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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:27:41 -0700 |
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Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Die Verschwoerung des Fiesco zu Genua + +Author: Friedrich (Johann Christoph Friedrich von ) Schiller + +Release Date: September, 2004 [EBook #6499] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on December 22, 2002] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE VERSCHWOERUNG DES FIESCO ZU GENUA *** + + + + + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg +Projekt-DE. That project is reachable at the web site +http://gutenberg2000.de. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur +Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg2000.de erreichbar. + + + +Friedrich Schiller + + +Die Verschwörung des Fiesco zu Genua + +Ein republikanisches Trauerspiel. + + + + + +Nam id facinus inprimis ego memorabile existimo sceleris atque +periculi novitate. Sallust vom Catilina. + + + + +Vorrede. Die Geschichte dieser Verschwörung habe ich vorzüglich aus +des Cardinals von Retz Conjuration du Comte Jean Louis de Fiesque, +der Histoire des Conjurations, Histoire de Gènes und Robertsons +Geschichte Karls V.--dem dritten Theil--gezogen. Freiheiten, welche +ich mir mit den Begebenheiten herausnahm, wird der Hamburgische +Dramaturgist entschuldigen, wenn sie mir geglückt sind; sind sie das +nicht, so will ich doch lieber meine Phantasieen als Facta verdorben +haben. Die wahre Katastrophe des Komplotts, worin der Graf durch +einen unglücklichen Zufall am Ziel seiner Wünsche zu Grunde geht, +mußte durchaus verändert werden, denn die Natur des Dramas duldet den +Finger des Ohngefährs oder der unmittelbaren Vorsehung nicht. Es +sollte mich sehr wundern, warum noch kein tragischer Dichter in +diesem Stoffe gearbeitet hat, wenn ich nicht Grund genug in eben +dieser undramatischen Wendung fände. Höhere Geister sehen die zarten +Spinneweben einer That durch die ganze Dehnung des Weltsystems laufen +und vielleicht an die entlegensten Grenzen der Zukunft und +Vergangenheit anhängen--wo der Mensch nichts, als das in freien +Lüften schwebende Factum sieht. Aber der Künstler wählt für das +kurze Gesicht der Menschheit, die er belehren will, nicht für die +scharfsichtige Allmacht, von der er lernt. + +Ich habe in meinen Räubern das Opfer einer ausschweifenden Empfindung +zum Vorwurf genommen.--Hier versuche ich das Gegentheil, ein Opfer +der Kunst und Cabale. Aber so merkwürdig sich auch das unglückliche +Project des Fiesco in der Geschichte gemacht hat, so leicht kann es +doch diese Wirkung auf dem Schauplatz verfehlen. Wenn es wahr ist, +daß nur Empfindung Empfindung weckt, so müßte, däucht mich, der +politische Held in eben dem Grade kein Subject für die Bühne sein, in +welchem er den Menschen hintenansetzen muß, um der politische Held zu +sein. Es stand daher nicht bei mir, meiner Fabel jene lebendige +Gluth einzuhauchen, welche durch das lautere Product der Begeisterung +herrscht; aber die kalte, unfruchtbare Staatsaction aus dem +menschlichen Herzen herauszuspinnen und eben dadurch an das +menschliche Herz wieder anzuknüpfen--den Mann durch den staatsklugen +Kopf zu verwickeln--und von der erfindrischen Intrigue Situationen +für die Menschheit zu entlehnen--das stand bei mir. Mein Verhältniß +mit der bürgerlichen Welt machte mich auch mit dem Herzen bekannter, +als dem Kabinet, und vielleicht ist eben diese politische Schwäche zu +einer poetischen Tugend geworden. + + + + +Personen des Stücks. + +Andreas Doria, Doge von