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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/6498-8.txt b/6498-8.txt new file mode 100644 index 0000000..a3159e9 --- /dev/null +++ b/6498-8.txt @@ -0,0 +1,4914 @@ +The Project Gutenberg EBook of Kabale und Liebe +by Friedrich (Johann Christoph Friedrich von ) Schiller + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Kabale und Liebe + +Author: Friedrich (Johann Christoph Friedrich von ) Schiller + +Release Date: September, 2004 [EBook #6498] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on December 22, 2002] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KABALE UND LIEBE *** + + + + + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg +Projekt-DE. That project is reachable at the web site +http://gutenberg2000.de. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur +Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg2000.de erreichbar. + + + + +Friedrich Schiller + + +Kabale und Liebe + +Ein bürgerliches Trauerspiel. + + + +--------------------------------------------- + +Personen: + +Präsident von Walter, am Hof eines deutschen Fürsten. +Ferdinand, sein Sohn, Major. +Hofmarschall von Kalb. +Lady Milford, Favoritin des Fürsten. +Wurm, Haussecretär des Präsidenten. +Miller, Stadtmusikant oder, wie man sie an einigen Orten + nennt, Kunstpfeifer. +Dessen Frau. +Luise, dessen Tochter. +Sophie, Kammerjungfer der Lady. +Ein Kammerdiener des Fürsten. +Verschiedene Nebenpersonen. + + + + +Erster Akt. + + + +Erste Scene. + +Zimmer beim Musikus. + + +Miller steht eben vom Sessel auf und stellt sein Violoncell auf die +Seite. An einem Tisch sitzt Frau Millerin noch im Nachtgewand und +trinkt ihren Kaffee. + + +Miller (schnell auf- und abgehend). Einmal für allemal! Der Handel +wird ernsthaft. Meine Tochter kommt mit dem Baron ins Geschrei. +Mein Haus wird verrufen. Der Präsident bekommt Wind, und kurz und +gut, ich biete dem Junker aus. + +Frau. Du hast ihn nicht in dein Haus geschwatzt--hast ihm deine +Tochter nicht nachgeworfen. + +Miller. Hab' ihn nicht in mein Haus geschwatzt--hab' ihm 's Mädel +nicht nachgeworfen; wer nimmt Notiz davon?--Ich war Herr im Haus. +Ich hätt' meine Tochter mehr coram nehmen sollen. Ich hätt' dem +Major besser auftrumpfen sollen--oder hätt' gleich Alles Seiner +Excellenz, dem Herrn Papa, stecken sollen. Der junge Baron bringt's +mit einem Wischer hinaus, das muß ich wissen, und alles Wetter kommt +über den Geiger. + +Frau (schlürft eine Tasse aus). Possen! Geschwätz! Was kann über +dich kommen? Wer kann dir was anhaben? Du gehst deiner Profession +nach und raffst Scholaren zusammen, wo sie zu kriegen sind. + +Miller. Aber, sag mir doch, was wird bei dem ganzen Commerz auch +herauskommen?--Nehmen kann er das Mädel nicht--Vom Nehmen ist gar die +Rede nicht, und zu einer--daß Gott erbarm?--Guten Morgen!--Gott, wenn +so ein Musje von sich da und dort, und dort und hier schon +herumbeholfen hat, wenn er, der Henker weiß! was als? gelöst hat, +schmeckt's meinem guten Schlucker freilich, einmal auf süß Wasser zu +graben. Gib du Acht! gib du Acht! und wenn du aus jedem Astloch ein +Auge strecktest und vor jedem Blutstropfen Schildwache ständest, er +wird sie, dir auf der Nase, beschwatzen, dem Mädel Eins hinsetzen und +führt sich ab, und das Mädel ist verschimpfiert auf ihr Lebenlang, +bleibt sitzen, oder hat's Handwerk verschmeckt, treibt's fort. (Die +Hand vor der Stirn) Jesus Christus! + +Frau. Gott behüt' uns in Gnaden! + +Miller. Es hat sich zu behüten. Worauf kann so ein Windfuß wohl +sonst sein Absehen richten?--Das Mädel ist schön--schlank--führt +seinen netten Fuß. Unterm Dach mag's aussehen, wie's will. Darüber +guckt man bei euch Weibsleuten weg, wenn's nur der liebe Gott +parterre nicht hat fehlen lassen--Stöbert mein Springinsfeld erst +noch dieses Kapital aus--he da! geht ihm ein Licht auf, wie meinem +Rodney, wenn er die Witterung eines Franzosen kriegt, und nun müssen +alle Segel dran, und drauf los, und--ich verdenk's ihm gar nicht. +Mensch ist Mensch. Das muß ich wissen. + +Frau. Solltest nur die wunderhübsche Billeter auch lesen, die der +gnädige Herr an deine Tochter als schreiben thut. Guter Gott! da +sieht man's ja sonnenklar, wie es ihm pur um ihre schöne Seele zu +thun ist. + +Miller. Das ist die rechte Höhe. Auf den Sack schlägt man, den Esel +meint man. Wer einen Gruß an das liebe Fleisch zu bestellen hat, +darf nur das gute Herz Boten gehen lassen. Wie hab' ich's gemacht? +Hat man's nur erst so weit im Reinen, daß die Gemüther topp machen, +wutsch! nehmen die Körper ein Exempel; das Gesind macht's der +Herrschaft nach, und der silberne Mond ist am End nur der Kuppler +gewesen. + +Frau. Sieh doch nur erst die prächtigen Bücher an, die der Herr +Major ins Haus geschafft haben. Deine Tochter betet auch immer draus. + +Miller (pfeift). Hui da! Betet! Du hast den Witz davon. Die rohen +Kraftbrühen der Natur sind Ihro Gnaden zartem Makronenmagen noch zu +hart.--Er muß sie erst in der höllischen Pestilenzküche der +Belletristen künstlich aufkochen lassen. Ins Feuer mit dem Quark. +Da saugt mir das Mädel--weiß Gott, was als für?--überhimmlische +Alfanzereien ein, das läuft dann wie spanische Mucken ins Blut und +wirft mir die Handvoll Christenthum noch gar auseinander, die der +Vater mit knapper Noth soso noch zusammenhielt. Ins Feuer, sag' ich. +Das Mädel setzt sich alles Teufelsgezeug in den Kopf; über all dem +Herumschwänzen in der Schlaraffenwelt findet's zuletzt seine Heimath +nicht mehr, vergißt, schämt sich, daß sein Vater Miller der Geiger +ist, und verschlägt mir am End einen wackern ehrbaren Schwiegersohn, +der sich so warm in meine Kundschaft hineingesetzt hätte--Nein! Gott +verdamm mich! (Er springt auf, hitzig.) Gleich muß die Pastete auf +den Herd, und dem Major--ja ja, dem Major will ich weisen, wo Meister +Zimmermann das Loch gemacht hat. (Er will fort.) + +Frau. Sei artig, Miller. Wie manchen schönen Groschen haben uns nur +die Präsenter-Miller (kommt zurück und bleibt vor ihr stehen). Das +Blutgeld meiner Tochter?--Schier dich zum Satan, infame Kupplerin! +--Eh will ich mit meiner Geig' auf den Bettel herumziehen und das +Concert um was Warmes geben--eh will ich mein Violoncello zerschlagen +und Mist im Sonanzboden führen, eh ich mir's schmecken lass' von dem +Geld, das mein einziges Kind mit Seel' und Seligkeit abverdient. +--Stell den vermaledeiten Kaffee ein und das Tobackschnupfen, so +brauchst du deiner Tochter Gesicht nicht zu Markt zu treiben. Ich +hab mich satt gefressen und immer ein gutes Hemd auf dem Leib gehabt, +eh so ein vertrackter Tausendsasa in meine Stube geschmeckt hat. + +Frau. Nur nicht gleich mit der Thür ins Haus! Wie du doch den +Augenblick in Feuer und Flammen stehst! Ich sprech ja nur, man müss' +den Herrn Major nicht disguschthüren, weil Sie des Präsidenten Sohn +sind. + +Miller. Da liegt der Haas im Pfeffer. Darum, just eben darum muß +die Sach noch heut auseinander. Der Präsident muß es mir Dank wissen, +wenn er ein rechtschaffener Vater ist. Du wirst mir meinen rothen +plüschenen Rock ausbürsten, und ich werde mich bei Seiner Excellenz +anmelden lassen. Ich werde sprechen zu seiner Excellenz: Dero Herr +Sohn haben ein Aug auf meine Tochter; meine Tochter ist zu schlecht +zu Dero Herrn Sohnes Frau, aber zu Dero Herrn Sohnes Hure ist meine +Tochter zu kostbar, und damit basta!--Ich heiße Miller. + + + +Zweite Scene. + +Secretär Wurm. Die Vorigen. + + +Frau. Ah guten Morgen, Herr Sekertare! Hat man auch einmal wieder +das Vergnügen von Ihnen? + +Wurm. Meinerseits, meinerseits, Frau Base! Wo eine Cavaliersgnade +einspricht, kommt mein bürgerliches Vergnügen in gar keine Rechnung. + +Frau. Was Sie nicht sagen, Herr Sekertare! Des Herrn Majors von +Walter hohe Gnaden machen uns wohl je und je das Bläsier; doch +verachten wir darum Niemand. + +Miller (verdrießlich). Dem Herrn einen Sessel, Frau. Wollen's +ablegen, Herr Landsmann? + +Wurm (legt Hut und Stock weg, setzt sich). Nun! nun! und wie +befindet sich denn meine Zukünftige--oder Gewesene?--Ich will doch +nicht hoffen--kriegt man sie nicht zu sehen--Mamsell Luisen? + +Frau. Danken der Nachfrage, Herr Sekertare. Aber meine Tochter ist +doch gar nicht hochmüthig. + +Miller (ärgerlich, stößt sie mit dem Ellenbogen). Weib! + +Frau. Bedauern's nur, daß sie die Ehre nicht haben kann vom Herrn +Sekertare. Sie ist eben in der Meß, meine Tochter. + +Wurm. Das freut mich, freut mich. Ich werd' mal eine fromme, +christliche Frau an ihr haben. + +Frau (lächelt dumm-vornehm). Ja--aber, Herr Sekertare-Miller (in +sichtbarer Verlegenheit, kneipt sie in die Ohren). Weib! + +Frau. Wenn Ihnen unser Haus sonst irgend wo dienen kann--mit allem +Vergnügen, Herr Sekertare-Wurm (macht falsche Augen). Sonst irgendwo! +Schönen Dank! Schönen Dank!--Hem! hem! hem! + +Frau. Aber--wie der Herr Sekertare selber die Einsicht werden +haben-Miller (voll Zorn seine Frau vor den Hintern stoßend). Weib! + +Frau. Gut ist gut, und besser ist besser, und einem einzigen Kind +mag man doch auch nicht vor seinem Glück sein. (Bäurisch-stolz.) Sie +werden mich ja doch wohl merken, Herr Sekertare? + +Wurm (rückt unruhig im Sessel, kratzt hinter den Ohren und zupft an +Manschetten und Jabot). Merken? Nicht doch--O ja--Wie meinen Sie +denn? + +Frau. Nu--nu--ich dächte nur--ich meine, (hustet) weil eben halt der +liebe Gott meine Tochter barrdu zur gnädigen Madam will haben-Wurm +(fährt vom Stuhl). Was sagen Sie da? Was? + +Miller. Bleiben sitzen! Bleiben sitzen, Herr Secretarius! Das Weib +ist eine alberne Gans. Wo soll eine gnädige Madam herkommen? Was +für ein Esel streckt sein Langohr aus diesem Geschwätze? + +Frau. Schmähl du, so lang du willst. Was ich weiß, weiß ich--und +was der Herr Major gesagt hat, das hat er gesagt. + +Miller (aufgebracht, springt nach der Geige). Willst du dein Maul +halten? Willst du das Violoncell am Hirnkasten wissen?--Was kannst +du wissen? Was kann er gesagt haben?--Kehren sich an das Geklatsch +nicht, Herr Vetter--Marsch du, in deine Küche!--Werden mich doch +nicht für des Dummkopfs leiblichen Schwager halten, daß ich oben aus +woll' mit dem Mädel? Werden doch das nicht von mir denken, Herr +Secretarius? + +Wurm. Auch hab' ich es nicht um Sie verdient, Herr Musikmeister. +Sie haben mich jederzeit den Mann von Wort sehen lassen und meine +Ansprüche auf Ihre Tochter waren so gut als unterschrieben. Ich habe +ein Amt, das seinen guten Haushälter nähren kann; der Präsident ist +mir gewogen; an Empfehlungen kann's nicht fehlen, wenn ich mich höher +poussieren will. Sie sehen, daß meine Absichten auf Mamsell Luisen +ernsthaft sind, wenn Sie vielleicht von einem adeligen Windbeutel +herumgeholt-Frau. Herr Sekertare Wurm! Mehr Respect, wenn man +bitten darf-Miller. Halt du dein Maul, sag' ich--Lassen Sie es gut +sein, Herr Vetter! Es bleibt beim Alten. Was ich Ihnen verwichenen +Herbst zum Bescheid gab, bring' ich heut wieder. Ich zwinge meine +Tochter nicht. Stehen Sie ihr an--wohl und gut, so mag sie zusehen, +wie sie glücklich mit Ihnen wird. Schüttelt sie den Kopf--noch +besser--in Gottes Namen wollt' ich sagen--so stecken Sie den Korb ein +und trinken eine Bouteille mit dem Vater--Das Mädel muß mit Ihnen +leben--ich nicht.--Warum soll ich ihr einen Mann, den sie nicht +schmecken kann, aus purem klarem Eigensinn an den Hals werfen?--Daß +mich der böse Feind in meinen eisgrauen Tagen noch wie sein Wildpret +herumhetzt--daß ich's in jedem Glas Wein zu saufen--in jeder Suppe zu +fressen kriege: Du bist der Spitzbube, der sein Kind ruiniert hat. + +Frau. Und kurz und gut--ich geb meinen Consenz absolut nicht; meine +Tochter ist zu was Hohem gemünzt, und ich lauf' in die Gerichte, wenn +mein Mann sich beschwatzen läßt. + +Miller. Willst du Arm und Bein entzwei haben, Wettermaul? + +Wurm (zu Millern). Ein väterlicher Rath vermag bei der Tochter viel, +und hoffentlich werden Sie mich kennen, Herr Miller? + +Miller. Daß dich alle Hagel! 's Mädel muß Sie kennen. Was ich alter +Knasterbart an Ihnen abgucke, ist just kein Fressen fürs junge +naschhafte Mädel. Ich will Ihnen aufs Haar hin sagen, ob Sie ein +Mann fürs Orchester sind--aber eine Weiberseel' ist auch für einen +Kapellmeister zu spitzig.--Und dann von der Brust weg, Herr +Vetter--ich bin halt ein plumper gerader deutscher Kerl--für meinen +Rath würden Sie sich zuletzt wenig bedanken. Ich rathe meiner +Tochter zu Keinem--aber Sie mißrath ich meiner Tochter, Herr +Secretarius! Lassen mich ausreden. Einem Liebhaber, der den Vater +zu Hilfe ruft, trau' ich--erlauben Sie--keine hohle Haselnuß zu. Ist +er was, so wird er sich schämen, seine Talente durch diesen +altmodischen Kanal vor seine Liebste zu bringen--Hat er's Courage +nicht, so ist er ein Hasenfuß, und für den sind keine Luisen +gewachsen--Da! hinter dem Rücken des Vaters muß er sein Gewerb an die +Tochter bestellen. Machen muß er, daß das Mädel lieber Vater und +Mutter zum Teufel wünscht, als ihn fahren läßt,--oder selber kommt, +dem Vater zu Füßen sich wirft und sich um Gotteswillen den schwarzen +gelben Tod oder den Herzeinigen ausbittet--Das nenn' ich einen Kerl! +das heißt lieben!--und wer's bei dem Weibsvolk nicht so weit bringt, +der soll--auf seinem Gänsekiel reiten. + +Wurm (greift nach Hut und Stock und zum Zimmer hinaus). Obligation, +Herr Miller! + +Miller (geht ihm langsam nach). Für was? für was? Haben Sie ja doch +nichts genossen, Herr Secretarius! (Zurückkommend.) Nichts hört er, +und hin zieht er--Ist mir's doch wie Gift und Operment, wenn ich den +Federfuchser zu Gesichte krieg'. Ein confiscierter widriger Kerl, +als hätt' ihn irgend ein Schleichhändler in die Welt meines Herrgotts +hineingeschachert--Die kleinen tückischen Mausaugen--die Haare +brandroth--das Kinn herausgequollen, gerade als wenn die Natur für +purem Gift über das verhunzte Stück Arbeit meinen Schlingel da +angefaßt und in irgend eine Ecke geworfen hätte--Nein! eh ich meine +Tochter an so einen Schuft wegwerfe, lieber soll sie mir--Gott +verzeih mir's-Frau (spuckt aus, giftig). Der Hund!--aber man wird +dir's Maul sauber halten! + +Miller. Du aber auch mit deinem pestilenzialischen Junker--Hast mich +vorhin auch so in Harnisch gebracht--Bist doch nie dummer, als wenn +du um Gotteswillen gescheidt sein solltest. Was hat das Geträtsch +von einer gnädigen Madam und deiner Tochter da vorstellen sollen? +Das ist mir der Alte! Dem muß man so was an die Nase heften, wenn's +morgen am Marktbrunnen ausgeschellt sein soll. Das ist just so ein +Musje, wie sie in der Leute Häusern herumriechen, über Keller und +Koch räsonnieren, und springt einem ein nasenweises Wort übers +Maul--Bumbs! haben's Fürst und Mätreß und Präsident, und du hast das +siedende Donnerwetter am Halse. + + + +Dritte Scene. + +Luise Millerin kommt, ein Buch in der Hand. Vorige. + + +Luise (legt das Buch nieder, geht zu Millern und drückt ihm die Hand). +Guten Morgen, lieber Vater. + +Miller (warm). Brav, meine Luise--Freut mich, daß du so fleißig an +deinen Schöpfer denkst. Bleib immer so, und sein Arm wird dich +halten. + +Luise. O! ich bin eine schwere Sünderin, Vater--War er da, Mutter? + +Frau. Wer, mein Kind? + +Luise. Ah! ich vergaß, daß es noch außer ihm Menschen gibt--Mein +Kopf ist so wüste--Er war nicht da? Walter? + +Miller (traurig und ernsthaft). Ich dachte, meine Luise hätte den +Namen in der Kirche gelassen? + +Luise (nachdem sie ihn eine Zeitlang starr angesehen). Ich versteh' +ihn, Vater--fühle das Messer, das Er in mein Gewissen stößt; aber es +kommt zu spät.--Ich hab' keine Andacht mehr, Vater--der Himmel und +Ferdinand reißen an meiner blutenden Seele, und ich fürchte--ich +fürchte--(Nach einer Pause.) Doch nein, guter Vater. Wenn wir ihn +über dem Gemälde vernachlässigen, findet sich ja der Künstler am +feinsten gelobt.--Wenn meine Freude über sein Meisterstück mich ihn +selbst übersehen macht, Vater, muß das Gott nicht ergötzen? + +Miller (wirft sich unmuthig in den Stuhl). Da haben wir's! Das ist +die Frucht von dem gottlosen Lesen. + +Luise (tritt unruhig an ein Fenster). Wo er wohl jetzt ist?--Die +vornehmen Fräulein, die ihn sehen--ihn hören--ich bin ein schlechtes, +vergessenes Mädchen. (Erschrickt an dem Wort und stürzt ihrem Vater +zu.) Doch nein, nein! verzeih' Er mir. Ich beweine mein Schicksal +nicht. Ich will ja nur wenig--an ihn denken--das kostet ja nichts. +Dies Bischen Leben--dürft' ich es hinhauchen in ein leises, +schmeichelndes Lüftchen, sein Gesicht abzukühlen;--dies Blümchen +Jugend--wär' es ein Veilchen, und er träte drauf, und es dürfte +bescheiden unter ihm sterben!--Damit genügte mir, Vater! Wenn die +Mücke in ihren Strahlen sich sonnt--kann sie das strafen, die stolze +majestätische Sonne? + +Miller (beugt sich gerührt an die Lehne des Stuhls und bedeckt das +Gesicht). Höre, Luise--das Bissel Bodensatz meiner Jahre, ich gäb' +es hin, hättest du den Major nie gesehen. + +Luise (erschrocken). Was sagt Er da? was?--Nein, er meint es anders, +der gute Vater. Er wird nicht wissen, daß Ferdinand mein ist, mir +geschaffen, mir zur Freude vom Vater der Liebenden. (Sie steht +nachdenkend.) Als ich ihn das Erstemal sah--(rascher) und mir das +Blut in die Wangen stieg, froher jagten alle Pulse, jede Wallung +sprach, jeder Athem lispelte: er ist's!--und mein Herz den +Immermangelnden erkannte, bekräftigte: er ist's! und wie das +wiederklang durch die ganze mitfreuende Welt! Damals--o damals ging +in meiner Seele der erste Morgen auf. Tausend junge Gefühle schossen +aus meinem Herzen, wie die Blumen aus dem Erdreich, wenn's Frühling +wird. Ich sah keine Welt mehr, und doch besinn' ich mich, daß sie +niemals so schön war. Ich wußte von keinem Gott mehr, und doch hatt' +ich ihn nie so geliebt. + +Miller (tritt auf sie zu, drückt sie wider seine Brust). +Luise--theures--herrliches Kind--nimm meinen alten mürben Kopf--nimm +Alles--Alles!--den Major--Gott ist mein Zeuge--ich kann dir ihn +nimmer geben. (Er geht ab.) + +Luise. Auch will ich ihn ja jetzt nicht, mein Vater! Dieser karge +Thautropfen Zeit--schon ein Traum von Ferdinand trinkt ihn wollüstig +auf. Ich entsag' ihm für dieses Leben. Dann, Mutter--dann wenn die +Schranken des Unterschieds einstürzen--wenn von uns abspringen all +die verhaßten Hülsen des Standes--Menschen nur Menschen sind--Ich +bringe nichts mit mir, als meine Unschuld; aber der Vater hat ja so +oft gesagt, daß der Schmuck und die prächtigen Titel wohlfeil werden, +wenn Gott kommt, und die Herzen im Preise steigen. Ich werde dann +reich sein. Dort rechnet man Thränen für Triumphe und schöne +Gedanken für Ahnen an. Ich werde dann vornehm sein, Mutter--Was +hätte er dann noch vor seinem Mädchen voraus? + +Frau (fährt in die Höhe). Luise! der Major! Er springt über die +Planke. Wo verberg' ich mich doch? + +Luise (fängt an zu zittern). Bleib Sie doch, Mutter! + +Frau. Mein Gott! Wie seh' ich aus; ich muß mich ja schämen. Ich +darf mich nicht vor seiner Gnaden so sehen lassen. (Ab.) + + + +Vierte Scene. + +Ferdinand von Walter. Luise. + + +(Er fliegt auf sie zu--sie sinkt entfärbt und matt auf einen +Sessel--er bleibt vor ihr stehn--sie sehen sich eine Zeitlang +stillschweigend an. Pause.) + +Ferdinand. Du bist blaß, Luise? + +Luise (steht auf und fällt ihm um den Hals). Es ist nichts! nichts! +Du bist ja da. Es ist vorüber. + +Ferdinand (ihr Hand nehmend und zum Munde führend). Und liebt mich +meine Luise noch? Mein Herz ist das gestrige, ist's auch das deine +noch? Ich fliege nur her, will sehen, ob du heiter bist, und gehn +und es auch sein--Du bist's nicht. + +Luise. Doch, doch, mein Geliebter. + +Ferdinand. Rede mir Wahrheit. Du bist's nicht. Ich schau durch +deine Seele, wie durch das klare Wasser dieses Brillanten. (Zeigt +auf seinen Ring.) Hier wirft sich kein Bläschen auf, das ich nicht +merkte--kein Gedanke tritt in dies Angesicht, der mir entwischte. +Was hast du? Geschwind! Weiß ich nur diesen Spiegel helle, so läuft +keine Wolke über die Welt. Was bekümmert dich? + +Luise (sieht ihn eine Weile stumm und bedeutend an, dann mit Wehmuth). +Ferdinand! Ferdinand! Daß du doch wüßtest, wie schön in dieser +Sprache das bürgerliche Mädchen sich ausnimmt-Ferdinand. Was ist +das? (Befremdet.) Mädchen! Höre! wie kommst du auf das?--Du bist +meine Luise. Wer sagt dir, daß du noch etwas sein solltest? Siehst +du, Falsche, auf welchem Kaltsinn ich dir begegnen muß. Wärest du +ganz nur Liebe für mich, wann hättest du Zeit gehabt, eine +Vergleichung zu machen? Wenn ich bei dir bin, zerschmilzt meine +Vernunft in einen Blick--in einen Traum von dir, wenn ich weg bin, +und du hast noch eine Klugheit neben deiner Liebe?--Schäme dich! +Jeder Augenblick, den du an diesen Kummer verlorst, war deinem +Jüngling gestohlen. + +Luise (faßt seine Hand, indem sie den Kopf schüttelt). Du willst +mich einschläfern, Ferdinand--willst meine Augen von diesem Abgrund +hinweglocken, in den ich ganz gewiß stürzen muß. Ich seh' in die +Zukunft--die Stimme des Ruhms--deine Entwürfe--dein Vater--mein +Nichts. (Erschrickt und läßt plötzlich seine Hand fahren.) Ferdinand! +Ein Dolch über dir und mir!--Man trennt uns! + +Ferdinand. Trennt uns! (Er springt auf.) Woher bringst du diese +Ahnung, Luise? Trennt uns?--Wer kann den Bund zweier Herzen lösen, +oder die Töne eines Accords auseinander reißen?--Ich bin ein +Edelmann--Laß doch sehen, ob mein Adelbrief älter ist, als der Riß +zum unendlichen Weltall? oder mein Wappen gültiger, als die +Handschrift des Himmels in Luisens Augen: dieses Weib ist für diesen +Mann?--Ich bin des Präsidenten Sohn. Eben darum. Wer, als die Liebe, +kann mir die Flüche versüßen, die mir der Landeswucher meines Vaters +vermachen wird? + +Luise. O wie sehr fürcht' ich ihn--diesen Vater! + +Ferdinand. Ich fürchte nichts--nichts--als die Grenzen deiner Liebe. +Laß auch Hindernisse wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie +für Treppen nehmen und drüber hin in Luisens Arme fliegen. Die +Stürme des widrigen Schicksals sollen meine Empfindung emporblasen, +Gefahren werden meine Luise nur reizender machen.--Also nichts mehr +von Furcht, meine Liebe. Ich selbst--ich will über dir wachen, wie +der Zauberdrach über unterirdischem Golde--Mir vertraue dich! Du +brauchst keinen Engel mehr--Ich will mich zwischen dich und das +Schicksal werfen--empfangen für dich jede Wunde--auffassen für dich +jeden Tropfen aus dem Becher der Freude--dir ihn bringen in die +Schale der Liebe. (Sie zärtlich umfassend.) An diesem Arm soll meine +Luise durchs Leben hüpfen; schöner, als er dich von sich ließ, soll +der Himmel dich wieder haben und mit Verwunderung eingestehn, daß nur +die Liebe die letzte Hand an die Seelen legte-Luise (drückt ihn von +sich, in großer Bewegung). Nichts mehr! Ich bitte dich, schweig! +--Wüßtest du--Laß mich--du weißt nicht, daß deine Hoffnungen mein +Herz wie Furien anfallen. (Will fort.) + +Ferdinand (hält sie auf). Luise? Wie! Was! Welche Anwandlung? + +Luise. Ich hatte diese Träume vergessen und war glücklich--Jetzt! +jetzt! von heut an--der Friede meines Lebens ist aus--Wilde +Wünsche--ich weiß es--werden in meinem Busen rasen.--Geh--Gott +vergebe dir's--Du hast den Feuerbrand in mein junges, friedsames Herz +geworfen, und er wird nimmer, nimmer gelöscht werden. (Sie stürzt +hinaus. Er folgt ihr sprachlos nach.) + + + +Fünfte Scene. + +Saal beim Präsidenten. + + +Der Präsident, ein Ordenskreuz um den Hals, einen Stern an der Seite, +und Secretär Wurm treten auf. + +Präsident. Ein ernsthaftes Attachement! Mein Sohn?--Nein, Wurm, das +macht Er mich nimmermehr glauben. + +Wurm. Ihro Excellenz haben die Gnade, mir den Beweis zu befehlen. + +Präsident. Daß er der Bürgercanaille den Hof macht--Flatterieen +sagt--auch meinetwegen Empfindungen vorplaudert--das sind lauter +Sachen, die ich möglich finde--verzeihlich finde--aber--und noch gar +die Tochter eines Musikus, sagt Er? + +Wurm. Musikmeister Millers Tochter. + +Präsident. Hübsch--Zwar das versteht sich. + +Wurm (lebhaft). Das schönste Exemplar einer Blondine, die, nicht zu +viel gesagt, neben den ersten Schönheiten des Hofes noch Figur machen +würde. + +Präsident (lacht). Er sagt mir, Wurm--Er habe ein Aug auf das +Ding--das find' ich. Aber sieht Er, mein lieber Wurm--daß mein Sohn +Gefühl für das Frauenzimmer hat, macht mir Hoffnung, daß ihn die +Damen nicht hassen werden. Er kann bei Hof etwas durchsetzen. Das +Mädchen ist schön, sagt Er; das gefällt mir an meinem Sohn, daß er +Geschmack hat. Spiegelt er der Närrin solide Absichten vor? Noch +besser--so seh' ich, daß er Witz genug hat, in seinen Beutel zu lügen. +Er kann Präsident werden. Setzt er es noch dazu durch? Herrlich! +das zeigt mir an, daß er Glück hat.--Schließt sich die Farce mit +einem gesunden Enkel--unvergleichlich! so trink' ich auf die guten +Aspecten meines Stammbaums eine Bouteille Malaga mehr und bezahle die +Scortationsstrafe für seine Dirne. + +Wurm. Alles, was ich wünsche, Ihr' Excellenz, ist, daß Sie nicht +nöthig haben möchten, diese Bouteille zu Ihrer Zerstreuung zu trinken. + +Präsident (ernsthaft). Wurm, besinn' Er sich, daß ich, wenn ich +einmal glaube, hartnäckig glaube; rase, wenn ich zürne--Ich will +einen Spaß daraus machen, daß Er mich aufhetzen wollte. Daß Er sich +seinen Nebenbuhler gern vom Hals geschafft hätte, glaub' ich Ihm +herzlich gern. Da Er meinen Sohn bei dem Mädchen auszustechen Mühe +haben möchte, soll Ihm der Vater zur Fliegenklatsche dienen, das +find' ich wieder begreiflich--und daß er einen so herrlichen Ansatz +zum Schelmen hat, entzückt mich sogar--Nur, mein lieber Wurm, muß Er +mich nicht mit prellen wollen.