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Dritter Band - -Author: Wilhelm Hauff - -Annotator: Alfred Weile - -Release Date: December 7, 2019 [EBook #60873] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Wilhelm Hauffs - - sämtliche Werke in sechs Bänden - - Mit einer biographischen Einleitung - von _Alfred Weile_ - - Neu durchgesehene Ausgabe - - :: :: in neuester Rechtschreibung :: :: - - Dritter Band. - - A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei - _Berlin_ NO.⁴³ Neue Königstr. 9 - - - - -Lichtenstein. - -Romantische Sage aus der württembergischen Geschichte. - - - - -Einleitung. - - Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, - Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte; - Doch euren Augen soll ihn jetzt die Kunst, - Auch euren Herzen menschlich näher bringen: -- - Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang - Und wälzt die größre Hälfte seiner Schuld - Den unglückseligen Gestirnen zu. - - _Schiller_. - - -Die Sage, womit sich die folgenden Blätter beschäftigen, gehört -jenem Teil des südlichen Deutschlands an, welcher sich zwischen den -Gebirgen der Alb und des Schwarzwaldes ausbreitet. Das erstere dieser -Gebirge schließt, von Nordwest nach Süden in verschiedener Breite sich -ausdehnend, in einer langen Bergkette dieses Land ein, der Schwarzwald -aber zieht sich von den Quellen der Donau bis hinüber an den Rhein und -bildet mit seinen schwärzlichen Tannenwäldern einen dunkeln Hintergrund -für die schöne, fruchtbare, weinreiche Landschaft, die, vom Neckar -durchströmt, an seinem Fuße sich ausbreitet und Württemberg heißt. - -Dieses Land schritt aus geringem, dunklem Anfang unter mancherlei -Kämpfen siegend zu seiner jetzigen Stellung unter den Nachbarstaaten -hervor. Es erregt dies um so größere Bewunderung, wenn man die Zeit -bedenkt, in welcher sein Name zuerst aus dem Dunkel tritt; jene Zeit, -wo mächtige Grenznachbarn, wie die Staufen, die Herzöge von Teck, die -Grafen von Zollern um seine Wiege gelagert waren; wenn man die inneren -und äußeren Stürme bedenkt, die es durchzogen und oft selbst seinen -Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen drohten. - -Gab es ja doch sogar eine Zeit, wo der Stamm seiner Beherrscher auf -ewig aus den Hallen ihrer Väter verdrängt schien, wo sein unglücklicher -Herzog aus seinen Grenzen fliehen und in drückender Verbannung leben -mußte, wo fremde Herren in seinen Burgen hausten, fremde Söldner das -Land bewachten, und wenig fehlte, daß Württemberg aufhörte zu sein, -jene blühenden Fluren zerrissen und eine Beute für viele oder eine -Provinz des Hauses Oesterreich wurde. - -Unter den vielen Sagen, die von ihrem Lande und der Geschichte ihrer -Väter im Munde der Schwaben leben, ist wohl keine von so hohem -romantischen Interesse als die, welche sich an die Kämpfe der eben -erwähnten Zeit, an das wunderbare Schicksal jenes unglücklichen Fürsten -knüpft. Wir haben versucht, sie wiederzugeben, wie man sie auf den -Höhen von Lichtenstein und an den Ufern des Neckars erzählen hört, -wir haben es gewagt, auch auf die Gefahr hin, verkannt zu werden. -Man wird uns nämlich entgegenhalten, daß sich der Charakter Ulrichs -von Württemberg[1] nicht dazu eigne, in einem historischen Romane -mit milden Farben wiedergegeben zu werden. Man hat ihn vielfach -angefeindet, manches Auge hat sich sogar daran gewöhnt, wenn es die -lange Bilderreihe der Herzoge Württembergs mustert, mit scheuem Blick -vom ältern Eberhard auf Christoph[2] überzuspringen, als sei das -Unglück eines Landes nur allein in seinem Herrscher zu suchen, oder als -sei es verdienstlich, das Auge mit Abscheu zu wenden von den Tagen der -Not. - -Und doch möchte es die Frage sein, ob man nicht in Beurteilung -dieses Fürsten nur seinem erbittertsten Feinde, Ulrich von Hutten, -nachbetet, der, um wenig zu sagen, hier allzusehr Partei ist, um als -leidenschaftloser Zeuge gelten zu können. Die Stimmen aber, die der -Herzog und seine Freunde erhoben, hat der rauschende Strom der Zeit -übertäubt, sie haben die zugleich anklagende und richtende Beredsamkeit -seines Feindes, jene donnernde Philippika ~in ducem Ulericum~, nicht -überdauert. - -Wir haben fast alle gleichzeitigen Schriftsteller, die Stimmen eines -längst vergangenen vielbewegten Jahrhunderts, gewissenhaft verglichen -und fanden keinen, der ihn geradehin verdammt. Und wenn man bedenkt, -welch gewaltigen Einfluß Zeit und Umgebungen auf den Sterblichen -auszuüben pflegen, wenn man bedenkt, daß Ulrich von Württemberg -unter der Vormundschaft schlechter Räte aufwuchs, die ihn zum Bösen -anleiteten, um ihn nachher zu mißbrauchen, wenn man sich erinnert, daß -er in einem Alter die Zügel der Regierung in die Hände bekam, wo der -Knabe kaum zum Jüngling reif ist, so muß man wenigstens die erhabenen -Seiten seines Charakters, hohe Seelenstärke und einen Mut, der nie -zu unterdrücken ist, bewundern, sollte man es auch nicht über sich -vermögen, die Härten damit zu mildern, die in seiner Geschichte das -Auge beleidigen. - -Das Jahr 1519, in welches unsere Sage fällt, hat über ihn entschieden, -denn es ist der Anfang seines langen Unglückes. Doch darf die Nachwelt -sagen, es war der Anfang seines Glückes. War ja doch jene lange -Verbannung ein läuterndes Feuer, woraus er weise und kräftiger als -je hervorging. Es war der Anfang seines Glückes, denn seine späteren -Regentenjahre wird jeder Württemberger segnen, der die religiöse -Umwälzung, die dieser Fürst in seinem Vaterlande bewerkstelligte, für -ein Glück ansieht. - -In jenem Jahr war alles auf die Spitze gestellt. Der Aufruhr des -armen Konrad war sechs Jahre früher mit Mühe gestillt; doch war das -Landvolk hie und da noch schwierig, weil der Herzog sie nicht für sich -zu gewinnen wußte, seine Amtleute auf ihre eigene Faust arg hausten -und Steuern auf Steuern erhoben wurden. Den schwäbischen Bund, eine -mächtige Vereinigung von Fürsten, Grafen, Rittern und freien Städten -des Schwaben- und Frankenlandes, hatte er wiederholt beleidigt, -hauptsächlich auch dadurch, daß er sich weigerte, ihm beizutreten. So -sahen also alle seine Grenznachbarn mit feindlichen Blicken auf sein -Tun, als wollten sie nur Gelegenheit abwarten, ihn fühlen zu lassen, -welch mächtiges Bündnis er verweigert habe. Der Kaiser Maximilian, der -damals noch regierte, war ihm auch nicht ganz hold, besonders seit er -im Verdacht war, den Ritter Götz von Berlichingen unterstützt zu haben, -um sich an dem Kurfürsten von Mainz zu rächen. - -Der Herzog von Bayern, ein mächtiger Nachbar, dazu sein Schwager, war -ihm abgeneigt, weil Ulrich mit der Herzogin Sabina nicht zum besten -lebte. Zu allem diesem kam, um sein Verderben zu beschleunigen, -die Ermordung eines fränkischen Ritters, der an seinem Hofe lebte. -Glaubwürdige Chronisten sagen, das Verhältnis des Johann von Hutten zu -Sabina sei nicht so gewesen, wie es der Herzog gern sah. Daher griff -ihn der Herzog auf einer Jagd an, warf ihm seine Untreue vor, forderte -ihn auf, sich seines Lebens zu erwehren, und stach ihn nieder. Die -Huttischen, hauptsächlich Ulrich von Hutten, erhoben ihre Stimmen wider -ihn, und in ganz Deutschland erscholl ihr Klage- und Rachegeschrei. - -Auch die Herzogin, die durch stolzes, zänkisches Wesen Ulrich schon -als Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe bereitet hatte, trat -jetzt als Gegnerin auf, entfloh mit Hilfe Dietrichs von Spät, und sie -und ihre Brüder traten als Kläger und bittere Feinde bei dem Kaiser -auf.[3] Es wurden Verträge geschlossen und nicht gehalten, es wurden -Friedensvorschläge angeboten und wieder verworfen, die Not um den -Herzog wuchs von Monat zu Monat, und dennoch beugte sich sein Sinn -nicht, denn er meinte, recht getan zu haben. Der Kaiser starb in dieser -Zeit. Er war ein Herr, der Ulrich trotz der vielen Klagen dennoch Milde -bewiesen hatte. An ihm starb dem Herzog ein unparteiischer Richter, -den er in diesen Bedrängnissen so gut hätte brauchen können, denn das -Unglück kam jetzt schnell. - -Man feierte das Leichenfest des Kaisers zu Stuttgart in der Burg, als -dem Herzog Kunde kam, daß Reutlingen, eine Reichsstadt, die in seinem -Gebiete lag, seinen Waldvogt auf Achalm erschlagen habe. Diese Städtler -hatten ihn schon oft empfindlich beleidigt, sie waren ihm verhaßt und -sollten jetzt seine Rache fühlen. Schnell zum Zorn gereizt, wie er war, -warf er sich aufs Pferd, ließ die Lärmtrommeln tönen durch das Land, -belagerte die Stadt und nahm sie ein. Der Herzog ließ sich von ihnen -huldigen, und die Reichsstadt war württembergisch.[4] - -Aber jetzt erhob sich der schwäbische Bund mit Macht, denn diese Stadt -war ein Glied desselben gewesen. So schwer es auch sonst hielt, diese -Fürsten, Grafen und Städte alle aufzubieten, so weilten sie doch hier -nicht, sondern hielten zusammen, denn der Haß ist ein fester Kitt. -Umsonst waren Ulrichs schriftliche Verteidigungen.[5] Das Bundesheer -sammelte sich bei Ulm und drohte mit einem Einfall. - -So war also in dem Jahr 1519 alles auf die Spitze gestellt. Konnte -der Herzog das Feld behaupten, so behielt er recht, und es war nicht -zu zweifeln, daß er dann großen Anhang bekommen würde. Gelang es dem -Bunde, den Herzog aus dem Felde zu schlagen, dann wehe ihm. Wo so -vieles zu rächen war, durfte er keine Schonung erwarten. - -Die Blicke Deutschlands hingen bange an dem Erfolg dieses Kampfes, -sie suchten begierig durch den Vorhang des Schicksals zu dringen, um -zu erspähen, was die künftigen Tage bringen werden, ob Württemberg -gesiegt, ob der Bund den Walplatz behauptet habe. Wir rollen diesen -Vorhang auf, wir lassen Bild an Bild vorüberziehen, möge das Auge nicht -zu frühe ermüdet sich davon abwenden. - -Oder sollte es ein zu kühnes Unternehmen sein, eine historische Sage -der Vorzeit in unsern Tagen wieder zu erzählen? Sollte es unbillig -sein zu wünschen, daß sich die Aufmerksamkeit der Leser einige kurze -Stunden nach den Höhen der schwäbischen Alb und nach den lieblichen -Tälern des Neckars wende? - -Die Quellen des Susquehannah und die malerischen Höhen von Boston, die -grünen Ufer des Tweed und die Gebirge des schottischen Hochlandes, -Altenglands lustige Sitten und die romantische Armut der Gälen leben, -Dank sei es dem glücklichen Pinsel jener berühmten Novellisten, auch -bei uns in aller Munde. Begierig liest man in getreuen Uebertragungen, -die wie Pilze aus der Erde zu wachsen scheinen, was vor sechzig oder -sechshundert Jahren in den Gefilden von Glasgow oder in den Wäldern von -Wallis sich zugetragen. Ja, wir werden bald die Geschichte der drei -Reiche so genau innehaben, als hätten wir sie nach den gelehrtesten -Forschungen ergründet. Und doch ist es meist nur der große Unbekannte, -der uns die Bücher seiner Chroniken erschloß und Bild an Bild in -unendlicher Reihe vor dem staunenden Auge vorüberführte; er ist es, -der diesen Zauber bewirkte, daß wir in Schottlands Geschichte beinahe -besser bewandert sind als in der unsrigen, und daß wir die religiösen -und weltlichen Händel unserer Vorzeit bei weitem nicht so deutlich -kennen als die Presbyterianer und Episkopalen Albions. - -Und in was besteht der Zauber, womit jener unbekannte Magier unsere -Blicke und unsere Herzen nach den »bergigten Heiden« seines Vaterlandes -zog? Vielleicht in der ungeheuren Masse dessen, was er erzählt, in -der grauenvollen Anzahl von hundert Bänden, die er uns über den Kanal -schickte? Aber auch wir haben mit Gottes und der Leipziger Messen -Hilfe Männer von achtzig, hundert und hundertundzwanzig! Oder haben -vielleicht die Berge von Schottland ein glänzenderes Grün als der -deutsche Harz, der Taunus und die Höhen des Schwarzwaldes? Ziehen -die Wellen des Tweed in lieblicherem Blau als der Neckar und die -Donau, sind seine Ufer herrlicher als die des Rheins? Sind vielleicht -jene Schotten ein interessanterer Menschenschlag als der, den unser -Vaterland trägt, hatten ihre Väter röteres Blut als die Schwaben und -Sachsen der alten Zeit, sind ihre Weiber liebenswürdiger, ihre Mädchen -schöner als die Töchter Deutschlands? Wir haben Ursache, daran zu -zweifeln, und hierin kann also jener Zauber des Unbekannten nicht -liegen. - -Aber darin liegt er wohl, daß jener große Novellist auf historischem -Grund und Boden geht, nicht als ob der unsrige weniger geschichtlich -wäre, aber wir haben ja schon seit Jahrhunderten uns angewöhnt, unter -fremdem Himmel zu suchen, was bei uns selbst blühte, und wie wir die -rohen Stoffe ausführen, um sie in anderer Form mit Bewunderung und -Ehrfurcht als teure Kleinode wieder in unsere Grenzen aufzunehmen, so -bewundern wir jedes Fremde und Ausländische, nicht weil es groß oder -erhaben, sondern weil es nicht in unsern Tälern gewachsen ist. - -Doch auch wir hatten eine Vorzeit, die, reich an bürgerlichen Kämpfen, -uns nicht weniger interessant dünkt als die Vorzeit des Schotten. Darum -haben auch wir gewagt, ein historisches Tableau zu entrollen, das, wenn -es auch nicht jene kühnen Umrisse der Gestalten, jenen zauberischen -Schmelz der Landschaft aufweist, und wenn das an solche Herrlichkeiten -gewöhnte Auge umsonst die süße, bequeme Magie der Hexerei und den -von Zigeunerhand geschürzten Schicksalsknoten darin sucht, ja wenn -sogar unsere Farben matt, unser Crayon stumpf erscheint, doch eines -zur Entschuldigung für sich haben möchte, ich meine die historische -Wahrheit. - - - - -1. - - Was soll doch dies Trommeten sein? - Was deutet dies Geschrei? - Will treten an das Fensterlein, - Ich ahne, was es sei. - - _Uhland._ - - -Nach den ersten trüben Tagen des März 1519 war endlich am zwölften ein -recht freundlicher Morgen über der Reichsstadt Ulm aufgegangen. Die -Donaunebel, die um diese Jahreszeit immer noch drückend über der Stadt -liegen, waren schon lange vor Mittag der Sonne gewichen, und immer -freier und weiter wurde die Aussicht in die Ebene über den Fluß hinüber. - -Aber auch die engen kalten Straßen mit ihren hohen dunkeln -Giebelhäusern hatte der schöne Morgen heller als sonst beleuchtet -und ihnen einen Glanz, eine Freundlichkeit gegeben, die zu dem -heutigen festlichen Ansehen der Stadt gar trefflich paßte. Die große -Herdbruckergasse -- sie führt von dem Donautor an das Rathaus -- stand -an diesem Morgen gedrängt voll Menschen, die sich Kopf an Kopf wie eine -Mauer an den beiden Seiten der Häuser hinzogen, nur einen engen Raum -in der Mitte der Gasse übrig lassend. Ein dumpfes Gemurmel gespannter -Erwartung lief durch die Reihen und brach nur in ein kurzes Gelächter -aus, wenn etwa die alten, strengen Stadtwächter eine hübsche Dirne, -die sich zu vorlaut in den freigelassenen Raum gedrängt hatte, etwas -unsanft mit dem Ende ihrer langen Hellebarde zurückdrängten oder wenn -ein Schalk sich den Spaß machte, »sie kommen! sie kommen!« rief, alles -lange Hälse machte und schaute, bis es sich zeigte, daß man sich wieder -getäuscht habe. - -Noch dichter aber war das Gedränge da, wo die Herdbruckergasse auf -den Platz vor dem Rathaus einbiegt. Dort hatten sich die Zünfte -aufgestellt. Die Schiffergilde mit ihren Altmeistern an der Spitze, die -Weber, die Zimmerer, die Bräuer, mit ihren Fahnen und Gewerbzeichen, -sie alle waren im Sonntagwams und wohlbewaffnet zahlreich dort -versammelt. - -Bot aber schon die Menge hier unten einen fröhlichen, festlichen -Anblick dar, so war dies noch mehr der Fall mit den hohen Häusern -der Straße selbst. Bis an die Giebeldächer waren alle Fenster voll -geputzter Frauen und Mädchen, um welche sich die grünen Tannen- und -Taxuszweige, die bunten Teppiche und Tücher, mit welchen die Seiten -geschmückt waren, wie Rahmen um liebliche Gemälde zogen. - -Das anmutigste Bild gewährte wohl ein Erkerfenster im Hause des Herrn -Hans von Besserer. Dort standen zwei Mädchen, so verschieden an -Gesicht, Gestalt und Kleidung, und doch beide von so ausgezeichneter -Schönheit, daß, wer sie von der Straße betrachtete, eine Weile -zweifelhaft war, welcher er wohl den Vorzug geben möchte. - -Beide schienen nicht über achtzehn Jahre zu haben. Die eine, größere, -war zart gebaut, reiches braunes Haar zog sich um eine freie Stirne, -die gewölbten Bogen ihrer dunkeln Brauen, das ruhige blaue Auge, der -fein geschnittene Mund, die zarten Farben der Wangen -- sie gaben ein -Bild, das unter unsern heutigen Damen für sehr anziehend gelten würde, -das aber in jenen Zeiten, wo noch höheren Farben, volleren Formen der -Apfel zuerkannt wurde, nur durch seine gebietende Würde neben der -andern Schönen sich geltend machen konnte. - -Diese, kleiner und in reichlicherer Fülle als ihre Nachbarin, war -eines jener unbesorgten, immer heiteren Wesen, welche wohl wissen, daß -sie gefallen. Ihr hellblondes Haar war nach damaliger Sitte der Ulmer -Damen in viele Löckchen und Zöpfchen geschlungen und zum Teil unter ein -weißes Häubchen voll kleiner künstlicher Fältchen gesteckt. Das runde -frische Gesichtchen war in immerwährender Bewegung, noch rastloser -glitten die lebhaften Augen über die Menge hin, und der lächelnde Mund, -der alle Augenblicke die schönen Zähne sehen ließ, zeugt deutlich, daß -es unter den vielerlei abenteuerlichen Gruppen und Gestalten nicht an -Gegenständen fehle, die ihrer fröhlichen Laune zur Zielscheibe dienen -mußten. - -Hinter den beiden Mädchen stand ein großer bejahrter Mann; seine -tiefen strengen Züge, seine buschigen Augenbrauen, sein langer dünner, -schon ins Graue spielender Bart, selbst sein ganz schwarzer Anzug, der -wunderlich gegen die reichen bunten Farben um ihn her abstach, gaben -ihm ein ernstes, beinahe trauriges Aussehen, das kaum ein wenig milder -wurde, wenn ein Schimmer von Freundlichkeit, hervorgelockt durch die -glücklichen Einfälle der Blondine, wie ein Wetterleuchten durch das -finstere Gesicht zog. Diese Gruppe, so verschieden in sich durch Farbe -und Schattierung wie durch Charakter und Jahre, zog hin und wieder -die Aufmerksamkeit der Untenstehenden auf sich. Manches Auge hing -an den schönen Mädchen, und sie beschäftigten eine Weile durch ihre -überraschende Erscheinung jene müßige Menge, die schon ungeduldig zu -werden anfing, daß das Schauspiel, dessen sie harrte, noch immer sich -nicht zeigen wollte. - -Es ging schon stark auf Mittag. Die Menge wogte immer ungeduldiger, -preßte sich stärker, und hin und wieder hatte sich schon einer oder der -andere aus den Reihen der ehrsamen Zünfte auf den Boden gelagert, da -tönten drei Stückschüsse von der Schanze auf dem Lug-ins-Land herüber, -die Glocken des Münsters begannen tiefe volle Akkorde über die Stadt -hinzurollen, und im Augenblick hatten sich die verworrenen Reihen -geordnet. - -»Sie kommen, Marie, sie kommen!« rief die Blonde im Erkerfenster und -schlang ihren Arm um den Leib ihrer Nachbarin, indem sie sich weiter -zum Fenster hinausbeugte. Das Haus des Herrn von Besserer bildete die -Ecke der vorerwähnten Straße, von dem Erker konnte man hinab, beinahe -bis an das Donautor, und hinüber bis in die Fenster des Rathauses -sehen, und die Mädchen hatten also ihren Standpunkt trefflich gewählt, -um das Schauspiel, dessen sie harrten, ganz zu genießen. - -Die Gasse zwischen den beiden Reihen des Volkes war indes mit Mühe -weiter gemacht worden, die Stadtwächter stellten sich mit weit -ausgestreckten Hellebarden auf, tiefe Stille herrschte unter der -ungeheuren Menge, nur das Geläute der Glocken tönte noch fort. - -Jetzt hörte man den dumpfen Schall der Pauken, vermischt mit den hohen -Klängen der Zinken und Trompeten, und durch das Tor herein bewegte sich -ein langer glänzender Zug von Reitern. Die Stadtpauker und Trompeter, -die berittene Schar der Ulmer Patriziersöhne war eine zu alltägliche -Erscheinung, als daß das Auge lange darauf verweilt hätte. Als aber das -schwarze und weiße Banner der Stadt, mit dem Reichsadler, als Fahnen -und Standarten aller Größen und Farben zum Tor hereinschwankten, da -dachten die Zuschauer, daß jetzt der rechte Augenblick gekommen sei. - -Auch unsere Schönen im Erkerfenster schärften jetzt ihre Blicke, als -man die Menge am untern Teil der Straße ehrerbietig die Mützen abnehmen -sah. - -Auf einem großen starkknochigen Rosse nahte ein Mann, dessen kräftige -Haltung, dessen heiteres, frisches Ansehen in sonderbarem Kontrast -stand mit der tiefgefurchten Stirne und dem schon ins Graue -spielenden Haar und Bart. Er trug einen zugespitzten Hut mit vielen -Federn, einen Brustharnisch über ein eng anschließendes rotes Wams, -Beinkleider von Leder, mit Seide ausgeschlitzt, die wohl von neuem -recht hübsch gewesen sein mochten, aber durch Regen und Strapazen -eine einförmige dunkelbraune Farbe erhalten hatten. Weite schwere -Reiterstiefel schlossen sich unter den Knieen an. Seine einzige Waffe, -ein ungewöhnlich großes Schwert mit langem Griffe ohne Korb, vollendete -das Bild eines gewaltigen, unter Gefahren früh ergrauten Kriegers. Der -einzige Schmuck dieses Mannes war eine lange goldene Kette von dicken -Ringen, fünfmal um den Hals gelegt, an welcher ein Ehrenpfennig von -gleichem Metall auf die Brust herabhing. - -»Sagt geschwind, Oheim, wer ist der stattliche Mann, der so jung und -alt aussieht?« rief die Blonde, indem sie das Köpfchen ein wenig nach -dem schwarzen Herrn, der hinter ihr stand, zurückbeugte. - -»Das kann ich dir sagen, Bertha,« antwortete dieser. »Es ist Georg von -Frondsberg[6], oberster Feldhauptmann des bündischen Fußvolkes, ein -wackerer Mann, wenn er einer bessern Sache diente!« - -»Behaltet Eure Bemerkungen für Euch, Herr Württemberger,« entgegnete -ihm die Kleine, indem sie lächelnd mit dem Finger drohte, »Ihr wißt, -daß die Ulmer Mädchen gut bündisch sind!« - -Der Oheim aber, ohne sich irre machen zu lassen, fuhr fort: »Jener dort -auf dem Schimmel ist Truchseß Waldburg, der Feldleutnant[7], dem auch -etwas von unserem Württemberg wohl anstünde. Dort hinter ihm kommen -die Bundesobersten. Weiß Gott, sie sehen aus wie Wölfe, die nach Beute -gehen.« - -»Pfui! verwitterte Gestalten!« bemerkte Bertha, »ob es wohl auch der -Mühe wert war, Bäschen Marie, daß wir uns so putzten? Aber siehe da, -wer ist der junge schwarze Reiter auf dem Braunen? Sieh nur das bleiche -Gesicht und die feurigen, schwarzen Augen! Auf seinem Schilde steht: -_Ich hab's gewagt._« - -»Das ist der Ritter Ulrich von Hutten,« erwiderte der Alte, »dem Gott -seine Schmähworte gegen unsern Herzog verzeihen wolle. Kinder! das ist -ein gelehrter, frommer Herr. Er ist zwar des Herzogs bitterster Feind, -aber ich sage so. Denn was wahr ist, muß wahr bleiben![8] - -Und siehe, da sind Sickingens[9] Farben, wahrhaftig, da ist er selbst. -Schaut hin, Mädchen, das ist Franz von Sickingen. Sie sagen, er führe -tausend Reiter in das Feld. Der ist's mit dem blanken Harnisch und der -roten Feder.« - -»Aber sagt mir, Oheim,« fragte Bertha wieder, »welches ist denn Götz -von Berlichingen, von dem uns Vetter Kraft so viel erzählt. Er ist ein -gewaltiger Mann und hat eine Faust von Eisen. Reitet er nicht mit den -Städten?« - -»Götz und die Städtler nenne nie in _einem_ Atem,« sprach der Alte mit -Ernst. »Er hält zu Württemberg.«[10] - -Ein großer Teil des Zuges war während diesem Gespräch am Fenster -vorübergezogen, und mit Verwunderung hatte Bertha bemerkt, wie -gleichgültig und teilnahmlos ihre Base Marie hinabschaute. Es war -zwar sonst des Mädchens Art, sinnend, zuweilen wohl auch träumend -auszusehen, aber heute, bei einem so glänzenden Aufzug, so ganz -ohne Teilnahme zu sein, deuchte ihr ein großes Unrecht. Sie wollte -sie eben zur Rede stellen, als ein Geräusch von der Straße her ihre -Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein mächtiges Roß bäumte sich in der -Mitte der Straße unter ihrem Fenster, wahrscheinlich scheu gemacht -durch die flatternden Fahnen der Zünfte. Sein hoch zurückgeworfener -Kopf verdeckte den Reiter, so daß nur die wehenden Federn des Baretts -sichtbar waren; aber die Gewandtheit und Kraft, mit welcher er das -Pferd herunterriß und zum Stehen brachte, ließ einen jungen mutigen -Reiter ahnen. Das lange hellbraune Haar war ihm von der Anstrengung -über das Gesicht herabgefallen. Als er es zurückschlug, traf sein Blick -das Erkerfenster. - -»Nun, dies ist doch einmal ein hübscher Herr,« flüsterte die Blonde -ihrer Nachbarin zu, so heimlich, so leise, als fürchte sie, von dem -schönen Reiter gehört zu werden, »und wie er artig und höflich ist! -Sieh nur, er hat uns gegrüßt, ohne uns zu kennen!« - -Aber das stille Bäschen Marie schien der Kleinen nicht viel -Aufmerksamkeit zu schenken. Ein glühendes Rot zog über die zarten -Wangen. Ja! wer die ernste Jungfrau gesehen hätte, wie sie so kalt -auf den Zug hinabsah, hätte wohl nie geahnet, daß so viel holde -Freundlichkeit um diesen Mund, so viel Liebe in diesem sinnenden Auge -wohnen könnte, als in jenem Augenblick sichtbar wurde, wo sie durch ein -leichtes Neigen des Hauptes den Gruß des jungen Reiters erwiderte. - -Der kleinen Schwätzerin war unsere flüchtige, aber wahre Bemerkung über -dem Anblick des schönen Mannes völlig entgangen. »Nur schnell, Oheim!« -rief sie und zog den alten Herrn am Mantel, »wer ist dieser in der -hellblauen Binde mit Silber? Nun?« - -»Ja, liebes Kind!« antwortete der Oheim, »den habe ich in meinem Leben -nicht gesehen. Seinen Farben nach steht er in keinem besondern Dienst, -sondern reitet wohl auf seine eigene Faust gegen meinen Herzog und -Herrn, wie so viele Hungerleider, die sich an unsern Töpfen laben -wollen.« - -»Mit Euch ist doch nichts anzufangen,« sagte die Kleine und wandte -sich unmutig ab. »Die alten und gelehrten Herren kennet Ihr alle auf -hundert Schritte und weiter. Wenn man aber einmal nach einem hübschen, -höflichen Junker fragt, wißt Ihr nichts. Du bist auch so, Marie, -machtest Augen auf den Zug hinunter, als ob es eine Prozession am -Fronleichnam wäre; ich wette, du hast das Schönste von allem nicht -gesehen und hattest noch den alten Frondsberg im Kopfe, als ganz andere -Leute vorbeiritten!« - -Der Zug hatte sich während dieser Strafrede Berthas vor dem Rathause -aufgestellt; die bündische Reiterei, die noch vorüberzog, hatte wenig -Interesse mehr für die beiden Mädchen. Als daher die Herren abgesessen -und zum Imbiß ins Rathaus gezogen waren, als die Zünfte ihre Glieder -auflösten und das Volk sich allmählich zu verlaufen begann, zogen auch -sie sich vom Fenster zurück. - -Bertha schien nicht ganz zufrieden zu sein. Ihre Neugier war nur halb -befriedigt. Sie hütete sich übrigens wohl, vor dem alten ernsten Oheim -etwas merken zu lassen. Als aber dieser das Gemach verließ, wandte sie -sich an ihre Base, die noch immer träumend am Fenster stand: - -»Nein, wie einen doch so etwas peinigen kann! Ich wollte viel darum -geben, wenn ich wüßte, wie er heißt. Daß du aber auch gar keine Augen -hast, Marie! Ich stieß dich doch an, als er grüßte. Siehe, hellbraune -Haare, recht lang und glatt, freundliche dunkle Augen, das ganze -Gesicht ein wenig bräunlich, aber hübsch, sehr hübsch. Ein Bärtchen -über dem Mund, nein! ich sage dir -- wie du jetzt nur wieder gleich -rot werden kannst!« fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort, »als ob zwei -Mädchen, wenn sie allein sind, nicht von dem schönen Mund eines jungen -Herrn sprechen dürften. Dies geschieht oft bei uns. Aber freilich bei -deiner seligen Frau Muhme in Tübingen und bei deinem ernsten Vater in -Lichtenstein kamen solche Sachen nicht zur Sprache, und ich sehe schon, -Bäschen Marie träumt wieder, und ich muß mir ein Ulmer Stadtkind -suchen, wenn ich auch nur ein klein wenig schwatzen will.« - -Marie antwortete nur durch ein Lächeln, das wir vielleicht etwas -schelmisch gefunden hätten. Bertha aber nahm den großen Schlüsselbund -vom Haken an der Türe, sang sich ein Liedchen und ging, um noch einiges -zum Mittagessen zu rüsten. Denn wenn man ihr auch etwas zu große -Neugierde vorwerfen konnte, so war sie doch eine zu gute Haushälterin, -als daß sie über der flüchtigen Erscheinung des höflichen Reiters das -Zugemüse und den Nachtisch vergessen hätte. - -Sie hüpfte hinaus und ließ ihre Base allein bei ihren Gedanken. Und -auch wir stören sie nicht, wenn sie jetzt die schönen Bilder der -Erinnerung durchgeht, die jene Erscheinung mit einem Male aus dem -tiefen, treuen Herzen hervorgerufen hatte, wenn sie jener Zeit gedenkt, -wo ein flüchtiger Blick von ihm, ein Druck seiner Hand ihre Tage -erhellte, wenn sie jener Nächte gedenkt, wo sie im stillen Kämmerlein, -unbelauscht von der seligen Muhme, jene Schärpe flocht, deren freudige -Farben sie heute aus ihren Träumen weckten. Wir lauschen nicht, wenn -sie errötend und mit niedergeschlagenen Augen sich fragt, ob Bäschen -Bertha den süßen Mund des Geliebten richtig beschrieben habe? - - - - -2. - - Steigt deine Hoffnung wieder? - Ist nicht dein Herz entbrannt? - Du fühlst dich, Jüngling, wieder - Im alten Schwabenland. - - _G. Schwab._ - - -Der festliche Aufzug, den wir auf den letzten Blättern beschrieben -haben, galt den Häuptern und Obersten des schwäbischen Bundes, der an -diesem Tage, auf seinem Marsch von Augsburg, wo er sich versammelt -hatte, in Ulm einzog. Der Leser kennt aus der Einleitung die Lage der -Dinge. Herzog Ulrich von Württemberg hatte durch die Unbeugsamkeit, mit -welcher er trotzte, durch die allzu heftigen Ausbrüche seines Zornes -und seiner Rache, durch die Kühnheit, mit welcher er, der einzelne, -so vielen verbündeten Fürsten und Herren die Stirne bot, zuletzt noch -durch die plötzliche Einnahme der Reichsstadt Reutlingen den bittersten -Haß des Bundes auf sich gezogen. Der Krieg war unvermeidlich; denn es -stand nicht zu erwarten, daß man Ulrich, nachdem man so weit gegangen, -friedliche Vorschläge tun werde. - -Hiezu kamen noch die besonderen Rücksichten, die jeden leiteten. -Der Herzog von Bayern, um seiner Schwester Sabina Genugtuung zu -verschaffen, die Schar der Huttischen, um ihren Stammesvetter zu -rächen, Dietrich von Spät[11] und seine Gesellen, um ihre Schmach -in Württembergs Unglück abzuwaschen, die Städte und Städtchen, um -Reutlingen wieder gut bündisch zu machen, sie alle hatten ihre Banner -entrollt und sich mit blutigen Gedanken und lüstern nach gewisser Beute -eingestellt. - -Bei weitem friedlicher und fröhlicher waren bei diesem Einzug die -Gesinnungen _Georgs von Sturmfeder_, jenes »artigen Reiters«, der -Berthas Neugierde in so hohem Grade erweckt, dessen unerwartete -Erscheinung Mariens Wangen mit so tiefem Rot gefärbt hatte. Wußte er -doch kaum selbst, wie er zu diesem Feldzug kam, da er, obgleich den -Waffen nicht fremd, doch nicht zunächst für das Waffenwerk bestimmt -war. Aus einem armen, aber angesehenen Stamme Frankens entsprossen, -war er, frühe verwaist, von einem Bruder seines Vaters erzogen worden. -Schon damals hatte man angefangen, gelehrte Bildung als einen Schmuck -des Adels zu schätzen. Daher wählte sein Oheim für ihn diese Laufbahn. -Die Sage erzählt nicht, ob er auf der hohen Schule in Tübingen, die -damals in ihrem ersten Erblühen war, in Wissenschaften viel getan. -Es kam nur die Nachricht bis auf uns, daß er einem Fräulein von -Lichtenstein, die bei einer Muhme in jener Musenstadt lebte, wärmere -Teilnahme schenkte als den Lehrstühlen der berühmtesten Doktoren. Man -erzählt sich auch, daß das Fräulein mit ernstem, beinahe männlichem -Geiste alle Künste, womit andere ihr Herz bestürmten, gering geachtet -habe. Zwar kannte man schon damals alle jene Kriegslisten, ein hartes -Herz zu erobern; und die Jünger der alten Tubinga hatten ihren Ovid -vielleicht besser studiert als die heutigen. Es sollen aber weder -nächtliche Liebesklagen noch fürchterliche Schlachten und Kämpfe um -ihren Besitz die Jungfrau erweicht haben. Nur _einem_ gelang es, dieses -Herz für sich zu gewinnen, und dieser _eine_ war Georg. Sie haben -zwar, wie es stille Liebe zu tun pflegt, niemand gesagt, wann und wo -ihnen der erste Strahl des Verständnisses aufging, und wir sind weit -entfernt, uns in dieses süße Geheimnis der ersten Liebe eindrängen -zu wollen, oder gar Dinge zu erzählen, die wir geschichtlich nicht -belegen können. Doch können wir mit Grund annehmen, daß sie schon bis -zu jenem Grad der Liebe gediehen waren, wo man, gedrängt von äußeren -Verhältnissen, gleichsam als Trost für das Scheiden, ewige Treue -schwört. Denn als die Muhme in Tübingen das Zeitliche gesegnet und -Herr von Lichtenstein sein Töchterlein zu sich holen ließ, um sie nach -Ulm, wo ihm eine Schwester verheiratet war, zu weiterer Ausbildung zu -schicken, da merkte Rose, Mariens alte Zofe, daß so heiße Tränen und -die Sehnsucht, mit welcher Marie noch einmal und immer wieder aus der -Sänfte zurücksah, nicht den bergigen Straßen, denen sie Valet sagen -mußte, _allein_ gelte. - -Bald darauf langte auch ein Sendschreiben an Georg an, worin ihm -sein Oheim die Frage beibrachte, ob er jetzt, nach vier Jahren, noch -nicht gelehrt genug sei? Dieser Ruf kam ihm erwünscht. Seit Mariens -Abreise waren ihm die Lehrstühle der gelehrten Doktoren, die finstere -Hügelstadt, ja selbst das liebliche Tal des Neckars verhaßt geworden. -Mit neuer Kraft erfrischte ihn die kalte Luft, die ihm von den Bergen -entgegenströmte, als er an einem schönen Morgen des Februar aus den -Toren Tübingens seiner Heimat entgegenritt. Wie die Sehnen seiner Arme -in dem frischen Morgen sich straffer anzogen, wie die Muskeln seiner -Faust kräftiger in den Zügel faßten, so erhob sich auch seine Seele -zu jenem frischen heiteren Mute, der diesem Alter so eigen ist, wenn -die Gewißheit eines süßen Glückes im Herzen lebt, und vor dem Auge, -das Erfahrung noch nicht geschärft, Unglück noch nicht getrübt hat, -die Zukunft heiter und freundlich sich ausbreitet. Wie der klare See, -der das heitere Bild, das auf ihn herabschaut, nicht minder freundlich -zurückwirft und mit diesen reizenden Farben seine Tiefe verhüllt, so -hat gerade das Ungewisse dieser Zukunft seinen eigentümlichen Reiz. Man -glaubt in Kopf und Arm Kraft genug zu tragen, um dem Glück seine Gunst -abzuringen, und dies Vertrauen auf sich selbst gibt bei weitem mutigere -Zuversicht als die mächtigste Hilfe von außen. - -So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder, als er durch den -Schönbuchwald seiner Heimat zuzog. Zwar brachte ihn dieser Weg dem -Liebchen nicht näher, zwar konnte er nichts sein nennen als das Roß, -das er eben ritt, und die Burg seiner Väter, von welcher der Volkswitz -sang: - - Ein Haus auf drei Stützen, - Wer vorn hereinkommt, - Kann hinten nicht sitzen. - -Aber er wußte, daß dem festen Willen hundert Wege offen stehen, um -zum Ziel zu gelangen, und der alte Spruch des Römers: ~Fortes fortuna -juvat~, hatte ihm noch nie gelogen. - -Wirklich schienen auch seine Wünsche nach einer tätigen Laufbahn bald -in Erfüllung zu gehen. - -Der Herzog von Württemberg hatte Reutlingen, das ihn beleidigt hatte, -aus einer Reichsstadt zur Landstadt gemacht, und es war kein Zweifel -mehr an einem Krieg. - -Der Erfolg schien aber damals sehr ungewiß. Der schwäbische Bund, wenn -er auch erfahrenere Feldherren und geübtere Soldaten zählte, hatte doch -in allen Kriegen durch Uneinigkeit sich selbst geschadet. Ulrich, auf -seiner Seite, hatte vierzehntausend Schweizer, tapfere, kampfgeübte -Männer, geworben, aus seinem eigenen Lande konnte er, wenn auch minder -geübte, doch zahlreiche und tüchtige Truppen ziehen, und so stand die -Wage im Februar 1519 noch ziemlich gleich. - -Wo alles um ihn her Partei nahm, glaubte Georg nicht müßig bleiben zu -dürfen. Ein Krieg war ihm erwünscht. Es war eine Laufbahn, die ihn -seinem Ziele, um Marie würdig freien zu können, bald nahe bringen -konnte. - -Zwar zog ihn sein Herz weder zu der einen, noch zu der andern Partei. -Vom Herzog sprach man im Lande schlecht, des Bundes Absichten schienen -nicht die reinsten. Als aber durch Geld und Klagen der Huttischen und -durch die Aussicht auf reiche Beute bestochen, achtzehn Grafen und -Herren, deren Besitzungen an sein Gütchen grenzten, auf einmal[12] dem -Herzog ihre Dienste aufsagten, da schien es ihn zum Bunde zu ziehen. -Den Ausschlag gab die Nachricht, daß der alte Lichtenstein mit seiner -Tochter in Ulm sich befinde. Auf jener Seite, wo Marie war, durfte er -nicht fehlen, und so bot er dem Bunde seine Dienste an. - -Die fränkische Ritterschaft, unter Anführung Ludwigs von Hutten, zog -sich am Anfang des März gegen Augsburg hin, um sich dort mit Ludwig von -Bayern und den übrigen Bundesgliedern zu vereinigen. Bald hatte sich -das Heer gesammelt und ihr Weg glich einem Triumphzug je näher sie dem -Gebiete ihres Feindes kamen. - -Herzog Ulrich war bei Blaubeuren, der äußersten Stadt seines Landes -gegen Ulm und Bayern hin, gelagert. In Ulm sollte jetzt noch einmal -zuvor im großen Kriegsrat der Feldzug besprochen werden, und dann -hoffte man in kurzer Zeit die Württemberger zur entscheidenden -Schlacht zu nötigen. An friedliche Unterhandlungen wurde, da man -so weit gegangen war, nicht mehr gedacht, Krieg war die Losung und -Sieg der Gedanke des Heeres, als ein frischer Morgenwind ihnen die -Grüße des schweren Geschützes von den Wällen der Stadt entgegentrug, -als das Geläute aller Glocken zum Willkomm vom andern Ufer der Donau -herübertönte. - -Wohl schlug auch Georgs Herz höher bei dem Gedanken an seine erste -Waffenprobe. Aber wer in ähnlicher Lage sich befand, wird ihn nicht -tadeln, daß auch friedlichere Gedanken in seiner Seele aufzogen und -ihn Kampf und Sieg vergessen ließen. Als zuerst, noch in weiter Ferne, -das kolossale Münster aus dem Nebel auftauchte, als nachher der -verhüllende Dunstschleier herabfiel und die Stadt mit ihren dunkeln -Backsteinmauern, mit ihren hohen Tortürmen sich vor seinen Blicken -ausbreitete, da kamen alle Zweifel, die er früher tief in die Brust -zurückgedrängt hatte, schwerer als je über ihn. »Schließen jene Mauern -auch die Geliebte ein? Hat nicht ihr Vater, seinem Herzog treu, -vielleicht in die feindlichen Scharen sich gestellt, und darf der, -dessen ganze Hoffnung darauf beruht, den Vater zu gewinnen, darf er -sich jenem gegenüberstellen, ohne sein ganzes Glück zu vernichten? Und -ist der Vater auf feindlicher Seite, kann Marie möglicherweise noch in -jenen Mauern sein? Und wenn alles gut wäre, wenn unter der festlichen -Menge, die sich zum Anblick des einziehenden Heeres drängt, auch Marie -auf ihn herabschaut, hat sie auch die Treue noch bewahrt, die sie -geschworen?« -- - -Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudigeren Gewißheit Raum; -denn wenn sich auch alles Unglück gegen ihn verschwor, Mariens Treue, -er wußte es, war unwandelbar. Mutig drückte er die Schärpe, die sie -ihm gegeben, an seine Brust, und als jetzt die Ulmer Reiterei sich an -den Zug anschloß, als die Zinken und Trompeten ihre mutigen Weisen -anstimmten, da kehrte seine alte Freudigkeit wieder, stolzer hob er -sich im Sattel, kühner rückte er das Barett in die Stirne, und als der -Zug in die festlich geschmückten Straßen einbog, musterte sein scharfes -Auge alle Fenster der hohen Häuser, um sie zu erspähen. - -Da gewahrte er sie, wie sie ernst und sinnend auf das fröhliche Gewühl -hinabsah, er glaubte zu erkennen, wie ihre Gedanken in weiter Ferne -den suchten, der ihr so nahe war; schnell drückte er seinem Pferde die -Sporen in die Seiten, daß es sich hoch aufbäumte und das Pflaster von -seinem Hufschlag ertönte. Aber als sie sich zu ihm herabwandte, als -Auge dem Auge begegnete, als ihr freudiges Erröten dem Glücklichen -sagte, daß er erkannt und noch immer geliebt sei, da war es um die -Besinnung des guten Georg geschehen; willenlos folgte er dem Zuge -vor das Rathaus, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte ihn seine -Sehnsucht alle Rücksichten vergessen lassen und unwiderstehlich zu dem -Eckhaus mit dem Erker hingezogen. - -Schon hatte er die ersten Schritte nach jener Seite getan, als er sich -von kräftiger Hand am Arm angefaßt fühlte. - -»Was treibt Ihr, Junker?« rief ihm eine tiefe, wohlbekannte Stimme -ins Ohr. »Dort hinauf geht es die Rathaustreppe. Wie? ich glaube, Ihr -schwindelt; wäre auch kein Wunder, denn das Frühstück war gar zu mager. -Seid getrost, Freundchen, und kommt. Die Ulmer führen gute Weine, wir -wollen Euch mit altem Remstaler anstreichen.« - -Wenn auch der Fall aus seinem Freudenhimmel, in welchem er einige -Minuten geschwebt hatte, auf den Rathausplatz in Ulm etwas unsanft -war, so wußte er doch dem alten Herrn von Breitenstein, seinem -nächsten Grenznachbar in Franken, Dank, daß er ihn aus seinen Träumen -aufgeschüttelt und von einem übereilten Schritte zurückgehalten hatte. - -Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und folgte mit ihm -den übrigen Rittern und Herren, die sich von dem scharfen Morgenritte -an der guten Mittagskost, die ihnen die freie Reichsstadt aufgesetzt -hatte, wieder erholen wollten. - - - - -3. - - Ich höre rauschende Musik, das Schloß ist - Von Lichtern hell. Wer sind die Fröhlichen? - - _Schiller_. - - -Der Saal des Rathauses, wohin die Angekommenen geführt wurden, bildete -ein großes, längliches Viereck. Die Wände und die zu der Größe des -Saales unverhältnismäßig niedere Decke waren mit einem Getäfel von -braunem Holz ausgelegt, unzählige Fenster mit runden Scheiben, worauf -die Wappen der edlen Geschlechter von Ulm mit brennenden Farben gemalt -waren, zogen sich an der einen Seite hin, die gegenüberstehende Wand -füllten Gemälde berühmter Bürgermeister und Ratsherren der Stadt, die -beinahe alle in der gleichen Stellung, die Linke in die Hüfte, die -Rechte auf einen reichbehängten Tisch gestützt, ernst und feierlich auf -die Gäste ihrer Enkel herabsahen. Diese drängten sich in verworrenen -Gruppen um die Tafel her, die, in Form eines Hufeisens aufgestellt, -beinahe die ganze Weite des Saales einnahm. Der Rat und die Patrizier, -die heute im Namen der Stadt die Honneurs machen sollten, stachen in -ihren zierlichen Festkleidern mit den steifen schneeweißen Halskrausen -wunderlich ab gegen ihre bestaubten Gäste, die, in Lederwerk und -Eisenblech gehüllt, oft gar unsanft an die seidenen Mäntelein und -samtenen Gewänder streiften. Man hatte bis jetzt noch auf den Herzog -von Bayern gewartet, der, einige Tage vorher eingetroffen, zu dem -glänzenden Mittagmahl zugesagt hatte; als aber sein Kämmerling seine -Entschuldigung brachte, gaben die Trompeter das ersehnte Zeichen, -und alles drängte sich so ungestüm zur Tafel, daß nicht einmal die -gastfreundliche Ordnung des Rates, der je zwischen zwei Gäste einen -Ulmer setzen wollte, gehörig beobachtet wurde. - -Breitenstein hatte Georg auf einen Sitz niedergezogen, den er ihm als -einen ganz vorzüglichen anpries. »Ich hätte Euch,« sagte der alte -Herr, »zu den Gewaltigen da oben, zu Frondsberg, Sickingen, Hutten -und Waldburg setzen können, aber in solcher Gesellschaft kann man den -Hunger nicht mit gehöriger Ruhe stillen. Ich hätte Euch ferner zu den -Nürnbergern und Augsburgern führen können, dort unten, wo der gebratene -Pfau steht -- weiß Gott, sie haben keinen übeln Platz -- aber ich weiß, -daß Euch die Städtler nicht recht behagen, darum habe ich Euch hieher -gesetzt. Schauet Euch hier um, ob dies nicht ein trefflicher Platz -ist? Die Gesichter umher kennen wir nicht, also braucht man nicht viel -zu schwatzen. Rechts haben wir den geräucherten Schweinskopf mit der -Zitrone im Maul, links eine prachtvolle Forelle, die sich vor Vergnügen -in den Schwanz beißt, und vor uns diesen Rehziemer, so fett und zart, -wie auf der ganzen Tafel keiner mehr zu finden ist.« - -Georg dankte ihm, daß er mit so viel Umsicht für ihn gesorgt habe, und -betrachtete zugleich flüchtig seine Umgebung. Sein Nachbar rechts war -ein junger, zierlicher Herr von etwa fünfundzwanzig bis dreißig Jahren. -Das frischgekämmte Haar, duftend von wohlriechenden Salben, der kleine -Bart, der erst vor einer Stunde mit warmen Zänglein gekräuselt sein -mochte, ließen Georg, noch ehe ihn die Mundart davon überzeugte, einen -Ulmer Herrn erraten. Der junge Herr, als er sah, daß er von seinem -Nachbar bemerkt wurde, bewies sich sehr zuvorkommend, indem er Georgs -Becher aus einer großen silbernen Kanne füllte, auf glückliche Ankunft -und gute Nachbarschaft mit ihm anstieß und auch die besten Bissen von -den unzähligen Rehen, Hasen, Schweinen, Fasanen und wilden Enten, die -auf silbernen Platten umherstanden, dem Fremdling auf den Teller legte. - -Doch diesen konnte weder seines Nachbars zuvorkommende Gefälligkeit -noch Breitensteins ungemeiner Appetit zum Essen reizen. Er war noch -zu sehr beschäftigt mit dem geliebten Bilde, das sich ihm beim Einzug -gezeigt hatte, als daß er die Ermunterungen seiner Nachbarn befolgt -hätte. Gedankenvoll sah er in den Becher, den er noch immer in der Hand -hielt, und glaubte, wenn die Bläschen des alten Weines zersprangen -und in Kreisen verschwebten, das Bild der Geliebten aus dem goldenen -Boden des Bechers auftauchen zu sehen. Es war kein Wunder, daß der -gesellige Herr zu seiner Rechten, als er sah, wie sein Gast, den Becher -in der Hand, jede Speise verschmähe, ihn für einen unverbesserlichen -Zechbruder hielt. Das feurige Auge, das unverwandt in den Becher sah, -der lächelnde Mund des in seine Träume versunkenen Jünglings schienen -ihm einen jener echten Weinkenner anzuzeigen, die auf feingeübter Zunge -den Gehalt des edlen Trankes lange zu prüfen pflegen. - -Um der Ermahnung des wohledlen Rates, den Gästen das Mahl so angenehm -als möglich zu machen, gehörig nachzukommen, suchte er auf der -entdeckten schwachen Seite dem jungen Manne beizukommen. Es war zwar -gegen die Gewohnheit des jungen Ulmers, viel Wein zu trinken, aber dem -jungen Mann zulieb, der etwas so Hohes und Gebietendes an sich hatte, -mußte er schon ein übriges tun. Er schenkte sich seinen Becher wieder -voll und begann: »Nicht wahr, Herr Nachbar, das Weinchen hat Feuer und -einen feinen Geschmack? Freilich ist es kein Würzburger, wie Ihr ihn -in Franken gewohnt sein werdet, aber es ist echter Elfinger aus dem -Ratskeller und immer seine achtzig Jahre alt.« - -Verwundert über diese Anrede, setzte Georg den Becher nieder und -antwortete mit einem kurzen »Ja, ja! --« der Nachbar ließ aber den -einmal aufgenommenen Faden nicht so bald wieder fallen. »Es scheint,« -fuhr er fort, »als munde er Euch doch nicht ganz; aber da weiß ich Rat. -Heda! gebt eine Kanne Uhlbacher hieher! -- Versuchet einmal diesen, der -wächst zunächst an des Württembergers Schloß; in diesem müßt Ihr mir -Bescheid tun: Kurzen Krieg, großen Sieg!« - -Georg, dem dieses Gespräch nicht recht zusagte, suchte seinen Nachbar -auf einen andern Weg zu bringen, der ihn zu anziehenderen Nachrichten -führen konnte. »Ihr habt,« sprach er, »schöne Mädchen hier in Ulm, -wenigstens bei unserem Einzug glaubte ich deren viele zu bemerken.« - -»Weiß Gott,« entgegnete der Ulmer, »man könnte damit pflastern.« - -»Das wäre vielleicht so übel nicht,« fuhr Georg fort, »denn das -Pflaster Eurer Straßen ist herzlich schlecht. Aber sagt mir, wer wohnt -dort in dem Eckhaus mit dem Erker; wenn ich nicht irre, schauten dort -zwei feine Jungfrauen heraus, als wir einritten.« - -»Habt Ihr diese auch schon bemerkt?« lachte jener. »Wahrhaftig, Ihr -habt ein scharfes Auge und seid ein Kenner. Das sind meine lieben Basen -mütterlicherseits, die kleine Blonde ist eine Besserer, die andere ein -Fräulein von Lichtenstein, eine Württembergerin, die auf Besuch dort -ist.« - -Georg dankte im stillen dem Himmel, der ihn gleich mit einem so nahen -Verwandten Mariens zusammenführte. Er beschloß, den Zufall zu benützen, -und wandte sich, so freundlich er nur konnte, zu seinem Nachbar. »Ihr -habt ein Paar hübsche Mühmchen, Herr von Besserer ...« - -»Dietrich von Kraft nenne ich mich,« fiel er ein, »Schreiber des großen -Rates.« - -»Ein Paar schöne Kinder, Herr von Kraft; und Ihr besuchet sie wohl -recht oft?« - -»Jawohl,« antwortete der Schreiber des großen Rates, »besonders seit -die Lichtenstein im Hause ist. Zwar will mein Bäschen Bertha etwas -eifersüchtig werden, denn im Vertrauen gesagt, wir waren vorher ein -Herz und eine Seele, aber ich tue, als merke ich es nicht, und stehe -mit Marien um so besser.« - -Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs Ohren klingen, -denn er preßte die Lippen zusammen, und seine Wangen färbten sich -dunkler. - -»Ja, lachet nur,« fuhr der Ratsschreiber fort, dem der ungewohnte -Geist des Weines zu Kopfe stieg, »wenn Ihr wüßtet, wie sie sich -beide um mich reißen. -- Zwar -- die Lichtenstein hat eine verdammte -Art, freundlich zu sein; sie tut so vornehm und ernst, daß man nicht -recht wagt, in ihrer Gegenwart Spaß zu machen, noch weniger läßt sie -ein wenig mit sich schäkern wie Bertha; aber gerade das kommt mir -so wunderhübsch vor, daß ich elfmal wiederkomme, wenn sie mich auch -zehnmal fortgeschickt hat. Das macht aber,« murmelte er nachdenklicher -vor sich hin, »weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut -sie sich; laßt nur den einmal über der Ulmer Markung sein, so soll sie -schon kirre werden.« - -Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen, als sonderbare -Stimmen ihn unterbrachen. Schon vorher hatte er mitten durch das -Geräusch der Speisenden diese Stimmen zu hören geglaubt, wie sie in -schleppendem, einförmigem Ton ein paar kurze Sätze hersagten, ohne zu -verstehen, was es war. Jetzt hörte er dieselben Stimmen ganz in der -Nähe, und bald bemerkte er, welchen Inhaltes ihre eintönigen Sätze -waren. Es gehörte nämlich in den guten alten Zeiten, besonders in -Reichsstädten, zum Ton, daß der Hausvater und seine Frau, wenn sie -Gäste geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden und bei -jedem einzelnen umhergingen, mit einem herkömmlichen Sprüchlein zum -Essen und Trinken zu nötigen. - -Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, daß der hohe Rat beschloß, -auch an diesem Mahl keine Ausnahme zu machen, sondern ~ex officio~ -einen Hausvater samt Hausfrau aufzustellen, um diese Pflicht zu üben. -Die Wahl fiel auf den Bürgermeister und den ältesten Ratsherrn. - -Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel »nötigend« umgangen, kein -Wunder, daß ihre Stimmen durch die große Anstrengung endlich rauh und -heiser geworden waren und ihre freundschaftliche Aufmunterung wie -Drohung klang. Eine rauhe Stimme tönte in Georgs Ohr: »Warum esset Ihr -denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?« erschrocken wandte sich der -Gefragte um und sah einen starken großen Mann mit rotem Gesicht; ehe -er noch auf die schrecklichen Töne antworten konnte, begann an seiner -andern Seite ein kleiner Mann mit einer hohen dünnen Stimme: - - »So esset doch und trinket satt, - Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.« - -»Hab' ich's doch schon lange gedacht, daß es so kommen würde,« fiel -der alte Breitenstein ein, indem er ein wenig von der Anstrengung, mit -welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte, ausruhte. - -»Da sitzt er und schwatzt, statt die köstlichen Braten zu genießen, die -uns die Herren in so reichlicher Fülle vorgesetzt haben.« - -»Mit Verlaub,« unterbrach ihn Dietrich von Kraft, »der junge Herr ißt -nichts, er ist ein Zechbruder und trefflicher Weinschmecker; hab' ich's -nicht gleich weg gehabt, daß er gerne zu tief ins Glas guckt? Darum -tadle ihn keiner, wenn er sich lieber an den Uhlbacher hält.« - -Georg wußte gar nicht, wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede kam; -er war im Begriff, sich zu entschuldigen, als ihn ein neuer Anblick -überraschte. Breitenstein hatte sich jetzt über den Schweinskopf mit -der Zitrone im Maul erbarmt, hatte die Zitrone geschickt aus dem Rachen -des Tieres operiert und begann mit großem Behagen und geübter Hand die -weitere Sektion vorzunehmen, da trat der Bürgermeister auch zu ihm, und -eben als er an einem guten Bissen kaute, hub er an: »Warum esset Ihr -denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?« Dieser sah den Nötigenden -mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine Sprachorgane keine -Zeit. Er nickte daher mit dem Haupte und deutete auf die Reste des -Rehziemers; der kleine Mann mit der Fistelstimme ließ sich aber nicht -irre machen, sondern sprach freundschaftlichst: - - »So esset doch und trinket satt, - Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.« - -So war es nun in den »guten alten Zeiten!« Man konnte sich wenigstens -nicht beklagen, nur zu einem Schauessen geladen worden zu sein. Bald -aber bekam die Tafel eine ganz andere Gestalt. Die großen Schüsseln -und Platten wurden abgetragen und geräumigere Humpen, größere Kannen, -gefüllt mit edlem Wein, aufgesetzt. Die Umtränke und das in Schwaben -schon damals sehr häufige Zutrinken begann, und nicht lange, so äußerte -auch der Wein seine Wirkungen. Dietrich Spät und seine Gesellen sangen -Spottlieder auf Herzog Ulrich und bekräftigten jeden Fluch oder -schlechten Witz, den einer ausbrachte, mit Gelächter oder einem guten -Trunke. Die fränkischen Ritter würfelten um die Güter des Herzogs und -tranken einander das Tübinger Schloß im Weine ab. Ulrich von Hutten -und einige seiner Freunde hielten in lateinischer Sprache eine laute -Kontrovers mit einigen Italienern wegen des Angriffs auf den römischen -Stuhl, den kurz zuvor ein unberühmter Mönch in Wittenberg unternommen -hatte; die Nürnberger, Augsburger und einige Ulmer Herren, die sich -zusammengetan hatten, waren über den Glanz ihrer Republiken in Streit -geraten, und so füllte Gelächter, Gesang, Zanken und der dumpfe Klang -der silbernen und zinnernen Becher den Saal. - -Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anständigere, ruhigere -Fröhlichkeit. Dort saßen Georg von Frondsberg, der alte Ludwig Hutten, -Waldburg Truchseß, Franz von Sickingen und noch andere ältliche, -gesetzte Herren. - -Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenstein, -nachdem er sich genugsam gesättiget hatte, seine Blicke und sprach zu -Georg: »Das Lärmen um uns her will mir gar nicht behagen; wie wäre es, -wenn ich Euch jetzt dem Frondsberg vorstellte, wie Ihr in den letzten -Tagen gewünscht habt?« - -Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten bekannt zu -werden, stand freudig auf, um dem alten Freunde zu folgen. Wir werden -ihn nicht tadeln, daß sein Herz bei diesem Gange ängstlicher pochte, -seine Wangen sich höher färbten, seine Schritte, je näher er kam, -ungewisser und zögernder wurden. Wen haben nicht in seiner Jugend, wenn -er einem glänzenden, ruhmbekränzten Vorbild nahte, ähnliche Gefühle -bestürmt? Wem sank da nicht sein eigenes Ich zur Unbedeutendheit -zusammen, während der Gefeierte zum Riesen wuchs? Georg von Frondsberg -galt schon damals für einen der berühmtesten Feldherren seiner Zeit. -Italien, Frankreich und Deutschland erzählten von seinen Siegen, und -die Kriegskunst wird ihn ewig in ihren Annalen nennen, denn er war der -Stifter und Gründer eines geordneten, in Reihen und Gliedern fechtenden -Fußvolkes. Sagen und Chroniken erhielten das Bild dieses Helden bis -auf unsere Tage, und wer gedenkt nicht unwillkürlich jener homerischen -Helden, wenn er von diesem Manne liest: »Er war so stark an Gliedern, -wenn er den Mittelfinger der rechten Hand ausstreckte, daß er damit -den stärksten Mann, so sich steif stellte, vom Platz stoßen, ein -rennendes Pferd beim Zaum ergreifen und stellen, die großen Büchsen und -Mauerbrecher allein von einem Ort zum andern führen konnte?« Zu ihm -führte Breitenstein den Jüngling. - -»Wen bringt Ihr uns da, Hans?« rief Georg von Frondsberg, indem er den -hochgewachsenen, schönen, jungen Mann mit Teilnahme betrachtete. - -»Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr,« antwortete Breitenstein, -»ob Euch nicht beifällt, in welches Haus er gehören mag?« - -Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der alte Truchseß -von Waldburg wandte prüfend sein Auge herüber. Georg war schüchtern -und blöde vor diese Männer getreten; aber sei es, daß die freundliche, -zutrauliche Weise Frondsbergs ihm Mut machte, sei es, daß er fühlte, -wie wichtig der Augenblick für ihn sei, er bekämpfte die Scham, den -Blicken so vieler berühmter Männer ausgesetzt zu sein und sah ihnen -entschlossen und mutig ins Gesicht. - -»Jetzt, an diesem Blick erkenne ich dich,« sagte Frondsberg und bot ihm -die Hand, »du bist ein Sturmfeder?« - -»Georg Sturmfeder,« antwortete der junge Mann, »mein Vater war Burkhard -Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte, in Italien an Eurer Seite.« - -»Er war ein tapferer Mann,« sprach der Feldhauptmann, dessen Auge immer -noch sinnend auf Georgs Zügen ruhte, »an manchem warmen Schlachttag -hat er treu zu mir gehalten; wahrlich, sie haben ihn allzu frühe -eingescharrt! Und du,« setzte er freundlicher hinzu, »du hast dich -eingestellt, um seiner Spur zu folgen? Was treibt dich schon so frühe -aus dem Neste, und bist kaum flügg?« - -»Ich weiß schon,« unterbrach ihn Waldburg mit rauher, unangenehmer -Stimme; »das Vöglein will sich ein paar Flöckchen Wolle suchen, um das -alte Nest zu flicken!« - -Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen jagte -eine hohe Glut auf die Wange des Jünglings. Er hatte sich nie seiner -Dürftigkeit geschämt, aber dieses Wort klang so höhnend, daß er sich -zum erstenmal dem reichen Spötter gegenüber recht arm fühlte. Da fiel -sein Blick über Truchseß Waldburg hin durch die Scheiben auf jenes -wohlbekannte Erkerfenster, er glaubte Mariens Gestalt zu erblicken, und -sein alter Mut kehrte wieder, »Ein jeder Kampf hat seinen Preis, Herr -Ritter,« sagte er, »ich habe dem Bund Kopf und Arm angetragen; _was_ -mich dazu treibt, kann _Euch_ gleichgültig sein.« - -»Nun, nun!« erwiderte jener, »wie es mit dem Arm aussieht, werden wir -sehen, im Kopfe muß es aber nicht so ganz hell sein, da Ihr aus Spaß -gleich Ernst macht.« - -Der gereizte Jüngling wollte wieder etwas darauf erwidern, Frondsberg -aber nahm ihn freundlich bei der Hand; »Ganz wie dein Vater, lieber -Junge; nun, du willst zeitlich zu einer Nessel werden.[13] Und wir -werden Leute brauchen, denen das Herz am rechten Flecke sitzt. Daß du -dann nicht der Letzte bist, darfst du gewiß sein.« - -Diese wenigen Worte aus dem Munde eines durch Tapferkeit und -Kriegskunst unter seinen Zeitgenossen hochberühmten Mannes übten so -besänftigende Gewalt über Georg, daß er die Antwort, die ihm auf der -Zunge schwebte, zurückdrängte und sich schweigend von der Tafel in ein -Fenster zurückzog, teils um die Obersten nicht weiter zu stören, teils -um sich genauer zu überzeugen, ob die flüchtige Erscheinung, die er -vorhin gesehen, wirklich Marie gewesen sei. - -Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg zu -Waldburg: »Das ist nicht die Art, Herr Truchseß, wie man tüchtige -Gesellen für unsere Sache gewinnt; ich wette, er ging nicht mit halb -soviel Eifer für die Sache von uns, als er zu uns brachte.« - -»Müßt Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?« fuhr jener -auf. »Was braucht es da? Er soll einen Spaß von seinem Obern ertragen -lernen.« - -»Mit Verlaub,« fiel ihm Breitenstein ins Wort, »das ist kein Spaß, sich -über unverschuldete Armut lustig zu machen; ich weiß aber wohl, Ihr -seid seinem Vater auch nie grün gewesen.« - -»Und,« fuhr Frondsberg fort, »sein Oberer seid Ihr ganz und gar noch -nicht. Er hat dem Bunde noch keinen Eid geleistet, also kann er noch -immer hinreiten, wohin er will; und wenn er auch unter Euren eigenen -Fahnen diente, so möchte ich Euch doch nicht raten, ihn zu hänseln, er -sieht mir nicht danach aus, als ob er sich viel gefallen ließe!« - -Sprachlos vor Zorn über den Widerspruch, den er in seinem Leben nie -ertragen konnte, blickte Truchseß den einen und den andern an, mit -so wutvollen Blicken, daß sich Ludwig von Hutten schnell ins Mittel -schlug, um noch ärgeren Streit zu verhüten: »Laßt doch die alten -Geschichten!« rief er. »Ueberhaupt wäre es gut, wir heben die Tafel -auf. Es dunkelt draußen schon stark, und der Wein wird zu mächtig. -Dietrich Spät hat schon zweimal des Württembergers Tod ausgebracht, -und die Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine -Schlösser niederbrennen oder verteilen soll.« - -»Laßt sie immer,« lachte Waldburg bitter, »die Herren dürfen ja heute -machen, was sie wollen, Frondsberg wird ihnen doch das Wort reden.« - -»Nein,« antwortete Ludwig Hutten, »wenn einer von so etwas reden -darf, bin ich es, als der Bluträcher meines Sohnes; aber ehe noch -der Krieg erklärt ist, müssen solche Reden unterbleiben. Mein Vetter -Ulrich spricht mir auch zu heftig mit den Italienern über den Mönch von -Wittenberg, und er verschwatzt sich zu sehr, wenn er in Zorn gerät. -Laßt uns aufbrechen.« - -Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen auf, und als die -nächsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war der Aufbruch allgemein. - - - - -4. - - Wollt ihr wissen, was die Augen sein, - Womit ich sie sehe durch alle Land'? - Es sind die Gedanken des Herzens mein, - Damit schau ich durch die Mauer und Wand. - - _Walther von der Vogelweide._ - - -Georg hatte in dem Fenster, wohin er sich zurückgezogen, nicht so -entfernt gestanden, daß er nicht jedes Wort der Streitenden gehört -hätte. Er freute sich der warmen Teilnahme, mit welcher Frondsberg -sich des unberühmten, verwaisten Jünglings angenommen hatte, zugleich -aber konnte er es sich nicht verbergen, daß sein erster Schritt in -die kriegerische Laufbahn ihm einen mächtigen, erbitterten Feind -zugezogen hatte. Der Truchseß war zu bekannt im Heere wegen seines -unversöhnlichen Stolzes, als daß Georg hätte glauben dürfen, Huttens -vermittelnde und besänftigende Worte haben jede Erinnerung an diesen -Streit verlöscht, und daß Männer von Gewicht wie Waldburg, in solchen -Fällen der vielleicht unschuldigen Ursache ihres Zornes die Schuld -nicht erlassen, war ihm aus manchen Fällen wohl bekannt. Ein leichter -Schlag auf seine Schulter unterbrach seine Gedanken, und er sah, als -er sich umwandte, seinen freundlichen Nebensitzer, den Schreiber des -großen Rats, vor sich. - -»Ich wette, Ihr habt Euch noch nach keinem Quartier umgesehen,« sprach -Dietrich von Kraft, »und es möchte Euch auch jetzt etwas schwer werden, -denn es ist bereits dunkel, und die Stadt ist überfüllt.« - -Georg gestand, daß er noch nicht daran gedacht habe, er hoffe aber, in -einer der öffentlichen Herbergen noch ein Plätzchen zu bekommen. - -»Darauf möchte ich doch nicht so sicher bauen,« entgegnete jener, -»und gesetzt, Ihr fändet auch in einer solchen Schenke einen Winkel, -so dürft Ihr doch sicherlich darauf rechnen, daß Ihr schlecht genug -bedient seid. Aber wenn Euch meine Wohnung nicht zu gering scheint, so -steht sie Euch mit Freuden offen.« - -Der gute Ratsschreiber sprach mit so viel Herzlichkeit, daß Georg -nicht Anstand nahm, sein Anerbieten anzunehmen, obgleich er beinahe -befürchtete, die gastfreundliche Einladung möchte seinen Wirt gereuen, -wenn die gute Laune zugleich mit den Dünsten des Weines verflogen sein -werde. Jener aber schien über die Bereitwilligkeit seines Gastes hoch -erfreut; er nahm mit einem herzlichen Handschlag seinen Arm und führte -ihn aus dem Saal. - -Der Platz vor dem Rathaus bot indes einen ganz eigenen Anblick -dar. Die Tage waren noch kurz, und die Abenddämmerung war während -der Tafel unbemerkt hereingebrochen, man hatte daher Fackeln und -Windlichter angezündet; ihr dunkelroter Schein erhellte den großen -Raum nur sparsam und spielte in zitternden Reflexen an den Fenstern -der gegenüberstehenden Häuser und auf den blanken Helmen und -Brustharnischen der Ritter. Wildes Rufen nach Pferden und Knechten -scholl aus der Halle des Rathauses, das Klirren der nachschleppenden -Schwerter, das Hin- und Herrennen der vielen Menschen mischte sich in -das Gebell der Hunde, in das Wiehern und Stampfen der ungeduldigen -Rosse, eine Szene, die mehr einem in der Nacht vom Feinde überfallenen -Posten als dem Aufbruch von einem friedlichen Mahle glich. - -Ueberrascht blieb Georg unter der Halle stehen. Der Anblick so vieler -fröhlicher Gesichter, der kräftigen Gestalten, die in jugendlichem Mute -ansprengten, kühne Reiterkünste übten und dann singend und jubelnd -in kleinen Haufen abzogen und in der Nacht verschwanden; dieser -nächtliche, flüchtige Anblick erinnerte ihn, wie ungewiß, wie schnell -auch diese Tage vorübergehen werden, wie alle diese fröhlichen Gesellen -dem tiefen Ernste des Krieges entgegenziehen, wie mancher noch ehe der -Frühling völlig herauf ginge, mit seinem Körper den grünenden Rasen -decken werde, wie sie gefallen sein werden, ohne mit ihrem Blute etwas -eingelöst zu haben, als die Träne eines Kameraden und den kurzen Ruhm, -als brave Männer vor dem Feinde geblieben zu sein. - -Unwillkürlich streifte sein Auge nach jener Seite hin, wo er seinen -Kampfpreis wußte. Er sah dort viele Leute an den Fenstern stehen, aber -der schwärzliche Rauch der Fackeln, der wie eine Wolke über den Platz -hinzog, verhüllte die Gegenstände wie mit einem Schleier und ließ sie -nur wie ungewisse Schatten sehen; unbefriedigt wandte er sein Auge ab. -»So ist auch meine Zukunft,« sagte er zu sich; »das Jetzt ist helle, -aber wie dunkel, wie ungewiß das Ziel!« - -Sein freundlicher Wirt riß ihn aus diesem düstern Sinnen mit der Frage, -wo seine Knechte mit seinen Pferden seien? Wenn der Platz, worauf sie -standen, heller erleuchtet gewesen wäre, so hätte vielleicht der gute -Kraft eine flüchtige, aber brennende Röte, die bei dieser Frage über -Georgs Wangen zog, bemerken können. »Ein junger Kriegsmann,« antwortete -er schnell gefaßt, »muß sich so viel wie möglich selbst zu helfen -wissen, daher habe ich keinen Diener bei mir; mein Pferd aber habe ich -Breitensteins Knechten übergeben.« - -Der Ratsschreiber lobte im Weiterschreiten die Strenge des jungen -Mannes gegen sich selbst, gestand aber, daß er, wenn er einmal zu Felde -ziehe, den Dienst nicht so strenge lernen werde. Ein Blick auf sein -zierlich geordnetes Haar und den fein gekräuselten Bart überzeugte -Georg, daß sein Begleiter aus voller Seele spreche, und die zierliche -bequeme Wohnung, in welcher sie bald darauf anlangten, widersprach -diesem Glauben nicht. - -Das Hauswesen des Herrn von Kraft war eine sogenannte -Junggesellenwirtschaft, denn Herrn Dietrichs Eltern waren längst -abgeschieden, als er in das Mannesalter und zugleich in seinen -Posten beim großen Rate eintrat. Er hätte sich vielleicht längst um -eine Genossin seiner Herrlichkeit umgesehen, wenn nicht die Anmut -des Junggesellenlebens, der nicht zu verachtende Vorteil, von allen -jungen Damen der Stadt als eine gute Partie (nach heutigen Begriffen) -angesehen und honoriert zu werden, vor allem aber, wie man sich ins -Ohr flüsterte, die entschiedene Abneigung, die seine alte Amme und -Haushälterin vor einer jungen Gebieterin hegte, ihn immer von diesem -Schritte abgehalten hätte. - -Herr Dietrich hatte ein großes Haus, nicht weit vom Münster, einen -schönen Garten am Michelsberg, sein Hausgeräte war im besten Stande, -die großen eichenen Kasten voll des köstlichen Linnenzeuges, das -die Kraftinnen und ihre Zofen seit vielen Generationen in den -langen Winterabenden zusammengesponnen hatten; die eiserne Truhe -im Schlafzimmer enthielt eine erkleckliche Anzahl von Goldgülden, -Herr Dietrich selbst war ein hübscher, solider Herr, ging immer -geschniegelt und gebügelt, mit gesetztem, anständigem Gang in den -Rat, hatte einen guten Haus- und Ratsverstand, war aus einer alten -Familie; war es ein Wunder, wenn die ganze Stadt sein Leben pries und -jedes hübsche Ulmer Stadtkind sich glücklich geschätzt hätte, in diesen -bequem ausstaffierten Ehehimmel zu kommen? - -Georg kamen übrigens diese Verhältnisse bei näherer Besichtigung -nichts weniger als lockend vor. Die einzigen Hausgenossen des -Ratsschreibers waren ein alter, grauer Diener, zwei große Katzen -und die unförmig dicke Amme. Diese vier Geschöpfe starrten den Gast -mit großen, bedenklichen Augen an, die ihm bewiesen, wie ungewohnt -ihnen ein solcher Zuwachs der Haushaltung sei. Die Katzen umgingen -ihn schnurrend, mit gekrümmtem Rücken, die Amme schob unmutig an der -ungeheuren Buckelhaube von Golddraht und fragte, ob sie für zwei -Personen das Abendessen zurichten solle? Als sie aber nicht nur ihre -Frage bestätigen hörte, sondern auch den Auftrag (man war ungewiß, -war es Bitte oder Befehl) bekam, das Eckzimmer im zweiten Stock für -den Gast zuzurichten, da schien ihre Geduld erschöpft; sie ließ einen -wütenden Blick auf ihren jungen Gebieter schießen und verließ mit -ihrem Schlüsselbund rasselnd das Gemach. Georg hörte noch lange die -hohltönenden Treppen unter ihren schweren Tritten erbeben, und die öde -Stille des großen Hauses gab in vielfältigem Echo das Gepolter der -Türen zurück, welche sie im Grimme hinter sich zuwarf. - -Der graue Diener hatte indessen einen Tisch und zwei große Armstühle an -den ungeheuren Ofen gerückt; den Tisch besetzte er mit einem schwarzen -Kasten, stellte zu beiden Seiten desselben ein Licht und einen -silbernen Becher mit Wein und entfernte sich dann, nachdem er einige -leise Worte mit seinem Herrn gewechselt hatte. Herr Dietrich lud seinen -Gast ein, an seiner gewöhnlichen Abendunterhaltung teilzunehmen. Er -öffnete den schwarzen Kasten, es war ein Brettspiel. - -Georg graute vor dieser Unterhaltung seines Gastfreundes, als er ihm -erzählte, daß er seit seinem zehnten Jahre alle Abende mit der Amme -an diesem Spiele sich ergötze. Wie öde, wie unheimlich kam ihm das -Haus vor. Das Rennen und Laufen der Amme hatte doch noch an Leben und -Bewegung erinnert, jetzt aber lag Grabesstille über den weiten Gängen -und Gemächern, nur zuweilen vom Knistern der Lichter, vom Ticken des -Holzwurmes im schwärzlichen Getäfel und von dem eintönigen Rollen -der Würfel unterbrochen. Das Spiel hatte nie etwas Anziehendes für -ihn gehabt, seine Gedanken waren auch ferne davon, und die tiefe -Melancholie der öden Gemächer und der Gedanke, nur wenige Straßen von -ihr entfernt, doch den lang ersehnten Anblick der Geliebten entbehren -zu müssen, breitete düstere Schatten über seine Seele. Nur die -ungeheuchelte Freude Herrn Dietrichs, beinahe alle Spiele zu gewinnen, -die seinem gutmütigen Gesicht etwas Angenehmes verlieh, entschädigte -ihn für den Verlust der langsam hinschleichenden Stunden. - -Mit dem Schlage der achten Stunde führte Dietrich seinen Gast zum -Abendbrot, das die Amme, trotz ihres Unmutes, trefflich bereitet hatte, -denn sie wollte der Ehre des Kraftischen Hauses nichts vergeben. -Hier öffnete auch der Ratsschreiber wieder die Schleusen seiner -Beredsamkeit, indem er seinem Gaste das Mahl durch Gespräch zu würzen -suchte. Aber umsonst spähete dieser, ob er nicht von seinem schönen -Mühmchen reden werde; nur _eine_ Ausbeute bekam er: Kraft zählte unter -den württembergischen Rittern, die in Ulm anwesend seien, auch den -Ritter von Lichtenstein auf. Doch schon dieses Wort erweckte dankbare -Gefühle gegen die Wendung seines Schicksals in ihm. Jetzt erst freute -er sich, einer Partei beigetreten zu sein, die ihm sonst, außer den -berühmten Namen, die sie an der Spitze trug, ziemlich gleichgültig -war. So aber hatte auch ihr Vater sich in dem Sammelplatze des Heeres -eingefunden, und durfte er auch nicht hoffen, daß ihm das Glück -vergönnen werde, an der Seite des teuren Mannes zu fechten, so trug er -doch die Gewißheit in der Brust, ihm beweisen zu können, daß Georg von -Sturmfeder nicht der letzte Kämpfer im Heere sei. - -Der Hausherr führte ihn nach aufgehobener Tafel in sein Schlafgemach -und schied von ihm mit einem herzlichen Glückwunsch für seine Ruhe. -Georg sah sich das Gemach, das man ihm angewiesen hatte, näher an -und fand, daß es ganz zu dem öden Hause passe. Die runden, vom Alter -geblendeten Scheiben der Fenster, das dunkle Täfelwerk an Wand und -Decke, der große, weit vorspringende Ofen, selbst das ungeheure Bette -mit breitem Himmel und steifen schweren Gardinen, sie gewährten ein -düsteres, beinahe trauriges Ansehen. Aber dennoch war alles zu seiner -Bequemlichkeit eingerichtet. Frische, schneeweiße Linnen blinkten ihm -einladend aus dem Bette entgegen, als er die Vorhänge zurückschlug; -der Ofen verbreitete eine angenehme Wärme, eine Nachtlampe war an der -Decke aufgehängt, und selbst der Schlaftrunk, ein Becher wohlgewürzten, -warmen Weines, war nicht vergessen. Er zog die Gardinen vor und -ließ die Bilder des vergangenen Tages an seiner Seele vorüberziehen. -Geordnet und freundlich kamen sie anfangs vorüber, dann aber verwirrten -sie sich, in buntem Gedränge führten sie seine Seele in das Reich der -Träume, und nur ein teures Bild ging ihm heller auf, es war das Bild -der Geliebten. - - - - -5. - - -- Ist's kein Wahn? - Will der Holde, Vielgetreue, - Dem ich Herz und Leben weihe, - Heute noch zu Gruß und Kusse nahn? - - _F. Haug._ - - -Georg wurde am anderen Morgen durch ein bescheidenes Pochen an seiner -Türe erweckt. Er schlug die Vorhänge seines Bettes zurück und sah, -daß die Sonne schon ziemlich hoch stehe. Es wurde wieder und stärker -gepocht, und sein freundlicher Wirt, schon völlig im Putz, trat ein. -Nach den ersten Erkundigungen, wie sein Gast geschlafen habe, kam Herr -Dietrich gleich auf die Ursache seines frühen Besuches. Der große Rat -hatte gestern abend noch beschlossen, die Ankunft der Bundesgenossen -auch durch einen Tanz zu feiern, der am heutigen Abend auf dem Rathause -abgehalten werden sollte. Ihm, als dem Ratsschreiber, kam es zu, -alles anzuordnen, was zu dieser Festlichkeit gehörte: er mußte die -Stadtpfeifer bestellen, die ersten Familien feierlich und im Namen -des Rates dazu einladen, er mußte vor allem zu seinen lieben Mühmchen -eilen, um ihnen dieses seltene Glück zu verkündigen. - -Er erzählte dies alles mit wichtiger Miene seinem Gaste und versicherte -ihm, daß er vor dem Drang der Geschäfte nicht wisse, wo ihm der Kopf -stehe. Doch Georg hatte nur für _eines_ Sinn; er durfte hoffen, Marien -zu sehen und zu sprechen, und darum hätte er gerne Herrn Dietrich für -seine gute Botschaft an das freudig pochende Herz gedrückt. - -»Ich sehe es Euch an,« sagte dieser, »die Nachricht macht Euch Freude, -und die Tanzlust leuchtet Euch schon aus den Augen. Doch Ihr sollt ein -paar Tänzerinnen haben, wie Ihr sie nur wünschen könnt; mit meinen -Bäschen sollt Ihr mir tanzen, denn ich bin ihr Führer bei solchen -Gelegenheiten und werde es schon zu machen wissen, daß Ihr und kein -anderer zuerst sie aufziehen sollet; und wie werden sie sich freuen, -wenn ich ihnen einen so flinken Tänzer verspreche!« Damit wünschte er -seinem Gast einen guten Morgen und ermahnte ihn, wenn er ausgehe, sein -Haus zu merken und das Mittagessen nicht zu versäumen. - -Herr Dietrich hatte, als sehr naher Verwandter, schon so frühe am Tag -Zutritt im Hause des Herrn von Besserer, besonders heute, da ihn seine -vielen Geschäfte bei diesem Morgenbesuche entschuldigten. - -Er fand die Mädchen noch beim Frühstück. Wohl hätte dort manche -unserer heutigen Damen ein elegantes Dejeuner von gemaltem Porzellan -und den nach den schönsten antiken Vasen geformten Schokoladenbecher -vermißt. Aber wenn es wahr ist, daß natürliche Anmut und Würde auch -im geringsten Kleide sich dem Auge nicht verhüllen, so dürfen wir -schon mit mehr Mut gestehen, daß Marie und die fröhliche Bertha an -jenem Morgen ein Biersüppchen verspeisten. Ob aber dieses Geständnis -der ästhetischen Haltung dieser Damen nicht Eintrag tut? Es mag sein; -wer übrigens Marien und Bertha in dem weißen Morgenhäubchen, in dem -reinlichen Hauskleide gesehen hätte, würde gewiß auch, wie Vetter -Kraft, Verlangen getragen haben, dieses Frühstück mit den holden -Mädchen zu teilen. - -»Ich sehe dir es an, Vetter,« begann Bertha, »du möchtest gar zu gerne -von unserer Suppe kosten, weil dir deine Amme heute einen Kinderbrei -vorgesetzt hat; aber schlage dir diese Gedanken nur gleich aus dem -Sinne; du hast Strafe verdient und mußt fasten --« - -»Ach, wie wir so sehnlich auf Euch gewartet haben,« unterbrach sie -Marie. - -»Jawohl,« fiel ihr Bertha in die Rede, »aber bilde dir nur nicht -ein, daß wir eigentlich dich erwarteten; nein, ganz allein deine -Neuigkeiten.« - -Der Ratsschreiber war schon gewohnt, von Bertha so empfangen zu -werden; er wollte daher, um sie zu versöhnen, daß er nicht gestern -abend noch ihre Neugierde befriedigt habe, seine Nachrichten in desto -längerem Strome geben; aber Bertha unterbrach ihn. »Wir kennen,« sagte -sie, »deine breiten Erzählungen und haben auch das meiste vom Erker -aus selbst mit angesehen; von eurem Trinkgelage, wo es arg genug -hergegangen sein soll, will ich auch nichts wissen, darum antworte -mir auf meine Frage.« Sie stellte sich mit komischem Ernst vor ihn -hin und fuhr fort: »Dietrich von Kraft, Schreiber eines wohledlen -Rates, habt Ihr unter den Bündischen keinen jungen, überaus höflichen -Herrn gesehen, mit langem, hellbraunem Haar, einem Gesicht, nicht so -milchweiß wie das Eure, aber doch nicht minder hübsch, kleinem Bart, -nicht so zierlich wie der Eure, aber dennoch schöner, hellblauer -Schärpe mit Silber ...« - -»Ach, das ist kein anderer als mein Gast!« rief Herr Dietrich. »Er ritt -einen großen Braunen, trug ein blaues Wams, an den Schultern geschlitzt -und mit Hellblau ausgelegt?« - -»Ja, ja, nur weiter!« rief Bertha. »Wir haben unsere eigenen Ursachen, -uns nach ihm zu erkundigen.« - -Marie stand auf und suchte ihr Nähzeug in dem Kasten, indem sie den -beiden den Rücken zukehrte; aber die Röte, die alle Augenblicke auf -ihren Wangen wechselte, ließ ahnen, daß sie kein Wort von Herrn -Dietrichs Erzählung verlor. - -»Nun, das ist Georg von Sturmfeder,« fuhr der Ratsschreiber fort; »ein -schöner, lieber Junge. Sonderbar, auch ihr seid ihm gleich beim Einzug -aufgefallen« -- und nun erzählte er, was am Gastmahl vorgegangen sei, -wie ihm der hohe Wuchs, das Gebietende und Anziehende in des Jünglings -Mienen gleich anfangs aufgefallen, wie ihn der Zufall zu seinem Nachbar -gemacht, wie er ihn immer lieber gewonnen und endlich in sein Haus -geführt habe. - -»Nun, das ist schön von dir, Vetter,« sagte Bertha, als er geendet -hatte, und reichte ihm freundlich die Hand; »ich glaube, es ist das -erste Mal, daß du es wagst, Gäste zu haben. Aber das Gesicht der alten -Sabine hätte ich sehen mögen, als Junker Dieter so spät noch einen Gast -brachte.« - -»O, sie war wie der Lindwurm gegen St. Georg; aber als ich ihr ganz -verblümt zu verstehen gab, es könne wohl geschehen, daß ich bald eine -meiner schönen Basen heimführen würde ...« - -»Ach, geh doch!« entgegnete Bertha, indem sie ihm hocherrötend ihre -Hand entreißen wollte; aber Herr Dietrich, dem sein Mühmchen noch nie -so hübsch als in diesem Augenblick geschienen hatte, drückte die weiche -Hand fester, und Mariens ernsteres Bild verlor von Sekunde zu Sekunde -an Gehalt, und die Wagschale der fröhlichen Bertha, die jetzt in holder -Verschämtheit vor ihm saß, stieg hoch in den Augen des glücklichen -Ratsschreibers. - -Marie hatte indes schweigend das Gemach verlassen, und Bertha ergriff -mit Freuden diese Gelegenheit, ein anderes Gespräch einzuleiten. - -»Da geht sie nun wieder,« sagte sie und sah Marien nach, »und ich -wollte darauf wetten, sie geht in ihre Kammer und weint. Ach, sie hat -gestern wieder so heftig geweint, daß ich auch ganz traurig geworden -bin.« - -»Was hat sie nur?« fragte Dietrich teilnehmend. - -»Ich habe so wenig wie früher die Ursache ihrer Tränen erfahren,« fuhr -Bertha fort. »Ich habe gefragt und immer wieder gefragt, aber sie -schüttelt dann nur den Kopf, als wenn ihr nicht zu helfen wäre. ›Der -unselige Krieg!‹ war alles, was sie mir zur Antwort gab.« - -»So ist der Alte noch immer entschlossen, mit ihr nach Lichtenstein -zurückzugehen?« - -»Jawohl,« war Berthas Antwort. »Du hättest nur hören sollen, wie der -alte Mann gestern beim Einzug auf die Bündischen schimpfte. Nun -- er -ist einmal seinem Herzog mit Leib und Seele ergeben, darum mag es ihm -hingehen. Aber sobald der Krieg erklärt ist, will er mit ihr abreisen.« - -Herr Dietrich schien sehr nachdenklich zu werden. Er stützte den Kopf -auf die Hand und hörte seiner Muhme schweigend zu. - -»Und denke,« fuhr diese fort, »da hat sie nun gestern nach dem Einritte -der Bündischen so heftig geweint. Du weißt, sie war zwar vorher schon -immer ernst und düster, und ich habe sie an manchem Morgen in Tränen -gefunden. Aber als habe schon dieser Einzug über das ganze Schicksal -des Krieges entschieden, so untröstlich gebärdete sie sich. Ich glaube, -Ulm liegt ihr nicht so am Herzen, aber ich vermute,« setzte sie -geheimnisvoll hinzu, »sie hat eine heimliche Liebe im Herzen.« - -»Ach freilich, ich habe es schon lange gemerkt,« seufzte Herr Dietrich, -»aber was kann ich denn dafür?« - -»Du? Was du dafür kannst?« lachte Bertha, auf deren Gesicht bei diesen -Worten alle Trauer verschwunden war. »Nein! Du bist nicht schuld an -ihrem Schmerz. Sie war schon so, ehe du sie nur mit einem Auge gesehen -hast!« - -Der ehrliche Ratsschreiber war sehr beschämt durch diese Versicherung. -Er glaubte in seinem Herzen nicht anders, als der Abschied von ihm gehe -der armen Marie so nahe, und fast schien ihr wehmütiges Bild in seinem -wankelmütigen Herzen wieder das Uebergewicht zu bekommen. Bertha aber -ließ nicht ab, ihn mit seiner törichten Vermutung zu höhnen, bis ihm -auf einmal der Zweck seines Besuches wieder einfiel, den er während -des Gespräches ganz aus den Augen verloren hatte. Sie sprang mit -einem Schrei der Freude auf, als ihr der Vetter die Nachricht von dem -Abendtanz mitteilte. - -»Marie, Marie!« rief sie in hellen Tönen, daß die Gerufene, bestürzt -und irgend ein Unglück ahnend, herbeieilte. »Marie, ein Abendtanz -auf dem Rathaus!« rief ihr die beglückte Bertha schon unter der Tür -entgegen. - -Auch diese schien freudig überrascht von dieser Nachricht. »Wann? -Kommen auch die Fremden dazu?« waren ihre schnellen Fragen, indem ein -hohes Rot ihre Wangen färbte und aus dem ernsten Auge, das die kaum -geweinten Tränen nicht verbergen konnte, ein Strahl der Freude drang. - -Bertha und der Vetter waren erstaunt über den schnellen Wechsel von -Schmerz und Freude, und der letztere konnte die Bemerkung nicht -unterdrücken, daß Marie eine leidenschaftliche Tänzerin sein müsse. -Doch wir glauben, er habe sich hierin nicht weniger geirrt, als wenn er -Georg für einen Weinkenner hielt. - -Als der Ratsschreiber sah, daß er jetzt, wo die Mädchen sich in eine -wichtige Beratung über ihren Anzug verwickelten, eine überflüssige -Rolle spiele, empfahl er sich, um seinen wichtigeren Geschäften -nachzugehen. Er beeilte sich, seine Anordnungen zu treffen und die -hohen Gäste und die angesehensten Häuser zu laden. Ueberall erschien er -als ein Bote des Heils, denn wie die Sage erzählt, ist die Freude am -Tanzen nicht erst in unseren Tagen über die Mädchen gekommen. - -Auch seine Anordnungen waren bald getroffen. Es war noch nicht zum -Grundsatz geworden, daß man nur in einer langen Reihen von Zimmern, -bei flimmernden Lüstern, umgeben von jenen unzähligen, unwesentlichen -Dingen, welche die Mode als notwendig preist, fröhlich sein könne. Der -Rathaussaal gab hinlänglichen Raum, und die kunstlosen Lampen, die an -den Wänden aufgehängt waren, hatten bisher Helle genug verbreitet, die -schönen Jungfrauen von Ulm in ihrer Pracht zu sehen. - -Doch nicht seine Anordnungen allein waren dem Ratsschreiber gelungen, -er hatte nebenbei auch manche geheime Nachricht erspäht, die bis jetzt -nur der engere Ausschuß des Rates mit den Bundesobersten teilte. - -Zufrieden mit dem Erfolg seiner vielen Geschäfte, kam er gegen -Mittag nach Hause, und sein erster Gang war, nach seinem Gaste zu -sehen. Er traf ihn in sonderbarer Arbeit. Georg hatte lange in -einem schöngeschriebenen Chronikbuch, das er in seinem Zimmer -gefunden hatte, geblättert. Die reinlich gemalten Bilder, womit die -Anfangsbuchstaben der Kapitel unterlegt waren, die Triumphzüge und -Schlachtenstücke, welche, mit kühnen Zügen entworfen, mit besonderem -Fleiße ausgemalt, hin und wieder den Text unterbrachen, unterhielten -ihn geraume Zeit. Dann fing er an, erfüllt von den kriegerischen -Bildern, die er angeschaut hatte, seinen Helm und Harnisch und das vom -Vater ererbte Schwert zu reinigen und blank zu machen, indem er zu -großem Aergernis der Frau Sabine bald lustige, bald ernstere Weisen -dazu sang. - -So traf ihn sein Gastfreund. Schon unten an der Treppe hatte er -die angenehme Stimme des Singenden vernommen. Er konnte sich nicht -enthalten, noch einige Zeit an der Türe zu lauschen, ehe er den Gesang -unterbrach. - -Es war eine jener ernsten, beinahe wehmütig tönenden Weisen, wie sie, -durch ihren innern Wert erhalten und fortgetragen, bis auf unsere Tage -herabkamen. Noch heute leben sie in dem Munde der Schwaben, und oft -und gerne haben wir, ergriffen von ihrer einfachen Schönheit, von den -gehaltenen Klängen ihrer vollen Akkorde, an den lieblichen Ufern des -Neckars sie belauscht. - -Der Sänger begann von neuem: - - »Kaum gedacht, - War der Lust ein End' gemacht; - Gestern noch auf stolzen Rossen, - Heute durch die Brust geschossen, - Morgen in das kühle Grab. - - »Doch was ist - Aller Erden Freud' und Lüst'! - Prangst du gleich mit deinen Wangen - Die wie Milch und Purpur prangen, - Sieh, die Rosen welken all. - - »Darum still - Geb' ich mich, wie Gott es will. - Und wird die Trompete blasen, - Und muß ich mein Leben lassen, - Stirbt ein braver Reitersmann.« - -»Wahrlich, Ihr habt eine schöne Stimme,« sagte Herr von Kraft, als er -in das Gemach eintrat. »Aber warum singt Ihr so traurige Lieder? Ich -kann mich zwar nicht mit Euch messen, aber was ich singe, muß fröhlich -sein, wie es einem jungen Mann von achtundzwanzig geziemt.« - -Georg legte sein Schwert auf die Seite und bot seinem Gastfreund die -Hand. »Ihr möget recht haben,« sagte er, »was Euch betrifft. Aber wenn -man zu Feld reitet wie wir, da hat ein solches Lied große Gewalt und -Trost, denn es gibt auch dem Tode eine milde Seite.« - -»Nun, das ist ja gerade, was ich meine,« entgegnete der Schreiber -des großen Rates. »Wozu soll man das auch noch in schönen Verslein -besingen, was leider nur zu gewiß nicht ausbleibt? Man soll den Teufel -nicht an die Wand malen, sonst kommt er, sagt ein Sprichwort. Uebrigens -hat es damit keine Not, wie jetzt die Sachen stehen.« - -»Wie? Ist der Krieg nicht entschieden?« fragte Georg neugierig. »Hat -der Württemberger Bedingungen angenommen?« - -»_Dem_ macht man gar keine mehr,« antwortete Dietrich mit wegwerfender -Miene. »Er ist die längste Zeit Herzog gewesen, jetzt kommt das -Regieren auch einmal an uns. Ich will Euch etwas sagen,« setzte er -wichtig und geheimnisvoll hinzu, »aber bis jetzt bleibt es noch unter -uns. Die Hand darauf. Ihr meint, der Herzog habe 14000 Schweizer? Sie -sind wie weggeblasen. Der Bote, den wir nach Zürich und Bern geschickt -haben, ist zurück. Was von Schweizern bei Blaubeuren und auf der Alb -liegt -- muß nach Haus.« - -»Nach Haus zurück?« rief Georg erstaunt. »Haben die Schweizer selbst -Krieg?« - -»Nein,« war die Antwort, »sie haben tiefen Frieden, aber kein Geld. -Glaubt mir, ehe acht Tage ins Land kommen, sind schon Boten da, die das -ganze Heer nach Haus zurückrufen.« - -»Und werden sie gehen?« unterbrach ihn der Jüngling, »sie sind auf ihre -eigene Faust dem Herzog zu Hilfe gezogen, wer kann ihnen gebieten, -seine Fahnen zu verlassen?« - -»Das weiß man schon zu machen. Glaubt Ihr denn, wenn an die Schweizer -der Ruf kommt, bei Verlust ihrer Güter und bei Leib- und Lebensstrafe -nach Haus zu eilen,[14] sie werden bleiben? Ulrich hat zu wenig Geld, -um sie zu halten, denn auf Versprechungen dienen sie nicht.« - -»Aber ist dies auch ehrlich gehandelt?« bemerkte Georg, »heißt das -nicht, dem Feinde, der in ehrlicher Fehde mit uns lebt, die Waffen -stehlen und ihn dann überfallen?« - -»In der Politika, wie wir es nennen,« gab der Ratsschreiber zur -Antwort und schien sich dem unerfahrenen Kriegsmann gegenüber kein -geringes Ansehen geben zu wollen; »in der Politika wird die Ehrlichkeit -höchstens zum Schein angewandt. So werden die Schweizer z. B. dem -Herzog erklären, daß sie sich ein Gewissen daraus machen, ihre Leute -gegen die freien Städte dienen zu lassen. Aber die Wahrheit ist, daß -wir dem großen Bären mehr Goldgülden in die Tatze drückten als der -Herzog.« - -»Nun, und wenn die Schweizer auch abziehen,« sagte Georg, »so hat doch -Württemberg noch Leute genug, um keinen Hund über die Alb zu lassen.« - -»Auch dafür wird gesorgt,« fuhr der Schreiber in seiner Erläuterung -fort, »wir schicken einen Brief an die Stände von Württemberg und -ermahnen sie, das unleidliche Regiment ihres Herzogs zu bedenken, -demselben keinen Beistand zu tun, sondern dem Bunde zuzuziehen.«[15] - -»Wie?« rief Georg mit Entsetzen, »das hieße ja den Herzog um sein Land -betrügen. Wollt ihr ihn denn zwingen, der Regierung zu entsagen und -sein schönes Württemberg mit dem Rücken anzusehen?« - -»Und Ihr habt bisher geglaubt, man wolle nichts weiter, als etwa -Reutlingen wieder zur Reichsstadt machen? Von was soll denn Hutten -seine zweiundvierzig Gesellen und ihre Diener besolden? Wovon denn -Sickingen seine tausend Reiter und zwölftausend zu Fuß, wenn er nicht -ein hübsches Stückchen Land damit erkämpft? Und meint Ihr, der Herzog -von Bayern wolle nicht auch sein Teil? Und wir? Unsere Markung grenzt -zunächst an Württemberg --« - -»Aber die Fürsten Deutschlands,« unterbrach ihn Georg ungeduldig; -»meint Ihr, sie werden es ruhig mit ansehen, daß ihr ein schönes Land -in kleine Fetzen reißet? Der Kaiser, wird er es dulden, daß ihr einen -Herzog aus dem Lande jagt?« - -Auch dafür wußte Herr Dietrich Rat. »Es ist kein Zweifel, daß Karl -seinem Vater als Kaiser folgt. Ihm selbst bieten wir das Land zur -Obervormundschaft an, und wenn Oesterreich seinen Mantel darauf deckt, -wer kann dagegen sein? Doch sehet nicht so düster aus. Wenn Euch nach -Krieg gelüstet, dazu kann Rat werden. Der Adel hält noch zum Herzog, -und an seinen Schlössern wird sich noch mancher die Zähne einbrechen. -Wir verschwatzen übrigens das Mittagsmahl. Kommt bald nach, daß -wir erfahren, was Frau Sabine uns gekocht hat.« Damit verließ der -Schreiber des großen Rates von Ulm so stolzen Schrittes, als wäre er -selbst schon Obervormund von Württemberg, das Zimmer seines Gastes. - -Georg sandte ihm nicht die freundlichsten Blicke nach. Zürnend schob -er seinen Helm, den er noch vor einer Stunde mit so freudigem Mute -zu seinem ersten Kampf geschmückt hatte, in die Ecke. Mit Wehmut -betrachtete er sein altes Schwert, diesen treuen Stahl, den sein Vater -in manchem guten Streite geführt, den er sterbend seinem verwaisten -Knaben als einziges Erbe vom Schlachtfeld gesendet hatte. »Ficht -ehrlich!« war das Symbolum, das der Waffenschmied in die schöne Klinge -gegraben hatte, und er sollte sie für eine Sache führen, die ihre -Ungerechtigkeit an der Stirne trug? Wo er der Kriegskunst erfahrener -Männer, der Tapferkeit des einzelnen die Entscheidung zutraute, da -sollten geheime Ränke, die Politika, wie Herr Dietrich sich ausdrückte, -entscheiden? Wo ihn der fröhliche Glanz der Waffen, die Aussicht -auf Ruhm gelockt hatte, da sollte er nur den habgierigen Plänen -dieser Menschen dienen? Ein altes Fürstenhaus, dem seine Ahnen gerne -gedient hatten, sollte er von diesen Spießbürgern vertreiben sehen? -Unerträglich wollte ihm auch der Gedanke scheinen, von diesem Kraft -sich belehren lassen zu müssen. - -Doch dem Unmut über seinen gutmütigen Wirt konnte er nicht lange Raum -geben, wenn er bedachte, daß ja jene Pläne nicht in seinem Kopfe -gewachsen seien, und daß Menschen, wie dieser politische Ratsschreiber, -wenn sie einmal ein Geheimnis, einen großen Gedanken in Erfahrung -gebracht haben; ihn hegen und pflegen wie ihren eigenen; daß sie sich -mit dem adoptierten Kinde brüsten, als wäre es Minerva, aus ihrem -eigenen harten Kopfe entsprungen. - -Mit milderen Gedanken kam er zu seinem Gastfreund, als man ihn zu Tisch -rief. - -Ja, die ganze Ansicht der Dinge wurde ihm nach einigen Stunden bei -weitem erträglicher, als er sich erinnerte, daß ja auch Mariens Vater -dieser Partei folge. Es war ihm, als möchte die Sache doch nicht so -schwarz sein, welcher Männer wie Frondsberg ihre Dienste geliehen. - - Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort, - Das schwer sich handhabt wie des Messers Schneide; - Gleich heißt ihr alles schändlich oder würdig, - Bös oder gut. - -Dieses wahre Wort des Dichters möge die Gesinnung Georgs bezeichnen, -die Gesinnung Georgs, der vielleicht allzuschnell seine Ansicht über -jene Dinge ändert. Und wie die düsteren Falten des Unmuts auf einer -jugendlichen Stirne sich schneller glätten, wie selbst schmerzliche -Eindrücke in des Jünglings Seele von freundlichen Bildern leicht -verdrängt werden, so erhellte auch Georgs Seele der freudige Gedanke an -den Abend. - -Man hat uns erzählt, daß unter die schönsten Stunden im Leben der Liebe -die gehören, wo die Erwartung sich an schöne Erinnerungen knüpft. Der -Geist sei da ahnungsvoller, das Herz gehobener. So mochte auch Georg -fühlen. Er träumte von den schönen Augenblicken, wo es ihm vergönnt -sein werde, die Geliebte zu sehen, sie zu sprechen, ihre Hand zu fassen -und in ihrem Auge zu lesen. - - - - -6. - - Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen, - Da flüstert sie leise, sie kann's nicht verschweigen. - - _Uhland._ - - -Wenn es möglich gewesen wäre, auf einem Trödelmarkt oder in der Auktion -eines Antiquars ein »Taschenbuch zum geselligen Vergnügen, mit neuen -Tanztouren vom Jahr 1519« aufzufinden, wir hätten nicht leicht so -angenehm überrascht werden können, als durch einen Fund ähnlicher Art, -den uns der Zufall in die Hände spielte. - -Wir waren nämlich in vorliegender Historie bis an dieses Kapitel -gekommen, das, um der Sage zu folgen, von einem Abendtanz handeln soll; -da fiel uns auf einmal der Gedanke schwer aufs Herz, daß wir ja nicht -einmal wissen, wie und was man in jenen Zeiten getanzt habe. - -Wir hätten zwar schlechthin sagen können, »sie tanzten«, aber wie -leicht wäre geschehen gewesen, daß eine unserer freundlichen Leserinnen -einen Anachronismus gemacht und etwa Georg von Frondsberg in ihren -Gedanken einen Kotillon hätte vortanzen lassen. In dieser Verlegenheit -stießen wir auf das sehr selten gewordene Buch: »Vom Anfang, Ursprung -und Herkommen der Turniere im heiligen römischen Reich. Frankfurth -1564.« Wir fanden in diesem teuern Folianten unter andern trefflichen -Holzschnitten einige, die einen solchen Abendtanz vorstellen, wie -er zuzeiten Kaiser Maximilians, etwa ein Jahr vor dieser Historie, -gehalten wurde. - -Wir dürfen beinahe mit Gewißheit annehmen, daß der Abendtanz im Ulmer -Rathaussaal sich in nichts von jenem Angeführten unterschied, und man -wird sich den deutlichsten Begriff von einem solchen Vergnügen machen, -wenn wir eines dieser Bilder beschreiben. - -Den Vordergrund nehmen Zuschauer und die Pfeifer, Trommler und -Trompeter ein, die, nach dem Ausdrucke des Turnierbuches, »eins -aufblasen«. Zu beiden Seiten, mehr dem Hintergrunde zu, steht die -tanzlustige Jugend, in reiche, schwere Stoffe gekleidet. In unseren -Tagen sieht man bei solchen Gelegenheiten nur zwei Grundfarben, -schwarz und weiß, worein sich die Herren und Damen, wie in Nacht und -Tag geteilt haben; anders zu jenen Zeiten. Ein überraschender Glanz -der Farben strahlt uns aus jenem Bilde entgegen. Das herrlichste Rot, -vom brennendsten Scharlach bis zum dunkelsten Purpur, jenes brennende -Blau, das uns noch heute an den Gemälden alter Meister überrascht, -sind die freudigen Farben ihrer malerisch drapierten Gewänder. Die -Mitte der Szene nimmt der eigentliche Tanz ein. Er hat am meisten -Aehnlichkeit mit der Polonaise, denn er ist ein Umzug im Saale. Den Zug -eröffnen vier Trompeter mit langen Wappenfahnen an den Instrumenten; -diesen folgt der Vortänzer und seine Dame; diese Stelle bekleidet bei -jedem Tanze wieder ein anderer, und es entschied hiebei nicht die -Geschicklichkeit, sondern der Rang des Tänzers. Auf diese folgen zwei -Fackelträger und dann Paar um Paar der lange Zug der Tanzenden. Die -Damen schreiten ehrbar und züchtig einher, die Männer aber setzen ihre -Füße wunderlich, wie zu kühnen Sprüngen, einige scheinen auch mit den -Absätzen den Takt zu stampfen, wie wir auf jeder Kirchweihe in Schwaben -noch heutzutage sehen können. - -So war der Abendtanz zu Ulm. Man blies schon längst zum ersten auf, -als Georg von Sturmfeder in den Rathaussaal eintrat. Seine Blicke -schweiften durch die Reihen der Tanzenden, und endlich trafen sie -Marien. Sie tanzte mit einem jungen, fränkischen Ritter seiner -Bekanntschaft, schien aber der eifrigen Rede, die er an sie richtete, -nicht Gehör zu geben. Ihr Auge suchte den Boden, ihre Miene konnte -Ernst, beinahe Trauer ausdrücken; ganz anders als die übrigen Fräulein, -die, in der wahren Tanzseligkeit schwimmend, ein Ohr der Musik, -das andere dem Tänzer liehen, und die freundlichen Augen bald ihren -Bekannten, um den Beifall in ihren Mienen zu lesen, bald ihren Tänzern -zuwandten, um zu prüfen, ob ihre Aufmerksamkeit auch ganz gewiß auf sie -gerichtet sei. - -In gehaltenen Tönen hielten jetzt die Zinken und Trompeten aus und -endeten; Herr Dietrich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam, -ihn, wie er versprochen, zu seinen Muhmen zu führen. Er flüsterte -ihm zu, daß er selbst schon für den nächsten Tanz mit Bäschen Bertha -versagt sei, doch habe er soeben um Mariens Hand für seinen Gast -geworben. - -Beide Mädchen waren auf die Erscheinung des ihnen so interessanten -Fremden vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte die Erinnerung -dessen, was sie über ihn gesprochen, Berthas angenehme Züge mit hoher -Glut, und die Verwirrung, in welche sie sein Anblick versetzte, -ließ sie nicht bemerken, welches Entzücken ihm aus Mariens Auge -entgegenstrahlte, wie sie bebte, wie sie mühsam nach Atem suchte, wie -ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien. - -»Da bringe ich euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen lieben Gast,« -begann der Ratsschreiber, »der um die Gunst bittet, mit euch zu tanzen.« - -»Wenn ich nicht schon diesen Tanz an meinen Vetter zugesagt hätte,« -antwortete Bertha, schneller gefaßt als ihre Base, »so solltet Ihr ihn -haben, aber Marie ist noch frei, die wird mit Euch tanzen.« - -»So seid Ihr noch nicht versagt, Fräulein von Lichtenstein?« fragte -Georg, indem er sich zu der Geliebten wandte. - -»Ich bin an Euch versagt,« antwortete Marie. So hörte er denn zum -erstenmal wieder diese Stimme, die ihn so oft mit den süßesten Namen -genannt hatte; er sah in diese treuen Augen, die ihn noch immer so hold -anblickten wie vormals. - -Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldleutnant Waldburg -Truchseß, dem man den zweiten Tanz gegeben hatte, schritt mit seiner -Tänzerin vor, die Fackelträger folgten, die Paare ordneten sich, und -auch Georg ergriff Mariens Hand und schloß sich an. Jetzt suchten -ihre Blicke nicht mehr den Boden, sie hingen an denen des Geliebten; -und dennoch wollte es ihm scheinen, als mache sie dieses Wiedersehen -nicht so glücklich wie ihn, denn noch immer lag eine düstere Wolke von -Schwermut oder Trauer um ihre Stirne. Sie sah sich um, ob Dietrich und -Bertha, das nächste Paar nach ihnen, nicht allzunahe seien. -- Sie -waren ferne. - -»Ach Georg,« begann sie, »welch unglücklicher Stern hat dich in dieses -Heer geführt?« - -»Du warst dieser Stern, Marie,« sagte er; »dich habe ich auf dieser -Seite geahnet, und wie glücklich bin ich, daß ich dich fand! Kannst -du mich tadeln, daß ich die gelehrten Bücher beiseite legte und -Kriegsdienste nahm? Ich habe ja kein Erbe als das Schwert meines -Vaters; aber mit diesem Gut will ich wuchern, daß der deinige sehen -soll, daß seine Tochter keinen Unwürdigen liebt.« - -»Ach Gott! Du hast doch dem Bunde noch nicht zugesagt?« unterbrach sie -ihn. - -»Aengstige dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch nicht -völlig zugesagt; aber es muß nächster Tage geschehen. Willst du denn -deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm gönnen? Warum magst du um -mich so bange haben? Dein Vater ist alt und zieht ja doch auch mit aus.« - -»Ach, mein Vater, mein Vater!« klagte Marie, »er ist ja -- doch brich -ab, Georg, brich ab -- Bertha belauscht uns; aber ich muß dich morgen -sprechen, ich muß, und sollte es meine Seligkeit kosten. Ach! wenn ich -nur wüßte, wie?« - -»Was ängstigt dich denn nur so?« fragte Georg, dem es unbegreiflich -war, wie Marie, statt sich der Freude des Wiedersehens hinzugeben, -nur an die Gefahren dachte, denen er entgegengehe? »Du stellst dir -die Gefahren größer vor, als sie sind,« flüsterte er ihr tröstend zu. -»Denke an nichts, als daß wir uns jetzt wiederhaben, daß ich deine -Hand drücken darf, daß Auge in Auge sieht wie sonst. Genieße jetzt die -Augenblicke, sei heiter!« - -»Heiter? O diese Zeiten sind vorbei, Georg! Höre und sei standhaft -- -mein Vater ist nicht bündisch!« - -»Jesus Maria! was sagst du?« rief der Jüngling und beugte sich, als -habe er das Wort des Unglücks nicht gehört, herab zu Marien; »o sage, -ist denn dein Vater nicht hier in Ulm?« - -Sie hatte sich stärker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen; -bei dem ersten Laut wären ihre Tränen unaufhaltsam geflossen; sie -antwortete nur durch einen Druck der Hand und ging, mit gesenktem -Haupt nach Kraft suchend, ihren Schmerz zu bekämpfen, neben Georg her. -Endlich siegte der starke Geist dieses Mädchens über die Schwäche ihrer -Natur, die einem so tiefen Kummer beinahe erlegen wäre. »Mein Vater,« -flüsterte sie, »ist Herzog Ulrichs wärmster Freund, und sobald der -Krieg entschieden ist, führt er mich heim auf den Lichtenstein!« - -Betäubend wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren Tönen schmetterten -die Trompeten, sie begrüßten den Truchseß, der eben an dem Musikchor -vorüberzog; er warf ihnen, wie es Sitte war, einige Silberstücke zu, -und von neuem erhob sich ihr betäubender Jubel. - -Das leise Gespräch der Liebenden verstummte vor der rauhen Gewalt -dieser Töne, aber ihr Auge hatte sich in diesem Schiffbruch ihrer Liebe -um so mehr zu sagen, und sie bemerkten nicht einmal, wie ein Geflüster -über sie im Saal erging, das sie als das schönste Paar pries. - -Aber nur zu wohl hatte Bertha diese Bemerkungen der Menge gehört. -Sie war zu gutmütig, als daß Neid darüber in ihre Seele gekommen -wäre, aber sie setzte sich doch im Geiste an Mariens Platz und fand, -daß man vielleicht das Paar nicht minder schön gefunden hätte. Auch -das Gespräch, das zwischen den beiden begonnen hatte, fiel ihr auf. -Die ernste Base, die selten oder nie mit einem Manne lange sprach, -schien mehr und angelegentlicher zu reden als ihr Tänzer. Die Musik -hinderte sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde, die man -vielleicht nicht mit Unrecht jungen Mädchen ausschließlich zuschreibt, -wurde in ihr rege, sie zog ihren Tänzer näher an das vordere Paar, um --- ein wenig zu lauschen; aber war es Zufall oder Absicht, das Gespräch -verstummte, als sie näher kam oder wurde so leise geführt, daß sie -nichts davon verstand. - -Ihr Interesse an dem schönen jungen Mann wuchs mit diesen Hindernissen; -noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so lästig geworden als in diesen -Augenblicken; denn die zierlichen Redensarten, womit er ihr Herz zu -umspinnen gedachte, verhinderten sie, jene genauer zu beobachten. Sie -war froh, als endlich der Tanz sich endigte. Denn sie durfte hoffen, -daß der nächste an des jungen Ritters Seite desto angenehmer für sie -sein werde. - -Sie täuschte sich nicht in ihrer Hoffnung; Georg kam, sie um den -nächsten Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und sie hüpfte -fröhlich an seiner Seite in die Reihen. Aber es war nicht mehr -derselbe, der vorhin mit Marien so freundlich gesprochen hatte. -Verstört, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken, war der junge Mann an -ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar, daß er sich immer wieder erst -sammeln mußte, wenn er eine ihrer Fragen beantworten sollte. - -War dies jener »höfliche Ritter,« welcher sie, ohne daß sie sich -je gesehen hatten, so freundlich grüßte? War es derselbe, welcher -so heiter, so fröhlich war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen führte? -Derselbe, der mit Marien so eifrig sich unterredet hatte? Oder sollte -diese --? Ja, es war klar. Marie hatte ihm besser gefallen, ach! -vielleicht weil sie die erste war, die mit ihm tanzte. Je weniger -Bertha gewohnt war, sich der ernsten Marie nachgesetzt zu sehen, um -so mehr befremdete sie dieser Sieg ihrer Base, um so mehr glaubte sie -sich beeifern zu müssen, ihren Rang, ihre Gaben geltend zu machen. Sie -setzte daher mit ihrer heiteren Geschwätzigkeit das Gespräch über den -bevorstehenden Krieg, das sie mit Mühe angesponnen hatte, fort, als -sie nach Beendigung des Tanzes zu Marien und dem Ratsschreiber traten. -»Nun, und der wievielte Feldzug ist es denn, Herr von Sturmfeder, dem -Ihr jetzt beiwohnt?« - -»Es ist mein erster,« antwortete dieser kurz abgebrochen, denn er war -unmutig darüber, daß jene ihn noch immer im Gespräch halte, da er mit -Marie so gern gesprochen hätte. - -»Euer erster?« entgegnete Bertha verwundert. »Ihr wollt mir etwas -weismachen, da habt Ihr ja schon eine mächtige Narbe auf der Stirne.« - -»Die bekam ich auf der hohen Schule,« antwortete Georg. - -»Wie? Ihr seid ein Gelehrter?« fragte jene eifrig weiter. »Nun, und da -seid Ihr gewiß recht weit gewesen; etwa in Padua oder Bologna oder gar -bei den Ketzern in Wittenberg.« - -»Nicht so weit, als Ihr meint,« entgegnete er, indem er sich zu Marien -wandte; »ich war in Tübingen.« - -»In Tübingen!« rief Bertha voll Verwunderung. Wie ein Blitz erhellte -dies einzige Wort alles, was ihr bisher dunkel war, und ein Blick auf -Marien, die mit niedergeschlagenen Augen, mit der Röte der Scham auf -den Wangen vor ihr stand, überzeugte sie, daß die lange Reihe von -Schlüssen, die sich an jenes Wort anschlossen, ihren nur zu sicheren -Grund haben. Jetzt war ihr auf einmal klar, warum sie der artige Ritter -begrüßt, warum Marie weinte, die ihn gewiß gerne auf der feindlichen -Seite gesehen hätte, warum er so viel mit jener gesprochen, warum er -bei ihr selbst so einsilbig war. Es war keine Frage, sie kannten sich, -sie mußten sich längst gekannt haben. - -Beschämung war das erste Gefühl, das bei dieser Entdeckung Berthas -Herz bestürmte; sie errötete vor sich selbst, wenn sie sich gestand, -nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben, dessen -Seele ein ganz anderer Gegenstand beschäftigte. Unmut über Mariens -Heimlichkeit verfinsterte ihre Züge. Sie suchte Entschuldigung für ihr -eigenes Betragen und fand sie nur in der Falschheit ihrer Base. Hätte -diese ihr gestanden, in welchem Verhältnis sie zu dem jungen Manne -stehe, sie hätte ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt; er wäre ihr -dann, meinte sie, höchst gleichgültig geblieben, sie hätte nie diese -Beschämung erfahren. Wir haben es von guter Hand, daß junge Damen große -Beleidigungen, tiefere Schmerzen im Gefühl ihrer Würde mit Anstand -zu ertragen wissen; daß sie aber oft, wenn es sich um geringe Dinge -handelt, nicht Gleichmut genug besitzen, um das Wahre vom Falschen zu -unterscheiden, nicht Großmut genug, um zu vergessen. - -Bertha hatte an diesem Abend den unglücklichen jungen Mann keines -Blickes mehr gewürdigt, was ihm übrigens über dem größeren Schmerz, der -seine Seele beschäftigte, völlig entging. Sein Unglück wollte es auch, -daß er nie mehr Gelegenheit fand, Marien wieder allein und ungestört -zu sprechen; der Abendtanz ging zu Ende, ohne daß er über Mariens -Schicksal und über die Gesinnungen ihres Vaters gewisser wurde, und -Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit, ihm zuzuflüstern, er -möchte morgen in der Stadt bleiben, weil sie vielleicht irgend eine -Gelegenheit finden würde, ihn zu sprechen. - -Verstimmt kamen die beiden Schönen nach Hause. Bertha hatte auf alle -Fragen Mariens kurze Antwort gegeben, und auch diese, sei es, daß -sie ahnete, was in ihrer Freundin vorgehe, sei es, weil sie selbst -ein großer Schmerz beschäftigte, war nach und nach immer düsterer, -einsilbiger geworden. - -Aber auf beiden lastete die Störung ihres bisherigen freundschaftlichen -Verhältnisses erst recht schwer, als sie ernst und schweigend in -ihr Gemach traten. Sie hatten sich bisher alle jene kleinen Dienste -geleistet, welche junge Mädchen nur zu noch engerer Freundschaft -verbinden. Wie ganz anders war es heute! Bertha hatte die silberne -Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, daß es in langen -Ringellocken über den schönen Nacken herabströmte. Sie versuchte, -es unter das Nachthäubchen zu stecken; ungewohnt, diese Arbeit ohne -Mariens Hilfe zu verrichten, kam sie nicht damit zustande, aber zu -stolz, ihre Feindin, wie sie Marien in ihrem Sinne nannte, ihre -Verlegenheit merken zu lassen, warf sie das Häubchen in die Ecke und -ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden. - -Schweigend nahm Marie das verworfene Häubchen wieder auf und trat -hinzu, das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und -aufzubinden. - -»Hinweg, du Falsche!« rief die erzürnte Bertha, indem sie die -hilfreiche Hand zurückstieß. - -»Bertha, hab' ich dies um dich verdient?« sprach Marie mit Ruhe und -Sanftmut. »O, wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin, du würdest -sanfter gegen mich sein!« - -»Unglücklich?« lachte jene laut auf, »unglücklich! vielleicht weil der -artige Herr nur einmal mit dir tanzte?« - -»Du bist recht hart, Bertha;« antwortete Marie, »du bist böse auf mich -und sagst mir nicht einmal, warum.« - -»So? Du willst also nicht wissen, daß du mich betrogen hast? Nicht -wissen, wie mich deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschämung -aussetzen? Ich hätte nie geglaubt, daß du so schlecht, so falsch an mir -handeln würdest!« - -Von neuem erwachte in Bertha das kränkende Gefühl, sich hintangesetzt -zu sehen; ihre Tränen strömten, sie legte die heiße Stirne in die Hand, -und die reichen Locken flossen über ihr zusammen und verhüllten die -Weinende. - -Tränen sind die Zeichen milderen Schmerzes. Marie kannte diese -Tränen und fuhr mit mehr Vertrauen fort: »Bertha! Du schiltst meine -Heimlichkeit. Ich sehe, du hast erraten, was ich nie von selbst -sagen konnte. Setze dich selbst in meine Lage. Ach, du selbst, so -heiter und offen du bist, du selbst hättest mir dein Geheimnis nicht -vertrauen können. Aber jetzt ist es ja aus. Du weißt, was meine Lippen -auszusprechen sich scheuten. Ich liebe ihn, ja ich werde geliebt, und -nicht erst von gestern her. Willst du mich hören? Darf ich dir alles -sagen?« - -Berthas Tränen flossen noch immer. Sie antwortete nicht auf jene -Fragen, aber Marie hub an zu erzählen, wie sie Georg im Hause der -seligen Muhme kennen gelernt habe; wie sie ihm gut gewesen, lange ehe -er ihr seine Liebe gestanden. Alle jene schönen Erinnerungen lebten -in ihr auf, mit glühenden Wangen, mit strahlendem Auge führte sie die -Vergangenheit herauf. Sie erzählte von so mancher schönen Stunde, vom -Schwur ihrer Treue, von ihrem Abschied. »Und jetzt,« fuhr sie mit -wehmütigem Lächeln fort, »jetzt hat ihn dieser unglückliche Krieg auf -diese Seite geführt. Er hört, wir seien hier in Ulm, er glaubt nicht -anders, als mein Vater sei dem Bunde beigetreten, er hofft, mich durch -sein Schwert zu verdienen, denn er ist arm, recht arm! O Bertha, du -kennst meinen Vater. Er ist so gut, aber auch so strenge, wenn etwas -seiner Meinung widerspricht. Wird er einem Manne seine Tochter geben, -der sein Schwert gegen Württemberg gezogen hat? Siehe, das waren meine -Tränen! Ach, ich wollte dir so oft sagen, warum sie fließen, aber eine -unbesiegbare Scham schloß meine Lippen. Kannst du mir noch zürnen? Muß -ich mit dem Geliebten auch die Freundin verlieren?« - -Auch Mariens Tränen flossen, und Bertha fühlte den eigenen Schmerz von -dem größeren Kummer der Freundin besiegt. Sie umarmte Marien schweigend -und weinte mit ihr. - -»In den nächsten Tagen,« fuhr diese fort, »will mein Vater Ulm -verlassen, und ich muß ihm folgen. Aber noch einmal muß ich Georg -sprechen, nur ein Viertelstündchen. Bertha, du kannst gewiß Gelegenheit -geben. Nur ein ganz kleines Viertelstündchen!« - -»Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig machen?« fragte -Bertha. - -»Was nennst du die gute Sache?« antwortete Marie. »Des Herzogs Sache -ist vielleicht nicht minder gut als die eure. Du sprichst so, weil ihr -bündisch seid. Ich bin eine Württembergerin, und mein Vater ist seinem -Herzoge treu. Doch sollen wir Mädchen über den Krieg entscheiden? Laß -uns lieber auf Mittel sinnen, ihn noch einmal zu sehen.« - -Bertha hatte über der Teilnahme, mit welcher sie der Geschichte ihrer -Base zugehört hatte, ganz vergessen, daß sie ihr jemals gram gewesen -war. Sie war überdies für alles Geheimnisvolle eingenommen, daher kamen -ihr diese Mitteilungen erwünscht. Sie fühlte, wie wichtig und ehrenvoll -der Posten einer Vertrauten sei, und gab sich daher alle mögliche Mühe, -dem liebenden Paar mit ihrem Scharfsinn zu dienen. - -»Ich hab's gefunden,« rief sie endlich aus, »wir laden ihn geradezu in -den Garten.« - -»In den Garten?« fragte Marie schüchtern und ungläubig, »und durch wen?« - -»Sein Wirt, der gute Vetter Dietrich, muß ihn selbst bringen;« -antwortete sie, »das ist herrlich, und dieser darf auch kein Wörtchen -davon merken, laß mich nur dafür sorgen.« - -Marie, entschlossen und stark bei großen Dingen, zitterte doch bei -diesem gewagten Schritte. Aber ihre mutige, fröhliche Base wußte ihr -alle Bedenklichkeiten auszureden, und mit zurückgekehrter Hoffnung und -befreit von der Last des Geheimnisses, umarmten sich die Mädchen, ehe -sie sich zur Ruhe legten. - - - - -7. - - Und wie ein Geist schlingt um den Hals - Das Liebchen sich herum: - »Willst mich verlassen, liebes Herz, - Auf ewig?« und der bittre Schmerz - Macht's arme Liebchen stumm. - - _Schubart._ - - -Sinnend und traurig saß Georg am Mittag nach dem festlichen Abend in -seinem Gemach. Er hatte Breitenstein besucht und wenig Tröstliches für -seine Hoffnungen erfahren. Der Kriegsrat hatte sich an diesem Morgen -versammelt, und unwiderruflich war der Krieg beschlossen worden. -Zwölf Edelknaben waren, die Absagebriefe des Herzogs von Bayern, -der Ritterschaft und gesamter Städte an ihre Lanzen geheftet, zum -Gögglinger Tor hinausgejagt, um die Feindesbotschaft dem Württemberger -nach Blaubeuren zu bringen. Auf den Straßen rief man einander fröhlich -diese Nachricht zu, und die Freude, daß es jetzt endlich ins Feld gehen -werde, stand deutlich auf allen Gesichtern geschrieben. Nur _einen_ -traf diese Kunde wie das schreckliche Machtwort seines Schicksals. Der -Gram trieb ihn aus dem Kreise der fröhlichen Gesellen, die jetzt den -Weinstuben zuzogen, um in lautem Jubel das Geburtsfest des Krieges -zu begehen und das Los künftiger Siege im Würfelspiel zu belauschen. -Ach! ihm waren ja schon die Würfel gefallen! Ein blutiges Schlachtfeld -dehnte sich zwischen ihm und seiner Liebe aus, sie war ihm auf lange, -vielleicht auf ewig verloren. - -Eilige Tritte, welche die Treppe heraufstürmten, weckten ihn aus seinem -Brüten. Der Ratsschreiber steckte den Kopf in die Türe. »Glück auf, -Junker!« rief er, »jetzt hebt der Tanz erst recht an. Aber Ihr wißt es -vielleicht noch gar nicht? Der Krieg ist angekündigt, schon vor einer -Stunde sind unsere Absageboten ausgeritten.« - -»Ich weiß es,« antwortete sein finsterer Gast. - -»Nun, und hüpft Euch das Herz nicht freier? Habt Ihr auch gehört --- nein, das könnt Ihr nicht wissen,« fuhr Dietrich fort, indem er -zutraulich näher zu ihm trat, »daß die Schweizer bereits abziehen?« - -»Wie, sie ziehen?« unterbrach ihn Georg. »Also hat der Krieg schon ein -Ende?« - -»Das möchte ich nicht gerade behaupten,« fuhr der Ratsschreiber -bedenklich fort, »der Herzog von Württemberg ist noch ein junger, -mutiger Herr und hat noch Ritter und Dienstleute genug. Zwar wird er -wohl keine offene Feldschlacht mehr wagen, aber er hat feste Städte -und Burgen. Da ist einmal der Höllenstein, und darin Stephan von -Lichow, ein Mann wie Eisen; da ist Göppingen, das Philipp von Rechberg -auch nicht auf den ersten Stückschuß ergeben wird; da ist Schorndorf, -Rothenburg und Asperg, da ist vor allem Tübingen, das er tüchtig -befestigt hat. Es wird noch mancher ins Gras beißen, bis ihr eure Rosse -im Neckar tränket. - -Nun, nun!« fuhr er fort, als er sah, daß seine Nachrichten die finstere -Stirne seines schweigenden Gastes nicht aufheitern konnten, »wenn Ihr -diese kriegerischen Botschaften nicht freundlich aufnehmet, so schenkt -Ihr vielleicht einem friedlicheren Auftrag ein geneigtes Ohr. Sagt -einmal, habt Ihr nicht irgendwo eine Base?« - -»Base? Ja, warum fragt Ihr?« - -»Nun sehet, jetzt erst verstehe ich die verwirrten Reden, die vorhin -Bertha vorbrachte. Als ich aus dem Rathause kam, winkte sie mir hinauf -und befahl mir, meinen Gast heute nachmittag in ihren Garten an der -Donau zu führen, Marie habe Euch etwas sehr Wichtiges an Eure Base, die -sie sehr gut kenne, aufzutragen. Ihr müßt mir schon den Gefallen tun, -mitzugehen. Solche Geheimnisse und Aufträge sind zwar gewöhnlich nicht -weit her, und ich wollte wetten, sie geben Euch ein Müsterlein für den -Webstuhl oder eine Probe feiner Wolle oder ein tiefes Geheimnis der -Kochkunst oder gar ein paar Körnlein von einer seltenen Blume mit, denn -Marie ist eine große Gärtnerin -- doch, wenn Ihr gestern an dem Mädchen -Gefallen gefunden habt, gehet Ihr wohl selbst gerne mit.« - -Mitten in den schmerzlichen Gedanken an die Scheidestunde mußte Georg -über die List der Mädchen lachen. Freundlich bot er dem guten Boten die -Hand und schickte sich an, ihn in den Garten zu begleiten. - -Dieser lag an der Donau, ungefähr zweitausend Schritte unter der -Brücke. Er war nicht groß, zeugte aber von Sorgfalt und Fleiß. -Die schönen Obstbäume waren zwar noch nicht belaubt, und die in -wunderlichen Formen abgestochenen Beete hatten noch keine Blumen, aber -ein langer Taxusgang, der an dem Ufer des Flusses sich hinzog und -in einer geräumigen Laube endete, gab durch sein helles Grün einen -lebhaften Anblick und hinlänglichen Schutz gegen die einem weißen Hals -und schönen Armen so gefährlichen Strahlen der Märzsonne. Dort, auf -dem breiten, bequemen Steinsitze, wo die Lücken der Laube eine freie -Aussicht die Donau hinauf und hinab gewährten, hatten die Mädchen unter -mancherlei Gesprächen der jungen Männer geharrt. - -Marie saß traurig in sich gekehrt. Sie hatte den schönen Arm auf eine -Lücke der Laube aufgestützt und das von Gram und Tränen müde Köpfchen -in die Hand gelegt. Ihr dunkles, glänzendes Haar hob die Weiße ihres -Teints um so mehr heraus, als stiller Kummer ihre Wangen gebleicht -und schlaflose Nächte dem lieblichen blauen Auge seinen sonst so -überraschenden Glanz geraubt und ihm einen matteren, vielleicht nur -um so anziehenderen Schimmer von Melancholie gegeben hatten. Das -vollendete Bild fröhlichen Lebens, saß die frische, runde, rosige -Bertha neben ihr. Wie ihre gelblichen Locken mit Mariens dunklen -Haaren, ihr rundes, frisches Gesichtchen mit den ovalen, schärferen -Formen ihrer Base, wie ihre freundlichen, beweglichen hellbraunen Augen -in auffallendem Kontrast standen mit dem sinnenden, geistvollen Blick -Mariens: so wurde auch jede ihrer raschen, lebhaften Bewegungen zum -Gegensatz gegen jene stille Trauer. - -Bertha schien ihre rosigste Laune hervorgeholt zu haben, um ihre Base -zu trösten oder doch ihren großen Schmerz zu zerstreuen. Sie erzählte -und schwatzte, sie lachte und ahmte die Gebärde und Sprache vieler -Leute nach, sie versuchte alle jene tausend kleinen Künste, womit die -Natur ihre fröhliche Tochter ausstattete. Aber wir glauben, daß sie -wenig ausrichtete, denn nur hie und da gleitete ein wehmütiges, schnell -verschwebendes Lächeln über Mariens feine Züge hin. - -Endlich ergriff sie, als gar nichts mehr helfen wollte, ihre Laute, die -in der Ecke stand. Marie besaß auf diesem Instrument große Fertigkeit, -und Bertha hätte sich sonst nicht so leicht bewegen lassen, vor der -Meisterin zu spielen. Doch heute hoffte sie durch ihr Geklimper -wenigstens ihrer Base ein Lächeln zu entlocken. Sie setzte sich mit -großem Ernste nieder und begann: - - »Fragt mich jemand, was ist Minne? - Wüßt' ich gern auch darum meh(r). - Wer nun recht darüber sinne, - Sag' mir, warum tut sie weh? - Minne ist Liebe, tut sie wohl; - Tut sie weh, heißt sie nicht Minne, - O, dann weiß ich, wie sie heißen soll.« - -»Wo hast du dies alte schwäbische Liedchen her?« fragte Marie, die der -einfachen Musik und dem lieblichen Text gern ihr Ohr lieh. - -»Nicht wahr, es ist hübsch? Aber es kommt noch viel hübscher, wenn -du hören willst,« antwortete Bertha. »Das hat mich in Nürnberg ein -Meistersänger, Hans Sachs, gelehrt; es ist übrigens nicht von ihm, -sondern von Walther von der Vogelweide, der wohl vor dreihundert Jahren -gelebt und geliebt hat. Höre nur weiter: - - Ob ich recht erraten könne, - Was die Minne sei? So sprecht ja. - Minne ist zweier Herzen Wonne; - Teilen sie gleich, so ist sie da. - Doch -- soll ungeteilt sein, - So kann ein Herz allein sie nicht enthalten. - Willst du mir helfen, traute Jungfrau mein?« - -»Nun, hast du geteilt mit dem armen Junker?« fragte die schelmische -Bertha ihre errötende Base. »Vetter Kraft möchte gerne auch mit mir -teilen, einstweilen kann er aber seinen ganzen Part allein tragen. -Doch du wirst wieder ernst, ich muß noch ein Liedchen des alten Herrn -Walther singen: - - Ich weiß nicht, wie es damit geschah, - Meinem Auge ist's noch nie geschehen, - Seit ich sie in meinem Herzen sah, - Kann ich sie auch ohne Augen sehen. - Da ist doch ein Wunder mit geschehen, - Denn wer gab es, daß es ohne Augen - Sie zu aller Zeit mag sehen? - - Wollt ihr wissen, was die Augen sein, - Womit ich sie sehe durch alle Land'? - Es sind die Gedanken des Herzens mein, - Damit schau' ich durch Mauer und Wand, - Und hüten diese sie noch so gut, - Es schauen sie mit vollen Augen - Das Herz, der Wille und mein Mut.« - -Marie lobte das Lied des Herrn Walther von der Vogelweide als einen -guten Trost beim Scheiden. Bertha bestätigte es. »Ich weiß noch einen -Reim,« sagte sie lächelnd und sang: - - »Und zog sie auch weit in das Schwabenland, - Seine Augen schauen durch Mauer und Wand, - Seine Blicke bohren durch Fels und Stein! - Er schaut durch die Alb nach dem Lichtenstein!« - -Als Bertha noch im Nachspiel zu ihrem Liedchen begriffen war, ging die -Gartenpforte. Männertritte tönten den Gang herauf, und die Mädchen -standen auf, die Erwarteten zu empfangen. - -»Herr von Sturmfeder,« begann Bertha nach den ersten Begrüßungen, -»verzeihet doch, daß ich es wagte, Euch in meines Vaters Garten -einzuladen. Aber meine Base Marie wünscht Euch Aufträge an eine -Freundin zu geben. -- Nun, und daß wir andern nicht zu kurz kommen,« -setzte sie, zu Herrn Kraft gewandt, hinzu, »so wollen wir eins plaudern -und den Abendtanz von gestern mustern.« Damit ergriff sie ihres Vetters -Hand und zog ihn mit sich den Gang hinab. - -Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt. Sie lehnte sich -an seine Brust und weinte heftig. Die süßesten Worte, die er ihr -zuflüsterte, vermochten nicht, ihre Tränen zu stillen. »Marie,« sagte -er, »du warst ja sonst so stark, wie kannst du nun gerade jetzt allen -Glauben an ein besseres Geschick, alle Hoffnung aufgeben?« - -»Hoffnung?« fragte sie wehmütig, »mit unserer Hoffnung, mit unserem -Glück ist es für ewig aus.« - -»Sieh,« antwortete Georg, »eben dies kann ich nicht glauben, ich trage -die Gewißheit unserer Liebe in mir so innig, so tief, und ich sollte -jemals glauben, daß sie untergehen könnte?« - -»Du hoffst noch? So höre mich ganz an. Ich muß dir ein tiefes Geheimnis -sagen, an dem das Leben meines Vaters hängt. Mein Vater ist so sehr -ein bitterer Feind des Bundes, als er ein Freund des Herzogs ist. -Er ist nicht nur deswegen hier, um sein Kind heimzuholen, nein, er -sucht die Pläne des Bundes zu erforschen und mit Geld und Rede zu -verwirren. Und glaubst du, ein so bitterer Gegner des Bundes werde -seine einzige Tochter einem Jüngling geben, der durch unser Verderben -sich emporzuschwingen sucht, einem, der sich an Menschen anschließt, -die kein Recht, sondern nur Raub suchen?« - -»Dein Eifer führt dich zu weit, Marie,« unterbrach sie der Jüngling. -»Du mußt wissen, daß mancher Ehrenmann in diesem Heere dient!« - -»Und wenn dies wäre,« fuhr jene eifrig fort, »so sind sie betrogen und -verführt, wie auch du betrogen bist.« - -»Wer sagt dir dies so gewiß?« entgegnete Georg, welcher errötete, die -Partei, die er ergriffen, von einem Mädchen so erniedrigt zu sehen, -obgleich er ahnete, daß sie so unrecht nicht habe. »Wer sagt dir -dies so gewiß? Kann nicht dein Vater auch verblendet und betrogen -sein? Wie mag er nur mit so vielem Eifer die Sache dieses stolzen, -herrschsüchtigen Mannes führen, der seine Edlen ermordet, der seine -Bürger in den Staub tritt, der an seiner Tafel das Mark des Landes -verpraßt und seine Bauern verschmachten läßt?« - -»Ja, so schildern ihn seine Feinde,« antwortete Marie, »so spricht -man von ihm in diesem Heere; aber frage dort unten an den Ufern des -Neckars, ob sie ihren angestammten Fürsten nicht lieben, wenngleich -seine Hand zuweilen schwer auf ihnen ruht. Frage jene Männer, die -mit ihm ausgezogen sind, ob sie nicht freudig ihr Blut für den Enkel -Eberhards geben, ehe sie diesem stolzen Herzog von Bayern, diesen -räuberischen Edlen, diesen Städtlern ihr Land abtreten.«[18] - -Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich. »Aber wie entschuldigen denn -diese warmen Verteidiger den Mord des Hutten?« fragte er. - -»Ihr sprecht immer von Eurer Ehre,« antwortete Marie, »und wollt -nicht leiden, daß ein Herzog seine Ehre verteidige? Hutten ist -nicht meuchelmörderisch gefallen, wie seine Anhänger in alle Welt -ausgeschrieen haben, sondern im ehrlichen Kampfe, worin der Herzog -selbst sein Leben einsetzte. Ich will nicht alles verteidigen, was er -tat; aber man soll nur auch bedenken, daß ein junger Herr, wie der -Herzog, von schlechten Räten umgeben, nicht immer weise handeln kann. -Aber er ist gewiß gut, und wenn du wüßtest, wie mild, wie leutselig er -sein kann!« - -»Es fehlt nur noch, daß du ihn auch den schönen Herzog nennst,« sagte -Georg, bitter lächelnd. »Du wirst reichen Ersatz finden für den armen -Georg, wenn er es der Mühe wert hält, mein Bild aus deinem Herzen zu -verdrängen.« - -»Wahrlich, dieser kleinlichen Eifersucht habe ich dich nicht fähig -gehalten,« antwortete Marie, indem sie sich mit Tränen des Unmuts, -im Gefühl gekränkter Würde, abwandte. »Glaubst du denn, das Herz -eines Mädchens könne nicht auch warm für die Sache ihres Vaterlandes -schlagen?« - -»Sei mir nicht böse,« bat Georg, der mit Reue und Beschämung einsah, -wie ungerecht er sei, »gewiß, es war nur Scherz!« - -»Und kannst du scherzen, wo es unser ganzes Lebensglück gilt?« -entgegnete Marie. »Morgen will der Vater Ulm verlassen, weil der Krieg -entschieden ist! Wir sehen uns vielleicht lange, lange nicht mehr, und -du magst scherzen? Ach, wenn du gesehen hättest, wie ich so manche -Nacht mit heißen Tränen zu Gott flehte, er möge dein Herz hinüber auf -unsere Seite lenken, er möge uns vor dem Unglück bewahren, auf ewig -getrennt zu sein, gewiß! du könntest nicht so grausam scherzen!« - -»Er hat es nicht zum Heil gelenkt,« antwortete Georg, düster vor sich -hinblickend. - -»Und sollte es nicht noch möglich sein?« sprach Marie, indem sie -seine Hand faßte und mit dem Ausdruck bittender Zärtlichkeit, mit der -gewinnenden Sanftmut eines Engels ihm ins Auge sah; »sollte es nicht -noch möglich sein? Komm mit uns, Georg, wie gerne wird der Vater einen -jungen Streiter seinem Herzog zuführen! Ein Schwert wiegt viel in -solchen Zeiten, sagte er oft, er wird es dir hoch anschlagen, wenn du -ihm folgst, an seiner Seite wirst du kämpfen, mein Herz wird dann nicht -zerrissen, nicht geteilt sein zwischen jenseits und diesseits; mein -Gebet, wenn es um Glück und Sieg fleht, wird nicht zitternd zwischen -beiden Heeren irren!« - -»Halt ein!« rief der Jüngling und bedeckte seine Augen, denn der -Sieg der Ueberzeugung strahlte aus ihren Blicken, die Gewalt der -Wahrheit hatte sich auf ihren süßen Lippen gelagert. »Willst du mich -bereden, ein Ueberläufer zu werden? Gestern zog ich mit dem Heere -ein, heute wird der Krieg erklärt, und morgen soll ich zu dem Herzog -hinüberreiten? Kann dir meine Ehre so gleichgültig sein?« - -»Die Ehre?« fragte Marie, und Tränen entstürzten ihrem Auge. »Sie ist -dir also teurer als deine Liebe? Wie anders klang es, als mir Georg -ewige Treue schwur! Wohlan. Sei glücklicher mit ihr als mit mir! Aber -möge dir, wenn dich der Herzog von Bayern auf dem Schlachtfeld zum -Ritter schlägt, weil du in unsern Fluren am schrecklichsten gewütet, -wenn er dir ein Ehrenkettlein umhängt, weil du Württembergs Burgen am -tapfersten gebrochen, möge dir der Gedanke deine Freude nicht trüben, -daß du ein Herz brachst, das dich so treu, so zärtlich liebte!« - -»Geliebte!« antwortete Georg, dessen Brust widerstreitende Gefühle -zerrissen, »dein Schmerz läßt dich nicht sehen, wie ungerecht du bist. -Doch es sei! daß du siehest, daß ich den Ruhm, der mir so freundlich -winkte, der Liebe zum Opfer zu bringen weiß, so höre mich: Hinüber zu -euch darf ich nicht, aber ablassen will ich von dem Bunde, möge kämpfen -und siegen, wer da will -- mein Kampf und Sieg war ein Traum, er ist zu -Ende!« - -Marie sandte einen Blick des Dankes zum Himmel und belohnte die Worte -des jungen Mannes mit süßem Lohne. »O! glaube mir,« sagte sie, »ich -fühle, wieviel dich dieses Opfer kosten muß; aber sieh mir nicht so -traurig an dein Schwert hinunter: wer frühe entsagt, der erntet schön, -sagt mein Vater; es muß uns doch auch einmal die Sonne des Glückes -scheinen. Jetzt kann ich getrost von dir scheiden; denn wie auch der -Krieg sich enden mag, du kannst ja frei vor meinen Vater treten, und -wie wird er sich freuen, wenn ich ihm sage, welch schweres Opfer du -gebracht hast!« - -Berthas helle Stimme, die der Freundin ein Zeichen gab, daß der -Ratsschreiber nicht mehr zurückzuhalten sei, schreckte die Liebenden -auf. Schnell trocknete Marie die Spuren ihrer Tränen und trat mit Georg -aus der Laube. - -»Vetter Kraft will aufbrechen,« sagte Bertha, »er fragt, ob der Junker -ihn begleiten wolle?« - -»Ich muß wohl, wenn ich den Weg nach Hause nicht verfehlen soll,« -antwortete Georg. So teuer ihm die letzten Augenblicke vor einer langen -Trennung von Marie gewesen wären, so kannte er doch die strenge Sitte -seiner Zeit zu gut, als daß er, ohne den Vetter, als Landfremder bei -den Mädchen geblieben wäre. - -Schweigend gingen sie den Garten hinab, nur Herr Dietrich führte -das Wort, indem er in wohlgesetzten Worten seinen Jammer beschrieb, -daß seine Base morgen schon Ulm verlassen werde. Aber Bertha mochte -in Georgs Augen gelesen haben, daß ihm noch etwas zu wünschen übrig -bleibe, wobei der uneingeweihte Zeuge überflüssig war. Sie zog den -Vetter an ihre Seite und befragte ihn so eifrig über eine Pflanze, die -gerade zu seinen Füßen mit ihren ersten Blättern aus der Erde sproßte, -daß er nicht Zeit hatte, zu beobachten, was hinter seinem Rücken -vorgehe. - -Schnell benützte Georg diesen Augenblick, Marien noch einmal an sein -Herz zu ziehen, aber das Rauschen von Mariens schwerem seidenen -Gewande, Georgs klirrendes Schwert weckten den Ratsschreiber aus -seinen botanischen Betrachtungen. Er sah sich um, und o Wunder! er -erblickte die ernste, züchtige Base in den Armen seines Gastes. - -»Das war wohl ein Gruß an die liebe Base in Franken?« fragte er, -nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte. - -»Nein, Herr Ratsschreiber,« antwortete Georg, »es war ein Gruß an mich -selbst, und zwar von der, die ich einst heimzuführen gedenke. Ihr habt -doch nichts dagegen, Vetter?« - -»Gott bewahre! Ich gratuliere von Herzen,« antwortete Herr Dietrich, -der von dem ernsten Blick des jungen Kriegsmannes und von Mariens -Tränen etwas eingeschüchtert wurde. »Aber der Tausend, das heiß' ich -~veni, vidi, vici~. Ich scherwenzte schon ein Vierteljahr um die Schöne -und habe mich kaum eines Blickes erfreuen können, und heute muß ich nun -gar den Marder selbst herausführen, der mir das Täubchen vor dem Mund -wegstiehlt.« - -»Verzeihe den Scherz, Vetter, den wir uns mit dir machten,« fiel ihm -Bertha ins Wort, »sei vernünftig und laß dir die Sache erklären.« -Sie sagte ihm, was er zu wissen brauchte, um gegen Mariens Vater zu -schweigen. Mehr durch die freundlichen Blicke Berthas besänftigt, -versprach er zu schweigen; unter der Bedingung, setzte er schalkhaft -hinzu, daß sie etwa auch einen solchen Gruß an ihn bestelle. - -Bertha verwies ihm, wiewohl nicht allzu strenge, seine unartige -Forderung, und fragte ihn neckend an der Gartentüre noch einmal um -die Naturgeschichte des ersten Veilchens, das die Sonne hervorgelockt -hatte. Er war gutmütig genug, eine lange und gelehrte Erklärung darüber -zu geben, ohne weder durch Mariens leises Weinen, noch durch Georgs -klirrendes Schwert sich unterbrechen zu lassen. Ein dankender Blick -Mariens, ein freundlicher Handschlag von Bertha belohnte ihn dafür beim -Scheiden, und noch lange wehten die Schleier der schönen Bäschen über -den Gartenzaun hin, den Scheidenden nach. - - - - -8. - - Im stillen Klostergarten - Eine bleiche Jungfrau ging; - Der Mond beschien sie trübe, - An ihrer Wimper hing - Die Träne zarter Liebe. - - _Uhland._ - - -Ulm glich in den nächsten Tagen einem großen Lager. Statt der -friedlichen Landleute, der geschäftigen Bürger, die sonst ehrbaren und -ruhigen Schrittes ihrem Gewerbe nach durch die Straßen gingen, sah -man überall nur wunderliche Gestalten mit Sturmhauben und Eisenhüten, -mit Lanzen, Armbrüsten und schweren Büchsen. Statt der Ratsherren, in -ihrer einfachen schwarzen Tracht, zogen stolze Ritter, mit wehenden -Helmbüschen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer großen Schar -bewaffneter Dienstleute, über die Plätze und Märkte. Noch lebhafter war -dies kriegerische Bild vor den Toren der Stadt; auf einem Anger an der -Donau übte Sickingen seine Reiterei, auf einem großen Blachfelde gegen -Söflingen hin pflegte Frondsberg sein Fußvolk zu tummeln. - -An einem schönen Morgen, etwa drei bis vier Tage, nachdem Marie -von Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen hatte, sah man eine -ungeheure Menge Menschen aus allen Ständen auf jener Wiese versammelt, -um diesen Uebungen Frondsbergs zuzusehen. Sie betrachteten diesen -Mann, dem ein so großer Ruf vorangegangen war, vielleicht mit -nicht geringerem Interesse als wir, wenn wir die kaiserlichen oder -königlichen Söhne des Mars die Dienste eines Feldherrn verrichten -sehen. Knüpft sich ja doch gerade an die Person eines ausgezeichneten -Führers das Interesse, das dem ganzen Heere gilt, ja wir meinen oft, -die Schlachten, von denen uns die Sage oder öffentliche Blätter -erzählen, um so deutlicher zu verstehen, wenn wir die Gestalt des -Heerführers vor das Auge zurückrufen können. - -So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm zu Mute sein, wenn -sie ihre engen Straßen verließen, um den Mann des Tages in seinem -Handwerk zu sehen. Die Geschicklichkeit, mit der er sein Fußvolk, das -sonst in zerstreuten Haufen gefochten hatte, zu geschlossenen Massen -vereinigte; die Schnelligkeit, womit sie sich nach seinem Winke nach -allen Seiten schwenkten oder in furchtbare, von Piken und Donnerbüchsen -starrende Kreise zusammenzogen; seine mächtige Stimme, die selbst die -Trommeln übertönte, seine erhabene, kriegerische Gestalt, dies alles -gewährte ein so neues anziehendes Bild, daß auch die bequemsten Bürger -es nicht scheuten, einen langen Vormittag auf dem Anger zu stehen und -unbeweglich dieses Schauspiel zu genießen. - -Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen noch freundlicher und -fröhlicher zu sein als sonst. Mochte ihn der warme Anteil, den die -guten Ulmer an ihm nahmen, und der auf allen Gesichtern geschrieben -stand, erfreuen? mochte ihm hier außen an dem schönen Morgen, unter -seinen Waffenübungen wohler sein als in den engen, kalten Straßen der -Stadt? Er blickte so freundlich auf die Menge hin, daß jeder glaubte, -von ihm besonders beachtet und begrüßt zu werden, und der Ausruf: »Ein -wackerer Herr, ein braver Ritter!« jedem seiner Schritte folgte. - -Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu sein; wenn er -vorübersprengte, so durfte man gewiß sein, daß er dort mit dem Schwert -oder der Hand herüber grüßte und traulich nickte. - -Die Hintersten stellten sich auf die Zehen, um den Gegenstand seiner -freundlichen Winke zu sehen; die Näherstehenden sahen sich fragend -an und verwunderten sich, denn keiner der versammelten Bürger schien -dieser Auszeichnung würdig. Als Frondsberg wieder vorübersprengte und -die Zeichen seiner Gnade wiederholte, gaben wohl hundert Augen recht -genau acht, und es fand sich, daß die Grüße einem großen, schlanken, -jungen Manne gelten mußten, der in der vordersten Reihe der Zuschauer -stand. Das Wams von feinem Tuch und Seidenschlitzen, die hohen -Barettfedern, mit welchen der Morgenwind spielte, sein langes Schwert -und eine Feldbinde oder Schärpe zeichneten ihn auf den ersten Blick -vor seinen Nachbarn aus, die minder geschmückt als er, auch durch -untersetztere Figuren und breite Gesichter sich nicht zu ihrem Vorteil -von ihm unterschieden. - -Der Jüngling schien aber zum Aergernis der guten Spießbürger nicht sehr -erfreut über die hohe Gnade, die ihm vor ihren Augen zuteil ward. Schon -seine Stellung, das Haupt gesenkt, die Arme über die Brust gekreuzt, -schien nicht anständig genug für einen feinen Junker, wenn er von einem -alten Kriegshelden gegrüßt wurde. Ueberdies errötete er bei jedem Gruß -des Feldhauptmanns, dankte nur durch ein leichtes Neigen und sah ihm -mit so düsteren Blicken nach, als gälte es ein langes Scheiden, und -dieser Gruß wäre der letzte eines lieben Freundes gewesen. - -»Ein sonderbarer Kauz der Junker dort,« sagte der Obermeister aller -Ulmer Weber zu seinem Nachbar, einem wackeren Waffenschmied; »ich gäbe -mein Sonntagswams um einen solchen Gruß von dem Frondsberger, und -dieser da muckt nicht darüber. Hieße es nicht in der ganzen Stadt: Was -hat der Meister Kohler mit dem Frondsberg? Waren ja neulich miteinander -wie zwei Brüder. O, die kennen einander schon lange, hieß es dann, und -sind gute Freunde von alters her. Ich kann mich ordentlich ärgern, -daß ein so gescheiter und gewaltiger Herr solch einen Laffen alle -Paternoster lang grüßt.« - -Der Waffenschmied, ein kleiner, alter Kerl, hatte ihm seinen Beifall -zugenickt. »Gott straf' mich, Ihr habt recht, Meister Kohler! Stehen -nicht dort ganz andre Leut', die er grüßen könnte? Ist nicht der Herr -Bürgermeister auf dem Platz, und steht dort nicht mein Gevatter, der -Herr von Besserer, am Eck? Ich wollt' dem Junker den Kopf beugen -lernen, wenn ich Herr wäre; aber glaubt mir, der da beugt seinen Nacken -nicht, und wenn der Kaiser selbst käme. Er muß auch etwas Rechtes sein, -denn der Ratsschreiber, mein Nachbar, der sonst allen Gästen feind ist, -hat ihn in seiner Behausung.« - -»Der Kraft?« fragte der Weber verwundert. »Ei, ei! Aber halt, dahinter -steckt ein Geheimnis. Das ist gewiß so ein junger Potentat oder gar des -Bürgermeisters von Köln sein Sohn, der auch unter dem Heer mitreiten -soll. Steht nicht dort des Kraften alter Johann?« - -»Weiß Gott, er ist's,« fiel der Waffenschmied ein, den die Vermutungen -des Webers neugierig gemacht hatten; »er ist's, und ich will ihn -beichten lassen, trotz dem Propst von Elchingen.« Aber so klein -auch der Raum zwischen den beiden Bürgern und dem alten Diener des -Kraftischen Hauses war, so konnte doch der Schmied nicht zu ihm -durchkommen, so dicht standen die Zuschauer. Endlich drang die -gewichtige Miene des Obermeisters aller Weber durch, denn er war reich -und angesehen in der Stadt; er erwischte den alten Johann und zog -ihn zu dem Schmied. Doch auch der alte Johann konnte wenig Bescheid -geben, er wußte nichts, als daß sein Gast ein Herr von Sturmfeder sei. -»Uebrigens muß er nicht ›weit her‹ sein,« setzte er hinzu, »denn er -reitet ein Landpferd und hat keine Dienstleute mit sich; meinem Herrn -aber wird der Gast übel bekommen, denn unsere alte Sabine, die Amme, -ist wie ein Drache, daß er die Hausordnung stört und ungefragt, nur so -mir nichts dir nichts, ein fremdes Menschenkind mit Stiefeln und Sporen -ins Haus schleppt.« - -»Nichts für ungut,« fiel ihm der Obermeister in die Rede, »Euer Herr, -Johann, ist ein Narr! Die alte Hexe -- Gott verzeih mir's -- hätte ich -schon lange auf die Straße geworfen, wo sie hingehört. Hat der Herr -doch sein gutes Alter, und soll sich behandeln lassen, als läge er noch -in den Windeln.« - -»Ihr habt gut reden, Meister Kohler,« antwortete der alte Diener, »aber -das versteht Ihr doch nicht recht. Auf die Gasse werfen? Wer soll denn -nachher haushalten?« - -»Wer?« schrie der erhitzte Weber. »Wer? Ein Weib soll er nehmen, -eine Hausfrau wie ein anderer Christ und Ulmer Bürger auch; was hat -er nötig, als Junggeselle zu leben und allen Mädchen in der Stadt -nachzulaufen? Hab' ich ihn nicht neulich angetroffen, wie er meiner -Katharine schön getan hat? Schiff und Geschirr hätte ich ihm mögen an -den Kopf werfen, dem gestrengen Herrn, so aber -- seine Mutter selig -hat manch schönes Tafelstück bei mir weben lassen, die brave Frau -- so -mußt' ich meine Mütze abziehen und sagen: ›Gehorsamen guten Abend, und -was befehlen Euer Wohledlen?‹ Daß dich der --« - -»Ei, schau' einer!« sagte Johann mit unmutigem Gesicht; »ich habe -immer gedacht, ein Herr wie der Ratsschreiber, mein Herr, könne in -allen Ehren mit Eurem Töchterlein ein Wort wechseln, ohne daß die böse -Welt --« - -»So? Ein Wort wechseln, und abends nach der Vesperglock' im März? Er -heiratet sie doch nicht, und meint Ihr, meines Kindes guter Ruf müsse -nicht so rein sein wie Eures Herrn weiße Halskrause? Das könnt' ich -brauchen!« - -Der Obermeister hatte während seiner eifrigen Reden den alten Johann -an der Brust gepackt und seine Stimme so erhoben, daß die Umstehenden -aufmerksam wurden; der Meister Schmied hielt es daher für das beste, -den Erzürnten mit Gewalt wegzuziehen, und er verhütete so zwar weitere -Streitigkeiten, doch konnte er nicht verhüten, daß es schon mittags in -der ganzen Stadt hieß: Herr von Kraftens Johann habe noch in seinen -alten Tagen eine Liebschaft mit des Obermeisters Töchterlein und sei -von dem erzürnten Vater auf der Wiese darüber zur Rede gestellt worden. - -Die Uebungen des Fußvolks waren indes zu Ende gegangen, das Volk -verlief sich, und auch den jungen Mann, der die unschuldige Ursache zu -jenem Streit gewesen war, sah man seine Schritte der Stadt zuwenden; -sein Gang war langsam und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als -sonst, seine Blicke suchten noch immer den Boden oder schweiften mit -dem Ausdruck von Sehnsucht oder stillem Gram nach den fernen blauen -Bergen, den Grenzmauern von Württemberg. - -Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglücklich gefühlt als -in diesen Stunden. Marie war mit ihrem Vater abgereist; sie hatte ihn -noch einmal beschwören lassen, seinem Versprechen treu zu sein, und wie -unglücklich machte ihn dieses Versprechen! Wohl hatte es ihn damals -nicht geringen Kampf gekostet, es zu geben; aber der betäubende Schmerz -des Abschiedes, der Gram des geliebten Mädchens hatten überwunden. -Doch jetzt, wo er mit festerem Blicke seinen Umgebungen, seiner -Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig erschien ihm seine -Lage! Nichts davon zu sagen, daß alle seine goldenen Träume, alle jene -kühnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit einem Mal verschwanden; nichts -davon zu sagen, daß auch sein Ziel, das so nahe lag, Marien durch -Kriegsdienste zu verdienen, ungewiß in die Weite hinausgerückt war -- -er sollte auf die Gefahr hin, von Männern, deren Achtung ihm teuer war, -verkannt zu werden, diese Fahnen verlassen, gerade in einem Augenblick, -wo man der Entscheidung entgegenging. Von Tag zu Tag, solange es ihm -nur möglich war, verschob er diese Erklärung; wo sollte er Gründe, wo -Worte hernehmen, vor dem alten, tapfern Degen Breitenstein, seinem -väterlichen Freunde, seinen Abzug zu rechtfertigen? Mit welcher Stirne -sollte er vor den edlen Frondsberg treten! Ach! jene freundlichen -Grüße, womit er den Sohn seines tapfern Waffengenossen zu freudigem -Kampfe aufzumuntern schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert. -An seiner Seite war sein Vater gefallen, er hatte gehört, wie der -Sterbende den Ruhm seines Namens und ein leuchtendes Beispiel als -einziges Erbe dem unmündigen Knaben zusandte; dieser Mann war es, der -ihm jetzt so liebevoll die Schranken öffnete, und auch ihm mußte er in -so zweideutigem Lichte erscheinen. - -Er hatte sich unter diesen trüben Gedanken langsam dem Tore der Stadt -genähert, als er sich plötzlich am Arm ergriffen fühlte; er sah sich -um, ein Mann, dem Anschein nach ein Bauer, stand vor ihm. - -»Was willst du?« fragte Georg, etwas unwillig, in seinen Gedanken -unterbrochen zu werden. - -»Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid,« antwortete der Mann. -»Sagt einmal, was gehört zu _Licht_ und _Sturm_?« - -Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete jenen -genauer. Er war nicht groß, aber kräftig; seine Brust war breit, seine -Gestalt gedrungen. Das Gesicht, von der Sonne braun gefärbt, wäre -flach und unbedeutend gewesen, wenn nicht ein eigener Zug von List und -Schlauheit um den Mund und aus den grauen Augen Mut und Verwegenheit -geleuchtet hätten. Sein Haar und Bart war dunkelgelb und gerollt; er -trug einen langen Dolch im ledernen Gurt, in der einen Hand hielt er -eine Axt, in der andern eine runde, niedere Mütze von Leder, wie man -sie noch heute bei dem schwäbischen Landvolk sieht. - -Während Georg diese flüchtigen Bemerkungen machte, wurden auch seine -Züge lauernd beobachtet. - -»Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, Herr Ritter,« fuhr -jener nach kurzem Stillschweigen fort; »was paßt zu Licht und Sturm, -daß es zwei gute Namen gibt?« - -»Feder und Stein!« antwortete der junge Mann, dem es auf einmal klar -wurde, was unter jener Frage verstanden sei; »was willst du damit?« - -»So seid Ihr Georg von Sturmfeder,« sagte jener, »und ich komme von -Marien von --« - -»Um Gottes willen sei still, Freund, und nenne keinen Namen,« fiel -Georg ein, »sage schnell, was du mir bringst.« - -»Ein Brieflein, Junker!« sprach der Bauer, indem er die breiten, -schwarzen Kniegürtel, womit er seine ledernen Beinkleider umwunden -hatte, auflöste und einen Streifen Pergament hervorzog. - -Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren wenige Worte, -mit glänzend schwarzer Tinte geschrieben; den Zügen der Schrift sah -man aber an, daß sie einige Mühe gekostet haben mochten, denn die -Mädchen von 1519 waren nicht so flink mit der Feder, um ihre zärtlichen -Gefühle auszudrücken, als die in unseren Tagen, wo jede Dorfschöne -ihrem Geliebten zum Regiment eine Epistel, so lang als die dritte -St. Johannis, schreiben kann. Die Chronik, woraus wir diese Historie -genommen, hat uns jene Worte aufbewahrt, welche Georgs gierige Blicke -aus den verworrenen Zügen des Pergaments entzifferten: - - »Bedenk' deinen Eid, -- Flieh bei Zeit. - Gott dein Geleit. -- Marie dein in Ewigkeit.« - -Es liegt ein frommer, zarter Sinn in diesen Worten; und wer sich ein -liebendes Herz dazu denkt, wie es mit diesen Zeilen in die Ferne -fliegen möchte, ein Auge voll Zärtlichkeit, umflort von einem Schleier -stiller Tränen, einen holden Mund, der das Blättchen noch einmal küßt, -verschämte Wangen, die bei diesem geheimnisvollen Gruße erröten, wer -dies hinzu denkt, der wird es Georg nicht verargen, daß er einige -Augenblicke wie trunken war. Ein freudiger, glänzender Blick, nach den -fernen blauen Bergen hin, dankte der Geliebten für ihren tröstenden -Spruch; und wahrlich, er war auch zu keiner andern Zeit nötiger gewesen -als gerade jetzt, um den gesunkenen Mut des jungen Mannes zu heben. -Wußte er doch, daß ein Wesen, das teuerste, was für ihn auf der Erde -lebte, ihn nicht verkannte. Der Schluß jener Zeilen erhob sein Herz zur -alten Freudigkeit, er bot dem guten Boten die Hand, dankte ihm herzlich -und fragte, wie er zu diesen Zeilen gekommen sei. - -»Dacht' ich's doch,« antwortete dieser, »daß das Blättchen keinen -bösen Zauberspruch enthalten müsse; denn das Fräulein lächelte so -gar freundlich, als sie es mir in die rauhe Hand drückte. Es war -vergangenen Mittwoch, als ich nach Blaubeuren kam, wo unser Kriegsvolk -stand. Es ist dort in der Klosterkirche ein prächtiger Hochaltar, -worauf die Geschichte meines Patrons, des Täufers Johannes, vorgestellt -ist. Vor sieben Jahren, als ich in großer Not und einem schmählichen -Ende nahe war, gelobte ich alle Jahre um diese Zeit eine Wallfahrt -dahin. So hielt ich es alle Jahre seit der Zeit, da mich der Heilige -durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat. Wenn ich nun mein Gebet -verrichtet hatte, ging ich allemal zum Herrn Abt, um ihm ein paar -schöne Gänse oder ein Lamm zu bringen, oder was er sonst gerade gern -hat. -- Aber ich mache Euch Langeweile mit meinem Geschwätz, Junker?« - -»Nein, nein, erzähle nur weiter,« antwortete Georg, »komm, setze dich -zu mir auf jene Bank.« - -»Das würde sich schön schicken!« entgegnete der Bote, »wenn ein Bauer -an des Junkers Seite sitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann vor aller -Augen so oft gegrüßt hat; erlaubt mir, daß ich mich vor Euch hinstelle.« - -Georg ließ sich auf einen Steinsitz am Wege nieder, der Bauer aber -fuhr, auf seine Axt gestützt, in seiner Erzählung fort: »Ich hatte -diesmal bei den unruhigen Zeiten wenig Lust zur Wallfahrt, aber -›gebrochener Eid tut Gott leid‹, heißt es, und so mußte ich mein -Gelübde vollbringen. Wie ich vom Gebet aufstand, um dem Abt zu bringen, -was recht ist, sagte mir einer der Pfaffen, daß ich diesmal nicht zu -Seiner Ehrwürden könne, weil viele Herren und Ritter dort zu Besuch -seien. Ich bestand aber doch darauf, denn der Abt ist ein leutseliger -Herr und hätte mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht heimgesucht -hätte. Wenn ihr je ins Kloster hinauskommt, so vergesset nicht nach der -Treppe zu schauen, die vom Hochaltar zum Dorment führt. Sie geht durch -die dicke Mauer, welche die Kirche ans Kloster schließt, und ist lang -und schmal. Dort war es, wo mir das Fräulein begegnet ist. Es kommt mir -nämlich ein feines Weibsbild im Schleier mit Brevier und Rosenkranz die -Treppe herab entgegen; ich drücke mich an die Wand, um sie vorbei zu -lassen, sie aber bleibt stehen und spricht: ›Ei Hans, woher des Weges?‹« - -»Woher kennt Euch denn das Fräulein?« unterbrach ihn Georg. - -»Meine Schwester ist ihre Amme und --« - -»Wie, die alte Rose ist Eure Schwester?« rief der junge Mann. - -»Habt Ihr sie auch gekannt?« sagte der Bote. »Ei, seh' doch einer! Aber -daß ich weiter sage: Ich hatte eine große Freude, sie wiederzusehen, -denn ich besuchte meine Schwester häufig in Lichtenstein und habe -das Fräulein gekannt, als man sie noch in ihres Vaters Schwertkuppel -gehen lernte. Aber ich hätte sie kaum wiedererkannt, so groß war sie -geworden, und die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am ersten -Mai. Ich weiß nicht, wie es ging, aber mich dauerte ihr Anblick in der -Seele, und ich mußte fragen, was ihr fehle, und ob ich ihr nicht etwas -helfen könne? Sie besann sich eine Weile und sagte dann: ›Ja, wenn du -verschwiegen wärest, Hans, könntest du mir wohl einen großen Dienst -leisten!‹ Ich sagte zu, und sie bestellte mich bis nach der Vesper.« - -»Aber wie kommt sie nur in das Kloster?« fragte Georg. »Sonst darf ja -doch kein Weiberschuh über die Schwelle.« - -»Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet, und da so viel Volk in -Blaubeuren liegt, so ist sie dort besser aufgehoben als im Städtchen, -wo es toll genug zugeht. Nach der Vesper, als alles still war, kam -sie ganz leise in den Kreuzgang. Ich sprach ihr Mut zu, wie es eben -unsereins versteht, da gab sie mir dies Blättchen und bat mich, Euch -aufzusuchen.« - -»Ich danke dir herzlich, guter Hans,« sagte der Jüngling. »Aber hat sie -dir sonst nichts an mich aufgetragen?« - -»Ja,« antwortete der Bote, »mündlich hat sie mir noch etwas -aufgetragen; Ihr sollt Euch hüten, man habe etwas mit Euch vor.« - -»Mit mir?« rief Georg, »das hast du nicht recht gehört, wer und was -soll man mit mir vorhaben?« - -»Da fragt Ihr mich zu viel,« entgegnete jener; »aber wenn ich es -sagen darf, so glaube ich, die Bündischen. Das Fräulein setzte noch -hinzu, ihr Vater habe davon gesprochen, und hat nicht der Frondsberg -Euch heute zugewinkt und Euch geehrt wie des Kaisers Sohn, daß sich -jedermann darob verwunderte? Glaubt nur, es hat allemal etwas zu -bedeuten, wenn solch ein Herr so freundlich ist.« - -Georg war überrascht von der richtigen Bemerkung des schlichten Bauers; -er entsann sich auch, daß Mariens Vater tief in die Geheimnisse der -Bundesobersten eingedrungen sei und vielleicht etwas erfahren habe, was -sich zunächst auf ihn bezöge. Aber er mochte sinnen, wie er wollte, so -konnte er doch nichts finden, was zu dieser geheimnisvollen Warnung -Mariens gepaßt hätte. Mit Mühe riß er sich aus diesem Gewebe von -Vermutungen, indem er den Boten fragte, wie er ihn so schnell gefunden -habe? - -»Dies wäre ohne Frondsberg so bald nicht geschehen,« antwortete er; -»ich sollte Euch bei Herrn Dietrich von Kraft aufsuchen. Wie ich aber -die Straße hereinging, da sah man viel Volk auf den Wiesen. Ich dachte, -eine halbe Stunde mache nichts aus, und stellte mich auch hin, um das -Fußvolk zu betrachten. Wahrlich, der Frondsberg hat es weit gebracht. --- Nun, da war mir's, als hörte ich nahe bei mir Euren Namen nennen; -ich sah mich um, es waren drei alte Männer, die sprachen von Euch und -deuteten auf Euch hin, ich aber merkte mir Eure Gestalt und folgte -Euren Schritten, und weil ich meiner Sache doch nicht ganz gewiß war, -so gab ich Euch das Rätsel von Sturm und Licht auf.« - -»Das hast du klug gemacht,« sagte Georg lächelnd; »aber dennoch komm -in mein Haus, daß man dir etwas zu essen reiche. Wann kehrst du wieder -heim?« - -Hans bedachte sich eine Weile; endlich aber sagte er, indem ein -schlaues Lächeln um seinen Mund zog: »Nichts für ungut, Junker; aber -ich habe dem Fräulein versprechen müssen, nicht eher von Euch zu -weichen, als bis Ihr dem bündischen Heer Valet gesagt habt.« - -»Und dann?« fragte Georg. - -»Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein und bringe ihr die gute -Nachricht von Euch; wie wird sie sich sehnen! Alle Tage steht sie wohl -im Gärtchen auf dem Felsen und sieht ins Tal hinab, ob der alte Hans -noch nicht kommt!« - -»Die Freude soll ihr bald werden,« antwortete Georg, »vielleicht reite -ich schon morgen, und dann schreibe ich vorher noch ein Brieflein.« - -»Aber greifet es doch klug an,« sagte der Bote, »das Pergament darf -nicht breiter sein als jenes, das ich brachte; denn ich muß es wieder -im Kniegürtel verstecken. Man weiß nicht, was einem in so unruhiger -Zeit begegnen kann, und dort sucht es niemand.« - -»Es sei so,« antwortete Georg, indem er aufstand. »Für jetzt lebe -wohl; um Mittag komme zu Herrn von Kraft, nicht weit vom Münster. Gib -dich für meinen Landsmann aus Franken aus, denn die Ulmer sind den -Württembergern nicht grün.« - -»Sorget nicht, Ihr sollt zufrieden sein,« rief Hans dem Scheidenden -zu. Er sah dem schlanken Jüngling nach und gestand sich, daß das holde -Pflegekind seiner Schwester keine üble Wahl getroffen habe, wenn auch -die rosigen Wangen des Kindes bei der ersten Liebe der Jungfrau etwas -von ihren blühenden Farben verloren hatten. - - - - -9. - - Was unter dieser Sonne kann es geben, - Das ich nicht hinzuopfern eilen will, - Wenn Sie es wünschen? -- Fliehen Sie! - - _Schiller._ - - -Georg war es von Anfang bange, wie sich sein neuer Bekannter in dem -Kraftischen Hause benehmen werde. Er fürchtete nicht ohne Grund, jener -möchte sich durch seine Mundart, durch unbedachte Aeußerungen verraten, -was ihm höchst unangenehm gewesen wäre; denn je fester er bei sich -beschlossen hatte, das Bundesheer in den nächsten Tagen zu verlassen, -um so weniger mochte er in den Verdacht geraten, in Verbindung mit -Württemberg zu stehen. Konnte und durfte er ja doch im schlimmen Falle, -wenn der Bote entdeckt würde, wenn er bekannte, an ihn geschickt -worden zu sein, die Geliebte nicht verraten. Er wollte umkehren und -den Mann aufsuchen, ihn bitten, sich sobald als möglich zu entfernen, -aber als er bedachte, daß dieser schon längst von dem Platz ihrer -Unterredung sich entfernt haben müsse, daß er indes zu Kraft kommen -könne, schien es ihm geratener, dahin vorauszueilen, um jenem dort die -nötigen Winke zu geben und ihn vor Unvorsichtigkeit zu bewahren. - -Und doch, wenn er sich das kühne Auge, die kluge, verschlagene Miene -des Mannes ins Gedächtnis rief, glaubte er hoffen zu dürfen, daß Marie, -obgleich ihr keine große Wahl übrig blieb, keinem unsicheren Mann diese -Botschaft anvertraut haben konnte. - -Und wirklich traute er seinem Auge, seinem Ohr kaum, als ihm um Mittag -ein Landsmann aus Franken gemeldet und sein Liebesbote hereingeführt -ward. Welche Gewalt mußte dieser Mensch über sich haben! Es war -derselbe, und doch schien er ein ganz anderer. Er ging gebückt, die -Arme hingen schlaff an dem Körper herab, selten schlug er die Augen -auf, sein Gesicht hatte einen Ausdruck von Blödigkeit, der Georg ein -unwillkürliches Lächeln abnötigte. Und als er dann zu sprechen anfing, -als er ihn in fränkischer Mundart begrüßte und mit der geläufigen -Zunge eines geborenen Franken dem Herrn von Kraft auf seine mancherlei -Fragen antwortete, da kam er in Versuchung, an übernatürliche Dinge -zu glauben, die Märchen seiner Kindheit stiegen in seinem Gedächtnisse -auf, wo ein freundlicher Zauberer oder eine huldreiche Fee in allerlei -Gestalten dem Dienst zweier Liebenden sich widmet und sie glücklich -mitten durch das feindselige Schicksal hindurchführt. - -Der Zauber war bald gelöst, als er mit dem Boten auf seinem Zimmer -allein war und ihn der gute Schwabe von seiner Persönlichkeit -versicherte; aber doch konnte er ihm seine Bewunderung nicht versagen -über die Rolle, die er so gut gespielt. - -»Glaubt deshalb nicht minder an meine Ehrlichkeit,« antwortete der -Bauer; »man wird oft genötigt, von Jugend auf durch solche Künste sich -fortzuhelfen, sie schaden keinem und tun doch dem gut, der sie kann.« - -Georg versicherte, ihm nicht minder zu trauen als vorher, der Bote -aber bat dringend, er möchte doch jetzt auch auf seine Abreise denken, -er möchte bedenken, wie sehr sich das Fräulein nach dieser Nachricht -sehne, daß er nicht früher heimkehren dürfe, als bis er diese Gewißheit -bringen könne. - -Georg antwortete ihm, daß er nur noch den Abmarsch des Bundesheeres -abwarten wolle, um in seine Heimat zurückzukehren. - -»O, da braucht Ihr nicht mehr lange zu warten,« antwortete der Bote; -»wenn sie morgen nicht aufbrechen, so ist es übermorgen, denn das Land -ist offen bis ins Herz hinein. Ich darf Euch trauen, Junker, darum sag' -ich Euch dies.« - -»Ist es denn wahr, daß die Schweizer abgezogen sind,« fragte Georg, -»und daß der Herzog keine Feldschlacht mehr liefern kann?« - -Der Bote warf einen lauernden Blick im Zimmer umher, öffnete behutsam -die Türe, und als er sah, daß kein Lauscher in der Nähe sei, begann er: - -»Herr! ich war bei einem Auftritt, den ich nie vergesse, und wenn -ich neunzig Jahre alt werde! Schon unterwegs waren mir auf der Alb -große Scharen der heimziehenden Schweizer begegnet; ihre Räte und -Landammänner hatten sie heimgerufen; bei Blaubeuren standen aber noch -über achttausend Mann, jedoch lauter gute Württemberger und nichts -anderes drunter.« - -»Und der Herzog,« unterbrach ihn Georg, »wo war denn dieser?« - -»Der Herzog hat in Kirchheim zum letztenmal mit den Schweizern -unterhandelt, aber sie zogen ab, weil er sie nicht bezahlen konnte.[16] -Da kam er gen Blaubeuren, wo sich sein Landvolk gelagert hatte. -Gestern morgen wurde durch Trommelschlag bekannt gemacht, daß sich bis -neun Uhr alles Volk auf den Klosterwiesen einstellen solle. Es waren -viele Männer, die dort versammelt waren, aber jeder dachte ein und -dasselbe. Seht, Junker! der Herzog Ulrich ist ein gestrenger Herr und -weiß den Bauer nicht für sich zu gewinnen. Die Steuern sind hart, der -Jagdfrevel ist scharf und grausam, am Hof aber wird verpraßt, was man -uns genommen hat. Aber wenn ein solcher Herr im Unglück ist, da ist -es gleich ein anderes Ding. Jetzt fiel uns allen nur ein, daß er ein -tapferer Mann und unser unglücklicher Herzog sei, dem man das Land mit -Gewalt entreißen wolle. Es ging ein Gemurmel unter uns, der Herzog -wolle eine Schlacht liefern, und jeder drückte das Schwert fester in -der Hand, grimmig schüttelten sie ihre Speere und riefen den Bündlern -Verwünschungen zu. Da kam der Herzog --« - -»Du sahst den Herzog, du kennst ihn?« rief Georg neugierig. »O sprich, -wie sieht er aus?« - -»Ob ich ihn kenne?« sagte der Bote mit sonderbarem Lächeln. -»Wahrhaftig, ich sah ihn, als es ihm nicht wohl war, mich zu sehen. Der -Herr ist noch ein junger Mann, wenn es viel ist, ist er zweiunddreißig -Jahr. Er ist stattlich und kräftig, und man sieht ihm an, daß er die -Waffen zu führen weiß. Augen hat er wie Feuer, und es lebt keiner, -der ihm lange hineinschaute. -- Der Herzog trat in den Kreis, den das -bewaffnete Volk geschlossen hatte, und es war Totenstille unter den -vielen Menschen. Mit vernehmlicher Stimme sprach er, daß er sich, also -verlassen, nimmer zu helfen wüßte.[17] Diejenigen, worauf er gehofft, -seien ihm benommen, seinen Feinden sei er ein Spott; denn ohne die -Schweizer könne er keine Schlacht wagen. Da trat ein alter, eisgrauer -Mann hervor, der sprach: ›Herr Herzog! Habt Ihr unsern Arm schon -versucht, daß Ihr die Hoffnung aufgebt? Schaut, diese alle wollen für -Euch bluten; ich habe Euch auch meine vier Buben mitgebracht, hat jeder -einen Spieß und ein Messer, und so sind hier viele Tausend; seid Ihr -des Landes so müde, daß Ihr uns verschmäht?‹ Da brach dem Ulrich das -Herz; er wischte sich Tränen aus dem Auge und bot dem Alten seine Hand. -›Ich zweifle nicht an eurem Mut,‹ sprach er mit lauter Stimme; ›aber -wir sind unserer zu wenig, so daß wir nur sterben können, aber nicht -siegen. Geht nach Haus, ihr guten Leute, und bleibet mir treu. Ich muß -mein Land verlassen und im bitteren Elend sein. Aber mit Gottes Hilfe -hoffe ich auch wieder hereinzukommen.‹ So sprach der Herzog, unsere -Leute aber weinten und knirschten mit den Zähnen und zogen ab in Trauer -und Unmut.«[18] - -»Und der Herzog?« fragte Georg. - -»Von Blaubeuren ist er weggeritten, wohin, weiß man nicht. In den -Schlössern aber liegt die Ritterschaft, sie zu verteidigen, bis der -Herzog vielleicht andere Hilfe bekommt.« -- - -Der alte Johann unterbrach hier den Boten und meldete, daß der Junker -auf zwei Uhr in den Kriegsrat beschieden sei, der in Frondsbergs -Quartier gehalten werde; Georg war nicht wenig erstaunt über diese -Nachricht, was konnte man von ihm im Kriegsrat wollen? Sollte -Frondsberg schon ein Mittel gefunden haben, ihn zu empfehlen? - -»Nehmt Euch in acht, Junker,« sprach der Bote, als der alte Johann -das Gemach verlassen hatte, »und bedenkt das Versprechen, das Ihr dem -Fräulein gegeben; vor allem erinnert Euch, was sie Euch sagen ließ: Ihr -sollt Euch hüten, weil man etwas mit Euch vorhabe. Mir aber erlaubt, -als Euer Diener in diesem Haus zu bleiben; ich kann Euer Pferd -besorgen und bin zu jedem Dienst erbötig.« - -Georg nahm das Anerbieten des treuen Mannes mit Dank an, und Hans trat -auch sogleich in seinen Dienst, denn er band seinem jungen Herrn das -Schwert um und setzte ihm das Barett zurecht. Er bat ihn noch unter der -Türe, seines Schwures und jener Warnung eingedenk zu sein. - -Dem unbegreiflichen Ruf in den Kriegsrat und der sonderbar zutreffenden -Warnung Mariens nachsinnend, ging Georg dem bezeichneten Hause zu; man -wies ihn dort eine breite Wendeltreppe hinan, wo er in der ersten Türe -rechts die Kriegsobersten versammelt finden sollte. Aber der Eingang in -dieses Heiligtum ward ihm nicht so bald verstattet; ein alter bärtiger -Kriegsmann fragte, als er die Tür öffnen wollte, nach seinem Begehr und -gab ihm den schlechten Trost, es könne höchstens noch eine halbe Stunde -dauern, bis er vorgelassen werde; zugleich ergriff er die Hand des -jungen Mannes und führte ihn, einen schmalen Gang hindurch, nach einem -kleinen Gemach, wo er sich einstweilen gedulden solle. - -Wer je in besorgter Erwartung einsam und allein auf der Marterbank -eines Vorzimmers saß, der kennt die Qual, die Georg in jener Stunde -auszustehen hatte. Das ungeduldige Herz pocht der Entscheidung -entgegen, alle Nerven sind gespannt, das Auge möchte die Tür -durchbohren, das Ohr schärft sich, wenn in der Ferne eine Türe -knarrt, Schritte über den Hausgang rauschen oder undeutliche Stimmen -im anstoßenden Zimmer lauter werden. Aber die Türen haben umsonst -getönt, die Schritte, immer näher und näher kommend, gehen vorüber, -der ungleiche Ton der Stimmen sinkt zum Geflüster herab. Die Bretter -des Fußbodens und die Fenster des Nachbarhauses sind bald gezählt, und -schon wieder zeigt der helle Ton der Glocke eine umsonst verlebte halbe -Stunde an. Das Ohr begleitet alle Glocken und Uhren der Stadt, bemerkt -ihre hohen und tiefen Töne -- auch sie haben ausgeschlagen; man steht -auf, macht einen Gang durch das enge Gemach, horch! da geht wieder eine -Türe, gewichtige Schritte kommen den Gang herauf, die Klinke der Türe -bewegt sich nach so langer Zeit wieder. - -»Georg von Frondsberg läßt Euch seinen Gruß vermelden,« sprach der alte -Kriegsmann, der nach so langer Zeit wieder zu Georg kam, »es könne -vielleicht noch eine Weile dauern; doch sei dies ungewiß, darum sollet -Ihr hier bleiben. Er schickt Euch hier einen Krug Wein zum Vespern.« - -Der Diener setzte den Wein auf den breiten Fenstersims des Zimmers, -denn ein Tisch war nicht vorhanden, und verließ das Gemach. - -Georg sah ihm staunend nach; er hätte dies nicht für möglich gehalten; -über eine Stunde war schon verschwunden, und noch nicht? Er griff zu -dem Wein, er war nicht übel, aber wie konnte ihm in seiner traurigen -Einsamkeit das Glas munden? - -Es ist ein gewöhnlicher Fehler junger Leute in Georgs Jahren, daß sie -sich für wichtiger halten, als es ihre Stellung in der Welt eigentlich -mit sich bringt. Der gereifte Mann wird eine Beeinträchtigung seiner -Würde eher verschmerzen oder wenigstens sein Mißfallen zurückhalten, -während der Jüngling, empfindlicher über den Punkt der Ehre, leichter -und schneller aufbraust. Kein Wunder daher, daß Georg, als er nach zwei -tödlich langen Stunden in den Kriegsrat abgeholt wurde, nicht in der -besten Laune war. Er folgte schweigend dem ergrauten Führer, der ihn -hieher geleitet hatte, den langen Gang hin. - -An der Türe wandte sich jener um und sagte freundlich: »Verschmäht den -Rat eines alten Mannes nicht, Junker, und legt die trotzige finstere -Miene ab; es tut nicht gut bei den gestrengen Herrn da drinnen.« - -Georg war in dem Augenblick zu wenig Herr über sich, als daß er den -wohlgemeinten Rat hätte befolgen können, er dankte ihm durch einen -Händedruck, ergriff dann rasch die gewaltige eiserne Türklinke, und die -schwere eichene Zimmertüre drehte sich ächzend auf. - -Um einen großen schwerfälligen Tisch saßen acht ältliche Männer, die -den Kriegsrat des Bundes bildeten. Einige davon kannte Georg. Jörg -Truchseß, Freiherr von Waldburg, nahm als Oberst-Feldleutnant den -obersten Platz an dem Tische ein, zu beiden Seiten von ihm saßen -Frondsberg und Franz von Sickingen, von den übrigen kannte er keinen -als den alten Ludwig von Hutten; aber die Chronik hat uns ihre Namen -treulich aufbewahrt; es saßen dort noch Christoph Graf zu Ortenberg, -Alban von Closen, Christoph von Frauenberg und Diepolt von Stein, -bejahrte, im Heere angesehene Männer. - -Georg war an der Türe stehen geblieben, Frondsberg aber winkte -ihm freundlich, näher zu kommen. Er trat nun bis an den Tisch und -überschaute nun mit dem freien kühnen Blick, der ihm so eigen war, die -Versammlung. Aber auch er wurde von den Versammelten beobachtet, und -es schien, als fänden sie Gefallen an dem schönen, hochgewachsenen -Jüngling, denn mancher Blick ruhte mit Wohlwollen auf ihm, einige -nickten ihm sogar freundlich zu. - -Der Truchseß von Waldburg hob endlich an: »Georg von Sturmfeder, -wir haben uns sagen lassen, Ihr seid auf der Hochschule in Tübingen -gewesen, ist dem also?« - -»Ja, Herr Ritter,« antwortete Georg. - -»Seid Ihr in der Gegend von Tübingen genau bekannt?« fuhr jener fort. - -Georg errötete bei dieser Frage; er dachte an die Geliebte, die ja nur -wenige Stunden von jener Stadt entfernt auf ihrem Lichtenstein war; -doch er faßte sich bald und sagte: »Ich kam zwar nicht viel auf die -Jagd, auch habe ich sonst die Gegend wenig durchstreift, doch ist sie -mir im allgemeinen bekannt.« - -»Wir haben beschlossen,« fuhr Truchseß fort, »einen sicheren Mann -in jene Gegend zu schicken, auszukundschaften, was der Herzog -von Württemberg bei unserm Anzug tun wird. Es soll auch über die -Befestigung des Schlosses Tübingen, über die Stimmung des Landvolkes in -jener Gegend genaue Nachricht eingezogen werden; ein solcher Mann kann -dem Württemberger durch Klugheit und List mehr Abbruch tun als hundert -Reiter, und wir haben -- Euch dazu ausersehen.« - -»Mich?« rief Georg voll Schrecken. - -»Euch, Georg von Sturmfeder; zwar gehört Uebung und Erfahrung zu einem -solchen Geschäft, aber was Euch daran abgeht, möge Euer Kopf ersetzen.« - -Man sah dem Jüngling an, daß er einen heftigen Kampf mit sich -kämpfte. Sein Gesicht war bleich, sein Auge starr, seine Lippen fest -zusammengeklemmt. Die Warnung Mariens war ihm jetzt auf einmal klar; -aber wie fest er auch bei sich beschloß, den Antrag auszuschlagen, wie -erwünscht beinahe diese Gelegenheit erschien, um dem Bunde zu entsagen, -so kam ihm die Entscheidung doch zu überraschend, er scheute sich, vor -den berühmten Männern seinen Entschluß auszusprechen. - -Der Truchseß rückte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, als der -junge Mann so lange mit seiner Antwort zögerte: »Nun, wird's bald? -Warum besinnet Ihr Euch so lange?« rief er ihm zu. - -»Verschonet mich mit diesem Auftrag,« sagte Georg nicht ohne Zagen; -»ich kann, ich darf nicht.« - -Die alten Männer sahen sich erstaunt an, als trauten sie ihren Ohren -nicht. »Ihr dürft nicht, Ihr könnt nicht?« wiederholte Truchseß -langsam, und eine dunkle Röte, der Vorbote seines aufsteigenden -Zornes, lagerte sich auf seine Stirne und um seine Augen. - -Georg sah, daß er sich in seinen Ausdrücken übereilt habe; er sammelte -sich und sprach mit freierem Mute: »Ich habe Euch meine Dienste -angeboten, um ehrlich zu fechten, nicht aber, um mich in Feindesland zu -schleichen und hinterrücks nach seinen Gedanken zu spähen. Es ist wahr, -ich bin jung und unerfahren, aber so viel weiß ich doch, um mir von -meinen Schritten Rechenschaft geben zu können; und wer von Euch, der -Vater eines Sohnes ist, möchte ihm zu seiner ersten Waffentat raten, -den Kundschafter zu machen?« - -Der Truchseß zog die dunkeln, buschigen Augenbrauen zusammen und schoß -einen durchdringenden Blick auf den Jüngling, der so kühn war, anderer -Meinung zu sein als er. »Was fällt Euch ein, Junker!« rief er. »Eure -Reden helfen Euch jetzt zu nichts, es handelt sich nicht darum, ob es -sich mit Eurem kindischen Gewissen verträgt, was wir Euch auftragen; es -handelt sich um Gehorsam, wir wollen es, und Ihr _müßt_!« - -»Und ich _will_ nicht!« entgegnete ihm Georg mit fester Stimme. Er -fühlte, daß mit dem Zorn über Waldburgs beleidigenden Ton sein Mut von -Minute zu Minute wachse, er wünschte sogar, der Truchseß möchte noch -weiter in seinen Reden fortfahren, denn jetzt glaubte er sich jeder -Entscheidung gewachsen. - -»Ja freilich, freilich!« lachte Waldburg in bitterem Grimm, »das Ding -hat Gefahr, so allein in Feindesland herumzureiten. Ha! Ha! Da kommen -die Junker von Habenichts und Binnichts und bieten mit großen Worten -und erhabenen Gesichtern ihren Kopf und ihren tapfern Arm an, und wenn -es drauf und dran kommt, wenn man etwas von ihnen haben will, so fehlt -es an Herz. Doch Art läßt nicht von Art, der Apfel fällt nicht weit vom -Stamme -- und wo nichts ist, da hat der Kaiser das Recht verloren.« - -»Wenn dies eine Beleidigung für meinen Vater sein soll,« antwortete -Georg erbittert, »so sitzen hier Zeugen, die ihm bezeugen können, -daß er in ihrem Gedächtnisse als ein Tapferer lebt. Ihr müßt viel -getan haben in der Welt, daß Ihr Euch herausnehmt, auf andere so tief -herabzusehen!« - -»Soll ein solcher Milchbart mir vorschreiben, was ich reden soll?« -unterbrach ihn Waldburg. »Was braucht es da das lange Schwatzen? Ich -will wissen, Junkerlein, ob Ihr morgen Euer Pferd satteln und Euch -nach unseren Befehlen richten wollt oder nicht!« - -»Herr Truchseß,« antwortete Georg mit mehr Ruhe, als er sich selbst -zugetraut hatte, »Ihr habt durch Eure scharfen Reden nichts gezeigt, -als daß Ihr wenig wisset, wie man mit einem Edelmann, der dem Bunde -seine Dienste anbot, wie man mit dem Sohn meines tapfern Vaters reden -müsse. Ihr habt aber als Oberster dieses Rates im Namen des Bundes zu -mir gesprochen und mich so tief beleidigt, als ob ich Euer ärgster -Feind wäre, darum kann ich nichts tun als, wie Ihr selbst befehlet, -mein Roß satteln, aber gewiß nicht zu Eurem Dienst. Es ist mir nicht -länger Ehre, diesen Fahnen zu folgen, nein, ich sage mich los und ledig -von euch für immer; gehabt euch wohl!« - -Der junge Mann hatte mit Nachdruck und Festigkeit gesprochen und wandte -sich, zu gehen. - -»Georg,« rief Frondsberg, indem er aufsprang, »Sohn meines Freundes! --« - -»Nicht so rasch, Junker!« riefen die übrigen und warfen mißbilligende -Blicke auf Waldburg; aber Georg war, ohne sich umzusehen, aus dem -Gemach geschritten, die eiserne Klinke schlug klirrend ins Schloß, und -die gewaltigen Flügel der eichenen Pforte lagerten sich zwischen ihm -und dem wohlmeinenden Nachruf der besser gesinnten Männer; sie schieden -Georg von Sturmfeder auf ewig von dem schwäbischen Bunde. - - - - -10. - - O wenn die Nacht des Grames dich umschlinget, - Mit schwerem Leid dein wundes Herz oft ringet, - Wenn nur der Stern, der nach der Sonne stehet - Der Liebe Stern in dir nicht untergehet. - - _P. Conz._ - - -Georg fühlte sich leichter, als er auf seinem Zimmer über das -Vorgefallene nachdachte. Jetzt war ja entschieden, was zu _entscheiden_ -er so lange gezögert hatte, entschieden auf eine Weise, wie er sie -besser nicht hätte wünschen können. So hatte er jetzt einen guten -Grund, das Heer sogleich zu verlassen, und der Oberst-Feldleutnant -mußte die Schuld sich selbst beimessen. - -Wie schnell hatte sich doch alles in den vier Tagen gewendet; wie -verschieden waren die Gesinnungen, mit denen er in diese Stadt einzog, -von denen, die ihn aus ihren Mauern hinaustrieben! Damals, als der -Donner der Geschütze, der feierliche Klang aller Glocken, die lockenden -Töne der Trompeten ihn begrüßten, wie schlug da sein Herz dem Kampf -entgegen, um Marien zu verdienen! Und als er das erste Mal vor jenen -Frondsberg geführt wurde, wie erhebend war der Gedanke, unter den Augen -dieses Mannes zu streiten, aus seinem Munde sich Ruhm zu erwerben! -- -Und wie erkaltete bald darauf sein Eifer, als der Bund in seinen Augen -jenen Glanz verlor, mit welchem ihn seine jugendliche Phantasie umgeben -hatte; wie schämte er sich, sein Schwert für die zu ziehen, die, nur -von Eigennutz und Habgier getrieben, das schöne Land sich zur Beute -ausersehen hatten! Wie schrecklich der Gedanke, Marie und die Ihrigen -auf der feindlichen Seite zu wissen, treuergeben dem unglücklichen -Fürsten, den auch er aus seinen Grenzen jagen helfen sollte? Um eine -solche Sache sollte er jenes teure Herz brechen, das unter jedem -Wechsel treu für ihn schlug? »Nein! Du hast es wohl mit mir gemeint,« -sprach er, indem sein Auge dem Strahl der Abendsonne, der durch die -runden Scheiben hereinfiel, hinauf zu dem blauen Himmel folgte; »du -hast es wohl mit mir gemeint; was jedem andern, der heute an meiner -Stelle stand, zum Verderben gewesen wäre, hast du für mich zum Heil -gelenkt!« Jene Heiterkeit, die, seit er wußte, wie furchtbar sich das -Geschick zwischen ihn und die Geliebte stellte, einem trüben Ernst -gewichen war, kehrte wieder auf seine Stirne, um seinen Mund zurück; er -sang sich ein frohes Lied, wie in seinen _frohesten_ Augenblicken. -- - -Erstaunt betrachtete ihn der eintretende Herr von Kraft. »Nun, das -ist doch sonderbar,« sagte er; »ich eile nach Haus, um meinen Gast in -seinem gerechten Schmerz zu trösten, und finde ihn so fröhlich wie nie; -wie reime ich das zusammen?« - -»Habt Ihr noch nie gehört, Herr Dietrich,« entgegnete Georg, der für -geratener hielt, seine Fröhlichkeit zu verbergen, »habt Ihr nie gehört, -daß man auch aus Zorn lachen und im Schmerz singen kann?« - -»Gehört hab' ich es schon, aber gesehen nie bis zu diesem Augenblick,« -antwortete Kraft. - -»Nun, und Ihr habt also auch von der verdrießlichen Geschichte gehört?« -fragte Georg. »Man erzählt es sich gewiß schon auf allen Straßen?« - -»O nein,« antwortete der Ratsschreiber, »man weiß nirgends etwas davon, -man hätte ja zugleich Eure geheime Sendung nach Württemberg damit -ausposaunen müssen. Nein! Ich habe, Gott sei Dank, so meine eigenen -Quellen und erfahre manches noch in _der_ Stunde, wo es getan oder -gesprochen wurde. Aber nehmt mir's nicht übel, Ihr habt da einen dummen -Streich gemacht!« - -»So,« antwortete Georg lächelnd, »und warum denn?« - -»Bot sich Euch nicht die schönste Gelegenheit, Euch auszuzeichnen? Wem -wären die Bundesobersten mehr Dank schuldig als --« - -»Sagt es nur heraus,« unterbrach ihn Georg, »als dem Kundschafter in -des Feindes Rücken. Es ist nur schade, daß mein Vater und die Ehre -meines Namens mich _vor_, und nicht _hinter_ den Feind bestimmt haben, -es sei denn, daß er vor mir fliehe.« - -»Dies sind Bedenklichkeiten, die ich nicht bei Euch gesucht hätte. -Wahrlich, wenn ich so bekannt in jener Gegend wäre wie Ihr, man hätte -es mir nicht zweimal sagen dürfen.« - -»Ihr habt hier zu Lande vielleicht andere Grundsätze über diesen -Punkt,« sagte Georg, nicht ohne Spott, »als wir in unserem Franken, das -hätte Truchseß von Waldburg bedenken und einen Ulmer schicken sollen.« - -»Ihr bringt mich da eben recht noch auf etwas anderes. Der -Oberst-Feldleutnant! Wie habt Ihr ihn Euch so zum Feinde machen mögen? -Denn daß dieser Euch das Geschehene in seinem Leben nicht verzeiht, -dürft Ihr gewiß sein.« - -»Das ist mein geringster Kummer,« antwortete Georg, »aber eines tut mir -weh, daß ich den Uebermütigen, der schon meinem Vater Böses getan, wo -er konnte, nicht vor meine Klinge stellen und ihm zeigen kann, daß der -Arm nicht so ganz zu verachten ist, den er heute von sich gestoßen hat.« - -»Um Gottes willen,« fiel Kraft ein, »sprecht nicht so laut, er könnte -es hören. Ueberhaupt müßt Ihr Euch sehr zusammennehmen, wenn Ihr ferner -im Heere unter ihm dienen wollt.« - -»Ich will den Herrn Truchseß von meinem verhaßten Anblick bald -befreien. So Gott will, habe ich die Sonne zum letztenmal in Ulm -untergehen sehen!« - -»So wäre es wahr,« fragte Herr von Kraft mit Staunen, »was man noch -dazusetzte, und was ich nicht glauben konnte: Georg von Sturmfeder will -wegen dieser Kleinigkeit unsere gute Sache verlassen?« - -»Verletzung der Ehre ist nirgends eine Kleinigkeit,« antwortete Georg -ernst, »am wenigsten bei einem Stand wie der unsrige. Was aber Eure -gute Sache betrifft, so habe ich nachgerade eingesehen, daß ich weder -für eine gute Sache, noch für eine gute Meinung, sondern für ein paar -große Herren und für ein paar Mauern voll Spießbürger mich schlagen -sollte.« - -Der unangenehme Eindruck, den besonders die letzten Worte auf den -Ratsschreiber machten, entging ihm nicht, er fuhr daher, indem er seine -Hand ergriff und drückte, ruhiger fort: »Nehmet mir meine scharfen -Worte nicht übel, mein freundlicher Wirt, weiß Gott, ich habe Euch -nicht damit beleidigen wollen; aber aus Eurem eigenen Munde habe ich -die Gesinnungen und Zwecke der verschiedenen Parteien in diesem Heere -erfahren. Schreibt es Euch selbst zu, wenn ich meinen eigenen Weg -einschlage, da _Ihr_ mir die Binde von den Augen genommen habt.« - -»Ihr habt so unrecht gerade nicht, guter Junker, es wird bunt hergehen, -wenn die Herren erst das schöne Land da drüben unter sich teilen; aber -da habe ich gedacht, es geht ja in einem hin, Ihr könntet Euch auch -Euer Scherflein dabei verdienen. Man sagt, Ihr dürft es mir aber nicht -übelnehmen, Euer Haus sei etwas herabgekommen, da meinte ich --« - -»Nichts davon!« fiel Georg rasch ein, gerührt von der Gutmütigkeit -seines Gastfreundes. »Das Haus meiner Väter zerfällt, unsere Tore -hängen auf gebrochenen Angeln, auf der Zugbrücke wächst Moos, und auf -dem hohen Wartturm hausen Eulen. In fünfzig Jahren steht vielleicht -noch ein Turm oder ein Mäuerchen und erinnert den Wanderer, daß hier -einst ein ritterliches Geschlecht hauste. Aber wenn auch die morschen -Mauern über mir zusammenstürzen und den Letzten meines Stammes unter -ihren Trümmern begraben, niemand soll von mir sagen, ich habe für -ungerechtes Gut das Schwert meines Vaters gezogen.« - -»Jeder nach seiner Weise,« antwortete Dietrich, »es klingt dies alles -recht schön; aber ich für meinen Teil würde mir schon etwas gefallen -lassen, um mein Haus anständig und wohnlich wiederherzustellen. -- -Möget Ihr übrigens Euren Entschluß ändern oder nicht, auf jeden Fall -hoffe ich, werdet Ihr es Euch noch einige Tage bei mir gefallen lassen.« - -»Ich erkenne Eure Güte,« antwortete Georg; »aber Ihr seht, daß ich -unter den gegenwärtigen Umständen nichts mehr in dieser Stadt zu tun -habe. Ich gedenke mit Anbruch des Morgens zu reiten.« - -»Nun, und kann man Euch Grüße mitgeben?« sagte der Ratsschreiber mit -überaus schlauem Lächeln. »Ihr reitet doch den nächsten Weg nach -Lichtenstein?« - -Der junge Mann errötete bis in die Stirne hinauf. Es war zwischen ihm -und seinem Gastfreund seit Mariens Abreise dieser Gegenstand noch nicht -zur Sprache gekommen; um so mehr überraschte ihn jetzt die schlaue -Frage seines Gastfreundes. »Ich sehe,« sagte er, »daß Ihr mich noch -immer falsch verstehet. Ihr glaubet, ich habe dem Bunde nur deswegen -den Rücken zugewandt, um mich an die Feinde anzuschließen? Wie möget -Ihr nur so schlimm von mir denken!« - -»Ach, geht mir doch!« entgegnete der kluge Ratsschreiber. »Niemand -anders als mein reizendes Bäschen hat Euch von uns abwendig gemacht. -Ihr hättet wohl zu allem, was der Bund getan, ein Auge zugedrückt, wenn -der alte Lichtenstein auch mitgemacht hätte; nun er auf der andern -Seite steht, glaubt Ihr auch schnell umsatteln zu müssen!« - -Georg mochte sich verteidigen, wie er wollte, der Ratsschreiber war -zu fest von seiner eigenen Klugheit überzeugt, als daß er sich diese -Meinung hätte ausreden lassen. Er fand diesen Schritt auch ganz -natürlich und sah nichts Böses oder Unehrliches darin. Mit einem -herzlichen Gruß an die Base in Lichtenstein verließ er das Zimmer -seines Gastes. Doch auf der Schwelle wandte er sich noch einmal um. -»Fast hätte ich das Wichtigste vergessen,« sagte er, »ich begegnete -Georg von Frondsberg auf der Straße. Er läßt Euch bitten, heute abend -noch zu ihm in sein Haus zu kommen.« - -Georg hatte sich zwar selbst vorgestellt, daß ihn Frondsberg nicht ohne -Abschied werde ziehen lassen, und doch war ihm bange vor dem Anblick -dieses Mannes, der es so gut mit ihm gemeint, und dessen freundliche -Pläne er so schnell durchkreuzt hatte. Er schnallte unter den Gedanken -an diesen schweren Gang sein Schwert um und wollte eben seinen Mantel -zurechtlegen, als ein sonderbares Geräusch von der Treppe her seine -Aufmerksamkeit auf sich zog. Schwere Tritte vieler Menschen näherten -sich seiner Türe, er glaubte Schwerter und Hellebarden auf dem Estrich -seines Vorsaales klirren zu hören. Er machte schnell einige Schritte -gegen die Türe, um sich von dem Grund seiner Vermutung zu überzeugen. - -Aber noch ehe er die Türe erreicht hatte, ging diese auf. Das matte -Licht einiger Kerzen ließ ihn mehrere bewaffnete Kriegsknechte sehen, -die seine Türe umstellt hatten. Jener alte Kriegsmann, der ihn heute -vor dem Kriegsrat empfangen hatte, trat aus ihrer Mitte hervor. - -»Georg von Sturmfeder!« sprach er zu dem Jüngling, der mit Staunen -zurücktrat, »ich nehme Euch auf Befehl eines hohen Bundesrats gefangen.« - -»Mich, gefangen?« rief Georg mit Schrecken. »Warum? Wessen beschuldigt -man mich denn?« - -»Das ist nicht meine Sache,« antwortete der Alte mürrisch, »doch wird -man Euch vermutlich nicht lange in Ungewißheit lassen. Jetzt aber seid -so gut und reicht mir Euer Schwert und folget mir auf das Rathaus.« - -»Wie? Euch soll ich mein Schwert geben?« entgegnete der junge Mann mit -dem Zorn beleidigten Stolzes. »Wer seid Ihr, daß Ihr mir meine Waffen -abfordern könnet? Da muß der Rat ganz andere Leute schicken als Euch, -so viel verstehe ich auch von Eurem Handwerk!« - -»Um Gottes willen, gebt doch nach,« rief der Ratsschreiber, der -sich bleich und verstört an seine Seite gedrängt hatte, »gebt nach! -Widerstand kann Euch wenig nützen. Ihr habt es mit dem Truchseß zu -tun,« flüsterte er heimlicher; »das ist ein böser Feind, bringt ihn -nicht noch ärger gegen Euch auf.« - -Der alte Kriegsmann unterbrach die Einflüsterungen des Ratsschreibers. -»Es ist wahrscheinlich das erste Mal, Junker,« sagte er, »daß Ihr in -Haft genommen werdet, deswegen verzeihe ich Euch gern die unziemlichen -Worte gegen einen Mann, der oft in einem Zelt mit Eurem Vater schlief. -Euer Schwert möget Ihr auch immerhin behalten. Ich kenne diesen Griff -und diese Scheide und habe den Stahl, den sie verschließt, manchen -rühmlichen Kampf ausfechten sehen. Es ist löblich, daß Ihr viel darauf -haltet und es nicht in jede Hand kommen lassen möget; aber aufs Rathaus -müßt Ihr mit, denn es wäre töricht, wenn Ihr der Gewalt Trotz bieten -wolltet.« - -Der Jüngling, dem alles wie ein Traum erschien, ergab sich -schweigend in sein Schicksal, er trug dem Ratsschreiber heimlich -auf, zu Frondsberg zu gehen und diesen von seiner Gefangenschaft zu -unterrichten. Er wickelte sich tiefer in seinen Mantel, um auf der -Straße bei diesem unangenehmen Gang nicht erkannt zu werden, und folgte -dem ergrauten Führer und seinen Landsknechten. - - - - -11. - - Die Eisentür geht auf, des Kerkers schwarze Wand - Erhellt ein blasser Schein, er höret jemand gehen - Und stemmt sich auf, und sieht -- - - _Wieland._ - - -Die Truppe, den Gefangenen in der Mitte, bewegte sich schweigend dem -Rathaus zu. Nur eine einzige Fackel leuchtete ihnen voran, und Georg -dankte dem Himmel, daß sie nur sparsame Helle verbreitete; denn er -glaubte, alle Menschen, die ihm begegneten, müßten es ihm ansehen, -daß er ins Gefängnis geführt werde. Nächst diesem beschäftigte ihn -unterwegs vorzüglich _ein_ Gedanke: es war das erste Mal in seinem -Leben, daß er in ein Gefängnis geführt wurde, er dachte daher nicht -ohne Grauen an einen feuchten, unreinlichen Kerker. Das Burgverließ in -seinem alten Schlosse, das er als Knabe einmal besucht hatte, kam ihm -immer vor das Auge. Er war einigemal im Begriff, seinen Führer darüber -zu befragen, doch drängte der Gedanke, man möchte es für kindische -Furcht ansehen, seine Frage immer wieder zurück. - -Nicht wenig war er daher überrascht, als man ihn in ein geräumiges, -schönes Zimmer führte, das zwar nicht sehr wohnlich aussah, denn es -enthielt nur eine leere Bettstelle und einen ungeheuren Kamin, aber in -Vergleichung mit den Bildern seiner Phantasie eher einem Prunkgemach -als einem Gefängnis glich. Der alte Kriegsmann wünschte dem Gefangenen -gute Nacht und zog sich mit seinen Knechten zurück. Ein kleiner, -hagerer, sehr ältlicher Mann trat ein. Der große Schlüsselbund, welcher -an seiner Seite hing und jeden seiner Schritte wie mit Kettengerassel -bezeichnete, gab ihn als den Ratsdiener oder Schließer kund. Er legte -schweigend einige große Scheite Holz ins Kamin, und bald loderte ein -behagliches Feuer auf, das dem jungen Mann in der kalten Märznacht -sehr zu statten kam. Auf die Bretter der breiten, leeren Bettstelle -breitete der Schließer eine große wollene Decke, und das erste Wort, -das Georg aus seinem Munde hörte, war die freundliche Einladung an den -Gefangenen, sich's bequem zu machen. Die harten Brettchen, nur mit -einer dünnen Decke überlegt, mochten nun freilich nicht sehr einladend -aussehen, doch lobte Georg die Bemühungen des Alten und sein Gefängnis. - -»Das ist halt die Ritterhaft,« belehrte ihn der Schließer. »Die für den -gemeinen Mann ist unter der Erde und nicht so schön, doch ist sie dafür -desto besuchter.« - -»Hier war wohl seit langer Zeit niemand?« fragte Georg, indem er das -öde Gemach musterte. - -»Der letzte war vor sieben Jahren ein Herr von Berger, er ist in jenem -Bett verschieden. Gott sei seiner armen Seele gnädig! Es schien ihm -aber hier zu gefallen, denn er ist schon in mancher Mitternacht aus -seiner Bahre heraufgestiegen, um sein altes Zimmer zu besuchen.« - -»Wie?« sagte Georg lächelnd, »hieher soll er sich nach seinem Tode noch -bemüht haben?« - -Der Schließer warf einen scheuen Blick in die Ecken des Zimmers, die, -von dem unruhigen Flackern des Kaminfeuers kaum erhellt, sich bald -vor-, bald zurückzudrängen schienen. Er legte das Holz mehr zurecht und -brummte: »Man spricht so mancherlei.« - -»Und auf jener Decke ist er verschieden?« rief Georg, den bei allem -jugendlichen Mut doch ein unwillkürlicher Schauder überlief. - -»Ja, Herr!« flüsterte der Schließer leise, »dort auf jener Decke ist er -abgefahren. Gott gebe, daß es nicht tiefer als ins Fegefeuer ging. Wir -nennen deswegen die Decke nur das Leichentuch, das Zimmer aber heißt -des Ritters Totenkammer!« Mit leisen Schritten, als fürchte er, durch -jeden Laut den Toten zu erwecken, schlich er aus dem Gemach, desto -vernehmlicher rauschten außen seine Schlüssel in dem Türschloß, als -feierten sie seinen Triumph, einem greulichen Spuk entflohen zu sein. - -»Also auf dem Leichentuch in des Ritters Totenkammer?« dachte Georg -und fühlte, wie sein Herz lauter pochte. Man hatte zwar damals -das menschliche Gemüt noch nicht wie in unsern Tagen durch eigene -Gespenster- und Schauerbücher für das Grauenhafte empfänglich gemacht; -doch hatten Ammen und alte Knechte hinlänglich dafür gesorgt, den Geist -des Junkers Georg mit diesem reichlich wuchernden Unkraut anzupflanzen. - -Er war daher unschlüssig, ob er sich auf das Leichentuch legen sollte -oder nicht. Aber er sah keinen Stuhl, keine Bank in der ganzen -Totenkammer, der Boden, mit Backsteinen zierlich ausgelegt, war noch -kälter als das kalte, feuchte Leichentuch. Er begann, sich dieser -Untersuchungen, dieses Zögerns zu schämen, und bald nahm ihn das -gastliche Lager des Verstorbenen auf. - -Auch das härteste Lager ist weich für den, der mit gutem Gewissen -zur Ruhe geht. Georg hatte sein Nachtgebet gesprochen und war bald -entschlummert. Aber aus dem Leichentuch stiegen wunderliche Träume -auf und lagerten sich bange über den jungen Mann. Er sah deutlich, -wie der alte Schließer zu dem großen Schlüsselloch hereinguckte und -sich segnete, daß er auf der andern Seite der Türe stehe, denn in -der Totenkammer begann es recht unheimlich zu werden. Es fing an, -wunderlich umher zu rauschen, auf den Backsteinen schlurften alte -Sohlen in häßlichen Tönen. Georg glaubte zu träumen; er ermannte sich, -er horchte, er horchte wieder, aber es war keine Täuschung. Schwere -Schritte tönten im Gemach; jetzt wurde das Feuer heller angeschürt, -der ungewisse Schein der Flamme spielte um eine große, dunkle Gestalt; -sie bewegte sich, der Weg vom Kamin zum Bette war gar nicht weit. Die -Schritte kommen näher, das Leichentuch wird angefaßt und geschüttelt. -Georg, von unabwendbarer Furcht befallen, drückt die Augen zu, aber -als die Decke gerade neben seinem Haupte gefaßt wurde, als eine kalte, -schwere Hand sich auf seine Stirne legte, da riß er sich los aus -seiner Angst, er sprang auf und maß mit ungewissen Blicken jene dunkle -Gestalt, die jetzt dicht vor ihm stand. Hell flackerten die Flammen im -Kamine, sie beleuchteten die wohlbekannten Züge Georgs von Frondsberg. - -»Ihr seid es, Herr Feldhauptmann?« rief Georg, indem er freier atmete -und seinen Mantel zurecht legte, um den Ritter nach Würde zu empfangen. - -»Bleibt, bleibt,« sagte jener und drückte ihn sanft auf sein Lager -nieder. »Ich setze mich zu Euch auf das Bett, und wir plaudern noch ein -halb Stündchen, denn es ist auf allen Glocken erst neun Uhr, und in -Ulm schläft noch niemand als dieser Sprudelkopf, den man zur Abkühlung -heute nacht recht hart gebettet hat.« Er faßte Georgs Hand und setzte -sich zu seinen Füßen auf das Bett. - -»O, wie kann ich diese milde Nachsicht verdienen!« sprach Georg, »stehe -ich nicht in Euren Augen als ein Undankbarer da, der Euer Wohlwollen -zurückstößt und, was Ihr gütig für ihn angesponnen, mit rauher Hand -zerreißt?« - -»Nein, mein junger Freund!« antwortete der freundliche Mann, »du stehst -vor meinen Augen als der echte Sohn deines Vaters. Gerade so schnell -fertig mit Lob und Tadel, mit Entschluß und Rede war er. Daß er ein -Ehrenmann dabei war, weiß ich wohl, aber ich weiß auch, wie unglücklich -ihn sein schnelles Aufbrausen, sein Trotz, den er für Festigkeit -ausgab, machten.« - -»Aber sagt selbst, edler Herr!« entgegnete Georg. »Konnte ich heute -anders handeln? Hatte mich nicht der Truchseß aufs Aeußerste gebracht?« - -»Du konntest anders handeln, wenn du die Weise und Art dieses Mannes -beachtetest, welche sich dir letzthin schon kundgab. Auch hättest du -denken können, daß Leute genug da waren, die dir kein Unrecht geschehen -ließen. Du aber schüttetest das Kind mit dem Bade aus und liefst weg.« - -»Das Alter soll kälter machen,« erwiderte der junge Mann, »aber in der -Jugend hat man heißes Blut. Ich kann alles ertragen, Härte und Strenge, -wenn sie gerecht sind und meine Ehre nicht kränken. Aber kalter Spott, -Hohn über das Unglück meines Hauses kann mich zum wütenden Wolf machen. -Wie kann ein so hoher Mann nur Freude daran haben, einen so zu quälen?« - -»Auf diese Art äußert sich immer sein Zorn,« belehrte ihn Frondsberg. -»Je kälter und schärfer er aber von außen ist, desto heißer kocht in -ihm die Wut. Er war es, der auf den Gedanken kam, dich nach Tübingen -zu senden, teils weil er sonst keinen wußte, teils auch, um dir das -Unrecht, das er dir angetan, wieder gut zu machen; denn in seinem -Sinn war diese Sendung höchst ehrenvoll. Du aber hast ihn durch deine -Weigerung gekränkt und vor dem Kriegsrat beschämt.« - -»Wie?« rief Georg. »Der Truchseß hat mich vorgeschlagen? So kam also -jene Sendung nicht von Euch?« - -»Nein,« gab ihm der Feldhauptmann mit geheimnisvollem Lächeln zur -Antwort, »nein! Ich habe ihm sogar mit aller Mühe abgeraten, dich zu -senden, aber es half nichts, denn die wahren Gründe konnte ich ihm doch -nicht sagen. Ich wußte, ehe du eintratst, daß du dich weigern würdest, -dies Amt anzunehmen. -- Nun, reiße doch die Augen nicht so auf, als -wolltest du mir durch das lederne Koller ins Herz hineinschauen. Ich -weiß allerlei Geschichten von meinem jungen Trotzkopf da!« - -Georg schlug verwirrt die Augen nieder. »So kamen Euch die Gründe -nicht genügend vor, die ich angab?« sagte er. »Was wollt Ihr denn so -Geheimnisvolles von mir wissen?« - -»Geheimnisvoll? Nun, so gar geheimnisvoll ist es gerade nicht, denn -merke für die Zukunft: wenn man nicht verraten sein will, so muß man -weder bei Abendtänzen sich gebärden wie einer, der vom St. Veitstanz -befallen ist, noch nachmittags um drei Uhr zu schönen Mädchen gehen. -Ja, mein Sohn, ich weiß allerlei,« setzte er hinzu, indem er lächelnd -mit dem Finger drohte, »ich weiß auch, daß dieses ungestüme Herz gut -württembergisch ist.« - -Georg errötete und vermochte den lauernden Blick des Ritters nicht -auszuhalten. »Württembergisch?« entgegnete er, nachdem er sich mit Mühe -gefaßt hatte, »da tut Ihr mir unrecht; nicht mit Euch zu Feld ziehen -zu wollen, heißt noch nicht, sich an den Feind anschließen; gewiß, ich -schwöre Euch --« - -»Schwöre nicht,« fiel ihm Frondsberg rasch ins Wort, »ein Eid ist ein -leichtes Wort, aber es ist doch eine drückend schwere Kette, die man -bricht oder von der man zerbrochen wird. Was du tun wirst, das wird so -sein, daß es sich mit deiner Ehre verträgt. Nur eines mußt du dem Bunde -an Eidesstatt geloben, und dann erst wirst du deiner Haft entlassen: in -den nächsten vierzehn Tagen nicht gegen uns zu kämpfen.« - -»So legt Ihr mir also dennoch falsche Gesinnungen unter?« sprach Georg -bewegt. »Das hätte ich nicht gedacht; und wie unnötig ist dieser -Schwur! Für wen, und mit wem sollte ich denn auf jener Seite kämpfen? -Die Schweizer sind abgezogen, das Landvolk hat sich zerstreut, die -Ritterschaft liegt in den Festungen und wird sich hüten, den nächsten -besten, der vom Bundesheer herüberläuft, in ihre Mauern aufzunehmen, -der Herzog selbst ist entflohen --« - -»Entflohen?« rief Frondsberg aus. »Entflohen? Das weiß man noch nicht -so gewiß; warum hätte der Truchseß denn die Reiter ausgeschickt?« -setzte er hinzu. »Und überhaupt, wo hast du diese Nachrichten alle her? -Hast du den Kriegsrat belauscht? Oder sollte es wahr sein, was einige -behaupten wollen, daß du verdächtige Verbindungen nach Württemberg -hinüber unterhältst?« - -»Wer wagt dies zu behaupten?« rief Georg erblassend. - -Frondsbergs durchdringende Augen ruhten prüfend auf den Zügen des -jungen Mannes. »Höre, du bist mir zu jung und ehrlich zu einem -Bubenstücke,« sagte er, »und wenn du etwas solches im Schilde führtest, -hättest du dich wohl nicht vom Bunde losgesagt, sondern auch ferner -Württembergs Spion gemacht.« - -»Wie? spricht man so von mir?« unterbrach ihn Georg. »Wenn Ihr nur ein -Fünkchen Liebe zu mir habt, so nennt mir den schlechten Kerl, der so -von mir spricht!« - -»Nur nicht gleich wieder so aufbrausend!« entgegnete Frondsberg -und drückte die Hand des jungen Mannes. »Du kannst denken, daß, -wenn ein solches Wort öffentlich gesprochen würde oder ich an diese -Einflüsterungen glaubte, Georg von Frondsberg nicht zu dir käme, aber -etwas muß denn doch an der Sache sein. Zu dem alten Lichtenstein kam -öfters ein schlichter Bauersmann in die Stadt; er fiel nicht auf zu -einer Zeit, wo so vielerlei Menschen hier sind. Aber man gab uns -geheime Winke, daß dieser Bauer ein verschlagener Mann und ein geheimer -Botschafter aus Württemberg sei. Der Lichtensteiner zog ab, und der -Bauer und sein geheimnisvolles Treiben war vergessen. Diesen Morgen -hat er sich wieder gezeigt. Er soll vor der Stadt lange Zeit mit dir -gesprochen haben, auch wurde er in deinem Haus gesehen. Wie verhält -sich nun diese Sache?« - -Georg hatte ihm mit wachsendem Staunen zugehört. »So wahr ein Gott über -mir ist,« sagte er, als Frondsberg geendet hatte, »ich bin unschuldig. -Heute früh kam ein Bauer zu mir und --« - -»Nun, warum verstummst du auf einmal?« fragte Frondsberg, »du glühst ja -über und über, was ist es denn mit diesem Boten?« - -»Ach! ich schäme mich, es auszusprechen, und dennoch habt Ihr ja schon -alles erraten; er brachte mir ein paar Worte von -- meinem Liebchen!« -Der junge Mann öffnete bei diesen Worten sein Wams und zog einen -Streifen von Pergament hervor, den er dort verborgen hatte. »Seht, dies -ist alles, was er brachte,« sagte er, indem er es Frondsberg bot. - -»Das ist also alles?« lachte dieser, nachdem er gelesen hatte; »armer -Junge! und du kennst also diesen Mann nicht näher? Du weißt nicht, wer -er ist.« - -»Nein, er ist auch weiter nichts als unser Liebesbote, dafür wollte ich -stehen!« - -»Ein schöner Liebesbote, der nebenher unsere Sachen auskundschaften -soll; weißt du denn nicht, daß es der gefährlichste Mann ist? es ist -der Pfeifer von Hardt.« - -»Der Pfeifer von Hardt?« fragte Georg. »Zum erstenmal höre ich diesen -Namen; und was ist es denn, wenn er der Pfeifer von Hardt ist?« - -»Das weiß niemand recht; er war im Aufstand vom armen Konrad einer der -schrecklichsten Aufrührer, nachher wurde er begnadigt; seit der Zeit -führt er ein unstätes Leben und ist jetzt ein Kundschafter des Herzogs -von Württemberg.« - -»Und hat man ihn aufgefangen?« forschte Georg weiter, denn -unwillkürlich nahm er wärmeren Anteil an seinem neuen Diener. - -»Nein, das gerade ist das Unbegreifliche; man machte uns so still als -möglich die Anzeige, daß er sich wieder in Ulm sehen lasse; in Eurem -Stall soll er zuletzt gewesen sein, und als wir ihn ganz im geheimen -aufheben wollten, war er über alle Berge. Nun, ich glaube deinem Wort -und deinen ehrlichen Augen, daß er in keinen andern Angelegenheiten -zu dir kam. -- Du kannst dich übrigens darauf verlassen, daß er, wenn -es derselbe ist, den ich meine, nicht allein deinetwegen sich nach -Ulm wagte. Und solltest du je wieder mit ihm zusammentreffen, so nimm -dich in acht, solchem Gesindel ist nicht zu trauen. Doch der Wächter -ruft zehn Uhr. Lege dich noch einmal aufs Ohr und verträume deine -Gefangenschaft. Vorher aber gib mir dein Wort wegen der vierzehn Tage, -und das sage ich dir, wenn du Ulm verläßt, ohne dem alten Frondsberg -lebewohl zu sagen --« - -»Ich komme, ich komme,« rief Georg, gerührt von der Wehmut des -verehrten Mannes, die jener umsonst unter einer lächelnden Miene zu -verbergen suchte. Er gab ihm Handtreue, wie es der Kriegsrat verlangte; -der Ritter aber verließ mit langsamen Schritten die Totenkammer. - - - - -12. - - Nur einmal noch laß leuchten - Mir deiner Augen Strahl, - Laß hören deine Stimme - Nur noch ein einzigmal! - - _K. Grüneisen._ - - -Die Mittagssonne des folgenden Tages sendete drückende Strahlen auf -einen Reiter, welcher über den Teil der schwäbischen Alb, der gegen -Franken ausläuft, hinzog. Er war jung, mehr schlank als fest gebaut, -und ritt ein hochgewachsenes Pferd von dunkelbrauner Farbe; er war -wohl bewaffnet mit Brustharnisch, Dolch und Schwert; einige andere -Stücke seiner Armatur, als der Helm und die aus Eisenblech getriebenen -Arm- und Beinschienen, waren am Sattel befestigt. Die hellblau und -weißgestreifte Feldbinde, die von der rechten Schulter sich über die -Brust zog, ließ erraten, daß der junge Mann von Adel war, denn diese -Auszeichnung war damals ein Vorrecht höherer Stände. - -Er war auf einem Berggipfel angekommen, welcher eine weite Aussicht -ins Tal hinab gewährte. Er hielt sein schnaubendes Roß an, wandte es -zur Seite und genoß nun den schönen Anblick, der sich vor seinem Auge -ausbreitete. Vor ihm eine weite Ebene, von waldigen Höhen begrenzt, -durchströmt von den grünen Wellen der Donau; zu seiner Rechten die -Hügelkette der württembergischen Alp, zu seiner Linken in weiter, -weiter Ferne die Schneekuppen der Tiroler Alpen. In freundlichem Blau -spannte der Himmel seinen Bogen über diese Szene, und seine sanften, -lichten Farben kontrastierten sonderbar mit den schwärzlichen Mauern -Ulms, das am Fuße des Berges lag, mit seinem dunkelgrauen ungeheuren -Münsterturm. Die dumpfen Glocken dieser alten Kirche begannen in -diesem Augenblick den Mittag einzuläuten; ihre Töne zogen in langen, -beruhigenden Akkorden über die Stadt, über die weite Ebene, bis sie -sich an den fernen Bergen brachen und zitternd in das Blau der Lüfte -verschwebten, als wollten sie auf ihrer melodischen Leiter die Wünsche -der Menschen zum Himmel tragen. - -»So begleitet ihr also den Scheidenden, wie ihr seinen Eintritt begrüßt -habt,« rief der junge Reiter, »mit denselben Tönen, mit denselben -feierlichen Akkorden sprechet ihr zu ihm, wann er kommt und geht; wie -anders, wie so ganz anders deutete ich eure ehernen Stimmen, als mein -Ohr euch zum erstenmal lauschte. Da vernahm ich in euch verwandte Töne, -es klang mir wie ein Ruf zur Geliebten! Und jetzt, da ich scheide, ohne -Aussicht, ohne Freude, jetzt ruft ihr mir dieselben Töne entgegen? -Die Geburt meiner seligen Hoffnung habt ihr ebenso eingeläutet wie -jetzt das Grabgeläute meiner Hoffnung. Das Bild des Lebens!« setzte er -wehmütig hinzu, indem er nach einem langen Abschiedsblick auf dieses -Tal, auf diese Mauern sein Pferd wandte. »Das Bild des Lebens! Um -Wiege und Sarg schweben sie in gleichen Tönen, und die Glocken meiner -Hauskapelle haben an jenem fröhlichen Tage, wo man mich zur Taufe trug, -mir ebenso getönt, wie sie mir tönen werden, wenn man den letzten -Sturmfeder zu Grabe trägt!« - -Das Gebirge wurde jetzt steiler, und Georg, denn als diesen haben -unsere Leser den jungen Reiter schon längst erkannt, Georg ließ sein -Pferd langsam hinschreiten, indem er seinen Gedanken nachhing. Es war -der Weg nach seiner Heimat, und die Vergleichungen, die er zwischen -dieser Heimkehr und dem fröhlichen Auszug anstellte, mochten nicht dazu -beitragen, seine düsteren Gefühle aufzuhellen. Der gestrige Tag, der -schnelle Wechsel heftiger Empfindungen, seine Verhaftung, zuletzt noch -heute der Abschied von Männern, die ihm wohlwollten, hatten ihn heftig -angegriffen. - -Wie treuherzig und gutmütig hatte Dietrich von Kraft, sein zierlicher -Gastfreund, seine Abreise bedauert. Wie gleich war sich dieser gute -Mensch in seinem Wohlwollen gegen ihn geblieben, vom ersten Becher an, -den er mit ihm im Rathaussaale geleert, bis zum Abschiedstrunk, den -er seinem Gast noch auf das Pferd hinauf kredenzte. Und wie hatte er -ihm gelohnt? Beschäftigt mit sich selbst, hatte er ihn wenig geachtet, -übersehen. Wie hatte er dem biedern Breitenstein, wie dem Helden -Frondsberg, der ihn vor den Augen eines Heeres wie seinen Liebling -ausgezeichnet hatte, wie hatte er ihnen vergolten? Wahrlich, es ist -für ein edles Gemüt kein Gedanke drückender als der, für undankbar zu -gelten bei Männern, in deren Augen wir geachtet sein möchten. - -Er hatte unter diesen trüben Gedanken eine gute Strecke auf dem -Gebirgsrücken zurückgelegt. Die Strahlen der Märzsonne wurden immer -drückender, die Pfade rauher, und er beschloß, unter dem Schatten einer -breiten Eiche sich und seinem Pferde Mittagsruhe zu gönnen. Er stieg -ab, schnallte den Sattelgurt leichter und ließ das ermüdete Tier die -sparsam hervorkeimenden Gräser aufsuchen. Er selbst streckte sich unter -der Eiche nieder, und so gerne er sich dem Schlafe überlassen hätte, -wozu nach dem ermüdenden Ritte ihn der kühle Schatten einlud, so hielt -ihn doch die Besorgnis, in so unruhigen Zeiten in einem Lande, das so -nahe dem Schauplatz des Krieges lag, um sein Roß und vielleicht gar -um seine Waffen zu kommen, einige Zeit wach, bis er in jenen Zustand -versank, wo die Seele zwischen Wachen und Schlafen umsonst mit dem -Körper kämpft, der ungestüm seine Rechte fordert. - -Er mochte wohl ein Stündchen so geschlummert haben, als ihn das Wiehern -seines Pferdes aufschreckte. Er sah sich um und gewahrte einen Mann, -der, ihm den Rücken gekehrt, sich mit dem Tier beschäftigte. Sein -erster Gedanke war, daß man seine Unachtsamkeit benützen und das Pferd -entführen wolle. Er sprang auf, zog sein Schwert und war in drei -Sprüngen dort. »Halt! Was hast du da mit dem Pferd zu schaffen!