Genua. Ehrwürdiger Greis von 80 Jahren. +Spuren von Feuer. Ein Hauptzug: Gewicht und strenge befehlende Kürze. + +Gianettino Doria, Neffe des Vorigen. Prätendent. Mann von 26 Jahren. +Rauh und anstößig in Sprache, Gang und Manieren. Bäurisch-stolz. +Die Bildung zerrissen. + +(Beide Doria tragen Scharlach) + +Fiesco, Graf von Lavagna. Haupt der Verschwörung. Junger, schlanker, +blühend-schöner Mann von 23 Jahren--stolz mit Anstand--freundlich +mit Majestät--höflich-geschmeidig und eben so tückisch. + +(Alle Nobili gehen schwarz. Die Tracht ist durchaus altdeutsch.) + +Verrina, verschworner Republikaner. Mann von 60 Jahren. Schwer, +ernst und düster. Tiefe Züge. + +Bourgognino, Verschworner. Jüngling von 20 Jahren. Edel und +angenehm. Stolz, rasch und natürlich. + +Calcagno, Verschworner. Hagrer Wollüstling. 30 Jahre. Bildung +gefällig und unternehmend. + +Sacco, Verschworner. Mann von 45 Jahren. Gewöhnlicher Mensch. + +Lomellino, Gianettinos Vertrauter. Ein ausgetrockneter Hofmann. + +Zenturione, Zibo, Asserato, Mißvergnügte. + +Romano, Maler. Frei, einfach und stolz. + +Muley Hassan, Mohr von Tunis. Ein confiscirter Mohrenkopf. Die +Physiognomie eine originelle Mischung von Spitzbüberei und Laune. + +Deutscher der herzoglichen Leibwache. Ehrliche Einfalt. Handfeste +Tapferkeit. + +Drei aufrührerische Bürger. + +Leonore, Fiesco's Gemahlin. Dame von 18 Jahren. Blaß und schmächtig. +Fein und empfindsam. Sehr anziehend, aber weniger blendend. Im +Gesicht schwärmerische Melancholie. Schwarze Kleidung. + +Julia, Gräfin Wittwe Imperiali, Dorias Schwester. Dame von 25 Jahren. +Groß und voll. Stolze Kokette. Schönheit, verdorben durch +Bizarrerie. Blendend und nicht gefallend. Im Gesicht ein böser +moquanter Charakter. Schwarze Kleidung. + +Bertha, Verrinas Tochter. Unschuldiges Mädchen. + +Rosa, Arabella, Leonorens Kammermädchen. + +Mehrere Nobili, Bürger, Deutsche, Soldaten, Bediente, Diebe. + +Der Schauplatz Genua.--Die Zeit 1547. + + + + +Erster Aufzug + +Saal bei Fiesco + +Man hört in der Ferne eine Tanzmusik und den Tumult eines Balls. + + + +Erster Auftritt. + + +Leonore maskiert, Rosa, Arabella fliehen zerstört auf die Bühne. + +Leonore (reißt die Maske ab). Nichts mehr! Kein Wort mehr! Es ist +am Tag. (Sie wirft sich in einen Sessel.) Das wirft mich nieder. + +Arabella. Gnädige Frau-Leonore (aufstehend). Vor meinen Augen! eine +stadtkundige Kokette! im Angesicht des ganzen Adels von Genua! +(Wehmütig.) Rosa! Bella! und vor meinen weinenden Augen. + +Rosa. Nehmen Sie die Sache für Das, was sie wirklich war--eine +Galanterie-Leonore. Galanterie?--und das emsige Wechselspiel ihrer +Augen? das ängstliche Lauern auf ihre Spuren? der lange verweilende +Kuß auf ihren entblößten Arm, daß noch die Spur seiner Zähne im +flammrothen Fleck zurückblieb? Ha! und die starre tiefe Betäubung, +worein er, gleich dem gemalten Entzücken, versunken saß, als wär' um +ihn her die Welt weggeblasen und er allein mit dieser Julia im ewigen +Leeren? Galanterie?--gutes Ding, das noch nie geliebt hat, streite +mir nicht über Galanterie und Liebe. + +Rosa. Desto besser, Madonna. Einen Gemahl verlieren heißt zehen +Cicisbeo Profit machen. + +Leonore. Verlieren?--ein kleiner aussetzender Puls der Empfindung +und Fiesco verloren? Geh, giftige Schwätzerin--komm mir nie wieder +vor die Augen!--eine unschuldige Neckerei--vielleicht eine +Galanterie? Ist es nicht so, meine empfindende Bella? + +Arabella. O ja! ganz zuverlässig so! + +Leonore (in Tiefsinn versunken). Daß sie darum in seinem Herzen sich +wüßte?--daß hinter jedem seiner Gedanken ihr Name im Hinterhalt +läge?