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+The Project Gutenberg EBook of Kabale und Liebe
+by Friedrich (Johann Christoph Friedrich von ) Schiller
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+this or any other Project Gutenberg eBook.
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
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+
+Title: Kabale und Liebe
+
+Author: Friedrich (Johann Christoph Friedrich von ) Schiller
+
+Release Date: September, 2004 [EBook #6498]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on December 22, 2002]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KABALE UND LIEBE ***
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg
+Projekt-DE. That project is reachable at the web site
+http://gutenberg2000.de.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur
+Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg2000.de erreichbar.
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+
+Friedrich Schiller
+
+
+Kabale und Liebe
+
+Ein bürgerliches Trauerspiel.
+
+
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+---------------------------------------------
+
+Personen:
+
+Präsident von Walter, am Hof eines deutschen Fürsten.
+Ferdinand, sein Sohn, Major.
+Hofmarschall von Kalb.
+Lady Milford, Favoritin des Fürsten.
+Wurm, Haussecretär des Präsidenten.
+Miller, Stadtmusikant oder, wie man sie an einigen Orten
+ nennt, Kunstpfeifer.
+Dessen Frau.
+Luise, dessen Tochter.
+Sophie, Kammerjungfer der Lady.
+Ein Kammerdiener des Fürsten.
+Verschiedene Nebenpersonen.
+
+
+
+
+Erster Akt.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+Zimmer beim Musikus.
+
+
+Miller steht eben vom Sessel auf und stellt sein Violoncell auf die
+Seite. An einem Tisch sitzt Frau Millerin noch im Nachtgewand und
+trinkt ihren Kaffee.
+
+
+Miller (schnell auf- und abgehend). Einmal für allemal! Der Handel
+wird ernsthaft. Meine Tochter kommt mit dem Baron ins Geschrei.
+Mein Haus wird verrufen. Der Präsident bekommt Wind, und kurz und
+gut, ich biete dem Junker aus.
+
+Frau. Du hast ihn nicht in dein Haus geschwatzt--hast ihm deine
+Tochter nicht nachgeworfen.
+
+Miller. Hab' ihn nicht in mein Haus geschwatzt--hab' ihm 's Mädel
+nicht nachgeworfen; wer nimmt Notiz davon?--Ich war Herr im Haus.
+Ich hätt' meine Tochter mehr coram nehmen sollen. Ich hätt' dem
+Major besser auftrumpfen sollen--oder hätt' gleich Alles Seiner
+Excellenz, dem Herrn Papa, stecken sollen. Der junge Baron bringt's
+mit einem Wischer hinaus, das muß ich wissen, und alles Wetter kommt
+über den Geiger.
+
+Frau (schlürft eine Tasse aus). Possen! Geschwätz! Was kann über
+dich kommen? Wer kann dir was anhaben? Du gehst deiner Profession
+nach und raffst Scholaren zusammen, wo sie zu kriegen sind.
+
+Miller. Aber, sag mir doch, was wird bei dem ganzen Commerz auch
+herauskommen?--Nehmen kann er das Mädel nicht--Vom Nehmen ist gar die
+Rede nicht, und zu einer--daß Gott erbarm?--Guten Morgen!--Gott, wenn
+so ein Musje von sich da und dort, und dort und hier schon
+herumbeholfen hat, wenn er, der Henker weiß! was als? gelöst hat,
+schmeckt's meinem guten Schlucker freilich, einmal auf süß Wasser zu
+graben. Gib du Acht! gib du Acht! und wenn du aus jedem Astloch ein
+Auge strecktest und vor jedem Blutstropfen Schildwache ständest, er
+wird sie, dir auf der Nase, beschwatzen, dem Mädel Eins hinsetzen und
+führt sich ab, und das Mädel ist verschimpfiert auf ihr Lebenlang,
+bleibt sitzen, oder hat's Handwerk verschmeckt, treibt's fort. (Die
+Hand vor der Stirn) Jesus Christus!
+
+Frau. Gott behüt' uns in Gnaden!
+
+Miller. Es hat sich zu behüten. Worauf kann so ein Windfuß wohl
+sonst sein Absehen richten?--Das Mädel ist schön--schlank--führt
+seinen netten Fuß. Unterm Dach mag's aussehen, wie's will. Darüber
+guckt man bei euch Weibsleuten weg, wenn's nur der liebe Gott
+parterre nicht hat fehlen lassen--Stöbert mein Springinsfeld erst
+noch dieses Kapital aus--he da! geht ihm ein Licht auf, wie meinem
+Rodney, wenn er die Witterung eines Franzosen kriegt, und nun müssen
+alle Segel dran, und drauf los, und--ich verdenk's ihm gar nicht.
+Mensch ist Mensch. Das muß ich wissen.
+
+Frau. Solltest nur die wunderhübsche Billeter auch lesen, die der
+gnädige Herr an deine Tochter als schreiben thut. Guter Gott! da
+sieht man's ja sonnenklar, wie es ihm pur um ihre schöne Seele zu
+thun ist.
+
+Miller. Das ist die rechte Höhe. Auf den Sack schlägt man, den Esel
+meint man. Wer einen Gruß an das liebe Fleisch zu bestellen hat,
+darf nur das gute Herz Boten gehen lassen. Wie hab' ich's gemacht?
+Hat man's nur erst so weit im Reinen, daß die Gemüther topp machen,
+wutsch! nehmen die Körper ein Exempel; das Gesind macht's der
+Herrschaft nach, und der silberne Mond ist am End nur der Kuppler
+gewesen.
+
+Frau. Sieh doch nur erst die prächtigen Bücher an, die der Herr
+Major ins Haus geschafft haben. Deine Tochter betet auch immer draus.
+
+Miller (pfeift). Hui da! Betet! Du hast den Witz davon. Die rohen
+Kraftbrühen der Natur sind Ihro Gnaden zartem Makronenmagen noch zu
+hart.--Er muß sie erst in der höllischen Pestilenzküche der
+Belletristen künstlich aufkochen lassen. Ins Feuer mit dem Quark.
+Da saugt mir das Mädel--weiß Gott, was als für?--überhimmlische
+Alfanzereien ein, das läuft dann wie spanische Mucken ins Blut und
+wirft mir die Handvoll Christenthum noch gar auseinander, die der
+Vater mit knapper Noth soso noch zusammenhielt. Ins Feuer, sag' ich.
+Das Mädel setzt sich alles Teufelsgezeug in den Kopf; über all dem
+Herumschwänzen in der Schlaraffenwelt findet's zuletzt seine Heimath
+nicht mehr, vergißt, schämt sich, daß sein Vater Miller der Geiger
+ist, und verschlägt mir am End einen wackern ehrbaren Schwiegersohn,
+der sich so warm in meine Kundschaft hineingesetzt hätte--Nein! Gott
+verdamm mich! (Er springt auf, hitzig.) Gleich muß die Pastete auf
+den Herd, und dem Major--ja ja, dem Major will ich weisen, wo Meister
+Zimmermann das Loch gemacht hat. (Er will fort.)
+
+Frau. Sei artig, Miller. Wie manchen schönen Groschen haben uns nur
+die Präsenter-Miller (kommt zurück und bleibt vor ihr stehen). Das
+Blutgeld meiner Tochter?--Schier dich zum Satan, infame Kupplerin!
+--Eh will ich mit meiner Geig' auf den Bettel herumziehen und das
+Concert um was Warmes geben--eh will ich mein Violoncello zerschlagen
+und Mist im Sonanzboden führen, eh ich mir's schmecken lass' von dem
+Geld, das mein einziges Kind mit Seel' und Seligkeit abverdient.
+--Stell den vermaledeiten Kaffee ein und das Tobackschnupfen, so
+brauchst du deiner Tochter Gesicht nicht zu Markt zu treiben. Ich
+hab mich satt gefressen und immer ein gutes Hemd auf dem Leib gehabt,
+eh so ein vertrackter Tausendsasa in meine Stube geschmeckt hat.
+
+Frau. Nur nicht gleich mit der Thür ins Haus! Wie du doch den
+Augenblick in Feuer und Flammen stehst! Ich sprech ja nur, man müss'
+den Herrn Major nicht disguschthüren, weil Sie des Präsidenten Sohn
+sind.
+
+Miller. Da liegt der Haas im Pfeffer. Darum, just eben darum muß
+die Sach noch heut auseinander. Der Präsident muß es mir Dank wissen,
+wenn er ein rechtschaffener Vater ist. Du wirst mir meinen rothen
+plüschenen Rock ausbürsten, und ich werde mich bei Seiner Excellenz
+anmelden lassen. Ich werde sprechen zu seiner Excellenz: Dero Herr
+Sohn haben ein Aug auf meine Tochter; meine Tochter ist zu schlecht
+zu Dero Herrn Sohnes Frau, aber zu Dero Herrn Sohnes Hure ist meine
+Tochter zu kostbar, und damit basta!--Ich heiße Miller.
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+Secretär Wurm. Die Vorigen.
+
+
+Frau. Ah guten Morgen, Herr Sekertare! Hat man auch einmal wieder
+das Vergnügen von Ihnen?
+
+Wurm. Meinerseits, meinerseits, Frau Base! Wo eine Cavaliersgnade
+einspricht, kommt mein bürgerliches Vergnügen in gar keine Rechnung.
+
+Frau. Was Sie nicht sagen, Herr Sekertare! Des Herrn Majors von
+Walter hohe Gnaden machen uns wohl je und je das Bläsier; doch
+verachten wir darum Niemand.
+
+Miller (verdrießlich). Dem Herrn einen Sessel, Frau. Wollen's
+ablegen, Herr Landsmann?
+
+Wurm (legt Hut und Stock weg, setzt sich). Nun! nun! und wie
+befindet sich denn meine Zukünftige--oder Gewesene?--Ich will doch
+nicht hoffen--kriegt man sie nicht zu sehen--Mamsell Luisen?
+
+Frau. Danken der Nachfrage, Herr Sekertare. Aber meine Tochter ist
+doch gar nicht hochmüthig.
+
+Miller (ärgerlich, stößt sie mit dem Ellenbogen). Weib!
+
+Frau. Bedauern's nur, daß sie die Ehre nicht haben kann vom Herrn
+Sekertare. Sie ist eben in der Meß, meine Tochter.
+
+Wurm. Das freut mich, freut mich. Ich werd' mal eine fromme,
+christliche Frau an ihr haben.
+
+Frau (lächelt dumm-vornehm). Ja--aber, Herr Sekertare-Miller (in
+sichtbarer Verlegenheit, kneipt sie in die Ohren). Weib!
+
+Frau. Wenn Ihnen unser Haus sonst irgend wo dienen kann--mit allem
+Vergnügen, Herr Sekertare-Wurm (macht falsche Augen). Sonst irgendwo!
+Schönen Dank! Schönen Dank!--Hem! hem! hem!
+
+Frau. Aber--wie der Herr Sekertare selber die Einsicht werden
+haben-Miller (voll Zorn seine Frau vor den Hintern stoßend). Weib!
+
+Frau. Gut ist gut, und besser ist besser, und einem einzigen Kind
+mag man doch auch nicht vor seinem Glück sein. (Bäurisch-stolz.) Sie
+werden mich ja doch wohl merken, Herr Sekertare?
+
+Wurm (rückt unruhig im Sessel, kratzt hinter den Ohren und zupft an
+Manschetten und Jabot). Merken? Nicht doch--O ja--Wie meinen Sie
+denn?
+
+Frau. Nu--nu--ich dächte nur--ich meine, (hustet) weil eben halt der
+liebe Gott meine Tochter barrdu zur gnädigen Madam will haben-Wurm
+(fährt vom Stuhl). Was sagen Sie da? Was?
+
+Miller. Bleiben sitzen! Bleiben sitzen, Herr Secretarius! Das Weib
+ist eine alberne Gans. Wo soll eine gnädige Madam herkommen? Was
+für ein Esel streckt sein Langohr aus diesem Geschwätze?
+
+Frau. Schmähl du, so lang du willst. Was ich weiß, weiß ich--und
+was der Herr Major gesagt hat, das hat er gesagt.
+
+Miller (aufgebracht, springt nach der Geige). Willst du dein Maul
+halten? Willst du das Violoncell am Hirnkasten wissen?--Was kannst
+du wissen? Was kann er gesagt haben?--Kehren sich an das Geklatsch
+nicht, Herr Vetter--Marsch du, in deine Küche!--Werden mich doch
+nicht für des Dummkopfs leiblichen Schwager halten, daß ich oben aus
+woll' mit dem Mädel? Werden doch das nicht von mir denken, Herr
+Secretarius?
+
+Wurm. Auch hab' ich es nicht um Sie verdient, Herr Musikmeister.
+Sie haben mich jederzeit den Mann von Wort sehen lassen und meine
+Ansprüche auf Ihre Tochter waren so gut als unterschrieben. Ich habe
+ein Amt, das seinen guten Haushälter nähren kann; der Präsident ist
+mir gewogen; an Empfehlungen kann's nicht fehlen, wenn ich mich höher
+poussieren will. Sie sehen, daß meine Absichten auf Mamsell Luisen
+ernsthaft sind, wenn Sie vielleicht von einem adeligen Windbeutel
+herumgeholt-Frau. Herr Sekertare Wurm! Mehr Respect, wenn man
+bitten darf-Miller. Halt du dein Maul, sag' ich--Lassen Sie es gut
+sein, Herr Vetter! Es bleibt beim Alten. Was ich Ihnen verwichenen
+Herbst zum Bescheid gab, bring' ich heut wieder. Ich zwinge meine
+Tochter nicht. Stehen Sie ihr an--wohl und gut, so mag sie zusehen,
+wie sie glücklich mit Ihnen wird. Schüttelt sie den Kopf--noch
+besser--in Gottes Namen wollt' ich sagen--so stecken Sie den Korb ein
+und trinken eine Bouteille mit dem Vater--Das Mädel muß mit Ihnen
+leben--ich nicht.--Warum soll ich ihr einen Mann, den sie nicht
+schmecken kann, aus purem klarem Eigensinn an den Hals werfen?--Daß
+mich der böse Feind in meinen eisgrauen Tagen noch wie sein Wildpret
+herumhetzt--daß ich's in jedem Glas Wein zu saufen--in jeder Suppe zu
+fressen kriege: Du bist der Spitzbube, der sein Kind ruiniert hat.
+
+Frau. Und kurz und gut--ich geb meinen Consenz absolut nicht; meine
+Tochter ist zu was Hohem gemünzt, und ich lauf' in die Gerichte, wenn
+mein Mann sich beschwatzen läßt.
+
+Miller. Willst du Arm und Bein entzwei haben, Wettermaul?
+
+Wurm (zu Millern). Ein väterlicher Rath vermag bei der Tochter viel,
+und hoffentlich werden Sie mich kennen, Herr Miller?
+
+Miller. Daß dich alle Hagel! 's Mädel muß Sie kennen. Was ich alter
+Knasterbart an Ihnen abgucke, ist just kein Fressen fürs junge
+naschhafte Mädel. Ich will Ihnen aufs Haar hin sagen, ob Sie ein
+Mann fürs Orchester sind--aber eine Weiberseel' ist auch für einen
+Kapellmeister zu spitzig.--Und dann von der Brust weg, Herr
+Vetter--ich bin halt ein plumper gerader deutscher Kerl--für meinen
+Rath würden Sie sich zuletzt wenig bedanken. Ich rathe meiner
+Tochter zu Keinem--aber Sie mißrath ich meiner Tochter, Herr
+Secretarius! Lassen mich ausreden. Einem Liebhaber, der den Vater
+zu Hilfe ruft, trau' ich--erlauben Sie--keine hohle Haselnuß zu. Ist
+er was, so wird er sich schämen, seine Talente durch diesen
+altmodischen Kanal vor seine Liebste zu bringen--Hat er's Courage
+nicht, so ist er ein Hasenfuß, und für den sind keine Luisen
+gewachsen--Da! hinter dem Rücken des Vaters muß er sein Gewerb an die
+Tochter bestellen. Machen muß er, daß das Mädel lieber Vater und
+Mutter zum Teufel wünscht, als ihn fahren läßt,--oder selber kommt,
+dem Vater zu Füßen sich wirft und sich um Gotteswillen den schwarzen
+gelben Tod oder den Herzeinigen ausbittet--Das nenn' ich einen Kerl!
+das heißt lieben!--und wer's bei dem Weibsvolk nicht so weit bringt,
+der soll--auf seinem Gänsekiel reiten.
+
+Wurm (greift nach Hut und Stock und zum Zimmer hinaus). Obligation,
+Herr Miller!
+
+Miller (geht ihm langsam nach). Für was? für was? Haben Sie ja doch
+nichts genossen, Herr Secretarius! (Zurückkommend.) Nichts hört er,
+und hin zieht er--Ist mir's doch wie Gift und Operment, wenn ich den
+Federfuchser zu Gesichte krieg'. Ein confiscierter widriger Kerl,
+als hätt' ihn irgend ein Schleichhändler in die Welt meines Herrgotts
+hineingeschachert--Die kleinen tückischen Mausaugen--die Haare
+brandroth--das Kinn herausgequollen, gerade als wenn die Natur für
+purem Gift über das verhunzte Stück Arbeit meinen Schlingel da
+angefaßt und in irgend eine Ecke geworfen hätte--Nein! eh ich meine
+Tochter an so einen Schuft wegwerfe, lieber soll sie mir--Gott
+verzeih mir's-Frau (spuckt aus, giftig). Der Hund!--aber man wird
+dir's Maul sauber halten!
+
+Miller. Du aber auch mit deinem pestilenzialischen Junker--Hast mich
+vorhin auch so in Harnisch gebracht--Bist doch nie dummer, als wenn
+du um Gotteswillen gescheidt sein solltest. Was hat das Geträtsch
+von einer gnädigen Madam und deiner Tochter da vorstellen sollen?
+Das ist mir der Alte! Dem muß man so was an die Nase heften, wenn's
+morgen am Marktbrunnen ausgeschellt sein soll. Das ist just so ein
+Musje, wie sie in der Leute Häusern herumriechen, über Keller und
+Koch räsonnieren, und springt einem ein nasenweises Wort übers
+Maul--Bumbs! haben's Fürst und Mätreß und Präsident, und du hast das
+siedende Donnerwetter am Halse.
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+Luise Millerin kommt, ein Buch in der Hand. Vorige.
+
+
+Luise (legt das Buch nieder, geht zu Millern und drückt ihm die Hand).
+Guten Morgen, lieber Vater.
+
+Miller (warm). Brav, meine Luise--Freut mich, daß du so fleißig an
+deinen Schöpfer denkst. Bleib immer so, und sein Arm wird dich
+halten.
+
+Luise. O! ich bin eine schwere Sünderin, Vater--War er da, Mutter?
+
+Frau. Wer, mein Kind?
+
+Luise. Ah! ich vergaß, daß es noch außer ihm Menschen gibt--Mein
+Kopf ist so wüste--Er war nicht da? Walter?
+
+Miller (traurig und ernsthaft). Ich dachte, meine Luise hätte den
+Namen in der Kirche gelassen?
+
+Luise (nachdem sie ihn eine Zeitlang starr angesehen). Ich versteh'
+ihn, Vater--fühle das Messer, das Er in mein Gewissen stößt; aber es
+kommt zu spät.--Ich hab' keine Andacht mehr, Vater--der Himmel und
+Ferdinand reißen an meiner blutenden Seele, und ich fürchte--ich
+fürchte--(Nach einer Pause.) Doch nein, guter Vater. Wenn wir ihn
+über dem Gemälde vernachlässigen, findet sich ja der Künstler am
+feinsten gelobt.--Wenn meine Freude über sein Meisterstück mich ihn
+selbst übersehen macht, Vater, muß das Gott nicht ergötzen?
+
+Miller (wirft sich unmuthig in den Stuhl). Da haben wir's! Das ist
+die Frucht von dem gottlosen Lesen.
+
+Luise (tritt unruhig an ein Fenster). Wo er wohl jetzt ist?--Die
+vornehmen Fräulein, die ihn sehen--ihn hören--ich bin ein schlechtes,
+vergessenes Mädchen. (Erschrickt an dem Wort und stürzt ihrem Vater
+zu.) Doch nein, nein! verzeih' Er mir. Ich beweine mein Schicksal
+nicht. Ich will ja nur wenig--an ihn denken--das kostet ja nichts.
+Dies Bischen Leben--dürft' ich es hinhauchen in ein leises,
+schmeichelndes Lüftchen, sein Gesicht abzukühlen;--dies Blümchen
+Jugend--wär' es ein Veilchen, und er träte drauf, und es dürfte
+bescheiden unter ihm sterben!--Damit genügte mir, Vater! Wenn die
+Mücke in ihren Strahlen sich sonnt--kann sie das strafen, die stolze
+majestätische Sonne?
+
+Miller (beugt sich gerührt an die Lehne des Stuhls und bedeckt das
+Gesicht). Höre, Luise--das Bissel Bodensatz meiner Jahre, ich gäb'
+es hin, hättest du den Major nie gesehen.
+
+Luise (erschrocken). Was sagt Er da? was?--Nein, er meint es anders,
+der gute Vater. Er wird nicht wissen, daß Ferdinand mein ist, mir
+geschaffen, mir zur Freude vom Vater der Liebenden. (Sie steht
+nachdenkend.) Als ich ihn das Erstemal sah--(rascher) und mir das
+Blut in die Wangen stieg, froher jagten alle Pulse, jede Wallung
+sprach, jeder Athem lispelte: er ist's!--und mein Herz den
+Immermangelnden erkannte, bekräftigte: er ist's! und wie das
+wiederklang durch die ganze mitfreuende Welt! Damals--o damals ging
+in meiner Seele der erste Morgen auf. Tausend junge Gefühle schossen
+aus meinem Herzen, wie die Blumen aus dem Erdreich, wenn's Frühling
+wird. Ich sah keine Welt mehr, und doch besinn' ich mich, daß sie
+niemals so schön war. Ich wußte von keinem Gott mehr, und doch hatt'
+ich ihn nie so geliebt.
+
+Miller (tritt auf sie zu, drückt sie wider seine Brust).
+Luise--theures--herrliches Kind--nimm meinen alten mürben Kopf--nimm
+Alles--Alles!--den Major--Gott ist mein Zeuge--ich kann dir ihn
+nimmer geben. (Er geht ab.)
+
+Luise. Auch will ich ihn ja jetzt nicht, mein Vater! Dieser karge
+Thautropfen Zeit--schon ein Traum von Ferdinand trinkt ihn wollüstig
+auf. Ich entsag' ihm für dieses Leben. Dann, Mutter--dann wenn die
+Schranken des Unterschieds einstürzen--wenn von uns abspringen all
+die verhaßten Hülsen des Standes--Menschen nur Menschen sind--Ich
+bringe nichts mit mir, als meine Unschuld; aber der Vater hat ja so
+oft gesagt, daß der Schmuck und die prächtigen Titel wohlfeil werden,
+wenn Gott kommt, und die Herzen im Preise steigen. Ich werde dann
+reich sein. Dort rechnet man Thränen für Triumphe und schöne
+Gedanken für Ahnen an. Ich werde dann vornehm sein, Mutter--Was
+hätte er dann noch vor seinem Mädchen voraus?
+
+Frau (fährt in die Höhe). Luise! der Major! Er springt über die
+Planke. Wo verberg' ich mich doch?
+
+Luise (fängt an zu zittern). Bleib Sie doch, Mutter!
+
+Frau. Mein Gott! Wie seh' ich aus; ich muß mich ja schämen. Ich
+darf mich nicht vor seiner Gnaden so sehen lassen. (Ab.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+Ferdinand von Walter. Luise.
+
+
+(Er fliegt auf sie zu--sie sinkt entfärbt und matt auf einen
+Sessel--er bleibt vor ihr stehn--sie sehen sich eine Zeitlang
+stillschweigend an. Pause.)
+
+Ferdinand. Du bist blaß, Luise?
+
+Luise (steht auf und fällt ihm um den Hals). Es ist nichts! nichts!
+Du bist ja da. Es ist vorüber.
+
+Ferdinand (ihr Hand nehmend und zum Munde führend). Und liebt mich
+meine Luise noch? Mein Herz ist das gestrige, ist's auch das deine
+noch? Ich fliege nur her, will sehen, ob du heiter bist, und gehn
+und es auch sein--Du bist's nicht.
+
+Luise. Doch, doch, mein Geliebter.
+
+Ferdinand. Rede mir Wahrheit. Du bist's nicht. Ich schau durch
+deine Seele, wie durch das klare Wasser dieses Brillanten. (Zeigt
+auf seinen Ring.) Hier wirft sich kein Bläschen auf, das ich nicht
+merkte--kein Gedanke tritt in dies Angesicht, der mir entwischte.
+Was hast du? Geschwind! Weiß ich nur diesen Spiegel helle, so läuft
+keine Wolke über die Welt. Was bekümmert dich?
+
+Luise (sieht ihn eine Weile stumm und bedeutend an, dann mit Wehmuth).
+Ferdinand! Ferdinand! Daß du doch wüßtest, wie schön in dieser
+Sprache das bürgerliche Mädchen sich ausnimmt-Ferdinand. Was ist
+das? (Befremdet.) Mädchen! Höre! wie kommst du auf das?--Du bist
+meine Luise. Wer sagt dir, daß du noch etwas sein solltest? Siehst
+du, Falsche, auf welchem Kaltsinn ich dir begegnen muß. Wärest du
+ganz nur Liebe für mich, wann hättest du Zeit gehabt, eine
+Vergleichung zu machen? Wenn ich bei dir bin, zerschmilzt meine
+Vernunft in einen Blick--in einen Traum von dir, wenn ich weg bin,
+und du hast noch eine Klugheit neben deiner Liebe?--Schäme dich!
+Jeder Augenblick, den du an diesen Kummer verlorst, war deinem
+Jüngling gestohlen.
+
+Luise (faßt seine Hand, indem sie den Kopf schüttelt). Du willst
+mich einschläfern, Ferdinand--willst meine Augen von diesem Abgrund
+hinweglocken, in den ich ganz gewiß stürzen muß. Ich seh' in die
+Zukunft--die Stimme des Ruhms--deine Entwürfe--dein Vater--mein
+Nichts. (Erschrickt und läßt plötzlich seine Hand fahren.) Ferdinand!
+Ein Dolch über dir und mir!--Man trennt uns!
+
+Ferdinand. Trennt uns! (Er springt auf.) Woher bringst du diese
+Ahnung, Luise? Trennt uns?--Wer kann den Bund zweier Herzen lösen,
+oder die Töne eines Accords auseinander reißen?--Ich bin ein
+Edelmann--Laß doch sehen, ob mein Adelbrief älter ist, als der Riß
+zum unendlichen Weltall? oder mein Wappen gültiger, als die
+Handschrift des Himmels in Luisens Augen: dieses Weib ist für diesen
+Mann?--Ich bin des Präsidenten Sohn. Eben darum. Wer, als die Liebe,
+kann mir die Flüche versüßen, die mir der Landeswucher meines Vaters
+vermachen wird?
+
+Luise. O wie sehr fürcht' ich ihn--diesen Vater!
+
+Ferdinand. Ich fürchte nichts--nichts--als die Grenzen deiner Liebe.
+Laß auch Hindernisse wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie
+für Treppen nehmen und drüber hin in Luisens Arme fliegen. Die
+Stürme des widrigen Schicksals sollen meine Empfindung emporblasen,
+Gefahren werden meine Luise nur reizender machen.--Also nichts mehr
+von Furcht, meine Liebe. Ich selbst--ich will über dir wachen, wie
+der Zauberdrach über unterirdischem Golde--Mir vertraue dich! Du
+brauchst keinen Engel mehr--Ich will mich zwischen dich und das
+Schicksal werfen--empfangen für dich jede Wunde--auffassen für dich
+jeden Tropfen aus dem Becher der Freude--dir ihn bringen in die
+Schale der Liebe. (Sie zärtlich umfassend.) An diesem Arm soll meine
+Luise durchs Leben hüpfen; schöner, als er dich von sich ließ, soll
+der Himmel dich wieder haben und mit Verwunderung eingestehn, daß nur
+die Liebe die letzte Hand an die Seelen legte-Luise (drückt ihn von
+sich, in großer Bewegung). Nichts mehr! Ich bitte dich, schweig!
+--Wüßtest du--Laß mich--du weißt nicht, daß deine Hoffnungen mein
+Herz wie Furien anfallen. (Will fort.)
+
+Ferdinand (hält sie auf). Luise? Wie! Was! Welche Anwandlung?
+
+Luise. Ich hatte diese Träume vergessen und war glücklich--Jetzt!
+jetzt! von heut an--der Friede meines Lebens ist aus--Wilde
+Wünsche--ich weiß es--werden in meinem Busen rasen.--Geh--Gott
+vergebe dir's--Du hast den Feuerbrand in mein junges, friedsames Herz
+geworfen, und er wird nimmer, nimmer gelöscht werden. (Sie stürzt
+hinaus. Er folgt ihr sprachlos nach.)
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+Saal beim Präsidenten.
+
+
+Der Präsident, ein Ordenskreuz um den Hals, einen Stern an der Seite,
+und Secretär Wurm treten auf.
+
+Präsident. Ein ernsthaftes Attachement! Mein Sohn?--Nein, Wurm, das
+macht Er mich nimmermehr glauben.
+
+Wurm. Ihro Excellenz haben die Gnade, mir den Beweis zu befehlen.
+
+Präsident. Daß er der Bürgercanaille den Hof macht--Flatterieen
+sagt--auch meinetwegen Empfindungen vorplaudert--das sind lauter
+Sachen, die ich möglich finde--verzeihlich finde--aber--und noch gar
+die Tochter eines Musikus, sagt Er?
+
+Wurm. Musikmeister Millers Tochter.
+
+Präsident. Hübsch--Zwar das versteht sich.
+
+Wurm (lebhaft). Das schönste Exemplar einer Blondine, die, nicht zu
+viel gesagt, neben den ersten Schönheiten des Hofes noch Figur machen
+würde.
+
+Präsident (lacht). Er sagt mir, Wurm--Er habe ein Aug auf das
+Ding--das find' ich. Aber sieht Er, mein lieber Wurm--daß mein Sohn
+Gefühl für das Frauenzimmer hat, macht mir Hoffnung, daß ihn die
+Damen nicht hassen werden. Er kann bei Hof etwas durchsetzen. Das
+Mädchen ist schön, sagt Er; das gefällt mir an meinem Sohn, daß er
+Geschmack hat. Spiegelt er der Närrin solide Absichten vor? Noch
+besser--so seh' ich, daß er Witz genug hat, in seinen Beutel zu lügen.
+Er kann Präsident werden. Setzt er es noch dazu durch? Herrlich!
+das zeigt mir an, daß er Glück hat.--Schließt sich die Farce mit
+einem gesunden Enkel--unvergleichlich! so trink' ich auf die guten
+Aspecten meines Stammbaums eine Bouteille Malaga mehr und bezahle die
+Scortationsstrafe für seine Dirne.
+
+Wurm. Alles, was ich wünsche, Ihr' Excellenz, ist, daß Sie nicht
+nöthig haben möchten, diese Bouteille zu Ihrer Zerstreuung zu trinken.
+
+Präsident (ernsthaft). Wurm, besinn' Er sich, daß ich, wenn ich
+einmal glaube, hartnäckig glaube; rase, wenn ich zürne--Ich will
+einen Spaß daraus machen, daß Er mich aufhetzen wollte. Daß Er sich
+seinen Nebenbuhler gern vom Hals geschafft hätte, glaub' ich Ihm
+herzlich gern. Da Er meinen Sohn bei dem Mädchen auszustechen Mühe
+haben möchte, soll Ihm der Vater zur Fliegenklatsche dienen, das
+find' ich wieder begreiflich--und daß er einen so herrlichen Ansatz
+zum Schelmen hat, entzückt mich sogar--Nur, mein lieber Wurm, muß Er
+mich nicht mit prellen wollen.--Nur, versteht Er mich, muß Er den
+Pfiff nicht bis zum Einbruch in meine Grundsätze treiben.
+
+Wurm. Ihro Excellenz verzeihen. Wenn auch wirklich--wie Sie
+argwohnen--die Eifersucht hier im Spiel sein sollte, so wäre sie es
+wenigstens nur mit den Augen und nicht mit der Zunge.
+
+Präsident. Und ich dächte, sie bliebe ganz weg. Dummer Teufel, was
+verschlägt es denn Ihm, ob Er die Karolin frisch aus der Münze oder vom
+Bankier bekommt. Tröst' Er sich mit dem hiesigen Adel--wissentlich
+oder nicht--bei uns wird selten eine Mariage geschlossen, wo nicht
+wenigstens ein halb Dutzend der Gäste--oder der Aufwärter--das Paradies
+des Bräutigams geometrisch ermessen kann.