« rief -er, indem er seine Hand etwas unsanft auf die Schulter des Mannes legte. - -»Habt Ihr mich denn schon wieder aus Eurem Dienst entlassen, Junker?« -antwortete dieser und wandte sich zu ihm. In den listigen, kühnen -Augen, an dem lächelnden Mund erkannte Georg sogleich den Boten, den -ihm Marie gesandt hatte. Er war noch unschlüssig, wie er sich gegen ihn -benehmen sollte, denn Frondsbergs Warnung schreckte ihn ab, Mariens -Zuversicht empfahl ihn, doch der Bauer fuhr fort, indem er ihm eine -gute Handvoll Heu vorzeigte: »Ich konnte mir wohl denken, daß Ihr -keinen Futtersack mitnehmen werdet. Auf den Bergen da oben sieht es -noch schlecht aus mit dem Gras, da habe ich denn Eurem Braunen einen -Armvoll Heu mitgebracht. Es hat ihm trefflich behagt.« So sprach der -Bauer und fuhr ganz gelassen fort, dem Pferd das Futter hinzureichen. - -»Und woher kommst du denn?« fragte Georg, nachdem er sich ein wenig von -seinem Erstaunen erholt hatte. - -»Nun, Ihr seid ja so schnell von Ulm weggeritten, daß ich Euch nicht -gleich folgen konnte,« antwortete jener. - -»Lüge nicht,« unterbrach ihn der junge Mann. »Sonst kann ich dir fürder -nicht vertrauen. Du kommst jetzt nicht aus jener Stadt her.« - -»Nun, Ihr werdet mich doch nicht schelten, daß ich mich etwas früher -auf den Weg machte als Ihr?« sagte der Bauer und wandte sich ab. Doch -entging Georg nicht, daß jenes listige Lächeln wieder über sein Gesicht -zog. - -»Laß mein Pferd jetzt stehen,« rief Georg ungeduldig, »und komm mit -mir unter die Eiche dort. Da setze dich hin und sprich, aber ohne -auszuweichen, warum hast du gestern abend so plötzlich die Stadt -verlassen?« - -»An den Ulmern lag es nicht,« entgegnete jener; »sie wollten mich sogar -einladen, länger bei ihnen zu bleiben, und wollten mir freie Kost und -Wohnung geben.« - -»Ja, ins tiefste Verließ wollten sie dich stecken, wo weder Sonne noch -Mond hinscheint, und wohin die Kundschafter und Späher gehören.« - -»Mit Verlaub, Junker,« erwiderte der Bote, »da wäre ich, wiewohl ein -paar Stockwerke tiefer, in dieselbe Behausung gekommen wie Ihr.« - -»Hund von einem Aufpasser!« rief der Junker ungeduldig, indem Zorn -seine Wange rötete. »Willst du meines Vaters Sohn in eine Reihe stellen -mit dem Pfeifer von Hardt?« - -»Was sprecht Ihr da!« fuhr der Mann an seiner Seite mit wilder Miene -auf. »Was nennt Ihr für einen Namen? Kennt Ihr den Pfeifer von Hardt?« -Er hatte vielleicht unwillkürlich bei diesen Worten die Axt, die -neben ihm lag, in seine nervige Rechte gefaßt. Seine gedrungene feste -Gestalt, seine breite Brust gaben ihm, trotz seiner nicht ansehnlichen -Größe, doch das Ansehen eines nicht zu verachtenden Kämpfers; sein wild -rollendes Auge, sein eingepreßter Mund möchten manchen einzelnen Mann -außer Fassung gebracht haben. - -Der Jüngling aber sprang mutig auf, er warf sein langes Haar zurück, -und ein Blick voll Stolz und Hoheit begegnete dem finstern Auge jenes -Mannes. Er legte seine Hand an den Griff seines Schwertes und sagte -ruhig und fest: »Was fällt dir ein, dich so vor mich hinzustellen -und mit dieser Stirne mich zu fragen? Du bist, wenn ich nicht irre, -der, den ich nannte, du bist dieser Meuterer und Anführer von -aufrührerischen Hunden. Pack' dich fort, auf der Stelle, oder ich will -dir zeigen, wie man mit solchem Gesindel spricht!« - -Der Bauer schien mit seinem Zorn zu ringen; er hieb die Axt mit -einem kräftigen Schwung in den Baum und stand nun ohne Waffe vor dem -zürnenden jungen Mann. »Erlaubet,« sagte er, »daß ich Euch für ein -andermal warne, daß Ihr Euren Gegner, und sei er auch nur ein geringer -Bauersmann wie ich, nicht zwischen Euch und Eurem Braunen stehen -lasset; denn wenn ich Euren Befehl, mich fortzupacken, hätte aufs -schnellste befolgen wollen, wäre er mir trefflich zu statten gekommen.« - -Ein Blick dahin überzeugte Georg, daß der Bauer wahr gesprochen habe. -Errötend über diese Unvorsichtigkeit, die beweisen konnte, wie wenig -er noch Erfahrung im Kriege besitze, ließ er seine Hand von dem Griff -seines Schwertes sinken und setzte sich, ohne etwas zu erwidern, auf -die Erde nieder. Der Bauer folgte, jedoch in ehrerbietiger Entfernung, -seinem Beispiel und sprach: »Ihr habt ganz recht, daß Ihr mir grollt, -Herr von Sturmfeder, aber wenn Ihr wüßtet, wie weh mir jener Name tut, -würdet Ihr vielleicht meine schnelle Hitze verzeihen! Ja, ich bin der, -den man so nennt; aber es ist mir ein Greuel, mich also rufen zu hören. -Meine Freunde nennen mich Hans, aber meinen Feinden gefällt jener Name, -weil ich ihn hasse.« - -»Was hat dir dieser unschuldige Name getan?« fragte Georg, »warum nennt -man dich so? Warum willst du dich nicht so nennen lassen?« - -»Warum man mich so nennt?« antwortete jener. »Ich bin aus einem Dorf, -das heißt Hardt und liegt im Unterland, nicht weit von Nürtingen. -Meinem Gewerbe nach bin ich ein Spielmann und musiziere auf Märkten und -Kirchweihen, wenn die ledigen Burschen und die jungen Mägdlein tanzen -wollen. Deswegen nannte man mich den Pfeifer von Hardt. Aber dieser -Name hat sich mit Untat und Blut befleckt in einer bösen Zeit, darum -habe ich ihn abgetan und kann ihn nimmer leiden.« - -Georg maß ihn mit einem durchdringenden Blicke, indem er sagte: »Ich -weiß wohl, in welcher bösen Zeit: Als ihr Bauern gegen euren Herzog -rebelliert habt, da warst du einer von den Aergsten. Ist's nicht also?« - -»Ihr seid wohlbekannt mit dem Schicksal eines unglücklichen Mannes,« -sagte der Bauer, finster zu Boden blickend. »Ihr müßt aber nicht -glauben, daß ich noch derselbe bin. Der Heilige hat mich gerettet und -meinen Sinn geändert, und ich darf sagen, daß ich jetzt ein ehrlicher -Mann bin.« - -»O, erzähle mir,« unterbrach ihn der Jüngling, »wie ging es zu in jenem -Aufruhr? Wie wurdest du gerettet? Wie kommt's, daß du jetzt dem Herzog -dienst?« - -»Das alles will ich auf ein andermal versparen,« entgegnete jener; -»denn ich hoffe nicht, zum letztenmal an Eurer Seite zu sein. Erlaubt -mir dafür, daß ich auch Euch etwas frage: Wo soll Euch denn dieser Weg -hinführen? Da geht nicht die Straße nach Lichtenstein!« - -»Ich gehe auch nicht nach Lichtenstein!« antwortete Georg -niedergeschlagen. »Mein Weg führt nach Franken zu dem alten Oheim. Das -kannst du dem Fräulein vermelden, wenn du nach Lichtenstein kommst.« - -»Und was wollt Ihr beim Oheim? Jagen? Das könnt Ihr anderswo ebensogut. -Langeweile haben? Die kauft Ihr allerorten wohlfeil. Kurz und gut, -Junker,« setzte er gutmütig lächelnd hinzu, »ich rate Euch, wendet Euer -Roß und reitet so ein paar Tage mit mir in Württemberg umher. Der Krieg -ist ja so gut als beendigt. Man kann ganz ungehindert reisen.« - -»Ich habe dem Bund mein Wort gegeben, in vierzehn Tagen nicht gegen ihn -zu fechten; wie kann ich also nach Württemberg gehen?« - -»Heißt denn das gegen ihn fechten, wenn Ihr ruhig Eure Straße ziehet? -So also, vierzehn Tage lang? In vierzehn Tagen glauben sie den Krieg -vollendet? Wird noch mancher nach vierzehn Tagen den Kopf verstoßen an -den Mauern von Tübingen. Kommt mit, es ist ja nicht gegen Euren Eid!« - -»Und was soll ich in Württemberg?« rief Georg schmerzlich, »soll ich -recht in der Nähe sehen, wie meine Kriegsgesellen bei Eroberung der -Festen sich Ruhm erwerben? Soll ich den Bundesfahnen, denen ich auf -ewig lebewohl gesagt und den Rücken gekehrt, noch einmal begegnen? -Nein! Nach Franken will ich ziehen, in meine Heimat,« sagte er düster, -indem er die umwölkte Stirn in die Hand stützte; »in meine alten Mauern -will ich mich begraben und träumen, wie ich hätte glücklich sein -können!« - -»Das ist ein schöner Entschluß für einen jungen Mann von Eurem Schrot -und Korn! Habt Ihr denn in Württemberg gar nichts zu tun, als des armen -Herzogs Burgen zu stürmen? Nun, reitet immerhin,« fuhr er fort, indem -er den Jüngling mit listigem Lächeln anblickte, »versucht einmal, ob -der Lichtenstein nicht mit Sturm genommen werden könne?« - -Der junge Mann errötete bis in die Stirne hinauf. »Wie magst du nur -jetzt deinen Scherz treiben,« sagte er halb in Unmut, halb lächelnd, -»wie magst du mit meinem Unglück spaßen?« - -»Fällt mir nicht ein, Scherz mit meinem gnädigen Junker zu treiben,« -antwortete sein Gefährte; »es ist mein voller Ernst, daß ich Euch -bereden möchte, dorthin zu ziehen.« - -»Und was dort tun?« - -»Nun! den alten Herrn für Euch gewinnen und die Tränen des bleichen -Fräuleins stillen, das wegen Euch Tag und Nacht weint!« - -»Und wie soll ich auf den Lichtenstein kommen? Der Vater kennt mich -nicht, wie soll ich mit ihm bekannt werden?« - -»Seid Ihr der erste Rittersmann, der nach Sitte der Väter eine freie -Zehrung in einem Schloß fordert? Lasset nur mich dafür sorgen, so sollt -Ihr bald auf den Lichtenstein kommen!« - -Der Jüngling sann lange Zeit nach, er erwog alle Gründe für und wider, -er bedachte, ob es nicht gegen seine Ehre sei, statt vom Schauplatz -des Krieges sich zu entfernen, in eine Gegend zu reisen, wohin sich -der Krieg notwendig ziehen mußte. Doch als er bedachte, wie milde die -Bundesobersten selbst seinen Abfall angesehen hatten, wie sie sogar -im Fall seines völligen Uebertrittes zum Feinde nur vierzehn Tage -Frist angesetzt hatten, als ihm Mariens trauernde Miene, ihre stille -Sehnsucht auf ihrem einsamen Lichtenstein vorschwebte, da neigte sich -die Schale nach Württemberg. - -»Noch einmal will ich sie sehen, nur noch einmal sie sprechen,« dachte -er. -- »Nun wohlan!« rief er endlich, »wenn du mir versprichst, daß nie -davon die Rede sein soll, mich an die Württemberger anzuschließen, daß -ich nicht als Anhänger eures Herzogs, sondern als Gast in Lichtenstein -behandelt werde, wenn du dies versprichst, so will ich folgen.« - -»Für mich kann ich dies wohl versprechen,« antwortete der Bauer, »aber -wie kann ich etwas geloben für den Ritter von Lichtenstein?« - -»Ich weiß, wie du mit ihm stehest, und daß du oft zu ihm nach Ulm -kamst, und er sein Vertrauen in dich setzt. So gut du ihm geheime -Botschaft aller Art bringen konntest, nicht minder kannst du ihm auch -dies beibringen.« - -Der Pfeifer von Hardt sah den jungen Mann lange staunend an. »Woher -wißt Ihr dies?« rief er. »Doch -- die, welche mich verfolgten, können -auch dies gesagt haben. Nun gut, ich verspreche Euch, daß Ihr überall -so angesehen sein sollt, als Ihr wollet. Besteiget Euer Roß, ich will -Euch führen, und Ihr sollt willkommen sein auf Lichtenstein!« - - - - -13. - - Da spricht der arme Hirte: »Des mag noch werden Rat; - Ich weiß geheime Wege, die noch kein Mensch betrat. - Kein Mensch mag sie ersteigen, nur Geißen klettern dort; - Wollt ihr sogleich mir folgen, ich bring' Euch sicher fort.« - - _Uhland._ - - -Von jenem Bergrücken, wo Georg den Entschluß gefaßt hatte, seinem -geheimnisvollen Führer zu folgen, gab es zwei Wege in die Gegend von -Reutlingen, wo Mariens Bergschloß, der Lichtenstein, lag. Der eine war -die offene Heerstraße, welche von Ulm nach Tübingen führt. Sie führte -durch das schöne Blautal, bis man bei Blaubeuren wieder an den Fuß -der Alb kommt, von da quer über dieses Gebirge, vorbei an der Feste -Hohen-Urach, gegen St. Johann und Pfullingen hin. Dieser Weg war sonst -für Reisende, die Pferde, Sänften oder Wagen mit sich führten, der -bequemere. In jenen Tagen aber, wo Georg mit dem Pfeifer von Hardt über -das Gebirge zog, war es nicht ratsam, ihn zu wählen. Die Bundestruppen -hatten schon Blaubeuren besetzt, ihre Posten dehnten sich über die -ganze Straße bis gegen Urach hin und verfuhren gegen jeden, der nicht -zum Heere gehörte oder zu ihnen sich bekannte, mit großer Strenge und -Erbitterung. Georg hatte seine Gründe, diese Straße nicht zu wählen, -und sein Führer war zu sehr auf seine eigene Sicherheit bedacht, als -daß er dem jungen Mann von diesem Entschluß abgeraten hätte. - -Der andere Weg, eigentlich ein Fußpfad und nur den Bewohnern des Landes -genau bekannt, berührte auf einer Strecke von beinahe zwölf Stunden -nur einige einzelnstehende Höfe, zog sich durch dichte Wälder und -Gebirgsschluchten und hatte, wenn er auch hie und da, um die Landstraße -zu vermeiden, einen Bogen machte und für Pferde ermüdend und oft -beinahe unzugänglich war, doch den großen Vorteil der Sicherheit. - -Diesen Pfad wählte der Bauer von Hardt, und der Junker willigte mit -Freuden ein, weil er hoffen durfte, hier auf keine Bündischen zu -stoßen. Sie zogen rasch fürbaß, der Bauer war immer an Georgs Seite. -Wenn die Stellen schwierig wurden, führte er sorgsam sein Pferd und -bewies überhaupt so viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt für Reiter und -Roß, daß in Georgs Seele jene Warnungen Frondsbergs vor diesem Manne -immer mehr an Gewicht verloren und er nur einen treuen Diener in ihm -sah. - -Georg unterhielt sich gerne mit ihm. Er urteilte über manche Dinge, -die sonst außer dem Kreise des Landmanns liegen, klug und scharfsinnig -und mit einem so schlagenden Witz, daß er dem sonst ernsten, jungen -Mann, den seine zweifelhafte Lage oft trübe stimmte, unwillkürlich -ein Lächeln abnötigte. Von jeder Burg, die in der Ferne aus den -Wäldern auftauchte, wußte er eine Sage zu erzählen, und die Klarheit -und Lebendigkeit, mit welcher er vortrug, bewies, daß er bei manchem -Hochzeitsschmaus, bei manchem Kirchweihtanz neben seinem Amt als -Spielmann auch das eines Erzählers übernommen haben müsse. Nur so -oft Georg auf sein eigenes Leben, besonders auf jene Periode kommen -wollte, wo der Pfeifer von Hardt eine bedeutende Rolle in dem Aufruhr -des armen Konrad gespielt hatte, brach er düster ab oder wußte mit -mehr Geläufigkeit, als man dem schlichten Manne zugetraut hätte, das -Gespräch auf andere Gegenstände zu bringen. - -So waren sie ohne Aufenthalt fortgereist. Hans wußte immer voraus, -wann wieder ein Gehöfte kam, wo sie Erfrischung für sich und gutes -Futter für das Pferd finden würden. Ueberall war er bekannt, überall -wurde er freundlich, wiewohl, wie es Georg schien, meistens mit -Staunen aufgenommen; er flüsterte dann gewöhnlich ein Viertelstündchen -mit dem Hausvater, während die Hausfrau dem jungen Ritter emsig und -freundlich mit Brot, Butter und unvermischtem Apfelwein aufwartete, -und die »Büebla« und »Mädla« den hohen, schlanken Gast, seine schönen -Kleider, seine glänzende Schärpe, die wallenden Federn seines -Barettes bewunderten. War dann das kleine Mahl verzehrt, hatte Georgs -Pferd wieder Kräfte gesammelt, so begleitete das ganze Haus den -Scheidenden bis an die Türe, und der junge Reiter konnte zu seiner -Beschämung niemals die Gastfreundschaft der guten Leute belohnen. -Mit abwehrenden Blicken auf den Pfeifer von Hardt weigerten sie sich -standhaft, seine kleinen Gaben anzunehmen. Auch dieses Rätsel löste -ihm sein Begleiter nicht; denn seine Antwort: »Wenn die Leute nach -Hardt kommen, kehren sie auch wieder bei mir ein,« schien nur eine -ausweichende Antwort zu sein. - -Die Nacht brachten sie ebenfalls in einem dieser zerstreuten Höfe -zu, wo die Hausfrau ihrem vornehmen Gast mit nicht geringerer -Bereitwilligkeit auf der Ofenbank ein Bett zurecht machte, als sie ihm -zu Ehren ein paar Tauben geopfert und einen dickgeschmälzten Haferbrei -aufgetragen hatte. - -Den folgenden Tag setzten sie ihre Reise auf dieselbe Art fort, nur kam -es Georg vor, als ob sein Führer mit noch mehr Vorsicht als gestern zu -Werke gehe; denn er ließ, wenn sie sich einem Hof nahten, den Reiter -wohl fünfhundert Schritte davon Halt machen, nahte sich behutsam den -Gebäuden, und erst, nachdem er alles sorgfältig ausgespähet hatte, -winkte er dem Junker, zu folgen. Georg befragte ihn umsonst, ob es in -dieser Gegend gefährlicher sei, ob die Bundestruppen schon in der Nähe -seien? Er sagte nichts Bestimmtes darüber. - -Doch gegen Mittag, als die Gegend lichter wurde und der Weg sich mehr -gegen das ebene Land herabzuziehen schien, schien auch die Reise -gefährlicher zu werden; denn der Spielmann von Hardt schien sich von -jetzt an gar nicht mehr den Wohnungen nähern zu wollen, sondern hatte -sich in einem Hof mit einem Sack versehen, der Futter für das Pferd und -hinlängliche Viktualien für sie beide enthielt. Es schien, als ob er -meist noch einsamere Pfade als bisher aufsuche. Auch glaubte Georg zu -bemerken, daß sie nicht mehr dieselbe Richtung verfolgten wie früher, -sondern sehr stark zur Rechten ablenkten. - -Am Rand eines schattigen Buchenwäldchens, wo eine klare Quelle und -frischer Rasen zur Ruhe einlud, machten sie Halt. Georg stieg ab, und -sein Führer zog aus seinem Sack ein gutes Mittagsmahl. Nachdem er das -Pferd versehen hatte, setzte er sich zu den Füßen des jungen Ritters -und begann mit großem Appetit zuzugreifen. - -Georg hatte seinen Hunger gestillt und betrachtete jetzt mit -aufmerksamem Auge die Gegend. Es war ein schönes, breites Tal, -in welches sie hinabsahen. Ein kleines Flüßchen eilte schnell -durchhin; die Felder, wovon es begrenzt war, schienen gut und fleißig -angepflanzt, eine freundliche Burg erhob sich auf einem Hügel am -andern Ende des Tales, die ganze Gegend war freundlicher als der -Gebirgsrücken, über welchen sie gezogen waren. - -»Es scheint, wir haben die Alb verlassen,« sagte der junge Mann, indem -er sich zu seinem Gefährten wandte. »Dieses Tal, jene Hügel sehen bei -weitem freundlicher aus als der Felsboden und die öden Weideplätze, die -wir durchzogen. Selbst die Luft weht hier milder und wärmer als oben, -wo uns die Winde oft so hart anfaßten.« - -»Ihr habt recht geraten, Junker,« sagte Hans, indem er die Reste -ihrer Mahlzeit sorgfältig in den Sack legte; »diese Täler gehören zum -Unterland, und jenes Flüßchen, das Ihr sehet, strömt in den Neckar.« - -»Wie kommt es aber, daß wir so weit vom Wege abbiegen?« fragte Georg. -»Es kam mir schon oben im Gebirge vor, als haben wir die alte Richtung -verlassen, aber du wolltest nie darauf hören. Dieser Weg muß, soviel -ich die Lage von Lichtenstein kenne, viel zu weit rechts führen.« - -»Nun, ich will es Euch jetzt sagen,« antwortete der Bauer, »ich wollte -Euch auf der Alb nicht unnötig bange machen, jetzt aber sind wir, so -Gott will, in Sicherheit; denn im schlimmsten Fall sind wir keine vier -Stunden mehr von Hardt, wo sie uns nichts mehr anhaben sollen.« - -»In Sicherheit?« unterbrach ihn Georg verwundert. »Wer soll uns etwas -anhaben?« - -»Ei, die Bündischen,« erwiderte der Spielmann. »Sie streifen auf der -Alb, und oft waren ihre Reiter keine tausend Schritte mehr von uns. -Mir für meinen Teil wäre es nicht lieb gewesen, in ihre Hände zu -fallen; denn sie sind mir, wie Ihr wohl wisset, gar nicht grün. Und -auch Euch wäre es vielleicht nicht ganz recht, gefangen vor den Herrn -Truchseß geführt zu werden.« - -»Gott soll mich bewahren!« rief der Junker. »Vor den Truchseß? Lieber -lasse ich mich auf der Stelle totschlagen. Was wollen sie denn aber -hier? Es ist ja hier in der Nähe keine Feste von Württemberg, und du -sagtest mir ja doch, sie können ungehindert durchs Land ziehen; wonach -streifen sie denn?« - -»Seht, Junker! es gibt überall schlechte Leute. Was ein rechter -Württemberger ist, der läßt sich eher die Haut abziehen, als daß er -den Herzog verrät, nach welchem die Bündler jetzt ein Treibjagen -halten. Aber der Truchseß soll unter der Hand einen ganzen Haufen -Gold versprochen haben, wenn man ihn fängt. Er hat seine Reiter -ausgeschickt, diese streifen jetzt überall, und die Leute sagen, es -gebe einige unter den Bauern, die sich vom Gold blenden lassen und den -Spürhunden alle Klingen und Schlupfwinkel zeigen.«[19] - -»Nach dem Herzog sollen sie streifen? Der ist ja aus dem Lande geflohen -oder, wie andere sagen, in Tübingen auf seinem festen Schlosse, wo ihn -vierzig Ritter beschützen.« - -»Ja, die vierzig Edlen sind dort,« antwortete der Bauer mit schlauer -Miene. »Auch des Herzogs Söhnlein, der Christoph, ist dort, das hat -seine Richtigkeit; ob aber der Herzog selbst dort ist, weiß niemand -recht. Im Vertrauen gesagt, wie ich ihn kenne, schließt er sich nur zur -höchsten Not in eine Feste ein; er ist ein kühner, unruhiger Herr, und -es ist ihm wohler in den Wäldern und Bergen, wenn es auch Gefahr hat.« - -»Den Herzog also suchen sie? Also müßte er hier in der Nähe sein?« - -»Wo er ist, weiß ich nicht,« erwiderte der Pfeifer von Hardt, »und -ich wollte wetten, dies weiß niemand als Gott; aber wo er sein wird, -weiß ich,« setzte er hinzu, und es schien Georg, als ob ein Strahl von -Begeisterung aus dem Auge dieses Mannes breche; »wo er sein wird, wenn -die Not am höchsten ist, wo seine Getreuen sich zu ihm finden werden, -wo manche treue Brust zur Mauer werden wird, um den Herrn in der Not -gegen diese Bündler zu schützen. Denn ist er auch ein strenger Herr, so -ist er doch ein Württemberger, und seine schwere Hand ist uns lieber -als die gleißenden Worte des Bayern und des Oesterreichers.« - -»Und wenn sie den unglücklichen Fürsten erkennen, wenn sie auf ihn -stoßen? Hat er nicht seine Gestalt verhüllt und unkenntlich gemacht? Du -hast mir einmal sein Gesicht beschrieben, und ich glaube ihn beinahe -vor mir zu sehen, besonders sein gebietendes, glänzendes Auge. Aber wie -ist seine Gestalt?« - -»Er mag kaum acht Jahre älter sein als Ihr,« entgegnete jener; »er -ist nicht so groß als Ihr, aber in vielem Euch ähnlich an Gestalt; -besonders wenn Ihr zu Pferd saßet und ich hinter Euch ging, da gemahnte -es mich oft, und ich dachte: so, gerade so sah der Herzog aus in den -Tagen seiner Herrlichkeit.« - -Georg war aufgestanden, um nach seinem Pferd zu sehen; die Worte des -Bauern hatten ihn um seine Sicherheit besorgt gemacht, und er sah -jetzt erst ein, wie töricht er gehandelt, in diesem Kriegsstrudel -sich durch ein okkupiertes Land stehlen zu wollen. Es wäre ihm höchst -unangenehm gewesen, in diesem Augenblick gefangen zu werden; zwar -konnte er nach seinem Eide reisen, wohin er wollte, wenn er nur in den -nächsten vierzehn Tagen keinen _tätlichen_ Anteil an dem Kampfe gegen -den Bund nahm; aber er fühlte, welch nachteiliges Licht es dennoch -auf ihn werfen müßte, in dieser Gegend, so weit von dem Wege nach -seiner Heimat, aufgegriffen zu werden, und dazu noch in Gesellschaft -eines Mannes, der den Bundesobersten sehr verdächtig, sogar gefährlich -geschienen hätte. Umzukehren war keine Möglichkeit, denn es ließ sich -beinahe mit Gewißheit annehmen, daß die Bundestruppen bereits die -ganze Breite der Alb eingenommen hatten; das sicherste schien, sich zu -beeilen, über die äußersten Posten des Heeres hinauszukommen; man hatte -dann die Gefahr im Rücken, vor und neben sich aber freie Bahn. - -Das sonst so muntere Tier, das seinen Herrn über diese Gefahren hinaus -tragen sollte, hing die Ohren; die große Eile und die ermüdenden, -steinigen Fußpfade hatten seine Kraft geschwächt; zu seinem großen -Verdruß bemerkte Georg sogar, daß es auf dem linken Vorderfuß nicht -gerne auftrete, was nach einem achtstündigen Weg über scharfe, eckige -Felsen nicht zu verwundern war. Der Bauer bemerkte die Verlegenheit -des Junkers; er untersuchte das Tier und riet, es noch einige Stunden -stehen zu lassen, gab aber zugleich den Trost, er sei der Gegend so -kundig, daß sie eine große Strecke in der Nacht zurücklegen könnten. - - - - -14. - - Es ziehen vom Schwabenbunde - Die Jäger durchs Gefild, - Sie spüren in die Runde - Nach einem Fürstenwild. - - _G. Schwab._ - - -Der junge Mann ergab sich in sein Schicksal und suchte Zerstreuung in -der lieblichen Aussicht, die sich noch bei weitem herrlicher seinen -Augen öffnete, als ihn der Bauer etwa fünfzig Schritte höher geführt -hatte. Sie standen auf einer Felsenecke, die einen schönen Ausläufer -der schwäbischen Alb begrenzte. Ein ungeheures Panorama breitete -sich vor den erstaunten Blicken Georgs aus, so überraschend, von so -lieblichem Schmelz der Farben, von so erhabener Schönheit, daß seine -Blicke eine geraume Zeit wie entzückt an ihnen hingen. Und wirklich, -wer je mit reinem Sinn für Schönheiten der Natur, ohne himmelhohe -Alpen, ohne Täler wie das Rheingau zu suchen, die schwäbische Alb -bestiegen hat, dem wird die Erinnerung eines solchen Anblickes unter -die lieblichsten der Erde gehören. - -Man denke sich eine Kette von Gebirgen, die von der weitesten -Entfernung dem Auge kaum erreichbar, durch alle Farben einer herrlichen -Beleuchtung, von sanftem Grau, durch alle Nüancen von Blau, am Horizont -sich herzieht, bis das dunkle Grün der näherliegenden Berge mit seinem -sanften Schmelz die Kette schließt. Auf diesen Gipfeln eines langen -Gebirgsrückens erkennt das Auge Schlösser und Burgen ohne Zahl, die wie -Wächter auf diese Höhen sich lagern und über das Land hinschauen. Jetzt -sind ihre Türme zerfallen, ihre stattlichen Tore sind gebrochen, den -tiefen Burggraben füllen Trümmer und Moos, und die Hallen, in welchen -sonst laute Freude erscholl, sind verstummt; aber damals, als Georg -auf dem Felsen von Beuren stand, ragten sie noch fest und herrlich; -sie breiteten sich wie eine undurchbrochene Schar gewaltiger Männer -zwischen den Heldengestalten von Staufen und Hohenzollern aus. - -»Ein herrliches Land, dieses Württemberg!« rief Georg, indem sein Auge -von Hügel zu Hügel schweifte. »Wie kühn, wie erhaben diese Gipfel und -Bergwände, diese Felsen und ihre Burgen! Und wenn ich mich dorthin -wende gegen die Täler des Neckar, wie lieblich jene sanften Hügel, jene -Berge mit Obst und Wein besetzt, jene fruchtbaren Täler mit schönen -Bächen und Flüssen, dazu ein milder Himmel und ein guter, kräftiger -Schlag von Menschen!« - -»Ja,« fiel der Bauer ein, »es ist ein schönes Land; doch hier oben will -es noch nicht viel sagen, aber was so unter Stuttgart ist, das wahre -Unterland, Herr! da ist es eine Freude, im Sommer oder Herbst am Neckar -hinabzuwandeln; wie da die Felder so schön und reich stehen, wie der -Weinstock so dicht und grün die Berge überzieht, und wie Nachen und -Flöße den Neckar hinauf- und hinabfahren, wie die Leute so fröhlich an -der Arbeit sind und die schönen Mädchen singen wie die jungen Lerchen!« - -»Wohl sind jene Täler an der Rems und dem Neckar schöner,« entgegnete -Georg; »aber auch dieses Tal zu unsern Füßen, auch diese Höhen um uns -her haben eigenen, stillen Reiz. Wie heißen jene Burgen auf den Hügeln, -sprich, wie heißen jene fernen Berge?« - -Der Bauer überblickte sinnend die Gegend und zeigte auf die hinterste -Bergwand, die dem Auge kaum noch sichtbar aus den Nebeln ragte. »Dort -hinten, zwischen Morgen und Mittag, ist der Roßberg; in gleicher -Richtung herwärts, jene vielen Felsenzacken sind die Höhen von Urach. -Dort, mehr gegen Abend, ist Achalm, nicht weit davon, doch könnt Ihr -ihn hier nicht sehen, liegt der Felsen von Lichtenstein.« - -»Dort also,« sagte Georg stille vor sich hin, und sein Auge tauchte -tief in die Nebel des Abends, »dort, wo jenes Wölkchen in der Abendröte -schwebt, dort schlägt ein treues Herz für mich; jetzt auch steht sie -vielleicht auf der Zinne ihres Felsens und sieht herüber in diese Welt -von Bergen, vielleicht nach diesem Felsen hin. O, daß die Abendlüfte -dir meine Grüße brächten, und jene rosigen Wolken dir meine Nähe -verkündeten!« - -»Weiter hin, Ihr sehet doch jene scharfe Ecke, das ist die Teck; unsere -Herzoge nennen sich Herzoge von Teck, es ist eine gute feste Burg; -wendet Eure Blicke hier zur Rechten, jener hohe, steile Berg war einst -die Wohnung berühmter Kaiser, es ist Hohenstaufen.« - -»Aber wie heißt jene Burg, die hier zunächst aus der Tiefe -emporsteigt?« fragte der junge Mann; »sieh nur, wie sich die Sonne an -ihren hellen weißen Wänden spiegelt, wie ihre Zinnen in goldenen Duft -zu tauchen scheinen, wie ihre Türme in rötlichem Lichte erglänzen.« - -»Das ist Neuffen, Herr! auch eine starke Feste, die dem Bunde zu -schaffen machen wird.« - -Die Sonne des kurzen, schönen Märztages begann während dieses -Zwiegesprächs der Wanderer hinabzusinken. Die Schatten des Abends -rollten dunkle Schleier über das Gebirge und verhüllten dem Auge die -ferneren Gipfel und Höhen. Der Mond kam bleich herauf und überschaute -sein nächtliches Gebiet. Nur die hohen Mauern und Türme von Neuffen -rötete die Sonne noch mit ihren letzten Strahlen, als sei dieser Felsen -ihr Liebling, von welchem sie ungern scheide. Sie sank, auch diese -Mauern hüllten sich in Dunkel, und durch die Wälder zog die Nachtluft, -geheimnisvolle Grüße flüsternd, dem heller strahlenden Mond entgegen. - -»Jetzt ist die wahre Tageszeit für Diebe und für flüchtige Reisende wie -wir,« sagte der Bauer, als er des Junkers Pferd aufzäumte; »sei es noch -um eine Stunde, so ist die Nacht kohlschwarz, und dann soll uns, bis -die Sonne wieder aufgeht, kein bündischer Reiter ausspüren!« - -»Glaubst du, es habe Gefahr?« fragte Georg, indem er seine Hand nach -dem Helm ausstreckte und das dünne Barett abnahm. »Meinst du nicht, wir -sollten uns besser wappnen?« - -»Laßt hängen, Junker,« rief der Bauer lachend, »solch eine Sturmhaube -ist an sich schon kalt und gibt in einer frischen Nacht nicht sehr -warm; laßt immer Euer Barett sitzen; in dieser Gegend suchen sie den -Herzog nicht, und wollten sie kommen, wir zwei fürchten ihrer viere -nicht.« - -Der junge Mann ließ zögernd seinen schönen Helm am Sattelknopf hängen, -er schämte sich, weniger Mut zu zeigen als sein Begleiter, der -unberitten, nur durch eine dünne lederne Mütze geschützt und mit einer -einfachen Axt schlecht bewaffnet war. Er schwang sich auf. Sein Führer -ergriff die Zügel des Rosses und schritt voran den Berg hinab. - -»Du meinst also?« fragte Georg nach einer Weile, »bis hierher werden -sich die bündischen Reiter nicht wagen?« - -»Es ist nicht wohl möglich,« antwortete der Pfeifer, »Neuffen ist ein -starkes Schloß und hat gute Besatzung; sie werden es zwar in kurzer -Zeit mit Heeresmacht belagern, aber Gesindel, wie die Handvoll Reiter -des Truchseß, wagt sich doch nicht in die Nähe einer feindlichen Burg.« - -»Schau! Wie hell und schön der Mond scheint,« rief der Jüngling, der, -noch immer erfüllt von dem Anblick auf dem Berge, die wunderlichen -Schatten der Wälder und Höhen, die hellglänzenden Felsen betrachtete; -»sieh, wie die Fenster von Neuffen im Mondlicht schimmern!« - -»Es wäre mir lieber, er schiene heute nacht nicht,« entgegnete sein -Führer, indem er sich zuweilen besorgt umsah; »dunkle Nacht wäre besser -für uns, der Mond hat schon manchen braven Mann verraten. Doch jetzt -steht er gerade über den Reissenstein, wo der Riese gewohnt hat; es -kann nicht mehr lange dauern, so ist er hinunter.« - -»Was schwatzest du da von einem Riesen, der auf dem Reissenstein -gewohnt hat?« - -»Ja, dort hat vor langer Zeit ein Riese gewohnt,[20] das hat seine -Richtigkeit; dort über dem Berg, gerade wo jetzt der Mond steht, -liegt ein Schloß, das heißt der Reissenstein; es gehört jetzt den -Helfensteinern; es liegt auf jähen Felsen, weit oben in der Luft, -und hat keine Nachbarschaft als die Wolken und bei Nacht den Mond. -Geradeüber von der Burg, auf einem Berge, worauf jetzt der Heimenstein -steht, liegt eine Höhle, und darinnen wohnte vor alters ein Riese. -Er hatte ungeheuer viel Gold und hätte herrlich und in Freuden leben -können, wenn es noch mehr Riesen und Riesinnen außer ihm gegeben hätte. -Da fiel es ihm ein, er wolle sich ein Schloß bauen, wie es die Ritter -haben auf der Alb. Der Felsen gegenüber schien ihm gerade recht dazu. - -»Er selbst war ein schlechter Baumeister; er grub mit den Nägeln -haushohe Felsen aus der Alb und stellte sie auf einander, aber sie -fielen immer wieder ein und wollten kein geschicktes Schloß geben. Da -legte er sich auf den Beurener Felsen und schrie ins Tal hinab nach -Handwerkern; Zimmerleute, Maurer und Steinmetze, Schlosser, alles solle -kommen und ihm helfen, er wolle gut bezahlen. - -»Man hörte sein Geschrei im ganzen Schwabenlande, vom Kocher hinauf bis -zum Bodensee, vom Neckar bis an die Donau, und überallher kamen die -Meister und Gesellen, um dem Riesen das Schloß zu bauen. -- Reitet aus -dem Mondschein, Junker, hierher in den Schatten; Euer Harnisch glänzt -wie Silber und könnte leicht den Spürhunden in die Augen glänzen! - -»Nun, um wieder auf den Riesen zu kommen, so war es lustig anzusehen, -wie er vor seiner Höhle im Sonnenschein saß und über dem Tal drüben -auf dem hohen Felsen sein Schloß bauen sah; die Meister und Gesellen -waren flink an der Arbeit und bauten, wie er ihnen über das Tal hinüber -zuschrie; sie hatten allerlei fröhlichen Schwank und Kurzweil mit ihm, -weil er von der Bauerei nichts verstand. Endlich war der Bau fertig, -und der Riese zog ein und schaute aus dem höchsten Fenster aufs Tal -hinab, wo die Meister und Gesellen versammelt waren, und fragte sie, ob -ihm das Schloß gut anstehe, wenn er so zum Fenster hinausschaue. Als er -sich aber umsah, ergrimmte er, denn die Meister hatten geschworen, es -sei alles fertig, aber an dem obersten Fenster, wo er heraussah, fehlte -noch ein Nagel. - -»Die Schlossermeister entschuldigten sich und sagten: es habe sich -keiner getraut, vors Fenster hinaus in die Luft zu sitzen und den Nagel -einzuschlagen. Der Riese aber wollte nichts davon hören, sondern zahlte -den Lohn nicht aus, bis der Nagel eingeschlagen sei. - -»Da zogen sie alle wieder in die Burg, die wildesten Burschen -vermaßen sich hoch und teuer, es sei ihnen ein geringes, den Nagel -einzuschlagen; wenn sie aber an das oberste Fenster kamen und -hinausschauten in die Luft und hinab in das Tal, das so tief unter -ihnen lag, und ringsum nichts als Felsen, da schüttelten sie den Kopf -und zogen beschämt ab. Da boten die Meister zehnfachen Lohn, wer den -Nagel einschlage, und es fand sich lange keiner. - -»Nun war ein flinker Schlossergeselle dabei, der hatte die Tochter -seines Meisters lieb, und sie ihn auch, aber der Vater war ein harter -Mann und wollte sie ihm nicht zum Weibe geben, weil er arm war. Der -faßte sich ein Herz und dachte, er könne hier seinen Schatz verdienen -oder sterben; denn das Leben war ihm verleidet ohne sie. Er trat vor -den Meister, ihren Vater, und sprach: ›Gebt Ihr mir Eure Tochter, wenn -ich den Nagel einschlage?‹ Der aber gedachte seiner auf diese Art -loszuwerden, wenn er auf die Felsen hinabstürze und den Hals breche, -und sagte ja. - -»Der flinke Schlossergeselle nahm den Nagel und seinen Hammer, sprach -ein frommes Gebet und schickte sich an, zum Fenster hinauszusteigen -und den Nagel einzuschlagen für sein Mädchen. Da erhob sich ein -Freudengeschrei unter den Bauleuten, daß der Riese vom Schlaf aufwachte -und fragte, was es gebe, und als er hörte, daß sich einer gefunden -habe, der den Nagel einschlagen wolle, kam er, betrachtete den jungen -Schlosser lange und sagte: ›Du bist ein braver Kerl und hast mehr Herz -als das Lumpengesindel da; komm, ich will dir helfen.‹ Da nahm er ihn -beim Genick, daß es allen durch Mark und Bein ging, hob ihn zum Fenster -hinaus in die Luft und sagte: ›Jetzt hau' drauf zu! ich lasse dich -nicht fallen.‹ - -»Und der Geselle schlug den Nagel in den Stein, daß er fest saß; -der Riese aber küßte und streichelte ihn, daß er beinahe ums Leben -kam, führte ihn zum Schlossermeister und sprach: ›Diesem gibst du -dein Töchterlein.‹ Dann ging er hinüber in seine Höhle, langte -einen Geldsack heraus und zahlte jeden aus bei Heller und Pfennig. -Endlich kam er auch an den flinken Schlossergesellen; zu diesem sagte -er: ›Jetzt gehe heim, du herzhafter Bursche, hole deines Meisters -Töchterlein und ziehe ein in diese Burg, denn sie ist dein.‹ - -»Des freuten sich alle; der Schlosser ging heim, und --« - -»Horch! Hörtest du nicht das Wiehern von Rossen?« rief Georg, dem es -in der Schlucht, die sie durchzogen, ganz unheimlich wurde. Der Mond -schien noch hell, die Schatten der Eichen bewegten sich, es rauschte im -Gebüsch, und oft wollte es ihm bedünken, als sehe er dunkle Gestalten -im Wald neben sich hergehen. - -Der Pfeifer von Hardt blieb stehen, ungeduldig, daß ihn der Junker -nicht bis zum Ende erzählen lasse: »Es kam mir vorhin auch so vor, aber -es war der Wind, der in den Eichen ächzt, und der Schuhu schrie im -Gebüsch. Wären wir nur das Wiesental noch hinüber, da ist es so offen -und hell wie bei Tag; jenseits fängt wieder der Wald an, da ist es dann -dunkel und hat keine Not mehr. Gebt Eurem Braunen die Sporen und reitet -Trab über das Tal hin, ich laufe neben Euch her.« - -»Warum denn jetzt auf einmal Trab?« fragte der junge Mann. »Meinst du, -es habe Gefahr? Gestehe nur, nicht wahr, du hast sie auch gesehen, die -Gestalten im Wald, die neben uns herschlichen. Glaubst du, es sind -Bündische?« - -»Nun ja,« flüsterte der Bauer, indem er sich umsah, »mir war es auch, -als ob uns jemand nachschleiche; drum sputet Euch, daß wir aus dem -verdammten Hohlweg herauskommen, und dann im Trab über das Tal hinüber, -weiterhin hat es keine Gefahr.« - -Georg machte sein Schwert locker in der Scheide und nahm die Zügel -seines Rosses kräftiger in die Faust. Schweigend zogen sie die Schlucht -hinab, beleuchtet von so hellem Mondschein, daß der junge Mann jeden -Zug seines Gefährten erkennen konnte und deutlich sah, daß er seine Axt -auf die Schulter nahm und ein Messer, das er im Wams verborgen hatte, -herauszog und in den Gürtel steckte. - -Sie wollten eben am Ausgang des Hohlweges in das Tal einbiegen, da -rief eine Stimme im Gebüsch: »Das ist der Pfeifer von Hardt, drauf -Gesellen, der dort auf dem Roß muß der Rechte sein!« - -»Fliehet, Junker, fliehet!« rief sein treuer Führer und stellte sich -mit seiner Axt zum Kampf bereit; doch Georg zog sein Schwert, und in -demselben Augenblick sah er sich von fünf Männern angefallen, während -sein Gefährte schon mit drei andern im Handgemenge war. - -Der enge Hohlweg hinderte ihn, sich seiner Vorteile zu bedienen und -zur Seite auszubiegen. Einer packte die Zügel seines Rosses, doch in -demselben Augenblick traf ihn Georgs Klinge auf die Stirne, daß er ohne -Laut niedersank; doch die andern, wütend gemacht durch den Fall ihres -Genossen, drangen noch stärker auf ihn ein und riefen ihm zu, sich zu -ergeben; aber Georg, obgleich er schon am Arm und Fuß aus mehreren -Wunden blutete, antwortete nur durch Schwerthiebe. - -»Lebendig oder tot,« rief einer der Kämpfenden, »wenn der Herr Herzog -nicht anders will, so mag er's haben!« Er rief's, und in demselben -Augenblick sank Georg von Sturmfeder, von einem schweren Hieb über den -Kopf getroffen, nieder. In tödlicher Ermattung schloß er die Augen, -er fühlte sich aufgehoben und weggetragen und hörte nur das grimmige -Lachen seiner Mörder, die über ihren Fang zu triumphieren schienen. - -Nach einer kleinen Weile ließ man ihn auf den Boden nieder, ein Reiter -sprengte heran, saß ab und trat zu denen, die ihn getragen hatten. -Georg raffte seine letzte Kraft zusammen, um die Augen noch einmal -zu öffnen; er sah ein unbekanntes Gesicht, das sich über ihn beugte. -»Was habt ihr gemacht?« hörte er rufen. »Dieser ist es nicht, ihr habt -den Falschen getroffen. Macht, daß ihr fortkommt, die von Neuffen -sind uns auf den Fersen.« Matt zum Tode schloß Georg sein Auge, nur -sein Ohr vernahm wilde Stimmen und das Geräusch von Streitenden, -doch auch dieses zog sich ferne; feuchte Kälte drang aus dem Boden -des Wiesentales und machte seine Glieder erstarren, aber ein süßer -Schlummer senkte sich auf den Verwundeten herab, und mit dem letzten -Gedanken an die Geliebte entschwanden seine Sinne. - - - - -15. - - Von vieler Burgen Walle - Des Bundes Fahnen wehn; - Die Städte huld'gen alle, - Kein Schloß mag widerstehn, - Nur Tübingen, die Feste, - Verspricht noch Wehr und Trutz. - - _Schwab._ - - -Der schwäbische Bund war mit Macht in Württemberg eingedrungen, von -Tag zu Tag gewann er an Boden, von Woche zu Woche wurden seine Heere -furchtbarer. Zuerst war nach langer, mutiger Gegenwehr der Höllenstein, -das feste Schloß von Heidenheim, gefallen. Ein tapferer Mann, Stephan -von Lichow, hatte dort befehligt; aber mit seinen paar Feldschlangen, -mit einer Handvoll Knechte konnte er den Tausenden des Bundes und der -Kriegskunst eines Frondsberg nicht widerstehen. Bald nachher fiel -Göppingen. Nicht minder tapfer, als der von Lichow, hatte sich Philipp -von Rechberg gewehrt, hatte sogar für sich und seine Knechte freien -Abzug erfochten; aber das Schicksal des Landes vermochte er nicht -abzuwenden. Teck, damals noch eine starke, feste Burg, fiel durch -Unvorsichtigkeit der Besatzung; am mutigsten hielt sich Möckmühl; es -schloß einen Mann in seinen Mauern ein, der sich allein mit zwanzig -der Belagerer geschlagen hätte; sein eiserner Wille war oft nicht -minder schwer als seine eiserne Hand auf ihnen gelegen. Auch diese -Mauern wurden gebrochen, und Götz von Berlichingen fiel in des Bundes -Hand. Auch Schorndorf konnte den Kanonen Georgs von Frondsberg nicht -widerstehen; es war die festeste Stadt gewesen; mit ihr fiel das -Unterland.[21] - -So war nun ganz Württemberg bis herauf gegen Kirchheim in der -bündischen Gewalt, und der Bayern Herzog brach sein Lager auf, um -mit Ernst an Stuttgart zu gehen. Da kamen ihm Gesandte entgegen nach -Denkendorf, die um Gnade flehten. Sie durften zwar nicht wagen, vor -dem erbitterten Feind ihren Herzog zu entschuldigen; aber sie gaben -zu bedenken, daß ja er, die Ursache des Krieges, nicht mehr unter -ihnen sei, daß man nur gegen seinen unschuldigen Knaben, den Prinzen -Christoph, und gegen das Land Krieg führe. Aber vor der ehernen Stirne -Wilhelms von Bayern, vor den habgierigen Blicken der Bundesglieder -fanden diese Bitten keine Gnade. Ulrich habe diese Strafe verdient, gab -man zur Antwort, das Land habe ihn unterstützt, also mit gefangen, mit -gehangen -- auch Stuttgart mußte seine Tore öffnen. - -Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollständig; der größte -Teil des Oberlandes hielt noch zu dem Herzog, und es schien nicht, -als ob er sich auf den ersten Aufruf ergeben wolle. Dieses höher -gelegene Gebirgsland wurde von zwei festen Plätzen, Urach und Tübingen, -beherrscht; so lange diese sich hielten, wollten auch die Lande umher -nicht abfallen. In Urach hielt es die Bürgerschaft mit dem Bunde, die -Besatzung mit dem Herzog. Es kam zum Handgemenge, worin der tapfere -Kommandant erstochen wurde; die Stadt ergab sich den Bündischen. - -Und so war in der Mitte des April nur Tübingen noch übrig; doch -dieses hatte der Herzog stark befestigt, dort waren seine Kinder -und die Schätze seines Hauses; dem Kern des Adels, vierzig wackern, -kampfgeübten Rittern, und zweihundert der tapfersten Landeskinder -war das Schloß anvertraut. Diese Feste war stark, mit Kriegsvorräten -wohl versehen, an ihr hingen jetzt die Blicke der Württemberger; -denn aus diesen Mauern war ihnen schon manches Schöne und Herrliche -hervorgegangen, von diesen Mauern aus konnte das Land wieder dem -angestammten Fürsten erobert werden, wenn es sich so lange hielt, bis -er Entsatz herbeibrachte. Und dorthin wandten sich jetzt die Bündischen -mit aller Macht. Ihrer Gewappneten Schritte tönten durch den Schönbuch, -die Täler des Neckars zitterten unter dem Hufschlag ihrer Rosse; auf -den Feldern zeigten tiefe Spuren, wohin die schweren Feldschlangen, -Falkonen und Bombarden, die Kugel- und Pulverwagen, der ganze -furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war. - -Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder nicht -gesehen. Ein tiefer, aber süßer Schlummer hielt wie ein mächtiger -Zauber seine Sinne viele Tage lang gefangen; es war ihm in diesem -Zustand wohl zumut, wie einem Kinde, das an dem Busen seiner Mutter -schläft, nur hin und wieder die Augen ein wenig öffnet, um in eine Welt -zu blicken, die es noch nicht kennt, um sie dann wieder auf lange zu -verschließen. Schöne, beruhigende Träume aus besseren Tagen gaukelten -um sein Lager, ein mildes, seliges Lächeln zog oft über sein bleiches -Gesicht und tröstete die, welche mit banger Erwartung seiner pflegten. - -Wir wagen es, den Leser in die niedere Hütte zu führen, die ihn -gastfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen des neunten Tages, -nachdem er verwundet wurde. - -Die Morgensonne dieses Tages brach sich in farbigen Strahlen an den -runden Scheiben eines kleinen Fensters und erhellte das größere Gemach -eines dürftigen Bauernhauses. Das Geräte, womit es ausgestattet war, -zeugte zwar von Armut, aber von Reinlichkeit und Sinn für Ordnung. -Ein großer, eichener Tisch stand in einer Ecke des Zimmers, auf zwei -Seiten von einer hölzernen Bank umgeben. Ein geschnitzter, mit hellen -Farben bemalter Schrein mochte den Sonntagsstaat der Bewohner oder -schöne, selbstgesponnene Leinwand enthalten; das dunkle Getäfel der -Wände trug ringsum ein Brett, worauf blanke Kannen, Becher und Platten -von Zinn, irdenes Geschirr mit sinnreichen Reimen bemalt, und allerlei -musikalische Instrumente eines längst verflossenen Jahrhunderts, als -Zimbeln, Schalmeien und eine Zither, aufgestellt waren. Um den großen -Kachelofen, der weit vorsprang, waren reinliche Linnen zum Trocknen -aufgehängt, und sie verdeckten beinahe dem Auge eine große Bettstelle -mit Gardinen von großgeblümtem Gewebe, die im hintersten Teile der -Stube aufgestellt war. - -An diesem Bette saß ein schönes, liebliches Kind von etwa sechzehn bis -siebzehn Jahren. Sie war in jene malerische Bauerntracht gekleidet, -die sich teilweise bis auf unsere Tage in Schwaben erhalten hat. Ihr -gelbes Haar war unbedeckt und fiel in zwei langen, mit bunten Bändern -durchflochtenen Zöpfen über den Rücken hinab. Die Sonne hatte ihr -freundliches, rundes Gesichtchen etwas gebräunt, doch nicht so sehr, -daß es das schöne, jugendliche Rot auf der Wange verdunkelt hätte; -ein munteres blaues Auge blickte unter den langen Wimpern hervor. -Weiße, faltenreiche Aermel bedeckten bis an die Hand den schönen -Arm, ein rotes Mieder, mit silbernen Ketten geschnürt, mit blendend -weißen, zierlich genähten Linnen umgeben, schloß eng um den Leib; ein -kurzes schwarzes Röckchen fiel kaum bis über die Knie herunter; diese -schmucken Sachen, und dazu noch eine blanke Schürze und schneeweiße -Zwickelstrümpfe mit schönen Kniebändern, wollten beinahe zu stattlich -aussehen zu dem dürftigen Gemach, besonders da es Werktag war. - -Die Kleine spann emsig feine glänzende Fäden aus ihrer Kunkel, zuweilen -lüftete sie die Gardinen des Bettes und warf einen verstohlenen Blick -hinein; doch schnell, als wäre sie auf bösen Wegen erfunden worden, -schlug sie die Vorhänge wieder zu und strich die Falten glatt, als -sollte niemand merken, daß sie gelauscht habe. - -Die Türe ging auf, und eine runde, ältliche Frau, in derselben Tracht -wie das Mädchen, aber ärmlicher gekleidet, trat ein. Sie trug eine -dampfende Schüssel Suppe zum Frühstück auf und stellte Teller auf dem -Tisch zurecht. Indem fiel ihr Blick auf das schöne Kind am Bette, sie -staunte sie an, und wenig hätte gefehlt, so ließ sie den Krug mit gutem -Apfelwein fallen, den sie eben in der Hand hielt. - -»Was fällt der aber um Gotteswilla ei', Bärbele?« sagte sie, indem sie -den Krug niedersetzte und zu dem Mädchen trat. »Was fällt der ei', -daß de am Wertich da nuia rauta Rock zum Spinna anziehst? und au 's -nui Mieder hot se an, und, ei daß di! -- au a silberne Kette! und en -frischa Schurz und Strümpf no so mir nix dir nix aus em Kasta reißa? -Wer wird denn en solcha Hochmut treiba, du dummes Ding, du? Woißt du -net, daß mer arme Leut sind? und daß du es Kind voma onglückliche Mann -bist?« -- - -Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden lassen; sie -schlug zwar die Augen nieder, aber ein schelmisches Lächeln, das über -ihr Gesicht flog, zeigte, daß die Strafpredigt nicht sehr tief gehe. -»Ei, so lasset Uich doch b'richta,« antwortete sie, »was schadet's -denn dem Rock, wenn i ihn au amol ama christlicha Wertich ahan? An der -silberna Kette wird au nix verderbt, und da Schurz kann i jo wieder -wäscha!« - -»So? als wemma et immer gnuag z'wäscha und z'putza hätt? So sag mer no, -was ist denn in de g'fahra, daß de so strählst und schöa machst?« - -»Ah was!« flüsterte das errötende Schwabenkind, »wisset Er denn net, -daß heut der acht' Tag ist? Hot et der Aetti g'sait, der Junker werd' -am heutiga Morga verwacha, wenn sei Tränkle guete Wirking häb? Und do -hanne eba denkt --« - -»Ist's um dui Zeit?« entgegnete die Hausfrau freundlicher. »Da host -wärle reacht; wenn er verwacht und sieht älles so schluttich und -schlampich, se ist's et guot und könnt Verdruß gä beim Aette. Ih sieh -au aus wia na Drach. Gang, Bärbele, hol mer mei schwarz Wammes, mei -rauts Miader und en frischa Schurz.« - -»Aber Muater,« gab die Kleine zu bedenken, »Er wendt Uich doch et do -atan wölla? Wenn der Junker jetzt no grad verwacha tät! Ganget lieber -uffe und teant Uich droban a, i bleib derweil bei em.« - -»Da host au reacht, Mädle,« murmelte die Alte, ließ selbst das -Frühstück stehen und ging, um sich in ihren Putz zu werfen. Die -Tochter aber öffnete das Fenster der frischen erquickenden Morgenluft, -sie streute Futter auf den breiten Sims, viele Tauben und Sperlinge -flogen heran und verzehrten mit Gurren und Zwitschern ihr Frühstück; -die Lerchen in den Bäumen vor den Fenstern antworteten in einem -vielstimmigen Chorus, und das schöne Mädchen sah, von der Morgensonne -umstrahlt, lächelnd ihren kleinen Kostgängern zu. - -In diesem Augenblick öffneten sich die Gardinen des Bettes, der Kopf -eines schönen jungen Mannes sah heraus; wir kennen ihn, es ist Georg. - -Ein leichtes Rot, der erste Bote wiederkehrender Gesundheit, lag auf -seinen Wangen; sein Blick war wieder glänzend wie sonst, sein Arm -stemmte sich kräftig auf das Lager. Erstaunt blickte er auf seine -Umgebungen; dieses Zimmer, dieses Geräte waren ihm fremd, er selbst, -seine ganze Lage kam ihm ungewohnt vor. Wer hatte ihm diese Binde um -das Haupt gebunden? Wer hatte ihn in dieses Bett gelegt? Es war ihm wie -einem, der mit fröhlichen Brüdern eine Nacht durchjubelt, die Besinnung -endlich verloren hat und auf einem fremden Lager aufwacht. - -Lange sah er dem Mädchen am Fenster zu; dieses Bild, das erste, das ihm -bei seinem Erwachen aus langem Schlafe entgegentrat, war so freundlich, -daß er das Auge nicht davon abwenden konnte; endlich siegte die -Neugierde, über das, was mit ihm vorgegangen war, gewisser zu werden; -er machte ein Geräusch, indem er die Gardinen des Bettes noch weiter -zurückschlug. - -Das Mädchen am Fenster schien zusammenzuschrecken; sie wandte sich um, -über ein schönes Gesicht flog ein brennendes Rot, freundliche, blaue -Augen staunten ihn an; ein roter, lächelnder Mund schien vergebens -nach Worten zu suchen, den Kranken bei seiner Rückkehr ins Leben zu -begrüßen. Sie faßte sich und eilte mit kurzen Schritten an das Bette, -doch machte sie unterwegs mehreremal Halt, als besinne sie sich, ob er -denn wirklich wieder aufgewacht sei, ob es sich auch schicke, daß sie -zu ihm trete, da er jetzt wieder lebe wie ein anderer Mensch. - -Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schönen Kindes lächelnd -zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen. - -»Sag' mir, wo bin ich? Wie kam ich hierher?« fragte Georg. »Wem gehört -dieses Haus, worin ich, mir scheint, aus einem langen Schlaf erwacht -bin?« - -»Sind Er wieder ganz bei Uich?« rief das Mädchen, indem sie vor Freude -die Hände zusammenschlug. »Ach, Herr Jeses, wer hett' es denkt? Er -gucket oin doch au wieder g'scheit an und et so duselig, daß oims -ällemol angst und bang wora ist.« - -»Ich war also krank?« forschte Georg, der das Idiom des Mädchens nur -zum Teil verstand. »Ich lag einige Stunden ohne Bewußtsein?« - -»Ei, wie schwätzet Er doch!« kicherte das hübsche Schwabenkind und nahm -das Ende des langen Zopfbandes in den Mund, um das laute Lachen zu -verbeißen: »a paar Stund' saget Er? Heit nacht wird's g'rad nei Tag, da -se Uich brocht hent.« - -Der Jüngling staunte sie mit ernsten Blicken an. Neun Tage, ohne zu -Marien zu kommen! Zu Marien? Mit diesem himmlischen Bilde kehrte wie -mit _einem_ Schlage seine Erinnerung wieder; er erinnerte sich, daß -er vom Bunde sich losgesagt; daß er sich entschlossen habe, nach -Lichtenstein zu reisen, daß er über die Alb auf geheimen Wegen gezogen -sei, daß -- er und sein Führer überfallen, vielleicht gefangen wurden. -»Gefangen?« rief er schmerzlich. »Sage, Mädchen, bin ich gefangen?« - -Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die klaren Blicke -des jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine freundlichen -Züge ernst, beinahe wild wurden; sie glaubte, er falle in jenen -schrecklichen Zustand zurück, wo er, vom Wundfieber hart angefallen, -einige Stunden lang gerast hatte, und der schwermütige Ton seiner Frage -konnte ihre Furcht nicht mindern. Unschlüssig, ob sie bleiben oder um -Hilfe rufen sollte, trat sie einen Schritt zurück. - -Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angst die -Bestätigung seiner Frage zu lesen. »Gefangen, vielleicht auf lange, -lange Zeit,« dachte er, »vielleicht weit von ihr entfernt, ohne -Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr zu wissen!« Sein Körper war -noch zu erschöpft, als daß er der trauernden Seele widerstanden hätte; -eine Träne stahl sich aus dem gesenkten Auge. - -Das Mädchen sah diese Träne, ihre Angst löste sich augenblicklich in -Mitleiden auf, sie trat näher, sie setzte sich an sein Bett, sie wagte -es, die herabhängende Hand des Jünglings zu ergreifen. »Er müesset et -greina,« sagte sie; »Euer Gnada sind jo jetzt wieder g'sund, und -- Er -kennet jo jetzt bald wieder fortreita,« setzte sie, wehmütig lächelnd, -hinzu. - -»Fortreiten?« fragte Georg, »also bin ich nicht gefangen?« - -»G'fanga? Noi, g'fanga send Er net; es hätt zwor a paarmol sei kenna, -wia dia vom schwäbischa Bund vorbeizoga send; aber mer hent Uich -allemol guet versteckt; der Vater hot g'sait, mer solla da Junker koin -Menscha seha lau.« - -»Der Vater?« rief der Jüngling; »wer ist der gütige Mann? Wo bin ich -denn?« - -»Ha, wo werdet Er sei?« antwortete Bärbele, »bei aus send Er in Hardt.« - -»In Hardt?« Ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten Wände gab ihm -Gewißheit, daß er Freiheit und Leben jenem Manne zu verdanken habe, der -ihm wie ein Schutzgeist von Marien zugesandt war. »Also in Hardt? Und -dein Vater ist der Pfeifer von Hardt? Nicht wahr?« - -»Er hot's et gern, wemmer em so ruaft,« antwortete das Mädchen; »er ist -freile sei's Zoiches a Spielma, er hairts am gernsta, wemmer Hans zua -nem sait.« - -»Und wie kam ich denn hierher?« fragte jener wieder. - -»Ja wisset Er denn au gar koi Wörtle meh?« lächelte das hübsche Kind -und bediente sich des Zopfbandes. Sie erzählte, ihr Vater sei schon -seit einigen Wochen nicht zu Hause gewesen, da sei er einesmals vor -neun Tagen in der Nacht an das Haus gekommen und habe stark gepocht, -bis sie erwacht sei. Sie habe seine Stimme erkannt und sei hinabgeeilt, -um ihm zu öffnen. Er sei aber nicht allein gewesen, sondern noch -vier andere Männer bei ihm, die eine, mit einem Mantel verdeckte, -Tragbahre in die Stube niedergelassen haben. Der Vater habe den Mantel -zurückgeschlagen und ihr befohlen zu leuchten, sie aber sei heftig -erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann sei auf der Bahre -gelegen. Der Vater habe ihr befohlen, das Zimmer schnell zu wärmen, -indessen habe man den Verwundeten, den sie seinen Kleidern nach für -einen vornehmen Herrn erkannt habe, auf das Bett gebracht. Der Vater -habe ihm seine Wunden mit Kräutern verbunden, habe ihm dann auch selbst -einen Trank bereitet, denn er verstehe sich trefflich auf die Arzneien -für Tiere und Menschen. Zwei Tage lang seien sie alle besorgt gewesen, -denn der Junker habe gerast und getobt; nach dem zweiten Tränklein -aber sei er stille geworden, der Vater habe gesagt, am achten Morgen -werde er gesund und frisch erwachen, und wirklich sei es auch so -eingetroffen. - -Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der Rede des Mädchens -zugehört. Er hatte sie oft unterbrechen müssen, wenn er ihre -zierlichen Ausdrücke nicht recht verstand, oder wenn sie in ihrer Rede -abschweifte, um die Kräuter zu beschreiben, woraus der Pfeifer von -Hardt seine Arzneien bereitet hatte. - -»Und dein Vater,« fragte er sie, »wo ist er?« - -»Was wisset mir, wo er ist!« antwortete sie ausweichend, doch als -besinne sie sich eines Besseren, setzte sie hinzu: »Uich kammes jo -saga, denn Ihr müesset guet Freund sei mit em Vater. Er ist nach -Lichtastoi.« - -»Nach Lichtenstein?« rief Georg, indem sich seine Wangen höher färbten. -»Und wann kommt er zurück.« - -»Ja er _sott_ schau seit zwoi Tag do sei, wie ner gsait hot. Wenn em no -nix g'scheha ist. D'Leut saget, dia bündische Reiter bassen em uff.« - -Nach Lichtenstein -- dorthin zog es ja auch ihn. Er fühlte sich kräftig -genug, wieder einen Ritt zu wagen und die Versäumnis der neun Tage -einzuholen. Seine nächste und wichtigste Frage war daher nach seinem -Roß, und als er hörte, daß es sich ganz wohl befinde und im Kuhstall -seiner Ruhe pflege, war auch der letzte Kummer von ihm gewichen. Er -dankte seiner holden Pflegerin für seine Wartung und bat sie um sein -Wams und seinen Mantel. Sie hatte längst alle Spuren von Blut und -Schwerthieben aus den schönen Gewändern vertilgt; mit freundlicher -Geschäftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus dem geschnitzten und -gemalten Schrein, wo sie neben ihrem Sonntagsschmuck geruht hatte. -Lächelnd breitete sie Stück für Stück vor ihm aus und schien sein Lob, -daß sie alles so schön gemacht habe, gerne zu hören, dann enteilte sie -dem Gemach, um die frohe Botschaft, daß der Junker ganz genesen sei, -der Mutter zu verkündigen. - -Ob sie der Mutter auch gestanden, daß sie schon seit einer halben -Stunde mit dem schönen freundlichen Herrn geplaudert habe, wissen wir -nicht. Wir haben aber Ursache, daran zu zweifeln, denn jene ältliche, -runde Frau hatte Erfahrung aus ihrer Jugend und glaubte, ihrem -Töchterlein die Warnung nie genug wiederholen zu können, sie solle sich -wohl hüten, mit einem jungen Burschen länger als ein Ave Maria lang zu -sprechen. - - - - -16. - - -- Was kümmert's dich? Du fragst - Nach Dingen, Mädchen, die dir nicht geziemen. - - _Schiller._ - - -Als die runde Frau und Bärbele von der Bodenkammer herabstiegen, war -ihr erster Gang nicht in das Gemach, wo ihr Gast war, sondern nach der -Küche, und zwar aus zweierlei Gründen: einmal, weil jetzt dem Gast ein -kräftiges Habermus gekocht werden mußte, und dann -- von der Küche ging -ein kleines Fenster in die Stube, dorthin stellte sich die Mutter, um -die Mienen des Junkers zu rekognoszieren. - -Bärbele stellte sich auf die Zehen und schaute ihrer Mutter über die -Schultern durchs Fensterlein. Sie staunte, und ihr Herz pochte seit -siebzehn Jahren zum erstenmal recht ungestüm; denn so hübsch hatte -sie sich doch den Junker nicht gedacht. Sie war zwar oft von seinem -Anblick bis zu Tränen gerührt gewesen, wenn er mit starren Augen, -ohne Bewußtsein, beinahe ohne Leben dalag. Seine bleichen, noch im -Kampfe mit dem Tode so schönen Züge hatten sie oft angezogen, wie ein -rührendes, erhabenes Bild den frommen Sinn einer Betenden anzieht; aber -jetzt, sie fühlte es, jetzt war es was ganz anderes. Die Augen waren -wieder gefüllt von schönem, mutigen Feuer; es wollte dem Bärbele auf -den Zehen bedünken, als habe sie, so alt sie geworden, noch gar keine -solche gesehen. Das Haar lag nicht mehr in unordentlichen Strängen um -die schöne Stirne; es fiel geordnet und reich auf den Nacken hinab. - -Seine Wangen hatten sich wieder gerötet, seine Lippen waren so frisch -wie die Kirschen an Petri und Paul; und wie ihn das seidengestickte -Wams gut kleidete und der breite weiße Halskragen, den er über das -Kleid herausgelegt hatte! Aber das konnte das Mädchen nicht ergründen, -warum er wohl immer auf eine aus weiß und blauer Seide geflochtene -Schärpe niedersah, so fest, so eifrig, als wären geheimnisvolle Zeichen -eingewoben, die er zu entziffern bemüht sei. Ja, es kam ihr sogar vor, -als drücke er die Feldbinde an das Herz, als führe er sie an die Lippen -voll Andacht und Inbrunst, wie man Reliquien zu verehren pflegt. - -Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch das Fensterlein -vollendet. »'s ist a Herr wie na Prinz,« sagte sie, indem sie das -Habermus umrührte. »Was er a Wammes a hot! Dia Herra z'Stuagert -kennet's et schöner hau. Was duet er no mit dem Fetza, won er in der -Hand hot? Er guckt a jo schier ausenander! Es ist, ka sei a bißle Bluat -na kommt, daß ens verzirnt.« - -»Noi, sell isch et,« entgegnete Bärbele, die jetzt bequemer das Zimmer -übersehen konnte, »aber wisseter, Muater, wia mer's fürkommt? Er macht -so gar fuirige Auga druf na: sell ist gewiß ebbes von seim Schatz.« - -Die runde Frau konnte sich nicht enthalten, über die richtige Vermutung -ihres Kindes etwas weniges zu lächeln, doch schnell nahm sie ihre -mütterliche Würde wieder zusammen, indem sie entgegnete: »A, was woist -du von Schätz! So na Kind wia du muaß gar a nix so denka! Gang jetzt -weg vom Fensterle dort, lang mir sell Häfele her. Der Herr wird a -fürnehms Fressa g'wohnt sei, i muaß am a bißle viel Schmalz in de Brei -dauh!« - -Bärbele verließ etwas empfindlich das Fenster. Sie wußte, daß sie ihrer -Mutter nicht widersprechen dürfe, aber diesmal hatte sie offenbar -unrecht. Ging nicht das Mädchen schon seit einem Jahr in den Lichtkarz, -wo von den Mädchen des Dorfes über Schätzchen und Liebe viel gesprochen -und gesungen wurde? Hatten nicht einige ihrer Gespielinnen, die wenige -Wochen älter waren als sie, schon jede einen erklärten Schatz, und -sie allein sollte nicht davon sprechen, nicht einmal etwas davon -wissen dürfen? Nein, es war recht unbillig von der runden Frau, ihrem -Töchterlein, das, wenn sie sich auf die Zehen stellte, der Mutter über -die Schultern sehen konnte, solche Wissenschaft geradehin zu verbieten. -Aber wie es zu geschehen pflegt, das Verbot reizt gewöhnlich zur -Uebertretung, und Bärbele nahm sich vor, nicht eher zu ruhen, als bis -sie wisse, warum der junge Ritter mit so gar »fuirigen Augen« auf seine -Feldbinde hinschaue. - -Das Frühstück des Junkers war indessen fertig geworden, es fehlte -nichts mehr als ein Becher guten alten Weines. Auch dieser war bald -herbeigebracht, denn der Pfeifer von Hardt war zwar ein geringer -Mann, aber nicht so arm, daß er nicht für feierliche Gelegenheiten -ein Fäßchen im Keller liegen hatte. Das Mädchen trug den Wein und das -Brot, und die runde Frau ging in vollem Sonntagsstaat, die Schüssel mit -Habermus in beiden Fäusten, ihrem holden Töchterlein voran in die Stube. - -Es kostete den jungen Mann nicht geringe Mühe, den vielen Knicksen der -Pfeifersfrau Einhalt zu tun. Sie hatte in ihrer Jugend einmal auf dem -Schlosse zu Neuffen gedient und wußte, was Lebensart war. Daher blieb -sie mit der rauchenden Schüssel an ihrer eigenen Schwelle stehen, bis -ihr der gestrenge Junker ernstlich befahl, vorzutreten. Die Tochter -aber stand errötend hinter der runden Frau, und ihr verschämtes Gesicht -ward nur auf Augenblicke sichtbar, wenn die Mutter sich recht tief -verneigte. Auch sie machte die gehörige Anzahl Knickse, doch mochten -sie nicht so ungemein ehrerbietig sein, denn sie hatte ja schon ein -halbes Stündchen mit ihm geplaudert. - -Das Mädchen deckte jetzt den Tisch mit frischen Linnen, setzte dem -Junker das Habermus und den Wein an den Ehrenplatz in der Ecke der -Bank unter dem Kruzifix; dann steckte sie einen zierlich geschnitzten -hölzernen Löffel in das Mus. Er blieb aufrecht darin stehen, und es war -dies ein gutes Zeichen, daß das Frühstück delikat bereitet sei. Als der -Junker sich niedergelassen hatte, setzten sich auch Mutter und Tochter -an den Tisch zu ihrem Suppennapf, doch in bescheidener Entfernung -und nicht ohne das Salzfaß zwischen sich und ihren vornehmen Gast zu -stellen. Denn so wollte es die Sitte in den guten alten Zeiten. - -Georg hatte, während sie das Frühmahl verzehrten, Muße genug, die -beiden Frauen zu betrachten. Er gestand sich, daß die Hausehre des -Pfeifers von Hardt eine stattliche Frau sei, die vielleicht manchen -weniger kühnen Mann als seinen Führer und Erretter unter die Stelzen -ihrer gewichtigen Schuhe (Pantoffel hatte sie wohl nicht) gebracht -hätte. Auch das Kind des Spielmanns dünkte ihm eine liebliche Dirne, -und ein so schöner Kopf, solche freundlichen Augen hätten vielleicht in -seinem Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen, wäre es nicht -von _einem_ Bilde schon ganz erfüllt gewesen, wäre nicht die Kluft so -unendlich groß gewesen, welche Geburt und Verhältnisse zwischen den -Erben des Namens Sturmfeder und die geringe Tochter des Pfeifers von -Hardt befestigt hatten. Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke mit -Wohlgefallen auf ihren reinen unschuldigen Zügen, und wäre die runde -Frau nicht mit ihrer Suppe zu beschäftigt gewesen, so wäre ihr wohl die -Röte nicht entgangen, die auf den Wangen ihres Kindes aufstieg, wenn -zufällig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge des jungen Mannes -begegnete. - -»Der Napf ist leer, jetzt ist es Zeit zu schwatzen.« Dieser richtige -Spruch galt auch hier, sobald das Tischtuch weggenommen war. Georg -lagen vornehmlich zwei Dinge am Herzen: er mußte gewiß sein, wann -der Pfeifer von Lichtenstein zurückkommen würde, weil er nur seine -Nachrichten über die Geliebte abwarten wollte, um dann sogleich zu ihr -zu eilen; und zweitens war es ihm sehr wichtig, zu erfahren, wo das -Heer des Bundes in diesem Augenblick stehe. Ueber das erstere konnte er -keine weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Mädchen früher schon -gesagt hatte. Der Vater sei etwa seit sechs Tagen abwesend, habe aber -versprochen, am fünften Abend wieder hier zu sein, und sie erwarten ihn -daher stündlich. Die runde Frau vergoß Tränen, indem sie dem Junker -klagte, daß ihr Mann, seitdem dieser Krieg begonnen, kaum einige -Stunden zu Haus gewesen sei. Er sei von früheren Zeiten her schon als -ein unruhiger Mann berüchtigt, jetzt murmeln die Leute auch wieder -allerlei über ihn, und gewiß bringe er seine Frau und sein Kind durch -sein gefährliches Leben noch in Unglück und Jammer. - -Georg suchte alle Trostgründe hervor, um ihre Tränen zu stillen; es -gelang ihm wenigstens insoweit, daß sie ihm seine Fragen nach dem -Bundesheer beantwortete. - -»Ach Herr,« sagte sie, »es ist a Graus und a Jommer; 's ist g'rad, wie -wenn der wild Jäger uf de Wolka reitet und mit seine g'schpenstige Hund -übers Land wegzieht. 's ganz Unterland hent se schau, und jetzt goht's -mit em hella Haufa ge Tibenga.« - -»So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand?« fragte Georg -verwundert, »Höllenstein, Schorndorf, Göppingen, Teck, Urach? Sind sie -alle schon eingenommen?« - -»Aelles hent se. A Mann von Schorndorf hot's g'sait, daß se de -Höllastoi, Schorndorf und Göppinga hent. Aber von Teck und Aurich kane -Uich ganz gnau berichta, mer send jo koine drei, vier Stund davo.« -Sie erzählte nun: am dritten April sei das Heer vor Teck gezogen. Sie -haben einen Teil des Fußvolkes vor das eine Tor gesetzt und sich mit -der Besatzung über die Uebergabe besprochen. Da seien alle Knechte -zu diesem Tor geeilt und haben zugehört, und indessen sei das andere -Tor von den Feinden bestiegen worden.[22] Im Schloß Urach aber seien -vierhundert herzogliche Fußknechte gewesen. Diese habe die Bürgerschaft -nicht in die Stadt lassen wollen, als der Feind anrückte. Es sei zum -Gefecht zwischen ihnen gekommen, worin die Knechte auf den Markt -gedrungen seien, dort aber sei der Vogt von einer Kugel getroffen und -nachher mit Hellebarden niedergestoßen worden. Die Stadt habe sich -dem Bunde ergeben. »Es ist koi Wunder,« schloß die runde Frau ihre -Erzählung, »älle Burga und Schlösser nehme se ei; denn se hent lange -Feldschlanga und Bombardierstuck, wo se Kugla draus schießet, graißer -als mei Kopf, daß älle Maura zemabrecha und älle Tirn einfalla müeßet.« - -Georg konnte nach diesem Bericht ahnen, daß eine Reise von Hardt nach -Lichtenstein nicht minder gefährlich sein werde als jener Ritt über -die Alb, denn er mußte gerade die Linie zwischen Urach und Tübingen -durchschneiden. Doch war Urach schon seit mehreren Tagen von dem Heere -verlassen. Die Belagerung von Tübingen mußte notwendig viele Mannschaft -erfordern, und so konnte Georg dennoch hoffen, daß keine eigentlichen -Posten mehr den Strich Landes, den er zu durchreisen hatte, besetzt -halten werden. - -Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines Führers. Seine -Kopfwunde war geheilt; sie war nicht tief gewesen, denn die Federn -seines Barettes und sein dichtes Haar hatten dem Hiebe, der nach ihm -geführt worden war, seine Schärfe benommen; doch war der Schlag noch -immer kräftig genug gewesen, um ihn auf so viele Tage des Bewußtseins -zu berauben. Auch seine übrigen Wunden an Arm und Beinen waren geheilt, -und die einzige körperliche Folge jener unglücklichen Nacht war -eine Mattigkeit, die er dem Blutverlust, dem langen Liegen und dem -Wundfieber zuschrieb; doch auch diese schwand von Stunde zu Stunde, -denn ein frischer Mut und sehnsüchtige Gedanken in die Ferne verjagen -gar bald solche schlimmen Gäste. - -Es gehörte übrigens dieser frische Mut und ein wenig jugendliche -Neugierde dazu, ihm die langsam hinschleichenden Stunden erträglich -zu machen. Es gehörte die muntere Tochter des Pfeifers dazu, um -ihn vergessen zu lassen, wie unerträglich lange ihr Vater auf sich -warten lasse. Er sah hier, was er sich schon lange zu sehen gewünscht -hatte, eine echte schwäbische Bauernwirtschaft. Wie drollig kamen ihm -ihre Sitten, ihre Sprache vor. Sein Franken, so nahe es an dieses -Württemberg grenzte, hatte doch wieder einen andern Schlag von Leuten. -Es deuchte ihm, seine Bauern seien pfiffiger, verschlagener, in -manchen Dingen weniger roh als diese; aber die gutmütige Ehrlichkeit -dieser Leute, die aus ihren Augen, aus ihrer Sprache, aus ihrem ganzen -Wesen hervorblitzte; ihre muntere, unverdrossene Arbeitsamkeit; ihre -Reinlichkeit, die ihrer Armut ein ehrbares, sogar schmuckes Ansehen -gab, dies alles machte, daß er zu fühlen glaubte, es haben diese Leute -als Menschen mehr inneren Gehalt als die, welche er in seinen Gauen -kennen gelernt hatte, wenn sie auch in manchen Dingen nicht so viel -Verschlagenheit zeigten. - -Bewundern mußte er auch die trauliche gutmütige Geschwätzigkeit des -Mädchens. Die runde Frau mochte schmälen, wie sie wollte, mochte sie -noch so oft ermahnen, den hohen Stand des Ritters zu bedenken, sie -ließ es sich nicht nehmen, ihren Gast zu unterhalten, besonders da -sie ihren geheimen Plan, zu erforschen, ob sie in Hinsicht auf die -Feldbinde besser geraten habe als die Mutter, noch nicht aufgegeben -hatte. Sie hatte hierüber noch ihre ganz besonderen Gedanken. Als -nämlich der Junker so gar krank gelegen, war sie in der Nacht noch -lange aufgeblieben, um dem Vater Gesellschaft zu leisten, der am Bette -des Verwundeten wachte; doch bald schlief sie über ihrer Arbeit ein. Es -mochte ungefähr zehn Uhr in der Nacht sein, da sie von einem Geräusch -im Zimmer aufgeschreckt wurde. Sie sah einen Mann mit dem Vater -angelegentlich sprechen; seine Züge entgingen ihr nicht, obgleich er -sich in eine große Kappe gehüllt hatte; sie glaubte einen Diener des -Ritters von Lichtenstein, der schon oft auf geheimnisvolle Weise zu dem -Pfeifer von Hardt gekommen war, und bei dessen Anwesenheit sie immer -das Zimmer hatte verlassen müssen, in ihm zu erkennen. - -Neugierig, endlich einmal zu hören, was dieser Mann bei dem Vater -zu tun habe, schloß sie ihre Augen wieder fest zu; denn es war ihr -wahrscheinlich, daß ihr Vater sie nur im Zimmer ließ, weil er sie für -fest eingeschlafen hielt. Der Mann erzählte von einem Fräulein, die -über eine gewisse Nachricht untröstlich sei. Sie habe den fremden Mann -gebeten und gefleht, nach Hardt zu gehen und Nachricht einzuziehen, -sie habe geschworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe, ihrem Vater -alles zu sagen und zur Pflege des Kranken selbst zu kommen. Solches -hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen; der Vater hatte darauf -das Fräulein beklagt, hatte dem Boten den ganzen Zustand des Kranken -geschildert und versprochen, daß er, sobald sich der Kranke gebessert -habe, selbst kommen werde, um dem Fräulein diesen Trost zu bringen. Der -fremde Mann hatte sodann dem Kranken ein Löckchen von seinen langen -Haaren abgeschnitten, es in ein Tuch geschlagen und unter dem Wams wohl -verwahrt; darauf war er, vom Vater geführt, aus der Stube gegangen, und -kurz nachher hörte sie ihn bei Nacht und Nebel wieder wegreiten. - -Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschäfte der folgenden Tage -bald wieder aus dem leichten, jugendlichen Sinn der Tochter des -Pfeifers von Hardt verdrängt, sie erwachte aber jetzt aufs neue, -aufgeregt durch das, was Bärbele durchs Küchenfenster gesehen hatte. -Sie wußte, daß der Ritter von Lichtenstein eine Tochter habe, denn die -Schwester des Spielmanns war ja ihre Amme. Und dieses Fräulein mußte -es wohl sein, die den Lichtensteiner Knecht gesandt habe, um sich so -angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die sogar selbst kommen -wollte, um ihn zu pflegen. - -Alle Sagen von liebenden Königstöchtern, von Rittern, die krank in -Gefangenschaft gelegen und von holden Fräulein errettet wurden, alles, -was über dieses Kapitel jemals in der traulichen Spinnstube erzählt -worden war -- und es gab viele »grausige« Geschichten hierüber -- kam -ihr in das Gedächtnis. Sie wußte nun zwar nicht, wie es mit der Minne -so vornehmer Leute beschaffen sei, aber sie dachte, es werde dem hohen -Fräulein wohl ungefähr ebenso ums Herz sein wie den Mädchen von Hardt, -wenn sie an einen schmucken Burschen von Ober-Ensingen oder Köngen ihr -Herz verschenkt haben. Und in dieser Hinsicht kam ihr das Verhältnis, -dem sie in Gedanken nachspürte, gar reizend vor, besonders dachte sie -sich den Schmerz des Fräuleins auf ihrer fernen, hohen Burg recht -grausam und rührend, wie sie nicht wisse, ob ihr Schatz lebendig oder -tot sei, wie sie nicht zu ihm könne, um ihn zu sehen und zu pflegen. - -Sie wußte ein Lied, das man oft im Lichtkarz sang; es hatte eine schöne -Weise und kam ihr unwillkürlich auch jetzt in den Sinn; es hieß: - - »Wenn i im Bett lieg' und bi krank, - Wer führt mer mei Schätzle zum Tanz; - Und wenn i im Grab lieg' und faule, - Wer kußt no ihr Honigmaule?« - -Tränen traten ihr in die sonst so fröhlichen Augen, als sie bedachte, -wie leicht der Junker seinem Liebchen hätte wegsterben können, und -wie sie dann so einsam und ohne Liebe gewesen wäre, und doch war sie -gewiß recht schön und eines vornehmen reichen Ritters Kind. Doch ist -nicht der Junker noch viel schlimmer daran? dachte das gutherzige -Schwabenkind weiter; dem Fräulein hat ja der Vater jetzt Nachricht von -ihm gebracht, aber er, er wußte ja seit vielen Tagen kein Wörtchen von -ihr; denn früher wußte er nichts von sich selbst, und seit er wieder -ganz bei Leben war, konnte er auch nichts wissen; darum hatte er wohl -die Binde, die er gewiß von ihr hatte, so beweglich angeschaut und ans -Herz und den Mund gedrückt? Sie nahm sich vor, ihm zu erzählen, was -in jener Nacht vorgegangen sei; vielleicht ist es ihm doch ein Trost, -dachte sie. - -Georg hatte bemerkt, wie die fröhliche Miene des spinnenden Bärbeles -nach und nach ernster geworden war, wie sie über etwas nachzusinnen -schien, ja er glaubte sogar eine Träne in ihrem Auge bemerkt zu haben. -»Was hast du, Mädchen,« fragte er, als die Mutter gerade das Zimmer -verlassen hatte; »warum wirst du auf einmal so still und ernst und -netzest ja sogar deine Fäden mit Tränen?« - -»Send denn Ihr so lustig, Junker?« fragte Bärbele und sah ihm recht -fest ins Auge; »i han g'moint, es sei vorig ebbes aus Eure Auga -g'rollt, was selle Binde dort g'netzt hot. Sell hent Er gewiß vo Eurem -Schätzle, und jetzt tuet Uichs loid, daß Er et bei er send.« - -Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben, denn der junge Mann errötete -tief über ihre Frage. »Du hast vielleicht recht,« sagte er lächelnd, -»doch bin ich deswegen nicht gar zu traurig, ich werde sie bald -wiedersehen.« - -»Ach, was des für a Freud sein wird in Lichtastoi!« entgegnete Bärbele -mit einem schelmischen Seitenblick. - -Georg erstaunte; sollte ihr der Vater von dem Geheimnis seiner Liebe -etwas gesagt haben? »In Lichtenstein?« fragte er sie, »was weißt du von -mir und Lichtenstein?« - -»Ach, i mag's dem gnädigen Fräule wohl gönna, daß se wieder a Mol a -Freud hot; mer hot mer g'sait, se häb rechtschaffa g'jommeret, wie Er -so krank gwe send.« - -»Gejammert, sagst du?« rief Georg, indem er aufsprang und zu ihr trat. -»So wußte sie um meine Krankheit? O sage, was weißt du von Marie? -Kennst du sie? Was sagte der Vater von ihr?« - -»Der Vater hot koi sterbes Wörtle zu mer g'sait, und i wißt au net, -daß es a Fräule von Lichtastoi geit, wenn et mei Bas ihr Amm wär. Aber -Er müeßet mer's et übel nemma, Junker, dasse a bissele g'horcht hau; -gucket, des Ding ist so ganga.« Sie erzählte dem Junker, wie sie hinter -das Geheimnis gekommen sei, und daß der Vater, wahrscheinlich um guten -Trost zu bringen, nach Lichtenstein gegangen sei. - -Georg wurde schmerzlich bewegt durch diese Nachricht, er hatte bis -jetzt geglaubt, Marie werde die Nachricht seines Unfalls zugleich mit -der tröstlichen Kunde seiner Genesung erhalten, und jetzt mußte er -erfahren, daß sie mehrere bange Tage in Ungewißheit geschwebt habe: -in der schrecklichen Ungewißheit, ob er nicht hier noch entdeckt -werde, ob er gerettet werde, ob sie ihn je wiedersehen würde; er -kannte ihr treues Herz, und wie lebhaft konnte er sich ihren Kummer -denken! Wahrlich, sein eigenes Unglück schien ihm gering und nicht zu -beachten, wenn er sich den Jammer des teuren Mädchens vorstellte. -Wie viel hatte sie in Ulm gelitten, wie schmerzlich war ihr der -Abschied von ihm geworden; und kaum hatte ihr Herz wieder freier -geatmet in dem Gedanken, daß er des Bundes Fahnen verlassen werde, -kaum hatte sie ein wenig heiterer in die Zukunft gesehen, so kam ihr -die Schreckensbotschaft von der tödlichen Wunde. Und dieses alles vor -den Blicken des Vaters verschließen zu müssen, diesen großen Schmerz -allein tragen zu müssen, ohne eine, auch nur _eine_ Seele zu haben, bei -welcher sie weinen, bei welcher sie Trost suchen konnte. Jetzt fühlte -er erst, wie notwendig es sei, schnell nach Lichtenstein zu eilen, und -seine Ungeduld wurde zum Unmut, daß jener sonst so kluge Mann gerade in -diesen kostbaren Augenblicken so lange ausbleibe. - -Das Mädchen mochte seine Gedanken erraten: »I sieh wohl, Er möchtet -gern von uns fort; wenn no der Vater do wär, den alloi fendet Er da Weg -nach Lichtastoi net; Er send koi Witaberger, des merke an der Sproch, -und do kennet Er leicht verirra. Wisset Er was? I lauf em Vater entgege -und mach, daß er bald kommt.« - -»Du wolltest ihm entgegengehen?« sagte Georg, gerührt von der -Gutmütigkeit des Mädchens. »Weißt du denn, ob er schon in der Nähe ist? -Vielleicht ist er noch stundenweit entfernt, und in einer Stunde wird -es Nacht!« - -»Und wär's so Nacht, daß mer da Weg mit de Händ' greifa müeßt, und -müeßt e laufa bis Lichtastoi, i wett's gern dauh, Er kommet jo no -bälder zu --« Errötend schlug sie die Augen nieder, denn trieb sie auch -ihr gutes Herz, sich zum Liebesboten des Ritters anzubieten, so schämte -sie sich doch, jenes zarte Verhältnis, das ihr heute so klar wie noch -nie zuvor einleuchtete, zu berühren. - -»Und willst du mir zulieb gehen bis Lichtenstein, so wäre es ja töricht -von mir, zurückzubleiben und erst deinen Vater zu erwarten. Ich sattle -geschwind mein Roß und reite neben dir her, und du zeigst mir den Weg, -bis ich ihn nicht mehr verfehlen kann.« - -Das Mädchen von Hardt schlug die Augen nieder und spielte mit dem -langen Zopfband. »Aber es wird jo scho en era Stund Nacht,« flüsterte -sie kaum hörbar. - -»Ei, was schadet das? Dann bin ich um den Hahnenschrei in -Lichtenstein,« antwortete Georg; »du wolltest dich ja vorhin selbst bei -Nacht und Nebel auf den Weg machen.« - -»Ja, i wohl,« entgegnete Bärbele, ohne aufzusehen, »aber Euch ist's -gewiß et g'sund, wo ner erst krank gwä sent, so in der kühla Nacht en -Weg von sechs Stund z'macha.« - -»Das kann ich nicht beachten,« rief Georg, »und die Wunde ist ja -geheilt, ich bin gesund wie zuvor: nein! rüste dich immer, gutes Kind, -wir brechen sogleich auf, ich gehe, mein Pferd zu satteln.« Er nahm den -Zaum von einem Nagel an der Wand, wo er aufgehängt war, und schritt zur -Türe. - -»Herr! Euer Gnaden!« rief ihm das Mädchen ängstlich nach; »lasset's -lieber geh. Gucket, 's tuet se et, daß mer so selbander in der Nacht -fortganget. D'Leut in Hardt send so gar wunderlich, und mer tät mer -gewiß ebbes abhänga, wenne -- Wartet lieber bis morga früh, so wille -Uich meinetwega führa bis Pfullinga.« - -Der Junker ehrte die Gründe des guten Mädchens und hing schweigend -den Zaum wieder an die Wand. Es möchte ihm freilich lieber gewesen -sein, wenn die Leute von Hardt weniger geneigt wären, Böses zu denken; -doch es war hier nichts zu tun, als sich schweigend in sein Schicksal -zu ergeben. Er beschloß daher, diesen Abend und die folgende Nacht -noch auf den Pfeifer zu warten; käme er nicht, so wollte er mit dem -frühesten Morgen zu Pferd sein und unter Leitung seiner schönen Tochter -nach Lichtenstein aufbrechen. - - - - -17. - - Die linden Lüfte sind erwacht, - Sie säuseln und weben Tag und Nacht, - Sie schaffen an allen Enden. - O frischer Duft, o neuer Klang! - Nun, armes Herze, sei nicht bang! - Nun muß sich alles, alles wenden. - - _Uhland._ - - -Aber der Pfeifer von Hardt kehrte auch in dieser Nacht nicht nach Haus -zurück, und Georg, der seine Sehnsucht nach der Geliebten nicht mehr -länger zügeln konnte, sattelte, als der Morgen graute, sein Pferd. Die -runde Frau hatte nach einigen harten Kämpfen mit ihrem Töchterlein -erlaubt, daß sie den Junker geleiten dürfe. Sie wußte zwar, daß ein so -unerhörtes Ereignis viele Abende zur Unterhaltung in den Spinnstuben -von Hardt dienen werde, und sah es deswegen nicht ganz gerne; wenn sie -aber bedachte, wieviel ihrem Eheherrn an dem jungen Ritter gelegen -sein müsse, weil er ihn in sein Haus aufgenommen und wie einen Sohn -gepflegt hatte, so glaubte sie doch, diesen letzten Dienst ihrem Gast -nicht abschlagen zu dürfen; doch machte sie die Bedingung, daß Bärbele -vorausgehen und ihn eine Viertelstunde hinwärts an einem Markstein -erwarten müsse. - -Georg nahm gerührt Abschied von der stattlichen, runden Frau, die ihm -zu Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsstaat prangte; er hatte -in den geschnitzten Schrank einen Goldgulden gelegt, ein wichtiges -Geschenk für die damalige Zeit und eine bedeutende Summe für die -Reisekasse Georgs von Sturmfeder. Der Pfeifer von Hardt soll übrigens -nie etwas von diesem Depositum erfahren haben; sei es nun, daß die -gute runde Frau den Goldgulden nicht gefunden hat, oder daß sie ihrem -Eheherrn nichts davon berichtete, aus Angst, er möchte den Junker durch -die Rückgabe des Geschenkes beleidigen. Nur soviel ist gewiß, daß die -Frau des Spielmanns kurze Zeit nach diesem Vorfall mit einem nagelneuen -Rock in der Kirche erschien, zur Verwunderung aller Weiber in der -Gegend, und daß ihre Tochter Bärbele ein schönes Mieder von feinem Tuch -mit Goldborden auf der nächsten Kirchweih trug, das man früher nie an -ihr gesehen. Auch soll sie jedesmal errötet sein, wenn die Mädchen das -neue Mieder befühlten und lobten. Welch großen Staat konnte man in den -guten Zeiten um einen Goldgulden machen! - -Georg fand seine Führerin auf dem bezeichneten Markstein sitzend. Sie -sprang auf, als er herankam, und ging mit raschen Schritten neben ihm -her. Das Mädchen kam ihm heute noch viel hübscher vor als gestern. -Ihre Wangen hatte der frische Aprilmorgen mit hohem Rot bedeckt, und -ihre Augen glänzten freundlich. Ihre Tracht eignete sich ganz gut zu -einem weiten Marsch, denn das kurze Röckchen hinderte den Fuß nicht, -flink auszuschreiten. Sie hatte ein Körbchen an den Arm gehängt, als -wolle sie zum Markt in die Stadt gehen. Sie trug aber weder Gemüse noch -Früchte darin, was sie wohl sonst in die Stadt zu bringen pflegte, -sondern ein Regentuch, mit dem sie sich gegen die wechselnden Launen -eines Apriltages versehen hatte. Der Junker dachte bei sich, als sie -so schmuck und rüstig neben ihm hinging, daß das Mädchen wohl einmal -eine gute tüchtige Hausfrau zu werden verspreche, und pries den jungen -Burschen glücklich, der einst das Kleinod des Spielmannes von Hardt für -sich gewinnen werde. - -Sie hatte unstreitig viel von dem lebhaften Geiste ihres Vaters geerbt; -denn, wie auch jener bei der Reise über die Alb seinem vornehmen -Gefährten durch Erzählungen und Hindeutungen auf die Gegend den Weg zu -verkürzen bemüht gewesen war, so wußte auch sie, so oft das Gespräch -zu stocken begann, entweder auf einen schönen Punkt in den Tälern und -Bergen umher aufmerksam zu machen, oder sie teilte ihm unaufgefordert -eine und die andere Sage mit, die sich an ein Schloß, an ein Tal oder -einen Bach knüpfte. - -Sie wählte meistens Nebenwege und führte den Reiter höchstens zwei- bis -dreimal durch Dörfer, von zwei zu zwei Stunden aber machten sie Halt. -Endlich nach vier solchen Stationen sah man in der Entfernung von einer -kleinen halben Stunde ein Städtchen liegen; der Weg schied sich hier, -und ein Fußpfad führte links ab in ein Dorf. An diesem Scheidepunkt -blieb das Mädchen stehen und sagte: »Was Er dort sehet, ist Pfullinga, -von dort kann Uich jedes Kind da Weg nach Lichtestoi zeiga.« - -»Wie? Du willst mich schon verlassen?« fragte Georg, der sich an die -munteren, sinnigen Reden seiner Begleiterin so gewöhnt hatte, daß ihn -der Abschied überraschte. »Warum gehst du nicht wenigstens mit mir bis -Pfullingen? Dort kannst du in der Herberge etwas essen und trinken; du -willst doch nicht geradezu nach Hause laufen?« - -Das Mädchen suchte freundlich auszusehen und zu scherzen, doch -konnte sie einen schmerzlichen Zug um den Mund und trübe Augen nicht -verbergen; denn wohl mochte auch ihr die Nähe ihres schönen Gastes -teurer geworden sein, als sie vielleicht selbst wußte. »Do mueß i von -Uich gehe, gnädiger Herr,« sagte sie, »so gern i au no weiters mitging; -aber d'Mueter will's so; dort in dem Dörfle am Berg hanne a Baas und -bei der bleibe heut, und morga gange wieder nach Hardt. Jetzt b'hüet -Uich Gott der Herr und d'heilig Jungfrau, und älle seine Heilige nemmet -Uich in Schutz. Grüeßet mer de Vater und au,« setzte sie lächelnd -hinzu, indem sie schnell eine Träne abschüttelte, »grüeßet mer sell -Frähla, die Er so gern hent.« - -»Dank dir, Bärbele,« entgegnete Georg und reichte ihr die Hand zum -Abschied vom Pferd herab. »Ich kann dir deine treue Pflege nicht -vergelten; aber wenn du nach Haus kommst, so schau' in den geschnitzten -Schrank, dort wirst du etwas finden, das vielleicht zu einem neuen -Mieder oder zu einem Röckchen für den Sonntag reicht. Nun, und wenn -du es dann zum erstenmal anhast und dein Schatz dich darin küßt, so -gedenke an Georg von Sturmfeder!« - -Der junge Mann gab seinem Pferde die Sporen und trabte über die grüne -Ebene hin dem Städtchen zu. Zweihundert Schritte weit entfernt schaute -er sich noch einmal nach der Tochter des Spielmannes um. Sie stand -noch dort, wo er sie verlassen hatte, im roten Mieder, im kurzen -Röckchen, mit langen Zöpfen und weißen Strümpfen; sie war es und keine -andere; aber sie hielt die Hand vor die glänzenden Augen, und Georg war -ungewiß, ob sie die Strahlen der Sonne dadurch abhalten wolle, indem -sie ihm nachblickte, oder ob sie vielleicht jene Träne verwische, die -er in ihren Wimpern blinken sah, als sie Abschied nahm. - -Bald war er am Tor der kleinen Stadt angelangt. Er fühlte sich ermüdet -und durstig und fragte daher auf der Straße nach einer guten Herberge. -Man wies ihn nach einem kleinen düsteren Haus, wo ein Spieß über der -Türe und ein Schild, mit einem springenden Hirsch geziert, zur Einkehr -einluden. Ein kleiner barfüßiger Junge führte sein Pferd in den Stall, -ihn selbst aber empfing in der Türe eine junge, freundliche Frau und -führte ihn zur Trinkstube. - -Es war dies ein weites, finsteres Zimmer, an dessen Wänden sich -schwere eichene Tische und Bänke hinzogen. Die ungeheure Mengen von -Kannen und Bechern, die blank gescheuert von den Gestellen am Getäfel -herabblinkte, bewies, daß die Herberge zum Hirsch sehr besucht sein -müsse. In der Tat saßen auch, obgleich es erst Mittag war, schon viele -Gäste beim Wein. Sie schauten den stattlichen jungen Ritter prüfend an, -als er an ihren Tischen vorüber zum Ehrenplatz, in ein sechseckiges, -wie eine Laterne aus lauter Fenstern erbautes Erkerlein geführt wurde; -doch ließen sie sich in ihrem Gespräch durch den vornehmen Gast nicht -lange stören, sondern schwatzten weiter über Krieg und Frieden, über -Schlachten und Belagerungen, wie ehrsame Spießbürger in so unruhigen -Zeiten, wie Anno 1519, zu tun pflegten. - -Die Wirtin schien an ihrem Gast Gefallen zu finden. Sie schaute mit -lächelnder Miene nach ihm herüber, wenn sie am Erkerlein vorbeiging, -und als sie ihm eine Kanne alten Heppacher und einen silbernen -Becher vorsetzte, zog sich ihr etwas großer Mund zu holdseliger -Freundlichkeit. Sie versprach ihm auch, ein junges Huhn zu braten -und einen Tisch zu decken, wenn er sich nur ein wenig gedulden -wolle; einstweilen solle er sich den Wein gut bekommen lassen. Das -laternenförmige Erkerlein lag um zwei Stufen höher als die übrige -Trinkstube; Georg konnte daher mit Muße die Tische übersehen und -trinkend die Gäste mustern. Obgleich er nicht viel in Herbergen und -Weinstuben sich herumzutreiben pflegte, so hatte er doch, vielleicht -dadurch, daß er weniger sprach als beobachtete, einen eigenen Takt -in Beurteilung solcher Umgebungen gewonnen, der ihn auch bei seinen -jetzigen Beobachtungen unterstützte. - -Die Gesellschaft, die um einen der großen eichenen Tische saß, bestand -aus etwa zehn bis zwölf Männern. Sie unterschieden sich auf den ersten -Anblick nicht sehr voneinander; große Bärte, kurze Haare, runde Mützen, -dunkle Wämser gehörten dem einen so gut wie dem andern an; doch -sonderte ein schärferer Blick bald vorzüglich drei von den übrigen. Der -eine -- er saß Georg am nächsten, war ein kleiner, fetter, freundlicher -Mann. Sein Haar war im Nacken etwas länger als das der anderen, er -hatte es sorgfältiger gekämmt, auch schien sein dunkler Bart besser -gepflegt zu sein. Ein Mantel von feinem schwarzem Tuch und ein Filzhut -mit spitzigem Kopf und breiter Krempe, die hinter ihm an einem Nagel -hingen, bezeichneten einen Mann von einigem Gewicht, vielleicht gar -einen Ratsherrn. Er mochte auch eine bessere Sorte trinken als die -übrigen, denn er schlürfte bedächtig, und wenn er mit dem Deckel an -seinem Krug das Zeichen gab, daß er leer sei, tat er dies mit einem -gewissen Anstand und vernehmlicher als die übrigen. Er sah bei allem, -was gesprochen wurde, überaus fein und listig aus, als wisse er noch -manches, ohne es gerade hier preisgeben zu wollen. Auch hatte er das -Vorrecht, das Kellnermädchen in die Wangen zu kneipen oder ihren runden -Arm zu »tätscheln«, wenn sie ihm die gefüllte Kanne brachte. - -Ein anderer Mann, der am entgegengesetzten Ende des Tisches saß, stach -nicht minder gegen seine Umgebung ab als der Fette; alles war an ihm -länglich und hager. Sein Gesicht, von der Stirne bis zu dem langen, -zugespitzten Kinn, maß wohl eine gute Mannesspanne; seine Finger, mit -welchen er auf dem Tische den Takt eines Liedes spielte, das er leise -vor sich hinpfiff, hatten etwas Spinnenartiges, und als sich Georg -einmal zufällig bückte, gewahrte er zu seinem großen Erstaunen, daß -der hagere Mann lange, dünne Beine beinahe unter dem ganzen Tisch -hin ausgestreckt hatte. Er hatte um seine Nase etwas Hochfahrendes, -das sich auch in der Art, wie er allem, was die Bürger vorbrachten, -widersprach, ausdrückte; er sah aus wie einer, der viel mit vornehmen -Herren umgegangen ist, ihre Art und Weise angenommen hat, aber doch -nicht recht bequem damit zurechtkommt. Er konnte nicht aus dem -Städtchen sein, denn er hatte die Wirtin nach seinem Pferd gefragt. -Nach Georgs Mutmaßungen war er ein reisender Arzt, wie sie zu jener -Zeit im Lande umherzogen, um die Menschen künstlich umzubringen. - -Der dritte Mann, der dem Gast im Erker auffiel, sah etwas zerrissen und -zerlumpt aus; er hatte übrigens etwas Bewegliches, Listiges in seinem -Wesen, das ihn von der gutmütigen, behaglichen Ruhe der Spießbürger -merklich unterschied. Er hatte über dem einen Auge ein großes Pflaster, -das andere aber blickte kühn und offen um sich. Ein großer Reisestock -mit eiserner Spitze, der neben ihm lag, und sein lederbesetzter Rücken, -worauf er gewöhnlich einen Korb oder eine Kiste tragen mochte, ließen -schließen, daß er entweder ein Bote sei oder wahrscheinlicher noch -einer jener herumziehenden Krämer, die auf Märkte und Kirchweihen, -nebst wunderbaren Nachrichten aus fernen Landen, für die Weiber -wirksame Mittel gegen verhextes Vieh und für die Mädchen schöne bunte -Bänder und Tücher bringen. - -Diese drei waren es auch, die das Gespräch führten, das nur hin und -wieder durch einen Ausruf der Verwunderung oder durch ein Klopfen mit -den Krugdeckeln von den übrigen ehrsamen Bürgern unterbrochen wurde. - -Diese Männer handelten übrigens eine Materie ab, die Georgs Interesse -sehr in Anspruch nahm: sie sprachen über die Unternehmungen des -Bundes im württembergischen Unterland. Der Krämer mit dem ledernen -Rücken hatte erzählt, daß Möckmühl, worin sich Götz von Berlichingen -eingeschlossen, von den Bündischen erstürmt und jener tapfere Mann -gefangen worden sei.[23] - -Der Ratsherr hatte zu dieser Nachricht listig gelächelt und einen -guten Zug von seiner besseren Sorte getrunken; der Hagere ließ aber -den Lederrücken nicht aussprechen, er schlug den Takt mit den langen -Fingern etwas vernehmlicher und sagte mit hohler Stimme: »Das ist -erstunken und erlogen, Freund! seht, das ist gar nicht möglich, denn -der Berlichingen versteht die schwarze Kunst und ist fest, das muß ich -wissen, und überdies hat er allein mit seiner eisernen Hand in mancher -Schlacht zweihundert Mann maustot geschlagen, was wird er sich denn -fangen lassen?« - -»Mit Verlaub,« unterbrach ihn der fette Herr, »dem ist nicht also, -sondern Götz ist in der Tat gefangen und sitzt in Heilbronn. Aber -nicht, weil er erlegen ist, denn sein Schloß in Möckmühl ist nicht -erstürmt worden, sondern die Bündischen haben ihm und den Seinigen -freien Abzug versprochen; wie er aber aus dem Tor kam, wurde er -überfallen, seine Knechte getötet und er gefangen. Seht, das ist nicht -recht, und da hat der Bund schändlich gehandelt.« - -»Da muß ich doch bitten, Herr!« sprach der Lange, »daß man nicht also -von den Bundesobersten spricht; ich kenne viele Herren davon genau, wie -zum Beispiel Herr Truchseß von Waldburg mein geneigter Herr und Freund -ist.« - -Der fette Herr schien etwas erwidern zu wollen, spülte aber das, was -ihm auf der Zunge lag, mit einigem Wein hinunter. Jedoch die Bürger -brachen bei Erwähnung so vornehmer Bekanntschaften in ein Gemurmel des -Staunens aus und lüfteten ehrerbietig ihre Mützen. - -»Nun, wenn Ihr bei dem Bunde so gut bekannt seid,« sagte der Zerlumpte -mit etwas trotziger Miene, »so werdet Ihr uns die beste Nachricht geben -können, wie es um Tübingen aussieht.« - -»Es pfeift auf dem letzten Loche,« antwortete der Gefragte; »ich war -vor kurzer Zeit dort und sah die fürtrefflichen und schrecklichen -Anstalten zur Belagerung.« - -»Ei, -- So, -- Wie,« flüsterten die Bürger und rückten näher zusammen, -als erwarteten sie wichtige Kunde. - -Der hagere Mann lehnte sich an die Lehne seines Stuhles zurück, steckte -die langen Finger in die Degenkuppel, streckte die Beine um einige -Zoll länger aus und sprach: »Ja, ja, ihr Leute, dort sieht es arg aus; -alle Ortschaften in der Nachbarschaft sind in großem Schaden, denn die -Obstbäume sind alle abgehauen, man schießt mit aller Macht auf Stadt -und Schloß, und die Stadt hat sich schon ergeben; im Schloß liegen -vierzig Ritter, aber sie können die paar Mäuerlein nicht mehr lange -halten!« - -»Was? Ein paar Mäuerlein?« rief der fette Herr und setzte seine Kanne -klirrend auf den Tisch. »Wer je das Schloß von Tübingen gesehen hat, -kann nicht von ein paar Mäuerlein reden. Hat es nicht auf den Seiten, -wo es an den Berg stößt, zwei tiefe Graben, daß die Bündler mit keiner -Leiter hinauf können, und Mauern zwölf Schuh dick, und Türme, aus -welchen sie ihre Feldschlangen nicht übel spielen lassen?« - -»Umgeschossen, umgeschossen!« rief der lange Mann mit so greulich -hohler Stimme, daß die erschrockenen Bürger die Türme von Tübingen -krachen zu hören glaubten; »den neuen Turm, den der Ulrich neulich -aufbaute, hat der Frondsberg umgeschossen, wie wenn er nie dagestanden -wäre.«[24] - -»Aber damit ist noch nicht alles hin,« antwortete der Zerlumpte. »Und -die Ritter machen Ausfälle aus dem Schloß und haben schon manchen auf -dem Wörth am Neckar schlafen gelegt. Und dem Frondsberg haben sie den -Hut vom Kopf geschossen, daß er heute noch Ohrensummen hat.«[25] - -»Da seid Ihr falsch berichtet,« sprach der Hagere nachlässig; -»Ausfälle? Dafür haben die Belagerer leichte Reiter wie die Teufel; -es sind Griechen, ich weiß nicht vom Ganges oder Epiros, man heißt -sie Stratioten; die haben einen Obersten, den Georg Samares, der läßt -keinen Hund aus dem Loch ausfallen.«[26] - -»Der hat halt auch ins Gras beißen müssen,« entgegnete der zerlumpte -Mann mit einem höhnischen Seitenblicke; »die Hunde, wie Ihr sie nennt, -sind dennoch ausgefallen, obgleich der Grieche vor dem Loch stand, und -haben ihn gebissen und gefangen, und --« - -»Gefangen? Den Samares?« rief der Lange, aus seiner vornehmen Ruhe -aufgeschreckt; »Freund, das habt Ihr falsch gehört!« - -»Nein,« antwortete jener sehr ruhig, »ich habe die Glocken läuten -hören, als man ihn in Sankt Jörgenkirche begraben hat.« - -Die Bürger schauten aufmerksam nach dem langen Fremden, um zu -erforschen, was für einen Eindruck diese Nachricht auf ihn mache. Er -ließ seine buschigen Augenbrauen herab, daß von seinen Augen nichts -mehr zu sehen war, zwirbelte seinen langen dünnen Knebelbart, schlug -mit der knöchernen Hand auf den Tisch und sagte: »Und wenn sie ihn auch -in zehn Stücke zerhauen hätten, den Griechen, es hilft doch nichts! das -Schloß muß über, da hilft nichts, und hat man Tübingen, dann gute Nacht -Württemberg! Der Ulrich ist zum Land hinaus, und meine gnädigen Herren -und Gönner sind Meister.« - -»Wer steht Euch davor, daß er nicht wiederkommt? Und dann? -- --« sagte -der kluge, fette Herr und klappte den Deckel zu. - -»Was? Wiederkommen!« schrie jener, »der Bettelmann! Wer sagt das, daß -er wiederkommt? Wer wagt es? He?« - -»Was geht es uns an?« murmelten die Gäste unmutig, »wir sind friedliche -Bürger, uns ist's einerlei, wer Herr im Land ist, wenn nur die Steuern -anders werden. -- Wenn man in der Herberg ist, wird doch auch noch ein -Wort erlaubt sein.« So sprachen sie, und der Hagere schien zufrieden, -daß ihm keiner etwas Ernstliches entgegnete. Er sah einen um den andern -mit stechendem Blicke an, zog dann sein Gesicht in freundlichere Falten -und sagte: »Es war nur zur Erinnerung, daß wir den Herzog fürder nicht -mehr brauchen; mein' Seel', mir ist er wie Gift und Operment, darum -gefällt mir auch das Paternoster so gut, das einer auf ihn gemacht -hat;[27] ich will es einmal singen.« Die Bürger sahen finster vor sich -hin und schienen nicht sehr begierig auf den Spottgesang, der ihrem -unglücklichen Herzog galt. Jener aber befeuchtete seine Kehle mit einem -guten Trunk und sang mit heiserer, unangenehmer Stimme: - - »Vater Unser, - Reutlingen ist unser: - Der du bist, - Eßlingen hat nicht lange Frist. - Geheiligt werde dein Nam', - Heilbronn und Weil wollen wir han; - Zukomm' uns dein Reich, - Ulm sieht uns auch gleich; - Dein Will' geschehe, - Die Münz hat gereit ein anderes Geprähe; - Unser täglich Brot, - Wir haben Geschütz für alle Not; - Gib uns heut, und vergib uns unsere Schuld, - Wir haben des Königs in Frankreich Huld; - Als wir vergeben unseren Schuldigern, - Wir wollen dem Bund das Maul zusperr'n! - Laß uns nicht versucht werden, - Wir wollen bald Kaiser werden. - Sondern erlös' uns vom Uebel. Amen. - So behalten wir des Kaisers Namen.« - -Er schloß seinen Gesang mit einem fatalen, zitternden Schnörkel, -der weiter keinen Effekt hervorbrachte, als daß die Bürger einander -heimlich anstießen und über die jämmerlichen Töne des Sängers die -Achsel zuckten. Er aber schaute stolz in dem Kreise umher, als wolle er -in den Mienen seiner Zuhörer den gerechten Beifall lesen. - -»Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen,« sagte der Zerlumpte; »so -fein kann ich's nicht, aber doch weiß ich auch ein neues Lied und will -es mit Eurem Verlaub singen.« - -Der Hagere sah ihn scheel und spöttisch an, die Bürger aber nickten ihm -zu, und er begann mit einem angenehmen Tenor, indem er die Augen halb -zuschloß, aber doch hin und wieder auf den jungen Mann hinüberschielte, -als beobachte er, welchen Eindruck sein Gesang mache:[28] - - »O weh, wo bleibet deine Kraft, - Württemberg, du arme Landschaft; - Ich klag' dich billig hart und sehr, - Denn der Bader von Ulm, der ist dein Herr. - - Der zu Nürnberg die Wetschger macht, - Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht, - Der Salzsieder von Schwäbisch Hall, - Von Ravensburg die Krämer all. - - Von Rotweil die neuen Schweizerknaben - Wollten der Gans auch ein Feder haben, - Und der Schneider von Memming ist in der Sach' - Und auch der Kürschner von Biberach.« - -Lärmender Beifall und Gelächter unterbrach den Sänger; sie langten über -den Tisch herüber, schüttelten dem Zerlumpten die Hand und lobten sein -Lied. Der Hagere sprach kein Wort, sondern warf finstere Blicke auf -die Gesellschaft; man war ungewiß, ob er den Beifall des Zerlumpten -beneidete, oder ob der Gegenstand des Liedes ihn beleidigte. Der fette -Herr aber sah ungemein klug aus, brummte die Weise des Liedes mit und -nickte bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt. - -Der Sänger mit dem ledernen Rücken fuhr fort: - - »Den Saymer von Kempten ich euch meld' - Und Holzhauer von dem Herdtfeld - Und andere, die ich nit nennen will, - Der Haufen ist groß und wird gar zu viel. - - Und auch der ist in dem Strauß, - Der richt' alles mit Ungeld aus, - Ich mein' Junker Ermlich und sein Gesind, - Des reichen Barchetwebers Kind.« - -»Daß Euch der Kuckuck in den Hals fahr', Ihr Lumpenhund!« fuhr der -lange Mann auf, als er die letzten Worte hörte. »Ich weiß wohl, wen -Ihr mit dem Barchetweber meint; meinen gnädigen Gönner, den Herrn -von Fugger. Den soll mir ein solcher Landläufer verunglimpfen?« Er -begleitete diese Worte mit einem ausdrucksvollen Mienenspiel und mit -schrecklicher Gebärde. - -Doch der mit dem ledernen Rücken ließ sich nicht einschüchtern; er -stellte seine ungemein muskulöse Faust vor sich hin und sagte: »Den -Landläufer könnt Ihr für Euch behalten, Herr Calmus, man weiß wohl, wer -Ihr seid; und wenn Ihr nicht augenblicklich Euer Maul haltet, so will -ich Euch Eure Rührlöffel-Arme vom Leibe schlagen.« - -Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst, daß er in so gemeine -Gesellschaft geraten sei; er zahlte seinen Wein und ging vornehmen -Schrittes aus der Trinkstube. - - - - -18. - - Weh mir, ich habe die Natur verändert. - Wie kommt der Argwohn in die freie Seele? - Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin, - Denn alles log mir, was ich hochgeachtet. - - _Schiller._ - - -Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte, sahen die Gäste erstaunt -einander an; es war ihnen zu Mut, als hätten sie ein schweres Gewitter -aufsteigen sehen, es hätte gekracht, als ob die Erde bersten wolle, ja, -als wäre ein erschrecklicher, tötender Blitz auf sie herabgefahren, und -siehe da, es war nur ein »kalter Schlag«. Dem Mann mit dem Lederrücken -dankten sie, daß er den ungezogenen, übermütigen Gast so schnell -entfernt habe, und fragten, was er wohl von dem hageren Fremden wisse? - -»Den kenne ich wohl,« antwortete dieser; »das ist unseres Herrgotts -Tagdieb, ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen verkauft gegen -die Pest, den Hunden den Wurm schneidet und die Ohren stutzt, die -Mädchen von dicken Hälsen befreit und den Weibern Augenwasser gibt, -daß sie blind werden. Er heißt eigentlich Kahlmäuser, aber weil er ein -Gelehrter sein will, heißt er Doktor Calmus. Er nistet sich bei allen -großen Herren ein, und wenn ihn einer einmal einen Esel geheißen hat, -so meint er schon, er sei sein bester Freund.« - -»Mit dem Herzog muß er aber nicht gut stehen,« bemerkte der schlaue -Herr; »denn er hat doch lästerlich über ihn geschimpft.« - -»Ja, mit Herrn Ulrich steht er freilich nicht gut; das ging aber so: -der Herzog hatte einen schönen dänischen Jagdhund, der hatte sich im -Schönbuch einen Dorn tief in die Pfote getreten. Den Herzog dauerte -der Hund; er forschte nach einem geschickten Mann, der das Tier heilen -könnte, und zufällig war der Kahlmäuser da und bot sich mit wichtigem -Gesicht dazu an. Er bekam im Schloß in Stuttgart alle Tage gut zu -essen und eine Maß Wein; das schmeckte ihm nun so gut, daß er über -ein Vierteljahr an der Hundspfote dokterte. Da ließ ihn eines Tages -der Herzog samt dem Hund rufen und fragte, was er ausgerichtet habe. -Er soll viel gelehrtes Zeug geschwatzt haben, doch der Herr hat nicht -darauf geachtet, sondern die Pfote selbst untersucht, und da fand es -sich, daß sie schon ganz schwarz und brandig war. Da nahm der Herzog -den Kahlmäuser, so lang er war, trug ihn an die lange Treppe, auf der -man bis in den zweiten Stock hinaufreiten kann, und warf ihn hinunter, -daß er halb tot unten ankam. Und seit der Zeit ist der Doktor Calmus -nicht gut auf den Herzog zu sprechen. Andere sagen auch, er sei der -Kundschafter gewesen zwischen dem Hutten und der Frau Sabina und habe -nur deswegen den Hund übernommen, weil er dadurch ins Schloß kam.« - -»So? Mit dem Hutten hat er es gehalten?« sagte einer der Bürger. »Das -hätten wir wissen sollen, so hätten wir ihm das Fell recht gegerbt, dem -Lumpendoktor! Der Hutten ist doch an all dem unseligen Kriege schuld -mit seiner Liebelei, und der dürre Kahlmäuser hat ihm dazu geholfen!« - -»~De mortuis nil nisi bene~; man muß die Toten schonen, sagen die -Lateiner,« entgegnete der fette Herr; »der arme Teufel hat es mit dem -Leben teuer genug bezahlt.« - -»Aber es ist ihm recht geschehen,« rief jener Bürger mit großer Hitze; -»an des Herzogs Stelle hätt' ich's gerade auch so gemacht, ein jeder -Mann muß sein Hausrecht wahren.« - -»Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd?« fragte der fette Herr -mit überaus schlauem Lächeln. »Da habt Ihr die beste Gelegenheit; ein -Schwert habt Ihr ja, und eine Eiche wird sich auch finden, wohin Ihr -seinen Leichnam hängen könnet.« - -Ein schallendes Gelächter der Bürger von Pfullingen belehrte den Gast -im Erker, daß jener eifrige Verteidiger des Hausrechts in seinem -eigenen Hause nicht so ganz strenge Justiz üben müsse. Er errötete und -murmelte einige unverständliche Worte in seinen Becher hinein. - -Der Zerlumpte aber, der als Fremder nicht mitlachen wollte, nahm sich -seiner an: »Jawohl hat der Herzog ganz recht gehabt; denn er hätte den -Hutten auf der Stelle hängen können, ohne daß er erst mit ihm focht; er -ist ja Freischöff vom westfälischen Stuhl, vom heimlichen Gericht und -darf einen solchen Ehrenschänder ohne weiteres abtun. Und er hatte die -besten Beweise gleich bei der Hand; kennt Ihr das schöne Liedlein? Ich -will einmal ein paar Verse daraus singen: - - Und im Wald er sich zum Hutten wandt': - ›Was flimmert dort an deiner Hand?‹ -- - ›Herr Herzog, 's ist ein Ringelein, - Das hab' ich von meiner Liebsten fein.‹ - - ›Ei, Hans, du bist ein stattlich Mann, - Hast auch ein gülden Kettlein an!‹ -- - ›Das hat mir auch mein Schatz geschenkt, - Zum Zeichen, daß sie mein gedenkt.‹ - -Dann heißt es weiter: - - O Hutten, gib dei'm Gaul die Sporn, - Des Herzogs Auge rollt voll Zorn, - O Hutten, fleuch, noch ist es Zeit, - Er reißt das Schwert schon aus der Scheid'.« - -»Laßt es lieber gut sein,« unterbrach ihn der fette Herr mit ernster -Miene; »es ist nicht gut, daß man in solchen Zeiten dies Lied in -der Herberge singt; dem Herzog kann es nicht mehr nützen, und die -Bündischen sind rings um uns; es könnte leicht einer etwas davon -hören,« setzte er mit einem stechenden Blick auf Georg hinzu, »und dann -hieße es gleich: Pfullingen zahlt hundert Gulden Brandsteuer mehr.« - -»Weiß Gott, Ihr habt recht,« sagte der Zerlumpte; »es ist nicht mehr -wie früher, wo man ein freies Wort sprechen und singen durfte beim -Wein in der Trinkstube; da muß man immer umschauen, ob nicht dort ein -Herzoglicher und auf der andern Seite ein Bündler sitzt; aber den -letzten Vers will ich noch singen, trotz Bayern und dem Schwabenbund: - - Es steht eine Eich' im Schönbuchwald, - Gar breit in den Aesten und hoch gestalt't; - Die wird zum Zeichen Jahrhunderte stahn; - Dort hing der Herzog den Hutten dran.« - -Er hatte ausgesungen, das Gespräch der Bürger sank jetzt zum Geflüster -herab, und Georg glaubte zu bemerken, daß sie über ihn ihre Glossen -machten. Auch die freundliche Wirtin schien neugierig, zu wissen, wen -sie in ihrem Erkerlein beherberge. Sie setzte die Speisen, die sie -ihm bereitet hatte, vor ihn hin, nachdem sie ein schönes Tafeltuch -über den runden Tisch ausgebreitet hatte; dann nahm sie selbst an -der entgegengesetzten Seite Platz und befragte ihn, wiewohl sehr -bescheiden, über das Woher? und Wohin? - -Der junge Mann war nicht gesonnen, ihr über den eigentlichen Zweck -seiner Reise genaue Auskunft zu geben. Das Gespräch der Gäste an der -langen Tafel hatte ihn belehrt, daß es hier nicht minder gefährlich -sei, zu gar keiner Partei zu gehören, als sich für irgend eine -bestimmt zu erklären, er sagte daher, er komme aus Franken und werde -noch weiter hinauf ins Land, in die Gegend von Zollern reisen, und -schnitt somit jede weitere Frage ab; denn die Wirtin war zu bescheiden, -als daß sie sich den Ort, wohin er gehe, noch näher hätte bezeichnen -lassen. Es schien ihm aber eine gute Gelegenheit, sich nach Marien zu -erkundigen, denn er war glücklich, wenn ihm die Wirtin zum goldenen -Hirsch auch nur ihren Namen nennen, nur den Saum ihres Kleides -beschreiben würde. Er fragte daher nach den Burgen umher und nach den -ritterlichen Familien, die in der Nachbarschaft wohnen. - -Die Wirtin schwatzte gerne. Sie gab ihm in weniger als einer -Viertelstunde die Chronik von fünf bis sechs Schlössern aus der Gegend, -und bald kam auch Lichtenstein an die Reihe. Der junge Mann holte -tiefer Atem bei diesem Namen und schob die Schüssel weit hinweg, um -seine Aufmerksamkeit ganz der Erzählerin zu widmen. - -»Nun, die Lichtensteiner sind gar nicht arm, im Gegenteil, sie haben -schöne Felder und Wälder, und keine Rute Landes verpfändet: da ließe -sich der Alte lieber seinen langen Bart abscheren, obgleich er gar viel -darauf hält und ihn immer streichelt, wenn er mit den Leuten spricht. -Er ist ein strenger, ernster Mann. Was er einmal haben will, das muß -geschehen, und sollte es biegen oder brechen. Er ist auch einer von -denen, die es so lange mit dem Herzog hielten. Die Bündischen werden es -ihm übel entgelten lassen.« - -»Wie ist denn seine ..., ich meine, Ihr sagtet, er habe eine Tochter, -der Lichtenstein?« - -»Nein,« antwortete die Wirtin, indem sich ihr sonst so heiteres Gesicht -in grämliche Falten zog, »von der habe ich gewiß nicht gesprochen, daß -ich es wüßte. Ja, er hat eine Tochter, der gute alte Mann, und es wäre -ihm besser, er führe kinderlos in die Grube, als daß er aus Jammer über -sein einziges Kind abfährt.« - -Georg traute seinen Ohren nicht. Was konnte die Wirtin gerade von -Marien so Arges denken, daß sie den Vater glücklich pries, wenn er -dieses Kind nicht hätte? »Was ist es denn mit diesem Fräulein?« fragte -er, indem er sich vergebens abmühte, recht scherzhaft auszusehen; »Ihr -macht mich neugierig, Frau Wirtin. Oder ist es ein Geheimnis, das Ihr -nicht sagen dürft?« - -Die Frau zum goldenen Hirsch schaute aus dem Erker heraus nach allen -Seiten, ob niemand lausche; aber die Bürger waren ruhig in ihrem -Gespräch begriffen und achteten nicht auf sie, und sonst war niemand in -der Nähe, der sie hören konnte. »Ihr seid ein Fremder,« hub sie nach -diesen Forschungen an, »Ihr reiset weiter und habt nichts mit dieser -Gegend zu schaffen, darum kann ich Euch wohl sagen, was ich nicht jedem -vertrauen möchte. Das Fräulein dort oben auf dem Lichtenstein ist -ein -- ein -- ja bei uns Bürgersleuten würde man sagen, sie ist ein -schlechtes Ding, eine lose Dirne --« - -»Frau Wirtin!« rief Georg. - -»So schreiet doch nicht so, verehrter Herr Gast, die Leute schauen sich -ja um. Meinet Ihr denn, ich sage, was ich nicht ganz gewiß weiß? Denkt -Euch, alle Nacht Schlag elf Uhr läßt sie ihren Liebsten in die Burg. -Ist das nicht schrecklich genug für ein sittsames Fräulein?« - -»Bedenket, was Ihr sprechet! Ihren Liebsten?« - -»Ja leider, nachts um elf Uhr ihren Liebsten. Es ist eine Schande und -ein Spott! Es ist ein ziemlich großer Mann, der kommt, in einen grauen -Mantel gehüllt, ans Tor. Sie hat es zu machen gewußt, daß zu dieser -Zeit alle Knechte vom Tore entfernt sind und nur der alte Burgwart, -der ihr auch in ihrer Kindheit zu allen losen Streichen half, um den -Weg ist. Da kommt sie nun allemal, wenn es drüben in Holzelfingen elf -Uhr schlägt, selbst herunter in den Hof, die Nacht mag so kalt sein, -als sie will, und bringt den Schlüssel zur Zugbrücke, den sie zuvor -ihrem alten Vater vom Bette stiehlt; dann schließt der alte Sünder, der -Burgwart, auf, die Brücke fällt nieder, und der Mann im grauen Mantel -eilt in die Arme des Fräuleins.« - -»Und dann?« fragte Georg, der beinahe keinen Atem mehr in der Brust, -kein Blut mehr in den Wangen hatte, »und dann?« - -»Ja, dann wird Braten, Brot und Wein geholt. So viel ist gewiß, daß -der nächtliche Liebste einen ungeheuren Hunger haben muß, denn er hat -in mancher Nacht einen halben Rehziemer rein aufgezehrt und zwei, drei -Nößel Wein dazu getrunken. Was weiter geschieht, weiß ich nicht. Ich -will nichts vermuten, nichts sagen, aber das weiß ich,« setzte sie mit -einem christlichen Blick gen Himmel hinzu, »beten werden sie nicht.« - -Georg schalt sich nach kurzem Nachdenken selbst aus, daß er nur einen -Augenblick gezweifelt habe, daß diese Erzählung eine Lüge, von irgend -einem müßigen Kopf ersonnen sei; oder, wenn auch etwas Wahres darin -wäre, so konnte es doch nichts sein, das Marien zur Unehre gereicht -hätte. - -Wenn es wahr ist, daß die Liebe eines Jünglings in den guten alten -Zeiten zwar nicht weniger leidenschaftlich war als in unseren Tagen, -aber mehr den Charakter reiner, anbetender Ehrfurcht trug, daß nach -der Sitte der Zeit die Geliebte nicht auf gleicher Stufe mit ihrem -Verehrer, sondern um eine höher stand, wenn wir den romantischen -Erzählungen alter Chroniken und Minnebücher trauen dürfen, die so viele -Beispiele aufführen, daß sich edle Männer, wenn sie in Liebe sind, für -die Treue und Reinheit ihrer Dame auf der Stelle totschlagen lassen, -so ist es nicht zu verwundern, daß Georg von Sturmfeder, wenigstens -auf _diese_ Indizien hin, von Marien nichts Schlechtes denken konnte. -So rätselhaft ihm selbst jene nächtlichen Besuche vorkommen mochten, -so sah er doch klar, es sei weder bewiesen, daß der Vater nichts darum -wisse, noch daß der geheimnisvolle Mann gerade ein Liebhaber sein -müsse. Er trug diese Zweifel auch seiner Wirtin vor. - -»So? Meint Ihr, der Vater wisse um die Geschichte?« sprach sie. »Dem -ist nicht so. Sehet, ich weiß das gewiß, denn die alte Rosel, die Amme -des Fräuleins --« - -»Die alte Rosel hat es gesagt?« rief Georg unwillkürlich. Ihm -war ja diese Amme, die Schwester des Pfeifers von Hardt, so wohl -bekannt. Freilich, wenn diese es gesagt hatte, war die Sache nicht so -zweifelhaft; denn er wußte, daß sie eine fromme Frau und dem Fräulein -sehr zugetan war. - -»Ihr kennt die alte Rosel?« fragte die Wirtin, erstaunt über den Eifer, -womit ihr fremder Gast nach dieser Frau fragte. - -»Ich? Sie kennen? Nein, erinnert Euch nur, daß ich heute zum erstenmal -in diese Gegend komme. Nur der Name Rosel fiel mir auf.« - -»Sagt man bei Euch nicht so? Rosel heißt Rosina bei uns, und so nennt -man die alte Amme in Lichtenstein. Nun seht, diese hält viel auf mich -und kommt hie und da zu mir, dann koche ich ein süßes Weinmüschen, was -sie für ihr Leben gerne ißt, und zum Dank vertraut sie mir allerlei -Neues. Von ihr habe ich auch, was ich Euch sagte. Der Vater weiß gar -nichts von diesen nächtlichen Besuchen, denn er geht schon um acht -Uhr zu Bette. Die Amme schickte das Fräulein jedesmal um acht in ihre -Kammer. Das fiel nun nach ein paar Tagen der guten Rosel auf. Sie -stellte sich, als gehe sie zu Bette, und siehe da, was geschieht? Kaum -ist alles ruhig im Schloß, so macht das Fräulein, das sonst keinen -Span anrührt, eigenhändig ein Feuer auf dem Herd, kocht und bratet, was -sie kann und weiß, holt Wein aus dem Keller, holt Brot aus dem Schrank -und deckt in der Herrenstube den Tisch. Dann schaut sie zum Fenster -hinaus in die kalte schwarze Nacht, und richtig, wenn es drüben elf -Uhr schlägt, rasselt die Zugbrücke nieder, der nächtliche Geselle wird -eingelassen und geht mit dem Fräulein in die Herrenstube. Sie hat auch -schon gehorcht, die Rosel, was wohl drinnen vorgehe, aber die eichenen -Türen sind gar dick. Dann lugte sie auch einmal durchs Schlüsselloch, -sah aber nichts als den Kopf des Fremden.« - -»Nun, und ist er schon alt? Wie sieht er aus?« - -»Alt? Wo denket Ihr hin! Die sieht mir auch danach aus, daß sie es mit -einem Alten hätte! Jung ist er und schön, wie mir die Rosel sagt. Er -hat einen dunklen Bart um Mund und Kinn, schönes gerolltes Haar auf dem -Kopf, und sah recht freundlich und liebreich aus.« - -»Daß ihm der Satan den Bart Haar für Haar auszwicke!« murmelte Georg -und strich mit der Hand über das Kinn, das noch ziemlich glatt war. -»Frau! besinnt Euch, habt Ihr denn dies alles so recht gehört von der -Frau Rosel? Hat sie dies alles so gesagt? Machet Ihr nicht noch mehr -dazu?« - -»Gott bewahre mich, daß ich über jemand lästere! Da kennt Ihr mich -schlecht, Herr Ritter! Das alles hat mir Frau Rosel gesagt, und noch -mehr hat sie vermutet und mir ins Ohr geflüstert, was eine ehrliche -Frau einem schönen jungen Herrn nicht wiedersagen kann. Und denket -Euch, wie recht schlecht das Fräulein ist, sie hat noch einen andern -Liebhaber gehabt, und dem ist sie also untreu geworden!« - -»Noch einen?« fragte Georg aufmerksam, denn die Erzählung schien ihm -mehr und mehr an Wahrscheinlichkeit zuzunehmen. - -»Ja, noch einen. Es soll ein gar schöner, lieber Herr sein, sagte mir -die Rosel. Sie war mit dem Fräulein einige Zeit in Tübingen, und da war -ein Herr von -- von -- ich glaube, Sturmfittich heißt er -- der war -auf der hohen Schule, und da lernten sich die beiden Leutchen kennen, -und die Amme schwört, es sei nie ein schmuckeres Paar erfunden worden -im ganzen Schwabenland. Sie hat ihn auch ganz schrecklich lieb gehabt, -das ist wahr, und sei sehr traurig gewesen um ihn, als sie von Tübingen -ging. Nun ist sie dem armen Jungen untreu geworden, das falsche Herz, -und die Amme heult, wenn sie nur an den schönen, treuen Herrn denkt. -Er soll noch viel, viel schöner gewesen sein als der, den sie jetzt -hat.« - -»Frau Wirtin, wie oft lasset Ihr mich denn klopfen, bis ich einen -vollen Becher bekomme,« rief der fette Herr aus der Trinkstube herauf; -denn die Frau Wirtin hatte über ihrer Erzählung alles übrige vergessen. - -»Gleich, gleich!« antwortete sie und flog an den Schenktisch hin, den -durstigen Herrn mit seiner besseren Sorte zu versehen; und von da ging -es zum Keller, und Boden und Küche nahmen sie in Anspruch, so daß der -Gast im Erker gute Weile hatte, einsam über das, was er gehört hatte, -nachzusinnen. - -Den Kopf auf die Hand gestützt, saß er da und schaute unverrückt in die -Tiefe seines silbernen Bechers. So saß er am Nachmittag, so saß er am -Abend. Die Nacht war schon lange eingebrochen, und er saß noch immer -so hinter dem runden Tisch im Erker, tot für die Welt umher, nur hin -und wieder verriet ein tiefes Seufzen, daß noch Leben und Empfindung -in ihm sei. Die Wirtin wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte. Sie -hatte sich wenigstens zehnmal neben ihn gesetzt, hatte versucht, mit -ihm zu sprechen, aber er hatte ihr gedankenlos mit starren Augen ins -Gesicht geschaut und nichts geantwortet. Es war ihr ganz angst dabei -geworden, denn gerade so hatte sie ihr seliger Mann angestarrt, als er -das Zeitliche gesegnete und ihr den goldenen Hirsch hinterließ. - -Sie beriet sich mit dem fetten Herrn, und auch der Mann mit dem -Lederrücken gab seine Meinung preis. Die Wirtin behauptete, entweder -sei er verliebt bis über die Ohren, oder man habe es ihm angetan. Sie -belegte ihre Behauptungen mit einer schrecklichen Geschichte von einem -jungen Ritter, den sie gesehen, und der aus lauter Liebe am ganzen Leib -erstarrt sei, bis er am Ende gestorben. - -Der Zerlumpte war nicht dieser Meinung. Er glaubte, dem jungen Mann -sei vielleicht ein Unglück geschehen, wie jetzt oft im Krieg vorkomme, -und er sei deswegen in so tiefe Trauer versenkt. Der fette Herr aber -blinzelte einigemal nach dem stummen Gast im Erker hinauf und fragte -dann mit sehr pfiffiger Miene, von welchem Gewächs und Jahrgang der -Ritter trinke? - -»Nun, ich hab' ihm Heppacher gegeben von 1480. Es ist das Beste, was -der goldene Hirsch hat.« - -»Da haben wir es!« rief der kluge Mann. »Ich kenn' den Heppacher -Achtziger, den kann solch ein Junkerlein nicht führen, und der ist -ihm zu Kopf gestiegen. Laßt ihn sitzen, laßt ihn immer sitzen, seinen -schweren Kopf in der Hand, ich wette, ehe es acht Uhr schlägt, hat er -ausgeschlafen und ist wieder so frisch wie der Fisch im Wasser.« - -Der Zerlumpte schüttelte den Kopf und sagte nichts dazu, die Wirtin -aber belobte den gewohnten Scharfsinn des fetten Herrn und fand seine -Vermutung am wahrscheinlichsten. - -Es war neun Uhr in der Nacht, die täglichen Zechgäste hatten schon -alle die Trinkstube verlassen, und auch die Wirtin wollte sich zum -Abendsegen rüsten, als der fremde Herr aus seinem Zustand erwachte. Er -sprang auf, machte einige Gänge durchs Zimmer und blieb endlich vor -der Hausfrau stehen. Er sah düster und verstört aus, und die wenigen -Stunden vom Mittag bis jetzt hatten seinen sonst so freundlichen, -offenen Zügen tiefe Spuren des Grams eingedrückt. - -Die Wirtin dauerte sein Anblick, sie wollte ihm, eingedenk des klugen -fetten Herrn, noch ein heilsames Süpplein kochen und ihm dann ein -treffliches, weiches Bett anweisen, doch er schien für diese Nacht ein -rauheres Lager sich erwählt zu haben. - -»Wann sagt Ihr,« hub er mit leiser, unsicherer Stimme an, »wann geht -der nächtliche Gast nach Lichtenstein, und wann kommt er zurück?« - -»Um elf Uhr, lieber Herr, geht er hinein, und um den ersten -Hahnenschrei kommt er wieder über die Zugbrücke.« - -»Lasset mein Pferd satteln und besorgt mir einen Knecht, der mich nach -Lichtenstein geleite.« - -»Jetzt in der Nacht?« rief die Wirtin und schlug vor Verwunderung die -Hände zusammen. »Jetzt wollet Ihr ausreiten? Ei geht doch. Ihr treibt -Spaß mit mir!« - -»Nein, gute Frau, es ist mein wahrer Ernst; aber sputet Euch ein wenig, -ich habe Eile.« - -»Die habt Ihr den ganzen Tag nicht gehabt,« entgegnete jene; »und jetzt -wollt Ihr auf einmal über Hals und Kopf in die Nacht hinaus. Zwar die -frische Luft kann nichts schaden bei solchen Kranken; aber weiß Gott, -Euer Pferd lasse ich nicht aus dem Stall, Ihr könnt mir herunterfallen -oder allerlei Unglück anrichten, und dann hieße es, wo hat denn die -Hirschwirtin wieder den Kopf gehabt, daß sie die Leute so laufen läßt?« - -Der junge Mann hatte ihre Rede ganz überhört, denn er war wieder in -sein düsteres Sinnen zurückgesunken. Als sie aufhörte zu sprechen, -schrak er auf und wunderte sich, daß sie seinen Befehl noch nicht -befolgt habe. - -Er ging, als sie noch immer zauderte, um sein Pferd selbst zu besorgen. -Da dachte sie, daß sie doch keine Gewalt habe, ihn zurückzuhalten, und -daß es geratener sein möchte, ihn ziehen zu lassen. »Lasset dem Herrn -seinen Braunen herausführen,« rief sie, »und der Andres soll sich -rüsten, heute noch ein Stück Weges zu gehen! -- Er hat recht, daß er -jemand mitnehmen will,« sprach sie für sich weiter, »der kann ihn doch -im Notfall halten. Zwar sagt man, sie haben ein paar Sinne mehr, wenn -sie etwas im Kopfe haben, und es falle keiner so leicht vom Pferde, -wenn er auch hin und her schwankt wie der Schwengel in der großen -Glocke, aber besser ist besser. -- Was Ihr schuldig seid, Herr Ritter? -Nun Ihr habt gehabt eine Maß Alten, macht zwölf Kreuzer, und das Essen --- nun, es ist nicht der Rede wert, was Ihr gegessen habt. Ihr habt ja -mein Huhn kaum angesehen. Nun, wenn Ihr für den Stall und das Essen -noch zwei Kreuzer zulegen wollt, so wird Euch eine arme Witfrau schön -danken.« - -Nachdem die Rechnung in dem niederen Münzfuß der guten alten Zeiten -berichtigt war, entließ die Wirtin zum goldenen Hirsch ihren Gast. Sie -war ihm zwar nicht mehr so gewogen wie heute mittag, als er herrlich -wie der junge Tag in ihre Trinkstube getreten war, aber dennoch konnte -sie sich nicht verhehlen, als er beim Schein der Kienfackeln sich -aufs Pferd schwang, daß sie nicht leicht einen schöneren Mann gesehen -habe, und sie schärfte daher ihrem Knecht, der ihn begleitete, um so -sorgfältiger ein, recht genau auf ihn acht zu geben, weil es bei diesem -Herrn doch nicht ganz richtig im Kopfe sei.« - -Vor dem Tor von Pfullingen fragte der Knecht den nächtlichen Reiter, -wohin er reiten wolle, und auf seine Antwort: »Nach Lichtenstein,« -schlug er einen Weg rechts ein, der zum Gebirge führte. Der junge Mann -ritt schweigend durch die Nacht hin; er sah nicht rechts, er sah nicht -links, er sah nicht auf nach den Sternen, nicht hinaus in die Weite, -seine gesenkten Blicke hafteten am Boden. Es war ihm wie damals, als -ihn die Mörder am Wege niedergeschlagen hatten. Seine Gedanken standen -stille, er hoffte nicht mehr, er hatte zu leben, zu lieben und zu -wünschen aufgehört. Und doch war ihm damals wohler gewesen, als ihm auf -dem kühlen Teppich des Wiesentales die Besinnung schwand; er war ja -entschlummert mit dem erhebenden Gedanken an sie, und die erstarrenden -Lippen hatten noch einmal einen süßen Namen ausgesprochen. - -Aber jetzt war die Leuchte verlöscht, die seinen Pfad durchs Leben -erhellt hatte. Es war ihm, als habe er nur noch einen kurzen Weg im -Dunkeln hinzugehen, um dann in lichteren Höhen als auf dem Lichtenstein -seine Ruhe zu finden. Und unwillkürlich zuckte seine Rechte hie und da -ans Schwert, als wollte er sich versichern, daß ihm dieser Gefährte -wenigstens treu geblieben sei, als sei dies der gewichtige Schlüssel, -der die Pforte sprengen sollte, die aus dem Dunkel zum Lichte führt. - -Der Wald hatte längst die Wanderer aufgenommen. Steiler wurden die -Pfade, und das Roß strebte mühsam unter der Last des Reiters und seiner -Rüstung bergan; doch der Reiter bemerkte es nicht. Die Nachtluft wehte -kühler und spielte mit den langen Haaren des Jünglings, er fühlte es -nicht. Der Mond kam herauf und beleuchtete seinen Pfad, beleuchtete -kühne Felsenmassen und die hohen, gewaltigen Eichen, unter welchen er -hinzog, er sah es nicht. Unbemerkt von ihm rauschte der Strom der Zeit -an ihm vorüber, Stunde um Stunde verging, ohne daß ihm der Weg lang -bedünkte. - -Es war Mitternacht, als sie auf der höchsten Höhe ankamen. Sie traten -heraus aus dem Wald, und getrennt durch eine weite Kluft von der -übrigen Erde lag auf einem einzelnen, senkrecht aus der nächtlichen -Tiefe aufsteigenden Felsen der Lichtenstein. - -Seine weißen Mauern, seine zackigen Felsen schimmerten im Mondlicht. -Es war, als schlummere das Schlößchen, abgeschieden von der Welt, im -tiefen Frieden der Einsamkeit. - -Der Ritter warf einen düsteren Blick dorthin und sprang ab. Er band -das Pferd an einen Baum und setzte sich auf einen bemoosten Stein, -gegenüber von der Burg. Der Knecht stand erwartend, was sich weiter -begeben werde, und fragte mehreremal vergeblich, ob er seines Dienstes -jetzt entlassen sei? - -»Wie weit ist's noch bis zum ersten Hahnenschrei?« fragte endlich der -stumme Mann auf dem Steine. - -»Zwei Stunden, Herr!« war die Antwort des Knechtes. - -Der Ritter reichte ihm reichlichen Lohn für sein Geleite und winkte -ihm, zu gehen. Er zögerte, als scheue er sich, den jungen Mann in -diesem unglücklichen Zustand zu verlassen, als aber jener ungeduldig -seinen Wink wiederholte, entfernte er sich stille. Nur einmal noch sah -er sich um, ehe er in den Wald eintrat. Der schweigende Gast saß noch -immer, die Stirne in die Hand gestützt, im Schatten einer Eiche, auf -dem bemoosten Stein. - - - - -19. - - Durch diese hohle Gasse muß er kommen; - Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht. -- Hier - Vollend' ich's -- die Gelegenheit ist günstig. - - _Schiller._ - - -Man hat zu allen Zeiten viel Schönes und Wahres über die Torheit -der Eifersucht geschrieben, und dennoch sind die Menschen seit -Urias' Zeiten darin nicht weiser geworden. Leute von überaus kühler -Konstitution werden zwar sagen, wenn jener berühmte jüdische Hauptmann -nicht die Torheit begangen hätte, seine schöne Frau nur für sich allein -haben zu wollen oder gar auf den König David eifersüchtig zu werden, -so wäre der berüchtigte Uriasbrief nie geschrieben worden und besagter -Hauptmann hätte es vielleicht noch weit im Dienste bringen können. -Andere aber, denen die Natur heißes Blut und einen Stolz, ein Gefühl -der Ehre gegeben hat, das durch Hintansetzung oder Treubruch leicht -aufgeregt und beleidigt wird, werden beim eintretenden Falle jenem -unglücklichen Uebel unterliegen, wenn sie auch mit allen Beweisgründen -der kälteren Vernunft sich selbst die Torheit ihres Beginnens -vorpredigen. - -Georg von Sturmfeder war nicht von so kühlem Blute, daß ihn die -Nachricht, die er heute erhielt, nicht aus allen Schranken der -Billigkeit und Mäßigung herausgejagt hätte; er war überdies in einem -Alter, wo zwar die offene Seele sich noch nicht daran gewöhnt hat, -dem Menschen ~a priori~ zu mißtrauen, wo aber ein solcher Fall um so -überraschender ist, um so gefährlicher wirkt, eben weil das arglose -Herz ihn nie gedacht hat. Da kocht das Gefühl der gekränkten Treue, -da braust der Stolz auf, der sich beleidigt dünkt; den prüfenden -Verstand, der das Falsche vom Rechten zu sondern pflegt, umziehen -trübe, düstere Wolken und verhüllen ihm das Wahre; ein Wörtchen -Wahrscheinlichkeit in einem Gewebe von Lüge überzeugt ihn; die Sonne -der Liebe sinkt hinab, und es wird Nacht in der Seele. Dann schleichen -sich jene nächtlichen Gesellen: Verachtung, Wut, Rache, in das von -allen guten Engeln verlassene Herz, und die unendliche Stufenleiter -der Empfindungen, welche von Liebe zu Haß führt, hat die Eifersucht in -wenigen Augenblicken zurückgelegt. - -Georg war auf jener Stufe der düsteren, stillen Wut und der Rache -angekommen; über diese Empfindung brütend, saß er unempfindlich gegen -die Kälte der Nacht auf dem bemoosten Stein, und sein einziger, immer -wiederkehrender Gedanke war, den nächtlichen Freund »_zu stellen und -ein Wort mit ihm zu sprechen_«. - -Es schlug zwei Uhr in einem Dorf über dem Walde, als er sah, daß sich -Lichter an den Fenstern des Schlosses hinbewegten; erwartungsvoll -pochte sein Herz, krampfhaft hatte seine Hand den langen Griff des -Schwertes umfaßt. Jetzt wurden die Lichter hinter den Gittern des Tores -sichtbar, Hunde schlugen an; Georg sprang auf und warf den Mantel -zurück. Er hörte, wie eine tiefe Stimme ein vernehmliches »Gute Nacht!« -sprach. Die Zugbrücke rauschte nieder und legte sich über den Abgrund, -der das Land von Lichtenstein scheidet, das Tor ging auf, und ein Mann, -den Hut tief ins Gesicht gedrückt, den dunklen Mantel fest umgezogen, -schritt über die Brücke und gerade auf den Ort zu, wo Georg Wache hielt. - -Er war noch wenige Schritte entfernt, als dieser mit einem dröhnenden: -»Zieh, Verräter, und wehr' dich deines Lebens!« auf ihn einstürzte; der -Mann im Mantel trat zurück und zog; im Augenblick begegneten sich die -blitzenden Klingen und rasselten klirrend aneinander. - -»Lebendig sollst du mich nicht haben,« rief der andere; »wenigstens -will ich mein Leben teuer genug bezahlen!« Zugleich sah ihn Georg -tapfer auf sich eindringen, und an den schnellen und gewichtigen -Hieben merkte er, daß er keinen zu verachtenden Gegner vor der Klinge -habe. Georg war kein ungeübter Fechter, und er hatte manch ernstlichen -Kampf mit Ehre ausgefochten, aber hier hatte er seinen Mann gefunden. -Er fühlte, daß er sich bald auf die eigene Verteidigung beschränken -müsse, und wollte eben zu einem letzten gewaltigen Stoß ausfallen, -als plötzlich sein Arm mit ungeheurer Gewalt festgehalten wurde; sein -Schwert wurde ihm in demselben Augenblick aus der Hand gewunden, -zwei mächtige Arme schlangen sich um seinen Leib und fesselten ihn -regungslos, und eine furchtbare Stimme schrie: »Stoßt zu, Herr! ein -solcher Meuchelmörder verdient nicht, daß er noch einen Augenblick zum -letzten Paternoster habe!« - -»Das kannst du verrichten, Hans,« sprach der im Mantel; »ich stoße -keinen Wehrlosen nieder; dort ist sein Schwert, schlag ihn tot, aber -mach' es kurz.« - -»Warum wollt Ihr mich nicht lieber selbst umbringen, Herr!« sagte Georg -mit fester Stimme; »Ihr habt mir meine Liebe gestohlen, was liegt an -meinem Leben?« - -»Was habe ich?« fragte jener und trat näher. - -»Was Teufel ist das für eine Stimme?« sprach der Mann, der ihn noch -immer umschlungen hielt; »die sollte ich kennen!« Er drehte den jungen -Mann in seinen Armen um, und wie von einem Blitz getroffen, zog er die -Hände von ihm ab! »Jesus Maria und Joseph! Da hätten wir bald etwas -Schönes gemacht! Aber welcher Unstern führt Euch auch gerade hierher, -Junker? Was denken auch meine Leute, daß sie Euch fortlassen, ohne daß -ich dabei bin!« - -Es war der Pfeifer von Hardt, der Georg also anredete und ihm die Hand -zum Gruß bot; dieser aber schien nicht geneigt, dieses freundliche -Zeichen einem Manne zu erwidern, der noch soeben das Handwerk des -Henkers an ihm verrichten wollte; wild blickte er bald den Mann im -Mantel, bald den Pfeifer an. »Meinst du,« sagte er zu diesem, »ich -hätte mich von deinen Weibern in Gefangenschaft halten lassen sollen, -daß ich deine Verräterei hier nicht sehe? Erbärmlicher Betrüger! Und -Ihr,« wandte er sich zu dem anderen, »wenn Ihr ein Mann von Ehre -seid, so stehet mir und fallet nicht zu zwei über einen her; wenn Ihr -wißt, daß ich Georg von Sturmfeder bin, so mögen Euch meine früheren -Ansprüche auf das Fräulein nicht unbekannt sein, und mit Euch mich zu -messen, bin ich hierher gekommen. Darum befehlet diesem Schurken, daß -er mir mein Schwert wiedergebe, und laßt uns ehrlich fechten, wie es -Männern geziemt.« - -»Ihr seid Georg von Sturmfeder?« sprach jener mit freundlicher Stimme -und trat näher zu ihm. »Es scheint mir, Ihr seid etwas im Irrtum -hier. Glaubet mir, ich bin Euch sehr gewogen und hätte Euch längst -gerne gesehen. Nehmet das Ehrenwort eines Mannes, daß mich nicht die -Absichten in jenes Schloß führen, die Ihr mir unterleget, und seid mein -Freund!« - -Er bot dem überraschten Jüngling die Hand unter dem Mantel hervor, -doch dieser zauderte; die gewichtigen Hiebe dieses Mannes hatten ihm -zwar gesagt, daß er ein Ehrenwerter und Tapferer sei, darum konnte und -mußte er seinen Worten trauen; aber sein Gemüt war noch so verwirrt -von allem, was er gehört und gesehen, daß er ungewiß war, ob er -den Handschlag dessen, den er noch vor einem Augenblick als seinen -bittersten Feind angesehen hatte, empfangen sollte oder nicht. »Wer ist -es, der mir die Hand beut?« fragte er. »Ich habe Euch meinen Namen -genannt und könnte wohl billigerweise dasselbe von Euch verlangen.« - -Der Unbekannte schlug den Mantel auseinander und schob das Barett -zurück; der Mond beleuchtete ein Gesicht voll Würde, und Georg -begegnete einem glänzenden Auge, das den Ausdruck gebietender Hoheit -trug. »Fraget nicht nach Namen,« sprach er, indem ein Zug von Wehmut -um seinen Mund blitzte, »ich bin ein Mann, und dies mag Euch genug -sein; wohl führte auch ich einst einen Namen in der Welt, der sich -mit dem ehrenwertesten messen konnte, wohl trug auch ich die goldenen -Sporen und den wallenden Helmbusch, und auf den Ruf meines Hifthorns -lauschten viele hundert Knechte. Er ist verklungen; aber eines ist mir -geblieben,« setzte er mit unbeschreiblicher Hoheit hinzu, indem er die -Hand des jungen Mannes fester drückte, »ich bin ein Mann und trage ein -Schwert: - - ~Si fractus illabatur orbis, - Impavidum ferient ruinae~«. - -Er drückte das Barett wieder in die Stirne, zog seinen Mantel hoch -herauf und ging vorüber in den Wald. - -Georg stand in stummem Erstaunen auf sein Schwert gestützt. Der Anblick -dieses Mannes -- es war ihm unbegreiflich -- hatte alle Gedanken der -Rache in seinem Herzen ausgelöscht. Dieser gebietende Blick, dieser -gewinnende, wohlwollende Zug um den Mund, das tapfere, gewaltige Wesen -dieses Mannes erfüllten seine Seele mit Staunen, mit Achtung, mit -Beschämung. Er hatte geschworen, mit Marien in keiner Berührung zu -stehen, er hatte es bekräftigt mit jener tapferen Rechten, die noch -eben die gewichtige Klinge leicht wie im Spiel geführt hatte; er hatte -es bestätigt mit einem jener Blicke, deren Strahl Georg wie den der -Sonne nicht zu ertragen vermochte, eine Bergeslast wälzte sich von -seiner Brust, denn er _glaubte_, er _mußte_ glauben. - -Wenn man bedenkt, wie sehr zu jener Zeit körperliche Eigenschaften -gewogen und angeschlagen wurden, wie man Tapferkeit auch an dem Feinde -hochschätzte und achtete, wie das Wort eines anerkannt tapferen Mannes -so fest stand wie der Schwur auf die Hostie, wenn man ferner bedenkt, -wie groß die Wirkung eines anmutigen oder aber eines imponierenden -Aeußeren auf ein jugendliches Gemüt ist, so wird man sich über die -Veränderung nicht zu sehr wundern, welche in diesen kurzen Augenblicken -mit der Gesinnung des Jünglings vorging. - -»Wer ist dieser Mann?« fragte Georg den Pfeifer, der noch immer neben -ihm stand. - -»Ihr hörtet ja, daß er keinen Namen hat, und auch ich weiß ihn nicht zu -nennen.« - -»Du wüßtest nicht, wer er ist?« entgegnete Georg; »und doch hast du ihm -beigestanden, als er mit mir focht? Geh! Du willst mich belügen!« - -»Gewiß nicht, Junker,« antwortete der Pfeifer; »es ist, Gott weiß -es, wahr, daß jener Mann derzeit keinen Namen hat; wenn Ihr übrigens -durchaus erfahren wollet, was er ist, so wisset, er ist ein Geächteter, -den der Bund aus seinem Schloß vertrieb; einst aber war er ein -mächtiger Ritter im Schwabenland.« - -»Der Arme! Darum also ging er so verhüllt? Und mich hielt er wohl für -einen Meuchelmörder! Ja, ich erinnere mich, daß er sagte, er wolle sein -Leben teuer genug verkaufen.« - -»Nehmt mir nicht übel, werter Herr,« sagte der Bauer, »auch ich hielt -Euch für einen, der dem Geächteten auf das Leben lauern soll, darum -kam ich ihm zu Hilfe, und hätte ich nicht Eure Stimme noch gehört, -wer weiß, ob Ihr noch lange geatmet hättet. Wie kommt Ihr aber auch -um Mitternacht hierher, und welches Unheil führt Euch gerade dem -geächteten Mann in den Wurf! Wahrlich, Ihr dürft von Glück sagen, daß -er Euch nicht in zwei Stücke gehauen; es leben wenige, die vor seinem -Schwert standgehalten hätten. Ich vermute, die Liebe hat Euch da einen -argen Streich gespielt!« - -Georg erzählte seinem ehemaligen Führer, welche Nachrichten ihm im -Hirsch zu Pfullingen mitgeteilt worden seien. Namentlich berief er sich -auf die Aussage der Amme, des Pfeifers Schwester, die ihm so höchst -wahrscheinlich gelautet habe. - -»Dacht' ich's doch, daß es so was sein müsse,« antwortete der Pfeifer. -»Die Liebe hat manchem noch ärger mitgespielt, und ich weiß nicht, was -ich in jungen Jahren im ähnlichen Fall getan hätte. Daran ist aber -wieder niemand schuld als meine alte Rosel, die alte Schwätzerin; was -hat sie nötig, der Wirtin im Hirsch, die auch nichts bei sich behalten -kann, zu beichten?« - -»Es muß aber doch etwas Wahres an der Sache sein,« entgegnete Georg, -in welchem das alte Mißtrauen hin und wieder aufblitzte. »So ganz ohne -Grund konnte doch Frau Rosel nichts ersinnen!« - -»Wahr? Etwas Wahres müsse daran sein? Allerdings ist alles wahr -nach der Reihe; die Knechte werden zu Bett geschickt und die alte -Aufpasserin auch, um elf Uhr kommt _der Mann_ vor das Schloß, die -Zugbrücke fällt herab, die Tore tun sich ihm auf, das Fräulein empfängt -ihn und führt ihn in die Herrenstube --« - -»Nun? Siehst du?« rief Georg ungeduldig; »wenn dieses alles wahr ist, -wie kann dann jener Mann schwören, daß er mit dem Fräulein --« - -»Daß er mit dem Fräulein ganz und gar nichts wolle?« antwortete der -Pfeifer. »Allerdings kann er das schwören; denn es ist nur _ein_ -Unterschied bei der ganzen Sache, den die Gans, die Rosel, freilich -nicht gewußt hat, nämlich, daß der Ritter von Lichtenstein in der -Herrenstube sitzt, das Fräulein aber sich entfernt, wenn sie ihre -heimlich bereiteten Speisen aufgetragen hat. Der Alte bleibt bei dem -geächteten Mann bis um den ersten Hahnenschrei, und wenn er gegessen -und getrunken und die erstarrten Glieder am Feuer wieder erwärmt hat, -verläßt er das Schloß, wie er es betreten.« - -»O ich Tor! daß ich dies alles nicht früher ahnete! Wie nahe lag die -Wahrheit, und wie weit ließ ich mich irre leiten! Aber verflucht sei -die Neugierde und Lästersucht dieser Weiber, die in allem noch etwas -ganz Besonderes zu sehen glauben und denen das Unwahrscheinlichste -und Grellste gerade das liebste ist! -- Aber sprich,« fuhr Georg nach -einigem Nachdenken fort, »auffallend ist es mir doch, daß dieser -geächtete Mann alle Nacht ins Schloß kommt; in welch unwirtlicher -Gegend wohnt er denn, wo er keine warme Kost, keinen Becher Weins und -keinen warmen Ofen findet? -- Höre, wenn du mich dennoch belögest!« - -Des Pfeifers Auge ruhte mit einem beinahe spöttischen Ausdruck auf -dem jungen Mann. »Ein Junker wie Ihr,« antwortete er, »weiß freilich -wenig, wie weh Verbannung tut; Ihr wißt es nicht, was es heißt, sich -vor den Augen seiner Mörder verbergen, Ihr wißt nicht, wie schaurig -sich's in feuchten Höhlen, in unwirtlichen Schluchten wohnt, Ihr kennt -die Wohltat nicht, die ein warmer Bissen und ein feuriger Trunk dem -gewährt, der bei den Eulen speist und bei dem Schuhu in der Miete ist; -aber kommt, wenn es Euch gelüstet; der Morgen bricht noch nicht an, -und in der Nacht könnet Ihr nicht nach Lichtenstein; ich will Euch -dahin führen, wo der geächtete Ritter wohnt, und Ihr werdet nicht mehr -fragen, warum er um Mitternacht nach Speise geht!« - -Die Erscheinung des Unbekannten hatte Georgs Neugierde zu sehr -aufgeregt, als daß er nicht begierig den Vorschlag des Pfeifers von -Hardt angenommen hätte, besonders auch, da er darin den besten Beweis -für die Wahrheit oder Falschheit seiner Aussagen finden konnte. Sein -Führer ergriff die Zügel des Rosses und führte es einen engen Waldweg -bergab. Georg folgte, nachdem er noch einen Blick nach den Fenstern -des Lichtensteins zurückgeworfen hatte. Sie zogen schweigend immer -weiter, und dem jungen Mann schien dieses Schweigen nicht unangenehm -zu sein, denn er machte keinen Versuch, es zu unterbrechen. Er hing -seinen Gedanken nach über den Mann, zu dessen geheimnisvoller Wohnung -er geführt wurde. Unablässig beschäftigte ihn die Frage, wer dieser -Geächtete sein könnte. Er erinnerte sich fast wie aus einem Traum, -daß mehrere Anhänger des vertriebenen Herzogs aus ihren Besitzungen -gejagt worden seien, ja es deuchte ihm sogar, es sei in der Herberge zu -Pfullingen während seines teilnahmlosen Hinbrütens von einem Ritter, -Marx Stumpf von Schweinsberg, die Rede gewesen, nach welchem die -Bündischen fahnden. Die Tapferkeit und ausgezeichnete Stärke dieses -Mannes war in Schwaben und Franken wohlbekannt; und wenn sich Georg -die zwar nicht überaus große, aber kräftige Gestalt, die gebietende -Miene, das heldenmütige, ritterliche Wesen des Mannes ins Gedächtnis -zurückrief, ward es ihm immer mehr zur Gewißheit, daß der Geächtete -kein anderer als der treueste Anhänger Ulrichs von Württemberg, Marx -Stumpf von Schweinsberg sei. - -Besonders schmeichelhaft für die Phantasie des jungen Mannes war auch -der Gedanke, einen gefährlichen Gang mit diesem Tapfern gemacht und in -einem Gefecht seine Klinge mit der seinigen gemessen zu haben, dessen -Ausgang zum wenigsten sehr unentschieden war. - -So dachte in jener Nacht Georg von Sturmfeder, aber noch viele Jahre -nachher, als der Mann, den er in jener Nacht bekämpfte, längst wieder -in seine Rechte eingesetzt war und seinem Hifthorn wieder Hunderte -folgten, rechnete er es unter seine schönsten Waffentaten, dem tapfern, -gewaltigen Unbekannten keinen Schritt breit gewichen zu sein. - -Die Wanderer waren während dieses Selbstgesprächs des jungen Mannes -auf einer kleinen, freien Waldwiese angekommen; der Pfeifer band das -Pferd seitwärts an und winkte Georg, zu folgen. Die Waldwiese brach in -eine schroffe, mit dichtem Gesträuch bewachsene Abdachung ab; dort -schlug der Pfeifer einige verschlungene Zweige zurück, hinter welchen -ein schmaler Fußpfad sichtbar wurde, welcher abwärts führte. Nicht ohne -Mühe und Gefahr folgte Georg seinem Führer, der ihm an einigen Stellen -kräftig die Hand reichte. Nachdem sie etwa achtzig Fuß hinabgestiegen -waren, befanden sie sich wieder auf ebenem Grund, aber umsonst suchte -der junge Mann nach der Stätte des geächteten Ritters. Der Pfeifer ging -nun zu einem Baum von ungeheurem Umfang, der innen hohl sein mußte, -denn jener brachte zwei große Kienfackeln daraus hervor; er schlug -Feuer und zündete mit einem Stückchen Schwefel die Fackeln an. - -Als diese hell aufloderten, bemerkte Georg, daß sie vor einem großen -Portal stehen, das die Natur in die Felsenwand gebrochen hatte; und -dies mochte wohl der Eingang zu der Wohnung sein, wo der Geächtete, wie -sich der Pfeifer ausdrückte, bei dem Schuhu zur Miete war. Der Mann -von Hardt ergriff eine der Fackeln und bat den Jüngling, die andere -zu tragen, denn ihr Weg sei dunkel und hie und da nicht ohne Gefahr. -Nachdem er diese Warnung geflüstert, schritt er voran in das dunkle Tor. - -Georg hatte eine niedrige Erdschlucht erwartet, kurz und eng, dem -Lager der Tiere gleich, wie er sie in den Forsten seiner Heimat hin -und wieder gesehen, aber wie erstaunte er, als die erhabenen Hallen -eines unterirdischen Palastes vor seinen Augen sich auftaten. Er hatte -in seiner Kindheit aus dem Munde eines Knappen, dessen Urgroßvater -in Palästina in Gefangenschaft geraten war, ein Märchen gehört, das -von Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden war; dort war ein -Knabe von einem bösen Zauberer unter die Erde geschickt worden, in -einen Palast, dessen erhabene Schönheit alles übertraf, was der -Knabe je über der Erde gesehen hatte; was die kühne Phantasie des -Morgenlandes Prachtvolles und Herrliches ersinnen konnte, goldene -Säulen mit kristallenen Kapitälern, gewölbte Kuppeln mit Smaragden -und Saphiren, diamantene Wände, deren vielfach gebrochene Strahlen -das Auge blendeten; alles war jener unterirdischen Wohnung der Genien -beigelegt. Diese Sage, die sich der kindischen Einbildungskraft tief -eingedrückt, lebte auf und verwirklichte sich vor den Blicken des -staunenden Jünglings. Alle Augenblicke stand er still, von neuem -überrascht, hielt die Fackel hoch und staunte und bewunderte, denn in -hohen, majestätischen Bogen zog sich der Höhlengang hin und flimmerte -und blitzte wie von tausend Kristallen und Diamanten. Aber noch größere -Ueberraschung stand ihm bevor, als sich sein Führer links wandte und -ihn in eine weite Grotte führte, die wie der festlich geschmückte Saal -des unterirdischen Palastes anzusehen war. - -Sein Führer mochte den gewaltigen Eindruck bemerken, den dieses -Wunderwerk der Natur auf die Seele des Jünglings machte. Er nahm ihm -die Fackel aus der Hand, stieg auf einen vorspringenden Felsen und -beleuchtete so einen großen Teil dieser Grotte. - -Glänzend weiße Felsen faßten die Wände ein, kühne Schwibbogen, -Wölbungen, über deren Kühnheit das irdische Auge staunte, bildeten die -glänzende Kuppel; der Tropfstein, aus dem diese Höhle gebildet war, -hing voll von vielen Millionen kleiner Tröpfchen, die in allen Farben -des Regenbogens den Schein zurückwarfen und als silberreine Quellen in -kristallenen Schalen sich sammelten. In grotesken Gestalten standen -Felsen umher, und die aufgeregte Phantasie, das trunkene Auge glaubte -bald eine Kapelle, bald große Altäre mit reicher Draperie und gotisch -verzierte Kanzeln zu sehen. Selbst die Orgel fehlte dem unterirdischen -Dome nicht, und die wechselnden Schatten des Fackellichtes, die an den -Wänden hin und her zogen, schienen geheimnisvoll erhabene Bilder von -Märtyrern und Heiligen in ihren Nischen bald auf-, bald zuzudecken. - -So schmückte die christliche Phantasie des jungen Mannes, voll -Ehrfurcht vor dem geheimnisvollen Wirken der Gottheit, das -unterirdische Gemach zur Kirche aus, während jener Aladdin mit der -Wunderlampe die Säle des Paradieses und die ewig glänzenden Lauben der -Huris geschaut hätte. - -Der Führer stieg, nachdem er das Auge des Jünglings für hinlänglich -gesättigt halten mochte, wieder herab von seinem Felsen. »Das ist -die Nebelhöhle,« sprach er; »man kennt sie wenig im Land, und nur -den Jägern und Hirten ist sie bekannt; doch wagen es nicht viele -hereinzugehen, weil man allerlei böse Geschichten von diesen Kammern -der Gespenster weiß. Einem, der die Höhle nicht genau kennt, möchte -ich nicht raten, sich herabzuwagen; sie hat tiefe Schlünde und -unterirdische Wasser, aus denen keiner mehr ans Licht kommt. Auch gibt -es geheime Gänge und Kammern, die nur fünf Männern bekannt sind, die -jetzt leben.« - -»Und der geächtete Ritter?« fragte Georg. - -»Nehmt die Fackel und folget mir,« antwortete jener und schritt voran -in einen Seitengang. Sie waren wieder etwa zwanzig Schritte gegangen, -als Georg die tiefen Töne einer Orgel zu vernehmen glaubte. Er machte -seinen Führer darauf aufmerksam. - -»Das ist Gesang,« entgegnete er, »der tönt in diesen Gewölben gar -lieblich und voll. Wenn zwei oder drei Männer singen, so lautet es, -als sänge ein ganzer Chor Mönche die Hora.« Immer vernehmlicher tönte -der Gesang; je näher sie kamen, desto deutlicher wurden die Wendungen -einer angenehmen Melodie. Sie bogen um eine Felsenecke, und von oben -herab ertönte ganz nahe die Stimme des Singenden, brach sich an den -zackigen Felsenwänden in vielfachem Echo, bis sie sich verschwebend -mit den fallenden Tropfen der feuchten Steine und mit dem Murmeln -eines unterirdischen Wasserfalles mischte, der sich in eine dunkle, -geheimnisvolle Tiefe ergoß. - -»Hier ist der Ort,« sprach der Führer, »dort oben in der Felswand ist -die Wohnung des unglücklichen Mannes; hört Ihr sein Lied? Wir wollen -warten und lauschen, bis er zu Ende ist, denn er war nicht gewohnt, -unterbrochen zu werden, als er noch oben auf der Erde war.« - -Die Männer lauschten und verstanden durch das Echo und das Gemurmel der -Wasser etwa folgende Worte, die der Geächtete sang: - - »Vom Turme, wo ich oft gesehen - Hernieder auf ein schönes Land, - Vom Turme fremde Fahnen wehen, - Wo meiner Ahnen Banner stand. - Der Väter Hallen sind gebrochen, - Gefallen ist des Enkels Los, - Er birgt, besiegt und ungerochen, - Sich in der Erde tiefem Schoß. - - Und wo einst in des Glückes Tagen - Mein Jagdhorn tönte durchs Gefild, - Da meine Feinde gräßlich jagen, - Sie hetzen gar ein edles Wild, - Ich bin das Wild, auf das sie birschen, - Die Bluthund' wetzen schon den Zahn, - Sie dürsten nach dem Schweiß des _Hirschen_, - Und sein Geweih[29] steht ihnen an. - - Die Mörder han in Berg und Heide - Auf mich die Armbrust aufgespannt, - Drum in des Bettlers rauhem Kleide - Durchschleich' ich nachts mein eigen Land; - Wo ich als Herr sonst eingeritten - Und meinen hohen Gruß entbot, - Da klopf' ich schüchtern an die Hütten - Und bettle um ein Stückchen Brot. - - Ihr warft mich aus den eignen Toren, - Doch einmal klopf' ich wieder an; - Drum Mut! Noch ist nicht all' verloren, - Ich hab' ein Schwert und bin ein Mann. - Ich wanke nicht; ich will es tragen; - Und ob mein Herz darüber bricht, - So sollen meine Feinde sagen: - Er war ein Mann und wankte nicht.« - -Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden -Tönen seines Liedes nachsandte, ließ ahnen, daß er im Gesang nicht -viel Trost gefunden habe. Dem rauhen Manne von Hardt war während dem -Liede eine große Träne über die gebräunte Wange gerollt, und Georg war -es nicht entgangen, wie er sich anstrengte, die alte feste Fassung -wiederzuerhalten und dem Bewohner der Höhle eine heitere Stirne und ein -ungetrübtes Auge zu zeigen. Er gab dem Junker auch die zweite Fackel -in die Hand und klimmte den glatten schlüpfrigen Felsen hinan, der zu -der Grotte führte, woraus der Gesang erklungen war. Georg dachte sich, -daß er ihn vielleicht dem Ritter melden wolle, und bald sah er ihn mit -einem tüchtigen Strick zurückkehren. Er klimmte die Hälfte des Felsens -wieder herab und ließ sich die Fackeln geben, die er geschickt in eine -Felsenritze an der Seite steckte; dann warf er Georg den Strick zu -und half ihm so die Felsenwand zu erklimmen, was ihm ohne diese Hilfe -schwerlich gelungen wäre. Er war oben, und wenige Schritte noch, so -stand er vor dem Felsengemach des Geächteten.[30] - - - - -20. - - -- In wunderbaren Gestalten - Ragt aus der dunkeln Nacht das angestrahlte Gestein, - Mit wildem Gebüsch versetzt, das aus den schwarzen Spalten - Herabnickt und im Widerschein - Als grünes Feuer brennt. Mit Furcht vermengtem Grauen - Bleibt unser Ritter stehn, den Zauber anzuschauen. - - _Wieland._ - - -Der Teil jener großen Höhle, welchen sie jetzt betraten, unterschied -sich merklich von den übrigen Grotten und Kammern. Er war von Sandstein -und hatte, weil dieser Stein die Feuchtigkeit einschluckt, ein -trockenes, wohnlicheres Ansehen. Der Boden war mit Binsen und Stroh -bestreut, eine Lampe, die an der Wand angebracht war, verbreitete ein -hinreichendes Licht auf die Breite und den größten Teil der Länge -dieser Grotte. Gegenüber saß jener Mann auf einem breiten Bärenfelle, -neben ihm stand sein Schwert und ein Hifthorn; ein alter Hut und der -graue Mantel, mit welchem er sich verhüllt hatte, lagen am Boden. Er -trug ein Wams von dunkelbraunem Leder und Beinkleider von grobem blauem -Tuche, ein unscheinbarer Anzug, der aber seinen kräftigen Körperbau und -seine feinen edlen Züge nur noch mehr heraushob. Er mochte ungefähr -vierunddreißig Jahre haben, und sein Gesicht war noch immer hübsch und -angenehm zu nennen, obgleich die erste Blüte der Jugend von Gefahren -und Strapazen abgestreift schien und der verwilderte Bart ihm zuweilen -etwas Furchtbares verlieh; diese flüchtigen Bemerkungen drängten sich -Georg auf, als er am Eingang der Grotte stillstand. - -»Willkommen in meinem Palatium, Georg von Sturmfeder!« rief der -Bewohner der Höhle, indem er sich von dem Bärenfelle aufrichtete, dem -Jünglinge die Hand bot und ihm winkte, auf einen ebenso kunstlosen -Sitz von Rehfellen sich niederzulassen. »Seid herzlich willkommen. Es -war kein übler Einfall unseres Spielmanns, Euch in diese Unterwelt -herabzuführen und mir einen so angenehmen Gesellschafter zu bringen. -Hans! Du treue Seele, du warst bisher unser Majordomus, Truchseß -und Kanzler, wir ernennen dich jetzt zu unserem Kellermeister und -Obermundschenk. Sieh, dort hinter jener Säule des schönsten Granit muß -ein Krug stehen, worin sich noch ein Rest alten Weines befindet. Nimm -meinen Jagdbecher von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das wir -jetzt führen, gieß ihn voll bis an den Rand und kredenze ihn unserem -ehrenwerten Gaste!« - -Georg sah erstaunt auf den geächteten Mann. Er hatte nach dem -Schicksal, das ihn betroffen, nach seinen unwirtlichen Umgebungen, -zuletzt noch nach dem Klaggesang, den er gehört hatte, einen Mann -erwartet, der zwar unbesiegt von den Stürmen des Lebens, aber ernst, -vielleicht sogar finster in seinem Umgang sein werde, und er fand ihn -heiter, unbesorgt, scherzend über seine Lage, als habe ihn auf der Jagd -ein Sturm überfallen und genötigt, eine kleine Weile in dieser Höhle -Schutz gegen das Wetter zu suchen. Und doch war es ein schrecklicherer -Sturm als der furchtbarste Orkan der Natur, der ihn aus der Burg seiner -Väter vertrieb, und doch war er ja das gejagte Wild, das gegen die -Geschosse der mordlustigen Jäger hier eine Zuflucht fand! - -»Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast,« sagte der Ritter, als -Georg bald ihn, bald seine Umgebungen mit verwunderten Blicken maß. -»Vielleicht habt Ihr erwartet, daß ich Euch etwas weniges vorjammern -werde? Aber über was soll ich klagen? Mein Unglück kann in diesem -Augenblick keiner wenden, darum ziemt es sich, daß man heitere Miene -zum bösen Spiel macht. Und sagt selbst, wohne ich hier nicht, wie -Fürsten selten wohnen? Habt Ihr meine Hallen gesehen und die weiten -Säle meines Palastes? Glänzen nicht ihre Wände wie Silber? Wölben -die Decken sich nicht, wie aus Perlen und Diamanten zusammengesetzt? -Werden sie nicht getragen von Säulen, die von Smaragden und Rubinen -und allen Edelsteinen der Erde prangen? Doch hier kommt Hans, mein -Obermundschenk, mit dem Weine. Sprich, mein Getreuer! ist das all unser -Getränk, was in diesem Becher ist?« - -»Wasser, so klar als Kristall, hat Eure Wohnung,« sprach der Pfeifer, -der mit der heiteren Laune seines Gefährten schon vertraut war, »aber -auch ein Restchen Wein, das wenigstens noch drei Becher füllt, ist im -Krug, und -- nun wir haben ja heute einen Gast und können schon etwas -draufgehen lassen -- ich will es nur gestehen, ich habe heute nacht -einen vollen Krug alten Uhlbacher hereingebracht, er steht bei dem -andern.« - -»Das hast du wohl gemacht,« rief der geächtete Ritter, und ein Strahl -der Freude drang aus seinem glänzenden Auge. »Glaubet nicht, Herr -Georg, daß ich ein Schlemmer und Säufer bin; aber guter Wein ist -ein edles Ding, und ich liebe es, in guter Gesellschaft den vollen -Becher rund gehen zu lassen. Pflanze die Krüge nur hier auf, werter -Kellermeister, wir wollen tafeln, wie in den Tagen des Glücks. Ich -bring' es Euch, auf den alten Glanz des Hauses Sturmfeder!« - -Georg dankte und trank. »Ich sollte die Ehre erwidern,« sagte er, »und -doch weiß ich Euren Namen nicht, Herr Ritter. Doch ich bringe es Euch! -Möget Ihr bald wieder siegreich in die Burg Eurer Väter einziehen, möge -Euer Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen -- es lebe!« Georg -hatte die letzten Worte mit starker Stimme gerufen und wollte eben -den Becher ansetzen, als das Geräusch vieler Stimmen, vom Eingang der -Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die vernehmlich, »es lebe! lebe!« -riefen. Verwundert setzte er den Becher nieder. »Was ist das?« sagte -er, »sind wir nicht allein?« - -»Es sind meine Vasallen, die Geister,« antwortete der Ritter lächelnd, -»oder wenn Ihr so lieber wollt, das Echo, das Eurem freundlichen Rufe -beistimmt. Ich habe oft,« setzte er ernster hinzu, »in den Zeiten des -Glanzes das Wohl meines Hauses von hundert Stimmen ausrufen hören, doch -hat es mich nie so erfreut und gerührt als hier, wo mein einziger Gast -es ausbrachte und die Felsen dieser Unterwelt es beantworteten. Fülle -den Becher, Hans, und trinke auch du, und weißt du einen guten Spruch, -so gib ihn preis.« - -Der Pfeifer von Hardt füllte sich den Becher und blickte Georg mit -freundlichen Blicken an: »Ich bring' es Euch, Junker, und etwas recht -Schönes dazu: Das Fräulein von Lichtenstein!« - -»Hallo, sa! sa! trinkt! Junker, trinkt!« rief der Geächtete und lachte, -daß die Höhle dröhnte. »Aus bis auf den Boden, aus! Sie soll blühen und -leben für Euch! Das hast du gut gemacht, Hans! Sieh nur, wie unserem -Gast das Blut in die Wangen steigt, wie seine Augen blitzen, als küsse -er schon ihren Mund. -- Dürft Euch nicht schämen! Auch ich habe geliebt -und gefreit, und weiß, wie einem fröhlichen Herzen von vierundzwanzig -Jahren zu Mute ist!« - -»Armer Mann!« sagte Georg. »Ihr habt geliebt und gefreit und mußtet -vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder zurücklassen?« Er fühlte -sich, während er dies sprach, heftig am Mantel gezogen, er sah sich -um, und der Spielmann winkte ihm schnell mit den Augen, als sei dies -ein Punkt, worüber man mit dem Ritter nicht sprechen müsse. Und den -Jüngling gereuten auch seine Worte, denn die Züge des unglücklichen -Mannes verfinsterten sich, und er warf einen wilden Blick auf Georg, -indem er sagte: »Der Frost im September hat schon oft verderbt, was -im Mai gar herrlich blühte, und man fragt nicht, wie es geschehen -sei. Meine Kinder habe ich in den Händen rauher, aber guter Ammen -gelassen, sie werden sie, so Gott will, bewahren, bis der Vater wieder -heimkommt.« Er hatte dies mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch -als wolle er die trüben Gedanken aus dem Gedächtnis abwischen, fuhr er -mit der Hand über die Stirne, und wirklich glätteten sich die Falten, -die sich dort zusammengezogen hatten, augenblicklich; er blickte wieder -heiterer um sich her und sprach: - -»Der Hans hier kann mir bezeugen, daß ich schon oft gewünscht habe, -Euch zu sehen, Herr von Sturmfeder. Er hat mir von Eurer sonderbaren -Verwundung erzählt, wo man Euch wahrscheinlich für einen der -Vertriebenen gehalten und angefallen hat, indessen der Rechte Zeit -gewann, zu entfliehen.« - -»Das soll mir lieb sein,« antwortete Georg. »Ich möchte fast glauben, -man hat mich für den Herzog selbst gehalten, denn diesem paßten sie -damals auf; und ich will gerne die tüchtige Schlappe bekommen haben, -wenn er dadurch gerettet wurde.« - -»Ei, das ist doch viel. Wisset Ihr nicht, daß der Hieb, der nach Euch -geführt wurde, ebenso gut tödlich werden konnte?« - -»Wer zu Feld zieht,« entgegnete Georg, »der muß seine Rechnung mit der -Welt so ziemlich abgeschlossen haben. Es ist zwar schöner, in einer -Feldschlacht vor dem Feinde bleiben, wenn die Freunde jubeln und die -Kameraden umherstehen, um einem den letzten Liebesdienst zu erweisen. --- Aber doch wäre ich damals auch gestorben, wenn es hätte sein müssen, -um die Streiche dieser Meuchelmörder von dem Herzog abzulenken.« - -Der Geächtete sah den Jüngling mit Rührung an und drückte seine Hand. -»Ihr scheint großen Anteil an dem Herzog zu nehmen,« sagte er, indem -er seine durchdringenden Augen auf ihn heftete, »das hätte ich kaum -gedacht; man sagte mir, Ihr seiet bündisch.« - -»Ich weiß, Ihr seid ein Anhänger des Herzogs,« antwortete Georg, »aber -Ihr werdet mir schon ein freies Wort gestatten. Seht, der Herzog -hat manches getan, was nicht recht ist; zum Beispiel die Huttische -Geschichte, sie mag nun sein wie sie will, hätte er unterlassen können. -Sodann mag er mit seiner Frau hart umgegangen sein, und Ihr müßt selbst -gestehen, er ließ sich doch zu sehr vom Zorne bemeistern, als er -Reutlingen sich unterwarf --« - -Er hielt inne, als erwarte er die Antwort des Ritters, doch dieser -schlug die Augen nieder und winkte schweigend dem jungen Mann, -fortzufahren. »Nun, so dachte ich von dem Herzog, als ich bündisch -wurde, so und nur etwas stärker sprach man von ihm im Heere. Aber eine -große Fürsprecherin hatte er an Marien, und es ist Euch vielleicht -bekannt, daß ich mich auf ihr Zureden lossagte. Nun bekamen die Sachen -bald eine andere Gestalt in meinen Augen, sei es, weil ich von Natur -mitleidig bin und niemand ungerecht mißhandelt sehen kann, oder auch, -weil ich die Absichten der Bündischen besser durchschaute, -- ich -sah, daß dem Herzog zu viel geschehe; denn der Bund hatte offenbar -kein Recht, den Herzog aus allen seinen Besitzungen und sogar von -seinem Fürstenstuhl zu vertreiben und ihn ins Elend zu jagen. Und -da gewann der Herzog wieder in meinen Augen. Er hätte ja vielleicht -noch eine Schlacht wagen können, aber er wollte nicht das Blut seiner -Württemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen. Er hätte können den -Leuten Geld abpressen und die Schweizer damit halten, aber er war -größer als sein Unglück. Seht -- das hat mich zu seinem Freunde -gemacht.« - -Der Ritter schlug die Augen auf, seine Brust schien höher zu schlagen, -seine edle Gestalt richtete sich stolz empor, er sah Georg lange an -und drückte seine Hand an sein pochendes Herz. »Wahrlich,« sagte er, -»es lebt eine heilige, reine Stimme in dir, junger Freund! Ich kenne -den Herzog wie mich selbst, aber ich darf sagen, wie du sagtest, er -ist größer als sein Unglück und -- besser, als der Ruf von ihm sagt. -Aber er hat wenige gefunden, die ihm Probe gehalten haben! Ach, daß -er nur hundert gehabt hätte, wie du bist, und es hätte kein Fetzen -der bündischen Paniere auf einer württembergischen Zinne geweht. -Daß du sein Freund werden könntest! Doch es sei ferne von mir, dich -einzuladen, sein Unglück mit ihm zu teilen, es ist genug, daß deine -Klinge und ein Arm wie der deinige nicht mehr seinen Feinden gehört. -Mögen deine Tage heiterer sein als die seinigen, möge der Himmel dir -deine guten Gesinnungen gegen einen Unglücklichen belohnen!« - -Es wehte ein Geist in den Worten des geächteten Ritters, der manch -verwandte Saite in dem Herzen des Jünglings anschlug. War es die -Anerkennung seines persönlichen Wertes, der ihm aus dem Munde eines -Tapferen so ermunternd klang, war es die Aehnlichkeit des Schicksals -dieses Unglücklichen mit seiner eigenen Armut und mit dem Unglück -seines Hauses, war es die romantische Idee, nicht für das siegende -Unrecht, sondern für die gerechte Sache, gerade weil sie im tiefsten -Unglück war, sich zu erklären -- Georg fühlte sich unwiderstehlich -zu diesem geächteten Mann, zu der Sache, für die er litt, hingezogen; -begeistert faßte er seine Hand und rief: »Es spreche mir keiner von -Vorsicht, nenne es keiner Torheit, sich an das Unglück anzuschließen! -Mögen andere dieses schöne Land dort oben teilen und in den Gütern -dieses unglücklichen Fürsten schwelgen -- ich fühle Mut in mir, mit ihm -zu tragen, was er trägt, und wenn er sein Schwert zieht, seine Lande -wieder zu erobern, so will ich der erste sein, der sich an seine Seite -stellt. Nehmt meinen Handschlag, Herr Ritter, ich bin, wie es auch -komme, Ulrichs Freund für immer!« - -Eine Träne glänzte in dem Auge des Geächteten, indem er den Handschlag -zurückgab. »Du wagst viel, aber du bist viel, wenn du Ulrichs Freund -bist. Das Land da oben gehört jetzt den Räubern und Dieben, aber hier -unten ist noch gut Württemberg. Hier vor mir sitzt der Ritter und -der Bürger, vergesset einen Augenblick, daß ich ein armer Ritter und -ein unglücklicher geächteter Mann bin, und denket, ich sei Fürst des -Landes, wie ich Herr der Höhle bin. Ha! noch gibt es ein Württemberg, -wo diese drei zusammenhalten, und sei es auch tief im Schoß der Erde. -Fülle den Becher, Hans, und lege deine rauhe Hand in die unsrigen, wir -wollen den Bund besiegeln!« - -Hans ergriff den vollen Krug und füllte den Becher. »Trinkt, edle -Herren, trinkt,« sagte er, »Ihr könnet Euch in keinem edleren Wein -Bescheid tun als in diesem Uhlbacher.« - -Der Geächtete trank in langen Zügen den Becher aus, ließ ihn wieder -füllen und reichte ihn Georg. »Wie ist mir doch?« sagte dieser. »Blühet -nicht dieser Wein um Württembergs Stammschloß? Ich glaube, man nennt -also den Wein, der auf jenen Höhen wächst?« - -»Es ist so,« antwortete der Geächtete, »Rothenberg heißt der Berg, -an dessen Fuß dieser Wein wächst, und auf seinem Gipfel steht das -Schloß, das Württembergs Ahnen gebaut haben. -- O, ihr schönen Täler -des Neckars, ihr herrlichen Berge voll Frucht und Wein! Von euch, von -euch auf immer?« Er rief es mit einer Stimme, die aus einem gebrochenen -Herzen voll Schmerz und Kummer heraufstieg, denn die Wehmut hatte die -Decke gesprengt, womit der feste, unbeugsame Sinn dieses Mannes seine -kummervolle Seele verhüllt hatte. - -Der Bauer kniete nieder zu ihm, ergriff seine Hand und weckte ihn aus -dem düsteren Hinbrüten, dem er sich einige Augenblicke hingegeben -hatte. »Seid stark, guter Herr! Ihr werdet sie wiedersehen, fröhlicher, -als Ihr sie verlassen habt.« - -»Ihr werdet sie wiedersehen, die Täler Eurer Heimat,« rief Georg, -»wenn der Herzog einrückt in sein Land, wenn er einziehet in die Burg -seiner Ahnen, wenn die Täler des Neckars und seine weinreichen Höhen -widerhallen vom Jubel des Volkes, dann werdet auch Ihr Eurer Wohnung -wieder entgegenziehen. Verscheuchet die trüben Gedanken, ›~nunc vino -pellite curas~‹ trinket, vergesset nicht, was wir vorhin gesprochen -haben, ich tue Euch Bescheid in diesem Württemberger Wein, -- ›der -Herzog und seine Treuen!‹« - -Ein angenehmes Lächeln ging wie ein Sonnenblick bei diesen Worten -auf den düstern Zügen des Ritters auf. »Ja!« rief er, »Treue ist das -Wort, das Genesung gibt dem gebrochenen Herzen, wie ein kühler Trank -dem einsamen Wanderer in der Wüste. Vergesset meine Schwäche, Junker, -verzeihet sie einem Mann, der sonst seinem Kummer nicht Raum gibt. -Aber wenn Ihr je vom Gipfel des Rotenberges hinabgesehen hättet auf -das Herz von Württemberg, wie der Neckar durch grüne Ufer zieht, wie -manneshohe Halmen in den Feldern wogen, wie sanfte Hügel am Fluß sich -hinaufziehen, bepflanzt mit köstlichem Wein, wie dunkle, schattige -Forsten die Gipfel der Berge bekränzen, wie Dorf an Dorf mit den -freundlichen roten Dächern aus den Wäldern von Obstbäumen hervorschaut, -wie gute, fleißige Menschen, kräftige Männer, schöne Weiber auf diesen -Höhen, in diesen Tälern walten und sie zu einem Garten anbauen, -- -hättet Ihr dieses gesehen, Junker, gesehen mit _meinen_ Augen und säßet -jetzt hier unten, hinausgeworfen, verflucht, vertrieben, umgeben von -starren Felsen, tief im Schoß der Erde! O, der Gedanke ist schrecklich -und oft zu mächtig für ein Männerherz!« - -Georg bangte, der Ritter möchte durch die traurige Gegenwart und seine -schöneren Erinnerungen wieder in seine Wehmut zurückgeführt werden, -daher suchte er schnell dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: »Ihr -waret also oft um den Herzog, Herr Ritter? O sagt mir, ich bin ja jetzt -sein Freund, sagt mir, wie ist er im Umgang? Wie sieht er aus? Nicht -wahr, er ist sehr veränderlich und hat viele Launen?« - -»Nichts davon,« antwortete der Geächtete, »Ihr werdet ihn sehen und -lernet ihn am besten ohne Beschreibung kennen. Aber schon zu lange -haben wir von fremden Angelegenheiten gesprochen. Von Euren eigenen -saget Ihr gar nichts? Nichts von dem Zweck Eurer jetzigen Reise, -nichts von dem schönen Fräulein von Lichtenstein? -- Ihr schweiget und -schlaget die Augen nieder? Glaubet nicht, daß es Neugierde sei, warum -ich frage. Nein, ich glaube Euch in dieser Sache nützlich sein zu -können.« - -»Nach dem, was diese Nacht zwischen uns geschehen ist,« antwortete -Georg, »ist von meiner Seite keine Zurückhaltung, kein Geheimnis mehr -nötig. Es scheint auch, Ihr wußtet längst, daß ich Marien liebe, -vielleicht auch, daß sie mir hold ist?« - -»O ja,« entgegnete der Ritter lächelnd, »wenn ich anders die Zeichen -der Liebe verstehe und richtig deuten kann; denn sie schlug, wenn von -Euch die Rede war, die Augen nieder und errötete bis in die Stirne; -auch nannte sie Euren Namen mit eigenem, so eigenem Ton, als gäben alle -Saiten ihres Herzens den Akkord zu diesem Grundton an.« - -»Ich glaube, Euer scharfes Auge hat richtig bemerkt, und deswegen will -ich nach Lichtenstein. Ich war von Anfang willens, als ich mich vom -Bunde lossagte, nach Haus zu ziehen, aber die Alb ist schon halbwegs -von Franken hieher, da dachte ich, ich könnte das Fräulein noch einmal -zuvor sehen. Der Mann hier führte mich über die Alb. Ihr wisset, was -meine Reise um acht Tage verzögerte. Sobald der Morgen herauf ist, will -ich oben im Schloß einsprechen, und ich hoffe, ich komme dem alten -Herrn jetzt willkommener, da ich das neutrale Gebiet verlassen und zu -seiner Farbe mich geschlagen habe.« - -»Wohl werdet Ihr ihm willkommen sein, wenn Ihr als Freund des Herzogs -kommt, denn er ist ihm treu und sehr ergeben. Doch könnte es sein, -daß er Euch nicht traute, denn er soll ein wenig mißtrauisch und -grämlich gegen fremde Menschen sein. Ihr wisset, wie ich mit ihm stehe, -denn er ist der barmherzige Samariter, der mich, wenn ich nachts aus -meiner Höhle steige, mit warmer Speise und mit noch wärmerem Trost für -die Zukunft labt. Ein paar Zeilen von mir mögen Euch bei ihm besser -empfehlen als ein Freibrief des Kaisers, und zum Zeichen für ihn und -manchen andern nehmt diesen Ring und traget ihn zum Andenken an diese -Stunde, er wird Euch als einen Freund der gerechten Sache Württembergs -verkünden.« Er zog bei diesen Worten einen breiten Goldreif vom -Finger. Ein roter Stein war in die Mitte gefaßt, und in den drei -Hirschgeweihen[31] mit dem Jagdhorn auf dem Wappenhelm, die darin -eingegraben waren, erkannte der junge Mann das Zeichen Württembergs. Um -den Ring standen erhabene eingeprägte Buchstaben, deren Sinn er nicht -verstand. Sie hießen ~UHZWUT~. - -»Uhzwut? Was bedeutet dieser Name?« fragte er. »Ist es etwa ein -Feldgeschrei für die Anhänger des Herzogs?« - -»Nein, mein junger Freund,« antwortete der geächtete Ritter. »Diesen -Ring trug der Herzog lange an seiner Hand, und er war mir immer sehr -wert, ich habe aber noch viele andere Andenken von ihm und konnte -dieses an keinen Besseren abtreten. Die Zeichen heißen Ulrich Herzog zu -Württemberg und Teck!« - -»Er wird mir ewig teuer sein,« erwiderte Georg, »als ein Andenken -an den unglücklichen Herrn, dessen Namen er trägt, und als schöne -Erinnerung an Euch, Herr Ritter, und die Nacht in der Höhle.« - -»Wenn Ihr an die Zugbrücke von Lichtenstein kommet,« fuhr der Ritter -fort, »so gebet dem nächsten besten Knecht den Zettel, den ich Euch -schreiben werde, und diesen Ring, solches dem Herrn des Schlosses zu -bringen, und Ihr werdet gewiß empfangen werden, als wäret Ihr des -Herzogs eigener Sohn. Doch für das Fräulein müßt Ihr Eure eigenen -Zeichen haben, denn auf sie erstreckt sich mein Zauber nicht; etwa ein -herzlicher Händedruck, die geheimnisvolle Sprache der Augen oder ein -süßer Kuß auf ihren roten Mund; doch, um gehörig vor ihr zu erscheinen, -habt Ihr Ruhe nötig, denn Eure Augen möchten nach einer durchwachten -Nacht etwas trübe sein. Daher folget meinem Beispiel, strecket Euch auf -die Rehfelle nieder und legt Euren Mantel als Kopfkissen unter. Und du, -würdiger Majordomus, oberster Kämmerer und Mundschenk, Hans, getreuer -Gefährte im Unglück, reiche diesem Paladin noch einen Becher zum -Schlaftrunk, daß ihm jene Felle zum weichen Pfühl, diese Felsengrotte -zum Schlafklosett werde, und ihn der Gott der Träume mit seinen -lieblichsten Bildern besuche!« - -Die Männer tranken und legten sich zur Ruhe, und Hans setzte sich, wie -ein treuer Hund, an die Pforte der Felsenkammer. Bald kam Morpheus -mit leisen Tritten zu dem Lager des Jünglings und streute seine -Schlummerkörner über ihn, und er hörte nur noch halb im Traume, wie der -geächtete Mann sein Nachtgebet sprach und mit frommer Zuversicht zu dem -Lenker der Schicksale flehte, über ihn und jenes unglückliche Land, -in dessen tiefem Schoß er jetzt ruhte, seinen Schutz und seine Hilfe -herabzusenden. - - - - -21. - - Aus einem tiefen grünen Tal - Steigt auf ein Fels als wie ein Strahl, - Drauf schaut das Schlößlein Lichtenstein - Vergnüglich in die Welt hinein. - - _Schwab._ - - -Georg konnte sich anfangs nicht recht auf seine Lage und die -Gegenstände umher besinnen, als er von dem Pfeifer von Hardt aus dem -Schlaf aufgeschüttelt wurde; allmählich aber kehrten die Bilder der -vergangenen Nacht in seine Seele zurück, und er erwiderte freudig den -Handschlag, mit welchem ihn der geächtete Ritter begrüßte. »So gerne -ich Euch noch tagelang in meinem Palast beherbergen würde,« sprach -dieser, »so möchte ich Euch doch raten, nach Lichtenstein aufzubrechen, -wenn Ihr anders ein warmes Frühstück haben wollet. In meiner Höhle kann -ich Euch leider keines bereiten lassen, denn wir machen niemals Feuer -an, weil der Rauch uns gar zu leicht verraten könnte.« - -Georg stimmte seinen Gründen bei und dankte ihm für seine Beherbergung. -»Wahrlich,« sagte er, »ich habe selten eine fröhlichere Nacht beim -Becher verlebt als in dieser Höhle. Es hat etwas Reizendes, so -tief unter den Füßen der Menschen zu atmen und mit Freunden sich -zu besprechen. Ich gebe nicht den herrlichsten Saal des schönsten -Schlosses um diese Felsenwände!« - -»Ja, unter Freunden, wenn der Becher munter kreist,« entgegnete der -Bewohner der Höhle; »aber unfreiwillig hier zu sitzen, tagelang einsam -in diesen Kellern über sein Unglück zu brüten, wenn das Herz sich -hinaussehnt in den grünen Wald, unter den blauen Himmel, wenn das -Auge, müde dieser unterirdischen Pracht, hineintauchen möchte in die -reizende Landschaft, hinüber schweifen möchte über lachende Täler zu -den fernen Bergen der Heimat; wenn das Ohr, betäubt von dem eintönigen -Gemurmel dieser Wasser, die Tropfen um Tropfen von den Wänden rieseln -und gesammelt in bodenlose Tiefen hinabstürzen, sich hinaussehnt, den -Gesang der Lerche zu hören, zu lauschen, wie das Wild in den Büschen -rauscht!« - -»Armer Mann! Es ist wahr, eine solche Einsamkeit muß schrecklich sein!« - -»Und dennoch,« fuhr jener fort und richtete sich höher auf, indem ein -stolzer Trotz aus seinen Augen blitzte, »und dennoch preise ich mich -glücklich, mit Hilfe guter Leute diese Zuflucht gefunden zu haben. -Ja, ich wollte lieber noch hundert Faden tief hinabsteigen, wo die -Brust keine Luft mehr zu atmen findet, als in die Hände meiner Feinde -fallen und ihr Gespötte werden; und wenn sie dahin mir nachkämen, die -blutgierigen Hunde des Bundes, so wollte ich mich mit meinen Nägeln -weiter hineinscharren in die härtesten Felsen, ich wollte hinabsteigen -tiefer und immer tiefer, bis wo der Mittelpunkt der Erde ist. Und -kämen sie auch dorthin, so wollte ich die Heiligen lästern, die mich -verlassen haben, und wollte dem Teufel rufen, daß er die Pforten -der Finsternis aufreiße und mich berge gegen die Verfolgung dieses -übermütigen Gesindels.« Der Mann war in diesem Augenblick so furchtbar, -daß Georg unwillkürlich vor ihm zurückbebte. Seine Gestalt schien -größer, alle seine Muskeln waren angespannt, seine Wangen glühten, -seine Augen schossen Blitze, als suchten sie einen Feind, den sie -vernichten sollten, seine Stimme dröhnte hohl und stark, und das Echo -der Felsen sprach ihm in schrecklichen Tönen seine Verwünschungen nach. -Obgleich diese Gradation dem Jüngling zu stark vorkommen mochte, so -konnte er doch die Gefühle eines Mannes nicht tadeln, den man, weil er -seinem Herrn treu geblieben war, aus seinen Besitzungen hinausgeworfen -hatte, den man wie ein angeschossenes Wild suchte, um ihn zu töten. »Es -liegt ein Trost in dieser Gesinnung,« sagte er zu dem Geächteten, »und -Ihr werdet Euer Unglück leichter tragen, wenn Ihr den Gegensatz recht -scharf ins Auge fasset. Ich bewundere Euch um Eure Seelenstärke, Herr -Ritter; aber eben dieses Gefühl der Bewunderung nötigt mir eine Frage -ab, die vielleicht noch immer zu unbescheiden klingt, doch Ihr habt -mich in der letzten Nacht zu oft Freund genannt, als daß ich sie nicht -wagen dürfte: nicht wahr, Ihr seid Marx Stumpf von Schweinsberg?« - -Es mußte etwas Lächerliches in dieser Frage liegen, das Georg nicht -finden konnte, denn der Ernst, der noch immer auf den Zügen des Ritters -gelegen, war wie weggeblasen; er lachte zuerst leise vor sich hin, -dann aber brach er in lautes Gelächter aus, in welches, wie auf ein -gegebenes Zeichen, auch der Spielmann einstimmte. - -Georg sah bald den einen, bald den andern fragend an, aber seine -verlegenen Blicke schienen nur die Lachlust der beiden Männer noch mehr -zu reizen. Endlich faßte sich der Geächtete: »Verzeihet, werter Gast, -daß ich das Gastrecht so gröblich verletzte und mir nicht lieber die -Zunge abgebissen habe, ehe ich etwas von Euch lächerlich fand; aber -wie kommt ihr nur auf den Marx Stumpf? Kennt Ihr ihn denn?« - -»Nein, aber ich weiß, daß er ein tapferer Ritter ist, daß er wegen des -Herzogs vertrieben wurde, und daß die Bündischen auf ihn lauern, und -paßt dieses nicht alles ganz gut auf Euch?« - -»Danke Euch, daß Ihr mich für so tapfer haltet, aber das möchte -ich Euch doch raten, daß Ihr dem Stumpf nicht bei Nacht in den Weg -kommet wie mir, denn dieser hätte Euch ohne weiteres zu Kochstücken -zusammengehauen. Der Schweinsberg ist ein kleiner, dicker Kerl, einen -Kopf kleiner als ich, und darum kam mir unwiderstehlich das Lachen. -Uebrigens ist er ein ehrenwerter Mann und einer von den wenigen, die -ihren Herrn im Unglück nicht verließen.« - -»So seid Ihr nicht dieser Schweinsberg?« entgegnete Georg traurig, »und -ich muß gehen, ohne zu wissen, wer mein Freund ist?« - -»Junger Mann!« sagte der Geächtete mit Hoheit, die nur durch den -gewinnenden Ausdruck der Freundlichkeit gemildert wurde, »Ihr habt -einen Freund gefunden durch Euer tapferes, ehrenvolles Wesen, durch -Euren offenen, freien Blick, durch Eure warme Teilnahme an dem -unglücklichen Herzog. Es sei Euch genug, diesen Freund gewonnen zu -haben; fraget nicht weiter, ein Wort könnte vielleicht dieses trauliche -Verhältnis zerstören, das mir so angenehm ist. Lebet wohl, denket an -den geächteten Mann ohne Namen und seid versichert, ehe zwei Tage -vorbeigehen, sollt Ihr von mir und meinem Namen hören.« Es wollte Georg -dünken, als stehe dieser Mann, trotz seines unscheinbaren Kleides, -vor ihm wie ein Fürst, der seinen Diener huldreich entläßt, so groß -war jene unbeschreibliche Hoheit, die ihm auf der Stirne thronte, so -erhaben der Glanz, der aus seinem Auge drang. - -Der Pfeifer hatte unter diesen Worten die Fackeln angezündet und stand -erwartend am Eingang der Grotte; der geächtete Ritter drückte einen -Kuß auf die Lippen des Jünglings und winkte ihm, zu gehen. Er ging und -wußte nicht, wie ihm geschah; noch nie war ihm ein Mensch so freundlich -nahe, und doch zugleich so unendlich hoch über ihm gestanden; noch nie -hatte er gefühlt, wie in jenen Augenblicken, daß ein Mann, entkleidet -von jenem irdischen Glanze, der das Leben schmückt, selbst in ärmlicher -Hülle und Umgebung eine Erhabenheit und Größe von sich strahlen könne, -die das Auge blendet und das Gefühl des eigenen Ichs so plötzlich -überrascht und hinabdrückt. Mit diesem Gedanken beschäftigt, ging -er durch die Höhle; die erhabene Pracht der Natur, die beim Eintritt -sein Auge überrascht und gefesselt hatte, ging für ihn verloren; er -staunte nicht mehr, daß sie im Schoße eines unscheinbaren Berges -sich so herrlich und großartig ausgesprochen habe. War ja doch sein -inneres Auge mit einem Gegenstand beschäftigt, in welchem sie sich noch -imposanter und großartiger aussprach als in der nächtlichen Pracht -dieser Felsen; denn er bewunderte die Erhabenheit des menschlichen -Geistes über jedes irdische Verhältnis und dachte nach über die -Majestät einer großen Seele, die auch im Gewande eines Bettlers ihren -angeborenen Adel nicht verleugnen kann. - -Ein heller freundlicher Tag empfing sie, als sie aus der Nacht der -Höhle zum Licht herausstiegen. Georg atmete freier und leichter in -der kühlen Morgenluft, denn der feuchte Dunst, der in den Gängen -und Grotten der Höhle umzieht, und wovon sie vielleicht den Namen -Nebelhöhle trägt, lagert sich beengend auf die Brust. Sie fanden das -Pferd des jungen Ritters noch an derselben Stelle angebunden, munter -und frisch wie sonst, und selbst die Waffenstücke, die am Sattel -befestigt waren, hatten durch den Nachttau nicht Schaden gelitten, wie -Georg befürchtet hatte, denn der Pfeifer von Hardt hatte ein grobes -Tuch, das ihm beim Unwetter gegen Regen und Kälte dienen mochte, über -den Rücken des Pferdes ausgebreitet. Georg machte seine Kleidung und -das Zeug des Rosses zurecht, während der Bauer diesem einige Hände voll -Heu zum Morgenbrot reichte, und dann ging es weiter den Berg hinan. Sie -waren erst wenige Schritte vorgerückt, als der Klang einer Glocke aus -dem Tal herauftönte und die feierliche Stille des Morgens unterbrach; -eine andere antwortete, drei bis vier stimmten ein, bis die melodischen -Töne von wenigstens zwölf Glocken von den Höhen umher und aus den -Tälern aufstiegen. Ueberrascht hielt der junge Mann sein Pferd an: »Was -ist das?« rief er. »Brennt es irgendwo, oder wie, sollten wir heute ein -Fest im Kalender haben? Weiß Gott, ich bin durch meine Krankheit so aus -aller Zeit herausgekommen, daß ich den Sonntag nur daran erkenne, daß -die Mädchen neue Röcke und frische Schürzen anhaben.« - -»Es ist wohl schon manchem Kriegsmann so gegangen,« antwortete Hans der -Spielmann; »ich selbst habe mich oft erst auf die Zeit besinnen müssen, -wenn ich wichtigere Dinge im Kopf hatte als Mess' und Predigt; aber -heute ist es ein anderes Ding,« setzte er ernster hinzu und schlug ein -Kreuz, »heut ist Karfreitag. Gelobt sei Jesus Christus!« - -»In Ewigkeit!« erwiderte der Jüngling. »Es ist das erste Mal in meinem -Leben, daß ich den Tag nicht würdig begehe, wie ich soll, und dieser -Tag erinnert mich an manche schöne Stunde meiner Kindheit. Damals -lebte noch mein Vater; ich hatte eine sanfte, gute Mutter und ein ganz -kleines Schwesterlein. Wir beide freuten uns immer, wenn der Karfreitag -kam; wir wußten nichts von der Bedeutung des Tages, aber wir rechneten -dann, daß es nur noch zwei Tage bis Ostern sei, wo uns die Mutter -schöne Sachen bescherte. »~Requiescant in pace!~« setzte er hinzu, -indem er seitwärts blickte, um eine Träne zu verbergen; »sie sind -drüben alle drei und feiern dort ihren heiligen Freitag.« - -»Man sollte nicht von so unheiligen Dingen sprechen,« sagte der Pfeifer -nach einigem Stillschweigen, »aber mein Beichtiger mag es mir schon -vergeben. Ich denke, Ihr solltet nicht traurig sein, Junker! Denen, die -schlafen, ist es wohl, und die, die wachen, sollen vorwärts und nicht -rückwärts sehen. So würde ich an Eurer Stelle daran denken, wie Ihr -einst auch Euren Kindlein das Ostern bescheren könnet, und wie sie sich -freuen werden am Karfreitag. Seid Ihr nicht auf der Brautfahrt, und -wird ein gewisses Fräulein nicht auch eine gute, sanfte Mutter werden?« - -Georg suchte umsonst ein Lächeln zu unterdrücken, das dieser sonderbare -Trostspruch hervorgelockt hatte. »Höre, guter Freund,« entgegnete er, -»dir ist zur Not ein solches Wort erlaubt; doch möchte ich keinem -anderen raten, meine Ohren durch solche sündigen Gedanken zu entweihen.« - -»Nichts für ungut, Herr! Ich wollte weder Euch noch das Fräulein damit -beleidigen; soll auch nicht mehr geschehen. Aber sehet Ihr nicht dort -schon den Turm aus den Wipfeln ragen? Noch eine kleine Viertelstunde, -und wir sind oben.« - -»Soviel ich gestern in der Nacht bemerken konnte, ist das Schloß auf -einen einzelnen jähen Felsen hinausgestellt. Bei Gott, ein kühner -Gedanke, da konnte wohl niemand hinüberkommen, wer nicht mit den Geiern -im Bunde war und fliegen gelernt hatte; freilich jetzt könnte man ihm -mit Stückschüssen sehr zusetzen.« - -»Meint Ihr? Nun es stehen auch vier gute Doppelhaken in der Halle, die -auch ein Wörtchen antworten würden. Wenn Ihr recht gesehen habt, so -müßt Ihr bemerkt haben, daß der Felsen ringsum durch ein breites Tal -von den Bergen umher gesondert ist, dorther könnte man nicht viel -Schaden tun; die einzige Seite, die näher an dem Berge liegt, ist die, -wo die Zugbrücke herübergeht. Pflanzet einmal dort Geschütz auf und -sehet zu, ob es Euch der Lichtensteiner nicht in den Grund schießt, ehe -Ihr nur ein Fenster aufs Korn genommen habt. Und wie wollt Ihr Geschütz -heraufführen in diesen Schluchten und Bergen, ohne daß Euch wenige -entschlossene Männer mehr Schaden tun, als das ganze Nest wert ist?« - -»Da habt Ihr recht,« antwortete Georg; »ich möchte wissen, wer den -Gedanken gehabt hat, auf den Felsen ein Schloß zu bauen.« - -»Das will ich Euch sagen,« erwiderte der Spielmann, der mit allen -Sagen seines Landes vertraut war; »es lebte einmal vor vielen Jahren -eine Frau, die mußte viele Verfolgung dulden und wußte sich nicht -mehr zu raten. Da kam sie an diesen Felsen und sah, wie ein großer -Geier mit seiner Familie und allem Haushalt dort lebte und gegen alle -Nachstellung sicher war. Da beschloß sie, den Geier zu verdrängen. Sie -ließ das Schloß dorthin bauen, und als alles fertig war, ließ sie die -Brücke aufziehen, stieg auf die Zinne ihres Turmes und sprach: ›Nun bin -ich Gottes Freund und aller Welt Feind.‹ Und es konnte ihr keiner mehr -etwas anhaben. Aber sehet, da sind wir schon. Lebet wohl, vielleicht, -daß ich Euch schon heute nacht wiedersehe. Ich steige jetzt ins Land -hinab und bringe dann dem Herrn in der Höhle Kundschaft, wie es dort -unten aussieht. Vergesset nicht, an der Brücke Brief und Ring dem Herrn -des Schlosses zu senden, und hütet Euch, das Siegel selbst zu brechen.« - -»Sei ohne Sorgen! Ich danke dir für dein Geleite, und grüße meinen -werten Gastfreund in der Höhle.« Georg sprach es, trieb sein Pferd an, -und in wenigen Augenblicken war er vor der äußeren Verschanzung von -Lichtenstein angelangt. - -Ein Knecht, der das Tor bewachte, fragte nach seinem Begehr und -rief einen andern herbei, ihrem Herrn das Brieflein und den Ring -zu übergeben. Georg hatte indes Zeit genug, das Schloß und seine -Umgebungen zu betrachten. War ihm schon in der Nacht, beim ungewissen -Schein des Mondes und in einer Gemütsstimmung, die ihn nicht zum -aufmerksamsten Beobachter machte, die kühne Bauart dieser Burg -aufgefallen, so staunte er jetzt noch mehr, als er sie vom hellen Tag -beleuchtet anschaute. Wie ein kolossaler Münsterturm steigt aus einem -tiefen Alptal ein schöner Felsen, frei und kühn, empor. Weitab liegt -alles feste Land, als hätte ihn ein Blitz von der Erde weggespalten, -ein Erdbeben ihn losgetrennt oder eine Wasserflut vor uralten Zeiten -das weichere Erdreich ringsum von seinen festen Steinmassen abgespült. -Selbst an der Seite von Südwest, wo er dem übrigen Gebirge sich nähert, -klaffte eine tiefe Spalte, hinlänglich weit, um auch den kühnsten -Sprung einer Gemse unmöglich zu machen, doch nicht so breit, daß nicht -die erfinderische Kunst des Menschen durch eine Brücke die getrennten -Teile vereinigen konnte. - -Wie das Nest eines Vogels, auf die höchsten Wipfel einer Eiche oder -auf die kühnsten Zinnen eines Turmes gebaut, hing das Schlößchen -auf dem Felsen. Es konnte oben keinen sehr großen Raum haben, denn -außer einem Turm sah man nur eine befestigte Wohnung, aber die -vielen Schießscharten im unteren Teil des Gebäudes und mehrere weite -Oeffnungen, aus denen die Mündungen von schwerem Geschütz hervorragten, -zeigten, daß es wohl verwahrt und trotz seines kleinen Raumes eine -nicht zu verachtende Feste sei; und wenn ihm die vielen hellen Fenster -des oberen Stockes ein freies, luftiges Ansehen verliehen, so zeigten -doch die ungeheuren Grundmauern und Strebepfeiler, die mit dem Felsen -verwachsen schienen und durch Zeit und Ungewitter beinahe dieselbe -braungraue Farbe wie die Steinmasse, worauf sie ruhten, angenommen -hatten, daß es auf festem Grunde wurzle und weder vor der Gewalt der -Elemente noch dem Sturm der Menschen erzittern werde. Eine schöne -Aussicht bot sich schon hier dem überraschten Auge dar, und eine noch -herrlichere, freiere ließ die hohe Zinne des Wartturms und die lange -Fensterreihe des Hauses ahnen. - -Diese Bemerkungen drängten sich Georg auf, als er erwartend an der -äußeren Pforte stand, die wohlverschanzt herwärts über der Kluft, auf -dem Lande den Zugang zu der Brücke deckte. Jetzt tönten Schritte über -die Brücke, das Tor tat sich auf, und der Herr des Schlosses erschien -selbst, seinen Gast zu empfangen. Es war jener ernste, ältliche Mann, -den Georg in Ulm mehremal gesehen, dessen Bild er nicht vergessen -hatte; denn die düsteren, feurigen Augen, die bleichen, aber edlen -Züge, seine große Aehnlichkeit mit der Geliebten, hatten sich tief in -die Seele des Jünglings eingeprägt. - -»Ihr seid willkommen in Lichtenstein!« sagte der alte Herr indem -er seinem Gast die Hand bot und eine gütige Freundlichkeit den -gewöhnlichen strengen Ernst seiner Züge milderte. »Was steht ihr -müßig da, ihr Schlingel!« wandte er sich nach dieser ersten Begrüßung -zu seinen Dienern. »Soll etwa der Junker sein Roß mit hinaufführen in -die Stube? Schnell, hinein mit in den Stall; das Rüstzeug traget auf -die Kammer am Saal! -- Verzeihet, werter Herr, daß man Euch so lange -unbedient stehen ließ, aber in diese Bursche ist kein Verstand zu -bringen. Wollet Ihr mir folgen?« - -Er ging voran über die Zugbrücke, Georg folgte. Sein Herz pochte bei -diesem Gange voll Erwartung, voll Sehnsucht, seine Wangen röteten sich -vor Liebe und vor Scham, wenn er an die letzte Nacht und an die Gefühle -zurückdachte, die ihn zuerst vor diese Burg geführt hatten. Sein Auge -suchte an den Fenstern umher, ob es nicht die Geliebte erspähe, sein -Ohr schärfte sich, um vielleicht ihre Stimme zu vernehmen, wenn auch -ihr Anblick ihm jetzt noch verborgen war. Aber umsonst suchten seine -Blicke diese Mauern zu durchbohren, umsonst fing sein scharfes Ohr -jeden Laut begierig auf, noch schien sie sich nicht zeigen zu wollen. - -Sie gelangten jetzt an das innere Tor. Es war nach alter Art tief, -stark gebaut und mit Fallgattern, Oeffnungen für siedendes Oel und -Wasser, und allen jenen sinnreichen Verteidigungsmitteln versehen, -womit man in den guten alten Zeiten den stürmenden Feind, wenn er -sich der Brücke bemeistert haben sollte, abhielt. Doch die ungeheuren -Mauern und Befestigungen, die sich von dem Tor an rings um das Haus -zogen, verdankte Lichtenstein nicht der Kunst allein, sondern auch der -Natur; denn ganze Felsen waren in die Mauerlinie gezogen, und selbst -der schöne, geräumige Pferdestall und die kühlen Kammern, die statt -des Kellers dienten, waren in den Felsen eingehauen. Ein bequemer, -gewundener Schneckengang führte in die oberen Teile des Hauses, und -auch dort waren kriegerische Verteidigungen nicht vergessen; denn -auf dem Vorplatz, der zu den Zimmern führte, wo in anderen Wohnungen -häusliche Gerätschaften aufgestellt sind, waren hier furchtbare -Doppelhaken und Kisten mit Stückkugeln aufgepflanzt. Das Auge des -alten Ritters ruhte mit einem gewissen Ausdruck von Stolz auf diesem -sonderbaren Hausrat, und in der Tat konnten diese Geschütze damals für -ein Zeichen von Wohlhabenheit und selbst Reichtum gelten, denn nicht -jeder Privatmann war imstande, seine Burg mit vier oder sechs solchen -Stücken zu versehen. - -Von hier ging es noch einmal aufwärts in den zweiten Stock, wo ein -überaus schöner Saal, ringsum mit hellen Fenstern, den Ritter von -Lichtenstein und seinen Gast aufnahm.[32] Der Hausherr gab einem -Diener, der ihnen gefolgt war, mehr durch Zeichen als Worte einige -Befehle, die ihn aus dem Saale entfernten. - - - - -22. - - -- Und der Graf, gerührt von solches - Hohen Opfers hohem Geiste - Bei der Freude süßer Regung, - Kann der Freundschaft mildem Taue, - Der durchs Herz ihm, der durchs Auge - Schon ihm schleicht, nicht widerstehen. - - _P. Conz._ - - -Als die beiden Männer in dem weiten Saale von Lichtenstein allein -waren, trat der Alte dicht vor Georg hin und schaute ihn an, als messe -er prüfend seine Züge. Ein Strahl von Begeisterung und Freude drang aus -seinen Augen, und die Melancholie seiner Stirne war verschwunden, er -war heiter, fröhlich sogar, wie der Vater, der einen Sohn empfängt, der -von langen Reisen zurückkehrt. Endlich stahl sich eine Träne aus seinem -glänzenden Auge, aber es war eine Träne der Freude, denn er zog den -überraschten Jüngling an sein Herz. - -»Ich pflege nicht weich zu sein,« sprach er nach dieser feierlichen -Umarmung zu Georg; »aber solche Augenblicke überwinden die Natur, denn -sie sind selten. Darf ich denn wirklich meinen alten Augen trauen? -Trügen die Züge dieses Briefes nicht? Ist dieses Siegel echt, und darf -ich ihm glauben? Doch -- was zweifle ich! Hat nicht die Natur Euch ihr -Siegel auf die freie Stirne gedrückt? Sind die Züge nicht echt, die sie -auf den offenen Brief Eures Gesichtes geschrieben? Nein, Ihr könnet -nicht täuschen -- die Sache meines unglücklichen Herrn hat einen Freund -gefunden?« - -»Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meinet, so habt Ihr recht -gesehen, sie hat einen warmen Anhänger gefunden. Der Ruf bezeichnet mir -längst den Herrn von Lichtenstein als einen treuen Freund des Herzogs, -und ich wäre vielleicht auch ohne den Rat jenes unglücklichen Mannes, -der mich zu Euch schickte, gekommen, Euch zu besuchen.« - -»Setzet Euch zu mir, junger Freund,« sagte der Alte, dessen Augen -immer noch mit Liebe auf dem Jüngling zu ruhen schienen; »setzet Euch -her und höret, was ich sage. Ich liebe es sonst nicht, wenn die Leute -ihre Farbe ändern, ich habe in meinem langen Leben gelernt, daß man -die Ueberzeugung eines jeden ehren müsse, und daß ein Mann, wenn er -nur sonst reine Absichten hat, nicht gerade deswegen zu verdammen sei, -weil er anderer Meinung ist als wir. Aber wenn man seine Farbe mit so -uneigennützigen Absichten ändert wie Ihr, Georg von Sturmfeder, wenn -man dem Glück den Rücken kehrt, um sich an das Unglück anzuschließen, -da hat die Aenderung großen Wert, denn sie trägt das Gepräge einer -edlen Tat an der Stirne.« - -Georg errötete über sich selbst, als er hörte, wie der Lichtensteiner -seine uneigennützigen Absichten pries. War es denn nicht auch die -schöne Tochter, was ihn zu der Fahne des Vaters führte? Und mußte -er nicht in der Achtung dieses Mannes sinken, wenn über kurz oder -lang dieses Motiv seines Uebertrittes ans Licht kam? »Ihr seid zu -gütig,« antwortete er; »die Absichten eines Menschen liegen oft tiefer -verborgen, als man auf den ersten Anblick glaubt; seid versichert, daß -mein Uebertritt zu Eurer Sache zwar zum Teil von dem empörten Gefühl -des Rechtes geleitet wurde; doch könnte es auch einen irdischeren -Beweggrund geben, Herr Ritter, und ich möchte nicht, daß Ihr mich -für zu gut hieltet, es würde mir um so weher tun, wenn Ihr nachher -ungünstiger von mir urteiltet.« - -»Ich liebe Euch um dieser Offenheit willen nur noch mehr,« entgegnete -der Herr des Schlosses und drückte seinem Gast die Hand. »Doch traue -ich meiner Erfahrung und meiner Kenntnis der Gesichter, und von Euch -will ich kühn behaupten, daß, wenn Euch auch noch eine andere Absicht -leitet als das Gefühl des Rechtes, diese Absicht doch keine schlechte -sein kann. Wer Schlechtes im Schilde führt, ist feig, und wer feig ist, -wagt es nicht, den Truchseß, den Herzog von Bayern und den schwäbischen -Bund vor den Kopf zu stoßen und so aufzutreten, wie Ihr aufgetreten -seid.« - -»Was wisset Ihr von mir?« rief Georg mit freudigem Erstaunen, »habt Ihr -denn je von mir gehört vor diesem Augenblick?« - -Der Diener, welcher bei diesen Worten die Türe öffnete, unterbrach -die Antwort des alten Herrn; er setzte Wildbret und volle Becher vor -Georg hin und schickte sich an, den Gast zu bedienen. Doch ein Wink -seines Herrn entfernte ihn aufs neue. »Verschmähet diesen Morgenimbiß -nicht,« sagte er zu dem jungen Manne; »den ersten Becher sollte zwar -die Hausfrau kredenzen, wie es die angenehme Sitte heischt; aber die -meinige ist schon lange tot, und meine einzige Tochter, Marie, die an -ihrer Stelle das Hauswesen versieht, ist ins Dorf hinabgegangen, um am -hohen Feste eine Predigt zu hören und die Messe. Nun, Ihr fraget mich, -ob ich noch nie von Euch gehört hatte? Ihr seid ja jetzt unser, daher -darf ich Euch wohl sagen, was man sonst verschweigt. Ich war zur Zeit, -als Ihr in Ulm einrücktet, in jener Stadt, um meine Tochter abzuholen, -die sich dort aufhielt, hauptsächlich aber, um manches zu erfahren, was -für den Herzog zu wissen wichtig war; Gold öffnet alle Pforten,« setzte -er lächelnd hinzu, »auch die des hohen Rates, und so hörte ich täglich, -was die Bundesobersten beschlossen. Als der Krieg erklärt wurde, war -ich genötigt, abzureisen; ich hielt aber treue Männer in jener Stadt, -die mir auch das Geheimste berichteten, was vorging.« - -»War nicht einer davon der Pfeifer von Hardt,« fragte Georg, »den ich -bei dem Geächteten traf?« - -»Und der Euch über die Alp führte? Jawohl! Diese brachten immer -Kundschaft. So erfuhr ich denn auch, daß man beschloß, einen Späher -hinter den Rücken des Herzogs zu schicken, etwa in die Gegend von -Tübingen, um dem Bunde sogleich Nachricht von unseren Schritten zu -erteilen. Ich erfuhr auch, daß die Wahl auf Euch gefallen sei. Nun -muß ich Euch redlich gestehen, Ihr und Euer Name war mir ziemlich -gleichgültig, nur bedauerte ich Euch, als ich hörte, daß Ihr noch -solch ein junges Blut seid, denn sobald Ihr über die Alb kamet als -Kundschafter, wäret Ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit totgeschlagen -oder unter die Erde gesetzt worden, wo keine Sonne und kein Mond -hinscheint. Um so überraschender war mir und vielen Männern die -Nachricht, wie Ihr es ausgeschlagen und wie tapfer Ihr vor jenen -Herren gesprochen. Auch daß Ihr absagtet und auf vierzehn Tage Urfehde -schwören mußtet, erfuhr ich. Und wie freut es mich, daß Ihr nun gar -unser Freund geworden seid!« - -Die Wangen des jungen Mannes glühten, sein Auge strahlte vor Freude; -brach ja doch dieser Augenblick alle Schranken, welche die Verhältnisse -zwischen ihm und Marie gezogen hatten. Sein langer Wunsch, dessen -Erfüllung oft so weit in die Ferne hinausgerückt schien, war in -Erfüllung gegangen; er hatte unbewußt Mariens Vater für sich gewonnen. -»Ja, ich habe ihnen abgesagt,« antwortete Georg, »weil ich ihr Wesen -nicht mehr leiden mochte; ich bin Euer Freund geworden; doch wäre -es möglich, ich hätte mich nicht so bald zu Eurer Sache bekannt; -aber als ich unten in der Höhle neben jenem geächteten Mann saß, als -ich bedachte, wie man mit den Edeln und selbst mit dem Herrn des -Landes umgehe, wie seine gewaltigen Reden so mächtig an meiner Brust -anklopften, da war es mir auf einmal hell und klar, hierher müsse ich -stehen, hier müsse ich streiten. Und glaubt Ihr, es werde bald etwas zu -tun geben? Denn ich bin nicht zu Euch herübergeritten, um die Hände in -den Schoß zu legen!« - -»Das konnte ich mir denken,« sagte der Ritter lächelnd; »vor vierzig -Jahren hatte ich auch so rasches Blut, und es ließ mich nicht lange -auf einem Fleck. Wie die Sachen stehen, wißt Ihr; man kann sagen, eher -schlimm als gut. Sie haben das Unterland, sie haben den ganzen Strich -von Urach herauf. Auf _eines_ kommt alles an: hält Tübingen fest, so -siegen wir.« - -»Die Ehre von vierzig Rittern bürgt dafür,« rief Georg mit Unmut; -»das Schloß ist stark, ich habe kein stärkeres gesehen, Besatzung ist -hinlänglich da, und vierzig Männer von Adel werden sich so leicht nicht -ergeben. Es kann nicht sein, es darf nicht sein. Haben sie nicht des -Herzogs Kinder bei sich und den Schatz des Hauses? Sie _müssen_ sich -halten.« - -»Wohl, wenn sie alle dächten wie Ihr. Es kommt gar viel auf Tübingen -an. Wenn der Herzog Entsatz bringen kann, so hat er an Tübingen einen -festen Punkt, von wo aus er sein Land wiedererobern kann; es sind große -Kriegsvorräte dort, es ist ein großer Teil des Adels; solange sie zu -seiner Partei halten, ist Württemberg nur dem Boden nach gewonnen, dem -Geiste nach ist es noch des Herzogs; aber ich fürchte, ich fürchte!« - -»Wie? Unmöglich können sich die Vierzig ergeben!« - -»Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt,« erwiderte der Alte; »Ihr -wißt nicht, welche Lockungen und Schlingen manchen ehrlichen Mann -straucheln machen können; und es ist mancher in der Burg, dem der -Herzog zu viel getraut hat. Er merkt auch wohl, daß es nicht ganz -lauter und rein hergeht, denn er schickte den Ritter Marx Stumpf von -Schweinsberg an sie mit einem beweglichen Schreiben[33], das Schloß -nicht zu übergeben, sondern ihm Gelegenheit zu machen, in dasselbe -zu kommen, weil er dort zu sterben bereit sei, wenn es Gott über ihn -verhänge.« - -»Der arme Herr!« rief Georg bewegt. »Aber ich kann nicht glauben, -daß der Landesadel so schändlich freveln könnte; sie werden ihn -einlassen in die Burg, er wird ihren Mut aufs neue beseelen, er wird -Ausfälle machen, er wird sie schlagen, die Belagerer, trotz Bayern und -Frondsberg; wir werden uns an ihn anschließen, wir werden fechtend -durch das Land ziehen und diese Bündler verjagen.« - -»Marx Stumpf ist noch nicht zurück,« sagte der Ritter von -Lichtenstein mit besorgter Miene; »auch haben sie seit gestern das -Schießen eingestellt. Sonst hörte man jeden Stückschuß hier auf dem -Lichtenstein, aber seit gestern ist es still wie im Grabe.