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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:27:41 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Die Verschwoerung des Fiesco zu Genua
+by Friedrich (Johann Christoph Friedrich von ) Schiller
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
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+this or any other Project Gutenberg eBook.
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Die Verschwoerung des Fiesco zu Genua
+
+Author: Friedrich (Johann Christoph Friedrich von ) Schiller
+
+Release Date: September, 2004 [EBook #6499]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on December 22, 2002]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE VERSCHWOERUNG DES FIESCO ZU GENUA ***
+
+
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+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg
+Projekt-DE. That project is reachable at the web site
+http://gutenberg2000.de.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur
+Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg2000.de erreichbar.
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+Friedrich Schiller
+
+
+Die Verschwörung des Fiesco zu Genua
+
+Ein republikanisches Trauerspiel.
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+
+Nam id facinus inprimis ego memorabile existimo sceleris atque
+periculi novitate. Sallust vom Catilina.
+
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+
+
+Vorrede. Die Geschichte dieser Verschwörung habe ich vorzüglich aus
+des Cardinals von Retz Conjuration du Comte Jean Louis de Fiesque,
+der Histoire des Conjurations, Histoire de Gènes und Robertsons
+Geschichte Karls V.--dem dritten Theil--gezogen. Freiheiten, welche
+ich mir mit den Begebenheiten herausnahm, wird der Hamburgische
+Dramaturgist entschuldigen, wenn sie mir geglückt sind; sind sie das
+nicht, so will ich doch lieber meine Phantasieen als Facta verdorben
+haben. Die wahre Katastrophe des Komplotts, worin der Graf durch
+einen unglücklichen Zufall am Ziel seiner Wünsche zu Grunde geht,
+mußte durchaus verändert werden, denn die Natur des Dramas duldet den
+Finger des Ohngefährs oder der unmittelbaren Vorsehung nicht. Es
+sollte mich sehr wundern, warum noch kein tragischer Dichter in
+diesem Stoffe gearbeitet hat, wenn ich nicht Grund genug in eben
+dieser undramatischen Wendung fände. Höhere Geister sehen die zarten
+Spinneweben einer That durch die ganze Dehnung des Weltsystems laufen
+und vielleicht an die entlegensten Grenzen der Zukunft und
+Vergangenheit anhängen--wo der Mensch nichts, als das in freien
+Lüften schwebende Factum sieht. Aber der Künstler wählt für das
+kurze Gesicht der Menschheit, die er belehren will, nicht für die
+scharfsichtige Allmacht, von der er lernt.
+
+Ich habe in meinen Räubern das Opfer einer ausschweifenden Empfindung
+zum Vorwurf genommen.--Hier versuche ich das Gegentheil, ein Opfer
+der Kunst und Cabale. Aber so merkwürdig sich auch das unglückliche
+Project des Fiesco in der Geschichte gemacht hat, so leicht kann es
+doch diese Wirkung auf dem Schauplatz verfehlen. Wenn es wahr ist,
+daß nur Empfindung Empfindung weckt, so müßte, däucht mich, der
+politische Held in eben dem Grade kein Subject für die Bühne sein, in
+welchem er den Menschen hintenansetzen muß, um der politische Held zu
+sein. Es stand daher nicht bei mir, meiner Fabel jene lebendige
+Gluth einzuhauchen, welche durch das lautere Product der Begeisterung
+herrscht; aber die kalte, unfruchtbare Staatsaction aus dem
+menschlichen Herzen herauszuspinnen und eben dadurch an das
+menschliche Herz wieder anzuknüpfen--den Mann durch den staatsklugen
+Kopf zu verwickeln--und von der erfindrischen Intrigue Situationen
+für die Menschheit zu entlehnen--das stand bei mir. Mein Verhältniß
+mit der bürgerlichen Welt machte mich auch mit dem Herzen bekannter,
+als dem Kabinet, und vielleicht ist eben diese politische Schwäche zu
+einer poetischen Tugend geworden.
+
+
+
+
+Personen des Stücks.
+
+Andreas Doria, Doge von Genua. Ehrwürdiger Greis von 80 Jahren.
+Spuren von Feuer. Ein Hauptzug: Gewicht und strenge befehlende Kürze.
+
+Gianettino Doria, Neffe des Vorigen. Prätendent. Mann von 26 Jahren.
+Rauh und anstößig in Sprache, Gang und Manieren. Bäurisch-stolz.
+Die Bildung zerrissen.
+
+(Beide Doria tragen Scharlach)
+
+Fiesco, Graf von Lavagna. Haupt der Verschwörung. Junger, schlanker,
+blühend-schöner Mann von 23 Jahren--stolz mit Anstand--freundlich
+mit Majestät--höflich-geschmeidig und eben so tückisch.
+
+(Alle Nobili gehen schwarz. Die Tracht ist durchaus altdeutsch.)
+
+Verrina, verschworner Republikaner. Mann von 60 Jahren. Schwer,
+ernst und düster. Tiefe Züge.
+
+Bourgognino, Verschworner. Jüngling von 20 Jahren. Edel und
+angenehm. Stolz, rasch und natürlich.
+
+Calcagno, Verschworner. Hagrer Wollüstling. 30 Jahre. Bildung
+gefällig und unternehmend.
+
+Sacco, Verschworner. Mann von 45 Jahren. Gewöhnlicher Mensch.
+
+Lomellino, Gianettinos Vertrauter. Ein ausgetrockneter Hofmann.
+
+Zenturione, Zibo, Asserato, Mißvergnügte.
+
+Romano, Maler. Frei, einfach und stolz.
+
+Muley Hassan, Mohr von Tunis. Ein confiscirter Mohrenkopf. Die
+Physiognomie eine originelle Mischung von Spitzbüberei und Laune.
+
+Deutscher der herzoglichen Leibwache. Ehrliche Einfalt. Handfeste
+Tapferkeit.
+
+Drei aufrührerische Bürger.
+
+Leonore, Fiesco's Gemahlin. Dame von 18 Jahren. Blaß und schmächtig.
+Fein und empfindsam. Sehr anziehend, aber weniger blendend. Im
+Gesicht schwärmerische Melancholie. Schwarze Kleidung.
+
+Julia, Gräfin Wittwe Imperiali, Dorias Schwester. Dame von 25 Jahren.
+Groß und voll. Stolze Kokette. Schönheit, verdorben durch
+Bizarrerie. Blendend und nicht gefallend. Im Gesicht ein böser
+moquanter Charakter. Schwarze Kleidung.
+
+Bertha, Verrinas Tochter. Unschuldiges Mädchen.
+
+Rosa, Arabella, Leonorens Kammermädchen.
+
+Mehrere Nobili, Bürger, Deutsche, Soldaten, Bediente, Diebe.
+
+Der Schauplatz Genua.--Die Zeit 1547.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+Saal bei Fiesco
+
+Man hört in der Ferne eine Tanzmusik und den Tumult eines Balls.
+
+
+
+Erster Auftritt.
+
+
+Leonore maskiert, Rosa, Arabella fliehen zerstört auf die Bühne.
+
+Leonore (reißt die Maske ab). Nichts mehr! Kein Wort mehr! Es ist
+am Tag. (Sie wirft sich in einen Sessel.) Das wirft mich nieder.
+
+Arabella. Gnädige Frau-Leonore (aufstehend). Vor meinen Augen! eine
+stadtkundige Kokette! im Angesicht des ganzen Adels von Genua!
+(Wehmütig.) Rosa! Bella! und vor meinen weinenden Augen.
+
+Rosa. Nehmen Sie die Sache für Das, was sie wirklich war--eine
+Galanterie-Leonore. Galanterie?--und das emsige Wechselspiel ihrer
+Augen? das ängstliche Lauern auf ihre Spuren? der lange verweilende
+Kuß auf ihren entblößten Arm, daß noch die Spur seiner Zähne im
+flammrothen Fleck zurückblieb? Ha! und die starre tiefe Betäubung,
+worein er, gleich dem gemalten Entzücken, versunken saß, als wär' um
+ihn her die Welt weggeblasen und er allein mit dieser Julia im ewigen
+Leeren? Galanterie?--gutes Ding, das noch nie geliebt hat, streite
+mir nicht über Galanterie und Liebe.
+
+Rosa. Desto besser, Madonna. Einen Gemahl verlieren heißt zehen
+Cicisbeo Profit machen.
+
+Leonore. Verlieren?--ein kleiner aussetzender Puls der Empfindung
+und Fiesco verloren? Geh, giftige Schwätzerin--komm mir nie wieder
+vor die Augen!--eine unschuldige Neckerei--vielleicht eine
+Galanterie? Ist es nicht so, meine empfindende Bella?
+
+Arabella. O ja! ganz zuverlässig so!
+
+Leonore (in Tiefsinn versunken). Daß sie darum in seinem Herzen sich
+wüßte?--daß hinter jedem seiner Gedanken ihr Name im Hinterhalt
+läge?--ihn anspräche in jeder Fußtapfe der Natur?--Was ist das? wo
+gerath' ich hin? Daß ihm die schöne majestätische Welt nichts wäre,
+als der prächtige Demant, worauf nur ihr Bild--nur ihr Bild gestochen
+ist?--daß er sie liebte?--Julien! O deinen Arm her--halte mich,
+Bella!
+
+(Pause. Die Musik läßt sich von Neuem hören.)
+
+Leonore (aufgefahren). Horch! War das nicht die Stimme Fiescos, die
+aus dem Lärme hervordrang? Kann er lachen, wenn seine Leonore im
+Einsamen weinet? Nicht doch, mein Kind! Es war Gianettino Dorias
+bäurische Stimme.
+
+Arabella. Sie war's, Signora! Aber kommen Sie in ein anderes Zimmer.
+
+Leonore. Du entfärbst dich, Bella! du lügst--ich lese in euren
+Augen--in den Gesichtern der Genueser ein Etwas--ein Etwas. (Sich
+verhüllend.) O gewiß! diese Genueser wissen mehr, als für das Ohr
+einer Gattin taugt.
+
+Rosa. O der Alles vergrößernden Eifersucht!
+
+Leonore. (schwermüthig schwärmend). Da er noch Fiesco war--dahertrat
+im Pomeranzenhain, wo wir Mädchen lustwandeln gingen, ein blühender
+Apoll, verschmolzen in den männlich-schönen Antinous. Stolz und
+herrlich trat er daher, nicht anders, als wenn das durchlauchtige
+Genua auf seinen jungen Schultern sich wiegte; unsere Augen schlichen
+diebisch ihm nach und zuckten zurück, wie auf dem Kirchenraub
+ergriffen, wenn sein wetterleuchtender Blick sie traf. Ach, Bella!
+wie verschlangen wir seine Blicke! wie parteiisch zählte sie der
+ängstliche Neid der Nachbarin zu! Sie fielen unter uns wie der
+Goldapfel des Zanks, zärtliche Augen brannten wilder, sanfte Busen
+pochten stürmischer, Eifersucht hatte unsere Eintracht zerrissen.
+
+Arabella. Ich besinne mich. Das ganze weibliche Genua kam in
+Aufruhr um diese schöne Eroberung.
+
+Leonore (begeistert). Und nun mein ihn zu nennen! verwegenes,
+entsetzliches Glück! Mein Genuas größten Mann, (mit Anmuth) der
+vollendet sprach aus dem Meißel der unerschöpflichen Künstlerin, alle
+Größen seines Geschlechts im lieblichsten Schmelze verband--Höret,
+Mädchen! kann ich's nun doch nicht mehr verschweigen!--Höret, Mädchen,
+ich vertraue euch etwas, (geheimnißvoll) einen Gedanken--als ich am
+Altar stand neben Fiesco--seine Hand in meine Hand gelegt--hatt' ich
+den Gedanken, den zu denken dem Weibe verboten ist--dieser Fiesco,
+dessen Hand jetzt in der deinigen liegt--dein Fiesco--aber still! daß
+kein Mann uns belausche, wie hoch wir uns mit dem Abfall seiner
+Vortrefflichkeit brüsten--dieser dein Fiesco--Weh euch, wenn das
+Gefühl euch nicht höher wirft!--wird--uns Genua von seinen Tyrannen
+erlösen!
+
+Arabella (erstaunt). Und diese Vorstellung kam einem Frauenzimmer am
+Brauttag?
+
+Leonore. Erstaune, Bella! Der Braut in der Wonne des Brauttags!
+(Lebhafter.) Ich bin ein Weib--aber ich fühle den Adel meines Bluts,
+kann es nicht dulden, daß dieses Haus Doria über unsre Ahnen
+hinauswachsen will. Jener sanftmüthige Andreas--es ist eine Wollust,
+ihm gut zu sein--mag immer Herzog von Genua heißen, aber Gianettino
+ist sein Neffe--sein Erbe--und Gianettino hat ein freches,
+hochmüthiges Herz. Genua zittert vor ihm, und Fiesco, (in Wehmuth
+hinabgefallen) Fiesco--weinet um mich--liebt seine Schwester.
+
+Arabella. Arme, unglückliche Frau-Leonore. Geht jetzt und sehet
+diesen Halbgott der Genueser im schamlosen Kreis der Schwelger und
+Buhldirnen setzen, ihre Ohren mit unartigem Witze kitzeln, ihnen
+Märchen von verwünschten Prinzessinnen erzählen--das ist Fiesco!--Ach,
+Mädchen! nicht Genua allein verlor seinen Helden--auch ich meinen
+Gemahl!
+
+Rosa. Reden Sie leiser. Man kömmt durch die Galerie.
+
+Leonore (zusammenschreckend). Fiesco kommt. Flieht! flieht! Mein
+Anblick könnte ihm einen trüben Augenblick machen. (Sie entspringt
+in ein Seitenzimmer. Die Mädchen ihr nach.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+
+Gianettino Doria maskiert im grünen Mantel. Ein Mohr. Beide im
+Gespräch.
+
+Gianettino. Du hast mich verstanden.
+
+Mohr. Wohl.
+
+Gianettino. Die weiße Maske.
+
+Mohr. Wohl.
+
+Gianettino. Ich sage--die weiße Maske!
+
+Mohr. Wohl! wohl! wohl!
+
+Gianettino. Hörst du? Du kannst sie nur (auf seine Brust deutend)
+hieher verfehlen.
+
+Mohr. Seid unbekümmert.
+
+Gianettino. Und einen tüchtigen Stoß!
+
+Mohr. Er soll zufrieden sein.
+
+Gianettino (hämisch). Daß der arme Graf nicht
+
+Mohr. Um Vergebung--wie schwer möchte ungefähr sein Kopf ins Gewicht
+fallen?
+
+Gianettino. Hundert Zechinen schwer.
+
+Mohr (bläst durch die Finger). Puh! Federleicht!
+
+Gianettino. Was brummst du da?
+
+Mohr. Ich sag' es ist eine leichte Arbeit.
+
+Gianettino. Das ist deine Sorge. Dieser Mensch ist ein Magnet.
+Alle unruhigen Köpfe fliegen gegen seine Pole. Höre, Kerl! fasse ihn
+ja recht.
+
+Mohr. Aber, Herr--ich muß flugs auf die That nach Venedig.
+
+Gianettino. So nimm deinen Dank voraus. (wirft ihm einen Wechsel zu.)
+In höchstens drei Tagen muß er kalt sein. (Ab.)
+
+Mohr (indem er den Wechsel vom Boden nimmt). Das nenn' ich Credit!
+Der Herr traut meiner Jaunerparole ohne Handschrift. (Ab.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+
+Calcagno, hinter ihm Sacco. Beide in schwarzen Mänteln.
+
+Calcagno. Ich werde gewahr, daß du alle meine Schritte belauerst.
+
+Sacco. Und ich beobachte, daß die mir alle verbirgst. Höre,
+Calcagno, seit einigen Wochen arbeitet etwas auf deinem Gesichte, das
+nicht geradezu just dem Vaterland gilt.--Ich dächte, Bruder, wir
+Beide könnten schon Geheimniß gegen Geheimniß tauschen, und am Ende
+hätte Keiner beim Schleichhandel verloren--Wirst du aufrichtig sein?
+
+Calcagno. So sehr, daß, wenn deine Ohren nicht Lust haben, in meine
+Brust hinunter zu steigen, mein Herz dir halbwegs auf meiner Zunge
+entgegen kommen soll--Ich liebe die Gräfin Fiesco.
+
+Sacco (tritt verwundernd zurück). Wenigstens das hätt' ich nicht
+entziffert, hätte ich alle Möglichkeiten Revue passieren
+lassen--Deine Wahl spannt meinen Witz auf die Folter, aber es ist um
+ihn geschehen, wenn sie glückt.
+
+Calcagno. Man sagt, sie sei ein Beispiel der strengsten Tugend.
+
+Sacco. Man lügt. Sie ist das ganze Buch über den abgeschmackten
+Text. Eins von beiden, Calcagno, gib dein Gewerb oder dein Herz
+auf-Calcagno. Der Graf ist ihr ungetreu. Eifersucht ist die
+abgefeimteste Kupplerin. Ein Anschlag gegen die Doria muß den Grafen
+in Athem halten und mir im Palaste zu schaffen geben. Während er nun
+den Wolf aus der Hürde scheucht, soll der Marder in seinen
+Hühnerstall fallen.
+
+Sacco. Unverbesserlich, Bruder! Habe Dank. Auch mich hast du
+plötzlich des Rothwerdens überhoben. Was ich mich zu denken geschämt
+habe, kann ich jetzt laut vor dir sagen. Ich bin ein Bettler, wenn
+die jetzige Verfassung nicht übern Haufen fällt.
+
+Calcagno. Sind deine Schulden so groß?
+
+Sacco. So ungeheuer, daß mein Lebensfaden, achtfach genommen, am
+ersten Zehentheil abschnellen muß. Eine Staatsveränderung soll mir
+Luft machen, hoff' ich. Wenn sie mir auch nicht zum Bezahlen hilft,
+soll sie doch meinen Gläubigern das Fordern entleiden.
+
+Calcagno. Ich verstehe--und am Ende, wenn Genua bei der Gelegenheit
+frei wird, läßt sich Sacco Vater des Vaterlands taufen. Wärme mir
+Einer das verdroschene Märchen von Redlichkeit auf, wenn der
+Bankerott eines Taugenichts und die Brunst eines Wollüstlings das
+Glück eines Staats entscheiden. Bei Gott, Sacco! ich bewundre in uns
+Beiden die feine Speculation des Himmels, der das Herz des Körpers
+durch die Eiterbeulen der Gliedmaßen rettet--Weiß Verrina um deinen
+Anschlag?
+
+Sacco. So weit der Patriot darum wissen darf. Genua, weißt du
+selbst, ist die Spindel, um welche sich alle seine Gedanken mit einer
+eisernen Treue drehen. An dem Fiesco hängt jetzt sein Falkenaug.
+Auch dich hofft er halbwegs zu einem kühnen Komplott.
+
+Calcagno. Er hat eine treffliche Nase. Komm, laß uns ihn aufsuchen
+und seinen Freiheitssinn mit dem unsrigen schüren. (Gehen ab.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+
+Julia erhitzt. Fiesco, der einen weißen Mantel trägt, eilt ihr nach.
+
+Julia. Lakaien! Läufer!
+
+Fiesco. Gräfin, wohin? Was beschließen Sie?
+
+Julia. Nichts, im mindesten nichts. (Bediente.) Mein Wagen soll
+vorfahren.
+
+Fiesco. Sie erlauben--er soll nicht. Hier ist eine Beleidigung.
+
+Julia. Pah! doch wohl das nicht--Weg! Sie zerren mir ja die
+Garnierung in Stücken--Beleidigung? Wer ist hier, der beleidigen
+kann? So gehen Sie doch.
+
+Fiesco (auf einem Knie.) Nicht, bis Sie mir den Verwegenen sagen.
+-Julia (steht still mit angestemmten Armen). Ah, schön! schön!
+sehenswürdig! Rufe doch Jemand die Gräfin von Lavagna zu diesem
+reizenden Schauspiel!--Wie, Graf? wo bleibt der Gemahl? Diese
+Stellung taugte ausnehmend in das Schlafgemach Ihrer Frau, wenn sie
+im Kalender ihrer Liebkosungen blättert und einen Bruch in der
+Rechnung findet. Stehen Sie doch auf. Gehen Sie zu Damen, wo Sie
+wohlfeiler markten. So stehen Sie doch auf. Oder wollen Sie die
+Impertinenzen Ihrer Frau mit Ihren Galanterieen abbüßen?
+
+Fiesco (springt auf). Impertinenzen? Ihnen?
+
+Julia. Aufzubrechen--den Sessel zurückzustoßen--der Tafel den Rücken
+zu kehren--der Tafel, Graf! an der ich sitze.
+
+Fiesco. Es ist nicht zu entschuldigen.
+
+Julia. Und mehr ist es nicht?--Über die Fratze! und ist es denn
+meine Schuld, (sich belächelnd) daß der Graf seine Augen hat?
+
+Fiesco. Das Verbrechen Ihrer Schönheit, Madonna, daß er sie nicht
+überall hat.
+
+Julia. Keine Delicatesse, Graf, wo die Ehre das Wort führt. Ich
+fordre Genugthuung. Finde ich sie bei Ihnen? oder hinter den Donnern
+des Herzogs?
+
+Fiesco. In den Armen der Liebe, die Ihnen den Mißtritt der
+Eifersucht abbittet.
+
+Julia. Eifersucht? Eifersucht? Was will denn das Köpfchen? (Vor
+einem Spiegel gesticulierend.) Ob sie wohl eine bessere Fürsprache
+für ihren Geschmack zu erwarten hat, als wenn ich ihn für den
+meinigen erkläre? (Stolz.) Doria und Fiesco?--ob sich die Gräfin von
+Lavagna nicht geehrt fühlen muß, wenn die Nichte des Herzogs ihre
+Wahl beneidenswürdig findet? (Freundlich, indem sie dem Grafen ihre
+Hand zum Küssen reicht.) Ich setze den Fall, Graf, daß ich sie so
+fände.
+
+Fiesco (lebhaft). Grausamste, und mich dennoch zu quälen!--Ich weiß
+es, göttliche Julia, daß ich nur Ehrfurcht gegen Sie fühlen sollte.
+Meine Vernunft heißt mich das Knie des Unterthans vor dem Blut Dorias
+beugen, aber mein Herz betet die schöne Julia an. Eine Verbrecherin
+ist meine Liebe, aber eine Heldin zugleich, die kühn genug ist, die
+Ringmauer des Rangs durchzubrechen und gegen die verzehrende Sonne
+der Majestät anzufliegen.
+
+Julia. Eine große, große, gräfliche Lüge, die auf Stelzen
+heranhinkt--Seine Zunge vergöttert mich, sein Herz hüpft unter dem
+Schattenriß einer Andern.
+
+Fiesco. Oder besser, Signora, es schlägt unwillig dagegen und will
+ihn hinwegdrücken. (Indem er die Silhouette Leonorens, die an einem
+himmelblauen Bande hängt, herabnimmt und sie der Julia überliefert.)
+Stellen Sie Ihr Bild an diesem Altar auf, so können Sie diesen Götzen
+zerstören.
+
+Julia (steckt das Bild hastig zu sich, vergnügt). Ein großes Opfer,
+bei meiner Ehre, das meinen Dank verdient. (Sie hängt ihm die ihrige
+um.) So, Sklave! trage die Farbe deines Herrn. (Sie geht ab.)
+
+Fiesco (mit Feuer). Julia liebt mich! Julia! Ich beneide keinen
+Gott. (Frohlockend im Saal.) Diese Nacht sei eine Festnacht der
+Götter, die Freude soll ihr Meisterstück machen. Holla! holla!
+(Menge Bediente.) Der Boden meiner Zimmer lecke cyprischen Nektar,
+Musik lärme die Mitternacht aus ihrem bleiernen Schlummer auf,
+tausend brennende Lampen spotten die Morgensonne hinweg--Allgemein
+sei die Lust, der bacchantische Tanz stampfe das Todtenreich in
+polternde Trümmer!
+
+(Er eilt ab. Rauschendes Allegro, unter welchem der Mittelvorhang
+aufgezogen wird und einen großen illuminierten Saal eröffnet, worin
+viele Masken tanzen. Zur Seite Schenk--und Spieltische von Gästen
+besetzt.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+
+Gianettino halb betrunken. Lomellin. Zibo. Zenturione. Verrina.
+Sacco. Calcagno. Alle maskiert. Mehrere Damen und Nobili.
+
+Gianettino (lärmend). Bravo! Bravo! Diese Weine glitschen herrlich,
+unsre Tänzerinnen springen à merveille. Geh Einer von euch, streu'
+es in Genua aus, ich sei heitern Humors, man könne sich gütlich
+thun--Bei meiner Geburt! sie werden den Tag roth im Kalender zeichnen
+und drunter schreiben: Heute war Prinz Doria lustig.
+
+Gäste (setzen die Gläser an). Die Republik! (Trompetenstoß.)
+
+Gianettino (wirft das Glas mit Macht auf die Erde). Hier liegen die
+Scherben. (Drei schwarze Masken fahren auf, versammeln sich um
+Gianettino.)
+
+Lomellin (führt den Prinzen vor). Gnädiger Herr, Sie sagten mir
+neulich von einem Frauenzimmer, das Ihnen in der Lorenzokirche
+begegnete?
+
+Gianettino. Das hab' ich auch, Bursche, und muß ihre Bekanntschaft
+haben.
+
+Lomellin. Die kann ich Eurer Gnaden verschaffen.
+
+Gianettino (rasch). Kannst du? Kannst du? Lomellin, du hast dich
+neulich zur Procuratorwürde gemeldet. Du sollst sie erhalten.
+
+Lomellin. Gnädiger Prinz, es ist die zweite im Staat, mehr denn
+sechzig Edelleute bewerben sich darum, alle reicher und angesehener,
+als Euer Gnaden unterthäniger Diener.
+
+Gianettino (schnaubt ihn trotzig an). Donner und Doria! Du sollst
+Procurator werden. (Die drei Masken kommen vorwärts.) Adel in Genua?
+Laß sie all ihre Ahnen und Wappen zumal in die Wagschale schmeißen,
+was braucht es mehr, als ein Haar aus dem weißen Bart meines Onkels,
+Genuas ganze Adelschaft in alle Lüfte zu schnellen? Ich will, du
+sollst Procurator sein, das ist so viel als alle Stimmen der Signoria.
+
+Lomellin (leiser). Das Mädchen ist die einzige Tochter eines
+gewissen Verrina.
+
+Gianettino. Das Mädchen ist hübsch, und trutz allen Teufeln! muß ich
+sie brauchen.
+
+Lomellin. Gnädiger Herr! das einzige Kind des starrköpfigsten
+Republikaners!
+
+Gianettino. Geh in die Hölle mit deinem Republikaner! Der Zorn eines
+Vasallen und meine Leidenschaft! Das heißt, der Leuchtthurm muß
+einstürzen, wenn Buben mit Muscheln darnach werfen. (Drei schwarze
+Masken treten mit großen Bewegungen näher.) Hat darum Herzog Andreas
+seine Narben geholt in den Schlachten dieser Lumpenrepublikaner, daß
+sein Neffe die Gunst ihrer Kinder und Bräute erbetteln soll? Donner
+und Doria! diesen Gelust müssen sie niederschlucken, oder ich will
+über den Gebeinen meines Oheims einen Galgen aufpflanzen, an dem sich
+ihre genuesische Freiheit zu Tod zappeln soll. (Die drei Masken treten
+zurück.)
+
+Lomellin. Das Mädchen ist eben jetzt allein. Ihr Vater ist hier und
+eine von den drei Masken.
+
+Gianettino. Erwünscht, Lomellin. Gleich bringe mich zu ihr.
+
+Lomellin. Aber Sie werden eine Buhlerin suchen und eine Empfindlerin
+finden.
+
+Gianettino. Gewalt ist die beste Beredsamkeit. Führe mich alsobald
+hin; den republikanischen Hund will ich sehen, der am Bären Doria
+hinaufspringt. (Fiesco begegnet ihm an der Thür.) Wo ist die Gräfin?
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+
+Vorige. Fiesco.
+
+Fiesco. Ich habe sie in den Wagen gehoben. (Er faßt Gianettinos
+Hand und hält sie gegen seine Brust.) Prinz, ich bin jetzt doppelt in
+Ihren Banden. Gianettino herrscht über meinen Kopf und Genua; über
+mein Herz Ihre liebenswürdige Schwester.
+
+Lomellin. Fiesco ist ganz Epikuräer worden. Die große Welt hat viel
+an Ihnen verloren.
+
+Fiesco. Aber Fiesco nichts an der großen Welt. Leben heißt träumen;
+weise sein, Lomellin, heißt angenehm träumen. Kann man das besser
+unter den Donnern des Throns, wo die Räder der Regierung ewig ins
+gellende Ohr krachen, als am Busen eines schmachtenden Weibs?
+Gianettino Doria mag über Genua herrschen. Fiesco wird lieben.
+
+Gianettino. Brich auf, Lomellin! Es wird Mitternacht. Die Zeit
+rückt heran. Lavagna, wir danken für deine Bewirtung. Ich war
+zufrieden.
+
+Fiesco. Das ist alles, was ich wünschen kann, Prinz.
+
+Gianettino. Also gute Nacht. Morgen ist Spiel bei Doria, und Fiesco
+ist eingeladen. Komm, Procurator.
+
+Fiesco. Musik! Lichter!
+
+Gianettino (trotzig durch die drei Masken). Platz dem Namen des
+Herzogs.
+
+Eine von den drei Masken (murmelt unwillig). In der Hölle! Niemals
+in Genua!
+
+Gäste (in Bewegung). Der Prinz bricht auf. Gute Nacht, Lavagna!
+(Taumeln hinaus.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+
+Die drei schwarzen Masken. Fiesco. Pause.
+
+Fiesco. Ich werde hier Gäste gewahr, die die Freuden meines Festes
+nicht theilen.
+
+Masken (murmeln verdrießlich durcheinander). Nicht Einer.
+
+Fiesco (verbindlich). Sollte mein guter Wille einen Genueser
+mißvergnügt weglassen? Hurtig, Lakaien! man soll den Ball erneuern
+und die großen Pokale füllen. Ich wollte nicht, daß Jemand hier
+Langeweile hätte. Darf ich Ihre Augen mit Feuerwerken ergötzen?
+Wollen Sie die Künste meines Harlekins hören? Vielleicht finden Sie
+bei meinem Frauenzimmer Zerstreuung? Oder wollen wir uns zum Pharao
+setzen und die Zeit mit Spielen betrügen?
+
+Eine Maske. Wir sind gewohnt, die mit Thaten zu bezahlen!
+
+Fiesco. Eine männliche Antwort, und--das ist Verrina.
+
+Verrina (nimmt die Maske ab). Fiesco findet seine Freunde
+geschwinder in ihren Masken, als sie ihn in der seinigen.
+
+Fiesco. Ich verstehe das nicht. Aber was soll der Trauerflor an
+deinem Arm? Sollte Verrina Jemand begraben haben und Fiesco nichts
+darum wissen?
+
+Verrina. Trauerpost taugt nicht für Fiescos lustige Feste.
+
+Fiesco. Doch, wenn ein Freund ihn auffordert. (Drückt seine Hand
+mit Wärme.) Freund meiner Seele! wer ist uns Beiden gestorben?
+
+Verrina. Beiden! Beiden! O allzuwahr!--Aber nicht alle Söhne
+trauern um ihre Mutter.
+
+Fiesco. Deine Mutter ist lange vermodert.
+
+Verrina (bedeutend). Ich besinne mich, daß Fiesco mich Bruder nannte,
+weil ich der Sohn seines Vaterlands war.
+
+Fiesco (scherzhaft). Ah! ist es das? Also auf einen Spaß war es
+abgezielt? Trauerkleider um Genua! und es ist wahr, Genua liegt
+wirklich in letzten Zügen. Der Gedanke ist einzig und neu. Unser
+Vetter fängt an, ein witziger Kopf zu werden!
+
+Calcagno. Er hat es ernsthaft gesagt, Fiesco!
+
+Fiesco. Freilich! freilich! Das war's eben. So trocken weg und so
+weinerlich. Der Spaß verliert Alles, wenn der Spaßmacher selber
+lacht. Mit einer wahren Leichenbittersmiene! Hätt' ich's je gedacht,
+daß der finstre Verrina in seinen alten Tagen noch ein so lustiger
+Vogel würde!
+
+Sacco. Verrina, komm! Er ist nimmermehr unser.
+
+Fiesco. Aber lustig weg, Landsmann. Laß uns aussehen wie listige
+Erben, die heulend hinter der Bahre gehen und desto lauter ins
+Schnupftuch lachen. Doch dürften wir dafür eine harte Stiefmutter
+kriegen. Sei's drum, wir lassen sie keifen, und schmausen.
+
+Verrina (heftig bewegt). Himmel und Erde! und thun nichts?--Wo bist
+du hingekommen, Fiesco? Wo soll ich den großen Tyrannenhasser
+erfragen? Ich weiß eine Zeit, wo du beim Anblick einer Krone Gichter
+bekommen hättest.--Gesunkener Sohn der Republik! du wirst's
+verantworten, daß ich keinen Heller um meine Unsterblichkeit gebe,
+wenn die Zeit auch Geister abnützen kann.
+
+Fiesco. Du bist der ewige Grillenfänger. Mag er Genua in die Tasche
+stecken und einem Kaper von Tunis verschachern, was kümmert's uns?
+Wir trinken Cyprier und küssen schöne Mädchen.
+
+Verrina (blickt ihn ernst an). Ist das deine wahre, ernstliche
+Meinung?