+
+Wurm (verbeugt sich). Ich mache hier gern den Bürgersmann, gnädiger
+Herr.
+
+Präsident. Überdies kann Er mit Nächstem die Freude haben, seinem
+Nebenbuhler den Spott auf die schönste Art heimzugeben. Eben jetzt
+liegt der Anschlag im Kabinet, daß, auf die Ankunft der neuen
+Herzogin, Lady Milford zum Schein den Abschied erhalten und, den
+Betrug vollkommen zu machen, eine Verbindung eingehen soll. Er weiß,
+Wurm, wie sehr sich mein Ansehen auf den Einfluß der Lady stützt--wie
+überhaupt meine mächtigsten Springfedern in die Wallungen des Fürsten
+hineinspielen. Der Herzog sucht eine Partie für die Milford. Ein
+Anderer kann sich melden--den Kauf schließen, mit der Dame das
+Vertrauen des Fürsten anreißen, sich ihm unentbehrlich machen--Damit
+nun der Fürst im Netz meiner Familie bleibe, soll mein Ferdinand die
+Milford heirathen--Ist Ihm das helle?
+
+Wurm. Daß mich die Augen beißen--Wenigstens bewies der Präsident
+hier, daß der Vater nur ein Anfänger gegen ihn ist. Wenn der Major
+Ihnen eben so den gehorsamen Sohn zeigt, als Sie ihm den zärtlichen
+Vater, so dürfte Ihre Anforderung mit Protest zurückkommen.
+
+Präsident. Zum Glück war mir noch nie für die Ausführung eines
+Entwurfes bang, wo ich mich mit einem: es soll so sein! einstellen
+konnte.--Aber seh' Er nun, Wurm, das hat uns wieder auf den vorigen
+Punkt geleitet. Ich kündige meinem Sohn noch diesen Vormittag seine
+Vermählung an. Das Gesicht, das er mir zeigen wird, soll Seinen
+Argwohn entweder rechtfertigen oder ganz widerlegen.
+
+Wurm. Gnädiger Herr, ich bitte sehr um Vergebung. Das finstre
+Gesicht, das er Ihnen ganz zuverlässig zeigt, läßt sich eben so gut
+auf die Rechnung der Braut schreiben, die Sie ihm zuführen, als
+derjenigen, die Sie ihm nehmen. Ich ersuche Sie um eine schärfere
+Probe. Wählen Sie ihm die untadelichste Partie im Lande, und sagt er
+Ja, so lassen Sie den Secretär Wurm drei Jahre Kugeln schleifen.
+
+Präsident (heißt die Lippen). Teufel!
+
+Wurm. Es ist nicht anders! Die Mutter--die Dummheit selbst--hat mir
+in der Einfalt zu viel geplaudert.
+
+Präsident (geht auf und nieder, preßt seinen Zorn zurück). Gut!
+Diesen Morgen noch.
+
+Wurm. Nur vergessen Ew. Excellenz nicht, daß der Major--der Sohn
+meines Herrn ist!
+
+Präsident. Er soll geschont werden, Wurm.
+
+Wurm. Und daß der Dienst, Ihnen von einer unwillkommenen
+Schwiegertochter zu helfen-Präsident. Den Gegendienst werth ist, Ihm
+zu einer Frau zu helfen?--Auch das, Wurm!
+
+Wurm (bückt sich vergnügt). Ewig der Ihrige, gnädiger Herr! (Er
+will gehen.)
+
+Präsident. Was ich Ihm vorhin vertraut habe, Wurm! (Drohend.) Wenn
+Er plaudert-Wurm (lacht). So zeigen Ihr' Excellenz meine falschen
+Handschriften auf. (er geht ab.)
+
+Präsident. Zwar bist du mir gewiß! Ich halte dich an deiner eigenen
+Schurkerei, wie den Schröter am Faden.
+
+Ein Kammerdiener (tritt herein). Hofmarschall von Kalb-Präsident.
+Kommt wie gerufen.--Er soll mir angenehm sein. (Kammerdiener geht.)
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+Hofmarschall von Kalb in einem reichen, aber geschmacklosen Hofkleid,
+mit Kammerherrnschlüsseln, zwei Uhren und einem Degen, Chapeaubas und
+frisiert à la Hérisson. Er fliegt mit großem Gekreisch auf den
+Präsidenten zu und breitet einen Bisamgeruch über das ganze Parterre.
+Präsident.
+
+
+Hofmarschall (ihn umarmend). Ah guten Morgen, mein Bester! Wie geruht?
+wie geschlafen?--Sie verzeihen doch, daß ich so spät das Vergnügen
+habe--dringende Geschäfte--der Küchenzettel--Visitenbillets--das
+Arrangement der Partieen auf die heutige Schlittenfahrt--Ah--und dann
+mußt' ich ja auch bei dem Lever zugegen sein und Seiner Durchleucht das
+Wetter verkündigen.
+
+Präsident. Ja, Marschall, da haben Sie freilich nicht abkommen
+können.
+
+Hofmarschall. Oben drein hat mich ein Schelm von Schneider noch
+sitzen lassen.
+
+Präsident. Und doch fix und fertig?
+
+Hofmarschall. Das ist noch nicht Alles.--Ein Malheur jagt heut das
+andere. Hören Sie nur!
+
+Präsident (zerstreut). Ist das möglich?
+
+Hofmarschall. Hören Sie nur! Ich steige kaum aus dem Wagen, so
+werden die Hengste scheu, stampfen und schlagen aus, daß mir--ich
+bitte Sie!--der Gassenkoth über und über an die Beinkleider spritzt.
+Was anzufangen? Setzen Sie sich um Gotteswillen in meine Lage, Baron!
+Da stand ich. Spät war es. Eine Tagreise ist es--und in dem
+Aufzug vor Seine Durchleucht! Gott der Gerechte!--Was fällt mir bei?
+Ich fingiere eine Ohnmacht. Man bringt mich über Hals und Kopf in
+die Kutsche. Ich in voller Carrière nach Haus--wechsle die
+Kleider--fahre zurück--Was sagen Sie?--und bin noch der erste in der
+Antichambre--Was denken Sie?-Präsident. Ein herrliches Impromptu des
+menschlichen Witzes--Doch das beiseite, Kalb--Sie sprachen also schon
+mit dem Herzog?
+
+Hofmarschall (wichtig). Zwanzig Minuten und eine halbe.
+
+Präsident. Das gesteh' ich!--und wissen wir also ohne Zweifel eine
+wichtige Neuigkeit?
+
+Hofmarschall (ernsthaft, nach einigem Stillschweigen). Seine
+Durchleucht haben heute einen Merde d'Oye Biber an.
+
+Präsident. Man denke!--Nein, Marschall, so hab' ich doch eine
+bessere Zeitung für Sie--Daß Lady Milford Majorin von Walter wird,
+ist Ihnen gewiß etwas Neues?
+
+Hofmarschall. Denken Sie!--Und das ist schon richtig gemacht?
+
+Präsident. Unterschrieben, Marschall--und Sie verbinden mich, wenn
+Sie ohne Aufschub dahin gehen, die Lady auf seinen Besuch präparieren
+und den Entschluß meiner Ferdinands in der ganzen Residenz bekannt
+machen.
+
+Hofmarschall (entzückt). O mit tausend Freuden, mein Bester!--Was
+kann mir erwünschter kommen?--Ich fliege sogleich--(Umarmt ihn.)
+Leben Sie wohl--in drei Viertelstunden weiß es die ganze Stadt.
+(Hüpft hinaus.)
+
+Präsident (lacht dem Marschall nach). Man sage noch, daß diese
+Geschöpfe in der Welt zu nichts taugen--Nun muß ja mein Ferdinand
+wollen, oder die ganze Stadt hat gelogen. (Klingelt--Wurm kommt.)
+Mein Sohn soll hereinkommen. (Wurm geht ab, der Präsident auf und
+nieder, gedankenvoll.)
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+Ferdinand. Präsident. Wurm, welcher gleich abgeht.
+
+
+Ferdinand. Sie haben befohlen, gnädiger Herr Vater-Präsident.
+Leider muß ich das, wenn ich meines Sohns einmal froh werden
+will--Laß Er uns allein, Wurm!--Ferdinand, ich beobachte dich schon
+eine Zeitlang und finde die offene rasche Jugend nicht mehr, die mich
+sonst so entzückt hat. Ein seltsamer Gram brütet auf deinem Gesicht.
+Du fliehst mich--du fliehst deine Zirkel--Pfui!--Deinen Jahren
+verzeiht man zehn Ausschweifungen vor einer einzigen Grille.
+Überlaß diese mir, lieber Sohn! Mich laß an deinem Glück arbeiten
+und denke auf nichts, als in meine Entwürfe zu spielen.--Komm! umarme
+mich, Ferdinand!
+
+Ferdinand. Sie sind heute sehr gnädig, mein Vater.
+
+Präsident. Heute, du Schalk--und dieses Heute noch mit der herben
+Grimasse? (Ernsthaft.) Ferdinand!--Wem zu lieb hab' ich die
+gefährliche Bahn zum Herzen des Fürsten betreten? Wem zu lieb bin
+ich auf ewig mit meinem Gewissen und dem Himmel zerfallen?--Höre,
+Ferdinand!--Ich spreche mit meinem Sohn--Wem hab' ich durch die
+Hinwegräumung meines Vorgängers Platz gemacht--eine Geschichte, die
+desto blutiger in mein Inwendiges schneidet, je sorgfältiger ich das
+Messer der Welt verberge! Höre! sage mir, Ferdinand! Wem that ich
+Dies alles?
+
+Ferdinand (tritt mit Schrecken zurück). Doch mir nicht, mein Vater?
+Doch auf mich soll der blutige Widerschein dieses Frevels nicht
+fallen? Beim allmächtigen Gott! es ist besser, gar nicht geboren zu
+sein, als dieser Missethat zur Ausrede dienen!
+
+Präsident. Was war das? Was? Doch ich will es dem Romanenkopfe zu
+gut halten!--Ferdinand!--ich will mich nicht erhitzen, vorlauter
+Knabe--Lohnst du mir also für meine schlaflosen Nächte? Also für
+meine rastlose Sorge? Also für den ewigen Scorpion meines
+Gewissens?--Auf mich fällt die Last der Verantwortung--auf mich der
+Fluch, der Donner des Richters--Du empfängst dein Glück von der
+zweiten Hand--das Verbrechen klebt nicht am Erbe.
+
+Ferdinand (streckt die rechte Hand gen Himmel). Feierlich entsag'
+ich hier einem Erbe, das mich nur an einen abscheulichen Vater
+erinnert.
+
+Präsident. Höre, junger Mensch, bringe mich nicht auf!--Wenn es nach
+deinem Kopf ginge, du kröchest dein Lebenlang im Staube.
+
+Ferdinand. O, immer noch besser, Vater, als ich kröch' um den Thron
+herum.
+
+Präsident (verbeißt seinen Zorn). Hum!--Zwingen muß man dich,
+dein Glück zu erkennen. Wo zehn Andre mit aller Anstrengung
+nicht hinaufklimmen, wirst du spielend, im Schlafe gehoben. Du
+bist im zwölften Jahre Fähndrich. Im zwanzigsten Major. Ich
+hab' es durchgesetzt beim Fürsten. Du wirst die Uniform
+ausziehen und in das Ministerium eintreten. Der Fürst sprach
+vom Geheimenrath--Gesandtschaften--außerordentlichen Gnaden.
+Eine herrliche Aussicht dehnt sich vor dir!--Die ebene Straße
+zunächst nach dem Throne--zum Throne selbst, wenn anders die
+Gewalt so viel werth ist, als ihr Zeichen--das begeistert dich
+nicht?
+
+Ferdinand. Weil meine Begriffe von Größe und Glück nicht ganz die
+Ihrigen sind--Ihre Glückseligkeit macht sich nur selten anders, als
+durch Verderben bekannt. Neid, Furcht, Verwünschung sind die
+traurigen Spiegel, worin sich die Hoheit eines Herrschers belächelt.
+--Thränen, Flüche, Verzweiflung die entsetzliche Mahlzeit, woran
+diese gepriesenen Glücklichen schwelgen, von der sie betrunken
+aufstehen und so in die Ewigkeit vor den Thron Gottes taumeln--Mein
+Ideal von Glück zieht sich genügsamer in mich selbst zurück. In
+meinem Herzen liegen alle meine Wünsche begraben.-Präsident.
+Meisterhaft! Unverbesserlich! Herrlich! Nach dreißig Jahren die
+erste Vorlesung wieder!--Schade nur, daß mein fünfzigjähriger Kopf zu
+zäh für das Lernen ist!--Doch--dies seltne Talent nicht einrosten zu
+lassen, will ich dir Jemand an die Seite geben, bei dem du dich in
+dieser buntscheckigen Tollheit nach Wunsch exercieren kannst.--Du
+wirst dich entschließen--noch heute entschließen--eine Frau zu nehmen.
+
+Ferdinand (tritt bestürzt zurück). Mein Vater?
+
+Präsident. Ohne Complimente.--Ich habe der Lady Milford in deinem
+Namen eine Karte geschickt. Du wirst dich ohne Aufschub bequemen,
+dahin zu gehen und ihr zu sagen, daß du ihr Bräutigam bist!
+
+Ferdinand. Der Milford, mein Vater?
+
+Präsident. Wenn sie dir bekannt ist-Ferdinand (außer Fassung).
+Welcher Schandsäule im Herzogthum ist sie das nicht!--Aber ich bin
+wohl lächerlich, lieber Vater, daß ich Ihre Laune für Ernst aufnehme?
+Würden Sie Vater zu dem Schurken Sohn sein wollen, der eine
+privilegierte Buhlerin heirathete?
+
+Präsident. Noch mehr! Ich würde selbst um sie werben, wenn sie
+einen Fünfziger möchte--Würdest du zu dem Schurken Vater nicht Sohn
+sein wollen?
+
+Ferdinand. Nein! So wahr Gott lebt!
+
+Präsident. Eine Frechheit, bei meiner Ehre! die ich ihrer Seltenheit
+wegen vergebe-Ferdinand. Ich bitte Sie, Vater! Lassen Sie mich
+nicht länger in einer Vermuthung, wo es mir unerträglich wird, mich
+Ihren Sohn zu nennen.
+
+Präsident. Junge, bist du toll? Welcher Mensch von Vernunft würde
+nicht nach der Distinction geizen, mit seinem Landesherrn an einem
+dritten Orte zu wechseln?
+
+Ferdinand. Sie werden mir zum Räthsel, mein Vater. Distinction
+nennen Sie es--Distinction, da mit dem Fürsten zu theilen, wo er auch
+unter den Menschen hinunterkriecht?
+
+Präsident (schlägt ein Gelächter auf).
+
+Ferdinand. Sie können lachen--und ich will über das hinweggehen,
+Vater. Mit welchem Gesicht soll ich unter den schlechtesten
+Handwerker treten, der mit seiner Frau wenigstens doch einen ganzen
+Körper zum Mitgift bekommt? Mit welchem Gesicht vor die Welt? Vor
+den Fürsten? Mit welchem vor die Buhlerin selbst, die den
+Brandflecken ihrer Ehre in meiner Schande auswaschen würde?
+
+Präsident. Wo in aller Welt bringst du das Maul her, Junge?
+
+Ferdinand. Ich beschwöre Sie bei Himmel und Erde! Vater, Sie können
+durch diese Hinwerfung Ihres einzigen Sohnes so glücklich nicht
+werden, als Sie ihn unglücklich machen. Ich gebe Ihnen mein Leben,
+wenn das Sie steigen machen kann. Mein Leben hab' ich von Ihnen, ich
+werde keinen Augenblick anstehen, es ganz Ihrer Größe zu opfern.
+--Meine Ehre, Vater--wenn Sie mir diese nehmen, so war es ein
+leichtfertiges Schelmenstück, mir das Leben zu geben, und ich muß den
+Vater wie den Kuppler verfluchen.
+
+Präsident (freundlich, indem er ihn auf die Achsel klopft). Brav,
+lieber Sohn. Jetzt seh' ich, daß du ein ganzer Kerl bist und der
+besten Frau im Herzogthum würdig. Sie soll dir werden--noch diesen
+Mittag wirst du dich mit der Gräfin von Ostheim verloben.
+
+Ferdinand (aufs Neue betreten). Ist diese Stunde bestimmt, mich ganz
+zu zerschmettern?
+
+Präsident (einen lauernden Blick auf ihn werfend). Wo doch
+hoffentlich deine Ehre nichts einwenden wird?
+
+Ferdinand. Nein, mein Vater! Friederike von Ostheim könnte jeden
+Andern zum Glücklichsten machen. (Vor sich in höchster Verwirrung.)
+Was seine Bosheit an seinem Herzen noch ganz ließ, zerreißt seine
+Güte.
+
+Präsident (noch immer kein Auge von ihm wendend). Ich warte auf
+deine Dankbarkeit, Ferdinand-Ferdinand (stürzt auf ihn zu und küßt
+ihm feurig die Hand). Ihre Gnade entflammt meine ganze
+Empfindung--Vater! meinen heißesten Dank für Ihre herzliche
+Meinung--Ihre Wahl ist untadelhaft--aber--ich kann--ich
+darf--bedauern Sie mich--ich kann die Gräfin nicht lieben!
+
+Präsident (tritt einen Schritt zurück). Holla! Jetzt hab'
+ich den jungen Herrn! Also in diese Falle ging er, der
+listige Heuchler--Also es war nicht die Ehre, die dir die Lady
+verbot?--Es war nicht die Person, sondern die Heirath, die du
+verabscheutest?-Ferdinand (steht zuerst wie versteinert, dann
+fährt er auf und will fortrennen).
+
+Präsident. Wohin? Halt! Ist das der Respect, den du mir schuldig
+bist? (Der Major kehrt zurück.) Du bist bei der Lady gemeldet. Der
+Fürst hat mein Wort. Stadt und Hof wissen es richtig.--Wenn du mich
+zum Lügner machst, Junge--vor dem Fürsten--der Lady--der Stadt--dem
+Hof mich zum Lügner machst--Höre, Junge--oder wenn ich hinter gewisse
+Historien komme?--Halt! Holla! Was bläst so auf einmal das Feuer in
+deinen Wangen aus?
+
+Ferdinand (schneeblaß und zitternd). Wie? Was? Es ist gewiß nichts,
+mein Vater!
+
+Präsident (einen fürchterlichen Blick auf ihn heftend). Und wenn es
+was ist--und wenn ich die Spur finden sollte, woher diese
+Widersetzlichkeit stammt--Ha, Junge! der bloße Verdacht schon bringt
+mich zum Rasen! Geh den Augenblick! Die Wachtparade fängt an! Du
+wirst bei der Lady sein, sobald die Parole gegeben ist--Wenn ich
+auftrete, zittert ein Herzogthum. Laß doch sehen, ob mich ein
+Starrkopf von Sohn meistert. (Er geht und kommt noch einmal wieder.)
+Junge, ich sage dir, du wirst dort sein, oder fliehe meinen Zorn!
+(Er geht ab.)
+
+Ferdinand (erwacht aus einer dumpfen Betäubung). Ist er weg? War
+das eines Vaters Stimme?--Ja! ich will zu ihr--will hin--will ihr
+Dinge sagen, will ihr einen Spiegel vorhalten--Nichtswürdige! und
+wenn du auch noch dann meine Hand verlangst--Im Angesicht des
+versammelten Adels, des Militärs und des Volks--Umgürte dich mit dem
+ganzen Stolz deines Englands--Ich verwerfe dich--ein deutscher
+Jüngling! (Er eilt hinaus.)
+
+
+
+
+Zweiter Akt.
+
+Ein Saal im Palais der Lady Milford; zur rechten Hand steht ein Sopha,
+zur linken ein Flügel.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+Lady in einem freien, aber reizenden Negligé, die Haare noch
+unfrisiert, sitzt vor dem Flügel und phantasiert; Sophie, die
+Kammerjungfer, kommt von dem Fenster.
+
+
+Sophie. Die Officiers gehen auseinander. Die Wachtparade ist
+aus--aber ich sehe noch keinen Walter.
+
+Lady (sehr unruhig, indem sie aufsteht und einen Gang durch den Saal
+macht). Ich weiß nicht, wie ich mich heute finde, Sophie--Ich bin
+noch nie so gewesen--Also du sahst ihn gar nicht?--Freilich wohl--Es
+wird ihm nicht eilen--Wie ein Verbrechen liegt es auf meiner
+Brust--Geh, Sophie--Man soll mir den wildesten Renner herausführen,
+der im Marstall ist. Ich muß ins Freie--Menschen sehen und blauen
+Himmel, und mich leichter reiten ums Herz herum.
+
+Sophie. Wenn Sie sich unpäßlich fühlen, Milady--berufen Sie
+Assemblee hier zusammen. Lassen Sie den Herzog hier Tafel halten,
+oder die l'Hombretische vor Ihren Sopha setzen. Mir sollte der Fürst
+und sein ganzer Hof zu Gebote stehen und eine Grille im Kopfe surren?
+
+Lady (wirft sich in den Sopha). Ich bitte, verschone mich! Ich gebe
+dir einen Demant für jede Stunde, wo ich sie mir vom Hals schaffen
+kann! Soll ich meine Zimmer mit diesem Volk tapezieren?--Das sind
+schlechte, erbärmliche Menschen, die sich entsetzen, wenn mir ein
+warmes herzliches Wort entwischt, Mund und Nasen aufreißen, als sähen
+sie eine Geist--Sklaven eines einzigen Marionettendrahts, den ich
+leichter als mein Filet regiere!--Was fang' ich mit Leuten an, deren
+Seelen so gleich als ihre Sackuhren gehen? Kann ich eine Freude dran
+finden, sie was zu fragen, wenn ich voraus weiß, was sie mir
+antworten werden? Oder Worte mit ihnen zu wechseln, wenn sie das
+Herz nicht haben, andrer Meinung als ich zu sein?--Weg mit ihnen! Es
+ist verdrießlich, ein Roß zu reiten, das nicht auch in den Zügel
+beißt. (Sie tritt zum Fenster.)
+
+Sophie. Aber den Fürsten werden Sie doch ausnehmen, Lady? Den
+schönsten Mann--den feurigsten Liebhaber--den witzigsten Kopf in
+seinem ganzen Lande!
+
+Lady (kommt zurück). Denn es ist sein Land--und nur ein Fürstenthum,
+Sophie, kann meinem Geschmack zur erträglichen Ausrede dienen--Du
+sagst, man beneide mich. Armes Ding! Beklagen soll man mich
+vielmehr! Unter Allen, die an den Brüsten der Majestät trinken,
+kommt die Favoritin am schlechtesten weg, weil sie allein dem großen
+und reichen Mann auf dem Bettelstabe begegnet--Wahr ist's, er kann
+mit dem Talisman seiner Größe jeden Gelust meines Herzens, wie ein
+Feenschloß, aus der Erde rufen.--Er setzt den Saft von zwei Indien
+auf die Tafel--ruft Paradiese aus Wildnissen--läßt die Quellen seines
+Landes in stolzen Bögen gen Himmel springen, oder das Mark seiner
+Unterthanen in einem Feuerwerk hinpuffen--Aber kann er auch seinem
+Herzen befehlen, gegen ein großes, feuriges Herz groß und feurig zu
+schlagen? Kann er sein darbendes Gehirn auf ein einziges schönes
+Gefühl exequieren?--Mein Herz hungert bei all dem Vollauf der Sinne;
+und was helfen mich tausend beßre Empfindungen, wo ich nur Wallungen
+löschen darf?
+
+Sophie (blickt sie verwundernd an). Wie lang ist es denn aber, daß
+ich Ihnen diene, Milady?
+
+Lady. Weil du erst heute mit mir bekannt wirst?--Es ist wahr, liebe
+Sophie--ich habe dem Fürsten meine Ehre verkauft; aber mein Herz habe
+ich frei behalten--ein Herz, meine Gute, das vielleicht eines Mannes
+noch werth ist--über welches der giftige Wind des Hofes nur wie der
+Hauch über den Spiegel ging--Trau' es mir zu, meine Liebe, daß ich es
+längst gegen diesen armseligen Fürsten behauptet hätte, wenn ich es
+nur von meinem Ehrgeiz erhalten könnte, einer Dame am Hof den Rang
+vor mir einzuräumen.
+
+Sophie. Und dieses Herz unterwarf sich dem Ehrgeiz so gern?
+
+Lady (lebhaft). Als wenn es sich nicht schon gerächt hätte?--Nicht
+jetzt noch rächte?--Sophie! (Bedeutend, indem sie die Hand auf
+Sophiens Achsel fallen läßt.) Wir Frauenzimmer können nur zwischen
+Herrschen und Dienen wählen, aber die höchste Wonne der Gewalt ist
+doch nur ein elender Behelf, wenn uns die größere Wonne versagt wird,
+Sklavinnen eines Mannes zu sein, den wir lieben.
+
+Sophie. Eine Wahrheit, Milady, die ich von Ihnen zuletzt hören
+wollte!
+
+Lady. Und warum, meine Sophie? Sieht man es denn dieser kindischen
+Führung des Scepters nicht an, daß wir nur für das Gängelband taugen?
+Sahst du es denn diesem launischen Flattersinn nicht an--diesen
+wilden Ergötzungen nicht an, daß sie nur wildere Wünsche in meiner
+Brust überlärmen sollten?
+
+Sophie (tritt erstaunt zurück). Lady!
+
+Lady (lebhafter). Befriedige diese! Gib mir den Mann, den ich jetzt
+denke--den ich anbete--sterben, Sophie, oder besitzen muß.
+(Schmelzend.) Laß mich aus seinem Mund es vernehmen, daß Thränen der
+Liebe schöner glänzen in unsern Augen, als die Brillanten in unserm
+Haar, (feurig) und ich werfe dem Fürsten sein Herz und sein
+Fürstenthum vor die Füße, fliehe mit diesem Mann, fliehe in die
+entlegenste Wüste der Welt-Sophie (blickt sie erschrocken an).
+Himmel! Was machen Sie? Wie wird Ihnen, Lady?
+
+Lady (bestürzt). Du entfärbst dich?--Hab' ich vielleicht etwas zu
+viel gesagt? O so laß mich deine Zunge mit meinem Zutrauen
+binden--höre noch mehr--höre Alles-Sophie (schaut sich ängstlich um).
+Ich fürchte, Milady--ich fürchte--ich brauch' es nicht mehr zu hören.
+
+Lady. Die Verbindung mit dem Major--Du und die Welt stehen im Wahn,
+sie sei eine Hof-Kabale--Sophie--erröthe nicht--schäme dich meiner
+nicht--sie ist das Werk--meiner Liebe!
+
+Sophie. Bei Gott! Was mir ahnete!
+
+Lady. Sie ließen sich beschwatzen, Sophie--der schwache Fürst--der
+hofschlaue Walter--der alberne Marschall--Jeder von ihnen wird darauf
+schwören, daß diese Heirath das unfehlbarste Mittel sei, mich dem
+Herzog zu retten, unser Band um so fester zu knüpfen!--Ja! es auf
+ewig zu trennen! auf ewig diese schändlichen Ketten zu brechen!
+--Belogene Lügner! Von einem schwachen Weib überlistet! Ihr selbst
+führt mir jetzt meinen Geliebten zu! Das war es ja nur, was ich
+wollte--Hab' ich ihn einmal--hab' ich ihn--o dann auf immer gute
+Nacht, abscheuliche Herrlichkeit-
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+Ein alter Kammerdiener des Fürsten, der ein Schmuckkästchen trägt.
+Die Vorigen.
+
+
+Kammerdiener. Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen sich Milady zu
+Gnaden und schicken Ihnen diese Brillanten zur Hochzeit. Sie kommen
+so eben erst aus Venedig.
+
+Lady (hat das Kästchen geöffnet und fährt erschrocken zurück).
+Mensch! was bezahlt dein Herzog für diese Steine?
+
+Kammerdiener (mit finsterm Gesicht). Sie kosten ihn keinen Heller!
+
+Lady. Was? Bist du rasend? Nichts?--und (indem sie einen Schritt
+von ihm wegtritt) du wirfst mir ja einen Blick zu, als wenn du mich
+durchbohren wolltest--Nichts kosten ihn diese unermeßlich kostbaren
+Steine?
+
+Kammerdiener. Gestern sind siebentausend Landskinder nach Amerika
+fort--die bezahlen Alles.
+
+Lady (setzt den Schmuck plötzlich nieder und geht rasch durch den
+Saal, nach einer Pause zum Kammerdiener). Mann! Was ist dir? Ich
+glaube, du weinst?
+
+Kammerdiener (wischt sich die Augen, mit schrecklicher Stimme, alle
+Glieder zitternd). Edelsteine, wie diese da--ich hab' auch ein paar
+Söhne drunter.
+
+Lady (wendet sich bebend weg, seine Hand fassend). Doch keinen
+gezwungenen?
+
+Kammerdiener (lacht fürchterlich). O Gott!--Nein--lauter Freiwillige!
+Es traten wohl so etliche vorlaute Bursch' vor die Front heraus und
+fragten den Obersten, wie theuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe.
+--Aber unser gnädigster Landesherr ließ alle Regimenter auf dem
+Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschießen. Wir
+hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster
+spritzen, und die ganze Armee schrie: Juchhe! nach Amerika!-Lady
+(fällt mit Entsetzen in den Sopha). Gott! Gott!--Und ich hörte
+nichts? Und ich merkte nichts?
+
+Kammerdiener. Ja, gnädige Frau--Warum mußtet ihr denn mit unserm
+Herrn gerad' auf die Bärenhatz reiten, als man den Lärmen zum
+Aufbruch schlug?--Die Herrlichkeit hättet ihr doch nicht versäumen
+sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkündigten, es ist Zeit, und
+heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine
+wüthende Mutter lief, ihr saugendes Kind an Bajonetten zu spießen,
+und wie man Bräutigam und Braut mit Säbelhieben auseinander riß, und
+wir Graubärte verzweiflungsvoll da standen und den Burschen auch
+zuletzt die Krücken noch nachwarfen in die neue Welt--Oh, und
+mitunter das polternde Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns
+nicht sollte beten hören-Lady (steht auf, heftig bewegt). Weg mit
+diesen Steinen--sie blitzen Höllenflammen in mein Herz. (Sanfter zum
+Kammerdiener.) Mäßige dich, armer alter Mann. Sie werden wieder
+kommen. Sie werden ihr Vaterland wieder sehen.
+
+Kammerdiener (warm und voll). Das weiß der Himmel! Das werden sie!
+--Noch am Stadtthor drehten sie sich um und schrieen: "Gott mit euch,
+Weib und Kinder!--Es leb' unser Landesvater--Am jüngsten Gericht sind
+wir wieder da!"-Lady (mit starkem Schritt auf und nieder gehend).
+Abscheulich! Fürchterlich!--Mich beredet man, ich habe sie alle
+getrocknet, die Thränen des Landes--Schrecklich, schrecklich gehen
+mir die Augen auf--Geb du--Sag deinem Herrn--Ich werd' ihm persönlich
+danken! (Kammerdiener will gehen, sie wirft ihm ihre Geldbörse in
+den Hut.) Und das nimm, weil du mir Wahrheit sagtest-Kammerdiener
+(wirft sie verächtlich auf den Tisch zurück). Legt's zu dem Übrigen.
+(Er geht ab.)
+
+Lady (sieht ihm erstaunt nach). Sophie, spring ihm nach, frag' ihn
+um seinen Namen! Er soll seine Söhne wieder haben. (Sophie ab.
+Lady nachdenkend auf und nieder. Pause. Zu Sophien, die wieder
+kommt.) Ging nicht jüngst ein Gerücht, daß das Feuer eine Stadt an
+der Grenze verwüstet und bei vierhundert Familien an den Bettelstab
+gebracht habe? (Sie klingelt.)
+
+Sophie. Wie kommen Sie auf das? Allerdings ist es so, und die
+mehresten dieser Unglücklichen dienen jetzt ihren Gläubigern als
+Sklaven, oder verderben in den Schachten der fürstlichen
+Silberbergwerke.
+
+Bedienter (kommt). Was befehlen Milady?
+
+Lady (gibt ihm den Schmuck). Daß das ohne Verzug in die Landschaft
+gebracht werde!--Man soll es sogleich zu Geld machen, befehl' ich,
+und den Gewinst davon unter die Vierhundert verteilen, die der Brand
+ruiniert hat.