« - -»Vielleicht schweigt das Geschütz wegen des Festes; gebt acht, sie -werden morgen oder am Ostermontag wieder donnern lassen, daß es durch -Eure Felsen hallt.« - -»Was da!« entgegnete jener. »Wegen des Festes? Seinem Herzog treu -zu dienen, ist auch ein frommer Dienst, und es wäre den Heiligen im -Himmel vielleicht lieber, sie hörten den Donner der Feldschlangen von -Tübingens Wällen, als daß sie die Ritter müßig sehen. Müßiggang ist -aller Laster Anfang! Aber wenn nur der Stumpf in das Schloß kommt, der -wird sie aufrütteln aus ihrem Schlummer.« - -»Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tübingen geschickt, -sagt Ihr? Der Herzog will ins Schloß, weil die Besatzung seit einigen -Tagen zu wanken scheint? Da kann also Ulrich nicht bis Mömpelgard -entflohen sein, wie die Leute sagen; da ist er vielleicht in der -Nähe? O daß ich ihn sehen könnte, daß ich mich mit ihm nach Tübingen -schleichen könnte!« - -Ein sonderbares Lächeln zog flüchtig über die ernsten Züge des Alten. -»Ihr werdet ihn sehen, wenn es Zeit ist,« sagte er. »Ihr werdet ihm -angenehm sein, denn er liebt Euch schon jetzt. Und ist das Glück gut, -so sollt Ihr auch mit ihm nach Tübingen kommen, Ihr habt mein Wort -drauf. -- Doch jetzt muß ich Euch bitten, Euch ein Stündchen allein -zu gedulden. Mich ruft ein Geschäft, das aber bald abgetan sein wird. -Nehmt Euch meinen Wein zum Gesellschafter, schauet Euch um in meinem -Haus; ich würde Euch einladen, auf die Jagd auszureiten, wenn ein -solches Vergnügen zum Karfreitag paßte.« - -Der alte Herr drückte seinem Gast noch einmal die Hand und verließ das -Zimmer. Bald nachher sah ihn Georg aus dem Schlosse dem Walde zu reiten. - -Als sich der junge Mann allein gelassen sah, fing er an, seinen Anzug -ein wenig zu besorgen, der durch den Ritt in der Nacht, durch seinen -Aufenthalt in der Höhle etwas außer Ordnung gekommen war. Wer je unter -solchen Umständen in die Nähe der Geliebten kam, wird es ihm nicht -übelnehmen, wenn er vor einem kleinen Spiegel von poliertem Metall, -den er in diesem Gemach vorfand und der wohl zu Mariens Gerätschaften -gehören mochte, Bart und Haare ordnete, das Wams ein wenig reinigte und -jede Spur von Unordnung aus seinem Anzug zu verbannen suchte. Er erging -sich dann in dem großen Zimmer und suchte unter den vielen Fenstern -eines auf, von welchem er auf den Felsenweg hinabschauen konnte, den -Marie von der Kirche im Tal heraufkommen mußte. - -Es waren fröhliche Gedanken, die sich in bunter Menge an seiner Seele -vorüberdrängten, schnell und flüchtig wie ein Zug heller Wölkchen, -die am blauen Gewölb des Himmels dahingleiten. Dies war die Burg, -die er seit mehr als einem Jahre im Wachen geträumt, in Träumen klar -gesehen hatte, dies die Berge, die Felsen, von denen sie ihm so oft -erzählte, dies die Gemächer ihrer Kindheit! Es hat etwas Anziehendes, -in den Zimmern zu verweilen, wo die Geliebte groß geworden ist. Man -träumt sich um Jahre zurück, man sieht sie als kleines Mädchen in -diesen Kammern, in diesen Gängen sich umtreiben; man geht um einige -Jahre vorwärts, man sieht sie noch klein, aber verständig, der Mutter -jene kleinen Künste der Haushaltung abspähen, die sie viele Jahre -nachher als Hausfrau nötig hat. Doch in dem kleinen Köpfchen gestaltet -sich schon jetzt ein eigenes Hauswesen. Es ist vielleicht jene Ecke, -dachte Georg lächelnd, wo sie in kindischer Geschäftigkeit, was sie -von den Brosamen der Küche erbeutete, zu Speisen von eigener Erfindung -bereitete, wo sie das hölzerne Wesen, das ein Knecht kunstreich -schnitzelte und die Amme mit einigen bunten Fetzen behängt hat, für ein -wackeres Kind hält und es mit wichtiger Miene zu füttern gedenkt. - -Und dann jene anmutsvolle Stufe zwischen Kind und Jungfrau! Wo ist wohl -das stille Plätzchen, wo sich das fünfzehnjährige Fräulein, wenn sie -in dem Garten und Feld nach Kinderweise getobt hatte, sich ernst und -feierlich hinsetzte, die Kunkel zur Hand nahm und goldne Fäden zog, -während ihr der Vater von der Mutter und von den Tagen seiner Jugend -erzählte oder durch weise Lehren und gewichtige Sprüche den Geist der -Jungfrau zu erheben suchte? - -Wo ist das Lieblingsfenster, wohin sie sich, immer höher und schöner -heranwachsend, gerne setzte und mit unbewußter, dunkler Sehnsucht in -die Ferne sah, über das Leben und ihre eigene Zukunft nachsann und -sich in freundliche Träume versenkte? - -Es war ihm so heimisch, so wohl in diesem Hause, es war _ihr_ Geist, -der hier waltete, der ihn umschwebte, den er, ob sie auch fern war, -freundlich begrüßte. Dieses Gärtchen, auf einem schmalen Raum am -Felsen, hatte sie besorgt und gepflegt, diese Blumen, die in einem Topf -auf dem Tische standen, hatte sie vielleicht heute schon gepflückt. Er -ging hin, diese Zeichen ihres freundlichen Sinnes zu begrüßen. - -Er beugte sich herab über die Blumen, er führte die duftenden Veilchen -zum Mund. In diesem Augenblick glaubte er ein Geräusch vor der Türe zu -vernehmen. Er sah sich um -- sie war es, es war Marie, die staunend und -regungslos, als traue sie ihren Augen nicht, an der Türe stand. Er flog -zu ihr hin, er zog sie in seine Arme, und seine Lippen erst schienen -sie zu überzeugen, daß es nicht der Geist des Geliebten sei, der ihr -hier erscheine. Wie viel hatten sie sich zu fragen, bei weitem mehr, -als sie nur antworten konnten! Es gab Augenblicke, wo sie, wie aus -einem Traum erwacht, sich ansahen, sich überzeugen mußten, ob sie denn -wirklich sich wiederhaben? - -»Wieviel habe ich um dich gelitten,« sagte Marie, und ihre Wangen -straften sie nicht Lügen; »wie schwer wurde mir das Herz, als ich aus -Ulm scheiden mußte. Zwar hattest du mir gelobt, vom Bunde abzulassen, -aber hatte ich denn Hoffnung, dich so bald wiederzusehen? -- Und dann, -wie mir Hans die Nachricht brachte, daß du mit ihm nach Lichtenstein -kommen wolltest, aber du seist überfallen, verwundet worden. Das Herz -wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu dir, konnte dich -nicht pflegen!« - -Wie beschämt war Georg, wenn er an seine törichte Eifersucht -zurückdachte, wie fühlte er sich so klein und schwach Mariens zarter -Liebe gegenüber. Er suchte sein Erröten zu verbergen, er erzählte, oft -unterbrochen von ihren Fragen, wie sich alles so gefügt habe, wie er -dem Bunde abgesagt, wie er überfallen worden, wie er der Pflege der -Pfeifersfrau sich entzogen habe, um nach Lichtenstein zu reisen. - -Georg war zu ehrlich, als daß ihn Mariens Fragen nicht hin und wieder -in Verlegenheit gesetzt hätten. Besonders als sie mit Verwunderung -fragte, warum er denn so tief in der Nacht erst nach Lichtenstein -aufgebrochen sei, wußte er sich nicht zu raten. Die schönen klaren -Augen der Geliebten ruhten so fragend, so durchdringend auf ihm, daß -er um keinen Preis eine Unwahrheit zu sagen vermocht hätte. - -»Ich will es nur gestehen,« sagte er mit niedergeschlagenen Augen, »die -Wirtin in Pfullingen hat mich betört. Sie sagte mir etwas von dir, was -ich nicht mit Gleichmut hören konnte.« - -»Die Wirtin von mir?« rief Marie lächelnd. »Nun was war denn dies, daß -es dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?« - -»Laß es doch! Ich weiß ja, daß ich ein Tor war. Der geächtete Ritter -hat mich ja schon längst überzeugt, daß ich völlig unrecht hatte.« - -»Nein, nein,« entgegnete sie bittend, »so entgehst du mir nicht. Was -wußte die Schwätzerin wieder von mir? Gestehe nur gleich --« - -»Nun, lache mich nur recht aus. Sie erzählte, du habest einen Liebsten -und lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle Nacht in die Burg.« - -Marie errötete. Unwille und die Lust, über diese Torheit zu lachen, -kämpften in ihren schönen Zügen. »Nun, ich hoffe,« sagte sie, »du hast -ihr darauf geantwortet, wie es sich gehört, und aus Unmut über eine -solche Verleumdung ihr Haus verlassen? Dachtest vielleicht, du könntest -unser Schloß noch erreichen und hier übernachten?« - -»Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht. Siehe, ich war noch halb -krank, ich glaubte ihr auch anfangs gewiß nicht; aber deine Amme, die -alte Frau Rosel, wurde aufgeführt, sie hatte es der Wirtin gesagt, sie -hatte mich selbst ins Spiel gebracht und bedauert, daß ich um meine -Liebe betrogen sei, da -- o sieh nicht weg, Marie, werde mir nicht -böse! -- ich schwang mich aufs Pferd und ritt vors Schloß herauf, um -ein Wort mit dem zu sprechen, der es wage, Marien zu lieben.« - -»Das konntest du glauben?« rief Marie, und Tränen stürzten aus ihren -Augen. »Daß Frau Rosel solche Sachen ausgesagt, ist unrecht, aber sie -ist ein altes Weib, klatscht gerne; daß die Frau Wirtin solche Sachen -nachsagt, nehme ich ihr nicht übel, denn sie weiß nichts Besseres zu -tun; aber du, _du_ Georg, konntest nur einen Augenblick so arge Lügen -glauben? Du wolltest dich überzeugen, daß --« von neuem strömten ihre -Tränen, und das Gefühl bitterer Kränkung erstickte ihre Stimme. - -Georg zürnte sich selbst, daß er so töricht hatte sein können, aber er -fühlte auch, daß, wenn er ein großes Unrecht an der Geliebten begangen -hatte, es nur die Liebe war, die ihn verleitete. »Verzeihe mir nur -diesmal,« bat er; »sieh, wenn ich dich nicht so lieb gehabt hätte, ich -hätte gewiß nicht geglaubt; aber wenn du wüßtest, was Eifersucht ist!« - -»Wer recht liebt, kann gar nicht eifersüchtig sein,« sagte Marie -unmutig; »aber schon in Ulm hast du etwas solches gesagt, und schon -damals hat es mich recht tief betrübt. Aber du kennst mich gar nicht; -wenn du mich recht gekannt hättest, wenn du mich geliebt hättest wie -ich dich, wärest du nicht auf solche Gedanken gekommen.« - -»Nein! Ungerecht mußt du doch nicht werden,« rief Georg und faßte ihre -Hand. »Wie kannst du mir vorwerfen, daß ich dich nicht liebe wie du -mich? Hätte es denn nicht möglich sein können, daß ein Würdigerer als -ich erschienen, daß der arme Georg durch irgend einen bösen Zauber aus -deinem Herzen verdrängt worden wäre? Es ist ja doch alles möglich auf -der Erde!« - -»Möglich?« unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den Georg oft mit -Lächeln an der Tochter des Ritters von Lichtenstein betrachtet hatte, -schien sie allein zu beseelen. »Möglich? Wenn Ihr nur einen Augenblick -so Arges von mir für möglich gehalten hättet, ich wiederhole es, Herr -von Sturmfeder! so habt Ihr mich nie geliebt. Ein Mann muß sich nicht -wie ein Rohr hin und her bewegen lassen, er muß feststehen auf seiner -Meinung, und wenn er liebt, so muß er auch glauben.« - -»Diesen Vorwurf habe ich von dir am wenigsten verdient,« sagte der -junge Mann, indem er unmutig aufsprang; »wohl bin ich ein Rohr, das vom -Winde hin und her bewegt wird, und mancher wird mich darum verachten --« - -»Es könnte sein!« flüsterte sie, doch nicht so leise, daß es sein Ohr -nicht erreichte und seinen Unmut zum Zorn anblies. - -»Auch du willst mich also darum verachten, und doch bist du es, -was mich hin und her bewegt! Ich habe dich auf bündischer Seite -gesucht, ich war selig, als ich dich dort fand. Du batest mich, davon -abzulassen, ich ging. Ich tat noch mehr. Ich kam zu euch herüber, -es kostete mich beinahe das Leben, und doch ließ ich mich nicht -abschrecken. Ich ergriff Württembergs Partei, ich kam zu deinem Vater, -er nahm mich wie einen Sohn auf und freute sich, daß ich sein Freund -geworden -- aber seine Tochter schilt mich ein Rohr, das vom Winde hin -und her bewegt wird! Aber noch einmal will ich mich -- zum letztenmal --- von dir bewegen lassen: ich will fort, weil du meine Liebe so -vergiltst, noch in dieser Stunde will ich fort!« - -Er gürtete unter den letzten Worten sein Schwert um, ergriff sein -Barett und wandte sich zur Türe. - -»Georg!« rief Marie mit den süßesten Tönen der Liebe, indem sie -aufsprang und seine Hand faßte. Ihr Stolz, ihr Zorn, jede Wolke des -Unmuts war verschwunden, selbst die Tränen hemmten ihren Lauf, und nur -bittende Liebe blickte aus ihrem Auge. »Um Gottes willen, Georg! ich -meinte es nicht so böse; bleibe bei mir, ich will alles vergessen, ich -schäme mich, daß ich so unwillig werden konnte.« - -Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht so schnell zu besänftigen, -er sah weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr bittendes Lächeln -gewonnen zu werden; denn sein Entschluß stand fest, das Schloß -zu verlassen. »Nein!« rief er, »du sollst das Rohr nicht mehr -zurückwenden. Aber deinem Vater kannst du sagen, wie du seinen Gast aus -seinem Haus vertrieben hast.« Die runden Fensterscheiben zitterten vor -seiner Stimme, sein Auge blickte wild umher, er entriß seine Hand der -Geliebten, gefolgt von ihr schritt er fort, er riß die Türe auf, um auf -ewig zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine Erscheinung fesselte, -die wir im nächsten Kapitel näher beschreiben werden. - - - - -23. - - Herrengunst, Aprilenwetter, - Frauenlieb' und Rosenblätter, - Würfel, Karten, Federspiel - Verkehren sich oft, wer's glauben will. - - _Altes Sprichwort._ - - -Als Georg die Tür öffnete, richtete sich aus einer sehr gebückten -Stellung die hagere, knöcherne Gestalt der Frau Rosel auf. Es war -dies eine jener alten Dienerinnen, die, wenn sie von früher Jugend an -in einer Familie bleiben, sich einbürgern, in die Familie verwachsen -und gleichsam ein notwendiger Zweig davon werden. Sie hatte ihre -Nützlichkeit besonders nach dem Tode der Frau von Lichtenstein erprobt, -wo sie Marie mit großer Sorgfalt pflegte und aufzog. Sie war so von -einer Zofe zur Kindsfrau, von der Kindsfrau zur Haushälterin, von -diesem Posten zu Mariens Oberhofmeisterin und Vertrauter avanciert. Sie -hatte aber, wie ein kluger Feldherr, sich den Rücken gesichert, sie -hatte jene Posten, aus denen sie in die höheren Stellen vorgerückt war, -nicht wieder besetzen lassen, sondern verwaltete sie alle zusammen, wie -sie behauptete, mit großer Gewissenhaftigkeit, und weil es doch sonst -niemand verstehe. Sie hatte durch diesen Kunstgriff und durch ihre -lange Dienstzeit die Zügel der häuslichen Regierung an sich gebracht, -das Gesinde ging und kam nach ihrem Blick, und sie gab zu verstehen, -daß sie beim Herrn alles gelte, obgleich seine Gnade nur darin bestand, -daß er sie nicht in Gegenwart der übrigen auszankte. - -Mit dem Fräulein lebte sie in neueren Zeiten nicht mehr im besten -Verhältnis. Sie hatte in den Tagen der Kindheit und ersten Jugend ihr -ganzes Vertrauen besessen. Noch in Tübingen war sie wenigstens halb ins -Geheimnis ihrer Liebe gezogen, und Frau Rosel nahm wirklich so tätigen -Anteil an allem, was ihr Fräulein betraf, daß sie gesagt hätte: »Wir -lieben den Herrn von Sturmfeder aufs zärtlichste,« oder -- »_uns_ will -das Herz beinahe brechen, weil wir scheiden müssen.« - -Diesem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende. Das Fräulein -bemerkte, daß Frau Rosel zu gerne schwatze, sie war ihr auf der Spur, -daß sie sogar von ihrem Verhältnis zu Georg geplaudert habe. Sie war -daher von jetzt an kälter gegen die Alte, und Frau Rosel merkte im -Augenblick, warum dies geschehe. Als aber bald darauf die Reise nach -Ulm angetreten wurde, als Frau Rosel, obgleich sie sich einen neuen -Rock von Fries und eine köstliche Haube von Brokat hierzu verfertigt -hatte, auf höheren Befehl in Lichtenstein bleiben mußte, da wurde die -Kluft noch weiter; denn die Alte glaubte, das Fräulein habe es beim -Vater dahin gebracht, daß sie nicht nach Ulm mitreisen dürfe. - -Das Vertrauen wurde nicht hergestellt, als Marie von Ulm zurückkehrte. -Frau Rosel zwar, die lieber mit der Herrschaft als dem Gesinde lebte, -suchte einigemal Erkundigungen über Herrn Georg einzuziehen und so das -alte Verhältnis wieder anzuknüpfen, doch Mariens Herz war so voll, die -Amme ihr zu verdächtig, als daß sie etwas gesagt hätte. Als daher der -geächtete Ritter nächtlicherweise ins Schloß kam, als das Fräulein so -geheimnisvoll Speisen für ihn bereitete und, wie Frau Rosel glaubte, -mit ihm allein war, als sie auch hier nicht mehr ins Geheimnis gezogen -wurde, da schüttete sie ihr Herz gegen die Frau Wirtin in Pfullingen -aus, und es war Georg nicht so ganz zu verdenken, daß er jenen Worten -traute, kannte er ja doch Frau Rosel nur als Vertraute ihres Fräuleins, -wußte er ja doch nicht, wie dieses Verhältnis indessen so anders sich -gestaltet habe. - -Frau Rosel war im Sonntagsstaat mit ihrer Dame diesen Morgen in die -Kirche gewallfahrtet. Sie hatte ihre Sünden, worunter Neugierde -ziemlich weit obenan stand, dem Priester gebeichtet, auch Absolution -dafür erhalten und war mit so viel leichterem Herzen und Gewissen -auf den Lichtenstein zurückgekehrt, als sie vorher schwer und unter -der Last der Sünden seufzend, hinabgestiegen war. Die salbungsvollen -Worte des Paters mochten aber doch nicht so tief gedrungen sein, um -ihre Sünden mit der Wurzel auszurotten, denn als sie in ihr Kämmerlein -hinaufstieg, um Rosenkranz und Sonntagsschmuck abzulegen, hörte sie ihr -Fräulein und eine tiefe Männerstimme heftig miteinander sprechen, es -wollte ihr sogar bedünken, ihr Fräulein weine. - -»Sollte er wohl bei Tag hier sein, weil der Alte ausgeritten?« dachte -sie. Die natürliche Menschenliebe und ein zartes Mitgefühl zog ihr Auge -und Ohr ans Schlüsselloch, und sie vernahm in abgebrochenen Worten den -Streit, dessen Zeugen auch wir gewesen sind. - -Der junge Mann hatte die Türe so rasch geöffnet, daß sie nicht mehr -Zeit gehabt hatte, sich zu entfernen, sondern kaum noch aus ihrer -gebückten Stellung am Schlüsselloch auftauchen konnte. Doch sie wußte -sich zu helfen in solchen mißlichen Fällen, sie ließ Georg nicht an -sich vorüber, ließ beide nicht zum Wort kommen, sie ergriff die Hände -des jungen Mannes und überströmte ihn mit einem Schwall von Worten: - -»Ei, du meine Güte! hätt' ich glaubt, daß meine alten Augen den Junker -von Sturmfeder noch schauen würden! Und ich mein', Ihr seid noch -schöner worden und größer, seit ich Euch nimmer sah! Hätt' ich das -gewußt! Steh' da, wie ein Stock an der Tür', denke, ei! wer spricht -jetzt mit dem gnädigen Fräulein? Der Herr ist's nicht; von den Knechten -ist's auch keiner! Ei, was man nicht erlebt! Jetzt ist's der Junker -Georg, der da drin spricht!« - -Georg hatte sich während dieser Rede der Frau Rosel vergeblich von ihr -loszumachen gesucht. Er fühlte, daß es sich nicht gezieme, vor ihr zu -zeigen, daß er auf Marien zürne, und doch glaubte er keinen Augenblick -mehr bleiben zu können. Er rang endlich eine Hand aus der knöchernen -Faust der Alten, aber indem er sie frei fühlte, hatte sie auch schon -Marie ergriffen, hatte sie, ohne auf Frau Rosels höhnisches Lächeln -zu achten, an ihr Herz gedrückt. Er war bei dieser Bewegung einem -ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu bannen schienen. Jetzt aber -erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine neue Verlegenheit. Er fühlte -seinen Unmut schwinden, er fühlte, daß es Marie nicht so bös mit ihm -gemeint habe. -- Wie sollte er aber jetzt mit Ehren zurückkehren? -Wie sollte er so ganz ungekränkt scheinen? Wäre er mit Marien allein -gewesen, so war es vielleicht noch eher möglich, aber vor diesem -Zeugen, vor der wohlbekannten Frau Rosel umzukehren, sich durch einen -Händedruck, durch einen Blick erweichen lassen und gefangen geben? Er -schämte sich vor diesem Weib, weil er sich vor sich selbst schämte, und -wir haben gehört, daß dieses Gefühl der Scham, die Ungewißheit, _wie_ -man, ohne zu erröten, zurückkehren könne, schon oft aus einer kurzen -Trennung in Unmut eine dauernde gemacht und die schönsten Verhältnisse -gebrochen habe. - -Frau Rosel hatte sich einige Augenblicke an der Angst, an dem Gram -ihres Fräuleins geweidet, dann aber siegte die ihr angeborene -Gutmütigkeit über die kleine Schadenfreude, die in ihr aufgestiegen -war. Sie faßte die Hand des Junkers fester: »Ihr werdet uns doch -nicht schon wieder verlassen wollen, nachdem Ihr kaum ein Stündchen -auf dem Lichtenstein verweilt habt? Ehe Ihr etwas zu Mittag gegessen, -läßt Euch die alte Rosel gar nicht weiter, das ist gegen alle Sitte -des Schlosses. Und den Herrn habt Ihr wahrscheinlich auch noch nicht -begrüßt?« - -Es war schon ein großer Gewinn für Mariens Sache, daß Georg _sprach_: -»Ich habe ihn schon gesprochen, dort stehen noch die Becher, die wir -zusammen leerten.« - -»Nun,« fuhr die Alte fort, »da werdet Ihr wohl noch nicht von ihm -Abschied genommen haben?« - -»Nein, ich sollte ihn im Schloß erwarten.« - -»Ei, wer wird dann gehen wollen?« sagte sie und drängte ihn sanft in -das Zimmer zurück. »Das wär' mir eine schöne Sitte. Der Herr könnte ja -Wunder meinen, was für einen sonderbaren Gast er beherbergte. Wer bei -_Tag_ kommt,« setzte sie mit einem stechenden Blick auf das Fräulein -hinzu, »wer beim hellen Tag kommt, hat ein gut Gewissen und darf sich -nicht _wegschleichen_ wie der Dieb _in der Nacht_.« - -Marie errötete und drückte die Hand des Jünglings, und unwillkürlich -mußte dieser lächeln, wenn er an den Irrtum der Alten dachte und die -strafenden Blicke sah, die sie auf Marien warf. - -»Ja, ja, wie ich sagte,« fuhr Frau Rosel fort, »braucht Euch nicht -wegzustehlen wie der Dieb in der Nacht. Wäre vielleicht besser gewesen, -Ihr wäret schon früher gekommen. Im Sprichwort heißt es: Sieh für dich, -irren ist mißlich; und: wer will haben Ruh', bleib' bei seiner Kuh! -Aber ich will nichts gesagt haben.« - -»Nun ja,« sagte Marie, »du siehst, er bleibt da; was willst du nur mit -deinen Reden und Sprüchlein? Du weißt selbst, sie passen nicht immer.« - -»So? Aber bisweilen treffen sie doch einen, dem es nicht lieb ist. Aber -Reu' und guter Rat ist unnütz nach geschehener Tat. Ich weiß schon, -Undank ist der Welt Lohn, ich kann ja schweigen. Wer will haben gute -Ruh', der seh' und hör' und schweig' dazu.« - -»Nun, so schweige immerhin,« entgegnete das Fräulein etwas gereizt; -»übrigens wirst du wohl tun, wenn du den Vater nicht geradezu merken -läßt, daß du Herrn von Sturmfeder schon kennst. Es wäre möglich, er -könnte glauben, er sei wegen uns nach Lichtenstein gekommen.« - -Frau Rosel kämpfte zwischen guter und böser Laune. Es tat ihr wohl, -daß man sie brauche, daß man Stillschweigen von ihr erbitten müsse; -auf der andern Seite war sie noch unwillig darüber, daß das Fräulein -seit neuerer Zeit so wenig Vertrauen in sie gesetzt habe. Sie murmelte -daher nur einige unverständliche Worte vor sich hin, indem sie die -Stühle wieder an die Wände stellte, die Becher von dem Tisch nahm und -die Flecken abwischte, die der Wein auf der Schieferplatte, womit der -Tisch eingelegt war, zurückgelassen hatte. Marie gab Georg, der sich -an ein Fenster gestellt hatte und noch nicht völlig mit sich und der -Geliebten ausgesöhnt schien, einen Wink, den er nicht unbeachtet ließ. -Ihm selbst war viel daran gelegen, daß Mariens Vater noch nichts um -ihre Liebe wußte; er fürchtete, jener möchte es als einziges Motiv -seines Uebertrittes zu Württemberg ansehen, er möchte ihn darum weniger -günstig beurteilen, als er bisher getan. Dies erwägend, näherte sich -Georg der alten Frau Rosel. Er klopfte ihr traulich auf die Schultern, -und ihre Züge hellten sich zusehends auf. »Man muß gestehen,« sagte er -freundlich, »Frau Rosel hat eine schöne Haube; aber dies Band paßt doch -wahrlich nicht dazu, es ist alt und verschossen.« - -»Ei was!« sagte die Alte etwas ärgerlich, denn sie hatte sich wohl auf -eine freundliche Rede gefaßt gemacht; »was kümmert Euch meine Haube, -ein jeder fege vor seiner Tür. Sieh auf dich und auf die Deinen, -danach schilt mich und die Meinen. Ich bin ein armes Weib und kann -nicht Staat machen wie eine Reichsgräfin. Wenn alle Leute wären gleich, -und wären alle sämtlich reich, und wären all' zu Tisch gesessen, wer -wollt' auftragen Trinken und Essen?« - -»Nun, so hab' ich's nicht gemeint,« sagte Georg besänftigend, indem -er eine Silbermünze aus seinem Beutelein zog. »Aber mir zu Gefallen -ändert Frau Rosalie schon ihr Band; und daß meine Forderung nicht gar -zu unbillig klingt, wird sie diesen Dicktaler nicht verschmähen!« - -Wer hat nicht an einem Oktobertag trotz Sturm und Wolken die Sonne -durchdringen und Gewölk und Nebel verjagen sehen? So ging es auch am -Horizont der Frau Rosel freundlich auf. Die artige Weise des Junkers, -ihr Lieblingsname Rosalie, der ihr viel wohltönender dünkte als das -verdorbene Rosel, und endlich der Dicktaler mit dem Krauskopf des -Herzogs und dem Wappen von Teck -- wie konnte sie so vielen Reizen -widerstehen? »Ihr seid doch der alte freundliche Junker!« sagte sie, -indem sie, sich tief verneigend, den Taler in die ungeheure lederne -Tasche an ihrer Seite gleiten ließ und den Saum von Georgs Mantel zum -Munde führte. »Gerade so wußtet Ihr es in Tübingen zu machen. Stand -ich am Jörgenbrunnen, ging ich von der Burgsteig hinab auf den Markt, -richtig rief es hinter mir: ›Guten Morgen, Frau Rosalie! und wie geht -es dem Fräulein?‹ Und wie oft und reich habt Ihr mich dort beschenkt; -wenigstens zwei Dritteile von dem Rock, den ich hier trag', verdank' -ich Eurer Gnade!« - -»Laßt das, gute Frau,« unterbrach sie Georg. »Und was den Herrn -betrifft, so wirst du --« - -»Was meint Ihr!« erwiderte sie, indem sie die Augen halb zudrückte. -»Habe Euch in meinem Leben nicht gesehen. Nein, da könnt Ihr Euch drauf -verlassen. Was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß, und was mich nicht -brennt, das blase ich nicht!« - -Sie verließ bei diesen Worten das Zimmer und stieg in den ersten Stock -hinab, um dort in der Küche ihr Regiment zu verwalten. - -Dankbar und freudig zog sie den Taler aus der Ledertasche und besah ihn -hin und her; sie pries bei sich die Freigebigkeit des wackern Junkers -und bedauerte ihn im stillen, daß seine Liebe so schlecht vergolten -werde, denn daß es ihr Fräulein mit einem andern habe, war ihr -ausgemachte Sache. Vor der Küche stand sie gedankenvoll still. Sie war -in Zweifel mit sich, ob sie der Sache ihren Lauf lassen solle, oder -ob es nicht besser wäre, dem Junker einige Winke über den nächtlichen -Besucher zu geben. »Doch, kommt Zeit, kommt Rat, vielleicht sieht er es -selbst und braucht mich nicht dazu. Ueberdies -- ein Rater in zweier -Feinde Mitten, kann es leicht mit beiden verschütten; man kann warten -und zusehen, denn Hitz' im Rat, Eil' in der Tat, gebären nichts als -Schad'. Wer will haben gute Ruh', der seh' und hör' und -- schweig' -dazu!« - -Solchen Rat pflog mit sich selbst Frau Rosel vor der Küche; die -Liebenden aber, denen diese Beratung galt, hatten sich nach ihrem -Abzug bald wiedergefunden. Georg vermochte nicht den bittenden Blicken -Mariens zu widerstehen; und als sie mit den süßesten Tönen der Liebe -ihn fragte, ob er ihr wieder gut sei, da vermochte er nicht nein zu -sagen, und der Friede war, was selten der Fall ist, in kürzerer Zeit -wieder geschlossen, als die Fehde begonnen hatte. - -Mit hohem Interesse hörte Marie auf Georgs fernere Erzählung, und -es gehörte der feste Glaube des jungen Mannes an die Geliebte und -sein Vertrauen in das Wort des Geächteten dazu, um nicht von neuem -außer Fassung zu kommen. Denn als er beschrieb, wie er auf den -Ritter getroffen und sich mit ihm geschlagen habe, da errötete sie, -sie richtete sich stolzer auf und drückte die Hand des Geliebten, -sie gestand ihm, daß er einen wichtigen Kampf bestanden habe, denn -jener Mann sei ein tapferer Kämpe. Und als er erzählte, wie sie -hinabgestiegen in die Nebelhöhle, wie sie den Geächteten besuchten, -wie er tief unter der Erde in ärmlicher Umgebung doch so groß und -erhaben geschienen, da stürzten Tränen aus ihren Augen, sie blickte -hinauf zum Himmel, als bete sie im stillen, er möchte das traurige -Geschick dieses Mannes wenden, und als er fortfuhr und sagte, was sie -gesprochen, und wie der Mann der Höhle sich seinen Freund genannt, -wie er sich zu Württembergs Sache, zu der Sache der Unterdrückten und -Vertriebenen mit Wort und Handschlag verpflichtet habe, da strahlte -Mariens Auge von wunderbarem Glanze; sie sah Georg lange an, er glaubte -eine Begeisterung in ihrem Auge, in ihren Zügen zu lesen, die nicht die -Freude, daß er ihres Vaters Partei ergriffen habe, allein vollbrachte. - -»Georg!« sagte sie, »es werden viele sein, die dich einst um diese -Nacht beneiden werden. Du darfst es dir auch zur Ehre rechnen, denn -glaube mir, nicht jeden hätte Hans zu dem Vertriebenen geführt.« - -»Du kennst ihn,« erwiderte Georg; »du weißt um sein Geheimnis? O sag -mir doch, wer ist er? Ich habe selten einen Mann gesehen, dessen Auge, -dessen Miene, dessen ganzes Wesen mich so beherrscht hätte wie dieser. -Wo lagen seine Besitzungen, wo ist das Schloß, aus dem er vertrieben -ist? Er sagt, er wolle jetzt keinen andern Namen haben als ›der Mann‹, -aber sein Arm, dessen Stärke ich gefühlt, sein heller Blick verbürgte -mir, daß er einst einen berühmten Namen in der Welt gehabt haben müsse.« - -»Er hatte einen Namen,« antwortete Marie, »einen, der sich mit den -besten messen konnte; aber wenn er dir ihn nicht selbst gesagt hat, -so darf ich ihn auch nicht nennen, das wäre gegen mein Wort, das ich -darauf gegeben. Herr Georg muß sich also schon noch gedulden,« setzte -sie lächelnd hinzu, »so hart es ihm auch ankommt, denn er ist ein -neugieriger Herr.« - -»Mir kannst du es ja doch sagen,« unterbrach sie Georg; »sind wir nicht -_eins_? Darf das eine ein Geheimnis haben, ohne daß es der andere Teil -wissen muß? Schnell! antworte, wer ist der Mann in der Höhle?« - -»Werde nicht böse; sieh, wenn es nur mein Geheimnis wäre, so müßtest du -es auch wissen und könntest es mit Recht verlangen, aber so -- ich weiß -zwar, daß es bei dir so sicher wäre als bei mir, aber ich darf nicht.« - -Sie sprach noch, als die Türe aufsprang und eine Dogge von ungeheurer -Größe hereinstürzte.[34] Georg fuhr unwillkürlich auf, denn einen Hund -von solcher Größe und Stärke hatte er nie gesehen. Der Hund stellte -sich ihm gegenüber, schaute ihn mit rollenden Augen an und fing an -zu murren. Es tönte aus seiner breiten Brust herauf dumpf und hohl -wie ein nahender Sturm, und die wohlgeordnete Reihe scharfer Zähne, -die er vorwies, zeigte ihn als einen Kämpfer, dessen Zorn man nicht -reizen dürfe. Ein Wort von Marie reichte hin, ihn ruhig und besänftigt -zu ihren Füßen zu legen. Sie streichelte seinen schönen Kopf, aus -welchem die klugen Augen noch immer bald nach ihr, bald nach dem Junker -spähten. »Er hat Menschenverstand!« sagte sie lächelnd. »Er kommt, um -mich zu warnen, daß ich den Mann in der Höhle nicht verraten soll.« - -»Ein herrlicher Hund, wie ich nie einen gesehen! Wie er den Kopf so -stolz aus dem goldnen Halsband hervorträgt, als gehöre er einem Kaiser -oder König!« - -»Er gehört _ihm_, dem Vertriebenen,« erwiderte Marie, »und weil ich -auf dem Sprunge war, den Namen seines Herrn zu nennen, kam er, mich zu -warnen.« - -»Warum aber führt der Ritter seinen Hetzer nicht mit sich? Wahrlich, -ein Arm wie der seine, unterstützt von einem solchen Tier, darf sechs -Mörder nicht fürchten.« - -»Das Tier ist wachsam,« antwortete sie, »aber wild. Wenn er es in der -Höhle unten hätte, so hätte er zwar einen sicheren Schutz, wie aber, -wenn durch Zufall ein Mensch in jene Höhle käme? Sie ist so groß, daß -man den Mann nicht darin ahnen kann, aber die Dogge würde ihn verraten. -Sie würde knurren und anschlagen, sobald sie Tritte hörte, und sein -Aufenthalt wäre entdeckt. Darum hat er ihm befohlen, als er wegging, -hier zu bleiben, er versteht dies Gebot, und ich sorge für ihn. Er hat -ordentlich das Heimweh nach seinem Herrn, und die Freude solltest du -sehen, wenn es Nacht wird; er weiß, daß dann sein Herr bald ins Schloß -kommt, und wenn die Zugbrücke niederfällt und die Schritte des Mannes -auf dem Hofe tönen, da ist er nicht mehr zu halten; er würde sechsfache -Ketten zerreißen, um bei ihm zu sein.« - -»Ein schönes Bild der Treue! doch ein schöneres noch ist der Mann, dem -dieser Hund gehört. Hing er doch eben so treu an seinem Herrn und ließ -sich verbannen und ins Elend jagen; es ist töricht von mir,« setzte -Georg hinzu, »ich weiß, Neugierde steht einem Manne nicht an, aber -wissen möchte ich, wer er ist.« - -»So gedulde dich doch, bis es Nacht wird! Wenn der Mann kommt, will -ich ihn fragen, ob du es wissen darfst; ich zweifle nicht, er wird es -erlauben.« - -»Es ist noch lange bis dahin, und jeden Augenblick muß ich an ihn -denken; wenn du mir es nicht sagst, so muß ich mich an den Hund wenden, -vielleicht ist er gütiger als du.« - -»Versuche es immer,« rief Marie lächelnd, »wenn er sprechen kann, so -soll er es nur gestehen.« - -»Hör' einmal, du ungeheurer Geselle,« wandte sich Georg zu dem Hund, -der ihn aufmerksam ansah, »sage mir, wie heißt dein Herr?« - -Der Hund richtete sich stolz auf, riß den weiten Rachen auf und brüllte -in schrecklichen Tönen: »U -- u -- u!« - -Marie errötete. »Laß doch die Possen,« sagte sie und rief den Hund -zu sich; »wer wird mit Hunden sprechen, wenn man in menschlicher -Gesellschaft ist!« - -Georg schien nicht darauf zu hören. »U! hat er gesagt, der gute Hund? -Der ist darauf geschult, ich wollte alles wetten, es ist nicht das -erste Mal, daß man ihn fragt: wie heißt dein Herr?« - -Kaum hatte Georg die letzten Worte gesprochen, so fing der Hund mit -noch greulicheren Tönen als vorher sein U -- u -- u! zu heulen an. Aufs -neue errötete Marie, sie hieß beinahe unwillig den Hund schweigen; er -legte sich ruhig zu ihren Füßen. - -»Da haben wir's,« rief Georg lachend, »der Herr heißt U! Und fing das -sonderbare Wort auf dem Ringe, den mir der Ritter gab, nicht auch mit -U an? Ungeheuer! Heißt dein Herr vielleicht _Uffenheim_? Oder Uxküll? -Oder Ulm? Oder vielleicht gar --« - -»Unsinn! Der Hund hat gar keinen andern Laut als U; wie magst du dir -nur Mühe geben, daraus etwas zu folgern! Doch hier kommt der Vater -den Berg herauf; willst du, daß es ihm verborgen bleibe, so nimm dich -zusammen und verrate dich nicht. Ich gehe jetzt; denn es ist nicht gut, -wenn er uns beisammen antrifft.« - -Georg gelobte es. Er umarmte noch einmal die Geliebte und versah sich -von ihrem süßen Mund auf viele Stunden, um wenigstens an der Erinnerung -sich zu erfreuen, wenn die Gegenwart des Vaters jede zärtliche -Annäherung unmöglich machte. Der Hund des Herrn U -- sah verwundert auf -die liebliche Gruppe; doch sei es, daß er wirklich Menschenverstand -hatte oder daß er bei seinem Herrn schon Aehnliches erlebt hatte und -einsah, daß der Junker das Fräulein nicht umbringen wolle, er machte -keine Miene, seiner Dame zu Hilfe zu kommen, und erst der Hufschlag, -der von der Brücke heraufscholl, schreckte die Errötende aus den Armen -des glücklichen Jünglings. - - - - -24. - - Der Herzog schaut hinunter lang - Und spricht mit einem Seufzer bang: - Wie fern, ach! von mir abgewandt, - Wie tief, wie tief liegst du, mein Land. - - _G. Schwab._ - - -Karfreitag und Osterfest waren vorübergegangen, und Georg von -Sturmfeder befand sich noch immer in Lichtenstein. Der Herr dieses -Schlosses hatte ihn eingeladen, bei ihm zu verweilen, bis etwa der -Krieg eine andere Wendung nehmen würde oder Gelegenheit da wäre, der -Sache des Herzogs wichtige Dienste zu leisten. Man kann sich denken, -wie gerne der junge Mann diese Einladung annahm. Unter _einem_ Dach mit -der Geliebten, immer in ihrer Nähe, oft ein Stündchen mit ihr allein, -von ihrem Vater geliebt -- er hatte in seinen kühnsten Träumen kein -ähnliches Glück ahnen können. Nur eine Wolke trübte den Himmel der -Liebenden, die düstere Wolke, die zuweilen auf der Stirne des Vaters -lag. Es schien, als habe er nicht die besten Nachrichten von seinem -Herzog und dem Kriegsschauplatz. Es kamen zu verschiedenen Tageszeiten -Boten in die Burg, aber sie kamen und gingen, ohne daß der Ritter -seinem Gast eröffnete, was sie gebracht haben. Einigemal glaubte Georg -in der Abenddämmerung sogar den Pfeifer von Hardt über die Brücke -schleichen zu sehen; er hoffte, von diesem vielleicht etwas erfahren -zu können; er eilte hinab, um ihm zu begegnen, aber wenn er bis an die -Brücke kam, war jede Spur von ihm verschwunden. - -Der junge Mann fühlte sich etwas beleidigt über diesen Mangel an -Zutrauen, wie er es bei sich und in seinen Aeußerungen gegen Marie -nannte. »Ich habe doch den Freunden des Herzogs mich ganz und gar -angeboten, obgleich ihre Partie nicht viel Lockendes hat; der Mann in -der Höhle und der Ritter von Lichtenstein bewiesen mir Freundschaft -und Vertrauen, aber warum nur bis auf diesen Punkt? Warum darf ich -nicht erfahren, wie es mit Tübingen steht? Warum nicht, wie der Herzog -operiert, um sein Land wiederzuerobern? Bin ich nur zum Dreinschlagen -gut? Verschmäht man mich im Rat?« - -Marie suchte ihn zu trösten. Es gelang oft ihren schönen Augen, ihren -freundlichen Reden, ihn diese Gedanken vergessen zu lassen, aber -dennoch kehrten sie in manchem Augenblicke wieder, und die sorgenvolle -Miene des alten Herrn mahnte ihn immer an die Sache, welcher er -beigetreten war. - -Am Abend des Osterfestes konnte er endlich dieses Stillschweigen nicht -länger ertragen. Er fragte auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu -gelten, wie es mit dem Herzog und seinen Plänen stehe, ob man nicht -auch seiner endlich einmal bedürfe? Aber der Ritter von Lichtenstein -drückte ihm freundlich die Hand und sagte: »Ich sehe schon lange, -wackerer Junge, wie es dir das Herz beinahe abdrücken will, daß du -nicht teilnehmen kannst an unseren Mühen und Sorgen; aber gedulde -dich noch einige Zeit, vielleicht nur _einen_ Tag noch, so wird sich -manches entscheiden. Was soll ich dich mit ungewissen Nachrichten, -mit traurigen Botschaften plagen? Dein heiterer Jugendsinn ist -nicht gemacht, bedächtlich in ein Gewebe von Bosheit zu schauen -und die künstlich geschlungenen Fäden wieder los zu machen. Wenn -die Entscheidung naht, dann, glaube mir, wirst du ein willkommener -Genosse sein, bei Rat und Tat. Nur so viel brauchst du zu wissen, es -steht mit unserer Sache weder schlimm noch gut; doch bald muß es sich -entscheiden.« - -Der junge Mann sah ein, daß der Alte recht haben könne, und doch war -er nichts weniger als zufrieden mit dieser Antwort. Auch erfuhr er den -Namen des Geächteten nicht. Marie hatte ihn, als er in der nächsten -Nacht ins Schloß gekommen war, gefragt, ob sie ihrem Gast seinen Namen -nennen dürfe, er hatte nichts darauf gesagt, als: »Noch ist's nicht an -der Zeit!« - -Noch ein dritter Umstand war es, der Georg beinahe beleidigend vorkam. -Er hatte dem Herrn von Lichtenstein gesagt, wie sehr ihn der Mann in -der Höhle angezogen habe, wie er nichts Erfreulicheres kenne, als recht -oft in dessen Nähe zu sein, und dennoch hatte man ihn nie mit einem -Wort eingeladen, eine Nacht mit dem geheimnisvollen Gaste zuzubringen. -Er war zu stolz, sich aufzudrängen, er wartete von Nacht zu Nacht, ob -man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu sprechen; es geschah -nicht, er beschloß, wenigstens einmal uneingeladen zuzusehen, wie der -Fremde in die Burg komme, und betrachtete sich deswegen die Gelegenheit -genau. Seine Kammer, wohin er regelmäßig um acht Uhr geführt wurde, lag -gegen das Tal hinaus, gerade entgegengesetzt der Seite, wo die Brücke -über den Abgrund führte. Von hier war es also nicht möglich, ihn kommen -zu sehen. Das große Zimmer im zweiten Stock, das nicht weit entfernt -von seiner Kammer lag, wurde jede Nacht abgeschlossen, von dort aus -konnte er also auch nicht hinabsehen. Auf dem Vorplatz, der die Kammern -umher und den Saal verband, gingen zwar zwei Fenster gegen die Brücke -hinaus, sie waren aber vergittert und hoch, so daß man zwar ins Freie -hinüber, aber nicht hinab auf die Brücke sehen konnte. - -Es blieb ihm daher nichts übrig, als sich irgendwo zu verbergen, wenn -er den nächtlichen Besuch sehen wollte. Im ersten Stock war dies nicht -möglich, weil dort so viele Leute wohnten, daß er leicht entdeckt -werden konnte. Doch als er den Torweg und die Ställe musterte, die -unter dem Schloß in den Felsen gehauen waren, bemerkte er an der -Zugbrücke eine Nische, die von den Torflügeln bedeckt wurde, welche man -nur, wenn der Feind vor den Toren war, verschloß. Dies war der Ort, -der ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewähren schien, um zu -beobachten, was um ihn her vorging. Links vor der Nische schloß sich -die Zugbrücke an das Tor, rechts war die Treppe, die hinaufführte, vor -ihm der Torweg, den jeder gehen mußte, der ins Schloß kam. Dorthin -beschloß er in der kommenden Nacht sich zu schleichen. - -Um acht Uhr kam der Knappe mit der Lampe, um ihm wie gewöhnlich ins -Bett zu leuchten. Der Herr des Schlosses und seine Tochter sagten ihm -freundlich gute Nacht. Er stieg hinan in seine Kammer, er entließ den -Knecht, der ihn sonst entkleidete, und warf sich angekleidet auf das -Bette. Er lauschte auf jeden Glockenschlag, den die Nachtluft aus dem -Dorf hinter dem Walde herübertrug. Oft schlossen sich seine Augen, -oft schwebte er schon auf jener unsicheren Grenze zwischen Wachen -und Schlafen, wo sich die Seele nur mit ermatteten Kräften gegen die -Bande des Schlummers sträubt, aber immer wieder rang er sich los, wenn -seine Gedanken klar genug waren, um ihm seinen Zweck ins Gedächtnis -zurückzuführen. - -Zehn Uhr war längst vorüber. Die Burg war still und tot, Georg raffte -sich auf, zog die schweren Sporen und Stiefel ab, hüllte sich in -seinen Mantel und öffnete behutsam die Türe seiner Kammer. Er hielt -den Atem an, um sich nicht durch Schnauben zu verraten, die Angeln -seiner Türe knarrten, er hielt an, er lauschte, ob niemand diese -verräterischen Töne gehört habe. Es blieb alles still. Der Mond fiel -in mattem Schein auf den Vorplatz. Georg pries sich glücklich, daß -ihn dieses trügerische Licht nicht zum zweitenmal verraten werde. Er -schlich weiter an die Wendeltreppe. Noch einmal hielt er an, um zu -lauschen, ob alles stille sei. Er hörte nichts als das Sausen des -Windes und das Rauschen der Eichen über der Brücke. Er stieg behutsam -hinab. In der Stille der Nacht tönt alles lauter, und Dinge erwecken -die Aufmerksamkeit, die man am Tage nicht beachtet hätte. Wenn Georgs -Fuß auf ein Sandkörnchen trat, so rauschte es auf der gewöhnlichen -Wendeltreppe, daß er erschrak und glaubte, man müsse es im ganzen Hause -gehört haben. Er kam an dem ersten Stock vorüber. Er lauschte, er hörte -niemand, aber aus dem Herd in der Küche flackerte ein lustiges Feuer. -Jetzt war er unten. Zu dem Weg von seiner Kammer bis zum Tor, den er -sonst in einem Augenblicke zurücklegte, hatte er eine Viertelstunde -verwandt. - -Er stellte sich in die Nische und zog den Torflügel noch näher zu sich -her, so daß er völlig von ihm bedeckt war. Eine Spalte in der Türe -war groß genug, daß er durch sie alles beobachten konnte. Noch war -alles still im Schloß. Nur flüchtige Schritte glaubte er über sich zu -vernehmen, es war wohl Marie, die geschäftig hin und her ging. - -Nach einer tödlichen langen Viertelstunde schlug es im Dorfe elf Uhr. -Dies war die Zeit des nächtlichen Besuches, Georg schärfte sein Ohr, -um zu vernehmen, wann er komme. Nach wenigen Minuten hörte er oben -den Hund anschlagen, zugleich rief über dem Graben eine tiefe Stimme: -»Lichtenstein!« - -»Wer da?« fragte man aus der Burg. - -»Der Mann ist da!« antwortete jene Stimme, die Georg von seinem Besuche -in der Höhle so wohl bekannt war. - -Ein alter Mann, der Burgwart, kam aus einer Kasematte, die in den -Grundfelsen gehauen war. Er öffnete mit einem wunderlich geformten -Schlüssel das Schloß der Zugbrücke. Indem er noch damit beschäftigt -war, stürzte in großen Sprüngen der Hund die Treppe herab, er winselte, -er wedelte mit dem Schwanz, er hüpfte an dem Burgwart hinauf, als wolle -er ihm behilflich sein, die Brücke für seinen Herrn herabzulassen. Und -jetzt kam auch Marie, sie trug ein Windlicht und leuchtete damit dem -Alten, der mit seinem Aufschließen nicht zurechtzukommen schien. - -»Spute dich, Balthasar!« flüsterte sie. »Er wartet schon eine gute -Weile, und draußen ist's kalt, und es weht ein garstiger Wind.« - -»Jetzt nur noch die Kette los, gnädiges Fräulein,« antwortete er, »dann -sollt Ihr gleich sehen, wie schön meine Brücke fällt. Ich habe auch, -wie Ihr befohlen habt, die Fugen mit Oel geschmiert, daß sie nicht mehr -knarren und die Frau Rosel aus ihrem sanften Schlaf aufwecken.« - -Die Ketten rauschten in die Höhe, die Brücke senkte sich langsam nach -außen und legte sich über den Abgrund. Der Mann aus der Höhle, in -seinen groben Mantel eingehüllt, schritt herüber. Georg hatte sich das -Bild dieses Mannes tief ins Herz geprägt, und doch überraschten ihn -aufs neue seine auffallend kühnen Züge, sein gebietendes Auge, seine -freie Stirne, das Kräftige, Gewaltige in seinen Bewegungen. - -Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und noch lange -Jahre bewahrte Georg die Erinnerung an diese Gruppe. Die schlanke -Gestalt der Geliebten, das dunkle Haar, dessen Flechten aufgegangen -waren und nun um den zierlichen Hals herabströmten, die blendende -Stirne, das sinnige, blaue Auge, dem die langen, dunklen Wimpern und -die schöngeschwungenen Bogen der Brauen einen eigentümlichen Reiz -gaben, der kleine rote Mund, die zarte Farbe ihrer Wangen, dies alles -überstrahlt von dem Lichte, das sie in der Hand hielt, bewirkte, daß -Georg glaubte, die Geliebte nie so reizend gesehen zu haben als in -diesem Augenblick, wo der Kontrast gegen die scharfen, kräftigen Formen -des Mannes, der neben ihr stand, ihr zartes, liebliches Wesen noch mehr -hervorhob. - -Der nächtliche Gast half mit beinahe übermenschlicher Kraft dem alten -Pförtner die Brücke wieder aufziehen. Dann zog sich der Alte zurück, -und Georg vernahm folgendes Gespräch: - -»Ist Nachricht da von Tübingen? Ist Marx Stumpf zurück? Ich lese -Unglück in Euren Mienen!« - -»Nein, Herr, er ist noch nicht zurück,« sagte Marie, »der Vater -erwartet ihn aber noch diese Nacht.« - -»Daß ihm der Teufel Füße mache! Ich muß warten, bis er kommt, und -sollte es Tag darüber werden. -- Hu! _eine kalte Nacht_, Fräulein,« -sagte der Geächtete, »meine Schuhu und Käuzlein in der Nebelhöhle muß -es auch gewaltig frieren, denn sie schrieen und jammerten in kläglichen -Tönen, als ich heraufstieg.« - -»Ja, es ist kalt,« antwortete sie, »um keinen Preis möchte ich mit -Euch hinabsteigen. Und wie schauerlich muß es sein, wenn die Käuzlein -schreien. Mir graut, wenn ich nur daran denke.« - -»Wenn Junker Georg Euch begleitete, ginget Ihr doch mit,« erwiderte -jener lächelnd, indem er das errötende Gesicht des Mädchens am Kinn ein -wenig in die Höhe hob. »Nicht wahr, mit _dem_ ginget Ihr in die Hölle? -Was das für eine Liebe sein muß! Weiß Gott, Euer Mund ist ganz wund. -Gar zu arg müßt Ihr es doch nicht machen mit Küssen.« - -»Ach, Herr!« flüsterte Marie, indem sich aufs neue eine dunkle Röte -über die zarten Wangen goß; »wie mögt Ihr nur so sprechen? Wißt Ihr, -daß ich gar nicht mehr herabkomme, Euch gar nicht mehr koche, wenn Ihr -so von mir und dem Junker denket?« - -»Nun, einen Scherz müßt Ihr mir schon gelten lassen,« sagte der -Ritter und kniff sie in die errötenden Wangen; »ich habe ja in meiner -Behausung da unten so wenig Zeit und Gelegenheit zum Scherzen. Aber -was gebt Ihr mir, wenn ich für den Junker ein gutes Wort einlege beim -Vater, daß er ihn Euch zum Mann gibt? Ihr wißt, der Alte tut, was ich -haben will, und wenn ich ihm einen Schwiegersohn empfehle, nimmt er ihn -unbesehen.« - -Marie schlug die schönen Augen auf und sah ihn mit freundlichen Blicken -an. »Gnädiger Herr,« antwortete sie, »ich will es Euch nicht wehren, -wenn Ihr für Georg ein gutes Wort sprechet; übrigens ist ihm der Vater -schon sehr gewogen.« - -»Ich frage, was ich für ein gutes Wort bekomme? Alles hat seinen Preis. -Nun, was wird mir dafür?« - -Marie schlug die Augen nieder. »Ein schöner Dank,« sagte sie; »aber -kommt, Herr, der Vater wird schon längst auf uns warten.« - -Sie wollte vorangehen, der Geächtete aber ergriff ihre Hand und hielt -sie auf. Georgs Herz pochte beinahe hörbar, es wurde ihm bald heiß, -bald kalt, er faßte den Torflügel und wäre nahe daran gewesen, diese -Fürsprache um einen fixen Preis zu verbitten. - -»Warum so eilig?« hörte er den Mann der Höhle sagen. »Nun, sei -es um ein Küßchen, so will ich loben und preisen, daß dein Vater -sogleich den Pfaffen holen läßt, um das heilige Sakrament der Ehe an -euch zu vollziehen.« Er senkte sein Haupt gegen Marie herab, Georg -schwindelte es vor den Augen, er war im Begriff, aus seinem Hinterhalt -hervorzubrechen; das Fräulein aber sah jenen Mann mit einem strafenden -Blick an. »Das kann unmöglich Euer Gnaden Ernst sein,« sagte sie, -»sonst hättet Ihr mich zum letztenmal gesehen.« - -»Wenn Ihr wüßtet, wie erhaben und schön Euch dieser Trotz steht,« -sagte der Ritter mit unerschütterlicher Freundlichkeit, »Ihr ginget -den ganzen Tag im Zorn und in der Wut umher. Uebrigens habt Ihr recht, -wenn man schon einen andern so tief im Herzen hat, darf man keine -solche Gunst mehr ausspenden. Aber feurige Kohlen will ich auf Euer -Haupt sammeln, ich will dennoch den Fürsprecher machen und an Eurem -Hochzeitstag will ich bei Eurem Liebsten um einen Kuß anhalten, dann -wollen wir sehen, wer recht behält.« - -»Das könnet Ihr!« sagte Marie, indem sie ihm lächelnd ihre Hand -entzog und mit dem Licht voranging; »aber machet Euch immer auf eine -abschlägige Antwort gefaßt, denn über diesen Punkt spaßt er nicht -gerne.« - -»Ja, er ist verdammt eifersüchtig,« entgegnete der Ritter im -Weiterschreiten. »Ich könnte Euch davon eine Geschichte erzählen, -die mir selbst mit ihm begegnet ist; aber ich habe versprochen zu -schweigen. --« - -Ihre Stimmen entfernten sich immer mehr und wurden undeutlicher. Georg -schöpfte wieder freier Atem. Er lauschte und harrte noch in seiner -Nische, bis er niemand mehr auf den Treppen und Gängen hörte. Dann -verließ er seinen Platz und schlich nach seiner Kammer zurück. Die -letzten Worte Mariens und des Geächteten lagen noch in seinen Ohren. -Er schämte sich seiner Eifersucht, die ihn auch in dieser Nacht wieder -unwillkürlich hingerissen hatte, wenn er bedachte, in welch unwürdigem -Verdacht er die Geliebte gehabt und wie rein sie in diesem Augenblick -vor ihm gestanden sei. Er verbarg sein errötendes Gesicht tief in den -Kissen, und erst spät entführte ihn der Schlummer diesen quälenden -Gedanken. - -Als er am andern Morgen in die Herrenstube hinabging, wo sich um sieben -Uhr gewöhnlich die Familie zum Frühstück versammelte, kam ihm Marie mit -verweinten Augen entgegen. Sie führte ihn auf die Seite und flüsterte -ihm zu: »Tritt leise ein, Georg! Der Ritter aus der Höhle ist im -Zimmer. Er ist vor einer Stunde ein wenig eingeschlummert. Wir wollen -ihm diese Ruhe gönnen!« - -»Der Geächtete!« fragte Georg staunend, »wie kann er es wagen, noch bei -Tag hier zu sein? Ist er krank geworden?« - -»Nein!« antwortete Marie, indem von neuem Tränen in ihren Wimpern -hingen; »nein! Es muß in dieser Stunde noch ein Bote von Tübingen -anlangen, und diesen will er erwarten. Wir haben ihn gebeten, -beschworen, er möchte doch vor Tag hinabgehen, er hat nicht darauf -gehört. Hier will er ihn erwarten.« - -»Aber könnte denn der Bote nicht auch in die Höhle hinabkommen?« warf -Georg ein. »Er setzt sich ja umsonst dieser Gefahr aus.« - -»Ach, du kennst ihn nicht, das ist sein Trotz; wenn er sich einmal -etwas in den Kopf gesetzt hat, so geht er nicht mehr davon ab, und nur -zu leicht wird er mißtrauisch; deswegen konnten wir ihm nicht sehr -zureden, wegzugehen; er hätte glauben können, wir tun es nur wegen -uns. Sein Hauptgrund zu bleiben ist, daß er sich gleich mit dem Vater -beraten will, sobald er Nachricht bekommt.« - -Sie waren während dieser Rede an die Türe der Herrenstube gekommen, -Marie schloß so leise als möglich auf und trat mit Georg ein. - -Die Herrenstube unterschied sich von dem großen Gemach im obern Stock -nur dadurch, daß sie kleiner war. Auch sie hatte die Aussicht nach drei -Seiten, durch Fenster mit kleinen runden Scheiben, durch welche sich -die Morgensonne in vielfarbigen Strahlen brach. Decke und Wände umzog -ein Getäfel von schwarzbraunem Holz, mit farbigen Hölzern kunstreich -ausgelegt. Einige Ahnenbilder der Lichtensteiner schmückten die Wand, -welche keine Fenster hatte, und Tische und Gerätschaften zeigten, daß -der Ritter von Lichtenstein ein Freund alter Sitten und Zeiten sei und -seinen Hausrat, wie er ihn vom Großvater empfangen hatte, auch auf die -Tochter vererben wolle. Vor einem großen Tisch in der Mitte des Zimmers -saß der Herr des Schlosses. Er hatte sein Kinn mit dem langen Bart auf -die Hand gestützt und schaute finster und regungslos in einen Becher, -der vor ihm stand. Die Weinkannen und Deckelkrüge auf dem Tisch, der -Becher vor dem alten Herrn machte, daß man ungewiß war, ob er die Nacht -beim Becher zugebracht habe, oder ob er so frühe am Tage sich durch -einen guten Trunk Kräfte sammeln wolle. - -Er grüßte seinen jungen Gast, als dieser an den Tisch zu ihm getreten -war, durch ein leichtes Neigen des Hauptes, indem ein kaum bemerkliches -Lächeln um seinen Mund zog. Er wies auf einen Becher und einen Stuhl zu -seiner Seite. Marie verstand den Wink, schenkte einen Becher voll und -kredenzte ihn dem Geliebten mit jener holden Anmut, die allem, was sie -tat, einen eigentümlichen Stempel aufdrückte. Georg setzte sich an die -Seite des Alten und trank. - -Dieser rückte ihm näher und flüsterte ihm mit heiserer Stimme zu: »Ich -fürchte, es steht schlimm!« - -»Habt Ihr Nachricht?« fragte Georg ebenso heimlich. - -»Ein Bauer sagte mir heute früh, gestern abend haben die Tübinger mit -dem Bunde gehandelt.« - -»Gott im Himmel!« rief Georg unwillkürlich aus. - -»Seid still und weckt ihn nicht! Er wird es nur zu frühe erfahren,« -entgegnete ihm jener, indem er auf die andere Seite der Stube deutete. - -Georg sah dorthin. An einem Fenster der Seite, die gegen den jähen -Abgrund liegt, saß der geächtete Mann. Er hatte den Arm auf das Sims -gestützt, die sorgenvolle Stirne, das vom Wachen müde Auge lag in -der tapfern Hand -- er schlummerte. Sein grauer Mantel war über die -Schulter herabgefallen und ließ ein abgetragenes, unscheinbares -Lederkoller sehen, in das die kräftige Gestalt gehüllt war. Sein -krauses Haar fiel nachlässig um die Schläfe, und einige Büsche des -gerollten Bartes quollen unter der Hand hervor. - -Zu seinen Füßen lag sein großer Hund; er hatte seinen Kopf auf den Fuß -seines Herrn gelegt, seine treuen Augen hingen teilnehmend an dem Haupt -des Geächteten. - -»Er schläft,« sagte der Alte und zerdrückte eine Träne in den Augen. -»Die Natur fordert die Schuld an den Körper und umhüllt die Seele mit -einem wohltätigen Schleier. Er atmet leicht. O daß es beruhigende -Träume wären, die ihm vorschweben! Die Wirklichkeit ist so traurig, wer -sollte ihm nicht wünschen, daß er sie im Traume vergißt!« - -»Es ist ein hartes Schicksal!« erwiderte Georg, indem er wehmütig auf -den Schlafenden blickte. »Vertrieben von Haus und Hof, geächtet, in die -Wüste hinausgejagt! Sein Leben jedem Buben preisgegeben, der in der -Ferne seinen Bolz auf ihn anlegt! Bei Tag unter der Erde, bei Nacht -wie ein Dieb umherschleichen zu müssen! Wahrlich, es ist hart! Und -dies alles, weil er seinem Herrn treu war und jene Bündler nach seinen -Gütern gelüsteten.« - -»Der Mann dort hat manches verfehlt in seinem Leben,« sprach der Ritter -von Lichtenstein mit tiefem Ernst. »Ich habe ihn beobachtet seit den -Tagen seiner Kindheit bis zu dieser Stunde; ich kann ihm das Zeugnis -geben, er hat das Gute und Rechte gewollt. Zuweilen waren die Mittel -falsch, die er anwandte, zuweilen verstand man ihn nicht, zuweilen ließ -er sich von der Hitze der Leidenschaft hinreißen -- aber wo lebt der -Mensch, von dem man dies nicht sagen könnte? Und wahrlich, er hat es -grausam gebüßt!« Er hielt inne, als hätte er schon mehr gesagt, als er -sagen wollte, und umsonst suchte Georg über den Vertriebenen mehr zu -erfahren. Der Alte versank in Stillschweigen und tiefes Sinnen. - -Die Sonne war über die Berge heraufgekommen, die Nebel fielen, Georg -trat ans Fenster, die herrliche Aussicht zu genießen. Unter dem Felsen -von Lichtenstein, wohl dreihundert Klafter tief, breitet sich ein -liebliches Tal aus, begrenzt von waldigen Höhen, durchschnitten von -einem eilenden Waldbach. Drei Dörfer liegen freundlich in der Tiefe. -Dem Auge, das in dieses Tal hinabsieht, ist es, als schaue es aus dem -Himmel auf die Erde. Steigt das Auge vom tiefen Tale aufwärts an den -waldigen Höhen, so begegnet es malerisch gruppierten Felsen und den -Bergen der Alb; hinter dem Bergrücken steigt die Burg Achalm hervor und -begrenzt die Aussicht in der Nähe. Aber vorbei an den Mauern von Achalm -dringt rechts und links das Auge tiefer ins Land. Der Lichtenstein -liegt den Wolken so nahe, daß er Württemberg überragt. Bis hinab ins -tiefste Unterland können frei und ungehindert die Blicke streifen. -Entzückend ist der Anblick, wenn die Morgensonne ihre schrägen Strahlen -über Württemberg sendet. Da breiten sich diese herrlichen Gefilde wie -ein bunter Teppich vor dem Auge aus. In dunklem Grün, in kräftigem -Braun der Berge beginnt es, alle Farben und Schattierungen sind in -diesem wundervollen Gewebe, das in lichtem Blau sich endlich mit der -Morgenröte verschmilzt. Welche Ferne von Lichtenstein bis Asperg, und -welches Land dazwischen! Es ist kein Flachland, keine Ebene. Viele -Strömungen von Hügeln und Bergen ziehen sich hinauf und herunter, und -von Hügeln zu Hügeln, welche breite Täler und Ströme in ihrem Schoße -bergen, hüpft das Auge zu dem fernen Horizont. - -Georg betrachtete bewundernd. Er strengte seine Augen mehr und mehr -an, er suchte in die Weite zu dringen und jedes Schloß, jedes Dorf -in der weiten Aussicht zu unterscheiden. Marie stand neben ihm. Sie -teilte seine Bewunderung, obgleich sie seit ihrer frühesten Kindheit -dieses Schauspiel genossen. Sie zeigte ihm flüsternd jeden Fleck, sie -wußte ihm jede Turmspitze zu nennen. »Wo ist eine Stelle in deutschen -Landen,« sprach Georg, in diesen Anblick versunken, »die sich mit -dieser messen könnte! Ich habe Ebenen gesehen und Höhen erstiegen, von -wo das Auge noch weiter dringt, aber diese lieblichen Gefilde zeigen -sie nicht. So reiche Saaten, Wälder von Obst, und dort unten, wo die -Hügel bläulicher werden, ein Garten von Wein! Ich habe noch keinen -Fürsten beneidet, aber hier stehen zu können, hinaus zu blicken von -dieser Höhe und sagen zu können, diese Gefilde sind _mein_!« - -Ein tiefer Seufzer in ihrer Nähe schreckte Marien und Georg aus ihren -Betrachtungen auf. Sie sahen sich um, wenige Schritte von ihnen stand -im Fenster der Geächtete und blickte mit trunkenen, glänzenden Blicken -über das Land hin, und Georg war ungewiß, ob jene Worte oder das -Andenken an sein Unglück die Brust dieses Mannes bewegt hatten. - -Er begrüßte Georg und reichte ihm die Hand. Dann wandte er sich zu dem -Herrn des Schlosses und fragte, ob noch immer keine Botschaft da sei? -»Der von Schweinsberg ist noch nicht zurück,« antwortete dieser. - -Der Geächtete trat schweigend an das Fenster zurück und schaute in die -Ferne. Marie füllte ihm einen Becher. »Seid getrosten Mutes, Herr,« -sagte sie, »schauet nicht mit so finstern Blicken auf das Land. Trinket -von diesem Wein, er ist gut württembergisch und wächst dort unten an -jenen blauen Bergen.« - -»Wie kann man traurig bleiben,« antwortete er, indem er sich wehmütig -lächelnd zu Georg wandte, »wenn über Württemberg die Sonne so schön -aufgeht und aus den Augen einer Württembergerin ein so milder, blauer -Himmel lacht? Nicht wahr, Junker, was sind diese Berge und Täler, wenn -uns solche Augen, solche treue Herzen bleiben? Nehmt Euren Becher und -laßt uns darauf trinken! So lange wir Land besitzen in den Herzen, ist -nichts verloren: ›_Hie gut Württemberg allezeit_‹«.[35] - -»Hie gut Württemberg allezeit,« erwiderte Georg und stieß an. Der -Geächtete wollte noch etwas hinzusetzen, als der alte Burgwart mit -wichtiger Miene hereintrat. »Es sind zwei Krämer vor der Burg,« meldete -er, »und begehren Einlaß.« - -»Sie sind's, sie sind's,« riefen in einem Augenblick der Geächtete und -Lichtenstein. »Führ' sie herauf.« - -Der alte Diener entfernte sich. Eine bange Minute folgte dieser -Meldung. Alle schwiegen, der Ritter von Lichtenstein schien mit seinen -feurigen Augen die Türe durchbohren, der Geächtete seine Unruhe -verbergen zu wollen, aber die schnelle Röte und Blässe, die auf seinen -ausdrucksvollen Zügen wechselte, zeigten, wie die Erwartung dessen, -was er hören werde, sein ganzes Wesen in Aufruhr brachte. Endlich -vernahm man Schritte auf der Treppe, sie näherten sich dem Gemach. Der -gewaltige Mann zitterte, daß er sich am Tisch halten mußte, seine Brust -war vorgebeugt, sein Auge hing starr an der Türe, als wolle er in den -Mienen der Kommenden sogleich Glück oder Unglück lesen -- jetzt ging -die Türe auf. - - - - -25. - - -- -- Wie du nun so ganz - Verlassen dastehst und so ganz entblößt, - Und wie nun ich, dein einz'ger Lehensmann, - Der einz'ge bin, der dich noch Herzog nennt, - Und wie nun mir allein die Ehre bleibt, - Dir Dienst zu leisten bis zum letzten Hauch. - - _Uhland._ - - -Auch Georg hatte erwartungsvoll hingesehen. Er musterte mit schnellem -Blick die Eintretenden; in dem einen erkannte er sogleich den Pfeifer -von Hardt, der andere war -- jener Krämer, den er in der Herberge von -Pfullingen gesehen hatte. Der letztere warf einen Pack, den er auf dem -Rücken getragen, ab, riß das Pflaster weg, womit er ein Auge bedeckt -hatte, richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf und stand nun -als ein untersetzter, stark gebauter Mann mit offenen, kräftigen Zügen -vor ihnen. - -»Marx Stumpf!« rief der Geächtete mit dumpfer Stimme, »wozu diese -finstere Stirne? Du bringst uns gute Botschaft, nicht wahr, sie wollen -uns das Pförtchen öffnen, sie wollen mit uns aushalten bis auf den -letzten Mann?« - -Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekümmerten Blick auf ihn. -»Machet Euch auf Schlimmes gefaßt, Herr!« sagte er. »Die Botschaft ist -nicht gut, die ich bringe.« - -»Wie,« entgegnete jener, indem die Röte des Zornes über seine Wangen -flog und die Ader auf seiner Stirne sich zu heben begann, »wie, du -sagst, sie zaudern, sie schwanken? Es ist nicht möglich, sieh dich wohl -vor, daß du nichts Uebereiltes sagst; es ist der Adel des Landes, von -dem du sprichst.« - -»Und dennoch sage ich es,« antwortete Schweinsberg, indem er einen -Schritt weiter vortrat; »im Angesichte vor Kaiser und Reich will ich es -sagen, sie sind Verräter.« - -»Du lügst!« schrie der Vertriebene mit schrecklicher Stimme. »Verräter, -sagst du? Du lügst! Wie wagst du es, vierzig Ritter ihrer Ehre zu -berauben? Ha! gestehe, du lügst!« - -»Wollte Gott, ich allein wäre ein Ritter ohne Ehre, ein Hund, der -seinen Herrn verläßt; aber alle vierzig haben ihren Eid gebrochen, Ihr -habt Euer Land verloren, Herr Herzog! Tübingen ist über.« - -Der Mann, dem diese Rede galt, sank auf einen Stuhl am Fenster; er -bedeckte sein Gesicht mit den Händen, seine Brust hob und senkte sich, -als suche sie vergeblich nach Atem, und seine Arme zitterten. - -Die Blicke aller hingen gerührt und schmerzlich an ihm, vor allen -Georgs; denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs das Dunkel -erhellt, in welchem ihm bisher dieser Mann erschienen war. Er war es -selbst, es war Ulrich von Württemberg! In einem schnellen Fluge zog es -an seiner Seele vorüber, wie er diesen Gewaltigen zuerst getroffen, -wie er ihn tief in der Erde Schoß besucht, welche Worte jener zu ihm -gesprochen, wie sein ganzes Wesen ihn schon damals überrascht und -angezogen hatte; es war ihm unbegreiflich, daß er nicht längst schon -von selbst auf diese Entdeckung gekommen war. - -Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu brechen. Man hörte -nur die tiefen Atemzüge des Herzogs und das Winseln seines treuen -Hundes, der sein Unglück zu kennen und zu teilen schien. Endlich -winkte Lichtenstein dem Ritter von Schweinsberg, sie traten zu Ulrich, -sie faßten sein Gewand und schienen ihn erwecken zu wollen; er blieb -unbeweglich und stumm. Marie hatte weinend in der Ferne gestanden, sie -nahte sich jetzt mit unsicheren, zagenden Schritten, sie legte ihre -schöne Hand auf seine Schulter, sie blickte ihn lange an, sie faßte -sich endlich ein Herz und flüsterte: »Herr Herzog! hie ist noch gut -Württemberg alleweg!« - -Ein tiefer Seufzer löste sich aus seiner gepreßten Brust, aber seine -Hände drückten sich fester auf die Augen, er sah nicht auf. Jetzt nahte -auch Georg. Unwillkürlich kam ihm der heldenmütige Ausdruck dieses -Mannes in die Seele, jene gebietende Erhabenheit, die er ihm, als er -ihn zum erstenmal gesehen, gezeigt hatte; jedes Wort, das er damals -gesprochen, kehrte wieder, und der junge Mann wagte es, zu ihm zu -sprechen: »Warum so kleinmütig, Mann ohne Namen: ~Si fractus illabatur -orbis, impavidum ferient ruinae!~« - -Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulrich von Württemberg. Sei es -dieser sein Wahlspruch, sei es jene Mischung von Seelengröße, Trotz und -wahrer Erhabenheit über das Unglück, was ihm bei seinen Zeitgenossen -den Namen des »_Unerschrockenen_« erwarb -- er zeigte sich von diesem -Augenblick an seines Namens würdig. - -»Das war das rechte Wort, mein junger Freund,« sprach er zur -Verwunderung aller mit fester Stimme, indem er seine Hände sinken ließ, -sein Haupt stolzer aufrichtete und das alte kriegerische Feuer aus -seinen Augen loderte; »das war das rechte Wort. Ich danke dir, daß du -mir es zugerufen. Tretet vor, Marx Stumpf, Ritter von Schweinsberg, und -berichtet mir über Eure Sendung. Doch reiche mir zuvor einen Becher, -Marie!« - -»Es war letzten Donnerstag, daß ich Euch verließ,« hob der Ritter an; -»Hans steckte mich in diese Kleidung und zeigte mir, wie ich mich -zu benehmen habe. In Pfullingen kehrte ich ein, um zu probieren, ob -man mich nicht kenne, aber die Wirtin gab mir so gleichgültig einen -Schoppen, als habe sie den Ritter Stumpf in Ihrem Leben nie gesehen, -und ein Ratsherr, den ich noch vor acht Tagen tüchtig ausgescholten -hatte, trank mit mir, als hätte ich zeitlebens den Kram auf dem Rücken -getragen. Der junge Herr dort war auch in der Schenke.« - -Der Herzog schien sich an dieser Erzählung zu zerstreuen; munterer, als -man bei so großem Unglück hätte denken sollen, fragte er: »Nun, Georg, -du hast ihn gesehen; sah er so recht aus wie ein schäbiger, filziger -Krämer? Wie?« - -»Ich denke, er hat seine Rolle gut gespielt,« antwortete der junge Mann -lächelnd. - -»Von Pfullingen zog ich abends noch fürbaß bis nach Reutlingen. -Dort war in der Weinstube ein ganzer Trieb Bündischer: Augsburger, -Nürnberger, Ulmer, alle mögliche Städtler, und jubilierten mit den -Reutlingern, daß man die Hirschgeweihe wieder von ihrem Wappen -genommen, die Ihr ihnen aufgesetzt habt. Sie schimpften und sangen -Spottlieder über Euch, die bewiesen, wie sehr sie Euch noch immer -fürchten. Am Karfreitag früh ging ich nach Tübingen, das Herz pochte -mir, als ich das Burgholz herunterkam und das schöne Neckartal vor -meinen Blicken lag, und die festen Türme und Zinnen von Tübingen vom -Berg herüberragten.« - -Der Herzog preßte die Lippen zusammen, wandte sich ab und sah hinaus -ins Weite. Der von Schweinsberg hielt inne und blickte teilnehmend auf -seinen Herrn, doch jener winkte ihm, fortzufahren. - -»Ich stieg hinab ins Tal und wandelte weiter nach Tübingen. Die Stadt -war schon seit vielen Tagen von den Bündischen besetzt, und nur wenige -Truppen standen mehr im Lager, das sie über dem Ammertal auf dem Berge -geschlagen hatten. Ich beschloß, mich in die Stadt zu schleichen -und hinzuhorchen, wie es mit dem Schloß stehe, ehe denn ich auf dem -geheimen Wege zur Besatzung ginge. Ihr kennet die Herberge in der obern -Stadt, nicht weit von der St. Georgenkirche; dort trat ich ein und -setzte mich zum Weine. Die bündischen Ritter, so erfuhr ich unterwegs, -kehrten oft dort ein, daher schien mir dies der beste Platz zu meinem -Zweck.« - -»Ihr wagtet viel,« unterbrach ihn Herr von Lichtenstein; »wie leicht -konnten Leute da sein, die Euch abkaufen wollten, und da wäre der -Krämer bald entdeckt gewesen!« - -»Ihr vergeßt, daß es Festtag war,« entgegnete jener, »ich hatte also -guten Grund, mein Bündel nicht auszupacken und anzupreisen nach -Krämersitte. Doch so leicht wäre ich wohl nicht entdeckt worden, habe -ich doch an Georg von Frondsberg ein Büchslein mit Wundbalsam verkauft! -Weiß Gott, ich hätte lieber mit ihm gestritten, daß er es gleich hätte -brauchen können. -- Es war noch das Hochamt in der Kirche, daher war -niemand in der Herberge; vom Wirt aber erfuhr ich, daß die Ritter im -Schloß einen Waffenstillstand bis Ostermontag früh gemacht haben. Als -die Kirche aus war, kamen richtig, wie ich mir gedacht hatte, viele -Ritter und Herren in die Herberge zum Frühtrunk. Ich setzte mich in -einen Winkel auf die Ofenbank, wie es armen Leuten geziemt in Gegenwart -so großer Herren.« - -»Wen sahst du dort?« fragte der Herzog. - -»Ich kannte einige, andere erriet ich aus dem Gespräch, das sie -führten. Es war Frondsberg, Alban von Closen, die Huttischen, Sickingen -und noch viele; bald trat auch der Truchseß von Waldburg ein. Ich zog -die Kappe tiefer ins Gesicht, als ich ihn sah, denn er wird noch nicht -vergessen haben, wie ich ihn vor fünfzehn Jahren im Lanzenstechen zu -Nürnberg von der Mähre warf.« - -»Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans von Breitenstein?« unterbrach -ihn Georg. - -»Breitenstein? daß ich nicht wüßte, doch ja, so hieß wohl jener, der -den Hammelschlegel auf _einem_ Sitz verzehrte. Jetzt fingen sie an, von -der Belagerung zu reden und vom Waffenstillstand. Sie sprachen hin und -her, oft flüsterten sie auch untereinander, doch ich habe gute Ohren -und vernahm, was mir nicht lieb war. Der Truchseß nämlich erzählte, daß -er einen Pfeil in die Burg habe schießen lassen mit einem Brieflein an -Ludwig von Stadion. Es muß dies schon mehreremal geschehen sein, denn -die Ritter verwunderten sich nicht, als er weiter fortfuhr und sagte, -wie er auf demselben Weg eine Antwort erhalten habe.« - -Des Herzogs Stirne verfinsterte sich. »Ludwig von Stadion!« rief er -schmerzlich. »Ich hätte Häuser auf ihn gebaut! Er war mir so lieb, ich -tat ihm alles, was ich ihm an den Augen absehen konnte -- er hat mich -zuerst verraten?« - -»Im Brieflein stand, daß er, der Stadion, und noch zwölf andere der -Fehde müde, auch schon halb und halb willens seien, sich zu ergeben; -Georg von Hewen aber habe ihnen abgeraten.« - -»Um den hab' ich's nicht verdient,« sagte Ulrich; »ich war ihm gram, -weil er mich oft getadelt hat, wenn ich nicht nach seinem Sinne tat. -Wie man sich irren kann in den Menschen! Hätte man mich gefragt, -wer mich verraten würde und wer dagegen spreche, ich hätte hier den -Stadion, dort vielleicht Georg von Hewen genannt!« - -»Im Brieflein stand auch noch weiter, daß Euer Durchlaucht vielleicht -Entsatz bringen oder, wenn dies nicht möglich, auf geheimen Wegen -in die Burg sich begeben wollen. Die Bündischen sprachen mancherlei -hierüber; sie waren aber darin einig, daß man die Besatzung zu einem -Vergleich bringen müsse, ehe Ihr heranrücktet oder gar ins Schloß -kämet; denn dann, meinten sie, könnten sie noch lange belagern müssen. -Wie ich nun dies alles hörte, schien es mir nicht geraten, durch den -geheimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu entdecken; denn -wie leicht konnte Stadion schon die Oberhand gewonnen haben, und dann -war ich verraten. Ich beschloß, den Tag noch zu warten; hörte ich bis -Samstag früh nichts Schlimmeres über die Besatzung, so wollte ich ins -Schloß dringen und Ew. Durchlaucht Schreiben übergeben. Ich streifte -im Lager und in der Stadt umher, und niemand hielt mich an; auch -suchte ich mich immer in der Nähe der Obersten zu halten. So kam der -Nachmittag.« - -»Das war noch Freitags, an dem Fest?« fragte Lichtenstein. - -»Am heiligen Freitag war's. Nachmittags um drei Uhr ritt Georg von -Frondsberg mit etlichen andern Hauptleuten vor die Stadtpforte an dem -Schloß und schrie hinauf, ob sie im Schlosse bauen? Ich stand nicht -weit davon und sah, wie Stadion auf den Wall kam und antwortete: ›Nein, -denn es wäre wider den Pakt des Stillstandes; aber ich sehe, daß Ihr im -Feld bauet.‹ Georg von Frondsberg rief: ›So es geschehen, ist es ohne -meinen Befehl geschehen; wer bist du?‹ Da antwortete der im Schloß: -›Ich bin Ludwig von Stadion.‹ Drauf lächelte der Bündische und strich -sich den Bart. ›Ist's also, wie du sagst,‹ rief er, ›so will ich's -wenden,‹ ritt zu ein paar Schanzkörben und warf sie um. Dann rief er -dem Stadion zu, mit einigen Rittern herabzukommen und miteinander -einen Trunk zu tun.« - -»Und sie kamen?« rief der Herzog. »Die Ehrvergessenen kamen?« - -»Auf dem Schloßberg vor dem äußersten Graben ist ein Platz, dort -sieht man weit ins Land; hinab ins Neckartal, hinauf die Steinlach, -hinüber an die Alb und Zollern, und viele Burgen schmücken die -Aussicht. Dorthin ließen sie einen Tisch bringen und Bänke, und -die Bundesobersten setzten sich zum Wein. Dann ging das Tor von -Hohen-Tübingen auf, die Brücke fiel über den Graben, und Ludwig von -Stadion mit noch sechs anderen kamen über die Brücke; sie brachten Eure -silbernen Deckelkrüge, sie brachten Eure goldenen Becher und Euren -alten Wein, sie grüßten die Feinde mit Gruß und Handschlag und setzten -sich, besprachen sich mit ihnen beim kühlen Wein.« - -»Der Teufel gesegne es ihnen allen!«[36] unterbrach ihn der Ritter von -Lichtenstein und schüttete seinen Becher aus. Der Herzog aber lächelte -schmerzlich und gab Marx Stumpf einen Wink, fortzufahren. - -»So taten sie sich gütlich bis in die Nacht und zechten, bis sie rote -Köpfe bekamen und taumelten; ich stand nicht ferne, und keine ihrer -verräterischen Reden entging mir. Als sie aufbrachen, nahm der Truchseß -den Stadion bei der Hand: ›Herr Bruder,‹ sagte er, ›in Eurem Keller -ist ein guter Wein, lasset uns bald ein, daß wir ihn trinken.‹ Jener -aber lachte darüber, schüttelte ihm die Hand und sagte: ›Kommt Zeit, -kommt Rat.‹ Wie ich nun sah, daß die Sachen also stehen, beschloß ich -mit Gott, mein Leben dran zu setzen und in die Burg zu den Verrätern -zu gehen. Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde, wo der kleinere -unterirdische Gang beginnt. Ungesehen stieg ich hinab und drang bis -in die Mitte. Dort hatten sie das Fallgatter herabgelassen und einen -Knecht hingestellt, er legte an auf mich, als er mich durch die -Finsternis kommen hörte, und fragte nach der Losung. Ich sprach, wie -Ihr befohlen, das Losungswort Eures tapfern Ahnherrn, Eberhards im -Bart: »~Atempto~;« der Kerl machte große Augen, zog aber das Gatter auf -und ließ mich durch. Jetzt ging ich schnellen Schrittes weiter vor und -kam heraus im Keller. Ich schöpfte einige Augenblicke Luft, denn der -Atem war mir schier ausgeblieben in dem engen Gang.« - -»Armer Marx! geh, trink einen Becher, das Reden wird dir schwer,« sagte -Ulrich. Willig befolgte jener das gütige Geheiß seines Fürsten und -sprach dann mit frischer Stimme weiter: »Im Keller hörte ich viele -Stimmen, und es war mir, als zanke man sich. Ich ging den Stimmen nach -und sah eine ganze Schar der Besatzung vor dem großen Faß sitzen und -trinken. Es waren einige von Stadions Partei und Hewen und mehrere der -Seinigen. Sie hatten Lampen aufgestellt und große Humpen vor sich; es -sah schauerlich aus, fast wie das Femgericht. Ich barg mich in ihrer -Nähe hinter ein Faß und hörte, was sie sprachen. Georg von Hewen sprach -mit rührenden Worten zu ihnen und stellte ihnen ihre Untreue vor; er -sagte, wie sie ja gar nicht nötig haben, sich zu ergeben, wie sie -auf lange mit Vorräten versehen seien, wie Euer Durchlaucht ein Heer -sammeln werden, Tübingen zu entsetzen, wie eher die Belagerer in Not -kommen als sie.« - -»Ha! wackerer Hewen; und was gaben sie zur Antwort?« - -»Sie lachten und tranken. ›Da hat es eine gute Weile, bis _der_ ein -Heer sammelt! Wo das Geld hernehmen, und nicht stehlen?‹ sagte einer; -Hewen aber fuhr fort und sagte, wenn es auch nicht so bald möglich sei, -so müßten sie sich doch halten bis auf den letzten Mann, wie sie Euch -zugeschworen, sonst handeln sie als Verräter an ihrem Herrn. Da lachten -sie wieder und tranken und sagten: ›Wer will auftreten und uns Verräter -nennen?‹ Da rief ich hinter meinem Faß hervor: ›Ich, ihr Buben! Ihr -seid Verräter am Herzog und am Land!‹ Alle waren erschrocken, der -Stadion ließ seinen Becher fallen, ich aber trat hervor, nahm meine -Kappe ab und den falschen Bart, stellte mich hin und zog Euren Brief -aus dem Wams. ›Hier ist ein Brief von Eurem Herzog,‹ sagte ich, ›er -will, ihr sollet euch nicht übergeben, sondern zu ihm halten; er selbst -will kommen und mit euch siegen oder in diesen Mauern sterben.‹« - -»O Tübingen!« sagte der Herzog mit Seufzen, »wie töricht war ich, daß -ich dich verließ! Zwei Finger meiner Linken gäbe ich um dich; was sage -ich, zwei Finger? Die Rechte ließ ich mir abhauen, könnte ich dich -damit erkaufen, und mit der Linken wollte ich dem Bund den Weg zeigen! -Und gaben sie nichts, gar nichts auf meine Worte?« - -»Die Falschen sahen mich finster an und schienen nicht recht zu wissen, -was sie tun sollten. Hewen aber vermahnte sie nochmals. Da sagte Ludwig -von Stadion, ich komme schon zu spät. Achtundzwanzig der Ritterschaft -wollen sich der Fehde mit dem Bunde begeben und den Herzog solche -allein ausmachen lassen. Komme er wieder mit Heeresmacht ins Land, -so wollen sie getreulich zu ihm stehen, aber aufs ungewisse wollen -sie den Krieg nicht fortführen, denn ihre Burgen und Güter werden so -lange beschädigt und gebrandschatzt, bis sie nicht mehr gegen den -Bund dienen. Ich verlangte nun, sie sollen mich hinaufführen in den -Rittersaal, ich wolle versuchen, ob nicht Männer da seien, das Schloß -zu halten, ich zählte auf, wen ich noch für treu halte, die Nippenburg, -die Gültlingen, die Ow, die beiden Berlichingen, die Westerstetten, die -Eltershofen, Schilling, Reischach, Welwart, Kaltental, -- der von Hewen -aber schüttelte den Kopf und sagte, ich habe mich in manchem geirrt.« - -»Und Stammheim, Thierberg, Westerstetten, meine Getreuen, hast du sie -nicht gesehen?« - -»O ja, sie saßen im Keller beim Stadion und tranken Euren Wein. Hinauf -wollten sie mich aber nicht lassen. Selbst Hewen, selbst Freiberg und -Heideck, die mit ihm waren, rieten ab, sie sagten, die zwei Parteien -seien ohnedies schon schwierig gegeneinander, der Stadion habe die -Mehrzahl für sich und auch den größten Teil der Knechte. Wenn ich -hinaufgehe, komme es im Schloßhof und im Rittersaal zum Kampfe, und -es bleibe ihnen, als den Geringeren, nichts übrig, als zu sterben. So -gerne sie nun auch für Euch den letzten Blutstropfen aufwenden, so -wollen sie doch lieber in der Feldschlacht gegen den Feind fallen, -als von ihren Landsleuten und Waffenbrüdern totgeschlagen werden. Da -blieb mir nichts übrig, als sie zu bitten, sie möchten sich des Prinzen -Christoph und Eures zarten Töchterleins annehmen und ihnen das Schloß -bei der Uebergabe erhalten. Einige sagten zu, andere schwiegen und -zuckten die Achsel, ich aber gab den Verrätern meinen Fluch als Christ -und Ritter, sagte fünf von ihnen auf und lud sie zum Kampf auf Leben -und Tod, wenn der Krieg zu Ende sei, dann wandte ich mich und ging auf -demselben Wege aus der Burg, wie ich gekommen war.« - -»Herr Gott im Himmel! hätte ich dies für möglich gehalten!« rief -Lichtenstein. »Zweiundvierzig Ritter, zweihundert Knechte, eine feste -Burg, und sie doch verraten! Unser guter Name ist beschimpft; noch -in späten Zeiten wird man von unserem Adel sprechen, und wie sie ihr -Fürstenhaus im Stich gelassen; das Sprichwort: ›Treu und ehrlich wie -ein Württemberger‹, ist zum Hohn geworden!« - -»Wohl konnte man einst sagen, treu wie ein Württemberger,« sprach der -Herzog Ulrich, und eine Träne fiel in seinen Bart. »Als mein Ahnherr -Eberhard einst hinabritt gen Worms und mit den Kurfürsten, Grafen und -Herren zu Tische saß, da sprachen und rühmten sie viel vom Vorzug ihrer -Länder. Der eine rühmte seinen Wein, der andere sprach von seiner -Frucht, der dritte gar von seinem Wild, der vierte grub Eisen in seinen -Bergen. Da kam es auch an Eberhard im Bart. ›Von Euren Schätzen weiß -ich nichts aufzuweisen,‹ sagte er, ›doch gehe ich abends durch den -dunkelsten Wald, und komm' ich nachts durch die Berge und bin müd' und -matt, so ist ein treuer Württemberger bald zur Hand, ich grüße ihn und -leg' mich in seinen Schoß und schlafe ruhig ein.‹ Des wunderten sich -alle und staunten und riefen: ›Graf Eberhard hat recht,‹ und ließen -treue Württemberger leben. Geht jetzt der Herzog durch den Wald, so -kommen sie und schlagen ihn tot, und leg' ich meine Treuen in die -Burgen, kaum wende ich den Rücken, so handeln sie mit dem Feind. _Die_ -Treue soll der Kuckuck holen; -- doch fahre fort, gib mir den Kelch bis -auf die Hefe, ich bin der Mann dazu, ohne Furcht den Grund zu sehen.« - -»Nun, daß ich's kurz sage, ich hielt mich noch in Tübingen auf, bis ich -Gewißheit bekäme wegen der Uebergabe. Gestern, am Ostermontag, sind -sie zusammengekommen; sie haben die Pakten schriftlich aufgesetzt und -nachher durch den Herold auf den Straßen ausrufen lassen; um fünf Uhr -abends haben sie das Schloß übergeben. Ihr seid der Regierung förmlich -entsetzt. Prinz Christoph, Euer Söhnlein, behält Schloß und Amt -Tübingen, doch zu des Bundes Dienst und unter seiner Vormundschaft, und -in das übrige, heißt es, werden sich die Herren teilen. Ich habe viel -Jammer erfahren in meinem Leben, ich habe einen Freund im Lanzenstechen -umgebracht, ein liebes Kind ist mir gestorben und mein Haus abgebrannt, -aber so wahr mir Gott gnädig sei und seine Heiligen, mein Schmerz war -nie so groß als in jener Stunde, wo ich des Bundes Farben neben Euer -Durchlaucht Panieren aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz Württembergs -Geweihe und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken sah!« - -So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne war während seiner -Erzählung völlig heraufgekommen, auch an den äußersten Bergen war -der Nebel gefallen, und was um die fernen Höhen von Asperg zog, war -ein Duft, der wie ein zarter Schleier vom Horizont herabhing und die -Gegenden, über welche er sich breitete, nur in noch reizenderem Lichte -durchschimmern ließ. Angetan mit dem sanften Grün der Saaten, mit den -dunkleren Farben der Wälder, geschmückt mit freundlichen Dörfern, mit -glänzenden Burgen und Städten lag Württemberg in seiner Morgenpracht. -Sein unglücklicher Fürst überschaute es mit trüben Blicken. Die Natur -hatte ihm einen festen Mut und ein Herz gegeben, das Kummer und Elend -nicht zu brechen vermochte; nicht zu jeder Stunde, nicht jedem teilte -er seine Empfindungen mit, und wenn ein großes Unglück über ihn kam, -pflegte er zu schweigen und zu handeln. - -Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten festen Burg -seine letzte Hoffnung gefallen war, verschloß er einen großen Schmerz -in einer tapferen Brust. Wer stand je an dem Sarg einer Mutter und -fühlte nicht, wenn er den letzten Blick auf die teuren, bleichen Züge, -auf den verstummten Mund warf, bittere Empfindungen in sich aufsteigen? -Es ist die Reue, was in solchen Augenblicken den Menschen übermannt. -Man erinnert sich, wie unendlich viel sie für uns getan, wie sie uns -als Kind so liebreich hegte, wie ihr kein Opfer zu schwer ward, das -sie dem Jüngling nicht gebracht hätte. Und wie haben wir vergolten? -wir waren gleichgültig gegen so viele rührende Liebe, wir glaubten, es -müsse nun einmal so sein, wir waren sogar undankbar und murrten, wenn -nicht alle unsere Wünsche schnell erfüllt wurden, wir verpraßten ihr -Gut und achteten nicht auf ihre stillen Tränen. - -Jetzt, wo dieses liebevolle Auge uns nicht mehr sieht, wo dieses Ohr -auf immer verschlossen ist, das nur auf unsere Wünsche lauschte, wo -diese Hände unseren letzten Druck nicht mehr fühlen, diese Hände, -die uns mühsam nährten: jetzt bestürmen alle jene Gefühle von Reue, -Dankbarkeit, Liebe unsere Brust, deren eines hingereicht hätte in den -vorigen Tagen, sie glücklich zu machen! - -Ein ähnliches Gefühl der Reue war es, was drückend auf der Brust -Ulrichs von Württemberg lag, als er auf sein Land hinabschaute, das -auf ewig für ihn verloren schien. Seine edlere Natur, die er oft im -Gewühle eines prächtigen Hofes und betäubt von den Einflüsterungen -falscher Freunde verleugnet hatte, trauerte mit ihm, und es war nicht -sein Unglück allein, was ihn beschäftigte, sondern auch der Jammer des -okkupierten Landes. - -Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in die Ferne zu -seinen Freunden wandte, staunten sie über den Ausdruck seiner Züge. Sie -hatten erwartet, Zorn und Grimm über den Verrat seiner Edlen auf seiner -Stirne, in seinen Augen zu lesen, aber es war eine tiefe Rührung, ein -stiller großer Schmerz, was seinen Mienen einen Ausdruck von Milde gab, -den sie nie an ihm gekannt hatten. - -»Marx! Wie verfahren sie gegen das Landvolk?« fragte er. - -»Wie Räuber,« antwortete dieser; »sie verwüsten ohne Not die Weinberge, -sie hauen die Obstbäume nieder und verbrennen sie am Wachtfeuer, -Sickingens Reiter traben durch das Saatfeld und treten nieder, was die -Pferde nicht fressen. Sie mißhandeln die Weiber und pressen den Männern -das Geld ab. Schon jetzt murrt das Volk allerorten, und lasset erst den -Sommer kommen und den Herbst! Wenn aus den zerstampften Fluren kein -Korn aufgeht, wenn auf den verwüsteten Bergen keine Weinbeere wächst, -wenn sie erst noch die ungeheure Kriegssteuer, die der Bundesrat -umlegen wird, bezahlen müssen, -- da wird das Elend erst recht angehen.« - -»Die Buben!« rief der Herzog, und ein edler Zorn sprühte aus seinen -Augen, »sie rühmten sich mit großen Worten, sie kämen, um Württemberg -von seinem Tyrannen zu befreien, es zu entheben aller Not. Und sie -hausen im Lande wie im Türkenkrieg. Aber ich schwöre es, so mir Gott -eine fröhliche Urständ gebe und seine Heiligen gnädig sein wollen -meiner Seele, wenn keine Saat aufgeht in den verwüsteten Tälern des -Neckars und auf seinen Höhen keine Traube reift, ich will kommen und -mähen und Garben schneiden -- in ihren Gliedern, ich will kommen -mit schrecklichen Winzern, will sie treten und keltern und ihr Blut -verzapfen. Ich will rächen, was sie an mir und meinem Land getan, so -mir der Herr helfe.« - -»Amen!« sprach der Ritter von Lichtenstein. »Aber ehe Ihr hereinkommt, -müßt Ihr auf gute Art hinaus sein aus dem Land. Es ist keine Zeit zu -verlieren, wenn Ihr ungefährdet entkommen wollt.« - -Der Herzog sann eine Weile nach und antwortete dann: »Ihr habt recht, -ich will nach Mömpelgard; von dort aus will ich sehen, ob ich so viele -Mannschaft an mich ziehen kann, um einen Einfall in das Land zu wagen. -Komm her, du treuer Hund, du wirst mir folgen ins Elend der Verbannung. -Du weißt nicht, was es heißt, die Treue brechen und den Eid vergessen.« - -»Hier steht noch einer, der dies auch nicht kennt,« sagte Schweinsberg -und trat näher zu dem Herzog. »Ich will mit Euch ziehen nach -Mömpelgard, wenn Ihr meine Begleitung nicht verschmähet.« - -Aus den Augen des alten Lichtenstein blitzte ein kriegerisches Feuer. -»Nehmt auch mich mit Euch, Herr!« sagte er. »Meine Knochen taugen -freilich nicht mehr viel, aber meine Stimme ist noch vernehmlich im -Rat.« - -Marie sah mit leuchtenden Blicken auf den Geliebten. Ueber die Wangen -Georgs von Sturmfeder zog ein glühendes Rot, sein Auge leuchtete vom -Mut der Begeisterung. - -»Herr Herzog!« sagte er. »Ich habe Euch meinen Beistand angetragen in -jener Höhle, als ich nicht wußte, wer Ihr wäret, Ihr habt ihn nicht -verschmäht. Meine Stimme gilt nicht viel im Rat, aber könnet Ihr ein -Herz brauchen, das recht treu für Euch schlägt, ein Auge, das für -Euch wacht, wenn Ihr schlafet, und einen Arm, der die Feinde von Euch -abwehrt, so nehmt mich auf und lasset mich mit Euch ziehen!« - -Alle jene Empfindungen, die ihn zu dem Manne ohne Namen gezogen hatten, -loderten in dem Jüngling auf, sein Unglück und die erhabene Art, wie -er es trug, vielleicht auch jener aufmunternde Blick der Geliebten, -erhöhten diese Flammen zur Begeisterung und zogen ihn zu den Füßen des -Herzogs ohne Land. - -Der alte Herr von Lichtenstein blickte mit stolzer Freude auf seinen -jungen Gast, gerührt sah ihn der Herzog an und bot ihm seine Hand, hob -ihn auf von den Knieen und küßte ihn auf die Stirne. - -»Wo solche Herzen für uns schlagen,« sagte er, »da haben wir noch feste -Burgen und Wälle und sind noch nicht arm zu nennen. Du bist mir lieb -und wert, Georg von Sturmfeder, du wirst mich begleiten, mit Freuden -nehme ich deine treuen Dienste an. Marx Stumpf von Schweinsberg, -dich brauche ich zu wichtigerem Geschäft, als meinen Leib zu decken. -Ich werde dir Aufträge geben nach Hohentwiel und der Schweiz. Eure -Begleitung, guter Lichtenstein, kann ich nicht annehmen. Ich ehre -Euch wie einen Vater, Ihr habt getreu an mir gehandelt, Ihr habt mir -allnächtlich Eure Burg geöffnet; ich will's vergelten. Wenn ich mit -Gottes Hilfe wieder ins Land komme, soll Eure Stimme die erste sein in -meinem Rat.« - -Sein Auge fiel auf den Pfeifer von Hardt, der demütig in der Ferne -stand: »Komm her, du getreuer Mann!« rief er ihm zu und reichte ihm -seine Rechte, »du hast dich einst _schwer an Uns verschuldet_, aber du -hast treu abgebüßt, was du gefehlt.« - -»Ein Leben ist nicht so schnell vergolten,« sagte der Bauer, indem er -düster zum Boden blickte, »noch bin ich in Eurer Schuld, aber ich will -sie zahlen.« - -»Gehe heim in deine Hütte, so ist mein Wille. Treibe deine Geschäfte -wie zuvor, vielleicht kannst du uns treue Männer sammeln, wenn wir -wieder ins Land kommen. Und Ihr, Fräulein, wie kann ich Eure Dienste -lohnen? Seit vielen Nächten habt Ihr den Schlaf geflohen, um mir die -Türe zu öffnen und mich zu sichern vor Verrat! Errötet nicht so, als -hättet Ihr eine große Schuld zu gestehen. Jetzt ist es Zeit zu handeln. -Alter Herr,« wandte er sich zu Mariens Vater, »ich erscheine als -Brautwerber vor Euch, Ihr werdet den Eidam nicht verschmähen, den ich -Euch zuführe?« - -»Wie soll ich Eure Reden verstehen, gnädigster Herr?« sagte der Ritter, -indem er verwundert auf seine Tochter sah. - -Der Herzog ergriff Georgs Hand und führte ihn zu jenem. »_Dieser_ liebt -Eure Tochter, und das Fräulein ist ihm nicht abhold; wie wäre es, alter -Herr, wenn Ihr ein Pärlein aus ihnen machtet? Zieht nicht die Stirne -so finster zusammen, es ist ein ebenbürtiger Herr, ein tapferer Kämpe, -dessen Arm ich selbst versuchte, und jetzt mein treuer Geselle in der -Not.« - -Marie schlug die Augen nieder, auf ihren Wangen wechselte hohe Röte -mit Blässe, sie zitterte vor dem Ausspruch des Vaters. Dieser sah sehr -ernst auf den jungen Mann. »Georg,« sagte er, »ich habe Freude an Euch -gehabt seit der ersten Stunde, daß ich Euch sah; sie möchte übrigens -nicht so groß gewesen sein, hätte ich gewußt, _was_ Euch in mein Haus -führte.« - -Georg wollte sich entschuldigen, der Herzog aber fiel ihm in die Rede: -»Ihr vergesset, daß _ich_ es war, der ihn zu Euch schickte mit Brief -und Siegel, er kam ja nicht von selbst zu Euch; doch was besinnet -Ihr Euch so lange? Ich will ihn ausstatten wie meinen Sohn, ich will -ihn belohnen mit Gütern, daß Ihr stolz sein sollet auf einen solchen -Schwiegersohn.« - -»Gebt Euch keine Mühe weiter, Herr Herzog,« sagte der junge Mann -gereizt, als der Alte noch immer unschlüssig schien. »Es soll nicht -von mir heißen, ich habe mir ein Weib erbettelt und ihrem Vater mich -aufdrängen wollen. Dazu ist mein Name zu gut.« Er wollte im Unmut das -Zimmer verlassen, der Ritter von Lichtenstein aber faßte seine Hand: -»Trotzkopf,« rief er, »wer wird denn gleich so aufbrausen? Da, nimm -sie, sie sei dein, aber -- denke nicht daran, sie heimzuführen, so -lange ein fremdes Banner auf den Türmen von Stuttgart weht. Sei dem -Herrn Herzog treu, hilf ihm wieder ins Land zu kommen, und wenn du -treulich aushältst: am Tag, wo ihr in Stuttgarts Tore einzieht, wo -Württemberg seine Fahnen wieder aufpflanzt und seine Farben von den -Zinnen wehen, will ich dir mein Töchterlein bringen, und du sollst mir -ein lieber Sohn sein!« - -»Und an jenem Tag,« sprach der Herzog, »wird das Bräutchen noch viel -schöner erröten, wenn die Glocken tönen von dem Turme und die Hochzeit -in die Kirche ziehet! Dann werde ich zum Bräutigam treten und zum Lohn -fordern, was mir gebührt. Da, guter Junge, gib ihr den Brautkuß; es ist -zu vermuten, daß es nicht der erste ist, herze sie noch einmal, und -dann gehörst du mein, bis an den fröhlichen Tag, wo wir in Stuttgart -einziehen. Lasset uns trinken, Ihr Herren, auf die Gesundheit des -Brautpaars!« - -Auf Mariens holden Zügen stieg ein Lächeln auf und kämpfte mit den -Tränen, die noch immer aus den schönen Augen perlten. Sie goß die -Becher voll und kredenzte den ersten dem Herzog mit so dankbaren -Blicken, mit so lieblicher Anmut, daß er Georg glücklich pries und sich -gestehen mußte, manch anderer möchte um solchen Preis selbst sein Leben -wagen. - -Die Männer ergriffen ihre Becher und erwarteten, daß ihnen der Herzog -einen guten Spruch dazu sagen werde nach seiner Weise. Aber Ulrich -von Württemberg warf einen langen Abschiedsblick auf das schöne Land, -von dem er scheiden mußte, einen Augenblick wollte sich eine Träne in -seinem Auge bilden, er wandte sich kräftig ab. »Ich habe hinter mich -geworfen,« sagte er, »was mir einst teuer war, ich werde es wiedersehen -in besseren Tagen. Doch hier in diesen Herzen besitze ich noch Länder. -Beklaget mich nicht, sondern seid getrosten Mutes, wo der Herzog ist -und seine Treuen: _hie gut Württemberg alleweg_!« - - - - -26. - - In Schwaben, wo dein Vater Herzog war, - Wo ihn und dich ein biedres Volk geliebt, - Wo mancher jetzt auf seiner Feste haust, - Der unter deinem Banner einst gekämpft. - Dort muß von dir noch ein Gedächtnis sein, - Dorthin sei unser irrer Pfad gelenkt, - Des Schwarzwalds dichter Schatten neh'm uns auf. - - _Uhland._ - - -Wohl nie so schwül hat ein Sommer über Württemberg gelegen als der -des Jahres 1519. Das ganze Land hatte dem Bunde gehuldigt und meinte, -es werde jetzt Ruhe haben. Aber jetzt erst zeigten die Bundesglieder -deutlich, daß es nicht die Wiedereinnahme von Reutlingen gewesen -sei, was sie zusammenführte. Sie wollten bezahlt sein, sie wollten -Entschädigung haben für ihre Mühe. Die einen wollten, man solle -Württemberg unter sie teilen, die anderen, man solle es an Oesterreich -verkaufen, die dritten wollten es Ulrichs Kindern erhalten, -- aber -unter des Bundes Obervormundschaft. Sie stritten sich um den Besitz -des Landes, auf das weder der eine noch der andere gerechte Ansprüche -machen konnte. Das Land selbst war in Spaltung und Parteien. Es sollte -die Kriegskosten decken, und doch war niemand da, der zahlen wollte. -Die Ritterschaft hielt es für eine erwünschte Gelegenheit, sich ganz -vom Lande loszusagen und sich für unabhängig zu erklären. Die Bürger -und Bauern waren ausgesogen, ihre Felder waren verwüstet und zertreten, -sie sahen nirgends eine Aussicht, sich zu erholen; die Geistlichkeit -wollte auch nicht allein bezahlen, und so war alles in Hader und -Streit. Es ging auch vielen tief zu Herzen, daß ihr angeborener Fürst -so schnöde behandelt worden war. Manchem kam jetzt, da der Herzog fern -von dem Lande seiner Väter in Verbannung hauste, Reue und Sehnsucht an. -Sie verglichen sein Regiment mit dem jetzigen. Es war nicht besser, -wohl aber schlimmer geworden; aber sie lebten unter zu hartem Zwang, -als daß sie ihre Schmerzen hätten offenbaren können. - -Der Regentschaft des Bundes entging diese Unzufriedenheit des Volkes -nicht; sie mußte, wie sich in alten Berichten findet, »manche seltsame -und böse Rede« hören; sie suchte durch geschärfte Strenge sich -Anhänglichkeit zu erwerben, sie streute Lügen über den Herzog aus.[37] -Man gebot den Priestern, gegen ihn zu predigen; wer von ihm Gutes rede, -soll gefangen werden, wer ihn heimlich unterstütze, soll der Augen -beraubt, sogar enthauptet werden. - -Aber Ulrich hatte noch treue Leute unter dem Landvolk, die ihm auf -geheimen Wegen Kunde brachten, wie es in Württemberg stehe. Er saß in -seiner Grafschaft Mömpelgard und harrte dort mit den Männern, die ihm -ins Unglück gefolgt waren, auf günstige Gelegenheit, in sein Land zu -kommen. Er schrieb an viele Fürsten, er beschwor sie, ihm zu Hilfe zu -kommen; aber keiner nahm sich seiner sehr tätig an. Er schrieb an die -zur neuen Kaiserwahl versammelten Kurfürsten -- sie halfen nicht. Das -einzige, was sie taten, war, dem neuen Kaiser in seiner Kapitulation -eine Klausel anzuhängen, die Württemberg und den Herzog betraf, -- -er hat sie nicht geachtet. Als sich der Herzog von aller Welt also -verlassen sah, wankte er dennoch nicht, sondern setzte alles daran, -sein Land mit eigener Macht wiederzuerobern. Es waren einige Umstände, -die für ihn sehr günstig schienen. Der Bund hatte nämlich, als er Kunde -bekam, daß sich niemand des Vertriebenen annehmen wolle, seine Völker -entlassen. Die meisten Städte und Burgen behielten nur sehr schwache -Besatzungen, und selbst in Stuttgart waren nur wenige Fähnlein Knechte -gelassen worden. - -Durch diese Maßregel aber hatte sich der Bund einen Feind erworben, den -man gering schätzte, der aber viel zur Aenderung der Dinge beitrug, --- es waren dies die Landsknechte.[A] Diese Menschen, aus allen -Enden und Orten des Reiches zusammengelaufen, boten gewöhnlich dem -ihre Hilfe an, der sie am besten zahlte; für was und gegen wen sie -kämpften, war ihnen gleichgültig. Um sie zu halten, mußte man ihnen -vieles nachsehen, und Raub, Mord, Plünderung, Brandschatzen führten -sie auf ihre eigene Faust aus, um sich zu entschädigen, wenn sie -den Sold nicht richtig bekamen. Georg von Frondsberg war der erste -gewesen, der sie durch sein Ansehen im Heere, durch tägliche Uebungen -und unerbittliche Strenge einigermaßen im Zaum hielt. Er hatte sie in -regelmäßige Rotten und Fähnlein eingeteilt, er hatte ihnen bestimmte -Hauptleute gegeben, er hatte sie gelehrt, geordnet und in Reihen und in -Gliedern zu fechten. Sie zeigten aber jetzt, daß sie aus einer guten -Schule kamen; denn als sie vom Bund entlassen waren, liefen sie nicht -wie früher zerstreut durch das Land, um Dienste zu suchen, sondern -rotteten sich zusammen, richteten zwölf Fähnlein auf, erwählten aus -_ihrer Mitte_ Hauptleute[38] und selbst einen Obersten in der Person -des _langen Peters_. Sie waren schwierig auf den Bund, nährten sich von -Raub und Brandschatzen im Land und führten Krieg auf eigene Rechnung. -Die Anarchie war in Württemberg so groß, daß ihnen niemand die Spitze -bot. Der Bund hatte sich an Streitkräften entblößt und war zu sehr mit -seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, als daß er das arme Land -von dieser Bande befreit hätte. Die Ritterschaft war uneinig, sie saßen -auf den Schlössern und sahen ruhig diesem Treiben zu; die Besatzung der -Städte war zu gering, um ihnen mit Kraft Einhalt zu tun, und Bürger -und Bauern sahen sogar diesen Haufen gerne, wenn seine Forderungen -nur nicht allzu groß waren, denn die Landsknechte schimpften weidlich -auf den Bund, dem niemand hold war. Ja es ging sogar die Sage, diese -Kriegsmänner seien nicht abgeneigt, dem Herzog wieder zu seinem Land zu -verhelfen. - - [A] Landsknechte schreiben wir, nicht Lanzknechte, wie man in - neuerer Zeit getan, und berufen uns auf die »Historia des Herrn - Frondsberg« etc. - -Es war ein schöner Morgen in der Mitte Augusts, als sich diese Leute -in einem Wiesentale gelagert hatten, das der Grenze von Baden zunächst -gelegen war. Die riesigen, schwarzen Tannen und Föhren, die das Tal auf -drei Seiten einschlossen, gehörten noch dem Schwarzwald an, und das -Flüßchen, das durch das Tal eilte, war die Würm. Halb überschattet vom -Wald, halb in den Weidenbüschen des Tales versteckt, lag das kleine -Heer in wunderlichen Gruppen und pflegte der Ruhe. In der Entfernung -von zweihundert Schritten sah man Posten aufgestellt, deren blitzende -Lanzen oder rotglühende Lunten schon von weitem Furcht einjagten. In -der Mitte des Tales, im Schatten einer Eiche, saßen fünf Männer um -einen ausgespannten Mantel, den sie als Tisch gebrauchten, um ein Spiel -auf ihm zu spielen, das heute noch den Namen Landsknecht führt. Diese -Männer zeichneten sich vor ihren übrigen Genossen durch breite rote -Binden aus, die sie über die Schulter und Brust herabhängen hatten, -sonst aber hatte ihre Bekleidung auch das zerrissene und morsche -Aussehen wie das der übrigen Soldateska. Einige hatten Sturmhauben -auf, andere große Filzhüte, mit eisernen Bändern beschlagen, dazu -Lederkoller, welche von Regen, Staub und Biwaks alle möglichen -Schattierungen erhalten hatten. - -Bei näherem Blick erkannte man übrigens noch zwei Dinge, durch welche -sie sich von ihren Kameraden unterschieden. Sie führten nämlich keine -Donnerbüchsen oder Spieße, wie sie die Landsknechte gewöhnlich trugen, -sondern Raufdegen von ungemeiner Länge und Breite. Auch hatten sie, -wie es damals die Edelleute und Anführer trugen, auf ihren Hüten und -Sturmhauben bunte, wallende Federbüsche aus Hahnenschwänzen, um sich -ein ritterliches Ansehen zu geben. - -Die fünf Männer schienen große Geschicklichkeit im Spiel zu besitzen, -vorzüglich aber einer, der sich mit dem Rücken an die Eiche lehnte. -Es war dies ein langer wohlbeleibter Mann. Er hatte einen Hut auf, -dessen Rand sich wie ein bedeutender Mühlstein um den Kopf zog. Der -Hut war mit einer Goldtresse besetzt, auf der Stirnseite war er mit -dem goldenen Bild des heiligen Petrus geschmückt, aus welchem zwei -ungeheure rote Hahnenfedern hervorragten. Dieser Mann mußte weit in der -Welt herumgekommen sein, denn er konnte auf französisch, italienisch, -ungarisch fluchen, seinen Bart aber trug er ungarisch, er hatte ihn -nämlich mit Pech so zusammengedreht, daß er wie zwei eiserne Stacheln -auf beiden Seiten der Nase eine Spanne in die Luft hinausstarrte. - -»~Canto cacramento!~« rief dieser große Mann mit einem dröhnenden -Baß, »der kleine Wenzel ist mein. Drauf! Ich stech' ihn mit dem -Eichel-König.« - -»Mein ist er, mit Verlaub,« rief sein Nebenmann, »und der König dazu. -Da liegt die Eichel-Sau!« - -»~Mord de ma Vich~, zagt der Franzoz; Hauptmann Löffler, Ihr wollt -Eurem Oberst diesen Stich abjagen? Schämt Euch, schämt Euch; daz ist -ein Rebeller, der daz tut. Gott straf' mein' Zeel', Ihr wollt mich -vom Regiment absetzen?« Der große Mann funkelte zu diesen Worten -gräßlich mit den Augen, schob seinen großen Hut auf das Ohr, daß seine -überhängenden Augenbrauen und eine mächtige rote Narbe auf der Stirne -sichtbar wurden, die ihm ein ungemein kriegerisches Ansehen gaben. - -»Beim Spiel, Herr Oberst Peter, gilt keine Kriegsordnung,« antwortete -der andere Spieler. »Ihr könnet uns Hauptleuten befehlen, ein Städtchen -zu blockieren und zu brandschatzen, aber beim Spiel ist jeder -Landsknecht so gut wie wir.« - -»Ihr zeid ein Meuter, ein Rebeller gegen die Obrigkeit, Gott straf' -mein Zeel', und wäre es nicht gegen meine Würde, ich wollt' Euch in -Kochstücke mazakerieren; aber spielt weiter.« - -»Da liegt dein Daus« -- »drauf der Quarter« -- »den stech' ich mit dem -Zinken,« -- »Schellen-Wenzel, wer sticht den? --« - -»Ich,« sprach der Große, »da liegt der Schellenkönig, Mordblei! der -Stich ist mein.« - -»Wie bringst du den Schellenkönig 'rauf?« rief ein kleines, dürres -Männchen mit spitzigem Gesicht und kleinen, giftigen Aeuglein und -heiserer Stimme. »Hab' ich nicht gesehen, als du ausgabst, daß er unten -lag? Er hat betrogen, der lange Peter hat schändlich betrogen!« - -»Muckerle, Hauptmann vom achten Fähnlein! ich rat' Euch, haltet Euer -Maul,« sagte der Oberst. »~Bassa manelka!~ ich versteh' keinen Spaß. -Die Mauz zoll den Löwen nicht erzürnen.« - -»Und ich sag's noch einmal; wo hättest du sonst den König her? Vor dem -Papst und dem König von Frankreich will ich's beweisen; du falscher -Spieler!« - -»Muckerle,« erwiderte der Oberst und zog kaltblütig seinen Degen aus -der Scheide, »bete noch ein Ave Maria und ein Gratias, denn ich schlage -dich tot, zo wie daz Spiel auz ist.« - -Die übrigen drei Männer wurden durch diese Streitigkeiten aus ihrer -Ruhe aufgeschreckt. Sie erklärten sich für den kleinen Hauptmann -und gaben nicht undeutlich zu verstehen, daß man dem Obersten wohl -dergleichen zutrauen könnte; dieser aber vermaß sich hoch und teuer, -er habe nicht betrogen. »Wenn der heilige Petruz, mein gnädiger Herr -Patron, den ich auf dem Hut trage, sprechen könnte, der würde mir, -zo wahr er ein christlicher Landsknecht war, bezeugen, daß ich nicht -betrogen!« - -»Er hat nicht betrogen,« sagte eine tiefe Stimme, die aus dem Baum zu -kommen schien. Die Männer erschraken und schlugen Kreuze wie vor einem -bösen Spuk, selbst der tapfere Oberst erbleichte und ließ die Karte -fallen; aber hinter dem Baum hervor trat ein Bauersmann, der mit einem -Dolch bewaffnet war und eine Zither an einem ledernen Riemen auf der -Schulter hängen hatte. Er sah die Männer mit unerschrockenen Blicken an -und sagte: »Es ist, wie ich sagte, dieser Herr da hat nicht betrogen, -er bekam schon beim Ausgeben Schellen- und Eichelkönig, Fünfe und Vier -von Laub und den Schippen-Unter in die Hand.« - -»Ha! du bist ein wackerer Kerl,« rief der Oberst vergnügt, »zo wahr ich -ein ehrlicher Landsknecht -- will zagen Oberst bin, -- ez ist all wahr, -waz du gezagt hast.« - -»Was ist denn das?« rief der kleine Hauptmann Muckerle mit giftigen -Blicken. »Wie hat sich der Bauer daher eingeschlichen, ohne daß unsere -Wachen ihn meldeten? Das ist ein Spion, man muß ihn hängen!« - -»Zei nicht wunderlich, Muckerle! daz ist kein Spioner; komm, zetz' -dich zu mir. Bist ein Spielmann, daz du die Cittarra umhängst wie ein -Spanier, wenn er zu zeinem Schätzerl geht?« - -»Ja, Herr! ich bin ein armer Spielmann; Eure Wachen haben mich nicht -angehalten, als ich aus dem Walde kam. Ich sah euch spielen und wagte -es, den Herren zuzusehen.« - -Die Hauptleute dieses Freikorps waren nicht gewohnt, so höflich mit -sich sprechen zu hören, daher faßten sie Zuneigung zu dem Spielmann -und luden ihn sehr herablassend ein, sich zu ihnen zu setzen, denn -sie hatten in fremden Kriegsdiensten gelernt, daß große Könige und -Feldherren sehr vertraulich mit den Meistern des Gesanges umgehen. - -Der Oberste tat einen Trunk aus einer zinnernen Flasche, bot sie dem -kleinen Hauptmann und sprach mit heiterer Miene: »Muckerle, daz zoll -mein Tod zein, waz ich getrunken, wenn ich nicht allez vergesse; Hader -und Zank haben ein Ende; wir wollen nicht weiter spielen, Ihr Herren! -ich liebe Gezang und Lautenspiel, wie wäre ez, wenn wir uns aufspielen -ließen?« - -Die Männer willigten ein und warfen die Karten zusammen; der Spielmann -stimmte seine Zither und fragte, was er singen solle. - -»Sing ein Lied vom Spiel!« rief einer, »weil wir gerade dran sind.« - -Der Spielmann sann ein wenig nach und hub an: - - »Von dem Zinken, Quater und As - Kommt mancher in des Teufels Gaß, - Von Quater, Zinken und von Dreien - Muß mancher Waffengo schreien, - Von As, Seß und Daus - Hat mancher gar ein ödes Haus, - Von Quater, Drei und Zinken - Muß mancher lauter Wasser trinken, - Von Zinken, Drei und Quater - Weinen oft Mutter, Kind und Vater, - Von Zinken, Quater und Seß - Muß Jungfrau, Metz und Agnes - Oft gar lang unberaten bleiben, - Will er die Läng' das Spiel betreiben.«[39] - -Der Oberst Peter und die Hauptleute lobten das Lied und reichten dem -Spielmann zum Dank die Flasche. »Gott gesegne es euch,« sagte dieser, -indem er die Flasche zurückgab; »viel Glück zu eurem Zuge; ihr seid -wohl Obersten und Hauptleute des Bundes und ziehet wieder zu Feld? -darf man fragen, gegen wen?« - -Die Männer sahen sich an und lächelten, der Oberste aber antwortete -ihm: »Ganz unrecht habt Ihr nicht; wir haben früher dem Bund gedient, -jetzt aber dienen wir niemand alz unz selbst, und wer Leute braucht, -wie wir zind.« - -»Die Schweizer werden heuer ein gutes Jahr haben, man sagt ja, der -Herzog wolle wieder ins Land?« - -»Aller Hund Krümmen komme auf die Schweizer,« rief der Oberst; »wie -übel zind zie an ihm gefahren; der gute Herzog hat all' zeine Hoffnung -auf zie gesetzt, und, ~diavolo maledetto~, wie haben zie ihn im Stich -gelassen bei Blaubeuren!« - -»Sie haben ihn schändlich verlassen,« sagte der Hauptmann Muckerle mit -heiserer Stimme; »aber doch so man's beim Licht b'sieht, so g'schieht -ihm wohl halb recht, dann er sollt' sie je wohl kennt haben; es leit -doch am Tag, daß sie kein dicks Brittlein bohren. Der Tüfel hol' sie -all!« - -»Ja, der Herzog hat halt nichts Besseres haben können,« entgegnete der -Spielmann; »freilich, wenn er solche Herren gehabt hätte wie ihr und -eure tapfren Fähnlein, da wäre der Bund noch bei Ulm.« - -»Du hast da ein wahrez Wort gesprochen, guter Gezell! Landsknecht' -hätt' er zollen haben und keine Schwyzer. Und hält er zich jetzt wieder -zu ihnen, zo weiß ich, waz ich von ihm halte. Landsknecht' hätt' er -zollen haben, ich zag's noch einmal. Nicht wahr, Magdeburger?« - -»Dat will ick man och meenen,« antwortete der Magdeburger. -»Landsknechte oder keener können den Heertog wieder uf den Stuhl -setzen. Die Schweizer können man gar nichts, als mit den Hellebarden -in die Glieder stechen; dat ist all ihre Kunst. Aber Ihr solltet man -sehen, wie wir die Donnerbüchsen laden, auf die Gabel legen un mit den -Lunden drauf, dat dich dat Wetter! Dat Manäfer macht uns keener nich -nach, Gott straf' mir, keener. Sie brauchen eine halve Stunde, um ihre -Kugel loszuschießen, und wir Landsknechte eene halve Vertelstund'.« - -»Ja, alle Achtung vor den Herren Landsknechten,« sagte der Spielmann -und lüftete ehrerbietig die Mütze; »freilich, euch Herren sollt' er -haben; aber der Bund wird euch so gut belohnt haben, daß ihr dem armen -Herzog nicht zu Hilfe ziehen möget.« - -»Gelohnt, socht er?« rief der fünfte Hauptmann und lachte. »Jo, wenn -er's Geld von Blech schlagen könnt', der schwäbisch Hund! Bei denen -gilt's Sprichwort: - - Dien' wohl und fordre keinen Sold, - So werden dir die Herren hold.« - -»Ich sog', schlecht hot er uns bezahlt. Und wenn seine Durchlaucht der -Herr Herzog mi hoben will, ich steh' 'nem z'Dienst wie jedem.« - -»Ztaberl, du hast recht,« sagte der Oberst und wichste den ungarischen -Bart. »Mordblei, die Katz' ist gern, wo man sie strählet. Wenn der -Herr Ulrich gut zahlt, zo wird, Gott straf' mein' Zeel', unsere ganze -Mannschaft mit ihm ziehen.« - -»Nun, das werdet ihr bald sehen können,« entgegnete der Bauer listig -lächelnd, »habt ihr noch keine Antwort vom Herzog auf eure Botschaft?« - -Der Oberst Peter ward feuerrot bis in die Stirne. »Mordelement! wer -bist denn du, Menschenkind, daz du mein Geheimnuz weißt? Wer hat dir -gezagt, daz ich zum Herzog schickte?« - -»Zum Herzog hob' Er g'schickt, Peter? Wos hobt Er denn für G'heimnis -mitenonder, doß wir's nit wissen dörften. Sog' es nur gleich!« - -»Nun, ich hab' gedacht, ich müsse wieder einmal für euch alle denken -wie immer, und hab' einen Mann zum Herzog geschickt, ihm in unzerm -Namen einen schönen Gruz entboten und fragen lassen, ob er unz brauchen -könnt'? Dez Monats für den Mann einen halben Dicktaler, uns Obersten -und Hauptleut' aber ein Goldgülden und täglich vier Maaz alten Wein.« - -»Dat is keen bitterer Vorschlach, der Teiwel! Eenen Goldgülden -monatlich? Ich bin dabei, und es wird keener wat dagegen haben. Hast du -Antwort von dem Heertog?« - -»Bis jetzt noch keine; aber, ~Bassa manelka!~ wie kamst du zu meinem -Geheimnuz, Bauer? Ich hau' dir ein Ohr ab, Gott straf' mein Zeel', zo -tu ich wie mein Patron, der heilige Petruz, war auch ein Landsknecht, -dem Malchuz, der war von den jüdischen Schwyzern, ein Hellebardierer. -Zag' schnell oder ich hau'!« - -»Langer Peter!« rief der kleine Hauptmann Muckerle mit ängstlicher -Stimme, »laß um Gott'swillen _den_ gehen; der ist fest und kann hexen. -Ich weiß noch wie heut, daß wir ihn in Ulm fangen sollten und in Herrn -von Krafts, des Ratsschreibers, Stall kamen, wo er sich aufhielt, denn -er war ein Kundschafter, so machte er sich klein und immer kleiner, bis -er ein Spatz wurde und über uns 'naus flog.« - -»Waz?« schrie der tapfere Oberst und rückte von dem Spielmann hinweg, -»_der_ ist's? Wo dann der Magistrat auzrufen ließ, man zolle alle -Spatzen totschießen, weil zich ein württemberger Spioner in einen -verwandelt habe? Man heißt zie, glaub' ich, jetzt noch die Ulmer -Spatzen.« - -»Der ist's,« flüsterte Muckerle; »es ist der Pfeifer von Hardt, ich -hab' ihn gleich erkannt.« - -Der Oberst und die Hauptleute hatten sich von ihrem Erstaunen noch -nicht ganz erholt. Sie sahen den Mann, von welchem der Ruf so -wunderbare Dinge erzählte, halb ängstlich, halb neugierig an. Er selbst -hatte ein zu wohlgeübtes Ohr, als daß er nicht verstanden hätte, -was diese Leute unter sich flüsterten; aber er tat, als bemerkte er -ihr Staunen und Verstummen nicht; er beschäftigte sich ruhig mit -seiner Zither. Endlich faßte sich der lange Peter, wohlbestallter -Oberst dieses Heeres, ein Herz, zwirbelte den Bart einigemal, zog -dann den ungeheuren Hut vom Kopf und sprach: »Verzeihet doch, lieber -Gezelle, wertgeschätzter Pfeifer, daß wir zo ohne alle Umstände mit -Euch verfahren zind; konnten wir denn wissen, wen wir da neben unz -haben? Zeid vielmal gegrüßet, hab' schon oft, Gott straf' mein' Zeel', -gedacht, möchte nur einmal den fürtrefflichen Kerl zehen, den Pfeifer -von Hardt, der in Ulm am hellen Tag alz Spatz auzgeflogen.« - -»Ist schon gut,« unterbrach ihn der Spielmann unmutig; »lasset die -alten Geschichten ruhen. Nun, von wegen des Herzogs kam mir die -Nachricht zu, ich soll euch Herren auf den heutigen Tag aufsuchen, -und wenn ihr noch geneigt wäret, mit ihm zu ziehen, so wolle er gerne -zahlen, was ihr ihm vorgeschlagen.« - -»~Canto cacramento!~ daz ist ein frommer Herr! ein Goldgülden dez -Monats und täglich vier Maaz Wein! Er zoll leben!« - -»Und wann wird er kommen?« fragte der Hauptmann Löffler; »wo werden wir -zu ihm stoßen?« - -»Wenn kein Unglück geschehen ist, heute noch. Heute ist er auf -Heimsheim losgebrochen, die Besatzung ist schwach. Wenn er sie -überwältigt hat, rückt er heute noch weiter.« - -»Schaut! reitet dort unten nicht ein Geharnischter? Sieht aus wie ein -Ritter!« Die Männer sahen aufmerksam nach dem Ende des Tales. Dort sah -man einen Helm und Harnisch in der Sonne blinken, auch ein Pferd wurde -hie und da sichtbar. Der Pfeifer von Hardt sprang auf und klimmte auf -die Eiche hinan. Von diesem hohen Standpunkt konnte er das Tal besser -übersehen. Noch war der Reiter zu fern, als daß er seine Züge hätte -unterscheiden können, aber er glaubte seine Feldbinde zu erkennen, er -glaubte den Mann zu erkennen, den er in dieser Stunde erwartete. - -»Was siehst du?« riefen die Hauptleute. »Ist es einer, der zufällig -durchs Tal reitet, oder glaubst du, er kommt vom Herzog?« - -»Richtig, weiß und blau ist die Schärpe,« sprach der Pfeifer; »das ist -sein langes Haar, so sitzt er zu Pferd. Ei, du Goldjunge, willkommen -in Württemberg! Jetzt sieht er eure Wachen, jetzt reitet er auf sie -zu; schau', wie die Bursche ihre Lanzen vorstrecken und die Beine -ausspreizen.« - -»Ja, was Landsknechte sind, die verstehen den Kriegsbrauch; darf keiner -vorbei, wo die Hauptleute liegen, ohne daß er Rede steht.« - -»Halt! jetzt rufen sie ihn an; er spricht mit ihnen, sie deuten hieher; -er kommt!« Der Pfeifer von Hardt stieg mit freudeglühendem Gesicht vom -Baume herab. - -»~Diavolo maledetto! bassam marendete!~ Zie werden ihn doch nicht -allein reiten lassen? Ez wird doch einer zein Roß am Zügel führen nach -Kriegsbrauch! Wie? Ist ez ein Ritter, der kommt?« - -»Ein Edelmann, so gut wie einer im Reich,« antwortete der Pfeifer; -»und der Herzog ist ihm sehr gewogen.« Bei dieser Nachricht standen -die Hauptleute auf, denn ob sie sich gleich nicht wenig einbildeten, -Hauptleute zu heißen, so wußten sie doch, daß sie eigentlich nur -Landsknechte und dem Ritter jedes Zeichen von Ehrerbietung schuldig -seien. Der Oberst aber setzte sich gravitätisch am Fuß der Eiche -nieder, strich den Bart, daß er hell glänzte, setzte den großen Hut -mit der Hahnenfeder zurecht, stützte sich auf seinen großen Hieber und -erwartete so den Ritter. - - - - -27. - - Der Herzog ist gekommen, - Er liegt nicht weit im Feld; - Er hat's dem Feind genommen, - Er bringt 'nen Sack mit Geld. - - _G. Schwab._ - - -Dem Platze, wo die Hauptleute und der lange Peter, ihr Oberst, -versammelt waren, nahte sich jetzt ein geharnischter Reiter, dessen -Pferd von zwei Landsknechten geführt wurde. Der Ritter hatte das -Visier seines blanken Helmes herabgeschlagen, die breiten Schultern -und die kräftigen Lenden und Beine waren mit Platten und Schienen von -Stahl verhüllt, aber die wallenden Federn seines Helmbusches und die -wohlbekannten Farben einer Schärpe, die über den Panzer herablief, die -Haltung und das edle, kräftige Wesen des Nahenden hatten dem Pfeifer -von Hardt längst gesagt, wen er zu erwarten habe. Und er betrog sich -nicht, denn einer der Knechte trat jetzt vor den Oberst und berichtete, -daß der »Edle von Sturmfeder« mit den Anführern der gesamten -Landsknechte etwas zu sprechen habe. - -Der lange Peter antwortete im Namen der übrigen: »Zag' ihm, er ist -willkommen. Peter Hunzinger der Oberst, Ztaberl von Wien, Cunrad der -Magdeburger, Balthasar Löffler und der tapfere Muckerle, wohlbestallte -Hauptleute, erwarten ihn zum Gespräch. -- Gott straf' mein' Zeel', er -hat einen schönen Harnisch und einen Helm wie der König Franz, aber -zein Gaul dürfte besser zein, Mordblei! er ist an allen vieren steif!« - -»Dos ist holt, sog' ich, weil er den ganzen Sommer g'stonden ist in -Mömpelgard beim Herzog.« - -Die Männer belächelten den Witz des Wieners, doch hüteten sie sich, -ihre Freude laut werden zu lassen, denn der Ritter hielt nicht -allzuferne. Noch immer machte er keine Miene, abzusteigen und sich -ihnen zu nahen. Er sprach mit dem Knecht, schlug dann das Visier auf -und zeigte ein schönes, freundliches Gesicht. »Steht dort nicht Hans -der Spielmann?« rief er mit lauter Stimme. »Erlaubet, daß er ein wenig -zu mir trete.« - -Der Oberst nickte dem Pfarrer zu, er ging, und der Junker schwang sich -vom Pferde. »Willkommen in Württemberg, edler Herr!« rief der Mann -von Hardt, indem er den Handschlag des Junkers treuherzig erwiderte. -»Bringt Ihr gute Botschaft? Ich seh's Euch an den Augen an, es steht -gut mit dem Herzog.« - -»Komm! tritt hier ein wenig auf die Seite,« sagte Georg von Sturmfeder -mit freudiger Hast. »Wie steht es auf Lichtenstein? Denkt sie an mich? -Hast du einen Brief, ein paar Zeilen? O gib schnell! Was läßt sie mir -sagen, guter Hans?« - -Der Pfeifer lächelte schlau über die Ungeduld des liebenden Jünglings. -»Einen Brief hab' ich nicht; keine Zeile. Sie ist gesund und der alte -Herr auch; das ist alles, was ich weiß.« - -»Wie!« unterbrach ihn Georg, »keinen Gruß? Keine Botschaft? So hat sie -dich gewiß nicht ziehen lassen!« - -»Als ich vorgestern Abschied nahm, sagte das Fräulein: ›Sag' ihm, _er -soll sich sputen, daß er einziehet in Stuttgart_.‹ Sie wurde gerade so -rot wie Ihr jetzt, als sie dies sprach.« - -Der junge Mann errötete voll freudiger Gefühle, sein Auge glänzte, -und ein freundliches Lächeln zeigte, daß er den Sinn dieser Worte -verstanden habe. - -»Bald, bald werden wir einziehen, so Gott will,« sagte er. »Aber wie -lebten sie diesen langen Sommer? Nur dreimal kam uns Botschaft von -ihnen zu! Warst du oft auf Lichtenstein, Hans? War sie traurig? Was -sprach sie?« - -»Lieber Herr,« antwortete der Mann von Hardt, »geduldet Euch noch, auf -dem Marsch will ich Euch ein langes und breites erzählen, für jetzt -nur so viel: sobald der Alte hört, daß Ihr auf Stuttgart ziehet, will -er von Lichtenstein aufbrechen und Euch die Braut zuführen. Denn er -zweifelt nicht, daß ihr die Stadt überwältiget. Habt ihr Heimsheim?« - -»Wir haben es. Ich jagte mit zwölf Reitern in die Tore, ehe sie sich's -versahen. Die Besatzung war zwar etwas stärker als wir, aber mutlos und -unzufrieden. Ich handelte mit ihnen in des Herzogs Namen, da glaubten -sie, er liege mit vielen Truppen noch im Hinterhalt, und ergaben sich. -So weit wären wir nun in Württemberg, aber wie ist der Weg weiterhin?« - -»Offen, bis ins Herz offen. Ich bringe Euch wichtige Nachricht vom -Ritter von Lichtenstein; daß die gewaltigen Herren aus dem Lande sind, -wisset Ihr --« - -»Sie halten einen Bundestag in Nördlingen,[40] ist's nicht so? Freilich -wissen wir's, denn auf _diese_ Nachricht brach der Herzog aus Baden -auf.« - -»Nun, und wenn die Katzen fort sind, tanzen die Mäuse auf dem Tisch! -Die Besatzungen sind überall unbesorgt, an den Herzog denkt kein -Bündler mehr, sie sind nur aufmerksam auf den Bundestag, welchen -Herrn wir bekommen werden: den Oesterreicher, den Bayer, den Prinzen -Christophel, oder ob uns der Städtebund, Augsburg und Aalen, Nürnberg -und Bopfingen, regieren werde.« - -»Welche Augen sie machen werden,« rief Georg lächelnd, »wenn der Stuhl -schon besetzt ist, um welchen sie streiten!« - - »Der Frosch hüpft wieder in sein Pfuhl, - Wenn er auch säß' auf einem goldnen Stuhl!« - -sagt's Sprichwort. Sie werden ihre Büchsen auf die Schulter nehmen -und's Regieren sein lassen.« - -»Und die Württemberger? Wie denken sie jetzt vom Herzog? Glaubst du, er -werde viel Anhang finden? Werden sie uns zu Hilfe ziehen?« - -»Was Bürger und Bauern sind, ja. Von der Ritterschaft weiß ich's nicht, -und der alte Herr zuckte die Achsel, wenn ich ihn fragte, und murmelte -ein paar Flüche. Ich fürchte, es steht hier nicht alles, wie es soll. -Aber Bürger und Bauern, die sind für den Herzog. Es sind allerlei -sonderbare Zeichen geschehen, die das Volk aufmuntern. So ist neulich -im Remstal ein Stein vom Himmel gefallen, drauf war ein Hirschgeweih -eingegraben und die Worte: »Hie gut Württemberg allweg«, und auf der -andern Seite soll man auf lateinisch gelesen haben: »Herzog Ulrich soll -leben!«[41] - -»Vom Himmel gefallen, sagst du?« - -»So sagt man. Die Bauern hatten große Freude dran, aber die bündischen -Herren wurden zornig, nahmen die Schulzen gefangen und wollten ihnen -abpressen, woher der Stein des Anstoßes komme. Und als man bei hoher -Strafe verbot, vom Herzog zu sprechen, da lachten die Männer und -sagten, jetzt träumen wir von ihm. Alles wünscht ihn zurück, denn sie -wollen sich lieber von ihrem anerkannten Herrn drücken als von Fremden -die Haut abziehen lassen.« - -»Gut; der Herzog und seine Reiter können in wenigen Stunden hier sein. -Sein Plan ist, sich gerade durchs Land nach Stuttgart zu schlagen. Ist -die Hauptstadt unser, so fällt uns auch das Land zu. Und wie ist es mit -den Landsknechten dort? Wollen sie mitziehen?« - -»Fast hätte ich die vergessen,« sagte Hans; »sie werden ungeduldig -werden, wenn wir sie zu lange warten lassen. Gehet doch recht klug mit -ihnen um, es sind stolze Gesellen und lassen sich Hauptleute schelten. -Aber haben wir die fünfe gewonnen, so sind zwölf Fähnlein des Herzogs. -Besonders mit dem Oberst, dem langen Peter, müßt Ihr gar höflich sein.« - -»Welcher ist der lange Peter?« - -»Der dicke Mann, der unter der Eiche sitzt. Er hat einen steifen -Schnauzbart und einen vornehmen Hut auf dem Kopf. Der ist der Höchste -unter ihnen.« - -»Ich will mit ihm reden, wie du sagst,« antwortete der junge Mann und -ging mit dem Pfeifer zu den Landsknechten. Die lange Unterredung der -beiden hatte sie schon etwas unmutig gemacht, und der kleine Muckerle -schoß stechende Blicke auf den Gesandten des Herzogs. Als dieser aber -mit edlem Anstand und freiem, siegendem Blick unter sie trat, wurden -sie schüchtern und verlegen, und als er sie endlich mit höflichen, -schmeichelhaften Worten anredete, wurden ihre tapfern Herzen von der -Anmut Georgs von Sturmfeder für des Herzogs Sache gewonnen. - -»Wohlerfahrener Oberst,« sprach er, »tapfere Hauptleute der -versammelten Landsknechte, der Herzog von Württemberg hat sich den -Grenzen seines Landes genaht, hat die Stadt Heimsheim erobert und ist -willens, auf gleiche Weise sein ganzes Herzogtum wieder an sich zu -bringen --« - -»Gott straf' mein' Zeel', er hat recht; tät'z auch zo machen --« - -»Er hat den tapfern Arm und die fürtreffliche Kriegskunst der -Landsknechte erprobt, als sie noch gegen ihn standen; er versieht -sich zu ihnen, daß sie ihm mit gleichem Mute jetzt beistehen werden, -und verspricht ihnen mit seinem fürstlichen Wort, die Bedingungen zu -halten, die sie ihm angeboten haben.« - -»Ein frommer Herr,« murmelten sie untereinander mit beifälligem Nicken, -»ein Goldgülden des Monats -- und Mordblei -- täglich vier Maß Wein für -die Hauptleut'!« - -Der Oberst stand auf, entblößte sein kahles Haupt zum Gruß und sprach, -von manchem Räuspern der Verlegenheit unterbrochen: »Wir danken Euch, -hochedler Herr, wollen's tun, wollen mitziehen -- wir wollen dem -schwäbischen Bund heimgeben, waz er unz getan, zo wollen wir. Die -allerbesten und tapfersten, wie auch fürtrefflichsten Leute haben zie -fortgeschickt, als brauchten zie keine Landsknechte mehr. Da steht zum -Beispiel der Hauptmann Löffler; wenn'z einen tapfereren Landsknecht -gibt in der Christenheit, zo laß ich mir die Haut vom Leib schälen und -laß mich braten wie eine Zau. Da steht der Ztaberl von Wien; zo einen -hat die Zonne noch nie beschienen und der Mond. -- Da ist dann der -Magdeburger, wie der ficht keiner in der Türkei -- und der Muckerle -da, man zollt ihm'z nicht anzehen; aber daz ist der beste Schütz mit -der Donnerbüchs und trifft auf vierzig Gäng inz Schwarze. -- Von mir -mag ich nicht reden, Eigenlob stinkt, aber ~Bassa manelka!~ in Spanien -und Holland hab' ich gedient, und ~Canto cacramento!~ in Italien und -Deutschland, Mordblei! in jedem Heere kennt man den langen Peter. Gott -straf' mein' Zeel', wenn ich und die andern hinter den schwäbischen -Hund, wollt' zagen Bund, komme, ~diavolo maledetto~! Da werden zie daz -Hazenpanier ergreifen und mit den Absätzen hinter sich hauen!« - -Es war dies die längste Rede, die der lange Peter in seinem Leben -gehalten hat, und noch in späten Jahren, als er längst bei Pavia den -Ruhm der deutschen Landsknechte mit dem Tod besiegelt hatte, führten -seine Genossen, wenn sie den jüngeren Kameraden vom langen Peter -erzählten, diesen Moment als einen der erhabensten seines Lebens auf. -Wie er dagestanden sei, auf das lange Schwert gestützt, den großen Hut -mit der Hahnenfeder kühn auf das Ohr gerückt, die rechte Hand in die -Seite gestemmt und die Beine ausgespreizt, da habe ihm nichts gefehlt -als ein besseres Wams und eine Gnadenkette, um ihn für einen echten -Oberst und wahrhaften Feldherrn zu halten. - -Die Hauptleute luden jetzt den Junker von Sturmfeder ein, eine -Musterung über das neugeworbene Heer zu halten. Der dumpfe Schall -der ungeheuren Trommeln tönte durchs Tal und weckte die Schläfer -aus ihrer Ruhe. Noch schien Frondsbergs kriegerischer Geist und -sein strenger Ordnungssinn über ihnen zu schweben, denn in wenigen -Augenblicken hatten sie sich zu drei großen Kreisen gebildet, die je -aus vier Fähnlein bestanden. Einem Auge, das an die schnelle taktmäßige -Bewegung, die schöne Haltung und die gleiche Farbe der Regimenter -unserer Zeit gewöhnt ist, möchte wohl jener Anblick überraschend, -ja lächerlich erschienen sein. Die Landsknechte waren nach ihrem -Geschmack gekleidet, doch hatte die Mode der Zeit im Schnitt ein wenig -Gleichförmigkeit in ihren Anzug gebracht. Sie trugen gewöhnlich enge -Wämser von Leder oder auch Lederwesten mit Aermeln von grobem Tuch. Die -Lenden staken in ungeheuer weiten Pluderhosen, die, am Knie zugebunden, -durch ihre Litzenschwere noch etwas tiefer herunterhingen. Die vollen -Waden umgaben grobe Strümpfe von hellen Farben, und die Füße waren -mit groben Bundschuhen von ungefärbtem Leder bekleidet. Ein Hut, eine -Tuch- oder Ledermütze, eine erbeutete oder für eigene Rechnung gekaufte -Blechhaube bedeckte den Kopf, und die bärtigen Gesichter dieser -Männer, die oft zwanzig Jahre unter allen Heeren und Himmelsstrichen -Europas dienten, hatten einen kühnen, martialischen Ausdruck. Ihre -Bewaffnung bestand in einem langen Dolch und einer Hellebarde; ein Teil -war auch mit Donnerbüchsen bewaffnet, die man mit Lunten losbrannte. - -So standen sie mit ausgespreizten Beinen, Fuß an Fuß geschlossen, -wie ein festes Bollwerk, und Georgs kriegerischen Sinn erfreute der -Anblick dieser kampfgeübten Männer, die wohl zu wissen schienen, daß -sie vereinzelt nichts, aber in Massen verbunden auch einer zahlreichen -Schar von Feinden furchtbar seien. - -Die Hauptleute hatten den Kriegsbrauch und das Kommandowort ihrer -früheren Anführer wohl im Gedächtnis behalten. Sie traten daher mit dem -jungen Ritter in einen dieser Kreise, und der tiefe, weit tönende Baß -des langen Peters befahl: »Gebt acht, ihr Leute! Kehrt euch um!« - -Schnell hatten sich die Kreise nach innen gekehrt und vernahmen nun -die Reden ihrer Hauptleute, die ihnen jene Aufforderung des Herzogs -von Württemberg auseinandersetzten. Ein freudiges Gemurmel zeigte, daß -sie mit diesen Bedingungen zufrieden seien und Ulrich von Württemberg -so eifrig dienen wollten, als sie vorher gegen ihn gedient hatten. -Die Hauptleute ließen jetzt auch einige Uebungen machen, und Georg -bewunderte die Geschicklichkeit der Landsknechte und glaubte fest, -man werde es in der Kriegskunst auf Erden schwerlich noch viel weiter -bringen. Er täuschte sich! Doch sein Irrtum ist so verzeihlich als -jener unserer Großväter, welche die Heroen des großen Friedrich für -unübertrefflich hielten und den gottlosen Spott ihrer Enkel über Zopf- -und Gamaschendienst nicht ahneten. Und wird nicht eine Zeit kommen, wo -man auch über die guten alten Zeiten von 1829 lächeln wird? Freilich, -so schlanke Taillen wie heutzutage sah man bei den Landsknechten und -ihren Hauptleuten Anno 1519 nicht. Doch hätten jene martialischen -Figuren einem ganzen heutigen Heere mit Normalbärten aushelfen können. - -Etwa nach einer Stunde meldeten die Vorposten, daß man unten im Tale, -von der Gegend von Heimsheim her, Waffen blinken sehe, und wenn man -das Ohr auf die Erde lege, seien die Tritte vieler Rosse deutlich zu -vernehmen. - -»Das ist der Herzog,« rief Georg, »führt mein Pferd vor, ich will ihm -entgegenreiten.« - -Der junge Mann galoppierte durch das Tal hin, und die Hauptleute -und ihre Gesellen blickten ihm nach und bewunderten die Kraft und -Gewandtheit, mit welcher er in der schweren Rüstung aufs Pferd -gesprungen war, lobten seinen Anstand und seine Haltung, so lange -sie ihn noch sehen konnten. Bald mischte sich sein Helmbusch mit den -Büschen und Lanzenspitzen, die man unten im Tal bemerkte. Sie kamen -näher, jetzt sah man Helme blinken, jetzt wurden die Reiter bis um -die Brust sichtbar, jetzt erschienen sie auf einmal auf einer kleinen -Anhöhe, und man konnte die ganze Schar übersehen. Der Pfeifer von Hardt -schaute mit blitzenden Augen in die Ferne. Seine Brust hob und senkte -sich, die Freude schien ihn des Atems zu berauben, sprachlos nahm er -den Obersten an der Hand und deutete auf die Reiterschar. - -»Welcher ist der Herzog?« fragte dieser. »Ist'z der auf dem -Mohrenschimmel?« - -»Nein, das ist der edle Herr von Hewen. Seht Ihr das Banner von -Württemberg? Wie, seh' ich recht? Bei Gott, der Junker von Sturmfeder -darf es tragen!« - -»Daz ist eine große Ehre! Mordblei, ist erst fünfundzwanzig und darf -die Fahne tragen! In Frankreich darf das nur der Connetabel tun, der -erste Mann nach dem König Franz. Dort heißt man'z Ohrenflamme und ist -aus lauter Gold. Aber welcher ist der Herzog Ulrich?« - -»Seht Ihr den im grünen Mantel mit den schwarz und roten Federn auf dem -Helm? Er reitet neben dem Banner und spricht mit dem Junker, er reitet -einen Rappen und zeigt gerade mit dem Finger auf uns -- seht, das ist -der Herzog.« - -Die Reiterschar mochte ungefähr vierzig Pferde betragen. Sie bestand -meist aus Edelleuten und ihren Dienern, die dem Herzog in seine -Verbannung nachgezogen waren oder, von seinem Einfall benachrichtigt, -an der Grenze seines Landes sich an ihn angeschlossen hatten. Sie waren -alle wohlberitten und bewaffnet. Georg von Sturmfeder trug Württembergs -Panier, neben ihm ritt ganz geharnischt der Herzog. Als dieser Zug -jetzt den Landsknechten etwa auf zweihundert Schritte nahe war, erhob -der lange Peter seine Stimme und sprach: »Gebt acht, ihr Leut'! Wann -Zeine Durchlaucht nahe ist und ich meinen Hut vom Scheitel reiße, zo -schreiet: ›Vivat Ulericus!‹ Schwenket die Fähnlein in der Luft, und -ihr Trommler rasselt auf euren Fellen, daß euch das Donnerwetter! -Schlagt den Wirbel wie beim Sturm auf eine Festung; ~Bassa manelka!~ -Haut drauf, und wenn der Schlegel bricht -- zo begrüßen die tapferen -Landsknecht' einen Fürsten.« - -Diese kurze Anrede tat ihre vollkommene Wirkung; die kriegerische -Schar murmelte das Lob des Herzogs, sie schüttelten ihre Hellebarden, -stampften ihre Büchsen klirrend auf den Boden, und die Trommler -faßten ihre Schlegel krampfhaft in die Hand, und als jetzt Georg von -Sturmfeder, der Bannerträger von Württemberg, ansprengte und hinter -ihm hoch zu Roß, erhaben wie in den Tagen seiner Herrschaft, mit -kühnen, gebietenden Blicken Herzog Ulrich von Württemberg sich zeigte, -da entblößte der lange Peter ehrfurchtsvoll sein Haupt, die Trommeln -rasselten wie zum Sturm einer Feste, die Fähnlein neigten sich zum -Gruß, und die Landsknechte riefen ein tausendstimmiges »Vivat Ulericus!« - -Der Bauersmann von Hardt war still in der Ferne gestanden, hatte nicht -auf diese kriegerischen Grüße gehört, seine ganze Seele schien nur in -seinem Auge zu liegen, das trunken an seinem Herrn hing. Der Herzog -hielt den Rappen an, blickte um sich, und es war tiefe Stille unter den -vielen Menschen. Da trat der Bauer vor, kniete nieder, hielt ihm den -Bügel zum Absteigen und sprach: »Hie gut Württemberg allweg!« - -»Ha! Bist du es, Hans, mein Geselle im Unglück, der mir den ersten Gruß -von Württemberg bringt? Meine Edeln habe ich hier erwartet, daß sie -mich begrüßen bei meinem ersten Schritt auf württembergischen Grund, -meinen Kanzlar und meine Räte. Wo sind die Hunde? Die Stände meiner -Landschaft, wo blieben sie, will man mich nicht wiedersehen in der -Heimat? Ist keiner von allen da, mir den Bügel zu halten als der Bauer?« - -Seine Begleiter drängten sich staunend um den Herzog her, als sie ihn -also sprechen hörten. Sie wußten nicht, war es Ernst oder bitterer -Scherz über sein Unglück. Sein Mund schien zu lächeln, aber sein Auge -blitzte mutig, und seine Stimme klang ernst und befehlend. Sie sahen -einander wegen dieser düsteren Laune zweifelhaft an, aber der Pfeifer -von Hardt erwiderte seinem Fürsten: »Diesmal ist's nur der Bauer, der -Euch auf Württembergs Boden hilft, aber verachtet nicht ein treues Herz -und eine feste Hand. Die andern werden schon auch kommen, wenn sie -hören, daß der Herr Herzog wieder im Lande sei.« - -»Meinst du,« sprach Ulrich bitter lachend, indem er sich vom Pferde -schwang, »sie werden auch kommen? Bis jetzt haben wir wenig Kunde -davon; aber ich will anklopfen an ihren Türen, daß sie merken sollen, -es ist der _alte_ Herr, der in sein Haus will! - -Sind dies die Landsknechte, die mir dienen wollen?« fuhr er fort, -indem er aufmerksam das kleine Heer betrachtete; »sie sind nicht übel -bewaffnet und sehen männlich aus. Wieviel sind es?« - -»Zwölf Fähnlein, Euer Durchlaucht,« antwortete der Oberst Peter, der -noch immer mit gezogenem Hut vor ihm stand und hie und da verlegen den -ungarischen Bart zwirbelte. »Lauter geübte Leut'; Gott straf' mein' -Zeel', tut mir leid, wenn ich geflucht hab', der König in Frankreich -hat sie nicht besser.« - -»Wer bist denn du?« fragte ihn der Herzog, der die große dicke Figur -mit dem langen Hieber und dem roten Gesicht verwundert anschaute. - -»Ich bin eigentlich ein Landsknecht meines Zeichenz, man nennt mich den -langen Peter, jetzt aber wohlbestallter Oberst verzammelter --« - -»Was, Oberst! Diese Narrheit muß aufhören. Ihr mögt mir wohl ein -tapferer Mann sein, aber zum Hauptmann seid Ihr nicht gemacht. Ich -selbst will Euer Oberst sein, und zu Hauptleuten werde ich einige -meiner Ritter machen.« - -»~Bassa manelk~ -- tut mir leid, wenn ich geflucht hab', aber erlaubt, -Herr Herzog, einem alten Kerl ein Wort: daz ist gegen unsern Pakt mit -dem Goldgülden monatlich und den vier Maaz Wein tagtäglich. Da steht -zum Beispiel der Ztaberl aus Wien, 'z gibt keinen Tapferen unter dem -Mond --« - -»Schon gut, Alter, schon gut! Auf die Goldgülden und den Wein soll -mir's nicht ankommen. Wer bisher Hauptmann war, soll es richtig -bekommen. Nur den Befehl müßt Ihr abgeben. Habt ihr Pulver und Kugeln?« - -»Das will ich meenen!« sagte der Magdeburger, »wir haben noch von Euer -Durchlaucht eigenem Pulver und Blei, das wir in Tübingen mitgenommen. -Wir haben Munition auf achtzig Schuß für den Mann.« - -»Gut! Georg von Hewen und Philipp von Rechberg, ihr teilt euch in die -Knechte, jeder nimmt sechs Fähnlein. Ihr da, die ihr euch Hauptleute -nennet, könnet bei den einzelnen Fähnlein bleiben und den beiden Herren -an die Hand gehen. Ludwig von Gemmingen, seid so gut und nehmet den -Oberbefehl über das Fußvolk. Jetzt geradesweges auf Leonberg. Freu' -dich, mein treuer Bannerträger,« sagte Ulrich, als er sich aufs Pferd -schwang, »so Gott will, ziehen wir morgen in Stuttgart ein.« - -Die Reiterschar, den Herzog an der Spitze, zog fürder. Der lange Peter -stand noch immer unverrückt auf dem Platz, den Hut mit der stolzen -Hahnenfeder in der Hand, und schaute den Reitern nach. - -»Daz ist einmal ein Fürst!« sprach er zu den Hauptleuten, die neben ihm -standen. »Waz der für eine gewaltige Stimme hat, und wie er greulich -mit den Augen funkelt, daz ez einem angst und bange wird. Hu, ich -meinte, er woll' mich mit Haut und Haar verschlucken, alz er mich -fragte: Wer bist denn du?« - -»Mir wor's g'rod, wie wenn einer siedend Wasser über mein Leib schütten -tät. In Wien ist doch auch 'n Kaiser, aber der tut nit so g'waltig wie -der do!« - -»Also Hauptleut' sind wer g'wesen,« sprach der Hauptmann Muckerle, -»_die_ Herrlichkeit hat nit lang dauert.« - -»Narr! daz ist mir recht. Würde bringt Bürde, zagt ein Sprichwort, -die anderen haben oft nicht recht gehorcht, wenn wir befohlen haben; -Diavolo, hat doch erst heute einer mich ausgelacht. Hat allez einen -besseren Schick, wenn'z die Herren anführen. Den Goldgülden und die -vier Maaz haben wir ja doch, und daz bleibt die Hauptsache.« - -»Dat meen' ich ooch! und dat haben wer dem langen Peter tu verdanken. -Er soll leben!« - -»Dank' schön; aber daz zag' ich, _der_ Herr wird dem Bund aufzünden, -Mordblei! Wenn der erst ein Schwert in die Hand nimmt, der jagt die -Städtler allein auz dem Land! Und zeine Räte und Kanzlar und die -Landschaft! Habt ihr gehört, wie greulich er über die geflucht hat? Ich -möcht' in keinez Haut stecken.« - -Das Wirbeln der Trommeln unterbrach das Gespräch dieser tapferen -Krieger. Diese Töne erschollen nicht mehr auf ihren Befehl, aber der -lange Peter war in seinen vielen Feldzügen so sehr an den Wechsel -von Glück und Unglück, von Hoheit und Niedrigkeit gewöhnt worden, -daß er über den Sturz seines Regiments nicht trauerte. Gelassen nahm -er die Hahnenfeder von dem großen Hut, legte die rote Schärpe und -den langen Hieber, die Zeichen seiner Würde, ab und ergriff eine -Hellebarde. »Gott straf' mein' Zeel', ez ist schwer für einen Kerl -wie ich, zwölf Fähnlein zu regieren,« sagte er, als er sich wieder -als guter Landsknecht in die Reihen seiner Kameraden stellte. »Aber -bei Sankt Petruz, dem trefflichen Landsknecht -- er muß jetzt auch -Oberst zein in den himmlischen Heerscharen ~Kyrie eleizon!~ -- der -Mensch muß allez probieren auf Erden.« Die Landsknechte schüttelten -ihm die Hand und bestätigten es. Es tat seinem tapferen Herzen wohl, -zu hören, er habe sein Kommando trefflich verwaltet. Die drei Ritter, -ihre Anführer, saßen auf und stellten sich zu ihren Fähnlein, die -Landsknechte richteten sich in gewohnter Ordnung zum Marsch, und Ludwig -von Gemmingen ließ die Trommeln rühren zum Aufbruch. - - - - -28. - - Erstiegen ist der Wall, wir sind im Lager! - Jetzt werft die Hülle der verschwiegnen Nacht - Von euch, die euren stillen Zug verhehlte, - Und macht dem Feinde eure Schreckensnähe - Durch lauten Schlachtruf kund! - - _Schiller._ - - -Es war in der Nacht vor Mariä Himmelfahrt, als Herzog Ulrich vor dem -Rotenbildtore in Stuttgart anlangte. Er hatte auf seinem Zuge schnell -das Städtchen Leonberg erobert und war dann unaufhaltsam immer weiter -gedrungen. Vieles Volk lief zu, denn wie ein Lauffeuer hatte sich die -Nachricht verbreitet, daß der Herzog wieder im Lande sei. Jetzt erst -zeigte es sich, wie wenig Freunde der Bund sich erworben hatte; denn -überall wurde die Freude laut, daß das gehässige Regiment des Bundes -ein Ende habe, daß das angestammte Fürstenhaus wieder in seine alten -Rechte sich einsetze. - -Auch nach Stuttgart war bald diese Nachricht vorgedrungen und hatte die -verschiedensten Empfindungen dort erregt. Der Adel, der sich in der -Stadt befand, wußte nicht, was er sich vom Herzog zu versehen hatte. -Die Uebergabe von Tübingen war noch in zu frischem Gedächtnis, als daß -er ganz unbesorgt gewesen wäre. Aber die Erinnerung an den glänzenden -Hof Ulrichs von Württemberg, an die fröhlichen Tage, die sie dort -verlebt hatten, die Vergleichung dieser Zeit mit dem freudenlosen Leben -der Bundesräte mochte sie günstig für den Herzog stimmen, wenn auch -mancher Ursache hatte, seine Wiederkehr nicht gerade herbeizuwünschen. -Die Bürgerschaft konnte ihre Freude über diese Nachrichten kaum -verbergen; sie verließen ihre Häuser, traten haufenweise auf den -Straßen zusammen und besprachen sich über die Dinge, die ihrer -warteten. Sie schimpften leise, aber weidlich auf den Bund, ballten -grimmig ihre Fäuste in der Tasche und waren überaus patriotisch -gesinnt. Sie erinnerten sich der erlauchten Ahnen des vertriebenen -Fürsten, es war sein Name Württemberg, den auch sie trugen, sie zählten -so manchen wackeren Herrn aus der Familie auf, unter welchem sie und -ihre Väter glücklich gelebt, der Württembergs Namen berühmt gemacht -hatte. Auch der Gedanke tat ihnen wohl, daß von ihrer Entscheidung für -den einen oder den anderen Teil so viel abhänge, weil man im ganzen -Lande auf die Stuttgarter sehe. Sie waren zwar weit entfernt, gegen die -bündische Besatzung auf ihre eigene Faust einen Aufruhr zu unternehmen, -aber sie sprachen zu einander: »Gevatter, wartet nur, bis es Nacht -wird, da wollen wir den Reichsstädtlern zeigen, wo sie her sind, wir -Stuttgarter.« - -Dem bündischen Statthalter, Christoph von Schwarzenberg, entging diese -Bewegung unter den Bürgern nicht. Zu spät sah er ein, wie töricht man -getan habe, das Heer zu entlassen. Er wandte sich an die Bundesstände, -die noch zu Nördlingen versammelt waren, und begehrte Hilfe, aber er -selbst gab die Hoffnung auf, Stuttgart so lange halten zu können, bis -ein neues Heer im Feld erschienen sei. Er traf zwar einige Anstalten -zur Gegenwehr; aber die Blitzesschnelle, mit welcher der Herzog -erschien, vereitelte alle seine Bemühungen. Als er sah, daß er den -Bürgern nicht trauen könne, daß ihm der Adel nicht beistehe, daß die -Besatzung nicht einmal zur Sicherung der Tore hinreiche, entwich er bei -Nacht und Nebel mit den Bundesräten nach Eßlingen. Ihre Flucht war so -eilig und geheim, daß sie sogar ihre Familien zurückließen und niemand -in der Stadt ahnte, daß der Statthalter und die Räte nicht mehr in den -Mauern seien; daher waren die Anhänger des Bundes noch immer getrosten -Mutes und glaubten nicht an die Gerüchte von der schnellen Annäherung -des Herzogs. - -Der Marktplatz war damals noch das Herz der Stadt Stuttgart, zwar -hatten sich schon zwei große Vorstädte, die Sankt Leonhards- und die -Turnieracker-Vorstadt um sie gelagert, welche, mit Graben, Mauern und -starken Toren versehen, das Ansehen eigener Städte bekommen hatten. -Aber noch standen die Ringmauern und Tore der Altstadt, und ihre Bürger -sahen nicht ohne Stolz herab auf die Vorstädtler. Der Marktplatz war -es, wo nach alter Sitte bei jeder besonderen Gelegenheit die Bürger -sich versammelten; auch an dem wichtigen Abend vor Mariä Himmelfahrt -strömten sie dorthin zusammen. Zur Zeit, wo der Bürger noch mit der -Wehre an der Seite auftreten durfte, hatte sein öffentlich gesprochenes -Wort auch mehr zu bedeuten als in späteren Tagen, wo Tinte, Feder und -Papier die Oberhand gewannen. Und wahrlich, die Bürger von Stuttgart -waren, bei Nacht und in Massen versammelt, ganz andere Leute als -morgens. Mancher, der, hätte man ihn vormittags um seine Meinung -wegen des Herzogs gefragt, antwortete: »Was geht es mich an, bin ein -friedlicher Bürgersmann,« erhob jetzt seine Stimme und schrie: »Wir -wollen dem Herzog die Tore öffnen, fort mit den Bündischen! Wer ist ein -guter Württemberger?« - -Der Mond schien hell auf die versammelte Menge herab, die unruhig hin -und her wogte. Ein verworrenes Gemurmel drang von ihr in die Lüfte. -Noch schienen sie unschlüssig, vielleicht weil keiner kühn genug -war, sich an die Spitze zu stellen. Aus den hohen Giebelhäusern, die -den Platz einschlossen, schauten viele hundert Köpfe auf den Markt -hernieder. Es waren die Weiber und Töchter der Versammelten, die -ängstlich und gespannt auf das Gemurmel lauschten; denn die Stuttgarter -Mädchen waren damals ein neugieriges Völkchen und hielten es im Herzen -aus Mitleiden mit dem Herzog. - -Schon wurde das Murmeln der Menge immer lauter und verständlicher; der -Ruf: »Wir wollen die Knechte vom Tor wegjagen und dem Herzog die Stadt -auftun,« immer deutlicher, da sah man einen langen, hageren Mann auf -eine Bank am Brunnen springen, wo er die ganze Menge überragte. Er -focht mit ungeheuer langen Armen in der Luft umher, tat einen weiten -Mund auf und schrie mit heiserer Stimme um Gehör. Es wurde nach und -nach stiller auf dem Platz, man vernahm einzelne Worte aus seiner Rede: -»Was? Die ehrsamen Bürger von Stuttgart wollen ihren Eid brechen -- -habt ihr nicht dem Bunde geschworen? Wem wollet ihr die Tore öffnen? -Dem Herzog? Er kommt mit ganz geringer Mannschaft, denn er hat ja kein -Geld, um Leute zu bezahlen, und da müsset dann ihr wieder den Beutel -auftun und blechen! Da wird's heißen, Stuttgart zahlt zehntausend -Gulden, weil es von Uns abgefallen ist. Hört ihr? Zehntausend Gulden -sollt ihr zahlen!« - -»Wer ist denn der lange Kerl?« fragten sich die Männer. -- »Er hat -nicht unrecht -- werden tüchtig zahlen müssen.« -- »Ist er ein Bürger, -der da oben? Wer seid Ihr?« rief einer der kühnsten, »woher wollt Ihr -wissen, was wir zahlen müssen?« - -»Ich bin der berühmte Doktor Calmus,« sprach der Redner mit feierlicher -Stimme, »und weiß das ganz genau. Und wen wollt ihr vertreiben? Den -Kaiser, das Reich, den Bund? So viele reiche Herren wollt ihr vor den -Kopf stoßen? Und warum? Wegen dem Utz, der euch das Fell über die Ohren -zieht; denkt nur an das geringere Gewicht, an die harten Jagdfrevel. -Jetzt hat er gar kein Geld mehr; er ist ein Lump, hat alles verspielt -in Mömpelgard --« - -»Halt Er sein Maul!« schrieen die Bürger. »Was geht das ihn an? Er ist -kein hiesiger Bürger; fort mit dem Kahlmäuser -- schlagt ihn tot -- -werft ihn als Fisch in den Brunnen -- der Herzog soll leben!« - -Doktor Calmus erhob noch einmal seine Stimme, aber die Bürger -überschrieen ihn. - -In diesem Augenblick kam ein neuer Trupp Bürger aus der oberen Stadt -herabgerannt. »Der Herzog ist vor dem Rotenbildtor,« riefen sie, »mit -Reitern und Fußvolk! Wo ist der Statthalter? Wo sind die Bundesräte? Er -will in die Stadt schießen, wenn man nicht aufmacht! -- Fort mit den -Bündischen! Wer ist gut württembergisch?« - -Der Tumult wuchs von Sekunde zu Sekunde. Die Bürger schienen noch -unschlüssig, da bestieg ein neuer Redner die Bank; es war ein feiner -Herr, der durch sein schmuckes Aeußere einen Augenblick den Bürgern -imponierte: »Bedenket, ihr Männer,« rief er mit feiner Stimme, »was -wird der durchlauchtige Bundesrat dazu sagen, wenn ihr --« - -»Was scheren wir uns um den Durchlauchtigen!« überschrie man ihn. -»Fort! Reißt ihn herab mit dem rosenfarbenen Mäntelein und dem glatten -Haar, das ist ein Ulmer! Fort mit ihm -- auf ihn, er ist von Ulm!« - -Aber ehe sie noch diesen Entschluß ausführten, trat ein kräftiger Mann -hinauf, warf mit einem Schlag den Doktor rechts und den Ulmer mit dem -rosenfarbenen Mäntelein links von der Bank und winkte mit der Mütze in -die Luft. »Still! Das ist der Hartmann,« flüsterten die Bürger, »der -versteht's, hört, was er spricht!« - -»Höret mich!« sprach dieser. »Der Statthalter und die Bundesräte sind -nirgends zu finden, sie sind entflohen und haben uns im Stich gelassen, -darum greifet die beiden da, wir wollen sie als Geißeln behalten. Und -jetzt hinauf ans Rotebildtor! Dort steht unser rechter Herzog, 's ist -besser, wir machen selbst auf, als daß er mit Gewalt eindringt. Wer ein -guter Württemberger ist, folgt mir nach.« - -Er stieg herab von der Bank, und jubelnd umgab ihn die Menge. Die -beiden Fürsprecher des Bundes wurden, ehe sie sich dessen versahen, -gebunden und fortgeführt. Jetzt ergoß sich der Strom der Bürger -vom Marktplatz zum oberen Tor hinaus über den breiten Graben der -alten Stadt in die Turnieracker-Vorstadt, am Bollwerk vorbei zum -Rotenbildtor. Die bündischen Knechte, die das Tor besetzt hielten, -wurden schnell übermannt, das Tor ging auf, die Zugbrücke fiel herab -und legte sich über den Stadtgraben. - -Dort hatten indessen die Anführer des Fußvolkes ihre besten Truppen -aufgestellt, denn man wußte nicht genau, wie die Bündischen sich bei -Annäherung des Herzogs benehmen würden. Ulrich selbst hatte die Posten -beritten. Vergeblich suchte Georg von Sturmfeder ihn zu überzeugen, daß -die Besatzung von Stuttgart so schwach sei, daß sie ihnen nicht die -Spitze bieten könne, vergeblich stellte er ihm vor, daß die Bürger ihn -zurücksehnen und willig ihre Tore öffnen werden. Der Herzog schaute -finster in die Nacht hinaus, preßte die Lippen zusammen und knirschte -mit den Zähnen. - -»Das verstehst du nicht,« murmelte er dem Jüngling zu. »Du kennst die -Menschen nicht; sie sind alle falsch; traue niemand als dir selbst. Sie -drehen den Mantel nach jedem Wind! -- Aber diesmal will ich sie fassen. -Meinst du, ich habe mein Land umsonst mit dem Rücken angesehen?« - -Georg konnte diese Stimmung des Herzogs nicht begreifen. Im Unglück -war er fest, sogar mild und sanft gewesen, hatte von manchem schönen -Brauch gesprochen, den er einführen wolle, wenn er wieder ins Land -komme, hatte selten Zorn über seine Feinde, beinahe nie Unmut über die -Untertanen gezeigt, die von ihm abgefallen waren; aber sei es, daß mit -dem Anblick der vaterländischen Gegenden auch das Gefühl der Kränkung -stärker als zuvor in ihm erwachte, sei es, daß es ihm unangenehm -auffiel, daß der Adel und die Stände noch nichts hatten von sich hören -lassen: er war, seit er die Grenzen Württembergs überschritten, nicht -freudig, gehoben, erwartungsvoll, sondern ein stolzer Trotz blitzte aus -seinen Augen, seine Stirne war finster, und eine gewisse Strenge und -Härte im Urteil fiel seinen Umgebungen, besonders Georg von Sturmfeder -auf, der sich in diese neue Seite von Ulrichs Charakter nicht gleich -zu finden wußte. - -Die Aufforderung an die Stadt mochte wohl schon seit einer halben -Stunde ergangen sein. Bald war die Frist abgelaufen, die er ihr -gegeben hatte, und noch immer war keine Antwort da; man hörte nur ein -ängstliches Hin- und Herrennen in der Stadt, aus welchem man weder gute -noch böse Zeichen deuten konnte. - -Der Herzog ritt zu den Landsknechten vor, die erwartungsvoll auf ihren -Hellebarden und Donnerbüchsen lehnten. Die drei Ritter, welche sie -führten, standen am Graben und hielten durch ihre Anwesenheit die -Knechte in Ruhe und Ordnung. Beim Schein des Mondes betrachtete Georg -ängstlich Ulrichs Züge. Die Ader auf seiner Stirne war aufgelaufen, -eine tiefe Röte lag auf seinen Wangen, und seine Augen brannten in -düsterer Glut. - -»Hewen! Laßt Leitern anschleppen!« sagte er mit dumpfer Stimme. »Der -Donner und das Wetter! Es ist mein eigen Haus, vor dem ich stehe, und -die Hunde wollen mich nicht einlassen. Ich laß noch einmal blasen, -machen sie dann nicht sogleich auf, so schmeiß' ich Feuer in die Stadt, -daß ihre Käfige zusammenbrennen.« - -»~Bassa manelka~, waz mich daz freut!« sagte der lange Peter, der in -der ersten Rotte neben dem Herzog stand, leise zu seinen Kameraden: -»Jetzt werden Leitern beigeschleppt, wie die Katzen wir hinauf, mit den -Hellebarden über die Mauer gestochen, daß die Kerl' heruntermüssen, mit -den Büchsen dreingepfeffert, ~canto cacramento~!« - -»Dat will ik meenen!« flüsterte der Magdeburger, »und dann hinunter in -die Stadt, angezündet an den Ecken, geplündert, gebürstet, da will ik -man ooch bei sin.« - -»Um Gottes willen, Herr Herzog,« rief Georg von Sturmfeder, welcher -die Reden des Herzogs und die greuliche Freude der Landsknechte wohl -vernommen hatte; »wartet nur noch ein kleines Viertelstündchen, es ist -ja Eure eigene Residenzstadt. Sie beraten sich vielleicht noch.« - -»Was haben sie sich lange zu beraten?« entgegnete Ulrich unwillig. »Ihr -Herr ist hier außen vor dem Tore und fordert Einlaß. Ich habe schon zu -lange Geduld gehabt. Georg! Breite mein Panier aus im Mondschein, laß -die Trompeter blasen, fordere die Stadt zum letztenmal auf! Und wenn -ich dreißig zähle nach deinem letzten Wort, und sie haben noch nicht -aufgemacht, beim heiligen Hubertus, so stürmen wir. Spute dich, Georg!« - -»O Herr! Bedenket, eine Stadt, Eure beste Stadt! Wie lange habt Ihr in -diesen Mauern gelebt, wollt Ihr Euch ein solches Brandmal aufrichten? -Gebt noch Frist!« - -»Ha!« lachte der Herzog grimmig und schlug mit dem Stahlhandschuh auf -den Brustharnisch, daß es weithin tönte durch die Nacht, »ich sehe, -dich gelüstet nicht sehr, in Stuttgart einzuziehen und dein Weib zu -verdienen. Aber bei meiner Ungnade, jetzt kein Wort mehr, Georg von -Sturmfeder. Schnell ans Werk! Ich sag', roll' mein Panier auf! Blast, -Trompeter, blast! Schmettert sie auf aus dem Schlaf, daß sie merken, -ein Württemberger ist vor dem Tor und will trotz Kaiser und Reich in -sein Haus. Ich sag', fordere sie auf, Sturmfeder!« - -Georg folgte schweigend dem Befehl. Er ritt bis dicht vor den Graben -und rollte das Panier von Württemberg auf. Die Strahlen des Mondes -schienen es freundlich zu begrüßen, sie beleuchteten es deutlich und -zeigten seine Felder und Bilder. Auf einer großen Fahne von roter Seide -war Württembergs Wappen eingewoben. Der Schild zeigte vier Felder. Im -ersten waren die württembergischen Hirschhörner angebracht, im zweiten -die Würfel von Teck, im dritten die Reichssturmfahne, die dem Herzog -als Reichsbannerträger zukam, und im vierten die Fische von Mömpelgard, -der Helm aber trug die Krone und das Uracher Jägerhorn. Der junge -Mann schwenkte das schwere Panier in der starken Hand, drei Trompeter -ritten neben ihm auf und schmetterten ihre wilden Fanfaren gegen die -verschlossene Pforte. - -Im Tore öffnete sich ein Fenster; man fragte nach dem Begehr. Georg -von Sturmfeder erhob seine Stimme und rief: »Ulrich, von Gottes Gnaden -Herzog zu Württemberg und Teck, Graf zu Urach und Mömpelgard, fordert -zum zweiten- und letztenmal seine Stadt Stuttgart auf, ihm willig und -sogleich die Tore zu öffnen; widrigenfalls wird er die Mauer stürmen -und die Stadt als feindlich ansehen.« - -Noch während Georg dieses ausrief, hörte man das verworrene Geräusch -vieler Tritte und Stimmen in der Stadt, es kam näher und näher und -wurde zum Tumult und Geschrei. - -»Gott straf' mein' Zeel', zie machen einen Auzfall!« sagte der lange -Peter, laut genug, um vom Herzog verstanden zu werden. - -»Du könntest recht haben,« erwiderte dieser, indem er sich plötzlich -zu dem erschrockenen Landsknecht wandte. »Schließt dichter an, streckt -die Piken vor und haltet die Lunten bereit. Wir wollen sie empfangen -nach Verdienst.« - -Die ganze Linie zog sich vom Graben zurück, nur die drei ersten -Fähnlein stellten sich da, wo die Zugbrücke sich ans Land legen mußte, -auf. Ein Wall von Piken starrte jedem Angriff entgegen, und die -Schützen hatten die Donnerbüchsen aufgelegt und hielten die Lunten -über dem Zündloch. Tiefe Stille der Erwartung war auf dieser Seite, -desto brausender drang der Lärm aus der Stadt herüber. Die Brücke fiel -herab, aber keine Feinde waren es, die zu einem Ausfall herüberdrangen, -sondern drei alte, graue Männer kamen aus dem Tor; sie trugen das -Wappen der Stadt und die Schlüssel. - -Als der Herzog dies sah, ritt er etwas freundlicher hinzu. Georg folgte -ihm und betrachtete diese Uebergabe. Zwei dieser Männer schienen -Ratsherren oder Bürgermeister zu sein. Sie beugten das Knie vor dem -Herrn und überreichten ihm die Zeichen ihrer Unterwerfung. Er gab -sie seinen Dienern und sagte zu den Bürgern: »Ihr habt uns etwas -lange warten lassen vor der Türe. Wahrhaftig, wir wären bald über die -Mauer gestiegen und hätten eigenhändig eure Stadt zu unserem Empfang -beleuchtet, daß euch der Rauch die Augen hätte beizen sollen. Der -Teufel! Warum ließet ihr so lange warten?« - -»O Herr!« sagte einer der Bürger. »Was die Bürgerschaft betrifft, die -war gleich bereit, Euch aufzutun. Wir haben aber etliche vornehme -Herren vom Bunde hier, die hielten lange und gefährliche Reden an das -Volk, um es gegen Euch aufzuwiegeln. Das hat so lange verzögert.« - -»Ha! Wer sind diese Herren? Ich hoffe nicht, daß ihr sie habt entkommen -lassen! Mich gelüstet, ein Wort mit ihnen zu sprechen.« - -»Bewahre, Euer Durchlaucht! Wir wissen, was wir unserm Herrn schuldig -sind. Wir haben sie sogleich gefangen und gebunden. Befehlt Ihr, daß -wir sie bringen?« - -»Morgen früh ins Schloß! Will sie selbst verhören; schicket auch den -Scharfrichter; werde sie vielleicht köpfen lassen.« - -»Schnelle Justiz, aber ganz nach Verdienst!« sprach hinter den beiden -Bürgern eine heisere, krächzende Stimme. - -»Wer spricht da mir ins Wort?« fragte der Herzog und schaute sich um; -zwischen den beiden Bürgern heraus trat eine sonderbare Gestalt. Es war -ein kleiner Mann, der den Höcker, womit ihn die Natur geziert hatte, -unter einem schwarzen, seidenen Mantel schlecht verbarg. Ein kleines -spitziges Hütlein saß auf seinen grauen schlichten Haaren, tückische -Aeuglein funkelten unter buschigen, grauen Augenbrauen, und der dünne -Bart, der ihm unter der hervorspringenden Adlernase hing, gab ihm das -Ansehen eines sehr großen Katers. Eine widerliche Freundlichkeit lag -auf seinen eingeschrumpften Zügen, als er vor dem Herzog das Haupt zum -Gruß entblößte, und Georg von Sturmfeder faßte einen unerklärlichen -Abscheu und ein sonderbares Grauen vor diesem Mann gleich beim ersten -Anblick. - -Der Herzog sah den kleinen Mann an und rief freudig: »Ha! Ambrosius -Volland, unser Kanzlar! Bist du auch noch am Leben? Hättest zwar früher -schon kommen können, denn du wußtest, daß wir wieder ins Land dringen --- aber sei uns deswegen dennoch willkommen.« - -»Allerdurchlauchtigster Herr!« antwortete der Kanzler Ambrosius -Volland, »bin wieder so hart vom Zipperlein befallen worden, daß ich -beinahe nicht aus meiner Behausung kommen konnte; verzeihet daher, -Euer --« - -»Schon gut, schon gut!« rief der Herzog lachend. »Will dich schon -kurieren vom Zipperlein. Komm morgen früh ins Schloß; jetzt -aber gelüstet uns, Stuttgart wiederzusehen. Heran, mein treuer -Bannerträger!« wandte er sich mit huldreicher Miene zu Georg. »Du hast -treulich Wort gehalten, bis an die Tore von Stuttgart. Ich will's -vergelten. Bei St. Hubertus, jetzt ist die Braut dein nach Recht und -Billigkeit. Trag mir meine Fahne vor, wir wollen sie aufpflanzen auf -meinem Schloß und jenes bündische Banner in den Staub treten! Gemmingen -und Hewen, Ihr seid heute nacht noch meine Gäste; wir wollen sehen, ob -uns die Herren vom Schwabenbund noch ein Restchen Wein übrig gelassen -haben!« - -So ritt Herzog Ulrich, umgeben von den Rittern, die seinem Zuge gefolgt -waren, wieder in die Tore seiner Residenz. Die Bürger schrieen Vivat, -und die schönen Mädchen verneigten sich freundlich an den Fenstern zum -großen Aergernis ihrer Mütter und Liebhaber; denn alle dachten, diese -Grüße gelten dem schönen jungen Ritter, der des Herzogs Banner trug -und, beleuchtet vom Fackelschein, wie St. Georg, der Lindwurmtöter, -aussah. - - - - -29. - - O Burg, von Geistern tapfrer Ahnen, - Die tatenfreudig hier gelebt, - Und wackrer Fürsten Ruhm umschwebt, - O, deren Bild mit frommem Mahnen - Sich in des Nahen Bilder webt. - - _Ph. Conz._ - - -Das alte Schloß zu Stuttgart hatte damals, als es Georg von Sturmfeder -am Morgen nach des Herzogs Einzug beschaute, nicht ganz die Gestalt, -wie es noch in unsern Tagen zu sehen ist, denn dieses Gebäude wurde -erst von Ulrichs Sohn, Herzog Christoph, aufgeführt. Das Schloß der -alten Herzoge von Württemberg stand übrigens an derselben Stelle und -war in Plan und Ausführung nicht sehr verschieden von Christophs Werk, -nur daß es zum größten Teil aus Holz gebaut war. Es war umgeben von -breiten und tiefen Gräben, über welche gegen Mitternacht eine Brücke -in die Stadt führte. Ein großer, schöner Vorplatz diente in früheren -Zeiten dem fröhlichen Hofe Ulrichs zum Tummelplatz für ritterliche -Spiele, und mancher Reiter wurde von des Herzogs eigener gewaltiger -Hand in den Sand geworfen. Die Zeichen dieses ritterlichen Sinnes -sprachen sich auch in andern Teilen des Gebäudes aus. Die Halle im -unteren Teile des Schlosses war hoch und gewölbt wie eine Kirche, -daß die Ritter in dieser »Tyrnitz« bei Regentagen fechten und Speere -werfen und sogar die ungeheuren Lanzen ungehindert darin handhaben -konnten. Von der Größe dieser fürstlichen Halle zeugt die Aussage der -Chronisten, daß man bei feierlichen Gelegenheiten dort oft zwei- bis -dreihundert Tische gedeckt habe. Von da führte eine steinerne Treppe -aufwärts, so breit, daß zwei Reiter nebeneinander hinaufreiten konnten. -Dieser großartigen Einrichtung des Schlosses entsprach die Pracht der -Zimmer, der Glanz des Rittersaales und die reichen, breiten Galerien, -die zum Tanz und Spiele eingerichtet waren. - -Georg maß mit staunendem Auge diese verschwenderische Pracht der -Hofburg. Er verglich den kleinen Sitz seiner Ahnen mit diesen Hallen, -diesen Höfen, diesen Sälen; wie klein und gering kam es ihm vor! Er -erinnerte sich der Sage von der glänzenden Hofhaltung Ulrichs, von -seiner prachtvollen Hochzeit, wo er in diesem Schloß siebentausend -Gäste aus allen Teilen des Deutschen Reiches speiste und tränkte, wo -in dem hohen Gewölbe der Tyrnitz und in dem weiten Schloßhofe einen -ganzen Monat lang Ritterspiel und Gelage gehalten wurden, und wenn der -Abend einbrach, hundert Grafen, Ritter und Edelleute mit Hunderten der -schönsten Damen in jenen Sälen und Galerien tanzten. Er blickte hinab -in den herrlichen Schloßgarten, das Paradies genannt. Seine Phantasie -bevölkerte diese Lustgehege und Gänge mit jenem fröhlichen Gewimmel -des fröhlichen Hofes, mit den Heldengestalten der Ritter, mit den -festlich geputzten Fräulein, mit allem Jubel und Sang, der einst hier -erscholl. Aber wie öde und leer deuchten ihm diese Mauern und Gärten, -wenn er die Gegenwart mit den Bildern seiner Phantasie verglich. Die -Gäste der Hochzeit, der glänzende, lustige Hof ist verschwunden, sprach -er zu sich, die fürstliche Gemahlin ist entflohen, der glänzende -Frauenkreis, der sie einst umgab, hat sich zerstreut, die Ritter und -Grafen, die einst hier schmausten und ein reiches Leben voll Spiel und -Tanz verlebten, sind von dem Fürsten abgefallen, die zarten Sprossen -seiner Ehe sind in fernen Landen -- er selbst sitzt einsam in dieser -herrlichen Burg, brütet Rache an seinen Feinden und weiß nicht, wie -lange er nur in dem Hause seiner Väter bleiben wird; ob nicht aufs neue -seine Feinde noch mächtiger heranziehen; ob er nicht noch unglücklicher -wird als je zuvor. - -Vergebens strebte der Jüngling, diese trüben Gedanken, welche der -Widerspruch der Pracht seiner Umgebungen mit dem Unglück des Herzogs in -ihm erweckt hatte, zu unterdrücken. Vergebens rief er das Bild jenes -holden Wesens herauf, das er jetzt bald auf ewig sein nennen durfte, -vergebens malte er sich sein häusliches Glück an ihrer Seite mit den -lockendsten, reizendsten Farben aus; jene trüben Bilder kehrten immer -wieder. Sei es, daß jener Mann durch die Erhabenheit, die er im Unglück -gezeigt hatte, einen so großen Raum in der Brust des Jünglings gewonnen -hatte, sei es, daß ihn die Natur in einzelnen Augenblicken mit einem -unwillkürlichen Gefühl der Ahnung begabte, er blieb sinnend und ernst, -und es war ihm, als sei der Herzog nichts weniger als glücklich, als -müsse er ihn vor irgend einem drohenden Unglück warnen. - -»So überaus ernst, junger Herr?« fragte eine heisere Stimme hinter -ihm und weckte ihn aus seinen Gedanken. »Ich dächte doch, Georg von -Sturmfeder hätte alle Ursache, heiter und guter Dinge zu sein!« - -Der junge Mann wandte sich verwundert um und schaute herab -- auf den -Kanzler Ambrosius Volland. War ihm dieser Mann schon gestern durch -seine widrige Freundlichkeit, durch sein katerhaftes schleichendes -Wesen unangenehm aufgefallen, so war dies heute noch mehr der Fall, -da der Kanzler durch überladenen Putz seine Mißgestalt noch mehr -herausgehoben hatte. Sein dunkelgelbes, verwittertes Antlitz, mit -dem ewigen stehenden Lächeln, die grünen Aeuglein unter den langen, -grauen Wimpern, die roten entzündeten Ränder der Augenlider, der dünne -Katzenbart stachen grell ab gegen ein rotes Barett von Samt und gegen -einen Mantel von hellgelber Seide, der über den Höcker des kleinen -Mannes hinabfloß. Unter diesem trug er einen grasgrünen Anzug, rosenrot -ausgeschlitzt, und rosenrote Kniebänder mit ungeheuren Maschen. Sein -Kopf stak in den Schultern, und das rote Barett stieß hinten sogleich -auf den Höcker auf. Der Scharfrichter von Stuttgart pflegte daher zu -sagen, unter allen Menschen, die er kenne, sei niemand schwerer zu -köpfen als der Kanzler Ambrosius Volland. - -Dieser Mann war es, der an Georg von Sturmfeder mit süßem Lächeln -hinaufsah und, da ihn dieser noch immer anstarrte, zu sprechen -fortfuhr: »Ihr kennet mich vielleicht nicht, wertgeschätzter junger -Freund, ich bin aber Ambrosius Volland, Sr. Durchlaucht Kanzler. Ich -komme, um Euch einen guten Morgen zu wünschen.« - -»Ich danke Euch, Herr Kanzler. Viele Ehre für mich, wenn Ihr Euch -deswegen herbemühtet.« - -»Ehre, wem Ehre gebühret! Ihr seid der Ausbund und die Krone unserer -jungen Ritterschaft! Ja, wer meinem Herrn so treu beigestanden ist in -aller Not und Fährlichkeit, der hat Anspruch auf meinen innigsten Dank -und meine absonderliche Verehrung.« - -»Ihr hättet das wohlfeiler haben können, wenn Ihr mitgezogen wäret -nach Mömpelgard,« erwiderte Georg, den die Lobsprüche dieses Mannes -beleidigten. »Treue muß man nie loben, eher Untreue schelten.« - -Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den grünen Augen des -Kanzlers, aber er faßte sich schnell wieder zur alten Freundlichkeit. -»Jawohl, das mein' ich auch. Was mich betrifft, so lag ich am -Zipperlein hart danieder und konnte also nicht wohl nach Mömpelgard -reisen, werde aber jetzt mit meinem kleinen Licht, das mir der Himmel -verliehen, dem Herrn desto tätlicher zur Hand gehen.« - -Er hielt einen Augenblick inne und schien Antwort zu erwarten; aber -der Jüngling schwieg und maß ihn nur hin und wieder mit einem Blick, -den er nicht recht ertragen konnte. »Nun, Euch wird die Freude erst -recht angehen. Der Herzog hält erstaunlich viel auf Euch! Natürlich, -Ihr verdient es auch im höchsten Grad, und der Herzog hat seinen -Liebling gut gewählt. Wollet doch erlauben, daß Ambrosius Volland Euch -auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige. Seid Ihr Freund von schönen -Waffen? Kommet in meine Behausung auf dem Markt, wählet Euch aus meiner -Armatur, was Euch beliebt. Vielleicht dienen Euch schöne Bücher, habe -einen ganzen Kasten voll; wählet Euch aus, was Ihr wollet, wie es unter -Freunden gebräuchlich. Esset auch zuweilen bei mir zu Mittag; meine -Base, ein feines Kind von siebzehn Jahren, hält mir Haus. Sehet ihr -nur, hi, hi, hi -- sehet ihr nur nicht zu tief in die Augen.« - -»Seid ohne Sorgen, bin schon versehen.« - -»So? Ei, das ist recht christlich gedacht; das muß ich loben. Man -trifft solchen wackern Sinn nicht immer unter unserer heutigen -Jugend. Ich sagte es ja gleich, der Sturmfeder, das ist ein Ausbund -von Tugenden. Nun, was ich noch sagen wollte, wir sind bis jetzt so -miteinander die einzigen von des Herzogs Hofstaat; stehen wir zusammen, -so werden nur Leute aufgenommen, die wir wollen. Verstehet mich schon! -hi, hi, eine Hand wäscht die andere. Darüber läßt sich noch sprechen. -Ihr beehret mich doch zuweilen mit einem Besuche?« - -»Wenn es meine Zeit erlauben wird, Herr Kanzler.« - -»Würde mich gerne noch länger bei Euch aufhalten, denn in Eurer -Gegenwart ist mir ganz wohl ums Herz; muß aber jetzt zum Herrn. Er -will heute früh Gericht halten über die zwei Gefangenen, die gestern -nacht das Volk aufwiegeln wollten. Wird was geben, der Beltle ist schon -bestellt.« - -»Der Beltle?« fragte Georg, »wer ist er?« - -»Das ist der Scharfrichter, wertgeschätzter junger Freund.« - -»Ich bitte Euch! der Herzog wird doch nicht den ersten Tag seiner neuen -Regierung mit Blut beflecken wollen!« - -Der Kanzler lächelte greulich und antwortete: »Was das wieder Eurem -fürtrefflichen Herzen Ehre macht; aber zum Blutrichter taugt Ihr nicht. -Man muß ein Exempel statuieren. Der eine,« fuhr er mit zarter Stimme -fort, »der eine wird geköpft, weil er von Adel ist, der andere wird -gehängt. Behüt' Euch Gott, Lieber!« - -So sprach der Kanzler Ambrosius Volland und ging mit leisen Schritten -die Galerie entlang den Gemächern des Herzogs zu. Georg sah ihm mit -düsteren Blicken nach. Er hatte gehört, daß dieser Mann früher durch -seine Klugheit, vielleicht auch durch unerlaubte Künste großen Einfluß -auf Ulrich gewonnen hatte. Er hatte den Herzog selbst oft mit großer -Achtung von der Staatsklugheit dieses Mannes sprechen hören; aber -er wußte nicht warum, er fürchtete für den Herzog, wenn er sich dem -Kanzler vertraue, er glaubte Tücke und Falschheit in seinen Augen -gelesen zu haben. - -Er sah gerade den Höcker und den wehenden gelben Mantel um die Ecke -schweben, als eine Stimme neben ihm flüsterte: »Trauet dem Gelben -nicht!« Es war der Pfeifer von Hardt, der sich unbemerkt an seine Seite -gestellt hatte. - -»Wie? Bist du es, Hans?« rief Georg und bot ihm freundlich die Hand: -»Kommst du ins Schloß; uns zu besuchen? Das ist schön von dir, bist mir -wahrhaftig lieber als der mit dem Höcker. Aber was wolltest du mit dem -Gelben, dem ich nicht trauen solle?« - -»Das ist eben der mit dem Höcker, der Kanzler, der ist ein falscher -Mann. Ich habe auch den Herzog verwarnt, er soll nicht alles tun, was -er ihm rät; aber er wurde zornig, und -- es mag wahr sein, was er -sagte.« - -»Was sagte er denn? Hast du ihn heute schon gesprochen?« - -»Ich kam, um mich zu verabschieden, denn ich gehe wieder heim nach -Hardt zu Weib und Kind. Der Herr war erst gerührt und erinnerte sich an -die Tage seiner Flucht und sagte, ich solle mir eine Gnade ausbitten. -Ich aber habe keine verdient, denn was ich getan, ist eine alte Schuld, -die ich abgetragen. Da sagte ich, weil ich nichts anders wußte, er -soll mich meinen Fuchs frei schießen lassen und es nicht strafen als -Jagdfrevel. Des lachte er und sprach: das könne ich tun, das sei -aber keine Gnade; ich solle weiter bitten. Da faßte ich ein Herz und -antwortete: ›Nun, so bitt' ich, Ihr möget dem schlauen Kanzler nicht -allzuviel trauen und folgen; denn ich meine, wenn ich ihn sehe, er -meint es falsch.‹« - -»So geht es mir gerade auch,« rief Georg. »Es ist, als wolle er mir die -Seele ausspionieren mit den grünen Augen, und ich wette, er meint es -falsch. Aber was gab dir der Herzog zur Antwort?« - -»›Das verstehst du nicht,‹ sagte er und wurde bös. ›In Klüften und -Höhlen magst du wohl bewandert sein, aber im Regiment kennt der Kanzler -die Schliche besser als du.‹ Kann sein, ich habe unrecht, und es soll -mir lieb sein um den Herzog. Nun lebet wohl, Junker, Gott sei mit Euch! -Amen.« - -»Und wolltest du also gehen? Wolltest nicht noch zu meiner Hochzeit -bleiben? Ich erwarte den Vater und das Fräulein heute. Bleibe noch ein -paar Tage. Du warst so oft der Liebesbote und darfst uns nicht fehlen!« - -»Was soll so ein geringer Mann wie ich bei der Hochzeit eines Ritters? -Zwar könnte ich mich hinaufsetzen zu den Spielleuten und auch eines -aufspielen zum Ehrentanz, aber das tun andere ebensogut als ich, und -mein Haus verlangt nach mir.« - -»Nun, so lebe wohl! Grüße mir dein Weib und Bärbele, dein schmuckes -Töchterlein, und besuche uns fleißig auf Lichtenstein. Gott sei mit -dir!« - -Dem Jüngling hing eine Träne im Auge, als er dem Bauer die Hand zum -Abschied bot, denn er hatte in ihm einen kräftigen, biedern Mann, -einen treuen Diener seines Fürsten, einen mutigen Genossen in Gefahren -und einen heitern Gesellen im Unglück erkannt. Wohl schwebte ihm -noch manche Frage über das geheimnisvolle Walten dieses Mannes, über -seine wunderbare Anhänglichkeit an den Herzog auf den Lippen; aber -er unterdrückte sie, überwältigt von jener unerklärlichen Macht, von -jener natürlichen Größe und Würde, welche den Pfeifer von Hardt auch im -unscheinbaren Gewand des Bauers umgab. - -»Noch eins!« rief Hans, als er eben nach dem letzten Händedruck -des Junkers scheiden wollte. »Wisset Ihr auch, daß Euer ehemaliger -Gastfreund und zukünftiger Vetter, Herr von Kraft, hier ist?« - -»Der Ratsschreiber? Wie sollt' der hieher kommen? Er ist ja bündisch!« - -»Er ist hier und nicht gerade im anmutigsten Klosett, denn er sitzt -gefangen. Gestern abend, als das Volk zusammenlief wegen des Herzogs, -soll er für den Bund öffentlich gesprochen haben.« - -»Gott im Himmel! Das war Dietrich Kraft, der Ratsschreiber? Da muß ich -schnell zum Herzog, er richtet schon über ihn, und der Kanzler will ihn -köpfen lassen. Gehab' dich wohl!« - -Mit diesen Worten eilte der Jüngling den Korridor entlang zu den -Gemächern des Herzogs. Er war in Mömpelgard zu allen Tageszeiten zum -Herzog gegangen, daher machten ihm auch jetzt die Türhüter ehrerbietig -Platz. Er trat hastig in das Gemach. Der Herzog sah ihn verwundert und -etwas unwillig an, der Kanzler aber hatte das ewige süße Lächeln wie -eine Larve vorgehängt. - -»Guten Morgen, Sturmfeder!« rief der Herzog, der in einem grünen, -goldgestickten Kleide, den grünen Jagdhut auf dem Kopf, am Tische saß. -»Hast du gut geschlafen in meinem Schlosse? Was führt dich schon so -früh zu Uns? Wir sind beschäftigt.« - -Die Augen des jungen Mannes hatten indessen unruhig im Zimmer -umhergestreift und den Schreiber des Ulmer Rats in einer Ecke -gefunden. Er war blaß wie der Tod, sein sonst so zierliches Haar hing -in Verwirrung herab, und ein rosenfarbnes Mäntelein, das er über ein -schwarzes Kleid trug, war in Fetzen zerrissen. Er warf einen rührenden -Blick auf den Junker Georg und sah dann auf zum Himmel, als wollte -er sagen: »Mit mir ist's aus!« Neben ihm standen noch einige Männer -und auch ein langer, hagerer Mann, den er schon gesehen zu haben sich -erinnerte. Die Gefangenen wurden von Peter, dem tapferen Magdeburger -und dem Staberl aus Wien bewacht. Sie standen mit ausgespreizten -Beinen, die Hellebarden auf den Boden gestemmt, kerzengerade auf ihrem -Posten. - -»Ich sag', Wir haben zu tun,« fuhr der Herzog fort. »Was schaust du -nur immer nach dem rosenfarbenen Menschenkind? Das ist ein verstockter -Sünder. Das Schwert wird schon für ihn gewetzt.« - -»Euer Durchlaucht erlauben mir nur _ein_ Wort,« entgegnete Georg. »Ich -kenne jenen Mann und wollte mich mit Hab und Gut für ihn verbürgen, -daß er ein friedlicher Mann ist und gewiß kein Verbrecher, der den Tod -verdiente.« - -»Bei Sankt Hubertus, das ist kühn! Die Natur hat sich geändert. Mein -Kanzler, der treffliche Jurist, hat sich aufgeputzt wie ein junger -Krieger, und mein junger Krieger dort will den Advokaten machen. Was -sagt Ihr dazu, Ambrosius Volland?« - -»Hi, hi! Ich habe Eurer Durchlaucht durch meine Person Spaß machen -wollen. Weiß aus früherer Zeit, daß Ihr einen kleinen Scherz liebet. -Nun, der liebe, gute Sturmfeder will die Lustbarkeit vermehren und -den Juristen spielen. Hi, hi, hi! Wird ihm aber nichts helfen, dem -Rosenfarbenen. Majestätsverbrechen! wird halt doch geköpft, der im -Mäntelein!« - -»Herr Kanzler,« rief der Jüngling, vor Unmut glühend, »der Herr -Herzog wird mir bezeugen können, daß ich mich nie zum Schalksnarren -hergegeben habe. Diese Rolle mache ich andern nicht streitig, und mit -Menschenleben spiele und scherze ich nie. Es ist mein wahrer Ernst. -Ich verbürge mich mit meinem Leben für gegenwärtigen Edlen von Kraft, -Ratsschreiber von Ulm. Ich hoffe, meine Bürgschaft kann angenommen -werden.« - -»Wie?« sagte Ulrich, »das ist wohl der zierliche Herr, dein Gastfreund, -von dem du mir so oft erzähltest? Tut mir leid um ihn, aber er wurde in -einem Aufruhr unter sehr gefährlichen Umständen gefangen.« - -»Freilich!« krächzte Ambrosius, »ein ~crimen laesae majestatis~.« - -»Erlaubet, Herr! Ich habe die Rechte lange genug studiert, um zu -wissen, daß hier durchaus nicht von einem solchen Verbrechen die Rede -sein kann. Gestern nacht waren die Bundesräte und der Statthalter -noch hier, folglich war Stuttgart noch in Gewalt des Bundes, und der -Ratsschreiber, der durchaus kein Untertan Sr. Durchlaucht ist, hat -nicht anders gehandelt als jeder bündische Soldat, der auf Befehl -seines Oberen gegen uns zu Felde zog.« - -»Ei, die Jugend, die Jugend! Wie Ihr alles überhaspelt, junger, sehr -wertgeschätzter Freund! Sobald der Herzog die Stadt aufgefordert -hatte und den ~animum possidendi~ hatte, war auch alles, was in den -Mauern sich befand, _sein_. Folglich, wer eine Verschwörung gegen ihn -anzettelte, ist ein Majestätsverbrecher. Besagter Herr von Kraft aber -hat schrecklich gefährliche Reden an das Volk gehalten.« - -»Nicht möglich! Es wäre ganz gegen seine Art und Weise! Herr Herzog, -das kann nicht sein!« - -»Georg!« sagte dieser ernst, »wir haben lange Geduld gehabt, dich -anzuhören. Es hilft deinem Freunde doch nichts. Hier liegt das -Protokoll. Der Kanzler hat, ehe ich kam, ein Zeugenverhör angestellt, -worin alles sonnenklar bewiesen ist. Wir müssen ein Exempel statuieren. -Wir müssen Unsere Feinde recht ins Herz hinein verwunden; der Kanzler -hat ganz recht. Darum kann ich keine Gnade geben.« - -»So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und die Zeugen, nur ein paar -Worte.« - -»Ist gegen alle Form Rechtens,« fiel der Kanzler ein; »ich muß dagegen -protestieren, Lieber! Es ist ein Eingriff in mein Amt.« - -»Laß ihn, Ambrosius. Mag er meinetwegen noch ein paar Fragen an den -armen Sünder tun, er ist doch verloren.« - -»Dietrich von Kraft,« fragte Georg, »wie kommt Ihr hieher?« - -Der arme Ratsschreiber, den der Tod schon an der Kehle gefaßt hatte, -verdrehte die Augen, und seine Zähne schlugen aneinander. Endlich -konnte er einige Worte herausstoßen: »Bin hieher geschickt worden vom -Rat, wurde Schreiber beim Statthalter --« - -»Wie kamet Ihr gestern nacht zu den Bürgern von Stuttgart?« - -»Der Statthalter befahl mir abends, wenn etwa die Bürger sich -aufrührerisch zeigten, sie anzureden und zu ihrer Pflicht und ihrem Eid -zu verweisen.« - -»Ihr sehet, er kam also auf höheren Befehl dorthin. -- Wer nahm Euch -gefangen?« fuhr Georg zu fragen fort. - -»Der Mann, der neben Euch steht.« - -»Ihr habt diesen Herrn gefangen? Also müßt Ihr auch gehört haben, was -er sprach? Was sagte er denn?« - -»Ja, was wird er gesagt haben?« antwortete der Bürger; »er hat keine -sechs Worte gesprochen, so warf ihn der Bürgermeister Hartmann von der -Bank herunter. Ich weiß noch, er hat gesagt: ›Aber bedenket, ihr Leute, -was wird der durchlauchtigste Bundesrat dazu sagen!‹ Das war alles, da -nahm ihn der Hartmann beim Kragen und warf ihn herunter. Aber dort, der -Doktor Calmus, der hielt eine längere Rede.« - -Der Herzog lachte, daß das Gemach dröhnte, und sah bald Georg, bald -den Kanzler an, der ganz bleich und verstört sich umsonst bemühte, -sein Lächeln beizubehalten. »Das war also die gefährliche Rede, das -Majestätsverbrechen? ›Was wird der Bundesrat dazu sagen!‹ Armer -Kraft! Wegen dieses kraftvollen Sprüchleins verfielst du beinahe dem -Scharfrichter. Nun, das haben selbst Unsere Freunde oft gesagt: ›Was -werden die Herren sagen, wenn sie hören, der Herzog ist im Land.‹ -Deswegen soll er nicht bestraft werden, was sagst du dazu, Sturmfeder?« - -»Ich weiß nicht, was Ihr für Gründe habt, Herr Kanzler,« sagte der -Jüngling, indem sein Auge noch immer von Unmut strahlte, »die Sachen so -auf die Spitze zu stellen und dem Herrn Herzog zu Maßregeln zu raten, -die ihn überall -- ja, ich sage es, die ihn überall als einen Tyrannen -ausschreien müssen. Wenn es nur Diensteifer ist, so habt Ihr diesmal -schlecht gedient.« - -Der Kanzler schwieg und warf nur einen grimmigen, stechenden Blick aus -den grünen Aeuglein auf den jungen Mann. Der Herzog aber stand auf -und sprach: »Laß mir mein Kanzlerlein gehen; diesmal freilich war er -zu strenge. Da -- nimm deinen rosenroten Freund mit dir, gib ihm zu -trinken auf die Todesangst, und dann mag er laufen, wohin er will. Und -du, Hund von einem Doktor, der du zu schlecht zu einem Hundedoktor -bist, für dich ist ein württembergischer Galgen noch zu gut. Gehängt -wirst du doch noch einmal, ich will mir die Mühe nicht geben. Langer -Peter, nimm diesen Burschen, binde ihn rückwärts auf einen Esel und -führe ihn durch die Stadt; und dann soll man ihn nach Eßlingen führen --- zu den hochweisen Räten, wo er und sein Tier hingehört. Fort mit -ihm!« - -Die Züge des Doktor Kahlmäuser, in welchen schon der Tod gesessen war, -heiterten sich auf. Er holte freier Atem und verbeugte sich tief. -Peter, Staberl und der Magdeburger fielen mit grimmiger Freude über ihn -her, luden ihn auf ihre breiten Schultern und trugen ihn weg. - -Der Ratsschreiber von Ulm vergoß Tränen der Rührung und Freude. Er -wollte dem Herzog den Mantel küssen, doch dieser wandte sich ab und -winkte Georg, den Gerührten zu entfernen. - - - - -30. - - O tu' es nicht! Tu's nicht! - Sieh, deine reinen, edlen Züge wissen - Noch nichts von dieser unglücksel'gen Tat, - Bloß deine Einbildung befleckte sie, - Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen - Aus deiner hoheitblickenden Gestalt. - - _Schiller._ - - -Der Schreiber des großen Rates schien noch nicht Fassung genug erlangt -zu haben, um auf dem Wege durch die Gänge und Galerien des Schlosses -die vielen Fragen seines Erretters zu beantworten. Er zitterte noch -an allen Gliedern, seine Kniee wankten, und oft drehte er sich um -und schaute mit verwirrten Blicken hinter sich, als fürchte er, den -Herzog möchte seine Gnade gereuen, und der greuliche Kanzler im gelben -Mantel möchte ihm nachschleichen und ihn plötzlich am Genick packen. -Auf Georgs Zimmer angekommen, sank er erschöpft auf einen Stuhl, und -es verging noch eine gute Weile, ehe er geordnet zu denken und zu -antworten vermochte. - -»Eure Politika, Vetter, hat Euch einen schlimmen Streich gespielt,« -sagte Georg; »was fällt Euch aber auch ein, in Stuttgart als -Volksredner auftreten zu wollen? Wie konntet Ihr überhaupt nur Eure -bequeme Haushaltung, die sorgsame Pflege der Amme und die Nähe der -holden Bertha fliehen, um hier dem Statthalter zu dienen?« - -»Ach! Sie ist es ja gerade, die mich in den Tod geschickt hat. Bertha -ist an allem schuld. Ach, daß ich nie mein Ulm verlassen hätte! Mit dem -ersten Schritte über unsere Markung fing mein Jammer an.« - -»Bertha hat Euch fortgeschickt?« fragte Georg. »Wie, seid Ihr nicht -zum Ziele Eurer Bemühungen gelangt? Sie hat Euch abgewiesen, und aus -Verzweiflung seid Ihr --« - -»Gott behüte! Bertha ist so gut als meine Braut. Ach, das ist gerade -der Jammer! Wie Ihr von Ulm abgezogen waret, bekam ich Händel mit Frau -Sabina, der Amme; da entschloß ich mich und hielt bei meinem Oheim um -das Bäschen an. Nun habt Ihr aber dem Mädchen durch Euer kriegerisches -Wesen gänzlich den Kopf verrückt. Sie wollte, ich solle vorher zu Feld -ziehen und ein Mann werden wie Ihr. -- Dann wolle sie mich heiraten. -Ach, du gerechter Gott!« - -»Und da seid Ihr förmlich zu Feld gezogen gegen Württemberg? Welche -kühnen Gedanken das Mädchen hat!« - -»Bin zu Feld gezogen; die Strapazen vergesse ich in meinem Leben nicht! -Mein alter Johann und ich rückten mit dem Bundesheer aus. Das war ein -Jammer! Mußten oft täglich acht Stunden reiten. Die Kleider kamen in -Unordnung, alles wurde bestaubt und unsauber, der Panzer drückte mich -wund. Ich hielt es nicht mehr aus, und Johann lief heim nach Ulm; da -bat ich um eine Stelle bei der Feldschreiberei, mietete mir eine Sänfte -und zwei tüchtige Saumrosse dazu, und so ging es doch erträglicher.« - -»Da wurdet Ihr also zu Feld getragen wie der Hund zum Jagen. Habt Ihr -auch einem Treffen beigewohnt?« - -»O ja; bei Tübingen kam ich hart ins Gedränge. Keine zwanzig Schritte -von mir wurde einer maustot geschossen. Ich vergesse den Schrecken -nicht, und wenn ich achtzig Jahre alt werde! Als wir dann das -Land völlig besiegt hatten, bekam ich die ehrenvolle Stelle beim -Statthalter. Wir lebten ruhig und in Frieden; da kommt auf einmal der -unruhige Herr ins Land. Ach, daß ich meinem Kopfe gefolgt und mit dem -Bundesobersten nach Nördlingen auf den Bundestag gezogen wäre! Aber ich -scheute die beschwerliche Reise.« - -»Warum seid Ihr aber nicht mit dem Statthalter davongegangen, als wir -kamen? Der sitzt jetzt im trockenen in Eßlingen, bis wir ihn weiter -jagen.« - -»Er hat uns im Stiche gelassen und meinem Kopf alles anvertraut; und -beinahe hätte ich mit dem Kopf dafür büßen müssen. Ich dachte nicht, -daß die Gefahr so groß sei, ließ mich vom Doktor Calmus verführen, -eine Rede ans Volk zu halten, um Württemberg dem Bunde zu retten. Das -hätte gewiß Aufsehen gemacht, und Bertha wäre noch eins so freundlich -gewesen. Aber die Leute da unten in Württemberg sind Barbaren und ohne -alle Lebensart; sie ließen mich nicht einmal zum Wort kommen, warfen -mich herab und behandelten mich ganz gemein und roh. Seht nur meinen -Mantel an, wie sie ihn zerrissen haben! Es ist schade dafür, er hat -mich vier Goldgulden gekostet, und Bertha behauptete immer, daß mir -rosenfarb so gut zu Gesicht stehe.« - -Georg wußte nicht, ob er über die Torheit des Schreibers lachen oder -es als hohen stoischen Gleichmut bewundern sollte, daß er, kaum dem -Tode entgangen, sein zerrissenes Mäntelein bedauern konnte. Er wollte -ihn noch weiter über seine Schicksale befragen, als ihn ein Geräusch -vom Vorplatz des Schlosses her ans Fenster lockte; er sah hinaus und -winkte schnell Herrn Dietrich herbei, um ihm das Schauspiel gefallener -irdischer Größe zu zeigen. - -Der Doktor Calmus hielt seinen Umzug durch die Stadt. Er saß verkehrt -auf einem Esel; die Landsknechte hatten ihn wunderlich ausgeschmückt; -sie hatten ihm eine spitzige Mütze von Leder aufgesetzt, an deren -Spitze eine Hahnenfeder angebracht war. Vor ihm gingen zwei Trommler, -zu seinen Seiten sah man in gravitätischen Schritten den Magdeburger -und den Wiener, den ehemaligen Hauptmann Muckerle und seinen tapfern -Obersten gehen, die hin und wieder mit den Enden ihrer Hellebarden -den Esel zu kühnen Sprüngen antrieben. Ein ungeheurer Volkshaufe -umschwärmte ihn und warf ihn mit Eiern und Erde. - -Der Ratsschreiber schaute trübselig auf seinen Gefährten hinab und -seufzte: »'s ist hart, auf dem Esel reiten zu müssen,« sagte er, »aber -doch immer noch besser, als gehängt werden.« Er wandte sich ab von -dem Schauspiel und blickte nach einer andern Seite des Schloßplatzes. -»Wer kommt denn hier?« fragte er den jungen Ritter. »Schaut, in einem -solchen Kasten zog ich zu Felde.« - -Georg wandte sich um. Er sah einen Zug von Reisigen, die eine Sänfte in -ihrer Mitte führten. Ein alter Herr zu Pferd folgte dem Zug, der jetzt -aufs Schloß einbeugte. Georg sah schärfer hinab: »Sie sind's,« rief -er, »wahrhaftig, es ist der Vater, und in der Sänfte wird sie sitzen!« -In _einem_ Sprung war er zur Tür hinaus, und der Ratsschreiber sah ihm -staunend nach. »Wer soll es sein, welcher Vater?« fragte er. Er schaute -noch einmal durchs Fenster, die Sänfte hielt vor der Zugbrücke des -Schlosses, und in demselben Augenblicke stürzte Georg aus dem Tore. -Herr Dietrich sah ihn die Türe der Sänfte ungestüm aufreißen, eine -verschleierte Dame stieg aus, sie schlug den Schleier zurück -- und -wunderbar! es war das Bäschen Marie von Lichtenstein. »Ei, seh doch -einer; er küßt sie auf öffentlicher Straße,« sprach der Ratsschreiber -kopfschüttelnd vor sich hin; »was das eine Freude ist! Aber wehe, jetzt -kommt der Alte um die Sänfte herum, der wird Augen machen! Der wird -schimpfen! -- Doch wie? Er nickt dem Junker freundlich zu, er steigt -ab, er umarmt ihn. Nein, das geht nicht mit rechten Dingen zu!« - -Und dennoch schien es durchaus mit rechten Dingen zuzugehen; denn als -der Schreiber des großen Rates aus dem Zimmer auf die Galerie trat, um -sich zu überzeugen, daß ihn seine Augen getäuscht haben müssen, kam -sein Oheim, der alte Herr von Lichtenstein, die Treppe herauf. An der -rechten Hand führte er Georg von Sturmfeder, an der linken -- Bäschen -Marie. Welche Veränderung war mit jenen holden Zügen vorgegangen, die -sich so tief in sein Herz, in sein Gedächtnis geprägt hatten! - -In Ulm war sie ihm zum erstenmal wie ein Bote aus einem unbekannten -Lande erschienen, so erhaben war der Blick ihrer schönen blauen Augen, -so majestätisch ihre Stirne, so sinnig jenes kleine Fleckchen zwischen -den schönen dunklen Bogen der Brauen. Er hatte oft und viel darüber -nachgedacht, in was denn der Zauber bestehe, der ihn so unwiderstehlich -fessele? Die Ulmer Mädchen hatten frischere Wangen, lebhaftere Augen, -ein schalkhafteres Lächeln und den fröhlichen, frischen Glanz einer -heitern Jugend. Und dennoch war Marie unter ihnen gestanden, still und -groß wie eine Königin. War es vielleicht der dunkle Schleier ihrer -Wimpern, der sich oft mit unnennbarem Reiz über das Auge herabsenkte, -um das Geheimnis einer stillen Träne zu verhüllen? Waren es die feinen, -geschlossenen Lippen, von süßer Wehmut umlagert? War es der zarte -Wechsel der Farben auf ihren Zügen, die bald nur gebietende Hoheit -auszustrahlen, bald das reizende Geheimnis leidender Liebe zu verraten -schienen? Berthas Heiterkeit, Berthas fröhliche, neckende Gunst hatte -dieses ernstere Bild längst aus seinem Herzen verdrängt, und doch -fühlte der arme Herr Dietrich die alte Wunde wieder bluten, als das -Fräulein von Lichtenstein sich nahte. Aber welcher unbekannten Macht -sollte er es zuschreiben, daß Mariens Züge einen ganz andern Ausdruck -gewonnen hatten? Wohl lag noch eine hohe Würde in ihrer Haltung, auf -ihrer Stirne, aber in ihren Augen glühte eine stille Freude, ihr Mund -lächelte und scherzte, auf ihren Wangen waren die schönsten Rosen -aufgeblüht. Sprachlos hatte Dietrich von Kraft diese Erscheinung -angestarrt, und jetzt erst wurde er auch von dem alten Ritter bemerkt. -»Seh' ich recht,« rief dieser, »Dietrich Kraft, mein Neffe! Was führt -denn dich nach Stuttgart, kommst du etwa zur Hochzeit meiner Tochter -mit Georg von Sturmfeder? Aber wie siehst du aus? Was fehlt dir doch? -Du bist so bleich und elend, und deine Kleider hängen dir in Fetzen vom -Leibe!« - -Der Ratsschreiber sah herab auf das rosenfarbene Mäntelein und -errötete. »Weiß Gott,« rief er, »ich kann mich vor keinem ehrlichen -Menschen sehen lassen! Diese verdammten Württemberger, diese -Weingärtner und Schusterjungen haben mich so zerfetzt. Aber wahrhaftig! -der ganze durchlauchtige Bund ist in meiner Person angegriffen und -beleidigt!« - -»Ihr dürft froh sein, Vetter! daß Ihr so davon gekommen seid,« sagte -Georg, indem er die Angekommenen in sein Gemach einführte; »bedenket, -Herr Vater, gestern nacht, als wir vor den Toren standen, hielt er -Reden an die Bürger, um sie aufzuwiegeln gegen uns. Da hat ihn heute -früh der Kanzler wollen köpfen lassen. Mit großer Mühe bat ich ihn los, -und jetzt klagt er die Württemberger wegen seines zerfetzten Mänteleins -an.« - -»Mit gnädiger Erlaubnis,« sagte Frau Rosel und verbeugte sich dreimal -vor dem Ratsschreiber, »wenn Ihr meine Hilfe annehmen wollt, so -will ich den Mantel flicken, daß es eine Lust ist. Da geht's wie im -Sprichwort: ›Hat der Junge den Rock zerrissen, hat der Alt' ihn flicken -müssen.‹« - -Herrn Dietrich war diese Hilfe sehr angenehm. Er bequemte sich, zu -der Frau Rosel ans Fenster zu sitzen, um sich seine Gewänder zurecht -richten zu lassen. Sie zog aus ihrer großen Ledertasche Zwirn von -allen Farben und machte sich an die Wunden, die ihm die Württemberger -geschlagen hatten. Sie unterhielt ihn dabei mit ergötzlichen Reden von -der Haushaltung und der Zubereitung verschiedener Speisen, die in Frau -Sabinas Kochregister nicht vorgekommen waren. Entfernt von diesem Paar, -um die ganze Breite des Zimmers, saßen Georg und Marie im traulichen -Flüstern der Liebe. Weder der gelehrte Johannes Thetingerus, noch ein -Johannes Bezius, weder Gabelkofer noch Crusius, so wichtige Kunde wir -ihnen über diese Zeiten verdanken, melden uns, was diese beiden an -jenem Morgen zusammen flüsterten; nur so viel können wir berichten, -daß eine süße Ruhe auf Mariens Zügen lag, daß sie die schönen Augen -bald freudig aufschlug, bald verschämt wieder senkte, daß sie bald -lächelte, bald tief errötete und manche Frage des Geliebten mit Küssen -zurückdrängte. - -Der Leser wird es uns Dank wissen, wenn wir ihn von einer Szene, die -so wenig historischen Grund und Boden, also nach neueren Begriffen -auch keinen Wert hat, hinweg führen und den Schritten des Ritters von -Lichtenstein folgen. Er hatte seine Tochter unter der Pflege Georgs, -seinen Neffen unter der kunstreichen Hand der Frau Rosalie gelassen und -schritt nun den Gemächern des Herzogs zu. Seine Züge, welchen Alter -und Erfahrung einen sinnenden Ernst eingedrückt hatten, erschienen -in dieser Stunde noch ernster -- beinahe traurig. Dieser Mann hatte -von seinen Vätern die Liebe zum Hause Württemberg geerbt, Gewohnheit -und Neigung hatten ihn an die Regenten gefesselt, die während seines -langen Lebens über Württemberg geherrscht hatten, und das Unglück und -die Verleumdung, welche auf Ulrich unablässig hereinstürmten, hatten -das Herz des alten Herrn nicht von diesem Herzog losreißen können, -sie fesselten ihn nur mit noch stärkeren Banden. Mit der Freude eines -Bräutigams, der zur Hochzeit zieht, mit der Kraft eines Jünglings hatte -er den weiten und beschwerlichen Weg von seinem Schloß nach Stuttgart -zurückgelegt, als man ihm gemeldet hatte, daß der Herzog Leonberg -erobert habe und auf Stuttgart zu ziehe. Keinen Augenblick zweifelte er -an dem Siege des Herzogs, und so traf es sich, daß er schon am andern -Morgen der neuen Herrschaft Ulrichs nach Stuttgart kam. - -Nicht so fröhlicher Art waren die Nachrichten, die ihm Georg mitteilte, -als er mit ihm und Marien die Treppe heraufstieg. »Der Herzog,« hatte -ihm jener zugeflüstert, »der Herzog ist nicht so, wie er sollte; -Gott weiß, was er mit seinem Lande machen will; er hat unterwegs -sonderbare Reden fallen lassen, und ich fürchte, er ist nicht in -den besten Händen. Der Kanzler Ambrosius Volland --« dieser einzige -Name reichte hin, in dem Ritter von Lichtenstein große Besorgnisse -aufzuregen. Er kannte diesen Volland, er wußte, daß er zwar gelehrt, in -allen Regierungsgeschäften überaus wohl erfahren, zu jedem, auch dem -schwersten Dienst bereit, aber dabei ein Mann sei, der zum wenigsten -schon öfter ein gewagtes, wo nicht falsches Spiel gespielt habe. - -»Wenn der Herzog diesem sein Vertrauen schenkt, wenn er nur seine -Ratschläge befolgt, dann sei Gott gnädig. Dem Ambrosius ist das -Land ein Stück Leder, das man nach Willkür handhaben kann, er wird -es zurechtschneiden wollen zu einem Koller für den Herzog, und die -Abschnipfel für sich behalten. Aber, wie Frau Rosel zu sagen pflegt: -Zerschneiden kann jeder Narr, aber wie zusammennähen?« So sprach der -alte Herr von Lichtenstein zu sich, als er durch die Galerien ging; er -streichelte unmutig seinen langen, weißen Bart, und seine Augen glühten -vom Eifer für die gute Sache Württembergs. - -Er wurde sogleich vorgelassen und traf den Herzog in großer Beratung -mit Ambrosius. Der letztere hatte eine ungeheure Schwanenfeder in der -einen Hand, in der andern hielt er ein Pergament, das mit schwarzer, -roter und blauer Tinte in vielen zierlichen Schnörkeln beschrieben war. -Der Herzog spielte mit einem großen Sigill, das er in der Hand hielt; -er schien mit sich zu kämpfen, er sah bald seinen Kanzler durchdringend -an, bald heftete sich sein Blick wieder auf das Sigill. Sie waren -beide so vertieft, daß Lichtenstein einige Minuten im Zimmer stand, -ohne von ihnen bemerkt zu werden; er betrachtete mit großer Teilnahme -die edlen Züge Ulrichs von Württemberg. Er sah, wie auf seiner Stirne, -in seinen sprechenden Augen so verschiedene Empfindungen wechselten. -Bald runzelte sich seine Stirne, seine Augenbrauen zuckten, sein Auge -rollte, dann glätteten sich diese Falten, aus seinen Blicken strahlte -nur ein tiefer Ernst, der in Nachdenken überging, und oft schien ein -Anflug von Güte den strengen Ausdruck seiner Züge zu mildern. Aber der -im gelben Mäntelein, mit der Schwanenfeder in der Hand, stand wie der -Versucher vor ihm! Er wand und drehte sich vor ihm wie die Schlange im -Paradies, und das ewig stehende Lächeln, der Ausdruck von Ehrlichkeit, -den er seinen grünen Aeuglein zu geben wußte, wenn ihn sein Herr scharf -ansah, sollten einladen, den Apfel anzubeißen. - -»Ich kann nicht begreifen,« sprach er mit heiserer, feiner Stimme, -»warum Ihr es nicht tun möget. Hat wohl Cäsar so lange gezaudert, als -er über den Rubikon ging? Ein großer Mann hat große Mittel nötig, und -die Mitwelt und die Nachwelt wird Euch preisen, daß Ihr diese Fesseln -von Euch geworfen.« - -»Weißt du dies so gewiß, Ambrosius Volland?« entgegnete der Herzog, -indem er ihn düster anblickte. »Man wird sagen: ›Herzog Ulrich war ein -Tyrann. Er hat die alte Ordnung umgestoßen, die seinen Vätern heilig -war, er hat den Vertrag, den er selbst aufgerichtet, gebrochen, er hat -sein Land wie ein fremdes behandelt, er hat die Gesetze nicht gehalten, -die‹ --« - -»Erlaubet,« unterbrach ihn jener, »es kommt nur allein auf die Frage -an: Wer ist Herr? Der Herzog oder das Land? Wenn das Land Herr ist, -dann ist's was anderes, dann freilich sind allerlei Pakten, Verträge, -Klauseln und dergleichen nötig. Die Ritterschaft, die Prälaten und -die Landschaft sind dann Meister, und Euer Durchlaucht -- nun, sind -dann der, welcher den Namen dazu hergibt. Seid Ihr aber, was man so -eigentlich Herr nennt, dann seid _Ihr_ es auch, der Gesetze gibt. Jetzt -habt Ihr das Heft in der Hand, jetzt noch seid Ihr Herr und Meister. -Drum fort mit dem alten Recht, hier ist ein neues -- da, nehmt in -Gottes Namen die Feder, unterzeichnet!« - -Der Herzog stand noch eine Weile unschlüssig, seine Wangen glühten, -seine ganze Gestalt richtete sich höher auf, aber sein Auge haftete -noch am Boden. Jetzt schlug er es auf, und es blitzte vom Gefühl -seiner Würde. »Ich heiße Württemberg,« sagte er, »_ich_ bin das Land -und das Gesetz -- ich unterschreibe.« Er streckte die Rechte aus, die -Schwanenfeder aus der Hand seines Kanzlers zu empfangen, aber mit -sanfter Gewalt wurde sein Arm von einer fremden Hand ergriffen und -weggezogen. Erstaunt sah er sich um und blickte in die ruhigen, aber -ernsten Züge des Ritters von Lichtenstein. - -»Ha! Willkommen!« rief er, »mein getreuer Lichtenstein! Sogleich steh' -ich Euch Rede, lasset mich nur zuvor dies Pergament unterzeichnen.« - -»Erlauben Eure Durchlaucht,« sagte der alte Mann, »Ihr habt mir eine -Stimme zugesagt in Eurem Rat, darf ich nicht auch wissen um die erste -Verordnung, die Ihr an Euer Land ergehen lasset?« - -»Mit Eurer hochedlen Erlaubnis,« fiel Ambrosius Volland hastig ein, -»das Ding hat Eile; die Bürgerschaft von Stuttgart versammelt sich -schon auf der Wiese. Diese Schrift muß ihr vorgelesen werden. Es hat -wahrhaftig Eile.« - -»Nun, Ambrosius!« sagte der Herzog, »so gar eilig ist es nicht, daß -wir Unserem alten Freund die Sache nicht mitteilen sollten. Wir haben -nämlich beschlossen, Uns huldigen zu lassen, und zwar nach neuen -Verträgen und Gesetzen. Die alten sind null und nichtig.« - -»Das habt Ihr beschlossen? Um Gottes willen, habt Ihr auch bedacht, zu -was dies führt? Habt Ihr nicht erst vor wenigen Jahren den Tübinger -Vertrag beschworen?« - -»Tübingen!« rief der Herzog mit schrecklicher Stimme, indem seine Augen -von Zorn glühten. »Tübingen! Nenne dies Wort nicht mehr! Dort hatte -ich all meine Hoffnung, dort war mein Land, meine Kinder, ha! und dort -haben sie mich verraten und verkauft. Ich bat, ich flehte, sie sollen -zu mir halten, ich wolle Gut und Blut mit ihnen teilen -- Nichts! Man -wollte von Ulrich nichts mehr. Das neue Regiment gefiel ihnen besser; -im Elend haben sie mich schmachten lassen, haben zugegeben, daß ihr -Herzog in Verbannung war, haben geduldet, daß der Name Württemberg ein -Hohngelächter wurde in allen Reichen -- jetzt bin ich wieder Herr und -Meister, habe das Heft in der Hand und will mir's nicht wieder aus -der Hand winden lassen. Haben _sie_ ihren Eid vergessen, bei Sankt -Hubertus, so ist _mein_ Gedächtnis auch nicht länger. Tübinger Vertrag? -Ich sag', der Teufel soll alles holen, was mit diesem Namen sich -verknüpft!« - -»Aber bedenken Euer Durchlaucht!« sprach Lichtenstein, von diesem -Ausbruch der Leidenschaft erschüttert, »bedenket doch, welchen Eindruck -ein solcher Schritt auf das Land machen muß. Noch habt Ihr nichts als -Stuttgart und die Gegend; noch liegen in Urach, Asperg, Tübingen, -Göppingen überall bündische Besatzungen. Wird die Landschaft Euch -beistehen, den Bund zu verjagen, wenn sie hört, auf welche neue Ordnung -sie huldigen soll?« - -»Ich sag': ist mir die Landschaft beigestanden, als ich Württemberg mit -dem Rücken ansehen mußte? Sie haben mich laufen lassen und dem Bund -gehuldigt!« - -»Vergebt mir, Herr Herzog,« entgegnete der Alte mit bewegter Stimme, -»dem ist nicht also. Ich weiß noch wohl den Tag bei Blaubeuren. Wer -hielt da zu Euch, als die Schweizer abzogen? Wer bat Euch, nicht -vom Land zu lassen; wer wollte Euch sein Leben opfern? Das waren -achttausend Württemberger. Habt Ihr _den_ Tag vergessen?« - -»Ei, ei, Wertester!« sagte der Kanzler, dem es nicht entging, welchen -mächtigen Eindruck diese Worte auf Ulrich machten, »ei! Ihr sprechet -doch auch etwas zu kühnlich. Ist übrigens jetzt auch gar nicht die Rede -von _damals_, sondern von _jetzt_. Die Landschaft ist von der alten -Huldigung gänzlich abgekommen, hat dem Bunde eine andere Huldigung -getan; Seine Durchlaucht ist jetzt als ein neu angekommener Herr -anzusehen; er hat dies Land mit Gewalt erobert; hat sich nun der Bund -auf besondere Verträge huldigen lassen, so kann es der Herzog ebenso -halten. Neuer Herr, neu Gesetz. Man kann sich in allewege nach eigenem -Gutdünken huldigen lassen. Soll ich die Feder eintauchen, gnädiger -Herr?« - -»Herr Kanzler!« sagte Lichtenstein mit fester Stimme; »habe alle -mögliche Ehrfurcht vor Eurer Gelahrtheit und Einsicht, aber was Ihr da -sagt, ist grundfalsch und kein guter Rat. Jetzt gilt es, zu wissen, wen -das Volk liebt. Der Bund hat durch sein Walten im Lande alles gegen -sich aufgebracht; es war die rechte Zeit, daß Seine Durchlaucht wieder -kam, jetzt fliegen ihm alle Herzen zu. Wird er sie nicht gewaltsam -von sich stoßen, wenn er alles Alte umreißt und nach eigener, neuerer -Satzung schaltet und waltet? O, bedenkt, bedenkt, die Liebe eines -Volkes ist eine mächtige Stütze!« - -Der Herzog stand mit untergeschlagenen Armen da, düster vor sich -hinblickend, er antwortete nicht. Desto eifriger tat dies der Kanzler -im gelben Mäntelein. »Hi, hi, hi! Wo habt Ihr die schönen Sprüchlein -her, Liebwerter, Hochgeschätzter? Liebe des Volkes, sagt Ihr? Schon -die Römer wußten, was davon zu halten sei. Seifenblasen, Seifenblasen! -Hätt' Euch für gescheiter gehalten. Wer ist denn das Land? Hier, _hier_ -steht es ~in persona~, das ist Württemberg, dem gehört's, hat's geerbt -und jetzt noch dazu erobert. Volksliebe! Aprilenwetter! Wäre ihre Liebe -so stark gewesen, so hätten sie nicht dem Bunde gehuldigt.« - -»Der Kanzler hat recht,« rief Ulrich, aus seinen Gedanken erwachend. -»Du magst es gut meinen, Lichtenstein, aber er hat diesmal recht. Meine -Langmut hat mich zum Lande hinausgetrieben; jetzt bin ich wieder da, -und sie sollen fühlen, daß ich Herr bin. Die Feder her, Kanzler, ich -sag', so will ich's; so wollen wir Uns huldigen lassen!« - -»O Herr, tut nichts in der ersten Hitze! Wartet, bis Euer Blut sich -abkühlt. Rufet die Landschaft zusammen, machet Aenderungen nach Eurem -Sinne, nur jetzt nicht, nur nicht, solange der Bund noch Land besitzt -in Württemberg; es könnte Euch schaden bei den übrigen. Gestattet nur -noch eine kurze Frist.« - -»So?« unterbrach ihn der Kanzler, »daß man dann allgemach wieder in das -alte Wesen hineinkommt? Gebt acht, wenn die Landschaft erst beisammen -ist, wenn sie sich erst zusammen beraten, meinet Ihr, da werden sie so -gutwillig nachgeben? Hi, hi! da wird man Gewalt anwenden müssen, und -das macht erst verhaßt. Schmiedet das Eisen, solange es warm ist. Oder -gelüstet Euer Durchlaucht, wieder ganz gehorsamlich unter das alte Joch -zu stehen und den Karren zu ziehen?« - -Der Herzog antwortete nicht. Er riß mit einer hastigen Bewegung -Feder und Pergament dem Kanzler aus der Hand, warf einen schnellen, -durchdringenden Blick auf ihn und den Ritter, und ehe noch dieser es -verhindern konnte, hatte Ulrich seinen Namen unterzeichnet. Der Ritter -stand in stummer Bestürzung; er senkte bekümmert das Haupt auf die -Brust herab. Der Kanzler blickte triumphierend auf den Ritter und den -Herzog. Doch dieser ergriff eine silberne Glocke, die auf dem Tisch -stand, und klingelte. Ein Diener erschien und fragte nach seinem Befehl. - -»Ist die Bürgerschaft versammelt?