+
+Fiesco. Warum nicht, Freund? Ist es denn eine Wollust, der Fuß des
+trägen, vielbeinigen Thiers Republik zu sein? Dank' es Dem, der ihm
+Flügel gibt und die Füße ihrer Ämter entsetzt. Gianettino Doria
+wird Herzog. Staatsgeschäfte werden uns keine grauen Haare mehr
+machen.
+
+Verrina. Fiesco?--ist das deine wahre, ernstliche Meinung?
+
+Fiesco. Andreas erklärt seinen Neffen zum Sohn und Erben seiner
+Güter, wer wird der Thor sein, ihm das Erbe seiner Macht abzustreiten?
+
+Verrina (mit äußerstem Unmut). So kommt, Genueser! (Er verläßt den
+Fiesco schnell, die Andern folgen.)
+
+Fiesco. Verrina!--Verrina!--dieser Republikaner ist hart wie Stahl!--
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+
+Fiesco. Eine unbekannte Maske.
+
+Maske. Haben Sie eine Minute übrig, Lavagna?
+
+Fiesco (zuvorkommend). Für Sie eine Stunde!
+
+Maske. So haben Sie die Gnade, einen Gang mit mir vor die Stadt zu
+thun.
+
+Fiesco. Es ist funfzig Minuten auf Mitternacht.
+
+Maske. Sie haben die Gnade, Graf.
+
+Fiesco. Ich werde anspannen lassen.
+
+Maske. Das ist nicht nöthig. Ich schicke ein Pferd voraus. Mehr
+braucht es nicht, denn ich hoffe, es soll nur Einer zurückkommen.
+
+Fiesco (betreten). Und?
+
+Maske. Man wird Ihnen auf eine gewisse Thräne eine blutige Antwort
+abfordern.
+
+Fiesco. Diese Thräne?
+
+Maske. Einer gewissen Gräfin von Lavagna. Ich kenne diese Dame sehr
+gut und will wissen, womit sie verdient hat, das Opfer einer Närrin
+zu werden?
+
+Fiesco. Jetzt verstehe ich Sie. Darf ich den Namen dieses seltsamen
+Aufforderers wissen?
+
+Maske. Es ist der nämliche, der das Fräulein von Zibo einst anbetete
+und vor dem Bräutigam Fiesco zurück trat.
+
+Fiesco. Scipio Bourgognino!
+
+Bourgognino (nimmt die Maske ab). Und der jetzt da ist, seine Ehre
+zu lösen, die einem Nebenbuhler wich, der klein genug denkt, die
+Sanftmuth zu quälen.
+
+Fiesco (umarmt ihn mit Feuer). Edler junger Mann! Gedankt sei's dem
+Leiden meiner Gemahlin, das mir eine so werthe Bekanntschaft macht.
+Ich fühle die Schönheit Ihres Unwillens, aber ich schlage mich nicht.
+
+Bourgognino (einen Schritt zurück). Der Graf von Lavagna wäre zu
+feig, sich gegen die Erstlinge meines Schwertes zu wagen?
+
+Fiesco. Bourgognino! gegen die ganze Macht Frankreichs, aber nicht
+gegen Sie! Ich ehre dieses liebe Feuer für einen lieberen Gegenstand.
+Einen Lorbeer verdient der Wille, aber die That wäre kindisch.
+
+Bourgognino (erregt). Kindisch! Graf? Das Frauenzimmer kann über
+Mißhandlung nur weinen--wofür ist der Mann da?
+
+Fiesco. Ungemein gut gesagt, aber ich schlage mich nicht.
+
+Bourgognino (dreht ihm den Rücken, will gehen). Ich werde Sie
+verachten.
+
+Fiesco (lebhaft). Bei Gott, Jüngling! das wirst du nie, und wenn die
+Tugend im Preis fallen sollte. (Faßt ihn bedächtlich bei der Hand.)
+haben Sie jemals etwas gegen mich gefühlt, das man--wie soll ich
+sagen?--Ehrfurcht nennt?
+
+Bourgognino. Wär' ich einem Mann gewichen, den ich nicht für den
+ersten der Menschen erklärte?
+
+Fiesco. Also, mein Freund! einen Mann, der einst meine Ehrfurcht
+verdiente, würde ich--etwas langsam verachten lernen. Ich dächte doch,
+das Gewebe eines Meisters sollte künstlicher sein, als dem flüchtigen
+Anfänger so geradezu in die Augen zu springen--Gehen Sie heim,
+Bourgognino, und nehmen Sie sich Zeit, zu überlegen, warum Fiesco so
+und nicht anders handelt. (Bourgognino geht stillschweigend ab.) Fahr
+hin, edler Jüngling! Wenn diese Flammen ins Vaterland schlagen, mögen
+die Doria fest stehen.
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+
+Fiesco. Der Mohr tritt schüchtern herein und sieht sich überall
+sorgfältig um.
+
+Fiesco (faßt ihn scharf und lang ins Auge). Was willst du, und wer
+bist du?
+
+Mohr (wie oben). Ein Sklave der Republik.
+
+Fiesco. Sklaverei ist ein elendes Handwerk. (Immer ein scharfes Aug
+auf ihn.) Was suchst du?
+
+Mohr. Herr, ich bin ein ehrlicher Mann.
+
+Fiesco. Häng' immer diesen Schild vor dein Gesicht hinaus, das wird
+nicht überflüssig sein--aber was suchst du?
+
+Mohr (sucht ihm näher zu kommen, Fiesco weicht aus). Herr, ich bin
+kein Spitzbube.
+
+Fiesco. Es ist gut, daß du das beifügst, und--doch wieder nicht gut.
+(Ungeduldig.) Aber was suchst du?
+
+Mohr (rückt wieder näher). Seid Ihr der Graf Lavagna?
+
+Fiesco (stolz). Die Blinden in Genua kennen meinen Tritt.--Was soll
+dir der Graf?
+
+Mohr. Seid auf Eurer Hut, Lavagna. (Hart an ihn.)
+
+Fiesco (springt auf die andere Seite). Das bin ich wirklich.
+
+Mohr (wie oben). Man hat nichts Guts gegen Euch vor, Lavagna.
+
+Fiesco (retiriert sich wieder). Das seh' ich.
+
+Mohr. Hütet Euch vor dem Doria.
+
+Fiesco (tritt ihm vertraut näher). Freund! sollt' ich dir doch wohl
+Unrecht getan haben? Diesen Namen fürchte ich wirklich.
+
+Mohr. So flieht vor dem Mann. Könnt Ihr lesen?
+
+Fiesco. Eine kurzweilige Frage. Du bist bei manchem Cavalier
+herumgekommen. Hast du was Schriftliches?
+
+Mohr. Euren Namen bei armen Sündern. (Er reicht ihm einen Zettel
+und nistet sich hart an ihn. Fiesco tritt vor einen Spiegel und
+schielt über das Papier. Der Mohr geht lauernd um ihn herum, endlich
+zieht er den Dolch und will stoßen.)
+
+Fiesco (dreht sich geschickt und fährt nach dem Arm des Mohren).
+Sachte, Canaille! (Entreißt ihm den Dolch.)
+
+Mohr (stampft wild auf den Boden). Teufel--Bitt' um Vergebung.
+(Will sich abführen.)
+
+Fiesco (packt ihn, mit starker Stimme). Stephano! Drullo! Antonio!
+(Den Mohren an der Gurgel.) Bleib, guter Freund! Höllische Büberei!
+(Bediente.) Bleib und antworte! Du hast schlechte Arbeit gemacht;
+an wen hast du dein Taglohn zu fordern?
+
+Mohr (nach vielen vergeblichen Versuchen, sich wegzustehlen,
+entschlossen). Man kann mich nicht höher hängen, als der Galgen ist.
+
+Fiesco. Nein, tröste dich! Nicht an die Hörner des Monds, aber doch
+hoch genug, daß du den Galgen für einen Zahnstocher ansehen sollst.
+Doch deine Wahl war zu staatsklug, als daß ich sie deinem Mutterwitz
+zutrauen sollte. Sprich also, wer hat dich gedungen?
+
+Mohr. Herr, einen Schurken könnt ihr mich schimpfen, aber den
+Dummkopf verbitt' ich.
+
+Fiesco. Ist die Bestie stolz. Bestie, sprich, wer hat dich gedungen?
+
+Mohr (nachdenkend). Hum! so wär' ich doch nicht allein der Narr!
+--wer mich gedungen hat?--und waren's doch nur hundert magre Zechinen!
+--Wer mich gedungen hat?--Prinz Gianettino.
+
+Fiesco (erbittert auf und nieder). Hundert Zechinen und nicht mehr
+für des Fiesco Kopf. (Hämisch.) Schäme dich, Kronprinz von Genua.
+(Noch einer Schatulle eilend.) Hier, Bursche, sind tausend, und sag
+deinem Herrn--er sei ein knickiger Mörder!
+
+(Mohr betrachtet ihn vom Fuß bis zum Wirbel.)
+
+Fiesco. Du besinnst dich, Bursche?
+
+Mohr (nimmt das Geld, setzt es nieder, nimmt es wieder und besieht
+ihn mit immer steigendem Erstaunen).
+
+Fiesco. Was machst, Bursche?
+
+Mohr (wirft das Geld entschlossen auf den Tisch). Herr--das Geld
+hab' ich nicht verdient.
+
+Fiesco. Schafskopf von einem Jauner! den Galgen hast du verdient.
+Der entrüstete Elephant zertritt Menschen, aber nicht Würmer. Dich
+würd' ich hängen lassen, wenn es mich nur so viel mehr als zwei Worte
+kostete.
+
+Mohr (mit einer frohen Verbeugung). Der Herr sind gar zu gütig.
+
+Fiesco. Behüte Gott! nicht gegen dich. Es gefällt mir nun eben, daß
+meine Laune einen Schurken, wie du bist, zu etwas und nichts machen
+kann, und darum gehst du frei aus. Begreife mich recht. Dein
+Ungeschick ist mir ein Unterpfand des Himmels, daß ich zu etwas
+Großem aufgehoben bin, und darum bin ich gnädig, und du gehst frei
+aus.
+
+Mohr (treuherzig). Schlagt ein, Lavagna! Eine Ehre ist der andern
+werth. Wenn Jemand auf dieser Halbinsel eine Gurgel für Euch
+überzählig hat, befehlt! und ich schneide sie ab, unentgeldlich.
+
+Fiesco. Eine höfliche Bestie! Sie will sich mit fremder Leute
+Gurgeln bedanken.
+
+Mohr. Wir lassen uns nichts schenken, Herr! Unser eins hat auch
+Ehre im Leibe.
+
+Fiesco. Die Ehre der Gurgelschneider?
+
+Mohr. Ist wohl feuerfester als Eurer ehrlichen Leute: sie brechen
+ihre Schwüre dem lieben Herrgott; wir halten sie pünktlich dem Teufel.
+
+Fiesco. Du bist ein drolligter Jauner.
+
+Mohr. Freut mich, daß Ihr Geschmack an mir findet. Setzt mich erst
+auf die Probe, Ihr werdet einen Mann kennen lernen, der sein
+Exercitium aus dem Stegreif macht. Fordert mich auf. Ich kann Euch
+von jeder Spitzbubenzunft ein Testimonium aufweisen, von der
+untersten bis zur höchsten.
+
+Fiesco. Was ich nicht höre! (Indem er sich niedersetzt.) Also auch
+Schelmen erkennen Gesetzt und Rangordnung? Laß mich doch von der
+untersten hören.
+
+Mohr. Pfui, gnädiger Herr! das ist das verächtliche Heer der langen
+Finger. Ein elend Gewerb, das keinen großen Mann ausbrütet, arbeitet
+nur auf Karbatsche und Raspelhaus und führt--höchstens zum Galgen.
+
+Fiesco. Ein reizendes Ziel. Ich bin auf die beßre begierig.
+
+Mohr. Das sind die Spionen und Maschinen. Bedeutende Herren, denen
+die Großen ein Ohr leihen, wo sie ihre Allwissenheit holen; die sich
+wie Blutigel in Seelen einbeißen, das Gift aus dem Herzen schlürfen
+und an die Behörde speien.
+
+Fiesco. Ich kenne das--fort!
+
+Mohr. Der Rang trifft nunmehr die Meuter, Giftmischer und Alle, die
+ihren Mann lang hinhalten und aus dem Hinterhalt fassen. Feige
+Memmen sind's oft, aber doch Kerls, die dem Teufel das Schulgeld mit
+ihrer armen Seele bezahlen. Hier thut die Gerechtigkeit schon etwas
+Übriges, strickt ihre Knöchel aufs Rad und pflanzt ihre Schlauköpfe
+auf Spieße. Das ist die dritte Zunft.
+
+Fiesco. Aber, sprich doch, wann wird die deinige kommen?
+
+Mohr. Blitz, gnädiger Herr! das ist eben der Pfiff. Ich bin durch
+diese alle gewandert. Mein Genie geilte frühzeitig über jedes Gehege.
+Gestern Abend macht' ich mein Meisterstück in der dritten, vor
+einer Stunde war ich--ein Stümper in der vierten.
+
+Fiesco. Diese wäre also?
+
+Mohr (lebhaft). Das sind Männer, (in Hitze) die ihren Mann zwischen
+vier Mauern aufsuchen, durch die Gefahr eine Bahn sich hauen, ihm
+gerade zu Leib gehen, mit dem ersten Gruß ihm den Großdank für den
+zweiten ersparen. Unter uns! man nennt sie nur die Extrapost der
+Hölle. Wenn Mephistopheles einen Gelust bekommt, braucht's nur einen
+Wink, und er hat den Braten noch warm.
+
+Fiesco. Du bist ein hartgesottener Sünder. Einen solchen vermißte
+ich längst. Gib mir deine Hand. Ich will dich bei mir behalten.
+
+Mohr. Ernst oder Spaß?
+
+Fiesco. Mein völliger Ernst, und gebe dir tausend Zechinen des Jahrs.
+
+Mohr. Topp, Lavagna! Ich bin Euer, und zum Henker fahre das
+Privatleben. Braucht mich, wozu Ihr wollt. Zu Eurem Spürhund, zu
+Eurem Parforce-Hund, zu Eurem Fuchs, zu Eurer Schlange, zu Eurem
+Kuppler und Henkersknecht. Herr, zu allen Commissionen, nur bei
+Leibe! zu keiner ehrlichen--dabei benehm' ich mich plump wie Holz.
+
+Fiesco. Sei unbesorgt! Wem ich ein Lamm schenken will, lass' ich's
+durch keinen Wolf überliefern. Geh also gleich morgen durch Genua
+und suche die Witterung des Staats. Lege dich wohl auf Kundschaft,
+wie man von der Regierung denkt und vom Haus Doria flüstert, sondiere
+daneben, was meine Mitbürger von meinem Schlaraffenleben und meinem
+Liebesroman halten. Überschwemme ihre Gehirne mit Wein, bis ihre
+Herzensmeinungen überlaufen. Hier hast du Geld. Spende davon unter
+den Seidenhändlern aus.
+
+Mohr (sieht ihn nachdenklich an). Herr-Fiesco. Angst darf dir nicht
+werden. Es ist nichts Ehrliches--Geh! rufe deine ganze Bande zu
+Hilfe. Morgen will ich deine Zeitungen hören. (Er geht ab.)
+
+Mohr (ihm nach). Verlaßt Euch auf mich. Jetzt ist's früh vier Uhr.
+Morgen um Acht habt Ihr so viel Neues erfahren, als in zweimal
+siebenzig Ohren geht. (Ab.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+
+Zimmer bei Verrina.
+
+Bertha rücklings in einem Sopha, den Kopf in die Hand geworfen.
+Verrina düster hereintretend.
+
+Bertha (erschrickt, springt auf). Himmel! da ist er!
+
+Verrina (steht still, besieht sie befremdet). An ihrem Vater
+erschrickt meine Tochter?
+
+Bertha. Fliehen Sie! Lassen Sie mich fliehen! Sie sind schrecklich,
+mein Vater.
+
+Verrina. Meinem einzigen Kinde?
+
+Bertha (mit einem schweren Blick auf ihn). Nein! Sie müssen noch
+eine Tochter haben.
+
+Verrina. Drückt dich meine Zärtlichkeit zu schwer?
+
+Bertha. Zu Boden, Vater.
+
+Verrina. Wie? welcher Empfang, meine Tochter? Sonst, wenn ich nach
+Hause kam, Berge auf meinem Herzen, hüpfte mir meine Bertha entgegen,
+und meine Bertha lachte sie weg. Komm, umarme mich, Tochter. An
+dieser glühenden Brust soll mein Herz wieder erwarmen, das am
+Todtenbett des Vaterlands einfriert. O mein Kind! Ich habe heute
+Abrechnung gehalten mit allen Freuden der Natur, und (äußerst schwer)
+nur du bist mir geblieben.
+
+Bertha (mißt ihn mit einem langen Blick). Unglücklicher Vater!
+
+Verrina (umarmt sie beklemmt). Bertha! mein einziges Kind! Bertha!
+meine letzte übrige Hoffnung!--Genuas Freiheit ist dahin--Fiesco
+hin--(indem er sie heftiger drückt, durch die Zähne) Werde du eine
+Hure-Bertha (reißt sich aus seinen Armen). Heiliger Gott! Sie
+wissen?-Verrina (steht bebend still). Was?
+
+Bertha. Meine jungfräuliche Ehre-Verrina (wüthend). Was?
+
+Bertha. Diese Nacht-Verrina (wie ein Rasender). Was?
+
+Bertha. Gewalt! (Sinkt am Sopha nieder.)
+
+Verrina (nach einer langen schreckhaften Pause mit dumpfer Stimme).
+Noch ein Athemzug, Tochter--den letzten! (Mit hohlem gebrochnem Ton.)
+Wer?
+
+Bertha. Weh mir, nicht diesen todtenfarben Zorn! Helfe mir Gott! er
+stammelt und zittert.
+
+Verrina. Ich wüßte doch nicht--meine Tochter! Wer?
+
+Bertha. Ruhig! ruhig! mein bester, mein theurer Vater.
+
+Verrina. Um Gotteswillen--Wer? (will vor ihr niederfallen.)
+
+Bertha. Eine Maske.
+
+Verrina (tritt zurück, nach einem stürmischen Nachdenken). Nein! das
+kann nicht sein! Den Gedanken sendet mir Gott nicht. (Lacht graß
+auf.) Alter Geck! als wenn alles Gift nur aus einer und eben der
+Kröte spritzte? (Zu Bertha gefaßter.) Die Person, wie die meinige,
+oder kleiner?
+
+Bertha. Größer.
+
+Verrina (rasch). Die Haare schwarz? kraus?
+
+Bertha. Kohlschwarz und kraus.
+
+Verrina (taumelt von ihr hinweg). Gott! mein Kopf! mein Kopf--die
+Stimme?
+
+Bertha. Rauh, eine Baßstimme.
+
+Verrina (heftig). Von welcher Farbe? Nein! ich will nicht mehr
+hören!--der Mantel--von welcher Farbe?
+
+Bertha. Der Mantel grün, wie mich däuchte.
+
+Verrina (hält beide Hände vors Gesicht und wankt in den Sopha). Sei
+ruhig. Es ist nur ein Schwindel, meine Tochter. (Läßt die Hände
+sinken; ein Todtengesicht.)
+
+Bertha (die Hände ringend). Barmherziger Himmel! das ist mein Vater
+nicht mehr.
+
+Verrina (nach einer Pause mit bitterm Gelächter). Recht so! recht so!
+Memme Verrina!--daß der Bube in das Heiligthum der Gesetze
+griff--diese Aufforderung war dir zu matt--der Bube mußte noch ins
+Heiligthum deines Bluts greifen--(Springt auf.) Geschwind! rufe den
+Nicolo--Blei und Pulver--oder halt! halt! ich besinne mich eben
+anders--besser--Hole mein Schwert herbei, bet' ein Vaterunser. (Die
+Hand vor die Stirne.) Was will ich aber?
+
+Bertha. Mir ist sehr bange, mein Vater.
+
+Verrina. Komm, setzt dich zu mir. (Bedeutend.) Bertha, erzähle
+mir--Bertha, was that jener eisgraue Römer, als man seine Tochter
+auch so--wie nenn ich's nun--auch so artig fand, seine Tochter? Höre
+Bertha, was sagte Virginius zu seiner verstümmelten Tochter?
+
+Bertha (mit Schaudern). Ich weiß nicht, was er sagte.
+
+Verrina. Närrisches Ding--Nichts sagte er. (Plötzlich auf, faßt ein
+Schwert.) Nach einem Schlachtmesser griff er-Bertha (stürzt ihm
+erschrocken in die Arme). Großer Gott! was wollen Sie thun?
+
+Verrina (wirft das Schwert ins Zimmer). Nein! noch ist Gerechtigkeit
+in Genua!
+
+
+
+Eilfter Auftritt
+
+
+Sacco. Calcagno. Vorige.
+
+Calcagno. Verrina, geschwind! Mache dich fertig. Heute hebt die
+Wahlwoche der Republik an. Wir wollen früh in die Signoria, die
+neuen Senatoren wählen. Die Gassen wimmeln von Volk. Der ganze Adel
+strömt nach dem Rathhaus. Du begleitest uns doch, (spöttisch) den
+Triumph unsrer Freiheit zu sehen.
+
+Sacco. Ein Schwert liegt im Saal. Verrina schaut wild. Bertha hat
+rothe Augen.
+
+Calcagno. Bei Gott! das nehm' ich nun auch gewahr--Sacco, hier ist
+ein Unglück geschehen.
+
+Verrina (stellt zwei Sessel hin). Setzt euch.
+
+Sacco. Freund, du erschreckst uns.
+
+Calcagno. So sah ich dich nie, Freund. Hätte nicht Bertha geweint,
+ich würde fragen: geht Genua unter?
+
+Verrina (fürchterlich). Unter! Sitzt nieder!
+
+Calcagno (erschrocken, indem sich Beide setzen). Mann! Ich
+beschwöre dich!
+
+Verrina. Höret!
+
+Calcagno. Was ahnet mir, Sacco?
+
+Verrina. Genueser--ihr Beide kennt das Alterthum meines Namens.
+Eure Ahnen haben den meinigen die Schleppe getragen. Meine Väter
+fochten die Schlachten des Staats. Meine Mütter waren Muster der
+Genueserinnen. Ehre war unser einziges Capital und erbte vom Vater
+zum Sohn--oder wer weiß es anders?
+
+Sacco. Niemand.
+
+Calcagno. So wahr Gott lebt, Niemand.
+
+Verrina. Ich bin der letzte meines Geschlechts. Mein Weib liegt
+begraben. Diese Tochter ist ihr einziges Vermächtniß. Genueser, ihr
+seid Zeugen, wie ich sie erzog. Wird Jemand auftreten und Klage
+führen, daß ich meine Bertha verwahrloste?
+
+Calcagno. Deine Tochter ist ein Muster im Lande.
+
+Verrina. Freunde! ich bin ein alter Mann. Verliere ich diese, darf
+ich keine mehr hoffen. Mein Gedächtniß löscht aus. (Mit einer
+schrecklichen Wendung.) Ich habe sie verloren. Infam ist mein Stamm.
+
+Beide. (in Bewegung). Das wolle Gott verhüten! (Bertha wälzt sich
+jammernd im Sopha.)
+
+Verrina. Nein! Verzweifle nicht, Tochter. Diese Männer sind tapfer
+und gut. Beweinen dich diese, wird's irgendwo bluten.--Seht nicht so
+betroffen aus, Männer. (Langsam, mit Gewicht.) Wer Genua unterjocht,
+kann doch wohl ein Mädchen bezwingen?
+
+Beide (fahren auf, werfen die Sessel zurück). Gianettino Doria!
+
+Bertha (mit einem Schrei). Stürzt über mich, Mauern! mein Scipio!
+
+
+
+Zwölfter Auftritt
+
+
+Bourgognino. Vorige.
+
+Bourgognino (erhitzt). Springe hoch, Mädchen! Eine Freudenpost!
+--Edler Verrina, ich komme, meinen Himmel auf Ihre Zunge zu setzen.
+Schon längst liebte ich Ihre Tochter, und nie durft' ich es wagen, um
+ihre Hand zu bitten, weil mein ganzes Vermögen auf falschen Brettern
+von Coromandel schwamm. Eben jetzt fliegt meine Fortuna wohlbehalten
+in die Rhede und führt, wie sie sagen, unermeßliche Schätze mit. Ich
+bin ein reicher Mann. Schenken Sie mir Bertha, ich mache sie
+glücklich. (Bertha verhüllt sich, große Pause.)
+
+Verrina (bedächtlich zu Bourgognino). Haben Sie Lust, junger Mensch,
+Ihr Herz in eine Pfütze zu werfen?
+
+Bourgognino (greift nach dem Schwert, zieht aber plötzlich die Hand
+zurück). Das sprach der Vater-Verrina. Das spricht jeder Schurk' in
+Italien. Nehmen Sie mit dem Abtrag von anderer Leute Gastung vorlieb?
+
+Bourgognino. Mach mich nicht wahnwitzig, Graukopf!
+
+Calcagno. Bourgognino, wahr spricht der Graukopf.
+
+Bourgognino (auffahrend, gegen Bertha stürzend). Wahr spricht er?
+Mich hätte eine Dirne genarrt?
+
+Calcagno. Bourgognino, nicht da hinaus. Das Mädchen ist engelrein.
+
+Bourgognino (steht erstaunt still). Nun! so wahr ich selig werden
+will. Rein und entehrt. Ich habe keinen Sinn für das.--Sie sehen
+sich an und sind stumm. Irgend ein Unhold von Missethat zuckt auf
+ihren bebenden Zungen. Ich beschwöre euch! Schiebt meine Vernunft
+nicht im Kurzweil herum. Rein wäre sie? Wer sagte rein?
+
+Verrina. Mein Kind ist nicht schuldig.
+
+Bourgognino. Also Gewalt! (Faßt das Schwert von dem Boden.)
+Genueser! bei allen Sünden unter dem Mond! Wo--wo find' ich den
+Räuber?
+
+Verrina. Eben dort, wo du den Dieb Genuas findest.--(Bourgognino
+erstarrt. Verrina geht gedankenvoll auf und nieder, dann steht er
+still.)
+
+Verrina. Wenn ich deinen Wink verstehe, ewige Vorsicht, so willst du
+Genua durch meine Bertha erlösen! (Er tritt zu ihr, indem er den
+Trauerflor langsam von seinem Arme wickelt, darauf feierlich.) Eh das
+Herzblut eines Doria diesen häßlichen Flecken aus deiner Ehre wäscht,
+soll kein Strahl des Tages auf diese Wangen fallen. Bis dahin--(er
+wirft den Flor über sie) verblinde! (Pause. Die Übrigen sehen ihn
+schweigend, betreten an.)
+
+Verrina (feierlicher, seine Hand auf Berthas Haupt gelegt).
+Verflucht sei die Luft, die dich fächelt! Verflucht der Schlaf, der
+dich erquickt! Verflucht jede menschliche Spur, die deinem Elend
+willkommen ist! Geh hinab in das unterste Gewölb meines Hauses.
+Winsle, heule, lähme die Zeit mit deinem Gram. (Unterbrochen von
+Schauern fährt er fort.) Dein Leben sei das gichterische Wälzen des
+sterbenden Wurms--der hartnäckige, zermalmende Kampf zwischen Sein
+und Vergehen.--Dieser Fluch hafte auf dir, bis Gianettino den letzten
+Odem verröchelt hat.--Wo nicht, so magst du ihn nachschleppen längs
+der Ewigkeit, bis man ausfindig macht, wo die zwei Enden ihres Rings
+in einander greifen.
+
+(Großes Schweigen. Auf allen Gesichtern Entsetzen. Verrina blickt
+Jeden fest und durchdringend an.)
+
+Bourgognino. Rabenvater! was hast du gemacht? Diesen ungeheuren,
+gräßlichen Fluch deiner armen, schuldlosen Tochter?
+
+Verrina. Nicht wahr--das ist schrecklich, mein zärtlicher
+Bräutigam?--(Höchst bedeutend.) Wer von euch wird nun auftreten und
+jetzt noch von kaltem Blut und Aufschube schwatzen? Genuas Loos ist
+auf meine Bertha geworfen, mein Vaterherz meiner Bürgerpflicht
+überantwortet. Wer von uns ist nun Memme genug, Genuas Erlösung zu
+verzögern, wenn er weiß, daß dieses schuldlose Lamm seine Feigheit
+mit unendlichem Gram bezahlt?--Bei Gott! das war nicht das Gewäsch
+eines Narren--Ich hab' einen Eid gethan und werde mich meines Kindes
+nicht erbarmen, bis ein Doria am Boden zuckt, und sollt' ich auf
+Martern raffinieren, wie ein Henkersknecht, und sollt' ich dieses
+unschuldige Lamm auf kannibalischer Folterbank zerknirschen--Sie
+zittern--Blaß wie Geister schwindeln sie mich an.--Noch einmal,
+Scipio! Ich verwahre sie zum Geisel deines Tyrannenmords. An diesem
+theuren Faden halt' ich deine, meine, eure Pflichten fest. Genuas
+Despot muß fallen, oder das Mädchen verzweifelt. Ich widerrufe nicht.
+
+Bourgognino (wirft sich der Bertha zu Füßen). Und fallen soll
+er--fallen für Genua, wie ein Opferstier. So gewiß ich dies Schwert
+im Herzen Dorias umkehre, so gewiß will ich den Bräutigamskuß auf
+deine Lippen drücken. (Steht auf.)
+
+Verrina. Das erste Paar, das die Furien einsegnen. Gebt euch die
+Hände. In Dorias Herzen wirst du dein Schwert umkehren?--Nimm sie,
+sie ist dein!
+
+Calcagno (kniet nieder). Hier kniet noch ein Genueser und legt
+seinen furchtbaren Stahl zu den Füßen der Unschuld. So gewiß möge
+Calcagno den Weg zum Himmel ausfindig machen, als dieses sein Schwert
+die Straße zu Dorias Leben. (Steht auf.)
+
+Sacco. Zuletzt, doch nicht minder entschlossen, kniet Raphael Sacco.
+Wenn dies mein blankes Eisen Berthas Gefängniß nicht aufschließt, so
+schließe sich das Ohr des Erhörers meinem letzten Gebet zu. (Steht
+auf.)
+
+Verrina (erheitert). Genua dankt euch in mir, meine Freunde. Gehe
+nun, Tochter. Freue dich, des Vaterlands großes Opfer zu sein.
+
+Bourgognino (umarmt sie im Abgehen). Geh! Traue auf Gott und
+Bourgognino. An einem und eben dem Tag werden Bertha und Genua frei
+sein. (Bertha entfernt sich.)
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+
+Vorige ohne Bertha.
+
+Calcagno. Eh wir weiter gehn, noch ein Wort, Genueser!
+
+Verrina. Ich errath' es.
+
+Calcagno. Werden vier Patrioten genug sein, Tyrannei, die mächtige
+Hyder, zu stürzen? Werden wir nicht den Pöbel aufrühren, nicht den
+Adel zu unsrer Partei ziehen müssen?
+
+Verrina. Ich verstehe. Höret also, ich habe längst einen Maler im
+Solde, der seine ganze Kunst verschwendet, den Sturz des Appius
+Claudius fresco zu malen. Fiesco ist ein Anbeter der Kunst, erhitzt
+sich gern an erhabenen Scenen. Wir werden die Malerei nach seinem
+Palast bringen und zugegen sein, wenn er sie betrachtet. Vielleicht,
+daß der Anblick seinen Genius wieder aufweckt--Vielleicht-Bourgognino.
+Weg mit ihm! Verdopple die Gefahr, spricht der Held, nicht die
+Helfer. Ich habe schon längst ein Etwas in meiner Brust gefühlt, das
+sich von nichts wollte ersättigen lassen--Was es war, weiß ich jetzt
+plötzlich (indem er heroisch aufspringt). Ich hab' einen Tyrannen!
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+Vorzimmer in Fiescos Palast.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+
+Leonore. Arabella.
+
+Arabella. Nein, sag' ich. Sie sahen falsch. Die Eifersucht lieh
+Ihnen die häßlichen Augen.
+
+Leonore. Es war Julia lebendig. Rede mir nichts ein. Meine
+Silhouette hing an einem himmelblauen Band, dies war feuerfarb und
+geflammt. Mein Loos ist entschieden.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+
+Vorige. Julia.
+
+Julia (affectiert hereintretend). Der Graf bot mir sein Palais an,
+den Zug nach dem Rathhaus zu sehen. Die Zeit wird mir lang werden.
+Eh die Chocolade gemacht ist, Madame, unterhalten Sie mich. (Bella
+entfernt sich, kommt sogleich wieder.)
+
+Leonore. Befehlen Sie, daß ich Gesellschaft hieher bitte?
+
+Julia. Abgeschmackt. Als wenn ich die hier suchen müßte? Sie
+werden mich zerstreuen, Madame. (Auf und ab, sich den Hof machend.)
+Wenn Sie das können, Madame--denn ich habe nichts zu versäumen.
+
+Arabella (boshaft). Desto mehr dieser kostbare Mohr, Signora. Wie
+grausam, bedenken Sie! die Perspectivchen der jungen Stutzer um diese
+schöne Prise zu bringen? Ah! und das blitzende Spiel der Perlen, das
+Einem die Augen bald wund brennt.--Beim großmächtigen Gott! haben Sie
+nicht das ganze Meer ausgeplündert?
+
+Julia (vor einem Spiegel). Das ist Ihr wohl eine Seltenheit,
+Mamsell? Aber höre Sie, Mamsell, hat Sie Ihrer Herrschaft auch die
+Zunge verdingt? Scharmant, Madame! Ihre Gäste durch Domestiken
+becomplimentieren zu lassen.
+
+Leonore. Es ist mein Unglück, Signora, daß meine Laune mir das
+Vergnügen Ihrer Gegenwart schmälert.
