nach seinem Herrn, und die
-Freude solltest du sehen, wenn es Nacht wird; er weiß, daß
-dann sein Herr bald ins Schloß kommt, und wenn die Zugbrücke
-niederfällt und die Schritte des Mannes auf dem Hofe
-tönen, da ist er nicht mehr zu halten; er würde sechsfache Ketten
-zerreißen, um bei ihm zu sein.«</p>
-
-<p>»Ein schönes Bild der Treue! doch ein schöneres noch ist
-der Mann, dem dieser Hund gehört. Hing er doch eben so treu
-an seinem Herrn und ließ sich verbannen und ins Elend jagen;
-es ist töricht von mir,« setzte Georg hinzu, »ich weiß, Neugierde
-steht einem Manne nicht an, aber wissen möchte ich, wer er ist.«</p>
-
-<p>»So gedulde dich doch, bis es Nacht wird! Wenn der
-Mann kommt, will ich ihn fragen, ob du es wissen darfst; ich
-zweifle nicht, er wird es erlauben.«</p>
-
-<p>»Es ist noch lange bis dahin, und jeden Augenblick muß
-ich an ihn denken; wenn du mir es nicht sagst, so muß ich mich
-an den Hund wenden, vielleicht ist er gütiger als du.«</p>
-
-<p>»Versuche es immer,« rief Marie lächelnd, »wenn er
-sprechen kann, so soll er es nur gestehen.«</p>
-
-<p>»Hör' einmal, du ungeheurer Geselle,« wandte sich Georg
-zu dem Hund, der ihn aufmerksam ansah, »sage mir, wie heißt
-dein Herr?«</p>
-
-<p>Der Hund richtete sich stolz auf, riß den weiten Rachen
-auf und brüllte in schrecklichen Tönen: »U &ndash; u &ndash; u!«</p>
-
-<p>Marie errötete. »Laß doch die Possen,« sagte sie und rief
-den Hund zu sich; »wer wird mit Hunden sprechen, wenn man in
-menschlicher Gesellschaft ist!«</p>
-
-<p>Georg schien nicht darauf zu hören. »U! hat er gesagt, der
-gute Hund? Der ist darauf geschult, ich wollte alles wetten, es<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span>
-ist nicht das erste Mal, daß man ihn fragt: wie heißt dein
-Herr?«</p>
-
-<p>Kaum hatte Georg die letzten Worte gesprochen, so fing der
-Hund mit noch greulicheren Tönen als vorher sein U &ndash; u &ndash; u!
-zu heulen an. Aufs neue errötete Marie, sie hieß beinahe unwillig
-den Hund schweigen; er legte sich ruhig zu ihren Füßen.</p>
-
-<p>»Da haben wir's,« rief Georg lachend, »der Herr heißt U!
-Und fing das sonderbare Wort auf dem Ringe, den mir der Ritter
-gab, nicht auch mit U an? Ungeheuer! Heißt dein Herr vielleicht
-<em class="gesperrt">Uffenheim</em>? Oder Uxküll? Oder Ulm? Oder vielleicht
-gar&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Unsinn! Der Hund hat gar keinen andern Laut als U;
-wie magst du dir nur Mühe geben, daraus etwas zu folgern!
-Doch hier kommt der Vater den Berg herauf; willst du, daß es
-ihm verborgen bleibe, so nimm dich zusammen und verrate dich
-nicht. Ich gehe jetzt; denn es ist nicht gut, wenn er uns beisammen
-antrifft.«</p>
-
-<p>Georg gelobte es. Er umarmte noch einmal die Geliebte
-und versah sich von ihrem süßen Mund auf viele Stunden, um
-wenigstens an der Erinnerung sich zu erfreuen, wenn die
-Gegenwart des Vaters jede zärtliche Annäherung unmöglich
-machte. Der Hund des Herrn U &ndash; sah verwundert auf die
-liebliche Gruppe; doch sei es, daß er wirklich Menschenverstand
-hatte oder daß er bei seinem Herrn schon Aehnliches erlebt hatte
-und einsah, daß der Junker das Fräulein nicht umbringen wolle,
-er machte keine Miene, seiner Dame zu Hilfe zu kommen, und
-erst der Hufschlag, der von der Brücke heraufscholl, schreckte die
-Errötende aus den Armen des glücklichen Jünglings.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap24">24.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Der Herzog schaut hinunter lang<br /></span>
-<span class="i0">Und spricht mit einem Seufzer bang:<br /></span>
-<span class="i0">Wie fern, ach! von mir abgewandt,<br /></span>
-<span class="i0">Wie tief, wie tief liegst du, mein Land.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">G. Schwab.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Karfreitag und Osterfest waren vorübergegangen, und
-Georg von Sturmfeder befand sich noch immer in Lichtenstein.
-Der Herr dieses Schlosses hatte ihn eingeladen, bei ihm zu
-verweilen, bis etwa der Krieg eine andere Wendung nehmen
-würde oder Gelegenheit da wäre, der Sache des Herzogs wichtige<span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span>
-Dienste zu leisten. Man kann sich denken, wie gerne der junge
-Mann diese Einladung annahm. Unter <em class="gesperrt">einem</em> Dach mit der
-Geliebten, immer in ihrer Nähe, oft ein Stündchen mit ihr
-allein, von ihrem Vater geliebt &ndash; er hatte in seinen kühnsten
-Träumen kein ähnliches Glück ahnen können. Nur eine Wolke
-trübte den Himmel der Liebenden, die düstere Wolke, die zuweilen
-auf der Stirne des Vaters lag. Es schien, als habe er
-nicht die besten Nachrichten von seinem Herzog und dem Kriegsschauplatz.
-Es kamen zu verschiedenen Tageszeiten Boten in die
-Burg, aber sie kamen und gingen, ohne daß der Ritter seinem
-Gast eröffnete, was sie gebracht haben. Einigemal glaubte
-Georg in der Abenddämmerung sogar den Pfeifer von Hardt
-über die Brücke schleichen zu sehen; er hoffte, von diesem vielleicht
-etwas erfahren zu können; er eilte hinab, um ihm zu begegnen,
-aber wenn er bis an die Brücke kam, war jede Spur
-von ihm verschwunden.</p>
-
-<p>Der junge Mann fühlte sich etwas beleidigt über diesen
-Mangel an Zutrauen, wie er es bei sich und in seinen Aeußerungen
-gegen Marie nannte. »Ich habe doch den Freunden des
-Herzogs mich ganz und gar angeboten, obgleich ihre Partie nicht
-viel Lockendes hat; der Mann in der Höhle und der Ritter
-von Lichtenstein bewiesen mir Freundschaft und Vertrauen,
-aber warum nur bis auf diesen Punkt? Warum darf ich nicht
-erfahren, wie es mit Tübingen steht? Warum nicht, wie der
-Herzog operiert, um sein Land wiederzuerobern? Bin ich nur
-zum Dreinschlagen gut? Verschmäht man mich im Rat?«</p>
-
-<p>Marie suchte ihn zu trösten. Es gelang oft ihren schönen
-Augen, ihren freundlichen Reden, ihn diese Gedanken vergessen
-zu lassen, aber dennoch kehrten sie in manchem Augenblicke
-wieder, und die sorgenvolle Miene des alten Herrn mahnte ihn
-immer an die Sache, welcher er beigetreten war.</p>
-
-<p>Am Abend des Osterfestes konnte er endlich dieses Stillschweigen
-nicht länger ertragen. Er fragte auf die Gefahr hin,
-für unbescheiden zu gelten, wie es mit dem Herzog und seinen
-Plänen stehe, ob man nicht auch seiner endlich einmal bedürfe?
-Aber der Ritter von Lichtenstein drückte ihm freundlich die Hand
-und sagte: »Ich sehe schon lange, wackerer Junge, wie es dir
-das Herz beinahe abdrücken will, daß du nicht teilnehmen kannst
-an unseren Mühen und Sorgen; aber gedulde dich noch einige
-Zeit, vielleicht nur <em class="gesperrt">einen</em> Tag noch, so wird sich manches entscheiden.
-Was soll ich dich mit ungewissen Nachrichten, mit
-traurigen Botschaften plagen? Dein heiterer Jugendsinn ist<span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span>
-nicht gemacht, bedächtlich in ein Gewebe von Bosheit zu schauen
-und die künstlich geschlungenen Fäden wieder los zu machen.
-Wenn die Entscheidung naht, dann, glaube mir, wirst du ein
-willkommener Genosse sein, bei Rat und Tat. Nur so viel
-brauchst du zu wissen, es steht mit unserer Sache weder schlimm
-noch gut; doch bald muß es sich entscheiden.«</p>
-
-<p>Der junge Mann sah ein, daß der Alte recht haben könne,
-und doch war er nichts weniger als zufrieden mit dieser Antwort.
-Auch erfuhr er den Namen des Geächteten nicht. Marie
-hatte ihn, als er in der nächsten Nacht ins Schloß gekommen
-war, gefragt, ob sie ihrem Gast seinen Namen nennen dürfe, er
-hatte nichts darauf gesagt, als: »Noch ist's nicht an der Zeit!«</p>
-
-<p>Noch ein dritter Umstand war es, der Georg beinahe beleidigend
-vorkam. Er hatte dem Herrn von Lichtenstein gesagt,
-wie sehr ihn der Mann in der Höhle angezogen habe, wie er
-nichts Erfreulicheres kenne, als recht oft in dessen Nähe zu sein,
-und dennoch hatte man ihn nie mit einem Wort eingeladen,
-eine Nacht mit dem geheimnisvollen Gaste zuzubringen. Er
-war zu stolz, sich aufzudrängen, er wartete von Nacht zu Nacht,
-ob man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu sprechen;
-es geschah nicht, er beschloß, wenigstens einmal uneingeladen
-zuzusehen, wie der Fremde in die Burg komme, und betrachtete
-sich deswegen die Gelegenheit genau. Seine Kammer, wohin
-er regelmäßig um acht Uhr geführt wurde, lag gegen das Tal
-hinaus, gerade entgegengesetzt der Seite, wo die Brücke über
-den Abgrund führte. Von hier war es also nicht möglich, ihn
-kommen zu sehen. Das große Zimmer im zweiten Stock, das
-nicht weit entfernt von seiner Kammer lag, wurde jede Nacht
-abgeschlossen, von dort aus konnte er also auch nicht hinabsehen.
-Auf dem Vorplatz, der die Kammern umher und den Saal verband,
-gingen zwar zwei Fenster gegen die Brücke hinaus, sie
-waren aber vergittert und hoch, so daß man zwar ins Freie hinüber,
-aber nicht hinab auf die Brücke sehen konnte.</p>
-
-<p>Es blieb ihm daher nichts übrig, als sich irgendwo zu verbergen,
-wenn er den nächtlichen Besuch sehen wollte. Im ersten
-Stock war dies nicht möglich, weil dort so viele Leute wohnten,
-daß er leicht entdeckt werden konnte. Doch als er den Torweg
-und die Ställe musterte, die unter dem Schloß in den Felsen gehauen
-waren, bemerkte er an der Zugbrücke eine Nische, die
-von den Torflügeln bedeckt wurde, welche man nur, wenn der
-Feind vor den Toren war, verschloß. Dies war der Ort, der
-ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewähren schien,<span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span>
-um zu beobachten, was um ihn her vorging. Links vor der
-Nische schloß sich die Zugbrücke an das Tor, rechts war die
-Treppe, die hinaufführte, vor ihm der Torweg, den jeder gehen
-mußte, der ins Schloß kam. Dorthin beschloß er in der kommenden
-Nacht sich zu schleichen.</p>
-
-<p>Um acht Uhr kam der Knappe mit der Lampe, um ihm wie
-gewöhnlich ins Bett zu leuchten. Der Herr des Schlosses und
-seine Tochter sagten ihm freundlich gute Nacht. Er stieg hinan
-in seine Kammer, er entließ den Knecht, der ihn sonst entkleidete,
-und warf sich angekleidet auf das Bette. Er lauschte auf jeden
-Glockenschlag, den die Nachtluft aus dem Dorf hinter dem Walde
-herübertrug. Oft schlossen sich seine Augen, oft schwebte er
-schon auf jener unsicheren Grenze zwischen Wachen und Schlafen,
-wo sich die Seele nur mit ermatteten Kräften gegen die Bande
-des Schlummers sträubt, aber immer wieder rang er sich los,
-wenn seine Gedanken klar genug waren, um ihm seinen Zweck
-ins Gedächtnis zurückzuführen.</p>
-
-<p>Zehn Uhr war längst vorüber. Die Burg war still und
-tot, Georg raffte sich auf, zog die schweren Sporen und Stiefel
-ab, hüllte sich in seinen Mantel und öffnete behutsam die Türe
-seiner Kammer. Er hielt den Atem an, um sich nicht durch
-Schnauben zu verraten, die Angeln seiner Türe knarrten, er
-hielt an, er lauschte, ob niemand diese verräterischen Töne gehört
-habe. Es blieb alles still. Der Mond fiel in mattem
-Schein auf den Vorplatz. Georg pries sich glücklich, daß ihn
-dieses trügerische Licht nicht zum zweitenmal verraten werde.
-Er schlich weiter an die Wendeltreppe. Noch einmal hielt er
-an, um zu lauschen, ob alles stille sei. Er hörte nichts als das
-Sausen des Windes und das Rauschen der Eichen über der Brücke.
-Er stieg behutsam hinab. In der Stille der Nacht tönt alles
-lauter, und Dinge erwecken die Aufmerksamkeit, die man am
-Tage nicht beachtet hätte. Wenn Georgs Fuß auf ein Sandkörnchen
-trat, so rauschte es auf der gewöhnlichen Wendeltreppe,
-daß er erschrak und glaubte, man müsse es im ganzen Hause gehört
-haben. Er kam an dem ersten Stock vorüber. Er lauschte,
-er hörte niemand, aber aus dem Herd in der Küche flackerte ein
-lustiges Feuer. Jetzt war er unten. Zu dem Weg von seiner
-Kammer bis zum Tor, den er sonst in einem Augenblicke zurücklegte,
-hatte er eine Viertelstunde verwandt.</p>
-
-<p>Er stellte sich in die Nische und zog den Torflügel noch
-näher zu sich her, so daß er völlig von ihm bedeckt war. Eine
-Spalte in der Türe war groß genug, daß er durch sie alles beobachten<span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span>
-konnte. Noch war alles still im Schloß. Nur flüchtige
-Schritte glaubte er über sich zu vernehmen, es war wohl Marie,
-die geschäftig hin und her ging.</p>
-
-<p>Nach einer tödlichen langen Viertelstunde schlug es im
-Dorfe elf Uhr. Dies war die Zeit des nächtlichen Besuches,
-Georg schärfte sein Ohr, um zu vernehmen, wann er komme.
-Nach wenigen Minuten hörte er oben den Hund anschlagen,
-zugleich rief über dem Graben eine tiefe Stimme: »Lichtenstein!«</p>
-
-<p>»Wer da?« fragte man aus der Burg.</p>
-
-<p>»Der Mann ist da!« antwortete jene Stimme, die Georg
-von seinem Besuche in der Höhle so wohl bekannt war.</p>
-
-<p>Ein alter Mann, der Burgwart, kam aus einer Kasematte,
-die in den Grundfelsen gehauen war. Er öffnete mit einem
-wunderlich geformten Schlüssel das Schloß der Zugbrücke. Indem
-er noch damit beschäftigt war, stürzte in großen Sprüngen
-der Hund die Treppe herab, er winselte, er wedelte mit dem
-Schwanz, er hüpfte an dem Burgwart hinauf, als wolle er ihm
-behilflich sein, die Brücke für seinen Herrn herabzulassen. Und
-jetzt kam auch Marie, sie trug ein Windlicht und leuchtete damit
-dem Alten, der mit seinem Aufschließen nicht zurechtzukommen
-schien.</p>
-
-<p>»Spute dich, Balthasar!« flüsterte sie. »Er wartet schon
-eine gute Weile, und draußen ist's kalt, und es weht ein garstiger
-Wind.«</p>
-
-<p>»Jetzt nur noch die Kette los, gnädiges Fräulein,« antwortete
-er, »dann sollt Ihr gleich sehen, wie schön meine Brücke
-fällt. Ich habe auch, wie Ihr befohlen habt, die Fugen mit
-Oel geschmiert, daß sie nicht mehr knarren und die Frau Rosel
-aus ihrem sanften Schlaf aufwecken.«</p>
-
-<p>Die Ketten rauschten in die Höhe, die Brücke senkte sich
-langsam nach außen und legte sich über den Abgrund. Der
-Mann aus der Höhle, in seinen groben Mantel eingehüllt,
-schritt herüber. Georg hatte sich das Bild dieses Mannes tief
-ins Herz geprägt, und doch überraschten ihn aufs neue seine
-auffallend kühnen Züge, sein gebietendes Auge, seine freie
-Stirne, das Kräftige, Gewaltige in seinen Bewegungen.</p>
-
-<p>Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und
-noch lange Jahre bewahrte Georg die Erinnerung an diese
-Gruppe. Die schlanke Gestalt der Geliebten, das dunkle Haar,
-dessen Flechten aufgegangen waren und nun um den zierlichen<span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span>
-Hals herabströmten, die blendende Stirne, das sinnige, blaue
-Auge, dem die langen, dunklen Wimpern und die schöngeschwungenen
-Bogen der Brauen einen eigentümlichen Reiz gaben, der
-kleine rote Mund, die zarte Farbe ihrer Wangen, dies alles
-überstrahlt von dem Lichte, das sie in der Hand hielt, bewirkte,
-daß Georg glaubte, die Geliebte nie so reizend gesehen zu
-haben als in diesem Augenblick, wo der Kontrast gegen die
-scharfen, kräftigen Formen des Mannes, der neben ihr stand,
-ihr zartes, liebliches Wesen noch mehr hervorhob.</p>
-
-<p>Der nächtliche Gast half mit beinahe übermenschlicher Kraft
-dem alten Pförtner die Brücke wieder aufziehen. Dann zog
-sich der Alte zurück, und Georg vernahm folgendes Gespräch:</p>
-
-<p>»Ist Nachricht da von Tübingen? Ist Marx Stumpf
-zurück? Ich lese Unglück in Euren Mienen!«</p>
-
-<p>»Nein, Herr, er ist noch nicht zurück,« sagte Marie, »der
-Vater erwartet ihn aber noch diese Nacht.«</p>
-
-<p>»Daß ihm der Teufel Füße mache! Ich muß warten, bis
-er kommt, und sollte es Tag darüber werden. &ndash; Hu! <em class="gesperrt">eine
-kalte Nacht</em>, Fräulein,« sagte der Geächtete, »meine Schuhu
-und Käuzlein in der Nebelhöhle muß es auch gewaltig frieren,
-denn sie schrieen und jammerten in kläglichen Tönen, als ich
-heraufstieg.«</p>
-
-<p>»Ja, es ist kalt,« antwortete sie, »um keinen Preis möchte
-ich mit Euch hinabsteigen. Und wie schauerlich muß es sein,
-wenn die Käuzlein schreien. Mir graut, wenn ich nur daran
-denke.«</p>
-
-<p>»Wenn Junker Georg Euch begleitete, ginget Ihr doch
-mit,« erwiderte jener lächelnd, indem er das errötende Gesicht
-des Mädchens am Kinn ein wenig in die Höhe hob. »Nicht
-wahr, mit <em class="gesperrt">dem</em> ginget Ihr in die Hölle? Was das für eine
-Liebe sein muß! Weiß Gott, Euer Mund ist ganz wund. Gar
-zu arg müßt Ihr es doch nicht machen mit Küssen.«</p>
-
-<p>»Ach, Herr!« flüsterte Marie, indem sich aufs neue eine
-dunkle Röte über die zarten Wangen goß; »wie mögt Ihr nur
-so sprechen? Wißt Ihr, daß ich gar nicht mehr herabkomme,
-Euch gar nicht mehr koche, wenn Ihr so von mir und dem Junker
-denket?«</p>
-
-<p>»Nun, einen Scherz müßt Ihr mir schon gelten lassen,«
-sagte der Ritter und kniff sie in die errötenden Wangen; »ich
-habe ja in meiner Behausung da unten so wenig Zeit und Gelegenheit<span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span>
-zum Scherzen. Aber was gebt Ihr mir, wenn ich
-für den Junker ein gutes Wort einlege beim Vater, daß
-er ihn Euch zum Mann gibt? Ihr wißt, der Alte tut, was ich
-haben will, und wenn ich ihm einen Schwiegersohn empfehle,
-nimmt er ihn unbesehen.«</p>
-
-<p>Marie schlug die schönen Augen auf und sah ihn mit freundlichen
-Blicken an. »Gnädiger Herr,« antwortete sie, »ich will
-es Euch nicht wehren, wenn Ihr für Georg ein gutes Wort
-sprechet; übrigens ist ihm der Vater schon sehr gewogen.«</p>
-
-<p>»Ich frage, was ich für ein gutes Wort bekomme? Alles
-hat seinen Preis. Nun, was wird mir dafür?«</p>
-
-<p>Marie schlug die Augen nieder. »Ein schöner Dank,« sagte
-sie; »aber kommt, Herr, der Vater wird schon längst auf uns
-warten.«</p>
-
-<p>Sie wollte vorangehen, der Geächtete aber ergriff ihre
-Hand und hielt sie auf. Georgs Herz pochte beinahe hörbar,
-es wurde ihm bald heiß, bald kalt, er faßte den Torflügel und
-wäre nahe daran gewesen, diese Fürsprache um einen fixen
-Preis zu verbitten.</p>
-
-<p>»Warum so eilig?« hörte er den Mann der Höhle sagen.
-»Nun, sei es um ein Küßchen, so will ich loben und preisen,
-daß dein Vater sogleich den Pfaffen holen läßt, um das heilige
-Sakrament der Ehe an euch zu vollziehen.« Er senkte sein Haupt
-gegen Marie herab, Georg schwindelte es vor den Augen, er war
-im Begriff, aus seinem Hinterhalt hervorzubrechen; das Fräulein
-aber sah jenen Mann mit einem strafenden Blick an. »Das
-kann unmöglich Euer Gnaden Ernst sein,« sagte sie, »sonst hättet
-Ihr mich zum letztenmal gesehen.«</p>
-
-<p>»Wenn Ihr wüßtet, wie erhaben und schön Euch dieser
-Trotz steht,« sagte der Ritter mit unerschütterlicher Freundlichkeit,
-»Ihr ginget den ganzen Tag im Zorn und in der Wut
-umher. Uebrigens habt Ihr recht, wenn man schon einen andern
-so tief im Herzen hat, darf man keine solche Gunst mehr ausspenden.
-Aber feurige Kohlen will ich auf Euer Haupt sammeln,
-ich will dennoch den Fürsprecher machen und an Eurem
-Hochzeitstag will ich bei Eurem Liebsten um einen Kuß anhalten,
-dann wollen wir sehen, wer recht behält.«</p>
-
-<p>»Das könnet Ihr!« sagte Marie, indem sie ihm lächelnd
-ihre Hand entzog und mit dem Licht voranging; »aber machet
-Euch immer auf eine abschlägige Antwort gefaßt, denn über
-diesen Punkt spaßt er nicht gerne.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, er ist verdammt eifersüchtig,« entgegnete der Ritter
-im Weiterschreiten. »Ich könnte Euch davon eine Geschichte
-erzählen, die mir selbst mit ihm begegnet ist; aber ich habe versprochen
-zu schweigen.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ihre Stimmen entfernten sich immer mehr und wurden
-undeutlicher. Georg schöpfte wieder freier Atem. Er lauschte
-und harrte noch in seiner Nische, bis er niemand mehr auf den
-Treppen und Gängen hörte. Dann verließ er seinen Platz
-und schlich nach seiner Kammer zurück. Die letzten Worte
-Mariens und des Geächteten lagen noch in seinen Ohren. Er
-schämte sich seiner Eifersucht, die ihn auch in dieser Nacht
-wieder unwillkürlich hingerissen hatte, wenn er bedachte, in
-welch unwürdigem Verdacht er die Geliebte gehabt und wie rein
-sie in diesem Augenblick vor ihm gestanden sei. Er verbarg
-sein errötendes Gesicht tief in den Kissen, und erst spät entführte
-ihn der Schlummer diesen quälenden Gedanken.</p>
-
-<p>Als er am andern Morgen in die Herrenstube hinabging,
-wo sich um sieben Uhr gewöhnlich die Familie zum Frühstück
-versammelte, kam ihm Marie mit verweinten Augen entgegen.
-Sie führte ihn auf die Seite und flüsterte ihm zu: »Tritt leise
-ein, Georg! Der Ritter aus der Höhle ist im Zimmer. Er ist
-vor einer Stunde ein wenig eingeschlummert. Wir wollen ihm
-diese Ruhe gönnen!«</p>
-
-<p>»Der Geächtete!« fragte Georg staunend, »wie kann er es
-wagen, noch bei Tag hier zu sein? Ist er krank geworden?«</p>
-
-<p>»Nein!« antwortete Marie, indem von neuem Tränen in
-ihren Wimpern hingen; »nein! Es muß in dieser Stunde
-noch ein Bote von Tübingen anlangen, und diesen will er erwarten.
-Wir haben ihn gebeten, beschworen, er möchte doch
-vor Tag hinabgehen, er hat nicht darauf gehört. Hier will er
-ihn erwarten.«</p>
-
-<p>»Aber könnte denn der Bote nicht auch in die Höhle hinabkommen?«
-warf Georg ein. »Er setzt sich ja umsonst dieser Gefahr
-aus.«</p>
-
-<p>»Ach, du kennst ihn nicht, das ist sein Trotz; wenn er sich
-einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, so geht er nicht mehr
-davon ab, und nur zu leicht wird er mißtrauisch; deswegen
-konnten wir ihm nicht sehr zureden, wegzugehen; er hätte glauben
-können, wir tun es nur wegen uns. Sein Hauptgrund zu
-bleiben ist, daß er sich gleich mit dem Vater beraten will, sobald
-er Nachricht bekommt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span></p>
-
-<p>Sie waren während dieser Rede an die Türe der Herrenstube
-gekommen, Marie schloß so leise als möglich auf und trat
-mit Georg ein.</p>
-
-<p>Die Herrenstube unterschied sich von dem großen Gemach
-im obern Stock nur dadurch, daß sie kleiner war. Auch sie hatte
-die Aussicht nach drei Seiten, durch Fenster mit kleinen runden
-Scheiben, durch welche sich die Morgensonne in vielfarbigen
-Strahlen brach. Decke und Wände umzog ein Getäfel von
-schwarzbraunem Holz, mit farbigen Hölzern kunstreich ausgelegt.
-Einige Ahnenbilder der Lichtensteiner schmückten die
-Wand, welche keine Fenster hatte, und Tische und Gerätschaften
-zeigten, daß der Ritter von Lichtenstein ein Freund alter Sitten
-und Zeiten sei und seinen Hausrat, wie er ihn vom Großvater
-empfangen hatte, auch auf die Tochter vererben wolle. Vor
-einem großen Tisch in der Mitte des Zimmers saß der Herr
-des Schlosses. Er hatte sein Kinn mit dem langen Bart auf
-die Hand gestützt und schaute finster und regungslos in einen
-Becher, der vor ihm stand. Die Weinkannen und Deckelkrüge
-auf dem Tisch, der Becher vor dem alten Herrn machte, daß
-man ungewiß war, ob er die Nacht beim Becher zugebracht
-habe, oder ob er so frühe am Tage sich durch einen guten Trunk
-Kräfte sammeln wolle.</p>
-
-<p>Er grüßte seinen jungen Gast, als dieser an den Tisch zu
-ihm getreten war, durch ein leichtes Neigen des Hauptes, indem
-ein kaum bemerkliches Lächeln um seinen Mund zog. Er wies
-auf einen Becher und einen Stuhl zu seiner Seite. Marie
-verstand den Wink, schenkte einen Becher voll und kredenzte
-ihn dem Geliebten mit jener holden Anmut, die allem, was sie
-tat, einen eigentümlichen Stempel aufdrückte. Georg setzte sich
-an die Seite des Alten und trank.</p>
-
-<p>Dieser rückte ihm näher und flüsterte ihm mit heiserer
-Stimme zu: »Ich fürchte, es steht schlimm!«</p>
-
-<p>»Habt Ihr Nachricht?« fragte Georg ebenso heimlich.</p>
-
-<p>»Ein Bauer sagte mir heute früh, gestern abend haben die
-Tübinger mit dem Bunde gehandelt.«</p>
-
-<p>»Gott im Himmel!« rief Georg unwillkürlich aus.</p>
-
-<p>»Seid still und weckt ihn nicht! Er wird es nur zu frühe
-erfahren,« entgegnete ihm jener, indem er auf die andere Seite
-der Stube deutete.</p>
-
-<p>Georg sah dorthin. An einem Fenster der Seite, die gegen
-den jähen Abgrund liegt, saß der geächtete Mann. Er hatte
-den Arm auf das Sims gestützt, die sorgenvolle Stirne, das<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span>
-vom Wachen müde Auge lag in der tapfern Hand &ndash; er schlummerte.
-Sein grauer Mantel war über die Schulter herabgefallen
-und ließ ein abgetragenes, unscheinbares Lederkoller
-sehen, in das die kräftige Gestalt gehüllt war. Sein krauses
-Haar fiel nachlässig um die Schläfe, und einige Büsche des gerollten
-Bartes quollen unter der Hand hervor.</p>
-
-<p>Zu seinen Füßen lag sein großer Hund; er hatte seinen
-Kopf auf den Fuß seines Herrn gelegt, seine treuen Augen
-hingen teilnehmend an dem Haupt des Geächteten.</p>
-
-<p>»Er schläft,« sagte der Alte und zerdrückte eine Träne in
-den Augen. »Die Natur fordert die Schuld an den Körper und
-umhüllt die Seele mit einem wohltätigen Schleier. Er atmet
-leicht. O daß es beruhigende Träume wären, die ihm vorschweben!
-Die Wirklichkeit ist so traurig, wer sollte ihm nicht
-wünschen, daß er sie im Traume vergißt!«</p>
-
-<p>»Es ist ein hartes Schicksal!« erwiderte Georg, indem er
-wehmütig auf den Schlafenden blickte. »Vertrieben von Haus
-und Hof, geächtet, in die Wüste hinausgejagt! Sein Leben
-jedem Buben preisgegeben, der in der Ferne seinen Bolz auf
-ihn anlegt! Bei Tag unter der Erde, bei Nacht wie ein Dieb
-umherschleichen zu müssen! Wahrlich, es ist hart! Und dies
-alles, weil er seinem Herrn treu war und jene Bündler nach
-seinen Gütern gelüsteten.«</p>
-
-<p>»Der Mann dort hat manches verfehlt in seinem Leben,«
-sprach der Ritter von Lichtenstein mit tiefem Ernst. »Ich habe
-ihn beobachtet seit den Tagen seiner Kindheit bis zu dieser
-Stunde; ich kann ihm das Zeugnis geben, er hat das Gute und
-Rechte gewollt. Zuweilen waren die Mittel falsch, die er anwandte,
-zuweilen verstand man ihn nicht, zuweilen ließ er sich
-von der Hitze der Leidenschaft hinreißen &ndash; aber wo lebt der
-Mensch, von dem man dies nicht sagen könnte? Und wahrlich,
-er hat es grausam gebüßt!« Er hielt inne, als hätte er schon
-mehr gesagt, als er sagen wollte, und umsonst suchte Georg über
-den Vertriebenen mehr zu erfahren. Der Alte versank in
-Stillschweigen und tiefes Sinnen.</p>
-
-<p>Die Sonne war über die Berge heraufgekommen, die Nebel
-fielen, Georg trat ans Fenster, die herrliche Aussicht zu genießen.
-Unter dem Felsen von Lichtenstein, wohl dreihundert
-Klafter tief, breitet sich ein liebliches Tal aus, begrenzt von
-waldigen Höhen, durchschnitten von einem eilenden Waldbach.
-Drei Dörfer liegen freundlich in der Tiefe. Dem Auge, das in<span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span>
-dieses Tal hinabsieht, ist es, als schaue es aus dem Himmel auf
-die Erde. Steigt das Auge vom tiefen Tale aufwärts an den
-waldigen Höhen, so begegnet es malerisch gruppierten Felsen
-und den Bergen der Alb; hinter dem Bergrücken steigt die
-Burg Achalm hervor und begrenzt die Aussicht in der Nähe.
-Aber vorbei an den Mauern von Achalm dringt rechts und links
-das Auge tiefer ins Land. Der Lichtenstein liegt den Wolken
-so nahe, daß er Württemberg überragt. Bis hinab ins tiefste
-Unterland können frei und ungehindert die Blicke streifen. Entzückend
-ist der Anblick, wenn die Morgensonne ihre schrägen
-Strahlen über Württemberg sendet. Da breiten sich diese herrlichen
-Gefilde wie ein bunter Teppich vor dem Auge aus. In
-dunklem Grün, in kräftigem Braun der Berge beginnt es, alle
-Farben und Schattierungen sind in diesem wundervollen Gewebe,
-das in lichtem Blau sich endlich mit der Morgenröte verschmilzt.
-Welche Ferne von Lichtenstein bis Asperg, und welches
-Land dazwischen! Es ist kein Flachland, keine Ebene.
-Viele Strömungen von Hügeln und Bergen ziehen sich hinauf
-und herunter, und von Hügeln zu Hügeln, welche breite Täler
-und Ströme in ihrem Schoße bergen, hüpft das Auge zu dem
-fernen Horizont.</p>
-
-<p>Georg betrachtete bewundernd. Er strengte seine Augen
-mehr und mehr an, er suchte in die Weite zu dringen und jedes
-Schloß, jedes Dorf in der weiten Aussicht zu unterscheiden.
-Marie stand neben ihm. Sie teilte seine Bewunderung, obgleich
-sie seit ihrer frühesten Kindheit dieses Schauspiel genossen.
-Sie zeigte ihm flüsternd jeden Fleck, sie wußte ihm
-jede Turmspitze zu nennen. »Wo ist eine Stelle in deutschen
-Landen,« sprach Georg, in diesen Anblick versunken, »die sich
-mit dieser messen könnte! Ich habe Ebenen gesehen und Höhen
-erstiegen, von wo das Auge noch weiter dringt, aber diese lieblichen
-Gefilde zeigen sie nicht. So reiche Saaten, Wälder von
-Obst, und dort unten, wo die Hügel bläulicher werden, ein
-Garten von Wein! Ich habe noch keinen Fürsten beneidet,
-aber hier stehen zu können, hinaus zu blicken von dieser Höhe
-und sagen zu können, diese Gefilde sind <em class="gesperrt">mein</em>!«</p>
-
-<p>Ein tiefer Seufzer in ihrer Nähe schreckte Marien und
-Georg aus ihren Betrachtungen auf. Sie sahen sich um, wenige
-Schritte von ihnen stand im Fenster der Geächtete und blickte
-mit trunkenen, glänzenden Blicken über das Land hin, und
-Georg war ungewiß, ob jene Worte oder das Andenken an sein
-Unglück die Brust dieses Mannes bewegt hatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span></p>
-
-<p>Er begrüßte Georg und reichte ihm die Hand. Dann
-wandte er sich zu dem Herrn des Schlosses und fragte, ob
-noch immer keine Botschaft da sei? »Der von Schweinsberg
-ist noch nicht zurück,« antwortete dieser.</p>
-
-<p>Der Geächtete trat schweigend an das Fenster zurück und
-schaute in die Ferne. Marie füllte ihm einen Becher. »Seid
-getrosten Mutes, Herr,« sagte sie, »schauet nicht mit so finstern
-Blicken auf das Land. Trinket von diesem Wein, er ist gut
-württembergisch und wächst dort unten an jenen blauen Bergen.«</p>
-
-<p>»Wie kann man traurig bleiben,« antwortete er, indem er
-sich wehmütig lächelnd zu Georg wandte, »wenn über Württemberg
-die Sonne so schön aufgeht und aus den Augen einer
-Württembergerin ein so milder, blauer Himmel lacht? Nicht
-wahr, Junker, was sind diese Berge und Täler, wenn uns solche
-Augen, solche treue Herzen bleiben? Nehmt Euren Becher und laßt
-uns darauf trinken! So lange wir Land besitzen in den Herzen,
-ist nichts verloren: ›<em class="gesperrt">Hie gut Württemberg allezeit</em>‹«.<a id="FNanchor_35_36"></a><a href="#Footnote_35_36" class="fnanchor">[35]</a></p>
-
-<p>»Hie gut Württemberg allezeit,« erwiderte Georg und stieß
-an. Der Geächtete wollte noch etwas hinzusetzen, als der alte
-Burgwart mit wichtiger Miene hereintrat. »Es sind zwei
-Krämer vor der Burg,« meldete er, »und begehren Einlaß.«</p>
-
-<p>»Sie sind's, sie sind's,« riefen in einem Augenblick der Geächtete
-und Lichtenstein. »Führ' sie herauf.«</p>
-
-<p>Der alte Diener entfernte sich. Eine bange Minute folgte
-dieser Meldung. Alle schwiegen, der Ritter von Lichtenstein
-schien mit seinen feurigen Augen die Türe durchbohren, der Geächtete
-seine Unruhe verbergen zu wollen, aber die schnelle Röte
-und Blässe, die auf seinen ausdrucksvollen Zügen wechselte,
-zeigten, wie die Erwartung dessen, was er hören werde, sein
-ganzes Wesen in Aufruhr brachte. Endlich vernahm man
-Schritte auf der Treppe, sie näherten sich dem Gemach. Der
-gewaltige Mann zitterte, daß er sich am Tisch halten mußte,
-seine Brust war vorgebeugt, sein Auge hing starr an der Türe,
-als wolle er in den Mienen der Kommenden sogleich Glück oder
-Unglück lesen &ndash; jetzt ging die Türe auf.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap25">25.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;Wie du nun so ganz<br /></span>
-<span class="i0">Verlassen dastehst und so ganz entblößt,<br /></span>
-<span class="i0">Und wie nun ich, dein einz'ger Lehensmann,<br /></span>
-<span class="i0">Der einz'ge bin, der dich noch Herzog nennt,<br /></span>
-<span class="i0">Und wie nun mir allein die Ehre bleibt,<br /></span>
-<span class="i0">Dir Dienst zu leisten bis zum letzten Hauch.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Uhland.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Auch Georg hatte erwartungsvoll hingesehen. Er musterte
-mit schnellem Blick die Eintretenden; in dem einen erkannte er
-sogleich den Pfeifer von Hardt, der andere war &ndash; jener Krämer,
-den er in der Herberge von Pfullingen gesehen hatte. Der
-letztere warf einen Pack, den er auf dem Rücken getragen, ab,
-riß das Pflaster weg, womit er ein Auge bedeckt hatte, richtete
-sich aus seiner gebückten Stellung auf und stand nun als ein
-untersetzter, stark gebauter Mann mit offenen, kräftigen Zügen
-vor ihnen.</p>
-
-<p>»Marx Stumpf!« rief der Geächtete mit dumpfer Stimme,
-»wozu diese finstere Stirne? Du bringst uns gute Botschaft,
-nicht wahr, sie wollen uns das Pförtchen öffnen, sie wollen mit
-uns aushalten bis auf den letzten Mann?«</p>
-
-<p>Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekümmerten
-Blick auf ihn. »Machet Euch auf Schlimmes gefaßt, Herr!«
-sagte er. »Die Botschaft ist nicht gut, die ich bringe.«</p>
-
-<p>»Wie,« entgegnete jener, indem die Röte des Zornes über
-seine Wangen flog und die Ader auf seiner Stirne sich zu heben
-begann, »wie, du sagst, sie zaudern, sie schwanken? Es ist nicht
-möglich, sieh dich wohl vor, daß du nichts Uebereiltes sagst; es
-ist der Adel des Landes, von dem du sprichst.«</p>
-
-<p>»Und dennoch sage ich es,« antwortete Schweinsberg, indem
-er einen Schritt weiter vortrat; »im Angesichte vor Kaiser
-und Reich will ich es sagen, sie sind Verräter.«</p>
-
-<p>»Du lügst!« schrie der Vertriebene mit schrecklicher Stimme.
-»Verräter, sagst du? Du lügst! Wie wagst du es, vierzig
-Ritter ihrer Ehre zu berauben? Ha! gestehe, du lügst!«</p>
-
-<p>»Wollte Gott, ich allein wäre ein Ritter ohne Ehre, ein
-Hund, der seinen Herrn verläßt; aber alle vierzig haben ihren
-Eid gebrochen, Ihr habt Euer Land verloren, Herr Herzog!
-Tübingen ist über.«</p>
-
-<p>Der Mann, dem diese Rede galt, sank auf einen Stuhl am
-Fenster; er bedeckte sein Gesicht mit den Händen, seine Brust hob<span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span>
-und senkte sich, als suche sie vergeblich nach Atem, und seine
-Arme zitterten.</p>
-
-<p>Die Blicke aller hingen gerührt und schmerzlich an ihm,
-vor allen Georgs; denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs
-das Dunkel erhellt, in welchem ihm bisher dieser Mann
-erschienen war. Er war es selbst, es war Ulrich von Württemberg!
-In einem schnellen Fluge zog es an seiner Seele vorüber,
-wie er diesen Gewaltigen zuerst getroffen, wie er ihn tief
-in der Erde Schoß besucht, welche Worte jener zu ihm gesprochen,
-wie sein ganzes Wesen ihn schon damals überrascht und
-angezogen hatte; es war ihm unbegreiflich, daß er nicht längst
-schon von selbst auf diese Entdeckung gekommen war.</p>
-
-<p>Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu
-brechen. Man hörte nur die tiefen Atemzüge des Herzogs und
-das Winseln seines treuen Hundes, der sein Unglück zu kennen
-und zu teilen schien. Endlich winkte Lichtenstein dem Ritter
-von Schweinsberg, sie traten zu Ulrich, sie faßten sein Gewand
-und schienen ihn erwecken zu wollen; er blieb unbeweglich und
-stumm. Marie hatte weinend in der Ferne gestanden, sie nahte
-sich jetzt mit unsicheren, zagenden Schritten, sie legte ihre schöne
-Hand auf seine Schulter, sie blickte ihn lange an, sie faßte sich
-endlich ein Herz und flüsterte: »Herr Herzog! hie ist noch gut
-Württemberg alleweg!«</p>
-
-<p>Ein tiefer Seufzer löste sich aus seiner gepreßten Brust,
-aber seine Hände drückten sich fester auf die Augen, er sah nicht
-auf. Jetzt nahte auch Georg. Unwillkürlich kam ihm der heldenmütige
-Ausdruck dieses Mannes in die Seele, jene gebietende
-Erhabenheit, die er ihm, als er ihn zum erstenmal gesehen, gezeigt
-hatte; jedes Wort, das er damals gesprochen, kehrte wieder,
-und der junge Mann wagte es, zu ihm zu sprechen:
-»Warum so kleinmütig, Mann ohne Namen: <em class="antiqua">Si fractus illabatur
-orbis, impavidum ferient ruinae!</em>«</p>
-
-<p>Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulrich von Württemberg.
-Sei es dieser sein Wahlspruch, sei es jene Mischung
-von Seelengröße, Trotz und wahrer Erhabenheit über das
-Unglück, was ihm bei seinen Zeitgenossen den Namen des »<em class="gesperrt">Unerschrockenen</em>«
-erwarb &ndash; er zeigte sich von diesem Augenblick
-an seines Namens würdig.</p>
-
-<p>»Das war das rechte Wort, mein junger Freund,« sprach
-er zur Verwunderung aller mit fester Stimme, indem er seine
-Hände sinken ließ, sein Haupt stolzer aufrichtete und das alte
-kriegerische Feuer aus seinen Augen loderte; »das war das<span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span>
-rechte Wort. Ich danke dir, daß du mir es zugerufen. Tretet
-vor, Marx Stumpf, Ritter von Schweinsberg, und berichtet
-mir über Eure Sendung. Doch reiche mir zuvor einen Becher,
-Marie!«</p>
-
-<p>»Es war letzten Donnerstag, daß ich Euch verließ,« hob
-der Ritter an; »Hans steckte mich in diese Kleidung und zeigte
-mir, wie ich mich zu benehmen habe. In Pfullingen kehrte ich
-ein, um zu probieren, ob man mich nicht kenne, aber die Wirtin
-gab mir so gleichgültig einen Schoppen, als habe sie den Ritter
-Stumpf in Ihrem Leben nie gesehen, und ein Ratsherr, den ich
-noch vor acht Tagen tüchtig ausgescholten hatte, trank mit mir,
-als hätte ich zeitlebens den Kram auf dem Rücken getragen.
-Der junge Herr dort war auch in der Schenke.«</p>
-
-<p>Der Herzog schien sich an dieser Erzählung zu zerstreuen;
-munterer, als man bei so großem Unglück hätte denken sollen,
-fragte er: »Nun, Georg, du hast ihn gesehen; sah er so recht aus
-wie ein schäbiger, filziger Krämer? Wie?«</p>
-
-<p>»Ich denke, er hat seine Rolle gut gespielt,« antwortete
-der junge Mann lächelnd.</p>
-
-<p>»Von Pfullingen zog ich abends noch fürbaß bis nach Reutlingen.
-Dort war in der Weinstube ein ganzer Trieb Bündischer:
-Augsburger, Nürnberger, Ulmer, alle mögliche Städtler,
-und jubilierten mit den Reutlingern, daß man die Hirschgeweihe
-wieder von ihrem Wappen genommen, die Ihr ihnen
-aufgesetzt habt. Sie schimpften und sangen Spottlieder über
-Euch, die bewiesen, wie sehr sie Euch noch immer fürchten. Am
-Karfreitag früh ging ich nach Tübingen, das Herz pochte mir,
-als ich das Burgholz herunterkam und das schöne Neckartal
-vor meinen Blicken lag, und die festen Türme und Zinnen von
-Tübingen vom Berg herüberragten.«</p>
-
-<p>Der Herzog preßte die Lippen zusammen, wandte sich ab
-und sah hinaus ins Weite. Der von Schweinsberg hielt inne
-und blickte teilnehmend auf seinen Herrn, doch jener winkte ihm,
-fortzufahren.</p>
-
-<p>»Ich stieg hinab ins Tal und wandelte weiter nach Tübingen.
-Die Stadt war schon seit vielen Tagen von den Bündischen
-besetzt, und nur wenige Truppen standen mehr im Lager, das
-sie über dem Ammertal auf dem Berge geschlagen hatten. Ich
-beschloß, mich in die Stadt zu schleichen und hinzuhorchen, wie
-es mit dem Schloß stehe, ehe denn ich auf dem geheimen Wege
-zur Besatzung ginge. Ihr kennet die Herberge in der obern
-Stadt, nicht weit von der St. Georgenkirche; dort trat ich ein<span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span>
-und setzte mich zum Weine. Die bündischen Ritter, so erfuhr
-ich unterwegs, kehrten oft dort ein, daher schien mir dies der
-beste Platz zu meinem Zweck.«</p>
-
-<p>»Ihr wagtet viel,« unterbrach ihn Herr von Lichtenstein;
-»wie leicht konnten Leute da sein, die Euch abkaufen wollten,
-und da wäre der Krämer bald entdeckt gewesen!«</p>
-
-<p>»Ihr vergeßt, daß es Festtag war,« entgegnete jener, »ich
-hatte also guten Grund, mein Bündel nicht auszupacken und
-anzupreisen nach Krämersitte. Doch so leicht wäre ich wohl nicht
-entdeckt worden, habe ich doch an Georg von Frondsberg ein
-Büchslein mit Wundbalsam verkauft! Weiß Gott, ich hätte
-lieber mit ihm gestritten, daß er es gleich hätte brauchen können.
-&ndash; Es war noch das Hochamt in der Kirche, daher war niemand
-in der Herberge; vom Wirt aber erfuhr ich, daß die Ritter im
-Schloß einen Waffenstillstand bis Ostermontag früh gemacht
-haben. Als die Kirche aus war, kamen richtig, wie ich mir
-gedacht hatte, viele Ritter und Herren in die Herberge zum
-Frühtrunk. Ich setzte mich in einen Winkel auf die Ofenbank,
-wie es armen Leuten geziemt in Gegenwart so großer Herren.«</p>
-
-<p>»Wen sahst du dort?« fragte der Herzog.</p>
-
-<p>»Ich kannte einige, andere erriet ich aus dem Gespräch,
-das sie führten. Es war Frondsberg, Alban von Closen, die
-Huttischen, Sickingen und noch viele; bald trat auch der Truchseß
-von Waldburg ein. Ich zog die Kappe tiefer ins Gesicht,
-als ich ihn sah, denn er wird noch nicht vergessen haben, wie ich
-ihn vor fünfzehn Jahren im Lanzenstechen zu Nürnberg von
-der Mähre warf.«</p>
-
-<p>»Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans von Breitenstein?«
-unterbrach ihn Georg.</p>
-
-<p>»Breitenstein? daß ich nicht wüßte, doch ja, so hieß wohl
-jener, der den Hammelschlegel auf <em class="gesperrt">einem</em> Sitz verzehrte. Jetzt
-fingen sie an, von der Belagerung zu reden und vom Waffenstillstand.
-Sie sprachen hin und her, oft flüsterten sie auch
-untereinander, doch ich habe gute Ohren und vernahm, was mir
-nicht lieb war. Der Truchseß nämlich erzählte, daß er einen
-Pfeil in die Burg habe schießen lassen mit einem Brieflein an
-Ludwig von Stadion. Es muß dies schon mehreremal geschehen
-sein, denn die Ritter verwunderten sich nicht, als er weiter fortfuhr
-und sagte, wie er auf demselben Weg eine Antwort erhalten
-habe.«</p>
-
-<p>Des Herzogs Stirne verfinsterte sich. »Ludwig von Stadion!«
-rief er schmerzlich. »Ich hätte Häuser auf ihn gebaut!<span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span>
-Er war mir so lieb, ich tat ihm alles, was ich ihm an den
-Augen absehen konnte &ndash; er hat mich zuerst verraten?«</p>
-
-<p>»Im Brieflein stand, daß er, der Stadion, und noch zwölf
-andere der Fehde müde, auch schon halb und halb willens seien,
-sich zu ergeben; Georg von Hewen aber habe ihnen abgeraten.«</p>
-
-<p>»Um den hab' ich's nicht verdient,« sagte Ulrich; »ich war
-ihm gram, weil er mich oft getadelt hat, wenn ich nicht nach
-seinem Sinne tat. Wie man sich irren kann in den Menschen!
-Hätte man mich gefragt, wer mich verraten würde und wer
-dagegen spreche, ich hätte hier den Stadion, dort vielleicht Georg
-von Hewen genannt!«</p>
-
-<p>»Im Brieflein stand auch noch weiter, daß Euer Durchlaucht
-vielleicht Entsatz bringen oder, wenn dies nicht möglich,
-auf geheimen Wegen in die Burg sich begeben wollen. Die
-Bündischen sprachen mancherlei hierüber; sie waren aber darin
-einig, daß man die Besatzung zu einem Vergleich bringen müsse,
-ehe Ihr heranrücktet oder gar ins Schloß kämet; denn dann,
-meinten sie, könnten sie noch lange belagern müssen. Wie ich
-nun dies alles hörte, schien es mir nicht geraten, durch den
-geheimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu entdecken;
-denn wie leicht konnte Stadion schon die Oberhand gewonnen
-haben, und dann war ich verraten. Ich beschloß, den
-Tag noch zu warten; hörte ich bis Samstag früh nichts Schlimmeres
-über die Besatzung, so wollte ich ins Schloß dringen
-und Ew. Durchlaucht Schreiben übergeben. Ich streifte im
-Lager und in der Stadt umher, und niemand hielt mich an;
-auch suchte ich mich immer in der Nähe der Obersten zu halten.
-So kam der Nachmittag.«</p>
-
-<p>»Das war noch Freitags, an dem Fest?« fragte Lichtenstein.</p>
-
-<p>»Am heiligen Freitag war's. Nachmittags um drei Uhr
-ritt Georg von Frondsberg mit etlichen andern Hauptleuten
-vor die Stadtpforte an dem Schloß und schrie hinauf, ob sie im
-Schlosse bauen? Ich stand nicht weit davon und sah, wie Stadion
-auf den Wall kam und antwortete: ›Nein, denn es wäre
-wider den Pakt des Stillstandes; aber ich sehe, daß Ihr im Feld
-bauet.‹ Georg von Frondsberg rief: ›So es geschehen, ist es
-ohne meinen Befehl geschehen; wer bist du?‹ Da antwortete
-der im Schloß: ›Ich bin Ludwig von Stadion.‹ Drauf lächelte
-der Bündische und strich sich den Bart. ›Ist's also, wie du
-sagst,‹ rief er, ›so will ich's wenden,‹ ritt zu ein paar Schanzkörben
-und warf sie um. Dann rief er dem Stadion zu, mit<span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span>
-einigen Rittern herabzukommen und miteinander einen Trunk
-zu tun.«</p>
-
-<p>»Und sie kamen?« rief der Herzog. »Die Ehrvergessenen
-kamen?«</p>
-
-<p>»Auf dem Schloßberg vor dem äußersten Graben ist ein
-Platz, dort sieht man weit ins Land; hinab ins Neckartal,
-hinauf die Steinlach, hinüber an die Alb und Zollern, und viele
-Burgen schmücken die Aussicht. Dorthin ließen sie einen Tisch
-bringen und Bänke, und die Bundesobersten setzten sich zum
-Wein. Dann ging das Tor von Hohen-Tübingen auf, die
-Brücke fiel über den Graben, und Ludwig von Stadion mit noch
-sechs anderen kamen über die Brücke; sie brachten Eure silbernen
-Deckelkrüge, sie brachten Eure goldenen Becher und Euren alten
-Wein, sie grüßten die Feinde mit Gruß und Handschlag und
-setzten sich, besprachen sich mit ihnen beim kühlen Wein.«</p>
-
-<p>»Der Teufel gesegne es ihnen allen!«<a id="FNanchor_36_37"></a><a href="#Footnote_36_37" class="fnanchor">[36]</a> unterbrach ihn
-der Ritter von Lichtenstein und schüttete seinen Becher aus.