+
+Sophie. Milady, bedenken Sie, daß Sie die höchste Ungnade wagen!
+
+Lady (mit Größe). Soll ich den Fluch seines Landes in meinen Haaren
+tragen? (Sie winkt dem Bedienten; dieser geht.) Oder willst du, daß
+ich unter dem schrecklichen Geschirr solcher Thränen zu Boden
+sinke?--Geh, Sophie--Es ist besser, falsche Juwelen im Haar und das
+Bewußtsein dieser That im Herzen zu haben!
+
+Sophie. Aber Juwelen wie diese! Hätten Sie nicht Ihre schlechtern
+nehmen können? Nein, wahrlich, Milady! es ist Ihnen nicht zu
+vergeben.
+
+Lady. Närrisches Mädchen! Dafür werden in einem Augenblick mehr
+Brillanten und Perlen für mich fallen, als zehn Könige in ihren
+Diademen getragen, und schönere-Bedienter (kommt zurück). Major von
+Walter-Sophie (springt auf die Lady zu). Gott! Sie verblassen-Lady.
+Der erste Mann, der mir Schrecken macht--Sophie--Jetzt sei unpäßlich,
+Eduard--Halt--Ist er aufgeräumt? Lacht er? Was spricht er? O,
+Sophie! Nicht wahr, ich sehe häßlich aus?
+
+Sophie. Ich bitte Sie, Lady-Bedienter. Befehlen Sie, daß ich ihn
+abweise?
+
+Lady (stotternd). Er soll mir willkommen sein. (Bedienter hinaus.)
+Sprich, Sophie--Was sag' ich ihm? Wie empfang' ich ihn?--Ich werde
+stumm sein.--Er wird meiner Schwäche spotten--Er wird--o was ahnet
+mir--Du verlässest mich, Sophie?--Bleib!--Doch nein! Gehe!--So bleib
+doch! (Der Major kommt durch das Vorzimmer.)
+
+Sophie. Sammeln Sie sich! Er ist schon da!
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+Ferdinand von Walter. Die Vorigen.
+
+
+Ferdinand (mit einer kurzen Verbeugung). Wenn ich Sie worin
+unterbreche, gnädige Frau-Lady (unter merkbarem Herzklopfen). In
+nichts, Herr Major, das mir wichtiger wäre.
+
+Ferdinand. Ich komme auf Befehl meines Vaters-Lady. Ich bin seine
+Schuldnerin.
+
+Ferdinand. Und soll Ihnen melden, daß wir uns heirathen--So weit der
+Auftrag meines Vaters.
+
+Lady (entfärbt sich und zittert). Nicht Ihres eigenen Herzens?
+
+Ferdinand. Minister und Kuppler pflegen das niemals zu fragen.
+
+Lady (mit einer Beängstigung, daß ihr die Worte versagen). Und Sie
+selbst hätten sonst nichts beizusetzen?
+
+Ferdinand (mit einem Blick auf die Mamsell). Noch sehr viel, Milady!
+
+Lady (gibt Sophien einen Wink, diese entfernt sich). Darf ich Ihnen
+diesen Sopha anbieten?
+
+Ferdinand. Ich werde kurz sein, Milady!
+
+Lady. Nun?
+
+Ferdinand. Ich bin ein Mann von Ehre.
+
+Lady. Den ich zu schätzen weiß.
+
+Ferdinand. Cavalier.
+
+Lady. Kein beßrer im Herzogthum.
+
+Ferdinand. Und Officier.
+
+Lady (schmeichelhaft). Sie berühren hier Vorzüge, die auch Andere
+mit Ihnen gemein haben. Warum verschweigen Sie größere, worin Sie
+einzig sind?
+
+Ferdinand (frostig). Hier brauch' ich sie nicht.
+
+Lady (mit immer steigender Angst). Aber für was muß ich diesen
+Vorbericht nehmen?
+
+Ferdinand (langsam und mit Nachdruck). Für den Einwurf der Ehre,
+wenn Sie Lust haben sollten, meine Hand zu erzwingen.
+
+Lady (auffahrend). Was ist das, Herr Major?
+
+Ferdinand (gelassen). Die Sprache meines Herzens--meines
+Wappens--und dieses Degens.
+
+Lady. Diesen Degen gab Ihnen der Fürst.
+
+Ferdinand. Der Staat gab mir ihn durch die Hand des Fürsten--mein
+Herz Gott--mein Wappen ein halbes Jahrtausend.
+
+Lady. Der Name des Herzogs-Ferdinand (hitzig). Kann der Herzog
+Gesetze der Menschheit verdrehen, oder Handlungen münzen wie seine
+Dreier?--Er selbst ist nicht über die Ehre erhaben, aber er kann
+ihren Mund mit seinem Golde verstopfen. Er kann den Hermelin über
+seine Schande herwerfen. Ich bitte mir aus, davon nichts mehr,
+Milady.--Es ist nicht mehr die Rede von weggeworfenen Aussichten und
+Ahnen--oder von dieser Degenquaste--oder von der Meinung der Welt.
+Ich bin bereit, Dies alles mit Füßen zu treten, sobald Sie mich nur
+überzeugt haben werden, daß der Preis nicht schlimmer noch als das
+Opfer ist.
+
+Lady (schmerzhaft von ihm weggehend). Herr Major! das hab' ich nicht
+verdient.
+
+Ferdinand (ergreift ihre Hand). Vergeben Sie. Wir reden hier
+ohne Zeugen. Der Umstand, der Sie und mich--heute und nie
+mehr--zusammenführt, berechtigt mich, zwingt mich, Ihnen mein
+geheimstes Gefühl nicht zurück zu halten.--Es will mir nicht
+zu Kopfe, Milady, daß eine Dame von so viel Schönheit und
+Geist--Eigenschaften, die ein Mann schätzen würde--sich an einen
+Fürsten sollte wegwerfen können, der nur das Geschlecht an ihr
+zu bewundern gelernt hat, wenn sich diese Dame nicht schämte,
+vor einen Mann mit ihrem Herzen zu treten.
+
+Lady (schaut ihm groß ins Gesicht). Reden Sie ganz aus!
+
+Ferdinand. Sie nennen sich eine Brittin. Erlauben Sie mir--ich kann
+es nicht glauben, daß Sie eine Brittin sind. Die freigeborne Tochter
+des freiesten Volks unter dem Himmel--das auch zu stolz ist, fremder
+Tugend zu räuchern--kann sich nimmermehr an fremdes Laster verdingen.
+Es ist nicht möglich, daß Sie eine Brittin sind,--oder das Herz
+dieser Brittin muß um so viel kleiner sein, als größer und kühner
+Britanniens Adern schlagen.
+
+Lady. Sind Sie zu Ende?
+
+Ferdinand. Man könnte antworten, es ist weibliche
+Eitelkeit--Leidenschaft--Temperament--Hang zum Vergnügen. Schon
+öfters überlebte Tugend die Ehre. Schon Manche, die mit Schande in
+diese Schranke trat, hat nachher die Welt durch edle Handlungen mit
+sich ausgesöhnt und das häßliche Handwerk durch einen schönen
+Gebrauch geadelt--Aber woher denn jetzt diese ungeheure Pressung des
+Landes, die vorher nie so gewesen?--Das war im Namen des Herzogthums.
+--Ich bin zu Ende.
+
+Lady (mit Sanftmuth und Hoheit). Es ist das Erstemal, Walter, daß
+solche Reden an mich gewagt werden, und Sie sind der einzige Mensch,
+dem ich darauf antworte--Daß Sie meine Hand verwerfen, darum schätz'
+ich Sie. Daß Sie meine Hand lästern, vergebe ich Ihnen. Daß es Ihr
+Ernst ist, glaube ich Ihnen nicht. Wer sich herausnimmt,
+Beleidigungen dieser Art einer Dame zu sagen, die nicht mehr als eine
+Nacht braucht, ihn ganz zu verderben, muß dieser Dame eine große
+Seele zutrauen, oder--von Sinnen sein--Daß Sie den Ruin des Landes
+auf meine Brust wälzen, vergebe Ihnen Gott der Allmächtige, der Sie
+und mich und den Fürsten einst gegen einander stellt.--Aber Sie haben
+die Engländerin in mir aufgefordert, und auf Vorwürfe dieser Art muß
+mein Vaterland Antwort haben.
+
+Ferdinand (auf seinen Degen gestützt). Ich bin begierig.
+
+Lady. Hören Sie also, was ich, außer Ihnen, noch Niemand vertraute,
+noch jemals einem Menschen vertrauen will.--Ich bin nicht die
+Abenteurerin, Walter, für die Sie mich halten. Ich könnte groß thun
+und sagen: ich bin fürstlichen Geblüths--aus des unglücklichen Thomas
+Norfolks Geschlechte, der für die schottische Maria ein Opfer ward.
+--Mein Vater, des Königs oberster Kämmerer, wurde bezichtigt, in
+verrätherischem Vernehmen mit Frankreich zu stehen, durch einen
+Spruch der Parlamente verdammt und enthauptet.--Alle unsre Güter
+fielen der Krone zu. Wir selbst wurden des Landes verwiesen. Meine
+Mutter starb am Tage der Hinrichtung. Ich--ein vierzehnjähriges
+Mädchen--flohe nach Deutschland mit meiner Wärterin--einem Kästchen
+Juwelen--und diesem Familienkreuz, das meine sterbende Mutter mit
+ihrem letzten Segen mir an den Busen steckte.
+
+Ferdinand (wird nachdenkend und heftet wärmere Blicke auf die Lady).
+
+Lady (fährt fort mit immer zunehmender Rührung). Krank--ohne
+Namen--ohne Schutz und Vermögen--eine ausländische Waise, kam ich
+nach Hamburg. Ich hatte nichts gelernt, als das Bischen
+Französisch--ein wenig Filet und den Flügel--desto besser verstund
+ich, auf Gold und Silber zu speisen, unter damastenen Decken zu
+schlafen, mit einem Wink zehn Bediente fliegen zu machen und die
+Schmeicheleien der Großen Ihres Geschlechts aufzunehmen.--Sechs Jahre
+waren schon hingeweint.--Und die letzte Schmucknadel flog
+dahin--Meine Wärterin starb--und jetzt führte mein Schicksal Ihren
+Herzog nach Hamburg. Ich spazierte damals an den Ufern der Elbe, sah
+in den Strom und fing eben an zu phantasieren, ob dieses Wasser oder
+mein Leiden das Tiefste wäre?--Der Herzog sah mich, verfolgte mich,
+fand meinen Aufenthalt,--lag zu meinen Füßen und schwur, daß er mich
+liebe. (Sie hält in großen Bewegungen inne, dann fährt sie fort mit
+weinender Stimme.) Alle Bilder meiner glücklichen Kindheit wachten
+jetzt wieder mit verführendem Schimmer auf--Schwarz wie das Grab
+graute mich eine trostlose Zukunft an--Mein Herz brannte nach einem
+Herzen--Ich sank an das seinige. (Von ihm wegstürzend.). Jetzt
+verdammen Sie mich!
+
+Ferdinand (sehr bewegt, eilt ihr nach und hält sie zurück). Lady! o
+Himmel! Was hör' ich? Was that ich?--Schrecklich enthüllt sich mein
+Frevel mir. Sie können mir nicht mehr vergeben.
+
+Lady (kommt zurück und hat sich zu sammeln gesucht). Hören Sie
+weiter. Der Fürst überraschte zwar meine wehrlose Jugend--aber das
+Blut der Norfolk empörte sich in mir: Du, eine geborene Fürstin,
+Emilie, rief es, und jetzt eines Fürsten Concubine?--Stolz und
+Schicksal kämpften in meiner Brust, als der Fürst mich hieher brachte
+und auf einmal die schauderndste Scene vor meinen Augen stand!--Die
+Wollust der Großen dieser Welt ist die nimmersatte Hyäne, die sich
+mit Heißhunger Opfer sucht.--Fürchterlich hatte sie schon in diesem
+Lande gewüthet--hatte Braut und Bräutigam zertrennt--hatte selbst der
+Ehen göttliches Band zerrissen--hier das stille Glück einer Familie
+geschleift--dort ein junges unerfahrenes Herz der verheerenden Pest
+aufgeschlossen, und sterbende Schülerinnen schäumten den Namen ihres
+Lehrers unter Flüchen und Zuckungen aus--Ich stellte mich zwischen
+das Lamm und den Tiger, nahm einen fürstlichen Eid von ihm in einer
+Stunde der Leidenschaft, und diese abscheuliche Opferung mußte
+aufhören.
+
+Ferdinand (rennt in der heftigsten Unruhe durch den Saal). Nichts
+mehr, Milady! Nicht weiter!
+
+Lady. Diese traurige Periode hatte einer noch traurigern Platz
+gemacht. Hof und Serail wimmelten jetzt von Italiens Auswurf.
+Flatterhafte Pariserinnen tändelten mit dem furchtbaren Scepter, und
+das Volk blutete unter ihren Launen--Sie alle erlebten ihren Tag.
+Ich sah sie neben mir in den Staub sinken, denn ich war mehr Kokette,
+als sie alle. Ich nahm dem Tyrannen den Zügel ab, der wollüstig in
+meiner Umarmung erschlappte--dein Vaterland, Walter, fühlte zum
+erstenmal eine Menschenhand und sank vertrauend an meinen Busen.
+(Pause, worin sie ihn schmelzend ansieht.) O daß der Mann, von dem
+ich allein nicht verkannt sein möchte, mich jetzt zwingen muß, groß
+zu prahlen und meine stille Tugend am Licht der Bewunderung zu
+versengen!--Walter, ich habe Kerker gesprengt--habe Todesurtheile
+zerrissen und manche entsetzliche Ewigkeit auf Galeeren verkürzt. In
+unheilbare Wunden hab' ich doch wenigstens stillenden Balsam
+gegossen--mächtige Frevler in Staub gelegt und die verlorene Sache
+der Unschuld oft noch mit einer buhlerischen Thräne gerettet--Ha,
+Jüngling, wie süß war mir das! Wie stolz konnte mein Herz jede
+Anklage meiner fürstlichen Geburt widerlegen!--Und jetzt kommt der
+Mann, der allein mir Das alles belohnen sollte--der Mann, den mein
+erschöpftes Schicksal vielleicht zum Ersatz meiner vorigen Leiden
+schuf--der Mann, den ich mit brennender Sehnsucht im Traum schon
+umfasse-Ferdinand (fällt ihr ins Wort, durch und durch erschüttert).
+Zu viel! zu viel! Das ist wieder die Abrede, Lady. Sie sollten sich
+von Anklagen reinigen und machen mich zu einem Verbrecher. Schonen
+Sie--ich beschwöre Sie--schonen Sie meines Herzens, das Beschämung
+und wüthende Reue zerreißen-Lady (hält seine Hand fest). Jetzt oder
+nimmermehr! Lange genug hielt die Heldin Stand--das Gewicht dieser
+Thränen mußt du noch fühlen. (Im zärtlichsten Ton.) Höre,
+Walter--wenn eine Unglückliche--unwiderstehlich, allmächtig an dich
+gezogen--sich an dich preßt mit einem Busen voll glühender,
+unerschöpflicher Liebe--Walter!--und du jetzt noch das kalte Wort
+Ehre sprichst--wenn diese Unglückliche--niedergedrückt vom Gefühl
+ihrer Schande--des Lasters überdrüssig--heldenmäßig emporgehoben vom
+Rufe der Tugend--sich so--in deine Arme wirft (sie umfaßt ihn,
+beschwörend und feierlich)--durch dich gerettet--durch dich dem
+Himmel wieder geschenkt sein will, oder (das Gesicht von ihm
+abgewandt, mit hohler bebender Stimme) deinem Bild zu entfliehen, dem
+fürchterlichen Ruf der Verzweiflung gehorsam, in noch abscheulichere
+Tiefen des Lasters wieder hinuntertaumelt-Ferdinand (von ihr
+losreißend, in der schrecklichsten Bedrängniß). Nein, beim großen
+Gott! ich kann das nicht aushalten--Lady, ich muß--Himmel und Erde
+liegen auf mir--ich muß Ihnen ein Geständniß thun, Lady!
+
+Lady (von ihm wegfliehend). Jetzt nicht! Jetzt nicht, bei Allem,
+was heilig ist--in diesem entsetzlichen Augenblick nicht, wo mein
+zerrissenes Herz an tausend Dolchstichen blutet--Sei's Tod oder
+Leben--ich darf es nicht--ich will es nicht hören!
+
+Ferdinand. Doch, doch, beste Lady! Sie müssen es. Was ich Ihnen
+jetzt sagen werde, wird meine Strafbarkeit mindern und eine warme
+Abbitte des Vergangenen sein--Ich habe mich in Ihnen betrogen, Milady.
+Ich erwartete--ich wünschte, Sie meiner Verachtung würdig zu finden.
+Fest entschlossen, Sie zu beleidigen und Ihren Haß zu verdienen,
+kam ich her--Glücklich wir Beide, wenn mein Vorsatz gelungen wäre!
+(Er schweigt eine Weile, darauf leise und schüchterner.) Ich liebe,
+Milady--liebe ein bürgerliches Mädchen--Luise Millerin, eines Musikus
+Tochter. (Lady wendet sich bleich von ihm weg, er fährt lebhafter
+fort.) Ich weiß, worein ich mich stürze; aber wenn auch Klugheit die
+Leidenschaft schweigen heißt, so redet die Pflicht desto lauter--Ich
+bin der Schuldige. Ich zuerst zerriß ihrer Unschuld goldenen
+Frieden--wiegte ihr Herz mit vermessenen Hoffnungen und gab es
+verrätherisch der wilden Leidenschaft Preis--Sie werden mich an
+Stand--an Geburt--an die Grundsätze meines Vaters erinnern--aber ich
+liebe.--Meine Hoffnung steigt um so höher, je tiefer die Natur mit
+Convenienzen zerfallen ist.--Mein Entschluß und das Vorurtheil!--Wir
+wollen sehen, ob die Mode oder die Menschheit auf dem Platz bleiben
+wird. (Lady hat sich unterdeß bis an das äußerste Ende des Zimmers
+zurückgezogen und hält das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Er
+folgt ihr dahin.) Sie wollten mir etwas sagen, Milady?
+
+Lady (im Ausdruck des heftigsten Leidens). Nichts, Herr von Walter!
+Nichts, als daß Sie sich und mich und noch eine Dritte zu Grund
+richten.
+
+Ferdinand. Noch eine Dritte?
+
+Lady. Wir können mit einander nicht glücklich w. Wir müssen doch
+der Voreiligkeit Ihres Vaters zum Opfer werden. Nimmermehr werd' ich
+das Herz eines Mannes haben, der mir seine Hand nur gezwungen gab.
+
+Ferdinand. Gezwungen? Lady? gezwungen gab? und also doch gab?
+Können Sie eine Hand ohne Herz erzwingen? Sie einem Mädchen den Mann
+entwenden, der die ganze Welt dieses Mädchens ist? Sie einen Mann
+von dem Mädchen reißen, das die ganze Welt dieses Mannes ist? Sie,
+Milady--vor einem Augenblick die bewundernswürdige Britten?--Sie
+können das?
+
+Lady. Weil ich es muß. (Mit Ernst und Stärke.) Meine Leidenschaft,
+Walter, weicht meiner Zärtlichkeit für Sie. Meine Ehre kann's nicht
+mehr--Unsre Verbindung ist das Gespräch des ganzen Landes. Alle
+Augen, alle Pfeile des Spotts sind auf mich gespannt. Die
+Beschimpfung ist unauslöschlich, wenn ein Unterthan des Fürsten mich
+ausschlägt. Rechten Sie mit Ihrem Vater. Wehren Sie sich, so gut
+Sie können.--Ich lass' alle Minen springen. (Sie geht schnell ab.
+Der Major bleibt in sprachloser Erstarrung stehen. Pause. Dann
+stürzt er fort durch die Flügelthüre.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+Zimmer beim Musikanten.
+
+
+Miller. Frau Millerin. Luise treten auf.
+
+Miller (hastig ins Zimmer). Ich hab's ja zuvor gesagt!
+
+Luise (sprengt ihn ängstlich an). Was, Vater? was?
+
+Miller (rennt wie toll auf und nieder). Meinen Staatsrock
+her--hurtig--ich muß ihm zuvorkommen--und ein weißes Manschettenhemd!
+--Das hab' ich mir gleich eingebildet!
+
+Luise. Um Gotteswillen! Was?
+
+Millerin. Was gibt's denn? was ist's denn?
+
+Miller (wirft seine Perrücke ins Zimmer). Nur gleich zum Friseur das!
+--Was es gibt? (Vor den Spiegel gesprungen.) Und mein Bart ist auch
+wieder fingerslang--Was es gibt?--Was wird's geben, du Rabenaas?--Der
+Teufel ist los, und dich soll das Wetter schlagen!
+
+Frau. Da sehe man! Über mich muß gleich alles kommen.
+
+Miller. Über dich? Ja, blaues Donnermaul! und über wen anders?
+Heute früh mit deinem diabolischen Junker--Hab ich's nicht im Moment
+gesagt?--Der Wurm hat geplaudert.
+
+Frau. Ah was! Wie kannst du das wissen?
+
+Miller. Wie kann ich das wissen?--Da!--unter der Hausthüre spukt ein
+Kerl des Ministers und fragt nach dem Geiger.
+
+Luise. Ich bin des Todes!
+
+Miller. Du aber auch mit deinen Vergißmeinnicht-Augen! (Lacht
+voller Bosheit.) Das hat seine Richtigkeit, wem der Teufel ein Ei in
+die Wirthschaft gelegt hat, dem wird eine hübsche Tochter
+geboren--Jetzt hab' ich's blank.
+
+Frau. Woher weißt du denn, daß es der Luise gilt?--Du kannst dem
+Herzog recommendiert worden sein. Er kann dich ins Orchester
+verlangen.
+
+Miller (springt nach seinem Rohr). Daß dich der Schwefelregen von
+Sodom!--Orchester!--Ja, wo du Kupplerin den Discant wirst heulen und
+mein blauer Hinterer den Conterbaß vorstellen! (Wirft sich in seinen
+Stuhl.) Gott im Himmel!
+
+Luise (setzt sich todtenbleich nieder). Mutter! Vater! Warum wird
+mir auf einmal so bange?
+
+Miller (springt wieder vom Stuhl auf). Aber soll mir der
+Dintenkleckser einmal in den Schuß laufen?--Soll er mir laufen? Es
+sei in dieser oder in jener Welt--Wenn ich ihm nicht Leib und Seele
+breiweich zusammendresche, alle zehen Gebote und alle sieben Bitten
+im Vaterunser, und alle Bücher Mosis und der Propheten aufs Leder
+schreibe, daß man die blauen Flecken bei der Auferstehung der Todten
+noch sehen soll-Frau. Ja! fluch du und poltre du! Das wird jetzt
+den Teufel bannen! Hilf, heiliger Herregott! Wo hinaus nun? Wie
+werden wir Rath schaffen? Was nun anfangen? Vater Miller, so rede
+doch! (Sie läuft heulend durchs Zimmer.)
+
+Miller. Auf der Stell zum Minister will ich. Ich zuerst will mein
+Maul aufthun--ich selbst will es angeben. Du hast es vor mir gewußt.
+Du hättest mir einen Wink geben können. Das Mädel hätt' sich noch
+weisen lassen. Es wäre noch Zeit gewesen--aber nein!--Da hat sich
+was makeln lassen; da hat sich was fischen lassen! Da hast du noch
+Holz obendrein zugetragen!--Jetzt sorg' auch für deinen Kuppelpelz.
+Friß aus, was du einbrocktest! Ich nehme meine Tochter in Arm, und
+marsch mit ihr über die Grenze!
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+Ferdinand von Walter stürzt erschrocken und außer Athem ins Zimmer.
+Die Vorigen.
+
+
+Ferdinand. War mein Vater da?
+
+Luise (fährt mit Schrecken auf). Sein Vater! Allmächtiger Gott!
+
+Frau (zugleich; schlägt die Hände zusammen). Der Präsident! Es ist
+aus mit uns!
+
+Miller (zugleich; lacht voller Bosheit). Gottlob! Gottlob! da haben
+wir ja die Bescherung!
+
+Ferdinand (eilt auf Luisen zu und drückt sie stark in die Arme).
+Mein bist du, und wärfen Höll' und Himmel sich zwischen uns!
+
+Luise. Mein Tod ist gewiß--Rede weiter--Du sprachst einen
+schrecklichen Namen aus--Dein Vater?
+
+Ferdinand. Nichts. Nichts. Es ist überstanden. Ich hab' dich ja
+wieder. Du hast mich ja wieder. O, laß mich Athem schöpfen an
+dieser Brust! Es war eine schreckliche Stunde.
+
+Luise. Welche? Du tödtest mich?
+
+Ferdinand (tritt zurück und schaut sie bedeutend an). Eine Stunde,
+Luise, wo zwischen mein Herz und dich eine fremde Gewalt sich
+warf--wo meine Liebe vor meinem Gewissen erblaßte--wo meine Luise
+aufhörte, ihrem Ferdinand Alles zu sein-Luise (sinkt mit verhülltem
+Gesicht auf den Sessel nieder).
+
+Ferdinand (geht schnell auf sie zu, bleibt sprachlos mit starrem
+Blick vor ihr stehen, dann verläßt er sie plötzlich, in großer
+Bewegung). Nein! Nimmermehr! Unmöglich, Lady! Zu viel verlangt!
+Ich kann dir diese Unschuld nicht opfern--Nein, beim unendlichen Gott!
+ich kann meinen Eid nicht verletzen, der mich laut wie des Himmels
+Donner aus diesem brechenden Auge mahnt--Lady, blick hieher--hieher,
+du Rabenvater--Ich soll diesen Engel würgen! Die Hölle soll ich in
+diesen himmlischen Busen schütten? (Mit Entschluß auf sie zueilend.)
+Ich will sie führen vor des Weltrichters Thron, und ob meine Liebe
+Verbrechen ist, soll der Ewige sagen. (Er faßt sie bei der Hand und
+hebt sie vom Sessel.) Fasse Muth, meine Theuerste!--Du hast gewonnen!
+Als Sieger komm' ich aus dem gefährlichsten Kampf zurück.
+
+Luise. Nein! Nein! Verhehle mir nichts. Sprich es aus, das
+entsetzliche Urtheil. Deinen Vater nanntest du? Du nanntest die
+Lady?--Schauer des Todes ergreifen mich--Man sagt, sie wird heirathen.
+
+Ferdinand (stürzt betäubt zu Luisens Füßen nieder). Mich,
+Unglückselige!
+
+Luise (nach einer Pause, mit stillem bebenden Ton und schrecklicher
+Ruhe). Nun--was erschreck' ich denn? Der alte Mann dort hat mir's
+ja oft gesagt--ich hab' es ihm nie glauben wollen. (Pause, dann
+wirft sie sich Millern laut weinend in die Arme.). Vater, hier ist
+deine Tochter wieder--Verzeihung, Vater!--Dein Kind kann ja nicht
+dafür, daß dieser Traum so schön war, und--so fürchterlich jetzt das
+Erwachen-Miller. Luise! Luise!--O Gott, sie ist von sich--Meine
+Tochter, mein armes Kind--Fluch über den Verführer!--Fluch über das
+Weib, das ihm kuppelte!
+
+Frau (wirft sich jammernd auf Luisen). Verdien' ich diesen Fluch,
+meine Tochter? Vergeb's Ihnen Gott, Baron!--Was hat dieses Lamm
+gethan, daß Sie es würgen?
+
+Ferdinand (springt an ihr auf, voll Entschlossenheit). Aber ich will
+seine Kabalen durchbohren--durchreißen will ich alle diese eisernen
+Ketten des Vorurtheils--Frei wie ein Mann will ich wählen, daß diese
+Insektenseelen am Riesenwerk meiner Liebe hinaufschwindeln! (Er will
+fort.)
+
+Frau (eilt ihm nach, hängt sich an ihn). Der Präsident wird hieher
+kommen--Er wird unser Kind mißhandeln--Er wird uns mißhandeln--Herr
+von Walter, und Sie verlassen uns?
+
+Miller (lacht wüthend). Verläßt uns! Freilich! Warum nicht?--Sie
+gab ihm ja Alles hin! (Mit der einen Hand den Major, mit der andern
+Luisen fassend.) Geduld, Herr! der Weg aus meinem Hause geht nur über
+diese da--Erwarte erst deinen Vater! wenn du kein Bube bist--Erzähl'
+es ihm, wie du dich in ihr Herz stahlst, Betrüger, oder, bei Gott!
+(Ihm seine Tochter zuschleudernd, wild und heftig.) Du sollst mir
+zuvor diesen wimmernden Wurm zertreten, den Liebe zu dir so zu
+Schanden richtete!
+
+Ferdinand (kommt zurück und geht auf und ab in tiefen Gedanken).
+Zwar die Gewalt des Präsident ist groß--Vaterrecht ist ein weites
+Wort--der Frevel selbst kann sich in seinen Falten verstecken, er
+kann es weit damit treiben--weit!--Doch aufs Äußerste treibt's nur
+die Liebe--Hier, Luise! Deine Hand ist die meinige! (Er faßt diese
+heftig.) So wahr mich Gott im letzten Hauch nicht verlassen soll!
+--der Augenblick, der diese zwei Hände trennt, zerreißt auch den
+Faden zwischen mir und der Schöpfung!
+
+Luise. Mir wird bange! Blick' weg! Deine Lippen beben! Dein Auge
+rollt fürchterlich-Ferdinand. Nein, Luise! Zittre nicht! Es ist
+nicht Wahnsinn, was aus mir redet. Es ist das köstliche Geschenk des
+Himmels, Entschluß in dem geltenden Augenblick, wo die gepreßte Brust
+nur durch etwas Unerhörtes sich Luft macht--Ich liebe dich, Luise--Du
+sollst mir bleiben, Luise--Jetzt zu meinem Vater! (Er eilt schnell
+fort und rennt--gegen den Präsident.)
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+Der Präsident mit einem Gefolge von Bedienten. Vorige.
+
+
+Präsident (im Hereintreten). Da ist er schon.
+
+Alle (erschrocken).
+
+Ferdinand (weicht einige Schritte zurück). Im Hause der Unschuld.
+
+Präsident. Wo der Sohn Gehorsam gegen den Vater lernt?
+
+Ferdinand. Lassen Sie und das-Präsident (unterbricht ihn, zu
+Millern). Er ist der Vater?
+
+Miller. Stadtmusikant Miller.
+
+Präsident (zur Frau). Sie die Mutter?
+
+Frau. Ach ja, die Mutter!
+
+Ferdinand (zu Millern). Vater, bring Er die Tochter weg--sie droht
+eine Ohnmacht.
+
+Präsident. Überflüssige Sorgfalt! Ich will sie anstreichen. (Zu
+Luisen.) Wie lang kennt Sie den Sohn des Präsidenten?
+
+Luise. Diesem habe ich nie nachgefragt. Ferdinand von Walter
+besucht mich seit dem November.
+
+Ferdinand. Betet sie an.
+
+Präsident. Erhielt sie Versicherungen?
+
+Ferdinand. Vor wenig Augenblicken die feierlichste im Angesicht
+Gottes.
+
+Präsident (zornig zu seinem Sohn). Zur Beichte deiner Thorheit wird
+man dir schon das Zeichen geben. (Zu Luisen.) Ich warte auf Antwort.
+
+Luise. Er schwur mir Liebe.
+
+Ferdinand. Und wird sie halten.
+
+Präsident. Muß ich befehlen, daß du schweigst?--Nahm Sie den Schwur
+an?
+
+Luise (zärtlich). Ich erwiederte ihn.
+
+Ferdinand (mit fester Stimme). Der Bund ist geschlossen.
+
+Präsident. Ich werde das Echo hinaus werfen lassen. (Boshaft zu
+Luisen.) Aber er bezahlte Sie doch jederzeit baar?
+
+Luise (aufmerksam). Diese Frage verstehe ich nicht ganz.
+
+Präsident (mit beißendem Lachen). Nicht? Nun! ich meine nur--Jedes
+Handwerk hat, wie man sagt, einen goldenen Boden--auch Sie, hoff' ich,
+wird Ihre Gunst nicht verschenkt haben--oder war's Ihr vielleicht
+mit dem bloßen Verschluß gedient? Wie?
+
+Ferdinand (fährt wie rasend auf). Hölle! was war das?
+
+Luise (zum Major mit Würde und Unwillen). Herr von Walter, jetzt
+sind Sie frei.
+
+Ferdinand. Vater! Ehrfurcht befiehlt die Tugend auch im
+Bettlerkleid.