+
+Julia. Eine gräßliche Unart ist das, die Sie schwerfällig und albern
+macht. Rasch! lebhaft und witzig! Das ist der Weg nicht, Ihren Mann
+anzufesseln.
+
+Leonore. Ich weiß nur einen, Gräfin. Lassen Sie den Ihrigen immer
+ein sympathetisches Mittel bleiben.
+
+Julia (ohne darauf achten zu wollen). Und, wie Sie sich tragen,
+Madame! Pfui doch! Auch auf Ihren Körper wenden Sie mehr. Nehmen
+Sie zur Kunst Ihre Zuflucht, wo die Natur an Ihnen Stiefmutter war.
+Einen Firniß auf diese Wangen, woraus die mißfärbige Leidenschaft
+kränkelt. Armes Geschöpf! So wird Ihr Gesichtchen nie einen Käufer
+finden.
+
+Leonore (munter zu Bella). Wünsche mir Glück, Mädchen. Unmöglich
+hab' ich meinen Fiesco verloren, oder ich habe nichts an ihm verloren.
+(Man bringt Chocolade, Bella gießt ein.)
+
+Julia. Von Verlieren murmeln Sie etwas? Aber mein Gott! wie kam
+Ihnen auch der tragische Einfall, den Fiesco zu nehmen?--Warum auf
+diese Höhe, mein Kind, wo Sie nothwendig gesehen werden müssen?
+verglichen werden müssen?--Auf Ehre, mein Schatz, das war ein Schelm
+oder ein Dummkopf, der Sie dem Fiesco kuppelte. (Mitleidig ihre Hand
+ergreifend.) Gutes Thierchen, der Mann, der in den Assembleen des
+guten Tons gelitten wird, konnte nie deine Partie sein. (Sie nimmt
+eine Tasse.)
+
+Leonore (lächelnd auf Arabellen). Oder er würde in diesen Häusern
+des guten Tons nicht gelitten sein wollen.
+
+Julia. Der Graf hat Person--Welt--Geschmack. Der Graf war so
+glücklich, Connaissancen von Rang zu machen. Der Graf hat
+Temperament, Feuer. Nun reißt er sich warm aus dem delicatesten
+Zirkel. Er kommt nach Hause. Die Ehfrau bewillkommt ihn mit einer
+Werkeltagszärtlichkeit, löscht seine Gluth in einem feuchten,
+frostigen Kuß, schneidet ihm ihre Caressen wirthschaftlich, wie einem
+Kostgänger, vor. Der arme Ehmann! Dort lacht ihm ein blühendes
+Ideal--hier ekelt ihn eine grämliche Empfindsamkeit an. Signora, um
+Gotteswillen! wird er nicht den Verstand verlieren, oder was wird er
+wählen?
+
+Leonore (bringt ihr eine Tasse). Sie, Madame, wenn er ihn verloren
+hat.
+
+Julia. Gut. Dieser Biß sei in dein eigenes Herz gegangen. Zittre
+um diesen Spott, aber eh du zitterst, erröthe.
+
+Leonore. Kennen Sie das Ding auch, Signora? Doch warum nicht? Es
+ist ja ein Toilettenpfiff.
+
+Julia. Man sehe doch! Erzürnen muß man das Würmchen, will man ihm
+ein Fünkchen Mutterwitz abjagen. Gut für jetzt. Es war Scherz,
+Madame. Geben Sie mir Ihre Hand zur Versöhnung.
+
+Leonore (gibt ihr die Hand mit vielsagendem Blick). Imperiali!--vor
+meinem Zorn haben Sie Ruhe.
+
+Julia. Großmüthig, allerdings! Doch sollt' ich's nicht auch sein
+können, Gräfin? (Langsam und lauernd.) Wenn ich den Schatten einer
+Person bei mir führe, muß es nicht folgen, daß das Original mir werth
+ist? Oder was meinen Sie?
+
+Leonore (roth und verwirrt). Was sagen Sie? Ich hoffe, dieser
+Schluß ist zu rasch.
+
+Julia. Das denk' ich selbst. Das Herz ruft nie die Sinne zu Hilfe.
+Wahre Empfindung wird sich nie hinter Schmuckwerk verschanzen.
+
+Leonore. Großer Gott! Wie kommen Sie zu dieser Wahrheit?
+
+Julia. Mitleid, bloßes Mitleid--Denn sehen Sie, so ist es auch
+umgekehrt wahr--und Sie haben Ihren Fiesco noch. (Sie gibt ihr ihre
+Silhouette und lacht boshaft auf.)
+
+Leonore (mit auffahrender Erbitterung). Mein Schattenriß? Ihnen?
+(Wirft sich schmerzvoll in einen Sessel.) O der heillose Mann!
+
+Julia (frohlockend). Hab' ich vergolten? hab' ich? Nun, Madame,
+keinen Nadelstich mehr in Bereitschaft? (Laut in die Scene.) Den
+Wagen vor! Mein Gewerb ist bestellt. (Zu Leonoren, der sie das Kinn
+streicht.) Trösten Sie sich, mein Kind. Er gab mir die Silhouette im
+Wahnwitz. (Ab.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+
+Calcagno kommt.
+
+Calcagno. So erhitzt ging die Imperiali weg, und Sie in Wallung,
+Madonna?
+
+Leonore (mit durchdringendem Schmerz). Nein! das war nie erhört!
+
+Calcagno. Himmel und Erde! Sie weinen doch wohl nicht?
+
+Leonore. Ein Freund vom Unmenschlichen--Mir aus den Augen!
+
+Calcagno. Welchem Unmenschlichen? Sie erschrecken mich.
+
+Leonore. Von meinem Mann--Nicht so! von dem Fiesco.
+
+Calcagno. Was muß ich hören?
+
+Leonore. O, nur ein Bubenstück, das bei euch gangbar ist, Männer.
+
+Calcagno (faßt ihre Hand mit Heftigkeit). Gnädige Frau, ich habe ein
+Herz für die weinende Tugend.
+
+Leonore (ernst). Sie sind ein Mann--es ist nicht für mich.
+
+Calcagno. Ganz für Sie--voll von Ihnen--daß Sie wüßten, wie
+sehr--wie unendlich sehr-Leonore. Mann, du lügst--du versicherst, eh
+du handelst.
+
+Calcagno. Ich schwöre Ihnen-Leonore. Einen Meineid. Hör' auf! Ihr
+ermüdet den Griffel Gottes, der sie niederschreibt. Männer! Männer!
+wenn eure Eide zu so viel Teufeln würden, sie könnten Sturm gegen den
+Himmel laufen und die Engel des Lichts als Gefangene wegführen.
+
+Calcagno. Sie schwärmen, Gräfin. Ihre Erbitterung macht Sie
+ungerecht. Soll das Geschlecht für den Frevel des Einzelnen Rede
+stehn?
+
+Leonore (sieht ihn groß an). Mensch! ich betete das Geschlecht in
+dem Einzelnen an, soll ich es nicht in ihm verabscheuen dürfen?
+
+Calcagno. Versuchen Sie, Gräfin--Sie gaben Ihr Herz das erstemal
+fehl--ich wüßte ihnen den Ort, wo es aufgehoben sein sollte.
+
+Leonore. Ihr könntet den Schöpfer aus seiner Welt hinauslügen--Ich
+will nichts von dir hören.
+
+Calcagno. Diesen Verdammungsspruch sollten Sie noch heute in meinen
+Armen zurückrufen.
+
+Leonore (aufmerksam). Rede ganz aus. In deinen--?
+
+Calcagno. In meinen Armen, die sich öffnen, eine Verlassene
+aufzunehmen und für verlorene Liebe zu entschädigen.
+
+Leonore (sieht ihn fein an). Liebe?
+
+Calcagno (vor ihr nieder mit Feuer). Ja! es ist hingesagt. Liebe,
+Madonna. Leben und Tod liegt auf Ihrer Zunge. Wenn meine
+Leidenschaft Sünde ist, so mögen die Enden von Tugend und Laster in
+einander fließen und Himmel und Hölle in eine Verdammniß gerinnen.
+
+Leonore (tritt mit Unwillen und Hoheit zurück). Da hinaus zielte
+deine Theilnehmung, Schleicher?--In einer Kniebeugung verräthst du
+Freundschaft und Liebe? Ewig aus meinem Aug! Abscheuliches
+Geschlecht! Bis jetzt glaubte ich, du betrügest nur Weiber; das hab'
+ich nie gewußt! daß du auch an dir selbst zum Verräther wirst.
+
+Calcagno (steht betroffen auf). Gnädige Frau-Leonore. Nicht genug,
+daß er das heilige Siegel des Vertrauens erbrach, auch an den reinen
+Spiegel der Tugend haucht dieser Heuchler die Pest und will meine
+Unschuld im Eidbrechen unterweisen.
+
+Calcagno (rasch). Das Eidbrechen ist nur Ihr Fall nicht, Madonna.
+
+Leonore. Ich verstehe, und meine Empfindlichkeit sollte dir meine
+Empfindung bestechen? Das wußtest du nicht, (sehr groß) daß schon
+allein das erhabene Unglück, um den Fiesco zu brechen, ein Weiberherz
+adelt. Geh! Fiescos Schande macht keinen Calcagno bei mir steigen,
+aber--die Menschheit sinken. (Schnell ab.)
+
+Calcagno (sieht ihr betäubt nach, dann ab, mit einem Schlag vor die
+Stirne). Dummkopf!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+
+Der Mohr. Fiesco.
+
+Fiesco. Wer war's, der da wegging?
+
+Mohr. Marchese Calcagno.
+
+Fiesco. Auf dem Sopha blieb dieses Schnupftuch liegen. Meine Frau
+war hier.
+
+Mohr. Begegnete mir so eben in einer starken Erhitzung.
+
+Fiesco. Dieses Schnupftuch ist feucht. (Steckt es zu sich.)
+Calcagno hier? Leonore in starker Erhitzung? (Nach einigem
+Nachdenken zum Mohren.) Auf den Abend will ich dich fragen, was hier
+geschehen ist.
+
+Mohr. Mamsell Bella hört es gern, daß sie blond sei. Will es
+beantworten.
+
+Fiesco. Und nun sind dreißig Stunden vorbei. Hast du meinen Auftrag
+vollzogen?
+
+Mohr. Auf ein Jota, mein Gebieter.
+
+Fiesco (setzt sich). Sag denn, wie pfeift man von Doria und der
+gegenwärtigen Regierung?
+
+Mohr. O pfui; nach abscheulichen Weisen. Schon das Wort: Doria,
+schüttelt sie wie ein Fieberfrost. Gianettino ist gehaßt bis in den
+Tod. Alles murrt. Die Franzosen, sagen sie, seien Genuas Ratten
+gewesen, Kater Doria habe sie aufgefressen und lasse sich nun die
+Mäuse belieben.
+
+Fiesco. Das könnte wahr sein--und wußten sie keinen Hund für den
+Kater?
+
+Mohr (leichtfertig). Die Stadt murmelte Langes und Breites von einem
+gewissen--einem gewissen--Holla! Hätt' ich denn gar den Namen
+vergessen?
+
+Fiesco (steht auf). Dummkopf! Er ist so leicht zu behalten, als
+schwer er zu machen war. Hat Genua mehr als einen Einzigen?
+
+Mohr. So wenig als zween Grafen von Lavagna.
+
+Fiesco (setzt sich). Das ist Etwas. Und was flüstert man denn über
+mein lustiges Leben?
+
+Mohr (mißt ihn mit großen Augen). Höret, Graf von Lavagna! Genua
+muß groß von Euch denken. Man kann's nicht verdauen, daß ein
+Cavalier vom ersten Hause--voll Talenten und Kopf--in vollem Feuer
+und Einfluß--Herr von vier Millionen Pfund--Fürstenblut in den
+Adern--ein Cavalier wie Fiesco, dem auf den ersten Wink alle Herzen
+zufliegen würden-Fiesco (wendet sich mit Verachtung ab). Von einem
+Schurken das anzuhören-Mohr. Daß Genuas großer Mann Genuas großen
+Fall verschlafe. Viele bedauern, sehr Viele verspotten, die Meisten
+verdammen Euch. Alle beklagen den Staat, der Euch verlor. Ein
+Jesuit wollte gerochen haben, daß ein Fuchs im Schlafrock stecke.
+
+Fiesco. Ein Fuchs riecht den andern.--Was spricht man zu meinem
+Roman mit der Gräfin Imperiali?
+
+Mohr. Was ich zu wiederholen hübsch unterlassen werde.
+
+Fiesco. Frei heraus! Je frecher, desto willkommener. Was murmelt
+man?
+
+Mohr. Nichts murmelt man. Auf allen Kaffeehäusern, Billardtischen,
+Gasthöfen, Promenaden--auf dem Markt--auf der Börse schreit man
+laut-Fiesco. Was? Ich befehl' es dir!
+
+Mohr (sich zurückziehend). Daß Ihr ein Narr seid.
+
+Fiesco. Gut. Hier nimm die Zechine für diese Zeitung. Die
+Schellenkappe hab' und nun aufgesetzt, daß diese Genueser über mich
+lachen; bald will ich mir eine Glatze scheeren, daß sie den Hanswurst
+von mir spielen. Wie nahmen sich die Seidenhändler bei meinen
+Geschenken?
+
+Mohr (drollig). Narr, sie stellten sich wie die armen Sünder-Fiesco.
+Narr? Bist du toll, Bursche?
+
+Mohr. Verzeiht! Ich hätte Lust zu noch mehr Zechinen.
+
+Fiesco (lacht, gibt ihm eine). Nun, wie die armen Sünder--?
+
+Mohr. Die auf dem Block liegen und jetzt Pardon über sich hören.
+Euer sind sie Seel und Leib.
+
+Fiesco. Das freut mich. Sie geben den Ausschlag bei dem Pöbel zu
+Genua.
+
+Mohr. Was das ein Auftritt war! Wenig fehlte, der Teufel hole mich!
+daß ich nicht Geschmack an der Großmuth gefunden hätte. Sie wälzten
+sich mir wie unsinnig um den Hals, die Mädel schienen sich bald in
+meines Vaters Farbe vergafft zu haben, so hitzig fielen sie über
+meine Mondsfinsterniß her. Allmächtig ist doch das Gold, war da mein
+Gedanke; auch Mohren kann's bleichen.
+
+Fiesco. Dein Gedanke war besser, als das Mistbeet, worin er
+wuchs--Die Worte, die du mir hinterbracht hast, sind gut, lassen sich
+Thaten daraus schließen?
+
+Mohr. Wie aus des Himmels Räuspern der ausbrechende Sturm. Man
+steckt die Köpfe zusammen, rottiert sich zu Hauf, ruft Hum! spukt ein
+Fremder vorbei. Durch ganz Genua herrscht eine dumpfe Schwüle--
+Dieser Mißmuth hängt wie ein schweres Wetter über der Republik--
+nur einen Wind, so fallen Schlossen und Blitze.
+
+Fiesco. Stille! horch! Was ist das für ein verworrenes Gesumse?
+
+Mohr (aus dem Fenster fliegend). Es ist das Geschrei vieler Menschen,
+die vom Rathhaus herabkommen.
+
+Fiesco. Heute ist Procuratorwahl. Laß meine Carriole vorfahren.
+Unmöglich kann die Sitzung schon aus sein. Ich will hinauf.
+Unmöglich kann sie rechtmäßig sein--Schwert und Mantel her. Wo ist
+mein Orden?
+
+Mohr. Herr, ich hab' ihn gestohlen und versetzt.
+
+Fiesco. Das freut mich.
+
+Mohr. Nun, wie? wird mein Präsent bald herausrücken?
+
+Fiesco. Weil du nicht auch den Mantel nahmst?
+
+Mohr. Weil ich den Dieb ausfindig machte.
+
+Fiesco. Der Tumult wälzt sich hierher. Horch! Das ist nicht das
+Gejauchze des Beifalls. (Rasch.) Geschwind, riegle die Hofpforten
+auf. Ich hab' eine Ahnung. Doria ist tollkühn. Der Staat gaukelt
+auf einer Nadelspitze. Ich wette, auf der Signoria ist Lärm worden.
+
+Mohr (am Fenster, schreit). Was ist das? Die Straße Balbi
+herunter--Troß vieler Tausende--Hellebarden blitzen--Schwerter--Holla!
+Senatoren--fliegen hieher-Fiesco. Es ist ein Aufruhr! Spring
+unter sie. Nenn meinen Namen. Sieh zu, daß sie hieher sich werfen.
+(Mohr eilt hinunter.) Was die Ameise Vernunft mühsam zu Haufen
+schleppt, jagt in einem Hui der Wind des Zufalls zusammen.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+
+Fiesco. Zenturione, Zibo, Asserato stürzen stürmisch ins Zimmer.
+
+Zibo. Graf, Sie verzeihen unserm Zorn, daß wir unangemeldet
+hereintreten.
+
+Zenturione. Ich bin beschimpft, tödlich beschimpft vom Neffen des
+Herzogs, im Angesicht der ganzen Signoria.
+
+Asserato. Doria hat das goldene Buch besudelt, davon jeder
+genuesische Edelmann ein Blatt ist.
+
+Zenturione. Darum sind wir da. Der ganze Adel ist in mir
+aufgefordert. Der ganze Adel muß meine Rache theilen. Meine Ehre zu
+rächen, dazu würde ich schwerlich Gehilfen fordern.
+
+Zibo. Der ganze Adel ist in ihm aufgereizt. Der ganze Adel muß
+Feuer und Flamme speien.
+
+Asserato. Die Rechte der Nation sind zertrümmert. Die
+republikanische Freiheit hat einen Todesstoß.
+
+Fiesco. Sie spannen meine ganze Erwartung.
+
+Zibo. Er war der neunundzwanzigste unter den Wahlherrn, hatte zur
+Procuratorwahl eine goldene Kugel gezogen. Achtundzwanzig Stimmen
+waren gesammelt. Vierzehn sprachen für mich, eben so viele für
+Lomellino! Dorias und die seinige standen noch aus.
+
+Zenturione (rasch ins Wort fallend). Standen noch aus. Ich votierte
+für Zibo. Doria--fühlen Sie die Wunde meiner Ehre--Doria-Asserato
+(fällt ihm wieder ins Wort). So was erlebte man nicht, so lang der
+Ocean um Genua fluthet-Zenturione (hitziger fort). Doria zog ein
+Schwert, das er unter dem Scharlach verborgen gehalten, spießte mein
+Votum daran, rief in die Versammlung:
+
+Zibo. »Senatoren, es gilt nicht! Es ist durchlöchert! Lomellin ist
+Procurator.«
+
+Zenturione. »Lomellin ist Procurator,« und warf sein Schwert auf die
+Tafel.
+
+Asserato. Und rief: »Es gilt nicht!« und warf sein Schwert auf die
+Tafel.
+
+Fiesco (nach einigem Stillschweigen). Wozu sind Sie entschlossen?
+
+Zenturione. Die Republik ist ins Herz gestoßen. Wozu wir
+entschlossen sind?
+
+Fiesco. Zenturione, Binsen mögen vom Athem knicken. Eichen wollen
+den Sturm. Ich frage, was Sie beschließen?
+
+Zibo. Ich dächte, man fragte, was Genua beschließe?
+
+Fiesco. Genua? Genua? Weg damit; es ist mürb, bricht, wo Sie es
+anfassen. Sie rechnen auf die Patrizier? Vielleicht weil sie saure
+Gesichter schneiden, die Achsel zucken, wenn von Staatssachen Rede
+wird? Weg damit! Ihr Heldenfeuer klemmt sich in Ballen levantischer
+Waaren, ihre Seelen flattern ängstlich um ihre ostindische Flotte.
+
+Zenturione. Lernen Sie unsere Patrizier besser schätzen. Kaum war
+Dorias trotzige That gethan, flohen ihrer einige Hundert mit
+zerrissenen Kleidern auf den Markt. Die Signoria fuhr auseinander.
+
+Fiesco (spöttisch). Wie Tauben auseinander flattern, wenn in den
+Schlag sich ein Geier wirft?
+
+Zenturione (stürmisch). Nein! wie Pulvertonnen, wenn eine Lunte
+hineinfällt.
+
+Zibo. Das Volk wüthet auch, was vermag nicht ein angeschossener Eber?
+
+Fiesco (lacht). Der blinde, unbeholfene Koloß, der mit plumpen
+Knochen Anfangs Gepolter macht, Hohes und Niederes, Nahes und Fernes
+mit gähnendem Rachen zu verschlingen droht und zuletzt--über
+Zwirnsfäden stolpert? Genueser, vergebens! Die Epoche der
+Meerbeherrscher ist vorbei. Genua ist unter seinen Namen gestürzt.
+Genua ist doch, wo das unüberwindliche Rom wie ein Federball in die
+Rakete eines zärtlichen Knaben Octavius sprang. Genua kann nicht
+mehr frei sein. Genua muß von einem Monarchen erwärmt werden. Genua
+braucht einen Souverain, also huldigen Sie dem Schwindelkopf
+Gianettino.
+
+Zenturione (aufbrausend). Wenn sich die grollenden Elemente
+versöhnen und der Nordpol dem Südpol nachspringt--Kommt, Kameraden!
+
+Fiesco. Bleiben Sie, bleiben Sie! Worüber brüten Sie, Zibo?
+
+Zibo. Über nichts oder einem Possenspiel, das das Erdbeben heißen
+soll.
+
+Fiesco (führt sie zu einer Statue). Schauen Sie doch diese Figur an.
+
+Zenturione. Es ist die Venus von Florenz. Was soll sie uns hier?
+
+Fiesco. Sie gefällt Ihnen aber?
+
+Zibo. Ich sollte denken, oder wir wären schlechte Italiener. Wie
+Sie das jetzt fragen mögen?
+
+Fiesco. Nun, reisen Sie durch alle Welttheile und suchen unter allen
+lebendigen Abrücken des weiblichen Modells den glücklichsten aus, in
+welchem sich alle Reize dieser geträumten Venus umarmen.
+
+Zibo. Und tragen dann für unsre Mühe davon?
+
+Fiesco. Dann werden Sie die Phantasie der Marktschreierei überwiesen
+haben-Zenturione (ungeduldig). Und was gewonnen haben?
+
+Fiesco. Gewonnen haben den verjährten Proceß der Natur mit den
+Künstlern.
+
+Zenturione (hitzig). Und dann?
+
+Fiesco. Dann? dann? (Fängt zu lachen an). Dann haben Sie vergessen
+zu sehen, daß Genuas Freiheit zu Trümmern geht! (Zenturione, Zibo,
+Asserato gehen ab.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+
+Fiesco.--Getümmel um den Palast nimmt zu.
+
+Glücklich! glücklich! Das Stroh der Republik ist in Flammen. Das
+Feuer hat schon Häuser und Thürme gefaßt--Immer zu! immer zu!
+Allgemein werde der Brand, der schadenfrohe Wind pfeife in die
+Verwüstung!
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+
+Mohr in Eile. Fiesco.
+
+Mohr. Haufen über Haufen!
+
+Fiesco. Mache die Thorflügel weit auf. Laß hereinstürzen, was Füße
+hat.
+
+Mohr. Republikaner! Republikaner! Ziehen ihre Freiheit am Joch,
+keuchen, wie Lastochsen, unter ihrer aristokratischen Herrlichkeit.
+
+Fiesco. Narren, die glauben, Fiesco von Lavagna werde fortführen,
+was Fiesco von Lavagna nicht anfing! Die Empörung kommt wie gerufen.
+Aber die Verschwörung muß meine sein. Sie stürmen die Treppe herauf.
+
+Mohr (hinaus). Holla! holla! Werden das Haus höflichst zur Thüre
+hereinbringen. (Das Volk stürmt herein, die Thüre in Trümmer.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+
+Fiesco. Zwölf Handwerker.
+
+Alle. Rache an Doria! Rache an Gianettino!
+
+Fiesco. Hübsch gemach, meine Landsleute. Daß ihr mir alle eure
+Aufwartung so machtet, das zeugt von eurem guten Herzen. Aber meine
+Ohren sind delicater.
+
+Alle (ungestümer). Zu Boden mit den Doria! Zu Boden Oheim und
+Neffen!
+
+Fiesco (der sie lächelnd überzählt). Zwölf sind ein vornehmes
+Heer-Einige. Diese Doria müssen weg. Der Staat muß eine andere Form
+haben.
+
+Erster Handwerker. Unsre Friedensrichter die Treppen hinab zu
+schmeißen--die Treppen die Friedensrichter.
+
+Zweiter. Denkt doch, Lavagna, die Treppen hinab, als sie ihm bei der
+Wahl widersprachen.
+
+Alle. Soll nicht geduldet werden! darf nicht geduldet werden!
+
+Ein Dritter. Ein Schwert in den Rath zu nehmen-Erster. Ein Schwert!
+Das Zeichen des Kriegs! im Zimmer des Friedens!
+
+Zweiter. Im Scharlach in den Senat zu kommen! Nicht schwarz, wie
+die übrigen Rathsherrn.
+
+Erster. Mit acht Hengsten durch unsere Hauptstadt zu fahren.
+
+Alle. Ein Tyrann! ein Verräther des Lands und der Regierung!
+
+Zweiter. Zweihundert Deutsche zur Leibwach vom Kaiser zu
+kaufen-Erster. Ausländer wider die Kinder des Vaterlands! Deutsche
+gegen Italiener! Soldaten neben die Gesetze!
+
+Alle. Hochverrath! Meuterei! Genuas Untergang!
+
+Erster. Das Wappen der Republik an der Kutsche zu führen-Zweiter.
+Die Statue des Andreas mitten im Hof der Signoria!-Alle. In Stücken
+mit dem Andreas! In tausend Stück den steinernen und den lebendigen!
+
+Fiesco. Genueser, warum mir Das alles?
+
+Erster. Ihr sollt es nicht dulden! Ihr sollt ihm den Daumen aufs
+Aug halten!
+
+Zweiter. Ihr seid ein kluger Mann, und sollt es nicht dulden, und
+sollt den Verstand für uns haben.
+
+Erster. Und seid ein besserer Edelmann, und sollt ihm das eintränken,
+und sollt es nicht dulden.
+
+Fiesco. Euer Zutrauen schmeichelt mir sehr. Kann ich es durch
+Thaten verdienen?
+
+Alle (lärmend). Schlage! Stürze! Erlöse!
+
+Fiesco. Doch ein gut Wort werdet ihr noch annehmen?
+
+Einige. Redet, Lavagna!
+
+Fiesco (der sich niedersetzt). Genueser--Das Reich der Thiere kam
+einst in bürgerliche Gährung, Parteien schlugen mit Parteien, und ein
+Fleischerhund bemächtigte sich des Throns. Dieser, gewohnt, das
+Schlachtvieh an das Messer zu hetzen, hauste hündisch im Reich,
+klaffte, biß und nagte die Knochen seines Volks. Die Nation murrte,
+die Kühnsten traten zusammen und erwürgten den fürstlichen Bullen.
+Jetzt ward ein Reichstag gehalten, die große Frage zu entscheiden,
+welche Regierung die glücklichste sei? Die Stimmen theilten sich
+dreifach. Genueser, für welche hättet ihr entschieden?
+
+Erster Bürger. Fürs Volk. Alle fürs Volk.
+
+Fiesco. Das Volk gewann's. Die Regierung ward demokratisch. Jeder
+Bürger gab seine Stimme. Mehrheit setzte durch. Wenige Wochen
+vergingen, so kündigte der Mensch dem neugebackenen Freistaat den
+Krieg an. Das Reich kam zusammen. Roß, Löwe, Tiger, Bär, Elephant
+und Rhinoceros traten auf und brüllten laut zu den Waffen! Jetzt kam
+die Reih' an die Übrigen. Lamm, Hase, Hirsch, Esel, das ganze Reich
+der Insecten, der Vögel, der Fische ganzes menschenscheues Heer--alle
+traten dazwischen und wimmerten: Friede. Seht, Genueser! Der Feigen
+waren mehr, denn der Streitbaren, der Dummen mehr, denn der
+Klugen--Mehrheit setzte durch. Das Thierreich streckte die Waffen,
+und der Mensch brandschatzte sein Gebiet. Dieses Staatssystem ward
+also verworfen. Genueser, wozu wäret ihr jetzt geneigt gewesen?
+
+Erster und Zweiter. Zum Ausschuß! Freilich zum Ausschuß!
+
+Fiesco. Diese Meinung gefiel! Die Staatsgeschäfte theilten sich in
+mehrere Kammern. Wölfe besorgten die Finanzen, Füchse waren ihre
+Secretäre. Tauben führten das Criminalgericht, Tiger die gütlichen
+Vergleiche, Böcke schlichteten Heirathsprocesse. Soldaten waren die
+Hasen; Löwen und Elephant blieben bei der Bagage; der Esel war
+Gesandter des Reichs, und der Maulwurf Oberaufseher über die
+Verwaltung der Ämter. Genueser, was hofft ihr von dieser weisen
+Vertheilung? Wen der Wolf nicht zerriß, den prellte der Fuchs. Wer
+diesem entrann, den tölpelte der Esel nieder. Tiger erwürgten die
+Unschuld; Diebe und Mörder begnadigte die Taube, und am Ende, wenn
+die Ämter niedergelegt wurden, fand sie der Maulwurf alle
+unsträflich verwaltet--Die Thiere empörten sich. Laßt uns einen
+Monarchen wählen, riefen sie einstimmig, der Klauen und Hirn und nur
+einen Magen hat--und einem Oberhaupt huldigten alle--einem,
+Genueser--aber (indem er mit Hoheit unter sie tritt) es war der Löwe.
+
+Alle (klatschen, werfen die Mützen in die Höhe). Bravo! Bravo! das
+haben sie schlau gemacht.
+
+Erster. Und Genua soll's nachmachen, und Genua hat seinen Mann schon.
+
+Fiesco. Ich will ihn nicht wissen. Gehet heim! Denkt auf den Löwen!
+(Die Bürger tumultuarisch hinaus.) Es geht erwünscht. Volk und
+Senat wider Doria. Volk und Senat für Fiesco--Hassan!--Hassan! Ich
+muß diesen Wind benutzen--Hassan! Hassan! Ich muß diesen Haß
+verstärken! dieses Interesse anfrischen!--Heraus, Hassan! Hurensohn
+der Hölle! Hassan! Hassan!
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+
+Mohr kommt. Fiesco.
+
+Mohr (wild). Meine Sohlen brennen noch. Was gibt's schon wieder?
+
+Fiesco. Was ich befehle.
+
+Mohr (geschmeidig). Wohin lauf' ich zuerst? wohin zuletzt?
+
+Fiesco. Das Laufen sei dir diesmal geschenkt. Du wirst geschleift
+werden. Mache dich gleich gefaßt; ich posaune jetzt deinen
+Meuchelmord aus und übergebe dich gebunden der peinlichen Nota.
+
+Mohr (sechs Schritte zurück). Herr?--das ist wider die Abrede.
+
+Fiesco. Sei ganz ruhig. Es ist nichts mehr, denn ein Possenspiel.
+In diesem Augenblick liegt Alles daran, daß Gianettinos Anschlag auf
+mein Leben ruchbar wird. Man wird dich peinlich verhören.
+
+Mohr. Ich bekenne dann oder leugne?
+
+Fiesco. Leugnest. Man wird dich auf die Tortur schrauben. Den
+ersten Grad stehst du aus. Diese Witzigung kannst du auf Conto
+deines Meuchelmords hinnehmen. Beim zweiten bekennst du.
+
+Mohr (schüttelt den Kopf, bedenklich). Ein Schelm ist der Teufel.
+Die Herren könnten mich beim Essen behalten, und ich würde aus lauter
+Komödie gerädert.
+
+Fiesco. Du kommst ganz weg. Ich gebe dir meine gräfliche Ehre. Ich
+werde mir deine Bestrafung zur Genugthuung ausbitten und dich dann
+vor den Augen der ganzen Republik pardonnieren.
+
+Mohr. Ich lasse mir's gefallen. Sie werden mir das Gelenk
+auseinander treiben. Das macht geläufiger.
+
+Fiesco. So ritze mir hurtig mit deinem Dolche den Arm auf, bis Blut
+darnach läuft--Ich werde thun, als hätt' ich dich erst frisch auf der
+That ergriffen. Gut! (Mit gräßlichem Geschrei.) Mörder! Mörder!
+Mörder! Besetzt die Wege! Riegelt die Pforten zu! (Er schleppt den
+Mohren an der Gurgel hinaus, Bediente fliehen über den Schauplatz.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+
+Leonore. Rosa stürzen erschrocken herein.
+
+Leonore. Mord! schrieen sie, Mord! Von hier kam der Lärm.
+
+Rosa. Ganz gewiß nur ein blinder Tumult, wie alltäglich in Genua.
+
+Leonore. Sie schrieen Mord, und das Volk murmelte deutlich: Fiesco.
+Armselige Betrüger! Meine Augen wollten sie schonen, aber mein Herz
+überlistet sie. Geschwind, eile nach, sieh, sage mir, wo sie ihn
+hinschleppen.
+
+Rosa. Sammeln Sie sich. Bella ist nach.
+
+Leonore. Bella wird seinen brechenden Blick noch auffassen! die
+glückliche Bella! Weh über mich, seine Mörderin! Hätte Fiesco mich
+lieben können, nie hätte Fiesco sich in die Welt gestürzt, nie in die
+Dolche des Neids!--Bella kommt! Fort! Rede nicht, Bella!
+
+
+
+Eilfter Auftritt
+
+
+Vorige. Bella.