--Nur, versteht Er mich, muß Er den +Pfiff nicht bis zum Einbruch in meine Grundsätze treiben. + +Wurm. Ihro Excellenz verzeihen. Wenn auch wirklich--wie Sie +argwohnen--die Eifersucht hier im Spiel sein sollte, so wäre sie es +wenigstens nur mit den Augen und nicht mit der Zunge. + +Präsident. Und ich dächte, sie bliebe ganz weg. Dummer Teufel, was +verschlägt es denn Ihm, ob Er die Karolin frisch aus der Münze oder vom +Bankier bekommt. Tröst' Er sich mit dem hiesigen Adel--wissentlich +oder nicht--bei uns wird selten eine Mariage geschlossen, wo nicht +wenigstens ein halb Dutzend der Gäste--oder der Aufwärter--das Paradies +des Bräutigams geometrisch ermessen kann. + +Wurm (verbeugt sich). Ich mache hier gern den Bürgersmann, gnädiger +Herr. + +Präsident. Überdies kann Er mit Nächstem die Freude haben, seinem +Nebenbuhler den Spott auf die schönste Art heimzugeben. Eben jetzt +liegt der Anschlag im Kabinet, daß, auf die Ankunft der neuen +Herzogin, Lady Milford zum Schein den Abschied erhalten und, den +Betrug vollkommen zu machen, eine Verbindung eingehen soll. Er weiß, +Wurm, wie sehr sich mein Ansehen auf den Einfluß der Lady stützt--wie +überhaupt meine mächtigsten Springfedern in die Wallungen des Fürsten +hineinspielen. Der Herzog sucht eine Partie für die Milford. Ein +Anderer kann sich melden--den Kauf schließen, mit der Dame das +Vertrauen des Fürsten anreißen, sich ihm unentbehrlich machen--Damit +nun der Fürst im Netz meiner Familie bleibe, soll mein Ferdinand die +Milford heirathen--Ist Ihm das helle? + +Wurm. Daß mich die Augen beißen--Wenigstens bewies der Präsident +hier, daß der Vater nur ein Anfänger gegen ihn ist. Wenn der Major +Ihnen eben so den gehorsamen Sohn zeigt, als Sie ihm den zärtlichen +Vater, so dürfte Ihre Anforderung mit Protest zurückkommen. + +Präsident. Zum Glück war mir noch nie für die Ausführung eines +Entwurfes bang, wo ich mich mit einem: es soll so sein! einstellen +konnte.--Aber seh' Er nun, Wurm, das hat uns wieder auf den vorigen +Punkt geleitet. Ich kündige meinem Sohn noch diesen Vormittag seine +Vermählung an. Das Gesicht, das er mir zeigen wird, soll Seinen +Argwohn entweder rechtfertigen oder ganz widerlegen. + +Wurm. Gnädiger Herr, ich bitte sehr um Vergebung. Das finstre +Gesicht, das er Ihnen ganz zuverlässig zeigt, läßt sich eben so gut +auf die Rechnung der Braut schreiben, die Sie ihm zuführen, als +derjenigen, die Sie ihm nehmen. Ich ersuche Sie um eine schärfere +Probe. Wählen Sie ihm die untadelichste Partie im Lande, und sagt er +Ja, so lassen Sie den Secretär Wurm drei Jahre Kugeln schleifen. + +Präsident (heißt die Lippen). Teufel! + +Wurm. Es ist nicht anders! Die Mutter--die Dummheit selbst--hat mir +in der Einfalt zu viel geplaudert. + +Präsident (geht auf und nieder, preßt seinen Zorn zurück). Gut! +Diesen Morgen noch. + +Wurm. Nur vergessen Ew. Excellenz nicht, daß der Major--der Sohn +meines Herrn ist! + +Präsident. Er soll geschont werden, Wurm. + +Wurm. Und daß der Dienst, Ihnen von einer unwillkommenen +Schwiegertochter zu helfen-Präsident. Den Gegendienst werth ist, Ihm +zu einer Frau zu helfen?--Auch das, Wurm! + +Wurm (bückt sich vergnügt). Ewig der Ihrige, gnädiger Herr! (Er +will gehen.) + +Präsident. Was ich Ihm vorhin vertraut habe, Wurm! (Drohend.) Wenn +Er plaudert-Wurm (lacht). So zeigen Ihr' Excellenz meine falschen +Handschriften auf. (er geht ab.) + +Präsident. Zwar bist du mir gewiß! Ich halte dich an deiner eigenen +Schurkerei, wie den Schröter am Faden. + +Ein Kammerdiener (tritt herein). Hofmarschall von Kalb-Präsident. +Kommt wie gerufen.--Er soll mir angenehm sein. (Kammerdiener geht.) + + + +Sechste Scene. + +Hofmarschall von Kalb in einem reichen, aber geschmacklosen Hofkleid, +mit Kammerherrnschlüsseln, zwei Uhren und einem Degen, Chapeaubas und +frisiert à la Hérisson. Er fliegt mit großem Gekreisch auf den +Präsidenten zu und breitet einen Bisamgeruch über das ganze Parterre. +Präsident. + + +Hofmarschall (ihn umarmend). Ah guten Morgen, mein Bester! Wie geruht? +wie geschlafen?--Sie verzeihen doch, daß ich so spät das Vergnügen +habe--dringende Geschäfte--der Küchenzettel--Visitenbillets--das +Arrangement der Partieen auf die heutige Schlittenfahrt--Ah--und dann +mußt' ich ja auch bei dem Lever zugegen sein und Seiner Durchleucht das +Wetter verkündigen. + +Präsident. Ja, Marschall, da haben Sie freilich nicht abkommen +können. + +Hofmarschall. Oben drein hat mich ein Schelm von Schneider noch +sitzen lassen. + +Präsident. Und doch fix und fertig? + +Hofmarschall. Das ist noch nicht Alles.--Ein Malheur jagt heut das +andere. Hören Sie nur! + +Präsident (zerstreut). Ist das möglich? + +Hofmarschall. Hören Sie nur! Ich steige kaum aus dem Wagen, so +werden die Hengste scheu, stampfen und schlagen aus, daß mir--ich +bitte Sie!--der Gassenkoth über und über an die Beinkleider spritzt. +Was anzufangen? Setzen Sie sich um Gotteswillen in meine Lage, Baron! +Da stand ich. Spät war es. Eine Tagreise ist es--und in dem +Aufzug vor Seine Durchleucht! Gott der Gerechte!--Was fällt mir bei? +Ich fingiere eine Ohnmacht. Man bringt mich über Hals und Kopf in +die Kutsche. Ich in voller Carrière nach Haus--wechsle die +Kleider--fahre zurück--Was sagen Sie?--und bin noch der erste in der +Antichambre--Was denken Sie?-Präsident. Ein herrliches Impromptu des +menschlichen Witzes--Doch das beiseite, Kalb--Sie sprachen also schon +mit dem Herzog? + +Hofmarschall (wichtig). Zwanzig Minuten und eine halbe. + +Präsident. Das gesteh' ich!--und wissen wir also ohne Zweifel eine +wichtige Neuigkeit? + +Hofmarschall (ernsthaft, nach einigem Stillschweigen). Seine +Durchleucht haben heute einen Merde d'Oye Biber an. + +Präsident. Man denke!--Nein, Marschall, so hab' ich doch eine +bessere Zeitung für Sie--Daß Lady Milford Majorin von Walter wird, +ist Ihnen gewiß etwas Neues? + +Hofmarschall. Denken Sie!--Und das ist schon richtig gemacht? + +Präsident. Unterschrieben, Marschall--und Sie verbinden mich, wenn +Sie ohne Aufschub dahin gehen, die Lady auf seinen Besuch präparieren +und den Entschluß meiner Ferdinands in der ganzen Residenz bekannt +machen. + +Hofmarschall (entzückt). O mit tausend Freuden, mein Bester!--Was +kann mir erwünschter kommen?--Ich fliege sogleich--(Umarmt ihn.) +Leben Sie wohl--in drei Viertelstunden weiß es die ganze Stadt. +(Hüpft hinaus.) + +Präsident (lacht dem Marschall nach). Man sage noch, daß diese +Geschöpfe in der Welt zu nichts taugen--Nun muß ja mein Ferdinand +wollen, oder die ganze Stadt hat gelogen. (Klingelt--Wurm kommt.) +Mein Sohn soll hereinkommen. (Wurm geht ab, der Präsident auf und +nieder, gedankenvoll.) + + + +Siebente Scene. + +Ferdinand. Präsident. Wurm, welcher gleich abgeht. + + +Ferdinand. Sie haben befohlen, gnädiger Herr Vater-Präsident. +Leider muß ich das, wenn ich meines Sohns einmal froh werden +will--Laß Er uns allein, Wurm!--Ferdinand, ich beobachte dich schon +eine Zeitlang und finde die offene rasche Jugend nicht mehr, die mich +sonst so entzückt hat. Ein seltsamer Gram brütet auf deinem Gesicht. +Du fliehst mich--du fliehst deine Zirkel--Pfui!--Deinen Jahren +verzeiht man zehn Ausschweifungen vor einer einzigen Grille. +Überlaß diese mir, lieber Sohn! Mich laß an deinem Glück arbeiten +und denke auf nichts, als in meine Entwürfe zu spielen.--Komm! umarme +mich, Ferdinand! + +Ferdinand. Sie sind heute sehr gnädig, mein Vater. + +Präsident. Heute, du Schalk--und dieses Heute noch mit der herben +Grimasse? (Ernsthaft.) Ferdinand!--Wem zu lieb hab' ich die +gefährliche Bahn zum Herzen des Fürsten betreten? Wem zu lieb bin +ich auf ewig mit meinem Gewissen und dem Himmel zerfallen?--Höre, +Ferdinand!--Ich spreche mit meinem Sohn--Wem hab' ich durch die +Hinwegräumung meines Vorgängers Platz gemacht--eine Geschichte, die +desto blutiger in mein Inwendiges schneidet, je sorgfältiger ich das +Messer der Welt verberge! Höre! sage mir, Ferdinand! Wem that ich +Dies alles? + +Ferdinand (tritt mit Schrecken zurück). Doch mir nicht, mein Vater? +Doch auf mich soll der blutige Widerschein dieses Frevels nicht +fallen? Beim allmächtigen Gott! es ist besser, gar nicht geboren zu +sein, als dieser Missethat zur Ausrede dienen! + +Präsident. Was war das? Was? Doch ich will es dem Romanenkopfe zu +gut halten!--Ferdinand!--ich will mich nicht erhitzen, vorlauter +Knabe--Lohnst du mir also für meine schlaflosen Nächte? Also für +meine rastlose Sorge? Also für den ewigen Scorpion meines +Gewissens?--Auf mich fällt die Last der Verantwortung--auf mich der +Fluch, der Donner des Richters--Du empfängst dein Glück von der +zweiten Hand--das Verbrechen klebt nicht am Erbe. + +Ferdinand (streckt die rechte Hand gen Himmel). Feierlich entsag' +ich hier einem Erbe, das mich nur an einen abscheulichen Vater +erinnert. + +Präsident. Höre, junger Mensch, bringe mich nicht auf!--Wenn es nach +deinem Kopf ginge, du kröchest dein Lebenlang im Staube. + +Ferdinand. O, immer noch besser, Vater, als ich kröch' um den Thron +herum. + +Präsident (verbeißt seinen Zorn). Hum!--Zwingen muß man dich, +dein Glück zu erkennen. Wo zehn Andre mit aller Anstrengung +nicht hinaufklimmen, wirst du spielend, im Schlafe gehoben. Du +bist im zwölften Jahre Fähndrich. Im zwanzigsten Major. Ich +hab' es durchgesetzt beim Fürsten. Du wirst die Uniform +ausziehen und in das Ministerium eintreten. Der Fürst sprach +vom Geheimenrath--Gesandtschaften--außerordentlichen Gnaden. +Eine herrliche Aussicht dehnt sich vor dir!--Die ebene Straße +zunächst nach dem Throne--zum Throne selbst, wenn anders die +Gewalt so viel werth ist, als ihr Zeichen--das begeistert dich +nicht? + +Ferdinand. Weil meine Begriffe von Größe und Glück nicht ganz die +Ihrigen sind--Ihre Glückseligkeit macht sich nur selten anders, als +durch Verderben bekannt. Neid, Furcht, Verwünschung sind die +traurigen Spiegel, worin sich die Hoheit eines Herrschers belächelt. +--Thränen, Flüche, Verzweiflung die entsetzliche Mahlzeit, woran +diese gepriesenen Glücklichen schwelgen, von der sie betrunken +aufstehen und so in die Ewigkeit vor den Thron Gottes taumeln--Mein +Ideal von Glück zieht sich genügsamer in mich selbst zurück. In +meinem Herzen liegen alle meine Wünsche begraben.-Präsident. +Meisterhaft! Unverbesserlich! Herrlich! Nach dreißig Jahren die +erste Vorlesung wieder!--Schade nur, daß mein fünfzigjähriger Kopf zu +zäh für das Lernen ist!--Doch--dies seltne Talent nicht einrosten zu +lassen, will ich dir Jemand an die Seite geben, bei dem du dich in +dieser buntscheckigen Tollheit nach Wunsch exercieren kannst.--Du +wirst dich entschließen--noch heute entschließen--eine Frau zu nehmen. + +Ferdinand (tritt bestürzt zurück). Mein Vater? + +Präsident. Ohne Complimente.--Ich habe der Lady Milford in deinem +Namen eine Karte geschickt. Du wirst dich ohne Aufschub bequemen, +dahin zu gehen und ihr zu sagen, daß du ihr Bräutigam bist! + +Ferdinand. Der Milford, mein Vater? + +Präsident. Wenn sie dir bekannt ist-Ferdinand (außer Fassung). +Welcher Schandsäule im Herzogthum ist sie das nicht!--Aber ich bin +wohl lächerlich, lieber Vater, daß ich Ihre Laune für Ernst aufnehme? +Würden Sie Vater zu dem Schurken Sohn sein wollen, der eine +privilegierte Buhlerin heirathete? + +Präsident. Noch mehr! Ich würde selbst um sie werben, wenn sie +einen Fünfziger möchte--Würdest du zu dem Schurken Vater nicht Sohn +sein wollen? + +Ferdinand. Nein! So wahr Gott lebt! + +Präsident. Eine Frechheit, bei meiner Ehre! die ich ihrer Seltenheit +wegen vergebe-Ferdinand. Ich bitte Sie, Vater! Lassen Sie mich +nicht länger in einer Vermuthung, wo es mir unerträglich wird, mich +Ihren Sohn zu nennen. + +Präsident. Junge, bist du toll? Welcher Mensch von Vernunft würde +nicht nach der Distinction geizen, mit seinem Landesherrn an einem +dritten Orte zu wechseln? + +Ferdinand. Sie werden mir zum Räthsel, mein Vater. Distinction +nennen Sie es--Distinction, da mit dem Fürsten zu theilen, wo er auch +unter den Menschen hinunterkriecht? + +Präsident (schlägt ein Gelächter auf). + +Ferdinand. Sie können lachen--und ich will über das hinweggehen, +Vater. Mit welchem Gesicht soll ich unter den schlechtesten +Handwerker treten, der mit seiner Frau wenigstens doch einen ganzen +Körper zum Mitgift bekommt? Mit welchem Gesicht vor die Welt? Vor +den Fürsten? Mit welchem vor die Buhlerin selbst, die den +Brandflecken ihrer Ehre in meiner Schande auswaschen würde? + +Präsident. Wo in aller Welt bringst du das Maul her, Junge? + +Ferdinand. Ich beschwöre Sie bei Himmel und Erde! Vater, Sie können +durch diese Hinwerfung Ihres einzigen Sohnes so glücklich nicht +werden, als Sie ihn unglücklich machen. Ich gebe Ihnen mein Leben, +wenn das Sie steigen machen kann. Mein Leben hab' ich von Ihnen, ich +werde keinen Augenblick anstehen, es ganz Ihrer Größe zu opfern. +--Meine Ehre, Vater--wenn Sie mir diese nehmen, so war es ein +leichtfertiges Schelmenstück, mir das Leben zu geben, und ich muß den +Vater wie den Kuppler verfluchen. + +Präsident (freundlich, indem er ihn auf die Achsel klopft). Brav, +lieber Sohn. Jetzt seh' ich, daß du ein ganzer Kerl bist und der +besten Frau im Herzogthum würdig. Sie soll dir werden--noch diesen +Mittag wirst du dich mit der Gräfin von Ostheim verloben. + +Ferdinand (aufs Neue betreten). Ist diese Stunde bestimmt, mich ganz +zu zerschmettern? + +Präsident (einen lauernden Blick auf ihn werfend). Wo doch +hoffentlich deine Ehre nichts einwenden wird? + +Ferdinand. Nein, mein Vater! Friederike von Ostheim könnte jeden +Andern zum Glücklichsten machen. (Vor sich in höchster Verwirrung.) +Was seine Bosheit an seinem Herzen noch ganz ließ, zerreißt seine +Güte. + +Präsident (noch immer kein Auge von ihm wendend). Ich warte auf +deine Dankbarkeit, Ferdinand-Ferdinand (stürzt auf ihn zu und küßt +ihm feurig die Hand). Ihre Gnade entflammt meine ganze +Empfindung--Vater! meinen heißesten Dank für Ihre herzliche +Meinung--Ihre Wahl ist untadelhaft--aber--ich kann--ich +darf--bedauern Sie mich--ich kann die Gräfin nicht lieben! + +Präsident (tritt einen Schritt zurück). Holla! Jetzt hab' +ich den jungen Herrn! Also in diese Falle ging er, der +listige Heuchler--Also es war nicht die Ehre, die dir die Lady +verbot?--Es war nicht die Person, sondern die Heirath, die du +verabscheutest?-Ferdinand (steht zuerst wie versteinert, dann +fährt er auf und will fortrennen). + +Präsident. Wohin? Halt! Ist das der Respect, den du mir schuldig +bist? (Der Major kehrt zurück.) Du bist bei der Lady gemeldet. Der +Fürst hat mein Wort. Stadt und Hof wissen es richtig.--Wenn du mich +zum Lügner machst, Junge--vor dem Fürsten--der Lady--der Stadt--dem +Hof mich zum Lügner machst--Höre, Junge--oder wenn ich hinter gewisse +Historien komme?--Halt! Holla! Was bläst so auf einmal das Feuer in +deinen Wangen aus? + +Ferdinand (schneeblaß und zitternd). Wie? Was? Es ist gewiß nichts, +mein Vater! + +Präsident (einen fürchterlichen Blick auf ihn heftend). Und wenn es +was ist--und wenn ich die Spur finden sollte, woher diese +Widersetzlichkeit stammt--Ha, Junge! der bloße Verdacht schon bringt +mich zum Rasen! Geh den Augenblick! Die Wachtparade fängt an! Du +wirst bei der Lady sein, sobald die Parole gegeben ist--Wenn ich +auftrete, zittert ein Herzogthum. Laß doch sehen, ob mich ein +Starrkopf von Sohn meistert. (Er geht und kommt noch einmal wieder.) +Junge, ich sage dir, du wirst dort sein, oder fliehe meinen Zorn! +(Er geht ab.) + +Ferdinand (erwacht aus einer dumpfen Betäubung). Ist er weg? War +das eines Vaters Stimme?--Ja! ich will zu ihr--will hin--will ihr +Dinge sagen, will ihr einen Spiegel vorhalten--Nichtswürdige! und +wenn du auch noch dann meine Hand verlangst--Im Angesicht des +versammelten Adels, des Militärs und des Volks--Umgürte dich mit dem +ganzen Stolz deines Englands--Ich verwerfe dich--ein deutscher +Jüngling! (Er eilt hinaus.) + + + + +Zweiter Akt. + +Ein Saal im Palais der Lady Milford; zur rechten Hand steht ein Sopha, +zur linken ein Flügel. + + + +Erste Scene. + +Lady in einem freien, aber reizenden Negligé, die Haare noch +unfrisiert, sitzt vor dem Flügel und phantasiert; Sophie, die +Kammerjungfer, kommt von dem Fenster. + + +Sophie. Die Officiers gehen auseinander. Die Wachtparade ist +aus--aber ich sehe noch keinen Walter. + +Lady (sehr unruhig, indem sie aufsteht und einen Gang durch den Saal +macht). Ich weiß nicht, wie ich mich heute finde, Sophie--Ich bin +noch nie so gewesen--Also du sahst ihn gar nicht?--Freilich wohl--Es +wird ihm nicht eilen--Wie ein Verbrechen liegt es auf meiner +Brust--Geh, Sophie--Man soll mir den wildesten Renner herausführen, +der im Marstall ist. Ich muß ins Freie--Menschen sehen und blauen +Himmel, und mich leichter reiten ums Herz herum. + +Sophie. Wenn Sie sich unpäßlich fühlen, Milady--berufen Sie +Assemblee hier zusammen. Lassen Sie den Herzog hier Tafel halten, +oder die l'Hombretische vor Ihren Sopha setzen. Mir sollte der Fürst +und sein ganzer Hof zu Gebote stehen und eine Grille im Kopfe surren? + +Lady (wirft sich in den Sopha). Ich bitte, verschone mich! Ich gebe +dir einen Demant für jede Stunde, wo ich sie mir vom Hals schaffen +kann! Soll ich meine Zimmer mit diesem Volk tapezieren?--Das sind +schlechte, erbärmliche Menschen, die sich entsetzen, wenn mir ein +warmes herzliches Wort entwischt, Mund und Nasen aufreißen, als sähen +sie eine Geist--Sklaven eines einzigen Marionettendrahts, den ich +leichter als mein Filet regiere!--Was fang' ich mit Leuten an, deren +Seelen so gleich als ihre Sackuhren gehen? Kann ich eine Freude dran +finden, sie was zu fragen, wenn ich voraus weiß, was sie mir +antworten werden? Oder Worte mit ihnen zu wechseln, wenn sie das +Herz nicht haben, andrer Meinung als ich zu sein?--Weg mit ihnen! Es +ist verdrießlich, ein Roß zu reiten, das nicht auch in den Zügel +beißt. (Sie tritt zum Fenster.) + +Sophie. Aber den Fürsten werden Sie doch ausnehmen, Lady? Den +schönsten Mann--den feurigsten Liebhaber--den witzigsten Kopf in +seinem ganzen Lande! + +Lady (kommt zurück). Denn es ist sein Land--und nur ein Fürstenthum, +Sophie, kann meinem Geschmack zur erträglichen Ausrede dienen--Du +sagst, man beneide mich. Armes Ding! Beklagen soll man mich +vielmehr! Unter Allen, die an den Brüsten der Majestät trinken, +kommt die Favoritin am schlechtesten weg, weil sie allein dem großen +und reichen Mann auf dem Bettelstabe begegnet--Wahr ist's, er kann +mit dem Talisman seiner Größe jeden Gelust meines Herzens, wie ein +Feenschloß, aus der Erde rufen.--Er setzt den Saft von zwei Indien +auf die Tafel--ruft Paradiese aus Wildnissen--läßt die Quellen seines +Landes in stolzen Bögen gen Himmel springen, oder das Mark seiner +Unterthanen in einem Feuerwerk hinpuffen--Aber kann er auch seinem +Herzen befehlen, gegen ein großes, feuriges Herz groß und feurig zu +schlagen? Kann er sein darbendes Gehirn auf ein einziges schönes +Gefühl exequieren?--Mein Herz hungert bei all dem Vollauf der Sinne; +und was helfen mich tausend beßre Empfindungen, wo ich nur Wallungen +löschen darf? + +Sophie (blickt sie verwundernd an). Wie lang ist es denn aber, daß +ich Ihnen diene, Milady? + +Lady. Weil du erst heute mit mir bekannt wirst?--Es ist wahr, liebe +Sophie--ich habe dem Fürsten meine Ehre verkauft; aber mein Herz habe +ich frei behalten--ein Herz, meine Gute, das vielleicht eines Mannes +noch werth ist--über welches der giftige Wind des Hofes nur wie der +Hauch über den Spiegel ging--Trau' es mir zu, meine Liebe, daß ich es +längst gegen diesen armseligen Fürsten behauptet hätte, wenn ich es +nur von meinem Ehrgeiz erhalten könnte, einer Dame am Hof den Rang +vor mir einzuräumen. + +Sophie. Und dieses Herz unterwarf sich dem Ehrgeiz so gern? + +Lady (lebhaft). Als wenn es sich nicht schon gerächt hätte?--Nicht +jetzt noch rächte?--Sophie! (Bedeutend, indem sie die Hand auf +Sophiens Achsel fallen läßt.) Wir Frauenzimmer können nur zwischen +Herrschen und Dienen wählen, aber die höchste Wonne der Gewalt ist +doch nur ein elender Behelf, wenn uns die größere Wonne versagt wird, +Sklavinnen eines Mannes zu sein, den wir lieben. + +Sophie. Eine Wahrheit, Milady, die ich von Ihnen zuletzt hören +wollte! + +Lady. Und warum, meine Sophie? Sieht man es denn dieser kindischen +Führung des Scepters nicht an, daß wir nur für das Gängelband taugen? +Sahst du es denn diesem launischen Flattersinn nicht an--diesen +wilden Ergötzungen nicht an, daß sie nur wildere Wünsche in meiner +Brust überlärmen sollten? + +Sophie (tritt erstaunt zurück). Lady! + +Lady (lebhafter). Befriedige diese! Gib mir den Mann, den ich jetzt +denke--den ich anbete--sterben, Sophie, oder besitzen muß. +(Schmelzend.) Laß mich aus seinem Mund es vernehmen, daß Thränen der +Liebe schöner glänzen in unsern Augen, als die Brillanten in unserm +Haar, (feurig) und ich werfe dem Fürsten sein Herz und sein +Fürstenthum vor die Füße, fliehe mit diesem Mann, fliehe in die +entlegenste Wüste der Welt-Sophie (blickt sie erschrocken an). +Himmel! Was machen Sie? Wie wird Ihnen, Lady? + +Lady (bestürzt). Du entfärbst dich?--Hab' ich vielleicht etwas zu +viel gesagt? O so laß mich deine Zunge mit meinem Zutrauen +binden--höre noch mehr--höre Alles-Sophie (schaut sich ängstlich um). +Ich fürchte, Milady--ich fürchte--ich brauch' es nicht mehr zu hören. + +Lady. Die Verbindung mit dem Major--Du und die Welt stehen im Wahn, +sie sei eine Hof-Kabale--Sophie--erröthe nicht--schäme dich meiner +nicht--sie ist das Werk--meiner Liebe! + +Sophie. Bei Gott! Was mir ahnete! + +Lady. Sie ließen sich beschwatzen, Sophie--der schwache Fürst--der +hofschlaue Walter--der alberne Marschall--Jeder von ihnen wird darauf +schwören, daß diese Heirath das unfehlbarste Mittel sei, mich dem +Herzog zu retten, unser Band um so fester zu knüpfen!--Ja! es auf +ewig zu trennen! auf ewig diese schändlichen Ketten zu brechen! +--Belogene Lügner! Von einem schwachen Weib überlistet! Ihr selbst +führt mir jetzt meinen Geliebten zu! Das war es ja nur, was ich +wollte--Hab' ich ihn einmal--hab' ich ihn--o dann auf immer gute +Nacht, abscheuliche Herrlichkeit- + + + +Zweite Scene. + +Ein alter Kammerdiener des Fürsten, der ein Schmuckkästchen trägt. +Die Vorigen. + + +Kammerdiener. Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen sich Milady zu +Gnaden und schicken Ihnen diese Brillanten zur Hochzeit. Sie kommen +so eben erst aus Venedig. + +Lady (hat das Kästchen geöffnet und fährt erschrocken zurück). +Mensch! was bezahlt dein Herzog für diese Steine? + +Kammerdiener (mit finsterm Gesicht). Sie kosten ihn keinen Heller! + +Lady. Was? Bist du rasend? Nichts?--und (indem sie einen Schritt +von ihm wegtritt) du wirfst mir ja einen Blick zu, als wenn du mich +durchbohren wolltest--Nichts kosten ihn diese unermeßlich kostbaren +Steine? + +Kammerdiener. Gestern sind siebentausend Landskinder nach Amerika +fort--die bezahlen Alles. + +Lady (setzt den Schmuck plötzlich nieder und geht rasch durch den +Saal, nach einer Pause zum Kammerdiener). Mann! Was ist dir? Ich +glaube, du weinst? + +Kammerdiener (wischt sich die Augen, mit schrecklicher Stimme, alle +Glieder zitternd). Edelsteine, wie diese da--ich hab' auch ein paar +Söhne drunter. + +Lady (wendet sich bebend weg, seine Hand fassend). Doch keinen +gezwungenen? + +Kammerdiener (lacht fürchterlich). O Gott!--Nein--lauter Freiwillige! +Es traten wohl so etliche vorlaute Bursch' vor die Front heraus und +fragten den Obersten, wie theuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe. +--Aber unser gnädigster Landesherr ließ alle Regimenter auf dem +Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschießen. Wir +hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster +spritzen, und die ganze Armee schrie: Juchhe! nach Amerika!-Lady +(fällt mit Entsetzen in den Sopha). Gott! Gott!--Und ich hörte +nichts? Und ich merkte nichts? + +Kammerdiener. Ja, gnädige Frau--Warum mußtet ihr denn mit unserm +Herrn gerad' auf die Bärenhatz reiten, als man den Lärmen zum +Aufbruch schlug?--Die Herrlichkeit hättet ihr doch nicht versäumen +sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkündigten, es ist Zeit, und +heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine +wüthende Mutter lief, ihr saugendes Kind an Bajonetten zu spießen, +und wie man Bräutigam und Braut mit Säbelhieben auseinander riß, und +wir Graubärte verzweiflungsvoll da standen und den Burschen auch +zuletzt die Krücken noch nachwarfen in die neue Welt--Oh, und +mitunter das polternde Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns +nicht sollte beten hören-Lady (steht auf, heftig bewegt). Weg mit +diesen Steinen--sie blitzen Höllenflammen in mein Herz. (Sanfter zum +Kammerdiener.) Mäßige dich, armer alter Mann. Sie werden wieder +kommen. Sie werden ihr Vaterland wieder sehen. + +Kammerdiener (warm und voll). Das weiß der Himmel! Das werden sie! +--Noch am Stadtthor drehten sie sich um und schrieen: "Gott mit euch, +Weib und Kinder!--Es leb' unser Landesvater--Am jüngsten Gericht sind +wir wieder da!"-Lady (mit starkem Schritt auf und nieder gehend). +Abscheulich! Fürchterlich!