« fragte er. - -»Ja, Euer Durchlaucht! Auf den Wiesen gegen Kannstatt sind sie -versammelt, Amt und Stadt; die Landsknechte rücken soeben aus, sechs -Fähnlein.« - -»Die Landsknechte? Wer gab die Erlaubnis?« - -Der Kanzler zitterte bei dem Ton dieser Frage. »Es ist nur wegen der -Ordnung,« sagte er, »ich habe gedacht, weil es bei solchen Fällen -gebräuchlich sei, daß bewaffnete Mannschaft --« - -Der Herzog winkte ihm zu schweigen. Er begegnete einem trüben, -fragenden Blick des alten Lichtenstein, der ihn erröten machte. -»Mit meinem Befehl geschah es nicht,« sprach er, »doch -- es möchte -auffallen, wenn wir sie zurückriefen. Es ist ja gleichgültig. Man -bringe mir den roten Mantel und den Hut; schnell!« - -Der Herzog trat ans Fenster und sah schweigend hinaus. Der Kanzler -schien nicht recht zu wissen, ob sein Herr erzürnt sei oder nicht, er -wagte nicht zu sprechen, und der Ritter von Lichtenstein beharrte in -seinem trüben Schweigen. So standen sie geraume Zeit, bis sie von den -Dienern unterbrochen wurden. Es traten vier Edelknaben ins Gemach, -der erste trug den Mantel, der zweite den Hut, der dritte eine Kette -von Gold, und der vierte des Herzogs Schlachtschwert. Sie bekleideten -den Herzog mit dem Fürstenmantel von purpurrotem Samt mit Hermelin -verbrämt. Sie reichten ihm den Hut, der die schwarz und gelbe Farbe -des Hauses Württemberg in reichen wehenden Federn zeigte, diese wurden -zusammengehalten von einer Agraffe von Gold und Edelsteinen, die eine -Grafschaft wert waren. Der Herzog bedeckte sein Haupt mit diesem Hut. -Seine kräftige Gestalt schien in diesem fürstlichen Schmuck noch -erhabener als zuvor, und die freie majestätische Stirne, das glänzende -Auge sah gebietend unter den wallenden Federn hervor. Er ließ sich -die Kette umhängen, steckte das Schlachtschwert an und winkte seinem -Kanzler, aufzubrechen. - -Noch immer sprach der Ritter von Lichtenstein kein Wort. Mit -bekümmerter Miene hatte er diesen Anstalten zugesehen und sich dann -abgewendet. Der Herzog schritt mit leichtem Neigen des Hauptes an dem -alten Ritter vorüber zur Türe, und die wunderliche Figur des Kanzlers -Ambrosius Volland folgte ihm mit majestätischen Schritten. Hatte -der Herr den Alten nicht gegrüßt, glaubte auch der Kanzler ihm dies -nicht schuldig zu sein. Er warf nur einen tückischen Blick nach dem -Platz hinüber, wo jener noch immer stand und sein großer, zahnloser -Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln. In der Türe stand der -Herzog stille, er sah rückwärts, seine bessere Natur schien über ihn -zu siegen, er kehrte zur Verwunderung des Kanzlers zurück und trat zu -Lichtenstein. - -»Alter Mann!« sagte er, indem er vergeblich strebte, seine tiefe -Bewegung zu unterdrücken: »Du warst mein einziger Freund in der Not, -und in hundert Proben habe ich deine Treue bewährt gefunden, du kannst -es mit Württemberg nicht schlimm meinen. Ich fühle, es ist einer der -wichtigsten Schritte meines Lebens, und ich gehe vielleicht einen -gewagten Gang, -- aber wo es das Höchste gilt, muß man alles wagen.« - -Der Ritter von Lichtenstein richtete sein greises Haupt auf; in den -weißen Wimpern hingen Tränen. Er ergriff Ulrichs Hand: »Bleibet,« rief -er, »nur diesmal, diesmal folget meiner Stimme! Mein Haar ist grau, -ich habe lange gelebt, Ihr erst drei Jahrzehnte.« -- Indem ertönten -die Trommeln der Landsknechte in dem Hof. Das ungeduldige Stampfen der -Rosse drang herauf, und die Herolde stießen, zur Huldigung rufend, in -die Trompeten. - -»~Jacta alea esto!~ war der Wahlspruch Cäsars,« sagte der Herzog mit -mutiger Miene, »jetzt gehe ich über meinen Rubikon. Aber dein Segen -möchte mir frommen, alter Mann, zum Rat ist es zu spät!« - -Der Ritter blickte schmerzlich aufwärts. Die Stimme versagte ihm, er -drückte segnend seines Herzogs Rechte an die Brust. Noch zögerte Ulrich -bei ihm, da streckte der Kanzler den langen, dürren Arm unter dem -gelben Mäntelein hervor und winkte ihm mit der Pergamentrolle. Er war -anzuschauen wie der Versucher, dem es gelingt, eine arme Seele mit sich -hinabzuziehen. Ulrich von Württemberg riß sich los und ging, um sich -von seiner Hauptstadt huldigen zu lassen. - - - - -31. - - Kein Feuer, keine Kohle - Kann glühen so heiß, - Als eine stille Liebe, - Von der niemand nichts weiß. - - _Altes Volkslied._ - - -Die Besorgnisse des alten Herrn schienen nicht so ungegründet gewesen -zu sein, als Ambrosius Volland sie dargestellt hatte. Ein sehr -großer Teil des Landes fiel zwar dem Herzog zu, weil die Vorliebe -für den angestammten Regenten, der Druck des Bundes und die anfangs -so siegreichen Waffen Ulrichs viele bewogen, die Huldigung, die sie -gezwungenerweise dem Bunde getan, zu vergessen und sich für Württemberg -zu erklären. - -Aber die neue Huldigung, die alle früheren Verträge umstieß, das -Gerücht, daß manche Stadt durch Gewalt zu diesen Formen gezwungen -sei, bewirkte wenigstens, daß der Herzog keine Popularität gewann, -ein Mangel, der in so zweifelhafter Lage oft nur zu bald fühlbar -wird. Noch beharrten Urach, Göppingen und Tübingen auf ihren, dem -Bunde geleisteten, Pflichten, denn ihre bündisch gesinnten Obervögte -zwangen sie mit Gewalt dazu. Zu Urach hauste Dietrich Spät, des Herzogs -bitterster Feind. Er brachte in wenigen Tagen so viel Mannschaft -auf, daß er nicht nur sein ganzes Amt im Zaume hielt, sondern auch -Einfälle in die Ländereien machte, die dem Herzog wieder zugefallen -waren. Es ging auch das Gerücht, die Bundesstände seien schnell von -Nördlingen aufgebrochen, jeder in seine Heimat geeilt um frische Heere -aufzubieten und Ulrich zum zweitenmal auf Leben und Tod zu bekämpfen. - -Ulrich selbst schien weder der einen noch der anderen dieser -Besorgnisse Raum zu geben. Er pflog bei verschlossenen Türen mit -Ambrosius Volland Rat. Man sah viele Eilboten kommen und abgehen, -aber niemand erfuhr, was sie brachten. In Stuttgart aber glaubte man -fest, der Herzog müsse in der fröhlichsten Stimmung sein, denn wenn -er mit seinem glänzenden Gefolge durch die Straßen ritt, alle schönen -Jungfrauen grüßte und mit den Herren zu seiner Seite scherzte und -lachte, da sagten sie: »Herr Ulrich ist wieder so lustig wie vor dem -Armen Konrad.« Er hatte seinen Hofstaat wieder glänzend eingerichtet. -Zwar war er nicht mehr wie früher der Sammelplatz der bayerischen, -schwäbischen und fränkischen Grafen und Herren, zwar fehlte die -Fürstin, die sonst einen schönen Kranz blühender Fräulein um sich -versammelt hatte, aber dennoch fehlte es nicht an schönen Frauen und -schmucken Edeln, seinen Hof zu verherrlichen, und die Luft dieser Stadt -schien schon damals der Schönheit so günstig zu sein, daß die bunten -Reihen in den Sälen und Hallen des Schlosses nicht einer gewöhnlichen -Versammlung, sondern einer Auswahl aus den schönen Frauen des Landes -glich. - -Tänze und Ritterspiele waren in ihre alten Rechte eingesetzt worden. -Fest drängte sich an Fest, und Ulrich schien eifrig nachholen zu -wollen, was er in der Zeit seines Unglücks versäumt hatte. Keines -dieser geringsten Feste war die Hochzeit Georgs von Sturmfeder mit der -Erbin von Lichtenstein. - -Der alte Herr hatte sich lange nicht entschließen können, sein Wort zu -halten; nicht daß er die Wahl seiner Tochter mißbilligt hätte, denn -er liebte seinen Eidam väterlich, er sah in ihm seine eigene Jugend -wieder aufblühen, er schlug ihm seine freiwillige Verbannung mit dem -Herzog hoch an; aber wie der Horizont von Ulrichs Glück, so war auch -die Stirne des alten Mannes noch immer umwölkt, denn er ahnte, daß -es nicht so bleiben werde, wie es jetzt war, und tief schmerzte es -ihn, daß der Herzog in so mancher wichtigen Angelegenheit von seinem -Rat nicht Gebrauch machte, sondern alles heimlich mit seinem Kanzler -abhandelte. So hatte er unschlüssig und betrübt diesen Tag der Freude -immer hinausgeschoben, aber die schönen Augen seiner Tochter, in -welchen er oft einen leisen Vorwurf zu lesen glaubte, Georgs Bitten -nötigten ihm endlich einen bestimmten Termin ab. Der Herzog ließ es -sich nicht nehmen, die Hochzeit auszurichten. Er mochte sich jener -Nächte erinnern, wo der Vater nicht müde ward, ihm seine Anhänglichkeit -zu bezeigen, wo die zarte Tochter keinen Sturm, keine Kälte scheute, -um ihn am Burgtor zu empfangen, um ihn mit warmen Speisen zu laben; er -mochte sich noch aus der jüngsten Vergangenheit der Opfer erinnern, die -ihm der Bräutigam gebracht hatte, er zeigte auf glänzende Art, wie er -Treue, Aufopferung und Liebe, die sich ihm so selten bewährt hatten, zu -vergelten wisse. Der Ritter und seine Tochter waren bisher noch immer -seine Gäste im Schloß zu Stuttgart gewesen, jetzt ließ er ein schönes -Haus, nächst der Kollegiatenkirche, mit neuem Hausgerät versehen -und übergab am Vorabend der Hochzeit den Schlüssel dem Fräulein von -Lichtenstein mit dem Wunsche, sie möchte es, so oft sie in Stuttgart -sei, bewohnen. - -Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg oft in ungewisser -Ferne, aber immer mit gleicher Sehnsucht geschaut hatte. Er rief -sich am Morgen dieses Tages das ganze Leben seiner Liebe zurück; er -wunderte sich, wie alles so ganz anders gekommen war, als er sich -gedacht hatte. Wie hätte er, als er damals durch den Schönbuch nach -der Heimat zog, denken können, daß das Glück, die Geliebte ganz zu -besitzen, nicht mehr so ferne liegen werde, als er fürchtete. Wie -hätte er, als er sich an das Bundesheer anschloß, ahnen können, daß -der Herzog, welchen er zu bekriegen kam, sein Glück gründen werde. Mit -welch heiterer Ruhe dachte er jetzt an die Stürme jener Tage zurück, wo -es ihm zuerst wieder möglich geworden war, der Geliebten ein Wörtchen -der Liebe zuzuflüstern, wo er die Schreckenskunde vernahm, daß ihr -Vater, ein Feind des Bundes, sie mit sich hinwegführen werde; wo er in -Berthas Garten die unglücklichste Stunde seines Lebens im schmerzlichen -Abschied von der Geliebten hinbrachte, wo er auf lange, vielleicht auf -ewig verloren glaubte, was heute auf ewig sein werden sollte. Jedes -Wort der Geliebten kehrte wieder in seine Erinnerung, und er mußte -aufs neue ihre hohe Zuversicht, ihren schönen Glauben an ein gütiges -Geschick bewundern, den sie auch damals, wo die Zukunft mit einem -düsteren Schleier verhüllt und keine Aussicht, keine Hoffnung mehr war, -nicht verlor, den sie mit dem letzten Abschiedskuß auch ihm mitzuteilen -wußte. - -»Er hat uns nicht gelogen, dieser Glaube,« sprach der junge Mann, von -der Erinnerung bewegt, zu sich; »es lebt eine heilige, ahnungsvolle -Stimme in ihrer reinen Seele, und ihr klares Auge, das in dem meinigen -die Gewißheit meiner Liebe las, tauchte auch damals tief in die -Zukunft und verkündete Glück, es wird sie auch jetzt nicht täuschen, -wenn es ein süßes, ungestörtes Glück in unserer Verbindung liest.« - -Ein bescheidenes Pochen an der Türe unterbrach die lange Gedankenreihe, -die sich an den heutigen Tag knüpfen und in die ferne Zukunft -hinausziehen wollte. Es war Herr Dietrich von Kraft, der stattlich -geschmückt zu ihm eintrat. - -»Wie?« rief dieser Schreiber des großen Rates zu Ulm und schlug voll -Verwunderung die Hände zusammen, »wie? in diesem Wams wollet Ihr Euch -doch hoffentlich nicht trauen lassen? Es ist schon neun Uhr, die Gänge -und Treppen des Schlosses wimmeln von Hochzeitsgästen, die von Samt und -Seide glänzen, und Ihr, die Hauptperson im Stück, schauet ruhig zum -Fenster hinaus, statt Euren Anzug zu besorgen?« - -»Dort liegt der ganze Staat,« erwiderte Georg lächelnd, »Barett und -Federn, Mantel und Wams, alles aufs schönste zubereitet, aber Gott -weiß, ich habe noch nicht daran gedacht, daß ich dieses Flitterwerk an -mich hängen solle. Dies Wams ist mir lieber als jenes schöne neue. Ich -habe es in schweren, aber dennoch glücklichen Tagen getragen.« - -»Ja, ja! Ich kenne es wohl; das habt Ihr bei mir in Ulm getragen, und -es ist mir noch wohl erinnerlich, wie Euch Bertha in diesem blauen -Kleid abschilderte, daß ich recht eifersüchtig ward; aber Flitterwerk -nennt Ihr die Kleider da? Ei, der Tausend! Hätte ich nur mein lebelang -solche Flitter. Ha, das weiße Gewand, mit Gold gestickt, und der blaue -Mantel von Samt! Kann man was Schöneres sehen? Wahrlich, Ihr habt mit -Umsicht ausgewählt, das mag trefflich stehen zu Euren braunen Haaren!« - -»Der Herzog hat mir es zugeschickt,« antwortete Georg, indem er sich -ankleidete, »mir wäre alles zu kostbar gewesen.« - -»Ist doch ein prächtiger Herr, der Herzog, und jetzt erst, seit ich -einige Zeit hier bin, sehe ich ein, daß man ihm bei uns in Ulm zu -viel getan hat. An einem solchen Hofe ist es doch was anderes als -in den Städten, und Herzog von Württemberg klingt auch schöner als -Bürgermeister von Ulm. Und doch möcht' ich nicht in seiner Haut -stecken. Ihr werdet sehen, Vetter, es geht noch einmal bergab mit ihm.« - -»Das ist Euer altes Lied, Herr Dietrich. Erinnert Ihr Euch noch, wie -Ihr damals in Ulm groß tatet mit Eurer Politika, und wie Ihr regieren -wolltet in Württemberg? Wie ist es denn jetzt?« - -»Ist nicht alles eingetroffen?« erwiderte der Ratsschreiber mit weiser -Miene. »Weiß noch wie heute, daß ich prophezeite, die Schweizer ziehen -heim, die Landschaft werden wir für uns gewinnen, und die Burgen werden -wir einnehmen.« - -»Ja, ja! Ihr habt sie erobern helfen,« lachte Georg, »seid ja in einer -Sänfte zu Feld getragen worden; aber damals sagtet Ihr auch, der Herzog -werde nie zurückkehren, und jetzt sitzt er ganz warm und ruhig hier.« - -»Nicht so ruhig, als Ihr glaubt. Zwar ich wollte ihm und Euch wünschen, -er behielte sein Land; uns hat es doch nichts genützt, die großen -Herren nehmen alles für sich, an unsereinen kam nichts als etwa die -Ehre, für den Bund geköpft zu werden; möchte es ihm wohl gönnen; aber --- glaubet mir, es sieht nicht so ruhig aus, als man hier meint. Die -vertriebenen Räte haben von Eßlingen aus an den Kaiser und das Reich -geschrieben und geklagt; der Bund ist wieder auf den Beinen; bei Ulm -steht schon wieder ein neues Heer.« - -»Gerede, nichts weiter; ich weiß gewiß, daß der Herzog sich mit Bayern -versöhnen wird.« - -»Ja, _will_, aber nicht versöhnen _wird_. Das hat noch manchen Haken. -Aber was sehe ich? Ihr werdet doch nicht den alten Fetzen von einer -Feldbinde zu dem stattlichen Hochzeitsschmuck anlegen wollen? Pfui, das -paßt nicht zusammen, lieber Vetter.« - -Der Bräutigam betrachtete die Schärpe mit inniger Liebe. »Das versteht -Ihr nicht,« sagte er, »wie gut sich dies zum Hochzeitsgewande schickt. -Es ist ihr erstes Geschenk; sie flocht sie heimlich bei Nacht auf ihrem -Kämmerlein, als ihr die Kunde kam, daß sie bald scheiden müsse. Sie hat -manche Träne hineingewoben, hat das Gewebe oft an die Lippen gedrückt, -drum ward es mir eine Zauberbinde und meinen Augen ein Trost, wenn ich -im Unglück auf die Brust herniedersah. Sie darf nicht fehlen, diese -Binde; hat sie die Not mit mir getragen, so sei sie mir ein heiliger -Schmuck am Tage des Glückes.« - -»Nun, wie Ihr wollt, hängt sie in Gottes Namen um; jetzt noch das -Barett aufgesetzt und schnell den Mantel umgehängt, sie läuten schon -das Erste drüben in der Kirche. Sputet Euch, lasset das Bräutlein nicht -so lange warten!« - -Der Ratsschreiber stellte sich noch einmal vor den jungen Mann und -musterte mit strengen Kenneraugen seinen Anzug. Er zog da eine Spange -schärfer an, er verwischte dort eine Falte, steckte hier eine Feder -höher, und immer zufriedener wurden seine Blicke. Er gestand sich, -daß der große, schlanke junge Mann, sein schöner Kopf, die klaren, -mutigen Augen ganz des lieblichen Bäschens würdig seien. »Weiß Gott,« -sagte er, »Ihr sehet aus, Vetter, als wäret Ihr von unserem Herrgott -gerade zum Hochzeiter erschaffen worden. Es ist mir lieb, daß Euch -heute Bertha nicht sehen kann, es möchte ihr wieder auf acht Tage -schwindelnd werden, dem armen Kind! -- Kommt, kommt; ich fühle mich -stolz, Euer Geselle zu sein, wenn ich auch vierzehn Tage zu spät nach -Ulm zurückkehre.« - -Georgs Wangen röteten sich, sein Herz pochte, als er sein Gemach -verließ. Die Freude, die Erwartung, die Erfüllung jahrelanger Wünsche -bestürmten seine Sinne, und wie trunken ging er neben Herrn Dietrich -durch die Galerien. Die Türe ging auf, und Marie im Glanze ihrer -Schönheit stand umgeben von vielen Frauen und Fräulein, die, vom Herzog -eingeladen, heute ihre Begleitung bilden sollten. Marie errötete, als -sie den Geliebten sah, sie betrachtete ihn staunend, als seien seine -Züge heute mit einem neuen Glanze übergossen; sie schlug die Augen -nieder, als sie seinen freudetrunkenen Blicken begegnete. Was hätte -Georg dafür gegeben, die Geliebte an sein Herz ziehen, den Morgengruß -der Liebe auf ihre Lippen drücken zu dürfen, aber die strenge Sitte -der Zeit trennte an diesem Tage durch eine weite Kluft, was sich sonst -schon längst gefunden hätte. Dem Bräutigam war es nicht erlaubt, die -Hand der Braut zu berühren, ehe sie der Priester in die seinige legte, -und der Braut wurde es übel aufgenommen, wenn sie den Bräutigam gar zu -viel und gar zu lange ansah. Züchtig, ehrbar, die Augen auf den Boden -geheftet, die Hände unter der Brust gefaltet, mußte sie stehen -- so -wollte es die Sitte. - -Bei mancher anderen möchte diese Stellung erzwungen und steif -erschienen sein, doch, wie die Natur über ihre lieblichsten Töchter in -jeder Lage, in Trauer und Freude, den Zauber der Schönheit ausgießt, -so war auch diese unnatürliche Haltung der Braut bei Marien zum -gelungensten Bild geworden; die zarte Röte, die alle Augenblicke auf -ihren Wangen wechselte, der süße Mund, in dessen Winkeln ein Lächeln -aufzukeimen schien, der feine, weiche Vorhang der gesenkten Lider, die -zarten Fransen der dunklen Wimpern, durch welche die blauen, glänzenden -Augen wie eine aufgehende Sonne kaum sichtbar durchschimmerten, sie -gaben ein Bild holder verschämter Liebe, die dem Geliebten die Arme -öffnen, die seinen Namen mit den süßesten Tönen aussprechen, die die -Augen aufschlagen möchte, um ihm durch _einen_ Blick ihre Wünsche -zu verkünden; doch die mächtigere Natur, das verwirrende Gefühl der -Beschämung windet ihr die Hände nur noch fester zusammen, schlägt die -zarte Hülle der Wimpern vor das glühende Auge herab und verschließt den -Mund, daß er nur heimlich und stille lächelt, aber das Geheimnis der -Liebenden nicht ausspricht. - -Verschwunden war die erhabene Haltung Mariens, verschwunden die -Majestät ihrer Stirne und jener gebietende, ernste Blick, der auch -den Kühnsten gefesselt hätte; aber man war versucht, jene erhabeneren -Schönheiten nicht zurückzuwünschen; lag doch in diesem verschämten -Bekenntnis, durch einen Blick des Geliebten überwunden zu sein, ein -höherer Reiz, als wenn das stolze Auge frei um sich geblickt und dieser -geschlossene Mund das Geständnis der Liebe laut und offen ausgesprochen -hätte. So hatte die Natur Marien an diesem Tage einen neuen Zauber -verliehen, der so mächtig wirkte, daß Georg einige Momente seine Braut -verwunderungsvoll betrachtete und sein Herz sich stolzer hob, im -Gefühle, dieses liebliche Kind sein nennen zu dürfen. - -Jetzt kam auch der Herzog, der den Ritter von Lichtenstein an der -Hand führte. Er musterte mit schnellen Blicken den reichen Kreis der -Damen, und auch er schien sich zu gestehen, daß Marie die schönste sei. -»Sturmfeder!« sagte er, indem er den Glücklichen auf die Seite führte, -»dies ist der Tag, der dich für vieles belohnt. Gedenkst du noch der -Nacht, wo du mich in der Höhle besuchtest und nicht erkanntest? Damals -brachte Hans, der Pfeifer, einen guten Trinkspruch aus: ›Dem Fräulein -von Lichtenstein! Möge sie blühen für Euch!‹ -- Jetzt ist sie dein, und -was nicht minder schön ist, auch dein Trinkspruch ist erfüllt: Wir sind -wieder eingezogen in die Burg Unserer Väter.« - -»Möge Euer Durchlaucht dieses Glück so lange genießen, als ich an -Mariens Seite glücklich zu sein hoffe. Aber Eurer Huld und Gnade habe -ich diesen schönen Tag zu verdanken, ohne Euch wäre vielleicht der -Vater --« - -»Ehre um Ehre, du hast Uns treulich beigestanden, als Wir Unser -Land wiedererobern wollten, drum gebührte es sich, daß auch Wir dir -beistanden, um sie zu besitzen. -- Wir stellen heute deinen Vater vor, -und als solchem wirst du Uns schon erlauben, nach der Kirche deine -schöne Frau auf die Stirne zu küssen.« - -Georg gedachte jener Nacht, als der Herzog unter dem Tor von -Lichtenstein sich auf diesen Tag vertröstete, unwillkürlich mußte -er lächeln, wenn er der Würde und Hoheit gedachte, mit welcher die -Geliebte den Mann der Höhle damals zurückgewiesen hatte. »Immerhin, -Herr Herzog, auch auf den Mund! Ihr habt es längst verdient durch Eure -großmütige Fürsprache.« - -»Wer sind deine Gesellen, die dich zum Altar geleiten?« fragte der -Herzog. - -»Marx Stumpf und der Ulmer Ratsschreiber, ein Vetter von Lichtenstein.« - -»Wie, das feine Männlein, den mein Kanzler köpfen lassen wollte? Da -hast du links den zierlichsten und rechts den tapfersten Mann des -Schwabenlandes. Glück zu, junger Herr! Doch ich will dir raten, mehr -_rechts_ zu halten als links, dann kann es dir nie fehlen auf Erden, -und wärst du so eifersüchtig als ein Türke. Sieh, sieh, da kommt ja -der Rechte! sieh, wie seine breite Gestalt sich wunderlich ausnimmt -unter den Frauenzimmern. Und wie er sich stattlich angetan hat! Den -verschossenen grünen Mantel trug er schon Anno Elf auf Unserer Hochzeit -mit Frau Sabina lobesan.« - -»Kann mich nicht viel mit dem Anzug befassen,« erwiderte der tapfere -Ritter von Schweinsberg, der die letzten Worte noch gehört hatte; -»auch mit dem Tanzen will es nicht recht gehen, Ihr werdet mich -entschuldigen; will aber heute abend im Ritterspiel der neue Eheherr -eine Lanze mit mir brechen, so --« - -»So willst du ihm aus lauter Zärtlichkeit und Höflichkeit ein -paar Rippen einstoßen!« lachte der Herzog; »das heiße ich einen -Bräutigamsgesellen von echter Art. Nein, da rate ich dir, Georg, dich -lieber links zu halten; der Ulmer wird dir nicht wehe tun.« - -Die Flügeltüren öffneten sich jetzt, und man sah auf der breiten -Galerie das Hofgesinde des Herzogs in Ordnung aufgestellt. An diese -schlossen sich die Edelknaben an, welche brennende Kerzen trugen; -dann folgte der glänzende Zug der Fräulein und Edelfrauen, die sich -zu diesem Feste eingefunden hatten. Sie waren in reiche, mit Gold und -Silber durchwirkte Stoffe gekleidet, und jede hatte einen Blumenstrauß -und eine Zitrone in der Hand. Die Braut wurde von Georg von Hewen und -Reinhardt von Gemmingen geführt. Viele Ritter und Edelleute schlossen -sich an diese an, in ihrer Mitte ging Georg von Sturmfeder, Marx -Stumpf zu seiner Rechten, der Ratsschreiber Dietrich von Kraft zu -seiner Linken. Sein ganzes Wesen schien von einer würdigen Freude -gehoben, seine Augen blinkten freudig, sein Gang war der Gang eines -Siegers. Er ragte mit dem wallenden Haar, mit den wehenden Federn des -Baretts weit über seine Gesellen hervor. Die Leute betrachteten ihn -staunend, die Männer lobten laut seine hohe, männliche Gestalt, seine -edle Haltung, aber die Mädchen flüsterten leise und priesen seine -schönen Züge und das freie, glänzende Auge. - -So ging der Zug aus dem Tore des Schlosses nach der Kirche, die nur -durch einen breiten Platz von ihm getrennt war. Kopf an Kopf standen -die schönen Mädchen und die redseligen Frauen, sie musterten die Anzüge -der Fräulein, strengten die Blicke an, als die schöne Braut vorbeiging, -und waren voll Lobes über den Bräutigam. - -Unter den zahlreichen Zuschauern sah man auch eine rüstige, runde -Bauersfrau mit ihrem Töchterlein stehen. Diese Frau verneigte sich -immerwährend zur großen Belustigung der Städtler umher, die nur der -Braut und dem Herzog diese Aufmerksamkeit bewiesen. Sie unterhielt -sich dabei eifrig mit ihrer Tochter. Das schöne Kind an ihrer Seite -schien aber wenig auf ihre Reden zu achten; sie übersah den glänzenden -Zug der Fräulein, ihre hellen Augen waren nur immer auf die nahende -Braut gerichtet. Je näher diese kam, desto röter färbten sich die -Wangen des Mädchens, das rote Mieder hob und senkte sich ungestüm, und -das pochende Herz schien die silbernen Ketten, womit es eingeschnürt -war, zersprengen zu wollen. Sie sah Marien fest und durchdringend an, -die hohe Schönheit der jungen Braut schien sie zu überraschen, ein -wehmütiges Lächeln zuckte um ihren kleinen Mund. »Sie ist's!« rief -sie unwillkürlich aus und verbarg dann schnell ihr Gesicht hinter dem -Rücken ihrer Mutter, denn die Umstehenden sahen verwundert nach ihr -hin.« - -»Jo, dia ist's; Bärbele! Dia ist grausig schö!« flüsterte die runde -Frau und neigte sich tief. »Jetzt wellet mer uf da Junker bassa.« - -Das Mädchen schien diesen Rat nicht erst zu bedürfen, denn sie blickte -längst hinüber nach jener Seite, woher er kommen mußte. »Er kommt, er -kommt,« hörte sie ihre Nachbarn flüstern; »der ist's in dem weißen -Kleid, mit dem blauen Mantel, er geht gerade vor dem Herzog.« Sie -sah ihn, nur einen Blick warf sie nach ihm hin und wagte dann nicht -mehr aufzublicken; die tiefe Röte ihrer Wangen verschwand, als er -vorüberging, sie zitterte, eine Träne fiel herab auf das rote Mieder; --- jetzt war er vorüber, jetzt hob sich das Köpfchen wieder ein wenig -auf und sandte ihm einen Blick nach, der mehr auszudrücken schien als -die reine Bewunderung oder das Staunen der Neugierde. - -Als der Zug vorüber war, drängten sich die Zuschauer mit Ungestüm zu -den Kirchtüren, und in einem Augenblick war der Platz, der noch kurz -zuvor den Anblick einer bunten, wogenden Menge dargeboten hatte, wie -ausgestorben. Die runde Frau blickte noch immer staunend den schönen, -geputzten Stadtjungfern nach, welche mit ihren brokatenen Hauben und -goldgestickten Miedern, mit ihren feinen, langen Röcken, an welchen -man nur um den Hals und Busen den Zeug allzusehr gespart zu haben -schien, in der Bauersfrau mächtige Sehnsucht nach solcher Pracht und -Herrlichkeit erweckt hatten. - -Als sie sich umwandte, erschrak sie nicht wenig, denn ihr holdes Kind -hatte das blühende Gesichtchen in die Hände verborgen und weinte. -Sie konnte nicht begreifen, was dem Mädchen begegnet sein könne, sie -faßte ihre Hand, zog sie herab von den Augen -- sie weinte bitterlich. -»Was hoscht denn, Bärbele,« fragte sie halb unmutig, doch nicht ohne -Teilnahme, »was heulscht denn? Hoscht's denn et g'seha? Gang, 's ist jo -a Schand! Wenn's jo ebber sieht; so sag' no, worum du heulscht?« - -»I wois et, Muater!« flüsterte sie, indem sie vergeblich ihre Tränen zu -bezwingen suchte; »es ist mer so weh im Herz drin, i woiß et worum.« - -»Laß jetzt bleiba, sag e! Komm, sonst kommemer z'spot in d'Kirch. -Hairsch, wie se musizieret und singet? Komm, sonst sehe mer nix mai!« -Die Frau zog bei diesen Worten das Mädchen nach der Kirche. Bärbele -folgte, sie bedeckte die Augen mit der weißen Schürze, um nicht den -Stadtleuten zum Gespötte zu werden; aber die tiefen Seufzer, die -sich aus ihrer Brust heraufstahlen, ließen ahnen, daß sie einen -tiefen Schmerz vergeblich zu unterdrücken suchte. Die Orgel schwieg, -der Chorgesang verstummte, als sie an der Kirchtüre anlangten. Die -Einsegnung des schönen Paares mußte in diesem Augenblicke beginnen. -Aber vergebens suchte die runde Frau durch die dichten Reihen zu -dringen, welche die Türe füllten, sie wurde, so oft sie sich in -einen freien Raum zu schieben suchte, unwillig und mit Scheltworten -zurückgestoßen. - -»Komm, Muater!« sprach das Mädchen. »Mer wellet hoim; mer sent arme -Leut', uns lasset se et in d'Kirch; komm hoim.« - -»Was? D'Kircha sind für älle Leut' erschaffa; au für d'Arme. Wia, ihr -Herra, lent es e bißle do nei. Mer sehet jo gar nix.« - -»Waz!« sprach der Mann, an den sie sich gewendet hatte, und kehrte -ihr ein rotbraunes Gesicht mit schrecklichem Bart zu, »waz? Packt -euch fort, wir lassen niemand durch; wir zind die allergnädigsten -herzoglichen Landsknechte, wir, und nach dem Zanktus, hat der Hauptmann -befohlen, darf keine Zeele mer durch; Mordblei! tut mir leid, wenn ich -in der Kirche fluche, aber ich zag', weg da!« - -»Die Olte muß weg, sogen wer, ober das Dienderl darf 'rein; komm -Schatzerl! Do konnst's recht gut sehen; schaut's, jetzt steckt ihr der -Propst den Ring on, jetzt legt er ihne die Händ' zusommen -- gib mir -en Schmatzerl, dann darfst's seh'n.« Der Staberl von Wien streckte -bei diesen Worten seine tapfere Hand nach dem Mädchen aus, doch diese -schrie laut auf und entfloh weinend; die runde Frau aber verwünschte -die Stadtleute, die Stadtkirchen und die unanständigen Landsknechte, -und folgte ihrer Tochter. - - - - -32. - - So hab' ich endlich dich gerettet - Mir aus der Menge wilden Reih'n; - Du bist in meinen Arm gekettet, - Du bist nun mein, nun einzig mein; - Es schlummert alles diese Stunde. - Nur wir noch leben auf der Welt, - Wie in der Wasser stillem Grunde - Der Meergott seine Göttin hält. - - _Uhland._ - - -Herzog Ulrich von Württemberg liebte eine gute Tafel, und wenn in guter -Gesellschaft die Becher kreisten, pflegte er nicht so bald das Zeichen -zum Aufbruch zu geben. Auch am Hochzeitsfeste Mariens von Lichtenstein -blieb er seiner Gewohnheit treu. Man war, als die heilige Handlung -in der Kirche vorüber war, in den Lustgarten am Schloß gezogen; dort -hatten sich in den Laubgängen und künstlich verschlungenen Wegen -die Hochzeitsgäste ergangen oder an den zahmen Hirschen und Rehen -im Gehege oder an den Bären, die in einem der Gräben des Schlosses -umherwandelten, sich ergötzt. Um zwölf Uhr hatten die Trompeten zur -Tafel gerufen. Sie wurde in der Tyrnitz gehalten, einer weiten hohen -Halle, die viele hundert Gäste faßte. Diese Halle war die Zierde des -Schlosses zu Stuttgart. Sie maß wohl hundert Schritte in der Länge; -die eine Seite, die gegen den Garten des Schlosses lag, war von vielen -breiten Fenstern unterbrochen, und der freundliche Tag ergoß sich -durch die vielfarbigen Scheiben und erhellte überall das ungeheure -Gemach, das mit seinen Wölbungen und Säulen mehr einer Kirche als -einem Tummelplatze der Freude glich. Um die drei übrigen Seiten liefen -Galerien mit Teppichen reich behängt, sie waren für die Geiger und -Trompeter und für die Zuschauer bei einem fürstlichen Mahle bestimmt; -oft aber dienten sie den Damen und Kampfrichtern zu Tribünen, wenn -nicht der Klang der Becher, sondern Schwerthiebe, das Krachen der -Lanzen, das Sausen der Speere und das Gelächter und Geschrei der -Kämpfer beim freien Waffenspiel in der Halle erscholl. - -Aber heute sah man hier einen gemischten Kreis schöner Frauen und -fröhlicher Männer um reichbesetzte Tafeln sitzen. Auf den Galerien -schwangen die Geiger lustig ihre Fiedelbogen. Die Zinkenisten bliesen -ihre Backen auf, die Trommler schlugen kräftig auf die Felle, und mit -Jauchzen und Hallo stimmte die Volksmenge, die man auf den übrigen -Teilen der Galerien zugelassen hatte, ein, wenn die Herren unten einen -Trinkspruch ausgebracht hatten. Am oberen Ende der Halle saß unter -einem Thronhimmel der Herzog. Er hatte seinen Hut weit aus der Stirne -gerückt, schaute fröhlich um sich und sprach dem Becher fleißig zu. Zu -seiner Rechten, an der Seite des Tisches, saß Marie; jetzt wollte die -Sitte nicht mehr, daß sie die Augen niederschlug und sechs Schritte von -dem Geliebten entfernt blieb. Ein fröhliches Leben war in ihre Augen, -um ihren Mund eingezogen; sie blickte oft nach ihrem neuen Gemahl, -der ihr gegenüber saß, es war ihr oft, als müsse sie sich überzeugen, -daß dies alles kein Traum, daß sie wirklich eine Hausfrau sei und den -Namen, den sie achtzehn Jahre getragen, gegen den Namen Sturmfeder -vertauscht habe; sie lächelte, so oft sie ihn ansah, denn es kam ihr -vor, als gebe er sich, seitdem er aus der Kirche kam, eine gewisse -Würde. »Er ist mein Haupt,« sagte sie lächelnd zu sich, »mein Herr, -mein Gebieter; o der gute Herr! das liebe Haupt!« - -Und es war so, wie Marie zu bemerken glaubte: Georg fühlte sich -gehobener, mit einer neuen Würde umgeben; es schien ihm, als zeigen -ihm die Junker mehr Ehrfurcht, als ziehen ihn die älteren Ritter mehr -freundlicher zu sich heran, seit er nicht mehr allein in der Welt -stand, sondern wie sie ein Hausvater, vielleicht der Stammhalter eines -glänzenden Geschlechtes geworden war. Denn in den guten alten Zeiten -waren die Begriffe noch anders als heutzutag, und man dachte sich den -Edelmann und den Bürger nicht anders, als mit Weib und Kindern, und -überließ das Zölibat den Mönchen. - -In die Nähe des Herzogs war der Ritter von Lichtenstein, Marx Stumpf -von Schweinsberg und der Kanzler gezogen worden, und auch der -Ratsschreiber von Ulm saß nicht ferne, weil er heute als Geselle des -Bräutigams diesen Ehrenplatz sich erworben hatte. Der Wein begann schon -den Männern aus den Augen zu leuchten und den Frauen die Wangen höher -zu färben, als der Herzog seinem Küchenmeister ein Zeichen gab. Die -Speisen wurden weggenommen und im Schloßhof unter die Armen verteilt; -auf die Tafel kamen jetzt Kuchen und schöne Früchte, und die Weinkannen -wurden für die Männer mit besseren Sorten gefüllt; den Frauen brachte -man kleine silberne Becher mit spanischem, süßem Weine. Sie behaupteten -zwar, keinen Tropfen mehr trinken zu können, doch nippten und nippten -sie von dem süßen Nektar immer wieder, bis man die Nagelprobe hätte -machen können. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo nach der Sitte der -Zeit dem neuen Ehepaar Geschenke überbracht wurden. Man stellte Körbe -neben Marien auf, und als die Geiger und Pfeifer von neuem gestimmt -hatten und aufzuspielen anfingen, bewegte sich ein langer, glänzender -Zug in die Halle. Voran gingen die Edelknaben des fürstlichen Hofes, -sie trugen goldene Deckelkrüge, Schaumünzen, Schmuck von edlen Steinen -als Geschenke des Herzogs. - -»Mögen euch diese Becher, wenn sie bei den Hochzeiten eurer Kinder, bei -den Taufen eurer Enkel kreisen, mögen sie euch an einen Mann erinnern, -dem ihr beide im Unglück Liebe und Treue bewiesen, an einen Fürsten, -der im Glück euch immer gewogen und zugetan ist.« - -Georg war überrascht von dem Reichtum der Geschenke. »Euer Durchlaucht -beschämen uns,« rief er; »wollet Ihr Liebe und Treue _belohnen_, so -wird sie nur zu bald um Lohn feil sein.« - -»Ich habe sie selten rein gefunden,« erwiderte Ulrich, indem er einen -unmutigen Blick über die lange Tafel hinschickte und dem jungen Mann -die Hand drückte, »noch seltener, Freund Sturmfeder, hat sie mir Probe -gehalten, drum ist es billig, daß Wir die reine Treue mit reinem -Golde und edle Liebe mit edlen Steinen zu belohnen suchen. Doch wie, -Eure schöne Frau vergießt Tränen? Ich weiß die Quelle dieses klaren -Taues, es ist die Erinnerung an Unser bitteres Geschick, die Wir selbst -heraufbeschworen haben. Hinweg mit diesen Tränen, schöne Frau! am -Hochzeitstag ist es kein gutes Zeichen. Doch mit Verlaub Eures Eheherrn -will ich jetzt eine alte Schuld einziehen, Ihr wißt noch, welche?« - -Marie errötete und warf einen forschenden Blick nach Georg hinüber, -als fürchtete sie, jenes alte Uebel, das sie oft kaum zu beschwören -vermochte, möchte wiederkehren. Georg wußte recht wohl, was der Herzog -meine, denn jene Szene, die er hinter der Türe belauschte, war ihm noch -immer im Gedächtnis, doch er fand Gefallen daran, den Herzog und Marien -zu necken, und antwortete, als diese noch immer schwieg: »Herr Herzog, -wir sind jetzt zusammen ein Leib und eine Seele, wenn also meine Frau -in früheren Zeiten Schulden gemacht hat, so steht es _mir_ zu, sie zu -bezahlen.« - -»Ihr seid zwar ein hübscher Junge,« entgegnete Ulrich mit Laune, »und -manche unserer Fräulein hier am Tische möchte vielleicht gerne einen -solchen Schuldbrief an Euren schönen Mund einzufordern haben; mir aber -kann dies nicht frommen, denn meine Urkunde lautet auf die roten Lippen -Eurer Frau.« - -Der Herzog stand bei diesen Worten auf und näherte sich Marien, die -bald errötend, bald erbleichend ängstlich auf Georg herübersah. »Herr -Herzog,« flüsterte sie, indem sie den schönen Nacken zurückbog, »es -war nur Scherz; -- ich bitte Euch.« Doch Ulrich ließ sich nicht irre -machen, sondern zog die Schuld samt Zinsen von ihren schönen Lippen ein. - -Der alte Herr von Lichtenstein sah bei dieser Szene finster bald auf -den Herzog, bald auf seine Tochter; vielleicht mochte ihm Ulrich von -Hutten beifallen, denn seine Blicke streiften auch ängstlich auf -seinen Schwiegersohn. Der Kanzler Ambrosius Volland aber schaute mit -höhnischer Schadenfreude aus den grünen Aeuglein auf den jungen Mann. -»Hi, hi,« rief er ihm zu, »ich leere meinen Becher auf gutes Wohlsein. -Eine schöne Frau ist eine gute Bittschrift in aller Not; wünsche -Glück, liebster, wertgeschätzter Herr; hi! hi! 's ist ja auch was -Unschuldiges, so lange es vor den Augen des Ehemanns geschieht!« - -»Allerdings, Herr Kanzler!« erwiderte Georg mit großer Ruhe, »um -so unschuldiger, als ich selbst dabei war, wie meine Frau Seiner -Durchlaucht diesen Dank zusagte. Der Herr Herzog versprach beim Vater -für uns zu bitten, daß er mich zu seinem Eidam annehme, und bedung sich -dafür diesen Lohn an unserm Hochzeitstage.« - -Der Herzog sah den jungen Mann mit Staunen an; Marie errötete -von neuem, denn sie mochte sich jene ganze Szene ins Gedächtnis -zurückrufen; aber keines von beiden widersprach ihm, sei es, weil sie -es für unschicklich hielten, ihn Lügen zu strafen, sei es, weil sie -ahneten, er könne sie belauscht haben. Aber Ulrich konnte doch nicht -unterlassen, ihn heimlich um die näheren Umstände zu befragen; er -teilte sie ihm in wenigen Worten mit. - -»Du bist ein sonderbarer Kauz!« flüsterte der Herzog lachend, »was -hättest du denn gemacht, wenn Wir damals ein Küßchen erobert hätten?« - -»Ich kannte Euch noch nicht,« flüsterte Georg ebenso leise, »drum hätte -ich Euch auf der Stelle niedergestochen und an der nächsten Eiche -aufgehängt.« - -Der Herzog biß sich in die Lippen und sah ihn verwundert an; dann aber -drückte er ihm freundlich die Hand und sagte: »Da hättest du alles -Recht dazu gehabt, und Wir wären in Unseren Sünden abgefahren. -- Doch -siehe, da bringen sie wieder Spenden für die Braut.« - -Es erschienen jetzt die Diener der Ritter und Edeln, die zur Hochzeit -geladen waren, die trugen allerlei seltenes Hausgeräte, Waffen, Stoff -zu Kleidern und dergleichen; man wußte zu Stuttgart, daß es der -Liebling des Herzogs sei, dem dieses Fest gelte, drum hatte sich auch -eine Gesandtschaft der Bürger eingestellt, ehrsame, angesehene Männer -in schwarzen Kleidern, kurze Schwerter an der Seite, mit kurzen Haaren -und langen Bärten. Der eine trug eine aus Silber getriebene Weinkanne, -der andere einen Humpen aus demselben Metall, mit eingesetzten -Schaumünzen geschmückt. Sie nahten sich ehrerbietig zuerst dem Herzog, -verbeugten sich vor ihm und traten dann zu Georg von Sturmfeder. - -Sie verbeugten sich lächelnd auch vor ihm, und der mit dem Humpen hub -an: - - »Gegrüßet sei das Ehepaar - Und leb' zusamt noch manches Jahr! - Um euch zu fristen langes Leben, - Will Stuttgart euch ein Tränklein geben. - Des Lebens Tränklein ist der Wein, - Komm, guter Geselle, schenk' mir ein.« - -Der andere Bürger goß aus der Flasche den Humpen voll und sprach, -während der erste trank: - - »Von diesem Tränklein steht ein Faß - Vor eurer Wohnung auf der Gaß': - Es ist vom besten, den wir haben, - Er soll Euch Leib und Seele laben; - Er geb' euch Mut, Gesundheit, Kraft: - Das wünscht euch Stuttgarts Bürgerschaft.« - -Der erstere hatte indessen ausgetrunken, füllte den Becher von neuem -und sprach, indem er ihn dem jungen Mann kredenzte: - - »Und wenn Ihr trinkt von diesem Wein, - Soll Euer erster Trinkspruch sein: - ›Es leb' der Herzog und sein Haus!‹ - Ihr trinkt bis auf den Boden aus; - Dann schenkt Ihr wieder frischen ein: - ›Hoch leb' Sturmfeder und Lichtenstein!‹ - Und lüstet Euch noch eins zu trinken, - Mögt Ihr an Stuttgarts Bürger denken.« - -Georg von Sturmfeder reichte beiden die Hand und dankte ihnen für ihr -schönes Geschenk; Marie ließ ihre Weiber und Mädchen grüßen, und auch -der Herzog bezeugte sich ihnen gnädig und freundlich. Sie legten den -silbernen Becher und die Kanne in den Korb zu den übrigen Geschenken -und entfernten sich ehrbaren und festen Schrittes aus der Tyrnitz. Doch -die Bürger waren nicht die letzten gewesen, welche Geschenke gebracht -hatten; denn kaum hatten sie die Halle verlassen, so entstand ein -Geräusch an der Türe, wo die Landsknechte Wache hielten, das selbst die -Aufmerksamkeit des Herzogs auf sich zog. Man hörte tiefe Männerstimmen -fluchen und befehlen, dazwischen ertönten hohe Weiberstimmen, von denen -besonders eine, die am heftigsten haderte, der Gesellschaft am obersten -Ende der Tafel sehr bekannt schien. - -»Das ist wahrhaftig die Stimme der Frau Rosel!« flüsterte Lichtenstein -seinem Schwiegersohn zu, »Gott weiß, was sie wieder für Geschichten -hat.« - -Der Herzog schickte einen Edelknaben hin, um zu erfahren, was das -Lärmen zu bedeuten habe; er erhielt zur Antwort, einige Bauernweiber -wollen durchaus in die Halle, um den Neuvermählten Geschenke zu -bringen, da es aber nur gemeines Volk sei, so wollen sie die -Knechte nicht einlassen. Ulrich gab Befehl, sie vorzubringen, denn -die Sprüchlein der Bürger hatten ihm gefallen, und auch von den -Bauersleuten versprach er sich Kurzweil. Die Knechte gaben Raum, und -Georg erblickte zu seinem Erstaunen die runde Frau des Pfeifers von -Hardt mit ihrem schönen Töchterlein, geführt von der Frau Rosel, ihrer -Base. - -Schon auf dem Wege in die Kirche hatte er die holden Züge des Mädchens -von Hardt, die er nicht aus seinem Gedächtnis verloren, zu bemerken -geglaubt; aber wichtigere Gedanken und die Heiligkeit des Sakramentes, -die seine ganze Seele füllten, hatten diese flüchtige Erscheinung -verdrängt. Er belehrte die Gesellschaft, wer die Nahenden seien, und -mit großem Interesse blickten sie alle auf das Kind jenes Mannes, -dessen wunderbares Eingreifen in das Schicksal des Herzogs ihnen oft -so unbegreiflich gewesen war, dessen Treue so erhaben, dessen Hilfe in -der Not so willkommen erschienen war. Das Mädchen hatte die blonden -Haare, die offene Stirne, die Züge ihres Vaters; nur die List, die aus -seinen Augen, die Kühnheit und Kraft, die aus seinem Wesen sprach, war -bei ihr, wenn sie nicht schüchtern und blöde war, in eine neckende -Freundlichkeit und in rüstiges, behendes Wesen übergegangen. So hatte -sie Georg erkannt, als er im Hause des Pfeifers wohnte; doch heute -schien sie vor den vielen vornehmen Leuten etwas schüchtern, ja, -es wollte ihm sogar scheinen, als sei ein neuer Zug in ihr Gesicht -gekommen, den er früher nicht an ihr bemerkt hatte, eine gewisse Wehmut -und Trauer, die sich um ihren Mund und in ihren Augen aussprach. - -Die Pfeifersfrau wußte, was Lebensart sei, sie verbeugte sich daher -von der Türe der Tyrnitz in einem fort, bis sie zum Stuhl des Herzogs -kam. Frau Rosel hatte noch die Röte des Zornes auf ihren magern Wangen, -denn die Landsknechte, namentlich der Magdeburger und Kaspar Staberl, -hatten sie höchlich beleidigt und sie eine dürre Stange geheißen. Ehe -sie noch sich sammeln und den Herrschaften geziemend die Familie ihres -Bruders vorstellen konnte, hatte die runde Frau schon einen Zipfel von -des Herzogs Mantel gefaßt und ihn an die Lippen gedrückt. »Gueten Obed, -Herr Herzich,« sprach sie dazu mit tiefen Knicksen; »wie got Uich's, -seit Er wieder in Schtuagert send; mei Ma loßt Eich schö grüaßa; mer -komme aber et zum Herr Herzich, noi, zu dem Herra dort drübe welle mer. -Mer hent a Hochzeitschenke für sei Frau. Do siezt se jo, gang, Bärbele, -lang's aus em Krättle.« - -»Ach, du lieber Gott!« fiel Frau Rosel ihrer Schwägerin ins Wort; -»bitt' untertänigst um Verzeihung, Euer Durchlaucht, daß ich die Leut' -'reingebracht habe; 's ist Frau und Kind vom Pfeifer von Hardt. Ach, du -Herr Gott! nehmet doch nichts übel, Herr Herzog; die Frau meint's g'wiß -gut.« - -Der Herzog lachte mehr über diese Entschuldigung der Frau Rosel als -über die Reden ihrer Schwägerin: »Was macht denn dein Mann, der -Pfeifer? Wird er uns bald besuchen? Warum kam er nicht mit euch?« - -»Sell hot sein' Grund, Herr!« erwiderte die runde Frau; »wenn's Krieg -geit, bleibt er g'wiß et aus; do ka mer'n brauche; aber im Frieda? Noi, -do denkt er, mit grauße Herra ist's et guet Kirsche fressa.« - -Frau Rosel wollte beinahe verzweifeln über die Naivität der runden -Frau, sie zog sie am Rock und am langen Zopfband, es half nichts, die -Frau des Pfeifers sprach zu großer Ergötzung des Herzogs und seiner -Gäste immer weiter, und das unauslöschliche Gelächter, das ihre -Antworten erregten, schien ihr Freude zu machen. Bärbele hatte indessen -mit dem Deckel des Körbchens gespielt, sie hatte einigemal gewagt, ihre -Blicke zu erheben, um jenes Gesicht wiederzusehen, das im Fieber der -Krankheit so oft an ihrem Busen geruht und in ihren treuen Armen Ruhe -und Schlummer gefunden hatte, jenen Mund wiederzusehen, den sie so oft -heimlicherweise mit ihren Lippen berührt hatte, und jene Augen, deren -klarer, freundlicher Strahl ewig in ihrem Gedächtnis fortglühte. Sie -erhob ihre Blicke immer wieder von neuem, doch, wenn sie bis an seinen -Mund gekommen war, schlug sie sie wieder -- aus Furcht, seinem Auge zu -begegnen -- herab. - -»Siehe, Marie,« hörte sie ihn sagen, »das ist das gute Kind, das mich -pflegte, als ich krank in ihres Vaters Hütte lag, das mir den Weg nach -Lichtenstein zeigte.« - -Marie wandte sich um und ergriff gütig ihre Hand; das Mädchen zitterte, -und ihre Wangen färbte ein dunkles Rot; sie öffnete ihr Körbchen und -überreichte ein Stück schöner Leinwand und einige Bündel Flachs, so -fein und zart wie Seide. Sie versuchte zu sprechen, aber umsonst, sie -küßte die Hand der jungen Frau, und eine Träne fiel herab auf ihren -Ehering. - -»Ei, Bärbele,« schalt Frau Rosel, »sei doch nicht so schüchtern und -ängstlich. Gnädiges Fräulein -- wollte sagen, gnädige Frau, habt -Nachsicht, sie kommt selten zu vornehmen Leuten. Es ist niemand so gut, -er hat zweierlei Mut, heißt es im Sprichwort. Das Mädchen kann sonst -so fröhlich sein wie eine Schwalbe im Frühling. --« - -»Ich danke dir, Bärbele!« sagte Marie. »Wie schön deine Leinwand ist! -Die hast du wohl selbst gesponnen?« - -Das Mädchen lächelte durch Tränen; sie nickte ein Ja! -- zu sprechen -schien ihr in diesem Augenblick unmöglich zu sein. Der Herzog befreite -sie von dieser Verlegenheit, um sie in eine noch größere zu ziehen. -»Wahrhaftig, ein schönes Kind hat Hans der Spielmann,« rief er aus und -winkte ihr, näher zu treten. »Hoch gewachsen und lieblich anzuschauen! -Schaut nur, Herr Kanzler, was ihr das rote Mieder und das kurze -Röckchen gut ansteht; wie? Ambrosius Volland, meinst du nicht, Wir -könnten durch ein allgemeines Edikt diese niedliche Tracht auch bei -unsern Schönen in Stuttgart einführen?« - -Der Kanzler verzog sein Gesicht zu einem greulichen Lächeln; er -beschaute das errötende Mädchen mit seinen Aeuglein vom Kopf bis zu den -Füßen. »Man könnte zum Grund angeben,« sagte er, »daß dadurch eine Elle -in der Länge erspart würde. So gut Euer Durchlaucht vor einigen Jahren -das Maß und Gewicht hat kleiner machen lassen, habt Ihr nach allen -Regeln der Logika auch das Recht, dem Frauenzimmer die Röcklein zu -verkürzen. Wäre aber damit nichts gewonnen, denn -- hi, hi, hi! schaut -nur, was dort wegfiele, müßten dann die hiesigen Schönen oben wieder -ansetzen. Und wer weiß, ob sie sich gerne dazu verstünden? Sie gehören -zum Geschlecht der Pfauen, und Ihr wißt schon, daß diese nicht gerne -auf ihre Beine sehen.« - -»Hast recht, Ambrosius,« lachte der Herzog. »Es geht doch nichts über -einen gelehrten Herrn! Aber sag' einmal, Kind, hast du auch schon einen -Schatz? einen Liebsten?« - -»Ei was, Euer Durchlaucht!« unterbrach ihn die runde Frau, »wer wird so -ebbes von so ema Kind denka! Se ist a ehrlichs Mädle, Herr Herzich!« - -Der Herzog schien nicht auf diese Bemerkung zu hören; er betrachtete -lächelnd die Verlegenheit, die sich auf den reinen Zügen des Mädchens -abspiegelte; sie seufzte leise, sie spielte mit den bunten Bändern -ihrer Zöpfe; sie sandte unwillkürlich einen Blick, aber einen Blick -voll Liebe auf Georg von Sturmfeder und schlug dann errötend wieder -die Augen nieder. Der Herzog, dem dies alles nicht entging, brach in -lautes Lachen aus, in das die übrigen Männer einstimmten. »Junge Frau!« -sagte er zu Marien, »jetzt könnt Ihr billig die Eifersucht Eures Herrn -teilen; wenn Ihr gesehen hättet, was ich sah, könntet Ihr allerlei -deuteln und vermuten.« - -Marie lächelte und blickte teilnehmend auf das schöne Mädchen; sie -fühlte, wie wehe ihr der Spott der Männer tun müsse. Sie flüsterte der -Frau Rosel zu, sie und die runde Frau zu entfernen. Auch dies bemerkte -Ulrichs scharfer Blick, und seine heitere Laune schrieb es der schnell -erwachten Eifersucht zu. Marie aber band ein schönes, aus Gold und -roten Steinen gearbeitetes Kreuzchen ab, das sie an einer Schnur um -den Hals getragen, und reichte es dem überraschten Mädchen. »Ich danke -dir,« sagte sie ihr dazu; »grüße deinen Vater und besuche uns recht oft -hier und in Lichtenstein. Wie wäre es, wenn du mir dientest als Zofe? -Du sollst es gut haben und hast ja auch deine Muhme, Frau Rosel, bei -uns.« - -Das Mädchen erschrak sichtbar; sie schien mit sich zu kämpfen; oft -schien ein freundliches Lächeln »ja« sagen zu wollen, aber ebenso oft -drängte ein schmerzlicher Zug um den Mund diesen Entschluß zurück. »I -dank' schö, gnädige Frau!« antwortete sie, indem sie Mariens schöne -Hand küßte, »aber i mueß daheim bleibe: d'Mueter wird alt und braucht -me, b'hüt Uich Gott der Herr, älle Heilige walten über Uich, und die -heilige Jungfrau sei Uich gnädig. Lebet g'sund und froh mit Eurem -Herra, es ist a gueter, lieber Herr!« Noch einmal beugte sich Bärbele -herab auf Mariens Hand und entfernte sich dann mit ihrer Mutter und der -Base. - -»Hör' einmal,« rief ihr der Herzog nach, »wenn deine Mutter einmal -zugibt, daß du einen Liebsten bekommst, so bring' ihn mir; ich will -dich ausstatten, du hübsches Pfeiferskind!« - -Unter diesen Szenen war es vier Uhr geworden, und der Herzog hob die -Tafel auf. Dies war das Zeichen, daß sich jetzt das Volk von den -Galerien entfernen müsse, die sogleich mit Polstern und Teppichen -belegt und zum Empfang der Damen eingerichtet wurden. In dem Parterre -der Tyrnitz wurden schnell die Tafeln weggeräumt, Lanzen, Schwerter, -Schilde, Helme und der ganze Apparat zu Ritterspielen herbeigeschleppt, -und in einem Augenblicke war diese große Halle, die noch soeben der -Sitz der Tafelfreuden gewesen war, zum Waffensaal eingerichtet. Wie -die Damen in unsern Tagen gerne lauschen, wenn die Männer sich in -gelehrte Diskussionen und politische Streitigkeiten einlassen, wie -jede wünscht, den Geliebten oder Gemahl am scharfsinnigsten urteilen, -am schnellzüngigsten disputieren zu hören, so war es in den guten -alten Zeiten den Frauen Freude, selbst blutige Kämpfe ihrer Männer zu -beobachten, und aus manchem schönen Auge blitzte das Hochgefühl, einem -Tapferen anzugehören, manche holde Wange schmückte ein höheres Rot, -nicht wenn der Geliebte in Gefahr, sondern wenn er sich zurückzuziehen -schien oder seine Hiebe nicht so kräftig waren wie die seines Gegners. - -Es wurden an diesem Abend sogar Pferde in die Halle geführt, und -Marie hatte die Freude, ihrem Geliebten den zweiten Dank im Rennen -überreichen zu können, denn er machte den Herrn von Hewen zweimal im -Sattel wanken. Der tapferste Kämpfer war Herzog Ulrich von Württemberg, -eine Zierde der Ritterschaft seiner Zeit. Meldet ja doch die Sage -von ihm, daß er an seinem eigenen Hochzeitstage acht der stärksten -Ritter des Schwaben- und Frankenlandes in den Sand warf. Nachdem die -Ritterspiele einige Stunden gedauert hatten, zog man zum Tanz in den -Rittersaal, und den Siegern im Kampfe wurden die Vortänze eingeräumt. -Der fröhliche Reigen ertönte bis in die Nacht; der Herzog schien alle -Sorgen vor der bangen Zukunft auf den Höcker seines Kanzlers geschoben -zu haben, der wie die böse Zeit in einem Fenster saß und mit bitterem -Lächeln einem Vergnügen zuschaute, von welchem ihn seine eigene -Mißgestalt ausschloß. - -Zum letzten Tanz vor dem Abendtrunk wollte Ulrich die Krone des Festes, -die junge, schöne Frau Marie, aufrufen; doch im ganzen Saal suchte er -und Georg sie vergebens auf, und die lächelnden Frauen gestanden, daß -sechs der schönsten Fräulein sie entführt und in ihre neue Wohnung -begleitet haben, um ihr dort, wie es die Sitte wolle, die mysteriösen -Dienste einer Zofe zu erzeigen. - -»~Sic transit gloria mundi!~« sagte der Herzog lächelnd. »Und siehe, -Georg, da nahen sie schon mit den Fackeln, deine Gesellen und zwölf -Junker, sie wollen dir ›heimzünden‹. Doch zuvor leere noch einen Becher -mit uns. Geh, Mundschenk! bring' vom Besten!« - -Marx Stumpf von Schweinsberg und Dietrich von Kraft nahten sich mit -Fackeln und boten sich an, Georg nach Hause zu geleiten. An sie -schlossen sich zwölf Junker, ebenfalls mit Fackeln, an, um dem jungen -Mann diese Ehre zu erweisen; denn so wollte es die Sitte der guten -alten Zeit. Der Mundschenk goß die Becher voll und kredenzte sie seinem -Herzog und Georg von Sturmfeder. - -Ulrich sah ihn lange und nicht ohne Rührung an; er drückte seine Hand -und sagte: »Du hast Probe gehalten. Als ich verlassen und elend unter -der Erde lag, hast du dich zu mir bekannt; als jene vierzig meine Burg -übergaben und kein Stückchen Württemberg mehr mein war, bist du mir -aus dem Land gefolgt, hast mich oft getröstet und auch auf diesen Tag -verwiesen. Bleibe mein Freund, wer weiß, was die nächsten Tage bringen. -Jetzt kann ich wieder Hunderten gebieten, und sie schreien ›Hoch!‹ auf -das Wohl meines Hauses, und doch war mir dein Trinkspruch mehr wert, -den du in der Höhle ausbrachtest und den das Echo beantwortete. Ich -erwidere es jetzt und gebe es dir zurück: Sei glücklich mit deinem -Weibe, möge dein Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen; möge -es Württemberg nie an Männern fehlen, so mutig im Glück, so treu im -Unglück wie du!« - -Der Herzog trank, und eine Träne fiel in seinen Becher. Die Gäste -stimmten jubelnd in seinen Ruf, die Fackelträger ordneten sich, und -seine Gesellen führten Georg von Sturmfeder aus dem Schloß der Herzoge -von Württemberg. - - - - -33. - - Auch aus entwölkter Höhe - Kann der zündende Donner schlagen, - Darum in deinen glücklichen Tagen - Fürchte des Unglückes tückische Nähe. - - _Schiller._ - - -Der Weg, den die berühmten Novellisten unserer Tage bei ihren -Erzählungen aus alter oder neuer Zeit einschlagen, ist ohne Wegsäule zu -finden und hat ein unverrücktes, bestimmtes Ziel. Es ist die Reise des -Helden zur Hochzeit. Mag sein Weg sich noch so oft krümmen, wagt er es -sogar, Abstecher zu machen und in Wirtshäusern und Burgen ungebührlich -lange zu verweilen, er eilt nachher um so rascheren Schrittes seinem -Ziele zu, und wenn er endlich nach so vielen Leiden mit gehöriger Würde -in die Brautkammer geschoben ist, pflegt der Autor dem Leser die Türe -vor der Nase zuzuwerfen und das Buch zu schließen. Auch wir hätten mit -dem herrlichen Reigen im Schlosse zu Stuttgart schließen oder den Leser -mit dem Fackelzug des Bräutigams aus dem Buche hinaus begleiten können, -aber die höhere Pflicht der Wahrheit und jenes Interesse, das wir an -einigen Personen dieser Historie nehmen, nötigt uns, den geneigten -Leser aufzufordern, uns noch einige wenige Schritte zu begleiten -und den Wendepunkt eines Schicksals zu betrachten, das, in seinem -Anfang unglücklich, in seinem Fortgang günstiger, durch seine eigene -Notwendigkeit sich wieder in die Nacht des Elends verhüllen mußte. - -Das Motto, womit wir diesen Abschnitt bezeichneten, ist eine -Geisterstimme, die warnend durch die Weltgeschichte tönt, die von -vielen vernommen, von den meisten überhört, von wenigen befolgt wurde. -Zu allen Zeiten ging ein finsterer Geist durch das Haus der Erde, man -vernahm oft sein Rauschen, man suchte es durch die Töne der Freude -zu übertäuben. Ulrich von Württemberg hatte jene Stimme in mancher -Nacht vernommen, die er sorgenvoll auf seinem Lager durchwachte. Er -glaubte das Geräusch vieler Gewappneter und die dröhnenden Tritte -eines Heeres zu vernehmen, er glaubte sie näher und näher um ihn -sich lagern zu hören, und wenn er sich auch überzeugte, daß es nur -die Nachtluft war, die um die Türme seines Schlosses brauste, so -blieb doch eine finstere Ahnung in ihm zurück, daß sein Schicksal -noch einmal sich wenden könnte. Jene Warnung des alten Ritters von -Lichtenstein tönte oft in seiner Seele wieder, und vergeblich strengte -er sich an, die künstlichen Folgerungen seines Kanzlers sich zu -wiederholen, um ein Verfahren bei sich zu entschuldigen, das ihm jetzt -zum wenigsten nicht genug überdacht schien; denn seine alten Feinde -rüsteten sich mit Macht. Der Bund hatte ein neues Heer geworben und -drang herab ins Land, näher und näher an das Herz von Württemberg. -Die Reichsstadt Eßlingen bot für diese Unternehmungen einen nur zu -günstigen Stützpunkt. Sie liegt nur wenige Stunden von der Hauptstadt, -beinahe mitten im Lande und war, sobald das Heer des Bundes die -Kommunikation mit ihr hergestellt hatte, eine furchtbare Schanze, um -Ausfälle nach Württemberg zu begünstigen und zu decken. Das Landvolk -nahm an vielen Orten den Bund günstig auf, denn der Herzog hatte sie -durch die neue Art, wie er sich huldigen ließ, ängstlich gemacht. Der -Württemberger liebt von jeher das Alte und Hergebrachte. Altes Recht, -alte Ordnung sind ihm goldene Worte, wenn er auch oft nicht weiß, was -sie bedeuten, und ob das Neue nicht besser ist. Seine Ruhe, die er bei -andern Zufällen des Lebens zeigt, verläßt ihn, wenn man von Neuerungen -spricht, und ein Eigensinn, der sogar Trotz wird, läßt ihn das Alte -mit einer Glut, mit einer natürlichen Begeisterung umfassen, die ihm -sonst fremd ist und gänzlich außer seinem Wesen, der ruhigen, biederen -Geschäftigkeit, liegt. - -Diese Liebe zum Alten hatte der Herzog an seinem Volk erfahren, als -er einige Jahre zuvor seinen Räten folgte und zur Verbesserung seiner -Finanzen ein neues Maß und Gewicht einführte. Der »Arme Konrad«, ein -förmlicher Aufstand armer Leute, hatte ihn nachdenklich gemacht und den -Tübinger Vertrag eingeleitet. Diese Liebe zum Alten hatte sich auf eine -rührende Weise an ihm gezeigt, als der Bund ins Land fiel und das Haupt -des alten Fürstenstammes verjagen wollte. Ihre Väter und Großväter -hatten unter den Herzogen und Grafen von Württemberg gelebt, darum war -ihnen jeder verhaßt, der diese verdrängen wollte. Wie wenig sie das -Neue lieben, hatten sie dem Bunde und seinen Statthaltern oft genug -bewiesen. - -Der alte, angestammte Herzog, ein Württemberger, kam wieder ins Land, -sie zogen ihm freudig zu. Sie glaubten, jetzt werde es wieder hergehen -wie »_vor alters_«; sie hätten recht gerne Steuern bezahlt, Zehnten -gegeben, Gülten aller Art entrichtet und Fronen geleistet. Sie hätten -über Schwereres nicht gemurrt, wenn es nur nach hergebrachter Art -geschehen wäre. So gut ward es ihnen aber nicht. Die alten Formeln -waren aus dem Huldigungseid verschwunden, die Steuern wurden nicht -mehr nach hergebrachter Sitte eingezogen, es war alles anders als -früher, kein Wunder, wenn sie den Herzog als einen neuen Herrn ansahen -und murrend nach dem alten Recht verlangten. Sie hatten zu Ulrich -kein Zutrauen mehr, nicht weil seine Hand schwerer auf ihnen ruhte -als vorher, nicht weil er bedeutend mehr von ihnen wollte als früher, -sondern weil sie die neuen Formen mit argwöhnischen Augen ansahen. - -Ein Herzog, besonders wenn er einem Ambrosius Volland sein Ohr leiht, -erfährt selten genau, wie man über ihn denkt und ob die Maßregeln klug -berechnet waren, die ihm seine Räte an die Hand gaben. Und dennoch -entging Ulrichs hellem Auge die Unzufriedenheit seines Volkes nicht -ganz. Er merkte, daß er im schlimmen Falle sich nicht auf sie werde -verlassen können, so wenig als auf die Ritterschaft des Landes, die, -seit er wieder im Land war, sich sehr neutral verhalten hatte.[42] - -Seine Unruhe über diese Bemerkungen suchte er jedem Auge zu verbergen. -Er beschwor die wildesten Töne der Freude herauf, und oft gelang es ihm -sogar, zu vergessen, vor welchem Abgrund er stehe. Er versuchte, um -seinem Volke und dem Heer, das er in und um Stuttgart versammelt hatte, -Vertrauen und Mut einzuflößen, einige Einfälle, welche die Bündischen -von Eßlingen aus in sein Land gemacht hatten, verdoppelt heimzugeben. -Er schlug sie zwar und verwüstete ihr Gebiet, aber er verhehlte sich -nicht, wenn er nach einem solchen Siege in seine Stellungen zurückging, -daß das Kriegsglück ihn vielleicht verlassen könnte, wenn der Bund -einmal mit dem großen Heere im Felde erscheinen werde. - -Und er erschien frühe genug für Ulrichs zweifelhaftes Geschick. Noch -wußte man in Stuttgart wenig oder nichts von dem Aufgebot des Bundes, -noch lebte man am Hof und in der Stadt in Ruhe und in Freude, als auf -einmal am zwölften Oktober die Landsknechte, welche der Herzog ein -Lager bei Kannstatt hatte beziehen lassen, flüchtig nach Stuttgart -kamen und von einem großen bündischen Heer erzählten, das sie -zurückgeworfen habe. Jetzt merkten die Bewohner Stuttgarts, daß eine -wichtige Entscheidung nahe, jetzt sahen sie ein, daß der Herzog längst -um diesen drohenden Einfall gewußt haben müsse, denn er ließ an diesem -Tage die Aemter aufbieten, ließ die Truppen sich versammeln, die auf -das Land umher verlegt gewesen waren, und hielt noch am Abend dieses -Tages eine Musterung über zehntausend Mann.[43] - -Noch in der Nacht zog er mit einem großen Teil der Mannschaft aus, um -die Stellungen, die ein Teil der Landsknechte zwischen Kannstatt und -Eßlingen genommen hatte, zu verstärken. - -In jener Nacht wurde in Stuttgart manche Träne von schönen Augen -geweint, denn Männer und Jünglinge, was die Waffen führen konnte, zog -mit dem Herzog in die Schlacht. Doch das Rauschen des abziehenden -Heeres übertönte die Klagen der Mädchen und Frauen, sie verhallten wie -das Wimmern eines Kindes im Kampf der Elemente. Mariens Schmerz war -stumm, aber groß, als sie den Gatten unter die Türe herabgeleitete, wo -die Knechte mit den Rossen für ihn und den Vater hielten. Sie hatten -still und einsam, nur mit ihrem Glück beschäftigt, die ersten Tage -ihrer Ehe verlebt. Sie dachten wenig an die Zukunft, sie glaubten im -Hafen zu sein, und indem sie nur sich selbst lebten, überhörten sie -das Flüstern, die geheimnisvolle Unruhe, die einem nahenden Sturm -vorangeht. Sie waren gewöhnt, den Vater ernst und düster zu sehen, -es fiel ihnen nicht auf, wie sein Auge immer trüber, seine Stirne -finsterer, seine Mienen beinahe traurig wurden. Er sah ihr süßes Glück, -er fühlte mit ihnen, er verbarg, um sie nicht zu frühe aufzustören, -was ihm eine bange Ahnung oft genug sagte. Aber endlich nahte der -entscheidende Schlag. Der Herzog von Bayern war bis in die Mitte des -Landes vorgedrungen, und der Ruf zu den Waffen schreckte Georg aus den -Armen seines geliebten Weibes. - -Die Natur hatte ihr eine starke Seele und jene entschiedene Erhabenheit -über jedes irdische Verhängnis gegeben, die nur in einer reinen Seele -und in der mutigen Zuversicht auf einen höhern Beistand bestehen kann. -Sie wußte, was Georg der Ehre seines Namens und seinem Verhältnis -zum Herzog schuldig sei, darum erstickte sie jeden lauten Jammer und -brachte ihrer schwächeren Natur nur jenes Opfer schmerzlicher Tränen, -die dem Auge, das den Geliebten tausend Gefahren preisgegeben sieht, -unwillkürlich entströmen. - -»Siehe, ich kann nicht glauben, daß du auf immer von mir gehst,« sagte -sie, indem sie ihre schönen Züge zu einem Lächeln zwang; »wir haben -jetzt erst zu leben begonnen, der Himmel kann nicht wollen, daß wir -schon aufhören sollen. Drum kann ich dich ruhig ziehen lassen, ich weiß -ja zuversichtlich, daß du mir wiederkehrst!« - -Georg küßte die schönen, weinenden Augen, die ihn so mild und voll -Trost anblickten. Er dachte in diesem Augenblicke nicht an die Gefahr, -der er entgegengehe, er dachte nur daran, wie groß für das teure Wesen, -das er in den Armen hielt, der Schmerz sein müßte, wenn er nicht -mehr zurückkehrte; wie sie dann ein langes Leben einsam, nur in der -Erinnerung an die wenigen Tage des Glückes, fortleben könnte. Er preßte -sie heftiger in die Arme, als wolle er dadurch diese schwarzen Gedanken -verscheuchen, seine Blicke tauchten tiefer in ihre Augen herab, um dort -Vergessenheit zu suchen, und es gelang ihm; wenigstens trug er ein -schönes Bild der Hoffnung und der Zuversicht mit sich hinweg. - -Die Ritter stießen vor dem Tor gegen Kannstatt zu dem Herzog. Es war -dunkle Nacht, das erste Viertel des Mondes und das Heer der Sterne -warfen einen matten Schein herab; Georg glaubte zu bemerken, daß -der Herzog finster und in sich gekehrt sei; denn seine Augen waren -niedergeschlagen, seine Stirne kraus, und er ritt stumm seinen Weg -weiter, nachdem er sie flüchtig mit der Hand gegrüßt hatte. - -Ein nächtlicher Marsch hat immer etwas Geheimnisvolles, Bedeutendes -an sich. Die Sonne, heitere Gegenden, der Anblick vieler Kameraden, -der Wechsel der Aussichten locken bei Tag den Soldaten zum Gespräch, -wohl auch zum Gesang. Weil die Eindrücke von außen stärker sind, -denkt man weniger nach über das Ziel des Marsches, über das Ungewisse -des Krieges, über die Zukunft, die niemand dunkler verhängt ist als -dem Kriegsmann im Felde. Ganz anders auf dem Marsch in der Nacht. Man -hört nur das Gedröhn des Zuges, den taktartigen Hufschlag der Rosse, -ihr Schnauben, das Klirren der Waffen, und die Seele, die durch das -Auge keine Bilder mehr empfängt, wird durch dieses eintönige Gemurmel -ernster; Scherz und Gelächter sind verstummt, das laute Gespräch sinkt -zum Geflüster herab, und auch dieses gilt nicht mehr gleichgültigen -Gegenständen, sondern der Entscheidung, welcher man entgegenzieht. - -So war auch der Zug in jener Nacht ernst und von keinem Laut der Freude -unterbrochen. Georg ritt neben dem alten Herrn von Lichtenstein und -warf hie und da ängstliche Blicke auf diesen, denn er hing, wie von -Kummer gebückt, im Sattel und schien ernster als je zu sein. Er hätte -beinahe ohne Leben geschienen, wenn nicht hin und wieder ein Seufzer -aus seiner Brust heraufgestiegen wäre und seine glänzenden Augen nach -den Wölkchen geschaut hätten, die um die bleiche Sichel des Mondes -zogen. - -»Glaubt Ihr, es werde morgen zum Gefecht kommen, Vater?« flüsterte -Georg nach einer Weile. - -»Zum Gefecht? Zur Schlacht.« - -»Wie? Ihr glaubt also, das Bundesheer sei so stark, daß es uns jetzt -schon werde die Spitze bieten können? Es ist nicht möglich. Herzog -Wilhelm müßte Flügel haben, wenn er seine Bayern herabgeführt hätte, -und Frondsberg ist in seinen Entschlüssen bedächtig. Ich glaube nicht, -daß sie viel über sechstausend stark sind.« - -»Zwanzigtausend,« antwortete der Alte mit dumpfer Stimme. - -»Bei Gott, das hab' ich nicht gedacht,« entgegnete der junge Mann mit -Staunen. »Freilich, da werden sie uns hart zusetzen. Doch wir haben -geübtes Volk, und des Herzogs Augen sind schärfer als irgend eines im -Bundesheere, selbst als Frondsbergs. Glaubt Ihr nicht auch, daß wir sie -schlagen werden?« - -»Nein.« - -»Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ein großer Vorteil für uns -liegt schon darin, daß wir für das Land fechten, die Bündischen aber -dagegen; das macht unseren Truppen Mut; die Württemberger kämpfen für -ihr Vaterland.« - -»Gerade darauf traue ich nicht,« sprach Lichtenstein; »ja, wenn -der Herzog sich anders hätte huldigen lassen, so aber -- hat er das -Landvolk nicht für sich; sie streiten, weil sie müssen, und ich -fürchte, sie halten nicht lange aus.« - -»Das wäre freilich schlimm,« erwiderte Georg; »doch die Schwaben sind -ein biederes, ehrliches Volk, sie werden den Herzog nicht in der Not -verlassen. Wo glaubt Ihr, daß wir dem Feind begegnen? Wo werden wir uns -stellen?« - -»Zwischen Eßlingen und Kannstatt, bei Untertürkheim haben die -Landsknechte einige Schanzen aufgeworfen und stehen dort zu -dritthalbtausend Mann; wir werden uns noch in dieser Nacht an sie -anschließen.« - -Der Alte schwieg, und sie ritten wieder eine geraume Zeit stille -nebeneinander hin. »Höre, Georg!« hub er nach einer Weile an; »ich -habe schon oft dem Tod Aug' in Auge gesehen und bin alt genug, mich -nicht vor ihm zu fürchten; es kann jedem etwas Menschliches begegnen -- -tröste dann mein liebes Kind, Marie.« - -»Vater!« rief Georg und reichte ihm die Hand hinüber; »denket nicht -solches! Ihr werdet noch lange und glücklich mit uns leben.« - -»Vielleicht,« entgegnete der alte Mann mit fester Stimme, »vielleicht -auch nicht. Es wäre töricht von mir, dich aufzufordern, du sollst dich -im Gefecht schonen. Du würdest es doch nicht tun. Doch bitte ich, denk' -an dein junges Weib und begib dich nicht blindlings und unüberlegt in -Gefahr. Versprich mir dies.« - -»Gut, hier habt Ihr meine Hand; was ich tun muß, werde ich nicht -ablehnen, leichtsinnig will ich mich nicht aussetzen; aber auch Ihr, -Vater, könntet dies geloben.« - -»Schon gut, laß das jetzt. Wenn ich etwa morgen totgeschossen werden -sollte, so gilt mein letzter Wille, den ich beim Herzog niedergelegt -habe: Lichtenstein geht auf dich über, du wirst damit belehnt werden. -Mein Name stirbt hier zu Land mit mir, möge der deinige desto länger -tönen.« - -Der junge Mann war von diesen Reden schmerzlich bewegt; er wollte -antworten, als eine bekannte Stimme seinen Namen rief. Es war der -Herzog, der nach ihm verlangte. Er drückte Mariens Vater die Hand und -ritt dann schnell zu Ulrich von Württemberg. - -»Guten Morgen, Sturmfeder!« sprach dieser, indem seine Stirne sich -etwas aufheiterte. »Ich sag' guten Morgen, denn die Hähne krähen dort -unten in dem Dorf. Was macht dein Weib? Hat sie gejammert, als du -wegrittst?« - -»Sie hat geweint,« antwortete Georg; »aber sie hat nicht mit einem Wort -geklagt.« - -»Das sieht ihr gleich; bei Sankt Hubertus! Wir haben selten eine -mutigere Frau gesehen. Wenn nur die Nacht nicht so finster wäre, daß -ich recht in deine Augen sehen könnte, ob du zum Kampf gestimmt bist -und Lust hast, mit den Bündlern anzubinden?« - -»Sprecht, wohin ich reiten soll; mitten drauf soll es gehen im Galopp. -Glauben Euer Durchlaucht, ich habe in meinem kurzen Ehestand so ganz -vergessen, was ich von Euch erlernte, daß man in Glück und Unglück den -Mut nicht sinken lassen dürfe?« - -»Hast recht: ~Impavidum ferient ruinae.~ Wir haben es auch gar nicht -anders von Unserem getreuen Bannerträger erwartet. Heute trägt meine -Fahne ein anderer, denn dich habe ich zu etwas Wichtigerem bestimmt. Du -nimmst diese hundertundsechzig Reiter, die hier zunächst ziehen, läßt -dir von einem den Weg zeigen und reitest Trab gerade auf Untertürkheim -zu. Es ist möglich, daß der Weg nicht ganz frei ist, daß vielleicht die -von Eßlingen schon herabgezogen sind, uns den Paß zu versperren; was -willst du tun, wenn es sich so verhält?« - -»Nun, ich werfe mich in Gottes Namen mit meinen hundertundsechzig -Pferden auf sie und hau' mich durch, wenn es kein Heer ist. Sind sie zu -stark, so decke ich den Weg, bis Ihr mit dem Zug heran seid.« - -»Recht gut gesagt, gesprochen wie ein tapferer Degen, und haust du so -gut auf sie wie auf _mich_ bei Lichtenstein, so schlägst du dich durch -sechshundert Bündler durch. Die Leute, die ich dir gebe, sind gut. Es -sind die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart und den -andern Städten. Ich kenne sie aus manchem Kampf, sie sind wacker und -hauen einen Schädel bis aufs Brustbein durch. Das Schwert in der Faust, -reiten sie dir in die Hölle, wenn sie dir einmal zugetan sind, und wen -sie einmal ans Hirn getroffen haben, der braucht keinen Arzt mehr auf -dieser Welt. Das sind die echten Schwabenstreiche.« - -»Und bei Untertürkheim soll ich mich aufstellen?« - -»Dort triffst du auf einer Anhöhe die Landsknechte unter Georg von -Hewen und Schweinsberg. Die Losung ist: »Ulericus für immer.« Den -beiden Herren sagst du, sie sollen sich halten bis fünf Uhr; ehe der -Tag aufgeht, sei ich mit sechstausend Mann bei ihnen, und dann wollen -wir den Bund erwarten. Gehab' dich wohl, Georg!« - -Der junge Mann erwiderte den Gruß, indem er sich ehrerbietig neigte; -er ritt an der Spitze der tapferen Reiter und trabte mit ihnen das -Tal hinauf. Es waren kräftige Gestalten, mit breiten Schultern und -starken Armen; unter den Sturmhauben hervor blickten ihn mutige Augen -und breite ehrliche Gesichter freundlich an; er fühlte sich ehrenvoll -ausgezeichnet, eine solche Schar zu führen. Man näherte sich dem Fuß -des Rotenberges, auf dessen Gipfel das Stammschloß von Württemberg -weit über das schöne Neckartal hinsah. Es war vom Sternenschimmer matt -erhellt, und Georg konnte seine Formen nicht deutlich unterscheiden, -aber dennoch blickte er immer wieder nach diesen Türmen und Mauern -hinauf; er erinnerte sich jener Nacht, wo Ulrich in der Höhle mit -Wehmut von der Burg seiner Väter sprach, von welcher er sonst auf ein -schönes Land voll Obst, Wein und Frucht hinabgeschaut und dies alles -_sein_ genannt hatte. Er versank in Gedanken über das unglückliche -Schicksal dieses Fürsten, das ihm aufs neue den Besitz des schönen -Landes streitig zu machen schien; er dachte nach über die sonderbare -Mischung seines Charakters, wie hier wahrhafte Größe oft durch Zorn, -Trotz und unbeugsamen Stolz entweiht sei. - -»Was Ihr dort unten unterscheiden könnet zwischen den beiden Bäumen,« -unterbrach ihn der Reiter, welcher ihm den Weg zeigte, »ist die -Turmspitze von Untertürkheim. Es geht jetzt wieder etwas ebener, und -wenn wir Trab reiten, können wir bald dort sein.« - -Der junge Mann trieb sein Pferd an, der ganze Zug folgte seinem -Beispiel, und bald waren sie im Angesicht dieses Dorfes. Hier war eine -doppelte Linie von Landsknechten aufgestellt, welche ihnen drohend die -Hellebarden entgegenstreckten. An vielen Punkten sah man den rötlichen -Schimmer glühender Lunten, die wie Scheinwürmchen durch die Nacht -funkelten. - -»Halt, wer da?« rief eine tiefe Stimme aus ihren Reihen. »Gebt die -Losung!« - -»Ulericus für immer!« rief Georg von Sturmfeder. »Wer seid Ihr?« --- »Gut Freund!« rief Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er aus -den Reihen der Landsknechte heraus und auf den jungen Mann zuritt. -»Guten Morgen, Georg! Ihr habt lange auf Euch warten lassen, schon -die ganze Nacht sind wir auf den Beinen und harren sehnlich auf -Verstärkung, denn dort drüben im Wald sieht es nicht geheuer aus, und -wenn Frondsberg den Vorteil verstanden hätte, wären wir schon längst -übermannt.« - -»Der Herzog zieht mit sechstausend Mann heran,« erwiderte Sturmfeder, -»längstens in zwei Stunden muß er da sein.« - -»Sechstausend, sagst du? Bei Sankt Nepomuk, das ist nicht genug; wir -sind zu dritthalbtausend, das macht zusammen gegen neuntausend. Weißt -du, daß sie über zwanzigtausend stark sind, die Bündischen? Wieviel -Geschütz bringt er mit?« - -»Ich weiß nicht; es wurde erst nachgeführt, als wir ausritten.« - -»Komm, laß die Reiter absitzen und ruhen,« sagte Marx Stumpf; »sie -werden heute Arbeit genug bekommen.« - -Die Reiter saßen ab und lagerten sich; auch die Landsknechte lösten -ihre Reihen auf und stellten nur starke Posten auf den Anhöhen und am -Neckar auf. Marx Stumpf besichtigte alle Anstalten, und Georg legte -sich, in seinen Mantel gehüllt, nieder, um noch einige Stunden zu -ruhen. Die Stille der Nacht, nur durch den eintönigen Ruf der Wachen -unterbrochen, senkte ihn bald in einen Schlummer, der seine Seele weit -hinweg über Krieg und Schlachten in die Arme seines Weibes entführte. - - - - -34. - - In schwarzen Pulverdämpfen - Verbirgt sich Mann und Roß; - Ihr schlagt euch immer kecker - Bergunter alle zumal; - Jetzt sprengt ihr durch den Necker, - Jetzt fechtet ihr im Tal. - - _G. Schwab._ - - -Georg erwachte am Wirbeln der Trommeln, die das kleine Heer unter die -Waffen riefen. Ein schmaler Saum war am Horizont helle, der Morgen kam, -die Truppen des Herzogs sah man in der Ferne daherziehen. Der junge -Mann setzte den Helm auf, ließ sich den Brustharnisch wieder anlegen -und stieg zu Pferd, den Herzog an der Spitze seiner Mannschaft zu -empfangen. Aus Ulrichs Zügen war zwar nicht der Ernst, wohl aber alle -Düsterkeit verschwunden. Sein Auge sprühte von einem kriegerischen -Feuer, und aus seinen Mienen sprach Mut und Entschlossenheit. Er war -ganz in Stahl gekleidet und trug über seinem schweren Eisenkleid einen -grünen Mantel mit Gold verbrämt. Die Farben seines Hauses wehten in -seinem großen wallenden Helmbusch. Sonst unterschied er sich in nichts -von den übrigen Rittern und Edeln, die, ebenfalls in blankes Eisen »bis -an die Zähne« gekleidet, den Herzog in einem großen Kreis umgaben. Er -begrüßte freundlich Hewen, Schweinsberg und Georg von Sturmfeder und -ließ sich von ihnen über die Stellung des Feindes berichten.[44] - -Noch war von diesem nichts zu sehen; nur an dem Saume des Waldes gegen -Eßlingen hin sah man hin und wieder seine Posten stehen. Der Herzog -beschloß, den Hügel, den die Landsknechte besetzt gehalten hatten, zu -verlassen und sich in die Ebene hinabzuziehen. Er hatte wenig Reiterei, -der Bund aber, so berichteten Ueberläufer, zählte dreitausend Pferde. -Im Tal hatte er auf einer Seite den Neckar, auf der andern einen Wald, -und so war er wenigstens auf den Flanken vor einem Reiterangriff sicher. - -Lichtenstein und mehrere andere widerrieten zwar diese Stellung im -Tal, weil man vom Hügel zu nahe beschossen werden könne; doch Ulrich -folgte seinem Sinn und ließ das Heer hinabsteigen. Er stellte zunächst -vor Türkheim die Schlachtordnung auf und erwartete seinen Feind. Georg -von Sturmfeder wurde beordert, in seiner Nähe mit den Reitern, die er -ihm anvertraut hatte, zu halten; sie sollten gleichsam seine Leibwache -bilden; zu diesen berittenen Bürgern gesellten sich noch Lichtenstein -und vierundzwanzig andere Ritter, um bei einem Reiterangriff den Stoß -zu verstärken. In jenen Tagen war ein Treffen oft in viele kleine -Zweikämpfe zerstreut, die Ritter, die einem Heere folgten, fochten -selten in geschlossenen Massen, sondern suchten mit schnellem Blicke -einen Gegner unter den Reihen des Feindes, den sie dann mit Schwert und -Lanze bekämpften. Eine solche Schar war es, die bei Georgs Reiterhaufen -stand, und den Herzog selbst gelüstete es, seine ungeheure Kraft, -seine weitberühmte Fertigkeit in einem solchen Zweikampf zu erproben, -und nur die inständigen Bitten der Ritter hielten ihn ab, diese -romantische Idee auszuführen. Neben dem Herzog hielt eine sonderbare -Figur, beinahe wie eine Schildkröte, die zu Pferde sitzt, anzusehen. -Ein Helm mit großen Federn saß auf einem kleinen Körper, der auf dem -Rücken mit einem gewölbten Panzer versehen war; der kleine Reiter hatte -die Kniee weit heraufgezogen und hielt sich fest am Sattelknopf. Das -herabgeschlagene Visier verhinderte Georg, zu erkennen, wer dieser -lächerliche Kämpfer sei; er ritt daher näher an den Herzog heran und -sagte: - -»Wahrhaftig, Euer Durchlaucht haben sich da einen überaus mächtigen -Kämpen zum Begleiter ausersehen. Sehet nur die dürren Beine, die -zitternden Arme, den mächtigen Helm zwischen den kleinen Schultern -- -wer ist denn dieser Riese?« - -»Kennst du den Höcker so schlecht?« fragte der Herzog lachend. »Sieh -nur, er hat einen ganz absonderlichen Panzer an, der wie eine große -Nußschale anzusehen, um seinen teuern Rücken zu verwahren, wenn es etwa -zur Flucht käme. Es ist mein getreuer Kanzler, Ambrosius Volland.« - -»Bei der heiligen Jungfrau! Dem habe ich bitter unrecht getan,« -entgegnete Georg; »ich dachte, er werde nie ein Schwert ziehen und ein -Roß besteigen, und da sitzt er auf einem Tier, so hoch wie ein Elefant, -und trägt ein Schwert, so groß als er selbst ist. Diesen kriegerischen -Geist hätte ich ihm nimmer zugetraut.« - -»Meinst du, er reite aus eigenem Entschluß zu Felde? Nein, ich habe ihn -mit Gewalt dazu genötigt. Er hat mir zu manchem geraten, was mir nicht -frommte, und ich fürchte, er hat mich mit böslicher Absicht aufs Eis -geführt; drum mag er auch die Suppe mit verzehren, die er eingebrockt -hat. Er hat geweint, wie ich ihn dazu zwang, er sprach viel vom -Zipperlein und von seiner Natur, die nicht kriegerisch sei; aber ich -ließ ihn in seinen Harnisch schnüren und zu Pferd heben; er reitet den -feurigsten Renner aus meinem Stall.« - -Während dies der Herzog sprach, schlug der Ritter vom Höcker das -Visier auf und zeigte ein bleiches, kummervolles Gesicht. Das ewig -stehende Lächeln war verschwunden, seine stechenden Aeuglein waren groß -und starr geworden und drehten sich langsam und schüchtern nach der -Seite; der Angstschweiß stand ihm auf der Stirne, und seine Stimme war -zum zitternden Flüstern geworden: »Um Gottes Barmherzigkeit willen, -wertgeschätzter Herr von Sturmfeder, viellieber Freund und Gönner, -leget ein gutes Wort ein beim gestrengen Herrn, daß er mich aus diesem -Fastnachtspiel entläßt. Es ist des allerhöchsten Scherzes jetzt genug. -Der Ritt in den schweren Waffen hat mich grausam angegriffen, der Helm -drückt mich aufs Hirn, daß meine Gedanken im Kreise tanzen, und meine -Kniee sind vom Zipperlein gekrümmt: bitte, bitte! leget ein gutes Wort -ein für Euren demütigen Knecht Ambrosius Volland; will's gewißlich -vergelten.« - -Der junge Mann wandte sich mit Abscheu von dem grauen, feigen Sünder. -»Herr Herzog,« sagte er, indem ein edler Zorn seine Wangen rötete, -»vergönnt ihm, daß er sich entferne. Die Ritter haben ihre Schwerter -gelüftet und die Helme fester in die Stirne gedrückt, das Volk -schüttelt die Speere und erwartet mutig das Zeichen zum Angriff, warum -soll ein Feigling in den Reihen von Männern streiten?« - -»Er bleibt, sage ich,« entgegnete der Herzog mit fester Stimme; »bei -dem ersten Schritt rückwärts hau' ich ihn selbst vom Gaul herunter. -Der Teufel saß auf deinen blauen Lippen, Ambrosius Volland, als du Uns -geraten, unser Volk zu verachten und das Alte umzustoßen. Heute, wenn -die Kugeln sausen und die Schwerter rasseln, magst du schauen, ob dein -Rat Uns frommte.« - -Des Kanzlers Augen glühten vor Wut, seine Lippen zitterten, und seine -Mienen verzerrten sich greulich. »Ich habe Euch nur geraten; warum habt -Ihr es getan?« sagte er. »Ihr seid Herzog, Ihr habt befohlen und Euch -huldigen lassen; was kann denn _ich_ dafür?« - -Der Herzog riß sein Pferd so schnell um, daß der Kanzler bis auf die -Mähnen seines Elefanten niedertauchte, als erwarte er den Todesstreich. -»Bei Unserer fürstlichen Ehre,« rief er mit schrecklicher Stimme, -indem seine Augen blitzten, »Wir bewundern Unsere eigene Langmut. Du -hast Unseren ersten Zorn benützt, du hast dich in Unser Vertrauen -einzuschwatzen gewußt; hätten Wir dir nicht gefolgt, du Schlange, -so stünden heute zwanzigtausend Württemberger hier, und ihre Herzen -wären eine feste Mauer für ihren Fürsten. O, mein Württemberg! mein -Württemberg! Daß ich deinem Rat gefolgt wäre, alter Freund; ja, es -heißt was, von seinem Volk geliebt zu sein!« - -»Entfernet diese Gedanken vor einer Schlacht,« sagte der alte Herr von -Lichtenstein; »noch ist es Zeit, das Versäumte einzuholen. Noch stehen -sechstausend Württemberger um Euch, und bei Gott, sie werden mit Euch -siegen, wenn Ihr mit Vertrauen sie in den Feind führet. O Herr! Hier -sind lauter Freunde, vergebet Euren Feinden, entlaßt den Kanzler, der -nicht fechten kann!« - -»Nein! her zu mir, Schildkröte! An meine Seite her, Hund von einem -Schreiber! Wie er zu Rosse sitzt, als hätte ihn unser Herrgott -hinaufgeschneit, den Schneemann! Du hast mein Volk verachtet in -deiner Kanzlei und ihnen Gesetze gegeben mit deiner Schwanenfeder, -jetzt sollst du sehen, wie sie streiten; jetzt sollst du sehen, wie -Württemberg siegt oder untergeht. Ha! seht Ihr sie dort auf dem Hügel? -Seht Ihr die Fahnen mit dem roten Kreuz? Seht Ihr das Banner von -Bayern? Wie ihre Waffen blitzen im Morgenrot, wie ihre Glieder von -tausend Lanzen starren, wie der Wind in ihren Helmbüschen spielt! -- -Guten Tag, ihr Herren vom Schwabenbund! Jetzt geht mir das Herz auf, -das ist ein Anblick für einen Württemberg.« - -»Schaut, sie richten schon die Geschütze,« unterbrach ihn -Lichtenstein; »zurück von diesem Platz, Herr! Hier ist Euer Leben in -augenscheinlicher Gefahr; zurück, zurück, _wir_ halten hier; schickt -uns Eure Befehle von dort zu, wo Ihr sicher seid!« - -Der Herzog sah ihn groß an. »Wo hast du gehört,« sagte er, »daß ein -Württemberg gewichen sei, wenn der Feind zum Angriff blasen ließ? Meine -Ahnen kannten keine Furcht, und meine Enkel werden noch aushalten -wie sie, _furchtlos und treu_! Sieh, wie der Berg sich dunkler und -dunkler füllt von ihren Scharen. Siehst du jene weißen Wolken am Berg, -Schildkröte? Hörst du sie krachen? Das ist der Donner der Geschütze, -der in unsere Reihen schlägt. Jetzt, wenn du ein gutes Gewissen hast, -wirst du leichter Atem holen, denn um dein Leben gibt dir keiner einen -Pfennig.« - -»Lasset uns beten,« sagte Marx von Schweinsberg, »und dann drauf in -Gottes Namen!« - -Der Herzog faltete andächtig die Hände, seine Begleiter folgten seinem -Beispiel und beteten zum Anfang der Schlacht, wie es Sitte war in den -alten Tagen. Der Donner der feindlichen Geschütze tönte schauerlich in -diese tiefe Stille, in welcher man jeden Atemzug, jedes leise Flüstern -der Betenden hörte. Auch der Kanzler faltete die Hände, aber seine -Augen richteten sich nicht gläubig auf zum Himmel, sie irrten zagend -an den Bergen umher, und das Beben seines Körpers, so oft Blitz und -Rauch aus den Feldstücken des Feindes fuhr, zeigte, daß seine Seele -nicht zu dem sich aufzuschwingen vermöge, der aus den Strahlen seiner -Morgensonne über Freunde und Feinde herabblickte. - -Ulrich von Württemberg hatte gebetet und zog sein Schwert aus der -Scheide. Die Ritter und Reisigen folgten ihm, und in einem Augenblick -blitzten tausend Schwerter um ihn her. »Die Landsknechte sind schon im -Gefecht,« sagte er, indem sein Adlerauge schnell das Tal überschaute. -»Georg von Hewen, Ihr rückt ihnen mit tausend zu Fuß nach. Schweinsberg -lehne sich mit achthundert an den Wald und warte bis auf weiteres. -Reinhardt von Gemmingen, wollet mit den Eurigen geradeaus ziehen -und den mittleren Raum zwischen dem Wald und dem Neckar einnehmen. -Sturmfeder, du bleibst mit deiner Abteilung Reiter; doch bist du jeden -Augenblick bereit, vorzubrechen. Gott befohlen, ihr Herren; sollten wir -uns hier unten nicht wieder sehen, so grüßen wir uns desto freudiger -oben.« Er grüßte sie, indem er sein großes Schwert gegen sie neigte. -Die Ritter erwiderten den Gruß und zogen mit ihren Scharen dem Feinde -zu, und ein tausendstimmiges »Ulrich für immer!« ertönte aus ihren -Reihen. - -Das bündische Heer, das auf dem Hügel, den die Herzoglichen früher -besetzt gehalten hatten, angekommen war, begrüßte seinen Feind aus -vielen Feldschlangen und Kartaunen; dann zogen sie sich allmählich -herab ins Tal. Sie schienen durch ihre ungeheure Anzahl das kleine Heer -des Herzogs erdrücken zu wollen. In dem Augenblick, als die letzten -Glieder den Hügel verlassen wollten, wandte sich der Herzog zu Georg -von Sturmfeder. »Siehst du ihre Feldstücke auf dem Hügel?« fragte er. - -»Wohl; sie sind nur durch wenige Mannschaft bedeckt.« - -»Frondsberg glaubt, weil wir nicht über ihn wegfliegen können, sei -es unmöglich, sein Geschütz zu nehmen. Aber dort am Wald biegt ein -Weg links ein und führt in ein Feld. Das Feld stößt an jenen Hügel. -Kannst du mit deinen Reitern ungehindert bis in jenes Feld vordringen, -so bist du beinahe schon im Rücken der Bündischen. Dort läßt du die -Pferde verschnauben, legst dann an und im Galopp den Hügel hinauf; die -Geschütze müssen unser sein!« - -Georg verbeugte sich zum Abschied, aber der Herzog bot ihm die Hand. -»Lebe wohl, lieber Junge!« sagte er. »Es ist hart von uns, einen jungen -Ehemann auf so gefährliche Reise zu schicken, aber Wir wußten keinen -Rascheren und Besseren als dich.« - -Die Wangen des jungen Mannes glühten, als er diese Worte hörte, und -seine Augen blinkten mutig. »Ich danke Euch, Herr, für diesen neuen -Beweis Eurer Gnade,« rief er, »Ihr belohnt mich schöner, als wenn Ihr -mir die schönste Burg geschenkt hättet. -- Lebt wohl, Vater, und grüßt -mein Weibchen.« - -»So ist's nicht gemeint!« entgegnete lächelnd der alte Lichtenstein; -»ich reite mit dir unter deiner Führung --« - -»Nein, Ihr bleibet bei mir, alter Freund,« bat der Herzog, »soll mir -denn der Kanzler hier im Felde raten? Da könnte ich so übel fahren, -wie mit seinen anderen Ratschlüssen. Bleibet mir zur Seite; machet den -Abschied kurz, Alter! Euer Sohn muß weiter!« - -Der Alte drückte Georgs Hand. Lächelnd und mit freudigem Mute erwiderte -dieser den Abschiedsgruß, schwenkte mit seinen Reitern ab, und »Ulrich -für immer!« riefen die Stuttgarter Bürger zu Pferd, welche er in dieser -entscheidenden Stunde gegen den Feind führte. Georg betrachtete, als -er an dem Waldsaum hinritt, sinnend die Schlacht. Die Württemberger -hatten eine gute Stellung, denn der Wald und der Neckar deckte sie, und -ihre Flügel und das Zentrum waren stark genug, um auch einen mächtigen -Stoß von Reiterei auszuhalten. Er konnte sich aber nicht verhehlen, -daß, wenn sie sich aus dieser Stellung herauslocken ließen, sie alle -diese Vorteile verlieren würden, weil sie dann entweder zwischen dem -Wald und dem linken Flügel einen bedeutenden Zwischenraum lassen oder, -um diesen auszufüllen, ihre Schlachtlinie so weit ausdehnen müßten, -daß sie an innerer Stärke verlieren würden und leichter durchbrochen -werden könnten. Ein großer Nachteil für die Württemberger war auch ihre -geringe Anzahl, denn der Feind zählte zwei Dritteile mehr. Er konnte -zwar in dem engen Tal seine Streitkräfte nicht entwickeln und nur -wenige Mannschaft auf einmal ins Treffen führen, doch war dies immer -genug, um die Herzoglichen unausgesetzt zu beschäftigen; der Feind -behielt dadurch immer frische Leute, und es war zu befürchten, daß die -sechstausend Württemberger, wenn sie auch noch so tapfer standhalten -sollten, endlich aus Ermattung werden unterliegen müssen. - -Der Wald nahm jetzt Georg und seine Schar auf; sie rückten still -und vorsichtig weiter, denn Georg wußte wohl, wie schwierig es für -einen Reiterzug sei, im Wald von Fußvolk angegriffen zu werden. Doch -ungefährdet kamen sie bis auf das Feld heraus, das ihnen der Herzog -bezeichnet hatte. Rechts über dem Wald hin wütete die Schlacht. -Das Geschrei der Angreifenden, das Schießen aus Donnerbüchsen und -Feldstücken, das Wirbeln der Trommeln hallte schrecklich herüber. - -Vor ihnen lag der Hügel, von dessen Gipfel eine gute Anzahl Kartaunen -in die Reihen der Württemberger spielte; dieser Hügel erhob sich von -der Seite des Wäldchens allmählich, und Georg bewunderte den schnellen -Blick des Herzogs, der diese Seite sogleich erspäht hatte, denn von -jeder andern Seite wäre, wenigstens für Reiter, der Angriff unmöglich -gewesen. Das Geschütz wurde, soviel man von unten sehen konnte, nur -durch eine schwache Mannschaft bedeckt, und als daher die Pferde ein -wenig geruht hatten, ordnete Georg seine Schar und brach im Galopp an -der Spitze der Reiter vor. In einem Augenblick waren sie auf dem Gipfel -des Hügels angekommen, und Georg rief den bündischen Soldaten zu, sich -zu ergeben. - -Sie zauderten, und die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von -Stuttgart ersparten ihnen die Mühe, denn mit gewaltigen Streichen -hieben sie Helme und Köpfe durch, daß von der Bedeckung bald wenige -mehr übrig waren. Georg warf einen frohlockenden Blick auf die Ebene -hinab seinem Herzog zu; er hörte das Freudengeschrei der Württemberger -aus vielen tausend Kehlen aufsteigen, er sah, wie sie frischer -vordrangen, denn ihre Hauptfeinde, die Feldstücke auf dem Hügel, waren -jetzt zum Schweigen gebracht. - -Aber in diesem Augenblicke der Siegesfreude gewahrte er auch, daß -jetzt der zweite und schwerere Teil seiner schnellen Operation, _der -Rückzug_, gekommen sei; denn auch die Bündischen hatten bemerkt, wie -ihr Geschütz plötzlich verstummt sei, und ihre Obersten hatten alsobald -eine Reiterschar gegen den Hügel aufbrechen lassen. Es war keine Zeit -mehr, die schweren erbeuteten Feldstücke wegzuführen; darum befahl -Georg, mit Erde und Steinen ihre Mündungen zu verstopfen und sie auf -diese Weise unbrauchbar zu machen. Dann warf er einen Blick auf den -Rückweg; zwischen ihm und den Seinigen lag der Wald auf der einen, -das feindliche Heer auf der andern Seite. Wurde er nur von Reiterei -angegriffen, so war der Rückweg durch den Wald möglich, weil dann -der Feind dieselben Schwierigkeiten zu überwinden hatte wie er. Aber -seinem scharfen Auge entging nicht, daß ein großer Haufe bündischen -Fußvolkes in den Wald ziehe, um ihm den Rückweg abzuschneiden, und so -sah er sich von dem Walde ausgeschlossen. Das große Heer des Bundes zu -durchbrechen, sich mit hundertundsechzig Pferden durch zwanzigtausend -durchzuschlagen, wäre Tollkühnheit gewesen. Es blieb nur _ein_ Weg, und -auch auf diesem war der Tod gewisser als die Rettung. Zur Linken des -feindlichen Heeres floß der Neckar. Am andern Ufer war kein Mann von -bündischer Seite; konnte er dieses Ufer gewinnen, so war es möglich, -sich zum Herzog zu schlagen. Schon waren die Reiter des Bundes, wohl -fünfhundert stark, am Fuß des Hügels angelangt; er glaubte an ihrer -Spitze den Truchseß von Waldburg zu erblicken; jedem andern, selbst dem -Tod wollte er sich lieber ergeben als diesem. - -Drum winkte er den tapfern Württembergern nach der steilern Seite des -Hügels hin, die zum Neckar führte. Sie stutzten; es war zu erwarten, -daß unter zehn immer acht stürzen würden, so jähe war diese Seite, und -unten stand zwischen dem Hügel und dem Fluß ein Haufen Fußvolk, das sie -zu erwarten schien. Aber ihr junger, ritterlicher Führer schlug das -Visier auf und zeigte ihnen sein schönes Antlitz, aus welchem der Mut -der Begeisterung sie anwehte; sie hatten ihn ja noch vor wenigen Wochen -eine holde Jungfrau zur Kirche führen sehen, durften sie an Weib und -Kinder denken, da _er_ diesen Gedanken weit hinter sich geworfen hatte? - -»Drauf, wir wollen sie schlachten!« riefen die Fleischer, »drauf, wir -wollen sie hämmern!« riefen die Schmiede, »immer drauf, wir wollen -sie lederweich klopfen!« riefen ihnen die Sattler nach; »drauf, mit -Gott, Ulrich für immer!« rief der hochherzige Jüngling, drückte seinem -Roß die Sporen ein und flog ihnen voran, den steilen Hügel hinab. -Die feindlichen Reiter trauten ihren Augen nicht, als sie den Hügel -heraufkamen, die verwegene Schar gefangen zu nehmen, und sie schon -unten, mitten unter dem Fußvolk erblickten. Wohl hatte mancher den -kühnen Ritt mit dem Leben bezahlt, mancher war mit dem Roß gestürzt und -in Feindes Hand gefallen, aber die meisten sah man unten tapfer auf -das Fußvolk einhauen, und der Helmbusch ihres Anführers wehte hoch und -mitten im Gedränge. Jetzt waren die Reihen des Fußvolkes gebrochen, -jetzt drängten sich die Reiter nach dem Neckar -- jetzt -- setzte ihr -Führer an und war der erste im Fluß. Sein Pferd war stark, und doch -vermochte es nicht mit der Last seines gewappneten Reiters gegen die -Gewalt des vom Regen angeschwellten Stromes anzukämpfen, es sank, und -Georg von Sturmfeder rief den Männern zu, nicht auf ihn zu achten, -sondern sich zum Herzog zu schlagen und ihm seinen letzten Gruß zu -bringen. Aber in demselben Augenblick hatten zwei Waffenschmiede sich -von ihren Rossen in den Fluß geworfen; der eine faßte den jungen Ritter -am Arm, der andere ergriff die Zügel seines Pferdes, und so brachten -sie ihn glücklich ans Land heraus. - -Die Bündischen hatten ihnen manche Kugel nachgesandt, aber keine -hatte Schaden getan, und im Angesicht beider Heere, durch den Fluß von -ihnen getrennt, setzte die kühne Schar ihren Weg zum Herzog fort. Es -war unweit seiner Stellung eine Furt, wo sie ohne Gefahr übersetzen -konnten, und mit Jubel und Freudengeschrei wurden sie wieder von den -Ihrigen empfangen. - -Ein Teil des feindlichen Geschützes war zwar durch diesen ebenso -schnellen als verwegenen Zug Georgs von Sturmfeder zum Schweigen -gebracht worden, aber das Verhängnis Ulrichs von Württemberg wollte, -daß ihm diese kühne Waffentat zu nichts mehr nützen sollte; die -Kräfte seiner Völker waren durch die immer erneuerten Angriffe des -an Zahl weit überlegenen Feindes endlich völlig erschöpft worden; -die Landsknechte hielten zwar mit ihrem gewöhnlichen kriegerischen -Feuer aus, aber ihre Anführer hatten sich schon genötigt gesehen, -sie in Kreise zu stellen, um den Andrang der feindlichen Kavallerie -abzuwehren; dadurch war die Linie hin und wieder unterbrochen, und -das Landvolk, das man durch eilige Bewaffnung nicht zu Kriegern -hatte machen können, füllte nur schlecht diese Lücken aus. In diesem -Augenblick wurde dem Herzog gemeldet, daß der Herzog von Bayern -Stuttgart plötzlich überfallen und eingenommen habe, daß ein neues -feindliches Heer in seinem Rücken am Fluß heraufziehe und kaum noch -eine Viertelstunde entfernt sei. Da merkte er, daß er an diesem Tage -sein Reich zum zweitenmal verloren habe, daß ihm nichts mehr übrig -bleibe als Flucht oder Tod, um nicht in die Hände seiner Feinde -zu fallen. Seine Begleiter rieten ihm, sich in sein Stammschloß -Württemberg zu werfen und sich dort zu halten, bis er Gelegenheit -fände, heimlich zu entrinnen; er schaute hinauf nach dieser Burg, die, -von dem Glanz des Tages bestrahlt, ernst auf jenes Tal herabblickte, -wo der Enkel ihrer Erbauer den letzten verzweifelten Kampf um sein -Herzogtum kämpfte. Aber er erbleichte und deutete sprachlos hinauf, -denn auf den Türmen und Mauern dieser Burg erschienen rote, glänzende -Fähnlein, die im Morgenwind spielten; die Ritter blickten schärfer -hin, sie sahen, wie die Fähnlein wuchsen und größer wurden, und ein -schwärzlicher Rauch, der jetzt an vielen Stellen aufstieg, zeigte -ihnen, daß es die Flamme sei, welche ihre glühenden Paniere siegend auf -den Zinnen aufgesteckt hatte. Württemberg brannte an allen Ecken, und -sein unglücklicher Herr sah mit dem greulichen Lachen der Verzweiflung -diesem Schauspiel zu. Jetzt bemerkten auch die Heere die brennende -Burg. Die Bündischen begrüßten diese Flammen mit einem Freudengeschrei, -den Württembergern entsank der Mut, es war ihnen, als sei dies ein -Zeichen, daß das Glück ihres Herzogs ein Ende habe. - -Schon tönten die Trommeln des im Rücken heranziehenden Heeres -vernehmlicher, schon wich an vielen Orten das Landvolk, da sprach -Ulrich: »Wer es noch redlich mit Uns meint, folge nach! Wir wollen -uns durchschlagen durch ihre Tausende oder zu Grunde gehen. Nimm mein -Banner in die Hand, tapferer Sturmfeder, und reite mutig mit uns in den -Feind!« Georg ergriff das Panier von Württemberg, der Herzog stellte -sich neben ihn, die Ritter und die Bürger zu Pferd umgaben sie und -waren bereit, ihrem Herzog Bahn zu brechen. Der Herzog deutete auf eine -Stelle, wo die Feinde dünner standen, dort müsse man durchkommen, oder -alles sei verloren. Noch fehlte es an einem Anführer, und Georg wollte -sich an die Spitze stellen, da winkte ihm der Ritter von Lichtenstein, -seinen Platz an der Seite des Herzogs nicht zu verlassen, und stellte -sich vor die Reiter; noch einmal wandte er die ehrwürdigen Züge dem -Herzog und seinem Sohne zu, dann schloß er das Visier und rief: -»Vorwärts, hie gut Württemberg alleweg!« - -Dieser Reiterzug war wohl zweihundert Pferde stark und bewegte sich -in Form eines Keiles im Trab vorwärts. Der Kanzler Ambrosius Volland -sah sie mit leichtem Herzen abziehen, denn der Herzog schien ihn ganz -vergessen zu haben, und er hielt jetzt mit sich Rat, wie er ohne -Gefahr von seinem hochbeinigen Tier herabkommen sollte. Doch der edle -Renner des Herzogs hatte mit klugen Augen den Reitern nachgeschaut; -solange sie sich im Trab fortbewegten, stand er stille und regungslos, -jetzt aber ertönten die Trompeten zum Angriff, man sah das Panier von -Württemberg hoch in den Lüften wehen und die tapfere Reiterschar im -Galopp auf den Feind ansprengen. Auf diesen Moment schien der Renner -gewartet zu haben; mit der Schnelligkeit eines Vogels strich er jetzt -über die Ebene hin, den Reitern nach; dem Kanzler vergingen die Sinne, -er hielt sich krampfhaft am Sattelknopf, er wollte schreien, aber die -Blitzesschnelle, womit sein Roß die Luft teilte, unterdrückte seine -Stimme; in einem Augenblick hatte er den Zug eingeholt; so schnell sie -ihre Rosse auslaufen ließen, er überholte sie, und so hatte es der -Kanzler in kurzer Zeit bis zum Anführer der Reiter gebracht. Der Feind -stutzte über die sonderbare Gestalt, die mehr einem geharnischten Affen -als einem Krieger glich; noch ehe sie sich recht besinnen konnten, -war der fürchterliche Mann mitten in ihren Reihen, die Württemberger -brachen, trotz des entscheidenden Augenblickes, in ein lustiges -Gelächter aus, und auch dieses mochte beitragen, die tapfern Truppen -von Ulm, Gmünd, Aalen, Nürnberg und noch zehn andern Reichsstädten, -welche dieser unerwartete Angriff traf, zu verwirren; sie zerstiebten -vor der ungeheuren Wucht der zweihundert Pferde, und die ganze Schar -war im Rücken des Feindes. Sie setzte eilig ihren Marsch fort, und ehe -noch die bündische Reiterei zum Nachsetzen herbeigerufen werden konnte, -hatte der Herzog mit wenigen Begleitern sich zur Seite geschlagen; er -gewann einen großen Vorsprung, denn die Reiterei des Bundes erreichte -die berittene Schar der Bürger erst vor den Toren von Stuttgart, und es -fand sich unter ihnen weder der Herzog noch einer seiner wichtigeren -Anhänger, außer dem Kanzler Ambrosius Volland, den man halbtot vom -Pferde hob. Die bündischen Kriegsleute behandelten ihn, nachdem man -ihm die gewölbte Rüstung vom Leib geschält hatte, sehr übel, denn -nur seiner fürchterlichen, alle Begriffe übersteigenden Tapferkeit -schrieben sie es zu, daß ihnen der Herzog und mit ihm eine Belohnung -von tausend Goldgulden entgangen war. So geschah es, daß dieser tapfere -Kanzler, nicht wie sein Herzog _in_ der Schlacht, sondern _nach_ der -Schlacht _geschlagen_ wurde. - - - - -35. - - Wohl wieget _eines_ viele Taten auf -- - Sie achten drauf -- - Das ist um deines Vaterlandes Not - Der Heldentod. - Sieh hin, die Feinde fliehen, blick' hinan, - Der Himmel glänzt, dahin ist unsre Bahn. - - _L. Uhland._ - - -Die Nacht, welche diesem entscheidenden Tage folgte, brachten Herzog -Ulrich und seine Begleiter in einer engen Waldschlucht zu, die durch -Felsen und Gesträuche einen sicheren Versteck gewährte und noch heute -bei dem Landvolk die »Ulrichshöhle« genannt wird. Es war der Pfeifer -von Hardt, der ihnen auf ihrer Flucht als ein Retter in der Not -erschienen war und sie in diese Bucht führte, die nur den Bauern und -Hirten der Gegend bekannt war. Der Herzog hatte beschlossen, hier zu -rasten, um dann, sobald der Tag graute, seine Flucht nach der Schweiz -fortzusetzen. Wohl wäre ihm hiezu die Nacht günstiger gewesen, denn -die Bundestruppen hatten schon das Land besetzt, und es war wenig -Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß er sie täuschen und ungehindert -entkommen werde; aber die Pferde waren von dem heißen Schlachttag -ermüdet, und es war unmöglich, den Herzog und seine notwendige -Begleitung von neuem beritten zu machen, ohne die Nachforschung des -Feindes nach diesem Schlupfwinkel zu leiten. - -Die Männer hatten sich um ein spärliches Feuer gelagert. Der Herzog -war längst dem Schlummer in die Arme gesunken und vergaß vielleicht -in seinen Träumen, daß er ein Herzogtum verloren habe; auch der alte -Herr von Lichtenstein schlief, und Marx Stumpf von Schweinsberg -hatte seine mächtigen Arme auf die Kniee gestützt, sein Gesicht in -die Hände verborgen, und man war ungewiß, ob er schlafe oder, in -Kummer versunken, über das Schicksal des Herzogs nachdachte, das sich -mit einem Schlag so furchtbar gewendet hatte. Georg von Sturmfeder -besiegte die Macht des Schlummers, der sich immer wieder über ihn -lagern wollte; er war der jüngste unter allen und hatte freiwillig in -dieser Nacht die Wache übernommen. Neben ihm saß Hans, der Pfeifer -von Hardt; er sah unverwandt ins Feuer, und seine Gedanken schienen -sich in einem Liedchen zu sammeln, dessen melancholische Weise er mit -leiser, unterdrückter Stimme vor sich hin sang. Wenn das Feuer heller -aufflackerte, schaute er mit einem trüben Blick nach dem Herzog, und -wenn er sah, daß jener noch immer schlafe, versank er wieder in den -flüsternden, traurigen Gesang. - -»Du singst eine traurige Weise, Hans!« unterbrach ihn Georg, den die -melancholischen Töne dieses Liedes unheimlich anregten; »es tönt wie -Totengesang und Sterbelieder, ich kann es nicht ohne Schaudern hören.« - -»Wir können alle Tage sterben,« sagte der Spielmann, indem er düster in -die Flamme blickte; »drum sing' ich gerne ein solches Lied, es ist mir, -als könnte ich mit solchen Gedanken würdiger sterben.« - -»Wie kommst du auf einmal zu diesen Todesgedanken, Hans? Du warst doch -sonst ein fröhlicher Bursche zur Herbstzeit, und deine Zither tönte auf -mancher Kirchweih. Da hast du gewiß keine Totenlieder gesungen.« - -»Meine Freude ist aus,« erwiderte er und wies auf den Herzog; »all -meine Mühe, all meine Sorge war vergebens; es ist aus mit dem Herrn, -und ich -- ich bin sein Schatten; auch mit mir ist's aus; hätte ich -nicht Frau und Kind, ich möchte heute nacht noch sterben.« - -»Wohl warst du immer sein getreuer Schatten,« sagte der junge Mann -gerührt, »und oft habe ich deine Treue bewundert; höre, Hans! wir sehen -uns vielleicht lange nicht mehr. Jetzt haben wir Zeit zu schwatzen, -erzähle mir, was dich so ausschließlich und enge an den Herzog knüpft, -wenn es etwas ist, das du erzählen kannst.« - -Er schwieg einige Augenblicke und schürte das Feuer zurecht; ein -unruhiges Feuer blitzte in seinen Augen, und Georg war ungewiß, ob es -die Flamme oder eine innere Bewegung sei, was seine ausdrucksvollen -Züge mit wechselnder Röte übergoß. »Das hat seine eigene Bewandtnis,« -sagte er endlich, »und ich spreche nicht gerne davon. Doch Ihr habt -recht, Herr, auch mir ist es, als werden wir uns lange nicht mehr -sehen, so will ich Euch denn erzählen. Habt Ihr nie von dem Armen -Konrad gehört?« - -»O ja,« erwiderte Georg, »das Gerücht davon kam noch weiter als bis -zu uns nach Franken; war es nicht ein Aufstand der Bauern? Wollte man -nicht sogar dem Herzog ans Leben?« - -»Ihr habt ganz recht, der Arme Konrad war ein böses Ding. Es mögen nun -sieben Jahre sein, da gab es unter uns Bauern viele Männer, die mit der -Herrschaft unzufrieden waren; es waren Fehljahre gewesen, den Reicheren -ging das Geld aus, die Armen hatten schon lange keines mehr, und doch -sollten wir zahlen ohne Ende, denn der Herzog brauchte gar viel Geld -für seinen Hof, wo es alle Tage zuging wie im Paradies.« - -»Gaben denn eure Landstände nach, wenn der Herr so viel Geld -verlangte?« fragte Georg. - -»Sie wagten eben auch nicht immer ›nein‹ zu sagen, des Herzogs Beutel -hatte aber gar ein großes Loch, das wir Bauern mit unserm Schweiß nicht -zuleimen konnten. Da gab es nun viele, die ließen die Arbeit liegen, -weil das Korn, das sie pflanzten, nicht zu ihrem Brot wuchs, und der -Wein, den sie kelterten, nicht für sie in die Fässer floß. Diese, als -sie dachten, daß man ihnen nichts mehr nehmen könne als das arme Leben, -lebten lustig und in Freuden, nannten sich Grafen zu Nirgendsheim, -sprachen viel von ihren Schlössern auf dem Hungerberge und von ihren -bedeutenden Besitzungen in der Fehlhalde und am Bettelrain; und diese -Gesellschaft war der arme Konrad.« - -Der Pfeifer legte sinnend seine Stirne in die Hand und schwieg. - -»Von _dir_ wolltest du ja erzählen, Hans,« sagte Georg, »von dir und -dem Herzog.« -- - -»Das hätte ich beinahe vergessen,« antwortete dieser. -- »Nun,« fuhr er -fort, »es kam endlich dahin, daß man Maß und Gewicht geringer machte -und dem Herzog gab, was damit gewonnen wurde. Da ward aus dem Scherz -bitterer Ernst. Es mochte mancher nicht ertragen, daß ringsumher volles -Maß und Gewicht, und nur bei uns kein Recht sei. Im Remstale trug der -Arme Konrad das neue Gewicht hinaus und machte die Wasserprobe.« - -»Was ist das?« fragte der junge Mann. - -»Ha!« lachte der Bauer, »das ist eine leichte Probe. Man trug den -Pfundstein mit Trommeln und Pfeifen an die Rems und sagte: ›Schwimmt's -oben, hat der Herzog recht; sinkt's unter, hat der Bauer recht.‹ -Der Stein sank unter, und jetzt zog der Arme Konrad Waffen an. Im -Remstal und im Neckartal bis hinauf gegen Tübingen und hinüber an die -Alb standen die Bauern auf und verlangten das alte Recht. Es wurde -gelandtagt und gesprochen, aber es half doch nichts. Die Bauern gingen -nicht auseinander.« - -»Aber du, von _dir_ sprichst du ja gar nicht.« - -»Daß ich's kurz sage, ich war einer der Aergsten,« antwortete Hans, -»ich war kühn und trotzig, mochte nicht gerne arbeiten und wurde wegen -Jagdfrevel unmenschlich abgestraft; da trat ich in den Armen Konrad, -und bald war ich so arg als der _Gaispeter_ und der _Bregenzer_. Der -Herzog aber, als er sah, daß der Aufruhr gefährlich werden könne, ritt -selbst nach Schorndorf. Man hatte uns zur Huldigung zusammenberufen, -wir erschienen zu vielen Hunderten, aber bewaffnet. Der Herzog -sprach selbst zu uns, aber man hörte ihn nicht an. Da stand der -Reichsmarschall auf, erhob seinen goldenen Stab und sprach: ›Wer es -mit dem Herzog Ulrich von Württemberg hält, trete auf seine Seite!‹ -Der Gaispeter aber trat auf einen hohen Stein und rief: ›Wer es mit -dem Armen Konrad vom Hungerberg hält, trete hierher!‹ Siehe, da stand -der Herzog verlassen unter seinen Dienern. Wir andern hielten zu dem -Bettler.« - -»O, schändlicher Aufruhr,« rief Georg, vom Gefühl des Unrechts -ergriffen; »schändlich vor allen die, welche es so weit kommen ließen! -Da war gewiß Ambrosius Volland, der Kanzler, an vielem schuld?« - -»Ihr könnet recht haben,« erwiderte der Spielmann; »doch höret weiter: -der Herzog, als er sah, daß seine Sache verloren sei, schwang sich -auf sein Roß, wir aber drängten uns um ihn her; doch noch wagte es -keiner, den Fürsten anzutasten, denn er sah gar zu gebietend aus seinen -großen Augen auf uns herab. ›Was wollt Ihr, Lumpen!‹ schrie er und gab -seinem Hengst die Sporen, daß er sich hoch aufbäumte und drei Männer -niederriß. Da erwachte unser Grimm; sie fielen seinem Roß in die Zügel, -sie stachen nach ihm mit Spießen, und ich, ich vergaß mich so, daß ich -ihn am Mantel packte und rief: ›Schießt den Schelmen tot!‹« - -»_Das warst du_, Hans?« rief Georg und sah ihn mit scheuen Blicken an. - -»_Das war ich_,« sagte dieser langsam und ernst; »aber es ward mir -dafür, was mir gebührte. Der Herzog entkam uns damals und sammelte ein -Heer; wir konnten nicht lange aushalten und ergaben uns auf Gnad' und -Ungnad'. Es wurden zwölf Anführer des Aufruhrs nach Schorndorf geführt -und dort gerichtet; ich war auch unter diesen. Aber als ich so im -Kerker lag und mein Unrecht und den nahen Tod überdachte, da graute mir -vor mir selbst, und ich schämte mich, mit so elenden Gesellen, wie die -elf andern waren, gerichtet zu werden.« - -»Und wie wurdest du gerettet?« fragte Georg teilnehmend. - -»Wie ich Euch schon in Ulm sagte, durch ein Wunder. Wir zwölf wurden -auf den Markt geführt, es sollte uns dort der Kopf abgehauen werden. -Der Herzog saß vor dem Rathaus und ließ uns noch einmal vor sich -führen. Jene elfe stürzten nieder, daß ihre Ketten fürchterlich -rasselten, und schrieen mit jammernder Stimme um Gnade. Er sah sie -lange an und betrachtete dann mich. ›Warum bittest du nicht auch?‹ -fragte er. ›Herr,‹ antwortete ich, ›ich weiß, was ich verdient habe, -Gott sei meiner Seele gnädig.‹ Noch einmal sah er auf uns, dann aber -winkte er dem Scharfrichter. Wir wurden nach dem Alter gestellt, -ich als der jüngste war der letzte. Ich weiß wenig mehr von jenen -schrecklichen Augenblicken; aber nie vergesse ich den greulichen Ton, -wenn die Halsknorpel krachten --« - -»Um Gottes willen hör' auf,« bat Georg, »oder übergehe das Gräßliche!« - -»Neun Köpfe meiner Gesellen staken auf den Spießen, da rief der Herzog: -›Zehn sollen bluten, zwei frei sein. Bringt Würfel her und laßt die -drei dort würfeln!‹ Man brachte Würfel, der Herzog bot sie mir zuerst; -ich aber sagte: ›Ich habe mein Leben verwirkt und würfle nicht mehr -darüber!‹ Da sprach der Herzog: ›Nun, so würfle ich für dich.‹ Er bot -den zwei andern die Würfel hin. Zitternd schüttelten sie in den kalten -Händen die Würfel, zitternd zählten sie die Augen: der eine warf neun, -der andere vierzehn; da nahm der Herzog die Würfel und schüttelte sie. -Er faßte mich scharf ins Auge, ich weiß, daß ich nicht gezittert habe. -Er warf -- und deckte schnell die Hand darauf. ›Bitte um Gnade,‹ sagte -er, ›noch ist es Zeit!‹ -- ›Ich bitte, daß Ihr mir verzeihen möget, was -ich Euch Leids getan,‹ antwortete ich; ›um Gnade aber bitt' ich nicht, -ich habe sie nicht verdient und will sterben.‹ Da deckte er die Hand -auf, und siehe, er hatte achtzehn geworfen. Es war mir sonderbar zu -Mut, es kam mir vor, als habe er gerichtet an Gottes Statt. Ich stürzte -auf meine Kniee nieder und gelobte, fortan in seinem Dienst zu leben -und zu sterben. Der zehnte ward geköpft, wir beide waren frei.« - -Mit immer höher steigender Teilnahme hatte Georg der Erzählung des -Pfeifers von Hardt zugehört; aber als er schloß, als sich das sonst -so kühn und listig blickende Auge mit Tränen füllte, da konnte er -sich nicht enthalten, seine Hand zu fassen, sie fest und herzlich zu -drücken. »Es ist wahr,« sagte der junge Mann, »du hast Schweres an -deinem Landesherrn verschuldet, aber du hast auch schrecklich gebüßt, -denn du hast den Tod dennoch erlitten; jenes schnelle Zücken des -Schwertes ist nichts mehr gegen das Gefühl, so viele bekannte Menschen -hinrichten und sich den Tod immer näher kommen zu sehen! Und hast du -nicht durch ein Leben voll Treue, durch Aufopferung und Wagnis aller -Art den Fürsten versöhnt, an den du deine Hand legtest? Wie oft hast du -ihm Freiheit, vielleicht das Leben gerettet! Wahrlich, deine Schuld ist -reichlich abgetragen.« - -Der arme Mann hatte, nachdem er seine Erzählung geschlossen, wieder -mit düsterem Sinnen ins Feuer geschaut. Er hätte ganz teilnahmlos -geschienen, wenn nicht unter den Worten Georgs nach und nach ein trübes -Lächeln auf seinen Zügen erschienen wäre. »Meint Ihr,« sagte er, -»ich hätte gebüßt und meine Schuld abgetragen? Nein, solche Schulden -tilgen sich nicht so bald, und ein geschenktes Leben muß für den -ausgesetzt werden, der es uns fristete. Das Umherschleichen in den -Bergen, Kundschaft bringen aus Feindes Lager, Höhlen zeigen, wo man -sich verbergen kann, das ist keine schwere Sache, Herr, und das allein -tut's nicht. Ich weiß, ich werde noch einmal für ihn sterben müssen -- -und dann, Herr, nehmt Euch meines Weibes und meiner Tochter an.« - -Eine Träne fiel in seinen Bart; doch als schäme er sich, so weich zu -sein, verbarg er sein Gesicht in der Hand und fuhr fort: »Doch dazu -bin ich noch gut genug; wie jeder Kriegsmann, wie jeder im Volk darf -ich für ihn sterben; o, könnte ich durch meinen Tod seine Huldigung -abändern und ihm das Land wieder verschaffen, noch in dieser Stunde -wollte ich sterben!« - -Der Herzog erwachte; er richtete sich auf, er sah mit verwunderten -Blicken um sich her, als sei er durch einen Zauber in diese Erdschlucht -versetzt und sehe jetzt erst diese Felsen und Bäume, das spärliche -Feuer und die von den Flammen beschienenen Männer, seine Begleiter; er -bedeckte seine Augen mit der Hand, doch er sah wieder auf, als prüfe -er, ob diese Erscheinungen bleiben; -- sie blieben, und schmerzlich -sah er bald den einen, bald den andern an. »Ich habe heute ein Land -verloren,« sprach er, »es hat mich nicht so geschmerzt als dieses -Erwachen, denn ich habe es im Traume wieder und noch viel schöner -besessen.« - -»Seid nicht ungerecht, Herr,« sagte Marx Stumpf von Schweinsberg, -indem er sich aus seiner gebückten Stellung aufrichtete; »seid nicht -ungerecht gegen diese Wohltat der Natur. Wie unglücklich wäret -Ihr, wenn Ihr auch im Schlummer, der Eure Kräfte für das schwere -Unglück stärken soll, Euren Verlust noch fühltet, auch da noch so -düster darüber gebrütet hättet. Ihr seid finster und verschlossen -eingeschlummert, jetzt sind Eure Züge freundlicher und milder; -verdanken wir dies nicht Eurem Traum?« - -»So hätte ich mögen nie erwachen; o daß ich Jahrhunderte fortgeträumt -hätte und dann erwacht wäre; es war so schön, so tröstlich, was ich -träumte!« - -Er stützte die Stirne in die Hand und schien schmerzlich bewegt. Der -alte Herr von Lichtenstein war von den Stimmen der Sprechenden erweckt -worden; er kannte Ulrich und wußte, daß man ihn nicht über seinen -schmerzlichen Verlust brüten lassen dürfe; er rückte ihm daher näher -und sprach: - -»Nun, und wollt Ihr uns nicht auch sagen, was Ihr geträumt habt? -Vielleicht liegt auch für uns ein Trost darin, denn wisset, ich glaube -an Träume, wenn sie in einer wichtigen, verhängnisvollen Stunde in -unsere Seele einziehen, und ich glaube, sie kommen von oben, um uns zu -trösten.« - -Der Herzog schwieg noch eine Weile, er schien über die Worte des -Ritters nachzusinnen; dann fing er an zu erzählen: »Mein Schwager, -Wilhelm von Bayern, hat mir heute zur Probe seiner Freundschaft die -Burg meiner Ahnen niedergebrannt. Dort hausten seit undenklichen Zeiten -die Württemberger, und das Land, das Wir besitzen, trägt von diesem -Schloß den Namen. Es scheint, als habe er damit Uns eine Todesfackel -anzünden und mit diesen Flammen Unser Wappen und Gedächtnis und selbst -den Namen Württemberg vertilgen wollen. Und fast könnte er recht haben; -denn mein einziges Söhnlein, Christoph, ist in fernen Landen, mein -Bruder Georg hat noch keine Kinder, und ich -- bin geschlagen, verjagt; -sie haben wiederum mein Land besetzt und wo ist Hoffnung, daß ich's -wieder einmal erlange? -- -- Wie ich nun so ganz verlassen und elend -hier am Feuer saß, wie ich nachdachte über mein kurzes Glück, und wie -ich vielleicht mein Unglück selbst verschuldet habe; wie ich bedachte, -auf welch schwachen Stützen meine Hoffnung beruhe, und wie selbst der -Name Württemberg auslöschen könne, gleich den letzten Funken in der -Asche meiner Stammburg, da übermannte mich der Jammer, und bitterer -als je fühlte ich die Schläge meines Schicksals. Unter diesen Gedanken -entschlief ich. Doch wie im Wachen meine Seele mit Sehnsucht und Trauer -auf den Höhen des roten Berges und um die rauchenden Trümmer von -Württemberg schwebte, so erging sich mein Geist auch im Traume dort.« - -Ulrich hielt inne; es war, als fülle ein Bild seine Seele, das zu -schön, zu groß sei, um es mit sterblichen Lippen zu beschreiben; ein -milder Friede lag auf den Zügen des unglücklichen Fürsten, und ein -wunderbarer Glanz drang aus seinen aufwärts gerichteten Augen. Die -Männer umher blickten ihn staunend an; sie hingen an seinen Lippen und -lauschten auf seine Rede, die ihnen so Wichtiges zu verkünden schien. - -»Höret weiter,« fuhr er fort: »ich sah herab auf das schöne Neckartal; -der Fluß zog wie sonst in schönen blauen Bogen hin, aber das Tal und -die Berge schienen mir lieblicher, glänzender, die Wälder auf den Höhen -waren verschwunden, die Wiesen waren nicht mehr, sondern von Berg zu -Berg zog sich _ein_ großer Garten voll grüner Reben und im Tal sah man -Obstbäume und schöne blühende Gärten ohne Zahl. Ich stand entzückt -und schaute und schaute immer wieder hin, denn die Sonne erschien -freundlicher, der Himmel blauer und reiner, das Grün der Reben und -Bäume glänzender als jetzt. Und als ich mein trunkenes Auge erhob und -hinüberschaute über den Neckar, da gewahrte ich auf einem Hügel am Fluß -ein freundliches Schloß, das im Glanz der Morgensonne sich spiegelte; -es lag so friedlich da, daß sein Anblick meiner Seele wohl tat, denn -keine Gräben und hohe Mauern, keine Türme und Zinnen, kein Fallgatter, -keine Zugbrücke erinnerten an den Zwist der Völker und das unsichere, -wechselnde Geschick der Sterblichen. - -»Und als ich verwundert über den tiefen Frieden des Tales und jenes -unbewachten Schlosses mich umsah, waren auch die Mauern _meiner_ Burg -verschwunden; doch hier wenigstens log mir der Traum nicht, denn ich -sah ja gestern die Zinnen stürzen und den Wartturm sinken, von welchem -sonst mein Panier in den Lüften wehte. Kein Stein von Württemberg war -mehr zu sehen, aber ein Tempel stand dort mit Säulen und Kuppel, wie -man sie in Rom und Griechenland findet. Ich dachte nach, wie dies alles -auf einmal so habe kommen können, da gewahrte ich Männer in fremder -Kleidung, die nicht weit von mir standen und auf das Land hinabschauten. - -»Der eine dieser Männer zog vor den übrigen meine Aufmerksamkeit auf -sich; er hatte einen schönen Knaben an der Hand, dem er das Tal zu -seinen Füßen und die Berge umher, und den Fluß und die Städte und -Dörfer in der Nähe und Ferne zeigte. Ich betrachtete den Mann, er trug -die Züge meines Bruders Georg,[45] und es war mir, als müsse er zum -Stamm meiner Ahnen gehören und ein Württemberg sein; er stieg mit dem -Knaben den Berg hinab ins Tal, und die andern Männer folgten ihm in -ehrerbietiger Entfernung; den letzten hielt ich auf und fragte ihn: wer -jener gewesen sei, der dem Knaben das Land gezeigt habe? ›Das war der -König,‹ sagte er und stieg den Berg hinab.« - -Der Herzog schwieg und sah die Ritter forschend an, als wollte er -ihre Meinung hören; sie schwiegen lange, endlich nahm der Ritter von -Lichtenstein das Wort und sprach: »Ich bin fünfundsechzig Jahre alt -und habe vieles gesehen und gehört auf Erden und manches, worüber der -menschliche Geist erstaunte, und wo ein frommer Sinn den Finger der -Gottheit sah. Glaubet mir, auch die Träume kommen von Gott, denn nichts -geschieht auf Erden ohne Ursache. Es hat in alten Zeiten Seher und -Propheten gegeben, warum sollte nicht auch in unsern Tagen der Herr -seiner Heiligen einen herabsenden, daß er einem Unglücklichen im Traume -die dunkeln Pforten der Zukunft öffne und ihn einen Blick in künftige -schönere Tage tun lasse? Drum seid getrosten Mutes, Herr! Eure Feste -hat der Feind verbrannt, ihr habt an einem Tage ein Herzogtum verloren, -aber dennoch wird Euer Name nicht verlöschen, und Euer Gedächtnis wird -nicht verloren sein in Württemberg.« - -»Ein König --« sprach der Herzog sinnend, »ist es nicht vermessen, -jetzt, wo ich hinaus muß ins Elend, jetzt an einen König meines Stammes -zu denken? Kann nicht auch die Hölle solche Träume vorspiegeln, um uns -nachher desto bitterer zu täuschen?« - -»Was zweifelt Ihr an der Zukunft?« sagte Schweinsberg lächelnd. »Hätte -einer Eurer ritterlichen Ahnen, die auf Württemberg hausten, hätte -einer wissen können, daß seine Enkel Herzoge sein, daß das weite schöne -Land ihren Namen Württemberg tragen werde? Nehmet Euren Traum als den -Wink des Schicksals hin, daß Euer Name in ferner, ferner Zeit auf -diesem Lande bleiben, daß die spätern Fürsten Württembergs die Züge -Eures Stammes tragen werden.« - -»Wohlan, so will ich hoffen,« erwiderte Ulrich von Württemberg, »will -hoffen, daß Uns das Land verbleibe, wie dunkel auch jetzt Unsere Lose -seien. Mögen Unsere Enkel nie so harte Zeiten sehen wie Wir; möge man -auch von Euch sagen, sie sind -- _furchtlos_!« - -»_Und treu!_« sprach der Bauer mit Nachdruck und stand auf. »Doch ist -es Zeit, Herr Herzog, daß Ihr aufbrechet. Das Morgenrot ist nicht mehr -fern, und über den Neckar wenigstens müssen wir kommen, solange es noch -dunkel ist.« - -Sie standen auf und waffneten sich; die Pferde wurden herbeigeführt, -sie saßen auf, und der Pfeifer ging voran, den Weg aus der Schlucht -zu zeigen. Die Reise des Herzogs zum Land hinaus war mit großer -Gefahr verbunden, denn der Bund suchte seiner mit aller Mühe habhaft -zu werden. Um auf einen Weg zu gelangen, wo er sicher seinen Feinden -entgehen könnte, war der Herzog genötigt, noch einmal über den -Neckar zu gehen. Dieser Uebergang war nicht ohne Gefahr. Ein starker -Gewitterregen hatte den Fluß angeschwellt, so daß es nicht möglich -schien, ihn mit den Pferden zu durchschwimmen. Die Brücken aber waren -zum größten Teil von dem Bunde besetzt worden; doch auch hier wußte -Hans guten Rat, denn er hatte durch treue Leute ausgespäht, daß die -Brücke von Köngen noch frei sei. Man hatte sich wohl nicht die Mühe -genommen, sie zu besetzen, weil sie Eßlingen und dem feindlichen Lager -allzunahe war, als daß man hätte glauben können, der Herzog werde dort -vorüberkommen. Dieser Weg schien wegen seiner großen Gefahr die meiste -Sicherheit zu gewähren. Ihn wählte Ulrich, und so zogen sie stille und -vorsichtig dem Neckar zu. - -Als sie aus dem Wald ins Feld herauskamen, säumte schon das Morgenrot -den Horizont. Sie ritten jetzt auf besserem Wege schärfer zu, und bald -sahen sie den Neckar schimmern, und die hochgewölbte Brücke lag nicht -ferne mehr von ihnen. In diesem Augenblicke sah sich Georg um und -gewahrte eine bedeutende Anzahl Reiter, die von der Seite her hinter -ihnen zogen. Er machte seine Begleiter darauf aufmerksam. Sie sahen -sich besorgt um und musterten den Zug, der wohl fünfundzwanzig Pferde -betragen mochte. Es schienen bündische Reiter zu sein, denn des Herzogs -Völker waren gesprengt und zogen nicht mehr in so geordneten Scharen -wie diese. - -Noch zogen jene ruhig ihren Weg und schienen die kleine Gesellschaft -nicht zu bemerken, aber dennoch schien es ratsam, die Brücke zu -gewinnen, wo sich drei Wege schieden, ehe man von ihnen angerufen -und befragt würde. Der Pfeifer lief voran, so schnell er konnte, der -Herzog und die Ritter folgten ihm in gestrecktem Trab, und je weiter -sie sich von den Bündischen entfernten, desto leichter wurde ihnen ums -Herz, denn alle bangten nicht für ihr eigenes Leben, wohl aber für die -Freiheit Ulrichs. - -Sie hatten die Brücke erreicht, sie zogen hinauf, aber in demselben -Augenblick, wo sie oben auf der Mitte der hohen Wölbung angekommen -waren, sprangen zwölf Männer, mit Spießen, Schwertern und Büchsen -bewaffnet, hinter der Brücke hervor und besetzten den Ausgang. -Der Herzog sah, daß er entdeckt war, und winkte seinen Begleitern -rückwärts. Lichtenstein und Schweinsberg, die letzten, wandten ihre -Rosse, aber schon war es zu spät, denn die bündischen Reiter, die ihnen -im Rücken nachgezogen waren, hatten sich in Galopp gesetzt und den -Eingang der Brücke in diesem Augenblick erreicht und besetzt. - -Noch war es zu dunkel, als daß man den Feind genau hätte unterscheiden -können, doch nur zu bald zeigten sich seine feindlichen Absichten. -»Ergebet Euch, Herzog von Württemberg,« rief eine Stimme, die den -Rittern nicht unbekannt schien, »Ihr sehet, es ist kein Ausweg da zur -Flucht!« - -»Wer bist du, daß Württemberg sich dir ergeben soll?« antwortete Ulrich -mit grimmigem Lachen, indem er sein Schwert zog, »du sitzest ja nicht -einmal zu Roß; bist du ein Ritter?« - -»Ich bin der Doktor Calmus,« entgegnete jener, »und bin bereit, die -vielen Liebesdienste zu vergelten, die Ihr mir erwiesen habt. Ein -Ritter bin ich, denn Ihr habt mich ja zum Ritter vom Esel gemacht; aber -ich will Euch dafür zum Ritter ohne Roß machen. Abgestiegen, sag' ich, -im Namen des durchlauchtigsten Bundes!« - -»Gib Raum, Hans,« flüsterte der Herzog mit unterdrückter Stimme dem -Spielmann zu, der mit gehobener Axt zwischen ihm und dem Doktor stand; -»geh, tritt auf die Seite! Ihr Freunde, schließt euch an, wir wollen -plötzlich auf sie einfallen, vielleicht gelingt es, durchzubrechen!« -Doch nur Georg vernahm diesen Befehl des Herzogs, denn die zwei andern -Ritter hielten wohl zehn Schritte hinter ihnen den Eingang besetzt und -waren schon mit den bündischen Reitern im Gefecht, die umsonst dieses -ritterliche Paar zu durchbrechen und zu dem Herzog durchzudringen -versuchten. Georg schloß sich an Ulrich an und wollte mit ihm auf den -Doktor und die Knechte einsprengen, aber diesem war das Flüstern des -Herzogs nicht entgangen. »Drauf, ihr Männer! der im grünen Mantel -ist's; lebendig oder tot!« rief er, drang mit seinen Knechten vor und -griff zuerst an. Sein langer Arm führte einen fünf Ellen langen Spieß. -Er zückte ihn nach Ulrich, und es wäre vielleicht um ihn geschehen -gewesen, da er ihn in der Dunkelheit nicht gleich bemerkte, doch Hans -kam ihm zuvor, und indem der berühmte Doktor Kahlmäuser nach der Brust -seines Herrn stieß, war ihm die Axt des Pfeifers tief in die Stirne -gedrungen. Er fiel, so lang er war, mit Gebrüll auf die Knechte zurück. -Sie stutzten, der Bauersmann schien ein schrecklicher Kämpfer, denn -seine Axt schwirrte immer noch in den Lüften, er bewegte sie wie eine -Feder hin und her; sie zogen sich sogar einige Schritte zurück. Diesen -Augenblick benützte Georg, riß dem Herzog den grünen Mantel ab, hing -ihn sich selbst um und flüsterte ihm zu, sein Pferd zu spornen und sich -über die Brüstung der Brücke hinabzustürzen. Der Herzog warf einen -Blick auf die hochgehenden Wellen des Neckars und hinauf zum Himmel. Es -schien keine andere Rettung möglich, und er wollte lieber auf Leben und -Tod den Sprung wagen, als seinen Feinden in die Hände fallen. Doch der -Anblick, der sich ihm in diesem schrecklichen Moment darbot, zog ihn -noch einmal zurück. - -Die Knechte hatten die Speere vorgestreckt und drangen vor. Der Pfeifer -stand noch immer, obgleich aus mehreren Wunden blutend, und schlug mit -der Axt ihre Speere nieder. Seine Augen blitzten, seine kühnen Züge -trugen den Ausdruck von freudiger Begeisterung, und das Lächeln, das -um seinen Mund zog, war nicht das der Verzweiflung, nein, seine mutige -Seele erbebte nicht vor dem nahenden Tod, er blickte ihm mit stolzer -Freude entgegen, als sei _er_ der Kampfpreis, um den er so viele Sorgen -und Gefahren auf sich genommen habe. Noch einen schlug er mit seiner -starken Rechten zu Boden, da stieß ihm einer der Knechte von der Seite -her die Hellebarde in die Brust, in diese treue Brust, die noch im Tod -ein Schild für den unglücklichen Fürsten war, dem nie ein treueres Herz -geschlagen hatte. Er wankte, er sank zusammen, er heftete das brechende -Auge auf seinen Herrn: »Herr Herzog, _wir sind quitt_!« rief er freudig -aus und senkte sein Haupt zum Sterben. - -An ihm vorüber ging der Weg der Knechte, die mit Freudengeschrei näher -zudrangen -- da warf sich Georg von Sturmfeder in die Mitte, seine -Klinge schwirrte in der Luft, und so oft sie niederfiel, zuckte einer -der Feinde am Boden. Er war der letzte Schild des Herzogs Ulrich -von Württemberg; sank dieser noch, so war Gefangenschaft oder Tod -unvermeidlich. Drum wandte er sich zum letzten Mittel. Er warf noch -einen tränenschweren Blick auf die Leiche jenes Mannes, der seine Treue -mit dem Tod besiegelt hatte, dann riß er sein mächtiges Streitroß zur -Seite, spornte es, daß es sich hoch aufbäumte, wandte es mit einem -starken Drucke rechts, und -- in einem majestätischen Sprung setzte es -über die Brüstung der Brücke und trug seinen fürstlichen Reiter hinab -in die Wogen des Neckars. - -Georg hielt inne mit Fechten, er sah dem Herzog nach. Roß und Reiter -waren niedergetaucht, doch das mächtige Tier kämpfte mit den Wirbeln, -schwamm, arbeitete sich herauf, und wie die beste Barke schwamm es -mit dem Herzog den Strom hinab. Dies alles war das Werk weniger -Augenblicke, einige der Knechte wollten hinabspringen ans Ufer, um sich -des kühnen Reiters zu bemächtigen, doch einer, der Georg am nächsten -war, rief ihnen zu: »Laßt ihn schwimmen, an _dem_ ist nichts gelegen, -das hier ist der grüne Vogel, das ist der grüne Mantel; den laßt uns -fassen.« Georg blickte dankbar auf zum Himmel! Er ließ sein Schwert -sinken und ergab sich den Bündischen. Sie schlossen einen Kreis um ihn -und ließen es willig geschehen, daß er abstieg und zu der Leiche jenes -Mannes trat, der ihnen so schrecklich erschienen war. Georg faßte die -Hand, welche immer noch die blutige Axt festhielt. Sie war kalt. Er -suchte, ob das treue Herz noch schlage, aber der tödliche Stoß der -Lanze hatte es nur zu gut getroffen. Das Auge, das einst so kühn und -mutig blickte, war gebrochen, geschlossen der Mund, der auch in den -trübsten Stunden einen ungebeugten, frohen Sinn verkündete. Seine Züge -waren erstarrt, aber noch schwebte um seine Lippen jenes Lächeln, das -den letzten Gruß, den er seinem Herrn entbot, begleitet hatte. Georgs -Tränen fielen auf ihn herab. Er drückte noch einmal die Hand des -Pfeifers, schloß ihm die Augen zu und schwang sich auf, um den Knechten -in ihr Lager zu folgen. - - - - -36. - - O schöner Tag, wann endlich der Soldat - Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit. -- - O! glücklich, wem dann auch sich eine Tür', - Sich zarte Arme sanft umschlingend öffnen. - - _Schiller._ - - -Nach einem Marsch von beinahe drei Stunden näherte sich der Trupp -der bündischen Knechte, den Gefangenen in ihrer Mitte, dem Lager. -Sie hatten nicht gewagt, sich laut zu unterreden, aber ihre Mienen -verkündeten großen Triumph, und Georgs scharfem Ohr entging es nicht, -wie sie flüsternd den Gewinn berechneten, den sie aus dem Herzog im -grünen Mantel ziehen werden. Ein freudiges Gefühl bewegte seine Brust, -er glaubte hoffen zu dürfen, daß der unglückliche Fürst durch seine -kühne Aufopferung Zeit gewonnen habe, sich zu retten. Nur der Gedanke -an Marie trübte auf Augenblicke seine Freude. Wie groß mußte ihr Kummer -schon gewesen sein, als sie die Nachricht von dem Ausgange der Schlacht -bekam; er hatte ihr zwar durch treue Männer die Nachricht gesandt, daß -er unverletzt aus dem Streit gegangen sei; aber wußte er nicht, daß -die traurige Entscheidung von Württembergs Schicksal ihre Seele tief -betrüben, daß ihre Blicke ängstlich dem Geliebten auf den Gefahren der -Flucht folgen werden, daß ihre Sehnsucht zu jeder Stunde seinen Namen -nenne und ihn zurückrufe? - -Und durfte er hoffen, vom Bunde zum zweitenmal so leicht entlassen -zu werden wie damals in Ulm? Gefangen mit den Waffen in der Hand, -bekannt als eifriger Freund des Herzogs -- mußte er nicht fürchten, -einer langen Gefangenschaft, einer grausamen Behandlung entgegen zu -gehen? Die Ankunft an dem äußeren Posten des Lagers unterbrach diese -düstern Gedanken. Die Knechte schickten einen aus ihrer Mitte ab, -um die Bundesobersten von ihrem Fang zu benachrichtigen und Befehle -einzuholen, wohin man ihn führen solle. Es war dies eine peinliche -Viertelstunde für Georg; er wünschte womöglich mit Frondsberg -zusammenzutreffen, er glaubte hoffen zu dürfen, daß dieser edle Freund -seines Vaters ihm seine gütigen Gesinnungen erhalten haben möchte, daß -er ihn zum wenigsten billiger beurteilen werde als Waldburg Truchseß -und so mancher andere, der ihm früher nicht günstig war. - -Der Knecht kam zurück; der Gefangene sollte so still als möglich -und ohne Aufsehen in das große Zelt geführt werden, wo die Obersten -gewöhnlich Kriegsrat hielten. Man schlug zu diesem Gang einen -Seitenweg ein, und die Knechte baten Georg, seinen Helm zu schließen, -daß man ihn nicht erkenne, ehe er vor den Rat geführt würde. Gerne -befolgte er diese Bitte, denn es war ihm in einem solchen Falle nichts -unerträglicher, als sich den Blicken neugieriger oder schadenfroher -Menschen aussetzen zu müssen. Sie gelangten endlich an das große -Zelt. Diener aller Art waren hier versammelt, und die verschiedenen -Farben und Binden, mit welchen sie geschmückt waren, ließen auf eine -zahlreiche Versammlung edler Herren und Ritter im Innern des Zeltes -schließen. - -Schon mochte die Nachricht unter sie gekommen sein, daß einige Knechte -einen Mann von Bedeutung gefangen haben, denn sie drängten sich nahe -herbei, als Georg sich aus dem Sattel schwang, und ihre neugierigen -Blicke schienen durch die Oeffnungen des Visiers dringen zu wollen, -um die Züge des Gefangenen zu schauen. Ein Edelknabe suchte Raum zu -machen, und er mußte seine Zuflucht zu dem »Namen des Bundesobersten« -nehmen, um diese dichte Masse zu durchbrechen und dem gefangenen Ritter -einen Weg in das Innere des Zeltes zu bahnen. Drei jener Knechte, -die ihn begleitet hatten, durften folgen; sie glühten vor Freude und -glaubten nichts anders, als jene Goldgülden sogleich in Empfang nehmen -zu können, die auf die Person des Herzogs von Württemberg gesetzt waren. - -Der letzte Vorhang tat sich auf, und Georg trat mutig und festen -Schrittes ein und überschaute die Männer, die über sein Schicksal -entscheiden sollten. Es waren wohlbekannte Gesichter, die ihn so -fragend und durchdringend anschauten. Noch waren die düsteren Blicke -und die feindliche Stirne des Truchseß von Waldburg seinem Gedächtnis -nicht entfallen, und der spöttische, beinahe höhnische Ausdruck in den -Mienen dieses Mannes weissagte ihm nichts Gutes. Sickingen, Alban von -Closen, Hutten -- sie alle saßen wie damals vor ihm, als er dem Bund -auf ewig lebewohl sagte; aber wie vieles hatte sich verändert. Und -eine Träne füllte sein Auge, als es auf jene teure Gestalt, auf jene -ehrwürdigen Züge fiel, die sich tief in sein dankbares Herz gegraben -hatten. Es war nicht Hohn, nicht Schadenfreude, was man in Georg von -Frondsbergs Mienen las, nein, er sah den Nahenden mit jenem Ausdruck -von würdigem Ernst, von Wehmut an, womit ein edler Mann den tapfern, -aber besiegten Feind begrüßt. - -Als Georg diesen Männern gegenüberstand, hub der Truchseß von Waldburg -an: »So hat doch endlich der schwäbische Bund einmal die Ehre, den -erlauchten Herzog von Württemberg vor sich zu sehen; freilich war die -Einladung zu uns nicht allzu höflich, doch --« - -»Ihr irrt Euch,« rief Georg von Sturmfeder und schlug das Visier seines -Helmes auf. Als sähen sie Minervas Schild und sein Medusenhaupt, so -bebten die Bundesräte vor dem Anblick der schönen Züge des jungen -Ritters. »Ha! Verräter! Ehrlose Buben! Ihr Hunde!« rief Truchseß den -drei Knechten zu. »Was bringt ihr uns diesen Laffen, dessen Anblick -meine Galle aufregt, statt des Herzogs? Geschwind, wo ist er? Sprecht!« - -Die Knechte erbleichten. »Ist's nicht dieser?« fragten sie ängstlich. -»Er hat doch den grünen Mantel an.« - -Der Truchseß zitterte vor Wut, und seine Augen sprühten Verderben; er -wollte auf die Knechte hinstürzen, er sprach davon, sie zu erwürgen; -aber die Ritter hielten ihn zurück, und Hutten, zornbleich, aber -gefaßter als jener, fragte: »Wo ist der Doktor Calmus, laßt ihn -hereinkommen, er soll Rechenschaft ablegen, er hat den Zug übernommen.« - -»Ach Herr,« sagte einer der Knechte, »der legt Euch keine Rechenschaft -mehr ab; er liegt erschlagen auf der Brücke bei Köngen!« - -»Erschlagen?« rief Sickingen, »und der Herzog ist entkommen? Erzählet, -ihr Schurken!« - -»Wir legten uns, wie uns der Doktor befahl, bei der Brücke in -Hinterhalt. Es war beinahe noch dunkel, als wir den Hufschlag von -vier Rossen hörten, die sich der Brücke näherten, zugleich vernahmen -wir das Zeichen, das uns die Reiter über dem Fluß geben sollten, wenn -die Herzoglichen aus dem Walde kämen. ›Jetzt ist's Zeit,‹ sagte der -Kahlmäuser. Wir standen schnell auf und besetzten den Ausgang der -Brücke. Es waren, soviel wir im Halbdunkel unterscheiden konnten, vier -Reiter und ein Bauersmann; die zwei hintersten wandten sich um und -fochten mit unsern Reitern, die zwei vorderen und der Bauer machten -sich an uns. Doch wir streckten ihnen die Lanzen entgegen, und der -Doktor rief ihnen zu, sich zu ergeben. Da drangen sie wütend auf uns -ein; der Doktor sagte uns, der im grünen Mantel sei der Rechte; und -wir hätten ihn bald gehabt, aber der Bauer, wenn es nicht der Teufel -selbst war, schlug den Doktor und noch zwei von uns nieder. Jetzt stach -ihm einer die Hellebarde in den Leib, daß er fiel, und dann ging es -auf die Reiter. Wir packten allesamt den im grünen Mantel, wie uns der -Kahlmäuser geheißen, der andere aber stürzte sich mit seinem Roß über -die Brücke hinab in den Neckar und schwamm davon. Wir aber ließen ihn -ziehen, weil wir den Grünen hatten, und brachten diesen hierher.« - -»Das war Ulrich und kein anderer!« rief Alban von Closen. »Ha! über die -Brücke hinab in den Neckar! Das tut ihm keiner nach!« - -»Man muß ihm nachjagen!« fuhr der Truchseß auf; »die ganze Reiterei muß -aufsitzen und hinab am Neckar streifen, ich selbst will hinaus --« - -»O Herr,« entgegnete einer der Knechte, »da kommt Ihr zu spät; es ist -drei Stunden jetzt, daß wir von der Brücke abzogen, der hat einen guten -Vorsprung und kennt das Land wohl besser als alle Reiter!« - -»Kerl, willst du mich noch höhnen? Ihr habt ihn entkommen lassen, an -euch halte ich mich, man rufe die Wache; ich laß euch aufhängen.« - -»Mäßigt Euch,« sagte Frondsberg; »die armen Bursche trifft der Fehler -nicht; sie hätten sich gerne das Gold verdient, das auf den Herzog -gesetzt war. Der Doktor hat gefehlt, und Ihr hört, daß er es mit dem -Leben zahlte.« - -»Also Ihr habt heute den Herzog vorgestellt?« wandte sich Waldburg zu -Georg, der still dieser Szene zugesehen hatte. »Müßt Ihr mir überall in -den Weg laufen mit Eurem Milchgesicht? Ueberall hat Euch der Teufel, wo -man Euch nicht braucht. Es ist nicht das erste Mal, daß Ihr meine Plane -durchkreuzet --« - -»Wenn Ihr es gewesen seid, Herr Truchseß,« antwortete Georg, »der -bei Neuffen den Herzog meuchlings überfallen lassen wollte, so bin -ich Euch leider in den Weg gekommen, denn Eure Knechte haben _mich_ -niedergeworfen.« - -Die Ritter erstaunten über diese Rede und sahen den Truchseß fragend -an. Er errötete, man wußte nicht aus Zorn oder Beschämung, und -entgegnete: »Was schwatzt Ihr da von Neuffen? Ich weiß von nichts; -doch wenn man Euch dort niedergeworfen hat, so wünsche ich, Ihr wäret -nimmer aufgestanden, um mir heute vor Augen zu kommen. Doch es ist auch -so gut; Ihr habt Euch als einen erbitterten Feind des Bundes bewiesen, -habt heimlich und offen für den geächteten Herzog gehandelt, teilet -also seine Schuld gegen den Bund und das ganze Reich, seid überdies -heute mit den Waffen in der Hand gefangen worden -- Euch trifft die -Strafe des Hochverrats an dem allerdurchlauchtigsten Bund des Schwaben- -und Frankenlandes.« - -»Dies dünkt mir eine lächerliche Beschuldigung,« erwiderte Georg mit -mutigem Tone; »Ihr wisset wohl, wann und wo ich mich von dem Bunde -losgesagt habe; Ihr habt mich auf vierzehn Tage Urfehde schwören -lassen; so wahr Gott über mir ist, ich habe sie gehalten. Was ich -nachher getan, davon habt Ihr nicht Rechenschaft zu fordern, weil -ich Euch nicht mehr verpflichtet war, und was meine Gefangennehmung -mit den Waffen in der Hand betrifft, so frage ich euch, edle Herren, -welcher Ritter wird, wenn er von sechs oder acht angegriffen wird, sich -nicht seines Lebens wehren? Ich verlange von euch ritterliche Haft und -erbiete mich, Urfehde zu schwören auf sechs Wochen; mehr könnet ihr -nicht von mir verlangen.« - -»Wollt Ihr uns Gesetze vorschreiben? Ihr habt gut gelernt bei dem -übermütigen Herzog; ich höre ihn aus Euch sprechen; doch keinen Schritt -sollt Ihr zu Eurer Sippschaft tun, bis Ihr gesteht, wo der alte Fuchs, -Euer Schwiegervater, sich aufhält, und welchen Weg der Herzog genommen -hat.« - -»Der Ritter von Lichtenstein wurde von Euern Reitern gefangen genommen; -welchen Weg der Herzog nahm, weiß ich nicht und kann es mit meinem Wort -bekräftigen.« - -»Ritterliche Haft?« rief der Truchseß bitter lachend, »da irrt Ihr Euch -gewaltig; zeiget vorher, wo Ihr die goldenen Sporen verdient habt! -Nein, solches Gelichter wird bei uns ins tiefste Verließ geworfen, und -mit Euch will ich den Anfang machen.« - -»Ich denke, dies ist unnötig,« fiel ihm Frondsberg ins Wort; »ich weiß, -daß Georg von Sturmfeder zum Ritter geschlagen wurde; überdies hat er -einem bündischen Edlen das Leben gerettet; Ihr werdet Euch wohl an die -Aussage des Dietrich von Kraft erinnern. Auf Verwenden dieses Ritters -wurde er von einem schmählichen Tod befreit und sogar in Freiheit -gesetzt. Er kann dieselbe Behandlung von uns verlangen.« - -»Ich weiß, daß Ihr ihm immer das Wort geredet, daß er Euer Schoßkind -war; aber diesmal hilft es ihm nicht, er muß nach Eßlingen in den Turm, -und jetzt den Augenblick --« - -»Ich leiste Bürgschaft für ihn,« rief Frondsberg, »und habe hier so gut -mitzusprechen wie Ihr. Wir wollen abstimmen über den Gefangenen, man -führe ihn einstweilen in mein Zelt.« - -Einen Blick des Dankes warf Georg auf die ehrwürdigen Züge des -Mannes, der ihn auch jetzt wieder aus der drohenden Gefahr rettete. -Der Truchseß aber winkte mürrisch den Knechten, dem Befehl des -Oberfeldhauptmanns zu folgen, und Georg folgte ihnen durch die Straßen -des Lagers nach Frondsbergs Zelt. - -Nicht lange nachher stand der Mann vor ihm, dem er so unendlich viel zu -danken hatte. Er wollte ihm danken, er wußte nicht, wie er ihm seine -Ehrfurcht bezeigen sollte; doch Frondsberg sah ihn lächelnd an und zog -ihn in seine Arme. »Keinen Dank, keine Entschuldigung!« sprach er; -»sah ich doch alles dies voraus, als ich in Ulm von dir Abschied nahm; -doch du wolltest es nicht glauben, wolltest dich vergraben in die Burg -deiner Väter. Ich kann dich nicht schelten; glaube mir, das Feldlager -und die Stürme so vieler Kriege haben mein Herz nicht so verhärtet, daß -ich vergessen könnte, wie mächtig die Liebe zieht!« - -»Mein Freund, mein Vater!« rief Georg, indem er freudig errötete. - -»Ja, das bin ich; der Freund deines Vaters, dein Vater; drum war ich -oft stolz auf dich, wenn du auch in den feindlichen Reihen standest; -dein Name wurde, so jung du bist, mit Ehrfurcht genannt, denn Treue -und Mut ehrt ein Mann auch an dem Feinde. Und glaube mir, es kam den -meisten von uns erwünscht, daß der Herzog entkam; was konnten wir mit -ihm beginnen? Der Truchseß hätte vielleicht einen übereilten Streich -gemacht, den wir alle zu büßen gehabt hätten.« - -»Und was wird mein Schicksal sein?« fragte Georg. »Werde ich lange in -Haft gehalten werden? Wo ist der Ritter von Lichtenstein? O mein Weib! -darf sie mich nicht besuchen?« - -Frondsberg lächelte geheimnisvoll. »Das wird schwer halten,« sagte er, -»du wirst unter sicherer Bedeckung auf eine Feste geführt und einem -Wächter übergeben werden, der dich streng bewachen und nicht so bald -entlassen wird. Doch sei nicht ängstlich, der Ritter von Lichtenstein -wird mit dir dorthin abgeführt werden, und ihr beide müsset auf ein -Jahr Urfehde schwören.« - -Frondsberg wurde hier durch drei Männer unterbrochen, die in das Zelt -stürmten; es war der Feldhauptmann von Breitenstein und Dietrich von -Kraft, die den Ritter von Lichtenstein in ihrer Mitte führten. - -»Hab' ich dich wieder, wackerer Junge!« rief Breitenstein, indem er -Georgs Hand drückte. »Du machst mir schöne Streiche; dein alter Oheim -hat dich mir auf die Seele gebunden, ich solle einen tüchtigen Kämpen -aus dir ziehen, der dem Bunde Ehre mache, und nun läufst du zu dem -Feind und haust und stichst auf uns, und hättest gestern beinahe die -Schlacht gewonnen durch dein tollkühnes Stückchen auf unsere Geschütze.« - -»Jeder nach seiner Art,« entgegnete Frondsberg; »er hat uns aber auch -in Feindes Reihen Ehre gemacht.« - -Der Ritter von Lichtenstein umarmte seinen Sohn. »Er ist in -Sicherheit,« flüsterte er ihm zu, und beider Augen glänzten von Freude, -zu der Rettung des unglücklichen Fürsten beigetragen zu haben. Da -fielen die Blicke des alten Ritters auf den grünen Mantel, der noch -immer um Georgs Schultern hing; er erstaunte, er sah ihn näher an. »Ha! -jetzt erst verstehe ich ganz, wie alles so kommen konnte,« sprach er -bewegt, und eine Träne der Freude hing in seinen grauen Wimpern; »sie -nahmen _dich_ für ihn; was wäre aus ihm geworden, wenn dich der Mut nur -einen Augenblick verlassen hätte? Du hast mehr getan als wir alle, du -hast gesiegt, wenn wir jetzt auch Besiegte heißen; komm an mein Herz, -du würdiger Sohn.« - -»Und Marx Stumpf von Schweinsberg?« fragte Georg; »auch er gefangen?« - -»Er hat sich durchgehauen, wer vermöchte auch seinen Hieben zu -widerstehen? Meine alten Knochen sind mürbe, an mir liegt nichts mehr, -aber er ist dem Herzog nachgezogen und wird ihm eine bessere Hilfe sein -als fünfzig Reiter. Doch den Pfeifer sah ich nicht; sage, wie ist er -entkommen aus dem Streit?« - -»Als ein Held,« erwiderte der junge Mann, von der Wehmut der Erinnerung -bewegt; »er liegt erstochen an der Brücke.« - -»Tot?« rief Lichtenstein, und seine Stimme zitterte. »Die treue Seele! -Doch wohl ihm, er hat getan wie ein Edler, und ist gestorben, treu, wie -es Männern ziemt!« - -Frondsberg näherte sich ihnen und unterbrach ihre Reden. »Ihr scheint -mir so niedergeschlagen,« sagte er; »seid mutig und getrost, alter -Herr! Das Kriegsglück ist wandelbar, und Euer Herzog wird wohl auch -wieder zu seinem Lande kommen; wer weiß, ob es nicht besser ist, daß -wir ihn noch auf einige Zeit in die Fremde schickten. Leget Helm und -Panzer ab; das Gefecht zum Frühstück wird euch die Lust zum Mittagessen -nicht verdorben haben. Setzet euch zu uns. Ich erwarte gegen Mittag den -Wächter, unter dessen Obhut ihr auf eine Burg gebracht werden sollet. -Bis dahin lasset uns noch zusammen fröhlich sein!« - -»Das ist ein Vorschlag, der sich hören läßt,« rief Breitenstein. -»Zu Tisch, ihr Herren; wahrlich, Georg, mit dir habe ich nicht mehr -gespeist seit dem Imbiß im Ulmer Rathaussaal. Komm, wir wollen redlich -nachholen, was wir versäumten.« - -Hans von Breitenstein zog Georg zu sich nieder, die anderen folgten -seinem Beispiel, die Knechte trugen auf, und der edle Wein machte den -Ritter von Lichtenstein und seinen Sohn vergessen, daß sie in mißlichen -Verhältnissen, im feindlichen Lager seien, daß sie vielleicht einem -ungewissen Geschick, und wenn sie die Reden Frondsbergs recht deuteten, -einer recht langen Gefangenschaft entgegengehen. Gegen das Ende der -Tafel wurde Frondsberg hinausgerufen; bald kam er zurück und sprach mit -ernster Miene: »So gerne ich noch länger eure Gesellschaft genossen -hätte, liebe Freunde, so tut es jetzt not, aufzubrechen. Der Wächter -ist da, dem ich euch übergeben muß, und ihr müßt euch sputen, wollet -ihr heute noch die Feste erreichen.« - -»Ist er ein Ritter dieser Wächter?« fragte Lichtenstein, indem sich -seine Stirne in finstere Falten zog. »Ich hoffe, man wird auf unseren -Stand Rücksicht genommen haben und uns ein anständiges Geleite geben?« - -»Ein Ritter ist er nicht,« antwortete Frondsberg lächelnd, »doch ist -er ein anständiges Geleite; ihr werdet euch selbst davon überzeugen.« -Er lüftete bei diesen Worten den Vorhang des Zeltes, und es erschienen -die holden Züge _Mariens_; mit dem Weinen der Freude stürzte sie an die -Brust ihres Gatten, und der alte Vater stand stumm vor Ueberraschung -und Rührung, küßte sein Kind auf die schöne Stirne und drückte die Hand -des biedern Frondsberg. - -»Das ist euer Wächter,« sprach dieser, »und der Lichtenstein die Feste, -wo sie euch gefangen halten soll. Ich sehe es ihren Augen an, sie -wird den jungen Herrn nicht zu strenge halten, und der Alte wird sich -nicht über sie beklagen können; doch rate ich Euch, Töchterchen, habet -ein wachsames Auge auf die Gefangenen, lasset sie nicht wieder von der -Burg, gestattet nicht, daß sie wieder Verbindungen mit gewissen Leuten -anknüpfen; Ihr haftet mit Eurem Kopf dafür!« - -»Aber, lieber Herr,« entgegnete Marie, indem sie den Geliebten inniger -an sich drückte und lächelnd zu dem strengen Herrn aufblickte: -»bedenket, _er_ ist ja mein Haupt, wie kann ich ihm etwas befehlen?« - -»Eben deswegen hütet Euch, daß Ihr dieses Haupt nicht wieder verlieret; -bindet ihn mit einem Liebesknoten recht fest, daß er Euch nicht -entlaufe, er ändert nur gar zu leicht die Farbe; wir haben Beispiele!« - -»Ich trug nur _eine_ Farbe, mein väterlicher Freund!« entgegnete der -junge Mann, indem er in die Augen seiner schönen Frau und auf die -Feldbinde niedersah, die seine Brust umzog; nur _eine_, und dieser -blieb ich treu.« - -»Wohlan! So halte ferner nur zu ihr,« sagte Frondsberg und reichte ihm -die Hand zum Abschied. »Lebe wohl! Die Pferde harren vor dem Zelt! -bringet Eure Gefangenen sicher auf die Feste, schöne Frau, und gedenket -huldreich des alten Frondsberg.« - -Marie schied von diesem Edlen mit Tränen in den Augen; auch die Männer -nahmen bewegt seine Hand, denn sie wußten wohl, daß ohne seine Hilfe -ihr Geschick sich nicht so freundlich gewendet hätte. Noch lange sah -ihnen Georg von Frondsberg nach, bis sie an der äußersten Zeltgasse -um die Ecke bogen. »Er ist in guten Händen,« sagte er dann, indem -er sich zu Breitenstein wandte, »wahrlich, der Segen seines Vaters -ruht auf ihm. Ein gutes schönes Weib und ein Erbe, wie wenige sind im -Schwabenland.« - -»Ja, ja!« erwiderte Hans von Breitenstein, »seiner Klugheit und -Vorsicht hat er es nicht zu danken; doch wer das Glück hat, führt -die Braut heim; ich bin fünfzig alt geworden und gehe noch auf -Freiersfüßen; Ihr auch, Herr Dietrich von Kraft, nicht wahr?« - -»Mit nichten und im Gegenteil,« sagte dieser, wie aus einem Traum -erwachend, »wenn man ein solches Paar sieht, weiß man, was man zu tun -hat. In dieser Stunde noch setze ich mich in meine Sänfte, reise nach -Ulm und führe meine Base heim; lebet wohl, ihr Herren!« - -Als der schwäbische Bund Württemberg wiedererobert hatte, richtete -er seine Regierung wieder ein und beherrschte das Land wieder wie im -Sommer 1519. Die Anhänger des vertriebenen Herzogs mußten Urfehde -schwören und wurden auf ihre Burgen verwiesen. Georg von Sturmfeder und -seine Lieben, die dieses Schicksal mit betraf, lebten zurückgezogen -auf Lichtenstein, und Marien und ihrem Gatten ging in ihrem stillen -häuslichen Glück ein neues Leben auf. - -Noch oft, wenn sie am Fenster des Schlosses standen und hinabschauten -auf Württembergs schöne Fluren, gedachten sie des unglücklichen -Fürsten, der einst hier mit ihnen auf sein Land hinabgeblickt hatte; -und dann dachten sie nach über die Verkettung seiner Schicksale, und -wie durch eine sonderbare Fügung auch ihr eigenes Geschick mit dem -seinigen verbunden war; und wenn sie sich auch gestanden, daß ihr Glück -vielleicht nicht so frühe, nicht so schön aufgeblüht wäre ohne diese -Verknüpfung, so wurde doch ihre Freude durch den Gedanken getrübt, daß -der Stifter ihres Glückes noch immer ferne von seinem Lande, im Elend -der Verbannung lebe. Erst viele Jahre nachher gelang es dem Herzog, -Württemberg wiederzuerobern. Doch als er, geläutert durch Unglück, -als ein weiser Fürst zurückkehrte, als er die alten Rechte ehrte -und die Herzen seiner Bürger für sich gewann, als er jene heiligen -Lehren, die er in fernem Lande gehört, die so oft sein Trost in einem -langen Unglück geworden waren, seinem Volke predigen ließ und einen -geläuterten Glauben mit den Grundgesetzen seines Reiches verband, da -erkannten Georg und Marie den Finger einer gütigen Gottheit in den -Schicksalen Ulrichs von Württemberg, und sie segneten den, der dem Auge -des Sterblichen die Zukunft verhüllt und auch hier wie immer durch -Nacht zum Lichte führte. - -Der Name der Lichtenstein im Württemberger Land ging mit dem alten -Ritter zu Grabe; doch erlebte er noch im hohen Alter die Freude, seine -blühenden Enkel waffenfähig zu sehen. So geht Geschlecht um Geschlecht -über die Erde hin, das Neue verdrängt das Alte, und nach dem kurzen -Zeitraum von fünfzig oder hundert Jahren sind biedere Männer, treue -Herzen vergessen; ihr Gedächtnis übertönt der rauschende Strom der -Zeiten, und nur wenige glänzende Namen tauchen auf aus diesen Fluten -des Lethe und spielen in ihrem ungewissen Schimmer auf den Wellen. Doch -wohl dem, dessen Taten jene stille Größe in sich tragen, die den Lohn -in sich selbst findet und ohne Dank bei der Mitwelt, ohne Ansprüche -auf die Nachwelt entsteht, ins Leben tritt -- verschwindet. So ist auch -der Name des Spielmanns von Hardt verklungen, und nur leise Nachklänge -von seinem Wirken wehen uns an, wenn die Hirten der Gegend die -Ulrichshöhle zeigen und von dem Mann sprechen, der seinen unglücklichen -Herzog hier verbarg; so sind selbst jene romantischen Züge aus Ulrichs -Leben zur Fabel geworden, der Geschichtschreiber verschmäht sie als -unwesentliche Außendinge, und sie erscheinen uns nur, wenn man auf den -Höhen von Lichtenstein von dem Herzog erzählt, der allnächtlich vor -das Schloß kam, und wenn man uns auf der Brücke von Köngen die Stelle -zeigt, wo jener Unerschrockene den Sprung auf Leben und Tod in die -Tiefe wagte. - -Und sie erscheinen uns da, diese Sagen, wie ungewisse Schatten, die -eine große Gestalt vom Berge in die Nebel des Tales wirft, und der -kältere Beobachter lächelt, wenn man ihnen wirkliches Leben und jene -Farben verleihen will, die ihr unsicheres Grau zu einem Bild des Lebens -umwandeln. Auch Lichtensteins alte Feste ist längst zerfallen, und -auf den Grundmauern der Burg erhebt sich ein freundliches Jägerhaus, -fast so luftig und leicht wie jene spanischen Schlösser, die man in -unsern Tagen auf die Grundpfeiler des Altertums erbaut. Noch immer -breiten sich Württembergs Gefilde so reich und blühend wie damals vor -dem entzückten Auge aus, als Marie an des Geliebten Seite hinabsah -und der unglücklichste seiner Herzoge den letzten Scheideblick -von Lichtensteins Fenstern auf sein Land warf. Noch prangen jene -unterirdischen Gemächer, die den Geächteten aufnahmen, in ihrer alten -Pracht und Herrlichkeit, und die murmelnden Wasser, die sich in eine -geheimnisvolle Tiefe stürzen, scheinen längst verklungene Sagen noch -einmal wiedererzählen zu wollen. - -Es ist eine schöne Sitte, daß die Bewohner dieses Landes, auch aus -entfernteren Gegenden, um die Zeit des Pfingstfestes sich aufmachen, -um Lichtenstein und die Höhle zu besuchen. Viele hundert schöne -Schwabenkinder und holde Frauen, begleitet von Jünglingen und Männern, -ziehen herauf in diese Berge; sie steigen nieder in den Schoß der -Erde, der an seinen kristallenen Wänden den Schein der Lichter -tausendfach wiedergibt, sie füllen die Höhle mit Gesang und lauschen -auf ihr Echo, welches die murmelnden Bäche der Tiefe melodisch -begleiten, sie bewundern die Werke der Natur, die sich auch ohne das -milde Licht der Sonne, ohne das fröhliche Grün der Felder so herrlich -zeigt. Dann steigen sie herauf zum Lichte, und die Erde will ihnen -noch schöner bedünken als zuvor; ihr Weg führt immer aufwärts zu den -Höhen von Lichtenstein, und wenn dort die Männer im Kreise schöner -Frauen, die Becher in der Hand, auf die weiten Fluren hinabschauen, -wie sie bestrahlt von einer milden Sonne im lieblichsten Schmelz der -Farben sich ausbreiten, dann preisen sie diese lichten Höhen, dann -preisen sie ihr gesegnetes Vaterland. Dann kehrt, wie in den alten -Tagen, Gesang und Jubel und der fröhliche Klang der Pokale auf den -Lichtenstein zurück und weckt das Echo seiner Felsen und weckt mit ihm -die Geister dieser Burg, daß sie die fröhlichen Gäste umschweben und -mit ihnen hinabschauen auf das alte Württemberg. Ob auch das holde -Fräulein von Lichtenstein, ob Georg und der alte Ritter mit ihnen -heraufschwebt, ob jener treue Spielmann in den Tagen des Frühlings -seinem Grab entsteigt und, wie er im Leben zu tun pflegte, hinaufzieht -nach der Burg, das Fest mit Gesang und Spiel zu schmücken? Wir wissen -es nicht; doch wenn wir im Abendschein, auf den Felsen gelagert, die -Landschaft überschauten, wenn wir von den alten guten Zeiten und -ihren Sagen sprechen, wenn sich die Sonne allmählich senkte und nur -das Schlößchen noch selig und freundlich in seiner Einsamkeit, von -den letzten Strahlen mit einem rötlichen Schein umgossen, auf seinem -Felsen ruhte -- da glaubten wir im Wehen der Nachtluft, im Rauschen der -Bäume, im Säuseln der Blätter bekannte Stimmen zu vernehmen, es war -uns, als flüsterten sie uns ihre Grüße zu, als erzählten sie uns alte -Sagen von ihrem Leben und Treiben. Manches haben wir an solchen Abenden -erfahren, manches Bild stieg in uns auf und schien sich vor unseren -Blicken zu verwirklichen, und die es uns woben und malten, die uns ihre -romantischen Sagen zuflüsterten, wir glauben, es waren -- _die Geister -von Lichtenstein_. - - - - -Anmerkungen. - - -[1] _Ulrich von Württemberg_, geb. 1487, wurde 1498 in seinem elften -Jahre als Herzog belehnt mit einer Mitregentschaft, welche in seinem -sechzehnten Jahr aufgehoben wurde, worauf Ulrich von 1503 an allein -regierte. Er starb im Jahre 1550. - -[2] Es ist hier Eberhardt im Bart gemeint, der, geb. 1445, gest. -1496, sehr weise regierte. Er war der erste Herzog von Württemberg. -Christoph, geb. 1515, gest. 1568, ein Fürst, dessen Andenken nicht nur -in Württemberg, sondern in ganz Deutschland gesegnet wird. Er ist der -Stifter der württembergischen Konstitution. - -[3] ~Christ. Tubingii Chron. Blabur., ad annum 1516; Maximilianus -Caesar ex suggestione ducis Bavariae et sororis uxoris Udalrici -aliorumque non multum Udalrico deinceps favere cepit.~ - -[4] Das Nähere über diese Einnahme ist in der trefflichen Geschichte -Württembergs von C. Pfaff I. 291, und Sattler, Geschichte der Herzoge -von Württemberg II. 5, hauptsächlich aber bei Pedius Thetinger in -~Comment. de reb. würtemb. sub. Ulrico Lib. I. in fine~, und ~Schradii -script. rerum germ. Tom. II. p. 885~ zu lesen. - -[5] Der Herzog hatte mit Landgraf Philipp von Hessen ein Bündnis -errichtet auf zweihundert Reiter und sechshundert zu Fuß, ebenso mit -Markgraf Ernst von Baden, aber sie entschuldigten sich beide, daß sie -selbst mit einem Einfall bedroht seien. - -[6] Georg von Frondsberg, geb. 1475, gest. 1528, einer der berühmtesten -Feldherren seiner Zeit, der in Deutschland, Frankreich, Italien, den -Niederlanden sich mit Ruhm bedeckte. Er ist derselbe, der 1521 zu -Luther, der auf den Reichstag zu Worms geladen war, jene denkwürdigen -Worte sagte: »Munchlein, Munchlein, du gehst jetzt einen gefährlichen -Gang« usw. - -[7] So nennt ihn Sattler, Geschichte der Herzoge II. 8. - -[8] Ulrich von Hutten, geb. 1488, starb 1523 auf Ufnau im Züricher -See. Er ist berühmt durch eine große Anzahl Schriften und als kühner -Beförderer der Reformation. Er griff Ulrich von Württemberg in -Gedichten, Briefen und Reden an, die der gelehrte Nikolaus Barbatus -zu Marburg in sehr geläufigem Latein mit triftigen Gründen widerlegt. -Vergl. Schradius II. 385. Bekannt ist sein Wahlspruch: »~Jacta alea -esto.~« - -[9] Franz von Sickingen, ein berühmter Zeitgenosse des letzteren. Er -wird in diesem Krieg von Sattler als österreichischer Rat aufgeführt. - -[10] Götz von Berlichingen erzählt in seinem Leben (Ausgabe von Franck -von Steigerwald, Nürnberg 1731) weitläufig, wie es sich zugetragen, -daß er zum Herzog Ulrich gehalten habe. S. 142 fährt er fort: »Da zog -der Herzog vor Reutlingen und gewann es auch, darum sich auch Ihre -fürstliche Gnaden und mein Unglück anheben tat, daß Ihre fürstliche -Gnaden verjagt worden und ich darob zu Scheitern ging.« Denn der -schwäbische Bund nahm nicht Rücksicht darauf, daß Götz kurz vorher dem -Herzog seine Dienste aufgesagt hatte, sondern belagerte ihn in Möckmühl -und nahm ihn gefangen. - -[11] Die Herren von Spät waren der Herzogin auf ihrer Flucht aus dem -Lande behilflich gewesen. Der Herzog hatte bittere Rache an ihren -Gütern genommen. - -[12] Siehe C. Pfaffs Geschichte I. 278. - -[13] Es sind dies Frondsbergs eigene Worte, die er zu Götz von -Berlichingen sprach, und die dieser in seiner Geschichte, Seite 83, -anführt. - -[14] Die Eidgenossen verboten zuerst nur die Werbungen des Herzogs -in ihren Landen, wie aus Sattler, Beilage Nr. 8 zum zweiten Teil der -Herzoge erhellt. Nachher riefen sie ihre Leute ganz zurück, und zwar -auf die Vorstellungen des schwäbischen Bundes. - -[15] Ein gedrucktes Schreiben »des Bundes zu Schwaben an gemeine -Landschaft zu Württemberg« dieses Inhaltes vom 24. Mart. 1519 findet -sich in der Beilage Nr. 12 bei Sattler. - -[16] Sie zogen den 17. März ab. Der Herzog reiste sogleich nach -Kirchheim, um sie aufzuhalten, allein hier kam eine zweite Ordre, unter -Bedrohung des Verlustes ihrer Güter und der Leib- und Lebensstrafe, -nach Haus zu eilen. Sattler, II. § 6. Thetinger S. 66. ~Interim cum -Helvetiorum primoribus agunt foederati, missis in urbes eorum legatis, -ne Ducis Huldrichi negotio belloque se nunc immisceant, suos abscedere -jubeant.~ - -[17] Sattler § 6. Ausführlich führt diese Rede an: Thetinger ~comment -de reb. würtemb. p. 66~. - -[18] Diese Ergebenheit und Treue der Württemberger beschreibt am -angeführten Ort Thetinger. Als einen sehr wichtigen Grund gegen die -Angriffe Huttens führt sie auch Nikolaus Barbatus in seiner zu Marburg -gehaltenen Rede auf. Vergl. Schradius II. 386. Wir machen auf diesen -Umstand besonders aufmerksam, weil man gewöhnlich annimmt, es sei den -Württembergern recht gewesen, daß man Ulrich verjagte; Thetingers Worte -sind: »Als dies die Württemberger hörten, beklagten sie ihr Schicksal -heftig, das ihnen nicht vergönne zu fechten.« -- ~Magno fremitu -fortunam suam questi.~ -- Noch merkwürdiger sind die Worte Nikolai -Barbati; er sucht die Beschuldigungen Ulrichs von Hutten zu widerlegen: -»Welcher Tyrann war den Seinigen wert? Ulrich lieben die Seinigen. -Welcher Tyrann wird, wenn er verjagt ist, von seinen Untergebenen -zurückgewünscht? Mit Bitten und Gebet wünschen sich seine Untergebenen -den Herzog zurück und bitten die Götter, sie möchten ihnen den Herrn -zurückgeben« usw. - -[19] Ulrich beklagte sich mehreremal über die Nachstellungen seiner -Feinde. Im Jahr 1534 soll ein für ihn von Dietrich Spät gedungener -Meuchelmörder gefangen worden sein. Sattler, Gesch. d. Herzoge. -3. Seite 47. Im Jahre 1536 wurde im Amt Dornstetten ein Zigeuner -verhaftet, welcher aussagte, von Herzog Wilhelm in Bayern für -Ermordung des Herzogs drei Gulden bekommen zu haben. C. Pfaffs -Geschichte I. 288. Ein Beweis, daß solche Versuche vorkamen. - -[20] Diese Sage erzählt G. Schwab, der treue, freundliche Wegweiser -über die schwäbische Alb. Er hat sie in einer Romanze: »Der Bau des -Reissensteins« der Nachwelt aufbewahrt. - -[21] Ausführlicher beschreibt diese Operationen des Bundes Sattler in -seiner Gesch. d. Herz. v. W. II. § 6 usw. Man vergleiche hierüber auch -die Geschichte des Herrn von Frondsberg, zweites Buch, und Friedrich -Stumphardt von Kannstatt, Chronik der gewaltsamen Verjagung des Herzogs -Ulrich, 1534, und Spener, ~Histor. Germ. univers. L. III. C. 4. 23~. - -[22] Dieser Verrat von Teck fand wirklich also statt. Vergl. z. B. -Sattler II. § 7. - -[23] Lebensbeschreibung Götzens von Berlichingen, von ihm selbst -geschrieben, ~edit. Pistorius~. Nürnberg 1731. - -[24] Sattler II. § 9. Hierüber ist vorzüglich zu vergleichen Friedr. -Stumphardt, Chron. § 3. Die Geschichte der Herren von Frondsberg. -Frankfurt a. M. 2. Buch, und Thetinger, ~Commentarius de Würt. reb. -gest. Lib. II~. - -[25] Bei dieser Belagerung wurde Georg von Frondsberg das Barett vom -Kopf geschossen. So erzählen Sattler, Stumphardt, Thetinger u. a. - -[26] Diese Griechen sind eine sonderbare Erscheinung bei der Belagerung -von Tübingen: man hieß sie Stratioten; ihr Hauptmann war Georg Samaras -aus Corona in Albanien. Er ist in der Stiftskirche in Tübingen -begraben. Ausführlich beschreibt sie Thetinger, ~Comment. de Würtemb.~ -gest. 931. Crusius nennt sie vorzüglich berühmt im Lanzenschwingen. - -[27] Man vergleiche über diesen Volkswitz des _Freiherrn von Aretin_ -Beiträge zur Geschichte und Literatur. 1805. 5. Stück, S. 438. Das -Lied wurde zu Anfang des Jahres 1520, nachdem Reutlingen von Herzog -Ulrich genommen war, von des letztern Feinden verbreitet und ihm in den -Mund gelegt. - -[28] In der Chronik des Georg Stumphardt über die gewaltsame Verjagung -des Herzogs Ulrich findet sich als eigener Artikel ein: »_gereimter -Spruch, also lautend_«, wo in einer großen Menge Knüttelversen das -Unglück des Herzogs und des Landes beschrieben ist. Aus diesem Gedicht -sind jene Verse im Text entlehnt. - -[29] Anspielung auf das Wappen von Württemberg. Vergl. Anm. 31. - -[30] Diese merkwürdige Höhle haben wir nach der Natur zu zeichnen -versucht. Es bleibt noch übrig, hier einige Notizen über ihre inneren -Verhältnisse zu geben. Die Vorhöhle beträgt etwas über 150 Fuß im -Umfange; von hier aus laufen zwei Gänge nach verschiedenen Richtungen, -die aber nach einer Länge von beinahe 200 Fuß wieder zusammentreffen. -Auf diesen Wegen trifft man zwei Felsensäle, den einen von 100, den -andern von 82 Fuß Länge. Wo diese Gänge sich vereinigen, bilden sie -wieder eine Grotte; von hier aus rechts gegen Norden, mehr in der Höhe, -liegt wieder eine kleinere Kammer, es ist die, in welche wir den Leser -zu dem vertriebenen Mann geführt haben. Die weiteste Entfernung vom -Eingang der Höhle bis zu ihrem Ende beträgt 577 Fuß. Man vergleiche -hierüber die so interessante als getreue Beschreibung der schwäb. Alb -von G. Schwab. - -[31] Drei Hirschgeweihe, wovon die zwei obersten vier, das untere aber -drei Enden hat, sind das _alte Wappen_ von Württemberg. - -[32] Crusius beschreibt in seiner Chronik das Schlößchen Lichtenstein, -wie wir es hier nacherzählen. Er sah es zu Ende des sechzehnten -Jahrhunderts, also etwa 70 Jahre nach dem Jahre 1519. Dort findet sich -auch die hieher gehörige Stelle: - -»Im obern Stockwerk ist ein überaus schöner Saal, ringsum mit -Fenstern, aus welchen man bis an den Asperg sehen kann: _darin hat -der vertriebene Fürst, Ulrich von Württemberg, öfter gewohnt, der des -Nachts vor das Schloß kam und nur sagte: ›Der Mann ist da!‹ so wurde -er eingelassen._« Wo aber wohnte er den Tag über? Wo hielt sich der -Vertriebene auf? Die Frage lag sehr nahe. - -Jetzt ist in die Ruinen des alten Schlosses ein Jägerhaus erbaut, das -noch immer den Namen des »Lichtensteiner Schlößleins« trägt und am -fröhlichen Pfingstfest einer lebensfrohen Menge zum Tummelplatz dient. - -[33] Er schickte einen tapfern Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg, -an sie mit einem beweglichen Schreiben, das Schloß nicht zu übergeben, -sondern, wo sie solches auch tun wollten, ihm wieder Gelegenheit zu -machen, in dasselbe zu kommen; weil er in selbigem zu sterben bereit -sei, wenn es Gott über ihn verhänge. Sattler, Gesch. der Herz. v. -Württemb. II. 15. - -[34] Diesen merkwürdigen Hund beschreibt Thetinger als einen Liebling -Ulrichs ausführlich. A. a. O. S. I. 58. - -[35] »Hie gut Württemberg alleweg« findet sich oft als Wahlspruch -dieser Partei. Vergl. Pfaffs Geschichte Württembergs Bd. I. S. 306. - -[36] »Der Tüfell gsegen jn allen!« sind die Worte des Chronisten -Stumphardt, die ihm unwillkürlich entschlüpfen, indem er die -Unterhandlung der Ritter »beim kühlen Wein« beschreibt. - -[37] Herzog Ulrich beklagt sich wiederholt, namentlich in diesem -Zeitpunkt, daß seine Gegner so viele Lügen gegen ihn ausstreuen. -Er verteidigt sich darüber, besonders in seinen Briefen an die -schweizerische Eidgenossenschaft. So streuten seine Feinde im Jahre -1519 aus, er habe einen Edelknaben, Wilhelm von Janowiz, entzwei -gehauen. Doch Janowiz lebte noch im Jahre 1562 und war Anno 1560 -Kommandant der Feste Asperg. Aber jene Lüge machte damals großes -Aufsehen, daher kam es, daß ein Schweizer, dem man diesen Mann zeigte -und sagte, was die Feinde des Herzogs von ihm ausgestreut haben, -antwortete: »_Er muß nochten ein guter Barbier gsyn syn, der den Knaben -so suber gehailt hat._« (Sattler II. § 24.) - -[38] _Sattler_ erzählt dies folgendermaßen: Der schwäbische Bund hatte -einen großen Teil seiner Kriegsknechte abgedankt, diese wurden darüber -schwierig, sie rottierten sich zusammen, richteten zwölf Fähnlein -auf, erwählten ihre Hauptleute und machten unter sich nach damaligem -Gebrauch eine Regimentsordnung. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der -Herzog diese Leute an sich gezogen. Geschichte der Herzoge v. Württemb. -II. § 16. - -[39] Dieses Lied führt auch Lessing in der Sammlung auf, die den Namen -trägt: »Altdeutscher Witz und Verstand.« - -[40] Der Schwaben- und Frankenbund hielt in diesem Sommer einen -Bundestag in Nördlingen. Auch die Herzogin Sabina und der Herzog von -Bayern fanden sich dort ein, um hauptsächlich über Württemberg zu -entscheiden. Sattler II. § 15. - -[41] Die Regentschaft mußte zu jener Zeit viel seltsamer, -leichtfertiger und böser Reden hören. Der Keller in Göppingen -berichtete einmal, man habe auf der Straße zwischen Grunbach und -Heppach einen Kieselstein gefunden, auf dessen einer Seite ein -Hirschgeweih mit der Unterschrift: »Hie gut Württemberg alleweg«, auf -der andern Seite ein Jagdhorn mit den Worten: »~Vive Dux Ulrice~« zu -sehen waren. Vergl. Pfaffs Geschichte von Württemberg I. 306. - -[42] Ueber dieses neutrale Verhalten des Adels ist zu vergleichen -Sattler II. § 19. - -[43] »Der Herzog zog sich mit ungefähr 6000 Mann Landvolk nach -Stuttgart, und die angeworbenen Knechte legte er nach Kannstatt.« -Sattler II. § 21. »Der Herzog, als er erfuhr, daß der Feind so nahe -sei, rief die Seinigen schnell aus Städten und Dörfern herbei, die auch -sogleich erschienen.« ~Thetingeri Commentarius etc. lib. III.~ - -[44] Wir benützen zur Beschreibung dieser Schlacht hauptsächlich: Joh. -Bezzi hist. ~Ulrici Ducis Würt.~ und Thetinger, der besonders bei dem -Angriff der Reiterei auf den mit Geschütz besetzten Hügel sehr ins -einzelne geht. - -[45] Graf Georg von Württemberg und Mömpelgard, der Bruder Ulrichs, ist -der Stammvater des jetzigen Regentenhauses von Württemberg. - -Sein Sohn war Friedrich I. reg. Herzog, der das Herzogtum erhielt, weil -Ludwig, Christophs Sohn, ohne männliche Deszendenz starb. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 6: Fußnote ohne Anker gelöscht: - Die Anmerkungen befinden sich am Ende dieser Erzählung. - - S. 33: viel → viel wie - muß sich so {viel wie} möglich - - S. 78: überrascht → überraschend - Entscheidung doch zu {überraschend} - - S. 87: Ritterschaft → Ritterhaft - Das ist halt die {Ritterhaft} - - S. 101: Laune → Leute - Gastfreundschaft der guten {Leute} - - S. 142: bunten → runden - Tafeltuch über den {runden} Tisch - - S. 143: Schlüssel → Schüssel - schob die {Schüssel} weit hinweg - - S. 237: ficht → ficht keiner - wie der {ficht keiner} in der Türkei - - S. 341: Ermorderung → Ermordung - in Bayern für {Ermordung} des Herzogs - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i - sechs Bänden. Dritter Band, by Wilhelm Hauff - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE *** - -***** This file should be named 60873-0.txt or 60873-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/8/7/60873/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/60873-0.zip b/old/60873-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 61440cf..0000000 --- a/old/60873-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60873-h.zip b/old/60873-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 9ab0953..0000000 --- a/old/60873-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60873-h/60873-h.htm b/old/60873-h/60873-h.htm deleted file mode 100644 index b91bd78..0000000 --- a/old/60873-h/60873-h.htm +++ /dev/null @@ -1,17049 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. 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Dritter Band, by Wilhelm Hauff - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Dritter Band - -Author: Wilhelm Hauff - -Annotator: Alfred Weile - -Release Date: December 7, 2019 [EBook #60873] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h1>Wilhelm Hauffs<br /> -<span class="smaller">sämtliche Werke in sechs Bänden</span></h1> - -<p class="center">Mit einer biographischen Einleitung -von <em class="gesperrt">Alfred Weile</em></p> - -<p class="center">Neu durchgesehene Ausgabe</p> - -<p class="center smaller">:: :: in neuester Rechtschreibung :: ::</p> - -<p class="center larger">Dritter Band.</p> - -<p class="center p2">A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei<br /> -<em class="gesperrt">Berlin</em> NO.<sup>43</sup> <span class="gap">Neue Königstr. 9</span> -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Lichtenstein.</p> - -<p class="center">Romantische Sage aus der württembergischen Geschichte.</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span></p> - -<h2 id="Einleitung">Einleitung.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt,<br /></span> -<span class="i0">Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte;<br /></span> -<span class="i0">Doch euren Augen soll ihn jetzt die Kunst,<br /></span> -<span class="i0">Auch euren Herzen menschlich näher bringen: –<br /></span> -<span class="i0">Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang<br /></span> -<span class="i0">Und wälzt die größre Hälfte seiner Schuld<br /></span> -<span class="i0">Den unglückseligen Gestirnen zu.<br /></span> -</div></div> -</div> -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Schiller</em>. -</p> - -<p>Die Sage, womit sich die folgenden Blätter beschäftigen, -gehört jenem Teil des südlichen Deutschlands an, welcher sich -zwischen den Gebirgen der Alb und des Schwarzwaldes ausbreitet. -Das erstere dieser Gebirge schließt, von Nordwest nach -Süden in verschiedener Breite sich ausdehnend, in einer langen -Bergkette dieses Land ein, der Schwarzwald aber zieht sich von -den Quellen der Donau bis hinüber an den Rhein und bildet -mit seinen schwärzlichen Tannenwäldern einen dunkeln Hintergrund -für die schöne, fruchtbare, weinreiche Landschaft, die, vom -Neckar durchströmt, an seinem Fuße sich ausbreitet und Württemberg -heißt.</p> - -<p>Dieses Land schritt aus geringem, dunklem Anfang unter -mancherlei Kämpfen siegend zu seiner jetzigen Stellung unter -den Nachbarstaaten hervor. Es erregt dies um so größere Bewunderung, -wenn man die Zeit bedenkt, in welcher sein Name -zuerst aus dem Dunkel tritt; jene Zeit, wo mächtige Grenznachbarn, -wie die Staufen, die Herzöge von Teck, die Grafen -von Zollern um seine Wiege gelagert waren; wenn man die -inneren und äußeren Stürme bedenkt, die es durchzogen und oft -selbst seinen Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen -drohten.</p> - -<p>Gab es ja doch sogar eine Zeit, wo der Stamm seiner Beherrscher -auf ewig aus den Hallen ihrer Väter verdrängt schien, -wo sein unglücklicher Herzog aus seinen Grenzen fliehen und in -drückender Verbannung leben mußte, wo fremde Herren in -seinen Burgen hausten, fremde Söldner das Land bewachten, -und wenig fehlte, daß Württemberg aufhörte zu sein, jene blühenden -Fluren zerrissen und eine Beute für viele oder eine -Provinz des Hauses Oesterreich wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span></p> - -<p>Unter den vielen Sagen, die von ihrem Lande und der -Geschichte ihrer Väter im Munde der Schwaben leben, ist wohl -keine von so hohem romantischen Interesse als die, welche sich an -die Kämpfe der eben erwähnten Zeit, an das wunderbare Schicksal -jenes unglücklichen Fürsten knüpft. Wir haben versucht, sie -wiederzugeben, wie man sie auf den Höhen von Lichtenstein und -an den Ufern des Neckars erzählen hört, wir haben es gewagt, -auch auf die Gefahr hin, verkannt zu werden. Man wird uns -nämlich entgegenhalten, daß sich der Charakter Ulrichs von -Württemberg<a id="FNanchor_1_2"></a><a href="#Footnote_1_2" class="fnanchor">[1]</a> nicht dazu eigne, in einem historischen Romane -mit milden Farben wiedergegeben zu werden. Man hat ihn -vielfach angefeindet, manches Auge hat sich sogar daran gewöhnt, -wenn es die lange Bilderreihe der Herzoge Württembergs -mustert, mit scheuem Blick vom ältern Eberhard auf Christoph<a id="FNanchor_2_3"></a><a href="#Footnote_2_3" class="fnanchor">[2]</a> -überzuspringen, als sei das Unglück eines Landes nur allein in -seinem Herrscher zu suchen, oder als sei es verdienstlich, das -Auge mit Abscheu zu wenden von den Tagen der Not.</p> - -<p>Und doch möchte es die Frage sein, ob man nicht in Beurteilung -dieses Fürsten nur seinem erbittertsten Feinde, Ulrich -von Hutten, nachbetet, der, um wenig zu sagen, hier allzusehr -Partei ist, um als leidenschaftloser Zeuge gelten zu können. -Die Stimmen aber, die der Herzog und seine Freunde erhoben, -hat der rauschende Strom der Zeit übertäubt, sie haben die zugleich -anklagende und richtende Beredsamkeit seines Feindes, -jene donnernde Philippika <em class="antiqua">in ducem Ulericum</em>, nicht überdauert.</p> - -<p>Wir haben fast alle gleichzeitigen Schriftsteller, die -Stimmen eines längst vergangenen vielbewegten Jahrhunderts, -gewissenhaft verglichen und fanden keinen, der ihn geradehin -verdammt. Und wenn man bedenkt, welch gewaltigen Einfluß -Zeit und Umgebungen auf den Sterblichen auszuüben pflegen, -wenn man bedenkt, daß Ulrich von Württemberg unter der Vormundschaft -schlechter Räte aufwuchs, die ihn zum Bösen anleiteten, -um ihn nachher zu mißbrauchen, wenn man sich erinnert, -daß er in einem Alter die Zügel der Regierung in die Hände bekam, -wo der Knabe kaum zum Jüngling reif ist, so muß man -wenigstens die erhabenen Seiten seines Charakters, hohe Seelenstärke -und einen Mut, der nie zu unterdrücken ist, bewundern, -sollte man es auch nicht über sich vermögen, die Härten damit -zu mildern, die in seiner Geschichte das Auge beleidigen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p> - -<p>Das Jahr 1519, in welches unsere Sage fällt, hat über ihn -entschieden, denn es ist der Anfang seines langen Unglückes. -Doch darf die Nachwelt sagen, es war der Anfang seines Glückes. -War ja doch jene lange Verbannung ein läuterndes Feuer, -woraus er weise und kräftiger als je hervorging. Es war der -Anfang seines Glückes, denn seine späteren Regentenjahre wird -jeder Württemberger segnen, der die religiöse Umwälzung, die -dieser Fürst in seinem Vaterlande bewerkstelligte, für ein Glück -ansieht.</p> - -<p>In jenem Jahr war alles auf die Spitze gestellt. Der -Aufruhr des armen Konrad war sechs Jahre früher mit Mühe -gestillt; doch war das Landvolk hie und da noch schwierig, weil -der Herzog sie nicht für sich zu gewinnen wußte, seine Amtleute -auf ihre eigene Faust arg hausten und Steuern auf Steuern -erhoben wurden. Den schwäbischen Bund, eine mächtige Vereinigung -von Fürsten, Grafen, Rittern und freien Städten -des Schwaben- und Frankenlandes, hatte er wiederholt beleidigt, -hauptsächlich auch dadurch, daß er sich weigerte, ihm beizutreten. -So sahen also alle seine Grenznachbarn mit feindlichen Blicken -auf sein Tun, als wollten sie nur Gelegenheit abwarten, ihn -fühlen zu lassen, welch mächtiges Bündnis er verweigert habe. -Der Kaiser Maximilian, der damals noch regierte, war ihm -auch nicht ganz hold, besonders seit er im Verdacht war, den -Ritter Götz von Berlichingen unterstützt zu haben, um sich an -dem Kurfürsten von Mainz zu rächen.</p> - -<p>Der Herzog von Bayern, ein mächtiger Nachbar, dazu sein -Schwager, war ihm abgeneigt, weil Ulrich mit der Herzogin -Sabina nicht zum besten lebte. Zu allem diesem kam, um sein -Verderben zu beschleunigen, die Ermordung eines fränkischen -Ritters, der an seinem Hofe lebte. Glaubwürdige Chronisten -sagen, das Verhältnis des Johann von Hutten zu Sabina sei -nicht so gewesen, wie es der Herzog gern sah. Daher griff ihn -der Herzog auf einer Jagd an, warf ihm seine Untreue vor, -forderte ihn auf, sich seines Lebens zu erwehren, und stach ihn -nieder. Die Huttischen, hauptsächlich Ulrich von Hutten, erhoben -ihre Stimmen wider ihn, und in ganz Deutschland erscholl -ihr Klage- und Rachegeschrei.</p> - -<p>Auch die Herzogin, die durch stolzes, zänkisches Wesen -Ulrich schon als Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe -bereitet hatte, trat jetzt als Gegnerin auf, entfloh mit Hilfe -Dietrichs von Spät, und sie und ihre Brüder traten als Kläger -und bittere Feinde bei dem Kaiser auf.<a id="FNanchor_3_4"></a><a href="#Footnote_3_4" class="fnanchor">[3]</a> Es wurden Verträge<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span> -geschlossen und nicht gehalten, es wurden Friedensvorschläge angeboten -und wieder verworfen, die Not um den Herzog wuchs von -Monat zu Monat, und dennoch beugte sich sein Sinn nicht, denn -er meinte, recht getan zu haben. Der Kaiser starb in dieser -Zeit. Er war ein Herr, der Ulrich trotz der vielen Klagen -dennoch Milde bewiesen hatte. An ihm starb dem Herzog ein -unparteiischer Richter, den er in diesen Bedrängnissen so gut -hätte brauchen können, denn das Unglück kam jetzt schnell.</p> - -<p>Man feierte das Leichenfest des Kaisers zu Stuttgart in -der Burg, als dem Herzog Kunde kam, daß Reutlingen, eine -Reichsstadt, die in seinem Gebiete lag, seinen Waldvogt auf -Achalm erschlagen habe. Diese Städtler hatten ihn schon oft -empfindlich beleidigt, sie waren ihm verhaßt und sollten jetzt -seine Rache fühlen. Schnell zum Zorn gereizt, wie er war, -warf er sich aufs Pferd, ließ die Lärmtrommeln tönen durch -das Land, belagerte die Stadt und nahm sie ein. Der Herzog -ließ sich von ihnen huldigen, und die Reichsstadt war württembergisch.<a id="FNanchor_4_5"></a><a href="#Footnote_4_5" class="fnanchor">[4]</a></p> - -<p>Aber jetzt erhob sich der schwäbische Bund mit Macht, denn -diese Stadt war ein Glied desselben gewesen. So schwer es -auch sonst hielt, diese Fürsten, Grafen und Städte alle aufzubieten, -so weilten sie doch hier nicht, sondern hielten zusammen, -denn der Haß ist ein fester Kitt. Umsonst waren Ulrichs schriftliche -Verteidigungen.<a id="FNanchor_5_6"></a><a href="#Footnote_5_6" class="fnanchor">[5]</a> Das Bundesheer sammelte sich bei Ulm -und drohte mit einem Einfall.</p> - -<p>So war also in dem Jahr 1519 alles auf die Spitze gestellt. -Konnte der Herzog das Feld behaupten, so behielt er recht, -und es war nicht zu zweifeln, daß er dann großen Anhang bekommen -würde. Gelang es dem Bunde, den Herzog aus dem -Felde zu schlagen, dann wehe ihm. Wo so vieles zu rächen war, -durfte er keine Schonung erwarten.</p> - -<p>Die Blicke Deutschlands hingen bange an dem Erfolg dieses -Kampfes, sie suchten begierig durch den Vorhang des Schicksals -zu dringen, um zu erspähen, was die künftigen Tage bringen -werden, ob Württemberg gesiegt, ob der Bund den Walplatz -behauptet habe. Wir rollen diesen Vorhang auf, wir lassen -Bild an Bild vorüberziehen, möge das Auge nicht zu frühe ermüdet -sich davon abwenden.</p> - -<p>Oder sollte es ein zu kühnes Unternehmen sein, eine historische -Sage der Vorzeit in unsern Tagen wieder zu erzählen? -Sollte es unbillig sein zu wünschen, daß sich die Aufmerksamkeit<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span> -der Leser einige kurze Stunden nach den Höhen der schwäbischen -Alb und nach den lieblichen Tälern des Neckars wende?</p> - -<p>Die Quellen des Susquehannah und die malerischen Höhen -von Boston, die grünen Ufer des Tweed und die Gebirge des -schottischen Hochlandes, Altenglands lustige Sitten und die -romantische Armut der Gälen leben, Dank sei es dem glücklichen -Pinsel jener berühmten Novellisten, auch bei uns in aller -Munde. Begierig liest man in getreuen Uebertragungen, die -wie Pilze aus der Erde zu wachsen scheinen, was vor sechzig -oder sechshundert Jahren in den Gefilden von Glasgow oder -in den Wäldern von Wallis sich zugetragen. Ja, wir werden -bald die Geschichte der drei Reiche so genau innehaben, als hätten -wir sie nach den gelehrtesten Forschungen ergründet. Und doch -ist es meist nur der große Unbekannte, der uns die Bücher -seiner Chroniken erschloß und Bild an Bild in unendlicher Reihe -vor dem staunenden Auge vorüberführte; er ist es, der diesen -Zauber bewirkte, daß wir in Schottlands Geschichte beinahe -besser bewandert sind als in der unsrigen, und daß wir die -religiösen und weltlichen Händel unserer Vorzeit bei weitem -nicht so deutlich kennen als die Presbyterianer und Episkopalen -Albions.</p> - -<p>Und in was besteht der Zauber, womit jener unbekannte -Magier unsere Blicke und unsere Herzen nach den »bergigten -Heiden« seines Vaterlandes zog? Vielleicht in der ungeheuren -Masse dessen, was er erzählt, in der grauenvollen Anzahl von -hundert Bänden, die er uns über den Kanal schickte? Aber -auch wir haben mit Gottes und der Leipziger Messen Hilfe -Männer von achtzig, hundert und hundertundzwanzig! Oder -haben vielleicht die Berge von Schottland ein glänzenderes -Grün als der deutsche Harz, der Taunus und die Höhen des -Schwarzwaldes? Ziehen die Wellen des Tweed in lieblicherem -Blau als der Neckar und die Donau, sind seine Ufer herrlicher -als die des Rheins? Sind vielleicht jene Schotten ein interessanterer -Menschenschlag als der, den unser Vaterland trägt, -hatten ihre Väter röteres Blut als die Schwaben und Sachsen -der alten Zeit, sind ihre Weiber liebenswürdiger, ihre Mädchen -schöner als die Töchter Deutschlands? Wir haben Ursache, -daran zu zweifeln, und hierin kann also jener Zauber des Unbekannten -nicht liegen.</p> - -<p>Aber darin liegt er wohl, daß jener große Novellist auf -historischem Grund und Boden geht, nicht als ob der unsrige -weniger geschichtlich wäre, aber wir haben ja schon seit Jahrhunderten<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span> -uns angewöhnt, unter fremdem Himmel zu suchen, -was bei uns selbst blühte, und wie wir die rohen Stoffe ausführen, -um sie in anderer Form mit Bewunderung und -Ehrfurcht als teure Kleinode wieder in unsere Grenzen aufzunehmen, -so bewundern wir jedes Fremde und Ausländische, nicht -weil es groß oder erhaben, sondern weil es nicht in unsern -Tälern gewachsen ist.</p> - -<p>Doch auch wir hatten eine Vorzeit, die, reich an bürgerlichen -Kämpfen, uns nicht weniger interessant dünkt als die -Vorzeit des Schotten. Darum haben auch wir gewagt, ein -historisches Tableau zu entrollen, das, wenn es auch nicht jene -kühnen Umrisse der Gestalten, jenen zauberischen Schmelz der -Landschaft aufweist, und wenn das an solche Herrlichkeiten gewöhnte -Auge umsonst die süße, bequeme Magie der Hexerei und -den von Zigeunerhand geschürzten Schicksalsknoten darin sucht, -ja wenn sogar unsere Farben matt, unser Crayon stumpf erscheint, -doch eines zur Entschuldigung für sich haben möchte, ich -meine die historische Wahrheit.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span></p> - -<h2 id="kap01">1.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Was soll doch dies Trommeten sein?<br /></span> -<span class="i0">Was deutet dies Geschrei?<br /></span> -<span class="i0">Will treten an das Fensterlein,<br /></span> -<span class="i0">Ich ahne, was es sei.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Uhland.</em> -</p> - -<p>Nach den ersten trüben Tagen des März 1519 war endlich -am zwölften ein recht freundlicher Morgen über der Reichsstadt -Ulm aufgegangen. Die Donaunebel, die um diese Jahreszeit -immer noch drückend über der Stadt liegen, waren schon -lange vor Mittag der Sonne gewichen, und immer freier und -weiter wurde die Aussicht in die Ebene über den Fluß hinüber.</p> - -<p>Aber auch die engen kalten Straßen mit ihren hohen -dunkeln Giebelhäusern hatte der schöne Morgen heller als sonst -beleuchtet und ihnen einen Glanz, eine Freundlichkeit gegeben, -die zu dem heutigen festlichen Ansehen der Stadt gar trefflich -paßte. Die große Herdbruckergasse – sie führt von dem Donautor -an das Rathaus – stand an diesem Morgen gedrängt voll -Menschen, die sich Kopf an Kopf wie eine Mauer an den beiden -Seiten der Häuser hinzogen, nur einen engen Raum in der -Mitte der Gasse übrig lassend. Ein dumpfes Gemurmel gespannter -Erwartung lief durch die Reihen und brach nur in -ein kurzes Gelächter aus, wenn etwa die alten, strengen Stadtwächter -eine hübsche Dirne, die sich zu vorlaut in den freigelassenen -Raum gedrängt hatte, etwas unsanft mit dem Ende -ihrer langen Hellebarde zurückdrängten oder wenn ein Schalk -sich den Spaß machte, »sie kommen! sie kommen!« rief, alles -lange Hälse machte und schaute, bis es sich zeigte, daß man sich -wieder getäuscht habe.</p> - -<p>Noch dichter aber war das Gedränge da, wo die Herdbruckergasse -auf den Platz vor dem Rathaus einbiegt. Dort -hatten sich die Zünfte aufgestellt. Die Schiffergilde mit ihren -Altmeistern an der Spitze, die Weber, die Zimmerer, die Bräuer, -mit ihren Fahnen und Gewerbzeichen, sie alle waren im Sonntagwams -und wohlbewaffnet zahlreich dort versammelt.</p> - -<p>Bot aber schon die Menge hier unten einen fröhlichen, festlichen -Anblick dar, so war dies noch mehr der Fall mit den hohen -Häusern der Straße selbst. Bis an die Giebeldächer waren alle<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span> -Fenster voll geputzter Frauen und Mädchen, um welche sich die -grünen Tannen- und Taxuszweige, die bunten Teppiche und -Tücher, mit welchen die Seiten geschmückt waren, wie Rahmen -um liebliche Gemälde zogen.</p> - -<p>Das anmutigste Bild gewährte wohl ein Erkerfenster im -Hause des Herrn Hans von Besserer. Dort standen zwei Mädchen, -so verschieden an Gesicht, Gestalt und Kleidung, und doch -beide von so ausgezeichneter Schönheit, daß, wer sie von der -Straße betrachtete, eine Weile zweifelhaft war, welcher er wohl -den Vorzug geben möchte.</p> - -<p>Beide schienen nicht über achtzehn Jahre zu haben. Die -eine, größere, war zart gebaut, reiches braunes Haar zog sich -um eine freie Stirne, die gewölbten Bogen ihrer dunkeln Brauen, -das ruhige blaue Auge, der fein geschnittene Mund, die zarten -Farben der Wangen – sie gaben ein Bild, das unter unsern -heutigen Damen für sehr anziehend gelten würde, das aber in -jenen Zeiten, wo noch höheren Farben, volleren Formen der -Apfel zuerkannt wurde, nur durch seine gebietende Würde -neben der andern Schönen sich geltend machen konnte.</p> - -<p>Diese, kleiner und in reichlicherer Fülle als ihre Nachbarin, -war eines jener unbesorgten, immer heiteren Wesen, -welche wohl wissen, daß sie gefallen. Ihr hellblondes Haar -war nach damaliger Sitte der Ulmer Damen in viele Löckchen -und Zöpfchen geschlungen und zum Teil unter ein weißes -Häubchen voll kleiner künstlicher Fältchen gesteckt. Das runde -frische Gesichtchen war in immerwährender Bewegung, noch -rastloser glitten die lebhaften Augen über die Menge hin, und -der lächelnde Mund, der alle Augenblicke die schönen Zähne -sehen ließ, zeugt deutlich, daß es unter den vielerlei abenteuerlichen -Gruppen und Gestalten nicht an Gegenständen fehle, die -ihrer fröhlichen Laune zur Zielscheibe dienen mußten.</p> - -<p>Hinter den beiden Mädchen stand ein großer bejahrter -Mann; seine tiefen strengen Züge, seine buschigen Augenbrauen, -sein langer dünner, schon ins Graue spielender Bart, selbst sein -ganz schwarzer Anzug, der wunderlich gegen die reichen bunten -Farben um ihn her abstach, gaben ihm ein ernstes, beinahe trauriges -Aussehen, das kaum ein wenig milder wurde, wenn ein -Schimmer von Freundlichkeit, hervorgelockt durch die glücklichen -Einfälle der Blondine, wie ein Wetterleuchten durch das finstere -Gesicht zog. Diese Gruppe, so verschieden in sich durch Farbe -und Schattierung wie durch Charakter und Jahre, zog hin und<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span> -wieder die Aufmerksamkeit der Untenstehenden auf sich. Manches -Auge hing an den schönen Mädchen, und sie beschäftigten -eine Weile durch ihre überraschende Erscheinung jene müßige -Menge, die schon ungeduldig zu werden anfing, daß das Schauspiel, -dessen sie harrte, noch immer sich nicht zeigen wollte.</p> - -<p>Es ging schon stark auf Mittag. Die Menge wogte immer -ungeduldiger, preßte sich stärker, und hin und wieder hatte sich -schon einer oder der andere aus den Reihen der ehrsamen -Zünfte auf den Boden gelagert, da tönten drei Stückschüsse von -der Schanze auf dem Lug-ins-Land herüber, die Glocken des -Münsters begannen tiefe volle Akkorde über die Stadt hinzurollen, -und im Augenblick hatten sich die verworrenen Reihen -geordnet.</p> - -<p>»Sie kommen, Marie, sie kommen!« rief die Blonde im -Erkerfenster und schlang ihren Arm um den Leib ihrer Nachbarin, -indem sie sich weiter zum Fenster hinausbeugte. Das -Haus des Herrn von Besserer bildete die Ecke der vorerwähnten -Straße, von dem Erker konnte man hinab, beinahe bis an das -Donautor, und hinüber bis in die Fenster des Rathauses sehen, -und die Mädchen hatten also ihren Standpunkt trefflich gewählt, -um das Schauspiel, dessen sie harrten, ganz zu genießen.</p> - -<p>Die Gasse zwischen den beiden Reihen des Volkes war indes -mit Mühe weiter gemacht worden, die Stadtwächter stellten -sich mit weit ausgestreckten Hellebarden auf, tiefe Stille herrschte -unter der ungeheuren Menge, nur das Geläute der Glocken -tönte noch fort.</p> - -<p>Jetzt hörte man den dumpfen Schall der Pauken, vermischt -mit den hohen Klängen der Zinken und Trompeten, und durch -das Tor herein bewegte sich ein langer glänzender Zug von -Reitern. Die Stadtpauker und Trompeter, die berittene Schar -der Ulmer Patriziersöhne war eine zu alltägliche Erscheinung, -als daß das Auge lange darauf verweilt hätte. Als aber das -schwarze und weiße Banner der Stadt, mit dem Reichsadler, -als Fahnen und Standarten aller Größen und Farben zum -Tor hereinschwankten, da dachten die Zuschauer, daß jetzt der -rechte Augenblick gekommen sei.</p> - -<p>Auch unsere Schönen im Erkerfenster schärften jetzt ihre -Blicke, als man die Menge am untern Teil der Straße ehrerbietig -die Mützen abnehmen sah.</p> - -<p>Auf einem großen starkknochigen Rosse nahte ein Mann, -dessen kräftige Haltung, dessen heiteres, frisches Ansehen in -sonderbarem Kontrast stand mit der tiefgefurchten Stirne und<span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span> -dem schon ins Graue spielenden Haar und Bart. Er trug einen -zugespitzten Hut mit vielen Federn, einen Brustharnisch über -ein eng anschließendes rotes Wams, Beinkleider von Leder, mit -Seide ausgeschlitzt, die wohl von neuem recht hübsch gewesen -sein mochten, aber durch Regen und Strapazen eine einförmige -dunkelbraune Farbe erhalten hatten. Weite schwere Reiterstiefel -schlossen sich unter den Knieen an. Seine einzige Waffe, -ein ungewöhnlich großes Schwert mit langem Griffe ohne Korb, -vollendete das Bild eines gewaltigen, unter Gefahren früh ergrauten -Kriegers. Der einzige Schmuck dieses Mannes war -eine lange goldene Kette von dicken Ringen, fünfmal um den -Hals gelegt, an welcher ein Ehrenpfennig von gleichem Metall -auf die Brust herabhing.</p> - -<p>»Sagt geschwind, Oheim, wer ist der stattliche Mann, der -so jung und alt aussieht?« rief die Blonde, indem sie das Köpfchen -ein wenig nach dem schwarzen Herrn, der hinter ihr stand, -zurückbeugte.</p> - -<p>»Das kann ich dir sagen, Bertha,« antwortete dieser. »Es -ist Georg von Frondsberg<a id="FNanchor_6_7"></a><a href="#Footnote_6_7" class="fnanchor">[6]</a>, oberster Feldhauptmann des bündischen -Fußvolkes, ein wackerer Mann, wenn er einer bessern -Sache diente!«</p> - -<p>»Behaltet Eure Bemerkungen für Euch, Herr Württemberger,« -entgegnete ihm die Kleine, indem sie lächelnd mit dem -Finger drohte, »Ihr wißt, daß die Ulmer Mädchen gut bündisch -sind!«</p> - -<p>Der Oheim aber, ohne sich irre machen zu lassen, fuhr fort: -»Jener dort auf dem Schimmel ist Truchseß Waldburg, der -Feldleutnant<a id="FNanchor_7_8"></a><a href="#Footnote_7_8" class="fnanchor">[7]</a>, dem auch etwas von unserem Württemberg wohl -anstünde. Dort hinter ihm kommen die Bundesobersten. Weiß -Gott, sie sehen aus wie Wölfe, die nach Beute gehen.«</p> - -<p>»Pfui! verwitterte Gestalten!« bemerkte Bertha, »ob es -wohl auch der Mühe wert war, Bäschen Marie, daß wir uns so -putzten? Aber siehe da, wer ist der junge schwarze Reiter auf -dem Braunen? Sieh nur das bleiche Gesicht und die feurigen, -schwarzen Augen! Auf seinem Schilde steht: <em class="gesperrt">Ich hab's gewagt.</em>«</p> - -<p>»Das ist der Ritter Ulrich von Hutten,« erwiderte der Alte, -»dem Gott seine Schmähworte gegen unsern Herzog verzeihen -wolle. Kinder! das ist ein gelehrter, frommer Herr. Er ist -zwar des Herzogs bitterster Feind, aber ich sage so. Denn was -wahr ist, muß wahr bleiben!<a id="FNanchor_8_9"></a><a href="#Footnote_8_9" class="fnanchor">[8]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span></p> - -<p>Und siehe, da sind Sickingens<a id="FNanchor_9_10"></a><a href="#Footnote_9_10" class="fnanchor">[9]</a> Farben, wahrhaftig, da -ist er selbst. Schaut hin, Mädchen, das ist Franz von Sickingen. -Sie sagen, er führe tausend Reiter in das Feld. Der ist's mit -dem blanken Harnisch und der roten Feder.«</p> - -<p>»Aber sagt mir, Oheim,« fragte Bertha wieder, »welches -ist denn Götz von Berlichingen, von dem uns Vetter Kraft so -viel erzählt. Er ist ein gewaltiger Mann und hat eine Faust von -Eisen. Reitet er nicht mit den Städten?«</p> - -<p>»Götz und die Städtler nenne nie in <em class="gesperrt">einem</em> Atem,« -sprach der Alte mit Ernst. »Er hält zu Württemberg.«<a id="FNanchor_10_11"></a><a href="#Footnote_10_11" class="fnanchor">[10]</a></p> - -<p>Ein großer Teil des Zuges war während diesem Gespräch -am Fenster vorübergezogen, und mit Verwunderung hatte Bertha -bemerkt, wie gleichgültig und teilnahmlos ihre Base Marie -hinabschaute. Es war zwar sonst des Mädchens Art, sinnend, -zuweilen wohl auch träumend auszusehen, aber heute, bei einem -so glänzenden Aufzug, so ganz ohne Teilnahme zu sein, deuchte -ihr ein großes Unrecht. Sie wollte sie eben zur Rede stellen, -als ein Geräusch von der Straße her ihre Aufmerksamkeit auf -sich zog. Ein mächtiges Roß bäumte sich in der Mitte der -Straße unter ihrem Fenster, wahrscheinlich scheu gemacht durch -die flatternden Fahnen der Zünfte. Sein hoch zurückgeworfener -Kopf verdeckte den Reiter, so daß nur die wehenden Federn des -Baretts sichtbar waren; aber die Gewandtheit und Kraft, mit -welcher er das Pferd herunterriß und zum Stehen brachte, ließ -einen jungen mutigen Reiter ahnen. Das lange hellbraune -Haar war ihm von der Anstrengung über das Gesicht herabgefallen. -Als er es zurückschlug, traf sein Blick das Erkerfenster.</p> - -<p>»Nun, dies ist doch einmal ein hübscher Herr,« flüsterte die -Blonde ihrer Nachbarin zu, so heimlich, so leise, als fürchte sie, -von dem schönen Reiter gehört zu werden, »und wie er artig und -höflich ist! Sieh nur, er hat uns gegrüßt, ohne uns zu kennen!«</p> - -<p>Aber das stille Bäschen Marie schien der Kleinen nicht viel -Aufmerksamkeit zu schenken. Ein glühendes Rot zog über die -zarten Wangen. Ja! wer die ernste Jungfrau gesehen hätte, -wie sie so kalt auf den Zug hinabsah, hätte wohl nie geahnet, -daß so viel holde Freundlichkeit um diesen Mund, so viel Liebe -in diesem sinnenden Auge wohnen könnte, als in jenem Augenblick -sichtbar wurde, wo sie durch ein leichtes Neigen des Hauptes -den Gruß des jungen Reiters erwiderte.</p> - -<p>Der kleinen Schwätzerin war unsere flüchtige, aber wahre -Bemerkung über dem Anblick des schönen Mannes völlig entgangen. -»Nur schnell, Oheim!« rief sie und zog den alten Herrn<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span> -am Mantel, »wer ist dieser in der hellblauen Binde mit Silber? -Nun?«</p> - -<p>»Ja, liebes Kind!« antwortete der Oheim, »den habe ich in -meinem Leben nicht gesehen. Seinen Farben nach steht er in -keinem besondern Dienst, sondern reitet wohl auf seine eigene -Faust gegen meinen Herzog und Herrn, wie so viele Hungerleider, -die sich an unsern Töpfen laben wollen.«</p> - -<p>»Mit Euch ist doch nichts anzufangen,« sagte die Kleine -und wandte sich unmutig ab. »Die alten und gelehrten Herren -kennet Ihr alle auf hundert Schritte und weiter. Wenn man -aber einmal nach einem hübschen, höflichen Junker fragt, wißt -Ihr nichts. Du bist auch so, Marie, machtest Augen auf den -Zug hinunter, als ob es eine Prozession am Fronleichnam wäre; -ich wette, du hast das Schönste von allem nicht gesehen und -hattest noch den alten Frondsberg im Kopfe, als ganz andere -Leute vorbeiritten!«</p> - -<p>Der Zug hatte sich während dieser Strafrede Berthas vor -dem Rathause aufgestellt; die bündische Reiterei, die noch vorüberzog, -hatte wenig Interesse mehr für die beiden Mädchen. -Als daher die Herren abgesessen und zum Imbiß ins Rathaus -gezogen waren, als die Zünfte ihre Glieder auflösten und das -Volk sich allmählich zu verlaufen begann, zogen auch sie sich -vom Fenster zurück.</p> - -<p>Bertha schien nicht ganz zufrieden zu sein. Ihre Neugier -war nur halb befriedigt. Sie hütete sich übrigens wohl, vor -dem alten ernsten Oheim etwas merken zu lassen. Als aber -dieser das Gemach verließ, wandte sie sich an ihre Base, die noch -immer träumend am Fenster stand:</p> - -<p>»Nein, wie einen doch so etwas peinigen kann! Ich wollte -viel darum geben, wenn ich wüßte, wie er heißt. Daß du aber -auch gar keine Augen hast, Marie! Ich stieß dich doch an, als -er grüßte. Siehe, hellbraune Haare, recht lang und glatt, -freundliche dunkle Augen, das ganze Gesicht ein wenig bräunlich, -aber hübsch, sehr hübsch. Ein Bärtchen über dem Mund, -nein! ich sage dir – wie du jetzt nur wieder gleich rot werden -kannst!« fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort, »als ob zwei -Mädchen, wenn sie allein sind, nicht von dem schönen Mund -eines jungen Herrn sprechen dürften. Dies geschieht oft bei -uns. Aber freilich bei deiner seligen Frau Muhme in Tübingen -und bei deinem ernsten Vater in Lichtenstein kamen solche -Sachen nicht zur Sprache, und ich sehe schon, Bäschen Marie<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span> -träumt wieder, und ich muß mir ein Ulmer Stadtkind suchen, -wenn ich auch nur ein klein wenig schwatzen will.«</p> - -<p>Marie antwortete nur durch ein Lächeln, das wir vielleicht -etwas schelmisch gefunden hätten. Bertha aber nahm den großen -Schlüsselbund vom Haken an der Türe, sang sich ein Liedchen -und ging, um noch einiges zum Mittagessen zu rüsten. Denn -wenn man ihr auch etwas zu große Neugierde vorwerfen konnte, -so war sie doch eine zu gute Haushälterin, als daß sie über -der flüchtigen Erscheinung des höflichen Reiters das Zugemüse -und den Nachtisch vergessen hätte.