+
+Bella. Der Graf lebt und ist ganz. Ich sah ihn durch die Stadt
+galoppieren. Nie sah ich unsern gnädigen Herrn so schön. Der Rapp
+prahlte unter ihm und jagte mit hochmüthigem Huf das andrängende Volk
+von seinem fürstlichen Reiter. Er erblickte mich, als er vorüber
+flog, lächelte gnädig, winkte hieher und warf drei Küsse zurück.
+(Boshaft.) Was mach' ich damit, Signora?
+
+Leonore (in Entzückung). Leichtfertige Schwätzerin! Bring sie ihm
+wieder.
+
+Rosa. Nun sehen Sie! jetzt sind Sie wieder Scharlach über und über.
+
+Leonore. Sein Herz wirft er den Dirnen nach, und ich jage nach einem
+Blick?--O Weiber! Weiber! (Gehen ab.)
+
+
+
+Zwölfter Auftritt
+
+
+Im Palast des Andreas.
+
+Gianettino. Lomellin kommen hastig
+
+Gianettino. Laß sie um ihre Freiheit brüllen, wie die Löwin um ein
+Junges. Ich bleibe dabei.
+
+Lomellin. Doch, gnädiger Herr-Gianettino. Zum Teufel mit Eurem Doch,
+dreistundlanger Procurator! Ich weiche um keines Haares Breite.
+Laß Genuas Thürme die Köpfe schütteln und die tobende See Nein
+dareinbrummen. Ich fürchte den Troß nicht.
+
+Lomellin. Der Pöbel ist freilich das brennende Holz, aber der Adel
+gibt seinen Wind dazu. Die ganze Republik ist in Wallung. Volk und
+Patrizier.
+
+Gianettino. So steh' ich wie Nero auf dem Berg und sehe dem
+possierlichen Brande zu-Lomellin. Bis sich die ganze Masse des
+Aufruhrs einem Parteigänger zuwirft, der ehrgeizig genug ist, in der
+Verwüstung zu ernten.
+
+Gianettino. Possen! Possen! Ich kenne nur Einen, der fürchterlich
+werden könnte, und für den ist gesorgt.
+
+Lomellin. Seine Durchlaucht. (Andreas kommt, Beide verneigen sich
+tief.)
+
+Andreas. Signor Lomellin! Meine Nichte wünscht auszufahren.
+
+Lomellin. Ich werde die Gnade haben, sie zu begleiten. (Ab.)
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+
+Andreas. Gianettino.
+
+Andreas. Höre, Neffe! Ich bin schlimm mit dir zufrieden.
+
+Gianettino. Gönnen Sie mir Gehör, durchlauchtigster Oheim.
+
+Andreas. Dem zerlumptesten Bettler in Genua, wenn er es werth ist.
+Einem Buben niemals, und wär' er mein Neffe. Gnädig genug, daß ich
+dir den Oheim zeige; du verdientest den Herzog und seine Signoria zu
+hören.
+
+Gianettino. Nur ein Wort, gnädigster Herr-Andreas. Höre, was du
+gethan hast, und verantworte dich dann--Du hast ein Gebäude
+umgerissen, das ich in einem halben Jahrhundert sorgsam
+zusammenfügte--das Mausoleum deines Oheims--seine einzige
+Pyramide--die Liebe der Genueser. Den Leichtsinn verzeiht dir
+Andreas.
+
+Gianettino. Mein Oheim und Herzog-Andreas. Unterbrich mich nicht.
+Du hast das schönste Kunstwerk der Regierung verletzt, das ich selbst
+den Genuesern vom Himmel holte, das mich so viele Nächte gekostet, so
+viele Gefahren und Blut. Vor ganz Genua hast du meine fürstlichen
+Ehre besudelt, weil du für meine Anstalt keine Achtung zeigtest. Wem
+wird sie heilig sein, wenn mein Blut sie verachtet?--Diese Dummheit
+verzeiht dir der Oheim.
+
+Gianettino (beleidigt). Gnädigster Herr, Sie haben mich zu Genuas
+Herzog gezogen.
+
+Andreas. Schweig--du bist ein Hochverräther des Staates und hast das
+Herz seines Lebens verwundet. Merke dir's, Knabe! Es heißt--
+Unterwerfung!--Weil der Hirte am Abend seines Tagwerks zurücktrat,
+wähntest du die Heerde verlassen? Weil Andreas eisgraue Haare
+trägt, trampeltest du wie ein Gassenjunge auf den Gesetzen?
+
+Gianettino (trotzig). Gemach, Herzog. Auch in meinen Adern siedet
+das Blut das Andreas, vor dem Frankreich erzitterte.
+
+Andreas. Schweig! befehl' ich--Ich bin gewohnt, daß das Meer
+aufhorcht, wenn ich rede--Mitten in ihrem Tempel spieest du die
+majestätische Gerechtigkeit an. Weißt du, wie man das ahndet,
+Rebelle?--Jetzt antworte!
+
+(Gianettino heftet den Blick sprachlos zu Boden.)
+
+Andreas. Unglückseliger Andreas! In deinem eigenen Herzen hast du
+den Wurm deines Verdiensts ausgebrütet.--Ich baute den Genuesern ein
+Haus, das der Vergänglichkeit spotten sollte, und werfe den ersten
+Feuerbrand hinein--Diesen! Dank' es, Unbesonnener, diesem eisgrauen
+Kopf, der von Familienhänden zur Grube gebracht sein will--Dank' es
+meiner gottlosen Liebe, daß ich den Kopf des Empörers dem beleidigten
+Staate nicht--vom Blutgerüste zuwerfe. (Schnell ab.)
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt
+
+
+Lomellin außer Athem, erschrocken. Gianettino sieht dem Herzog
+glühend und sprachlos nach.
+
+Lomellin. Was hab' ich gesehen? was angehört? Jetzt! Jetzt!
+Fliehen Sie, Prinz! Jetzt ist Alles verloren.
+
+Gianettino (mit Ingrimm). Was war zu verlieren?
+
+Lomellin. Genua, Prinz. Ich komme vom Markt. Das Volk drängte sich
+um einen Mohren, der an Stricken dahin geschleift wurde; der Graf von
+Lavagna, über die dreihundert Nobili ihm nach bis ins Richthaus, wo
+die Verbrecher gefoltert werden. Der Mohr war über einem Meuchelmord
+ertappt worden, den er an dem Fiesco vollstrecken sollte.
+
+Gianettino (stampft mit dem Fuß). Was? Sind heut alle Teufel los?
+
+Lomellin. Man inquirierte scharf, wer ihn bestochen. Der Mohr
+gestand nichts. Man brachte ihn auf die erste Folter. Er gestand
+nichts. Man brachte ihn auf die zweite. Er sagte aus, sagte
+aus--gnädiger Herr, wo gedachten Sie hin, da Sie Ihre Ehre einem
+Taugenichts preisgaben?
+
+Gianettino (schnaubt ihn wild an). Frage mich nichts!
+
+Lomellin. Hören Sie weiter. Kaum war das Wort Doria
+ausgesprochen--lieber hätt' ich meinen Namen auf der Schreibtafel des
+Teufels gelesen, als hier den Ihren gehört--so zeigte sich Fiesco dem
+Volk. Sie kennen ihn, den Mann, der befehlend flehet, den Wucherer
+mit den Herzen der Menge. Die ganze Versammlung hing ihm odemlos in
+starren, schrecklichen Gruppen entgegen; er sprach wenig, aber
+streifte den blutenden Arm auf, das Volk schlug sich um die fallenden
+Tropfen, wie um Reliquien. Der Mohr wurde seiner Willkür übergeben,
+und Fiesco--ein Herzstoß für uns--Fiesco begnadigte ihn. Jetzt raste
+die Stille des Volks in einen brüllenden Laut aus, jeder Odem
+zernichtete einen Doria, Fiesco wurde auf tausendstimmigem Vivat nach
+Hause getragen.
+
+Gianettino (mit einem dumpfen Gelächter). Der Aufruhr schwelle mir
+an die Gurgel!--Kaiser Karl! Mit dieser einzigen Silbe will ich sie
+niederwerfen, daß in ganz Genua auch keine Glocke mehr summen soll.
+
+Lomellin. Böhmen liegt weit von Italien--Wenn Karl sich beeilt, kann
+er noch zeitig genug zu Ihrem Leichenschmaus kommen.
+
+Gianettino (zieht einen Brief mit großem Siegel hervor). Glück genug
+also, daß er schon hier ist!--Verwundert sich Lomellin? Glaubte er
+mich tolldreist genug, wüthige Republikaner zu reizen, wenn sie nicht
+schon verkauft und verrathen wären?
+
+Lomellin (betreten). Ich weiß nicht, was ich denke.
+
+Gianettino. Ich denke Etwas, das du nicht weißt. Der Schluß ist
+gefaßt. Übermorgen fallen zwölf Senatoren. Doria wird Monarch, und
+Kaiser Karl wird ihn schützen--Du trittst zurück?
+
+Lomellin. Zwölf Senatoren! Mein Herz ist nicht weit genug, eine
+Blutschuld zwölfmal zu fassen.
+
+Gianettino. Närrchen, am Thron wirft man sie nieder. Siehst du, ich
+überlegte mit Karls Ministern, daß Frankreich in Genua noch starke
+Parteien hätte, die es ihm zum zweiten Mal in die Hände spielen
+könnten, wenn man sie nicht mit der Wurzel vertilgte. Das wurmte
+beim alten Karl. Er unterschrieb meinen Anschlag--und du schreibst,
+was ich dictiere.
+
+Lomellin. Noch weiß ich nicht-Gianettino. Setze dich! Schreib!
+
+Lomellin. Was schreib' ich aber? (Setzt sich.)
+
+Gianettino. Die Namen der zwölf Candidaten--Franz Zenturione.
+
+Lomellin (schreibt). Zum Dank für sein Votum führt er den Leichenzug.
+
+Gianettino. Cornelio Calva.
+
+Lomellin. Calva.
+
+Gianettino. Michael Zibo.
+
+Lomellin. Eine Abkühlung auf die Procuratur.
+
+Gianettino. Thomas Asserato mit drei Brüdern (Lomellin hält inne.)
+
+Gianettino (nachdrücklich). Mit drei Brüdern.
+
+Lomellin (schreibt). Weiter.
+
+Gianettino. Fiesco von Lavagna.
+
+Lomellin. Geben Sie Acht! geben Sie Acht! Sie werden über diesem
+schwarzen Stein noch den Hals brechen.
+
+Gianettino. Scipio Bourgognino.
+
+Lomellin. Der mag anderswo Hochzeit halten.
+
+Gianettino. Wo ich Brautführer bin--Raphael Sacco.
+
+Lomellin. Dem sollt' ich Pardon auswirken, bis er mir meine
+fünftausend Scudi bezahlt hat. (Schreibt.) Der Tod macht quitt.
+
+Gianettino. Vincent Calcagno.
+
+Lomellin. Calcagno--den Zwölften schreib' ich auf meine Gefahr, oder
+unser Todfeind ist vergessen.
+
+Gianettino. Ende gut, Alles gut. Joseph Verrina.
+
+Lomellin. Das war der Kopf des Wurms. (Steht auf, streut Sand,
+fliegt die Schrift durch, reicht sie dem Prinzen.) Der Tod gibt
+übermorgen prächtige Gala und hat zwölf genuesische Fürsten geladen.
+
+Gianettino (tritt zum Tisch, unterzeichnet). Es ist geschehen--In
+zwei Tagen ist Dogewahl. Wenn die Signoria versammelt ist, werden
+die Zwölf auf das Signal eines Schnupftuchs mit einem plötzlichen
+Schuß gestreckt, wenn zugleich meine zweihundert Deutsche das
+Rathhaus mit Sturm besetzen. Ist das vorbei, tritt Gianettino Doria
+in den Saal und läßt sich huldigen. (Klingelt.)
+
+Lomellin. Und Andreas?
+
+Gianettino (verächtlich). Ist ein alter Mann. (Ein Bedienter.) Wenn
+der Herzog fragt, ich bin in der Messe. (Bedienter ab.) Der Teufel,
+der in mir steckt, kann nur in Heiligenmaske incognito bleiben.
+
+Lomellin. Aber das Blatt, Prinz?
+
+Gianettino. Nimmst du, lässest es durch unsre Partei circulieren.
+Dieser Brief muß mir Extrapost nach Levanto. Er unterrichtet den
+Spinola von Allem und heißt ihn früh acht Uhr in der Hauptstadt hier
+eintreffen. (Will fort.)
+
+Lomellin. Ein Loch im Faß, Prinz! Fiesco besucht keinen Senat mehr.
+
+Gianettino (zurückrufend). Doch noch einen Meuter wird Genua
+haben?--Ich sorge dafür. (Ab in ein Seitenzimmer, Lomellin fort
+durch ein anderes.)
+
+
+
+Fünfzehnter Auftritt
+
+
+Vorzimmer bei Fiesco.
+
+Fiesco mit Briefen und Wechseln. Mohr.
+
+Fiesco. Also vier Galeeren sind eingelaufen.
+
+Mohr. Liegen glücklich in der Darsena vor Anker.
+
+Fiesco. Das kommt erwünscht. Woher die Expressen?
+
+Mohr. Von Rom, Piacenza und Frankreich.
+
+Fiesco (bricht die Briefe auf, fliegt sie durch). Willkommen,
+willkommen in Genua! (Sehr aufgeräumt.) Die Kuriere werden fürstlich
+bewirthet.
+
+Mohr. Hum! (Will gehen.)
+
+Fiesco. Halt! Halt! Hier kommt Arbeit für dich die Fülle.
+
+Mohr. Was steht zu Befehl? Die Nase des Spürers oder der Stachel
+des Skorpions?
+
+Fiesco. Für jetzt des Lockvogels Schlag. Morgen früh werden
+zweitausend Mann verkappt zur Stadt hereinschleichen, Dienste bei mir
+zu nehmen. Vertheile du deine Handlanger an den Thoren herum, mit
+der Ordre, auf die eintretenden Passagiers ein wachsames Auge zu
+haben. Einige werden als ein Trupp Pilgrime kommen, die nach Loretto
+wallfahrten gehen, andre als Ordensbrüder, oder Savoyarden, oder
+Komödianten, wieder andre als Krämer, oder als ein Trupp Musikanten,
+die meisten als abgedankte Soldaten, die genuesisches Brod essen
+wollen. Jeder Fremde wird ausgefragt, wo er einstellet; antwortet er:
+zur goldenen Schlange, so muß man ihn freundlich grüßen und meine
+Wohnung bedeuten. Höre, Kerl! aber ich baue auf deine Klugheit.
+
+Mohr. Herr! wie auf meine Bosheit. Entwischt mir ein Lock Haare, so
+sollt Ihr meine zwei Augen in eine Windbüchse laden und Sperlinge
+damit schießen. (Will fort.)
+
+Fiesco. Halt! noch eine Arbeit. Die Galeeren werden der Nation
+scharf in die Augen stechen. Merke auf, was davon die Rede wird.
+Fragt dich Jemand, so hast du von Weitem murmeln gehört, daß dein
+Herr damit Jagd auf die Türken mache. Verstehst du?
+
+Mohr. Verstehe. Die Bärte der Beschnittenen liegen oben drauf. Was
+im Korb ist, weiß der Teufel. (Will fort.)
+
+Fiesco. Gemach. Noch eine Vorsicht. Gianettino hat neuen Grund,
+mich zu hassen und mir Fallen zu stellen. Geh, beobachte deine
+Kameraden, ob du nicht irgendwo einen Meuchelmord witterst. Doria
+besucht die verdächtigen Häuser. Hänge dich an die Töchter der
+Freude. Die Geheimnisse des Cabinets stecken sich gern in die Falten
+eines Weiberrocks; versprich ihnen goldspeiende Kunden--versprich
+deinen Herrn. Nichts kann zu ehrwürdig sein, das du nicht in diesen
+Morast untertauchen sollst, bis du den festen Boden fühlst.
+
+Mohr. Halt! Holla! Ich habe Eingang bei einer gewissen Diana
+Bononi und bin gegen fünf Vierteljahr ihr Zuführer gewesen.
+Vorgestern sah ich den Procurator Lomellino aus ihrem Hause kommen.
+
+Fiesco. Wie gerufen. Eben der Lomellino ist der Hauptschlüssel zu
+allen Tollheiten Dorias. Gleich morgen früh mußt du hingehen.
+Vielleicht ist er heute Nacht dieser keuschen Luna Endymion.
+
+Mohr. Noch ein Umstand, gnädiger Herr. Wenn mich die Genueser
+fragen--und ich bin des Teufels! das werden sie--wenn sie mich jetzt
+fragen: was denkt Fiesco zu Genua?--Werdet Ihr Eure Maske noch länger
+tragen, oder was soll ich antworten?
+
+Fiesco. Antworten! Wart! Die Frucht ist ja zeitig. Wehen
+verkündigen die Geburt--Genua liege auf dem Block, sollst du
+antworten, und dein Herr heiße Johann Ludwig Fiesco.
+
+Mohr (sich froh streckend). Was ich anbringen will, daß sich's
+gewaschen haben soll, bei meiner hundsföttischen Ehre!--Aber nun hell
+auf, Freund Hassan! In ein Weinhaus zuerst! Meine Füße haben alle
+Hände voll zu thun--und muß meinen Magen caressieren, daß er mir bei
+meinen Beinen das Wort redt. (Eilt ab, kommt aber schnell zurück.) A
+propos! Bald hätt' ich das verplaudert. Was zwischen Eurer Frau und
+Calcagno vorging, habt Ihr gern wissen mögen!--Ein Korb ging vor,
+Herr, und Das war Alles. (Läuft davon.)
+
+
+
+Sechzehnter Auftritt
+
+
+Fiesco bei sich.
+
+Ich bedaure, Calcagno--Meinten Sie etwa, ich würden den empfindlichen
+Artikel meines Ehebetts Preis geben, wenn mir meines Weibes Tugend
+und mein eigener Werth nicht Handschrift genug ausgestellt hätten?
+Doch willkommen mit dieser Schwägerschaft. Du bist ein guter Soldat.
+Das soll mir deinen Arm zu Dorias Untergang kuppeln!--(Mit starkem
+Schritt auf und nieder.) Jetzt, Doria, mit mir auf den Kampfplatz!
+Alle Maschinen des großen Wagestücks sind im Gang. Zum schaudernden
+Concert alle Instrumente gestimmt. Nichts fehlt, als die Larve
+herabzureißen und Genuas Patrioten den Fiesco zu zeigen. (Man hört
+kommen.) Ein Besuch! Wer mag mich jetzt stören?
+
+
+
+Siebzehnter Auftritt
+
+
+Voriger. Verrina. Romano mit einem Tableau. Sacco. Bourgognino.
+Calcagno. Alle verneigen sich.
+
+Fiesco (ihnen entgegen, voll Heiterkeit). Willkommen, meine würdigen
+Freunde! Welche wichtige Angelegenheit führt Sie so vollzählig zu
+mir--Du auch da, theurer Bruder Verrina? Ich würde bald verlernt
+haben, dich zu kennen, wären meine Gedanken nicht fleißiger um dich,
+als meine Augen. War's nicht seit dem letzten Ball, daß ich meinen
+Verrina entbehrte?
+
+Verrina. Zähl' ihm nicht nach, Fiesco. Schwere Lasten haben indeß
+sein graues Haar gebeugt. Doch genug hievon.
+
+Fiesco. Nicht genug für die wißbegierige Liebe. Du wirst mir mehr
+sagen müssen, wenn wir allein sind. (Zu Bourgognino.) Willkommen,
+junger Held! Unsre Bekanntschaft ist noch grün, aber meine
+Freundschaft ist zeitig. Haben Sie Ihre Meinung von mir verbessert?
+
+Bourgognino. Ich bin auf dem Wege.
+
+Fiesco. Verrina, man sagt mir, daß dieser junge Cavalier dein
+Tochtermann werden soll. Nimm meinen ganzen Beifall zu dieser Wahl.
+Ich hab' ihn nur einmal gesprochen, und doch würd' ich stolz sein,
+wenn er der meinige wäre.
+
+Verrina. Dieses Urtheil macht mich eitel auf meine Tochter.
+
+Fiesco (zu den Andern). Sacco? Calcagno?--Lauter seltne
+Erscheinungen in meinen Zimmern. Beinahe möchte ich mich meiner
+Dienstfertigkeit schämen, wenn Genuas edelste Zierden sie
+vorübergehen--Und hier begrüße ich einen fünften Gast, mir zwar fremd,
+doch empfohlen genug durch diesen würdigen Zirkel.
+
+Romano. Es ist ein Maler schlechtweg, gnädiger Herr, Romano mit
+Namen, der sich vom Diebstahl an der Natur ernährt, kein Wappen hat,
+als seinen Pinsel, und nun gegenwärtig ist, (mit einer tiefen
+Verbeugung) die große Linie zu einem Brutuskopfe zu finden.
+
+Fiesco. Ihre Hand, Romano. Ihre Meisterin ist eine Verwandte meines
+Hauses. Ich liebe sie brüderlich. Kunst ist die rechte Hand der
+Natur. Diese hat nur Geschöpfe, jene hat Menschen gemacht. Was
+malen Sie aber, Romano?
+
+Romano. Scenen aus dem nervigten Alterthum. Zu Florenz steht mein
+sterbender Hercules, meine Kleopatra zu Venedig, der wüthende Ajax zu
+Rom, wo die Helden der Vorwelt--im Vatican wieder auferstehen.
+
+Fiesco. Und was ist wirklich Ihres Pinsels Beschäftigung?
+
+Romano. Er ist weggeworfen, gnädiger Herr. Das Licht des Genies
+bekam weniger Fett, als das Licht des Lebens. Über einen gewissen
+Punkt hinaus brennt nur die papierne Krone. Hier ist meine letzte
+Arbeit.
+
+Fiesco (aufgeräumt). Sie könnte nicht erwünschter gekommen sein.
+Ich bin heute ganz ungewöhnlich heiter, mein ganzes Wesen feiert eine
+gewisse heroische Ruhe, ganz offen für die schöne Natur. Stellen Sie
+Ihr Tableau auf. Ich will mir ein rechtes Fest daraus bereiten.
+Tretet herum, meine Freunde. Wir wollen uns ganz dem Künstler
+schenken. Stellen Sie Ihr Tableau auf.
+
+Verrina (winkt den Andern). Nun merket auf, Genueser!
+
+Romano (stellt das Gemälde zurecht). Das Licht muß von der Seite
+spielen. Ziehen Sie jenen Vorhang auf. Diesen lassen Sie fallen.
+Gut. (Er tritt auf die Seite.) Es ist die Geschichte der Virginia
+und des Appius Claudius.
+
+(Lange ausdrucksvolle Pause, worin alle die Malerei betrachten.)
+
+Verrina (in Begeisterung). Spritz zu, eisgrauer Vater!--Zuckst du,
+Tyrann?--Wie so bleich steht ihr Klötze Römer--ihm nach, Römer--das
+Schlachtmesser blinkt--Mir nach, Klötze Genueser--Nieder mit Doria!
+Nieder! nieder! (Er haut gegen das Gemälde.)
+
+Fiesco (lächelnd zum Maler.) Fordern Sie mehr Beifall? Ihre Kunst
+macht diesen alten Mann zum bartlosen Träumer.
+
+Verrina (erschöpft). Wo bin ich? Wo sind sie hingekommen? Weg, wie
+Blasen? Du hier, Fiesco? Der Tyrann lebt noch, Fiesco?
+
+Fiesco. Siehst du? Über vielem Sehen hast du die Augen vergessen.
+Diesen Römerkopf findest du bewundernswerth? Weg mit ihm! Hier das
+Mädchen blick' an! Dieser Ausdruck, wie weich, wie weiblich! Welche
+Anmuth auch aus den welkenden Lippen? Welche Wollust im
+verlöschenden Blick?--Unnachahmlich! göttlich, Romano!--Und noch die
+weiße, blendende Brust, wie angenehm noch von des Athems letzten
+Wellen gehoben! Mehr solche Nymphen, Romano, so will ich vor Ihren
+Phantasieen knieen und der Natur einen Scheidebrief schreiben.
+
+Bourgognino. Verrina, ist das deine gehoffte herrliche Wirkung?
+
+Verrina. Fasse Muth, Sohn. Gott verwarf den Arm des Fiesco, er muß
+auf den unsrigen rechnen.
+
+Fiesco (zum Maler). Ja, es ist Ihre letzte Arbeit, Romano. Ihr
+Markt ist erschöpft. Sie rühren keinen Pinsel mehr an. Doch über
+des Künstlers Bewunderung vergess' ich das Werk zu verschlingen. Ich
+könnte hier stehen und hingaffen und ein Erdbeben überhören. Nehmen
+Sie Ihr Gemälde weg. Sollt' ich Ihnen diesen Virginiakopf bezahlen,
+müßt' ich Genua in Versatz geben. Nehmen Sie weg.
+
+Romano. Mit Ehre bezahlt sich der Künstler. Ich schenke es Ihnen.
+(Er will hinaus.)
+
+Fiesco. Eine kleine Geduld, Romano. (Er geht mit majestätischem
+Schritt im Zimmer und scheint über etwas Großes zu denken. Zuweilen
+betrachtet er die Andern fliegend und scharf, endlich nimmt er den
+Maler bei der Hand, führt ihn vor das Gemälde.) Tritt her, Maler!
+(Äußerst stolz und mit Würde.) So trotzig stehst du da, weil du
+Leben auf todten Tüchern heuchelst und große Thaten mit kleinem
+Aufwand verewigst. Du prahlst mit Poetenhitze, der Phantasie
+marklosem Marionettenspiel, ohne Herz, ohne thatenerwärmende Kraft;
+stürzest Tyrannen auf Leinwand;--bist selbst ein elender Sklave?
+Machst Republiken mit einem Pinsel frei;--kannst deine eignen Ketten
+nicht brechen? (Voll und befehlend.) Geh! Deine Arbeit ist
+Gaukelwerk--der Schein weiche der That--(Mit Größe, indem er das
+Tableau umwirft.) Ich habe gethan, was du--nur maltest. (Alle
+erschüttert. Romano trägt sein Tableau mit Bestürzung fort.)
+
+
+
+Achtzehnter Auftritt
+
+
+Fiesco. Verrina. Bourgognino. Sacco. Calcagno.
+
+Fiesco (unterbricht eine Pause des Erstaunens). Dachtet ihr, der
+Löwe schliefe, weil er nicht brüllte? Waret ihr eitel genug, euch zu
+überreden, daß ihr die Einzigen wäret, die Genuas Ketten fühlten? die
+Einzigen, die sie zu zerreißen wünschten? Eh ihr sie nur fern
+rasseln hörtet, hatte sie schon Fiesco zerbrochen. (Er öffnet die
+Schatulle, nimmt ein Paket Briefe heraus, die er alle über die Tafel
+spreitet.) Hier Soldaten von Parma--hier französisches Geld--hier
+vier Galeeren vom Papst. Was fehlt noch, einen Tyrannen in seinem
+Nest aufzujagen? Was wißt ihr noch zu erinnern? (Da sie alle
+erstarrt schweigen, tritt er von der Tafel mit Selbstgefühl.)
+Republikaner, ihr seid geschickter, Tyrannen zu verfluchen, als sie
+in die Luft zu sprengen. (Alle, außer Verrina, werfen sich sprachlos
+Fiesco zu Füßen.)
+
+Verrina. Fiesco!--Mein Geist neigt sich vor dem deinigen--mein Knie
+kann es nicht--Du bist ein großer Mensch!--aber--Steht auf, Genueser.
+
+Fiesco. Ganz Genua ärgerte sich an dem Weichling Fiesco. Ganz Genua
+fluchte über den verbuhlten Schurken Fiesco. Genueser! Genueser!
+Meine Buhlerei hat den arglistigen Despoten betrogen, meine Tollheit
+hat eurem Fürwitz meine gefährliche Weisheit verhüllt. In den
+Windeln der Üppigkeit lag das erstaunliche Werk der Verschwörung
+gewickelt. Genug. Genua kennt ich in euch. Mein ungeheuerster
+Wunsch ist befriedigt.
+
+Bourgognino (wirft sich unmuthig in einen Sessel). Bin ich denn gar
+nichts mehr?
+
+Fiesco. Aber laßt uns schleunig von Gedanken zu Thaten gehn. Alle
+Maschinen sind gerichtet. Ich kann die Stadt von Land und Wasser
+bestürmen. Rom, Frankreich und Parma bedecken mich. Der Adel ist
+schwierig. Des Pöbels Herzen sind mein. Die Tyrannen hab' ich in
+Schlummer gesungen. Die Republik ist zu einem Umgusse zeitig. Mit
+dem Glück sind wir fertig. Nichts fehlt--Aber Verrina ist
+nachdenkend?
+
+Bourgognino. Geduld. Ich hab' ein Wörtchen, das ihn rascher
+aufschrecken soll, als des jüngsten Tages Posaunenruf. (Er tritt zu
+Verrina, ruft ihm bedeutend zu.) Vater, wach' auf! Deine Bertha
+verzweifelt.
+
+Verrina. Wer sprach das?--Zum Werk, Genueser!
+
+Fiesco. Überlegt den Entwurf zur Vollstreckung. Über dem ernsten
+Gespräch hat uns die Nacht überrascht. Genua liegt schlafen. Der
+Tyrann fällt erschöpft von den Sünden des Tages nieder. Wachet für
+beide!
+
+Bourgognino. Eh wir scheiden, laßt uns den heldenmüthigen Bund durch
+eine Umarmung beschwören. (Sie schließen mit verschränkten Armen
+einen Kreis.) Hier wachsen Genuas fünf größte Herzen zusammen, Genuas
+größtes Loos zu entscheiden. (Drücken sich inniger.) Wenn der Welten
+Bau auseinander fällt und der Spruch des Gerichts auch die Bande des
+Bluts, auch der Liebe zerschneidet, bleibt dieses fünffache
+Heldenblatt ganz! (Treten auseinander.)
+
+Verrina. Wann versammeln wir uns wieder?
+
+Fiesco. Morgen Mittag will ich eure Meinungen sammeln.
+
+Verrina. Morgen Mittag denn. Gute Nacht, Fiesco! Bourgognino, komm!
+Du wirst etwas Seltsames hören. (Beide ab.)
+
+Fiesco (zu den Andern). Geht ihr zu den Hinterthoren hinaus, daß
+Dorias Spionen nichts merken. (Alle entfernen sich.)
+
+
+
+Neunzehnter Auftritt
+
+
+Fiesco, der nachdenkend auf und nieder geht.
+
+Welch ein Aufruhr in meiner Brust! welche heimliche Flucht der
+Gedanken--Gleich verdächtigen Brüdern, die auf eine schwarze That
+ausgehen, auf den Zehen schleichen und ihr flammroth Gesicht
+furchtsam zu Boden schlagen, stehlen sich die üppigen Phantome an
+meiner Seele vorbei--Haltet! haltet! Laßt mich euch ins Angesicht
+leuchten--ein guter Gedanke stählet des Mannes Herz und zeigt sich
+heldenmäßig dem Tage.--Ha! ich kenne euch!--das ist die Liverei des
+ewigen Lügners--verschwindet! (Wieder Pause, darauf lebhafter.)
+Republikaner Fiesco? Herzog Fiesco?--Gemach--Hier ist der gähe
+Hinuntersturz, wo die Mark der Tugend sich schließt, sich scheiden
+Himmel und Hölle--Eben hier haben Helden gestrauchelt, und Helden
+sind gesunken, und die Welt belagert ihren Namen mit Flüchen--Eben
+hier haben Helden gezweifelt, und Helden sind still gestanden und
+Halbgötter geworden--(Rascher.) Daß sie mein sind, die Herzen von
+Genua? Daß von meinen Händen dahin, dorthin sich gängeln läßt das
+furchtbare Genua?--O über die schlaue Sünde, die einen Engel vor
+jeden Teufel stellt--Unglückselige Schwungsucht! uralte Buhlerei!
+Engel küßten an deinem Halse den Himmel hinweg, und der Tod sprang
+aus deinem kreißenden Bauche--(Sich schaudernd schüttelnd.) Engel
+fingst du mit Sirenentrillern von Unendlichkeit--Menschen angelst du
+mit Gold, Weibern und Kronen! (Nach einer nachdenkenden Pause, fest.)
+Ein Diadem erkämpfen ist groß. Es wegwerfen ist göttlich.
+(Entschlossen.) Geh unter, Tyrann! Sei frei, Genua, und ich (sanft
+geschmolzen) dein glücklichster Bürger!
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+Furchtbare Wildniß.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+
+Verrina. Bourgognino kommen durch die Nacht.
+
+Bourgognino (steht still.)A wohin führst du mich, Vater? Der dumpfe
+Schmerz, womit du mich abriefst, keucht noch immer aus deinem
+arbeitenden Odem. Unterbrich dieses grauenvolle Schweigen. Rede.
+Ich folge nicht weiter.
+
+Verrina. Das ist der Ort.
+
+Bourgognino. Der schrecklichste, den du auffinden konntest. Vater,
+wenn Das, was du hier vornehmen wirst, dem Orte gleich sieht, Vater,
+so werden meine Haarspitzen aufwärts springen.
+
+Verrina. Doch blühet das, gegen die Nacht meiner Seele. Folge mir
+dahin, wo die Verwesung Leichname morsch frißt, und der Tod seine
+schaudernde Tafel hält--dahin, wo das Gewinsel verlorner Seelen
+Teufel belustigt, und des Jammers undankbare Thränen im
+durchlöcherten Sieb der Ewigkeit ausrinnen--dahin, mein Sohn, wo die
+Welt ihre Losung ändert, und die Gottheit ihr allgütiges Wappen
+bricht--dort will ich zu dir durch Verzerrungen sprechen, und mit
+Zähneklappern wirst du hören.
+
+Bourgognino. Hören? Was? ich beschwöre dich.