--Mich beredet man, ich habe sie alle +getrocknet, die Thränen des Landes--Schrecklich, schrecklich gehen +mir die Augen auf--Geb du--Sag deinem Herrn--Ich werd' ihm persönlich +danken! (Kammerdiener will gehen, sie wirft ihm ihre Geldbörse in +den Hut.) Und das nimm, weil du mir Wahrheit sagtest-Kammerdiener +(wirft sie verächtlich auf den Tisch zurück). Legt's zu dem Übrigen. +(Er geht ab.) + +Lady (sieht ihm erstaunt nach). Sophie, spring ihm nach, frag' ihn +um seinen Namen! Er soll seine Söhne wieder haben. (Sophie ab. +Lady nachdenkend auf und nieder. Pause. Zu Sophien, die wieder +kommt.) Ging nicht jüngst ein Gerücht, daß das Feuer eine Stadt an +der Grenze verwüstet und bei vierhundert Familien an den Bettelstab +gebracht habe? (Sie klingelt.) + +Sophie. Wie kommen Sie auf das? Allerdings ist es so, und die +mehresten dieser Unglücklichen dienen jetzt ihren Gläubigern als +Sklaven, oder verderben in den Schachten der fürstlichen +Silberbergwerke. + +Bedienter (kommt). Was befehlen Milady? + +Lady (gibt ihm den Schmuck). Daß das ohne Verzug in die Landschaft +gebracht werde!--Man soll es sogleich zu Geld machen, befehl' ich, +und den Gewinst davon unter die Vierhundert verteilen, die der Brand +ruiniert hat. + +Sophie. Milady, bedenken Sie, daß Sie die höchste Ungnade wagen! + +Lady (mit Größe). Soll ich den Fluch seines Landes in meinen Haaren +tragen? (Sie winkt dem Bedienten; dieser geht.) Oder willst du, daß +ich unter dem schrecklichen Geschirr solcher Thränen zu Boden +sinke?--Geh, Sophie--Es ist besser, falsche Juwelen im Haar und das +Bewußtsein dieser That im Herzen zu haben! + +Sophie. Aber Juwelen wie diese! Hätten Sie nicht Ihre schlechtern +nehmen können? Nein, wahrlich, Milady! es ist Ihnen nicht zu +vergeben. + +Lady. Närrisches Mädchen! Dafür werden in einem Augenblick mehr +Brillanten und Perlen für mich fallen, als zehn Könige in ihren +Diademen getragen, und schönere-Bedienter (kommt zurück). Major von +Walter-Sophie (springt auf die Lady zu). Gott! Sie verblassen-Lady. +Der erste Mann, der mir Schrecken macht--Sophie--Jetzt sei unpäßlich, +Eduard--Halt--Ist er aufgeräumt? Lacht er? Was spricht er? O, +Sophie! Nicht wahr, ich sehe häßlich aus? + +Sophie. Ich bitte Sie, Lady-Bedienter. Befehlen Sie, daß ich ihn +abweise? + +Lady (stotternd). Er soll mir willkommen sein. (Bedienter hinaus.) +Sprich, Sophie--Was sag' ich ihm? Wie empfang' ich ihn?--Ich werde +stumm sein.--Er wird meiner Schwäche spotten--Er wird--o was ahnet +mir--Du verlässest mich, Sophie?--Bleib!--Doch nein! Gehe!--So bleib +doch! (Der Major kommt durch das Vorzimmer.) + +Sophie. Sammeln Sie sich! Er ist schon da! + + + +Dritte Scene. + +Ferdinand von Walter. Die Vorigen. + + +Ferdinand (mit einer kurzen Verbeugung). Wenn ich Sie worin +unterbreche, gnädige Frau-Lady (unter merkbarem Herzklopfen). In +nichts, Herr Major, das mir wichtiger wäre. + +Ferdinand. Ich komme auf Befehl meines Vaters-Lady. Ich bin seine +Schuldnerin. + +Ferdinand. Und soll Ihnen melden, daß wir uns heirathen--So weit der +Auftrag meines Vaters. + +Lady (entfärbt sich und zittert). Nicht Ihres eigenen Herzens? + +Ferdinand. Minister und Kuppler pflegen das niemals zu fragen. + +Lady (mit einer Beängstigung, daß ihr die Worte versagen). Und Sie +selbst hätten sonst nichts beizusetzen? + +Ferdinand (mit einem Blick auf die Mamsell). Noch sehr viel, Milady! + +Lady (gibt Sophien einen Wink, diese entfernt sich). Darf ich Ihnen +diesen Sopha anbieten? + +Ferdinand. Ich werde kurz sein, Milady! + +Lady. Nun? + +Ferdinand. Ich bin ein Mann von Ehre. + +Lady. Den ich zu schätzen weiß. + +Ferdinand. Cavalier. + +Lady. Kein beßrer im Herzogthum. + +Ferdinand. Und Officier. + +Lady (schmeichelhaft). Sie berühren hier Vorzüge, die auch Andere +mit Ihnen gemein haben. Warum verschweigen Sie größere, worin Sie +einzig sind? + +Ferdinand (frostig). Hier brauch' ich sie nicht. + +Lady (mit immer steigender Angst). Aber für was muß ich diesen +Vorbericht nehmen? + +Ferdinand (langsam und mit Nachdruck). Für den Einwurf der Ehre, +wenn Sie Lust haben sollten, meine Hand zu erzwingen. + +Lady (auffahrend). Was ist das, Herr Major? + +Ferdinand (gelassen). Die Sprache meines Herzens--meines +Wappens--und dieses Degens. + +Lady. Diesen Degen gab Ihnen der Fürst. + +Ferdinand. Der Staat gab mir ihn durch die Hand des Fürsten--mein +Herz Gott--mein Wappen ein halbes Jahrtausend. + +Lady. Der Name des Herzogs-Ferdinand (hitzig). Kann der Herzog +Gesetze der Menschheit verdrehen, oder Handlungen münzen wie seine +Dreier?--Er selbst ist nicht über die Ehre erhaben, aber er kann +ihren Mund mit seinem Golde verstopfen. Er kann den Hermelin über +seine Schande herwerfen. Ich bitte mir aus, davon nichts mehr, +Milady.--Es ist nicht mehr die Rede von weggeworfenen Aussichten und +Ahnen--oder von dieser Degenquaste--oder von der Meinung der Welt. +Ich bin bereit, Dies alles mit Füßen zu treten, sobald Sie mich nur +überzeugt haben werden, daß der Preis nicht schlimmer noch als das +Opfer ist. + +Lady (schmerzhaft von ihm weggehend). Herr Major! das hab' ich nicht +verdient. + +Ferdinand (ergreift ihre Hand). Vergeben Sie. Wir reden hier +ohne Zeugen. Der Umstand, der Sie und mich--heute und nie +mehr--zusammenführt, berechtigt mich, zwingt mich, Ihnen mein +geheimstes Gefühl nicht zurück zu halten.--Es will mir nicht +zu Kopfe, Milady, daß eine Dame von so viel Schönheit und +Geist--Eigenschaften, die ein Mann schätzen würde--sich an einen +Fürsten sollte wegwerfen können, der nur das Geschlecht an ihr +zu bewundern gelernt hat, wenn sich diese Dame nicht schämte, +vor einen Mann mit ihrem Herzen zu treten. + +Lady (schaut ihm groß ins Gesicht). Reden Sie ganz aus! + +Ferdinand. Sie nennen sich eine Brittin. Erlauben Sie mir--ich kann +es nicht glauben, daß Sie eine Brittin sind. Die freigeborne Tochter +des freiesten Volks unter dem Himmel--das auch zu stolz ist, fremder +Tugend zu räuchern--kann sich nimmermehr an fremdes Laster verdingen. +Es ist nicht möglich, daß Sie eine Brittin sind,--oder das Herz +dieser Brittin muß um so viel kleiner sein, als größer und kühner +Britanniens Adern schlagen. + +Lady. Sind Sie zu Ende? + +Ferdinand. Man könnte antworten, es ist weibliche +Eitelkeit--Leidenschaft--Temperament--Hang zum Vergnügen. Schon +öfters überlebte Tugend die Ehre. Schon Manche, die mit Schande in +diese Schranke trat, hat nachher die Welt durch edle Handlungen mit +sich ausgesöhnt und das häßliche Handwerk durch einen schönen +Gebrauch geadelt--Aber woher denn jetzt diese ungeheure Pressung des +Landes, die vorher nie so gewesen?--Das war im Namen des Herzogthums. +--Ich bin zu Ende. + +Lady (mit Sanftmuth und Hoheit). Es ist das Erstemal, Walter, daß +solche Reden an mich gewagt werden, und Sie sind der einzige Mensch, +dem ich darauf antworte--Daß Sie meine Hand verwerfen, darum schätz' +ich Sie. Daß Sie meine Hand lästern, vergebe ich Ihnen. Daß es Ihr +Ernst ist, glaube ich Ihnen nicht. Wer sich herausnimmt, +Beleidigungen dieser Art einer Dame zu sagen, die nicht mehr als eine +Nacht braucht, ihn ganz zu verderben, muß dieser Dame eine große +Seele zutrauen, oder--von Sinnen sein--Daß Sie den Ruin des Landes +auf meine Brust wälzen, vergebe Ihnen Gott der Allmächtige, der Sie +und mich und den Fürsten einst gegen einander stellt.--Aber Sie haben +die Engländerin in mir aufgefordert, und auf Vorwürfe dieser Art muß +mein Vaterland Antwort haben. + +Ferdinand (auf seinen Degen gestützt). Ich bin begierig. + +Lady. Hören Sie also, was ich, außer Ihnen, noch Niemand vertraute, +noch jemals einem Menschen vertrauen will.--Ich bin nicht die +Abenteurerin, Walter, für die Sie mich halten. Ich könnte groß thun +und sagen: ich bin fürstlichen Geblüths--aus des unglücklichen Thomas +Norfolks Geschlechte, der für die schottische Maria ein Opfer ward. +--Mein Vater, des Königs oberster Kämmerer, wurde bezichtigt, in +verrätherischem Vernehmen mit Frankreich zu stehen, durch einen +Spruch der Parlamente verdammt und enthauptet.--Alle unsre Güter +fielen der Krone zu. Wir selbst wurden des Landes verwiesen. Meine +Mutter starb am Tage der Hinrichtung. Ich--ein vierzehnjähriges +Mädchen--flohe nach Deutschland mit meiner Wärterin--einem Kästchen +Juwelen--und diesem Familienkreuz, das meine sterbende Mutter mit +ihrem letzten Segen mir an den Busen steckte. + +Ferdinand (wird nachdenkend und heftet wärmere Blicke auf die Lady). + +Lady (fährt fort mit immer zunehmender Rührung). Krank--ohne +Namen--ohne Schutz und Vermögen--eine ausländische Waise, kam ich +nach Hamburg. Ich hatte nichts gelernt, als das Bischen +Französisch--ein wenig Filet und den Flügel--desto besser verstund +ich, auf Gold und Silber zu speisen, unter damastenen Decken zu +schlafen, mit einem Wink zehn Bediente fliegen zu machen und die +Schmeicheleien der Großen Ihres Geschlechts aufzunehmen.--Sechs Jahre +waren schon hingeweint.--Und die letzte Schmucknadel flog +dahin--Meine Wärterin starb--und jetzt führte mein Schicksal Ihren +Herzog nach Hamburg. Ich spazierte damals an den Ufern der Elbe, sah +in den Strom und fing eben an zu phantasieren, ob dieses Wasser oder +mein Leiden das Tiefste wäre?--Der Herzog sah mich, verfolgte mich, +fand meinen Aufenthalt,--lag zu meinen Füßen und schwur, daß er mich +liebe. (Sie hält in großen Bewegungen inne, dann fährt sie fort mit +weinender Stimme.) Alle Bilder meiner glücklichen Kindheit wachten +jetzt wieder mit verführendem Schimmer auf--Schwarz wie das Grab +graute mich eine trostlose Zukunft an--Mein Herz brannte nach einem +Herzen--Ich sank an das seinige. (Von ihm wegstürzend.). Jetzt +verdammen Sie mich! + +Ferdinand (sehr bewegt, eilt ihr nach und hält sie zurück). Lady! o +Himmel! Was hör' ich? Was that ich?--Schrecklich enthüllt sich mein +Frevel mir. Sie können mir nicht mehr vergeben. + +Lady (kommt zurück und hat sich zu sammeln gesucht). Hören Sie +weiter. Der Fürst überraschte zwar meine wehrlose Jugend--aber das +Blut der Norfolk empörte sich in mir: Du, eine geborene Fürstin, +Emilie, rief es, und jetzt eines Fürsten Concubine?--Stolz und +Schicksal kämpften in meiner Brust, als der Fürst mich hieher brachte +und auf einmal die schauderndste Scene vor meinen Augen stand!--Die +Wollust der Großen dieser Welt ist die nimmersatte Hyäne, die sich +mit Heißhunger Opfer sucht.--Fürchterlich hatte sie schon in diesem +Lande gewüthet--hatte Braut und Bräutigam zertrennt--hatte selbst der +Ehen göttliches Band zerrissen--hier das stille Glück einer Familie +geschleift--dort ein junges unerfahrenes Herz der verheerenden Pest +aufgeschlossen, und sterbende Schülerinnen schäumten den Namen ihres +Lehrers unter Flüchen und Zuckungen aus--Ich stellte mich zwischen +das Lamm und den Tiger, nahm einen fürstlichen Eid von ihm in einer +Stunde der Leidenschaft, und diese abscheuliche Opferung mußte +aufhören. + +Ferdinand (rennt in der heftigsten Unruhe durch den Saal). Nichts +mehr, Milady! Nicht weiter! + +Lady. Diese traurige Periode hatte einer noch traurigern Platz +gemacht. Hof und Serail wimmelten jetzt von Italiens Auswurf. +Flatterhafte Pariserinnen tändelten mit dem furchtbaren Scepter, und +das Volk blutete unter ihren Launen--Sie alle erlebten ihren Tag. +Ich sah sie neben mir in den Staub sinken, denn ich war mehr Kokette, +als sie alle. Ich nahm dem Tyrannen den Zügel ab, der wollüstig in +meiner Umarmung erschlappte--dein Vaterland, Walter, fühlte zum +erstenmal eine Menschenhand und sank vertrauend an meinen Busen. +(Pause, worin sie ihn schmelzend ansieht.) O daß der Mann, von dem +ich allein nicht verkannt sein möchte, mich jetzt zwingen muß, groß +zu prahlen und meine stille Tugend am Licht der Bewunderung zu +versengen!--Walter, ich habe Kerker gesprengt--habe Todesurtheile +zerrissen und manche entsetzliche Ewigkeit auf Galeeren verkürzt. In +unheilbare Wunden hab' ich doch wenigstens stillenden Balsam +gegossen--mächtige Frevler in Staub gelegt und die verlorene Sache +der Unschuld oft noch mit einer buhlerischen Thräne gerettet--Ha, +Jüngling, wie süß war mir das! Wie stolz konnte mein Herz jede +Anklage meiner fürstlichen Geburt widerlegen!--Und jetzt kommt der +Mann, der allein mir Das alles belohnen sollte--der Mann, den mein +erschöpftes Schicksal vielleicht zum Ersatz meiner vorigen Leiden +schuf--der Mann, den ich mit brennender Sehnsucht im Traum schon +umfasse-Ferdinand (fällt ihr ins Wort, durch und durch erschüttert). +Zu viel! zu viel! Das ist wieder die Abrede, Lady. Sie sollten sich +von Anklagen reinigen und machen mich zu einem Verbrecher. Schonen +Sie--ich beschwöre Sie--schonen Sie meines Herzens, das Beschämung +und wüthende Reue zerreißen-Lady (hält seine Hand fest). Jetzt oder +nimmermehr! Lange genug hielt die Heldin Stand--das Gewicht dieser +Thränen mußt du noch fühlen. (Im zärtlichsten Ton.) Höre, +Walter--wenn eine Unglückliche--unwiderstehlich, allmächtig an dich +gezogen--sich an dich preßt mit einem Busen voll glühender, +unerschöpflicher Liebe--Walter!--und du jetzt noch das kalte Wort +Ehre sprichst--wenn diese Unglückliche--niedergedrückt vom Gefühl +ihrer Schande--des Lasters überdrüssig--heldenmäßig emporgehoben vom +Rufe der Tugend--sich so--in deine Arme wirft (sie umfaßt ihn, +beschwörend und feierlich)--durch dich gerettet--durch dich dem +Himmel wieder geschenkt sein will, oder (das Gesicht von ihm +abgewandt, mit hohler bebender Stimme) deinem Bild zu entfliehen, dem +fürchterlichen Ruf der Verzweiflung gehorsam, in noch abscheulichere +Tiefen des Lasters wieder hinuntertaumelt-Ferdinand (von ihr +losreißend, in der schrecklichsten Bedrängniß). Nein, beim großen +Gott! ich kann das nicht aushalten--Lady, ich muß--Himmel und Erde +liegen auf mir--ich muß Ihnen ein Geständniß thun, Lady! + +Lady (von ihm wegfliehend). Jetzt nicht! Jetzt nicht, bei Allem, +was heilig ist--in diesem entsetzlichen Augenblick nicht, wo mein +zerrissenes Herz an tausend Dolchstichen blutet--Sei's Tod oder +Leben--ich darf es nicht--ich will es nicht hören! + +Ferdinand. Doch, doch, beste Lady! Sie müssen es. Was ich Ihnen +jetzt sagen werde, wird meine Strafbarkeit mindern und eine warme +Abbitte des Vergangenen sein--Ich habe mich in Ihnen betrogen, Milady. +Ich erwartete--ich wünschte, Sie meiner Verachtung würdig zu finden. +Fest entschlossen, Sie zu beleidigen und Ihren Haß zu verdienen, +kam ich her--Glücklich wir Beide, wenn mein Vorsatz gelungen wäre! +(Er schweigt eine Weile, darauf leise und schüchterner.) Ich liebe, +Milady--liebe ein bürgerliches Mädchen--Luise Millerin, eines Musikus +Tochter. (Lady wendet sich bleich von ihm weg, er fährt lebhafter +fort.) Ich weiß, worein ich mich stürze; aber wenn auch Klugheit die +Leidenschaft schweigen heißt, so redet die Pflicht desto lauter--Ich +bin der Schuldige. Ich zuerst zerriß ihrer Unschuld goldenen +Frieden--wiegte ihr Herz mit vermessenen Hoffnungen und gab es +verrätherisch der wilden Leidenschaft Preis--Sie werden mich an +Stand--an Geburt--an die Grundsätze meines Vaters erinnern--aber ich +liebe.--Meine Hoffnung steigt um so höher, je tiefer die Natur mit +Convenienzen zerfallen ist.--Mein Entschluß und das Vorurtheil!--Wir +wollen sehen, ob die Mode oder die Menschheit auf dem Platz bleiben +wird. (Lady hat sich unterdeß bis an das äußerste Ende des Zimmers +zurückgezogen und hält das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Er +folgt ihr dahin.) Sie wollten mir etwas sagen, Milady? + +Lady (im Ausdruck des heftigsten Leidens). Nichts, Herr von Walter! +Nichts, als daß Sie sich und mich und noch eine Dritte zu Grund +richten. + +Ferdinand. Noch eine Dritte? + +Lady. Wir können mit einander nicht glücklich w. Wir müssen doch +der Voreiligkeit Ihres Vaters zum Opfer werden. Nimmermehr werd' ich +das Herz eines Mannes haben, der mir seine Hand nur gezwungen gab. + +Ferdinand. Gezwungen? Lady? gezwungen gab? und also doch gab? +Können Sie eine Hand ohne Herz erzwingen? Sie einem Mädchen den Mann +entwenden, der die ganze Welt dieses Mädchens ist? Sie einen Mann +von dem Mädchen reißen, das die ganze Welt dieses Mannes ist? Sie, +Milady--vor einem Augenblick die bewundernswürdige Britten?--Sie +können das? + +Lady. Weil ich es muß. (Mit Ernst und Stärke.) Meine Leidenschaft, +Walter, weicht meiner Zärtlichkeit für Sie. Meine Ehre kann's nicht +mehr--Unsre Verbindung ist das Gespräch des ganzen Landes. Alle +Augen, alle Pfeile des Spotts sind auf mich gespannt. Die +Beschimpfung ist unauslöschlich, wenn ein Unterthan des Fürsten mich +ausschlägt. Rechten Sie mit Ihrem Vater. Wehren Sie sich, so gut +Sie können.--Ich lass' alle Minen springen. (Sie geht schnell ab. +Der Major bleibt in sprachloser Erstarrung stehen. Pause. Dann +stürzt er fort durch die Flügelthüre.) + + + +Vierte Scene. + +Zimmer beim Musikanten. + + +Miller. Frau Millerin. Luise treten auf. + +Miller (hastig ins Zimmer). Ich hab's ja zuvor gesagt! + +Luise (sprengt ihn ängstlich an). Was, Vater? was? + +Miller (rennt wie toll auf und nieder). Meinen Staatsrock +her--hurtig--ich muß ihm zuvorkommen--und ein weißes Manschettenhemd! +--Das hab' ich mir gleich eingebildet! + +Luise. Um Gotteswillen! Was? + +Millerin. Was gibt's denn? was ist's denn? + +Miller (wirft seine Perrücke ins Zimmer). Nur gleich zum Friseur das! +--Was es gibt? (Vor den Spiegel gesprungen.) Und mein Bart ist auch +wieder fingerslang--Was es gibt?--Was wird's geben, du Rabenaas?--Der +Teufel ist los, und dich soll das Wetter schlagen! + +Frau. Da sehe man! Über mich muß gleich alles kommen. + +Miller. Über dich? Ja, blaues Donnermaul! und über wen anders? +Heute früh mit deinem diabolischen Junker--Hab ich's nicht im Moment +gesagt?--Der Wurm hat geplaudert. + +Frau. Ah was! Wie kannst du das wissen? + +Miller. Wie kann ich das wissen?--Da!--unter der Hausthüre spukt ein +Kerl des Ministers und fragt nach dem Geiger. + +Luise. Ich bin des Todes! + +Miller. Du aber auch mit deinen Vergißmeinnicht-Augen! (Lacht +voller Bosheit.) Das hat seine Richtigkeit, wem der Teufel ein Ei in +die Wirthschaft gelegt hat, dem wird eine hübsche Tochter +geboren--Jetzt hab' ich's blank. + +Frau. Woher weißt du denn, daß es der Luise gilt?--Du kannst dem +Herzog recommendiert worden sein. Er kann dich ins Orchester +verlangen. + +Miller (springt nach seinem Rohr). Daß dich der Schwefelregen von +Sodom!--Orchester!--Ja, wo du Kupplerin den Discant wirst heulen und +mein blauer Hinterer den Conterbaß vorstellen! (Wirft sich in seinen +Stuhl.) Gott im Himmel! + +Luise (setzt sich todtenbleich nieder). Mutter! Vater! Warum wird +mir auf einmal so bange? + +Miller (springt wieder vom Stuhl auf). Aber soll mir der +Dintenkleckser einmal in den Schuß laufen?--Soll er mir laufen? Es +sei in dieser oder in jener Welt--Wenn ich ihm nicht Leib und Seele +breiweich zusammendresche, alle zehen Gebote und alle sieben Bitten +im Vaterunser, und alle Bücher Mosis und der Propheten aufs Leder +schreibe, daß man die blauen Flecken bei der Auferstehung der Todten +noch sehen soll-Frau. Ja! fluch du und poltre du! Das wird jetzt +den Teufel bannen! Hilf, heiliger Herregott! Wo hinaus nun? Wie +werden wir Rath schaffen? Was nun anfangen? Vater Miller, so rede +doch! (Sie läuft heulend durchs Zimmer.) + +Miller. Auf der Stell zum Minister will ich. Ich zuerst will mein +Maul aufthun--ich selbst will es angeben. Du hast es vor mir gewußt. +Du hättest mir einen Wink geben können. Das Mädel hätt' sich noch +weisen lassen. Es wäre noch Zeit gewesen--aber nein!--Da hat sich +was makeln lassen; da hat sich was fischen lassen! Da hast du noch +Holz obendrein zugetragen!--Jetzt sorg' auch für deinen Kuppelpelz. +Friß aus, was du einbrocktest! Ich nehme meine Tochter in Arm, und +marsch mit ihr über die Grenze! + + + +Fünfte Scene. + +Ferdinand von Walter stürzt erschrocken und außer Athem ins Zimmer. +Die Vorigen. + + +Ferdinand. War mein Vater da? + +Luise (fährt mit Schrecken auf). Sein Vater! Allmächtiger Gott! + +Frau (zugleich; schlägt die Hände zusammen). Der Präsident! Es ist +aus mit uns! + +Miller (zugleich; lacht voller Bosheit). Gottlob! Gottlob! da haben +wir ja die Bescherung! + +Ferdinand (eilt auf Luisen zu und drückt sie stark in die Arme). +Mein bist du, und wärfen Höll' und Himmel sich zwischen uns! + +Luise. Mein Tod ist gewiß--Rede weiter--Du sprachst einen +schrecklichen Namen aus--Dein Vater? + +Ferdinand. Nichts. Nichts. Es ist überstanden. Ich hab' dich ja +wieder. Du hast mich ja wieder. O, laß mich Athem schöpfen an +dieser Brust! Es war eine schreckliche Stunde. + +Luise. Welche? Du tödtest mich? + +Ferdinand (tritt zurück und schaut sie bedeutend an). Eine Stunde, +Luise, wo zwischen mein Herz und dich eine fremde Gewalt sich +warf--wo meine Liebe vor meinem Gewissen erblaßte--wo meine Luise +aufhörte, ihrem Ferdinand Alles zu sein-Luise (sinkt mit verhülltem +Gesicht auf den Sessel nieder). + +Ferdinand (geht schnell auf sie zu, bleibt sprachlos mit starrem +Blick vor ihr stehen, dann verläßt er sie plötzlich, in großer +Bewegung). Nein! Nimmermehr! Unmöglich, Lady! Zu viel verlangt! +Ich kann dir diese Unschuld nicht opfern--Nein, beim unendlichen Gott! +ich kann meinen Eid nicht verletzen, der mich laut wie des Himmels +Donner aus diesem brechenden Auge mahnt--Lady, blick hieher--hieher, +du Rabenvater--Ich soll diesen Engel würgen! Die Hölle soll ich in +diesen himmlischen Busen schütten? (Mit Entschluß auf sie zueilend.) +Ich will sie führen vor des Weltrichters Thron, und ob meine Liebe +Verbrechen ist, soll der Ewige sagen. (Er faßt sie bei der Hand und +hebt sie vom Sessel.) Fasse Muth, meine Theuerste!--Du hast gewonnen! +Als Sieger komm' ich aus dem gefährlichsten Kampf zurück. + +Luise. Nein! Nein! Verhehle mir nichts. Sprich es aus, das +entsetzliche Urtheil. Deinen Vater nanntest du? Du nanntest die +Lady?--Schauer des Todes ergreifen mich--Man sagt, sie wird heirathen. + +Ferdinand (stürzt betäubt zu Luisens Füßen nieder). Mich, +Unglückselige! + +Luise (nach einer Pause, mit stillem bebenden Ton und schrecklicher +Ruhe). Nun--was erschreck' ich denn? Der alte Mann dort hat mir's +ja oft gesagt--ich hab' es ihm nie glauben wollen. (Pause, dann +wirft sie sich Millern laut weinend in die Arme.). Vater, hier ist +deine Tochter wieder--Verzeihung, Vater!--Dein Kind kann ja nicht +dafür, daß dieser Traum so schön war, und--so fürchterlich jetzt das +Erwachen-Miller. Luise! Luise!--O Gott, sie ist von sich--Meine +Tochter, mein armes Kind--Fluch über den Verführer!--Fluch über das +Weib, das ihm kuppelte! + +Frau (wirft sich jammernd auf Luisen). Verdien' ich diesen Fluch, +meine Tochter? Vergeb's Ihnen Gott, Baron!--Was hat dieses Lamm +gethan, daß Sie es würgen? + +Ferdinand (springt an ihr auf, voll Entschlossenheit). Aber ich will +seine Kabalen durchbohren--durchreißen will ich alle diese eisernen +Ketten des Vorurtheils--Frei wie ein Mann will ich wählen, daß diese +Insektenseelen am Riesenwerk meiner Liebe hinaufschwindeln! (Er will +fort.) + +Frau (eilt ihm nach, hängt sich an ihn). Der Präsident wird hieher +kommen--Er wird unser Kind mißhandeln--Er wird uns mißhandeln--Herr +von Walter, und Sie verlassen uns? + +Miller (lacht wüthend). Verläßt uns! Freilich! Warum nicht?--Sie +gab ihm ja Alles hin! (Mit der einen Hand den Major, mit der andern +Luisen fassend.) Geduld, Herr! der Weg aus meinem Hause geht nur über +diese da--Erwarte erst deinen Vater! wenn du kein Bube bist--Erzähl' +es ihm, wie du dich in ihr Herz stahlst, Betrüger, oder, bei Gott! +(Ihm seine Tochter zuschleudernd, wild und heftig.) Du sollst mir +zuvor diesen wimmernden Wurm zertreten, den Liebe zu dir so zu +Schanden richtete! + +Ferdinand (kommt zurück und geht auf und ab in tiefen Gedanken). +Zwar die Gewalt des Präsident ist groß--Vaterrecht ist ein weites +Wort--der Frevel selbst kann sich in seinen Falten verstecken, er +kann es weit damit treiben--weit!--Doch aufs Äußerste treibt's nur +die Liebe--Hier, Luise! Deine Hand ist die meinige! (Er faßt diese +heftig.) So wahr mich Gott im letzten Hauch nicht verlassen soll! +--der Augenblick, der diese zwei Hände trennt, zerreißt auch den +Faden zwischen mir und der Schöpfung! + +Luise. Mir wird bange! Blick' weg! Deine Lippen beben! Dein Auge +rollt fürchterlich-Ferdinand. Nein, Luise! Zittre nicht! Es ist +nicht Wahnsinn, was aus mir redet. Es ist das köstliche Geschenk des +Himmels, Entschluß in dem geltenden Augenblick, wo die gepreßte Brust +nur durch etwas Unerhörtes sich Luft macht--Ich liebe dich, Luise--Du +sollst mir bleiben, Luise--Jetzt zu meinem Vater! (Er eilt schnell +fort und rennt--gegen den Präsident.) + + + +Sechste Scene. + +Der Präsident mit einem Gefolge von Bedienten. Vorige. + + +Präsident (im Hereintreten). Da ist er schon. + +Alle (erschrocken). + +Ferdinand (weicht einige Schritte zurück). Im Hause der Unschuld. + +Präsident. Wo der Sohn Gehorsam gegen den Vater lernt? + +Ferdinand. Lassen Sie und das-Präsident (unterbricht ihn, zu +Millern). Er ist der Vater? + +Miller. Stadtmusikant Miller. + +Präsident (zur Frau). Sie die Mutter? + +Frau. Ach ja, die Mutter! + +Ferdinand (zu Millern). Vater, bring Er die Tochter weg--sie droht +eine Ohnmacht. + +Präsident. Überflüssige Sorgfalt! Ich will sie anstreichen. (Zu +Luisen.) Wie lang kennt Sie den Sohn des Präsidenten? + +Luise. Diesem habe ich nie nachgefragt. Ferdinand von Walter +besucht mich seit dem November. + +Ferdinand. Betet sie an. + +Präsident. Erhielt sie Versicherungen? + +Ferdinand. Vor wenig Augenblicken die feierlichste im Angesicht +Gottes. + +Präsident (zornig zu seinem Sohn). Zur Beichte deiner Thorheit wird +man dir schon das Zeichen geben. (Zu Luisen.) Ich warte auf Antwort. + +Luise. Er schwur mir Liebe. + +Ferdinand. Und wird sie halten. + +Präsident. Muß ich befehlen, daß du schweigst?