</p> - -<p>Sie hüpfte hinaus und ließ ihre Base allein bei ihren Gedanken. -Und auch wir stören sie nicht, wenn sie jetzt die schönen -Bilder der Erinnerung durchgeht, die jene Erscheinung mit -einem Male aus dem tiefen, treuen Herzen hervorgerufen hatte, -wenn sie jener Zeit gedenkt, wo ein flüchtiger Blick von ihm, ein -Druck seiner Hand ihre Tage erhellte, wenn sie jener Nächte gedenkt, -wo sie im stillen Kämmerlein, unbelauscht von der seligen -Muhme, jene Schärpe flocht, deren freudige Farben sie heute -aus ihren Träumen weckten. Wir lauschen nicht, wenn sie errötend -und mit niedergeschlagenen Augen sich fragt, ob Bäschen -Bertha den süßen Mund des Geliebten richtig beschrieben habe?</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap02">2.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Steigt deine Hoffnung wieder?<br /></span> -<span class="i0">Ist nicht dein Herz entbrannt?<br /></span> -<span class="i0">Du fühlst dich, Jüngling, wieder<br /></span> -<span class="i0">Im alten Schwabenland.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">G. Schwab.</em> -</p> -</div> - -<p>Der festliche Aufzug, den wir auf den letzten Blättern beschrieben -haben, galt den Häuptern und Obersten des schwäbischen -Bundes, der an diesem Tage, auf seinem Marsch von -Augsburg, wo er sich versammelt hatte, in Ulm einzog. Der -Leser kennt aus der Einleitung die Lage der Dinge. Herzog -Ulrich von Württemberg hatte durch die Unbeugsamkeit, mit -welcher er trotzte, durch die allzu heftigen Ausbrüche seines -Zornes und seiner Rache, durch die Kühnheit, mit welcher er, -der einzelne, so vielen verbündeten Fürsten und Herren die -Stirne bot, zuletzt noch durch die plötzliche Einnahme der Reichsstadt -Reutlingen den bittersten Haß des Bundes auf sich gezogen. -Der Krieg war unvermeidlich; denn es stand nicht zu -erwarten, daß man Ulrich, nachdem man so weit gegangen, -friedliche Vorschläge tun werde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span></p> - -<p>Hiezu kamen noch die besonderen Rücksichten, die jeden -leiteten. Der Herzog von Bayern, um seiner Schwester Sabina -Genugtuung zu verschaffen, die Schar der Huttischen, um ihren -Stammesvetter zu rächen, Dietrich von Spät<a id="FNanchor_11_12"></a><a href="#Footnote_11_12" class="fnanchor">[11]</a> und seine Gesellen, -um ihre Schmach in Württembergs Unglück abzuwaschen, -die Städte und Städtchen, um Reutlingen wieder gut bündisch -zu machen, sie alle hatten ihre Banner entrollt und sich mit -blutigen Gedanken und lüstern nach gewisser Beute eingestellt.</p> - -<p>Bei weitem friedlicher und fröhlicher waren bei diesem -Einzug die Gesinnungen <em class="gesperrt">Georgs von Sturmfeder</em>, -jenes »artigen Reiters«, der Berthas Neugierde in so hohem -Grade erweckt, dessen unerwartete Erscheinung Mariens Wangen -mit so tiefem Rot gefärbt hatte. Wußte er doch kaum selbst, -wie er zu diesem Feldzug kam, da er, obgleich den Waffen nicht -fremd, doch nicht zunächst für das Waffenwerk bestimmt war. -Aus einem armen, aber angesehenen Stamme Frankens entsprossen, -war er, frühe verwaist, von einem Bruder seines Vaters -erzogen worden. Schon damals hatte man angefangen, gelehrte -Bildung als einen Schmuck des Adels zu schätzen. Daher wählte -sein Oheim für ihn diese Laufbahn. Die Sage erzählt nicht, -ob er auf der hohen Schule in Tübingen, die damals in ihrem -ersten Erblühen war, in Wissenschaften viel getan. Es kam -nur die Nachricht bis auf uns, daß er einem Fräulein von -Lichtenstein, die bei einer Muhme in jener Musenstadt lebte, -wärmere Teilnahme schenkte als den Lehrstühlen der berühmtesten -Doktoren. Man erzählt sich auch, daß das Fräulein mit -ernstem, beinahe männlichem Geiste alle Künste, womit andere -ihr Herz bestürmten, gering geachtet habe. Zwar kannte man -schon damals alle jene Kriegslisten, ein hartes Herz zu erobern; -und die Jünger der alten Tubinga hatten ihren Ovid -vielleicht besser studiert als die heutigen. Es sollen aber weder -nächtliche Liebesklagen noch fürchterliche Schlachten und Kämpfe -um ihren Besitz die Jungfrau erweicht haben. Nur <em class="gesperrt">einem</em> -gelang es, dieses Herz für sich zu gewinnen, und dieser <em class="gesperrt">eine</em> -war Georg. Sie haben zwar, wie es stille Liebe zu tun pflegt, -niemand gesagt, wann und wo ihnen der erste Strahl des Verständnisses -aufging, und wir sind weit entfernt, uns in dieses -süße Geheimnis der ersten Liebe eindrängen zu wollen, oder -gar Dinge zu erzählen, die wir geschichtlich nicht belegen können. -Doch können wir mit Grund annehmen, daß sie schon bis zu -jenem Grad der Liebe gediehen waren, wo man, gedrängt von -äußeren Verhältnissen, gleichsam als Trost für das Scheiden,<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span> -ewige Treue schwört. Denn als die Muhme in Tübingen das -Zeitliche gesegnet und Herr von Lichtenstein sein Töchterlein zu -sich holen ließ, um sie nach Ulm, wo ihm eine Schwester verheiratet -war, zu weiterer Ausbildung zu schicken, da merkte -Rose, Mariens alte Zofe, daß so heiße Tränen und die Sehnsucht, -mit welcher Marie noch einmal und immer wieder aus der -Sänfte zurücksah, nicht den bergigen Straßen, denen sie Valet -sagen mußte, <em class="gesperrt">allein</em> gelte.</p> - -<p>Bald darauf langte auch ein Sendschreiben an Georg an, -worin ihm sein Oheim die Frage beibrachte, ob er jetzt, nach -vier Jahren, noch nicht gelehrt genug sei? Dieser Ruf kam -ihm erwünscht. Seit Mariens Abreise waren ihm die Lehrstühle -der gelehrten Doktoren, die finstere Hügelstadt, ja selbst -das liebliche Tal des Neckars verhaßt geworden. Mit neuer -Kraft erfrischte ihn die kalte Luft, die ihm von den Bergen entgegenströmte, -als er an einem schönen Morgen des Februar aus -den Toren Tübingens seiner Heimat entgegenritt. Wie die -Sehnen seiner Arme in dem frischen Morgen sich straffer anzogen, -wie die Muskeln seiner Faust kräftiger in den Zügel -faßten, so erhob sich auch seine Seele zu jenem frischen heiteren -Mute, der diesem Alter so eigen ist, wenn die Gewißheit eines -süßen Glückes im Herzen lebt, und vor dem Auge, das Erfahrung -noch nicht geschärft, Unglück noch nicht getrübt hat, die Zukunft -heiter und freundlich sich ausbreitet. Wie der klare See, der -das heitere Bild, das auf ihn herabschaut, nicht minder freundlich -zurückwirft und mit diesen reizenden Farben seine Tiefe -verhüllt, so hat gerade das Ungewisse dieser Zukunft seinen -eigentümlichen Reiz. Man glaubt in Kopf und Arm Kraft -genug zu tragen, um dem Glück seine Gunst abzuringen, und -dies Vertrauen auf sich selbst gibt bei weitem mutigere Zuversicht -als die mächtigste Hilfe von außen.</p> - -<p>So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder, als er -durch den Schönbuchwald seiner Heimat zuzog. Zwar brachte -ihn dieser Weg dem Liebchen nicht näher, zwar konnte er nichts -sein nennen als das Roß, das er eben ritt, und die Burg seiner -Väter, von welcher der Volkswitz sang:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ein Haus auf drei Stützen,<br /></span> -<span class="i0">Wer vorn hereinkommt,<br /></span> -<span class="i0">Kann hinten nicht sitzen.<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span></p> -<p class="noind">Aber er wußte, daß dem festen Willen hundert Wege offen -stehen, um zum Ziel zu gelangen, und der alte Spruch des -Römers: <em class="antiqua">Fortes fortuna juvat</em>, hatte ihm noch nie gelogen.</p> - -<p>Wirklich schienen auch seine Wünsche nach einer tätigen -Laufbahn bald in Erfüllung zu gehen.</p> - -<p>Der Herzog von Württemberg hatte Reutlingen, das ihn -beleidigt hatte, aus einer Reichsstadt zur Landstadt gemacht, -und es war kein Zweifel mehr an einem Krieg.</p> - -<p>Der Erfolg schien aber damals sehr ungewiß. Der schwäbische -Bund, wenn er auch erfahrenere Feldherren und geübtere -Soldaten zählte, hatte doch in allen Kriegen durch Uneinigkeit -sich selbst geschadet. Ulrich, auf seiner Seite, hatte vierzehntausend -Schweizer, tapfere, kampfgeübte Männer, geworben, -aus seinem eigenen Lande konnte er, wenn auch minder geübte, -doch zahlreiche und tüchtige Truppen ziehen, und so stand die -Wage im Februar 1519 noch ziemlich gleich.</p> - -<p>Wo alles um ihn her Partei nahm, glaubte Georg nicht -müßig bleiben zu dürfen. Ein Krieg war ihm erwünscht. Es -war eine Laufbahn, die ihn seinem Ziele, um Marie würdig -freien zu können, bald nahe bringen konnte.</p> - -<p>Zwar zog ihn sein Herz weder zu der einen, noch zu der -andern Partei. Vom Herzog sprach man im Lande schlecht, -des Bundes Absichten schienen nicht die reinsten. Als aber -durch Geld und Klagen der Huttischen und durch die Aussicht -auf reiche Beute bestochen, achtzehn Grafen und Herren, deren -Besitzungen an sein Gütchen grenzten, auf einmal<a id="FNanchor_12_13"></a><a href="#Footnote_12_13" class="fnanchor">[12]</a> dem Herzog -ihre Dienste aufsagten, da schien es ihn zum Bunde zu ziehen. -Den Ausschlag gab die Nachricht, daß der alte Lichtenstein mit -seiner Tochter in Ulm sich befinde. Auf jener Seite, wo Marie -war, durfte er nicht fehlen, und so bot er dem Bunde seine -Dienste an.</p> - -<p>Die fränkische Ritterschaft, unter Anführung Ludwigs von -Hutten, zog sich am Anfang des März gegen Augsburg hin, um -sich dort mit Ludwig von Bayern und den übrigen Bundesgliedern -zu vereinigen. Bald hatte sich das Heer gesammelt -und ihr Weg glich einem Triumphzug je näher sie dem Gebiete -ihres Feindes kamen.</p> - -<p>Herzog Ulrich war bei Blaubeuren, der äußersten Stadt -seines Landes gegen Ulm und Bayern hin, gelagert. In Ulm -sollte jetzt noch einmal zuvor im großen Kriegsrat der Feldzug -besprochen werden, und dann hoffte man in kurzer Zeit die -Württemberger zur entscheidenden Schlacht zu nötigen. An<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span> -friedliche Unterhandlungen wurde, da man so weit gegangen -war, nicht mehr gedacht, Krieg war die Losung und Sieg der -Gedanke des Heeres, als ein frischer Morgenwind ihnen die -Grüße des schweren Geschützes von den Wällen der Stadt entgegentrug, -als das Geläute aller Glocken zum Willkomm vom -andern Ufer der Donau herübertönte.</p> - -<p>Wohl schlug auch Georgs Herz höher bei dem Gedanken an -seine erste Waffenprobe. Aber wer in ähnlicher Lage sich -befand, wird ihn nicht tadeln, daß auch friedlichere Gedanken -in seiner Seele aufzogen und ihn Kampf und Sieg vergessen -ließen. Als zuerst, noch in weiter Ferne, das kolossale Münster -aus dem Nebel auftauchte, als nachher der verhüllende Dunstschleier -herabfiel und die Stadt mit ihren dunkeln Backsteinmauern, -mit ihren hohen Tortürmen sich vor seinen Blicken -ausbreitete, da kamen alle Zweifel, die er früher tief in die Brust -zurückgedrängt hatte, schwerer als je über ihn. »Schließen jene -Mauern auch die Geliebte ein? Hat nicht ihr Vater, seinem -Herzog treu, vielleicht in die feindlichen Scharen sich gestellt, -und darf der, dessen ganze Hoffnung darauf beruht, den Vater -zu gewinnen, darf er sich jenem gegenüberstellen, ohne sein -ganzes Glück zu vernichten? Und ist der Vater auf feindlicher -Seite, kann Marie möglicherweise noch in jenen Mauern sein? -Und wenn alles gut wäre, wenn unter der festlichen Menge, die -sich zum Anblick des einziehenden Heeres drängt, auch Marie -auf ihn herabschaut, hat sie auch die Treue noch bewahrt, die sie -geschworen?« –</p> - -<p>Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudigeren Gewißheit -Raum; denn wenn sich auch alles Unglück gegen ihn -verschwor, Mariens Treue, er wußte es, war unwandelbar. -Mutig drückte er die Schärpe, die sie ihm gegeben, an seine -Brust, und als jetzt die Ulmer Reiterei sich an den Zug anschloß, -als die Zinken und Trompeten ihre mutigen Weisen anstimmten, -da kehrte seine alte Freudigkeit wieder, stolzer hob er sich -im Sattel, kühner rückte er das Barett in die Stirne, und als -der Zug in die festlich geschmückten Straßen einbog, musterte -sein scharfes Auge alle Fenster der hohen Häuser, um sie zu -erspähen.</p> - -<p>Da gewahrte er sie, wie sie ernst und sinnend auf das fröhliche -Gewühl hinabsah, er glaubte zu erkennen, wie ihre Gedanken -in weiter Ferne den suchten, der ihr so nahe war; schnell -drückte er seinem Pferde die Sporen in die Seiten, daß es sich -hoch aufbäumte und das Pflaster von seinem Hufschlag ertönte.<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span> -Aber als sie sich zu ihm herabwandte, als Auge dem Auge begegnete, -als ihr freudiges Erröten dem Glücklichen sagte, daß -er erkannt und noch immer geliebt sei, da war es um die Besinnung -des guten Georg geschehen; willenlos folgte er dem -Zuge vor das Rathaus, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte -ihn seine Sehnsucht alle Rücksichten vergessen lassen und unwiderstehlich -zu dem Eckhaus mit dem Erker hingezogen.</p> - -<p>Schon hatte er die ersten Schritte nach jener Seite getan, -als er sich von kräftiger Hand am Arm angefaßt fühlte.</p> - -<p>»Was treibt Ihr, Junker?« rief ihm eine tiefe, wohlbekannte -Stimme ins Ohr. »Dort hinauf geht es die Rathaustreppe. -Wie? ich glaube, Ihr schwindelt; wäre auch kein Wunder, -denn das Frühstück war gar zu mager. Seid getrost, Freundchen, -und kommt. Die Ulmer führen gute Weine, wir wollen -Euch mit altem Remstaler anstreichen.«</p> - -<p>Wenn auch der Fall aus seinem Freudenhimmel, in welchem -er einige Minuten geschwebt hatte, auf den Rathausplatz in -Ulm etwas unsanft war, so wußte er doch dem alten Herrn -von Breitenstein, seinem nächsten Grenznachbar in Franken, -Dank, daß er ihn aus seinen Träumen aufgeschüttelt und von -einem übereilten Schritte zurückgehalten hatte.</p> - -<p>Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und -folgte mit ihm den übrigen Rittern und Herren, die sich von -dem scharfen Morgenritte an der guten Mittagskost, die ihnen -die freie Reichsstadt aufgesetzt hatte, wieder erholen wollten.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap03">3.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ich höre rauschende Musik, das Schloß ist<br /></span> -<span class="i0">Von Lichtern hell. Wer sind die Fröhlichen?<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Schiller</em>. -</p> -</div> - -<p>Der Saal des Rathauses, wohin die Angekommenen geführt -wurden, bildete ein großes, längliches Viereck. Die Wände -und die zu der Größe des Saales unverhältnismäßig niedere -Decke waren mit einem Getäfel von braunem Holz ausgelegt, -unzählige Fenster mit runden Scheiben, worauf die Wappen -der edlen Geschlechter von Ulm mit brennenden Farben gemalt -waren, zogen sich an der einen Seite hin, die gegenüberstehende -Wand füllten Gemälde berühmter Bürgermeister und Ratsherren -der Stadt, die beinahe alle in der gleichen Stellung, die<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span> -Linke in die Hüfte, die Rechte auf einen reichbehängten Tisch -gestützt, ernst und feierlich auf die Gäste ihrer Enkel herabsahen. -Diese drängten sich in verworrenen Gruppen um die Tafel her, -die, in Form eines Hufeisens aufgestellt, beinahe die ganze -Weite des Saales einnahm. Der Rat und die Patrizier, die -heute im Namen der Stadt die Honneurs machen sollten, stachen -in ihren zierlichen Festkleidern mit den steifen schneeweißen -Halskrausen wunderlich ab gegen ihre bestaubten Gäste, die, in -Lederwerk und Eisenblech gehüllt, oft gar unsanft an die seidenen -Mäntelein und samtenen Gewänder streiften. Man hatte bis -jetzt noch auf den Herzog von Bayern gewartet, der, einige -Tage vorher eingetroffen, zu dem glänzenden Mittagmahl zugesagt -hatte; als aber sein Kämmerling seine Entschuldigung -brachte, gaben die Trompeter das ersehnte Zeichen, und alles -drängte sich so ungestüm zur Tafel, daß nicht einmal die gastfreundliche -Ordnung des Rates, der je zwischen zwei Gäste -einen Ulmer setzen wollte, gehörig beobachtet wurde.</p> - -<p>Breitenstein hatte Georg auf einen Sitz niedergezogen, den -er ihm als einen ganz vorzüglichen anpries. »Ich hätte Euch,« -sagte der alte Herr, »zu den Gewaltigen da oben, zu Frondsberg, -Sickingen, Hutten und Waldburg setzen können, aber in -solcher Gesellschaft kann man den Hunger nicht mit gehöriger -Ruhe stillen. Ich hätte Euch ferner zu den Nürnbergern und -Augsburgern führen können, dort unten, wo der gebratene Pfau -steht – weiß Gott, sie haben keinen übeln Platz – aber ich -weiß, daß Euch die Städtler nicht recht behagen, darum habe -ich Euch hieher gesetzt. Schauet Euch hier um, ob dies nicht -ein trefflicher Platz ist? Die Gesichter umher kennen wir nicht, -also braucht man nicht viel zu schwatzen. Rechts haben wir den -geräucherten Schweinskopf mit der Zitrone im Maul, links -eine prachtvolle Forelle, die sich vor Vergnügen in den Schwanz -beißt, und vor uns diesen Rehziemer, so fett und zart, wie auf -der ganzen Tafel keiner mehr zu finden ist.«</p> - -<p>Georg dankte ihm, daß er mit so viel Umsicht für ihn gesorgt -habe, und betrachtete zugleich flüchtig seine Umgebung. -Sein Nachbar rechts war ein junger, zierlicher Herr von etwa -fünfundzwanzig bis dreißig Jahren. Das frischgekämmte Haar, -duftend von wohlriechenden Salben, der kleine Bart, der erst -vor einer Stunde mit warmen Zänglein gekräuselt sein mochte, -ließen Georg, noch ehe ihn die Mundart davon überzeugte, einen -Ulmer Herrn erraten. Der junge Herr, als er sah, daß er -von seinem Nachbar bemerkt wurde, bewies sich sehr zuvorkommend,<span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span> -indem er Georgs Becher aus einer großen silbernen -Kanne füllte, auf glückliche Ankunft und gute Nachbarschaft mit -ihm anstieß und auch die besten Bissen von den unzähligen -Rehen, Hasen, Schweinen, Fasanen und wilden Enten, die auf -silbernen Platten umherstanden, dem Fremdling auf den Teller -legte.</p> - -<p>Doch diesen konnte weder seines Nachbars zuvorkommende -Gefälligkeit noch Breitensteins ungemeiner Appetit zum Essen -reizen. Er war noch zu sehr beschäftigt mit dem geliebten Bilde, -das sich ihm beim Einzug gezeigt hatte, als daß er die Ermunterungen -seiner Nachbarn befolgt hätte. Gedankenvoll sah er -in den Becher, den er noch immer in der Hand hielt, und glaubte, -wenn die Bläschen des alten Weines zersprangen und in Kreisen -verschwebten, das Bild der Geliebten aus dem goldenen Boden -des Bechers auftauchen zu sehen. Es war kein Wunder, daß -der gesellige Herr zu seiner Rechten, als er sah, wie sein -Gast, den Becher in der Hand, jede Speise verschmähe, ihn -für einen unverbesserlichen Zechbruder hielt. Das feurige Auge, -das unverwandt in den Becher sah, der lächelnde Mund des in -seine Träume versunkenen Jünglings schienen ihm einen jener -echten Weinkenner anzuzeigen, die auf feingeübter Zunge den -Gehalt des edlen Trankes lange zu prüfen pflegen.</p> - -<p>Um der Ermahnung des wohledlen Rates, den Gästen das -Mahl so angenehm als möglich zu machen, gehörig nachzukommen, -suchte er auf der entdeckten schwachen Seite dem jungen -Manne beizukommen. Es war zwar gegen die Gewohnheit des -jungen Ulmers, viel Wein zu trinken, aber dem jungen Mann -zulieb, der etwas so Hohes und Gebietendes an sich hatte, mußte -er schon ein übriges tun. Er schenkte sich seinen Becher wieder -voll und begann: »Nicht wahr, Herr Nachbar, das Weinchen -hat Feuer und einen feinen Geschmack? Freilich ist es kein -Würzburger, wie Ihr ihn in Franken gewohnt sein werdet, aber -es ist echter Elfinger aus dem Ratskeller und immer seine -achtzig Jahre alt.«</p> - -<p>Verwundert über diese Anrede, setzte Georg den Becher -nieder und antwortete mit einem kurzen »Ja, ja! –« der Nachbar -ließ aber den einmal aufgenommenen Faden nicht so bald -wieder fallen. »Es scheint,« fuhr er fort, »als munde er Euch -doch nicht ganz; aber da weiß ich Rat. Heda! gebt eine Kanne -Uhlbacher hieher! – Versuchet einmal diesen, der wächst zunächst -an des Württembergers Schloß; in diesem müßt Ihr mir Bescheid -tun: Kurzen Krieg, großen Sieg!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span></p> - -<p>Georg, dem dieses Gespräch nicht recht zusagte, suchte seinen -Nachbar auf einen andern Weg zu bringen, der ihn zu anziehenderen -Nachrichten führen konnte. »Ihr habt,« sprach er, -»schöne Mädchen hier in Ulm, wenigstens bei unserem Einzug -glaubte ich deren viele zu bemerken.«</p> - -<p>»Weiß Gott,« entgegnete der Ulmer, »man könnte damit -pflastern.«</p> - -<p>»Das wäre vielleicht so übel nicht,« fuhr Georg fort, »denn -das Pflaster Eurer Straßen ist herzlich schlecht. Aber sagt -mir, wer wohnt dort in dem Eckhaus mit dem Erker; wenn ich -nicht irre, schauten dort zwei feine Jungfrauen heraus, als wir -einritten.«</p> - -<p>»Habt Ihr diese auch schon bemerkt?« lachte jener. »Wahrhaftig, -Ihr habt ein scharfes Auge und seid ein Kenner. Das -sind meine lieben Basen mütterlicherseits, die kleine Blonde ist -eine Besserer, die andere ein Fräulein von Lichtenstein, eine -Württembergerin, die auf Besuch dort ist.«</p> - -<p>Georg dankte im stillen dem Himmel, der ihn gleich mit -einem so nahen Verwandten Mariens zusammenführte. Er -beschloß, den Zufall zu benützen, und wandte sich, so freundlich -er nur konnte, zu seinem Nachbar. »Ihr habt ein Paar hübsche -Mühmchen, Herr von Besserer …«</p> - -<p>»Dietrich von Kraft nenne ich mich,« fiel er ein, »Schreiber -des großen Rates.«</p> - -<p>»Ein Paar schöne Kinder, Herr von Kraft; und Ihr besuchet -sie wohl recht oft?«</p> - -<p>»Jawohl,« antwortete der Schreiber des großen Rates, -»besonders seit die Lichtenstein im Hause ist. Zwar will mein -Bäschen Bertha etwas eifersüchtig werden, denn im Vertrauen -gesagt, wir waren vorher ein Herz und eine Seele, aber ich tue, -als merke ich es nicht, und stehe mit Marien um so besser.«</p> - -<p>Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs -Ohren klingen, denn er preßte die Lippen zusammen, und seine -Wangen färbten sich dunkler.</p> - -<p>»Ja, lachet nur,« fuhr der Ratsschreiber fort, dem der ungewohnte -Geist des Weines zu Kopfe stieg, »wenn Ihr wüßtet, -wie sie sich beide um mich reißen. – Zwar – die Lichtenstein hat -eine verdammte Art, freundlich zu sein; sie tut so vornehm -und ernst, daß man nicht recht wagt, in ihrer Gegenwart -Spaß zu machen, noch weniger läßt sie ein wenig mit sich schäkern -wie Bertha; aber gerade das kommt mir so wunderhübsch vor, -daß ich elfmal wiederkomme, wenn sie mich auch zehnmal fortgeschickt<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span> -hat. Das macht aber,« murmelte er nachdenklicher vor -sich hin, »weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut -sie sich; laßt nur den einmal über der Ulmer Markung sein, -so soll sie schon kirre werden.«</p> - -<p>Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen, -als sonderbare Stimmen ihn unterbrachen. Schon vorher hatte -er mitten durch das Geräusch der Speisenden diese Stimmen -zu hören geglaubt, wie sie in schleppendem, einförmigem Ton -ein paar kurze Sätze hersagten, ohne zu verstehen, was es war. -Jetzt hörte er dieselben Stimmen ganz in der Nähe, und bald -bemerkte er, welchen Inhaltes ihre eintönigen Sätze waren. Es -gehörte nämlich in den guten alten Zeiten, besonders in Reichsstädten, -zum Ton, daß der Hausvater und seine Frau, wenn sie -Gäste geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden und -bei jedem einzelnen umhergingen, mit einem herkömmlichen -Sprüchlein zum Essen und Trinken zu nötigen.</p> - -<p>Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, daß der -hohe Rat beschloß, auch an diesem Mahl keine Ausnahme zu -machen, sondern <em class="antiqua">ex officio</em> einen Hausvater samt Hausfrau -aufzustellen, um diese Pflicht zu üben. Die Wahl fiel auf den -Bürgermeister und den ältesten Ratsherrn.</p> - -<p>Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel »nötigend« umgangen, -kein Wunder, daß ihre Stimmen durch die große Anstrengung -endlich rauh und heiser geworden waren und ihre -freundschaftliche Aufmunterung wie Drohung klang. Eine rauhe -Stimme tönte in Georgs Ohr: »Warum esset Ihr denn nicht, -warum trinket Ihr denn nicht?« erschrocken wandte sich der -Gefragte um und sah einen starken großen Mann mit rotem -Gesicht; ehe er noch auf die schrecklichen Töne antworten konnte, -begann an seiner andern Seite ein kleiner Mann mit einer hohen -dünnen Stimme:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»So esset doch und trinket satt,<br /></span> -<span class="i0">Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Hab' ich's doch schon lange gedacht, daß es so kommen -würde,« fiel der alte Breitenstein ein, indem er ein wenig von -der Anstrengung, mit welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte, -ausruhte.</p> - -<p>»Da sitzt er und schwatzt, statt die köstlichen Braten zu genießen, -die uns die Herren in so reichlicher Fülle vorgesetzt -haben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span></p> - -<p>»Mit Verlaub,« unterbrach ihn Dietrich von Kraft, »der -junge Herr ißt nichts, er ist ein Zechbruder und trefflicher -Weinschmecker; hab' ich's nicht gleich weg gehabt, daß er gerne -zu tief ins Glas guckt? Darum tadle ihn keiner, wenn er sich -lieber an den Uhlbacher hält.«</p> - -<p>Georg wußte gar nicht, wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede -kam; er war im Begriff, sich zu entschuldigen, als ihn ein -neuer Anblick überraschte. Breitenstein hatte sich jetzt über den -Schweinskopf mit der Zitrone im Maul erbarmt, hatte die -Zitrone geschickt aus dem Rachen des Tieres operiert und begann -mit großem Behagen und geübter Hand die weitere Sektion -vorzunehmen, da trat der Bürgermeister auch zu ihm, und eben -als er an einem guten Bissen kaute, hub er an: »Warum esset -Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?« Dieser sah -den Nötigenden mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine -Sprachorgane keine Zeit. Er nickte daher mit dem Haupte und -deutete auf die Reste des Rehziemers; der kleine Mann mit der -Fistelstimme ließ sich aber nicht irre machen, sondern sprach -freundschaftlichst:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»So esset doch und trinket satt,<br /></span> -<span class="i0">Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.«<br /></span> -</div></div> - -<p>So war es nun in den »guten alten Zeiten!« Man konnte -sich wenigstens nicht beklagen, nur zu einem Schauessen geladen -worden zu sein. Bald aber bekam die Tafel eine ganz andere -Gestalt. Die großen Schüsseln und Platten wurden abgetragen -und geräumigere Humpen, größere Kannen, gefüllt mit edlem -Wein, aufgesetzt. Die Umtränke und das in Schwaben schon -damals sehr häufige Zutrinken begann, und nicht lange, so -äußerte auch der Wein seine Wirkungen. Dietrich Spät und -seine Gesellen sangen Spottlieder auf Herzog Ulrich und bekräftigten -jeden Fluch oder schlechten Witz, den einer ausbrachte, -mit Gelächter oder einem guten Trunke. Die fränkischen Ritter -würfelten um die Güter des Herzogs und tranken einander das -Tübinger Schloß im Weine ab. Ulrich von Hutten und einige -seiner Freunde hielten in lateinischer Sprache eine laute Kontrovers -mit einigen Italienern wegen des Angriffs auf den -römischen Stuhl, den kurz zuvor ein unberühmter Mönch in -Wittenberg unternommen hatte; die Nürnberger, Augsburger -und einige Ulmer Herren, die sich zusammengetan hatten, waren -über den Glanz ihrer Republiken in Streit geraten, und so<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span> -füllte Gelächter, Gesang, Zanken und der dumpfe Klang der -silbernen und zinnernen Becher den Saal.</p> - -<p>Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anständigere, -ruhigere Fröhlichkeit. Dort saßen Georg von Frondsberg, der -alte Ludwig Hutten, Waldburg Truchseß, Franz von Sickingen -und noch andere ältliche, gesetzte Herren.</p> - -<p>Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans -von Breitenstein, nachdem er sich genugsam gesättiget hatte, seine -Blicke und sprach zu Georg: »Das Lärmen um uns her will mir -gar nicht behagen; wie wäre es, wenn ich Euch jetzt dem Frondsberg -vorstellte, wie Ihr in den letzten Tagen gewünscht habt?«</p> - -<p>Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten -bekannt zu werden, stand freudig auf, um dem alten Freunde zu -folgen. Wir werden ihn nicht tadeln, daß sein Herz bei diesem -Gange ängstlicher pochte, seine Wangen sich höher färbten, seine -Schritte, je näher er kam, ungewisser und zögernder wurden. -Wen haben nicht in seiner Jugend, wenn er einem glänzenden, -ruhmbekränzten Vorbild nahte, ähnliche Gefühle bestürmt? Wem -sank da nicht sein eigenes Ich zur Unbedeutendheit zusammen, -während der Gefeierte zum Riesen wuchs? Georg von Frondsberg -galt schon damals für einen der berühmtesten Feldherren -seiner Zeit. Italien, Frankreich und Deutschland erzählten -von seinen Siegen, und die Kriegskunst wird ihn ewig in ihren -Annalen nennen, denn er war der Stifter und Gründer eines -geordneten, in Reihen und Gliedern fechtenden Fußvolkes. -Sagen und Chroniken erhielten das Bild dieses Helden bis auf -unsere Tage, und wer gedenkt nicht unwillkürlich jener homerischen -Helden, wenn er von diesem Manne liest: »Er war so -stark an Gliedern, wenn er den Mittelfinger der rechten Hand -ausstreckte, daß er damit den stärksten Mann, so sich steif stellte, -vom Platz stoßen, ein rennendes Pferd beim Zaum ergreifen -und stellen, die großen Büchsen und Mauerbrecher allein von -einem Ort zum andern führen konnte?« Zu ihm führte Breitenstein -den Jüngling.</p> - -<p>»Wen bringt Ihr uns da, Hans?« rief Georg von Frondsberg, -indem er den hochgewachsenen, schönen, jungen Mann mit -Teilnahme betrachtete.</p> - -<p>»Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr,« antwortete -Breitenstein, »ob Euch nicht beifällt, in welches Haus er gehören -mag?«</p> - -<p>Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der -alte Truchseß von Waldburg wandte prüfend sein Auge herüber.<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span> -Georg war schüchtern und blöde vor diese Männer getreten; -aber sei es, daß die freundliche, zutrauliche Weise -Frondsbergs ihm Mut machte, sei es, daß er fühlte, wie wichtig -der Augenblick für ihn sei, er bekämpfte die Scham, den Blicken -so vieler berühmter Männer ausgesetzt zu sein und sah ihnen -entschlossen und mutig ins Gesicht.</p> - -<p>»Jetzt, an diesem Blick erkenne ich dich,« sagte Frondsberg -und bot ihm die Hand, »du bist ein Sturmfeder?«</p> - -<p>»Georg Sturmfeder,« antwortete der junge Mann, »mein -Vater war Burkhard Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte, -in Italien an Eurer Seite.«</p> - -<p>»Er war ein tapferer Mann,« sprach der Feldhauptmann, -dessen Auge immer noch sinnend auf Georgs Zügen ruhte, »an -manchem warmen Schlachttag hat er treu zu mir gehalten; wahrlich, -sie haben ihn allzu frühe eingescharrt! Und du,« setzte er -freundlicher hinzu, »du hast dich eingestellt, um seiner Spur zu -folgen? Was treibt dich schon so frühe aus dem Neste, und -bist kaum flügg?«</p> - -<p>»Ich weiß schon,« unterbrach ihn Waldburg mit rauher, -unangenehmer Stimme; »das Vöglein will sich ein paar Flöckchen -Wolle suchen, um das alte Nest zu flicken!«</p> - -<p>Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen -jagte eine hohe Glut auf die Wange des Jünglings. Er hatte -sich nie seiner Dürftigkeit geschämt, aber dieses Wort klang so -höhnend, daß er sich zum erstenmal dem reichen Spötter gegenüber -recht arm fühlte. Da fiel sein Blick über Truchseß Waldburg -hin durch die Scheiben auf jenes wohlbekannte Erkerfenster, -er glaubte Mariens Gestalt zu erblicken, und sein alter -Mut kehrte wieder, »Ein jeder Kampf hat seinen Preis, Herr -Ritter,« sagte er, »ich habe dem Bund Kopf und Arm angetragen; -<em class="gesperrt">was</em> mich dazu treibt, kann <em class="gesperrt">Euch</em> gleichgültig sein.«</p> - -<p>»Nun, nun!« erwiderte jener, »wie es mit dem Arm aussieht, -werden wir sehen, im Kopfe muß es aber nicht so ganz hell -sein, da Ihr aus Spaß gleich Ernst macht.«</p> - -<p>Der gereizte Jüngling wollte wieder etwas darauf erwidern, -Frondsberg aber nahm ihn freundlich bei der Hand; -»Ganz wie dein Vater, lieber Junge; nun, du willst zeitlich zu -einer Nessel werden.<a id="FNanchor_13_14"></a><a href="#Footnote_13_14" class="fnanchor">[13]</a> Und wir werden Leute brauchen, denen -das Herz am rechten Flecke sitzt. Daß du dann nicht der Letzte -bist, darfst du gewiß sein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span></p> - -<p>Diese wenigen Worte aus dem Munde eines durch Tapferkeit -und Kriegskunst unter seinen Zeitgenossen hochberühmten -Mannes übten so besänftigende Gewalt über Georg, daß er -die Antwort, die ihm auf der Zunge schwebte, zurückdrängte und -sich schweigend von der Tafel in ein Fenster zurückzog, teils um -die Obersten nicht weiter zu stören, teils um sich genauer zu -überzeugen, ob die flüchtige Erscheinung, die er vorhin gesehen, -wirklich Marie gewesen sei.</p> - -<p>Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg -zu Waldburg: »Das ist nicht die Art, Herr Truchseß, wie -man tüchtige Gesellen für unsere Sache gewinnt; ich wette, er -ging nicht mit halb soviel Eifer für die Sache von uns, als er -zu uns brachte.«</p> - -<p>»Müßt Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?« -fuhr jener auf. »Was braucht es da? Er soll einen Spaß von -seinem Obern ertragen lernen.«</p> - -<p>»Mit Verlaub,« fiel ihm Breitenstein ins Wort, »das ist -kein Spaß, sich über unverschuldete Armut lustig zu machen; ich -weiß aber wohl, Ihr seid seinem Vater auch nie grün gewesen.«</p> - -<p>»Und,« fuhr Frondsberg fort, »sein Oberer seid Ihr ganz -und gar noch nicht. Er hat dem Bunde noch keinen Eid geleistet, -also kann er noch immer hinreiten, wohin er will; und wenn -er auch unter Euren eigenen Fahnen diente, so möchte ich Euch -doch nicht raten, ihn zu hänseln, er sieht mir nicht danach aus, -als ob er sich viel gefallen ließe!«</p> - -<p>Sprachlos vor Zorn über den Widerspruch, den er in -seinem Leben nie ertragen konnte, blickte Truchseß den einen -und den andern an, mit so wutvollen Blicken, daß sich Ludwig -von Hutten schnell ins Mittel schlug, um noch ärgeren Streit -zu verhüten: »Laßt doch die alten Geschichten!« rief er. »Ueberhaupt -wäre es gut, wir heben die Tafel auf. Es dunkelt draußen -schon stark, und der Wein wird zu mächtig. Dietrich Spät -hat schon zweimal des Württembergers Tod ausgebracht, und -die Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine -Schlösser niederbrennen oder verteilen soll.«</p> - -<p>»Laßt sie immer,« lachte Waldburg bitter, »die Herren -dürfen ja heute machen, was sie wollen, Frondsberg wird ihnen -doch das Wort reden.«</p> - -<p>»Nein,« antwortete Ludwig Hutten, »wenn einer von so -etwas reden darf, bin ich es, als der Bluträcher meines Sohnes;<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span> -aber ehe noch der Krieg erklärt ist, müssen solche Reden unterbleiben. -Mein Vetter Ulrich spricht mir auch zu heftig mit -den Italienern über den Mönch von Wittenberg, und er verschwatzt -sich zu sehr, wenn er in Zorn gerät. Laßt uns aufbrechen.«</p> - -<p>Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen -auf, und als die nächsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war -der Aufbruch allgemein.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap04">4.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Wollt ihr wissen, was die Augen sein,<br /></span> -<span class="i0">Womit ich sie sehe durch alle Land'?<br /></span> -<span class="i0">Es sind die Gedanken des Herzens mein,<br /></span> -<span class="i0">Damit schau ich durch die Mauer und Wand.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Walther von der Vogelweide.</em> -</p> -</div> - -<p>Georg hatte in dem Fenster, wohin er sich zurückgezogen, -nicht so entfernt gestanden, daß er nicht jedes Wort der Streitenden -gehört hätte. Er freute sich der warmen Teilnahme, mit -welcher Frondsberg sich des unberühmten, verwaisten Jünglings -angenommen hatte, zugleich aber konnte er es sich nicht -verbergen, daß sein erster Schritt in die kriegerische Laufbahn -ihm einen mächtigen, erbitterten Feind zugezogen hatte. Der -Truchseß war zu bekannt im Heere wegen seines unversöhnlichen -Stolzes, als daß Georg hätte glauben dürfen, Huttens vermittelnde -und besänftigende Worte haben jede Erinnerung an -diesen Streit verlöscht, und daß Männer von Gewicht wie Waldburg, -in solchen Fällen der vielleicht unschuldigen Ursache ihres -Zornes die Schuld nicht erlassen, war ihm aus manchen Fällen -wohl bekannt. Ein leichter Schlag auf seine Schulter unterbrach -seine Gedanken, und er sah, als er sich umwandte, seinen freundlichen -Nebensitzer, den Schreiber des großen Rats, vor sich.</p> - -<p>»Ich wette, Ihr habt Euch noch nach keinem Quartier umgesehen,« -sprach Dietrich von Kraft, »und es möchte Euch auch -jetzt etwas schwer werden, denn es ist bereits dunkel, und die -Stadt ist überfüllt.«</p> - -<p>Georg gestand, daß er noch nicht daran gedacht habe, er -hoffe aber, in einer der öffentlichen Herbergen noch ein Plätzchen -zu bekommen.</p> - -<p>»Darauf möchte ich doch nicht so sicher bauen,« entgegnete -jener, »und gesetzt, Ihr fändet auch in einer solchen Schenke<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span> -einen Winkel, so dürft Ihr doch sicherlich darauf rechnen, daß -Ihr schlecht genug bedient seid. Aber wenn Euch meine Wohnung -nicht zu gering scheint, so steht sie Euch mit Freuden -offen.«</p> - -<p>Der gute Ratsschreiber sprach mit so viel Herzlichkeit, daß -Georg nicht Anstand nahm, sein Anerbieten anzunehmen, obgleich -er beinahe befürchtete, die gastfreundliche Einladung -möchte seinen Wirt gereuen, wenn die gute Laune zugleich mit -den Dünsten des Weines verflogen sein werde. Jener aber -schien über die Bereitwilligkeit seines Gastes hoch erfreut; er -nahm mit einem herzlichen Handschlag seinen Arm und führte -ihn aus dem Saal.</p> - -<p>Der Platz vor dem Rathaus bot indes einen ganz eigenen -Anblick dar. Die Tage waren noch kurz, und die Abenddämmerung -war während der Tafel unbemerkt hereingebrochen, man -hatte daher Fackeln und Windlichter angezündet; ihr dunkelroter -Schein erhellte den großen Raum nur sparsam und spielte in -zitternden Reflexen an den Fenstern der gegenüberstehenden -Häuser und auf den blanken Helmen und Brustharnischen der -Ritter. Wildes Rufen nach Pferden und Knechten scholl aus -der Halle des Rathauses, das Klirren der nachschleppenden -Schwerter, das Hin- und Herrennen der vielen Menschen mischte -sich in das Gebell der Hunde, in das Wiehern und Stampfen -der ungeduldigen Rosse, eine Szene, die mehr einem in der Nacht -vom Feinde überfallenen Posten als dem Aufbruch von einem -friedlichen Mahle glich.</p> - -<p>Ueberrascht blieb Georg unter der Halle stehen. Der Anblick -so vieler fröhlicher Gesichter, der kräftigen Gestalten, die -in jugendlichem Mute ansprengten, kühne Reiterkünste übten -und dann singend und jubelnd in kleinen Haufen abzogen und -in der Nacht verschwanden; dieser nächtliche, flüchtige Anblick erinnerte -ihn, wie ungewiß, wie schnell auch diese Tage vorübergehen -werden, wie alle diese fröhlichen Gesellen dem tiefen -Ernste des Krieges entgegenziehen, wie mancher noch ehe der -Frühling völlig herauf ginge, mit seinem Körper den grünenden -Rasen decken werde, wie sie gefallen sein werden, ohne -mit ihrem Blute etwas eingelöst zu haben, als die Träne eines -Kameraden und den kurzen Ruhm, als brave Männer vor dem -Feinde geblieben zu sein.</p> - -<p>Unwillkürlich streifte sein Auge nach jener Seite hin, wo -er seinen Kampfpreis wußte. Er sah dort viele Leute an den -Fenstern stehen, aber der schwärzliche Rauch der Fackeln, der wie<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span> -eine Wolke über den Platz hinzog, verhüllte die Gegenstände -wie mit einem Schleier und ließ sie nur wie ungewisse Schatten -sehen; unbefriedigt wandte er sein Auge ab. »So ist auch meine -Zukunft,« sagte er zu sich; »das Jetzt ist helle, aber wie dunkel, -wie ungewiß das Ziel!«</p> - -<p>Sein freundlicher Wirt riß ihn aus diesem düstern Sinnen -mit der Frage, wo seine Knechte mit seinen Pferden seien? -Wenn der Platz, worauf sie standen, heller erleuchtet gewesen -wäre, so hätte vielleicht der gute Kraft eine flüchtige, aber -brennende Röte, die bei dieser Frage über Georgs Wangen zog, -bemerken können. »Ein junger Kriegsmann,« antwortete er -schnell gefaßt, »muß sich so <span id="corr033">viel wie</span> möglich selbst zu helfen wissen, -daher habe ich keinen Diener bei mir; mein Pferd aber habe ich -Breitensteins Knechten übergeben.«</p> - -<p>Der Ratsschreiber lobte im Weiterschreiten die Strenge des -jungen Mannes gegen sich selbst, gestand aber, daß er, wenn er -einmal zu Felde ziehe, den Dienst nicht so strenge lernen werde. -Ein Blick auf sein zierlich geordnetes Haar und den fein gekräuselten -Bart überzeugte Georg, daß sein Begleiter aus -voller Seele spreche, und die zierliche bequeme Wohnung, in -welcher sie bald darauf anlangten, widersprach diesem Glauben -nicht.</p> - -<p>Das Hauswesen des Herrn von Kraft war eine sogenannte -Junggesellenwirtschaft, denn Herrn Dietrichs Eltern waren -längst abgeschieden, als er in das Mannesalter und zugleich in -seinen Posten beim großen Rate eintrat. Er hätte sich vielleicht -längst um eine Genossin seiner Herrlichkeit umgesehen, wenn -nicht die Anmut des Junggesellenlebens, der nicht zu verachtende -Vorteil, von allen jungen Damen der Stadt als eine gute -Partie (nach heutigen Begriffen) angesehen und honoriert zu -werden, vor allem aber, wie man sich ins Ohr flüsterte, die -entschiedene Abneigung, die seine alte Amme und Haushälterin -vor einer jungen Gebieterin hegte, ihn immer von diesem -Schritte abgehalten hätte.</p> - -<p>Herr Dietrich hatte ein großes Haus, nicht weit vom -Münster, einen schönen Garten am Michelsberg, sein Hausgeräte -war im besten Stande, die großen eichenen Kasten voll -des köstlichen Linnenzeuges, das die Kraftinnen und ihre Zofen -seit vielen Generationen in den langen Winterabenden zusammengesponnen -hatten; die eiserne Truhe im Schlafzimmer -enthielt eine erkleckliche Anzahl von Goldgülden, Herr Dietrich -selbst war ein hübscher, solider Herr, ging immer geschniegelt<span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span> -und gebügelt, mit gesetztem, anständigem Gang in den Rat, hatte -einen guten Haus- und Ratsverstand, war aus einer alten -Familie; war es ein Wunder, wenn die ganze Stadt sein Leben -pries und jedes hübsche Ulmer Stadtkind sich glücklich geschätzt -hätte, in diesen bequem ausstaffierten Ehehimmel zu kommen?</p> - -<p>Georg kamen übrigens diese Verhältnisse bei näherer Besichtigung -nichts weniger als lockend vor. Die einzigen Hausgenossen -des Ratsschreibers waren ein alter, grauer Diener, -zwei große Katzen und die unförmig dicke Amme. Diese vier -Geschöpfe starrten den Gast mit großen, bedenklichen Augen an, -die ihm bewiesen, wie ungewohnt ihnen ein solcher Zuwachs der -Haushaltung sei. Die Katzen umgingen ihn schnurrend, mit gekrümmtem -Rücken, die Amme schob unmutig an der ungeheuren -Buckelhaube von Golddraht und fragte, ob sie für zwei Personen -das Abendessen zurichten solle? Als sie aber nicht nur ihre Frage -bestätigen hörte, sondern auch den Auftrag (man war ungewiß, -war es Bitte oder Befehl) bekam, das Eckzimmer im zweiten -Stock für den Gast zuzurichten, da schien ihre Geduld erschöpft; -sie ließ einen wütenden Blick auf ihren jungen Gebieter schießen -und verließ mit ihrem Schlüsselbund rasselnd das Gemach. -Georg hörte noch lange die hohltönenden Treppen unter ihren -schweren Tritten erbeben, und die öde Stille des großen Hauses -gab in vielfältigem Echo das Gepolter der Türen zurück, welche -sie im Grimme hinter sich zuwarf.</p> - -<p>Der graue Diener hatte indessen einen Tisch und zwei große -Armstühle an den ungeheuren Ofen gerückt; den Tisch besetzte -er mit einem schwarzen Kasten, stellte zu beiden Seiten desselben -ein Licht und einen silbernen Becher mit Wein und entfernte sich -dann, nachdem er einige leise Worte mit seinem Herrn gewechselt -hatte. Herr Dietrich lud seinen Gast ein, an seiner -gewöhnlichen Abendunterhaltung teilzunehmen. Er öffnete den -schwarzen Kasten, es war ein Brettspiel.</p> - -<p>Georg graute vor dieser Unterhaltung seines Gastfreundes, -als er ihm erzählte, daß er seit seinem zehnten Jahre alle -Abende mit der Amme an diesem Spiele sich ergötze. Wie öde, -wie unheimlich kam ihm das Haus vor. Das Rennen und Laufen -der Amme hatte doch noch an Leben und Bewegung erinnert, -jetzt aber lag Grabesstille über den weiten Gängen und Gemächern, -nur zuweilen vom Knistern der Lichter, vom Ticken -des Holzwurmes im schwärzlichen Getäfel und von dem eintönigen -Rollen der Würfel unterbrochen. Das Spiel hatte nie -etwas Anziehendes für ihn gehabt, seine Gedanken waren auch<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span> -ferne davon, und die tiefe Melancholie der öden Gemächer und -der Gedanke, nur wenige Straßen von ihr entfernt, doch den -lang ersehnten Anblick der Geliebten entbehren zu müssen, -breitete düstere Schatten über seine Seele. Nur die ungeheuchelte -Freude Herrn Dietrichs, beinahe alle Spiele zu gewinnen, -die seinem gutmütigen Gesicht etwas Angenehmes verlieh, -entschädigte ihn für den Verlust der langsam hinschleichenden -Stunden.</p> - -<p>Mit dem Schlage der achten Stunde führte Dietrich seinen -Gast zum Abendbrot, das die Amme, trotz ihres Unmutes, -trefflich bereitet hatte, denn sie wollte der Ehre des Kraftischen -Hauses nichts vergeben. Hier öffnete auch der Ratsschreiber -wieder die Schleusen seiner Beredsamkeit, indem er seinem -Gaste das Mahl durch Gespräch zu würzen suchte. Aber umsonst -spähete dieser, ob er nicht von seinem schönen Mühmchen -reden werde; nur <em class="gesperrt">eine</em> Ausbeute bekam er: Kraft zählte unter -den württembergischen Rittern, die in Ulm anwesend seien, auch -den Ritter von Lichtenstein auf. Doch schon dieses Wort erweckte -dankbare Gefühle gegen die Wendung seines Schicksals -in ihm. Jetzt erst freute er sich, einer Partei beigetreten zu -sein, die ihm sonst, außer den berühmten Namen, die sie an -der Spitze trug, ziemlich gleichgültig war. So aber hatte auch -ihr Vater sich in dem Sammelplatze des Heeres eingefunden, -und durfte er auch nicht hoffen, daß ihm das Glück vergönnen -werde, an der Seite des teuren Mannes zu fechten, so trug -er doch die Gewißheit in der Brust, ihm beweisen zu können, -daß Georg von Sturmfeder nicht der letzte Kämpfer im -Heere sei.</p> - -<p>Der Hausherr führte ihn nach aufgehobener Tafel in sein -Schlafgemach und schied von ihm mit einem herzlichen Glückwunsch -für seine Ruhe. Georg sah sich das Gemach, das man -ihm angewiesen hatte, näher an und fand, daß es ganz zu dem -öden Hause passe. Die runden, vom Alter geblendeten Scheiben -der Fenster, das dunkle Täfelwerk an Wand und Decke, der -große, weit vorspringende Ofen, selbst das ungeheure Bette mit -breitem Himmel und steifen schweren Gardinen, sie gewährten -ein düsteres, beinahe trauriges Ansehen. Aber dennoch war -alles zu seiner Bequemlichkeit eingerichtet. Frische, schneeweiße -Linnen blinkten ihm einladend aus dem Bette entgegen, als er -die Vorhänge zurückschlug; der Ofen verbreitete eine angenehme -Wärme, eine Nachtlampe war an der Decke aufgehängt, und -selbst der Schlaftrunk, ein Becher wohlgewürzten, warmen<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span> -Weines, war nicht vergessen. Er zog die Gardinen vor und -ließ die Bilder des vergangenen Tages an seiner Seele vorüberziehen. -Geordnet und freundlich kamen sie anfangs vorüber, -dann aber verwirrten sie sich, in buntem Gedränge führten -sie seine Seele in das Reich der Träume, und nur ein teures -Bild ging ihm heller auf, es war das Bild der Geliebten.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap05">5.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i12">– Ist's kein Wahn?<br /></span> -<span class="i0">Will der Holde, Vielgetreue,<br /></span> -<span class="i0">Dem ich Herz und Leben weihe,<br /></span> -<span class="i0">Heute noch zu Gruß und Kusse nahn?<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">F. Haug.</em> -</p> -</div> - -<p>Georg wurde am anderen Morgen durch ein bescheidenes -Pochen an seiner Türe erweckt. Er schlug die Vorhänge seines -Bettes zurück und sah, daß die Sonne schon ziemlich hoch stehe. -Es wurde wieder und stärker gepocht, und sein freundlicher -Wirt, schon völlig im Putz, trat ein. Nach den ersten Erkundigungen, -wie sein Gast geschlafen habe, kam Herr Dietrich gleich -auf die Ursache seines frühen Besuches. Der große Rat hatte -gestern abend noch beschlossen, die Ankunft der Bundesgenossen -auch durch einen Tanz zu feiern, der am heutigen Abend auf -dem Rathause abgehalten werden sollte. Ihm, als dem Ratsschreiber, -kam es zu, alles anzuordnen, was zu dieser Festlichkeit -gehörte: er mußte die Stadtpfeifer bestellen, die ersten -Familien feierlich und im Namen des Rates dazu einladen, -er mußte vor allem zu seinen lieben Mühmchen eilen, um ihnen -dieses seltene Glück zu verkündigen.</p> - -<p>Er erzählte dies alles mit wichtiger Miene seinem Gaste -und versicherte ihm, daß er vor dem Drang der Geschäfte nicht -wisse, wo ihm der Kopf stehe. Doch Georg hatte nur für <em class="gesperrt">eines</em> -Sinn; er durfte hoffen, Marien zu sehen und zu sprechen, und -darum hätte er gerne Herrn Dietrich für seine gute Botschaft -an das freudig pochende Herz gedrückt.</p> - -<p>»Ich sehe es Euch an,« sagte dieser, »die Nachricht macht -Euch Freude, und die Tanzlust leuchtet Euch schon aus den -Augen. Doch Ihr sollt ein paar Tänzerinnen haben, wie Ihr -sie nur wünschen könnt; mit meinen Bäschen sollt Ihr mir -tanzen, denn ich bin ihr Führer bei solchen Gelegenheiten und -werde es schon zu machen wissen, daß Ihr und kein anderer<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span> -zuerst sie aufziehen sollet; und wie werden sie sich freuen, wenn -ich ihnen einen so flinken Tänzer verspreche!« Damit wünschte -er seinem Gast einen guten Morgen und ermahnte ihn, wenn -er ausgehe, sein Haus zu merken und das Mittagessen nicht zu -versäumen.</p> - -<p>Herr Dietrich hatte, als sehr naher Verwandter, schon so -frühe am Tag Zutritt im Hause des Herrn von Besserer, besonders -heute, da ihn seine vielen Geschäfte bei diesem Morgenbesuche -entschuldigten.</p> - -<p>Er fand die Mädchen noch beim Frühstück. Wohl hätte -dort manche unserer heutigen Damen ein elegantes Dejeuner -von gemaltem Porzellan und den nach den schönsten antiken -Vasen geformten Schokoladenbecher vermißt. Aber wenn es -wahr ist, daß natürliche Anmut und Würde auch im geringsten -Kleide sich dem Auge nicht verhüllen, so dürfen wir schon mit -mehr Mut gestehen, daß Marie und die fröhliche Bertha an -jenem Morgen ein Biersüppchen verspeisten. Ob aber dieses -Geständnis der ästhetischen Haltung dieser Damen nicht Eintrag -tut? Es mag sein; wer übrigens Marien und Bertha in dem -weißen Morgenhäubchen, in dem reinlichen Hauskleide gesehen -hätte, würde gewiß auch, wie Vetter Kraft, Verlangen getragen -haben, dieses Frühstück mit den holden Mädchen zu teilen.</p> - -<p>»Ich sehe dir es an, Vetter,« begann Bertha, »du möchtest -gar zu gerne von unserer Suppe kosten, weil dir deine Amme -heute einen Kinderbrei vorgesetzt hat; aber schlage dir diese Gedanken -nur gleich aus dem Sinne; du hast Strafe verdient und -mußt fasten –«</p> - -<p>»Ach, wie wir so sehnlich auf Euch gewartet haben,« unterbrach -sie Marie.</p> - -<p>»Jawohl,« fiel ihr Bertha in die Rede, »aber bilde dir -nur nicht ein, daß wir eigentlich dich erwarteten; nein, ganz -allein deine Neuigkeiten.«</p> - -<p>Der Ratsschreiber war schon gewohnt, von Bertha so empfangen -zu werden; er wollte daher, um sie zu versöhnen, daß -er nicht gestern abend noch ihre Neugierde befriedigt habe, seine -Nachrichten in desto längerem Strome geben; aber Bertha -unterbrach ihn. »Wir kennen,« sagte sie, »deine breiten Erzählungen -und haben auch das meiste vom Erker aus selbst mit -angesehen; von eurem Trinkgelage, wo es arg genug hergegangen -sein soll, will ich auch nichts wissen, darum antworte mir -auf meine Frage.« Sie stellte sich mit komischem Ernst vor ihn -hin und fuhr fort: »Dietrich von Kraft, Schreiber eines wohledlen<span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span> -Rates, habt Ihr unter den Bündischen keinen jungen, -überaus höflichen Herrn gesehen, mit langem, hellbraunem Haar, -einem Gesicht, nicht so milchweiß wie das Eure, aber doch nicht -minder hübsch, kleinem Bart, nicht so zierlich wie der Eure, -aber dennoch schöner, hellblauer Schärpe mit Silber …«</p> - -<p>»Ach, das ist kein anderer als mein Gast!« rief Herr Dietrich. -»Er ritt einen großen Braunen, trug ein blaues Wams, -an den Schultern geschlitzt und mit Hellblau ausgelegt?«</p> - -<p>»Ja, ja, nur weiter!« rief Bertha. »Wir haben unsere -eigenen Ursachen, uns nach ihm zu erkundigen.«</p> - -<p>Marie stand auf und suchte ihr Nähzeug in dem Kasten, -indem sie den beiden den Rücken zukehrte; aber die Röte, die -alle Augenblicke auf ihren Wangen wechselte, ließ ahnen, daß -sie kein Wort von Herrn Dietrichs Erzählung verlor.</p> - -<p>»Nun, das ist Georg von Sturmfeder,« fuhr der Ratsschreiber -fort; »ein schöner, lieber Junge. Sonderbar, auch ihr -seid ihm gleich beim Einzug aufgefallen« – und nun erzählte -er, was am Gastmahl vorgegangen sei, wie ihm der hohe Wuchs, -das Gebietende und Anziehende in des Jünglings Mienen gleich -anfangs aufgefallen, wie ihn der Zufall zu seinem Nachbar gemacht, -wie er ihn immer lieber gewonnen und endlich in sein -Haus geführt habe.</p> - -<p>»Nun, das ist schön von dir, Vetter,« sagte Bertha, als -er geendet hatte, und reichte ihm freundlich die Hand; »ich -glaube, es ist das erste Mal, daß du es wagst, Gäste zu haben. -Aber das Gesicht der alten Sabine hätte ich sehen mögen, als -Junker Dieter so spät noch einen Gast brachte.«</p> - -<p>»O, sie war wie der Lindwurm gegen St. Georg; aber -als ich ihr ganz verblümt zu verstehen gab, es könne wohl geschehen, -daß ich bald eine meiner schönen Basen heimführen -würde …«</p> - -<p>»Ach, geh doch!« entgegnete Bertha, indem sie ihm hocherrötend -ihre Hand entreißen wollte; aber Herr Dietrich, dem -sein Mühmchen noch nie so hübsch als in diesem Augenblick geschienen -hatte, drückte die weiche Hand fester, und Mariens -ernsteres Bild verlor von Sekunde zu Sekunde an Gehalt, und -die Wagschale der fröhlichen Bertha, die jetzt in holder Verschämtheit -vor ihm saß, stieg hoch in den Augen des glücklichen -Ratsschreibers.</p> - -<p>Marie hatte indes schweigend das Gemach verlassen, und -Bertha ergriff mit Freuden diese Gelegenheit, ein anderes Gespräch -einzuleiten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span></p> - -<p>»Da geht sie nun wieder,« sagte sie und sah Marien nach, -»und ich wollte darauf wetten, sie geht in ihre Kammer und -weint. Ach, sie hat gestern wieder so heftig geweint, daß ich -auch ganz traurig geworden bin.«</p> - -<p>»Was hat sie nur?« fragte Dietrich teilnehmend.</p> - -<p>»Ich habe so wenig wie früher die Ursache ihrer Tränen -erfahren,« fuhr Bertha fort. »Ich habe gefragt und immer -wieder gefragt, aber sie schüttelt dann nur den Kopf, als wenn -ihr nicht zu helfen wäre. ›Der unselige Krieg!‹ war alles, was -sie mir zur Antwort gab.«</p> - -<p>»So ist der Alte noch immer entschlossen, mit ihr nach -Lichtenstein zurückzugehen?«</p> - -<p>»Jawohl,« war Berthas Antwort. »Du hättest nur hören -sollen, wie der alte Mann gestern beim Einzug auf die Bündischen -schimpfte. Nun – er ist einmal seinem Herzog mit Leib -und Seele ergeben, darum mag es ihm hingehen. Aber sobald -der Krieg erklärt ist, will er mit ihr abreisen.«</p> - -<p>Herr Dietrich schien sehr nachdenklich zu werden. Er stützte -den Kopf auf die Hand und hörte seiner Muhme schweigend zu.</p> - -<p>»Und denke,« fuhr diese fort, »da hat sie nun gestern nach -dem Einritte der Bündischen so heftig geweint. Du weißt, sie -war zwar vorher schon immer ernst und düster, und ich habe -sie an manchem Morgen in Tränen gefunden. Aber als habe -schon dieser Einzug über das ganze Schicksal des Krieges entschieden, -so untröstlich gebärdete sie sich. Ich glaube, Ulm liegt -ihr nicht so am Herzen, aber ich vermute,« setzte sie geheimnisvoll -hinzu, »sie hat eine heimliche Liebe im Herzen.«</p> - -<p>»Ach freilich, ich habe es schon lange gemerkt,« seufzte -Herr Dietrich, »aber was kann ich denn dafür?«</p> - -<p>»Du? Was du dafür kannst?« lachte Bertha, auf deren -Gesicht bei diesen Worten alle Trauer verschwunden war. »Nein! -Du bist nicht schuld an ihrem Schmerz. Sie war schon so, -ehe du sie nur mit einem Auge gesehen hast!«</p> - -<p>Der ehrliche Ratsschreiber war sehr beschämt durch diese -Versicherung. Er glaubte in seinem Herzen nicht anders, als -der Abschied von ihm gehe der armen Marie so nahe, und fast -schien ihr wehmütiges Bild in seinem wankelmütigen Herzen -wieder das Uebergewicht zu bekommen. Bertha aber ließ nicht -ab, ihn mit seiner törichten Vermutung zu höhnen, bis ihm auf -einmal der Zweck seines Besuches wieder einfiel, den er während -des Gespräches ganz aus den Augen verloren hatte. Sie sprang<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span> -mit einem Schrei der Freude auf, als ihr der Vetter die Nachricht -von dem Abendtanz mitteilte.</p> - -<p>»Marie, Marie!« rief sie in hellen Tönen, daß die Gerufene, -bestürzt und irgend ein Unglück ahnend, herbeieilte. »Marie, -ein Abendtanz auf dem Rathaus!« rief ihr die beglückte Bertha -schon unter der Tür entgegen.</p> - -<p>Auch diese schien freudig überrascht von dieser Nachricht. -»Wann? Kommen auch die Fremden dazu?« waren ihre -schnellen Fragen, indem ein hohes Rot ihre Wangen färbte und -aus dem ernsten Auge, das die kaum geweinten Tränen nicht -verbergen konnte, ein Strahl der Freude drang.</p> - -<p>Bertha und der Vetter waren erstaunt über den schnellen -Wechsel von Schmerz und Freude, und der letztere konnte die -Bemerkung nicht unterdrücken, daß Marie eine leidenschaftliche -Tänzerin sein müsse. Doch wir glauben, er habe sich hierin -nicht weniger geirrt, als wenn er Georg für einen Weinkenner -hielt.</p> - -<p>Als der Ratsschreiber sah, daß er jetzt, wo die Mädchen -sich in eine wichtige Beratung über ihren Anzug verwickelten, -eine überflüssige Rolle spiele, empfahl er sich, um seinen wichtigeren -Geschäften nachzugehen. Er beeilte sich, seine Anordnungen -zu treffen und die hohen Gäste und die angesehensten -Häuser zu laden. Ueberall erschien er als ein Bote des Heils, -denn wie die Sage erzählt, ist die Freude am Tanzen nicht erst -in unseren Tagen über die Mädchen gekommen.</p> - -<p>Auch seine Anordnungen waren bald getroffen. Es war -noch nicht zum Grundsatz geworden, daß man nur in einer -langen Reihen von Zimmern, bei flimmernden Lüstern, umgeben -von jenen unzähligen, unwesentlichen Dingen, welche die Mode -als notwendig preist, fröhlich sein könne. Der Rathaussaal -gab hinlänglichen Raum, und die kunstlosen Lampen, die an -den Wänden aufgehängt waren, hatten bisher Helle genug verbreitet, -die schönen Jungfrauen von Ulm in ihrer Pracht zu -sehen.</p> - -<p>Doch nicht seine Anordnungen allein waren dem Ratsschreiber -gelungen, er hatte nebenbei auch manche geheime Nachricht -erspäht, die bis jetzt nur der engere Ausschuß des Rates -mit den Bundesobersten teilte.</p> - -<p>Zufrieden mit dem Erfolg seiner vielen Geschäfte, kam er -gegen Mittag nach Hause, und sein erster Gang war, nach seinem -Gaste zu sehen. Er traf ihn in sonderbarer Arbeit. Georg -hatte lange in einem schöngeschriebenen Chronikbuch, das er in<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span> -seinem Zimmer gefunden hatte, geblättert. Die reinlich gemalten -Bilder, womit die Anfangsbuchstaben der Kapitel unterlegt -waren, die Triumphzüge und Schlachtenstücke, welche, mit -kühnen Zügen entworfen, mit besonderem Fleiße ausgemalt, hin -und wieder den Text unterbrachen, unterhielten ihn geraume -Zeit. Dann fing er an, erfüllt von den kriegerischen Bildern, -die er angeschaut hatte, seinen Helm und Harnisch und das vom -Vater ererbte Schwert zu reinigen und blank zu machen, indem -er zu großem Aergernis der Frau Sabine bald lustige, bald -ernstere Weisen dazu sang.</p> - -<p>So traf ihn sein Gastfreund. Schon unten an der Treppe -hatte er die angenehme Stimme des Singenden vernommen. -Er konnte sich nicht enthalten, noch einige Zeit an der Türe zu -lauschen, ehe er den Gesang unterbrach.</p> - -<p>Es war eine jener ernsten, beinahe wehmütig tönenden -Weisen, wie sie, durch ihren innern Wert erhalten und fortgetragen, -bis auf unsere Tage herabkamen. Noch heute leben sie -in dem Munde der Schwaben, und oft und gerne haben wir, ergriffen -von ihrer einfachen Schönheit, von den gehaltenen -Klängen ihrer vollen Akkorde, an den lieblichen Ufern des -Neckars sie belauscht.</p> - -<p>Der Sänger begann von neuem:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Kaum gedacht,<br /></span> -<span class="i0">War der Lust ein End' gemacht;<br /></span> -<span class="i0">Gestern noch auf stolzen Rossen,<br /></span> -<span class="i0">Heute durch die Brust geschossen,<br /></span> -<span class="i0">Morgen in das kühle Grab.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">»Doch was ist<br /></span> -<span class="i0">Aller Erden Freud' und Lüst'!<br /></span> -<span class="i0">Prangst du gleich mit deinen Wangen<br /></span> -<span class="i0">Die wie Milch und Purpur prangen,<br /></span> -<span class="i0">Sieh, die Rosen welken all.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">»Darum still<br /></span> -<span class="i0">Geb' ich mich, wie Gott es will.<br /></span> -<span class="i0">Und wird die Trompete blasen,<br /></span> -<span class="i0">Und muß ich mein Leben lassen,<br /></span> -<span class="i0">Stirbt ein braver Reitersmann.«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Wahrlich, Ihr habt eine schöne Stimme,« sagte Herr -von Kraft, als er in das Gemach eintrat. »Aber warum singt -Ihr so traurige Lieder? Ich kann mich zwar nicht mit Euch<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span> -messen, aber was ich singe, muß fröhlich sein, wie es einem -jungen Mann von achtundzwanzig geziemt.«</p> - -<p>Georg legte sein Schwert auf die Seite und bot seinem -Gastfreund die Hand. »Ihr möget recht haben,« sagte er, »was -Euch betrifft. Aber wenn man zu Feld reitet wie wir, da hat -ein solches Lied große Gewalt und Trost, denn es gibt auch dem -Tode eine milde Seite.«</p> - -<p>»Nun, das ist ja gerade, was ich meine,« entgegnete der -Schreiber des großen Rates. »Wozu soll man das auch noch in -schönen Verslein besingen, was leider nur zu gewiß nicht ausbleibt? -Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst -kommt er, sagt ein Sprichwort. Uebrigens hat es damit keine -Not, wie jetzt die Sachen stehen.«</p> - -<p>»Wie? Ist der Krieg nicht entschieden?« fragte Georg -neugierig. »Hat der Württemberger Bedingungen angenommen?«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Dem</em> macht man gar keine mehr,« antwortete Dietrich -mit wegwerfender Miene. »Er ist die längste Zeit Herzog gewesen, -jetzt kommt das Regieren auch einmal an uns. Ich will -Euch etwas sagen,« setzte er wichtig und geheimnisvoll hinzu, -»aber bis jetzt bleibt es noch unter uns. Die Hand darauf. Ihr -meint, der Herzog habe 14000 Schweizer? Sie sind wie weggeblasen. -Der Bote, den wir nach Zürich und Bern geschickt -haben, ist zurück. Was von Schweizern bei Blaubeuren und -auf der Alb liegt – muß nach Haus.«</p> - -<p>»Nach Haus zurück?« rief Georg erstaunt. »Haben die -Schweizer selbst Krieg?«</p> - -<p>»Nein,« war die Antwort, »sie haben tiefen Frieden, aber -kein Geld. Glaubt mir, ehe acht Tage ins Land kommen, sind -schon Boten da, die das ganze Heer nach Haus zurückrufen.«</p> - -<p>»Und werden sie gehen?« unterbrach ihn der Jüngling, -»sie sind auf ihre eigene Faust dem Herzog zu Hilfe gezogen, -wer kann ihnen gebieten, seine Fahnen zu verlassen?«</p> - -<p>»Das weiß man schon zu machen. Glaubt Ihr denn, -wenn an die Schweizer der Ruf kommt, bei Verlust ihrer Güter -und bei Leib- und Lebensstrafe nach Haus zu eilen,<a id="FNanchor_14_15"></a><a href="#Footnote_14_15" class="fnanchor">[14]</a> sie werden -bleiben? Ulrich hat zu wenig Geld, um sie zu halten, denn -auf Versprechungen dienen sie nicht.«</p> - -<p>»Aber ist dies auch ehrlich gehandelt?« bemerkte Georg, -»heißt das nicht, dem Feinde, der in ehrlicher Fehde mit uns -lebt, die Waffen stehlen und ihn dann überfallen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span></p> - -<p>»In der Politika, wie wir es nennen,« gab der Ratsschreiber -zur Antwort und schien sich dem unerfahrenen Kriegsmann -gegenüber kein geringes Ansehen geben zu wollen; »in -der Politika wird die Ehrlichkeit höchstens zum Schein angewandt. -So werden die Schweizer z. B. dem Herzog erklären, -daß sie sich ein Gewissen daraus machen, ihre Leute gegen die -freien Städte dienen zu lassen. Aber die Wahrheit ist, daß wir -dem großen Bären mehr Goldgülden in die Tatze drückten als -der Herzog.«</p> - -<p>»Nun, und wenn die Schweizer auch abziehen,« sagte -Georg, »so hat doch Württemberg noch Leute genug, um keinen -Hund über die Alb zu lassen.«</p> - -<p>»Auch dafür wird gesorgt,« fuhr der Schreiber in seiner -Erläuterung fort, »wir schicken einen Brief an die Stände von -Württemberg und ermahnen sie, das unleidliche Regiment ihres -Herzogs zu bedenken, demselben keinen Beistand zu tun, sondern -dem Bunde zuzuziehen.«<a id="FNanchor_15_16"></a><a href="#Footnote_15_16" class="fnanchor">[15]</a></p> - -<p>»Wie?« rief Georg mit Entsetzen, »das hieße ja den Herzog -um sein Land betrügen. Wollt ihr ihn denn zwingen, der -Regierung zu entsagen und sein schönes Württemberg mit dem -Rücken anzusehen?«</p> - -<p>»Und Ihr habt bisher geglaubt, man wolle nichts weiter, -als etwa Reutlingen wieder zur Reichsstadt machen? Von was -soll denn Hutten seine zweiundvierzig Gesellen und ihre Diener -besolden? Wovon denn Sickingen seine tausend Reiter und -zwölftausend zu Fuß, wenn er nicht ein hübsches Stückchen -Land damit erkämpft? Und meint Ihr, der Herzog von Bayern -wolle nicht auch sein Teil? Und wir? Unsere Markung -grenzt zunächst an Württemberg –«</p> - -<p>»Aber die Fürsten Deutschlands,« unterbrach ihn Georg -ungeduldig; »meint Ihr, sie werden es ruhig mit ansehen, daß -ihr ein schönes Land in kleine Fetzen reißet? Der Kaiser, wird -er es dulden, daß ihr einen Herzog aus dem Lande jagt?«</p> - -<p>Auch dafür wußte Herr Dietrich Rat. »Es ist kein Zweifel, -daß Karl seinem Vater als Kaiser folgt. Ihm selbst bieten -wir das Land zur Obervormundschaft an, und wenn Oesterreich -seinen Mantel darauf deckt, wer kann dagegen sein? Doch sehet -nicht so düster aus. Wenn Euch nach Krieg gelüstet, dazu kann -Rat werden. Der Adel hält noch zum Herzog, und an seinen -Schlössern wird sich noch mancher die Zähne einbrechen. Wir -verschwatzen übrigens das Mittagsmahl. Kommt bald nach, daß -wir erfahren, was Frau Sabine uns gekocht hat.« Damit verließ<span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span> -der Schreiber des großen Rates von Ulm so stolzen -Schrittes, als wäre er selbst schon Obervormund von Württemberg, -das Zimmer seines Gastes.</p> - -<p>Georg sandte ihm nicht die freundlichsten Blicke nach. -Zürnend schob er seinen Helm, den er noch vor einer Stunde -mit so freudigem Mute zu seinem ersten Kampf geschmückt hatte, -in die Ecke. Mit Wehmut betrachtete er sein altes Schwert, -diesen treuen Stahl, den sein Vater in manchem guten Streite -geführt, den er sterbend seinem verwaisten Knaben als einziges -Erbe vom Schlachtfeld gesendet hatte. »Ficht ehrlich!« war das -Symbolum, das der Waffenschmied in die schöne Klinge gegraben -hatte, und er sollte sie für eine Sache führen, die ihre -Ungerechtigkeit an der Stirne trug? Wo er der Kriegskunst -erfahrener Männer, der Tapferkeit des einzelnen die Entscheidung -zutraute, da sollten geheime Ränke, die Politika, wie -Herr Dietrich sich ausdrückte, entscheiden? Wo ihn der fröhliche -Glanz der Waffen, die Aussicht auf Ruhm gelockt hatte, da sollte -er nur den habgierigen Plänen dieser Menschen dienen? Ein -altes Fürstenhaus, dem seine Ahnen gerne gedient hatten, sollte -er von diesen Spießbürgern vertreiben sehen? Unerträglich -wollte ihm auch der Gedanke scheinen, von diesem Kraft sich belehren -lassen zu müssen.</p> - -<p>Doch dem Unmut über seinen gutmütigen Wirt konnte er -nicht lange Raum geben, wenn er bedachte, daß ja jene Pläne -nicht in seinem Kopfe gewachsen seien, und daß Menschen, wie -dieser politische Ratsschreiber, wenn sie einmal ein Geheimnis, -einen großen Gedanken in Erfahrung gebracht haben; ihn hegen -und pflegen wie ihren eigenen; daß sie sich mit dem adoptierten -Kinde brüsten, als wäre es Minerva, aus ihrem eigenen harten -Kopfe entsprungen.</p> - -<p>Mit milderen Gedanken kam er zu seinem Gastfreund, als -man ihn zu Tisch rief.</p> - -<p>Ja, die ganze Ansicht der Dinge wurde ihm nach einigen -Stunden bei weitem erträglicher, als er sich erinnerte, daß ja -auch Mariens Vater dieser Partei folge. Es war ihm, als -möchte die Sache doch nicht so schwarz sein, welcher Männer -wie Frondsberg ihre Dienste geliehen.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,<br /></span> -<span class="i0">Das schwer sich handhabt wie des Messers Schneide;<br /></span> -<span class="i0">Gleich heißt ihr alles schändlich oder würdig,<br /></span> -<span class="i0">Bös oder gut.<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span></p> -<p>Dieses wahre Wort des Dichters möge die Gesinnung -Georgs bezeichnen, die Gesinnung Georgs, der vielleicht allzuschnell -seine Ansicht über jene Dinge ändert. Und wie die -düsteren Falten des Unmuts auf einer jugendlichen Stirne sich -schneller glätten, wie selbst schmerzliche Eindrücke in des Jünglings -Seele von freundlichen Bildern leicht verdrängt werden, -so erhellte auch Georgs Seele der freudige Gedanke an den -Abend.</p> - -<p>Man hat uns erzählt, daß unter die schönsten Stunden im -Leben der Liebe die gehören, wo die Erwartung sich an schöne -Erinnerungen knüpft. Der Geist sei da ahnungsvoller, das -Herz gehobener. So mochte auch Georg fühlen. Er träumte -von den schönen Augenblicken, wo es ihm vergönnt sein werde, -die Geliebte zu sehen, sie zu sprechen, ihre Hand zu fassen und -in ihrem Auge zu lesen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap06">6.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen,<br /></span> -<span class="i0">Da flüstert sie leise, sie kann's nicht verschweigen.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Uhland.</em> -</p> -</div> - -<p>Wenn es möglich gewesen wäre, auf einem Trödelmarkt -oder in der Auktion eines Antiquars ein »Taschenbuch zum geselligen -Vergnügen, mit neuen Tanztouren vom Jahr 1519« -aufzufinden, wir hätten nicht leicht so angenehm überrascht -werden können, als durch einen Fund ähnlicher Art, den uns der -Zufall in die Hände spielte.</p> - -<p>Wir waren nämlich in vorliegender Historie bis an dieses -Kapitel gekommen, das, um der Sage zu folgen, von einem -Abendtanz handeln soll; da fiel uns auf einmal der Gedanke -schwer aufs Herz, daß wir ja nicht einmal wissen, wie und was -man in jenen Zeiten getanzt habe.</p> - -<p>Wir hätten zwar schlechthin sagen können, »sie tanzten«, -aber wie leicht wäre geschehen gewesen, daß eine unserer freundlichen -Leserinnen einen Anachronismus gemacht und etwa -Georg von Frondsberg in ihren Gedanken einen Kotillon hätte -vortanzen lassen. In dieser Verlegenheit stießen wir auf das -sehr selten gewordene Buch: »Vom Anfang, Ursprung und Herkommen -der Turniere im heiligen römischen Reich. Frankfurth -1564.« Wir fanden in diesem teuern Folianten unter<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span> -andern trefflichen Holzschnitten einige, die einen solchen Abendtanz -vorstellen, wie er zuzeiten Kaiser Maximilians, etwa -ein Jahr vor dieser Historie, gehalten wurde.</p> - -<p>Wir dürfen beinahe mit Gewißheit annehmen, daß der -Abendtanz im Ulmer Rathaussaal sich in nichts von jenem Angeführten -unterschied, und man wird sich den deutlichsten Begriff -von einem solchen Vergnügen machen, wenn wir eines -dieser Bilder beschreiben.</p> - -<p>Den Vordergrund nehmen Zuschauer und die Pfeifer, -Trommler und Trompeter ein, die, nach dem Ausdrucke des -Turnierbuches, »eins aufblasen«. Zu beiden Seiten, mehr dem -Hintergrunde zu, steht die tanzlustige Jugend, in reiche, schwere -Stoffe gekleidet. In unseren Tagen sieht man bei solchen Gelegenheiten -nur zwei Grundfarben, schwarz und weiß, worein -sich die Herren und Damen, wie in Nacht und Tag geteilt haben; -anders zu jenen Zeiten. Ein überraschender Glanz der Farben -strahlt uns aus jenem Bilde entgegen. Das herrlichste Rot, -vom brennendsten Scharlach bis zum dunkelsten Purpur, jenes -brennende Blau, das uns noch heute an den Gemälden alter -Meister überrascht, sind die freudigen Farben ihrer malerisch -drapierten Gewänder. Die Mitte der Szene nimmt der eigentliche -Tanz ein. Er hat am meisten Aehnlichkeit mit der Polonaise, -denn er ist ein Umzug im Saale. Den Zug eröffnen vier -Trompeter mit langen Wappenfahnen an den Instrumenten; -diesen folgt der Vortänzer und seine Dame; diese Stelle bekleidet -bei jedem Tanze wieder ein anderer, und es entschied hiebei -nicht die Geschicklichkeit, sondern der Rang des Tänzers. -Auf diese folgen zwei Fackelträger und dann Paar um Paar der -lange Zug der Tanzenden. Die Damen schreiten ehrbar und -züchtig einher, die Männer aber setzen ihre Füße wunderlich, -wie zu kühnen Sprüngen, einige scheinen auch mit den Absätzen -den Takt zu stampfen, wie wir auf jeder Kirchweihe in -Schwaben noch heutzutage sehen können.</p> - -<p>So war der Abendtanz zu Ulm. Man blies schon längst -zum ersten auf, als Georg von Sturmfeder in den Rathaussaal -eintrat. Seine Blicke schweiften durch die Reihen der Tanzenden, -und endlich trafen sie Marien. Sie tanzte mit einem -jungen, fränkischen Ritter seiner Bekanntschaft, schien aber der -eifrigen Rede, die er an sie richtete, nicht Gehör zu geben. Ihr -Auge suchte den Boden, ihre Miene konnte Ernst, beinahe -Trauer ausdrücken; ganz anders als die übrigen Fräulein, die, -in der wahren Tanzseligkeit schwimmend, ein Ohr der Musik,<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span> -das andere dem Tänzer liehen, und die freundlichen Augen bald -ihren Bekannten, um den Beifall in ihren Mienen zu lesen, bald -ihren Tänzern zuwandten, um zu prüfen, ob ihre Aufmerksamkeit -auch ganz gewiß auf sie gerichtet sei.</p> - -<p>In gehaltenen Tönen hielten jetzt die Zinken und Trompeten -aus und endeten; Herr Dietrich Kraft hatte seinen Gastfreund -bemerkt und kam, ihn, wie er versprochen, zu seinen -Muhmen zu führen. Er flüsterte ihm zu, daß er selbst schon -für den nächsten Tanz mit Bäschen Bertha versagt sei, doch -habe er soeben um Mariens Hand für seinen Gast geworben.</p> - -<p>Beide Mädchen waren auf die Erscheinung des ihnen so -interessanten Fremden vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte -die Erinnerung dessen, was sie über ihn gesprochen, Berthas -angenehme Züge mit hoher Glut, und die Verwirrung, in welche -sie sein Anblick versetzte, ließ sie nicht bemerken, welches Entzücken -ihm aus Mariens Auge entgegenstrahlte, wie sie bebte, -wie sie mühsam nach Atem suchte, wie ihr selbst die Sprache -ihre Dienste zu versagen schien.</p> - -<p>»Da bringe ich euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen -lieben Gast,« begann der Ratsschreiber, »der um die Gunst -bittet, mit euch zu tanzen.«</p> - -<p>»Wenn ich nicht schon diesen Tanz an meinen Vetter zugesagt -hätte,« antwortete Bertha, schneller gefaßt als ihre Base, -»so solltet Ihr ihn haben, aber Marie ist noch frei, die wird mit -Euch tanzen.«</p> - -<p>»So seid Ihr noch nicht versagt, Fräulein von Lichtenstein?« -fragte Georg, indem er sich zu der Geliebten wandte.</p> - -<p>»Ich bin an Euch versagt,« antwortete Marie. So hörte -er denn zum erstenmal wieder diese Stimme, die ihn so oft -mit den süßesten Namen genannt hatte; er sah in diese treuen -Augen, die ihn noch immer so hold anblickten wie vormals.</p> - -<p>Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldleutnant -Waldburg Truchseß, dem man den zweiten Tanz gegeben -hatte, schritt mit seiner Tänzerin vor, die Fackelträger -folgten, die Paare ordneten sich, und auch Georg ergriff Mariens -Hand und schloß sich an. Jetzt suchten ihre Blicke nicht mehr -den Boden, sie hingen an denen des Geliebten; und dennoch -wollte es ihm scheinen, als mache sie dieses Wiedersehen nicht so -glücklich wie ihn, denn noch immer lag eine düstere Wolke von -Schwermut oder Trauer um ihre Stirne. Sie sah sich um, ob -Dietrich und Bertha, das nächste Paar nach ihnen, nicht allzunahe -seien. – Sie waren ferne.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span></p> - -<p>»Ach Georg,« begann sie, »welch unglücklicher Stern hat -dich in dieses Heer geführt?«</p> - -<p>»Du warst dieser Stern, Marie,« sagte er; »dich habe ich -auf dieser Seite geahnet, und wie glücklich bin ich, daß ich dich -fand! Kannst du mich tadeln, daß ich die gelehrten Bücher beiseite -legte und Kriegsdienste nahm? Ich habe ja kein Erbe als -das Schwert meines Vaters; aber mit diesem Gut will ich -wuchern, daß der deinige sehen soll, daß seine Tochter keinen -Unwürdigen liebt.«</p> - -<p>»Ach Gott! Du hast doch dem Bunde noch nicht zugesagt?« -unterbrach sie ihn.</p> - -<p>»Aengstige dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch -nicht völlig zugesagt; aber es muß nächster Tage geschehen. -Willst du denn deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm -gönnen? Warum magst du um mich so bange haben? Dein -Vater ist alt und zieht ja doch auch mit aus.«</p> - -<p>»Ach, mein Vater, mein Vater!« klagte Marie, »er ist ja -– doch brich ab, Georg, brich ab – Bertha belauscht uns; aber -ich muß dich morgen sprechen, ich muß, und sollte es meine -Seligkeit kosten. Ach! wenn ich nur wüßte, wie?«</p> - -<p>»Was ängstigt dich denn nur so?« fragte Georg, dem es -unbegreiflich war, wie Marie, statt sich der Freude des Wiedersehens -hinzugeben, nur an die Gefahren dachte, denen er entgegengehe? -»Du stellst dir die Gefahren größer vor, als sie -sind,« flüsterte er ihr tröstend zu. »Denke an nichts, als daß -wir uns jetzt wiederhaben, daß ich deine Hand drücken darf, -daß Auge in Auge sieht wie sonst. Genieße jetzt die Augenblicke, -sei heiter!«</p> - -<p>»Heiter? O diese Zeiten sind vorbei, Georg! Höre und -sei standhaft – mein Vater ist nicht bündisch!«</p> - -<p>»Jesus Maria! was sagst du?« rief der Jüngling und -beugte sich, als habe er das Wort des Unglücks nicht gehört, -herab zu Marien; »o sage, ist denn dein Vater nicht hier in -Ulm?«</p> - -<p>Sie hatte sich stärker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen; -bei dem ersten Laut wären ihre Tränen unaufhaltsam -geflossen; sie antwortete nur durch einen Druck der Hand und -ging, mit gesenktem Haupt nach Kraft suchend, ihren Schmerz -zu bekämpfen, neben Georg her. Endlich siegte der starke Geist -dieses Mädchens über die Schwäche ihrer Natur, die einem so -tiefen Kummer beinahe erlegen wäre. »Mein Vater,« flüsterte<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span> -sie, »ist Herzog Ulrichs wärmster Freund, und sobald der Krieg -entschieden ist, führt er mich heim auf den Lichtenstein!«</p> - -<p>Betäubend wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren -Tönen schmetterten die Trompeten, sie begrüßten den Truchseß, -der eben an dem Musikchor vorüberzog; er warf ihnen, wie es -Sitte war, einige Silberstücke zu, und von neuem erhob sich ihr -betäubender Jubel.</p> - -<p>Das leise Gespräch der Liebenden verstummte vor der -rauhen Gewalt dieser Töne, aber ihr Auge hatte sich in diesem -Schiffbruch ihrer Liebe um so mehr zu sagen, und sie bemerkten -nicht einmal, wie ein Geflüster über sie im Saal erging, das sie -als das schönste Paar pries.</p> - -<p>Aber nur zu wohl hatte Bertha diese Bemerkungen der -Menge gehört. Sie war zu gutmütig, als daß Neid darüber -in ihre Seele gekommen wäre, aber sie setzte sich doch im Geiste -an Mariens Platz und fand, daß man vielleicht das Paar nicht -minder schön gefunden hätte. Auch das Gespräch, das zwischen -den beiden begonnen hatte, fiel ihr auf. Die ernste Base, die -selten oder nie mit einem Manne lange sprach, schien mehr und -angelegentlicher zu reden als ihr Tänzer. Die Musik hinderte -sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde, die -man vielleicht nicht mit Unrecht jungen Mädchen ausschließlich -zuschreibt, wurde in ihr rege, sie zog ihren Tänzer näher an das -vordere Paar, um – ein wenig zu lauschen; aber war es Zufall -oder Absicht, das Gespräch verstummte, als sie näher kam oder -wurde so leise geführt, daß sie nichts davon verstand.</p> - -<p>Ihr Interesse an dem schönen jungen Mann wuchs mit -diesen Hindernissen; noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so -lästig geworden als in diesen Augenblicken; denn die zierlichen -Redensarten, womit er ihr Herz zu umspinnen gedachte, verhinderten -sie, jene genauer zu beobachten. Sie war froh, als -endlich der Tanz sich endigte. Denn sie durfte hoffen, daß der -nächste an des jungen Ritters Seite desto angenehmer für sie -sein werde.</p> - -<p>Sie täuschte sich nicht in ihrer Hoffnung; Georg kam, sie -um den nächsten Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und -sie hüpfte fröhlich an seiner Seite in die Reihen. Aber es war -nicht mehr derselbe, der vorhin mit Marien so freundlich gesprochen -hatte. Verstört, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken, -war der junge Mann an ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar, -daß er sich immer wieder erst sammeln mußte, wenn er -eine ihrer Fragen beantworten sollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span></p> - -<p>War dies jener »höfliche Ritter,« welcher sie, ohne daß sie -sich je gesehen hatten, so freundlich grüßte? War es derselbe, -welcher so heiter, so fröhlich war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen -führte? Derselbe, der mit Marien so eifrig sich unterredet -hatte? Oder sollte diese –? Ja, es war klar. Marie hatte -ihm besser gefallen, ach! vielleicht weil sie die erste war, die -mit ihm tanzte. Je weniger Bertha gewohnt war, sich der ernsten -Marie nachgesetzt zu sehen, um so mehr befremdete sie dieser -Sieg ihrer Base, um so mehr glaubte sie sich beeifern zu müssen, -ihren Rang, ihre Gaben geltend zu machen. Sie setzte daher -mit ihrer heiteren Geschwätzigkeit das Gespräch über den bevorstehenden -Krieg, das sie mit Mühe angesponnen hatte, fort, -als sie nach Beendigung des Tanzes zu Marien und dem Ratsschreiber -traten. »Nun, und der wievielte Feldzug ist es denn, -Herr von Sturmfeder, dem Ihr jetzt beiwohnt?«</p> - -<p>»Es ist mein erster,« antwortete dieser kurz abgebrochen, -denn er war unmutig darüber, daß jene ihn noch immer im -Gespräch halte, da er mit Marie so gern gesprochen hätte.</p> - -<p>»Euer erster?« entgegnete Bertha verwundert. »Ihr wollt -mir etwas weismachen, da habt Ihr ja schon eine mächtige -Narbe auf der Stirne.«</p> - -<p>»Die bekam ich auf der hohen Schule,« antwortete Georg.</p> - -<p>»Wie? Ihr seid ein Gelehrter?« fragte jene eifrig weiter. -»Nun, und da seid Ihr gewiß recht weit gewesen; etwa in -Padua oder Bologna oder gar bei den Ketzern in Wittenberg.«</p> - -<p>»Nicht so weit, als Ihr meint,« entgegnete er, indem er -sich zu Marien wandte; »ich war in Tübingen.«</p> - -<p>»In Tübingen!« rief Bertha voll Verwunderung. Wie -ein Blitz erhellte dies einzige Wort alles, was ihr bisher -dunkel war, und ein Blick auf Marien, die mit niedergeschlagenen -Augen, mit der Röte der Scham auf den Wangen vor -ihr stand, überzeugte sie, daß die lange Reihe von Schlüssen, -die sich an jenes Wort anschlossen, ihren nur zu sicheren Grund -haben. Jetzt war ihr auf einmal klar, warum sie der artige -Ritter begrüßt, warum Marie weinte, die ihn gewiß gerne auf -der feindlichen Seite gesehen hätte, warum er so viel mit jener -gesprochen, warum er bei ihr selbst so einsilbig war. Es war -keine Frage, sie kannten sich, sie mußten sich längst gekannt -haben.</p> - -<p>Beschämung war das erste Gefühl, das bei dieser Entdeckung -Berthas Herz bestürmte; sie errötete vor sich selbst, wenn -sie sich gestand, nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span> -zu haben, dessen Seele ein ganz anderer Gegenstand beschäftigte. -Unmut über Mariens Heimlichkeit verfinsterte ihre Züge. Sie -suchte Entschuldigung für ihr eigenes Betragen und fand sie -nur in der Falschheit ihrer Base. Hätte diese ihr gestanden, -in welchem Verhältnis sie zu dem jungen Manne stehe, sie hätte -ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt; er wäre ihr dann, -meinte sie, höchst gleichgültig geblieben, sie hätte nie diese Beschämung -erfahren. Wir haben es von guter Hand, daß junge -Damen große Beleidigungen, tiefere Schmerzen im Gefühl ihrer -Würde mit Anstand zu ertragen wissen; daß sie aber oft, wenn -es sich um geringe Dinge handelt, nicht Gleichmut genug besitzen, -um das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, nicht Großmut -genug, um zu vergessen.</p> - -<p>Bertha hatte an diesem Abend den unglücklichen jungen -Mann keines Blickes mehr gewürdigt, was ihm übrigens über -dem größeren Schmerz, der seine Seele beschäftigte, völlig entging. -Sein Unglück wollte es auch, daß er nie mehr Gelegenheit -fand, Marien wieder allein und ungestört zu sprechen; der -Abendtanz ging zu Ende, ohne daß er über Mariens Schicksal -und über die Gesinnungen ihres Vaters gewisser wurde, und -Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit, ihm zuzuflüstern, -er möchte morgen in der Stadt bleiben, weil sie vielleicht -irgend eine Gelegenheit finden würde, ihn zu sprechen.</p> - -<p>Verstimmt kamen die beiden Schönen nach Hause. Bertha -hatte auf alle Fragen Mariens kurze Antwort gegeben, und -auch diese, sei es, daß sie ahnete, was in ihrer Freundin vorgehe, -sei es, weil sie selbst ein großer Schmerz beschäftigte, war -nach und nach immer düsterer, einsilbiger geworden.</p> - -<p>Aber auf beiden lastete die Störung ihres bisherigen -freundschaftlichen Verhältnisses erst recht schwer, als sie ernst -und schweigend in ihr Gemach traten. Sie hatten sich bisher -alle jene kleinen Dienste geleistet, welche junge Mädchen nur -zu noch engerer Freundschaft verbinden. Wie ganz anders war -es heute! Bertha hatte die silberne Nadel aus dem reichen blonden -Haar gezogen, daß es in langen Ringellocken über den -schönen Nacken herabströmte. Sie versuchte, es unter das -Nachthäubchen zu stecken; ungewohnt, diese Arbeit ohne Mariens -Hilfe zu verrichten, kam sie nicht damit zustande, aber zu stolz, -ihre Feindin, wie sie Marien in ihrem Sinne nannte, ihre -Verlegenheit merken zu lassen, warf sie das Häubchen in die -Ecke und ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden.</p> - -<p>Schweigend nahm Marie das verworfene Häubchen wieder<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span> -auf und trat hinzu, das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise -zu ordnen und aufzubinden.</p> - -<p>»Hinweg, du Falsche!« rief die erzürnte Bertha, indem sie -die hilfreiche Hand zurückstieß.</p> - -<p>»Bertha, hab' ich dies um dich verdient?« sprach Marie -mit Ruhe und Sanftmut. »O, wenn du wüßtest, wie unglücklich -ich bin, du würdest sanfter gegen mich sein!«</p> - -<p>»Unglücklich?« lachte jene laut auf, »unglücklich! vielleicht -weil der artige Herr nur einmal mit dir tanzte?«</p> - -<p>»Du bist recht hart, Bertha;« antwortete Marie, »du bist -böse auf mich und sagst mir nicht einmal, warum.«</p> - -<p>»So? Du willst also nicht wissen, daß du mich betrogen -hast? Nicht wissen, wie mich deine Heimlichkeiten dem Spott -und der Beschämung aussetzen? Ich hätte nie geglaubt, daß -du so schlecht, so falsch an mir handeln würdest!«</p> - -<p>Von neuem erwachte in Bertha das kränkende Gefühl, sich -hintangesetzt zu sehen; ihre Tränen strömten, sie legte die heiße -Stirne in die Hand, und die reichen Locken flossen über ihr zusammen -und verhüllten die Weinende.</p> - -<p>Tränen sind die Zeichen milderen Schmerzes. Marie kannte -diese Tränen und fuhr mit mehr Vertrauen fort: »Bertha! -Du schiltst meine Heimlichkeit. Ich sehe, du hast erraten, was -ich nie von selbst sagen konnte. Setze dich selbst in meine Lage. -Ach, du selbst, so heiter und offen du bist, du selbst hättest mir -dein Geheimnis nicht vertrauen können. Aber jetzt ist es ja -aus. Du weißt, was meine Lippen auszusprechen sich scheuten. -Ich liebe ihn, ja ich werde geliebt, und nicht erst von gestern -her. Willst du mich hören? Darf ich dir alles sagen?«</p> - -<p>Berthas Tränen flossen noch immer. Sie antwortete nicht -auf jene Fragen, aber Marie hub an zu erzählen, wie sie Georg -im Hause der seligen Muhme kennen gelernt habe; wie sie ihm -gut gewesen, lange ehe er ihr seine Liebe gestanden. Alle jene -schönen Erinnerungen lebten in ihr auf, mit glühenden Wangen, -mit strahlendem Auge führte sie die Vergangenheit herauf. -Sie erzählte von so mancher schönen Stunde, vom Schwur ihrer -Treue, von ihrem Abschied. »Und jetzt,« fuhr sie mit wehmütigem -Lächeln fort, »jetzt hat ihn dieser unglückliche Krieg -auf diese Seite geführt. Er hört, wir seien hier in Ulm, er -glaubt nicht anders, als mein Vater sei dem Bunde beigetreten, -er hofft, mich durch sein Schwert zu verdienen, denn er ist arm, -recht arm! O Bertha, du kennst meinen Vater. Er ist so gut, -aber auch so strenge, wenn etwas seiner Meinung widerspricht.<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span> -Wird er einem Manne seine Tochter geben, der sein Schwert -gegen Württemberg gezogen hat? Siehe, das waren meine -Tränen! Ach, ich wollte dir so oft sagen, warum sie fließen, -aber eine unbesiegbare Scham schloß meine Lippen. Kannst -du mir noch zürnen? Muß ich mit dem Geliebten auch die -Freundin verlieren?«</p> - -<p>Auch Mariens Tränen flossen, und Bertha fühlte den -eigenen Schmerz von dem größeren Kummer der Freundin besiegt. -Sie umarmte Marien schweigend und weinte mit ihr.</p> - -<p>»In den nächsten Tagen,« fuhr diese fort, »will mein Vater -Ulm verlassen, und ich muß ihm folgen. Aber noch einmal muß -ich Georg sprechen, nur ein Viertelstündchen. Bertha, du kannst -gewiß Gelegenheit geben. Nur ein ganz kleines Viertelstündchen!«</p> - -<p>»Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig -machen?« fragte Bertha.</p> - -<p>»Was nennst du die gute Sache?« antwortete Marie. »Des -Herzogs Sache ist vielleicht nicht minder gut als die eure. Du -sprichst so, weil ihr bündisch seid. Ich bin eine Württembergerin, -und mein Vater ist seinem Herzoge treu. Doch sollen -wir Mädchen über den Krieg entscheiden? Laß uns lieber auf -Mittel sinnen, ihn noch einmal zu sehen.«</p> - -<p>Bertha hatte über der Teilnahme, mit welcher sie der Geschichte -ihrer Base zugehört hatte, ganz vergessen, daß sie ihr -jemals gram gewesen war. Sie war überdies für alles Geheimnisvolle -eingenommen, daher kamen ihr diese Mitteilungen -erwünscht. Sie fühlte, wie wichtig und ehrenvoll der Posten -einer Vertrauten sei, und gab sich daher alle mögliche Mühe, -dem liebenden Paar mit ihrem Scharfsinn zu dienen.</p> - -<p>»Ich hab's gefunden,« rief sie endlich aus, »wir laden ihn -geradezu in den Garten.«</p> - -<p>»In den Garten?« fragte Marie schüchtern und ungläubig, -»und durch wen?«</p> - -<p>»Sein Wirt, der gute Vetter Dietrich, muß ihn selbst -bringen;« antwortete sie, »das ist herrlich, und dieser darf auch -kein Wörtchen davon merken, laß mich nur dafür sorgen.«</p> - -<p>Marie, entschlossen und stark bei großen Dingen, zitterte -doch bei diesem gewagten Schritte. Aber ihre mutige, fröhliche -Base wußte ihr alle Bedenklichkeiten auszureden, und mit zurückgekehrter -Hoffnung und befreit von der Last des Geheimnisses, -umarmten sich die Mädchen, ehe sie sich zur Ruhe legten.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p> - -<h2 id="kap07">7.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Und wie ein Geist schlingt um den Hals<br /></span> -<span class="i0">Das Liebchen sich herum:<br /></span> -<span class="i0">»Willst mich verlassen, liebes Herz,<br /></span> -<span class="i0">Auf ewig?« und der bittre Schmerz<br /></span> -<span class="i0">Macht's arme Liebchen stumm.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Schubart.</em> -</p> -</div> - -<p>Sinnend und traurig saß Georg am Mittag nach dem festlichen -Abend in seinem Gemach. Er hatte Breitenstein besucht -und wenig Tröstliches für seine Hoffnungen erfahren. Der -Kriegsrat hatte sich an diesem Morgen versammelt, und unwiderruflich -war der Krieg beschlossen worden. Zwölf Edelknaben -waren, die Absagebriefe des Herzogs von Bayern, der -Ritterschaft und gesamter Städte an ihre Lanzen geheftet, zum -Gögglinger Tor hinausgejagt, um die Feindesbotschaft dem -Württemberger nach Blaubeuren zu bringen. Auf den Straßen -rief man einander fröhlich diese Nachricht zu, und die Freude, -daß es jetzt endlich ins Feld gehen werde, stand deutlich auf -allen Gesichtern geschrieben. Nur <em class="gesperrt">einen</em> traf diese Kunde wie -das schreckliche Machtwort seines Schicksals. Der Gram trieb -ihn aus dem Kreise der fröhlichen Gesellen, die jetzt den Weinstuben -zuzogen, um in lautem Jubel das Geburtsfest des Krieges -zu begehen und das Los künftiger Siege im Würfelspiel -zu belauschen. Ach! ihm waren ja schon die Würfel gefallen! -Ein blutiges Schlachtfeld dehnte sich zwischen ihm und seiner -Liebe aus, sie war ihm auf lange, vielleicht auf ewig verloren.</p> - -<p>Eilige Tritte, welche die Treppe heraufstürmten, weckten -ihn aus seinem Brüten. Der Ratsschreiber steckte den Kopf in -die Türe. »Glück auf, Junker!« rief er, »jetzt hebt der Tanz -erst recht an. Aber Ihr wißt es vielleicht noch gar nicht? Der -Krieg ist angekündigt, schon vor einer Stunde sind unsere Absageboten -ausgeritten.«</p> - -<p>»Ich weiß es,« antwortete sein finsterer Gast.</p> - -<p>»Nun, und hüpft Euch das Herz nicht freier? Habt Ihr -auch gehört – nein, das könnt Ihr nicht wissen,« fuhr Dietrich -fort, indem er zutraulich näher zu ihm trat, »daß die Schweizer -bereits abziehen?«</p> - -<p>»Wie, sie ziehen?« unterbrach ihn Georg. »Also hat der -Krieg schon ein Ende?«</p> - -<p>»Das möchte ich nicht gerade behaupten,« fuhr der Ratsschreiber -bedenklich fort, »der Herzog von Württemberg ist noch<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span> -ein junger, mutiger Herr und hat noch Ritter und Dienstleute -genug. Zwar wird er wohl keine offene Feldschlacht mehr -wagen, aber er hat feste Städte und Burgen. Da ist einmal -der Höllenstein, und darin Stephan von Lichow, ein Mann wie -Eisen; da ist Göppingen, das Philipp von Rechberg auch nicht -auf den ersten Stückschuß ergeben wird; da ist Schorndorf, -Rothenburg und Asperg, da ist vor allem Tübingen, das er -tüchtig befestigt hat. Es wird noch mancher ins Gras beißen, -bis ihr eure Rosse im Neckar tränket.</p> - -<p>Nun, nun!« fuhr er fort, als er sah, daß seine Nachrichten -die finstere Stirne seines schweigenden Gastes nicht aufheitern -konnten, »wenn Ihr diese kriegerischen Botschaften nicht freundlich -aufnehmet, so schenkt Ihr vielleicht einem friedlicheren Auftrag -ein geneigtes Ohr. Sagt einmal, habt Ihr nicht irgendwo -eine Base?«</p> - -<p>»Base? Ja, warum fragt Ihr?«</p> - -<p>»Nun sehet, jetzt erst verstehe ich die verwirrten Reden, die -vorhin Bertha vorbrachte. Als ich aus dem Rathause kam, winkte -sie mir hinauf und befahl mir, meinen Gast heute nachmittag -in ihren Garten an der Donau zu führen, Marie habe Euch -etwas sehr Wichtiges an Eure Base, die sie sehr gut kenne, aufzutragen. -Ihr müßt mir schon den Gefallen tun, mitzugehen. -Solche Geheimnisse und Aufträge sind zwar gewöhnlich nicht -weit her, und ich wollte wetten, sie geben Euch ein Müsterlein -für den Webstuhl oder eine Probe feiner Wolle oder ein tiefes -Geheimnis der Kochkunst oder gar ein paar Körnlein von einer -seltenen Blume mit, denn Marie ist eine große Gärtnerin – -doch, wenn Ihr gestern an dem Mädchen Gefallen gefunden -habt, gehet Ihr wohl selbst gerne mit.«</p> - -<p>Mitten in den schmerzlichen Gedanken an die Scheidestunde -mußte Georg über die List der Mädchen lachen. Freundlich -bot er dem guten Boten die Hand und schickte sich an, ihn -in den Garten zu begleiten.</p> - -<p>Dieser lag an der Donau, ungefähr zweitausend Schritte -unter der Brücke. Er war nicht groß, zeugte aber von Sorgfalt -und Fleiß. Die schönen Obstbäume waren zwar noch nicht -belaubt, und die in wunderlichen Formen abgestochenen Beete -hatten noch keine Blumen, aber ein langer Taxusgang, der an -dem Ufer des Flusses sich hinzog und in einer geräumigen Laube -endete, gab durch sein helles Grün einen lebhaften Anblick und -hinlänglichen Schutz gegen die einem weißen Hals und schönen -Armen so gefährlichen Strahlen der Märzsonne. Dort, auf<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span> -dem breiten, bequemen Steinsitze, wo die Lücken der Laube eine -freie Aussicht die Donau hinauf und hinab gewährten, hatten -die Mädchen unter mancherlei Gesprächen der jungen Männer -geharrt.</p> - -<p>Marie saß traurig in sich gekehrt. Sie hatte den schönen -Arm auf eine Lücke der Laube aufgestützt und das von Gram -und Tränen müde Köpfchen in die Hand gelegt. Ihr dunkles, -glänzendes Haar hob die Weiße ihres Teints um so mehr heraus, -als stiller Kummer ihre Wangen gebleicht und schlaflose Nächte -dem lieblichen blauen Auge seinen sonst so überraschenden Glanz -geraubt und ihm einen matteren, vielleicht nur um so anziehenderen -Schimmer von Melancholie gegeben hatten. Das vollendete -Bild fröhlichen Lebens, saß die frische, runde, rosige Bertha -neben ihr. Wie ihre gelblichen Locken mit Mariens dunklen -Haaren, ihr rundes, frisches Gesichtchen mit den ovalen, schärferen -Formen ihrer Base, wie ihre freundlichen, beweglichen -hellbraunen Augen in auffallendem Kontrast standen mit dem -sinnenden, geistvollen Blick Mariens: so wurde auch jede ihrer -raschen, lebhaften Bewegungen zum Gegensatz gegen jene stille -Trauer.</p> - -<p>Bertha schien ihre rosigste Laune hervorgeholt zu haben, -um ihre Base zu trösten oder doch ihren großen Schmerz zu -zerstreuen. Sie erzählte und schwatzte, sie lachte und ahmte die -Gebärde und Sprache vieler Leute nach, sie versuchte alle jene -tausend kleinen Künste, womit die Natur ihre fröhliche Tochter -ausstattete. Aber wir glauben, daß sie wenig ausrichtete, denn -nur hie und da gleitete ein wehmütiges, schnell verschwebendes -Lächeln über Mariens feine Züge hin.</p> - -<p>Endlich ergriff sie, als gar nichts mehr helfen wollte, ihre -Laute, die in der Ecke stand. Marie besaß auf diesem Instrument -große Fertigkeit, und Bertha hätte sich sonst nicht so leicht -bewegen lassen, vor der Meisterin zu spielen. Doch heute hoffte -sie durch ihr Geklimper wenigstens ihrer Base ein Lächeln zu -entlocken. Sie setzte sich mit großem Ernste nieder und begann:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Fragt mich jemand, was ist Minne?<br /></span> -<span class="i0">Wüßt' ich gern auch darum meh(r).<br /></span> -<span class="i0">Wer nun recht darüber sinne,<br /></span> -<span class="i0">Sag' mir, warum tut sie weh?<br /></span> -<span class="i0">Minne ist Liebe, tut sie wohl;<br /></span> -<span class="i0">Tut sie weh, heißt sie nicht Minne,<br /></span> -<span class="i0">O, dann weiß ich, wie sie heißen soll.«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p> -<p>»Wo hast du dies alte schwäbische Liedchen her?« fragte -Marie, die der einfachen Musik und dem lieblichen Text gern -ihr Ohr lieh.</p> - -<p>»Nicht wahr, es ist hübsch? Aber es kommt noch viel -hübscher, wenn du hören willst,« antwortete Bertha. »Das hat -mich in Nürnberg ein Meistersänger, Hans Sachs, gelehrt; es -ist übrigens nicht von ihm, sondern von Walther von der Vogelweide, -der wohl vor dreihundert Jahren gelebt und geliebt hat. -Höre nur weiter:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ob ich recht erraten könne,<br /></span> -<span class="i0">Was die Minne sei? So sprecht ja.<br /></span> -<span class="i0">Minne ist zweier Herzen Wonne;<br /></span> -<span class="i0">Teilen sie gleich, so ist sie da.<br /></span> -<span class="i0">Doch – soll ungeteilt sein,<br /></span> -<span class="i0">So kann ein Herz allein sie nicht enthalten.<br /></span> -<span class="i0">Willst du mir helfen, traute Jungfrau mein?«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Nun, hast du geteilt mit dem armen Junker?« fragte -die schelmische Bertha ihre errötende Base. »Vetter Kraft möchte -gerne auch mit mir teilen, einstweilen kann er aber seinen ganzen -Part allein tragen. Doch du wirst wieder ernst, ich muß -noch ein Liedchen des alten Herrn Walther singen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ich weiß nicht, wie es damit geschah,<br /></span> -<span class="i0">Meinem Auge ist's noch nie geschehen,<br /></span> -<span class="i0">Seit ich sie in meinem Herzen sah,<br /></span> -<span class="i0">Kann ich sie auch ohne Augen sehen.<br /></span> -<span class="i0">Da ist doch ein Wunder mit geschehen,<br /></span> -<span class="i0">Denn wer gab es, daß es ohne Augen<br /></span> -<span class="i0">Sie zu aller Zeit mag sehen?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Wollt ihr wissen, was die Augen sein,<br /></span> -<span class="i0">Womit ich sie sehe durch alle Land'?<br /></span> -<span class="i0">Es sind die Gedanken des Herzens mein,<br /></span> -<span class="i0">Damit schau' ich durch Mauer und Wand,<br /></span> -<span class="i0">Und hüten diese sie noch so gut,<br /></span> -<span class="i0">Es schauen sie mit vollen Augen<br /></span> -<span class="i0">Das Herz, der Wille und mein Mut.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Marie lobte das Lied des Herrn Walther von der Vogelweide -als einen guten Trost beim Scheiden. Bertha bestätigte -es. »Ich weiß noch einen Reim,« sagte sie lächelnd und sang:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Und zog sie auch weit in das Schwabenland,<br /></span> -<span class="i0">Seine Augen schauen durch Mauer und Wand,<br /></span> -<span class="i0">Seine Blicke bohren durch Fels und Stein!<br /></span> -<span class="i0">Er schaut durch die Alb nach dem Lichtenstein!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Als Bertha noch im Nachspiel zu ihrem Liedchen begriffen -war, ging die Gartenpforte. Männertritte tönten den Gang -herauf, und die Mädchen standen auf, die Erwarteten zu -empfangen.</p> - -<p>»Herr von Sturmfeder,« begann Bertha nach den ersten -Begrüßungen, »verzeihet doch, daß ich es wagte, Euch in meines -Vaters Garten einzuladen. Aber meine Base Marie wünscht -Euch Aufträge an eine Freundin zu geben. – Nun, und daß -wir andern nicht zu kurz kommen,« setzte sie, zu Herrn Kraft -gewandt, hinzu, »so wollen wir eins plaudern und den Abendtanz -von gestern mustern.« Damit ergriff sie ihres Vetters -Hand und zog ihn mit sich den Gang hinab.</p> - -<p>Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt. Sie lehnte -sich an seine Brust und weinte heftig. Die süßesten Worte, die -er ihr zuflüsterte, vermochten nicht, ihre Tränen zu stillen. -»Marie,« sagte er, »du warst ja sonst so stark, wie kannst du -nun gerade jetzt allen Glauben an ein besseres Geschick, alle -Hoffnung aufgeben?«</p> - -<p>»Hoffnung?« fragte sie wehmütig, »mit unserer Hoffnung, -mit unserem Glück ist es für ewig aus.«</p> - -<p>»Sieh,« antwortete Georg, »eben dies kann ich nicht glauben, -ich trage die Gewißheit unserer Liebe in mir so innig, -so tief, und ich sollte jemals glauben, daß sie untergehen -könnte?«</p> - -<p>»Du hoffst noch? So höre mich ganz an. Ich muß dir -ein tiefes Geheimnis sagen, an dem das Leben meines Vaters -hängt. Mein Vater ist so sehr ein bitterer Feind des Bundes, -als er ein Freund des Herzogs ist. Er ist nicht nur deswegen -hier, um sein Kind heimzuholen, nein, er sucht die Pläne des -Bundes zu erforschen und mit Geld und Rede zu verwirren. -Und glaubst du, ein so bitterer Gegner des Bundes werde seine -einzige Tochter einem Jüngling geben, der durch unser Verderben -sich emporzuschwingen sucht, einem, der sich an Menschen -anschließt, die kein Recht, sondern nur Raub suchen?«</p> - -<p>»Dein Eifer führt dich zu weit, Marie,« unterbrach sie der -Jüngling. »Du mußt wissen, daß mancher Ehrenmann in -diesem Heere dient!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span></p> - -<p>»Und wenn dies wäre,« fuhr jene eifrig fort, »so sind sie -betrogen und verführt, wie auch du betrogen bist.«</p> - -<p>»Wer sagt dir dies so gewiß?« entgegnete Georg, welcher -errötete, die Partei, die er ergriffen, von einem Mädchen so erniedrigt -zu sehen, obgleich er ahnete, daß sie so unrecht nicht -habe. »Wer sagt dir dies so gewiß? Kann nicht dein Vater -auch verblendet und betrogen sein? Wie mag er nur mit so -vielem Eifer die Sache dieses stolzen, herrschsüchtigen Mannes -führen, der seine Edlen ermordet, der seine Bürger in den -Staub tritt, der an seiner Tafel das Mark des Landes verpraßt -und seine Bauern verschmachten läßt?«</p> - -<p>»Ja, so schildern ihn seine Feinde,« antwortete Marie, -»so spricht man von ihm in diesem Heere; aber frage dort unten -an den Ufern des Neckars, ob sie ihren angestammten Fürsten -nicht lieben, wenngleich seine Hand zuweilen schwer auf ihnen -ruht. Frage jene Männer, die mit ihm ausgezogen sind, ob sie -nicht freudig ihr Blut für den Enkel Eberhards geben, ehe sie -diesem stolzen Herzog von Bayern, diesen räuberischen Edlen, -diesen Städtlern ihr Land abtreten.«<a id="FNanchor_18_X"></a><a href="#Footnote_18_19" class="fnanchor">[18]</a></p> - -<p>Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich. »Aber wie entschuldigen -denn diese warmen Verteidiger den Mord des Hutten?« -fragte er.</p> - -<p>»Ihr sprecht immer von Eurer Ehre,« antwortete Marie, -»und wollt nicht leiden, daß ein Herzog seine Ehre verteidige? -Hutten ist nicht meuchelmörderisch gefallen, wie seine Anhänger -in alle Welt ausgeschrieen haben, sondern im ehrlichen Kampfe, -worin der Herzog selbst sein Leben einsetzte. Ich will nicht alles -verteidigen, was er tat; aber man soll nur auch bedenken, daß -ein junger Herr, wie der Herzog, von schlechten Räten umgeben, -nicht immer weise handeln kann. Aber er ist gewiß gut, -und wenn du wüßtest, wie mild, wie leutselig er sein kann!«</p> - -<p>»Es fehlt nur noch, daß du ihn auch den schönen Herzog -nennst,« sagte Georg, bitter lächelnd. »Du wirst reichen Ersatz -finden für den armen Georg, wenn er es der Mühe wert hält, -mein Bild aus deinem Herzen zu verdrängen.«</p> - -<p>»Wahrlich, dieser kleinlichen Eifersucht habe ich dich nicht -fähig gehalten,« antwortete Marie, indem sie sich mit Tränen des -Unmuts, im Gefühl gekränkter Würde, abwandte. »Glaubst du -denn, das Herz eines Mädchens könne nicht auch warm für -die Sache ihres Vaterlandes schlagen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span></p> - -<p>»Sei mir nicht böse,« bat Georg, der mit Reue und Beschämung -einsah, wie ungerecht er sei, »gewiß, es war nur -Scherz!«</p> - -<p>»Und kannst du scherzen, wo es unser ganzes Lebensglück -gilt?« entgegnete Marie. »Morgen will der Vater Ulm verlassen, -weil der Krieg entschieden ist! Wir sehen uns vielleicht -lange, lange nicht mehr, und du magst scherzen? Ach, wenn -du gesehen hättest, wie ich so manche Nacht mit heißen Tränen -zu Gott flehte, er möge dein Herz hinüber auf unsere Seite -lenken, er möge uns vor dem Unglück bewahren, auf ewig -getrennt zu sein, gewiß! du könntest nicht so grausam scherzen!«</p> - -<p>»Er hat es nicht zum Heil gelenkt,« antwortete Georg, -düster vor sich hinblickend.</p> - -<p>»Und sollte es nicht noch möglich sein?« sprach Marie, indem -sie seine Hand faßte und mit dem Ausdruck bittender Zärtlichkeit, -mit der gewinnenden Sanftmut eines Engels ihm ins -Auge sah; »sollte es nicht noch möglich sein? Komm mit uns, -Georg, wie gerne wird der Vater einen jungen Streiter seinem -Herzog zuführen! Ein Schwert wiegt viel in solchen Zeiten, -sagte er oft, er wird es dir hoch anschlagen, wenn du ihm folgst, -an seiner Seite wirst du kämpfen, mein Herz wird dann nicht -zerrissen, nicht geteilt sein zwischen jenseits und diesseits; mein -Gebet, wenn es um Glück und Sieg fleht, wird nicht zitternd -zwischen beiden Heeren irren!«</p> - -<p>»Halt ein!« rief der Jüngling und bedeckte seine Augen, -denn der Sieg der Ueberzeugung strahlte aus ihren Blicken, die -Gewalt der Wahrheit hatte sich auf ihren süßen Lippen gelagert. -»Willst du mich bereden, ein Ueberläufer zu werden? -Gestern zog ich mit dem Heere ein, heute wird der Krieg erklärt, -und morgen soll ich zu dem Herzog hinüberreiten? Kann -dir meine Ehre so gleichgültig sein?«</p> - -<p>»Die Ehre?« fragte Marie, und Tränen entstürzten ihrem -Auge. »Sie ist dir also teurer als deine Liebe? Wie anders -klang es, als mir Georg ewige Treue schwur! Wohlan. Sei -glücklicher mit ihr als mit mir! Aber möge dir, wenn dich der -Herzog von Bayern auf dem Schlachtfeld zum Ritter schlägt, -weil du in unsern Fluren am schrecklichsten gewütet, wenn er -dir ein Ehrenkettlein umhängt, weil du Württembergs Burgen -am tapfersten gebrochen, möge dir der Gedanke deine Freude -nicht trüben, daß du ein Herz brachst, das dich so treu, so -zärtlich liebte!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span></p> - -<p>»Geliebte!« antwortete Georg, dessen Brust widerstreitende -Gefühle zerrissen, »dein Schmerz läßt dich nicht sehen, wie ungerecht -du bist. Doch es sei! daß du siehest, daß ich den Ruhm, -der mir so freundlich winkte, der Liebe zum Opfer zu bringen -weiß, so höre mich: Hinüber zu euch darf ich nicht, aber ablassen -will ich von dem Bunde, möge kämpfen und siegen, wer da will – -mein Kampf und Sieg war ein Traum, er ist zu Ende!«</p> - -<p>Marie sandte einen Blick des Dankes zum Himmel und -belohnte die Worte des jungen Mannes mit süßem Lohne. -»O! glaube mir,« sagte sie, »ich fühle, wieviel dich dieses Opfer -kosten muß; aber sieh mir nicht so traurig an dein Schwert -hinunter: wer frühe entsagt, der erntet schön, sagt mein Vater; -es muß uns doch auch einmal die Sonne des Glückes scheinen. -Jetzt kann ich getrost von dir scheiden; denn wie auch der Krieg -sich enden mag, du kannst ja frei vor meinen Vater treten, und -wie wird er sich freuen, wenn ich ihm sage, welch schweres Opfer -du gebracht hast!«</p> - -<p>Berthas helle Stimme, die der Freundin ein Zeichen gab, -daß der Ratsschreiber nicht mehr zurückzuhalten sei, schreckte die -Liebenden auf. Schnell trocknete Marie die Spuren ihrer Tränen -und trat mit Georg aus der Laube.</p> - -<p>»Vetter Kraft will aufbrechen,« sagte Bertha, »er fragt, ob -der Junker ihn begleiten wolle?«</p> - -<p>»Ich muß wohl, wenn ich den Weg nach Hause nicht verfehlen -soll,« antwortete Georg. So teuer ihm die letzten Augenblicke -vor einer langen Trennung von Marie gewesen wären, -so kannte er doch die strenge Sitte seiner Zeit zu gut, als daß -er, ohne den Vetter, als Landfremder bei den Mädchen geblieben -wäre.</p> - -<p>Schweigend gingen sie den Garten hinab, nur Herr Dietrich -führte das Wort, indem er in wohlgesetzten Worten seinen -Jammer beschrieb, daß seine Base morgen schon Ulm verlassen -werde. Aber Bertha mochte in Georgs Augen gelesen haben, -daß ihm noch etwas zu wünschen übrig bleibe, wobei der uneingeweihte -Zeuge überflüssig war. Sie zog den Vetter an ihre -Seite und befragte ihn so eifrig über eine Pflanze, die gerade -zu seinen Füßen mit ihren ersten Blättern aus der Erde sproßte, -daß er nicht Zeit hatte, zu beobachten, was hinter seinem Rücken -vorgehe.</p> - -<p>Schnell benützte Georg diesen Augenblick, Marien noch einmal -an sein Herz zu ziehen, aber das Rauschen von Mariens -schwerem seidenen Gewande, Georgs klirrendes Schwert weckten<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span> -den Ratsschreiber aus seinen botanischen Betrachtungen. Er -sah sich um, und o Wunder! er erblickte die ernste, züchtige Base -in den Armen seines Gastes.</p> - -<p>»Das war wohl ein Gruß an die liebe Base in Franken?« -fragte er, nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte.</p> - -<p>»Nein, Herr Ratsschreiber,« antwortete Georg, »es war -ein Gruß an mich selbst, und zwar von der, die ich einst heimzuführen -gedenke. Ihr habt doch nichts dagegen, Vetter?«</p> - -<p>»Gott bewahre! Ich gratuliere von Herzen,« antwortete -Herr Dietrich, der von dem ernsten Blick des jungen Kriegsmannes -und von Mariens Tränen etwas eingeschüchtert wurde. -»Aber der Tausend, das heiß' ich <em class="antiqua">veni, vidi, vici</em>. Ich scherwenzte -schon ein Vierteljahr um die Schöne und habe mich kaum -eines Blickes erfreuen können, und heute muß ich nun gar den -Marder selbst herausführen, der mir das Täubchen vor dem -Mund wegstiehlt.«</p> - -<p>»Verzeihe den Scherz, Vetter, den wir uns mit dir machten,« -fiel ihm Bertha ins Wort, »sei vernünftig und laß dir die -Sache erklären.« Sie sagte ihm, was er zu wissen brauchte, -um gegen Mariens Vater zu schweigen. Mehr durch die freundlichen -Blicke Berthas besänftigt, versprach er zu schweigen; unter -der Bedingung, setzte er schalkhaft hinzu, daß sie etwa auch -einen solchen Gruß an ihn bestelle.</p> - -<p>Bertha verwies ihm, wiewohl nicht allzu strenge, seine unartige -Forderung, und fragte ihn neckend an der Gartentüre -noch einmal um die Naturgeschichte des ersten Veilchens, das -die Sonne hervorgelockt hatte. Er war gutmütig genug, eine -lange und gelehrte Erklärung darüber zu geben, ohne weder -durch Mariens leises Weinen, noch durch Georgs klirrendes -Schwert sich unterbrechen zu lassen. Ein dankender Blick Mariens, -ein freundlicher Handschlag von Bertha belohnte ihn dafür beim -Scheiden, und noch lange wehten die Schleier der schönen Bäschen -über den Gartenzaun hin, den Scheidenden nach.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p> - -<h2 id="kap08">8.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Im stillen Klostergarten<br /></span> -<span class="i0">Eine bleiche Jungfrau ging;<br /></span> -<span class="i0">Der Mond beschien sie trübe,<br /></span> -<span class="i0">An ihrer Wimper hing<br /></span> -<span class="i0">Die Träne zarter Liebe.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Uhland.</em> -</p> -</div> - -<p>Ulm glich in den nächsten Tagen einem großen Lager. -Statt der friedlichen Landleute, der geschäftigen Bürger, die -sonst ehrbaren und ruhigen Schrittes ihrem Gewerbe nach durch -die Straßen gingen, sah man überall nur wunderliche Gestalten -mit Sturmhauben und Eisenhüten, mit Lanzen, Armbrüsten -und schweren Büchsen. Statt der Ratsherren, in ihrer einfachen -schwarzen Tracht, zogen stolze Ritter, mit wehenden -Helmbüschen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer großen -Schar bewaffneter Dienstleute, über die Plätze und Märkte. -Noch lebhafter war dies kriegerische Bild vor den Toren der -Stadt; auf einem Anger an der Donau übte Sickingen seine -Reiterei, auf einem großen Blachfelde gegen Söflingen hin -pflegte Frondsberg sein Fußvolk zu tummeln.</p> - -<p>An einem schönen Morgen, etwa drei bis vier Tage, nachdem -Marie von Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen -hatte, sah man eine ungeheure Menge Menschen aus allen Ständen -auf jener Wiese versammelt, um diesen Uebungen Frondsbergs -zuzusehen. Sie betrachteten diesen Mann, dem ein so -großer Ruf vorangegangen war, vielleicht mit nicht geringerem -Interesse als wir, wenn wir die kaiserlichen oder königlichen -Söhne des Mars die Dienste eines Feldherrn verrichten sehen. -Knüpft sich ja doch gerade an die Person eines ausgezeichneten -Führers das Interesse, das dem ganzen Heere gilt, ja wir meinen -oft, die Schlachten, von denen uns die Sage oder öffentliche -Blätter erzählen, um so deutlicher zu verstehen, wenn wir die -Gestalt des Heerführers vor das Auge zurückrufen können.</p> - -<p>So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm -zu Mute sein, wenn sie ihre engen Straßen verließen, um den -Mann des Tages in seinem Handwerk zu sehen. Die Geschicklichkeit, -mit der er sein Fußvolk, das sonst in zerstreuten Haufen -gefochten hatte, zu geschlossenen Massen vereinigte; die Schnelligkeit, -womit sie sich nach seinem Winke nach allen Seiten -schwenkten oder in furchtbare, von Piken und Donnerbüchsen -starrende Kreise zusammenzogen; seine mächtige Stimme, die<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span> -selbst die Trommeln übertönte, seine erhabene, kriegerische Gestalt, -dies alles gewährte ein so neues anziehendes Bild, daß -auch die bequemsten Bürger es nicht scheuten, einen langen -Vormittag auf dem Anger zu stehen und unbeweglich dieses -Schauspiel zu genießen.</p> - -<p>Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen noch freundlicher -und fröhlicher zu sein als sonst. Mochte ihn der warme -Anteil, den die guten Ulmer an ihm nahmen, und der auf allen -Gesichtern geschrieben stand, erfreuen? mochte ihm hier außen -an dem schönen Morgen, unter seinen Waffenübungen wohler -sein als in den engen, kalten Straßen der Stadt? Er blickte -so freundlich auf die Menge hin, daß jeder glaubte, von ihm -besonders beachtet und begrüßt zu werden, und der Ausruf: »Ein -wackerer Herr, ein braver Ritter!« jedem seiner Schritte folgte.</p> - -<p>Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu -sein; wenn er vorübersprengte, so durfte man gewiß sein, daß -er dort mit dem Schwert oder der Hand herüber grüßte und -traulich nickte.</p> - -<p>Die Hintersten stellten sich auf die Zehen, um den Gegenstand -seiner freundlichen Winke zu sehen; die Näherstehenden -sahen sich fragend an und verwunderten sich, denn keiner der -versammelten Bürger schien dieser Auszeichnung würdig. Als -Frondsberg wieder vorübersprengte und die Zeichen seiner -Gnade wiederholte, gaben wohl hundert Augen recht genau acht, -und es fand sich, daß die Grüße einem großen, schlanken, jungen -Manne gelten mußten, der in der vordersten Reihe der Zuschauer -stand. Das Wams von feinem Tuch und Seidenschlitzen, -die hohen Barettfedern, mit welchen der Morgenwind -spielte, sein langes Schwert und eine Feldbinde oder Schärpe -zeichneten ihn auf den ersten Blick vor seinen Nachbarn aus, -die minder geschmückt als er, auch durch untersetztere Figuren -und breite Gesichter sich nicht zu ihrem Vorteil von ihm unterschieden.</p> - -<p>Der Jüngling schien aber zum Aergernis der guten Spießbürger -nicht sehr erfreut über die hohe Gnade, die ihm vor ihren -Augen zuteil ward. Schon seine Stellung, das Haupt gesenkt, -die Arme über die Brust gekreuzt, schien nicht anständig genug -für einen feinen Junker, wenn er von einem alten Kriegshelden -gegrüßt wurde. Ueberdies errötete er bei jedem Gruß -des Feldhauptmanns, dankte nur durch ein leichtes Neigen und -sah ihm mit so düsteren Blicken nach, als gälte es ein langes<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span> -Scheiden, und dieser Gruß wäre der letzte eines lieben Freundes -gewesen.</p> - -<p>»Ein sonderbarer Kauz der Junker dort,« sagte der Obermeister -aller Ulmer Weber zu seinem Nachbar, einem wackeren -Waffenschmied; »ich gäbe mein Sonntagswams um einen solchen -Gruß von dem Frondsberger, und dieser da muckt nicht -darüber. Hieße es nicht in der ganzen Stadt: Was hat der -Meister Kohler mit dem Frondsberg? Waren ja neulich miteinander -wie zwei Brüder. O, die kennen einander schon -lange, hieß es dann, und sind gute Freunde von alters her. Ich -kann mich ordentlich ärgern, daß ein so gescheiter und gewaltiger -Herr solch einen Laffen alle Paternoster lang grüßt.«</p> - -<p>Der Waffenschmied, ein kleiner, alter Kerl, hatte ihm seinen -Beifall zugenickt. »Gott straf' mich, Ihr habt recht, Meister -Kohler! Stehen nicht dort ganz andre Leut', die er grüßen -könnte? Ist nicht der Herr Bürgermeister auf dem Platz, und -steht dort nicht mein Gevatter, der Herr von Besserer, am Eck? -Ich wollt' dem Junker den Kopf beugen lernen, wenn ich Herr -wäre; aber glaubt mir, der da beugt seinen Nacken nicht, und -wenn der Kaiser selbst käme. Er muß auch etwas Rechtes sein, -denn der Ratsschreiber, mein Nachbar, der sonst allen Gästen -feind ist, hat ihn in seiner Behausung.«</p> - -<p>»Der Kraft?« fragte der Weber verwundert. »Ei, ei! Aber -halt, dahinter steckt ein Geheimnis. Das ist gewiß so ein junger -Potentat oder gar des Bürgermeisters von Köln sein Sohn, der -auch unter dem Heer mitreiten soll. Steht nicht dort des -Kraften alter Johann?«</p> - -<p>»Weiß Gott, er ist's,« fiel der Waffenschmied ein, den die -Vermutungen des Webers neugierig gemacht hatten; »er -ist's, und ich will ihn beichten lassen, trotz dem Propst von -Elchingen.« Aber so klein auch der Raum zwischen den beiden -Bürgern und dem alten Diener des Kraftischen Hauses war, -so konnte doch der Schmied nicht zu ihm durchkommen, so dicht -standen die Zuschauer. Endlich drang die gewichtige Miene des -Obermeisters aller Weber durch, denn er war reich und angesehen -in der Stadt; er erwischte den alten Johann und zog ihn -zu dem Schmied. Doch auch der alte Johann konnte wenig -Bescheid geben, er wußte nichts, als daß sein Gast ein Herr von -Sturmfeder sei. »Uebrigens muß er nicht ›weit her‹ sein,« setzte -er hinzu, »denn er reitet ein Landpferd und hat keine Dienstleute -mit sich; meinem Herrn aber wird der Gast übel bekommen,<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span> -denn unsere alte Sabine, die Amme, ist wie ein Drache, daß er -die Hausordnung stört und ungefragt, nur so mir nichts dir -nichts, ein fremdes Menschenkind mit Stiefeln und Sporen ins -Haus schleppt.«</p> - -<p>»Nichts für ungut,« fiel ihm der Obermeister in die Rede, -»Euer Herr, Johann, ist ein Narr! Die alte Hexe – Gott -verzeih mir's – hätte ich schon lange auf die Straße geworfen, -wo sie hingehört. Hat der Herr doch sein gutes Alter, und soll -sich behandeln lassen, als läge er noch in den Windeln.«</p> - -<p>»Ihr habt gut reden, Meister Kohler,« antwortete der alte -Diener, »aber das versteht Ihr doch nicht recht. Auf die Gasse -werfen? Wer soll denn nachher haushalten?«</p> - -<p>»Wer?« schrie der erhitzte Weber. »Wer? Ein Weib -soll er nehmen, eine Hausfrau wie ein anderer Christ und -Ulmer Bürger auch; was hat er nötig, als Junggeselle zu leben -und allen Mädchen in der Stadt nachzulaufen? Hab' ich ihn -nicht neulich angetroffen, wie er meiner Katharine schön getan -hat? Schiff und Geschirr hätte ich ihm mögen an den Kopf -werfen, dem gestrengen Herrn, so aber – seine Mutter selig -hat manch schönes Tafelstück bei mir weben lassen, die brave -Frau – so mußt' ich meine Mütze abziehen und sagen: ›Gehorsamen -guten Abend, und was befehlen Euer Wohledlen?‹ Daß -dich der –«</p> - -<p>»Ei, schau' einer!« sagte Johann mit unmutigem Gesicht; -»ich habe immer gedacht, ein Herr wie der Ratsschreiber, mein -Herr, könne in allen Ehren mit Eurem Töchterlein ein Wort -wechseln, ohne daß die böse Welt –«</p> - -<p>»So? Ein Wort wechseln, und abends nach der Vesperglock' -im März? Er heiratet sie doch nicht, und meint Ihr, -meines Kindes guter Ruf müsse nicht so rein sein wie Eures -Herrn weiße Halskrause? Das könnt' ich brauchen!«</p> - -<p>Der Obermeister hatte während seiner eifrigen Reden den -alten Johann an der Brust gepackt und seine Stimme so erhoben, -daß die Umstehenden aufmerksam wurden; der Meister -Schmied hielt es daher für das beste, den Erzürnten mit Gewalt -wegzuziehen, und er verhütete so zwar weitere Streitigkeiten, -doch konnte er nicht verhüten, daß es schon mittags in der ganzen -Stadt hieß: Herr von Kraftens Johann habe noch in seinen -alten Tagen eine Liebschaft mit des Obermeisters Töchterlein -und sei von dem erzürnten Vater auf der Wiese darüber zur -Rede gestellt worden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span></p> - -<p>Die Uebungen des Fußvolks waren indes zu Ende gegangen, -das Volk verlief sich, und auch den jungen Mann, der -die unschuldige Ursache zu jenem Streit gewesen war, sah man -seine Schritte der Stadt zuwenden; sein Gang war langsam -und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als sonst, seine Blicke -suchten noch immer den Boden oder schweiften mit dem Ausdruck -von Sehnsucht oder stillem Gram nach den fernen blauen -Bergen, den Grenzmauern von Württemberg.</p> - -<p>Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglücklich -gefühlt als in diesen Stunden. Marie war mit ihrem Vater -abgereist; sie hatte ihn noch einmal beschwören lassen, seinem -Versprechen treu zu sein, und wie unglücklich machte ihn dieses -Versprechen! Wohl hatte es ihn damals nicht geringen Kampf -gekostet, es zu geben; aber der betäubende Schmerz des Abschiedes, -der Gram des geliebten Mädchens hatten überwunden. -Doch jetzt, wo er mit festerem Blicke seinen Umgebungen, seiner -Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig erschien ihm -seine Lage! Nichts davon zu sagen, daß alle seine goldenen -Träume, alle jene kühnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit -einem Mal verschwanden; nichts davon zu sagen, daß auch sein -Ziel, das so nahe lag, Marien durch Kriegsdienste zu verdienen, -ungewiß in die Weite hinausgerückt war – er sollte auf die -Gefahr hin, von Männern, deren Achtung ihm teuer war, verkannt -zu werden, diese Fahnen verlassen, gerade in einem Augenblick, -wo man der Entscheidung entgegenging. Von Tag zu Tag, -solange es ihm nur möglich war, verschob er diese Erklärung; wo -sollte er Gründe, wo Worte hernehmen, vor dem alten, tapfern -Degen Breitenstein, seinem väterlichen Freunde, seinen Abzug -zu rechtfertigen? Mit welcher Stirne sollte er vor den edlen -Frondsberg treten! Ach! jene freundlichen Grüße, womit er -den Sohn seines tapfern Waffengenossen zu freudigem Kampfe -aufzumuntern schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert. -An seiner Seite war sein Vater gefallen, er hatte gehört, wie -der Sterbende den Ruhm seines Namens und ein leuchtendes -Beispiel als einziges Erbe dem unmündigen Knaben zusandte; -dieser Mann war es, der ihm jetzt so liebevoll die Schranken -öffnete, und auch ihm mußte er in so zweideutigem Lichte erscheinen.</p> - -<p>Er hatte sich unter diesen trüben Gedanken langsam dem -Tore der Stadt genähert, als er sich plötzlich am Arm ergriffen -fühlte; er sah sich um, ein Mann, dem Anschein nach ein Bauer, -stand vor ihm.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span></p> - -<p>»Was willst du?« fragte Georg, etwas unwillig, in seinen -Gedanken unterbrochen zu werden.</p> - -<p>»Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid,« antwortete -der Mann. »Sagt einmal, was gehört zu <em class="gesperrt">Licht</em> und -<em class="gesperrt">Sturm</em>?«</p> - -<p>Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete -jenen genauer. Er war nicht groß, aber kräftig; seine -Brust war breit, seine Gestalt gedrungen. Das Gesicht, von -der Sonne braun gefärbt, wäre flach und unbedeutend gewesen, -wenn nicht ein eigener Zug von List und Schlauheit um den -Mund und aus den grauen Augen Mut und Verwegenheit geleuchtet -hätten. Sein Haar und Bart war dunkelgelb und gerollt; -er trug einen langen Dolch im ledernen Gurt, in der einen -Hand hielt er eine Axt, in der andern eine runde, niedere Mütze -von Leder, wie man sie noch heute bei dem schwäbischen Landvolk -sieht.</p> - -<p>Während Georg diese flüchtigen Bemerkungen machte, -wurden auch seine Züge lauernd beobachtet.</p> - -<p>»Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, Herr -Ritter,« fuhr jener nach kurzem Stillschweigen fort; »was paßt -zu Licht und Sturm, daß es zwei gute Namen gibt?«</p> - -<p>»Feder und Stein!« antwortete der junge Mann, dem es -auf einmal klar wurde, was unter jener Frage verstanden sei; -»was willst du damit?«</p> - -<p>»So seid Ihr Georg von Sturmfeder,« sagte jener, »und -ich komme von Marien von –«</p> - -<p>»Um Gottes willen sei still, Freund, und nenne keinen -Namen,« fiel Georg ein, »sage schnell, was du mir bringst.«</p> - -<p>»Ein Brieflein, Junker!« sprach der Bauer, indem er die -breiten, schwarzen Kniegürtel, womit er seine ledernen Beinkleider -umwunden hatte, auflöste und einen Streifen Pergament -hervorzog.</p> - -<p>Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren -wenige Worte, mit glänzend schwarzer Tinte geschrieben; den -Zügen der Schrift sah man aber an, daß sie einige Mühe gekostet -haben mochten, denn die Mädchen von 1519 waren nicht -so flink mit der Feder, um ihre zärtlichen Gefühle auszudrücken, -als die in unseren Tagen, wo jede Dorfschöne ihrem Geliebten -zum Regiment eine Epistel, so lang als die dritte St. Johannis, -schreiben kann. Die Chronik, woraus wir diese Historie genommen, -hat uns jene Worte aufbewahrt, welche Georgs gierige -Blicke aus den verworrenen Zügen des Pergaments entzifferten:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Bedenk' deinen Eid, – Flieh bei Zeit.<br /></span> -<span class="i0">Gott dein Geleit. – Marie dein in Ewigkeit.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Es liegt ein frommer, zarter Sinn in diesen Worten; und -wer sich ein liebendes Herz dazu denkt, wie es mit diesen Zeilen -in die Ferne fliegen möchte, ein Auge voll Zärtlichkeit, umflort -von einem Schleier stiller Tränen, einen holden Mund, der das -Blättchen noch einmal küßt, verschämte Wangen, die bei diesem -geheimnisvollen Gruße erröten, wer dies hinzu denkt, der wird -es Georg nicht verargen, daß er einige Augenblicke wie trunken -war. Ein freudiger, glänzender Blick, nach den fernen blauen -Bergen hin, dankte der Geliebten für ihren tröstenden Spruch; -und wahrlich, er war auch zu keiner andern Zeit nötiger gewesen -als gerade jetzt, um den gesunkenen Mut des jungen -Mannes zu heben. Wußte er doch, daß ein Wesen, das teuerste, -was für ihn auf der Erde lebte, ihn nicht verkannte. Der -Schluß jener Zeilen erhob sein Herz zur alten Freudigkeit, er -bot dem guten Boten die Hand, dankte ihm herzlich und fragte, -wie er zu diesen Zeilen gekommen sei.</p> - -<p>»Dacht' ich's doch,« antwortete dieser, »daß das Blättchen -keinen bösen Zauberspruch enthalten müsse; denn das Fräulein -lächelte so gar freundlich, als sie es mir in die rauhe Hand -drückte. Es war vergangenen Mittwoch, als ich nach Blaubeuren -kam, wo unser Kriegsvolk stand. Es ist dort in der Klosterkirche -ein prächtiger Hochaltar, worauf die Geschichte meines -Patrons, des Täufers Johannes, vorgestellt ist. Vor sieben -Jahren, als ich in großer Not und einem schmählichen Ende -nahe war, gelobte ich alle Jahre um diese Zeit eine Wallfahrt -dahin. So hielt ich es alle Jahre seit der Zeit, da mich der -Heilige durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat. Wenn -ich nun mein Gebet verrichtet hatte, ging ich allemal zum Herrn -Abt, um ihm ein paar schöne Gänse oder ein Lamm zu bringen, -oder was er sonst gerade gern hat. – Aber ich mache Euch -Langeweile mit meinem Geschwätz, Junker?«</p> - -<p>»Nein, nein, erzähle nur weiter,« antwortete Georg, »komm, -setze dich zu mir auf jene Bank.«</p> - -<p>»Das würde sich schön schicken!« entgegnete der Bote, »wenn -ein Bauer an des Junkers Seite sitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann -vor aller Augen so oft gegrüßt hat; erlaubt mir, -daß ich mich vor Euch hinstelle.«</p> - -<p>Georg ließ sich auf einen Steinsitz am Wege nieder, der -Bauer aber fuhr, auf seine Axt gestützt, in seiner Erzählung<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span> -fort: »Ich hatte diesmal bei den unruhigen Zeiten wenig Lust -zur Wallfahrt, aber ›gebrochener Eid tut Gott leid‹, heißt es, -und so mußte ich mein Gelübde vollbringen. Wie ich vom -Gebet aufstand, um dem Abt zu bringen, was recht ist, sagte -mir einer der Pfaffen, daß ich diesmal nicht zu Seiner Ehrwürden -könne, weil viele Herren und Ritter dort zu Besuch -seien. Ich bestand aber doch darauf, denn der Abt ist ein leutseliger -Herr und hätte mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht -heimgesucht hätte. Wenn ihr je ins Kloster hinauskommt, so -vergesset nicht nach der Treppe zu schauen, die vom Hochaltar -zum Dorment führt. Sie geht durch die dicke Mauer, welche -die Kirche ans Kloster schließt, und ist lang und schmal. Dort -war es, wo mir das Fräulein begegnet ist. Es kommt mir nämlich -ein feines Weibsbild im Schleier mit Brevier und Rosenkranz -die Treppe herab entgegen; ich drücke mich an die Wand, -um sie vorbei zu lassen, sie aber bleibt stehen und spricht: ›Ei -Hans, woher des Weges?‹«</p> - -<p>»Woher kennt Euch denn das Fräulein?« unterbrach ihn -Georg.</p> - -<p>»Meine Schwester ist ihre Amme und –«</p> - -<p>»Wie, die alte Rose ist Eure Schwester?« rief der junge -Mann.</p> - -<p>»Habt Ihr sie auch gekannt?« sagte der Bote. »Ei, seh' -doch einer! Aber daß ich weiter sage: Ich hatte eine große -Freude, sie wiederzusehen, denn ich besuchte meine Schwester -häufig in Lichtenstein und habe das Fräulein gekannt, als man -sie noch in ihres Vaters Schwertkuppel gehen lernte. Aber ich -hätte sie kaum wiedererkannt, so groß war sie geworden, und -die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am ersten Mai. -Ich weiß nicht, wie es ging, aber mich dauerte ihr Anblick in der -Seele, und ich mußte fragen, was ihr fehle, und ob ich ihr nicht -etwas helfen könne? Sie besann sich eine Weile und sagte -dann: ›Ja, wenn du verschwiegen wärest, Hans, könntest du mir -wohl einen großen Dienst leisten!‹ Ich sagte zu, und sie bestellte -mich bis nach der Vesper.«</p> - -<p>»Aber wie kommt sie nur in das Kloster?« fragte Georg. -»Sonst darf ja doch kein Weiberschuh über die Schwelle.«</p> - -<p>»Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet, und da so viel -Volk in Blaubeuren liegt, so ist sie dort besser aufgehoben als -im Städtchen, wo es toll genug zugeht. Nach der Vesper, als -alles still war, kam sie ganz leise in den Kreuzgang. Ich sprach<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span> -ihr Mut zu, wie es eben unsereins versteht, da gab sie mir dies -Blättchen und bat mich, Euch aufzusuchen.«</p> - -<p>»Ich danke dir herzlich, guter Hans,« sagte der Jüngling. -»Aber hat sie dir sonst nichts an mich aufgetragen?«</p> - -<p>»Ja,« antwortete der Bote, »mündlich hat sie mir noch -etwas aufgetragen; Ihr sollt Euch hüten, man habe etwas mit -Euch vor.«</p> - -<p>»Mit mir?« rief Georg, »das hast du nicht recht gehört, wer -und was soll man mit mir vorhaben?«</p> - -<p>»Da fragt Ihr mich zu viel,« entgegnete jener; »aber wenn -ich es sagen darf, so glaube ich, die Bündischen. Das Fräulein -setzte noch hinzu, ihr Vater habe davon gesprochen, und hat -nicht der Frondsberg Euch heute zugewinkt und Euch geehrt wie -des Kaisers Sohn, daß sich jedermann darob verwunderte? -Glaubt nur, es hat allemal etwas zu bedeuten, wenn solch ein -Herr so freundlich ist.«</p> - -<p>Georg war überrascht von der richtigen Bemerkung des -schlichten Bauers; er entsann sich auch, daß Mariens Vater tief -in die Geheimnisse der Bundesobersten eingedrungen sei und -vielleicht etwas erfahren habe, was sich zunächst auf ihn bezöge. -Aber er mochte sinnen, wie er wollte, so konnte er doch nichts -finden, was zu dieser geheimnisvollen Warnung Mariens gepaßt -hätte. Mit Mühe riß er sich aus diesem Gewebe von Vermutungen, -indem er den Boten fragte, wie er ihn so schnell gefunden -habe?</p> - -<p>»Dies wäre ohne Frondsberg so bald nicht geschehen,« antwortete -er; »ich sollte Euch bei Herrn Dietrich von Kraft aufsuchen. -Wie ich aber die Straße hereinging, da sah man viel -Volk auf den Wiesen. Ich dachte, eine halbe Stunde mache -nichts aus, und stellte mich auch hin, um das Fußvolk zu betrachten. -Wahrlich, der Frondsberg hat es weit gebracht. – -Nun, da war mir's, als hörte ich nahe bei mir Euren Namen -nennen; ich sah mich um, es waren drei alte Männer, die -sprachen von Euch und deuteten auf Euch hin, ich aber merkte -mir Eure Gestalt und folgte Euren Schritten, und weil ich -meiner Sache doch nicht ganz gewiß war, so gab ich Euch das -Rätsel von Sturm und Licht auf.«</p> - -<p>»Das hast du klug gemacht,« sagte Georg lächelnd; »aber -dennoch komm in mein Haus, daß man dir etwas zu essen reiche. -Wann kehrst du wieder heim?«</p> - -<p>Hans bedachte sich eine Weile; endlich aber sagte er, indem -ein schlaues Lächeln um seinen Mund zog: »Nichts für ungut,<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span> -Junker; aber ich habe dem Fräulein versprechen müssen, nicht -eher von Euch zu weichen, als bis Ihr dem bündischen Heer -Valet gesagt habt.«</p> - -<p>»Und dann?« fragte Georg.</p> - -<p>»Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein und bringe ihr -die gute Nachricht von Euch; wie wird sie sich sehnen! Alle -Tage steht sie wohl im Gärtchen auf dem Felsen und sieht ins -Tal hinab, ob der alte Hans noch nicht kommt!«</p> - -<p>»Die Freude soll ihr bald werden,« antwortete Georg, -»vielleicht reite ich schon morgen, und dann schreibe ich vorher -noch ein Brieflein.«</p> - -<p>»Aber greifet es doch klug an,« sagte der Bote, »das Pergament -darf nicht breiter sein als jenes, das ich brachte; denn -ich muß es wieder im Kniegürtel verstecken. Man weiß nicht, -was einem in so unruhiger Zeit begegnen kann, und dort sucht -es niemand.«</p> - -<p>»Es sei so,« antwortete Georg, indem er aufstand. »Für -jetzt lebe wohl; um Mittag komme zu Herrn von Kraft, nicht -weit vom Münster. Gib dich für meinen Landsmann aus Franken -aus, denn die Ulmer sind den Württembergern nicht grün.«</p> - -<p>»Sorget nicht, Ihr sollt zufrieden sein,« rief Hans dem -Scheidenden zu. Er sah dem schlanken Jüngling nach und gestand -sich, daß das holde Pflegekind seiner Schwester keine üble -Wahl getroffen habe, wenn auch die rosigen Wangen des Kindes -bei der ersten Liebe der Jungfrau etwas von ihren blühenden -Farben verloren hatten.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap09">9.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Was unter dieser Sonne kann es geben,<br /></span> -<span class="i0">Das ich nicht hinzuopfern eilen will,<br /></span> -<span class="i0">Wenn Sie es wünschen? – Fliehen Sie!<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Schiller.</em> -</p> -</div> - -<p>Georg war es von Anfang bange, wie sich sein neuer Bekannter -in dem Kraftischen Hause benehmen werde. Er fürchtete -nicht ohne Grund, jener möchte sich durch seine Mundart, -durch unbedachte Aeußerungen verraten, was ihm höchst unangenehm -gewesen wäre; denn je fester er bei sich beschlossen -hatte, das Bundesheer in den nächsten Tagen zu verlassen, um -so weniger mochte er in den Verdacht geraten, in Verbindung -mit Württemberg zu stehen. Konnte und durfte er ja doch im -schlimmen Falle, wenn der Bote entdeckt würde, wenn er bekannte,<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span> -an ihn geschickt worden zu sein, die Geliebte nicht verraten. -Er wollte umkehren und den Mann aufsuchen, ihn -bitten, sich sobald als möglich zu entfernen, aber als er bedachte, -daß dieser schon längst von dem Platz ihrer Unterredung -sich entfernt haben müsse, daß er indes zu Kraft kommen könne, -schien es ihm geratener, dahin vorauszueilen, um jenem dort -die nötigen Winke zu geben und ihn vor Unvorsichtigkeit zu bewahren.</p> - -<p>Und doch, wenn er sich das kühne Auge, die kluge, verschlagene -Miene des Mannes ins Gedächtnis rief, glaubte er -hoffen zu dürfen, daß Marie, obgleich ihr keine große Wahl übrig -blieb, keinem unsicheren Mann diese Botschaft anvertraut haben -konnte.</p> - -<p>Und wirklich traute er seinem Auge, seinem Ohr kaum, -als ihm um Mittag ein Landsmann aus Franken gemeldet und -sein Liebesbote hereingeführt ward. Welche Gewalt mußte -dieser Mensch über sich haben! Es war derselbe, und doch schien -er ein ganz anderer. Er ging gebückt, die Arme hingen schlaff -an dem Körper herab, selten schlug er die Augen auf, sein Gesicht -hatte einen Ausdruck von Blödigkeit, der Georg ein unwillkürliches -Lächeln abnötigte. Und als er dann zu sprechen -anfing, als er ihn in fränkischer Mundart begrüßte und mit der -geläufigen Zunge eines geborenen Franken dem Herrn von Kraft -auf seine mancherlei Fragen antwortete, da kam er in Versuchung, -an übernatürliche Dinge zu glauben, die Märchen -seiner Kindheit stiegen in seinem Gedächtnisse auf, wo ein -freundlicher Zauberer oder eine huldreiche Fee in allerlei Gestalten -dem Dienst zweier Liebenden sich widmet und sie glücklich -mitten durch das feindselige Schicksal hindurchführt.</p> - -<p>Der Zauber war bald gelöst, als er mit dem Boten auf -seinem Zimmer allein war und ihn der gute Schwabe von seiner -Persönlichkeit versicherte; aber doch konnte er ihm seine Bewunderung -nicht versagen über die Rolle, die er so gut gespielt.</p> - -<p>»Glaubt deshalb nicht minder an meine Ehrlichkeit,« antwortete -der Bauer; »man wird oft genötigt, von Jugend auf -durch solche Künste sich fortzuhelfen, sie schaden keinem und tun -doch dem gut, der sie kann.«</p> - -<p>Georg versicherte, ihm nicht minder zu trauen als vorher, -der Bote aber bat dringend, er möchte doch jetzt auch auf seine -Abreise denken, er möchte bedenken, wie sehr sich das Fräulein -nach dieser Nachricht sehne, daß er nicht früher heimkehren -dürfe, als bis er diese Gewißheit bringen könne.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span></p> - -<p>Georg antwortete ihm, daß er nur noch den Abmarsch des -Bundesheeres abwarten wolle, um in seine Heimat zurückzukehren.</p> - -<p>»O, da braucht Ihr nicht mehr lange zu warten,« antwortete -der Bote; »wenn sie morgen nicht aufbrechen, so ist es -übermorgen, denn das Land ist offen bis ins Herz hinein. Ich -darf Euch trauen, Junker, darum sag' ich Euch dies.«</p> - -<p>»Ist es denn wahr, daß die Schweizer abgezogen sind,« -fragte Georg, »und daß der Herzog keine Feldschlacht mehr -liefern kann?«</p> - -<p>Der Bote warf einen lauernden Blick im Zimmer umher, -öffnete behutsam die Türe, und als er sah, daß kein Lauscher -in der Nähe sei, begann er:</p> - -<p>»Herr! ich war bei einem Auftritt, den ich nie vergesse, -und wenn ich neunzig Jahre alt werde! Schon unterwegs -waren mir auf der Alb große Scharen der heimziehenden -Schweizer begegnet; ihre Räte und Landammänner hatten sie -heimgerufen; bei Blaubeuren standen aber noch über achttausend -Mann, jedoch lauter gute Württemberger und nichts anderes -drunter.«</p> - -<p>»Und der Herzog,« unterbrach ihn Georg, »wo war denn -dieser?«</p> - -<p>»Der Herzog hat in Kirchheim zum letztenmal mit den -Schweizern unterhandelt, aber sie zogen ab, weil er sie nicht -bezahlen konnte.<a id="FNanchor_16_17"></a><a href="#Footnote_16_17" class="fnanchor">[16]</a> Da kam er gen Blaubeuren, wo sich sein -Landvolk gelagert hatte. Gestern morgen wurde durch Trommelschlag -bekannt gemacht, daß sich bis neun Uhr alles Volk auf -den Klosterwiesen einstellen solle. Es waren viele Männer, die -dort versammelt waren, aber jeder dachte ein und dasselbe. Seht, -Junker! der Herzog Ulrich ist ein gestrenger Herr und weiß -den Bauer nicht für sich zu gewinnen. Die Steuern sind hart, -der Jagdfrevel ist scharf und grausam, am Hof aber wird verpraßt, -was man uns genommen hat. Aber wenn ein solcher -Herr im Unglück ist, da ist es gleich ein anderes Ding. Jetzt -fiel uns allen nur ein, daß er ein tapferer Mann und unser -unglücklicher Herzog sei, dem man das Land mit Gewalt entreißen -wolle. Es ging ein Gemurmel unter uns, der Herzog -wolle eine Schlacht liefern, und jeder drückte das Schwert fester -in der Hand, grimmig schüttelten sie ihre Speere und riefen den -Bündlern Verwünschungen zu. Da kam der Herzog –«</p> - -<p>»Du sahst den Herzog, du kennst ihn?« rief Georg neugierig. -»O sprich, wie sieht er aus?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span></p> - -<p>»Ob ich ihn kenne?« sagte der Bote mit sonderbarem -Lächeln. »Wahrhaftig, ich sah ihn, als es ihm nicht wohl war, -mich zu sehen. Der Herr ist noch ein junger Mann, wenn es -viel ist, ist er zweiunddreißig Jahr. Er ist stattlich und kräftig, -und man sieht ihm an, daß er die Waffen zu führen weiß. Augen -hat er wie Feuer, und es lebt keiner, der ihm lange hineinschaute. -– Der Herzog trat in den Kreis, den das bewaffnete Volk geschlossen -hatte, und es war Totenstille unter den vielen Menschen. -Mit vernehmlicher Stimme sprach er, daß er sich, also -verlassen, nimmer zu helfen wüßte.<a id="FNanchor_17_18"></a><a href="#Footnote_17_18" class="fnanchor">[17]</a> Diejenigen, worauf er -gehofft, seien ihm benommen, seinen Feinden sei er ein Spott; -denn ohne die Schweizer könne er keine Schlacht wagen. Da -trat ein alter, eisgrauer Mann hervor, der sprach: ›Herr -Herzog! Habt Ihr unsern Arm schon versucht, daß Ihr die -Hoffnung aufgebt? Schaut, diese alle wollen für Euch bluten; -ich habe Euch auch meine vier Buben mitgebracht, hat jeder -einen Spieß und ein Messer, und so sind hier viele Tausend; seid -Ihr des Landes so müde, daß Ihr uns verschmäht?‹ Da brach -dem Ulrich das Herz; er wischte sich Tränen aus dem Auge und -bot dem Alten seine Hand. ›Ich zweifle nicht an eurem Mut,‹ -sprach er mit lauter Stimme; ›aber wir sind unserer zu wenig, -so daß wir nur sterben können, aber nicht siegen. Geht nach -Haus, ihr guten Leute, und bleibet mir treu. Ich muß mein -Land verlassen und im bitteren Elend sein. Aber mit Gottes -Hilfe hoffe ich auch wieder hereinzukommen.‹ So sprach der -Herzog, unsere Leute aber weinten und knirschten mit den -Zähnen und zogen ab in Trauer und Unmut.«<a id="FNanchor_18_19"></a><a href="#Footnote_18_19" class="fnanchor">[18]</a></p> - -<p>»Und der Herzog?« fragte Georg.</p> - -<p>»Von Blaubeuren ist er weggeritten, wohin, weiß man -nicht. In den Schlössern aber liegt die Ritterschaft, sie zu verteidigen, -bis der Herzog vielleicht andere Hilfe bekommt.« –</p> - -<p>Der alte Johann unterbrach hier den Boten und meldete, -daß der Junker auf zwei Uhr in den Kriegsrat beschieden sei, -der in Frondsbergs Quartier gehalten werde; Georg war nicht -wenig erstaunt über diese Nachricht, was konnte man von ihm -im Kriegsrat wollen? Sollte Frondsberg schon ein Mittel gefunden -haben, ihn zu empfehlen?</p> - -<p>»Nehmt Euch in acht, Junker,« sprach der Bote, als der -alte Johann das Gemach verlassen hatte, »und bedenkt das -Versprechen, das Ihr dem Fräulein gegeben; vor allem erinnert -Euch, was sie Euch sagen ließ: Ihr sollt Euch hüten, -weil man etwas mit Euch vorhabe. Mir aber erlaubt, als Euer<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span> -Diener in diesem Haus zu bleiben; ich kann Euer Pferd besorgen -und bin zu jedem Dienst erbötig.«</p> - -<p>Georg nahm das Anerbieten des treuen Mannes mit -Dank an, und Hans trat auch sogleich in seinen Dienst, denn er -band seinem jungen Herrn das Schwert um und setzte ihm -das Barett zurecht. Er bat ihn noch unter der Türe, seines -Schwures und jener Warnung eingedenk zu sein.</p> - -<p>Dem unbegreiflichen Ruf in den Kriegsrat und der sonderbar -zutreffenden Warnung Mariens nachsinnend, ging Georg -dem bezeichneten Hause zu; man wies ihn dort eine breite -Wendeltreppe hinan, wo er in der ersten Türe rechts die Kriegsobersten -versammelt finden sollte. Aber der Eingang in dieses -Heiligtum ward ihm nicht so bald verstattet; ein alter bärtiger -Kriegsmann fragte, als er die Tür öffnen wollte, nach seinem -Begehr und gab ihm den schlechten Trost, es könne höchstens -noch eine halbe Stunde dauern, bis er vorgelassen werde; zugleich -ergriff er die Hand des jungen Mannes und führte ihn, -einen schmalen Gang hindurch, nach einem kleinen Gemach, wo -er sich einstweilen gedulden solle.</p> - -<p>Wer je in besorgter Erwartung einsam und allein auf der -Marterbank eines Vorzimmers saß, der kennt die Qual, die -Georg in jener Stunde auszustehen hatte. Das ungeduldige -Herz pocht der Entscheidung entgegen, alle Nerven sind gespannt, -das Auge möchte die Tür durchbohren, das Ohr schärft -sich, wenn in der Ferne eine Türe knarrt, Schritte über den -Hausgang rauschen oder undeutliche Stimmen im anstoßenden -Zimmer lauter werden. Aber die Türen haben umsonst getönt, -die Schritte, immer näher und näher kommend, gehen vorüber, -der ungleiche Ton der Stimmen sinkt zum Geflüster herab. Die -Bretter des Fußbodens und die Fenster des Nachbarhauses sind -bald gezählt, und schon wieder zeigt der helle Ton der Glocke -eine umsonst verlebte halbe Stunde an. Das Ohr begleitet alle -Glocken und Uhren der Stadt, bemerkt ihre hohen und tiefen -Töne – auch sie haben ausgeschlagen; man steht auf, macht einen -Gang durch das enge Gemach, horch! da geht wieder eine Türe, -gewichtige Schritte kommen den Gang herauf, die Klinke der -Türe bewegt sich nach so langer Zeit wieder.</p> - -<p>»Georg von Frondsberg läßt Euch seinen Gruß vermelden,« -sprach der alte Kriegsmann, der nach so langer Zeit -wieder zu Georg kam, »es könne vielleicht noch eine Weile -dauern; doch sei dies ungewiß, darum sollet Ihr hier bleiben. -Er schickt Euch hier einen Krug Wein zum Vespern.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span></p> - -<p>Der Diener setzte den Wein auf den breiten Fenstersims -des Zimmers, denn ein Tisch war nicht vorhanden, und verließ -das Gemach.</p> - -<p>Georg sah ihm staunend nach; er hätte dies nicht für möglich -gehalten; über eine Stunde war schon verschwunden, und -noch nicht? Er griff zu dem Wein, er war nicht übel, aber wie -konnte ihm in seiner traurigen Einsamkeit das Glas munden?</p> - -<p>Es ist ein gewöhnlicher Fehler junger Leute in Georgs -Jahren, daß sie sich für wichtiger halten, als es ihre Stellung in -der Welt eigentlich mit sich bringt. Der gereifte Mann wird -eine Beeinträchtigung seiner Würde eher verschmerzen oder -wenigstens sein Mißfallen zurückhalten, während der Jüngling, -empfindlicher über den Punkt der Ehre, leichter und schneller -aufbraust. Kein Wunder daher, daß Georg, als er nach zwei -tödlich langen Stunden in den Kriegsrat abgeholt wurde, nicht -in der besten Laune war. Er folgte schweigend dem ergrauten -Führer, der ihn hieher geleitet hatte, den langen Gang hin.</p> - -<p>An der Türe wandte sich jener um und sagte freundlich: -»Verschmäht den Rat eines alten Mannes nicht, Junker, und -legt die trotzige finstere Miene ab; es tut nicht gut bei den gestrengen -Herrn da drinnen.«</p> - -<p>Georg war in dem Augenblick zu wenig Herr über sich, -als daß er den wohlgemeinten Rat hätte befolgen können, er -dankte ihm durch einen Händedruck, ergriff dann rasch die gewaltige -eiserne Türklinke, und die schwere eichene Zimmertüre -drehte sich ächzend auf.</p> - -<p>Um einen großen schwerfälligen Tisch saßen acht ältliche -Männer, die den Kriegsrat des Bundes bildeten. Einige davon -kannte Georg. Jörg Truchseß, Freiherr von Waldburg, nahm -als Oberst-Feldleutnant den obersten Platz an dem Tische ein, -zu beiden Seiten von ihm saßen Frondsberg und Franz von -Sickingen, von den übrigen kannte er keinen als den alten -Ludwig von Hutten; aber die Chronik hat uns ihre Namen -treulich aufbewahrt; es saßen dort noch Christoph Graf zu -Ortenberg, Alban von Closen, Christoph von Frauenberg und -Diepolt von Stein, bejahrte, im Heere angesehene Männer.</p> - -<p>Georg war an der Türe stehen geblieben, Frondsberg aber -winkte ihm freundlich, näher zu kommen. Er trat nun bis an -den Tisch und überschaute nun mit dem freien kühnen Blick, der -ihm so eigen war, die Versammlung. Aber auch er wurde von -den Versammelten beobachtet, und es schien, als fänden sie Gefallen -an dem schönen, hochgewachsenen Jüngling, denn mancher<span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span> -Blick ruhte mit Wohlwollen auf ihm, einige nickten ihm sogar -freundlich zu.</p> - -<p>Der Truchseß von Waldburg hob endlich an: »Georg von -Sturmfeder, wir haben uns sagen lassen, Ihr seid auf der Hochschule -in Tübingen gewesen, ist dem also?«</p> - -<p>»Ja, Herr Ritter,« antwortete Georg.</p> - -<p>»Seid Ihr in der Gegend von Tübingen genau bekannt?« -fuhr jener fort.</p> - -<p>Georg errötete bei dieser Frage; er dachte an die Geliebte, -die ja nur wenige Stunden von jener Stadt entfernt auf ihrem -Lichtenstein war; doch er faßte sich bald und sagte: »Ich kam -zwar nicht viel auf die Jagd, auch habe ich sonst die Gegend -wenig durchstreift, doch ist sie mir im allgemeinen bekannt.«</p> - -<p>»Wir haben beschlossen,« fuhr Truchseß fort, »einen sicheren -Mann in jene Gegend zu schicken, auszukundschaften, was der -Herzog von Württemberg bei unserm Anzug tun wird. Es -soll auch über die Befestigung des Schlosses Tübingen, über die -Stimmung des Landvolkes in jener Gegend genaue Nachricht -eingezogen werden; ein solcher Mann kann dem Württemberger -durch Klugheit und List mehr Abbruch tun als hundert Reiter, -und wir haben – Euch dazu ausersehen.«</p> - -<p>»Mich?« rief Georg voll Schrecken.</p> - -<p>»Euch, Georg von Sturmfeder; zwar gehört Uebung und -Erfahrung zu einem solchen Geschäft, aber was Euch daran abgeht, -möge Euer Kopf ersetzen.«</p> - -<p>Man sah dem Jüngling an, daß er einen heftigen Kampf -mit sich kämpfte. Sein Gesicht war bleich, sein Auge starr, seine -Lippen fest zusammengeklemmt. Die Warnung Mariens war -ihm jetzt auf einmal klar; aber wie fest er auch bei sich beschloß, -den Antrag auszuschlagen, wie erwünscht beinahe diese -Gelegenheit erschien, um dem Bunde zu entsagen, so kam ihm -die Entscheidung doch zu <span id="corr078">überraschend</span>, er scheute sich, vor den berühmten -Männern seinen Entschluß auszusprechen.</p> - -<p>Der Truchseß rückte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und -her, als der junge Mann so lange mit seiner Antwort zögerte: -»Nun, wird's bald? Warum besinnet Ihr Euch so lange?« rief -er ihm zu.</p> - -<p>»Verschonet mich mit diesem Auftrag,« sagte Georg nicht -ohne Zagen; »ich kann, ich darf nicht.«</p> - -<p>Die alten Männer sahen sich erstaunt an, als trauten sie -ihren Ohren nicht. »Ihr dürft nicht, Ihr könnt nicht?« wiederholte -Truchseß langsam, und eine dunkle Röte, der Vorbote<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span> -seines aufsteigenden Zornes, lagerte sich auf seine Stirne und -um seine Augen.</p> - -<p>Georg sah, daß er sich in seinen Ausdrücken übereilt habe; -er sammelte sich und sprach mit freierem Mute: »Ich habe Euch -meine Dienste angeboten, um ehrlich zu fechten, nicht aber, um -mich in Feindesland zu schleichen und hinterrücks nach seinen -Gedanken zu spähen. Es ist wahr, ich bin jung und unerfahren, -aber so viel weiß ich doch, um mir von meinen Schritten -Rechenschaft geben zu können; und wer von Euch, der Vater -eines Sohnes ist, möchte ihm zu seiner ersten Waffentat raten, -den Kundschafter zu machen?«</p> - -<p>Der Truchseß zog die dunkeln, buschigen Augenbrauen zusammen -und schoß einen durchdringenden Blick auf den Jüngling, -der so kühn war, anderer Meinung zu sein als er. »Was -fällt Euch ein, Junker!« rief er. »Eure Reden helfen Euch -jetzt zu nichts, es handelt sich nicht darum, ob es sich mit Eurem -kindischen Gewissen verträgt, was wir Euch auftragen; es -handelt sich um Gehorsam, wir wollen es, und Ihr <em class="gesperrt">müßt</em>!«</p> - -<p>»Und ich <em class="gesperrt">will</em> nicht!« entgegnete ihm Georg mit fester -Stimme. Er fühlte, daß mit dem Zorn über Waldburgs beleidigenden -Ton sein Mut von Minute zu Minute wachse, er -wünschte sogar, der Truchseß möchte noch weiter in seinen Reden -fortfahren, denn jetzt glaubte er sich jeder Entscheidung gewachsen.</p> - -<p>»Ja freilich, freilich!« lachte Waldburg in bitterem Grimm, -»das Ding hat Gefahr, so allein in Feindesland herumzureiten. -Ha! Ha! Da kommen die Junker von Habenichts und Binnichts -und bieten mit großen Worten und erhabenen Gesichtern -ihren Kopf und ihren tapfern Arm an, und wenn es drauf und -dran kommt, wenn man etwas von ihnen haben will, so fehlt es -an Herz. Doch Art läßt nicht von Art, der Apfel fällt nicht -weit vom Stamme – und wo nichts ist, da hat der Kaiser das -Recht verloren.«</p> - -<p>»Wenn dies eine Beleidigung für meinen Vater sein soll,« -antwortete Georg erbittert, »so sitzen hier Zeugen, die ihm bezeugen -können, daß er in ihrem Gedächtnisse als ein Tapferer -lebt. Ihr müßt viel getan haben in der Welt, daß Ihr Euch -herausnehmt, auf andere so tief herabzusehen!«</p> - -<p>»Soll ein solcher Milchbart mir vorschreiben, was ich -reden soll?« unterbrach ihn Waldburg. »Was braucht es da -das lange Schwatzen? Ich will wissen, Junkerlein, ob Ihr<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span> -morgen Euer Pferd satteln und Euch nach unseren Befehlen -richten wollt oder nicht!«</p> - -<p>»Herr Truchseß,« antwortete Georg mit mehr Ruhe, als er -sich selbst zugetraut hatte, »Ihr habt durch Eure scharfen Reden -nichts gezeigt, als daß Ihr wenig wisset, wie man mit einem -Edelmann, der dem Bunde seine Dienste anbot, wie man mit dem -Sohn meines tapfern Vaters reden müsse. Ihr habt aber als -Oberster dieses Rates im Namen des Bundes zu mir gesprochen -und mich so tief beleidigt, als ob ich Euer ärgster Feind wäre, -darum kann ich nichts tun als, wie Ihr selbst befehlet, mein Roß -satteln, aber gewiß nicht zu Eurem Dienst. Es ist mir nicht -länger Ehre, diesen Fahnen zu folgen, nein, ich sage mich los -und ledig von euch für immer; gehabt euch wohl!«</p> - -<p>Der junge Mann hatte mit Nachdruck und Festigkeit gesprochen -und wandte sich, zu gehen.</p> - -<p>»Georg,« rief Frondsberg, indem er aufsprang, »Sohn -meines Freundes! –«</p> - -<p>»Nicht so rasch, Junker!« riefen die übrigen und warfen -mißbilligende Blicke auf Waldburg; aber Georg war, ohne sich -umzusehen, aus dem Gemach geschritten, die eiserne Klinke schlug -klirrend ins Schloß, und die gewaltigen Flügel der eichenen -Pforte lagerten sich zwischen ihm und dem wohlmeinenden Nachruf -der besser gesinnten Männer; sie schieden Georg von Sturmfeder -auf ewig von dem schwäbischen Bunde.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap10">10.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">O wenn die Nacht des Grames dich umschlinget,<br /></span> -<span class="i0">Mit schwerem Leid dein wundes Herz oft ringet,<br /></span> -<span class="i0">Wenn nur der Stern, der nach der Sonne stehet<br /></span> -<span class="i0">Der Liebe Stern in dir nicht untergehet.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">P. Conz.</em> -</p> -</div> - -<p>Georg fühlte sich leichter, als er auf seinem Zimmer über -das Vorgefallene nachdachte. Jetzt war ja entschieden, was zu -<em class="gesperrt">entscheiden</em> er so lange gezögert hatte, entschieden auf eine -Weise, wie er sie besser nicht hätte wünschen können. So hatte -er jetzt einen guten Grund, das Heer sogleich zu verlassen, und -der Oberst-Feldleutnant mußte die Schuld sich selbst beimessen.</p> - -<p>Wie schnell hatte sich doch alles in den vier Tagen gewendet; -wie verschieden waren die Gesinnungen, mit denen er in -diese Stadt einzog, von denen, die ihn aus ihren Mauern hinaustrieben!<span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span> -Damals, als der Donner der Geschütze, der feierliche -Klang aller Glocken, die lockenden Töne der Trompeten -ihn begrüßten, wie schlug da sein Herz dem Kampf entgegen, -um Marien zu verdienen! Und als er das erste Mal vor jenen -Frondsberg geführt wurde, wie erhebend war der Gedanke, unter -den Augen dieses Mannes zu streiten, aus seinem Munde sich -Ruhm zu erwerben! – Und wie erkaltete bald darauf sein Eifer, -als der Bund in seinen Augen jenen Glanz verlor, mit welchem -ihn seine jugendliche Phantasie umgeben hatte; wie schämte er -sich, sein Schwert für die zu ziehen, die, nur von Eigennutz und -Habgier getrieben, das schöne Land sich zur Beute ausersehen -hatten! Wie schrecklich der Gedanke, Marie und die Ihrigen -auf der feindlichen Seite zu wissen, treuergeben dem unglücklichen -Fürsten, den auch er aus seinen Grenzen jagen helfen -sollte? Um eine solche Sache sollte er jenes teure Herz brechen, -das unter jedem Wechsel treu für ihn schlug? »Nein! Du hast -es wohl mit mir gemeint,« sprach er, indem sein Auge dem -Strahl der Abendsonne, der durch die runden Scheiben hereinfiel, -hinauf zu dem blauen Himmel folgte; »du hast es wohl mit -mir gemeint; was jedem andern, der heute an meiner Stelle -stand, zum Verderben gewesen wäre, hast du für mich zum Heil -gelenkt!« Jene Heiterkeit, die, seit er wußte, wie furchtbar sich -das Geschick zwischen ihn und die Geliebte stellte, einem trüben -Ernst gewichen war, kehrte wieder auf seine Stirne, um seinen -Mund zurück; er sang sich ein frohes Lied, wie in seinen <em class="gesperrt">frohesten</em> -Augenblicken. –</p> - -<p>Erstaunt betrachtete ihn der eintretende Herr von Kraft. -»Nun, das ist doch sonderbar,« sagte er; »ich eile nach Haus, -um meinen Gast in seinem gerechten Schmerz zu trösten, und -finde ihn so fröhlich wie nie; wie reime ich das zusammen?«</p> - -<p>»Habt Ihr noch nie gehört, Herr Dietrich,« entgegnete -Georg, der für geratener hielt, seine Fröhlichkeit zu verbergen, -»habt Ihr nie gehört, daß man auch aus Zorn lachen und im -Schmerz singen kann?«</p> - -<p>»Gehört hab' ich es schon, aber gesehen nie bis zu diesem -Augenblick,« antwortete Kraft.</p> - -<p>»Nun, und Ihr habt also auch von der verdrießlichen Geschichte -gehört?« fragte Georg. »Man erzählt es sich gewiß -schon auf allen Straßen?«</p> - -<p>»O nein,« antwortete der Ratsschreiber, »man weiß nirgends -etwas davon, man hätte ja zugleich Eure geheime Sendung -nach Württemberg damit ausposaunen müssen. Nein!<span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span> -Ich habe, Gott sei Dank, so meine eigenen Quellen und erfahre -manches noch in <em class="gesperrt">der</em> Stunde, wo es getan oder gesprochen -wurde. Aber nehmt mir's nicht übel, Ihr habt da einen -dummen Streich gemacht!«</p> - -<p>»So,« antwortete Georg lächelnd, »und warum denn?«</p> - -<p>»Bot sich Euch nicht die schönste Gelegenheit, Euch auszuzeichnen? -Wem wären die Bundesobersten mehr Dank schuldig -als –«</p> - -<p>»Sagt es nur heraus,« unterbrach ihn Georg, »als dem -Kundschafter in des Feindes Rücken. Es ist nur schade, daß -mein Vater und die Ehre meines Namens mich <em class="gesperrt">vor</em>, und nicht -<em class="gesperrt">hinter</em> den Feind bestimmt haben, es sei denn, daß er vor mir -fliehe.«</p> - -<p>»Dies sind Bedenklichkeiten, die ich nicht bei Euch gesucht -hätte. Wahrlich, wenn ich so bekannt in jener Gegend wäre -wie Ihr, man hätte es mir nicht zweimal sagen dürfen.«</p> - -<p>»Ihr habt hier zu Lande vielleicht andere Grundsätze über -diesen Punkt,« sagte Georg, nicht ohne Spott, »als wir in -unserem Franken, das hätte Truchseß von Waldburg bedenken -und einen Ulmer schicken sollen.«</p> - -<p>»Ihr bringt mich da eben recht noch auf etwas anderes. -Der Oberst-Feldleutnant! Wie habt Ihr ihn Euch so zum -Feinde machen mögen? Denn daß dieser Euch das Geschehene -in seinem Leben nicht verzeiht, dürft Ihr gewiß sein.«</p> - -<p>»Das ist mein geringster Kummer,« antwortete Georg, -»aber eines tut mir weh, daß ich den Uebermütigen, der schon -meinem Vater Böses getan, wo er konnte, nicht vor meine -Klinge stellen und ihm zeigen kann, daß der Arm nicht so ganz -zu verachten ist, den er heute von sich gestoßen hat.«</p> - -<p>»Um Gottes willen,« fiel Kraft ein, »sprecht nicht so laut, -er könnte es hören. Ueberhaupt müßt Ihr Euch sehr zusammennehmen, -wenn Ihr ferner im Heere unter ihm dienen wollt.«</p> - -<p>»Ich will den Herrn Truchseß von meinem verhaßten Anblick -bald befreien. So Gott will, habe ich die Sonne zum -letztenmal in Ulm untergehen sehen!«</p> - -<p>»So wäre es wahr,« fragte Herr von Kraft mit Staunen, -»was man noch dazusetzte, und was ich nicht glauben konnte: -Georg von Sturmfeder will wegen dieser Kleinigkeit unsere -gute Sache verlassen?«</p> - -<p>»Verletzung der Ehre ist nirgends eine Kleinigkeit,« antwortete -Georg ernst, »am wenigsten bei einem Stand wie der -unsrige. Was aber Eure gute Sache betrifft, so habe ich nachgerade<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span> -eingesehen, daß ich weder für eine gute Sache, noch für -eine gute Meinung, sondern für ein paar große Herren und -für ein paar Mauern voll Spießbürger mich schlagen sollte.«</p> - -<p>Der unangenehme Eindruck, den besonders die letzten Worte -auf den Ratsschreiber machten, entging ihm nicht, er fuhr daher, -indem er seine Hand ergriff und drückte, ruhiger fort: »Nehmet -mir meine scharfen Worte nicht übel, mein freundlicher Wirt, -weiß Gott, ich habe Euch nicht damit beleidigen wollen; aber -aus Eurem eigenen Munde habe ich die Gesinnungen und Zwecke -der verschiedenen Parteien in diesem Heere erfahren. Schreibt -es Euch selbst zu, wenn ich meinen eigenen Weg einschlage, da -<em class="gesperrt">Ihr</em> mir die Binde von den Augen genommen habt.«</p> - -<p>»Ihr habt so unrecht gerade nicht, guter Junker, es wird -bunt hergehen, wenn die Herren erst das schöne Land da -drüben unter sich teilen; aber da habe ich gedacht, es geht ja in -einem hin, Ihr könntet Euch auch Euer Scherflein dabei verdienen. -Man sagt, Ihr dürft es mir aber nicht übelnehmen, -Euer Haus sei etwas herabgekommen, da meinte ich –«</p> - -<p>»Nichts davon!« fiel Georg rasch ein, gerührt von der Gutmütigkeit -seines Gastfreundes. »Das Haus meiner Väter zerfällt, -unsere Tore hängen auf gebrochenen Angeln, auf der -Zugbrücke wächst Moos, und auf dem hohen Wartturm hausen -Eulen. In fünfzig Jahren steht vielleicht noch ein Turm oder -ein Mäuerchen und erinnert den Wanderer, daß hier einst ein -ritterliches Geschlecht hauste. Aber wenn auch die morschen -Mauern über mir zusammenstürzen und den Letzten meines -Stammes unter ihren Trümmern begraben, niemand soll von -mir sagen, ich habe für ungerechtes Gut das Schwert meines -Vaters gezogen.«</p> - -<p>»Jeder nach seiner Weise,« antwortete Dietrich, »es klingt -dies alles recht schön; aber ich für meinen Teil würde mir schon -etwas gefallen lassen, um mein Haus anständig und wohnlich -wiederherzustellen. – Möget Ihr übrigens Euren Entschluß -ändern oder nicht, auf jeden Fall hoffe ich, werdet Ihr es Euch -noch einige Tage bei mir gefallen lassen.«</p> - -<p>»Ich erkenne Eure Güte,« antwortete Georg; »aber Ihr -seht, daß ich unter den gegenwärtigen Umständen nichts mehr -in dieser Stadt zu tun habe. Ich gedenke mit Anbruch des -Morgens zu reiten.«</p> - -<p>»Nun, und kann man Euch Grüße mitgeben?« sagte der -Ratsschreiber mit überaus schlauem Lächeln. »Ihr reitet doch -den nächsten Weg nach Lichtenstein?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p> - -<p>Der junge Mann errötete bis in die Stirne hinauf. Es -war zwischen ihm und seinem Gastfreund seit Mariens Abreise -dieser Gegenstand noch nicht zur Sprache gekommen; um so mehr -überraschte ihn jetzt die schlaue Frage seines Gastfreundes. »Ich -sehe,« sagte er, »daß Ihr mich noch immer falsch verstehet. Ihr -glaubet, ich habe dem Bunde nur deswegen den Rücken zugewandt, -um mich an die Feinde anzuschließen? Wie möget -Ihr nur so schlimm von mir denken!«</p> - -<p>»Ach, geht mir doch!« entgegnete der kluge Ratsschreiber. -»Niemand anders als mein reizendes Bäschen hat Euch von uns -abwendig gemacht. Ihr hättet wohl zu allem, was der Bund -getan, ein Auge zugedrückt, wenn der alte Lichtenstein auch mitgemacht -hätte; nun er auf der andern Seite steht, glaubt Ihr -auch schnell umsatteln zu müssen!«</p> - -<p>Georg mochte sich verteidigen, wie er wollte, der Ratsschreiber -war zu fest von seiner eigenen Klugheit überzeugt, als -daß er sich diese Meinung hätte ausreden lassen. Er fand -diesen Schritt auch ganz natürlich und sah nichts Böses oder -Unehrliches darin. Mit einem herzlichen Gruß an die Base -in Lichtenstein verließ er das Zimmer seines Gastes. Doch auf -der Schwelle wandte er sich noch einmal um. »Fast hätte ich -das Wichtigste vergessen,« sagte er, »ich begegnete Georg von -Frondsberg auf der Straße. Er läßt Euch bitten, heute abend -noch zu ihm in sein Haus zu kommen.«</p> - -<p>Georg hatte sich zwar selbst vorgestellt, daß ihn Frondsberg -nicht ohne Abschied werde ziehen lassen, und doch war ihm bange -vor dem Anblick dieses Mannes, der es so gut mit ihm gemeint, -und dessen freundliche Pläne er so schnell durchkreuzt hatte. Er -schnallte unter den Gedanken an diesen schweren Gang sein -Schwert um und wollte eben seinen Mantel zurechtlegen, als -ein sonderbares Geräusch von der Treppe her seine Aufmerksamkeit -auf sich zog. Schwere Tritte vieler Menschen näherten -sich seiner Türe, er glaubte Schwerter und Hellebarden auf dem -Estrich seines Vorsaales klirren zu hören. Er machte schnell -einige Schritte gegen die Türe, um sich von dem Grund seiner -Vermutung zu überzeugen.</p> - -<p>Aber noch ehe er die Türe erreicht hatte, ging diese auf. -Das matte Licht einiger Kerzen ließ ihn mehrere bewaffnete -Kriegsknechte sehen, die seine Türe umstellt hatten. Jener alte -Kriegsmann, der ihn heute vor dem Kriegsrat empfangen hatte, -trat aus ihrer Mitte hervor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span></p> - -<p>»Georg von Sturmfeder!« sprach er zu dem Jüngling, der -mit Staunen zurücktrat, »ich nehme Euch auf Befehl eines hohen -Bundesrats gefangen.«</p> - -<p>»Mich, gefangen?« rief Georg mit Schrecken. »Warum? -Wessen beschuldigt man mich denn?«</p> - -<p>»Das ist nicht meine Sache,« antwortete der Alte mürrisch, -»doch wird man Euch vermutlich nicht lange in Ungewißheit -lassen. Jetzt aber seid so gut und reicht mir Euer Schwert und -folget mir auf das Rathaus.«</p> - -<p>»Wie? Euch soll ich mein Schwert geben?« entgegnete der -junge Mann mit dem Zorn beleidigten Stolzes. »Wer seid -Ihr, daß Ihr mir meine Waffen abfordern könnet? Da muß -der Rat ganz andere Leute schicken als Euch, so viel verstehe ich -auch von Eurem Handwerk!«</p> - -<p>»Um Gottes willen, gebt doch nach,« rief der Ratsschreiber, -der sich bleich und verstört an seine Seite gedrängt hatte, -»gebt nach! Widerstand kann Euch wenig nützen. Ihr habt -es mit dem Truchseß zu tun,« flüsterte er heimlicher; »das ist -ein böser Feind, bringt ihn nicht noch ärger gegen Euch auf.«</p> - -<p>Der alte Kriegsmann unterbrach die Einflüsterungen des -Ratsschreibers. »Es ist wahrscheinlich das erste Mal, Junker,« -sagte er, »daß Ihr in Haft genommen werdet, deswegen verzeihe -ich Euch gern die unziemlichen Worte gegen einen Mann, -der oft in einem Zelt mit Eurem Vater schlief. Euer Schwert -möget Ihr auch immerhin behalten. Ich kenne diesen Griff und -diese Scheide und habe den Stahl, den sie verschließt, manchen -rühmlichen Kampf ausfechten sehen. Es ist löblich, daß Ihr -viel darauf haltet und es nicht in jede Hand kommen lassen -möget; aber aufs Rathaus müßt Ihr mit, denn es wäre töricht, -wenn Ihr der Gewalt Trotz bieten wolltet.«</p> - -<p>Der Jüngling, dem alles wie ein Traum erschien, ergab -sich schweigend in sein Schicksal, er trug dem Ratsschreiber -heimlich auf, zu Frondsberg zu gehen und diesen von seiner -Gefangenschaft zu unterrichten. Er wickelte sich tiefer in seinen -Mantel, um auf der Straße bei diesem unangenehmen Gang -nicht erkannt zu werden, und folgte dem ergrauten Führer und -seinen Landsknechten.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p> - -<h2 id="kap11">11.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Die Eisentür geht auf, des Kerkers schwarze Wand<br /></span> -<span class="i0">Erhellt ein blasser Schein, er höret jemand gehen<br /></span> -<span class="i0">Und stemmt sich auf, und sieht –<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Wieland.</em> -</p> -</div> - -<p>Die Truppe, den Gefangenen in der Mitte, bewegte sich -schweigend dem Rathaus zu. Nur eine einzige Fackel leuchtete -ihnen voran, und Georg dankte dem Himmel, daß sie nur sparsame -Helle verbreitete; denn er glaubte, alle Menschen, die ihm -begegneten, müßten es ihm ansehen, daß er ins Gefängnis geführt -werde. Nächst diesem beschäftigte ihn unterwegs vorzüglich -<em class="gesperrt">ein</em> Gedanke: es war das erste Mal in seinem Leben, -daß er in ein Gefängnis geführt wurde, er dachte daher nicht -ohne Grauen an einen feuchten, unreinlichen Kerker. Das -Burgverließ in seinem alten Schlosse, das er als Knabe einmal -besucht hatte, kam ihm immer vor das Auge. Er war einigemal -im Begriff, seinen Führer darüber zu befragen, doch drängte -der Gedanke, man möchte es für kindische Furcht ansehen, seine -Frage immer wieder zurück.</p> - -<p>Nicht wenig war er daher überrascht, als man ihn in ein -geräumiges, schönes Zimmer führte, das zwar nicht sehr wohnlich -aussah, denn es enthielt nur eine leere Bettstelle und einen -ungeheuren Kamin, aber in Vergleichung mit den Bildern seiner -Phantasie eher einem Prunkgemach als einem Gefängnis glich. -Der alte Kriegsmann wünschte dem Gefangenen gute Nacht und -zog sich mit seinen Knechten zurück. Ein kleiner, hagerer, sehr -ältlicher Mann trat ein. Der große Schlüsselbund, welcher an -seiner Seite hing und jeden seiner Schritte wie mit Kettengerassel -bezeichnete, gab ihn als den Ratsdiener oder Schließer -kund. Er legte schweigend einige große Scheite Holz ins Kamin, -und bald loderte ein behagliches Feuer auf, das dem jungen -Mann in der kalten Märznacht sehr zu statten kam. Auf die -Bretter der breiten, leeren Bettstelle breitete der Schließer eine -große wollene Decke, und das erste Wort, das Georg aus seinem -Munde hörte, war die freundliche Einladung an den Gefangenen, -sich's bequem zu machen. Die harten Brettchen, nur mit einer -dünnen Decke überlegt, mochten nun freilich nicht sehr einladend -aussehen, doch lobte Georg die Bemühungen des Alten und sein -Gefängnis.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span></p> - -<p>»Das ist halt die <span id="corr087">Ritterhaft</span>,« belehrte ihn der Schließer. -»Die für den gemeinen Mann ist unter der Erde und nicht so -schön, doch ist sie dafür desto besuchter.«</p> - -<p>»Hier war wohl seit langer Zeit niemand?« fragte Georg, -indem er das öde Gemach musterte.</p> - -<p>»Der letzte war vor sieben Jahren ein Herr von Berger, -er ist in jenem Bett verschieden. Gott sei seiner armen Seele -gnädig! Es schien ihm aber hier zu gefallen, denn er ist schon -in mancher Mitternacht aus seiner Bahre heraufgestiegen, um -sein altes Zimmer zu besuchen.«</p> - -<p>»Wie?« sagte Georg lächelnd, »hieher soll er sich nach -seinem Tode noch bemüht haben?«</p> - -<p>Der Schließer warf einen scheuen Blick in die Ecken des -Zimmers, die, von dem unruhigen Flackern des Kaminfeuers -kaum erhellt, sich bald vor-, bald zurückzudrängen schienen. Er -legte das Holz mehr zurecht und brummte: »Man spricht so -mancherlei.«</p> - -<p>»Und auf jener Decke ist er verschieden?« rief Georg, den -bei allem jugendlichen Mut doch ein unwillkürlicher Schauder -überlief.</p> - -<p>»Ja, Herr!« flüsterte der Schließer leise, »dort auf jener -Decke ist er abgefahren. Gott gebe, daß es nicht tiefer als ins -Fegefeuer ging. Wir nennen deswegen die Decke nur das Leichentuch, -das Zimmer aber heißt des Ritters Totenkammer!« Mit -leisen Schritten, als fürchte er, durch jeden Laut den Toten zu -erwecken, schlich er aus dem Gemach, desto vernehmlicher rauschten -außen seine Schlüssel in dem Türschloß, als feierten sie -seinen Triumph, einem greulichen Spuk entflohen zu sein.</p> - -<p>»Also auf dem Leichentuch in des Ritters Totenkammer?« -dachte Georg und fühlte, wie sein Herz lauter pochte. Man hatte -zwar damals das menschliche Gemüt noch nicht wie in unsern -Tagen durch eigene Gespenster- und Schauerbücher für das -Grauenhafte empfänglich gemacht; doch hatten Ammen und alte -Knechte hinlänglich dafür gesorgt, den Geist des Junkers Georg -mit diesem reichlich wuchernden Unkraut anzupflanzen.</p> - -<p>Er war daher unschlüssig, ob er sich auf das Leichentuch -legen sollte oder nicht. Aber er sah keinen Stuhl, keine Bank -in der ganzen Totenkammer, der Boden, mit Backsteinen zierlich -ausgelegt, war noch kälter als das kalte, feuchte Leichentuch. -Er begann, sich dieser Untersuchungen, dieses Zögerns zu schämen, -und bald nahm ihn das gastliche Lager des Verstorbenen -auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span></p> - -<p>Auch das härteste Lager ist weich für den, der mit gutem -Gewissen zur Ruhe geht. Georg hatte sein Nachtgebet gesprochen -und war bald entschlummert. Aber aus dem Leichentuch -stiegen wunderliche Träume auf und lagerten sich bange über -den jungen Mann. Er sah deutlich, wie der alte Schließer zu -dem großen Schlüsselloch hereinguckte und sich segnete, daß er -auf der andern Seite der Türe stehe, denn in der Totenkammer -begann es recht unheimlich zu werden. Es fing an, wunderlich -umher zu rauschen, auf den Backsteinen schlurften alte -Sohlen in häßlichen Tönen. Georg glaubte zu träumen; er -ermannte sich, er horchte, er horchte wieder, aber es war keine -Täuschung. Schwere Schritte tönten im Gemach; jetzt wurde -das Feuer heller angeschürt, der ungewisse Schein der Flamme -spielte um eine große, dunkle Gestalt; sie bewegte sich, der Weg -vom Kamin zum Bette war gar nicht weit. Die Schritte kommen -näher, das Leichentuch wird angefaßt und geschüttelt. -Georg, von unabwendbarer Furcht befallen, drückt die Augen zu, -aber als die Decke gerade neben seinem Haupte gefaßt wurde, -als eine kalte, schwere Hand sich auf seine Stirne legte, da riß -er sich los aus seiner Angst, er sprang auf und maß mit ungewissen -Blicken jene dunkle Gestalt, die jetzt dicht vor ihm stand. -Hell flackerten die Flammen im Kamine, sie beleuchteten die -wohlbekannten Züge Georgs von Frondsberg.</p> - -<p>»Ihr seid es, Herr Feldhauptmann?« rief Georg, indem er -freier atmete und seinen Mantel zurecht legte, um den Ritter -nach Würde zu empfangen.</p> - -<p>»Bleibt, bleibt,« sagte jener und drückte ihn sanft auf sein -Lager nieder. »Ich setze mich zu Euch auf das Bett, und wir -plaudern noch ein halb Stündchen, denn es ist auf allen Glocken -erst neun Uhr, und in Ulm schläft noch niemand als dieser -Sprudelkopf, den man zur Abkühlung heute nacht recht hart gebettet -hat.« Er faßte Georgs Hand und setzte sich zu seinen -Füßen auf das Bett.</p> - -<p>»O, wie kann ich diese milde Nachsicht verdienen!« sprach -Georg, »stehe ich nicht in Euren Augen als ein Undankbarer -da, der Euer Wohlwollen zurückstößt und, was Ihr gütig für -ihn angesponnen, mit rauher Hand zerreißt?«</p> - -<p>»Nein, mein junger Freund!« antwortete der freundliche -Mann, »du stehst vor meinen Augen als der echte Sohn deines -Vaters. Gerade so schnell fertig mit Lob und Tadel, mit Entschluß -und Rede war er. Daß er ein Ehrenmann dabei war, -weiß ich wohl, aber ich weiß auch, wie unglücklich ihn sein<span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span> -schnelles Aufbrausen, sein Trotz, den er für Festigkeit ausgab, -machten.«</p> - -<p>»Aber sagt selbst, edler Herr!« entgegnete Georg. »Konnte -ich heute anders handeln? Hatte mich nicht der Truchseß aufs -Aeußerste gebracht?«</p> - -<p>»Du konntest anders handeln, wenn du die Weise und Art -dieses Mannes beachtetest, welche sich dir letzthin schon kundgab. -Auch hättest du denken können, daß Leute genug da waren, die -dir kein Unrecht geschehen ließen. Du aber schüttetest das Kind -mit dem Bade aus und liefst weg.«</p> - -<p>»Das Alter soll kälter machen,« erwiderte der junge Mann, -»aber in der Jugend hat man heißes Blut. Ich kann alles -ertragen, Härte und Strenge, wenn sie gerecht sind und meine -Ehre nicht kränken. Aber kalter Spott, Hohn über das Unglück -meines Hauses kann mich zum wütenden Wolf machen. Wie -kann ein so hoher Mann nur Freude daran haben, einen so -zu quälen?«</p> - -<p>»Auf diese Art äußert sich immer sein Zorn,« belehrte ihn -Frondsberg. »Je kälter und schärfer er aber von außen ist, -desto heißer kocht in ihm die Wut. Er war es, der auf den Gedanken -kam, dich nach Tübingen zu senden, teils weil er sonst -keinen wußte, teils auch, um dir das Unrecht, das er dir angetan, -wieder gut zu machen; denn in seinem Sinn war diese Sendung -höchst ehrenvoll. Du aber hast ihn durch deine Weigerung -gekränkt und vor dem Kriegsrat beschämt.«</p> - -<p>»Wie?« rief Georg. »Der Truchseß hat mich vorgeschlagen? -So kam also jene Sendung nicht von Euch?«</p> - -<p>»Nein,« gab ihm der Feldhauptmann mit geheimnisvollem -Lächeln zur Antwort, »nein! Ich habe ihm sogar mit aller -Mühe abgeraten, dich zu senden, aber es half nichts, denn die -wahren Gründe konnte ich ihm doch nicht sagen. Ich wußte, -ehe du eintratst, daß du dich weigern würdest, dies Amt anzunehmen. -– Nun, reiße doch die Augen nicht so auf, als wolltest -du mir durch das lederne Koller ins Herz hineinschauen. Ich -weiß allerlei Geschichten von meinem jungen Trotzkopf da!«</p> - -<p>Georg schlug verwirrt die Augen nieder. »So kamen Euch -die Gründe nicht genügend vor, die ich angab?« sagte er. »Was -wollt Ihr denn so Geheimnisvolles von mir wissen?«</p> - -<p>»Geheimnisvoll? Nun, so gar geheimnisvoll ist es gerade -nicht, denn merke für die Zukunft: wenn man nicht verraten -sein will, so muß man weder bei Abendtänzen sich gebärden wie -einer, der vom St. Veitstanz befallen ist, noch nachmittags um<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span> -drei Uhr zu schönen Mädchen gehen. Ja, mein Sohn, ich weiß -allerlei,« setzte er hinzu, indem er lächelnd mit dem Finger -drohte, »ich weiß auch, daß dieses ungestüme Herz gut württembergisch -ist.«</p> - -<p>Georg errötete und vermochte den lauernden Blick des -Ritters nicht auszuhalten. »Württembergisch?« entgegnete er, -nachdem er sich mit Mühe gefaßt hatte, »da tut Ihr mir unrecht; -nicht mit Euch zu Feld ziehen zu wollen, heißt noch nicht, -sich an den Feind anschließen; gewiß, ich schwöre Euch –«</p> - -<p>»Schwöre nicht,« fiel ihm Frondsberg rasch ins Wort, -»ein Eid ist ein leichtes Wort, aber es ist doch eine drückend -schwere Kette, die man bricht oder von der man zerbrochen wird. -Was du tun wirst, das wird so sein, daß es sich mit deiner -Ehre verträgt. Nur eines mußt du dem Bunde an Eidesstatt -geloben, und dann erst wirst du deiner Haft entlassen: in den -nächsten vierzehn Tagen nicht gegen uns zu kämpfen.«</p> - -<p>»So legt Ihr mir also dennoch falsche Gesinnungen unter?« -sprach Georg bewegt. »Das hätte ich nicht gedacht; und wie -unnötig ist dieser Schwur! Für wen, und mit wem sollte ich -denn auf jener Seite kämpfen? Die Schweizer sind abgezogen, -das Landvolk hat sich zerstreut, die Ritterschaft liegt in den -Festungen und wird sich hüten, den nächsten besten, der vom -Bundesheer herüberläuft, in ihre Mauern aufzunehmen, der -Herzog selbst ist entflohen –«</p> - -<p>»Entflohen?« rief Frondsberg aus. »Entflohen? Das -weiß man noch nicht so gewiß; warum hätte der Truchseß denn -die Reiter ausgeschickt?« setzte er hinzu. »Und überhaupt, wo -hast du diese Nachrichten alle her? Hast du den Kriegsrat -belauscht? Oder sollte es wahr sein, was einige behaupten wollen, -daß du verdächtige Verbindungen nach Württemberg hinüber -unterhältst?«</p> - -<p>»Wer wagt dies zu behaupten?« rief Georg erblassend.</p> - -<p>Frondsbergs durchdringende Augen ruhten prüfend auf den -Zügen des jungen Mannes. »Höre, du bist mir zu jung und -ehrlich zu einem Bubenstücke,« sagte er, »und wenn du etwas -solches im Schilde führtest, hättest du dich wohl nicht vom -Bunde losgesagt, sondern auch ferner Württembergs Spion -gemacht.«</p> - -<p>»Wie? spricht man so von mir?« unterbrach ihn Georg. -»Wenn Ihr nur ein Fünkchen Liebe zu mir habt, so nennt mir -den schlechten Kerl, der so von mir spricht!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span></p> - -<p>»Nur nicht gleich wieder so aufbrausend!« entgegnete -Frondsberg und drückte die Hand des jungen Mannes. »Du -kannst denken, daß, wenn ein solches Wort öffentlich gesprochen -würde oder ich an diese Einflüsterungen glaubte, Georg von -Frondsberg nicht zu dir käme, aber etwas muß denn doch an -der Sache sein. Zu dem alten Lichtenstein kam öfters ein -schlichter Bauersmann in die Stadt; er fiel nicht auf zu einer -Zeit, wo so vielerlei Menschen hier sind. Aber man gab uns -geheime Winke, daß dieser Bauer ein verschlagener Mann und -ein geheimer Botschafter aus Württemberg sei. Der Lichtensteiner -zog ab, und der Bauer und sein geheimnisvolles Treiben -war vergessen. Diesen Morgen hat er sich wieder gezeigt. Er -soll vor der Stadt lange Zeit mit dir gesprochen haben, auch -wurde er in deinem Haus gesehen. Wie verhält sich nun diese -Sache?«</p> - -<p>Georg hatte ihm mit wachsendem Staunen zugehört. »So -wahr ein Gott über mir ist,« sagte er, als Frondsberg geendet -hatte, »ich bin unschuldig. Heute früh kam ein Bauer zu mir -und –«</p> - -<p>»Nun, warum verstummst du auf einmal?« fragte Frondsberg, -»du glühst ja über und über, was ist es denn mit diesem -Boten?«</p> - -<p>»Ach! ich schäme mich, es auszusprechen, und dennoch habt -Ihr ja schon alles erraten; er brachte mir ein paar Worte -von – meinem Liebchen!« Der junge Mann öffnete bei diesen -Worten sein Wams und zog einen Streifen von Pergament hervor, -den er dort verborgen hatte. »Seht, dies ist alles, was er -brachte,« sagte er, indem er es Frondsberg bot.</p> - -<p>»Das ist also alles?« lachte dieser, nachdem er gelesen -hatte; »armer Junge! und du kennst also diesen Mann nicht -näher? Du weißt nicht, wer er ist.«</p> - -<p>»Nein, er ist auch weiter nichts als unser Liebesbote, dafür -wollte ich stehen!«</p> - -<p>»Ein schöner Liebesbote, der nebenher unsere Sachen auskundschaften -soll; weißt du denn nicht, daß es der gefährlichste -Mann ist? es ist der Pfeifer von Hardt.«</p> - -<p>»Der Pfeifer von Hardt?« fragte Georg. »Zum erstenmal -höre ich diesen Namen; und was ist es denn, wenn er der -Pfeifer von Hardt ist?«</p> - -<p>»Das weiß niemand recht; er war im Aufstand vom armen -Konrad einer der schrecklichsten Aufrührer, nachher wurde er<span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span> -begnadigt; seit der Zeit führt er ein unstätes Leben und ist jetzt -ein Kundschafter des Herzogs von Württemberg.«</p> - -<p>»Und hat man ihn aufgefangen?« forschte Georg weiter, -denn unwillkürlich nahm er wärmeren Anteil an seinem neuen -Diener.</p> - -<p>»Nein, das gerade ist das Unbegreifliche; man machte -uns so still als möglich die Anzeige, daß er sich wieder in Ulm -sehen lasse; in Eurem Stall soll er zuletzt gewesen sein, und als -wir ihn ganz im geheimen aufheben wollten, war er über alle -Berge. Nun, ich glaube deinem Wort und deinen ehrlichen -Augen, daß er in keinen andern Angelegenheiten zu dir kam. – -Du kannst dich übrigens darauf verlassen, daß er, wenn es derselbe -ist, den ich meine, nicht allein deinetwegen sich nach Ulm -wagte. Und solltest du je wieder mit ihm zusammentreffen, so -nimm dich in acht, solchem Gesindel ist nicht zu trauen. Doch -der Wächter ruft zehn Uhr. Lege dich noch einmal aufs Ohr -und verträume deine Gefangenschaft. Vorher aber gib mir dein -Wort wegen der vierzehn Tage, und das sage ich dir, wenn du -Ulm verläßt, ohne dem alten Frondsberg lebewohl zu sagen –«</p> - -<p>»Ich komme, ich komme,« rief Georg, gerührt von der -Wehmut des verehrten Mannes, die jener umsonst unter einer -lächelnden Miene zu verbergen suchte. Er gab ihm Handtreue, -wie es der Kriegsrat verlangte; der Ritter aber verließ mit -langsamen Schritten die Totenkammer.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap12">12.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Nur einmal noch laß leuchten<br /></span> -<span class="i0">Mir deiner Augen Strahl,<br /></span> -<span class="i0">Laß hören deine Stimme<br /></span> -<span class="i0">Nur noch ein einzigmal!<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">K. Grüneisen.</em> -</p> -</div> - -<p>Die Mittagssonne des folgenden Tages sendete drückende -Strahlen auf einen Reiter, welcher über den Teil der schwäbischen -Alb, der gegen Franken ausläuft, hinzog. Er war jung, -mehr schlank als fest gebaut, und ritt ein hochgewachsenes Pferd -von dunkelbrauner Farbe; er war wohl bewaffnet mit Brustharnisch, -Dolch und Schwert; einige andere Stücke seiner Armatur, -als der Helm und die aus Eisenblech getriebenen Arm- und -Beinschienen, waren am Sattel befestigt. Die hellblau und -weißgestreifte Feldbinde, die von der rechten Schulter sich über<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span> -die Brust zog, ließ erraten, daß der junge Mann von Adel -war, denn diese Auszeichnung war damals ein Vorrecht höherer -Stände.</p> - -<p>Er war auf einem Berggipfel angekommen, welcher eine -weite Aussicht ins Tal hinab gewährte. Er hielt sein schnaubendes -Roß an, wandte es zur Seite und genoß nun den schönen -Anblick, der sich vor seinem Auge ausbreitete. Vor ihm eine -weite Ebene, von waldigen Höhen begrenzt, durchströmt von den -grünen Wellen der Donau; zu seiner Rechten die Hügelkette der -württembergischen Alp, zu seiner Linken in weiter, weiter Ferne -die Schneekuppen der Tiroler Alpen. In freundlichem Blau -spannte der Himmel seinen Bogen über diese Szene, und seine -sanften, lichten Farben kontrastierten sonderbar mit den schwärzlichen -Mauern Ulms, das am Fuße des Berges lag, mit seinem -dunkelgrauen ungeheuren Münsterturm. Die dumpfen Glocken -dieser alten Kirche begannen in diesem Augenblick den Mittag -einzuläuten; ihre Töne zogen in langen, beruhigenden Akkorden -über die Stadt, über die weite Ebene, bis sie sich an den fernen -Bergen brachen und zitternd in das Blau der Lüfte verschwebten, -als wollten sie auf ihrer melodischen Leiter die Wünsche -der Menschen zum Himmel tragen.</p> - -<p>»So begleitet ihr also den Scheidenden, wie ihr seinen -Eintritt begrüßt habt,« rief der junge Reiter, »mit denselben -Tönen, mit denselben feierlichen Akkorden sprechet ihr zu ihm, -wann er kommt und geht; wie anders, wie so ganz anders deutete -ich eure ehernen Stimmen, als mein Ohr euch zum erstenmal -lauschte. Da vernahm ich in euch verwandte Töne, es klang -mir wie ein Ruf zur Geliebten! Und jetzt, da ich scheide, ohne -Aussicht, ohne Freude, jetzt ruft ihr mir dieselben Töne entgegen? -Die Geburt meiner seligen Hoffnung habt ihr ebenso -eingeläutet wie jetzt das Grabgeläute meiner Hoffnung. Das -Bild des Lebens!« setzte er wehmütig hinzu, indem er nach -einem langen Abschiedsblick auf dieses Tal, auf diese Mauern -sein Pferd wandte. »Das Bild des Lebens! Um Wiege und -Sarg schweben sie in gleichen Tönen, und die Glocken meiner -Hauskapelle haben an jenem fröhlichen Tage, wo man mich zur -Taufe trug, mir ebenso getönt, wie sie mir tönen werden, wenn -man den letzten Sturmfeder zu Grabe trägt!«</p> - -<p>Das Gebirge wurde jetzt steiler, und Georg, denn als -diesen haben unsere Leser den jungen Reiter schon längst erkannt, -Georg ließ sein Pferd langsam hinschreiten, indem er -seinen Gedanken nachhing. Es war der Weg nach seiner Heimat,<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span> -und die Vergleichungen, die er zwischen dieser Heimkehr und -dem fröhlichen Auszug anstellte, mochten nicht dazu beitragen, -seine düsteren Gefühle aufzuhellen. Der gestrige Tag, der -schnelle Wechsel heftiger Empfindungen, seine Verhaftung, zuletzt -noch heute der Abschied von Männern, die ihm wohlwollten, -hatten ihn heftig angegriffen.</p> - -<p>Wie treuherzig und gutmütig hatte Dietrich von Kraft, -sein zierlicher Gastfreund, seine Abreise bedauert. Wie gleich -war sich dieser gute Mensch in seinem Wohlwollen gegen ihn -geblieben, vom ersten Becher an, den er mit ihm im Rathaussaale -geleert, bis zum Abschiedstrunk, den er seinem Gast noch -auf das Pferd hinauf kredenzte. Und wie hatte er ihm gelohnt? -Beschäftigt mit sich selbst, hatte er ihn wenig geachtet, -übersehen. Wie hatte er dem biedern Breitenstein, wie dem -Helden Frondsberg, der ihn vor den Augen eines Heeres wie -seinen Liebling ausgezeichnet hatte, wie hatte er ihnen vergolten? -Wahrlich, es ist für ein edles Gemüt kein Gedanke -drückender als der, für undankbar zu gelten bei Männern, in -deren Augen wir geachtet sein möchten.</p> - -<p>Er hatte unter diesen trüben Gedanken eine gute Strecke -auf dem Gebirgsrücken zurückgelegt. Die Strahlen der Märzsonne -wurden immer drückender, die Pfade rauher, und er beschloß, -unter dem Schatten einer breiten Eiche sich und seinem -Pferde Mittagsruhe zu gönnen. Er stieg ab, schnallte den -Sattelgurt leichter und ließ das ermüdete Tier die sparsam hervorkeimenden -Gräser aufsuchen. Er selbst streckte sich unter -der Eiche nieder, und so gerne er sich dem Schlafe überlassen -hätte, wozu nach dem ermüdenden Ritte ihn der kühle Schatten -einlud, so hielt ihn doch die Besorgnis, in so unruhigen Zeiten -in einem Lande, das so nahe dem Schauplatz des Krieges lag, -um sein Roß und vielleicht gar um seine Waffen zu kommen, -einige Zeit wach, bis er in jenen Zustand versank, wo die Seele -zwischen Wachen und Schlafen umsonst mit dem Körper kämpft, -der ungestüm seine Rechte fordert.</p> - -<p>Er mochte wohl ein Stündchen so geschlummert haben, als -ihn das Wiehern seines Pferdes aufschreckte. Er sah sich um -und gewahrte einen Mann, der, ihm den Rücken gekehrt, sich -mit dem Tier beschäftigte. Sein erster Gedanke war, daß man -seine Unachtsamkeit benützen und das Pferd entführen wolle. -Er sprang auf, zog sein Schwert und war in drei Sprüngen -dort. »Halt! Was hast du da mit dem Pferd zu schaffen!« rief<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span> -er, indem er seine Hand etwas unsanft auf die Schulter des -Mannes legte.</p> - -<p>»Habt Ihr mich denn schon wieder aus Eurem Dienst entlassen, -Junker?« antwortete dieser und wandte sich zu ihm. In -den listigen, kühnen Augen, an dem lächelnden Mund erkannte -Georg sogleich den Boten, den ihm Marie gesandt hatte. Er -war noch unschlüssig, wie er sich gegen ihn benehmen sollte, denn -Frondsbergs Warnung schreckte ihn ab, Mariens Zuversicht -empfahl ihn, doch der Bauer fuhr fort, indem er ihm eine gute -Handvoll Heu vorzeigte: »Ich konnte mir wohl denken, daß Ihr -keinen Futtersack mitnehmen werdet. Auf den Bergen da oben -sieht es noch schlecht aus mit dem Gras, da habe ich denn Eurem -Braunen einen Armvoll Heu mitgebracht. Es hat ihm trefflich -behagt.« So sprach der Bauer und fuhr ganz gelassen fort, -dem Pferd das Futter hinzureichen.</p> - -<p>»Und woher kommst du denn?« fragte Georg, nachdem er -sich ein wenig von seinem Erstaunen erholt hatte.</p> - -<p>»Nun, Ihr seid ja so schnell von Ulm weggeritten, daß ich -Euch nicht gleich folgen konnte,« antwortete jener.</p> - -<p>»Lüge nicht,« unterbrach ihn der junge Mann. »Sonst -kann ich dir fürder nicht vertrauen. Du kommst jetzt nicht aus -jener Stadt her.«</p> - -<p>»Nun, Ihr werdet mich doch nicht schelten, daß ich mich -etwas früher auf den Weg machte als Ihr?« sagte der Bauer -und wandte sich ab. Doch entging Georg nicht, daß jenes listige -Lächeln wieder über sein Gesicht zog.</p> - -<p>»Laß mein Pferd jetzt stehen,« rief Georg ungeduldig, »und -komm mit mir unter die Eiche dort. Da setze dich hin und -sprich, aber ohne auszuweichen, warum hast du gestern abend -so plötzlich die Stadt verlassen?«</p> - -<p>»An den Ulmern lag es nicht,« entgegnete jener; »sie wollten -mich sogar einladen, länger bei ihnen zu bleiben, und wollten -mir freie Kost und Wohnung geben.«</p> - -<p>»Ja, ins tiefste Verließ wollten sie dich stecken, wo weder -Sonne noch Mond hinscheint, und wohin die Kundschafter und -Späher gehören.«</p> - -<p>»Mit Verlaub, Junker,« erwiderte der Bote, »da wäre -ich, wiewohl ein paar Stockwerke tiefer, in dieselbe Behausung -gekommen wie Ihr.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span></p> - -<p>»Hund von einem Aufpasser!« rief der Junker ungeduldig, -indem Zorn seine Wange rötete. »Willst du meines Vaters -Sohn in eine Reihe stellen mit dem Pfeifer von Hardt?«</p> - -<p>»Was sprecht Ihr da!« fuhr der Mann an seiner Seite mit -wilder Miene auf. »Was nennt Ihr für einen Namen? Kennt -Ihr den Pfeifer von Hardt?« Er hatte vielleicht unwillkürlich -bei diesen Worten die Axt, die neben ihm lag, in seine nervige -Rechte gefaßt. Seine gedrungene feste Gestalt, seine breite -Brust gaben ihm, trotz seiner nicht ansehnlichen Größe, doch das -Ansehen eines nicht zu verachtenden Kämpfers; sein wild rollendes -Auge, sein eingepreßter Mund möchten manchen einzelnen -Mann außer Fassung gebracht haben.</p> - -<p>Der Jüngling aber sprang mutig auf, er warf sein langes -Haar zurück, und ein Blick voll Stolz und Hoheit begegnete dem -finstern Auge jenes Mannes. Er legte seine Hand an den Griff -seines Schwertes und sagte ruhig und fest: »Was fällt dir ein, -dich so vor mich hinzustellen und mit dieser Stirne mich zu -fragen? Du bist, wenn ich nicht irre, der, den ich nannte, du -bist dieser Meuterer und Anführer von aufrührerischen Hunden. -Pack' dich fort, auf der Stelle, oder ich will dir zeigen, wie man -mit solchem Gesindel spricht!«</p> - -<p>Der Bauer schien mit seinem Zorn zu ringen; er hieb die -Axt mit einem kräftigen Schwung in den Baum und stand nun -ohne Waffe vor dem zürnenden jungen Mann. »Erlaubet,« -sagte er, »daß ich Euch für ein andermal warne, daß Ihr Euren -Gegner, und sei er auch nur ein geringer Bauersmann wie ich, -nicht zwischen Euch und Eurem Braunen stehen lasset; denn -wenn ich Euren Befehl, mich fortzupacken, hätte aufs schnellste -befolgen wollen, wäre er mir trefflich zu statten gekommen.«</p> - -<p>Ein Blick dahin überzeugte Georg, daß der Bauer wahr gesprochen -habe. Errötend über diese Unvorsichtigkeit, die beweisen -konnte, wie wenig er noch Erfahrung im Kriege besitze, ließ er -seine Hand von dem Griff seines Schwertes sinken und setzte -sich, ohne etwas zu erwidern, auf die Erde nieder. Der Bauer -folgte, jedoch in ehrerbietiger Entfernung, seinem Beispiel und -sprach: »Ihr habt ganz recht, daß Ihr mir grollt, Herr von -Sturmfeder, aber wenn Ihr wüßtet, wie weh mir jener Name -tut, würdet Ihr vielleicht meine schnelle Hitze verzeihen! Ja, -ich bin der, den man so nennt; aber es ist mir ein Greuel, mich -also rufen zu hören. Meine Freunde nennen mich Hans, aber -meinen Feinden gefällt jener Name, weil ich ihn hasse.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span></p> - -<p>»Was hat dir dieser unschuldige Name getan?« fragte -Georg, »warum nennt man dich so? Warum willst du dich nicht -so nennen lassen?«</p> - -<p>»Warum man mich so nennt?« antwortete jener. »Ich bin -aus einem Dorf, das heißt Hardt und liegt im Unterland, nicht -weit von Nürtingen. Meinem Gewerbe nach bin ich ein Spielmann -und musiziere auf Märkten und Kirchweihen, wenn die -ledigen Burschen und die jungen Mägdlein tanzen wollen. Deswegen -nannte man mich den Pfeifer von Hardt. Aber dieser -Name hat sich mit Untat und Blut befleckt in einer bösen Zeit, -darum habe ich ihn abgetan und kann ihn nimmer leiden.«</p> - -<p>Georg maß ihn mit einem durchdringenden Blicke, indem -er sagte: »Ich weiß wohl, in welcher bösen Zeit: Als ihr Bauern -gegen euren Herzog rebelliert habt, da warst du einer von den -Aergsten. Ist's nicht also?«</p> - -<p>»Ihr seid wohlbekannt mit dem Schicksal eines unglücklichen -Mannes,« sagte der Bauer, finster zu Boden blickend. »Ihr -müßt aber nicht glauben, daß ich noch derselbe bin. Der Heilige -hat mich gerettet und meinen Sinn geändert, und ich darf sagen, -daß ich jetzt ein ehrlicher Mann bin.«</p> - -<p>»O, erzähle mir,« unterbrach ihn der Jüngling, »wie ging -es zu in jenem Aufruhr? Wie wurdest du gerettet? Wie -kommt's, daß du jetzt dem Herzog dienst?«</p> - -<p>»Das alles will ich auf ein andermal versparen,« entgegnete -jener; »denn ich hoffe nicht, zum letztenmal an Eurer Seite -zu sein. Erlaubt mir dafür, daß ich auch Euch etwas frage: -Wo soll Euch denn dieser Weg hinführen? Da geht nicht die -Straße nach Lichtenstein!«</p> - -<p>»Ich gehe auch nicht nach Lichtenstein!« antwortete Georg -niedergeschlagen. »Mein Weg führt nach Franken zu dem alten -Oheim. Das kannst du dem Fräulein vermelden, wenn du nach -Lichtenstein kommst.«</p> - -<p>»Und was wollt Ihr beim Oheim? Jagen? Das könnt -Ihr anderswo ebensogut. Langeweile haben? Die kauft Ihr -allerorten wohlfeil. Kurz und gut, Junker,« setzte er gutmütig -lächelnd hinzu, »ich rate Euch, wendet Euer Roß und reitet so -ein paar Tage mit mir in Württemberg umher. Der Krieg -ist ja so gut als beendigt. Man kann ganz ungehindert reisen.«</p> - -<p>»Ich habe dem Bund mein Wort gegeben, in vierzehn -Tagen nicht gegen ihn zu fechten; wie kann ich also nach Württemberg -gehen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span></p> - -<p>»Heißt denn das gegen ihn fechten, wenn Ihr ruhig Eure -Straße ziehet? So also, vierzehn Tage lang? In vierzehn -Tagen glauben sie den Krieg vollendet? Wird noch mancher -nach vierzehn Tagen den Kopf verstoßen an den Mauern von -Tübingen. Kommt mit, es ist ja nicht gegen Euren Eid!«</p> - -<p>»Und was soll ich in Württemberg?« rief Georg schmerzlich, -»soll ich recht in der Nähe sehen, wie meine Kriegsgesellen -bei Eroberung der Festen sich Ruhm erwerben? Soll ich den -Bundesfahnen, denen ich auf ewig lebewohl gesagt und den -Rücken gekehrt, noch einmal begegnen? Nein! Nach Franken -will ich ziehen, in meine Heimat,« sagte er düster, indem er -die umwölkte Stirn in die Hand stützte; »in meine alten Mauern -will ich mich begraben und träumen, wie ich hätte glücklich sein -können!«</p> - -<p>»Das ist ein schöner Entschluß für einen jungen Mann -von Eurem Schrot und Korn! Habt Ihr denn in Württemberg -gar nichts zu tun, als des armen Herzogs Burgen zu stürmen? -Nun, reitet immerhin,« fuhr er fort, indem er den Jüngling -mit listigem Lächeln anblickte, »versucht einmal, ob der Lichtenstein -nicht mit Sturm genommen werden könne?«</p> - -<p>Der junge Mann errötete bis in die Stirne hinauf. »Wie -magst du nur jetzt deinen Scherz treiben,« sagte er halb in Unmut, -halb lächelnd, »wie magst du mit meinem Unglück spaßen?«</p> - -<p>»Fällt mir nicht ein, Scherz mit meinem gnädigen Junker -zu treiben,« antwortete sein Gefährte; »es ist mein voller Ernst, -daß ich Euch bereden möchte, dorthin zu ziehen.«</p> - -<p>»Und was dort tun?«</p> - -<p>»Nun! den alten Herrn für Euch gewinnen und die Tränen -des bleichen Fräuleins stillen, das wegen Euch Tag und Nacht -weint!«</p> - -<p>»Und wie soll ich auf den Lichtenstein kommen? Der Vater -kennt mich nicht, wie soll ich mit ihm bekannt werden?«</p> - -<p>»Seid Ihr der erste Rittersmann, der nach Sitte der -Väter eine freie Zehrung in einem Schloß fordert? Lasset -nur mich dafür sorgen, so sollt Ihr bald auf den Lichtenstein -kommen!«</p> - -<p>Der Jüngling sann lange Zeit nach, er erwog alle Gründe -für und wider, er bedachte, ob es nicht gegen seine Ehre sei, -statt vom Schauplatz des Krieges sich zu entfernen, in eine -Gegend zu reisen, wohin sich der Krieg notwendig ziehen mußte.<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span> -Doch als er bedachte, wie milde die Bundesobersten selbst seinen -Abfall angesehen hatten, wie sie sogar im Fall seines völligen -Uebertrittes zum Feinde nur vierzehn Tage Frist angesetzt -hatten, als ihm Mariens trauernde Miene, ihre stille Sehnsucht -auf ihrem einsamen Lichtenstein vorschwebte, da neigte -sich die Schale nach Württemberg.</p> - -<p>»Noch einmal will ich sie sehen, nur noch einmal sie sprechen,« -dachte er. – »Nun wohlan!« rief er endlich, »wenn du -mir versprichst, daß nie davon die Rede sein soll, mich an die -Württemberger anzuschließen, daß ich nicht als Anhänger eures -Herzogs, sondern als Gast in Lichtenstein behandelt werde, -wenn du dies versprichst, so will ich folgen.«</p> - -<p>»Für mich kann ich dies wohl versprechen,« antwortete -der Bauer, »aber wie kann ich etwas geloben für den Ritter -von Lichtenstein?«</p> - -<p>»Ich weiß, wie du mit ihm stehest, und daß du oft zu ihm -nach Ulm kamst, und er sein Vertrauen in dich setzt. So gut -du ihm geheime Botschaft aller Art bringen konntest, nicht minder -kannst du ihm auch dies beibringen.«</p> - -<p>Der Pfeifer von Hardt sah den jungen Mann lange staunend -an. »Woher wißt Ihr dies?« rief er. »Doch – die, -welche mich verfolgten, können auch dies gesagt haben. Nun -gut, ich verspreche Euch, daß Ihr überall so angesehen sein sollt, -als Ihr wollet. Besteiget Euer Roß, ich will Euch führen, und -Ihr sollt willkommen sein auf Lichtenstein!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap13">13.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Da spricht der arme Hirte: »Des mag noch werden Rat;<br /></span> -<span class="i0">Ich weiß geheime Wege, die noch kein Mensch betrat.<br /></span> -<span class="i0">Kein Mensch mag sie ersteigen, nur Geißen klettern dort;<br /></span> -<span class="i0">Wollt ihr sogleich mir folgen, ich bring' Euch sicher fort.«<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Uhland.</em> -</p> -</div> - -<p>Von jenem Bergrücken, wo Georg den Entschluß gefaßt -hatte, seinem geheimnisvollen Führer zu folgen, gab es zwei -Wege in die Gegend von Reutlingen, wo Mariens Bergschloß, -der Lichtenstein, lag. Der eine war die offene Heerstraße, welche -von Ulm nach Tübingen führt. Sie führte durch das schöne -Blautal, bis man bei Blaubeuren wieder an den Fuß der Alb -kommt, von da quer über dieses Gebirge, vorbei an der Feste -Hohen-Urach, gegen St. Johann und Pfullingen hin. Dieser<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span> -Weg war sonst für Reisende, die Pferde, Sänften oder Wagen -mit sich führten, der bequemere. In jenen Tagen aber, wo -Georg mit dem Pfeifer von Hardt über das Gebirge zog, war -es nicht ratsam, ihn zu wählen. Die Bundestruppen hatten -schon Blaubeuren besetzt, ihre Posten dehnten sich über die -ganze Straße bis gegen Urach hin und verfuhren gegen jeden, -der nicht zum Heere gehörte oder zu ihnen sich bekannte, mit -großer Strenge und Erbitterung. Georg hatte seine Gründe, -diese Straße nicht zu wählen, und sein Führer war zu sehr auf -seine eigene Sicherheit bedacht, als daß er dem jungen Mann -von diesem Entschluß abgeraten hätte.</p> - -<p>Der andere Weg, eigentlich ein Fußpfad und nur den Bewohnern -des Landes genau bekannt, berührte auf einer Strecke -von beinahe zwölf Stunden nur einige einzelnstehende Höfe, -zog sich durch dichte Wälder und Gebirgsschluchten und hatte, -wenn er auch hie und da, um die Landstraße zu vermeiden, einen -Bogen machte und für Pferde ermüdend und oft beinahe unzugänglich -war, doch den großen Vorteil der Sicherheit.