+
+Verrina. Jüngling! ich fürchte--Jüngling, dein Blut ist
+rosenroth--dein Fleisch ist milde geschmeidig; dergleichen Naturelle
+fühlen menschlich weich; an dieser empfindenden Flamme schmilzt meine
+grausame Weisheit. Hätte der Frost des Alters oder der bleierne Gram
+den fröhlichen Sprung deiner Geister gestellt--hätte schwarzes,
+klumpigtes Blut der leidenden Natur den Weg zum Herzen gesperrt, dann
+wärst du geschickt, die Sprache meines Grams zu verstehen und meinen
+Entschluß anzustaunen.
+
+Bourgognino. Ich werde ihn hören und mein machen.
+
+Verrina. Nicht darum, mein Sohn--Verrina wird damit dein Herz
+verschonen. O Scipio, schwere Lasten liegen auf dieser Brust--ein
+Gedanke, grauenvoll, wie die lichtscheue Nacht--ungeheuer genug, eine
+Mannsbrust zu sprengen--Siehst du? Allein will ich ihn
+vollführen--allein tragen kann ich ihn nicht. Wenn ich stolz wäre,
+Scipio, ich könnte sagen, es ist eine Qual, der einzige große Mann zu
+sein--Größe ist dem Schöpfer zur Last gefallen, und er hat Geister zu
+Vertrauten gemacht--Höre, Scipio-Bourgognino. Meine Seele
+verschlingt die deinige.
+
+Verrina. Höre, aber erwiedre nichts. Nichts, junger Mensch! Hörst
+du? Kein Wort sollst du drauf sagen--Fiesco muß sterben!
+
+Bourgognino (mit Bestürzung). Sterben? Fiesco?
+
+Verrina. Sterben!--Ich danke dir, Gott! es ist heraus--Fiesco
+sterben, Sohn, sterben durch mich!--Nun geh--es gibt Thaten, die sich
+keinem Menschen-Urtheil mehr unterwerfen--nur den Himmel zum
+Schiedsmann erkennen--Das ist eine davon. Geh. Ich will weder
+deinen Tadel, noch deinen Beifall. Ich weiß, was sie mich kostet,
+und damit gut. Doch höre--du könntest dich wohl gar wahnsinnig daran
+denken--Höre--sahest du ihn gestern in unsrer Bestürzung sich
+spiegeln?--Der Mann, dessen Lächeln Italien irre führte, wird er
+seines Gleichen in Genua dulden?--Geh. Den Tyrannen wird Fiesco
+stürzen, das ist gewiß! Fiesco wird Genuas gefährlichster Tyrann
+werden, das ist gewisser! (Er geht schnell ab. Bourgognino blickt
+ihm staunend und sprachlos nach, dann folgt er ihm langsam.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+
+Saal bei Fiesco.
+
+In der Mitte des Hintergrunds eine große Glasthüre, die den Prospect
+über das Meer und Genua öffnet. Morgendämmerung.--Fiesco vom Fenster.
+
+Was ist das?--der Mond ist unter--Der Morgen kommt feurig aus der
+See--Wilde Phantasieen haben meinen Schlaf aufgeschwelgt--mein ganzes
+Wesen krampfig um eine Empfindung gewälzt--Ich muß mich im Offenen
+dehnen. (Er macht die Glasthüre auf. Stadt und Meer von Morgenroth
+überflammt. Fiesco mit starken Schritten im Zimmer.) Daß ich der
+größte Mann bin im ganzen Genua? und die kleineren Seelen sollten
+sich nicht unter die große versammeln?--Aber ich verletze die Tugend?
+(steht still.) Tugend?--Der erhabene Kopf hat andre Versuchungen, als
+der gemeine--Sollt' er Tugend mit ihm zu theilen haben?--Der Harnisch,
+der des Pygmäen schmächtigen Körper zwingt, sollte der einem
+Riesenleib anpassen müssen?
+
+Die Sonne geht auf über Genua.
+
+Diese majestätische Stadt! (Mit offenen Armen dagegen eilend.) Mein!
+--und drüber emporzuflammen, gleich dem königlichen Tag--drüber zu
+brüten mit Monarchenkraft--all die kochenden Begierden--all die
+nimmersatten Wünsche in diesem grundlosen Ocean unterzutauchen?--
+Gewiß! Wenn auch des Betrügers Witz den Betrug nicht adelt, so
+adelt doch der Preis den Betrüger. Es ist schimpflich, eine Börse
+zu leeren--es ist frech, eine Million zu veruntreuen, aber es ist
+namenlos groß, eine Krone zu stehlen. Die Schande nimmt ab mit der
+wachsenden Sünde. (Pause, dann mit Ausdruck.) Gehorchen!--
+Herrschen!--ungeheure schwindlichte Kluft--Legt Alles hinein, was
+der Mensch Kostbares hat--eure gewonnenen Schlachten, Eroberer--
+Künstler, eure unsterblichen Werke--eure Wollüste, Epikure--eure
+Meere und Inseln, ihr Weltumschiffer! Gehorchen und Herrschen!--
+Sein und Nichtsein! Wer über den schwindlichten Graben vom letzten
+Seraph zum Unendlichen setzt, wird auch diesen Sprung ausmessen.
+(Mit erhabenem Spiel.) Zu stehen in jener schrecklich erhabenen
+Höhe--niederzuschmollen in der Menschlichkeit reißenden Strudel,
+wo das Rad der blinden Betrügerin Schicksale schelmisch wälzt--
+den ersten Mund am Becher der Freude--tief unten den geharnischten
+Riesen Gesetz am Gängelbande zu lenken--schlagen zu sehen
+unvergoltene Wunden, wenn sein kurzarmiger Grimm an das Geländer
+der Majestät ohnmächtig poltert--die unbändigen Leidenschaften
+des Volks, gleich so viel strampfenden Rossen, mit dem weichen
+Spiele des Zügels zu zwingen--den emporstrebenden Stolz der
+Vasallen mit einem--einem Athemzug in den Staub zu legen, wenn der
+schöpferische Fürstenstab auch die Träume des fürstlichen Fiebers ins
+Leben schwingt.--Ha! welche Vorstellung, die den staunenden Geist
+über seine Linien wirbelt!--Ein Augenblick Fürst hat das Mark des
+ganzen Daseins verschlungen. Nicht der Tummelplatz des Lebens--sein
+Gehalt bestimmt seinen Werth. Zerstücke den Donner in seine
+einfachen Silben, und du wirst Kinder damit in den Schlummer singen;
+schmelze sie zusammen in einen plötzlichen Schall, und der
+monarchische Laut wird den ewigen Himmel bewegen--Ich bin
+entschlossen! (Heroisch auf und nieder.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+
+Voriger. Leonore tritt herein mit merklicher Angst.
+
+Leonore. Vergeben Sie, Graf. Ich fürchte, Ihre Morgenruhe zu stören.
+
+Fiesco (tritt höchst betreten zurück.) Gewiß, gnädige Frau, Sie
+überraschen mich seltsam.
+
+Leonore. Das begegnet nur den Liebenden nie.
+
+Fiesco. Schöne Gräfin, Sie verrathen Ihre Schönheit an den
+feindlichen Morgenhauch.
+
+Leonore. Auch wüßt' ich nicht, warum ich den wenigen Rest für den
+Gram schonen sollte.
+
+Fiesco. Gram, meine Liebe? Stand ich bisher im Wahn, Staaten nicht
+umwühlen wollen, hieße Gemüthsruhe?
+
+Leonore. Möglich--Doch fühl' ich, daß meine Weiberbrust unter dieser
+Gemüthsruhe bricht. Ich komme, mein Herr, Sie mit einer
+nichtsbedeutenden Bitte zu belästigen, wenn Sie Zeit für mich
+wegwerfen möchten. Seit sieben Monaten hatt' ich den seltsamen Traum,
+Gräfin von Lavagna zu sein. Er ist verflogen. Der Kopf schmerzt
+mir davon. Ich werden den ganzen Genuß meiner unschuldigen Kindheit
+zurückrufen müssen, meine Geister von diesem lebhaften Phantome zu
+heilen. Erlauben Sie darum, daß ich in die Arme meiner guten Mutter
+zurückkehre?
+
+Fiesco (äußerst bestürzt). Gräfin?
+
+Leonore. Es ist ein schwaches, verzärteltes Ding, mein Herz, mit dem
+Sie Mitleiden haben müssen. Auch die geringsten Andenken des Traums
+könnten meiner kranken Einbildung Schaden thun. Ich stelle deßwegen
+die letzten überbliebenen Pfänder ihrem rechtmäßigen Besitzer zurück.
+(Sie legt einige Galanterieen auf ein Tischchen.) Auch diesen Dolch,
+der mein Herz durchfuhr--(seinen Liebesbrief) auch diesen--und (indem
+sie sich laut weinend hinausstürzen will) behalte nichts, als die
+Wunde!
+
+Fiesco (erschüttert, eilt ihr nach, hält sie auf). Leonore! Welch
+ein Auftritt! Um Gotteswillen!
+
+Leonore (fällt matt in seinen Arm). Ihre Gemahlin zu sein, hab' ich
+nicht verdient, aber Ihre Gemahlin hätte Achtung verdient--Wie sie
+jetzt zischen, die Lästerzungen! Wie sie auf mich herabschielen,
+Genuas Damen und Mädchen! »Seht, wie sie wegblüht, die Eitle, die den
+Fiesco heirathete.«--Grausame Ahndung meiner weiblichen Hoffart! Ich
+hatte mein ganzes Geschlecht verachtet, da mich Fiesco zum Brautaltar
+führte.
+
+Fiesco. Nein, wirklich, Madonna! dieser Auftritt ist sonderbar.
+
+Leonore. Ah, erwünscht. Er wird blaß und roth. Jetzt bin ich
+muthig.
+
+Fiesco. Nur zwei Tage, Gräfin, und dann richten Sie mich.
+
+Leonore. Aufgeopfert!--Laß mich es nicht vor dir aussprechen,
+jungfräuliches Licht! Aufgeopfert einer Buhlerin. Nein, sehen Sie
+mich an, mein Gemahl! Wahrhaftig, die Augen, die ganz Genua in
+knechtisches Zittern jagen, müssen sich jetzt vor den Thränen eines
+Weibes verkriechen.-Fiesco (äußerst verwirrt). Nicht mehr, Signora.
+Nicht weiter.
+
+Leonore (mit Wehmuth und etwas bitter). Ein schwaches Weiberherz zu
+zerfleischen! O es ist des starken Geschlechts so würdig.--Ich warf
+mich in die Arme dieses Mannes. An diesen Starken schmiegten sich
+wollüstig alle meine weiblichen Schwächen. Ich übergab ihm meinen
+ganzen Himmel--Der großmüthige Mann verschenkte ihn an eine-Fiesco
+(stürzt ihr mit Heftigkeit ins Wort). Meine Leonore! nein-Leonore.
+Meine Leonore?--Himmel, habe Dank! das war wieder echter Goldklang
+der Liebe. Hassen sollt' ich dich, Falscher, und werfe mich hungrig
+auf die Brosamen deiner Zärtlichkeit--Hassen? Sagte ich hassen,
+Fiesco? O glaub' es nicht! Sterben lehrt mich dein Meineid, aber
+nicht hassen. Mein Herz ist betrogen. (Man hört den Mohren.)
+
+Fiesco. Leonore, erfüllen Sie mir eine kleine kindische Bitte.
+
+Leonore. Alles, Fiesco, nur nicht Gleichgültigkeit.
+
+Fiesco. Was Sie wollen, wie Sie wollen--(Bedeutend.) Bis Genua um
+zwei Tage älter ist, fragen Sie nicht, verdammen Sie nicht! (Er
+führt sie mit Anstand in ein anderes Zimmer.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+
+Mohr keuchend. Fiesco.
+
+Fiesco. Woher so in Athem?
+
+Mohr. Geschwind, gnädiger Herr-Fiesco. Ist was ins Garn gelaufen?
+
+Mohr. Lest diesen Brief. Bin ich denn wirklich da? Ich glaube,
+Genua ist um zwölf Gassen kürzer worden, oder meine Beine um so viel
+länger. Ihr verblaßt? Ja, um Köpfe werden sie karten, und der Eure
+ist Tarock. Wie gefällt's Euch?
+
+Fiesco (wirft den Brief erschüttert auf den Tisch). Krauskopf und
+zehn Teufel! wie kommst zu diesem Brief?
+
+Mohr. Ungefähr wie--Euer Gnaden zur Republik. Ein Expresser sollte
+damit nach Levanto fliegen! Ich wittre den Fraß, laure dem Burschen
+in einem Hohlweg auf. Baff, liegt der Marder--wir haben das Huhn.
+
+Fiesco. Sein Blut über dich! Der Brief ist nicht mit Gold zu
+bezahlen.
+
+Mohr. Doch dank' ich für Silber. (Ernsthaft und wichtig.) Graf von
+Lavagna! Ich habe neulich einen Gelust nach Eurem Kopf gehabt.
+(Indem er auf den Brief deutet.) Hier wär' er wieder--Jetzt, denk'
+ich, wären gnädiger Herr und Halunke quitt. Fürs Weitere könnt Ihr
+Euch beim guten Freund bedanken. (Reicht ihm einen zweiten Zettel.)
+Numero zwei.
+
+Fiesco (nimmt das Blatt mit Erstaunen). Wirst du toll sein?
+
+Mohr. Numero zwei. (Er stellt sich trotzig neben ihn, stemmt den
+Ellenbogen an.) Der Löwe hat's doch so dumm nicht gemacht, daß er die
+Maus pardonnierte? (Arglistig.) Gelt! er hat's schlau gemacht, wer
+hätt ihn auch sonst aus dem Garne genagt?--Nun? Wie behagt Euch das?
+
+Fiesco. Kerl, wie viel Teufel besoldest du?
+
+Mohr. Zu dienen--nur einen, und der steht in gräflichem Futter.
+
+Fiesco. Dorias eigene Unterschrift!--Wo bringst du das Blatt her?
+
+Mohr. Warm aus den Händen meiner Bononi. Ich machte mich noch die
+gestrige Nacht dahin, ließ Eure schönen Worte und Eure noch schönern
+Zechinen klingen. Die letzten drangen durch. Früh sechs sollt' ich
+wieder anfragen. Der Graf war richtig dort, wie Ihr sagtet, und
+bezahlte mit Schwarz und Weiß das Weggeld zu einem contrebandenen
+Himmelreich.
+
+Fiesco (aufgebracht). Über die feilen Weiberknechte!--Republiken
+wollen sie stürzen, können keiner Metze nicht schweigen. Ich sehe
+aus diesen Papieren, daß Doria und sein Anhang Komplott gemacht haben,
+mich mit eilf Senatoren zu ermorden und Gianettino zum souveränen
+Herzog zu machen.
+
+Mohr. Nicht anders, und das schon am Morgen der Dogewahl, dem
+dritten des Monats.
+
+Fiesco (rasch.) Unsere flinke Nacht soll diesen Morgen in Mutterleibe
+erwürgen--Geschwind, Hassan--meine Sachen sind reif--Rufe die
+Andern--wir wollen ihnen einen blutigen Vorsprung machen--Tummle dich,
+Hassan!
+
+Mohr. Noch muß ich Euch meinen Schubsack von Zeitungen stürzen.
+Zweitausend Mann sind glücklich hereinprakticiert. Ich habe sie bei
+den Kapuzinern untergebracht, wo auch kein vorlauter Sonnenstrahl sie
+ausspionieren soll. Sie brennen vor Neugier, ihren Herrn zu sehen,
+und es sind treffliche Kerl.
+
+Fiesco. Aus jedem Kopf blüht ein Scudi für dich--Was murmelt Genua
+zu meinen Galeeren?
+
+Mohr. Das ist ein Hauptspaß, gnädiger Herr. Über die vierhundert
+Abenteurer, die der Friede zwischen Frankreich und Spanien auf den
+Sand gesetzt hat, nisteten sich an meine Leute und bestürmten sie,
+ein gutes Wort für sie bei Euch einzulegen, daß Ihr sie gegen die
+Ungläubigen schicken mögt. Ich habe sie auf den Abend zu Euch in den
+Schloßhof beschieden.
+
+Fiesco (froh.) Bald sollt' ich dir um den Hals fallen, Schurke! Ein
+Meisterstreich! Vierhundert, sagst du?--Genua ist nicht mehr zu
+retten. Vierhundert Scudi sind dein.
+
+Mohr (treuherzig.) Gelt, Fiesco? Wir Zwei wollen Genua
+zusammenschmeißen, daß man die Gesetze mit dem Besen aufkehren
+kann--Das hab' ich Euch nie gesagt, daß ich unter der hiesigen
+Garnison meine Vögel habe, auf die ich zählen kann, wie auf meine
+Höllenfahrt. Nun hab' ich veranstaltet, daß wir auf jedem Thor
+wenigstens sechs Creaturen unter der Wache haben, die genug sind, die
+Andern zu beschwätzen und ihre fünf Sinne unter Wein zu setzen. Wenn
+Ihr also Lust habt, diese Nacht einen Streich zu wagen, so findet Ihr
+die Wachen besoffen.
+
+Fiesco. Rede nichts mehr. Bis jetzt hab' ich den ungeheuren Quader
+ohne Menschenhilfe gewälzt; hart am Ziel soll mich der schlechteste
+Kerl in der Rundung beschämen?--Deine Hand, Bursche! Was dir der
+Graf schuldig bleibt, wird der Herzog hereinholen.
+
+Mohr. Überdies noch ein Billet von der Gräfin Imperiali. Sie
+winkte mir von der Gasse hinauf, war sehr gnädig, fragte mich
+spöttelnd, ob die Gräfin von Lavagna keinen Anfall von Gelbsucht
+gehabt hätte? Euer Gnaden, sagt' ich, fragen nur einem Befinden nach,
+sagt' ich-Fiesco (hat das Billet gelesen und wirft es weg). Sehr
+gut gesagt; sie antwortete?
+
+Mohr. Antwortete, sie bedaure dennoch das Schicksal der armen Wittwe,
+erbiete sich auch, ihr Genugthuung zu geben und Euer Gnaden
+Galanterieen künftig zu verbitten.
+
+Fiesco (hämisch). Welche sich wohl noch vor Welt-Untergang aufheben
+dürften--Das die ganze Erheblichkeit, Hassan?
+
+Mohr (boshaft). Gnädiger Herr, Angelegenheiten der Damen sind es
+zunächst nach den politischen-Fiesco. O ja freilich, und diese
+allerdings. Aber was willst du mit diesem Papierchen?
+
+Mohr. Eine Teufelei mit einer andern auskratzen--Diese Pulver gab
+mir Signora, Eurer Frau täglich eins in die Chocolade zu rühren.
+
+Fiesco (tritt blaß zurück). Gab dir?
+
+Mohr. Donna Julia, Gräfin Imperiali.
+
+Fiesco (reißt ihm solche weg, heftig). Lügst du, Canaille, lass' ich
+dich lebendig an den Wetterhahn vom Lorenzothurm schmieden, wo dich
+der Wind in einem Athemzug neunmal herumtreibt--die Pulver?
+
+Mohr (ungeduldig). Soll ich Eurer Frau in der Chocolade zu saufen
+geben, verordnete Donna Julia Imperiali.
+
+Fiesco (außer Fassung). Ungeheuer! Ungeheuer!--dieses holdselige
+Geschöpf?--Hat so viel Hölle in einer Frauenzimmerseele Platz?--Doch,
+ich vergaß dir zu danken, himmlische Vorsicht, die du es nichtig
+machst--nichtig durch einen ärgeren Teufel. Deine Wege sind
+sonderbar. (Zum Mohren.) Du versprichst, zu gehorchen, und schweigst.
+
+Mohr. Sehr wohl. Das Letzte kann ich, sie bezahlte mir's baar.
+
+Fiesco. Dieses Billet ladet mich zu ihr--Ich will kommen, Madame!
+Ich will Sie beschwätzen, bis Sie hieher folgen. Gut. Du eilst
+nunmehr, was du eilen kannst, rufst die ganze Verschwörung zusammen.
+
+Mohr. Diesen Befehl hab' ich vorausgewittert und darum Jeden auf
+meine Faust Punkt zehn Uhr hieher bestellt.
+
+Fiesco. Ich höre Tritte. Sie sind's. Kerl, du verdientest deinen
+eigenen Galgen, wo noch kein Sohn Adams gezappelt hat. Geh ins
+Vorzimmer, bis ich läute.
+
+Mohr (im Abgehen). Der Mohr hat seine Arbeit gethan, der Mohr kann
+gehen. (Ab.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+
+Alle Verschwornen.
+
+Fiesco (ihnen entgegen). Das Wetter ist im Anzug. Die Wolken laufen
+zusammen. Tretet leis auf! Laßt beide Schlösser vorfallen!
+
+Verrina. Acht Zimmer hinter uns hab' ich zugeriegelt; der Argwohn
+kann auf hundert Mannsschritte nicht beikommen.
+
+Bourgognino. Hier ist kein Verräther, wenn's unsre Furcht nicht wird.
+
+Fiesco. Furcht kann nicht über meine Schwelle. Willkommen, wer noch
+der Gestrige ist. Nehmt eure Plätze. (Setzen sich.)
+
+Bourgognino (spaziert im Zimmer). Ich sitze ungern, wenn ich ans
+Umreißen denke.
+
+Fiesco. Genueser, das ist eine merkwürdige Stunde.
+
+Verrina. Du hast uns aufgefordert, einem Plan zum Tyrannenmord
+nachzudenken. Frage uns. Wir sind da, dir Rede zu geben.
+
+Fiesco. Zuerst also--eine Frage, die spät genug kommt, um seltsam zu
+klingen--Wer soll fallen? (Alle schweigen.)
+
+Bourgognino (indem er sich über Fiescos Sessel lehnt, bedeutend).
+Die Tyrannen.
+
+Fiesco. Wohlgesprochen, die Tyrannen. Ich bitte euch, gebt genau
+Acht auf die ganze Schwere des Worts. Wer die Freiheit zu stürzen
+Miene macht, oder Gewicht hat?--Wer ist mehr Tyrann?
+
+Verrina. Ich hasse den Ersten, den Letzten fürchte ich. Andreas
+Doria falle!
+
+Calcagno (in Bewegung). Andreas, der abgelebte Andreas, dessen
+Rechnung mit der Natur vielleicht übermorgen zerfallen ist?
+
+Sacco. Andreas, der sanftmüthige Alte?
+
+Fiesco. Furchtbar ist dieses alten Mannes Sanftmuth, mein Sacco!
+Gianettinos Tolltrotz nur lächerlich. Andreas Doria falle! das
+sprach deine Weisheit, Verrina.
+
+Bourgognino. Ketten von Stahl oder Seide--es sind Ketten, und
+Andreas Doria falle!
+
+Fiesco (zum Tisch gehend). Also den Stab gebrochen über Onkel und
+Neffen! Unterzeichnet! (Alle unterschreiben.) Das Wer? ist
+berichtigt. (Setzen sich wieder.) Nun zum gleich merkwürdigen
+Wie?--Reden Sie zuerst, Freund Calcagno.
+
+Calcagno. Wir führen es aus wie Soldaten oder wie Meuter. Jenes ist
+gefährlich, weil es uns zwingt, viele Mitwisser zu haben, gewagt,
+weil die Herzen der Nation noch nicht ganz gewonnen sind--diesem sind
+fünf gute Dolche gewachsen. In drei Tagen ist hohe Messe in der
+Lorenzokirche. Beide Doria halten dort ihre Andacht. In der Nähe
+des Allerhöchsten entschläft auch Tyrannenangst. Ich sagte Alles.
+
+Fiesco (abgewandt). Calcagno--abscheulich ist Ihre vernünftige
+Meinung--Raphael Sacco?
+
+Sacco. Calcagnos Gründe gefallen mir, seine Wahl empört. Besser,
+Fiesco läßt Oheim und Neffen zu einem Gastmahle laden, wo sie dann,
+zwischen den ganzen Groll der Republik gepreßt, die Wahl haben, den
+Tod entweder an unsern Dolchen zu essen, oder in gutem Cyprier
+Bescheid zu thun. Wenigstens bequem ist diese Methode.
+
+Fiesco (mit Entsetzen). Sacco, und wenn der Tropfe Wein, den ihre
+sterbende Zunge kostet, zum siedenden Pech wird, ein Vorschmack der
+Hölle--Wie dann, Sacco?--Weg mit diesem Rath! Sprich du, Verrina.
+
+Verrina. Ein offenes Herz zeigt eine offene Stirn. Meuchelmord
+bringt uns in jedes Banditen Brüderschaft. Das Schwert in der Hand
+deutet den Helden. Meine Meinung ist, wir geben laut das Signal des
+Aufruhrs, rufen Genuas Patrioten stürmend zur Rache auf. (Er fährt
+vom Sessel. Die Andern folgen. Bourgognino wirft sich ihm um den
+Hals.)
+
+Bourgognino. Und zwingen mit gewaffneter Hand dem Glück eine Gunst
+ab? Das ist die Stimme der Ehre und die meinige.
+
+Fiesco. Und die meinige. Pfui, Genueser! (Zu Calcagno und Sacco.)
+Das Glück hat bereits schon zu viel für uns gethan, wir müssen uns
+selbst auch noch Arbeit geben--Also Aufruhr, und den noch diese Nacht,
+Genueser! (Verrina, Bourgognino erstaunen. Die Andern erschrecken.)
+
+Calcagno. Was? noch diese Nacht? Noch sind die Tyrannen zu mächtig,
+noch unser Anhang zu dünne.
+
+Sacco. Diese Nacht noch? und es ist nichts gethan, und die Sonne
+geht schon bergunter?
+
+Fiesco. Eure Bedenklichkeiten sind sehr gegründet, aber lest diese
+Blätter. (Er reicht ihnen die Handschriften Gianettinos und geht,
+indeß sie neugierig lesen, hämisch auf und nieder.) Jetzt fahre wohl,
+Doria, schöner Stern! Stolz und vorlaut standst du da, als hättest
+du den Horizont von Genua verpachtet, und sahest doch, daß auch die
+Sonne den Himmel räumt und das Scepter der Welt mit dem Monde theilt.
+Fahre wohl, Doria, schöner Stern!
+
+Auch Patroklus ist gestorben, Und war mehr als du.
+
+
+Bourgognino (nachdem sie die Blätter gelesen). Das ist gräßlich!
+
+Calcagno. Zwölf auf einen Schuß!
+
+Verrina. Morgen in der Signoria!
+
+Bourgognino. Gebt mir die Zettel. Ich reite spornstreichs durch
+Genua, halte sie so, so werden die Steine hinter mir springen und die
+Hunde Zetermordio heulen.
+
+Alle. Rache! Rache! Rache! Diese Nacht noch!
+
+Fiesco. Da seid ihr, wo ich euch wollte. Sobald es Abend wird, will
+ich die vornehmsten Mißvergnügten zu einer Lustbarkeit bitten;
+nämlich alle, die auf Gianettinos Mordliste stehen, und noch überdies
+die Sauli, die Gentili, Vivaldi und Vesodimari, alle Todfeinde des
+Hauses Doria, die der Meuchelmörder zu fürchten vergaß. Sie werden
+meinen Anschlag mit offenen Armen umfassen, daran zweifle ich nicht.
+
+Bourgognino. Daran zweifl' ich nicht.
+
+Fiesco. Vor Allem müssen wir uns des Meers versichern. Galeeren und
+Schiffsvolk hab' ich. Die zwanzig Schiffe der Doria sind unbetakelt,
+unbemannt, leicht überrumpelt. Die Mündung der Darsena wird gestopft,
+alle Hoffnung zur Flucht verriegelt. Haben wir den Hafen, so liegt
+Genua an Ketten.
+
+Verrina. Unleugbar.
+
+Fiesco. Dann werden die festen Plätze der Stadt erobert und besetzt.
+Der wichtigste ist das Thomasthor, das zum Hafen führt und unsere
+Seemacht mit der Landmacht verknüpft. Beide Doria werden in ihren
+Palästen überfallen, ermordet. In allen Gassen wird Lärm geschlagen;
+die Sturmglocken werden gezogen, die Bürger herausgerufen, unsere
+Partei zu nehmen und Genuas Freiheit zu verfechten. Begünstiget uns
+das Glück, so hört ihr in der Signoria das Weitere.
+
+Verrina. Der Plan ist gut. Laß sehen, wie wir die Rollen vertheilen.
+
+Fiesco (bedeutend). Genueser, ihr stelltet mich freiwillig an die
+Spitze des Komplotts. Werdet ihr auch meinen weiteren Befehlen
+gehorchen?
+
+Verrina. So gewiß sie die besten sind.
+
+Fiesco. Verrina, weißt du das Wörtchen unter der Fahne?--Genueser,
+sagt's ihm, es heißt Subordination! Wenn ich nicht diese Köpfe
+drehen kann, wie ich eben will--versteht mich ganz--wenn ich nicht
+der Souverän der Verschwörung bin, so hat sie auch ein Mitglied
+verloren.
+
+Verrina. Ein freies Leben ist ein paar knechtische Stunden
+werth--Wir gehorchen.
+
+Fiesco. So verlaßt mich jetzt. Einer von euch wird die Stadt
+visitieren und mir von der Stärke und Schwäche der festen Plätze
+Rapport machen. Ein Anderer erforscht die Parole. Ein Dritter
+bemannt die Galeeren. Ein Vierter wird die zweitausend Mann nach
+meinem Schloßhof befördern. Ich selbst werde auf den Abend Alles
+berichtigt haben und noch überdies, wenn das Glück will, die Bank im
+Pharao sprengen. Schlag neun Uhr ist Alles im Schloß, meine letzten
+Befehle zu hören. (Klingelt.)
+
+Verrina. Ich nehme den Hafen auf mich. (Ab.)
+
+Bourgognino. Ich die Soldaten. (Auch ab.)
+
+Calcagno. Die Parole will ich ablauern. (Ab.)
+
+Sacco. Ich die Runde durch Genua machen. (Ab.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+
+Fiesco. Darauf der Mohr.
+
+Fiesco (hat sich an ein Pult gesetzt und schreibt). Schlugen sie
+nicht um gegen das Wörtchen Subordination, wie die Raupe gegen die
+Nadel?--Aber es ist zu spät, Republikaner!
+
+Mohr (kommt). Gnädiger Herr-Fiesco (steht auf, gibt ihm einen
+Zettel). Alle, deren Namen auf diesem Blatt stehen, ladest du zu
+einer Komödie auf die Nacht.
+
+Mohr. Mitzuspielen vermuthlich. Die Entrée wird die Gurgel kosten.
+
+Fiesco (fremd und verächtlich). Wenn das bestellt ist, will ich dich
+nicht länger in Genua aufhalten. (Er geht und läßt eine Goldbörse
+hinter sich fallen.) Das sei deine letzte Arbeit. (Geht ab.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+
+Mohr hebt den Beutel langsam von der Erde, indem er ihm stutzig
+nachblickt.
+
+Stehn wir so miteinander? »Will ich dich nicht mehr in Genua
+aufhalten.« Das heißt aus dem Christlichen in mein Heidenthum
+verdolmetscht: Wenn ich Herzog bin, lass' ich den guten Freund an
+einen genuesischen Galgen hängen. Gut. Er besorgt, weil ich um
+seine Schliche weiß, werd' ich seine Ehre über mein Maul springen
+lassen, wenn er Herzog ist. Sachte, Herr Graf! das Letzte wäre noch
+zu überlegen.
+
+Jetzt, alter Doria, steht mir deine Haut zu Befehl.--Hin bist du,
+wenn ich dich nicht warne. Wenn ich jetzt hingehe und das Komplott
+angebe, rett' ich dem Herzog von Genua nichts Geringeres, als ein
+Leben und ein Herzogthum; nichts Geringers, als dieser Hut, von Gold
+gestrichen voll, kann sein Dank sein. (Er will fort, bleibt aber
+plötzlich still stehn.) Aber sachte, Freund Hassan! Du bist etwa gar
+auf der Reise nach einem dummen Streich? Wenn die ganze
+Todtschlägerei jetzt zurückging' und daraus gar etwas Gutes
+würde?--Pfui! pfui! was will mir mein Geiz für einen Teufelsstreich
+spielen!--Was stiftet größeres Unheil: wenn ich diesen Fiesco
+prelle?--wenn ich jenen Doria an das Messer liefre?--Das klügelt mir
+aus, meine Teufel!--Bringt der Fiesco es hinaus, kann Genua aufkommen.
+Weg! das kann nicht sein. Schlüpft dieser Doria durch, bleibt
+Alles wie vor, und Genua hat Frieden--das wäre noch garstiger!--Aber
+das Spektakel, wenn die Köpfe der Rebellen in die Garküche des
+Henkers fliegen? (Auf die andere Seite.) Aber das lustige Gemetzel
+dieser Nacht, wenn Ihre Durchlauchten am Pfiff eines Mohren erwürgen?
+Nein! aus diesem Wirrwarr helf' sich ein Christ, dem Heiden ist das
+Räthsel zu spitzig--Ich will einen Gelehrten fragen. (Ab.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+
+Saal bei der Gräfin Imperiali.
+
+Julia im Negligé. Gianettino tritt herein, zerstört.
+
+Gianettino. Guten Abend, Schwester.
+
+Julia (steht auf). Etwas Außerordentliches mag es auch sein, das den
+Kronprinzen von Genua zu seiner Schwester führt?
+
+Gianettino. Schwester, bist du doch stets von Schmetterlingen
+umschwärmt und ich von Wespen. Wer kann abkommen? Setzen wir uns.
+
+Julia. Du machst mich bald ungeduldig.
+
+Gianettino. Schwester, wann war's das letztemal, daß dich Fiesco
+besuchte?