--Nahm Sie den Schwur +an? + +Luise (zärtlich). Ich erwiederte ihn. + +Ferdinand (mit fester Stimme). Der Bund ist geschlossen. + +Präsident. Ich werde das Echo hinaus werfen lassen. (Boshaft zu +Luisen.) Aber er bezahlte Sie doch jederzeit baar? + +Luise (aufmerksam). Diese Frage verstehe ich nicht ganz. + +Präsident (mit beißendem Lachen). Nicht? Nun! ich meine nur--Jedes +Handwerk hat, wie man sagt, einen goldenen Boden--auch Sie, hoff' ich, +wird Ihre Gunst nicht verschenkt haben--oder war's Ihr vielleicht +mit dem bloßen Verschluß gedient? Wie? + +Ferdinand (fährt wie rasend auf). Hölle! was war das? + +Luise (zum Major mit Würde und Unwillen). Herr von Walter, jetzt +sind Sie frei. + +Ferdinand. Vater! Ehrfurcht befiehlt die Tugend auch im +Bettlerkleid. + +Präsident (lacht lauter). Eine lustige Zumuthung! Der Vater soll +die Hure des Sohns respectieren. + +Luise (stürzt nieder). O Himmel und Erde! + +Ferdinand (mit Luisen zu gleicher Zeit, indem er den Degen nach dem +Präsidenten zückt, den er aber schnell wieder sinken läßt). Vater! +Sie hatten einmal ein Leben an mich zu fordern--Es ist bezahlt. (Den +Degen einsteckend.) Der Schuldbrief der kindlichen Pflicht liegt +zerrissen da-Miller (der bis jetzt furchtsam auf der Seite gestanden, +tritt hervor in Bewegung, wechselweis vor Wuth mit den Zähnen +knirschend und vor Angst damit klappernd): Euer Excellenz--Das Kind +ist des Vaters Arbeit--Halten zu Gnaden--Wer das Kind eine Mähre +schilt, schlägt den Vater ans Ohr, und Ohrfeig um Ohrfeig--Das ist so +Tax bei uns--Halten zu Gnaden. + +Frau. Hilf, Herr und Heiland!--Jetzt bricht auch der Alte los--über +unserm Kopf wird das Wetter zusammenschlagen. + +Präsident (der es nur halb gehört hat). Regt sich der Kuppler +auch?--Wir sprechen uns gleich, Kuppler. + +Miller. Halten zu Gnaden. Ich heiße Miller, wenn Sie ein Adagio +hören wollen--mit Buhlschaften dien' ich nicht. So lang der Hof da +noch Vorrath hat, kommt die Lieferung nicht an uns Bürgersleut'. +Halten zu Gnaden. + +Frau. Um des Himmels willen, Mann! Du bringst Weib und Kind um. + +Ferdinand. Sie spielen hier eine Rolle, mein Vater, wobei Sie sich +wenigstens die Zeugen hätten ersparen können. + +Miller (kommt ihm näher, herzhafter). Deutsch und verständlich. +Halten zu Gnaden. Euer Excellenz schalten und walten im Land. Das +ist meine Stube. Mein devotestes Compliment, wenn ich dermaleins ein +pro memoria bringe, aber den ungehobelten Gast werf' ich zur Thür +hinaus--Halten zu Gnaden. + +Präsident (vor Wuth blaß). Was?--Was ist das? (Tritt näher.) + +Miller (zieht sich sachte zurück). Das war nur so meine Meinung, +Herr--Halten zu Gnaden. + +Präsident (in Flammen). Ha, Spitzbube! Ins Zuchthaus spricht dich +deine vermessene Meinung--Fort! Man soll Gerichtsdiener holen. +(Einige vom Gefolge gehen ab; der Präsident rennt voll Wuth durch das +Zimmer.) Vater ins Zuchthaus--an den Pranger Mutter und Metze von +Tochter!--Die Gerechtigkeit soll meiner Wuth ihre Arme borgen. Für +diesen Schimpf muß ich schreckliche Genugthuung haben--Ein solches +Gesindel sollte meine Plane zerschlagen und ungestraft Vater und Sohn +aneinander hetzen?--Ha, Verflucht! Ich will meinen Haß an eurem +Untergang sättigen, die ganze Brut, Vater, Mutter und Tochter, will +ich meiner brennenden Rache opfern. + +Ferdinand (tritt gelassen und standhaft unter sie hin). O nicht doch! +Seit außer Furcht! Ich bin zugegen. (Zum Präsidenten mit +Unterwürfigkeit.) Keine Übereilung, mein Vater! Wenn Sie sich selbst +lieben, keine Gewaltthätigkeit!--Es gibt eine Gegend in meinem Herzen, +worin das Wort Vater noch nie gehört worden ist--Dringen Sie nicht +bis in diese. + +Präsident. Nichtswürdiger! Schweig! Reize meinen Grimm nicht noch +mehr! + +Miller (kommt aus einer dumpfen Betäubung zu sich selbst). +Schau du nach deinem Kinde, Frau. Ich laufe zum Herzog--Der +Leibschneider--das hat mir Gott eingeblasen!--der Leibschneider +lernt die Flöte bei mir. Es kann mir nicht fehlen beim Herzog. +(Er will gehen.) + +Präsident. Beim Herzog, sagst du?--Hast du vergessen, daß ich die +Schwelle bin, worüber du springen oder den Hals brechen mußt?--Beim +Herzog, du Dummkopf?--Versuch' es, wenn du, lebendig todt, eine +Thurmhöhe tief, unter dem Boden im Kerker liegst, wo die Nacht mit +der Hölle liebäugelt und Schall und Licht wieder umkehren. Raßle +dann mit deinen Ketten und wimmre: Mir ist zu viel geschehen. + + + +Siebente Scene. + +Gerichtsdiener. Die Vorigen. + + +Ferdinand (eilt auf Luisen zu, die ihm halb todt in die Arme fällt). +Luise! Hilfe! Rettung! Der Schrecken überwältigt sie! + +Miller (ergreift sein spanisches Rohr, setzt den Hut auf und macht +sich zum Angriff gefaßt). + +Frau (wirft sich auf die Kniee vor dem Präsident). + +Präsident (zu den Gerichtsdienern, seinen Orden entblößend). Legt +Hand an, im Namen des Herzogs--Weg von der Metze, Junge--Ohnmächtig +oder nicht--wenn sie nur erst das eiserne Halsband um hat, wird man +sie schon mit Steinwürfen aufwecken. + +Frau. Erbarmung, Ihro Excellenz! Erbarmung! Erbarmung! + +Miller (reißt seine Frau in die Höhe). Knie vor Gott! alte Heulhure, +und nicht vor--Schelmen, weil ich ja doch schon ins Zuchthaus muß. + +Präsident (beißt die Lippen). Du kannst dich verrechnen, Bube. Es +stehen noch Galgen leer! (Zu den Gerichtsdienern.) Muß ich es noch +einmal sagen? + +Gerichtsdiener (dringen auf Luisen ein). + +Ferdinand (springt an ihr auf und stellt sich vor sie, grimmig). Wer +will was? (Er zieht den Degen sammt der Scheide und wehrt sich mit +dem Gefäß.) Wag' es, sie anzurühren, wer nicht auch die Hirnschale an +die Gerichte vermiethet hat. (Zum Präsident.) Schonen Sie Ihrer +selbst! Treiben Sie mich nicht weiter, mein Vater. + +Präsident (drohend zu den Gerichtsdienern). Wenn euch euer Brod lieb +ist, Memmen-Gerichtsdiener (greifen Luisen wieder an). + +Ferdinand. Tod und alle Teufel! Ich sage: Zurück!--Noch einmal! +Haben Sie Erbarmen mit sich selbst. Treiben Sie mich nicht aufs +Äußerste, Vater. + +Präsident (aufgebracht zu den Gerichtsdienern). Ist das euer +Diensteifer, Schurken? + +Gerichtsdiener (greifen hitziger an). + +Ferdinand. Wenn es denn sein muß (indem er den Degen zieht und +einige von denselben verwundet), so verzeih mir, Gerechtigkeit! + +Präsident (voll Zorn). Ich will doch sehen, ob auch ich diesen Degen +fühle. (Er faßt Luisen selbst, zerrt sie in die Höhe und übergibt +sie einem Gerichtsknecht.) + +Ferdinand (lacht erbittert). Vater, Vater! Sie machen hier ein +beißendes Pasquill auf die Gottheit, die sich so übel auf ihre Leute +verstund und aus vollkommenen Henkersknechten schlechte Minister +machte. + +Präsident (zu den Übrigen). Fort mit ihr! + +Ferdinand. Vater, sie soll an den Pranger stehen, aber mit dem Major, +des Präsidenten Sohn--Bestehen Sie noch darauf? + +Präsident. Desto possierlicher wird das Spektakel--Fort! + +Ferdinand. Vater, ich werfe meinen Officiersdegen auf das Mädchen. +--Bestehen Sie noch darauf? + +Präsident. Das Porte-Epée ist an deiner Seite des Prangerstehens +gewohnt worden--Fort! Fort! Ihr wißt meinen Willen. + +Ferdinand (drückt einen Gerichtsdiener weg, faßt Luisen an einem Arm, +mit dem andern zückt er den Degen auf sie). Vater! Eh Sie meine +Gemahlin beschimpfen, durchstoß' ich sie--Bestehen Sie noch darauf? + +Präsident. Thu' es, wenn deine Klinge noch spitzig ist. + +Ferdinand (läßt Luisen fahren und blickt fürchterlich zum Himmel). +Du, Allmächtiger, bist Zeuge! Kein menschliches Mittel ließ ich +unversucht--ich muß zu einem teuflischen schreiten--Ihr führt sie zum +Pranger fort, unterdessen (dem Präsidenten ins Ohr rufend) erzähl' +ich der Residenz eine Geschichte, wie man Präsident wird. (Ab.) + +Präsident (wie vom Blitz gerührt). Was ist das?--Ferdinand--Laßt sie +ledig! (Er eilt dem Major nach.) + + + + +Dritter Akt. + +Saal beim Präsidenten. + + + +Erste Scene. + +Der Präsident und Sekretär Wurm kommen. + + +Präsident. Der Streich war verwünscht. + +Wurm. Wie ich befürchtete, gnädiger Herr. Zwang erbittert die +Schwärmer immer, aber bekehrt sie nie. + +Präsident. Ich hatte mein bestes Vertrauen in diesen Anschlag +gesetzt. Ich urtheilte so: Wenn das Mädchen beschimpft wird, muß er, +als Officier, zurücktreten. + +Wurm. Ganz vortrefflich. Aber zum Beschimpfen hätt' es auch kommen +sollen. + +Präsident. Und doch--wenn ich es jetzt mit kaltem Blut +überdenke--Ich hätte mich nicht sollen eintreiben lassen--Es war eine +Drohung, woraus er wohl nimmermehr Ernst gemacht hätte. + +Wurm. Das denken Sie ja nicht. Der gereizten Leidenschaft ist keine +Thorheit zu bunt. Sie sagen mir, der Herr Major habe immer den Kopf +zu Ihrer Regierung geschüttelt. Ich glaub's. Die Grundsätze, die er +aus Akademien hieher brachte, wollten mir gleich nicht recht +einleuchten. Was sollten auch die phantastischen Träumereien von +Seelengröße und persönlichem Adel an einem Hof, wo die größte +Weisheit diejenige ist, im rechten Tempo, auf eine geschickte Art, +groß und klein zu sein! Er ist zu jung und zu feurig, um Geschmack +am langsamen, krummen Gang der Kabale zu finden, und nichts wird +seine Ambition in Bewegung setzen, als was groß ist und abenteuerlich. + +Präsident (verdrießlich). Aber was wird diese wohlweise Anmerkung an +unserm Handel verbessern? + +Wurm. Wie wird Ew. Excellenz auf die Wunde hinweisen, und auch +vielleicht auf den Verband. Einen solchen Charakter--erlauben +Sie--hätte man entweder nie zum Vertrauten, oder niemals zum Feind +machen sollen. Er verabscheut das Mittel, wodurch Sie gestiegen sind. +Vielleicht war es bis jetzt nur der Sohn, der die Zunge des +Verräthers band. Geben Sie ihm Gelegenheit, jenen rechtmäßig +abzuschütteln; machen Sie ihn durch wiederholte Stürme auf seine +Leidenschaft glauben, daß Sie der zärtliche Vater nicht sind, so +dringen die Pflichten des Patrioten bei ihm vor. Ja, schon allein +die seltsame Phantasie, der Gerechtigkeit ein so merkwürdiges Opfer +zu bringen, könnte Reiz genug für ihn haben, selbst seinen Vater zu +stürzen. + +Präsident. Wurm--Wurm--Er führt mich da vor einen entsetzlichen +Abgrund. + +Wurm. Ich will Sie zurückführen, gnädiger Herr. Darf ich freimüthig +reden? + +Präsident (indem er sich niedersetzt). Wie ein Verdammter zum +Mitverdammten. + +Wurm. Also verzeihen Sie--Sie haben, dünkt mich, der biegsamen +Hofkunst den ganzen Präsidenten zu danken, warum vertrauen Sie ihr +nicht auch den Vater an? Ich besinne mich, mit welcher Offenheit Sie +Ihren Vorgänger damals zu einer Partie Piquet beredeten und bei ihm +die halbe Nacht mit freundschaftlichem Burgunder hinwegschwemmten, +und das war doch die nämliche Nacht, wo die große Mine losgehen und +den guten Mann in die Luft blasen sollte--Warum zeigten Sie Ihrem +Sohne den Feind? Nimmermehr hätte dieser erfahren sollen, daß ich um +seine Liebesangelegenheit wisse. Sie hätten den Roman von Seiten des +Mädchens unterhöhlt und das Herz Ihres Sohnes behalten. Sie hätten +den klugen General gespielt, der den Feind nicht am Kern seiner +Truppen faßt, sondern Spaltungen unter den Gliedern stiftet. + +Präsident. Wie war das zu machen? + +Wurm. Auf die einfachste Art--und die Karten sind noch nicht ganz +vergeben. Unterdrücken Sie eine Zeit lang, daß Sie Vater sind. +Messen Sie sich mit einer Leidenschaft nicht, die jeder Widerstand +nur mächtiger machte--Überlassen Sie es mir, an ihrem eigenen Feuer +den Wurm auszubrüten, der sie zerfrißt. + +Präsident. Ich bin begierig. + +Wurm. Ich müßte mich schlecht auf den Barometer der Seele verstehen, +oder der Herr Major ist in der Eifersucht schrecklich, wie in der +Liebe. Machen Sie ihm das Mädchen verdächtig--Wahrscheinlich oder +nicht. Ein Gran Hefe reicht hin, die ganze Masse in eine zerstörende +Gährung zu jagen. + +Präsident. Aber woher diesen Gran nehmen? + +Wurm. Da sind wir auf dem Punkt--vor allen Dingen, gnädiger Herr, +erklären Sie sich mir, wie viel Sie bei der ferneren Weigerung des +Majors auf dem Spiel haben--in welchem Grade es Ihnen wichtig ist, +den Roman mit dem Bürgermädchen zu endigen und die Verbindung mit +Lady Milford zu Stand zu bringen? + +Präsident. Kann Er noch fragen, Wurm?--Mein ganzer Einfluß ist in +Gefahr, wenn die Partie mit der Lady zurückgeht, und wenn ich den +Major zwinge, mein Hals. + +Wurm (munter). Jetzt haben Sie die Gnade und hören--Den Herrn Major +umspinnen wir mit List. Gegen das Mädchen nehmen wir Ihre ganze +Gewalt zu Hilfe. Wir dictieren ihr ein Billetdoux an eine dritte +Person in die Feder und spielen das mit guter Art dem Major in die +Hände. + +Präsident. Toller Einfall! Als ob sie sich so geschwind hin +bequemen würde, ihr eigenes Todesurtheil zu schreiben? + +Wurm. Sie muß, wenn Sie mir freie Hand lassen wollen. Ich kenne das +gute Herz auf und nieder. Sie hat nicht mehr als zwo tödtliche +Seiten, durch welche wir ihre Gewissen bestürmen können--ihren Vater +und den Major. Der letztere bleibt ganz und gar aus dem Spiel; desto +freier können wir mit dem Musikanten umspringen. + +Präsident. Als zum Exempel? + +Wurm. Nach Dem, was Ew. Excellenz mir von dem Auftritt in +seinem Hause gesagt haben, wird nichts leichter sein, als den +Vater mit einem Halsproceß zu bedrohen. Die Person des +Günstlings und Siegelbewahrers ist gewissermaßen der Schatten +der Majestät--Beleidigungen gegen jenen sind Verletzungen +dieser--Wenigstens will ich den armen Schächer mit diesem +zusammengeflickten Kobold durch ein Nadelöhr jagen. + +Präsident. Doch--ernsthaft dürfte der Handel nicht werden. + +Wurm. Ganz und gar nicht--Nur in so weit, als es nöthig ist, die +Familie in die Klemme zu treiben--Wir setzen also in aller Stille den +Musikus fest--Die Noth um so dringender zu machen, könnte man auch +die Mutter mitnehmen,--sprechen von peinlicher Anklage, von Schaffot, +von ewiger Festung, und machen den Brief der Tochter zur einzigen +Bedingung seiner Befreiung. + +Präsident. Gut! Gut! Ich verstehe. + +Wurm. Sie liebt ihren Vater--bis zur Leidenschaft, möcht' ich sagen. +Die Gefahr seines Lebens--seiner Freiheit zum Mindesten--die +Vorwürfe ihres Gewissens, den Anlaß dazu gegeben zu haben--die +Unmöglichkeit, den Major zu besitzen--endlich die Betäubung ihres +Kopfs, die ich auf mich nehme--es kann nicht fehlen--sie muß in die +Falle gehn. + +Präsident. Aber mein Sohn? Wird er nicht auf der Stelle Wind davon +haben? + +Wurm. Das lassen Sie meine Sorge sein, gnädiger Herr--Vater und +Mutter werden nicht eher freigelassen, bis die ganze Familie einen +körperlichen Eid darauf abgelegt, den ganzen Vorgang geheim zu halten +und den Betrug zu bestätigen. + +Präsident. Einen Eid? Was wird ein Eid fruchten, Dummkopf? + +Wurm. Nichts bei uns, gnädiger Herr! Bei dieser Menschenart +Alles--Und sehen Sie nun, wie schön wir Beide auf diese Manier zum +Ziele kommen werden--Das Mädchen verliert die Liebe des Majors und +den Ruf ihrer Tugend. Vater und Mutter ziehen gelindere Saiten auf, +und durch und durch weich gemacht von Schicksalen dieser Art, +erkennen sie's noch zuletzt für Erbarmung, wenn ich der Tochter durch +meine Hand ihre Reputation wieder gebe. + +Präsident (lacht unter Kopfschütteln). Ja, ich gebe mich dir +überwunden, Schurke! Das Geweb' ist satanisch fein. Der Schüler +übertrifft seinen Meister--Nun ist die Frage, an wen das Billet muß +gerichtet werden? Mit wem wir sie in Verdacht bringen müssen? + +Wurm. Nothwendig mit Jemand, der durch den Entschluß Ihres Sohnes +Alles gewinnen oder Alles verlieren muß. + +Wurm (nach einigem Nachdenken). Ich weiß nur den Hofmarschall. + +Wurm (zuckt die Achseln). Mein Geschmack wär' es nun freilich nicht, +wenn ich Luise Millerin hieße. + +Präsident. Und warum nicht? Wunderlich! Eine blendende +Garderobe--Eine Atmosphäre von Eau de mille fleurs und Bisam--und +jedes alberne Wort eine Handvoll Ducaten--und alles Das sollte die +Delicatesse einer bürgerlichen Dirne nicht endlich bestechen können? +O, guter Freund! so scrupulös ist die Eifersucht nicht! Ich schicke +zum Marschall. (Klingelt.) + +Wurm. Unterdessen, daß Ew. Excellenz dieses und die Gefangennehmung +des Geigers besorgen, werd' ich hingehen und den bewußten Liebesbrief +aufsetzen. + +Präsident (zum Schreibpult gehend). Den Er mir zum Durchlesen +heraufbringt, sobald er zu Stand sein wird. (Wurm geht ab. Der +Präsident setzt sich zu schreiben; ein Kammerdiener kommt; er steht +auf und gibt ihm ein Papier.) Dieser Verhaftsbefehl muß ohne Aufschub +in die Gerichte--ein Andrer von euch wird den Hofmarschall zu mir +bitten. + +Kammerdiener. Der gnädige Herr sind so eben hier angefahren. + +Präsident. Noch besser--aber die Anstalten sollen mit Vorsicht +getroffen werden, sagt ihr, daß kein Aufstand erfolgt. + +Kammerdiener. Sehr wohl, Ihr' Excellenz! + +Präsident. Versteht ihr? Ganz in der Stille! + +Kammerdiener. Ganz gut, Ihr' Excellenz! (Ab.) + + + +Zweite Scene. + +Der Präsident und der Hofmarschall. + + +Hofmarschall (eilfertig). Nur en passant, mein Bester!--Wie leben +Sie? Wie befinden Sie sich?--Heute Abend ist große Opéra Dido--das +süperbeste Feuerwerk--eine ganze Stadt brennt zusammen--Sie sehen sie +doch auch brennen? Was? + +Präsident. Ich habe Feuerwerk genug in meinem eigenen Hause, das +meine ganze Herrlichkeit in die Luft nimmt--Sie kommen erwünscht, +lieber Marschall, mir in einer Sache zu rathen, thätig zu helfen, die +uns Beide poussiert, oder völlig zu Grund richtet. Setzen Sie sich. + +Hofmarschall. Machen Sie mir nicht Angst, mein Süßer. + +Präsident. Wie gesagt--poussiert, oder ganz zu Grund richtet. Sie +wissen mein Project mit dem Major und der Lady. Sie begreifen auch, +wie unentbehrlich es war, unser Beider Glück zu fixieren. Es kann +Alles zusammenfallen, Kalb. Mein Ferdinand will nicht. + +Hofmarschall. Will nicht--will nicht--ich hab's ja in der ganzen +Stadt schon herumgesagt. Die Mariage ist in Jedermanns Munde. + +Präsident. Sie können vor der ganzen Stadt als Windmacher dastehen. +Er liebt eine Andere. + +Hofmarschall. Sie scherzen. Ist das auch wohl ein Hindernis? + +Präsident. Bei dem Trotzkopf das unüberwindlichste. + +Hofmarschall. Er soll so wahnsinnig sein und sein Fortune von sich +stoßen? Was? + +Präsident. Fragen Sie ihn das und hören Sie, was er antwortet. + +Hofmarschall. Aber, mon Dieu! was kann er denn antworten? + +Präsident. Daß er der ganzen Welt das Verbrechen entdecken wolle, +wodurch wir gestiegen sind--daß er unsere falschen Briefe und +Quittungen angeben--daß er uns Beide ans Messer liefern wolle--das +kann er antworten. + +Hofmarschall. Sind Sie von Sinnen? + +Präsident. Das hat er geantwortet. Das war er schon Willens, ins +Werk zu richten--Davon hab' ich ihn kaum noch durch meine höchste +Erniedrigung abgebracht. Was wissen Sie hierauf zu sagen? + +Hofmarschall (mit einem Schafsgesicht). Mein Verstand steht still. + +Präsident. Das könnte noch hingehen. Aber zugleich hinterbringen +mir meine Spionen, daß der Oberschenk von Bock auf dem Sprunge sei, +um die Lady zu werben. + +Hofmarschall. Sie machen mich rasend. Wer sagen Sie? von Bock sagen +Sie?--Wissen Sie denn auch, daß wir Todfeinde zusammen sind? Wissen +Sie auch, warum wir es sind? + +Präsident. Das erste Wort, das ich höre. + +Hofmarschall. Bester! Sie werden hören, und aus der Haut werden Sie +fahren--Wenn Sie sich noch des Hofballs entsinnen--es geht jetzt ins +einundzwanzigste Jahr--wissen Sie, worauf man den ersten Englischen +tanzte, und dem Grafen von Meerschaum das heiße Wachs von einem +Kronleuchter auf den Domino tröpfelte--Ach Gott, das müssen Sie +freilich noch wissen! + +Präsident. Wer könnte so was vergessen? + +Hofmarschall. Sehen Sie! da hatte Prinzessin Amalie in der Hitze des +Tanzes ein Strumpfband verloren--Alles kommt, wie befreiflich ist, in +Allarm--von Bock und ich--wir waren noch Kammerjunker--wir kriechen +durch den ganzen Redoutensaal, das Strumpfband zu suchen--endlich +erblick ich's--von Bock merkt's--von Bock darauf zu, reißt es mir aus +den Händen--ich bitte Sie!--bringt's der Prinzessin und schnappt mir +glücklich das Compliment weg--Was denken Sie? + +Präsident. Impertinent! + +Hofmarschall. Schnappt mir das Compliment weg--Ich meine in Ohnmacht +zu sinken. Eine solche Malice ist gar nicht erlebt worden.--Endlich +ermann' ich mich, nähere mich Ihrer Durchlaucht und spreche: +Gnädigste Frau! von Bock war so glücklich, Höchstdenenselben das +Strumpfband zu überreichen, aber wer das Strumpfband zuerst erblickte, +belohnt sich in der Stille und schweigt. + +Präsident. Bravo, Marschall! Bravissimo! + +Hofmarschall. Und schweigt--Aber ich werd's dem von Bock bis zum +jüngsten Gerichte noch nachtragen--der niederträchtige, kriechende +Schmeichler!--Und das war noch nicht genug--wie wir beide zugleich +auf das Strumpfband zu Boden fallen, wischt mir von Bock an der +rechten Frisur allen Puder weg, und ich bin ruiniert auf den ganzen +Ball. + +Präsident. Das ist der Mann, der die Milford heirathen und die erste +Person am Hof werden wird. + +Hofmarschall. Sie stoßen mir ein Messer ins Herz. Wird? wird? +Warum wird er? Wo ist die Nothwendigkeit? + +Präsident. Weil mein Ferdinand nicht will und sonst Keiner sich +meldet. + +Hofmarschall. Aber wissen Sie denn gar kein einziges Mittel, den +Major zum Entschluß zu bringen?--Sei's auch noch so bizarr, so +verzweifelt!--Was in der Welt kann so widrig sein, das uns jetzt +nicht willkommen wäre, den verhaßten von Bock auszustechen? + +Präsident. Ich weiß nur eines, und das bei Ihnen steht. + +Hofmarschall. Bei mir steht? Und das ist? + +Präsident. Den Major mit seiner Geliebten zu entzweien. + +Hofmarschall. Zu entzweien? Wie meinen Sie das?--Und wie mach' ich +das? + +Präsident. Alles ist gewonnen, sobald wir ihm das Mädchen verdächtig +machen. + +Hofmarschall. Daß sie stehle, meinen Sie? + +Präsident. Ach nein doch! Wie glaubte er das?--daß sie es noch mit +einem Andern habe. + +Hofmarschall. Dieser Andre? + +Präsident. Müßten Sie sein, Baron. + +Hofmarschall. Ich sein? Ich?--Ist sie von Adel? + +Präsident. Wozu das? Welcher Einfall!--Eines Musikanten Tochter. + +Hofmarschall. Bürgerlich also? Das wird nicht angehen. Was? + +Präsident. Was wird nicht angehen? Narrenspossen! Wem unter der +Sonne wird es einfallen, ein paar runde Wangen nach dem Stammbaum zu +fragen? + +Hofmarschall. Aber bedenken Sie doch, ein Ehmann! Und meine +Reputation bei Hofe. + +Präsident. Das ist was anders. Verzeihen Sie. Ich habe das noch +nicht gewußt, daß Ihnen der Mann von unbescholtenen Sitten mehr ist, +als der von Einfluß. Wollen wir abbrechen? + +Hofmarschall. Seien Sie klug, Baron. Es war ja nicht so verstanden. + +Präsident (frostig). Nein--nein! Sie haben vollkommen Recht. Ich +bin es auch müde. Ich lasse den Karren stehen. Dem von Bock wünsch' +ich Glück zum Premierminister. Die Welt ist noch anderswo. Ich +fordre meine Entlassung vom Herzog. + +Hofmarschall. Und ich?--Sie haben gut schwatzen, Sie! Sie sind ein +Studierter! Aber ich,--mon Dieu!--was bin dann ich, wenn mich Seine +Durchleucht entlassen? + +Präsident. Ein Bonmot von vorgestern. Die Mode vom vorigen Jahr. + +Hofmarschall. Ich beschwöre Sie, Theurer, Goldner!--Ersticken Sie +diesen Gedanken! Ich will mir ja Alles gefallen lassen. + +Präsident. Wollen Sie Ihren Namen zu einem Rendez-vous hergeben, den +Ihnen diese Millerin schriftlich vorschlagen soll? + +Hofmarschall. Im Namen Gottes! Ich will ihn hergeben. + +Präsident. Und den Brief irgendwo herausfallen lassen, wo er dem +Major zu Gesicht kommen muß? + +Hofmarschall. Zum Exempel auf der Parade will ich ihn, als von +ungefähr, mit dem Schnupftuch heraus schleudern. + +Präsident. Und die Rolle ihres Liebhabers gegen den Major behaupten? + +Hofmarschall. Mort de ma vie! Ich will ihn schon waschen! Ich will +dem Naseweis den Appetit nach meinen Amouren verleiden. + +Präsident. Nun geht's nach Wunsch. Der Brief muß noch heute +geschrieben sein. Sie müssen vor Abend noch herkommen, ihn abzuholen +und Ihre Rolle mit mir zu berichtigen. + +Hofmarschall. Sobald ich sechzehn Visiten werde gegeben haben, die +von allerhöchster Importance sind. Verzeihen Sie also, wenn ich mich +ohne Aufschub beurlaube. (Geht.) + +Präsident (klingelt). Ich zähle auf Ihre Verschlagenheit, Marschall. + +Hofmarschall (ruft zurück). Ah, mon Dieu!--Sie kennen mich ja. + + + +Dritte Scene. + +Der Präsident und Wurm. + + +Wurm. Der Geiger und seine Frau sind glücklich und ohne alles +Geräusch in Verhaft gebracht. Wollen Ew. Excellenz jetzt den Brief +überlesen? + +Präsident (nachdem er gelesen). Herrlich! herrlich, Secretär! Auch +der Marschall hat angebissen!--Ein Gift wie das müßte die Gesundheit +selbst in eiternden Aussatz verwandeln--Nun gleich mit den +Vorschlägen zum Vater, und dann warm zu der Tochter. (Gehen ab zu +verschiedenen Seiten.) + + + +Vierte Scene. + +Zimmer in Millers Wohnung. + +Luise und Ferdinand. + + +Luise. Ich bitte dich, höre auf. Ich glaube an keine glücklichen +Tage mehr. Alle meine Hoffnungen sind gesunken. + +Ferdinand. So sind die meinigen gestiegen. Mein Vater ist +aufgereizt; mein Vater wird alle Geschütze gegen uns richten. Er +wird mich zwingen, den unmenschlichen Sohn zu machen. Ich stehe +nicht mehr für meine kindliche Pflicht. Wuth und Verzweiflung werden +mir das schwarze Geheimniß seiner Mordthat erpressen. Der Sohn wird +den Vater in die Hände des Henkers liefern--Es ist die höchste +Gefahr--und die höchste Gefahr mußte da sein, wenn meine Liebe den +Riesensprung wagen sollte--Höre, Luise--Ein Gedanke, groß und +vermessen wie meine Leidenschaft, drängt sich vor meine Seele--Du, +Luise, und ich und die Liebe!