-Der Herzog aber lächelte schmerzlich und gab Marx Stumpf
-einen Wink, fortzufahren.</p>
-
-<p>»So taten sie sich gütlich bis in die Nacht und zechten, bis
-sie rote Köpfe bekamen und taumelten; ich stand nicht ferne,
-und keine ihrer verräterischen Reden entging mir. Als sie aufbrachen,
-nahm der Truchseß den Stadion bei der Hand: ›Herr
-Bruder,‹ sagte er, ›in Eurem Keller ist ein guter Wein, lasset
-uns bald ein, daß wir ihn trinken.‹ Jener aber lachte darüber,
-schüttelte ihm die Hand und sagte: ›Kommt Zeit, kommt Rat.‹
-Wie ich nun sah, daß die Sachen also stehen, beschloß ich mit
-Gott, mein Leben dran zu setzen und in die Burg zu den Verrätern
-zu gehen. Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde, wo
-der kleinere unterirdische Gang beginnt. Ungesehen stieg ich
-hinab und drang bis in die Mitte. Dort hatten sie das Fallgatter
-herabgelassen und einen Knecht hingestellt, er legte an
-auf mich, als er mich durch die Finsternis kommen hörte, und
-fragte nach der Losung. Ich sprach, wie Ihr befohlen, das
-Losungswort Eures tapfern Ahnherrn, Eberhards im Bart:
-»<em class="antiqua">Atempto</em>;« der Kerl machte große Augen, zog aber das Gatter
-auf und ließ mich durch. Jetzt ging ich schnellen Schrittes
-weiter vor und kam heraus im Keller. Ich schöpfte einige
-Augenblicke Luft, denn der Atem war mir schier ausgeblieben
-in dem engen Gang.«</p>
-
-<p>»Armer Marx! geh, trink einen Becher, das Reden wird
-dir schwer,« sagte Ulrich. Willig befolgte jener das gütige Geheiß<span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span>
-seines Fürsten und sprach dann mit frischer Stimme
-weiter: »Im Keller hörte ich viele Stimmen, und es war mir,
-als zanke man sich. Ich ging den Stimmen nach und sah eine
-ganze Schar der Besatzung vor dem großen Faß sitzen und
-trinken. Es waren einige von Stadions Partei und Hewen
-und mehrere der Seinigen. Sie hatten Lampen aufgestellt und
-große Humpen vor sich; es sah schauerlich aus, fast wie das
-Femgericht. Ich barg mich in ihrer Nähe hinter ein Faß und
-hörte, was sie sprachen. Georg von Hewen sprach mit rührenden
-Worten zu ihnen und stellte ihnen ihre Untreue vor; er
-sagte, wie sie ja gar nicht nötig haben, sich zu ergeben, wie sie
-auf lange mit Vorräten versehen seien, wie Euer Durchlaucht
-ein Heer sammeln werden, Tübingen zu entsetzen, wie eher die
-Belagerer in Not kommen als sie.«</p>
-
-<p>»Ha! wackerer Hewen; und was gaben sie zur Antwort?«</p>
-
-<p>»Sie lachten und tranken. ›Da hat es eine gute Weile,
-bis <em class="gesperrt">der</em> ein Heer sammelt! Wo das Geld hernehmen, und
-nicht stehlen?‹ sagte einer; Hewen aber fuhr fort und sagte,
-wenn es auch nicht so bald möglich sei, so müßten sie sich doch
-halten bis auf den letzten Mann, wie sie Euch zugeschworen,
-sonst handeln sie als Verräter an ihrem Herrn. Da lachten
-sie wieder und tranken und sagten: ›Wer will auftreten und
-uns Verräter nennen?‹ Da rief ich hinter meinem Faß hervor:
-›Ich, ihr Buben! Ihr seid Verräter am Herzog und am
-Land!‹ Alle waren erschrocken, der Stadion ließ seinen Becher
-fallen, ich aber trat hervor, nahm meine Kappe ab und den
-falschen Bart, stellte mich hin und zog Euren Brief aus dem
-Wams. ›Hier ist ein Brief von Eurem Herzog,‹ sagte ich, ›er
-will, ihr sollet euch nicht übergeben, sondern zu ihm halten; er
-selbst will kommen und mit euch siegen oder in diesen Mauern
-sterben.‹«</p>
-
-<p>»O Tübingen!« sagte der Herzog mit Seufzen, »wie töricht
-war ich, daß ich dich verließ! Zwei Finger meiner Linken gäbe
-ich um dich; was sage ich, zwei Finger? Die Rechte ließ ich
-mir abhauen, könnte ich dich damit erkaufen, und mit der Linken
-wollte ich dem Bund den Weg zeigen! Und gaben sie nichts,
-gar nichts auf meine Worte?«</p>
-
-<p>»Die Falschen sahen mich finster an und schienen nicht
-recht zu wissen, was sie tun sollten. Hewen aber vermahnte
-sie nochmals. Da sagte Ludwig von Stadion, ich komme schon
-zu spät. Achtundzwanzig der Ritterschaft wollen sich der Fehde
-mit dem Bunde begeben und den Herzog solche allein ausmachen<span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span>
-lassen. Komme er wieder mit Heeresmacht ins Land, so wollen
-sie getreulich zu ihm stehen, aber aufs ungewisse wollen sie den
-Krieg nicht fortführen, denn ihre Burgen und Güter werden so
-lange beschädigt und gebrandschatzt, bis sie nicht mehr gegen den
-Bund dienen. Ich verlangte nun, sie sollen mich hinaufführen
-in den Rittersaal, ich wolle versuchen, ob nicht Männer da seien,
-das Schloß zu halten, ich zählte auf, wen ich noch für treu halte,
-die Nippenburg, die Gültlingen, die Ow, die beiden Berlichingen,
-die Westerstetten, die Eltershofen, Schilling, Reischach,
-Welwart, Kaltental, &ndash; der von Hewen aber schüttelte den Kopf
-und sagte, ich habe mich in manchem geirrt.«</p>
-
-<p>»Und Stammheim, Thierberg, Westerstetten, meine Getreuen,
-hast du sie nicht gesehen?«</p>
-
-<p>»O ja, sie saßen im Keller beim Stadion und tranken
-Euren Wein. Hinauf wollten sie mich aber nicht lassen. Selbst
-Hewen, selbst Freiberg und Heideck, die mit ihm waren, rieten
-ab, sie sagten, die zwei Parteien seien ohnedies schon schwierig
-gegeneinander, der Stadion habe die Mehrzahl für sich und auch
-den größten Teil der Knechte. Wenn ich hinaufgehe, komme es
-im Schloßhof und im Rittersaal zum Kampfe, und es bleibe
-ihnen, als den Geringeren, nichts übrig, als zu sterben. So
-gerne sie nun auch für Euch den letzten Blutstropfen aufwenden,
-so wollen sie doch lieber in der Feldschlacht gegen den Feind
-fallen, als von ihren Landsleuten und Waffenbrüdern totgeschlagen
-werden. Da blieb mir nichts übrig, als sie zu bitten,
-sie möchten sich des Prinzen Christoph und Eures zarten Töchterleins
-annehmen und ihnen das Schloß bei der Uebergabe
-erhalten. Einige sagten zu, andere schwiegen und zuckten die
-Achsel, ich aber gab den Verrätern meinen Fluch als Christ
-und Ritter, sagte fünf von ihnen auf und lud sie zum Kampf
-auf Leben und Tod, wenn der Krieg zu Ende sei, dann wandte
-ich mich und ging auf demselben Wege aus der Burg, wie ich
-gekommen war.«</p>
-
-<p>»Herr Gott im Himmel! hätte ich dies für möglich gehalten!«
-rief Lichtenstein. »Zweiundvierzig Ritter, zweihundert
-Knechte, eine feste Burg, und sie doch verraten! Unser guter
-Name ist beschimpft; noch in späten Zeiten wird man von
-unserem Adel sprechen, und wie sie ihr Fürstenhaus im Stich
-gelassen; das Sprichwort: ›Treu und ehrlich wie ein Württemberger‹,
-ist zum Hohn geworden!«</p>
-
-<p>»Wohl konnte man einst sagen, treu wie ein Württemberger,«
-sprach der Herzog Ulrich, und eine Träne fiel in seinen<span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span>
-Bart. »Als mein Ahnherr Eberhard einst hinabritt gen Worms
-und mit den Kurfürsten, Grafen und Herren zu Tische saß, da
-sprachen und rühmten sie viel vom Vorzug ihrer Länder. Der
-eine rühmte seinen Wein, der andere sprach von seiner Frucht,
-der dritte gar von seinem Wild, der vierte grub Eisen in seinen
-Bergen. Da kam es auch an Eberhard im Bart.
-›Von Euren Schätzen weiß ich nichts aufzuweisen,‹ sagte
-er, ›doch gehe ich abends durch den dunkelsten Wald, und
-komm' ich nachts durch die Berge und bin müd' und matt, so ist
-ein treuer Württemberger bald zur Hand, ich grüße ihn und
-leg' mich in seinen Schoß und schlafe ruhig ein.‹ Des wunderten
-sich alle und staunten und riefen: ›Graf Eberhard hat
-recht,‹ und ließen treue Württemberger leben. Geht jetzt der
-Herzog durch den Wald, so kommen sie und schlagen ihn tot,
-und leg' ich meine Treuen in die Burgen, kaum wende ich den
-Rücken, so handeln sie mit dem Feind. <em class="gesperrt">Die</em> Treue soll der
-Kuckuck holen; &ndash; doch fahre fort, gib mir den Kelch bis auf die
-Hefe, ich bin der Mann dazu, ohne Furcht den Grund zu sehen.«</p>
-
-<p>»Nun, daß ich's kurz sage, ich hielt mich noch in Tübingen
-auf, bis ich Gewißheit bekäme wegen der Uebergabe. Gestern,
-am Ostermontag, sind sie zusammengekommen; sie haben die
-Pakten schriftlich aufgesetzt und nachher durch den Herold auf
-den Straßen ausrufen lassen; um fünf Uhr abends haben sie
-das Schloß übergeben. Ihr seid der Regierung förmlich entsetzt.
-Prinz Christoph, Euer Söhnlein, behält Schloß und Amt
-Tübingen, doch zu des Bundes Dienst und unter seiner Vormundschaft,
-und in das übrige, heißt es, werden sich die Herren
-teilen. Ich habe viel Jammer erfahren in meinem Leben, ich
-habe einen Freund im Lanzenstechen umgebracht, ein liebes
-Kind ist mir gestorben und mein Haus abgebrannt, aber so wahr
-mir Gott gnädig sei und seine Heiligen, mein Schmerz war nie
-so groß als in jener Stunde, wo ich des Bundes Farben neben
-Euer Durchlaucht Panieren aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz
-Württembergs Geweihe und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken
-sah!«</p>
-
-<p>So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne
-war während seiner Erzählung völlig heraufgekommen, auch
-an den äußersten Bergen war der Nebel gefallen, und was um
-die fernen Höhen von Asperg zog, war ein Duft, der wie ein
-zarter Schleier vom Horizont herabhing und die Gegenden,
-über welche er sich breitete, nur in noch reizenderem Lichte
-durchschimmern ließ. Angetan mit dem sanften Grün der Saaten,<span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span>
-mit den dunkleren Farben der Wälder, geschmückt mit
-freundlichen Dörfern, mit glänzenden Burgen und Städten lag
-Württemberg in seiner Morgenpracht. Sein unglücklicher Fürst
-überschaute es mit trüben Blicken. Die Natur hatte ihm einen
-festen Mut und ein Herz gegeben, das Kummer und Elend nicht
-zu brechen vermochte; nicht zu jeder Stunde, nicht jedem teilte
-er seine Empfindungen mit, und wenn ein großes Unglück über
-ihn kam, pflegte er zu schweigen und zu handeln.</p>
-
-<p>Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten
-festen Burg seine letzte Hoffnung gefallen war, verschloß er
-einen großen Schmerz in einer tapferen Brust. Wer stand je
-an dem Sarg einer Mutter und fühlte nicht, wenn er den
-letzten Blick auf die teuren, bleichen Züge, auf den verstummten
-Mund warf, bittere Empfindungen in sich aufsteigen? Es ist
-die Reue, was in solchen Augenblicken den Menschen übermannt.
-Man erinnert sich, wie unendlich viel sie für uns getan, wie sie
-uns als Kind so liebreich hegte, wie ihr kein Opfer zu schwer
-ward, das sie dem Jüngling nicht gebracht hätte. Und wie
-haben wir vergolten? wir waren gleichgültig gegen so viele
-rührende Liebe, wir glaubten, es müsse nun einmal so sein,
-wir waren sogar undankbar und murrten, wenn nicht alle
-unsere Wünsche schnell erfüllt wurden, wir verpraßten ihr Gut
-und achteten nicht auf ihre stillen Tränen.</p>
-
-<p>Jetzt, wo dieses liebevolle Auge uns nicht mehr sieht, wo
-dieses Ohr auf immer verschlossen ist, das nur auf unsere
-Wünsche lauschte, wo diese Hände unseren letzten Druck nicht
-mehr fühlen, diese Hände, die uns mühsam nährten: jetzt bestürmen
-alle jene Gefühle von Reue, Dankbarkeit, Liebe unsere
-Brust, deren eines hingereicht hätte in den vorigen Tagen, sie
-glücklich zu machen!</p>
-
-<p>Ein ähnliches Gefühl der Reue war es, was drückend auf
-der Brust Ulrichs von Württemberg lag, als er auf sein Land
-hinabschaute, das auf ewig für ihn verloren schien. Seine
-edlere Natur, die er oft im Gewühle eines prächtigen Hofes und
-betäubt von den Einflüsterungen falscher Freunde verleugnet
-hatte, trauerte mit ihm, und es war nicht sein Unglück allein,
-was ihn beschäftigte, sondern auch der Jammer des okkupierten
-Landes.</p>
-
-<p>Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in
-die Ferne zu seinen Freunden wandte, staunten sie über den
-Ausdruck seiner Züge. Sie hatten erwartet, Zorn und Grimm
-über den Verrat seiner Edlen auf seiner Stirne, in seinen<span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span>
-Augen zu lesen, aber es war eine tiefe Rührung, ein stiller
-großer Schmerz, was seinen Mienen einen Ausdruck von
-Milde gab, den sie nie an ihm gekannt hatten.</p>
-
-<p>»Marx! Wie verfahren sie gegen das Landvolk?« fragte er.</p>
-
-<p>»Wie Räuber,« antwortete dieser; »sie verwüsten ohne
-Not die Weinberge, sie hauen die Obstbäume nieder und verbrennen
-sie am Wachtfeuer, Sickingens Reiter traben durch das
-Saatfeld und treten nieder, was die Pferde nicht fressen. Sie
-mißhandeln die Weiber und pressen den Männern das Geld ab.
-Schon jetzt murrt das Volk allerorten, und lasset erst den Sommer
-kommen und den Herbst! Wenn aus den zerstampften
-Fluren kein Korn aufgeht, wenn auf den verwüsteten Bergen
-keine Weinbeere wächst, wenn sie erst noch die ungeheure Kriegssteuer,
-die der Bundesrat umlegen wird, bezahlen müssen, &ndash;
-da wird das Elend erst recht angehen.«</p>
-
-<p>»Die Buben!« rief der Herzog, und ein edler Zorn sprühte
-aus seinen Augen, »sie rühmten sich mit großen Worten, sie
-kämen, um Württemberg von seinem Tyrannen zu befreien,
-es zu entheben aller Not. Und sie hausen im Lande wie im
-Türkenkrieg. Aber ich schwöre es, so mir Gott eine fröhliche
-Urständ gebe und seine Heiligen gnädig sein wollen meiner
-Seele, wenn keine Saat aufgeht in den verwüsteten Tälern des
-Neckars und auf seinen Höhen keine Traube reift, ich will kommen
-und mähen und Garben schneiden &ndash; in ihren Gliedern,
-ich will kommen mit schrecklichen Winzern, will sie treten und
-keltern und ihr Blut verzapfen. Ich will rächen, was sie an
-mir und meinem Land getan, so mir der Herr helfe.«</p>
-
-<p>»Amen!« sprach der Ritter von Lichtenstein. »Aber ehe
-Ihr hereinkommt, müßt Ihr auf gute Art hinaus sein aus dem
-Land. Es ist keine Zeit zu verlieren, wenn Ihr ungefährdet
-entkommen wollt.«</p>
-
-<p>Der Herzog sann eine Weile nach und antwortete dann:
-»Ihr habt recht, ich will nach Mömpelgard; von dort aus will
-ich sehen, ob ich so viele Mannschaft an mich ziehen kann, um
-einen Einfall in das Land zu wagen. Komm her, du treuer
-Hund, du wirst mir folgen ins Elend der Verbannung. Du
-weißt nicht, was es heißt, die Treue brechen und den Eid vergessen.«</p>
-
-<p>»Hier steht noch einer, der dies auch nicht kennt,« sagte
-Schweinsberg und trat näher zu dem Herzog. »Ich will mit
-Euch ziehen nach Mömpelgard, wenn Ihr meine Begleitung
-nicht verschmähet.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span></p>
-
-<p>Aus den Augen des alten Lichtenstein blitzte ein kriegerisches
-Feuer. »Nehmt auch mich mit Euch, Herr!« sagte er. »Meine
-Knochen taugen freilich nicht mehr viel, aber meine Stimme ist
-noch vernehmlich im Rat.«</p>
-
-<p>Marie sah mit leuchtenden Blicken auf den Geliebten.
-Ueber die Wangen Georgs von Sturmfeder zog ein glühendes
-Rot, sein Auge leuchtete vom Mut der Begeisterung.</p>
-
-<p>»Herr Herzog!« sagte er. »Ich habe Euch meinen Beistand
-angetragen in jener Höhle, als ich nicht wußte, wer Ihr
-wäret, Ihr habt ihn nicht verschmäht. Meine Stimme gilt
-nicht viel im Rat, aber könnet Ihr ein Herz brauchen, das recht
-treu für Euch schlägt, ein Auge, das für Euch wacht, wenn Ihr
-schlafet, und einen Arm, der die Feinde von Euch abwehrt, so
-nehmt mich auf und lasset mich mit Euch ziehen!«</p>
-
-<p>Alle jene Empfindungen, die ihn zu dem Manne ohne
-Namen gezogen hatten, loderten in dem Jüngling auf, sein
-Unglück und die erhabene Art, wie er es trug, vielleicht auch
-jener aufmunternde Blick der Geliebten, erhöhten diese Flammen
-zur Begeisterung und zogen ihn zu den Füßen des Herzogs
-ohne Land.</p>
-
-<p>Der alte Herr von Lichtenstein blickte mit stolzer Freude
-auf seinen jungen Gast, gerührt sah ihn der Herzog an und bot
-ihm seine Hand, hob ihn auf von den Knieen und küßte ihn auf
-die Stirne.</p>
-
-<p>»Wo solche Herzen für uns schlagen,« sagte er, »da haben
-wir noch feste Burgen und Wälle und sind noch nicht arm zu
-nennen. Du bist mir lieb und wert, Georg von Sturmfeder,
-du wirst mich begleiten, mit Freuden nehme ich deine treuen
-Dienste an. Marx Stumpf von Schweinsberg, dich brauche ich
-zu wichtigerem Geschäft, als meinen Leib zu decken. Ich werde
-dir Aufträge geben nach Hohentwiel und der Schweiz. Eure
-Begleitung, guter Lichtenstein, kann ich nicht annehmen. Ich
-ehre Euch wie einen Vater, Ihr habt getreu an mir gehandelt,
-Ihr habt mir allnächtlich Eure Burg geöffnet; ich will's vergelten.
-Wenn ich mit Gottes Hilfe wieder ins Land komme, soll
-Eure Stimme die erste sein in meinem Rat.«</p>
-
-<p>Sein Auge fiel auf den Pfeifer von Hardt, der demütig
-in der Ferne stand: »Komm her, du getreuer Mann!« rief er
-ihm zu und reichte ihm seine Rechte, »du hast dich einst <em class="gesperrt">schwer
-an Uns verschuldet</em>, aber du hast treu abgebüßt, was
-du gefehlt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span></p>
-
-<p>»Ein Leben ist nicht so schnell vergolten,« sagte der Bauer,
-indem er düster zum Boden blickte, »noch bin ich in Eurer
-Schuld, aber ich will sie zahlen.«</p>
-
-<p>»Gehe heim in deine Hütte, so ist mein Wille. Treibe
-deine Geschäfte wie zuvor, vielleicht kannst du uns treue Männer
-sammeln, wenn wir wieder ins Land kommen. Und Ihr, Fräulein,
-wie kann ich Eure Dienste lohnen? Seit vielen Nächten
-habt Ihr den Schlaf geflohen, um mir die Türe zu öffnen und
-mich zu sichern vor Verrat! Errötet nicht so, als hättet Ihr
-eine große Schuld zu gestehen. Jetzt ist es Zeit zu handeln.
-Alter Herr,« wandte er sich zu Mariens Vater, »ich erscheine
-als Brautwerber vor Euch, Ihr werdet den Eidam nicht verschmähen,
-den ich Euch zuführe?«</p>
-
-<p>»Wie soll ich Eure Reden verstehen, gnädigster Herr?«
-sagte der Ritter, indem er verwundert auf seine Tochter sah.</p>
-
-<p>Der Herzog ergriff Georgs Hand und führte ihn zu jenem.
-»<em class="gesperrt">Dieser</em> liebt Eure Tochter, und das Fräulein ist ihm nicht
-abhold; wie wäre es, alter Herr, wenn Ihr ein Pärlein aus
-ihnen machtet? Zieht nicht die Stirne so finster zusammen,
-es ist ein ebenbürtiger Herr, ein tapferer Kämpe, dessen Arm
-ich selbst versuchte, und jetzt mein treuer Geselle in der Not.«</p>
-
-<p>Marie schlug die Augen nieder, auf ihren Wangen wechselte
-hohe Röte mit Blässe, sie zitterte vor dem Ausspruch des Vaters.
-Dieser sah sehr ernst auf den jungen Mann. »Georg,« sagte er,
-»ich habe Freude an Euch gehabt seit der ersten Stunde, daß ich
-Euch sah; sie möchte übrigens nicht so groß gewesen sein, hätte
-ich gewußt, <em class="gesperrt">was</em> Euch in mein Haus führte.«</p>
-
-<p>Georg wollte sich entschuldigen, der Herzog aber fiel ihm in
-die Rede: »Ihr vergesset, daß <em class="gesperrt">ich</em> es war, der ihn zu Euch schickte
-mit Brief und Siegel, er kam ja nicht von selbst zu Euch; doch
-was besinnet Ihr Euch so lange? Ich will ihn ausstatten wie
-meinen Sohn, ich will ihn belohnen mit Gütern, daß Ihr stolz
-sein sollet auf einen solchen Schwiegersohn.«</p>
-
-<p>»Gebt Euch keine Mühe weiter, Herr Herzog,« sagte der
-junge Mann gereizt, als der Alte noch immer unschlüssig schien.
-»Es soll nicht von mir heißen, ich habe mir ein Weib erbettelt
-und ihrem Vater mich aufdrängen wollen. Dazu ist mein Name
-zu gut.« Er wollte im Unmut das Zimmer verlassen, der
-Ritter von Lichtenstein aber faßte seine Hand: »Trotzkopf,« rief
-er, »wer wird denn gleich so aufbrausen? Da, nimm sie, sie
-sei dein, aber &ndash; denke nicht daran, sie heimzuführen, so lange
-ein fremdes Banner auf den Türmen von Stuttgart weht. Sei<span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span>
-dem Herrn Herzog treu, hilf ihm wieder ins Land zu kommen,
-und wenn du treulich aushältst: am Tag, wo ihr in Stuttgarts
-Tore einzieht, wo Württemberg seine Fahnen wieder aufpflanzt
-und seine Farben von den Zinnen wehen, will ich dir mein
-Töchterlein bringen, und du sollst mir ein lieber Sohn sein!«</p>
-
-<p>»Und an jenem Tag,« sprach der Herzog, »wird das Bräutchen
-noch viel schöner erröten, wenn die Glocken tönen von dem
-Turme und die Hochzeit in die Kirche ziehet! Dann werde ich
-zum Bräutigam treten und zum Lohn fordern, was mir gebührt.
-Da, guter Junge, gib ihr den Brautkuß; es ist zu vermuten,
-daß es nicht der erste ist, herze sie noch einmal, und
-dann gehörst du mein, bis an den fröhlichen Tag, wo wir in
-Stuttgart einziehen. Lasset uns trinken, Ihr Herren, auf die
-Gesundheit des Brautpaars!«</p>
-
-<p>Auf Mariens holden Zügen stieg ein Lächeln auf und
-kämpfte mit den Tränen, die noch immer aus den schönen Augen
-perlten. Sie goß die Becher voll und kredenzte den ersten dem
-Herzog mit so dankbaren Blicken, mit so lieblicher Anmut, daß
-er Georg glücklich pries und sich gestehen mußte, manch anderer
-möchte um solchen Preis selbst sein Leben wagen.</p>
-
-<p>Die Männer ergriffen ihre Becher und erwarteten, daß
-ihnen der Herzog einen guten Spruch dazu sagen werde nach
-seiner Weise. Aber Ulrich von Württemberg warf einen langen
-Abschiedsblick auf das schöne Land, von dem er scheiden mußte,
-einen Augenblick wollte sich eine Träne in seinem Auge bilden,
-er wandte sich kräftig ab. »Ich habe hinter mich geworfen,«
-sagte er, »was mir einst teuer war, ich werde es wiedersehen
-in besseren Tagen. Doch hier in diesen Herzen besitze ich noch
-Länder. Beklaget mich nicht, sondern seid getrosten Mutes, wo
-der Herzog ist und seine Treuen: <em class="gesperrt">hie gut Württemberg
-alleweg</em>!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap26">26.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">In Schwaben, wo dein Vater Herzog war,<br /></span>
-<span class="i0">Wo ihn und dich ein biedres Volk geliebt,<br /></span>
-<span class="i0">Wo mancher jetzt auf seiner Feste haust,<br /></span>
-<span class="i0">Der unter deinem Banner einst gekämpft.<br /></span>
-<span class="i0">Dort muß von dir noch ein Gedächtnis sein,<br /></span>
-<span class="i0">Dorthin sei unser irrer Pfad gelenkt,<br /></span>
-<span class="i0">Des Schwarzwalds dichter Schatten neh'm uns auf.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Uhland.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Wohl nie so schwül hat ein Sommer über Württemberg gelegen
-als der des Jahres 1519. Das ganze Land hatte dem
-Bunde gehuldigt und meinte, es werde jetzt Ruhe haben. Aber
-jetzt erst zeigten die Bundesglieder deutlich, daß es nicht die
-Wiedereinnahme von Reutlingen gewesen sei, was sie zusammenführte.
-Sie wollten bezahlt sein, sie wollten Entschädigung
-haben für ihre Mühe. Die einen wollten, man solle Württemberg
-unter sie teilen, die anderen, man solle es an Oesterreich
-verkaufen, die dritten wollten es Ulrichs Kindern erhalten, &ndash;
-aber unter des Bundes Obervormundschaft. Sie stritten sich
-um den Besitz des Landes, auf das weder der eine noch der
-andere gerechte Ansprüche machen konnte. Das Land selbst war
-in Spaltung und Parteien. Es sollte die Kriegskosten decken,
-und doch war niemand da, der zahlen wollte. Die Ritterschaft
-hielt es für eine erwünschte Gelegenheit, sich ganz vom Lande
-loszusagen und sich für unabhängig zu erklären. Die Bürger
-und Bauern waren ausgesogen, ihre Felder waren verwüstet und
-zertreten, sie sahen nirgends eine Aussicht, sich zu erholen; die
-Geistlichkeit wollte auch nicht allein bezahlen, und so war alles
-in Hader und Streit. Es ging auch vielen tief zu Herzen, daß
-ihr angeborener Fürst so schnöde behandelt worden war. Manchem
-kam jetzt, da der Herzog fern von dem Lande seiner Väter
-in Verbannung hauste, Reue und Sehnsucht an. Sie verglichen
-sein Regiment mit dem jetzigen. Es war nicht besser, wohl aber
-schlimmer geworden; aber sie lebten unter zu hartem Zwang,
-als daß sie ihre Schmerzen hätten offenbaren können.</p>
-
-<p>Der Regentschaft des Bundes entging diese Unzufriedenheit
-des Volkes nicht; sie mußte, wie sich in alten Berichten
-findet, »manche seltsame und böse Rede« hören; sie suchte durch
-geschärfte Strenge sich Anhänglichkeit zu erwerben, sie streute
-Lügen über den Herzog aus.<a id="FNanchor_37_38"></a><a href="#Footnote_37_38" class="fnanchor">[37]</a> Man gebot den Priestern,
-gegen ihn zu predigen; wer von ihm Gutes rede, soll gefangen<span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span>
-werden, wer ihn heimlich unterstütze, soll der Augen beraubt,
-sogar enthauptet werden.</p>
-
-<p>Aber Ulrich hatte noch treue Leute unter dem Landvolk,
-die ihm auf geheimen Wegen Kunde brachten, wie es in Württemberg
-stehe. Er saß in seiner Grafschaft Mömpelgard und
-harrte dort mit den Männern, die ihm ins Unglück gefolgt
-waren, auf günstige Gelegenheit, in sein Land zu kommen. Er
-schrieb an viele Fürsten, er beschwor sie, ihm zu Hilfe zu kommen;
-aber keiner nahm sich seiner sehr tätig an. Er schrieb an
-die zur neuen Kaiserwahl versammelten Kurfürsten &ndash; sie halfen
-nicht. Das einzige, was sie taten, war, dem neuen Kaiser in
-seiner Kapitulation eine Klausel anzuhängen, die Württemberg
-und den Herzog betraf, &ndash; er hat sie nicht geachtet. Als sich
-der Herzog von aller Welt also verlassen sah, wankte er dennoch
-nicht, sondern setzte alles daran, sein Land mit eigener Macht
-wiederzuerobern. Es waren einige Umstände, die für ihn
-sehr günstig schienen. Der Bund hatte nämlich, als er Kunde
-bekam, daß sich niemand des Vertriebenen annehmen wolle, seine
-Völker entlassen. Die meisten Städte und Burgen behielten
-nur sehr schwache Besatzungen, und selbst in Stuttgart waren
-nur wenige Fähnlein Knechte gelassen worden.</p>
-
-<p>Durch diese Maßregel aber hatte sich der Bund einen Feind
-erworben, den man gering schätzte, der aber viel zur Aenderung
-der Dinge beitrug, &ndash; es waren dies die Landsknechte.<a id="FNanchor_A_1"></a><a href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a> Diese
-Menschen, aus allen Enden und Orten des Reiches zusammengelaufen,
-boten gewöhnlich dem ihre Hilfe an, der sie am besten
-zahlte; für was und gegen wen sie kämpften, war ihnen gleichgültig.
-Um sie zu halten, mußte man ihnen vieles nachsehen,
-und Raub, Mord, Plünderung, Brandschatzen führten sie auf
-ihre eigene Faust aus, um sich zu entschädigen, wenn sie den
-Sold nicht richtig bekamen. Georg von Frondsberg war der
-erste gewesen, der sie durch sein Ansehen im Heere, durch tägliche
-Uebungen und unerbittliche Strenge einigermaßen im Zaum
-hielt. Er hatte sie in regelmäßige Rotten und Fähnlein eingeteilt,
-er hatte ihnen bestimmte Hauptleute gegeben, er hatte
-sie gelehrt, geordnet und in Reihen und in Gliedern zu fechten.
-Sie zeigten aber jetzt, daß sie aus einer guten Schule kamen;
-denn als sie vom Bund entlassen waren, liefen sie nicht wie
-früher zerstreut durch das Land, um Dienste zu suchen, sondern<span class="pagenum"><a id="Page_225">[225]</a></span>
-rotteten sich zusammen, richteten zwölf Fähnlein auf, erwählten
-aus <em class="gesperrt">ihrer Mitte</em> Hauptleute<a id="FNanchor_38_39"></a><a href="#Footnote_38_39" class="fnanchor">[38]</a> und selbst einen Obersten
-in der Person des <em class="gesperrt">langen Peters</em>. Sie waren schwierig
-auf den Bund, nährten sich von Raub und Brandschatzen im
-Land und führten Krieg auf eigene Rechnung. Die Anarchie
-war in Württemberg so groß, daß ihnen niemand die Spitze
-bot. Der Bund hatte sich an Streitkräften entblößt und war zu
-sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, als daß er
-das arme Land von dieser Bande befreit hätte. Die Ritterschaft
-war uneinig, sie saßen auf den Schlössern und sahen ruhig diesem
-Treiben zu; die Besatzung der Städte war zu gering, um ihnen
-mit Kraft Einhalt zu tun, und Bürger und Bauern sahen sogar
-diesen Haufen gerne, wenn seine Forderungen nur nicht allzu
-groß waren, denn die Landsknechte schimpften weidlich auf den
-Bund, dem niemand hold war. Ja es ging sogar die Sage,
-diese Kriegsmänner seien nicht abgeneigt, dem Herzog wieder
-zu seinem Land zu verhelfen.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_A_1"></a><a href="#FNanchor_A_1"><span class="label">[A]</span></a> Landsknechte schreiben wir, nicht Lanzknechte, wie man in neuerer Zeit
-getan, und berufen uns auf die »Historia des Herrn Frondsberg« etc.</p></div>
-</div>
-
-<p>Es war ein schöner Morgen in der Mitte Augusts, als sich
-diese Leute in einem Wiesentale gelagert hatten, das der Grenze
-von Baden zunächst gelegen war. Die riesigen, schwarzen Tannen
-und Föhren, die das Tal auf drei Seiten einschlossen, gehörten
-noch dem Schwarzwald an, und das Flüßchen, das durch
-das Tal eilte, war die Würm. Halb überschattet vom Wald,
-halb in den Weidenbüschen des Tales versteckt, lag das kleine
-Heer in wunderlichen Gruppen und pflegte der Ruhe. In der
-Entfernung von zweihundert Schritten sah man Posten aufgestellt,
-deren blitzende Lanzen oder rotglühende Lunten schon
-von weitem Furcht einjagten. In der Mitte des Tales, im
-Schatten einer Eiche, saßen fünf Männer um einen ausgespannten
-Mantel, den sie als Tisch gebrauchten, um ein Spiel
-auf ihm zu spielen, das heute noch den Namen Landsknecht
-führt. Diese Männer zeichneten sich vor ihren übrigen Genossen
-durch breite rote Binden aus, die sie über die Schulter und
-Brust herabhängen hatten, sonst aber hatte ihre Bekleidung auch
-das zerrissene und morsche Aussehen wie das der übrigen Soldateska.
-Einige hatten Sturmhauben auf, andere große Filzhüte,
-mit eisernen Bändern beschlagen, dazu Lederkoller, welche
-von Regen, Staub und Biwaks alle möglichen Schattierungen
-erhalten hatten.</p>
-
-<p>Bei näherem Blick erkannte man übrigens noch zwei Dinge,
-durch welche sie sich von ihren Kameraden unterschieden. Sie
-führten nämlich keine Donnerbüchsen oder Spieße, wie sie die<span class="pagenum"><a id="Page_226">[226]</a></span>
-Landsknechte gewöhnlich trugen, sondern Raufdegen von ungemeiner
-Länge und Breite. Auch hatten sie, wie es damals die
-Edelleute und Anführer trugen, auf ihren Hüten und Sturmhauben
-bunte, wallende Federbüsche aus Hahnenschwänzen, um
-sich ein ritterliches Ansehen zu geben.</p>
-
-<p>Die fünf Männer schienen große Geschicklichkeit im Spiel
-zu besitzen, vorzüglich aber einer, der sich mit dem Rücken an
-die Eiche lehnte. Es war dies ein langer wohlbeleibter Mann.
-Er hatte einen Hut auf, dessen Rand sich wie ein bedeutender
-Mühlstein um den Kopf zog. Der Hut war mit einer Goldtresse
-besetzt, auf der Stirnseite war er mit dem goldenen Bild des
-heiligen Petrus geschmückt, aus welchem zwei ungeheure rote
-Hahnenfedern hervorragten. Dieser Mann mußte weit in der
-Welt herumgekommen sein, denn er konnte auf französisch,
-italienisch, ungarisch fluchen, seinen Bart aber trug er ungarisch,
-er hatte ihn nämlich mit Pech so zusammengedreht, daß er wie
-zwei eiserne Stacheln auf beiden Seiten der Nase eine Spanne
-in die Luft hinausstarrte.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Canto cacramento!</em>« rief dieser große Mann mit einem
-dröhnenden Baß, »der kleine Wenzel ist mein. Drauf! Ich
-stech' ihn mit dem Eichel-König.«</p>
-
-<p>»Mein ist er, mit Verlaub,« rief sein Nebenmann, »und
-der König dazu. Da liegt die Eichel-Sau!«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Mord de ma Vich</em>, zagt der Franzoz; Hauptmann Löffler,
-Ihr wollt Eurem Oberst diesen Stich abjagen? Schämt
-Euch, schämt Euch; daz ist ein Rebeller, der daz tut. Gott straf'
-mein' Zeel', Ihr wollt mich vom Regiment absetzen?« Der
-große Mann funkelte zu diesen Worten gräßlich mit den Augen,
-schob seinen großen Hut auf das Ohr, daß seine überhängenden
-Augenbrauen und eine mächtige rote Narbe auf der Stirne sichtbar
-wurden, die ihm ein ungemein kriegerisches Ansehen gaben.</p>
-
-<p>»Beim Spiel, Herr Oberst Peter, gilt keine Kriegsordnung,«
-antwortete der andere Spieler. »Ihr könnet uns Hauptleuten
-befehlen, ein Städtchen zu blockieren und zu brandschatzen,
-aber beim Spiel ist jeder Landsknecht so gut wie wir.«</p>
-
-<p>»Ihr zeid ein Meuter, ein Rebeller gegen die Obrigkeit,
-Gott straf' mein Zeel', und wäre es nicht gegen meine Würde,
-ich wollt' Euch in Kochstücke mazakerieren; aber spielt weiter.«</p>
-
-<p>»Da liegt dein Daus« &ndash; »drauf der Quarter« &ndash; »den stech'
-ich mit dem Zinken,« &ndash; »Schellen-Wenzel, wer sticht den?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich,« sprach der Große, »da liegt der Schellenkönig, Mordblei!
-der Stich ist mein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_227">[227]</a></span></p>
-
-<p>»Wie bringst du den Schellenkönig 'rauf?« rief ein kleines,
-dürres Männchen mit spitzigem Gesicht und kleinen, giftigen
-Aeuglein und heiserer Stimme. »Hab' ich nicht gesehen, als
-du ausgabst, daß er unten lag? Er hat betrogen, der lange
-Peter hat schändlich betrogen!«</p>
-
-<p>»Muckerle, Hauptmann vom achten Fähnlein! ich rat' Euch,
-haltet Euer Maul,« sagte der Oberst. »<em class="antiqua">Bassa manelka!</em> ich
-versteh' keinen Spaß. Die Mauz zoll den Löwen nicht erzürnen.«</p>
-
-<p>»Und ich sag's noch einmal; wo hättest du sonst den König
-her? Vor dem Papst und dem König von Frankreich will ich's
-beweisen; du falscher Spieler!«</p>
-
-<p>»Muckerle,« erwiderte der Oberst und zog kaltblütig seinen
-Degen aus der Scheide, »bete noch ein Ave Maria und ein
-Gratias, denn ich schlage dich tot, zo wie daz Spiel auz ist.«</p>
-
-<p>Die übrigen drei Männer wurden durch diese Streitigkeiten
-aus ihrer Ruhe aufgeschreckt. Sie erklärten sich für den
-kleinen Hauptmann und gaben nicht undeutlich zu verstehen,
-daß man dem Obersten wohl dergleichen zutrauen könnte; dieser
-aber vermaß sich hoch und teuer, er habe nicht betrogen. »Wenn
-der heilige Petruz, mein gnädiger Herr Patron, den ich auf dem
-Hut trage, sprechen könnte, der würde mir, zo wahr er ein
-christlicher Landsknecht war, bezeugen, daß ich nicht betrogen!«</p>
-
-<p>»Er hat nicht betrogen,« sagte eine tiefe Stimme, die aus
-dem Baum zu kommen schien. Die Männer erschraken und
-schlugen Kreuze wie vor einem bösen Spuk, selbst der tapfere
-Oberst erbleichte und ließ die Karte fallen; aber hinter dem
-Baum hervor trat ein Bauersmann, der mit einem Dolch bewaffnet
-war und eine Zither an einem ledernen Riemen auf
-der Schulter hängen hatte. Er sah die Männer mit unerschrockenen
-Blicken an und sagte: »Es ist, wie ich sagte, dieser
-Herr da hat nicht betrogen, er bekam schon beim Ausgeben
-Schellen- und Eichelkönig, Fünfe und Vier von Laub und den
-Schippen-Unter in die Hand.«</p>
-
-<p>»Ha! du bist ein wackerer Kerl,« rief der Oberst vergnügt,
-»zo wahr ich ein ehrlicher Landsknecht &ndash; will zagen Oberst
-bin, &ndash; ez ist all wahr, waz du gezagt hast.«</p>
-
-<p>»Was ist denn das?« rief der kleine Hauptmann Muckerle
-mit giftigen Blicken. »Wie hat sich der Bauer daher eingeschlichen,
-ohne daß unsere Wachen ihn meldeten? Das ist ein
-Spion, man muß ihn hängen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_228">[228]</a></span></p>
-
-<p>»Zei nicht wunderlich, Muckerle! daz ist kein Spioner;
-komm, zetz' dich zu mir. Bist ein Spielmann, daz du die Cittarra
-umhängst wie ein Spanier, wenn er zu zeinem Schätzerl geht?«</p>
-
-<p>»Ja, Herr! ich bin ein armer Spielmann; Eure Wachen
-haben mich nicht angehalten, als ich aus dem Walde kam. Ich
-sah euch spielen und wagte es, den Herren zuzusehen.«</p>
-
-<p>Die Hauptleute dieses Freikorps waren nicht gewohnt, so
-höflich mit sich sprechen zu hören, daher faßten sie Zuneigung
-zu dem Spielmann und luden ihn sehr herablassend ein, sich
-zu ihnen zu setzen, denn sie hatten in fremden Kriegsdiensten
-gelernt, daß große Könige und Feldherren sehr vertraulich mit
-den Meistern des Gesanges umgehen.</p>
-
-<p>Der Oberste tat einen Trunk aus einer zinnernen Flasche,
-bot sie dem kleinen Hauptmann und sprach mit heiterer Miene:
-»Muckerle, daz zoll mein Tod zein, waz ich getrunken, wenn ich
-nicht allez vergesse; Hader und Zank haben ein Ende; wir wollen
-nicht weiter spielen, Ihr Herren! ich liebe Gezang und Lautenspiel,
-wie wäre ez, wenn wir uns aufspielen ließen?«</p>
-
-<p>Die Männer willigten ein und warfen die Karten zusammen;
-der Spielmann stimmte seine Zither und fragte, was
-er singen solle.</p>
-
-<p>»Sing ein Lied vom Spiel!« rief einer, »weil wir gerade
-dran sind.«</p>
-
-<p>Der Spielmann sann ein wenig nach und hub an:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Von dem Zinken, Quater und As<br /></span>
-<span class="i0">Kommt mancher in des Teufels Gaß,<br /></span>
-<span class="i0">Von Quater, Zinken und von Dreien<br /></span>
-<span class="i0">Muß mancher Waffengo schreien,<br /></span>
-<span class="i0">Von As, Seß und Daus<br /></span>
-<span class="i0">Hat mancher gar ein ödes Haus,<br /></span>
-<span class="i0">Von Quater, Drei und Zinken<br /></span>
-<span class="i0">Muß mancher lauter Wasser trinken,<br /></span>
-<span class="i0">Von Zinken, Drei und Quater<br /></span>
-<span class="i0">Weinen oft Mutter, Kind und Vater,<br /></span>
-<span class="i0">Von Zinken, Quater und Seß<br /></span>
-<span class="i0">Muß Jungfrau, Metz und Agnes<br /></span>
-<span class="i0">Oft gar lang unberaten bleiben,<br /></span>
-<span class="i0">Will er die Läng' das Spiel betreiben.«<a id="FNanchor_39_40"></a><a href="#Footnote_39_40" class="fnanchor">[39]</a><br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Der Oberst Peter und die Hauptleute lobten das Lied und
-reichten dem Spielmann zum Dank die Flasche. »Gott gesegne
-es euch,« sagte dieser, indem er die Flasche zurückgab; »viel Glück
-zu eurem Zuge; ihr seid wohl Obersten und Hauptleute des<span class="pagenum"><a id="Page_229">[229]</a></span>
-Bundes und ziehet wieder zu Feld? darf man fragen, gegen
-wen?«</p>
-
-<p>Die Männer sahen sich an und lächelten, der Oberste aber
-antwortete ihm: »Ganz unrecht habt Ihr nicht; wir haben früher
-dem Bund gedient, jetzt aber dienen wir niemand alz unz selbst,
-und wer Leute braucht, wie wir zind.«</p>
-
-<p>»Die Schweizer werden heuer ein gutes Jahr haben, man
-sagt ja, der Herzog wolle wieder ins Land?«</p>
-
-<p>»Aller Hund Krümmen komme auf die Schweizer,« rief
-der Oberst; »wie übel zind zie an ihm gefahren; der gute Herzog
-hat all' zeine Hoffnung auf zie gesetzt, und, <em class="antiqua">diavolo maledetto</em>,
-wie haben zie ihn im Stich gelassen bei Blaubeuren!«</p>
-
-<p>»Sie haben ihn schändlich verlassen,« sagte der Hauptmann
-Muckerle mit heiserer Stimme; »aber doch so man's beim Licht
-b'sieht, so g'schieht ihm wohl halb recht, dann er sollt' sie je
-wohl kennt haben; es leit doch am Tag, daß sie kein dicks Brittlein
-bohren. Der Tüfel hol' sie all!«</p>
-
-<p>»Ja, der Herzog hat halt nichts Besseres haben können,«
-entgegnete der Spielmann; »freilich, wenn er solche Herren
-gehabt hätte wie ihr und eure tapfren Fähnlein, da wäre der
-Bund noch bei Ulm.«</p>
-
-<p>»Du hast da ein wahrez Wort gesprochen, guter Gezell!
-Landsknecht' hätt' er zollen haben und keine Schwyzer. Und
-hält er zich jetzt wieder zu ihnen, zo weiß ich, waz ich von ihm
-halte. Landsknecht' hätt' er zollen haben, ich zag's noch einmal.
-Nicht wahr, Magdeburger?«</p>
-
-<p>»Dat will ick man och meenen,« antwortete der Magdeburger.
-»Landsknechte oder keener können den Heertog wieder
-uf den Stuhl setzen. Die Schweizer können man gar nichts, als
-mit den Hellebarden in die Glieder stechen; dat ist all ihre
-Kunst. Aber Ihr solltet man sehen, wie wir die Donnerbüchsen
-laden, auf die Gabel legen un mit den Lunden drauf, dat dich
-dat Wetter! Dat Manäfer macht uns keener nich nach, Gott
-straf' mir, keener. Sie brauchen eine halve Stunde, um ihre
-Kugel loszuschießen, und wir Landsknechte eene halve Vertelstund'.«</p>
-
-<p>»Ja, alle Achtung vor den Herren Landsknechten,« sagte
-der Spielmann und lüftete ehrerbietig die Mütze; »freilich, euch
-Herren sollt' er haben; aber der Bund wird euch so gut belohnt
-haben, daß ihr dem armen Herzog nicht zu Hilfe ziehen möget.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_230">[230]</a></span></p>
-
-<p>»Gelohnt, socht er?« rief der fünfte Hauptmann und lachte.
-»Jo, wenn er's Geld von Blech schlagen könnt', der schwäbisch
-Hund! Bei denen gilt's Sprichwort:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Dien' wohl und fordre keinen Sold,<br /></span>
-<span class="i0">So werden dir die Herren hold.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>»Ich sog', schlecht hot er uns bezahlt. Und wenn seine
-Durchlaucht der Herr Herzog mi hoben will, ich steh' 'nem
-z'Dienst wie jedem.«</p>
-
-<p>»Ztaberl, du hast recht,« sagte der Oberst und wichste den
-ungarischen Bart. »Mordblei, die Katz' ist gern, wo man sie
-strählet. Wenn der Herr Ulrich gut zahlt, zo wird, Gott straf'
-mein' Zeel', unsere ganze Mannschaft mit ihm ziehen.«</p>
-
-<p>»Nun, das werdet ihr bald sehen können,« entgegnete der
-Bauer listig lächelnd, »habt ihr noch keine Antwort vom Herzog
-auf eure Botschaft?«</p>
-
-<p>Der Oberst Peter ward feuerrot bis in die Stirne. »Mordelement!
-wer bist denn du, Menschenkind, daz du mein Geheimnuz
-weißt? Wer hat dir gezagt, daz ich zum Herzog
-schickte?«</p>
-
-<p>»Zum Herzog hob' Er g'schickt, Peter? Wos hobt Er denn
-für G'heimnis mitenonder, doß wir's nit wissen dörften. Sog'
-es nur gleich!«</p>
-
-<p>»Nun, ich hab' gedacht, ich müsse wieder einmal für euch
-alle denken wie immer, und hab' einen Mann zum Herzog geschickt,
-ihm in unzerm Namen einen schönen Gruz entboten und
-fragen lassen, ob er unz brauchen könnt'? Dez Monats für
-den Mann einen halben Dicktaler, uns Obersten und Hauptleut'
-aber ein Goldgülden und täglich vier Maaz alten Wein.«</p>
-
-<p>»Dat is keen bitterer Vorschlach, der Teiwel! Eenen
-Goldgülden monatlich? Ich bin dabei, und es wird keener wat
-dagegen haben. Hast du Antwort von dem Heertog?«</p>
-
-<p>»Bis jetzt noch keine; aber, <em class="antiqua">Bassa manelka!</em> wie kamst du
-zu meinem Geheimnuz, Bauer? Ich hau' dir ein Ohr ab,
-Gott straf' mein Zeel', zo tu ich wie mein Patron, der heilige
-Petruz, war auch ein Landsknecht, dem Malchuz, der war von
-den jüdischen Schwyzern, ein Hellebardierer. Zag' schnell
-oder ich hau'!«</p>
-
-<p>»Langer Peter!« rief der kleine Hauptmann Muckerle mit
-ängstlicher Stimme, »laß um Gott'swillen <em class="gesperrt">den</em> gehen; der ist
-fest und kann hexen. Ich weiß noch wie heut, daß wir ihn in<span class="pagenum"><a id="Page_231">[231]</a></span>
-Ulm fangen sollten und in Herrn von Krafts, des Ratsschreibers,
-Stall kamen, wo er sich aufhielt, denn er war ein Kundschafter,
-so machte er sich klein und immer kleiner, bis er ein
-Spatz wurde und über uns 'naus flog.«</p>
-
-<p>»Waz?« schrie der tapfere Oberst und rückte von dem Spielmann
-hinweg, »<em class="gesperrt">der</em> ist's? Wo dann der Magistrat auzrufen
-ließ, man zolle alle Spatzen totschießen, weil zich ein württemberger
-Spioner in einen verwandelt habe? Man heißt zie,
-glaub' ich, jetzt noch die Ulmer Spatzen.«</p>
-
-<p>»Der ist's,« flüsterte Muckerle; »es ist der Pfeifer von
-Hardt, ich hab' ihn gleich erkannt.«</p>
-
-<p>Der Oberst und die Hauptleute hatten sich von ihrem Erstaunen
-noch nicht ganz erholt. Sie sahen den Mann, von
-welchem der Ruf so wunderbare Dinge erzählte, halb ängstlich,
-halb neugierig an. Er selbst hatte ein zu wohlgeübtes Ohr,
-als daß er nicht verstanden hätte, was diese Leute unter sich
-flüsterten; aber er tat, als bemerkte er ihr Staunen und Verstummen
-nicht; er beschäftigte sich ruhig mit seiner Zither. Endlich
-faßte sich der lange Peter, wohlbestallter Oberst dieses
-Heeres, ein Herz, zwirbelte den Bart einigemal, zog dann den
-ungeheuren Hut vom Kopf und sprach: »Verzeihet doch, lieber
-Gezelle, wertgeschätzter Pfeifer, daß wir zo ohne alle Umstände
-mit Euch verfahren zind; konnten wir denn wissen, wen wir da
-neben unz haben? Zeid vielmal gegrüßet, hab' schon oft, Gott
-straf' mein' Zeel', gedacht, möchte nur einmal den fürtrefflichen
-Kerl zehen, den Pfeifer von Hardt, der in Ulm am hellen Tag
-alz Spatz auzgeflogen.«</p>
-
-<p>»Ist schon gut,« unterbrach ihn der Spielmann unmutig;
-»lasset die alten Geschichten ruhen. Nun, von wegen des Herzogs
-kam mir die Nachricht zu, ich soll euch Herren auf den
-heutigen Tag aufsuchen, und wenn ihr noch geneigt wäret, mit
-ihm zu ziehen, so wolle er gerne zahlen, was ihr ihm vorgeschlagen.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Canto cacramento!</em> daz ist ein frommer Herr! ein Goldgülden
-dez Monats und täglich vier Maaz Wein! Er zoll
-leben!«</p>
-
-<p>»Und wann wird er kommen?« fragte der Hauptmann
-Löffler; »wo werden wir zu ihm stoßen?«</p>
-
-<p>»Wenn kein Unglück geschehen ist, heute noch. Heute ist er
-auf Heimsheim losgebrochen, die Besatzung ist schwach. Wenn
-er sie überwältigt hat, rückt er heute noch weiter.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_232">[232]</a></span></p>
-
-<p>»Schaut! reitet dort unten nicht ein Geharnischter? Sieht
-aus wie ein Ritter!« Die Männer sahen aufmerksam nach dem
-Ende des Tales. Dort sah man einen Helm und Harnisch in
-der Sonne blinken, auch ein Pferd wurde hie und da sichtbar.
-Der Pfeifer von Hardt sprang auf und klimmte auf die Eiche
-hinan. Von diesem hohen Standpunkt konnte er das Tal besser
-übersehen. Noch war der Reiter zu fern, als daß er seine Züge
-hätte unterscheiden können, aber er glaubte seine Feldbinde zu
-erkennen, er glaubte den Mann zu erkennen, den er in dieser
-Stunde erwartete.</p>
-
-<p>»Was siehst du?« riefen die Hauptleute. »Ist es einer,
-der zufällig durchs Tal reitet, oder glaubst du, er kommt vom
-Herzog?«</p>
-
-<p>»Richtig, weiß und blau ist die Schärpe,« sprach der
-Pfeifer; »das ist sein langes Haar, so sitzt er zu Pferd. Ei, du
-Goldjunge, willkommen in Württemberg! Jetzt sieht er eure
-Wachen, jetzt reitet er auf sie zu; schau', wie die Bursche ihre
-Lanzen vorstrecken und die Beine ausspreizen.«</p>
-
-<p>»Ja, was Landsknechte sind, die verstehen den Kriegsbrauch;
-darf keiner vorbei, wo die Hauptleute liegen, ohne daß er
-Rede steht.«</p>
-
-<p>»Halt! jetzt rufen sie ihn an; er spricht mit ihnen, sie
-deuten hieher; er kommt!« Der Pfeifer von Hardt stieg mit
-freudeglühendem Gesicht vom Baume herab.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Diavolo maledetto! bassam marendete!</em> Zie werden ihn
-doch nicht allein reiten lassen? Ez wird doch einer zein Roß
-am Zügel führen nach Kriegsbrauch! Wie? Ist ez ein Ritter,
-der kommt?«</p>
-
-<p>»Ein Edelmann, so gut wie einer im Reich,« antwortete
-der Pfeifer; »und der Herzog ist ihm sehr gewogen.« Bei dieser
-Nachricht standen die Hauptleute auf, denn ob sie sich gleich nicht
-wenig einbildeten, Hauptleute zu heißen, so wußten sie doch,
-daß sie eigentlich nur Landsknechte und dem Ritter jedes Zeichen
-von Ehrerbietung schuldig seien. Der Oberst aber setzte sich
-gravitätisch am Fuß der Eiche nieder, strich den Bart, daß er
-hell glänzte, setzte den großen Hut mit der Hahnenfeder zurecht,
-stützte sich auf seinen großen Hieber und erwartete so den Ritter.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_233">[233]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap27">27.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Der Herzog ist gekommen,<br /></span>
-<span class="i0">Er liegt nicht weit im Feld;<br /></span>
-<span class="i0">Er hat's dem Feind genommen,<br /></span>
-<span class="i0">Er bringt 'nen Sack mit Geld.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">G. Schwab.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Dem Platze, wo die Hauptleute und der lange Peter, ihr
-Oberst, versammelt waren, nahte sich jetzt ein geharnischter
-Reiter, dessen Pferd von zwei Landsknechten geführt wurde.
-Der Ritter hatte das Visier seines blanken Helmes herabgeschlagen,
-die breiten Schultern und die kräftigen Lenden und
-Beine waren mit Platten und Schienen von Stahl verhüllt, aber
-die wallenden Federn seines Helmbusches und die wohlbekannten
-Farben einer Schärpe, die über den Panzer herablief, die
-Haltung und das edle, kräftige Wesen des Nahenden hatten dem
-Pfeifer von Hardt längst gesagt, wen er zu erwarten habe. Und
-er betrog sich nicht, denn einer der Knechte trat jetzt vor den
-Oberst und berichtete, daß der »Edle von Sturmfeder« mit den
-Anführern der gesamten Landsknechte etwas zu sprechen habe.</p>
-
-<p>Der lange Peter antwortete im Namen der übrigen: »Zag'
-ihm, er ist willkommen. Peter Hunzinger der Oberst, Ztaberl
-von Wien, Cunrad der Magdeburger, Balthasar Löffler und
-der tapfere Muckerle, wohlbestallte Hauptleute, erwarten ihn
-zum Gespräch. &ndash; Gott straf' mein' Zeel', er hat einen schönen
-Harnisch und einen Helm wie der König Franz, aber zein Gaul
-dürfte besser zein, Mordblei! er ist an allen vieren steif!«</p>
-
-<p>»Dos ist holt, sog' ich, weil er den ganzen Sommer g'stonden
-ist in Mömpelgard beim Herzog.«</p>
-
-<p>Die Männer belächelten den Witz des Wieners, doch hüteten
-sie sich, ihre Freude laut werden zu lassen, denn der Ritter hielt
-nicht allzuferne. Noch immer machte er keine Miene, abzusteigen
-und sich ihnen zu nahen. Er sprach mit dem Knecht,
-schlug dann das Visier auf und zeigte ein schönes, freundliches
-Gesicht. »Steht dort nicht Hans der Spielmann?« rief er mit
-lauter Stimme. »Erlaubet, daß er ein wenig zu mir trete.«</p>
-
-<p>Der Oberst nickte dem Pfarrer zu, er ging, und der Junker
-schwang sich vom Pferde. »Willkommen in Württemberg, edler
-Herr!« rief der Mann von Hardt, indem er den Handschlag
-des Junkers treuherzig erwiderte. »Bringt Ihr gute Botschaft?
-Ich seh's Euch an den Augen an, es steht gut mit dem Herzog.«</p>
-
-<p>»Komm! tritt hier ein wenig auf die Seite,« sagte Georg<span class="pagenum"><a id="Page_234">[234]</a></span>
-von Sturmfeder mit freudiger Hast. »Wie steht es auf Lichtenstein?
-Denkt sie an mich? Hast du einen Brief, ein paar
-Zeilen? O gib schnell! Was läßt sie mir sagen, guter Hans?«</p>
-
-<p>Der Pfeifer lächelte schlau über die Ungeduld des liebenden
-Jünglings. »Einen Brief hab' ich nicht; keine Zeile. Sie
-ist gesund und der alte Herr auch; das ist alles, was ich weiß.«</p>
-
-<p>»Wie!« unterbrach ihn Georg, »keinen Gruß? Keine Botschaft?
-So hat sie dich gewiß nicht ziehen lassen!«</p>
-
-<p>»Als ich vorgestern Abschied nahm, sagte das Fräulein:
-›Sag' ihm, <em class="gesperrt">er soll sich sputen, daß er einziehet
-in Stuttgart</em>.‹ Sie wurde gerade so rot wie Ihr jetzt,
-als sie dies sprach.«</p>
-
-<p>Der junge Mann errötete voll freudiger Gefühle, sein
-Auge glänzte, und ein freundliches Lächeln zeigte, daß er den
-Sinn dieser Worte verstanden habe.</p>
-
-<p>»Bald, bald werden wir einziehen, so Gott will,« sagte er.