+
+Präsident (lacht lauter). Eine lustige Zumuthung! Der Vater soll
+die Hure des Sohns respectieren.
+
+Luise (stürzt nieder). O Himmel und Erde!
+
+Ferdinand (mit Luisen zu gleicher Zeit, indem er den Degen nach dem
+Präsidenten zückt, den er aber schnell wieder sinken läßt). Vater!
+Sie hatten einmal ein Leben an mich zu fordern--Es ist bezahlt. (Den
+Degen einsteckend.) Der Schuldbrief der kindlichen Pflicht liegt
+zerrissen da-Miller (der bis jetzt furchtsam auf der Seite gestanden,
+tritt hervor in Bewegung, wechselweis vor Wuth mit den Zähnen
+knirschend und vor Angst damit klappernd): Euer Excellenz--Das Kind
+ist des Vaters Arbeit--Halten zu Gnaden--Wer das Kind eine Mähre
+schilt, schlägt den Vater ans Ohr, und Ohrfeig um Ohrfeig--Das ist so
+Tax bei uns--Halten zu Gnaden.
+
+Frau. Hilf, Herr und Heiland!--Jetzt bricht auch der Alte los--über
+unserm Kopf wird das Wetter zusammenschlagen.
+
+Präsident (der es nur halb gehört hat). Regt sich der Kuppler
+auch?--Wir sprechen uns gleich, Kuppler.
+
+Miller. Halten zu Gnaden. Ich heiße Miller, wenn Sie ein Adagio
+hören wollen--mit Buhlschaften dien' ich nicht. So lang der Hof da
+noch Vorrath hat, kommt die Lieferung nicht an uns Bürgersleut'.
+Halten zu Gnaden.
+
+Frau. Um des Himmels willen, Mann! Du bringst Weib und Kind um.
+
+Ferdinand. Sie spielen hier eine Rolle, mein Vater, wobei Sie sich
+wenigstens die Zeugen hätten ersparen können.
+
+Miller (kommt ihm näher, herzhafter). Deutsch und verständlich.
+Halten zu Gnaden. Euer Excellenz schalten und walten im Land. Das
+ist meine Stube. Mein devotestes Compliment, wenn ich dermaleins ein
+pro memoria bringe, aber den ungehobelten Gast werf' ich zur Thür
+hinaus--Halten zu Gnaden.
+
+Präsident (vor Wuth blaß). Was?--Was ist das? (Tritt näher.)
+
+Miller (zieht sich sachte zurück). Das war nur so meine Meinung,
+Herr--Halten zu Gnaden.
+
+Präsident (in Flammen). Ha, Spitzbube! Ins Zuchthaus spricht dich
+deine vermessene Meinung--Fort! Man soll Gerichtsdiener holen.
+(Einige vom Gefolge gehen ab; der Präsident rennt voll Wuth durch das
+Zimmer.) Vater ins Zuchthaus--an den Pranger Mutter und Metze von
+Tochter!--Die Gerechtigkeit soll meiner Wuth ihre Arme borgen. Für
+diesen Schimpf muß ich schreckliche Genugthuung haben--Ein solches
+Gesindel sollte meine Plane zerschlagen und ungestraft Vater und Sohn
+aneinander hetzen?--Ha, Verflucht! Ich will meinen Haß an eurem
+Untergang sättigen, die ganze Brut, Vater, Mutter und Tochter, will
+ich meiner brennenden Rache opfern.
+
+Ferdinand (tritt gelassen und standhaft unter sie hin). O nicht doch!
+Seit außer Furcht! Ich bin zugegen. (Zum Präsidenten mit
+Unterwürfigkeit.) Keine Übereilung, mein Vater! Wenn Sie sich selbst
+lieben, keine Gewaltthätigkeit!--Es gibt eine Gegend in meinem Herzen,
+worin das Wort Vater noch nie gehört worden ist--Dringen Sie nicht
+bis in diese.
+
+Präsident. Nichtswürdiger! Schweig! Reize meinen Grimm nicht noch
+mehr!
+
+Miller (kommt aus einer dumpfen Betäubung zu sich selbst).
+Schau du nach deinem Kinde, Frau. Ich laufe zum Herzog--Der
+Leibschneider--das hat mir Gott eingeblasen!--der Leibschneider
+lernt die Flöte bei mir. Es kann mir nicht fehlen beim Herzog.
+(Er will gehen.)
+
+Präsident. Beim Herzog, sagst du?--Hast du vergessen, daß ich die
+Schwelle bin, worüber du springen oder den Hals brechen mußt?--Beim
+Herzog, du Dummkopf?--Versuch' es, wenn du, lebendig todt, eine
+Thurmhöhe tief, unter dem Boden im Kerker liegst, wo die Nacht mit
+der Hölle liebäugelt und Schall und Licht wieder umkehren. Raßle
+dann mit deinen Ketten und wimmre: Mir ist zu viel geschehen.
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+Gerichtsdiener. Die Vorigen.
+
+
+Ferdinand (eilt auf Luisen zu, die ihm halb todt in die Arme fällt).
+Luise! Hilfe! Rettung! Der Schrecken überwältigt sie!
+
+Miller (ergreift sein spanisches Rohr, setzt den Hut auf und macht
+sich zum Angriff gefaßt).
+
+Frau (wirft sich auf die Kniee vor dem Präsident).
+
+Präsident (zu den Gerichtsdienern, seinen Orden entblößend). Legt
+Hand an, im Namen des Herzogs--Weg von der Metze, Junge--Ohnmächtig
+oder nicht--wenn sie nur erst das eiserne Halsband um hat, wird man
+sie schon mit Steinwürfen aufwecken.
+
+Frau. Erbarmung, Ihro Excellenz! Erbarmung! Erbarmung!
+
+Miller (reißt seine Frau in die Höhe). Knie vor Gott! alte Heulhure,
+und nicht vor--Schelmen, weil ich ja doch schon ins Zuchthaus muß.
+
+Präsident (beißt die Lippen). Du kannst dich verrechnen, Bube. Es
+stehen noch Galgen leer! (Zu den Gerichtsdienern.) Muß ich es noch
+einmal sagen?
+
+Gerichtsdiener (dringen auf Luisen ein).
+
+Ferdinand (springt an ihr auf und stellt sich vor sie, grimmig). Wer
+will was? (Er zieht den Degen sammt der Scheide und wehrt sich mit
+dem Gefäß.) Wag' es, sie anzurühren, wer nicht auch die Hirnschale an
+die Gerichte vermiethet hat. (Zum Präsident.) Schonen Sie Ihrer
+selbst! Treiben Sie mich nicht weiter, mein Vater.
+
+Präsident (drohend zu den Gerichtsdienern). Wenn euch euer Brod lieb
+ist, Memmen-Gerichtsdiener (greifen Luisen wieder an).
+
+Ferdinand. Tod und alle Teufel! Ich sage: Zurück!--Noch einmal!
+Haben Sie Erbarmen mit sich selbst. Treiben Sie mich nicht aufs
+Äußerste, Vater.
+
+Präsident (aufgebracht zu den Gerichtsdienern). Ist das euer
+Diensteifer, Schurken?
+
+Gerichtsdiener (greifen hitziger an).
+
+Ferdinand. Wenn es denn sein muß (indem er den Degen zieht und
+einige von denselben verwundet), so verzeih mir, Gerechtigkeit!
+
+Präsident (voll Zorn). Ich will doch sehen, ob auch ich diesen Degen
+fühle. (Er faßt Luisen selbst, zerrt sie in die Höhe und übergibt
+sie einem Gerichtsknecht.)
+
+Ferdinand (lacht erbittert). Vater, Vater! Sie machen hier ein
+beißendes Pasquill auf die Gottheit, die sich so übel auf ihre Leute
+verstund und aus vollkommenen Henkersknechten schlechte Minister
+machte.
+
+Präsident (zu den Übrigen). Fort mit ihr!
+
+Ferdinand. Vater, sie soll an den Pranger stehen, aber mit dem Major,
+des Präsidenten Sohn--Bestehen Sie noch darauf?
+
+Präsident. Desto possierlicher wird das Spektakel--Fort!
+
+Ferdinand. Vater, ich werfe meinen Officiersdegen auf das Mädchen.
+--Bestehen Sie noch darauf?
+
+Präsident. Das Porte-Epée ist an deiner Seite des Prangerstehens
+gewohnt worden--Fort! Fort! Ihr wißt meinen Willen.
+
+Ferdinand (drückt einen Gerichtsdiener weg, faßt Luisen an einem Arm,
+mit dem andern zückt er den Degen auf sie). Vater! Eh Sie meine
+Gemahlin beschimpfen, durchstoß' ich sie--Bestehen Sie noch darauf?
+
+Präsident. Thu' es, wenn deine Klinge noch spitzig ist.
+
+Ferdinand (läßt Luisen fahren und blickt fürchterlich zum Himmel).
+Du, Allmächtiger, bist Zeuge! Kein menschliches Mittel ließ ich
+unversucht--ich muß zu einem teuflischen schreiten--Ihr führt sie zum
+Pranger fort, unterdessen (dem Präsidenten ins Ohr rufend) erzähl'
+ich der Residenz eine Geschichte, wie man Präsident wird. (Ab.)
+
+Präsident (wie vom Blitz gerührt). Was ist das?--Ferdinand--Laßt sie
+ledig! (Er eilt dem Major nach.)
+
+
+
+
+Dritter Akt.
+
+Saal beim Präsidenten.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+Der Präsident und Sekretär Wurm kommen.
+
+
+Präsident. Der Streich war verwünscht.
+
+Wurm. Wie ich befürchtete, gnädiger Herr. Zwang erbittert die
+Schwärmer immer, aber bekehrt sie nie.
+
+Präsident. Ich hatte mein bestes Vertrauen in diesen Anschlag
+gesetzt. Ich urtheilte so: Wenn das Mädchen beschimpft wird, muß er,
+als Officier, zurücktreten.
+
+Wurm. Ganz vortrefflich. Aber zum Beschimpfen hätt' es auch kommen
+sollen.
+
+Präsident. Und doch--wenn ich es jetzt mit kaltem Blut
+überdenke--Ich hätte mich nicht sollen eintreiben lassen--Es war eine
+Drohung, woraus er wohl nimmermehr Ernst gemacht hätte.
+
+Wurm. Das denken Sie ja nicht. Der gereizten Leidenschaft ist keine
+Thorheit zu bunt. Sie sagen mir, der Herr Major habe immer den Kopf
+zu Ihrer Regierung geschüttelt. Ich glaub's. Die Grundsätze, die er
+aus Akademien hieher brachte, wollten mir gleich nicht recht
+einleuchten. Was sollten auch die phantastischen Träumereien von
+Seelengröße und persönlichem Adel an einem Hof, wo die größte
+Weisheit diejenige ist, im rechten Tempo, auf eine geschickte Art,
+groß und klein zu sein! Er ist zu jung und zu feurig, um Geschmack
+am langsamen, krummen Gang der Kabale zu finden, und nichts wird
+seine Ambition in Bewegung setzen, als was groß ist und abenteuerlich.
+
+Präsident (verdrießlich). Aber was wird diese wohlweise Anmerkung an
+unserm Handel verbessern?
+
+Wurm. Wie wird Ew. Excellenz auf die Wunde hinweisen, und auch
+vielleicht auf den Verband. Einen solchen Charakter--erlauben
+Sie--hätte man entweder nie zum Vertrauten, oder niemals zum Feind
+machen sollen. Er verabscheut das Mittel, wodurch Sie gestiegen sind.
+Vielleicht war es bis jetzt nur der Sohn, der die Zunge des
+Verräthers band. Geben Sie ihm Gelegenheit, jenen rechtmäßig
+abzuschütteln; machen Sie ihn durch wiederholte Stürme auf seine
+Leidenschaft glauben, daß Sie der zärtliche Vater nicht sind, so
+dringen die Pflichten des Patrioten bei ihm vor. Ja, schon allein
+die seltsame Phantasie, der Gerechtigkeit ein so merkwürdiges Opfer
+zu bringen, könnte Reiz genug für ihn haben, selbst seinen Vater zu
+stürzen.
+
+Präsident. Wurm--Wurm--Er führt mich da vor einen entsetzlichen
+Abgrund.
+
+Wurm. Ich will Sie zurückführen, gnädiger Herr. Darf ich freimüthig
+reden?
+
+Präsident (indem er sich niedersetzt). Wie ein Verdammter zum
+Mitverdammten.
+
+Wurm. Also verzeihen Sie--Sie haben, dünkt mich, der biegsamen
+Hofkunst den ganzen Präsidenten zu danken, warum vertrauen Sie ihr
+nicht auch den Vater an? Ich besinne mich, mit welcher Offenheit Sie
+Ihren Vorgänger damals zu einer Partie Piquet beredeten und bei ihm
+die halbe Nacht mit freundschaftlichem Burgunder hinwegschwemmten,
+und das war doch die nämliche Nacht, wo die große Mine losgehen und
+den guten Mann in die Luft blasen sollte--Warum zeigten Sie Ihrem
+Sohne den Feind? Nimmermehr hätte dieser erfahren sollen, daß ich um
+seine Liebesangelegenheit wisse. Sie hätten den Roman von Seiten des
+Mädchens unterhöhlt und das Herz Ihres Sohnes behalten. Sie hätten
+den klugen General gespielt, der den Feind nicht am Kern seiner
+Truppen faßt, sondern Spaltungen unter den Gliedern stiftet.
+
+Präsident. Wie war das zu machen?
+
+Wurm. Auf die einfachste Art--und die Karten sind noch nicht ganz
+vergeben. Unterdrücken Sie eine Zeit lang, daß Sie Vater sind.
+Messen Sie sich mit einer Leidenschaft nicht, die jeder Widerstand
+nur mächtiger machte--Überlassen Sie es mir, an ihrem eigenen Feuer
+den Wurm auszubrüten, der sie zerfrißt.
+
+Präsident. Ich bin begierig.
+
+Wurm. Ich müßte mich schlecht auf den Barometer der Seele verstehen,
+oder der Herr Major ist in der Eifersucht schrecklich, wie in der
+Liebe. Machen Sie ihm das Mädchen verdächtig--Wahrscheinlich oder
+nicht. Ein Gran Hefe reicht hin, die ganze Masse in eine zerstörende
+Gährung zu jagen.
+
+Präsident. Aber woher diesen Gran nehmen?
+
+Wurm. Da sind wir auf dem Punkt--vor allen Dingen, gnädiger Herr,
+erklären Sie sich mir, wie viel Sie bei der ferneren Weigerung des
+Majors auf dem Spiel haben--in welchem Grade es Ihnen wichtig ist,
+den Roman mit dem Bürgermädchen zu endigen und die Verbindung mit
+Lady Milford zu Stand zu bringen?
+
+Präsident. Kann Er noch fragen, Wurm?--Mein ganzer Einfluß ist in
+Gefahr, wenn die Partie mit der Lady zurückgeht, und wenn ich den
+Major zwinge, mein Hals.
+
+Wurm (munter). Jetzt haben Sie die Gnade und hören--Den Herrn Major
+umspinnen wir mit List. Gegen das Mädchen nehmen wir Ihre ganze
+Gewalt zu Hilfe. Wir dictieren ihr ein Billetdoux an eine dritte
+Person in die Feder und spielen das mit guter Art dem Major in die
+Hände.
+
+Präsident. Toller Einfall! Als ob sie sich so geschwind hin
+bequemen würde, ihr eigenes Todesurtheil zu schreiben?
+
+Wurm. Sie muß, wenn Sie mir freie Hand lassen wollen. Ich kenne das
+gute Herz auf und nieder. Sie hat nicht mehr als zwo tödtliche
+Seiten, durch welche wir ihre Gewissen bestürmen können--ihren Vater
+und den Major. Der letztere bleibt ganz und gar aus dem Spiel; desto
+freier können wir mit dem Musikanten umspringen.
+
+Präsident. Als zum Exempel?
+
+Wurm. Nach Dem, was Ew. Excellenz mir von dem Auftritt in
+seinem Hause gesagt haben, wird nichts leichter sein, als den
+Vater mit einem Halsproceß zu bedrohen. Die Person des
+Günstlings und Siegelbewahrers ist gewissermaßen der Schatten
+der Majestät--Beleidigungen gegen jenen sind Verletzungen
+dieser--Wenigstens will ich den armen Schächer mit diesem
+zusammengeflickten Kobold durch ein Nadelöhr jagen.
+
+Präsident. Doch--ernsthaft dürfte der Handel nicht werden.
+
+Wurm. Ganz und gar nicht--Nur in so weit, als es nöthig ist, die
+Familie in die Klemme zu treiben--Wir setzen also in aller Stille den
+Musikus fest--Die Noth um so dringender zu machen, könnte man auch
+die Mutter mitnehmen,--sprechen von peinlicher Anklage, von Schaffot,
+von ewiger Festung, und machen den Brief der Tochter zur einzigen
+Bedingung seiner Befreiung.
+
+Präsident. Gut! Gut! Ich verstehe.
+
+Wurm. Sie liebt ihren Vater--bis zur Leidenschaft, möcht' ich sagen.
+Die Gefahr seines Lebens--seiner Freiheit zum Mindesten--die
+Vorwürfe ihres Gewissens, den Anlaß dazu gegeben zu haben--die
+Unmöglichkeit, den Major zu besitzen--endlich die Betäubung ihres
+Kopfs, die ich auf mich nehme--es kann nicht fehlen--sie muß in die
+Falle gehn.
+
+Präsident. Aber mein Sohn? Wird er nicht auf der Stelle Wind davon
+haben?
+
+Wurm. Das lassen Sie meine Sorge sein, gnädiger Herr--Vater und
+Mutter werden nicht eher freigelassen, bis die ganze Familie einen
+körperlichen Eid darauf abgelegt, den ganzen Vorgang geheim zu halten
+und den Betrug zu bestätigen.
+
+Präsident. Einen Eid? Was wird ein Eid fruchten, Dummkopf?
+
+Wurm. Nichts bei uns, gnädiger Herr! Bei dieser Menschenart
+Alles--Und sehen Sie nun, wie schön wir Beide auf diese Manier zum
+Ziele kommen werden--Das Mädchen verliert die Liebe des Majors und
+den Ruf ihrer Tugend. Vater und Mutter ziehen gelindere Saiten auf,
+und durch und durch weich gemacht von Schicksalen dieser Art,
+erkennen sie's noch zuletzt für Erbarmung, wenn ich der Tochter durch
+meine Hand ihre Reputation wieder gebe.
+
+Präsident (lacht unter Kopfschütteln). Ja, ich gebe mich dir
+überwunden, Schurke! Das Geweb' ist satanisch fein. Der Schüler
+übertrifft seinen Meister--Nun ist die Frage, an wen das Billet muß
+gerichtet werden? Mit wem wir sie in Verdacht bringen müssen?
+
+Wurm. Nothwendig mit Jemand, der durch den Entschluß Ihres Sohnes
+Alles gewinnen oder Alles verlieren muß.
+
+Wurm (nach einigem Nachdenken). Ich weiß nur den Hofmarschall.
+
+Wurm (zuckt die Achseln). Mein Geschmack wär' es nun freilich nicht,
+wenn ich Luise Millerin hieße.
+
+Präsident. Und warum nicht? Wunderlich! Eine blendende
+Garderobe--Eine Atmosphäre von Eau de mille fleurs und Bisam--und
+jedes alberne Wort eine Handvoll Ducaten--und alles Das sollte die
+Delicatesse einer bürgerlichen Dirne nicht endlich bestechen können?
+O, guter Freund! so scrupulös ist die Eifersucht nicht! Ich schicke
+zum Marschall. (Klingelt.)
+
+Wurm. Unterdessen, daß Ew. Excellenz dieses und die Gefangennehmung
+des Geigers besorgen, werd' ich hingehen und den bewußten Liebesbrief
+aufsetzen.
+
+Präsident (zum Schreibpult gehend). Den Er mir zum Durchlesen
+heraufbringt, sobald er zu Stand sein wird. (Wurm geht ab. Der
+Präsident setzt sich zu schreiben; ein Kammerdiener kommt; er steht
+auf und gibt ihm ein Papier.) Dieser Verhaftsbefehl muß ohne Aufschub
+in die Gerichte--ein Andrer von euch wird den Hofmarschall zu mir
+bitten.
+
+Kammerdiener. Der gnädige Herr sind so eben hier angefahren.
+
+Präsident. Noch besser--aber die Anstalten sollen mit Vorsicht
+getroffen werden, sagt ihr, daß kein Aufstand erfolgt.
+
+Kammerdiener. Sehr wohl, Ihr' Excellenz!
+
+Präsident. Versteht ihr? Ganz in der Stille!
+
+Kammerdiener. Ganz gut, Ihr' Excellenz! (Ab.)
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+Der Präsident und der Hofmarschall.
+
+
+Hofmarschall (eilfertig). Nur en passant, mein Bester!--Wie leben
+Sie? Wie befinden Sie sich?--Heute Abend ist große Opéra Dido--das
+süperbeste Feuerwerk--eine ganze Stadt brennt zusammen--Sie sehen sie
+doch auch brennen? Was?
+
+Präsident. Ich habe Feuerwerk genug in meinem eigenen Hause, das
+meine ganze Herrlichkeit in die Luft nimmt--Sie kommen erwünscht,
+lieber Marschall, mir in einer Sache zu rathen, thätig zu helfen, die
+uns Beide poussiert, oder völlig zu Grund richtet. Setzen Sie sich.
+
+Hofmarschall. Machen Sie mir nicht Angst, mein Süßer.
+
+Präsident. Wie gesagt--poussiert, oder ganz zu Grund richtet. Sie
+wissen mein Project mit dem Major und der Lady. Sie begreifen auch,
+wie unentbehrlich es war, unser Beider Glück zu fixieren. Es kann
+Alles zusammenfallen, Kalb. Mein Ferdinand will nicht.
+
+Hofmarschall. Will nicht--will nicht--ich hab's ja in der ganzen
+Stadt schon herumgesagt. Die Mariage ist in Jedermanns Munde.
+
+Präsident. Sie können vor der ganzen Stadt als Windmacher dastehen.
+Er liebt eine Andere.
+
+Hofmarschall. Sie scherzen. Ist das auch wohl ein Hindernis?
+
+Präsident. Bei dem Trotzkopf das unüberwindlichste.
+
+Hofmarschall. Er soll so wahnsinnig sein und sein Fortune von sich
+stoßen? Was?
+
+Präsident. Fragen Sie ihn das und hören Sie, was er antwortet.
+
+Hofmarschall. Aber, mon Dieu! was kann er denn antworten?
+
+Präsident. Daß er der ganzen Welt das Verbrechen entdecken wolle,
+wodurch wir gestiegen sind--daß er unsere falschen Briefe und
+Quittungen angeben--daß er uns Beide ans Messer liefern wolle--das
+kann er antworten.
+
+Hofmarschall. Sind Sie von Sinnen?
+
+Präsident. Das hat er geantwortet. Das war er schon Willens, ins
+Werk zu richten--Davon hab' ich ihn kaum noch durch meine höchste
+Erniedrigung abgebracht. Was wissen Sie hierauf zu sagen?
+
+Hofmarschall (mit einem Schafsgesicht). Mein Verstand steht still.
+
+Präsident. Das könnte noch hingehen. Aber zugleich hinterbringen
+mir meine Spionen, daß der Oberschenk von Bock auf dem Sprunge sei,
+um die Lady zu werben.
+
+Hofmarschall. Sie machen mich rasend. Wer sagen Sie? von Bock sagen
+Sie?--Wissen Sie denn auch, daß wir Todfeinde zusammen sind? Wissen
+Sie auch, warum wir es sind?
+
+Präsident. Das erste Wort, das ich höre.
+
+Hofmarschall. Bester! Sie werden hören, und aus der Haut werden Sie
+fahren--Wenn Sie sich noch des Hofballs entsinnen--es geht jetzt ins
+einundzwanzigste Jahr--wissen Sie, worauf man den ersten Englischen
+tanzte, und dem Grafen von Meerschaum das heiße Wachs von einem
+Kronleuchter auf den Domino tröpfelte--Ach Gott, das müssen Sie
+freilich noch wissen!
+
+Präsident. Wer könnte so was vergessen?
+
+Hofmarschall. Sehen Sie! da hatte Prinzessin Amalie in der Hitze des
+Tanzes ein Strumpfband verloren--Alles kommt, wie befreiflich ist, in
+Allarm--von Bock und ich--wir waren noch Kammerjunker--wir kriechen
+durch den ganzen Redoutensaal, das Strumpfband zu suchen--endlich
+erblick ich's--von Bock merkt's--von Bock darauf zu, reißt es mir aus
+den Händen--ich bitte Sie!--bringt's der Prinzessin und schnappt mir
+glücklich das Compliment weg--Was denken Sie?
+
+Präsident. Impertinent!
+
+Hofmarschall. Schnappt mir das Compliment weg--Ich meine in Ohnmacht
+zu sinken. Eine solche Malice ist gar nicht erlebt worden.--Endlich
+ermann' ich mich, nähere mich Ihrer Durchlaucht und spreche:
+Gnädigste Frau! von Bock war so glücklich, Höchstdenenselben das
+Strumpfband zu überreichen, aber wer das Strumpfband zuerst erblickte,
+belohnt sich in der Stille und schweigt.
+
+Präsident. Bravo, Marschall! Bravissimo!
+
+Hofmarschall. Und schweigt--Aber ich werd's dem von Bock bis zum
+jüngsten Gerichte noch nachtragen--der niederträchtige, kriechende
+Schmeichler!--Und das war noch nicht genug--wie wir beide zugleich
+auf das Strumpfband zu Boden fallen, wischt mir von Bock an der
+rechten Frisur allen Puder weg, und ich bin ruiniert auf den ganzen
+Ball.
+
+Präsident. Das ist der Mann, der die Milford heirathen und die erste
+Person am Hof werden wird.
+
+Hofmarschall. Sie stoßen mir ein Messer ins Herz. Wird? wird?
+Warum wird er? Wo ist die Nothwendigkeit?
+
+Präsident. Weil mein Ferdinand nicht will und sonst Keiner sich
+meldet.
+
+Hofmarschall. Aber wissen Sie denn gar kein einziges Mittel, den
+Major zum Entschluß zu bringen?--Sei's auch noch so bizarr, so
+verzweifelt!--Was in der Welt kann so widrig sein, das uns jetzt
+nicht willkommen wäre, den verhaßten von Bock auszustechen?
+
+Präsident. Ich weiß nur eines, und das bei Ihnen steht.
+
+Hofmarschall. Bei mir steht? Und das ist?
+
+Präsident. Den Major mit seiner Geliebten zu entzweien.
+
+Hofmarschall. Zu entzweien? Wie meinen Sie das?--Und wie mach' ich
+das?
+
+Präsident. Alles ist gewonnen, sobald wir ihm das Mädchen verdächtig
+machen.
+
+Hofmarschall. Daß sie stehle, meinen Sie?
+
+Präsident. Ach nein doch! Wie glaubte er das?--daß sie es noch mit
+einem Andern habe.
+
+Hofmarschall. Dieser Andre?
+
+Präsident. Müßten Sie sein, Baron.
+
+Hofmarschall. Ich sein? Ich?--Ist sie von Adel?
+
+Präsident. Wozu das? Welcher Einfall!--Eines Musikanten Tochter.
+
+Hofmarschall. Bürgerlich also? Das wird nicht angehen. Was?
+
+Präsident. Was wird nicht angehen? Narrenspossen! Wem unter der
+Sonne wird es einfallen, ein paar runde Wangen nach dem Stammbaum zu
+fragen?
+
+Hofmarschall. Aber bedenken Sie doch, ein Ehmann! Und meine
+Reputation bei Hofe.
+
+Präsident. Das ist was anders. Verzeihen Sie. Ich habe das noch
+nicht gewußt, daß Ihnen der Mann von unbescholtenen Sitten mehr ist,
+als der von Einfluß. Wollen wir abbrechen?
+
+Hofmarschall. Seien Sie klug, Baron. Es war ja nicht so verstanden.
+
+Präsident (frostig). Nein--nein! Sie haben vollkommen Recht. Ich
+bin es auch müde. Ich lasse den Karren stehen. Dem von Bock wünsch'
+ich Glück zum Premierminister. Die Welt ist noch anderswo. Ich
+fordre meine Entlassung vom Herzog.
+
+Hofmarschall. Und ich?--Sie haben gut schwatzen, Sie! Sie sind ein
+Studierter! Aber ich,--mon Dieu!--was bin dann ich, wenn mich Seine
+Durchleucht entlassen?
+
+Präsident. Ein Bonmot von vorgestern. Die Mode vom vorigen Jahr.
+
+Hofmarschall. Ich beschwöre Sie, Theurer, Goldner!--Ersticken Sie
+diesen Gedanken! Ich will mir ja Alles gefallen lassen.
+
+Präsident. Wollen Sie Ihren Namen zu einem Rendez-vous hergeben, den
+Ihnen diese Millerin schriftlich vorschlagen soll?
+
+Hofmarschall. Im Namen Gottes! Ich will ihn hergeben.
+
+Präsident. Und den Brief irgendwo herausfallen lassen, wo er dem
+Major zu Gesicht kommen muß?
+
+Hofmarschall. Zum Exempel auf der Parade will ich ihn, als von
+ungefähr, mit dem Schnupftuch heraus schleudern.
+
+Präsident. Und die Rolle ihres Liebhabers gegen den Major behaupten?
+
+Hofmarschall. Mort de ma vie! Ich will ihn schon waschen! Ich will
+dem Naseweis den Appetit nach meinen Amouren verleiden.
+
+Präsident. Nun geht's nach Wunsch. Der Brief muß noch heute
+geschrieben sein. Sie müssen vor Abend noch herkommen, ihn abzuholen
+und Ihre Rolle mit mir zu berichtigen.
+
+Hofmarschall. Sobald ich sechzehn Visiten werde gegeben haben, die
+von allerhöchster Importance sind. Verzeihen Sie also, wenn ich mich
+ohne Aufschub beurlaube. (Geht.)
+
+Präsident (klingelt). Ich zähle auf Ihre Verschlagenheit, Marschall.
+
+Hofmarschall (ruft zurück). Ah, mon Dieu!--Sie kennen mich ja.
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+Der Präsident und Wurm.
+
+
+Wurm. Der Geiger und seine Frau sind glücklich und ohne alles
+Geräusch in Verhaft gebracht. Wollen Ew. Excellenz jetzt den Brief
+überlesen?
+
+Präsident (nachdem er gelesen). Herrlich! herrlich, Secretär! Auch
+der Marschall hat angebissen!--Ein Gift wie das müßte die Gesundheit
+selbst in eiternden Aussatz verwandeln--Nun gleich mit den
+Vorschlägen zum Vater, und dann warm zu der Tochter. (Gehen ab zu
+verschiedenen Seiten.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+Zimmer in Millers Wohnung.
+
+Luise und Ferdinand.
+
+
+Luise. Ich bitte dich, höre auf. Ich glaube an keine glücklichen
+Tage mehr. Alle meine Hoffnungen sind gesunken.
+
+Ferdinand. So sind die meinigen gestiegen. Mein Vater ist
+aufgereizt; mein Vater wird alle Geschütze gegen uns richten. Er
+wird mich zwingen, den unmenschlichen Sohn zu machen. Ich stehe
+nicht mehr für meine kindliche Pflicht. Wuth und Verzweiflung werden
+mir das schwarze Geheimniß seiner Mordthat erpressen. Der Sohn wird
+den Vater in die Hände des Henkers liefern--Es ist die höchste
+Gefahr--und die höchste Gefahr mußte da sein, wenn meine Liebe den
+Riesensprung wagen sollte--Höre, Luise--Ein Gedanke, groß und
+vermessen wie meine Leidenschaft, drängt sich vor meine Seele--Du,
+Luise, und ich und die Liebe!--liegt nicht in diesem Zirkel der ganze
+Himmel? oder brauchst du noch etwas Viertes dazu?
+
+Luise. Brich ab. Nichts mehr. Ich erblasse über Das, was du sagen
+willst.
+
+Ferdinand. Haben wir an die Welt keine Forderung mehr, warum denn
+ihren Beifall erbetteln? Warum wagen, wo nichts gewonnen wird und
+Alles verloren werden kann?--Wird dieses Aug nicht eben so schmelzend
+funkeln, ob es im Rhein oder in der Elbe sich spiegelt, oder im
+baltischen Meer? Mein Vaterland ist, wo mich Luise liebt. Deine
+Fußtapfe in wilden, sandigten Wüsten mir interessanter, als das
+Münster in meiner Heimath--Werden wir die Pracht der Städte
+vermissen? Wo wir sein mögen, Luise, geht eine Sonne auf, eine
+unter--Schauspiele, neben welchen der üppigste Schwung der Künste
+verblaßt. Werden wir Gott in keinem Tempel mehr dienen, so ziehet
+die Nacht mit begeisterndem Schauern auf, der wechselnde Mond predigt
+uns Buße, und eine andächtige Kirche von Sternen betet mit uns.