--liegt nicht in diesem Zirkel der ganze +Himmel? oder brauchst du noch etwas Viertes dazu? + +Luise. Brich ab. Nichts mehr. Ich erblasse über Das, was du sagen +willst. + +Ferdinand. Haben wir an die Welt keine Forderung mehr, warum denn +ihren Beifall erbetteln? Warum wagen, wo nichts gewonnen wird und +Alles verloren werden kann?--Wird dieses Aug nicht eben so schmelzend +funkeln, ob es im Rhein oder in der Elbe sich spiegelt, oder im +baltischen Meer? Mein Vaterland ist, wo mich Luise liebt. Deine +Fußtapfe in wilden, sandigten Wüsten mir interessanter, als das +Münster in meiner Heimath--Werden wir die Pracht der Städte +vermissen? Wo wir sein mögen, Luise, geht eine Sonne auf, eine +unter--Schauspiele, neben welchen der üppigste Schwung der Künste +verblaßt. Werden wir Gott in keinem Tempel mehr dienen, so ziehet +die Nacht mit begeisterndem Schauern auf, der wechselnde Mond predigt +uns Buße, und eine andächtige Kirche von Sternen betet mit uns. +Werden wir uns in Gesprächen der Liebe erschöpfen?--Ein Lächeln +meiner Luise ist Stoff für Jahrhunderte, und der Traum des Lebens ist +aus, bis ich diese Thräne ergründe. + +Luise. Und hättest du sonst keine Pflicht mehr als deine Liebe? + +Ferdinand (sie umarmend). Deine Ruhe ist meine heiligste. + +Luise (sehr ernsthaft). So schweig und verlaß mich--Ich habe einen +Vater, der kein Vermögen hat, als diese einzige Tochter--der morgen +sechzig wird--der der Rache des Präsidenten gewiß ist.-Ferdinand +(fällt rasch ein). Der uns begleiten wird. Darum keinen Einwurf +mehr, Liebe. Ich gehe, mache meine Kostbarkeiten zu Geld, erhebe +Summen auf meinen Vater. Es ist erlaubt, einen Räuber zu plündern, +und sind seine Schätze nicht Blutgeld des Vaterlands?--Schlag ein Uhr +um Mitternacht wird ein Wagen hier anfahren. Ihr werft euch hinein. +Wir fliehen. + +Luise. Und der Fluch deines Vaters uns nach?--ein Fluch, +Unbesonnener, den auch Mörder nie ohne Erhörung aussprechen, den die +Rache des Himmels auch dem Dieb auf dem Rade hält, der uns +Flüchtlinge unbarmherzig wie ein Gespenst von Meer zu Meer jagen +würde?--Nein, mein Geliebter! Wenn nur ein Frevel dich mir erhalten +kann, so hab' ich noch Stärke, dich zu verlieren. + +Ferdinand (steht still und murmelt düster). Wirklich? + +Luise. Verlieren!--O, ohne Grenzen entsetzlich ist der +Gedanke--gräßlich genug, den unsterblichen Geist zu durchbohren und +die glühende Wange der Freude zu bleichen--Ferdinand! dich zu +verlieren! Doch, man verliert ja nur, was man besessen hat, und dein +Herz gehört deinem Stande--Mein Anspruch war Kirchenraub, und +schaudernd geb' ich ihn auf. + +Ferdinand (das Gesicht verzerrt und an der Unterlippe nagend). Gibst +du ihn auf. + +Luise. Nein! Sieh mich an, lieber Walter. Nicht so bitter die +Zähne geknirscht. Komm! Laß mich jetzt deinen sterbenden Muth durch +mein Beispiel beleben. Laß mich die Heldin dieses Augenblicks +sein--einem Vater den entflohenen Sohn wieder schenken--einem Bündniß +entsagen, das die Fugen der Bürgerwelt auseinander treiben und die +allgemeine ewige Ordnung zu Grund stürzen würde--Ich bin die +Verbrecherin--mit frechen, thörigten Wünschen hat sich mein Busen +getragen--mein Unglück ist meine Strafe, so laß mir doch jetzt die +süße, schmeichelnde Täuschung, daß es mein Opfer war--Wirst du mir +diese Wollust mißgönnen? + +Ferdinand (hat in der Zerstreuung und Wuth eine Violine ergriffen und +auf derselben zu spielen versucht--Jetzt zerreißt er die Saiten, +zerschmettert das Instrument auf dem Boden und bricht in ein lautes +Gelächter aus). + +Luise. Walter! Gott im Himmel! Was soll das?--Ermanne dich! +--Fassung verlangt diese Stunde--es ist eine trennende. Du hast ein +Herz, lieber Walter. Ich kenne es.--Warm wie das Leben ist deine +Liebe, und ohne Schranken wie das Unermeßliche--Schenke sie einer +Edeln und Würdigern--sie wird die Glücklichste ihres Geschlechts +nicht beneiden--(Thränen unterdrückend.) Mich sollst du nicht mehr +sehn--Das eitle betrogene Mädchen verweine seinen Gram in einsamen +Mauern, um seine Thränen wird sich Niemand bekümmern--Leer und +erstorben ist meine Zukunft--Doch werd' ich noch je und je am +verwelkten Strauß der Vergangenheit riechen. (Indem sie ihm mit +abgewandtem Gesicht ihre zitternde Hand gibt.) Leben Sie wohl, Herr +von Walter. + +Ferdinand (springt aus seiner Betäubung auf). Ich entfliehe, Luise. +Willst du mir wirklich nicht folgen? + +Luise (hat sich im Hintergrund des Zimmers niedergesetzt und hält das +Gesicht mit beiden Händen bedeckt). Meine Pflicht heißt mich bleiben +und dulden. + +Ferdinand. Schlange, du lügst. Dich fesselt was anders hier. + +Luise (im Ton des tiefsten inwendigen Leidens). Bleiben Sie bei +dieser Vermuthung--sie macht vielleicht weniger elend. + +Ferdinand. Kalte Pflicht gegen feurige Liebe!--Und mich soll das +Märchen blenden? Ein Liebhaber fesselt dich, und Weh über dich und +ihn, wenn mein Verdacht sich bestätigt. (Geht schnell ab.) + + + +Fünfte Scene. + +Luise allein.--(Sie bleibt noch eine Zeit lang ohne Bewegung und +stumm in dem Sessel liegen, endlich steht sie auf, kommt vorwärts und +sieht furchtsam herum.) + + +Wo meine Eltern bleiben?--Mein Vater versprach, in wenigen Minuten +zurück zu sein, und schon sind fünf volle fürchterliche Stunden +vorüber--Wenn ihm ein Unfall--wie wird mir?--Warum geht mein Odem so +ängstlich? + +(Jetzt tritt Wurm in das Zimmer und bleibt im Hintergrund stehen, +ohne von ihr bemerkt zu werden.) + +Es ist nichts Wirkliches--Es ist nichts als das schaudernde +Gaukelspiel des erhitzten Geblüths--Hat unsre Seele nur einmal +Entsetzen genug in sich getrunken, so wird das Aug in jedem Winkel +Gespenster sehn. + + + +Sechste Scene. + +Luise und Secretär Wurm. + + +Wurm (kommt näher). Guten Abend, Jungfer. + +Luise. Gott! Wer spricht da? (Sie dreht sich um, wird den Secretär +gewahr und tritt erschrocken zurück.) Schrecklich! Schrecklich! +Meiner ängstlichen Ahnung eilt schon die unglückseligste Erfüllung +nach. (Zum Secretär mit einem Blick voll Verachtung.) Suchen Sie +etwa den Präsidenten? Er ist nicht mehr da. + +Wurm. Jungfer, ich suche Sie. + +Luise. So muß ich mich wundern, daß Sie nicht nach dem Marktplatz +gingen. + +Wurm. Warum eben dahin? + +Luise. Ihre Braut von der Schaubühne abzuholen. + +Wurm. Mamsell Millerin, Sie haben einen falschen Verdacht-Luise +(unterdrückt eine Antwort). Was steht Ihnen zu Diensten? + +Wurm. Ich komme, geschickt von Ihrem Vater. + +Luise (bestürzt). Von meinem Vater?--Wieder ist mein Vater? + +Wurm. Wo er nicht gern ist. + +Luise. Um Gotteswillen! Geschwind! Mich befällt eine üble +Ahnung--Wo ist mein Vater? + +Wurm. Im Thurm, wenn Sie es ja wissen wollen. + +Luise (mit einem Blick zum Himmel). Das noch! Das auch noch!--Im +Thurm? Und warum im Thurm? + +Wurm. Auf Befehl des Herzogs. + +Luise. Des Herzogs? + +Wurm. Der die Verletzung der Majestät in der Person seines +Stellvertreters-Luise. Was? was? O ewige Allmacht! + +Wurm. Auffallend zu ahnden beschlossen hat. + +Luise. Das war noch übrig! Das!--Freilich, freilich, mein Herz +hatte noch außer dem Major etwas Theures--das durfte nicht übergangen +werden--Verletzung der Majestät--Himmlische Vorsicht! Rette! o rette +meinen sinkenden Glauben!--Und Ferdinand? + +Wurm. Wählt Lady Milford, oder Fluch und Enterbung. + +Luise. Entsetzliche Freiheit!--Und doch--doch ist er glücklicher. +Er hat keinen Vater zu verlieren. Zwar keinen haben, ist Verdammniß +genug!--Mein Vater auf Verletzung der Majestät--mein Geliebter die +Lady oder Fluch und Enterbung--Wahrlich bewundernswerth! Eine +vollkommene Büberei ist auch eine Vollkommenheit--Vollkommenheit? +Nein! dazu fehlt noch etwas--Wo ist meine Mutter? + +Wurm. Im Spinnhaus. + +Luise (mit schmerzvollem Lächeln). Jetzt ist es völlig!--Völlig, und +jetzt wär' ich ja frei--Abgeschält von allen Pflichten--und +Thränen--und Freuden. Abgeschält von der Vorsicht. Ich brauch' sie +ja nicht mehr--(Schreckliches Stillschweigen.) Haben Sie vielleicht +noch eine Zeitung? Reden Sie immerhin. Jetzt kann ich Alles hören. + +Wurm. Was geschehen ist, wissen Sie. + +Luise. Also nicht, was noch kommen wird? (Wiederum Pause, worin sie +den Secretär von oben bis unten ansieht.) Armer Mensch! du treibst +ein trauriges Handwerk, wobei du unmöglich selig werden kannst. +Unglückliche machen, ist schon schrecklich genug, aber gräßlich ist's, +es ihnen verkündigen--ihn vorzusingen, den Eulengesang, dabei stehn, +wenn das blutende Herz am eisernen Schaft der Nothwendigkeit zittert +und Christen an Gott zweifeln--Der Himmel bewahre mich! Und würde +dir jeder Angsttropfe, den du fallen siehst, mit einer Tonne Golds +aufgewogen--ich möchte nicht du sein--Was kann noch geschehen? + +Wurm. Ich weiß nicht. + +Luise. Sie wollen nicht wissen?--Diese lichtscheue Bothschaft +fürchtet das Geräusch der Worte, aber in der Grabesstille Ihres +Gesichts zeigt sich mir das Gespenst--Was ist noch übrig?--Sie sagten +vorhin, der Herzog wollte es auffallend ahnden? Was nennen Sie +auffallend? + +Wurm. Fragen Sie nichts mehr. + +Luise. Höre, Mensch! Du gingst beim Henker zur Schule. Wie +verstündest du sonst, das Eisen erst langsam bedächtlich an den +knirschenden Gelenken hinaufzuführen und das zuckende Herz mit dem +Streich der Erbarmung zu necken?--Welches Schicksal wartet auf meinen +Vater? Es ist Tod in Dem, was du lachend sagst; wie mag Das aussehen, +was du an dich hältst? Sprich es aus. Laß mich sie auf einmal +haben, die ganze zermalmende Ladung. Was wartet auf meinen Vater? + +Wurm. Ein Criminal-Proceß. + +Luise. Was ist aber das?--Ich bin ein unwissendes, unschuldiges Ding, +verstehe mich wenig auf eure fürchterlichen lateinischen Wörter. +Was heißt Criminal-Proceß? + +Wurm. Gericht um Leben und Tod. + +Luise (standhaft). So dank' ich Ihnen! (Sie eilt schnell in ein +Seitenzimmer.) + +Wurm (steht betroffen da). Wo will das hinaus! Sollte die Närrin +etwa?--Teufel! Sie wird doch nicht--Ich eile nach--ich muß für ihr +Leben bürgen. (Im Begriff, ihr zu folgen.) + +Luise (kommt zurück, einen Mantel umgeworfen). Verzeihen Sie, +Secretär. Ich schließe das Zimmer. + +Wurm. Und wohin denn so eilig? + +Luise. Zum Herzog. (Will fort.) + +Wurm. Was? Wo hin? (Er hält sie erschrocken zurück.) + +Luise. Zum Herzog. Hören Sie nicht? Zu eben dem Herzog, der meinen +Vater auf Tod und Leben will richten lassen--Nein! nicht will--muß +richten lassen, weil einige Böswichter wollen; der zu dem ganzen +Proceß der beleidigten Majestät nichts hergibt, als eine Majestät und +seine fürstliche Handschrift. + +Wurm (lacht überlaut). Zum Herzog! + +Luise. Ich weiß, worüber Sie lachen--aber ich will ja auch kein +Erbarmen dort finden--Gott bewahre mich! nur Ekel--Ekel nur an meinem +Geschrei. Man hat mir gesagt, daß die Großen der Welt noch nicht +belehrt sind, was Elend ist--nicht wollen belehrt sein. Ich will ihm +sagen, was Elend ist--will es ihm vormalen in allen Verzerrungen des +Todes, was Elend ist--will es ihm vorheulen in Mark und Bein +zermalmenden Tönen, was Elend ist--und wenn ihm jetzt über der +Beschreibung die Haare zu Berge fliegen, will ich ihm noch zum Schluß +in die Ohren schrei'n, daß in der Sterbestunde auch die Lungen der +Erdengötter zu röcheln anfangen und das jüngste Gericht Majestäten +und Bettler in dem nämlichen Siebe rüttelt. (Sie will gehen.) + +Wurm (boshaft freundlich). Gehen Sie, o gehen Sie ja. Sie können +wahrlich nichts Klügeres thun. Ich rathe es Ihnen, gehen Sie, und +ich gebe Ihnen mein Wort, daß der Herzog willfahren wird. + +Luise (steht plötzlich still). Wie sagen Sie?--Sie rathen mir selbst +dazu? (Kommt schnell zurück.) Hm! Was will ich denn? Etwas +Abscheuliches muß es sein, weil dieser Mensch dazu rathet--Woher +wissen Sie, daß der Fürst mir willfahren wird? + +Wurm. Weil er es nicht wird umsonst thun dürfen. + +Luise. Nicht umsonst? Welchen Preis kann er auf eine Menschlichkeit +setzen? + +Wurm. Die schöne Supplicantin ist Preises genug. + +Luise (bleibt erstarrt stehen, dann mit brechendem Laut). +Allgerechter! + +Wurm. Und einen Vater werden Sie doch, will ich hoffen, um diese +gnädige Taxe nicht überfordert finden? + +Luise (auf und ab, außer Fassung). Ja! ja! Es ist wahr! Sie sind +verschanzt, eure Großen--verschanzt vor der Wahrheit hinter ihre +eigenen Laster, wie hinter Schwerter der Cherubim--Helfe dir der +Allmächtige, Vater! Deine Tochter kann für dich sterben, aber nicht +sündigen. + +Wurm. Das mag ihm wohl eine Neuigkeit sein, dem armen verlassenen +Mann--"Meine Luise," sagte er mir, "hat mich zu Boden geworfen. +Meine Luise wird mich auch aufrichten."--Ich eile, Mamsell, ihm die +Antwort zu bringen. (Stellt sich, als ob er ginge.) + +Luise (eilt ihm nach, hält ihn zurück). Bleiben Sie! bleiben Sie! +Geduld! Wie flink dieser Satan ist, wenn es gilt, Menschen rasend zu +machen!--Ich hab' ihn niedergeworfen. Ich muß ihn aufrichten. Reden +Sie! Rathen Sie! Was kann ich? was muß ich thun? + +Wurm. Es ist nur ein Mittel. + +Luise. Dieses einzige Mittel? + +Wurm. Auch Ihr Vater wünscht-Luise. Auch mein Vater?--Was ist das +für ein Mittel? + +Wurm. Es ist Ihnen leicht. + +Luise. Ich kenne nichts Schwereres, als die Schande. + +Wurm. Wenn Sie den Major wieder frei machen wollen. + +Luise. Von seiner Liebe? Spotten Sie meiner?--Das meiner Willkür zu +überlassen, wozu ich gezwungen ward? + +Wurm. So ist es nicht gemeint, liebe Jungfer. Der Major muß zuerst +und freiwillig zurücktreten. + +Luise. Er wird nicht. + +Wurm. So scheint es. Würde man denn wohl seine Zuflucht zu Ihnen +nehmen, wenn nicht Sie allein dazu helfen könnten? + +Luise. Kann ich ihn zwingen, daß er mich hassen muß? + +Wurm. Wir wollen versuchen. Setzen Sie sich. + +Luise (betreten). Mensch! Was brütest du? + +Wurm. Setzen Sie sich. Schreiben Sie! Hier ist Feder, Papier und +Dinte. + +Luise (setzt sich in höchster Beunruhigung). Was soll ich schreiben? +An wen soll ich schreiben? + +Wurm. An den Henker Ihres Vaters. + +Luise. Ha! du verstehst dich darauf, Seelen auf die Folter zu +schrauben. (Ergreift die Feder.) + +Wurm (dictiert). "Gnädiger Herr"-Luise (schreibt mit zitternder Hand). + +Wurm. "Schon drei unerträgliche Tage sind vorüber--sind vorüber--und +wir sahen uns nicht" + +Luise (stutzt, legt die Feder weg). An wen ist der Brief? + +Wurm. An den Henker Ihres Vaters. + +Luise. O mein Gott! + +Wurm. "Halten Sie sich deßwegen an den Major--an den Major--der mich +den ganzen Tag wie ein Argus hütet" + +Luise (springt auf). Büberei, wie noch keine erhört worden! An wen +ist der Brief? + +Wurm. An den Henker Ihres Vaters. + +Luise (die Hände ringend, auf und nieder). Nein! nein! nein! das ist +tyrannisch, o Himmel! Strafe Menschen menschlich, wenn sie dich +reizen, aber warum mich zwischen zwei Schrecknisse pressen? Warum +zwischen Tod und Schande mich hin und her wiegen? Warum diesen +blutsaugenden Teufel mir auf den Nacken setzen?--Macht, was ihr wollt. +Ich schreibe das nimmermehr. + +Wurm (greift nach dem Hut). Wie Sie wollen, Mademoiselle! Das steht +ganz in Ihrem Belieben. + +Luise. Belieben, sagen Sie? In meinem Belieben?--Geh, Barbar! +Hänge einen Unglücklichen über dem Abgrund der Hölle aus, bitt' ihn +um etwas, und lästre Gott, und frag' ihn, ob es ihm beliebe?--O du +weißt allzu gut, daß unser Herz an natürlichen Trieben so fest als an +Ketten liegt--Nunmehr ist Alles gleich. Dictieren Sie weiter! Ich +denke nichts mehr. Ich weiche der überlistenden Hölle. (Sie setzt +sich zum zweitenmal.) + +Wurm. "Den ganzen Tag wie ein Argus hütet"--Haben Sie das? + +Luise. Weiter! weiter! + +Wurm. "Wir haben gestern den Präsidenten im Haus gehabt. Es war +possierlich zu sehen, wie der gute Major um meine Ehre sich +wehrte"-Luise. O schön, schön! o herrlich!--Nur immer fort. + +Wurm. "Ich nahm meine Zuflucht zu einer Ohnmacht--zu einer +Ohnmacht--daß ich nicht laut lachte" + +Luise. O Himmel! + +Wurm. "Aber bald wird mir meine Maske +unerträglich--unerträglich--Wenn ich nur loskommen könnte"-Luise +(hält inne, steht auf, geht auf und nieder, den Kopf gesenkt, als +suchte sie was auf dem Boden; dann setzt sie sich wiederum, schreibt +weiter). "Loskommen könnte" + +Wurm. "Morgen hat er den Dienst--Passen Sie ab, wenn er von mir geht, +und kommen an den bewußten Ort"--Haben Sie "bewußten?" + +Luise. Ich habe Alles! + +Wurm. "An den bewußten Ort zu Ihrer zärtlichen.... Luise" + +Luise. Nun fehlt die Adresse noch. + +Wurm. "An Herrn Hofmarschall von Kalb." + +Luise. Ewige Vorsicht! Ein Name, so fremd meinen Ohren, als meinem +Herzen diese schändlichen Zeilen. (Sie steht auf und betrachtet eine +große Pause lang mit starrem Blick das Geschriebene, endlich reicht +sie es dem Secretär mit erschöpfter, hinsterbender Stimme.) Nehmen +Sie, mein Herr. Es ist mein ehrlicher Name--es ist Ferdinand--es ist +die ganze Wonne meines Lebens, was ich jetzt in Ihre Hände gebe--Ich +bin eine Bettlerin. + +Wurm. O nein doch! Verzagen Sie nicht, liebe Mademoiselle. Ich +habe herzliches Mitleid mit Ihnen. Vielleicht--wer weiß?--Ich könnte +mich noch wohl über gewisse Dinge hinwegsetzen--Wahrlich! Bei Gott! +Ich habe Mitleid mit Ihnen. + +Luise (blickt ihn starr und durchdringend an). Reden Sie nicht aus, +mein Herr. Sie sind auf dem Wege, sich etwas Entsetzliches zu +wünschen. + +Wurm (im Begriff, ihre Hand zu küssen). Gesetzt, es wäre diese +niedliche Hand--Wie so, liebe Jungfer? + +Luise (groß und schrecklich). Weil ich dich in der Brautnacht +erdrosselte und mich dann mit Wollust aufs Rad flechten ließe. (Sie +will gehen, kommt aber schnell zurück.) Sind wir jetzt fertig, mein +Herr? Darf die Taube nun fliegen? + +Wurm. Nur noch die Kleinigkeit, Jungfer. Die müssen mit mir und das +Sacrament darauf nehmen, diesen Brief für einen freiwilligen zu +erkennen. + +Luise. Gott! Gott! und du selbst mußt das Siegel geben, die Werke +der Hölle zu verwahren? (Wurm zieht sie fort.) + + + + +Vierter Akt. + + + +Erste Scene. + +Saal beim Präsidenten. + + +Ferdinand von Walter, einen offenen Brief in der Hand, kommt +stürmisch durch eine Thüre, durch eine andere ein Kammerdiener. + +Ferdinand. War kein Marschall da? + +Kammerdiener. Herr Major, der Herr Präsident fragt nach Ihnen. + +Ferdinand. Alle Donner! Ich frag', war kein Marschall da? + +Kammerdiener. Der gnädige Herr sitzt oben am Pharotisch. + +Ferdinand. Der gnädige Herr soll im Namen der ganzen Hölle daher +kommen. (Kammerdiener geht.) + + + +Zweite Scene. + +Ferdinand allein, den Brief durchfliegend, bald erstarrend, bald +wüthend herumstürzend. + + +Es ist nicht möglich! nicht möglich! Diese himmlische Hülle +versteckt kein so teuflisches Herz--Und doch! doch! Wenn alle Engel +herunter stiegen, für ihre Unschuld bürgten--wenn Himmel und Erde, +wenn Schöpfung und Schöpfer zusammenträten, für ihre Unschuld +bürgten--es ist ihre Hand--Ein unerhörter, ungeheurer Betrug, wie die +Menschheit noch keinen erlebte!--Das also war's, warum man sich so +beharrlich der Flucht widersetzt!--Darum--o Gott! jetzt erwach' ich, +jetzt enthüllt sich mir Alles!--Darum gab man seinen Anspruch auf +meine Liebe mit so viel Heldenmuth auf, und bald, bald hätte selbst +mich die himmlische Schminke betrogen! + +(Er stürzt rascher durchs Zimmer, dann steht er wieder nachdenkend +still.) + +Mich so ganz zu ergründen!--Jedes kühne Gefühl, jede leise +schüchterne Bebung zu erwiedern, jede feurige Wallung--An der +feinsten Unbeschreiblichkeit eines schwebenden Lauts meine Seele zu +fassen--Mich zu berechnen in einer Thräne--Auf jeden gähen Gipfel der +Leidenschaft mich zu begleiten, mir zu begegnen vor jedem +schwindelnden Absturz--Gott! Gott! und alles Das nichts als +Grimasse?--Grimasse? O, wenn die Lüge eine so haltbare Farbe hat, +wie ging es zu, daß sich kein Teufel noch in das Himmelreich +hineinlog? + +Da ich ihr die Gefahr unsrer Liebe entdeckte, mit welch überzeugender +Täuschung erblaßte die Falsche da! Mit welch siegender Würde schlug +sie den frechen Hohn meines Vaters zu Boden, und in eben dem +Augenblick fühlte das Weib sich doch schuldig!--Was? hielt sie nicht +selbst die Feuerprobe der Wahrheit aus--die Heuchlerin sinkt in +Ohnmacht. Welche Sprache wirst du jetzt führen, Empfindung? Auch +Koketten sinken in Ohnmacht. Womit wirst du dich rechtfertigen, +Unschuld?--Auch Metzen sinken in Ohnmacht. + +Sie weiß, was sie aus mir gemacht hat. Sie hat meine ganze Seele +gesehen. Mein Herz trat beim Erröthen des ersten Kusses sichtbar in +meine Augen--und sie empfand nichts? empfand vielleicht nur den +Triumph ihrer Kunst?--Da mein glücklicher Wahnsinn den ganzen Himmel +in ihr zu umspannen wähnte, meine wildesten Wünsche schwiegen--vor +meinem Gemüth stand kein Gedanke, als die Ewigkeit und das +Mädchen--Gott! da empfand sie nichts? fühlte nichts, als ihren +Anschlag gelungen? nichts, als ihre Reize geschmeichelt? Tod und +Rache! Nichts! als daß ich betrogen sei? + + + +Dritte Scene. + +Der Hofmarschall und Ferdinand. + + +Hofmarschall (ins Zimmer trippelnd). Sie haben den Wunsch blicken +lassen, mein Bester-Ferdinand (vor sich hinmurmelnd). Einem Schurken +den Hals zu brechen. (Laut.) Marschall, dieser Brief muß Ihnen bei +der Parade aus der Tasche gefallen sein--und ich (mit boshaftem +Lachen) war zum Glück noch der Finder. + +Hofmarschall. Sie? + +Ferdinand. Durch den lustigsten Zufall. Machen Sie's mit der +Allmacht aus. + +Hofmarschall. Sie sehen, wie ich erschrecke, Baron. + +Ferdinand. Lesen Sie! Lesen Sie! (Von ihm weggehend.) Bin ich auch +schon zum Liebhaber zu schlecht, vielleicht lass' ich mich desto +besser als Kuppler an. + +(Während Jener liest, tritt er zur Wand und nimmt zwei Pistolen +herunter.) + +Hofmarschall (wirft den Brief auf den Tisch und will sich davon +machen). Verflucht! + +Ferdinand (führt ihn am Arm zurück). Geduld, lieber Marschall. Die +Zeitungen dünken mich angenehm. Ich will meinen Finderlohn haben. +(Hier zeigt er ihm die Pistolen.) + +Hofmarschall (tritt bestürzt zurück). Sie werden vernünftig sein, +Bester. + +Ferdinand (mit starker, schrecklicher Stimme). Mehr als zu viel, um +einen Schelmen, wie du bist, in jene Welt zu schicken! (Er dringt +ihm die eine Pistole auf, zugleich zieht er sein Schnupftuch.) Nehmen +Sie! Dieses Schnupftuch da fassen Sie!--Ich hab's von der Buhlerin. + +Hofmarschall. Über dem Schnupftuch? Rasen Sie? Wohin denken Sie? + +Ferdinand. Faß dieses End' an, sag' ich! sonst wirst du ja fehl +schießen, Memme!--Wie sie zittert, die Memme! Du solltest Gott +danken, Memme, daß du zum ersten Mal etwas in deinen Hirnkasten +kriegst. (Hofmarschall macht sich auf die Beine.) Sachte! dafür wird +gebeten sein. (Er überholt ihn und riegelt die Thür.) + +Hofmarschall. Auf dem Zimmer, Baron? + +Ferdinand. Als ob sich mit dir ein Gang vor den Wall +verlohnte?--Schatz, so knallt's desto lauter, und das ist ja doch +wohl das erste Geräusch, das du in der Welt machst--Schlag an! + +Hofmarschall (wischt sich die Stirn). Und Sie wollen Ihr kostbares +Leben so aussetzen, junger, hoffnungsvoller Mann? + +Ferdinand. Schlag an, sag' ich. Ich habe nichts mehr in dieser Welt +zu thun. + +Hofmarschall. Aber ich desto mehr, mein Allervortrefflichster. + +Ferdinand. Du, Bursche? Was, du?--Der Nothnagel zu sein, wo die +Menschen sich rar machen? In einem Augenblick siebenmal kurz und +siebenmal lang zu werden, wie der Schmetterling an der Nadel? Ein +Register zu führen über die Stuhlgänge deines Herrn und der Miethgaul +seines Witzes zu sein? Eben so gut, ich führe dich, wie irgend ein +seltenes Murmelthier mit mir. Wie ein zahmer Affe sollst du zum +Geheul der Verdammten tanzen, apportieren und aufwarten und mit +deinen höfischen Künsten die ewige Verzweiflung belustigen. + +Hofmarschall. Was Sie befehlen, Herr! wie Sie belieben--Nur die +Pistolen weg! + +Ferdinand. Wie er dasteht, der Schmerzenssohn!--Dasteht dem sechsten +Schöpfungstag zum Schimpfe! Als wenn ihn ein Tübinger Buchhändler +dem Allmächtigen nachgedruckt hätte!--Schade nur, ewig Schade für die +Unze Gehirn, die so schlecht in diesem undankbaren Schädel wuchert. +Diese einzige Unze hätte dem Pavian noch vollends zum Menschen +geholfen, da sie jetzt nur einen Bruch von Vernunft macht--Und mit +Diesem ihr Herz zu theilen?--Ungeheuer! Unverantwortlich!--Einem +Kerl, mehr gemacht, von Sünden zu entwöhnen, als dazu anzureizen. + +Hofmarschall. O! Gott sei ewig Dank! Er wird witzig. + +Ferdinand. Ich will ihn gelten lassen. Die Toleranz, die der +Raupe schont, soll auch Diesem zu gute kommen. Man begegnet +ihm, zuckt etwa die Achsel, bewundert vielleicht noch die kluge +Wirthschaft des Himmels, der auch mit Träbern und Bodensatz noch +Creaturen speist; der dem Raben am Hochgericht und einem Höfling +im Schlamme der Majestäten den Tisch deckt--Zuletzt erstaunt man +noch über die große Polizei der Vorsicht, die auch in der +Geisterwelt ihre Blindschleichen und Taranteln zur Ausfuhr des +Gifts besoldet--Aber (indem seine Wuth sich erneuert) an meine +Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will es +(den Marschall fassend und unsanft herumschüttelnd) so, und so, +und wieder so durcheinander quetschen. + +Hofmarschall (für sich hinseufzend). O mein Gott! Wer hier weg wäre! +Hundert Meilen von hier, im Bicêtre zu Paris, nur bei Diesem nicht! + +Ferdinand. Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist? Bube! wenn du +genossest, wo ich anbetete? (wüthender) Schwelgtest, wo ich einen +Gott mich fühlte. (Plötzlich schweigt er, darauf fürchterlich.) Dir +wäre besser, Bube, du flöhest der Hölle zu, als daß dir mein Zorn im +Himmel begegnete!--Wie weit kamst du mit dem Mädchen? Bekenne! + +Hofmarschall. Lassen Sie mich los. Ich will Alles verrathen. + +Ferdinand. O! es muß reizender sein, mit diesem Mädchen zu buhlen, +als mit andern noch so himmlisch zu schwärmen--Wollte sie +ausschweifen, wollte sie, sie könnte den Werth der Seele +herunterbringen und die Tugend mit der Wollust verfälschen. (Dem +Marschall die Pistole aufs Herz drückend.) Wie weit kamst du mit ihr? +Ich drücke ab, oder bekenne! + +Hofmarschall. Es ist nichts--ist ja Alles nichts. Haben Sie nur +eine Minute Geduld. Sie sind ja betrogen. + +Ferdinand. Und daran mahnst du mich, Bösewicht?--Wie weit kamst du +mit ihr? Du bist des Todes, oder bekenne! + +Hofmarschall. Mon Dieu! Mein Gott! Ich spreche ja--so hören Sie +doch nur--Ihr Vater--Ihr eigener, leiblicher Vater-Ferdinand +(grimmiger). Hat seine Tochter an dich verkuppelt? Und wie weit +kamst du mit ihr? Ich ermorde dich, oder bekenne! + +Hofmarschall. Sie rasen. Sie hören nicht. Ich sah sie nie. Ich +kenne sie nicht. Ich weiß gar nichts von ihr. + +Ferdinand (zurücktretend). Du sahst sie nie? Kennst sie nicht? +Weißt gar nichts von ihr?--Die Miller ist ist verloren um +deinetwillen; die leugnest sie dreimal in einem Athem hinweg?--Fort, +schlechter Kerl! (Er gibt ihm mit der Pistole einen Streich und +stößt ihn aus dem Zimmer.) Für deines Gleichen ist kein Pulver +erfunden! + + + +Vierte Scene. + +Ferdinand nach einem langen Stillschweigen, worin seine Züge einen +schrecklichen Gedanken entwickeln. + + +Verloren! ja, Unglückselige!--Ich bin es. Du bist es auch. Ja, bei +dem großen Gott! wenn ich verloren bin, bist du es auch! Richter der +Welt! Fordre sie mir nicht ab! Das Mädchen ist mein. Ich trat dir +deine ganze Welt für das Mädchen ab, habe Verzicht gethan auf deine +ganze herrliche Schöpfung. Laß mir das Mädchen.--Richter der Welt! +dort winseln Millionen Seelen nach dir--dorthin kehre das Auge deines +Erbarmens--mich laß allein machen, Richter der Welt! (Indem er +schrecklich die Hände faltet.) Sollte der reiche, vermögende Schöpfer +mit einer Seele geizen, die noch dazu die schlechteste seiner +Schöpfung ist?--Das Mädchen ist mein! Ich einst ihr Gott, jetzt ihr +Teufel! + +(Die Augen graß in einen Winkel geworfen.) + +Eine Ewigkeit mit ihr auf ein Rad der Verdammniß geflochten--Augen in +Augen wurzelnd--Haare zu Berge stehend gegen Haare--auch unser hohles +Wimmern in eins geschmolzen--und jetzt zu wiederholen meine +Zärtlichkeiten und jetzt ihr vorzusingen ihre Schwüre--Gott! Gott! +die Vermählung ist fürchterlich--aber ewig! (Er will schnell hinaus. +Der Präsident tritt herein.) + + + +Fünfte Scene. + +Der Präsident und Ferdinand. + + +Ferdinand (zurücktretend). O!--mein Vater! + +Präsident. Sehr gut, daß wir uns finden, mein Sohn. Ich komme, dir +etwas Angenehmes zu verkündigen, und etwas, lieber Sohn, das dich +ganz gewiß überraschen wird. Wollen wir uns setzen? + +Ferdinand (sieht ihn lange Zeit starr an). Mein Vater! (Mit +stärkerer Bewegung zu ihm gehend und seine Hand fassend.) Mein Vater! +(Seine Hand küssend, vor ihm niederfallend.) O mein Vater! + +Präsident. Was ist dir, mein Sohn? Steh auf. Deine Hand brennt und +zittert. + +Ferdinand (mit wilder, feuriger Empfindung). Verzeihung für meinen +Undank, mein Vater! Ich bin ein verworfener Mensch. Ich habe Ihre +Güte mißkannt! Sie meinten es mit mir so väterlich!--O! Sie hatten +eine weissagende Seele--jetzt ist's zu spät--Verzeihung! Verzeihung! +Ihren Segen, mein Vater! + +Präsident (heuchelt eine schuldlose Miene). Steh auf, mein Sohn! +Besinne dich, daß du mir Räthsel sprichst. + +Ferdinand. Diese Millerin, mein Vater--O, Sie kennen den +Menschen--Ihre Wuth war damals so gerecht, so edel, so väterlich +warm--nur verfehlte der warme Vatereifer des Weges--diese Millerin! + +Präsident. Martre mich nicht, mein Sohn. Ich verfluche meine Härte! +Ich bin gekommen, dir abzubitten. + +Ferdinand. Abbitten an mir! Verfluchen an mir!--Ihre Mißbilligung +war Weisheit. Ihre Härte war himmlisches Mitleid--Diese Millerin, +Vater-Präsident. Ist ein edles, ein liebes Mädchen.--Ich widerrufe +meinen übereilten Verdacht. Sie hat meine Achtung erworben. + +Ferdinand (springt erschüttert auf). Was? auch Sie?--Vater! auch +Sie?--und nicht wahr, mein Vater, ein Geschöpf wie die Unschuld?--Und +es ist so menschlich, dieses Mädchen zu lieben? + +Präsident. Sage so: es ist Verbrechen, sie nicht zu lieben. + +Ferdinand. Unerhört! Ungeheuer!--Und Sie schauen ja doch sonst die +Herzen so durch! Sahen sie noch dazu mit Augen des Hasses! +--Heuchelei ohne Beispiel--Diese Millerin, Vater-Präsident. Ist es +werth, meine Tochter zu sein. Ich rechne ihre Tugend für Ahnen und +ihre Schönheit für Gold. Meine Grundsätze weichen deiner Liebe--Sie +sei dein! + +Ferdinand (stürzt fürchterlich aus dem Zimmer). Das fehlte noch! +--Leben Sie wohl, mein Vater. (Ab.) + +Präsident (ihm nachgehend). Bleib! Bleib! Wohin stürmst du? (Ab.) + + + +Sechste Scene. + +Ein prächtiger Saal bei der Lady. + +Lady und Sophie treten herein. + + +Lady. Also sahst du sie? Wird sie kommen? + +Sophie. Diesen Augenblick. Sie war noch im Hausgewand und wollte +sich nur in der Geschwindigkeit umkleiden. + +Lady. Sage mir nichts von ihr--Stille--wie eine Verbrecherin zittre +ich, die Glückliche zu sehen, die mit meinem Herzen so schrecklich +harmonisch fühlt--Und wie nahm sie sich bei der Einladung? + +Sophie. Sie schien bestürzt, wurde nachdenkend, sah mich mit großen +Augen an und schwieg. Ich hatt mich schon auf ihre Ausflüchte +vorbereitet, als sie mit einem Blick, der mich ganz überraschte, zur +Antwort gab: Ihre Dame befiehlt mir, was ich mir morgen erbitten +wollte. + +Lady (sehr unruhig). Laß mich, Sophie. Beklage mich. Ich muß +erröthen, wenn sie nur das gewöhnliche Weib ist, und wenn sie mehr +ist, verzagen. + +Sophie. Aber, Milady--das ist die Laune nicht, eine Nebenbuhlerin zu +empfangen. Erinnern Sie sich, wer Sie sind. Rufen Sie Ihre Geburt, +Ihren Rang, Ihre Macht zu Hilfe. Ein stolzeres Herz muß die stolze +Pracht Ihres Anblicks erheben. + +Lady (zerstreut). Was schwatzt die Närrin da? + +Sophie (boshaft). Oder ist es vielleicht Zufall, daß eben heute die +kostbarsten Brillanten an Ihnen blitzen? Zufall, daß eben heute der +reichste Stoff Sie bekleiden muß--daß Ihre Antichambre von Heiducken +und Pagen wimmelt und das Bürgermädchen im fürstlichen Saal Ihres +Palastes erwartet wird? + +Lady (auf und ab voll Erbitterung). Verwünscht! Unerträglich! Daß +Weiber für Weiberschwächen solche Luchsaugen haben!--Aber wie tief, +wie tief muß ich schon gesunken sein, daß eine solche Creatur mich +ergründet! + +Ein Kammerdiener (tritt auf). Mamsell Millerin-Lady (zu Sophien). +Hinweg, du! Entferne dich! (Drohend, da diese noch zaudert.) Hinweg! +Ich befehl' es! (Sophie geht ab, Lady macht einen Gang durch den +Saal.) Gut! Recht gut, daß ich in Wallung kam! Ich bin, wie ich +wünschte! (Zum Kammerdiener.) Die Mamsell mag hereintreten. +(Kammerdiener geht. Sie wirft sich in den Sopha und nimmt eine +vornehm-nachlässige Lage an.) + + + +Siebente Scene. + +Luise Millerin tritt schüchtern herein und bleibt in einer großen +Entfernung von der Lady stehen; Lady hat ihr den Rücken zugewandt und +betracht sie eine Zeit lang aufmerksam in dem gegenüber stehenden +Spiegel. (Nach einer Pause.) + + +Luise. Gnädige Frau, ich erwarte Ihre Befehle. + +Lady (dreht sich nach Luisen um und nickt nur eben mit dem Kopfe, +fremd und zurückgezogen). Aha! Ist Sie hier?--Ohne Zweifel die +Mamsell--eine gewisse--wie nennt man Sie doch? + +Luise (etwas empfindlich). Miller nennt sich mein Vater, und Ihro +Gnaden schickten nach seiner Tochter. + +Lady. Recht! Recht! ich entsinne mich--die arme Geigerstochter, +wovon neulich die Rede war. (Nach einer Pause vor sich.) Seht +interessant, und doch keine Schönheit--(Laut zu Luisen.) Treten Sie +näher, mein Kind. (Wieder vor sich.) Augen, die sich im Weinen +übten--Wie lieb' ich sie, diese Augen! (Wiederum laut.) Nur +näher--Nur ganz nah--Gutes Kind, ich glaube, du fürchtest mich? + +Luise (groß, mit entschiedenem Ton). Nein, Milady. Ich verachte das +Urtheil der Menge. + +Lady (vor sich). Sieh doch! und diesen Trotzkopf hat sie von ihm. +(Laut.) Man hat Sie mir empfohlen, Mamsell. Sie soll was gelernt +haben und sonst auch zu leben wissen--Nun ja. Ich will's +glauben--auch nähm' ich die ganze Welt nicht, einen so warmen +Fürsprecher Lügen zu strafen. + +Luise. Doch kenn' ich Niemand, Milady, der sich Mühe gäbe, mir eine +Patronin zu suchen. + +Lady (geschraubt). Mühe um die Clientin oder Patronin? + +Luise. Das ist mir zu hoch, gnädige Frau. + +Lady. Mehr Schelmerei, als diese offene Bildung vermuthen läßt! +Luise nennt sie sich? Und wie jung, wenn man fragen darf? + +Luise. Sechzehn gewesen. + +Lady (steht rasch auf). Nun ist's heraus! Sechzehn Jahre! Der +erste Puls dieser Leidenschaft!--Auf dem unberührten Clavier der +erste einweihende Silberton--Nichts ist verführender--Setz dich, ich +bin dir gut, liebes Mädchen--Und auch er liebt zum ersten Mal--Was +Wunder, wenn sich die Strahlen eines Morgenroths finden? (Sehr +freundlich und ihre Hand ergreifend.) Es bleibt dabei, ich will dein +Glück machen, Liebe--Nichts, nichts als die süße, frühe verfliegende +Träumerei. (Luisen auf die Wange klopfend.) Meine Sophie heirathet. +Du sollst ihre Stelle haben--Sechzehn Jahr! Es kann nicht von Dauer +sein. + +Luise (küßt ihr ehrerbietig die Hand). Ich danke für diese Gnade, +Milady, als wenn ich sie annehmen dürfte. + +Lady (in Entrüstung zurückfallend). Man sehe die große Dame!--Sonst +wissen sich Jungfern Ihrer Herkunft noch glücklich, wenn sie +Herrschaften finden--Wo will denn Sie hinaus, meine Kostbare? Sind +diese Finger zur Arbeit zu niedlich? Ist es Ihr Bischen Gesicht, +worauf Sie so trotzig thut? + +Luise. Mein Gesicht, gnädige Frau, gehört mir so wenig, als meine +Herkunft. + +Lady. Oder glaubt Sie vielleicht, das werde nimmer ein Ende +nehmen?--Armes Geschöpf, wer dir das in den Kopf setzte--mag er sein, +wer er will--er hat euch Beide zum Besten gehabt. Diese Wangen sind +nicht im Feuer vergoldet. Was dir dein Spiegel für massiv und ewig +verkauft, ist nur ein dünner, angeflogener Goldschaum, der deinem +Anbeter über kurz oder lang in der Hand bleiben muß--Was werden wir +dann machen? + +Luise. Den Anbeter bedauern, Milady, der einen Demant kaufte, weil +er in Gold schien gefaßt zu sein. + +Lady (ohne darauf achten zu wollen). Ein Mädchen von Ihren +Jahren hat immer zween Spiegel zugleich, den wahren und ihren +Bewunderer--die gefällige Geschmeidigkeit des letztern macht die +rauhe Offenherzigkeit des erstern wieder gut. Der eine rügt eine +häßliche Blatternarbe. Weit gefehlt, sagt der andere, es ist ein +Grübchen der Grazien. Ihr guten Kinder glaubt jenem nur, was euch +dieser gesagt hat, hüpft von einem zum andern, bis ihr zuletzt die +Aussagen beider verwechselt--Warum begaffen Sie mich so? + +Luise. Verzeihen Sie, gnädige Frau--Ich war so eben im Begriff, +diesen prächtig blitzenden Rubin zu beweinen, der es nicht wissen muß, +daß seine Besitzerin so scharf wider Eitelkeit eifert. + +Lady (erröthend). Keinen Seitensprung, Lose!--Wenn es nicht die +Promessen Ihrer Gestalt sind, was in der Welt könnte Sie abhalten, +einen Stand zu erwählen, der der einzige ist, wo Sie Manieren und +Welt lernen kann, der einzige ist, wo Sie sich Ihrer bürgerlichen +Vorurtheile entledigen kann? + +Luise. Auch meiner bürgerlichen Unschuld, Milady? + +Lady. Läppischer Einwurf! Der ausgelassenste Bube ist zu verzagt, +uns etwas Beschimpfendes zuzumuthen, wenn wir ihm nicht selbst +ermunternd entgegen gehn. Zeige Sie, wer Sie ist. Gebe Sie sich +Ehre und Würde, und ich sage Ihrer Jugend für alle Versuchung gut. + +Luise. Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich mich unterstehe, daran zu +zweifeln. Die Paläste gewisser Damen sind oft die Freistätten der +frechsten Ergötzlichkeit. Wer sollte der Tochter des armen Geigers +den Heldenmuth zutrauen, den Heldenmuth, mitten in die Pest sich zu +werfen und doch dabei vor der Vergiftung zu schaudern? Wer sollte +sich träumen lassen, daß Lady Milford ihrem Gewissen einen ewigen +Skorpion halte, daß sie Geldsummen aufwende, um den Vortheil zu haben, +jeden Augenblick schamroth zu werden?--Ich bin offenherzig, gnädige +Frau--Würde Sie mein Anblick ergötzen, wenn Sie einem Vergnügen +entgegen gingen? Würden Sie ihn ertragen, wenn Sie zurückkämen?--O +besser, besser, Sie lassen Himmelsstriche uns trennen--Sie lassen +Meere zwischen uns fließen!--Sehen Sie sich wohl für, Milady--Stunden +der Nüchternheit, Augenblicke der Erschöpfung könnten sich +melden--Schlangen der Reue könnten Ihren Busen anfallen, und +nun--welche Folter für Sie, im Gesicht Ihres Dienstmädchens die +heitre Ruhe zu lesen, womit die Unschuld ein reines Herz zu belohnen +pflegt. (Sie tritt einen Schritt zurück.) Noch einmal, gnädige Frau. +Ich bitte sehr um Vergebung. + +Lady (in großer innrer Bewegung herumgehend). Unerträglich, daß sie +mir das sagt! Unerträglicher, daß sie Recht hat! (Zu Luisen tretend +und ihr starr in die Augen sehend.) Mädchen, du wirst mich nicht +überlisten. So warm sprechen Meinungen nicht. Hinter diesen Maximen +lauert ein feurigeres Interessen, das dir meine Dienste besonders +abscheulich malt--das dein Gespräch so erhitzte--das ich (drohend) +entdecken muß. + +Luise (gelassen und edel). Und wenn Sie es nun entdeckten? Und +wenn Ihr verächtlicher Fersenstoß den beleidigten Wurm aufweckte, +dem sein Schöpfer gegen Mißhandlung noch einen Stachel gab?--Ich +fürchte Ihre Rache nicht, Lady--Die arme Sünderin auf dem +berüchtigten Henkerstuhl lacht zum Weltuntergang. Mein Elend ist +so hoch gestiegen, daß selbst Aufrichtigkeit es nicht mehr +vergrößern kann. (Nach einer Pause sehr ernsthaft.) Sie wollen +mich aus dem Staub meiner Herkunft reißen. Ich will sie nicht +zergliedern, diese verdächtige Gnade. Ich will nur fragen, was +Milady bewegen konnte, mich für die Thörin zu halten, die über +ihre Herkunft erröthet? Was sie berechtigen konnte, sich zur +Schöpferin meines Glücks aufzuwerfen, ehe sie noch wußte, ob ich +mein Glück auch von ihren Händen empfangen wollte?--Ich hatte +meinen ewigen Anspruch auf die Freuden der Welt zerrissen. Ich +hatte dem Glück seine Übereilung vergeben--Warum mahnen Sie mich +aufs Neu an dieselbe?--Wenn selbst die Gottheit dem Blick der +Erschaffenen ihre Strahlen verbirgt, daß nicht ihr oberster Seraph +vor seiner Verfinsterung zurückschaure--warum wollen Menschen so +grausam-barmherzig sein?--Wie kommt es, Milady, daß Ihr +gepriesenes Glück das Elend so gern um Neid und Bewunderung +anbettelt?--Hat Ihre Wonne die Verzweiflung so nöthig zur +Folie?--O lieber! so gönnen Sie mir doch eine Blindheit, die mich +allein noch mit meinem barbarischen Loos versöhnt--Fühlt sich doch +das Insekt in einem Tropfen Wassers so selig, als wär' es ein +Himmelreich, so froh und so selig, bis man ihm von einem Weltmeer +erzählt, worin Flotten und Wallfische spielen!--Aber glücklich +wollen Sie mich ja wissen? (Nach einer Pause plötzlich zur Lady +hintretend und mit Überraschung fragend:) Sind Sie glücklich, +Milady? (Diese verläßt sie schnell und betroffen, Luise folgt ihr +und hält ihr die Hand vor den Busen.) Hat dieses Herz auch die +lachende Gestalt Ihres Standes? Und wenn wir jetzt Brust gegen +Brust und Schicksal gegen Schicksal auswechseln sollten--und wenn +ich in kindlicher Unschuld--und wenn ich auf Ihr Gewissen--und +wenn ich als meine Mutter Sie fragte--würden Sie mir wohl zu dem +Tausche rathen? + +Lady (heftig bewegt in den Sopha sich werfend). Unerhört! +Unbegreiflich! Nein, Mädchen! Nein! Diese Größe hast du nicht auf +die Welt gebracht, und für einen Vater ist sie zu jugendlich. Lüge +mir nicht. Ich höre einen andern Lehrer-Luise (fein und scharf ihr +in die Augen sehend). Es sollte mich doch wundern, Milady, wenn Sie +jetzt erst auf diesen Lehrer fielen, und doch vorhin schon eine +Condition für mich wußten. + +Lady (springt auf). Es ist nicht auszuhalten!--Ja denn! weil ich +dir doch nicht entwischen kann. Ich kenn' ihn--weiß Alles--weiß +mehr, als ich wissen mag. (Plötzlich hält sie inne, darauf mit +einer Heftigkeit, die nach und nach bis beinahe zum Toben steigt.) +Aber wag' es, Unglückliche--wag' es, ihn jetzt noch zu lieben oder +von ihm geliebt zu werden--Was sage ich?--Wag' es, an ihn zu +denken oder einer von seinen Gedanken zu sein--Ich bin mächtig, +Unglückliche--fürchterlich--so wahr Gott lebt! Du bist verloren! + +Luise (standhaft). Ohne Rettung, Milady, sobald Sie ihn zwingen, daß +er Sie lieben muß. + +Lady. Ich verstehe dich--aber er soll mich nicht lieben. Ich will +über diese schimpfliche Leidenschaft siegen, mein Herz unterdrücken +und das deinige zermalmen--Felsen und Abgründe will ich zwischen euch +werfen; eine Furie will ich mitten durch euren Himmel gehen; mein +Name soll eure Küsse, wie ein Gespenst Verbrecher, auseinander +scheuchen; deine junge blühende Gestalt unter seiner Umarmung welk, +wie eine Mumie, zusammenfallen--Ich kann nicht mit ihm glücklich +werden--aber du sollst es auch nicht werden--Wisse das, Elende! +Seligkeit zerstören ist auch Seligkeit. + +Luise. Eine Seligkeit, um die man Sie schon gebracht hat, Milady. +Lästern Sie Ihr eigenes Herz nicht. Sie sind nicht fähig, Das +auszuüben, was Sie so drohend auf mich herabschwören. Sie sind nicht +fähig, ein Geschöpf zu quälen, das Ihnen nichts zu Leide gethan, als +daß es empfunden hat wie Sie--Aber ich liebe Sie um dieser Wallung +willen, Milady. + +Luise (die sich jetzt gefaßt hat). Wo bin ich? Wo war ich? Was +hab' ich merken lassen? Wen hab' ich's merken lassen?--O Luise, edle, +große, göttliche Seele! Vergib's einer Rasenden--Ich will dir kein +Haar kränken, mein Kind. Wünsche! Fordre! Ich will dich auf den +Händen tragen, deine Freundin, deine Schwester will ich sein--Du bist +arm--Sieh! (Einige Brillanten herunternehmend.) Ich will diesen +Schmuck verkaufen--meine Garderobe, Pferd und Wagen verkaufen--Dein +sei Alles, aber entsag' ihm! + +Luise (tritt zurück voll Befremdung). Spottet sie einer +Verzweifelnden, oder sollte sie an der barbarischen That im Ernst +keinen Antheil gehabt haben?--Ha! So könnt' ich mir ja noch den +Schein einer Heldin geben und meine Ohnmacht zu einem Verdienst +aufputzen. (Sie steht eine Weile gedankenvoll, dann tritt sie näher +zur Lady, faßt ihre Hand und sieht sie starr und bedeutend an.) +Nehmen Sie ihn denn hin, Milady!--Freiwillig tret' ich Ihnen ab den +Mann, den man mit Haken der Hölle von meinem blutenden Herzen riß. +--Vielleicht wissen Sie es selbst nicht, Milady, aber Sie haben den +Himmel zweier Liebenden geschleift, von einander gezerrt zwei Herzen, +die Gott aneinander band; zerschmettert ein Geschöpf, das ihm nahe +ging wie Sie, das er zur Freude schuf wie Sie, das ihn gepriesen hat +wie Sie, und ihn nun nimmermehr preisen wird--Lady! ins Ohr des +Allwissenden schreit auch der letzte Krampf des zertretenen Wurms--Es +wird ihm nicht gleichgültig sein, wenn man Seelen in seinen Händen +mordet! Jetzt ist er Ihnen! Jetzt, Milady, nehmen Sie ihn hin! +Rennen Sie in seine Arme! Reißen Sie ihn zum Altar--Nur vergessen +Sie nicht, daß zwischen Ihren Brautkuß das Gespenst einer +Selbstmörderin stürzen wird--Gott wird barmherzig sein--Ich kann mir +nicht anders helfen! (Sie stürzt hinaus.) + + + +Achte Scene. + +Lady allein, steht erschüttert und außer sich, den starren Blick nach +der Thüre gerichtet, durch welche die Millerin weggeeilt; endlich +erwacht sie aus ihrer Betäubung. + + +Wie war das? Wie geschah mir? Was sprach die Unglückliche?--Noch, o +Himmel! noch zerreißen sie meine Ohren, die fürchterlichen, mich +verdammenden Worte: nehmen Sie ihn hin!--Wen, Unglückselige? das +Geschenk deines Sterberöchelns--das schauervolle Vermächtniß deiner +Verzweiflung? Gott! Gott! Bin ich so tief gesunken--so plötzlich +von allen Thronen meines Stolzes herabgestürzt, daß ich heißhungrig +erwarte, was einer Bettlerin Großmuth aus ihrem letzten Todeskampfe +mir zuwerfen wird?--Nehmen Sie ihn hin! und das spricht sie mit einem +Tone, begleitet sie mit einem Blick--Ha! Emilie! bist du darum über +die Grenzen deines Geschlechts weggeschritten? Mußtest du darum um +den prächtigen Namen des großen brittischen Weibes buhlen, daß das +prahlende Gebäude deiner Ehre neben der höheren Tugend einer +verwahrlosten Bürgerdirne versinken soll?--Nein, stolze Unglückliche! +nein!--Beschämen läßt sich Emilie Milford--doch beschimpfen nie! +Auch ich habe Kraft, zu entsagen. + +(Mit majestätischen Schritten auf und nieder.) + +Verkrieche dich jetzt, weiches, leidendes Weib!--Fahret hin, süße, +goldene Bilder der Liebe--Großmuth allein sei jetzt meine +Führerin!--Dieses liebende Paar ist verloren, oder Milford muß +ihren Anspruch vertilgen und im Herzen des Fürsten erlöschen! +(Nach einer Pause, lebhaft.) Es ist geschehen!--Gehoben das +furchtbare Hinderniß--zerbrochen alle Bande zwischen mir und dem +Herzog, gerissen aus meinem Busen diese wüthende Liebe!--In deine +Arme werf' ich mich, Tugend!--Nimm sie auf, deine reuige Tochter +Emilie!--Ha! wie mir so wohl ist! Wie ich auf einmal so leicht, +so gehoben mich fühle!--Groß, wie eine fallende Sonne, will ich +heut vom Gipfel meiner Hoheit heruntersinken, meine Herrlichkeit +sterbe mit meiner Liebe, und nichts als mein Herz begleite mich in +diese stolze Verweisung. (Entschlossen zum Schreibpult gehend.) +Jetzt gleich muß es geschehen--jetzt auf der Stelle, ehe die Reize +des lieben Jünglings den blutigen Kampf meines Herzens erneuern. +(Sie setzt sich nieder und fängt an zu schreiben.) + + + +Neunte Scene. + +Lady. Ein Kammerdiener. Sophie, hernach der Hofmarschall, zuletzt +Bedienter. + + +Kammerdiener. Hofmarschall von Kalb stehen im Vorzimmer mit einem +Auftrag vom Herzog. + +Lady (in der Hitze des Schreibens.) Auftaumeln wird sie, die +fürstliche Drahtpuppe! Freilich! Der Einfall ist auch drollig genug, +so eine durchlauchtigte Hirnschale auseinander zu treiben!--Seine +Hofschranzen werden wirbeln--Das ganze Land wird in Gährung kommen. + +Kammerdiener und Sophie. Der Hofmarschall, Milady-Lady (dreht sich +um). Wer? Was?--Desto besser! Diese Sorte von Geschöpfen ist zum +Sacktragen auf der Welt. Er soll mir willkommen sein. + +Kammerdiener (geht ab). + +Sophie (ängstlich näher kommend). Wenn ich nicht fürchten müßte, +Milady, es wäre Vermessenheit (Lady schreibt hitzig fort.) Die +Millerin stürzte außer sich durch den Vorsaal--Sie glühen--Sie +sprechen mit sich selbst. (Lady schreibt immer fort.) Ich +erschrecke--Was muß geschehen sein? + +Hofmarschall (tritt herein, macht dem Rücken der Lady tausend +Verbeugungen; da sie ihn nicht bemerkt, kommt er näher, stellt sich +hinter ihren Sessel, sucht den Zipfel ihres Kleides wegzukriegen und +drückt einen Kuß darauf, mit furchtsamem Lispeln). Serenissimus-Lady +(indem sie Sand streut und das Geschriebene durchfliegt). Er wird +mir schwarzen Undank zur Last legen--Ich war eine verlassene. Er hat +mich aus dem Elend gezogen--Aus dem Elend?--Abscheulicher Tausch! +--Zerreiße deine Rechnung, Verführer! Meine ewige Schamröthe bezahlt +sie mit Wucher. + +Hofmarschall (nachdem er die Lady vergeblich von allen Seiten +umgangen hat). Milady scheinen etwas distrait zu sein--Ich werde mir +wohl selbst die Kühnheit erlauben müssen. (Sehr laut.) Serenissimus +schicken mich, Milady zu fragen, ob diesen Abend Vauxhall sein werde +oder deutsche Komödie? + +Lady (lachend aufstehend). Eines von beiden, mein Engel--Unterdessen +bringen Sie Ihrem Herzog diese Karte zum Dessert! (Gegen Sophie.). +Du, Sophie, befiehlst, daß man anspannen soll, und rufst meine ganze +Garderobe in diesem Saal zusammen-Sophie (geht ab voll Bestürzung). +O Himmel! Was ahnet mir? Was wird das noch werden? + +Hofmarschall. Sie sind echauffiert, meine Gnädige? + +Lady. Um so weniger wird hier gelogen sein--Hurrah, Herr +Hofmarschall! Es wird eine Stelle vacant. Gut Wetter für Kuppler! +(Das der Marschall einen zweifelhaften Blick auf den Zettel wirft.) +Lesen Sie, lesen Sie!--Es ist mein Wille, daß der Inhalt nicht unter +vier Augen bleibe. + +Hofmarschall (liest, unterdessen sammeln sich die Bedienten der Lady +im Hintergrund): + + +"Gnädigster Herr! + +Ein Vertrag, den Sie so leichtsinnig brachen, kann mich nicht mehr +binden. Die Glückseligkeit Ihres Landes war die Bedingung meiner +Liebe. Drei Jahre währte der Betrug. Die Binde fällt mir von den +Augen. Ich verabscheue Gunstbezeugungen, die von den Thränen der +Unterthanen triefen.