-»Aber wie lebten sie diesen langen Sommer? Nur dreimal
-kam uns Botschaft von ihnen zu! Warst du oft auf Lichtenstein,
-Hans? War sie traurig? Was sprach sie?«</p>
-
-<p>»Lieber Herr,« antwortete der Mann von Hardt, »geduldet
-Euch noch, auf dem Marsch will ich Euch ein langes und
-breites erzählen, für jetzt nur so viel: sobald der Alte hört, daß
-Ihr auf Stuttgart ziehet, will er von Lichtenstein aufbrechen
-und Euch die Braut zuführen. Denn er zweifelt nicht, daß ihr
-die Stadt überwältiget. Habt ihr Heimsheim?«</p>
-
-<p>»Wir haben es. Ich jagte mit zwölf Reitern in die Tore,
-ehe sie sich's versahen. Die Besatzung war zwar etwas stärker
-als wir, aber mutlos und unzufrieden. Ich handelte mit ihnen
-in des Herzogs Namen, da glaubten sie, er liege mit vielen
-Truppen noch im Hinterhalt, und ergaben sich. So weit wären
-wir nun in Württemberg, aber wie ist der Weg weiterhin?«</p>
-
-<p>»Offen, bis ins Herz offen. Ich bringe Euch wichtige
-Nachricht vom Ritter von Lichtenstein; daß die gewaltigen
-Herren aus dem Lande sind, wisset Ihr&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie halten einen Bundestag in Nördlingen,<a id="FNanchor_40_41"></a><a href="#Footnote_40_41" class="fnanchor">[40]</a> ist's nicht
-so? Freilich wissen wir's, denn auf <em class="gesperrt">diese</em> Nachricht brach der
-Herzog aus Baden auf.«</p>
-
-<p>»Nun, und wenn die Katzen fort sind, tanzen die Mäuse
-auf dem Tisch! Die Besatzungen sind überall unbesorgt, an den
-Herzog denkt kein Bündler mehr, sie sind nur aufmerksam auf
-den Bundestag, welchen Herrn wir bekommen werden: den
-Oesterreicher, den Bayer, den Prinzen Christophel, oder ob uns<span class="pagenum"><a id="Page_235">[235]</a></span>
-der Städtebund, Augsburg und Aalen, Nürnberg und Bopfingen,
-regieren werde.«</p>
-
-<p>»Welche Augen sie machen werden,« rief Georg lächelnd,
-»wenn der Stuhl schon besetzt ist, um welchen sie streiten!«</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Der Frosch hüpft wieder in sein Pfuhl,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn er auch säß' auf einem goldnen Stuhl!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">sagt's Sprichwort. Sie werden ihre Büchsen auf die Schulter
-nehmen und's Regieren sein lassen.«</p>
-
-<p>»Und die Württemberger? Wie denken sie jetzt vom Herzog?
-Glaubst du, er werde viel Anhang finden? Werden sie
-uns zu Hilfe ziehen?«</p>
-
-<p>»Was Bürger und Bauern sind, ja. Von der Ritterschaft
-weiß ich's nicht, und der alte Herr zuckte die Achsel, wenn ich
-ihn fragte, und murmelte ein paar Flüche. Ich fürchte, es steht
-hier nicht alles, wie es soll. Aber Bürger und Bauern, die
-sind für den Herzog. Es sind allerlei sonderbare Zeichen geschehen,
-die das Volk aufmuntern. So ist neulich im Remstal
-ein Stein vom Himmel gefallen, drauf war ein Hirschgeweih
-eingegraben und die Worte: »Hie gut Württemberg allweg«,
-und auf der andern Seite soll man auf lateinisch gelesen haben:
-»Herzog Ulrich soll leben!«<a id="FNanchor_41_42"></a><a href="#Footnote_41_42" class="fnanchor">[41]</a></p>
-
-<p>»Vom Himmel gefallen, sagst du?«</p>
-
-<p>»So sagt man. Die Bauern hatten große Freude dran,
-aber die bündischen Herren wurden zornig, nahmen die Schulzen
-gefangen und wollten ihnen abpressen, woher der Stein des
-Anstoßes komme. Und als man bei hoher Strafe verbot, vom
-Herzog zu sprechen, da lachten die Männer und sagten, jetzt
-träumen wir von ihm. Alles wünscht ihn zurück, denn sie
-wollen sich lieber von ihrem anerkannten Herrn drücken als
-von Fremden die Haut abziehen lassen.«</p>
-
-<p>»Gut; der Herzog und seine Reiter können in wenigen
-Stunden hier sein. Sein Plan ist, sich gerade durchs Land
-nach Stuttgart zu schlagen. Ist die Hauptstadt unser, so fällt
-uns auch das Land zu. Und wie ist es mit den Landsknechten
-dort? Wollen sie mitziehen?«</p>
-
-<p>»Fast hätte ich die vergessen,« sagte Hans; »sie werden ungeduldig
-werden, wenn wir sie zu lange warten lassen. Gehet
-doch recht klug mit ihnen um, es sind stolze Gesellen und lassen
-sich Hauptleute schelten. Aber haben wir die fünfe gewonnen,
-so sind zwölf Fähnlein des Herzogs. Besonders mit dem Oberst,
-dem langen Peter, müßt Ihr gar höflich sein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_236">[236]</a></span></p>
-
-<p>»Welcher ist der lange Peter?«</p>
-
-<p>»Der dicke Mann, der unter der Eiche sitzt. Er hat einen
-steifen Schnauzbart und einen vornehmen Hut auf dem Kopf.
-Der ist der Höchste unter ihnen.«</p>
-
-<p>»Ich will mit ihm reden, wie du sagst,« antwortete der
-junge Mann und ging mit dem Pfeifer zu den Landsknechten.
-Die lange Unterredung der beiden hatte sie schon etwas unmutig
-gemacht, und der kleine Muckerle schoß stechende Blicke auf den
-Gesandten des Herzogs. Als dieser aber mit edlem Anstand
-und freiem, siegendem Blick unter sie trat, wurden sie schüchtern
-und verlegen, und als er sie endlich mit höflichen, schmeichelhaften
-Worten anredete, wurden ihre tapfern Herzen von der
-Anmut Georgs von Sturmfeder für des Herzogs Sache gewonnen.</p>
-
-<p>»Wohlerfahrener Oberst,« sprach er, »tapfere Hauptleute
-der versammelten Landsknechte, der Herzog von Württemberg
-hat sich den Grenzen seines Landes genaht, hat die Stadt Heimsheim
-erobert und ist willens, auf gleiche Weise sein ganzes
-Herzogtum wieder an sich zu bringen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Gott straf' mein' Zeel', er hat recht; tät'z auch zo
-machen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Er hat den tapfern Arm und die fürtreffliche Kriegskunst
-der Landsknechte erprobt, als sie noch gegen ihn standen; er versieht
-sich zu ihnen, daß sie ihm mit gleichem Mute jetzt beistehen
-werden, und verspricht ihnen mit seinem fürstlichen Wort, die
-Bedingungen zu halten, die sie ihm angeboten haben.«</p>
-
-<p>»Ein frommer Herr,« murmelten sie untereinander mit
-beifälligem Nicken, »ein Goldgülden des Monats &ndash; und Mordblei
-&ndash; täglich vier Maß Wein für die Hauptleut'!«</p>
-
-<p>Der Oberst stand auf, entblößte sein kahles Haupt zum
-Gruß und sprach, von manchem Räuspern der Verlegenheit
-unterbrochen: »Wir danken Euch, hochedler Herr, wollen's tun,
-wollen mitziehen &ndash; wir wollen dem schwäbischen Bund heimgeben,
-waz er unz getan, zo wollen wir. Die allerbesten und
-tapfersten, wie auch fürtrefflichsten Leute haben zie fortgeschickt,
-als brauchten zie keine Landsknechte mehr. Da steht zum Beispiel
-der Hauptmann Löffler; wenn'z einen tapfereren Landsknecht
-gibt in der Christenheit, zo laß ich mir die Haut vom
-Leib schälen und laß mich braten wie eine Zau. Da steht der
-Ztaberl von Wien; zo einen hat die Zonne noch nie beschienen
-und der Mond. &ndash; Da ist dann der Magdeburger, wie der <span id="corr237">ficht keiner</span><span class="pagenum"><a id="Page_237">[237]</a></span>
-in der Türkei &ndash; und der Muckerle da, man zollt ihm'z nicht
-anzehen; aber daz ist der beste Schütz mit der Donnerbüchs und
-trifft auf vierzig Gäng inz Schwarze. &ndash; Von mir mag ich nicht
-reden, Eigenlob stinkt, aber <em class="antiqua">Bassa manelka!</em> in Spanien und
-Holland hab' ich gedient, und <em class="antiqua">Canto cacramento!</em> in Italien
-und Deutschland, Mordblei! in jedem Heere kennt man den
-langen Peter. Gott straf' mein' Zeel', wenn ich und die andern
-hinter den schwäbischen Hund, wollt' zagen Bund, komme,
-<em class="antiqua">diavolo maledetto</em>! Da werden zie daz Hazenpanier ergreifen
-und mit den Absätzen hinter sich hauen!«</p>
-
-<p>Es war dies die längste Rede, die der lange Peter in seinem
-Leben gehalten hat, und noch in späten Jahren, als er längst
-bei Pavia den Ruhm der deutschen Landsknechte mit dem Tod
-besiegelt hatte, führten seine Genossen, wenn sie den jüngeren
-Kameraden vom langen Peter erzählten, diesen Moment als
-einen der erhabensten seines Lebens auf. Wie er dagestanden
-sei, auf das lange Schwert gestützt, den großen Hut mit der
-Hahnenfeder kühn auf das Ohr gerückt, die rechte Hand in die
-Seite gestemmt und die Beine ausgespreizt, da habe ihm nichts
-gefehlt als ein besseres Wams und eine Gnadenkette, um ihn
-für einen echten Oberst und wahrhaften Feldherrn zu halten.</p>
-
-<p>Die Hauptleute luden jetzt den Junker von Sturmfeder
-ein, eine Musterung über das neugeworbene Heer zu halten.
-Der dumpfe Schall der ungeheuren Trommeln tönte durchs Tal
-und weckte die Schläfer aus ihrer Ruhe. Noch schien Frondsbergs
-kriegerischer Geist und sein strenger Ordnungssinn über
-ihnen zu schweben, denn in wenigen Augenblicken hatten sie sich
-zu drei großen Kreisen gebildet, die je aus vier Fähnlein bestanden.
-Einem Auge, das an die schnelle taktmäßige Bewegung,
-die schöne Haltung und die gleiche Farbe der Regimenter
-unserer Zeit gewöhnt ist, möchte wohl jener Anblick überraschend,
-ja lächerlich erschienen sein. Die Landsknechte waren nach ihrem
-Geschmack gekleidet, doch hatte die Mode der Zeit im Schnitt ein
-wenig Gleichförmigkeit in ihren Anzug gebracht. Sie trugen
-gewöhnlich enge Wämser von Leder oder auch Lederwesten mit
-Aermeln von grobem Tuch. Die Lenden staken in ungeheuer
-weiten Pluderhosen, die, am Knie zugebunden, durch ihre Litzenschwere
-noch etwas tiefer herunterhingen. Die vollen Waden
-umgaben grobe Strümpfe von hellen Farben, und die Füße
-waren mit groben Bundschuhen von ungefärbtem Leder bekleidet.
-Ein Hut, eine Tuch- oder Ledermütze, eine erbeutete
-oder für eigene Rechnung gekaufte Blechhaube bedeckte den Kopf,<span class="pagenum"><a id="Page_238">[238]</a></span>
-und die bärtigen Gesichter dieser Männer, die oft zwanzig Jahre
-unter allen Heeren und Himmelsstrichen Europas dienten,
-hatten einen kühnen, martialischen Ausdruck. Ihre Bewaffnung
-bestand in einem langen Dolch und einer Hellebarde; ein Teil
-war auch mit Donnerbüchsen bewaffnet, die man mit Lunten
-losbrannte.</p>
-
-<p>So standen sie mit ausgespreizten Beinen, Fuß an Fuß
-geschlossen, wie ein festes Bollwerk, und Georgs kriegerischen
-Sinn erfreute der Anblick dieser kampfgeübten Männer, die
-wohl zu wissen schienen, daß sie vereinzelt nichts, aber in Massen
-verbunden auch einer zahlreichen Schar von Feinden furchtbar
-seien.</p>
-
-<p>Die Hauptleute hatten den Kriegsbrauch und das Kommandowort
-ihrer früheren Anführer wohl im Gedächtnis behalten.
-Sie traten daher mit dem jungen Ritter in einen dieser
-Kreise, und der tiefe, weit tönende Baß des langen Peters befahl:
-»Gebt acht, ihr Leute! Kehrt euch um!«</p>
-
-<p>Schnell hatten sich die Kreise nach innen gekehrt und vernahmen
-nun die Reden ihrer Hauptleute, die ihnen jene Aufforderung
-des Herzogs von Württemberg auseinandersetzten.
-Ein freudiges Gemurmel zeigte, daß sie mit diesen Bedingungen
-zufrieden seien und Ulrich von Württemberg so eifrig dienen
-wollten, als sie vorher gegen ihn gedient hatten. Die Hauptleute
-ließen jetzt auch einige Uebungen machen, und Georg
-bewunderte die Geschicklichkeit der Landsknechte und glaubte fest,
-man werde es in der Kriegskunst auf Erden schwerlich noch
-viel weiter bringen. Er täuschte sich! Doch sein Irrtum ist so
-verzeihlich als jener unserer Großväter, welche die Heroen des
-großen Friedrich für unübertrefflich hielten und den gottlosen
-Spott ihrer Enkel über Zopf- und Gamaschendienst nicht ahneten.
-Und wird nicht eine Zeit kommen, wo man auch über die guten
-alten Zeiten von 1829 lächeln wird? Freilich, so schlanke
-Taillen wie heutzutage sah man bei den Landsknechten und
-ihren Hauptleuten Anno 1519 nicht. Doch hätten jene martialischen
-Figuren einem ganzen heutigen Heere mit Normalbärten
-aushelfen können.</p>
-
-<p>Etwa nach einer Stunde meldeten die Vorposten, daß man
-unten im Tale, von der Gegend von Heimsheim her, Waffen
-blinken sehe, und wenn man das Ohr auf die Erde lege, seien
-die Tritte vieler Rosse deutlich zu vernehmen.</p>
-
-<p>»Das ist der Herzog,« rief Georg, »führt mein Pferd vor,
-ich will ihm entgegenreiten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_239">[239]</a></span></p>
-
-<p>Der junge Mann galoppierte durch das Tal hin, und die
-Hauptleute und ihre Gesellen blickten ihm nach und bewunderten
-die Kraft und Gewandtheit, mit welcher er in der schweren
-Rüstung aufs Pferd gesprungen war, lobten seinen Anstand und
-seine Haltung, so lange sie ihn noch sehen konnten. Bald mischte
-sich sein Helmbusch mit den Büschen und Lanzenspitzen, die man
-unten im Tal bemerkte. Sie kamen näher, jetzt sah man Helme
-blinken, jetzt wurden die Reiter bis um die Brust sichtbar, jetzt
-erschienen sie auf einmal auf einer kleinen Anhöhe, und man
-konnte die ganze Schar übersehen. Der Pfeifer von Hardt
-schaute mit blitzenden Augen in die Ferne. Seine Brust hob
-und senkte sich, die Freude schien ihn des Atems zu berauben,
-sprachlos nahm er den Obersten an der Hand und deutete auf
-die Reiterschar.</p>
-
-<p>»Welcher ist der Herzog?« fragte dieser. »Ist'z der auf
-dem Mohrenschimmel?«</p>
-
-<p>»Nein, das ist der edle Herr von Hewen. Seht Ihr das
-Banner von Württemberg? Wie, seh' ich recht? Bei Gott,
-der Junker von Sturmfeder darf es tragen!«</p>
-
-<p>»Daz ist eine große Ehre! Mordblei, ist erst fünfundzwanzig
-und darf die Fahne tragen! In Frankreich darf das
-nur der Connetabel tun, der erste Mann nach dem König Franz.
-Dort heißt man'z Ohrenflamme und ist aus lauter Gold. Aber
-welcher ist der Herzog Ulrich?«</p>
-
-<p>»Seht Ihr den im grünen Mantel mit den schwarz und
-roten Federn auf dem Helm? Er reitet neben dem Banner
-und spricht mit dem Junker, er reitet einen Rappen und zeigt
-gerade mit dem Finger auf uns &ndash; seht, das ist der Herzog.«</p>
-
-<p>Die Reiterschar mochte ungefähr vierzig Pferde betragen.
-Sie bestand meist aus Edelleuten und ihren Dienern, die dem
-Herzog in seine Verbannung nachgezogen waren oder, von
-seinem Einfall benachrichtigt, an der Grenze seines Landes sich
-an ihn angeschlossen hatten. Sie waren alle wohlberitten und
-bewaffnet. Georg von Sturmfeder trug Württembergs Panier,
-neben ihm ritt ganz geharnischt der Herzog. Als dieser Zug
-jetzt den Landsknechten etwa auf zweihundert Schritte nahe
-war, erhob der lange Peter seine Stimme und sprach: »Gebt
-acht, ihr Leut'! Wann Zeine Durchlaucht nahe ist und ich
-meinen Hut vom Scheitel reiße, zo schreiet: ›Vivat Ulericus!‹
-Schwenket die Fähnlein in der Luft, und ihr Trommler rasselt
-auf euren Fellen, daß euch das Donnerwetter! Schlagt den
-Wirbel wie beim Sturm auf eine Festung; <em class="antiqua">Bassa manelka!</em><span class="pagenum"><a id="Page_240">[240]</a></span>
-Haut drauf, und wenn der Schlegel bricht &ndash; zo begrüßen die
-tapferen Landsknecht' einen Fürsten.«</p>
-
-<p>Diese kurze Anrede tat ihre vollkommene Wirkung; die
-kriegerische Schar murmelte das Lob des Herzogs, sie schüttelten
-ihre Hellebarden, stampften ihre Büchsen klirrend auf den Boden,
-und die Trommler faßten ihre Schlegel krampfhaft in die
-Hand, und als jetzt Georg von Sturmfeder, der Bannerträger
-von Württemberg, ansprengte und hinter ihm hoch zu Roß, erhaben
-wie in den Tagen seiner Herrschaft, mit kühnen, gebietenden
-Blicken Herzog Ulrich von Württemberg sich zeigte,
-da entblößte der lange Peter ehrfurchtsvoll sein Haupt, die
-Trommeln rasselten wie zum Sturm einer Feste, die Fähnlein
-neigten sich zum Gruß, und die Landsknechte riefen ein tausendstimmiges
-»Vivat Ulericus!«</p>
-
-<p>Der Bauersmann von Hardt war still in der Ferne gestanden,
-hatte nicht auf diese kriegerischen Grüße gehört, seine
-ganze Seele schien nur in seinem Auge zu liegen, das trunken
-an seinem Herrn hing. Der Herzog hielt den Rappen an,
-blickte um sich, und es war tiefe Stille unter den vielen Menschen.
-Da trat der Bauer vor, kniete nieder, hielt ihm den
-Bügel zum Absteigen und sprach: »Hie gut Württemberg
-allweg!«</p>
-
-<p>»Ha! Bist du es, Hans, mein Geselle im Unglück, der mir
-den ersten Gruß von Württemberg bringt? Meine Edeln habe
-ich hier erwartet, daß sie mich begrüßen bei meinem ersten
-Schritt auf württembergischen Grund, meinen Kanzlar und
-meine Räte. Wo sind die Hunde? Die Stände meiner Landschaft,
-wo blieben sie, will man mich nicht wiedersehen in der
-Heimat? Ist keiner von allen da, mir den Bügel zu halten als
-der Bauer?«</p>
-
-<p>Seine Begleiter drängten sich staunend um den Herzog her,
-als sie ihn also sprechen hörten. Sie wußten nicht, war es
-Ernst oder bitterer Scherz über sein Unglück. Sein Mund
-schien zu lächeln, aber sein Auge blitzte mutig, und seine Stimme
-klang ernst und befehlend. Sie sahen einander wegen dieser
-düsteren Laune zweifelhaft an, aber der Pfeifer von Hardt erwiderte
-seinem Fürsten: »Diesmal ist's nur der Bauer, der
-Euch auf Württembergs Boden hilft, aber verachtet nicht ein
-treues Herz und eine feste Hand. Die andern werden schon
-auch kommen, wenn sie hören, daß der Herr Herzog wieder im
-Lande sei.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_241">[241]</a></span></p>
-
-<p>»Meinst du,« sprach Ulrich bitter lachend, indem er sich
-vom Pferde schwang, »sie werden auch kommen? Bis jetzt
-haben wir wenig Kunde davon; aber ich will anklopfen an ihren
-Türen, daß sie merken sollen, es ist der <em class="gesperrt">alte</em> Herr, der in
-sein Haus will!</p>
-
-<p>Sind dies die Landsknechte, die mir dienen wollen?«
-fuhr er fort, indem er aufmerksam das kleine Heer betrachtete;
-»sie sind nicht übel bewaffnet und sehen männlich aus. Wieviel
-sind es?«</p>
-
-<p>»Zwölf Fähnlein, Euer Durchlaucht,« antwortete der Oberst
-Peter, der noch immer mit gezogenem Hut vor ihm stand und
-hie und da verlegen den ungarischen Bart zwirbelte. »Lauter
-geübte Leut'; Gott straf' mein' Zeel', tut mir leid, wenn ich geflucht
-hab', der König in Frankreich hat sie nicht besser.«</p>
-
-<p>»Wer bist denn du?« fragte ihn der Herzog, der die große
-dicke Figur mit dem langen Hieber und dem roten Gesicht verwundert
-anschaute.</p>
-
-<p>»Ich bin eigentlich ein Landsknecht meines Zeichenz, man
-nennt mich den langen Peter, jetzt aber wohlbestallter Oberst
-verzammelter&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was, Oberst! Diese Narrheit muß aufhören. Ihr mögt
-mir wohl ein tapferer Mann sein, aber zum Hauptmann seid
-Ihr nicht gemacht. Ich selbst will Euer Oberst sein, und zu
-Hauptleuten werde ich einige meiner Ritter machen.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Bassa manelk</em> &ndash; tut mir leid, wenn ich geflucht hab', aber
-erlaubt, Herr Herzog, einem alten Kerl ein Wort: daz ist gegen
-unsern Pakt mit dem Goldgülden monatlich und den vier Maaz
-Wein tagtäglich. Da steht zum Beispiel der Ztaberl aus Wien,
-'z gibt keinen Tapferen unter dem Mond&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Schon gut, Alter, schon gut! Auf die Goldgülden und
-den Wein soll mir's nicht ankommen. Wer bisher Hauptmann
-war, soll es richtig bekommen. Nur den Befehl müßt Ihr abgeben.
-Habt ihr Pulver und Kugeln?«</p>
-
-<p>»Das will ich meenen!« sagte der Magdeburger, »wir
-haben noch von Euer Durchlaucht eigenem Pulver und Blei,
-das wir in Tübingen mitgenommen. Wir haben Munition
-auf achtzig Schuß für den Mann.«</p>
-
-<p>»Gut! Georg von Hewen und Philipp von Rechberg, ihr
-teilt euch in die Knechte, jeder nimmt sechs Fähnlein. Ihr
-da, die ihr euch Hauptleute nennet, könnet bei den einzelnen
-Fähnlein bleiben und den beiden Herren an die Hand gehen.
-Ludwig von Gemmingen, seid so gut und nehmet den Oberbefehl<span class="pagenum"><a id="Page_242">[242]</a></span>
-über das Fußvolk. Jetzt geradesweges auf Leonberg. Freu'
-dich, mein treuer Bannerträger,« sagte Ulrich, als er sich aufs
-Pferd schwang, »so Gott will, ziehen wir morgen in Stuttgart
-ein.«</p>
-
-<p>Die Reiterschar, den Herzog an der Spitze, zog fürder.
-Der lange Peter stand noch immer unverrückt auf dem Platz,
-den Hut mit der stolzen Hahnenfeder in der Hand, und schaute
-den Reitern nach.</p>
-
-<p>»Daz ist einmal ein Fürst!« sprach er zu den Hauptleuten,
-die neben ihm standen. »Waz der für eine gewaltige Stimme
-hat, und wie er greulich mit den Augen funkelt, daz ez einem
-angst und bange wird. Hu, ich meinte, er woll' mich mit Haut
-und Haar verschlucken, alz er mich fragte: Wer bist denn du?«</p>
-
-<p>»Mir wor's g'rod, wie wenn einer siedend Wasser über
-mein Leib schütten tät. In Wien ist doch auch 'n Kaiser, aber
-der tut nit so g'waltig wie der do!«</p>
-
-<p>»Also Hauptleut' sind wer g'wesen,« sprach der Hauptmann
-Muckerle, »<em class="gesperrt">die</em> Herrlichkeit hat nit lang dauert.«</p>
-
-<p>»Narr! daz ist mir recht. Würde bringt Bürde, zagt ein
-Sprichwort, die anderen haben oft nicht recht gehorcht, wenn
-wir befohlen haben; Diavolo, hat doch erst heute einer mich
-ausgelacht. Hat allez einen besseren Schick, wenn'z die Herren
-anführen. Den Goldgülden und die vier Maaz haben wir ja
-doch, und daz bleibt die Hauptsache.«</p>
-
-<p>»Dat meen' ich ooch! und dat haben wer dem langen Peter
-tu verdanken. Er soll leben!«</p>
-
-<p>»Dank' schön; aber daz zag' ich, <em class="gesperrt">der</em> Herr wird dem Bund
-aufzünden, Mordblei! Wenn der erst ein Schwert in die Hand
-nimmt, der jagt die Städtler allein auz dem Land! Und zeine
-Räte und Kanzlar und die Landschaft! Habt ihr gehört, wie
-greulich er über die geflucht hat? Ich möcht' in keinez Haut
-stecken.«</p>
-
-<p>Das Wirbeln der Trommeln unterbrach das Gespräch
-dieser tapferen Krieger. Diese Töne erschollen nicht mehr auf
-ihren Befehl, aber der lange Peter war in seinen vielen Feldzügen
-so sehr an den Wechsel von Glück und Unglück, von Hoheit
-und Niedrigkeit gewöhnt worden, daß er über den Sturz seines
-Regiments nicht trauerte. Gelassen nahm er die Hahnenfeder
-von dem großen Hut, legte die rote Schärpe und den langen
-Hieber, die Zeichen seiner Würde, ab und ergriff eine Hellebarde.
-»Gott straf' mein' Zeel', ez ist schwer für einen Kerl
-wie ich, zwölf Fähnlein zu regieren,« sagte er, als er sich wieder<span class="pagenum"><a id="Page_243">[243]</a></span>
-als guter Landsknecht in die Reihen seiner Kameraden stellte.
-»Aber bei Sankt Petruz, dem trefflichen Landsknecht &ndash; er
-muß jetzt auch Oberst zein in den himmlischen Heerscharen
-<em class="antiqua">Kyrie eleizon!</em> &ndash; der Mensch muß allez probieren auf Erden.«
-Die Landsknechte schüttelten ihm die Hand und bestätigten es.
-Es tat seinem tapferen Herzen wohl, zu hören, er habe sein
-Kommando trefflich verwaltet. Die drei Ritter, ihre Anführer,
-saßen auf und stellten sich zu ihren Fähnlein, die Landsknechte
-richteten sich in gewohnter Ordnung zum Marsch, und
-Ludwig von Gemmingen ließ die Trommeln rühren zum Aufbruch.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap28">28.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Erstiegen ist der Wall, wir sind im Lager!<br /></span>
-<span class="i0">Jetzt werft die Hülle der verschwiegnen Nacht<br /></span>
-<span class="i0">Von euch, die euren stillen Zug verhehlte,<br /></span>
-<span class="i0">Und macht dem Feinde eure Schreckensnähe<br /></span>
-<span class="i0">Durch lauten Schlachtruf kund!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Schiller.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Es war in der Nacht vor Mariä Himmelfahrt, als Herzog
-Ulrich vor dem Rotenbildtore in Stuttgart anlangte. Er hatte
-auf seinem Zuge schnell das Städtchen Leonberg erobert und
-war dann unaufhaltsam immer weiter gedrungen. Vieles Volk
-lief zu, denn wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet,
-daß der Herzog wieder im Lande sei. Jetzt erst zeigte
-es sich, wie wenig Freunde der Bund sich erworben hatte; denn
-überall wurde die Freude laut, daß das gehässige Regiment des
-Bundes ein Ende habe, daß das angestammte Fürstenhaus wieder
-in seine alten Rechte sich einsetze.</p>
-
-<p>Auch nach Stuttgart war bald diese Nachricht vorgedrungen
-und hatte die verschiedensten Empfindungen dort erregt. Der
-Adel, der sich in der Stadt befand, wußte nicht, was er sich
-vom Herzog zu versehen hatte. Die Uebergabe von Tübingen
-war noch in zu frischem Gedächtnis, als daß er ganz unbesorgt
-gewesen wäre. Aber die Erinnerung an den glänzenden Hof
-Ulrichs von Württemberg, an die fröhlichen Tage, die sie dort
-verlebt hatten, die Vergleichung dieser Zeit mit dem freudenlosen
-Leben der Bundesräte mochte sie günstig für den Herzog
-stimmen, wenn auch mancher Ursache hatte, seine Wiederkehr
-nicht gerade herbeizuwünschen. Die Bürgerschaft konnte ihre
-Freude über diese Nachrichten kaum verbergen; sie verließen<span class="pagenum"><a id="Page_244">[244]</a></span>
-ihre Häuser, traten haufenweise auf den Straßen zusammen und
-besprachen sich über die Dinge, die ihrer warteten. Sie schimpften
-leise, aber weidlich auf den Bund, ballten grimmig ihre
-Fäuste in der Tasche und waren überaus patriotisch gesinnt.
-Sie erinnerten sich der erlauchten Ahnen des vertriebenen Fürsten,
-es war sein Name Württemberg, den auch sie trugen, sie
-zählten so manchen wackeren Herrn aus der Familie auf, unter
-welchem sie und ihre Väter glücklich gelebt, der Württembergs
-Namen berühmt gemacht hatte. Auch der Gedanke tat ihnen
-wohl, daß von ihrer Entscheidung für den einen oder den anderen
-Teil so viel abhänge, weil man im ganzen Lande auf die Stuttgarter
-sehe. Sie waren zwar weit entfernt, gegen die bündische
-Besatzung auf ihre eigene Faust einen Aufruhr zu unternehmen,
-aber sie sprachen zu einander: »Gevatter, wartet nur, bis es
-Nacht wird, da wollen wir den Reichsstädtlern zeigen, wo sie her
-sind, wir Stuttgarter.«</p>
-
-<p>Dem bündischen Statthalter, Christoph von Schwarzenberg,
-entging diese Bewegung unter den Bürgern nicht. Zu
-spät sah er ein, wie töricht man getan habe, das Heer zu entlassen.
-Er wandte sich an die Bundesstände, die noch zu Nördlingen
-versammelt waren, und begehrte Hilfe, aber er selbst gab
-die Hoffnung auf, Stuttgart so lange halten zu können,
-bis ein neues Heer im Feld erschienen sei. Er traf zwar einige
-Anstalten zur Gegenwehr; aber die Blitzesschnelle, mit welcher
-der Herzog erschien, vereitelte alle seine Bemühungen. Als er
-sah, daß er den Bürgern nicht trauen könne, daß ihm der Adel
-nicht beistehe, daß die Besatzung nicht einmal zur Sicherung der
-Tore hinreiche, entwich er bei Nacht und Nebel mit den Bundesräten
-nach Eßlingen. Ihre Flucht war so eilig und geheim, daß
-sie sogar ihre Familien zurückließen und niemand in der Stadt
-ahnte, daß der Statthalter und die Räte nicht mehr in den
-Mauern seien; daher waren die Anhänger des Bundes noch
-immer getrosten Mutes und glaubten nicht an die Gerüchte von
-der schnellen Annäherung des Herzogs.</p>
-
-<p>Der Marktplatz war damals noch das Herz der Stadt
-Stuttgart, zwar hatten sich schon zwei große Vorstädte, die
-Sankt Leonhards- und die Turnieracker-Vorstadt um sie gelagert,
-welche, mit Graben, Mauern und starken Toren versehen,
-das Ansehen eigener Städte bekommen hatten. Aber
-noch standen die Ringmauern und Tore der Altstadt, und ihre
-Bürger sahen nicht ohne Stolz herab auf die Vorstädtler. Der
-Marktplatz war es, wo nach alter Sitte bei jeder besonderen<span class="pagenum"><a id="Page_245">[245]</a></span>
-Gelegenheit die Bürger sich versammelten; auch an dem wichtigen
-Abend vor Mariä Himmelfahrt strömten sie dorthin zusammen.
-Zur Zeit, wo der Bürger noch mit der Wehre an der
-Seite auftreten durfte, hatte sein öffentlich gesprochenes Wort
-auch mehr zu bedeuten als in späteren Tagen, wo Tinte, Feder
-und Papier die Oberhand gewannen. Und wahrlich, die Bürger
-von Stuttgart waren, bei Nacht und in Massen versammelt,
-ganz andere Leute als morgens. Mancher, der, hätte man ihn
-vormittags um seine Meinung wegen des Herzogs gefragt, antwortete:
-»Was geht es mich an, bin ein friedlicher Bürgersmann,«
-erhob jetzt seine Stimme und schrie: »Wir wollen dem
-Herzog die Tore öffnen, fort mit den Bündischen! Wer ist ein
-guter Württemberger?«</p>
-
-<p>Der Mond schien hell auf die versammelte Menge herab,
-die unruhig hin und her wogte. Ein verworrenes Gemurmel
-drang von ihr in die Lüfte. Noch schienen sie unschlüssig, vielleicht
-weil keiner kühn genug war, sich an die Spitze zu stellen.
-Aus den hohen Giebelhäusern, die den Platz einschlossen, schauten
-viele hundert Köpfe auf den Markt hernieder. Es waren die
-Weiber und Töchter der Versammelten, die ängstlich und gespannt
-auf das Gemurmel lauschten; denn die Stuttgarter Mädchen
-waren damals ein neugieriges Völkchen und hielten es im
-Herzen aus Mitleiden mit dem Herzog.</p>
-
-<p>Schon wurde das Murmeln der Menge immer lauter und
-verständlicher; der Ruf: »Wir wollen die Knechte vom Tor wegjagen
-und dem Herzog die Stadt auftun,« immer deutlicher,
-da sah man einen langen, hageren Mann auf eine Bank am
-Brunnen springen, wo er die ganze Menge überragte. Er focht
-mit ungeheuer langen Armen in der Luft umher, tat einen
-weiten Mund auf und schrie mit heiserer Stimme um Gehör.
-Es wurde nach und nach stiller auf dem Platz, man vernahm
-einzelne Worte aus seiner Rede: »Was? Die ehrsamen Bürger
-von Stuttgart wollen ihren Eid brechen &ndash; habt ihr nicht dem
-Bunde geschworen? Wem wollet ihr die Tore öffnen? Dem
-Herzog? Er kommt mit ganz geringer Mannschaft, denn er
-hat ja kein Geld, um Leute zu bezahlen, und da müsset dann
-ihr wieder den Beutel auftun und blechen! Da wird's heißen,
-Stuttgart zahlt zehntausend Gulden, weil es von Uns abgefallen
-ist. Hört ihr? Zehntausend Gulden sollt ihr zahlen!«</p>
-
-<p>»Wer ist denn der lange Kerl?« fragten sich die Männer.
-&ndash; »Er hat nicht unrecht &ndash; werden tüchtig zahlen müssen.«
-&ndash; »Ist er ein Bürger, der da oben? Wer seid Ihr?« rief<span class="pagenum"><a id="Page_246">[246]</a></span>
-einer der kühnsten, »woher wollt Ihr wissen, was wir zahlen
-müssen?«</p>
-
-<p>»Ich bin der berühmte Doktor Calmus,« sprach der Redner
-mit feierlicher Stimme, »und weiß das ganz genau. Und wen
-wollt ihr vertreiben? Den Kaiser, das Reich, den Bund? So
-viele reiche Herren wollt ihr vor den Kopf stoßen? Und warum?
-Wegen dem Utz, der euch das Fell über die Ohren zieht; denkt
-nur an das geringere Gewicht, an die harten Jagdfrevel. Jetzt
-hat er gar kein Geld mehr; er ist ein Lump, hat alles verspielt
-in Mömpelgard&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Halt Er sein Maul!« schrieen die Bürger. »Was geht
-das ihn an? Er ist kein hiesiger Bürger; fort mit dem Kahlmäuser
-&ndash; schlagt ihn tot &ndash; werft ihn als Fisch in den Brunnen
-&ndash; der Herzog soll leben!«</p>
-
-<p>Doktor Calmus erhob noch einmal seine Stimme, aber die
-Bürger überschrieen ihn.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick kam ein neuer Trupp Bürger aus
-der oberen Stadt herabgerannt. »Der Herzog ist vor dem
-Rotenbildtor,« riefen sie, »mit Reitern und Fußvolk! Wo ist
-der Statthalter? Wo sind die Bundesräte? Er will in die
-Stadt schießen, wenn man nicht aufmacht! &ndash; Fort mit den
-Bündischen! Wer ist gut württembergisch?«</p>
-
-<p>Der Tumult wuchs von Sekunde zu Sekunde. Die Bürger
-schienen noch unschlüssig, da bestieg ein neuer Redner die
-Bank; es war ein feiner Herr, der durch sein schmuckes Aeußere
-einen Augenblick den Bürgern imponierte: »Bedenket, ihr Männer,«
-rief er mit feiner Stimme, »was wird der durchlauchtige
-Bundesrat dazu sagen, wenn ihr&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was scheren wir uns um den Durchlauchtigen!« überschrie
-man ihn. »Fort! Reißt ihn herab mit dem rosenfarbenen
-Mäntelein und dem glatten Haar, das ist ein Ulmer! Fort
-mit ihm &ndash; auf ihn, er ist von Ulm!«</p>
-
-<p>Aber ehe sie noch diesen Entschluß ausführten, trat ein
-kräftiger Mann hinauf, warf mit einem Schlag den Doktor
-rechts und den Ulmer mit dem rosenfarbenen Mäntelein links
-von der Bank und winkte mit der Mütze in die Luft. »Still!
-Das ist der Hartmann,« flüsterten die Bürger, »der versteht's,
-hört, was er spricht!«</p>
-
-<p>»Höret mich!« sprach dieser. »Der Statthalter und die
-Bundesräte sind nirgends zu finden, sie sind entflohen und haben
-uns im Stich gelassen, darum greifet die beiden da, wir wollen
-sie als Geißeln behalten. Und jetzt hinauf ans Rotebildtor!<span class="pagenum"><a id="Page_247">[247]</a></span>
-Dort steht unser rechter Herzog, 's ist besser, wir machen selbst
-auf, als daß er mit Gewalt eindringt. Wer ein guter Württemberger
-ist, folgt mir nach.«</p>
-
-<p>Er stieg herab von der Bank, und jubelnd umgab ihn die
-Menge. Die beiden Fürsprecher des Bundes wurden, ehe sie sich
-dessen versahen, gebunden und fortgeführt. Jetzt ergoß sich der
-Strom der Bürger vom Marktplatz zum oberen Tor hinaus
-über den breiten Graben der alten Stadt in die Turnieracker-Vorstadt,
-am Bollwerk vorbei zum Rotenbildtor. Die bündischen
-Knechte, die das Tor besetzt hielten, wurden schnell übermannt,
-das Tor ging auf, die Zugbrücke fiel herab und legte
-sich über den Stadtgraben.</p>
-
-<p>Dort hatten indessen die Anführer des Fußvolkes ihre
-besten Truppen aufgestellt, denn man wußte nicht genau, wie
-die Bündischen sich bei Annäherung des Herzogs benehmen
-würden. Ulrich selbst hatte die Posten beritten. Vergeblich
-suchte Georg von Sturmfeder ihn zu überzeugen, daß die Besatzung
-von Stuttgart so schwach sei, daß sie ihnen nicht die Spitze
-bieten könne, vergeblich stellte er ihm vor, daß die Bürger ihn
-zurücksehnen und willig ihre Tore öffnen werden. Der Herzog
-schaute finster in die Nacht hinaus, preßte die Lippen zusammen
-und knirschte mit den Zähnen.</p>
-
-<p>»Das verstehst du nicht,« murmelte er dem Jüngling zu.
-»Du kennst die Menschen nicht; sie sind alle falsch; traue niemand
-als dir selbst. Sie drehen den Mantel nach jedem Wind!
-&ndash; Aber diesmal will ich sie fassen. Meinst du, ich habe mein
-Land umsonst mit dem Rücken angesehen?«</p>
-
-<p>Georg konnte diese Stimmung des Herzogs nicht begreifen.
-Im Unglück war er fest, sogar mild und sanft gewesen, hatte
-von manchem schönen Brauch gesprochen, den er einführen
-wolle, wenn er wieder ins Land komme, hatte selten Zorn über
-seine Feinde, beinahe nie Unmut über die Untertanen gezeigt,
-die von ihm abgefallen waren; aber sei es, daß mit dem Anblick
-der vaterländischen Gegenden auch das Gefühl der Kränkung
-stärker als zuvor in ihm erwachte, sei es, daß es ihm unangenehm
-auffiel, daß der Adel und die Stände noch nichts hatten
-von sich hören lassen: er war, seit er die Grenzen Württembergs
-überschritten, nicht freudig, gehoben, erwartungsvoll, sondern
-ein stolzer Trotz blitzte aus seinen Augen, seine Stirne
-war finster, und eine gewisse Strenge und Härte im Urteil fiel
-seinen Umgebungen, besonders Georg von Sturmfeder auf, der<span class="pagenum"><a id="Page_248">[248]</a></span>
-sich in diese neue Seite von Ulrichs Charakter nicht gleich zu
-finden wußte.</p>
-
-<p>Die Aufforderung an die Stadt mochte wohl schon seit
-einer halben Stunde ergangen sein. Bald war die Frist abgelaufen,
-die er ihr gegeben hatte, und noch immer war keine
-Antwort da; man hörte nur ein ängstliches Hin- und Herrennen
-in der Stadt, aus welchem man weder gute noch böse Zeichen
-deuten konnte.</p>
-
-<p>Der Herzog ritt zu den Landsknechten vor, die erwartungsvoll
-auf ihren Hellebarden und Donnerbüchsen lehnten. Die
-drei Ritter, welche sie führten, standen am Graben und hielten
-durch ihre Anwesenheit die Knechte in Ruhe und Ordnung. Beim
-Schein des Mondes betrachtete Georg ängstlich Ulrichs Züge.
-Die Ader auf seiner Stirne war aufgelaufen, eine tiefe Röte
-lag auf seinen Wangen, und seine Augen brannten in düsterer
-Glut.</p>
-
-<p>»Hewen! Laßt Leitern anschleppen!« sagte er mit dumpfer
-Stimme. »Der Donner und das Wetter! Es ist mein eigen
-Haus, vor dem ich stehe, und die Hunde wollen mich nicht einlassen.
-Ich laß noch einmal blasen, machen sie dann nicht sogleich
-auf, so schmeiß' ich Feuer in die Stadt, daß ihre Käfige
-zusammenbrennen.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Bassa manelka</em>, waz mich daz freut!« sagte der lange
-Peter, der in der ersten Rotte neben dem Herzog stand, leise zu
-seinen Kameraden: »Jetzt werden Leitern beigeschleppt, wie die
-Katzen wir hinauf, mit den Hellebarden über die Mauer gestochen,
-daß die Kerl' heruntermüssen, mit den Büchsen dreingepfeffert,
-<em class="antiqua">canto cacramento</em>!«</p>
-
-<p>»Dat will ik meenen!« flüsterte der Magdeburger, »und
-dann hinunter in die Stadt, angezündet an den Ecken, geplündert,
-gebürstet, da will ik man ooch bei sin.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, Herr Herzog,« rief Georg von Sturmfeder,
-welcher die Reden des Herzogs und die greuliche Freude
-der Landsknechte wohl vernommen hatte; »wartet nur noch ein
-kleines Viertelstündchen, es ist ja Eure eigene Residenzstadt.
-Sie beraten sich vielleicht noch.«</p>
-
-<p>»Was haben sie sich lange zu beraten?« entgegnete Ulrich
-unwillig. »Ihr Herr ist hier außen vor dem Tore und fordert
-Einlaß. Ich habe schon zu lange Geduld gehabt. Georg! Breite
-mein Panier aus im Mondschein, laß die Trompeter blasen,
-fordere die Stadt zum letztenmal auf! Und wenn ich dreißig
-zähle nach deinem letzten Wort, und sie haben noch nicht aufgemacht,<span class="pagenum"><a id="Page_249">[249]</a></span>
-beim heiligen Hubertus, so stürmen wir. Spute dich,
-Georg!«</p>
-
-<p>»O Herr! Bedenket, eine Stadt, Eure beste Stadt! Wie
-lange habt Ihr in diesen Mauern gelebt, wollt Ihr Euch ein
-solches Brandmal aufrichten? Gebt noch Frist!«</p>
-
-<p>»Ha!« lachte der Herzog grimmig und schlug mit dem
-Stahlhandschuh auf den Brustharnisch, daß es weithin tönte
-durch die Nacht, »ich sehe, dich gelüstet nicht sehr, in Stuttgart
-einzuziehen und dein Weib zu verdienen. Aber bei meiner Ungnade,
-jetzt kein Wort mehr, Georg von Sturmfeder. Schnell
-ans Werk! Ich sag', roll' mein Panier auf! Blast, Trompeter,
-blast! Schmettert sie auf aus dem Schlaf, daß sie merken,
-ein Württemberger ist vor dem Tor und will trotz Kaiser und
-Reich in sein Haus. Ich sag', fordere sie auf, Sturmfeder!«</p>
-
-<p>Georg folgte schweigend dem Befehl. Er ritt bis dicht vor
-den Graben und rollte das Panier von Württemberg auf. Die
-Strahlen des Mondes schienen es freundlich zu begrüßen, sie
-beleuchteten es deutlich und zeigten seine Felder und Bilder.
-Auf einer großen Fahne von roter Seide war Württembergs
-Wappen eingewoben. Der Schild zeigte vier Felder. Im
-ersten waren die württembergischen Hirschhörner angebracht,
-im zweiten die Würfel von Teck, im dritten die Reichssturmfahne,
-die dem Herzog als Reichsbannerträger zukam, und im
-vierten die Fische von Mömpelgard, der Helm aber trug die
-Krone und das Uracher Jägerhorn. Der junge Mann schwenkte
-das schwere Panier in der starken Hand, drei Trompeter ritten
-neben ihm auf und schmetterten ihre wilden Fanfaren gegen
-die verschlossene Pforte.</p>
-
-<p>Im Tore öffnete sich ein Fenster; man fragte nach dem
-Begehr. Georg von Sturmfeder erhob seine Stimme und rief:
-»Ulrich, von Gottes Gnaden Herzog zu Württemberg und Teck,
-Graf zu Urach und Mömpelgard, fordert zum zweiten- und
-letztenmal seine Stadt Stuttgart auf, ihm willig und sogleich
-die Tore zu öffnen; widrigenfalls wird er die Mauer stürmen
-und die Stadt als feindlich ansehen.«</p>
-
-<p>Noch während Georg dieses ausrief, hörte man das verworrene
-Geräusch vieler Tritte und Stimmen in der Stadt, es
-kam näher und näher und wurde zum Tumult und Geschrei.</p>
-
-<p>»Gott straf' mein' Zeel', zie machen einen Auzfall!« sagte
-der lange Peter, laut genug, um vom Herzog verstanden zu
-werden.</p>
-
-<p>»Du könntest recht haben,« erwiderte dieser, indem er sich<span class="pagenum"><a id="Page_250">[250]</a></span>
-plötzlich zu dem erschrockenen Landsknecht wandte. »Schließt
-dichter an, streckt die Piken vor und haltet die Lunten bereit.
-Wir wollen sie empfangen nach Verdienst.«</p>
-
-<p>Die ganze Linie zog sich vom Graben zurück, nur die drei
-ersten Fähnlein stellten sich da, wo die Zugbrücke sich ans Land
-legen mußte, auf. Ein Wall von Piken starrte jedem Angriff
-entgegen, und die Schützen hatten die Donnerbüchsen aufgelegt
-und hielten die Lunten über dem Zündloch. Tiefe Stille der
-Erwartung war auf dieser Seite, desto brausender drang der
-Lärm aus der Stadt herüber. Die Brücke fiel herab, aber
-keine Feinde waren es, die zu einem Ausfall herüberdrangen,
-sondern drei alte, graue Männer kamen aus dem Tor; sie trugen
-das Wappen der Stadt und die Schlüssel.</p>
-
-<p>Als der Herzog dies sah, ritt er etwas freundlicher hinzu.
-Georg folgte ihm und betrachtete diese Uebergabe. Zwei dieser
-Männer schienen Ratsherren oder Bürgermeister zu sein. Sie
-beugten das Knie vor dem Herrn und überreichten ihm die
-Zeichen ihrer Unterwerfung. Er gab sie seinen Dienern und
-sagte zu den Bürgern: »Ihr habt uns etwas lange warten
-lassen vor der Türe. Wahrhaftig, wir wären bald über die
-Mauer gestiegen und hätten eigenhändig eure Stadt zu unserem
-Empfang beleuchtet, daß euch der Rauch die Augen hätte beizen
-sollen. Der Teufel! Warum ließet ihr so lange warten?«</p>
-
-<p>»O Herr!« sagte einer der Bürger. »Was die Bürgerschaft
-betrifft, die war gleich bereit, Euch aufzutun. Wir haben
-aber etliche vornehme Herren vom Bunde hier, die hielten lange
-und gefährliche Reden an das Volk, um es gegen Euch aufzuwiegeln.
-Das hat so lange verzögert.«</p>
-
-<p>»Ha! Wer sind diese Herren? Ich hoffe nicht, daß ihr
-sie habt entkommen lassen! Mich gelüstet, ein Wort mit ihnen
-zu sprechen.«</p>
-
-<p>»Bewahre, Euer Durchlaucht! Wir wissen, was wir unserm
-Herrn schuldig sind. Wir haben sie sogleich gefangen und gebunden.
-Befehlt Ihr, daß wir sie bringen?«</p>
-
-<p>»Morgen früh ins Schloß! Will sie selbst verhören; schicket
-auch den Scharfrichter; werde sie vielleicht köpfen lassen.«</p>
-
-<p>»Schnelle Justiz, aber ganz nach Verdienst!« sprach hinter
-den beiden Bürgern eine heisere, krächzende Stimme.</p>
-
-<p>»Wer spricht da mir ins Wort?« fragte der Herzog und
-schaute sich um; zwischen den beiden Bürgern heraus trat eine sonderbare
-Gestalt. Es war ein kleiner Mann, der den Höcker, womit
-ihn die Natur geziert hatte, unter einem schwarzen, seidenen<span class="pagenum"><a id="Page_251">[251]</a></span>
-Mantel schlecht verbarg. Ein kleines spitziges Hütlein saß auf
-seinen grauen schlichten Haaren, tückische Aeuglein funkelten
-unter buschigen, grauen Augenbrauen, und der dünne Bart,
-der ihm unter der hervorspringenden Adlernase hing, gab ihm
-das Ansehen eines sehr großen Katers. Eine widerliche Freundlichkeit
-lag auf seinen eingeschrumpften Zügen, als er vor dem
-Herzog das Haupt zum Gruß entblößte, und Georg von Sturmfeder
-faßte einen unerklärlichen Abscheu und ein sonderbares
-Grauen vor diesem Mann gleich beim ersten Anblick.</p>
-
-<p>Der Herzog sah den kleinen Mann an und rief freudig:
-»Ha! Ambrosius Volland, unser Kanzlar! Bist du auch noch
-am Leben? Hättest zwar früher schon kommen können, denn
-du wußtest, daß wir wieder ins Land dringen &ndash; aber sei uns
-deswegen dennoch willkommen.«</p>
-
-<p>»Allerdurchlauchtigster Herr!« antwortete der Kanzler Ambrosius
-Volland, »bin wieder so hart vom Zipperlein befallen
-worden, daß ich beinahe nicht aus meiner Behausung kommen
-konnte; verzeihet daher, Euer&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Schon gut, schon gut!« rief der Herzog lachend. »Will
-dich schon kurieren vom Zipperlein. Komm morgen früh ins
-Schloß; jetzt aber gelüstet uns, Stuttgart wiederzusehen.
-Heran, mein treuer Bannerträger!« wandte er sich mit huldreicher
-Miene zu Georg. »Du hast treulich Wort gehalten, bis
-an die Tore von Stuttgart. Ich will's vergelten. Bei St.
-Hubertus, jetzt ist die Braut dein nach Recht und Billigkeit.
-Trag mir meine Fahne vor, wir wollen sie aufpflanzen auf
-meinem Schloß und jenes bündische Banner in den Staub
-treten! Gemmingen und Hewen, Ihr seid heute nacht noch
-meine Gäste; wir wollen sehen, ob uns die Herren vom Schwabenbund
-noch ein Restchen Wein übrig gelassen haben!«</p>
-
-<p>So ritt Herzog Ulrich, umgeben von den Rittern, die
-seinem Zuge gefolgt waren, wieder in die Tore seiner Residenz.
-Die Bürger schrieen Vivat, und die schönen Mädchen verneigten
-sich freundlich an den Fenstern zum großen Aergernis ihrer
-Mütter und Liebhaber; denn alle dachten, diese Grüße gelten
-dem schönen jungen Ritter, der des Herzogs Banner trug und,
-beleuchtet vom Fackelschein, wie St. Georg, der Lindwurmtöter,
-aussah.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_252">[252]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap29">29.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">O Burg, von Geistern tapfrer Ahnen,<br /></span>
-<span class="i0">Die tatenfreudig hier gelebt,<br /></span>
-<span class="i0">Und wackrer Fürsten Ruhm umschwebt,<br /></span>
-<span class="i0">O, deren Bild mit frommem Mahnen<br /></span>
-<span class="i0">Sich in des Nahen Bilder webt.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Ph. Conz.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Das alte Schloß zu Stuttgart hatte damals, als es Georg
-von Sturmfeder am Morgen nach des Herzogs Einzug beschaute,
-nicht ganz die Gestalt, wie es noch in unsern Tagen zu sehen ist,
-denn dieses Gebäude wurde erst von Ulrichs Sohn, Herzog
-Christoph, aufgeführt. Das Schloß der alten Herzoge von
-Württemberg stand übrigens an derselben Stelle und war in
-Plan und Ausführung nicht sehr verschieden von Christophs
-Werk, nur daß es zum größten Teil aus Holz gebaut war. Es
-war umgeben von breiten und tiefen Gräben, über welche gegen
-Mitternacht eine Brücke in die Stadt führte. Ein großer,
-schöner Vorplatz diente in früheren Zeiten dem fröhlichen Hofe
-Ulrichs zum Tummelplatz für ritterliche Spiele, und mancher
-Reiter wurde von des Herzogs eigener gewaltiger Hand in den
-Sand geworfen. Die Zeichen dieses ritterlichen Sinnes sprachen
-sich auch in andern Teilen des Gebäudes aus. Die Halle im
-unteren Teile des Schlosses war hoch und gewölbt wie eine
-Kirche, daß die Ritter in dieser »Tyrnitz« bei Regentagen fechten
-und Speere werfen und sogar die ungeheuren Lanzen ungehindert
-darin handhaben konnten. Von der Größe dieser fürstlichen
-Halle zeugt die Aussage der Chronisten, daß man bei
-feierlichen Gelegenheiten dort oft zwei- bis dreihundert Tische
-gedeckt habe. Von da führte eine steinerne Treppe aufwärts,
-so breit, daß zwei Reiter nebeneinander hinaufreiten konnten.
-Dieser großartigen Einrichtung des Schlosses entsprach die
-Pracht der Zimmer, der Glanz des Rittersaales und die reichen,
-breiten Galerien, die zum Tanz und Spiele eingerichtet waren.</p>
-
-<p>Georg maß mit staunendem Auge diese verschwenderische
-Pracht der Hofburg. Er verglich den kleinen Sitz seiner Ahnen
-mit diesen Hallen, diesen Höfen, diesen Sälen; wie klein und
-gering kam es ihm vor! Er erinnerte sich der Sage von der
-glänzenden Hofhaltung Ulrichs, von seiner prachtvollen Hochzeit,
-wo er in diesem Schloß siebentausend Gäste aus allen Teilen
-des Deutschen Reiches speiste und tränkte, wo in dem hohen
-Gewölbe der Tyrnitz und in dem weiten Schloßhofe einen ganzen<span class="pagenum"><a id="Page_253">[253]</a></span>
-Monat lang Ritterspiel und Gelage gehalten wurden, und
-wenn der Abend einbrach, hundert Grafen, Ritter und Edelleute
-mit Hunderten der schönsten Damen in jenen Sälen und
-Galerien tanzten. Er blickte hinab in den herrlichen Schloßgarten,
-das Paradies genannt. Seine Phantasie bevölkerte
-diese Lustgehege und Gänge mit jenem fröhlichen Gewimmel
-des fröhlichen Hofes, mit den Heldengestalten der Ritter, mit
-den festlich geputzten Fräulein, mit allem Jubel und Sang, der
-einst hier erscholl. Aber wie öde und leer deuchten ihm diese
-Mauern und Gärten, wenn er die Gegenwart mit den Bildern
-seiner Phantasie verglich. Die Gäste der Hochzeit, der glänzende,
-lustige Hof ist verschwunden, sprach er zu sich, die fürstliche
-Gemahlin ist entflohen, der glänzende Frauenkreis, der sie
-einst umgab, hat sich zerstreut, die Ritter und Grafen, die einst
-hier schmausten und ein reiches Leben voll Spiel und Tanz verlebten,
-sind von dem Fürsten abgefallen, die zarten Sprossen
-seiner Ehe sind in fernen Landen &ndash; er selbst sitzt einsam in
-dieser herrlichen Burg, brütet Rache an seinen Feinden und weiß
-nicht, wie lange er nur in dem Hause seiner Väter bleiben
-wird; ob nicht aufs neue seine Feinde noch mächtiger heranziehen;
-ob er nicht noch unglücklicher wird als je zuvor.</p>
-
-<p>Vergebens strebte der Jüngling, diese trüben Gedanken,
-welche der Widerspruch der Pracht seiner Umgebungen mit dem
-Unglück des Herzogs in ihm erweckt hatte, zu unterdrücken.