+
+Julia. Seltsam. Als wenn mein Gehirn dergleichen Nichtigkeiten
+beherbergte.
+
+Gianettino. Ich muß es durchaus wissen.
+
+Julia. Nun--er war gestern da.
+
+Gianettino. Und zeigte sich offen?
+
+Julia. Wie gewöhnlich.
+
+Gianettino. Auch noch der alte Phantast?
+
+Julia (beleidigt). Bruder!
+
+Gianettino (mir stärkerer Stimme). Höre! Auch noch der alte
+Phantast?
+
+Julia (steht aufgebracht auf). Wofür halten Sie mich, Bruder?
+
+Gianettino (bleibt sitzen, hämisch). Für ein Stück Weiberfleisch, in
+einen großen--großen Adelsbrief gewickelt. Unter uns, Schwester,
+weil doch Niemand auflauert.
+
+Julia (hitzig). Unter uns--Sie sind ein tolldreister Affe, der auf
+dem Credit seines Onkels steckenreitet--weil doch Niemand auflauert.
+
+Gianettino. Schwesterchen, Schwesterchen! Nicht böse--Ich bin nur
+lustig, weil Fiesco noch der alte Phantast ist. Das hab' ich wissen
+wollen. Empfehl' mich. (Will gehen.)
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+
+Lomellin kommt.
+
+Lomellin (küßt der Julia die Hand). Verzeihung für meine
+Dreistigkeit, gnädige Frau. (Zum Gianettino gekehrt.) Gewisse Dinge,
+die sich nicht aufschieben lassen-Gianettino (nimmt ihn bei Seite.
+Julia tritt zornig zu einem Flügel und spielt ein Allegro). Alles
+angeordnet auf morgen?
+
+Lomellin. Alles! Prinz. Aber der Kurier, der heute früh nach
+Levanto flog, ist nicht wieder zurück. Auch Spinola ist nicht da.
+Wenn er aufgefangen wäre!--Ich bin in höchster Verlegenheit.
+
+Gianettino. Besorge nichts. Du hast doch die Liste bei der Hand?
+
+Lomellin (betreten). Gnädiger Herr--die Liste--ich weiß nicht--ich
+werde sie in meiner gestrigen Rocktasche liegen haben-Gianettino.
+Auch gut. Wär' nur Spinola zurück. Fiesco wird morgen früh todt im
+Bette gefunden. Ich hab' die Anstalt gemacht.
+
+Lomellin. Aber fürchterlich Aufsehen wird's machen.
+
+Gianettino. Das eben ist unsre Sicherheit, Bursche.
+Alltagsverbrechen bringen das Blut des Beleidigten in Wallung, und
+Alles kann der Mensch. Außerordentliche Frevel machen es vor
+Schrecken gefrieren, und der Mensch ist nichts. Weißt du das Märchen
+mit dem Medusakopf? Der Anblick macht Steine--Was ist nicht gethan,
+Bursche, bis Steine erwarmen.
+
+Lomellin. Haben Sie der gnädigen Frau einen Wink gegeben?
+
+Gianettino. Pfui doch! die muß man des Fiesco wegen delicater
+behandeln. Doch, wenn sie erst die Früchte verschmeckt, wird sie die
+Unkosten verschmerzen. Komm! ich erwarte diesen Abend noch Truppen
+von Mailand und muß an den Thoren die Ordre geben. (Zur Julia.) Nun,
+Schwester, hast du deinen Zorn bald verklimpert?
+
+Julia. Gehen Sie! Sie sind ein wilder Gast.
+
+(Gianettino will hinaus und stößt auf Fiesco.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+
+Fiesco kommt.
+
+Gianettino (zurückfahrend). Ha!
+
+Fiesco (zuvorkommend, verbindlich). Prinz, Sie überheben mich eines
+Besuchs, den ich mir eben vorbehalten hatte-Gianettino. Auch mir,
+Graf, konnte nichts Erwünschters als Ihre Gesellschaft begegnen.
+
+Fiesco (tritt zu Julien, küßt ihr respectvoll die Hand). Man ist es
+bei Ihnen gewohnt, Signora, immer seine Erwartungen übertroffen zu
+sehen.
+
+Julia. Pfui doch, das würde bei einer Andern zweideutig lauten--Aber
+ich erschrecke an meinem Negligé. Verzeihen Sie, Graf. (Will in ihr
+Kabinet fliegen.)
+
+Fiesco. O bleiben Sie, schöne gnädige Frau! Das Frauenzimmer ist
+nie so schön, als im Schlafgewand, (lächelnd) es ist die Tracht
+seines Gewerbes--Diese hinaufgezwungenen Haare--Erlauben Sie, daß ich
+sie ganz durcheinander werfe.
+
+Julia. Daß ihr Männer so gerne verwirret!
+
+Fiesco (unschuldig gegen Gianettino). Haare und Republiken! Nicht
+wahr, das gilt uns gleichviel?--Und auch dieses Band ist falsch
+angeheftet--Setzen Sie sich, schöne Gräfin--Augen zu betrügen
+versteht Ihre Laura, aber nicht Herzen--Lassen Sie mich Ihre
+Kammerfrau sein. (Sie setzt sich, er macht ihr den Anzug zurecht.)
+
+Gianettino (zupft den Lomellin). Der arme, sorglose Wicht!
+
+Fiesco (an Juliens Busen beschäftigt). Sehen Sie--dieses verstecke
+ich weislich. Die Sinne müssen immer nur blinde Briefträger sein und
+nicht wissen, was Phantasie und Natur mit einander abzukarten haben.
+
+Julia. Das ist leichtfertig.
+
+Fiesco. Ganz und gar nicht, denn, sehen Sie, die beste Neuigkeit
+verliert, sobald sie Stadtmärchen wird--Unsre Sinne sind nur die
+Grundsuppe unsrer innern Republik. Der Adel lebt von ihnen, aber
+erhebt sich über ihren platten Geschmack. (Er hat sie fertig gemacht
+und führt sie vor den Spiegel.) Nun, bei meiner Ehre! dieser Anzug
+muß morgen Mode in Genua sein. (Fein.) Darf ich Sie so durch die
+Stadt führen, Gräfin?
+
+Julia. Über den verschlagenen Kopf! Wie künstlich er's anlegte,
+mich in seinen Willen hineinzulügen! Aber ich habe Kopfweh und werde
+zu Hause bleiben.
+
+Fiesco. Verzeihen Sie, Gräfin--das können Sie, wie Sie wollen, aber
+Sie wollen es nicht--Diesen Mittag ist eine Gesellschaft
+florentinischer Schauspieler hier angekommen und hat sich erboten, in
+meinem Palaste zu spielen--Nun hab' ich nicht verhindern können, daß
+die meisten Edeldamen der Stadt Zuschauerinnen sein werden, welches
+mich äußerst verlegen macht, weil ich die vornehmste Loge besetzen
+soll, ohne meinen empfindlichen Gästen eine Sottise zu machen. Noch
+ist nur ein Ausweg möglich. (Mit einer tiefen Verbeugung.) Wollen
+Sie so gnädig sein, Signora?
+
+Julia (wird roth und geht schleunig ins Kabinet). Laura!
+
+Gianettino (tritt zu Fiesco). Graf, Sie erinnern sich einer
+unangenehmen Geschichte, die neulich zwischen uns Beiden
+vorfiel-Fiesco. Ich wünschte, Prinz, wir vergäßen sie Beide--Wir
+Menschen handeln gegen uns, wie wir uns kennen, und wessen Schuld
+ist's, als die meinige, daß mich mein Freund Doria nicht ganz gekannt
+hat?
+
+Gianettino. Wenigstens werd' ich nie daran danken, ohne Ihnen von
+Herzen Abbitte zu thun-Fiesco. Und ich nie, ohne Ihnen von Herzen zu
+vergeben--(Julia kommt etwas umgekleidet zurück.)
+
+Gianettino. Eben fällt es mir bei, Graf, Sie lassen ja gegen die
+Türken kreuzen?
+
+Fiesco. Diesen Abend werden die Anker gelichtet--Ich bin eben darum
+in einiger Besorgniß, woraus mich die Gefälligkeit meines Freundes
+Doria reißen könnte.
+
+Gianettino (äußerst höflich). Mit allem Vergnügen!--Befehlen Sie
+über meinen ganzen Einfluß!
+
+Fiesco. Der Vorgang dürfte gegen Abend einigen Auflauf gegen den
+Hafen und meinen Palast verursachen, welchen der Herzog, Ihr Oheim,
+mißdeuten könnten-Gianettino (treuherzig). Lassen Sie mich dafür
+sorgen. Machen Sie immer fort, und ich wünsche Ihnen viel Glück zur
+Unternehmung.
+
+Fiesco (schmollt). Ich bin Ihnen sehr verbunden.
+
+
+
+Eilfter Auftritt
+
+
+Vorige. Ein Deutscher der Leibwache.
+
+Gianettino. Was soll's?
+
+Deutscher. Als ich das Thomasthor vorbeiging, sah ich gewaffnete
+Soldaten in großer Anzahl der Darsena zueilen und die Galeeren des
+Grafen von Lavagna segelfertig machen-Gianettino. Nichts Wichtigers?
+Es wird nicht weiter gemeldet.
+
+Deutscher. Sehr wohl. Auch aus den Klöstern der Kapuziner wimmelt
+verdächtiges Gesindel und schleicht über den Markt; Gang und Ansehen
+lassen vermuthen, daß es Soldaten sind.
+
+Gianettino (zornig). Über den Diensteifer eines Dummkopfs! (Zu
+Lomellin zuversichtlich.) Das sind meine Mailänder.
+
+Deutscher. Befehlen Euer Gnaden, daß sie arretiert werden sollen?
+
+Gianettino (laut zu Lomellin). Sehen Sie nach, Lomellin. (Wild zum
+Deutschen.) Nur fort, es ist gut! (Zu Lomellin.) Bedeuten Sie dem
+deutschen Ochsen, daß er das Maul halten soll.
+
+(Lomellin ab mit dem Deutschen.)
+
+Fiesco (der bisher mit Julien getändelt und verstohlen
+herübergeschielt hatte). Unser Freund ist verdrießlich. Darf ich
+den Grund wissen?
+
+Gianettino. Kein Wunder. Das ewige Anfragen und Melden! (Schießt
+hinaus.)
+
+Fiesco. Auch auf uns wartet das Schauspiel. Darf ich Ihnen den Arm
+anbieten, gnädige Frau?
+
+Julia. Geduld! Ich muß erst die Enveloppe umwerfen. Doch kein
+Trauerspiel, Graf? Das kommt mir im Traum.
+
+Fiesco (tückisch). O, es ist zum Todtlachen, Gräfin!
+
+(Er führt sie ab. Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+Es ist Nacht. Schloßhof des Fiesco. Die Laternen werden angezündet.
+Waffen hereingetragen. Ein Schloßflügel ist erleuchtet.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+
+Bourgognino führt Soldaten auf.
+
+Bourgognino. Halt!--An das große Hofthor kommen vier Posten. Zwei
+an jede Thüre zum Schloß. (Wachen nehmen ihren Posten.) Wer will,
+wird hereingelassen. Hinaus darf Niemand. Wer Gewalt braucht,
+niedergestochen. (Mit den Übrigen ins Schloß. Schildwachen auf und
+nieder. Pause.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+
+Wachen am Hofthor (rufen an). Wer da? (Zenturione kommt.)
+
+Zenturione. Freund von Lavagna. (Geht quer über den Hof nach dem
+rechten Schloßthor.)
+
+Wachen (dort). Zurück!
+
+Zenturione (stutzt und geht nach dem linken Thor).
+
+Wachen (am linken). Zurück!
+
+Zenturione (steht betreten still. Pause. Darauf zur linken Wache).
+Freund, wo hinaus geht's zur Komödie?
+
+Wache. Weiß nicht.
+
+Zenturione (auf und ab mit steigender Besorgnis, darauf zur rechten
+Wache). Freund, wann geht die Komödie an?
+
+Wache. Weiß nicht.
+
+Zenturione (erstaunt auf und nieder. Wird die Waffen gewahr.
+Bestürzt). Freund, was soll das?
+
+Wache. Weiß nicht.
+
+Zenturione (hüllt sich erschrocken in seinen Mantel). Sonderbar.
+
+Wachen am Hofthor (rufen an). Wer da?
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+
+Vorige. Zibo.
+
+Zibo (im Hereintreten). Freund von Lavagna.
+
+Zenturione. Zibo, wo sind wir?
+
+Zibo. Was?
+
+Zenturione. Schau' um dich, Zibo!
+
+Zibo. Wo? Was?
+
+Zenturione. Alle Thüren besetzt.
+
+Zibo. Hier liegen Waffen.
+
+Zenturione. Niemand gibt Auskunft.
+
+Zibo. Das ist seltsam.
+
+Zenturione. Wie viel ist die Glocke?
+
+Zibo. Acht Uhr vorüber.
+
+Zenturione. Puh! es ist grimmkalt.
+
+Zibo. Acht Uhr ist die bestellte Stunde.
+
+Zenturione (den Kopf schüttelnd). Hier ist's nicht richtig.
+
+Zibo. Fiesco hat einen Spaß vor.
+
+Zenturione. Morgen ist Dogewahl--Zibo, hier ist's nicht richtig.
+
+Zibo. Stille! stille! stille!
+
+Zenturione. Der rechte Schloßflügel ist voll Lichter.
+
+Zibo. Hörst du nichts? Hörst du nichts?
+
+Zenturione. Hohles Gemurmel drinnen und mitunter-Zibo. Dumpfiges
+Rasseln, wie von Harnischen, die sich an einander reiben-Zenturione.
+Schauervoll! Schauervoll!
+
+Zibo. Ein Wagen! Er hält an der Pforte!
+
+Wachen am Hofthor (rufen an). Wer da?
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+
+Vorige. Vier Asserato.
+
+Asserato (im Hereintreten). Freund von Fiesco.
+
+Zibo. Es sind die vier Asserato.
+
+Zenturione. Guten Abend, Landsmann.
+
+Asserato. Wir gehen in die Komödie.
+
+Zibo. Glück auf den Weg!
+
+Asserato. Geht ihr nicht mit in die Komödie?
+
+Zenturione. Spaziert nur voran. Wir wollen erst frische Luft
+schöpfen.
+
+Asserato. Es wird bald angehen. Kommt. (Gehen weiter.)
+
+Wache. Zurück!
+
+Asserato. Wo will das hinaus?
+
+Zenturione (lacht). Zum Schloß hinaus.
+
+Asserato. Hier ist ein Mißverstand.
+
+Zibo. Ein handgreiflicher. (Musik auf dem rechten Flügel.)
+
+Asserato. Hört ihr die Symphonie? Das Lustspiel wird vor sich gehen.
+
+Zenturione. Mich däucht, es fing schon an, und wir spielen die
+Narren drin.
+
+Zibo. Übrige Hitze hab' ich nicht. Ich gehe.
+
+Asserato. Waffen hier.
+
+Zibo. Pah! Komödienwaaren.
+
+Zenturione. Sollen wir hier stehen, wie die Narren am Acheron?
+Kommt zum Kaffeehaus! (Alle Sechs eilen gegen die Pforte.)
+
+Wachen (schreien heftig). Zurück!
+
+Zenturione. Mord und Tod! Wir sind gefangen!
+
+Zibo. Mein Schwert sagt: nicht lange!
+
+Asserato. Steck' ein! steck' ein! Der Graf ist ein Ehrenmann.
+
+Zibo. Verkauft! Verrathen! Die Komödie war der Speck, hinter der
+Maus schlug die Thüre zu.
+
+Asserato. Das wolle Gott nicht! Mich schaudert, wie das sich
+entwickeln soll.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+
+Schildwachen. Wer da? (Verrina, Sacco kommen.)
+
+Verrina. Freunde vom Hause. (Sieben andere Nobili kommen nach.)
+
+Zibo. Seine Vertrauten! Nun klärt sich Alles auf.
+
+Sacco (im Gespräch mit Verrina). Wie ich Ihnen sagte. Lescaro hat
+die Wache am Thomasthor, Dorias bester Officier und ihm blindlings
+ergeben.
+
+Verrina. Das freut mich.
+
+Zibo (zu Verrina). Sie kommen erwünscht, Verrina, uns allen aus dem
+Traume zu helfen.
+
+Verrina. Wie so? Wie so?
+
+Zenturione. Wir sind zu einer Komödie geladen.
+
+Verrina. So haben wir einen Weg.
+
+Zenturione (ungeduldig). Den Weg alles Fleisches. Den weiß ich.
+Sie sehen ja, daß die Thüren besetzt sind? Wofür die Thüren besetzen?
+
+Zibo. Wofür die Waffen?
+
+Zenturione. Wir stehen da, wie unter dem Galgen.
+
+Verrina. Der Graf wird selbst kommen.
+
+Zenturione. Er kann sich betreiben. Meine Geduld reißt den Zaum ab.
+(Alle Nobili gehen im Hintergrunde auf und nieder.)
+
+Bourgognino (aus dem Schloß). Wie steht's im Hafen, Verrina?
+
+Verrina. Alles glücklich an Bord.
+
+Bourgognino. Das Schloß ist auch gepfropft voll Soldaten.
+
+Verrina. Es geht stark auf neun Uhr.
+
+Bourgognino. Der Graf macht sehr lang.
+
+Verrina. Immer zu rasch für seine Hoffnung. Bourgognino, ich werde
+zu Eis, wenn ich mir etwas denke.
+
+Bourgognino. Vater, übereile dich nicht.
+
+Verrina. Es läßt sich nicht übereilen, wo nicht gezögert werden kann.
+Wenn ich den zweiten Mord nicht begehe, kann ich den ersten niemal
+verantworten.
+
+Bourgognino. Aber wann soll Fiesco sterben?
+
+Verrina. Wann Genua frei ist, stirbt Fiesco!
+
+Schildwachen. Wer da?
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+
+Vorige. Fiesco.
+
+Fiesco (im Hereintreten). Ein Freund! (Alle verneigen sich.
+Schildwachen präsentieren.) Willkommen, wertheste Gäste! Sie werden
+geschmählt haben, daß der Hausvater so lange auf sich warten ließ.
+Verzeihen Sie. (Leise zu Verrina.) Fertig?
+
+Verrina (ihm ins Ohr). Nach Wunsch.
+
+Fiesco (leise zu Bourgognino). Und?
+
+Bourgognino. Alles richtig.
+
+Fiesco (zu Sacco). Und?
+
+Sacco. Alles gut.
+
+Fiesco. Und Calcagno?
+
+Bourgognino. Fehlt noch.
+
+Fiesco (laut zu den Thorwachen). Man soll schließen! (Er nimmt den
+Hut ab und tritt mit freiem Anstand zur Versammlung.)
+
+
+Meine Herren!
+
+Ich bin so frei gewesen, Sie zu einem Schauspiel bitten zu
+lassen--Nicht aber, Sie zu unterhalten, sondern Ihnen Rollen darin
+aufzutragen.
+
+Lange genug, meine Freunde, haben wir Gianettino Dorias Trotz und die
+Anmaßungen des Andreas ertragen. Wenn wir Genua retten wollen,
+Freunde, wird keine Zeit zu verlieren sein. Zu was Ende glauben Sie
+diese zwanzig Galeeren, die den vaterländischen Hafen belagern? Zu
+was Ende die Allianzen, so diese Doria schlossen? Zu was Ende die
+fremden Waffen, die sie ins Herz Genuas zogen?--Jetzt ist es nicht
+mehr mit Murren und Verwünschen gethan. Alles zu retten, muß Alles
+gewagt werden. Ein verzweifeltes Übel will eine verwegene Arznei.
+Sollte Einer in dieser Versammlung sein, der Phlegma genug hat, einen
+Herrn zu erkennen, der nur seines Gleichen ist?--(Gemurmel.)--Hier
+ist Keiner, dessen Ahnen nicht um Genuas Wiege standen. Was? bei
+Allem, was heilig ist! was? was haben denn diese zween Bürger voraus,
+daß sie den frechen Flug über unsere Häupter nehmen?--(Wilderes
+Gemurre.)--Jeder von Ihnen ist feierlich aufgeforderet, Genuas Sache
+gegen seine Unterdrücker zu führen--Keiner von Ihnen kann ein
+Haarbreit von seinen Rechten vergeben, ohne zugleich die Seele des
+ganzen Staats zu verrathen-(Ungestüme Bewegungen unter den Zuhörern
+unterbrechen ihn; dann fährt er fort.)
+
+Sie empfinden--jetzt ist Alles gewonnen. Schon hab' ich vor Ihnen
+her den Weg zum Ruhme gebahnt. Wollen Sie folgen? Ich bin bereit,
+Sie zu führen. Diese Anstalten, die Sie noch kaum mit Entsetzen
+beschauten, müssen Ihnen jetzt frischen Heldenmuth einhauchen. Diese
+Schauder der Bangigkeit müssen in einen rühmlichen Eifer erwarmen,
+mit diesen Patrioten und mir Eine Sache zu machen und die Tyrannen
+von Grund aus zu stürzen. Der Erfolg wird das Wagstück begünstigen,
+denn meine Anstalten sind gut. Das Unternehmen ist gerecht, denn
+Genua leidet. Der Gedanke macht uns unsterblich, denn er ist
+gefährlich und ungeheuer.
+
+Zenturione (in stürmischer Aufwallung). Genug! Genua wird frei!
+Mit diesem Feldgeschrei gegen die Hölle!
+
+Zibo. Und wen das nicht aus seinem Schlummer jagt, der keuche ewig
+am Ruder, bis ihn die Posaune des Weltgerichts losschließt.
+
+Fiesco. Das waren Worte eines Mannes. Nun erst verdienen Sie die
+Gefahr zu wissen, die über Ihnen und Genua hing. (Er gibt ihnen die
+Zettel des Mohren.) Leuchtet, Soldaten! (Nobili drängen sich um eine
+Fackel und lesen.) Es ging, wie ich wünschte, Freund.
+
+Verrina. Doch rede noch nicht so laut. Ich habe dort auf dem linken
+Flügel Gesichter bleich werden und Kniee schlottern gesehen.
+
+Zenturione (in Wuth). Zwölf Senatoren! Teuflisch! Faßt alle
+Schwerter auf! (Alle stürzen sich auf die bereit liegenden Waffen,
+zwei ausgenommen.)
+
+Zibo. Dein Name steht auch da, Bourgognino.
+
+Bourgognino. Und noch heute, so Gott will, auf Dorias Gurgel.
+
+Zenturione. Zwei Schwerter liegen noch.
+
+Zibo. Was? was?
+
+Zenturione. Zwei nahmen kein Schwert.
+
+Asserato. Meine Brüder können kein Blut sehen. Verschont sie!
+
+Zenturione (heftig). Was? was? Kein Tyrannenblut sehen? Zerreißt
+die Memmen! Werft sie zur Republik hinaus, diese Bastarde! (Einige
+von der Gesellschaft werfen sich ergrimmt auf die Beiden.)
+
+Fiesco (reißt sie auseinander). Haltet! haltet! Soll Genua Sklaven
+seine Freiheit verdanken? Soll unser Gold durch dieses schlechte
+Metall seinen guten Klang verlieren? (Er befreit sie.) Sie, meine
+Herren, nehmen so lang mit einem Zimmer in meinem Schloß vorlieb, bis
+unsre Sachen entschieden sind. (Zur Wache.) Zween Arrestanten! Ihr
+haftet für sie! Zwei scharfe Posten an ihre Schwelle! (Sie werden
+abgeführt.)
+
+Schildwachen am Hofthor. Wer draußen? (Man pocht.)
+
+Calcagno (ruft ängstlich). Schließt auf! Ein Freund! Schließt um
+Gotteswillen auf!
+
+Bourgognino. Es ist Calcagno. Was soll das »um Gotteswillen«?
+
+Fiesco. Macht ihm auf, Soldaten.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+
+Vorige. Calcagno außer Athem, erschrocken.
+
+Calcagno. Aus! aus! Fliehe, wer fliehen kann! Alles aus!
+
+Bourgognino. Was aus? Haben sie Fleisch von Erz, sind unsre
+Schwerter von Binsen?
+
+Fiesco. Überlegung, Calcagno! Ein Mißverstand hier wäre nicht mehr
+zu vergeben.
+
+Calcagno. Verrathen sind wir. Eine höllische Wahrheit. Ihr Mohr
+Lavagna, der Schelm! Ich komme vom Palast der Signoria. Er hatte
+Audienz beim Herzog. (Alle Nobili erblassen. Fiesco selbst
+verändert die Farbe.)
+
+Verrina (entschlossen gegen die Thorwachen). Soldaten! streckt mir
+die Hellebarden vor! Ich will nicht durch die Hände des Henkers
+sterben. (Alle Nobili rennen bestürzt durcheinander.)
+
+Fiesco (gefaßter.) Wohin? Was macht ihr?--Geh in die Hölle,
+Calcagno--Es war ein blinder Schrecken, ihr Herrn--Weib! Das vor
+diesen Knaben zu sagen--Auch du, Verrina?--Bourgognino, du
+auch?--Wohin du?
+
+Bourgognino (heftig). Heim, meine Bertha ermorden und wieder hier
+sein.
+
+Fiesco (schlägt ein Gelächter auf). Bleibt! Haltet! Ist das der
+Muth der Tyrannenmörder?--Meisterlich spieltest du deine Rolle,
+Calcagno!--Merktet ihr nicht, daß diese Zeitung meine Veranstaltung
+war?--Calcagno, sprechen Sie, war's nicht mein Befehl, daß Sie diese
+Römer auf die Prob' stellen sollten?
+
+Verrina. Nun, wenn du lachen kannst?--Ich will's glauben, oder dich
+nimmer für einen Menschen halten.
+
+Fiesco. Schande über euch, Männer! In dieser Knabenprobe zu fallen!
+--Nehmt eure Waffen wieder--Ihr werdet wie Bären fechten, wollt ihr
+diese Scharte verwetzen. (Leise zu Calcagno.) Waren Sie selbst dort?
+
+Calcagno. Ich drängte mich durch die Trabanten, meinem Auftrag gemäß
+die Parole beim Herzog zu holen--wie ich zurücktrete, bringt man den
+Mohren.
+
+Fiesco (laut). Also der Alte ist zu Bette? Wir wollen ihn aus den
+Federn trommeln (Leise.) Sprach er lang mit dem Herzog?
+
+Calcagno. Mein erster Schreck und Eure nahe Gefahr ließen mich kaum
+zwei Minuten dort.
+
+Fiesco (laut und munter). Sieh doch! wie unsre Landsleute noch
+zittern.
+
+Calcagno. Sie hätten auch nicht so bald herausplatzen sollen.
+(Leise.) Aber um Gotteswillen, Graf! was wird diese Nothlüge fruchten?
+
+Fiesco. Zeit, Freund, und dann ist der erste Schreck jetzt vorüber.
+(Laut.) He! an soll Wein bringen! (Leise.) Und sahn Sie den Herzog
+erblassen? (Laut.) Frisch, Brüder, wir wollen noch eins Bescheid
+thun auf den Tanz dieser Nacht! (Leise.) Und sahn Sie den Herzog
+erblassen?
+
+Calcagno. Des Mohren erstes Wort muß »Verschwörung« gelautet haben;
+der Alte trat schneebleich zurück.
+
+Fiesco (verwirrt). Hum! Hum! der Teufel ist schlau, Calcagno--er
+verrieth nichts, bis das Messer an ihre Gurgel ging. Jetzt ist er
+freilich ihr Engel. Der Mohr ist schlau. (Man bringt ihm einen
+Becher Wein; er hält ihn gegen die Versammlung und trinkt.) Unser
+gutes Glück, Kameraden! (Man pocht.)
+
+Schildwachen. Wer draußen?
+
+Eine Stimme. Ordonnanz des Herzogs. (Die Nobili stürzen
+verzweifelnd im Hof herum.)
+
+Fiesco (springt unter sie). Nein, Kinder! Erschreckt nicht!
+erschreckt nicht! Ich bin hier. Hurtig! Schafft diese Waffen weg.
+Seid Männer! ich bitte euch. Dieser Besuch läßt mich hoffen, daß
+Andreas noch zweifelt. Geht hinein. Faßt euch. Schließt auf,
+Soldaten. (Alle entfernen sich. Das Thor wird geöffnet.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+
+Fiesco, als käm' er eben aus dem Schloß. Drei Deutsche, die den
+Mohren gebunden bringen.
+
+Fiesco. Wer rief mich in den Hof?
+
+Deutscher. Führt uns zum Grafen.
+
+Fiesco. Der Graf ist hier. Wer begehrt mich?
+
+Deutscher (macht die Honneurs vor ihm). Einen guten Abend vom Herzog.
+Diesen Mohren liefert er Euer Gnaden gebunden aus. Er habe
+schändlich herausgeplaudert. Das Weitere sagt der Zettel.
+
+Fiesco (nimmt ihn gleichgültig.) Und hab' ich dir nicht erst heut die
+Galeere verkündigt? (Zum Deutschen.) Es ist gut, Freund. Meinen
+Respect an den Herzog.
+
+Mohr (ruft ihnen nach). Und auch meinerseits einen, und sag'
+ihm--dem Herzog--wenn er keinen Esel geschickt hätte, so würd' er
+erfahren haben, daß im Schloß zweitausend Soldaten stecken.
+(Deutsche gehen ab. Nobili kommen zurück.)
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+
+Fiesco. Verschworene. Mohr trotzig in der Mitte.
+
+Verschworene (fahren bebend zurück beim Anblick des Mohren). Ha! was
+ist das?
+
+Fiesco (hat das Billet gelesen, mit verbissenem Zorn). Genueser! die
+Gefahr ist vorbei--aber auch die Verschwörung.
+
+Verrina (ruft erstaunt aus). Was? Sind die Doria todt?
+
+Fiesco (in heftiger Bewegung). Bei Gott! auf die ganze Kriegsmacht
+der Republik--auf Das war ich nicht gefaßt. Der alte schwächliche
+Mann schlägt mit vier Zeilen dritthalbtausend Mann. (Läßt kraftlos
+die Hände sinken.) Doria schlägt den Fiesco.
+
+Bourgognino. So sprechen Sie doch! Wir erstarren.
+
+Fiesco (liest). »Lavagna, Sie haben, däucht mich, Ein Schicksal mit
+mir--Wohlthaten werden Ihnen mit Undank belohnt. Dieser Mohr warnt
+mich vor einem Komplott--Ich sende ihn hier gebunden zurück und werde
+heute Nacht ohne Leibwache schlafen.« (Er läßt das Papier fallen.
+Alle sehen sich an.)
+
+Verrina. Nun, Fiesco?
+
+Fiesco (mit Adel). Ein Doria soll mich an Großmuth besiegt haben?
+Eine Tugend fehlt im Stamm der Fiesker?--Nein! so wahr ich ich selber
+bin!--Geht auseinander, ihr! Ich werde hingehen--und Alles bekennen.
+(Will hinausstürzen.)
+
+Verrina (hält ihn auf). Bist du wahnsinnig, Mensch? War es denn
+irgend ein Bubenstreich, den wir vorhatten? Halt! oder war's nicht
+Sache des Vaterlands! Halt! oder wolltest du nur dem Andreas zu
+Leibe, nicht dem Tyrannen? Halt! sag' ich--ich verhafte dich als
+einen Verräther des Staats-Verschworne. Bindet ihn! werft ihn zu
+Boden!
+
+Fiesco (reißt Einem ein Schwert weg und macht sich Bahn). Sachte
+doch! Wer ist der Erste, der das Halfter über den Tiger wirft?--Seht,
+ihr Herrn--Frei bin ich--könnte durch, wo ich Luft hätte--Jetzt will
+ich bleiben, denn ich habe mich anders besonnen.
+
+Bourgognino. Auf Ihre Pflicht besonnen?
+
+Fiesco (aufgebracht, mit Stolz). Ha, Knabe! Lernen Sie erst die Ihrige
+gegen mich auswendig, und mir nimmer das!--Ruhig, ihr Herrn--es bleibt
+Alles wie vor.--(Zum Mohren, dessen Stricke er zerhaut.) Du hast das
+Verdienst, eine große That zu veranlassen--Entfliehe!
+
+Calcagno (zornig). Was? was? Leben soll der Heide? leben und uns
+alle verrathen haben?
+
+Fiesco. Leben und euch allen--bang gemacht haben. Fort, Bursche!
+Sorge, daß du Genua auf den Rücken kriegst, man könnte seinen Muth an
+dir retten wollen.
+
+Mohr. Das heißt, der Teufel läßt keinen Schelmen sitzen!--Gehorsamer
+Diener, ihr Herrn!--Ich merke schon, in Italien wächst mein Strick
+nicht. Ich muß ihn anderswo suchen. (Ab mit Gelächter.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+
+Bedienter kommt. Vorige ohne den Mohren.
+
+Bedienter. Die Gräfin Imperiali fragen schon dreimal nach Euer
+Gnaden.
+
+Fiesco. Potz tausend! Die Komödie wird freilich wohl angehen müssen!
+Sag' ihr, ich bin unverzüglich dort--Bleib--Meine Frau bittest du,
+in den Concertsaal zu treten und mich hinter den Tapeten zu erwarten.
+(Bedienter ab.) Ich habe hier euer Aller Rollen zu Papier gebracht;
+wenn Jeder die seinige erfüllt, so ist nichts mehr zu sagen--Verrina
+wird voraus in den Hafen gehen und mit einer Kanone das Signal zum
+Ausbruch geben, wenn die Schiffe erobert sind.--Ich gehe; mich ruft
+noch eine große Verrichtung. Ihr werdet ein Glöckchen hören und alle
+miteinander in meinen Concertsaal kommen--Indeß geht hinein--und laßt
+euch meinen Cyprier schmecken. (Sie gehen auseinander.)