--Schenken Sie die Liebe, die ich Ihnen nicht +mehr erwiedern kann, Ihrem weinenden Lande und lernen von einer +brittischen Fürstin Erbarmen gegen Ihr deutsches Volk. In einer +Stunde bin ich über der Grenze. + +Johanna Norfolk." + +Alle Bedienten (murmeln bestürzt durcheinander). Über der Grenze? + +Hofmarschall (legt die Karte erschrocken auf den Tisch). Behüte der +Himmel, meine Beste und Gnädige! Den Überbringer müßte der Hals eben +so jücken, als der Schreiberin. + +Lady. Das ist deine Sorge, du Goldmann--Leider weiß ich es, daß du +und deines Gleichen am Nachbeten Dessen, was Andre gethan haben, +erwürgen!--Mein Rath wäre, man backt den Zettel in eine +Wildpretpastete, so fänden ihn Serenissimus auf dem +Teller-Hofmarschall. Ciel! Diese Vermessenheit!--So erwägen Sie +doch, so bedenken Sie doch, wie sehr Sie sich in Disgrace setzen, +Lady! + +Lady (wendet sich zu der versammelten Dienerschaft und spricht das +Folgende mit der innigsten Rührung). Ihr steht bestürzt, guten Leute, +erwartet angstvoll, wie sich das Räthsel entwickeln wird?--Kommt +näher, meine Lieben!--Ihr dientet mir redlich und warm, sahet mir +öfter in die Augen, als ich die Börse; euer Gehorsam war eure +Leidenschaft, euer Stolz--meine Gnade!--Daß das Andenken eurer Treue +zugleich das Gedächtniß meiner Erniedrigung sein muß! Trauriges +Schicksal, daß meine schwärzesten Tage eure glücklichen waren! (Mit +Thränen in den Augen.) Ich entlasse euch, meine Kinder--Lady Milford +ist nicht mehr, und Johanna von Norfolk zu arm, ihre Schuld +abzutragen--Mein Schatzmeister stürze meine Schatulle unter +euch--Dieser Palast bleibt dem Herzog--Der Ärmste von euch wird +reicher von hinnen gehen, als seine Gebieterin. (Sie reicht ihre +Hände hin, die alle nach einander mit Leidenschaft küssen.) Ich +verstehe euch, meine Guten--Lebt wohl! Lebt ewig wohl! (Faßt sich +aus ihrer Beklemmung.) Ich höre den Wagen vorfahren. (Sie reißt sich +los, will hinaus, der Hofmarschall verrennt ihr den Weg.) Mann des +Erbarmens, stehst du noch immer da? + +Hofmarschall (der diese ganze Zeit über mit einem Geistesbankerott +auf den Zettel sah). Und dieses Billet soll ich Seiner +Hochfürstlichen Durchlaucht zu Höchsteigenen Händen geben? + +Lady. Mann des Erbarmens! zu Höchsteigenen Händen, und sollst melden +zu Höchsteigenen Ohren, weil ich nicht barfuß nach Loretto könne, so +werde ich um den Taglohn arbeiten, mich zu reinigen von dem Schimpf, +ihn beherrscht zu haben. + +(Sie eilt ab. Alle Übrigen gehen sehr bewegt auseinander.) + + + + +Fünfter Akt. + +Abend zwischen Licht im Zimmer beim Musikanten. + + + +Erste Scene. + +Luise sitzt stumm und ohne sich zu rühren in dem finstersten Winkel +des Zimmers, den Kopf auf den Arm gesunken. Nach einer großen und +tiefen Pause kommt Miller mit einer Handlaterne, leuchtet ängstlich +im Zimmer herum, ohne Luisen zu bemerken, dann legt er den Hut auf +den Tisch und setzt die Laterne nieder. + + +Miller. Hier ist sie auch nicht. Hier wieder nicht--Durch alle +Gassen bin ich gezogen, bei allen Bekannten bin ich gewesen, auf +allen Thoren hab' ich gefragt--mein Kind hat man nirgends gesehen. +(Nach einigem Stillschweigen.) Geduld, armer, unglücklicher Vater! +Warte ab, bis es Morgen wird. Vielleicht kommt deine Einzige dann +ans Ufer geschwommen--Gott! Gott! Wenn ich mein Herz zu abgöttisch +an diese Tochter hing?--Die Strafe ist hart. Himmlischer Vater, hart! +Ich will nicht murren, himmlischer Vater, aber die Strafe ist hart! +(Er wirft sich gramvoll in einen Stuhl.) + +Luise (spricht aus dem Winkel). Du thust recht, armer alter Mann! +Lerne bei Zeit noch verlieren. + +Miller (springt auf). Bist du da, mein Kind? Bist du?--Aber warum +denn so einsam und ohne Licht? + +Luise. Ich bin darum doch nicht einsam. Wenn's so recht schwarz +wird um mich herum, hab' ich meine besten Besuche. + +Miller. Gott bewahre dich! Nur der Gewissenswurm schwärmt mit der +Eule. Sünden und böse Geister scheuen das Licht. + +Luise. Auch die Ewigkeit, Vater, die mit der Seele ohne Gehilfen +redet. + +Miller. Kind! Kind! Was für Reden sind das? + +Luise (steht auf und kommt vorwärts). Ich hab' einen harten Kampf +gekämpft. Er weiß es, Vater. Gott gab mir Kraft. Der Kampf ist +entschieden. Vater, man pflegt unser Geschlecht zart und +zerbrechlich zu nennen. Glaub' Er das nicht mehr. Vor einer Spinne +schütteln wir uns, aber das schwarze Ungeheuer Verwesung drücken wir +im Spaß in die Arme. Dieses zur Nachricht, Vater. Seine Luise ist +lustig. + +Miller. Höre, Tochter! ich wollte du heultest. Du gefielst mir so +besser. + +Luise. Wie ich ihn überlisten will, Vater! Wie ich den Tyrannen +betrügen will!--Die Liebe ist schlauer als die Bosheit und +kühner--das hat er nicht gewußt, der Mann mit dem traurigen Stern--O, +sie sind pfiffig, so lang sie es nur mit dem Kopf zu thun haben; aber +sobald sie mit dem Herzen anbinden, werden die Böswichter dumm--Mit +einem Eid gedachte er seinen Betrug zu versiegeln? Eide, Vater, +binden wohl die Lebendigen, im Tode schmilzt auch der Sacramente +eisernes Band. Ferdinand wird seine Luise kennen--Will Er mir dies +Billet besorgen, Vater? Will Er so gut sein? + +Miller. An wen, meine Tochter? + +Luise. Seltsame Frage! Die Unendlichkeit und mein Herz haben mit +einander nicht Raum genug für einen einzigen Gedanken an ihn--Wenn +hätt' ich denn wohl an sonst Jemand schreiben sollen? + +Miller (unruhig). Höre, Luise! Ich erbrechen den Brief. + +Luise. Wie Er will, Vater--aber Er wird nicht klug daraus werden. +Die Buchstaben liegen wie kalte Leichname da und leben nur dem Auge +der Liebe. + +Miller (liest). "Du bist verrathen, Ferdinand!--Ein Bubenstück ohne +Beispiel zerriß den Bund unsrer Herzen, aber ein schrecklicher Schwur +hat meine Zunge gebunden, und dein Vater hat überall seine Horcher +gestellt. Doch, wenn du Muth hast, Geliebter,--ich weiß einen +dritten Ort, wo kein Eidschwur mehr bindet und wohin ihm kein Horcher +geht." (Miller hält inne und sieht ihr ernsthaft ins Gesicht.) + +Luise. Warum sieht Er mich so an? Les' Er doch ganz aus, Vater. + +Miller. "Aber Muth genug mußt du haben, eine finstre Straße zu +wandeln, wo dir nichts leuchtet, als deine Luise und Gott--Ganz zur +Liebe mußt du kommen, daheim lassen all deine Hoffnungen und all deine +brausenden Wünsche; nichts kannst du brauchen, als dein Herz. Willst +du--so brich auf, wenn die Glocke den zwölften Streich thut auf dem +Carmeliterthurm. Bangt dir--so durchstreiche das Wort stark vor +deinem Geschlechte, denn ein Mädchen hat dich zu Schanden gemacht." +(Miller legt das Billet nieder, schaut lange mit einem schmerzlichen, +starren Blick vor sich hinaus, endlich kehrt er sich gegen sie und +sagt mit leiser, gebrochener Stimme.) Und dieser dritte Ort, meine +Tochter? + +Luise. Er kennt ihn nicht? Er kennt ihn wirklich nicht, +Vater?--Sonderbar! Der Ort ist zum Finden gemalt. Ferdinand wird +ihn finden. + +Miller. Hum! rede deutlicher. + +Luise. Ich weiß so eben kein liebliches Wort dafür--Er muß nicht +erschrecken, Vater, wenn ich Ihm ein häßliches nenne. Dieser Ort--O +warum hat die Liebe nicht Namen erfunden! den schönsten hätte sie +diesem gegeben. Der dritte Ort, guter Vater--aber Er muß mich +ausreden lassen--der dritte Ort ist das Grab. + +Miller (zu seinem Sessel hinwankend). O mein Gott! + +Luise (geht auf ihn zu und hält ihn). Nicht doch, mein Vater! Das +sind nur Schauer, die sich um das Wort herum lagern--Weg mit diesem, +und es liegt ein Brautbette da, worüber der Morgen seinen goldenen +Teppich breitet und die Frühlinge ihre bunten Guirlanden streun. Nur +ein heulender Sünder konnte den Tod ein Gerippe schelten; es ist ein +holder, niedlicher Knabe, blühend, wie sie den Liebesgott malen, aber +so tückisch nicht--ein stiller, dienstbarer Genius, der der +erschöpften Pilgerin Seele den Arm bietet über den Graben der Zeit, +das Feenschloß der ewigen Herrlichkeit aufschließt, freundlich nickt +und verschwindet. + +Miller. Was hast du vor, meine Tochter?--Du willst eigenmächtig Hand +an dich legen. + +Luise. Nenn' Er es nicht so, mein Vater. Eine Gesellschaft räumen, +wo ich nicht wohl gelitten bin--an einen Ort vorausspringen, den ich +nicht länger missen kann--ist denn das Sünde? + +Miller. Selbstmord ist die abscheulichste, mein Kind--die einzige, +die man nicht mehr bereuen kann, weil Tod und Missethat +zusammenfallen. + +Luise (bleibt erstarrt stehn). Entsetzlich!--Aber so rasch wird es +doch nicht gehn. Ich will in den Fluß springen, Vater, und im +Hinuntersinken Gott den Allmächtigen um Erbarmen bitten. + +Miller. Das heißt, du willst den Diebstahl bereuen, sobald du das +Gestohlene in Sicherheit weißt--Tochter! Tochter! Gib Acht, daß du +Gottes nicht spottest, wenn du seiner am meisten vonnöthen hast. O! +es ist weit, weit mit dir gekommen!--Du hast dein Gebet aufgegeben, +und der Barmherzige zog seine Hand von dir. + +Luise. Ist lieben denn Frevel, mein Vater! + +Miller. Wenn du Gott liebst, wirst du nie bis zum Frevel lieben--Du +hast mich tief gebeugt, meine Einzige! tief, tief, vielleicht zur +Grube gebeugt.--Doch, ich will dir dein Herz nicht noch schwerer +machen--Tochter, ich sprach vorhin etwas. Ich glaubte allein zu sein. +Du hast mich behorcht; und warum sollt' ich's noch länger geheim +halten? Du warst mein Abgott. Höre, Luise, wenn du noch Platz für +das Gefühl eines Vaters hast--Du warst mein Alles. Jetzt verthust du +nichts mehr von deinem Eigenthum. Auch ich hab' Alles zu verlieren. +Du siehst, mein Haar fängt an grau zu werden. Die Zeit meldet sich +allgemach bei mir, wo uns Vätern die Kapitale zu statten kommen, die +wir im Herzen unsrer Kinder anlegten--Wirst du mich darum betrügen, +Luise? Wirst du dich mit dem Hab' und Gut deines Vaters auf und +davon machen? + +Luise (küßt seine Hand mit der heftigsten Rührung). Nein, mein Vater. +Ich gehe als Seine große Schuldnerin aus der Welt und werde in der +Ewigkeit mit Wucher bezahlen. + +Miller. Gib Acht, ob du dich da nicht verrechnest, mein Kind? (Sehr +ernst und feierlich.) Werden wir uns dort wohl noch finden?--Sieh! +wie du blaß wirst!--Meine Luise begreift es von selbst, daß ich sie +in jener Welt nicht mehr wohl einholen kann, weil ich nicht so früh +dahin eile, wie sie. (Luise stürzt ihm in den Arm, von Schauern +ergriffen--Er drückt sie mit Feuer an seine Brust und fährt fort mit +beschwörender Stimme.) O Tochter! Tochter! gefallene, vielleicht +schon verlorene Tochter! Beherzige das ernsthafte Vaterwort! Ich +kann nicht über dich wachen. Ich kann dir die Messer nehmen, du +kannst dich mit einer Stricknadel tödten. Vor Gift kann ich dich +bewahren, du kannst dich mit einer Schnur Perlen erwürgen. +--Luise--Luise--nur warnen kann ich dich noch--Willst du es darauf +ankommen lassen, daß dein treuloses Gaukelbild auf der schrecklichen +Brücke zwischen Zeit und Ewigkeit von dir weiche? Willst du dich vor +des Allwissenden Thron mit der Lüge wagen: Deinetwegen, Schöpfer, bin +ich da--wenn deine strafbaren Augen ihre sterbliche Puppe +suchen?--Und wenn dieser zerbrechliche Gott deines Gehirns, jetzt +Wurm wie du, zu den Füßen deines Richters sich windet, deine gottlose +Zuversicht in diesem schwankenden Augenblick Lügen straft und deine +betrogenen Hoffnungen an die ewige Erbarmung verweist, die der Elende +für sich selbst kaum erflehen kann--wie dann? (Nachdrücklicher, +lauter.) Wie dann, Unglückselige? (Er hält sie fester, blickt sie +eine Weile starr und durchdringend an, dann verläßt er sie schnell.) +Jetzt weiß ich nichts mehr--(mit aufgehobener Rechte) stehe dir, Gott +Richter! für diese Seele nicht mehr. Thu, was du willst. Bring +deinem schlanken Jüngling ein Opfer, daß deine Teufel jauchzen und +deine guten Engel zurücktreten--Zieh hin! Lade alle deine Sünden auf, +lade auch diese, die letzte, die entsetzlichste auf, und wenn die +Last noch zu leicht ist, so mache mein Fluch das Gewicht +vollkommen--Hier ist ein Messer--durchstich dein Herz und (indem er +lautweinend fortstürzen will) das Vaterherz! + +Luise (springt auf und eilt ihm nach). Halt! halt! O mein Vater! +--daß die Zärtlichkeit noch barbarischer zwingt, als Tyrannenwuth! +--Was soll ich? Ich kann nicht! Was muß ich thun? + +Miller. Wenn die Küsse deines Majors heißer brennen als die Thränen +deines Vaters--stirb! + +Luise (nach einem qualvollen Kampf mit einiger Festigkeit). Vater! +Hier ist meine Hand! Ich will--Gott! Gott! Was thu' ich? was will +ich?--Vater, ich schwöre--wehe mir, wehe! Verbrecherin, wohin ich +mich neige!--Vater, es sei!--Ferdinand--Gott sieht herab!--So +zernicht' ich sein letztes Gedächtniß. (Sie zerreißt ihren Brief.) + +Miller (stürzt ihr freudetrunken an den Hals). Das ist meine Tochter! +--Blick' auf! um einen Liebhaber bist du leichter, dafür hast du +einen glücklichen Vater gemacht. (Unter Lachen und Weinen sie +umarmend.) Kind! Kind! das ich den Tag meines Lebens nicht werth war! +Gott weiß, wie ich schlechter Mann zu diesem Engel gekommen bin! +--Mein Luise, mein Himmelreich!--O Gott! ich verstehe ja wenig vom +Lieben, aber daß es eine Qual sein muß, aufzuhören--so was begreif' +ich noch. + +Luise. Doch hinweg aus dieser Gegend, mein Vater--Weg von der Stadt, +wo meine Gespielinnen meiner spotten und mein guter Name dahin ist +auf immerdar--Weg, weg, weit weg von dem Ort, wo mich so viele Spuren +der verlorenen Seligkeit anreden. Weg, wenn es möglich ist-Miller. +Wohin du nur willst, meine Tochter. Das Brod unsers Herrgotts wächst +überall, und Ohren wird er auch meiner Geige bescheren. Ja! laß auch +Alles dahingehn--Ich setze die Geschichte deines Grams auf die Laute, +singe dann ein Lied von der Tochter, die, ihren Vater zu ehren, ihr +Herz zerriß--wir betteln mit der Ballade von Thüre zu Thüre, und das +Almosen wird köstlich schmecken von den Händen der Weinenden- + + + +Zweite Scene. + +Ferdinand zu den Vorigen. + + +Luise (wird ihn zuerst gewahr und wirft sich Millern laut schreiend +um den Hals). Gott! Da ist er! Ich bin verloren. + +Miller. Wo? Wer? + +Luise (zeigt mit abgewandtem Gesicht auf den Major und drückt sich +fester an ihren Vater). Er! er selbst--Seh' Er nur um sich, +Vater--Mich zu ermorden, ist er da. + +Miller (erblickt ihn, fährt zurück.) Was? Sie hier, Baron? + +Ferdinand (kommt langsam näher, bleibt Luisen gegenüber stehen und +läßt den starren forschenden Blick auf ihr ruhen, nach einer Pause). +Überraschtes Gewissen, habe Dank! Dein Bekenntniß ist schrecklich, +aber schnell und gewiß, und erspart mir die Folterung.--Guten Abend, +Miller. + +Miller. Aber um Gottes willen! Was wollen Sie, Baron? Was führt +Sie her? Was soll dieser Überfall? + +Ferdinand. Ich weiß eine Zeit, wo man den Tag in seine Secunden +zerstückte, wo Sehnsucht nach mir sich an die Gewichte der zögernden +Wanduhr hing und auf den Aderschlag lauerte, unter dem ich erscheinen +sollte--Wie kommt's, daß ich jetzt überrasche? + +Miller. Gehen Sie, gehen Sie, Baron--Wenn noch ein Funke von +Menschlichkeit in Ihrem Herzen zurückblieb--wenn Sie Die nicht +erwürgen wollen, die Sie zu lieben vorgeben, fliehen Sie, bleiben Sie +keinen Augenblick länger. Der Segen war fort aus meiner Hütte, +sobald Sie einen Fuß darein setzten. Sie haben das Elend unter mein +Dach gerufen, wo sonst nur die Freude zu Hause war. Sind Sie noch +nicht zufrieden? Wollen Sie auch in der Wunde noch wühlen, die Ihre +unglückliche Bekanntschaft mit meinem einzigen Kinde schlug? + +Ferdinand. Wunderlicher Vater, jetzt komm' ich ja, deiner Tochter +etwas Erfreuliches zu sagen. + +Miller. Neue Hoffnungen etwa zu einer neuen Verzweiflung?--Geh, +Unglücksbote! Dein Gesicht schimpft deine Waare. + +Ferdinand. Endlich ist es erschienen, das Ziel meiner Hoffnungen! +Lady Milford, das furchtbarste Hindernis unsrer Liebe, floh diesen +Augenblick aus dem Lande. Mein Vater billigt meine Wahl. Das +Schicksal läßt nach, uns zu verfolgen. Unsere glücklichen Sterne +gehen auf--Ich bin jetzt da, mein gegebenes Wort einzulösen und meine +Braut zum Altar abzuholen. + +Miller. Hörst du ihn, meine Tochter? Hörst du ihn sein Gespötte mit +deinen getäuschten Hoffnungen treiben? O wahrlich, Baron! es steht +dem Verführer so schön, an seinem Verbrechen seinen Witz noch zu +kitzeln. + +Ferdinand. Du glaubst, ich scherze. Bei meiner Ehre nicht! Meine +Aussage ist wahr, wie die Liebe meiner Luise, und heilig will ich sie +halten, wie sie ihre Eide--Ich kenne nichts Heiligeres--Noch +zweifelst du? noch kein freudiges Erröthen auf den Wangen meiner +schönen Gemahlin? Sonderbar! die Lüge muß hier gangbare Münze sein, +wenn die Wahrheit so wenig Glauben findet. Ihr mißtraut meinen +Worten? So glaubt diesem schriftlichen Zeugniß. (Er wirft Luisen +den Brief an den Marschall zu.) + +Luise (schlägt ihn auseinander und sinkt leichenblaß nieder). + +Miller (ohne das zu bemerken, zum Major). Was soll das bedeuten, +Baron? Ich verstehe Sie nicht. + +Ferdinand (führt ihn zu Luisen hin). Desto besser hat mich Diese +verstanden. + +Miller (fällt an ihr nieder). O Gott! meine Tochter! + +Ferdinand. Bleich wie der Tod!--Jetzt erst gefällt sie mir, deine +Tochter! So schön war sie nie, die fromme, rechtschaffene +Tochter--Mit diesem Leichengesicht--Der Odem des Weltgerichts, der +den Firniß von jeder Lüge streift, hat jetzt die Schminke verblasen, +womit die Tausendkünstlerin auch die Engel des Lichts hintergangen +hat--Es ist ihr schönstes Gesicht! Es ist ihr erstes wahres Gesicht! +Laß mich es küssen. (Er will auf sie zugehen.) + +Miller. Zurück! Weg! Greife nicht an das Vaterherz, Knabe! Vor +deinen Liebkosungen konnt' ich sie nicht bewahren, aber ich kann es +vor deinen Mißhandlungen. + +Ferdinand. Was willst du, Graukopf? Mit dir hab' ich nichts zu +schaffen. Menge dich ja nicht in ein Spiel, das so offenbar verloren +ist--oder bist du auch vielleicht klüger, als ich dir zugetraut habe? +Hast du die Weisheit deiner sechzig Jahre zu den Buhlschaften deiner +Tochter geborgt und dies ehrwürdige Haar mit dem Gewerb eines +Kupplers geschändet?--O! wenn das nicht ist, unglücklicher alter Mann, +lege dich nieder und stirb--Noch ist es Zeit. Noch kannst du in dem +süßen Taumel entschlafen: ich war ein glücklicher Vater!--Einen +Augenblick später, und du schleuderst die giftige Natter ihrer +höllischen Heimath zu, verfluchst das Geschenk und den Geber und +fährst mit der Gotteslästerung in die Grube. (Zu Luisen.) Sprich, +Unglückselige! Schriebst du diesen Brief? + +Miller (warnend zu Luisen). Um Gottes Willen, Tochter! Vergiß nicht! +Vergiß nicht! + +Luise. O dieser Brief, mein Vater-Ferdinand. Daß er in die +unrechten Hände fiel?--Gepriesen sei mir der Zufall, er hat größere +Thaten gethan, als die klügelnde Vernunft, und wird besser bestehn an +jenem Tag, als der Witz aller Weisen--Zufall, sage ich?--O die +Vorsehung ist dabei, wenn Sperlinge fallen, warum nicht, wo ein +Teufel entlarvt werden soll?--Antwort will ich!--Schriebst du diesen +Brief? + +Miller (seitwärts zu ihr mit Beschwörung). Standhaft! Standhaft, +meine Tochter! Nur noch das einzige Ja, und Alles ist überwunden. + +Ferdinand. Lustig! lustig! Auch der Vater betrogen! Alles betrogen. +Nun sieh, wie sie dasteht, die Schändliche, und selbst ihre Zunge +nun ihrer letzten Lüge den Gehorsam aufkündigt! Schwöre bei Gott, +bei dem fürchterlich wahren! Schriebst du diesen Brief? + +Luise (nach einem qualvollen Kampf, worin sie durch Blicke mit ihrem +Vater gesprochen hat, fest und entscheidend). Ich schrieb ihn. + +Ferdinand (bleibe erschrocken stehen). Luise!--Nein! So wahr meine +Seele lebt! du lügst--Auch die Unschuld bekennt sich auf der +Folterbank zu Freveln, die sie nie beging--Ich fragte zu +heftig--Nicht wahr, Luise--Du bekanntest nur, weil ich zu heftig +fragte? + +Luise. Ich bekannte, was wahr ist. + +Ferdinand. Nein, sag' ich! nein! nein! Du schriebst nicht. Es ist +deine Hand gar nicht--Und wäre sie's, warum sollten Handschriften +schwerer nachzumachen sein, als Herzen zu verderben? Rede mir wahr, +Luise--Oder nein, nein, thu' es nicht, du könntest Ja sagen, und ich +wär' verloren--Eine Lüge, Luise--ein Lüge!--O wenn du jetzt eine +wüßtest, mir hinwärfest mit der offenen Engelmiene, nur mein Ohr, nur +mein Aug überredetest, dieses Herz auch noch so abscheulich +täuschtest--O Luise! Alle Wahrheit möchte dann mit diesem Hauch aus +der Schöpfung wandern und die gute Sache ihren starren Hals von nun +an zu einem höfischen Bückling beugen! (Mit scheuem bebendem Ton.) +Schriebst du diesen Brief? + +Luise. Bei Gott! bei dem fürchterlich wahren! Ja! + +Ferdinand (nach einer Pause, im Ausdruck des tiefsten Schmerzes). +Weib! Weib!--Das Gesicht, mit dem du jetzt vor mir stehst!--Theile +mit diesem Gesicht Paradiese aus, du wirst selbst im Reich der +Verdammniß keinen Käufer finden--Wußtest du, was du mir warst, Luise? +Unmöglich! Nein! Du wußtest nicht, daß du mir Alles warst! Alles! +--Es ist ein armes verächtliches Wort, aber die Ewigkeit hat Mühe, es +zu umwandern; Weltsysteme vollenden ihre Bahnen darin--Alles! und so +frevelhaft damit zu spielen--O, es ist schrecklich!-Luise. Sie haben +mein Geständniß, Herr von Walter. Ich habe mich selbst verdammt. +Gehen Sie nun! Verlassen Sie ein Haus, wo Sie so unglücklich waren. + +Ferdinand. Gut! gut! Ich bin ja ruhig--ruhig, sagt man ja, ist auch +der schaudernde Strich Landes, worüber die Pest ging--ich bin's. +(Nach einigem Nachdenken.) Noch eine Bitte, Luise--die letzte! Mein +Kopf brennt so fieberisch. Ich brauch Kühlung--Willst du mir ein +Glas Limonade zurecht machen? (Luise geht ab.) + + + +Dritte Scene. + +Ferdinand und Miller. + +(Beide gehen, ohne ein Wort zu reden, einige Pausen lang auf den +entgegengesetzten Seiten des Zimmers auf und ab). + + +Miller (bleibt endlich stehen und betrachtet den Major mit trauriger +Miene). Lieber Baron, kann es Ihren Gram vielleicht mindern, wenn +ich Ihnen gestehe, daß ich Sie herzlich bedaure! + +Ferdinand. Laß Er es gut sein, Miller. (Wieder einige Schritte.) +Miller, ich weiß nur kaum noch, wie ich in Sein Haus kam--Was war die +Veranlassung? + +Miller. Wie, Herr Major? Sie wollten ja Lection auf der Flöte bei +mir nehmen? Das wissen Sie nicht mehr? + +Ferdinand (rasch). Ich sah Seine Tochter! (Wiederum einige Pausen.) +Er hat nicht Wort gehalten, Freund. Wir accordierten Ruhe für meine +einsamen Stunden. Er betrog mich und verkaufte mir Skorpionen. (Da +er Millers Bewegung sieht.) Nein, erschrick nur nicht, alter Mann. +(Gerührt an seinem Hals.) Du bist nicht schuldig. + +Miller (die Augen wischend). Das weiß der allwissende Gott! + +Ferdinand (aufs neue hin und her, in düstres Grübeln versunken). +Seltsam, o unbegreiflich seltsam spielt Gott mit uns. An dünnen +unmerkbaren Seilen hängen oft fürchterliche Gewichte--Wüßte der +Mensch, daß er an diesem Apfel den Tod essen sollte--Hum!--Wüßte er +das? (Heftiger auf und nieder, dann Millers Hand mit starker +Bewegung fassend.) Mann! Ich bezahle dir dein Bischen Flöte zu +theuer--und du gewinnst nicht einmal--auch du verlierst--verlierst +vielleicht Alles. (Gepreßt von ihm weggehend.) Unglückseliges +Flötenspiel, das mir nie hätte einfallen sollen! + +Miller (sucht seine Rührung zu verbergen). Die Limonade bleibt auch +gar zu lang außen. Ich denke, ich sehe nach, wenn Sie mir's nicht +für übel nehmen-Ferdinand. Es eilt nicht, lieber Miller. (Vor sich +hinmurmelnd.) Zumal für den Vater nicht--Bleib' Er nur--Was hatt' ich +doch fragen wollen?--Ja!--Ist Luise Seine einzige Tochter? Sonst hat +Er keine Kinder mehr? + +Miller (warm). Habe sonst keins mehr, Baron--wünsch' mir auch keins +mehr. Das Mädel ist just so recht, mein ganzes Vaterherz +einzustecken--hab' meine ganze Baarschaft von Liebe an der Tochter +schon zugesetzt. + +Ferdinand (heftig erschüttert). Ha!--Seh' Er doch lieber nach dem +Trank, guter Miller. (Miller ab.) + + + +Vierte Scene. + +Ferdinand allein. + + +Das einzige Kind!--Fühlst du das, Mörder? Das einzige! Mörder! +hörst du, das einzige?--Und der Mann hat auf der großen Welt Gottes +nichts, als sein Instrument und das einzige--Du willst's ihm rauben? + +Rauben?--rauben den letzten Nothpfenning einem Bettler? Die Krücke +zerbrochen vor die Füße werfen dem Lahmen? Wie? Hab' ich auch Brust +für das?--Und wenn er nun heimeilt und nicht erwarten kann, die ganze +Summe seiner Freuden vom Gesicht dieser Tochter herunter zu zählen, +und hereintritt und sie da liegt, die Blume--welk--todt--zertreten, +muthwillig, die letzte, einzige, unüberschwängliche Hoffnung--Ha, und +er dasteht vor ihr, und dasteht und ihm die ganze Natur den +lebendigen Odem anhält, und sein erstarrter Blick die entvölkerte +Unendlichkeit fruchtlos durchwandert, Gott sucht, und Gott nicht mehr +finden kann und leerer zurückkommt--Gott! Gott! Aber auch mein +Vater hat diesen einzigen Sohn--den einzigen Sohn, doch nicht den +einzigen Reichthum--(Nach einer Pause.) Doch wie? Was verliert er +denn? Das Mädchen, dem die heiligsten Gefühle der Liebe nur Puppen +waren, wird es den Vater glücklich machen können?--Es wird nicht, es +wird nicht! Und ich verdiene noch Dank, daß ich die Natter zertrete, +ehe sie auch noch den Vater verwundet. + + + +Fünfte Scene. + +Miller, der zurückkommt, und Ferdinand. + + +Miller. Gleich sollen Sie bedient sein, Baron! Draußen sitzt das +arme Ding und will sich zu Tod weinen. Sie wird Ihnen mit der +Limonade auch Thränen zu trinken geben. + +Ferdinand. Und wohl, wenn's nur Thränen wären!