+Werden wir uns in Gesprächen der Liebe erschöpfen?--Ein Lächeln
+meiner Luise ist Stoff für Jahrhunderte, und der Traum des Lebens ist
+aus, bis ich diese Thräne ergründe.
+
+Luise. Und hättest du sonst keine Pflicht mehr als deine Liebe?
+
+Ferdinand (sie umarmend). Deine Ruhe ist meine heiligste.
+
+Luise (sehr ernsthaft). So schweig und verlaß mich--Ich habe einen
+Vater, der kein Vermögen hat, als diese einzige Tochter--der morgen
+sechzig wird--der der Rache des Präsidenten gewiß ist.-Ferdinand
+(fällt rasch ein). Der uns begleiten wird. Darum keinen Einwurf
+mehr, Liebe. Ich gehe, mache meine Kostbarkeiten zu Geld, erhebe
+Summen auf meinen Vater. Es ist erlaubt, einen Räuber zu plündern,
+und sind seine Schätze nicht Blutgeld des Vaterlands?--Schlag ein Uhr
+um Mitternacht wird ein Wagen hier anfahren. Ihr werft euch hinein.
+Wir fliehen.
+
+Luise. Und der Fluch deines Vaters uns nach?--ein Fluch,
+Unbesonnener, den auch Mörder nie ohne Erhörung aussprechen, den die
+Rache des Himmels auch dem Dieb auf dem Rade hält, der uns
+Flüchtlinge unbarmherzig wie ein Gespenst von Meer zu Meer jagen
+würde?--Nein, mein Geliebter! Wenn nur ein Frevel dich mir erhalten
+kann, so hab' ich noch Stärke, dich zu verlieren.
+
+Ferdinand (steht still und murmelt düster). Wirklich?
+
+Luise. Verlieren!--O, ohne Grenzen entsetzlich ist der
+Gedanke--gräßlich genug, den unsterblichen Geist zu durchbohren und
+die glühende Wange der Freude zu bleichen--Ferdinand! dich zu
+verlieren! Doch, man verliert ja nur, was man besessen hat, und dein
+Herz gehört deinem Stande--Mein Anspruch war Kirchenraub, und
+schaudernd geb' ich ihn auf.
+
+Ferdinand (das Gesicht verzerrt und an der Unterlippe nagend). Gibst
+du ihn auf.
+
+Luise. Nein! Sieh mich an, lieber Walter. Nicht so bitter die
+Zähne geknirscht. Komm! Laß mich jetzt deinen sterbenden Muth durch
+mein Beispiel beleben. Laß mich die Heldin dieses Augenblicks
+sein--einem Vater den entflohenen Sohn wieder schenken--einem Bündniß
+entsagen, das die Fugen der Bürgerwelt auseinander treiben und die
+allgemeine ewige Ordnung zu Grund stürzen würde--Ich bin die
+Verbrecherin--mit frechen, thörigten Wünschen hat sich mein Busen
+getragen--mein Unglück ist meine Strafe, so laß mir doch jetzt die
+süße, schmeichelnde Täuschung, daß es mein Opfer war--Wirst du mir
+diese Wollust mißgönnen?
+
+Ferdinand (hat in der Zerstreuung und Wuth eine Violine ergriffen und
+auf derselben zu spielen versucht--Jetzt zerreißt er die Saiten,
+zerschmettert das Instrument auf dem Boden und bricht in ein lautes
+Gelächter aus).
+
+Luise. Walter! Gott im Himmel! Was soll das?--Ermanne dich!
+--Fassung verlangt diese Stunde--es ist eine trennende. Du hast ein
+Herz, lieber Walter. Ich kenne es.--Warm wie das Leben ist deine
+Liebe, und ohne Schranken wie das Unermeßliche--Schenke sie einer
+Edeln und Würdigern--sie wird die Glücklichste ihres Geschlechts
+nicht beneiden--(Thränen unterdrückend.) Mich sollst du nicht mehr
+sehn--Das eitle betrogene Mädchen verweine seinen Gram in einsamen
+Mauern, um seine Thränen wird sich Niemand bekümmern--Leer und
+erstorben ist meine Zukunft--Doch werd' ich noch je und je am
+verwelkten Strauß der Vergangenheit riechen. (Indem sie ihm mit
+abgewandtem Gesicht ihre zitternde Hand gibt.) Leben Sie wohl, Herr
+von Walter.
+
+Ferdinand (springt aus seiner Betäubung auf). Ich entfliehe, Luise.
+Willst du mir wirklich nicht folgen?
+
+Luise (hat sich im Hintergrund des Zimmers niedergesetzt und hält das
+Gesicht mit beiden Händen bedeckt). Meine Pflicht heißt mich bleiben
+und dulden.
+
+Ferdinand. Schlange, du lügst. Dich fesselt was anders hier.
+
+Luise (im Ton des tiefsten inwendigen Leidens). Bleiben Sie bei
+dieser Vermuthung--sie macht vielleicht weniger elend.
+
+Ferdinand. Kalte Pflicht gegen feurige Liebe!--Und mich soll das
+Märchen blenden? Ein Liebhaber fesselt dich, und Weh über dich und
+ihn, wenn mein Verdacht sich bestätigt. (Geht schnell ab.)
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+Luise allein.--(Sie bleibt noch eine Zeit lang ohne Bewegung und
+stumm in dem Sessel liegen, endlich steht sie auf, kommt vorwärts und
+sieht furchtsam herum.)
+
+
+Wo meine Eltern bleiben?--Mein Vater versprach, in wenigen Minuten
+zurück zu sein, und schon sind fünf volle fürchterliche Stunden
+vorüber--Wenn ihm ein Unfall--wie wird mir?--Warum geht mein Odem so
+ängstlich?
+
+(Jetzt tritt Wurm in das Zimmer und bleibt im Hintergrund stehen,
+ohne von ihr bemerkt zu werden.)
+
+Es ist nichts Wirkliches--Es ist nichts als das schaudernde
+Gaukelspiel des erhitzten Geblüths--Hat unsre Seele nur einmal
+Entsetzen genug in sich getrunken, so wird das Aug in jedem Winkel
+Gespenster sehn.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+Luise und Secretär Wurm.
+
+
+Wurm (kommt näher). Guten Abend, Jungfer.
+
+Luise. Gott! Wer spricht da? (Sie dreht sich um, wird den Secretär
+gewahr und tritt erschrocken zurück.) Schrecklich! Schrecklich!
+Meiner ängstlichen Ahnung eilt schon die unglückseligste Erfüllung
+nach. (Zum Secretär mit einem Blick voll Verachtung.) Suchen Sie
+etwa den Präsidenten? Er ist nicht mehr da.
+
+Wurm. Jungfer, ich suche Sie.
+
+Luise. So muß ich mich wundern, daß Sie nicht nach dem Marktplatz
+gingen.
+
+Wurm. Warum eben dahin?
+
+Luise. Ihre Braut von der Schaubühne abzuholen.
+
+Wurm. Mamsell Millerin, Sie haben einen falschen Verdacht-Luise
+(unterdrückt eine Antwort). Was steht Ihnen zu Diensten?
+
+Wurm. Ich komme, geschickt von Ihrem Vater.
+
+Luise (bestürzt). Von meinem Vater?--Wieder ist mein Vater?
+
+Wurm. Wo er nicht gern ist.
+
+Luise. Um Gotteswillen! Geschwind! Mich befällt eine üble
+Ahnung--Wo ist mein Vater?
+
+Wurm. Im Thurm, wenn Sie es ja wissen wollen.
+
+Luise (mit einem Blick zum Himmel). Das noch! Das auch noch!--Im
+Thurm? Und warum im Thurm?
+
+Wurm. Auf Befehl des Herzogs.
+
+Luise. Des Herzogs?
+
+Wurm. Der die Verletzung der Majestät in der Person seines
+Stellvertreters-Luise. Was? was? O ewige Allmacht!
+
+Wurm. Auffallend zu ahnden beschlossen hat.
+
+Luise. Das war noch übrig! Das!--Freilich, freilich, mein Herz
+hatte noch außer dem Major etwas Theures--das durfte nicht übergangen
+werden--Verletzung der Majestät--Himmlische Vorsicht! Rette! o rette
+meinen sinkenden Glauben!--Und Ferdinand?
+
+Wurm. Wählt Lady Milford, oder Fluch und Enterbung.
+
+Luise. Entsetzliche Freiheit!--Und doch--doch ist er glücklicher.
+Er hat keinen Vater zu verlieren. Zwar keinen haben, ist Verdammniß
+genug!--Mein Vater auf Verletzung der Majestät--mein Geliebter die
+Lady oder Fluch und Enterbung--Wahrlich bewundernswerth! Eine
+vollkommene Büberei ist auch eine Vollkommenheit--Vollkommenheit?
+Nein! dazu fehlt noch etwas--Wo ist meine Mutter?
+
+Wurm. Im Spinnhaus.
+
+Luise (mit schmerzvollem Lächeln). Jetzt ist es völlig!--Völlig, und
+jetzt wär' ich ja frei--Abgeschält von allen Pflichten--und
+Thränen--und Freuden. Abgeschält von der Vorsicht. Ich brauch' sie
+ja nicht mehr--(Schreckliches Stillschweigen.) Haben Sie vielleicht
+noch eine Zeitung? Reden Sie immerhin. Jetzt kann ich Alles hören.
+
+Wurm. Was geschehen ist, wissen Sie.
+
+Luise. Also nicht, was noch kommen wird? (Wiederum Pause, worin sie
+den Secretär von oben bis unten ansieht.) Armer Mensch! du treibst
+ein trauriges Handwerk, wobei du unmöglich selig werden kannst.
+Unglückliche machen, ist schon schrecklich genug, aber gräßlich ist's,
+es ihnen verkündigen--ihn vorzusingen, den Eulengesang, dabei stehn,
+wenn das blutende Herz am eisernen Schaft der Nothwendigkeit zittert
+und Christen an Gott zweifeln--Der Himmel bewahre mich! Und würde
+dir jeder Angsttropfe, den du fallen siehst, mit einer Tonne Golds
+aufgewogen--ich möchte nicht du sein--Was kann noch geschehen?
+
+Wurm. Ich weiß nicht.
+
+Luise. Sie wollen nicht wissen?--Diese lichtscheue Bothschaft
+fürchtet das Geräusch der Worte, aber in der Grabesstille Ihres
+Gesichts zeigt sich mir das Gespenst--Was ist noch übrig?--Sie sagten
+vorhin, der Herzog wollte es auffallend ahnden? Was nennen Sie
+auffallend?
+
+Wurm. Fragen Sie nichts mehr.
+
+Luise. Höre, Mensch! Du gingst beim Henker zur Schule. Wie
+verstündest du sonst, das Eisen erst langsam bedächtlich an den
+knirschenden Gelenken hinaufzuführen und das zuckende Herz mit dem
+Streich der Erbarmung zu necken?--Welches Schicksal wartet auf meinen
+Vater? Es ist Tod in Dem, was du lachend sagst; wie mag Das aussehen,
+was du an dich hältst? Sprich es aus. Laß mich sie auf einmal
+haben, die ganze zermalmende Ladung. Was wartet auf meinen Vater?
+
+Wurm. Ein Criminal-Proceß.
+
+Luise. Was ist aber das?--Ich bin ein unwissendes, unschuldiges Ding,
+verstehe mich wenig auf eure fürchterlichen lateinischen Wörter.
+Was heißt Criminal-Proceß?
+
+Wurm. Gericht um Leben und Tod.
+
+Luise (standhaft). So dank' ich Ihnen! (Sie eilt schnell in ein
+Seitenzimmer.)
+
+Wurm (steht betroffen da). Wo will das hinaus! Sollte die Närrin
+etwa?--Teufel! Sie wird doch nicht--Ich eile nach--ich muß für ihr
+Leben bürgen. (Im Begriff, ihr zu folgen.)
+
+Luise (kommt zurück, einen Mantel umgeworfen). Verzeihen Sie,
+Secretär. Ich schließe das Zimmer.
+
+Wurm. Und wohin denn so eilig?
+
+Luise. Zum Herzog. (Will fort.)
+
+Wurm. Was? Wo hin? (Er hält sie erschrocken zurück.)
+
+Luise. Zum Herzog. Hören Sie nicht? Zu eben dem Herzog, der meinen
+Vater auf Tod und Leben will richten lassen--Nein! nicht will--muß
+richten lassen, weil einige Böswichter wollen; der zu dem ganzen
+Proceß der beleidigten Majestät nichts hergibt, als eine Majestät und
+seine fürstliche Handschrift.
+
+Wurm (lacht überlaut). Zum Herzog!
+
+Luise. Ich weiß, worüber Sie lachen--aber ich will ja auch kein
+Erbarmen dort finden--Gott bewahre mich! nur Ekel--Ekel nur an meinem
+Geschrei. Man hat mir gesagt, daß die Großen der Welt noch nicht
+belehrt sind, was Elend ist--nicht wollen belehrt sein. Ich will ihm
+sagen, was Elend ist--will es ihm vormalen in allen Verzerrungen des
+Todes, was Elend ist--will es ihm vorheulen in Mark und Bein
+zermalmenden Tönen, was Elend ist--und wenn ihm jetzt über der
+Beschreibung die Haare zu Berge fliegen, will ich ihm noch zum Schluß
+in die Ohren schrei'n, daß in der Sterbestunde auch die Lungen der
+Erdengötter zu röcheln anfangen und das jüngste Gericht Majestäten
+und Bettler in dem nämlichen Siebe rüttelt. (Sie will gehen.)
+
+Wurm (boshaft freundlich). Gehen Sie, o gehen Sie ja. Sie können
+wahrlich nichts Klügeres thun. Ich rathe es Ihnen, gehen Sie, und
+ich gebe Ihnen mein Wort, daß der Herzog willfahren wird.
+
+Luise (steht plötzlich still). Wie sagen Sie?--Sie rathen mir selbst
+dazu? (Kommt schnell zurück.) Hm! Was will ich denn? Etwas
+Abscheuliches muß es sein, weil dieser Mensch dazu rathet--Woher
+wissen Sie, daß der Fürst mir willfahren wird?
+
+Wurm. Weil er es nicht wird umsonst thun dürfen.
+
+Luise. Nicht umsonst? Welchen Preis kann er auf eine Menschlichkeit
+setzen?
+
+Wurm. Die schöne Supplicantin ist Preises genug.
+
+Luise (bleibt erstarrt stehen, dann mit brechendem Laut).
+Allgerechter!
+
+Wurm. Und einen Vater werden Sie doch, will ich hoffen, um diese
+gnädige Taxe nicht überfordert finden?
+
+Luise (auf und ab, außer Fassung). Ja! ja! Es ist wahr! Sie sind
+verschanzt, eure Großen--verschanzt vor der Wahrheit hinter ihre
+eigenen Laster, wie hinter Schwerter der Cherubim--Helfe dir der
+Allmächtige, Vater! Deine Tochter kann für dich sterben, aber nicht
+sündigen.
+
+Wurm. Das mag ihm wohl eine Neuigkeit sein, dem armen verlassenen
+Mann--"Meine Luise," sagte er mir, "hat mich zu Boden geworfen.
+Meine Luise wird mich auch aufrichten."--Ich eile, Mamsell, ihm die
+Antwort zu bringen. (Stellt sich, als ob er ginge.)
+
+Luise (eilt ihm nach, hält ihn zurück). Bleiben Sie! bleiben Sie!
+Geduld! Wie flink dieser Satan ist, wenn es gilt, Menschen rasend zu
+machen!--Ich hab' ihn niedergeworfen. Ich muß ihn aufrichten. Reden
+Sie! Rathen Sie! Was kann ich? was muß ich thun?
+
+Wurm. Es ist nur ein Mittel.
+
+Luise. Dieses einzige Mittel?
+
+Wurm. Auch Ihr Vater wünscht-Luise. Auch mein Vater?--Was ist das
+für ein Mittel?
+
+Wurm. Es ist Ihnen leicht.
+
+Luise. Ich kenne nichts Schwereres, als die Schande.
+
+Wurm. Wenn Sie den Major wieder frei machen wollen.
+
+Luise. Von seiner Liebe? Spotten Sie meiner?--Das meiner Willkür zu
+überlassen, wozu ich gezwungen ward?
+
+Wurm. So ist es nicht gemeint, liebe Jungfer. Der Major muß zuerst
+und freiwillig zurücktreten.
+
+Luise. Er wird nicht.
+
+Wurm. So scheint es. Würde man denn wohl seine Zuflucht zu Ihnen
+nehmen, wenn nicht Sie allein dazu helfen könnten?
+
+Luise. Kann ich ihn zwingen, daß er mich hassen muß?
+
+Wurm. Wir wollen versuchen. Setzen Sie sich.
+
+Luise (betreten). Mensch! Was brütest du?
+
+Wurm. Setzen Sie sich. Schreiben Sie! Hier ist Feder, Papier und
+Dinte.
+
+Luise (setzt sich in höchster Beunruhigung). Was soll ich schreiben?
+An wen soll ich schreiben?
+
+Wurm. An den Henker Ihres Vaters.
+
+Luise. Ha! du verstehst dich darauf, Seelen auf die Folter zu
+schrauben. (Ergreift die Feder.)
+
+Wurm (dictiert). "Gnädiger Herr"-Luise (schreibt mit zitternder Hand).
+
+Wurm. "Schon drei unerträgliche Tage sind vorüber--sind vorüber--und
+wir sahen uns nicht"
+
+Luise (stutzt, legt die Feder weg). An wen ist der Brief?
+
+Wurm. An den Henker Ihres Vaters.
+
+Luise. O mein Gott!
+
+Wurm. "Halten Sie sich deßwegen an den Major--an den Major--der mich
+den ganzen Tag wie ein Argus hütet"
+
+Luise (springt auf). Büberei, wie noch keine erhört worden! An wen
+ist der Brief?
+
+Wurm. An den Henker Ihres Vaters.
+
+Luise (die Hände ringend, auf und nieder). Nein! nein! nein! das ist
+tyrannisch, o Himmel! Strafe Menschen menschlich, wenn sie dich
+reizen, aber warum mich zwischen zwei Schrecknisse pressen? Warum
+zwischen Tod und Schande mich hin und her wiegen? Warum diesen
+blutsaugenden Teufel mir auf den Nacken setzen?--Macht, was ihr wollt.
+Ich schreibe das nimmermehr.
+
+Wurm (greift nach dem Hut). Wie Sie wollen, Mademoiselle! Das steht
+ganz in Ihrem Belieben.
+
+Luise. Belieben, sagen Sie? In meinem Belieben?--Geh, Barbar!
+Hänge einen Unglücklichen über dem Abgrund der Hölle aus, bitt' ihn
+um etwas, und lästre Gott, und frag' ihn, ob es ihm beliebe?--O du
+weißt allzu gut, daß unser Herz an natürlichen Trieben so fest als an
+Ketten liegt--Nunmehr ist Alles gleich. Dictieren Sie weiter! Ich
+denke nichts mehr. Ich weiche der überlistenden Hölle. (Sie setzt
+sich zum zweitenmal.)
+
+Wurm. "Den ganzen Tag wie ein Argus hütet"--Haben Sie das?
+
+Luise. Weiter! weiter!
+
+Wurm. "Wir haben gestern den Präsidenten im Haus gehabt. Es war
+possierlich zu sehen, wie der gute Major um meine Ehre sich
+wehrte"-Luise. O schön, schön! o herrlich!--Nur immer fort.
+
+Wurm. "Ich nahm meine Zuflucht zu einer Ohnmacht--zu einer
+Ohnmacht--daß ich nicht laut lachte"
+
+Luise. O Himmel!
+
+Wurm. "Aber bald wird mir meine Maske
+unerträglich--unerträglich--Wenn ich nur loskommen könnte"-Luise
+(hält inne, steht auf, geht auf und nieder, den Kopf gesenkt, als
+suchte sie was auf dem Boden; dann setzt sie sich wiederum, schreibt
+weiter). "Loskommen könnte"
+
+Wurm. "Morgen hat er den Dienst--Passen Sie ab, wenn er von mir geht,
+und kommen an den bewußten Ort"--Haben Sie "bewußten?"
+
+Luise. Ich habe Alles!
+
+Wurm. "An den bewußten Ort zu Ihrer zärtlichen.... Luise"
+
+Luise. Nun fehlt die Adresse noch.
+
+Wurm. "An Herrn Hofmarschall von Kalb."
+
+Luise. Ewige Vorsicht! Ein Name, so fremd meinen Ohren, als meinem
+Herzen diese schändlichen Zeilen. (Sie steht auf und betrachtet eine
+große Pause lang mit starrem Blick das Geschriebene, endlich reicht
+sie es dem Secretär mit erschöpfter, hinsterbender Stimme.) Nehmen
+Sie, mein Herr. Es ist mein ehrlicher Name--es ist Ferdinand--es ist
+die ganze Wonne meines Lebens, was ich jetzt in Ihre Hände gebe--Ich
+bin eine Bettlerin.
+
+Wurm. O nein doch! Verzagen Sie nicht, liebe Mademoiselle. Ich
+habe herzliches Mitleid mit Ihnen. Vielleicht--wer weiß?--Ich könnte
+mich noch wohl über gewisse Dinge hinwegsetzen--Wahrlich! Bei Gott!
+Ich habe Mitleid mit Ihnen.
+
+Luise (blickt ihn starr und durchdringend an). Reden Sie nicht aus,
+mein Herr. Sie sind auf dem Wege, sich etwas Entsetzliches zu
+wünschen.
+
+Wurm (im Begriff, ihre Hand zu küssen). Gesetzt, es wäre diese
+niedliche Hand--Wie so, liebe Jungfer?
+
+Luise (groß und schrecklich). Weil ich dich in der Brautnacht
+erdrosselte und mich dann mit Wollust aufs Rad flechten ließe. (Sie
+will gehen, kommt aber schnell zurück.) Sind wir jetzt fertig, mein
+Herr? Darf die Taube nun fliegen?
+
+Wurm. Nur noch die Kleinigkeit, Jungfer. Die müssen mit mir und das
+Sacrament darauf nehmen, diesen Brief für einen freiwilligen zu
+erkennen.
+
+Luise. Gott! Gott! und du selbst mußt das Siegel geben, die Werke
+der Hölle zu verwahren? (Wurm zieht sie fort.)
+
+
+
+
+Vierter Akt.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+Saal beim Präsidenten.
+
+
+Ferdinand von Walter, einen offenen Brief in der Hand, kommt
+stürmisch durch eine Thüre, durch eine andere ein Kammerdiener.
+
+Ferdinand. War kein Marschall da?
+
+Kammerdiener. Herr Major, der Herr Präsident fragt nach Ihnen.
+
+Ferdinand. Alle Donner! Ich frag', war kein Marschall da?
+
+Kammerdiener. Der gnädige Herr sitzt oben am Pharotisch.
+
+Ferdinand. Der gnädige Herr soll im Namen der ganzen Hölle daher
+kommen. (Kammerdiener geht.)
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+Ferdinand allein, den Brief durchfliegend, bald erstarrend, bald
+wüthend herumstürzend.
+
+
+Es ist nicht möglich! nicht möglich! Diese himmlische Hülle
+versteckt kein so teuflisches Herz--Und doch! doch! Wenn alle Engel
+herunter stiegen, für ihre Unschuld bürgten--wenn Himmel und Erde,
+wenn Schöpfung und Schöpfer zusammenträten, für ihre Unschuld
+bürgten--es ist ihre Hand--Ein unerhörter, ungeheurer Betrug, wie die
+Menschheit noch keinen erlebte!--Das also war's, warum man sich so
+beharrlich der Flucht widersetzt!--Darum--o Gott! jetzt erwach' ich,
+jetzt enthüllt sich mir Alles!--Darum gab man seinen Anspruch auf
+meine Liebe mit so viel Heldenmuth auf, und bald, bald hätte selbst
+mich die himmlische Schminke betrogen!
+
+(Er stürzt rascher durchs Zimmer, dann steht er wieder nachdenkend
+still.)
+
+Mich so ganz zu ergründen!--Jedes kühne Gefühl, jede leise
+schüchterne Bebung zu erwiedern, jede feurige Wallung--An der
+feinsten Unbeschreiblichkeit eines schwebenden Lauts meine Seele zu
+fassen--Mich zu berechnen in einer Thräne--Auf jeden gähen Gipfel der
+Leidenschaft mich zu begleiten, mir zu begegnen vor jedem
+schwindelnden Absturz--Gott! Gott! und alles Das nichts als
+Grimasse?--Grimasse? O, wenn die Lüge eine so haltbare Farbe hat,
+wie ging es zu, daß sich kein Teufel noch in das Himmelreich
+hineinlog?
+
+Da ich ihr die Gefahr unsrer Liebe entdeckte, mit welch überzeugender
+Täuschung erblaßte die Falsche da! Mit welch siegender Würde schlug
+sie den frechen Hohn meines Vaters zu Boden, und in eben dem
+Augenblick fühlte das Weib sich doch schuldig!--Was? hielt sie nicht
+selbst die Feuerprobe der Wahrheit aus--die Heuchlerin sinkt in
+Ohnmacht. Welche Sprache wirst du jetzt führen, Empfindung? Auch
+Koketten sinken in Ohnmacht. Womit wirst du dich rechtfertigen,
+Unschuld?--Auch Metzen sinken in Ohnmacht.
+
+Sie weiß, was sie aus mir gemacht hat. Sie hat meine ganze Seele
+gesehen. Mein Herz trat beim Erröthen des ersten Kusses sichtbar in
+meine Augen--und sie empfand nichts? empfand vielleicht nur den
+Triumph ihrer Kunst?--Da mein glücklicher Wahnsinn den ganzen Himmel
+in ihr zu umspannen wähnte, meine wildesten Wünsche schwiegen--vor
+meinem Gemüth stand kein Gedanke, als die Ewigkeit und das
+Mädchen--Gott! da empfand sie nichts? fühlte nichts, als ihren
+Anschlag gelungen? nichts, als ihre Reize geschmeichelt? Tod und
+Rache! Nichts! als daß ich betrogen sei?
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+Der Hofmarschall und Ferdinand.
+
+
+Hofmarschall (ins Zimmer trippelnd). Sie haben den Wunsch blicken
+lassen, mein Bester-Ferdinand (vor sich hinmurmelnd). Einem Schurken
+den Hals zu brechen. (Laut.) Marschall, dieser Brief muß Ihnen bei
+der Parade aus der Tasche gefallen sein--und ich (mit boshaftem
+Lachen) war zum Glück noch der Finder.
+
+Hofmarschall. Sie?
+
+Ferdinand. Durch den lustigsten Zufall. Machen Sie's mit der
+Allmacht aus.
+
+Hofmarschall. Sie sehen, wie ich erschrecke, Baron.
+
+Ferdinand. Lesen Sie! Lesen Sie! (Von ihm weggehend.) Bin ich auch
+schon zum Liebhaber zu schlecht, vielleicht lass' ich mich desto
+besser als Kuppler an.
+
+(Während Jener liest, tritt er zur Wand und nimmt zwei Pistolen
+herunter.)
+
+Hofmarschall (wirft den Brief auf den Tisch und will sich davon
+machen). Verflucht!
+
+Ferdinand (führt ihn am Arm zurück). Geduld, lieber Marschall. Die
+Zeitungen dünken mich angenehm. Ich will meinen Finderlohn haben.
+(Hier zeigt er ihm die Pistolen.)
+
+Hofmarschall (tritt bestürzt zurück). Sie werden vernünftig sein,
+Bester.
+
+Ferdinand (mit starker, schrecklicher Stimme). Mehr als zu viel, um
+einen Schelmen, wie du bist, in jene Welt zu schicken! (Er dringt
+ihm die eine Pistole auf, zugleich zieht er sein Schnupftuch.) Nehmen
+Sie! Dieses Schnupftuch da fassen Sie!--Ich hab's von der Buhlerin.
+
+Hofmarschall. Über dem Schnupftuch? Rasen Sie? Wohin denken Sie?
+
+Ferdinand. Faß dieses End' an, sag' ich! sonst wirst du ja fehl
+schießen, Memme!--Wie sie zittert, die Memme! Du solltest Gott
+danken, Memme, daß du zum ersten Mal etwas in deinen Hirnkasten
+kriegst. (Hofmarschall macht sich auf die Beine.) Sachte! dafür wird
+gebeten sein. (Er überholt ihn und riegelt die Thür.)
+
+Hofmarschall. Auf dem Zimmer, Baron?
+
+Ferdinand. Als ob sich mit dir ein Gang vor den Wall
+verlohnte?--Schatz, so knallt's desto lauter, und das ist ja doch
+wohl das erste Geräusch, das du in der Welt machst--Schlag an!
+
+Hofmarschall (wischt sich die Stirn). Und Sie wollen Ihr kostbares
+Leben so aussetzen, junger, hoffnungsvoller Mann?
+
+Ferdinand. Schlag an, sag' ich. Ich habe nichts mehr in dieser Welt
+zu thun.
+
+Hofmarschall. Aber ich desto mehr, mein Allervortrefflichster.
+
+Ferdinand. Du, Bursche? Was, du?--Der Nothnagel zu sein, wo die
+Menschen sich rar machen? In einem Augenblick siebenmal kurz und
+siebenmal lang zu werden, wie der Schmetterling an der Nadel? Ein
+Register zu führen über die Stuhlgänge deines Herrn und der Miethgaul
+seines Witzes zu sein? Eben so gut, ich führe dich, wie irgend ein
+seltenes Murmelthier mit mir. Wie ein zahmer Affe sollst du zum
+Geheul der Verdammten tanzen, apportieren und aufwarten und mit
+deinen höfischen Künsten die ewige Verzweiflung belustigen.
+
+Hofmarschall. Was Sie befehlen, Herr! wie Sie belieben--Nur die
+Pistolen weg!
+
+Ferdinand. Wie er dasteht, der Schmerzenssohn!--Dasteht dem sechsten
+Schöpfungstag zum Schimpfe! Als wenn ihn ein Tübinger Buchhändler
+dem Allmächtigen nachgedruckt hätte!--Schade nur, ewig Schade für die
+Unze Gehirn, die so schlecht in diesem undankbaren Schädel wuchert.
+Diese einzige Unze hätte dem Pavian noch vollends zum Menschen
+geholfen, da sie jetzt nur einen Bruch von Vernunft macht--Und mit
+Diesem ihr Herz zu theilen?--Ungeheuer! Unverantwortlich!--Einem
+Kerl, mehr gemacht, von Sünden zu entwöhnen, als dazu anzureizen.
+
+Hofmarschall. O! Gott sei ewig Dank! Er wird witzig.
+
+Ferdinand. Ich will ihn gelten lassen. Die Toleranz, die der
+Raupe schont, soll auch Diesem zu gute kommen. Man begegnet
+ihm, zuckt etwa die Achsel, bewundert vielleicht noch die kluge
+Wirthschaft des Himmels, der auch mit Träbern und Bodensatz noch
+Creaturen speist; der dem Raben am Hochgericht und einem Höfling
+im Schlamme der Majestäten den Tisch deckt--Zuletzt erstaunt man
+noch über die große Polizei der Vorsicht, die auch in der
+Geisterwelt ihre Blindschleichen und Taranteln zur Ausfuhr des
+Gifts besoldet--Aber (indem seine Wuth sich erneuert) an meine
+Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will es
+(den Marschall fassend und unsanft herumschüttelnd) so, und so,
+und wieder so durcheinander quetschen.
+
+Hofmarschall (für sich hinseufzend). O mein Gott! Wer hier weg wäre!
+Hundert Meilen von hier, im Bicêtre zu Paris, nur bei Diesem nicht!
+
+Ferdinand. Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist? Bube! wenn du
+genossest, wo ich anbetete? (wüthender) Schwelgtest, wo ich einen
+Gott mich fühlte. (Plötzlich schweigt er, darauf fürchterlich.) Dir
+wäre besser, Bube, du flöhest der Hölle zu, als daß dir mein Zorn im
+Himmel begegnete!--Wie weit kamst du mit dem Mädchen? Bekenne!
+
+Hofmarschall. Lassen Sie mich los. Ich will Alles verrathen.