+
+
+
+Eilfter Auftritt
+
+
+Concertsaal--Leonore. Arabella. Rosa. Alle beängstigt.
+
+Leonore. In den Concertsaal versprach Fiesco zu kommen, und kommt
+nicht. Eilf Uhr ist vorüber. Von Waffen und Menschen dröhnt
+fürchterlich der Palast, und kommt kein Fiesco?
+
+Rosa. Sie sollen sich hinter die Tapeten verstecken--Was der gnädige
+Herr damit wollen mag?
+
+Leonore. Er will's, Rosa, ich weiß also genug, um gehorsam zu sein.
+Bella, genug, um ganz außer Furcht zu sein--Und doch! doch zittr' ich
+so sehr, Bella, und mein Herz klopft so schrecklich bang. Mädchen,
+um Gotteswillen! gehe keines von meiner Seite.
+
+Bella. Fürchten Sie nichts. Unsre Angst bewacht unsern Fürwitz.
+
+Leonore. Worauf mein Auge stößt, begegnen mir fremde Gesichter, wie
+Gespenster hohl und verzerrt. Wen ich anrufe, zittert wie ein
+Ergriffener und flüchtet sich in die dichteste Nacht, diese gräßliche
+Herberge des bösen Gewissens. Was man antwortet, ist ein halber
+heimlicher Laut, der auf bebender Zunge noch ängstlicher zweifelt, ob
+er auch kecklich entwischen darf.--Fiesco?--Ich weiß nicht, was hier
+Grauenvolles geschmiedet wird--Nur meinen Fiesco (mit Grazie ihre
+Hände faltend) umflattert, ihr himmlischen Mächte!
+
+Rosa (zusammengeschreckt). Jesus! Was rauscht in der Galerie?
+
+Bella. Es ist der Soldat, der dort Wache steht. (Die Schildwache
+ruft außen: »Wer da?« Man antwortet.)
+
+Leonore. Leute kommen! Hinter die Tapete! Geschwind! (Sie
+verstecken sich.)
+
+
+
+Zwölfter Auftritt
+
+
+Julia. Fiesco im Gespräch.
+
+Julia (sehr zerstört). Hören Sie auf, Graf! Ihre Galanterieen
+fallen nicht mehr in achtlose Ohren, aber in ein siedendes Blut--Wo
+bin ich? Hier ist Niemand als die verführerische Nacht. Wohin haben
+Sie mein verwahrlostes Herz geplaudert?
+
+Fiesco. Wo die verzagte Leidenschaft kühner wird, und Wallungen
+freier mit Wallungen reden.
+
+Julia. Halt ein, Fiesco. Bei Allem, was heilig ist, nicht weiter!
+Wäre die Nacht nicht so dichte, du würdest meine flammrothen Wangen
+sehen und dich erbarmen.
+
+Fiesco. Weit gefehlt, Julia! Eben dann würde meine Empfindung die
+Feuerfahne der deinigen gewahr und lief' desto muthiger über. (Er
+küßt ihr heftig die Hand.)
+
+Julia. Mensch, dein Gesicht brennt fiebrisch, wie dein Gespräch.
+Weh, auch aus dem meinigen, ich fühl's, schlägt wildes, frevelndes
+Feuer. Laß uns das Licht suchen, ich bitte. Die aufgewiegelten
+Sinne könnten den gefährlichen Wink dieser Finsterniß merken. Geh!
+diese gährenden Rebellen könnten hinter dem Rücken des verschämten
+Tages ihre gottlosen Künste treiben. Geh unter Menschen, ich
+beschwöre dich.
+
+Fiesco (zudringlicher). Wie ohne Noth besorgt, meine Liebe! Wird je
+die Gebieterin ihren Sklaven fürchten?
+
+Julia. Über euch Männer und den ewigen Widerspruch! Als wenn ihr
+nicht die gefährlichsten Sieger wäret, wenn ihr euch unsrer
+Eigenliebe gefangen gebt. Soll ich dir Alles gestehen, Fiesco? daß
+nur mein Laster meine Tugend bewahrte? nur mein Stolz deine Künste
+verlachte? nur bis hieher meine Grundsätze Stand hielten? Du
+verzweifelst an deiner List und nimmst deine Zuflucht zu Julias Blut.
+Hier verlassen sie mich.
+
+Fiesco (leichtfertig dreist). Und was verlorst du bei diesem
+Verluste?
+
+Julia (aufgeregt und mit Hitze). Wenn ich den Schlüssel zu meinem
+weiblichen Heiligthum an dich vertändle, womit du mich schamroth
+machst, wenn du willst? Was hab' ich weniger zu verlieren, als
+Alles? Willst du mehr wissen, Spötter? Das Bekenntniß willst du
+noch haben, daß die ganze geheime Weisheit unsers Geschlechts nur
+eine armselige Vorkehrung ist, unsere tödtliche Seite zu entsetzen,
+die doch zuletzt allein von euren Schwüren belagert wird, die (ich
+gesteh' es erröthend ein) so gern erobert sein möchte, so oft beim
+ersten Seitenblick der Tugend den Feind verrätherisch empfängt?--daß
+alle unsere weiblichen Künste einzig für dieses wehrlose Stichblatt
+fechten, wie auf dem Schach alle Officiere den wehrlosen König
+bedecken? Überrumpelst du diesen--Matt! und wird getrost das ganze
+Brett durcheinander. (Nach einer Pause mit Ernst.) Du hast das
+Gemäld' unsrer prahlerischen Armuth--Sei großmüthig!
+
+Fiesco. Und doch, Julia--Wo besser als in meiner unendlichen
+Leidenschaft kannst du diesen Schatz niederlegen?
+
+Julia. Gewiß nirgends besser, und nirgends schlimmer--Höre, Fiesco,
+wie lang wird diese Unendlichkeit währen?--Ach! schon zu unglücklich
+hab' ich gespielt, daß ich nicht auch mein Letztes noch setzen
+sollte--Dich zu fangen, Fiesco, muthete ich dreist meinen Reizen zu;
+und ich mißtraue ihnen die Allmacht, dich festzuhalten--Pfui doch,
+was red' ich da? (Sie tritt zurück und hält die Hände vors Gesicht.)
+
+Fiesco. Zwei Sünden in einem Athem. Das Mißtrauen in meinen Geschmack,
+oder das Majestätsverbrechen gegen deine Liebenswürdigkeit--was von
+beiden ist schwerer zu vergeben?
+
+Julia (matt, unterliegend, mit beweglichem Ton). Lügen sind nur die
+Waffen der Hölle--die bracht Fiesco nicht mehr, seine Julia zu fällen.
+(Sie fällt erschöpft in einen Sopha, nach einer Pause feierlich.)
+Höre, laß dir noch ein Wörtchen sagen, Fiesco--Wir sind Heldinnen,
+wenn wir unsere Tugend noch sicher wissen:--wenn wir sie vertheidigen,
+Kinder; (ihm starr und wild unter die Augen) Furien, wenn wir sie
+rächen--Höre. Wenn du mich kalt würgtest, Fiesco?
+
+Fiesco (nimmt einen aufgebrachten Ton an). Kalt? kalt?--Nun, bei
+Gott! was fordert denn die unersättliche Eitelkeit des Weibs, wenn es
+einen Mann vor sich kriechen sieht und noch zweifelt? Ha, er erwacht
+wieder, ich fühle, (den Ton in Kälte verändert) noch zu rechter Zeit
+gehen mir die Augen auf--Was war's, das ich eben erbetteln
+wollte?--Die kleinste Erniedrigung eines Mannes ist gegen die höchste
+Gunst eines Weibs weggeworfen! (Zu ihr mit tiefer, frostiger
+Verbeugung.) Fassen Sie Muth, Madame! Jetzt sind Sie sicher.
+
+Julia (bestürzt). Graf? Welche Anwandlung!
+
+Fiesco (äußerst gleichgültig). Nein, Madame! Sie haben vollkommen
+recht, wir Beide haben die Ehre nur einmal auf dem Spiel. (Mit einem
+höflichen Handkuß.) Ich habe das Vergnügen, Ihnen bei der
+Gesellschaft meinen Respect zu bezeugen. (Er will schnell fort.)
+
+Julia (ihm nach, reißt ihn zurück). Bleib! Bist du rasend? Bleib! Muß
+ich es denn sagen--heraussagen, was das ganze Männervolk auf den
+Knieen--in Thränen--auf der Folterbank meinem Stolz nicht abdringen
+sollte?--Weh! auch dies dichte Dunkel ist zu licht, diese Feuersbrunst
+zu bergen, die das Geständniß auf meinen Wangen macht--Fiesco--O, ich
+bohre durchs Herz meines ganzen Geschlechts--mein ganzes Geschlecht
+wird mich ewig hassen--Ich bete dich an, Fiesco! (Fällt vor ihm
+nieder.)
+
+Fiesco (weicht drei Schritte zurück, läßt sie liegen und lacht
+triumphierend auf). Das bedaur' ich, Signora. (Er zieht die Glocke,
+hebt die Tapete auf und führt Leonoren hervor.) Hier ist meine
+Gemahlin--ein göttliches Weib! (Er fällt Leonoren in den Arm.)
+
+Julia (springt schreiend vom Boden). Ah! unerhört betrogen!
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+
+Die Verschwornen, welche zumal hereintreten. Damen von der andern
+Seite. Fiesco. Leonore und Julia.
+
+Leonore. Mein Gemahl, das war allzu streng.
+
+Fiesco. Ein schlechtes Herz verdiente nicht weniger. Deinen Thränen
+war ich diese Genugthuung schuldig. (Zur Versammlung.) Nein, meine
+Herrn und Damen, ich bin nicht gewohnt, bei jedem Anlaß in kindische
+Flammen aufzuprasseln, Die Thorheiten der Menschen belustigen mich
+lange, eh sie mich reizen. Diese verdient meinen ganzen Zorn, denn
+sie hat diesem Engel dieses Pulver gemischt. (Er zeigt das Gift der
+Versammlung, die mit Abscheu zurücktritt.)
+
+Julia (ihre Wuth in sich beißend). Gut! Gut! Sehr gut, mein Herr!
+(Will fort.)
+
+Fiesco (führt sie am Arm zurück). Sie werden Geduld haben,
+Madame--Noch sind wir nicht fertig--Diese Gesellschaft möchte gar zu
+gern wissen, warum ich meinen Verstand so verleugnen konnte, den
+tollen Roman mit Genuas größter Närrin zu spielen-Julia
+(aufspringend). Es ist nicht auszuhalten! Doch zittre du! (Drohend.
+) Doria donnert in Genua, und ich--bin seine Schwester.
+
+Fiesco. Schlimm genug, wenn das Ihre letzte Galle ist--Leider muß
+ich Ihnen die Botschaft bringen, daß Fiesco von Lavagna aus dem
+gestohlenen Diadem Ihres durchlauchtigsten Bruders einen Strick
+gedreht hat, womit er den Dieb der Republik diese Nacht aufzuhängen
+gesonnen ist. (Da sie sich entfärbt, lacht er hämisch auf.) Pfui,
+das kam unerwartet--und sehen Sie! (indem er beißender fortfährt)
+darum fand ich es für nöthig, den ungebetenen Blicken Ihres Hauses
+etwas zu schaffen zu geben; darum behängt' ich mich (auf sie deutend)
+mit dieser Harlekinsleidenschaft, darum (auf Leonoren zeigend) ließ
+ich diesen Edelstein fallen, und mein Wild rannte glücklich in den
+blanken Betrug--Ich dank' für Ihre Gefälligkeit, Signora, und gebe
+meinen Theaterschmuck ab. (Er überliefert ihren Schattenriß mit
+einer Verbeugung.)
+
+Leonore (schmiegt sich bittend an den Fiesco). Mein Ludovico, sie
+weint. Darf Ihre Leonore Sie zitternd bitten?
+
+Julia (trotzig zu Leonoren). Schweig! du Verhaßte-Fiesco (zu einem
+Bedienten). Sei Er galant, Freund--biete Er dieser Dame den Arm an;
+sie hat Lust, mein Staatsgefängniß zu sehen. Er steht mir davor, daß
+Madonna von Niemand incommodiert wird--draußen geht eine scharfe
+Luft--der Sturm, der heute Nacht den Stamm Doria spaltet, möchte ihr
+leicht--den Haarputz verderben.
+
+Julia (schluchzend). Die Pest über dich, schwarzer heimtückischer
+Heuchler! (Zu Leonoren grimmig.) Freue dich deines Triumphs nicht,
+auch dich wird er verderben, und sich selbst und--verzweifeln!
+(Stürzt hinaus.)
+
+Fiesco (winkt den Gästen). Sie waren Zeugen--Retten Sie meine Ehre
+in Genua! (Zu den Verschwornen.) Ihr werdet mich abholen, wenn die
+Kanone kommt. (Alle entfernen sich.)
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt
+
+
+Leonore. Fiesco.
+
+Leonore (tritt ihm ängstlich näher). Fiesco?--Fiesco?--Ich verstehe
+Sie nur halb, aber ich fange an zu zittern.
+
+Fiesco (wichtig). Leonore--ich sahe Sie einst einer Genueserin zur
+Linken gehen--Ich sahe Sie in den Assembleen des Adels mit dem
+zweiten Handkuß der Ritter vorlieb nehmen. Leonore--das that meinen
+Augen weh. Ich beschloß, es soll nicht mehr sein--es wird aufhören.
+Hören Sie das kriegerische Getöse in meinen Schloß? Was Sie fürchten,
+ist wahr--Gehn Sie zu Bette, Gräfin--morgen will ich--die Herzogin
+wecken.
+
+Leonore (schlägt beide Arme zusammen und wirft sich in einen Sessel).
+Gott! meine Ahnung! Ich bin verloren!
+
+Fiesco (gesetzt, mit Würde). Lassen Sie mich ausreden, Liebe! Zwei
+meiner Ahnherrn trugen die dreifache Krone; das Blut der Fiesker
+fließt nur unter dem Purpur gesund. Soll Ihr Gemahl nur geerbten
+Glanz von sich werfen? (Lebhafter.) Was? Soll er sich für all seine
+Hoheit beim gaukelnden Zufall bedanken, der in einer erträglichen
+Laune aus modernden Verdiensten einen Johann Ludwig Fiesco
+zusammenflickte? Nein, Leonore! Ich bin zu stolz, mir etwas
+schenken zu lassen, was ich noch selbst zu erwerben weiß. Heute
+Nacht werf' ich meinen Ahnen den geborgten Schmuck in ihr Grab
+zurück--Die Grafen von Lavagna starben aus--Fürsten beginnen.
+
+Leonore (schüttelt den Kopf, still phantasierend). Ich sehe meinen
+Gemahl an tiefen tödtlichen Wunden zu Boden fallen--(Hohler.) Ich
+sehe die stummen Träger den zerrissenen Leichnam meines Gemahls mir
+entgegen tragen. (Erschrocken aufspringend.) Die erste--einzige
+Kugel fliegt durch die Seele Fiescos.
+
+Fiesco (faßt sie liebevoll bei der Hand). Ruhig, mein Kind. Das
+wird die einzige Kugel nicht.
+
+Leonore (blickt ihn ernsthaft an). So zuversichtlich ruft Fiesco den
+Himmel heraus? Und wäre der tausendmaltausendste Fall nur der
+mögliche, so könnte der tausendmaltausendste wahr werden, und mein
+Gemahl wäre verloren--Denke, du spieltest um den Himmel, Fiesco.
+Wenn eine Billion Gewinnste für einen einzigen Fehler fiel', würdest
+du dreist genug sein, die Würfel zu schütteln und die freche Wette
+mit Gott einzugehen? Nein, mein Gemahl! wenn auf dem Brett Alles
+liegt, ist jeder Wurf Gotteslästerung.
+
+Fiesco (lächelt). Sei unbesorgt, das Glück und ich stehen besser.
+
+Leonore. Sagst du das--und standest bei jenem geisterverzerrenden
+Spiele--ihr nennt es Zeitvertreib--sahest zu der Betrügerin, wie sie
+ihren Günstling mit kleinen Glückskarten lockte, bis er warm ward,
+aufstand, die Bank forderte--und ihn jetzt im Wurf der Verzweiflung
+verließ--O mein Gemahl! du gehst nicht hin, dich den Genuesern zu
+zeigen und angebetet zu werden. Republikaner aus ihrem Schlaf
+aufzujagen, das Roß an seine Hufe zu mahnen, ist kein Spaziergang,
+Fiesco. Traue diesen Rebellen nicht. Die Klugen, die dich
+aufhetzten, fürchten dich. Die Dummen, die dich vergötterten, nützen
+dir wenig, und wo ich hinsehe ist Fiesco verloren.
+
+Fiesco (mit starken Schritten im Zimmer). Kleinmuth ist die höchste
+Gefahr. Größe will auch ein Opfer haben.
+
+Leonore. Größe, Fiesco?--Daß dein Genie meinem Herzen so übel will!
+--Sieh! Ich vertraue deinem Glück, du siegst, will ich sagen--Weh
+dann mir Ärmsten meines Geschlechts! Unglückselig, wenn es mißlingt!
+wenn es glückt, unglückseliger! Hier ist keine Wahl, mein Geliebter!
+Wenn er den Herzog verfehlt, ist Fiesco verloren. Mein Gemahl ist
+hin, wenn ich den Herzog umarme.
+
+Fiesco. Das verstehe ich nicht.
+
+Leonore. Doch, mein Fiesco! In dieser stürmischen Zone des Throns
+verdorret das zarte Pflänzchen der Liebe. Das Herz eines Menschen,
+und wär' auch selbst Fiesco der Mensch, ist zu enge für zwei
+allmächtige Götter--Götter, die sich so gram sind. Liebe hat Thränen,
+und kann Thränen verstehen; Herrschsucht hat eherne Augen, worin
+ewig nie die Empfindung perlt--Liebe hat nur ein Gut, thut Verzicht
+auf die ganze übrige Schöpfung: Herrschsucht hungert beim Raube der
+ganzen Natur--Herrschsucht zertrümmert die Welt in ein rasselndes
+Kettenhaus, Liebe träumt sich in jede Wüste Elysium.--Wolltest du
+jetzt an meinem Busen dich wiegen, pochte ein störriger Vasalle an
+dein Reich--Wollt' ich jetzt in deine Arme mich werfen, hörte deine
+Despotenangst einen Mörder aus den Tapeten hervorrauschen und jagte
+dich flüchtig von Zimmer zu Zimmer. Ja, der großäugige Verdacht
+steckte zuletzt auch die häusliche Eintracht an--Wenn deine Leonore
+dir jetzt einen Labetrank brächte, würdest du den Kelch mit
+Verzuckungen wegstoßen und die Zärtlichkeit eine Giftmischerin
+schelten.
+
+Fiesco (bleibt mit Entsetzen stehen). Leonore, hör auf! Das ist
+eine häßliche Vorstellung-Leonore. Und doch ist das Gemälde nicht
+fertig. Ich würde sagen, opfre die Liebe der Größe, opfre die
+Ruhe--wenn nur Fiesco noch bleibt--Gott! das ist Radstoß!--Selten
+stiegen Engel auf den Thron, seltner herunter. Wer keinen Menschen
+zu fürchten braucht, wird er sich eines Menschen erbarmen? Wer an
+jeden Wunsche einen Donnerkeil heften kann, wird er für nöthig finden,
+ihm ein sanftes Wörtchen zum Geleite zu geben? (Sie hält inne, dann
+tritt sie bescheiden zu ihm und faßt seine Hand; mit feinster
+Bitterkeit.) Fürsten, Fiesco? diese mißrathenen Projecte der
+wollenden und nicht könnenden Natur--sitzen so gern zwischen
+Menschheit und Gottheit nieder;--heillose Geschöpfe! schlechtere
+Schöpfer!
+
+Fiesco (stürzt sich beunruhigt durchs Zimmer). Leonore, hör' auf!
+Die Brücke ist hinter mir abgehoben-Leonore (blickt ihn schmachtend
+an). Und warum, mein Gemahl? Nur Thaten sind nicht mehr zu tilgen.
+(Schmelzend zärtlich und etwas schelmisch.) Ich hörte dich wohl einst
+schwören, meine Schönheit habe alle deine Entwürfe gestürzt--du hast
+falsch geschworen, du Heuchler, oder sie hat frühzeitig
+abgeblüht--Frage dein Herz, wer ist schuldig? (Feuriger, indem sie
+ihn mit beiden Armen umfaßt.) Komm zurücke! Ermanne dich! Entsage!
+Die Liebe soll dich entschädigen. Kann mein Herz deinen ungeheuren
+Hunger nicht stillen--o Fiesco! das Diadem wird noch ärmer sein.
+--(Schmeichelnd.) Komm! ich will alle deine Wünsche auswendig lernen,
+will alle Zauber der Natur in einen Kuß der Liebe zusammenschmelzen,
+den erhabenen Flüchtling ewig in diesen himmlischen Banden zu
+halten--dein Herz ist unendlich--auch die Liebe ist es, Fiesco.
+(Schmelzend.) Ein armes Geschöpf glücklich zu machen--ein Geschöpf,
+das seinen Himmel an deinem Busen lebt--sollte das eine Lücke in
+deinem Herzen lassen?
+
+Fiesco (durch und durch erschüttert). Leonore, was hast du gemacht?
+(Er fällt ihr kraftlos um den Hals.) Ich werde keinem Genueser mehr
+unter die Augen treten-Leonore (freudig rasch). Laß uns fliehen,
+Fiesco, laß in den Staub uns werfen all diese prahlenden Nichts, laß
+in romantischen Fluren ganz der Liebe uns leben! (Sie drückt ihn an
+ihr Herz mit schöner Entzückung.) Unsre Seelen, klar, wie über uns
+das heitre Blau des Himmels, nehmen dann den schwarzen Hauch des
+Grams nicht mehr an--Unser Leben rinnt dann melodisch wie die
+flötende Quelle zum Schöpfer--(Man hört den Kanonenschuß. Fiesco
+springt los. Alle Verschwornen treten in den Saal.)
+
+
+
+Fünfzehnter Auftritt
+
+
+Verschworne. Die Zeit ist da!
+
+Fiesco (zu Leonoren, fest). Lebe wohl! Ewig--oder Genua liegt
+morgen zu deinen Füßen. (Will fortstürzen.)
+
+Bourgognino (schreit). Die Gräfin sinkt um. (Leonore in Ohnmacht.
+Alle springen hin, sie zu halten. Fiesco vor ihr niedergeworfen.)
+
+Fiesco (mit schneidendem Ton). Leonore! Rettet! um Gotteswillen!
+Rettet! (Rosa, Bella kommen, sie zurecht zu bringen.) Sie schlägt
+die Augen auf--(Er springt entschlossen in die Höh'.) Jetzt
+kommt--sie dem Doria zuzudrücken. (Verschworne stürzen zum Saal
+hinaus. Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+
+Nach Mitternacht.--Große Straße in Genua--Hie und da leuchten Lampen
+an einigen Häusern, die nach und nach auslöschen--Im Hintergrund der
+Bühne sieht man das Thomasthor, das noch geschlossen ist. In
+perspectivischer Ferne die See.--Einige Menschen gehen mit
+Handlaternen über den Platz, darauf die Runde und Patrouille--Alles
+ist ruhig. Nur das Meer wallt etwas ungestüm.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+
+Fiesco kommt gewaffnet und bleibt vor dem Palast des Andreas Doria
+stehen. Darauf Andreas.
+
+Fiesco. Der Alte hat Wort gehalten--im Palast alle Lichter aus. Die
+Wachen sind fort. Ich will läuten. (Läutet.) He! holla! Wach' auf,
+Doria! Verrathner, verkaufter Doria, wach' auf! Holla! Holla!
+Holla! Wach' auf!
+
+Andreas (erscheint auf dem Altane). Wer zog die Glocke?
+
+Fiesco (mit veränderter Stimme). Frage nicht! Folge! Dein Stern
+geht unter, Herzog, Genua steht auf wider dich! Nahe sind deine
+Henker, und du kannst schlafen, Andreas?
+
+Andreas (mit Ehre). Ich besinne mich, wie die zürnende See mit
+meiner Bellona zankte, daß der Kiel krachte und der oberste Mast
+brach--Andreas Doria schlief sanft. Wer schickt die Henker?
+
+Fiesco. Ein Mann, furchtbarer als deine zürnende See, Johann Ludwig
+Fiesco.
+
+Andreas (lacht). Du bist bei Laune, Freund. Bring deine Schwänke
+bei Tag. Mitternacht ist eine ungewöhnliche Stunde.
+
+Fiesco. Du höhnst deinen Warner?
+
+Andreas. Ich dank' ihm und geh zu Bette. Fiesco hat sich schläfrig
+geschwelgt und hat keine Zeit für Doria übrig.
+
+Fiesco. Unglücklicher alter Mann--traue der Schlange nicht! Sieben
+Farben ringen auf ihrem spiegelnden Rücken--du nahst--und gählings
+schnürt dich der tödliche Wirbel. Den Wink eines Verräthers
+verlachtest du. Verlache den Rath eines Freundes nicht. Ein Pferd
+steht gesattelt in deinem Hof. Fliehe bei Zeit! Verlache den Freund
+nicht!
+
+Andreas. Fiesco denkt edel. Ich hab' ihn niemal beleidigt, und
+Fiesco verräth mich nicht.
+
+Fiesco. Denkt edel, verräth dich, und gab dir Proben von Beidem.
+
+Andreas. So steht eine Leibwache da, die kein Fiesco zu Boden wirft,
+wenn nicht Cherubim unter ihm dienen.
+
+Fiesco (hämisch). Ich möchte sie sprechen, einen Brief in die
+Ewigkeit zu bestellen.
+
+Andreas (groß). Armer Spötter, hast du nie gehört, daß Andreas Doria
+Achtzig alt ist, und Genua--glücklich? (Er verläßt die Altane.)
+
+Fiesco (blickt ihm erstaunt nach). Mußt' ich diesen Mann erst
+stürzen, eh' ich lerne, daß es schwerer ist, ihm zu gleichen? (Er
+geht einige Schritte tiefsinnig auf und nieder.) Nun, ich machte
+Größe mit Größe wett--Wir sind fertig, Andreas, und nun, Verderben,
+gehe deinen Gang.
+
+(Er eilt in die hinterste Gasse--Trommeln tönen von allen Enden.
+Scharfes Gefecht am Thomasthor. Das Thor wird gesprengt und öffnet
+die Aussicht in den Hafen, worin Schiffe liegen, mit Fackeln
+erleuchtet.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+
+Gianettino Doria in einen Scharlachmantel geworfen. Lomellin.
+Bediente voraus mit Fackeln. Alle hastig.
+
+Gianettino (steht still). Wer befahl, Lärmen zu schlagen?
+
+Lomellin. Auf den Galeeren krachte eine Kanone.
+
+Gianettino. Die Sklaven werden ihre Ketten reißen. (Schüsse am
+Thomasthor.)
+
+Lomellin. Feuer dort!
+
+Gianettino. Thor offen! Wachen in Aufruhr! (Zu den Bedienten.)
+Hurtig, Schurken! Leuchtet dem Hafen zu! (Eilen gegen das Thor.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+
+Vorige. Bourgognino mit Verschwornen, die vom Thomasthor kommen.
+
+Bourgognino. Sebastian Lescaro ist ein wackrer Soldat.
+
+Zenturione. Wehrte sich wie ein Bär, bis er niederfiel.
+
+Gianettino (tritt bestürzt zurück). Was hör' ich da?--Haltet!
+
+Bourgognino. Wer dort mit dem Flambeau?
+
+Lomellin. Es sind Feinde, Prinz! Schleichen Sie links weg.
+
+Bourgognino (ruft hitzig an). Wer da mit dem Flambeau?
+
+Zenturione. Steht! Eure Losung!
+
+Gianettino (zieht das Schwert, trotzig). Unterwerfung und Doria.
+
+Bourgognino (schäumend, fürchterlich). Räuber der Republik und
+meiner Braut! (Zu den Verschwornen, indem er auf Gianettino stürzt.)
+Ein Gang Profit, Brüder! Seine Teufel liefern ihn selbst aus. (Er
+stößt ihn nieder.)
+
+Gianettino (fällt mit Gebrüll). Mord! Mord! Mord! Räche mich,
+Lomellin!
+
+Lomellin. Bediente (fliehend). Hilfe! Mörder! Mörder!
+
+Zenturione (ruft mit starker Stimme). Er ist getroffen. Haltet den
+Grafen auf! (Lomellin wird gefangen.)
+
+Lomellin (knieend). Schont meines Lebens, ich trete zu euch über!
+
+Bourgognino. Lebt dieses Unthier noch? Die Memme mag fliehen.
+(Lomellin entwischt.)
+
+Zenturione. Thomasthor unser! Gianettino kalt! Rennt, was ihr
+rennen könnt! Sagt's dem Fiesco an!
+
+Gianettino (bäumt sich krampfig in die Höh). Pest! Fiesco--(Stirbt.)
+
+Bourgognino (reißt den Stahl aus dem Leichnam). Genua frei und meine
+Bertha--Dein Schwert, Zenturione. Dies blutige bringst du meiner
+Braut. Ihr Kerker ist gesprengt. Ich werde nachkommen und ihr den
+Brautkuß gegen. (Eilen ab zu verschiedenen Straßen.)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+
+Andreas Doria. Deutsche.
+
+Deutscher. Der Sturm zog sich dorthin. Werft Euch zu Pferd, Herzog.
+
+Andreas. Laß mich noch einmal Genuas Thürme schauen und den Himmel!
+Nein, es ist kein Traum, und Andreas ist verrathen.
+
+Deutscher. Feinde um und um! Fort! Flucht über die Grenze!
+
+Andreas (wirft sich auf den Leichnam seines Neffen). Hier will ich
+enden. Rede Keiner von Fliehen. Hier liegt die Kraft meines Alters.
+Meine Bahn ist aus. (Calcagno fern mit Verschwornen.)
+
+Deutscher. Mörder dort! Mörder! Flieht, alter Fürst!
+
+Andreas (da die Trommeln wieder anfangen). Höret, Ausländer! Höret!
+das sind die Genueser, deren Joch ich brach. (Verhüllt sich.)
+Vergilt man auch so in Eurem Lande?
+
+Deutscher. Fort! Fort! Fort! indeß unsre deutschen Knochen
+Scharten in ihre Klingen schlagen. (Calcagno näher.)
+
+Andreas. Rettet euch! Laßt mich! Schreckt Nationen mit der
+Schauerpost: die Genueser erschlugen ihren Vater-Deutscher. Mord!
+Zum Erschlagen hat's noch Weile--Kameraden, steht! Nehmt den Herzog
+in die Mitte! (Ziehen.) Peitscht diesen welschen Hunden Respect vor
+einem Graukopf ein-Calcagno (ruft an). Wer da? Was gibt's da?
+
+Deutsche (hauen ein). Deutsche Hiebe! (Gehen fechtend ab.
+Gianettinos Leichnam wird hinweggebracht.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+
+Leonore in Mannskleidern. Arabella hinter ihr her. Beide schleichen
+ängstlich hervor.
+
+Arabella. Kommen Sie, gnädige Frau, o kommen Sie doch-Leonore. Da
+hinaus wüthet der Aufruhr--Horch! war das nicht eines Sterbenden
+Ächzen?--Weh! sie umzingeln ihn--Auf Fiescos Herz deuten ihre
+gähnenden Rohre--Auf das meinige, Bella--Sie drücken ab--Haltet!
+haltet! Es ist mein Gemahl! (Wirft ihre Arme schwärmend in die Luft.)
+
+Arabella. Aber um Gotteswillen-Leonore (immer wilder phantasierend,
+nach allen Gegenden schreiend). Fiesco!--Fiesco!--Fiesco!--Sie
+weichen hinter ihm ab, seine Getreuen--Rebellentreue ist wankend.
+(Heftig erschrocken.) Rebellen führt mein Gemahl? Bella? Himmel?
+Ein Rebell kämpft mein Fiesco?
+
+Arabella. Nicht doch, Signora, als Genuas furchtbarer Schiedsmann.
+
+Leonore (aufmerksam). Das wäre Etwas--und Leonore hätte gezittert?
+Den ersten Republikaner umarmte die feigste Republikanerin?--Geh,
+Arabella--wenn die Männer um Länder sich messen, dürfen auch die
+Weiber sich fühlen. (Man fängt wieder an zu trommeln.) Ich werfe
+mich unter die Kämpfer.
+
+Arabella (schlägt die Hände zusammen). Barmherziger Himmel!
+
+Leonore. Sachte! Woran stößt sich mein Fuß? Hier ist ein Hut und
+ein Mantel. Ein Schwert liegt dabei. (Sie wägt es.) Ein schweres
+Schwert, meine Bella; doch schleppen kann ich's noch wohl, und das
+Schwert macht seinem Führer nicht Schande. (Man läutet Sturm.)
+
+Arabella. Hören Sie? hören Sie? das wimmert vom Thurm der
+Dominicaner. Gott erbarme! wie fürchterlich!
+
+Leonore (schwärmend). Sprich, wie entzückend! In dieser Sturmglocke
+spricht mein Fiesco mit Genua. (Man trommelt stärker.) Hurrah!
+Hurrah! Nie klangen mir Flöten so süß--Auch diese Trommeln belebe
+mein Fiesco--Wie mein Herz höher wallt! Ganz Genua wird
+munter--Miethlinge hüpfen hinter seinem Namen, und sein Weib sollte
+zaghaft thun? (Es stürmt auf drei andern Thürmen.) Nein! Eine
+Heldin soll mein Held umarmen--Mein Brutus soll eine Römerin umarmen.