-Vergebens rief er das Bild jenes holden Wesens herauf, das
-er jetzt bald auf ewig sein nennen durfte, vergebens malte er
-sich sein häusliches Glück an ihrer Seite mit den lockendsten,
-reizendsten Farben aus; jene trüben Bilder kehrten immer
-wieder. Sei es, daß jener Mann durch die Erhabenheit, die er
-im Unglück gezeigt hatte, einen so großen Raum in der Brust
-des Jünglings gewonnen hatte, sei es, daß ihn die Natur in
-einzelnen Augenblicken mit einem unwillkürlichen Gefühl der
-Ahnung begabte, er blieb sinnend und ernst, und es war ihm,
-als sei der Herzog nichts weniger als glücklich, als müsse er ihn
-vor irgend einem drohenden Unglück warnen.</p>
-
-<p>»So überaus ernst, junger Herr?« fragte eine heisere
-Stimme hinter ihm und weckte ihn aus seinen Gedanken. »Ich
-dächte doch, Georg von Sturmfeder hätte alle Ursache, heiter
-und guter Dinge zu sein!«</p>
-
-<p>Der junge Mann wandte sich verwundert um und schaute
-herab &ndash; auf den Kanzler Ambrosius Volland. War ihm dieser
-Mann schon gestern durch seine widrige Freundlichkeit, durch<span class="pagenum"><a id="Page_254">[254]</a></span>
-sein katerhaftes schleichendes Wesen unangenehm aufgefallen, so
-war dies heute noch mehr der Fall, da der Kanzler durch überladenen
-Putz seine Mißgestalt noch mehr herausgehoben hatte.
-Sein dunkelgelbes, verwittertes Antlitz, mit dem ewigen stehenden
-Lächeln, die grünen Aeuglein unter den langen, grauen
-Wimpern, die roten entzündeten Ränder der Augenlider, der
-dünne Katzenbart stachen grell ab gegen ein rotes Barett von
-Samt und gegen einen Mantel von hellgelber Seide, der über
-den Höcker des kleinen Mannes hinabfloß. Unter diesem trug
-er einen grasgrünen Anzug, rosenrot ausgeschlitzt, und rosenrote
-Kniebänder mit ungeheuren Maschen. Sein Kopf stak in
-den Schultern, und das rote Barett stieß hinten sogleich auf
-den Höcker auf. Der Scharfrichter von Stuttgart pflegte daher
-zu sagen, unter allen Menschen, die er kenne, sei niemand
-schwerer zu köpfen als der Kanzler Ambrosius Volland.</p>
-
-<p>Dieser Mann war es, der an Georg von Sturmfeder mit
-süßem Lächeln hinaufsah und, da ihn dieser noch immer anstarrte,
-zu sprechen fortfuhr: »Ihr kennet mich vielleicht nicht,
-wertgeschätzter junger Freund, ich bin aber Ambrosius Volland,
-Sr. Durchlaucht Kanzler. Ich komme, um Euch einen guten
-Morgen zu wünschen.«</p>
-
-<p>»Ich danke Euch, Herr Kanzler. Viele Ehre für mich,
-wenn Ihr Euch deswegen herbemühtet.«</p>
-
-<p>»Ehre, wem Ehre gebühret! Ihr seid der Ausbund und
-die Krone unserer jungen Ritterschaft! Ja, wer meinem Herrn
-so treu beigestanden ist in aller Not und Fährlichkeit, der hat
-Anspruch auf meinen innigsten Dank und meine absonderliche
-Verehrung.«</p>
-
-<p>»Ihr hättet das wohlfeiler haben können, wenn Ihr mitgezogen
-wäret nach Mömpelgard,« erwiderte Georg, den die
-Lobsprüche dieses Mannes beleidigten. »Treue muß man nie
-loben, eher Untreue schelten.«</p>
-
-<p>Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den
-grünen Augen des Kanzlers, aber er faßte sich schnell wieder
-zur alten Freundlichkeit. »Jawohl, das mein' ich auch. Was
-mich betrifft, so lag ich am Zipperlein hart danieder und konnte
-also nicht wohl nach Mömpelgard reisen, werde aber jetzt mit
-meinem kleinen Licht, das mir der Himmel verliehen, dem Herrn
-desto tätlicher zur Hand gehen.«</p>
-
-<p>Er hielt einen Augenblick inne und schien Antwort zu erwarten;
-aber der Jüngling schwieg und maß ihn nur hin und
-wieder mit einem Blick, den er nicht recht ertragen konnte.<span class="pagenum"><a id="Page_255">[255]</a></span>
-»Nun, Euch wird die Freude erst recht angehen. Der Herzog
-hält erstaunlich viel auf Euch! Natürlich, Ihr verdient es auch
-im höchsten Grad, und der Herzog hat seinen Liebling gut gewählt.
-Wollet doch erlauben, daß Ambrosius Volland Euch
-auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige. Seid Ihr Freund von
-schönen Waffen? Kommet in meine Behausung auf dem Markt,
-wählet Euch aus meiner Armatur, was Euch beliebt. Vielleicht
-dienen Euch schöne Bücher, habe einen ganzen Kasten voll;
-wählet Euch aus, was Ihr wollet, wie es unter Freunden gebräuchlich.
-Esset auch zuweilen bei mir zu Mittag; meine Base,
-ein feines Kind von siebzehn Jahren, hält mir Haus. Sehet
-ihr nur, hi, hi, hi &ndash; sehet ihr nur nicht zu tief in die Augen.«</p>
-
-<p>»Seid ohne Sorgen, bin schon versehen.«</p>
-
-<p>»So? Ei, das ist recht christlich gedacht; das muß ich loben.
-Man trifft solchen wackern Sinn nicht immer unter unserer
-heutigen Jugend. Ich sagte es ja gleich, der Sturmfeder, das
-ist ein Ausbund von Tugenden. Nun, was ich noch sagen wollte,
-wir sind bis jetzt so miteinander die einzigen von des Herzogs
-Hofstaat; stehen wir zusammen, so werden nur Leute aufgenommen,
-die wir wollen. Verstehet mich schon! hi, hi, eine Hand
-wäscht die andere. Darüber läßt sich noch sprechen. Ihr beehret
-mich doch zuweilen mit einem Besuche?«</p>
-
-<p>»Wenn es meine Zeit erlauben wird, Herr Kanzler.«</p>
-
-<p>»Würde mich gerne noch länger bei Euch aufhalten, denn
-in Eurer Gegenwart ist mir ganz wohl ums Herz; muß aber
-jetzt zum Herrn. Er will heute früh Gericht halten über die
-zwei Gefangenen, die gestern nacht das Volk aufwiegeln wollten.
-Wird was geben, der Beltle ist schon bestellt.«</p>
-
-<p>»Der Beltle?« fragte Georg, »wer ist er?«</p>
-
-<p>»Das ist der Scharfrichter, wertgeschätzter junger Freund.«</p>
-
-<p>»Ich bitte Euch! der Herzog wird doch nicht den ersten
-Tag seiner neuen Regierung mit Blut beflecken wollen!«</p>
-
-<p>Der Kanzler lächelte greulich und antwortete: »Was das
-wieder Eurem fürtrefflichen Herzen Ehre macht; aber zum
-Blutrichter taugt Ihr nicht. Man muß ein Exempel statuieren.
-Der eine,« fuhr er mit zarter Stimme fort, »der eine wird geköpft,
-weil er von Adel ist, der andere wird gehängt. Behüt'
-Euch Gott, Lieber!«</p>
-
-<p>So sprach der Kanzler Ambrosius Volland und ging mit
-leisen Schritten die Galerie entlang den Gemächern des Herzogs
-zu. Georg sah ihm mit düsteren Blicken nach. Er hatte
-gehört, daß dieser Mann früher durch seine Klugheit, vielleicht<span class="pagenum"><a id="Page_256">[256]</a></span>
-auch durch unerlaubte Künste großen Einfluß auf Ulrich gewonnen
-hatte. Er hatte den Herzog selbst oft mit großer Achtung
-von der Staatsklugheit dieses Mannes sprechen hören; aber er
-wußte nicht warum, er fürchtete für den Herzog, wenn er sich
-dem Kanzler vertraue, er glaubte Tücke und Falschheit in seinen
-Augen gelesen zu haben.</p>
-
-<p>Er sah gerade den Höcker und den wehenden gelben Mantel
-um die Ecke schweben, als eine Stimme neben ihm flüsterte:
-»Trauet dem Gelben nicht!« Es war der Pfeifer von Hardt,
-der sich unbemerkt an seine Seite gestellt hatte.</p>
-
-<p>»Wie? Bist du es, Hans?« rief Georg und bot ihm
-freundlich die Hand: »Kommst du ins Schloß; uns zu besuchen?
-Das ist schön von dir, bist mir wahrhaftig lieber als der mit
-dem Höcker. Aber was wolltest du mit dem Gelben, dem ich
-nicht trauen solle?«</p>
-
-<p>»Das ist eben der mit dem Höcker, der Kanzler, der ist
-ein falscher Mann. Ich habe auch den Herzog verwarnt, er
-soll nicht alles tun, was er ihm rät; aber er wurde zornig,
-und &ndash; es mag wahr sein, was er sagte.«</p>
-
-<p>»Was sagte er denn? Hast du ihn heute schon gesprochen?«</p>
-
-<p>»Ich kam, um mich zu verabschieden, denn ich gehe wieder
-heim nach Hardt zu Weib und Kind. Der Herr war erst gerührt
-und erinnerte sich an die Tage seiner Flucht und sagte,
-ich solle mir eine Gnade ausbitten. Ich aber habe keine verdient,
-denn was ich getan, ist eine alte Schuld, die ich abgetragen.
-Da sagte ich, weil ich nichts anders wußte, er soll mich
-meinen Fuchs frei schießen lassen und es nicht strafen als Jagdfrevel.
-Des lachte er und sprach: das könne ich tun, das sei aber
-keine Gnade; ich solle weiter bitten. Da faßte ich ein Herz
-und antwortete: ›Nun, so bitt' ich, Ihr möget dem schlauen
-Kanzler nicht allzuviel trauen und folgen; denn ich meine,
-wenn ich ihn sehe, er meint es falsch.‹«</p>
-
-<p>»So geht es mir gerade auch,« rief Georg. »Es ist, als
-wolle er mir die Seele ausspionieren mit den grünen Augen,
-und ich wette, er meint es falsch. Aber was gab dir der Herzog
-zur Antwort?«</p>
-
-<p>»›Das verstehst du nicht,‹ sagte er und wurde bös. ›In
-Klüften und Höhlen magst du wohl bewandert sein, aber im
-Regiment kennt der Kanzler die Schliche besser als du.‹ Kann
-sein, ich habe unrecht, und es soll mir lieb sein um den Herzog.
-Nun lebet wohl, Junker, Gott sei mit Euch! Amen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_257">[257]</a></span></p>
-
-<p>»Und wolltest du also gehen? Wolltest nicht noch zu meiner
-Hochzeit bleiben? Ich erwarte den Vater und das Fräulein
-heute. Bleibe noch ein paar Tage. Du warst so oft der Liebesbote
-und darfst uns nicht fehlen!«</p>
-
-<p>»Was soll so ein geringer Mann wie ich bei der Hochzeit
-eines Ritters? Zwar könnte ich mich hinaufsetzen zu den Spielleuten
-und auch eines aufspielen zum Ehrentanz, aber das tun
-andere ebensogut als ich, und mein Haus verlangt nach mir.«</p>
-
-<p>»Nun, so lebe wohl! Grüße mir dein Weib und Bärbele,
-dein schmuckes Töchterlein, und besuche uns fleißig auf Lichtenstein.
-Gott sei mit dir!«</p>
-
-<p>Dem Jüngling hing eine Träne im Auge, als er dem
-Bauer die Hand zum Abschied bot, denn er hatte in ihm einen
-kräftigen, biedern Mann, einen treuen Diener seines Fürsten,
-einen mutigen Genossen in Gefahren und einen heitern Gesellen
-im Unglück erkannt. Wohl schwebte ihm noch manche Frage
-über das geheimnisvolle Walten dieses Mannes, über seine
-wunderbare Anhänglichkeit an den Herzog auf den Lippen;
-aber er unterdrückte sie, überwältigt von jener unerklärlichen
-Macht, von jener natürlichen Größe und Würde, welche den
-Pfeifer von Hardt auch im unscheinbaren Gewand des Bauers
-umgab.</p>
-
-<p>»Noch eins!« rief Hans, als er eben nach dem letzten Händedruck
-des Junkers scheiden wollte. »Wisset Ihr auch, daß Euer
-ehemaliger Gastfreund und zukünftiger Vetter, Herr von Kraft,
-hier ist?«</p>
-
-<p>»Der Ratsschreiber? Wie sollt' der hieher kommen? Er
-ist ja bündisch!«</p>
-
-<p>»Er ist hier und nicht gerade im anmutigsten Klosett,
-denn er sitzt gefangen. Gestern abend, als das Volk zusammenlief
-wegen des Herzogs, soll er für den Bund öffentlich gesprochen
-haben.«</p>
-
-<p>»Gott im Himmel! Das war Dietrich Kraft, der Ratsschreiber?
-Da muß ich schnell zum Herzog, er richtet schon über
-ihn, und der Kanzler will ihn köpfen lassen. Gehab' dich wohl!«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten eilte der Jüngling den Korridor entlang
-zu den Gemächern des Herzogs. Er war in Mömpelgard
-zu allen Tageszeiten zum Herzog gegangen, daher machten ihm
-auch jetzt die Türhüter ehrerbietig Platz. Er trat hastig in das
-Gemach. Der Herzog sah ihn verwundert und etwas unwillig
-an, der Kanzler aber hatte das ewige süße Lächeln wie eine
-Larve vorgehängt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_258">[258]</a></span></p>
-
-<p>»Guten Morgen, Sturmfeder!« rief der Herzog, der in
-einem grünen, goldgestickten Kleide, den grünen Jagdhut auf
-dem Kopf, am Tische saß. »Hast du gut geschlafen in meinem
-Schlosse? Was führt dich schon so früh zu Uns? Wir sind
-beschäftigt.«</p>
-
-<p>Die Augen des jungen Mannes hatten indessen unruhig
-im Zimmer umhergestreift und den Schreiber des Ulmer Rats
-in einer Ecke gefunden. Er war blaß wie der Tod, sein sonst
-so zierliches Haar hing in Verwirrung herab, und ein rosenfarbnes
-Mäntelein, das er über ein schwarzes Kleid trug, war
-in Fetzen zerrissen. Er warf einen rührenden Blick auf den
-Junker Georg und sah dann auf zum Himmel, als wollte er
-sagen: »Mit mir ist's aus!« Neben ihm standen noch einige
-Männer und auch ein langer, hagerer Mann, den er schon
-gesehen zu haben sich erinnerte. Die Gefangenen wurden von
-Peter, dem tapferen Magdeburger und dem Staberl aus Wien
-bewacht. Sie standen mit ausgespreizten Beinen, die Hellebarden
-auf den Boden gestemmt, kerzengerade auf ihrem Posten.</p>
-
-<p>»Ich sag', Wir haben zu tun,« fuhr der Herzog fort. »Was
-schaust du nur immer nach dem rosenfarbenen Menschenkind?
-Das ist ein verstockter Sünder. Das Schwert wird schon für
-ihn gewetzt.«</p>
-
-<p>»Euer Durchlaucht erlauben mir nur <em class="gesperrt">ein</em> Wort,« entgegnete
-Georg. »Ich kenne jenen Mann und wollte mich mit
-Hab und Gut für ihn verbürgen, daß er ein friedlicher Mann
-ist und gewiß kein Verbrecher, der den Tod verdiente.«</p>
-
-<p>»Bei Sankt Hubertus, das ist kühn! Die Natur hat sich
-geändert. Mein Kanzler, der treffliche Jurist, hat sich aufgeputzt
-wie ein junger Krieger, und mein junger Krieger dort
-will den Advokaten machen. Was sagt Ihr dazu, Ambrosius
-Volland?«</p>
-
-<p>»Hi, hi! Ich habe Eurer Durchlaucht durch meine Person
-Spaß machen wollen. Weiß aus früherer Zeit, daß Ihr einen
-kleinen Scherz liebet. Nun, der liebe, gute Sturmfeder will
-die Lustbarkeit vermehren und den Juristen spielen. Hi, hi, hi!
-Wird ihm aber nichts helfen, dem Rosenfarbenen. Majestätsverbrechen!
-wird halt doch geköpft, der im Mäntelein!«</p>
-
-<p>»Herr Kanzler,« rief der Jüngling, vor Unmut glühend,
-»der Herr Herzog wird mir bezeugen können, daß ich mich nie
-zum Schalksnarren hergegeben habe. Diese Rolle mache ich
-andern nicht streitig, und mit Menschenleben spiele und scherze
-ich nie. Es ist mein wahrer Ernst. Ich verbürge mich mit<span class="pagenum"><a id="Page_259">[259]</a></span>
-meinem Leben für gegenwärtigen Edlen von Kraft, Ratsschreiber
-von Ulm. Ich hoffe, meine Bürgschaft kann angenommen
-werden.«</p>
-
-<p>»Wie?« sagte Ulrich, »das ist wohl der zierliche Herr, dein
-Gastfreund, von dem du mir so oft erzähltest? Tut mir leid
-um ihn, aber er wurde in einem Aufruhr unter sehr gefährlichen
-Umständen gefangen.«</p>
-
-<p>»Freilich!« krächzte Ambrosius, »ein <em class="antiqua">crimen laesae majestatis</em>.«</p>
-
-<p>»Erlaubet, Herr! Ich habe die Rechte lange genug studiert,
-um zu wissen, daß hier durchaus nicht von einem solchen Verbrechen
-die Rede sein kann. Gestern nacht waren die Bundesräte
-und der Statthalter noch hier, folglich war Stuttgart noch
-in Gewalt des Bundes, und der Ratsschreiber, der durchaus
-kein Untertan Sr. Durchlaucht ist, hat nicht anders gehandelt
-als jeder bündische Soldat, der auf Befehl seines Oberen gegen
-uns zu Felde zog.«</p>
-
-<p>»Ei, die Jugend, die Jugend! Wie Ihr alles überhaspelt,
-junger, sehr wertgeschätzter Freund! Sobald der Herzog die
-Stadt aufgefordert hatte und den <em class="antiqua">animum possidendi</em> hatte, war
-auch alles, was in den Mauern sich befand, <em class="gesperrt">sein</em>. Folglich,
-wer eine Verschwörung gegen ihn anzettelte, ist ein Majestätsverbrecher.
-Besagter Herr von Kraft aber hat schrecklich gefährliche
-Reden an das Volk gehalten.«</p>
-
-<p>»Nicht möglich! Es wäre ganz gegen seine Art und Weise!
-Herr Herzog, das kann nicht sein!«</p>
-
-<p>»Georg!« sagte dieser ernst, »wir haben lange Geduld gehabt,
-dich anzuhören. Es hilft deinem Freunde doch nichts.
-Hier liegt das Protokoll. Der Kanzler hat, ehe ich kam, ein
-Zeugenverhör angestellt, worin alles sonnenklar bewiesen ist.
-Wir müssen ein Exempel statuieren. Wir müssen Unsere Feinde
-recht ins Herz hinein verwunden; der Kanzler hat ganz recht.
-Darum kann ich keine Gnade geben.«</p>
-
-<p>»So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und die
-Zeugen, nur ein paar Worte.«</p>
-
-<p>»Ist gegen alle Form Rechtens,« fiel der Kanzler ein; »ich
-muß dagegen protestieren, Lieber! Es ist ein Eingriff in mein
-Amt.«</p>
-
-<p>»Laß ihn, Ambrosius. Mag er meinetwegen noch ein paar
-Fragen an den armen Sünder tun, er ist doch verloren.«</p>
-
-<p>»Dietrich von Kraft,« fragte Georg, »wie kommt Ihr
-hieher?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_260">[260]</a></span></p>
-
-<p>Der arme Ratsschreiber, den der Tod schon an der Kehle
-gefaßt hatte, verdrehte die Augen, und seine Zähne schlugen aneinander.
-Endlich konnte er einige Worte herausstoßen: »Bin
-hieher geschickt worden vom Rat, wurde Schreiber beim Statthalter&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie kamet Ihr gestern nacht zu den Bürgern von Stuttgart?«</p>
-
-<p>»Der Statthalter befahl mir abends, wenn etwa die Bürger
-sich aufrührerisch zeigten, sie anzureden und zu ihrer Pflicht
-und ihrem Eid zu verweisen.«</p>
-
-<p>»Ihr sehet, er kam also auf höheren Befehl dorthin. &ndash;
-Wer nahm Euch gefangen?« fuhr Georg zu fragen fort.</p>
-
-<p>»Der Mann, der neben Euch steht.«</p>
-
-<p>»Ihr habt diesen Herrn gefangen? Also müßt Ihr auch
-gehört haben, was er sprach? Was sagte er denn?«</p>
-
-<p>»Ja, was wird er gesagt haben?« antwortete der Bürger;
-»er hat keine sechs Worte gesprochen, so warf ihn der Bürgermeister
-Hartmann von der Bank herunter. Ich weiß noch, er
-hat gesagt: ›Aber bedenket, ihr Leute, was wird der durchlauchtigste
-Bundesrat dazu sagen!‹ Das war alles, da nahm ihn
-der Hartmann beim Kragen und warf ihn herunter. Aber dort,
-der Doktor Calmus, der hielt eine längere Rede.«</p>
-
-<p>Der Herzog lachte, daß das Gemach dröhnte, und sah bald
-Georg, bald den Kanzler an, der ganz bleich und verstört sich
-umsonst bemühte, sein Lächeln beizubehalten. »Das war also
-die gefährliche Rede, das Majestätsverbrechen? ›Was wird der
-Bundesrat dazu sagen!‹ Armer Kraft! Wegen dieses kraftvollen
-Sprüchleins verfielst du beinahe dem Scharfrichter. Nun,
-das haben selbst Unsere Freunde oft gesagt: ›Was werden die
-Herren sagen, wenn sie hören, der Herzog ist im Land.‹ Deswegen
-soll er nicht bestraft werden, was sagst du dazu, Sturmfeder?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, was Ihr für Gründe habt, Herr Kanzler,«
-sagte der Jüngling, indem sein Auge noch immer von
-Unmut strahlte, »die Sachen so auf die Spitze zu stellen und
-dem Herrn Herzog zu Maßregeln zu raten, die ihn überall &ndash;
-ja, ich sage es, die ihn überall als einen Tyrannen ausschreien
-müssen. Wenn es nur Diensteifer ist, so habt Ihr diesmal
-schlecht gedient.«</p>
-
-<p>Der Kanzler schwieg und warf nur einen grimmigen,
-stechenden Blick aus den grünen Aeuglein auf den jungen Mann.
-Der Herzog aber stand auf und sprach: »Laß mir mein Kanzlerlein<span class="pagenum"><a id="Page_261">[261]</a></span>
-gehen; diesmal freilich war er zu strenge. Da &ndash; nimm
-deinen rosenroten Freund mit dir, gib ihm zu trinken auf die
-Todesangst, und dann mag er laufen, wohin er will. Und du,
-Hund von einem Doktor, der du zu schlecht zu einem Hundedoktor
-bist, für dich ist ein württembergischer Galgen noch zu
-gut. Gehängt wirst du doch noch einmal, ich will mir die Mühe
-nicht geben. Langer Peter, nimm diesen Burschen, binde ihn
-rückwärts auf einen Esel und führe ihn durch die Stadt; und
-dann soll man ihn nach Eßlingen führen &ndash; zu den hochweisen
-Räten, wo er und sein Tier hingehört. Fort mit ihm!«</p>
-
-<p>Die Züge des Doktor Kahlmäuser, in welchen schon der
-Tod gesessen war, heiterten sich auf. Er holte freier Atem und
-verbeugte sich tief. Peter, Staberl und der Magdeburger fielen
-mit grimmiger Freude über ihn her, luden ihn auf ihre breiten
-Schultern und trugen ihn weg.</p>
-
-<p>Der Ratsschreiber von Ulm vergoß Tränen der Rührung
-und Freude. Er wollte dem Herzog den Mantel küssen, doch
-dieser wandte sich ab und winkte Georg, den Gerührten zu entfernen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap30">30.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">O tu' es nicht! Tu's nicht!<br /></span>
-<span class="i0">Sieh, deine reinen, edlen Züge wissen<br /></span>
-<span class="i0">Noch nichts von dieser unglücksel'gen Tat,<br /></span>
-<span class="i0">Bloß deine Einbildung befleckte sie,<br /></span>
-<span class="i0">Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen<br /></span>
-<span class="i0">Aus deiner hoheitblickenden Gestalt.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Schiller.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Der Schreiber des großen Rates schien noch nicht Fassung
-genug erlangt zu haben, um auf dem Wege durch die Gänge
-und Galerien des Schlosses die vielen Fragen seines Erretters
-zu beantworten. Er zitterte noch an allen Gliedern, seine
-Kniee wankten, und oft drehte er sich um und schaute mit verwirrten
-Blicken hinter sich, als fürchte er, den Herzog möchte
-seine Gnade gereuen, und der greuliche Kanzler im gelben Mantel
-möchte ihm nachschleichen und ihn plötzlich am Genick packen.
-Auf Georgs Zimmer angekommen, sank er erschöpft auf einen
-Stuhl, und es verging noch eine gute Weile, ehe er geordnet
-zu denken und zu antworten vermochte.</p>
-
-<p>»Eure Politika, Vetter, hat Euch einen schlimmen Streich
-gespielt,« sagte Georg; »was fällt Euch aber auch ein, in Stuttgart<span class="pagenum"><a id="Page_262">[262]</a></span>
-als Volksredner auftreten zu wollen? Wie konntet Ihr
-überhaupt nur Eure bequeme Haushaltung, die sorgsame Pflege
-der Amme und die Nähe der holden Bertha fliehen, um hier
-dem Statthalter zu dienen?«</p>
-
-<p>»Ach! Sie ist es ja gerade, die mich in den Tod geschickt
-hat. Bertha ist an allem schuld. Ach, daß ich nie mein Ulm
-verlassen hätte! Mit dem ersten Schritte über unsere Markung
-fing mein Jammer an.«</p>
-
-<p>»Bertha hat Euch fortgeschickt?« fragte Georg. »Wie, seid
-Ihr nicht zum Ziele Eurer Bemühungen gelangt? Sie hat Euch
-abgewiesen, und aus Verzweiflung seid Ihr&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Gott behüte! Bertha ist so gut als meine Braut. Ach,
-das ist gerade der Jammer! Wie Ihr von Ulm abgezogen
-waret, bekam ich Händel mit Frau Sabina, der Amme; da entschloß
-ich mich und hielt bei meinem Oheim um das Bäschen
-an. Nun habt Ihr aber dem Mädchen durch Euer kriegerisches
-Wesen gänzlich den Kopf verrückt. Sie wollte, ich solle vorher
-zu Feld ziehen und ein Mann werden wie Ihr. &ndash; Dann wolle
-sie mich heiraten. Ach, du gerechter Gott!«</p>
-
-<p>»Und da seid Ihr förmlich zu Feld gezogen gegen Württemberg?
-Welche kühnen Gedanken das Mädchen hat!«</p>
-
-<p>»Bin zu Feld gezogen; die Strapazen vergesse ich in
-meinem Leben nicht! Mein alter Johann und ich rückten mit
-dem Bundesheer aus. Das war ein Jammer! Mußten oft
-täglich acht Stunden reiten. Die Kleider kamen in Unordnung,
-alles wurde bestaubt und unsauber, der Panzer drückte mich
-wund. Ich hielt es nicht mehr aus, und Johann lief heim
-nach Ulm; da bat ich um eine Stelle bei der Feldschreiberei,
-mietete mir eine Sänfte und zwei tüchtige Saumrosse dazu, und
-so ging es doch erträglicher.«</p>
-
-<p>»Da wurdet Ihr also zu Feld getragen wie der Hund zum
-Jagen. Habt Ihr auch einem Treffen beigewohnt?«</p>
-
-<p>»O ja; bei Tübingen kam ich hart ins Gedränge. Keine
-zwanzig Schritte von mir wurde einer maustot geschossen. Ich
-vergesse den Schrecken nicht, und wenn ich achtzig Jahre alt
-werde! Als wir dann das Land völlig besiegt hatten, bekam ich
-die ehrenvolle Stelle beim Statthalter. Wir lebten ruhig und
-in Frieden; da kommt auf einmal der unruhige Herr ins Land.
-Ach, daß ich meinem Kopfe gefolgt und mit dem Bundesobersten
-nach Nördlingen auf den Bundestag gezogen wäre! Aber ich
-scheute die beschwerliche Reise.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_263">[263]</a></span></p>
-
-<p>»Warum seid Ihr aber nicht mit dem Statthalter davongegangen,
-als wir kamen? Der sitzt jetzt im trockenen in
-Eßlingen, bis wir ihn weiter jagen.«</p>
-
-<p>»Er hat uns im Stiche gelassen und meinem Kopf alles
-anvertraut; und beinahe hätte ich mit dem Kopf dafür büßen
-müssen. Ich dachte nicht, daß die Gefahr so groß sei, ließ mich
-vom Doktor Calmus verführen, eine Rede ans Volk zu halten,
-um Württemberg dem Bunde zu retten. Das hätte gewiß Aufsehen
-gemacht, und Bertha wäre noch eins so freundlich gewesen.
-Aber die Leute da unten in Württemberg sind Barbaren und
-ohne alle Lebensart; sie ließen mich nicht einmal zum Wort
-kommen, warfen mich herab und behandelten mich ganz gemein
-und roh. Seht nur meinen Mantel an, wie sie ihn zerrissen
-haben! Es ist schade dafür, er hat mich vier Goldgulden gekostet,
-und Bertha behauptete immer, daß mir rosenfarb so gut
-zu Gesicht stehe.«</p>
-
-<p>Georg wußte nicht, ob er über die Torheit des Schreibers
-lachen oder es als hohen stoischen Gleichmut bewundern sollte,
-daß er, kaum dem Tode entgangen, sein zerrissenes Mäntelein
-bedauern konnte. Er wollte ihn noch weiter über seine Schicksale
-befragen, als ihn ein Geräusch vom Vorplatz des Schlosses
-her ans Fenster lockte; er sah hinaus und winkte schnell Herrn
-Dietrich herbei, um ihm das Schauspiel gefallener irdischer
-Größe zu zeigen.</p>
-
-<p>Der Doktor Calmus hielt seinen Umzug durch die Stadt.
-Er saß verkehrt auf einem Esel; die Landsknechte hatten ihn
-wunderlich ausgeschmückt; sie hatten ihm eine spitzige Mütze
-von Leder aufgesetzt, an deren Spitze eine Hahnenfeder angebracht
-war. Vor ihm gingen zwei Trommler, zu seinen Seiten
-sah man in gravitätischen Schritten den Magdeburger und den
-Wiener, den ehemaligen Hauptmann Muckerle und seinen tapfern
-Obersten gehen, die hin und wieder mit den Enden ihrer Hellebarden
-den Esel zu kühnen Sprüngen antrieben. Ein ungeheurer
-Volkshaufe umschwärmte ihn und warf ihn mit Eiern
-und Erde.</p>
-
-<p>Der Ratsschreiber schaute trübselig auf seinen Gefährten
-hinab und seufzte: »'s ist hart, auf dem Esel reiten zu müssen,«
-sagte er, »aber doch immer noch besser, als gehängt werden.«
-Er wandte sich ab von dem Schauspiel und blickte nach einer
-andern Seite des Schloßplatzes. »Wer kommt denn hier?«
-fragte er den jungen Ritter. »Schaut, in einem solchen Kasten
-zog ich zu Felde.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_264">[264]</a></span></p>
-
-<p>Georg wandte sich um. Er sah einen Zug von Reisigen,
-die eine Sänfte in ihrer Mitte führten. Ein alter Herr zu
-Pferd folgte dem Zug, der jetzt aufs Schloß einbeugte. Georg
-sah schärfer hinab: »Sie sind's,« rief er, »wahrhaftig, es ist der
-Vater, und in der Sänfte wird sie sitzen!« In <em class="gesperrt">einem</em> Sprung
-war er zur Tür hinaus, und der Ratsschreiber sah ihm staunend
-nach. »Wer soll es sein, welcher Vater?« fragte er. Er schaute
-noch einmal durchs Fenster, die Sänfte hielt vor der Zugbrücke
-des Schlosses, und in demselben Augenblicke stürzte Georg aus
-dem Tore. Herr Dietrich sah ihn die Türe der Sänfte ungestüm
-aufreißen, eine verschleierte Dame stieg aus, sie schlug den
-Schleier zurück &ndash; und wunderbar! es war das Bäschen Marie
-von Lichtenstein. »Ei, seh doch einer; er küßt sie auf öffentlicher
-Straße,« sprach der Ratsschreiber kopfschüttelnd vor sich hin;
-»was das eine Freude ist! Aber wehe, jetzt kommt der Alte
-um die Sänfte herum, der wird Augen machen! Der wird
-schimpfen! &ndash; Doch wie? Er nickt dem Junker freundlich zu,
-er steigt ab, er umarmt ihn. Nein, das geht nicht mit rechten
-Dingen zu!«</p>
-
-<p>Und dennoch schien es durchaus mit rechten Dingen zuzugehen;
-denn als der Schreiber des großen Rates aus dem Zimmer
-auf die Galerie trat, um sich zu überzeugen, daß ihn seine
-Augen getäuscht haben müssen, kam sein Oheim, der alte Herr
-von Lichtenstein, die Treppe herauf. An der rechten Hand
-führte er Georg von Sturmfeder, an der linken &ndash; Bäschen
-Marie. Welche Veränderung war mit jenen holden Zügen vorgegangen,
-die sich so tief in sein Herz, in sein Gedächtnis geprägt
-hatten!</p>
-
-<p>In Ulm war sie ihm zum erstenmal wie ein Bote aus
-einem unbekannten Lande erschienen, so erhaben war der Blick
-ihrer schönen blauen Augen, so majestätisch ihre Stirne, so
-sinnig jenes kleine Fleckchen zwischen den schönen dunklen Bogen
-der Brauen. Er hatte oft und viel darüber nachgedacht, in was
-denn der Zauber bestehe, der ihn so unwiderstehlich fessele? Die
-Ulmer Mädchen hatten frischere Wangen, lebhaftere Augen, ein
-schalkhafteres Lächeln und den fröhlichen, frischen Glanz einer
-heitern Jugend. Und dennoch war Marie unter ihnen gestanden,
-still und groß wie eine Königin. War es vielleicht der
-dunkle Schleier ihrer Wimpern, der sich oft mit unnennbarem
-Reiz über das Auge herabsenkte, um das Geheimnis einer stillen
-Träne zu verhüllen? Waren es die feinen, geschlossenen Lippen,
-von süßer Wehmut umlagert? War es der zarte Wechsel der<span class="pagenum"><a id="Page_265">[265]</a></span>
-Farben auf ihren Zügen, die bald nur gebietende Hoheit auszustrahlen,
-bald das reizende Geheimnis leidender Liebe zu verraten
-schienen? Berthas Heiterkeit, Berthas fröhliche, neckende
-Gunst hatte dieses ernstere Bild längst aus seinem Herzen verdrängt,
-und doch fühlte der arme Herr Dietrich die alte Wunde
-wieder bluten, als das Fräulein von Lichtenstein sich nahte.
-Aber welcher unbekannten Macht sollte er es zuschreiben, daß
-Mariens Züge einen ganz andern Ausdruck gewonnen hatten?
-Wohl lag noch eine hohe Würde in ihrer Haltung, auf ihrer
-Stirne, aber in ihren Augen glühte eine stille Freude, ihr
-Mund lächelte und scherzte, auf ihren Wangen waren die schönsten
-Rosen aufgeblüht. Sprachlos hatte Dietrich von Kraft
-diese Erscheinung angestarrt, und jetzt erst wurde er auch von
-dem alten Ritter bemerkt. »Seh' ich recht,« rief dieser, »Dietrich
-Kraft, mein Neffe! Was führt denn dich nach Stuttgart, kommst
-du etwa zur Hochzeit meiner Tochter mit Georg von Sturmfeder?
-Aber wie siehst du aus? Was fehlt dir doch? Du
-bist so bleich und elend, und deine Kleider hängen dir in Fetzen
-vom Leibe!«</p>
-
-<p>Der Ratsschreiber sah herab auf das rosenfarbene Mäntelein
-und errötete. »Weiß Gott,« rief er, »ich kann mich vor
-keinem ehrlichen Menschen sehen lassen! Diese verdammten
-Württemberger, diese Weingärtner und Schusterjungen haben
-mich so zerfetzt. Aber wahrhaftig! der ganze durchlauchtige
-Bund ist in meiner Person angegriffen und beleidigt!«</p>
-
-<p>»Ihr dürft froh sein, Vetter! daß Ihr so davon gekommen
-seid,« sagte Georg, indem er die Angekommenen in sein Gemach
-einführte; »bedenket, Herr Vater, gestern nacht, als wir vor
-den Toren standen, hielt er Reden an die Bürger, um sie aufzuwiegeln
-gegen uns. Da hat ihn heute früh der Kanzler wollen
-köpfen lassen. Mit großer Mühe bat ich ihn los, und jetzt
-klagt er die Württemberger wegen seines zerfetzten Mänteleins
-an.«</p>
-
-<p>»Mit gnädiger Erlaubnis,« sagte Frau Rosel und verbeugte
-sich dreimal vor dem Ratsschreiber, »wenn Ihr meine
-Hilfe annehmen wollt, so will ich den Mantel flicken, daß es
-eine Lust ist. Da geht's wie im Sprichwort: ›Hat der Junge
-den Rock zerrissen, hat der Alt' ihn flicken müssen.‹«</p>
-
-<p>Herrn Dietrich war diese Hilfe sehr angenehm. Er bequemte
-sich, zu der Frau Rosel ans Fenster zu sitzen, um sich
-seine Gewänder zurecht richten zu lassen. Sie zog aus ihrer
-großen Ledertasche Zwirn von allen Farben und machte sich<span class="pagenum"><a id="Page_266">[266]</a></span>
-an die Wunden, die ihm die Württemberger geschlagen hatten.
-Sie unterhielt ihn dabei mit ergötzlichen Reden von der Haushaltung
-und der Zubereitung verschiedener Speisen, die in Frau
-Sabinas Kochregister nicht vorgekommen waren. Entfernt von
-diesem Paar, um die ganze Breite des Zimmers, saßen Georg
-und Marie im traulichen Flüstern der Liebe. Weder der gelehrte
-Johannes Thetingerus, noch ein Johannes Bezius, weder
-Gabelkofer noch Crusius, so wichtige Kunde wir ihnen über
-diese Zeiten verdanken, melden uns, was diese beiden an jenem
-Morgen zusammen flüsterten; nur so viel können wir berichten,
-daß eine süße Ruhe auf Mariens Zügen lag, daß sie die schönen
-Augen bald freudig aufschlug, bald verschämt wieder senkte, daß
-sie bald lächelte, bald tief errötete und manche Frage des Geliebten
-mit Küssen zurückdrängte.</p>
-
-<p>Der Leser wird es uns Dank wissen, wenn wir ihn von
-einer Szene, die so wenig historischen Grund und Boden, also
-nach neueren Begriffen auch keinen Wert hat, hinweg führen
-und den Schritten des Ritters von Lichtenstein folgen. Er hatte
-seine Tochter unter der Pflege Georgs, seinen Neffen unter der
-kunstreichen Hand der Frau Rosalie gelassen und schritt nun
-den Gemächern des Herzogs zu. Seine Züge, welchen Alter
-und Erfahrung einen sinnenden Ernst eingedrückt hatten, erschienen
-in dieser Stunde noch ernster &ndash; beinahe traurig.
-Dieser Mann hatte von seinen Vätern die Liebe zum Hause
-Württemberg geerbt, Gewohnheit und Neigung hatten ihn an
-die Regenten gefesselt, die während seines langen Lebens über
-Württemberg geherrscht hatten, und das Unglück und die Verleumdung,
-welche auf Ulrich unablässig hereinstürmten, hatten
-das Herz des alten Herrn nicht von diesem Herzog losreißen
-können, sie fesselten ihn nur mit noch stärkeren Banden. Mit
-der Freude eines Bräutigams, der zur Hochzeit zieht, mit der
-Kraft eines Jünglings hatte er den weiten und beschwerlichen
-Weg von seinem Schloß nach Stuttgart zurückgelegt, als man
-ihm gemeldet hatte, daß der Herzog Leonberg erobert habe und
-auf Stuttgart zu ziehe. Keinen Augenblick zweifelte er an dem
-Siege des Herzogs, und so traf es sich, daß er schon am andern
-Morgen der neuen Herrschaft Ulrichs nach Stuttgart kam.</p>
-
-<p>Nicht so fröhlicher Art waren die Nachrichten, die ihm
-Georg mitteilte, als er mit ihm und Marien die Treppe heraufstieg.
-»Der Herzog,« hatte ihm jener zugeflüstert, »der Herzog
-ist nicht so, wie er sollte; Gott weiß, was er mit seinem Lande
-machen will; er hat unterwegs sonderbare Reden fallen lassen,<span class="pagenum"><a id="Page_267">[267]</a></span>
-und ich fürchte, er ist nicht in den besten Händen. Der Kanzler
-Ambrosius Volland&nbsp;&ndash;« dieser einzige Name reichte hin, in dem
-Ritter von Lichtenstein große Besorgnisse aufzuregen. Er kannte
-diesen Volland, er wußte, daß er zwar gelehrt, in allen Regierungsgeschäften
-überaus wohl erfahren, zu jedem, auch dem
-schwersten Dienst bereit, aber dabei ein Mann sei, der zum
-wenigsten schon öfter ein gewagtes, wo nicht falsches Spiel gespielt
-habe.</p>
-
-<p>»Wenn der Herzog diesem sein Vertrauen schenkt, wenn er
-nur seine Ratschläge befolgt, dann sei Gott gnädig. Dem Ambrosius
-ist das Land ein Stück Leder, das man nach Willkür
-handhaben kann, er wird es zurechtschneiden wollen zu einem
-Koller für den Herzog, und die Abschnipfel für sich behalten.
-Aber, wie Frau Rosel zu sagen pflegt: Zerschneiden kann jeder
-Narr, aber wie zusammennähen?« So sprach der alte Herr
-von Lichtenstein zu sich, als er durch die Galerien ging; er streichelte
-unmutig seinen langen, weißen Bart, und seine Augen
-glühten vom Eifer für die gute Sache Württembergs.</p>
-
-<p>Er wurde sogleich vorgelassen und traf den Herzog in
-großer Beratung mit Ambrosius. Der letztere hatte eine ungeheure
-Schwanenfeder in der einen Hand, in der andern hielt
-er ein Pergament, das mit schwarzer, roter und blauer Tinte
-in vielen zierlichen Schnörkeln beschrieben war. Der Herzog
-spielte mit einem großen Sigill, das er in der Hand hielt; er
-schien mit sich zu kämpfen, er sah bald seinen Kanzler durchdringend
-an, bald heftete sich sein Blick wieder auf das Sigill.
-Sie waren beide so vertieft, daß Lichtenstein einige Minuten
-im Zimmer stand, ohne von ihnen bemerkt zu werden; er betrachtete
-mit großer Teilnahme die edlen Züge Ulrichs von
-Württemberg. Er sah, wie auf seiner Stirne, in seinen sprechenden
-Augen so verschiedene Empfindungen wechselten. Bald
-runzelte sich seine Stirne, seine Augenbrauen zuckten, sein Auge
-rollte, dann glätteten sich diese Falten, aus seinen Blicken strahlte
-nur ein tiefer Ernst, der in Nachdenken überging, und oft schien
-ein Anflug von Güte den strengen Ausdruck seiner Züge zu
-mildern. Aber der im gelben Mäntelein, mit der Schwanenfeder
-in der Hand, stand wie der Versucher vor ihm! Er wand
-und drehte sich vor ihm wie die Schlange im Paradies, und das
-ewig stehende Lächeln, der Ausdruck von Ehrlichkeit, den er
-seinen grünen Aeuglein zu geben wußte, wenn ihn sein Herr
-scharf ansah, sollten einladen, den Apfel anzubeißen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_268">[268]</a></span></p>
-
-<p>»Ich kann nicht begreifen,« sprach er mit heiserer, feiner
-Stimme, »warum Ihr es nicht tun möget. Hat wohl Cäsar
-so lange gezaudert, als er über den Rubikon ging? Ein großer
-Mann hat große Mittel nötig, und die Mitwelt und die Nachwelt
-wird Euch preisen, daß Ihr diese Fesseln von Euch geworfen.«</p>
-
-<p>»Weißt du dies so gewiß, Ambrosius Volland?« entgegnete
-der Herzog, indem er ihn düster anblickte. »Man wird sagen:
-›Herzog Ulrich war ein Tyrann. Er hat die alte Ordnung umgestoßen,
-die seinen Vätern heilig war, er hat den Vertrag,
-den er selbst aufgerichtet, gebrochen, er hat sein Land wie ein
-fremdes behandelt, er hat die Gesetze nicht gehalten, die‹&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Erlaubet,« unterbrach ihn jener, »es kommt nur allein
-auf die Frage an: Wer ist Herr? Der Herzog oder das Land?
-Wenn das Land Herr ist, dann ist's was anderes, dann freilich
-sind allerlei Pakten, Verträge, Klauseln und dergleichen nötig.
-Die Ritterschaft, die Prälaten und die Landschaft sind dann
-Meister, und Euer Durchlaucht &ndash; nun, sind dann der, welcher
-den Namen dazu hergibt. Seid Ihr aber, was man so eigentlich
-Herr nennt, dann seid <em class="gesperrt">Ihr</em> es auch, der Gesetze gibt. Jetzt
-habt Ihr das Heft in der Hand, jetzt noch seid Ihr Herr und
-Meister. Drum fort mit dem alten Recht, hier ist ein neues
-&ndash; da, nehmt in Gottes Namen die Feder, unterzeichnet!«</p>
-
-<p>Der Herzog stand noch eine Weile unschlüssig, seine Wangen
-glühten, seine ganze Gestalt richtete sich höher auf, aber sein
-Auge haftete noch am Boden. Jetzt schlug er es auf, und es
-blitzte vom Gefühl seiner Würde. »Ich heiße Württemberg,«
-sagte er, »<em class="gesperrt">ich</em> bin das Land und das Gesetz &ndash; ich unterschreibe.«
-Er streckte die Rechte aus, die Schwanenfeder aus der Hand
-seines Kanzlers zu empfangen, aber mit sanfter Gewalt wurde
-sein Arm von einer fremden Hand ergriffen und weggezogen.
-Erstaunt sah er sich um und blickte in die ruhigen, aber ernsten
-Züge des Ritters von Lichtenstein.</p>
-
-<p>»Ha! Willkommen!« rief er, »mein getreuer Lichtenstein!
-Sogleich steh' ich Euch Rede, lasset mich nur zuvor dies Pergament
-unterzeichnen.«</p>
-
-<p>»Erlauben Eure Durchlaucht,« sagte der alte Mann, »Ihr
-habt mir eine Stimme zugesagt in Eurem Rat, darf ich nicht
-auch wissen um die erste Verordnung, die Ihr an Euer Land
-ergehen lasset?«</p>
-
-<p>»Mit Eurer hochedlen Erlaubnis,« fiel Ambrosius Volland
-hastig ein, »das Ding hat Eile; die Bürgerschaft von Stuttgart<span class="pagenum"><a id="Page_269">[269]</a></span>
-versammelt sich schon auf der Wiese. Diese Schrift muß ihr
-vorgelesen werden. Es hat wahrhaftig Eile.«</p>
-
-<p>»Nun, Ambrosius!« sagte der Herzog, »so gar eilig ist es
-nicht, daß wir Unserem alten Freund die Sache nicht mitteilen
-sollten. Wir haben nämlich beschlossen, Uns huldigen zu lassen,
-und zwar nach neuen Verträgen und Gesetzen. Die alten sind
-null und nichtig.«</p>
-
-<p>»Das habt Ihr beschlossen? Um Gottes willen, habt Ihr
-auch bedacht, zu was dies führt? Habt Ihr nicht erst vor wenigen
-Jahren den Tübinger Vertrag beschworen?«</p>
-
-<p>»Tübingen!« rief der Herzog mit schrecklicher Stimme,
-indem seine Augen von Zorn glühten. »Tübingen! Nenne
-dies Wort nicht mehr! Dort hatte ich all meine Hoffnung,
-dort war mein Land, meine Kinder, ha! und dort haben sie
-mich verraten und verkauft. Ich bat, ich flehte, sie sollen zu
-mir halten, ich wolle Gut und Blut mit ihnen teilen &ndash; Nichts!
-Man wollte von Ulrich nichts mehr. Das neue Regiment gefiel
-ihnen besser; im Elend haben sie mich schmachten lassen,
-haben zugegeben, daß ihr Herzog in Verbannung war, haben
-geduldet, daß der Name Württemberg ein Hohngelächter wurde
-in allen Reichen &ndash; jetzt bin ich wieder Herr und Meister, habe
-das Heft in der Hand und will mir's nicht wieder aus der
-Hand winden lassen. Haben <em class="gesperrt">sie</em> ihren Eid vergessen, bei Sankt
-Hubertus, so ist <em class="gesperrt">mein</em> Gedächtnis auch nicht länger. Tübinger
-Vertrag? Ich sag', der Teufel soll alles holen, was mit diesem
-Namen sich verknüpft!«</p>
-
-<p>»Aber bedenken Euer Durchlaucht!« sprach Lichtenstein,
-von diesem Ausbruch der Leidenschaft erschüttert, »bedenket doch,
-welchen Eindruck ein solcher Schritt auf das Land machen muß.
-Noch habt Ihr nichts als Stuttgart und die Gegend; noch liegen
-in Urach, Asperg, Tübingen, Göppingen überall bündische Besatzungen.
-Wird die Landschaft Euch beistehen, den Bund zu
-verjagen, wenn sie hört, auf welche neue Ordnung sie huldigen
-soll?«</p>
-
-<p>»Ich sag': ist mir die Landschaft beigestanden, als ich
-Württemberg mit dem Rücken ansehen mußte? Sie haben mich
-laufen lassen und dem Bund gehuldigt!«</p>
-
-<p>»Vergebt mir, Herr Herzog,« entgegnete der Alte mit bewegter
-Stimme, »dem ist nicht also. Ich weiß noch wohl den
-Tag bei Blaubeuren. Wer hielt da zu Euch, als die Schweizer
-abzogen? Wer bat Euch, nicht vom Land zu lassen; wer wollte<span class="pagenum"><a id="Page_270">[270]</a></span>
-Euch sein Leben opfern? Das waren achttausend Württemberger.
-Habt Ihr <em class="gesperrt">den</em> Tag vergessen?«</p>
-
-<p>»Ei, ei, Wertester!« sagte der Kanzler, dem es nicht entging,
-welchen mächtigen Eindruck diese Worte auf Ulrich machten,
-»ei! Ihr sprechet doch auch etwas zu kühnlich. Ist übrigens
-jetzt auch gar nicht die Rede von <em class="gesperrt">damals</em>, sondern von
-<em class="gesperrt">jetzt</em>. Die Landschaft ist von der alten Huldigung gänzlich abgekommen,
-hat dem Bunde eine andere Huldigung getan; Seine
-Durchlaucht ist jetzt als ein neu angekommener Herr anzusehen;
-er hat dies Land mit Gewalt erobert; hat sich nun der Bund
-auf besondere Verträge huldigen lassen, so kann es der Herzog
-ebenso halten. Neuer Herr, neu Gesetz. Man kann sich in
-allewege nach eigenem Gutdünken huldigen lassen. Soll ich
-die Feder eintauchen, gnädiger Herr?«</p>
-
-<p>»Herr Kanzler!« sagte Lichtenstein mit fester Stimme;
-»habe alle mögliche Ehrfurcht vor Eurer Gelahrtheit und Einsicht,
-aber was Ihr da sagt, ist grundfalsch und kein guter Rat.
-Jetzt gilt es, zu wissen, wen das Volk liebt. Der Bund hat durch
-sein Walten im Lande alles gegen sich aufgebracht; es war die
-rechte Zeit, daß Seine Durchlaucht wieder kam, jetzt fliegen ihm
-alle Herzen zu. Wird er sie nicht gewaltsam von sich stoßen,
-wenn er alles Alte umreißt und nach eigener, neuerer Satzung
-schaltet und waltet? O, bedenkt, bedenkt, die Liebe eines Volkes
-ist eine mächtige Stütze!«</p>
-
-<p>Der Herzog stand mit untergeschlagenen Armen da, düster
-vor sich hinblickend, er antwortete nicht. Desto eifriger tat dies
-der Kanzler im gelben Mäntelein. »Hi, hi, hi! Wo habt Ihr
-die schönen Sprüchlein her, Liebwerter, Hochgeschätzter? Liebe
-des Volkes, sagt Ihr? Schon die Römer wußten, was davon
-zu halten sei. Seifenblasen, Seifenblasen! Hätt' Euch für gescheiter
-gehalten. Wer ist denn das Land? Hier, <em class="gesperrt">hier</em> steht
-es <em class="antiqua">in persona</em>, das ist Württemberg, dem gehört's, hat's geerbt
-und jetzt noch dazu erobert. Volksliebe! Aprilenwetter! Wäre
-ihre Liebe so stark gewesen, so hätten sie nicht dem Bunde gehuldigt.«</p>
-
-<p>»Der Kanzler hat recht,« rief Ulrich, aus seinen Gedanken
-erwachend. »Du magst es gut meinen, Lichtenstein, aber er hat
-diesmal recht. Meine Langmut hat mich zum Lande hinausgetrieben;
-jetzt bin ich wieder da, und sie sollen fühlen, daß ich
-Herr bin. Die Feder her, Kanzler, ich sag', so will ich's; so
-wollen wir Uns huldigen lassen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_271">[271]</a></span></p>
-
-<p>»O Herr, tut nichts in der ersten Hitze! Wartet, bis Euer
-Blut sich abkühlt. Rufet die Landschaft zusammen, machet Aenderungen
-nach Eurem Sinne, nur jetzt nicht, nur nicht, solange
-der Bund noch Land besitzt in Württemberg; es könnte Euch
-schaden bei den übrigen. Gestattet nur noch eine kurze Frist.«</p>
-
-<p>»So?« unterbrach ihn der Kanzler, »daß man dann allgemach
-wieder in das alte Wesen hineinkommt? Gebt acht, wenn
-die Landschaft erst beisammen ist, wenn sie sich erst zusammen
-beraten, meinet Ihr, da werden sie so gutwillig nachgeben?
-Hi, hi! da wird man Gewalt anwenden müssen, und das macht
-erst verhaßt. Schmiedet das Eisen, solange es warm ist. Oder
-gelüstet Euer Durchlaucht, wieder ganz gehorsamlich unter das
-alte Joch zu stehen und den Karren zu ziehen?«</p>
-
-<p>Der Herzog antwortete nicht. Er riß mit einer hastigen
-Bewegung Feder und Pergament dem Kanzler aus der Hand,
-warf einen schnellen, durchdringenden Blick auf ihn und den
-Ritter, und ehe noch dieser es verhindern konnte, hatte Ulrich
-seinen Namen unterzeichnet. Der Ritter stand in stummer
-Bestürzung; er senkte bekümmert das Haupt auf die Brust herab.
-Der Kanzler blickte triumphierend auf den Ritter und den Herzog.
-Doch dieser ergriff eine silberne Glocke, die auf dem Tisch
-stand, und klingelte. Ein Diener erschien und fragte nach seinem
-Befehl.</p>
-
-<p>»Ist die Bürgerschaft versammelt?« fragte er.</p>
-
-<p>»Ja, Euer Durchlaucht! Auf den Wiesen gegen Kannstatt
-sind sie versammelt, Amt und Stadt; die Landsknechte rücken
-soeben aus, sechs Fähnlein.«</p>
-
-<p>»Die Landsknechte? Wer gab die Erlaubnis?«</p>
-
-<p>Der Kanzler zitterte bei dem Ton dieser Frage. »Es ist
-nur wegen der Ordnung,« sagte er, »ich habe gedacht, weil es
-bei solchen Fällen gebräuchlich sei, daß bewaffnete Mannschaft&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Herzog winkte ihm zu schweigen. Er begegnete einem
-trüben, fragenden Blick des alten Lichtenstein, der ihn erröten
-machte. »Mit meinem Befehl geschah es nicht,« sprach er, »doch
-&ndash; es möchte auffallen, wenn wir sie zurückriefen. Es ist ja
-gleichgültig. Man bringe mir den roten Mantel und den Hut;
-schnell!«</p>
-
-<p>Der Herzog trat ans Fenster und sah schweigend hinaus.