</p> - -<p>Diesen Pfad wählte der Bauer von Hardt, und der Junker -willigte mit Freuden ein, weil er hoffen durfte, hier auf keine -Bündischen zu stoßen. Sie zogen rasch fürbaß, der Bauer war -immer an Georgs Seite. Wenn die Stellen schwierig wurden, -führte er sorgsam sein Pferd und bewies überhaupt so viel -Aufmerksamkeit und Sorgfalt für Reiter und Roß, daß in -Georgs Seele jene Warnungen Frondsbergs vor diesem Manne -immer mehr an Gewicht verloren und er nur einen treuen -Diener in ihm sah.</p> - -<p>Georg unterhielt sich gerne mit ihm. Er urteilte über -manche Dinge, die sonst außer dem Kreise des Landmanns -liegen, klug und scharfsinnig und mit einem so schlagenden Witz, -daß er dem sonst ernsten, jungen Mann, den seine zweifelhafte -Lage oft trübe stimmte, unwillkürlich ein Lächeln abnötigte. -Von jeder Burg, die in der Ferne aus den Wäldern auftauchte, -wußte er eine Sage zu erzählen, und die Klarheit und Lebendigkeit, -mit welcher er vortrug, bewies, daß er bei manchem Hochzeitsschmaus, -bei manchem Kirchweihtanz neben seinem Amt -als Spielmann auch das eines Erzählers übernommen haben -müsse. Nur so oft Georg auf sein eigenes Leben, besonders -auf jene Periode kommen wollte, wo der Pfeifer von Hardt eine -bedeutende Rolle in dem Aufruhr des armen Konrad gespielt -hatte, brach er düster ab oder wußte mit mehr Geläufigkeit, als<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span> -man dem schlichten Manne zugetraut hätte, das Gespräch auf -andere Gegenstände zu bringen.</p> - -<p>So waren sie ohne Aufenthalt fortgereist. Hans wußte -immer voraus, wann wieder ein Gehöfte kam, wo sie Erfrischung -für sich und gutes Futter für das Pferd finden würden. Ueberall -war er bekannt, überall wurde er freundlich, wiewohl, wie es -Georg schien, meistens mit Staunen aufgenommen; er flüsterte -dann gewöhnlich ein Viertelstündchen mit dem Hausvater, während -die Hausfrau dem jungen Ritter emsig und freundlich mit -Brot, Butter und unvermischtem Apfelwein aufwartete, und -die »Büebla« und »Mädla« den hohen, schlanken Gast, seine -schönen Kleider, seine glänzende Schärpe, die wallenden Federn -seines Barettes bewunderten. War dann das kleine Mahl -verzehrt, hatte Georgs Pferd wieder Kräfte gesammelt, so begleitete -das ganze Haus den Scheidenden bis an die Türe, und -der junge Reiter konnte zu seiner Beschämung niemals die Gastfreundschaft -der guten <span id="corr101">Leute</span> belohnen. Mit abwehrenden -Blicken auf den Pfeifer von Hardt weigerten sie sich standhaft, -seine kleinen Gaben anzunehmen. Auch dieses Rätsel löste ihm -sein Begleiter nicht; denn seine Antwort: »Wenn die Leute nach -Hardt kommen, kehren sie auch wieder bei mir ein,« schien nur -eine ausweichende Antwort zu sein.</p> - -<p>Die Nacht brachten sie ebenfalls in einem dieser zerstreuten -Höfe zu, wo die Hausfrau ihrem vornehmen Gast mit nicht -geringerer Bereitwilligkeit auf der Ofenbank ein Bett zurecht -machte, als sie ihm zu Ehren ein paar Tauben geopfert und -einen dickgeschmälzten Haferbrei aufgetragen hatte.</p> - -<p>Den folgenden Tag setzten sie ihre Reise auf dieselbe Art -fort, nur kam es Georg vor, als ob sein Führer mit noch mehr -Vorsicht als gestern zu Werke gehe; denn er ließ, wenn sie sich -einem Hof nahten, den Reiter wohl fünfhundert Schritte davon -Halt machen, nahte sich behutsam den Gebäuden, und erst, nachdem -er alles sorgfältig ausgespähet hatte, winkte er dem Junker, -zu folgen. Georg befragte ihn umsonst, ob es in dieser Gegend -gefährlicher sei, ob die Bundestruppen schon in der Nähe seien? -Er sagte nichts Bestimmtes darüber.</p> - -<p>Doch gegen Mittag, als die Gegend lichter wurde und der -Weg sich mehr gegen das ebene Land herabzuziehen schien, schien -auch die Reise gefährlicher zu werden; denn der Spielmann von -Hardt schien sich von jetzt an gar nicht mehr den Wohnungen -nähern zu wollen, sondern hatte sich in einem Hof mit einem -Sack versehen, der Futter für das Pferd und hinlängliche Viktualien<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span> -für sie beide enthielt. Es schien, als ob er meist noch -einsamere Pfade als bisher aufsuche. Auch glaubte Georg zu -bemerken, daß sie nicht mehr dieselbe Richtung verfolgten wie -früher, sondern sehr stark zur Rechten ablenkten.</p> - -<p>Am Rand eines schattigen Buchenwäldchens, wo eine klare -Quelle und frischer Rasen zur Ruhe einlud, machten sie Halt. -Georg stieg ab, und sein Führer zog aus seinem Sack ein gutes -Mittagsmahl. Nachdem er das Pferd versehen hatte, setzte er -sich zu den Füßen des jungen Ritters und begann mit großem -Appetit zuzugreifen.</p> - -<p>Georg hatte seinen Hunger gestillt und betrachtete jetzt mit -aufmerksamem Auge die Gegend. Es war ein schönes, breites -Tal, in welches sie hinabsahen. Ein kleines Flüßchen eilte -schnell durchhin; die Felder, wovon es begrenzt war, schienen -gut und fleißig angepflanzt, eine freundliche Burg erhob sich -auf einem Hügel am andern Ende des Tales, die ganze Gegend -war freundlicher als der Gebirgsrücken, über welchen sie gezogen -waren.</p> - -<p>»Es scheint, wir haben die Alb verlassen,« sagte der junge -Mann, indem er sich zu seinem Gefährten wandte. »Dieses -Tal, jene Hügel sehen bei weitem freundlicher aus als der Felsboden -und die öden Weideplätze, die wir durchzogen. Selbst die -Luft weht hier milder und wärmer als oben, wo uns die Winde -oft so hart anfaßten.«</p> - -<p>»Ihr habt recht geraten, Junker,« sagte Hans, indem er -die Reste ihrer Mahlzeit sorgfältig in den Sack legte; »diese -Täler gehören zum Unterland, und jenes Flüßchen, das Ihr -sehet, strömt in den Neckar.«</p> - -<p>»Wie kommt es aber, daß wir so weit vom Wege abbiegen?« -fragte Georg. »Es kam mir schon oben im Gebirge vor, als -haben wir die alte Richtung verlassen, aber du wolltest nie darauf -hören. Dieser Weg muß, soviel ich die Lage von Lichtenstein -kenne, viel zu weit rechts führen.«</p> - -<p>»Nun, ich will es Euch jetzt sagen,« antwortete der Bauer, -»ich wollte Euch auf der Alb nicht unnötig bange machen, jetzt -aber sind wir, so Gott will, in Sicherheit; denn im schlimmsten -Fall sind wir keine vier Stunden mehr von Hardt, wo sie uns -nichts mehr anhaben sollen.«</p> - -<p>»In Sicherheit?« unterbrach ihn Georg verwundert. »Wer -soll uns etwas anhaben?«</p> - -<p>»Ei, die Bündischen,« erwiderte der Spielmann. »Sie -streifen auf der Alb, und oft waren ihre Reiter keine tausend<span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span> -Schritte mehr von uns. Mir für meinen Teil wäre es nicht -lieb gewesen, in ihre Hände zu fallen; denn sie sind mir, wie -Ihr wohl wisset, gar nicht grün. Und auch Euch wäre es vielleicht -nicht ganz recht, gefangen vor den Herrn Truchseß geführt -zu werden.«</p> - -<p>»Gott soll mich bewahren!« rief der Junker. »Vor den -Truchseß? Lieber lasse ich mich auf der Stelle totschlagen. -Was wollen sie denn aber hier? Es ist ja hier in der Nähe keine -Feste von Württemberg, und du sagtest mir ja doch, sie können -ungehindert durchs Land ziehen; wonach streifen sie denn?«</p> - -<p>»Seht, Junker! es gibt überall schlechte Leute. Was ein -rechter Württemberger ist, der läßt sich eher die Haut abziehen, -als daß er den Herzog verrät, nach welchem die Bündler jetzt -ein Treibjagen halten. Aber der Truchseß soll unter der Hand -einen ganzen Haufen Gold versprochen haben, wenn man ihn -fängt. Er hat seine Reiter ausgeschickt, diese streifen jetzt überall, -und die Leute sagen, es gebe einige unter den Bauern, die -sich vom Gold blenden lassen und den Spürhunden alle Klingen -und Schlupfwinkel zeigen.«<a id="FNanchor_19_20"></a><a href="#Footnote_19_20" class="fnanchor">[19]</a></p> - -<p>»Nach dem Herzog sollen sie streifen? Der ist ja aus dem -Lande geflohen oder, wie andere sagen, in Tübingen auf seinem -festen Schlosse, wo ihn vierzig Ritter beschützen.«</p> - -<p>»Ja, die vierzig Edlen sind dort,« antwortete der Bauer -mit schlauer Miene. »Auch des Herzogs Söhnlein, der Christoph, -ist dort, das hat seine Richtigkeit; ob aber der Herzog -selbst dort ist, weiß niemand recht. Im Vertrauen gesagt, wie -ich ihn kenne, schließt er sich nur zur höchsten Not in eine Feste -ein; er ist ein kühner, unruhiger Herr, und es ist ihm wohler -in den Wäldern und Bergen, wenn es auch Gefahr hat.«</p> - -<p>»Den Herzog also suchen sie? Also müßte er hier in der -Nähe sein?«</p> - -<p>»Wo er ist, weiß ich nicht,« erwiderte der Pfeifer von -Hardt, »und ich wollte wetten, dies weiß niemand als Gott; -aber wo er sein wird, weiß ich,« setzte er hinzu, und es schien -Georg, als ob ein Strahl von Begeisterung aus dem Auge dieses -Mannes breche; »wo er sein wird, wenn die Not am höchsten -ist, wo seine Getreuen sich zu ihm finden werden, wo manche -treue Brust zur Mauer werden wird, um den Herrn in der Not -gegen diese Bündler zu schützen. Denn ist er auch ein strenger -Herr, so ist er doch ein Württemberger, und seine schwere Hand -ist uns lieber als die gleißenden Worte des Bayern und des -Oesterreichers.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span></p> - -<p>»Und wenn sie den unglücklichen Fürsten erkennen, wenn -sie auf ihn stoßen? Hat er nicht seine Gestalt verhüllt und unkenntlich -gemacht? Du hast mir einmal sein Gesicht beschrieben, -und ich glaube ihn beinahe vor mir zu sehen, besonders sein -gebietendes, glänzendes Auge. Aber wie ist seine Gestalt?«</p> - -<p>»Er mag kaum acht Jahre älter sein als Ihr,« entgegnete -jener; »er ist nicht so groß als Ihr, aber in vielem Euch ähnlich -an Gestalt; besonders wenn Ihr zu Pferd saßet und ich hinter -Euch ging, da gemahnte es mich oft, und ich dachte: so, gerade -so sah der Herzog aus in den Tagen seiner Herrlichkeit.«</p> - -<p>Georg war aufgestanden, um nach seinem Pferd zu sehen; -die Worte des Bauern hatten ihn um seine Sicherheit besorgt -gemacht, und er sah jetzt erst ein, wie töricht er gehandelt, in -diesem Kriegsstrudel sich durch ein okkupiertes Land stehlen zu -wollen. Es wäre ihm höchst unangenehm gewesen, in diesem -Augenblick gefangen zu werden; zwar konnte er nach seinem -Eide reisen, wohin er wollte, wenn er nur in den nächsten vierzehn -Tagen keinen <em class="gesperrt">tätlichen</em> Anteil an dem Kampfe gegen -den Bund nahm; aber er fühlte, welch nachteiliges Licht es dennoch -auf ihn werfen müßte, in dieser Gegend, so weit von dem -Wege nach seiner Heimat, aufgegriffen zu werden, und dazu noch -in Gesellschaft eines Mannes, der den Bundesobersten sehr -verdächtig, sogar gefährlich geschienen hätte. Umzukehren war -keine Möglichkeit, denn es ließ sich beinahe mit Gewißheit annehmen, -daß die Bundestruppen bereits die ganze Breite der -Alb eingenommen hatten; das sicherste schien, sich zu beeilen, -über die äußersten Posten des Heeres hinauszukommen; man -hatte dann die Gefahr im Rücken, vor und neben sich aber freie -Bahn.</p> - -<p>Das sonst so muntere Tier, das seinen Herrn über diese -Gefahren hinaus tragen sollte, hing die Ohren; die große Eile -und die ermüdenden, steinigen Fußpfade hatten seine Kraft geschwächt; -zu seinem großen Verdruß bemerkte Georg sogar, daß -es auf dem linken Vorderfuß nicht gerne auftrete, was nach -einem achtstündigen Weg über scharfe, eckige Felsen nicht zu verwundern -war. Der Bauer bemerkte die Verlegenheit des Junkers; -er untersuchte das Tier und riet, es noch einige Stunden -stehen zu lassen, gab aber zugleich den Trost, er sei der Gegend -so kundig, daß sie eine große Strecke in der Nacht zurücklegen -könnten.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span></p> - -<h2 id="kap14">14.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Es ziehen vom Schwabenbunde<br /></span> -<span class="i0">Die Jäger durchs Gefild,<br /></span> -<span class="i0">Sie spüren in die Runde<br /></span> -<span class="i0">Nach einem Fürstenwild.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">G. Schwab.</em> -</p> -</div> - -<p>Der junge Mann ergab sich in sein Schicksal und suchte -Zerstreuung in der lieblichen Aussicht, die sich noch bei weitem -herrlicher seinen Augen öffnete, als ihn der Bauer etwa fünfzig -Schritte höher geführt hatte. Sie standen auf einer Felsenecke, -die einen schönen Ausläufer der schwäbischen Alb begrenzte. -Ein ungeheures Panorama breitete sich vor den erstaunten -Blicken Georgs aus, so überraschend, von so lieblichem Schmelz -der Farben, von so erhabener Schönheit, daß seine Blicke eine -geraume Zeit wie entzückt an ihnen hingen. Und wirklich, wer -je mit reinem Sinn für Schönheiten der Natur, ohne himmelhohe -Alpen, ohne Täler wie das Rheingau zu suchen, die schwäbische -Alb bestiegen hat, dem wird die Erinnerung eines solchen -Anblickes unter die lieblichsten der Erde gehören.</p> - -<p>Man denke sich eine Kette von Gebirgen, die von der weitesten -Entfernung dem Auge kaum erreichbar, durch alle Farben -einer herrlichen Beleuchtung, von sanftem Grau, durch alle -Nüancen von Blau, am Horizont sich herzieht, bis das dunkle -Grün der näherliegenden Berge mit seinem sanften Schmelz -die Kette schließt. Auf diesen Gipfeln eines langen Gebirgsrückens -erkennt das Auge Schlösser und Burgen ohne Zahl, die -wie Wächter auf diese Höhen sich lagern und über das Land -hinschauen. Jetzt sind ihre Türme zerfallen, ihre stattlichen -Tore sind gebrochen, den tiefen Burggraben füllen Trümmer -und Moos, und die Hallen, in welchen sonst laute Freude erscholl, -sind verstummt; aber damals, als Georg auf dem Felsen -von Beuren stand, ragten sie noch fest und herrlich; sie breiteten -sich wie eine undurchbrochene Schar gewaltiger Männer zwischen -den Heldengestalten von Staufen und Hohenzollern aus.</p> - -<p>»Ein herrliches Land, dieses Württemberg!« rief Georg, -indem sein Auge von Hügel zu Hügel schweifte. »Wie kühn, wie -erhaben diese Gipfel und Bergwände, diese Felsen und ihre -Burgen! Und wenn ich mich dorthin wende gegen die Täler des -Neckar, wie lieblich jene sanften Hügel, jene Berge mit Obst -und Wein besetzt, jene fruchtbaren Täler mit schönen Bächen<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span> -und Flüssen, dazu ein milder Himmel und ein guter, kräftiger -Schlag von Menschen!«</p> - -<p>»Ja,« fiel der Bauer ein, »es ist ein schönes Land; doch -hier oben will es noch nicht viel sagen, aber was so unter Stuttgart -ist, das wahre Unterland, Herr! da ist es eine Freude, im -Sommer oder Herbst am Neckar hinabzuwandeln; wie da die -Felder so schön und reich stehen, wie der Weinstock so dicht und -grün die Berge überzieht, und wie Nachen und Flöße den Neckar -hinauf- und hinabfahren, wie die Leute so fröhlich an der Arbeit -sind und die schönen Mädchen singen wie die jungen Lerchen!«</p> - -<p>»Wohl sind jene Täler an der Rems und dem Neckar -schöner,« entgegnete Georg; »aber auch dieses Tal zu unsern -Füßen, auch diese Höhen um uns her haben eigenen, stillen Reiz. -Wie heißen jene Burgen auf den Hügeln, sprich, wie heißen jene -fernen Berge?«</p> - -<p>Der Bauer überblickte sinnend die Gegend und zeigte auf -die hinterste Bergwand, die dem Auge kaum noch sichtbar aus -den Nebeln ragte. »Dort hinten, zwischen Morgen und Mittag, -ist der Roßberg; in gleicher Richtung herwärts, jene vielen -Felsenzacken sind die Höhen von Urach. Dort, mehr gegen -Abend, ist Achalm, nicht weit davon, doch könnt Ihr ihn hier -nicht sehen, liegt der Felsen von Lichtenstein.«</p> - -<p>»Dort also,« sagte Georg stille vor sich hin, und sein Auge -tauchte tief in die Nebel des Abends, »dort, wo jenes Wölkchen -in der Abendröte schwebt, dort schlägt ein treues Herz für mich; -jetzt auch steht sie vielleicht auf der Zinne ihres Felsens und -sieht herüber in diese Welt von Bergen, vielleicht nach diesem -Felsen hin. O, daß die Abendlüfte dir meine Grüße brächten, -und jene rosigen Wolken dir meine Nähe verkündeten!«</p> - -<p>»Weiter hin, Ihr sehet doch jene scharfe Ecke, das ist die -Teck; unsere Herzoge nennen sich Herzoge von Teck, es ist eine -gute feste Burg; wendet Eure Blicke hier zur Rechten, jener hohe, -steile Berg war einst die Wohnung berühmter Kaiser, es ist -Hohenstaufen.«</p> - -<p>»Aber wie heißt jene Burg, die hier zunächst aus der Tiefe -emporsteigt?« fragte der junge Mann; »sieh nur, wie sich die -Sonne an ihren hellen weißen Wänden spiegelt, wie ihre Zinnen -in goldenen Duft zu tauchen scheinen, wie ihre Türme in rötlichem -Lichte erglänzen.«</p> - -<p>»Das ist Neuffen, Herr! auch eine starke Feste, die dem -Bunde zu schaffen machen wird.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span></p> - -<p>Die Sonne des kurzen, schönen Märztages begann während -dieses Zwiegesprächs der Wanderer hinabzusinken. Die Schatten -des Abends rollten dunkle Schleier über das Gebirge und verhüllten -dem Auge die ferneren Gipfel und Höhen. Der Mond -kam bleich herauf und überschaute sein nächtliches Gebiet. Nur -die hohen Mauern und Türme von Neuffen rötete die Sonne -noch mit ihren letzten Strahlen, als sei dieser Felsen ihr Liebling, -von welchem sie ungern scheide. Sie sank, auch diese -Mauern hüllten sich in Dunkel, und durch die Wälder zog die -Nachtluft, geheimnisvolle Grüße flüsternd, dem heller strahlenden -Mond entgegen.</p> - -<p>»Jetzt ist die wahre Tageszeit für Diebe und für flüchtige -Reisende wie wir,« sagte der Bauer, als er des Junkers Pferd -aufzäumte; »sei es noch um eine Stunde, so ist die Nacht kohlschwarz, -und dann soll uns, bis die Sonne wieder aufgeht, kein -bündischer Reiter ausspüren!«</p> - -<p>»Glaubst du, es habe Gefahr?« fragte Georg, indem er -seine Hand nach dem Helm ausstreckte und das dünne Barett -abnahm. »Meinst du nicht, wir sollten uns besser wappnen?«</p> - -<p>»Laßt hängen, Junker,« rief der Bauer lachend, »solch -eine Sturmhaube ist an sich schon kalt und gibt in einer frischen -Nacht nicht sehr warm; laßt immer Euer Barett sitzen; in dieser -Gegend suchen sie den Herzog nicht, und wollten sie kommen, -wir zwei fürchten ihrer viere nicht.«</p> - -<p>Der junge Mann ließ zögernd seinen schönen Helm am -Sattelknopf hängen, er schämte sich, weniger Mut zu zeigen als -sein Begleiter, der unberitten, nur durch eine dünne lederne -Mütze geschützt und mit einer einfachen Axt schlecht bewaffnet -war. Er schwang sich auf. Sein Führer ergriff die Zügel des -Rosses und schritt voran den Berg hinab.</p> - -<p>»Du meinst also?« fragte Georg nach einer Weile, »bis -hierher werden sich die bündischen Reiter nicht wagen?«</p> - -<p>»Es ist nicht wohl möglich,« antwortete der Pfeifer, -»Neuffen ist ein starkes Schloß und hat gute Besatzung; sie -werden es zwar in kurzer Zeit mit Heeresmacht belagern, aber -Gesindel, wie die Handvoll Reiter des Truchseß, wagt sich doch -nicht in die Nähe einer feindlichen Burg.«</p> - -<p>»Schau! Wie hell und schön der Mond scheint,« rief der -Jüngling, der, noch immer erfüllt von dem Anblick auf dem -Berge, die wunderlichen Schatten der Wälder und Höhen, die -hellglänzenden Felsen betrachtete; »sieh, wie die Fenster von -Neuffen im Mondlicht schimmern!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span></p> - -<p>»Es wäre mir lieber, er schiene heute nacht nicht,« entgegnete -sein Führer, indem er sich zuweilen besorgt umsah; -»dunkle Nacht wäre besser für uns, der Mond hat schon manchen -braven Mann verraten. Doch jetzt steht er gerade über den -Reissenstein, wo der Riese gewohnt hat; es kann nicht mehr -lange dauern, so ist er hinunter.«</p> - -<p>»Was schwatzest du da von einem Riesen, der auf dem -Reissenstein gewohnt hat?«</p> - -<p>»Ja, dort hat vor langer Zeit ein Riese gewohnt,<a id="FNanchor_20_21"></a><a href="#Footnote_20_21" class="fnanchor">[20]</a> das -hat seine Richtigkeit; dort über dem Berg, gerade wo jetzt der -Mond steht, liegt ein Schloß, das heißt der Reissenstein; es gehört -jetzt den Helfensteinern; es liegt auf jähen Felsen, weit -oben in der Luft, und hat keine Nachbarschaft als die Wolken -und bei Nacht den Mond. Geradeüber von der Burg, auf -einem Berge, worauf jetzt der Heimenstein steht, liegt eine -Höhle, und darinnen wohnte vor alters ein Riese. Er hatte -ungeheuer viel Gold und hätte herrlich und in Freuden leben -können, wenn es noch mehr Riesen und Riesinnen außer ihm -gegeben hätte. Da fiel es ihm ein, er wolle sich ein Schloß -bauen, wie es die Ritter haben auf der Alb. Der Felsen gegenüber -schien ihm gerade recht dazu.</p> - -<p>»Er selbst war ein schlechter Baumeister; er grub mit den -Nägeln haushohe Felsen aus der Alb und stellte sie auf einander, -aber sie fielen immer wieder ein und wollten kein geschicktes -Schloß geben. Da legte er sich auf den Beurener -Felsen und schrie ins Tal hinab nach Handwerkern; Zimmerleute, -Maurer und Steinmetze, Schlosser, alles solle kommen -und ihm helfen, er wolle gut bezahlen.</p> - -<p>»Man hörte sein Geschrei im ganzen Schwabenlande, vom -Kocher hinauf bis zum Bodensee, vom Neckar bis an die Donau, -und überallher kamen die Meister und Gesellen, um dem Riesen -das Schloß zu bauen. – Reitet aus dem Mondschein, Junker, -hierher in den Schatten; Euer Harnisch glänzt wie Silber und -könnte leicht den Spürhunden in die Augen glänzen!</p> - -<p>»Nun, um wieder auf den Riesen zu kommen, so war es -lustig anzusehen, wie er vor seiner Höhle im Sonnenschein saß -und über dem Tal drüben auf dem hohen Felsen sein Schloß -bauen sah; die Meister und Gesellen waren flink an der Arbeit -und bauten, wie er ihnen über das Tal hinüber zuschrie; sie -hatten allerlei fröhlichen Schwank und Kurzweil mit ihm, -weil er von der Bauerei nichts verstand. Endlich war der -Bau fertig, und der Riese zog ein und schaute aus dem höchsten<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span> -Fenster aufs Tal hinab, wo die Meister und Gesellen versammelt -waren, und fragte sie, ob ihm das Schloß gut anstehe, wenn er -so zum Fenster hinausschaue. Als er sich aber umsah, ergrimmte -er, denn die Meister hatten geschworen, es sei alles -fertig, aber an dem obersten Fenster, wo er heraussah, fehlte -noch ein Nagel.</p> - -<p>»Die Schlossermeister entschuldigten sich und sagten: es -habe sich keiner getraut, vors Fenster hinaus in die Luft zu -sitzen und den Nagel einzuschlagen. Der Riese aber wollte -nichts davon hören, sondern zahlte den Lohn nicht aus, bis der -Nagel eingeschlagen sei.</p> - -<p>»Da zogen sie alle wieder in die Burg, die wildesten Burschen -vermaßen sich hoch und teuer, es sei ihnen ein geringes, -den Nagel einzuschlagen; wenn sie aber an das oberste Fenster -kamen und hinausschauten in die Luft und hinab in das Tal, -das so tief unter ihnen lag, und ringsum nichts als Felsen, da -schüttelten sie den Kopf und zogen beschämt ab. Da boten die -Meister zehnfachen Lohn, wer den Nagel einschlage, und es -fand sich lange keiner.</p> - -<p>»Nun war ein flinker Schlossergeselle dabei, der hatte die -Tochter seines Meisters lieb, und sie ihn auch, aber der Vater -war ein harter Mann und wollte sie ihm nicht zum Weibe geben, -weil er arm war. Der faßte sich ein Herz und dachte, er -könne hier seinen Schatz verdienen oder sterben; denn das -Leben war ihm verleidet ohne sie. Er trat vor den Meister, -ihren Vater, und sprach: ›Gebt Ihr mir Eure Tochter, wenn ich -den Nagel einschlage?‹ Der aber gedachte seiner auf diese Art -loszuwerden, wenn er auf die Felsen hinabstürze und den Hals -breche, und sagte ja.</p> - -<p>»Der flinke Schlossergeselle nahm den Nagel und seinen -Hammer, sprach ein frommes Gebet und schickte sich an, zum -Fenster hinauszusteigen und den Nagel einzuschlagen für sein -Mädchen. Da erhob sich ein Freudengeschrei unter den Bauleuten, -daß der Riese vom Schlaf aufwachte und fragte, was es -gebe, und als er hörte, daß sich einer gefunden habe, der den -Nagel einschlagen wolle, kam er, betrachtete den jungen Schlosser -lange und sagte: ›Du bist ein braver Kerl und hast mehr Herz -als das Lumpengesindel da; komm, ich will dir helfen.‹ Da -nahm er ihn beim Genick, daß es allen durch Mark und Bein -ging, hob ihn zum Fenster hinaus in die Luft und sagte: ›Jetzt -hau' drauf zu! ich lasse dich nicht fallen.<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span>‹</p> - -<p>»Und der Geselle schlug den Nagel in den Stein, daß er -fest saß; der Riese aber küßte und streichelte ihn, daß er beinahe -ums Leben kam, führte ihn zum Schlossermeister und sprach: -›Diesem gibst du dein Töchterlein.‹ Dann ging er hinüber in -seine Höhle, langte einen Geldsack heraus und zahlte jeden aus -bei Heller und Pfennig. Endlich kam er auch an den flinken -Schlossergesellen; zu diesem sagte er: ›Jetzt gehe heim, du herzhafter -Bursche, hole deines Meisters Töchterlein und ziehe ein -in diese Burg, denn sie ist dein.‹</p> - -<p>»Des freuten sich alle; der Schlosser ging heim, und –«</p> - -<p>»Horch! Hörtest du nicht das Wiehern von Rossen?« rief -Georg, dem es in der Schlucht, die sie durchzogen, ganz unheimlich -wurde. Der Mond schien noch hell, die Schatten der -Eichen bewegten sich, es rauschte im Gebüsch, und oft wollte es -ihm bedünken, als sehe er dunkle Gestalten im Wald neben sich -hergehen.</p> - -<p>Der Pfeifer von Hardt blieb stehen, ungeduldig, daß ihn -der Junker nicht bis zum Ende erzählen lasse: »Es kam mir vorhin -auch so vor, aber es war der Wind, der in den Eichen ächzt, -und der Schuhu schrie im Gebüsch. Wären wir nur das Wiesental -noch hinüber, da ist es so offen und hell wie bei Tag; jenseits -fängt wieder der Wald an, da ist es dann dunkel und hat -keine Not mehr. Gebt Eurem Braunen die Sporen und reitet -Trab über das Tal hin, ich laufe neben Euch her.«</p> - -<p>»Warum denn jetzt auf einmal Trab?« fragte der junge -Mann. »Meinst du, es habe Gefahr? Gestehe nur, nicht wahr, -du hast sie auch gesehen, die Gestalten im Wald, die neben uns -herschlichen. Glaubst du, es sind Bündische?«</p> - -<p>»Nun ja,« flüsterte der Bauer, indem er sich umsah, »mir -war es auch, als ob uns jemand nachschleiche; drum sputet Euch, -daß wir aus dem verdammten Hohlweg herauskommen, und -dann im Trab über das Tal hinüber, weiterhin hat es keine -Gefahr.«</p> - -<p>Georg machte sein Schwert locker in der Scheide und nahm -die Zügel seines Rosses kräftiger in die Faust. Schweigend -zogen sie die Schlucht hinab, beleuchtet von so hellem Mondschein, -daß der junge Mann jeden Zug seines Gefährten erkennen -konnte und deutlich sah, daß er seine Axt auf die Schulter nahm -und ein Messer, das er im Wams verborgen hatte, herauszog -und in den Gürtel steckte.</p> - -<p>Sie wollten eben am Ausgang des Hohlweges in das Tal -einbiegen, da rief eine Stimme im Gebüsch: »Das ist der Pfeifer<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span> -von Hardt, drauf Gesellen, der dort auf dem Roß muß der -Rechte sein!«</p> - -<p>»Fliehet, Junker, fliehet!« rief sein treuer Führer und -stellte sich mit seiner Axt zum Kampf bereit; doch Georg zog -sein Schwert, und in demselben Augenblick sah er sich von fünf -Männern angefallen, während sein Gefährte schon mit drei -andern im Handgemenge war.</p> - -<p>Der enge Hohlweg hinderte ihn, sich seiner Vorteile zu bedienen -und zur Seite auszubiegen. Einer packte die Zügel -seines Rosses, doch in demselben Augenblick traf ihn Georgs -Klinge auf die Stirne, daß er ohne Laut niedersank; doch die -andern, wütend gemacht durch den Fall ihres Genossen, drangen -noch stärker auf ihn ein und riefen ihm zu, sich zu ergeben; aber -Georg, obgleich er schon am Arm und Fuß aus mehreren Wunden -blutete, antwortete nur durch Schwerthiebe.</p> - -<p>»Lebendig oder tot,« rief einer der Kämpfenden, »wenn der -Herr Herzog nicht anders will, so mag er's haben!« Er rief's, -und in demselben Augenblick sank Georg von Sturmfeder, von -einem schweren Hieb über den Kopf getroffen, nieder. In -tödlicher Ermattung schloß er die Augen, er fühlte sich aufgehoben -und weggetragen und hörte nur das grimmige Lachen -seiner Mörder, die über ihren Fang zu triumphieren schienen.</p> - -<p>Nach einer kleinen Weile ließ man ihn auf den Boden -nieder, ein Reiter sprengte heran, saß ab und trat zu denen, -die ihn getragen hatten. Georg raffte seine letzte Kraft zusammen, -um die Augen noch einmal zu öffnen; er sah ein unbekanntes -Gesicht, das sich über ihn beugte. »Was habt ihr gemacht?« -hörte er rufen. »Dieser ist es nicht, ihr habt den -Falschen getroffen. Macht, daß ihr fortkommt, die von Neuffen -sind uns auf den Fersen.« Matt zum Tode schloß Georg sein -Auge, nur sein Ohr vernahm wilde Stimmen und das Geräusch -von Streitenden, doch auch dieses zog sich ferne; feuchte Kälte -drang aus dem Boden des Wiesentales und machte seine Glieder -erstarren, aber ein süßer Schlummer senkte sich auf den Verwundeten -herab, und mit dem letzten Gedanken an die Geliebte -entschwanden seine Sinne.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span></p> - -<h2 id="kap15">15.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Von vieler Burgen Walle<br /></span> -<span class="i0">Des Bundes Fahnen wehn;<br /></span> -<span class="i0">Die Städte huld'gen alle,<br /></span> -<span class="i0">Kein Schloß mag widerstehn,<br /></span> -<span class="i0">Nur Tübingen, die Feste,<br /></span> -<span class="i0">Verspricht noch Wehr und Trutz.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Schwab.</em> -</p> -</div> - -<p>Der schwäbische Bund war mit Macht in Württemberg -eingedrungen, von Tag zu Tag gewann er an Boden, von -Woche zu Woche wurden seine Heere furchtbarer. Zuerst war -nach langer, mutiger Gegenwehr der Höllenstein, das feste -Schloß von Heidenheim, gefallen. Ein tapferer Mann, Stephan -von Lichow, hatte dort befehligt; aber mit seinen paar Feldschlangen, -mit einer Handvoll Knechte konnte er den Tausenden -des Bundes und der Kriegskunst eines Frondsberg nicht widerstehen. -Bald nachher fiel Göppingen. Nicht minder tapfer, -als der von Lichow, hatte sich Philipp von Rechberg gewehrt, -hatte sogar für sich und seine Knechte freien Abzug erfochten; -aber das Schicksal des Landes vermochte er nicht abzuwenden. -Teck, damals noch eine starke, feste Burg, fiel durch Unvorsichtigkeit -der Besatzung; am mutigsten hielt sich Möckmühl; es schloß -einen Mann in seinen Mauern ein, der sich allein mit zwanzig -der Belagerer geschlagen hätte; sein eiserner Wille war oft nicht -minder schwer als seine eiserne Hand auf ihnen gelegen. Auch -diese Mauern wurden gebrochen, und Götz von Berlichingen fiel -in des Bundes Hand. Auch Schorndorf konnte den Kanonen -Georgs von Frondsberg nicht widerstehen; es war die festeste -Stadt gewesen; mit ihr fiel das Unterland.<a id="FNanchor_21_22"></a><a href="#Footnote_21_22" class="fnanchor">[21]</a></p> - -<p>So war nun ganz Württemberg bis herauf gegen Kirchheim -in der bündischen Gewalt, und der Bayern Herzog brach sein -Lager auf, um mit Ernst an Stuttgart zu gehen. Da kamen -ihm Gesandte entgegen nach Denkendorf, die um Gnade flehten. -Sie durften zwar nicht wagen, vor dem erbitterten Feind ihren -Herzog zu entschuldigen; aber sie gaben zu bedenken, daß ja -er, die Ursache des Krieges, nicht mehr unter ihnen sei, daß man -nur gegen seinen unschuldigen Knaben, den Prinzen Christoph, -und gegen das Land Krieg führe. Aber vor der ehernen Stirne -Wilhelms von Bayern, vor den habgierigen Blicken der Bundesglieder -fanden diese Bitten keine Gnade. Ulrich habe diese -Strafe verdient, gab man zur Antwort, das Land habe ihn<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span> -unterstützt, also mit gefangen, mit gehangen – auch Stuttgart -mußte seine Tore öffnen.</p> - -<p>Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollständig; -der größte Teil des Oberlandes hielt noch zu dem Herzog, und -es schien nicht, als ob er sich auf den ersten Aufruf ergeben -wolle. Dieses höher gelegene Gebirgsland wurde von zwei -festen Plätzen, Urach und Tübingen, beherrscht; so lange diese -sich hielten, wollten auch die Lande umher nicht abfallen. In -Urach hielt es die Bürgerschaft mit dem Bunde, die Besatzung -mit dem Herzog. Es kam zum Handgemenge, worin der tapfere -Kommandant erstochen wurde; die Stadt ergab sich den Bündischen.</p> - -<p>Und so war in der Mitte des April nur Tübingen noch -übrig; doch dieses hatte der Herzog stark befestigt, dort waren -seine Kinder und die Schätze seines Hauses; dem Kern des -Adels, vierzig wackern, kampfgeübten Rittern, und zweihundert -der tapfersten Landeskinder war das Schloß anvertraut. Diese -Feste war stark, mit Kriegsvorräten wohl versehen, an ihr -hingen jetzt die Blicke der Württemberger; denn aus diesen -Mauern war ihnen schon manches Schöne und Herrliche hervorgegangen, -von diesen Mauern aus konnte das Land wieder -dem angestammten Fürsten erobert werden, wenn es sich so lange -hielt, bis er Entsatz herbeibrachte. Und dorthin wandten sich -jetzt die Bündischen mit aller Macht. Ihrer Gewappneten -Schritte tönten durch den Schönbuch, die Täler des Neckars -zitterten unter dem Hufschlag ihrer Rosse; auf den Feldern -zeigten tiefe Spuren, wohin die schweren Feldschlangen, Falkonen -und Bombarden, die Kugel- und Pulverwagen, der ganze -furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war.</p> - -<p>Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder -nicht gesehen. Ein tiefer, aber süßer Schlummer hielt -wie ein mächtiger Zauber seine Sinne viele Tage lang gefangen; -es war ihm in diesem Zustand wohl zumut, wie einem -Kinde, das an dem Busen seiner Mutter schläft, nur hin und -wieder die Augen ein wenig öffnet, um in eine Welt zu blicken, -die es noch nicht kennt, um sie dann wieder auf lange zu verschließen. -Schöne, beruhigende Träume aus besseren Tagen -gaukelten um sein Lager, ein mildes, seliges Lächeln zog oft -über sein bleiches Gesicht und tröstete die, welche mit banger -Erwartung seiner pflegten.</p> - -<p>Wir wagen es, den Leser in die niedere Hütte zu führen,<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span> -die ihn gastfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen -des neunten Tages, nachdem er verwundet wurde.</p> - -<p>Die Morgensonne dieses Tages brach sich in farbigen -Strahlen an den runden Scheiben eines kleinen Fensters und -erhellte das größere Gemach eines dürftigen Bauernhauses. -Das Geräte, womit es ausgestattet war, zeugte zwar von Armut, -aber von Reinlichkeit und Sinn für Ordnung. Ein großer, -eichener Tisch stand in einer Ecke des Zimmers, auf zwei Seiten -von einer hölzernen Bank umgeben. Ein geschnitzter, mit hellen -Farben bemalter Schrein mochte den Sonntagsstaat der Bewohner -oder schöne, selbstgesponnene Leinwand enthalten; das -dunkle Getäfel der Wände trug ringsum ein Brett, worauf -blanke Kannen, Becher und Platten von Zinn, irdenes Geschirr -mit sinnreichen Reimen bemalt, und allerlei musikalische Instrumente -eines längst verflossenen Jahrhunderts, als Zimbeln, -Schalmeien und eine Zither, aufgestellt waren. Um den großen -Kachelofen, der weit vorsprang, waren reinliche Linnen zum -Trocknen aufgehängt, und sie verdeckten beinahe dem Auge eine -große Bettstelle mit Gardinen von großgeblümtem Gewebe, die -im hintersten Teile der Stube aufgestellt war.</p> - -<p>An diesem Bette saß ein schönes, liebliches Kind von etwa -sechzehn bis siebzehn Jahren. Sie war in jene malerische -Bauerntracht gekleidet, die sich teilweise bis auf unsere Tage in -Schwaben erhalten hat. Ihr gelbes Haar war unbedeckt und -fiel in zwei langen, mit bunten Bändern durchflochtenen Zöpfen -über den Rücken hinab. Die Sonne hatte ihr freundliches, -rundes Gesichtchen etwas gebräunt, doch nicht so sehr, daß es -das schöne, jugendliche Rot auf der Wange verdunkelt hätte; -ein munteres blaues Auge blickte unter den langen Wimpern -hervor. Weiße, faltenreiche Aermel bedeckten bis an die Hand -den schönen Arm, ein rotes Mieder, mit silbernen Ketten geschnürt, -mit blendend weißen, zierlich genähten Linnen umgeben, -schloß eng um den Leib; ein kurzes schwarzes Röckchen -fiel kaum bis über die Knie herunter; diese schmucken Sachen, -und dazu noch eine blanke Schürze und schneeweiße Zwickelstrümpfe -mit schönen Kniebändern, wollten beinahe zu stattlich -aussehen zu dem dürftigen Gemach, besonders da es Werktag -war.</p> - -<p>Die Kleine spann emsig feine glänzende Fäden aus ihrer -Kunkel, zuweilen lüftete sie die Gardinen des Bettes und warf -einen verstohlenen Blick hinein; doch schnell, als wäre sie auf -bösen Wegen erfunden worden, schlug sie die Vorhänge wieder<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span> -zu und strich die Falten glatt, als sollte niemand merken, daß sie -gelauscht habe.</p> - -<p>Die Türe ging auf, und eine runde, ältliche Frau, in derselben -Tracht wie das Mädchen, aber ärmlicher gekleidet, trat -ein. Sie trug eine dampfende Schüssel Suppe zum Frühstück -auf und stellte Teller auf dem Tisch zurecht. Indem fiel ihr -Blick auf das schöne Kind am Bette, sie staunte sie an, und -wenig hätte gefehlt, so ließ sie den Krug mit gutem Apfelwein -fallen, den sie eben in der Hand hielt.</p> - -<p>»Was fällt der aber um Gotteswilla ei', Bärbele?« sagte -sie, indem sie den Krug niedersetzte und zu dem Mädchen trat. -»Was fällt der ei', daß de am Wertich da nuia rauta Rock zum -Spinna anziehst? und au 's nui Mieder hot se an, und, ei daß -di! – au a silberne Kette! und en frischa Schurz und Strümpf -no so mir nix dir nix aus em Kasta reißa? Wer wird denn -en solcha Hochmut treiba, du dummes Ding, du? Woißt du net, -daß mer arme Leut sind? und daß du es Kind voma onglückliche -Mann bist?« –</p> - -<p>Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden -lassen; sie schlug zwar die Augen nieder, aber ein schelmisches -Lächeln, das über ihr Gesicht flog, zeigte, daß die Strafpredigt -nicht sehr tief gehe. »Ei, so lasset Uich doch b'richta,« antwortete -sie, »was schadet's denn dem Rock, wenn i ihn au amol -ama christlicha Wertich ahan? An der silberna Kette wird au -nix verderbt, und da Schurz kann i jo wieder wäscha!«</p> - -<p>»So? als wemma et immer gnuag z'wäscha und z'putza -hätt? So sag mer no, was ist denn in de g'fahra, daß de so -strählst und schöa machst?«</p> - -<p>»Ah was!« flüsterte das errötende Schwabenkind, »wisset -Er denn net, daß heut der acht' Tag ist? Hot et der Aetti -g'sait, der Junker werd' am heutiga Morga verwacha, wenn -sei Tränkle guete Wirking häb? Und do hanne eba denkt –«</p> - -<p>»Ist's um dui Zeit?« entgegnete die Hausfrau freundlicher. -»Da host wärle reacht; wenn er verwacht und sieht älles -so schluttich und schlampich, se ist's et guot und könnt Verdruß -gä beim Aette. Ih sieh au aus wia na Drach. Gang, Bärbele, -hol mer mei schwarz Wammes, mei rauts Miader und en frischa -Schurz.«</p> - -<p>»Aber Muater,« gab die Kleine zu bedenken, »Er wendt -Uich doch et do atan wölla? Wenn der Junker jetzt no grad -verwacha tät! Ganget lieber uffe und teant Uich droban a, i -bleib derweil bei em.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span></p> - -<p>»Da host au reacht, Mädle,« murmelte die Alte, ließ selbst -das Frühstück stehen und ging, um sich in ihren Putz zu werfen. -Die Tochter aber öffnete das Fenster der frischen erquickenden -Morgenluft, sie streute Futter auf den breiten Sims, viele -Tauben und Sperlinge flogen heran und verzehrten mit Gurren -und Zwitschern ihr Frühstück; die Lerchen in den Bäumen vor -den Fenstern antworteten in einem vielstimmigen Chorus, und -das schöne Mädchen sah, von der Morgensonne umstrahlt, -lächelnd ihren kleinen Kostgängern zu.</p> - -<p>In diesem Augenblick öffneten sich die Gardinen des Bettes, -der Kopf eines schönen jungen Mannes sah heraus; wir kennen -ihn, es ist Georg.</p> - -<p>Ein leichtes Rot, der erste Bote wiederkehrender Gesundheit, -lag auf seinen Wangen; sein Blick war wieder glänzend -wie sonst, sein Arm stemmte sich kräftig auf das Lager. Erstaunt -blickte er auf seine Umgebungen; dieses Zimmer, dieses -Geräte waren ihm fremd, er selbst, seine ganze Lage kam ihm -ungewohnt vor. Wer hatte ihm diese Binde um das Haupt gebunden? -Wer hatte ihn in dieses Bett gelegt? Es war ihm -wie einem, der mit fröhlichen Brüdern eine Nacht durchjubelt, -die Besinnung endlich verloren hat und auf einem fremden -Lager aufwacht.</p> - -<p>Lange sah er dem Mädchen am Fenster zu; dieses Bild, das -erste, das ihm bei seinem Erwachen aus langem Schlafe entgegentrat, -war so freundlich, daß er das Auge nicht davon abwenden -konnte; endlich siegte die Neugierde, über das, was mit -ihm vorgegangen war, gewisser zu werden; er machte ein Geräusch, -indem er die Gardinen des Bettes noch weiter zurückschlug.</p> - -<p>Das Mädchen am Fenster schien zusammenzuschrecken; sie -wandte sich um, über ein schönes Gesicht flog ein brennendes -Rot, freundliche, blaue Augen staunten ihn an; ein roter, -lächelnder Mund schien vergebens nach Worten zu suchen, den -Kranken bei seiner Rückkehr ins Leben zu begrüßen. Sie faßte -sich und eilte mit kurzen Schritten an das Bette, doch machte -sie unterwegs mehreremal Halt, als besinne sie sich, ob er denn -wirklich wieder aufgewacht sei, ob es sich auch schicke, daß sie zu -ihm trete, da er jetzt wieder lebe wie ein anderer Mensch.</p> - -<p>Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schönen -Kindes lächelnd zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen.</p> - -<p>»Sag' mir, wo bin ich? Wie kam ich hierher?« fragte<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span> -Georg. »Wem gehört dieses Haus, worin ich, mir scheint, aus -einem langen Schlaf erwacht bin?«</p> - -<p>»Sind Er wieder ganz bei Uich?« rief das Mädchen, indem -sie vor Freude die Hände zusammenschlug. »Ach, Herr Jeses, -wer hett' es denkt? Er gucket oin doch au wieder g'scheit an -und et so duselig, daß oims ällemol angst und bang wora ist.«</p> - -<p>»Ich war also krank?« forschte Georg, der das Idiom des -Mädchens nur zum Teil verstand. »Ich lag einige Stunden -ohne Bewußtsein?«</p> - -<p>»Ei, wie schwätzet Er doch!« kicherte das hübsche Schwabenkind -und nahm das Ende des langen Zopfbandes in den Mund, -um das laute Lachen zu verbeißen: »a paar Stund' saget Er? -Heit nacht wird's g'rad nei Tag, da se Uich brocht hent.«</p> - -<p>Der Jüngling staunte sie mit ernsten Blicken an. Neun -Tage, ohne zu Marien zu kommen! Zu Marien? Mit diesem -himmlischen Bilde kehrte wie mit <em class="gesperrt">einem</em> Schlage seine Erinnerung -wieder; er erinnerte sich, daß er vom Bunde sich losgesagt; -daß er sich entschlossen habe, nach Lichtenstein zu reisen, -daß er über die Alb auf geheimen Wegen gezogen sei, daß – er -und sein Führer überfallen, vielleicht gefangen wurden. »Gefangen?« -rief er schmerzlich. »Sage, Mädchen, bin ich gefangen?«</p> - -<p>Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die -klaren Blicke des jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine -freundlichen Züge ernst, beinahe wild wurden; sie glaubte, er -falle in jenen schrecklichen Zustand zurück, wo er, vom Wundfieber -hart angefallen, einige Stunden lang gerast hatte, und -der schwermütige Ton seiner Frage konnte ihre Furcht nicht -mindern. Unschlüssig, ob sie bleiben oder um Hilfe rufen -sollte, trat sie einen Schritt zurück.</p> - -<p>Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer -Angst die Bestätigung seiner Frage zu lesen. »Gefangen, vielleicht -auf lange, lange Zeit,« dachte er, »vielleicht weit von ihr -entfernt, ohne Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr zu -wissen!« Sein Körper war noch zu erschöpft, als daß er der -trauernden Seele widerstanden hätte; eine Träne stahl sich aus -dem gesenkten Auge.</p> - -<p>Das Mädchen sah diese Träne, ihre Angst löste sich augenblicklich -in Mitleiden auf, sie trat näher, sie setzte sich an sein -Bett, sie wagte es, die herabhängende Hand des Jünglings zu -ergreifen. »Er müesset et greina,« sagte sie; »Euer Gnada<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span> -sind jo jetzt wieder g'sund, und – Er kennet jo jetzt bald wieder -fortreita,« setzte sie, wehmütig lächelnd, hinzu.</p> - -<p>»Fortreiten?« fragte Georg, »also bin ich nicht gefangen?«</p> - -<p>»G'fanga? Noi, g'fanga send Er net; es hätt zwor a -paarmol sei kenna, wia dia vom schwäbischa Bund vorbeizoga -send; aber mer hent Uich allemol guet versteckt; der Vater hot -g'sait, mer solla da Junker koin Menscha seha lau.«</p> - -<p>»Der Vater?« rief der Jüngling; »wer ist der gütige -Mann? Wo bin ich denn?«</p> - -<p>»Ha, wo werdet Er sei?« antwortete Bärbele, »bei aus -send Er in Hardt.«</p> - -<p>»In Hardt?« Ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten -Wände gab ihm Gewißheit, daß er Freiheit und Leben jenem -Manne zu verdanken habe, der ihm wie ein Schutzgeist von -Marien zugesandt war. »Also in Hardt? Und dein Vater ist -der Pfeifer von Hardt? Nicht wahr?«</p> - -<p>»Er hot's et gern, wemmer em so ruaft,« antwortete das -Mädchen; »er ist freile sei's Zoiches a Spielma, er hairts am -gernsta, wemmer Hans zua nem sait.«</p> - -<p>»Und wie kam ich denn hierher?« fragte jener wieder.</p> - -<p>»Ja wisset Er denn au gar koi Wörtle meh?« lächelte das -hübsche Kind und bediente sich des Zopfbandes. Sie erzählte, -ihr Vater sei schon seit einigen Wochen nicht zu Hause gewesen, -da sei er einesmals vor neun Tagen in der Nacht an das Haus -gekommen und habe stark gepocht, bis sie erwacht sei. Sie habe -seine Stimme erkannt und sei hinabgeeilt, um ihm zu öffnen. -Er sei aber nicht allein gewesen, sondern noch vier andere -Männer bei ihm, die eine, mit einem Mantel verdeckte, Tragbahre -in die Stube niedergelassen haben. Der Vater habe den -Mantel zurückgeschlagen und ihr befohlen zu leuchten, sie aber -sei heftig erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann -sei auf der Bahre gelegen. Der Vater habe ihr befohlen, das -Zimmer schnell zu wärmen, indessen habe man den Verwundeten, -den sie seinen Kleidern nach für einen vornehmen Herrn erkannt -habe, auf das Bett gebracht. Der Vater habe ihm seine -Wunden mit Kräutern verbunden, habe ihm dann auch selbst -einen Trank bereitet, denn er verstehe sich trefflich auf die -Arzneien für Tiere und Menschen. Zwei Tage lang seien sie -alle besorgt gewesen, denn der Junker habe gerast und getobt; -nach dem zweiten Tränklein aber sei er stille geworden, der -Vater habe gesagt, am achten Morgen werde er gesund und -frisch erwachen, und wirklich sei es auch so eingetroffen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span></p> - -<p>Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der -Rede des Mädchens zugehört. Er hatte sie oft unterbrechen -müssen, wenn er ihre zierlichen Ausdrücke nicht recht verstand, -oder wenn sie in ihrer Rede abschweifte, um die Kräuter zu beschreiben, -woraus der Pfeifer von Hardt seine Arzneien bereitet -hatte.</p> - -<p>»Und dein Vater,« fragte er sie, »wo ist er?«</p> - -<p>»Was wisset mir, wo er ist!« antwortete sie ausweichend, -doch als besinne sie sich eines Besseren, setzte sie hinzu: »Uich -kammes jo saga, denn Ihr müesset guet Freund sei mit em Vater. -Er ist nach Lichtastoi.«</p> - -<p>»Nach Lichtenstein?« rief Georg, indem sich seine Wangen -höher färbten. »Und wann kommt er zurück.«</p> - -<p>»Ja er <em class="gesperrt">sott</em> schau seit zwoi Tag do sei, wie ner gsait hot. -Wenn em no nix g'scheha ist. D'Leut saget, dia bündische Reiter -bassen em uff.«</p> - -<p>Nach Lichtenstein – dorthin zog es ja auch ihn. Er fühlte -sich kräftig genug, wieder einen Ritt zu wagen und die Versäumnis -der neun Tage einzuholen. Seine nächste und wichtigste -Frage war daher nach seinem Roß, und als er hörte, daß -es sich ganz wohl befinde und im Kuhstall seiner Ruhe pflege, -war auch der letzte Kummer von ihm gewichen. Er dankte seiner -holden Pflegerin für seine Wartung und bat sie um sein Wams -und seinen Mantel. Sie hatte längst alle Spuren von Blut -und Schwerthieben aus den schönen Gewändern vertilgt; mit -freundlicher Geschäftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus -dem geschnitzten und gemalten Schrein, wo sie neben ihrem -Sonntagsschmuck geruht hatte. Lächelnd breitete sie Stück für -Stück vor ihm aus und schien sein Lob, daß sie alles so schön -gemacht habe, gerne zu hören, dann enteilte sie dem Gemach, -um die frohe Botschaft, daß der Junker ganz genesen sei, der -Mutter zu verkündigen.</p> - -<p>Ob sie der Mutter auch gestanden, daß sie schon seit einer -halben Stunde mit dem schönen freundlichen Herrn geplaudert -habe, wissen wir nicht. Wir haben aber Ursache, daran zu -zweifeln, denn jene ältliche, runde Frau hatte Erfahrung aus -ihrer Jugend und glaubte, ihrem Töchterlein die Warnung nie -genug wiederholen zu können, sie solle sich wohl hüten, mit einem -jungen Burschen länger als ein Ave Maria lang zu sprechen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span></p> - -<h2 id="kap16">16.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">– Was kümmert's dich? Du fragst<br /></span> -<span class="i0">Nach Dingen, Mädchen, die dir nicht geziemen.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Schiller.</em> -</p> -</div> - -<p>Als die runde Frau und Bärbele von der Bodenkammer -herabstiegen, war ihr erster Gang nicht in das Gemach, wo ihr -Gast war, sondern nach der Küche, und zwar aus zweierlei -Gründen: einmal, weil jetzt dem Gast ein kräftiges Habermus -gekocht werden mußte, und dann – von der Küche ging ein -kleines Fenster in die Stube, dorthin stellte sich die Mutter, um -die Mienen des Junkers zu rekognoszieren.</p> - -<p>Bärbele stellte sich auf die Zehen und schaute ihrer Mutter -über die Schultern durchs Fensterlein. Sie staunte, und ihr -Herz pochte seit siebzehn Jahren zum erstenmal recht ungestüm; -denn so hübsch hatte sie sich doch den Junker nicht gedacht. Sie -war zwar oft von seinem Anblick bis zu Tränen gerührt gewesen, -wenn er mit starren Augen, ohne Bewußtsein, beinahe -ohne Leben dalag. Seine bleichen, noch im Kampfe mit dem -Tode so schönen Züge hatten sie oft angezogen, wie ein rührendes, -erhabenes Bild den frommen Sinn einer Betenden anzieht; -aber jetzt, sie fühlte es, jetzt war es was ganz anderes. Die -Augen waren wieder gefüllt von schönem, mutigen Feuer; es -wollte dem Bärbele auf den Zehen bedünken, als habe sie, so -alt sie geworden, noch gar keine solche gesehen. Das Haar lag -nicht mehr in unordentlichen Strängen um die schöne Stirne; -es fiel geordnet und reich auf den Nacken hinab.</p> - -<p>Seine Wangen hatten sich wieder gerötet, seine Lippen -waren so frisch wie die Kirschen an Petri und Paul; und wie -ihn das seidengestickte Wams gut kleidete und der breite weiße -Halskragen, den er über das Kleid herausgelegt hatte! Aber -das konnte das Mädchen nicht ergründen, warum er wohl immer -auf eine aus weiß und blauer Seide geflochtene Schärpe niedersah, -so fest, so eifrig, als wären geheimnisvolle Zeichen eingewoben, -die er zu entziffern bemüht sei. Ja, es kam ihr sogar -vor, als drücke er die Feldbinde an das Herz, als führe er sie -an die Lippen voll Andacht und Inbrunst, wie man Reliquien -zu verehren pflegt.</p> - -<p>Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch -das Fensterlein vollendet. »'s ist a Herr wie na Prinz,« sagte -sie, indem sie das Habermus umrührte. »Was er a Wammes<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span> -a hot! Dia Herra z'Stuagert kennet's et schöner hau. Was -duet er no mit dem Fetza, won er in der Hand hot? Er guckt -a jo schier ausenander! Es ist, ka sei a bißle Bluat na -kommt, daß ens verzirnt.«</p> - -<p>»Noi, sell isch et,« entgegnete Bärbele, die jetzt bequemer -das Zimmer übersehen konnte, »aber wisseter, Muater, wia -mer's fürkommt? Er macht so gar fuirige Auga druf na: sell -ist gewiß ebbes von seim Schatz.«</p> - -<p>Die runde Frau konnte sich nicht enthalten, über die richtige -Vermutung ihres Kindes etwas weniges zu lächeln, doch schnell -nahm sie ihre mütterliche Würde wieder zusammen, indem sie -entgegnete: »A, was woist du von Schätz! So na Kind wia du -muaß gar a nix so denka! Gang jetzt weg vom Fensterle dort, -lang mir sell Häfele her. Der Herr wird a fürnehms Fressa -g'wohnt sei, i muaß am a bißle viel Schmalz in de Brei dauh!«</p> - -<p>Bärbele verließ etwas empfindlich das Fenster. Sie wußte, -daß sie ihrer Mutter nicht widersprechen dürfe, aber diesmal -hatte sie offenbar unrecht. Ging nicht das Mädchen schon seit -einem Jahr in den Lichtkarz, wo von den Mädchen des Dorfes -über Schätzchen und Liebe viel gesprochen und gesungen wurde? -Hatten nicht einige ihrer Gespielinnen, die wenige Wochen älter -waren als sie, schon jede einen erklärten Schatz, und sie allein -sollte nicht davon sprechen, nicht einmal etwas davon wissen -dürfen? Nein, es war recht unbillig von der runden Frau, -ihrem Töchterlein, das, wenn sie sich auf die Zehen stellte, der -Mutter über die Schultern sehen konnte, solche Wissenschaft -geradehin zu verbieten. Aber wie es zu geschehen pflegt, das -Verbot reizt gewöhnlich zur Uebertretung, und Bärbele nahm -sich vor, nicht eher zu ruhen, als bis sie wisse, warum der junge -Ritter mit so gar »fuirigen Augen« auf seine Feldbinde hinschaue.</p> - -<p>Das Frühstück des Junkers war indessen fertig geworden, -es fehlte nichts mehr als ein Becher guten alten Weines. Auch -dieser war bald herbeigebracht, denn der Pfeifer von Hardt war -zwar ein geringer Mann, aber nicht so arm, daß er nicht für -feierliche Gelegenheiten ein Fäßchen im Keller liegen hatte. -Das Mädchen trug den Wein und das Brot, und die runde Frau -ging in vollem Sonntagsstaat, die Schüssel mit Habermus in -beiden Fäusten, ihrem holden Töchterlein voran in die Stube.</p> - -<p>Es kostete den jungen Mann nicht geringe Mühe, den -vielen Knicksen der Pfeifersfrau Einhalt zu tun. Sie hatte in -ihrer Jugend einmal auf dem Schlosse zu Neuffen gedient und<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span> -wußte, was Lebensart war. Daher blieb sie mit der rauchenden -Schüssel an ihrer eigenen Schwelle stehen, bis ihr der gestrenge -Junker ernstlich befahl, vorzutreten. Die Tochter aber stand -errötend hinter der runden Frau, und ihr verschämtes Gesicht -ward nur auf Augenblicke sichtbar, wenn die Mutter sich recht -tief verneigte. Auch sie machte die gehörige Anzahl Knickse, -doch mochten sie nicht so ungemein ehrerbietig sein, denn sie hatte -ja schon ein halbes Stündchen mit ihm geplaudert.</p> - -<p>Das Mädchen deckte jetzt den Tisch mit frischen Linnen, -setzte dem Junker das Habermus und den Wein an den Ehrenplatz -in der Ecke der Bank unter dem Kruzifix; dann steckte sie -einen zierlich geschnitzten hölzernen Löffel in das Mus. Er -blieb aufrecht darin stehen, und es war dies ein gutes Zeichen, -daß das Frühstück delikat bereitet sei. Als der Junker sich -niedergelassen hatte, setzten sich auch Mutter und Tochter an -den Tisch zu ihrem Suppennapf, doch in bescheidener Entfernung -und nicht ohne das Salzfaß zwischen sich und ihren vornehmen -Gast zu stellen. Denn so wollte es die Sitte in den -guten alten Zeiten.</p> - -<p>Georg hatte, während sie das Frühmahl verzehrten, Muße -genug, die beiden Frauen zu betrachten. Er gestand sich, daß -die Hausehre des Pfeifers von Hardt eine stattliche Frau sei, -die vielleicht manchen weniger kühnen Mann als seinen Führer -und Erretter unter die Stelzen ihrer gewichtigen Schuhe (Pantoffel -hatte sie wohl nicht) gebracht hätte. Auch das Kind des -Spielmanns dünkte ihm eine liebliche Dirne, und ein so schöner -Kopf, solche freundlichen Augen hätten vielleicht in seinem -Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen, wäre -es nicht von <em class="gesperrt">einem</em> Bilde schon ganz erfüllt gewesen, wäre -nicht die Kluft so unendlich groß gewesen, welche Geburt und -Verhältnisse zwischen den Erben des Namens Sturmfeder und -die geringe Tochter des Pfeifers von Hardt befestigt hatten. -Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke mit Wohlgefallen auf -ihren reinen unschuldigen Zügen, und wäre die runde Frau -nicht mit ihrer Suppe zu beschäftigt gewesen, so wäre ihr wohl -die Röte nicht entgangen, die auf den Wangen ihres Kindes -aufstieg, wenn zufällig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge -des jungen Mannes begegnete.</p> - -<p>»Der Napf ist leer, jetzt ist es Zeit zu schwatzen.« Dieser -richtige Spruch galt auch hier, sobald das Tischtuch weggenommen -war. Georg lagen vornehmlich zwei Dinge am Herzen: -er mußte gewiß sein, wann der Pfeifer von Lichtenstein zurückkommen<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span> -würde, weil er nur seine Nachrichten über die Geliebte -abwarten wollte, um dann sogleich zu ihr zu eilen; und zweitens -war es ihm sehr wichtig, zu erfahren, wo das Heer des Bundes -in diesem Augenblick stehe. Ueber das erstere konnte er keine -weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Mädchen früher -schon gesagt hatte. Der Vater sei etwa seit sechs Tagen abwesend, -habe aber versprochen, am fünften Abend wieder hier -zu sein, und sie erwarten ihn daher stündlich. Die runde Frau -vergoß Tränen, indem sie dem Junker klagte, daß ihr Mann, -seitdem dieser Krieg begonnen, kaum einige Stunden zu Haus -gewesen sei. Er sei von früheren Zeiten her schon als ein -unruhiger Mann berüchtigt, jetzt murmeln die Leute auch wieder -allerlei über ihn, und gewiß bringe er seine Frau und sein -Kind durch sein gefährliches Leben noch in Unglück und Jammer.</p> - -<p>Georg suchte alle Trostgründe hervor, um ihre Tränen zu -stillen; es gelang ihm wenigstens insoweit, daß sie ihm seine -Fragen nach dem Bundesheer beantwortete.</p> - -<p>»Ach Herr,« sagte sie, »es ist a Graus und a Jommer; -'s ist g'rad, wie wenn der wild Jäger uf de Wolka reitet und -mit seine g'schpenstige Hund übers Land wegzieht. 's ganz -Unterland hent se schau, und jetzt goht's mit em hella Haufa -ge Tibenga.«</p> - -<p>»So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand?« fragte -Georg verwundert, »Höllenstein, Schorndorf, Göppingen, Teck, -Urach? Sind sie alle schon eingenommen?«</p> - -<p>»Aelles hent se. A Mann von Schorndorf hot's g'sait, -daß se de Höllastoi, Schorndorf und Göppinga hent. Aber von -Teck und Aurich kane Uich ganz gnau berichta, mer send jo koine -drei, vier Stund davo.« Sie erzählte nun: am dritten April -sei das Heer vor Teck gezogen. Sie haben einen Teil des Fußvolkes -vor das eine Tor gesetzt und sich mit der Besatzung über -die Uebergabe besprochen. Da seien alle Knechte zu diesem Tor -geeilt und haben zugehört, und indessen sei das andere Tor von -den Feinden bestiegen worden.<a id="FNanchor_22_23"></a><a href="#Footnote_22_23" class="fnanchor">[22]</a> Im Schloß Urach aber seien -vierhundert herzogliche Fußknechte gewesen. Diese habe die -Bürgerschaft nicht in die Stadt lassen wollen, als der Feind -anrückte. Es sei zum Gefecht zwischen ihnen gekommen, worin -die Knechte auf den Markt gedrungen seien, dort aber sei der -Vogt von einer Kugel getroffen und nachher mit Hellebarden -niedergestoßen worden. Die Stadt habe sich dem Bunde ergeben. -»Es ist koi Wunder,« schloß die runde Frau ihre Erzählung, -»älle Burga und Schlösser nehme se ei; denn se hent<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span> -lange Feldschlanga und Bombardierstuck, wo se Kugla draus -schießet, graißer als mei Kopf, daß älle Maura zemabrecha und -älle Tirn einfalla müeßet.«</p> - -<p>Georg konnte nach diesem Bericht ahnen, daß eine Reise -von Hardt nach Lichtenstein nicht minder gefährlich sein werde -als jener Ritt über die Alb, denn er mußte gerade die Linie -zwischen Urach und Tübingen durchschneiden. Doch war Urach -schon seit mehreren Tagen von dem Heere verlassen. Die Belagerung -von Tübingen mußte notwendig viele Mannschaft erfordern, -und so konnte Georg dennoch hoffen, daß keine eigentlichen -Posten mehr den Strich Landes, den er zu durchreisen -hatte, besetzt halten werden.</p> - -<p>Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines -Führers. Seine Kopfwunde war geheilt; sie war nicht tief gewesen, -denn die Federn seines Barettes und sein dichtes Haar -hatten dem Hiebe, der nach ihm geführt worden war, seine -Schärfe benommen; doch war der Schlag noch immer kräftig -genug gewesen, um ihn auf so viele Tage des Bewußtseins zu -berauben. Auch seine übrigen Wunden an Arm und Beinen -waren geheilt, und die einzige körperliche Folge jener unglücklichen -Nacht war eine Mattigkeit, die er dem Blutverlust, dem -langen Liegen und dem Wundfieber zuschrieb; doch auch diese -schwand von Stunde zu Stunde, denn ein frischer Mut und -sehnsüchtige Gedanken in die Ferne verjagen gar bald solche -schlimmen Gäste.</p> - -<p>Es gehörte übrigens dieser frische Mut und ein wenig -jugendliche Neugierde dazu, ihm die langsam hinschleichenden -Stunden erträglich zu machen. Es gehörte die muntere Tochter -des Pfeifers dazu, um ihn vergessen zu lassen, wie unerträglich -lange ihr Vater auf sich warten lasse. Er sah hier, was er sich -schon lange zu sehen gewünscht hatte, eine echte schwäbische -Bauernwirtschaft. Wie drollig kamen ihm ihre Sitten, ihre -Sprache vor. Sein Franken, so nahe es an dieses Württemberg -grenzte, hatte doch wieder einen andern Schlag von Leuten. -Es deuchte ihm, seine Bauern seien pfiffiger, verschlagener, in -manchen Dingen weniger roh als diese; aber die gutmütige Ehrlichkeit -dieser Leute, die aus ihren Augen, aus ihrer Sprache, -aus ihrem ganzen Wesen hervorblitzte; ihre muntere, unverdrossene -Arbeitsamkeit; ihre Reinlichkeit, die ihrer Armut ein -ehrbares, sogar schmuckes Ansehen gab, dies alles machte, daß -er zu fühlen glaubte, es haben diese Leute als Menschen mehr<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span> -inneren Gehalt als die, welche er in seinen Gauen kennen gelernt -hatte, wenn sie auch in manchen Dingen nicht so viel Verschlagenheit -zeigten.</p> - -<p>Bewundern mußte er auch die trauliche gutmütige Geschwätzigkeit -des Mädchens. Die runde Frau mochte schmälen, -wie sie wollte, mochte sie noch so oft ermahnen, den hohen Stand -des Ritters zu bedenken, sie ließ es sich nicht nehmen, ihren Gast -zu unterhalten, besonders da sie ihren geheimen Plan, zu erforschen, -ob sie in Hinsicht auf die Feldbinde besser geraten -habe als die Mutter, noch nicht aufgegeben hatte. Sie hatte -hierüber noch ihre ganz besonderen Gedanken. Als nämlich -der Junker so gar krank gelegen, war sie in der Nacht noch -lange aufgeblieben, um dem Vater Gesellschaft zu leisten, der -am Bette des Verwundeten wachte; doch bald schlief sie über ihrer -Arbeit ein. Es mochte ungefähr zehn Uhr in der Nacht sein, -da sie von einem Geräusch im Zimmer aufgeschreckt wurde. -Sie sah einen Mann mit dem Vater angelegentlich sprechen; -seine Züge entgingen ihr nicht, obgleich er sich in eine große -Kappe gehüllt hatte; sie glaubte einen Diener des Ritters von -Lichtenstein, der schon oft auf geheimnisvolle Weise zu dem -Pfeifer von Hardt gekommen war, und bei dessen Anwesenheit -sie immer das Zimmer hatte verlassen müssen, in ihm zu -erkennen.</p> - -<p>Neugierig, endlich einmal zu hören, was dieser Mann bei -dem Vater zu tun habe, schloß sie ihre Augen wieder fest zu; -denn es war ihr wahrscheinlich, daß ihr Vater sie nur im Zimmer -ließ, weil er sie für fest eingeschlafen hielt. Der Mann -erzählte von einem Fräulein, die über eine gewisse Nachricht -untröstlich sei. Sie habe den fremden Mann gebeten und gefleht, -nach Hardt zu gehen und Nachricht einzuziehen, sie habe -geschworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe, ihrem Vater -alles zu sagen und zur Pflege des Kranken selbst zu kommen. -Solches hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen; der Vater -hatte darauf das Fräulein beklagt, hatte dem Boten den ganzen -Zustand des Kranken geschildert und versprochen, daß er, sobald -sich der Kranke gebessert habe, selbst kommen werde, um -dem Fräulein diesen Trost zu bringen. Der fremde Mann -hatte sodann dem Kranken ein Löckchen von seinen langen -Haaren abgeschnitten, es in ein Tuch geschlagen und unter dem -Wams wohl verwahrt; darauf war er, vom Vater geführt, aus -der Stube gegangen, und kurz nachher hörte sie ihn bei Nacht -und Nebel wieder wegreiten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span></p> - -<p>Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschäfte der folgenden -Tage bald wieder aus dem leichten, jugendlichen Sinn der -Tochter des Pfeifers von Hardt verdrängt, sie erwachte aber -jetzt aufs neue, aufgeregt durch das, was Bärbele durchs -Küchenfenster gesehen hatte. Sie wußte, daß der Ritter von -Lichtenstein eine Tochter habe, denn die Schwester des Spielmanns -war ja ihre Amme. Und dieses Fräulein mußte es -wohl sein, die den Lichtensteiner Knecht gesandt habe, um sich -so angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die sogar -selbst kommen wollte, um ihn zu pflegen.</p> - -<p>Alle Sagen von liebenden Königstöchtern, von Rittern, -die krank in Gefangenschaft gelegen und von holden Fräulein -errettet wurden, alles, was über dieses Kapitel jemals in der -traulichen Spinnstube erzählt worden war – und es gab viele -»grausige« Geschichten hierüber – kam ihr in das Gedächtnis. -Sie wußte nun zwar nicht, wie es mit der Minne so vornehmer -Leute beschaffen sei, aber sie dachte, es werde dem hohen Fräulein -wohl ungefähr ebenso ums Herz sein wie den Mädchen von -Hardt, wenn sie an einen schmucken Burschen von Ober-Ensingen -oder Köngen ihr Herz verschenkt haben. Und in dieser Hinsicht -kam ihr das Verhältnis, dem sie in Gedanken nachspürte, -gar reizend vor, besonders dachte sie sich den Schmerz des -Fräuleins auf ihrer fernen, hohen Burg recht grausam und -rührend, wie sie nicht wisse, ob ihr Schatz lebendig oder tot sei, -wie sie nicht zu ihm könne, um ihn zu sehen und zu pflegen.</p> - -<p>Sie wußte ein Lied, das man oft im Lichtkarz sang; es -hatte eine schöne Weise und kam ihr unwillkürlich auch jetzt in -den Sinn; es hieß:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wenn i im Bett lieg' und bi krank,<br /></span> -<span class="i0">Wer führt mer mei Schätzle zum Tanz;<br /></span> -<span class="i0">Und wenn i im Grab lieg' und faule,<br /></span> -<span class="i0">Wer kußt no ihr Honigmaule?«<br /></span> -</div></div> - -<p>Tränen traten ihr in die sonst so fröhlichen Augen, als -sie bedachte, wie leicht der Junker seinem Liebchen hätte wegsterben -können, und wie sie dann so einsam und ohne Liebe gewesen -wäre, und doch war sie gewiß recht schön und eines vornehmen -reichen Ritters Kind. Doch ist nicht der Junker noch -viel schlimmer daran? dachte das gutherzige Schwabenkind -weiter; dem Fräulein hat ja der Vater jetzt Nachricht von ihm -gebracht, aber er, er wußte ja seit vielen Tagen kein Wörtchen -von ihr; denn früher wußte er nichts von sich selbst, und seit er<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span> -wieder ganz bei Leben war, konnte er auch nichts wissen; -darum hatte er wohl die Binde, die er gewiß von ihr hatte, so -beweglich angeschaut und ans Herz und den Mund gedrückt? -Sie nahm sich vor, ihm zu erzählen, was in jener Nacht vorgegangen -sei; vielleicht ist es ihm doch ein Trost, dachte sie.</p> - -<p>Georg hatte bemerkt, wie die fröhliche Miene des spinnenden -Bärbeles nach und nach ernster geworden war, wie sie -über etwas nachzusinnen schien, ja er glaubte sogar eine Träne -in ihrem Auge bemerkt zu haben. »Was hast du, Mädchen,« -fragte er, als die Mutter gerade das Zimmer verlassen hatte; -»warum wirst du auf einmal so still und ernst und netzest ja -sogar deine Fäden mit Tränen?«</p> - -<p>»Send denn Ihr so lustig, Junker?« fragte Bärbele und -sah ihm recht fest ins Auge; »i han g'moint, es sei vorig ebbes -aus Eure Auga g'rollt, was selle Binde dort g'netzt hot. Sell -hent Er gewiß vo Eurem Schätzle, und jetzt tuet Uichs loid, -daß Er et bei er send.«</p> - -<p>Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben, denn der junge -Mann errötete tief über ihre Frage. »Du hast vielleicht recht,« -sagte er lächelnd, »doch bin ich deswegen nicht gar zu traurig, -ich werde sie bald wiedersehen.«</p> - -<p>»Ach, was des für a Freud sein wird in Lichtastoi!« entgegnete -Bärbele mit einem schelmischen Seitenblick.</p> - -<p>Georg erstaunte; sollte ihr der Vater von dem Geheimnis -seiner Liebe etwas gesagt haben? »In Lichtenstein?« fragte -er sie, »was weißt du von mir und Lichtenstein?«</p> - -<p>»Ach, i mag's dem gnädigen Fräule wohl gönna, daß se -wieder a Mol a Freud hot; mer hot mer g'sait, se häb rechtschaffa -g'jommeret, wie Er so krank gwe send.«</p> - -<p>»Gejammert, sagst du?« rief Georg, indem er aufsprang -und zu ihr trat. »So wußte sie um meine Krankheit? O sage, -was weißt du von Marie? Kennst du sie? Was sagte der -Vater von ihr?«</p> - -<p>»Der Vater hot koi sterbes Wörtle zu mer g'sait, und i -wißt au net, daß es a Fräule von Lichtastoi geit, wenn et mei -Bas ihr Amm wär. Aber Er müeßet mer's et übel nemma, -Junker, dasse a bissele g'horcht hau; gucket, des Ding ist so -ganga.« Sie erzählte dem Junker, wie sie hinter das Geheimnis -gekommen sei, und daß der Vater, wahrscheinlich um guten -Trost zu bringen, nach Lichtenstein gegangen sei.</p> - -<p>Georg wurde schmerzlich bewegt durch diese Nachricht, er -hatte bis jetzt geglaubt, Marie werde die Nachricht seines Unfalls<span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span> -zugleich mit der tröstlichen Kunde seiner Genesung erhalten, -und jetzt mußte er erfahren, daß sie mehrere bange Tage in -Ungewißheit geschwebt habe: in der schrecklichen Ungewißheit, -ob er nicht hier noch entdeckt werde, ob er gerettet werde, ob sie -ihn je wiedersehen würde; er kannte ihr treues Herz, und wie -lebhaft konnte er sich ihren Kummer denken! Wahrlich, sein -eigenes Unglück schien ihm gering und nicht zu beachten, wenn -er sich den Jammer des teuren Mädchens vorstellte. Wie viel -hatte sie in Ulm gelitten, wie schmerzlich war ihr der Abschied -von ihm geworden; und kaum hatte ihr Herz wieder freier geatmet -in dem Gedanken, daß er des Bundes Fahnen verlassen -werde, kaum hatte sie ein wenig heiterer in die Zukunft gesehen, -so kam ihr die Schreckensbotschaft von der tödlichen -Wunde. Und dieses alles vor den Blicken des Vaters verschließen -zu müssen, diesen großen Schmerz allein tragen zu -müssen, ohne eine, auch nur <em class="gesperrt">eine</em> Seele zu haben, bei welcher -sie weinen, bei welcher sie Trost suchen konnte. Jetzt fühlte er -erst, wie notwendig es sei, schnell nach Lichtenstein zu eilen, -und seine Ungeduld wurde zum Unmut, daß jener sonst so -kluge Mann gerade in diesen kostbaren Augenblicken so lange -ausbleibe.</p> - -<p>Das Mädchen mochte seine Gedanken erraten: »I sieh -wohl, Er möchtet gern von uns fort; wenn no der Vater do -wär, den alloi fendet Er da Weg nach Lichtastoi net; Er send -koi Witaberger, des merke an der Sproch, und do kennet Er -leicht verirra. Wisset Er was? I lauf em Vater entgege und -mach, daß er bald kommt.«</p> - -<p>»Du wolltest ihm entgegengehen?« sagte Georg, gerührt -von der Gutmütigkeit des Mädchens. »Weißt du denn, ob er -schon in der Nähe ist? Vielleicht ist er noch stundenweit entfernt, -und in einer Stunde wird es Nacht!«</p> - -<p>»Und wär's so Nacht, daß mer da Weg mit de Händ' greifa -müeßt, und müeßt e laufa bis Lichtastoi, i wett's gern dauh, -Er kommet jo no bälder zu –« Errötend schlug sie die Augen -nieder, denn trieb sie auch ihr gutes Herz, sich zum Liebesboten -des Ritters anzubieten, so schämte sie sich doch, jenes -zarte Verhältnis, das ihr heute so klar wie noch nie zuvor -einleuchtete, zu berühren.</p> - -<p>»Und willst du mir zulieb gehen bis Lichtenstein, so wäre -es ja töricht von mir, zurückzubleiben und erst deinen Vater zu -erwarten. Ich sattle geschwind mein Roß und reite neben dir<span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span> -her, und du zeigst mir den Weg, bis ich ihn nicht mehr verfehlen -kann.«</p> - -<p>Das Mädchen von Hardt schlug die Augen nieder und -spielte mit dem langen Zopfband. »Aber es wird jo scho en -era Stund Nacht,« flüsterte sie kaum hörbar.</p> - -<p>»Ei, was schadet das? Dann bin ich um den Hahnenschrei -in Lichtenstein,« antwortete Georg; »du wolltest dich ja vorhin -selbst bei Nacht und Nebel auf den Weg machen.«</p> - -<p>»Ja, i wohl,« entgegnete Bärbele, ohne aufzusehen, »aber -Euch ist's gewiß et g'sund, wo ner erst krank gwä sent, so in der -kühla Nacht en Weg von sechs Stund z'macha.«</p> - -<p>»Das kann ich nicht beachten,« rief Georg, »und die Wunde -ist ja geheilt, ich bin gesund wie zuvor: nein! rüste dich immer, -gutes Kind, wir brechen sogleich auf, ich gehe, mein Pferd zu -satteln.« Er nahm den Zaum von einem Nagel an der Wand, -wo er aufgehängt war, und schritt zur Türe.</p> - -<p>»Herr! Euer Gnaden!« rief ihm das Mädchen ängstlich -nach; »lasset's lieber geh. Gucket, 's tuet se et, daß mer so -selbander in der Nacht fortganget. D'Leut in Hardt send so -gar wunderlich, und mer tät mer gewiß ebbes abhänga, wenne -– Wartet lieber bis morga früh, so wille Uich meinetwega -führa bis Pfullinga.«</p> - -<p>Der Junker ehrte die Gründe des guten Mädchens und -hing schweigend den Zaum wieder an die Wand. Es möchte -ihm freilich lieber gewesen sein, wenn die Leute von Hardt weniger -geneigt wären, Böses zu denken; doch es war hier nichts -zu tun, als sich schweigend in sein Schicksal zu ergeben. Er -beschloß daher, diesen Abend und die folgende Nacht noch auf -den Pfeifer zu warten; käme er nicht, so wollte er mit dem -frühesten Morgen zu Pferd sein und unter Leitung seiner -schönen Tochter nach Lichtenstein aufbrechen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span></p> - -<h2 id="kap17">17.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Die linden Lüfte sind erwacht,<br /></span> -<span class="i0">Sie säuseln und weben Tag und Nacht,<br /></span> -<span class="i0">Sie schaffen an allen Enden.<br /></span> -<span class="i0">O frischer Duft, o neuer Klang!<br /></span> -<span class="i0">Nun, armes Herze, sei nicht bang!<br /></span> -<span class="i0">Nun muß sich alles, alles wenden.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Uhland.</em> -</p> -</div> - -<p>Aber der Pfeifer von Hardt kehrte auch in dieser Nacht -nicht nach Haus zurück, und Georg, der seine Sehnsucht nach -der Geliebten nicht mehr länger zügeln konnte, sattelte, als der -Morgen graute, sein Pferd. Die runde Frau hatte nach einigen -harten Kämpfen mit ihrem Töchterlein erlaubt, daß sie den -Junker geleiten dürfe. Sie wußte zwar, daß ein so unerhörtes -Ereignis viele Abende zur Unterhaltung in den Spinnstuben -von Hardt dienen werde, und sah es deswegen nicht ganz gerne; -wenn sie aber bedachte, wieviel ihrem Eheherrn an dem jungen -Ritter gelegen sein müsse, weil er ihn in sein Haus aufgenommen -und wie einen Sohn gepflegt hatte, so glaubte sie doch, -diesen letzten Dienst ihrem Gast nicht abschlagen zu dürfen; -doch machte sie die Bedingung, daß Bärbele vorausgehen und -ihn eine Viertelstunde hinwärts an einem Markstein erwarten -müsse.</p> - -<p>Georg nahm gerührt Abschied von der stattlichen, runden -Frau, die ihm zu Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsstaat -prangte; er hatte in den geschnitzten Schrank einen Goldgulden -gelegt, ein wichtiges Geschenk für die damalige Zeit und -eine bedeutende Summe für die Reisekasse Georgs von Sturmfeder. -Der Pfeifer von Hardt soll übrigens nie etwas von -diesem Depositum erfahren haben; sei es nun, daß die gute -runde Frau den Goldgulden nicht gefunden hat, oder daß sie -ihrem Eheherrn nichts davon berichtete, aus Angst, er möchte -den Junker durch die Rückgabe des Geschenkes beleidigen. Nur -soviel ist gewiß, daß die Frau des Spielmanns kurze Zeit nach -diesem Vorfall mit einem nagelneuen Rock in der Kirche erschien, -zur Verwunderung aller Weiber in der Gegend, und daß -ihre Tochter Bärbele ein schönes Mieder von feinem Tuch mit -Goldborden auf der nächsten Kirchweih trug, das man früher -nie an ihr gesehen. Auch soll sie jedesmal errötet sein, wenn -die Mädchen das neue Mieder befühlten und lobten. Welch -großen Staat konnte man in den guten Zeiten um einen Goldgulden -machen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span></p> - -<p>Georg fand seine Führerin auf dem bezeichneten Markstein -sitzend. Sie sprang auf, als er herankam, und ging mit raschen -Schritten neben ihm her. Das Mädchen kam ihm heute noch -viel hübscher vor als gestern. Ihre Wangen hatte der frische -Aprilmorgen mit hohem Rot bedeckt, und ihre Augen glänzten -freundlich. Ihre Tracht eignete sich ganz gut zu einem weiten -Marsch, denn das kurze Röckchen hinderte den Fuß nicht, flink -auszuschreiten. Sie hatte ein Körbchen an den Arm gehängt, -als wolle sie zum Markt in die Stadt gehen. Sie trug aber -weder Gemüse noch Früchte darin, was sie wohl sonst in die -Stadt zu bringen pflegte, sondern ein Regentuch, mit dem sie -sich gegen die wechselnden Launen eines Apriltages versehen -hatte. Der Junker dachte bei sich, als sie so schmuck und rüstig -neben ihm hinging, daß das Mädchen wohl einmal eine gute -tüchtige Hausfrau zu werden verspreche, und pries den jungen -Burschen glücklich, der einst das Kleinod des Spielmannes von -Hardt für sich gewinnen werde.</p> - -<p>Sie hatte unstreitig viel von dem lebhaften Geiste ihres -Vaters geerbt; denn, wie auch jener bei der Reise über die Alb -seinem vornehmen Gefährten durch Erzählungen und Hindeutungen -auf die Gegend den Weg zu verkürzen bemüht gewesen -war, so wußte auch sie, so oft das Gespräch zu stocken begann, -entweder auf einen schönen Punkt in den Tälern und Bergen -umher aufmerksam zu machen, oder sie teilte ihm unaufgefordert -eine und die andere Sage mit, die sich an ein Schloß, an ein -Tal oder einen Bach knüpfte.</p> - -<p>Sie wählte meistens Nebenwege und führte den Reiter -höchstens zwei- bis dreimal durch Dörfer, von zwei zu zwei -Stunden aber machten sie Halt. Endlich nach vier solchen Stationen -sah man in der Entfernung von einer kleinen halben -Stunde ein Städtchen liegen; der Weg schied sich hier, und ein -Fußpfad führte links ab in ein Dorf. An diesem Scheidepunkt -blieb das Mädchen stehen und sagte: »Was Er dort sehet, ist -Pfullinga, von dort kann Uich jedes Kind da Weg nach Lichtestoi -zeiga.«</p> - -<p>»Wie? Du willst mich schon verlassen?« fragte Georg, -der sich an die munteren, sinnigen Reden seiner Begleiterin so -gewöhnt hatte, daß ihn der Abschied überraschte. »Warum gehst -du nicht wenigstens mit mir bis Pfullingen? Dort kannst du -in der Herberge etwas essen und trinken; du willst doch nicht -geradezu nach Hause laufen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span></p> - -<p>Das Mädchen suchte freundlich auszusehen und zu scherzen, -doch konnte sie einen schmerzlichen Zug um den Mund und trübe -Augen nicht verbergen; denn wohl mochte auch ihr die Nähe -ihres schönen Gastes teurer geworden sein, als sie vielleicht -selbst wußte. »Do mueß i von Uich gehe, gnädiger Herr,« -sagte sie, »so gern i au no weiters mitging; aber d'Mueter -will's so; dort in dem Dörfle am Berg hanne a Baas und bei -der bleibe heut, und morga gange wieder nach Hardt. Jetzt -b'hüet Uich Gott der Herr und d'heilig Jungfrau, und älle seine -Heilige nemmet Uich in Schutz. Grüeßet mer de Vater und -au,« setzte sie lächelnd hinzu, indem sie schnell eine Träne abschüttelte, -»grüeßet mer sell Frähla, die Er so gern hent.«</p> - -<p>»Dank dir, Bärbele,« entgegnete Georg und reichte ihr die -Hand zum Abschied vom Pferd herab. »Ich kann dir deine -treue Pflege nicht vergelten; aber wenn du nach Haus kommst, -so schau' in den geschnitzten Schrank, dort wirst du etwas finden, -das vielleicht zu einem neuen Mieder oder zu einem Röckchen -für den Sonntag reicht. Nun, und wenn du es dann zum -erstenmal anhast und dein Schatz dich darin küßt, so gedenke an -Georg von Sturmfeder!«</p> - -<p>Der junge Mann gab seinem Pferde die Sporen und -trabte über die grüne Ebene hin dem Städtchen zu. Zweihundert -Schritte weit entfernt schaute er sich noch einmal nach -der Tochter des Spielmannes um. Sie stand noch dort, wo er -sie verlassen hatte, im roten Mieder, im kurzen Röckchen, mit -langen Zöpfen und weißen Strümpfen; sie war es und keine -andere; aber sie hielt die Hand vor die glänzenden Augen, und -Georg war ungewiß, ob sie die Strahlen der Sonne dadurch -abhalten wolle, indem sie ihm nachblickte, oder ob sie vielleicht -jene Träne verwische, die er in ihren Wimpern blinken sah, als -sie Abschied nahm.</p> - -<p>Bald war er am Tor der kleinen Stadt angelangt. Er -fühlte sich ermüdet und durstig und fragte daher auf der Straße -nach einer guten Herberge. Man wies ihn nach einem kleinen -düsteren Haus, wo ein Spieß über der Türe und ein Schild, -mit einem springenden Hirsch geziert, zur Einkehr einluden. -Ein kleiner barfüßiger Junge führte sein Pferd in den Stall, -ihn selbst aber empfing in der Türe eine junge, freundliche -Frau und führte ihn zur Trinkstube.</p> - -<p>Es war dies ein weites, finsteres Zimmer, an dessen Wänden -sich schwere eichene Tische und Bänke hinzogen. Die ungeheure -Mengen von Kannen und Bechern, die blank gescheuert<span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span> -von den Gestellen am Getäfel herabblinkte, bewies, daß die Herberge -zum Hirsch sehr besucht sein müsse. In der Tat saßen -auch, obgleich es erst Mittag war, schon viele Gäste beim Wein. -Sie schauten den stattlichen jungen Ritter prüfend an, als er -an ihren Tischen vorüber zum Ehrenplatz, in ein sechseckiges, -wie eine Laterne aus lauter Fenstern erbautes Erkerlein geführt -wurde; doch ließen sie sich in ihrem Gespräch durch den -vornehmen Gast nicht lange stören, sondern schwatzten weiter -über Krieg und Frieden, über Schlachten und Belagerungen, -wie ehrsame Spießbürger in so unruhigen Zeiten, wie Anno -1519, zu tun pflegten.</p> - -<p>Die Wirtin schien an ihrem Gast Gefallen zu finden. Sie -schaute mit lächelnder Miene nach ihm herüber, wenn sie am -Erkerlein vorbeiging, und als sie ihm eine Kanne alten Heppacher -und einen silbernen Becher vorsetzte, zog sich ihr etwas -großer Mund zu holdseliger Freundlichkeit. Sie versprach ihm -auch, ein junges Huhn zu braten und einen Tisch zu decken, -wenn er sich nur ein wenig gedulden wolle; einstweilen solle -er sich den Wein gut bekommen lassen. Das laternenförmige -Erkerlein lag um zwei Stufen höher als die übrige Trinkstube; -Georg konnte daher mit Muße die Tische übersehen und trinkend -die Gäste mustern. Obgleich er nicht viel in Herbergen und -Weinstuben sich herumzutreiben pflegte, so hatte er doch, vielleicht -dadurch, daß er weniger sprach als beobachtete, einen -eigenen Takt in Beurteilung solcher Umgebungen gewonnen, -der ihn auch bei seinen jetzigen Beobachtungen unterstützte.</p> - -<p>Die Gesellschaft, die um einen der großen eichenen Tische -saß, bestand aus etwa zehn bis zwölf Männern. Sie unterschieden -sich auf den ersten Anblick nicht sehr voneinander; -große Bärte, kurze Haare, runde Mützen, dunkle Wämser gehörten -dem einen so gut wie dem andern an; doch sonderte ein -schärferer Blick bald vorzüglich drei von den übrigen. Der -eine – er saß Georg am nächsten, war ein kleiner, fetter, -freundlicher Mann. Sein Haar war im Nacken etwas länger -als das der anderen, er hatte es sorgfältiger gekämmt, auch -schien sein dunkler Bart besser gepflegt zu sein. Ein Mantel -von feinem schwarzem Tuch und ein Filzhut mit spitzigem Kopf -und breiter Krempe, die hinter ihm an einem Nagel hingen, -bezeichneten einen Mann von einigem Gewicht, vielleicht gar -einen Ratsherrn. Er mochte auch eine bessere Sorte trinken -als die übrigen, denn er schlürfte bedächtig, und wenn er mit -dem Deckel an seinem Krug das Zeichen gab, daß er leer sei, tat<span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span> -er dies mit einem gewissen Anstand und vernehmlicher als die -übrigen. Er sah bei allem, was gesprochen wurde, überaus -fein und listig aus, als wisse er noch manches, ohne es gerade -hier preisgeben zu wollen. Auch hatte er das Vorrecht, das -Kellnermädchen in die Wangen zu kneipen oder ihren runden -Arm zu »tätscheln«, wenn sie ihm die gefüllte Kanne brachte.</p> - -<p>Ein anderer Mann, der am entgegengesetzten Ende des -Tisches saß, stach nicht minder gegen seine Umgebung ab als -der Fette; alles war an ihm länglich und hager. Sein Gesicht, -von der Stirne bis zu dem langen, zugespitzten Kinn, maß -wohl eine gute Mannesspanne; seine Finger, mit welchen er -auf dem Tische den Takt eines Liedes spielte, das er leise vor -sich hinpfiff, hatten etwas Spinnenartiges, und als sich Georg -einmal zufällig bückte, gewahrte er zu seinem großen Erstaunen, -daß der hagere Mann lange, dünne Beine beinahe unter dem -ganzen Tisch hin ausgestreckt hatte. Er hatte um seine Nase -etwas Hochfahrendes, das sich auch in der Art, wie er allem, -was die Bürger vorbrachten, widersprach, ausdrückte; er sah -aus wie einer, der viel mit vornehmen Herren umgegangen ist, -ihre Art und Weise angenommen hat, aber doch nicht recht bequem -damit zurechtkommt. Er konnte nicht aus dem Städtchen -sein, denn er hatte die Wirtin nach seinem Pferd gefragt. Nach -Georgs Mutmaßungen war er ein reisender Arzt, wie sie zu -jener Zeit im Lande umherzogen, um die Menschen künstlich -umzubringen.</p> - -<p>Der dritte Mann, der dem Gast im Erker auffiel, sah -etwas zerrissen und zerlumpt aus; er hatte übrigens etwas Bewegliches, -Listiges in seinem Wesen, das ihn von der gutmütigen, -behaglichen Ruhe der Spießbürger merklich unterschied. Er -hatte über dem einen Auge ein großes Pflaster, das andere -aber blickte kühn und offen um sich. Ein großer Reisestock mit -eiserner Spitze, der neben ihm lag, und sein lederbesetzter -Rücken, worauf er gewöhnlich einen Korb oder eine Kiste tragen -mochte, ließen schließen, daß er entweder ein Bote sei oder -wahrscheinlicher noch einer jener herumziehenden Krämer, die -auf Märkte und Kirchweihen, nebst wunderbaren Nachrichten -aus fernen Landen, für die Weiber wirksame Mittel gegen verhextes -Vieh und für die Mädchen schöne bunte Bänder und -Tücher bringen.</p> - -<p>Diese drei waren es auch, die das Gespräch führten, das -nur hin und wieder durch einen Ausruf der Verwunderung oder<span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span> -durch ein Klopfen mit den Krugdeckeln von den übrigen ehrsamen -Bürgern unterbrochen wurde.</p> - -<p>Diese Männer handelten übrigens eine Materie ab, die -Georgs Interesse sehr in Anspruch nahm: sie sprachen über die -Unternehmungen des Bundes im württembergischen Unterland. -Der Krämer mit dem ledernen Rücken hatte erzählt, daß Möckmühl, -worin sich Götz von Berlichingen eingeschlossen, von den -Bündischen erstürmt und jener tapfere Mann gefangen worden -sei.<a id="FNanchor_23_24"></a><a href="#Footnote_23_24" class="fnanchor">[23]</a></p> - -<p>Der Ratsherr hatte zu dieser Nachricht listig gelächelt und -einen guten Zug von seiner besseren Sorte getrunken; der -Hagere ließ aber den Lederrücken nicht aussprechen, er schlug den -Takt mit den langen Fingern etwas vernehmlicher und sagte -mit hohler Stimme: »Das ist erstunken und erlogen, Freund! -seht, das ist gar nicht möglich, denn der Berlichingen versteht -die schwarze Kunst und ist fest, das muß ich wissen, und überdies -hat er allein mit seiner eisernen Hand in mancher Schlacht -zweihundert Mann maustot geschlagen, was wird er sich denn -fangen lassen?«</p> - -<p>»Mit Verlaub,« unterbrach ihn der fette Herr, »dem ist -nicht also, sondern Götz ist in der Tat gefangen und sitzt in -Heilbronn. Aber nicht, weil er erlegen ist, denn sein Schloß -in Möckmühl ist nicht erstürmt worden, sondern die Bündischen -haben ihm und den Seinigen freien Abzug versprochen; wie -er aber aus dem Tor kam, wurde er überfallen, seine Knechte -getötet und er gefangen. Seht, das ist nicht recht, und da hat -der Bund schändlich gehandelt.«</p> - -<p>»Da muß ich doch bitten, Herr!« sprach der Lange, »daß -man nicht also von den Bundesobersten spricht; ich kenne viele -Herren davon genau, wie zum Beispiel Herr Truchseß von Waldburg -mein geneigter Herr und Freund ist.«</p> - -<p>Der fette Herr schien etwas erwidern zu wollen, spülte aber -das, was ihm auf der Zunge lag, mit einigem Wein hinunter. -Jedoch die Bürger brachen bei Erwähnung so vornehmer Bekanntschaften -in ein Gemurmel des Staunens aus und lüfteten -ehrerbietig ihre Mützen.</p> - -<p>»Nun, wenn Ihr bei dem Bunde so gut bekannt seid,« sagte -der Zerlumpte mit etwas trotziger Miene, »so werdet Ihr -uns die beste Nachricht geben können, wie es um Tübingen -aussieht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span></p> - -<p>»Es pfeift auf dem letzten Loche,« antwortete der Gefragte; -»ich war vor kurzer Zeit dort und sah die fürtrefflichen und -schrecklichen Anstalten zur Belagerung.«</p> - -<p>»Ei, – So, – Wie,« flüsterten die Bürger und rückten -näher zusammen, als erwarteten sie wichtige Kunde.</p> - -<p>Der hagere Mann lehnte sich an die Lehne seines Stuhles -zurück, steckte die langen Finger in die Degenkuppel, streckte die -Beine um einige Zoll länger aus und sprach: »Ja, ja, ihr Leute, -dort sieht es arg aus; alle Ortschaften in der Nachbarschaft -sind in großem Schaden, denn die Obstbäume sind alle abgehauen, -man schießt mit aller Macht auf Stadt und Schloß, und -die Stadt hat sich schon ergeben; im Schloß liegen vierzig Ritter, -aber sie können die paar Mäuerlein nicht mehr lange halten!«</p> - -<p>»Was? Ein paar Mäuerlein?« rief der fette Herr und -setzte seine Kanne klirrend auf den Tisch. »Wer je das Schloß -von Tübingen gesehen hat, kann nicht von ein paar Mäuerlein -reden. Hat es nicht auf den Seiten, wo es an den Berg stößt, -zwei tiefe Graben, daß die Bündler mit keiner Leiter hinauf -können, und Mauern zwölf Schuh dick, und Türme, aus welchen -sie ihre Feldschlangen nicht übel spielen lassen?«</p> - -<p>»Umgeschossen, umgeschossen!« rief der lange Mann mit -so greulich hohler Stimme, daß die erschrockenen Bürger die -Türme von Tübingen krachen zu hören glaubten; »den neuen -Turm, den der Ulrich neulich aufbaute, hat der Frondsberg -umgeschossen, wie wenn er nie dagestanden wäre.«<a id="FNanchor_24_25"></a><a href="#Footnote_24_25" class="fnanchor">[24]</a></p> - -<p>»Aber damit ist noch nicht alles hin,« antwortete der Zerlumpte. -»Und die Ritter machen Ausfälle aus dem Schloß und -haben schon manchen auf dem Wörth am Neckar schlafen gelegt. -Und dem Frondsberg haben sie den Hut vom Kopf geschossen, -daß er heute noch Ohrensummen hat.«<a id="FNanchor_25_26"></a><a href="#Footnote_25_26" class="fnanchor">[25]</a></p> - -<p>»Da seid Ihr falsch berichtet,« sprach der Hagere nachlässig; -»Ausfälle? Dafür haben die Belagerer leichte Reiter -wie die Teufel; es sind Griechen, ich weiß nicht vom Ganges -oder Epiros, man heißt sie Stratioten; die haben einen Obersten, -den Georg Samares, der läßt keinen Hund aus dem Loch -ausfallen.«<a id="FNanchor_26_27"></a><a href="#Footnote_26_27" class="fnanchor">[26]</a></p> - -<p>»Der hat halt auch ins Gras beißen müssen,« entgegnete -der zerlumpte Mann mit einem höhnischen Seitenblicke; »die -Hunde, wie Ihr sie nennt, sind dennoch ausgefallen, obgleich -der Grieche vor dem Loch stand, und haben ihn gebissen und -gefangen, und –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span></p> - -<p>»Gefangen? Den Samares?« rief der Lange, aus seiner -vornehmen Ruhe aufgeschreckt; »Freund, das habt Ihr falsch -gehört!«</p> - -<p>»Nein,« antwortete jener sehr ruhig, »ich habe die Glocken -läuten hören, als man ihn in Sankt Jörgenkirche begraben hat.«</p> - -<p>Die Bürger schauten aufmerksam nach dem langen Fremden, -um zu erforschen, was für einen Eindruck diese Nachricht -auf ihn mache. Er ließ seine buschigen Augenbrauen herab, -daß von seinen Augen nichts mehr zu sehen war, zwirbelte seinen -langen dünnen Knebelbart, schlug mit der knöchernen Hand auf -den Tisch und sagte: »Und wenn sie ihn auch in zehn Stücke -zerhauen hätten, den Griechen, es hilft doch nichts! das Schloß -muß über, da hilft nichts, und hat man Tübingen, dann gute -Nacht Württemberg! Der Ulrich ist zum Land hinaus, und -meine gnädigen Herren und Gönner sind Meister.«</p> - -<p>»Wer steht Euch davor, daß er nicht wiederkommt? Und -dann? – –« sagte der kluge, fette Herr und klappte den -Deckel zu.</p> - -<p>»Was? Wiederkommen!« schrie jener, »der Bettelmann! -Wer sagt das, daß er wiederkommt? Wer wagt es? He?«</p> - -<p>»Was geht es uns an?« murmelten die Gäste unmutig, -»wir sind friedliche Bürger, uns ist's einerlei, wer Herr im -Land ist, wenn nur die Steuern anders werden. – Wenn man -in der Herberg ist, wird doch auch noch ein Wort erlaubt sein.« -So sprachen sie, und der Hagere schien zufrieden, daß ihm keiner -etwas Ernstliches entgegnete. Er sah einen um den andern -mit stechendem Blicke an, zog dann sein Gesicht in freundlichere -Falten und sagte: »Es war nur zur Erinnerung, daß wir den -Herzog fürder nicht mehr brauchen; mein' Seel', mir ist er wie -Gift und Operment, darum gefällt mir auch das Paternoster -so gut, das einer auf ihn gemacht hat;<a id="FNanchor_27_28"></a><a href="#Footnote_27_28" class="fnanchor">[27]</a> ich will es einmal -singen.« Die Bürger sahen finster vor sich hin und schienen -nicht sehr begierig auf den Spottgesang, der ihrem unglücklichen -Herzog galt. Jener aber befeuchtete seine Kehle mit einem -guten Trunk und sang mit heiserer, unangenehmer Stimme:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Vater Unser,<br /></span> -<span class="i0">Reutlingen ist unser:<br /></span> -<span class="i0">Der du bist,<br /></span> -<span class="i0">Eßlingen hat nicht lange Frist.<br /></span> -<span class="i0">Geheiligt werde dein Nam',<br /></span> -<span class="i0">Heilbronn und Weil wollen wir han;<br /></span> -<span class="i0">Zukomm' uns dein Reich,<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span> -<span class="i0">Ulm sieht uns auch gleich;<br /></span> -<span class="i0">Dein Will' geschehe,<br /></span> -<span class="i0">Die Münz hat gereit ein anderes Geprähe;<br /></span> -<span class="i0">Unser täglich Brot,<br /></span> -<span class="i0">Wir haben Geschütz für alle Not;<br /></span> -<span class="i0">Gib uns heut, und vergib uns unsere Schuld,<br /></span> -<span class="i0">Wir haben des Königs in Frankreich Huld;<br /></span> -<span class="i0">Als wir vergeben unseren Schuldigern,<br /></span> -<span class="i0">Wir wollen dem Bund das Maul zusperr'n!<br /></span> -<span class="i0">Laß uns nicht versucht werden,<br /></span> -<span class="i0">Wir wollen bald Kaiser werden.<br /></span> -<span class="i0">Sondern erlös' uns vom Uebel. Amen.<br /></span> -<span class="i0">So behalten wir des Kaisers Namen.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Er schloß seinen Gesang mit einem fatalen, zitternden -Schnörkel, der weiter keinen Effekt hervorbrachte, als daß die -Bürger einander heimlich anstießen und über die jämmerlichen -Töne des Sängers die Achsel zuckten. Er aber schaute stolz -in dem Kreise umher, als wolle er in den Mienen seiner Zuhörer -den gerechten Beifall lesen.</p> - -<p>»Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen,« sagte der -Zerlumpte; »so fein kann ich's nicht, aber doch weiß ich auch -ein neues Lied und will es mit Eurem Verlaub singen.«</p> - -<p>Der Hagere sah ihn scheel und spöttisch an, die Bürger aber -nickten ihm zu, und er begann mit einem angenehmen Tenor, -indem er die Augen halb zuschloß, aber doch hin und wieder -auf den jungen Mann hinüberschielte, als beobachte er, welchen -Eindruck sein Gesang mache:<a id="FNanchor_28_29"></a><a href="#Footnote_28_29" class="fnanchor">[28]</a></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»O weh, wo bleibet deine Kraft,<br /></span> -<span class="i0">Württemberg, du arme Landschaft;<br /></span> -<span class="i0">Ich klag' dich billig hart und sehr,<br /></span> -<span class="i0">Denn der Bader von Ulm, der ist dein Herr.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Der zu Nürnberg die Wetschger macht,<br /></span> -<span class="i0">Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht,<br /></span> -<span class="i0">Der Salzsieder von Schwäbisch Hall,<br /></span> -<span class="i0">Von Ravensburg die Krämer all.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Von Rotweil die neuen Schweizerknaben<br /></span> -<span class="i0">Wollten der Gans auch ein Feder haben,<br /></span> -<span class="i0">Und der Schneider von Memming ist in der Sach'<br /></span> -<span class="i0">Und auch der Kürschner von Biberach.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Lärmender Beifall und Gelächter unterbrach den Sänger; -sie langten über den Tisch herüber, schüttelten dem Zerlumpten<span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span> -die Hand und lobten sein Lied. Der Hagere sprach kein Wort, -sondern warf finstere Blicke auf die Gesellschaft; man war ungewiß, -ob er den Beifall des Zerlumpten beneidete, oder ob der -Gegenstand des Liedes ihn beleidigte. Der fette Herr aber sah -ungemein klug aus, brummte die Weise des Liedes mit und nickte -bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt.</p> - -<p>Der Sänger mit dem ledernen Rücken fuhr fort:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Den Saymer von Kempten ich euch meld'<br /></span> -<span class="i0">Und Holzhauer von dem Herdtfeld<br /></span> -<span class="i0">Und andere, die ich nit nennen will,<br /></span> -<span class="i0">Der Haufen ist groß und wird gar zu viel.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und auch der ist in dem Strauß,<br /></span> -<span class="i0">Der richt' alles mit Ungeld aus,<br /></span> -<span class="i0">Ich mein' Junker Ermlich und sein Gesind,<br /></span> -<span class="i0">Des reichen Barchetwebers Kind.«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Daß Euch der Kuckuck in den Hals fahr', Ihr Lumpenhund!« -fuhr der lange Mann auf, als er die letzten Worte -hörte. »Ich weiß wohl, wen Ihr mit dem Barchetweber meint; -meinen gnädigen Gönner, den Herrn von Fugger. Den soll -mir ein solcher Landläufer verunglimpfen?« Er begleitete -diese Worte mit einem ausdrucksvollen Mienenspiel und mit -schrecklicher Gebärde.</p> - -<p>Doch der mit dem ledernen Rücken ließ sich nicht einschüchtern; -er stellte seine ungemein muskulöse Faust vor sich hin -und sagte: »Den Landläufer könnt Ihr für Euch behalten, Herr -Calmus, man weiß wohl, wer Ihr seid; und wenn Ihr nicht -augenblicklich Euer Maul haltet, so will ich Euch Eure Rührlöffel-Arme -vom Leibe schlagen.«</p> - -<p>Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst, daß er in -so gemeine Gesellschaft geraten sei; er zahlte seinen Wein und -ging vornehmen Schrittes aus der Trinkstube.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span></p> - -<h2 id="kap18">18.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Weh mir, ich habe die Natur verändert.<br /></span> -<span class="i0">Wie kommt der Argwohn in die freie Seele?<br /></span> -<span class="i0">Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin,<br /></span> -<span class="i0">Denn alles log mir, was ich hochgeachtet.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Schiller.</em> -</p> -</div> - -<p>Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte, sahen die -Gäste erstaunt einander an; es war ihnen zu Mut, als hätten -sie ein schweres Gewitter aufsteigen sehen, es hätte gekracht, als -ob die Erde bersten wolle, ja, als wäre ein erschrecklicher, tötender -Blitz auf sie herabgefahren, und siehe da, es war nur ein -»kalter Schlag«. Dem Mann mit dem Lederrücken dankten sie, -daß er den ungezogenen, übermütigen Gast so schnell entfernt -habe, und fragten, was er wohl von dem hageren Fremden -wisse?</p> - -<p>»Den kenne ich wohl,« antwortete dieser; »das ist unseres -Herrgotts Tagdieb, ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen -verkauft gegen die Pest, den Hunden den Wurm schneidet und -die Ohren stutzt, die Mädchen von dicken Hälsen befreit und den -Weibern Augenwasser gibt, daß sie blind werden. Er heißt -eigentlich Kahlmäuser, aber weil er ein Gelehrter sein will, heißt -er Doktor Calmus. Er nistet sich bei allen großen Herren ein, -und wenn ihn einer einmal einen Esel geheißen hat, so meint -er schon, er sei sein bester Freund.«</p> - -<p>»Mit dem Herzog muß er aber nicht gut stehen,« bemerkte -der schlaue Herr; »denn er hat doch lästerlich über ihn geschimpft.«</p> - -<p>»Ja, mit Herrn Ulrich steht er freilich nicht gut; das ging -aber so: der Herzog hatte einen schönen dänischen Jagdhund, -der hatte sich im Schönbuch einen Dorn tief in die Pfote getreten. -Den Herzog dauerte der Hund; er forschte nach einem -geschickten Mann, der das Tier heilen könnte, und zufällig war -der Kahlmäuser da und bot sich mit wichtigem Gesicht dazu an. -Er bekam im Schloß in Stuttgart alle Tage gut zu essen und -eine Maß Wein; das schmeckte ihm nun so gut, daß er über ein -Vierteljahr an der Hundspfote dokterte. Da ließ ihn eines -Tages der Herzog samt dem Hund rufen und fragte, was er -ausgerichtet habe. Er soll viel gelehrtes Zeug geschwatzt haben, -doch der Herr hat nicht darauf geachtet, sondern die Pfote -selbst untersucht, und da fand es sich, daß sie schon ganz schwarz -und brandig war. Da nahm der Herzog den Kahlmäuser, so<span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span> -lang er war, trug ihn an die lange Treppe, auf der man bis -in den zweiten Stock hinaufreiten kann, und warf ihn hinunter, -daß er halb tot unten ankam. Und seit der Zeit ist der Doktor -Calmus nicht gut auf den Herzog zu sprechen. Andere sagen -auch, er sei der Kundschafter gewesen zwischen dem Hutten und -der Frau Sabina und habe nur deswegen den Hund übernommen, -weil er dadurch ins Schloß kam.«</p> - -<p>»So? Mit dem Hutten hat er es gehalten?« sagte einer -der Bürger. »Das hätten wir wissen sollen, so hätten wir ihm -das Fell recht gegerbt, dem Lumpendoktor! Der Hutten ist -doch an all dem unseligen Kriege schuld mit seiner Liebelei, und -der dürre Kahlmäuser hat ihm dazu geholfen!«</p> - -<p>»<em class="antiqua">De mortuis nil nisi bene</em>; man muß die Toten schonen, -sagen die Lateiner,« entgegnete der fette Herr; »der arme Teufel -hat es mit dem Leben teuer genug bezahlt.«</p> - -<p>»Aber es ist ihm recht geschehen,« rief jener Bürger mit -großer Hitze; »an des Herzogs Stelle hätt' ich's gerade auch -so gemacht, ein jeder Mann muß sein Hausrecht wahren.«</p> - -<p>»Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd?« fragte -der fette Herr mit überaus schlauem Lächeln. »Da habt Ihr -die beste Gelegenheit; ein Schwert habt Ihr ja, und eine Eiche -wird sich auch finden, wohin Ihr seinen Leichnam hängen -könnet.«</p> - -<p>Ein schallendes Gelächter der Bürger von Pfullingen belehrte -den Gast im Erker, daß jener eifrige Verteidiger des -Hausrechts in seinem eigenen Hause nicht so ganz strenge -Justiz üben müsse. Er errötete und murmelte einige unverständliche -Worte in seinen Becher hinein.</p> - -<p>Der Zerlumpte aber, der als Fremder nicht mitlachen -wollte, nahm sich seiner an: »Jawohl hat der Herzog ganz recht -gehabt; denn er hätte den Hutten auf der Stelle hängen können, -ohne daß er erst mit ihm focht; er ist ja Freischöff vom westfälischen -Stuhl, vom heimlichen Gericht und darf einen -solchen Ehrenschänder ohne weiteres abtun. Und er hatte die -besten Beweise gleich bei der Hand; kennt Ihr das schöne Liedlein? -Ich will einmal ein paar Verse daraus singen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Und im Wald er sich zum Hutten wandt':<br /></span> -<span class="i0">›Was flimmert dort an deiner Hand?‹ –<br /></span> -<span class="i0">›Herr Herzog, 's ist ein Ringelein,<br /></span> -<span class="i0">Das hab' ich von meiner Liebsten fein.‹<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">›Ei, Hans, du bist ein stattlich Mann,<br /></span> -<span class="i0">Hast auch ein gülden Kettlein an!‹ –<br /></span> -<span class="i0">›Das hat mir auch mein Schatz geschenkt,<br /></span> -<span class="i0">Zum Zeichen, daß sie mein gedenkt.‹<br /></span> -</div></div> - -<p>Dann heißt es weiter:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">O Hutten, gib dei'm Gaul die Sporn,<br /></span> -<span class="i0">Des Herzogs Auge rollt voll Zorn,<br /></span> -<span class="i0">O Hutten, fleuch, noch ist es Zeit,<br /></span> -<span class="i0">Er reißt das Schwert schon aus der Scheid'.«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Laßt es lieber gut sein,« unterbrach ihn der fette Herr -mit ernster Miene; »es ist nicht gut, daß man in solchen Zeiten -dies Lied in der Herberge singt; dem Herzog kann es nicht mehr -nützen, und die Bündischen sind rings um uns; es könnte leicht -einer etwas davon hören,« setzte er mit einem stechenden Blick -auf Georg hinzu, »und dann hieße es gleich: Pfullingen zahlt -hundert Gulden Brandsteuer mehr.«</p> - -<p>»Weiß Gott, Ihr habt recht,« sagte der Zerlumpte; »es -ist nicht mehr wie früher, wo man ein freies Wort sprechen -und singen durfte beim Wein in der Trinkstube; da muß man -immer umschauen, ob nicht dort ein Herzoglicher und auf der -andern Seite ein Bündler sitzt; aber den letzten Vers will ich -noch singen, trotz Bayern und dem Schwabenbund:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Es steht eine Eich' im Schönbuchwald,<br /></span> -<span class="i0">Gar breit in den Aesten und hoch gestalt't;<br /></span> -<span class="i0">Die wird zum Zeichen Jahrhunderte stahn;<br /></span> -<span class="i0">Dort hing der Herzog den Hutten dran.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Er hatte ausgesungen, das Gespräch der Bürger sank jetzt -zum Geflüster herab, und Georg glaubte zu bemerken, daß sie -über ihn ihre Glossen machten. Auch die freundliche Wirtin -schien neugierig, zu wissen, wen sie in ihrem Erkerlein beherberge. -Sie setzte die Speisen, die sie ihm bereitet hatte, vor -ihn hin, nachdem sie ein schönes Tafeltuch über den <span id="corr142">runden</span> -Tisch ausgebreitet hatte; dann nahm sie selbst an der entgegengesetzten -Seite Platz und befragte ihn, wiewohl sehr bescheiden, -über das Woher? und Wohin?</p> - -<p>Der junge Mann war nicht gesonnen, ihr über den eigentlichen -Zweck seiner Reise genaue Auskunft zu geben. Das -Gespräch der Gäste an der langen Tafel hatte ihn belehrt, daß es -hier nicht minder gefährlich sei, zu gar keiner Partei zu gehören,<span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span> -als sich für irgend eine bestimmt zu erklären, er sagte -daher, er komme aus Franken und werde noch weiter hinauf ins -Land, in die Gegend von Zollern reisen, und schnitt somit jede -weitere Frage ab; denn die Wirtin war zu bescheiden, als daß -sie sich den Ort, wohin er gehe, noch näher hätte bezeichnen -lassen. Es schien ihm aber eine gute Gelegenheit, sich nach -Marien zu erkundigen, denn er war glücklich, wenn ihm die -Wirtin zum goldenen Hirsch auch nur ihren Namen nennen, -nur den Saum ihres Kleides beschreiben würde. Er fragte -daher nach den Burgen umher und nach den ritterlichen Familien, -die in der Nachbarschaft wohnen.</p> - -<p>Die Wirtin schwatzte gerne. Sie gab ihm in weniger als -einer Viertelstunde die Chronik von fünf bis sechs Schlössern -aus der Gegend, und bald kam auch Lichtenstein an die Reihe. -Der junge Mann holte tiefer Atem bei diesem Namen und -schob die <span id="corr143">Schüssel</span> weit hinweg, um seine Aufmerksamkeit ganz -der Erzählerin zu widmen.</p> - -<p>»Nun, die Lichtensteiner sind gar nicht arm, im Gegenteil, -sie haben schöne Felder und Wälder, und keine Rute Landes -verpfändet: da ließe sich der Alte lieber seinen langen Bart -abscheren, obgleich er gar viel darauf hält und ihn immer streichelt, -wenn er mit den Leuten spricht. Er ist ein strenger, -ernster Mann. Was er einmal haben will, das muß geschehen, -und sollte es biegen oder brechen. Er ist auch einer von denen, -die es so lange mit dem Herzog hielten. Die Bündischen werden -es ihm übel entgelten lassen.«</p> - -<p>»Wie ist denn seine …, ich meine, Ihr sagtet, er habe -eine Tochter, der Lichtenstein?«</p> - -<p>»Nein,« antwortete die Wirtin, indem sich ihr sonst so -heiteres Gesicht in grämliche Falten zog, »von der habe ich -gewiß nicht gesprochen, daß ich es wüßte. Ja, er hat eine Tochter, -der gute alte Mann, und es wäre ihm besser, er führe kinderlos -in die Grube, als daß er aus Jammer über sein einziges -Kind abfährt.«</p> - -<p>Georg traute seinen Ohren nicht. Was konnte die Wirtin -gerade von Marien so Arges denken, daß sie den Vater glücklich -pries, wenn er dieses Kind nicht hätte? »Was ist es denn -mit diesem Fräulein?« fragte er, indem er sich vergebens abmühte, -recht scherzhaft auszusehen; »Ihr macht mich neugierig, -Frau Wirtin. Oder ist es ein Geheimnis, das Ihr nicht sagen -dürft?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span></p> - -<p>Die Frau zum goldenen Hirsch schaute aus dem Erker heraus -nach allen Seiten, ob niemand lausche; aber die Bürger -waren ruhig in ihrem Gespräch begriffen und achteten nicht -auf sie, und sonst war niemand in der Nähe, der sie hören -konnte. »Ihr seid ein Fremder,« hub sie nach diesen Forschungen -an, »Ihr reiset weiter und habt nichts mit dieser -Gegend zu schaffen, darum kann ich Euch wohl sagen, was -ich nicht jedem vertrauen möchte. Das Fräulein dort oben auf -dem Lichtenstein ist ein – ein – ja bei uns Bürgersleuten -würde man sagen, sie ist ein schlechtes Ding, eine lose Dirne –«</p> - -<p>»Frau Wirtin!« rief Georg.</p> - -<p>»So schreiet doch nicht so, verehrter Herr Gast, die Leute -schauen sich ja um. Meinet Ihr denn, ich sage, was ich nicht -ganz gewiß weiß? Denkt Euch, alle Nacht Schlag elf Uhr läßt -sie ihren Liebsten in die Burg. Ist das nicht schrecklich genug -für ein sittsames Fräulein?«</p> - -<p>»Bedenket, was Ihr sprechet! Ihren Liebsten?«</p> - -<p>»Ja leider, nachts um elf Uhr ihren Liebsten. Es ist eine -Schande und ein Spott! Es ist ein ziemlich großer Mann, der -kommt, in einen grauen Mantel gehüllt, ans Tor. Sie hat es -zu machen gewußt, daß zu dieser Zeit alle Knechte vom Tore -entfernt sind und nur der alte Burgwart, der ihr auch in ihrer -Kindheit zu allen losen Streichen half, um den Weg ist. Da -kommt sie nun allemal, wenn es drüben in Holzelfingen elf Uhr -schlägt, selbst herunter in den Hof, die Nacht mag so kalt sein, -als sie will, und bringt den Schlüssel zur Zugbrücke, den sie -zuvor ihrem alten Vater vom Bette stiehlt; dann schließt der -alte Sünder, der Burgwart, auf, die Brücke fällt nieder, und -der Mann im grauen Mantel eilt in die Arme des Fräuleins.«</p> - -<p>»Und dann?« fragte Georg, der beinahe keinen Atem mehr -in der Brust, kein Blut mehr in den Wangen hatte, »und -dann?«</p> - -<p>»Ja, dann wird Braten, Brot und Wein geholt. So viel -ist gewiß, daß der nächtliche Liebste einen ungeheuren Hunger -haben muß, denn er hat in mancher Nacht einen halben Rehziemer -rein aufgezehrt und zwei, drei Nößel Wein dazu getrunken. -Was weiter geschieht, weiß ich nicht. Ich will nichts -vermuten, nichts sagen, aber das weiß ich,« setzte sie mit einem -christlichen Blick gen Himmel hinzu, »beten werden sie nicht.«</p> - -<p>Georg schalt sich nach kurzem Nachdenken selbst aus, daß er -nur einen Augenblick gezweifelt habe, daß diese Erzählung eine -Lüge, von irgend einem müßigen Kopf ersonnen sei; oder, wenn<span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span> -auch etwas Wahres darin wäre, so konnte es doch nichts sein, -das Marien zur Unehre gereicht hätte.</p> - -<p>Wenn es wahr ist, daß die Liebe eines Jünglings in den -guten alten Zeiten zwar nicht weniger leidenschaftlich war als -in unseren Tagen, aber mehr den Charakter reiner, anbetender -Ehrfurcht trug, daß nach der Sitte der Zeit die Geliebte nicht -auf gleicher Stufe mit ihrem Verehrer, sondern um eine höher -stand, wenn wir den romantischen Erzählungen alter Chroniken -und Minnebücher trauen dürfen, die so viele Beispiele aufführen, -daß sich edle Männer, wenn sie in Liebe sind, für die -Treue und Reinheit ihrer Dame auf der Stelle totschlagen -lassen, so ist es nicht zu verwundern, daß Georg von Sturmfeder, -wenigstens auf <em class="gesperrt">diese</em> Indizien hin, von Marien nichts -Schlechtes denken konnte. So rätselhaft ihm selbst jene nächtlichen -Besuche vorkommen mochten, so sah er doch klar, es sei -weder bewiesen, daß der Vater nichts darum wisse, noch daß der -geheimnisvolle Mann gerade ein Liebhaber sein müsse. Er -trug diese Zweifel auch seiner Wirtin vor.</p> - -<p>»So? Meint Ihr, der Vater wisse um die Geschichte?« -sprach sie. »Dem ist nicht so. Sehet, ich weiß das gewiß, denn -die alte Rosel, die Amme des Fräuleins –«</p> - -<p>»Die alte Rosel hat es gesagt?« rief Georg unwillkürlich. -Ihm war ja diese Amme, die Schwester des Pfeifers von Hardt, -so wohl bekannt. Freilich, wenn diese es gesagt hatte, war die -Sache nicht so zweifelhaft; denn er wußte, daß sie eine fromme -Frau und dem Fräulein sehr zugetan war.</p> - -<p>»Ihr kennt die alte Rosel?« fragte die Wirtin, erstaunt -über den Eifer, womit ihr fremder Gast nach dieser Frau fragte.</p> - -<p>»Ich? Sie kennen? Nein, erinnert Euch nur, daß ich -heute zum erstenmal in diese Gegend komme. Nur der Name -Rosel fiel mir auf.«</p> - -<p>»Sagt man bei Euch nicht so? Rosel heißt Rosina bei -uns, und so nennt man die alte Amme in Lichtenstein. Nun -seht, diese hält viel auf mich und kommt hie und da zu mir, -dann koche ich ein süßes Weinmüschen, was sie für ihr Leben -gerne ißt, und zum Dank vertraut sie mir allerlei Neues. Von -ihr habe ich auch, was ich Euch sagte. Der Vater weiß gar -nichts von diesen nächtlichen Besuchen, denn er geht schon um -acht Uhr zu Bette. Die Amme schickte das Fräulein jedesmal -um acht in ihre Kammer. Das fiel nun nach ein paar Tagen der -guten Rosel auf. Sie stellte sich, als gehe sie zu Bette, und siehe -da, was geschieht? Kaum ist alles ruhig im Schloß, so macht<span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span> -das Fräulein, das sonst keinen Span anrührt, eigenhändig ein -Feuer auf dem Herd, kocht und bratet, was sie kann und weiß, -holt Wein aus dem Keller, holt Brot aus dem Schrank und deckt -in der Herrenstube den Tisch. Dann schaut sie zum Fenster -hinaus in die kalte schwarze Nacht, und richtig, wenn es drüben -elf Uhr schlägt, rasselt die Zugbrücke nieder, der nächtliche Geselle -wird eingelassen und geht mit dem Fräulein in die Herrenstube. -Sie hat auch schon gehorcht, die Rosel, was wohl drinnen -vorgehe, aber die eichenen Türen sind gar dick. Dann lugte sie -auch einmal durchs Schlüsselloch, sah aber nichts als den Kopf -des Fremden.«</p> - -<p>»Nun, und ist er schon alt? Wie sieht er aus?«</p> - -<p>»Alt? Wo denket Ihr hin! Die sieht mir auch danach -aus, daß sie es mit einem Alten hätte! Jung ist er und schön, -wie mir die Rosel sagt. Er hat einen dunklen Bart um Mund -und Kinn, schönes gerolltes Haar auf dem Kopf, und sah recht -freundlich und liebreich aus.«</p> - -<p>»Daß ihm der Satan den Bart Haar für Haar auszwicke!« -murmelte Georg und strich mit der Hand über das Kinn, das -noch ziemlich glatt war. »Frau! besinnt Euch, habt Ihr denn -dies alles so recht gehört von der Frau Rosel? Hat sie dies -alles so gesagt? Machet Ihr nicht noch mehr dazu?«</p> - -<p>»Gott bewahre mich, daß ich über jemand lästere! Da -kennt Ihr mich schlecht, Herr Ritter! Das alles hat mir Frau -Rosel gesagt, und noch mehr hat sie vermutet und mir ins Ohr -geflüstert, was eine ehrliche Frau einem schönen jungen Herrn -nicht wiedersagen kann. Und denket Euch, wie recht schlecht das -Fräulein ist, sie hat noch einen andern Liebhaber gehabt, und -dem ist sie also untreu geworden!«</p> - -<p>»Noch einen?« fragte Georg aufmerksam, denn die Erzählung -schien ihm mehr und mehr an Wahrscheinlichkeit zuzunehmen.</p> - -<p>»Ja, noch einen. Es soll ein gar schöner, lieber Herr sein, -sagte mir die Rosel. Sie war mit dem Fräulein einige Zeit in -Tübingen, und da war ein Herr von – von – ich glaube, -Sturmfittich heißt er – der war auf der hohen Schule, und -da lernten sich die beiden Leutchen kennen, und die Amme -schwört, es sei nie ein schmuckeres Paar erfunden worden im -ganzen Schwabenland. Sie hat ihn auch ganz schrecklich lieb -gehabt, das ist wahr, und sei sehr traurig gewesen um ihn, als -sie von Tübingen ging. Nun ist sie dem armen Jungen untreu -geworden, das falsche Herz, und die Amme heult, wenn sie nur<span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span> -an den schönen, treuen Herrn denkt. Er soll noch viel, viel -schöner gewesen sein als der, den sie jetzt hat.«</p> - -<p>»Frau Wirtin, wie oft lasset Ihr mich denn klopfen, bis -ich einen vollen Becher bekomme,« rief der fette Herr aus der -Trinkstube herauf; denn die Frau Wirtin hatte über ihrer Erzählung -alles übrige vergessen.</p> - -<p>»Gleich, gleich!« antwortete sie und flog an den Schenktisch -hin, den durstigen Herrn mit seiner besseren Sorte zu versehen; -und von da ging es zum Keller, und Boden und Küche nahmen -sie in Anspruch, so daß der Gast im Erker gute Weile hatte, einsam -über das, was er gehört hatte, nachzusinnen.</p> - -<p>Den Kopf auf die Hand gestützt, saß er da und schaute unverrückt -in die Tiefe seines silbernen Bechers. So saß er am -Nachmittag, so saß er am Abend. Die Nacht war schon lange -eingebrochen, und er saß noch immer so hinter dem runden Tisch -im Erker, tot für die Welt umher, nur hin und wieder verriet -ein tiefes Seufzen, daß noch Leben und Empfindung in ihm sei. -Die Wirtin wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte. Sie -hatte sich wenigstens zehnmal neben ihn gesetzt, hatte versucht, -mit ihm zu sprechen, aber er hatte ihr gedankenlos mit starren -Augen ins Gesicht geschaut und nichts geantwortet. Es war ihr -ganz angst dabei geworden, denn gerade so hatte sie ihr seliger -Mann angestarrt, als er das Zeitliche gesegnete und ihr den -goldenen Hirsch hinterließ.</p> - -<p>Sie beriet sich mit dem fetten Herrn, und auch der Mann -mit dem Lederrücken gab seine Meinung preis. Die Wirtin -behauptete, entweder sei er verliebt bis über die Ohren, oder -man habe es ihm angetan. Sie belegte ihre Behauptungen mit -einer schrecklichen Geschichte von einem jungen Ritter, den sie -gesehen, und der aus lauter Liebe am ganzen Leib erstarrt sei, -bis er am Ende gestorben.</p> - -<p>Der Zerlumpte war nicht dieser Meinung. Er glaubte, -dem jungen Mann sei vielleicht ein Unglück geschehen, wie jetzt -oft im Krieg vorkomme, und er sei deswegen in so tiefe Trauer -versenkt. Der fette Herr aber blinzelte einigemal nach dem -stummen Gast im Erker hinauf und fragte dann mit sehr pfiffiger -Miene, von welchem Gewächs und Jahrgang der Ritter -trinke?</p> - -<p>»Nun, ich hab' ihm Heppacher gegeben von 1480. Es ist -das Beste, was der goldene Hirsch hat.«</p> - -<p>»Da haben wir es!« rief der kluge Mann. »Ich kenn' den -Heppacher Achtziger, den kann solch ein Junkerlein nicht führen,<span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span> -und der ist ihm zu Kopf gestiegen. Laßt ihn sitzen, laßt ihn -immer sitzen, seinen schweren Kopf in der Hand, ich wette, ehe -es acht Uhr schlägt, hat er ausgeschlafen und ist wieder so frisch -wie der Fisch im Wasser.«</p> - -<p>Der Zerlumpte schüttelte den Kopf und sagte nichts dazu, -die Wirtin aber belobte den gewohnten Scharfsinn des fetten -Herrn und fand seine Vermutung am wahrscheinlichsten.</p> - -<p>Es war neun Uhr in der Nacht, die täglichen Zechgäste -hatten schon alle die Trinkstube verlassen, und auch die Wirtin -wollte sich zum Abendsegen rüsten, als der fremde Herr aus -seinem Zustand erwachte. Er sprang auf, machte einige Gänge -durchs Zimmer und blieb endlich vor der Hausfrau stehen. Er -sah düster und verstört aus, und die wenigen Stunden vom -Mittag bis jetzt hatten seinen sonst so freundlichen, offenen -Zügen tiefe Spuren des Grams eingedrückt.</p> - -<p>Die Wirtin dauerte sein Anblick, sie wollte ihm, eingedenk -des klugen fetten Herrn, noch ein heilsames Süpplein kochen -und ihm dann ein treffliches, weiches Bett anweisen, doch er -schien für diese Nacht ein rauheres Lager sich erwählt zu haben.</p> - -<p>»Wann sagt Ihr,« hub er mit leiser, unsicherer Stimme -an, »wann geht der nächtliche Gast nach Lichtenstein, und wann -kommt er zurück?«</p> - -<p>»Um elf Uhr, lieber Herr, geht er hinein, und um den -ersten Hahnenschrei kommt er wieder über die Zugbrücke.«</p> - -<p>»Lasset mein Pferd satteln und besorgt mir einen Knecht, -der mich nach Lichtenstein geleite.«</p> - -<p>»Jetzt in der Nacht?« rief die Wirtin und schlug vor Verwunderung -die Hände zusammen. »Jetzt wollet Ihr ausreiten? -Ei geht doch. Ihr treibt Spaß mit mir!«</p> - -<p>»Nein, gute Frau, es ist mein wahrer Ernst; aber sputet -Euch ein wenig, ich habe Eile.«</p> - -<p>»Die habt Ihr den ganzen Tag nicht gehabt,« entgegnete -jene; »und jetzt wollt Ihr auf einmal über Hals und Kopf in -die Nacht hinaus. Zwar die frische Luft kann nichts schaden -bei solchen Kranken; aber weiß Gott, Euer Pferd lasse ich nicht -aus dem Stall, Ihr könnt mir herunterfallen oder allerlei Unglück -anrichten, und dann hieße es, wo hat denn die Hirschwirtin -wieder den Kopf gehabt, daß sie die Leute so laufen läßt?«</p> - -<p>Der junge Mann hatte ihre Rede ganz überhört, denn er -war wieder in sein düsteres Sinnen zurückgesunken. Als sie -aufhörte zu sprechen, schrak er auf und wunderte sich, daß sie -seinen Befehl noch nicht befolgt habe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span></p> - -<p>Er ging, als sie noch immer zauderte, um sein Pferd selbst -zu besorgen. Da dachte sie, daß sie doch keine Gewalt habe, -ihn zurückzuhalten, und daß es geratener sein möchte, ihn ziehen -zu lassen. »Lasset dem Herrn seinen Braunen herausführen,« -rief sie, »und der Andres soll sich rüsten, heute noch ein Stück -Weges zu gehen! – Er hat recht, daß er jemand mitnehmen -will,« sprach sie für sich weiter, »der kann ihn doch im Notfall -halten. Zwar sagt man, sie haben ein paar Sinne mehr, wenn -sie etwas im Kopfe haben, und es falle keiner so leicht vom -Pferde, wenn er auch hin und her schwankt wie der Schwengel -in der großen Glocke, aber besser ist besser. – Was Ihr schuldig -seid, Herr Ritter? Nun Ihr habt gehabt eine Maß Alten, -macht zwölf Kreuzer, und das Essen – nun, es ist nicht der -Rede wert, was Ihr gegessen habt. Ihr habt ja mein Huhn -kaum angesehen. Nun, wenn Ihr für den Stall und das Essen -noch zwei Kreuzer zulegen wollt, so wird Euch eine arme Witfrau -schön danken.«</p> - -<p>Nachdem die Rechnung in dem niederen Münzfuß der -guten alten Zeiten berichtigt war, entließ die Wirtin zum goldenen -Hirsch ihren Gast. Sie war ihm zwar nicht mehr so gewogen -wie heute mittag, als er herrlich wie der junge Tag in -ihre Trinkstube getreten war, aber dennoch konnte sie sich nicht -verhehlen, als er beim Schein der Kienfackeln sich aufs Pferd -schwang, daß sie nicht leicht einen schöneren Mann gesehen habe, -und sie schärfte daher ihrem Knecht, der ihn begleitete, um so -sorgfältiger ein, recht genau auf ihn acht zu geben, weil es bei -diesem Herrn doch nicht ganz richtig im Kopfe sei.«</p> - -<p>Vor dem Tor von Pfullingen fragte der Knecht den nächtlichen -Reiter, wohin er reiten wolle, und auf seine Antwort: -»Nach Lichtenstein,« schlug er einen Weg rechts ein, der zum -Gebirge führte. Der junge Mann ritt schweigend durch die -Nacht hin; er sah nicht rechts, er sah nicht links, er sah nicht -auf nach den Sternen, nicht hinaus in die Weite, seine gesenkten -Blicke hafteten am Boden. Es war ihm wie damals, als ihn die -Mörder am Wege niedergeschlagen hatten. Seine Gedanken -standen stille, er hoffte nicht mehr, er hatte zu leben, zu lieben -und zu wünschen aufgehört. Und doch war ihm damals wohler -gewesen, als ihm auf dem kühlen Teppich des Wiesentales die -Besinnung schwand; er war ja entschlummert mit dem erhebenden -Gedanken an sie, und die erstarrenden Lippen hatten noch -einmal einen süßen Namen ausgesprochen.</p> - -<p>Aber jetzt war die Leuchte verlöscht, die seinen Pfad durchs<span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span> -Leben erhellt hatte. Es war ihm, als habe er nur noch einen -kurzen Weg im Dunkeln hinzugehen, um dann in lichteren -Höhen als auf dem Lichtenstein seine Ruhe zu finden. Und -unwillkürlich zuckte seine Rechte hie und da ans Schwert, als -wollte er sich versichern, daß ihm dieser Gefährte wenigstens -treu geblieben sei, als sei dies der gewichtige Schlüssel, der -die Pforte sprengen sollte, die aus dem Dunkel zum Lichte führt.</p> - -<p>Der Wald hatte längst die Wanderer aufgenommen. -Steiler wurden die Pfade, und das Roß strebte mühsam unter -der Last des Reiters und seiner Rüstung bergan; doch der -Reiter bemerkte es nicht. Die Nachtluft wehte kühler und -spielte mit den langen Haaren des Jünglings, er fühlte es -nicht. Der Mond kam herauf und beleuchtete seinen Pfad, beleuchtete -kühne Felsenmassen und die hohen, gewaltigen Eichen, -unter welchen er hinzog, er sah es nicht. Unbemerkt von ihm -rauschte der Strom der Zeit an ihm vorüber, Stunde um -Stunde verging, ohne daß ihm der Weg lang bedünkte.</p> - -<p>Es war Mitternacht, als sie auf der höchsten Höhe ankamen. -Sie traten heraus aus dem Wald, und getrennt durch eine -weite Kluft von der übrigen Erde lag auf einem einzelnen, senkrecht -aus der nächtlichen Tiefe aufsteigenden Felsen der Lichtenstein.</p> - -<p>Seine weißen Mauern, seine zackigen Felsen schimmerten -im Mondlicht. Es war, als schlummere das Schlößchen, abgeschieden -von der Welt, im tiefen Frieden der Einsamkeit.</p> - -<p>Der Ritter warf einen düsteren Blick dorthin und sprang -ab. Er band das Pferd an einen Baum und setzte sich auf -einen bemoosten Stein, gegenüber von der Burg. Der Knecht -stand erwartend, was sich weiter begeben werde, und fragte -mehreremal vergeblich, ob er seines Dienstes jetzt entlassen sei?</p> - -<p>»Wie weit ist's noch bis zum ersten Hahnenschrei?« fragte -endlich der stumme Mann auf dem Steine.</p> - -<p>»Zwei Stunden, Herr!« war die Antwort des Knechtes.</p> - -<p>Der Ritter reichte ihm reichlichen Lohn für sein Geleite -und winkte ihm, zu gehen. Er zögerte, als scheue er sich, den -jungen Mann in diesem unglücklichen Zustand zu verlassen, als -aber jener ungeduldig seinen Wink wiederholte, entfernte er -sich stille. Nur einmal noch sah er sich um, ehe er in den Wald -eintrat. Der schweigende Gast saß noch immer, die Stirne in -die Hand gestützt, im Schatten einer Eiche, auf dem bemoosten -Stein.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span></p> - -<h2 id="kap19">19.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Durch diese hohle Gasse muß er kommen;<br /></span> -<span class="i0">Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht. – Hier<br /></span> -<span class="i0">Vollend' ich's – die Gelegenheit ist günstig.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Schiller.</em> -</p> -</div> - -<p>Man hat zu allen Zeiten viel Schönes und Wahres über -die Torheit der Eifersucht geschrieben, und dennoch sind die -Menschen seit Urias' Zeiten darin nicht weiser geworden. Leute -von überaus kühler Konstitution werden zwar sagen, wenn -jener berühmte jüdische Hauptmann nicht die Torheit begangen -hätte, seine schöne Frau nur für sich allein haben zu wollen -oder gar auf den König David eifersüchtig zu werden, so wäre -der berüchtigte Uriasbrief nie geschrieben worden und besagter -Hauptmann hätte es vielleicht noch weit im Dienste bringen -können. Andere aber, denen die Natur heißes Blut und einen -Stolz, ein Gefühl der Ehre gegeben hat, das durch Hintansetzung -oder Treubruch leicht aufgeregt und beleidigt wird, werden -beim eintretenden Falle jenem unglücklichen Uebel unterliegen, -wenn sie auch mit allen Beweisgründen der kälteren -Vernunft sich selbst die Torheit ihres Beginnens vorpredigen.</p> - -<p>Georg von Sturmfeder war nicht von so kühlem Blute, -daß ihn die Nachricht, die er heute erhielt, nicht aus allen -Schranken der Billigkeit und Mäßigung herausgejagt hätte; -er war überdies in einem Alter, wo zwar die offene Seele sich -noch nicht daran gewöhnt hat, dem Menschen <em class="antiqua">a priori</em> zu mißtrauen, -wo aber ein solcher Fall um so überraschender ist, -um so gefährlicher wirkt, eben weil das arglose Herz ihn nie -gedacht hat. Da kocht das Gefühl der gekränkten Treue, da -braust der Stolz auf, der sich beleidigt dünkt; den prüfenden -Verstand, der das Falsche vom Rechten zu sondern pflegt, umziehen -trübe, düstere Wolken und verhüllen ihm das Wahre; ein -Wörtchen Wahrscheinlichkeit in einem Gewebe von Lüge überzeugt -ihn; die Sonne der Liebe sinkt hinab, und es wird Nacht -in der Seele. Dann schleichen sich jene nächtlichen Gesellen: -Verachtung, Wut, Rache, in das von allen guten Engeln verlassene -Herz, und die unendliche Stufenleiter der Empfindungen, -welche von Liebe zu Haß führt, hat die Eifersucht in -wenigen Augenblicken zurückgelegt.</p> - -<p>Georg war auf jener Stufe der düsteren, stillen Wut und -der Rache angekommen; über diese Empfindung brütend, saß -er unempfindlich gegen die Kälte der Nacht auf dem bemoosten<span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span> -Stein, und sein einziger, immer wiederkehrender Gedanke war, -den nächtlichen Freund »<em class="gesperrt">zu stellen und ein Wort mit -ihm zu sprechen</em>«.</p> - -<p>Es schlug zwei Uhr in einem Dorf über dem Walde, als -er sah, daß sich Lichter an den Fenstern des Schlosses hinbewegten; -erwartungsvoll pochte sein Herz, krampfhaft hatte seine -Hand den langen Griff des Schwertes umfaßt. Jetzt wurden -die Lichter hinter den Gittern des Tores sichtbar, Hunde schlugen -an; Georg sprang auf und warf den Mantel zurück. Er hörte, -wie eine tiefe Stimme ein vernehmliches »Gute Nacht!« sprach. -Die Zugbrücke rauschte nieder und legte sich über den Abgrund, -der das Land von Lichtenstein scheidet, das Tor ging auf, und -ein Mann, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, den dunklen Mantel -fest umgezogen, schritt über die Brücke und gerade auf den Ort -zu, wo Georg Wache hielt.</p> - -<p>Er war noch wenige Schritte entfernt, als dieser mit -einem dröhnenden: »Zieh, Verräter, und wehr' dich deines -Lebens!« auf ihn einstürzte; der Mann im Mantel trat zurück -und zog; im Augenblick begegneten sich die blitzenden Klingen -und rasselten klirrend aneinander.</p> - -<p>»Lebendig sollst du mich nicht haben,« rief der andere; -»wenigstens will ich mein Leben teuer genug bezahlen!« Zugleich -sah ihn Georg tapfer auf sich eindringen, und an den schnellen -und gewichtigen Hieben merkte er, daß er keinen zu verachtenden -Gegner vor der Klinge habe. Georg war kein ungeübter -Fechter, und er hatte manch ernstlichen Kampf mit Ehre ausgefochten, -aber hier hatte er seinen Mann gefunden. Er fühlte, -daß er sich bald auf die eigene Verteidigung beschränken müsse, -und wollte eben zu einem letzten gewaltigen Stoß ausfallen, -als plötzlich sein Arm mit ungeheurer Gewalt festgehalten -wurde; sein Schwert wurde ihm in demselben Augenblick aus der -Hand gewunden, zwei mächtige Arme schlangen sich um seinen -Leib und fesselten ihn regungslos, und eine furchtbare Stimme -schrie: »Stoßt zu, Herr! ein solcher Meuchelmörder verdient -nicht, daß er noch einen Augenblick zum letzten Paternoster -habe!«</p> - -<p>»Das kannst du verrichten, Hans,« sprach der im Mantel; -»ich stoße keinen Wehrlosen nieder; dort ist sein Schwert, schlag -ihn tot, aber mach' es kurz.«</p> - -<p>»Warum wollt Ihr mich nicht lieber selbst umbringen, -Herr!« sagte Georg mit fester Stimme; »Ihr habt mir meine -Liebe gestohlen, was liegt an meinem Leben?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span></p> - -<p>»Was habe ich?« fragte jener und trat näher.</p> - -<p>»Was Teufel ist das für eine Stimme?« sprach der Mann, -der ihn noch immer umschlungen hielt; »die sollte ich kennen!« -Er drehte den jungen Mann in seinen Armen um, und wie von -einem Blitz getroffen, zog er die Hände von ihm ab! »Jesus -Maria und Joseph! Da hätten wir bald etwas Schönes gemacht! -Aber welcher Unstern führt Euch auch gerade hierher, -Junker? Was denken auch meine Leute, daß sie Euch fortlassen, -ohne daß ich dabei bin!«</p> - -<p>Es war der Pfeifer von Hardt, der Georg also anredete -und ihm die Hand zum Gruß bot; dieser aber schien nicht geneigt, -dieses freundliche Zeichen einem Manne zu erwidern, -der noch soeben das Handwerk des Henkers an ihm verrichten -wollte; wild blickte er bald den Mann im Mantel, bald den -Pfeifer an. »Meinst du,« sagte er zu diesem, »ich hätte mich -von deinen Weibern in Gefangenschaft halten lassen sollen, daß -ich deine Verräterei hier nicht sehe? Erbärmlicher Betrüger! -Und Ihr,« wandte er sich zu dem anderen, »wenn Ihr ein -Mann von Ehre seid, so stehet mir und fallet nicht zu zwei -über einen her; wenn Ihr wißt, daß ich Georg von Sturmfeder -bin, so mögen Euch meine früheren Ansprüche auf das -Fräulein nicht unbekannt sein, und mit Euch mich zu messen, -bin ich hierher gekommen. Darum befehlet diesem Schurken, -daß er mir mein Schwert wiedergebe, und laßt uns ehrlich -fechten, wie es Männern geziemt.«</p> - -<p>»Ihr seid Georg von Sturmfeder?« sprach jener mit -freundlicher Stimme und trat näher zu ihm. »Es scheint mir, -Ihr seid etwas im Irrtum hier. Glaubet mir, ich bin Euch -sehr gewogen und hätte Euch längst gerne gesehen. Nehmet -das Ehrenwort eines Mannes, daß mich nicht die Absichten -in jenes Schloß führen, die Ihr mir unterleget, und seid mein -Freund!«</p> - -<p>Er bot dem überraschten Jüngling die Hand unter dem -Mantel hervor, doch dieser zauderte; die gewichtigen Hiebe dieses -Mannes hatten ihm zwar gesagt, daß er ein Ehrenwerter und -Tapferer sei, darum konnte und mußte er seinen Worten -trauen; aber sein Gemüt war noch so verwirrt von allem, was -er gehört und gesehen, daß er ungewiß war, ob er den Handschlag -dessen, den er noch vor einem Augenblick als seinen bittersten -Feind angesehen hatte, empfangen sollte oder nicht. »Wer -ist es, der mir die Hand beut?« fragte er. »Ich habe Euch<span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span> -meinen Namen genannt und könnte wohl billigerweise dasselbe -von Euch verlangen.«</p> - -<p>Der Unbekannte schlug den Mantel auseinander und schob -das Barett zurück; der Mond beleuchtete ein Gesicht voll Würde, -und Georg begegnete einem glänzenden Auge, das den Ausdruck -gebietender Hoheit trug. »Fraget nicht nach Namen,« sprach er, -indem ein Zug von Wehmut um seinen Mund blitzte, »ich bin -ein Mann, und dies mag Euch genug sein; wohl führte auch -ich einst einen Namen in der Welt, der sich mit dem ehrenwertesten -messen konnte, wohl trug auch ich die goldenen Sporen -und den wallenden Helmbusch, und auf den Ruf meines Hifthorns -lauschten viele hundert Knechte. Er ist verklungen; aber -eines ist mir geblieben,« setzte er mit unbeschreiblicher Hoheit -hinzu, indem er die Hand des jungen Mannes fester drückte, -»ich bin ein Mann und trage ein Schwert:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0"><em class="antiqua">Si fractus illabatur orbis,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Impavidum ferient ruinae</em>«.<br /></span> -</div></div> - -<p>Er drückte das Barett wieder in die Stirne, zog seinen -Mantel hoch herauf und ging vorüber in den Wald.</p> - -<p>Georg stand in stummem Erstaunen auf sein Schwert gestützt. -Der Anblick dieses Mannes – es war ihm unbegreiflich -– hatte alle Gedanken der Rache in seinem Herzen ausgelöscht. -Dieser gebietende Blick, dieser gewinnende, wohlwollende Zug -um den Mund, das tapfere, gewaltige Wesen dieses Mannes -erfüllten seine Seele mit Staunen, mit Achtung, mit Beschämung. -Er hatte geschworen, mit Marien in keiner Berührung -zu stehen, er hatte es bekräftigt mit jener tapferen -Rechten, die noch eben die gewichtige Klinge leicht wie im Spiel -geführt hatte; er hatte es bestätigt mit einem jener Blicke, -deren Strahl Georg wie den der Sonne nicht zu ertragen vermochte, -eine Bergeslast wälzte sich von seiner Brust, denn er -<em class="gesperrt">glaubte</em>, er <em class="gesperrt">mußte</em> glauben.</p> - -<p>Wenn man bedenkt, wie sehr zu jener Zeit körperliche -Eigenschaften gewogen und angeschlagen wurden, wie man -Tapferkeit auch an dem Feinde hochschätzte und achtete, wie das -Wort eines anerkannt tapferen Mannes so fest stand wie der -Schwur auf die Hostie, wenn man ferner bedenkt, wie groß die -Wirkung eines anmutigen oder aber eines imponierenden -Aeußeren auf ein jugendliches Gemüt ist, so wird man sich über -die Veränderung nicht zu sehr wundern, welche in diesen kurzen -Augenblicken mit der Gesinnung des Jünglings vorging.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span></p> - -<p>»Wer ist dieser Mann?« fragte Georg den Pfeifer, der -noch immer neben ihm stand.</p> - -<p>»Ihr hörtet ja, daß er keinen Namen hat, und auch ich -weiß ihn nicht zu nennen.«</p> - -<p>»Du wüßtest nicht, wer er ist?« entgegnete Georg; »und -doch hast du ihm beigestanden, als er mit mir focht? Geh! Du -willst mich belügen!«</p> - -<p>»Gewiß nicht, Junker,« antwortete der Pfeifer; »es ist, -Gott weiß es, wahr, daß jener Mann derzeit keinen Namen -hat; wenn Ihr übrigens durchaus erfahren wollet, was er ist, -so wisset, er ist ein Geächteter, den der Bund aus seinem Schloß -vertrieb; einst aber war er ein mächtiger Ritter im Schwabenland.«</p> - -<p>»Der Arme! Darum also ging er so verhüllt? Und mich -hielt er wohl für einen Meuchelmörder! Ja, ich erinnere mich, -daß er sagte, er wolle sein Leben teuer genug verkaufen.«</p> - -<p>»Nehmt mir nicht übel, werter Herr,« sagte der Bauer, -»auch ich hielt Euch für einen, der dem Geächteten auf das -Leben lauern soll, darum kam ich ihm zu Hilfe, und hätte ich -nicht Eure Stimme noch gehört, wer weiß, ob Ihr noch lange geatmet -hättet. Wie kommt Ihr aber auch um Mitternacht hierher, -und welches Unheil führt Euch gerade dem geächteten Mann -in den Wurf! Wahrlich, Ihr dürft von Glück sagen, daß er -Euch nicht in zwei Stücke gehauen; es leben wenige, die vor -seinem Schwert standgehalten hätten. Ich vermute, die Liebe -hat Euch da einen argen Streich gespielt!«</p> - -<p>Georg erzählte seinem ehemaligen Führer, welche Nachrichten -ihm im Hirsch zu Pfullingen mitgeteilt worden seien. -Namentlich berief er sich auf die Aussage der Amme, des -Pfeifers Schwester, die ihm so höchst wahrscheinlich gelautet -habe.</p> - -<p>»Dacht' ich's doch, daß es so was sein müsse,« antwortete -der Pfeifer. »Die Liebe hat manchem noch ärger mitgespielt, -und ich weiß nicht, was ich in jungen Jahren im ähnlichen Fall -getan hätte. Daran ist aber wieder niemand schuld als meine -alte Rosel, die alte Schwätzerin; was hat sie nötig, der Wirtin -im Hirsch, die auch nichts bei sich behalten kann, zu beichten?«</p> - -<p>»Es muß aber doch etwas Wahres an der Sache sein,« -entgegnete Georg, in welchem das alte Mißtrauen hin und wieder -aufblitzte. »So ganz ohne Grund konnte doch Frau Rosel -nichts ersinnen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span></p> - -<p>»Wahr? Etwas Wahres müsse daran sein? Allerdings -ist alles wahr nach der Reihe; die Knechte werden zu Bett geschickt -und die alte Aufpasserin auch, um elf Uhr kommt <em class="gesperrt">der -Mann</em> vor das Schloß, die Zugbrücke fällt herab, die Tore -tun sich ihm auf, das Fräulein empfängt ihn und führt ihn in -die Herrenstube –«</p> - -<p>»Nun? Siehst du?« rief Georg ungeduldig; »wenn dieses -alles wahr ist, wie kann dann jener Mann schwören, daß er -mit dem Fräulein –«</p> - -<p>»Daß er mit dem Fräulein ganz und gar nichts wolle?« -antwortete der Pfeifer. »Allerdings kann er das schwören; denn -es ist nur <em class="gesperrt">ein</em> Unterschied bei der ganzen Sache, den die Gans, -die Rosel, freilich nicht gewußt hat, nämlich, daß der Ritter -von Lichtenstein in der Herrenstube sitzt, das Fräulein aber sich -entfernt, wenn sie ihre heimlich bereiteten Speisen aufgetragen -hat. Der Alte bleibt bei dem geächteten Mann bis um den -ersten Hahnenschrei, und wenn er gegessen und getrunken und -die erstarrten Glieder am Feuer wieder erwärmt hat, verläßt -er das Schloß, wie er es betreten.«</p> - -<p>»O ich Tor! daß ich dies alles nicht früher ahnete! Wie -nahe lag die Wahrheit, und wie weit ließ ich mich irre leiten! -Aber verflucht sei die Neugierde und Lästersucht dieser Weiber, -die in allem noch etwas ganz Besonderes zu sehen glauben und -denen das Unwahrscheinlichste und Grellste gerade das liebste -ist! – Aber sprich,« fuhr Georg nach einigem Nachdenken fort, -»auffallend ist es mir doch, daß dieser geächtete Mann alle Nacht -ins Schloß kommt; in welch unwirtlicher Gegend wohnt er -denn, wo er keine warme Kost, keinen Becher Weins und keinen -warmen Ofen findet? – Höre, wenn du mich dennoch belögest!«</p> - -<p>Des Pfeifers Auge ruhte mit einem beinahe spöttischen -Ausdruck auf dem jungen Mann. »Ein Junker wie Ihr,« -antwortete er, »weiß freilich wenig, wie weh Verbannung tut; -Ihr wißt es nicht, was es heißt, sich vor den Augen seiner -Mörder verbergen, Ihr wißt nicht, wie schaurig sich's in feuchten -Höhlen, in unwirtlichen Schluchten wohnt, Ihr kennt die -Wohltat nicht, die ein warmer Bissen und ein feuriger Trunk -dem gewährt, der bei den Eulen speist und bei dem Schuhu -in der Miete ist; aber kommt, wenn es Euch gelüstet; der -Morgen bricht noch nicht an, und in der Nacht könnet Ihr nicht -nach Lichtenstein; ich will Euch dahin führen, wo der geächtete -Ritter wohnt, und Ihr werdet nicht mehr fragen, warum er -um Mitternacht nach Speise geht!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span></p> - -<p>Die Erscheinung des Unbekannten hatte Georgs Neugierde -zu sehr aufgeregt, als daß er nicht begierig den Vorschlag des -Pfeifers von Hardt angenommen hätte, besonders auch, da er -darin den besten Beweis für die Wahrheit oder Falschheit seiner -Aussagen finden konnte. Sein Führer ergriff die Zügel des -Rosses und führte es einen engen Waldweg bergab. Georg -folgte, nachdem er noch einen Blick nach den Fenstern des -Lichtensteins zurückgeworfen hatte. Sie zogen schweigend immer -weiter, und dem jungen Mann schien dieses Schweigen nicht -unangenehm zu sein, denn er machte keinen Versuch, es zu -unterbrechen. Er hing seinen Gedanken nach über den Mann, -zu dessen geheimnisvoller Wohnung er geführt wurde. Unablässig -beschäftigte ihn die Frage, wer dieser Geächtete sein könnte. -Er erinnerte sich fast wie aus einem Traum, daß mehrere Anhänger -des vertriebenen Herzogs aus ihren Besitzungen gejagt -worden seien, ja es deuchte ihm sogar, es sei in der Herberge -zu Pfullingen während seines teilnahmlosen Hinbrütens von -einem Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg, die Rede gewesen, -nach welchem die Bündischen fahnden. Die Tapferkeit -und ausgezeichnete Stärke dieses Mannes war in Schwaben -und Franken wohlbekannt; und wenn sich Georg die zwar nicht -überaus große, aber kräftige Gestalt, die gebietende Miene, das -heldenmütige, ritterliche Wesen des Mannes ins Gedächtnis -zurückrief, ward es ihm immer mehr zur Gewißheit, daß der -Geächtete kein anderer als der treueste Anhänger Ulrichs von -Württemberg, Marx Stumpf von Schweinsberg sei.</p> - -<p>Besonders schmeichelhaft für die Phantasie des jungen -Mannes war auch der Gedanke, einen gefährlichen Gang mit -diesem Tapfern gemacht und in einem Gefecht seine Klinge mit -der seinigen gemessen zu haben, dessen Ausgang zum wenigsten -sehr unentschieden war.</p> - -<p>So dachte in jener Nacht Georg von Sturmfeder, aber noch -viele Jahre nachher, als der Mann, den er in jener Nacht bekämpfte, -längst wieder in seine Rechte eingesetzt war und seinem -Hifthorn wieder Hunderte folgten, rechnete er es unter seine -schönsten Waffentaten, dem tapfern, gewaltigen Unbekannten -keinen Schritt breit gewichen zu sein.</p> - -<p>Die Wanderer waren während dieses Selbstgesprächs des -jungen Mannes auf einer kleinen, freien Waldwiese angekommen; -der Pfeifer band das Pferd seitwärts an und winkte -Georg, zu folgen. Die Waldwiese brach in eine schroffe, mit<span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span> -dichtem Gesträuch bewachsene Abdachung ab; dort schlug der -Pfeifer einige verschlungene Zweige zurück, hinter welchen ein -schmaler Fußpfad sichtbar wurde, welcher abwärts führte. Nicht -ohne Mühe und Gefahr folgte Georg seinem Führer, der ihm -an einigen Stellen kräftig die Hand reichte. Nachdem sie etwa -achtzig Fuß hinabgestiegen waren, befanden sie sich wieder auf -ebenem Grund, aber umsonst suchte der junge Mann nach der -Stätte des geächteten Ritters. Der Pfeifer ging nun zu -einem Baum von ungeheurem Umfang, der innen hohl sein -mußte, denn jener brachte zwei große Kienfackeln daraus hervor; -er schlug Feuer und zündete mit einem Stückchen Schwefel die -Fackeln an.</p> - -<p>Als diese hell aufloderten, bemerkte Georg, daß sie vor -einem großen Portal stehen, das die Natur in die Felsenwand -gebrochen hatte; und dies mochte wohl der Eingang zu der Wohnung -sein, wo der Geächtete, wie sich der Pfeifer ausdrückte, bei -dem Schuhu zur Miete war. Der Mann von Hardt ergriff -eine der Fackeln und bat den Jüngling, die andere zu tragen, -denn ihr Weg sei dunkel und hie und da nicht ohne Gefahr. -Nachdem er diese Warnung geflüstert, schritt er voran in das -dunkle Tor.</p> - -<p>Georg hatte eine niedrige Erdschlucht erwartet, kurz und -eng, dem Lager der Tiere gleich, wie er sie in den Forsten -seiner Heimat hin und wieder gesehen, aber wie erstaunte er, -als die erhabenen Hallen eines unterirdischen Palastes vor -seinen Augen sich auftaten. Er hatte in seiner Kindheit aus -dem Munde eines Knappen, dessen Urgroßvater in Palästina -in Gefangenschaft geraten war, ein Märchen gehört, das von -Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden war; dort war ein -Knabe von einem bösen Zauberer unter die Erde geschickt worden, -in einen Palast, dessen erhabene Schönheit alles übertraf, -was der Knabe je über der Erde gesehen hatte; was die kühne -Phantasie des Morgenlandes Prachtvolles und Herrliches ersinnen -konnte, goldene Säulen mit kristallenen Kapitälern, gewölbte -Kuppeln mit Smaragden und Saphiren, diamantene -Wände, deren vielfach gebrochene Strahlen das Auge blendeten; -alles war jener unterirdischen Wohnung der Genien beigelegt. -Diese Sage, die sich der kindischen Einbildungskraft tief eingedrückt, -lebte auf und verwirklichte sich vor den Blicken des -staunenden Jünglings. Alle Augenblicke stand er still, von -neuem überrascht, hielt die Fackel hoch und staunte und bewunderte,<span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span> -denn in hohen, majestätischen Bogen zog sich der Höhlengang -hin und flimmerte und blitzte wie von tausend Kristallen -und Diamanten. Aber noch größere Ueberraschung stand ihm -bevor, als sich sein Führer links wandte und ihn in eine weite -Grotte führte, die wie der festlich geschmückte Saal des unterirdischen -Palastes anzusehen war.</p> - -<p>Sein Führer mochte den gewaltigen Eindruck bemerken, -den dieses Wunderwerk der Natur auf die Seele des Jünglings -machte. Er nahm ihm die Fackel aus der Hand, stieg auf einen -vorspringenden Felsen und beleuchtete so einen großen Teil -dieser Grotte.</p> - -<p>Glänzend weiße Felsen faßten die Wände ein, kühne -Schwibbogen, Wölbungen, über deren Kühnheit das irdische -Auge staunte, bildeten die glänzende Kuppel; der Tropfstein, -aus dem diese Höhle gebildet war, hing voll von vielen Millionen -kleiner Tröpfchen, die in allen Farben des Regenbogens den -Schein zurückwarfen und als silberreine Quellen in kristallenen -Schalen sich sammelten. In grotesken Gestalten standen Felsen -umher, und die aufgeregte Phantasie, das trunkene Auge glaubte -bald eine Kapelle, bald große Altäre mit reicher Draperie und -gotisch verzierte Kanzeln zu sehen. Selbst die Orgel fehlte dem -unterirdischen Dome nicht, und die wechselnden Schatten des -Fackellichtes, die an den Wänden hin und her zogen, schienen -geheimnisvoll erhabene Bilder von Märtyrern und Heiligen -in ihren Nischen bald auf-, bald zuzudecken.</p> - -<p>So schmückte die christliche Phantasie des jungen Mannes, -voll Ehrfurcht vor dem geheimnisvollen Wirken der Gottheit, -das unterirdische Gemach zur Kirche aus, während jener Aladdin -mit der Wunderlampe die Säle des Paradieses und die -ewig glänzenden Lauben der Huris geschaut hätte.</p> - -<p>Der Führer stieg, nachdem er das Auge des Jünglings für -hinlänglich gesättigt halten mochte, wieder herab von seinem -Felsen. »Das ist die Nebelhöhle,« sprach er; »man kennt sie -wenig im Land, und nur den Jägern und Hirten ist sie bekannt; -doch wagen es nicht viele hereinzugehen, weil man allerlei böse -Geschichten von diesen Kammern der Gespenster weiß. Einem, -der die Höhle nicht genau kennt, möchte ich nicht raten, sich herabzuwagen; -sie hat tiefe Schlünde und unterirdische Wasser, -aus denen keiner mehr ans Licht kommt. Auch gibt es geheime -Gänge und Kammern, die nur fünf Männern bekannt sind, die -jetzt leben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span></p> - -<p>»Und der geächtete Ritter?« fragte Georg.</p> - -<p>»Nehmt die Fackel und folget mir,« antwortete jener und -schritt voran in einen Seitengang. Sie waren wieder etwa -zwanzig Schritte gegangen, als Georg die tiefen Töne einer -Orgel zu vernehmen glaubte. Er machte seinen Führer darauf -aufmerksam.</p> - -<p>»Das ist Gesang,« entgegnete er, »der tönt in diesen Gewölben -gar lieblich und voll. Wenn zwei oder drei Männer -singen, so lautet es, als sänge ein ganzer Chor Mönche die -Hora.« Immer vernehmlicher tönte der Gesang; je näher sie -kamen, desto deutlicher wurden die Wendungen einer angenehmen -Melodie. Sie bogen um eine Felsenecke, und von oben herab -ertönte ganz nahe die Stimme des Singenden, brach sich an -den zackigen Felsenwänden in vielfachem Echo, bis sie sich verschwebend -mit den fallenden Tropfen der feuchten Steine und -mit dem Murmeln eines unterirdischen Wasserfalles mischte, -der sich in eine dunkle, geheimnisvolle Tiefe ergoß.</p> - -<p>»Hier ist der Ort,« sprach der Führer, »dort oben in der -Felswand ist die Wohnung des unglücklichen Mannes; hört Ihr -sein Lied? Wir wollen warten und lauschen, bis er zu Ende ist, -denn er war nicht gewohnt, unterbrochen zu werden, als er noch -oben auf der Erde war.«</p> - -<p>Die Männer lauschten und verstanden durch das Echo und -das Gemurmel der Wasser etwa folgende Worte, die der Geächtete -sang:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Vom Turme, wo ich oft gesehen<br /></span> -<span class="i0">Hernieder auf ein schönes Land,<br /></span> -<span class="i0">Vom Turme fremde Fahnen wehen,<br /></span> -<span class="i0">Wo meiner Ahnen Banner stand.<br /></span> -<span class="i0">Der Väter Hallen sind gebrochen,<br /></span> -<span class="i0">Gefallen ist des Enkels Los,<br /></span> -<span class="i0">Er birgt, besiegt und ungerochen,<br /></span> -<span class="i0">Sich in der Erde tiefem Schoß.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und wo einst in des Glückes Tagen<br /></span> -<span class="i0">Mein Jagdhorn tönte durchs Gefild,<br /></span> -<span class="i0">Da meine Feinde gräßlich jagen,<br /></span> -<span class="i0">Sie hetzen gar ein edles Wild,<br /></span> -<span class="i0">Ich bin das Wild, auf das sie birschen,<br /></span> -<span class="i0">Die Bluthund' wetzen schon den Zahn,<br /></span> -<span class="i0">Sie dürsten nach dem Schweiß des <em class="gesperrt">Hirschen</em>,<br /></span> -<span class="i0">Und sein Geweih<a id="FNanchor_29_30"></a><a href="#Footnote_29_30" class="fnanchor">[29]</a> steht ihnen an.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Die Mörder han in Berg und Heide<br /></span> -<span class="i0">Auf mich die Armbrust aufgespannt,<br /></span> -<span class="i0">Drum in des Bettlers rauhem Kleide<br /></span> -<span class="i0">Durchschleich' ich nachts mein eigen Land;<br /></span> -<span class="i0">Wo ich als Herr sonst eingeritten<br /></span> -<span class="i0">Und meinen hohen Gruß entbot,<br /></span> -<span class="i0">Da klopf' ich schüchtern an die Hütten<br /></span> -<span class="i0">Und bettle um ein Stückchen Brot.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Ihr warft mich aus den eignen Toren,<br /></span> -<span class="i0">Doch einmal klopf' ich wieder an;<br /></span> -<span class="i0">Drum Mut! Noch ist nicht all' verloren,<br /></span> -<span class="i0">Ich hab' ein Schwert und bin ein Mann.<br /></span> -<span class="i0">Ich wanke nicht; ich will es tragen;<br /></span> -<span class="i0">Und ob mein Herz darüber bricht,<br /></span> -<span class="i0">So sollen meine Feinde sagen:<br /></span> -<span class="i0">Er war ein Mann und wankte nicht.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden -Tönen seines Liedes nachsandte, ließ ahnen, daß er -im Gesang nicht viel Trost gefunden habe. Dem rauhen Manne -von Hardt war während dem Liede eine große Träne über die -gebräunte Wange gerollt, und Georg war es nicht entgangen, -wie er sich anstrengte, die alte feste Fassung wiederzuerhalten -und dem Bewohner der Höhle eine heitere Stirne und ein ungetrübtes -Auge zu zeigen. Er gab dem Junker auch die zweite -Fackel in die Hand und klimmte den glatten schlüpfrigen Felsen -hinan, der zu der Grotte führte, woraus der Gesang erklungen -war. Georg dachte sich, daß er ihn vielleicht dem Ritter melden -wolle, und bald sah er ihn mit einem tüchtigen Strick zurückkehren. -Er klimmte die Hälfte des Felsens wieder herab und -ließ sich die Fackeln geben, die er geschickt in eine Felsenritze an -der Seite steckte; dann warf er Georg den Strick zu und half -ihm so die Felsenwand zu erklimmen, was ihm ohne diese Hilfe -schwerlich gelungen wäre. Er war oben, und wenige Schritte -noch, so stand er vor dem Felsengemach des Geächteten.<a id="FNanchor_30_31"></a><a href="#Footnote_30_31" class="fnanchor">[30]</a></p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span></p> - -<h2 id="kap20">20.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i24">– In wunderbaren Gestalten<br /></span> -<span class="i0">Ragt aus der dunkeln Nacht das angestrahlte Gestein,<br /></span> -<span class="i0">Mit wildem Gebüsch versetzt, das aus den schwarzen Spalten<br /></span> -<span class="i0">Herabnickt und im Widerschein<br /></span> -<span class="i0">Als grünes Feuer brennt. Mit Furcht vermengtem Grauen<br /></span> -<span class="i0">Bleibt unser Ritter stehn, den Zauber anzuschauen.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Wieland.</em> -</p> -</div> - -<p>Der Teil jener großen Höhle, welchen sie jetzt betraten, unterschied -sich merklich von den übrigen Grotten und Kammern. Er -war von Sandstein und hatte, weil dieser Stein die Feuchtigkeit -einschluckt, ein trockenes, wohnlicheres Ansehen. Der Boden -war mit Binsen und Stroh bestreut, eine Lampe, die an der -Wand angebracht war, verbreitete ein hinreichendes Licht auf -die Breite und den größten Teil der Länge dieser Grotte. -Gegenüber saß jener Mann auf einem breiten Bärenfelle, neben -ihm stand sein Schwert und ein Hifthorn; ein alter Hut und der -graue Mantel, mit welchem er sich verhüllt hatte, lagen am -Boden. Er trug ein Wams von dunkelbraunem Leder und -Beinkleider von grobem blauem Tuche, ein unscheinbarer Anzug, -der aber seinen kräftigen Körperbau und seine feinen edlen Züge -nur noch mehr heraushob. Er mochte ungefähr vierunddreißig -Jahre haben, und sein Gesicht war noch immer hübsch und angenehm -zu nennen, obgleich die erste Blüte der Jugend von -Gefahren und Strapazen abgestreift schien und der verwilderte -Bart ihm zuweilen etwas Furchtbares verlieh; diese flüchtigen -Bemerkungen drängten sich Georg auf, als er am Eingang der -Grotte stillstand.</p> - -<p>»Willkommen in meinem Palatium, Georg von Sturmfeder!« -rief der Bewohner der Höhle, indem er sich von dem -Bärenfelle aufrichtete, dem Jünglinge die Hand bot und ihm -winkte, auf einen ebenso kunstlosen Sitz von Rehfellen sich -niederzulassen. »Seid herzlich willkommen. Es war kein übler -Einfall unseres Spielmanns, Euch in diese Unterwelt herabzuführen -und mir einen so angenehmen Gesellschafter zu bringen. -Hans! Du treue Seele, du warst bisher unser Majordomus, -Truchseß und Kanzler, wir ernennen dich jetzt zu unserem -Kellermeister und Obermundschenk. Sieh, dort hinter jener -Säule des schönsten Granit muß ein Krug stehen, worin sich -noch ein Rest alten Weines befindet. Nimm meinen Jagdbecher -von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das wir jetzt<span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span> -führen, gieß ihn voll bis an den Rand und kredenze ihn unserem -ehrenwerten Gaste!«</p> - -<p>Georg sah erstaunt auf den geächteten Mann. Er hatte -nach dem Schicksal, das ihn betroffen, nach seinen unwirtlichen -Umgebungen, zuletzt noch nach dem Klaggesang, den er gehört -hatte, einen Mann erwartet, der zwar unbesiegt von den Stürmen -des Lebens, aber ernst, vielleicht sogar finster in seinem -Umgang sein werde, und er fand ihn heiter, unbesorgt, scherzend -über seine Lage, als habe ihn auf der Jagd ein Sturm überfallen -und genötigt, eine kleine Weile in dieser Höhle Schutz -gegen das Wetter zu suchen. Und doch war es ein schrecklicherer -Sturm als der furchtbarste Orkan der Natur, der ihn aus der -Burg seiner Väter vertrieb, und doch war er ja das gejagte Wild, -das gegen die Geschosse der mordlustigen Jäger hier eine Zuflucht -fand!</p> - -<p>»Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast,« sagte der -Ritter, als Georg bald ihn, bald seine Umgebungen mit verwunderten -Blicken maß. »Vielleicht habt Ihr erwartet, daß ich Euch -etwas weniges vorjammern werde? Aber über was soll ich -klagen? Mein Unglück kann in diesem Augenblick keiner wenden, -darum ziemt es sich, daß man heitere Miene zum bösen -Spiel macht. Und sagt selbst, wohne ich hier nicht, wie Fürsten -selten wohnen? Habt Ihr meine Hallen gesehen und die weiten -Säle meines Palastes? Glänzen nicht ihre Wände wie Silber? -Wölben die Decken sich nicht, wie aus Perlen und Diamanten -zusammengesetzt? Werden sie nicht getragen von Säulen, die -von Smaragden und Rubinen und allen Edelsteinen der Erde -prangen? Doch hier kommt Hans, mein Obermundschenk, mit -dem Weine. Sprich, mein Getreuer! ist das all unser Getränk, -was in diesem Becher ist?«</p> - -<p>»Wasser, so klar als Kristall, hat Eure Wohnung,« sprach -der Pfeifer, der mit der heiteren Laune seines Gefährten schon -vertraut war, »aber auch ein Restchen Wein, das wenigstens -noch drei Becher füllt, ist im Krug, und – nun wir haben ja -heute einen Gast und können schon etwas draufgehen lassen – -ich will es nur gestehen, ich habe heute nacht einen vollen Krug -alten Uhlbacher hereingebracht, er steht bei dem andern.«</p> - -<p>»Das hast du wohl gemacht,« rief der geächtete Ritter, und -ein Strahl der Freude drang aus seinem glänzenden Auge. -»Glaubet nicht, Herr Georg, daß ich ein Schlemmer und Säufer -bin; aber guter Wein ist ein edles Ding, und ich liebe es, in -guter Gesellschaft den vollen Becher rund gehen zu lassen.<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span> -Pflanze die Krüge nur hier auf, werter Kellermeister, wir -wollen tafeln, wie in den Tagen des Glücks. Ich bring' es -Euch, auf den alten Glanz des Hauses Sturmfeder!«</p> - -<p>Georg dankte und trank. »Ich sollte die Ehre erwidern,« -sagte er, »und doch weiß ich Euren Namen nicht, Herr Ritter. -Doch ich bringe es Euch! Möget Ihr bald wieder siegreich in -die Burg Eurer Väter einziehen, möge Euer Geschlecht auf -ewige Zeiten grünen und blühen – es lebe!« Georg hatte die -letzten Worte mit starker Stimme gerufen und wollte eben den -Becher ansetzen, als das Geräusch vieler Stimmen, vom Eingang -der Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die vernehmlich, -»es lebe! lebe!« riefen. Verwundert setzte er den Becher nieder. -»Was ist das?« sagte er, »sind wir nicht allein?«</p> - -<p>»Es sind meine Vasallen, die Geister,« antwortete der -Ritter lächelnd, »oder wenn Ihr so lieber wollt, das Echo, -das Eurem freundlichen Rufe beistimmt. Ich habe oft,« setzte -er ernster hinzu, »in den Zeiten des Glanzes das Wohl meines -Hauses von hundert Stimmen ausrufen hören, doch hat es mich -nie so erfreut und gerührt als hier, wo mein einziger Gast es -ausbrachte und die Felsen dieser Unterwelt es beantworteten. -Fülle den Becher, Hans, und trinke auch du, und weißt du einen -guten Spruch, so gib ihn preis.«</p> - -<p>Der Pfeifer von Hardt füllte sich den Becher und blickte -Georg mit freundlichen Blicken an: »Ich bring' es Euch, Junker, -und etwas recht Schönes dazu: Das Fräulein von Lichtenstein!«</p> - -<p>»Hallo, sa! sa! trinkt! Junker, trinkt!« rief der Geächtete -und lachte, daß die Höhle dröhnte. »Aus bis auf den Boden, -aus! Sie soll blühen und leben für Euch! Das hast du gut -gemacht, Hans! Sieh nur, wie unserem Gast das Blut in die -Wangen steigt, wie seine Augen blitzen, als küsse er schon ihren -Mund. – Dürft Euch nicht schämen! Auch ich habe geliebt -und gefreit, und weiß, wie einem fröhlichen Herzen von vierundzwanzig -Jahren zu Mute ist!«</p> - -<p>»Armer Mann!« sagte Georg. »Ihr habt geliebt und gefreit -und mußtet vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder -zurücklassen?« Er fühlte sich, während er dies sprach, heftig -am Mantel gezogen, er sah sich um, und der Spielmann winkte -ihm schnell mit den Augen, als sei dies ein Punkt, worüber -man mit dem Ritter nicht sprechen müsse. Und den Jüngling -gereuten auch seine Worte, denn die Züge des unglücklichen -Mannes verfinsterten sich, und er warf einen wilden Blick auf -Georg, indem er sagte: »Der Frost im September hat schon oft<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span> -verderbt, was im Mai gar herrlich blühte, und man fragt nicht, -wie es geschehen sei. Meine Kinder habe ich in den Händen -rauher, aber guter Ammen gelassen, sie werden sie, so Gott will, -bewahren, bis der Vater wieder heimkommt.« Er hatte dies -mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch als wolle er -die trüben Gedanken aus dem Gedächtnis abwischen, fuhr er -mit der Hand über die Stirne, und wirklich glätteten sich die -Falten, die sich dort zusammengezogen hatten, augenblicklich; -er blickte wieder heiterer um sich her und sprach:</p> - -<p>»Der Hans hier kann mir bezeugen, daß ich schon oft gewünscht -habe, Euch zu sehen, Herr von Sturmfeder. Er hat -mir von Eurer sonderbaren Verwundung erzählt, wo man -Euch wahrscheinlich für einen der Vertriebenen gehalten und -angefallen hat, indessen der Rechte Zeit gewann, zu entfliehen.«</p> - -<p>»Das soll mir lieb sein,« antwortete Georg. »Ich möchte -fast glauben, man hat mich für den Herzog selbst gehalten, denn -diesem paßten sie damals auf; und ich will gerne die tüchtige -Schlappe bekommen haben, wenn er dadurch gerettet wurde.«</p> - -<p>»Ei, das ist doch viel. Wisset Ihr nicht, daß der Hieb, der -nach Euch geführt wurde, ebenso gut tödlich werden konnte?«</p> - -<p>»Wer zu Feld zieht,« entgegnete Georg, »der muß seine -Rechnung mit der Welt so ziemlich abgeschlossen haben. Es -ist zwar schöner, in einer Feldschlacht vor dem Feinde bleiben, -wenn die Freunde jubeln und die Kameraden umherstehen, um -einem den letzten Liebesdienst zu erweisen. – Aber doch wäre -ich damals auch gestorben, wenn es hätte sein müssen, um die -Streiche dieser Meuchelmörder von dem Herzog abzulenken.«</p> - -<p>Der Geächtete sah den Jüngling mit Rührung an und -drückte seine Hand. »Ihr scheint großen Anteil an dem Herzog -zu nehmen,« sagte er, indem er seine durchdringenden Augen -auf ihn heftete, »das hätte ich kaum gedacht; man sagte mir, Ihr -seiet bündisch.«</p> - -<p>»Ich weiß, Ihr seid ein Anhänger des Herzogs,« antwortete -Georg, »aber Ihr werdet mir schon ein freies Wort -gestatten. Seht, der Herzog hat manches getan, was nicht recht -ist; zum Beispiel die Huttische Geschichte, sie mag nun sein -wie sie will, hätte er unterlassen können. Sodann mag er mit -seiner Frau hart umgegangen sein, und Ihr müßt selbst gestehen, -er ließ sich doch zu sehr vom Zorne bemeistern, als er -Reutlingen sich unterwarf –«</p> - -<p>Er hielt inne, als erwarte er die Antwort des Ritters, -doch dieser schlug die Augen nieder und winkte schweigend dem<span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span> -jungen Mann, fortzufahren. »Nun, so dachte ich von dem -Herzog, als ich bündisch wurde, so und nur etwas stärker sprach -man von ihm im Heere. Aber eine große Fürsprecherin hatte -er an Marien, und es ist Euch vielleicht bekannt, daß ich mich -auf ihr Zureden lossagte. Nun bekamen die Sachen bald eine -andere Gestalt in meinen Augen, sei es, weil ich von Natur -mitleidig bin und niemand ungerecht mißhandelt sehen kann, -oder auch, weil ich die Absichten der Bündischen besser durchschaute, -– ich sah, daß dem Herzog zu viel geschehe; denn der -Bund hatte offenbar kein Recht, den Herzog aus allen seinen -Besitzungen und sogar von seinem Fürstenstuhl zu vertreiben -und ihn ins Elend zu jagen. Und da gewann der Herzog -wieder in meinen Augen. Er hätte ja vielleicht noch eine -Schlacht wagen können, aber er wollte nicht das Blut seiner -Württemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen. Er hätte -können den Leuten Geld abpressen und die Schweizer damit -halten, aber er war größer als sein Unglück. Seht – das hat -mich zu seinem Freunde gemacht.«</p> - -<p>Der Ritter schlug die Augen auf, seine Brust schien höher -zu schlagen, seine edle Gestalt richtete sich stolz empor, er sah -Georg lange an und drückte seine Hand an sein pochendes Herz. -»Wahrlich,« sagte er, »es lebt eine heilige, reine Stimme in dir, -junger Freund! Ich kenne den Herzog wie mich selbst, aber -ich darf sagen, wie du sagtest, er ist größer als sein Unglück und -– besser, als der Ruf von ihm sagt. Aber er hat wenige gefunden, -die ihm Probe gehalten haben! Ach, daß er nur hundert -gehabt hätte, wie du bist, und es hätte kein Fetzen der bündischen -Paniere auf einer württembergischen Zinne geweht. -Daß du sein Freund werden könntest! Doch es sei ferne -von mir, dich einzuladen, sein Unglück mit ihm zu teilen, -es ist genug, daß deine Klinge und ein Arm wie der -deinige nicht mehr seinen Feinden gehört. Mögen deine Tage -heiterer sein als die seinigen, möge der Himmel dir deine guten -Gesinnungen gegen einen Unglücklichen belohnen!«</p> - -<p>Es wehte ein Geist in den Worten des geächteten Ritters, -der manch verwandte Saite in dem Herzen des Jünglings anschlug. -War es die Anerkennung seines persönlichen Wertes, -der ihm aus dem Munde eines Tapferen so ermunternd klang, -war es die Aehnlichkeit des Schicksals dieses Unglücklichen mit -seiner eigenen Armut und mit dem Unglück seines Hauses, -war es die romantische Idee, nicht für das siegende Unrecht, -sondern für die gerechte Sache, gerade weil sie im tiefsten Unglück<span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span> -war, sich zu erklären – Georg fühlte sich unwiderstehlich -zu diesem geächteten Mann, zu der Sache, für die er litt, hingezogen; -begeistert faßte er seine Hand und rief: »Es spreche -mir keiner von Vorsicht, nenne es keiner Torheit, sich an das -Unglück anzuschließen! Mögen andere dieses schöne Land dort -oben teilen und in den Gütern dieses unglücklichen Fürsten -schwelgen – ich fühle Mut in mir, mit ihm zu tragen, was er -trägt, und wenn er sein Schwert zieht, seine Lande wieder zu -erobern, so will ich der erste sein, der sich an seine Seite stellt. -Nehmt meinen Handschlag, Herr Ritter, ich bin, wie es auch -komme, Ulrichs Freund für immer!«</p> - -<p>Eine Träne glänzte in dem Auge des Geächteten, indem -er den Handschlag zurückgab. »Du wagst viel, aber du bist viel, -wenn du Ulrichs Freund bist. Das Land da oben gehört jetzt -den Räubern und Dieben, aber hier unten ist noch gut Württemberg. -Hier vor mir sitzt der Ritter und der Bürger, vergesset -einen Augenblick, daß ich ein armer Ritter und ein unglücklicher -geächteter Mann bin, und denket, ich sei Fürst des -Landes, wie ich Herr der Höhle bin. Ha! noch gibt es ein Württemberg, -wo diese drei zusammenhalten, und sei es auch tief im -Schoß der Erde. Fülle den Becher, Hans, und lege deine rauhe -Hand in die unsrigen, wir wollen den Bund besiegeln!«</p> - -<p>Hans ergriff den vollen Krug und füllte den Becher. -»Trinkt, edle Herren, trinkt,« sagte er, »Ihr könnet Euch in -keinem edleren Wein Bescheid tun als in diesem Uhlbacher.«</p> - -<p>Der Geächtete trank in langen Zügen den Becher aus, ließ -ihn wieder füllen und reichte ihn Georg. »Wie ist mir doch?« -sagte dieser. »Blühet nicht dieser Wein um Württembergs -Stammschloß? Ich glaube, man nennt also den Wein, der -auf jenen Höhen wächst?«</p> - -<p>»Es ist so,« antwortete der Geächtete, »Rothenberg heißt -der Berg, an dessen Fuß dieser Wein wächst, und auf seinem -Gipfel steht das Schloß, das Württembergs Ahnen gebaut -haben. – O, ihr schönen Täler des Neckars, ihr herrlichen -Berge voll Frucht und Wein! Von euch, von euch auf immer?« -Er rief es mit einer Stimme, die aus einem gebrochenen -Herzen voll Schmerz und Kummer heraufstieg, denn die Wehmut -hatte die Decke gesprengt, womit der feste, unbeugsame -Sinn dieses Mannes seine kummervolle Seele verhüllt hatte.</p> - -<p>Der Bauer kniete nieder zu ihm, ergriff seine Hand und -weckte ihn aus dem düsteren Hinbrüten, dem er sich einige<span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span> -Augenblicke hingegeben hatte. »Seid stark, guter Herr! Ihr -werdet sie wiedersehen, fröhlicher, als Ihr sie verlassen habt.«</p> - -<p>»Ihr werdet sie wiedersehen, die Täler Eurer Heimat,« -rief Georg, »wenn der Herzog einrückt in sein Land, wenn er -einziehet in die Burg seiner Ahnen, wenn die Täler des Neckars -und seine weinreichen Höhen widerhallen vom Jubel des Volkes, -dann werdet auch Ihr Eurer Wohnung wieder entgegenziehen. -Verscheuchet die trüben Gedanken, ›<em class="antiqua">nunc vino pellite curas</em>‹ -trinket, vergesset nicht, was wir vorhin gesprochen haben, ich -tue Euch Bescheid in diesem Württemberger Wein, – ›der Herzog -und seine Treuen!‹«</p> - -<p>Ein angenehmes Lächeln ging wie ein Sonnenblick bei -diesen Worten auf den düstern Zügen des Ritters auf. »Ja!« -rief er, »Treue ist das Wort, das Genesung gibt dem gebrochenen -Herzen, wie ein kühler Trank dem einsamen Wanderer -in der Wüste. Vergesset meine Schwäche, Junker, verzeihet -sie einem Mann, der sonst seinem Kummer nicht Raum gibt. -Aber wenn Ihr je vom Gipfel des Rotenberges hinabgesehen -hättet auf das Herz von Württemberg, wie der Neckar durch -grüne Ufer zieht, wie manneshohe Halmen in den Feldern -wogen, wie sanfte Hügel am Fluß sich hinaufziehen, bepflanzt -mit köstlichem Wein, wie dunkle, schattige Forsten die Gipfel -der Berge bekränzen, wie Dorf an Dorf mit den freundlichen -roten Dächern aus den Wäldern von Obstbäumen hervorschaut, -wie gute, fleißige Menschen, kräftige Männer, schöne Weiber -auf diesen Höhen, in diesen Tälern walten und sie zu einem -Garten anbauen, – hättet Ihr dieses gesehen, Junker, gesehen -mit <em class="gesperrt">meinen</em> Augen und säßet jetzt hier unten, hinausgeworfen, -verflucht, vertrieben, umgeben von starren Felsen, tief im -Schoß der Erde! O, der Gedanke ist schrecklich und oft zu -mächtig für ein Männerherz!«</p> - -<p>Georg bangte, der Ritter möchte durch die traurige Gegenwart -und seine schöneren Erinnerungen wieder in seine Wehmut -zurückgeführt werden, daher suchte er schnell dem Gespräch -eine andere Wendung zu geben: »Ihr waret also oft um den -Herzog, Herr Ritter? O sagt mir, ich bin ja jetzt sein Freund, -sagt mir, wie ist er im Umgang? Wie sieht er aus? Nicht -wahr, er ist sehr veränderlich und hat viele Launen?«</p> - -<p>»Nichts davon,« antwortete der Geächtete, »Ihr werdet -ihn sehen und lernet ihn am besten ohne Beschreibung kennen. -Aber schon zu lange haben wir von fremden Angelegenheiten -gesprochen. Von Euren eigenen saget Ihr gar nichts? Nichts<span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span> -von dem Zweck Eurer jetzigen Reise, nichts von dem schönen -Fräulein von Lichtenstein? – Ihr schweiget und schlaget die -Augen nieder? Glaubet nicht, daß es Neugierde sei, warum -ich frage. Nein, ich glaube Euch in dieser Sache nützlich sein -zu können.«</p> - -<p>»Nach dem, was diese Nacht zwischen uns geschehen ist,« -antwortete Georg, »ist von meiner Seite keine Zurückhaltung, -kein Geheimnis mehr nötig. Es scheint auch, Ihr wußtet -längst, daß ich Marien liebe, vielleicht auch, daß sie mir hold ist?«</p> - -<p>»O ja,« entgegnete der Ritter lächelnd, »wenn ich anders -die Zeichen der Liebe verstehe und richtig deuten kann; denn sie -schlug, wenn von Euch die Rede war, die Augen nieder und -errötete bis in die Stirne; auch nannte sie Euren Namen mit -eigenem, so eigenem Ton, als gäben alle Saiten ihres Herzens -den Akkord zu diesem Grundton an.«</p> - -<p>»Ich glaube, Euer scharfes Auge hat richtig bemerkt, und -deswegen will ich nach Lichtenstein. Ich war von Anfang -willens, als ich mich vom Bunde lossagte, nach Haus zu ziehen, -aber die Alb ist schon halbwegs von Franken hieher, da dachte -ich, ich könnte das Fräulein noch einmal zuvor sehen. Der Mann -hier führte mich über die Alb. Ihr wisset, was meine Reise -um acht Tage verzögerte. Sobald der Morgen herauf ist, will -ich oben im Schloß einsprechen, und ich hoffe, ich komme dem -alten Herrn jetzt willkommener, da ich das neutrale Gebiet -verlassen und zu seiner Farbe mich geschlagen habe.«</p> - -<p>»Wohl werdet Ihr ihm willkommen sein, wenn Ihr als -Freund des Herzogs kommt, denn er ist ihm treu und sehr ergeben. -Doch könnte es sein, daß er Euch nicht traute, denn er -soll ein wenig mißtrauisch und grämlich gegen fremde Menschen -sein. Ihr wisset, wie ich mit ihm stehe, denn er ist der -barmherzige Samariter, der mich, wenn ich nachts aus meiner -Höhle steige, mit warmer Speise und mit noch wärmerem Trost -für die Zukunft labt. Ein paar Zeilen von mir mögen Euch -bei ihm besser empfehlen als ein Freibrief des Kaisers, und -zum Zeichen für ihn und manchen andern nehmt diesen Ring -und traget ihn zum Andenken an diese Stunde, er wird Euch -als einen Freund der gerechten Sache Württembergs verkünden.« -Er zog bei diesen Worten einen breiten Goldreif vom -Finger. Ein roter Stein war in die Mitte gefaßt, und in den -drei Hirschgeweihen<a id="FNanchor_31_32"></a><a href="#Footnote_31_32" class="fnanchor">[31]</a> mit dem Jagdhorn auf dem Wappenhelm, -die darin eingegraben waren, erkannte der junge Mann -das Zeichen Württembergs. Um den Ring standen erhabene<span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span> -eingeprägte Buchstaben, deren Sinn er nicht verstand. Sie -hießen <em class="antiqua">UHZWUT</em>.</p> - -<p>»Uhzwut? Was bedeutet dieser Name?« fragte er. »Ist -es etwa ein Feldgeschrei für die Anhänger des Herzogs?«</p> - -<p>»Nein, mein junger Freund,« antwortete der geächtete -Ritter. »Diesen Ring trug der Herzog lange an seiner Hand, -und er war mir immer sehr wert, ich habe aber noch viele -andere Andenken von ihm und konnte dieses an keinen Besseren -abtreten. Die Zeichen heißen Ulrich Herzog zu Württemberg -und Teck!«</p> - -<p>»Er wird mir ewig teuer sein,« erwiderte Georg, »als ein -Andenken an den unglücklichen Herrn, dessen Namen er trägt, -und als schöne Erinnerung an Euch, Herr Ritter, und die Nacht -in der Höhle.«</p> - -<p>»Wenn Ihr an die Zugbrücke von Lichtenstein kommet,« -fuhr der Ritter fort, »so gebet dem nächsten besten Knecht den -Zettel, den ich Euch schreiben werde, und diesen Ring, solches -dem Herrn des Schlosses zu bringen, und Ihr werdet gewiß -empfangen werden, als wäret Ihr des Herzogs eigener Sohn. -Doch für das Fräulein müßt Ihr Eure eigenen Zeichen haben, -denn auf sie erstreckt sich mein Zauber nicht; etwa ein herzlicher -Händedruck, die geheimnisvolle Sprache der Augen oder -ein süßer Kuß auf ihren roten Mund; doch, um gehörig vor -ihr zu erscheinen, habt Ihr Ruhe nötig, denn Eure Augen -möchten nach einer durchwachten Nacht etwas trübe sein. -Daher folget meinem Beispiel, strecket Euch auf die Rehfelle -nieder und legt Euren Mantel als Kopfkissen unter. Und du, -würdiger Majordomus, oberster Kämmerer und Mundschenk, -Hans, getreuer Gefährte im Unglück, reiche diesem Paladin -noch einen Becher zum Schlaftrunk, daß ihm jene Felle zum -weichen Pfühl, diese Felsengrotte zum Schlafklosett werde, und -ihn der Gott der Träume mit seinen lieblichsten Bildern besuche!«</p> - -<p>Die Männer tranken und legten sich zur Ruhe, und Hans -setzte sich, wie ein treuer Hund, an die Pforte der Felsenkammer. -Bald kam Morpheus mit leisen Tritten zu dem Lager des -Jünglings und streute seine Schlummerkörner über ihn, und -er hörte nur noch halb im Traume, wie der geächtete Mann -sein Nachtgebet sprach und mit frommer Zuversicht zu dem -Lenker der Schicksale flehte, über ihn und jenes unglückliche -Land, in dessen tiefem Schoß er jetzt ruhte, seinen Schutz und -seine Hilfe herabzusenden.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span></p> - -<h2 id="kap21">21.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Aus einem tiefen grünen Tal<br /></span> -<span class="i0">Steigt auf ein Fels als wie ein Strahl,<br /></span> -<span class="i0">Drauf schaut das Schlößlein Lichtenstein<br /></span> -<span class="i0">Vergnüglich in die Welt hinein.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Schwab.</em> -</p> -</div> - -<p>Georg konnte sich anfangs nicht recht auf seine Lage und -die Gegenstände umher besinnen, als er von dem Pfeifer von -Hardt aus dem Schlaf aufgeschüttelt wurde; allmählich aber -kehrten die Bilder der vergangenen Nacht in seine Seele zurück, -und er erwiderte freudig den Handschlag, mit welchem ihn der -geächtete Ritter begrüßte. »So gerne ich Euch noch tagelang in -meinem Palast beherbergen würde,« sprach dieser, »so möchte -ich Euch doch raten, nach Lichtenstein aufzubrechen, wenn Ihr -anders ein warmes Frühstück haben wollet. In meiner Höhle -kann ich Euch leider keines bereiten lassen, denn wir machen -niemals Feuer an, weil der Rauch uns gar zu leicht verraten -könnte.«</p> - -<p>Georg stimmte seinen Gründen bei und dankte ihm für -seine Beherbergung. »Wahrlich,« sagte er, »ich habe selten eine -fröhlichere Nacht beim Becher verlebt als in dieser Höhle. Es -hat etwas Reizendes, so tief unter den Füßen der Menschen -zu atmen und mit Freunden sich zu besprechen. Ich gebe nicht -den herrlichsten Saal des schönsten Schlosses um diese Felsenwände!«</p> - -<p>»Ja, unter Freunden, wenn der Becher munter kreist,« -entgegnete der Bewohner der Höhle; »aber unfreiwillig hier zu -sitzen, tagelang einsam in diesen Kellern über sein Unglück zu -brüten, wenn das Herz sich hinaussehnt in den grünen Wald, -unter den blauen Himmel, wenn das Auge, müde dieser unterirdischen -Pracht, hineintauchen möchte in die reizende Landschaft, -hinüber schweifen möchte über lachende Täler zu den -fernen Bergen der Heimat; wenn das Ohr, betäubt von dem -eintönigen Gemurmel dieser Wasser, die Tropfen um Tropfen -von den Wänden rieseln und gesammelt in bodenlose Tiefen -hinabstürzen, sich hinaussehnt, den Gesang der Lerche zu hören, -zu lauschen, wie das Wild in den Büschen rauscht!«</p> - -<p>»Armer Mann! Es ist wahr, eine solche Einsamkeit muß -schrecklich sein!«</p> - -<p>»Und dennoch,« fuhr jener fort und richtete sich höher auf, -indem ein stolzer Trotz aus seinen Augen blitzte, »und dennoch<span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span> -preise ich mich glücklich, mit Hilfe guter Leute diese Zuflucht -gefunden zu haben. Ja, ich wollte lieber noch hundert Faden -tief hinabsteigen, wo die Brust keine Luft mehr zu atmen findet, -als in die Hände meiner Feinde fallen und ihr Gespötte -werden; und wenn sie dahin mir nachkämen, die blutgierigen -Hunde des Bundes, so wollte ich mich mit meinen Nägeln weiter -hineinscharren in die härtesten Felsen, ich wollte hinabsteigen -tiefer und immer tiefer, bis wo der Mittelpunkt der Erde ist. -Und kämen sie auch dorthin, so wollte ich die Heiligen lästern, -die mich verlassen haben, und wollte dem Teufel rufen, daß er -die Pforten der Finsternis aufreiße und mich berge gegen die -Verfolgung dieses übermütigen Gesindels.« Der Mann war -in diesem Augenblick so furchtbar, daß Georg unwillkürlich vor -ihm zurückbebte. Seine Gestalt schien größer, alle seine Muskeln -waren angespannt, seine Wangen glühten, seine Augen schossen -Blitze, als suchten sie einen Feind, den sie vernichten sollten, -seine Stimme dröhnte hohl und stark, und das Echo der Felsen -sprach ihm in schrecklichen Tönen seine Verwünschungen nach. -Obgleich diese Gradation dem Jüngling zu stark vorkommen -mochte, so konnte er doch die Gefühle eines Mannes nicht -tadeln, den man, weil er seinem Herrn treu geblieben war, -aus seinen Besitzungen hinausgeworfen hatte, den man wie ein -angeschossenes Wild suchte, um ihn zu töten. »Es liegt ein -Trost in dieser Gesinnung,« sagte er zu dem Geächteten, »und -Ihr werdet Euer Unglück leichter tragen, wenn Ihr den Gegensatz -recht scharf ins Auge fasset. Ich bewundere Euch um Eure -Seelenstärke, Herr Ritter; aber eben dieses Gefühl der Bewunderung -nötigt mir eine Frage ab, die vielleicht noch immer -zu unbescheiden klingt, doch Ihr habt mich in der letzten Nacht -zu oft Freund genannt, als daß ich sie nicht wagen dürfte: nicht -wahr, Ihr seid Marx Stumpf von Schweinsberg?«</p> - -<p>Es mußte etwas Lächerliches in dieser Frage liegen, das -Georg nicht finden konnte, denn der Ernst, der noch immer -auf den Zügen des Ritters gelegen, war wie weggeblasen; er -lachte zuerst leise vor sich hin, dann aber brach er in lautes -Gelächter aus, in welches, wie auf ein gegebenes Zeichen, auch -der Spielmann einstimmte.</p> - -<p>Georg sah bald den einen, bald den andern fragend an, -aber seine verlegenen Blicke schienen nur die Lachlust der beiden -Männer noch mehr zu reizen. Endlich faßte sich der Geächtete: -»Verzeihet, werter Gast, daß ich das Gastrecht so gröblich verletzte -und mir nicht lieber die Zunge abgebissen habe, ehe ich<span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span> -etwas von Euch lächerlich fand; aber wie kommt ihr nur auf -den Marx Stumpf? Kennt Ihr ihn denn?«</p> - -<p>»Nein, aber ich weiß, daß er ein tapferer Ritter ist, daß -er wegen des Herzogs vertrieben wurde, und daß die Bündischen -auf ihn lauern, und paßt dieses nicht alles ganz gut auf Euch?«</p> - -<p>»Danke Euch, daß Ihr mich für so tapfer haltet, aber das -möchte ich Euch doch raten, daß Ihr dem Stumpf nicht bei -Nacht in den Weg kommet wie mir, denn dieser hätte Euch -ohne weiteres zu Kochstücken zusammengehauen. Der Schweinsberg -ist ein kleiner, dicker Kerl, einen Kopf kleiner als ich, und -darum kam mir unwiderstehlich das Lachen. Uebrigens ist er -ein ehrenwerter Mann und einer von den wenigen, die ihren -Herrn im Unglück nicht verließen.«</p> - -<p>»So seid Ihr nicht dieser Schweinsberg?« entgegnete -Georg traurig, »und ich muß gehen, ohne zu wissen, wer mein -Freund ist?«</p> - -<p>»Junger Mann!« sagte der Geächtete mit Hoheit, die nur -durch den gewinnenden Ausdruck der Freundlichkeit gemildert -wurde, »Ihr habt einen Freund gefunden durch Euer tapferes, -ehrenvolles Wesen, durch Euren offenen, freien Blick, durch -Eure warme Teilnahme an dem unglücklichen Herzog. Es sei -Euch genug, diesen Freund gewonnen zu haben; fraget nicht -weiter, ein Wort könnte vielleicht dieses trauliche Verhältnis -zerstören, das mir so angenehm ist. Lebet wohl, denket an den -geächteten Mann ohne Namen und seid versichert, ehe zwei Tage -vorbeigehen, sollt Ihr von mir und meinem Namen hören.« Es -wollte Georg dünken, als stehe dieser Mann, trotz seines unscheinbaren -Kleides, vor ihm wie ein Fürst, der seinen Diener -huldreich entläßt, so groß war jene unbeschreibliche Hoheit, die -ihm auf der Stirne thronte, so erhaben der Glanz, der aus -seinem Auge drang.</p> - -<p>Der Pfeifer hatte unter diesen Worten die Fackeln angezündet -und stand erwartend am Eingang der Grotte; der -geächtete Ritter drückte einen Kuß auf die Lippen des Jünglings -und winkte ihm, zu gehen. Er ging und wußte nicht, wie ihm -geschah; noch nie war ihm ein Mensch so freundlich nahe, und -doch zugleich so unendlich hoch über ihm gestanden; noch nie hatte -er gefühlt, wie in jenen Augenblicken, daß ein Mann, entkleidet -von jenem irdischen Glanze, der das Leben schmückt, selbst in -ärmlicher Hülle und Umgebung eine Erhabenheit und Größe -von sich strahlen könne, die das Auge blendet und das Gefühl -des eigenen Ichs so plötzlich überrascht und hinabdrückt. Mit<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span> -diesem Gedanken beschäftigt, ging er durch die Höhle; die erhabene -Pracht der Natur, die beim Eintritt sein Auge überrascht -und gefesselt hatte, ging für ihn verloren; er staunte nicht mehr, -daß sie im Schoße eines unscheinbaren Berges sich so herrlich -und großartig ausgesprochen habe. War ja doch sein inneres -Auge mit einem Gegenstand beschäftigt, in welchem sie sich noch -imposanter und großartiger aussprach als in der nächtlichen -Pracht dieser Felsen; denn er bewunderte die Erhabenheit des -menschlichen Geistes über jedes irdische Verhältnis und dachte -nach über die Majestät einer großen Seele, die auch im Gewande -eines Bettlers ihren angeborenen Adel nicht verleugnen -kann.</p> - -<p>Ein heller freundlicher Tag empfing sie, als sie aus der -Nacht der Höhle zum Licht herausstiegen. Georg atmete freier -und leichter in der kühlen Morgenluft, denn der feuchte Dunst, -der in den Gängen und Grotten der Höhle umzieht, und wovon -sie vielleicht den Namen Nebelhöhle trägt, lagert sich beengend -auf die Brust. Sie fanden das Pferd des jungen Ritters noch -an derselben Stelle angebunden, munter und frisch wie sonst, -und selbst die Waffenstücke, die am Sattel befestigt waren, hatten -durch den Nachttau nicht Schaden gelitten, wie Georg befürchtet -hatte, denn der Pfeifer von Hardt hatte ein grobes Tuch, -das ihm beim Unwetter gegen Regen und Kälte dienen mochte, -über den Rücken des Pferdes ausgebreitet. Georg machte -seine Kleidung und das Zeug des Rosses zurecht, während der -Bauer diesem einige Hände voll Heu zum Morgenbrot reichte, -und dann ging es weiter den Berg hinan. Sie waren erst -wenige Schritte vorgerückt, als der Klang einer Glocke aus dem -Tal herauftönte und die feierliche Stille des Morgens unterbrach; -eine andere antwortete, drei bis vier stimmten ein, bis -die melodischen Töne von wenigstens zwölf Glocken von den -Höhen umher und aus den Tälern aufstiegen. Ueberrascht hielt -der junge Mann sein Pferd an: »Was ist das?« rief er. -»Brennt es irgendwo, oder wie, sollten wir heute ein Fest im -Kalender haben? Weiß Gott, ich bin durch meine Krankheit -so aus aller Zeit herausgekommen, daß ich den Sonntag nur -daran erkenne, daß die Mädchen neue Röcke und frische Schürzen -anhaben.«</p> - -<p>»Es ist wohl schon manchem Kriegsmann so gegangen,« -antwortete Hans der Spielmann; »ich selbst habe mich oft erst -auf die Zeit besinnen müssen, wenn ich wichtigere Dinge im -Kopf hatte als Mess' und Predigt; aber heute ist es ein anderes<span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span> -Ding,« setzte er ernster hinzu und schlug ein Kreuz, »heut ist -Karfreitag. Gelobt sei Jesus Christus!«</p> - -<p>»In Ewigkeit!« erwiderte der Jüngling. »Es ist das erste -Mal in meinem Leben, daß ich den Tag nicht würdig begehe, -wie ich soll, und dieser Tag erinnert mich an manche schöne -Stunde meiner Kindheit. Damals lebte noch mein Vater; ich -hatte eine sanfte, gute Mutter und ein ganz kleines Schwesterlein. -Wir beide freuten uns immer, wenn der Karfreitag kam; -wir wußten nichts von der Bedeutung des Tages, aber wir -rechneten dann, daß es nur noch zwei Tage bis Ostern sei, wo -uns die Mutter schöne Sachen bescherte. »<em class="antiqua">Requiescant in pace!</em>« -setzte er hinzu, indem er seitwärts blickte, um eine Träne zu -verbergen; »sie sind drüben alle drei und feiern dort ihren -heiligen Freitag.«</p> - -<p>»Man sollte nicht von so unheiligen Dingen sprechen,« -sagte der Pfeifer nach einigem Stillschweigen, »aber mein Beichtiger -mag es mir schon vergeben. Ich denke, Ihr solltet nicht -traurig sein, Junker! Denen, die schlafen, ist es wohl, und die, -die wachen, sollen vorwärts und nicht rückwärts sehen. So -würde ich an Eurer Stelle daran denken, wie Ihr einst auch -Euren Kindlein das Ostern bescheren könnet, und wie sie sich -freuen werden am Karfreitag. Seid Ihr nicht auf der Brautfahrt, -und wird ein gewisses Fräulein nicht auch eine gute, -sanfte Mutter werden?«</p> - -<p>Georg suchte umsonst ein Lächeln zu unterdrücken, das dieser -sonderbare Trostspruch hervorgelockt hatte. »Höre, guter -Freund,« entgegnete er, »dir ist zur Not ein solches Wort erlaubt; -doch möchte ich keinem anderen raten, meine Ohren durch -solche sündigen Gedanken zu entweihen.«</p> - -<p>»Nichts für ungut, Herr! Ich wollte weder Euch noch das -Fräulein damit beleidigen; soll auch nicht mehr geschehen. Aber -sehet Ihr nicht dort schon den Turm aus den Wipfeln ragen? -Noch eine kleine Viertelstunde, und wir sind oben.«</p> - -<p>»Soviel ich gestern in der Nacht bemerken konnte, ist das -Schloß auf einen einzelnen jähen Felsen hinausgestellt. Bei Gott, -ein kühner Gedanke, da konnte wohl niemand hinüberkommen, -wer nicht mit den Geiern im Bunde war und fliegen gelernt hatte; -freilich jetzt könnte man ihm mit Stückschüssen sehr zusetzen.«</p> - -<p>»Meint Ihr? Nun es stehen auch vier gute Doppelhaken -in der Halle, die auch ein Wörtchen antworten würden. Wenn -Ihr recht gesehen habt, so müßt Ihr bemerkt haben, daß der -Felsen ringsum durch ein breites Tal von den Bergen umher<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span> -gesondert ist, dorther könnte man nicht viel Schaden tun; die -einzige Seite, die näher an dem Berge liegt, ist die, wo die -Zugbrücke herübergeht. Pflanzet einmal dort Geschütz auf -und sehet zu, ob es Euch der Lichtensteiner nicht in den Grund -schießt, ehe Ihr nur ein Fenster aufs Korn genommen habt. -Und wie wollt Ihr Geschütz heraufführen in diesen Schluchten -und Bergen, ohne daß Euch wenige entschlossene Männer mehr -Schaden tun, als das ganze Nest wert ist?«</p> - -<p>»Da habt Ihr recht,« antwortete Georg; »ich möchte wissen, -wer den Gedanken gehabt hat, auf den Felsen ein Schloß zu -bauen.«</p> - -<p>»Das will ich Euch sagen,« erwiderte der Spielmann, der -mit allen Sagen seines Landes vertraut war; »es lebte einmal -vor vielen Jahren eine Frau, die mußte viele Verfolgung dulden -und wußte sich nicht mehr zu raten. Da kam sie an diesen -Felsen und sah, wie ein großer Geier mit seiner Familie und -allem Haushalt dort lebte und gegen alle Nachstellung sicher -war. Da beschloß sie, den Geier zu verdrängen. Sie ließ das -Schloß dorthin bauen, und als alles fertig war, ließ sie die -Brücke aufziehen, stieg auf die Zinne ihres Turmes und sprach: -›Nun bin ich Gottes Freund und aller Welt Feind.‹ Und es -konnte ihr keiner mehr etwas anhaben. Aber sehet, da sind wir -schon. Lebet wohl, vielleicht, daß ich Euch schon heute nacht -wiedersehe. Ich steige jetzt ins Land hinab und bringe dann -dem Herrn in der Höhle Kundschaft, wie es dort unten aussieht. -Vergesset nicht, an der Brücke Brief und Ring dem Herrn des -Schlosses zu senden, und hütet Euch, das Siegel selbst zu -brechen.«</p> - -<p>»Sei ohne Sorgen! Ich danke dir für dein Geleite, und -grüße meinen werten Gastfreund in der Höhle.« Georg sprach -es, trieb sein Pferd an, und in wenigen Augenblicken war er -vor der äußeren Verschanzung von Lichtenstein angelangt.</p> - -<p>Ein Knecht, der das Tor bewachte, fragte nach seinem -Begehr und rief einen andern herbei, ihrem Herrn das Brieflein -und den Ring zu übergeben. Georg hatte indes Zeit genug, -das Schloß und seine Umgebungen zu betrachten. War ihm -schon in der Nacht, beim ungewissen Schein des Mondes und -in einer Gemütsstimmung, die ihn nicht zum aufmerksamsten -Beobachter machte, die kühne Bauart dieser Burg aufgefallen, -so staunte er jetzt noch mehr, als er sie vom hellen Tag beleuchtet -anschaute. Wie ein kolossaler Münsterturm steigt aus einem -tiefen Alptal ein schöner Felsen, frei und kühn, empor. Weitab<span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span> -liegt alles feste Land, als hätte ihn ein Blitz von der Erde weggespalten, -ein Erdbeben ihn losgetrennt oder eine Wasserflut -vor uralten Zeiten das weichere Erdreich ringsum von seinen -festen Steinmassen abgespült. Selbst an der Seite von Südwest, -wo er dem übrigen Gebirge sich nähert, klaffte eine -tiefe Spalte, hinlänglich weit, um auch den kühnsten Sprung -einer Gemse unmöglich zu machen, doch nicht so breit, daß nicht -die erfinderische Kunst des Menschen durch eine Brücke die getrennten -Teile vereinigen konnte.</p> - -<p>Wie das Nest eines Vogels, auf die höchsten Wipfel einer -Eiche oder auf die kühnsten Zinnen eines Turmes gebaut, hing -das Schlößchen auf dem Felsen. Es konnte oben keinen sehr -großen Raum haben, denn außer einem Turm sah man nur -eine befestigte Wohnung, aber die vielen Schießscharten im -unteren Teil des Gebäudes und mehrere weite Oeffnungen, -aus denen die Mündungen von schwerem Geschütz hervorragten, -zeigten, daß es wohl verwahrt und trotz seines kleinen Raumes -eine nicht zu verachtende Feste sei; und wenn ihm die vielen -hellen Fenster des oberen Stockes ein freies, luftiges Ansehen -verliehen, so zeigten doch die ungeheuren Grundmauern und -Strebepfeiler, die mit dem Felsen verwachsen schienen und durch -Zeit und Ungewitter beinahe dieselbe braungraue Farbe wie die -Steinmasse, worauf sie ruhten, angenommen hatten, daß es auf -festem Grunde wurzle und weder vor der Gewalt der Elemente -noch dem Sturm der Menschen erzittern werde. Eine schöne -Aussicht bot sich schon hier dem überraschten Auge dar, und -eine noch herrlichere, freiere ließ die hohe Zinne des Wartturms -und die lange Fensterreihe des Hauses ahnen.</p> - -<p>Diese Bemerkungen drängten sich Georg auf, als er erwartend -an der äußeren Pforte stand, die wohlverschanzt herwärts -über der Kluft, auf dem Lande den Zugang zu der Brücke -deckte. Jetzt tönten Schritte über die Brücke, das Tor tat sich -auf, und der Herr des Schlosses erschien selbst, seinen Gast zu -empfangen. Es war jener ernste, ältliche Mann, den Georg -in Ulm mehremal gesehen, dessen Bild er nicht vergessen hatte; -denn die düsteren, feurigen Augen, die bleichen, aber edlen Züge, -seine große Aehnlichkeit mit der Geliebten, hatten sich tief in -die Seele des Jünglings eingeprägt.</p> - -<p>»Ihr seid willkommen in Lichtenstein!« sagte der alte Herr -indem er seinem Gast die Hand bot und eine gütige Freundlichkeit -den gewöhnlichen strengen Ernst seiner Züge milderte. »Was<span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span> -steht ihr müßig da, ihr Schlingel!« wandte er sich nach dieser -ersten Begrüßung zu seinen Dienern. »Soll etwa der Junker -sein Roß mit hinaufführen in die Stube? Schnell, hinein mit -in den Stall; das Rüstzeug traget auf die Kammer am Saal! -– Verzeihet, werter Herr, daß man Euch so lange unbedient -stehen ließ, aber in diese Bursche ist kein Verstand zu bringen. -Wollet Ihr mir folgen?«</p> - -<p>Er ging voran über die Zugbrücke, Georg folgte. Sein -Herz pochte bei diesem Gange voll Erwartung, voll Sehnsucht, -seine Wangen röteten sich vor Liebe und vor Scham, wenn er -an die letzte Nacht und an die Gefühle zurückdachte, die ihn zuerst -vor diese Burg geführt hatten. Sein Auge suchte an den -Fenstern umher, ob es nicht die Geliebte erspähe, sein Ohr -schärfte sich, um vielleicht ihre Stimme zu vernehmen, wenn -auch ihr Anblick ihm jetzt noch verborgen war. Aber umsonst -suchten seine Blicke diese Mauern zu durchbohren, umsonst fing -sein scharfes Ohr jeden Laut begierig auf, noch schien sie sich -nicht zeigen zu wollen.</p> - -<p>Sie gelangten jetzt an das innere Tor. Es war nach -alter Art tief, stark gebaut und mit Fallgattern, Oeffnungen für -siedendes Oel und Wasser, und allen jenen sinnreichen Verteidigungsmitteln -versehen, womit man in den guten alten -Zeiten den stürmenden Feind, wenn er sich der Brücke bemeistert -haben sollte, abhielt. Doch die ungeheuren Mauern und Befestigungen, -die sich von dem Tor an rings um das Haus zogen, -verdankte Lichtenstein nicht der Kunst allein, sondern auch der -Natur; denn ganze Felsen waren in die Mauerlinie gezogen, -und selbst der schöne, geräumige Pferdestall und die kühlen -Kammern, die statt des Kellers dienten, waren in den Felsen -eingehauen. Ein bequemer, gewundener Schneckengang führte -in die oberen Teile des Hauses, und auch dort waren kriegerische -Verteidigungen nicht vergessen; denn auf dem Vorplatz, der zu -den Zimmern führte, wo in anderen Wohnungen häusliche -Gerätschaften aufgestellt sind, waren hier furchtbare Doppelhaken -und Kisten mit Stückkugeln aufgepflanzt. Das Auge des -alten Ritters ruhte mit einem gewissen Ausdruck von Stolz -auf diesem sonderbaren Hausrat, und in der Tat konnten diese -Geschütze damals für ein Zeichen von Wohlhabenheit und selbst -Reichtum gelten, denn nicht jeder Privatmann war imstande, -seine Burg mit vier oder sechs solchen Stücken zu versehen.</p> - -<p>Von hier ging es noch einmal aufwärts in den zweiten<span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span> -Stock, wo ein überaus schöner Saal, ringsum mit hellen Fenstern, -den Ritter von Lichtenstein und seinen Gast aufnahm.<a id="FNanchor_32_33"></a><a href="#Footnote_32_33" class="fnanchor">[32]</a> -Der Hausherr gab einem Diener, der ihnen gefolgt war, mehr -durch Zeichen als Worte einige Befehle, die ihn aus dem Saale -entfernten.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap22">22.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">– Und der Graf, gerührt von solches<br /></span> -<span class="i0">Hohen Opfers hohem Geiste<br /></span> -<span class="i0">Bei der Freude süßer Regung,<br /></span> -<span class="i0">Kann der Freundschaft mildem Taue,<br /></span> -<span class="i0">Der durchs Herz ihm, der durchs Auge<br /></span> -<span class="i0">Schon ihm schleicht, nicht widerstehen.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">P. Conz.</em> -</p> -</div> - -<p>Als die beiden Männer in dem weiten Saale von Lichtenstein -allein waren, trat der Alte dicht vor Georg hin und schaute -ihn an, als messe er prüfend seine Züge. Ein Strahl von Begeisterung -und Freude drang aus seinen Augen, und die Melancholie -seiner Stirne war verschwunden, er war heiter, fröhlich -sogar, wie der Vater, der einen Sohn empfängt, der von -langen Reisen zurückkehrt. Endlich stahl sich eine Träne aus -seinem glänzenden Auge, aber es war eine Träne der Freude, -denn er zog den überraschten Jüngling an sein Herz.</p> - -<p>»Ich pflege nicht weich zu sein,« sprach er nach dieser -feierlichen Umarmung zu Georg; »aber solche Augenblicke überwinden -die Natur, denn sie sind selten. Darf ich denn wirklich -meinen alten Augen trauen? Trügen die Züge dieses Briefes -nicht? Ist dieses Siegel echt, und darf ich ihm glauben? Doch -– was zweifle ich! Hat nicht die Natur Euch ihr Siegel auf -die freie Stirne gedrückt? Sind die Züge nicht echt, die sie -auf den offenen Brief Eures Gesichtes geschrieben? Nein, Ihr -könnet nicht täuschen – die Sache meines unglücklichen Herrn -hat einen Freund gefunden?«</p> - -<p>»Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meinet, -so habt Ihr recht gesehen, sie hat einen warmen Anhänger gefunden. -Der Ruf bezeichnet mir längst den Herrn von Lichtenstein -als einen treuen Freund des Herzogs, und ich wäre vielleicht -auch ohne den Rat jenes unglücklichen Mannes, der mich -zu Euch schickte, gekommen, Euch zu besuchen.«</p> - -<p>»Setzet Euch zu mir, junger Freund,« sagte der Alte, dessen -Augen immer noch mit Liebe auf dem Jüngling zu ruhen<span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span> -schienen; »setzet Euch her und höret, was ich sage. Ich liebe es -sonst nicht, wenn die Leute ihre Farbe ändern, ich habe in -meinem langen Leben gelernt, daß man die Ueberzeugung eines -jeden ehren müsse, und daß ein Mann, wenn er nur sonst reine -Absichten hat, nicht gerade deswegen zu verdammen sei, weil er -anderer Meinung ist als wir. Aber wenn man seine Farbe -mit so uneigennützigen Absichten ändert wie Ihr, Georg von -Sturmfeder, wenn man dem Glück den Rücken kehrt, um sich -an das Unglück anzuschließen, da hat die Aenderung großen -Wert, denn sie trägt das Gepräge einer edlen Tat an der -Stirne.«</p> - -<p>Georg errötete über sich selbst, als er hörte, wie der -Lichtensteiner seine uneigennützigen Absichten pries. War es -denn nicht auch die schöne Tochter, was ihn zu der Fahne des -Vaters führte? Und mußte er nicht in der Achtung dieses -Mannes sinken, wenn über kurz oder lang dieses Motiv seines -Uebertrittes ans Licht kam? »Ihr seid zu gütig,« antwortete -er; »die Absichten eines Menschen liegen oft tiefer verborgen, -als man auf den ersten Anblick glaubt; seid versichert, daß mein -Uebertritt zu Eurer Sache zwar zum Teil von dem empörten -Gefühl des Rechtes geleitet wurde; doch könnte es auch einen -irdischeren Beweggrund geben, Herr Ritter, und ich möchte nicht, -daß Ihr mich für zu gut hieltet, es würde mir um so weher -tun, wenn Ihr nachher ungünstiger von mir urteiltet.«</p> - -<p>»Ich liebe Euch um dieser Offenheit willen nur noch -mehr,« entgegnete der Herr des Schlosses und drückte seinem -Gast die Hand. »Doch traue ich meiner Erfahrung und meiner -Kenntnis der Gesichter, und von Euch will ich kühn behaupten, -daß, wenn Euch auch noch eine andere Absicht leitet als das -Gefühl des Rechtes, diese Absicht doch keine schlechte sein kann. -Wer Schlechtes im Schilde führt, ist feig, und wer feig ist, wagt -es nicht, den Truchseß, den Herzog von Bayern und den schwäbischen -Bund vor den Kopf zu stoßen und so aufzutreten, wie -Ihr aufgetreten seid.«</p> - -<p>»Was wisset Ihr von mir?« rief Georg mit freudigem -Erstaunen, »habt Ihr denn je von mir gehört vor diesem -Augenblick?«</p> - -<p>Der Diener, welcher bei diesen Worten die Türe öffnete, -unterbrach die Antwort des alten Herrn; er setzte Wildbret -und volle Becher vor Georg hin und schickte sich an, den Gast -zu bedienen. Doch ein Wink seines Herrn entfernte ihn aufs -neue. »Verschmähet diesen Morgenimbiß nicht,« sagte er zu<span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span> -dem jungen Manne; »den ersten Becher sollte zwar die Hausfrau -kredenzen, wie es die angenehme Sitte heischt; aber die -meinige ist schon lange tot, und meine einzige Tochter, Marie, -die an ihrer Stelle das Hauswesen versieht, ist ins Dorf hinabgegangen, -um am hohen Feste eine Predigt zu hören und die -Messe. Nun, Ihr fraget mich, ob ich noch nie von Euch gehört -hatte? Ihr seid ja jetzt unser, daher darf ich Euch wohl -sagen, was man sonst verschweigt. Ich war zur Zeit, als Ihr -in Ulm einrücktet, in jener Stadt, um meine Tochter abzuholen, -die sich dort aufhielt, hauptsächlich aber, um manches zu erfahren, -was für den Herzog zu wissen wichtig war; Gold öffnet -alle Pforten,« setzte er lächelnd hinzu, »auch die des hohen -Rates, und so hörte ich täglich, was die Bundesobersten beschlossen. -Als der Krieg erklärt wurde, war ich genötigt, abzureisen; -ich hielt aber treue Männer in jener Stadt, die mir -auch das Geheimste berichteten, was vorging.«</p> - -<p>»War nicht einer davon der Pfeifer von Hardt,« fragte -Georg, »den ich bei dem Geächteten traf?«</p> - -<p>»Und der Euch über die Alp führte? Jawohl! Diese -brachten immer Kundschaft. So erfuhr ich denn auch, daß man -beschloß, einen Späher hinter den Rücken des Herzogs zu -schicken, etwa in die Gegend von Tübingen, um dem Bunde sogleich -Nachricht von unseren Schritten zu erteilen. Ich erfuhr -auch, daß die Wahl auf Euch gefallen sei. Nun muß ich Euch -redlich gestehen, Ihr und Euer Name war mir ziemlich gleichgültig, -nur bedauerte ich Euch, als ich hörte, daß Ihr noch solch -ein junges Blut seid, denn sobald Ihr über die Alb kamet als -Kundschafter, wäret Ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit totgeschlagen -oder unter die Erde gesetzt worden, wo keine Sonne -und kein Mond hinscheint. Um so überraschender war mir und -vielen Männern die Nachricht, wie Ihr es ausgeschlagen und -wie tapfer Ihr vor jenen Herren gesprochen. Auch daß Ihr -absagtet und auf vierzehn Tage Urfehde schwören mußtet, erfuhr -ich. Und wie freut es mich, daß Ihr nun gar unser -Freund geworden seid!«</p> - -<p>Die Wangen des jungen Mannes glühten, sein Auge -strahlte vor Freude; brach ja doch dieser Augenblick alle Schranken, -welche die Verhältnisse zwischen ihm und Marie gezogen -hatten. Sein langer Wunsch, dessen Erfüllung oft so weit in -die Ferne hinausgerückt schien, war in Erfüllung gegangen; er -hatte unbewußt Mariens Vater für sich gewonnen. »Ja, ich -habe ihnen abgesagt,« antwortete Georg, »weil ich ihr Wesen<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span> -nicht mehr leiden mochte; ich bin Euer Freund geworden; doch -wäre es möglich, ich hätte mich nicht so bald zu Eurer Sache -bekannt; aber als ich unten in der Höhle neben jenem geächteten -Mann saß, als ich bedachte, wie man mit den Edeln -und selbst mit dem Herrn des Landes umgehe, wie seine gewaltigen -Reden so mächtig an meiner Brust anklopften, da -war es mir auf einmal hell und klar, hierher müsse ich stehen, -hier müsse ich streiten. Und glaubt Ihr, es werde bald etwas -zu tun geben? Denn ich bin nicht zu Euch herübergeritten, -um die Hände in den Schoß zu legen!«</p> - -<p>»Das konnte ich mir denken,« sagte der Ritter lächelnd; -»vor vierzig Jahren hatte ich auch so rasches Blut, und es ließ -mich nicht lange auf einem Fleck. Wie die Sachen stehen, wißt -Ihr; man kann sagen, eher schlimm als gut. Sie haben das -Unterland, sie haben den ganzen Strich von Urach herauf. -Auf <em class="gesperrt">eines</em> kommt alles an: hält Tübingen fest, so siegen wir.«</p> - -<p>»Die Ehre von vierzig Rittern bürgt dafür,« rief Georg -mit Unmut; »das Schloß ist stark, ich habe kein stärkeres gesehen, -Besatzung ist hinlänglich da, und vierzig Männer von -Adel werden sich so leicht nicht ergeben. Es kann nicht sein, -es darf nicht sein. Haben sie nicht des Herzogs Kinder bei -sich und den Schatz des Hauses? Sie <em class="gesperrt">müssen</em> sich halten.«</p> - -<p>»Wohl, wenn sie alle dächten wie Ihr. Es kommt gar viel -auf Tübingen an. Wenn der Herzog Entsatz bringen kann, -so hat er an Tübingen einen festen Punkt, von wo aus er sein -Land wiedererobern kann; es sind große Kriegsvorräte dort, -es ist ein großer Teil des Adels; solange sie zu seiner Partei -halten, ist Württemberg nur dem Boden nach gewonnen, dem -Geiste nach ist es noch des Herzogs; aber ich fürchte, ich fürchte!«</p> - -<p>»Wie? Unmöglich können sich die Vierzig ergeben!