+
+Ferdinand. O! es muß reizender sein, mit diesem Mädchen zu buhlen,
+als mit andern noch so himmlisch zu schwärmen--Wollte sie
+ausschweifen, wollte sie, sie könnte den Werth der Seele
+herunterbringen und die Tugend mit der Wollust verfälschen. (Dem
+Marschall die Pistole aufs Herz drückend.) Wie weit kamst du mit ihr?
+Ich drücke ab, oder bekenne!
+
+Hofmarschall. Es ist nichts--ist ja Alles nichts. Haben Sie nur
+eine Minute Geduld. Sie sind ja betrogen.
+
+Ferdinand. Und daran mahnst du mich, Bösewicht?--Wie weit kamst du
+mit ihr? Du bist des Todes, oder bekenne!
+
+Hofmarschall. Mon Dieu! Mein Gott! Ich spreche ja--so hören Sie
+doch nur--Ihr Vater--Ihr eigener, leiblicher Vater-Ferdinand
+(grimmiger). Hat seine Tochter an dich verkuppelt? Und wie weit
+kamst du mit ihr? Ich ermorde dich, oder bekenne!
+
+Hofmarschall. Sie rasen. Sie hören nicht. Ich sah sie nie. Ich
+kenne sie nicht. Ich weiß gar nichts von ihr.
+
+Ferdinand (zurücktretend). Du sahst sie nie? Kennst sie nicht?
+Weißt gar nichts von ihr?--Die Miller ist ist verloren um
+deinetwillen; die leugnest sie dreimal in einem Athem hinweg?--Fort,
+schlechter Kerl! (Er gibt ihm mit der Pistole einen Streich und
+stößt ihn aus dem Zimmer.) Für deines Gleichen ist kein Pulver
+erfunden!
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+Ferdinand nach einem langen Stillschweigen, worin seine Züge einen
+schrecklichen Gedanken entwickeln.
+
+
+Verloren! ja, Unglückselige!--Ich bin es. Du bist es auch. Ja, bei
+dem großen Gott! wenn ich verloren bin, bist du es auch! Richter der
+Welt! Fordre sie mir nicht ab! Das Mädchen ist mein. Ich trat dir
+deine ganze Welt für das Mädchen ab, habe Verzicht gethan auf deine
+ganze herrliche Schöpfung. Laß mir das Mädchen.--Richter der Welt!
+dort winseln Millionen Seelen nach dir--dorthin kehre das Auge deines
+Erbarmens--mich laß allein machen, Richter der Welt! (Indem er
+schrecklich die Hände faltet.) Sollte der reiche, vermögende Schöpfer
+mit einer Seele geizen, die noch dazu die schlechteste seiner
+Schöpfung ist?--Das Mädchen ist mein! Ich einst ihr Gott, jetzt ihr
+Teufel!
+
+(Die Augen graß in einen Winkel geworfen.)
+
+Eine Ewigkeit mit ihr auf ein Rad der Verdammniß geflochten--Augen in
+Augen wurzelnd--Haare zu Berge stehend gegen Haare--auch unser hohles
+Wimmern in eins geschmolzen--und jetzt zu wiederholen meine
+Zärtlichkeiten und jetzt ihr vorzusingen ihre Schwüre--Gott! Gott!
+die Vermählung ist fürchterlich--aber ewig! (Er will schnell hinaus.
+Der Präsident tritt herein.)
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+Der Präsident und Ferdinand.
+
+
+Ferdinand (zurücktretend). O!--mein Vater!
+
+Präsident. Sehr gut, daß wir uns finden, mein Sohn. Ich komme, dir
+etwas Angenehmes zu verkündigen, und etwas, lieber Sohn, das dich
+ganz gewiß überraschen wird. Wollen wir uns setzen?
+
+Ferdinand (sieht ihn lange Zeit starr an). Mein Vater! (Mit
+stärkerer Bewegung zu ihm gehend und seine Hand fassend.) Mein Vater!
+(Seine Hand küssend, vor ihm niederfallend.) O mein Vater!
+
+Präsident. Was ist dir, mein Sohn? Steh auf. Deine Hand brennt und
+zittert.
+
+Ferdinand (mit wilder, feuriger Empfindung). Verzeihung für meinen
+Undank, mein Vater! Ich bin ein verworfener Mensch. Ich habe Ihre
+Güte mißkannt! Sie meinten es mit mir so väterlich!--O! Sie hatten
+eine weissagende Seele--jetzt ist's zu spät--Verzeihung! Verzeihung!
+Ihren Segen, mein Vater!
+
+Präsident (heuchelt eine schuldlose Miene). Steh auf, mein Sohn!
+Besinne dich, daß du mir Räthsel sprichst.
+
+Ferdinand. Diese Millerin, mein Vater--O, Sie kennen den
+Menschen--Ihre Wuth war damals so gerecht, so edel, so väterlich
+warm--nur verfehlte der warme Vatereifer des Weges--diese Millerin!
+
+Präsident. Martre mich nicht, mein Sohn. Ich verfluche meine Härte!
+Ich bin gekommen, dir abzubitten.
+
+Ferdinand. Abbitten an mir! Verfluchen an mir!--Ihre Mißbilligung
+war Weisheit. Ihre Härte war himmlisches Mitleid--Diese Millerin,
+Vater-Präsident. Ist ein edles, ein liebes Mädchen.--Ich widerrufe
+meinen übereilten Verdacht. Sie hat meine Achtung erworben.
+
+Ferdinand (springt erschüttert auf). Was? auch Sie?--Vater! auch
+Sie?--und nicht wahr, mein Vater, ein Geschöpf wie die Unschuld?--Und
+es ist so menschlich, dieses Mädchen zu lieben?
+
+Präsident. Sage so: es ist Verbrechen, sie nicht zu lieben.
+
+Ferdinand. Unerhört! Ungeheuer!--Und Sie schauen ja doch sonst die
+Herzen so durch! Sahen sie noch dazu mit Augen des Hasses!
+--Heuchelei ohne Beispiel--Diese Millerin, Vater-Präsident. Ist es
+werth, meine Tochter zu sein. Ich rechne ihre Tugend für Ahnen und
+ihre Schönheit für Gold. Meine Grundsätze weichen deiner Liebe--Sie
+sei dein!
+
+Ferdinand (stürzt fürchterlich aus dem Zimmer). Das fehlte noch!
+--Leben Sie wohl, mein Vater. (Ab.)
+
+Präsident (ihm nachgehend). Bleib! Bleib! Wohin stürmst du? (Ab.)
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+Ein prächtiger Saal bei der Lady.
+
+Lady und Sophie treten herein.
+
+
+Lady. Also sahst du sie? Wird sie kommen?
+
+Sophie. Diesen Augenblick. Sie war noch im Hausgewand und wollte
+sich nur in der Geschwindigkeit umkleiden.
+
+Lady. Sage mir nichts von ihr--Stille--wie eine Verbrecherin zittre
+ich, die Glückliche zu sehen, die mit meinem Herzen so schrecklich
+harmonisch fühlt--Und wie nahm sie sich bei der Einladung?
+
+Sophie. Sie schien bestürzt, wurde nachdenkend, sah mich mit großen
+Augen an und schwieg. Ich hatt mich schon auf ihre Ausflüchte
+vorbereitet, als sie mit einem Blick, der mich ganz überraschte, zur
+Antwort gab: Ihre Dame befiehlt mir, was ich mir morgen erbitten
+wollte.
+
+Lady (sehr unruhig). Laß mich, Sophie. Beklage mich. Ich muß
+erröthen, wenn sie nur das gewöhnliche Weib ist, und wenn sie mehr
+ist, verzagen.
+
+Sophie. Aber, Milady--das ist die Laune nicht, eine Nebenbuhlerin zu
+empfangen. Erinnern Sie sich, wer Sie sind. Rufen Sie Ihre Geburt,
+Ihren Rang, Ihre Macht zu Hilfe. Ein stolzeres Herz muß die stolze
+Pracht Ihres Anblicks erheben.
+
+Lady (zerstreut). Was schwatzt die Närrin da?
+
+Sophie (boshaft). Oder ist es vielleicht Zufall, daß eben heute die
+kostbarsten Brillanten an Ihnen blitzen? Zufall, daß eben heute der
+reichste Stoff Sie bekleiden muß--daß Ihre Antichambre von Heiducken
+und Pagen wimmelt und das Bürgermädchen im fürstlichen Saal Ihres
+Palastes erwartet wird?
+
+Lady (auf und ab voll Erbitterung). Verwünscht! Unerträglich! Daß
+Weiber für Weiberschwächen solche Luchsaugen haben!--Aber wie tief,
+wie tief muß ich schon gesunken sein, daß eine solche Creatur mich
+ergründet!
+
+Ein Kammerdiener (tritt auf). Mamsell Millerin-Lady (zu Sophien).
+Hinweg, du! Entferne dich! (Drohend, da diese noch zaudert.) Hinweg!
+Ich befehl' es! (Sophie geht ab, Lady macht einen Gang durch den
+Saal.) Gut! Recht gut, daß ich in Wallung kam! Ich bin, wie ich
+wünschte! (Zum Kammerdiener.) Die Mamsell mag hereintreten.
+(Kammerdiener geht. Sie wirft sich in den Sopha und nimmt eine
+vornehm-nachlässige Lage an.)
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+Luise Millerin tritt schüchtern herein und bleibt in einer großen
+Entfernung von der Lady stehen; Lady hat ihr den Rücken zugewandt und
+betracht sie eine Zeit lang aufmerksam in dem gegenüber stehenden
+Spiegel. (Nach einer Pause.)
+
+
+Luise. Gnädige Frau, ich erwarte Ihre Befehle.
+
+Lady (dreht sich nach Luisen um und nickt nur eben mit dem Kopfe,
+fremd und zurückgezogen). Aha! Ist Sie hier?--Ohne Zweifel die
+Mamsell--eine gewisse--wie nennt man Sie doch?
+
+Luise (etwas empfindlich). Miller nennt sich mein Vater, und Ihro
+Gnaden schickten nach seiner Tochter.
+
+Lady. Recht! Recht! ich entsinne mich--die arme Geigerstochter,
+wovon neulich die Rede war. (Nach einer Pause vor sich.) Seht
+interessant, und doch keine Schönheit--(Laut zu Luisen.) Treten Sie
+näher, mein Kind. (Wieder vor sich.) Augen, die sich im Weinen
+übten--Wie lieb' ich sie, diese Augen! (Wiederum laut.) Nur
+näher--Nur ganz nah--Gutes Kind, ich glaube, du fürchtest mich?
+
+Luise (groß, mit entschiedenem Ton). Nein, Milady. Ich verachte das
+Urtheil der Menge.
+
+Lady (vor sich). Sieh doch! und diesen Trotzkopf hat sie von ihm.
+(Laut.) Man hat Sie mir empfohlen, Mamsell. Sie soll was gelernt
+haben und sonst auch zu leben wissen--Nun ja. Ich will's
+glauben--auch nähm' ich die ganze Welt nicht, einen so warmen
+Fürsprecher Lügen zu strafen.
+
+Luise. Doch kenn' ich Niemand, Milady, der sich Mühe gäbe, mir eine
+Patronin zu suchen.
+
+Lady (geschraubt). Mühe um die Clientin oder Patronin?
+
+Luise. Das ist mir zu hoch, gnädige Frau.
+
+Lady. Mehr Schelmerei, als diese offene Bildung vermuthen läßt!
+Luise nennt sie sich? Und wie jung, wenn man fragen darf?
+
+Luise. Sechzehn gewesen.
+
+Lady (steht rasch auf). Nun ist's heraus! Sechzehn Jahre! Der
+erste Puls dieser Leidenschaft!--Auf dem unberührten Clavier der
+erste einweihende Silberton--Nichts ist verführender--Setz dich, ich
+bin dir gut, liebes Mädchen--Und auch er liebt zum ersten Mal--Was
+Wunder, wenn sich die Strahlen eines Morgenroths finden? (Sehr
+freundlich und ihre Hand ergreifend.) Es bleibt dabei, ich will dein
+Glück machen, Liebe--Nichts, nichts als die süße, frühe verfliegende
+Träumerei. (Luisen auf die Wange klopfend.) Meine Sophie heirathet.
+Du sollst ihre Stelle haben--Sechzehn Jahr! Es kann nicht von Dauer
+sein.
+
+Luise (küßt ihr ehrerbietig die Hand). Ich danke für diese Gnade,
+Milady, als wenn ich sie annehmen dürfte.
+
+Lady (in Entrüstung zurückfallend). Man sehe die große Dame!--Sonst
+wissen sich Jungfern Ihrer Herkunft noch glücklich, wenn sie
+Herrschaften finden--Wo will denn Sie hinaus, meine Kostbare? Sind
+diese Finger zur Arbeit zu niedlich? Ist es Ihr Bischen Gesicht,
+worauf Sie so trotzig thut?
+
+Luise. Mein Gesicht, gnädige Frau, gehört mir so wenig, als meine
+Herkunft.
+
+Lady. Oder glaubt Sie vielleicht, das werde nimmer ein Ende
+nehmen?--Armes Geschöpf, wer dir das in den Kopf setzte--mag er sein,
+wer er will--er hat euch Beide zum Besten gehabt. Diese Wangen sind
+nicht im Feuer vergoldet. Was dir dein Spiegel für massiv und ewig
+verkauft, ist nur ein dünner, angeflogener Goldschaum, der deinem
+Anbeter über kurz oder lang in der Hand bleiben muß--Was werden wir
+dann machen?
+
+Luise. Den Anbeter bedauern, Milady, der einen Demant kaufte, weil
+er in Gold schien gefaßt zu sein.
+
+Lady (ohne darauf achten zu wollen). Ein Mädchen von Ihren
+Jahren hat immer zween Spiegel zugleich, den wahren und ihren
+Bewunderer--die gefällige Geschmeidigkeit des letztern macht die
+rauhe Offenherzigkeit des erstern wieder gut. Der eine rügt eine
+häßliche Blatternarbe. Weit gefehlt, sagt der andere, es ist ein
+Grübchen der Grazien. Ihr guten Kinder glaubt jenem nur, was euch
+dieser gesagt hat, hüpft von einem zum andern, bis ihr zuletzt die
+Aussagen beider verwechselt--Warum begaffen Sie mich so?
+
+Luise. Verzeihen Sie, gnädige Frau--Ich war so eben im Begriff,
+diesen prächtig blitzenden Rubin zu beweinen, der es nicht wissen muß,
+daß seine Besitzerin so scharf wider Eitelkeit eifert.
+
+Lady (erröthend). Keinen Seitensprung, Lose!--Wenn es nicht die
+Promessen Ihrer Gestalt sind, was in der Welt könnte Sie abhalten,
+einen Stand zu erwählen, der der einzige ist, wo Sie Manieren und
+Welt lernen kann, der einzige ist, wo Sie sich Ihrer bürgerlichen
+Vorurtheile entledigen kann?
+
+Luise. Auch meiner bürgerlichen Unschuld, Milady?
+
+Lady. Läppischer Einwurf! Der ausgelassenste Bube ist zu verzagt,
+uns etwas Beschimpfendes zuzumuthen, wenn wir ihm nicht selbst
+ermunternd entgegen gehn. Zeige Sie, wer Sie ist. Gebe Sie sich
+Ehre und Würde, und ich sage Ihrer Jugend für alle Versuchung gut.
+
+Luise. Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich mich unterstehe, daran zu
+zweifeln. Die Paläste gewisser Damen sind oft die Freistätten der
+frechsten Ergötzlichkeit. Wer sollte der Tochter des armen Geigers
+den Heldenmuth zutrauen, den Heldenmuth, mitten in die Pest sich zu
+werfen und doch dabei vor der Vergiftung zu schaudern? Wer sollte
+sich träumen lassen, daß Lady Milford ihrem Gewissen einen ewigen
+Skorpion halte, daß sie Geldsummen aufwende, um den Vortheil zu haben,
+jeden Augenblick schamroth zu werden?--Ich bin offenherzig, gnädige
+Frau--Würde Sie mein Anblick ergötzen, wenn Sie einem Vergnügen
+entgegen gingen? Würden Sie ihn ertragen, wenn Sie zurückkämen?--O
+besser, besser, Sie lassen Himmelsstriche uns trennen--Sie lassen
+Meere zwischen uns fließen!--Sehen Sie sich wohl für, Milady--Stunden
+der Nüchternheit, Augenblicke der Erschöpfung könnten sich
+melden--Schlangen der Reue könnten Ihren Busen anfallen, und
+nun--welche Folter für Sie, im Gesicht Ihres Dienstmädchens die
+heitre Ruhe zu lesen, womit die Unschuld ein reines Herz zu belohnen
+pflegt. (Sie tritt einen Schritt zurück.) Noch einmal, gnädige Frau.
+Ich bitte sehr um Vergebung.
+
+Lady (in großer innrer Bewegung herumgehend). Unerträglich, daß sie
+mir das sagt! Unerträglicher, daß sie Recht hat! (Zu Luisen tretend
+und ihr starr in die Augen sehend.) Mädchen, du wirst mich nicht
+überlisten. So warm sprechen Meinungen nicht. Hinter diesen Maximen
+lauert ein feurigeres Interessen, das dir meine Dienste besonders
+abscheulich malt--das dein Gespräch so erhitzte--das ich (drohend)
+entdecken muß.
+
+Luise (gelassen und edel). Und wenn Sie es nun entdeckten? Und
+wenn Ihr verächtlicher Fersenstoß den beleidigten Wurm aufweckte,
+dem sein Schöpfer gegen Mißhandlung noch einen Stachel gab?--Ich
+fürchte Ihre Rache nicht, Lady--Die arme Sünderin auf dem
+berüchtigten Henkerstuhl lacht zum Weltuntergang. Mein Elend ist
+so hoch gestiegen, daß selbst Aufrichtigkeit es nicht mehr
+vergrößern kann. (Nach einer Pause sehr ernsthaft.) Sie wollen
+mich aus dem Staub meiner Herkunft reißen. Ich will sie nicht
+zergliedern, diese verdächtige Gnade. Ich will nur fragen, was
+Milady bewegen konnte, mich für die Thörin zu halten, die über
+ihre Herkunft erröthet? Was sie berechtigen konnte, sich zur
+Schöpferin meines Glücks aufzuwerfen, ehe sie noch wußte, ob ich
+mein Glück auch von ihren Händen empfangen wollte?--Ich hatte
+meinen ewigen Anspruch auf die Freuden der Welt zerrissen. Ich
+hatte dem Glück seine Übereilung vergeben--Warum mahnen Sie mich
+aufs Neu an dieselbe?--Wenn selbst die Gottheit dem Blick der
+Erschaffenen ihre Strahlen verbirgt, daß nicht ihr oberster Seraph
+vor seiner Verfinsterung zurückschaure--warum wollen Menschen so
+grausam-barmherzig sein?--Wie kommt es, Milady, daß Ihr
+gepriesenes Glück das Elend so gern um Neid und Bewunderung
+anbettelt?--Hat Ihre Wonne die Verzweiflung so nöthig zur
+Folie?--O lieber! so gönnen Sie mir doch eine Blindheit, die mich
+allein noch mit meinem barbarischen Loos versöhnt--Fühlt sich doch
+das Insekt in einem Tropfen Wassers so selig, als wär' es ein
+Himmelreich, so froh und so selig, bis man ihm von einem Weltmeer
+erzählt, worin Flotten und Wallfische spielen!--Aber glücklich
+wollen Sie mich ja wissen? (Nach einer Pause plötzlich zur Lady
+hintretend und mit Überraschung fragend:) Sind Sie glücklich,
+Milady? (Diese verläßt sie schnell und betroffen, Luise folgt ihr
+und hält ihr die Hand vor den Busen.) Hat dieses Herz auch die
+lachende Gestalt Ihres Standes? Und wenn wir jetzt Brust gegen
+Brust und Schicksal gegen Schicksal auswechseln sollten--und wenn
+ich in kindlicher Unschuld--und wenn ich auf Ihr Gewissen--und
+wenn ich als meine Mutter Sie fragte--würden Sie mir wohl zu dem
+Tausche rathen?
+
+Lady (heftig bewegt in den Sopha sich werfend). Unerhört!
+Unbegreiflich! Nein, Mädchen! Nein! Diese Größe hast du nicht auf
+die Welt gebracht, und für einen Vater ist sie zu jugendlich. Lüge
+mir nicht. Ich höre einen andern Lehrer-Luise (fein und scharf ihr
+in die Augen sehend). Es sollte mich doch wundern, Milady, wenn Sie
+jetzt erst auf diesen Lehrer fielen, und doch vorhin schon eine
+Condition für mich wußten.
+
+Lady (springt auf). Es ist nicht auszuhalten!--Ja denn! weil ich
+dir doch nicht entwischen kann. Ich kenn' ihn--weiß Alles--weiß
+mehr, als ich wissen mag. (Plötzlich hält sie inne, darauf mit
+einer Heftigkeit, die nach und nach bis beinahe zum Toben steigt.)
+Aber wag' es, Unglückliche--wag' es, ihn jetzt noch zu lieben oder
+von ihm geliebt zu werden--Was sage ich?--Wag' es, an ihn zu
+denken oder einer von seinen Gedanken zu sein--Ich bin mächtig,
+Unglückliche--fürchterlich--so wahr Gott lebt! Du bist verloren!
+
+Luise (standhaft). Ohne Rettung, Milady, sobald Sie ihn zwingen, daß
+er Sie lieben muß.
+
+Lady. Ich verstehe dich--aber er soll mich nicht lieben. Ich will
+über diese schimpfliche Leidenschaft siegen, mein Herz unterdrücken
+und das deinige zermalmen--Felsen und Abgründe will ich zwischen euch
+werfen; eine Furie will ich mitten durch euren Himmel gehen; mein
+Name soll eure Küsse, wie ein Gespenst Verbrecher, auseinander
+scheuchen; deine junge blühende Gestalt unter seiner Umarmung welk,
+wie eine Mumie, zusammenfallen--Ich kann nicht mit ihm glücklich
+werden--aber du sollst es auch nicht werden--Wisse das, Elende!
+Seligkeit zerstören ist auch Seligkeit.
+
+Luise. Eine Seligkeit, um die man Sie schon gebracht hat, Milady.
+Lästern Sie Ihr eigenes Herz nicht. Sie sind nicht fähig, Das
+auszuüben, was Sie so drohend auf mich herabschwören. Sie sind nicht
+fähig, ein Geschöpf zu quälen, das Ihnen nichts zu Leide gethan, als
+daß es empfunden hat wie Sie--Aber ich liebe Sie um dieser Wallung
+willen, Milady.
+
+Luise (die sich jetzt gefaßt hat). Wo bin ich? Wo war ich? Was
+hab' ich merken lassen? Wen hab' ich's merken lassen?--O Luise, edle,
+große, göttliche Seele! Vergib's einer Rasenden--Ich will dir kein
+Haar kränken, mein Kind. Wünsche! Fordre! Ich will dich auf den
+Händen tragen, deine Freundin, deine Schwester will ich sein--Du bist
+arm--Sieh! (Einige Brillanten herunternehmend.) Ich will diesen
+Schmuck verkaufen--meine Garderobe, Pferd und Wagen verkaufen--Dein
+sei Alles, aber entsag' ihm!
+
+Luise (tritt zurück voll Befremdung). Spottet sie einer
+Verzweifelnden, oder sollte sie an der barbarischen That im Ernst
+keinen Antheil gehabt haben?--Ha! So könnt' ich mir ja noch den
+Schein einer Heldin geben und meine Ohnmacht zu einem Verdienst
+aufputzen. (Sie steht eine Weile gedankenvoll, dann tritt sie näher
+zur Lady, faßt ihre Hand und sieht sie starr und bedeutend an.)
+Nehmen Sie ihn denn hin, Milady!--Freiwillig tret' ich Ihnen ab den
+Mann, den man mit Haken der Hölle von meinem blutenden Herzen riß.
+--Vielleicht wissen Sie es selbst nicht, Milady, aber Sie haben den
+Himmel zweier Liebenden geschleift, von einander gezerrt zwei Herzen,
+die Gott aneinander band; zerschmettert ein Geschöpf, das ihm nahe
+ging wie Sie, das er zur Freude schuf wie Sie, das ihn gepriesen hat
+wie Sie, und ihn nun nimmermehr preisen wird--Lady! ins Ohr des
+Allwissenden schreit auch der letzte Krampf des zertretenen Wurms--Es
+wird ihm nicht gleichgültig sein, wenn man Seelen in seinen Händen
+mordet! Jetzt ist er Ihnen! Jetzt, Milady, nehmen Sie ihn hin!
+Rennen Sie in seine Arme! Reißen Sie ihn zum Altar--Nur vergessen
+Sie nicht, daß zwischen Ihren Brautkuß das Gespenst einer
+Selbstmörderin stürzen wird--Gott wird barmherzig sein--Ich kann mir
+nicht anders helfen! (Sie stürzt hinaus.)
+
+
+
+Achte Scene.
+
+Lady allein, steht erschüttert und außer sich, den starren Blick nach
+der Thüre gerichtet, durch welche die Millerin weggeeilt; endlich
+erwacht sie aus ihrer Betäubung.
+
+
+Wie war das? Wie geschah mir? Was sprach die Unglückliche?--Noch, o
+Himmel! noch zerreißen sie meine Ohren, die fürchterlichen, mich
+verdammenden Worte: nehmen Sie ihn hin!--Wen, Unglückselige? das
+Geschenk deines Sterberöchelns--das schauervolle Vermächtniß deiner
+Verzweiflung? Gott! Gott! Bin ich so tief gesunken--so plötzlich
+von allen Thronen meines Stolzes herabgestürzt, daß ich heißhungrig
+erwarte, was einer Bettlerin Großmuth aus ihrem letzten Todeskampfe
+mir zuwerfen wird?--Nehmen Sie ihn hin! und das spricht sie mit einem
+Tone, begleitet sie mit einem Blick--Ha! Emilie! bist du darum über
+die Grenzen deines Geschlechts weggeschritten? Mußtest du darum um
+den prächtigen Namen des großen brittischen Weibes buhlen, daß das
+prahlende Gebäude deiner Ehre neben der höheren Tugend einer
+verwahrlosten Bürgerdirne versinken soll?--Nein, stolze Unglückliche!
+nein!--Beschämen läßt sich Emilie Milford--doch beschimpfen nie!
+Auch ich habe Kraft, zu entsagen.
+
+(Mit majestätischen Schritten auf und nieder.)
+
+Verkrieche dich jetzt, weiches, leidendes Weib!--Fahret hin, süße,
+goldene Bilder der Liebe--Großmuth allein sei jetzt meine
+Führerin!--Dieses liebende Paar ist verloren, oder Milford muß
+ihren Anspruch vertilgen und im Herzen des Fürsten erlöschen!
+(Nach einer Pause, lebhaft.) Es ist geschehen!--Gehoben das
+furchtbare Hinderniß--zerbrochen alle Bande zwischen mir und dem
+Herzog, gerissen aus meinem Busen diese wüthende Liebe!--In deine
+Arme werf' ich mich, Tugend!--Nimm sie auf, deine reuige Tochter
+Emilie!--Ha! wie mir so wohl ist! Wie ich auf einmal so leicht,
+so gehoben mich fühle!--Groß, wie eine fallende Sonne, will ich
+heut vom Gipfel meiner Hoheit heruntersinken, meine Herrlichkeit
+sterbe mit meiner Liebe, und nichts als mein Herz begleite mich in
+diese stolze Verweisung. (Entschlossen zum Schreibpult gehend.)
+Jetzt gleich muß es geschehen--jetzt auf der Stelle, ehe die Reize
+des lieben Jünglings den blutigen Kampf meines Herzens erneuern.
+(Sie setzt sich nieder und fängt an zu schreiben.)
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+Lady. Ein Kammerdiener. Sophie, hernach der Hofmarschall, zuletzt
+Bedienter.
+
+
+Kammerdiener. Hofmarschall von Kalb stehen im Vorzimmer mit einem
+Auftrag vom Herzog.
+
+Lady (in der Hitze des Schreibens.) Auftaumeln wird sie, die
+fürstliche Drahtpuppe! Freilich! Der Einfall ist auch drollig genug,
+so eine durchlauchtigte Hirnschale auseinander zu treiben!--Seine
+Hofschranzen werden wirbeln--Das ganze Land wird in Gährung kommen.
+
+Kammerdiener und Sophie. Der Hofmarschall, Milady-Lady (dreht sich
+um). Wer? Was?--Desto besser! Diese Sorte von Geschöpfen ist zum
+Sacktragen auf der Welt. Er soll mir willkommen sein.
+
+Kammerdiener (geht ab).
+
+Sophie (ängstlich näher kommend). Wenn ich nicht fürchten müßte,
+Milady, es wäre Vermessenheit (Lady schreibt hitzig fort.) Die
+Millerin stürzte außer sich durch den Vorsaal--Sie glühen--Sie
+sprechen mit sich selbst. (Lady schreibt immer fort.) Ich
+erschrecke--Was muß geschehen sein?
+
+Hofmarschall (tritt herein, macht dem Rücken der Lady tausend
+Verbeugungen; da sie ihn nicht bemerkt, kommt er näher, stellt sich
+hinter ihren Sessel, sucht den Zipfel ihres Kleides wegzukriegen und
+drückt einen Kuß darauf, mit furchtsamem Lispeln). Serenissimus-Lady
+(indem sie Sand streut und das Geschriebene durchfliegt). Er wird
+mir schwarzen Undank zur Last legen--Ich war eine verlassene. Er hat
+mich aus dem Elend gezogen--Aus dem Elend?--Abscheulicher Tausch!
+--Zerreiße deine Rechnung, Verführer! Meine ewige Schamröthe bezahlt
+sie mit Wucher.
+
+Hofmarschall (nachdem er die Lady vergeblich von allen Seiten
+umgangen hat). Milady scheinen etwas distrait zu sein--Ich werde mir
+wohl selbst die Kühnheit erlauben müssen. (Sehr laut.) Serenissimus
+schicken mich, Milady zu fragen, ob diesen Abend Vauxhall sein werde
+oder deutsche Komödie?
+
+Lady (lachend aufstehend). Eines von beiden, mein Engel--Unterdessen
+bringen Sie Ihrem Herzog diese Karte zum Dessert! (Gegen Sophie.).
+Du, Sophie, befiehlst, daß man anspannen soll, und rufst meine ganze
+Garderobe in diesem Saal zusammen-Sophie (geht ab voll Bestürzung).
+O Himmel! Was ahnet mir? Was wird das noch werden?
+
+Hofmarschall. Sie sind echauffiert, meine Gnädige?
+
+Lady. Um so weniger wird hier gelogen sein--Hurrah, Herr
+Hofmarschall! Es wird eine Stelle vacant. Gut Wetter für Kuppler!
+(Das der Marschall einen zweifelhaften Blick auf den Zettel wirft.)
+Lesen Sie, lesen Sie!--Es ist mein Wille, daß der Inhalt nicht unter
+vier Augen bleibe.
+
+Hofmarschall (liest, unterdessen sammeln sich die Bedienten der Lady
+im Hintergrund):
+
+
+"Gnädigster Herr!
+
+Ein Vertrag, den Sie so leichtsinnig brachen, kann mich nicht mehr
+binden. Die Glückseligkeit Ihres Landes war die Bedingung meiner
+Liebe. Drei Jahre währte der Betrug. Die Binde fällt mir von den
+Augen. Ich verabscheue Gunstbezeugungen, die von den Thränen der
+Unterthanen triefen.--Schenken Sie die Liebe, die ich Ihnen nicht
+mehr erwiedern kann, Ihrem weinenden Lande und lernen von einer
+brittischen Fürstin Erbarmen gegen Ihr deutsches Volk. In einer
+Stunde bin ich über der Grenze.
+
+Johanna Norfolk."
+
+Alle Bedienten (murmeln bestürzt durcheinander). Über der Grenze?
+
+Hofmarschall (legt die Karte erschrocken auf den Tisch). Behüte der
+Himmel, meine Beste und Gnädige! Den Überbringer müßte der Hals eben
+so jücken, als der Schreiberin.
+
+Lady. Das ist deine Sorge, du Goldmann--Leider weiß ich es, daß du
+und deines Gleichen am Nachbeten Dessen, was Andre gethan haben,
+erwürgen!--Mein Rath wäre, man backt den Zettel in eine
+Wildpretpastete, so fänden ihn Serenissimus auf dem
+Teller-Hofmarschall. Ciel! Diese Vermessenheit!--So erwägen Sie
+doch, so bedenken Sie doch, wie sehr Sie sich in Disgrace setzen,
+Lady!