-Der Kanzler schien nicht recht zu wissen, ob sein Herr erzürnt
-sei oder nicht, er wagte nicht zu sprechen, und der Ritter von
-Lichtenstein beharrte in seinem trüben Schweigen. So standen
-sie geraume Zeit, bis sie von den Dienern unterbrochen wurden.<span class="pagenum"><a id="Page_272">[272]</a></span>
-Es traten vier Edelknaben ins Gemach, der erste trug den Mantel,
-der zweite den Hut, der dritte eine Kette von Gold, und
-der vierte des Herzogs Schlachtschwert. Sie bekleideten den
-Herzog mit dem Fürstenmantel von purpurrotem Samt mit
-Hermelin verbrämt. Sie reichten ihm den Hut, der die schwarz
-und gelbe Farbe des Hauses Württemberg in reichen wehenden
-Federn zeigte, diese wurden zusammengehalten von einer
-Agraffe von Gold und Edelsteinen, die eine Grafschaft wert
-waren. Der Herzog bedeckte sein Haupt mit diesem Hut. Seine
-kräftige Gestalt schien in diesem fürstlichen Schmuck noch erhabener
-als zuvor, und die freie majestätische Stirne, das glänzende
-Auge sah gebietend unter den wallenden Federn hervor.
-Er ließ sich die Kette umhängen, steckte das Schlachtschwert an
-und winkte seinem Kanzler, aufzubrechen.</p>
-
-<p>Noch immer sprach der Ritter von Lichtenstein kein Wort.
-Mit bekümmerter Miene hatte er diesen Anstalten zugesehen
-und sich dann abgewendet. Der Herzog schritt mit leichtem
-Neigen des Hauptes an dem alten Ritter vorüber zur Türe,
-und die wunderliche Figur des Kanzlers Ambrosius Volland
-folgte ihm mit majestätischen Schritten. Hatte der Herr den
-Alten nicht gegrüßt, glaubte auch der Kanzler ihm dies nicht
-schuldig zu sein. Er warf nur einen tückischen Blick nach dem
-Platz hinüber, wo jener noch immer stand und sein großer,
-zahnloser Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln. In
-der Türe stand der Herzog stille, er sah rückwärts, seine bessere
-Natur schien über ihn zu siegen, er kehrte zur Verwunderung
-des Kanzlers zurück und trat zu Lichtenstein.</p>
-
-<p>»Alter Mann!« sagte er, indem er vergeblich strebte, seine
-tiefe Bewegung zu unterdrücken: »Du warst mein einziger
-Freund in der Not, und in hundert Proben habe ich deine
-Treue bewährt gefunden, du kannst es mit Württemberg nicht
-schlimm meinen. Ich fühle, es ist einer der wichtigsten Schritte
-meines Lebens, und ich gehe vielleicht einen gewagten Gang, &ndash;
-aber wo es das Höchste gilt, muß man alles wagen.«</p>
-
-<p>Der Ritter von Lichtenstein richtete sein greises Haupt
-auf; in den weißen Wimpern hingen Tränen. Er ergriff
-Ulrichs Hand: »Bleibet,« rief er, »nur diesmal, diesmal folget
-meiner Stimme! Mein Haar ist grau, ich habe lange gelebt,
-Ihr erst drei Jahrzehnte.« &ndash; Indem ertönten die Trommeln
-der Landsknechte in dem Hof. Das ungeduldige Stampfen der
-Rosse drang herauf, und die Herolde stießen, zur Huldigung
-rufend, in die Trompeten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_273">[273]</a></span></p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Jacta alea esto!</em> war der Wahlspruch Cäsars,« sagte der
-Herzog mit mutiger Miene, »jetzt gehe ich über meinen Rubikon.
-Aber dein Segen möchte mir frommen, alter Mann, zum
-Rat ist es zu spät!«</p>
-
-<p>Der Ritter blickte schmerzlich aufwärts. Die Stimme versagte
-ihm, er drückte segnend seines Herzogs Rechte an die
-Brust. Noch zögerte Ulrich bei ihm, da streckte der Kanzler
-den langen, dürren Arm unter dem gelben Mäntelein hervor
-und winkte ihm mit der Pergamentrolle. Er war anzuschauen
-wie der Versucher, dem es gelingt, eine arme Seele mit sich
-hinabzuziehen. Ulrich von Württemberg riß sich los und ging,
-um sich von seiner Hauptstadt huldigen zu lassen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap31">31.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Kein Feuer, keine Kohle<br /></span>
-<span class="i0">Kann glühen so heiß,<br /></span>
-<span class="i0">Als eine stille Liebe,<br /></span>
-<span class="i0">Von der niemand nichts weiß.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Altes Volkslied.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Die Besorgnisse des alten Herrn schienen nicht so ungegründet
-gewesen zu sein, als Ambrosius Volland sie dargestellt
-hatte. Ein sehr großer Teil des Landes fiel zwar dem Herzog
-zu, weil die Vorliebe für den angestammten Regenten, der
-Druck des Bundes und die anfangs so siegreichen Waffen Ulrichs
-viele bewogen, die Huldigung, die sie gezwungenerweise dem
-Bunde getan, zu vergessen und sich für Württemberg zu erklären.</p>
-
-<p>Aber die neue Huldigung, die alle früheren Verträge umstieß,
-das Gerücht, daß manche Stadt durch Gewalt zu diesen
-Formen gezwungen sei, bewirkte wenigstens, daß der Herzog
-keine Popularität gewann, ein Mangel, der in so zweifelhafter
-Lage oft nur zu bald fühlbar wird. Noch beharrten Urach,
-Göppingen und Tübingen auf ihren, dem Bunde geleisteten,
-Pflichten, denn ihre bündisch gesinnten Obervögte zwangen sie
-mit Gewalt dazu. Zu Urach hauste Dietrich Spät, des Herzogs
-bitterster Feind. Er brachte in wenigen Tagen so viel Mannschaft
-auf, daß er nicht nur sein ganzes Amt im Zaume hielt,
-sondern auch Einfälle in die Ländereien machte, die dem Herzog
-wieder zugefallen waren. Es ging auch das Gerücht, die Bundesstände
-seien schnell von Nördlingen aufgebrochen, jeder in<span class="pagenum"><a id="Page_274">[274]</a></span>
-seine Heimat geeilt um frische Heere aufzubieten und Ulrich
-zum zweitenmal auf Leben und Tod zu bekämpfen.</p>
-
-<p>Ulrich selbst schien weder der einen noch der anderen dieser
-Besorgnisse Raum zu geben. Er pflog bei verschlossenen Türen
-mit Ambrosius Volland Rat. Man sah viele Eilboten kommen
-und abgehen, aber niemand erfuhr, was sie brachten. In
-Stuttgart aber glaubte man fest, der Herzog müsse in der fröhlichsten
-Stimmung sein, denn wenn er mit seinem glänzenden
-Gefolge durch die Straßen ritt, alle schönen Jungfrauen grüßte
-und mit den Herren zu seiner Seite scherzte und lachte, da sagten
-sie: »Herr Ulrich ist wieder so lustig wie vor dem Armen
-Konrad.« Er hatte seinen Hofstaat wieder glänzend eingerichtet.
-Zwar war er nicht mehr wie früher der Sammelplatz der
-bayerischen, schwäbischen und fränkischen Grafen und Herren,
-zwar fehlte die Fürstin, die sonst einen schönen Kranz blühender
-Fräulein um sich versammelt hatte, aber dennoch fehlte es
-nicht an schönen Frauen und schmucken Edeln, seinen Hof zu
-verherrlichen, und die Luft dieser Stadt schien schon damals der
-Schönheit so günstig zu sein, daß die bunten Reihen in den
-Sälen und Hallen des Schlosses nicht einer gewöhnlichen Versammlung,
-sondern einer Auswahl aus den schönen Frauen des
-Landes glich.</p>
-
-<p>Tänze und Ritterspiele waren in ihre alten Rechte eingesetzt
-worden. Fest drängte sich an Fest, und Ulrich schien eifrig
-nachholen zu wollen, was er in der Zeit seines Unglücks versäumt
-hatte. Keines dieser geringsten Feste war die Hochzeit
-Georgs von Sturmfeder mit der Erbin von Lichtenstein.</p>
-
-<p>Der alte Herr hatte sich lange nicht entschließen können,
-sein Wort zu halten; nicht daß er die Wahl seiner Tochter
-mißbilligt hätte, denn er liebte seinen Eidam väterlich, er sah
-in ihm seine eigene Jugend wieder aufblühen, er schlug ihm
-seine freiwillige Verbannung mit dem Herzog hoch an; aber
-wie der Horizont von Ulrichs Glück, so war auch die Stirne
-des alten Mannes noch immer umwölkt, denn er ahnte, daß es
-nicht so bleiben werde, wie es jetzt war, und tief schmerzte es
-ihn, daß der Herzog in so mancher wichtigen Angelegenheit von
-seinem Rat nicht Gebrauch machte, sondern alles heimlich mit
-seinem Kanzler abhandelte. So hatte er unschlüssig und betrübt
-diesen Tag der Freude immer hinausgeschoben, aber die schönen
-Augen seiner Tochter, in welchen er oft einen leisen Vorwurf
-zu lesen glaubte, Georgs Bitten nötigten ihm endlich einen bestimmten
-Termin ab. Der Herzog ließ es sich nicht nehmen,<span class="pagenum"><a id="Page_275">[275]</a></span>
-die Hochzeit auszurichten. Er mochte sich jener Nächte erinnern,
-wo der Vater nicht müde ward, ihm seine Anhänglichkeit zu bezeigen,
-wo die zarte Tochter keinen Sturm, keine Kälte scheute,
-um ihn am Burgtor zu empfangen, um ihn mit warmen Speisen
-zu laben; er mochte sich noch aus der jüngsten Vergangenheit
-der Opfer erinnern, die ihm der Bräutigam gebracht hatte, er
-zeigte auf glänzende Art, wie er Treue, Aufopferung und Liebe,
-die sich ihm so selten bewährt hatten, zu vergelten wisse. Der
-Ritter und seine Tochter waren bisher noch immer seine Gäste
-im Schloß zu Stuttgart gewesen, jetzt ließ er ein schönes Haus,
-nächst der Kollegiatenkirche, mit neuem Hausgerät versehen und
-übergab am Vorabend der Hochzeit den Schlüssel dem Fräulein
-von Lichtenstein mit dem Wunsche, sie möchte es, so oft sie in
-Stuttgart sei, bewohnen.</p>
-
-<p>Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg
-oft in ungewisser Ferne, aber immer mit gleicher Sehnsucht
-geschaut hatte. Er rief sich am Morgen dieses Tages das ganze
-Leben seiner Liebe zurück; er wunderte sich, wie alles so ganz
-anders gekommen war, als er sich gedacht hatte. Wie hätte er,
-als er damals durch den Schönbuch nach der Heimat zog, denken
-können, daß das Glück, die Geliebte ganz zu besitzen, nicht mehr
-so ferne liegen werde, als er fürchtete. Wie hätte er, als er
-sich an das Bundesheer anschloß, ahnen können, daß der Herzog,
-welchen er zu bekriegen kam, sein Glück gründen werde. Mit
-welch heiterer Ruhe dachte er jetzt an die Stürme jener Tage
-zurück, wo es ihm zuerst wieder möglich geworden war, der Geliebten
-ein Wörtchen der Liebe zuzuflüstern, wo er die Schreckenskunde
-vernahm, daß ihr Vater, ein Feind des Bundes, sie mit
-sich hinwegführen werde; wo er in Berthas Garten die unglücklichste
-Stunde seines Lebens im schmerzlichen Abschied von der
-Geliebten hinbrachte, wo er auf lange, vielleicht auf ewig
-verloren glaubte, was heute auf ewig sein werden sollte.
-Jedes Wort der Geliebten kehrte wieder in seine Erinnerung,
-und er mußte aufs neue ihre hohe Zuversicht, ihren
-schönen Glauben an ein gütiges Geschick bewundern, den sie auch
-damals, wo die Zukunft mit einem düsteren Schleier verhüllt
-und keine Aussicht, keine Hoffnung mehr war, nicht verlor, den
-sie mit dem letzten Abschiedskuß auch ihm mitzuteilen wußte.</p>
-
-<p>»Er hat uns nicht gelogen, dieser Glaube,« sprach der junge
-Mann, von der Erinnerung bewegt, zu sich; »es lebt eine heilige,
-ahnungsvolle Stimme in ihrer reinen Seele, und ihr klares
-Auge, das in dem meinigen die Gewißheit meiner Liebe las,<span class="pagenum"><a id="Page_276">[276]</a></span>
-tauchte auch damals tief in die Zukunft und verkündete Glück,
-es wird sie auch jetzt nicht täuschen, wenn es ein süßes, ungestörtes
-Glück in unserer Verbindung liest.«</p>
-
-<p>Ein bescheidenes Pochen an der Türe unterbrach die lange
-Gedankenreihe, die sich an den heutigen Tag knüpfen und in die
-ferne Zukunft hinausziehen wollte. Es war Herr Dietrich von
-Kraft, der stattlich geschmückt zu ihm eintrat.</p>
-
-<p>»Wie?« rief dieser Schreiber des großen Rates zu Ulm
-und schlug voll Verwunderung die Hände zusammen, »wie? in
-diesem Wams wollet Ihr Euch doch hoffentlich nicht trauen
-lassen? Es ist schon neun Uhr, die Gänge und Treppen des
-Schlosses wimmeln von Hochzeitsgästen, die von Samt und
-Seide glänzen, und Ihr, die Hauptperson im Stück, schauet
-ruhig zum Fenster hinaus, statt Euren Anzug zu besorgen?«</p>
-
-<p>»Dort liegt der ganze Staat,« erwiderte Georg lächelnd,
-»Barett und Federn, Mantel und Wams, alles aufs schönste
-zubereitet, aber Gott weiß, ich habe noch nicht daran gedacht,
-daß ich dieses Flitterwerk an mich hängen solle. Dies Wams
-ist mir lieber als jenes schöne neue. Ich habe es in schweren,
-aber dennoch glücklichen Tagen getragen.«</p>
-
-<p>»Ja, ja! Ich kenne es wohl; das habt Ihr bei mir in Ulm
-getragen, und es ist mir noch wohl erinnerlich, wie Euch Bertha
-in diesem blauen Kleid abschilderte, daß ich recht eifersüchtig
-ward; aber Flitterwerk nennt Ihr die Kleider da? Ei, der
-Tausend! Hätte ich nur mein lebelang solche Flitter. Ha, das
-weiße Gewand, mit Gold gestickt, und der blaue Mantel von
-Samt! Kann man was Schöneres sehen? Wahrlich, Ihr habt
-mit Umsicht ausgewählt, das mag trefflich stehen zu Euren
-braunen Haaren!«</p>
-
-<p>»Der Herzog hat mir es zugeschickt,« antwortete Georg,
-indem er sich ankleidete, »mir wäre alles zu kostbar gewesen.«</p>
-
-<p>»Ist doch ein prächtiger Herr, der Herzog, und jetzt erst,
-seit ich einige Zeit hier bin, sehe ich ein, daß man ihm bei uns
-in Ulm zu viel getan hat. An einem solchen Hofe ist es doch
-was anderes als in den Städten, und Herzog von Württemberg
-klingt auch schöner als Bürgermeister von Ulm. Und doch möcht'
-ich nicht in seiner Haut stecken. Ihr werdet sehen, Vetter, es
-geht noch einmal bergab mit ihm.«</p>
-
-<p>»Das ist Euer altes Lied, Herr Dietrich. Erinnert Ihr
-Euch noch, wie Ihr damals in Ulm groß tatet mit Eurer Politika,
-und wie Ihr regieren wolltet in Württemberg? Wie ist
-es denn jetzt?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_277">[277]</a></span></p>
-
-<p>»Ist nicht alles eingetroffen?« erwiderte der Ratsschreiber
-mit weiser Miene. »Weiß noch wie heute, daß ich prophezeite,
-die Schweizer ziehen heim, die Landschaft werden wir für uns
-gewinnen, und die Burgen werden wir einnehmen.«</p>
-
-<p>»Ja, ja! Ihr habt sie erobern helfen,« lachte Georg, »seid
-ja in einer Sänfte zu Feld getragen worden; aber damals
-sagtet Ihr auch, der Herzog werde nie zurückkehren, und jetzt
-sitzt er ganz warm und ruhig hier.«</p>
-
-<p>»Nicht so ruhig, als Ihr glaubt. Zwar ich wollte ihm und
-Euch wünschen, er behielte sein Land; uns hat es doch nichts
-genützt, die großen Herren nehmen alles für sich, an unsereinen
-kam nichts als etwa die Ehre, für den Bund geköpft zu werden;
-möchte es ihm wohl gönnen; aber &ndash; glaubet mir, es sieht nicht
-so ruhig aus, als man hier meint. Die vertriebenen Räte
-haben von Eßlingen aus an den Kaiser und das Reich geschrieben
-und geklagt; der Bund ist wieder auf den Beinen; bei Ulm
-steht schon wieder ein neues Heer.«</p>
-
-<p>»Gerede, nichts weiter; ich weiß gewiß, daß der Herzog
-sich mit Bayern versöhnen wird.«</p>
-
-<p>»Ja, <em class="gesperrt">will</em>, aber nicht versöhnen <em class="gesperrt">wird</em>. Das hat noch
-manchen Haken. Aber was sehe ich? Ihr werdet doch nicht
-den alten Fetzen von einer Feldbinde zu dem stattlichen Hochzeitsschmuck
-anlegen wollen? Pfui, das paßt nicht zusammen,
-lieber Vetter.«</p>
-
-<p>Der Bräutigam betrachtete die Schärpe mit inniger Liebe.
-»Das versteht Ihr nicht,« sagte er, »wie gut sich dies zum Hochzeitsgewande
-schickt. Es ist ihr erstes Geschenk; sie flocht sie
-heimlich bei Nacht auf ihrem Kämmerlein, als ihr die Kunde
-kam, daß sie bald scheiden müsse. Sie hat manche Träne hineingewoben,
-hat das Gewebe oft an die Lippen gedrückt, drum
-ward es mir eine Zauberbinde und meinen Augen ein Trost,
-wenn ich im Unglück auf die Brust herniedersah. Sie darf nicht
-fehlen, diese Binde; hat sie die Not mit mir getragen, so sei sie
-mir ein heiliger Schmuck am Tage des Glückes.«</p>
-
-<p>»Nun, wie Ihr wollt, hängt sie in Gottes Namen um;
-jetzt noch das Barett aufgesetzt und schnell den Mantel umgehängt,
-sie läuten schon das Erste drüben in der Kirche. Sputet
-Euch, lasset das Bräutlein nicht so lange warten!«</p>
-
-<p>Der Ratsschreiber stellte sich noch einmal vor den jungen
-Mann und musterte mit strengen Kenneraugen seinen Anzug.
-Er zog da eine Spange schärfer an, er verwischte dort eine
-Falte, steckte hier eine Feder höher, und immer zufriedener<span class="pagenum"><a id="Page_278">[278]</a></span>
-wurden seine Blicke. Er gestand sich, daß der große, schlanke
-junge Mann, sein schöner Kopf, die klaren, mutigen Augen
-ganz des lieblichen Bäschens würdig seien. »Weiß Gott,« sagte
-er, »Ihr sehet aus, Vetter, als wäret Ihr von unserem Herrgott
-gerade zum Hochzeiter erschaffen worden. Es ist mir lieb,
-daß Euch heute Bertha nicht sehen kann, es möchte ihr wieder auf
-acht Tage schwindelnd werden, dem armen Kind! &ndash; Kommt,
-kommt; ich fühle mich stolz, Euer Geselle zu sein, wenn ich auch
-vierzehn Tage zu spät nach Ulm zurückkehre.«</p>
-
-<p>Georgs Wangen röteten sich, sein Herz pochte, als er sein
-Gemach verließ. Die Freude, die Erwartung, die Erfüllung
-jahrelanger Wünsche bestürmten seine Sinne, und wie trunken
-ging er neben Herrn Dietrich durch die Galerien. Die Türe
-ging auf, und Marie im Glanze ihrer Schönheit stand umgeben
-von vielen Frauen und Fräulein, die, vom Herzog eingeladen,
-heute ihre Begleitung bilden sollten. Marie errötete,
-als sie den Geliebten sah, sie betrachtete ihn staunend, als seien
-seine Züge heute mit einem neuen Glanze übergossen; sie schlug
-die Augen nieder, als sie seinen freudetrunkenen Blicken begegnete.
-Was hätte Georg dafür gegeben, die Geliebte an sein
-Herz ziehen, den Morgengruß der Liebe auf ihre Lippen drücken
-zu dürfen, aber die strenge Sitte der Zeit trennte an diesem
-Tage durch eine weite Kluft, was sich sonst schon längst gefunden
-hätte. Dem Bräutigam war es nicht erlaubt, die Hand
-der Braut zu berühren, ehe sie der Priester in die seinige
-legte, und der Braut wurde es übel aufgenommen, wenn sie
-den Bräutigam gar zu viel und gar zu lange ansah. Züchtig,
-ehrbar, die Augen auf den Boden geheftet, die Hände unter der
-Brust gefaltet, mußte sie stehen &ndash; so wollte es die Sitte.</p>
-
-<p>Bei mancher anderen möchte diese Stellung erzwungen
-und steif erschienen sein, doch, wie die Natur über ihre lieblichsten
-Töchter in jeder Lage, in Trauer und Freude, den Zauber
-der Schönheit ausgießt, so war auch diese unnatürliche Haltung
-der Braut bei Marien zum gelungensten Bild geworden; die
-zarte Röte, die alle Augenblicke auf ihren Wangen wechselte,
-der süße Mund, in dessen Winkeln ein Lächeln aufzukeimen
-schien, der feine, weiche Vorhang der gesenkten Lider, die zarten
-Fransen der dunklen Wimpern, durch welche die blauen, glänzenden
-Augen wie eine aufgehende Sonne kaum sichtbar durchschimmerten,
-sie gaben ein Bild holder verschämter Liebe, die
-dem Geliebten die Arme öffnen, die seinen Namen mit den
-süßesten Tönen aussprechen, die die Augen aufschlagen möchte,<span class="pagenum"><a id="Page_279">[279]</a></span>
-um ihm durch <em class="gesperrt">einen</em> Blick ihre Wünsche zu verkünden; doch
-die mächtigere Natur, das verwirrende Gefühl der Beschämung
-windet ihr die Hände nur noch fester zusammen, schlägt die zarte
-Hülle der Wimpern vor das glühende Auge herab und verschließt
-den Mund, daß er nur heimlich und stille lächelt, aber das Geheimnis
-der Liebenden nicht ausspricht.</p>
-
-<p>Verschwunden war die erhabene Haltung Mariens, verschwunden
-die Majestät ihrer Stirne und jener gebietende, ernste
-Blick, der auch den Kühnsten gefesselt hätte; aber man war versucht,
-jene erhabeneren Schönheiten nicht zurückzuwünschen; lag
-doch in diesem verschämten Bekenntnis, durch einen Blick des
-Geliebten überwunden zu sein, ein höherer Reiz, als wenn das
-stolze Auge frei um sich geblickt und dieser geschlossene Mund
-das Geständnis der Liebe laut und offen ausgesprochen hätte.
-So hatte die Natur Marien an diesem Tage einen neuen Zauber
-verliehen, der so mächtig wirkte, daß Georg einige Momente
-seine Braut verwunderungsvoll betrachtete und sein Herz sich
-stolzer hob, im Gefühle, dieses liebliche Kind sein nennen zu
-dürfen.</p>
-
-<p>Jetzt kam auch der Herzog, der den Ritter von Lichtenstein
-an der Hand führte. Er musterte mit schnellen Blicken den
-reichen Kreis der Damen, und auch er schien sich zu gestehen,
-daß Marie die schönste sei. »Sturmfeder!« sagte er, indem er
-den Glücklichen auf die Seite führte, »dies ist der Tag, der dich
-für vieles belohnt. Gedenkst du noch der Nacht, wo du mich in
-der Höhle besuchtest und nicht erkanntest? Damals brachte
-Hans, der Pfeifer, einen guten Trinkspruch aus: ›Dem Fräulein
-von Lichtenstein! Möge sie blühen für Euch!‹ &ndash; Jetzt ist
-sie dein, und was nicht minder schön ist, auch dein Trinkspruch
-ist erfüllt: Wir sind wieder eingezogen in die Burg Unserer
-Väter.«</p>
-
-<p>»Möge Euer Durchlaucht dieses Glück so lange genießen,
-als ich an Mariens Seite glücklich zu sein hoffe. Aber Eurer
-Huld und Gnade habe ich diesen schönen Tag zu verdanken,
-ohne Euch wäre vielleicht der Vater&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ehre um Ehre, du hast Uns treulich beigestanden, als Wir
-Unser Land wiedererobern wollten, drum gebührte es sich, daß
-auch Wir dir beistanden, um sie zu besitzen. &ndash; Wir stellen
-heute deinen Vater vor, und als solchem wirst du Uns schon
-erlauben, nach der Kirche deine schöne Frau auf die Stirne zu
-küssen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_280">[280]</a></span></p>
-
-<p>Georg gedachte jener Nacht, als der Herzog unter dem
-Tor von Lichtenstein sich auf diesen Tag vertröstete, unwillkürlich
-mußte er lächeln, wenn er der Würde und Hoheit gedachte,
-mit welcher die Geliebte den Mann der Höhle damals
-zurückgewiesen hatte. »Immerhin, Herr Herzog, auch auf den
-Mund! Ihr habt es längst verdient durch Eure großmütige
-Fürsprache.«</p>
-
-<p>»Wer sind deine Gesellen, die dich zum Altar geleiten?«
-fragte der Herzog.</p>
-
-<p>»Marx Stumpf und der Ulmer Ratsschreiber, ein Vetter
-von Lichtenstein.«</p>
-
-<p>»Wie, das feine Männlein, den mein Kanzler köpfen lassen
-wollte? Da hast du links den zierlichsten und rechts den tapfersten
-Mann des Schwabenlandes. Glück zu, junger Herr! Doch
-ich will dir raten, mehr <em class="gesperrt">rechts</em> zu halten als links, dann kann
-es dir nie fehlen auf Erden, und wärst du so eifersüchtig als ein
-Türke. Sieh, sieh, da kommt ja der Rechte! sieh, wie seine
-breite Gestalt sich wunderlich ausnimmt unter den Frauenzimmern.
-Und wie er sich stattlich angetan hat! Den verschossenen
-grünen Mantel trug er schon Anno Elf auf Unserer Hochzeit
-mit Frau Sabina lobesan.«</p>
-
-<p>»Kann mich nicht viel mit dem Anzug befassen,« erwiderte
-der tapfere Ritter von Schweinsberg, der die letzten Worte
-noch gehört hatte; »auch mit dem Tanzen will es nicht recht
-gehen, Ihr werdet mich entschuldigen; will aber heute abend
-im Ritterspiel der neue Eheherr eine Lanze mit mir brechen,
-so&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»So willst du ihm aus lauter Zärtlichkeit und Höflichkeit
-ein paar Rippen einstoßen!« lachte der Herzog; »das heiße ich
-einen Bräutigamsgesellen von echter Art. Nein, da rate ich
-dir, Georg, dich lieber links zu halten; der Ulmer wird dir
-nicht wehe tun.«</p>
-
-<p>Die Flügeltüren öffneten sich jetzt, und man sah auf der
-breiten Galerie das Hofgesinde des Herzogs in Ordnung aufgestellt.
-An diese schlossen sich die Edelknaben an, welche brennende
-Kerzen trugen; dann folgte der glänzende Zug der Fräulein
-und Edelfrauen, die sich zu diesem Feste eingefunden hatten.
-Sie waren in reiche, mit Gold und Silber durchwirkte Stoffe
-gekleidet, und jede hatte einen Blumenstrauß und eine Zitrone
-in der Hand. Die Braut wurde von Georg von Hewen und
-Reinhardt von Gemmingen geführt. Viele Ritter und Edelleute
-schlossen sich an diese an, in ihrer Mitte ging Georg von<span class="pagenum"><a id="Page_281">[281]</a></span>
-Sturmfeder, Marx Stumpf zu seiner Rechten, der Ratsschreiber
-Dietrich von Kraft zu seiner Linken. Sein ganzes Wesen
-schien von einer würdigen Freude gehoben, seine Augen blinkten
-freudig, sein Gang war der Gang eines Siegers. Er ragte
-mit dem wallenden Haar, mit den wehenden Federn des Baretts
-weit über seine Gesellen hervor. Die Leute betrachteten ihn
-staunend, die Männer lobten laut seine hohe, männliche Gestalt,
-seine edle Haltung, aber die Mädchen flüsterten leise und priesen
-seine schönen Züge und das freie, glänzende Auge.</p>
-
-<p>So ging der Zug aus dem Tore des Schlosses nach der
-Kirche, die nur durch einen breiten Platz von ihm getrennt war.
-Kopf an Kopf standen die schönen Mädchen und die redseligen
-Frauen, sie musterten die Anzüge der Fräulein, strengten die
-Blicke an, als die schöne Braut vorbeiging, und waren voll
-Lobes über den Bräutigam.</p>
-
-<p>Unter den zahlreichen Zuschauern sah man auch eine rüstige,
-runde Bauersfrau mit ihrem Töchterlein stehen. Diese Frau
-verneigte sich immerwährend zur großen Belustigung der Städtler
-umher, die nur der Braut und dem Herzog diese Aufmerksamkeit
-bewiesen. Sie unterhielt sich dabei eifrig mit ihrer
-Tochter. Das schöne Kind an ihrer Seite schien aber wenig
-auf ihre Reden zu achten; sie übersah den glänzenden Zug der
-Fräulein, ihre hellen Augen waren nur immer auf die nahende
-Braut gerichtet. Je näher diese kam, desto röter färbten sich
-die Wangen des Mädchens, das rote Mieder hob und senkte sich
-ungestüm, und das pochende Herz schien die silbernen Ketten,
-womit es eingeschnürt war, zersprengen zu wollen. Sie sah
-Marien fest und durchdringend an, die hohe Schönheit der
-jungen Braut schien sie zu überraschen, ein wehmütiges Lächeln
-zuckte um ihren kleinen Mund. »Sie ist's!« rief sie unwillkürlich
-aus und verbarg dann schnell ihr Gesicht hinter dem
-Rücken ihrer Mutter, denn die Umstehenden sahen verwundert
-nach ihr hin.«</p>
-
-<p>»Jo, dia ist's; Bärbele! Dia ist grausig schö!« flüsterte
-die runde Frau und neigte sich tief. »Jetzt wellet mer uf da
-Junker bassa.«</p>
-
-<p>Das Mädchen schien diesen Rat nicht erst zu bedürfen,
-denn sie blickte längst hinüber nach jener Seite, woher er kommen
-mußte. »Er kommt, er kommt,« hörte sie ihre Nachbarn
-flüstern; »der ist's in dem weißen Kleid, mit dem blauen Mantel,
-er geht gerade vor dem Herzog.« Sie sah ihn, nur einen Blick
-warf sie nach ihm hin und wagte dann nicht mehr aufzublicken;<span class="pagenum"><a id="Page_282">[282]</a></span>
-die tiefe Röte ihrer Wangen verschwand, als er vorüberging,
-sie zitterte, eine Träne fiel herab auf das rote Mieder; &ndash; jetzt
-war er vorüber, jetzt hob sich das Köpfchen wieder ein wenig
-auf und sandte ihm einen Blick nach, der mehr auszudrücken
-schien als die reine Bewunderung oder das Staunen der Neugierde.</p>
-
-<p>Als der Zug vorüber war, drängten sich die Zuschauer mit
-Ungestüm zu den Kirchtüren, und in einem Augenblick war der
-Platz, der noch kurz zuvor den Anblick einer bunten, wogenden
-Menge dargeboten hatte, wie ausgestorben. Die runde Frau
-blickte noch immer staunend den schönen, geputzten Stadtjungfern
-nach, welche mit ihren brokatenen Hauben und goldgestickten
-Miedern, mit ihren feinen, langen Röcken, an welchen
-man nur um den Hals und Busen den Zeug allzusehr gespart
-zu haben schien, in der Bauersfrau mächtige Sehnsucht nach
-solcher Pracht und Herrlichkeit erweckt hatten.</p>
-
-<p>Als sie sich umwandte, erschrak sie nicht wenig, denn ihr
-holdes Kind hatte das blühende Gesichtchen in die Hände verborgen
-und weinte. Sie konnte nicht begreifen, was dem Mädchen
-begegnet sein könne, sie faßte ihre Hand, zog sie herab von
-den Augen &ndash; sie weinte bitterlich. »Was hoscht denn, Bärbele,«
-fragte sie halb unmutig, doch nicht ohne Teilnahme, »was
-heulscht denn? Hoscht's denn et g'seha? Gang, 's ist jo a
-Schand! Wenn's jo ebber sieht; so sag' no, worum du heulscht?«</p>
-
-<p>»I wois et, Muater!« flüsterte sie, indem sie vergeblich
-ihre Tränen zu bezwingen suchte; »es ist mer so weh im Herz
-drin, i woiß et worum.«</p>
-
-<p>»Laß jetzt bleiba, sag e! Komm, sonst kommemer z'spot in
-d'Kirch. Hairsch, wie se musizieret und singet? Komm, sonst
-sehe mer nix mai!« Die Frau zog bei diesen Worten das Mädchen
-nach der Kirche. Bärbele folgte, sie bedeckte die Augen
-mit der weißen Schürze, um nicht den Stadtleuten zum Gespötte
-zu werden; aber die tiefen Seufzer, die sich aus ihrer
-Brust heraufstahlen, ließen ahnen, daß sie einen tiefen Schmerz
-vergeblich zu unterdrücken suchte. Die Orgel schwieg, der Chorgesang
-verstummte, als sie an der Kirchtüre anlangten. Die
-Einsegnung des schönen Paares mußte in diesem Augenblicke
-beginnen. Aber vergebens suchte die runde Frau durch die
-dichten Reihen zu dringen, welche die Türe füllten, sie wurde,
-so oft sie sich in einen freien Raum zu schieben suchte, unwillig
-und mit Scheltworten zurückgestoßen.</p>
-
-<p>»Komm, Muater!« sprach das Mädchen. »Mer wellet<span class="pagenum"><a id="Page_283">[283]</a></span>
-hoim; mer sent arme Leut', uns lasset se et in d'Kirch; komm
-hoim.«</p>
-
-<p>»Was? D'Kircha sind für älle Leut' erschaffa; au für
-d'Arme. Wia, ihr Herra, lent es e bißle do nei. Mer sehet
-jo gar nix.«</p>
-
-<p>»Waz!« sprach der Mann, an den sie sich gewendet hatte,
-und kehrte ihr ein rotbraunes Gesicht mit schrecklichem Bart zu,
-»waz? Packt euch fort, wir lassen niemand durch; wir zind
-die allergnädigsten herzoglichen Landsknechte, wir, und nach
-dem Zanktus, hat der Hauptmann befohlen, darf keine Zeele
-mer durch; Mordblei! tut mir leid, wenn ich in der Kirche
-fluche, aber ich zag', weg da!«</p>
-
-<p>»Die Olte muß weg, sogen wer, ober das Dienderl darf
-'rein; komm Schatzerl! Do konnst's recht gut sehen; schaut's,
-jetzt steckt ihr der Propst den Ring on, jetzt legt er ihne die
-Händ' zusommen &ndash; gib mir en Schmatzerl, dann darfst's seh'n.«
-Der Staberl von Wien streckte bei diesen Worten seine tapfere
-Hand nach dem Mädchen aus, doch diese schrie laut auf und
-entfloh weinend; die runde Frau aber verwünschte die Stadtleute,
-die Stadtkirchen und die unanständigen Landsknechte,
-und folgte ihrer Tochter.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap32">32.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">So hab' ich endlich dich gerettet<br /></span>
-<span class="i0">Mir aus der Menge wilden Reih'n;<br /></span>
-<span class="i0">Du bist in meinen Arm gekettet,<br /></span>
-<span class="i0">Du bist nun mein, nun einzig mein;<br /></span>
-<span class="i0">Es schlummert alles diese Stunde.<br /></span>
-<span class="i0">Nur wir noch leben auf der Welt,<br /></span>
-<span class="i0">Wie in der Wasser stillem Grunde<br /></span>
-<span class="i0">Der Meergott seine Göttin hält.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Uhland.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Herzog Ulrich von Württemberg liebte eine gute Tafel,
-und wenn in guter Gesellschaft die Becher kreisten, pflegte er
-nicht so bald das Zeichen zum Aufbruch zu geben. Auch am
-Hochzeitsfeste Mariens von Lichtenstein blieb er seiner Gewohnheit
-treu. Man war, als die heilige Handlung in der Kirche
-vorüber war, in den Lustgarten am Schloß gezogen; dort hatten
-sich in den Laubgängen und künstlich verschlungenen Wegen die
-Hochzeitsgäste ergangen oder an den zahmen Hirschen und Rehen
-im Gehege oder an den Bären, die in einem der Gräben des
-Schlosses umherwandelten, sich ergötzt. Um zwölf Uhr hatten<span class="pagenum"><a id="Page_284">[284]</a></span>
-die Trompeten zur Tafel gerufen. Sie wurde in der Tyrnitz
-gehalten, einer weiten hohen Halle, die viele hundert Gäste faßte.
-Diese Halle war die Zierde des Schlosses zu Stuttgart. Sie
-maß wohl hundert Schritte in der Länge; die eine Seite, die
-gegen den Garten des Schlosses lag, war von vielen breiten
-Fenstern unterbrochen, und der freundliche Tag ergoß sich durch
-die vielfarbigen Scheiben und erhellte überall das ungeheure
-Gemach, das mit seinen Wölbungen und Säulen mehr einer
-Kirche als einem Tummelplatze der Freude glich. Um die drei
-übrigen Seiten liefen Galerien mit Teppichen reich behängt,
-sie waren für die Geiger und Trompeter und für die Zuschauer
-bei einem fürstlichen Mahle bestimmt; oft aber dienten sie den
-Damen und Kampfrichtern zu Tribünen, wenn nicht der Klang
-der Becher, sondern Schwerthiebe, das Krachen der Lanzen, das
-Sausen der Speere und das Gelächter und Geschrei der Kämpfer
-beim freien Waffenspiel in der Halle erscholl.</p>
-
-<p>Aber heute sah man hier einen gemischten Kreis schöner
-Frauen und fröhlicher Männer um reichbesetzte Tafeln sitzen.
-Auf den Galerien schwangen die Geiger lustig ihre Fiedelbogen.
-Die Zinkenisten bliesen ihre Backen auf, die Trommler schlugen
-kräftig auf die Felle, und mit Jauchzen und Hallo stimmte die
-Volksmenge, die man auf den übrigen Teilen der Galerien zugelassen
-hatte, ein, wenn die Herren unten einen Trinkspruch
-ausgebracht hatten. Am oberen Ende der Halle saß unter einem
-Thronhimmel der Herzog. Er hatte seinen Hut weit aus der
-Stirne gerückt, schaute fröhlich um sich und sprach dem Becher
-fleißig zu. Zu seiner Rechten, an der Seite des Tisches, saß
-Marie; jetzt wollte die Sitte nicht mehr, daß sie die Augen
-niederschlug und sechs Schritte von dem Geliebten entfernt blieb.
-Ein fröhliches Leben war in ihre Augen, um ihren Mund eingezogen;
-sie blickte oft nach ihrem neuen Gemahl, der ihr gegenüber
-saß, es war ihr oft, als müsse sie sich überzeugen, daß
-dies alles kein Traum, daß sie wirklich eine Hausfrau sei und
-den Namen, den sie achtzehn Jahre getragen, gegen den Namen
-Sturmfeder vertauscht habe; sie lächelte, so oft sie ihn ansah,
-denn es kam ihr vor, als gebe er sich, seitdem er aus der Kirche
-kam, eine gewisse Würde. »Er ist mein Haupt,« sagte sie
-lächelnd zu sich, »mein Herr, mein Gebieter; o der gute Herr!
-das liebe Haupt!«</p>
-
-<p>Und es war so, wie Marie zu bemerken glaubte: Georg
-fühlte sich gehobener, mit einer neuen Würde umgeben; es
-schien ihm, als zeigen ihm die Junker mehr Ehrfurcht, als ziehen<span class="pagenum"><a id="Page_285">[285]</a></span>
-ihn die älteren Ritter mehr freundlicher zu sich heran, seit er
-nicht mehr allein in der Welt stand, sondern wie sie ein Hausvater,
-vielleicht der Stammhalter eines glänzenden Geschlechtes
-geworden war. Denn in den guten alten Zeiten waren die Begriffe
-noch anders als heutzutag, und man dachte sich den Edelmann
-und den Bürger nicht anders, als mit Weib und Kindern,
-und überließ das Zölibat den Mönchen.</p>
-
-<p>In die Nähe des Herzogs war der Ritter von Lichtenstein,
-Marx Stumpf von Schweinsberg und der Kanzler gezogen
-worden, und auch der Ratsschreiber von Ulm saß nicht ferne,
-weil er heute als Geselle des Bräutigams diesen Ehrenplatz sich
-erworben hatte. Der Wein begann schon den Männern aus
-den Augen zu leuchten und den Frauen die Wangen höher zu
-färben, als der Herzog seinem Küchenmeister ein Zeichen gab.
-Die Speisen wurden weggenommen und im Schloßhof unter die
-Armen verteilt; auf die Tafel kamen jetzt Kuchen und schöne
-Früchte, und die Weinkannen wurden für die Männer mit
-besseren Sorten gefüllt; den Frauen brachte man kleine silberne
-Becher mit spanischem, süßem Weine. Sie behaupteten zwar,
-keinen Tropfen mehr trinken zu können, doch nippten und
-nippten sie von dem süßen Nektar immer wieder, bis man die
-Nagelprobe hätte machen können. Jetzt war der Augenblick
-gekommen, wo nach der Sitte der Zeit dem neuen Ehepaar Geschenke
-überbracht wurden. Man stellte Körbe neben Marien
-auf, und als die Geiger und Pfeifer von neuem gestimmt hatten
-und aufzuspielen anfingen, bewegte sich ein langer, glänzender
-Zug in die Halle. Voran gingen die Edelknaben des fürstlichen
-Hofes, sie trugen goldene Deckelkrüge, Schaumünzen,
-Schmuck von edlen Steinen als Geschenke des Herzogs.</p>
-
-<p>»Mögen euch diese Becher, wenn sie bei den Hochzeiten
-eurer Kinder, bei den Taufen eurer Enkel kreisen, mögen sie
-euch an einen Mann erinnern, dem ihr beide im Unglück Liebe
-und Treue bewiesen, an einen Fürsten, der im Glück euch immer
-gewogen und zugetan ist.«</p>
-
-<p>Georg war überrascht von dem Reichtum der Geschenke.
-»Euer Durchlaucht beschämen uns,« rief er; »wollet Ihr Liebe
-und Treue <em class="gesperrt">belohnen</em>, so wird sie nur zu bald um Lohn
-feil sein.«</p>
-
-<p>»Ich habe sie selten rein gefunden,« erwiderte Ulrich, indem
-er einen unmutigen Blick über die lange Tafel hinschickte
-und dem jungen Mann die Hand drückte, »noch seltener, Freund
-Sturmfeder, hat sie mir Probe gehalten, drum ist es billig,<span class="pagenum"><a id="Page_286">[286]</a></span>
-daß Wir die reine Treue mit reinem Golde und edle Liebe mit
-edlen Steinen zu belohnen suchen. Doch wie, Eure schöne Frau
-vergießt Tränen? Ich weiß die Quelle dieses klaren Taues,
-es ist die Erinnerung an Unser bitteres Geschick, die Wir selbst
-heraufbeschworen haben. Hinweg mit diesen Tränen, schöne
-Frau! am Hochzeitstag ist es kein gutes Zeichen. Doch mit
-Verlaub Eures Eheherrn will ich jetzt eine alte Schuld einziehen,
-Ihr wißt noch, welche?«</p>
-
-<p>Marie errötete und warf einen forschenden Blick nach
-Georg hinüber, als fürchtete sie, jenes alte Uebel, das sie oft
-kaum zu beschwören vermochte, möchte wiederkehren. Georg
-wußte recht wohl, was der Herzog meine, denn jene Szene, die
-er hinter der Türe belauschte, war ihm noch immer im Gedächtnis,
-doch er fand Gefallen daran, den Herzog und Marien
-zu necken, und antwortete, als diese noch immer schwieg: »Herr
-Herzog, wir sind jetzt zusammen ein Leib und eine Seele, wenn
-also meine Frau in früheren Zeiten Schulden gemacht hat, so
-steht es <em class="gesperrt">mir</em> zu, sie zu bezahlen.«</p>
-
-<p>»Ihr seid zwar ein hübscher Junge,« entgegnete Ulrich mit
-Laune, »und manche unserer Fräulein hier am Tische möchte
-vielleicht gerne einen solchen Schuldbrief an Euren schönen
-Mund einzufordern haben; mir aber kann dies nicht frommen,
-denn meine Urkunde lautet auf die roten Lippen Eurer Frau.«</p>
-
-<p>Der Herzog stand bei diesen Worten auf und näherte sich
-Marien, die bald errötend, bald erbleichend ängstlich auf Georg
-herübersah. »Herr Herzog,« flüsterte sie, indem sie den schönen
-Nacken zurückbog, »es war nur Scherz; &ndash; ich bitte Euch.« Doch
-Ulrich ließ sich nicht irre machen, sondern zog die Schuld samt
-Zinsen von ihren schönen Lippen ein.</p>
-
-<p>Der alte Herr von Lichtenstein sah bei dieser Szene finster
-bald auf den Herzog, bald auf seine Tochter; vielleicht mochte
-ihm Ulrich von Hutten beifallen, denn seine Blicke streiften
-auch ängstlich auf seinen Schwiegersohn. Der Kanzler Ambrosius
-Volland aber schaute mit höhnischer Schadenfreude aus den
-grünen Aeuglein auf den jungen Mann. »Hi, hi,« rief er ihm
-zu, »ich leere meinen Becher auf gutes Wohlsein. Eine schöne
-Frau ist eine gute Bittschrift in aller Not; wünsche Glück, liebster,
-wertgeschätzter Herr; hi! hi! 's ist ja auch was Unschuldiges,
-so lange es vor den Augen des Ehemanns geschieht!«</p>
-
-<p>»Allerdings, Herr Kanzler!« erwiderte Georg mit großer
-Ruhe, »um so unschuldiger, als ich selbst dabei war, wie meine
-Frau Seiner Durchlaucht diesen Dank zusagte. Der Herr<span class="pagenum"><a id="Page_287">[287]</a></span>
-Herzog versprach beim Vater für uns zu bitten, daß er mich zu
-seinem Eidam annehme, und bedung sich dafür diesen Lohn an
-unserm Hochzeitstage.«</p>
-
-<p>Der Herzog sah den jungen Mann mit Staunen an; Marie
-errötete von neuem, denn sie mochte sich jene ganze Szene ins
-Gedächtnis zurückrufen; aber keines von beiden widersprach ihm,
-sei es, weil sie es für unschicklich hielten, ihn Lügen zu strafen,
-sei es, weil sie ahneten, er könne sie belauscht haben. Aber Ulrich
-konnte doch nicht unterlassen, ihn heimlich um die näheren Umstände
-zu befragen; er teilte sie ihm in wenigen Worten mit.</p>
-
-<p>»Du bist ein sonderbarer Kauz!« flüsterte der Herzog
-lachend, »was hättest du denn gemacht, wenn Wir damals ein
-Küßchen erobert hätten?«</p>
-
-<p>»Ich kannte Euch noch nicht,« flüsterte Georg ebenso leise,
-»drum hätte ich Euch auf der Stelle niedergestochen und an der
-nächsten Eiche aufgehängt.«</p>
-
-<p>Der Herzog biß sich in die Lippen und sah ihn verwundert
-an; dann aber drückte er ihm freundlich die Hand und sagte:
-»Da hättest du alles Recht dazu gehabt, und Wir wären in
-Unseren Sünden abgefahren. &ndash; Doch siehe, da bringen sie
-wieder Spenden für die Braut.«</p>
-
-<p>Es erschienen jetzt die Diener der Ritter und Edeln, die
-zur Hochzeit geladen waren, die trugen allerlei seltenes Hausgeräte,
-Waffen, Stoff zu Kleidern und dergleichen; man wußte
-zu Stuttgart, daß es der Liebling des Herzogs sei, dem dieses
-Fest gelte, drum hatte sich auch eine Gesandtschaft der Bürger
-eingestellt, ehrsame, angesehene Männer in schwarzen Kleidern,
-kurze Schwerter an der Seite, mit kurzen Haaren und langen
-Bärten. Der eine trug eine aus Silber getriebene Weinkanne,
-der andere einen Humpen aus demselben Metall, mit eingesetzten
-Schaumünzen geschmückt. Sie nahten sich ehrerbietig
-zuerst dem Herzog, verbeugten sich vor ihm und traten dann zu
-Georg von Sturmfeder.</p>
-
-<p>Sie verbeugten sich lächelnd auch vor ihm, und der mit dem
-Humpen hub an:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Gegrüßet sei das Ehepaar<br /></span>
-<span class="i0">Und leb' zusamt noch manches Jahr!<br /></span>
-<span class="i0">Um euch zu fristen langes Leben,<br /></span>
-<span class="i0">Will Stuttgart euch ein Tränklein geben.<br /></span>
-<span class="i0">Des Lebens Tränklein ist der Wein,<br /></span>
-<span class="i0">Komm, guter Geselle, schenk' mir ein.«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_288">[288]</a></span></p>
-<p>Der andere Bürger goß aus der Flasche den Humpen voll
-und sprach, während der erste trank:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Von diesem Tränklein steht ein Faß<br /></span>
-<span class="i0">Vor eurer Wohnung auf der Gaß':<br /></span>
-<span class="i0">Es ist vom besten, den wir haben,<br /></span>
-<span class="i0">Er soll Euch Leib und Seele laben;<br /></span>
-<span class="i0">Er geb' euch Mut, Gesundheit, Kraft:<br /></span>
-<span class="i0">Das wünscht euch Stuttgarts Bürgerschaft.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Der erstere hatte indessen ausgetrunken, füllte den Becher
-von neuem und sprach, indem er ihn dem jungen Mann
-kredenzte:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Und wenn Ihr trinkt von diesem Wein,<br /></span>
-<span class="i0">Soll Euer erster Trinkspruch sein:<br /></span>
-<span class="i0">›Es leb' der Herzog und sein Haus!‹<br /></span>
-<span class="i0">Ihr trinkt bis auf den Boden aus;<br /></span>
-<span class="i0">Dann schenkt Ihr wieder frischen ein:<br /></span>
-<span class="i0">›Hoch leb' Sturmfeder und Lichtenstein!‹<br /></span>
-<span class="i0">Und lüstet Euch noch eins zu trinken,<br /></span>
-<span class="i0">Mögt Ihr an Stuttgarts Bürger denken.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Georg von Sturmfeder reichte beiden die Hand und dankte
-ihnen für ihr schönes Geschenk; Marie ließ ihre Weiber und
-Mädchen grüßen, und auch der Herzog bezeugte sich ihnen gnädig
-und freundlich. Sie legten den silbernen Becher und die Kanne
-in den Korb zu den übrigen Geschenken und entfernten sich ehrbaren
-und festen Schrittes aus der Tyrnitz. Doch die Bürger
-waren nicht die letzten gewesen, welche Geschenke gebracht hatten;
-denn kaum hatten sie die Halle verlassen, so entstand ein Geräusch
-an der Türe, wo die Landsknechte Wache hielten, das
-selbst die Aufmerksamkeit des Herzogs auf sich zog. Man hörte
-tiefe Männerstimmen fluchen und befehlen, dazwischen ertönten
-hohe Weiberstimmen, von denen besonders eine, die am heftigsten
-haderte, der Gesellschaft am obersten Ende der Tafel sehr bekannt
-schien.</p>
-
-<p>»Das ist wahrhaftig die Stimme der Frau Rosel!« flüsterte
-Lichtenstein seinem Schwiegersohn zu, »Gott weiß, was sie
-wieder für Geschichten hat.«</p>
-
-<p>Der Herzog schickte einen Edelknaben hin, um zu erfahren,
-was das Lärmen zu bedeuten habe; er erhielt zur Antwort,
-einige Bauernweiber wollen durchaus in die Halle, um den Neuvermählten
-Geschenke zu bringen, da es aber nur gemeines Volk<span class="pagenum"><a id="Page_289">[289]</a></span>
-sei, so wollen sie die Knechte nicht einlassen. Ulrich gab Befehl,
-sie vorzubringen, denn die Sprüchlein der Bürger hatten ihm
-gefallen, und auch von den Bauersleuten versprach er sich Kurzweil.
-Die Knechte gaben Raum, und Georg erblickte zu seinem
-Erstaunen die runde Frau des Pfeifers von Hardt mit ihrem
-schönen Töchterlein, geführt von der Frau Rosel, ihrer Base.</p>
-
-<p>Schon auf dem Wege in die Kirche hatte er die holden
-Züge des Mädchens von Hardt, die er nicht aus seinem Gedächtnis
-verloren, zu bemerken geglaubt; aber wichtigere Gedanken
-und die Heiligkeit des Sakramentes, die seine ganze
-Seele füllten, hatten diese flüchtige Erscheinung verdrängt. Er
-belehrte die Gesellschaft, wer die Nahenden seien, und mit
-großem Interesse blickten sie alle auf das Kind jenes Mannes,
-dessen wunderbares Eingreifen in das Schicksal des Herzogs
-ihnen oft so unbegreiflich gewesen war, dessen Treue so erhaben,
-dessen Hilfe in der Not so willkommen erschienen war.
-Das Mädchen hatte die blonden Haare, die offene Stirne, die
-Züge ihres Vaters; nur die List, die aus seinen Augen, die
-Kühnheit und Kraft, die aus seinem Wesen sprach, war bei ihr,
-wenn sie nicht schüchtern und blöde war, in eine neckende Freundlichkeit
-und in rüstiges, behendes Wesen übergegangen. So
-hatte sie Georg erkannt, als er im Hause des Pfeifers wohnte;
-doch heute schien sie vor den vielen vornehmen Leuten etwas
-schüchtern, ja, es wollte ihm sogar scheinen, als sei ein neuer
-Zug in ihr Gesicht gekommen, den er früher nicht an ihr bemerkt
-hatte, eine gewisse Wehmut und Trauer, die sich um ihren
-Mund und in ihren Augen aussprach.</p>
-
-<p>Die Pfeifersfrau wußte, was Lebensart sei, sie verbeugte
-sich daher von der Türe der Tyrnitz in einem fort, bis sie zum
-Stuhl des Herzogs kam. Frau Rosel hatte noch die Röte des
-Zornes auf ihren magern Wangen, denn die Landsknechte,
-namentlich der Magdeburger und Kaspar Staberl, hatten sie
-höchlich beleidigt und sie eine dürre Stange geheißen. Ehe sie
-noch sich sammeln und den Herrschaften geziemend die Familie
-ihres Bruders vorstellen konnte, hatte die runde Frau schon
-einen Zipfel von des Herzogs Mantel gefaßt und ihn an die
-Lippen gedrückt. »Gueten Obed, Herr Herzich,« sprach sie dazu
-mit tiefen Knicksen; »wie got Uich's, seit Er wieder in Schtuagert
-send; mei Ma loßt Eich schö grüaßa; mer komme aber et
-zum Herr Herzich, noi, zu dem Herra dort drübe welle mer.
-Mer hent a Hochzeitschenke für sei Frau. Do siezt se jo, gang,
-Bärbele, lang's aus em Krättle.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_290">[290]</a></span></p>
-
-<p>»Ach, du lieber Gott!« fiel Frau Rosel ihrer Schwägerin
-ins Wort; »bitt' untertänigst um Verzeihung, Euer Durchlaucht,
-daß ich die Leut' 'reingebracht habe; 's ist Frau und
-Kind vom Pfeifer von Hardt. Ach, du Herr Gott! nehmet doch
-nichts übel, Herr Herzog; die Frau meint's g'wiß gut.«</p>
-
-<p>Der Herzog lachte mehr über diese Entschuldigung der
-Frau Rosel als über die Reden ihrer Schwägerin: »Was macht
-denn dein Mann, der Pfeifer? Wird er uns bald besuchen?
-Warum kam er nicht mit euch?«</p>
-
-<p>»Sell hot sein' Grund, Herr!« erwiderte die runde Frau;
-»wenn's Krieg geit, bleibt er g'wiß et aus; do ka mer'n brauche;
-aber im Frieda? Noi, do denkt er, mit grauße Herra ist's et
-guet Kirsche fressa.«</p>
-
-<p>Frau Rosel wollte beinahe verzweifeln über die Naivität
-der runden Frau, sie zog sie am Rock und am langen Zopfband,
-es half nichts, die Frau des Pfeifers sprach zu großer Ergötzung
-des Herzogs und seiner Gäste immer weiter, und das unauslöschliche
-Gelächter, das ihre Antworten erregten, schien ihr
-Freude zu machen. Bärbele hatte indessen mit dem Deckel des
-Körbchens gespielt, sie hatte einigemal gewagt, ihre Blicke zu
-erheben, um jenes Gesicht wiederzusehen, das im Fieber der
-Krankheit so oft an ihrem Busen geruht und in ihren treuen
-Armen Ruhe und Schlummer gefunden hatte, jenen Mund
-wiederzusehen, den sie so oft heimlicherweise mit ihren Lippen
-berührt hatte, und jene Augen, deren klarer, freundlicher Strahl
-ewig in ihrem Gedächtnis fortglühte. Sie erhob ihre Blicke
-immer wieder von neuem, doch, wenn sie bis an seinen Mund
-gekommen war, schlug sie sie wieder &ndash; aus Furcht, seinem
-Auge zu begegnen &ndash; herab.</p>
-
-<p>»Siehe, Marie,« hörte sie ihn sagen, »das ist das gute
-Kind, das mich pflegte, als ich krank in ihres Vaters Hütte lag,
-das mir den Weg nach Lichtenstein zeigte.«</p>
-
-<p>Marie wandte sich um und ergriff gütig ihre Hand; das
-Mädchen zitterte, und ihre Wangen färbte ein dunkles Rot; sie
-öffnete ihr Körbchen und überreichte ein Stück schöner Leinwand
-und einige Bündel Flachs, so fein und zart wie Seide.