--ihn anspräche in jeder Fußtapfe der Natur?--Was ist das? wo +gerath' ich hin? Daß ihm die schöne majestätische Welt nichts wäre, +als der prächtige Demant, worauf nur ihr Bild--nur ihr Bild gestochen +ist?--daß er sie liebte?--Julien! O deinen Arm her--halte mich, +Bella! + +(Pause. Die Musik läßt sich von Neuem hören.) + +Leonore (aufgefahren). Horch! War das nicht die Stimme Fiescos, die +aus dem Lärme hervordrang? Kann er lachen, wenn seine Leonore im +Einsamen weinet? Nicht doch, mein Kind! Es war Gianettino Dorias +bäurische Stimme. + +Arabella. Sie war's, Signora! Aber kommen Sie in ein anderes Zimmer. + +Leonore. Du entfärbst dich, Bella! du lügst--ich lese in euren +Augen--in den Gesichtern der Genueser ein Etwas--ein Etwas. (Sich +verhüllend.) O gewiß! diese Genueser wissen mehr, als für das Ohr +einer Gattin taugt. + +Rosa. O der Alles vergrößernden Eifersucht! + +Leonore. (schwermüthig schwärmend). Da er noch Fiesco war--dahertrat +im Pomeranzenhain, wo wir Mädchen lustwandeln gingen, ein blühender +Apoll, verschmolzen in den männlich-schönen Antinous. Stolz und +herrlich trat er daher, nicht anders, als wenn das durchlauchtige +Genua auf seinen jungen Schultern sich wiegte; unsere Augen schlichen +diebisch ihm nach und zuckten zurück, wie auf dem Kirchenraub +ergriffen, wenn sein wetterleuchtender Blick sie traf. Ach, Bella! +wie verschlangen wir seine Blicke! wie parteiisch zählte sie der +ängstliche Neid der Nachbarin zu! Sie fielen unter uns wie der +Goldapfel des Zanks, zärtliche Augen brannten wilder, sanfte Busen +pochten stürmischer, Eifersucht hatte unsere Eintracht zerrissen. + +Arabella. Ich besinne mich. Das ganze weibliche Genua kam in +Aufruhr um diese schöne Eroberung. + +Leonore (begeistert). Und nun mein ihn zu nennen! verwegenes, +entsetzliches Glück! Mein Genuas größten Mann, (mit Anmuth) der +vollendet sprach aus dem Meißel der unerschöpflichen Künstlerin, alle +Größen seines Geschlechts im lieblichsten Schmelze verband--Höret, +Mädchen! kann ich's nun doch nicht mehr verschweigen!--Höret, Mädchen, +ich vertraue euch etwas, (geheimnißvoll) einen Gedanken--als ich am +Altar stand neben Fiesco--seine Hand in meine Hand gelegt--hatt' ich +den Gedanken, den zu denken dem Weibe verboten ist--dieser Fiesco, +dessen Hand jetzt in der deinigen liegt--dein Fiesco--aber still! daß +kein Mann uns belausche, wie hoch wir uns mit dem Abfall seiner +Vortrefflichkeit brüsten--dieser dein Fiesco--Weh euch, wenn das +Gefühl euch nicht höher wirft!--wird--uns Genua von seinen Tyrannen +erlösen! + +Arabella (erstaunt). Und diese Vorstellung kam einem Frauenzimmer am +Brauttag? + +Leonore. Erstaune, Bella! Der Braut in der Wonne des Brauttags! +(Lebhafter.) Ich bin ein Weib--aber ich fühle den Adel meines Bluts, +kann es nicht dulden, daß dieses Haus Doria über unsre Ahnen +hinauswachsen will. Jener sanftmüthige Andreas--es ist eine Wollust, +ihm gut zu sein--mag immer Herzog von Genua heißen, aber Gianettino +ist sein Neffe--sein Erbe--und Gianettino hat ein freches, +hochmüthiges Herz. Genua zittert vor ihm, und Fiesco, (in Wehmuth +hinabgefallen) Fiesco--weinet um mich--liebt seine Schwester. + +Arabella. Arme, unglückliche Frau-Leonore. Geht jetzt und sehet +diesen Halbgott der Genueser im schamlosen Kreis der Schwelger und +Buhldirnen setzen, ihre Ohren mit unartigem Witze kitzeln, ihnen +Märchen von verwünschten Prinzessinnen erzählen--das ist Fiesco!