+(Sie setzt den Hut auf und wirft den Scharlach um.) Ich bin Porcia.
+
+Arabella. Gnädige Frau, Sie wissen nicht, wie entsetzlich Sie
+schwärmen. Nein, das wissen Sie nicht. (Sturmläuten und Trommeln.)
+
+Leonore. Elende, die du Das alles hörst und nicht schwärmst! Weinen
+möchten diese Quader, daß sie die Beine nicht haben, meinem Fiesco
+zuzuspringen--Diese Paläste zürnen über ihren Meister, der sie so
+fest in die Erde zwang, daß sie meinem Fiesco nicht zuspringen
+können--Die Ufer, könnten sie's, verließen ihre Pflicht, gäben Genua
+dem Meere Preis und tanzten hinter seiner Trommel--Was den Tod aus
+seinen Windeln rüttelt, kann deinen Muth nicht wecken? Geh!--Ich
+finde meinen Weg.
+
+Arabella. Großer Gott! Sie werden doch diese Grille nicht wahr
+machen wollen?
+
+Leonore (stolz und heroisch). Das sollt' ich meinen, du
+Alberne--(Feurig.) Wo am wildesten das Getümmel wüthet, wo in Person
+mein Fiesco kämpft--Ist das Lavagna? hör' ich sie fragen--den Niemand
+bezwingen kann, der um Genua eiserne Würfel schwingt, ist das
+Lavagna?--Genueser! Er ist's, werd' ich sagen, und dieser Mann ist
+mein Gemahl, und ich hab' auch eine Wunde. (Sacco mit Verschwornen.)
+
+Sacco (ruft an). Wer da? Doria oder Fiesco?
+
+Leonore (begeistert). Fiesco und Freiheit! (Sie wirft sich in eine
+Gasse. Auflauf. Bella wird weggedrängt.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+
+Sacco mit einem Haufen. Calcagno begegnet ihm mit einem andern.
+
+Calcagno. Andreas Doria ist entflohen.
+
+Sacco. Deine schlechteste Empfehlung bei Fiesco.
+
+Calcagno. Bären, die Deutschen! pflanzten sich vor den Alten wie
+Felsen. Ich kriegte ihn gar nicht zu Gesicht. Neun von den Unsern
+sind fertig. Ich selbst bin am linken Ohrlappen gestreift. Wenn sie
+das fremden Tyrannen thun, alle Teufel! wie müssen sie ihre Fürsten
+bewachen!
+
+Sacco. Wir haben schon starken Anhang, und alle Thore sind unser.
+
+Calcagno. Auf der Burg, hör' ich, fechten sie scharf.
+
+Sacco. Bourgognino ist unter ihnen. Was schafft Verrina?
+
+Calcagno. Liegt zwischen Genua und dem Meer, wie der höllische
+Kettenhund, daß kaum ein Anchove durch kann.
+
+Sacco. Ich lass' in der Vorstadt stürmen.
+
+Calcagno. Ich marschiere über die Piazza Sarzana. Rühr dich,
+Tambour! (Ziehen unter Trommelschlag weiter.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+
+Der Mohr. Ein Trupp Diebe mit Lunten.
+
+Mohr. Daß ihr's wißt, Schurken! Ich war der Mann, der diese Suppe
+einbrockte--Mir gibt man keinen Löffel. Gut. Die Hatz ist mir eben
+recht. Wir wollen eins anzünden und plündern. Die drüben baxen sich
+um ein Herzogthum, wir heizen die Kirchen ein, daß die erfrornen
+Apostel sich wärmen.
+
+(Werfen sich in die umliegenden Häuser.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+
+Bourgognino. Bertha verkleidet.
+
+Bourgognino. Hier ruhe aus, lieber Kleiner. Du bist in Sicherheit.
+Blutest du?
+
+Bertha (die Sprache verändert). Nirgends.
+
+Bourgognino (lebhaft). Pfui, so steh auf! Ich will dich hinführen,
+wo man Wunden für Genua erntet--Schön, siehst du? wie diese. (Er
+streift seinen Arm auf.)
+
+Bertha (zurückfahrend). O Himmel!
+
+Bourgognino. Du erschrickst? Niedlicher Kleiner, zu früh eiltest du
+in den Mann--Wie alt bist du?
+
+Bertha. Fünfzehn Jahr.
+
+Bourgognino. Schlimm! Für diese Nacht fünf Jahre zu zärtlich--Den
+Vater?
+
+Bertha. Der beste Bürger in Genua.
+
+Bourgognino. Gemach, Knabe! Das ist nur Einer, und seine Tochter
+ist meine verlobte Braut. Weißt du das Haus des Verrina?
+
+Bertha. Ich dächte.
+
+Bourgognino (rasch). Und kennst seine göttliche Tochter?
+
+Bertha. Bertha heißt seine Tochter.
+
+Bourgognino (hitzig). Gleich geh und überliefre ihr diesen Ring. Er
+gelte den Trauring, sagst du, und der blaue Busch halte sich brav.
+Jetzt fahre wohl! Ich muß dorthin. Die Gefahr ist noch nicht aus.
+(Einige Häuser brennen.)
+
+Bertha (ruft ihm nach mit sanfter Stimme). Scipio!
+
+Bourgognino (steht betroffen still). Bei meinem Schwert! Ich kenne
+die Stimme.
+
+Bertha (fällt ihm um den Hals). Bei meinem Herzen! Ich bin hier
+sehr bekannt.
+
+Bourgognino (schreit). Bertha! (Sturmläuten in der Vorstadt.
+Auflauf. Beide verlieren sich in einer Umarmung.)
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+
+Fiesco tritt hitzig auf. Zibo. Gefolge.
+
+Fiesco. Wer warf das Feuer ein?
+
+Zibo. Die Burg ist erobert.
+
+Fiesco. Wer warf das Feuer ein?
+
+Zibo (winkt dem Gefolge). Patrouillen nach dem Thäter! (Einige
+gehen.)
+
+Fiesco (zornig). Wollen sie mich zum Mordbrenner machen? Gleich
+eilt mit Spritzen und Eimern! (Gefolge ab.) Aber Gianettino ist doch
+geliefert?
+
+Zibo. So sagt man.
+
+Fiesco (wild). Sagt man nur? Wer sagt das nur? Zibo, bei Ihrer
+Ehre, ist er entronnen?
+
+Zibo (bedenklich). Wenn ich meine Augen gegen die Aussagen eines
+Edelmanns setzen kann, so lebt Gianettino.
+
+Fiesco (auffahrend). Sie reden sich um den Hals, Zibo!
+
+Zibo. Noch einmal--Ich sah ihn vor acht Minuten lebendig in gelbem
+Busch und Scharlach herumgehn.
+
+Fiesco (außer Fassung). Himmel und Hölle--Zibo!--den Bourgognino
+lass' ich um einen Kopf kürzer machen. Fliegen Sie, Zibo--Man soll
+alle Stadtthore sperren--alle Felouquen soll man zu Schanden
+schießen--so kann er nicht zu Wasser davon--diesen Demant, Zibo, den
+reichsten in Genua, Lucca, Venedig und Pisa,--wer mir die Zeitung
+bringt: Gianettino ist todt--er soll diesen Demant haben. (Zibo eilt
+ab.) Fliegen Sie, Zibo!
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+
+Fiesco. Sacco. Der Mohr. Soldaten.
+
+Sacco. Den Mohren fanden wie eine brennende Lunte in den Jesuiterdom
+werfen-Fiesco. Deine Verrätherei ging dir hin, weil sie mich traf.
+Auf Mordbrennereien steht der Strick. Führt ihn gleich ab, hängt ihn
+am Kirchthor auf.
+
+Mohr. Pfui! Pfui! Pfui! Das kommt mir ungeschickt--Läßt sich
+nichts davon wegplaudern?
+
+Fiesco. Nichts.
+
+Mohr (vertraulich). Schickt mich einmal zur Prob auf die Galeere.
+
+Fiesco (winkt den Andern). Zum Galgen.
+
+Mohr (trotzig). So will ich ein Christ werden!
+
+Fiesco. Die Kirche bedankt sich für die Blattern des Heidenthums.
+
+Mohr (schmeichelnd). Schickt mich wenigstens besoffen in die
+Ewigkeit.
+
+Fiesco. Nüchtern.
+
+Mohr. Aber hängt mich nur an keine christliche Kirche.
+
+Fiesco. Ein Ritter hält Wort. Ich versprach dir deinen eigenen
+Galgen.
+
+Sacco (brummt). Nicht viel Federlesens, Heide! Man hat noch mehr zu
+thun.
+
+Mohr. Doch--wenn halt allenfalls--der Strick bräche?-Fiesco (zum
+Sacco). Man wird ihn doppelt nehmen.
+
+Mohr (resigniert). So mag's sein--und der Teufel kann sich auf den
+Extrafall rüsten. (Ab mit Soldaten, die ihn in einiger Entfernung
+aufhenken.)
+
+
+
+Eilfter Auftritt
+
+
+Fiesco. Leonore erscheint hinten im Scharlachrock Gianettinos.
+
+Fiesco (wird sie gewahr, fährt vor, fährt zurück und murmelt grimmig).
+Kenn' ich nicht diesen Busch und Mantel? (Eilt näher, heftig.) Ich
+kenne den Busch und Mantel! (Wüthend, indem er auf sie losstürzt und
+sie niederstößt.) Wenn du drei Leben hast, so steh wieder auf und
+wandle! (Leonore fällt mit einem gebrochenen Laut. Man hört einen
+Siegesmarsch. Trommeln, Hörner und Hoboen.)
+
+
+
+Zwölfter Auftritt
+
+
+Fiesco. Calcagno. Sacco. Zenturione. Zibo. Soldaten mit Musik
+und Fahnen treten auf.
+
+Fiesco (ihnen entgegen im Triumph). Genueser--der Wurf ist
+geworfen--Hier liegt er, der Wurm meiner Seele--die gräßliche Kost
+meines Hasses. Hebet die Schwerter hoch!--Gianettino!
+
+Calcagno. Und ich komme, Ihnen zu sagen, daß zwei Drittheile von
+Genua Ihre Partei ergreifen und zu Fieskischen Fahnen schwören-Zibo.
+Und durch mich schickt Ihnen Verrina vom Admiralschiff seinen Gruß
+und die Herrschaft über Hafen und Meer-Zenturione. Und durch mich
+der Gouverneur der Stadt seinen Commandostab und die Schlüssel-Sacco.
+Und in mir wirft sich (indem er niederfällt) der große und kleine
+Rath der Republik knieend vor seinen Herrn und bittet fußfällig um
+Gnade und Schonung-Calcagno. Mich laßt den Ersten sein, der den
+großen Sieger in seinen Mauern willkommen heißt--Heil Ihnen--Senket
+die Fahnen tief!--Herzog von Genua!
+
+Alle (nehmen die Hüte ab). Heil, Heil dem Herzog von Genua!
+(Fahnenmarsch.)
+
+Fiesco (stand die ganze Zeit über, den Kopf auf die Brust gesunken,
+in einer denkenden Stellung.)
+
+Calcagno. Volk und Senat stehen wartend, ihren gnädigen Oberherrn im
+Fürstenornat zu begrüßen--Erlauben Sie uns, durchlauchtigster Herzog,
+Sie im Triumph nach der Signoria zu führen.
+
+Fiesco. Erlaubt mir erst, daß ich mit meinem Herzen mich
+abfinde--Ich mußte eine gewisse theure Person in banger Ahnung
+zurücklassen, eine Person, die die Glorie dieser Nacht mit mir
+theilen wird. (Gerührt zur Gesellschaft.) Habt die Güte und
+begleitet mich zu eurer liebenswürdigen Herzogin! (Er will
+aufbrechen.)
+
+Calcagno. Soll der meuchelmörderische Bube hier liegen und seine
+Schande in diesem Winkel verhehlen?
+
+Zenturione. Steckt seinen Kopf auf eine Hellebarde!
+
+Zibo. Laßt seinen zerrissenen Rumpf unser Pflaster kehren. (Man
+leuchtet gegen den Leichnam.)
+
+Calcagno (erschrocken und etwas leise). Schaut her, Genueser! Das
+ist bei Gott kein Gianettinogesicht. (Alle sehen starr auf die
+Leiche.)
+
+Fiesco (hält still, wirft von der Seite einen forschenden Blick
+darauf, den er starr und langsam unter Verzerrungen zurückzieht).
+Nein, Teufel--Nein, das ist kein Gianettinogesicht, hämischer Teufel!
+(Die Augen herumgerollt.) Genua mein, sagt ihr? Mein--(Hinauswüthend
+in einem gräßlichen Schrei.) Spiegelfechterei der Hölle! Es ist mein
+Weib! (Sinkt durchdonnert zu Boden. Verschworne stehen in todter Pause
+und schauervollen Gruppen.)
+
+Fiesco (matt aufgerichtet mit dumpfer Stimme). Hab' ich mein Weib
+ermordet, Genueser?--Ich beschwöre euch, schielt nicht so
+geisterbleich auf dieses Spiel der Natur--Gott sei gelobt! Es gibt
+Schicksale, die der Mensch nicht zu fürchten hat, weil er nur Mensch
+ist. Wem Götterwollust versagt ist, wird keine Teufelqual
+zugemuthet--Diese Verirrung wäre etwas mehr. (Mit schrecklicher
+Beruhigung.) Genueser, Gott sei Dank! Es kann nicht sein.
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+
+Vorige. Arabella kommt jammernd.
+
+Arabella. Mögen sie mich umbringen, was hab' ich auch jetzt noch zu
+verlieren?--Habt Erbarmen, ihr Männer--Hier verließ ich meine gnädige
+Frau, und nirgends find' ich sie wieder.
+
+Fiesco (tritt ihr näher mit leiser bebender Stimme). Leonore heißt
+deine gnädige Frau?
+
+Arabella (froh). O daß Sie da sind, mein liebster, guter, gnädiger
+Herr!--Zürnen Sie nicht über uns, wir konnten sie nicht mehr
+zurückhalten.
+
+Fiesco (zürnt sie dumpfig an). Du Verhaßte! von was nicht?
+
+Arabella. Daß sie nicht nachsprang-Fiesco (heftiger). Schweig!
+wohin sprang?
+
+Arabella. Ins Gedränge-Fiesco (wüthend). Daß deine Zunge zum
+Krokodil würde--Ihre Kleider?
+
+Arabella. Ein scharlachner Mantel-Fiesco (rasend gegen sie taumelnd).
+Geh in den neunten Kreis der Hölle!--der Mantel?
+
+Arabella. Lag hier am Boden-Einige Verschworne (murmelnd). Gianettino
+ward hier ermordet-Fiesco (todesmatt zurückwankend zu Arabella). Deine
+Frau ist gefunden. (Arabella geht angstvoll. Fiesco sucht mit
+verdrehten Augen im ganzen Kreis herum, darauf mit leiser, schwebender
+Stimme, die stufenweis bis zum Toben steigt.) Wahr ist's--wahr--und
+ich das Stichblatt des unendlichen Bubenstücks. (Viehisch um sich
+hauend.) Tretet zurück, ihr menschlichen Gesichter--Ah, (mit frechem
+Zähnblecken gen Himmel) hätt' ich nur seinen Weltbau zwischen diesen
+Zähnen--Ich fühle mich aufgelegt, die ganze Natur in ein grinsendes
+Scheusal zu zerkratzen, bis sie aussieht wie mein Schmerz--(Zu den
+Andern, die bebend herumstehen.) Mensch!--wie es jetzt dasteht, das
+erbärmliche Geschlecht, sich segnet und selig preist, daß es nicht ist
+wie ich--Nicht wie ich! (In hohles Beben hinabgefallen.) Ich allein
+habe den Streich--(Rascher, wilder.) Ich? Warum ich? Warum nicht mit
+mir auch diese? Warum soll sich mein Schmerz am Schmerz eines
+Mitgeschöpfs nicht stumpf reiben dürfen?
+
+Calcagno (furchtsam). Mein theurer Herzog-Fiesco (dringt auf ihn ein
+mit gräßlicher Freude). Ah, willkommen! Hier, Gott sei Dank! ist
+Einer, den auch dieser Donner quetschte! (Indem er den Calcagno
+wüthend in seine Arme drückt.) Bruder Zerschmettert! Wohl bekomm die
+Verdammniß! Sie ist todt! Du hat sie auch geliebt! (Er zwingt ihn
+an den Leichnam und drückt ihm den Kopf dagegen.) Verzweifle! Sie
+ist todt! (Den stieren Blick in einen Winkel geheftet.) Ah, daß ich
+stünde am Thor der Verdammniß, hinunterschauen dürfte mein Aug auf
+die mancherlei Folterschrauben der sinnreichen Hölle, saugen mein Ohr
+zerknirschter Sünder Gewinsel--Könnt' ich sie sehen, meine Qual, wer
+weiß, ich trüge sie vielleicht? (Mit Schauern zur Leiche gehend.)
+Mein Weib liegt hier ermordet--Nein, das will wenig sagen
+(Nachdrücklicher.) Ich, der Bube, habe mein Weib ermordet--O pfui, so
+etwas kann die Hölle kaum kitzeln--Erst wirbelt sie mich künstlich
+auf der Freude letztes glättestes Schwindeldach, schwätzt mich bis an
+die Schwelle des Himmels--und dann hinunter--dann--o könnte mein Odem
+die Pest unter Seelen blasen--dann--dann ermord' ich mein Weib--Nein,
+ihr Witz ist noch feiner--dann übereilen sich (verächtlich) zwei
+Augen, und (mir schrecklichem Nachdruck) ich--ermorde--mein Weib!
+(Beißend lächelnd.) Das ist das Meisterstück!
+
+(Alle Verschwornen hängen gerührt an ihren Waffen. Einige wischen
+Thränen aus den Augen. Pause.)
+
+Fiesco (erschöpft und stiller, indem er im Zirkel herumblickt).
+Schluchzt hier Jemand?--Ja, bei Gott, die einen Fürsten würgten,
+weinen. (In stillen Schmerz geschmolzen.) Redet! Weint ihr über
+diesen Hochverrath des Todes, oder weint ihr über meines Geistes
+Memmenfall? (In ernster, rührender Stellung vor der Todten
+verweilend.) Wo in warme Thränen felsenharte Mörder schmelzen, flucht
+Fiescos Verzweiflung! (Sinkt weinend an ihr nieder.) Leonore,
+vergib--Reue zürnt man dem Himmel nicht ab! (Weich mit Wehmuth.)
+Jahre voraus, Leonore, genoß ich das Fest jener Stunde, wo ich den
+Genuesern ihre Herzogin brächte--Wie lieblich verschämt sah ich schon
+deine Wangen erröthen, deinen Busen wie fürstlich schön unter dem
+Silberflor schwellen, wie angenehm deine lispelnde Stimme der
+Entzückung versagen (Lebhafter.) Ha! wie berauschend wallte mir schon
+der stolze Zuruf zu Ohren, wie spiegelte sich meiner Liebe Triumph im
+versinkenden Neide!--Leonore--die Stund' ist gekommen--Genuas Herzog
+ist dein Fiesco--und Genuas schlechtester Bettler besinnt sich, seine
+Verachtung an meine Qual und meinen Scharlach zu tauschen--(Rührender.)
+Eine Gattin theilt seinen Gram--mit wem kann ich meine Herrlichkeit
+theilen? (Er weint heftiger und verbirgt sein Gesicht an der Leiche.
+Rührung auf allen Gesichtern.)
+
+Calcagno. Es war eine treffliche Dame.
+
+Zibo. Daß man doch ja den Trauerfall dem Volk noch verschweige. Er
+nähme den Unsrigen den Muth und gäb' ihn den Feinden.
+
+Fiesco (steht gefaßt und fest auf). Höret, Genueser!--die Vorsehung,
+versteh' ich ihren Wink, schlug mir diese Wunde nur, mein Herz für
+die nahe Größe zu prüfen.--Es war die gewagteste Probe--jetzt fürcht'
+ich weder Qual, noch Entzücken mehr. Kommt! Genua erwarte mich,
+sagt ihr?--Ich will Genua einen Fürsten schenken, wie ihn noch kein
+Europäer sah--Kommt!--dieser unglücklichen Fürstin will ich eine
+Todtenfeier halten, daß das Leben seine Anbeter verlieren und die
+Verwesung wie eine Braut glänzen soll--Jetzt folgt eurem Herzog!
+(Gehen ab unter Fahnenmarsch.)
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt
+
+
+Andreas Doria. Lomellin.
+
+Andreas. Dort jauchzen sie hin.
+
+Lomellin. Ihr Glück hat sie berauscht. Die Thore sind bloßgegeben.
+Der Signoria wälzt sich Alles zu.
+
+Andreas. Nur an meinem Neffen scheute das Roß. Mein Neffe ist todt.
+Hören Sie, Lomellin-Lomellin. Was? noch? noch hoffen Sie, Herzog?
+
+Andreas (ernst). Zittre du für dein Leben, weil du mich Herzog
+spottest, wenn ich auch nicht einmal hoffen darf.
+
+Lomellin. Gnädigster Herr--eine brausende Nation liegt in der Schale
+Fiescos--Was in der Ihrigen?
+
+Andreas (groß und warm). Der Himmel!
+
+Lomellin (hämisch die Achsel zuckend). Seitdem das Pulver erfunden
+ist, campieren die Engel nicht mehr.
+
+Andreas. Erbärmlicher Affe, der einem verzweifelnden Graukopf seinen
+Gott noch nimmt! (Ernst und gebietend.) Geh! mache bekannt, daß
+Andreas noch lebe--Andreas, sagst du, ersuche seine Kinder, ihn doch
+in seinem achtzigsten Jahre nicht zu den Ausländern zu jagen, die dem
+Andreas den Flor seines Vaterlandes niemals verzeihen würden. Sag'
+ihnen das, und Andreas ersuche seine Kinder um so viel Erde in seinem
+Vaterland für so viel Gebeine.
+
+Lomellin. Ich gehorsame, aber verzweifle. (Will gehen.)
+
+Andreas. Höre! und nimm diese eisgraue Haarlocke mit--Sie war die
+letzte, sagst du, auf meinem Haupt und ging los in der dritten
+Jännernacht, als Genua losriß von meinem Herzen und habe achtzig
+Jahre gehalten und habe den Kahlkopf verlassen im achtzigsten
+Jahre--die Haarlocke ist mürbe! aber doch stark genug, dem schlanken
+Jüngling den Purpur zu knüpfen (Er geht ab mit verhülltem Gesicht.
+Lomellin eilt in eine entgegengesetzte Gasse. Man hört ein
+tumultuarisches Freudengeschrei unter Trompeten und Pauken.)
+
+
+
+Fünfzehnter Auftritt
+
+
+Verrina vom Hafen. Bertha und Bourgognino.
+
+Verrina. Man jauchzt. Wem gilt das?
+
+Bourgognino. Sie werden den Fiesco zum Herzog ausrufen.
+
+Bertha (schmiegt sich ängstlich an Bourgognino). Mein Vater ist
+fürchterlich, Scipio!
+
+Verrina. Laßt mich allein, Kinder--O Genua! Genua!
+
+Bourgognino. Der Pöbel vergöttert ihn und forderte wiehernd den
+Purpur. Der Adel sah mit Entsetzen zu und durfte nicht Nein sagen.
+
+Verrina. Mein Sohn, ich hab' alle meine Habseligkeiten zu Gold
+gemacht und auf dein Schiff bringen lassen. Nimm deine Frau und
+stich unverzüglich in See. Vielleicht werd' ich nachkommen.
+Vielleicht--nicht mehr. Ihr segelt nach Marseille, und (schwer und
+gepreßt sie umarmend)--Gott geleit' euch! (Schnell ab.)
+
+Bertha. Um Gotteswillen! Worüber brütet mein Vater?
+
+Bourgognino. Verstandst du den Vater?
+
+Bertha. Fliehen, o Gott! Fliehen in der Brautnacht!
+
+Bourgognino. So sprach er--und wir gehorchen. (Beide gehen nach dem
+Hafen.)
+
+
+
+Sechzehnter Auftritt
+
+
+Verrina. Fiesco im herzoglichen Schmuck. (Beide treffen auf
+einander.)
+
+Fiesco. Verrina! Erwünscht. Eben war und aus, dich zu suchen.
+
+Verrina. Das war auch mein Gang.
+
+Fiesco. Merkt Verrina keine Veränderung an seinem Freunde?
+
+Verrina (zurückhaltend). Ich wünsche keine.
+
+Fiesco. Aber siehst du auch keine?
+
+Verrina (ohne ihn anzusehen). Ich hoffe, nein!
+
+Fiesco. Ich frage, findest du keine!
+
+Verrina (nach einem flüchtigen Blick). Ich finde keine.
+
+Fiesco. Nun, siehst du, so muß es doch wahr sein, daß die Gewalt
+nicht Tyrannen macht. Seit wir uns Beide verließen, bin ich Genuas
+Herzog geworden, und Verrina (indem er ihn an die Brust drückt)
+findet meine Umarmung noch feurig wie sonst.
+
+Verrina. Desto schlimmer, daß ich sie frostig erwiedern muß; der
+Anblick der Majestät fällt wie ein schneidendes Messer zwischen mich
+und den Herzog! Johann Ludwig Fiesco besaß Länder in meinem
+Herzen--jetzt hat er Genua erobert, und ich nehme mein Eigenthum
+zurück.
+
+Fiesco (betreten). Das wolle Gott nicht! Für ein Herzogthum wäre
+der Preis zu jüdisch.
+
+Verrina (murmelt düster). Hum! Ist denn etwa die Freiheit in der
+Mode gesunken, daß man dem Ersten dem Besten Republiken um ein
+Schandengeld nachwirft.
+
+Fiesco (beißt die Lippen zusammen). Das sag du Niemand, als dem
+Fiesco.
+
+Verrina. O natürlich! Ein vorzüglicher Kopf muß es immer sein, von
+dem die Wahrheit ohne Ohrfeige wegkommt--Aber Schade! der
+verschlagene Spieler hat's nur in einer Karte versehen. Er
+calculierte das ganze Spiel des Neides, aber der raffinierte Witzling
+ließ zum Unglück die Patrioten aus. (Sehr bedeutend.) Hat der
+Unterdrücker der Freiheit auch einen Kniff auf die Züge der römischen
+Tugend zurückbehalten? Ich schwör' es beim lebendigen Gott, eh die
+Nachwelt meine Gebeine aus dem Kirchhof eines Herzogthums gräbt, soll
+sie sie auf dem Rade zusammenlesen!
+
+Fiesco (nimmt ihn mit Sanftmuth bei der Hand). Auch nicht, wenn der
+Herzog dein Bruder ist? wenn er sein Fürstenthum nur zur Schatzkammer
+seiner Wohlthätigkeit macht, die bis jetzt bei seiner haushälterischen
+Dürftigkeit betteln ging? Verrina, auch dann nicht?
+
+Verrina. Auch dann nicht--und der verschenkte Raub hat noch keinem
+Dieb von dem Galgen geholfen. Überdies ging diese Großmuth bei
+Verrina fehl. Meinem Mitbürger konnt' ich schon erlauben, mir Gutes
+zu thun--meinem Mitbürger hofft' ich es wett machen zu können. Die
+Geschenke eines Fürsten sind Gnade--und nur Gott ist mir gnädig.
+
+Fiesco (ärgerlich). Wollt ich doch lieber Italien vom Atlantermeer
+abreißen, als diesen Starrkopf von seinem Wahn.
+
+Verrina. Und abreißen ist doch sonst deine schlechteste Kunst nicht,
+davon weiß das Lamm Republik zu erzählen, das du dem Wolf Doria aus
+dem Rachen nahmst--es selbst aufzufressen.--Aber genug! Nur im
+Vorbeigehen, Herzog, sage mir, was verbrach denn der arme Teufel, den
+ihr am Jesuiterdom aufknüpftet?
+
+Fiesco. Die Canaille zündete Genua an.
+
+Verrina. Aber doch die Gesetze ließ die Canaille ganz?
+
+Fiesco. Verrina brandschatzt meine Freundschaft.
+
+Verrina. Hinweg mit der Freundschaft! ich sage dir ja, ich liebe
+dich nicht mehr; ich schwöre dir, daß ich dich hasse--hasse wie den
+Wurm des Paradieses, der den ersten falschen Wurf in der Schöpfung
+that, worunter schon das fünfte Jahrtausend blutet--Höre,
+Fiesco--nicht Unterthan gegen Herrn--nicht Freund gegen
+Freund--Mensch gegen Mensch red' ich zu dir. (Scharf und heftig.) Du
+hast eine Schande begangen an der Majestät des wahrhaftigen Gottes,
+daß du dir die Tugend die Hände zu deinem Bubenstück führen und
+Genuas Patrioten mit Genua Unzucht treiben ließest--Fiesco, wär' auch
+ich der Redlichdumme gewesen, den Schalk nicht zu merken, Fiesco! bei
+allen Schauern der Ewigkeit, einen Strick wollt' ich drehen aus
+meinen eigenen Gedärmen und mich erdrosseln, daß meine fliehende
+Seele im gichtrischen Schaumblasen dir zuspritzen sollte. Das
+fürstliche Schelmenstück drückt wohl die Goldwage menschlicher Sünden
+entzwei, aber du hast den Himmel geneckt, und den Prozeß wird das
+Weltgericht führen.
+
+(Fiesco erstaunt und sprachlos mißt ihn mit großen Augen.)
+
+Verrina. Besinne dich auf keine Antwort. Jetzt sind wir fertig.
+(Nach einigem Auf- und Niedergehen.) Herzog von Genua, auf den
+Schiffen des gestrigen Tyrannen lernt' ich eine Gattung armer
+Geschöpfe kennen, die eine verjährte Schuld mit jedem Ruderschlag
+wiederkäuen und in den Ocean ihre Thränen weinen, der wie ein reicher
+Mann zu vornehm ist, sie zu zählen--Ein guter Fürst eröffnet sein
+Regiment mit Erbarmen. Wolltest du dich entschließen, die
+Galeerensklaven zu erlösen?
+
+Fiesco (scharf). Sie seien die Erstlinge meiner Tyrannei--Geh und
+verkündige ihnen Allen Erlösung.
+
+Verrina. So machst du deine Sache nur halb, wenn du ihre Freude
+verlierst. Versuch' es und gehe selbst. Die großen Herren sind so
+selten dabei, wenn sie Böses thun; sollten sie auch das Gute im
+Hinterhalt stiften?--Ich dächte, der Herzog wäre für keines Bettlers
+Empfindung zu groß.
+
+Fiesco. Mann, du bist schrecklich, aber ich weiß nicht, warum ich
+folgen muß. (Beide gehen dem Meer zu.)
+
+Verrina (hält still, mit Wehmuth). Aber, noch einmal umarme mich,
+Fiesco! Hier ist ja Niemand, der den Verrina weinen sieht und einen
+Fürsten empfinden. (Er drückt ihn innig.) Gewiß, nie schlugen zwei
+größere Herzen zusammen; wir liebten uns doch so brüderlich
+warm--(Heftig an Fiescos Halse weinend.) Fiesco! Fiesco! du räumst
+einen Platz in meiner Brust, den das Menschengeschlecht, dreifach
+genommen, nicht mehr besetzen wird.
+
+Fiesco (sehr gerührt). Sei--mein--Freund!
+
+Verrina. Wirf diesen häßlichen Purpur weg, und ich bin's--Der erste
+Fürst war ein Mörder und führte den Purpur ein, die Flecken seiner
+That in dieser Blutfarbe zu verstecken--Höre, Fiesco--ich bin ein
+Kriegsmann, verstehe mich wenig auf nasse Wangen--Fiesco--das sind
+meine ersten Thränen--Wird diesen Purpur weg!
+
+Fiesco. Schweig!
+
+Verrina (heftiger). Fiesco--laß hier alle Kronen dieses Planeten zum
+Preis, dort zum Popanz all seine Foltern legen, ich soll knieen vor
+einem Sterblichen--ich werde nicht knieen--Fiesco! (indem er
+niederfällt) es ist mein erster Kniefall--Wirf diesen Purpur weg!
+
+Fiesco. Steh auf und reize mich nicht mehr!
+
+Verrina (entschlossen). Ich steh' auf, reize dich nicht mehr (Sie
+stehen an einem Brett, das zu einer Galeere führt.) Der Fürst hat den
+Vortritt. (Gehen über das Brett.)
+
+Fiesco. Was zerrst du mich so am Mantel?--er fällt!
+
+Verrina (mit fürchterlichem Hohn). Nun, wenn der Purpur fällt, muß
+auch der Herzog nach! (Er stürzt ihn ins Meer.)
+
+Fiesco (ruft aus den Wellen). Hilf, Genua! Hilf! Hilf deinem
+Herzog! (Sinkt unter.)
+
+
+
+Siebzehnter Auftritt
+
+
+Calcagno. Sacco. Zibo. Zenturione. Verschworne. Volk. (Alle
+eilig, ängstlich.)
+
+Calcagno (schreit). Fiesco! Fiesco! Andreas ist zurück, halb Genua
+springt dem Andreas zu. Wo ist Fiesco?
+
+Verrina (mit festem Ton). Ertrunken!
+
+Zenturione. Antwortet die Hölle oder das Tollhaus?
+
+Verrina. Ertränkt, wenn das hübscher lautet--Ich geh' zum Andreas.
+
+(Alle bleiben in starren Gruppen stehn. Der Vorhang fällt.)
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Die Verschwörung des Fiesco zu
+Genua", von Friedrich Schiller.
+
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE VERSCHWOERUNG DES FIESCO ZU GENUA ***
+
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+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
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+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
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+
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+ or other equivalent proprietary form).
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+ let us know your plans and to work out the details.
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+
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+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
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+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
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Binary files differ
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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