-Sie versuchte zu sprechen, aber umsonst, sie küßte die Hand der
-jungen Frau, und eine Träne fiel herab auf ihren Ehering.</p>
-
-<p>»Ei, Bärbele,« schalt Frau Rosel, »sei doch nicht so schüchtern
-und ängstlich. Gnädiges Fräulein &ndash; wollte sagen, gnädige
-Frau, habt Nachsicht, sie kommt selten zu vornehmen Leuten.
-Es ist niemand so gut, er hat zweierlei Mut, heißt es im Sprichwort.<span class="pagenum"><a id="Page_291">[291]</a></span>
-Das Mädchen kann sonst so fröhlich sein wie eine Schwalbe
-im Frühling.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich danke dir, Bärbele!« sagte Marie. »Wie schön deine
-Leinwand ist! Die hast du wohl selbst gesponnen?«</p>
-
-<p>Das Mädchen lächelte durch Tränen; sie nickte ein Ja! &ndash;
-zu sprechen schien ihr in diesem Augenblick unmöglich zu sein.
-Der Herzog befreite sie von dieser Verlegenheit, um sie in eine
-noch größere zu ziehen. »Wahrhaftig, ein schönes Kind hat
-Hans der Spielmann,« rief er aus und winkte ihr, näher zu
-treten. »Hoch gewachsen und lieblich anzuschauen! Schaut nur,
-Herr Kanzler, was ihr das rote Mieder und das kurze Röckchen
-gut ansteht; wie? Ambrosius Volland, meinst du nicht, Wir
-könnten durch ein allgemeines Edikt diese niedliche Tracht auch
-bei unsern Schönen in Stuttgart einführen?«</p>
-
-<p>Der Kanzler verzog sein Gesicht zu einem greulichen
-Lächeln; er beschaute das errötende Mädchen mit seinen Aeuglein
-vom Kopf bis zu den Füßen. »Man könnte zum Grund
-angeben,« sagte er, »daß dadurch eine Elle in der Länge erspart
-würde. So gut Euer Durchlaucht vor einigen Jahren
-das Maß und Gewicht hat kleiner machen lassen, habt Ihr
-nach allen Regeln der Logika auch das Recht, dem Frauenzimmer
-die Röcklein zu verkürzen. Wäre aber damit nichts
-gewonnen, denn &ndash; hi, hi, hi! schaut nur, was dort wegfiele,
-müßten dann die hiesigen Schönen oben wieder ansetzen. Und
-wer weiß, ob sie sich gerne dazu verstünden? Sie gehören zum
-Geschlecht der Pfauen, und Ihr wißt schon, daß diese nicht gerne
-auf ihre Beine sehen.«</p>
-
-<p>»Hast recht, Ambrosius,« lachte der Herzog. »Es geht
-doch nichts über einen gelehrten Herrn! Aber sag' einmal,
-Kind, hast du auch schon einen Schatz? einen Liebsten?«</p>
-
-<p>»Ei was, Euer Durchlaucht!« unterbrach ihn die runde
-Frau, »wer wird so ebbes von so ema Kind denka! Se ist a ehrlichs
-Mädle, Herr Herzich!«</p>
-
-<p>Der Herzog schien nicht auf diese Bemerkung zu hören;
-er betrachtete lächelnd die Verlegenheit, die sich auf den reinen
-Zügen des Mädchens abspiegelte; sie seufzte leise, sie spielte mit
-den bunten Bändern ihrer Zöpfe; sie sandte unwillkürlich einen
-Blick, aber einen Blick voll Liebe auf Georg von Sturmfeder
-und schlug dann errötend wieder die Augen nieder. Der Herzog,
-dem dies alles nicht entging, brach in lautes Lachen aus,
-in das die übrigen Männer einstimmten. »Junge Frau!« sagte
-er zu Marien, »jetzt könnt Ihr billig die Eifersucht Eures<span class="pagenum"><a id="Page_292">[292]</a></span>
-Herrn teilen; wenn Ihr gesehen hättet, was ich sah, könntet
-Ihr allerlei deuteln und vermuten.«</p>
-
-<p>Marie lächelte und blickte teilnehmend auf das schöne Mädchen;
-sie fühlte, wie wehe ihr der Spott der Männer tun müsse.
-Sie flüsterte der Frau Rosel zu, sie und die runde Frau zu
-entfernen. Auch dies bemerkte Ulrichs scharfer Blick, und seine
-heitere Laune schrieb es der schnell erwachten Eifersucht zu.
-Marie aber band ein schönes, aus Gold und roten Steinen
-gearbeitetes Kreuzchen ab, das sie an einer Schnur um den
-Hals getragen, und reichte es dem überraschten Mädchen. »Ich
-danke dir,« sagte sie ihr dazu; »grüße deinen Vater und besuche
-uns recht oft hier und in Lichtenstein. Wie wäre es, wenn du
-mir dientest als Zofe? Du sollst es gut haben und hast ja auch
-deine Muhme, Frau Rosel, bei uns.«</p>
-
-<p>Das Mädchen erschrak sichtbar; sie schien mit sich zu
-kämpfen; oft schien ein freundliches Lächeln »ja« sagen zu wollen,
-aber ebenso oft drängte ein schmerzlicher Zug um den Mund
-diesen Entschluß zurück. »I dank' schö, gnädige Frau!« antwortete
-sie, indem sie Mariens schöne Hand küßte, »aber i mueß
-daheim bleibe: d'Mueter wird alt und braucht me, b'hüt Uich
-Gott der Herr, älle Heilige walten über Uich, und die heilige
-Jungfrau sei Uich gnädig. Lebet g'sund und froh mit Eurem
-Herra, es ist a gueter, lieber Herr!« Noch einmal beugte sich
-Bärbele herab auf Mariens Hand und entfernte sich dann mit
-ihrer Mutter und der Base.</p>
-
-<p>»Hör' einmal,« rief ihr der Herzog nach, »wenn deine
-Mutter einmal zugibt, daß du einen Liebsten bekommst, so bring'
-ihn mir; ich will dich ausstatten, du hübsches Pfeiferskind!«</p>
-
-<p>Unter diesen Szenen war es vier Uhr geworden, und der
-Herzog hob die Tafel auf. Dies war das Zeichen, daß sich jetzt
-das Volk von den Galerien entfernen müsse, die sogleich mit
-Polstern und Teppichen belegt und zum Empfang der Damen
-eingerichtet wurden. In dem Parterre der Tyrnitz wurden
-schnell die Tafeln weggeräumt, Lanzen, Schwerter, Schilde,
-Helme und der ganze Apparat zu Ritterspielen herbeigeschleppt,
-und in einem Augenblicke war diese große Halle, die noch
-soeben der Sitz der Tafelfreuden gewesen war, zum Waffensaal
-eingerichtet. Wie die Damen in unsern Tagen gerne lauschen,
-wenn die Männer sich in gelehrte Diskussionen und politische
-Streitigkeiten einlassen, wie jede wünscht, den Geliebten oder
-Gemahl am scharfsinnigsten urteilen, am schnellzüngigsten disputieren
-zu hören, so war es in den guten alten Zeiten den<span class="pagenum"><a id="Page_293">[293]</a></span>
-Frauen Freude, selbst blutige Kämpfe ihrer Männer zu beobachten,
-und aus manchem schönen Auge blitzte das Hochgefühl,
-einem Tapferen anzugehören, manche holde Wange schmückte
-ein höheres Rot, nicht wenn der Geliebte in Gefahr, sondern
-wenn er sich zurückzuziehen schien oder seine Hiebe nicht so
-kräftig waren wie die seines Gegners.</p>
-
-<p>Es wurden an diesem Abend sogar Pferde in die Halle geführt,
-und Marie hatte die Freude, ihrem Geliebten den zweiten
-Dank im Rennen überreichen zu können, denn er machte den
-Herrn von Hewen zweimal im Sattel wanken. Der tapferste
-Kämpfer war Herzog Ulrich von Württemberg, eine Zierde der
-Ritterschaft seiner Zeit. Meldet ja doch die Sage von ihm,
-daß er an seinem eigenen Hochzeitstage acht der stärksten Ritter
-des Schwaben- und Frankenlandes in den Sand warf. Nachdem
-die Ritterspiele einige Stunden gedauert hatten, zog man
-zum Tanz in den Rittersaal, und den Siegern im Kampfe
-wurden die Vortänze eingeräumt. Der fröhliche Reigen ertönte
-bis in die Nacht; der Herzog schien alle Sorgen vor der
-bangen Zukunft auf den Höcker seines Kanzlers geschoben zu
-haben, der wie die böse Zeit in einem Fenster saß und mit
-bitterem Lächeln einem Vergnügen zuschaute, von welchem ihn
-seine eigene Mißgestalt ausschloß.</p>
-
-<p>Zum letzten Tanz vor dem Abendtrunk wollte Ulrich die
-Krone des Festes, die junge, schöne Frau Marie, aufrufen; doch
-im ganzen Saal suchte er und Georg sie vergebens auf, und
-die lächelnden Frauen gestanden, daß sechs der schönsten Fräulein
-sie entführt und in ihre neue Wohnung begleitet haben,
-um ihr dort, wie es die Sitte wolle, die mysteriösen Dienste
-einer Zofe zu erzeigen.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Sic transit gloria mundi!</em>« sagte der Herzog lächelnd.
-»Und siehe, Georg, da nahen sie schon mit den Fackeln, deine
-Gesellen und zwölf Junker, sie wollen dir ›heimzünden‹. Doch
-zuvor leere noch einen Becher mit uns. Geh, Mundschenk!
-bring' vom Besten!«</p>
-
-<p>Marx Stumpf von Schweinsberg und Dietrich von Kraft
-nahten sich mit Fackeln und boten sich an, Georg nach Hause zu
-geleiten. An sie schlossen sich zwölf Junker, ebenfalls mit
-Fackeln, an, um dem jungen Mann diese Ehre zu erweisen;
-denn so wollte es die Sitte der guten alten Zeit. Der Mundschenk
-goß die Becher voll und kredenzte sie seinem Herzog und
-Georg von Sturmfeder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_294">[294]</a></span></p>
-
-<p>Ulrich sah ihn lange und nicht ohne Rührung an; er drückte
-seine Hand und sagte: »Du hast Probe gehalten. Als ich verlassen
-und elend unter der Erde lag, hast du dich zu mir bekannt;
-als jene vierzig meine Burg übergaben und kein Stückchen
-Württemberg mehr mein war, bist du mir aus dem Land
-gefolgt, hast mich oft getröstet und auch auf diesen Tag verwiesen.
-Bleibe mein Freund, wer weiß, was die nächsten Tage
-bringen. Jetzt kann ich wieder Hunderten gebieten, und sie
-schreien ›Hoch!‹ auf das Wohl meines Hauses, und doch war mir
-dein Trinkspruch mehr wert, den du in der Höhle ausbrachtest
-und den das Echo beantwortete. Ich erwidere es jetzt und
-gebe es dir zurück: Sei glücklich mit deinem Weibe, möge dein
-Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen; möge es Württemberg
-nie an Männern fehlen, so mutig im Glück, so treu
-im Unglück wie du!«</p>
-
-<p>Der Herzog trank, und eine Träne fiel in seinen Becher.
-Die Gäste stimmten jubelnd in seinen Ruf, die Fackelträger
-ordneten sich, und seine Gesellen führten Georg von Sturmfeder
-aus dem Schloß der Herzoge von Württemberg.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap33">33.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Auch aus entwölkter Höhe<br /></span>
-<span class="i0">Kann der zündende Donner schlagen,<br /></span>
-<span class="i0">Darum in deinen glücklichen Tagen<br /></span>
-<span class="i0">Fürchte des Unglückes tückische Nähe.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Schiller.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Der Weg, den die berühmten Novellisten unserer Tage
-bei ihren Erzählungen aus alter oder neuer Zeit einschlagen,
-ist ohne Wegsäule zu finden und hat ein unverrücktes, bestimmtes
-Ziel. Es ist die Reise des Helden zur Hochzeit. Mag sein
-Weg sich noch so oft krümmen, wagt er es sogar, Abstecher zu
-machen und in Wirtshäusern und Burgen ungebührlich lange
-zu verweilen, er eilt nachher um so rascheren Schrittes seinem
-Ziele zu, und wenn er endlich nach so vielen Leiden mit gehöriger
-Würde in die Brautkammer geschoben ist, pflegt der
-Autor dem Leser die Türe vor der Nase zuzuwerfen und das
-Buch zu schließen. Auch wir hätten mit dem herrlichen Reigen
-im Schlosse zu Stuttgart schließen oder den Leser mit dem
-Fackelzug des Bräutigams aus dem Buche hinaus begleiten
-können, aber die höhere Pflicht der Wahrheit und jenes Interesse,<span class="pagenum"><a id="Page_295">[295]</a></span>
-das wir an einigen Personen dieser Historie nehmen,
-nötigt uns, den geneigten Leser aufzufordern, uns noch einige
-wenige Schritte zu begleiten und den Wendepunkt eines Schicksals
-zu betrachten, das, in seinem Anfang unglücklich, in seinem
-Fortgang günstiger, durch seine eigene Notwendigkeit sich wieder
-in die Nacht des Elends verhüllen mußte.</p>
-
-<p>Das Motto, womit wir diesen Abschnitt bezeichneten, ist
-eine Geisterstimme, die warnend durch die Weltgeschichte tönt,
-die von vielen vernommen, von den meisten überhört, von
-wenigen befolgt wurde. Zu allen Zeiten ging ein finsterer
-Geist durch das Haus der Erde, man vernahm oft sein Rauschen,
-man suchte es durch die Töne der Freude zu übertäuben. Ulrich
-von Württemberg hatte jene Stimme in mancher Nacht vernommen,
-die er sorgenvoll auf seinem Lager durchwachte. Er
-glaubte das Geräusch vieler Gewappneter und die dröhnenden
-Tritte eines Heeres zu vernehmen, er glaubte sie näher und
-näher um ihn sich lagern zu hören, und wenn er sich auch überzeugte,
-daß es nur die Nachtluft war, die um die Türme seines
-Schlosses brauste, so blieb doch eine finstere Ahnung in ihm
-zurück, daß sein Schicksal noch einmal sich wenden könnte. Jene
-Warnung des alten Ritters von Lichtenstein tönte oft in seiner
-Seele wieder, und vergeblich strengte er sich an, die künstlichen
-Folgerungen seines Kanzlers sich zu wiederholen, um ein Verfahren
-bei sich zu entschuldigen, das ihm jetzt zum wenigsten
-nicht genug überdacht schien; denn seine alten Feinde rüsteten
-sich mit Macht. Der Bund hatte ein neues Heer geworben und
-drang herab ins Land, näher und näher an das Herz von Württemberg.
-Die Reichsstadt Eßlingen bot für diese Unternehmungen
-einen nur zu günstigen Stützpunkt. Sie liegt nur wenige
-Stunden von der Hauptstadt, beinahe mitten im Lande und war,
-sobald das Heer des Bundes die Kommunikation mit ihr hergestellt
-hatte, eine furchtbare Schanze, um Ausfälle nach Württemberg
-zu begünstigen und zu decken. Das Landvolk nahm an
-vielen Orten den Bund günstig auf, denn der Herzog hatte sie
-durch die neue Art, wie er sich huldigen ließ, ängstlich gemacht.
-Der Württemberger liebt von jeher das Alte und Hergebrachte.
-Altes Recht, alte Ordnung sind ihm goldene Worte, wenn er
-auch oft nicht weiß, was sie bedeuten, und ob das Neue nicht
-besser ist. Seine Ruhe, die er bei andern Zufällen des Lebens
-zeigt, verläßt ihn, wenn man von Neuerungen spricht, und ein
-Eigensinn, der sogar Trotz wird, läßt ihn das Alte mit einer
-Glut, mit einer natürlichen Begeisterung umfassen, die ihm<span class="pagenum"><a id="Page_296">[296]</a></span>
-sonst fremd ist und gänzlich außer seinem Wesen, der ruhigen,
-biederen Geschäftigkeit, liegt.</p>
-
-<p>Diese Liebe zum Alten hatte der Herzog an seinem Volk
-erfahren, als er einige Jahre zuvor seinen Räten folgte und
-zur Verbesserung seiner Finanzen ein neues Maß und Gewicht
-einführte. Der »Arme Konrad«, ein förmlicher Aufstand armer
-Leute, hatte ihn nachdenklich gemacht und den Tübinger Vertrag
-eingeleitet. Diese Liebe zum Alten hatte sich auf eine rührende
-Weise an ihm gezeigt, als der Bund ins Land fiel und das
-Haupt des alten Fürstenstammes verjagen wollte. Ihre Väter
-und Großväter hatten unter den Herzogen und Grafen von
-Württemberg gelebt, darum war ihnen jeder verhaßt, der diese
-verdrängen wollte. Wie wenig sie das Neue lieben, hatten sie
-dem Bunde und seinen Statthaltern oft genug bewiesen.</p>
-
-<p>Der alte, angestammte Herzog, ein Württemberger, kam
-wieder ins Land, sie zogen ihm freudig zu. Sie glaubten, jetzt
-werde es wieder hergehen wie »<em class="gesperrt">vor alters</em>«; sie hätten recht
-gerne Steuern bezahlt, Zehnten gegeben, Gülten aller Art entrichtet
-und Fronen geleistet. Sie hätten über Schwereres nicht
-gemurrt, wenn es nur nach hergebrachter Art geschehen wäre.
-So gut ward es ihnen aber nicht. Die alten Formeln waren
-aus dem Huldigungseid verschwunden, die Steuern wurden
-nicht mehr nach hergebrachter Sitte eingezogen, es war alles
-anders als früher, kein Wunder, wenn sie den Herzog als einen
-neuen Herrn ansahen und murrend nach dem alten Recht verlangten.
-Sie hatten zu Ulrich kein Zutrauen mehr, nicht weil
-seine Hand schwerer auf ihnen ruhte als vorher, nicht weil er
-bedeutend mehr von ihnen wollte als früher, sondern weil
-sie die neuen Formen mit argwöhnischen Augen ansahen.</p>
-
-<p>Ein Herzog, besonders wenn er einem Ambrosius Volland
-sein Ohr leiht, erfährt selten genau, wie man über ihn denkt
-und ob die Maßregeln klug berechnet waren, die ihm seine Räte
-an die Hand gaben. Und dennoch entging Ulrichs hellem Auge
-die Unzufriedenheit seines Volkes nicht ganz. Er merkte, daß
-er im schlimmen Falle sich nicht auf sie werde verlassen können,
-so wenig als auf die Ritterschaft des Landes, die, seit er wieder
-im Land war, sich sehr neutral verhalten hatte.<a id="FNanchor_42_43"></a><a href="#Footnote_42_43" class="fnanchor">[42]</a></p>
-
-<p>Seine Unruhe über diese Bemerkungen suchte er jedem
-Auge zu verbergen. Er beschwor die wildesten Töne der Freude
-herauf, und oft gelang es ihm sogar, zu vergessen, vor welchem
-Abgrund er stehe. Er versuchte, um seinem Volke und dem
-Heer, das er in und um Stuttgart versammelt hatte, Vertrauen<span class="pagenum"><a id="Page_297">[297]</a></span>
-und Mut einzuflößen, einige Einfälle, welche die Bündischen
-von Eßlingen aus in sein Land gemacht hatten, verdoppelt heimzugeben.
-Er schlug sie zwar und verwüstete ihr Gebiet, aber
-er verhehlte sich nicht, wenn er nach einem solchen Siege in
-seine Stellungen zurückging, daß das Kriegsglück ihn vielleicht
-verlassen könnte, wenn der Bund einmal mit dem großen Heere
-im Felde erscheinen werde.</p>
-
-<p>Und er erschien frühe genug für Ulrichs zweifelhaftes Geschick.
-Noch wußte man in Stuttgart wenig oder nichts von
-dem Aufgebot des Bundes, noch lebte man am Hof und in der
-Stadt in Ruhe und in Freude, als auf einmal am zwölften
-Oktober die Landsknechte, welche der Herzog ein Lager bei
-Kannstatt hatte beziehen lassen, flüchtig nach Stuttgart kamen
-und von einem großen bündischen Heer erzählten, das sie zurückgeworfen
-habe. Jetzt merkten die Bewohner Stuttgarts, daß
-eine wichtige Entscheidung nahe, jetzt sahen sie ein, daß der
-Herzog längst um diesen drohenden Einfall gewußt haben müsse,
-denn er ließ an diesem Tage die Aemter aufbieten, ließ die
-Truppen sich versammeln, die auf das Land umher verlegt gewesen
-waren, und hielt noch am Abend dieses Tages eine Musterung
-über zehntausend Mann.<a id="FNanchor_43_44"></a><a href="#Footnote_43_44" class="fnanchor">[43]</a></p>
-
-<p>Noch in der Nacht zog er mit einem großen Teil der Mannschaft
-aus, um die Stellungen, die ein Teil der Landsknechte
-zwischen Kannstatt und Eßlingen genommen hatte, zu verstärken.</p>
-
-<p>In jener Nacht wurde in Stuttgart manche Träne von
-schönen Augen geweint, denn Männer und Jünglinge, was die
-Waffen führen konnte, zog mit dem Herzog in die Schlacht.
-Doch das Rauschen des abziehenden Heeres übertönte die Klagen
-der Mädchen und Frauen, sie verhallten wie das Wimmern
-eines Kindes im Kampf der Elemente. Mariens Schmerz war
-stumm, aber groß, als sie den Gatten unter die Türe herabgeleitete,
-wo die Knechte mit den Rossen für ihn und den Vater
-hielten. Sie hatten still und einsam, nur mit ihrem Glück beschäftigt,
-die ersten Tage ihrer Ehe verlebt. Sie dachten wenig
-an die Zukunft, sie glaubten im Hafen zu sein, und indem sie
-nur sich selbst lebten, überhörten sie das Flüstern, die geheimnisvolle
-Unruhe, die einem nahenden Sturm vorangeht. Sie
-waren gewöhnt, den Vater ernst und düster zu sehen, es fiel
-ihnen nicht auf, wie sein Auge immer trüber, seine Stirne
-finsterer, seine Mienen beinahe traurig wurden. Er sah ihr
-süßes Glück, er fühlte mit ihnen, er verbarg, um sie nicht zu
-frühe aufzustören, was ihm eine bange Ahnung oft genug sagte.<span class="pagenum"><a id="Page_298">[298]</a></span>
-Aber endlich nahte der entscheidende Schlag. Der Herzog von
-Bayern war bis in die Mitte des Landes vorgedrungen, und
-der Ruf zu den Waffen schreckte Georg aus den Armen seines
-geliebten Weibes.</p>
-
-<p>Die Natur hatte ihr eine starke Seele und jene entschiedene
-Erhabenheit über jedes irdische Verhängnis gegeben, die
-nur in einer reinen Seele und in der mutigen Zuversicht auf
-einen höhern Beistand bestehen kann. Sie wußte, was Georg
-der Ehre seines Namens und seinem Verhältnis zum Herzog
-schuldig sei, darum erstickte sie jeden lauten Jammer und brachte
-ihrer schwächeren Natur nur jenes Opfer schmerzlicher Tränen,
-die dem Auge, das den Geliebten tausend Gefahren preisgegeben
-sieht, unwillkürlich entströmen.</p>
-
-<p>»Siehe, ich kann nicht glauben, daß du auf immer von mir
-gehst,« sagte sie, indem sie ihre schönen Züge zu einem Lächeln
-zwang; »wir haben jetzt erst zu leben begonnen, der Himmel
-kann nicht wollen, daß wir schon aufhören sollen. Drum kann
-ich dich ruhig ziehen lassen, ich weiß ja zuversichtlich, daß du
-mir wiederkehrst!«</p>
-
-<p>Georg küßte die schönen, weinenden Augen, die ihn so
-mild und voll Trost anblickten. Er dachte in diesem Augenblicke
-nicht an die Gefahr, der er entgegengehe, er dachte nur
-daran, wie groß für das teure Wesen, das er in den Armen
-hielt, der Schmerz sein müßte, wenn er nicht mehr zurückkehrte;
-wie sie dann ein langes Leben einsam, nur in der Erinnerung
-an die wenigen Tage des Glückes, fortleben könnte. Er preßte
-sie heftiger in die Arme, als wolle er dadurch diese schwarzen
-Gedanken verscheuchen, seine Blicke tauchten tiefer in ihre Augen
-herab, um dort Vergessenheit zu suchen, und es gelang ihm;
-wenigstens trug er ein schönes Bild der Hoffnung und der Zuversicht
-mit sich hinweg.</p>
-
-<p>Die Ritter stießen vor dem Tor gegen Kannstatt zu dem
-Herzog. Es war dunkle Nacht, das erste Viertel des Mondes
-und das Heer der Sterne warfen einen matten Schein herab;
-Georg glaubte zu bemerken, daß der Herzog finster und in sich
-gekehrt sei; denn seine Augen waren niedergeschlagen, seine
-Stirne kraus, und er ritt stumm seinen Weg weiter, nachdem
-er sie flüchtig mit der Hand gegrüßt hatte.</p>
-
-<p>Ein nächtlicher Marsch hat immer etwas Geheimnisvolles,
-Bedeutendes an sich. Die Sonne, heitere Gegenden, der Anblick
-vieler Kameraden, der Wechsel der Aussichten locken bei
-Tag den Soldaten zum Gespräch, wohl auch zum Gesang. Weil<span class="pagenum"><a id="Page_299">[299]</a></span>
-die Eindrücke von außen stärker sind, denkt man weniger nach
-über das Ziel des Marsches, über das Ungewisse des Krieges,
-über die Zukunft, die niemand dunkler verhängt ist als dem
-Kriegsmann im Felde. Ganz anders auf dem Marsch in der
-Nacht. Man hört nur das Gedröhn des Zuges, den taktartigen
-Hufschlag der Rosse, ihr Schnauben, das Klirren der Waffen,
-und die Seele, die durch das Auge keine Bilder mehr empfängt,
-wird durch dieses eintönige Gemurmel ernster; Scherz und Gelächter
-sind verstummt, das laute Gespräch sinkt zum Geflüster
-herab, und auch dieses gilt nicht mehr gleichgültigen Gegenständen,
-sondern der Entscheidung, welcher man entgegenzieht.</p>
-
-<p>So war auch der Zug in jener Nacht ernst und von keinem
-Laut der Freude unterbrochen. Georg ritt neben dem alten
-Herrn von Lichtenstein und warf hie und da ängstliche Blicke
-auf diesen, denn er hing, wie von Kummer gebückt, im Sattel
-und schien ernster als je zu sein. Er hätte beinahe ohne Leben
-geschienen, wenn nicht hin und wieder ein Seufzer aus seiner
-Brust heraufgestiegen wäre und seine glänzenden Augen nach den
-Wölkchen geschaut hätten, die um die bleiche Sichel des Mondes
-zogen.</p>
-
-<p>»Glaubt Ihr, es werde morgen zum Gefecht kommen,
-Vater?« flüsterte Georg nach einer Weile.</p>
-
-<p>»Zum Gefecht? Zur Schlacht.«</p>
-
-<p>»Wie? Ihr glaubt also, das Bundesheer sei so stark, daß
-es uns jetzt schon werde die Spitze bieten können? Es ist nicht
-möglich. Herzog Wilhelm müßte Flügel haben, wenn er seine
-Bayern herabgeführt hätte, und Frondsberg ist in seinen Entschlüssen
-bedächtig. Ich glaube nicht, daß sie viel über sechstausend
-stark sind.«</p>
-
-<p>»Zwanzigtausend,« antwortete der Alte mit dumpfer
-Stimme.</p>
-
-<p>»Bei Gott, das hab' ich nicht gedacht,« entgegnete der junge
-Mann mit Staunen. »Freilich, da werden sie uns hart zusetzen.
-Doch wir haben geübtes Volk, und des Herzogs Augen
-sind schärfer als irgend eines im Bundesheere, selbst als Frondsbergs.
-Glaubt Ihr nicht auch, daß wir sie schlagen werden?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ein großer Vorteil
-für uns liegt schon darin, daß wir für das Land fechten, die
-Bündischen aber dagegen; das macht unseren Truppen Mut;
-die Württemberger kämpfen für ihr Vaterland.«</p>
-
-<p>»Gerade darauf traue ich nicht,« sprach Lichtenstein; »ja,<span class="pagenum"><a id="Page_300">[300]</a></span>
-wenn der Herzog sich anders hätte huldigen lassen, so aber &ndash;
-hat er das Landvolk nicht für sich; sie streiten, weil sie müssen,
-und ich fürchte, sie halten nicht lange aus.«</p>
-
-<p>»Das wäre freilich schlimm,« erwiderte Georg; »doch die
-Schwaben sind ein biederes, ehrliches Volk, sie werden den Herzog
-nicht in der Not verlassen. Wo glaubt Ihr, daß wir dem
-Feind begegnen? Wo werden wir uns stellen?«</p>
-
-<p>»Zwischen Eßlingen und Kannstatt, bei Untertürkheim
-haben die Landsknechte einige Schanzen aufgeworfen und stehen
-dort zu dritthalbtausend Mann; wir werden uns noch in dieser
-Nacht an sie anschließen.«</p>
-
-<p>Der Alte schwieg, und sie ritten wieder eine geraume Zeit
-stille nebeneinander hin. »Höre, Georg!« hub er nach einer
-Weile an; »ich habe schon oft dem Tod Aug' in Auge gesehen
-und bin alt genug, mich nicht vor ihm zu fürchten; es kann
-jedem etwas Menschliches begegnen &ndash; tröste dann mein liebes
-Kind, Marie.«</p>
-
-<p>»Vater!« rief Georg und reichte ihm die Hand hinüber;
-»denket nicht solches! Ihr werdet noch lange und glücklich mit
-uns leben.«</p>
-
-<p>»Vielleicht,« entgegnete der alte Mann mit fester Stimme,
-»vielleicht auch nicht. Es wäre töricht von mir, dich aufzufordern,
-du sollst dich im Gefecht schonen. Du würdest es doch
-nicht tun. Doch bitte ich, denk' an dein junges Weib und begib
-dich nicht blindlings und unüberlegt in Gefahr. Versprich mir
-dies.«</p>
-
-<p>»Gut, hier habt Ihr meine Hand; was ich tun muß, werde
-ich nicht ablehnen, leichtsinnig will ich mich nicht aussetzen; aber
-auch Ihr, Vater, könntet dies geloben.«</p>
-
-<p>»Schon gut, laß das jetzt. Wenn ich etwa morgen totgeschossen
-werden sollte, so gilt mein letzter Wille, den ich beim
-Herzog niedergelegt habe: Lichtenstein geht auf dich über, du
-wirst damit belehnt werden. Mein Name stirbt hier zu Land
-mit mir, möge der deinige desto länger tönen.«</p>
-
-<p>Der junge Mann war von diesen Reden schmerzlich bewegt;
-er wollte antworten, als eine bekannte Stimme seinen
-Namen rief. Es war der Herzog, der nach ihm verlangte. Er
-drückte Mariens Vater die Hand und ritt dann schnell zu Ulrich
-von Württemberg.</p>
-
-<p>»Guten Morgen, Sturmfeder!« sprach dieser, indem seine
-Stirne sich etwas aufheiterte. »Ich sag' guten Morgen, denn<span class="pagenum"><a id="Page_301">[301]</a></span>
-die Hähne krähen dort unten in dem Dorf. Was macht dein
-Weib? Hat sie gejammert, als du wegrittst?«</p>
-
-<p>»Sie hat geweint,« antwortete Georg; »aber sie hat nicht
-mit einem Wort geklagt.«</p>
-
-<p>»Das sieht ihr gleich; bei Sankt Hubertus! Wir haben
-selten eine mutigere Frau gesehen. Wenn nur die Nacht nicht
-so finster wäre, daß ich recht in deine Augen sehen könnte, ob
-du zum Kampf gestimmt bist und Lust hast, mit den Bündlern
-anzubinden?«</p>
-
-<p>»Sprecht, wohin ich reiten soll; mitten drauf soll es gehen
-im Galopp. Glauben Euer Durchlaucht, ich habe in meinem
-kurzen Ehestand so ganz vergessen, was ich von Euch erlernte,
-daß man in Glück und Unglück den Mut nicht sinken lassen
-dürfe?«</p>
-
-<p>»Hast recht: <em class="antiqua">Impavidum ferient ruinae.</em> Wir haben es
-auch gar nicht anders von Unserem getreuen Bannerträger erwartet.
-Heute trägt meine Fahne ein anderer, denn dich habe
-ich zu etwas Wichtigerem bestimmt. Du nimmst diese hundertundsechzig
-Reiter, die hier zunächst ziehen, läßt dir von einem
-den Weg zeigen und reitest Trab gerade auf Untertürkheim zu.
-Es ist möglich, daß der Weg nicht ganz frei ist, daß vielleicht
-die von Eßlingen schon herabgezogen sind, uns den Paß zu versperren;
-was willst du tun, wenn es sich so verhält?«</p>
-
-<p>»Nun, ich werfe mich in Gottes Namen mit meinen hundertundsechzig
-Pferden auf sie und hau' mich durch, wenn es
-kein Heer ist. Sind sie zu stark, so decke ich den Weg, bis Ihr
-mit dem Zug heran seid.«</p>
-
-<p>»Recht gut gesagt, gesprochen wie ein tapferer Degen, und
-haust du so gut auf sie wie auf <em class="gesperrt">mich</em> bei Lichtenstein, so schlägst
-du dich durch sechshundert Bündler durch. Die Leute, die ich dir
-gebe, sind gut. Es sind die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede
-von Stuttgart und den andern Städten. Ich kenne
-sie aus manchem Kampf, sie sind wacker und hauen einen Schädel
-bis aufs Brustbein durch. Das Schwert in der Faust, reiten
-sie dir in die Hölle, wenn sie dir einmal zugetan sind, und wen
-sie einmal ans Hirn getroffen haben, der braucht keinen Arzt
-mehr auf dieser Welt. Das sind die echten Schwabenstreiche.«</p>
-
-<p>»Und bei Untertürkheim soll ich mich aufstellen?«</p>
-
-<p>»Dort triffst du auf einer Anhöhe die Landsknechte unter
-Georg von Hewen und Schweinsberg. Die Losung ist:
-»Ulericus für immer.« Den beiden Herren sagst du, sie sollen
-sich halten bis fünf Uhr; ehe der Tag aufgeht, sei ich mit sechstausend<span class="pagenum"><a id="Page_302">[302]</a></span>
-Mann bei ihnen, und dann wollen wir den Bund erwarten.
-Gehab' dich wohl, Georg!«</p>
-
-<p>Der junge Mann erwiderte den Gruß, indem er sich ehrerbietig
-neigte; er ritt an der Spitze der tapferen Reiter und
-trabte mit ihnen das Tal hinauf. Es waren kräftige Gestalten,
-mit breiten Schultern und starken Armen; unter den Sturmhauben
-hervor blickten ihn mutige Augen und breite ehrliche
-Gesichter freundlich an; er fühlte sich ehrenvoll ausgezeichnet,
-eine solche Schar zu führen. Man näherte sich dem Fuß des
-Rotenberges, auf dessen Gipfel das Stammschloß von Württemberg
-weit über das schöne Neckartal hinsah. Es war vom
-Sternenschimmer matt erhellt, und Georg konnte seine Formen
-nicht deutlich unterscheiden, aber dennoch blickte er immer wieder
-nach diesen Türmen und Mauern hinauf; er erinnerte sich
-jener Nacht, wo Ulrich in der Höhle mit Wehmut von der
-Burg seiner Väter sprach, von welcher er sonst auf ein schönes
-Land voll Obst, Wein und Frucht hinabgeschaut und dies alles
-<em class="gesperrt">sein</em> genannt hatte. Er versank in Gedanken über das unglückliche
-Schicksal dieses Fürsten, das ihm aufs neue den Besitz
-des schönen Landes streitig zu machen schien; er dachte nach
-über die sonderbare Mischung seines Charakters, wie hier wahrhafte
-Größe oft durch Zorn, Trotz und unbeugsamen Stolz entweiht
-sei.</p>
-
-<p>»Was Ihr dort unten unterscheiden könnet zwischen den
-beiden Bäumen,« unterbrach ihn der Reiter, welcher ihm den
-Weg zeigte, »ist die Turmspitze von Untertürkheim. Es geht
-jetzt wieder etwas ebener, und wenn wir Trab reiten, können
-wir bald dort sein.«</p>
-
-<p>Der junge Mann trieb sein Pferd an, der ganze Zug folgte
-seinem Beispiel, und bald waren sie im Angesicht dieses Dorfes.
-Hier war eine doppelte Linie von Landsknechten aufgestellt,
-welche ihnen drohend die Hellebarden entgegenstreckten. An
-vielen Punkten sah man den rötlichen Schimmer glühender Lunten,
-die wie Scheinwürmchen durch die Nacht funkelten.</p>
-
-<p>»Halt, wer da?« rief eine tiefe Stimme aus ihren Reihen.
-»Gebt die Losung!«</p>
-
-<p>»Ulericus für immer!« rief Georg von Sturmfeder. »Wer
-seid Ihr?« &ndash; »Gut Freund!« rief Marx Stumpf von Schweinsberg,
-indem er aus den Reihen der Landsknechte heraus und
-auf den jungen Mann zuritt. »Guten Morgen, Georg! Ihr
-habt lange auf Euch warten lassen, schon die ganze Nacht sind
-wir auf den Beinen und harren sehnlich auf Verstärkung, denn<span class="pagenum"><a id="Page_303">[303]</a></span>
-dort drüben im Wald sieht es nicht geheuer aus, und wenn
-Frondsberg den Vorteil verstanden hätte, wären wir schon
-längst übermannt.«</p>
-
-<p>»Der Herzog zieht mit sechstausend Mann heran,« erwiderte
-Sturmfeder, »längstens in zwei Stunden muß er da
-sein.«</p>
-
-<p>»Sechstausend, sagst du? Bei Sankt Nepomuk, das ist
-nicht genug; wir sind zu dritthalbtausend, das macht zusammen
-gegen neuntausend. Weißt du, daß sie über zwanzigtausend
-stark sind, die Bündischen? Wieviel Geschütz bringt er mit?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht; es wurde erst nachgeführt, als wir ausritten.«</p>
-
-<p>»Komm, laß die Reiter absitzen und ruhen,« sagte Marx
-Stumpf; »sie werden heute Arbeit genug bekommen.«</p>
-
-<p>Die Reiter saßen ab und lagerten sich; auch die Landsknechte
-lösten ihre Reihen auf und stellten nur starke Posten
-auf den Anhöhen und am Neckar auf. Marx Stumpf besichtigte
-alle Anstalten, und Georg legte sich, in seinen Mantel gehüllt,
-nieder, um noch einige Stunden zu ruhen. Die Stille der
-Nacht, nur durch den eintönigen Ruf der Wachen unterbrochen,
-senkte ihn bald in einen Schlummer, der seine Seele weit hinweg
-über Krieg und Schlachten in die Arme seines Weibes
-entführte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap34">34.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">In schwarzen Pulverdämpfen<br /></span>
-<span class="i0">Verbirgt sich Mann und Roß;<br /></span>
-<span class="i0">Ihr schlagt euch immer kecker<br /></span>
-<span class="i0">Bergunter alle zumal;<br /></span>
-<span class="i0">Jetzt sprengt ihr durch den Necker,<br /></span>
-<span class="i0">Jetzt fechtet ihr im Tal.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">G. Schwab.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Georg erwachte am Wirbeln der Trommeln, die das kleine
-Heer unter die Waffen riefen. Ein schmaler Saum war am
-Horizont helle, der Morgen kam, die Truppen des Herzogs
-sah man in der Ferne daherziehen. Der junge Mann setzte
-den Helm auf, ließ sich den Brustharnisch wieder anlegen und
-stieg zu Pferd, den Herzog an der Spitze seiner Mannschaft zu
-empfangen. Aus Ulrichs Zügen war zwar nicht der Ernst,
-wohl aber alle Düsterkeit verschwunden. Sein Auge sprühte
-von einem kriegerischen Feuer, und aus seinen Mienen sprach<span class="pagenum"><a id="Page_304">[304]</a></span>
-Mut und Entschlossenheit. Er war ganz in Stahl gekleidet und
-trug über seinem schweren Eisenkleid einen grünen Mantel mit
-Gold verbrämt. Die Farben seines Hauses wehten in seinem
-großen wallenden Helmbusch. Sonst unterschied er sich in
-nichts von den übrigen Rittern und Edeln, die, ebenfalls in
-blankes Eisen »bis an die Zähne« gekleidet, den Herzog in
-einem großen Kreis umgaben. Er begrüßte freundlich Hewen,
-Schweinsberg und Georg von Sturmfeder und ließ sich von
-ihnen über die Stellung des Feindes berichten.<a id="FNanchor_44_45"></a><a href="#Footnote_44_45" class="fnanchor">[44]</a></p>
-
-<p>Noch war von diesem nichts zu sehen; nur an dem Saume
-des Waldes gegen Eßlingen hin sah man hin und wieder seine
-Posten stehen. Der Herzog beschloß, den Hügel, den die Landsknechte
-besetzt gehalten hatten, zu verlassen und sich in die
-Ebene hinabzuziehen. Er hatte wenig Reiterei, der Bund aber,
-so berichteten Ueberläufer, zählte dreitausend Pferde. Im Tal
-hatte er auf einer Seite den Neckar, auf der andern einen Wald,
-und so war er wenigstens auf den Flanken vor einem Reiterangriff
-sicher.</p>
-
-<p>Lichtenstein und mehrere andere widerrieten zwar diese
-Stellung im Tal, weil man vom Hügel zu nahe beschossen werden
-könne; doch Ulrich folgte seinem Sinn und ließ das Heer
-hinabsteigen. Er stellte zunächst vor Türkheim die Schlachtordnung
-auf und erwartete seinen Feind. Georg von Sturmfeder
-wurde beordert, in seiner Nähe mit den Reitern, die er
-ihm anvertraut hatte, zu halten; sie sollten gleichsam seine
-Leibwache bilden; zu diesen berittenen Bürgern gesellten sich
-noch Lichtenstein und vierundzwanzig andere Ritter, um bei
-einem Reiterangriff den Stoß zu verstärken. In jenen Tagen
-war ein Treffen oft in viele kleine Zweikämpfe zerstreut, die
-Ritter, die einem Heere folgten, fochten selten in geschlossenen
-Massen, sondern suchten mit schnellem Blicke einen Gegner unter
-den Reihen des Feindes, den sie dann mit Schwert und Lanze
-bekämpften. Eine solche Schar war es, die bei Georgs Reiterhaufen
-stand, und den Herzog selbst gelüstete es, seine ungeheure
-Kraft, seine weitberühmte Fertigkeit in einem solchen Zweikampf
-zu erproben, und nur die inständigen Bitten der Ritter
-hielten ihn ab, diese romantische Idee auszuführen. Neben dem
-Herzog hielt eine sonderbare Figur, beinahe wie eine Schildkröte,
-die zu Pferde sitzt, anzusehen. Ein Helm mit großen
-Federn saß auf einem kleinen Körper, der auf dem Rücken mit
-einem gewölbten Panzer versehen war; der kleine Reiter hatte
-die Kniee weit heraufgezogen und hielt sich fest am Sattelknopf.<span class="pagenum"><a id="Page_305">[305]</a></span>
-Das herabgeschlagene Visier verhinderte Georg, zu erkennen,
-wer dieser lächerliche Kämpfer sei; er ritt daher näher an den
-Herzog heran und sagte:</p>
-
-<p>»Wahrhaftig, Euer Durchlaucht haben sich da einen überaus
-mächtigen Kämpen zum Begleiter ausersehen. Sehet nur
-die dürren Beine, die zitternden Arme, den mächtigen Helm
-zwischen den kleinen Schultern &ndash; wer ist denn dieser Riese?«</p>
-
-<p>»Kennst du den Höcker so schlecht?« fragte der Herzog
-lachend. »Sieh nur, er hat einen ganz absonderlichen Panzer
-an, der wie eine große Nußschale anzusehen, um seinen teuern
-Rücken zu verwahren, wenn es etwa zur Flucht käme. Es ist
-mein getreuer Kanzler, Ambrosius Volland.«</p>
-
-<p>»Bei der heiligen Jungfrau! Dem habe ich bitter unrecht
-getan,« entgegnete Georg; »ich dachte, er werde nie ein
-Schwert ziehen und ein Roß besteigen, und da sitzt er auf einem
-Tier, so hoch wie ein Elefant, und trägt ein Schwert, so groß
-als er selbst ist. Diesen kriegerischen Geist hätte ich ihm
-nimmer zugetraut.«</p>
-
-<p>»Meinst du, er reite aus eigenem Entschluß zu Felde?
-Nein, ich habe ihn mit Gewalt dazu genötigt. Er hat mir zu
-manchem geraten, was mir nicht frommte, und ich fürchte, er
-hat mich mit böslicher Absicht aufs Eis geführt; drum mag er
-auch die Suppe mit verzehren, die er eingebrockt hat. Er hat
-geweint, wie ich ihn dazu zwang, er sprach viel vom Zipperlein
-und von seiner Natur, die nicht kriegerisch sei; aber ich ließ
-ihn in seinen Harnisch schnüren und zu Pferd heben; er reitet
-den feurigsten Renner aus meinem Stall.«</p>
-
-<p>Während dies der Herzog sprach, schlug der Ritter vom
-Höcker das Visier auf und zeigte ein bleiches, kummervolles Gesicht.
-Das ewig stehende Lächeln war verschwunden, seine
-stechenden Aeuglein waren groß und starr geworden und drehten
-sich langsam und schüchtern nach der Seite; der Angstschweiß
-stand ihm auf der Stirne, und seine Stimme war zum zitternden
-Flüstern geworden: »Um Gottes Barmherzigkeit willen,
-wertgeschätzter Herr von Sturmfeder, viellieber Freund und
-Gönner, leget ein gutes Wort ein beim gestrengen Herrn, daß
-er mich aus diesem Fastnachtspiel entläßt. Es ist des allerhöchsten
-Scherzes jetzt genug. Der Ritt in den schweren Waffen
-hat mich grausam angegriffen, der Helm drückt mich aufs Hirn,
-daß meine Gedanken im Kreise tanzen, und meine Kniee sind
-vom Zipperlein gekrümmt: bitte, bitte! leget ein gutes Wort<span class="pagenum"><a id="Page_306">[306]</a></span>
-ein für Euren demütigen Knecht Ambrosius Volland; will's
-gewißlich vergelten.«</p>
-
-<p>Der junge Mann wandte sich mit Abscheu von dem grauen,
-feigen Sünder. »Herr Herzog,« sagte er, indem ein edler Zorn
-seine Wangen rötete, »vergönnt ihm, daß er sich entferne. Die
-Ritter haben ihre Schwerter gelüftet und die Helme fester in
-die Stirne gedrückt, das Volk schüttelt die Speere und erwartet
-mutig das Zeichen zum Angriff, warum soll ein Feigling in
-den Reihen von Männern streiten?«</p>
-
-<p>»Er bleibt, sage ich,« entgegnete der Herzog mit fester
-Stimme; »bei dem ersten Schritt rückwärts hau' ich ihn selbst
-vom Gaul herunter. Der Teufel saß auf deinen blauen Lippen,
-Ambrosius Volland, als du Uns geraten, unser Volk zu verachten
-und das Alte umzustoßen. Heute, wenn die Kugeln sausen und
-die Schwerter rasseln, magst du schauen, ob dein Rat Uns
-frommte.«</p>
-
-<p>Des Kanzlers Augen glühten vor Wut, seine Lippen zitterten,
-und seine Mienen verzerrten sich greulich. »Ich habe Euch
-nur geraten; warum habt Ihr es getan?« sagte er. »Ihr seid
-Herzog, Ihr habt befohlen und Euch huldigen lassen; was kann
-denn <em class="gesperrt">ich</em> dafür?«</p>
-
-<p>Der Herzog riß sein Pferd so schnell um, daß der Kanzler
-bis auf die Mähnen seines Elefanten niedertauchte, als erwarte
-er den Todesstreich. »Bei Unserer fürstlichen Ehre,«
-rief er mit schrecklicher Stimme, indem seine Augen blitzten,
-»Wir bewundern Unsere eigene Langmut. Du hast Unseren
-ersten Zorn benützt, du hast dich in Unser Vertrauen einzuschwatzen
-gewußt; hätten Wir dir nicht gefolgt, du Schlange,
-so stünden heute zwanzigtausend Württemberger hier, und ihre
-Herzen wären eine feste Mauer für ihren Fürsten. O, mein
-Württemberg! mein Württemberg! Daß ich deinem Rat gefolgt
-wäre, alter Freund; ja, es heißt was, von seinem Volk
-geliebt zu sein!«</p>
-
-<p>»Entfernet diese Gedanken vor einer Schlacht,« sagte der
-alte Herr von Lichtenstein; »noch ist es Zeit, das Versäumte
-einzuholen. Noch stehen sechstausend Württemberger um Euch,
-und bei Gott, sie werden mit Euch siegen, wenn Ihr mit Vertrauen
-sie in den Feind führet. O Herr! Hier sind lauter
-Freunde, vergebet Euren Feinden, entlaßt den Kanzler, der
-nicht fechten kann!«</p>
-
-<p>»Nein! her zu mir, Schildkröte! An meine Seite her,
-Hund von einem Schreiber! Wie er zu Rosse sitzt, als hätte<span class="pagenum"><a id="Page_307">[307]</a></span>
-ihn unser Herrgott hinaufgeschneit, den Schneemann! Du hast
-mein Volk verachtet in deiner Kanzlei und ihnen Gesetze gegeben
-mit deiner Schwanenfeder, jetzt sollst du sehen, wie sie
-streiten; jetzt sollst du sehen, wie Württemberg siegt oder untergeht.
-Ha! seht Ihr sie dort auf dem Hügel? Seht Ihr die
-Fahnen mit dem roten Kreuz? Seht Ihr das Banner von
-Bayern? Wie ihre Waffen blitzen im Morgenrot, wie ihre
-Glieder von tausend Lanzen starren, wie der Wind in ihren
-Helmbüschen spielt! &ndash; Guten Tag, ihr Herren vom Schwabenbund!
-Jetzt geht mir das Herz auf, das ist ein Anblick für einen
-Württemberg.«</p>
-
-<p>»Schaut, sie richten schon die Geschütze,« unterbrach ihn
-Lichtenstein; »zurück von diesem Platz, Herr! Hier ist Euer
-Leben in augenscheinlicher Gefahr; zurück, zurück, <em class="gesperrt">wir</em> halten
-hier; schickt uns Eure Befehle von dort zu, wo Ihr sicher seid!«</p>
-
-<p>Der Herzog sah ihn groß an. »Wo hast du gehört,« sagte
-er, »daß ein Württemberg gewichen sei, wenn der Feind zum
-Angriff blasen ließ? Meine Ahnen kannten keine Furcht, und
-meine Enkel werden noch aushalten wie sie, <em class="gesperrt">furchtlos und
-treu</em>! Sieh, wie der Berg sich dunkler und dunkler füllt von
-ihren Scharen. Siehst du jene weißen Wolken am Berg, Schildkröte?
-Hörst du sie krachen? Das ist der Donner der Geschütze,
-der in unsere Reihen schlägt. Jetzt, wenn du ein gutes
-Gewissen hast, wirst du leichter Atem holen, denn um dein Leben
-gibt dir keiner einen Pfennig.«</p>
-
-<p>»Lasset uns beten,« sagte Marx von Schweinsberg, »und
-dann drauf in Gottes Namen!«</p>
-
-<p>Der Herzog faltete andächtig die Hände, seine Begleiter
-folgten seinem Beispiel und beteten zum Anfang der Schlacht,
-wie es Sitte war in den alten Tagen. Der Donner der feindlichen
-Geschütze tönte schauerlich in diese tiefe Stille, in welcher
-man jeden Atemzug, jedes leise Flüstern der Betenden hörte.
-Auch der Kanzler faltete die Hände, aber seine Augen richteten
-sich nicht gläubig auf zum Himmel, sie irrten zagend an den
-Bergen umher, und das Beben seines Körpers, so oft Blitz und
-Rauch aus den Feldstücken des Feindes fuhr, zeigte, daß seine
-Seele nicht zu dem sich aufzuschwingen vermöge, der aus den
-Strahlen seiner Morgensonne über Freunde und Feinde herabblickte.</p>
-
-<p>Ulrich von Württemberg hatte gebetet und zog sein Schwert
-aus der Scheide. Die Ritter und Reisigen folgten ihm, und in
-einem Augenblick blitzten tausend Schwerter um ihn her. »Die<span class="pagenum"><a id="Page_308">[308]</a></span>
-Landsknechte sind schon im Gefecht,« sagte er, indem sein Adlerauge
-schnell das Tal überschaute. »Georg von Hewen, Ihr
-rückt ihnen mit tausend zu Fuß nach. Schweinsberg lehne sich
-mit achthundert an den Wald und warte bis auf weiteres. Reinhardt
-von Gemmingen, wollet mit den Eurigen geradeaus ziehen
-und den mittleren Raum zwischen dem Wald und dem Neckar
-einnehmen. Sturmfeder, du bleibst mit deiner Abteilung Reiter;
-doch bist du jeden Augenblick bereit, vorzubrechen. Gott befohlen,
-ihr Herren; sollten wir uns hier unten nicht wieder
-sehen, so grüßen wir uns desto freudiger oben.« Er grüßte sie,
-indem er sein großes Schwert gegen sie neigte. Die Ritter erwiderten
-den Gruß und zogen mit ihren Scharen dem Feinde
-zu, und ein tausendstimmiges »Ulrich für immer!« ertönte aus
-ihren Reihen.</p>
-
-<p>Das bündische Heer, das auf dem Hügel, den die Herzoglichen
-früher besetzt gehalten hatten, angekommen war, begrüßte
-seinen Feind aus vielen Feldschlangen und Kartaunen; dann
-zogen sie sich allmählich herab ins Tal. Sie schienen durch ihre
-ungeheure Anzahl das kleine Heer des Herzogs erdrücken zu
-wollen. In dem Augenblick, als die letzten Glieder den Hügel
-verlassen wollten, wandte sich der Herzog zu Georg von Sturmfeder.