«</p> - -<p>»Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt,« erwiderte -der Alte; »Ihr wißt nicht, welche Lockungen und Schlingen -manchen ehrlichen Mann straucheln machen können; und es ist -mancher in der Burg, dem der Herzog zu viel getraut hat. Er -merkt auch wohl, daß es nicht ganz lauter und rein hergeht, -denn er schickte den Ritter Marx Stumpf von Schweinsberg -an sie mit einem beweglichen Schreiben<a id="FNanchor_33_34"></a><a href="#Footnote_33_34" class="fnanchor">[33]</a>, das Schloß nicht zu -übergeben, sondern ihm Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu -kommen, weil er dort zu sterben bereit sei, wenn es Gott über -ihn verhänge.«</p> - -<p>»Der arme Herr!« rief Georg bewegt. »Aber ich kann -nicht glauben, daß der Landesadel so schändlich freveln könnte;<span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span> -sie werden ihn einlassen in die Burg, er wird ihren Mut aufs -neue beseelen, er wird Ausfälle machen, er wird sie schlagen, die -Belagerer, trotz Bayern und Frondsberg; wir werden uns an -ihn anschließen, wir werden fechtend durch das Land ziehen und -diese Bündler verjagen.«</p> - -<p>»Marx Stumpf ist noch nicht zurück,« sagte der Ritter -von Lichtenstein mit besorgter Miene; »auch haben sie seit -gestern das Schießen eingestellt. Sonst hörte man jeden Stückschuß -hier auf dem Lichtenstein, aber seit gestern ist es still -wie im Grabe.«</p> - -<p>»Vielleicht schweigt das Geschütz wegen des Festes; gebt -acht, sie werden morgen oder am Ostermontag wieder donnern -lassen, daß es durch Eure Felsen hallt.«</p> - -<p>»Was da!« entgegnete jener. »Wegen des Festes? Seinem -Herzog treu zu dienen, ist auch ein frommer Dienst, und es -wäre den Heiligen im Himmel vielleicht lieber, sie hörten den -Donner der Feldschlangen von Tübingens Wällen, als daß sie -die Ritter müßig sehen. Müßiggang ist aller Laster Anfang! -Aber wenn nur der Stumpf in das Schloß kommt, der wird -sie aufrütteln aus ihrem Schlummer.«</p> - -<p>»Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tübingen -geschickt, sagt Ihr? Der Herzog will ins Schloß, weil -die Besatzung seit einigen Tagen zu wanken scheint? Da kann -also Ulrich nicht bis Mömpelgard entflohen sein, wie die Leute -sagen; da ist er vielleicht in der Nähe? O daß ich ihn sehen -könnte, daß ich mich mit ihm nach Tübingen schleichen könnte!«</p> - -<p>Ein sonderbares Lächeln zog flüchtig über die ernsten Züge -des Alten. »Ihr werdet ihn sehen, wenn es Zeit ist,« sagte er. -»Ihr werdet ihm angenehm sein, denn er liebt Euch schon jetzt. -Und ist das Glück gut, so sollt Ihr auch mit ihm nach Tübingen -kommen, Ihr habt mein Wort drauf. – Doch jetzt muß ich -Euch bitten, Euch ein Stündchen allein zu gedulden. Mich ruft -ein Geschäft, das aber bald abgetan sein wird. Nehmt Euch -meinen Wein zum Gesellschafter, schauet Euch um in meinem -Haus; ich würde Euch einladen, auf die Jagd auszureiten, wenn -ein solches Vergnügen zum Karfreitag paßte.«</p> - -<p>Der alte Herr drückte seinem Gast noch einmal die Hand -und verließ das Zimmer. Bald nachher sah ihn Georg aus -dem Schlosse dem Walde zu reiten.</p> - -<p>Als sich der junge Mann allein gelassen sah, fing er an, -seinen Anzug ein wenig zu besorgen, der durch den Ritt in der -Nacht, durch seinen Aufenthalt in der Höhle etwas außer Ordnung<span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span> -gekommen war. Wer je unter solchen Umständen in die -Nähe der Geliebten kam, wird es ihm nicht übelnehmen, wenn -er vor einem kleinen Spiegel von poliertem Metall, den er in -diesem Gemach vorfand und der wohl zu Mariens Gerätschaften -gehören mochte, Bart und Haare ordnete, das Wams ein wenig -reinigte und jede Spur von Unordnung aus seinem Anzug zu -verbannen suchte. Er erging sich dann in dem großen Zimmer -und suchte unter den vielen Fenstern eines auf, von welchem -er auf den Felsenweg hinabschauen konnte, den Marie von der -Kirche im Tal heraufkommen mußte.</p> - -<p>Es waren fröhliche Gedanken, die sich in bunter Menge -an seiner Seele vorüberdrängten, schnell und flüchtig wie ein -Zug heller Wölkchen, die am blauen Gewölb des Himmels dahingleiten. -Dies war die Burg, die er seit mehr als einem -Jahre im Wachen geträumt, in Träumen klar gesehen hatte, -dies die Berge, die Felsen, von denen sie ihm so oft erzählte, -dies die Gemächer ihrer Kindheit! Es hat etwas Anziehendes, -in den Zimmern zu verweilen, wo die Geliebte groß geworden -ist. Man träumt sich um Jahre zurück, man sieht sie als kleines -Mädchen in diesen Kammern, in diesen Gängen sich umtreiben; -man geht um einige Jahre vorwärts, man sieht sie noch klein, -aber verständig, der Mutter jene kleinen Künste der Haushaltung -abspähen, die sie viele Jahre nachher als Hausfrau -nötig hat. Doch in dem kleinen Köpfchen gestaltet sich schon -jetzt ein eigenes Hauswesen. Es ist vielleicht jene Ecke, dachte -Georg lächelnd, wo sie in kindischer Geschäftigkeit, was sie von -den Brosamen der Küche erbeutete, zu Speisen von eigener -Erfindung bereitete, wo sie das hölzerne Wesen, das ein Knecht -kunstreich schnitzelte und die Amme mit einigen bunten Fetzen -behängt hat, für ein wackeres Kind hält und es mit wichtiger -Miene zu füttern gedenkt.</p> - -<p>Und dann jene anmutsvolle Stufe zwischen Kind und -Jungfrau! Wo ist wohl das stille Plätzchen, wo sich das fünfzehnjährige -Fräulein, wenn sie in dem Garten und Feld nach -Kinderweise getobt hatte, sich ernst und feierlich hinsetzte, die -Kunkel zur Hand nahm und goldne Fäden zog, während ihr -der Vater von der Mutter und von den Tagen seiner Jugend -erzählte oder durch weise Lehren und gewichtige Sprüche den -Geist der Jungfrau zu erheben suchte?</p> - -<p>Wo ist das Lieblingsfenster, wohin sie sich, immer höher -und schöner heranwachsend, gerne setzte und mit unbewußter, -dunkler Sehnsucht in die Ferne sah, über das Leben und ihre<span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span> -eigene Zukunft nachsann und sich in freundliche Träume versenkte?</p> - -<p>Es war ihm so heimisch, so wohl in diesem Hause, es war -<em class="gesperrt">ihr</em> Geist, der hier waltete, der ihn umschwebte, den er, ob sie -auch fern war, freundlich begrüßte. Dieses Gärtchen, auf einem -schmalen Raum am Felsen, hatte sie besorgt und gepflegt, diese -Blumen, die in einem Topf auf dem Tische standen, hatte sie -vielleicht heute schon gepflückt. Er ging hin, diese Zeichen ihres -freundlichen Sinnes zu begrüßen.</p> - -<p>Er beugte sich herab über die Blumen, er führte die duftenden -Veilchen zum Mund. In diesem Augenblick glaubte -er ein Geräusch vor der Türe zu vernehmen. Er sah sich um -– sie war es, es war Marie, die staunend und regungslos, als -traue sie ihren Augen nicht, an der Türe stand. Er flog zu ihr -hin, er zog sie in seine Arme, und seine Lippen erst schienen sie -zu überzeugen, daß es nicht der Geist des Geliebten sei, der ihr -hier erscheine. Wie viel hatten sie sich zu fragen, bei weitem -mehr, als sie nur antworten konnten! Es gab Augenblicke, -wo sie, wie aus einem Traum erwacht, sich ansahen, sich überzeugen -mußten, ob sie denn wirklich sich wiederhaben?</p> - -<p>»Wieviel habe ich um dich gelitten,« sagte Marie, und ihre -Wangen straften sie nicht Lügen; »wie schwer wurde mir das -Herz, als ich aus Ulm scheiden mußte. Zwar hattest du mir -gelobt, vom Bunde abzulassen, aber hatte ich denn Hoffnung, -dich so bald wiederzusehen? – Und dann, wie mir Hans die -Nachricht brachte, daß du mit ihm nach Lichtenstein kommen -wolltest, aber du seist überfallen, verwundet worden. Das -Herz wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu dir, -konnte dich nicht pflegen!«</p> - -<p>Wie beschämt war Georg, wenn er an seine törichte Eifersucht -zurückdachte, wie fühlte er sich so klein und schwach Mariens -zarter Liebe gegenüber. Er suchte sein Erröten zu verbergen, -er erzählte, oft unterbrochen von ihren Fragen, wie sich alles -so gefügt habe, wie er dem Bunde abgesagt, wie er überfallen -worden, wie er der Pflege der Pfeifersfrau sich entzogen habe, -um nach Lichtenstein zu reisen.</p> - -<p>Georg war zu ehrlich, als daß ihn Mariens Fragen nicht -hin und wieder in Verlegenheit gesetzt hätten. Besonders als -sie mit Verwunderung fragte, warum er denn so tief in der -Nacht erst nach Lichtenstein aufgebrochen sei, wußte er sich nicht -zu raten. Die schönen klaren Augen der Geliebten ruhten so<span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span> -fragend, so durchdringend auf ihm, daß er um keinen Preis -eine Unwahrheit zu sagen vermocht hätte.</p> - -<p>»Ich will es nur gestehen,« sagte er mit niedergeschlagenen -Augen, »die Wirtin in Pfullingen hat mich betört. Sie sagte -mir etwas von dir, was ich nicht mit Gleichmut hören konnte.«</p> - -<p>»Die Wirtin von mir?« rief Marie lächelnd. »Nun was -war denn dies, daß es dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?«</p> - -<p>»Laß es doch! Ich weiß ja, daß ich ein Tor war. Der -geächtete Ritter hat mich ja schon längst überzeugt, daß ich -völlig unrecht hatte.«</p> - -<p>»Nein, nein,« entgegnete sie bittend, »so entgehst du mir -nicht. Was wußte die Schwätzerin wieder von mir? Gestehe -nur gleich –«</p> - -<p>»Nun, lache mich nur recht aus. Sie erzählte, du habest -einen Liebsten und lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle -Nacht in die Burg.«</p> - -<p>Marie errötete. Unwille und die Lust, über diese Torheit -zu lachen, kämpften in ihren schönen Zügen. »Nun, ich hoffe,« -sagte sie, »du hast ihr darauf geantwortet, wie es sich gehört, und -aus Unmut über eine solche Verleumdung ihr Haus verlassen? -Dachtest vielleicht, du könntest unser Schloß noch erreichen und -hier übernachten?«</p> - -<p>»Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht. Siehe, ich war -noch halb krank, ich glaubte ihr auch anfangs gewiß nicht; aber -deine Amme, die alte Frau Rosel, wurde aufgeführt, sie hatte es -der Wirtin gesagt, sie hatte mich selbst ins Spiel gebracht und -bedauert, daß ich um meine Liebe betrogen sei, da – o sieh nicht -weg, Marie, werde mir nicht böse! – ich schwang mich aufs -Pferd und ritt vors Schloß herauf, um ein Wort mit dem zu -sprechen, der es wage, Marien zu lieben.«</p> - -<p>»Das konntest du glauben?« rief Marie, und Tränen -stürzten aus ihren Augen. »Daß Frau Rosel solche Sachen ausgesagt, -ist unrecht, aber sie ist ein altes Weib, klatscht gerne; daß -die Frau Wirtin solche Sachen nachsagt, nehme ich ihr nicht -übel, denn sie weiß nichts Besseres zu tun; aber du, <em class="gesperrt">du</em> Georg, -konntest nur einen Augenblick so arge Lügen glauben? Du -wolltest dich überzeugen, daß –« von neuem strömten ihre -Tränen, und das Gefühl bitterer Kränkung erstickte ihre -Stimme.</p> - -<p>Georg zürnte sich selbst, daß er so töricht hatte sein können, -aber er fühlte auch, daß, wenn er ein großes Unrecht an der<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span> -Geliebten begangen hatte, es nur die Liebe war, die ihn verleitete. -»Verzeihe mir nur diesmal,« bat er; »sieh, wenn ich -dich nicht so lieb gehabt hätte, ich hätte gewiß nicht geglaubt; aber -wenn du wüßtest, was Eifersucht ist!«</p> - -<p>»Wer recht liebt, kann gar nicht eifersüchtig sein,« sagte -Marie unmutig; »aber schon in Ulm hast du etwas solches gesagt, -und schon damals hat es mich recht tief betrübt. Aber du -kennst mich gar nicht; wenn du mich recht gekannt hättest, wenn -du mich geliebt hättest wie ich dich, wärest du nicht auf solche -Gedanken gekommen.«</p> - -<p>»Nein! Ungerecht mußt du doch nicht werden,« rief Georg -und faßte ihre Hand. »Wie kannst du mir vorwerfen, daß ich -dich nicht liebe wie du mich? Hätte es denn nicht möglich sein -können, daß ein Würdigerer als ich erschienen, daß der arme -Georg durch irgend einen bösen Zauber aus deinem Herzen -verdrängt worden wäre? Es ist ja doch alles möglich auf der -Erde!«</p> - -<p>»Möglich?« unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den -Georg oft mit Lächeln an der Tochter des Ritters von Lichtenstein -betrachtet hatte, schien sie allein zu beseelen. »Möglich? -Wenn Ihr nur einen Augenblick so Arges von mir für möglich -gehalten hättet, ich wiederhole es, Herr von Sturmfeder! so -habt Ihr mich nie geliebt. Ein Mann muß sich nicht wie ein -Rohr hin und her bewegen lassen, er muß feststehen auf seiner -Meinung, und wenn er liebt, so muß er auch glauben.«</p> - -<p>»Diesen Vorwurf habe ich von dir am wenigsten verdient,« -sagte der junge Mann, indem er unmutig aufsprang; »wohl bin -ich ein Rohr, das vom Winde hin und her bewegt wird, und -mancher wird mich darum verachten –«</p> - -<p>»Es könnte sein!« flüsterte sie, doch nicht so leise, daß es -sein Ohr nicht erreichte und seinen Unmut zum Zorn anblies.</p> - -<p>»Auch du willst mich also darum verachten, und doch bist -du es, was mich hin und her bewegt! Ich habe dich auf bündischer -Seite gesucht, ich war selig, als ich dich dort fand. Du -batest mich, davon abzulassen, ich ging. Ich tat noch mehr. -Ich kam zu euch herüber, es kostete mich beinahe das Leben, -und doch ließ ich mich nicht abschrecken. Ich ergriff Württembergs -Partei, ich kam zu deinem Vater, er nahm mich wie einen -Sohn auf und freute sich, daß ich sein Freund geworden – aber -seine Tochter schilt mich ein Rohr, das vom Winde hin und her -bewegt wird! Aber noch einmal will ich mich – zum letztenmal<span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span> -– von dir bewegen lassen: ich will fort, weil du meine Liebe so -vergiltst, noch in dieser Stunde will ich fort!«</p> - -<p>Er gürtete unter den letzten Worten sein Schwert um, ergriff -sein Barett und wandte sich zur Türe.</p> - -<p>»Georg!« rief Marie mit den süßesten Tönen der Liebe, -indem sie aufsprang und seine Hand faßte. Ihr Stolz, ihr -Zorn, jede Wolke des Unmuts war verschwunden, selbst die -Tränen hemmten ihren Lauf, und nur bittende Liebe blickte aus -ihrem Auge. »Um Gottes willen, Georg! ich meinte es nicht -so böse; bleibe bei mir, ich will alles vergessen, ich schäme mich, -daß ich so unwillig werden konnte.«</p> - -<p>Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht so schnell -zu besänftigen, er sah weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr -bittendes Lächeln gewonnen zu werden; denn sein Entschluß -stand fest, das Schloß zu verlassen. »Nein!« rief er, »du sollst -das Rohr nicht mehr zurückwenden. Aber deinem Vater kannst -du sagen, wie du seinen Gast aus seinem Haus vertrieben hast.« -Die runden Fensterscheiben zitterten vor seiner Stimme, sein -Auge blickte wild umher, er entriß seine Hand der Geliebten, -gefolgt von ihr schritt er fort, er riß die Türe auf, um auf ewig -zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine Erscheinung fesselte, -die wir im nächsten Kapitel näher beschreiben werden.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap23">23.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Herrengunst, Aprilenwetter,<br /></span> -<span class="i0">Frauenlieb' und Rosenblätter,<br /></span> -<span class="i0">Würfel, Karten, Federspiel<br /></span> -<span class="i0">Verkehren sich oft, wer's glauben will.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Altes Sprichwort.</em> -</p> -</div> - -<p>Als Georg die Tür öffnete, richtete sich aus einer sehr gebückten -Stellung die hagere, knöcherne Gestalt der Frau Rosel -auf. Es war dies eine jener alten Dienerinnen, die, wenn sie -von früher Jugend an in einer Familie bleiben, sich einbürgern, -in die Familie verwachsen und gleichsam ein notwendiger Zweig -davon werden. Sie hatte ihre Nützlichkeit besonders nach dem -Tode der Frau von Lichtenstein erprobt, wo sie Marie mit -großer Sorgfalt pflegte und aufzog. Sie war so von einer Zofe -zur Kindsfrau, von der Kindsfrau zur Haushälterin, von diesem -Posten zu Mariens Oberhofmeisterin und Vertrauter avanciert. -Sie hatte aber, wie ein kluger Feldherr, sich den Rücken<span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span> -gesichert, sie hatte jene Posten, aus denen sie in die höheren -Stellen vorgerückt war, nicht wieder besetzen lassen, sondern verwaltete -sie alle zusammen, wie sie behauptete, mit großer Gewissenhaftigkeit, -und weil es doch sonst niemand verstehe. Sie -hatte durch diesen Kunstgriff und durch ihre lange Dienstzeit -die Zügel der häuslichen Regierung an sich gebracht, das Gesinde -ging und kam nach ihrem Blick, und sie gab zu verstehen, -daß sie beim Herrn alles gelte, obgleich seine Gnade nur darin -bestand, daß er sie nicht in Gegenwart der übrigen auszankte.</p> - -<p>Mit dem Fräulein lebte sie in neueren Zeiten nicht mehr -im besten Verhältnis. Sie hatte in den Tagen der Kindheit -und ersten Jugend ihr ganzes Vertrauen besessen. Noch in -Tübingen war sie wenigstens halb ins Geheimnis ihrer Liebe -gezogen, und Frau Rosel nahm wirklich so tätigen Anteil an -allem, was ihr Fräulein betraf, daß sie gesagt hätte: »Wir lieben -den Herrn von Sturmfeder aufs zärtlichste,« oder – »<em class="gesperrt">uns</em> will -das Herz beinahe brechen, weil wir scheiden müssen.«</p> - -<p>Diesem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende. -Das Fräulein bemerkte, daß Frau Rosel zu gerne schwatze, sie -war ihr auf der Spur, daß sie sogar von ihrem Verhältnis zu -Georg geplaudert habe. Sie war daher von jetzt an kälter gegen -die Alte, und Frau Rosel merkte im Augenblick, warum dies geschehe. -Als aber bald darauf die Reise nach Ulm angetreten -wurde, als Frau Rosel, obgleich sie sich einen neuen Rock von -Fries und eine köstliche Haube von Brokat hierzu verfertigt -hatte, auf höheren Befehl in Lichtenstein bleiben mußte, da -wurde die Kluft noch weiter; denn die Alte glaubte, das Fräulein -habe es beim Vater dahin gebracht, daß sie nicht nach Ulm -mitreisen dürfe.</p> - -<p>Das Vertrauen wurde nicht hergestellt, als Marie von Ulm -zurückkehrte. Frau Rosel zwar, die lieber mit der Herrschaft -als dem Gesinde lebte, suchte einigemal Erkundigungen über -Herrn Georg einzuziehen und so das alte Verhältnis wieder -anzuknüpfen, doch Mariens Herz war so voll, die Amme ihr zu -verdächtig, als daß sie etwas gesagt hätte. Als daher der geächtete -Ritter nächtlicherweise ins Schloß kam, als das Fräulein -so geheimnisvoll Speisen für ihn bereitete und, wie Frau -Rosel glaubte, mit ihm allein war, als sie auch hier nicht mehr -ins Geheimnis gezogen wurde, da schüttete sie ihr Herz gegen -die Frau Wirtin in Pfullingen aus, und es war Georg nicht so -ganz zu verdenken, daß er jenen Worten traute, kannte er ja -doch Frau Rosel nur als Vertraute ihres Fräuleins, wußte er<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span> -ja doch nicht, wie dieses Verhältnis indessen so anders sich gestaltet -habe.</p> - -<p>Frau Rosel war im Sonntagsstaat mit ihrer Dame diesen -Morgen in die Kirche gewallfahrtet. Sie hatte ihre Sünden, -worunter Neugierde ziemlich weit obenan stand, dem Priester -gebeichtet, auch Absolution dafür erhalten und war mit so viel -leichterem Herzen und Gewissen auf den Lichtenstein zurückgekehrt, -als sie vorher schwer und unter der Last der Sünden -seufzend, hinabgestiegen war. Die salbungsvollen Worte des -Paters mochten aber doch nicht so tief gedrungen sein, um ihre -Sünden mit der Wurzel auszurotten, denn als sie in ihr -Kämmerlein hinaufstieg, um Rosenkranz und Sonntagsschmuck -abzulegen, hörte sie ihr Fräulein und eine tiefe Männerstimme -heftig miteinander sprechen, es wollte ihr sogar bedünken, ihr -Fräulein weine.</p> - -<p>»Sollte er wohl bei Tag hier sein, weil der Alte ausgeritten?« -dachte sie. Die natürliche Menschenliebe und ein -zartes Mitgefühl zog ihr Auge und Ohr ans Schlüsselloch, und -sie vernahm in abgebrochenen Worten den Streit, dessen Zeugen -auch wir gewesen sind.</p> - -<p>Der junge Mann hatte die Türe so rasch geöffnet, daß sie -nicht mehr Zeit gehabt hatte, sich zu entfernen, sondern kaum -noch aus ihrer gebückten Stellung am Schlüsselloch auftauchen -konnte. Doch sie wußte sich zu helfen in solchen mißlichen Fällen, -sie ließ Georg nicht an sich vorüber, ließ beide nicht zum Wort -kommen, sie ergriff die Hände des jungen Mannes und überströmte -ihn mit einem Schwall von Worten:</p> - -<p>»Ei, du meine Güte! hätt' ich glaubt, daß meine alten -Augen den Junker von Sturmfeder noch schauen würden! Und -ich mein', Ihr seid noch schöner worden und größer, seit ich -Euch nimmer sah! Hätt' ich das gewußt! Steh' da, wie ein -Stock an der Tür', denke, ei! wer spricht jetzt mit dem gnädigen -Fräulein? Der Herr ist's nicht; von den Knechten ist's auch -keiner! Ei, was man nicht erlebt! Jetzt ist's der Junker -Georg, der da drin spricht!«</p> - -<p>Georg hatte sich während dieser Rede der Frau Rosel vergeblich -von ihr loszumachen gesucht. Er fühlte, daß es sich -nicht gezieme, vor ihr zu zeigen, daß er auf Marien zürne, und -doch glaubte er keinen Augenblick mehr bleiben zu können. Er -rang endlich eine Hand aus der knöchernen Faust der Alten, -aber indem er sie frei fühlte, hatte sie auch schon Marie ergriffen, -hatte sie, ohne auf Frau Rosels höhnisches Lächeln zu<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span> -achten, an ihr Herz gedrückt. Er war bei dieser Bewegung einem -ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu bannen schienen. -Jetzt aber erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine neue Verlegenheit. -Er fühlte seinen Unmut schwinden, er fühlte, daß -es Marie nicht so bös mit ihm gemeint habe. – Wie sollte er -aber jetzt mit Ehren zurückkehren? Wie sollte er so ganz ungekränkt -scheinen? Wäre er mit Marien allein gewesen, so -war es vielleicht noch eher möglich, aber vor diesem Zeugen, -vor der wohlbekannten Frau Rosel umzukehren, sich durch einen -Händedruck, durch einen Blick erweichen lassen und gefangen -geben? Er schämte sich vor diesem Weib, weil er sich vor sich -selbst schämte, und wir haben gehört, daß dieses Gefühl der -Scham, die Ungewißheit, <em class="gesperrt">wie</em> man, ohne zu erröten, zurückkehren -könne, schon oft aus einer kurzen Trennung in Unmut -eine dauernde gemacht und die schönsten Verhältnisse gebrochen -habe.</p> - -<p>Frau Rosel hatte sich einige Augenblicke an der Angst, an -dem Gram ihres Fräuleins geweidet, dann aber siegte die ihr -angeborene Gutmütigkeit über die kleine Schadenfreude, die in -ihr aufgestiegen war. Sie faßte die Hand des Junkers fester: -»Ihr werdet uns doch nicht schon wieder verlassen wollen, nachdem -Ihr kaum ein Stündchen auf dem Lichtenstein verweilt habt? -Ehe Ihr etwas zu Mittag gegessen, läßt Euch die alte Rosel -gar nicht weiter, das ist gegen alle Sitte des Schlosses. Und -den Herrn habt Ihr wahrscheinlich auch noch nicht begrüßt?«</p> - -<p>Es war schon ein großer Gewinn für Mariens Sache, daß -Georg <em class="gesperrt">sprach</em>: »Ich habe ihn schon gesprochen, dort stehen noch -die Becher, die wir zusammen leerten.«</p> - -<p>»Nun,« fuhr die Alte fort, »da werdet Ihr wohl noch nicht -von ihm Abschied genommen haben?«</p> - -<p>»Nein, ich sollte ihn im Schloß erwarten.«</p> - -<p>»Ei, wer wird dann gehen wollen?« sagte sie und drängte -ihn sanft in das Zimmer zurück. »Das wär' mir eine schöne -Sitte. Der Herr könnte ja Wunder meinen, was für einen -sonderbaren Gast er beherbergte. Wer bei <em class="gesperrt">Tag</em> kommt,« setzte -sie mit einem stechenden Blick auf das Fräulein hinzu, »wer beim -hellen Tag kommt, hat ein gut Gewissen und darf sich nicht -<em class="gesperrt">wegschleichen</em> wie der Dieb <em class="gesperrt">in der Nacht</em>.«</p> - -<p>Marie errötete und drückte die Hand des Jünglings, und -unwillkürlich mußte dieser lächeln, wenn er an den Irrtum der -Alten dachte und die strafenden Blicke sah, die sie auf Marien -warf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span></p> - -<p>»Ja, ja, wie ich sagte,« fuhr Frau Rosel fort, »braucht Euch -nicht wegzustehlen wie der Dieb in der Nacht. Wäre vielleicht -besser gewesen, Ihr wäret schon früher gekommen. Im Sprichwort -heißt es: Sieh für dich, irren ist mißlich; und: wer will -haben Ruh', bleib' bei seiner Kuh! Aber ich will nichts gesagt -haben.«</p> - -<p>»Nun ja,« sagte Marie, »du siehst, er bleibt da; was willst -du nur mit deinen Reden und Sprüchlein? Du weißt selbst, -sie passen nicht immer.«</p> - -<p>»So? Aber bisweilen treffen sie doch einen, dem es nicht -lieb ist. Aber Reu' und guter Rat ist unnütz nach geschehener -Tat. Ich weiß schon, Undank ist der Welt Lohn, ich kann ja -schweigen. Wer will haben gute Ruh', der seh' und hör' und -schweig' dazu.«</p> - -<p>»Nun, so schweige immerhin,« entgegnete das Fräulein -etwas gereizt; »übrigens wirst du wohl tun, wenn du den Vater -nicht geradezu merken läßt, daß du Herrn von Sturmfeder -schon kennst. Es wäre möglich, er könnte glauben, er sei wegen -uns nach Lichtenstein gekommen.«</p> - -<p>Frau Rosel kämpfte zwischen guter und böser Laune. Es -tat ihr wohl, daß man sie brauche, daß man Stillschweigen von -ihr erbitten müsse; auf der andern Seite war sie noch unwillig -darüber, daß das Fräulein seit neuerer Zeit so wenig Vertrauen -in sie gesetzt habe. Sie murmelte daher nur einige unverständliche -Worte vor sich hin, indem sie die Stühle wieder an die -Wände stellte, die Becher von dem Tisch nahm und die Flecken -abwischte, die der Wein auf der Schieferplatte, womit der Tisch -eingelegt war, zurückgelassen hatte. Marie gab Georg, der sich -an ein Fenster gestellt hatte und noch nicht völlig mit sich und der -Geliebten ausgesöhnt schien, einen Wink, den er nicht unbeachtet -ließ. Ihm selbst war viel daran gelegen, daß Mariens Vater -noch nichts um ihre Liebe wußte; er fürchtete, jener möchte es -als einziges Motiv seines Uebertrittes zu Württemberg ansehen, -er möchte ihn darum weniger günstig beurteilen, als er bisher -getan. Dies erwägend, näherte sich Georg der alten Frau Rosel. -Er klopfte ihr traulich auf die Schultern, und ihre Züge hellten -sich zusehends auf. »Man muß gestehen,« sagte er freundlich, -»Frau Rosel hat eine schöne Haube; aber dies Band paßt -doch wahrlich nicht dazu, es ist alt und verschossen.«</p> - -<p>»Ei was!« sagte die Alte etwas ärgerlich, denn sie hatte -sich wohl auf eine freundliche Rede gefaßt gemacht; »was kümmert -Euch meine Haube, ein jeder fege vor seiner Tür. Sieh<span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span> -auf dich und auf die Deinen, danach schilt mich und die Meinen. -Ich bin ein armes Weib und kann nicht Staat machen wie eine -Reichsgräfin. Wenn alle Leute wären gleich, und wären alle -sämtlich reich, und wären all' zu Tisch gesessen, wer wollt' auftragen -Trinken und Essen?«</p> - -<p>»Nun, so hab' ich's nicht gemeint,« sagte Georg besänftigend, -indem er eine Silbermünze aus seinem Beutelein zog. -»Aber mir zu Gefallen ändert Frau Rosalie schon ihr Band; -und daß meine Forderung nicht gar zu unbillig klingt, wird sie -diesen Dicktaler nicht verschmähen!«</p> - -<p>Wer hat nicht an einem Oktobertag trotz Sturm und -Wolken die Sonne durchdringen und Gewölk und Nebel verjagen -sehen? So ging es auch am Horizont der Frau Rosel -freundlich auf. Die artige Weise des Junkers, ihr Lieblingsname -Rosalie, der ihr viel wohltönender dünkte als das verdorbene -Rosel, und endlich der Dicktaler mit dem Krauskopf -des Herzogs und dem Wappen von Teck – wie konnte sie so -vielen Reizen widerstehen? »Ihr seid doch der alte freundliche -Junker!« sagte sie, indem sie, sich tief verneigend, den -Taler in die ungeheure lederne Tasche an ihrer Seite gleiten -ließ und den Saum von Georgs Mantel zum Munde führte. -»Gerade so wußtet Ihr es in Tübingen zu machen. Stand ich -am Jörgenbrunnen, ging ich von der Burgsteig hinab auf den -Markt, richtig rief es hinter mir: ›Guten Morgen, Frau Rosalie! -und wie geht es dem Fräulein?‹ Und wie oft und reich -habt Ihr mich dort beschenkt; wenigstens zwei Dritteile von -dem Rock, den ich hier trag', verdank' ich Eurer Gnade!«</p> - -<p>»Laßt das, gute Frau,« unterbrach sie Georg. »Und was -den Herrn betrifft, so wirst du –«</p> - -<p>»Was meint Ihr!« erwiderte sie, indem sie die Augen halb -zudrückte. »Habe Euch in meinem Leben nicht gesehen. Nein, -da könnt Ihr Euch drauf verlassen. Was ich nicht weiß, macht -mir nicht heiß, und was mich nicht brennt, das blase ich nicht!«</p> - -<p>Sie verließ bei diesen Worten das Zimmer und stieg in -den ersten Stock hinab, um dort in der Küche ihr Regiment zu -verwalten.</p> - -<p>Dankbar und freudig zog sie den Taler aus der Ledertasche -und besah ihn hin und her; sie pries bei sich die Freigebigkeit -des wackern Junkers und bedauerte ihn im stillen, daß seine -Liebe so schlecht vergolten werde, denn daß es ihr Fräulein mit -einem andern habe, war ihr ausgemachte Sache. Vor der Küche -stand sie gedankenvoll still. Sie war in Zweifel mit sich, ob<span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span> -sie der Sache ihren Lauf lassen solle, oder ob es nicht besser -wäre, dem Junker einige Winke über den nächtlichen Besucher -zu geben. »Doch, kommt Zeit, kommt Rat, vielleicht sieht er es -selbst und braucht mich nicht dazu. Ueberdies – ein Rater -in zweier Feinde Mitten, kann es leicht mit beiden verschütten; -man kann warten und zusehen, denn Hitz' im Rat, Eil' in der -Tat, gebären nichts als Schad'. Wer will haben gute Ruh', -der seh' und hör' und – schweig' dazu!«</p> - -<p>Solchen Rat pflog mit sich selbst Frau Rosel vor der Küche; -die Liebenden aber, denen diese Beratung galt, hatten sich nach -ihrem Abzug bald wiedergefunden. Georg vermochte nicht den -bittenden Blicken Mariens zu widerstehen; und als sie mit den -süßesten Tönen der Liebe ihn fragte, ob er ihr wieder gut sei, -da vermochte er nicht nein zu sagen, und der Friede war, was -selten der Fall ist, in kürzerer Zeit wieder geschlossen, als die -Fehde begonnen hatte.</p> - -<p>Mit hohem Interesse hörte Marie auf Georgs fernere Erzählung, -und es gehörte der feste Glaube des jungen Mannes -an die Geliebte und sein Vertrauen in das Wort des Geächteten -dazu, um nicht von neuem außer Fassung zu kommen. Denn -als er beschrieb, wie er auf den Ritter getroffen und sich mit -ihm geschlagen habe, da errötete sie, sie richtete sich stolzer auf -und drückte die Hand des Geliebten, sie gestand ihm, daß er -einen wichtigen Kampf bestanden habe, denn jener Mann sei -ein tapferer Kämpe. Und als er erzählte, wie sie hinabgestiegen -in die Nebelhöhle, wie sie den Geächteten besuchten, wie er tief -unter der Erde in ärmlicher Umgebung doch so groß und erhaben -geschienen, da stürzten Tränen aus ihren Augen, sie blickte -hinauf zum Himmel, als bete sie im stillen, er möchte das traurige -Geschick dieses Mannes wenden, und als er fortfuhr und -sagte, was sie gesprochen, und wie der Mann der Höhle sich -seinen Freund genannt, wie er sich zu Württembergs Sache, zu -der Sache der Unterdrückten und Vertriebenen mit Wort und -Handschlag verpflichtet habe, da strahlte Mariens Auge von -wunderbarem Glanze; sie sah Georg lange an, er glaubte eine -Begeisterung in ihrem Auge, in ihren Zügen zu lesen, die nicht -die Freude, daß er ihres Vaters Partei ergriffen habe, allein -vollbrachte.</p> - -<p>»Georg!« sagte sie, »es werden viele sein, die dich einst um -diese Nacht beneiden werden. Du darfst es dir auch zur Ehre -rechnen, denn glaube mir, nicht jeden hätte Hans zu dem Vertriebenen -geführt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span></p> - -<p>»Du kennst ihn,« erwiderte Georg; »du weißt um sein Geheimnis? -O sag mir doch, wer ist er? Ich habe selten einen -Mann gesehen, dessen Auge, dessen Miene, dessen ganzes Wesen -mich so beherrscht hätte wie dieser. Wo lagen seine Besitzungen, -wo ist das Schloß, aus dem er vertrieben ist? Er sagt, er wolle -jetzt keinen andern Namen haben als ›der Mann‹, aber sein -Arm, dessen Stärke ich gefühlt, sein heller Blick verbürgte mir, -daß er einst einen berühmten Namen in der Welt gehabt haben -müsse.«</p> - -<p>»Er hatte einen Namen,« antwortete Marie, »einen, der -sich mit den besten messen konnte; aber wenn er dir ihn nicht -selbst gesagt hat, so darf ich ihn auch nicht nennen, das wäre -gegen mein Wort, das ich darauf gegeben. Herr Georg muß -sich also schon noch gedulden,« setzte sie lächelnd hinzu, »so hart -es ihm auch ankommt, denn er ist ein neugieriger Herr.«</p> - -<p>»Mir kannst du es ja doch sagen,« unterbrach sie Georg; -»sind wir nicht <em class="gesperrt">eins</em>? Darf das eine ein Geheimnis haben, -ohne daß es der andere Teil wissen muß? Schnell! antworte, -wer ist der Mann in der Höhle?«</p> - -<p>»Werde nicht böse; sieh, wenn es nur mein Geheimnis -wäre, so müßtest du es auch wissen und könntest es mit Recht -verlangen, aber so – ich weiß zwar, daß es bei dir so sicher -wäre als bei mir, aber ich darf nicht.«</p> - -<p>Sie sprach noch, als die Türe aufsprang und eine Dogge -von ungeheurer Größe hereinstürzte.<a id="FNanchor_34_35"></a><a href="#Footnote_34_35" class="fnanchor">[34]</a> Georg fuhr unwillkürlich -auf, denn einen Hund von solcher Größe und Stärke hatte -er nie gesehen. Der Hund stellte sich ihm gegenüber, schaute ihn -mit rollenden Augen an und fing an zu murren. Es tönte aus -seiner breiten Brust herauf dumpf und hohl wie ein nahender -Sturm, und die wohlgeordnete Reihe scharfer Zähne, die er vorwies, -zeigte ihn als einen Kämpfer, dessen Zorn man nicht -reizen dürfe. Ein Wort von Marie reichte hin, ihn ruhig und -besänftigt zu ihren Füßen zu legen. Sie streichelte seinen -schönen Kopf, aus welchem die klugen Augen noch immer bald -nach ihr, bald nach dem Junker spähten. »Er hat Menschenverstand!« -sagte sie lächelnd. »Er kommt, um mich zu warnen, -daß ich den Mann in der Höhle nicht verraten soll.«</p> - -<p>»Ein herrlicher Hund, wie ich nie einen gesehen! Wie er -den Kopf so stolz aus dem goldnen Halsband hervorträgt, als -gehöre er einem Kaiser oder König!«</p> - -<p>»Er gehört <em class="gesperrt">ihm</em>, dem Vertriebenen,« erwiderte Marie,<span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span> -»und weil ich auf dem Sprunge war, den Namen seines Herrn -zu nennen, kam er, mich zu warnen.«</p> - -<p>»Warum aber führt der Ritter seinen Hetzer nicht mit -sich? Wahrlich, ein Arm wie der seine, unterstützt von einem -solchen Tier, darf sechs Mörder nicht fürchten.«</p> - -<p>»Das Tier ist wachsam,« antwortete sie, »aber wild. Wenn -er es in der Höhle unten hätte, so hätte er zwar einen sicheren -Schutz, wie aber, wenn durch Zufall ein Mensch in jene Höhle -käme? Sie ist so groß, daß man den Mann nicht darin ahnen -kann, aber die Dogge würde ihn verraten. Sie würde knurren -und anschlagen, sobald sie Tritte hörte, und sein Aufenthalt -wäre entdeckt. Darum hat er ihm befohlen, als er wegging, -hier zu bleiben, er versteht dies Gebot, und ich sorge für ihn. -Er hat ordentlich das Heimweh nach seinem Herrn, und die -Freude solltest du sehen, wenn es Nacht wird; er weiß, daß -dann sein Herr bald ins Schloß kommt, und wenn die Zugbrücke -niederfällt und die Schritte des Mannes auf dem Hofe -tönen, da ist er nicht mehr zu halten; er würde sechsfache Ketten -zerreißen, um bei ihm zu sein.«</p> - -<p>»Ein schönes Bild der Treue! doch ein schöneres noch ist -der Mann, dem dieser Hund gehört. Hing er doch eben so treu -an seinem Herrn und ließ sich verbannen und ins Elend jagen; -es ist töricht von mir,« setzte Georg hinzu, »ich weiß, Neugierde -steht einem Manne nicht an, aber wissen möchte ich, wer er ist.«</p> - -<p>»So gedulde dich doch, bis es Nacht wird! Wenn der -Mann kommt, will ich ihn fragen, ob du es wissen darfst; ich -zweifle nicht, er wird es erlauben.«</p> - -<p>»Es ist noch lange bis dahin, und jeden Augenblick muß -ich an ihn denken; wenn du mir es nicht sagst, so muß ich mich -an den Hund wenden, vielleicht ist er gütiger als du.«</p> - -<p>»Versuche es immer,« rief Marie lächelnd, »wenn er -sprechen kann, so soll er es nur gestehen.«</p> - -<p>»Hör' einmal, du ungeheurer Geselle,« wandte sich Georg -zu dem Hund, der ihn aufmerksam ansah, »sage mir, wie heißt -dein Herr?«</p> - -<p>Der Hund richtete sich stolz auf, riß den weiten Rachen -auf und brüllte in schrecklichen Tönen: »U – u – u!«</p> - -<p>Marie errötete. »Laß doch die Possen,« sagte sie und rief -den Hund zu sich; »wer wird mit Hunden sprechen, wenn man in -menschlicher Gesellschaft ist!«</p> - -<p>Georg schien nicht darauf zu hören. »U! hat er gesagt, der -gute Hund? Der ist darauf geschult, ich wollte alles wetten, es<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span> -ist nicht das erste Mal, daß man ihn fragt: wie heißt dein -Herr?«</p> - -<p>Kaum hatte Georg die letzten Worte gesprochen, so fing der -Hund mit noch greulicheren Tönen als vorher sein U – u – u! -zu heulen an. Aufs neue errötete Marie, sie hieß beinahe unwillig -den Hund schweigen; er legte sich ruhig zu ihren Füßen.</p> - -<p>»Da haben wir's,« rief Georg lachend, »der Herr heißt U! -Und fing das sonderbare Wort auf dem Ringe, den mir der Ritter -gab, nicht auch mit U an? Ungeheuer! Heißt dein Herr vielleicht -<em class="gesperrt">Uffenheim</em>? Oder Uxküll? Oder Ulm? Oder vielleicht -gar –«</p> - -<p>»Unsinn! Der Hund hat gar keinen andern Laut als U; -wie magst du dir nur Mühe geben, daraus etwas zu folgern! -Doch hier kommt der Vater den Berg herauf; willst du, daß es -ihm verborgen bleibe, so nimm dich zusammen und verrate dich -nicht. Ich gehe jetzt; denn es ist nicht gut, wenn er uns beisammen -antrifft.«</p> - -<p>Georg gelobte es. Er umarmte noch einmal die Geliebte -und versah sich von ihrem süßen Mund auf viele Stunden, um -wenigstens an der Erinnerung sich zu erfreuen, wenn die -Gegenwart des Vaters jede zärtliche Annäherung unmöglich -machte. Der Hund des Herrn U – sah verwundert auf die -liebliche Gruppe; doch sei es, daß er wirklich Menschenverstand -hatte oder daß er bei seinem Herrn schon Aehnliches erlebt hatte -und einsah, daß der Junker das Fräulein nicht umbringen wolle, -er machte keine Miene, seiner Dame zu Hilfe zu kommen, und -erst der Hufschlag, der von der Brücke heraufscholl, schreckte die -Errötende aus den Armen des glücklichen Jünglings.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap24">24.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Der Herzog schaut hinunter lang<br /></span> -<span class="i0">Und spricht mit einem Seufzer bang:<br /></span> -<span class="i0">Wie fern, ach! von mir abgewandt,<br /></span> -<span class="i0">Wie tief, wie tief liegst du, mein Land.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">G. Schwab.</em> -</p> -</div> - -<p>Karfreitag und Osterfest waren vorübergegangen, und -Georg von Sturmfeder befand sich noch immer in Lichtenstein. -Der Herr dieses Schlosses hatte ihn eingeladen, bei ihm zu -verweilen, bis etwa der Krieg eine andere Wendung nehmen -würde oder Gelegenheit da wäre, der Sache des Herzogs wichtige<span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span> -Dienste zu leisten. Man kann sich denken, wie gerne der junge -Mann diese Einladung annahm. Unter <em class="gesperrt">einem</em> Dach mit der -Geliebten, immer in ihrer Nähe, oft ein Stündchen mit ihr -allein, von ihrem Vater geliebt – er hatte in seinen kühnsten -Träumen kein ähnliches Glück ahnen können. Nur eine Wolke -trübte den Himmel der Liebenden, die düstere Wolke, die zuweilen -auf der Stirne des Vaters lag. Es schien, als habe er -nicht die besten Nachrichten von seinem Herzog und dem Kriegsschauplatz. -Es kamen zu verschiedenen Tageszeiten Boten in die -Burg, aber sie kamen und gingen, ohne daß der Ritter seinem -Gast eröffnete, was sie gebracht haben. Einigemal glaubte -Georg in der Abenddämmerung sogar den Pfeifer von Hardt -über die Brücke schleichen zu sehen; er hoffte, von diesem vielleicht -etwas erfahren zu können; er eilte hinab, um ihm zu begegnen, -aber wenn er bis an die Brücke kam, war jede Spur -von ihm verschwunden.</p> - -<p>Der junge Mann fühlte sich etwas beleidigt über diesen -Mangel an Zutrauen, wie er es bei sich und in seinen Aeußerungen -gegen Marie nannte. »Ich habe doch den Freunden des -Herzogs mich ganz und gar angeboten, obgleich ihre Partie nicht -viel Lockendes hat; der Mann in der Höhle und der Ritter -von Lichtenstein bewiesen mir Freundschaft und Vertrauen, -aber warum nur bis auf diesen Punkt? Warum darf ich nicht -erfahren, wie es mit Tübingen steht? Warum nicht, wie der -Herzog operiert, um sein Land wiederzuerobern? Bin ich nur -zum Dreinschlagen gut? Verschmäht man mich im Rat?«</p> - -<p>Marie suchte ihn zu trösten. Es gelang oft ihren schönen -Augen, ihren freundlichen Reden, ihn diese Gedanken vergessen -zu lassen, aber dennoch kehrten sie in manchem Augenblicke -wieder, und die sorgenvolle Miene des alten Herrn mahnte ihn -immer an die Sache, welcher er beigetreten war.</p> - -<p>Am Abend des Osterfestes konnte er endlich dieses Stillschweigen -nicht länger ertragen. Er fragte auf die Gefahr hin, -für unbescheiden zu gelten, wie es mit dem Herzog und seinen -Plänen stehe, ob man nicht auch seiner endlich einmal bedürfe? -Aber der Ritter von Lichtenstein drückte ihm freundlich die Hand -und sagte: »Ich sehe schon lange, wackerer Junge, wie es dir -das Herz beinahe abdrücken will, daß du nicht teilnehmen kannst -an unseren Mühen und Sorgen; aber gedulde dich noch einige -Zeit, vielleicht nur <em class="gesperrt">einen</em> Tag noch, so wird sich manches entscheiden. -Was soll ich dich mit ungewissen Nachrichten, mit -traurigen Botschaften plagen? Dein heiterer Jugendsinn ist<span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span> -nicht gemacht, bedächtlich in ein Gewebe von Bosheit zu schauen -und die künstlich geschlungenen Fäden wieder los zu machen. -Wenn die Entscheidung naht, dann, glaube mir, wirst du ein -willkommener Genosse sein, bei Rat und Tat. Nur so viel -brauchst du zu wissen, es steht mit unserer Sache weder schlimm -noch gut; doch bald muß es sich entscheiden.«</p> - -<p>Der junge Mann sah ein, daß der Alte recht haben könne, -und doch war er nichts weniger als zufrieden mit dieser Antwort. -Auch erfuhr er den Namen des Geächteten nicht. Marie -hatte ihn, als er in der nächsten Nacht ins Schloß gekommen -war, gefragt, ob sie ihrem Gast seinen Namen nennen dürfe, er -hatte nichts darauf gesagt, als: »Noch ist's nicht an der Zeit!«</p> - -<p>Noch ein dritter Umstand war es, der Georg beinahe beleidigend -vorkam. Er hatte dem Herrn von Lichtenstein gesagt, -wie sehr ihn der Mann in der Höhle angezogen habe, wie er -nichts Erfreulicheres kenne, als recht oft in dessen Nähe zu sein, -und dennoch hatte man ihn nie mit einem Wort eingeladen, -eine Nacht mit dem geheimnisvollen Gaste zuzubringen. Er -war zu stolz, sich aufzudrängen, er wartete von Nacht zu Nacht, -ob man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu sprechen; -es geschah nicht, er beschloß, wenigstens einmal uneingeladen -zuzusehen, wie der Fremde in die Burg komme, und betrachtete -sich deswegen die Gelegenheit genau. Seine Kammer, wohin -er regelmäßig um acht Uhr geführt wurde, lag gegen das Tal -hinaus, gerade entgegengesetzt der Seite, wo die Brücke über -den Abgrund führte. Von hier war es also nicht möglich, ihn -kommen zu sehen. Das große Zimmer im zweiten Stock, das -nicht weit entfernt von seiner Kammer lag, wurde jede Nacht -abgeschlossen, von dort aus konnte er also auch nicht hinabsehen. -Auf dem Vorplatz, der die Kammern umher und den Saal verband, -gingen zwar zwei Fenster gegen die Brücke hinaus, sie -waren aber vergittert und hoch, so daß man zwar ins Freie hinüber, -aber nicht hinab auf die Brücke sehen konnte.</p> - -<p>Es blieb ihm daher nichts übrig, als sich irgendwo zu verbergen, -wenn er den nächtlichen Besuch sehen wollte. Im ersten -Stock war dies nicht möglich, weil dort so viele Leute wohnten, -daß er leicht entdeckt werden konnte. Doch als er den Torweg -und die Ställe musterte, die unter dem Schloß in den Felsen gehauen -waren, bemerkte er an der Zugbrücke eine Nische, die -von den Torflügeln bedeckt wurde, welche man nur, wenn der -Feind vor den Toren war, verschloß. Dies war der Ort, der -ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewähren schien,<span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span> -um zu beobachten, was um ihn her vorging. Links vor der -Nische schloß sich die Zugbrücke an das Tor, rechts war die -Treppe, die hinaufführte, vor ihm der Torweg, den jeder gehen -mußte, der ins Schloß kam. Dorthin beschloß er in der kommenden -Nacht sich zu schleichen.</p> - -<p>Um acht Uhr kam der Knappe mit der Lampe, um ihm wie -gewöhnlich ins Bett zu leuchten. Der Herr des Schlosses und -seine Tochter sagten ihm freundlich gute Nacht. Er stieg hinan -in seine Kammer, er entließ den Knecht, der ihn sonst entkleidete, -und warf sich angekleidet auf das Bette. Er lauschte auf jeden -Glockenschlag, den die Nachtluft aus dem Dorf hinter dem Walde -herübertrug. Oft schlossen sich seine Augen, oft schwebte er -schon auf jener unsicheren Grenze zwischen Wachen und Schlafen, -wo sich die Seele nur mit ermatteten Kräften gegen die Bande -des Schlummers sträubt, aber immer wieder rang er sich los, -wenn seine Gedanken klar genug waren, um ihm seinen Zweck -ins Gedächtnis zurückzuführen.</p> - -<p>Zehn Uhr war längst vorüber. Die Burg war still und -tot, Georg raffte sich auf, zog die schweren Sporen und Stiefel -ab, hüllte sich in seinen Mantel und öffnete behutsam die Türe -seiner Kammer. Er hielt den Atem an, um sich nicht durch -Schnauben zu verraten, die Angeln seiner Türe knarrten, er -hielt an, er lauschte, ob niemand diese verräterischen Töne gehört -habe. Es blieb alles still. Der Mond fiel in mattem -Schein auf den Vorplatz. Georg pries sich glücklich, daß ihn -dieses trügerische Licht nicht zum zweitenmal verraten werde. -Er schlich weiter an die Wendeltreppe. Noch einmal hielt er -an, um zu lauschen, ob alles stille sei. Er hörte nichts als das -Sausen des Windes und das Rauschen der Eichen über der Brücke. -Er stieg behutsam hinab. In der Stille der Nacht tönt alles -lauter, und Dinge erwecken die Aufmerksamkeit, die man am -Tage nicht beachtet hätte. Wenn Georgs Fuß auf ein Sandkörnchen -trat, so rauschte es auf der gewöhnlichen Wendeltreppe, -daß er erschrak und glaubte, man müsse es im ganzen Hause gehört -haben. Er kam an dem ersten Stock vorüber. Er lauschte, -er hörte niemand, aber aus dem Herd in der Küche flackerte ein -lustiges Feuer. Jetzt war er unten. Zu dem Weg von seiner -Kammer bis zum Tor, den er sonst in einem Augenblicke zurücklegte, -hatte er eine Viertelstunde verwandt.</p> - -<p>Er stellte sich in die Nische und zog den Torflügel noch -näher zu sich her, so daß er völlig von ihm bedeckt war. Eine -Spalte in der Türe war groß genug, daß er durch sie alles beobachten<span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span> -konnte. Noch war alles still im Schloß. Nur flüchtige -Schritte glaubte er über sich zu vernehmen, es war wohl Marie, -die geschäftig hin und her ging.</p> - -<p>Nach einer tödlichen langen Viertelstunde schlug es im -Dorfe elf Uhr. Dies war die Zeit des nächtlichen Besuches, -Georg schärfte sein Ohr, um zu vernehmen, wann er komme. -Nach wenigen Minuten hörte er oben den Hund anschlagen, -zugleich rief über dem Graben eine tiefe Stimme: »Lichtenstein!«</p> - -<p>»Wer da?« fragte man aus der Burg.</p> - -<p>»Der Mann ist da!« antwortete jene Stimme, die Georg -von seinem Besuche in der Höhle so wohl bekannt war.</p> - -<p>Ein alter Mann, der Burgwart, kam aus einer Kasematte, -die in den Grundfelsen gehauen war. Er öffnete mit einem -wunderlich geformten Schlüssel das Schloß der Zugbrücke. Indem -er noch damit beschäftigt war, stürzte in großen Sprüngen -der Hund die Treppe herab, er winselte, er wedelte mit dem -Schwanz, er hüpfte an dem Burgwart hinauf, als wolle er ihm -behilflich sein, die Brücke für seinen Herrn herabzulassen. Und -jetzt kam auch Marie, sie trug ein Windlicht und leuchtete damit -dem Alten, der mit seinem Aufschließen nicht zurechtzukommen -schien.</p> - -<p>»Spute dich, Balthasar!« flüsterte sie. »Er wartet schon -eine gute Weile, und draußen ist's kalt, und es weht ein garstiger -Wind.«</p> - -<p>»Jetzt nur noch die Kette los, gnädiges Fräulein,« antwortete -er, »dann sollt Ihr gleich sehen, wie schön meine Brücke -fällt. Ich habe auch, wie Ihr befohlen habt, die Fugen mit -Oel geschmiert, daß sie nicht mehr knarren und die Frau Rosel -aus ihrem sanften Schlaf aufwecken.«</p> - -<p>Die Ketten rauschten in die Höhe, die Brücke senkte sich -langsam nach außen und legte sich über den Abgrund. Der -Mann aus der Höhle, in seinen groben Mantel eingehüllt, -schritt herüber. Georg hatte sich das Bild dieses Mannes tief -ins Herz geprägt, und doch überraschten ihn aufs neue seine -auffallend kühnen Züge, sein gebietendes Auge, seine freie -Stirne, das Kräftige, Gewaltige in seinen Bewegungen.</p> - -<p>Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und -noch lange Jahre bewahrte Georg die Erinnerung an diese -Gruppe. Die schlanke Gestalt der Geliebten, das dunkle Haar, -dessen Flechten aufgegangen waren und nun um den zierlichen<span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span> -Hals herabströmten, die blendende Stirne, das sinnige, blaue -Auge, dem die langen, dunklen Wimpern und die schöngeschwungenen -Bogen der Brauen einen eigentümlichen Reiz gaben, der -kleine rote Mund, die zarte Farbe ihrer Wangen, dies alles -überstrahlt von dem Lichte, das sie in der Hand hielt, bewirkte, -daß Georg glaubte, die Geliebte nie so reizend gesehen zu -haben als in diesem Augenblick, wo der Kontrast gegen die -scharfen, kräftigen Formen des Mannes, der neben ihr stand, -ihr zartes, liebliches Wesen noch mehr hervorhob.</p> - -<p>Der nächtliche Gast half mit beinahe übermenschlicher Kraft -dem alten Pförtner die Brücke wieder aufziehen. Dann zog -sich der Alte zurück, und Georg vernahm folgendes Gespräch:</p> - -<p>»Ist Nachricht da von Tübingen? Ist Marx Stumpf -zurück? Ich lese Unglück in Euren Mienen!«</p> - -<p>»Nein, Herr, er ist noch nicht zurück,« sagte Marie, »der -Vater erwartet ihn aber noch diese Nacht.«</p> - -<p>»Daß ihm der Teufel Füße mache! Ich muß warten, bis -er kommt, und sollte es Tag darüber werden. – Hu! <em class="gesperrt">eine -kalte Nacht</em>, Fräulein,« sagte der Geächtete, »meine Schuhu -und Käuzlein in der Nebelhöhle muß es auch gewaltig frieren, -denn sie schrieen und jammerten in kläglichen Tönen, als ich -heraufstieg.«</p> - -<p>»Ja, es ist kalt,« antwortete sie, »um keinen Preis möchte -ich mit Euch hinabsteigen. Und wie schauerlich muß es sein, -wenn die Käuzlein schreien. Mir graut, wenn ich nur daran -denke.«</p> - -<p>»Wenn Junker Georg Euch begleitete, ginget Ihr doch -mit,« erwiderte jener lächelnd, indem er das errötende Gesicht -des Mädchens am Kinn ein wenig in die Höhe hob. »Nicht -wahr, mit <em class="gesperrt">dem</em> ginget Ihr in die Hölle? Was das für eine -Liebe sein muß! Weiß Gott, Euer Mund ist ganz wund. Gar -zu arg müßt Ihr es doch nicht machen mit Küssen.«</p> - -<p>»Ach, Herr!« flüsterte Marie, indem sich aufs neue eine -dunkle Röte über die zarten Wangen goß; »wie mögt Ihr nur -so sprechen? Wißt Ihr, daß ich gar nicht mehr herabkomme, -Euch gar nicht mehr koche, wenn Ihr so von mir und dem Junker -denket?«</p> - -<p>»Nun, einen Scherz müßt Ihr mir schon gelten lassen,« -sagte der Ritter und kniff sie in die errötenden Wangen; »ich -habe ja in meiner Behausung da unten so wenig Zeit und Gelegenheit<span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span> -zum Scherzen. Aber was gebt Ihr mir, wenn ich -für den Junker ein gutes Wort einlege beim Vater, daß -er ihn Euch zum Mann gibt? Ihr wißt, der Alte tut, was ich -haben will, und wenn ich ihm einen Schwiegersohn empfehle, -nimmt er ihn unbesehen.«</p> - -<p>Marie schlug die schönen Augen auf und sah ihn mit freundlichen -Blicken an. »Gnädiger Herr,« antwortete sie, »ich will -es Euch nicht wehren, wenn Ihr für Georg ein gutes Wort -sprechet; übrigens ist ihm der Vater schon sehr gewogen.«</p> - -<p>»Ich frage, was ich für ein gutes Wort bekomme? Alles -hat seinen Preis. Nun, was wird mir dafür?«</p> - -<p>Marie schlug die Augen nieder. »Ein schöner Dank,« sagte -sie; »aber kommt, Herr, der Vater wird schon längst auf uns -warten.«</p> - -<p>Sie wollte vorangehen, der Geächtete aber ergriff ihre -Hand und hielt sie auf. Georgs Herz pochte beinahe hörbar, -es wurde ihm bald heiß, bald kalt, er faßte den Torflügel und -wäre nahe daran gewesen, diese Fürsprache um einen fixen -Preis zu verbitten.</p> - -<p>»Warum so eilig?« hörte er den Mann der Höhle sagen. -»Nun, sei es um ein Küßchen, so will ich loben und preisen, -daß dein Vater sogleich den Pfaffen holen läßt, um das heilige -Sakrament der Ehe an euch zu vollziehen.« Er senkte sein Haupt -gegen Marie herab, Georg schwindelte es vor den Augen, er war -im Begriff, aus seinem Hinterhalt hervorzubrechen; das Fräulein -aber sah jenen Mann mit einem strafenden Blick an. »Das -kann unmöglich Euer Gnaden Ernst sein,« sagte sie, »sonst hättet -Ihr mich zum letztenmal gesehen.«</p> - -<p>»Wenn Ihr wüßtet, wie erhaben und schön Euch dieser -Trotz steht,« sagte der Ritter mit unerschütterlicher Freundlichkeit, -»Ihr ginget den ganzen Tag im Zorn und in der Wut -umher. Uebrigens habt Ihr recht, wenn man schon einen andern -so tief im Herzen hat, darf man keine solche Gunst mehr ausspenden. -Aber feurige Kohlen will ich auf Euer Haupt sammeln, -ich will dennoch den Fürsprecher machen und an Eurem -Hochzeitstag will ich bei Eurem Liebsten um einen Kuß anhalten, -dann wollen wir sehen, wer recht behält.«</p> - -<p>»Das könnet Ihr!« sagte Marie, indem sie ihm lächelnd -ihre Hand entzog und mit dem Licht voranging; »aber machet -Euch immer auf eine abschlägige Antwort gefaßt, denn über -diesen Punkt spaßt er nicht gerne.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span></p> - -<p>»Ja, er ist verdammt eifersüchtig,« entgegnete der Ritter -im Weiterschreiten. »Ich könnte Euch davon eine Geschichte -erzählen, die mir selbst mit ihm begegnet ist; aber ich habe versprochen -zu schweigen. –«</p> - -<p>Ihre Stimmen entfernten sich immer mehr und wurden -undeutlicher. Georg schöpfte wieder freier Atem. Er lauschte -und harrte noch in seiner Nische, bis er niemand mehr auf den -Treppen und Gängen hörte. Dann verließ er seinen Platz -und schlich nach seiner Kammer zurück. Die letzten Worte -Mariens und des Geächteten lagen noch in seinen Ohren. Er -schämte sich seiner Eifersucht, die ihn auch in dieser Nacht -wieder unwillkürlich hingerissen hatte, wenn er bedachte, in -welch unwürdigem Verdacht er die Geliebte gehabt und wie rein -sie in diesem Augenblick vor ihm gestanden sei. Er verbarg -sein errötendes Gesicht tief in den Kissen, und erst spät entführte -ihn der Schlummer diesen quälenden Gedanken.</p> - -<p>Als er am andern Morgen in die Herrenstube hinabging, -wo sich um sieben Uhr gewöhnlich die Familie zum Frühstück -versammelte, kam ihm Marie mit verweinten Augen entgegen. -Sie führte ihn auf die Seite und flüsterte ihm zu: »Tritt leise -ein, Georg! Der Ritter aus der Höhle ist im Zimmer. Er ist -vor einer Stunde ein wenig eingeschlummert. Wir wollen ihm -diese Ruhe gönnen!«</p> - -<p>»Der Geächtete!« fragte Georg staunend, »wie kann er es -wagen, noch bei Tag hier zu sein? Ist er krank geworden?«</p> - -<p>»Nein!« antwortete Marie, indem von neuem Tränen in -ihren Wimpern hingen; »nein! Es muß in dieser Stunde -noch ein Bote von Tübingen anlangen, und diesen will er erwarten. -Wir haben ihn gebeten, beschworen, er möchte doch -vor Tag hinabgehen, er hat nicht darauf gehört. Hier will er -ihn erwarten.«</p> - -<p>»Aber könnte denn der Bote nicht auch in die Höhle hinabkommen?« -warf Georg ein. »Er setzt sich ja umsonst dieser Gefahr -aus.«</p> - -<p>»Ach, du kennst ihn nicht, das ist sein Trotz; wenn er sich -einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, so geht er nicht mehr -davon ab, und nur zu leicht wird er mißtrauisch; deswegen -konnten wir ihm nicht sehr zureden, wegzugehen; er hätte glauben -können, wir tun es nur wegen uns. Sein Hauptgrund zu -bleiben ist, daß er sich gleich mit dem Vater beraten will, sobald -er Nachricht bekommt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span></p> - -<p>Sie waren während dieser Rede an die Türe der Herrenstube -gekommen, Marie schloß so leise als möglich auf und trat -mit Georg ein.</p> - -<p>Die Herrenstube unterschied sich von dem großen Gemach -im obern Stock nur dadurch, daß sie kleiner war. Auch sie hatte -die Aussicht nach drei Seiten, durch Fenster mit kleinen runden -Scheiben, durch welche sich die Morgensonne in vielfarbigen -Strahlen brach. Decke und Wände umzog ein Getäfel von -schwarzbraunem Holz, mit farbigen Hölzern kunstreich ausgelegt. -Einige Ahnenbilder der Lichtensteiner schmückten die -Wand, welche keine Fenster hatte, und Tische und Gerätschaften -zeigten, daß der Ritter von Lichtenstein ein Freund alter Sitten -und Zeiten sei und seinen Hausrat, wie er ihn vom Großvater -empfangen hatte, auch auf die Tochter vererben wolle. Vor -einem großen Tisch in der Mitte des Zimmers saß der Herr -des Schlosses. Er hatte sein Kinn mit dem langen Bart auf -die Hand gestützt und schaute finster und regungslos in einen -Becher, der vor ihm stand. Die Weinkannen und Deckelkrüge -auf dem Tisch, der Becher vor dem alten Herrn machte, daß -man ungewiß war, ob er die Nacht beim Becher zugebracht -habe, oder ob er so frühe am Tage sich durch einen guten Trunk -Kräfte sammeln wolle.</p> - -<p>Er grüßte seinen jungen Gast, als dieser an den Tisch zu -ihm getreten war, durch ein leichtes Neigen des Hauptes, indem -ein kaum bemerkliches Lächeln um seinen Mund zog. Er wies -auf einen Becher und einen Stuhl zu seiner Seite. Marie -verstand den Wink, schenkte einen Becher voll und kredenzte -ihn dem Geliebten mit jener holden Anmut, die allem, was sie -tat, einen eigentümlichen Stempel aufdrückte. Georg setzte sich -an die Seite des Alten und trank.</p> - -<p>Dieser rückte ihm näher und flüsterte ihm mit heiserer -Stimme zu: »Ich fürchte, es steht schlimm!«</p> - -<p>»Habt Ihr Nachricht?« fragte Georg ebenso heimlich.</p> - -<p>»Ein Bauer sagte mir heute früh, gestern abend haben die -Tübinger mit dem Bunde gehandelt.«</p> - -<p>»Gott im Himmel!« rief Georg unwillkürlich aus.</p> - -<p>»Seid still und weckt ihn nicht! Er wird es nur zu frühe -erfahren,« entgegnete ihm jener, indem er auf die andere Seite -der Stube deutete.</p> - -<p>Georg sah dorthin. An einem Fenster der Seite, die gegen -den jähen Abgrund liegt, saß der geächtete Mann. Er hatte -den Arm auf das Sims gestützt, die sorgenvolle Stirne, das<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span> -vom Wachen müde Auge lag in der tapfern Hand – er schlummerte. -Sein grauer Mantel war über die Schulter herabgefallen -und ließ ein abgetragenes, unscheinbares Lederkoller -sehen, in das die kräftige Gestalt gehüllt war. Sein krauses -Haar fiel nachlässig um die Schläfe, und einige Büsche des gerollten -Bartes quollen unter der Hand hervor.</p> - -<p>Zu seinen Füßen lag sein großer Hund; er hatte seinen -Kopf auf den Fuß seines Herrn gelegt, seine treuen Augen -hingen teilnehmend an dem Haupt des Geächteten.</p> - -<p>»Er schläft,« sagte der Alte und zerdrückte eine Träne in -den Augen. »Die Natur fordert die Schuld an den Körper und -umhüllt die Seele mit einem wohltätigen Schleier. Er atmet -leicht. O daß es beruhigende Träume wären, die ihm vorschweben! -Die Wirklichkeit ist so traurig, wer sollte ihm nicht -wünschen, daß er sie im Traume vergißt!«</p> - -<p>»Es ist ein hartes Schicksal!« erwiderte Georg, indem er -wehmütig auf den Schlafenden blickte. »Vertrieben von Haus -und Hof, geächtet, in die Wüste hinausgejagt! Sein Leben -jedem Buben preisgegeben, der in der Ferne seinen Bolz auf -ihn anlegt! Bei Tag unter der Erde, bei Nacht wie ein Dieb -umherschleichen zu müssen! Wahrlich, es ist hart! Und dies -alles, weil er seinem Herrn treu war und jene Bündler nach -seinen Gütern gelüsteten.«</p> - -<p>»Der Mann dort hat manches verfehlt in seinem Leben,« -sprach der Ritter von Lichtenstein mit tiefem Ernst. »Ich habe -ihn beobachtet seit den Tagen seiner Kindheit bis zu dieser -Stunde; ich kann ihm das Zeugnis geben, er hat das Gute und -Rechte gewollt. Zuweilen waren die Mittel falsch, die er anwandte, -zuweilen verstand man ihn nicht, zuweilen ließ er sich -von der Hitze der Leidenschaft hinreißen – aber wo lebt der -Mensch, von dem man dies nicht sagen könnte? Und wahrlich, -er hat es grausam gebüßt!« Er hielt inne, als hätte er schon -mehr gesagt, als er sagen wollte, und umsonst suchte Georg über -den Vertriebenen mehr zu erfahren. Der Alte versank in -Stillschweigen und tiefes Sinnen.</p> - -<p>Die Sonne war über die Berge heraufgekommen, die Nebel -fielen, Georg trat ans Fenster, die herrliche Aussicht zu genießen. -Unter dem Felsen von Lichtenstein, wohl dreihundert -Klafter tief, breitet sich ein liebliches Tal aus, begrenzt von -waldigen Höhen, durchschnitten von einem eilenden Waldbach. -Drei Dörfer liegen freundlich in der Tiefe. Dem Auge, das in<span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span> -dieses Tal hinabsieht, ist es, als schaue es aus dem Himmel auf -die Erde. Steigt das Auge vom tiefen Tale aufwärts an den -waldigen Höhen, so begegnet es malerisch gruppierten Felsen -und den Bergen der Alb; hinter dem Bergrücken steigt die -Burg Achalm hervor und begrenzt die Aussicht in der Nähe. -Aber vorbei an den Mauern von Achalm dringt rechts und links -das Auge tiefer ins Land. Der Lichtenstein liegt den Wolken -so nahe, daß er Württemberg überragt. Bis hinab ins tiefste -Unterland können frei und ungehindert die Blicke streifen. Entzückend -ist der Anblick, wenn die Morgensonne ihre schrägen -Strahlen über Württemberg sendet. Da breiten sich diese herrlichen -Gefilde wie ein bunter Teppich vor dem Auge aus. In -dunklem Grün, in kräftigem Braun der Berge beginnt es, alle -Farben und Schattierungen sind in diesem wundervollen Gewebe, -das in lichtem Blau sich endlich mit der Morgenröte verschmilzt. -Welche Ferne von Lichtenstein bis Asperg, und welches -Land dazwischen! Es ist kein Flachland, keine Ebene. -Viele Strömungen von Hügeln und Bergen ziehen sich hinauf -und herunter, und von Hügeln zu Hügeln, welche breite Täler -und Ströme in ihrem Schoße bergen, hüpft das Auge zu dem -fernen Horizont.</p> - -<p>Georg betrachtete bewundernd. Er strengte seine Augen -mehr und mehr an, er suchte in die Weite zu dringen und jedes -Schloß, jedes Dorf in der weiten Aussicht zu unterscheiden. -Marie stand neben ihm. Sie teilte seine Bewunderung, obgleich -sie seit ihrer frühesten Kindheit dieses Schauspiel genossen. -Sie zeigte ihm flüsternd jeden Fleck, sie wußte ihm -jede Turmspitze zu nennen. »Wo ist eine Stelle in deutschen -Landen,« sprach Georg, in diesen Anblick versunken, »die sich -mit dieser messen könnte! Ich habe Ebenen gesehen und Höhen -erstiegen, von wo das Auge noch weiter dringt, aber diese lieblichen -Gefilde zeigen sie nicht. So reiche Saaten, Wälder von -Obst, und dort unten, wo die Hügel bläulicher werden, ein -Garten von Wein! Ich habe noch keinen Fürsten beneidet, -aber hier stehen zu können, hinaus zu blicken von dieser Höhe -und sagen zu können, diese Gefilde sind <em class="gesperrt">mein</em>!«</p> - -<p>Ein tiefer Seufzer in ihrer Nähe schreckte Marien und -Georg aus ihren Betrachtungen auf. Sie sahen sich um, wenige -Schritte von ihnen stand im Fenster der Geächtete und blickte -mit trunkenen, glänzenden Blicken über das Land hin, und -Georg war ungewiß, ob jene Worte oder das Andenken an sein -Unglück die Brust dieses Mannes bewegt hatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span></p> - -<p>Er begrüßte Georg und reichte ihm die Hand. Dann -wandte er sich zu dem Herrn des Schlosses und fragte, ob -noch immer keine Botschaft da sei? »Der von Schweinsberg -ist noch nicht zurück,« antwortete dieser.</p> - -<p>Der Geächtete trat schweigend an das Fenster zurück und -schaute in die Ferne. Marie füllte ihm einen Becher. »Seid -getrosten Mutes, Herr,« sagte sie, »schauet nicht mit so finstern -Blicken auf das Land. Trinket von diesem Wein, er ist gut -württembergisch und wächst dort unten an jenen blauen Bergen.«</p> - -<p>»Wie kann man traurig bleiben,« antwortete er, indem er -sich wehmütig lächelnd zu Georg wandte, »wenn über Württemberg -die Sonne so schön aufgeht und aus den Augen einer -Württembergerin ein so milder, blauer Himmel lacht? Nicht -wahr, Junker, was sind diese Berge und Täler, wenn uns solche -Augen, solche treue Herzen bleiben? Nehmt Euren Becher und laßt -uns darauf trinken! So lange wir Land besitzen in den Herzen, -ist nichts verloren: ›<em class="gesperrt">Hie gut Württemberg allezeit</em>‹«.<a id="FNanchor_35_36"></a><a href="#Footnote_35_36" class="fnanchor">[35]</a></p> - -<p>»Hie gut Württemberg allezeit,« erwiderte Georg und stieß -an. Der Geächtete wollte noch etwas hinzusetzen, als der alte -Burgwart mit wichtiger Miene hereintrat. »Es sind zwei -Krämer vor der Burg,« meldete er, »und begehren Einlaß.«</p> - -<p>»Sie sind's, sie sind's,« riefen in einem Augenblick der Geächtete -und Lichtenstein. »Führ' sie herauf.«</p> - -<p>Der alte Diener entfernte sich. Eine bange Minute folgte -dieser Meldung. Alle schwiegen, der Ritter von Lichtenstein -schien mit seinen feurigen Augen die Türe durchbohren, der Geächtete -seine Unruhe verbergen zu wollen, aber die schnelle Röte -und Blässe, die auf seinen ausdrucksvollen Zügen wechselte, -zeigten, wie die Erwartung dessen, was er hören werde, sein -ganzes Wesen in Aufruhr brachte. Endlich vernahm man -Schritte auf der Treppe, sie näherten sich dem Gemach. Der -gewaltige Mann zitterte, daß er sich am Tisch halten mußte, -seine Brust war vorgebeugt, sein Auge hing starr an der Türe, -als wolle er in den Mienen der Kommenden sogleich Glück oder -Unglück lesen – jetzt ging die Türe auf.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span></p> - -<h2 id="kap25">25.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">– – Wie du nun so ganz<br /></span> -<span class="i0">Verlassen dastehst und so ganz entblößt,<br /></span> -<span class="i0">Und wie nun ich, dein einz'ger Lehensmann,<br /></span> -<span class="i0">Der einz'ge bin, der dich noch Herzog nennt,<br /></span> -<span class="i0">Und wie nun mir allein die Ehre bleibt,<br /></span> -<span class="i0">Dir Dienst zu leisten bis zum letzten Hauch.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Uhland.</em> -</p> -</div> - -<p>Auch Georg hatte erwartungsvoll hingesehen. Er musterte -mit schnellem Blick die Eintretenden; in dem einen erkannte er -sogleich den Pfeifer von Hardt, der andere war – jener Krämer, -den er in der Herberge von Pfullingen gesehen hatte. Der -letztere warf einen Pack, den er auf dem Rücken getragen, ab, -riß das Pflaster weg, womit er ein Auge bedeckt hatte, richtete -sich aus seiner gebückten Stellung auf und stand nun als ein -untersetzter, stark gebauter Mann mit offenen, kräftigen Zügen -vor ihnen.</p> - -<p>»Marx Stumpf!« rief der Geächtete mit dumpfer Stimme, -»wozu diese finstere Stirne? Du bringst uns gute Botschaft, -nicht wahr, sie wollen uns das Pförtchen öffnen, sie wollen mit -uns aushalten bis auf den letzten Mann?«</p> - -<p>Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekümmerten -Blick auf ihn. »Machet Euch auf Schlimmes gefaßt, Herr!« -sagte er. »Die Botschaft ist nicht gut, die ich bringe.«</p> - -<p>»Wie,« entgegnete jener, indem die Röte des Zornes über -seine Wangen flog und die Ader auf seiner Stirne sich zu heben -begann, »wie, du sagst, sie zaudern, sie schwanken? Es ist nicht -möglich, sieh dich wohl vor, daß du nichts Uebereiltes sagst; es -ist der Adel des Landes, von dem du sprichst.«</p> - -<p>»Und dennoch sage ich es,« antwortete Schweinsberg, indem -er einen Schritt weiter vortrat; »im Angesichte vor Kaiser -und Reich will ich es sagen, sie sind Verräter.«</p> - -<p>»Du lügst!« schrie der Vertriebene mit schrecklicher Stimme. -»Verräter, sagst du? Du lügst! Wie wagst du es, vierzig -Ritter ihrer Ehre zu berauben? Ha! gestehe, du lügst!«</p> - -<p>»Wollte Gott, ich allein wäre ein Ritter ohne Ehre, ein -Hund, der seinen Herrn verläßt; aber alle vierzig haben ihren -Eid gebrochen, Ihr habt Euer Land verloren, Herr Herzog! -Tübingen ist über.«</p> - -<p>Der Mann, dem diese Rede galt, sank auf einen Stuhl am -Fenster; er bedeckte sein Gesicht mit den Händen, seine Brust hob<span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span> -und senkte sich, als suche sie vergeblich nach Atem, und seine -Arme zitterten.</p> - -<p>Die Blicke aller hingen gerührt und schmerzlich an ihm, -vor allen Georgs; denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs -das Dunkel erhellt, in welchem ihm bisher dieser Mann -erschienen war. Er war es selbst, es war Ulrich von Württemberg! -In einem schnellen Fluge zog es an seiner Seele vorüber, -wie er diesen Gewaltigen zuerst getroffen, wie er ihn tief -in der Erde Schoß besucht, welche Worte jener zu ihm gesprochen, -wie sein ganzes Wesen ihn schon damals überrascht und -angezogen hatte; es war ihm unbegreiflich, daß er nicht längst -schon von selbst auf diese Entdeckung gekommen war.</p> - -<p>Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu -brechen. Man hörte nur die tiefen Atemzüge des Herzogs und -das Winseln seines treuen Hundes, der sein Unglück zu kennen -und zu teilen schien. Endlich winkte Lichtenstein dem Ritter -von Schweinsberg, sie traten zu Ulrich, sie faßten sein Gewand -und schienen ihn erwecken zu wollen; er blieb unbeweglich und -stumm. Marie hatte weinend in der Ferne gestanden, sie nahte -sich jetzt mit unsicheren, zagenden Schritten, sie legte ihre schöne -Hand auf seine Schulter, sie blickte ihn lange an, sie faßte sich -endlich ein Herz und flüsterte: »Herr Herzog! hie ist noch gut -Württemberg alleweg!«</p> - -<p>Ein tiefer Seufzer löste sich aus seiner gepreßten Brust, -aber seine Hände drückten sich fester auf die Augen, er sah nicht -auf. Jetzt nahte auch Georg. Unwillkürlich kam ihm der heldenmütige -Ausdruck dieses Mannes in die Seele, jene gebietende -Erhabenheit, die er ihm, als er ihn zum erstenmal gesehen, gezeigt -hatte; jedes Wort, das er damals gesprochen, kehrte wieder, -und der junge Mann wagte es, zu ihm zu sprechen: -»Warum so kleinmütig, Mann ohne Namen: <em class="antiqua">Si fractus illabatur -orbis, impavidum ferient ruinae!</em>«</p> - -<p>Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulrich von Württemberg. -Sei es dieser sein Wahlspruch, sei es jene Mischung -von Seelengröße, Trotz und wahrer Erhabenheit über das -Unglück, was ihm bei seinen Zeitgenossen den Namen des »<em class="gesperrt">Unerschrockenen</em>« -erwarb – er zeigte sich von diesem Augenblick -an seines Namens würdig.</p> - -<p>»Das war das rechte Wort, mein junger Freund,« sprach -er zur Verwunderung aller mit fester Stimme, indem er seine -Hände sinken ließ, sein Haupt stolzer aufrichtete und das alte -kriegerische Feuer aus seinen Augen loderte; »das war das<span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span> -rechte Wort. Ich danke dir, daß du mir es zugerufen. Tretet -vor, Marx Stumpf, Ritter von Schweinsberg, und berichtet -mir über Eure Sendung. Doch reiche mir zuvor einen Becher, -Marie!«</p> - -<p>»Es war letzten Donnerstag, daß ich Euch verließ,« hob -der Ritter an; »Hans steckte mich in diese Kleidung und zeigte -mir, wie ich mich zu benehmen habe. In Pfullingen kehrte ich -ein, um zu probieren, ob man mich nicht kenne, aber die Wirtin -gab mir so gleichgültig einen Schoppen, als habe sie den Ritter -Stumpf in Ihrem Leben nie gesehen, und ein Ratsherr, den ich -noch vor acht Tagen tüchtig ausgescholten hatte, trank mit mir, -als hätte ich zeitlebens den Kram auf dem Rücken getragen. -Der junge Herr dort war auch in der Schenke.«</p> - -<p>Der Herzog schien sich an dieser Erzählung zu zerstreuen; -munterer, als man bei so großem Unglück hätte denken sollen, -fragte er: »Nun, Georg, du hast ihn gesehen; sah er so recht aus -wie ein schäbiger, filziger Krämer? Wie?«</p> - -<p>»Ich denke, er hat seine Rolle gut gespielt,« antwortete -der junge Mann lächelnd.</p> - -<p>»Von Pfullingen zog ich abends noch fürbaß bis nach Reutlingen. -Dort war in der Weinstube ein ganzer Trieb Bündischer: -Augsburger, Nürnberger, Ulmer, alle mögliche Städtler, -und jubilierten mit den Reutlingern, daß man die Hirschgeweihe -wieder von ihrem Wappen genommen, die Ihr ihnen -aufgesetzt habt. Sie schimpften und sangen Spottlieder über -Euch, die bewiesen, wie sehr sie Euch noch immer fürchten. Am -Karfreitag früh ging ich nach Tübingen, das Herz pochte mir, -als ich das Burgholz herunterkam und das schöne Neckartal -vor meinen Blicken lag, und die festen Türme und Zinnen von -Tübingen vom Berg herüberragten.«</p> - -<p>Der Herzog preßte die Lippen zusammen, wandte sich ab -und sah hinaus ins Weite. Der von Schweinsberg hielt inne -und blickte teilnehmend auf seinen Herrn, doch jener winkte ihm, -fortzufahren.</p> - -<p>»Ich stieg hinab ins Tal und wandelte weiter nach Tübingen. -Die Stadt war schon seit vielen Tagen von den Bündischen -besetzt, und nur wenige Truppen standen mehr im Lager, das -sie über dem Ammertal auf dem Berge geschlagen hatten. Ich -beschloß, mich in die Stadt zu schleichen und hinzuhorchen, wie -es mit dem Schloß stehe, ehe denn ich auf dem geheimen Wege -zur Besatzung ginge. Ihr kennet die Herberge in der obern -Stadt, nicht weit von der St. Georgenkirche; dort trat ich ein<span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span> -und setzte mich zum Weine. Die bündischen Ritter, so erfuhr -ich unterwegs, kehrten oft dort ein, daher schien mir dies der -beste Platz zu meinem Zweck.«</p> - -<p>»Ihr wagtet viel,« unterbrach ihn Herr von Lichtenstein; -»wie leicht konnten Leute da sein, die Euch abkaufen wollten, -und da wäre der Krämer bald entdeckt gewesen!«</p> - -<p>»Ihr vergeßt, daß es Festtag war,« entgegnete jener, »ich -hatte also guten Grund, mein Bündel nicht auszupacken und -anzupreisen nach Krämersitte. Doch so leicht wäre ich wohl nicht -entdeckt worden, habe ich doch an Georg von Frondsberg ein -Büchslein mit Wundbalsam verkauft! Weiß Gott, ich hätte -lieber mit ihm gestritten, daß er es gleich hätte brauchen können. -– Es war noch das Hochamt in der Kirche, daher war niemand -in der Herberge; vom Wirt aber erfuhr ich, daß die Ritter im -Schloß einen Waffenstillstand bis Ostermontag früh gemacht -haben. Als die Kirche aus war, kamen richtig, wie ich mir -gedacht hatte, viele Ritter und Herren in die Herberge zum -Frühtrunk. Ich setzte mich in einen Winkel auf die Ofenbank, -wie es armen Leuten geziemt in Gegenwart so großer Herren.«</p> - -<p>»Wen sahst du dort?« fragte der Herzog.</p> - -<p>»Ich kannte einige, andere erriet ich aus dem Gespräch, -das sie führten. Es war Frondsberg, Alban von Closen, die -Huttischen, Sickingen und noch viele; bald trat auch der Truchseß -von Waldburg ein. Ich zog die Kappe tiefer ins Gesicht, -als ich ihn sah, denn er wird noch nicht vergessen haben, wie ich -ihn vor fünfzehn Jahren im Lanzenstechen zu Nürnberg von -der Mähre warf.«</p> - -<p>»Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans von Breitenstein?« -unterbrach ihn Georg.</p> - -<p>»Breitenstein? daß ich nicht wüßte, doch ja, so hieß wohl -jener, der den Hammelschlegel auf <em class="gesperrt">einem</em> Sitz verzehrte. Jetzt -fingen sie an, von der Belagerung zu reden und vom Waffenstillstand. -Sie sprachen hin und her, oft flüsterten sie auch -untereinander, doch ich habe gute Ohren und vernahm, was mir -nicht lieb war. Der Truchseß nämlich erzählte, daß er einen -Pfeil in die Burg habe schießen lassen mit einem Brieflein an -Ludwig von Stadion. Es muß dies schon mehreremal geschehen -sein, denn die Ritter verwunderten sich nicht, als er weiter fortfuhr -und sagte, wie er auf demselben Weg eine Antwort erhalten -habe.«</p> - -<p>Des Herzogs Stirne verfinsterte sich. »Ludwig von Stadion!« -rief er schmerzlich. »Ich hätte Häuser auf ihn gebaut!<span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span> -Er war mir so lieb, ich tat ihm alles, was ich ihm an den -Augen absehen konnte – er hat mich zuerst verraten?«</p> - -<p>»Im Brieflein stand, daß er, der Stadion, und noch zwölf -andere der Fehde müde, auch schon halb und halb willens seien, -sich zu ergeben; Georg von Hewen aber habe ihnen abgeraten.«</p> - -<p>»Um den hab' ich's nicht verdient,« sagte Ulrich; »ich war -ihm gram, weil er mich oft getadelt hat, wenn ich nicht nach -seinem Sinne tat. Wie man sich irren kann in den Menschen! -Hätte man mich gefragt, wer mich verraten würde und wer -dagegen spreche, ich hätte hier den Stadion, dort vielleicht Georg -von Hewen genannt!«</p> - -<p>»Im Brieflein stand auch noch weiter, daß Euer Durchlaucht -vielleicht Entsatz bringen oder, wenn dies nicht möglich, -auf geheimen Wegen in die Burg sich begeben wollen. Die -Bündischen sprachen mancherlei hierüber; sie waren aber darin -einig, daß man die Besatzung zu einem Vergleich bringen müsse, -ehe Ihr heranrücktet oder gar ins Schloß kämet; denn dann, -meinten sie, könnten sie noch lange belagern müssen. Wie ich -nun dies alles hörte, schien es mir nicht geraten, durch den -geheimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu entdecken; -denn wie leicht konnte Stadion schon die Oberhand gewonnen -haben, und dann war ich verraten. Ich beschloß, den -Tag noch zu warten; hörte ich bis Samstag früh nichts Schlimmeres -über die Besatzung, so wollte ich ins Schloß dringen -und Ew. Durchlaucht Schreiben übergeben. Ich streifte im -Lager und in der Stadt umher, und niemand hielt mich an; -auch suchte ich mich immer in der Nähe der Obersten zu halten. -So kam der Nachmittag.«</p> - -<p>»Das war noch Freitags, an dem Fest?« fragte Lichtenstein.</p> - -<p>»Am heiligen Freitag war's. Nachmittags um drei Uhr -ritt Georg von Frondsberg mit etlichen andern Hauptleuten -vor die Stadtpforte an dem Schloß und schrie hinauf, ob sie im -Schlosse bauen? Ich stand nicht weit davon und sah, wie Stadion -auf den Wall kam und antwortete: ›Nein, denn es wäre -wider den Pakt des Stillstandes; aber ich sehe, daß Ihr im Feld -bauet.‹ Georg von Frondsberg rief: ›So es geschehen, ist es -ohne meinen Befehl geschehen; wer bist du?‹ Da antwortete -der im Schloß: ›Ich bin Ludwig von Stadion.‹ Drauf lächelte -der Bündische und strich sich den Bart. ›Ist's also, wie du -sagst,‹ rief er, ›so will ich's wenden,‹ ritt zu ein paar Schanzkörben -und warf sie um. Dann rief er dem Stadion zu, mit<span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span> -einigen Rittern herabzukommen und miteinander einen Trunk -zu tun.«</p> - -<p>»Und sie kamen?« rief der Herzog. »Die Ehrvergessenen -kamen?«</p> - -<p>»Auf dem Schloßberg vor dem äußersten Graben ist ein -Platz, dort sieht man weit ins Land; hinab ins Neckartal, -hinauf die Steinlach, hinüber an die Alb und Zollern, und viele -Burgen schmücken die Aussicht. Dorthin ließen sie einen Tisch -bringen und Bänke, und die Bundesobersten setzten sich zum -Wein. Dann ging das Tor von Hohen-Tübingen auf, die -Brücke fiel über den Graben, und Ludwig von Stadion mit noch -sechs anderen kamen über die Brücke; sie brachten Eure silbernen -Deckelkrüge, sie brachten Eure goldenen Becher und Euren alten -Wein, sie grüßten die Feinde mit Gruß und Handschlag und -setzten sich, besprachen sich mit ihnen beim kühlen Wein.«</p> - -<p>»Der Teufel gesegne es ihnen allen!«<a id="FNanchor_36_37"></a><a href="#Footnote_36_37" class="fnanchor">[36]</a> unterbrach ihn -der Ritter von Lichtenstein und schüttete seinen Becher aus. -Der Herzog aber lächelte schmerzlich und gab Marx Stumpf -einen Wink, fortzufahren.</p> - -<p>»So taten sie sich gütlich bis in die Nacht und zechten, bis -sie rote Köpfe bekamen und taumelten; ich stand nicht ferne, -und keine ihrer verräterischen Reden entging mir. Als sie aufbrachen, -nahm der Truchseß den Stadion bei der Hand: ›Herr -Bruder,‹ sagte er, ›in Eurem Keller ist ein guter Wein, lasset -uns bald ein, daß wir ihn trinken.‹ Jener aber lachte darüber, -schüttelte ihm die Hand und sagte: ›Kommt Zeit, kommt Rat.‹ -Wie ich nun sah, daß die Sachen also stehen, beschloß ich mit -Gott, mein Leben dran zu setzen und in die Burg zu den Verrätern -zu gehen. Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde, wo -der kleinere unterirdische Gang beginnt. Ungesehen stieg ich -hinab und drang bis in die Mitte. Dort hatten sie das Fallgatter -herabgelassen und einen Knecht hingestellt, er legte an -auf mich, als er mich durch die Finsternis kommen hörte, und -fragte nach der Losung. Ich sprach, wie Ihr befohlen, das -Losungswort Eures tapfern Ahnherrn, Eberhards im Bart: -»<em class="antiqua">Atempto</em>;« der Kerl machte große Augen, zog aber das Gatter -auf und ließ mich durch. Jetzt ging ich schnellen Schrittes -weiter vor und kam heraus im Keller. Ich schöpfte einige -Augenblicke Luft, denn der Atem war mir schier ausgeblieben -in dem engen Gang.«</p> - -<p>»Armer Marx! geh, trink einen Becher, das Reden wird -dir schwer,« sagte Ulrich. Willig befolgte jener das gütige Geheiß<span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span> -seines Fürsten und sprach dann mit frischer Stimme -weiter: »Im Keller hörte ich viele Stimmen, und es war mir, -als zanke man sich. Ich ging den Stimmen nach und sah eine -ganze Schar der Besatzung vor dem großen Faß sitzen und -trinken. Es waren einige von Stadions Partei und Hewen -und mehrere der Seinigen. Sie hatten Lampen aufgestellt und -große Humpen vor sich; es sah schauerlich aus, fast wie das -Femgericht. Ich barg mich in ihrer Nähe hinter ein Faß und -hörte, was sie sprachen. Georg von Hewen sprach mit rührenden -Worten zu ihnen und stellte ihnen ihre Untreue vor; er -sagte, wie sie ja gar nicht nötig haben, sich zu ergeben, wie sie -auf lange mit Vorräten versehen seien, wie Euer Durchlaucht -ein Heer sammeln werden, Tübingen zu entsetzen, wie eher die -Belagerer in Not kommen als sie.«</p> - -<p>»Ha! wackerer Hewen; und was gaben sie zur Antwort?«</p> - -<p>»Sie lachten und tranken. ›Da hat es eine gute Weile, -bis <em class="gesperrt">der</em> ein Heer sammelt! Wo das Geld hernehmen, und -nicht stehlen?‹ sagte einer; Hewen aber fuhr fort und sagte, -wenn es auch nicht so bald möglich sei, so müßten sie sich doch -halten bis auf den letzten Mann, wie sie Euch zugeschworen, -sonst handeln sie als Verräter an ihrem Herrn. Da lachten -sie wieder und tranken und sagten: ›Wer will auftreten und -uns Verräter nennen?‹ Da rief ich hinter meinem Faß hervor: -›Ich, ihr Buben! Ihr seid Verräter am Herzog und am -Land!‹ Alle waren erschrocken, der Stadion ließ seinen Becher -fallen, ich aber trat hervor, nahm meine Kappe ab und den -falschen Bart, stellte mich hin und zog Euren Brief aus dem -Wams. ›Hier ist ein Brief von Eurem Herzog,‹ sagte ich, ›er -will, ihr sollet euch nicht übergeben, sondern zu ihm halten; er -selbst will kommen und mit euch siegen oder in diesen Mauern -sterben.‹«</p> - -<p>»O Tübingen!« sagte der Herzog mit Seufzen, »wie töricht -war ich, daß ich dich verließ! Zwei Finger meiner Linken gäbe -ich um dich; was sage ich, zwei Finger? Die Rechte ließ ich -mir abhauen, könnte ich dich damit erkaufen, und mit der Linken -wollte ich dem Bund den Weg zeigen! Und gaben sie nichts, -gar nichts auf meine Worte?«</p> - -<p>»Die Falschen sahen mich finster an und schienen nicht -recht zu wissen, was sie tun sollten. Hewen aber vermahnte -sie nochmals. Da sagte Ludwig von Stadion, ich komme schon -zu spät. Achtundzwanzig der Ritterschaft wollen sich der Fehde -mit dem Bunde begeben und den Herzog solche allein ausmachen<span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span> -lassen. Komme er wieder mit Heeresmacht ins Land, so wollen -sie getreulich zu ihm stehen, aber aufs ungewisse wollen sie den -Krieg nicht fortführen, denn ihre Burgen und Güter werden so -lange beschädigt und gebrandschatzt, bis sie nicht mehr gegen den -Bund dienen. Ich verlangte nun, sie sollen mich hinaufführen -in den Rittersaal, ich wolle versuchen, ob nicht Männer da seien, -das Schloß zu halten, ich zählte auf, wen ich noch für treu halte, -die Nippenburg, die Gültlingen, die Ow, die beiden Berlichingen, -die Westerstetten, die Eltershofen, Schilling, Reischach, -Welwart, Kaltental, – der von Hewen aber schüttelte den Kopf -und sagte, ich habe mich in manchem geirrt.«</p> - -<p>»Und Stammheim, Thierberg, Westerstetten, meine Getreuen, -hast du sie nicht gesehen?«</p> - -<p>»O ja, sie saßen im Keller beim Stadion und tranken -Euren Wein. Hinauf wollten sie mich aber nicht lassen. Selbst -Hewen, selbst Freiberg und Heideck, die mit ihm waren, rieten -ab, sie sagten, die zwei Parteien seien ohnedies schon schwierig -gegeneinander, der Stadion habe die Mehrzahl für sich und auch -den größten Teil der Knechte. Wenn ich hinaufgehe, komme es -im Schloßhof und im Rittersaal zum Kampfe, und es bleibe -ihnen, als den Geringeren, nichts übrig, als zu sterben. So -gerne sie nun auch für Euch den letzten Blutstropfen aufwenden, -so wollen sie doch lieber in der Feldschlacht gegen den Feind -fallen, als von ihren Landsleuten und Waffenbrüdern totgeschlagen -werden. Da blieb mir nichts übrig, als sie zu bitten, -sie möchten sich des Prinzen Christoph und Eures zarten Töchterleins -annehmen und ihnen das Schloß bei der Uebergabe -erhalten. Einige sagten zu, andere schwiegen und zuckten die -Achsel, ich aber gab den Verrätern meinen Fluch als Christ -und Ritter, sagte fünf von ihnen auf und lud sie zum Kampf -auf Leben und Tod, wenn der Krieg zu Ende sei, dann wandte -ich mich und ging auf demselben Wege aus der Burg, wie ich -gekommen war.«</p> - -<p>»Herr Gott im Himmel! hätte ich dies für möglich gehalten!« -rief Lichtenstein. »Zweiundvierzig Ritter, zweihundert -Knechte, eine feste Burg, und sie doch verraten! Unser guter -Name ist beschimpft; noch in späten Zeiten wird man von -unserem Adel sprechen, und wie sie ihr Fürstenhaus im Stich -gelassen; das Sprichwort: ›Treu und ehrlich wie ein Württemberger‹, -ist zum Hohn geworden!«</p> - -<p>»Wohl konnte man einst sagen, treu wie ein Württemberger,« -sprach der Herzog Ulrich, und eine Träne fiel in seinen<span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span> -Bart. »Als mein Ahnherr Eberhard einst hinabritt gen Worms -und mit den Kurfürsten, Grafen und Herren zu Tische saß, da -sprachen und rühmten sie viel vom Vorzug ihrer Länder. Der -eine rühmte seinen Wein, der andere sprach von seiner Frucht, -der dritte gar von seinem Wild, der vierte grub Eisen in seinen -Bergen. Da kam es auch an Eberhard im Bart. -›Von Euren Schätzen weiß ich nichts aufzuweisen,‹ sagte -er, ›doch gehe ich abends durch den dunkelsten Wald, und -komm' ich nachts durch die Berge und bin müd' und matt, so ist -ein treuer Württemberger bald zur Hand, ich grüße ihn und -leg' mich in seinen Schoß und schlafe ruhig ein.‹ Des wunderten -sich alle und staunten und riefen: ›Graf Eberhard hat -recht,‹ und ließen treue Württemberger leben. Geht jetzt der -Herzog durch den Wald, so kommen sie und schlagen ihn tot, -und leg' ich meine Treuen in die Burgen, kaum wende ich den -Rücken, so handeln sie mit dem Feind. <em class="gesperrt">Die</em> Treue soll der -Kuckuck holen; – doch fahre fort, gib mir den Kelch bis auf die -Hefe, ich bin der Mann dazu, ohne Furcht den Grund zu sehen.«</p> - -<p>»Nun, daß ich's kurz sage, ich hielt mich noch in Tübingen -auf, bis ich Gewißheit bekäme wegen der Uebergabe. Gestern, -am Ostermontag, sind sie zusammengekommen; sie haben die -Pakten schriftlich aufgesetzt und nachher durch den Herold auf -den Straßen ausrufen lassen; um fünf Uhr abends haben sie -das Schloß übergeben. Ihr seid der Regierung förmlich entsetzt. -Prinz Christoph, Euer Söhnlein, behält Schloß und Amt -Tübingen, doch zu des Bundes Dienst und unter seiner Vormundschaft, -und in das übrige, heißt es, werden sich die Herren -teilen. Ich habe viel Jammer erfahren in meinem Leben, ich -habe einen Freund im Lanzenstechen umgebracht, ein liebes -Kind ist mir gestorben und mein Haus abgebrannt, aber so wahr -mir Gott gnädig sei und seine Heiligen, mein Schmerz war nie -so groß als in jener Stunde, wo ich des Bundes Farben neben -Euer Durchlaucht Panieren aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz -Württembergs Geweihe und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken -sah!«</p> - -<p>So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne -war während seiner Erzählung völlig heraufgekommen, auch -an den äußersten Bergen war der Nebel gefallen, und was um -die fernen Höhen von Asperg zog, war ein Duft, der wie ein -zarter Schleier vom Horizont herabhing und die Gegenden, -über welche er sich breitete, nur in noch reizenderem Lichte -durchschimmern ließ. Angetan mit dem sanften Grün der Saaten,<span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span> -mit den dunkleren Farben der Wälder, geschmückt mit -freundlichen Dörfern, mit glänzenden Burgen und Städten lag -Württemberg in seiner Morgenpracht. Sein unglücklicher Fürst -überschaute es mit trüben Blicken. Die Natur hatte ihm einen -festen Mut und ein Herz gegeben, das Kummer und Elend nicht -zu brechen vermochte; nicht zu jeder Stunde, nicht jedem teilte -er seine Empfindungen mit, und wenn ein großes Unglück über -ihn kam, pflegte er zu schweigen und zu handeln.</p> - -<p>Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten -festen Burg seine letzte Hoffnung gefallen war, verschloß er -einen großen Schmerz in einer tapferen Brust. Wer stand je -an dem Sarg einer Mutter und fühlte nicht, wenn er den -letzten Blick auf die teuren, bleichen Züge, auf den verstummten -Mund warf, bittere Empfindungen in sich aufsteigen? Es ist -die Reue, was in solchen Augenblicken den Menschen übermannt. -Man erinnert sich, wie unendlich viel sie für uns getan, wie sie -uns als Kind so liebreich hegte, wie ihr kein Opfer zu schwer -ward, das sie dem Jüngling nicht gebracht hätte. Und wie -haben wir vergolten? wir waren gleichgültig gegen so viele -rührende Liebe, wir glaubten, es müsse nun einmal so sein, -wir waren sogar undankbar und murrten, wenn nicht alle -unsere Wünsche schnell erfüllt wurden, wir verpraßten ihr Gut -und achteten nicht auf ihre stillen Tränen.</p> - -<p>Jetzt, wo dieses liebevolle Auge uns nicht mehr sieht, wo -dieses Ohr auf immer verschlossen ist, das nur auf unsere -Wünsche lauschte, wo diese Hände unseren letzten Druck nicht -mehr fühlen, diese Hände, die uns mühsam nährten: jetzt bestürmen -alle jene Gefühle von Reue, Dankbarkeit, Liebe unsere -Brust, deren eines hingereicht hätte in den vorigen Tagen, sie -glücklich zu machen!</p> - -<p>Ein ähnliches Gefühl der Reue war es, was drückend auf -der Brust Ulrichs von Württemberg lag, als er auf sein Land -hinabschaute, das auf ewig für ihn verloren schien. Seine -edlere Natur, die er oft im Gewühle eines prächtigen Hofes und -betäubt von den Einflüsterungen falscher Freunde verleugnet -hatte, trauerte mit ihm, und es war nicht sein Unglück allein, -was ihn beschäftigte, sondern auch der Jammer des okkupierten -Landes.</p> - -<p>Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in -die Ferne zu seinen Freunden wandte, staunten sie über den -Ausdruck seiner Züge. Sie hatten erwartet, Zorn und Grimm -über den Verrat seiner Edlen auf seiner Stirne, in seinen<span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span> -Augen zu lesen, aber es war eine tiefe Rührung, ein stiller -großer Schmerz, was seinen Mienen einen Ausdruck von -Milde gab, den sie nie an ihm gekannt hatten.</p> - -<p>»Marx! Wie verfahren sie gegen das Landvolk?« fragte er.</p> - -<p>»Wie Räuber,« antwortete dieser; »sie verwüsten ohne -Not die Weinberge, sie hauen die Obstbäume nieder und verbrennen -sie am Wachtfeuer, Sickingens Reiter traben durch das -Saatfeld und treten nieder, was die Pferde nicht fressen. Sie -mißhandeln die Weiber und pressen den Männern das Geld ab. -Schon jetzt murrt das Volk allerorten, und lasset erst den Sommer -kommen und den Herbst! Wenn aus den zerstampften -Fluren kein Korn aufgeht, wenn auf den verwüsteten Bergen -keine Weinbeere wächst, wenn sie erst noch die ungeheure Kriegssteuer, -die der Bundesrat umlegen wird, bezahlen müssen, – -da wird das Elend erst recht angehen.«</p> - -<p>»Die Buben!« rief der Herzog, und ein edler Zorn sprühte -aus seinen Augen, »sie rühmten sich mit großen Worten, sie -kämen, um Württemberg von seinem Tyrannen zu befreien, -es zu entheben aller Not. Und sie hausen im Lande wie im -Türkenkrieg. Aber ich schwöre es, so mir Gott eine fröhliche -Urständ gebe und seine Heiligen gnädig sein wollen meiner -Seele, wenn keine Saat aufgeht in den verwüsteten Tälern des -Neckars und auf seinen Höhen keine Traube reift, ich will kommen -und mähen und Garben schneiden – in ihren Gliedern, -ich will kommen mit schrecklichen Winzern, will sie treten und -keltern und ihr Blut verzapfen. Ich will rächen, was sie an -mir und meinem Land getan, so mir der Herr helfe.«</p> - -<p>»Amen!« sprach der Ritter von Lichtenstein. »Aber ehe -Ihr hereinkommt, müßt Ihr auf gute Art hinaus sein aus dem -Land. Es ist keine Zeit zu verlieren, wenn Ihr ungefährdet -entkommen wollt.«</p> - -<p>Der Herzog sann eine Weile nach und antwortete dann: -»Ihr habt recht, ich will nach Mömpelgard; von dort aus will -ich sehen, ob ich so viele Mannschaft an mich ziehen kann, um -einen Einfall in das Land zu wagen. Komm her, du treuer -Hund, du wirst mir folgen ins Elend der Verbannung. Du -weißt nicht, was es heißt, die Treue brechen und den Eid vergessen.«</p> - -<p>»Hier steht noch einer, der dies auch nicht kennt,« sagte -Schweinsberg und trat näher zu dem Herzog. »Ich will mit -Euch ziehen nach Mömpelgard, wenn Ihr meine Begleitung -nicht verschmähet.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span></p> - -<p>Aus den Augen des alten Lichtenstein blitzte ein kriegerisches -Feuer. »Nehmt auch mich mit Euch, Herr!« sagte er. »Meine -Knochen taugen freilich nicht mehr viel, aber meine Stimme ist -noch vernehmlich im Rat.«</p> - -<p>Marie sah mit leuchtenden Blicken auf den Geliebten. -Ueber die Wangen Georgs von Sturmfeder zog ein glühendes -Rot, sein Auge leuchtete vom Mut der Begeisterung.</p> - -<p>»Herr Herzog!« sagte er. »Ich habe Euch meinen Beistand -angetragen in jener Höhle, als ich nicht wußte, wer Ihr -wäret, Ihr habt ihn nicht verschmäht. Meine Stimme gilt -nicht viel im Rat, aber könnet Ihr ein Herz brauchen, das recht -treu für Euch schlägt, ein Auge, das für Euch wacht, wenn Ihr -schlafet, und einen Arm, der die Feinde von Euch abwehrt, so -nehmt mich auf und lasset mich mit Euch ziehen!«</p> - -<p>Alle jene Empfindungen, die ihn zu dem Manne ohne -Namen gezogen hatten, loderten in dem Jüngling auf, sein -Unglück und die erhabene Art, wie er es trug, vielleicht auch -jener aufmunternde Blick der Geliebten, erhöhten diese Flammen -zur Begeisterung und zogen ihn zu den Füßen des Herzogs -ohne Land.</p> - -<p>Der alte Herr von Lichtenstein blickte mit stolzer Freude -auf seinen jungen Gast, gerührt sah ihn der Herzog an und bot -ihm seine Hand, hob ihn auf von den Knieen und küßte ihn auf -die Stirne.</p> - -<p>»Wo solche Herzen für uns schlagen,« sagte er, »da haben -wir noch feste Burgen und Wälle und sind noch nicht arm zu -nennen. Du bist mir lieb und wert, Georg von Sturmfeder, -du wirst mich begleiten, mit Freuden nehme ich deine treuen -Dienste an. Marx Stumpf von Schweinsberg, dich brauche ich -zu wichtigerem Geschäft, als meinen Leib zu decken. Ich werde -dir Aufträge geben nach Hohentwiel und der Schweiz. Eure -Begleitung, guter Lichtenstein, kann ich nicht annehmen. Ich -ehre Euch wie einen Vater, Ihr habt getreu an mir gehandelt, -Ihr habt mir allnächtlich Eure Burg geöffnet; ich will's vergelten. -Wenn ich mit Gottes Hilfe wieder ins Land komme, soll -Eure Stimme die erste sein in meinem Rat.«</p> - -<p>Sein Auge fiel auf den Pfeifer von Hardt, der demütig -in der Ferne stand: »Komm her, du getreuer Mann!« rief er -ihm zu und reichte ihm seine Rechte, »du hast dich einst <em class="gesperrt">schwer -an Uns verschuldet</em>, aber du hast treu abgebüßt, was -du gefehlt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span></p> - -<p>»Ein Leben ist nicht so schnell vergolten,« sagte der Bauer, -indem er düster zum Boden blickte, »noch bin ich in Eurer -Schuld, aber ich will sie zahlen.«</p> - -<p>»Gehe heim in deine Hütte, so ist mein Wille. Treibe -deine Geschäfte wie zuvor, vielleicht kannst du uns treue Männer -sammeln, wenn wir wieder ins Land kommen. Und Ihr, Fräulein, -wie kann ich Eure Dienste lohnen? Seit vielen Nächten -habt Ihr den Schlaf geflohen, um mir die Türe zu öffnen und -mich zu sichern vor Verrat! Errötet nicht so, als hättet Ihr -eine große Schuld zu gestehen. Jetzt ist es Zeit zu handeln. -Alter Herr,« wandte er sich zu Mariens Vater, »ich erscheine -als Brautwerber vor Euch, Ihr werdet den Eidam nicht verschmähen, -den ich Euch zuführe?«</p> - -<p>»Wie soll ich Eure Reden verstehen, gnädigster Herr?« -sagte der Ritter, indem er verwundert auf seine Tochter sah.</p> - -<p>Der Herzog ergriff Georgs Hand und führte ihn zu jenem. -»<em class="gesperrt">Dieser</em> liebt Eure Tochter, und das Fräulein ist ihm nicht -abhold; wie wäre es, alter Herr, wenn Ihr ein Pärlein aus -ihnen machtet? Zieht nicht die Stirne so finster zusammen, -es ist ein ebenbürtiger Herr, ein tapferer Kämpe, dessen Arm -ich selbst versuchte, und jetzt mein treuer Geselle in der Not.«</p> - -<p>Marie schlug die Augen nieder, auf ihren Wangen wechselte -hohe Röte mit Blässe, sie zitterte vor dem Ausspruch des Vaters. -Dieser sah sehr ernst auf den jungen Mann. »Georg,« sagte er, -»ich habe Freude an Euch gehabt seit der ersten Stunde, daß ich -Euch sah; sie möchte übrigens nicht so groß gewesen sein, hätte -ich gewußt, <em class="gesperrt">was</em> Euch in mein Haus führte.«</p> - -<p>Georg wollte sich entschuldigen, der Herzog aber fiel ihm in -die Rede: »Ihr vergesset, daß <em class="gesperrt">ich</em> es war, der ihn zu Euch schickte -mit Brief und Siegel, er kam ja nicht von selbst zu Euch; doch -was besinnet Ihr Euch so lange? Ich will ihn ausstatten wie -meinen Sohn, ich will ihn belohnen mit Gütern, daß Ihr stolz -sein sollet auf einen solchen Schwiegersohn.«</p> - -<p>»Gebt Euch keine Mühe weiter, Herr Herzog,« sagte der -junge Mann gereizt, als der Alte noch immer unschlüssig schien. -»Es soll nicht von mir heißen, ich habe mir ein Weib erbettelt -und ihrem Vater mich aufdrängen wollen. Dazu ist mein Name -zu gut.« Er wollte im Unmut das Zimmer verlassen, der -Ritter von Lichtenstein aber faßte seine Hand: »Trotzkopf,« rief -er, »wer wird denn gleich so aufbrausen? Da, nimm sie, sie -sei dein, aber – denke nicht daran, sie heimzuführen, so lange -ein fremdes Banner auf den Türmen von Stuttgart weht. Sei<span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span> -dem Herrn Herzog treu, hilf ihm wieder ins Land zu kommen, -und wenn du treulich aushältst: am Tag, wo ihr in Stuttgarts -Tore einzieht, wo Württemberg seine Fahnen wieder aufpflanzt -und seine Farben von den Zinnen wehen, will ich dir mein -Töchterlein bringen, und du sollst mir ein lieber Sohn sein!«</p> - -<p>»Und an jenem Tag,« sprach der Herzog, »wird das Bräutchen -noch viel schöner erröten, wenn die Glocken tönen von dem -Turme und die Hochzeit in die Kirche ziehet! Dann werde ich -zum Bräutigam treten und zum Lohn fordern, was mir gebührt. -Da, guter Junge, gib ihr den Brautkuß; es ist zu vermuten, -daß es nicht der erste ist, herze sie noch einmal, und -dann gehörst du mein, bis an den fröhlichen Tag, wo wir in -Stuttgart einziehen. Lasset uns trinken, Ihr Herren, auf die -Gesundheit des Brautpaars!«</p> - -<p>Auf Mariens holden Zügen stieg ein Lächeln auf und -kämpfte mit den Tränen, die noch immer aus den schönen Augen -perlten. Sie goß die Becher voll und kredenzte den ersten dem -Herzog mit so dankbaren Blicken, mit so lieblicher Anmut, daß -er Georg glücklich pries und sich gestehen mußte, manch anderer -möchte um solchen Preis selbst sein Leben wagen.</p> - -<p>Die Männer ergriffen ihre Becher und erwarteten, daß -ihnen der Herzog einen guten Spruch dazu sagen werde nach -seiner Weise. Aber Ulrich von Württemberg warf einen langen -Abschiedsblick auf das schöne Land, von dem er scheiden mußte, -einen Augenblick wollte sich eine Träne in seinem Auge bilden, -er wandte sich kräftig ab. »Ich habe hinter mich geworfen,« -sagte er, »was mir einst teuer war, ich werde es wiedersehen -in besseren Tagen. Doch hier in diesen Herzen besitze ich noch -Länder. Beklaget mich nicht, sondern seid getrosten Mutes, wo -der Herzog ist und seine Treuen: <em class="gesperrt">hie gut Württemberg -alleweg</em>!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span></p> - -<h2 id="kap26">26.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">In Schwaben, wo dein Vater Herzog war,<br /></span> -<span class="i0">Wo ihn und dich ein biedres Volk geliebt,<br /></span> -<span class="i0">Wo mancher jetzt auf seiner Feste haust,<br /></span> -<span class="i0">Der unter deinem Banner einst gekämpft.<br /></span> -<span class="i0">Dort muß von dir noch ein Gedächtnis sein,<br /></span> -<span class="i0">Dorthin sei unser irrer Pfad gelenkt,<br /></span> -<span class="i0">Des Schwarzwalds dichter Schatten neh'm uns auf.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Uhland.</em> -</p> -</div> - -<p>Wohl nie so schwül hat ein Sommer über Württemberg gelegen -als der des Jahres 1519. Das ganze Land hatte dem -Bunde gehuldigt und meinte, es werde jetzt Ruhe haben. Aber -jetzt erst zeigten die Bundesglieder deutlich, daß es nicht die -Wiedereinnahme von Reutlingen gewesen sei, was sie zusammenführte. -Sie wollten bezahlt sein, sie wollten Entschädigung -haben für ihre Mühe. Die einen wollten, man solle Württemberg -unter sie teilen, die anderen, man solle es an Oesterreich -verkaufen, die dritten wollten es Ulrichs Kindern erhalten, – -aber unter des Bundes Obervormundschaft. Sie stritten sich -um den Besitz des Landes, auf das weder der eine noch der -andere gerechte Ansprüche machen konnte. Das Land selbst war -in Spaltung und Parteien. Es sollte die Kriegskosten decken, -und doch war niemand da, der zahlen wollte. Die Ritterschaft -hielt es für eine erwünschte Gelegenheit, sich ganz vom Lande -loszusagen und sich für unabhängig zu erklären. Die Bürger -und Bauern waren ausgesogen, ihre Felder waren verwüstet und -zertreten, sie sahen nirgends eine Aussicht, sich zu erholen; die -Geistlichkeit wollte auch nicht allein bezahlen, und so war alles -in Hader und Streit. Es ging auch vielen tief zu Herzen, daß -ihr angeborener Fürst so schnöde behandelt worden war. Manchem -kam jetzt, da der Herzog fern von dem Lande seiner Väter -in Verbannung hauste, Reue und Sehnsucht an. Sie verglichen -sein Regiment mit dem jetzigen. Es war nicht besser, wohl aber -schlimmer geworden; aber sie lebten unter zu hartem Zwang, -als daß sie ihre Schmerzen hätten offenbaren können.</p> - -<p>Der Regentschaft des Bundes entging diese Unzufriedenheit -des Volkes nicht; sie mußte, wie sich in alten Berichten -findet, »manche seltsame und böse Rede« hören; sie suchte durch -geschärfte Strenge sich Anhänglichkeit zu erwerben, sie streute -Lügen über den Herzog aus.<a id="FNanchor_37_38"></a><a href="#Footnote_37_38" class="fnanchor">[37]</a> Man gebot den Priestern, -gegen ihn zu predigen; wer von ihm Gutes rede, soll gefangen<span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span> -werden, wer ihn heimlich unterstütze, soll der Augen beraubt, -sogar enthauptet werden.</p> - -<p>Aber Ulrich hatte noch treue Leute unter dem Landvolk, -die ihm auf geheimen Wegen Kunde brachten, wie es in Württemberg -stehe. Er saß in seiner Grafschaft Mömpelgard und -harrte dort mit den Männern, die ihm ins Unglück gefolgt -waren, auf günstige Gelegenheit, in sein Land zu kommen. Er -schrieb an viele Fürsten, er beschwor sie, ihm zu Hilfe zu kommen; -aber keiner nahm sich seiner sehr tätig an. Er schrieb an -die zur neuen Kaiserwahl versammelten Kurfürsten – sie halfen -nicht. Das einzige, was sie taten, war, dem neuen Kaiser in -seiner Kapitulation eine Klausel anzuhängen, die Württemberg -und den Herzog betraf, – er hat sie nicht geachtet. Als sich -der Herzog von aller Welt also verlassen sah, wankte er dennoch -nicht, sondern setzte alles daran, sein Land mit eigener Macht -wiederzuerobern. Es waren einige Umstände, die für ihn -sehr günstig schienen. Der Bund hatte nämlich, als er Kunde -bekam, daß sich niemand des Vertriebenen annehmen wolle, seine -Völker entlassen. Die meisten Städte und Burgen behielten -nur sehr schwache Besatzungen, und selbst in Stuttgart waren -nur wenige Fähnlein Knechte gelassen worden.</p> - -<p>Durch diese Maßregel aber hatte sich der Bund einen Feind -erworben, den man gering schätzte, der aber viel zur Aenderung -der Dinge beitrug, – es waren dies die Landsknechte.<a id="FNanchor_A_1"></a><a href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a> Diese -Menschen, aus allen Enden und Orten des Reiches zusammengelaufen, -boten gewöhnlich dem ihre Hilfe an, der sie am besten -zahlte; für was und gegen wen sie kämpften, war ihnen gleichgültig. -Um sie zu halten, mußte man ihnen vieles nachsehen, -und Raub, Mord, Plünderung, Brandschatzen führten sie auf -ihre eigene Faust aus, um sich zu entschädigen, wenn sie den -Sold nicht richtig bekamen. Georg von Frondsberg war der -erste gewesen, der sie durch sein Ansehen im Heere, durch tägliche -Uebungen und unerbittliche Strenge einigermaßen im Zaum -hielt. Er hatte sie in regelmäßige Rotten und Fähnlein eingeteilt, -er hatte ihnen bestimmte Hauptleute gegeben, er hatte -sie gelehrt, geordnet und in Reihen und in Gliedern zu fechten. -Sie zeigten aber jetzt, daß sie aus einer guten Schule kamen; -denn als sie vom Bund entlassen waren, liefen sie nicht wie -früher zerstreut durch das Land, um Dienste zu suchen, sondern<span class="pagenum"><a id="Page_225">[225]</a></span> -rotteten sich zusammen, richteten zwölf Fähnlein auf, erwählten -aus <em class="gesperrt">ihrer Mitte</em> Hauptleute<a id="FNanchor_38_39"></a><a href="#Footnote_38_39" class="fnanchor">[38]</a> und selbst einen Obersten -in der Person des <em class="gesperrt">langen Peters</em>. Sie waren schwierig -auf den Bund, nährten sich von Raub und Brandschatzen im -Land und führten Krieg auf eigene Rechnung. Die Anarchie -war in Württemberg so groß, daß ihnen niemand die Spitze -bot. Der Bund hatte sich an Streitkräften entblößt und war zu -sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, als daß er -das arme Land von dieser Bande befreit hätte. Die Ritterschaft -war uneinig, sie saßen auf den Schlössern und sahen ruhig diesem -Treiben zu; die Besatzung der Städte war zu gering, um ihnen -mit Kraft Einhalt zu tun, und Bürger und Bauern sahen sogar -diesen Haufen gerne, wenn seine Forderungen nur nicht allzu -groß waren, denn die Landsknechte schimpften weidlich auf den -Bund, dem niemand hold war. Ja es ging sogar die Sage, -diese Kriegsmänner seien nicht abgeneigt, dem Herzog wieder -zu seinem Land zu verhelfen.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_A_1"></a><a href="#FNanchor_A_1"><span class="label">[A]</span></a> Landsknechte schreiben wir, nicht Lanzknechte, wie man in neuerer Zeit -getan, und berufen uns auf die »Historia des Herrn Frondsberg« etc.</p></div> -</div> - -<p>Es war ein schöner Morgen in der Mitte Augusts, als sich -diese Leute in einem Wiesentale gelagert hatten, das der Grenze -von Baden zunächst gelegen war. Die riesigen, schwarzen Tannen -und Föhren, die das Tal auf drei Seiten einschlossen, gehörten -noch dem Schwarzwald an, und das Flüßchen, das durch -das Tal eilte, war die Würm. Halb überschattet vom Wald, -halb in den Weidenbüschen des Tales versteckt, lag das kleine -Heer in wunderlichen Gruppen und pflegte der Ruhe. In der -Entfernung von zweihundert Schritten sah man Posten aufgestellt, -deren blitzende Lanzen oder rotglühende Lunten schon -von weitem Furcht einjagten. In der Mitte des Tales, im -Schatten einer Eiche, saßen fünf Männer um einen ausgespannten -Mantel, den sie als Tisch gebrauchten, um ein Spiel -auf ihm zu spielen, das heute noch den Namen Landsknecht -führt. Diese Männer zeichneten sich vor ihren übrigen Genossen -durch breite rote Binden aus, die sie über die Schulter und -Brust herabhängen hatten, sonst aber hatte ihre Bekleidung auch -das zerrissene und morsche Aussehen wie das der übrigen Soldateska. -Einige hatten Sturmhauben auf, andere große Filzhüte, -mit eisernen Bändern beschlagen, dazu Lederkoller, welche -von Regen, Staub und Biwaks alle möglichen Schattierungen -erhalten hatten.</p> - -<p>Bei näherem Blick erkannte man übrigens noch zwei Dinge, -durch welche sie sich von ihren Kameraden unterschieden. Sie -führten nämlich keine Donnerbüchsen oder Spieße, wie sie die<span class="pagenum"><a id="Page_226">[226]</a></span> -Landsknechte gewöhnlich trugen, sondern Raufdegen von ungemeiner -Länge und Breite. Auch hatten sie, wie es damals die -Edelleute und Anführer trugen, auf ihren Hüten und Sturmhauben -bunte, wallende Federbüsche aus Hahnenschwänzen, um -sich ein ritterliches Ansehen zu geben.</p> - -<p>Die fünf Männer schienen große Geschicklichkeit im Spiel -zu besitzen, vorzüglich aber einer, der sich mit dem Rücken an -die Eiche lehnte. Es war dies ein langer wohlbeleibter Mann. -Er hatte einen Hut auf, dessen Rand sich wie ein bedeutender -Mühlstein um den Kopf zog. Der Hut war mit einer Goldtresse -besetzt, auf der Stirnseite war er mit dem goldenen Bild des -heiligen Petrus geschmückt, aus welchem zwei ungeheure rote -Hahnenfedern hervorragten. Dieser Mann mußte weit in der -Welt herumgekommen sein, denn er konnte auf französisch, -italienisch, ungarisch fluchen, seinen Bart aber trug er ungarisch, -er hatte ihn nämlich mit Pech so zusammengedreht, daß er wie -zwei eiserne Stacheln auf beiden Seiten der Nase eine Spanne -in die Luft hinausstarrte.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Canto cacramento!</em>« rief dieser große Mann mit einem -dröhnenden Baß, »der kleine Wenzel ist mein. Drauf! Ich -stech' ihn mit dem Eichel-König.«</p> - -<p>»Mein ist er, mit Verlaub,« rief sein Nebenmann, »und -der König dazu. Da liegt die Eichel-Sau!«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Mord de ma Vich</em>, zagt der Franzoz; Hauptmann Löffler, -Ihr wollt Eurem Oberst diesen Stich abjagen? Schämt -Euch, schämt Euch; daz ist ein Rebeller, der daz tut. Gott straf' -mein' Zeel', Ihr wollt mich vom Regiment absetzen?« Der -große Mann funkelte zu diesen Worten gräßlich mit den Augen, -schob seinen großen Hut auf das Ohr, daß seine überhängenden -Augenbrauen und eine mächtige rote Narbe auf der Stirne sichtbar -wurden, die ihm ein ungemein kriegerisches Ansehen gaben.</p> - -<p>»Beim Spiel, Herr Oberst Peter, gilt keine Kriegsordnung,« -antwortete der andere Spieler. »Ihr könnet uns Hauptleuten -befehlen, ein Städtchen zu blockieren und zu brandschatzen, -aber beim Spiel ist jeder Landsknecht so gut wie wir.«</p> - -<p>»Ihr zeid ein Meuter, ein Rebeller gegen die Obrigkeit, -Gott straf' mein Zeel', und wäre es nicht gegen meine Würde, -ich wollt' Euch in Kochstücke mazakerieren; aber spielt weiter.«</p> - -<p>»Da liegt dein Daus« – »drauf der Quarter« – »den stech' -ich mit dem Zinken,« – »Schellen-Wenzel, wer sticht den? –«</p> - -<p>»Ich,« sprach der Große, »da liegt der Schellenkönig, Mordblei! -der Stich ist mein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_227">[227]</a></span></p> - -<p>»Wie bringst du den Schellenkönig 'rauf?« rief ein kleines, -dürres Männchen mit spitzigem Gesicht und kleinen, giftigen -Aeuglein und heiserer Stimme. »Hab' ich nicht gesehen, als -du ausgabst, daß er unten lag? Er hat betrogen, der lange -Peter hat schändlich betrogen!«</p> - -<p>»Muckerle, Hauptmann vom achten Fähnlein! ich rat' Euch, -haltet Euer Maul,« sagte der Oberst. »<em class="antiqua">Bassa manelka!</em> ich -versteh' keinen Spaß. Die Mauz zoll den Löwen nicht erzürnen.«</p> - -<p>»Und ich sag's noch einmal; wo hättest du sonst den König -her? Vor dem Papst und dem König von Frankreich will ich's -beweisen; du falscher Spieler!«</p> - -<p>»Muckerle,« erwiderte der Oberst und zog kaltblütig seinen -Degen aus der Scheide, »bete noch ein Ave Maria und ein -Gratias, denn ich schlage dich tot, zo wie daz Spiel auz ist.«</p> - -<p>Die übrigen drei Männer wurden durch diese Streitigkeiten -aus ihrer Ruhe aufgeschreckt. Sie erklärten sich für den -kleinen Hauptmann und gaben nicht undeutlich zu verstehen, -daß man dem Obersten wohl dergleichen zutrauen könnte; dieser -aber vermaß sich hoch und teuer, er habe nicht betrogen. »Wenn -der heilige Petruz, mein gnädiger Herr Patron, den ich auf dem -Hut trage, sprechen könnte, der würde mir, zo wahr er ein -christlicher Landsknecht war, bezeugen, daß ich nicht betrogen!«</p> - -<p>»Er hat nicht betrogen,« sagte eine tiefe Stimme, die aus -dem Baum zu kommen schien. Die Männer erschraken und -schlugen Kreuze wie vor einem bösen Spuk, selbst der tapfere -Oberst erbleichte und ließ die Karte fallen; aber hinter dem -Baum hervor trat ein Bauersmann, der mit einem Dolch bewaffnet -war und eine Zither an einem ledernen Riemen auf -der Schulter hängen hatte. Er sah die Männer mit unerschrockenen -Blicken an und sagte: »Es ist, wie ich sagte, dieser -Herr da hat nicht betrogen, er bekam schon beim Ausgeben -Schellen- und Eichelkönig, Fünfe und Vier von Laub und den -Schippen-Unter in die Hand.«</p> - -<p>»Ha! du bist ein wackerer Kerl,« rief der Oberst vergnügt, -»zo wahr ich ein ehrlicher Landsknecht – will zagen Oberst -bin, – ez ist all wahr, waz du gezagt hast.«</p> - -<p>»Was ist denn das?« rief der kleine Hauptmann Muckerle -mit giftigen Blicken. »Wie hat sich der Bauer daher eingeschlichen, -ohne daß unsere Wachen ihn meldeten? Das ist ein -Spion, man muß ihn hängen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_228">[228]</a></span></p> - -<p>»Zei nicht wunderlich, Muckerle! daz ist kein Spioner; -komm, zetz' dich zu mir. Bist ein Spielmann, daz du die Cittarra -umhängst wie ein Spanier, wenn er zu zeinem Schätzerl geht?«</p> - -<p>»Ja, Herr! ich bin ein armer Spielmann; Eure Wachen -haben mich nicht angehalten, als ich aus dem Walde kam. Ich -sah euch spielen und wagte es, den Herren zuzusehen.«</p> - -<p>Die Hauptleute dieses Freikorps waren nicht gewohnt, so -höflich mit sich sprechen zu hören, daher faßten sie Zuneigung -zu dem Spielmann und luden ihn sehr herablassend ein, sich -zu ihnen zu setzen, denn sie hatten in fremden Kriegsdiensten -gelernt, daß große Könige und Feldherren sehr vertraulich mit -den Meistern des Gesanges umgehen.</p> - -<p>Der Oberste tat einen Trunk aus einer zinnernen Flasche, -bot sie dem kleinen Hauptmann und sprach mit heiterer Miene: -»Muckerle, daz zoll mein Tod zein, waz ich getrunken, wenn ich -nicht allez vergesse; Hader und Zank haben ein Ende; wir wollen -nicht weiter spielen, Ihr Herren! ich liebe Gezang und Lautenspiel, -wie wäre ez, wenn wir uns aufspielen ließen?«</p> - -<p>Die Männer willigten ein und warfen die Karten zusammen; -der Spielmann stimmte seine Zither und fragte, was -er singen solle.</p> - -<p>»Sing ein Lied vom Spiel!« rief einer, »weil wir gerade -dran sind.«</p> - -<p>Der Spielmann sann ein wenig nach und hub an:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Von dem Zinken, Quater und As<br /></span> -<span class="i0">Kommt mancher in des Teufels Gaß,<br /></span> -<span class="i0">Von Quater, Zinken und von Dreien<br /></span> -<span class="i0">Muß mancher Waffengo schreien,<br /></span> -<span class="i0">Von As, Seß und Daus<br /></span> -<span class="i0">Hat mancher gar ein ödes Haus,<br /></span> -<span class="i0">Von Quater, Drei und Zinken<br /></span> -<span class="i0">Muß mancher lauter Wasser trinken,<br /></span> -<span class="i0">Von Zinken, Drei und Quater<br /></span> -<span class="i0">Weinen oft Mutter, Kind und Vater,<br /></span> -<span class="i0">Von Zinken, Quater und Seß<br /></span> -<span class="i0">Muß Jungfrau, Metz und Agnes<br /></span> -<span class="i0">Oft gar lang unberaten bleiben,<br /></span> -<span class="i0">Will er die Läng' das Spiel betreiben.«<a id="FNanchor_39_40"></a><a href="#Footnote_39_40" class="fnanchor">[39]</a><br /></span> -</div></div> - -<p>Der Oberst Peter und die Hauptleute lobten das Lied und -reichten dem Spielmann zum Dank die Flasche. »Gott gesegne -es euch,« sagte dieser, indem er die Flasche zurückgab; »viel Glück -zu eurem Zuge; ihr seid wohl Obersten und Hauptleute des<span class="pagenum"><a id="Page_229">[229]</a></span> -Bundes und ziehet wieder zu Feld? darf man fragen, gegen -wen?«</p> - -<p>Die Männer sahen sich an und lächelten, der Oberste aber -antwortete ihm: »Ganz unrecht habt Ihr nicht; wir haben früher -dem Bund gedient, jetzt aber dienen wir niemand alz unz selbst, -und wer Leute braucht, wie wir zind.«</p> - -<p>»Die Schweizer werden heuer ein gutes Jahr haben, man -sagt ja, der Herzog wolle wieder ins Land?«</p> - -<p>»Aller Hund Krümmen komme auf die Schweizer,« rief -der Oberst; »wie übel zind zie an ihm gefahren; der gute Herzog -hat all' zeine Hoffnung auf zie gesetzt, und, <em class="antiqua">diavolo maledetto</em>, -wie haben zie ihn im Stich gelassen bei Blaubeuren!«</p> - -<p>»Sie haben ihn schändlich verlassen,« sagte der Hauptmann -Muckerle mit heiserer Stimme; »aber doch so man's beim Licht -b'sieht, so g'schieht ihm wohl halb recht, dann er sollt' sie je -wohl kennt haben; es leit doch am Tag, daß sie kein dicks Brittlein -bohren. Der Tüfel hol' sie all!«</p> - -<p>»Ja, der Herzog hat halt nichts Besseres haben können,« -entgegnete der Spielmann; »freilich, wenn er solche Herren -gehabt hätte wie ihr und eure tapfren Fähnlein, da wäre der -Bund noch bei Ulm.«</p> - -<p>»Du hast da ein wahrez Wort gesprochen, guter Gezell! -Landsknecht' hätt' er zollen haben und keine Schwyzer. Und -hält er zich jetzt wieder zu ihnen, zo weiß ich, waz ich von ihm -halte. Landsknecht' hätt' er zollen haben, ich zag's noch einmal. -Nicht wahr, Magdeburger?«</p> - -<p>»Dat will ick man och meenen,« antwortete der Magdeburger. -»Landsknechte oder keener können den Heertog wieder -uf den Stuhl setzen. Die Schweizer können man gar nichts, als -mit den Hellebarden in die Glieder stechen; dat ist all ihre -Kunst. Aber Ihr solltet man sehen, wie wir die Donnerbüchsen -laden, auf die Gabel legen un mit den Lunden drauf, dat dich -dat Wetter! Dat Manäfer macht uns keener nich nach, Gott -straf' mir, keener. Sie brauchen eine halve Stunde, um ihre -Kugel loszuschießen, und wir Landsknechte eene halve Vertelstund'.«</p> - -<p>»Ja, alle Achtung vor den Herren Landsknechten,« sagte -der Spielmann und lüftete ehrerbietig die Mütze; »freilich, euch -Herren sollt' er haben; aber der Bund wird euch so gut belohnt -haben, daß ihr dem armen Herzog nicht zu Hilfe ziehen möget.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_230">[230]</a></span></p> - -<p>»Gelohnt, socht er?« rief der fünfte Hauptmann und lachte. -»Jo, wenn er's Geld von Blech schlagen könnt', der schwäbisch -Hund! Bei denen gilt's Sprichwort:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Dien' wohl und fordre keinen Sold,<br /></span> -<span class="i0">So werden dir die Herren hold.«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Ich sog', schlecht hot er uns bezahlt. Und wenn seine -Durchlaucht der Herr Herzog mi hoben will, ich steh' 'nem -z'Dienst wie jedem.«</p> - -<p>»Ztaberl, du hast recht,« sagte der Oberst und wichste den -ungarischen Bart. »Mordblei, die Katz' ist gern, wo man sie -strählet. Wenn der Herr Ulrich gut zahlt, zo wird, Gott straf' -mein' Zeel', unsere ganze Mannschaft mit ihm ziehen.«</p> - -<p>»Nun, das werdet ihr bald sehen können,« entgegnete der -Bauer listig lächelnd, »habt ihr noch keine Antwort vom Herzog -auf eure Botschaft?«</p> - -<p>Der Oberst Peter ward feuerrot bis in die Stirne. »Mordelement! -wer bist denn du, Menschenkind, daz du mein Geheimnuz -weißt? Wer hat dir gezagt, daz ich zum Herzog -schickte?«</p> - -<p>»Zum Herzog hob' Er g'schickt, Peter? Wos hobt Er denn -für G'heimnis mitenonder, doß wir's nit wissen dörften. Sog' -es nur gleich!«</p> - -<p>»Nun, ich hab' gedacht, ich müsse wieder einmal für euch -alle denken wie immer, und hab' einen Mann zum Herzog geschickt, -ihm in unzerm Namen einen schönen Gruz entboten und -fragen lassen, ob er unz brauchen könnt'? Dez Monats für -den Mann einen halben Dicktaler, uns Obersten und Hauptleut' -aber ein Goldgülden und täglich vier Maaz alten Wein.«</p> - -<p>»Dat is keen bitterer Vorschlach, der Teiwel! Eenen -Goldgülden monatlich? Ich bin dabei, und es wird keener wat -dagegen haben. Hast du Antwort von dem Heertog?«</p> - -<p>»Bis jetzt noch keine; aber, <em class="antiqua">Bassa manelka!</em> wie kamst du -zu meinem Geheimnuz, Bauer? Ich hau' dir ein Ohr ab, -Gott straf' mein Zeel', zo tu ich wie mein Patron, der heilige -Petruz, war auch ein Landsknecht, dem Malchuz, der war von -den jüdischen Schwyzern, ein Hellebardierer. Zag' schnell -oder ich hau'!«</p> - -<p>»Langer Peter!« rief der kleine Hauptmann Muckerle mit -ängstlicher Stimme, »laß um Gott'swillen <em class="gesperrt">den</em> gehen; der ist -fest und kann hexen. Ich weiß noch wie heut, daß wir ihn in<span class="pagenum"><a id="Page_231">[231]</a></span> -Ulm fangen sollten und in Herrn von Krafts, des Ratsschreibers, -Stall kamen, wo er sich aufhielt, denn er war ein Kundschafter, -so machte er sich klein und immer kleiner, bis er ein -Spatz wurde und über uns 'naus flog.«</p> - -<p>»Waz?« schrie der tapfere Oberst und rückte von dem Spielmann -hinweg, »<em class="gesperrt">der</em> ist's? Wo dann der Magistrat auzrufen -ließ, man zolle alle Spatzen totschießen, weil zich ein württemberger -Spioner in einen verwandelt habe? Man heißt zie, -glaub' ich, jetzt noch die Ulmer Spatzen.«</p> - -<p>»Der ist's,« flüsterte Muckerle; »es ist der Pfeifer von -Hardt, ich hab' ihn gleich erkannt.«</p> - -<p>Der Oberst und die Hauptleute hatten sich von ihrem Erstaunen -noch nicht ganz erholt. Sie sahen den Mann, von -welchem der Ruf so wunderbare Dinge erzählte, halb ängstlich, -halb neugierig an. Er selbst hatte ein zu wohlgeübtes Ohr, -als daß er nicht verstanden hätte, was diese Leute unter sich -flüsterten; aber er tat, als bemerkte er ihr Staunen und Verstummen -nicht; er beschäftigte sich ruhig mit seiner Zither. Endlich -faßte sich der lange Peter, wohlbestallter Oberst dieses -Heeres, ein Herz, zwirbelte den Bart einigemal, zog dann den -ungeheuren Hut vom Kopf und sprach: »Verzeihet doch, lieber -Gezelle, wertgeschätzter Pfeifer, daß wir zo ohne alle Umstände -mit Euch verfahren zind; konnten wir denn wissen, wen wir da -neben unz haben? Zeid vielmal gegrüßet, hab' schon oft, Gott -straf' mein' Zeel', gedacht, möchte nur einmal den fürtrefflichen -Kerl zehen, den Pfeifer von Hardt, der in Ulm am hellen Tag -alz Spatz auzgeflogen.«</p> - -<p>»Ist schon gut,« unterbrach ihn der Spielmann unmutig; -»lasset die alten Geschichten ruhen. Nun, von wegen des Herzogs -kam mir die Nachricht zu, ich soll euch Herren auf den -heutigen Tag aufsuchen, und wenn ihr noch geneigt wäret, mit -ihm zu ziehen, so wolle er gerne zahlen, was ihr ihm vorgeschlagen.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Canto cacramento!</em> daz ist ein frommer Herr! ein Goldgülden -dez Monats und täglich vier Maaz Wein! Er zoll -leben!«</p> - -<p>»Und wann wird er kommen?« fragte der Hauptmann -Löffler; »wo werden wir zu ihm stoßen?«</p> - -<p>»Wenn kein Unglück geschehen ist, heute noch. Heute ist er -auf Heimsheim losgebrochen, die Besatzung ist schwach. Wenn -er sie überwältigt hat, rückt er heute noch weiter.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_232">[232]</a></span></p> - -<p>»Schaut! reitet dort unten nicht ein Geharnischter? Sieht -aus wie ein Ritter!« Die Männer sahen aufmerksam nach dem -Ende des Tales. Dort sah man einen Helm und Harnisch in -der Sonne blinken, auch ein Pferd wurde hie und da sichtbar. -Der Pfeifer von Hardt sprang auf und klimmte auf die Eiche -hinan. Von diesem hohen Standpunkt konnte er das Tal besser -übersehen. Noch war der Reiter zu fern, als daß er seine Züge -hätte unterscheiden können, aber er glaubte seine Feldbinde zu -erkennen, er glaubte den Mann zu erkennen, den er in dieser -Stunde erwartete.</p> - -<p>»Was siehst du?« riefen die Hauptleute. »Ist es einer, -der zufällig durchs Tal reitet, oder glaubst du, er kommt vom -Herzog?«</p> - -<p>»Richtig, weiß und blau ist die Schärpe,« sprach der -Pfeifer; »das ist sein langes Haar, so sitzt er zu Pferd. Ei, du -Goldjunge, willkommen in Württemberg! Jetzt sieht er eure -Wachen, jetzt reitet er auf sie zu; schau', wie die Bursche ihre -Lanzen vorstrecken und die Beine ausspreizen.«</p> - -<p>»Ja, was Landsknechte sind, die verstehen den Kriegsbrauch; -darf keiner vorbei, wo die Hauptleute liegen, ohne daß er -Rede steht.«</p> - -<p>»Halt! jetzt rufen sie ihn an; er spricht mit ihnen, sie -deuten hieher; er kommt!« Der Pfeifer von Hardt stieg mit -freudeglühendem Gesicht vom Baume herab.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Diavolo maledetto! bassam marendete!</em> Zie werden ihn -doch nicht allein reiten lassen? Ez wird doch einer zein Roß -am Zügel führen nach Kriegsbrauch! Wie? Ist ez ein Ritter, -der kommt?«</p> - -<p>»Ein Edelmann, so gut wie einer im Reich,« antwortete -der Pfeifer; »und der Herzog ist ihm sehr gewogen.« Bei dieser -Nachricht standen die Hauptleute auf, denn ob sie sich gleich nicht -wenig einbildeten, Hauptleute zu heißen, so wußten sie doch, -daß sie eigentlich nur Landsknechte und dem Ritter jedes Zeichen -von Ehrerbietung schuldig seien. Der Oberst aber setzte sich -gravitätisch am Fuß der Eiche nieder, strich den Bart, daß er -hell glänzte, setzte den großen Hut mit der Hahnenfeder zurecht, -stützte sich auf seinen großen Hieber und erwartete so den Ritter.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_233">[233]</a></span></p> - -<h2 id="kap27">27.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Der Herzog ist gekommen,<br /></span> -<span class="i0">Er liegt nicht weit im Feld;<br /></span> -<span class="i0">Er hat's dem Feind genommen,<br /></span> -<span class="i0">Er bringt 'nen Sack mit Geld.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">G. Schwab.</em> -</p> -</div> - -<p>Dem Platze, wo die Hauptleute und der lange Peter, ihr -Oberst, versammelt waren, nahte sich jetzt ein geharnischter -Reiter, dessen Pferd von zwei Landsknechten geführt wurde. -Der Ritter hatte das Visier seines blanken Helmes herabgeschlagen, -die breiten Schultern und die kräftigen Lenden und -Beine waren mit Platten und Schienen von Stahl verhüllt, aber -die wallenden Federn seines Helmbusches und die wohlbekannten -Farben einer Schärpe, die über den Panzer herablief, die -Haltung und das edle, kräftige Wesen des Nahenden hatten dem -Pfeifer von Hardt längst gesagt, wen er zu erwarten habe. Und -er betrog sich nicht, denn einer der Knechte trat jetzt vor den -Oberst und berichtete, daß der »Edle von Sturmfeder« mit den -Anführern der gesamten Landsknechte etwas zu sprechen habe.</p> - -<p>Der lange Peter antwortete im Namen der übrigen: »Zag' -ihm, er ist willkommen. Peter Hunzinger der Oberst, Ztaberl -von Wien, Cunrad der Magdeburger, Balthasar Löffler und -der tapfere Muckerle, wohlbestallte Hauptleute, erwarten ihn -zum Gespräch. – Gott straf' mein' Zeel', er hat einen schönen -Harnisch und einen Helm wie der König Franz, aber zein Gaul -dürfte besser zein, Mordblei! er ist an allen vieren steif!«</p> - -<p>»Dos ist holt, sog' ich, weil er den ganzen Sommer g'stonden -ist in Mömpelgard beim Herzog.«</p> - -<p>Die Männer belächelten den Witz des Wieners, doch hüteten -sie sich, ihre Freude laut werden zu lassen, denn der Ritter hielt -nicht allzuferne. Noch immer machte er keine Miene, abzusteigen -und sich ihnen zu nahen. Er sprach mit dem Knecht, -schlug dann das Visier auf und zeigte ein schönes, freundliches -Gesicht. »Steht dort nicht Hans der Spielmann?« rief er mit -lauter Stimme. »Erlaubet, daß er ein wenig zu mir trete.«</p> - -<p>Der Oberst nickte dem Pfarrer zu, er ging, und der Junker -schwang sich vom Pferde. »Willkommen in Württemberg, edler -Herr!« rief der Mann von Hardt, indem er den Handschlag -des Junkers treuherzig erwiderte. »Bringt Ihr gute Botschaft? -Ich seh's Euch an den Augen an, es steht gut mit dem Herzog.«</p> - -<p>»Komm! tritt hier ein wenig auf die Seite,« sagte Georg<span class="pagenum"><a id="Page_234">[234]</a></span> -von Sturmfeder mit freudiger Hast. »Wie steht es auf Lichtenstein? -Denkt sie an mich? Hast du einen Brief, ein paar -Zeilen? O gib schnell! Was läßt sie mir sagen, guter Hans?«</p> - -<p>Der Pfeifer lächelte schlau über die Ungeduld des liebenden -Jünglings. »Einen Brief hab' ich nicht; keine Zeile. Sie -ist gesund und der alte Herr auch; das ist alles, was ich weiß.«</p> - -<p>»Wie!« unterbrach ihn Georg, »keinen Gruß? Keine Botschaft? -So hat sie dich gewiß nicht ziehen lassen!«</p> - -<p>»Als ich vorgestern Abschied nahm, sagte das Fräulein: -›Sag' ihm, <em class="gesperrt">er soll sich sputen, daß er einziehet -in Stuttgart</em>.‹ Sie wurde gerade so rot wie Ihr jetzt, -als sie dies sprach.«</p> - -<p>Der junge Mann errötete voll freudiger Gefühle, sein -Auge glänzte, und ein freundliches Lächeln zeigte, daß er den -Sinn dieser Worte verstanden habe.</p> - -<p>»Bald, bald werden wir einziehen, so Gott will,« sagte er. -»Aber wie lebten sie diesen langen Sommer? Nur dreimal -kam uns Botschaft von ihnen zu! Warst du oft auf Lichtenstein, -Hans? War sie traurig? Was sprach sie?«</p> - -<p>»Lieber Herr,« antwortete der Mann von Hardt, »geduldet -Euch noch, auf dem Marsch will ich Euch ein langes und -breites erzählen, für jetzt nur so viel: sobald der Alte hört, daß -Ihr auf Stuttgart ziehet, will er von Lichtenstein aufbrechen -und Euch die Braut zuführen. Denn er zweifelt nicht, daß ihr -die Stadt überwältiget. Habt ihr Heimsheim?«</p> - -<p>»Wir haben es. Ich jagte mit zwölf Reitern in die Tore, -ehe sie sich's versahen. Die Besatzung war zwar etwas stärker -als wir, aber mutlos und unzufrieden. Ich handelte mit ihnen -in des Herzogs Namen, da glaubten sie, er liege mit vielen -Truppen noch im Hinterhalt, und ergaben sich. So weit wären -wir nun in Württemberg, aber wie ist der Weg weiterhin?«</p> - -<p>»Offen, bis ins Herz offen. Ich bringe Euch wichtige -Nachricht vom Ritter von Lichtenstein; daß die gewaltigen -Herren aus dem Lande sind, wisset Ihr –«</p> - -<p>»Sie halten einen Bundestag in Nördlingen,<a id="FNanchor_40_41"></a><a href="#Footnote_40_41" class="fnanchor">[40]</a> ist's nicht -so? Freilich wissen wir's, denn auf <em class="gesperrt">diese</em> Nachricht brach der -Herzog aus Baden auf.«</p> - -<p>»Nun, und wenn die Katzen fort sind, tanzen die Mäuse -auf dem Tisch! Die Besatzungen sind überall unbesorgt, an den -Herzog denkt kein Bündler mehr, sie sind nur aufmerksam auf -den Bundestag, welchen Herrn wir bekommen werden: den -Oesterreicher, den Bayer, den Prinzen Christophel, oder ob uns<span class="pagenum"><a id="Page_235">[235]</a></span> -der Städtebund, Augsburg und Aalen, Nürnberg und Bopfingen, -regieren werde.«</p> - -<p>»Welche Augen sie machen werden,« rief Georg lächelnd, -»wenn der Stuhl schon besetzt ist, um welchen sie streiten!«</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Der Frosch hüpft wieder in sein Pfuhl,<br /></span> -<span class="i0">Wenn er auch säß' auf einem goldnen Stuhl!«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">sagt's Sprichwort. Sie werden ihre Büchsen auf die Schulter -nehmen und's Regieren sein lassen.«</p> - -<p>»Und die Württemberger? Wie denken sie jetzt vom Herzog? -Glaubst du, er werde viel Anhang finden? Werden sie -uns zu Hilfe ziehen?«</p> - -<p>»Was Bürger und Bauern sind, ja. Von der Ritterschaft -weiß ich's nicht, und der alte Herr zuckte die Achsel, wenn ich -ihn fragte, und murmelte ein paar Flüche. Ich fürchte, es steht -hier nicht alles, wie es soll. Aber Bürger und Bauern, die -sind für den Herzog. Es sind allerlei sonderbare Zeichen geschehen, -die das Volk aufmuntern. So ist neulich im Remstal -ein Stein vom Himmel gefallen, drauf war ein Hirschgeweih -eingegraben und die Worte: »Hie gut Württemberg allweg«, -und auf der andern Seite soll man auf lateinisch gelesen haben: -»Herzog Ulrich soll leben!«<a id="FNanchor_41_42"></a><a href="#Footnote_41_42" class="fnanchor">[41]</a></p> - -<p>»Vom Himmel gefallen, sagst du?«</p> - -<p>»So sagt man. Die Bauern hatten große Freude dran, -aber die bündischen Herren wurden zornig, nahmen die Schulzen -gefangen und wollten ihnen abpressen, woher der Stein des -Anstoßes komme. Und als man bei hoher Strafe verbot, vom -Herzog zu sprechen, da lachten die Männer und sagten, jetzt -träumen wir von ihm. Alles wünscht ihn zurück, denn sie -wollen sich lieber von ihrem anerkannten Herrn drücken als -von Fremden die Haut abziehen lassen.«</p> - -<p>»Gut; der Herzog und seine Reiter können in wenigen -Stunden hier sein. Sein Plan ist, sich gerade durchs Land -nach Stuttgart zu schlagen. Ist die Hauptstadt unser, so fällt -uns auch das Land zu. Und wie ist es mit den Landsknechten -dort? Wollen sie mitziehen?«</p> - -<p>»Fast hätte ich die vergessen,« sagte Hans; »sie werden ungeduldig -werden, wenn wir sie zu lange warten lassen. Gehet -doch recht klug mit ihnen um, es sind stolze Gesellen und lassen -sich Hauptleute schelten. Aber haben wir die fünfe gewonnen, -so sind zwölf Fähnlein des Herzogs. Besonders mit dem Oberst, -dem langen Peter, müßt Ihr gar höflich sein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_236">[236]</a></span></p> - -<p>»Welcher ist der lange Peter?«</p> - -<p>»Der dicke Mann, der unter der Eiche sitzt. Er hat einen -steifen Schnauzbart und einen vornehmen Hut auf dem Kopf. -Der ist der Höchste unter ihnen.«</p> - -<p>»Ich will mit ihm reden, wie du sagst,« antwortete der -junge Mann und ging mit dem Pfeifer zu den Landsknechten. -Die lange Unterredung der beiden hatte sie schon etwas unmutig -gemacht, und der kleine Muckerle schoß stechende Blicke auf den -Gesandten des Herzogs. Als dieser aber mit edlem Anstand -und freiem, siegendem Blick unter sie trat, wurden sie schüchtern -und verlegen, und als er sie endlich mit höflichen, schmeichelhaften -Worten anredete, wurden ihre tapfern Herzen von der -Anmut Georgs von Sturmfeder für des Herzogs Sache gewonnen.</p> - -<p>»Wohlerfahrener Oberst,« sprach er, »tapfere Hauptleute -der versammelten Landsknechte, der Herzog von Württemberg -hat sich den Grenzen seines Landes genaht, hat die Stadt Heimsheim -erobert und ist willens, auf gleiche Weise sein ganzes -Herzogtum wieder an sich zu bringen –«</p> - -<p>»Gott straf' mein' Zeel', er hat recht; tät'z auch zo -machen –«</p> - -<p>»Er hat den tapfern Arm und die fürtreffliche Kriegskunst -der Landsknechte erprobt, als sie noch gegen ihn standen; er versieht -sich zu ihnen, daß sie ihm mit gleichem Mute jetzt beistehen -werden, und verspricht ihnen mit seinem fürstlichen Wort, die -Bedingungen zu halten, die sie ihm angeboten haben.«</p> - -<p>»Ein frommer Herr,« murmelten sie untereinander mit -beifälligem Nicken, »ein Goldgülden des Monats – und Mordblei -– täglich vier Maß Wein für die Hauptleut'!«</p> - -<p>Der Oberst stand auf, entblößte sein kahles Haupt zum -Gruß und sprach, von manchem Räuspern der Verlegenheit -unterbrochen: »Wir danken Euch, hochedler Herr, wollen's tun, -wollen mitziehen – wir wollen dem schwäbischen Bund heimgeben, -waz er unz getan, zo wollen wir. Die allerbesten und -tapfersten, wie auch fürtrefflichsten Leute haben zie fortgeschickt, -als brauchten zie keine Landsknechte mehr. Da steht zum Beispiel -der Hauptmann Löffler; wenn'z einen tapfereren Landsknecht -gibt in der Christenheit, zo laß ich mir die Haut vom -Leib schälen und laß mich braten wie eine Zau. Da steht der -Ztaberl von Wien; zo einen hat die Zonne noch nie beschienen -und der Mond. – Da ist dann der Magdeburger, wie der <span id="corr237">ficht keiner</span><span class="pagenum"><a id="Page_237">[237]</a></span> -in der Türkei – und der Muckerle da, man zollt ihm'z nicht -anzehen; aber daz ist der beste Schütz mit der Donnerbüchs und -trifft auf vierzig Gäng inz Schwarze. – Von mir mag ich nicht -reden, Eigenlob stinkt, aber <em class="antiqua">Bassa manelka!</em> in Spanien und -Holland hab' ich gedient, und <em class="antiqua">Canto cacramento!</em> in Italien -und Deutschland, Mordblei! in jedem Heere kennt man den -langen Peter. Gott straf' mein' Zeel', wenn ich und die andern -hinter den schwäbischen Hund, wollt' zagen Bund, komme, -<em class="antiqua">diavolo maledetto</em>! Da werden zie daz Hazenpanier ergreifen -und mit den Absätzen hinter sich hauen!«</p> - -<p>Es war dies die längste Rede, die der lange Peter in seinem -Leben gehalten hat, und noch in späten Jahren, als er längst -bei Pavia den Ruhm der deutschen Landsknechte mit dem Tod -besiegelt hatte, führten seine Genossen, wenn sie den jüngeren -Kameraden vom langen Peter erzählten, diesen Moment als -einen der erhabensten seines Lebens auf. Wie er dagestanden -sei, auf das lange Schwert gestützt, den großen Hut mit der -Hahnenfeder kühn auf das Ohr gerückt, die rechte Hand in die -Seite gestemmt und die Beine ausgespreizt, da habe ihm nichts -gefehlt als ein besseres Wams und eine Gnadenkette, um ihn -für einen echten Oberst und wahrhaften Feldherrn zu halten.</p> - -<p>Die Hauptleute luden jetzt den Junker von Sturmfeder -ein, eine Musterung über das neugeworbene Heer zu halten. -Der dumpfe Schall der ungeheuren Trommeln tönte durchs Tal -und weckte die Schläfer aus ihrer Ruhe. Noch schien Frondsbergs -kriegerischer Geist und sein strenger Ordnungssinn über -ihnen zu schweben, denn in wenigen Augenblicken hatten sie sich -zu drei großen Kreisen gebildet, die je aus vier Fähnlein bestanden. -Einem Auge, das an die schnelle taktmäßige Bewegung, -die schöne Haltung und die gleiche Farbe der Regimenter -unserer Zeit gewöhnt ist, möchte wohl jener Anblick überraschend, -ja lächerlich erschienen sein. Die Landsknechte waren nach ihrem -Geschmack gekleidet, doch hatte die Mode der Zeit im Schnitt ein -wenig Gleichförmigkeit in ihren Anzug gebracht. Sie trugen -gewöhnlich enge Wämser von Leder oder auch Lederwesten mit -Aermeln von grobem Tuch. Die Lenden staken in ungeheuer -weiten Pluderhosen, die, am Knie zugebunden, durch ihre Litzenschwere -noch etwas tiefer herunterhingen. Die vollen Waden -umgaben grobe Strümpfe von hellen Farben, und die Füße -waren mit groben Bundschuhen von ungefärbtem Leder bekleidet. -Ein Hut, eine Tuch- oder Ledermütze, eine erbeutete -oder für eigene Rechnung gekaufte Blechhaube bedeckte den Kopf,<span class="pagenum"><a id="Page_238">[238]</a></span> -und die bärtigen Gesichter dieser Männer, die oft zwanzig Jahre -unter allen Heeren und Himmelsstrichen Europas dienten, -hatten einen kühnen, martialischen Ausdruck. Ihre Bewaffnung -bestand in einem langen Dolch und einer Hellebarde; ein Teil -war auch mit Donnerbüchsen bewaffnet, die man mit Lunten -losbrannte.</p> - -<p>So standen sie mit ausgespreizten Beinen, Fuß an Fuß -geschlossen, wie ein festes Bollwerk, und Georgs kriegerischen -Sinn erfreute der Anblick dieser kampfgeübten Männer, die -wohl zu wissen schienen, daß sie vereinzelt nichts, aber in Massen -verbunden auch einer zahlreichen Schar von Feinden furchtbar -seien.</p> - -<p>Die Hauptleute hatten den Kriegsbrauch und das Kommandowort -ihrer früheren Anführer wohl im Gedächtnis behalten. -Sie traten daher mit dem jungen Ritter in einen dieser -Kreise, und der tiefe, weit tönende Baß des langen Peters befahl: -»Gebt acht, ihr Leute! Kehrt euch um!«</p> - -<p>Schnell hatten sich die Kreise nach innen gekehrt und vernahmen -nun die Reden ihrer Hauptleute, die ihnen jene Aufforderung -des Herzogs von Württemberg auseinandersetzten. -Ein freudiges Gemurmel zeigte, daß sie mit diesen Bedingungen -zufrieden seien und Ulrich von Württemberg so eifrig dienen -wollten, als sie vorher gegen ihn gedient hatten. Die Hauptleute -ließen jetzt auch einige Uebungen machen, und Georg -bewunderte die Geschicklichkeit der Landsknechte und glaubte fest, -man werde es in der Kriegskunst auf Erden schwerlich noch -viel weiter bringen. Er täuschte sich! Doch sein Irrtum ist so -verzeihlich als jener unserer Großväter, welche die Heroen des -großen Friedrich für unübertrefflich hielten und den gottlosen -Spott ihrer Enkel über Zopf- und Gamaschendienst nicht ahneten. -Und wird nicht eine Zeit kommen, wo man auch über die guten -alten Zeiten von 1829 lächeln wird? Freilich, so schlanke -Taillen wie heutzutage sah man bei den Landsknechten und -ihren Hauptleuten Anno 1519 nicht. Doch hätten jene martialischen -Figuren einem ganzen heutigen Heere mit Normalbärten -aushelfen können.</p> - -<p>Etwa nach einer Stunde meldeten die Vorposten, daß man -unten im Tale, von der Gegend von Heimsheim her, Waffen -blinken sehe, und wenn man das Ohr auf die Erde lege, seien -die Tritte vieler Rosse deutlich zu vernehmen.</p> - -<p>»Das ist der Herzog,« rief Georg, »führt mein Pferd vor, -ich will ihm entgegenreiten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_239">[239]</a></span></p> - -<p>Der junge Mann galoppierte durch das Tal hin, und die -Hauptleute und ihre Gesellen blickten ihm nach und bewunderten -die Kraft und Gewandtheit, mit welcher er in der schweren -Rüstung aufs Pferd gesprungen war, lobten seinen Anstand und -seine Haltung, so lange sie ihn noch sehen konnten. Bald mischte -sich sein Helmbusch mit den Büschen und Lanzenspitzen, die man -unten im Tal bemerkte. Sie kamen näher, jetzt sah man Helme -blinken, jetzt wurden die Reiter bis um die Brust sichtbar, jetzt -erschienen sie auf einmal auf einer kleinen Anhöhe, und man -konnte die ganze Schar übersehen. Der Pfeifer von Hardt -schaute mit blitzenden Augen in die Ferne. Seine Brust hob -und senkte sich, die Freude schien ihn des Atems zu berauben, -sprachlos nahm er den Obersten an der Hand und deutete auf -die Reiterschar.</p> - -<p>»Welcher ist der Herzog?« fragte dieser. »Ist'z der auf -dem Mohrenschimmel?«</p> - -<p>»Nein, das ist der edle Herr von Hewen. Seht Ihr das -Banner von Württemberg? Wie, seh' ich recht? Bei Gott, -der Junker von Sturmfeder darf es tragen!«</p> - -<p>»Daz ist eine große Ehre! Mordblei, ist erst fünfundzwanzig -und darf die Fahne tragen! In Frankreich darf das -nur der Connetabel tun, der erste Mann nach dem König Franz. -Dort heißt man'z Ohrenflamme und ist aus lauter Gold. Aber -welcher ist der Herzog Ulrich?«</p> - -<p>»Seht Ihr den im grünen Mantel mit den schwarz und -roten Federn auf dem Helm? Er reitet neben dem Banner -und spricht mit dem Junker, er reitet einen Rappen und zeigt -gerade mit dem Finger auf uns – seht, das ist der Herzog.«</p> - -<p>Die Reiterschar mochte ungefähr vierzig Pferde betragen. -Sie bestand meist aus Edelleuten und ihren Dienern, die dem -Herzog in seine Verbannung nachgezogen waren oder, von -seinem Einfall benachrichtigt, an der Grenze seines Landes sich -an ihn angeschlossen hatten. Sie waren alle wohlberitten und -bewaffnet. Georg von Sturmfeder trug Württembergs Panier, -neben ihm ritt ganz geharnischt der Herzog. Als dieser Zug -jetzt den Landsknechten etwa auf zweihundert Schritte nahe -war, erhob der lange Peter seine Stimme und sprach: »Gebt -acht, ihr Leut'! Wann Zeine Durchlaucht nahe ist und ich -meinen Hut vom Scheitel reiße, zo schreiet: ›Vivat Ulericus!‹ -Schwenket die Fähnlein in der Luft, und ihr Trommler rasselt -auf euren Fellen, daß euch das Donnerwetter! Schlagt den -Wirbel wie beim Sturm auf eine Festung; <em class="antiqua">Bassa manelka!</em><span class="pagenum"><a id="Page_240">[240]</a></span> -Haut drauf, und wenn der Schlegel bricht – zo begrüßen die -tapferen Landsknecht' einen Fürsten.«</p> - -<p>Diese kurze Anrede tat ihre vollkommene Wirkung; die -kriegerische Schar murmelte das Lob des Herzogs, sie schüttelten -ihre Hellebarden, stampften ihre Büchsen klirrend auf den Boden, -und die Trommler faßten ihre Schlegel krampfhaft in die -Hand, und als jetzt Georg von Sturmfeder, der Bannerträger -von Württemberg, ansprengte und hinter ihm hoch zu Roß, erhaben -wie in den Tagen seiner Herrschaft, mit kühnen, gebietenden -Blicken Herzog Ulrich von Württemberg sich zeigte, -da entblößte der lange Peter ehrfurchtsvoll sein Haupt, die -Trommeln rasselten wie zum Sturm einer Feste, die Fähnlein -neigten sich zum Gruß, und die Landsknechte riefen ein tausendstimmiges -»Vivat Ulericus!«</p> - -<p>Der Bauersmann von Hardt war still in der Ferne gestanden, -hatte nicht auf diese kriegerischen Grüße gehört, seine -ganze Seele schien nur in seinem Auge zu liegen, das trunken -an seinem Herrn hing. Der Herzog hielt den Rappen an, -blickte um sich, und es war tiefe Stille unter den vielen Menschen. -Da trat der Bauer vor, kniete nieder, hielt ihm den -Bügel zum Absteigen und sprach: »Hie gut Württemberg -allweg!«</p> - -<p>»Ha! Bist du es, Hans, mein Geselle im Unglück, der mir -den ersten Gruß von Württemberg bringt? Meine Edeln habe -ich hier erwartet, daß sie mich begrüßen bei meinem ersten -Schritt auf württembergischen Grund, meinen Kanzlar und -meine Räte. Wo sind die Hunde? Die Stände meiner Landschaft, -wo blieben sie, will man mich nicht wiedersehen in der -Heimat? Ist keiner von allen da, mir den Bügel zu halten als -der Bauer?«</p> - -<p>Seine Begleiter drängten sich staunend um den Herzog her, -als sie ihn also sprechen hörten. Sie wußten nicht, war es -Ernst oder bitterer Scherz über sein Unglück. Sein Mund -schien zu lächeln, aber sein Auge blitzte mutig, und seine Stimme -klang ernst und befehlend. Sie sahen einander wegen dieser -düsteren Laune zweifelhaft an, aber der Pfeifer von Hardt erwiderte -seinem Fürsten: »Diesmal ist's nur der Bauer, der -Euch auf Württembergs Boden hilft, aber verachtet nicht ein -treues Herz und eine feste Hand. Die andern werden schon -auch kommen, wenn sie hören, daß der Herr Herzog wieder im -Lande sei.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_241">[241]</a></span></p> - -<p>»Meinst du,« sprach Ulrich bitter lachend, indem er sich -vom Pferde schwang, »sie werden auch kommen? Bis jetzt -haben wir wenig Kunde davon; aber ich will anklopfen an ihren -Türen, daß sie merken sollen, es ist der <em class="gesperrt">alte</em> Herr, der in -sein Haus will!</p> - -<p>Sind dies die Landsknechte, die mir dienen wollen?« -fuhr er fort, indem er aufmerksam das kleine Heer betrachtete; -»sie sind nicht übel bewaffnet und sehen männlich aus. Wieviel -sind es?«</p> - -<p>»Zwölf Fähnlein, Euer Durchlaucht,« antwortete der Oberst -Peter, der noch immer mit gezogenem Hut vor ihm stand und -hie und da verlegen den ungarischen Bart zwirbelte. »Lauter -geübte Leut'; Gott straf' mein' Zeel', tut mir leid, wenn ich geflucht -hab', der König in Frankreich hat sie nicht besser.«</p> - -<p>»Wer bist denn du?« fragte ihn der Herzog, der die große -dicke Figur mit dem langen Hieber und dem roten Gesicht verwundert -anschaute.</p> - -<p>»Ich bin eigentlich ein Landsknecht meines Zeichenz, man -nennt mich den langen Peter, jetzt aber wohlbestallter Oberst -verzammelter –«</p> - -<p>»Was, Oberst! Diese Narrheit muß aufhören. Ihr mögt -mir wohl ein tapferer Mann sein, aber zum Hauptmann seid -Ihr nicht gemacht. Ich selbst will Euer Oberst sein, und zu -Hauptleuten werde ich einige meiner Ritter machen.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Bassa manelk</em> – tut mir leid, wenn ich geflucht hab', aber -erlaubt, Herr Herzog, einem alten Kerl ein Wort: daz ist gegen -unsern Pakt mit dem Goldgülden monatlich und den vier Maaz -Wein tagtäglich. Da steht zum Beispiel der Ztaberl aus Wien, -'z gibt keinen Tapferen unter dem Mond –«</p> - -<p>»Schon gut, Alter, schon gut! Auf die Goldgülden und -den Wein soll mir's nicht ankommen. Wer bisher Hauptmann -war, soll es richtig bekommen. Nur den Befehl müßt Ihr abgeben. -Habt ihr Pulver und Kugeln?«</p> - -<p>»Das will ich meenen!« sagte der Magdeburger, »wir -haben noch von Euer Durchlaucht eigenem Pulver und Blei, -das wir in Tübingen mitgenommen. Wir haben Munition -auf achtzig Schuß für den Mann.«</p> - -<p>»Gut! Georg von Hewen und Philipp von Rechberg, ihr -teilt euch in die Knechte, jeder nimmt sechs Fähnlein. Ihr -da, die ihr euch Hauptleute nennet, könnet bei den einzelnen -Fähnlein bleiben und den beiden Herren an die Hand gehen. -Ludwig von Gemmingen, seid so gut und nehmet den Oberbefehl<span class="pagenum"><a id="Page_242">[242]</a></span> -über das Fußvolk. Jetzt geradesweges auf Leonberg. Freu' -dich, mein treuer Bannerträger,« sagte Ulrich, als er sich aufs -Pferd schwang, »so Gott will, ziehen wir morgen in Stuttgart -ein.«</p> - -<p>Die Reiterschar, den Herzog an der Spitze, zog fürder. -Der lange Peter stand noch immer unverrückt auf dem Platz, -den Hut mit der stolzen Hahnenfeder in der Hand, und schaute -den Reitern nach.</p> - -<p>»Daz ist einmal ein Fürst!« sprach er zu den Hauptleuten, -die neben ihm standen. »Waz der für eine gewaltige Stimme -hat, und wie er greulich mit den Augen funkelt, daz ez einem -angst und bange wird. Hu, ich meinte, er woll' mich mit Haut -und Haar verschlucken, alz er mich fragte: Wer bist denn du?«</p> - -<p>»Mir wor's g'rod, wie wenn einer siedend Wasser über -mein Leib schütten tät. In Wien ist doch auch 'n Kaiser, aber -der tut nit so g'waltig wie der do!«</p> - -<p>»Also Hauptleut' sind wer g'wesen,« sprach der Hauptmann -Muckerle, »<em class="gesperrt">die</em> Herrlichkeit hat nit lang dauert.«</p> - -<p>»Narr! daz ist mir recht. Würde bringt Bürde, zagt ein -Sprichwort, die anderen haben oft nicht recht gehorcht, wenn -wir befohlen haben; Diavolo, hat doch erst heute einer mich -ausgelacht. Hat allez einen besseren Schick, wenn'z die Herren -anführen. Den Goldgülden und die vier Maaz haben wir ja -doch, und daz bleibt die Hauptsache.«</p> - -<p>»Dat meen' ich ooch! und dat haben wer dem langen Peter -tu verdanken. Er soll leben!«</p> - -<p>»Dank' schön; aber daz zag' ich, <em class="gesperrt">der</em> Herr wird dem Bund -aufzünden, Mordblei! Wenn der erst ein Schwert in die Hand -nimmt, der jagt die Städtler allein auz dem Land! Und zeine -Räte und Kanzlar und die Landschaft! Habt ihr gehört, wie -greulich er über die geflucht hat? Ich möcht' in keinez Haut -stecken.«</p> - -<p>Das Wirbeln der Trommeln unterbrach das Gespräch -dieser tapferen Krieger. Diese Töne erschollen nicht mehr auf -ihren Befehl, aber der lange Peter war in seinen vielen Feldzügen -so sehr an den Wechsel von Glück und Unglück, von Hoheit -und Niedrigkeit gewöhnt worden, daß er über den Sturz seines -Regiments nicht trauerte. Gelassen nahm er die Hahnenfeder -von dem großen Hut, legte die rote Schärpe und den langen -Hieber, die Zeichen seiner Würde, ab und ergriff eine Hellebarde. -»Gott straf' mein' Zeel', ez ist schwer für einen Kerl -wie ich, zwölf Fähnlein zu regieren,« sagte er, als er sich wieder<span class="pagenum"><a id="Page_243">[243]</a></span> -als guter Landsknecht in die Reihen seiner Kameraden stellte. -»Aber bei Sankt Petruz, dem trefflichen Landsknecht – er -muß jetzt auch Oberst zein in den himmlischen Heerscharen -<em class="antiqua">Kyrie eleizon!</em> – der Mensch muß allez probieren auf Erden.« -Die Landsknechte schüttelten ihm die Hand und bestätigten es. -Es tat seinem tapferen Herzen wohl, zu hören, er habe sein -Kommando trefflich verwaltet. Die drei Ritter, ihre Anführer, -saßen auf und stellten sich zu ihren Fähnlein, die Landsknechte -richteten sich in gewohnter Ordnung zum Marsch, und -Ludwig von Gemmingen ließ die Trommeln rühren zum Aufbruch.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap28">28.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Erstiegen ist der Wall, wir sind im Lager!<br /></span> -<span class="i0">Jetzt werft die Hülle der verschwiegnen Nacht<br /></span> -<span class="i0">Von euch, die euren stillen Zug verhehlte,<br /></span> -<span class="i0">Und macht dem Feinde eure Schreckensnähe<br /></span> -<span class="i0">Durch lauten Schlachtruf kund!<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Schiller.</em> -</p> -</div> - -<p>Es war in der Nacht vor Mariä Himmelfahrt, als Herzog -Ulrich vor dem Rotenbildtore in Stuttgart anlangte. Er hatte -auf seinem Zuge schnell das Städtchen Leonberg erobert und -war dann unaufhaltsam immer weiter gedrungen. Vieles Volk -lief zu, denn wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet, -daß der Herzog wieder im Lande sei. Jetzt erst zeigte -es sich, wie wenig Freunde der Bund sich erworben hatte; denn -überall wurde die Freude laut, daß das gehässige Regiment des -Bundes ein Ende habe, daß das angestammte Fürstenhaus wieder -in seine alten Rechte sich einsetze.</p> - -<p>Auch nach Stuttgart war bald diese Nachricht vorgedrungen -und hatte die verschiedensten Empfindungen dort erregt. Der -Adel, der sich in der Stadt befand, wußte nicht, was er sich -vom Herzog zu versehen hatte. Die Uebergabe von Tübingen -war noch in zu frischem Gedächtnis, als daß er ganz unbesorgt -gewesen wäre. Aber die Erinnerung an den glänzenden Hof -Ulrichs von Württemberg, an die fröhlichen Tage, die sie dort -verlebt hatten, die Vergleichung dieser Zeit mit dem freudenlosen -Leben der Bundesräte mochte sie günstig für den Herzog -stimmen, wenn auch mancher Ursache hatte, seine Wiederkehr -nicht gerade herbeizuwünschen. Die Bürgerschaft konnte ihre -Freude über diese Nachrichten kaum verbergen; sie verließen<span class="pagenum"><a id="Page_244">[244]</a></span> -ihre Häuser, traten haufenweise auf den Straßen zusammen und -besprachen sich über die Dinge, die ihrer warteten. Sie schimpften -leise, aber weidlich auf den Bund, ballten grimmig ihre -Fäuste in der Tasche und waren überaus patriotisch gesinnt. -Sie erinnerten sich der erlauchten Ahnen des vertriebenen Fürsten, -es war sein Name Württemberg, den auch sie trugen, sie -zählten so manchen wackeren Herrn aus der Familie auf, unter -welchem sie und ihre Väter glücklich gelebt, der Württembergs -Namen berühmt gemacht hatte. Auch der Gedanke tat ihnen -wohl, daß von ihrer Entscheidung für den einen oder den anderen -Teil so viel abhänge, weil man im ganzen Lande auf die Stuttgarter -sehe. Sie waren zwar weit entfernt, gegen die bündische -Besatzung auf ihre eigene Faust einen Aufruhr zu unternehmen, -aber sie sprachen zu einander: »Gevatter, wartet nur, bis es -Nacht wird, da wollen wir den Reichsstädtlern zeigen, wo sie her -sind, wir Stuttgarter.«</p> - -<p>Dem bündischen Statthalter, Christoph von Schwarzenberg, -entging diese Bewegung unter den Bürgern nicht. Zu -spät sah er ein, wie töricht man getan habe, das Heer zu entlassen. -Er wandte sich an die Bundesstände, die noch zu Nördlingen -versammelt waren, und begehrte Hilfe, aber er selbst gab -die Hoffnung auf, Stuttgart so lange halten zu können, -bis ein neues Heer im Feld erschienen sei. Er traf zwar einige -Anstalten zur Gegenwehr; aber die Blitzesschnelle, mit welcher -der Herzog erschien, vereitelte alle seine Bemühungen. Als er -sah, daß er den Bürgern nicht trauen könne, daß ihm der Adel -nicht beistehe, daß die Besatzung nicht einmal zur Sicherung der -Tore hinreiche, entwich er bei Nacht und Nebel mit den Bundesräten -nach Eßlingen. Ihre Flucht war so eilig und geheim, daß -sie sogar ihre Familien zurückließen und niemand in der Stadt -ahnte, daß der Statthalter und die Räte nicht mehr in den -Mauern seien; daher waren die Anhänger des Bundes noch -immer getrosten Mutes und glaubten nicht an die Gerüchte von -der schnellen Annäherung des Herzogs.</p> - -<p>Der Marktplatz war damals noch das Herz der Stadt -Stuttgart, zwar hatten sich schon zwei große Vorstädte, die -Sankt Leonhards- und die Turnieracker-Vorstadt um sie gelagert, -welche, mit Graben, Mauern und starken Toren versehen, -das Ansehen eigener Städte bekommen hatten. Aber -noch standen die Ringmauern und Tore der Altstadt, und ihre -Bürger sahen nicht ohne Stolz herab auf die Vorstädtler. Der -Marktplatz war es, wo nach alter Sitte bei jeder besonderen<span class="pagenum"><a id="Page_245">[245]</a></span> -Gelegenheit die Bürger sich versammelten; auch an dem wichtigen -Abend vor Mariä Himmelfahrt strömten sie dorthin zusammen. -Zur Zeit, wo der Bürger noch mit der Wehre an der -Seite auftreten durfte, hatte sein öffentlich gesprochenes Wort -auch mehr zu bedeuten als in späteren Tagen, wo Tinte, Feder -und Papier die Oberhand gewannen. Und wahrlich, die Bürger -von Stuttgart waren, bei Nacht und in Massen versammelt, -ganz andere Leute als morgens. Mancher, der, hätte man ihn -vormittags um seine Meinung wegen des Herzogs gefragt, antwortete: -»Was geht es mich an, bin ein friedlicher Bürgersmann,« -erhob jetzt seine Stimme und schrie: »Wir wollen dem -Herzog die Tore öffnen, fort mit den Bündischen! Wer ist ein -guter Württemberger?«</p> - -<p>Der Mond schien hell auf die versammelte Menge herab, -die unruhig hin und her wogte. Ein verworrenes Gemurmel -drang von ihr in die Lüfte. Noch schienen sie unschlüssig, vielleicht -weil keiner kühn genug war, sich an die Spitze zu stellen. -Aus den hohen Giebelhäusern, die den Platz einschlossen, schauten -viele hundert Köpfe auf den Markt hernieder. Es waren die -Weiber und Töchter der Versammelten, die ängstlich und gespannt -auf das Gemurmel lauschten; denn die Stuttgarter Mädchen -waren damals ein neugieriges Völkchen und hielten es im -Herzen aus Mitleiden mit dem Herzog.</p> - -<p>Schon wurde das Murmeln der Menge immer lauter und -verständlicher; der Ruf: »Wir wollen die Knechte vom Tor wegjagen -und dem Herzog die Stadt auftun,« immer deutlicher, -da sah man einen langen, hageren Mann auf eine Bank am -Brunnen springen, wo er die ganze Menge überragte. Er focht -mit ungeheuer langen Armen in der Luft umher, tat einen -weiten Mund auf und schrie mit heiserer Stimme um Gehör. -Es wurde nach und nach stiller auf dem Platz, man vernahm -einzelne Worte aus seiner Rede: »Was? Die ehrsamen Bürger -von Stuttgart wollen ihren Eid brechen – habt ihr nicht dem -Bunde geschworen? Wem wollet ihr die Tore öffnen? Dem -Herzog? Er kommt mit ganz geringer Mannschaft, denn er -hat ja kein Geld, um Leute zu bezahlen, und da müsset dann -ihr wieder den Beutel auftun und blechen! Da wird's heißen, -Stuttgart zahlt zehntausend Gulden, weil es von Uns abgefallen -ist. Hört ihr? Zehntausend Gulden sollt ihr zahlen!«</p> - -<p>»Wer ist denn der lange Kerl?« fragten sich die Männer. -– »Er hat nicht unrecht – werden tüchtig zahlen müssen.« -– »Ist er ein Bürger, der da oben? Wer seid Ihr?« rief<span class="pagenum"><a id="Page_246">[246]</a></span> -einer der kühnsten, »woher wollt Ihr wissen, was wir zahlen -müssen?«</p> - -<p>»Ich bin der berühmte Doktor Calmus,« sprach der Redner -mit feierlicher Stimme, »und weiß das ganz genau. Und wen -wollt ihr vertreiben? Den Kaiser, das Reich, den Bund? So -viele reiche Herren wollt ihr vor den Kopf stoßen? Und warum? -Wegen dem Utz, der euch das Fell über die Ohren zieht; denkt -nur an das geringere Gewicht, an die harten Jagdfrevel. Jetzt -hat er gar kein Geld mehr; er ist ein Lump, hat alles verspielt -in Mömpelgard –«</p> - -<p>»Halt Er sein Maul!« schrieen die Bürger. »Was geht -das ihn an? Er ist kein hiesiger Bürger; fort mit dem Kahlmäuser -– schlagt ihn tot – werft ihn als Fisch in den Brunnen -– der Herzog soll leben!«</p> - -<p>Doktor Calmus erhob noch einmal seine Stimme, aber die -Bürger überschrieen ihn.</p> - -<p>In diesem Augenblick kam ein neuer Trupp Bürger aus -der oberen Stadt herabgerannt. »Der Herzog ist vor dem -Rotenbildtor,« riefen sie, »mit Reitern und Fußvolk! Wo ist -der Statthalter? Wo sind die Bundesräte? Er will in die -Stadt schießen, wenn man nicht aufmacht! – Fort mit den -Bündischen! Wer ist gut württembergisch?«</p> - -<p>Der Tumult wuchs von Sekunde zu Sekunde. Die Bürger -schienen noch unschlüssig, da bestieg ein neuer Redner die -Bank; es war ein feiner Herr, der durch sein schmuckes Aeußere -einen Augenblick den Bürgern imponierte: »Bedenket, ihr Männer,« -rief er mit feiner Stimme, »was wird der durchlauchtige -Bundesrat dazu sagen, wenn ihr –«</p> - -<p>»Was scheren wir uns um den Durchlauchtigen!« überschrie -man ihn. »Fort! Reißt ihn herab mit dem rosenfarbenen -Mäntelein und dem glatten Haar, das ist ein Ulmer! Fort -mit ihm – auf ihn, er ist von Ulm!«</p> - -<p>Aber ehe sie noch diesen Entschluß ausführten, trat ein -kräftiger Mann hinauf, warf mit einem Schlag den Doktor -rechts und den Ulmer mit dem rosenfarbenen Mäntelein links -von der Bank und winkte mit der Mütze in die Luft. »Still! -Das ist der Hartmann,« flüsterten die Bürger, »der versteht's, -hört, was er spricht!«</p> - -<p>»Höret mich!« sprach dieser. »Der Statthalter und die -Bundesräte sind nirgends zu finden, sie sind entflohen und haben -uns im Stich gelassen, darum greifet die beiden da, wir wollen -sie als Geißeln behalten. Und jetzt hinauf ans Rotebildtor!<span class="pagenum"><a id="Page_247">[247]</a></span> -Dort steht unser rechter Herzog, 's ist besser, wir machen selbst -auf, als daß er mit Gewalt eindringt. Wer ein guter Württemberger -ist, folgt mir nach.«</p> - -<p>Er stieg herab von der Bank, und jubelnd umgab ihn die -Menge. Die beiden Fürsprecher des Bundes wurden, ehe sie sich -dessen versahen, gebunden und fortgeführt. Jetzt ergoß sich der -Strom der Bürger vom Marktplatz zum oberen Tor hinaus -über den breiten Graben der alten Stadt in die Turnieracker-Vorstadt, -am Bollwerk vorbei zum Rotenbildtor. Die bündischen -Knechte, die das Tor besetzt hielten, wurden schnell übermannt, -das Tor ging auf, die Zugbrücke fiel herab und legte -sich über den Stadtgraben.</p> - -<p>Dort hatten indessen die Anführer des Fußvolkes ihre -besten Truppen aufgestellt, denn man wußte nicht genau, wie -die Bündischen sich bei Annäherung des Herzogs benehmen -würden. Ulrich selbst hatte die Posten beritten. Vergeblich -suchte Georg von Sturmfeder ihn zu überzeugen, daß die Besatzung -von Stuttgart so schwach sei, daß sie ihnen nicht die Spitze -bieten könne, vergeblich stellte er ihm vor, daß die Bürger ihn -zurücksehnen und willig ihre Tore öffnen werden. Der Herzog -schaute finster in die Nacht hinaus, preßte die Lippen zusammen -und knirschte mit den Zähnen.</p> - -<p>»Das verstehst du nicht,« murmelte er dem Jüngling zu. -»Du kennst die Menschen nicht; sie sind alle falsch; traue niemand -als dir selbst. Sie drehen den Mantel nach jedem Wind! -– Aber diesmal will ich sie fassen. Meinst du, ich habe mein -Land umsonst mit dem Rücken angesehen?«</p> - -<p>Georg konnte diese Stimmung des Herzogs nicht begreifen. -Im Unglück war er fest, sogar mild und sanft gewesen, hatte -von manchem schönen Brauch gesprochen, den er einführen -wolle, wenn er wieder ins Land komme, hatte selten Zorn über -seine Feinde, beinahe nie Unmut über die Untertanen gezeigt, -die von ihm abgefallen waren; aber sei es, daß mit dem Anblick -der vaterländischen Gegenden auch das Gefühl der Kränkung -stärker als zuvor in ihm erwachte, sei es, daß es ihm unangenehm -auffiel, daß der Adel und die Stände noch nichts hatten -von sich hören lassen: er war, seit er die Grenzen Württembergs -überschritten, nicht freudig, gehoben, erwartungsvoll, sondern -ein stolzer Trotz blitzte aus seinen Augen, seine Stirne -war finster, und eine gewisse Strenge und Härte im Urteil fiel -seinen Umgebungen, besonders Georg von Sturmfeder auf, der<span class="pagenum"><a id="Page_248">[248]</a></span> -sich in diese neue Seite von Ulrichs Charakter nicht gleich zu -finden wußte.</p> - -<p>Die Aufforderung an die Stadt mochte wohl schon seit -einer halben Stunde ergangen sein. Bald war die Frist abgelaufen, -die er ihr gegeben hatte, und noch immer war keine -Antwort da; man hörte nur ein ängstliches Hin- und Herrennen -in der Stadt, aus welchem man weder gute noch böse Zeichen -deuten konnte.</p> - -<p>Der Herzog ritt zu den Landsknechten vor, die erwartungsvoll -auf ihren Hellebarden und Donnerbüchsen lehnten. Die -drei Ritter, welche sie führten, standen am Graben und hielten -durch ihre Anwesenheit die Knechte in Ruhe und Ordnung. Beim -Schein des Mondes betrachtete Georg ängstlich Ulrichs Züge. -Die Ader auf seiner Stirne war aufgelaufen, eine tiefe Röte -lag auf seinen Wangen, und seine Augen brannten in düsterer -Glut.</p> - -<p>»Hewen! Laßt Leitern anschleppen!« sagte er mit dumpfer -Stimme. »Der Donner und das Wetter! Es ist mein eigen -Haus, vor dem ich stehe, und die Hunde wollen mich nicht einlassen. -Ich laß noch einmal blasen, machen sie dann nicht sogleich -auf, so schmeiß' ich Feuer in die Stadt, daß ihre Käfige -zusammenbrennen.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Bassa manelka</em>, waz mich daz freut!« sagte der lange -Peter, der in der ersten Rotte neben dem Herzog stand, leise zu -seinen Kameraden: »Jetzt werden Leitern beigeschleppt, wie die -Katzen wir hinauf, mit den Hellebarden über die Mauer gestochen, -daß die Kerl' heruntermüssen, mit den Büchsen dreingepfeffert, -<em class="antiqua">canto cacramento</em>!«</p> - -<p>»Dat will ik meenen!« flüsterte der Magdeburger, »und -dann hinunter in die Stadt, angezündet an den Ecken, geplündert, -gebürstet, da will ik man ooch bei sin.«</p> - -<p>»Um Gottes willen, Herr Herzog,« rief Georg von Sturmfeder, -welcher die Reden des Herzogs und die greuliche Freude -der Landsknechte wohl vernommen hatte; »wartet nur noch ein -kleines Viertelstündchen, es ist ja Eure eigene Residenzstadt. -Sie beraten sich vielleicht noch.«</p> - -<p>»Was haben sie sich lange zu beraten?« entgegnete Ulrich -unwillig. »Ihr Herr ist hier außen vor dem Tore und fordert -Einlaß. Ich habe schon zu lange Geduld gehabt. Georg! Breite -mein Panier aus im Mondschein, laß die Trompeter blasen, -fordere die Stadt zum letztenmal auf! Und wenn ich dreißig -zähle nach deinem letzten Wort, und sie haben noch nicht aufgemacht,<span class="pagenum"><a id="Page_249">[249]</a></span> -beim heiligen Hubertus, so stürmen wir. Spute dich, -Georg!«</p> - -<p>»O Herr! Bedenket, eine Stadt, Eure beste Stadt! Wie -lange habt Ihr in diesen Mauern gelebt, wollt Ihr Euch ein -solches Brandmal aufrichten? Gebt noch Frist!«</p> - -<p>»Ha!« lachte der Herzog grimmig und schlug mit dem -Stahlhandschuh auf den Brustharnisch, daß es weithin tönte -durch die Nacht, »ich sehe, dich gelüstet nicht sehr, in Stuttgart -einzuziehen und dein Weib zu verdienen. Aber bei meiner Ungnade, -jetzt kein Wort mehr, Georg von Sturmfeder. Schnell -ans Werk! Ich sag', roll' mein Panier auf! Blast, Trompeter, -blast! Schmettert sie auf aus dem Schlaf, daß sie merken, -ein Württemberger ist vor dem Tor und will trotz Kaiser und -Reich in sein Haus. Ich sag', fordere sie auf, Sturmfeder!«</p> - -<p>Georg folgte schweigend dem Befehl. Er ritt bis dicht vor -den Graben und rollte das Panier von Württemberg auf. Die -Strahlen des Mondes schienen es freundlich zu begrüßen, sie -beleuchteten es deutlich und zeigten seine Felder und Bilder. -Auf einer großen Fahne von roter Seide war Württembergs -Wappen eingewoben. Der Schild zeigte vier Felder. Im -ersten waren die württembergischen Hirschhörner angebracht, -im zweiten die Würfel von Teck, im dritten die Reichssturmfahne, -die dem Herzog als Reichsbannerträger zukam, und im -vierten die Fische von Mömpelgard, der Helm aber trug die -Krone und das Uracher Jägerhorn. Der junge Mann schwenkte -das schwere Panier in der starken Hand, drei Trompeter ritten -neben ihm auf und schmetterten ihre wilden Fanfaren gegen -die verschlossene Pforte.</p> - -<p>Im Tore öffnete sich ein Fenster; man fragte nach dem -Begehr. Georg von Sturmfeder erhob seine Stimme und rief: -»Ulrich, von Gottes Gnaden Herzog zu Württemberg und Teck, -Graf zu Urach und Mömpelgard, fordert zum zweiten- und -letztenmal seine Stadt Stuttgart auf, ihm willig und sogleich -die Tore zu öffnen; widrigenfalls wird er die Mauer stürmen -und die Stadt als feindlich ansehen.«</p> - -<p>Noch während Georg dieses ausrief, hörte man das verworrene -Geräusch vieler Tritte und Stimmen in der Stadt, es -kam näher und näher und wurde zum Tumult und Geschrei.</p> - -<p>»Gott straf' mein' Zeel', zie machen einen Auzfall!« sagte -der lange Peter, laut genug, um vom Herzog verstanden zu -werden.</p> - -<p>»Du könntest recht haben,« erwiderte dieser, indem er sich<span class="pagenum"><a id="Page_250">[250]</a></span> -plötzlich zu dem erschrockenen Landsknecht wandte. »Schließt -dichter an, streckt die Piken vor und haltet die Lunten bereit. -Wir wollen sie empfangen nach Verdienst.«</p> - -<p>Die ganze Linie zog sich vom Graben zurück, nur die drei -ersten Fähnlein stellten sich da, wo die Zugbrücke sich ans Land -legen mußte, auf. Ein Wall von Piken starrte jedem Angriff -entgegen, und die Schützen hatten die Donnerbüchsen aufgelegt -und hielten die Lunten über dem Zündloch. Tiefe Stille der -Erwartung war auf dieser Seite, desto brausender drang der -Lärm aus der Stadt herüber. Die Brücke fiel herab, aber -keine Feinde waren es, die zu einem Ausfall herüberdrangen, -sondern drei alte, graue Männer kamen aus dem Tor; sie trugen -das Wappen der Stadt und die Schlüssel.</p> - -<p>Als der Herzog dies sah, ritt er etwas freundlicher hinzu. -Georg folgte ihm und betrachtete diese Uebergabe. Zwei dieser -Männer schienen Ratsherren oder Bürgermeister zu sein. Sie -beugten das Knie vor dem Herrn und überreichten ihm die -Zeichen ihrer Unterwerfung. Er gab sie seinen Dienern und -sagte zu den Bürgern: »Ihr habt uns etwas lange warten -lassen vor der Türe. Wahrhaftig, wir wären bald über die -Mauer gestiegen und hätten eigenhändig eure Stadt zu unserem -Empfang beleuchtet, daß euch der Rauch die Augen hätte beizen -sollen. Der Teufel! Warum ließet ihr so lange warten?«</p> - -<p>»O Herr!« sagte einer der Bürger. »Was die Bürgerschaft -betrifft, die war gleich bereit, Euch aufzutun. Wir haben -aber etliche vornehme Herren vom Bunde hier, die hielten lange -und gefährliche Reden an das Volk, um es gegen Euch aufzuwiegeln. -Das hat so lange verzögert.«</p> - -<p>»Ha! Wer sind diese Herren? Ich hoffe nicht, daß ihr -sie habt entkommen lassen! Mich gelüstet, ein Wort mit ihnen -zu sprechen.«</p> - -<p>»Bewahre, Euer Durchlaucht! Wir wissen, was wir unserm -Herrn schuldig sind. Wir haben sie sogleich gefangen und gebunden. -Befehlt Ihr, daß wir sie bringen?«</p> - -<p>»Morgen früh ins Schloß! Will sie selbst verhören; schicket -auch den Scharfrichter; werde sie vielleicht köpfen lassen.«</p> - -<p>»Schnelle Justiz, aber ganz nach Verdienst!« sprach hinter -den beiden Bürgern eine heisere, krächzende Stimme.</p> - -<p>»Wer spricht da mir ins Wort?« fragte der Herzog und -schaute sich um; zwischen den beiden Bürgern heraus trat eine sonderbare -Gestalt. Es war ein kleiner Mann, der den Höcker, womit -ihn die Natur geziert hatte, unter einem schwarzen, seidenen<span class="pagenum"><a id="Page_251">[251]</a></span> -Mantel schlecht verbarg. Ein kleines spitziges Hütlein saß auf -seinen grauen schlichten Haaren, tückische Aeuglein funkelten -unter buschigen, grauen Augenbrauen, und der dünne Bart, -der ihm unter der hervorspringenden Adlernase hing, gab ihm -das Ansehen eines sehr großen Katers. Eine widerliche Freundlichkeit -lag auf seinen eingeschrumpften Zügen, als er vor dem -Herzog das Haupt zum Gruß entblößte, und Georg von Sturmfeder -faßte einen unerklärlichen Abscheu und ein sonderbares -Grauen vor diesem Mann gleich beim ersten Anblick.</p> - -<p>Der Herzog sah den kleinen Mann an und rief freudig: -»Ha! Ambrosius Volland, unser Kanzlar! Bist du auch noch -am Leben? Hättest zwar früher schon kommen können, denn -du wußtest, daß wir wieder ins Land dringen – aber sei uns -deswegen dennoch willkommen.«</p> - -<p>»Allerdurchlauchtigster Herr!« antwortete der Kanzler Ambrosius -Volland, »bin wieder so hart vom Zipperlein befallen -worden, daß ich beinahe nicht aus meiner Behausung kommen -konnte; verzeihet daher, Euer –«</p> - -<p>»Schon gut, schon gut!« rief der Herzog lachend. »Will -dich schon kurieren vom Zipperlein. Komm morgen früh ins -Schloß; jetzt aber gelüstet uns, Stuttgart wiederzusehen. -Heran, mein treuer Bannerträger!« wandte er sich mit huldreicher -Miene zu Georg. »Du hast treulich Wort gehalten, bis -an die Tore von Stuttgart. Ich will's vergelten. Bei St. -Hubertus, jetzt ist die Braut dein nach Recht und Billigkeit. -Trag mir meine Fahne vor, wir wollen sie aufpflanzen auf -meinem Schloß und jenes bündische Banner in den Staub -treten! Gemmingen und Hewen, Ihr seid heute nacht noch -meine Gäste; wir wollen sehen, ob uns die Herren vom Schwabenbund -noch ein Restchen Wein übrig gelassen haben!«</p> - -<p>So ritt Herzog Ulrich, umgeben von den Rittern, die -seinem Zuge gefolgt waren, wieder in die Tore seiner Residenz. -Die Bürger schrieen Vivat, und die schönen Mädchen verneigten -sich freundlich an den Fenstern zum großen Aergernis ihrer -Mütter und Liebhaber; denn alle dachten, diese Grüße gelten -dem schönen jungen Ritter, der des Herzogs Banner trug und, -beleuchtet vom Fackelschein, wie St. Georg, der Lindwurmtöter, -aussah.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_252">[252]</a></span></p> - -<h2 id="kap29">29.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">O Burg, von Geistern tapfrer Ahnen,<br /></span> -<span class="i0">Die tatenfreudig hier gelebt,<br /></span> -<span class="i0">Und wackrer Fürsten Ruhm umschwebt,<br /></span> -<span class="i0">O, deren Bild mit frommem Mahnen<br /></span> -<span class="i0">Sich in des Nahen Bilder webt.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Ph. Conz.</em> -</p> -</div> - -<p>Das alte Schloß zu Stuttgart hatte damals, als es Georg -von Sturmfeder am Morgen nach des Herzogs Einzug beschaute, -nicht ganz die Gestalt, wie es noch in unsern Tagen zu sehen ist, -denn dieses Gebäude wurde erst von Ulrichs Sohn, Herzog -Christoph, aufgeführt. Das Schloß der alten Herzoge von -Württemberg stand übrigens an derselben Stelle und war in -Plan und Ausführung nicht sehr verschieden von Christophs -Werk, nur daß es zum größten Teil aus Holz gebaut war. Es -war umgeben von breiten und tiefen Gräben, über welche gegen -Mitternacht eine Brücke in die Stadt führte. Ein großer, -schöner Vorplatz diente in früheren Zeiten dem fröhlichen Hofe -Ulrichs zum Tummelplatz für ritterliche Spiele, und mancher -Reiter wurde von des Herzogs eigener gewaltiger Hand in den -Sand geworfen. Die Zeichen dieses ritterlichen Sinnes sprachen -sich auch in andern Teilen des Gebäudes aus. Die Halle im -unteren Teile des Schlosses war hoch und gewölbt wie eine -Kirche, daß die Ritter in dieser »Tyrnitz« bei Regentagen fechten -und Speere werfen und sogar die ungeheuren Lanzen ungehindert -darin handhaben konnten. Von der Größe dieser fürstlichen -Halle zeugt die Aussage der Chronisten, daß man bei -feierlichen Gelegenheiten dort oft zwei- bis dreihundert Tische -gedeckt habe. Von da führte eine steinerne Treppe aufwärts, -so breit, daß zwei Reiter nebeneinander hinaufreiten konnten. -Dieser großartigen Einrichtung des Schlosses entsprach die -Pracht der Zimmer, der Glanz des Rittersaales und die reichen, -breiten Galerien, die zum Tanz und Spiele eingerichtet waren.</p> - -<p>Georg maß mit staunendem Auge diese verschwenderische -Pracht der Hofburg. Er verglich den kleinen Sitz seiner Ahnen -mit diesen Hallen, diesen Höfen, diesen Sälen; wie klein und -gering kam es ihm vor! Er erinnerte sich der Sage von der -glänzenden Hofhaltung Ulrichs, von seiner prachtvollen Hochzeit, -wo er in diesem Schloß siebentausend Gäste aus allen Teilen -des Deutschen Reiches speiste und tränkte, wo in dem hohen -Gewölbe der Tyrnitz und in dem weiten Schloßhofe einen ganzen<span class="pagenum"><a id="Page_253">[253]</a></span> -Monat lang Ritterspiel und Gelage gehalten wurden, und -wenn der Abend einbrach, hundert Grafen, Ritter und Edelleute -mit Hunderten der schönsten Damen in jenen Sälen und -Galerien tanzten. Er blickte hinab in den herrlichen Schloßgarten, -das Paradies genannt. Seine Phantasie bevölkerte -diese Lustgehege und Gänge mit jenem fröhlichen Gewimmel -des fröhlichen Hofes, mit den Heldengestalten der Ritter, mit -den festlich geputzten Fräulein, mit allem Jubel und Sang, der -einst hier erscholl. Aber wie öde und leer deuchten ihm diese -Mauern und Gärten, wenn er die Gegenwart mit den Bildern -seiner Phantasie verglich. Die Gäste der Hochzeit, der glänzende, -lustige Hof ist verschwunden, sprach er zu sich, die fürstliche -Gemahlin ist entflohen, der glänzende Frauenkreis, der sie -einst umgab, hat sich zerstreut, die Ritter und Grafen, die einst -hier schmausten und ein reiches Leben voll Spiel und Tanz verlebten, -sind von dem Fürsten abgefallen, die zarten Sprossen -seiner Ehe sind in fernen Landen – er selbst sitzt einsam in -dieser herrlichen Burg, brütet Rache an seinen Feinden und weiß -nicht, wie lange er nur in dem Hause seiner Väter bleiben -wird; ob nicht aufs neue seine Feinde noch mächtiger heranziehen; -ob er nicht noch unglücklicher wird als je zuvor.</p> - -<p>Vergebens strebte der Jüngling, diese trüben Gedanken, -welche der Widerspruch der Pracht seiner Umgebungen mit dem -Unglück des Herzogs in ihm erweckt hatte, zu unterdrücken. -Vergebens rief er das Bild jenes holden Wesens herauf, das -er jetzt bald auf ewig sein nennen durfte, vergebens malte er -sich sein häusliches Glück an ihrer Seite mit den lockendsten, -reizendsten Farben aus; jene trüben Bilder kehrten immer -wieder. Sei es, daß jener Mann durch die Erhabenheit, die er -im Unglück gezeigt hatte, einen so großen Raum in der Brust -des Jünglings gewonnen hatte, sei es, daß ihn die Natur in -einzelnen Augenblicken mit einem unwillkürlichen Gefühl der -Ahnung begabte, er blieb sinnend und ernst, und es war ihm, -als sei der Herzog nichts weniger als glücklich, als müsse er ihn -vor irgend einem drohenden Unglück warnen.</p> - -<p>»So überaus ernst, junger Herr?« fragte eine heisere -Stimme hinter ihm und weckte ihn aus seinen Gedanken. »Ich -dächte doch, Georg von Sturmfeder hätte alle Ursache, heiter -und guter Dinge zu sein!«</p> - -<p>Der junge Mann wandte sich verwundert um und schaute -herab – auf den Kanzler Ambrosius Volland. War ihm dieser -Mann schon gestern durch seine widrige Freundlichkeit, durch<span class="pagenum"><a id="Page_254">[254]</a></span> -sein katerhaftes schleichendes Wesen unangenehm aufgefallen, so -war dies heute noch mehr der Fall, da der Kanzler durch überladenen -Putz seine Mißgestalt noch mehr herausgehoben hatte. -Sein dunkelgelbes, verwittertes Antlitz, mit dem ewigen stehenden -Lächeln, die grünen Aeuglein unter den langen, grauen -Wimpern, die roten entzündeten Ränder der Augenlider, der -dünne Katzenbart stachen grell ab gegen ein rotes Barett von -Samt und gegen einen Mantel von hellgelber Seide, der über -den Höcker des kleinen Mannes hinabfloß. Unter diesem trug -er einen grasgrünen Anzug, rosenrot ausgeschlitzt, und rosenrote -Kniebänder mit ungeheuren Maschen. Sein Kopf stak in -den Schultern, und das rote Barett stieß hinten sogleich auf -den Höcker auf. Der Scharfrichter von Stuttgart pflegte daher -zu sagen, unter allen Menschen, die er kenne, sei niemand -schwerer zu köpfen als der Kanzler Ambrosius Volland.</p> - -<p>Dieser Mann war es, der an Georg von Sturmfeder mit -süßem Lächeln hinaufsah und, da ihn dieser noch immer anstarrte, -zu sprechen fortfuhr: »Ihr kennet mich vielleicht nicht, -wertgeschätzter junger Freund, ich bin aber Ambrosius Volland, -Sr. Durchlaucht Kanzler. Ich komme, um Euch einen guten -Morgen zu wünschen.«</p> - -<p>»Ich danke Euch, Herr Kanzler. Viele Ehre für mich, -wenn Ihr Euch deswegen herbemühtet.«</p> - -<p>»Ehre, wem Ehre gebühret! Ihr seid der Ausbund und -die Krone unserer jungen Ritterschaft! Ja, wer meinem Herrn -so treu beigestanden ist in aller Not und Fährlichkeit, der hat -Anspruch auf meinen innigsten Dank und meine absonderliche -Verehrung.«</p> - -<p>»Ihr hättet das wohlfeiler haben können, wenn Ihr mitgezogen -wäret nach Mömpelgard,« erwiderte Georg, den die -Lobsprüche dieses Mannes beleidigten. »Treue muß man nie -loben, eher Untreue schelten.«</p> - -<p>Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den -grünen Augen des Kanzlers, aber er faßte sich schnell wieder -zur alten Freundlichkeit. »Jawohl, das mein' ich auch. Was -mich betrifft, so lag ich am Zipperlein hart danieder und konnte -also nicht wohl nach Mömpelgard reisen, werde aber jetzt mit -meinem kleinen Licht, das mir der Himmel verliehen, dem Herrn -desto tätlicher zur Hand gehen.«</p> - -<p>Er hielt einen Augenblick inne und schien Antwort zu erwarten; -aber der Jüngling schwieg und maß ihn nur hin und -wieder mit einem Blick, den er nicht recht ertragen konnte.<span class="pagenum"><a id="Page_255">[255]</a></span> -»Nun, Euch wird die Freude erst recht angehen. Der Herzog -hält erstaunlich viel auf Euch! Natürlich, Ihr verdient es auch -im höchsten Grad, und der Herzog hat seinen Liebling gut gewählt. -Wollet doch erlauben, daß Ambrosius Volland Euch -auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige. Seid Ihr Freund von -schönen Waffen? Kommet in meine Behausung auf dem Markt, -wählet Euch aus meiner Armatur, was Euch beliebt. Vielleicht -dienen Euch schöne Bücher, habe einen ganzen Kasten voll; -wählet Euch aus, was Ihr wollet, wie es unter Freunden gebräuchlich. -Esset auch zuweilen bei mir zu Mittag; meine Base, -ein feines Kind von siebzehn Jahren, hält mir Haus. Sehet -ihr nur, hi, hi, hi – sehet ihr nur nicht zu tief in die Augen.«</p> - -<p>»Seid ohne Sorgen, bin schon versehen.«</p> - -<p>»So? Ei, das ist recht christlich gedacht; das muß ich loben. -Man trifft solchen wackern Sinn nicht immer unter unserer -heutigen Jugend. Ich sagte es ja gleich, der Sturmfeder, das -ist ein Ausbund von Tugenden. Nun, was ich noch sagen wollte, -wir sind bis jetzt so miteinander die einzigen von des Herzogs -Hofstaat; stehen wir zusammen, so werden nur Leute aufgenommen, -die wir wollen. Verstehet mich schon! hi, hi, eine Hand -wäscht die andere. Darüber läßt sich noch sprechen. Ihr beehret -mich doch zuweilen mit einem Besuche?«</p> - -<p>»Wenn es meine Zeit erlauben wird, Herr Kanzler.«</p> - -<p>»Würde mich gerne noch länger bei Euch aufhalten, denn -in Eurer Gegenwart ist mir ganz wohl ums Herz; muß aber -jetzt zum Herrn. Er will heute früh Gericht halten über die -zwei Gefangenen, die gestern nacht das Volk aufwiegeln wollten. -Wird was geben, der Beltle ist schon bestellt.«</p> - -<p>»Der Beltle?« fragte Georg, »wer ist er?«</p> - -<p>»Das ist der Scharfrichter, wertgeschätzter junger Freund.«</p> - -<p>»Ich bitte Euch! der Herzog wird doch nicht den ersten -Tag seiner neuen Regierung mit Blut beflecken wollen!«</p> - -<p>Der Kanzler lächelte greulich und antwortete: »Was das -wieder Eurem fürtrefflichen Herzen Ehre macht; aber zum -Blutrichter taugt Ihr nicht. Man muß ein Exempel statuieren. -Der eine,« fuhr er mit zarter Stimme fort, »der eine wird geköpft, -weil er von Adel ist, der andere wird gehängt. Behüt' -Euch Gott, Lieber!«</p> - -<p>So sprach der Kanzler Ambrosius Volland und ging mit -leisen Schritten die Galerie entlang den Gemächern des Herzogs -zu. Georg sah ihm mit düsteren Blicken nach. Er hatte -gehört, daß dieser Mann früher durch seine Klugheit, vielleicht<span class="pagenum"><a id="Page_256">[256]</a></span> -auch durch unerlaubte Künste großen Einfluß auf Ulrich gewonnen -hatte. Er hatte den Herzog selbst oft mit großer Achtung -von der Staatsklugheit dieses Mannes sprechen hören; aber er -wußte nicht warum, er fürchtete für den Herzog, wenn er sich -dem Kanzler vertraue, er glaubte Tücke und Falschheit in seinen -Augen gelesen zu haben.</p> - -<p>Er sah gerade den Höcker und den wehenden gelben Mantel -um die Ecke schweben, als eine Stimme neben ihm flüsterte: -»Trauet dem Gelben nicht!« Es war der Pfeifer von Hardt, -der sich unbemerkt an seine Seite gestellt hatte.</p> - -<p>»Wie? Bist du es, Hans?« rief Georg und bot ihm -freundlich die Hand: »Kommst du ins Schloß; uns zu besuchen? -Das ist schön von dir, bist mir wahrhaftig lieber als der mit -dem Höcker. Aber was wolltest du mit dem Gelben, dem ich -nicht trauen solle?«</p> - -<p>»Das ist eben der mit dem Höcker, der Kanzler, der ist -ein falscher Mann. Ich habe auch den Herzog verwarnt, er -soll nicht alles tun, was er ihm rät; aber er wurde zornig, -und – es mag wahr sein, was er sagte.«</p> - -<p>»Was sagte er denn? Hast du ihn heute schon gesprochen?«</p> - -<p>»Ich kam, um mich zu verabschieden, denn ich gehe wieder -heim nach Hardt zu Weib und Kind. Der Herr war erst gerührt -und erinnerte sich an die Tage seiner Flucht und sagte, -ich solle mir eine Gnade ausbitten. Ich aber habe keine verdient, -denn was ich getan, ist eine alte Schuld, die ich abgetragen. -Da sagte ich, weil ich nichts anders wußte, er soll mich -meinen Fuchs frei schießen lassen und es nicht strafen als Jagdfrevel. -Des lachte er und sprach: das könne ich tun, das sei aber -keine Gnade; ich solle weiter bitten. Da faßte ich ein Herz -und antwortete: ›Nun, so bitt' ich, Ihr möget dem schlauen -Kanzler nicht allzuviel trauen und folgen; denn ich meine, -wenn ich ihn sehe, er meint es falsch.‹«</p> - -<p>»So geht es mir gerade auch,« rief Georg. »Es ist, als -wolle er mir die Seele ausspionieren mit den grünen Augen, -und ich wette, er meint es falsch. Aber was gab dir der Herzog -zur Antwort?«</p> - -<p>»›Das verstehst du nicht,‹ sagte er und wurde bös. ›In -Klüften und Höhlen magst du wohl bewandert sein, aber im -Regiment kennt der Kanzler die Schliche besser als du.‹ Kann -sein, ich habe unrecht, und es soll mir lieb sein um den Herzog. -Nun lebet wohl, Junker, Gott sei mit Euch! Amen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_257">[257]</a></span></p> - -<p>»Und wolltest du also gehen? Wolltest nicht noch zu meiner -Hochzeit bleiben? Ich erwarte den Vater und das Fräulein -heute. Bleibe noch ein paar Tage. Du warst so oft der Liebesbote -und darfst uns nicht fehlen!«</p> - -<p>»Was soll so ein geringer Mann wie ich bei der Hochzeit -eines Ritters? Zwar könnte ich mich hinaufsetzen zu den Spielleuten -und auch eines aufspielen zum Ehrentanz, aber das tun -andere ebensogut als ich, und mein Haus verlangt nach mir.«</p> - -<p>»Nun, so lebe wohl! Grüße mir dein Weib und Bärbele, -dein schmuckes Töchterlein, und besuche uns fleißig auf Lichtenstein. -Gott sei mit dir!«</p> - -<p>Dem Jüngling hing eine Träne im Auge, als er dem -Bauer die Hand zum Abschied bot, denn er hatte in ihm einen -kräftigen, biedern Mann, einen treuen Diener seines Fürsten, -einen mutigen Genossen in Gefahren und einen heitern Gesellen -im Unglück erkannt. Wohl schwebte ihm noch manche Frage -über das geheimnisvolle Walten dieses Mannes, über seine -wunderbare Anhänglichkeit an den Herzog auf den Lippen; -aber er unterdrückte sie, überwältigt von jener unerklärlichen -Macht, von jener natürlichen Größe und Würde, welche den -Pfeifer von Hardt auch im unscheinbaren Gewand des Bauers -umgab.</p> - -<p>»Noch eins!« rief Hans, als er eben nach dem letzten Händedruck -des Junkers scheiden wollte. »Wisset Ihr auch, daß Euer -ehemaliger Gastfreund und zukünftiger Vetter, Herr von Kraft, -hier ist?«</p> - -<p>»Der Ratsschreiber? Wie sollt' der hieher kommen? Er -ist ja bündisch!«</p> - -<p>»Er ist hier und nicht gerade im anmutigsten Klosett, -denn er sitzt gefangen. Gestern abend, als das Volk zusammenlief -wegen des Herzogs, soll er für den Bund öffentlich gesprochen -haben.«</p> - -<p>»Gott im Himmel! Das war Dietrich Kraft, der Ratsschreiber? -Da muß ich schnell zum Herzog, er richtet schon über -ihn, und der Kanzler will ihn köpfen lassen. Gehab' dich wohl!«</p> - -<p>Mit diesen Worten eilte der Jüngling den Korridor entlang -zu den Gemächern des Herzogs. Er war in Mömpelgard -zu allen Tageszeiten zum Herzog gegangen, daher machten ihm -auch jetzt die Türhüter ehrerbietig Platz. Er trat hastig in das -Gemach. Der Herzog sah ihn verwundert und etwas unwillig -an, der Kanzler aber hatte das ewige süße Lächeln wie eine -Larve vorgehängt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_258">[258]</a></span></p> - -<p>»Guten Morgen, Sturmfeder!« rief der Herzog, der in -einem grünen, goldgestickten Kleide, den grünen Jagdhut auf -dem Kopf, am Tische saß. »Hast du gut geschlafen in meinem -Schlosse? Was führt dich schon so früh zu Uns? Wir sind -beschäftigt.«</p> - -<p>Die Augen des jungen Mannes hatten indessen unruhig -im Zimmer umhergestreift und den Schreiber des Ulmer Rats -in einer Ecke gefunden. Er war blaß wie der Tod, sein sonst -so zierliches Haar hing in Verwirrung herab, und ein rosenfarbnes -Mäntelein, das er über ein schwarzes Kleid trug, war -in Fetzen zerrissen. Er warf einen rührenden Blick auf den -Junker Georg und sah dann auf zum Himmel, als wollte er -sagen: »Mit mir ist's aus!« Neben ihm standen noch einige -Männer und auch ein langer, hagerer Mann, den er schon -gesehen zu haben sich erinnerte. Die Gefangenen wurden von -Peter, dem tapferen Magdeburger und dem Staberl aus Wien -bewacht. Sie standen mit ausgespreizten Beinen, die Hellebarden -auf den Boden gestemmt, kerzengerade auf ihrem Posten.</p> - -<p>»Ich sag', Wir haben zu tun,« fuhr der Herzog fort. »Was -schaust du nur immer nach dem rosenfarbenen Menschenkind? -Das ist ein verstockter Sünder. Das Schwert wird schon für -ihn gewetzt.«</p> - -<p>»Euer Durchlaucht erlauben mir nur <em class="gesperrt">ein</em> Wort,« entgegnete -Georg. »Ich kenne jenen Mann und wollte mich mit -Hab und Gut für ihn verbürgen, daß er ein friedlicher Mann -ist und gewiß kein Verbrecher, der den Tod verdiente.«</p> - -<p>»Bei Sankt Hubertus, das ist kühn! Die Natur hat sich -geändert. Mein Kanzler, der treffliche Jurist, hat sich aufgeputzt -wie ein junger Krieger, und mein junger Krieger dort -will den Advokaten machen. Was sagt Ihr dazu, Ambrosius -Volland?«</p> - -<p>»Hi, hi! Ich habe Eurer Durchlaucht durch meine Person -Spaß machen wollen. Weiß aus früherer Zeit, daß Ihr einen -kleinen Scherz liebet. Nun, der liebe, gute Sturmfeder will -die Lustbarkeit vermehren und den Juristen spielen. Hi, hi, hi! -Wird ihm aber nichts helfen, dem Rosenfarbenen. Majestätsverbrechen! -wird halt doch geköpft, der im Mäntelein!«</p> - -<p>»Herr Kanzler,« rief der Jüngling, vor Unmut glühend, -»der Herr Herzog wird mir bezeugen können, daß ich mich nie -zum Schalksnarren hergegeben habe. Diese Rolle mache ich -andern nicht streitig, und mit Menschenleben spiele und scherze -ich nie. Es ist mein wahrer Ernst. Ich verbürge mich mit<span class="pagenum"><a id="Page_259">[259]</a></span> -meinem Leben für gegenwärtigen Edlen von Kraft, Ratsschreiber -von Ulm. Ich hoffe, meine Bürgschaft kann angenommen -werden.«</p> - -<p>»Wie?« sagte Ulrich, »das ist wohl der zierliche Herr, dein -Gastfreund, von dem du mir so oft erzähltest? Tut mir leid -um ihn, aber er wurde in einem Aufruhr unter sehr gefährlichen -Umständen gefangen.«</p> - -<p>»Freilich!« krächzte Ambrosius, »ein <em class="antiqua">crimen laesae majestatis</em>.«</p> - -<p>»Erlaubet, Herr! Ich habe die Rechte lange genug studiert, -um zu wissen, daß hier durchaus nicht von einem solchen Verbrechen -die Rede sein kann. Gestern nacht waren die Bundesräte -und der Statthalter noch hier, folglich war Stuttgart noch -in Gewalt des Bundes, und der Ratsschreiber, der durchaus -kein Untertan Sr. Durchlaucht ist, hat nicht anders gehandelt -als jeder bündische Soldat, der auf Befehl seines Oberen gegen -uns zu Felde zog.«</p> - -<p>»Ei, die Jugend, die Jugend! Wie Ihr alles überhaspelt, -junger, sehr wertgeschätzter Freund! Sobald der Herzog die -Stadt aufgefordert hatte und den <em class="antiqua">animum possidendi</em> hatte, war -auch alles, was in den Mauern sich befand, <em class="gesperrt">sein</em>. Folglich, -wer eine Verschwörung gegen ihn anzettelte, ist ein Majestätsverbrecher. -Besagter Herr von Kraft aber hat schrecklich gefährliche -Reden an das Volk gehalten.«</p> - -<p>»Nicht möglich! Es wäre ganz gegen seine Art und Weise! -Herr Herzog, das kann nicht sein!«</p> - -<p>»Georg!« sagte dieser ernst, »wir haben lange Geduld gehabt, -dich anzuhören. Es hilft deinem Freunde doch nichts. -Hier liegt das Protokoll. Der Kanzler hat, ehe ich kam, ein -Zeugenverhör angestellt, worin alles sonnenklar bewiesen ist. -Wir müssen ein Exempel statuieren. Wir müssen Unsere Feinde -recht ins Herz hinein verwunden; der Kanzler hat ganz recht. -Darum kann ich keine Gnade geben.«</p> - -<p>»So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und die -Zeugen, nur ein paar Worte.«</p> - -<p>»Ist gegen alle Form Rechtens,« fiel der Kanzler ein; »ich -muß dagegen protestieren, Lieber! Es ist ein Eingriff in mein -Amt.«</p> - -<p>»Laß ihn, Ambrosius. Mag er meinetwegen noch ein paar -Fragen an den armen Sünder tun, er ist doch verloren.«</p> - -<p>»Dietrich von Kraft,« fragte Georg, »wie kommt Ihr -hieher?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_260">[260]</a></span></p> - -<p>Der arme Ratsschreiber, den der Tod schon an der Kehle -gefaßt hatte, verdrehte die Augen, und seine Zähne schlugen aneinander. -Endlich konnte er einige Worte herausstoßen: »Bin -hieher geschickt worden vom Rat, wurde Schreiber beim Statthalter –«</p> - -<p>»Wie kamet Ihr gestern nacht zu den Bürgern von Stuttgart?«</p> - -<p>»Der Statthalter befahl mir abends, wenn etwa die Bürger -sich aufrührerisch zeigten, sie anzureden und zu ihrer Pflicht -und ihrem Eid zu verweisen.«</p> - -<p>»Ihr sehet, er kam also auf höheren Befehl dorthin. – -Wer nahm Euch gefangen?« fuhr Georg zu fragen fort.</p> - -<p>»Der Mann, der neben Euch steht.«</p> - -<p>»Ihr habt diesen Herrn gefangen? Also müßt Ihr auch -gehört haben, was er sprach? Was sagte er denn?«</p> - -<p>»Ja, was wird er gesagt haben?« antwortete der Bürger; -»er hat keine sechs Worte gesprochen, so warf ihn der Bürgermeister -Hartmann von der Bank herunter. Ich weiß noch, er -hat gesagt: ›Aber bedenket, ihr Leute, was wird der durchlauchtigste -Bundesrat dazu sagen!‹ Das war alles, da nahm ihn -der Hartmann beim Kragen und warf ihn herunter. Aber dort, -der Doktor Calmus, der hielt eine längere Rede.«</p> - -<p>Der Herzog lachte, daß das Gemach dröhnte, und sah bald -Georg, bald den Kanzler an, der ganz bleich und verstört sich -umsonst bemühte, sein Lächeln beizubehalten. »Das war also -die gefährliche Rede, das Majestätsverbrechen? ›Was wird der -Bundesrat dazu sagen!‹ Armer Kraft! Wegen dieses kraftvollen -Sprüchleins verfielst du beinahe dem Scharfrichter. Nun, -das haben selbst Unsere Freunde oft gesagt: ›Was werden die -Herren sagen, wenn sie hören, der Herzog ist im Land.‹ Deswegen -soll er nicht bestraft werden, was sagst du dazu, Sturmfeder?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, was Ihr für Gründe habt, Herr Kanzler,« -sagte der Jüngling, indem sein Auge noch immer von -Unmut strahlte, »die Sachen so auf die Spitze zu stellen und -dem Herrn Herzog zu Maßregeln zu raten, die ihn überall – -ja, ich sage es, die ihn überall als einen Tyrannen ausschreien -müssen. Wenn es nur Diensteifer ist, so habt Ihr diesmal -schlecht gedient.«</p> - -<p>Der Kanzler schwieg und warf nur einen grimmigen, -stechenden Blick aus den grünen Aeuglein auf den jungen Mann. -Der Herzog aber stand auf und sprach: »Laß mir mein Kanzlerlein<span class="pagenum"><a id="Page_261">[261]</a></span> -gehen; diesmal freilich war er zu strenge. Da – nimm -deinen rosenroten Freund mit dir, gib ihm zu trinken auf die -Todesangst, und dann mag er laufen, wohin er will. Und du, -Hund von einem Doktor, der du zu schlecht zu einem Hundedoktor -bist, für dich ist ein württembergischer Galgen noch zu -gut. Gehängt wirst du doch noch einmal, ich will mir die Mühe -nicht geben. Langer Peter, nimm diesen Burschen, binde ihn -rückwärts auf einen Esel und führe ihn durch die Stadt; und -dann soll man ihn nach Eßlingen führen – zu den hochweisen -Räten, wo er und sein Tier hingehört. Fort mit ihm!«</p> - -<p>Die Züge des Doktor Kahlmäuser, in welchen schon der -Tod gesessen war, heiterten sich auf. Er holte freier Atem und -verbeugte sich tief. Peter, Staberl und der Magdeburger fielen -mit grimmiger Freude über ihn her, luden ihn auf ihre breiten -Schultern und trugen ihn weg.</p> - -<p>Der Ratsschreiber von Ulm vergoß Tränen der Rührung -und Freude. Er wollte dem Herzog den Mantel küssen, doch -dieser wandte sich ab und winkte Georg, den Gerührten zu entfernen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap30">30.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">O tu' es nicht! Tu's nicht!<br /></span> -<span class="i0">Sieh, deine reinen, edlen Züge wissen<br /></span> -<span class="i0">Noch nichts von dieser unglücksel'gen Tat,<br /></span> -<span class="i0">Bloß deine Einbildung befleckte sie,<br /></span> -<span class="i0">Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen<br /></span> -<span class="i0">Aus deiner hoheitblickenden Gestalt.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Schiller.</em> -</p> -</div> - -<p>Der Schreiber des großen Rates schien noch nicht Fassung -genug erlangt zu haben, um auf dem Wege durch die Gänge -und Galerien des Schlosses die vielen Fragen seines Erretters -zu beantworten. Er zitterte noch an allen Gliedern, seine -Kniee wankten, und oft drehte er sich um und schaute mit verwirrten -Blicken hinter sich, als fürchte er, den Herzog möchte -seine Gnade gereuen, und der greuliche Kanzler im gelben Mantel -möchte ihm nachschleichen und ihn plötzlich am Genick packen. -Auf Georgs Zimmer angekommen, sank er erschöpft auf einen -Stuhl, und es verging noch eine gute Weile, ehe er geordnet -zu denken und zu antworten vermochte.</p> - -<p>»Eure Politika, Vetter, hat Euch einen schlimmen Streich -gespielt,« sagte Georg; »was fällt Euch aber auch ein, in Stuttgart<span class="pagenum"><a id="Page_262">[262]</a></span> -als Volksredner auftreten zu wollen? Wie konntet Ihr -überhaupt nur Eure bequeme Haushaltung, die sorgsame Pflege -der Amme und die Nähe der holden Bertha fliehen, um hier -dem Statthalter zu dienen?«</p> - -<p>»Ach! Sie ist es ja gerade, die mich in den Tod geschickt -hat. Bertha ist an allem schuld. Ach, daß ich nie mein Ulm -verlassen hätte! Mit dem ersten Schritte über unsere Markung -fing mein Jammer an.«</p> - -<p>»Bertha hat Euch fortgeschickt?« fragte Georg. »Wie, seid -Ihr nicht zum Ziele Eurer Bemühungen gelangt? Sie hat Euch -abgewiesen, und aus Verzweiflung seid Ihr –«</p> - -<p>»Gott behüte! Bertha ist so gut als meine Braut. Ach, -das ist gerade der Jammer! Wie Ihr von Ulm abgezogen -waret, bekam ich Händel mit Frau Sabina, der Amme; da entschloß -ich mich und hielt bei meinem Oheim um das Bäschen -an. Nun habt Ihr aber dem Mädchen durch Euer kriegerisches -Wesen gänzlich den Kopf verrückt. Sie wollte, ich solle vorher -zu Feld ziehen und ein Mann werden wie Ihr. – Dann wolle -sie mich heiraten. Ach, du gerechter Gott!«</p> - -<p>»Und da seid Ihr förmlich zu Feld gezogen gegen Württemberg? -Welche kühnen Gedanken das Mädchen hat!«</p> - -<p>»Bin zu Feld gezogen; die Strapazen vergesse ich in -meinem Leben nicht! Mein alter Johann und ich rückten mit -dem Bundesheer aus. Das war ein Jammer! Mußten oft -täglich acht Stunden reiten. Die Kleider kamen in Unordnung, -alles wurde bestaubt und unsauber, der Panzer drückte mich -wund. Ich hielt es nicht mehr aus, und Johann lief heim -nach Ulm; da bat ich um eine Stelle bei der Feldschreiberei, -mietete mir eine Sänfte und zwei tüchtige Saumrosse dazu, und -so ging es doch erträglicher.«</p> - -<p>»Da wurdet Ihr also zu Feld getragen wie der Hund zum -Jagen. Habt Ihr auch einem Treffen beigewohnt?«</p> - -<p>»O ja; bei Tübingen kam ich hart ins Gedränge. Keine -zwanzig Schritte von mir wurde einer maustot geschossen. Ich -vergesse den Schrecken nicht, und wenn ich achtzig Jahre alt -werde! Als wir dann das Land völlig besiegt hatten, bekam ich -die ehrenvolle Stelle beim Statthalter. Wir lebten ruhig und -in Frieden; da kommt auf einmal der unruhige Herr ins Land. -Ach, daß ich meinem Kopfe gefolgt und mit dem Bundesobersten -nach Nördlingen auf den Bundestag gezogen wäre! Aber ich -scheute die beschwerliche Reise.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_263">[263]</a></span></p> - -<p>»Warum seid Ihr aber nicht mit dem Statthalter davongegangen, -als wir kamen? Der sitzt jetzt im trockenen in -Eßlingen, bis wir ihn weiter jagen.«</p> - -<p>»Er hat uns im Stiche gelassen und meinem Kopf alles -anvertraut; und beinahe hätte ich mit dem Kopf dafür büßen -müssen. Ich dachte nicht, daß die Gefahr so groß sei, ließ mich -vom Doktor Calmus verführen, eine Rede ans Volk zu halten, -um Württemberg dem Bunde zu retten. Das hätte gewiß Aufsehen -gemacht, und Bertha wäre noch eins so freundlich gewesen. -Aber die Leute da unten in Württemberg sind Barbaren und -ohne alle Lebensart; sie ließen mich nicht einmal zum Wort -kommen, warfen mich herab und behandelten mich ganz gemein -und roh. Seht nur meinen Mantel an, wie sie ihn zerrissen -haben! Es ist schade dafür, er hat mich vier Goldgulden gekostet, -und Bertha behauptete immer, daß mir rosenfarb so gut -zu Gesicht stehe.«</p> - -<p>Georg wußte nicht, ob er über die Torheit des Schreibers -lachen oder es als hohen stoischen Gleichmut bewundern sollte, -daß er, kaum dem Tode entgangen, sein zerrissenes Mäntelein -bedauern konnte. Er wollte ihn noch weiter über seine Schicksale -befragen, als ihn ein Geräusch vom Vorplatz des Schlosses -her ans Fenster lockte; er sah hinaus und winkte schnell Herrn -Dietrich herbei, um ihm das Schauspiel gefallener irdischer -Größe zu zeigen.</p> - -<p>Der Doktor Calmus hielt seinen Umzug durch die Stadt. -Er saß verkehrt auf einem Esel; die Landsknechte hatten ihn -wunderlich ausgeschmückt; sie hatten ihm eine spitzige Mütze -von Leder aufgesetzt, an deren Spitze eine Hahnenfeder angebracht -war. Vor ihm gingen zwei Trommler, zu seinen Seiten -sah man in gravitätischen Schritten den Magdeburger und den -Wiener, den ehemaligen Hauptmann Muckerle und seinen tapfern -Obersten gehen, die hin und wieder mit den Enden ihrer Hellebarden -den Esel zu kühnen Sprüngen antrieben. Ein ungeheurer -Volkshaufe umschwärmte ihn und warf ihn mit Eiern -und Erde.</p> - -<p>Der Ratsschreiber schaute trübselig auf seinen Gefährten -hinab und seufzte: »'s ist hart, auf dem Esel reiten zu müssen,« -sagte er, »aber doch immer noch besser, als gehängt werden.« -Er wandte sich ab von dem Schauspiel und blickte nach einer -andern Seite des Schloßplatzes. »Wer kommt denn hier?« -fragte er den jungen Ritter. »Schaut, in einem solchen Kasten -zog ich zu Felde.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_264">[264]</a></span></p> - -<p>Georg wandte sich um. Er sah einen Zug von Reisigen, -die eine Sänfte in ihrer Mitte führten. Ein alter Herr zu -Pferd folgte dem Zug, der jetzt aufs Schloß einbeugte. Georg -sah schärfer hinab: »Sie sind's,« rief er, »wahrhaftig, es ist der -Vater, und in der Sänfte wird sie sitzen!« In <em class="gesperrt">einem</em> Sprung -war er zur Tür hinaus, und der Ratsschreiber sah ihm staunend -nach. »Wer soll es sein, welcher Vater?« fragte er. Er schaute -noch einmal durchs Fenster, die Sänfte hielt vor der Zugbrücke -des Schlosses, und in demselben Augenblicke stürzte Georg aus -dem Tore. Herr Dietrich sah ihn die Türe der Sänfte ungestüm -aufreißen, eine verschleierte Dame stieg aus, sie schlug den -Schleier zurück – und wunderbar! es war das Bäschen Marie -von Lichtenstein. »Ei, seh doch einer; er küßt sie auf öffentlicher -Straße,« sprach der Ratsschreiber kopfschüttelnd vor sich hin; -»was das eine Freude ist! Aber wehe, jetzt kommt der Alte -um die Sänfte herum, der wird Augen machen! Der wird -schimpfen! – Doch wie? Er nickt dem Junker freundlich zu, -er steigt ab, er umarmt ihn. Nein, das geht nicht mit rechten -Dingen zu!«</p> - -<p>Und dennoch schien es durchaus mit rechten Dingen zuzugehen; -denn als der Schreiber des großen Rates aus dem Zimmer -auf die Galerie trat, um sich zu überzeugen, daß ihn seine -Augen getäuscht haben müssen, kam sein Oheim, der alte Herr -von Lichtenstein, die Treppe herauf. An der rechten Hand -führte er Georg von Sturmfeder, an der linken – Bäschen -Marie. Welche Veränderung war mit jenen holden Zügen vorgegangen, -die sich so tief in sein Herz, in sein Gedächtnis geprägt -hatten!</p> - -<p>In Ulm war sie ihm zum erstenmal wie ein Bote aus -einem unbekannten Lande erschienen, so erhaben war der Blick -ihrer schönen blauen Augen, so majestätisch ihre Stirne, so -sinnig jenes kleine Fleckchen zwischen den schönen dunklen Bogen -der Brauen. Er hatte oft und viel darüber nachgedacht, in was -denn der Zauber bestehe, der ihn so unwiderstehlich fessele? Die -Ulmer Mädchen hatten frischere Wangen, lebhaftere Augen, ein -schalkhafteres Lächeln und den fröhlichen, frischen Glanz einer -heitern Jugend. Und dennoch war Marie unter ihnen gestanden, -still und groß wie eine Königin. War es vielleicht der -dunkle Schleier ihrer Wimpern, der sich oft mit unnennbarem -Reiz über das Auge herabsenkte, um das Geheimnis einer stillen -Träne zu verhüllen? Waren es die feinen, geschlossenen Lippen, -von süßer Wehmut umlagert? War es der zarte Wechsel der<span class="pagenum"><a id="Page_265">[265]</a></span> -Farben auf ihren Zügen, die bald nur gebietende Hoheit auszustrahlen, -bald das reizende Geheimnis leidender Liebe zu verraten -schienen? Berthas Heiterkeit, Berthas fröhliche, neckende -Gunst hatte dieses ernstere Bild längst aus seinem Herzen verdrängt, -und doch fühlte der arme Herr Dietrich die alte Wunde -wieder bluten, als das Fräulein von Lichtenstein sich nahte. -Aber welcher unbekannten Macht sollte er es zuschreiben, daß -Mariens Züge einen ganz andern Ausdruck gewonnen hatten? -Wohl lag noch eine hohe Würde in ihrer Haltung, auf ihrer -Stirne, aber in ihren Augen glühte eine stille Freude, ihr -Mund lächelte und scherzte, auf ihren Wangen waren die schönsten -Rosen aufgeblüht. Sprachlos hatte Dietrich von Kraft -diese Erscheinung angestarrt, und jetzt erst wurde er auch von -dem alten Ritter bemerkt. »Seh' ich recht,« rief dieser, »Dietrich -Kraft, mein Neffe! Was führt denn dich nach Stuttgart, kommst -du etwa zur Hochzeit meiner Tochter mit Georg von Sturmfeder? -Aber wie siehst du aus? Was fehlt dir doch? Du -bist so bleich und elend, und deine Kleider hängen dir in Fetzen -vom Leibe!