+
+Lady (wendet sich zu der versammelten Dienerschaft und spricht das
+Folgende mit der innigsten Rührung). Ihr steht bestürzt, guten Leute,
+erwartet angstvoll, wie sich das Räthsel entwickeln wird?--Kommt
+näher, meine Lieben!--Ihr dientet mir redlich und warm, sahet mir
+öfter in die Augen, als ich die Börse; euer Gehorsam war eure
+Leidenschaft, euer Stolz--meine Gnade!--Daß das Andenken eurer Treue
+zugleich das Gedächtniß meiner Erniedrigung sein muß! Trauriges
+Schicksal, daß meine schwärzesten Tage eure glücklichen waren! (Mit
+Thränen in den Augen.) Ich entlasse euch, meine Kinder--Lady Milford
+ist nicht mehr, und Johanna von Norfolk zu arm, ihre Schuld
+abzutragen--Mein Schatzmeister stürze meine Schatulle unter
+euch--Dieser Palast bleibt dem Herzog--Der Ärmste von euch wird
+reicher von hinnen gehen, als seine Gebieterin. (Sie reicht ihre
+Hände hin, die alle nach einander mit Leidenschaft küssen.) Ich
+verstehe euch, meine Guten--Lebt wohl! Lebt ewig wohl! (Faßt sich
+aus ihrer Beklemmung.) Ich höre den Wagen vorfahren. (Sie reißt sich
+los, will hinaus, der Hofmarschall verrennt ihr den Weg.) Mann des
+Erbarmens, stehst du noch immer da?
+
+Hofmarschall (der diese ganze Zeit über mit einem Geistesbankerott
+auf den Zettel sah). Und dieses Billet soll ich Seiner
+Hochfürstlichen Durchlaucht zu Höchsteigenen Händen geben?
+
+Lady. Mann des Erbarmens! zu Höchsteigenen Händen, und sollst melden
+zu Höchsteigenen Ohren, weil ich nicht barfuß nach Loretto könne, so
+werde ich um den Taglohn arbeiten, mich zu reinigen von dem Schimpf,
+ihn beherrscht zu haben.
+
+(Sie eilt ab. Alle Übrigen gehen sehr bewegt auseinander.)
+
+
+
+
+Fünfter Akt.
+
+Abend zwischen Licht im Zimmer beim Musikanten.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+Luise sitzt stumm und ohne sich zu rühren in dem finstersten Winkel
+des Zimmers, den Kopf auf den Arm gesunken. Nach einer großen und
+tiefen Pause kommt Miller mit einer Handlaterne, leuchtet ängstlich
+im Zimmer herum, ohne Luisen zu bemerken, dann legt er den Hut auf
+den Tisch und setzt die Laterne nieder.
+
+
+Miller. Hier ist sie auch nicht. Hier wieder nicht--Durch alle
+Gassen bin ich gezogen, bei allen Bekannten bin ich gewesen, auf
+allen Thoren hab' ich gefragt--mein Kind hat man nirgends gesehen.
+(Nach einigem Stillschweigen.) Geduld, armer, unglücklicher Vater!
+Warte ab, bis es Morgen wird. Vielleicht kommt deine Einzige dann
+ans Ufer geschwommen--Gott! Gott! Wenn ich mein Herz zu abgöttisch
+an diese Tochter hing?--Die Strafe ist hart. Himmlischer Vater, hart!
+Ich will nicht murren, himmlischer Vater, aber die Strafe ist hart!
+(Er wirft sich gramvoll in einen Stuhl.)
+
+Luise (spricht aus dem Winkel). Du thust recht, armer alter Mann!
+Lerne bei Zeit noch verlieren.
+
+Miller (springt auf). Bist du da, mein Kind? Bist du?--Aber warum
+denn so einsam und ohne Licht?
+
+Luise. Ich bin darum doch nicht einsam. Wenn's so recht schwarz
+wird um mich herum, hab' ich meine besten Besuche.
+
+Miller. Gott bewahre dich! Nur der Gewissenswurm schwärmt mit der
+Eule. Sünden und böse Geister scheuen das Licht.
+
+Luise. Auch die Ewigkeit, Vater, die mit der Seele ohne Gehilfen
+redet.
+
+Miller. Kind! Kind! Was für Reden sind das?
+
+Luise (steht auf und kommt vorwärts). Ich hab' einen harten Kampf
+gekämpft. Er weiß es, Vater. Gott gab mir Kraft. Der Kampf ist
+entschieden. Vater, man pflegt unser Geschlecht zart und
+zerbrechlich zu nennen. Glaub' Er das nicht mehr. Vor einer Spinne
+schütteln wir uns, aber das schwarze Ungeheuer Verwesung drücken wir
+im Spaß in die Arme. Dieses zur Nachricht, Vater. Seine Luise ist
+lustig.
+
+Miller. Höre, Tochter! ich wollte du heultest. Du gefielst mir so
+besser.
+
+Luise. Wie ich ihn überlisten will, Vater! Wie ich den Tyrannen
+betrügen will!--Die Liebe ist schlauer als die Bosheit und
+kühner--das hat er nicht gewußt, der Mann mit dem traurigen Stern--O,
+sie sind pfiffig, so lang sie es nur mit dem Kopf zu thun haben; aber
+sobald sie mit dem Herzen anbinden, werden die Böswichter dumm--Mit
+einem Eid gedachte er seinen Betrug zu versiegeln? Eide, Vater,
+binden wohl die Lebendigen, im Tode schmilzt auch der Sacramente
+eisernes Band. Ferdinand wird seine Luise kennen--Will Er mir dies
+Billet besorgen, Vater? Will Er so gut sein?
+
+Miller. An wen, meine Tochter?
+
+Luise. Seltsame Frage! Die Unendlichkeit und mein Herz haben mit
+einander nicht Raum genug für einen einzigen Gedanken an ihn--Wenn
+hätt' ich denn wohl an sonst Jemand schreiben sollen?
+
+Miller (unruhig). Höre, Luise! Ich erbrechen den Brief.
+
+Luise. Wie Er will, Vater--aber Er wird nicht klug daraus werden.
+Die Buchstaben liegen wie kalte Leichname da und leben nur dem Auge
+der Liebe.
+
+Miller (liest). "Du bist verrathen, Ferdinand!--Ein Bubenstück ohne
+Beispiel zerriß den Bund unsrer Herzen, aber ein schrecklicher Schwur
+hat meine Zunge gebunden, und dein Vater hat überall seine Horcher
+gestellt. Doch, wenn du Muth hast, Geliebter,--ich weiß einen
+dritten Ort, wo kein Eidschwur mehr bindet und wohin ihm kein Horcher
+geht." (Miller hält inne und sieht ihr ernsthaft ins Gesicht.)
+
+Luise. Warum sieht Er mich so an? Les' Er doch ganz aus, Vater.
+
+Miller. "Aber Muth genug mußt du haben, eine finstre Straße zu
+wandeln, wo dir nichts leuchtet, als deine Luise und Gott--Ganz zur
+Liebe mußt du kommen, daheim lassen all deine Hoffnungen und all deine
+brausenden Wünsche; nichts kannst du brauchen, als dein Herz. Willst
+du--so brich auf, wenn die Glocke den zwölften Streich thut auf dem
+Carmeliterthurm. Bangt dir--so durchstreiche das Wort stark vor
+deinem Geschlechte, denn ein Mädchen hat dich zu Schanden gemacht."
+(Miller legt das Billet nieder, schaut lange mit einem schmerzlichen,
+starren Blick vor sich hinaus, endlich kehrt er sich gegen sie und
+sagt mit leiser, gebrochener Stimme.) Und dieser dritte Ort, meine
+Tochter?
+
+Luise. Er kennt ihn nicht? Er kennt ihn wirklich nicht,
+Vater?--Sonderbar! Der Ort ist zum Finden gemalt. Ferdinand wird
+ihn finden.
+
+Miller. Hum! rede deutlicher.
+
+Luise. Ich weiß so eben kein liebliches Wort dafür--Er muß nicht
+erschrecken, Vater, wenn ich Ihm ein häßliches nenne. Dieser Ort--O
+warum hat die Liebe nicht Namen erfunden! den schönsten hätte sie
+diesem gegeben. Der dritte Ort, guter Vater--aber Er muß mich
+ausreden lassen--der dritte Ort ist das Grab.
+
+Miller (zu seinem Sessel hinwankend). O mein Gott!
+
+Luise (geht auf ihn zu und hält ihn). Nicht doch, mein Vater! Das
+sind nur Schauer, die sich um das Wort herum lagern--Weg mit diesem,
+und es liegt ein Brautbette da, worüber der Morgen seinen goldenen
+Teppich breitet und die Frühlinge ihre bunten Guirlanden streun. Nur
+ein heulender Sünder konnte den Tod ein Gerippe schelten; es ist ein
+holder, niedlicher Knabe, blühend, wie sie den Liebesgott malen, aber
+so tückisch nicht--ein stiller, dienstbarer Genius, der der
+erschöpften Pilgerin Seele den Arm bietet über den Graben der Zeit,
+das Feenschloß der ewigen Herrlichkeit aufschließt, freundlich nickt
+und verschwindet.
+
+Miller. Was hast du vor, meine Tochter?--Du willst eigenmächtig Hand
+an dich legen.
+
+Luise. Nenn' Er es nicht so, mein Vater. Eine Gesellschaft räumen,
+wo ich nicht wohl gelitten bin--an einen Ort vorausspringen, den ich
+nicht länger missen kann--ist denn das Sünde?
+
+Miller. Selbstmord ist die abscheulichste, mein Kind--die einzige,
+die man nicht mehr bereuen kann, weil Tod und Missethat
+zusammenfallen.
+
+Luise (bleibt erstarrt stehn). Entsetzlich!--Aber so rasch wird es
+doch nicht gehn. Ich will in den Fluß springen, Vater, und im
+Hinuntersinken Gott den Allmächtigen um Erbarmen bitten.
+
+Miller. Das heißt, du willst den Diebstahl bereuen, sobald du das
+Gestohlene in Sicherheit weißt--Tochter! Tochter! Gib Acht, daß du
+Gottes nicht spottest, wenn du seiner am meisten vonnöthen hast. O!
+es ist weit, weit mit dir gekommen!--Du hast dein Gebet aufgegeben,
+und der Barmherzige zog seine Hand von dir.
+
+Luise. Ist lieben denn Frevel, mein Vater!
+
+Miller. Wenn du Gott liebst, wirst du nie bis zum Frevel lieben--Du
+hast mich tief gebeugt, meine Einzige! tief, tief, vielleicht zur
+Grube gebeugt.--Doch, ich will dir dein Herz nicht noch schwerer
+machen--Tochter, ich sprach vorhin etwas. Ich glaubte allein zu sein.
+Du hast mich behorcht; und warum sollt' ich's noch länger geheim
+halten? Du warst mein Abgott. Höre, Luise, wenn du noch Platz für
+das Gefühl eines Vaters hast--Du warst mein Alles. Jetzt verthust du
+nichts mehr von deinem Eigenthum. Auch ich hab' Alles zu verlieren.
+Du siehst, mein Haar fängt an grau zu werden. Die Zeit meldet sich
+allgemach bei mir, wo uns Vätern die Kapitale zu statten kommen, die
+wir im Herzen unsrer Kinder anlegten--Wirst du mich darum betrügen,
+Luise? Wirst du dich mit dem Hab' und Gut deines Vaters auf und
+davon machen?
+
+Luise (küßt seine Hand mit der heftigsten Rührung). Nein, mein Vater.
+Ich gehe als Seine große Schuldnerin aus der Welt und werde in der
+Ewigkeit mit Wucher bezahlen.
+
+Miller. Gib Acht, ob du dich da nicht verrechnest, mein Kind? (Sehr
+ernst und feierlich.) Werden wir uns dort wohl noch finden?--Sieh!
+wie du blaß wirst!--Meine Luise begreift es von selbst, daß ich sie
+in jener Welt nicht mehr wohl einholen kann, weil ich nicht so früh
+dahin eile, wie sie. (Luise stürzt ihm in den Arm, von Schauern
+ergriffen--Er drückt sie mit Feuer an seine Brust und fährt fort mit
+beschwörender Stimme.) O Tochter! Tochter! gefallene, vielleicht
+schon verlorene Tochter! Beherzige das ernsthafte Vaterwort! Ich
+kann nicht über dich wachen. Ich kann dir die Messer nehmen, du
+kannst dich mit einer Stricknadel tödten. Vor Gift kann ich dich
+bewahren, du kannst dich mit einer Schnur Perlen erwürgen.
+--Luise--Luise--nur warnen kann ich dich noch--Willst du es darauf
+ankommen lassen, daß dein treuloses Gaukelbild auf der schrecklichen
+Brücke zwischen Zeit und Ewigkeit von dir weiche? Willst du dich vor
+des Allwissenden Thron mit der Lüge wagen: Deinetwegen, Schöpfer, bin
+ich da--wenn deine strafbaren Augen ihre sterbliche Puppe
+suchen?--Und wenn dieser zerbrechliche Gott deines Gehirns, jetzt
+Wurm wie du, zu den Füßen deines Richters sich windet, deine gottlose
+Zuversicht in diesem schwankenden Augenblick Lügen straft und deine
+betrogenen Hoffnungen an die ewige Erbarmung verweist, die der Elende
+für sich selbst kaum erflehen kann--wie dann? (Nachdrücklicher,
+lauter.) Wie dann, Unglückselige? (Er hält sie fester, blickt sie
+eine Weile starr und durchdringend an, dann verläßt er sie schnell.)
+Jetzt weiß ich nichts mehr--(mit aufgehobener Rechte) stehe dir, Gott
+Richter! für diese Seele nicht mehr. Thu, was du willst. Bring
+deinem schlanken Jüngling ein Opfer, daß deine Teufel jauchzen und
+deine guten Engel zurücktreten--Zieh hin! Lade alle deine Sünden auf,
+lade auch diese, die letzte, die entsetzlichste auf, und wenn die
+Last noch zu leicht ist, so mache mein Fluch das Gewicht
+vollkommen--Hier ist ein Messer--durchstich dein Herz und (indem er
+lautweinend fortstürzen will) das Vaterherz!
+
+Luise (springt auf und eilt ihm nach). Halt! halt! O mein Vater!
+--daß die Zärtlichkeit noch barbarischer zwingt, als Tyrannenwuth!
+--Was soll ich? Ich kann nicht! Was muß ich thun?
+
+Miller. Wenn die Küsse deines Majors heißer brennen als die Thränen
+deines Vaters--stirb!
+
+Luise (nach einem qualvollen Kampf mit einiger Festigkeit). Vater!
+Hier ist meine Hand! Ich will--Gott! Gott! Was thu' ich? was will
+ich?--Vater, ich schwöre--wehe mir, wehe! Verbrecherin, wohin ich
+mich neige!--Vater, es sei!--Ferdinand--Gott sieht herab!--So
+zernicht' ich sein letztes Gedächtniß. (Sie zerreißt ihren Brief.)
+
+Miller (stürzt ihr freudetrunken an den Hals). Das ist meine Tochter!
+--Blick' auf! um einen Liebhaber bist du leichter, dafür hast du
+einen glücklichen Vater gemacht. (Unter Lachen und Weinen sie
+umarmend.) Kind! Kind! das ich den Tag meines Lebens nicht werth war!
+Gott weiß, wie ich schlechter Mann zu diesem Engel gekommen bin!
+--Mein Luise, mein Himmelreich!--O Gott! ich verstehe ja wenig vom
+Lieben, aber daß es eine Qual sein muß, aufzuhören--so was begreif'
+ich noch.
+
+Luise. Doch hinweg aus dieser Gegend, mein Vater--Weg von der Stadt,
+wo meine Gespielinnen meiner spotten und mein guter Name dahin ist
+auf immerdar--Weg, weg, weit weg von dem Ort, wo mich so viele Spuren
+der verlorenen Seligkeit anreden. Weg, wenn es möglich ist-Miller.
+Wohin du nur willst, meine Tochter. Das Brod unsers Herrgotts wächst
+überall, und Ohren wird er auch meiner Geige bescheren. Ja! laß auch
+Alles dahingehn--Ich setze die Geschichte deines Grams auf die Laute,
+singe dann ein Lied von der Tochter, die, ihren Vater zu ehren, ihr
+Herz zerriß--wir betteln mit der Ballade von Thüre zu Thüre, und das
+Almosen wird köstlich schmecken von den Händen der Weinenden-
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+Ferdinand zu den Vorigen.
+
+
+Luise (wird ihn zuerst gewahr und wirft sich Millern laut schreiend
+um den Hals). Gott! Da ist er! Ich bin verloren.
+
+Miller. Wo? Wer?
+
+Luise (zeigt mit abgewandtem Gesicht auf den Major und drückt sich
+fester an ihren Vater). Er! er selbst--Seh' Er nur um sich,
+Vater--Mich zu ermorden, ist er da.
+
+Miller (erblickt ihn, fährt zurück.) Was? Sie hier, Baron?
+
+Ferdinand (kommt langsam näher, bleibt Luisen gegenüber stehen und
+läßt den starren forschenden Blick auf ihr ruhen, nach einer Pause).
+Überraschtes Gewissen, habe Dank! Dein Bekenntniß ist schrecklich,
+aber schnell und gewiß, und erspart mir die Folterung.--Guten Abend,
+Miller.
+
+Miller. Aber um Gottes willen! Was wollen Sie, Baron? Was führt
+Sie her? Was soll dieser Überfall?
+
+Ferdinand. Ich weiß eine Zeit, wo man den Tag in seine Secunden
+zerstückte, wo Sehnsucht nach mir sich an die Gewichte der zögernden
+Wanduhr hing und auf den Aderschlag lauerte, unter dem ich erscheinen
+sollte--Wie kommt's, daß ich jetzt überrasche?
+
+Miller. Gehen Sie, gehen Sie, Baron--Wenn noch ein Funke von
+Menschlichkeit in Ihrem Herzen zurückblieb--wenn Sie Die nicht
+erwürgen wollen, die Sie zu lieben vorgeben, fliehen Sie, bleiben Sie
+keinen Augenblick länger. Der Segen war fort aus meiner Hütte,
+sobald Sie einen Fuß darein setzten. Sie haben das Elend unter mein
+Dach gerufen, wo sonst nur die Freude zu Hause war. Sind Sie noch
+nicht zufrieden? Wollen Sie auch in der Wunde noch wühlen, die Ihre
+unglückliche Bekanntschaft mit meinem einzigen Kinde schlug?
+
+Ferdinand. Wunderlicher Vater, jetzt komm' ich ja, deiner Tochter
+etwas Erfreuliches zu sagen.
+
+Miller. Neue Hoffnungen etwa zu einer neuen Verzweiflung?--Geh,
+Unglücksbote! Dein Gesicht schimpft deine Waare.
+
+Ferdinand. Endlich ist es erschienen, das Ziel meiner Hoffnungen!
+Lady Milford, das furchtbarste Hindernis unsrer Liebe, floh diesen
+Augenblick aus dem Lande. Mein Vater billigt meine Wahl. Das
+Schicksal läßt nach, uns zu verfolgen. Unsere glücklichen Sterne
+gehen auf--Ich bin jetzt da, mein gegebenes Wort einzulösen und meine
+Braut zum Altar abzuholen.
+
+Miller. Hörst du ihn, meine Tochter? Hörst du ihn sein Gespötte mit
+deinen getäuschten Hoffnungen treiben? O wahrlich, Baron! es steht
+dem Verführer so schön, an seinem Verbrechen seinen Witz noch zu
+kitzeln.
+
+Ferdinand. Du glaubst, ich scherze. Bei meiner Ehre nicht! Meine
+Aussage ist wahr, wie die Liebe meiner Luise, und heilig will ich sie
+halten, wie sie ihre Eide--Ich kenne nichts Heiligeres--Noch
+zweifelst du? noch kein freudiges Erröthen auf den Wangen meiner
+schönen Gemahlin? Sonderbar! die Lüge muß hier gangbare Münze sein,
+wenn die Wahrheit so wenig Glauben findet. Ihr mißtraut meinen
+Worten? So glaubt diesem schriftlichen Zeugniß. (Er wirft Luisen
+den Brief an den Marschall zu.)
+
+Luise (schlägt ihn auseinander und sinkt leichenblaß nieder).
+
+Miller (ohne das zu bemerken, zum Major). Was soll das bedeuten,
+Baron? Ich verstehe Sie nicht.
+
+Ferdinand (führt ihn zu Luisen hin). Desto besser hat mich Diese
+verstanden.
+
+Miller (fällt an ihr nieder). O Gott! meine Tochter!
+
+Ferdinand. Bleich wie der Tod!--Jetzt erst gefällt sie mir, deine
+Tochter! So schön war sie nie, die fromme, rechtschaffene
+Tochter--Mit diesem Leichengesicht--Der Odem des Weltgerichts, der
+den Firniß von jeder Lüge streift, hat jetzt die Schminke verblasen,
+womit die Tausendkünstlerin auch die Engel des Lichts hintergangen
+hat--Es ist ihr schönstes Gesicht! Es ist ihr erstes wahres Gesicht!
+Laß mich es küssen. (Er will auf sie zugehen.)
+
+Miller. Zurück! Weg! Greife nicht an das Vaterherz, Knabe! Vor
+deinen Liebkosungen konnt' ich sie nicht bewahren, aber ich kann es
+vor deinen Mißhandlungen.
+
+Ferdinand. Was willst du, Graukopf? Mit dir hab' ich nichts zu
+schaffen. Menge dich ja nicht in ein Spiel, das so offenbar verloren
+ist--oder bist du auch vielleicht klüger, als ich dir zugetraut habe?
+Hast du die Weisheit deiner sechzig Jahre zu den Buhlschaften deiner
+Tochter geborgt und dies ehrwürdige Haar mit dem Gewerb eines
+Kupplers geschändet?--O! wenn das nicht ist, unglücklicher alter Mann,
+lege dich nieder und stirb--Noch ist es Zeit. Noch kannst du in dem
+süßen Taumel entschlafen: ich war ein glücklicher Vater!--Einen
+Augenblick später, und du schleuderst die giftige Natter ihrer
+höllischen Heimath zu, verfluchst das Geschenk und den Geber und
+fährst mit der Gotteslästerung in die Grube. (Zu Luisen.) Sprich,
+Unglückselige! Schriebst du diesen Brief?
+
+Miller (warnend zu Luisen). Um Gottes Willen, Tochter! Vergiß nicht!
+Vergiß nicht!
+
+Luise. O dieser Brief, mein Vater-Ferdinand. Daß er in die
+unrechten Hände fiel?--Gepriesen sei mir der Zufall, er hat größere
+Thaten gethan, als die klügelnde Vernunft, und wird besser bestehn an
+jenem Tag, als der Witz aller Weisen--Zufall, sage ich?--O die
+Vorsehung ist dabei, wenn Sperlinge fallen, warum nicht, wo ein
+Teufel entlarvt werden soll?--Antwort will ich!--Schriebst du diesen
+Brief?
+
+Miller (seitwärts zu ihr mit Beschwörung). Standhaft! Standhaft,
+meine Tochter! Nur noch das einzige Ja, und Alles ist überwunden.
+
+Ferdinand. Lustig! lustig! Auch der Vater betrogen! Alles betrogen.
+Nun sieh, wie sie dasteht, die Schändliche, und selbst ihre Zunge
+nun ihrer letzten Lüge den Gehorsam aufkündigt! Schwöre bei Gott,
+bei dem fürchterlich wahren! Schriebst du diesen Brief?
+
+Luise (nach einem qualvollen Kampf, worin sie durch Blicke mit ihrem
+Vater gesprochen hat, fest und entscheidend). Ich schrieb ihn.
+
+Ferdinand (bleibe erschrocken stehen). Luise!--Nein! So wahr meine
+Seele lebt! du lügst--Auch die Unschuld bekennt sich auf der
+Folterbank zu Freveln, die sie nie beging--Ich fragte zu
+heftig--Nicht wahr, Luise--Du bekanntest nur, weil ich zu heftig
+fragte?
+
+Luise. Ich bekannte, was wahr ist.
+
+Ferdinand. Nein, sag' ich! nein! nein! Du schriebst nicht. Es ist
+deine Hand gar nicht--Und wäre sie's, warum sollten Handschriften
+schwerer nachzumachen sein, als Herzen zu verderben? Rede mir wahr,
+Luise--Oder nein, nein, thu' es nicht, du könntest Ja sagen, und ich
+wär' verloren--Eine Lüge, Luise--ein Lüge!--O wenn du jetzt eine
+wüßtest, mir hinwärfest mit der offenen Engelmiene, nur mein Ohr, nur
+mein Aug überredetest, dieses Herz auch noch so abscheulich
+täuschtest--O Luise! Alle Wahrheit möchte dann mit diesem Hauch aus
+der Schöpfung wandern und die gute Sache ihren starren Hals von nun
+an zu einem höfischen Bückling beugen! (Mit scheuem bebendem Ton.)
+Schriebst du diesen Brief?
+
+Luise. Bei Gott! bei dem fürchterlich wahren! Ja!
+
+Ferdinand (nach einer Pause, im Ausdruck des tiefsten Schmerzes).
+Weib! Weib!--Das Gesicht, mit dem du jetzt vor mir stehst!--Theile
+mit diesem Gesicht Paradiese aus, du wirst selbst im Reich der
+Verdammniß keinen Käufer finden--Wußtest du, was du mir warst, Luise?
+Unmöglich! Nein! Du wußtest nicht, daß du mir Alles warst! Alles!
+--Es ist ein armes verächtliches Wort, aber die Ewigkeit hat Mühe, es
+zu umwandern; Weltsysteme vollenden ihre Bahnen darin--Alles! und so
+frevelhaft damit zu spielen--O, es ist schrecklich!-Luise. Sie haben
+mein Geständniß, Herr von Walter. Ich habe mich selbst verdammt.
+Gehen Sie nun! Verlassen Sie ein Haus, wo Sie so unglücklich waren.
+
+Ferdinand. Gut! gut! Ich bin ja ruhig--ruhig, sagt man ja, ist auch
+der schaudernde Strich Landes, worüber die Pest ging--ich bin's.
+(Nach einigem Nachdenken.) Noch eine Bitte, Luise--die letzte! Mein
+Kopf brennt so fieberisch. Ich brauch Kühlung--Willst du mir ein
+Glas Limonade zurecht machen? (Luise geht ab.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+Ferdinand und Miller.
+
+(Beide gehen, ohne ein Wort zu reden, einige Pausen lang auf den
+entgegengesetzten Seiten des Zimmers auf und ab).
+
+
+Miller (bleibt endlich stehen und betrachtet den Major mit trauriger
+Miene). Lieber Baron, kann es Ihren Gram vielleicht mindern, wenn
+ich Ihnen gestehe, daß ich Sie herzlich bedaure!
+
+Ferdinand. Laß Er es gut sein, Miller. (Wieder einige Schritte.)
+Miller, ich weiß nur kaum noch, wie ich in Sein Haus kam--Was war die
+Veranlassung?
+
+Miller. Wie, Herr Major? Sie wollten ja Lection auf der Flöte bei
+mir nehmen? Das wissen Sie nicht mehr?
+
+Ferdinand (rasch). Ich sah Seine Tochter! (Wiederum einige Pausen.)
+Er hat nicht Wort gehalten, Freund. Wir accordierten Ruhe für meine
+einsamen Stunden. Er betrog mich und verkaufte mir Skorpionen. (Da
+er Millers Bewegung sieht.) Nein, erschrick nur nicht, alter Mann.
+(Gerührt an seinem Hals.) Du bist nicht schuldig.
+
+Miller (die Augen wischend). Das weiß der allwissende Gott!
+
+Ferdinand (aufs neue hin und her, in düstres Grübeln versunken).
+Seltsam, o unbegreiflich seltsam spielt Gott mit uns. An dünnen
+unmerkbaren Seilen hängen oft fürchterliche Gewichte--Wüßte der
+Mensch, daß er an diesem Apfel den Tod essen sollte--Hum!--Wüßte er
+das? (Heftiger auf und nieder, dann Millers Hand mit starker
+Bewegung fassend.) Mann! Ich bezahle dir dein Bischen Flöte zu
+theuer--und du gewinnst nicht einmal--auch du verlierst--verlierst
+vielleicht Alles. (Gepreßt von ihm weggehend.) Unglückseliges
+Flötenspiel, das mir nie hätte einfallen sollen!
+
+Miller (sucht seine Rührung zu verbergen). Die Limonade bleibt auch
+gar zu lang außen. Ich denke, ich sehe nach, wenn Sie mir's nicht
+für übel nehmen-Ferdinand. Es eilt nicht, lieber Miller. (Vor sich
+hinmurmelnd.) Zumal für den Vater nicht--Bleib' Er nur--Was hatt' ich
+doch fragen wollen?--Ja!--Ist Luise Seine einzige Tochter? Sonst hat
+Er keine Kinder mehr?
+
+Miller (warm). Habe sonst keins mehr, Baron--wünsch' mir auch keins
+mehr. Das Mädel ist just so recht, mein ganzes Vaterherz
+einzustecken--hab' meine ganze Baarschaft von Liebe an der Tochter
+schon zugesetzt.
+
+Ferdinand (heftig erschüttert). Ha!--Seh' Er doch lieber nach dem
+Trank, guter Miller. (Miller ab.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+Ferdinand allein.
+
+
+Das einzige Kind!--Fühlst du das, Mörder? Das einzige! Mörder!
+hörst du, das einzige?--Und der Mann hat auf der großen Welt Gottes
+nichts, als sein Instrument und das einzige--Du willst's ihm rauben?
+
+Rauben?--rauben den letzten Nothpfenning einem Bettler? Die Krücke
+zerbrochen vor die Füße werfen dem Lahmen? Wie? Hab' ich auch Brust
+für das?--Und wenn er nun heimeilt und nicht erwarten kann, die ganze
+Summe seiner Freuden vom Gesicht dieser Tochter herunter zu zählen,
+und hereintritt und sie da liegt, die Blume--welk--todt--zertreten,
+muthwillig, die letzte, einzige, unüberschwängliche Hoffnung--Ha, und
+er dasteht vor ihr, und dasteht und ihm die ganze Natur den
+lebendigen Odem anhält, und sein erstarrter Blick die entvölkerte
+Unendlichkeit fruchtlos durchwandert, Gott sucht, und Gott nicht mehr
+finden kann und leerer zurückkommt--Gott! Gott! Aber auch mein
+Vater hat diesen einzigen Sohn--den einzigen Sohn, doch nicht den
+einzigen Reichthum--(Nach einer Pause.) Doch wie? Was verliert er
+denn? Das Mädchen, dem die heiligsten Gefühle der Liebe nur Puppen
+waren, wird es den Vater glücklich machen können?--Es wird nicht, es
+wird nicht! Und ich verdiene noch Dank, daß ich die Natter zertrete,
+ehe sie auch noch den Vater verwundet.
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+Miller, der zurückkommt, und Ferdinand.
+
+
+Miller. Gleich sollen Sie bedient sein, Baron! Draußen sitzt das
+arme Ding und will sich zu Tod weinen. Sie wird Ihnen mit der
+Limonade auch Thränen zu trinken geben.
+
+Ferdinand. Und wohl, wenn's nur Thränen wären!--Weil wir vorhin von
+der Musik sprachen, Miller--(Eine Börse ziehend.) Ich bin noch Sein
+Schuldner.
+
+Miller. Wie? Was? Gehen Sie mir, Baron! Wofür halten Sie mich?
+Das steht ja in guter Hand, thun Sie mir doch den Schimpf nicht an,
+und sind wir ja, will's Gott, nicht das letzte Mal bei einander.
+
+Ferdinand. Wer kann das wissen? Nehm' Er nur. Es ist für Leben und
+Sterben.
+
+Miller (lachend). O deßwegen, Baron! Auf den Fall, denk' ich, kann
+man's wagen bei Ihnen.
+
+Ferdinand. Man wagte wirklich--Hat Er nie gehört, daß Jünglinge
+gefallen sind--Mädchen und Jünglinge, die Kinder der Hoffnung, die
+Luftschlösser betrogener Väter--Was Wurm und Alter nicht thun, kann
+oft ein Donnerschlag ausrichten--Auch Seine Luise ist nicht
+unsterblich.
+
+Miller. Ich hab' sie von Gott.
+
+Ferdinand. Hör' Er--Ich sag' Ihm, sie ist nicht unsterblich. Diese
+Tochter ist Sein Augapfel. Er hat sich mit Herz und Seel' an diese
+Tochter gehängt. Sei Er vorsichtig, Miller. Nur ein verzweifelter
+Spieler setzt Alles auf einen einzigen Wurf. Einen Waghals nennt man
+den Kaufmann, der auf ein Schiff sein ganzes Vermögen ladet--Hör' Er,
+denk' Er der Warnung nach--Aber warum nimmt Er Sein Geld nicht?