-»Siehst du ihre Feldstücke auf dem Hügel?« fragte er.</p>
-
-<p>»Wohl; sie sind nur durch wenige Mannschaft bedeckt.«</p>
-
-<p>»Frondsberg glaubt, weil wir nicht über ihn wegfliegen
-können, sei es unmöglich, sein Geschütz zu nehmen. Aber dort
-am Wald biegt ein Weg links ein und führt in ein Feld. Das
-Feld stößt an jenen Hügel. Kannst du mit deinen Reitern ungehindert
-bis in jenes Feld vordringen, so bist du beinahe schon
-im Rücken der Bündischen. Dort läßt du die Pferde verschnauben,
-legst dann an und im Galopp den Hügel hinauf; die Geschütze
-müssen unser sein!«</p>
-
-<p>Georg verbeugte sich zum Abschied, aber der Herzog bot
-ihm die Hand. »Lebe wohl, lieber Junge!« sagte er. »Es ist
-hart von uns, einen jungen Ehemann auf so gefährliche Reise
-zu schicken, aber Wir wußten keinen Rascheren und Besseren
-als dich.«</p>
-
-<p>Die Wangen des jungen Mannes glühten, als er diese
-Worte hörte, und seine Augen blinkten mutig. »Ich danke
-Euch, Herr, für diesen neuen Beweis Eurer Gnade,« rief er,
-»Ihr belohnt mich schöner, als wenn Ihr mir die schönste Burg
-geschenkt hättet. &ndash; Lebt wohl, Vater, und grüßt mein Weibchen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_309">[309]</a></span></p>
-
-<p>»So ist's nicht gemeint!« entgegnete lächelnd der alte Lichtenstein;
-»ich reite mit dir unter deiner Führung&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein, Ihr bleibet bei mir, alter Freund,« bat der Herzog,
-»soll mir denn der Kanzler hier im Felde raten? Da könnte
-ich so übel fahren, wie mit seinen anderen Ratschlüssen. Bleibet
-mir zur Seite; machet den Abschied kurz, Alter! Euer Sohn
-muß weiter!«</p>
-
-<p>Der Alte drückte Georgs Hand. Lächelnd und mit freudigem
-Mute erwiderte dieser den Abschiedsgruß, schwenkte mit
-seinen Reitern ab, und »Ulrich für immer!« riefen die Stuttgarter
-Bürger zu Pferd, welche er in dieser entscheidenden
-Stunde gegen den Feind führte. Georg betrachtete, als er an
-dem Waldsaum hinritt, sinnend die Schlacht. Die Württemberger
-hatten eine gute Stellung, denn der Wald und der Neckar
-deckte sie, und ihre Flügel und das Zentrum waren stark genug,
-um auch einen mächtigen Stoß von Reiterei auszuhalten. Er
-konnte sich aber nicht verhehlen, daß, wenn sie sich aus dieser
-Stellung herauslocken ließen, sie alle diese Vorteile verlieren
-würden, weil sie dann entweder zwischen dem Wald und dem
-linken Flügel einen bedeutenden Zwischenraum lassen oder, um
-diesen auszufüllen, ihre Schlachtlinie so weit ausdehnen müßten,
-daß sie an innerer Stärke verlieren würden und leichter durchbrochen
-werden könnten. Ein großer Nachteil für die Württemberger
-war auch ihre geringe Anzahl, denn der Feind zählte
-zwei Dritteile mehr. Er konnte zwar in dem engen Tal seine
-Streitkräfte nicht entwickeln und nur wenige Mannschaft auf
-einmal ins Treffen führen, doch war dies immer genug, um
-die Herzoglichen unausgesetzt zu beschäftigen; der Feind behielt
-dadurch immer frische Leute, und es war zu befürchten, daß die
-sechstausend Württemberger, wenn sie auch noch so tapfer standhalten
-sollten, endlich aus Ermattung werden unterliegen müssen.</p>
-
-<p>Der Wald nahm jetzt Georg und seine Schar auf; sie rückten
-still und vorsichtig weiter, denn Georg wußte wohl, wie schwierig
-es für einen Reiterzug sei, im Wald von Fußvolk angegriffen
-zu werden. Doch ungefährdet kamen sie bis auf das Feld heraus,
-das ihnen der Herzog bezeichnet hatte. Rechts über dem Wald
-hin wütete die Schlacht. Das Geschrei der Angreifenden, das
-Schießen aus Donnerbüchsen und Feldstücken, das Wirbeln der
-Trommeln hallte schrecklich herüber.</p>
-
-<p>Vor ihnen lag der Hügel, von dessen Gipfel eine gute Anzahl
-Kartaunen in die Reihen der Württemberger spielte; dieser
-Hügel erhob sich von der Seite des Wäldchens allmählich, und<span class="pagenum"><a id="Page_310">[310]</a></span>
-Georg bewunderte den schnellen Blick des Herzogs, der diese
-Seite sogleich erspäht hatte, denn von jeder andern Seite wäre,
-wenigstens für Reiter, der Angriff unmöglich gewesen. Das
-Geschütz wurde, soviel man von unten sehen konnte, nur durch
-eine schwache Mannschaft bedeckt, und als daher die Pferde ein
-wenig geruht hatten, ordnete Georg seine Schar und brach im
-Galopp an der Spitze der Reiter vor. In einem Augenblick
-waren sie auf dem Gipfel des Hügels angekommen, und Georg
-rief den bündischen Soldaten zu, sich zu ergeben.</p>
-
-<p>Sie zauderten, und die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede
-von Stuttgart ersparten ihnen die Mühe, denn mit
-gewaltigen Streichen hieben sie Helme und Köpfe durch, daß
-von der Bedeckung bald wenige mehr übrig waren. Georg warf
-einen frohlockenden Blick auf die Ebene hinab seinem Herzog
-zu; er hörte das Freudengeschrei der Württemberger aus vielen
-tausend Kehlen aufsteigen, er sah, wie sie frischer vordrangen,
-denn ihre Hauptfeinde, die Feldstücke auf dem Hügel, waren jetzt
-zum Schweigen gebracht.</p>
-
-<p>Aber in diesem Augenblicke der Siegesfreude gewahrte er
-auch, daß jetzt der zweite und schwerere Teil seiner schnellen
-Operation, <em class="gesperrt">der Rückzug</em>, gekommen sei; denn auch die Bündischen
-hatten bemerkt, wie ihr Geschütz plötzlich verstummt sei,
-und ihre Obersten hatten alsobald eine Reiterschar gegen den
-Hügel aufbrechen lassen. Es war keine Zeit mehr, die schweren
-erbeuteten Feldstücke wegzuführen; darum befahl Georg, mit
-Erde und Steinen ihre Mündungen zu verstopfen und sie auf
-diese Weise unbrauchbar zu machen. Dann warf er einen Blick
-auf den Rückweg; zwischen ihm und den Seinigen lag der Wald
-auf der einen, das feindliche Heer auf der andern Seite. Wurde
-er nur von Reiterei angegriffen, so war der Rückweg durch den
-Wald möglich, weil dann der Feind dieselben Schwierigkeiten
-zu überwinden hatte wie er. Aber seinem scharfen Auge entging
-nicht, daß ein großer Haufe bündischen Fußvolkes in den
-Wald ziehe, um ihm den Rückweg abzuschneiden, und so sah er
-sich von dem Walde ausgeschlossen. Das große Heer des Bundes
-zu durchbrechen, sich mit hundertundsechzig Pferden durch zwanzigtausend
-durchzuschlagen, wäre Tollkühnheit gewesen. Es
-blieb nur <em class="gesperrt">ein</em> Weg, und auch auf diesem war der Tod gewisser
-als die Rettung. Zur Linken des feindlichen Heeres floß der
-Neckar. Am andern Ufer war kein Mann von bündischer
-Seite; konnte er dieses Ufer gewinnen, so war es möglich, sich
-zum Herzog zu schlagen. Schon waren die Reiter des Bundes,<span class="pagenum"><a id="Page_311">[311]</a></span>
-wohl fünfhundert stark, am Fuß des Hügels angelangt; er
-glaubte an ihrer Spitze den Truchseß von Waldburg zu erblicken;
-jedem andern, selbst dem Tod wollte er sich lieber ergeben als
-diesem.</p>
-
-<p>Drum winkte er den tapfern Württembergern nach der
-steilern Seite des Hügels hin, die zum Neckar führte. Sie
-stutzten; es war zu erwarten, daß unter zehn immer acht stürzen
-würden, so jähe war diese Seite, und unten stand zwischen dem
-Hügel und dem Fluß ein Haufen Fußvolk, das sie zu erwarten
-schien. Aber ihr junger, ritterlicher Führer schlug das Visier
-auf und zeigte ihnen sein schönes Antlitz, aus welchem der Mut
-der Begeisterung sie anwehte; sie hatten ihn ja noch vor wenigen
-Wochen eine holde Jungfrau zur Kirche führen sehen, durften
-sie an Weib und Kinder denken, da <em class="gesperrt">er</em> diesen Gedanken weit
-hinter sich geworfen hatte?</p>
-
-<p>»Drauf, wir wollen sie schlachten!« riefen die Fleischer,
-»drauf, wir wollen sie hämmern!« riefen die Schmiede, »immer
-drauf, wir wollen sie lederweich klopfen!« riefen ihnen die Sattler
-nach; »drauf, mit Gott, Ulrich für immer!« rief der hochherzige
-Jüngling, drückte seinem Roß die Sporen ein und flog
-ihnen voran, den steilen Hügel hinab. Die feindlichen Reiter
-trauten ihren Augen nicht, als sie den Hügel heraufkamen, die
-verwegene Schar gefangen zu nehmen, und sie schon unten,
-mitten unter dem Fußvolk erblickten. Wohl hatte mancher den
-kühnen Ritt mit dem Leben bezahlt, mancher war mit dem Roß
-gestürzt und in Feindes Hand gefallen, aber die meisten sah
-man unten tapfer auf das Fußvolk einhauen, und der Helmbusch
-ihres Anführers wehte hoch und mitten im Gedränge. Jetzt
-waren die Reihen des Fußvolkes gebrochen, jetzt drängten sich
-die Reiter nach dem Neckar &ndash; jetzt &ndash; setzte ihr Führer an und
-war der erste im Fluß. Sein Pferd war stark, und doch vermochte
-es nicht mit der Last seines gewappneten Reiters gegen
-die Gewalt des vom Regen angeschwellten Stromes anzukämpfen,
-es sank, und Georg von Sturmfeder rief den Männern
-zu, nicht auf ihn zu achten, sondern sich zum Herzog zu schlagen
-und ihm seinen letzten Gruß zu bringen. Aber in demselben
-Augenblick hatten zwei Waffenschmiede sich von ihren Rossen
-in den Fluß geworfen; der eine faßte den jungen Ritter am
-Arm, der andere ergriff die Zügel seines Pferdes, und so brachten
-sie ihn glücklich ans Land heraus.</p>
-
-<p>Die Bündischen hatten ihnen manche Kugel nachgesandt,<span class="pagenum"><a id="Page_312">[312]</a></span>
-aber keine hatte Schaden getan, und im Angesicht beider Heere,
-durch den Fluß von ihnen getrennt, setzte die kühne Schar ihren
-Weg zum Herzog fort. Es war unweit seiner Stellung eine
-Furt, wo sie ohne Gefahr übersetzen konnten, und mit Jubel und
-Freudengeschrei wurden sie wieder von den Ihrigen empfangen.</p>
-
-<p>Ein Teil des feindlichen Geschützes war zwar durch diesen
-ebenso schnellen als verwegenen Zug Georgs von Sturmfeder
-zum Schweigen gebracht worden, aber das Verhängnis Ulrichs
-von Württemberg wollte, daß ihm diese kühne Waffentat zu
-nichts mehr nützen sollte; die Kräfte seiner Völker waren durch
-die immer erneuerten Angriffe des an Zahl weit überlegenen
-Feindes endlich völlig erschöpft worden; die Landsknechte hielten
-zwar mit ihrem gewöhnlichen kriegerischen Feuer aus, aber ihre
-Anführer hatten sich schon genötigt gesehen, sie in Kreise zu
-stellen, um den Andrang der feindlichen Kavallerie abzuwehren;
-dadurch war die Linie hin und wieder unterbrochen, und das
-Landvolk, das man durch eilige Bewaffnung nicht zu Kriegern
-hatte machen können, füllte nur schlecht diese Lücken aus. In
-diesem Augenblick wurde dem Herzog gemeldet, daß der Herzog
-von Bayern Stuttgart plötzlich überfallen und eingenommen
-habe, daß ein neues feindliches Heer in seinem Rücken am Fluß
-heraufziehe und kaum noch eine Viertelstunde entfernt sei. Da
-merkte er, daß er an diesem Tage sein Reich zum zweitenmal
-verloren habe, daß ihm nichts mehr übrig bleibe als Flucht oder
-Tod, um nicht in die Hände seiner Feinde zu fallen. Seine Begleiter
-rieten ihm, sich in sein Stammschloß Württemberg zu
-werfen und sich dort zu halten, bis er Gelegenheit fände, heimlich
-zu entrinnen; er schaute hinauf nach dieser Burg, die, von dem
-Glanz des Tages bestrahlt, ernst auf jenes Tal herabblickte, wo
-der Enkel ihrer Erbauer den letzten verzweifelten Kampf um
-sein Herzogtum kämpfte. Aber er erbleichte und deutete sprachlos
-hinauf, denn auf den Türmen und Mauern dieser Burg
-erschienen rote, glänzende Fähnlein, die im Morgenwind spielten;
-die Ritter blickten schärfer hin, sie sahen, wie die Fähnlein
-wuchsen und größer wurden, und ein schwärzlicher Rauch, der
-jetzt an vielen Stellen aufstieg, zeigte ihnen, daß es die Flamme
-sei, welche ihre glühenden Paniere siegend auf den Zinnen aufgesteckt
-hatte. Württemberg brannte an allen Ecken, und sein
-unglücklicher Herr sah mit dem greulichen Lachen der Verzweiflung
-diesem Schauspiel zu. Jetzt bemerkten auch die Heere die
-brennende Burg. Die Bündischen begrüßten diese Flammen
-mit einem Freudengeschrei, den Württembergern entsank der<span class="pagenum"><a id="Page_313">[313]</a></span>
-Mut, es war ihnen, als sei dies ein Zeichen, daß das Glück
-ihres Herzogs ein Ende habe.</p>
-
-<p>Schon tönten die Trommeln des im Rücken heranziehenden
-Heeres vernehmlicher, schon wich an vielen Orten das Landvolk,
-da sprach Ulrich: »Wer es noch redlich mit Uns meint, folge
-nach! Wir wollen uns durchschlagen durch ihre Tausende oder
-zu Grunde gehen. Nimm mein Banner in die Hand, tapferer
-Sturmfeder, und reite mutig mit uns in den Feind!« Georg
-ergriff das Panier von Württemberg, der Herzog stellte sich
-neben ihn, die Ritter und die Bürger zu Pferd umgaben sie
-und waren bereit, ihrem Herzog Bahn zu brechen. Der Herzog
-deutete auf eine Stelle, wo die Feinde dünner standen, dort
-müsse man durchkommen, oder alles sei verloren. Noch fehlte
-es an einem Anführer, und Georg wollte sich an die Spitze
-stellen, da winkte ihm der Ritter von Lichtenstein, seinen Platz
-an der Seite des Herzogs nicht zu verlassen, und stellte sich vor
-die Reiter; noch einmal wandte er die ehrwürdigen Züge dem
-Herzog und seinem Sohne zu, dann schloß er das Visier und rief:
-»Vorwärts, hie gut Württemberg alleweg!«</p>
-
-<p>Dieser Reiterzug war wohl zweihundert Pferde stark und
-bewegte sich in Form eines Keiles im Trab vorwärts. Der
-Kanzler Ambrosius Volland sah sie mit leichtem Herzen abziehen,
-denn der Herzog schien ihn ganz vergessen zu haben, und
-er hielt jetzt mit sich Rat, wie er ohne Gefahr von seinem hochbeinigen
-Tier herabkommen sollte. Doch der edle Renner des
-Herzogs hatte mit klugen Augen den Reitern nachgeschaut; solange
-sie sich im Trab fortbewegten, stand er stille und regungslos,
-jetzt aber ertönten die Trompeten zum Angriff, man sah
-das Panier von Württemberg hoch in den Lüften wehen und
-die tapfere Reiterschar im Galopp auf den Feind ansprengen.
-Auf diesen Moment schien der Renner gewartet zu haben; mit
-der Schnelligkeit eines Vogels strich er jetzt über die Ebene hin,
-den Reitern nach; dem Kanzler vergingen die Sinne, er hielt
-sich krampfhaft am Sattelknopf, er wollte schreien, aber die
-Blitzesschnelle, womit sein Roß die Luft teilte, unterdrückte
-seine Stimme; in einem Augenblick hatte er den Zug eingeholt;
-so schnell sie ihre Rosse auslaufen ließen, er überholte sie, und
-so hatte es der Kanzler in kurzer Zeit bis zum Anführer der
-Reiter gebracht. Der Feind stutzte über die sonderbare Gestalt,
-die mehr einem geharnischten Affen als einem Krieger glich;
-noch ehe sie sich recht besinnen konnten, war der fürchterliche
-Mann mitten in ihren Reihen, die Württemberger brachen, trotz<span class="pagenum"><a id="Page_314">[314]</a></span>
-des entscheidenden Augenblickes, in ein lustiges Gelächter aus,
-und auch dieses mochte beitragen, die tapfern Truppen von
-Ulm, Gmünd, Aalen, Nürnberg und noch zehn andern Reichsstädten,
-welche dieser unerwartete Angriff traf, zu verwirren;
-sie zerstiebten vor der ungeheuren Wucht der zweihundert Pferde,
-und die ganze Schar war im Rücken des Feindes. Sie setzte
-eilig ihren Marsch fort, und ehe noch die bündische Reiterei zum
-Nachsetzen herbeigerufen werden konnte, hatte der Herzog mit
-wenigen Begleitern sich zur Seite geschlagen; er gewann einen
-großen Vorsprung, denn die Reiterei des Bundes erreichte die
-berittene Schar der Bürger erst vor den Toren von Stuttgart,
-und es fand sich unter ihnen weder der Herzog noch einer seiner
-wichtigeren Anhänger, außer dem Kanzler Ambrosius Volland,
-den man halbtot vom Pferde hob. Die bündischen Kriegsleute
-behandelten ihn, nachdem man ihm die gewölbte Rüstung vom
-Leib geschält hatte, sehr übel, denn nur seiner fürchterlichen,
-alle Begriffe übersteigenden Tapferkeit schrieben sie es zu, daß
-ihnen der Herzog und mit ihm eine Belohnung von tausend
-Goldgulden entgangen war. So geschah es, daß dieser tapfere
-Kanzler, nicht wie sein Herzog <em class="gesperrt">in</em> der Schlacht, sondern <em class="gesperrt">nach</em>
-der Schlacht <em class="gesperrt">geschlagen</em> wurde.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap35">35.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Wohl wieget <em class="gesperrt">eines</em> viele Taten auf&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i2">Sie achten drauf&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Das ist um deines Vaterlandes Not<br /></span>
-<span class="i2">Der Heldentod.<br /></span>
-<span class="i0">Sieh hin, die Feinde fliehen, blick' hinan,<br /></span>
-<span class="i0">Der Himmel glänzt, dahin ist unsre Bahn.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">L. Uhland.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Die Nacht, welche diesem entscheidenden Tage folgte, brachten
-Herzog Ulrich und seine Begleiter in einer engen Waldschlucht
-zu, die durch Felsen und Gesträuche einen sicheren Versteck
-gewährte und noch heute bei dem Landvolk die »Ulrichshöhle«
-genannt wird. Es war der Pfeifer von Hardt, der
-ihnen auf ihrer Flucht als ein Retter in der Not erschienen
-war und sie in diese Bucht führte, die nur den Bauern und
-Hirten der Gegend bekannt war. Der Herzog hatte beschlossen,
-hier zu rasten, um dann, sobald der Tag graute, seine Flucht
-nach der Schweiz fortzusetzen. Wohl wäre ihm hiezu die Nacht<span class="pagenum"><a id="Page_315">[315]</a></span>
-günstiger gewesen, denn die Bundestruppen hatten schon das
-Land besetzt, und es war wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden,
-daß er sie täuschen und ungehindert entkommen werde; aber die
-Pferde waren von dem heißen Schlachttag ermüdet, und es war
-unmöglich, den Herzog und seine notwendige Begleitung von
-neuem beritten zu machen, ohne die Nachforschung des Feindes
-nach diesem Schlupfwinkel zu leiten.</p>
-
-<p>Die Männer hatten sich um ein spärliches Feuer gelagert.
-Der Herzog war längst dem Schlummer in die Arme gesunken
-und vergaß vielleicht in seinen Träumen, daß er ein Herzogtum
-verloren habe; auch der alte Herr von Lichtenstein schlief, und
-Marx Stumpf von Schweinsberg hatte seine mächtigen Arme
-auf die Kniee gestützt, sein Gesicht in die Hände verborgen, und
-man war ungewiß, ob er schlafe oder, in Kummer versunken,
-über das Schicksal des Herzogs nachdachte, das sich mit einem
-Schlag so furchtbar gewendet hatte. Georg von Sturmfeder
-besiegte die Macht des Schlummers, der sich immer wieder über
-ihn lagern wollte; er war der jüngste unter allen und hatte
-freiwillig in dieser Nacht die Wache übernommen. Neben ihm
-saß Hans, der Pfeifer von Hardt; er sah unverwandt ins Feuer,
-und seine Gedanken schienen sich in einem Liedchen zu sammeln,
-dessen melancholische Weise er mit leiser, unterdrückter Stimme
-vor sich hin sang. Wenn das Feuer heller aufflackerte, schaute
-er mit einem trüben Blick nach dem Herzog, und wenn er sah,
-daß jener noch immer schlafe, versank er wieder in den flüsternden,
-traurigen Gesang.</p>
-
-<p>»Du singst eine traurige Weise, Hans!« unterbrach ihn
-Georg, den die melancholischen Töne dieses Liedes unheimlich
-anregten; »es tönt wie Totengesang und Sterbelieder, ich kann
-es nicht ohne Schaudern hören.«</p>
-
-<p>»Wir können alle Tage sterben,« sagte der Spielmann, indem
-er düster in die Flamme blickte; »drum sing' ich gerne ein
-solches Lied, es ist mir, als könnte ich mit solchen Gedanken
-würdiger sterben.«</p>
-
-<p>»Wie kommst du auf einmal zu diesen Todesgedanken,
-Hans? Du warst doch sonst ein fröhlicher Bursche zur Herbstzeit,
-und deine Zither tönte auf mancher Kirchweih. Da hast du
-gewiß keine Totenlieder gesungen.«</p>
-
-<p>»Meine Freude ist aus,« erwiderte er und wies auf den
-Herzog; »all meine Mühe, all meine Sorge war vergebens;
-es ist aus mit dem Herrn, und ich &ndash; ich bin sein Schatten;<span class="pagenum"><a id="Page_316">[316]</a></span>
-auch mit mir ist's aus; hätte ich nicht Frau und Kind, ich möchte
-heute nacht noch sterben.«</p>
-
-<p>»Wohl warst du immer sein getreuer Schatten,« sagte der
-junge Mann gerührt, »und oft habe ich deine Treue bewundert;
-höre, Hans! wir sehen uns vielleicht lange nicht mehr. Jetzt
-haben wir Zeit zu schwatzen, erzähle mir, was dich so ausschließlich
-und enge an den Herzog knüpft, wenn es etwas ist, das du
-erzählen kannst.«</p>
-
-<p>Er schwieg einige Augenblicke und schürte das Feuer zurecht;
-ein unruhiges Feuer blitzte in seinen Augen, und Georg
-war ungewiß, ob es die Flamme oder eine innere Bewegung
-sei, was seine ausdrucksvollen Züge mit wechselnder Röte übergoß.
-»Das hat seine eigene Bewandtnis,« sagte er endlich, »und
-ich spreche nicht gerne davon. Doch Ihr habt recht, Herr, auch
-mir ist es, als werden wir uns lange nicht mehr sehen, so will
-ich Euch denn erzählen. Habt Ihr nie von dem Armen Konrad
-gehört?«</p>
-
-<p>»O ja,« erwiderte Georg, »das Gerücht davon kam noch
-weiter als bis zu uns nach Franken; war es nicht ein Aufstand
-der Bauern? Wollte man nicht sogar dem Herzog ans Leben?«</p>
-
-<p>»Ihr habt ganz recht, der Arme Konrad war ein böses
-Ding. Es mögen nun sieben Jahre sein, da gab es unter uns
-Bauern viele Männer, die mit der Herrschaft unzufrieden
-waren; es waren Fehljahre gewesen, den Reicheren ging das
-Geld aus, die Armen hatten schon lange keines mehr, und doch
-sollten wir zahlen ohne Ende, denn der Herzog brauchte gar
-viel Geld für seinen Hof, wo es alle Tage zuging wie im
-Paradies.«</p>
-
-<p>»Gaben denn eure Landstände nach, wenn der Herr so viel
-Geld verlangte?« fragte Georg.</p>
-
-<p>»Sie wagten eben auch nicht immer ›nein‹ zu sagen, des
-Herzogs Beutel hatte aber gar ein großes Loch, das wir Bauern
-mit unserm Schweiß nicht zuleimen konnten. Da gab es nun
-viele, die ließen die Arbeit liegen, weil das Korn, das sie pflanzten,
-nicht zu ihrem Brot wuchs, und der Wein, den sie kelterten,
-nicht für sie in die Fässer floß. Diese, als sie dachten, daß man
-ihnen nichts mehr nehmen könne als das arme Leben, lebten
-lustig und in Freuden, nannten sich Grafen zu Nirgendsheim,
-sprachen viel von ihren Schlössern auf dem Hungerberge und
-von ihren bedeutenden Besitzungen in der Fehlhalde und am
-Bettelrain; und diese Gesellschaft war der arme Konrad.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_317">[317]</a></span></p>
-
-<p>Der Pfeifer legte sinnend seine Stirne in die Hand und
-schwieg.</p>
-
-<p>»Von <em class="gesperrt">dir</em> wolltest du ja erzählen, Hans,« sagte Georg,
-»von dir und dem Herzog.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Das hätte ich beinahe vergessen,« antwortete dieser. &ndash;
-»Nun,« fuhr er fort, »es kam endlich dahin, daß man Maß und
-Gewicht geringer machte und dem Herzog gab, was damit gewonnen
-wurde. Da ward aus dem Scherz bitterer Ernst. Es
-mochte mancher nicht ertragen, daß ringsumher volles Maß und
-Gewicht, und nur bei uns kein Recht sei. Im Remstale trug
-der Arme Konrad das neue Gewicht hinaus und machte die
-Wasserprobe.«</p>
-
-<p>»Was ist das?« fragte der junge Mann.</p>
-
-<p>»Ha!« lachte der Bauer, »das ist eine leichte Probe. Man
-trug den Pfundstein mit Trommeln und Pfeifen an die Rems
-und sagte: ›Schwimmt's oben, hat der Herzog recht; sinkt's
-unter, hat der Bauer recht.‹ Der Stein sank unter, und jetzt
-zog der Arme Konrad Waffen an. Im Remstal und im Neckartal
-bis hinauf gegen Tübingen und hinüber an die Alb standen die
-Bauern auf und verlangten das alte Recht. Es wurde gelandtagt
-und gesprochen, aber es half doch nichts. Die Bauern
-gingen nicht auseinander.«</p>
-
-<p>»Aber du, von <em class="gesperrt">dir</em> sprichst du ja gar nicht.«</p>
-
-<p>»Daß ich's kurz sage, ich war einer der Aergsten,« antwortete
-Hans, »ich war kühn und trotzig, mochte nicht gerne
-arbeiten und wurde wegen Jagdfrevel unmenschlich abgestraft;
-da trat ich in den Armen Konrad, und bald war ich so arg
-als der <em class="gesperrt">Gaispeter</em> und der <em class="gesperrt">Bregenzer</em>. Der Herzog
-aber, als er sah, daß der Aufruhr gefährlich werden könne, ritt
-selbst nach Schorndorf. Man hatte uns zur Huldigung zusammenberufen,
-wir erschienen zu vielen Hunderten, aber bewaffnet.
-Der Herzog sprach selbst zu uns, aber man hörte ihn nicht an.
-Da stand der Reichsmarschall auf, erhob seinen goldenen Stab
-und sprach: ›Wer es mit dem Herzog Ulrich von Württemberg
-hält, trete auf seine Seite!‹ Der Gaispeter aber trat auf
-einen hohen Stein und rief: ›Wer es mit dem Armen Konrad
-vom Hungerberg hält, trete hierher!‹ Siehe, da stand der Herzog
-verlassen unter seinen Dienern. Wir andern hielten zu
-dem Bettler.«</p>
-
-<p>»O, schändlicher Aufruhr,« rief Georg, vom Gefühl des
-Unrechts ergriffen; »schändlich vor allen die, welche es so weit<span class="pagenum"><a id="Page_318">[318]</a></span>
-kommen ließen! Da war gewiß Ambrosius Volland, der Kanzler,
-an vielem schuld?«</p>
-
-<p>»Ihr könnet recht haben,« erwiderte der Spielmann; »doch
-höret weiter: der Herzog, als er sah, daß seine Sache verloren
-sei, schwang sich auf sein Roß, wir aber drängten uns um ihn
-her; doch noch wagte es keiner, den Fürsten anzutasten, denn er
-sah gar zu gebietend aus seinen großen Augen auf uns herab.
-›Was wollt Ihr, Lumpen!‹ schrie er und gab seinem Hengst
-die Sporen, daß er sich hoch aufbäumte und drei Männer niederriß.
-Da erwachte unser Grimm; sie fielen seinem Roß in die
-Zügel, sie stachen nach ihm mit Spießen, und ich, ich vergaß
-mich so, daß ich ihn am Mantel packte und rief: ›Schießt den
-Schelmen tot!‹«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Das warst du</em>, Hans?« rief Georg und sah ihn mit
-scheuen Blicken an.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Das war ich</em>,« sagte dieser langsam und ernst; »aber
-es ward mir dafür, was mir gebührte. Der Herzog entkam
-uns damals und sammelte ein Heer; wir konnten nicht lange
-aushalten und ergaben uns auf Gnad' und Ungnad'. Es wurden
-zwölf Anführer des Aufruhrs nach Schorndorf geführt und
-dort gerichtet; ich war auch unter diesen. Aber als ich so im
-Kerker lag und mein Unrecht und den nahen Tod überdachte,
-da graute mir vor mir selbst, und ich schämte mich, mit so
-elenden Gesellen, wie die elf andern waren, gerichtet zu werden.«</p>
-
-<p>»Und wie wurdest du gerettet?« fragte Georg teilnehmend.</p>
-
-<p>»Wie ich Euch schon in Ulm sagte, durch ein Wunder. Wir
-zwölf wurden auf den Markt geführt, es sollte uns dort der
-Kopf abgehauen werden. Der Herzog saß vor dem Rathaus
-und ließ uns noch einmal vor sich führen. Jene elfe stürzten
-nieder, daß ihre Ketten fürchterlich rasselten, und schrieen mit
-jammernder Stimme um Gnade. Er sah sie lange an und
-betrachtete dann mich. ›Warum bittest du nicht auch?‹ fragte
-er. ›Herr,‹ antwortete ich, ›ich weiß, was ich verdient habe,
-Gott sei meiner Seele gnädig.‹ Noch einmal sah er auf uns,
-dann aber winkte er dem Scharfrichter. Wir wurden nach dem
-Alter gestellt, ich als der jüngste war der letzte. Ich weiß wenig
-mehr von jenen schrecklichen Augenblicken; aber nie vergesse ich
-den greulichen Ton, wenn die Halsknorpel krachten&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen hör' auf,« bat Georg, »oder übergehe
-das Gräßliche!«</p>
-
-<p>»Neun Köpfe meiner Gesellen staken auf den Spießen, da
-rief der Herzog: ›Zehn sollen bluten, zwei frei sein. Bringt<span class="pagenum"><a id="Page_319">[319]</a></span>
-Würfel her und laßt die drei dort würfeln!‹ Man brachte
-Würfel, der Herzog bot sie mir zuerst; ich aber sagte: ›Ich
-habe mein Leben verwirkt und würfle nicht mehr darüber!‹
-Da sprach der Herzog: ›Nun, so würfle ich für dich.‹ Er bot
-den zwei andern die Würfel hin. Zitternd schüttelten sie in
-den kalten Händen die Würfel, zitternd zählten sie die Augen:
-der eine warf neun, der andere vierzehn; da nahm der Herzog
-die Würfel und schüttelte sie. Er faßte mich scharf ins Auge,
-ich weiß, daß ich nicht gezittert habe. Er warf &ndash; und deckte
-schnell die Hand darauf. ›Bitte um Gnade,‹ sagte er, ›noch
-ist es Zeit!‹ &ndash; ›Ich bitte, daß Ihr mir verzeihen möget, was
-ich Euch Leids getan,‹ antwortete ich; ›um Gnade aber bitt'
-ich nicht, ich habe sie nicht verdient und will sterben.‹ Da deckte
-er die Hand auf, und siehe, er hatte achtzehn geworfen. Es war
-mir sonderbar zu Mut, es kam mir vor, als habe er gerichtet an
-Gottes Statt. Ich stürzte auf meine Kniee nieder und gelobte,
-fortan in seinem Dienst zu leben und zu sterben. Der zehnte
-ward geköpft, wir beide waren frei.«</p>
-
-<p>Mit immer höher steigender Teilnahme hatte Georg der
-Erzählung des Pfeifers von Hardt zugehört; aber als er schloß,
-als sich das sonst so kühn und listig blickende Auge mit Tränen
-füllte, da konnte er sich nicht enthalten, seine Hand zu fassen,
-sie fest und herzlich zu drücken. »Es ist wahr,« sagte der junge
-Mann, »du hast Schweres an deinem Landesherrn verschuldet,
-aber du hast auch schrecklich gebüßt, denn du hast den Tod dennoch
-erlitten; jenes schnelle Zücken des Schwertes ist nichts
-mehr gegen das Gefühl, so viele bekannte Menschen hinrichten
-und sich den Tod immer näher kommen zu sehen! Und hast du
-nicht durch ein Leben voll Treue, durch Aufopferung und Wagnis
-aller Art den Fürsten versöhnt, an den du deine Hand
-legtest? Wie oft hast du ihm Freiheit, vielleicht das Leben gerettet!
-Wahrlich, deine Schuld ist reichlich abgetragen.«</p>
-
-<p>Der arme Mann hatte, nachdem er seine Erzählung geschlossen,
-wieder mit düsterem Sinnen ins Feuer geschaut. Er
-hätte ganz teilnahmlos geschienen, wenn nicht unter den Worten
-Georgs nach und nach ein trübes Lächeln auf seinen Zügen
-erschienen wäre. »Meint Ihr,« sagte er, »ich hätte gebüßt und
-meine Schuld abgetragen? Nein, solche Schulden tilgen sich
-nicht so bald, und ein geschenktes Leben muß für den ausgesetzt
-werden, der es uns fristete. Das Umherschleichen in den Bergen,
-Kundschaft bringen aus Feindes Lager, Höhlen zeigen, wo
-man sich verbergen kann, das ist keine schwere Sache, Herr, und<span class="pagenum"><a id="Page_320">[320]</a></span>
-das allein tut's nicht. Ich weiß, ich werde noch einmal für ihn
-sterben müssen &ndash; und dann, Herr, nehmt Euch meines Weibes
-und meiner Tochter an.«</p>
-
-<p>Eine Träne fiel in seinen Bart; doch als schäme er sich,
-so weich zu sein, verbarg er sein Gesicht in der Hand und fuhr
-fort: »Doch dazu bin ich noch gut genug; wie jeder Kriegsmann,
-wie jeder im Volk darf ich für ihn sterben; o, könnte ich
-durch meinen Tod seine Huldigung abändern und ihm das Land
-wieder verschaffen, noch in dieser Stunde wollte ich sterben!«</p>
-
-<p>Der Herzog erwachte; er richtete sich auf, er sah mit verwunderten
-Blicken um sich her, als sei er durch einen Zauber in
-diese Erdschlucht versetzt und sehe jetzt erst diese Felsen und
-Bäume, das spärliche Feuer und die von den Flammen beschienenen
-Männer, seine Begleiter; er bedeckte seine Augen mit
-der Hand, doch er sah wieder auf, als prüfe er, ob diese Erscheinungen
-bleiben; &ndash; sie blieben, und schmerzlich sah er bald
-den einen, bald den andern an. »Ich habe heute ein Land
-verloren,« sprach er, »es hat mich nicht so geschmerzt als dieses
-Erwachen, denn ich habe es im Traume wieder und noch viel
-schöner besessen.«</p>
-
-<p>»Seid nicht ungerecht, Herr,« sagte Marx Stumpf von
-Schweinsberg, indem er sich aus seiner gebückten Stellung aufrichtete;
-»seid nicht ungerecht gegen diese Wohltat der Natur.
-Wie unglücklich wäret Ihr, wenn Ihr auch im Schlummer, der
-Eure Kräfte für das schwere Unglück stärken soll, Euren Verlust
-noch fühltet, auch da noch so düster darüber gebrütet hättet.
-Ihr seid finster und verschlossen eingeschlummert, jetzt sind
-Eure Züge freundlicher und milder; verdanken wir dies nicht
-Eurem Traum?«</p>
-
-<p>»So hätte ich mögen nie erwachen; o daß ich Jahrhunderte
-fortgeträumt hätte und dann erwacht wäre; es war so schön, so
-tröstlich, was ich träumte!«</p>
-
-<p>Er stützte die Stirne in die Hand und schien schmerzlich
-bewegt. Der alte Herr von Lichtenstein war von den Stimmen
-der Sprechenden erweckt worden; er kannte Ulrich und
-wußte, daß man ihn nicht über seinen schmerzlichen Verlust
-brüten lassen dürfe; er rückte ihm daher näher und sprach:</p>
-
-<p>»Nun, und wollt Ihr uns nicht auch sagen, was Ihr geträumt
-habt? Vielleicht liegt auch für uns ein Trost darin,
-denn wisset, ich glaube an Träume, wenn sie in einer wichtigen,
-verhängnisvollen Stunde in unsere Seele einziehen, und
-ich glaube, sie kommen von oben, um uns zu trösten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_321">[321]</a></span></p>
-
-<p>Der Herzog schwieg noch eine Weile, er schien über die
-Worte des Ritters nachzusinnen; dann fing er an zu erzählen:
-»Mein Schwager, Wilhelm von Bayern, hat mir heute zur
-Probe seiner Freundschaft die Burg meiner Ahnen niedergebrannt.
-Dort hausten seit undenklichen Zeiten die Württemberger,
-und das Land, das Wir besitzen, trägt von diesem Schloß
-den Namen. Es scheint, als habe er damit Uns eine Todesfackel
-anzünden und mit diesen Flammen Unser Wappen und
-Gedächtnis und selbst den Namen Württemberg vertilgen wollen.
-Und fast könnte er recht haben; denn mein einziges Söhnlein,
-Christoph, ist in fernen Landen, mein Bruder Georg hat noch
-keine Kinder, und ich &ndash; bin geschlagen, verjagt; sie haben
-wiederum mein Land besetzt und wo ist Hoffnung, daß ich's
-wieder einmal erlange? &ndash;&nbsp;&ndash; Wie ich nun so ganz verlassen
-und elend hier am Feuer saß, wie ich nachdachte über mein
-kurzes Glück, und wie ich vielleicht mein Unglück selbst verschuldet
-habe; wie ich bedachte, auf welch schwachen Stützen meine
-Hoffnung beruhe, und wie selbst der Name Württemberg auslöschen
-könne, gleich den letzten Funken in der Asche meiner
-Stammburg, da übermannte mich der Jammer, und bitterer
-als je fühlte ich die Schläge meines Schicksals. Unter diesen
-Gedanken entschlief ich. Doch wie im Wachen meine Seele mit
-Sehnsucht und Trauer auf den Höhen des roten Berges und um
-die rauchenden Trümmer von Württemberg schwebte, so erging
-sich mein Geist auch im Traume dort.«</p>
-
-<p>Ulrich hielt inne; es war, als fülle ein Bild seine Seele,
-das zu schön, zu groß sei, um es mit sterblichen Lippen zu beschreiben;
-ein milder Friede lag auf den Zügen des unglücklichen
-Fürsten, und ein wunderbarer Glanz drang aus seinen aufwärts
-gerichteten Augen. Die Männer umher blickten ihn
-staunend an; sie hingen an seinen Lippen und lauschten auf seine
-Rede, die ihnen so Wichtiges zu verkünden schien.</p>
-
-<p>»Höret weiter,« fuhr er fort: »ich sah herab auf das schöne
-Neckartal; der Fluß zog wie sonst in schönen blauen Bogen hin,
-aber das Tal und die Berge schienen mir lieblicher, glänzender,
-die Wälder auf den Höhen waren verschwunden, die Wiesen
-waren nicht mehr, sondern von Berg zu Berg zog sich <em class="gesperrt">ein</em> großer
-Garten voll grüner Reben und im Tal sah man Obstbäume
-und schöne blühende Gärten ohne Zahl. Ich stand entzückt
-und schaute und schaute immer wieder hin, denn die Sonne
-erschien freundlicher, der Himmel blauer und reiner, das Grün
-der Reben und Bäume glänzender als jetzt. Und als ich mein<span class="pagenum"><a id="Page_322">[322]</a></span>
-trunkenes Auge erhob und hinüberschaute über den Neckar, da
-gewahrte ich auf einem Hügel am Fluß ein freundliches Schloß,
-das im Glanz der Morgensonne sich spiegelte; es lag so friedlich
-da, daß sein Anblick meiner Seele wohl tat, denn keine Gräben
-und hohe Mauern, keine Türme und Zinnen, kein Fallgatter,
-keine Zugbrücke erinnerten an den Zwist der Völker und das unsichere,
-wechselnde Geschick der Sterblichen.</p>
-
-<p>»Und als ich verwundert über den tiefen Frieden des Tales
-und jenes unbewachten Schlosses mich umsah, waren auch die
-Mauern <em class="gesperrt">meiner</em> Burg verschwunden; doch hier wenigstens
-log mir der Traum nicht, denn ich sah ja gestern die Zinnen
-stürzen und den Wartturm sinken, von welchem sonst mein
-Panier in den Lüften wehte. Kein Stein von Württemberg
-war mehr zu sehen, aber ein Tempel stand dort mit Säulen und
-Kuppel, wie man sie in Rom und Griechenland findet. Ich
-dachte nach, wie dies alles auf einmal so habe kommen können,
-da gewahrte ich Männer in fremder Kleidung, die nicht weit
-von mir standen und auf das Land hinabschauten.</p>
-
-<p>»Der eine dieser Männer zog vor den übrigen meine Aufmerksamkeit
-auf sich; er hatte einen schönen Knaben an der
-Hand, dem er das Tal zu seinen Füßen und die Berge umher,
-und den Fluß und die Städte und Dörfer in der Nähe und
-Ferne zeigte. Ich betrachtete den Mann, er trug die Züge
-meines Bruders Georg,<a id="FNanchor_45_46"></a><a href="#Footnote_45_46" class="fnanchor">[45]</a> und es war mir, als müsse er zum
-Stamm meiner Ahnen gehören und ein Württemberg sein; er
-stieg mit dem Knaben den Berg hinab ins Tal, und die andern
-Männer folgten ihm in ehrerbietiger Entfernung; den letzten
-hielt ich auf und fragte ihn: wer jener gewesen sei, der dem
-Knaben das Land gezeigt habe? ›Das war der König,‹ sagte
-er und stieg den Berg hinab.«</p>
-
-<p>Der Herzog schwieg und sah die Ritter forschend an, als
-wollte er ihre Meinung hören; sie schwiegen lange, endlich nahm
-der Ritter von Lichtenstein das Wort und sprach: »Ich bin
-fünfundsechzig Jahre alt und habe vieles gesehen und gehört auf
-Erden und manches, worüber der menschliche Geist erstaunte,
-und wo ein frommer Sinn den Finger der Gottheit sah. Glaubet
-mir, auch die Träume kommen von Gott, denn nichts geschieht
-auf Erden ohne Ursache. Es hat in alten Zeiten Seher
-und Propheten gegeben, warum sollte nicht auch in unsern
-Tagen der Herr seiner Heiligen einen herabsenden, daß er
-einem Unglücklichen im Traume die dunkeln Pforten der Zukunft
-öffne und ihn einen Blick in künftige schönere Tage tun<span class="pagenum"><a id="Page_323">[323]</a></span>
-lasse? Drum seid getrosten Mutes, Herr! Eure Feste hat der
-Feind verbrannt, ihr habt an einem Tage ein Herzogtum
-verloren, aber dennoch wird Euer Name nicht verlöschen,
-und Euer Gedächtnis wird nicht verloren sein in Württemberg.«</p>
-
-<p>»Ein König&nbsp;&ndash;« sprach der Herzog sinnend, »ist es nicht
-vermessen, jetzt, wo ich hinaus muß ins Elend, jetzt an einen
-König meines Stammes zu denken? Kann nicht auch die Hölle
-solche Träume vorspiegeln, um uns nachher desto bitterer zu
-täuschen?«</p>
-
-<p>»Was zweifelt Ihr an der Zukunft?« sagte Schweinsberg
-lächelnd. »Hätte einer Eurer ritterlichen Ahnen, die auf Württemberg
-hausten, hätte einer wissen können, daß seine Enkel
-Herzoge sein, daß das weite schöne Land ihren Namen Württemberg
-tragen werde? Nehmet Euren Traum als den Wink
-des Schicksals hin, daß Euer Name in ferner, ferner Zeit auf
-diesem Lande bleiben, daß die spätern Fürsten Württembergs
-die Züge Eures Stammes tragen werden.«</p>
-
-<p>»Wohlan, so will ich hoffen,« erwiderte Ulrich von Württemberg,
-»will hoffen, daß Uns das Land verbleibe, wie dunkel
-auch jetzt Unsere Lose seien. Mögen Unsere Enkel nie so harte
-Zeiten sehen wie Wir; möge man auch von Euch sagen, sie
-sind &ndash; <em class="gesperrt">furchtlos</em>!«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Und treu!</em>« sprach der Bauer mit Nachdruck und stand
-auf. »Doch ist es Zeit, Herr Herzog, daß Ihr aufbrechet. Das
-Morgenrot ist nicht mehr fern, und über den Neckar wenigstens
-müssen wir kommen, solange es noch dunkel ist.«</p>
-
-<p>Sie standen auf und waffneten sich; die Pferde wurden
-herbeigeführt, sie saßen auf, und der Pfeifer ging voran, den
-Weg aus der Schlucht zu zeigen. Die Reise des Herzogs zum
-Land hinaus war mit großer Gefahr verbunden, denn der Bund
-suchte seiner mit aller Mühe habhaft zu werden. Um auf einen
-Weg zu gelangen, wo er sicher seinen Feinden entgehen könnte,
-war der Herzog genötigt, noch einmal über den Neckar zu gehen.
-Dieser Uebergang war nicht ohne Gefahr. Ein starker Gewitterregen
-hatte den Fluß angeschwellt, so daß es nicht möglich schien,
-ihn mit den Pferden zu durchschwimmen. Die Brücken aber
-waren zum größten Teil von dem Bunde besetzt worden; doch
-auch hier wußte Hans guten Rat, denn er hatte durch treue
-Leute ausgespäht, daß die Brücke von Köngen noch frei sei. Man
-hatte sich wohl nicht die Mühe genommen, sie zu besetzen, weil
-sie Eßlingen und dem feindlichen Lager allzunahe war, als daß<span class="pagenum"><a id="Page_324">[324]</a></span>
-man hätte glauben können, der Herzog werde dort vorüberkommen.
-Dieser Weg schien wegen seiner großen Gefahr die
-meiste Sicherheit zu gewähren. Ihn wählte Ulrich, und so
-zogen sie stille und vorsichtig dem Neckar zu.</p>
-
-<p>Als sie aus dem Wald ins Feld herauskamen, säumte
-schon das Morgenrot den Horizont. Sie ritten jetzt auf besserem
-Wege schärfer zu, und bald sahen sie den Neckar schimmern,
-und die hochgewölbte Brücke lag nicht ferne mehr von ihnen.
-In diesem Augenblicke sah sich Georg um und gewahrte eine
-bedeutende Anzahl Reiter, die von der Seite her hinter ihnen
-zogen. Er machte seine Begleiter darauf aufmerksam. Sie
-sahen sich besorgt um und musterten den Zug, der wohl fünfundzwanzig
-Pferde betragen mochte. Es schienen bündische
-Reiter zu sein, denn des Herzogs Völker waren gesprengt und
-zogen nicht mehr in so geordneten Scharen wie diese.</p>
-
-<p>Noch zogen jene ruhig ihren Weg und schienen die kleine
-Gesellschaft nicht zu bemerken, aber dennoch schien es ratsam,
-die Brücke zu gewinnen, wo sich drei Wege schieden, ehe man
-von ihnen angerufen und befragt würde. Der Pfeifer lief
-voran, so schnell er konnte, der Herzog und die Ritter folgten
-ihm in gestrecktem Trab, und je weiter sie sich von den Bündischen
-entfernten, desto leichter wurde ihnen ums Herz, denn
-alle bangten nicht für ihr eigenes Leben, wohl aber für die
-Freiheit Ulrichs.</p>
-
-<p>Sie hatten die Brücke erreicht, sie zogen hinauf, aber in
-demselben Augenblick, wo sie oben auf der Mitte der hohen
-Wölbung angekommen waren, sprangen zwölf Männer, mit
-Spießen, Schwertern und Büchsen bewaffnet, hinter der Brücke
-hervor und besetzten den Ausgang. Der Herzog sah, daß er
-entdeckt war, und winkte seinen Begleitern rückwärts. Lichtenstein
-und Schweinsberg, die letzten, wandten ihre Rosse, aber
-schon war es zu spät, denn die bündischen Reiter, die ihnen im
-Rücken nachgezogen waren, hatten sich in Galopp gesetzt und den
-Eingang der Brücke in diesem Augenblick erreicht und besetzt.</p>
-
-<p>Noch war es zu dunkel, als daß man den Feind genau
-hätte unterscheiden können, doch nur zu bald zeigten sich seine
-feindlichen Absichten. »Ergebet Euch, Herzog von Württemberg,«
-rief eine Stimme, die den Rittern nicht unbekannt schien,
-»Ihr sehet, es ist kein Ausweg da zur Flucht!«</p>
-
-<p>»Wer bist du, daß Württemberg sich dir ergeben soll?«
-antwortete Ulrich mit grimmigem Lachen, indem er sein Schwert
-zog, »du sitzest ja nicht einmal zu Roß; bist du ein Ritter?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_325">[325]</a></span></p>
-
-<p>»Ich bin der Doktor Calmus,« entgegnete jener, »und bin
-bereit, die vielen Liebesdienste zu vergelten, die Ihr mir erwiesen
-habt. Ein Ritter bin ich, denn Ihr habt mich ja zum
-Ritter vom Esel gemacht; aber ich will Euch dafür zum Ritter
-ohne Roß machen. Abgestiegen, sag' ich, im Namen des durchlauchtigsten
-Bundes!«</p>
-
-<p>»Gib Raum, Hans,« flüsterte der Herzog mit unterdrückter
-Stimme dem Spielmann zu, der mit gehobener Axt zwischen
-ihm und dem Doktor stand; »geh, tritt auf die Seite! Ihr
-Freunde, schließt euch an, wir wollen plötzlich auf sie einfallen,
-vielleicht gelingt es, durchzubrechen!« Doch nur Georg vernahm
-diesen Befehl des Herzogs, denn die zwei andern Ritter
-hielten wohl zehn Schritte hinter ihnen den Eingang besetzt
-und waren schon mit den bündischen Reitern im Gefecht, die
-umsonst dieses ritterliche Paar zu durchbrechen und zu dem
-Herzog durchzudringen versuchten. Georg schloß sich an Ulrich
-an und wollte mit ihm auf den Doktor und die Knechte einsprengen,
-aber diesem war das Flüstern des Herzogs nicht entgangen.
-»Drauf, ihr Männer! der im grünen Mantel ist's;
-lebendig oder tot!« rief er, drang mit seinen Knechten vor und
-griff zuerst an. Sein langer Arm führte einen fünf Ellen
-langen Spieß. Er zückte ihn nach Ulrich, und es wäre vielleicht
-um ihn geschehen gewesen, da er ihn in der Dunkelheit
-nicht gleich bemerkte, doch Hans kam ihm zuvor, und indem der
-berühmte Doktor Kahlmäuser nach der Brust seines Herrn stieß,
-war ihm die Axt des Pfeifers tief in die Stirne gedrungen. Er
-fiel, so lang er war, mit Gebrüll auf die Knechte zurück. Sie
-stutzten, der Bauersmann schien ein schrecklicher Kämpfer, denn
-seine Axt schwirrte immer noch in den Lüften, er bewegte sie
-wie eine Feder hin und her; sie zogen sich sogar einige Schritte
-zurück. Diesen Augenblick benützte Georg, riß dem Herzog den
-grünen Mantel ab, hing ihn sich selbst um und flüsterte ihm zu,
-sein Pferd zu spornen und sich über die Brüstung der Brücke
-hinabzustürzen. Der Herzog warf einen Blick auf die hochgehenden
-Wellen des Neckars und hinauf zum Himmel. Es
-schien keine andere Rettung möglich, und er wollte lieber auf
-Leben und Tod den Sprung wagen, als seinen Feinden in die
-Hände fallen. Doch der Anblick, der sich ihm in diesem schrecklichen
-Moment darbot, zog ihn noch einmal zurück.</p>
-
-<p>Die Knechte hatten die Speere vorgestreckt und drangen
-vor. Der Pfeifer stand noch immer, obgleich aus mehreren
-Wunden blutend, und schlug mit der Axt ihre Speere nieder.<span class="pagenum"><a id="Page_326">[326]</a></span>
-Seine Augen blitzten, seine kühnen Züge trugen den Ausdruck
-von freudiger Begeisterung, und das Lächeln, das um seinen
-Mund zog, war nicht das der Verzweiflung, nein, seine mutige
-Seele erbebte nicht vor dem nahenden Tod, er blickte ihm mit
-stolzer Freude entgegen, als sei <em class="gesperrt">er</em> der Kampfpreis, um den er
-so viele Sorgen und Gefahren auf sich genommen habe. Noch
-einen schlug er mit seiner starken Rechten zu Boden, da stieß
-ihm einer der Knechte von der Seite her die Hellebarde in die
-Brust, in diese treue Brust, die noch im Tod ein Schild für den
-unglücklichen Fürsten war, dem nie ein treueres Herz geschlagen
-hatte. Er wankte, er sank zusammen, er heftete das brechende
-Auge auf seinen Herrn: »Herr Herzog, <em class="gesperrt">wir sind quitt</em>!«
-rief er freudig aus und senkte sein Haupt zum Sterben.</p>
-
-<p>An ihm vorüber ging der Weg der Knechte, die mit Freudengeschrei
-näher zudrangen &ndash; da warf sich Georg von Sturmfeder
-in die Mitte, seine Klinge schwirrte in der Luft, und so
-oft sie niederfiel, zuckte einer der Feinde am Boden. Er war
-der letzte Schild des Herzogs Ulrich von Württemberg; sank
-dieser noch, so war Gefangenschaft oder Tod unvermeidlich.
-Drum wandte er sich zum letzten Mittel. Er warf noch einen
-tränenschweren Blick auf die Leiche jenes Mannes, der seine
-Treue mit dem Tod besiegelt hatte, dann riß er sein mächtiges
-Streitroß zur Seite, spornte es, daß es sich hoch aufbäumte,
-wandte es mit einem starken Drucke rechts, und &ndash; in einem
-majestätischen Sprung setzte es über die Brüstung der Brücke
-und trug seinen fürstlichen Reiter hinab in die Wogen des
-Neckars.</p>
-
-<p>Georg hielt inne mit Fechten, er sah dem Herzog nach. Roß
-und Reiter waren niedergetaucht, doch das mächtige Tier kämpfte
-mit den Wirbeln, schwamm, arbeitete sich herauf, und wie die
-beste Barke schwamm es mit dem Herzog den Strom hinab.
-Dies alles war das Werk weniger Augenblicke, einige der Knechte
-wollten hinabspringen ans Ufer, um sich des kühnen Reiters
-zu bemächtigen, doch einer, der Georg am nächsten war, rief
-ihnen zu: »Laßt ihn schwimmen, an <em class="gesperrt">dem</em> ist nichts gelegen,
-das hier ist der grüne Vogel, das ist der grüne Mantel; den laßt
-uns fassen.« Georg blickte dankbar auf zum Himmel! Er ließ
-sein Schwert sinken und ergab sich den Bündischen. Sie schlossen
-einen Kreis um ihn und ließen es willig geschehen, daß er abstieg
-und zu der Leiche jenes Mannes trat, der ihnen so schrecklich
-erschienen war. Georg faßte die Hand, welche immer noch
-die blutige Axt festhielt. Sie war kalt. Er suchte, ob das treue<span class="pagenum"><a id="Page_327">[327]</a></span>
-Herz noch schlage, aber der tödliche Stoß der Lanze hatte es
-nur zu gut getroffen. Das Auge, das einst so kühn und mutig
-blickte, war gebrochen, geschlossen der Mund, der auch in den
-trübsten Stunden einen ungebeugten, frohen Sinn verkündete.
-Seine Züge waren erstarrt, aber noch schwebte um seine Lippen
-jenes Lächeln, das den letzten Gruß, den er seinem Herrn entbot,
-begleitet hatte. Georgs Tränen fielen auf ihn herab. Er
-drückte noch einmal die Hand des Pfeifers, schloß ihm die Augen
-zu und schwang sich auf, um den Knechten in ihr Lager zu folgen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap36">36.</h2>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">O schöner Tag, wann endlich der Soldat<br /></span>
-<span class="i0">Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit.&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">O! glücklich, wem dann auch sich eine Tür',<br /></span>
-<span class="i0">Sich zarte Arme sanft umschlingend öffnen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Schiller.</em>
-</p>
-</div>
-
-<p>Nach einem Marsch von beinahe drei Stunden näherte sich
-der Trupp der bündischen Knechte, den Gefangenen in ihrer
-Mitte, dem Lager. Sie hatten nicht gewagt, sich laut zu unterreden,
-aber ihre Mienen verkündeten großen Triumph, und
-Georgs scharfem Ohr entging es nicht, wie sie flüsternd den
-Gewinn berechneten, den sie aus dem Herzog im grünen Mantel
-ziehen werden. Ein freudiges Gefühl bewegte seine Brust, er
-glaubte hoffen zu dürfen, daß der unglückliche Fürst durch seine
-kühne Aufopferung Zeit gewonnen habe, sich zu retten. Nur
-der Gedanke an Marie trübte auf Augenblicke seine Freude.