--Weil wir vorhin von +der Musik sprachen, Miller--(Eine Börse ziehend.) Ich bin noch Sein +Schuldner. + +Miller. Wie? Was? Gehen Sie mir, Baron! Wofür halten Sie mich? +Das steht ja in guter Hand, thun Sie mir doch den Schimpf nicht an, +und sind wir ja, will's Gott, nicht das letzte Mal bei einander. + +Ferdinand. Wer kann das wissen? Nehm' Er nur. Es ist für Leben und +Sterben. + +Miller (lachend). O deßwegen, Baron! Auf den Fall, denk' ich, kann +man's wagen bei Ihnen. + +Ferdinand. Man wagte wirklich--Hat Er nie gehört, daß Jünglinge +gefallen sind--Mädchen und Jünglinge, die Kinder der Hoffnung, die +Luftschlösser betrogener Väter--Was Wurm und Alter nicht thun, kann +oft ein Donnerschlag ausrichten--Auch Seine Luise ist nicht +unsterblich. + +Miller. Ich hab' sie von Gott. + +Ferdinand. Hör' Er--Ich sag' Ihm, sie ist nicht unsterblich. Diese +Tochter ist Sein Augapfel. Er hat sich mit Herz und Seel' an diese +Tochter gehängt. Sei Er vorsichtig, Miller. Nur ein verzweifelter +Spieler setzt Alles auf einen einzigen Wurf. Einen Waghals nennt man +den Kaufmann, der auf ein Schiff sein ganzes Vermögen ladet--Hör' Er, +denk' Er der Warnung nach--Aber warum nimmt Er Sein Geld nicht? + +Miller. Was, Herr? die ganze allmächtige Börse? Wohin denken Eure +Gnaden? + +Ferdinand. Auf meine Schuldigkeit--Da! (Er wirft den Beutel auf den +Tisch, daß Goldstücke herausfallen.) Ich kann den Quark nicht eine +Ewigkeit so halten. + +Miller (bestürzt). Was beim großen Gott? Der klang nicht wie +Silbergeld! (Er tritt zum Tisch und ruft mit Entsetzen.) Wie, um +aller Himmel willen, Baron? Baron? Wie sind Sie? Was treiben Sie, +Baron? Das nenn' ich mir Zerstreuung! (Mit zusammengeschlagenen +Händen.) Hier liegt ja--oder bin ich verhext,--oder--Gott +verdamm mich! Da greif' ich ja das baare, gelbe, leibhaftige +Gottesgold--Nein, Satanas! Du sollst mich nicht daran kriegen! + +Ferdinand. Hat Er Alten oder Neuen getrunken, Miller? + +Miller (grob). Donner und Wetter! Da schauen Sie nur hin!--Gold! + +Ferdinand. Und was weiter? + +Miller. Ins Henkers Namen--ich sage--ich bitte Sie um Gottes Christi +willen--Gold! + +Ferdinand. Das ist nun freilich etwas Merkwürdiges. + +Miller (nach einigem Stillschweigen zu ihm gehend, mit Empfindung). +Gnädiger Herr, ich bin ein schlichter, gerader Mann, wenn Sie mich +etwa zu einem Bubenstück anspannen wollen--denn so viel Geld läßt +sich, weißt Gott, nicht mit etwas Gutem verdienen. + +Ferdinand (bewegt). Sei Er ganz getrost, lieber Miller. Das Geld +hat Er längst verdient, und Gott bewahre mich, daß ich mich mit +Seinem guten Gewissen dafür bezahlt machen sollte. + +Miller (wie ein Halbnarr in die Höhe springend). Mein also! mein! +Mit des guten Gottes Wissen und Willen, mein! (Nach der Thür laufend, +schreiend.) Weib! Tochter! Victoria! Herbei! (Zurückkommend.) +Aber du lieber Himmel! Wie komm' ich denn so auf einmal zu dem +ganzen grausamen Reichthum? Wie verdien' ich ihn? lohn' ich ihn? +Heh? + +Ferdinand. Nicht mit Seinen Musikstunden, Miller.--Mit dem Geld hier +bezahl' ich Ihm, (von Schauern ergriffen hält er inn) bezahl' ich Ihm +(nach einer Pause mit Wehmuth) den drei Monat langen glücklichen +Traum von Seiner Tochter. + +Miller (faßt seine Hand, die er stark drückt). Gnädiger Herr! Wären +Sie ein schlechter, geringer Bürgersmann--(rasch) und mein Mädel +liebte Sie nicht--erstechen wollt' ich's, das Mädel! (Wieder beim +Geld, darauf niedergeschlagen.) Aber da hab' ich ja nun Alles und Sie +nichts, und da werd' ich nun das ganze Gaudium wieder herausblechen +müssen? Heh? + +Ferdinand. Laß Er sich das nicht anfechten, Freund--Ich reise ab, +und in dem Land, wo ich mich zu setzen gedenke, gelten die Stempel +nicht. + +Miller (unterdessen mit unverwandten Augen auf das Gold hingeheftet, +voll Entzückung). Bleibt's also mein? Bleibt's?--Aber das thut mir +nur leid, daß Sie verreisen--Und wart, was ich jetzt auftreten will! +Wie ich die Backen jetzt vollnehmen will! (Er setzt den Hut auf und +schießt durch das Zimmer.) Und auf den Markt will ich und meine +Musikstunden geben und Numero fünfe Dreikönig rauchen, und wenn ich +wieder auf dem Dreibatzenplatz sitze, soll mich der Teufel holen. +(Will fort.) + +Ferdinand. Bleib' Er! Schweig' Er! und streich' Er sein Geld ein! +(Nachdrücklich.) Nur diesen Abend noch schweig' Er und geb' Er, mir +zu Gefallen, von nun an keine Musikstunden mehr. + +Miller (noch hitziger und ihn hart an der Weste fassend, voll inniger +Freude). Und, Herr! meine Tochter! (Ihn werden loslassend.) Geld +macht den Mann nicht--Geld nicht--Ich habe Kartoffeln gegessen oder +ein wildes Huhn; satt ist satt, und dieser Rock da ist ewig gut, wenn +Gottes liebe Sonne nicht durch den Ärmel scheint--Für mich ist das +Plunder--Aber dem Mädel soll der Segen bekommen; was ich ihr nur an +den Augen absehen kann, soll sie haben-Ferdinand (fällt rasch ein). +Stille, o stille-Miller (immer feuriger). Und soll mir Französisch +lernen aus dem Fundament und Menuet-Tanzen und Singen, daß man's in +den Zeitungen lesen soll; und eine Haube soll sie tragen, wie die +Hofrathstöchter, und einen Kidebarri, wie sie's heißen, und von der +Geigerstochter soll man reden auf vier Meilen weit-Ferdinand +(ergreift seine Hand mit der schrecklichsten Bewegung). Nichts mehr! +Nichts mehr! Um Gotteswillen, schweig' Er still! Nur noch heute +schweig' Er still! Das sei der einzige Dank, den ich von Ihm fordre. + + + +Sechste Scene. + +Luise mit der Limonade, und die Vorigen. + + +Luise (mit rotgeweinten Augen und zitternder Stimme, indem sie dem +Major das Glas auf einem Teller bringt). Sie befehlen, wenn sie +nicht stark genug ist. + +Ferdinand (nimmt das Glas, setzt es nieder und dreht sich rasch gegen +Millern). O beinahe hätt' ich das vergessen!--Darf ich Ihn um etwas +bitten, lieber Miller? Will Er mir einen kleinen Gefallen thun? + +Miller. Tausend für einen! Was befehlen-Ferdinand. Man wird mich +bei der Tafel erwarten. Zum Unglück hab' ich eine sehr böse Laune. +Es ist mir ganz unmöglich, unter Menschen zu gehn--Will Er einen Gang +thun zu meinem Vater und mich entschuldigen? + +Luise (erschrickt und fällt schnell ein). Den Gang kann ja ich thun. + +Miller. Zum Präsidenten? + +Ferdinand. Nicht zu ihm selbst. Er übergibt Seinen Auftrag in der +Garderobe einem Kammerdiener--Zu Seiner Legitimation ist hier meine +Uhr--Ich bin noch da, wenn Er wieder kommt.--Er wartet auf Antwort. + +Luise (sehr ängstlich). Kann denn ich das nicht auch besorgen? + +Ferdinand (zu Millern, der eben fort will). Halt, und noch etwas! +Hier ist ein Brief an meinen Vater, der diesen Abend an mich +eingeschlossen kam--Vielleicht dringende Geschäfte--Es geht in einer +Bestellung hin-Miller. Schon gut, Baron! + +Luise (hängt sich an ihn, in der entsetzlichsten Bangigkeit). Aber, +mein Vater, Dies alles könnt' ich ja recht gut besorgen. + +Miller. Du bist allein, und es ist finstre Nacht, meine Tochter. +(Ab.) + +Ferdinand. Leuchte deinem Vater, Luise! (Während dem, daß sie +Millern mit dem Licht begleitet, tritt er zum Tisch und wirft Gift in +ein Glas Limonade.) Ja, sie soll dran! Sie soll! Die obern Mächte +nicken mir ihr schreckliches Ja herunter, die Rache des Himmels +unterschreibt, ihr guter Engel läßt sie fahren- + + + +Siebente Scene. + +Ferdinand und Luise. + +Sie kommt langsam mit dem Lichte zurück, setzt es nieder und stellt +sich auf die entgegengesetzte Seite vom Major, das Gesicht auf den +Boden geschlagen und nur zuweilen furchtsam und verstohlen nach ihm +hinüberschielend. Er steht auf der andern Seite und sieht starr vor +sich hinaus. (Großes Stillschweigen, das diesen Auftritt ankündigen +muß.) + + +Luise. Wollen Sie mich accompagnieren, Herr von Walter, so mach' ich +einen Gang auf dem Fortepiano. (Sie öffnet den Pantalon.) + +(Ferdinand gibt keine Antwort. Pause.) + +Luise. Sie sind mir auch noch Revanche auf dem Schachbrett schuldig. +Wollen wir eine Partie, Herr von Walter? (Eine neue Pause.) + +Luise. Herr von Walter, die Brieftasche, die ich Ihnen einmal zu +sticken versprochen--ich habe sie angefangen--Wollen Sie das Dessin +nicht besehen? (Wieder eine Pause.) + +Luise. Ich bin sehr elend! + +Ferdinand (in der bisherigen Stellung). Das könnte wahr sein. + +Luise. Meine Schuld ist es nicht, Herr von Walter, daß Sie so +schlecht unterhalten werden. + +Ferdinand (lacht beleidigend vor sich hin). Denn was kannst du für +meine blöde Bescheidenheit? + +Luise. Ich hab' es ja wohl gewußt, daß wir jetzt nicht zusammen +taugen. Ich erschrak auch gleich, ich bekenne es, als Sie meinen +Vater verschickten--Herr von Walter, ich vermuthe, dieser Augenblick +wird uns Beiden gleich unerträglich sein--Wenn Sie mir's erlauben +wollen, so geh' ich und bitte einige von meinen Bekannten her. + +Ferdinand. O ja doch, das thu'. Ich will auch gleich gehn und von +den meinigen bitten. + +Luise (sieht ihn stutzend an). Herr von Walter? + +Ferdinand (sehr hämisch). Bei meiner Ehre! der gescheidteste Einfall, +den ein Mensch in dieser Lage nur haben kann. Wir machen aus diesem +verdrießlichen Duett eine Lustbarkeit und rächen uns mit Hilfe +gewisser Galanterieen an den Grillen der Liebe. + +Luise. Sie sind aufgeräumt, Herr von Walter. + +Ferdinand. Ganz außerordentlich, um die Knaben auf dem Markt hinter +mir her zu jagen! Nein! In Wahrheit, Luise! dein Beispiel bekehrt +mich--du sollst meine Lehrerin sein. Thoren sind's, die von ewiger +Liebe schwatzen. Ewiges Einerlei widersteht, Veränderung nur ist das +Salz des Vergnügens--Topp, Luise! Ich bin dabei--Wir hüpfen von +Roman zu Roman, wälzen uns von Schlamme zu Schlamm--Du dahin--ich +dorthin--vielleicht, daß meine verlorene Ruhe sich in einem Bordell +wieder finden läßt--Vielleicht, daß wir dann nach dem lustigen +Wettlauf, zwei modernde Gerippe, mit der angenehmsten Überraschung +von der Welt zum zweiten Mal aufeinander stoßen, daß wir uns da an +dem gemeinschaftlichen Familienzug, den kein Kind dieser Mutter +verleugnet, wie in Komödien wieder erkennen, daß Ekel und Scham noch +eine Harmonie veranstalten, die der zärtlichsten Liebe unmöglich +gewesen ist. + +Luise. O Jüngling! Jüngling! Unglücklich bist du schon; willst du +es auch noch verdienen? + +Ferdinand (ergrimmt durch die Zähne murmelnd). Unglücklich bin +ich? Wer hat dir das gesagt? Weib, du bist zu schlecht, und +selbst zu empfinden--womit kannst du eines Andern Empfindungen +wägen?--Unglücklich, sagte sie?--Ha! dieses Wort könnte meine +Wuth aus dem Grabe rufen! Unglücklich mußt' ich werden, das +wußte sie. Tod und Verdammniß! das wußte sie und hat mich +dennoch verrathen--Siehe, Schlange! das war der einzige Fleck der +Vergebung--Deine Aussage bricht dir den Hals--Bis jetzt konnt' +ich deinen Frevel mit deiner Einfalt beschönigen, in meiner +Verachtung wärst du beinahe meiner Rache entsprungen. (Indem +er hastig das Glas ergreift.) Also leichtsinnig warst du +nicht--dumm warst du nicht--du warst nur ein Teufel. (Er +trinkt.) Die Limonade ist matt wie deine Seele--Versuche! + +Luise. O Himmel! Nicht umsonst hab' ich diesen Auftritt gefürchtet. + +Ferdinand (gebieterisch). Versuche! + +Luise (nimmt das Glas etwas unwillig und trinkt). + +Ferdinand (wendet sich, sobald sie das Glas an den Mund setzt, mit +einer plötzlichen Erblassung weg und eilt nach dem hintersten Winkel +des Zimmers). + +Luise. Die Limonade ist gut. + +Ferdinand (ohne sich umzukehren, von Schauer geschüttelt). Wohl +bekomm's! + +Luise (nachdem sie es niedergesetzt). O wenn Sie wüßten, Walter, wie +ungeheuer Sie meine Seele beleidigen. + +Ferdinand. Hum! + +Luise. Es wird eine Zeit kommen, Walter-Ferdinand (wieder vorwärts +kommend). O! mit der Zeit wären wir fertig. + +Luise. Wo der heutige Abend schwer auf Ihr Herz fallen +dürfte-Ferdinand (fängt an stärker zu gehen und beunruhigter zu +werden, indem er Schärpe und Degen von sich wirft). Gute Nacht, +Herrendienst! + +Luise. Mein Gott! Wie wird Ihnen? + +Ferdinand. Heiß und enge--Will mir's bequemer machen. + +Luise Trinken Sie! Trinken Sie! Der Trank wird Sie kühlen. + +Ferdinand. Das wird er auch ganz gewiß--Die Metze ist gutherzig; +doch, das sind alle! + +Luise (mit dem vollen Ausdruck der Liebe ihm in die Arme eilend). +Das deiner Luise, Ferdinand? + +Ferdinand (drückt sie von sich). Fort! Fort! Diese sanften +schmelzenden Augen weg! Ich erliege. Komm in deiner ungeheuern +Furchtbarkeit, Schlange! spring an mir auf, Wurm!--Krame vor mir +deine gräßlichen Knoten aus, bäume deine Wirbel zum Himmel!--so +abscheulich, als dich jemals der Abgrund sah--nur keinen Engel +mehr--nur jetzt keinen Engel mehr--Es ist zu spät--Ich muß dich +zertreten, wie eine Natter, oder verzweifeln--Erbarme dich! + +Luise. O! daß es so weit kommen mußte! + +Ferdinand (sie von der Seite betrachtend). Dieses schöne Werk des +himmlischen Bildners--Wer kann das glauben?--Wer sollte das glauben? +(Ihre Hand fassend und emporhaltend.) Ich will dich nicht zur Rede +stellen, Gott Schöpfer--Aber warum denn dein Gift in so schönen +Gefäßen?--Kann das Laster in diesem milden Himmelstrich +fortkommen?--O, es ist seltsam. + +Luise. Das anzuhören und schweigen zu müssen! + +Ferdinand. Und die süße melodische Stimme--Wie kann so viel +Wohlklang kommen aus zerrissenen Saiten? (Mit trunkenem Aug auf +ihrem Anblick verweilend.) Alles so schön--so voll Ebenmaß--so +göttlich vollkommen!--Überall das Werk seiner himmlischen +Schäferstunde! Bei Gott! als wäre die große Welt nur entstanden, den +Schöpfer für dieses Meisterstück in Laune zu setzen!--Und nur in der +Seele sollte Gott sich vergriffen haben? ist es möglich, daß diese +empörende Mißgeburt in die Natur ohne Tadel kam? (Indem er sie +schnell verläßt.) Oder sah er einen Engel unter dem Meißel +hervorgehen und half diesem Irrthum in der Eile mit einem desto +schlechteren Herzen ab? + +Luise. O des frevelhaften Eigensinns! Ehe er sich eine Übereilung +gestände, greift er lieber den Himmel an. + +Ferdinand (stürzt ihr heftig weinend an den Hals). Noch einmal, +Luise!--Noch einmal wie am Tag unsers ersten Kusses, da du Ferdinand +stammeltest und das erste Du auf deine brennenden Lippen trat--O eine +Saat unendlicher, unaussprechlicher Freuden schien in dem Augenblick +wie in der Knospe zu liegen--Da lag die Ewigkeit wie ein schöner +Maitag vor unsern Augen; goldne Jahrtausende hüpften, wie Bräute, vor +unsrer Seele vorbei--Da war ich der Glückliche!--O Luise! Luise! +Luise! Warum hat du mir das gethan? + +Luise. Weinen Sie, weinen Sie, Walter. Ihre Wehmuth wird gerechter +gegen mich sein, als Ihre Entrüstung. + +Ferdinand. Du betrügst dich. Das sind ihre Thränen nicht--Nicht +jener warme, wollüstige Thau, der in die Wunde der Seele balsamisch +fließt und das starre Rad der Empfindung wieder in Gang bringt. Es +sind einzelne--kalte Tropfen--das schauerliche ewige Lebewohl meiner +Liebe. (Furchtbar feierlich, indem er die Hand auf ihren Kopf sinken +läßt.) Thränen um deine Seele, Luise--Thränen um die Gottheit, die +ihres unendlichen Wohlwollens hier verfehlte, die so muthwillig um +das herrlichste ihrer Werke kommt--O mich däucht, die ganze Schöpfung +sollte den Flor anlegen und über das Beispiel betreten sein, das in +ihrer Mitte geschieht--Es ist was Gemeines, daß Menschen fallen und +Paradiese verloren werden; aber wenn die Pest unter Engel wüthet, so +rufe man Trauer aus durch die ganze Natur. + +Luise. Treiben Sie mich nicht aufs Äußerste, Walter. Ich habe +Seelenstärke, so gut wie Eine--aber sie muß auf eine menschliche +Probe kommen. Walter, das Wort noch und dann geschieden--Ein +entsetzliches Schicksal hat die Sprache unsrer Herzen verwirrt. +Dürft' ich den Mund aufthun, Walter, ich könnte dir Dinge sagen--ich +könnte--aber das harte Verhängniß band meine Zunge wie meine Liebe, +und dulden muß ich's, wenn du mich wie eine gemeine Metze mißhandelst. + +Ferdinand. Fühlst du dich wohl, Luise? + +Luise. Wozu diese Frage? + +Ferdinand. Sonst sollte mir's leid um dich thun, wenn du mit einer +Lüge von hinnen müßtest. + +Luise. Ich beschwöre Sie, Walter-Ferdinand (unter heftigen +Bewegungen). Nein! nein! Zu satanisch wäre diese Rache! Nein! +Gott bewahre mich! In jene Welt hinaus will ich's nicht +treiben--Luise! Hast du den Marschall geliebt? Du wirst nicht mehr +aus diesem Zimmer gehen. + +Luise. Fragen Sie, was Sie wollen. Ich antworte nichts mehr. (Sie +setzt sich nieder.) + +Ferdinand (ernster). Sorge für deine unsterbliche Seele, Luise! +--Hast du den Marschall geliebt? Du wirst nicht mehr aus diesem +Zimmer gehen. + +Luise. Ich antworte nichts mehr. + +Ferdinand (fällt in fürchterlicher Bewegung vor ihr nieder). +Luise! Hast du den Marschall geliebt? Ehe dieses Licht noch +ausbrennt--stehst du--vor Gott! + +Luise (fährt erschrocken in die Höhe). Jesus! Was ist das?--und +mir wird sehr übel. (Sie sinkt auf den Sessel zurück.) + +Ferdinand. Schon?--Über euch Weiber und das ewige Räthsel! Die +zärtliche Nerve hält Freveln fest, die die Menschheit an ihren +Wurzeln zernagen; ein elender Gran Arsenik wirft sie um-Luise. Gift! +Gift! O mein Herrgott! + +Ferdinand. So fürchte ich. Deine Limonade war in der Hölle gewürzt. +Du hast sie dem Tod zugetrunken. + +Luise. Sterben! Sterben! Gott Allbarmherziger! Gift in der +Limonade und sterben!--O meiner Seele erbarme dich, Gott der Erbarmer! + +Ferdinand. Das ist die Hauptsache. Ich bitt' ihn auch darum. + +Luise. Und meine Mutter--mein Vater--Heiland der Welt! Mein armer, +verlorener Vater! Ist keine Rettung mehr? Mein junges Leben, und +keine Rettung! Und muß ich jetzt schon dahin? + +Ferdinand. Keine Rettung, mußt jetzt schon dahin--aber sei ruhig. +Wir machen die Reise zusammen. + +Luise. Ferdinand, auch du! Gift, Ferdinand! Von dir! O Gott, +vergiß es ihm--Gott der Gnade, nimm die Sünde von ihm-Ferdinand. +Sieh du nach deinen Rechnungen--Ich fürchte, sie stehen übel. + +Luise. Ferdinand! Ferdinand!--O--Nun kann ich nicht mehr +schweigen--Der Tod--der Tod hebt alle Eide auf--Ferdinand!--Himmel +und Erde hat nichts Unglückseligeres als dich!--Ich sterbe unschuldig, +Ferdinand. + +Ferdinand (erschrocken). Was sagt sie da?--Eine Lüge pflegt man doch +sonst nicht auf diese Reise zu nehmen? + +Luise. Ich lüge nicht--lüge nicht--hab' nur einmal gelogen mein +Lebenlang--Huh! wie das eiskalt durch meine Adern schauert--als ich +den Brief schrieb an den Hofmarschall-Ferdinand. Ha! Dieser Brief! +--Gottlob! Jetzt hab' ich all meine Mannheit wieder. + +Luise (ihre Zunge wird schwerer, ihre Finger fangen an gichterisch zu +zucken). Dieser Brief--Fasse dich, ein entsetzliches Wort zu +hören--Meine Hand schrieb, was mein Herz verdammte--dein Vater hat +ihn dictiert. + +Ferdinand (starr und einer Bildsäule gleich, in langer todter Pause +hingewurzelt, fällt endlich wie von einem Donnerschlag nieder). + +Luise. O des kläglichen Mißverstands--Ferdinand--man zwang +mich--vergib--deine Luise hätte den Tod vorgezogen--aber mein +Vater--die Gefahr--sie machten es listig. + +Ferdinand (schrecklich emporgeworfen). Gelobet sei Gott! noch spür' +und das Gift nicht. (Er reißt den Degen heraus.) + +Luise (von Schwäche zu Schwäche sinkend). Weh! Was beginnst du? Es +ist dein Vater-Ferdinand (im Ausdruck der unbändigsten Wuth). Mörder +und Mördervater!--Mit muß er, daß der Richter der Welt nur gegen den +Schuldigen rase. (Will hinaus.) + +Luise. Sterbend vergab mein Erlöser--Heil über dich und ihn (Sie +stirbt.) + +Ferdinand (kehrt schnell um, wird ihre letzte sterbende Bewegung +gewahr und fällt in Schmerz aufgelöst vor der Todten nieder). Halt! +Halt! Entspringe mir nicht, Engel des Himmels! (Er faßt ihre Hand +an und läßt sie schnell wie fallen.) Kalt, kalt und feucht! Ihre +Seele ist dahin. (Er springt wieder auf.) Gott meiner Luise! Gnade! +Gnade dem verruchtesten der Mörder! Es war ihr letztes Gebet!--Wie +reizend und schön auch ihr Leichnam! Der gerührte Würger ging +schonend über diese freundlichen Wangen hin--Diese Sanftmuth war +keine Larve, sie hat auch dem Tod Stand gehalten. (Nach einer Pause.) +Aber wie? Warum fühl' ich nichts? Will die Kraft meiner Jugend +mich retten? Undankbare Mühe! Das ist meine Meinung nicht. (Er +greift nach dem Glase.) + + + +Letzte Scene. + +Ferdinand. Der Präsident. Wurm und Bediente, welche alle voll +Schrecken ins Zimmer stürzen, darauf Miller mit Volk und +Gerichtsdienern, welche sich im Hintergrund sammeln. + + +Präsident (den Brief in der Hand). Sohn, was ist das?--Ich will doch +nimmermehr glauben-Ferdinand (wirft ihm das Glas vor die Füße). So +sieh, Mörder! + +Präsident (taumelt hinter sich. Alle erstarren. Eine schreckhafte +Pause.) Mein Sohn, warum hast du mir das gethan? + +Ferdinand (ohne ihn anzusehen). O ja freilich! Ich hätte den +Staatsmann erst hören sollen, ob der Streich auch zu seinen Karten +passe?--Fein und bewundernswerth, ich gesteh's, war die Finte, den +Bund unsrer Herzen zu zerreißen durch Eifersucht--Die Rechnung hatte +ein Meister gemacht, aber Schade nur, daß die zürnende Liebe dem +Draht nicht so gehorsam blieb wie deine hölzerne Puppe. + +Präsident (sucht mit verdrehten Augen im ganzen Kreise herum). Ist +hier Niemand, der um einen trostlosen Vater weint? + +Miller (hinter der Scene rufend). Laßt mich hinein! Um Gottes +willen! Laßt mich! + +Ferdinand. Das Mädchen ist eine Heilige--für sie muß ein Anderer +rechten. (Er öffnet Millern die Thüre, der mit Volk und +Gerichtsdienern hineinstürzt.) + +Miller (in der fürchterlichsten Angst). Mein Kind! Mein Kind! +--Gift--Gift, schreit man, sei hier genommen worden--Meine Tochter! +Wo bist du? + +Ferdinand (führt ihn zwischen den Präsident und Luisens Leiche). Ich +bin unschuldig--Danke Diesem hier. + +Miller (fällt an ihr zu Boden). O Jesus! + +Ferdinand. In wenig Worten, Vater--Sie fangen an mir kostbar zu +werden--Ich bin bübisch um mein Leben bestohlen, bestohlen durch Sie. +Wie ich mit Gott stehe, zittre ich--doch ein Bösewicht bin ich +niemals gewesen. Mein ewiges Loos falle, wie es will--auf Sie fall' +es nicht--Aber ich hab' einen Mord begangen, (mit furchtbar erhobener +Stimme) einen Mord, den du mir nicht zumuthen wirst, allein vor den +Richter der Welt hinzuschleppen. Feierlich wälz' ich dir hier die +größte, gräßlichste Hälfte zu; wie du damit zurecht kommen magst, +siehe du selber. (Ihn zu Luisen hinführend.) Hier, Barbar! Weide +dich an der entsetzlichen Frucht deines Witzes, auf dieses Gesicht +ist mit Verzerrungen dein Name geschrieben, und die Würgengel werden +ihn lesen--Eine Gestalt wie diese ziehe den Vorhang von deinem Bette, +wenn du schläfst, und gebe dir ihre eiskalte Hand--Eine Gestalt wie +diese stehe vor deiner Seele, wenn du stirbst, und dränge dein +letztes Gebet weg--Eine Gestalt wie diese stehe auf deinem Grabe, +wenn du auferstehst--und neben Gott, wenn er dich richtet. (Er wird +ohnmächtig. Bediente halten ihn.) + +Präsident (eine schreckliche Bewegung des Arms gegen den Himmel). +Von mir nicht, von mir nicht, Richter der Welt, fordre diese Seelen, +von Diesem! (Er geht auf Wurm zu.) + +Wurm (auffahrend). Von mir? + +Präsident. Verfluchter, von dir! Von dir, Satan!--Du, du gabst den +Schlangenrath--Über dich die Verantwortung--ich wasche die Hände. + +Wurm. Über mich? (Er fängt gräßlich an zu lachen.) Lustig! +Lustig! So weiß ich doch nun auch, auf was Art sich die Teufel +danken.--Über mich, dummer Bösewicht? War es mein Sohn? War ich +dein Gebieter?--Über mich die Verantwortung? Ha! bei diesem Anblick, +der alles Mark in meinen Gebeinen erkältet! Über mich soll sie +kommen!--Jetzt will ich verloren sein, aber du sollst es mit mir +sein--Auf! Auf! Ruft Mord durch die Gassen! Weckt die Justiz auf! +Gerichtsdiener, bindet mich! Führt mich von hinnen! Ich will +Geheimnisse aufdecken, daß Denen, die sie hören, die Haut schauern +soll. (Will gehen.) + +Präsident (hält ihn). Du wirst doch nicht, Rasender? + +Wurm (klopft ihn auf die Schulter). Ich werde, Kamerad! Ich werde! +--Rasend bin ich, das ist wahr--das ist dein Werk--so will ich auch +jetzt handeln wie ein Rasender--Arm in Arm mit dir zum Blutgerüst! +Arm in Arm mit dir zur Hölle! Es soll mich kitzeln, Bube, mit dir +verdammt zu sein! (Er wird abgeführt.) + +Miller (der die ganze Zeit über, den Kopf in Luisens Schooß gesunken, +in stummem Schmerz gelegen hat, steht schnell auf und wirft dem Major +die Börse vor die Füße). Giftmischer! Behalt dein verfluchtes Gold! +--wolltest du mir mein Kind damit abkaufen? (Er stürzt aus dem +Zimmer.) + +Ferdinand (mit brechender Stimme). Geht ihm nach! Er +verzweifelt--Das Geld hier soll man ihm retten--Es ist meine +fürchterliche Erkenntlichkeit. Luise!--Luise!--Ich komme--Lebt +wohl--Laßt mich an diesem Altar verscheiden-Präsident (aus einer +dumpfen Betäubung zu seinem Sohn). Sohn Ferdinand! Soll kein Blick +mehr auf einen zerschmetterten Vater fallen? (Der Major wird neben +Luisen niedergelassen.) + +Ferdinand. Gott dem Erbarmenden gehört dieser letzte. + +Präsident (in der schrecklichsten Qual vor ihm niederfallend). +Geschöpf und Schöpfer verlassen mich--Soll kein Blick mehr zu meiner +letzten Erquickung fallen? + +Ferdinand (reicht ihm seine sterbende Hand). + +Präsident (steht schnell auf). Er vergab mir! (Zu den Andern.) +Jetzt euer Gefangener! (Er geht ab, Gerichtsdiener folgen ihm, der +Vorhang fällt.) + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Kabale und Liebe, von Friedrich +Schiller. + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KABALE UND LIEBE *** + +This file should be named 6498-8.txt or 6498-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +https://gutenberg.org or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04 + +Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. 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