+
+Miller. Was, Herr? die ganze allmächtige Börse? Wohin denken Eure
+Gnaden?
+
+Ferdinand. Auf meine Schuldigkeit--Da! (Er wirft den Beutel auf den
+Tisch, daß Goldstücke herausfallen.) Ich kann den Quark nicht eine
+Ewigkeit so halten.
+
+Miller (bestürzt). Was beim großen Gott? Der klang nicht wie
+Silbergeld! (Er tritt zum Tisch und ruft mit Entsetzen.) Wie, um
+aller Himmel willen, Baron? Baron? Wie sind Sie? Was treiben Sie,
+Baron? Das nenn' ich mir Zerstreuung! (Mit zusammengeschlagenen
+Händen.) Hier liegt ja--oder bin ich verhext,--oder--Gott
+verdamm mich! Da greif' ich ja das baare, gelbe, leibhaftige
+Gottesgold--Nein, Satanas! Du sollst mich nicht daran kriegen!
+
+Ferdinand. Hat Er Alten oder Neuen getrunken, Miller?
+
+Miller (grob). Donner und Wetter! Da schauen Sie nur hin!--Gold!
+
+Ferdinand. Und was weiter?
+
+Miller. Ins Henkers Namen--ich sage--ich bitte Sie um Gottes Christi
+willen--Gold!
+
+Ferdinand. Das ist nun freilich etwas Merkwürdiges.
+
+Miller (nach einigem Stillschweigen zu ihm gehend, mit Empfindung).
+Gnädiger Herr, ich bin ein schlichter, gerader Mann, wenn Sie mich
+etwa zu einem Bubenstück anspannen wollen--denn so viel Geld läßt
+sich, weißt Gott, nicht mit etwas Gutem verdienen.
+
+Ferdinand (bewegt). Sei Er ganz getrost, lieber Miller. Das Geld
+hat Er längst verdient, und Gott bewahre mich, daß ich mich mit
+Seinem guten Gewissen dafür bezahlt machen sollte.
+
+Miller (wie ein Halbnarr in die Höhe springend). Mein also! mein!
+Mit des guten Gottes Wissen und Willen, mein! (Nach der Thür laufend,
+schreiend.) Weib! Tochter! Victoria! Herbei! (Zurückkommend.)
+Aber du lieber Himmel! Wie komm' ich denn so auf einmal zu dem
+ganzen grausamen Reichthum? Wie verdien' ich ihn? lohn' ich ihn?
+Heh?
+
+Ferdinand. Nicht mit Seinen Musikstunden, Miller.--Mit dem Geld hier
+bezahl' ich Ihm, (von Schauern ergriffen hält er inn) bezahl' ich Ihm
+(nach einer Pause mit Wehmuth) den drei Monat langen glücklichen
+Traum von Seiner Tochter.
+
+Miller (faßt seine Hand, die er stark drückt). Gnädiger Herr! Wären
+Sie ein schlechter, geringer Bürgersmann--(rasch) und mein Mädel
+liebte Sie nicht--erstechen wollt' ich's, das Mädel! (Wieder beim
+Geld, darauf niedergeschlagen.) Aber da hab' ich ja nun Alles und Sie
+nichts, und da werd' ich nun das ganze Gaudium wieder herausblechen
+müssen? Heh?
+
+Ferdinand. Laß Er sich das nicht anfechten, Freund--Ich reise ab,
+und in dem Land, wo ich mich zu setzen gedenke, gelten die Stempel
+nicht.
+
+Miller (unterdessen mit unverwandten Augen auf das Gold hingeheftet,
+voll Entzückung). Bleibt's also mein? Bleibt's?--Aber das thut mir
+nur leid, daß Sie verreisen--Und wart, was ich jetzt auftreten will!
+Wie ich die Backen jetzt vollnehmen will! (Er setzt den Hut auf und
+schießt durch das Zimmer.) Und auf den Markt will ich und meine
+Musikstunden geben und Numero fünfe Dreikönig rauchen, und wenn ich
+wieder auf dem Dreibatzenplatz sitze, soll mich der Teufel holen.
+(Will fort.)
+
+Ferdinand. Bleib' Er! Schweig' Er! und streich' Er sein Geld ein!
+(Nachdrücklich.) Nur diesen Abend noch schweig' Er und geb' Er, mir
+zu Gefallen, von nun an keine Musikstunden mehr.
+
+Miller (noch hitziger und ihn hart an der Weste fassend, voll inniger
+Freude). Und, Herr! meine Tochter! (Ihn werden loslassend.) Geld
+macht den Mann nicht--Geld nicht--Ich habe Kartoffeln gegessen oder
+ein wildes Huhn; satt ist satt, und dieser Rock da ist ewig gut, wenn
+Gottes liebe Sonne nicht durch den Ärmel scheint--Für mich ist das
+Plunder--Aber dem Mädel soll der Segen bekommen; was ich ihr nur an
+den Augen absehen kann, soll sie haben-Ferdinand (fällt rasch ein).
+Stille, o stille-Miller (immer feuriger). Und soll mir Französisch
+lernen aus dem Fundament und Menuet-Tanzen und Singen, daß man's in
+den Zeitungen lesen soll; und eine Haube soll sie tragen, wie die
+Hofrathstöchter, und einen Kidebarri, wie sie's heißen, und von der
+Geigerstochter soll man reden auf vier Meilen weit-Ferdinand
+(ergreift seine Hand mit der schrecklichsten Bewegung). Nichts mehr!
+Nichts mehr! Um Gotteswillen, schweig' Er still! Nur noch heute
+schweig' Er still! Das sei der einzige Dank, den ich von Ihm fordre.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+Luise mit der Limonade, und die Vorigen.
+
+
+Luise (mit rotgeweinten Augen und zitternder Stimme, indem sie dem
+Major das Glas auf einem Teller bringt). Sie befehlen, wenn sie
+nicht stark genug ist.
+
+Ferdinand (nimmt das Glas, setzt es nieder und dreht sich rasch gegen
+Millern). O beinahe hätt' ich das vergessen!--Darf ich Ihn um etwas
+bitten, lieber Miller? Will Er mir einen kleinen Gefallen thun?
+
+Miller. Tausend für einen! Was befehlen-Ferdinand. Man wird mich
+bei der Tafel erwarten. Zum Unglück hab' ich eine sehr böse Laune.
+Es ist mir ganz unmöglich, unter Menschen zu gehn--Will Er einen Gang
+thun zu meinem Vater und mich entschuldigen?
+
+Luise (erschrickt und fällt schnell ein). Den Gang kann ja ich thun.
+
+Miller. Zum Präsidenten?
+
+Ferdinand. Nicht zu ihm selbst. Er übergibt Seinen Auftrag in der
+Garderobe einem Kammerdiener--Zu Seiner Legitimation ist hier meine
+Uhr--Ich bin noch da, wenn Er wieder kommt.--Er wartet auf Antwort.
+
+Luise (sehr ängstlich). Kann denn ich das nicht auch besorgen?
+
+Ferdinand (zu Millern, der eben fort will). Halt, und noch etwas!
+Hier ist ein Brief an meinen Vater, der diesen Abend an mich
+eingeschlossen kam--Vielleicht dringende Geschäfte--Es geht in einer
+Bestellung hin-Miller. Schon gut, Baron!
+
+Luise (hängt sich an ihn, in der entsetzlichsten Bangigkeit). Aber,
+mein Vater, Dies alles könnt' ich ja recht gut besorgen.
+
+Miller. Du bist allein, und es ist finstre Nacht, meine Tochter.
+(Ab.)
+
+Ferdinand. Leuchte deinem Vater, Luise! (Während dem, daß sie
+Millern mit dem Licht begleitet, tritt er zum Tisch und wirft Gift in
+ein Glas Limonade.) Ja, sie soll dran! Sie soll! Die obern Mächte
+nicken mir ihr schreckliches Ja herunter, die Rache des Himmels
+unterschreibt, ihr guter Engel läßt sie fahren-
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+Ferdinand und Luise.
+
+Sie kommt langsam mit dem Lichte zurück, setzt es nieder und stellt
+sich auf die entgegengesetzte Seite vom Major, das Gesicht auf den
+Boden geschlagen und nur zuweilen furchtsam und verstohlen nach ihm
+hinüberschielend. Er steht auf der andern Seite und sieht starr vor
+sich hinaus. (Großes Stillschweigen, das diesen Auftritt ankündigen
+muß.)
+
+
+Luise. Wollen Sie mich accompagnieren, Herr von Walter, so mach' ich
+einen Gang auf dem Fortepiano. (Sie öffnet den Pantalon.)
+
+(Ferdinand gibt keine Antwort. Pause.)
+
+Luise. Sie sind mir auch noch Revanche auf dem Schachbrett schuldig.
+Wollen wir eine Partie, Herr von Walter? (Eine neue Pause.)
+
+Luise. Herr von Walter, die Brieftasche, die ich Ihnen einmal zu
+sticken versprochen--ich habe sie angefangen--Wollen Sie das Dessin
+nicht besehen? (Wieder eine Pause.)
+
+Luise. Ich bin sehr elend!
+
+Ferdinand (in der bisherigen Stellung). Das könnte wahr sein.
+
+Luise. Meine Schuld ist es nicht, Herr von Walter, daß Sie so
+schlecht unterhalten werden.
+
+Ferdinand (lacht beleidigend vor sich hin). Denn was kannst du für
+meine blöde Bescheidenheit?
+
+Luise. Ich hab' es ja wohl gewußt, daß wir jetzt nicht zusammen
+taugen. Ich erschrak auch gleich, ich bekenne es, als Sie meinen
+Vater verschickten--Herr von Walter, ich vermuthe, dieser Augenblick
+wird uns Beiden gleich unerträglich sein--Wenn Sie mir's erlauben
+wollen, so geh' ich und bitte einige von meinen Bekannten her.
+
+Ferdinand. O ja doch, das thu'. Ich will auch gleich gehn und von
+den meinigen bitten.
+
+Luise (sieht ihn stutzend an). Herr von Walter?
+
+Ferdinand (sehr hämisch). Bei meiner Ehre! der gescheidteste Einfall,
+den ein Mensch in dieser Lage nur haben kann. Wir machen aus diesem
+verdrießlichen Duett eine Lustbarkeit und rächen uns mit Hilfe
+gewisser Galanterieen an den Grillen der Liebe.
+
+Luise. Sie sind aufgeräumt, Herr von Walter.
+
+Ferdinand. Ganz außerordentlich, um die Knaben auf dem Markt hinter
+mir her zu jagen! Nein! In Wahrheit, Luise! dein Beispiel bekehrt
+mich--du sollst meine Lehrerin sein. Thoren sind's, die von ewiger
+Liebe schwatzen. Ewiges Einerlei widersteht, Veränderung nur ist das
+Salz des Vergnügens--Topp, Luise! Ich bin dabei--Wir hüpfen von
+Roman zu Roman, wälzen uns von Schlamme zu Schlamm--Du dahin--ich
+dorthin--vielleicht, daß meine verlorene Ruhe sich in einem Bordell
+wieder finden läßt--Vielleicht, daß wir dann nach dem lustigen
+Wettlauf, zwei modernde Gerippe, mit der angenehmsten Überraschung
+von der Welt zum zweiten Mal aufeinander stoßen, daß wir uns da an
+dem gemeinschaftlichen Familienzug, den kein Kind dieser Mutter
+verleugnet, wie in Komödien wieder erkennen, daß Ekel und Scham noch
+eine Harmonie veranstalten, die der zärtlichsten Liebe unmöglich
+gewesen ist.
+
+Luise. O Jüngling! Jüngling! Unglücklich bist du schon; willst du
+es auch noch verdienen?
+
+Ferdinand (ergrimmt durch die Zähne murmelnd). Unglücklich bin
+ich? Wer hat dir das gesagt? Weib, du bist zu schlecht, und
+selbst zu empfinden--womit kannst du eines Andern Empfindungen
+wägen?--Unglücklich, sagte sie?--Ha! dieses Wort könnte meine
+Wuth aus dem Grabe rufen! Unglücklich mußt' ich werden, das
+wußte sie. Tod und Verdammniß! das wußte sie und hat mich
+dennoch verrathen--Siehe, Schlange! das war der einzige Fleck der
+Vergebung--Deine Aussage bricht dir den Hals--Bis jetzt konnt'
+ich deinen Frevel mit deiner Einfalt beschönigen, in meiner
+Verachtung wärst du beinahe meiner Rache entsprungen. (Indem
+er hastig das Glas ergreift.) Also leichtsinnig warst du
+nicht--dumm warst du nicht--du warst nur ein Teufel. (Er
+trinkt.) Die Limonade ist matt wie deine Seele--Versuche!
+
+Luise. O Himmel! Nicht umsonst hab' ich diesen Auftritt gefürchtet.
+
+Ferdinand (gebieterisch). Versuche!
+
+Luise (nimmt das Glas etwas unwillig und trinkt).
+
+Ferdinand (wendet sich, sobald sie das Glas an den Mund setzt, mit
+einer plötzlichen Erblassung weg und eilt nach dem hintersten Winkel
+des Zimmers).
+
+Luise. Die Limonade ist gut.
+
+Ferdinand (ohne sich umzukehren, von Schauer geschüttelt). Wohl
+bekomm's!
+
+Luise (nachdem sie es niedergesetzt). O wenn Sie wüßten, Walter, wie
+ungeheuer Sie meine Seele beleidigen.
+
+Ferdinand. Hum!
+
+Luise. Es wird eine Zeit kommen, Walter-Ferdinand (wieder vorwärts
+kommend). O! mit der Zeit wären wir fertig.
+
+Luise. Wo der heutige Abend schwer auf Ihr Herz fallen
+dürfte-Ferdinand (fängt an stärker zu gehen und beunruhigter zu
+werden, indem er Schärpe und Degen von sich wirft). Gute Nacht,
+Herrendienst!
+
+Luise. Mein Gott! Wie wird Ihnen?
+
+Ferdinand. Heiß und enge--Will mir's bequemer machen.
+
+Luise Trinken Sie! Trinken Sie! Der Trank wird Sie kühlen.
+
+Ferdinand. Das wird er auch ganz gewiß--Die Metze ist gutherzig;
+doch, das sind alle!
+
+Luise (mit dem vollen Ausdruck der Liebe ihm in die Arme eilend).
+Das deiner Luise, Ferdinand?
+
+Ferdinand (drückt sie von sich). Fort! Fort! Diese sanften
+schmelzenden Augen weg! Ich erliege. Komm in deiner ungeheuern
+Furchtbarkeit, Schlange! spring an mir auf, Wurm!--Krame vor mir
+deine gräßlichen Knoten aus, bäume deine Wirbel zum Himmel!--so
+abscheulich, als dich jemals der Abgrund sah--nur keinen Engel
+mehr--nur jetzt keinen Engel mehr--Es ist zu spät--Ich muß dich
+zertreten, wie eine Natter, oder verzweifeln--Erbarme dich!
+
+Luise. O! daß es so weit kommen mußte!
+
+Ferdinand (sie von der Seite betrachtend). Dieses schöne Werk des
+himmlischen Bildners--Wer kann das glauben?--Wer sollte das glauben?
+(Ihre Hand fassend und emporhaltend.) Ich will dich nicht zur Rede
+stellen, Gott Schöpfer--Aber warum denn dein Gift in so schönen
+Gefäßen?--Kann das Laster in diesem milden Himmelstrich
+fortkommen?--O, es ist seltsam.
+
+Luise. Das anzuhören und schweigen zu müssen!
+
+Ferdinand. Und die süße melodische Stimme--Wie kann so viel
+Wohlklang kommen aus zerrissenen Saiten? (Mit trunkenem Aug auf
+ihrem Anblick verweilend.) Alles so schön--so voll Ebenmaß--so
+göttlich vollkommen!--Überall das Werk seiner himmlischen
+Schäferstunde! Bei Gott! als wäre die große Welt nur entstanden, den
+Schöpfer für dieses Meisterstück in Laune zu setzen!--Und nur in der
+Seele sollte Gott sich vergriffen haben? ist es möglich, daß diese
+empörende Mißgeburt in die Natur ohne Tadel kam? (Indem er sie
+schnell verläßt.) Oder sah er einen Engel unter dem Meißel
+hervorgehen und half diesem Irrthum in der Eile mit einem desto
+schlechteren Herzen ab?
+
+Luise. O des frevelhaften Eigensinns! Ehe er sich eine Übereilung
+gestände, greift er lieber den Himmel an.
+
+Ferdinand (stürzt ihr heftig weinend an den Hals). Noch einmal,
+Luise!--Noch einmal wie am Tag unsers ersten Kusses, da du Ferdinand
+stammeltest und das erste Du auf deine brennenden Lippen trat--O eine
+Saat unendlicher, unaussprechlicher Freuden schien in dem Augenblick
+wie in der Knospe zu liegen--Da lag die Ewigkeit wie ein schöner
+Maitag vor unsern Augen; goldne Jahrtausende hüpften, wie Bräute, vor
+unsrer Seele vorbei--Da war ich der Glückliche!--O Luise! Luise!
+Luise! Warum hat du mir das gethan?
+
+Luise. Weinen Sie, weinen Sie, Walter. Ihre Wehmuth wird gerechter
+gegen mich sein, als Ihre Entrüstung.
+
+Ferdinand. Du betrügst dich. Das sind ihre Thränen nicht--Nicht
+jener warme, wollüstige Thau, der in die Wunde der Seele balsamisch
+fließt und das starre Rad der Empfindung wieder in Gang bringt. Es
+sind einzelne--kalte Tropfen--das schauerliche ewige Lebewohl meiner
+Liebe. (Furchtbar feierlich, indem er die Hand auf ihren Kopf sinken
+läßt.) Thränen um deine Seele, Luise--Thränen um die Gottheit, die
+ihres unendlichen Wohlwollens hier verfehlte, die so muthwillig um
+das herrlichste ihrer Werke kommt--O mich däucht, die ganze Schöpfung
+sollte den Flor anlegen und über das Beispiel betreten sein, das in
+ihrer Mitte geschieht--Es ist was Gemeines, daß Menschen fallen und
+Paradiese verloren werden; aber wenn die Pest unter Engel wüthet, so
+rufe man Trauer aus durch die ganze Natur.
+
+Luise. Treiben Sie mich nicht aufs Äußerste, Walter. Ich habe
+Seelenstärke, so gut wie Eine--aber sie muß auf eine menschliche
+Probe kommen. Walter, das Wort noch und dann geschieden--Ein
+entsetzliches Schicksal hat die Sprache unsrer Herzen verwirrt.
+Dürft' ich den Mund aufthun, Walter, ich könnte dir Dinge sagen--ich
+könnte--aber das harte Verhängniß band meine Zunge wie meine Liebe,
+und dulden muß ich's, wenn du mich wie eine gemeine Metze mißhandelst.
+
+Ferdinand. Fühlst du dich wohl, Luise?
+
+Luise. Wozu diese Frage?
+
+Ferdinand. Sonst sollte mir's leid um dich thun, wenn du mit einer
+Lüge von hinnen müßtest.
+
+Luise. Ich beschwöre Sie, Walter-Ferdinand (unter heftigen
+Bewegungen). Nein! nein! Zu satanisch wäre diese Rache! Nein!
+Gott bewahre mich! In jene Welt hinaus will ich's nicht
+treiben--Luise! Hast du den Marschall geliebt? Du wirst nicht mehr
+aus diesem Zimmer gehen.
+
+Luise. Fragen Sie, was Sie wollen. Ich antworte nichts mehr. (Sie
+setzt sich nieder.)
+
+Ferdinand (ernster). Sorge für deine unsterbliche Seele, Luise!
+--Hast du den Marschall geliebt? Du wirst nicht mehr aus diesem
+Zimmer gehen.
+
+Luise. Ich antworte nichts mehr.
+
+Ferdinand (fällt in fürchterlicher Bewegung vor ihr nieder).
+Luise! Hast du den Marschall geliebt? Ehe dieses Licht noch
+ausbrennt--stehst du--vor Gott!
+
+Luise (fährt erschrocken in die Höhe). Jesus! Was ist das?--und
+mir wird sehr übel. (Sie sinkt auf den Sessel zurück.)
+
+Ferdinand. Schon?--Über euch Weiber und das ewige Räthsel! Die
+zärtliche Nerve hält Freveln fest, die die Menschheit an ihren
+Wurzeln zernagen; ein elender Gran Arsenik wirft sie um-Luise. Gift!
+Gift! O mein Herrgott!
+
+Ferdinand. So fürchte ich. Deine Limonade war in der Hölle gewürzt.
+Du hast sie dem Tod zugetrunken.
+
+Luise. Sterben! Sterben! Gott Allbarmherziger! Gift in der
+Limonade und sterben!--O meiner Seele erbarme dich, Gott der Erbarmer!
+
+Ferdinand. Das ist die Hauptsache. Ich bitt' ihn auch darum.
+
+Luise. Und meine Mutter--mein Vater--Heiland der Welt! Mein armer,
+verlorener Vater! Ist keine Rettung mehr? Mein junges Leben, und
+keine Rettung! Und muß ich jetzt schon dahin?
+
+Ferdinand. Keine Rettung, mußt jetzt schon dahin--aber sei ruhig.
+Wir machen die Reise zusammen.
+
+Luise. Ferdinand, auch du! Gift, Ferdinand! Von dir! O Gott,
+vergiß es ihm--Gott der Gnade, nimm die Sünde von ihm-Ferdinand.
+Sieh du nach deinen Rechnungen--Ich fürchte, sie stehen übel.
+
+Luise. Ferdinand! Ferdinand!--O--Nun kann ich nicht mehr
+schweigen--Der Tod--der Tod hebt alle Eide auf--Ferdinand!--Himmel
+und Erde hat nichts Unglückseligeres als dich!--Ich sterbe unschuldig,
+Ferdinand.
+
+Ferdinand (erschrocken). Was sagt sie da?--Eine Lüge pflegt man doch
+sonst nicht auf diese Reise zu nehmen?
+
+Luise. Ich lüge nicht--lüge nicht--hab' nur einmal gelogen mein
+Lebenlang--Huh! wie das eiskalt durch meine Adern schauert--als ich
+den Brief schrieb an den Hofmarschall-Ferdinand. Ha! Dieser Brief!
+--Gottlob! Jetzt hab' ich all meine Mannheit wieder.
+
+Luise (ihre Zunge wird schwerer, ihre Finger fangen an gichterisch zu
+zucken). Dieser Brief--Fasse dich, ein entsetzliches Wort zu
+hören--Meine Hand schrieb, was mein Herz verdammte--dein Vater hat
+ihn dictiert.
+
+Ferdinand (starr und einer Bildsäule gleich, in langer todter Pause
+hingewurzelt, fällt endlich wie von einem Donnerschlag nieder).
+
+Luise. O des kläglichen Mißverstands--Ferdinand--man zwang
+mich--vergib--deine Luise hätte den Tod vorgezogen--aber mein
+Vater--die Gefahr--sie machten es listig.
+
+Ferdinand (schrecklich emporgeworfen). Gelobet sei Gott! noch spür'
+und das Gift nicht. (Er reißt den Degen heraus.)
+
+Luise (von Schwäche zu Schwäche sinkend). Weh! Was beginnst du? Es
+ist dein Vater-Ferdinand (im Ausdruck der unbändigsten Wuth). Mörder
+und Mördervater!--Mit muß er, daß der Richter der Welt nur gegen den
+Schuldigen rase. (Will hinaus.)
+
+Luise. Sterbend vergab mein Erlöser--Heil über dich und ihn (Sie
+stirbt.)
+
+Ferdinand (kehrt schnell um, wird ihre letzte sterbende Bewegung
+gewahr und fällt in Schmerz aufgelöst vor der Todten nieder). Halt!
+Halt! Entspringe mir nicht, Engel des Himmels! (Er faßt ihre Hand
+an und läßt sie schnell wie fallen.) Kalt, kalt und feucht! Ihre
+Seele ist dahin. (Er springt wieder auf.) Gott meiner Luise! Gnade!
+Gnade dem verruchtesten der Mörder! Es war ihr letztes Gebet!--Wie
+reizend und schön auch ihr Leichnam! Der gerührte Würger ging
+schonend über diese freundlichen Wangen hin--Diese Sanftmuth war
+keine Larve, sie hat auch dem Tod Stand gehalten. (Nach einer Pause.)
+Aber wie? Warum fühl' ich nichts? Will die Kraft meiner Jugend
+mich retten? Undankbare Mühe! Das ist meine Meinung nicht. (Er
+greift nach dem Glase.)
+
+
+
+Letzte Scene.
+
+Ferdinand. Der Präsident. Wurm und Bediente, welche alle voll
+Schrecken ins Zimmer stürzen, darauf Miller mit Volk und
+Gerichtsdienern, welche sich im Hintergrund sammeln.
+
+
+Präsident (den Brief in der Hand). Sohn, was ist das?--Ich will doch
+nimmermehr glauben-Ferdinand (wirft ihm das Glas vor die Füße). So
+sieh, Mörder!
+
+Präsident (taumelt hinter sich. Alle erstarren. Eine schreckhafte
+Pause.) Mein Sohn, warum hast du mir das gethan?
+
+Ferdinand (ohne ihn anzusehen). O ja freilich! Ich hätte den
+Staatsmann erst hören sollen, ob der Streich auch zu seinen Karten
+passe?--Fein und bewundernswerth, ich gesteh's, war die Finte, den
+Bund unsrer Herzen zu zerreißen durch Eifersucht--Die Rechnung hatte
+ein Meister gemacht, aber Schade nur, daß die zürnende Liebe dem
+Draht nicht so gehorsam blieb wie deine hölzerne Puppe.
+
+Präsident (sucht mit verdrehten Augen im ganzen Kreise herum). Ist
+hier Niemand, der um einen trostlosen Vater weint?
+
+Miller (hinter der Scene rufend). Laßt mich hinein! Um Gottes
+willen! Laßt mich!
+
+Ferdinand. Das Mädchen ist eine Heilige--für sie muß ein Anderer
+rechten. (Er öffnet Millern die Thüre, der mit Volk und
+Gerichtsdienern hineinstürzt.)
+
+Miller (in der fürchterlichsten Angst). Mein Kind! Mein Kind!
+--Gift--Gift, schreit man, sei hier genommen worden--Meine Tochter!
+Wo bist du?
+
+Ferdinand (führt ihn zwischen den Präsident und Luisens Leiche). Ich
+bin unschuldig--Danke Diesem hier.
+
+Miller (fällt an ihr zu Boden). O Jesus!
+
+Ferdinand. In wenig Worten, Vater--Sie fangen an mir kostbar zu
+werden--Ich bin bübisch um mein Leben bestohlen, bestohlen durch Sie.
+Wie ich mit Gott stehe, zittre ich--doch ein Bösewicht bin ich
+niemals gewesen. Mein ewiges Loos falle, wie es will--auf Sie fall'
+es nicht--Aber ich hab' einen Mord begangen, (mit furchtbar erhobener
+Stimme) einen Mord, den du mir nicht zumuthen wirst, allein vor den
+Richter der Welt hinzuschleppen. Feierlich wälz' ich dir hier die
+größte, gräßlichste Hälfte zu; wie du damit zurecht kommen magst,
+siehe du selber. (Ihn zu Luisen hinführend.) Hier, Barbar! Weide
+dich an der entsetzlichen Frucht deines Witzes, auf dieses Gesicht
+ist mit Verzerrungen dein Name geschrieben, und die Würgengel werden
+ihn lesen--Eine Gestalt wie diese ziehe den Vorhang von deinem Bette,
+wenn du schläfst, und gebe dir ihre eiskalte Hand--Eine Gestalt wie
+diese stehe vor deiner Seele, wenn du stirbst, und dränge dein
+letztes Gebet weg--Eine Gestalt wie diese stehe auf deinem Grabe,
+wenn du auferstehst--und neben Gott, wenn er dich richtet. (Er wird
+ohnmächtig. Bediente halten ihn.)
+
+Präsident (eine schreckliche Bewegung des Arms gegen den Himmel).
+Von mir nicht, von mir nicht, Richter der Welt, fordre diese Seelen,
+von Diesem! (Er geht auf Wurm zu.)
+
+Wurm (auffahrend). Von mir?
+
+Präsident. Verfluchter, von dir! Von dir, Satan!--Du, du gabst den
+Schlangenrath--Über dich die Verantwortung--ich wasche die Hände.
+
+Wurm. Über mich? (Er fängt gräßlich an zu lachen.) Lustig!
+Lustig! So weiß ich doch nun auch, auf was Art sich die Teufel
+danken.--Über mich, dummer Bösewicht? War es mein Sohn? War ich
+dein Gebieter?--Über mich die Verantwortung? Ha! bei diesem Anblick,
+der alles Mark in meinen Gebeinen erkältet! Über mich soll sie
+kommen!--Jetzt will ich verloren sein, aber du sollst es mit mir
+sein--Auf! Auf! Ruft Mord durch die Gassen! Weckt die Justiz auf!
+Gerichtsdiener, bindet mich! Führt mich von hinnen! Ich will
+Geheimnisse aufdecken, daß Denen, die sie hören, die Haut schauern
+soll. (Will gehen.)
+
+Präsident (hält ihn). Du wirst doch nicht, Rasender?
+
+Wurm (klopft ihn auf die Schulter). Ich werde, Kamerad! Ich werde!
+--Rasend bin ich, das ist wahr--das ist dein Werk--so will ich auch
+jetzt handeln wie ein Rasender--Arm in Arm mit dir zum Blutgerüst!
+Arm in Arm mit dir zur Hölle! Es soll mich kitzeln, Bube, mit dir
+verdammt zu sein! (Er wird abgeführt.)
+
+Miller (der die ganze Zeit über, den Kopf in Luisens Schooß gesunken,
+in stummem Schmerz gelegen hat, steht schnell auf und wirft dem Major
+die Börse vor die Füße). Giftmischer! Behalt dein verfluchtes Gold!
+--wolltest du mir mein Kind damit abkaufen? (Er stürzt aus dem
+Zimmer.)
+
+Ferdinand (mit brechender Stimme). Geht ihm nach! Er
+verzweifelt--Das Geld hier soll man ihm retten--Es ist meine
+fürchterliche Erkenntlichkeit. Luise!--Luise!--Ich komme--Lebt
+wohl--Laßt mich an diesem Altar verscheiden-Präsident (aus einer
+dumpfen Betäubung zu seinem Sohn). Sohn Ferdinand! Soll kein Blick
+mehr auf einen zerschmetterten Vater fallen? (Der Major wird neben
+Luisen niedergelassen.)
+
+Ferdinand. Gott dem Erbarmenden gehört dieser letzte.
+
+Präsident (in der schrecklichsten Qual vor ihm niederfallend).
+Geschöpf und Schöpfer verlassen mich--Soll kein Blick mehr zu meiner
+letzten Erquickung fallen?
+
+Ferdinand (reicht ihm seine sterbende Hand).
+
+Präsident (steht schnell auf). Er vergab mir! (Zu den Andern.)
+Jetzt euer Gefangener! (Er geht ab, Gerichtsdiener folgen ihm, der
+Vorhang fällt.)
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Kabale und Liebe, von Friedrich
+Schiller.
+
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KABALE UND LIEBE ***
+
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+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+https://www.gutenberg.org/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you may distribute copies of this eBook if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this eBook on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
+This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
+is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
+through the Project Gutenberg Association (the "Project").
+Among other things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
+under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.
+
+Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
+any commercial products without permission.
+
+To create these eBooks, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
+medium they may be on may contain "Defects". Among other
+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged
+disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
+codes that damage or cannot be read by your equipment.
+
+LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
+[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
+receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
+all liability to you for damages, costs and expenses, including
+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
+
+If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
+you paid for it by sending an explanatory note within that
+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
+
+THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
+PARTICULAR PURPOSE.
+
+Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
+above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
+may have other legal rights.
+
+INDEMNITY
+You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
+and its trustees and agents, and any volunteers associated
+with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
+texts harmless, from all liability, cost and expense, including
+legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
+following that you do or cause: [1] distribution of this eBook,
+[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
+or [3] any Defect.
+
+DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
+You may distribute copies of this eBook electronically, or by
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+ requires that you do not remove, alter or modify the
+ eBook or this "small print!" statement. You may however,
+ if you wish, distribute this eBook in machine readable
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+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
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+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
+ the 60 days following each date you prepare (or were
+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
+
+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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