--Ach, +Mädchen! nicht Genua allein verlor seinen Helden--auch ich meinen +Gemahl! + +Rosa. Reden Sie leiser. Man kömmt durch die Galerie. + +Leonore (zusammenschreckend). Fiesco kommt. Flieht! flieht! Mein +Anblick könnte ihm einen trüben Augenblick machen. (Sie entspringt +in ein Seitenzimmer. Die Mädchen ihr nach.) + + + +Zweiter Auftritt + + +Gianettino Doria maskiert im grünen Mantel. Ein Mohr. Beide im +Gespräch. + +Gianettino. Du hast mich verstanden. + +Mohr. Wohl. + +Gianettino. Die weiße Maske. + +Mohr. Wohl. + +Gianettino. Ich sage--die weiße Maske! + +Mohr. Wohl! wohl! wohl! + +Gianettino. Hörst du? Du kannst sie nur (auf seine Brust deutend) +hieher verfehlen. + +Mohr. Seid unbekümmert. + +Gianettino. Und einen tüchtigen Stoß! + +Mohr. Er soll zufrieden sein. + +Gianettino (hämisch). Daß der arme Graf nicht + +Mohr. Um Vergebung--wie schwer möchte ungefähr sein Kopf ins Gewicht +fallen? + +Gianettino. Hundert Zechinen schwer. + +Mohr (bläst durch die Finger). Puh! Federleicht! + +Gianettino. Was brummst du da? + +Mohr. Ich sag' es ist eine leichte Arbeit. + +Gianettino. Das ist deine Sorge. Dieser Mensch ist ein Magnet. +Alle unruhigen Köpfe fliegen gegen seine Pole. Höre, Kerl! fasse ihn +ja recht. + +Mohr. Aber, Herr--ich muß flugs auf die That nach Venedig. + +Gianettino. So nimm deinen Dank voraus. (wirft ihm einen Wechsel zu.) +In höchstens drei Tagen muß er kalt sein. (Ab.) + +Mohr (indem er den Wechsel vom Boden nimmt). Das nenn' ich Credit! +Der Herr traut meiner Jaunerparole ohne Handschrift. (Ab.) + + + +Dritter Auftritt + + +Calcagno, hinter ihm Sacco. Beide in schwarzen Mänteln. + +Calcagno. Ich werde gewahr, daß du alle meine Schritte belauerst. + +Sacco. Und ich beobachte, daß die mir alle verbirgst. Höre, +Calcagno, seit einigen Wochen arbeitet etwas auf deinem Gesichte, das +nicht geradezu just dem Vaterland gilt.--Ich dächte, Bruder, wir +Beide könnten schon Geheimniß gegen Geheimniß tauschen, und am Ende +hätte Keiner beim Schleichhandel verloren--Wirst du aufrichtig sein? + +Calcagno. So sehr, daß, wenn deine Ohren nicht Lust haben, in meine +Brust hinunter zu steigen, mein Herz dir halbwegs auf meiner Zunge +entgegen kommen soll--Ich liebe die Gräfin Fiesco. + +Sacco (tritt verwundernd zurück). Wenigstens das hätt' ich nicht +entziffert, hätte ich alle Möglichkeiten Revue passieren +lassen--Deine Wahl spannt meinen Witz auf die Folter, aber es ist um +ihn geschehen, wenn sie glückt. + +Calcagno. Man sagt, sie sei ein Beispiel der strengsten Tugend. + +Sacco. Man lügt. Sie ist das ganze Buch über den abgeschmackten +Text. Eins von beiden, Calcagno, gib dein Gewerb oder dein Herz +auf-Calcagno. Der Graf ist ihr ungetreu. Eifersucht ist die +abgefeimteste Kupplerin. Ein Anschlag gegen die Doria muß den Grafen +in Athem halten und mir im Palaste zu schaffen geben. Während er nun +den Wolf aus der Hürde scheucht, soll der Marder in seinen +Hühnerstall fallen. + +Sacco. Unverbesserlich, Bruder! Habe Dank. Auch mich hast du +plötzlich des Rothwerdens überhoben. Was ich mich zu denken geschämt +habe, kann ich jetzt laut vor dir sagen. Ich bin ein Bettler, wenn +die jetzige Verfassung nicht übern Haufen fällt. + +Calcagno. Sind deine Schulden so groß? + +Sacco. So ungeheuer, daß mein Lebensfaden, achtfach genommen, am +ersten Zehentheil abschnellen muß. Eine Staatsveränderung soll mir +Luft machen, hoff' ich. Wenn sie mir auch nicht zum Bezahlen hilft, +soll sie doch meinen Gläubigern das Fordern entleiden. + +Calcagno. Ich verstehe--und am Ende, wenn Genua bei der Gelegenheit +frei wird, läßt sich Sacco Vater des Vaterlands taufen. Wärme mir +Einer das verdroschene Märchen von Redlichkeit auf, wenn der +Bankerott eines Taugenichts und die Brunst eines Wollüstlings das +Glück eines Staats entscheiden. Bei Gott, Sacco! ich