-Wie groß mußte ihr Kummer schon gewesen sein, als sie die
-Nachricht von dem Ausgange der Schlacht bekam; er hatte ihr
-zwar durch treue Männer die Nachricht gesandt, daß er unverletzt
-aus dem Streit gegangen sei; aber wußte er nicht, daß die
-traurige Entscheidung von Württembergs Schicksal ihre Seele
-tief betrüben, daß ihre Blicke ängstlich dem Geliebten auf den
-Gefahren der Flucht folgen werden, daß ihre Sehnsucht zu jeder
-Stunde seinen Namen nenne und ihn zurückrufe?</p>
-
-<p>Und durfte er hoffen, vom Bunde zum zweitenmal so leicht
-entlassen zu werden wie damals in Ulm? Gefangen mit den
-Waffen in der Hand, bekannt als eifriger Freund des Herzogs
-&ndash; mußte er nicht fürchten, einer langen Gefangenschaft, einer
-grausamen Behandlung entgegen zu gehen? Die Ankunft an
-dem äußeren Posten des Lagers unterbrach diese düstern Gedanken.<span class="pagenum"><a id="Page_328">[328]</a></span>
-Die Knechte schickten einen aus ihrer Mitte ab, um
-die Bundesobersten von ihrem Fang zu benachrichtigen und Befehle
-einzuholen, wohin man ihn führen solle. Es war dies
-eine peinliche Viertelstunde für Georg; er wünschte womöglich
-mit Frondsberg zusammenzutreffen, er glaubte hoffen zu dürfen,
-daß dieser edle Freund seines Vaters ihm seine gütigen Gesinnungen
-erhalten haben möchte, daß er ihn zum wenigsten
-billiger beurteilen werde als Waldburg Truchseß und so mancher
-andere, der ihm früher nicht günstig war.</p>
-
-<p>Der Knecht kam zurück; der Gefangene sollte so still als
-möglich und ohne Aufsehen in das große Zelt geführt werden,
-wo die Obersten gewöhnlich Kriegsrat hielten. Man schlug zu
-diesem Gang einen Seitenweg ein, und die Knechte baten Georg,
-seinen Helm zu schließen, daß man ihn nicht erkenne, ehe er vor
-den Rat geführt würde. Gerne befolgte er diese Bitte, denn
-es war ihm in einem solchen Falle nichts unerträglicher, als sich
-den Blicken neugieriger oder schadenfroher Menschen aussetzen
-zu müssen. Sie gelangten endlich an das große Zelt. Diener
-aller Art waren hier versammelt, und die verschiedenen Farben
-und Binden, mit welchen sie geschmückt waren, ließen auf eine
-zahlreiche Versammlung edler Herren und Ritter im Innern
-des Zeltes schließen.</p>
-
-<p>Schon mochte die Nachricht unter sie gekommen sein, daß
-einige Knechte einen Mann von Bedeutung gefangen haben,
-denn sie drängten sich nahe herbei, als Georg sich aus dem
-Sattel schwang, und ihre neugierigen Blicke schienen durch die
-Oeffnungen des Visiers dringen zu wollen, um die Züge des
-Gefangenen zu schauen. Ein Edelknabe suchte Raum zu machen,
-und er mußte seine Zuflucht zu dem »Namen des Bundesobersten«
-nehmen, um diese dichte Masse zu durchbrechen und
-dem gefangenen Ritter einen Weg in das Innere des Zeltes
-zu bahnen. Drei jener Knechte, die ihn begleitet hatten, durften
-folgen; sie glühten vor Freude und glaubten nichts anders, als
-jene Goldgülden sogleich in Empfang nehmen zu können, die auf
-die Person des Herzogs von Württemberg gesetzt waren.</p>
-
-<p>Der letzte Vorhang tat sich auf, und Georg trat mutig und
-festen Schrittes ein und überschaute die Männer, die über sein
-Schicksal entscheiden sollten. Es waren wohlbekannte Gesichter,
-die ihn so fragend und durchdringend anschauten. Noch waren
-die düsteren Blicke und die feindliche Stirne des Truchseß von
-Waldburg seinem Gedächtnis nicht entfallen, und der spöttische,
-beinahe höhnische Ausdruck in den Mienen dieses Mannes weissagte<span class="pagenum"><a id="Page_329">[329]</a></span>
-ihm nichts Gutes. Sickingen, Alban von Closen, Hutten
-&ndash; sie alle saßen wie damals vor ihm, als er dem Bund auf ewig
-lebewohl sagte; aber wie vieles hatte sich verändert. Und eine
-Träne füllte sein Auge, als es auf jene teure Gestalt, auf jene
-ehrwürdigen Züge fiel, die sich tief in sein dankbares Herz gegraben
-hatten. Es war nicht Hohn, nicht Schadenfreude, was
-man in Georg von Frondsbergs Mienen las, nein, er sah den
-Nahenden mit jenem Ausdruck von würdigem Ernst, von Wehmut
-an, womit ein edler Mann den tapfern, aber besiegten
-Feind begrüßt.</p>
-
-<p>Als Georg diesen Männern gegenüberstand, hub der
-Truchseß von Waldburg an: »So hat doch endlich der schwäbische
-Bund einmal die Ehre, den erlauchten Herzog von Württemberg
-vor sich zu sehen; freilich war die Einladung zu uns
-nicht allzu höflich, doch&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ihr irrt Euch,« rief Georg von Sturmfeder und schlug
-das Visier seines Helmes auf. Als sähen sie Minervas Schild und
-sein Medusenhaupt, so bebten die Bundesräte vor dem Anblick
-der schönen Züge des jungen Ritters. »Ha! Verräter! Ehrlose
-Buben! Ihr Hunde!« rief Truchseß den drei Knechten zu.
-»Was bringt ihr uns diesen Laffen, dessen Anblick meine Galle
-aufregt, statt des Herzogs? Geschwind, wo ist er? Sprecht!«</p>
-
-<p>Die Knechte erbleichten. »Ist's nicht dieser?« fragten sie
-ängstlich. »Er hat doch den grünen Mantel an.«</p>
-
-<p>Der Truchseß zitterte vor Wut, und seine Augen sprühten
-Verderben; er wollte auf die Knechte hinstürzen, er sprach davon,
-sie zu erwürgen; aber die Ritter hielten ihn zurück, und Hutten,
-zornbleich, aber gefaßter als jener, fragte: »Wo ist der Doktor
-Calmus, laßt ihn hereinkommen, er soll Rechenschaft ablegen,
-er hat den Zug übernommen.«</p>
-
-<p>»Ach Herr,« sagte einer der Knechte, »der legt Euch keine
-Rechenschaft mehr ab; er liegt erschlagen auf der Brücke bei
-Köngen!«</p>
-
-<p>»Erschlagen?« rief Sickingen, »und der Herzog ist entkommen?
-Erzählet, ihr Schurken!«</p>
-
-<p>»Wir legten uns, wie uns der Doktor befahl, bei der
-Brücke in Hinterhalt. Es war beinahe noch dunkel, als wir
-den Hufschlag von vier Rossen hörten, die sich der Brücke näherten,
-zugleich vernahmen wir das Zeichen, das uns die Reiter
-über dem Fluß geben sollten, wenn die Herzoglichen aus dem
-Walde kämen. ›Jetzt ist's Zeit,‹ sagte der Kahlmäuser. Wir
-standen schnell auf und besetzten den Ausgang der Brücke. Es<span class="pagenum"><a id="Page_330">[330]</a></span>
-waren, soviel wir im Halbdunkel unterscheiden konnten, vier
-Reiter und ein Bauersmann; die zwei hintersten wandten sich
-um und fochten mit unsern Reitern, die zwei vorderen und der
-Bauer machten sich an uns. Doch wir streckten ihnen die Lanzen
-entgegen, und der Doktor rief ihnen zu, sich zu ergeben. Da
-drangen sie wütend auf uns ein; der Doktor sagte uns, der im
-grünen Mantel sei der Rechte; und wir hätten ihn bald gehabt,
-aber der Bauer, wenn es nicht der Teufel selbst war, schlug den
-Doktor und noch zwei von uns nieder. Jetzt stach ihm einer
-die Hellebarde in den Leib, daß er fiel, und dann ging es auf
-die Reiter. Wir packten allesamt den im grünen Mantel, wie
-uns der Kahlmäuser geheißen, der andere aber stürzte sich mit
-seinem Roß über die Brücke hinab in den Neckar und schwamm
-davon. Wir aber ließen ihn ziehen, weil wir den Grünen
-hatten, und brachten diesen hierher.«</p>
-
-<p>»Das war Ulrich und kein anderer!« rief Alban von Closen.
-»Ha! über die Brücke hinab in den Neckar! Das tut ihm keiner
-nach!«</p>
-
-<p>»Man muß ihm nachjagen!« fuhr der Truchseß auf; »die
-ganze Reiterei muß aufsitzen und hinab am Neckar streifen, ich
-selbst will hinaus&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»O Herr,« entgegnete einer der Knechte, »da kommt Ihr
-zu spät; es ist drei Stunden jetzt, daß wir von der Brücke abzogen,
-der hat einen guten Vorsprung und kennt das Land wohl
-besser als alle Reiter!«</p>
-
-<p>»Kerl, willst du mich noch höhnen? Ihr habt ihn entkommen
-lassen, an euch halte ich mich, man rufe die Wache; ich
-laß euch aufhängen.«</p>
-
-<p>»Mäßigt Euch,« sagte Frondsberg; »die armen Bursche
-trifft der Fehler nicht; sie hätten sich gerne das Gold verdient,
-das auf den Herzog gesetzt war. Der Doktor hat gefehlt, und
-Ihr hört, daß er es mit dem Leben zahlte.«</p>
-
-<p>»Also Ihr habt heute den Herzog vorgestellt?« wandte sich
-Waldburg zu Georg, der still dieser Szene zugesehen hatte.
-»Müßt Ihr mir überall in den Weg laufen mit Eurem Milchgesicht?
-Ueberall hat Euch der Teufel, wo man Euch nicht
-braucht. Es ist nicht das erste Mal, daß Ihr meine Plane
-durchkreuzet&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wenn Ihr es gewesen seid, Herr Truchseß,« antwortete
-Georg, »der bei Neuffen den Herzog meuchlings überfallen
-lassen wollte, so bin ich Euch leider in den Weg gekommen, denn
-Eure Knechte haben <em class="gesperrt">mich</em> niedergeworfen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_331">[331]</a></span></p>
-
-<p>Die Ritter erstaunten über diese Rede und sahen den
-Truchseß fragend an. Er errötete, man wußte nicht aus Zorn
-oder Beschämung, und entgegnete: »Was schwatzt Ihr da von
-Neuffen? Ich weiß von nichts; doch wenn man Euch dort
-niedergeworfen hat, so wünsche ich, Ihr wäret nimmer aufgestanden,
-um mir heute vor Augen zu kommen. Doch es ist
-auch so gut; Ihr habt Euch als einen erbitterten Feind des Bundes
-bewiesen, habt heimlich und offen für den geächteten Herzog
-gehandelt, teilet also seine Schuld gegen den Bund und das
-ganze Reich, seid überdies heute mit den Waffen in der Hand
-gefangen worden &ndash; Euch trifft die Strafe des Hochverrats an
-dem allerdurchlauchtigsten Bund des Schwaben- und Frankenlandes.«</p>
-
-<p>»Dies dünkt mir eine lächerliche Beschuldigung,« erwiderte
-Georg mit mutigem Tone; »Ihr wisset wohl, wann und wo ich
-mich von dem Bunde losgesagt habe; Ihr habt mich auf vierzehn
-Tage Urfehde schwören lassen; so wahr Gott über mir ist,
-ich habe sie gehalten. Was ich nachher getan, davon habt Ihr
-nicht Rechenschaft zu fordern, weil ich Euch nicht mehr verpflichtet
-war, und was meine Gefangennehmung mit den Waffen in
-der Hand betrifft, so frage ich euch, edle Herren, welcher Ritter
-wird, wenn er von sechs oder acht angegriffen wird, sich nicht
-seines Lebens wehren? Ich verlange von euch ritterliche Haft
-und erbiete mich, Urfehde zu schwören auf sechs Wochen; mehr
-könnet ihr nicht von mir verlangen.«</p>
-
-<p>»Wollt Ihr uns Gesetze vorschreiben? Ihr habt gut gelernt
-bei dem übermütigen Herzog; ich höre ihn aus Euch
-sprechen; doch keinen Schritt sollt Ihr zu Eurer Sippschaft tun,
-bis Ihr gesteht, wo der alte Fuchs, Euer Schwiegervater, sich
-aufhält, und welchen Weg der Herzog genommen hat.«</p>
-
-<p>»Der Ritter von Lichtenstein wurde von Euern Reitern
-gefangen genommen; welchen Weg der Herzog nahm, weiß ich
-nicht und kann es mit meinem Wort bekräftigen.«</p>
-
-<p>»Ritterliche Haft?« rief der Truchseß bitter lachend, »da
-irrt Ihr Euch gewaltig; zeiget vorher, wo Ihr die goldenen
-Sporen verdient habt! Nein, solches Gelichter wird bei uns
-ins tiefste Verließ geworfen, und mit Euch will ich den Anfang
-machen.«</p>
-
-<p>»Ich denke, dies ist unnötig,« fiel ihm Frondsberg ins
-Wort; »ich weiß, daß Georg von Sturmfeder zum Ritter geschlagen
-wurde; überdies hat er einem bündischen Edlen das
-Leben gerettet; Ihr werdet Euch wohl an die Aussage des<span class="pagenum"><a id="Page_332">[332]</a></span>
-Dietrich von Kraft erinnern. Auf Verwenden dieses Ritters
-wurde er von einem schmählichen Tod befreit und sogar in Freiheit
-gesetzt. Er kann dieselbe Behandlung von uns verlangen.«</p>
-
-<p>»Ich weiß, daß Ihr ihm immer das Wort geredet, daß er
-Euer Schoßkind war; aber diesmal hilft es ihm nicht, er muß
-nach Eßlingen in den Turm, und jetzt den Augenblick&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich leiste Bürgschaft für ihn,« rief Frondsberg, »und
-habe hier so gut mitzusprechen wie Ihr. Wir wollen abstimmen
-über den Gefangenen, man führe ihn einstweilen in mein
-Zelt.«</p>
-
-<p>Einen Blick des Dankes warf Georg auf die ehrwürdigen
-Züge des Mannes, der ihn auch jetzt wieder aus der drohenden
-Gefahr rettete. Der Truchseß aber winkte mürrisch den Knechten,
-dem Befehl des Oberfeldhauptmanns zu folgen, und Georg
-folgte ihnen durch die Straßen des Lagers nach Frondsbergs
-Zelt.</p>
-
-<p>Nicht lange nachher stand der Mann vor ihm, dem er so
-unendlich viel zu danken hatte. Er wollte ihm danken, er wußte
-nicht, wie er ihm seine Ehrfurcht bezeigen sollte; doch Frondsberg
-sah ihn lächelnd an und zog ihn in seine Arme. »Keinen
-Dank, keine Entschuldigung!« sprach er; »sah ich doch alles dies
-voraus, als ich in Ulm von dir Abschied nahm; doch du wolltest
-es nicht glauben, wolltest dich vergraben in die Burg deiner
-Väter. Ich kann dich nicht schelten; glaube mir, das Feldlager
-und die Stürme so vieler Kriege haben mein Herz nicht so verhärtet,
-daß ich vergessen könnte, wie mächtig die Liebe zieht!«</p>
-
-<p>»Mein Freund, mein Vater!« rief Georg, indem er freudig
-errötete.</p>
-
-<p>»Ja, das bin ich; der Freund deines Vaters, dein Vater;
-drum war ich oft stolz auf dich, wenn du auch in den feindlichen
-Reihen standest; dein Name wurde, so jung du bist, mit Ehrfurcht
-genannt, denn Treue und Mut ehrt ein Mann auch an dem
-Feinde. Und glaube mir, es kam den meisten von uns erwünscht,
-daß der Herzog entkam; was konnten wir mit ihm beginnen?
-Der Truchseß hätte vielleicht einen übereilten Streich
-gemacht, den wir alle zu büßen gehabt hätten.«</p>
-
-<p>»Und was wird mein Schicksal sein?« fragte Georg. »Werde
-ich lange in Haft gehalten werden? Wo ist der Ritter von Lichtenstein?
-O mein Weib! darf sie mich nicht besuchen?«</p>
-
-<p>Frondsberg lächelte geheimnisvoll. »Das wird schwer halten,«
-sagte er, »du wirst unter sicherer Bedeckung auf eine Feste
-geführt und einem Wächter übergeben werden, der dich streng<span class="pagenum"><a id="Page_333">[333]</a></span>
-bewachen und nicht so bald entlassen wird. Doch sei nicht ängstlich,
-der Ritter von Lichtenstein wird mit dir dorthin abgeführt
-werden, und ihr beide müsset auf ein Jahr Urfehde schwören.«</p>
-
-<p>Frondsberg wurde hier durch drei Männer unterbrochen,
-die in das Zelt stürmten; es war der Feldhauptmann von
-Breitenstein und Dietrich von Kraft, die den Ritter von Lichtenstein
-in ihrer Mitte führten.</p>
-
-<p>»Hab' ich dich wieder, wackerer Junge!« rief Breitenstein,
-indem er Georgs Hand drückte. »Du machst mir schöne Streiche;
-dein alter Oheim hat dich mir auf die Seele gebunden, ich solle
-einen tüchtigen Kämpen aus dir ziehen, der dem Bunde Ehre
-mache, und nun läufst du zu dem Feind und haust und stichst auf
-uns, und hättest gestern beinahe die Schlacht gewonnen durch
-dein tollkühnes Stückchen auf unsere Geschütze.«</p>
-
-<p>»Jeder nach seiner Art,« entgegnete Frondsberg; »er hat
-uns aber auch in Feindes Reihen Ehre gemacht.«</p>
-
-<p>Der Ritter von Lichtenstein umarmte seinen Sohn. »Er
-ist in Sicherheit,« flüsterte er ihm zu, und beider Augen glänzten
-von Freude, zu der Rettung des unglücklichen Fürsten beigetragen
-zu haben. Da fielen die Blicke des alten Ritters auf
-den grünen Mantel, der noch immer um Georgs Schultern
-hing; er erstaunte, er sah ihn näher an. »Ha! jetzt erst verstehe
-ich ganz, wie alles so kommen konnte,« sprach er bewegt, und
-eine Träne der Freude hing in seinen grauen Wimpern; »sie
-nahmen <em class="gesperrt">dich</em> für ihn; was wäre aus ihm geworden, wenn dich
-der Mut nur einen Augenblick verlassen hätte? Du hast mehr
-getan als wir alle, du hast gesiegt, wenn wir jetzt auch Besiegte
-heißen; komm an mein Herz, du würdiger Sohn.«</p>
-
-<p>»Und Marx Stumpf von Schweinsberg?« fragte Georg;
-»auch er gefangen?«</p>
-
-<p>»Er hat sich durchgehauen, wer vermöchte auch seinen
-Hieben zu widerstehen? Meine alten Knochen sind mürbe,
-an mir liegt nichts mehr, aber er ist dem Herzog nachgezogen
-und wird ihm eine bessere Hilfe sein als fünfzig Reiter. Doch
-den Pfeifer sah ich nicht; sage, wie ist er entkommen aus dem
-Streit?«</p>
-
-<p>»Als ein Held,« erwiderte der junge Mann, von der Wehmut
-der Erinnerung bewegt; »er liegt erstochen an der Brücke.«</p>
-
-<p>»Tot?« rief Lichtenstein, und seine Stimme zitterte. »Die
-treue Seele! Doch wohl ihm, er hat getan wie ein Edler, und
-ist gestorben, treu, wie es Männern ziemt!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_334">[334]</a></span></p>
-
-<p>Frondsberg näherte sich ihnen und unterbrach ihre Reden.
-»Ihr scheint mir so niedergeschlagen,« sagte er; »seid mutig
-und getrost, alter Herr! Das Kriegsglück ist wandelbar, und
-Euer Herzog wird wohl auch wieder zu seinem Lande kommen;
-wer weiß, ob es nicht besser ist, daß wir ihn noch auf einige
-Zeit in die Fremde schickten. Leget Helm und Panzer ab; das
-Gefecht zum Frühstück wird euch die Lust zum Mittagessen nicht
-verdorben haben. Setzet euch zu uns. Ich erwarte gegen
-Mittag den Wächter, unter dessen Obhut ihr auf eine Burg
-gebracht werden sollet. Bis dahin lasset uns noch zusammen
-fröhlich sein!«</p>
-
-<p>»Das ist ein Vorschlag, der sich hören läßt,« rief Breitenstein.
-»Zu Tisch, ihr Herren; wahrlich, Georg, mit dir habe
-ich nicht mehr gespeist seit dem Imbiß im Ulmer Rathaussaal.
-Komm, wir wollen redlich nachholen, was wir versäumten.«</p>
-
-<p>Hans von Breitenstein zog Georg zu sich nieder, die anderen
-folgten seinem Beispiel, die Knechte trugen auf, und der edle
-Wein machte den Ritter von Lichtenstein und seinen Sohn vergessen,
-daß sie in mißlichen Verhältnissen, im feindlichen Lager
-seien, daß sie vielleicht einem ungewissen Geschick, und wenn
-sie die Reden Frondsbergs recht deuteten, einer recht langen
-Gefangenschaft entgegengehen. Gegen das Ende der Tafel
-wurde Frondsberg hinausgerufen; bald kam er zurück und sprach
-mit ernster Miene: »So gerne ich noch länger eure Gesellschaft
-genossen hätte, liebe Freunde, so tut es jetzt not, aufzubrechen.
-Der Wächter ist da, dem ich euch übergeben muß, und ihr müßt
-euch sputen, wollet ihr heute noch die Feste erreichen.«</p>
-
-<p>»Ist er ein Ritter dieser Wächter?« fragte Lichtenstein,
-indem sich seine Stirne in finstere Falten zog. »Ich hoffe,
-man wird auf unseren Stand Rücksicht genommen haben und
-uns ein anständiges Geleite geben?«</p>
-
-<p>»Ein Ritter ist er nicht,« antwortete Frondsberg lächelnd,
-»doch ist er ein anständiges Geleite; ihr werdet euch selbst davon
-überzeugen.« Er lüftete bei diesen Worten den Vorhang des
-Zeltes, und es erschienen die holden Züge <em class="gesperrt">Mariens</em>; mit
-dem Weinen der Freude stürzte sie an die Brust ihres Gatten,
-und der alte Vater stand stumm vor Ueberraschung und Rührung,
-küßte sein Kind auf die schöne Stirne und drückte die Hand des
-biedern Frondsberg.</p>
-
-<p>»Das ist euer Wächter,« sprach dieser, »und der Lichtenstein
-die Feste, wo sie euch gefangen halten soll. Ich sehe es<span class="pagenum"><a id="Page_335">[335]</a></span>
-ihren Augen an, sie wird den jungen Herrn nicht zu strenge
-halten, und der Alte wird sich nicht über sie beklagen können;
-doch rate ich Euch, Töchterchen, habet ein wachsames Auge auf
-die Gefangenen, lasset sie nicht wieder von der Burg, gestattet
-nicht, daß sie wieder Verbindungen mit gewissen Leuten anknüpfen;
-Ihr haftet mit Eurem Kopf dafür!«</p>
-
-<p>»Aber, lieber Herr,« entgegnete Marie, indem sie den Geliebten
-inniger an sich drückte und lächelnd zu dem strengen
-Herrn aufblickte: »bedenket, <em class="gesperrt">er</em> ist ja mein Haupt, wie kann ich
-ihm etwas befehlen?«</p>
-
-<p>»Eben deswegen hütet Euch, daß Ihr dieses Haupt nicht
-wieder verlieret; bindet ihn mit einem Liebesknoten recht fest,
-daß er Euch nicht entlaufe, er ändert nur gar zu leicht die
-Farbe; wir haben Beispiele!«</p>
-
-<p>»Ich trug nur <em class="gesperrt">eine</em> Farbe, mein väterlicher Freund!«
-entgegnete der junge Mann, indem er in die Augen seiner
-schönen Frau und auf die Feldbinde niedersah, die seine Brust
-umzog; nur <em class="gesperrt">eine</em>, und dieser blieb ich treu.«</p>
-
-<p>»Wohlan! So halte ferner nur zu ihr,« sagte Frondsberg
-und reichte ihm die Hand zum Abschied. »Lebe wohl! Die
-Pferde harren vor dem Zelt! bringet Eure Gefangenen sicher
-auf die Feste, schöne Frau, und gedenket huldreich des alten
-Frondsberg.«</p>
-
-<p>Marie schied von diesem Edlen mit Tränen in den Augen;
-auch die Männer nahmen bewegt seine Hand, denn sie wußten
-wohl, daß ohne seine Hilfe ihr Geschick sich nicht so freundlich
-gewendet hätte. Noch lange sah ihnen Georg von Frondsberg
-nach, bis sie an der äußersten Zeltgasse um die Ecke bogen.
-»Er ist in guten Händen,« sagte er dann, indem er sich zu
-Breitenstein wandte, »wahrlich, der Segen seines Vaters ruht
-auf ihm. Ein gutes schönes Weib und ein Erbe, wie wenige
-sind im Schwabenland.«</p>
-
-<p>»Ja, ja!« erwiderte Hans von Breitenstein, »seiner Klugheit
-und Vorsicht hat er es nicht zu danken; doch wer das Glück
-hat, führt die Braut heim; ich bin fünfzig alt geworden und
-gehe noch auf Freiersfüßen; Ihr auch, Herr Dietrich von Kraft,
-nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Mit nichten und im Gegenteil,« sagte dieser, wie aus einem
-Traum erwachend, »wenn man ein solches Paar sieht, weiß man,
-was man zu tun hat. In dieser Stunde noch setze ich mich in
-meine Sänfte, reise nach Ulm und führe meine Base heim;
-lebet wohl, ihr Herren!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_336">[336]</a></span></p>
-
-<p>Als der schwäbische Bund Württemberg wiedererobert
-hatte, richtete er seine Regierung wieder ein und beherrschte
-das Land wieder wie im Sommer 1519. Die Anhänger des
-vertriebenen Herzogs mußten Urfehde schwören und wurden auf
-ihre Burgen verwiesen. Georg von Sturmfeder und seine
-Lieben, die dieses Schicksal mit betraf, lebten zurückgezogen auf
-Lichtenstein, und Marien und ihrem Gatten ging in ihrem
-stillen häuslichen Glück ein neues Leben auf.</p>
-
-<p>Noch oft, wenn sie am Fenster des Schlosses standen und
-hinabschauten auf Württembergs schöne Fluren, gedachten sie
-des unglücklichen Fürsten, der einst hier mit ihnen auf sein
-Land hinabgeblickt hatte; und dann dachten sie nach über die
-Verkettung seiner Schicksale, und wie durch eine sonderbare
-Fügung auch ihr eigenes Geschick mit dem seinigen verbunden
-war; und wenn sie sich auch gestanden, daß ihr Glück vielleicht
-nicht so frühe, nicht so schön aufgeblüht wäre ohne diese Verknüpfung,
-so wurde doch ihre Freude durch den Gedanken getrübt,
-daß der Stifter ihres Glückes noch immer ferne von
-seinem Lande, im Elend der Verbannung lebe. Erst viele
-Jahre nachher gelang es dem Herzog, Württemberg wiederzuerobern.
-Doch als er, geläutert durch Unglück, als ein weiser
-Fürst zurückkehrte, als er die alten Rechte ehrte und die Herzen
-seiner Bürger für sich gewann, als er jene heiligen Lehren,
-die er in fernem Lande gehört, die so oft sein Trost in einem
-langen Unglück geworden waren, seinem Volke predigen ließ
-und einen geläuterten Glauben mit den Grundgesetzen seines
-Reiches verband, da erkannten Georg und Marie den Finger
-einer gütigen Gottheit in den Schicksalen Ulrichs von Württemberg,
-und sie segneten den, der dem Auge des Sterblichen die
-Zukunft verhüllt und auch hier wie immer durch Nacht zum
-Lichte führte.</p>
-
-<p>Der Name der Lichtenstein im Württemberger Land ging
-mit dem alten Ritter zu Grabe; doch erlebte er noch im hohen
-Alter die Freude, seine blühenden Enkel waffenfähig zu sehen.
-So geht Geschlecht um Geschlecht über die Erde hin, das Neue
-verdrängt das Alte, und nach dem kurzen Zeitraum von fünfzig
-oder hundert Jahren sind biedere Männer, treue Herzen vergessen;
-ihr Gedächtnis übertönt der rauschende Strom der
-Zeiten, und nur wenige glänzende Namen tauchen auf aus
-diesen Fluten des Lethe und spielen in ihrem ungewissen Schimmer
-auf den Wellen. Doch wohl dem, dessen Taten jene stille
-Größe in sich tragen, die den Lohn in sich selbst findet und ohne<span class="pagenum"><a id="Page_337">[337]</a></span>
-Dank bei der Mitwelt, ohne Ansprüche auf die Nachwelt entsteht,
-ins Leben tritt &ndash; verschwindet. So ist auch der Name
-des Spielmanns von Hardt verklungen, und nur leise Nachklänge
-von seinem Wirken wehen uns an, wenn die Hirten der
-Gegend die Ulrichshöhle zeigen und von dem Mann sprechen,
-der seinen unglücklichen Herzog hier verbarg; so sind selbst jene
-romantischen Züge aus Ulrichs Leben zur Fabel geworden, der
-Geschichtschreiber verschmäht sie als unwesentliche Außendinge,
-und sie erscheinen uns nur, wenn man auf den Höhen von Lichtenstein
-von dem Herzog erzählt, der allnächtlich vor das Schloß
-kam, und wenn man uns auf der Brücke von Köngen die Stelle
-zeigt, wo jener Unerschrockene den Sprung auf Leben und Tod
-in die Tiefe wagte.</p>
-
-<p>Und sie erscheinen uns da, diese Sagen, wie ungewisse
-Schatten, die eine große Gestalt vom Berge in die Nebel des
-Tales wirft, und der kältere Beobachter lächelt, wenn man ihnen
-wirkliches Leben und jene Farben verleihen will, die ihr unsicheres
-Grau zu einem Bild des Lebens umwandeln. Auch
-Lichtensteins alte Feste ist längst zerfallen, und auf den Grundmauern
-der Burg erhebt sich ein freundliches Jägerhaus, fast
-so luftig und leicht wie jene spanischen Schlösser, die man in
-unsern Tagen auf die Grundpfeiler des Altertums erbaut. Noch
-immer breiten sich Württembergs Gefilde so reich und blühend
-wie damals vor dem entzückten Auge aus, als Marie an des
-Geliebten Seite hinabsah und der unglücklichste seiner Herzoge
-den letzten Scheideblick von Lichtensteins Fenstern auf sein Land
-warf. Noch prangen jene unterirdischen Gemächer, die den
-Geächteten aufnahmen, in ihrer alten Pracht und Herrlichkeit,
-und die murmelnden Wasser, die sich in eine geheimnisvolle
-Tiefe stürzen, scheinen längst verklungene Sagen noch einmal
-wiedererzählen zu wollen.</p>
-
-<p>Es ist eine schöne Sitte, daß die Bewohner dieses Landes,
-auch aus entfernteren Gegenden, um die Zeit des Pfingstfestes
-sich aufmachen, um Lichtenstein und die Höhle zu besuchen. Viele
-hundert schöne Schwabenkinder und holde Frauen, begleitet von
-Jünglingen und Männern, ziehen herauf in diese Berge; sie
-steigen nieder in den Schoß der Erde, der an seinen kristallenen
-Wänden den Schein der Lichter tausendfach wiedergibt, sie füllen
-die Höhle mit Gesang und lauschen auf ihr Echo, welches die
-murmelnden Bäche der Tiefe melodisch begleiten, sie bewundern
-die Werke der Natur, die sich auch ohne das milde Licht der
-Sonne, ohne das fröhliche Grün der Felder so herrlich zeigt.<span class="pagenum"><a id="Page_338">[338]</a></span>
-Dann steigen sie herauf zum Lichte, und die Erde will ihnen
-noch schöner bedünken als zuvor; ihr Weg führt immer aufwärts
-zu den Höhen von Lichtenstein, und wenn dort die Männer
-im Kreise schöner Frauen, die Becher in der Hand, auf die
-weiten Fluren hinabschauen, wie sie bestrahlt von einer milden
-Sonne im lieblichsten Schmelz der Farben sich ausbreiten,
-dann preisen sie diese lichten Höhen, dann preisen sie ihr gesegnetes
-Vaterland. Dann kehrt, wie in den alten Tagen, Gesang
-und Jubel und der fröhliche Klang der Pokale auf den
-Lichtenstein zurück und weckt das Echo seiner Felsen und weckt
-mit ihm die Geister dieser Burg, daß sie die fröhlichen Gäste
-umschweben und mit ihnen hinabschauen auf das alte Württemberg.
-Ob auch das holde Fräulein von Lichtenstein, ob
-Georg und der alte Ritter mit ihnen heraufschwebt, ob jener
-treue Spielmann in den Tagen des Frühlings seinem Grab
-entsteigt und, wie er im Leben zu tun pflegte, hinaufzieht nach
-der Burg, das Fest mit Gesang und Spiel zu schmücken? Wir
-wissen es nicht; doch wenn wir im Abendschein, auf den Felsen
-gelagert, die Landschaft überschauten, wenn wir von den alten
-guten Zeiten und ihren Sagen sprechen, wenn sich die Sonne
-allmählich senkte und nur das Schlößchen noch selig und freundlich
-in seiner Einsamkeit, von den letzten Strahlen mit einem
-rötlichen Schein umgossen, auf seinem Felsen ruhte &ndash; da glaubten
-wir im Wehen der Nachtluft, im Rauschen der Bäume, im
-Säuseln der Blätter bekannte Stimmen zu vernehmen, es war
-uns, als flüsterten sie uns ihre Grüße zu, als erzählten sie uns
-alte Sagen von ihrem Leben und Treiben. Manches haben wir
-an solchen Abenden erfahren, manches Bild stieg in uns auf
-und schien sich vor unseren Blicken zu verwirklichen, und die
-es uns woben und malten, die uns ihre romantischen Sagen
-zuflüsterten, wir glauben, es waren &ndash; <em class="gesperrt">die Geister von
-Lichtenstein</em>.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_339">[339]</a></span></p>
-
-<h2 id="Anmerkungen">Anmerkungen.</h2>
-</div>
-
-<p><a id="Footnote_1_2"></a><a href="#FNanchor_1_2"><span class="label">[1]</span></a> <em class="gesperrt">Ulrich von Württemberg</em>, geb. 1487, wurde 1498
-in seinem elften Jahre als Herzog belehnt mit einer Mitregentschaft,
-welche in seinem sechzehnten Jahr aufgehoben wurde,
-worauf Ulrich von 1503 an allein regierte. Er starb im Jahre 1550.</p>
-
-<p><a id="Footnote_2_3"></a><a href="#FNanchor_2_3"><span class="label">[2]</span></a> Es ist hier Eberhardt im Bart gemeint, der, geb. 1445,
-gest. 1496, sehr weise regierte. Er war der erste Herzog von
-Württemberg. Christoph, geb. 1515, gest. 1568, ein Fürst, dessen
-Andenken nicht nur in Württemberg, sondern in ganz Deutschland
-gesegnet wird. Er ist der Stifter der württembergischen
-Konstitution.</p>
-
-<p><a id="Footnote_3_4"></a><a href="#FNanchor_3_4"><span class="label">[3]</span></a> <em class="antiqua">Christ. Tubingii Chron. Blabur., ad annum 1516; Maximilianus
-Caesar ex suggestione ducis Bavariae et sororis uxoris
-Udalrici aliorumque non multum Udalrico deinceps favere cepit.</em></p>
-
-<p><a id="Footnote_4_5"></a><a href="#FNanchor_4_5"><span class="label">[4]</span></a> Das Nähere über diese Einnahme ist in der trefflichen
-Geschichte Württembergs von C. Pfaff I. 291, und Sattler, Geschichte
-der Herzoge von Württemberg II. 5, hauptsächlich aber
-bei Pedius Thetinger in <em class="antiqua">Comment. de reb. würtemb. sub. Ulrico
-Lib. I. in fine</em>, und <em class="antiqua">Schradii script. rerum germ. Tom. II. p. 885</em>
-zu lesen.</p>
-
-<p><a id="Footnote_5_6"></a><a href="#FNanchor_5_6"><span class="label">[5]</span></a> Der Herzog hatte mit Landgraf Philipp von Hessen ein
-Bündnis errichtet auf zweihundert Reiter und sechshundert zu
-Fuß, ebenso mit Markgraf Ernst von Baden, aber sie entschuldigten
-sich beide, daß sie selbst mit einem Einfall bedroht seien.</p>
-
-<p><a id="Footnote_6_7"></a><a href="#FNanchor_6_7"><span class="label">[6]</span></a> Georg von Frondsberg, geb. 1475, gest. 1528, einer der berühmtesten
-Feldherren seiner Zeit, der in Deutschland, Frankreich,
-Italien, den Niederlanden sich mit Ruhm bedeckte. Er ist
-derselbe, der 1521 zu Luther, der auf den Reichstag zu Worms
-geladen war, jene denkwürdigen Worte sagte: »Munchlein,
-Munchlein, du gehst jetzt einen gefährlichen Gang« usw.</p>
-
-<p><a id="Footnote_7_8"></a><a href="#FNanchor_7_8"><span class="label">[7]</span></a> So nennt ihn Sattler, Geschichte der Herzoge II. 8.</p>
-
-<p><a id="Footnote_8_9"></a><a href="#FNanchor_8_9"><span class="label">[8]</span></a> Ulrich von Hutten, geb. 1488, starb 1523 auf Ufnau im
-Züricher See. Er ist berühmt durch eine große Anzahl Schriften
-und als kühner Beförderer der Reformation. Er griff Ulrich von
-Württemberg in Gedichten, Briefen und Reden an, die der gelehrte
-Nikolaus Barbatus zu Marburg in sehr geläufigem Latein
-mit triftigen Gründen widerlegt. Vergl. Schradius II. 385. Bekannt
-ist sein Wahlspruch: »<em class="antiqua">Jacta alea esto.</em>«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_340">[340]</a></span></p>
-
-<p><a id="Footnote_9_10"></a><a href="#FNanchor_9_10"><span class="label">[9]</span></a> Franz von Sickingen, ein berühmter Zeitgenosse des letzteren.
-Er wird in diesem Krieg von Sattler als österreichischer
-Rat aufgeführt.</p>
-
-<p><a id="Footnote_10_11"></a><a href="#FNanchor_10_11"><span class="label">[10]</span></a> Götz von Berlichingen erzählt in seinem Leben (Ausgabe
-von Franck von Steigerwald, Nürnberg 1731) weitläufig,
-wie es sich zugetragen, daß er zum Herzog Ulrich gehalten habe.
-S. 142 fährt er fort: »Da zog der Herzog vor Reutlingen und
-gewann es auch, darum sich auch Ihre fürstliche Gnaden und
-mein Unglück anheben tat, daß Ihre fürstliche Gnaden verjagt
-worden und ich darob zu Scheitern ging.« Denn der schwäbische
-Bund nahm nicht Rücksicht darauf, daß Götz kurz vorher dem
-Herzog seine Dienste aufgesagt hatte, sondern belagerte ihn in
-Möckmühl und nahm ihn gefangen.</p>
-
-<p><a id="Footnote_11_12"></a><a href="#FNanchor_11_12"><span class="label">[11]</span></a> Die Herren von Spät waren der Herzogin auf ihrer
-Flucht aus dem Lande behilflich gewesen. Der Herzog hatte
-bittere Rache an ihren Gütern genommen.</p>
-
-<p><a id="Footnote_12_13"></a><a href="#FNanchor_12_13"><span class="label">[12]</span></a> Siehe C. Pfaffs Geschichte I. 278.</p>
-
-<p><a id="Footnote_13_14"></a><a href="#FNanchor_13_14"><span class="label">[13]</span></a> Es sind dies Frondsbergs eigene Worte, die er zu Götz
-von Berlichingen sprach, und die dieser in seiner Geschichte,
-Seite 83, anführt.</p>
-
-<p><a id="Footnote_14_15"></a><a href="#FNanchor_14_15"><span class="label">[14]</span></a> Die Eidgenossen verboten zuerst nur die Werbungen des
-Herzogs in ihren Landen, wie aus Sattler, Beilage Nr. 8 zum
-zweiten Teil der Herzoge erhellt. Nachher riefen sie ihre Leute
-ganz zurück, und zwar auf die Vorstellungen des schwäbischen
-Bundes.</p>
-
-<p><a id="Footnote_15_16"></a><a href="#FNanchor_15_16"><span class="label">[15]</span></a> Ein gedrucktes Schreiben »des Bundes zu Schwaben an
-gemeine Landschaft zu Württemberg« dieses Inhaltes vom 24.
-Mart. 1519 findet sich in der Beilage Nr. 12 bei Sattler.</p>
-
-<p><a id="Footnote_16_17"></a><a href="#FNanchor_16_17"><span class="label">[16]</span></a> Sie zogen den 17. März ab. Der Herzog reiste sogleich
-nach Kirchheim, um sie aufzuhalten, allein hier kam eine zweite
-Ordre, unter Bedrohung des Verlustes ihrer Güter und der Leib-
-und Lebensstrafe, nach Haus zu eilen. Sattler, II. § 6. Thetinger
-S. 66. <em class="antiqua">Interim cum Helvetiorum primoribus agunt
-foederati, missis in urbes eorum legatis, ne Ducis Huldrichi
-negotio belloque se nunc immisceant, suos abscedere jubeant.</em></p>
-
-<p><a id="Footnote_17_18"></a><a href="#FNanchor_17_18"><span class="label">[17]</span></a> Sattler § 6. Ausführlich führt diese Rede an: Thetinger
-<em class="antiqua">comment de reb. würtemb. p. 66</em>.</p>
-
-<p><a id="Footnote_18_19"></a><a href="#FNanchor_18_19"><span class="label">[18]</span></a> Diese Ergebenheit und Treue der Württemberger beschreibt
-am angeführten Ort Thetinger. Als einen sehr wichtigen
-Grund gegen die Angriffe Huttens führt sie auch Nikolaus
-Barbatus in seiner zu Marburg gehaltenen Rede auf. Vergl.
-Schradius II. 386. Wir machen auf diesen Umstand besonders
-aufmerksam, weil man gewöhnlich annimmt, es sei den Württembergern
-recht gewesen, daß man Ulrich verjagte; Thetingers
-Worte sind: »Als dies die Württemberger hörten, beklagten sie<span class="pagenum"><a id="Page_341">[341]</a></span>
-ihr Schicksal heftig, das ihnen nicht vergönne zu fechten.« &ndash;
-<em class="antiqua">Magno fremitu fortunam suam questi.</em> &ndash; Noch merkwürdiger
-sind die Worte Nikolai Barbati; er sucht die Beschuldigungen
-Ulrichs von Hutten zu widerlegen: »Welcher Tyrann war den
-Seinigen wert? Ulrich lieben die Seinigen. Welcher Tyrann
-wird, wenn er verjagt ist, von seinen Untergebenen zurückgewünscht?
-Mit Bitten und Gebet wünschen sich seine Untergebenen
-den Herzog zurück und bitten die Götter, sie möchten ihnen den
-Herrn zurückgeben« usw.</p>
-
-<p><a id="Footnote_19_20"></a><a href="#FNanchor_19_20"><span class="label">[19]</span></a> Ulrich beklagte sich mehreremal über die Nachstellungen
-seiner Feinde. Im Jahr 1534 soll ein für ihn von Dietrich Spät
-gedungener Meuchelmörder gefangen worden sein. Sattler, Gesch.
-d. Herzoge. 3. Seite 47. Im Jahre 1536 wurde im Amt Dornstetten
-ein Zigeuner verhaftet, welcher aussagte, von Herzog
-Wilhelm in Bayern für <span id="corr341">Ermordung</span> des Herzogs drei Gulden
-bekommen zu haben. C. Pfaffs Geschichte I. 288. Ein Beweis,
-daß solche Versuche vorkamen.</p>
-
-<p><a id="Footnote_20_21"></a><a href="#FNanchor_20_21"><span class="label">[20]</span></a> Diese Sage erzählt G. Schwab, der treue, freundliche
-Wegweiser über die schwäbische Alb. Er hat sie in einer Romanze:
-»Der Bau des Reissensteins« der Nachwelt aufbewahrt.</p>
-
-<p><a id="Footnote_21_22"></a><a href="#FNanchor_21_22"><span class="label">[21]</span></a> Ausführlicher beschreibt diese Operationen des Bundes
-Sattler in seiner Gesch. d. Herz. v. W. II. § 6 usw. Man vergleiche
-hierüber auch die Geschichte des Herrn von Frondsberg,
-zweites Buch, und Friedrich Stumphardt von Kannstatt, Chronik
-der gewaltsamen Verjagung des Herzogs Ulrich, 1534, und
-Spener, <em class="antiqua">Histor. Germ. univers. L. III. C. 4. 23</em>.</p>
-
-<p><a id="Footnote_22_23"></a><a href="#FNanchor_22_23"><span class="label">[22]</span></a> Dieser Verrat von Teck fand wirklich also statt. Vergl.
-z. B. Sattler II. § 7.</p>
-
-<p><a id="Footnote_23_24"></a><a href="#FNanchor_23_24"><span class="label">[23]</span></a> Lebensbeschreibung Götzens von Berlichingen, von ihm
-selbst geschrieben, <em class="antiqua">edit. Pistorius</em>. Nürnberg 1731.</p>
-
-<p><a id="Footnote_24_25"></a><a href="#FNanchor_24_25"><span class="label">[24]</span></a> Sattler II. § 9. Hierüber ist vorzüglich zu vergleichen
-Friedr. Stumphardt, Chron. § 3. Die Geschichte der Herren von
-Frondsberg. Frankfurt a. M. 2. Buch, und Thetinger, <em class="antiqua">Commentarius
-de Würt. reb. gest. Lib. II</em>.</p>
-
-<p><a id="Footnote_25_26"></a><a href="#FNanchor_25_26"><span class="label">[25]</span></a> Bei dieser Belagerung wurde Georg von Frondsberg
-das Barett vom Kopf geschossen. So erzählen Sattler, Stumphardt,
-Thetinger u. a.</p>
-
-<p><a id="Footnote_26_27"></a><a href="#FNanchor_26_27"><span class="label">[26]</span></a> Diese Griechen sind eine sonderbare Erscheinung bei der
-Belagerung von Tübingen: man hieß sie Stratioten; ihr Hauptmann
-war Georg Samaras aus Corona in Albanien. Er ist in
-der Stiftskirche in Tübingen begraben. Ausführlich beschreibt sie
-Thetinger, <em class="antiqua">Comment. de Würtemb.</em> gest. 931. Crusius nennt sie
-vorzüglich berühmt im Lanzenschwingen.</p>
-
-<p><a id="Footnote_27_28"></a><a href="#FNanchor_27_28"><span class="label">[27]</span></a> Man vergleiche über diesen Volkswitz des <em class="gesperrt">Freiherrn
-von Aretin</em> Beiträge zur Geschichte und Literatur. 1805.<span class="pagenum"><a id="Page_342">[342]</a></span>
-5. Stück, S. 438. Das Lied wurde zu Anfang des Jahres 1520,
-nachdem Reutlingen von Herzog Ulrich genommen war, von des
-letztern Feinden verbreitet und ihm in den Mund gelegt.</p>
-
-<p><a id="Footnote_28_29"></a><a href="#FNanchor_28_29"><span class="label">[28]</span></a> In der Chronik des Georg Stumphardt über die gewaltsame
-Verjagung des Herzogs Ulrich findet sich als eigener
-Artikel ein: »<em class="gesperrt">gereimter Spruch, also lautend</em>«, wo in
-einer großen Menge Knüttelversen das Unglück des Herzogs und
-des Landes beschrieben ist. Aus diesem Gedicht sind jene Verse
-im Text entlehnt.</p>
-
-<p><a id="Footnote_29_30"></a><a href="#FNanchor_29_30"><span class="label">[29]</span></a> Anspielung auf das Wappen von Württemberg. Vergl.
-Anm. 31.</p>
-
-<p><a id="Footnote_30_31"></a><a href="#FNanchor_30_31"><span class="label">[30]</span></a> Diese merkwürdige Höhle haben wir nach der Natur zu
-zeichnen versucht. Es bleibt noch übrig, hier einige Notizen über
-ihre inneren Verhältnisse zu geben. Die Vorhöhle beträgt etwas
-über 150 Fuß im Umfange; von hier aus laufen zwei Gänge
-nach verschiedenen Richtungen, die aber nach einer Länge von
-beinahe 200 Fuß wieder zusammentreffen. Auf diesen Wegen
-trifft man zwei Felsensäle, den einen von 100, den andern von
-82 Fuß Länge. Wo diese Gänge sich vereinigen, bilden sie
-wieder eine Grotte; von hier aus rechts gegen Norden, mehr in
-der Höhe, liegt wieder eine kleinere Kammer, es ist die, in welche
-wir den Leser zu dem vertriebenen Mann geführt haben. Die
-weiteste Entfernung vom Eingang der Höhle bis zu ihrem Ende
-beträgt 577 Fuß. Man vergleiche hierüber die so interessante
-als getreue Beschreibung der schwäb. Alb von G. Schwab.</p>
-
-<p><a id="Footnote_31_32"></a><a href="#FNanchor_31_32"><span class="label">[31]</span></a> Drei Hirschgeweihe, wovon die zwei obersten vier, das
-untere aber drei Enden hat, sind das <em class="gesperrt">alte Wappen</em> von
-Württemberg.</p>
-
-<p><a id="Footnote_32_33"></a><a href="#FNanchor_32_33"><span class="label">[32]</span></a> Crusius beschreibt in seiner Chronik das Schlößchen
-Lichtenstein, wie wir es hier nacherzählen. Er sah es zu Ende
-des sechzehnten Jahrhunderts, also etwa 70 Jahre nach dem
-Jahre 1519. Dort findet sich auch die hieher gehörige Stelle:
-</p>
-<p>
-»Im obern Stockwerk ist ein überaus schöner Saal, ringsum
-mit Fenstern, aus welchen man bis an den Asperg sehen kann:
-<em class="gesperrt">darin hat der vertriebene Fürst, Ulrich von
-Württemberg, öfter gewohnt, der des Nachts
-vor das Schloß kam und nur sagte: ›Der Mann
-ist da!‹ so wurde er eingelassen.</em>« Wo aber wohnte
-er den Tag über? Wo hielt sich der Vertriebene auf? Die
-Frage lag sehr nahe.
-</p>
-<p>
-Jetzt ist in die Ruinen des alten Schlosses ein Jägerhaus
-erbaut, das noch immer den Namen des »Lichtensteiner Schlößleins«
-trägt und am fröhlichen Pfingstfest einer lebensfrohen
-Menge zum Tummelplatz dient.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_343">[343]</a></span></p>
-
-<p><a id="Footnote_33_34"></a><a href="#FNanchor_33_34"><span class="label">[33]</span></a> Er schickte einen tapfern Ritter, Marx Stumpf von
-Schweinsberg, an sie mit einem beweglichen Schreiben, das
-Schloß nicht zu übergeben, sondern, wo sie solches auch tun wollten,
-ihm wieder Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu kommen;
-weil er in selbigem zu sterben bereit sei, wenn es Gott über
-ihn verhänge. Sattler, Gesch. der Herz. v. Württemb. II. 15.</p>
-
-<p><a id="Footnote_34_35"></a><a href="#FNanchor_34_35"><span class="label">[34]</span></a> Diesen merkwürdigen Hund beschreibt Thetinger als
-einen Liebling Ulrichs ausführlich. A. a. O. S. I. 58.</p>
-
-<p><a id="Footnote_35_36"></a><a href="#FNanchor_35_36"><span class="label">[35]</span></a> »Hie gut Württemberg alleweg« findet sich oft als Wahlspruch
-dieser Partei. Vergl. Pfaffs Geschichte Württembergs
-Bd. I. S. 306.</p>
-
-<p><a id="Footnote_36_37"></a><a href="#FNanchor_36_37"><span class="label">[36]</span></a> »Der Tüfell gsegen jn allen!« sind die Worte des Chronisten
-Stumphardt, die ihm unwillkürlich entschlüpfen, indem er
-die Unterhandlung der Ritter »beim kühlen Wein« beschreibt.</p>
-
-<p><a id="Footnote_37_38"></a><a href="#FNanchor_37_38"><span class="label">[37]</span></a> Herzog Ulrich beklagt sich wiederholt, namentlich in
-diesem Zeitpunkt, daß seine Gegner so viele Lügen gegen ihn
-ausstreuen. Er verteidigt sich darüber, besonders in seinen
-Briefen an die schweizerische Eidgenossenschaft. So streuten
-seine Feinde im Jahre 1519 aus, er habe einen Edelknaben,
-Wilhelm von Janowiz, entzwei gehauen. Doch Janowiz lebte
-noch im Jahre 1562 und war Anno 1560 Kommandant der Feste
-Asperg. Aber jene Lüge machte damals großes Aufsehen, daher
-kam es, daß ein Schweizer, dem man diesen Mann zeigte und
-sagte, was die Feinde des Herzogs von ihm ausgestreut haben,
-antwortete: »<em class="gesperrt">Er muß nochten ein guter Barbier
-gsyn syn, der den Knaben so suber gehailt hat.</em>«
-(Sattler II. § 24.)</p>
-
-<p><a id="Footnote_38_39"></a><a href="#FNanchor_38_39"><span class="label">[38]</span></a> <em class="gesperrt">Sattler</em> erzählt dies folgendermaßen: Der schwäbische
-Bund hatte einen großen Teil seiner Kriegsknechte abgedankt,
-diese wurden darüber schwierig, sie rottierten sich zusammen,
-richteten zwölf Fähnlein auf, erwählten ihre Hauptleute
-und machten unter sich nach damaligem Gebrauch eine Regimentsordnung.
-Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Herzog
-diese Leute an sich gezogen. Geschichte der Herzoge v. Württemb.
-II. §&nbsp;16.</p>
-
-<p><a id="Footnote_39_40"></a><a href="#FNanchor_39_40"><span class="label">[39]</span></a> Dieses Lied führt auch Lessing in der Sammlung auf,
-die den Namen trägt: »Altdeutscher Witz und Verstand.«</p>
-
-<p><a id="Footnote_40_41"></a><a href="#FNanchor_40_41"><span class="label">[40]</span></a> Der Schwaben- und Frankenbund hielt in diesem Sommer
-einen Bundestag in Nördlingen. Auch die Herzogin Sabina
-und der Herzog von Bayern fanden sich dort ein, um hauptsächlich
-über Württemberg zu entscheiden. Sattler II. § 15.</p>
-
-<p><a id="Footnote_41_42"></a><a href="#FNanchor_41_42"><span class="label">[41]</span></a> Die Regentschaft mußte zu jener Zeit viel seltsamer,
-leichtfertiger und böser Reden hören. Der Keller in Göppingen
-berichtete einmal, man habe auf der Straße zwischen Grunbach
-und Heppach einen Kieselstein gefunden, auf dessen einer Seite<span class="pagenum"><a id="Page_344">[344]</a></span>
-ein Hirschgeweih mit der Unterschrift: »Hie gut Württemberg
-alleweg«, auf der andern Seite ein Jagdhorn mit den Worten:
-»<em class="antiqua">Vive Dux Ulrice</em>« zu sehen waren. Vergl. Pfaffs Geschichte
-von Württemberg I. 306.</p>
-
-<p><a id="Footnote_42_43"></a><a href="#FNanchor_42_43"><span class="label">[42]</span></a> Ueber dieses neutrale Verhalten des Adels ist zu vergleichen
-Sattler II. § 19.</p>
-
-<p><a id="Footnote_43_44"></a><a href="#FNanchor_43_44"><span class="label">[43]</span></a> »Der Herzog zog sich mit ungefähr 6000 Mann Landvolk
-nach Stuttgart, und die angeworbenen Knechte legte er
-nach Kannstatt.« Sattler II. § 21. »Der Herzog, als er erfuhr,
-daß der Feind so nahe sei, rief die Seinigen schnell aus Städten
-und Dörfern herbei, die auch sogleich erschienen.« <em class="antiqua">Thetingeri
-Commentarius etc. lib. III.</em></p>
-
-<p><a id="Footnote_44_45"></a><a href="#FNanchor_44_45"><span class="label">[44]</span></a> Wir benützen zur Beschreibung dieser Schlacht hauptsächlich:
-Joh. Bezzi hist. <em class="antiqua">Ulrici Ducis Würt.</em> und Thetinger,
-der besonders bei dem Angriff der Reiterei auf den mit Geschütz
-besetzten Hügel sehr ins einzelne geht.</p>
-
-<p><a id="Footnote_45_46"></a><a href="#FNanchor_45_46"><span class="label">[45]</span></a> Graf Georg von Württemberg und Mömpelgard, der
-Bruder Ulrichs, ist der Stammvater des jetzigen Regentenhauses
-von Württemberg.
-</p>
-<p>
-Sein Sohn war Friedrich I. reg. Herzog, der das Herzogtum
-erhielt, weil Ludwig, Christophs Sohn, ohne männliche Deszendenz
-starb.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter transnote" id="tnextra">
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-</p>
-<p>
-Korrekturen:
-</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 6: Fußnote ohne Anker gelöscht:<br />
- Die Anmerkungen befinden sich am Ende dieser Erzählung.</p>
-<p>
-S. 33: viel → viel wie<br />
- muß sich so <a href="#corr033">viel wie</a> möglich</p>
-S. 78: überrascht → überraschend<br />
- Entscheidung doch zu <a href="#corr078">überraschend</a>
-<p>
-S. 87: Ritterschaft → Ritterhaft<br />
- Das ist halt die <a href="#corr087">Ritterhaft</a></p>
-<p>
-S. 101: Laune → Leute<br />
- Gastfreundschaft der guten <a href="#corr101">Leute</a></p>
-<p>
-S. 142: bunten → runden<br />
-Tafeltuch über den <a href="#corr142">runden</a> Tisch</p>
-<p>
-S. 143: Schlüssel → Schüssel<br />
- schob die <a href="#corr143">Schüssel</a> weit hinweg</p>
-<p>
-S. 237: ficht → ficht keiner<br />
- wie der <a href="#corr237">ficht keiner</a> in der Türkei
-
-S. 341: Ermorderung → Ermordung<br />
- in Bayern für <a href="#corr341">Ermordung</a> des Herzogs</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
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-
-End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i
- sechs Bänden. Dritter Band, by Wilhelm Hauff
-
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-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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-information can be found at the Foundation's web site and official
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- Dr. Gregory B. Newby
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-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
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-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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