«</p> - -<p>Der Ratsschreiber sah herab auf das rosenfarbene Mäntelein -und errötete. »Weiß Gott,« rief er, »ich kann mich vor -keinem ehrlichen Menschen sehen lassen! Diese verdammten -Württemberger, diese Weingärtner und Schusterjungen haben -mich so zerfetzt. Aber wahrhaftig! der ganze durchlauchtige -Bund ist in meiner Person angegriffen und beleidigt!«</p> - -<p>»Ihr dürft froh sein, Vetter! daß Ihr so davon gekommen -seid,« sagte Georg, indem er die Angekommenen in sein Gemach -einführte; »bedenket, Herr Vater, gestern nacht, als wir vor -den Toren standen, hielt er Reden an die Bürger, um sie aufzuwiegeln -gegen uns. Da hat ihn heute früh der Kanzler wollen -köpfen lassen. Mit großer Mühe bat ich ihn los, und jetzt -klagt er die Württemberger wegen seines zerfetzten Mänteleins -an.«</p> - -<p>»Mit gnädiger Erlaubnis,« sagte Frau Rosel und verbeugte -sich dreimal vor dem Ratsschreiber, »wenn Ihr meine -Hilfe annehmen wollt, so will ich den Mantel flicken, daß es -eine Lust ist. Da geht's wie im Sprichwort: ›Hat der Junge -den Rock zerrissen, hat der Alt' ihn flicken müssen.‹«</p> - -<p>Herrn Dietrich war diese Hilfe sehr angenehm. Er bequemte -sich, zu der Frau Rosel ans Fenster zu sitzen, um sich -seine Gewänder zurecht richten zu lassen. Sie zog aus ihrer -großen Ledertasche Zwirn von allen Farben und machte sich<span class="pagenum"><a id="Page_266">[266]</a></span> -an die Wunden, die ihm die Württemberger geschlagen hatten. -Sie unterhielt ihn dabei mit ergötzlichen Reden von der Haushaltung -und der Zubereitung verschiedener Speisen, die in Frau -Sabinas Kochregister nicht vorgekommen waren. Entfernt von -diesem Paar, um die ganze Breite des Zimmers, saßen Georg -und Marie im traulichen Flüstern der Liebe. Weder der gelehrte -Johannes Thetingerus, noch ein Johannes Bezius, weder -Gabelkofer noch Crusius, so wichtige Kunde wir ihnen über -diese Zeiten verdanken, melden uns, was diese beiden an jenem -Morgen zusammen flüsterten; nur so viel können wir berichten, -daß eine süße Ruhe auf Mariens Zügen lag, daß sie die schönen -Augen bald freudig aufschlug, bald verschämt wieder senkte, daß -sie bald lächelte, bald tief errötete und manche Frage des Geliebten -mit Küssen zurückdrängte.</p> - -<p>Der Leser wird es uns Dank wissen, wenn wir ihn von -einer Szene, die so wenig historischen Grund und Boden, also -nach neueren Begriffen auch keinen Wert hat, hinweg führen -und den Schritten des Ritters von Lichtenstein folgen. Er hatte -seine Tochter unter der Pflege Georgs, seinen Neffen unter der -kunstreichen Hand der Frau Rosalie gelassen und schritt nun -den Gemächern des Herzogs zu. Seine Züge, welchen Alter -und Erfahrung einen sinnenden Ernst eingedrückt hatten, erschienen -in dieser Stunde noch ernster – beinahe traurig. -Dieser Mann hatte von seinen Vätern die Liebe zum Hause -Württemberg geerbt, Gewohnheit und Neigung hatten ihn an -die Regenten gefesselt, die während seines langen Lebens über -Württemberg geherrscht hatten, und das Unglück und die Verleumdung, -welche auf Ulrich unablässig hereinstürmten, hatten -das Herz des alten Herrn nicht von diesem Herzog losreißen -können, sie fesselten ihn nur mit noch stärkeren Banden. Mit -der Freude eines Bräutigams, der zur Hochzeit zieht, mit der -Kraft eines Jünglings hatte er den weiten und beschwerlichen -Weg von seinem Schloß nach Stuttgart zurückgelegt, als man -ihm gemeldet hatte, daß der Herzog Leonberg erobert habe und -auf Stuttgart zu ziehe. Keinen Augenblick zweifelte er an dem -Siege des Herzogs, und so traf es sich, daß er schon am andern -Morgen der neuen Herrschaft Ulrichs nach Stuttgart kam.</p> - -<p>Nicht so fröhlicher Art waren die Nachrichten, die ihm -Georg mitteilte, als er mit ihm und Marien die Treppe heraufstieg. -»Der Herzog,« hatte ihm jener zugeflüstert, »der Herzog -ist nicht so, wie er sollte; Gott weiß, was er mit seinem Lande -machen will; er hat unterwegs sonderbare Reden fallen lassen,<span class="pagenum"><a id="Page_267">[267]</a></span> -und ich fürchte, er ist nicht in den besten Händen. Der Kanzler -Ambrosius Volland –« dieser einzige Name reichte hin, in dem -Ritter von Lichtenstein große Besorgnisse aufzuregen. Er kannte -diesen Volland, er wußte, daß er zwar gelehrt, in allen Regierungsgeschäften -überaus wohl erfahren, zu jedem, auch dem -schwersten Dienst bereit, aber dabei ein Mann sei, der zum -wenigsten schon öfter ein gewagtes, wo nicht falsches Spiel gespielt -habe.</p> - -<p>»Wenn der Herzog diesem sein Vertrauen schenkt, wenn er -nur seine Ratschläge befolgt, dann sei Gott gnädig. Dem Ambrosius -ist das Land ein Stück Leder, das man nach Willkür -handhaben kann, er wird es zurechtschneiden wollen zu einem -Koller für den Herzog, und die Abschnipfel für sich behalten. -Aber, wie Frau Rosel zu sagen pflegt: Zerschneiden kann jeder -Narr, aber wie zusammennähen?« So sprach der alte Herr -von Lichtenstein zu sich, als er durch die Galerien ging; er streichelte -unmutig seinen langen, weißen Bart, und seine Augen -glühten vom Eifer für die gute Sache Württembergs.</p> - -<p>Er wurde sogleich vorgelassen und traf den Herzog in -großer Beratung mit Ambrosius. Der letztere hatte eine ungeheure -Schwanenfeder in der einen Hand, in der andern hielt -er ein Pergament, das mit schwarzer, roter und blauer Tinte -in vielen zierlichen Schnörkeln beschrieben war. Der Herzog -spielte mit einem großen Sigill, das er in der Hand hielt; er -schien mit sich zu kämpfen, er sah bald seinen Kanzler durchdringend -an, bald heftete sich sein Blick wieder auf das Sigill. -Sie waren beide so vertieft, daß Lichtenstein einige Minuten -im Zimmer stand, ohne von ihnen bemerkt zu werden; er betrachtete -mit großer Teilnahme die edlen Züge Ulrichs von -Württemberg. Er sah, wie auf seiner Stirne, in seinen sprechenden -Augen so verschiedene Empfindungen wechselten. Bald -runzelte sich seine Stirne, seine Augenbrauen zuckten, sein Auge -rollte, dann glätteten sich diese Falten, aus seinen Blicken strahlte -nur ein tiefer Ernst, der in Nachdenken überging, und oft schien -ein Anflug von Güte den strengen Ausdruck seiner Züge zu -mildern. Aber der im gelben Mäntelein, mit der Schwanenfeder -in der Hand, stand wie der Versucher vor ihm! Er wand -und drehte sich vor ihm wie die Schlange im Paradies, und das -ewig stehende Lächeln, der Ausdruck von Ehrlichkeit, den er -seinen grünen Aeuglein zu geben wußte, wenn ihn sein Herr -scharf ansah, sollten einladen, den Apfel anzubeißen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_268">[268]</a></span></p> - -<p>»Ich kann nicht begreifen,« sprach er mit heiserer, feiner -Stimme, »warum Ihr es nicht tun möget. Hat wohl Cäsar -so lange gezaudert, als er über den Rubikon ging? Ein großer -Mann hat große Mittel nötig, und die Mitwelt und die Nachwelt -wird Euch preisen, daß Ihr diese Fesseln von Euch geworfen.«</p> - -<p>»Weißt du dies so gewiß, Ambrosius Volland?« entgegnete -der Herzog, indem er ihn düster anblickte. »Man wird sagen: -›Herzog Ulrich war ein Tyrann. Er hat die alte Ordnung umgestoßen, -die seinen Vätern heilig war, er hat den Vertrag, -den er selbst aufgerichtet, gebrochen, er hat sein Land wie ein -fremdes behandelt, er hat die Gesetze nicht gehalten, die‹ –«</p> - -<p>»Erlaubet,« unterbrach ihn jener, »es kommt nur allein -auf die Frage an: Wer ist Herr? Der Herzog oder das Land? -Wenn das Land Herr ist, dann ist's was anderes, dann freilich -sind allerlei Pakten, Verträge, Klauseln und dergleichen nötig. -Die Ritterschaft, die Prälaten und die Landschaft sind dann -Meister, und Euer Durchlaucht – nun, sind dann der, welcher -den Namen dazu hergibt. Seid Ihr aber, was man so eigentlich -Herr nennt, dann seid <em class="gesperrt">Ihr</em> es auch, der Gesetze gibt. Jetzt -habt Ihr das Heft in der Hand, jetzt noch seid Ihr Herr und -Meister. Drum fort mit dem alten Recht, hier ist ein neues -– da, nehmt in Gottes Namen die Feder, unterzeichnet!«</p> - -<p>Der Herzog stand noch eine Weile unschlüssig, seine Wangen -glühten, seine ganze Gestalt richtete sich höher auf, aber sein -Auge haftete noch am Boden. Jetzt schlug er es auf, und es -blitzte vom Gefühl seiner Würde. »Ich heiße Württemberg,« -sagte er, »<em class="gesperrt">ich</em> bin das Land und das Gesetz – ich unterschreibe.« -Er streckte die Rechte aus, die Schwanenfeder aus der Hand -seines Kanzlers zu empfangen, aber mit sanfter Gewalt wurde -sein Arm von einer fremden Hand ergriffen und weggezogen. -Erstaunt sah er sich um und blickte in die ruhigen, aber ernsten -Züge des Ritters von Lichtenstein.</p> - -<p>»Ha! Willkommen!« rief er, »mein getreuer Lichtenstein! -Sogleich steh' ich Euch Rede, lasset mich nur zuvor dies Pergament -unterzeichnen.«</p> - -<p>»Erlauben Eure Durchlaucht,« sagte der alte Mann, »Ihr -habt mir eine Stimme zugesagt in Eurem Rat, darf ich nicht -auch wissen um die erste Verordnung, die Ihr an Euer Land -ergehen lasset?«</p> - -<p>»Mit Eurer hochedlen Erlaubnis,« fiel Ambrosius Volland -hastig ein, »das Ding hat Eile; die Bürgerschaft von Stuttgart<span class="pagenum"><a id="Page_269">[269]</a></span> -versammelt sich schon auf der Wiese. Diese Schrift muß ihr -vorgelesen werden. Es hat wahrhaftig Eile.«</p> - -<p>»Nun, Ambrosius!« sagte der Herzog, »so gar eilig ist es -nicht, daß wir Unserem alten Freund die Sache nicht mitteilen -sollten. Wir haben nämlich beschlossen, Uns huldigen zu lassen, -und zwar nach neuen Verträgen und Gesetzen. Die alten sind -null und nichtig.«</p> - -<p>»Das habt Ihr beschlossen? Um Gottes willen, habt Ihr -auch bedacht, zu was dies führt? Habt Ihr nicht erst vor wenigen -Jahren den Tübinger Vertrag beschworen?«</p> - -<p>»Tübingen!« rief der Herzog mit schrecklicher Stimme, -indem seine Augen von Zorn glühten. »Tübingen! Nenne -dies Wort nicht mehr! Dort hatte ich all meine Hoffnung, -dort war mein Land, meine Kinder, ha! und dort haben sie -mich verraten und verkauft. Ich bat, ich flehte, sie sollen zu -mir halten, ich wolle Gut und Blut mit ihnen teilen – Nichts! -Man wollte von Ulrich nichts mehr. Das neue Regiment gefiel -ihnen besser; im Elend haben sie mich schmachten lassen, -haben zugegeben, daß ihr Herzog in Verbannung war, haben -geduldet, daß der Name Württemberg ein Hohngelächter wurde -in allen Reichen – jetzt bin ich wieder Herr und Meister, habe -das Heft in der Hand und will mir's nicht wieder aus der -Hand winden lassen. Haben <em class="gesperrt">sie</em> ihren Eid vergessen, bei Sankt -Hubertus, so ist <em class="gesperrt">mein</em> Gedächtnis auch nicht länger. Tübinger -Vertrag? Ich sag', der Teufel soll alles holen, was mit diesem -Namen sich verknüpft!«</p> - -<p>»Aber bedenken Euer Durchlaucht!« sprach Lichtenstein, -von diesem Ausbruch der Leidenschaft erschüttert, »bedenket doch, -welchen Eindruck ein solcher Schritt auf das Land machen muß. -Noch habt Ihr nichts als Stuttgart und die Gegend; noch liegen -in Urach, Asperg, Tübingen, Göppingen überall bündische Besatzungen. -Wird die Landschaft Euch beistehen, den Bund zu -verjagen, wenn sie hört, auf welche neue Ordnung sie huldigen -soll?«</p> - -<p>»Ich sag': ist mir die Landschaft beigestanden, als ich -Württemberg mit dem Rücken ansehen mußte? Sie haben mich -laufen lassen und dem Bund gehuldigt!«</p> - -<p>»Vergebt mir, Herr Herzog,« entgegnete der Alte mit bewegter -Stimme, »dem ist nicht also. Ich weiß noch wohl den -Tag bei Blaubeuren. Wer hielt da zu Euch, als die Schweizer -abzogen? Wer bat Euch, nicht vom Land zu lassen; wer wollte<span class="pagenum"><a id="Page_270">[270]</a></span> -Euch sein Leben opfern? Das waren achttausend Württemberger. -Habt Ihr <em class="gesperrt">den</em> Tag vergessen?«</p> - -<p>»Ei, ei, Wertester!« sagte der Kanzler, dem es nicht entging, -welchen mächtigen Eindruck diese Worte auf Ulrich machten, -»ei! Ihr sprechet doch auch etwas zu kühnlich. Ist übrigens -jetzt auch gar nicht die Rede von <em class="gesperrt">damals</em>, sondern von -<em class="gesperrt">jetzt</em>. Die Landschaft ist von der alten Huldigung gänzlich abgekommen, -hat dem Bunde eine andere Huldigung getan; Seine -Durchlaucht ist jetzt als ein neu angekommener Herr anzusehen; -er hat dies Land mit Gewalt erobert; hat sich nun der Bund -auf besondere Verträge huldigen lassen, so kann es der Herzog -ebenso halten. Neuer Herr, neu Gesetz. Man kann sich in -allewege nach eigenem Gutdünken huldigen lassen. Soll ich -die Feder eintauchen, gnädiger Herr?«</p> - -<p>»Herr Kanzler!« sagte Lichtenstein mit fester Stimme; -»habe alle mögliche Ehrfurcht vor Eurer Gelahrtheit und Einsicht, -aber was Ihr da sagt, ist grundfalsch und kein guter Rat. -Jetzt gilt es, zu wissen, wen das Volk liebt. Der Bund hat durch -sein Walten im Lande alles gegen sich aufgebracht; es war die -rechte Zeit, daß Seine Durchlaucht wieder kam, jetzt fliegen ihm -alle Herzen zu. Wird er sie nicht gewaltsam von sich stoßen, -wenn er alles Alte umreißt und nach eigener, neuerer Satzung -schaltet und waltet? O, bedenkt, bedenkt, die Liebe eines Volkes -ist eine mächtige Stütze!«</p> - -<p>Der Herzog stand mit untergeschlagenen Armen da, düster -vor sich hinblickend, er antwortete nicht. Desto eifriger tat dies -der Kanzler im gelben Mäntelein. »Hi, hi, hi! Wo habt Ihr -die schönen Sprüchlein her, Liebwerter, Hochgeschätzter? Liebe -des Volkes, sagt Ihr? Schon die Römer wußten, was davon -zu halten sei. Seifenblasen, Seifenblasen! Hätt' Euch für gescheiter -gehalten. Wer ist denn das Land? Hier, <em class="gesperrt">hier</em> steht -es <em class="antiqua">in persona</em>, das ist Württemberg, dem gehört's, hat's geerbt -und jetzt noch dazu erobert. Volksliebe! Aprilenwetter! Wäre -ihre Liebe so stark gewesen, so hätten sie nicht dem Bunde gehuldigt.«</p> - -<p>»Der Kanzler hat recht,« rief Ulrich, aus seinen Gedanken -erwachend. »Du magst es gut meinen, Lichtenstein, aber er hat -diesmal recht. Meine Langmut hat mich zum Lande hinausgetrieben; -jetzt bin ich wieder da, und sie sollen fühlen, daß ich -Herr bin. Die Feder her, Kanzler, ich sag', so will ich's; so -wollen wir Uns huldigen lassen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_271">[271]</a></span></p> - -<p>»O Herr, tut nichts in der ersten Hitze! Wartet, bis Euer -Blut sich abkühlt. Rufet die Landschaft zusammen, machet Aenderungen -nach Eurem Sinne, nur jetzt nicht, nur nicht, solange -der Bund noch Land besitzt in Württemberg; es könnte Euch -schaden bei den übrigen. Gestattet nur noch eine kurze Frist.«</p> - -<p>»So?« unterbrach ihn der Kanzler, »daß man dann allgemach -wieder in das alte Wesen hineinkommt? Gebt acht, wenn -die Landschaft erst beisammen ist, wenn sie sich erst zusammen -beraten, meinet Ihr, da werden sie so gutwillig nachgeben? -Hi, hi! da wird man Gewalt anwenden müssen, und das macht -erst verhaßt. Schmiedet das Eisen, solange es warm ist. Oder -gelüstet Euer Durchlaucht, wieder ganz gehorsamlich unter das -alte Joch zu stehen und den Karren zu ziehen?«</p> - -<p>Der Herzog antwortete nicht. Er riß mit einer hastigen -Bewegung Feder und Pergament dem Kanzler aus der Hand, -warf einen schnellen, durchdringenden Blick auf ihn und den -Ritter, und ehe noch dieser es verhindern konnte, hatte Ulrich -seinen Namen unterzeichnet. Der Ritter stand in stummer -Bestürzung; er senkte bekümmert das Haupt auf die Brust herab. -Der Kanzler blickte triumphierend auf den Ritter und den Herzog. -Doch dieser ergriff eine silberne Glocke, die auf dem Tisch -stand, und klingelte. Ein Diener erschien und fragte nach seinem -Befehl.</p> - -<p>»Ist die Bürgerschaft versammelt?« fragte er.</p> - -<p>»Ja, Euer Durchlaucht! Auf den Wiesen gegen Kannstatt -sind sie versammelt, Amt und Stadt; die Landsknechte rücken -soeben aus, sechs Fähnlein.«</p> - -<p>»Die Landsknechte? Wer gab die Erlaubnis?«</p> - -<p>Der Kanzler zitterte bei dem Ton dieser Frage. »Es ist -nur wegen der Ordnung,« sagte er, »ich habe gedacht, weil es -bei solchen Fällen gebräuchlich sei, daß bewaffnete Mannschaft –«</p> - -<p>Der Herzog winkte ihm zu schweigen. Er begegnete einem -trüben, fragenden Blick des alten Lichtenstein, der ihn erröten -machte. »Mit meinem Befehl geschah es nicht,« sprach er, »doch -– es möchte auffallen, wenn wir sie zurückriefen. Es ist ja -gleichgültig. Man bringe mir den roten Mantel und den Hut; -schnell!«</p> - -<p>Der Herzog trat ans Fenster und sah schweigend hinaus. -Der Kanzler schien nicht recht zu wissen, ob sein Herr erzürnt -sei oder nicht, er wagte nicht zu sprechen, und der Ritter von -Lichtenstein beharrte in seinem trüben Schweigen. So standen -sie geraume Zeit, bis sie von den Dienern unterbrochen wurden.<span class="pagenum"><a id="Page_272">[272]</a></span> -Es traten vier Edelknaben ins Gemach, der erste trug den Mantel, -der zweite den Hut, der dritte eine Kette von Gold, und -der vierte des Herzogs Schlachtschwert. Sie bekleideten den -Herzog mit dem Fürstenmantel von purpurrotem Samt mit -Hermelin verbrämt. Sie reichten ihm den Hut, der die schwarz -und gelbe Farbe des Hauses Württemberg in reichen wehenden -Federn zeigte, diese wurden zusammengehalten von einer -Agraffe von Gold und Edelsteinen, die eine Grafschaft wert -waren. Der Herzog bedeckte sein Haupt mit diesem Hut. Seine -kräftige Gestalt schien in diesem fürstlichen Schmuck noch erhabener -als zuvor, und die freie majestätische Stirne, das glänzende -Auge sah gebietend unter den wallenden Federn hervor. -Er ließ sich die Kette umhängen, steckte das Schlachtschwert an -und winkte seinem Kanzler, aufzubrechen.</p> - -<p>Noch immer sprach der Ritter von Lichtenstein kein Wort. -Mit bekümmerter Miene hatte er diesen Anstalten zugesehen -und sich dann abgewendet. Der Herzog schritt mit leichtem -Neigen des Hauptes an dem alten Ritter vorüber zur Türe, -und die wunderliche Figur des Kanzlers Ambrosius Volland -folgte ihm mit majestätischen Schritten. Hatte der Herr den -Alten nicht gegrüßt, glaubte auch der Kanzler ihm dies nicht -schuldig zu sein. Er warf nur einen tückischen Blick nach dem -Platz hinüber, wo jener noch immer stand und sein großer, -zahnloser Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln. In -der Türe stand der Herzog stille, er sah rückwärts, seine bessere -Natur schien über ihn zu siegen, er kehrte zur Verwunderung -des Kanzlers zurück und trat zu Lichtenstein.</p> - -<p>»Alter Mann!« sagte er, indem er vergeblich strebte, seine -tiefe Bewegung zu unterdrücken: »Du warst mein einziger -Freund in der Not, und in hundert Proben habe ich deine -Treue bewährt gefunden, du kannst es mit Württemberg nicht -schlimm meinen. Ich fühle, es ist einer der wichtigsten Schritte -meines Lebens, und ich gehe vielleicht einen gewagten Gang, – -aber wo es das Höchste gilt, muß man alles wagen.«</p> - -<p>Der Ritter von Lichtenstein richtete sein greises Haupt -auf; in den weißen Wimpern hingen Tränen. Er ergriff -Ulrichs Hand: »Bleibet,« rief er, »nur diesmal, diesmal folget -meiner Stimme! Mein Haar ist grau, ich habe lange gelebt, -Ihr erst drei Jahrzehnte.« – Indem ertönten die Trommeln -der Landsknechte in dem Hof. Das ungeduldige Stampfen der -Rosse drang herauf, und die Herolde stießen, zur Huldigung -rufend, in die Trompeten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_273">[273]</a></span></p> - -<p>»<em class="antiqua">Jacta alea esto!</em> war der Wahlspruch Cäsars,« sagte der -Herzog mit mutiger Miene, »jetzt gehe ich über meinen Rubikon. -Aber dein Segen möchte mir frommen, alter Mann, zum -Rat ist es zu spät!«</p> - -<p>Der Ritter blickte schmerzlich aufwärts. Die Stimme versagte -ihm, er drückte segnend seines Herzogs Rechte an die -Brust. Noch zögerte Ulrich bei ihm, da streckte der Kanzler -den langen, dürren Arm unter dem gelben Mäntelein hervor -und winkte ihm mit der Pergamentrolle. Er war anzuschauen -wie der Versucher, dem es gelingt, eine arme Seele mit sich -hinabzuziehen. Ulrich von Württemberg riß sich los und ging, -um sich von seiner Hauptstadt huldigen zu lassen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap31">31.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Kein Feuer, keine Kohle<br /></span> -<span class="i0">Kann glühen so heiß,<br /></span> -<span class="i0">Als eine stille Liebe,<br /></span> -<span class="i0">Von der niemand nichts weiß.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Altes Volkslied.</em> -</p> -</div> - -<p>Die Besorgnisse des alten Herrn schienen nicht so ungegründet -gewesen zu sein, als Ambrosius Volland sie dargestellt -hatte. Ein sehr großer Teil des Landes fiel zwar dem Herzog -zu, weil die Vorliebe für den angestammten Regenten, der -Druck des Bundes und die anfangs so siegreichen Waffen Ulrichs -viele bewogen, die Huldigung, die sie gezwungenerweise dem -Bunde getan, zu vergessen und sich für Württemberg zu erklären.</p> - -<p>Aber die neue Huldigung, die alle früheren Verträge umstieß, -das Gerücht, daß manche Stadt durch Gewalt zu diesen -Formen gezwungen sei, bewirkte wenigstens, daß der Herzog -keine Popularität gewann, ein Mangel, der in so zweifelhafter -Lage oft nur zu bald fühlbar wird. Noch beharrten Urach, -Göppingen und Tübingen auf ihren, dem Bunde geleisteten, -Pflichten, denn ihre bündisch gesinnten Obervögte zwangen sie -mit Gewalt dazu. Zu Urach hauste Dietrich Spät, des Herzogs -bitterster Feind. Er brachte in wenigen Tagen so viel Mannschaft -auf, daß er nicht nur sein ganzes Amt im Zaume hielt, -sondern auch Einfälle in die Ländereien machte, die dem Herzog -wieder zugefallen waren. Es ging auch das Gerücht, die Bundesstände -seien schnell von Nördlingen aufgebrochen, jeder in<span class="pagenum"><a id="Page_274">[274]</a></span> -seine Heimat geeilt um frische Heere aufzubieten und Ulrich -zum zweitenmal auf Leben und Tod zu bekämpfen.</p> - -<p>Ulrich selbst schien weder der einen noch der anderen dieser -Besorgnisse Raum zu geben. Er pflog bei verschlossenen Türen -mit Ambrosius Volland Rat. Man sah viele Eilboten kommen -und abgehen, aber niemand erfuhr, was sie brachten. In -Stuttgart aber glaubte man fest, der Herzog müsse in der fröhlichsten -Stimmung sein, denn wenn er mit seinem glänzenden -Gefolge durch die Straßen ritt, alle schönen Jungfrauen grüßte -und mit den Herren zu seiner Seite scherzte und lachte, da sagten -sie: »Herr Ulrich ist wieder so lustig wie vor dem Armen -Konrad.« Er hatte seinen Hofstaat wieder glänzend eingerichtet. -Zwar war er nicht mehr wie früher der Sammelplatz der -bayerischen, schwäbischen und fränkischen Grafen und Herren, -zwar fehlte die Fürstin, die sonst einen schönen Kranz blühender -Fräulein um sich versammelt hatte, aber dennoch fehlte es -nicht an schönen Frauen und schmucken Edeln, seinen Hof zu -verherrlichen, und die Luft dieser Stadt schien schon damals der -Schönheit so günstig zu sein, daß die bunten Reihen in den -Sälen und Hallen des Schlosses nicht einer gewöhnlichen Versammlung, -sondern einer Auswahl aus den schönen Frauen des -Landes glich.</p> - -<p>Tänze und Ritterspiele waren in ihre alten Rechte eingesetzt -worden. Fest drängte sich an Fest, und Ulrich schien eifrig -nachholen zu wollen, was er in der Zeit seines Unglücks versäumt -hatte. Keines dieser geringsten Feste war die Hochzeit -Georgs von Sturmfeder mit der Erbin von Lichtenstein.</p> - -<p>Der alte Herr hatte sich lange nicht entschließen können, -sein Wort zu halten; nicht daß er die Wahl seiner Tochter -mißbilligt hätte, denn er liebte seinen Eidam väterlich, er sah -in ihm seine eigene Jugend wieder aufblühen, er schlug ihm -seine freiwillige Verbannung mit dem Herzog hoch an; aber -wie der Horizont von Ulrichs Glück, so war auch die Stirne -des alten Mannes noch immer umwölkt, denn er ahnte, daß es -nicht so bleiben werde, wie es jetzt war, und tief schmerzte es -ihn, daß der Herzog in so mancher wichtigen Angelegenheit von -seinem Rat nicht Gebrauch machte, sondern alles heimlich mit -seinem Kanzler abhandelte. So hatte er unschlüssig und betrübt -diesen Tag der Freude immer hinausgeschoben, aber die schönen -Augen seiner Tochter, in welchen er oft einen leisen Vorwurf -zu lesen glaubte, Georgs Bitten nötigten ihm endlich einen bestimmten -Termin ab. Der Herzog ließ es sich nicht nehmen,<span class="pagenum"><a id="Page_275">[275]</a></span> -die Hochzeit auszurichten. Er mochte sich jener Nächte erinnern, -wo der Vater nicht müde ward, ihm seine Anhänglichkeit zu bezeigen, -wo die zarte Tochter keinen Sturm, keine Kälte scheute, -um ihn am Burgtor zu empfangen, um ihn mit warmen Speisen -zu laben; er mochte sich noch aus der jüngsten Vergangenheit -der Opfer erinnern, die ihm der Bräutigam gebracht hatte, er -zeigte auf glänzende Art, wie er Treue, Aufopferung und Liebe, -die sich ihm so selten bewährt hatten, zu vergelten wisse. Der -Ritter und seine Tochter waren bisher noch immer seine Gäste -im Schloß zu Stuttgart gewesen, jetzt ließ er ein schönes Haus, -nächst der Kollegiatenkirche, mit neuem Hausgerät versehen und -übergab am Vorabend der Hochzeit den Schlüssel dem Fräulein -von Lichtenstein mit dem Wunsche, sie möchte es, so oft sie in -Stuttgart sei, bewohnen.</p> - -<p>Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg -oft in ungewisser Ferne, aber immer mit gleicher Sehnsucht -geschaut hatte. Er rief sich am Morgen dieses Tages das ganze -Leben seiner Liebe zurück; er wunderte sich, wie alles so ganz -anders gekommen war, als er sich gedacht hatte. Wie hätte er, -als er damals durch den Schönbuch nach der Heimat zog, denken -können, daß das Glück, die Geliebte ganz zu besitzen, nicht mehr -so ferne liegen werde, als er fürchtete. Wie hätte er, als er -sich an das Bundesheer anschloß, ahnen können, daß der Herzog, -welchen er zu bekriegen kam, sein Glück gründen werde. Mit -welch heiterer Ruhe dachte er jetzt an die Stürme jener Tage -zurück, wo es ihm zuerst wieder möglich geworden war, der Geliebten -ein Wörtchen der Liebe zuzuflüstern, wo er die Schreckenskunde -vernahm, daß ihr Vater, ein Feind des Bundes, sie mit -sich hinwegführen werde; wo er in Berthas Garten die unglücklichste -Stunde seines Lebens im schmerzlichen Abschied von der -Geliebten hinbrachte, wo er auf lange, vielleicht auf ewig -verloren glaubte, was heute auf ewig sein werden sollte. -Jedes Wort der Geliebten kehrte wieder in seine Erinnerung, -und er mußte aufs neue ihre hohe Zuversicht, ihren -schönen Glauben an ein gütiges Geschick bewundern, den sie auch -damals, wo die Zukunft mit einem düsteren Schleier verhüllt -und keine Aussicht, keine Hoffnung mehr war, nicht verlor, den -sie mit dem letzten Abschiedskuß auch ihm mitzuteilen wußte.</p> - -<p>»Er hat uns nicht gelogen, dieser Glaube,« sprach der junge -Mann, von der Erinnerung bewegt, zu sich; »es lebt eine heilige, -ahnungsvolle Stimme in ihrer reinen Seele, und ihr klares -Auge, das in dem meinigen die Gewißheit meiner Liebe las,<span class="pagenum"><a id="Page_276">[276]</a></span> -tauchte auch damals tief in die Zukunft und verkündete Glück, -es wird sie auch jetzt nicht täuschen, wenn es ein süßes, ungestörtes -Glück in unserer Verbindung liest.«</p> - -<p>Ein bescheidenes Pochen an der Türe unterbrach die lange -Gedankenreihe, die sich an den heutigen Tag knüpfen und in die -ferne Zukunft hinausziehen wollte. Es war Herr Dietrich von -Kraft, der stattlich geschmückt zu ihm eintrat.</p> - -<p>»Wie?« rief dieser Schreiber des großen Rates zu Ulm -und schlug voll Verwunderung die Hände zusammen, »wie? in -diesem Wams wollet Ihr Euch doch hoffentlich nicht trauen -lassen? Es ist schon neun Uhr, die Gänge und Treppen des -Schlosses wimmeln von Hochzeitsgästen, die von Samt und -Seide glänzen, und Ihr, die Hauptperson im Stück, schauet -ruhig zum Fenster hinaus, statt Euren Anzug zu besorgen?«</p> - -<p>»Dort liegt der ganze Staat,« erwiderte Georg lächelnd, -»Barett und Federn, Mantel und Wams, alles aufs schönste -zubereitet, aber Gott weiß, ich habe noch nicht daran gedacht, -daß ich dieses Flitterwerk an mich hängen solle. Dies Wams -ist mir lieber als jenes schöne neue. Ich habe es in schweren, -aber dennoch glücklichen Tagen getragen.«</p> - -<p>»Ja, ja! Ich kenne es wohl; das habt Ihr bei mir in Ulm -getragen, und es ist mir noch wohl erinnerlich, wie Euch Bertha -in diesem blauen Kleid abschilderte, daß ich recht eifersüchtig -ward; aber Flitterwerk nennt Ihr die Kleider da? Ei, der -Tausend! Hätte ich nur mein lebelang solche Flitter. Ha, das -weiße Gewand, mit Gold gestickt, und der blaue Mantel von -Samt! Kann man was Schöneres sehen? Wahrlich, Ihr habt -mit Umsicht ausgewählt, das mag trefflich stehen zu Euren -braunen Haaren!«</p> - -<p>»Der Herzog hat mir es zugeschickt,« antwortete Georg, -indem er sich ankleidete, »mir wäre alles zu kostbar gewesen.«</p> - -<p>»Ist doch ein prächtiger Herr, der Herzog, und jetzt erst, -seit ich einige Zeit hier bin, sehe ich ein, daß man ihm bei uns -in Ulm zu viel getan hat. An einem solchen Hofe ist es doch -was anderes als in den Städten, und Herzog von Württemberg -klingt auch schöner als Bürgermeister von Ulm. Und doch möcht' -ich nicht in seiner Haut stecken. Ihr werdet sehen, Vetter, es -geht noch einmal bergab mit ihm.«</p> - -<p>»Das ist Euer altes Lied, Herr Dietrich. Erinnert Ihr -Euch noch, wie Ihr damals in Ulm groß tatet mit Eurer Politika, -und wie Ihr regieren wolltet in Württemberg? Wie ist -es denn jetzt?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_277">[277]</a></span></p> - -<p>»Ist nicht alles eingetroffen?« erwiderte der Ratsschreiber -mit weiser Miene. »Weiß noch wie heute, daß ich prophezeite, -die Schweizer ziehen heim, die Landschaft werden wir für uns -gewinnen, und die Burgen werden wir einnehmen.«</p> - -<p>»Ja, ja! Ihr habt sie erobern helfen,« lachte Georg, »seid -ja in einer Sänfte zu Feld getragen worden; aber damals -sagtet Ihr auch, der Herzog werde nie zurückkehren, und jetzt -sitzt er ganz warm und ruhig hier.«</p> - -<p>»Nicht so ruhig, als Ihr glaubt. Zwar ich wollte ihm und -Euch wünschen, er behielte sein Land; uns hat es doch nichts -genützt, die großen Herren nehmen alles für sich, an unsereinen -kam nichts als etwa die Ehre, für den Bund geköpft zu werden; -möchte es ihm wohl gönnen; aber – glaubet mir, es sieht nicht -so ruhig aus, als man hier meint. Die vertriebenen Räte -haben von Eßlingen aus an den Kaiser und das Reich geschrieben -und geklagt; der Bund ist wieder auf den Beinen; bei Ulm -steht schon wieder ein neues Heer.«</p> - -<p>»Gerede, nichts weiter; ich weiß gewiß, daß der Herzog -sich mit Bayern versöhnen wird.«</p> - -<p>»Ja, <em class="gesperrt">will</em>, aber nicht versöhnen <em class="gesperrt">wird</em>. Das hat noch -manchen Haken. Aber was sehe ich? Ihr werdet doch nicht -den alten Fetzen von einer Feldbinde zu dem stattlichen Hochzeitsschmuck -anlegen wollen? Pfui, das paßt nicht zusammen, -lieber Vetter.«</p> - -<p>Der Bräutigam betrachtete die Schärpe mit inniger Liebe. -»Das versteht Ihr nicht,« sagte er, »wie gut sich dies zum Hochzeitsgewande -schickt. Es ist ihr erstes Geschenk; sie flocht sie -heimlich bei Nacht auf ihrem Kämmerlein, als ihr die Kunde -kam, daß sie bald scheiden müsse. Sie hat manche Träne hineingewoben, -hat das Gewebe oft an die Lippen gedrückt, drum -ward es mir eine Zauberbinde und meinen Augen ein Trost, -wenn ich im Unglück auf die Brust herniedersah. Sie darf nicht -fehlen, diese Binde; hat sie die Not mit mir getragen, so sei sie -mir ein heiliger Schmuck am Tage des Glückes.«</p> - -<p>»Nun, wie Ihr wollt, hängt sie in Gottes Namen um; -jetzt noch das Barett aufgesetzt und schnell den Mantel umgehängt, -sie läuten schon das Erste drüben in der Kirche. Sputet -Euch, lasset das Bräutlein nicht so lange warten!«</p> - -<p>Der Ratsschreiber stellte sich noch einmal vor den jungen -Mann und musterte mit strengen Kenneraugen seinen Anzug. -Er zog da eine Spange schärfer an, er verwischte dort eine -Falte, steckte hier eine Feder höher, und immer zufriedener<span class="pagenum"><a id="Page_278">[278]</a></span> -wurden seine Blicke. Er gestand sich, daß der große, schlanke -junge Mann, sein schöner Kopf, die klaren, mutigen Augen -ganz des lieblichen Bäschens würdig seien. »Weiß Gott,« sagte -er, »Ihr sehet aus, Vetter, als wäret Ihr von unserem Herrgott -gerade zum Hochzeiter erschaffen worden. Es ist mir lieb, -daß Euch heute Bertha nicht sehen kann, es möchte ihr wieder auf -acht Tage schwindelnd werden, dem armen Kind! – Kommt, -kommt; ich fühle mich stolz, Euer Geselle zu sein, wenn ich auch -vierzehn Tage zu spät nach Ulm zurückkehre.«</p> - -<p>Georgs Wangen röteten sich, sein Herz pochte, als er sein -Gemach verließ. Die Freude, die Erwartung, die Erfüllung -jahrelanger Wünsche bestürmten seine Sinne, und wie trunken -ging er neben Herrn Dietrich durch die Galerien. Die Türe -ging auf, und Marie im Glanze ihrer Schönheit stand umgeben -von vielen Frauen und Fräulein, die, vom Herzog eingeladen, -heute ihre Begleitung bilden sollten. Marie errötete, -als sie den Geliebten sah, sie betrachtete ihn staunend, als seien -seine Züge heute mit einem neuen Glanze übergossen; sie schlug -die Augen nieder, als sie seinen freudetrunkenen Blicken begegnete. -Was hätte Georg dafür gegeben, die Geliebte an sein -Herz ziehen, den Morgengruß der Liebe auf ihre Lippen drücken -zu dürfen, aber die strenge Sitte der Zeit trennte an diesem -Tage durch eine weite Kluft, was sich sonst schon längst gefunden -hätte. Dem Bräutigam war es nicht erlaubt, die Hand -der Braut zu berühren, ehe sie der Priester in die seinige -legte, und der Braut wurde es übel aufgenommen, wenn sie -den Bräutigam gar zu viel und gar zu lange ansah. Züchtig, -ehrbar, die Augen auf den Boden geheftet, die Hände unter der -Brust gefaltet, mußte sie stehen – so wollte es die Sitte.</p> - -<p>Bei mancher anderen möchte diese Stellung erzwungen -und steif erschienen sein, doch, wie die Natur über ihre lieblichsten -Töchter in jeder Lage, in Trauer und Freude, den Zauber -der Schönheit ausgießt, so war auch diese unnatürliche Haltung -der Braut bei Marien zum gelungensten Bild geworden; die -zarte Röte, die alle Augenblicke auf ihren Wangen wechselte, -der süße Mund, in dessen Winkeln ein Lächeln aufzukeimen -schien, der feine, weiche Vorhang der gesenkten Lider, die zarten -Fransen der dunklen Wimpern, durch welche die blauen, glänzenden -Augen wie eine aufgehende Sonne kaum sichtbar durchschimmerten, -sie gaben ein Bild holder verschämter Liebe, die -dem Geliebten die Arme öffnen, die seinen Namen mit den -süßesten Tönen aussprechen, die die Augen aufschlagen möchte,<span class="pagenum"><a id="Page_279">[279]</a></span> -um ihm durch <em class="gesperrt">einen</em> Blick ihre Wünsche zu verkünden; doch -die mächtigere Natur, das verwirrende Gefühl der Beschämung -windet ihr die Hände nur noch fester zusammen, schlägt die zarte -Hülle der Wimpern vor das glühende Auge herab und verschließt -den Mund, daß er nur heimlich und stille lächelt, aber das Geheimnis -der Liebenden nicht ausspricht.</p> - -<p>Verschwunden war die erhabene Haltung Mariens, verschwunden -die Majestät ihrer Stirne und jener gebietende, ernste -Blick, der auch den Kühnsten gefesselt hätte; aber man war versucht, -jene erhabeneren Schönheiten nicht zurückzuwünschen; lag -doch in diesem verschämten Bekenntnis, durch einen Blick des -Geliebten überwunden zu sein, ein höherer Reiz, als wenn das -stolze Auge frei um sich geblickt und dieser geschlossene Mund -das Geständnis der Liebe laut und offen ausgesprochen hätte. -So hatte die Natur Marien an diesem Tage einen neuen Zauber -verliehen, der so mächtig wirkte, daß Georg einige Momente -seine Braut verwunderungsvoll betrachtete und sein Herz sich -stolzer hob, im Gefühle, dieses liebliche Kind sein nennen zu -dürfen.</p> - -<p>Jetzt kam auch der Herzog, der den Ritter von Lichtenstein -an der Hand führte. Er musterte mit schnellen Blicken den -reichen Kreis der Damen, und auch er schien sich zu gestehen, -daß Marie die schönste sei. »Sturmfeder!« sagte er, indem er -den Glücklichen auf die Seite führte, »dies ist der Tag, der dich -für vieles belohnt. Gedenkst du noch der Nacht, wo du mich in -der Höhle besuchtest und nicht erkanntest? Damals brachte -Hans, der Pfeifer, einen guten Trinkspruch aus: ›Dem Fräulein -von Lichtenstein! Möge sie blühen für Euch!‹ – Jetzt ist -sie dein, und was nicht minder schön ist, auch dein Trinkspruch -ist erfüllt: Wir sind wieder eingezogen in die Burg Unserer -Väter.«</p> - -<p>»Möge Euer Durchlaucht dieses Glück so lange genießen, -als ich an Mariens Seite glücklich zu sein hoffe. Aber Eurer -Huld und Gnade habe ich diesen schönen Tag zu verdanken, -ohne Euch wäre vielleicht der Vater –«</p> - -<p>»Ehre um Ehre, du hast Uns treulich beigestanden, als Wir -Unser Land wiedererobern wollten, drum gebührte es sich, daß -auch Wir dir beistanden, um sie zu besitzen. – Wir stellen -heute deinen Vater vor, und als solchem wirst du Uns schon -erlauben, nach der Kirche deine schöne Frau auf die Stirne zu -küssen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_280">[280]</a></span></p> - -<p>Georg gedachte jener Nacht, als der Herzog unter dem -Tor von Lichtenstein sich auf diesen Tag vertröstete, unwillkürlich -mußte er lächeln, wenn er der Würde und Hoheit gedachte, -mit welcher die Geliebte den Mann der Höhle damals -zurückgewiesen hatte. »Immerhin, Herr Herzog, auch auf den -Mund! Ihr habt es längst verdient durch Eure großmütige -Fürsprache.«</p> - -<p>»Wer sind deine Gesellen, die dich zum Altar geleiten?« -fragte der Herzog.</p> - -<p>»Marx Stumpf und der Ulmer Ratsschreiber, ein Vetter -von Lichtenstein.«</p> - -<p>»Wie, das feine Männlein, den mein Kanzler köpfen lassen -wollte? Da hast du links den zierlichsten und rechts den tapfersten -Mann des Schwabenlandes. Glück zu, junger Herr! Doch -ich will dir raten, mehr <em class="gesperrt">rechts</em> zu halten als links, dann kann -es dir nie fehlen auf Erden, und wärst du so eifersüchtig als ein -Türke. Sieh, sieh, da kommt ja der Rechte! sieh, wie seine -breite Gestalt sich wunderlich ausnimmt unter den Frauenzimmern. -Und wie er sich stattlich angetan hat! Den verschossenen -grünen Mantel trug er schon Anno Elf auf Unserer Hochzeit -mit Frau Sabina lobesan.«</p> - -<p>»Kann mich nicht viel mit dem Anzug befassen,« erwiderte -der tapfere Ritter von Schweinsberg, der die letzten Worte -noch gehört hatte; »auch mit dem Tanzen will es nicht recht -gehen, Ihr werdet mich entschuldigen; will aber heute abend -im Ritterspiel der neue Eheherr eine Lanze mit mir brechen, -so –«</p> - -<p>»So willst du ihm aus lauter Zärtlichkeit und Höflichkeit -ein paar Rippen einstoßen!« lachte der Herzog; »das heiße ich -einen Bräutigamsgesellen von echter Art. Nein, da rate ich -dir, Georg, dich lieber links zu halten; der Ulmer wird dir -nicht wehe tun.«</p> - -<p>Die Flügeltüren öffneten sich jetzt, und man sah auf der -breiten Galerie das Hofgesinde des Herzogs in Ordnung aufgestellt. -An diese schlossen sich die Edelknaben an, welche brennende -Kerzen trugen; dann folgte der glänzende Zug der Fräulein -und Edelfrauen, die sich zu diesem Feste eingefunden hatten. -Sie waren in reiche, mit Gold und Silber durchwirkte Stoffe -gekleidet, und jede hatte einen Blumenstrauß und eine Zitrone -in der Hand. Die Braut wurde von Georg von Hewen und -Reinhardt von Gemmingen geführt. Viele Ritter und Edelleute -schlossen sich an diese an, in ihrer Mitte ging Georg von<span class="pagenum"><a id="Page_281">[281]</a></span> -Sturmfeder, Marx Stumpf zu seiner Rechten, der Ratsschreiber -Dietrich von Kraft zu seiner Linken. Sein ganzes Wesen -schien von einer würdigen Freude gehoben, seine Augen blinkten -freudig, sein Gang war der Gang eines Siegers. Er ragte -mit dem wallenden Haar, mit den wehenden Federn des Baretts -weit über seine Gesellen hervor. Die Leute betrachteten ihn -staunend, die Männer lobten laut seine hohe, männliche Gestalt, -seine edle Haltung, aber die Mädchen flüsterten leise und priesen -seine schönen Züge und das freie, glänzende Auge.</p> - -<p>So ging der Zug aus dem Tore des Schlosses nach der -Kirche, die nur durch einen breiten Platz von ihm getrennt war. -Kopf an Kopf standen die schönen Mädchen und die redseligen -Frauen, sie musterten die Anzüge der Fräulein, strengten die -Blicke an, als die schöne Braut vorbeiging, und waren voll -Lobes über den Bräutigam.</p> - -<p>Unter den zahlreichen Zuschauern sah man auch eine rüstige, -runde Bauersfrau mit ihrem Töchterlein stehen. Diese Frau -verneigte sich immerwährend zur großen Belustigung der Städtler -umher, die nur der Braut und dem Herzog diese Aufmerksamkeit -bewiesen. Sie unterhielt sich dabei eifrig mit ihrer -Tochter. Das schöne Kind an ihrer Seite schien aber wenig -auf ihre Reden zu achten; sie übersah den glänzenden Zug der -Fräulein, ihre hellen Augen waren nur immer auf die nahende -Braut gerichtet. Je näher diese kam, desto röter färbten sich -die Wangen des Mädchens, das rote Mieder hob und senkte sich -ungestüm, und das pochende Herz schien die silbernen Ketten, -womit es eingeschnürt war, zersprengen zu wollen. Sie sah -Marien fest und durchdringend an, die hohe Schönheit der -jungen Braut schien sie zu überraschen, ein wehmütiges Lächeln -zuckte um ihren kleinen Mund. »Sie ist's!« rief sie unwillkürlich -aus und verbarg dann schnell ihr Gesicht hinter dem -Rücken ihrer Mutter, denn die Umstehenden sahen verwundert -nach ihr hin.«</p> - -<p>»Jo, dia ist's; Bärbele! Dia ist grausig schö!« flüsterte -die runde Frau und neigte sich tief. »Jetzt wellet mer uf da -Junker bassa.«</p> - -<p>Das Mädchen schien diesen Rat nicht erst zu bedürfen, -denn sie blickte längst hinüber nach jener Seite, woher er kommen -mußte. »Er kommt, er kommt,« hörte sie ihre Nachbarn -flüstern; »der ist's in dem weißen Kleid, mit dem blauen Mantel, -er geht gerade vor dem Herzog.« Sie sah ihn, nur einen Blick -warf sie nach ihm hin und wagte dann nicht mehr aufzublicken;<span class="pagenum"><a id="Page_282">[282]</a></span> -die tiefe Röte ihrer Wangen verschwand, als er vorüberging, -sie zitterte, eine Träne fiel herab auf das rote Mieder; – jetzt -war er vorüber, jetzt hob sich das Köpfchen wieder ein wenig -auf und sandte ihm einen Blick nach, der mehr auszudrücken -schien als die reine Bewunderung oder das Staunen der Neugierde.</p> - -<p>Als der Zug vorüber war, drängten sich die Zuschauer mit -Ungestüm zu den Kirchtüren, und in einem Augenblick war der -Platz, der noch kurz zuvor den Anblick einer bunten, wogenden -Menge dargeboten hatte, wie ausgestorben. Die runde Frau -blickte noch immer staunend den schönen, geputzten Stadtjungfern -nach, welche mit ihren brokatenen Hauben und goldgestickten -Miedern, mit ihren feinen, langen Röcken, an welchen -man nur um den Hals und Busen den Zeug allzusehr gespart -zu haben schien, in der Bauersfrau mächtige Sehnsucht nach -solcher Pracht und Herrlichkeit erweckt hatten.</p> - -<p>Als sie sich umwandte, erschrak sie nicht wenig, denn ihr -holdes Kind hatte das blühende Gesichtchen in die Hände verborgen -und weinte. Sie konnte nicht begreifen, was dem Mädchen -begegnet sein könne, sie faßte ihre Hand, zog sie herab von -den Augen – sie weinte bitterlich. »Was hoscht denn, Bärbele,« -fragte sie halb unmutig, doch nicht ohne Teilnahme, »was -heulscht denn? Hoscht's denn et g'seha? Gang, 's ist jo a -Schand! Wenn's jo ebber sieht; so sag' no, worum du heulscht?«</p> - -<p>»I wois et, Muater!« flüsterte sie, indem sie vergeblich -ihre Tränen zu bezwingen suchte; »es ist mer so weh im Herz -drin, i woiß et worum.«</p> - -<p>»Laß jetzt bleiba, sag e! Komm, sonst kommemer z'spot in -d'Kirch. Hairsch, wie se musizieret und singet? Komm, sonst -sehe mer nix mai!« Die Frau zog bei diesen Worten das Mädchen -nach der Kirche. Bärbele folgte, sie bedeckte die Augen -mit der weißen Schürze, um nicht den Stadtleuten zum Gespötte -zu werden; aber die tiefen Seufzer, die sich aus ihrer -Brust heraufstahlen, ließen ahnen, daß sie einen tiefen Schmerz -vergeblich zu unterdrücken suchte. Die Orgel schwieg, der Chorgesang -verstummte, als sie an der Kirchtüre anlangten. Die -Einsegnung des schönen Paares mußte in diesem Augenblicke -beginnen. Aber vergebens suchte die runde Frau durch die -dichten Reihen zu dringen, welche die Türe füllten, sie wurde, -so oft sie sich in einen freien Raum zu schieben suchte, unwillig -und mit Scheltworten zurückgestoßen.</p> - -<p>»Komm, Muater!« sprach das Mädchen. »Mer wellet<span class="pagenum"><a id="Page_283">[283]</a></span> -hoim; mer sent arme Leut', uns lasset se et in d'Kirch; komm -hoim.«</p> - -<p>»Was? D'Kircha sind für älle Leut' erschaffa; au für -d'Arme. Wia, ihr Herra, lent es e bißle do nei. Mer sehet -jo gar nix.«</p> - -<p>»Waz!« sprach der Mann, an den sie sich gewendet hatte, -und kehrte ihr ein rotbraunes Gesicht mit schrecklichem Bart zu, -»waz? Packt euch fort, wir lassen niemand durch; wir zind -die allergnädigsten herzoglichen Landsknechte, wir, und nach -dem Zanktus, hat der Hauptmann befohlen, darf keine Zeele -mer durch; Mordblei! tut mir leid, wenn ich in der Kirche -fluche, aber ich zag', weg da!«</p> - -<p>»Die Olte muß weg, sogen wer, ober das Dienderl darf -'rein; komm Schatzerl! Do konnst's recht gut sehen; schaut's, -jetzt steckt ihr der Propst den Ring on, jetzt legt er ihne die -Händ' zusommen – gib mir en Schmatzerl, dann darfst's seh'n.« -Der Staberl von Wien streckte bei diesen Worten seine tapfere -Hand nach dem Mädchen aus, doch diese schrie laut auf und -entfloh weinend; die runde Frau aber verwünschte die Stadtleute, -die Stadtkirchen und die unanständigen Landsknechte, -und folgte ihrer Tochter.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap32">32.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">So hab' ich endlich dich gerettet<br /></span> -<span class="i0">Mir aus der Menge wilden Reih'n;<br /></span> -<span class="i0">Du bist in meinen Arm gekettet,<br /></span> -<span class="i0">Du bist nun mein, nun einzig mein;<br /></span> -<span class="i0">Es schlummert alles diese Stunde.<br /></span> -<span class="i0">Nur wir noch leben auf der Welt,<br /></span> -<span class="i0">Wie in der Wasser stillem Grunde<br /></span> -<span class="i0">Der Meergott seine Göttin hält.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Uhland.</em> -</p> -</div> - -<p>Herzog Ulrich von Württemberg liebte eine gute Tafel, -und wenn in guter Gesellschaft die Becher kreisten, pflegte er -nicht so bald das Zeichen zum Aufbruch zu geben. Auch am -Hochzeitsfeste Mariens von Lichtenstein blieb er seiner Gewohnheit -treu. Man war, als die heilige Handlung in der Kirche -vorüber war, in den Lustgarten am Schloß gezogen; dort hatten -sich in den Laubgängen und künstlich verschlungenen Wegen die -Hochzeitsgäste ergangen oder an den zahmen Hirschen und Rehen -im Gehege oder an den Bären, die in einem der Gräben des -Schlosses umherwandelten, sich ergötzt. Um zwölf Uhr hatten<span class="pagenum"><a id="Page_284">[284]</a></span> -die Trompeten zur Tafel gerufen. Sie wurde in der Tyrnitz -gehalten, einer weiten hohen Halle, die viele hundert Gäste faßte. -Diese Halle war die Zierde des Schlosses zu Stuttgart. Sie -maß wohl hundert Schritte in der Länge; die eine Seite, die -gegen den Garten des Schlosses lag, war von vielen breiten -Fenstern unterbrochen, und der freundliche Tag ergoß sich durch -die vielfarbigen Scheiben und erhellte überall das ungeheure -Gemach, das mit seinen Wölbungen und Säulen mehr einer -Kirche als einem Tummelplatze der Freude glich. Um die drei -übrigen Seiten liefen Galerien mit Teppichen reich behängt, -sie waren für die Geiger und Trompeter und für die Zuschauer -bei einem fürstlichen Mahle bestimmt; oft aber dienten sie den -Damen und Kampfrichtern zu Tribünen, wenn nicht der Klang -der Becher, sondern Schwerthiebe, das Krachen der Lanzen, das -Sausen der Speere und das Gelächter und Geschrei der Kämpfer -beim freien Waffenspiel in der Halle erscholl.</p> - -<p>Aber heute sah man hier einen gemischten Kreis schöner -Frauen und fröhlicher Männer um reichbesetzte Tafeln sitzen. -Auf den Galerien schwangen die Geiger lustig ihre Fiedelbogen. -Die Zinkenisten bliesen ihre Backen auf, die Trommler schlugen -kräftig auf die Felle, und mit Jauchzen und Hallo stimmte die -Volksmenge, die man auf den übrigen Teilen der Galerien zugelassen -hatte, ein, wenn die Herren unten einen Trinkspruch -ausgebracht hatten. Am oberen Ende der Halle saß unter einem -Thronhimmel der Herzog. Er hatte seinen Hut weit aus der -Stirne gerückt, schaute fröhlich um sich und sprach dem Becher -fleißig zu. Zu seiner Rechten, an der Seite des Tisches, saß -Marie; jetzt wollte die Sitte nicht mehr, daß sie die Augen -niederschlug und sechs Schritte von dem Geliebten entfernt blieb. -Ein fröhliches Leben war in ihre Augen, um ihren Mund eingezogen; -sie blickte oft nach ihrem neuen Gemahl, der ihr gegenüber -saß, es war ihr oft, als müsse sie sich überzeugen, daß -dies alles kein Traum, daß sie wirklich eine Hausfrau sei und -den Namen, den sie achtzehn Jahre getragen, gegen den Namen -Sturmfeder vertauscht habe; sie lächelte, so oft sie ihn ansah, -denn es kam ihr vor, als gebe er sich, seitdem er aus der Kirche -kam, eine gewisse Würde. »Er ist mein Haupt,« sagte sie -lächelnd zu sich, »mein Herr, mein Gebieter; o der gute Herr! -das liebe Haupt!«</p> - -<p>Und es war so, wie Marie zu bemerken glaubte: Georg -fühlte sich gehobener, mit einer neuen Würde umgeben; es -schien ihm, als zeigen ihm die Junker mehr Ehrfurcht, als ziehen<span class="pagenum"><a id="Page_285">[285]</a></span> -ihn die älteren Ritter mehr freundlicher zu sich heran, seit er -nicht mehr allein in der Welt stand, sondern wie sie ein Hausvater, -vielleicht der Stammhalter eines glänzenden Geschlechtes -geworden war. Denn in den guten alten Zeiten waren die Begriffe -noch anders als heutzutag, und man dachte sich den Edelmann -und den Bürger nicht anders, als mit Weib und Kindern, -und überließ das Zölibat den Mönchen.</p> - -<p>In die Nähe des Herzogs war der Ritter von Lichtenstein, -Marx Stumpf von Schweinsberg und der Kanzler gezogen -worden, und auch der Ratsschreiber von Ulm saß nicht ferne, -weil er heute als Geselle des Bräutigams diesen Ehrenplatz sich -erworben hatte. Der Wein begann schon den Männern aus -den Augen zu leuchten und den Frauen die Wangen höher zu -färben, als der Herzog seinem Küchenmeister ein Zeichen gab. -Die Speisen wurden weggenommen und im Schloßhof unter die -Armen verteilt; auf die Tafel kamen jetzt Kuchen und schöne -Früchte, und die Weinkannen wurden für die Männer mit -besseren Sorten gefüllt; den Frauen brachte man kleine silberne -Becher mit spanischem, süßem Weine. Sie behaupteten zwar, -keinen Tropfen mehr trinken zu können, doch nippten und -nippten sie von dem süßen Nektar immer wieder, bis man die -Nagelprobe hätte machen können. Jetzt war der Augenblick -gekommen, wo nach der Sitte der Zeit dem neuen Ehepaar Geschenke -überbracht wurden. Man stellte Körbe neben Marien -auf, und als die Geiger und Pfeifer von neuem gestimmt hatten -und aufzuspielen anfingen, bewegte sich ein langer, glänzender -Zug in die Halle. Voran gingen die Edelknaben des fürstlichen -Hofes, sie trugen goldene Deckelkrüge, Schaumünzen, -Schmuck von edlen Steinen als Geschenke des Herzogs.</p> - -<p>»Mögen euch diese Becher, wenn sie bei den Hochzeiten -eurer Kinder, bei den Taufen eurer Enkel kreisen, mögen sie -euch an einen Mann erinnern, dem ihr beide im Unglück Liebe -und Treue bewiesen, an einen Fürsten, der im Glück euch immer -gewogen und zugetan ist.«</p> - -<p>Georg war überrascht von dem Reichtum der Geschenke. -»Euer Durchlaucht beschämen uns,« rief er; »wollet Ihr Liebe -und Treue <em class="gesperrt">belohnen</em>, so wird sie nur zu bald um Lohn -feil sein.«</p> - -<p>»Ich habe sie selten rein gefunden,« erwiderte Ulrich, indem -er einen unmutigen Blick über die lange Tafel hinschickte -und dem jungen Mann die Hand drückte, »noch seltener, Freund -Sturmfeder, hat sie mir Probe gehalten, drum ist es billig,<span class="pagenum"><a id="Page_286">[286]</a></span> -daß Wir die reine Treue mit reinem Golde und edle Liebe mit -edlen Steinen zu belohnen suchen. Doch wie, Eure schöne Frau -vergießt Tränen? Ich weiß die Quelle dieses klaren Taues, -es ist die Erinnerung an Unser bitteres Geschick, die Wir selbst -heraufbeschworen haben. Hinweg mit diesen Tränen, schöne -Frau! am Hochzeitstag ist es kein gutes Zeichen. Doch mit -Verlaub Eures Eheherrn will ich jetzt eine alte Schuld einziehen, -Ihr wißt noch, welche?«</p> - -<p>Marie errötete und warf einen forschenden Blick nach -Georg hinüber, als fürchtete sie, jenes alte Uebel, das sie oft -kaum zu beschwören vermochte, möchte wiederkehren. Georg -wußte recht wohl, was der Herzog meine, denn jene Szene, die -er hinter der Türe belauschte, war ihm noch immer im Gedächtnis, -doch er fand Gefallen daran, den Herzog und Marien -zu necken, und antwortete, als diese noch immer schwieg: »Herr -Herzog, wir sind jetzt zusammen ein Leib und eine Seele, wenn -also meine Frau in früheren Zeiten Schulden gemacht hat, so -steht es <em class="gesperrt">mir</em> zu, sie zu bezahlen.«</p> - -<p>»Ihr seid zwar ein hübscher Junge,« entgegnete Ulrich mit -Laune, »und manche unserer Fräulein hier am Tische möchte -vielleicht gerne einen solchen Schuldbrief an Euren schönen -Mund einzufordern haben; mir aber kann dies nicht frommen, -denn meine Urkunde lautet auf die roten Lippen Eurer Frau.«</p> - -<p>Der Herzog stand bei diesen Worten auf und näherte sich -Marien, die bald errötend, bald erbleichend ängstlich auf Georg -herübersah. »Herr Herzog,« flüsterte sie, indem sie den schönen -Nacken zurückbog, »es war nur Scherz; – ich bitte Euch.« Doch -Ulrich ließ sich nicht irre machen, sondern zog die Schuld samt -Zinsen von ihren schönen Lippen ein.</p> - -<p>Der alte Herr von Lichtenstein sah bei dieser Szene finster -bald auf den Herzog, bald auf seine Tochter; vielleicht mochte -ihm Ulrich von Hutten beifallen, denn seine Blicke streiften -auch ängstlich auf seinen Schwiegersohn. Der Kanzler Ambrosius -Volland aber schaute mit höhnischer Schadenfreude aus den -grünen Aeuglein auf den jungen Mann. »Hi, hi,« rief er ihm -zu, »ich leere meinen Becher auf gutes Wohlsein. Eine schöne -Frau ist eine gute Bittschrift in aller Not; wünsche Glück, liebster, -wertgeschätzter Herr; hi! hi! 's ist ja auch was Unschuldiges, -so lange es vor den Augen des Ehemanns geschieht!«</p> - -<p>»Allerdings, Herr Kanzler!« erwiderte Georg mit großer -Ruhe, »um so unschuldiger, als ich selbst dabei war, wie meine -Frau Seiner Durchlaucht diesen Dank zusagte. Der Herr<span class="pagenum"><a id="Page_287">[287]</a></span> -Herzog versprach beim Vater für uns zu bitten, daß er mich zu -seinem Eidam annehme, und bedung sich dafür diesen Lohn an -unserm Hochzeitstage.«</p> - -<p>Der Herzog sah den jungen Mann mit Staunen an; Marie -errötete von neuem, denn sie mochte sich jene ganze Szene ins -Gedächtnis zurückrufen; aber keines von beiden widersprach ihm, -sei es, weil sie es für unschicklich hielten, ihn Lügen zu strafen, -sei es, weil sie ahneten, er könne sie belauscht haben. Aber Ulrich -konnte doch nicht unterlassen, ihn heimlich um die näheren Umstände -zu befragen; er teilte sie ihm in wenigen Worten mit.</p> - -<p>»Du bist ein sonderbarer Kauz!« flüsterte der Herzog -lachend, »was hättest du denn gemacht, wenn Wir damals ein -Küßchen erobert hätten?«</p> - -<p>»Ich kannte Euch noch nicht,« flüsterte Georg ebenso leise, -»drum hätte ich Euch auf der Stelle niedergestochen und an der -nächsten Eiche aufgehängt.«</p> - -<p>Der Herzog biß sich in die Lippen und sah ihn verwundert -an; dann aber drückte er ihm freundlich die Hand und sagte: -»Da hättest du alles Recht dazu gehabt, und Wir wären in -Unseren Sünden abgefahren. – Doch siehe, da bringen sie -wieder Spenden für die Braut.«</p> - -<p>Es erschienen jetzt die Diener der Ritter und Edeln, die -zur Hochzeit geladen waren, die trugen allerlei seltenes Hausgeräte, -Waffen, Stoff zu Kleidern und dergleichen; man wußte -zu Stuttgart, daß es der Liebling des Herzogs sei, dem dieses -Fest gelte, drum hatte sich auch eine Gesandtschaft der Bürger -eingestellt, ehrsame, angesehene Männer in schwarzen Kleidern, -kurze Schwerter an der Seite, mit kurzen Haaren und langen -Bärten. Der eine trug eine aus Silber getriebene Weinkanne, -der andere einen Humpen aus demselben Metall, mit eingesetzten -Schaumünzen geschmückt. Sie nahten sich ehrerbietig -zuerst dem Herzog, verbeugten sich vor ihm und traten dann zu -Georg von Sturmfeder.</p> - -<p>Sie verbeugten sich lächelnd auch vor ihm, und der mit dem -Humpen hub an:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Gegrüßet sei das Ehepaar<br /></span> -<span class="i0">Und leb' zusamt noch manches Jahr!<br /></span> -<span class="i0">Um euch zu fristen langes Leben,<br /></span> -<span class="i0">Will Stuttgart euch ein Tränklein geben.<br /></span> -<span class="i0">Des Lebens Tränklein ist der Wein,<br /></span> -<span class="i0">Komm, guter Geselle, schenk' mir ein.«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_288">[288]</a></span></p> -<p>Der andere Bürger goß aus der Flasche den Humpen voll -und sprach, während der erste trank:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Von diesem Tränklein steht ein Faß<br /></span> -<span class="i0">Vor eurer Wohnung auf der Gaß':<br /></span> -<span class="i0">Es ist vom besten, den wir haben,<br /></span> -<span class="i0">Er soll Euch Leib und Seele laben;<br /></span> -<span class="i0">Er geb' euch Mut, Gesundheit, Kraft:<br /></span> -<span class="i0">Das wünscht euch Stuttgarts Bürgerschaft.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Der erstere hatte indessen ausgetrunken, füllte den Becher -von neuem und sprach, indem er ihn dem jungen Mann -kredenzte:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Und wenn Ihr trinkt von diesem Wein,<br /></span> -<span class="i0">Soll Euer erster Trinkspruch sein:<br /></span> -<span class="i0">›Es leb' der Herzog und sein Haus!‹<br /></span> -<span class="i0">Ihr trinkt bis auf den Boden aus;<br /></span> -<span class="i0">Dann schenkt Ihr wieder frischen ein:<br /></span> -<span class="i0">›Hoch leb' Sturmfeder und Lichtenstein!‹<br /></span> -<span class="i0">Und lüstet Euch noch eins zu trinken,<br /></span> -<span class="i0">Mögt Ihr an Stuttgarts Bürger denken.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Georg von Sturmfeder reichte beiden die Hand und dankte -ihnen für ihr schönes Geschenk; Marie ließ ihre Weiber und -Mädchen grüßen, und auch der Herzog bezeugte sich ihnen gnädig -und freundlich. Sie legten den silbernen Becher und die Kanne -in den Korb zu den übrigen Geschenken und entfernten sich ehrbaren -und festen Schrittes aus der Tyrnitz. Doch die Bürger -waren nicht die letzten gewesen, welche Geschenke gebracht hatten; -denn kaum hatten sie die Halle verlassen, so entstand ein Geräusch -an der Türe, wo die Landsknechte Wache hielten, das -selbst die Aufmerksamkeit des Herzogs auf sich zog. Man hörte -tiefe Männerstimmen fluchen und befehlen, dazwischen ertönten -hohe Weiberstimmen, von denen besonders eine, die am heftigsten -haderte, der Gesellschaft am obersten Ende der Tafel sehr bekannt -schien.</p> - -<p>»Das ist wahrhaftig die Stimme der Frau Rosel!« flüsterte -Lichtenstein seinem Schwiegersohn zu, »Gott weiß, was sie -wieder für Geschichten hat.«</p> - -<p>Der Herzog schickte einen Edelknaben hin, um zu erfahren, -was das Lärmen zu bedeuten habe; er erhielt zur Antwort, -einige Bauernweiber wollen durchaus in die Halle, um den Neuvermählten -Geschenke zu bringen, da es aber nur gemeines Volk<span class="pagenum"><a id="Page_289">[289]</a></span> -sei, so wollen sie die Knechte nicht einlassen. Ulrich gab Befehl, -sie vorzubringen, denn die Sprüchlein der Bürger hatten ihm -gefallen, und auch von den Bauersleuten versprach er sich Kurzweil. -Die Knechte gaben Raum, und Georg erblickte zu seinem -Erstaunen die runde Frau des Pfeifers von Hardt mit ihrem -schönen Töchterlein, geführt von der Frau Rosel, ihrer Base.</p> - -<p>Schon auf dem Wege in die Kirche hatte er die holden -Züge des Mädchens von Hardt, die er nicht aus seinem Gedächtnis -verloren, zu bemerken geglaubt; aber wichtigere Gedanken -und die Heiligkeit des Sakramentes, die seine ganze -Seele füllten, hatten diese flüchtige Erscheinung verdrängt. Er -belehrte die Gesellschaft, wer die Nahenden seien, und mit -großem Interesse blickten sie alle auf das Kind jenes Mannes, -dessen wunderbares Eingreifen in das Schicksal des Herzogs -ihnen oft so unbegreiflich gewesen war, dessen Treue so erhaben, -dessen Hilfe in der Not so willkommen erschienen war. -Das Mädchen hatte die blonden Haare, die offene Stirne, die -Züge ihres Vaters; nur die List, die aus seinen Augen, die -Kühnheit und Kraft, die aus seinem Wesen sprach, war bei ihr, -wenn sie nicht schüchtern und blöde war, in eine neckende Freundlichkeit -und in rüstiges, behendes Wesen übergegangen. So -hatte sie Georg erkannt, als er im Hause des Pfeifers wohnte; -doch heute schien sie vor den vielen vornehmen Leuten etwas -schüchtern, ja, es wollte ihm sogar scheinen, als sei ein neuer -Zug in ihr Gesicht gekommen, den er früher nicht an ihr bemerkt -hatte, eine gewisse Wehmut und Trauer, die sich um ihren -Mund und in ihren Augen aussprach.</p> - -<p>Die Pfeifersfrau wußte, was Lebensart sei, sie verbeugte -sich daher von der Türe der Tyrnitz in einem fort, bis sie zum -Stuhl des Herzogs kam. Frau Rosel hatte noch die Röte des -Zornes auf ihren magern Wangen, denn die Landsknechte, -namentlich der Magdeburger und Kaspar Staberl, hatten sie -höchlich beleidigt und sie eine dürre Stange geheißen. Ehe sie -noch sich sammeln und den Herrschaften geziemend die Familie -ihres Bruders vorstellen konnte, hatte die runde Frau schon -einen Zipfel von des Herzogs Mantel gefaßt und ihn an die -Lippen gedrückt. »Gueten Obed, Herr Herzich,« sprach sie dazu -mit tiefen Knicksen; »wie got Uich's, seit Er wieder in Schtuagert -send; mei Ma loßt Eich schö grüaßa; mer komme aber et -zum Herr Herzich, noi, zu dem Herra dort drübe welle mer. -Mer hent a Hochzeitschenke für sei Frau. Do siezt se jo, gang, -Bärbele, lang's aus em Krättle.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_290">[290]</a></span></p> - -<p>»Ach, du lieber Gott!« fiel Frau Rosel ihrer Schwägerin -ins Wort; »bitt' untertänigst um Verzeihung, Euer Durchlaucht, -daß ich die Leut' 'reingebracht habe; 's ist Frau und -Kind vom Pfeifer von Hardt. Ach, du Herr Gott! nehmet doch -nichts übel, Herr Herzog; die Frau meint's g'wiß gut.«</p> - -<p>Der Herzog lachte mehr über diese Entschuldigung der -Frau Rosel als über die Reden ihrer Schwägerin: »Was macht -denn dein Mann, der Pfeifer? Wird er uns bald besuchen? -Warum kam er nicht mit euch?«</p> - -<p>»Sell hot sein' Grund, Herr!« erwiderte die runde Frau; -»wenn's Krieg geit, bleibt er g'wiß et aus; do ka mer'n brauche; -aber im Frieda? Noi, do denkt er, mit grauße Herra ist's et -guet Kirsche fressa.«</p> - -<p>Frau Rosel wollte beinahe verzweifeln über die Naivität -der runden Frau, sie zog sie am Rock und am langen Zopfband, -es half nichts, die Frau des Pfeifers sprach zu großer Ergötzung -des Herzogs und seiner Gäste immer weiter, und das unauslöschliche -Gelächter, das ihre Antworten erregten, schien ihr -Freude zu machen. Bärbele hatte indessen mit dem Deckel des -Körbchens gespielt, sie hatte einigemal gewagt, ihre Blicke zu -erheben, um jenes Gesicht wiederzusehen, das im Fieber der -Krankheit so oft an ihrem Busen geruht und in ihren treuen -Armen Ruhe und Schlummer gefunden hatte, jenen Mund -wiederzusehen, den sie so oft heimlicherweise mit ihren Lippen -berührt hatte, und jene Augen, deren klarer, freundlicher Strahl -ewig in ihrem Gedächtnis fortglühte. Sie erhob ihre Blicke -immer wieder von neuem, doch, wenn sie bis an seinen Mund -gekommen war, schlug sie sie wieder – aus Furcht, seinem -Auge zu begegnen – herab.</p> - -<p>»Siehe, Marie,« hörte sie ihn sagen, »das ist das gute -Kind, das mich pflegte, als ich krank in ihres Vaters Hütte lag, -das mir den Weg nach Lichtenstein zeigte.«</p> - -<p>Marie wandte sich um und ergriff gütig ihre Hand; das -Mädchen zitterte, und ihre Wangen färbte ein dunkles Rot; sie -öffnete ihr Körbchen und überreichte ein Stück schöner Leinwand -und einige Bündel Flachs, so fein und zart wie Seide. -Sie versuchte zu sprechen, aber umsonst, sie küßte die Hand der -jungen Frau, und eine Träne fiel herab auf ihren Ehering.</p> - -<p>»Ei, Bärbele,« schalt Frau Rosel, »sei doch nicht so schüchtern -und ängstlich. Gnädiges Fräulein – wollte sagen, gnädige -Frau, habt Nachsicht, sie kommt selten zu vornehmen Leuten. -Es ist niemand so gut, er hat zweierlei Mut, heißt es im Sprichwort.<span class="pagenum"><a id="Page_291">[291]</a></span> -Das Mädchen kann sonst so fröhlich sein wie eine Schwalbe -im Frühling. –«</p> - -<p>»Ich danke dir, Bärbele!« sagte Marie. »Wie schön deine -Leinwand ist! Die hast du wohl selbst gesponnen?«</p> - -<p>Das Mädchen lächelte durch Tränen; sie nickte ein Ja! – -zu sprechen schien ihr in diesem Augenblick unmöglich zu sein. -Der Herzog befreite sie von dieser Verlegenheit, um sie in eine -noch größere zu ziehen. »Wahrhaftig, ein schönes Kind hat -Hans der Spielmann,« rief er aus und winkte ihr, näher zu -treten. »Hoch gewachsen und lieblich anzuschauen! Schaut nur, -Herr Kanzler, was ihr das rote Mieder und das kurze Röckchen -gut ansteht; wie? Ambrosius Volland, meinst du nicht, Wir -könnten durch ein allgemeines Edikt diese niedliche Tracht auch -bei unsern Schönen in Stuttgart einführen?«</p> - -<p>Der Kanzler verzog sein Gesicht zu einem greulichen -Lächeln; er beschaute das errötende Mädchen mit seinen Aeuglein -vom Kopf bis zu den Füßen. »Man könnte zum Grund -angeben,« sagte er, »daß dadurch eine Elle in der Länge erspart -würde. So gut Euer Durchlaucht vor einigen Jahren -das Maß und Gewicht hat kleiner machen lassen, habt Ihr -nach allen Regeln der Logika auch das Recht, dem Frauenzimmer -die Röcklein zu verkürzen. Wäre aber damit nichts -gewonnen, denn – hi, hi, hi! schaut nur, was dort wegfiele, -müßten dann die hiesigen Schönen oben wieder ansetzen. Und -wer weiß, ob sie sich gerne dazu verstünden? Sie gehören zum -Geschlecht der Pfauen, und Ihr wißt schon, daß diese nicht gerne -auf ihre Beine sehen.«</p> - -<p>»Hast recht, Ambrosius,« lachte der Herzog. »Es geht -doch nichts über einen gelehrten Herrn! Aber sag' einmal, -Kind, hast du auch schon einen Schatz? einen Liebsten?«</p> - -<p>»Ei was, Euer Durchlaucht!« unterbrach ihn die runde -Frau, »wer wird so ebbes von so ema Kind denka! Se ist a ehrlichs -Mädle, Herr Herzich!«</p> - -<p>Der Herzog schien nicht auf diese Bemerkung zu hören; -er betrachtete lächelnd die Verlegenheit, die sich auf den reinen -Zügen des Mädchens abspiegelte; sie seufzte leise, sie spielte mit -den bunten Bändern ihrer Zöpfe; sie sandte unwillkürlich einen -Blick, aber einen Blick voll Liebe auf Georg von Sturmfeder -und schlug dann errötend wieder die Augen nieder. Der Herzog, -dem dies alles nicht entging, brach in lautes Lachen aus, -in das die übrigen Männer einstimmten. »Junge Frau!« sagte -er zu Marien, »jetzt könnt Ihr billig die Eifersucht Eures<span class="pagenum"><a id="Page_292">[292]</a></span> -Herrn teilen; wenn Ihr gesehen hättet, was ich sah, könntet -Ihr allerlei deuteln und vermuten.«</p> - -<p>Marie lächelte und blickte teilnehmend auf das schöne Mädchen; -sie fühlte, wie wehe ihr der Spott der Männer tun müsse. -Sie flüsterte der Frau Rosel zu, sie und die runde Frau zu -entfernen. Auch dies bemerkte Ulrichs scharfer Blick, und seine -heitere Laune schrieb es der schnell erwachten Eifersucht zu. -Marie aber band ein schönes, aus Gold und roten Steinen -gearbeitetes Kreuzchen ab, das sie an einer Schnur um den -Hals getragen, und reichte es dem überraschten Mädchen. »Ich -danke dir,« sagte sie ihr dazu; »grüße deinen Vater und besuche -uns recht oft hier und in Lichtenstein. Wie wäre es, wenn du -mir dientest als Zofe? Du sollst es gut haben und hast ja auch -deine Muhme, Frau Rosel, bei uns.«</p> - -<p>Das Mädchen erschrak sichtbar; sie schien mit sich zu -kämpfen; oft schien ein freundliches Lächeln »ja« sagen zu wollen, -aber ebenso oft drängte ein schmerzlicher Zug um den Mund -diesen Entschluß zurück. »I dank' schö, gnädige Frau!« antwortete -sie, indem sie Mariens schöne Hand küßte, »aber i mueß -daheim bleibe: d'Mueter wird alt und braucht me, b'hüt Uich -Gott der Herr, älle Heilige walten über Uich, und die heilige -Jungfrau sei Uich gnädig. Lebet g'sund und froh mit Eurem -Herra, es ist a gueter, lieber Herr!« Noch einmal beugte sich -Bärbele herab auf Mariens Hand und entfernte sich dann mit -ihrer Mutter und der Base.</p> - -<p>»Hör' einmal,« rief ihr der Herzog nach, »wenn deine -Mutter einmal zugibt, daß du einen Liebsten bekommst, so bring' -ihn mir; ich will dich ausstatten, du hübsches Pfeiferskind!«</p> - -<p>Unter diesen Szenen war es vier Uhr geworden, und der -Herzog hob die Tafel auf. Dies war das Zeichen, daß sich jetzt -das Volk von den Galerien entfernen müsse, die sogleich mit -Polstern und Teppichen belegt und zum Empfang der Damen -eingerichtet wurden. In dem Parterre der Tyrnitz wurden -schnell die Tafeln weggeräumt, Lanzen, Schwerter, Schilde, -Helme und der ganze Apparat zu Ritterspielen herbeigeschleppt, -und in einem Augenblicke war diese große Halle, die noch -soeben der Sitz der Tafelfreuden gewesen war, zum Waffensaal -eingerichtet. Wie die Damen in unsern Tagen gerne lauschen, -wenn die Männer sich in gelehrte Diskussionen und politische -Streitigkeiten einlassen, wie jede wünscht, den Geliebten oder -Gemahl am scharfsinnigsten urteilen, am schnellzüngigsten disputieren -zu hören, so war es in den guten alten Zeiten den<span class="pagenum"><a id="Page_293">[293]</a></span> -Frauen Freude, selbst blutige Kämpfe ihrer Männer zu beobachten, -und aus manchem schönen Auge blitzte das Hochgefühl, -einem Tapferen anzugehören, manche holde Wange schmückte -ein höheres Rot, nicht wenn der Geliebte in Gefahr, sondern -wenn er sich zurückzuziehen schien oder seine Hiebe nicht so -kräftig waren wie die seines Gegners.</p> - -<p>Es wurden an diesem Abend sogar Pferde in die Halle geführt, -und Marie hatte die Freude, ihrem Geliebten den zweiten -Dank im Rennen überreichen zu können, denn er machte den -Herrn von Hewen zweimal im Sattel wanken. Der tapferste -Kämpfer war Herzog Ulrich von Württemberg, eine Zierde der -Ritterschaft seiner Zeit. Meldet ja doch die Sage von ihm, -daß er an seinem eigenen Hochzeitstage acht der stärksten Ritter -des Schwaben- und Frankenlandes in den Sand warf. Nachdem -die Ritterspiele einige Stunden gedauert hatten, zog man -zum Tanz in den Rittersaal, und den Siegern im Kampfe -wurden die Vortänze eingeräumt. Der fröhliche Reigen ertönte -bis in die Nacht; der Herzog schien alle Sorgen vor der -bangen Zukunft auf den Höcker seines Kanzlers geschoben zu -haben, der wie die böse Zeit in einem Fenster saß und mit -bitterem Lächeln einem Vergnügen zuschaute, von welchem ihn -seine eigene Mißgestalt ausschloß.</p> - -<p>Zum letzten Tanz vor dem Abendtrunk wollte Ulrich die -Krone des Festes, die junge, schöne Frau Marie, aufrufen; doch -im ganzen Saal suchte er und Georg sie vergebens auf, und -die lächelnden Frauen gestanden, daß sechs der schönsten Fräulein -sie entführt und in ihre neue Wohnung begleitet haben, -um ihr dort, wie es die Sitte wolle, die mysteriösen Dienste -einer Zofe zu erzeigen.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Sic transit gloria mundi!</em>« sagte der Herzog lächelnd. -»Und siehe, Georg, da nahen sie schon mit den Fackeln, deine -Gesellen und zwölf Junker, sie wollen dir ›heimzünden‹. Doch -zuvor leere noch einen Becher mit uns. Geh, Mundschenk! -bring' vom Besten!«</p> - -<p>Marx Stumpf von Schweinsberg und Dietrich von Kraft -nahten sich mit Fackeln und boten sich an, Georg nach Hause zu -geleiten. An sie schlossen sich zwölf Junker, ebenfalls mit -Fackeln, an, um dem jungen Mann diese Ehre zu erweisen; -denn so wollte es die Sitte der guten alten Zeit. Der Mundschenk -goß die Becher voll und kredenzte sie seinem Herzog und -Georg von Sturmfeder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_294">[294]</a></span></p> - -<p>Ulrich sah ihn lange und nicht ohne Rührung an; er drückte -seine Hand und sagte: »Du hast Probe gehalten. Als ich verlassen -und elend unter der Erde lag, hast du dich zu mir bekannt; -als jene vierzig meine Burg übergaben und kein Stückchen -Württemberg mehr mein war, bist du mir aus dem Land -gefolgt, hast mich oft getröstet und auch auf diesen Tag verwiesen. -Bleibe mein Freund, wer weiß, was die nächsten Tage -bringen. Jetzt kann ich wieder Hunderten gebieten, und sie -schreien ›Hoch!‹ auf das Wohl meines Hauses, und doch war mir -dein Trinkspruch mehr wert, den du in der Höhle ausbrachtest -und den das Echo beantwortete. Ich erwidere es jetzt und -gebe es dir zurück: Sei glücklich mit deinem Weibe, möge dein -Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen; möge es Württemberg -nie an Männern fehlen, so mutig im Glück, so treu -im Unglück wie du!«</p> - -<p>Der Herzog trank, und eine Träne fiel in seinen Becher. -Die Gäste stimmten jubelnd in seinen Ruf, die Fackelträger -ordneten sich, und seine Gesellen führten Georg von Sturmfeder -aus dem Schloß der Herzoge von Württemberg.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap33">33.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Auch aus entwölkter Höhe<br /></span> -<span class="i0">Kann der zündende Donner schlagen,<br /></span> -<span class="i0">Darum in deinen glücklichen Tagen<br /></span> -<span class="i0">Fürchte des Unglückes tückische Nähe.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Schiller.</em> -</p> -</div> - -<p>Der Weg, den die berühmten Novellisten unserer Tage -bei ihren Erzählungen aus alter oder neuer Zeit einschlagen, -ist ohne Wegsäule zu finden und hat ein unverrücktes, bestimmtes -Ziel. Es ist die Reise des Helden zur Hochzeit. Mag sein -Weg sich noch so oft krümmen, wagt er es sogar, Abstecher zu -machen und in Wirtshäusern und Burgen ungebührlich lange -zu verweilen, er eilt nachher um so rascheren Schrittes seinem -Ziele zu, und wenn er endlich nach so vielen Leiden mit gehöriger -Würde in die Brautkammer geschoben ist, pflegt der -Autor dem Leser die Türe vor der Nase zuzuwerfen und das -Buch zu schließen. Auch wir hätten mit dem herrlichen Reigen -im Schlosse zu Stuttgart schließen oder den Leser mit dem -Fackelzug des Bräutigams aus dem Buche hinaus begleiten -können, aber die höhere Pflicht der Wahrheit und jenes Interesse,<span class="pagenum"><a id="Page_295">[295]</a></span> -das wir an einigen Personen dieser Historie nehmen, -nötigt uns, den geneigten Leser aufzufordern, uns noch einige -wenige Schritte zu begleiten und den Wendepunkt eines Schicksals -zu betrachten, das, in seinem Anfang unglücklich, in seinem -Fortgang günstiger, durch seine eigene Notwendigkeit sich wieder -in die Nacht des Elends verhüllen mußte.</p> - -<p>Das Motto, womit wir diesen Abschnitt bezeichneten, ist -eine Geisterstimme, die warnend durch die Weltgeschichte tönt, -die von vielen vernommen, von den meisten überhört, von -wenigen befolgt wurde. Zu allen Zeiten ging ein finsterer -Geist durch das Haus der Erde, man vernahm oft sein Rauschen, -man suchte es durch die Töne der Freude zu übertäuben. Ulrich -von Württemberg hatte jene Stimme in mancher Nacht vernommen, -die er sorgenvoll auf seinem Lager durchwachte. Er -glaubte das Geräusch vieler Gewappneter und die dröhnenden -Tritte eines Heeres zu vernehmen, er glaubte sie näher und -näher um ihn sich lagern zu hören, und wenn er sich auch überzeugte, -daß es nur die Nachtluft war, die um die Türme seines -Schlosses brauste, so blieb doch eine finstere Ahnung in ihm -zurück, daß sein Schicksal noch einmal sich wenden könnte. Jene -Warnung des alten Ritters von Lichtenstein tönte oft in seiner -Seele wieder, und vergeblich strengte er sich an, die künstlichen -Folgerungen seines Kanzlers sich zu wiederholen, um ein Verfahren -bei sich zu entschuldigen, das ihm jetzt zum wenigsten -nicht genug überdacht schien; denn seine alten Feinde rüsteten -sich mit Macht. Der Bund hatte ein neues Heer geworben und -drang herab ins Land, näher und näher an das Herz von Württemberg. -Die Reichsstadt Eßlingen bot für diese Unternehmungen -einen nur zu günstigen Stützpunkt. Sie liegt nur wenige -Stunden von der Hauptstadt, beinahe mitten im Lande und war, -sobald das Heer des Bundes die Kommunikation mit ihr hergestellt -hatte, eine furchtbare Schanze, um Ausfälle nach Württemberg -zu begünstigen und zu decken. Das Landvolk nahm an -vielen Orten den Bund günstig auf, denn der Herzog hatte sie -durch die neue Art, wie er sich huldigen ließ, ängstlich gemacht. -Der Württemberger liebt von jeher das Alte und Hergebrachte. -Altes Recht, alte Ordnung sind ihm goldene Worte, wenn er -auch oft nicht weiß, was sie bedeuten, und ob das Neue nicht -besser ist. Seine Ruhe, die er bei andern Zufällen des Lebens -zeigt, verläßt ihn, wenn man von Neuerungen spricht, und ein -Eigensinn, der sogar Trotz wird, läßt ihn das Alte mit einer -Glut, mit einer natürlichen Begeisterung umfassen, die ihm<span class="pagenum"><a id="Page_296">[296]</a></span> -sonst fremd ist und gänzlich außer seinem Wesen, der ruhigen, -biederen Geschäftigkeit, liegt.</p> - -<p>Diese Liebe zum Alten hatte der Herzog an seinem Volk -erfahren, als er einige Jahre zuvor seinen Räten folgte und -zur Verbesserung seiner Finanzen ein neues Maß und Gewicht -einführte. Der »Arme Konrad«, ein förmlicher Aufstand armer -Leute, hatte ihn nachdenklich gemacht und den Tübinger Vertrag -eingeleitet. Diese Liebe zum Alten hatte sich auf eine rührende -Weise an ihm gezeigt, als der Bund ins Land fiel und das -Haupt des alten Fürstenstammes verjagen wollte. Ihre Väter -und Großväter hatten unter den Herzogen und Grafen von -Württemberg gelebt, darum war ihnen jeder verhaßt, der diese -verdrängen wollte. Wie wenig sie das Neue lieben, hatten sie -dem Bunde und seinen Statthaltern oft genug bewiesen.</p> - -<p>Der alte, angestammte Herzog, ein Württemberger, kam -wieder ins Land, sie zogen ihm freudig zu. Sie glaubten, jetzt -werde es wieder hergehen wie »<em class="gesperrt">vor alters</em>«; sie hätten recht -gerne Steuern bezahlt, Zehnten gegeben, Gülten aller Art entrichtet -und Fronen geleistet. Sie hätten über Schwereres nicht -gemurrt, wenn es nur nach hergebrachter Art geschehen wäre. -So gut ward es ihnen aber nicht. Die alten Formeln waren -aus dem Huldigungseid verschwunden, die Steuern wurden -nicht mehr nach hergebrachter Sitte eingezogen, es war alles -anders als früher, kein Wunder, wenn sie den Herzog als einen -neuen Herrn ansahen und murrend nach dem alten Recht verlangten. -Sie hatten zu Ulrich kein Zutrauen mehr, nicht weil -seine Hand schwerer auf ihnen ruhte als vorher, nicht weil er -bedeutend mehr von ihnen wollte als früher, sondern weil -sie die neuen Formen mit argwöhnischen Augen ansahen.</p> - -<p>Ein Herzog, besonders wenn er einem Ambrosius Volland -sein Ohr leiht, erfährt selten genau, wie man über ihn denkt -und ob die Maßregeln klug berechnet waren, die ihm seine Räte -an die Hand gaben. Und dennoch entging Ulrichs hellem Auge -die Unzufriedenheit seines Volkes nicht ganz. Er merkte, daß -er im schlimmen Falle sich nicht auf sie werde verlassen können, -so wenig als auf die Ritterschaft des Landes, die, seit er wieder -im Land war, sich sehr neutral verhalten hatte.<a id="FNanchor_42_43"></a><a href="#Footnote_42_43" class="fnanchor">[42]</a></p> - -<p>Seine Unruhe über diese Bemerkungen suchte er jedem -Auge zu verbergen. Er beschwor die wildesten Töne der Freude -herauf, und oft gelang es ihm sogar, zu vergessen, vor welchem -Abgrund er stehe. Er versuchte, um seinem Volke und dem -Heer, das er in und um Stuttgart versammelt hatte, Vertrauen<span class="pagenum"><a id="Page_297">[297]</a></span> -und Mut einzuflößen, einige Einfälle, welche die Bündischen -von Eßlingen aus in sein Land gemacht hatten, verdoppelt heimzugeben. -Er schlug sie zwar und verwüstete ihr Gebiet, aber -er verhehlte sich nicht, wenn er nach einem solchen Siege in -seine Stellungen zurückging, daß das Kriegsglück ihn vielleicht -verlassen könnte, wenn der Bund einmal mit dem großen Heere -im Felde erscheinen werde.</p> - -<p>Und er erschien frühe genug für Ulrichs zweifelhaftes Geschick. -Noch wußte man in Stuttgart wenig oder nichts von -dem Aufgebot des Bundes, noch lebte man am Hof und in der -Stadt in Ruhe und in Freude, als auf einmal am zwölften -Oktober die Landsknechte, welche der Herzog ein Lager bei -Kannstatt hatte beziehen lassen, flüchtig nach Stuttgart kamen -und von einem großen bündischen Heer erzählten, das sie zurückgeworfen -habe. Jetzt merkten die Bewohner Stuttgarts, daß -eine wichtige Entscheidung nahe, jetzt sahen sie ein, daß der -Herzog längst um diesen drohenden Einfall gewußt haben müsse, -denn er ließ an diesem Tage die Aemter aufbieten, ließ die -Truppen sich versammeln, die auf das Land umher verlegt gewesen -waren, und hielt noch am Abend dieses Tages eine Musterung -über zehntausend Mann.<a id="FNanchor_43_44"></a><a href="#Footnote_43_44" class="fnanchor">[43]</a></p> - -<p>Noch in der Nacht zog er mit einem großen Teil der Mannschaft -aus, um die Stellungen, die ein Teil der Landsknechte -zwischen Kannstatt und Eßlingen genommen hatte, zu verstärken.</p> - -<p>In jener Nacht wurde in Stuttgart manche Träne von -schönen Augen geweint, denn Männer und Jünglinge, was die -Waffen führen konnte, zog mit dem Herzog in die Schlacht. -Doch das Rauschen des abziehenden Heeres übertönte die Klagen -der Mädchen und Frauen, sie verhallten wie das Wimmern -eines Kindes im Kampf der Elemente. Mariens Schmerz war -stumm, aber groß, als sie den Gatten unter die Türe herabgeleitete, -wo die Knechte mit den Rossen für ihn und den Vater -hielten. Sie hatten still und einsam, nur mit ihrem Glück beschäftigt, -die ersten Tage ihrer Ehe verlebt. Sie dachten wenig -an die Zukunft, sie glaubten im Hafen zu sein, und indem sie -nur sich selbst lebten, überhörten sie das Flüstern, die geheimnisvolle -Unruhe, die einem nahenden Sturm vorangeht. Sie -waren gewöhnt, den Vater ernst und düster zu sehen, es fiel -ihnen nicht auf, wie sein Auge immer trüber, seine Stirne -finsterer, seine Mienen beinahe traurig wurden. Er sah ihr -süßes Glück, er fühlte mit ihnen, er verbarg, um sie nicht zu -frühe aufzustören, was ihm eine bange Ahnung oft genug sagte.<span class="pagenum"><a id="Page_298">[298]</a></span> -Aber endlich nahte der entscheidende Schlag. Der Herzog von -Bayern war bis in die Mitte des Landes vorgedrungen, und -der Ruf zu den Waffen schreckte Georg aus den Armen seines -geliebten Weibes.</p> - -<p>Die Natur hatte ihr eine starke Seele und jene entschiedene -Erhabenheit über jedes irdische Verhängnis gegeben, die -nur in einer reinen Seele und in der mutigen Zuversicht auf -einen höhern Beistand bestehen kann. Sie wußte, was Georg -der Ehre seines Namens und seinem Verhältnis zum Herzog -schuldig sei, darum erstickte sie jeden lauten Jammer und brachte -ihrer schwächeren Natur nur jenes Opfer schmerzlicher Tränen, -die dem Auge, das den Geliebten tausend Gefahren preisgegeben -sieht, unwillkürlich entströmen.</p> - -<p>»Siehe, ich kann nicht glauben, daß du auf immer von mir -gehst,« sagte sie, indem sie ihre schönen Züge zu einem Lächeln -zwang; »wir haben jetzt erst zu leben begonnen, der Himmel -kann nicht wollen, daß wir schon aufhören sollen. Drum kann -ich dich ruhig ziehen lassen, ich weiß ja zuversichtlich, daß du -mir wiederkehrst!«</p> - -<p>Georg küßte die schönen, weinenden Augen, die ihn so -mild und voll Trost anblickten. Er dachte in diesem Augenblicke -nicht an die Gefahr, der er entgegengehe, er dachte nur -daran, wie groß für das teure Wesen, das er in den Armen -hielt, der Schmerz sein müßte, wenn er nicht mehr zurückkehrte; -wie sie dann ein langes Leben einsam, nur in der Erinnerung -an die wenigen Tage des Glückes, fortleben könnte. Er preßte -sie heftiger in die Arme, als wolle er dadurch diese schwarzen -Gedanken verscheuchen, seine Blicke tauchten tiefer in ihre Augen -herab, um dort Vergessenheit zu suchen, und es gelang ihm; -wenigstens trug er ein schönes Bild der Hoffnung und der Zuversicht -mit sich hinweg.</p> - -<p>Die Ritter stießen vor dem Tor gegen Kannstatt zu dem -Herzog. Es war dunkle Nacht, das erste Viertel des Mondes -und das Heer der Sterne warfen einen matten Schein herab; -Georg glaubte zu bemerken, daß der Herzog finster und in sich -gekehrt sei; denn seine Augen waren niedergeschlagen, seine -Stirne kraus, und er ritt stumm seinen Weg weiter, nachdem -er sie flüchtig mit der Hand gegrüßt hatte.</p> - -<p>Ein nächtlicher Marsch hat immer etwas Geheimnisvolles, -Bedeutendes an sich. Die Sonne, heitere Gegenden, der Anblick -vieler Kameraden, der Wechsel der Aussichten locken bei -Tag den Soldaten zum Gespräch, wohl auch zum Gesang. Weil<span class="pagenum"><a id="Page_299">[299]</a></span> -die Eindrücke von außen stärker sind, denkt man weniger nach -über das Ziel des Marsches, über das Ungewisse des Krieges, -über die Zukunft, die niemand dunkler verhängt ist als dem -Kriegsmann im Felde. Ganz anders auf dem Marsch in der -Nacht. Man hört nur das Gedröhn des Zuges, den taktartigen -Hufschlag der Rosse, ihr Schnauben, das Klirren der Waffen, -und die Seele, die durch das Auge keine Bilder mehr empfängt, -wird durch dieses eintönige Gemurmel ernster; Scherz und Gelächter -sind verstummt, das laute Gespräch sinkt zum Geflüster -herab, und auch dieses gilt nicht mehr gleichgültigen Gegenständen, -sondern der Entscheidung, welcher man entgegenzieht.</p> - -<p>So war auch der Zug in jener Nacht ernst und von keinem -Laut der Freude unterbrochen. Georg ritt neben dem alten -Herrn von Lichtenstein und warf hie und da ängstliche Blicke -auf diesen, denn er hing, wie von Kummer gebückt, im Sattel -und schien ernster als je zu sein. Er hätte beinahe ohne Leben -geschienen, wenn nicht hin und wieder ein Seufzer aus seiner -Brust heraufgestiegen wäre und seine glänzenden Augen nach den -Wölkchen geschaut hätten, die um die bleiche Sichel des Mondes -zogen.</p> - -<p>»Glaubt Ihr, es werde morgen zum Gefecht kommen, -Vater?« flüsterte Georg nach einer Weile.</p> - -<p>»Zum Gefecht? Zur Schlacht.«</p> - -<p>»Wie? Ihr glaubt also, das Bundesheer sei so stark, daß -es uns jetzt schon werde die Spitze bieten können? Es ist nicht -möglich. Herzog Wilhelm müßte Flügel haben, wenn er seine -Bayern herabgeführt hätte, und Frondsberg ist in seinen Entschlüssen -bedächtig. Ich glaube nicht, daß sie viel über sechstausend -stark sind.«</p> - -<p>»Zwanzigtausend,« antwortete der Alte mit dumpfer -Stimme.</p> - -<p>»Bei Gott, das hab' ich nicht gedacht,« entgegnete der junge -Mann mit Staunen. »Freilich, da werden sie uns hart zusetzen. -Doch wir haben geübtes Volk, und des Herzogs Augen -sind schärfer als irgend eines im Bundesheere, selbst als Frondsbergs. -Glaubt Ihr nicht auch, daß wir sie schlagen werden?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ein großer Vorteil -für uns liegt schon darin, daß wir für das Land fechten, die -Bündischen aber dagegen; das macht unseren Truppen Mut; -die Württemberger kämpfen für ihr Vaterland.«</p> - -<p>»Gerade darauf traue ich nicht,« sprach Lichtenstein; »ja,<span class="pagenum"><a id="Page_300">[300]</a></span> -wenn der Herzog sich anders hätte huldigen lassen, so aber – -hat er das Landvolk nicht für sich; sie streiten, weil sie müssen, -und ich fürchte, sie halten nicht lange aus.«</p> - -<p>»Das wäre freilich schlimm,« erwiderte Georg; »doch die -Schwaben sind ein biederes, ehrliches Volk, sie werden den Herzog -nicht in der Not verlassen. Wo glaubt Ihr, daß wir dem -Feind begegnen? Wo werden wir uns stellen?«</p> - -<p>»Zwischen Eßlingen und Kannstatt, bei Untertürkheim -haben die Landsknechte einige Schanzen aufgeworfen und stehen -dort zu dritthalbtausend Mann; wir werden uns noch in dieser -Nacht an sie anschließen.«</p> - -<p>Der Alte schwieg, und sie ritten wieder eine geraume Zeit -stille nebeneinander hin. »Höre, Georg!« hub er nach einer -Weile an; »ich habe schon oft dem Tod Aug' in Auge gesehen -und bin alt genug, mich nicht vor ihm zu fürchten; es kann -jedem etwas Menschliches begegnen – tröste dann mein liebes -Kind, Marie.«</p> - -<p>»Vater!« rief Georg und reichte ihm die Hand hinüber; -»denket nicht solches! Ihr werdet noch lange und glücklich mit -uns leben.«</p> - -<p>»Vielleicht,« entgegnete der alte Mann mit fester Stimme, -»vielleicht auch nicht. Es wäre töricht von mir, dich aufzufordern, -du sollst dich im Gefecht schonen. Du würdest es doch -nicht tun. Doch bitte ich, denk' an dein junges Weib und begib -dich nicht blindlings und unüberlegt in Gefahr. Versprich mir -dies.«</p> - -<p>»Gut, hier habt Ihr meine Hand; was ich tun muß, werde -ich nicht ablehnen, leichtsinnig will ich mich nicht aussetzen; aber -auch Ihr, Vater, könntet dies geloben.«</p> - -<p>»Schon gut, laß das jetzt. Wenn ich etwa morgen totgeschossen -werden sollte, so gilt mein letzter Wille, den ich beim -Herzog niedergelegt habe: Lichtenstein geht auf dich über, du -wirst damit belehnt werden. Mein Name stirbt hier zu Land -mit mir, möge der deinige desto länger tönen.«</p> - -<p>Der junge Mann war von diesen Reden schmerzlich bewegt; -er wollte antworten, als eine bekannte Stimme seinen -Namen rief. Es war der Herzog, der nach ihm verlangte. Er -drückte Mariens Vater die Hand und ritt dann schnell zu Ulrich -von Württemberg.</p> - -<p>»Guten Morgen, Sturmfeder!« sprach dieser, indem seine -Stirne sich etwas aufheiterte. »Ich sag' guten Morgen, denn<span class="pagenum"><a id="Page_301">[301]</a></span> -die Hähne krähen dort unten in dem Dorf. Was macht dein -Weib? Hat sie gejammert, als du wegrittst?«</p> - -<p>»Sie hat geweint,« antwortete Georg; »aber sie hat nicht -mit einem Wort geklagt.«</p> - -<p>»Das sieht ihr gleich; bei Sankt Hubertus! Wir haben -selten eine mutigere Frau gesehen. Wenn nur die Nacht nicht -so finster wäre, daß ich recht in deine Augen sehen könnte, ob -du zum Kampf gestimmt bist und Lust hast, mit den Bündlern -anzubinden?«</p> - -<p>»Sprecht, wohin ich reiten soll; mitten drauf soll es gehen -im Galopp. Glauben Euer Durchlaucht, ich habe in meinem -kurzen Ehestand so ganz vergessen, was ich von Euch erlernte, -daß man in Glück und Unglück den Mut nicht sinken lassen -dürfe?«</p> - -<p>»Hast recht: <em class="antiqua">Impavidum ferient ruinae.</em> Wir haben es -auch gar nicht anders von Unserem getreuen Bannerträger erwartet. -Heute trägt meine Fahne ein anderer, denn dich habe -ich zu etwas Wichtigerem bestimmt. Du nimmst diese hundertundsechzig -Reiter, die hier zunächst ziehen, läßt dir von einem -den Weg zeigen und reitest Trab gerade auf Untertürkheim zu. -Es ist möglich, daß der Weg nicht ganz frei ist, daß vielleicht -die von Eßlingen schon herabgezogen sind, uns den Paß zu versperren; -was willst du tun, wenn es sich so verhält?«</p> - -<p>»Nun, ich werfe mich in Gottes Namen mit meinen hundertundsechzig -Pferden auf sie und hau' mich durch, wenn es -kein Heer ist. Sind sie zu stark, so decke ich den Weg, bis Ihr -mit dem Zug heran seid.«</p> - -<p>»Recht gut gesagt, gesprochen wie ein tapferer Degen, und -haust du so gut auf sie wie auf <em class="gesperrt">mich</em> bei Lichtenstein, so schlägst -du dich durch sechshundert Bündler durch. Die Leute, die ich dir -gebe, sind gut. Es sind die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede -von Stuttgart und den andern Städten. Ich kenne -sie aus manchem Kampf, sie sind wacker und hauen einen Schädel -bis aufs Brustbein durch. Das Schwert in der Faust, reiten -sie dir in die Hölle, wenn sie dir einmal zugetan sind, und wen -sie einmal ans Hirn getroffen haben, der braucht keinen Arzt -mehr auf dieser Welt. Das sind die echten Schwabenstreiche.«</p> - -<p>»Und bei Untertürkheim soll ich mich aufstellen?«</p> - -<p>»Dort triffst du auf einer Anhöhe die Landsknechte unter -Georg von Hewen und Schweinsberg. Die Losung ist: -»Ulericus für immer.« Den beiden Herren sagst du, sie sollen -sich halten bis fünf Uhr; ehe der Tag aufgeht, sei ich mit sechstausend<span class="pagenum"><a id="Page_302">[302]</a></span> -Mann bei ihnen, und dann wollen wir den Bund erwarten. -Gehab' dich wohl, Georg!«</p> - -<p>Der junge Mann erwiderte den Gruß, indem er sich ehrerbietig -neigte; er ritt an der Spitze der tapferen Reiter und -trabte mit ihnen das Tal hinauf. Es waren kräftige Gestalten, -mit breiten Schultern und starken Armen; unter den Sturmhauben -hervor blickten ihn mutige Augen und breite ehrliche -Gesichter freundlich an; er fühlte sich ehrenvoll ausgezeichnet, -eine solche Schar zu führen. Man näherte sich dem Fuß des -Rotenberges, auf dessen Gipfel das Stammschloß von Württemberg -weit über das schöne Neckartal hinsah. Es war vom -Sternenschimmer matt erhellt, und Georg konnte seine Formen -nicht deutlich unterscheiden, aber dennoch blickte er immer wieder -nach diesen Türmen und Mauern hinauf; er erinnerte sich -jener Nacht, wo Ulrich in der Höhle mit Wehmut von der -Burg seiner Väter sprach, von welcher er sonst auf ein schönes -Land voll Obst, Wein und Frucht hinabgeschaut und dies alles -<em class="gesperrt">sein</em> genannt hatte. Er versank in Gedanken über das unglückliche -Schicksal dieses Fürsten, das ihm aufs neue den Besitz -des schönen Landes streitig zu machen schien; er dachte nach -über die sonderbare Mischung seines Charakters, wie hier wahrhafte -Größe oft durch Zorn, Trotz und unbeugsamen Stolz entweiht -sei.</p> - -<p>»Was Ihr dort unten unterscheiden könnet zwischen den -beiden Bäumen,« unterbrach ihn der Reiter, welcher ihm den -Weg zeigte, »ist die Turmspitze von Untertürkheim. Es geht -jetzt wieder etwas ebener, und wenn wir Trab reiten, können -wir bald dort sein.«</p> - -<p>Der junge Mann trieb sein Pferd an, der ganze Zug folgte -seinem Beispiel, und bald waren sie im Angesicht dieses Dorfes. -Hier war eine doppelte Linie von Landsknechten aufgestellt, -welche ihnen drohend die Hellebarden entgegenstreckten. An -vielen Punkten sah man den rötlichen Schimmer glühender Lunten, -die wie Scheinwürmchen durch die Nacht funkelten.</p> - -<p>»Halt, wer da?« rief eine tiefe Stimme aus ihren Reihen. -»Gebt die Losung!«</p> - -<p>»Ulericus für immer!« rief Georg von Sturmfeder. »Wer -seid Ihr?« – »Gut Freund!« rief Marx Stumpf von Schweinsberg, -indem er aus den Reihen der Landsknechte heraus und -auf den jungen Mann zuritt. »Guten Morgen, Georg! Ihr -habt lange auf Euch warten lassen, schon die ganze Nacht sind -wir auf den Beinen und harren sehnlich auf Verstärkung, denn<span class="pagenum"><a id="Page_303">[303]</a></span> -dort drüben im Wald sieht es nicht geheuer aus, und wenn -Frondsberg den Vorteil verstanden hätte, wären wir schon -längst übermannt.«</p> - -<p>»Der Herzog zieht mit sechstausend Mann heran,« erwiderte -Sturmfeder, »längstens in zwei Stunden muß er da -sein.«</p> - -<p>»Sechstausend, sagst du? Bei Sankt Nepomuk, das ist -nicht genug; wir sind zu dritthalbtausend, das macht zusammen -gegen neuntausend. Weißt du, daß sie über zwanzigtausend -stark sind, die Bündischen? Wieviel Geschütz bringt er mit?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht; es wurde erst nachgeführt, als wir ausritten.«</p> - -<p>»Komm, laß die Reiter absitzen und ruhen,« sagte Marx -Stumpf; »sie werden heute Arbeit genug bekommen.«</p> - -<p>Die Reiter saßen ab und lagerten sich; auch die Landsknechte -lösten ihre Reihen auf und stellten nur starke Posten -auf den Anhöhen und am Neckar auf. Marx Stumpf besichtigte -alle Anstalten, und Georg legte sich, in seinen Mantel gehüllt, -nieder, um noch einige Stunden zu ruhen. Die Stille der -Nacht, nur durch den eintönigen Ruf der Wachen unterbrochen, -senkte ihn bald in einen Schlummer, der seine Seele weit hinweg -über Krieg und Schlachten in die Arme seines Weibes -entführte.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap34">34.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">In schwarzen Pulverdämpfen<br /></span> -<span class="i0">Verbirgt sich Mann und Roß;<br /></span> -<span class="i0">Ihr schlagt euch immer kecker<br /></span> -<span class="i0">Bergunter alle zumal;<br /></span> -<span class="i0">Jetzt sprengt ihr durch den Necker,<br /></span> -<span class="i0">Jetzt fechtet ihr im Tal.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">G. Schwab.</em> -</p> -</div> - -<p>Georg erwachte am Wirbeln der Trommeln, die das kleine -Heer unter die Waffen riefen. Ein schmaler Saum war am -Horizont helle, der Morgen kam, die Truppen des Herzogs -sah man in der Ferne daherziehen. Der junge Mann setzte -den Helm auf, ließ sich den Brustharnisch wieder anlegen und -stieg zu Pferd, den Herzog an der Spitze seiner Mannschaft zu -empfangen. Aus Ulrichs Zügen war zwar nicht der Ernst, -wohl aber alle Düsterkeit verschwunden. Sein Auge sprühte -von einem kriegerischen Feuer, und aus seinen Mienen sprach<span class="pagenum"><a id="Page_304">[304]</a></span> -Mut und Entschlossenheit. Er war ganz in Stahl gekleidet und -trug über seinem schweren Eisenkleid einen grünen Mantel mit -Gold verbrämt. Die Farben seines Hauses wehten in seinem -großen wallenden Helmbusch. Sonst unterschied er sich in -nichts von den übrigen Rittern und Edeln, die, ebenfalls in -blankes Eisen »bis an die Zähne« gekleidet, den Herzog in -einem großen Kreis umgaben. Er begrüßte freundlich Hewen, -Schweinsberg und Georg von Sturmfeder und ließ sich von -ihnen über die Stellung des Feindes berichten.<a id="FNanchor_44_45"></a><a href="#Footnote_44_45" class="fnanchor">[44]</a></p> - -<p>Noch war von diesem nichts zu sehen; nur an dem Saume -des Waldes gegen Eßlingen hin sah man hin und wieder seine -Posten stehen. Der Herzog beschloß, den Hügel, den die Landsknechte -besetzt gehalten hatten, zu verlassen und sich in die -Ebene hinabzuziehen. Er hatte wenig Reiterei, der Bund aber, -so berichteten Ueberläufer, zählte dreitausend Pferde. Im Tal -hatte er auf einer Seite den Neckar, auf der andern einen Wald, -und so war er wenigstens auf den Flanken vor einem Reiterangriff -sicher.</p> - -<p>Lichtenstein und mehrere andere widerrieten zwar diese -Stellung im Tal, weil man vom Hügel zu nahe beschossen werden -könne; doch Ulrich folgte seinem Sinn und ließ das Heer -hinabsteigen. Er stellte zunächst vor Türkheim die Schlachtordnung -auf und erwartete seinen Feind. Georg von Sturmfeder -wurde beordert, in seiner Nähe mit den Reitern, die er -ihm anvertraut hatte, zu halten; sie sollten gleichsam seine -Leibwache bilden; zu diesen berittenen Bürgern gesellten sich -noch Lichtenstein und vierundzwanzig andere Ritter, um bei -einem Reiterangriff den Stoß zu verstärken. In jenen Tagen -war ein Treffen oft in viele kleine Zweikämpfe zerstreut, die -Ritter, die einem Heere folgten, fochten selten in geschlossenen -Massen, sondern suchten mit schnellem Blicke einen Gegner unter -den Reihen des Feindes, den sie dann mit Schwert und Lanze -bekämpften. Eine solche Schar war es, die bei Georgs Reiterhaufen -stand, und den Herzog selbst gelüstete es, seine ungeheure -Kraft, seine weitberühmte Fertigkeit in einem solchen Zweikampf -zu erproben, und nur die inständigen Bitten der Ritter -hielten ihn ab, diese romantische Idee auszuführen. Neben dem -Herzog hielt eine sonderbare Figur, beinahe wie eine Schildkröte, -die zu Pferde sitzt, anzusehen. Ein Helm mit großen -Federn saß auf einem kleinen Körper, der auf dem Rücken mit -einem gewölbten Panzer versehen war; der kleine Reiter hatte -die Kniee weit heraufgezogen und hielt sich fest am Sattelknopf.<span class="pagenum"><a id="Page_305">[305]</a></span> -Das herabgeschlagene Visier verhinderte Georg, zu erkennen, -wer dieser lächerliche Kämpfer sei; er ritt daher näher an den -Herzog heran und sagte:</p> - -<p>»Wahrhaftig, Euer Durchlaucht haben sich da einen überaus -mächtigen Kämpen zum Begleiter ausersehen. Sehet nur -die dürren Beine, die zitternden Arme, den mächtigen Helm -zwischen den kleinen Schultern – wer ist denn dieser Riese?«</p> - -<p>»Kennst du den Höcker so schlecht?« fragte der Herzog -lachend. »Sieh nur, er hat einen ganz absonderlichen Panzer -an, der wie eine große Nußschale anzusehen, um seinen teuern -Rücken zu verwahren, wenn es etwa zur Flucht käme. Es ist -mein getreuer Kanzler, Ambrosius Volland.«</p> - -<p>»Bei der heiligen Jungfrau! Dem habe ich bitter unrecht -getan,« entgegnete Georg; »ich dachte, er werde nie ein -Schwert ziehen und ein Roß besteigen, und da sitzt er auf einem -Tier, so hoch wie ein Elefant, und trägt ein Schwert, so groß -als er selbst ist. Diesen kriegerischen Geist hätte ich ihm -nimmer zugetraut.«</p> - -<p>»Meinst du, er reite aus eigenem Entschluß zu Felde? -Nein, ich habe ihn mit Gewalt dazu genötigt. Er hat mir zu -manchem geraten, was mir nicht frommte, und ich fürchte, er -hat mich mit böslicher Absicht aufs Eis geführt; drum mag er -auch die Suppe mit verzehren, die er eingebrockt hat. Er hat -geweint, wie ich ihn dazu zwang, er sprach viel vom Zipperlein -und von seiner Natur, die nicht kriegerisch sei; aber ich ließ -ihn in seinen Harnisch schnüren und zu Pferd heben; er reitet -den feurigsten Renner aus meinem Stall.«</p> - -<p>Während dies der Herzog sprach, schlug der Ritter vom -Höcker das Visier auf und zeigte ein bleiches, kummervolles Gesicht. -Das ewig stehende Lächeln war verschwunden, seine -stechenden Aeuglein waren groß und starr geworden und drehten -sich langsam und schüchtern nach der Seite; der Angstschweiß -stand ihm auf der Stirne, und seine Stimme war zum zitternden -Flüstern geworden: »Um Gottes Barmherzigkeit willen, -wertgeschätzter Herr von Sturmfeder, viellieber Freund und -Gönner, leget ein gutes Wort ein beim gestrengen Herrn, daß -er mich aus diesem Fastnachtspiel entläßt. Es ist des allerhöchsten -Scherzes jetzt genug. Der Ritt in den schweren Waffen -hat mich grausam angegriffen, der Helm drückt mich aufs Hirn, -daß meine Gedanken im Kreise tanzen, und meine Kniee sind -vom Zipperlein gekrümmt: bitte, bitte! leget ein gutes Wort<span class="pagenum"><a id="Page_306">[306]</a></span> -ein für Euren demütigen Knecht Ambrosius Volland; will's -gewißlich vergelten.«</p> - -<p>Der junge Mann wandte sich mit Abscheu von dem grauen, -feigen Sünder. »Herr Herzog,« sagte er, indem ein edler Zorn -seine Wangen rötete, »vergönnt ihm, daß er sich entferne. Die -Ritter haben ihre Schwerter gelüftet und die Helme fester in -die Stirne gedrückt, das Volk schüttelt die Speere und erwartet -mutig das Zeichen zum Angriff, warum soll ein Feigling in -den Reihen von Männern streiten?«</p> - -<p>»Er bleibt, sage ich,« entgegnete der Herzog mit fester -Stimme; »bei dem ersten Schritt rückwärts hau' ich ihn selbst -vom Gaul herunter. Der Teufel saß auf deinen blauen Lippen, -Ambrosius Volland, als du Uns geraten, unser Volk zu verachten -und das Alte umzustoßen. Heute, wenn die Kugeln sausen und -die Schwerter rasseln, magst du schauen, ob dein Rat Uns -frommte.«</p> - -<p>Des Kanzlers Augen glühten vor Wut, seine Lippen zitterten, -und seine Mienen verzerrten sich greulich. »Ich habe Euch -nur geraten; warum habt Ihr es getan?« sagte er. »Ihr seid -Herzog, Ihr habt befohlen und Euch huldigen lassen; was kann -denn <em class="gesperrt">ich</em> dafür?«</p> - -<p>Der Herzog riß sein Pferd so schnell um, daß der Kanzler -bis auf die Mähnen seines Elefanten niedertauchte, als erwarte -er den Todesstreich. »Bei Unserer fürstlichen Ehre,« -rief er mit schrecklicher Stimme, indem seine Augen blitzten, -»Wir bewundern Unsere eigene Langmut. Du hast Unseren -ersten Zorn benützt, du hast dich in Unser Vertrauen einzuschwatzen -gewußt; hätten Wir dir nicht gefolgt, du Schlange, -so stünden heute zwanzigtausend Württemberger hier, und ihre -Herzen wären eine feste Mauer für ihren Fürsten. O, mein -Württemberg! mein Württemberg! Daß ich deinem Rat gefolgt -wäre, alter Freund; ja, es heißt was, von seinem Volk -geliebt zu sein!«</p> - -<p>»Entfernet diese Gedanken vor einer Schlacht,« sagte der -alte Herr von Lichtenstein; »noch ist es Zeit, das Versäumte -einzuholen. Noch stehen sechstausend Württemberger um Euch, -und bei Gott, sie werden mit Euch siegen, wenn Ihr mit Vertrauen -sie in den Feind führet. O Herr! Hier sind lauter -Freunde, vergebet Euren Feinden, entlaßt den Kanzler, der -nicht fechten kann!«</p> - -<p>»Nein! her zu mir, Schildkröte! An meine Seite her, -Hund von einem Schreiber! Wie er zu Rosse sitzt, als hätte<span class="pagenum"><a id="Page_307">[307]</a></span> -ihn unser Herrgott hinaufgeschneit, den Schneemann! Du hast -mein Volk verachtet in deiner Kanzlei und ihnen Gesetze gegeben -mit deiner Schwanenfeder, jetzt sollst du sehen, wie sie -streiten; jetzt sollst du sehen, wie Württemberg siegt oder untergeht. -Ha! seht Ihr sie dort auf dem Hügel? Seht Ihr die -Fahnen mit dem roten Kreuz? Seht Ihr das Banner von -Bayern? Wie ihre Waffen blitzen im Morgenrot, wie ihre -Glieder von tausend Lanzen starren, wie der Wind in ihren -Helmbüschen spielt! – Guten Tag, ihr Herren vom Schwabenbund! -Jetzt geht mir das Herz auf, das ist ein Anblick für einen -Württemberg.«</p> - -<p>»Schaut, sie richten schon die Geschütze,« unterbrach ihn -Lichtenstein; »zurück von diesem Platz, Herr! Hier ist Euer -Leben in augenscheinlicher Gefahr; zurück, zurück, <em class="gesperrt">wir</em> halten -hier; schickt uns Eure Befehle von dort zu, wo Ihr sicher seid!«</p> - -<p>Der Herzog sah ihn groß an. »Wo hast du gehört,« sagte -er, »daß ein Württemberg gewichen sei, wenn der Feind zum -Angriff blasen ließ? Meine Ahnen kannten keine Furcht, und -meine Enkel werden noch aushalten wie sie, <em class="gesperrt">furchtlos und -treu</em>! Sieh, wie der Berg sich dunkler und dunkler füllt von -ihren Scharen. Siehst du jene weißen Wolken am Berg, Schildkröte? -Hörst du sie krachen? Das ist der Donner der Geschütze, -der in unsere Reihen schlägt. Jetzt, wenn du ein gutes -Gewissen hast, wirst du leichter Atem holen, denn um dein Leben -gibt dir keiner einen Pfennig.«</p> - -<p>»Lasset uns beten,« sagte Marx von Schweinsberg, »und -dann drauf in Gottes Namen!«</p> - -<p>Der Herzog faltete andächtig die Hände, seine Begleiter -folgten seinem Beispiel und beteten zum Anfang der Schlacht, -wie es Sitte war in den alten Tagen. Der Donner der feindlichen -Geschütze tönte schauerlich in diese tiefe Stille, in welcher -man jeden Atemzug, jedes leise Flüstern der Betenden hörte. -Auch der Kanzler faltete die Hände, aber seine Augen richteten -sich nicht gläubig auf zum Himmel, sie irrten zagend an den -Bergen umher, und das Beben seines Körpers, so oft Blitz und -Rauch aus den Feldstücken des Feindes fuhr, zeigte, daß seine -Seele nicht zu dem sich aufzuschwingen vermöge, der aus den -Strahlen seiner Morgensonne über Freunde und Feinde herabblickte.</p> - -<p>Ulrich von Württemberg hatte gebetet und zog sein Schwert -aus der Scheide. Die Ritter und Reisigen folgten ihm, und in -einem Augenblick blitzten tausend Schwerter um ihn her. »Die<span class="pagenum"><a id="Page_308">[308]</a></span> -Landsknechte sind schon im Gefecht,« sagte er, indem sein Adlerauge -schnell das Tal überschaute. »Georg von Hewen, Ihr -rückt ihnen mit tausend zu Fuß nach. Schweinsberg lehne sich -mit achthundert an den Wald und warte bis auf weiteres. Reinhardt -von Gemmingen, wollet mit den Eurigen geradeaus ziehen -und den mittleren Raum zwischen dem Wald und dem Neckar -einnehmen. Sturmfeder, du bleibst mit deiner Abteilung Reiter; -doch bist du jeden Augenblick bereit, vorzubrechen. Gott befohlen, -ihr Herren; sollten wir uns hier unten nicht wieder -sehen, so grüßen wir uns desto freudiger oben.« Er grüßte sie, -indem er sein großes Schwert gegen sie neigte. Die Ritter erwiderten -den Gruß und zogen mit ihren Scharen dem Feinde -zu, und ein tausendstimmiges »Ulrich für immer!« ertönte aus -ihren Reihen.</p> - -<p>Das bündische Heer, das auf dem Hügel, den die Herzoglichen -früher besetzt gehalten hatten, angekommen war, begrüßte -seinen Feind aus vielen Feldschlangen und Kartaunen; dann -zogen sie sich allmählich herab ins Tal. Sie schienen durch ihre -ungeheure Anzahl das kleine Heer des Herzogs erdrücken zu -wollen. In dem Augenblick, als die letzten Glieder den Hügel -verlassen wollten, wandte sich der Herzog zu Georg von Sturmfeder. -»Siehst du ihre Feldstücke auf dem Hügel?« fragte er.</p> - -<p>»Wohl; sie sind nur durch wenige Mannschaft bedeckt.«</p> - -<p>»Frondsberg glaubt, weil wir nicht über ihn wegfliegen -können, sei es unmöglich, sein Geschütz zu nehmen. Aber dort -am Wald biegt ein Weg links ein und führt in ein Feld. Das -Feld stößt an jenen Hügel. Kannst du mit deinen Reitern ungehindert -bis in jenes Feld vordringen, so bist du beinahe schon -im Rücken der Bündischen. Dort läßt du die Pferde verschnauben, -legst dann an und im Galopp den Hügel hinauf; die Geschütze -müssen unser sein!«</p> - -<p>Georg verbeugte sich zum Abschied, aber der Herzog bot -ihm die Hand. »Lebe wohl, lieber Junge!« sagte er. »Es ist -hart von uns, einen jungen Ehemann auf so gefährliche Reise -zu schicken, aber Wir wußten keinen Rascheren und Besseren -als dich.«</p> - -<p>Die Wangen des jungen Mannes glühten, als er diese -Worte hörte, und seine Augen blinkten mutig. »Ich danke -Euch, Herr, für diesen neuen Beweis Eurer Gnade,« rief er, -»Ihr belohnt mich schöner, als wenn Ihr mir die schönste Burg -geschenkt hättet. – Lebt wohl, Vater, und grüßt mein Weibchen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_309">[309]</a></span></p> - -<p>»So ist's nicht gemeint!« entgegnete lächelnd der alte Lichtenstein; -»ich reite mit dir unter deiner Führung –«</p> - -<p>»Nein, Ihr bleibet bei mir, alter Freund,« bat der Herzog, -»soll mir denn der Kanzler hier im Felde raten? Da könnte -ich so übel fahren, wie mit seinen anderen Ratschlüssen. Bleibet -mir zur Seite; machet den Abschied kurz, Alter! Euer Sohn -muß weiter!«</p> - -<p>Der Alte drückte Georgs Hand. Lächelnd und mit freudigem -Mute erwiderte dieser den Abschiedsgruß, schwenkte mit -seinen Reitern ab, und »Ulrich für immer!« riefen die Stuttgarter -Bürger zu Pferd, welche er in dieser entscheidenden -Stunde gegen den Feind führte. Georg betrachtete, als er an -dem Waldsaum hinritt, sinnend die Schlacht. Die Württemberger -hatten eine gute Stellung, denn der Wald und der Neckar -deckte sie, und ihre Flügel und das Zentrum waren stark genug, -um auch einen mächtigen Stoß von Reiterei auszuhalten. Er -konnte sich aber nicht verhehlen, daß, wenn sie sich aus dieser -Stellung herauslocken ließen, sie alle diese Vorteile verlieren -würden, weil sie dann entweder zwischen dem Wald und dem -linken Flügel einen bedeutenden Zwischenraum lassen oder, um -diesen auszufüllen, ihre Schlachtlinie so weit ausdehnen müßten, -daß sie an innerer Stärke verlieren würden und leichter durchbrochen -werden könnten. Ein großer Nachteil für die Württemberger -war auch ihre geringe Anzahl, denn der Feind zählte -zwei Dritteile mehr. Er konnte zwar in dem engen Tal seine -Streitkräfte nicht entwickeln und nur wenige Mannschaft auf -einmal ins Treffen führen, doch war dies immer genug, um -die Herzoglichen unausgesetzt zu beschäftigen; der Feind behielt -dadurch immer frische Leute, und es war zu befürchten, daß die -sechstausend Württemberger, wenn sie auch noch so tapfer standhalten -sollten, endlich aus Ermattung werden unterliegen müssen.</p> - -<p>Der Wald nahm jetzt Georg und seine Schar auf; sie rückten -still und vorsichtig weiter, denn Georg wußte wohl, wie schwierig -es für einen Reiterzug sei, im Wald von Fußvolk angegriffen -zu werden. Doch ungefährdet kamen sie bis auf das Feld heraus, -das ihnen der Herzog bezeichnet hatte. Rechts über dem Wald -hin wütete die Schlacht. Das Geschrei der Angreifenden, das -Schießen aus Donnerbüchsen und Feldstücken, das Wirbeln der -Trommeln hallte schrecklich herüber.</p> - -<p>Vor ihnen lag der Hügel, von dessen Gipfel eine gute Anzahl -Kartaunen in die Reihen der Württemberger spielte; dieser -Hügel erhob sich von der Seite des Wäldchens allmählich, und<span class="pagenum"><a id="Page_310">[310]</a></span> -Georg bewunderte den schnellen Blick des Herzogs, der diese -Seite sogleich erspäht hatte, denn von jeder andern Seite wäre, -wenigstens für Reiter, der Angriff unmöglich gewesen. Das -Geschütz wurde, soviel man von unten sehen konnte, nur durch -eine schwache Mannschaft bedeckt, und als daher die Pferde ein -wenig geruht hatten, ordnete Georg seine Schar und brach im -Galopp an der Spitze der Reiter vor. In einem Augenblick -waren sie auf dem Gipfel des Hügels angekommen, und Georg -rief den bündischen Soldaten zu, sich zu ergeben.</p> - -<p>Sie zauderten, und die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede -von Stuttgart ersparten ihnen die Mühe, denn mit -gewaltigen Streichen hieben sie Helme und Köpfe durch, daß -von der Bedeckung bald wenige mehr übrig waren. Georg warf -einen frohlockenden Blick auf die Ebene hinab seinem Herzog -zu; er hörte das Freudengeschrei der Württemberger aus vielen -tausend Kehlen aufsteigen, er sah, wie sie frischer vordrangen, -denn ihre Hauptfeinde, die Feldstücke auf dem Hügel, waren jetzt -zum Schweigen gebracht.</p> - -<p>Aber in diesem Augenblicke der Siegesfreude gewahrte er -auch, daß jetzt der zweite und schwerere Teil seiner schnellen -Operation, <em class="gesperrt">der Rückzug</em>, gekommen sei; denn auch die Bündischen -hatten bemerkt, wie ihr Geschütz plötzlich verstummt sei, -und ihre Obersten hatten alsobald eine Reiterschar gegen den -Hügel aufbrechen lassen. Es war keine Zeit mehr, die schweren -erbeuteten Feldstücke wegzuführen; darum befahl Georg, mit -Erde und Steinen ihre Mündungen zu verstopfen und sie auf -diese Weise unbrauchbar zu machen. Dann warf er einen Blick -auf den Rückweg; zwischen ihm und den Seinigen lag der Wald -auf der einen, das feindliche Heer auf der andern Seite. Wurde -er nur von Reiterei angegriffen, so war der Rückweg durch den -Wald möglich, weil dann der Feind dieselben Schwierigkeiten -zu überwinden hatte wie er. Aber seinem scharfen Auge entging -nicht, daß ein großer Haufe bündischen Fußvolkes in den -Wald ziehe, um ihm den Rückweg abzuschneiden, und so sah er -sich von dem Walde ausgeschlossen. Das große Heer des Bundes -zu durchbrechen, sich mit hundertundsechzig Pferden durch zwanzigtausend -durchzuschlagen, wäre Tollkühnheit gewesen. Es -blieb nur <em class="gesperrt">ein</em> Weg, und auch auf diesem war der Tod gewisser -als die Rettung. Zur Linken des feindlichen Heeres floß der -Neckar. Am andern Ufer war kein Mann von bündischer -Seite; konnte er dieses Ufer gewinnen, so war es möglich, sich -zum Herzog zu schlagen. Schon waren die Reiter des Bundes,<span class="pagenum"><a id="Page_311">[311]</a></span> -wohl fünfhundert stark, am Fuß des Hügels angelangt; er -glaubte an ihrer Spitze den Truchseß von Waldburg zu erblicken; -jedem andern, selbst dem Tod wollte er sich lieber ergeben als -diesem.</p> - -<p>Drum winkte er den tapfern Württembergern nach der -steilern Seite des Hügels hin, die zum Neckar führte. Sie -stutzten; es war zu erwarten, daß unter zehn immer acht stürzen -würden, so jähe war diese Seite, und unten stand zwischen dem -Hügel und dem Fluß ein Haufen Fußvolk, das sie zu erwarten -schien. Aber ihr junger, ritterlicher Führer schlug das Visier -auf und zeigte ihnen sein schönes Antlitz, aus welchem der Mut -der Begeisterung sie anwehte; sie hatten ihn ja noch vor wenigen -Wochen eine holde Jungfrau zur Kirche führen sehen, durften -sie an Weib und Kinder denken, da <em class="gesperrt">er</em> diesen Gedanken weit -hinter sich geworfen hatte?</p> - -<p>»Drauf, wir wollen sie schlachten!« riefen die Fleischer, -»drauf, wir wollen sie hämmern!« riefen die Schmiede, »immer -drauf, wir wollen sie lederweich klopfen!« riefen ihnen die Sattler -nach; »drauf, mit Gott, Ulrich für immer!« rief der hochherzige -Jüngling, drückte seinem Roß die Sporen ein und flog -ihnen voran, den steilen Hügel hinab. Die feindlichen Reiter -trauten ihren Augen nicht, als sie den Hügel heraufkamen, die -verwegene Schar gefangen zu nehmen, und sie schon unten, -mitten unter dem Fußvolk erblickten. Wohl hatte mancher den -kühnen Ritt mit dem Leben bezahlt, mancher war mit dem Roß -gestürzt und in Feindes Hand gefallen, aber die meisten sah -man unten tapfer auf das Fußvolk einhauen, und der Helmbusch -ihres Anführers wehte hoch und mitten im Gedränge. Jetzt -waren die Reihen des Fußvolkes gebrochen, jetzt drängten sich -die Reiter nach dem Neckar – jetzt – setzte ihr Führer an und -war der erste im Fluß. Sein Pferd war stark, und doch vermochte -es nicht mit der Last seines gewappneten Reiters gegen -die Gewalt des vom Regen angeschwellten Stromes anzukämpfen, -es sank, und Georg von Sturmfeder rief den Männern -zu, nicht auf ihn zu achten, sondern sich zum Herzog zu schlagen -und ihm seinen letzten Gruß zu bringen. Aber in demselben -Augenblick hatten zwei Waffenschmiede sich von ihren Rossen -in den Fluß geworfen; der eine faßte den jungen Ritter am -Arm, der andere ergriff die Zügel seines Pferdes, und so brachten -sie ihn glücklich ans Land heraus.</p> - -<p>Die Bündischen hatten ihnen manche Kugel nachgesandt,<span class="pagenum"><a id="Page_312">[312]</a></span> -aber keine hatte Schaden getan, und im Angesicht beider Heere, -durch den Fluß von ihnen getrennt, setzte die kühne Schar ihren -Weg zum Herzog fort. Es war unweit seiner Stellung eine -Furt, wo sie ohne Gefahr übersetzen konnten, und mit Jubel und -Freudengeschrei wurden sie wieder von den Ihrigen empfangen.</p> - -<p>Ein Teil des feindlichen Geschützes war zwar durch diesen -ebenso schnellen als verwegenen Zug Georgs von Sturmfeder -zum Schweigen gebracht worden, aber das Verhängnis Ulrichs -von Württemberg wollte, daß ihm diese kühne Waffentat zu -nichts mehr nützen sollte; die Kräfte seiner Völker waren durch -die immer erneuerten Angriffe des an Zahl weit überlegenen -Feindes endlich völlig erschöpft worden; die Landsknechte hielten -zwar mit ihrem gewöhnlichen kriegerischen Feuer aus, aber ihre -Anführer hatten sich schon genötigt gesehen, sie in Kreise zu -stellen, um den Andrang der feindlichen Kavallerie abzuwehren; -dadurch war die Linie hin und wieder unterbrochen, und das -Landvolk, das man durch eilige Bewaffnung nicht zu Kriegern -hatte machen können, füllte nur schlecht diese Lücken aus. In -diesem Augenblick wurde dem Herzog gemeldet, daß der Herzog -von Bayern Stuttgart plötzlich überfallen und eingenommen -habe, daß ein neues feindliches Heer in seinem Rücken am Fluß -heraufziehe und kaum noch eine Viertelstunde entfernt sei. Da -merkte er, daß er an diesem Tage sein Reich zum zweitenmal -verloren habe, daß ihm nichts mehr übrig bleibe als Flucht oder -Tod, um nicht in die Hände seiner Feinde zu fallen. Seine Begleiter -rieten ihm, sich in sein Stammschloß Württemberg zu -werfen und sich dort zu halten, bis er Gelegenheit fände, heimlich -zu entrinnen; er schaute hinauf nach dieser Burg, die, von dem -Glanz des Tages bestrahlt, ernst auf jenes Tal herabblickte, wo -der Enkel ihrer Erbauer den letzten verzweifelten Kampf um -sein Herzogtum kämpfte. Aber er erbleichte und deutete sprachlos -hinauf, denn auf den Türmen und Mauern dieser Burg -erschienen rote, glänzende Fähnlein, die im Morgenwind spielten; -die Ritter blickten schärfer hin, sie sahen, wie die Fähnlein -wuchsen und größer wurden, und ein schwärzlicher Rauch, der -jetzt an vielen Stellen aufstieg, zeigte ihnen, daß es die Flamme -sei, welche ihre glühenden Paniere siegend auf den Zinnen aufgesteckt -hatte. Württemberg brannte an allen Ecken, und sein -unglücklicher Herr sah mit dem greulichen Lachen der Verzweiflung -diesem Schauspiel zu. Jetzt bemerkten auch die Heere die -brennende Burg. Die Bündischen begrüßten diese Flammen -mit einem Freudengeschrei, den Württembergern entsank der<span class="pagenum"><a id="Page_313">[313]</a></span> -Mut, es war ihnen, als sei dies ein Zeichen, daß das Glück -ihres Herzogs ein Ende habe.</p> - -<p>Schon tönten die Trommeln des im Rücken heranziehenden -Heeres vernehmlicher, schon wich an vielen Orten das Landvolk, -da sprach Ulrich: »Wer es noch redlich mit Uns meint, folge -nach! Wir wollen uns durchschlagen durch ihre Tausende oder -zu Grunde gehen. Nimm mein Banner in die Hand, tapferer -Sturmfeder, und reite mutig mit uns in den Feind!« Georg -ergriff das Panier von Württemberg, der Herzog stellte sich -neben ihn, die Ritter und die Bürger zu Pferd umgaben sie -und waren bereit, ihrem Herzog Bahn zu brechen. Der Herzog -deutete auf eine Stelle, wo die Feinde dünner standen, dort -müsse man durchkommen, oder alles sei verloren. Noch fehlte -es an einem Anführer, und Georg wollte sich an die Spitze -stellen, da winkte ihm der Ritter von Lichtenstein, seinen Platz -an der Seite des Herzogs nicht zu verlassen, und stellte sich vor -die Reiter; noch einmal wandte er die ehrwürdigen Züge dem -Herzog und seinem Sohne zu, dann schloß er das Visier und rief: -»Vorwärts, hie gut Württemberg alleweg!«</p> - -<p>Dieser Reiterzug war wohl zweihundert Pferde stark und -bewegte sich in Form eines Keiles im Trab vorwärts. Der -Kanzler Ambrosius Volland sah sie mit leichtem Herzen abziehen, -denn der Herzog schien ihn ganz vergessen zu haben, und -er hielt jetzt mit sich Rat, wie er ohne Gefahr von seinem hochbeinigen -Tier herabkommen sollte. Doch der edle Renner des -Herzogs hatte mit klugen Augen den Reitern nachgeschaut; solange -sie sich im Trab fortbewegten, stand er stille und regungslos, -jetzt aber ertönten die Trompeten zum Angriff, man sah -das Panier von Württemberg hoch in den Lüften wehen und -die tapfere Reiterschar im Galopp auf den Feind ansprengen. -Auf diesen Moment schien der Renner gewartet zu haben; mit -der Schnelligkeit eines Vogels strich er jetzt über die Ebene hin, -den Reitern nach; dem Kanzler vergingen die Sinne, er hielt -sich krampfhaft am Sattelknopf, er wollte schreien, aber die -Blitzesschnelle, womit sein Roß die Luft teilte, unterdrückte -seine Stimme; in einem Augenblick hatte er den Zug eingeholt; -so schnell sie ihre Rosse auslaufen ließen, er überholte sie, und -so hatte es der Kanzler in kurzer Zeit bis zum Anführer der -Reiter gebracht. Der Feind stutzte über die sonderbare Gestalt, -die mehr einem geharnischten Affen als einem Krieger glich; -noch ehe sie sich recht besinnen konnten, war der fürchterliche -Mann mitten in ihren Reihen, die Württemberger brachen, trotz<span class="pagenum"><a id="Page_314">[314]</a></span> -des entscheidenden Augenblickes, in ein lustiges Gelächter aus, -und auch dieses mochte beitragen, die tapfern Truppen von -Ulm, Gmünd, Aalen, Nürnberg und noch zehn andern Reichsstädten, -welche dieser unerwartete Angriff traf, zu verwirren; -sie zerstiebten vor der ungeheuren Wucht der zweihundert Pferde, -und die ganze Schar war im Rücken des Feindes. Sie setzte -eilig ihren Marsch fort, und ehe noch die bündische Reiterei zum -Nachsetzen herbeigerufen werden konnte, hatte der Herzog mit -wenigen Begleitern sich zur Seite geschlagen; er gewann einen -großen Vorsprung, denn die Reiterei des Bundes erreichte die -berittene Schar der Bürger erst vor den Toren von Stuttgart, -und es fand sich unter ihnen weder der Herzog noch einer seiner -wichtigeren Anhänger, außer dem Kanzler Ambrosius Volland, -den man halbtot vom Pferde hob. Die bündischen Kriegsleute -behandelten ihn, nachdem man ihm die gewölbte Rüstung vom -Leib geschält hatte, sehr übel, denn nur seiner fürchterlichen, -alle Begriffe übersteigenden Tapferkeit schrieben sie es zu, daß -ihnen der Herzog und mit ihm eine Belohnung von tausend -Goldgulden entgangen war. So geschah es, daß dieser tapfere -Kanzler, nicht wie sein Herzog <em class="gesperrt">in</em> der Schlacht, sondern <em class="gesperrt">nach</em> -der Schlacht <em class="gesperrt">geschlagen</em> wurde.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap35">35.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Wohl wieget <em class="gesperrt">eines</em> viele Taten auf –<br /></span> -<span class="i2">Sie achten drauf –<br /></span> -<span class="i0">Das ist um deines Vaterlandes Not<br /></span> -<span class="i2">Der Heldentod.<br /></span> -<span class="i0">Sieh hin, die Feinde fliehen, blick' hinan,<br /></span> -<span class="i0">Der Himmel glänzt, dahin ist unsre Bahn.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">L. Uhland.</em> -</p> -</div> - -<p>Die Nacht, welche diesem entscheidenden Tage folgte, brachten -Herzog Ulrich und seine Begleiter in einer engen Waldschlucht -zu, die durch Felsen und Gesträuche einen sicheren Versteck -gewährte und noch heute bei dem Landvolk die »Ulrichshöhle« -genannt wird. Es war der Pfeifer von Hardt, der -ihnen auf ihrer Flucht als ein Retter in der Not erschienen -war und sie in diese Bucht führte, die nur den Bauern und -Hirten der Gegend bekannt war. Der Herzog hatte beschlossen, -hier zu rasten, um dann, sobald der Tag graute, seine Flucht -nach der Schweiz fortzusetzen. Wohl wäre ihm hiezu die Nacht<span class="pagenum"><a id="Page_315">[315]</a></span> -günstiger gewesen, denn die Bundestruppen hatten schon das -Land besetzt, und es war wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, -daß er sie täuschen und ungehindert entkommen werde; aber die -Pferde waren von dem heißen Schlachttag ermüdet, und es war -unmöglich, den Herzog und seine notwendige Begleitung von -neuem beritten zu machen, ohne die Nachforschung des Feindes -nach diesem Schlupfwinkel zu leiten.</p> - -<p>Die Männer hatten sich um ein spärliches Feuer gelagert. -Der Herzog war längst dem Schlummer in die Arme gesunken -und vergaß vielleicht in seinen Träumen, daß er ein Herzogtum -verloren habe; auch der alte Herr von Lichtenstein schlief, und -Marx Stumpf von Schweinsberg hatte seine mächtigen Arme -auf die Kniee gestützt, sein Gesicht in die Hände verborgen, und -man war ungewiß, ob er schlafe oder, in Kummer versunken, -über das Schicksal des Herzogs nachdachte, das sich mit einem -Schlag so furchtbar gewendet hatte. Georg von Sturmfeder -besiegte die Macht des Schlummers, der sich immer wieder über -ihn lagern wollte; er war der jüngste unter allen und hatte -freiwillig in dieser Nacht die Wache übernommen. Neben ihm -saß Hans, der Pfeifer von Hardt; er sah unverwandt ins Feuer, -und seine Gedanken schienen sich in einem Liedchen zu sammeln, -dessen melancholische Weise er mit leiser, unterdrückter Stimme -vor sich hin sang. Wenn das Feuer heller aufflackerte, schaute -er mit einem trüben Blick nach dem Herzog, und wenn er sah, -daß jener noch immer schlafe, versank er wieder in den flüsternden, -traurigen Gesang.</p> - -<p>»Du singst eine traurige Weise, Hans!« unterbrach ihn -Georg, den die melancholischen Töne dieses Liedes unheimlich -anregten; »es tönt wie Totengesang und Sterbelieder, ich kann -es nicht ohne Schaudern hören.«</p> - -<p>»Wir können alle Tage sterben,« sagte der Spielmann, indem -er düster in die Flamme blickte; »drum sing' ich gerne ein -solches Lied, es ist mir, als könnte ich mit solchen Gedanken -würdiger sterben.«</p> - -<p>»Wie kommst du auf einmal zu diesen Todesgedanken, -Hans? Du warst doch sonst ein fröhlicher Bursche zur Herbstzeit, -und deine Zither tönte auf mancher Kirchweih. Da hast du -gewiß keine Totenlieder gesungen.«</p> - -<p>»Meine Freude ist aus,« erwiderte er und wies auf den -Herzog; »all meine Mühe, all meine Sorge war vergebens; -es ist aus mit dem Herrn, und ich – ich bin sein Schatten;<span class="pagenum"><a id="Page_316">[316]</a></span> -auch mit mir ist's aus; hätte ich nicht Frau und Kind, ich möchte -heute nacht noch sterben.«</p> - -<p>»Wohl warst du immer sein getreuer Schatten,« sagte der -junge Mann gerührt, »und oft habe ich deine Treue bewundert; -höre, Hans! wir sehen uns vielleicht lange nicht mehr. Jetzt -haben wir Zeit zu schwatzen, erzähle mir, was dich so ausschließlich -und enge an den Herzog knüpft, wenn es etwas ist, das du -erzählen kannst.«</p> - -<p>Er schwieg einige Augenblicke und schürte das Feuer zurecht; -ein unruhiges Feuer blitzte in seinen Augen, und Georg -war ungewiß, ob es die Flamme oder eine innere Bewegung -sei, was seine ausdrucksvollen Züge mit wechselnder Röte übergoß. -»Das hat seine eigene Bewandtnis,« sagte er endlich, »und -ich spreche nicht gerne davon. Doch Ihr habt recht, Herr, auch -mir ist es, als werden wir uns lange nicht mehr sehen, so will -ich Euch denn erzählen. Habt Ihr nie von dem Armen Konrad -gehört?«</p> - -<p>»O ja,« erwiderte Georg, »das Gerücht davon kam noch -weiter als bis zu uns nach Franken; war es nicht ein Aufstand -der Bauern? Wollte man nicht sogar dem Herzog ans Leben?«</p> - -<p>»Ihr habt ganz recht, der Arme Konrad war ein böses -Ding. Es mögen nun sieben Jahre sein, da gab es unter uns -Bauern viele Männer, die mit der Herrschaft unzufrieden -waren; es waren Fehljahre gewesen, den Reicheren ging das -Geld aus, die Armen hatten schon lange keines mehr, und doch -sollten wir zahlen ohne Ende, denn der Herzog brauchte gar -viel Geld für seinen Hof, wo es alle Tage zuging wie im -Paradies.«</p> - -<p>»Gaben denn eure Landstände nach, wenn der Herr so viel -Geld verlangte?« fragte Georg.</p> - -<p>»Sie wagten eben auch nicht immer ›nein‹ zu sagen, des -Herzogs Beutel hatte aber gar ein großes Loch, das wir Bauern -mit unserm Schweiß nicht zuleimen konnten. Da gab es nun -viele, die ließen die Arbeit liegen, weil das Korn, das sie pflanzten, -nicht zu ihrem Brot wuchs, und der Wein, den sie kelterten, -nicht für sie in die Fässer floß. Diese, als sie dachten, daß man -ihnen nichts mehr nehmen könne als das arme Leben, lebten -lustig und in Freuden, nannten sich Grafen zu Nirgendsheim, -sprachen viel von ihren Schlössern auf dem Hungerberge und -von ihren bedeutenden Besitzungen in der Fehlhalde und am -Bettelrain; und diese Gesellschaft war der arme Konrad.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_317">[317]</a></span></p> - -<p>Der Pfeifer legte sinnend seine Stirne in die Hand und -schwieg.</p> - -<p>»Von <em class="gesperrt">dir</em> wolltest du ja erzählen, Hans,« sagte Georg, -»von dir und dem Herzog.« –</p> - -<p>»Das hätte ich beinahe vergessen,« antwortete dieser. – -»Nun,« fuhr er fort, »es kam endlich dahin, daß man Maß und -Gewicht geringer machte und dem Herzog gab, was damit gewonnen -wurde. Da ward aus dem Scherz bitterer Ernst. Es -mochte mancher nicht ertragen, daß ringsumher volles Maß und -Gewicht, und nur bei uns kein Recht sei. Im Remstale trug -der Arme Konrad das neue Gewicht hinaus und machte die -Wasserprobe.«</p> - -<p>»Was ist das?« fragte der junge Mann.</p> - -<p>»Ha!« lachte der Bauer, »das ist eine leichte Probe. Man -trug den Pfundstein mit Trommeln und Pfeifen an die Rems -und sagte: ›Schwimmt's oben, hat der Herzog recht; sinkt's -unter, hat der Bauer recht.‹ Der Stein sank unter, und jetzt -zog der Arme Konrad Waffen an. Im Remstal und im Neckartal -bis hinauf gegen Tübingen und hinüber an die Alb standen die -Bauern auf und verlangten das alte Recht. Es wurde gelandtagt -und gesprochen, aber es half doch nichts. Die Bauern -gingen nicht auseinander.«</p> - -<p>»Aber du, von <em class="gesperrt">dir</em> sprichst du ja gar nicht.«</p> - -<p>»Daß ich's kurz sage, ich war einer der Aergsten,« antwortete -Hans, »ich war kühn und trotzig, mochte nicht gerne -arbeiten und wurde wegen Jagdfrevel unmenschlich abgestraft; -da trat ich in den Armen Konrad, und bald war ich so arg -als der <em class="gesperrt">Gaispeter</em> und der <em class="gesperrt">Bregenzer</em>. Der Herzog -aber, als er sah, daß der Aufruhr gefährlich werden könne, ritt -selbst nach Schorndorf. Man hatte uns zur Huldigung zusammenberufen, -wir erschienen zu vielen Hunderten, aber bewaffnet. -Der Herzog sprach selbst zu uns, aber man hörte ihn nicht an. -Da stand der Reichsmarschall auf, erhob seinen goldenen Stab -und sprach: ›Wer es mit dem Herzog Ulrich von Württemberg -hält, trete auf seine Seite!‹ Der Gaispeter aber trat auf -einen hohen Stein und rief: ›Wer es mit dem Armen Konrad -vom Hungerberg hält, trete hierher!‹ Siehe, da stand der Herzog -verlassen unter seinen Dienern. Wir andern hielten zu -dem Bettler.«</p> - -<p>»O, schändlicher Aufruhr,« rief Georg, vom Gefühl des -Unrechts ergriffen; »schändlich vor allen die, welche es so weit<span class="pagenum"><a id="Page_318">[318]</a></span> -kommen ließen! Da war gewiß Ambrosius Volland, der Kanzler, -an vielem schuld?«</p> - -<p>»Ihr könnet recht haben,« erwiderte der Spielmann; »doch -höret weiter: der Herzog, als er sah, daß seine Sache verloren -sei, schwang sich auf sein Roß, wir aber drängten uns um ihn -her; doch noch wagte es keiner, den Fürsten anzutasten, denn er -sah gar zu gebietend aus seinen großen Augen auf uns herab. -›Was wollt Ihr, Lumpen!‹ schrie er und gab seinem Hengst -die Sporen, daß er sich hoch aufbäumte und drei Männer niederriß. -Da erwachte unser Grimm; sie fielen seinem Roß in die -Zügel, sie stachen nach ihm mit Spießen, und ich, ich vergaß -mich so, daß ich ihn am Mantel packte und rief: ›Schießt den -Schelmen tot!‹«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Das warst du</em>, Hans?« rief Georg und sah ihn mit -scheuen Blicken an.</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Das war ich</em>,« sagte dieser langsam und ernst; »aber -es ward mir dafür, was mir gebührte. Der Herzog entkam -uns damals und sammelte ein Heer; wir konnten nicht lange -aushalten und ergaben uns auf Gnad' und Ungnad'. Es wurden -zwölf Anführer des Aufruhrs nach Schorndorf geführt und -dort gerichtet; ich war auch unter diesen. Aber als ich so im -Kerker lag und mein Unrecht und den nahen Tod überdachte, -da graute mir vor mir selbst, und ich schämte mich, mit so -elenden Gesellen, wie die elf andern waren, gerichtet zu werden.«</p> - -<p>»Und wie wurdest du gerettet?« fragte Georg teilnehmend.</p> - -<p>»Wie ich Euch schon in Ulm sagte, durch ein Wunder. Wir -zwölf wurden auf den Markt geführt, es sollte uns dort der -Kopf abgehauen werden. Der Herzog saß vor dem Rathaus -und ließ uns noch einmal vor sich führen. Jene elfe stürzten -nieder, daß ihre Ketten fürchterlich rasselten, und schrieen mit -jammernder Stimme um Gnade. Er sah sie lange an und -betrachtete dann mich. ›Warum bittest du nicht auch?‹ fragte -er. ›Herr,‹ antwortete ich, ›ich weiß, was ich verdient habe, -Gott sei meiner Seele gnädig.‹ Noch einmal sah er auf uns, -dann aber winkte er dem Scharfrichter. Wir wurden nach dem -Alter gestellt, ich als der jüngste war der letzte. Ich weiß wenig -mehr von jenen schrecklichen Augenblicken; aber nie vergesse ich -den greulichen Ton, wenn die Halsknorpel krachten –«</p> - -<p>»Um Gottes willen hör' auf,« bat Georg, »oder übergehe -das Gräßliche!«</p> - -<p>»Neun Köpfe meiner Gesellen staken auf den Spießen, da -rief der Herzog: ›Zehn sollen bluten, zwei frei sein. Bringt<span class="pagenum"><a id="Page_319">[319]</a></span> -Würfel her und laßt die drei dort würfeln!‹ Man brachte -Würfel, der Herzog bot sie mir zuerst; ich aber sagte: ›Ich -habe mein Leben verwirkt und würfle nicht mehr darüber!‹ -Da sprach der Herzog: ›Nun, so würfle ich für dich.‹ Er bot -den zwei andern die Würfel hin. Zitternd schüttelten sie in -den kalten Händen die Würfel, zitternd zählten sie die Augen: -der eine warf neun, der andere vierzehn; da nahm der Herzog -die Würfel und schüttelte sie. Er faßte mich scharf ins Auge, -ich weiß, daß ich nicht gezittert habe. Er warf – und deckte -schnell die Hand darauf. ›Bitte um Gnade,‹ sagte er, ›noch -ist es Zeit!‹ – ›Ich bitte, daß Ihr mir verzeihen möget, was -ich Euch Leids getan,‹ antwortete ich; ›um Gnade aber bitt' -ich nicht, ich habe sie nicht verdient und will sterben.‹ Da deckte -er die Hand auf, und siehe, er hatte achtzehn geworfen. Es war -mir sonderbar zu Mut, es kam mir vor, als habe er gerichtet an -Gottes Statt. Ich stürzte auf meine Kniee nieder und gelobte, -fortan in seinem Dienst zu leben und zu sterben. Der zehnte -ward geköpft, wir beide waren frei.«</p> - -<p>Mit immer höher steigender Teilnahme hatte Georg der -Erzählung des Pfeifers von Hardt zugehört; aber als er schloß, -als sich das sonst so kühn und listig blickende Auge mit Tränen -füllte, da konnte er sich nicht enthalten, seine Hand zu fassen, -sie fest und herzlich zu drücken. »Es ist wahr,« sagte der junge -Mann, »du hast Schweres an deinem Landesherrn verschuldet, -aber du hast auch schrecklich gebüßt, denn du hast den Tod dennoch -erlitten; jenes schnelle Zücken des Schwertes ist nichts -mehr gegen das Gefühl, so viele bekannte Menschen hinrichten -und sich den Tod immer näher kommen zu sehen! Und hast du -nicht durch ein Leben voll Treue, durch Aufopferung und Wagnis -aller Art den Fürsten versöhnt, an den du deine Hand -legtest? Wie oft hast du ihm Freiheit, vielleicht das Leben gerettet! -Wahrlich, deine Schuld ist reichlich abgetragen.«</p> - -<p>Der arme Mann hatte, nachdem er seine Erzählung geschlossen, -wieder mit düsterem Sinnen ins Feuer geschaut. Er -hätte ganz teilnahmlos geschienen, wenn nicht unter den Worten -Georgs nach und nach ein trübes Lächeln auf seinen Zügen -erschienen wäre. »Meint Ihr,« sagte er, »ich hätte gebüßt und -meine Schuld abgetragen? Nein, solche Schulden tilgen sich -nicht so bald, und ein geschenktes Leben muß für den ausgesetzt -werden, der es uns fristete. Das Umherschleichen in den Bergen, -Kundschaft bringen aus Feindes Lager, Höhlen zeigen, wo -man sich verbergen kann, das ist keine schwere Sache, Herr, und<span class="pagenum"><a id="Page_320">[320]</a></span> -das allein tut's nicht. Ich weiß, ich werde noch einmal für ihn -sterben müssen – und dann, Herr, nehmt Euch meines Weibes -und meiner Tochter an.«</p> - -<p>Eine Träne fiel in seinen Bart; doch als schäme er sich, -so weich zu sein, verbarg er sein Gesicht in der Hand und fuhr -fort: »Doch dazu bin ich noch gut genug; wie jeder Kriegsmann, -wie jeder im Volk darf ich für ihn sterben; o, könnte ich -durch meinen Tod seine Huldigung abändern und ihm das Land -wieder verschaffen, noch in dieser Stunde wollte ich sterben!«</p> - -<p>Der Herzog erwachte; er richtete sich auf, er sah mit verwunderten -Blicken um sich her, als sei er durch einen Zauber in -diese Erdschlucht versetzt und sehe jetzt erst diese Felsen und -Bäume, das spärliche Feuer und die von den Flammen beschienenen -Männer, seine Begleiter; er bedeckte seine Augen mit -der Hand, doch er sah wieder auf, als prüfe er, ob diese Erscheinungen -bleiben; – sie blieben, und schmerzlich sah er bald -den einen, bald den andern an. »Ich habe heute ein Land -verloren,« sprach er, »es hat mich nicht so geschmerzt als dieses -Erwachen, denn ich habe es im Traume wieder und noch viel -schöner besessen.«</p> - -<p>»Seid nicht ungerecht, Herr,« sagte Marx Stumpf von -Schweinsberg, indem er sich aus seiner gebückten Stellung aufrichtete; -»seid nicht ungerecht gegen diese Wohltat der Natur. -Wie unglücklich wäret Ihr, wenn Ihr auch im Schlummer, der -Eure Kräfte für das schwere Unglück stärken soll, Euren Verlust -noch fühltet, auch da noch so düster darüber gebrütet hättet. -Ihr seid finster und verschlossen eingeschlummert, jetzt sind -Eure Züge freundlicher und milder; verdanken wir dies nicht -Eurem Traum?«</p> - -<p>»So hätte ich mögen nie erwachen; o daß ich Jahrhunderte -fortgeträumt hätte und dann erwacht wäre; es war so schön, so -tröstlich, was ich träumte!«</p> - -<p>Er stützte die Stirne in die Hand und schien schmerzlich -bewegt. Der alte Herr von Lichtenstein war von den Stimmen -der Sprechenden erweckt worden; er kannte Ulrich und -wußte, daß man ihn nicht über seinen schmerzlichen Verlust -brüten lassen dürfe; er rückte ihm daher näher und sprach:</p> - -<p>»Nun, und wollt Ihr uns nicht auch sagen, was Ihr geträumt -habt? Vielleicht liegt auch für uns ein Trost darin, -denn wisset, ich glaube an Träume, wenn sie in einer wichtigen, -verhängnisvollen Stunde in unsere Seele einziehen, und -ich glaube, sie kommen von oben, um uns zu trösten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_321">[321]</a></span></p> - -<p>Der Herzog schwieg noch eine Weile, er schien über die -Worte des Ritters nachzusinnen; dann fing er an zu erzählen: -»Mein Schwager, Wilhelm von Bayern, hat mir heute zur -Probe seiner Freundschaft die Burg meiner Ahnen niedergebrannt. -Dort hausten seit undenklichen Zeiten die Württemberger, -und das Land, das Wir besitzen, trägt von diesem Schloß -den Namen. Es scheint, als habe er damit Uns eine Todesfackel -anzünden und mit diesen Flammen Unser Wappen und -Gedächtnis und selbst den Namen Württemberg vertilgen wollen. -Und fast könnte er recht haben; denn mein einziges Söhnlein, -Christoph, ist in fernen Landen, mein Bruder Georg hat noch -keine Kinder, und ich – bin geschlagen, verjagt; sie haben -wiederum mein Land besetzt und wo ist Hoffnung, daß ich's -wieder einmal erlange? – – Wie ich nun so ganz verlassen -und elend hier am Feuer saß, wie ich nachdachte über mein -kurzes Glück, und wie ich vielleicht mein Unglück selbst verschuldet -habe; wie ich bedachte, auf welch schwachen Stützen meine -Hoffnung beruhe, und wie selbst der Name Württemberg auslöschen -könne, gleich den letzten Funken in der Asche meiner -Stammburg, da übermannte mich der Jammer, und bitterer -als je fühlte ich die Schläge meines Schicksals. Unter diesen -Gedanken entschlief ich. Doch wie im Wachen meine Seele mit -Sehnsucht und Trauer auf den Höhen des roten Berges und um -die rauchenden Trümmer von Württemberg schwebte, so erging -sich mein Geist auch im Traume dort.«</p> - -<p>Ulrich hielt inne; es war, als fülle ein Bild seine Seele, -das zu schön, zu groß sei, um es mit sterblichen Lippen zu beschreiben; -ein milder Friede lag auf den Zügen des unglücklichen -Fürsten, und ein wunderbarer Glanz drang aus seinen aufwärts -gerichteten Augen. Die Männer umher blickten ihn -staunend an; sie hingen an seinen Lippen und lauschten auf seine -Rede, die ihnen so Wichtiges zu verkünden schien.</p> - -<p>»Höret weiter,« fuhr er fort: »ich sah herab auf das schöne -Neckartal; der Fluß zog wie sonst in schönen blauen Bogen hin, -aber das Tal und die Berge schienen mir lieblicher, glänzender, -die Wälder auf den Höhen waren verschwunden, die Wiesen -waren nicht mehr, sondern von Berg zu Berg zog sich <em class="gesperrt">ein</em> großer -Garten voll grüner Reben und im Tal sah man Obstbäume -und schöne blühende Gärten ohne Zahl. Ich stand entzückt -und schaute und schaute immer wieder hin, denn die Sonne -erschien freundlicher, der Himmel blauer und reiner, das Grün -der Reben und Bäume glänzender als jetzt. Und als ich mein<span class="pagenum"><a id="Page_322">[322]</a></span> -trunkenes Auge erhob und hinüberschaute über den Neckar, da -gewahrte ich auf einem Hügel am Fluß ein freundliches Schloß, -das im Glanz der Morgensonne sich spiegelte; es lag so friedlich -da, daß sein Anblick meiner Seele wohl tat, denn keine Gräben -und hohe Mauern, keine Türme und Zinnen, kein Fallgatter, -keine Zugbrücke erinnerten an den Zwist der Völker und das unsichere, -wechselnde Geschick der Sterblichen.</p> - -<p>»Und als ich verwundert über den tiefen Frieden des Tales -und jenes unbewachten Schlosses mich umsah, waren auch die -Mauern <em class="gesperrt">meiner</em> Burg verschwunden; doch hier wenigstens -log mir der Traum nicht, denn ich sah ja gestern die Zinnen -stürzen und den Wartturm sinken, von welchem sonst mein -Panier in den Lüften wehte. Kein Stein von Württemberg -war mehr zu sehen, aber ein Tempel stand dort mit Säulen und -Kuppel, wie man sie in Rom und Griechenland findet. Ich -dachte nach, wie dies alles auf einmal so habe kommen können, -da gewahrte ich Männer in fremder Kleidung, die nicht weit -von mir standen und auf das Land hinabschauten.</p> - -<p>»Der eine dieser Männer zog vor den übrigen meine Aufmerksamkeit -auf sich; er hatte einen schönen Knaben an der -Hand, dem er das Tal zu seinen Füßen und die Berge umher, -und den Fluß und die Städte und Dörfer in der Nähe und -Ferne zeigte. Ich betrachtete den Mann, er trug die Züge -meines Bruders Georg,<a id="FNanchor_45_46"></a><a href="#Footnote_45_46" class="fnanchor">[45]</a> und es war mir, als müsse er zum -Stamm meiner Ahnen gehören und ein Württemberg sein; er -stieg mit dem Knaben den Berg hinab ins Tal, und die andern -Männer folgten ihm in ehrerbietiger Entfernung; den letzten -hielt ich auf und fragte ihn: wer jener gewesen sei, der dem -Knaben das Land gezeigt habe? ›Das war der König,‹ sagte -er und stieg den Berg hinab.«</p> - -<p>Der Herzog schwieg und sah die Ritter forschend an, als -wollte er ihre Meinung hören; sie schwiegen lange, endlich nahm -der Ritter von Lichtenstein das Wort und sprach: »Ich bin -fünfundsechzig Jahre alt und habe vieles gesehen und gehört auf -Erden und manches, worüber der menschliche Geist erstaunte, -und wo ein frommer Sinn den Finger der Gottheit sah. Glaubet -mir, auch die Träume kommen von Gott, denn nichts geschieht -auf Erden ohne Ursache. Es hat in alten Zeiten Seher -und Propheten gegeben, warum sollte nicht auch in unsern -Tagen der Herr seiner Heiligen einen herabsenden, daß er -einem Unglücklichen im Traume die dunkeln Pforten der Zukunft -öffne und ihn einen Blick in künftige schönere Tage tun<span class="pagenum"><a id="Page_323">[323]</a></span> -lasse? Drum seid getrosten Mutes, Herr! Eure Feste hat der -Feind verbrannt, ihr habt an einem Tage ein Herzogtum -verloren, aber dennoch wird Euer Name nicht verlöschen, -und Euer Gedächtnis wird nicht verloren sein in Württemberg.«</p> - -<p>»Ein König –« sprach der Herzog sinnend, »ist es nicht -vermessen, jetzt, wo ich hinaus muß ins Elend, jetzt an einen -König meines Stammes zu denken? Kann nicht auch die Hölle -solche Träume vorspiegeln, um uns nachher desto bitterer zu -täuschen?«</p> - -<p>»Was zweifelt Ihr an der Zukunft?« sagte Schweinsberg -lächelnd. »Hätte einer Eurer ritterlichen Ahnen, die auf Württemberg -hausten, hätte einer wissen können, daß seine Enkel -Herzoge sein, daß das weite schöne Land ihren Namen Württemberg -tragen werde? Nehmet Euren Traum als den Wink -des Schicksals hin, daß Euer Name in ferner, ferner Zeit auf -diesem Lande bleiben, daß die spätern Fürsten Württembergs -die Züge Eures Stammes tragen werden.«</p> - -<p>»Wohlan, so will ich hoffen,« erwiderte Ulrich von Württemberg, -»will hoffen, daß Uns das Land verbleibe, wie dunkel -auch jetzt Unsere Lose seien. Mögen Unsere Enkel nie so harte -Zeiten sehen wie Wir; möge man auch von Euch sagen, sie -sind – <em class="gesperrt">furchtlos</em>!«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Und treu!</em>« sprach der Bauer mit Nachdruck und stand -auf. »Doch ist es Zeit, Herr Herzog, daß Ihr aufbrechet. Das -Morgenrot ist nicht mehr fern, und über den Neckar wenigstens -müssen wir kommen, solange es noch dunkel ist.«</p> - -<p>Sie standen auf und waffneten sich; die Pferde wurden -herbeigeführt, sie saßen auf, und der Pfeifer ging voran, den -Weg aus der Schlucht zu zeigen. Die Reise des Herzogs zum -Land hinaus war mit großer Gefahr verbunden, denn der Bund -suchte seiner mit aller Mühe habhaft zu werden. Um auf einen -Weg zu gelangen, wo er sicher seinen Feinden entgehen könnte, -war der Herzog genötigt, noch einmal über den Neckar zu gehen. -Dieser Uebergang war nicht ohne Gefahr. Ein starker Gewitterregen -hatte den Fluß angeschwellt, so daß es nicht möglich schien, -ihn mit den Pferden zu durchschwimmen. Die Brücken aber -waren zum größten Teil von dem Bunde besetzt worden; doch -auch hier wußte Hans guten Rat, denn er hatte durch treue -Leute ausgespäht, daß die Brücke von Köngen noch frei sei. Man -hatte sich wohl nicht die Mühe genommen, sie zu besetzen, weil -sie Eßlingen und dem feindlichen Lager allzunahe war, als daß<span class="pagenum"><a id="Page_324">[324]</a></span> -man hätte glauben können, der Herzog werde dort vorüberkommen. -Dieser Weg schien wegen seiner großen Gefahr die -meiste Sicherheit zu gewähren. Ihn wählte Ulrich, und so -zogen sie stille und vorsichtig dem Neckar zu.</p> - -<p>Als sie aus dem Wald ins Feld herauskamen, säumte -schon das Morgenrot den Horizont. Sie ritten jetzt auf besserem -Wege schärfer zu, und bald sahen sie den Neckar schimmern, -und die hochgewölbte Brücke lag nicht ferne mehr von ihnen. -In diesem Augenblicke sah sich Georg um und gewahrte eine -bedeutende Anzahl Reiter, die von der Seite her hinter ihnen -zogen. Er machte seine Begleiter darauf aufmerksam. Sie -sahen sich besorgt um und musterten den Zug, der wohl fünfundzwanzig -Pferde betragen mochte. Es schienen bündische -Reiter zu sein, denn des Herzogs Völker waren gesprengt und -zogen nicht mehr in so geordneten Scharen wie diese.</p> - -<p>Noch zogen jene ruhig ihren Weg und schienen die kleine -Gesellschaft nicht zu bemerken, aber dennoch schien es ratsam, -die Brücke zu gewinnen, wo sich drei Wege schieden, ehe man -von ihnen angerufen und befragt würde. Der Pfeifer lief -voran, so schnell er konnte, der Herzog und die Ritter folgten -ihm in gestrecktem Trab, und je weiter sie sich von den Bündischen -entfernten, desto leichter wurde ihnen ums Herz, denn -alle bangten nicht für ihr eigenes Leben, wohl aber für die -Freiheit Ulrichs.</p> - -<p>Sie hatten die Brücke erreicht, sie zogen hinauf, aber in -demselben Augenblick, wo sie oben auf der Mitte der hohen -Wölbung angekommen waren, sprangen zwölf Männer, mit -Spießen, Schwertern und Büchsen bewaffnet, hinter der Brücke -hervor und besetzten den Ausgang. Der Herzog sah, daß er -entdeckt war, und winkte seinen Begleitern rückwärts. Lichtenstein -und Schweinsberg, die letzten, wandten ihre Rosse, aber -schon war es zu spät, denn die bündischen Reiter, die ihnen im -Rücken nachgezogen waren, hatten sich in Galopp gesetzt und den -Eingang der Brücke in diesem Augenblick erreicht und besetzt.</p> - -<p>Noch war es zu dunkel, als daß man den Feind genau -hätte unterscheiden können, doch nur zu bald zeigten sich seine -feindlichen Absichten. »Ergebet Euch, Herzog von Württemberg,« -rief eine Stimme, die den Rittern nicht unbekannt schien, -»Ihr sehet, es ist kein Ausweg da zur Flucht!«</p> - -<p>»Wer bist du, daß Württemberg sich dir ergeben soll?« -antwortete Ulrich mit grimmigem Lachen, indem er sein Schwert -zog, »du sitzest ja nicht einmal zu Roß; bist du ein Ritter?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_325">[325]</a></span></p> - -<p>»Ich bin der Doktor Calmus,« entgegnete jener, »und bin -bereit, die vielen Liebesdienste zu vergelten, die Ihr mir erwiesen -habt. Ein Ritter bin ich, denn Ihr habt mich ja zum -Ritter vom Esel gemacht; aber ich will Euch dafür zum Ritter -ohne Roß machen. Abgestiegen, sag' ich, im Namen des durchlauchtigsten -Bundes!«</p> - -<p>»Gib Raum, Hans,« flüsterte der Herzog mit unterdrückter -Stimme dem Spielmann zu, der mit gehobener Axt zwischen -ihm und dem Doktor stand; »geh, tritt auf die Seite! Ihr -Freunde, schließt euch an, wir wollen plötzlich auf sie einfallen, -vielleicht gelingt es, durchzubrechen!« Doch nur Georg vernahm -diesen Befehl des Herzogs, denn die zwei andern Ritter -hielten wohl zehn Schritte hinter ihnen den Eingang besetzt -und waren schon mit den bündischen Reitern im Gefecht, die -umsonst dieses ritterliche Paar zu durchbrechen und zu dem -Herzog durchzudringen versuchten. Georg schloß sich an Ulrich -an und wollte mit ihm auf den Doktor und die Knechte einsprengen, -aber diesem war das Flüstern des Herzogs nicht entgangen. -»Drauf, ihr Männer! der im grünen Mantel ist's; -lebendig oder tot!« rief er, drang mit seinen Knechten vor und -griff zuerst an. Sein langer Arm führte einen fünf Ellen -langen Spieß. Er zückte ihn nach Ulrich, und es wäre vielleicht -um ihn geschehen gewesen, da er ihn in der Dunkelheit -nicht gleich bemerkte, doch Hans kam ihm zuvor, und indem der -berühmte Doktor Kahlmäuser nach der Brust seines Herrn stieß, -war ihm die Axt des Pfeifers tief in die Stirne gedrungen. Er -fiel, so lang er war, mit Gebrüll auf die Knechte zurück. Sie -stutzten, der Bauersmann schien ein schrecklicher Kämpfer, denn -seine Axt schwirrte immer noch in den Lüften, er bewegte sie -wie eine Feder hin und her; sie zogen sich sogar einige Schritte -zurück. Diesen Augenblick benützte Georg, riß dem Herzog den -grünen Mantel ab, hing ihn sich selbst um und flüsterte ihm zu, -sein Pferd zu spornen und sich über die Brüstung der Brücke -hinabzustürzen. Der Herzog warf einen Blick auf die hochgehenden -Wellen des Neckars und hinauf zum Himmel. Es -schien keine andere Rettung möglich, und er wollte lieber auf -Leben und Tod den Sprung wagen, als seinen Feinden in die -Hände fallen. Doch der Anblick, der sich ihm in diesem schrecklichen -Moment darbot, zog ihn noch einmal zurück.</p> - -<p>Die Knechte hatten die Speere vorgestreckt und drangen -vor. Der Pfeifer stand noch immer, obgleich aus mehreren -Wunden blutend, und schlug mit der Axt ihre Speere nieder.<span class="pagenum"><a id="Page_326">[326]</a></span> -Seine Augen blitzten, seine kühnen Züge trugen den Ausdruck -von freudiger Begeisterung, und das Lächeln, das um seinen -Mund zog, war nicht das der Verzweiflung, nein, seine mutige -Seele erbebte nicht vor dem nahenden Tod, er blickte ihm mit -stolzer Freude entgegen, als sei <em class="gesperrt">er</em> der Kampfpreis, um den er -so viele Sorgen und Gefahren auf sich genommen habe. Noch -einen schlug er mit seiner starken Rechten zu Boden, da stieß -ihm einer der Knechte von der Seite her die Hellebarde in die -Brust, in diese treue Brust, die noch im Tod ein Schild für den -unglücklichen Fürsten war, dem nie ein treueres Herz geschlagen -hatte. Er wankte, er sank zusammen, er heftete das brechende -Auge auf seinen Herrn: »Herr Herzog, <em class="gesperrt">wir sind quitt</em>!« -rief er freudig aus und senkte sein Haupt zum Sterben.</p> - -<p>An ihm vorüber ging der Weg der Knechte, die mit Freudengeschrei -näher zudrangen – da warf sich Georg von Sturmfeder -in die Mitte, seine Klinge schwirrte in der Luft, und so -oft sie niederfiel, zuckte einer der Feinde am Boden. Er war -der letzte Schild des Herzogs Ulrich von Württemberg; sank -dieser noch, so war Gefangenschaft oder Tod unvermeidlich. -Drum wandte er sich zum letzten Mittel. Er warf noch einen -tränenschweren Blick auf die Leiche jenes Mannes, der seine -Treue mit dem Tod besiegelt hatte, dann riß er sein mächtiges -Streitroß zur Seite, spornte es, daß es sich hoch aufbäumte, -wandte es mit einem starken Drucke rechts, und – in einem -majestätischen Sprung setzte es über die Brüstung der Brücke -und trug seinen fürstlichen Reiter hinab in die Wogen des -Neckars.</p> - -<p>Georg hielt inne mit Fechten, er sah dem Herzog nach. Roß -und Reiter waren niedergetaucht, doch das mächtige Tier kämpfte -mit den Wirbeln, schwamm, arbeitete sich herauf, und wie die -beste Barke schwamm es mit dem Herzog den Strom hinab. -Dies alles war das Werk weniger Augenblicke, einige der Knechte -wollten hinabspringen ans Ufer, um sich des kühnen Reiters -zu bemächtigen, doch einer, der Georg am nächsten war, rief -ihnen zu: »Laßt ihn schwimmen, an <em class="gesperrt">dem</em> ist nichts gelegen, -das hier ist der grüne Vogel, das ist der grüne Mantel; den laßt -uns fassen.« Georg blickte dankbar auf zum Himmel! Er ließ -sein Schwert sinken und ergab sich den Bündischen. Sie schlossen -einen Kreis um ihn und ließen es willig geschehen, daß er abstieg -und zu der Leiche jenes Mannes trat, der ihnen so schrecklich -erschienen war. Georg faßte die Hand, welche immer noch -die blutige Axt festhielt. Sie war kalt. Er suchte, ob das treue<span class="pagenum"><a id="Page_327">[327]</a></span> -Herz noch schlage, aber der tödliche Stoß der Lanze hatte es -nur zu gut getroffen. Das Auge, das einst so kühn und mutig -blickte, war gebrochen, geschlossen der Mund, der auch in den -trübsten Stunden einen ungebeugten, frohen Sinn verkündete. -Seine Züge waren erstarrt, aber noch schwebte um seine Lippen -jenes Lächeln, das den letzten Gruß, den er seinem Herrn entbot, -begleitet hatte. Georgs Tränen fielen auf ihn herab. Er -drückte noch einmal die Hand des Pfeifers, schloß ihm die Augen -zu und schwang sich auf, um den Knechten in ihr Lager zu folgen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap36">36.</h2> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">O schöner Tag, wann endlich der Soldat<br /></span> -<span class="i0">Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit. –<br /></span> -<span class="i0">O! glücklich, wem dann auch sich eine Tür',<br /></span> -<span class="i0">Sich zarte Arme sanft umschlingend öffnen.<br /></span> -</div></div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Schiller.</em> -</p> -</div> - -<p>Nach einem Marsch von beinahe drei Stunden näherte sich -der Trupp der bündischen Knechte, den Gefangenen in ihrer -Mitte, dem Lager. Sie hatten nicht gewagt, sich laut zu unterreden, -aber ihre Mienen verkündeten großen Triumph, und -Georgs scharfem Ohr entging es nicht, wie sie flüsternd den -Gewinn berechneten, den sie aus dem Herzog im grünen Mantel -ziehen werden. Ein freudiges Gefühl bewegte seine Brust, er -glaubte hoffen zu dürfen, daß der unglückliche Fürst durch seine -kühne Aufopferung Zeit gewonnen habe, sich zu retten. Nur -der Gedanke an Marie trübte auf Augenblicke seine Freude. -Wie groß mußte ihr Kummer schon gewesen sein, als sie die -Nachricht von dem Ausgange der Schlacht bekam; er hatte ihr -zwar durch treue Männer die Nachricht gesandt, daß er unverletzt -aus dem Streit gegangen sei; aber wußte er nicht, daß die -traurige Entscheidung von Württembergs Schicksal ihre Seele -tief betrüben, daß ihre Blicke ängstlich dem Geliebten auf den -Gefahren der Flucht folgen werden, daß ihre Sehnsucht zu jeder -Stunde seinen Namen nenne und ihn zurückrufe?</p> - -<p>Und durfte er hoffen, vom Bunde zum zweitenmal so leicht -entlassen zu werden wie damals in Ulm? Gefangen mit den -Waffen in der Hand, bekannt als eifriger Freund des Herzogs -– mußte er nicht fürchten, einer langen Gefangenschaft, einer -grausamen Behandlung entgegen zu gehen? Die Ankunft an -dem äußeren Posten des Lagers unterbrach diese düstern Gedanken.<span class="pagenum"><a id="Page_328">[328]</a></span> -Die Knechte schickten einen aus ihrer Mitte ab, um -die Bundesobersten von ihrem Fang zu benachrichtigen und Befehle -einzuholen, wohin man ihn führen solle. Es war dies -eine peinliche Viertelstunde für Georg; er wünschte womöglich -mit Frondsberg zusammenzutreffen, er glaubte hoffen zu dürfen, -daß dieser edle Freund seines Vaters ihm seine gütigen Gesinnungen -erhalten haben möchte, daß er ihn zum wenigsten -billiger beurteilen werde als Waldburg Truchseß und so mancher -andere, der ihm früher nicht günstig war.</p> - -<p>Der Knecht kam zurück; der Gefangene sollte so still als -möglich und ohne Aufsehen in das große Zelt geführt werden, -wo die Obersten gewöhnlich Kriegsrat hielten. Man schlug zu -diesem Gang einen Seitenweg ein, und die Knechte baten Georg, -seinen Helm zu schließen, daß man ihn nicht erkenne, ehe er vor -den Rat geführt würde. Gerne befolgte er diese Bitte, denn -es war ihm in einem solchen Falle nichts unerträglicher, als sich -den Blicken neugieriger oder schadenfroher Menschen aussetzen -zu müssen. Sie gelangten endlich an das große Zelt. Diener -aller Art waren hier versammelt, und die verschiedenen Farben -und Binden, mit welchen sie geschmückt waren, ließen auf eine -zahlreiche Versammlung edler Herren und Ritter im Innern -des Zeltes schließen.</p> - -<p>Schon mochte die Nachricht unter sie gekommen sein, daß -einige Knechte einen Mann von Bedeutung gefangen haben, -denn sie drängten sich nahe herbei, als Georg sich aus dem -Sattel schwang, und ihre neugierigen Blicke schienen durch die -Oeffnungen des Visiers dringen zu wollen, um die Züge des -Gefangenen zu schauen. Ein Edelknabe suchte Raum zu machen, -und er mußte seine Zuflucht zu dem »Namen des Bundesobersten« -nehmen, um diese dichte Masse zu durchbrechen und -dem gefangenen Ritter einen Weg in das Innere des Zeltes -zu bahnen. Drei jener Knechte, die ihn begleitet hatten, durften -folgen; sie glühten vor Freude und glaubten nichts anders, als -jene Goldgülden sogleich in Empfang nehmen zu können, die auf -die Person des Herzogs von Württemberg gesetzt waren.</p> - -<p>Der letzte Vorhang tat sich auf, und Georg trat mutig und -festen Schrittes ein und überschaute die Männer, die über sein -Schicksal entscheiden sollten. Es waren wohlbekannte Gesichter, -die ihn so fragend und durchdringend anschauten. Noch waren -die düsteren Blicke und die feindliche Stirne des Truchseß von -Waldburg seinem Gedächtnis nicht entfallen, und der spöttische, -beinahe höhnische Ausdruck in den Mienen dieses Mannes weissagte<span class="pagenum"><a id="Page_329">[329]</a></span> -ihm nichts Gutes. Sickingen, Alban von Closen, Hutten -– sie alle saßen wie damals vor ihm, als er dem Bund auf ewig -lebewohl sagte; aber wie vieles hatte sich verändert. Und eine -Träne füllte sein Auge, als es auf jene teure Gestalt, auf jene -ehrwürdigen Züge fiel, die sich tief in sein dankbares Herz gegraben -hatten. Es war nicht Hohn, nicht Schadenfreude, was -man in Georg von Frondsbergs Mienen las, nein, er sah den -Nahenden mit jenem Ausdruck von würdigem Ernst, von Wehmut -an, womit ein edler Mann den tapfern, aber besiegten -Feind begrüßt.</p> - -<p>Als Georg diesen Männern gegenüberstand, hub der -Truchseß von Waldburg an: »So hat doch endlich der schwäbische -Bund einmal die Ehre, den erlauchten Herzog von Württemberg -vor sich zu sehen; freilich war die Einladung zu uns -nicht allzu höflich, doch –«</p> - -<p>»Ihr irrt Euch,« rief Georg von Sturmfeder und schlug -das Visier seines Helmes auf. Als sähen sie Minervas Schild und -sein Medusenhaupt, so bebten die Bundesräte vor dem Anblick -der schönen Züge des jungen Ritters. »Ha! Verräter! Ehrlose -Buben! Ihr Hunde!« rief Truchseß den drei Knechten zu. -»Was bringt ihr uns diesen Laffen, dessen Anblick meine Galle -aufregt, statt des Herzogs? Geschwind, wo ist er? Sprecht!«</p> - -<p>Die Knechte erbleichten. »Ist's nicht dieser?« fragten sie -ängstlich. »Er hat doch den grünen Mantel an.«</p> - -<p>Der Truchseß zitterte vor Wut, und seine Augen sprühten -Verderben; er wollte auf die Knechte hinstürzen, er sprach davon, -sie zu erwürgen; aber die Ritter hielten ihn zurück, und Hutten, -zornbleich, aber gefaßter als jener, fragte: »Wo ist der Doktor -Calmus, laßt ihn hereinkommen, er soll Rechenschaft ablegen, -er hat den Zug übernommen.«</p> - -<p>»Ach Herr,« sagte einer der Knechte, »der legt Euch keine -Rechenschaft mehr ab; er liegt erschlagen auf der Brücke bei -Köngen!«</p> - -<p>»Erschlagen?« rief Sickingen, »und der Herzog ist entkommen? -Erzählet, ihr Schurken!«</p> - -<p>»Wir legten uns, wie uns der Doktor befahl, bei der -Brücke in Hinterhalt. Es war beinahe noch dunkel, als wir -den Hufschlag von vier Rossen hörten, die sich der Brücke näherten, -zugleich vernahmen wir das Zeichen, das uns die Reiter -über dem Fluß geben sollten, wenn die Herzoglichen aus dem -Walde kämen. ›Jetzt ist's Zeit,‹ sagte der Kahlmäuser. Wir -standen schnell auf und besetzten den Ausgang der Brücke. Es<span class="pagenum"><a id="Page_330">[330]</a></span> -waren, soviel wir im Halbdunkel unterscheiden konnten, vier -Reiter und ein Bauersmann; die zwei hintersten wandten sich -um und fochten mit unsern Reitern, die zwei vorderen und der -Bauer machten sich an uns. Doch wir streckten ihnen die Lanzen -entgegen, und der Doktor rief ihnen zu, sich zu ergeben. Da -drangen sie wütend auf uns ein; der Doktor sagte uns, der im -grünen Mantel sei der Rechte; und wir hätten ihn bald gehabt, -aber der Bauer, wenn es nicht der Teufel selbst war, schlug den -Doktor und noch zwei von uns nieder. Jetzt stach ihm einer -die Hellebarde in den Leib, daß er fiel, und dann ging es auf -die Reiter. Wir packten allesamt den im grünen Mantel, wie -uns der Kahlmäuser geheißen, der andere aber stürzte sich mit -seinem Roß über die Brücke hinab in den Neckar und schwamm -davon. Wir aber ließen ihn ziehen, weil wir den Grünen -hatten, und brachten diesen hierher.«</p> - -<p>»Das war Ulrich und kein anderer!« rief Alban von Closen. -»Ha! über die Brücke hinab in den Neckar! Das tut ihm keiner -nach!«</p> - -<p>»Man muß ihm nachjagen!« fuhr der Truchseß auf; »die -ganze Reiterei muß aufsitzen und hinab am Neckar streifen, ich -selbst will hinaus –«</p> - -<p>»O Herr,« entgegnete einer der Knechte, »da kommt Ihr -zu spät; es ist drei Stunden jetzt, daß wir von der Brücke abzogen, -der hat einen guten Vorsprung und kennt das Land wohl -besser als alle Reiter!«</p> - -<p>»Kerl, willst du mich noch höhnen? Ihr habt ihn entkommen -lassen, an euch halte ich mich, man rufe die Wache; ich -laß euch aufhängen.«</p> - -<p>»Mäßigt Euch,« sagte Frondsberg; »die armen Bursche -trifft der Fehler nicht; sie hätten sich gerne das Gold verdient, -das auf den Herzog gesetzt war. Der Doktor hat gefehlt, und -Ihr hört, daß er es mit dem Leben zahlte.«</p> - -<p>»Also Ihr habt heute den Herzog vorgestellt?« wandte sich -Waldburg zu Georg, der still dieser Szene zugesehen hatte. -»Müßt Ihr mir überall in den Weg laufen mit Eurem Milchgesicht? -Ueberall hat Euch der Teufel, wo man Euch nicht -braucht. Es ist nicht das erste Mal, daß Ihr meine Plane -durchkreuzet –«</p> - -<p>»Wenn Ihr es gewesen seid, Herr Truchseß,« antwortete -Georg, »der bei Neuffen den Herzog meuchlings überfallen -lassen wollte, so bin ich Euch leider in den Weg gekommen, denn -Eure Knechte haben <em class="gesperrt">mich</em> niedergeworfen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_331">[331]</a></span></p> - -<p>Die Ritter erstaunten über diese Rede und sahen den -Truchseß fragend an. Er errötete, man wußte nicht aus Zorn -oder Beschämung, und entgegnete: »Was schwatzt Ihr da von -Neuffen? Ich weiß von nichts; doch wenn man Euch dort -niedergeworfen hat, so wünsche ich, Ihr wäret nimmer aufgestanden, -um mir heute vor Augen zu kommen. Doch es ist -auch so gut; Ihr habt Euch als einen erbitterten Feind des Bundes -bewiesen, habt heimlich und offen für den geächteten Herzog -gehandelt, teilet also seine Schuld gegen den Bund und das -ganze Reich, seid überdies heute mit den Waffen in der Hand -gefangen worden – Euch trifft die Strafe des Hochverrats an -dem allerdurchlauchtigsten Bund des Schwaben- und Frankenlandes.«</p> - -<p>»Dies dünkt mir eine lächerliche Beschuldigung,« erwiderte -Georg mit mutigem Tone; »Ihr wisset wohl, wann und wo ich -mich von dem Bunde losgesagt habe; Ihr habt mich auf vierzehn -Tage Urfehde schwören lassen; so wahr Gott über mir ist, -ich habe sie gehalten. Was ich nachher getan, davon habt Ihr -nicht Rechenschaft zu fordern, weil ich Euch nicht mehr verpflichtet -war, und was meine Gefangennehmung mit den Waffen in -der Hand betrifft, so frage ich euch, edle Herren, welcher Ritter -wird, wenn er von sechs oder acht angegriffen wird, sich nicht -seines Lebens wehren? Ich verlange von euch ritterliche Haft -und erbiete mich, Urfehde zu schwören auf sechs Wochen; mehr -könnet ihr nicht von mir verlangen.«</p> - -<p>»Wollt Ihr uns Gesetze vorschreiben? Ihr habt gut gelernt -bei dem übermütigen Herzog; ich höre ihn aus Euch -sprechen; doch keinen Schritt sollt Ihr zu Eurer Sippschaft tun, -bis Ihr gesteht, wo der alte Fuchs, Euer Schwiegervater, sich -aufhält, und welchen Weg der Herzog genommen hat.«</p> - -<p>»Der Ritter von Lichtenstein wurde von Euern Reitern -gefangen genommen; welchen Weg der Herzog nahm, weiß ich -nicht und kann es mit meinem Wort bekräftigen.«</p> - -<p>»Ritterliche Haft?« rief der Truchseß bitter lachend, »da -irrt Ihr Euch gewaltig; zeiget vorher, wo Ihr die goldenen -Sporen verdient habt! Nein, solches Gelichter wird bei uns -ins tiefste Verließ geworfen, und mit Euch will ich den Anfang -machen.«</p> - -<p>»Ich denke, dies ist unnötig,« fiel ihm Frondsberg ins -Wort; »ich weiß, daß Georg von Sturmfeder zum Ritter geschlagen -wurde; überdies hat er einem bündischen Edlen das -Leben gerettet; Ihr werdet Euch wohl an die Aussage des<span class="pagenum"><a id="Page_332">[332]</a></span> -Dietrich von Kraft erinnern. Auf Verwenden dieses Ritters -wurde er von einem schmählichen Tod befreit und sogar in Freiheit -gesetzt. Er kann dieselbe Behandlung von uns verlangen.«</p> - -<p>»Ich weiß, daß Ihr ihm immer das Wort geredet, daß er -Euer Schoßkind war; aber diesmal hilft es ihm nicht, er muß -nach Eßlingen in den Turm, und jetzt den Augenblick –«</p> - -<p>»Ich leiste Bürgschaft für ihn,« rief Frondsberg, »und -habe hier so gut mitzusprechen wie Ihr. Wir wollen abstimmen -über den Gefangenen, man führe ihn einstweilen in mein -Zelt.«</p> - -<p>Einen Blick des Dankes warf Georg auf die ehrwürdigen -Züge des Mannes, der ihn auch jetzt wieder aus der drohenden -Gefahr rettete. Der Truchseß aber winkte mürrisch den Knechten, -dem Befehl des Oberfeldhauptmanns zu folgen, und Georg -folgte ihnen durch die Straßen des Lagers nach Frondsbergs -Zelt.</p> - -<p>Nicht lange nachher stand der Mann vor ihm, dem er so -unendlich viel zu danken hatte. Er wollte ihm danken, er wußte -nicht, wie er ihm seine Ehrfurcht bezeigen sollte; doch Frondsberg -sah ihn lächelnd an und zog ihn in seine Arme. »Keinen -Dank, keine Entschuldigung!« sprach er; »sah ich doch alles dies -voraus, als ich in Ulm von dir Abschied nahm; doch du wolltest -es nicht glauben, wolltest dich vergraben in die Burg deiner -Väter. Ich kann dich nicht schelten; glaube mir, das Feldlager -und die Stürme so vieler Kriege haben mein Herz nicht so verhärtet, -daß ich vergessen könnte, wie mächtig die Liebe zieht!«</p> - -<p>»Mein Freund, mein Vater!« rief Georg, indem er freudig -errötete.</p> - -<p>»Ja, das bin ich; der Freund deines Vaters, dein Vater; -drum war ich oft stolz auf dich, wenn du auch in den feindlichen -Reihen standest; dein Name wurde, so jung du bist, mit Ehrfurcht -genannt, denn Treue und Mut ehrt ein Mann auch an dem -Feinde. Und glaube mir, es kam den meisten von uns erwünscht, -daß der Herzog entkam; was konnten wir mit ihm beginnen? -Der Truchseß hätte vielleicht einen übereilten Streich -gemacht, den wir alle zu büßen gehabt hätten.«</p> - -<p>»Und was wird mein Schicksal sein?« fragte Georg. »Werde -ich lange in Haft gehalten werden? Wo ist der Ritter von Lichtenstein? -O mein Weib! darf sie mich nicht besuchen?«</p> - -<p>Frondsberg lächelte geheimnisvoll. »Das wird schwer halten,« -sagte er, »du wirst unter sicherer Bedeckung auf eine Feste -geführt und einem Wächter übergeben werden, der dich streng<span class="pagenum"><a id="Page_333">[333]</a></span> -bewachen und nicht so bald entlassen wird. Doch sei nicht ängstlich, -der Ritter von Lichtenstein wird mit dir dorthin abgeführt -werden, und ihr beide müsset auf ein Jahr Urfehde schwören.«</p> - -<p>Frondsberg wurde hier durch drei Männer unterbrochen, -die in das Zelt stürmten; es war der Feldhauptmann von -Breitenstein und Dietrich von Kraft, die den Ritter von Lichtenstein -in ihrer Mitte führten.</p> - -<p>»Hab' ich dich wieder, wackerer Junge!« rief Breitenstein, -indem er Georgs Hand drückte. »Du machst mir schöne Streiche; -dein alter Oheim hat dich mir auf die Seele gebunden, ich solle -einen tüchtigen Kämpen aus dir ziehen, der dem Bunde Ehre -mache, und nun läufst du zu dem Feind und haust und stichst auf -uns, und hättest gestern beinahe die Schlacht gewonnen durch -dein tollkühnes Stückchen auf unsere Geschütze.«</p> - -<p>»Jeder nach seiner Art,« entgegnete Frondsberg; »er hat -uns aber auch in Feindes Reihen Ehre gemacht.«</p> - -<p>Der Ritter von Lichtenstein umarmte seinen Sohn. »Er -ist in Sicherheit,« flüsterte er ihm zu, und beider Augen glänzten -von Freude, zu der Rettung des unglücklichen Fürsten beigetragen -zu haben. Da fielen die Blicke des alten Ritters auf -den grünen Mantel, der noch immer um Georgs Schultern -hing; er erstaunte, er sah ihn näher an. »Ha! jetzt erst verstehe -ich ganz, wie alles so kommen konnte,« sprach er bewegt, und -eine Träne der Freude hing in seinen grauen Wimpern; »sie -nahmen <em class="gesperrt">dich</em> für ihn; was wäre aus ihm geworden, wenn dich -der Mut nur einen Augenblick verlassen hätte? Du hast mehr -getan als wir alle, du hast gesiegt, wenn wir jetzt auch Besiegte -heißen; komm an mein Herz, du würdiger Sohn.«</p> - -<p>»Und Marx Stumpf von Schweinsberg?« fragte Georg; -»auch er gefangen?«</p> - -<p>»Er hat sich durchgehauen, wer vermöchte auch seinen -Hieben zu widerstehen? Meine alten Knochen sind mürbe, -an mir liegt nichts mehr, aber er ist dem Herzog nachgezogen -und wird ihm eine bessere Hilfe sein als fünfzig Reiter. Doch -den Pfeifer sah ich nicht; sage, wie ist er entkommen aus dem -Streit?«</p> - -<p>»Als ein Held,« erwiderte der junge Mann, von der Wehmut -der Erinnerung bewegt; »er liegt erstochen an der Brücke.«</p> - -<p>»Tot?« rief Lichtenstein, und seine Stimme zitterte. »Die -treue Seele! Doch wohl ihm, er hat getan wie ein Edler, und -ist gestorben, treu, wie es Männern ziemt!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_334">[334]</a></span></p> - -<p>Frondsberg näherte sich ihnen und unterbrach ihre Reden. -»Ihr scheint mir so niedergeschlagen,« sagte er; »seid mutig -und getrost, alter Herr! Das Kriegsglück ist wandelbar, und -Euer Herzog wird wohl auch wieder zu seinem Lande kommen; -wer weiß, ob es nicht besser ist, daß wir ihn noch auf einige -Zeit in die Fremde schickten. Leget Helm und Panzer ab; das -Gefecht zum Frühstück wird euch die Lust zum Mittagessen nicht -verdorben haben. Setzet euch zu uns. Ich erwarte gegen -Mittag den Wächter, unter dessen Obhut ihr auf eine Burg -gebracht werden sollet. Bis dahin lasset uns noch zusammen -fröhlich sein!«</p> - -<p>»Das ist ein Vorschlag, der sich hören läßt,« rief Breitenstein. -»Zu Tisch, ihr Herren; wahrlich, Georg, mit dir habe -ich nicht mehr gespeist seit dem Imbiß im Ulmer Rathaussaal. -Komm, wir wollen redlich nachholen, was wir versäumten.«</p> - -<p>Hans von Breitenstein zog Georg zu sich nieder, die anderen -folgten seinem Beispiel, die Knechte trugen auf, und der edle -Wein machte den Ritter von Lichtenstein und seinen Sohn vergessen, -daß sie in mißlichen Verhältnissen, im feindlichen Lager -seien, daß sie vielleicht einem ungewissen Geschick, und wenn -sie die Reden Frondsbergs recht deuteten, einer recht langen -Gefangenschaft entgegengehen. Gegen das Ende der Tafel -wurde Frondsberg hinausgerufen; bald kam er zurück und sprach -mit ernster Miene: »So gerne ich noch länger eure Gesellschaft -genossen hätte, liebe Freunde, so tut es jetzt not, aufzubrechen. -Der Wächter ist da, dem ich euch übergeben muß, und ihr müßt -euch sputen, wollet ihr heute noch die Feste erreichen.«</p> - -<p>»Ist er ein Ritter dieser Wächter?« fragte Lichtenstein, -indem sich seine Stirne in finstere Falten zog. »Ich hoffe, -man wird auf unseren Stand Rücksicht genommen haben und -uns ein anständiges Geleite geben?«</p> - -<p>»Ein Ritter ist er nicht,« antwortete Frondsberg lächelnd, -»doch ist er ein anständiges Geleite; ihr werdet euch selbst davon -überzeugen.« Er lüftete bei diesen Worten den Vorhang des -Zeltes, und es erschienen die holden Züge <em class="gesperrt">Mariens</em>; mit -dem Weinen der Freude stürzte sie an die Brust ihres Gatten, -und der alte Vater stand stumm vor Ueberraschung und Rührung, -küßte sein Kind auf die schöne Stirne und drückte die Hand des -biedern Frondsberg.</p> - -<p>»Das ist euer Wächter,« sprach dieser, »und der Lichtenstein -die Feste, wo sie euch gefangen halten soll. Ich sehe es<span class="pagenum"><a id="Page_335">[335]</a></span> -ihren Augen an, sie wird den jungen Herrn nicht zu strenge -halten, und der Alte wird sich nicht über sie beklagen können; -doch rate ich Euch, Töchterchen, habet ein wachsames Auge auf -die Gefangenen, lasset sie nicht wieder von der Burg, gestattet -nicht, daß sie wieder Verbindungen mit gewissen Leuten anknüpfen; -Ihr haftet mit Eurem Kopf dafür!«</p> - -<p>»Aber, lieber Herr,« entgegnete Marie, indem sie den Geliebten -inniger an sich drückte und lächelnd zu dem strengen -Herrn aufblickte: »bedenket, <em class="gesperrt">er</em> ist ja mein Haupt, wie kann ich -ihm etwas befehlen?«</p> - -<p>»Eben deswegen hütet Euch, daß Ihr dieses Haupt nicht -wieder verlieret; bindet ihn mit einem Liebesknoten recht fest, -daß er Euch nicht entlaufe, er ändert nur gar zu leicht die -Farbe; wir haben Beispiele!«</p> - -<p>»Ich trug nur <em class="gesperrt">eine</em> Farbe, mein väterlicher Freund!« -entgegnete der junge Mann, indem er in die Augen seiner -schönen Frau und auf die Feldbinde niedersah, die seine Brust -umzog; nur <em class="gesperrt">eine</em>, und dieser blieb ich treu.«</p> - -<p>»Wohlan! So halte ferner nur zu ihr,« sagte Frondsberg -und reichte ihm die Hand zum Abschied. »Lebe wohl! Die -Pferde harren vor dem Zelt! bringet Eure Gefangenen sicher -auf die Feste, schöne Frau, und gedenket huldreich des alten -Frondsberg.«</p> - -<p>Marie schied von diesem Edlen mit Tränen in den Augen; -auch die Männer nahmen bewegt seine Hand, denn sie wußten -wohl, daß ohne seine Hilfe ihr Geschick sich nicht so freundlich -gewendet hätte. Noch lange sah ihnen Georg von Frondsberg -nach, bis sie an der äußersten Zeltgasse um die Ecke bogen. -»Er ist in guten Händen,« sagte er dann, indem er sich zu -Breitenstein wandte, »wahrlich, der Segen seines Vaters ruht -auf ihm. Ein gutes schönes Weib und ein Erbe, wie wenige -sind im Schwabenland.«</p> - -<p>»Ja, ja!« erwiderte Hans von Breitenstein, »seiner Klugheit -und Vorsicht hat er es nicht zu danken; doch wer das Glück -hat, führt die Braut heim; ich bin fünfzig alt geworden und -gehe noch auf Freiersfüßen; Ihr auch, Herr Dietrich von Kraft, -nicht wahr?«</p> - -<p>»Mit nichten und im Gegenteil,« sagte dieser, wie aus einem -Traum erwachend, »wenn man ein solches Paar sieht, weiß man, -was man zu tun hat. In dieser Stunde noch setze ich mich in -meine Sänfte, reise nach Ulm und führe meine Base heim; -lebet wohl, ihr Herren!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_336">[336]</a></span></p> - -<p>Als der schwäbische Bund Württemberg wiedererobert -hatte, richtete er seine Regierung wieder ein und beherrschte -das Land wieder wie im Sommer 1519. Die Anhänger des -vertriebenen Herzogs mußten Urfehde schwören und wurden auf -ihre Burgen verwiesen. Georg von Sturmfeder und seine -Lieben, die dieses Schicksal mit betraf, lebten zurückgezogen auf -Lichtenstein, und Marien und ihrem Gatten ging in ihrem -stillen häuslichen Glück ein neues Leben auf.</p> - -<p>Noch oft, wenn sie am Fenster des Schlosses standen und -hinabschauten auf Württembergs schöne Fluren, gedachten sie -des unglücklichen Fürsten, der einst hier mit ihnen auf sein -Land hinabgeblickt hatte; und dann dachten sie nach über die -Verkettung seiner Schicksale, und wie durch eine sonderbare -Fügung auch ihr eigenes Geschick mit dem seinigen verbunden -war; und wenn sie sich auch gestanden, daß ihr Glück vielleicht -nicht so frühe, nicht so schön aufgeblüht wäre ohne diese Verknüpfung, -so wurde doch ihre Freude durch den Gedanken getrübt, -daß der Stifter ihres Glückes noch immer ferne von -seinem Lande, im Elend der Verbannung lebe. Erst viele -Jahre nachher gelang es dem Herzog, Württemberg wiederzuerobern. -Doch als er, geläutert durch Unglück, als ein weiser -Fürst zurückkehrte, als er die alten Rechte ehrte und die Herzen -seiner Bürger für sich gewann, als er jene heiligen Lehren, -die er in fernem Lande gehört, die so oft sein Trost in einem -langen Unglück geworden waren, seinem Volke predigen ließ -und einen geläuterten Glauben mit den Grundgesetzen seines -Reiches verband, da erkannten Georg und Marie den Finger -einer gütigen Gottheit in den Schicksalen Ulrichs von Württemberg, -und sie segneten den, der dem Auge des Sterblichen die -Zukunft verhüllt und auch hier wie immer durch Nacht zum -Lichte führte.</p> - -<p>Der Name der Lichtenstein im Württemberger Land ging -mit dem alten Ritter zu Grabe; doch erlebte er noch im hohen -Alter die Freude, seine blühenden Enkel waffenfähig zu sehen. -So geht Geschlecht um Geschlecht über die Erde hin, das Neue -verdrängt das Alte, und nach dem kurzen Zeitraum von fünfzig -oder hundert Jahren sind biedere Männer, treue Herzen vergessen; -ihr Gedächtnis übertönt der rauschende Strom der -Zeiten, und nur wenige glänzende Namen tauchen auf aus -diesen Fluten des Lethe und spielen in ihrem ungewissen Schimmer -auf den Wellen. Doch wohl dem, dessen Taten jene stille -Größe in sich tragen, die den Lohn in sich selbst findet und ohne<span class="pagenum"><a id="Page_337">[337]</a></span> -Dank bei der Mitwelt, ohne Ansprüche auf die Nachwelt entsteht, -ins Leben tritt – verschwindet. So ist auch der Name -des Spielmanns von Hardt verklungen, und nur leise Nachklänge -von seinem Wirken wehen uns an, wenn die Hirten der -Gegend die Ulrichshöhle zeigen und von dem Mann sprechen, -der seinen unglücklichen Herzog hier verbarg; so sind selbst jene -romantischen Züge aus Ulrichs Leben zur Fabel geworden, der -Geschichtschreiber verschmäht sie als unwesentliche Außendinge, -und sie erscheinen uns nur, wenn man auf den Höhen von Lichtenstein -von dem Herzog erzählt, der allnächtlich vor das Schloß -kam, und wenn man uns auf der Brücke von Köngen die Stelle -zeigt, wo jener Unerschrockene den Sprung auf Leben und Tod -in die Tiefe wagte.</p> - -<p>Und sie erscheinen uns da, diese Sagen, wie ungewisse -Schatten, die eine große Gestalt vom Berge in die Nebel des -Tales wirft, und der kältere Beobachter lächelt, wenn man ihnen -wirkliches Leben und jene Farben verleihen will, die ihr unsicheres -Grau zu einem Bild des Lebens umwandeln. Auch -Lichtensteins alte Feste ist längst zerfallen, und auf den Grundmauern -der Burg erhebt sich ein freundliches Jägerhaus, fast -so luftig und leicht wie jene spanischen Schlösser, die man in -unsern Tagen auf die Grundpfeiler des Altertums erbaut. Noch -immer breiten sich Württembergs Gefilde so reich und blühend -wie damals vor dem entzückten Auge aus, als Marie an des -Geliebten Seite hinabsah und der unglücklichste seiner Herzoge -den letzten Scheideblick von Lichtensteins Fenstern auf sein Land -warf. Noch prangen jene unterirdischen Gemächer, die den -Geächteten aufnahmen, in ihrer alten Pracht und Herrlichkeit, -und die murmelnden Wasser, die sich in eine geheimnisvolle -Tiefe stürzen, scheinen längst verklungene Sagen noch einmal -wiedererzählen zu wollen.</p> - -<p>Es ist eine schöne Sitte, daß die Bewohner dieses Landes, -auch aus entfernteren Gegenden, um die Zeit des Pfingstfestes -sich aufmachen, um Lichtenstein und die Höhle zu besuchen. Viele -hundert schöne Schwabenkinder und holde Frauen, begleitet von -Jünglingen und Männern, ziehen herauf in diese Berge; sie -steigen nieder in den Schoß der Erde, der an seinen kristallenen -Wänden den Schein der Lichter tausendfach wiedergibt, sie füllen -die Höhle mit Gesang und lauschen auf ihr Echo, welches die -murmelnden Bäche der Tiefe melodisch begleiten, sie bewundern -die Werke der Natur, die sich auch ohne das milde Licht der -Sonne, ohne das fröhliche Grün der Felder so herrlich zeigt.<span class="pagenum"><a id="Page_338">[338]</a></span> -Dann steigen sie herauf zum Lichte, und die Erde will ihnen -noch schöner bedünken als zuvor; ihr Weg führt immer aufwärts -zu den Höhen von Lichtenstein, und wenn dort die Männer -im Kreise schöner Frauen, die Becher in der Hand, auf die -weiten Fluren hinabschauen, wie sie bestrahlt von einer milden -Sonne im lieblichsten Schmelz der Farben sich ausbreiten, -dann preisen sie diese lichten Höhen, dann preisen sie ihr gesegnetes -Vaterland. Dann kehrt, wie in den alten Tagen, Gesang -und Jubel und der fröhliche Klang der Pokale auf den -Lichtenstein zurück und weckt das Echo seiner Felsen und weckt -mit ihm die Geister dieser Burg, daß sie die fröhlichen Gäste -umschweben und mit ihnen hinabschauen auf das alte Württemberg. -Ob auch das holde Fräulein von Lichtenstein, ob -Georg und der alte Ritter mit ihnen heraufschwebt, ob jener -treue Spielmann in den Tagen des Frühlings seinem Grab -entsteigt und, wie er im Leben zu tun pflegte, hinaufzieht nach -der Burg, das Fest mit Gesang und Spiel zu schmücken? Wir -wissen es nicht; doch wenn wir im Abendschein, auf den Felsen -gelagert, die Landschaft überschauten, wenn wir von den alten -guten Zeiten und ihren Sagen sprechen, wenn sich die Sonne -allmählich senkte und nur das Schlößchen noch selig und freundlich -in seiner Einsamkeit, von den letzten Strahlen mit einem -rötlichen Schein umgossen, auf seinem Felsen ruhte – da glaubten -wir im Wehen der Nachtluft, im Rauschen der Bäume, im -Säuseln der Blätter bekannte Stimmen zu vernehmen, es war -uns, als flüsterten sie uns ihre Grüße zu, als erzählten sie uns -alte Sagen von ihrem Leben und Treiben. Manches haben wir -an solchen Abenden erfahren, manches Bild stieg in uns auf -und schien sich vor unseren Blicken zu verwirklichen, und die -es uns woben und malten, die uns ihre romantischen Sagen -zuflüsterten, wir glauben, es waren – <em class="gesperrt">die Geister von -Lichtenstein</em>.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_339">[339]</a></span></p> - -<h2 id="Anmerkungen">Anmerkungen.</h2> -</div> - -<p><a id="Footnote_1_2"></a><a href="#FNanchor_1_2"><span class="label">[1]</span></a> <em class="gesperrt">Ulrich von Württemberg</em>, geb. 1487, wurde 1498 -in seinem elften Jahre als Herzog belehnt mit einer Mitregentschaft, -welche in seinem sechzehnten Jahr aufgehoben wurde, -worauf Ulrich von 1503 an allein regierte. Er starb im Jahre 1550.</p> - -<p><a id="Footnote_2_3"></a><a href="#FNanchor_2_3"><span class="label">[2]</span></a> Es ist hier Eberhardt im Bart gemeint, der, geb. 1445, -gest. 1496, sehr weise regierte. Er war der erste Herzog von -Württemberg. Christoph, geb. 1515, gest. 1568, ein Fürst, dessen -Andenken nicht nur in Württemberg, sondern in ganz Deutschland -gesegnet wird. Er ist der Stifter der württembergischen -Konstitution.</p> - -<p><a id="Footnote_3_4"></a><a href="#FNanchor_3_4"><span class="label">[3]</span></a> <em class="antiqua">Christ. Tubingii Chron. Blabur., ad annum 1516; Maximilianus -Caesar ex suggestione ducis Bavariae et sororis uxoris -Udalrici aliorumque non multum Udalrico deinceps favere cepit.</em></p> - -<p><a id="Footnote_4_5"></a><a href="#FNanchor_4_5"><span class="label">[4]</span></a> Das Nähere über diese Einnahme ist in der trefflichen -Geschichte Württembergs von C. Pfaff I. 291, und Sattler, Geschichte -der Herzoge von Württemberg II. 5, hauptsächlich aber -bei Pedius Thetinger in <em class="antiqua">Comment. de reb. würtemb. sub. Ulrico -Lib. I. in fine</em>, und <em class="antiqua">Schradii script. rerum germ. Tom. II. p. 885</em> -zu lesen.</p> - -<p><a id="Footnote_5_6"></a><a href="#FNanchor_5_6"><span class="label">[5]</span></a> Der Herzog hatte mit Landgraf Philipp von Hessen ein -Bündnis errichtet auf zweihundert Reiter und sechshundert zu -Fuß, ebenso mit Markgraf Ernst von Baden, aber sie entschuldigten -sich beide, daß sie selbst mit einem Einfall bedroht seien.</p> - -<p><a id="Footnote_6_7"></a><a href="#FNanchor_6_7"><span class="label">[6]</span></a> Georg von Frondsberg, geb. 1475, gest. 1528, einer der berühmtesten -Feldherren seiner Zeit, der in Deutschland, Frankreich, -Italien, den Niederlanden sich mit Ruhm bedeckte. Er ist -derselbe, der 1521 zu Luther, der auf den Reichstag zu Worms -geladen war, jene denkwürdigen Worte sagte: »Munchlein, -Munchlein, du gehst jetzt einen gefährlichen Gang« usw.</p> - -<p><a id="Footnote_7_8"></a><a href="#FNanchor_7_8"><span class="label">[7]</span></a> So nennt ihn Sattler, Geschichte der Herzoge II. 8.</p> - -<p><a id="Footnote_8_9"></a><a href="#FNanchor_8_9"><span class="label">[8]</span></a> Ulrich von Hutten, geb. 1488, starb 1523 auf Ufnau im -Züricher See. Er ist berühmt durch eine große Anzahl Schriften -und als kühner Beförderer der Reformation. Er griff Ulrich von -Württemberg in Gedichten, Briefen und Reden an, die der gelehrte -Nikolaus Barbatus zu Marburg in sehr geläufigem Latein -mit triftigen Gründen widerlegt. Vergl. Schradius II. 385. Bekannt -ist sein Wahlspruch: »<em class="antiqua">Jacta alea esto.</em>«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_340">[340]</a></span></p> - -<p><a id="Footnote_9_10"></a><a href="#FNanchor_9_10"><span class="label">[9]</span></a> Franz von Sickingen, ein berühmter Zeitgenosse des letzteren. -Er wird in diesem Krieg von Sattler als österreichischer -Rat aufgeführt.</p> - -<p><a id="Footnote_10_11"></a><a href="#FNanchor_10_11"><span class="label">[10]</span></a> Götz von Berlichingen erzählt in seinem Leben (Ausgabe -von Franck von Steigerwald, Nürnberg 1731) weitläufig, -wie es sich zugetragen, daß er zum Herzog Ulrich gehalten habe. -S. 142 fährt er fort: »Da zog der Herzog vor Reutlingen und -gewann es auch, darum sich auch Ihre fürstliche Gnaden und -mein Unglück anheben tat, daß Ihre fürstliche Gnaden verjagt -worden und ich darob zu Scheitern ging.« Denn der schwäbische -Bund nahm nicht Rücksicht darauf, daß Götz kurz vorher dem -Herzog seine Dienste aufgesagt hatte, sondern belagerte ihn in -Möckmühl und nahm ihn gefangen.</p> - -<p><a id="Footnote_11_12"></a><a href="#FNanchor_11_12"><span class="label">[11]</span></a> Die Herren von Spät waren der Herzogin auf ihrer -Flucht aus dem Lande behilflich gewesen. Der Herzog hatte -bittere Rache an ihren Gütern genommen.</p> - -<p><a id="Footnote_12_13"></a><a href="#FNanchor_12_13"><span class="label">[12]</span></a> Siehe C. Pfaffs Geschichte I. 278.</p> - -<p><a id="Footnote_13_14"></a><a href="#FNanchor_13_14"><span class="label">[13]</span></a> Es sind dies Frondsbergs eigene Worte, die er zu Götz -von Berlichingen sprach, und die dieser in seiner Geschichte, -Seite 83, anführt.</p> - -<p><a id="Footnote_14_15"></a><a href="#FNanchor_14_15"><span class="label">[14]</span></a> Die Eidgenossen verboten zuerst nur die Werbungen des -Herzogs in ihren Landen, wie aus Sattler, Beilage Nr. 8 zum -zweiten Teil der Herzoge erhellt. Nachher riefen sie ihre Leute -ganz zurück, und zwar auf die Vorstellungen des schwäbischen -Bundes.</p> - -<p><a id="Footnote_15_16"></a><a href="#FNanchor_15_16"><span class="label">[15]</span></a> Ein gedrucktes Schreiben »des Bundes zu Schwaben an -gemeine Landschaft zu Württemberg« dieses Inhaltes vom 24. -Mart. 1519 findet sich in der Beilage Nr. 12 bei Sattler.</p> - -<p><a id="Footnote_16_17"></a><a href="#FNanchor_16_17"><span class="label">[16]</span></a> Sie zogen den 17. März ab. Der Herzog reiste sogleich -nach Kirchheim, um sie aufzuhalten, allein hier kam eine zweite -Ordre, unter Bedrohung des Verlustes ihrer Güter und der Leib- -und Lebensstrafe, nach Haus zu eilen. Sattler, II. § 6. Thetinger -S. 66. <em class="antiqua">Interim cum Helvetiorum primoribus agunt -foederati, missis in urbes eorum legatis, ne Ducis Huldrichi -negotio belloque se nunc immisceant, suos abscedere jubeant.</em></p> - -<p><a id="Footnote_17_18"></a><a href="#FNanchor_17_18"><span class="label">[17]</span></a> Sattler § 6. Ausführlich führt diese Rede an: Thetinger -<em class="antiqua">comment de reb. würtemb. p. 66</em>.</p> - -<p><a id="Footnote_18_19"></a><a href="#FNanchor_18_19"><span class="label">[18]</span></a> Diese Ergebenheit und Treue der Württemberger beschreibt -am angeführten Ort Thetinger. Als einen sehr wichtigen -Grund gegen die Angriffe Huttens führt sie auch Nikolaus -Barbatus in seiner zu Marburg gehaltenen Rede auf. Vergl. -Schradius II. 386. Wir machen auf diesen Umstand besonders -aufmerksam, weil man gewöhnlich annimmt, es sei den Württembergern -recht gewesen, daß man Ulrich verjagte; Thetingers -Worte sind: »Als dies die Württemberger hörten, beklagten sie<span class="pagenum"><a id="Page_341">[341]</a></span> -ihr Schicksal heftig, das ihnen nicht vergönne zu fechten.« – -<em class="antiqua">Magno fremitu fortunam suam questi.</em> – Noch merkwürdiger -sind die Worte Nikolai Barbati; er sucht die Beschuldigungen -Ulrichs von Hutten zu widerlegen: »Welcher Tyrann war den -Seinigen wert? Ulrich lieben die Seinigen. Welcher Tyrann -wird, wenn er verjagt ist, von seinen Untergebenen zurückgewünscht? -Mit Bitten und Gebet wünschen sich seine Untergebenen -den Herzog zurück und bitten die Götter, sie möchten ihnen den -Herrn zurückgeben« usw.</p> - -<p><a id="Footnote_19_20"></a><a href="#FNanchor_19_20"><span class="label">[19]</span></a> Ulrich beklagte sich mehreremal über die Nachstellungen -seiner Feinde. Im Jahr 1534 soll ein für ihn von Dietrich Spät -gedungener Meuchelmörder gefangen worden sein. Sattler, Gesch. -d. Herzoge. 3. Seite 47. Im Jahre 1536 wurde im Amt Dornstetten -ein Zigeuner verhaftet, welcher aussagte, von Herzog -Wilhelm in Bayern für <span id="corr341">Ermordung</span> des Herzogs drei Gulden -bekommen zu haben. C. Pfaffs Geschichte I. 288. Ein Beweis, -daß solche Versuche vorkamen.</p> - -<p><a id="Footnote_20_21"></a><a href="#FNanchor_20_21"><span class="label">[20]</span></a> Diese Sage erzählt G. Schwab, der treue, freundliche -Wegweiser über die schwäbische Alb. Er hat sie in einer Romanze: -»Der Bau des Reissensteins« der Nachwelt aufbewahrt.</p> - -<p><a id="Footnote_21_22"></a><a href="#FNanchor_21_22"><span class="label">[21]</span></a> Ausführlicher beschreibt diese Operationen des Bundes -Sattler in seiner Gesch. d. Herz. v. W. II. § 6 usw. Man vergleiche -hierüber auch die Geschichte des Herrn von Frondsberg, -zweites Buch, und Friedrich Stumphardt von Kannstatt, Chronik -der gewaltsamen Verjagung des Herzogs Ulrich, 1534, und -Spener, <em class="antiqua">Histor. Germ. univers. L. III. C. 4. 23</em>.</p> - -<p><a id="Footnote_22_23"></a><a href="#FNanchor_22_23"><span class="label">[22]</span></a> Dieser Verrat von Teck fand wirklich also statt. Vergl. -z. B. Sattler II. § 7.</p> - -<p><a id="Footnote_23_24"></a><a href="#FNanchor_23_24"><span class="label">[23]</span></a> Lebensbeschreibung Götzens von Berlichingen, von ihm -selbst geschrieben, <em class="antiqua">edit. Pistorius</em>. Nürnberg 1731.</p> - -<p><a id="Footnote_24_25"></a><a href="#FNanchor_24_25"><span class="label">[24]</span></a> Sattler II. § 9. Hierüber ist vorzüglich zu vergleichen -Friedr. Stumphardt, Chron. § 3. Die Geschichte der Herren von -Frondsberg. Frankfurt a. M. 2. Buch, und Thetinger, <em class="antiqua">Commentarius -de Würt. reb. gest. Lib. II</em>.</p> - -<p><a id="Footnote_25_26"></a><a href="#FNanchor_25_26"><span class="label">[25]</span></a> Bei dieser Belagerung wurde Georg von Frondsberg -das Barett vom Kopf geschossen. So erzählen Sattler, Stumphardt, -Thetinger u. a.</p> - -<p><a id="Footnote_26_27"></a><a href="#FNanchor_26_27"><span class="label">[26]</span></a> Diese Griechen sind eine sonderbare Erscheinung bei der -Belagerung von Tübingen: man hieß sie Stratioten; ihr Hauptmann -war Georg Samaras aus Corona in Albanien. Er ist in -der Stiftskirche in Tübingen begraben. Ausführlich beschreibt sie -Thetinger, <em class="antiqua">Comment. de Würtemb.</em> gest. 931. Crusius nennt sie -vorzüglich berühmt im Lanzenschwingen.</p> - -<p><a id="Footnote_27_28"></a><a href="#FNanchor_27_28"><span class="label">[27]</span></a> Man vergleiche über diesen Volkswitz des <em class="gesperrt">Freiherrn -von Aretin</em> Beiträge zur Geschichte und Literatur. 1805.<span class="pagenum"><a id="Page_342">[342]</a></span> -5. Stück, S. 438. Das Lied wurde zu Anfang des Jahres 1520, -nachdem Reutlingen von Herzog Ulrich genommen war, von des -letztern Feinden verbreitet und ihm in den Mund gelegt.</p> - -<p><a id="Footnote_28_29"></a><a href="#FNanchor_28_29"><span class="label">[28]</span></a> In der Chronik des Georg Stumphardt über die gewaltsame -Verjagung des Herzogs Ulrich findet sich als eigener -Artikel ein: »<em class="gesperrt">gereimter Spruch, also lautend</em>«, wo in -einer großen Menge Knüttelversen das Unglück des Herzogs und -des Landes beschrieben ist. Aus diesem Gedicht sind jene Verse -im Text entlehnt.</p> - -<p><a id="Footnote_29_30"></a><a href="#FNanchor_29_30"><span class="label">[29]</span></a> Anspielung auf das Wappen von Württemberg. Vergl. -Anm. 31.</p> - -<p><a id="Footnote_30_31"></a><a href="#FNanchor_30_31"><span class="label">[30]</span></a> Diese merkwürdige Höhle haben wir nach der Natur zu -zeichnen versucht. Es bleibt noch übrig, hier einige Notizen über -ihre inneren Verhältnisse zu geben. Die Vorhöhle beträgt etwas -über 150 Fuß im Umfange; von hier aus laufen zwei Gänge -nach verschiedenen Richtungen, die aber nach einer Länge von -beinahe 200 Fuß wieder zusammentreffen. Auf diesen Wegen -trifft man zwei Felsensäle, den einen von 100, den andern von -82 Fuß Länge. Wo diese Gänge sich vereinigen, bilden sie -wieder eine Grotte; von hier aus rechts gegen Norden, mehr in -der Höhe, liegt wieder eine kleinere Kammer, es ist die, in welche -wir den Leser zu dem vertriebenen Mann geführt haben. Die -weiteste Entfernung vom Eingang der Höhle bis zu ihrem Ende -beträgt 577 Fuß. Man vergleiche hierüber die so interessante -als getreue Beschreibung der schwäb. Alb von G. Schwab.</p> - -<p><a id="Footnote_31_32"></a><a href="#FNanchor_31_32"><span class="label">[31]</span></a> Drei Hirschgeweihe, wovon die zwei obersten vier, das -untere aber drei Enden hat, sind das <em class="gesperrt">alte Wappen</em> von -Württemberg.</p> - -<p><a id="Footnote_32_33"></a><a href="#FNanchor_32_33"><span class="label">[32]</span></a> Crusius beschreibt in seiner Chronik das Schlößchen -Lichtenstein, wie wir es hier nacherzählen. Er sah es zu Ende -des sechzehnten Jahrhunderts, also etwa 70 Jahre nach dem -Jahre 1519. Dort findet sich auch die hieher gehörige Stelle: -</p> -<p> -»Im obern Stockwerk ist ein überaus schöner Saal, ringsum -mit Fenstern, aus welchen man bis an den Asperg sehen kann: -<em class="gesperrt">darin hat der vertriebene Fürst, Ulrich von -Württemberg, öfter gewohnt, der des Nachts -vor das Schloß kam und nur sagte: ›Der Mann -ist da!‹ so wurde er eingelassen.</em>« Wo aber wohnte -er den Tag über? Wo hielt sich der Vertriebene auf? Die -Frage lag sehr nahe. -</p> -<p> -Jetzt ist in die Ruinen des alten Schlosses ein Jägerhaus -erbaut, das noch immer den Namen des »Lichtensteiner Schlößleins« -trägt und am fröhlichen Pfingstfest einer lebensfrohen -Menge zum Tummelplatz dient.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_343">[343]</a></span></p> - -<p><a id="Footnote_33_34"></a><a href="#FNanchor_33_34"><span class="label">[33]</span></a> Er schickte einen tapfern Ritter, Marx Stumpf von -Schweinsberg, an sie mit einem beweglichen Schreiben, das -Schloß nicht zu übergeben, sondern, wo sie solches auch tun wollten, -ihm wieder Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu kommen; -weil er in selbigem zu sterben bereit sei, wenn es Gott über -ihn verhänge. Sattler, Gesch. der Herz. v. Württemb. II. 15.</p> - -<p><a id="Footnote_34_35"></a><a href="#FNanchor_34_35"><span class="label">[34]</span></a> Diesen merkwürdigen Hund beschreibt Thetinger als -einen Liebling Ulrichs ausführlich. A. a. O. S. I. 58.</p> - -<p><a id="Footnote_35_36"></a><a href="#FNanchor_35_36"><span class="label">[35]</span></a> »Hie gut Württemberg alleweg« findet sich oft als Wahlspruch -dieser Partei. Vergl. Pfaffs Geschichte Württembergs -Bd. I. S. 306.</p> - -<p><a id="Footnote_36_37"></a><a href="#FNanchor_36_37"><span class="label">[36]</span></a> »Der Tüfell gsegen jn allen!« sind die Worte des Chronisten -Stumphardt, die ihm unwillkürlich entschlüpfen, indem er -die Unterhandlung der Ritter »beim kühlen Wein« beschreibt.</p> - -<p><a id="Footnote_37_38"></a><a href="#FNanchor_37_38"><span class="label">[37]</span></a> Herzog Ulrich beklagt sich wiederholt, namentlich in -diesem Zeitpunkt, daß seine Gegner so viele Lügen gegen ihn -ausstreuen. Er verteidigt sich darüber, besonders in seinen -Briefen an die schweizerische Eidgenossenschaft. So streuten -seine Feinde im Jahre 1519 aus, er habe einen Edelknaben, -Wilhelm von Janowiz, entzwei gehauen. Doch Janowiz lebte -noch im Jahre 1562 und war Anno 1560 Kommandant der Feste -Asperg. Aber jene Lüge machte damals großes Aufsehen, daher -kam es, daß ein Schweizer, dem man diesen Mann zeigte und -sagte, was die Feinde des Herzogs von ihm ausgestreut haben, -antwortete: »<em class="gesperrt">Er muß nochten ein guter Barbier -gsyn syn, der den Knaben so suber gehailt hat.</em>« -(Sattler II. § 24.)</p> - -<p><a id="Footnote_38_39"></a><a href="#FNanchor_38_39"><span class="label">[38]</span></a> <em class="gesperrt">Sattler</em> erzählt dies folgendermaßen: Der schwäbische -Bund hatte einen großen Teil seiner Kriegsknechte abgedankt, -diese wurden darüber schwierig, sie rottierten sich zusammen, -richteten zwölf Fähnlein auf, erwählten ihre Hauptleute -und machten unter sich nach damaligem Gebrauch eine Regimentsordnung. -Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Herzog -diese Leute an sich gezogen. Geschichte der Herzoge v. Württemb. -II. § 16.</p> - -<p><a id="Footnote_39_40"></a><a href="#FNanchor_39_40"><span class="label">[39]</span></a> Dieses Lied führt auch Lessing in der Sammlung auf, -die den Namen trägt: »Altdeutscher Witz und Verstand.«</p> - -<p><a id="Footnote_40_41"></a><a href="#FNanchor_40_41"><span class="label">[40]</span></a> Der Schwaben- und Frankenbund hielt in diesem Sommer -einen Bundestag in Nördlingen. Auch die Herzogin Sabina -und der Herzog von Bayern fanden sich dort ein, um hauptsächlich -über Württemberg zu entscheiden. Sattler II. § 15.</p> - -<p><a id="Footnote_41_42"></a><a href="#FNanchor_41_42"><span class="label">[41]</span></a> Die Regentschaft mußte zu jener Zeit viel seltsamer, -leichtfertiger und böser Reden hören. Der Keller in Göppingen -berichtete einmal, man habe auf der Straße zwischen Grunbach -und Heppach einen Kieselstein gefunden, auf dessen einer Seite<span class="pagenum"><a id="Page_344">[344]</a></span> -ein Hirschgeweih mit der Unterschrift: »Hie gut Württemberg -alleweg«, auf der andern Seite ein Jagdhorn mit den Worten: -»<em class="antiqua">Vive Dux Ulrice</em>« zu sehen waren. Vergl. Pfaffs Geschichte -von Württemberg I. 306.</p> - -<p><a id="Footnote_42_43"></a><a href="#FNanchor_42_43"><span class="label">[42]</span></a> Ueber dieses neutrale Verhalten des Adels ist zu vergleichen -Sattler II. § 19.</p> - -<p><a id="Footnote_43_44"></a><a href="#FNanchor_43_44"><span class="label">[43]</span></a> »Der Herzog zog sich mit ungefähr 6000 Mann Landvolk -nach Stuttgart, und die angeworbenen Knechte legte er -nach Kannstatt.« Sattler II. § 21. »Der Herzog, als er erfuhr, -daß der Feind so nahe sei, rief die Seinigen schnell aus Städten -und Dörfern herbei, die auch sogleich erschienen.« <em class="antiqua">Thetingeri -Commentarius etc. lib. III.</em></p> - -<p><a id="Footnote_44_45"></a><a href="#FNanchor_44_45"><span class="label">[44]</span></a> Wir benützen zur Beschreibung dieser Schlacht hauptsächlich: -Joh. Bezzi hist. <em class="antiqua">Ulrici Ducis Würt.</em> und Thetinger, -der besonders bei dem Angriff der Reiterei auf den mit Geschütz -besetzten Hügel sehr ins einzelne geht.</p> - -<p><a id="Footnote_45_46"></a><a href="#FNanchor_45_46"><span class="label">[45]</span></a> Graf Georg von Württemberg und Mömpelgard, der -Bruder Ulrichs, ist der Stammvater des jetzigen Regentenhauses -von Württemberg. -</p> -<p> -Sein Sohn war Friedrich I. reg. Herzog, der das Herzogtum -erhielt, weil Ludwig, Christophs Sohn, ohne männliche Deszendenz -starb.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter transnote" id="tnextra"> -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. -</p> -<p> -Korrekturen: -</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 6: Fußnote ohne Anker gelöscht:<br /> - Die Anmerkungen befinden sich am Ende dieser Erzählung.</p> -<p> -S. 33: viel → viel wie<br /> - muß sich so <a href="#corr033">viel wie</a> möglich</p> -S. 78: überrascht → überraschend<br /> - Entscheidung doch zu <a href="#corr078">überraschend</a> -<p> -S. 87: Ritterschaft → Ritterhaft<br /> - Das ist halt die <a href="#corr087">Ritterhaft</a></p> -<p> -S. 101: Laune → Leute<br /> - Gastfreundschaft der guten <a href="#corr101">Leute</a></p> -<p> -S. 142: bunten → runden<br /> -Tafeltuch über den <a href="#corr142">runden</a> Tisch</p> -<p> -S. 143: Schlüssel → Schüssel<br /> - schob die <a href="#corr143">Schüssel</a> weit hinweg</p> -<p> -S. 237: ficht → ficht keiner<br /> - wie der <a href="#corr237">ficht keiner</a> in der Türkei - -S. 341: Ermorderung → Ermordung<br /> - in Bayern für <a href="#corr341">Ermordung</a> des Herzogs</p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i - sechs Bänden. Dritter Band, by Wilhelm Hauff - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE *** - -***** This file should be named 60873-h.htm or 60873-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/8/7/60873/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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