bewundre in uns +Beiden die feine Speculation des Himmels, der das Herz des Körpers +durch die Eiterbeulen der Gliedmaßen rettet--Weiß Verrina um deinen +Anschlag? + +Sacco. So weit der Patriot darum wissen darf. Genua, weißt du +selbst, ist die Spindel, um welche sich alle seine Gedanken mit einer +eisernen Treue drehen. An dem Fiesco hängt jetzt sein Falkenaug. +Auch dich hofft er halbwegs zu einem kühnen Komplott. + +Calcagno. Er hat eine treffliche Nase. Komm, laß uns ihn aufsuchen +und seinen Freiheitssinn mit dem unsrigen schüren. (Gehen ab.) + + + +Vierter Auftritt + + +Julia erhitzt. Fiesco, der einen weißen Mantel trägt, eilt ihr nach. + +Julia. Lakaien! Läufer! + +Fiesco. Gräfin, wohin? Was beschließen Sie? + +Julia. Nichts, im mindesten nichts. (Bediente.) Mein Wagen soll +vorfahren. + +Fiesco. Sie erlauben--er soll nicht. Hier ist eine Beleidigung. + +Julia. Pah! doch wohl das nicht--Weg! Sie zerren mir ja die +Garnierung in Stücken--Beleidigung? Wer ist hier, der beleidigen +kann? So gehen Sie doch. + +Fiesco (auf einem Knie.) Nicht, bis Sie mir den Verwegenen sagen. +-Julia (steht still mit angestemmten Armen). Ah, schön! schön! +sehenswürdig! Rufe doch Jemand die Gräfin von Lavagna zu diesem +reizenden Schauspiel!--Wie, Graf? wo bleibt der Gemahl? Diese +Stellung taugte ausnehmend in das Schlafgemach Ihrer Frau, wenn sie +im Kalender ihrer Liebkosungen blättert und einen Bruch in der +Rechnung findet. Stehen Sie doch auf. Gehen Sie zu Damen, wo Sie +wohlfeiler markten. So stehen Sie doch auf. Oder wollen Sie die +Impertinenzen Ihrer Frau mit Ihren Galanterieen abbüßen? + +Fiesco (springt auf). Impertinenzen? Ihnen? + +Julia. Aufzubrechen--den Sessel zurückzustoßen--der Tafel den Rücken +zu kehren--der Tafel, Graf! an der ich sitze. + +Fiesco. Es ist nicht zu entschuldigen. + +Julia. Und mehr ist es nicht?--Über die Fratze! und ist es denn +meine Schuld, (sich belächelnd) daß der Graf seine Augen hat? + +Fiesco. Das Verbrechen Ihrer Schönheit, Madonna, daß er sie nicht +überall hat. + +Julia. Keine Delicatesse, Graf, wo die Ehre das Wort führt. Ich +fordre Genugthuung. Finde ich sie bei Ihnen? oder hinter den Donnern +des Herzogs? + +Fiesco. In den Armen der Liebe, die Ihnen den Mißtritt der +Eifersucht abbittet. + +Julia. Eifersucht? Eifersucht? Was will denn das Köpfchen? (Vor +einem Spiegel gesticulierend.) Ob sie wohl eine bessere Fürsprache +für ihren Geschmack zu erwarten hat, als wenn ich ihn für den +meinigen erkläre? (Stolz.) Doria und Fiesco?--ob sich die Gräfin von +Lavagna nicht geehrt fühlen muß, wenn die Nichte des Herzogs ihre +Wahl beneidenswürdig findet? (Freundlich, indem sie dem Grafen ihre +Hand zum Küssen reicht.) Ich setze den Fall, Graf, daß ich sie so +fände. + +Fiesco (lebhaft). Grausamste, und mich dennoch zu quälen!--Ich weiß +es, göttliche Julia, daß ich nur Ehrfurcht gegen Sie fühlen sollte. +Meine Vernunft heißt mich das Knie des Unterthans vor dem Blut Dorias +beugen, aber mein Herz betet die schöne Julia an. Eine Verbrecherin +ist meine Liebe, aber eine Heldin zugleich, die kühn genug ist, die +Ringmauer des Rangs durchzubrechen und gegen die verzehrende Sonne +der Majestät anzufliegen. + +Julia. Eine große, große, gräfliche Lüge, die auf Stelzen +heranhinkt--Seine Zunge vergöttert mich, sein Herz hüpft unter dem +Schattenriß einer Andern. + +Fiesco. Oder besser, Signora, es schlägt unwillig dagegen und will +ihn hinwegdrücken. (Indem er die Silhouette Leonorens, die an einem +himmelblauen Bande hängt, herabnimmt und sie der Julia überliefert.) +Stellen Sie Ihr Bild an diesem Altar auf, so können Sie diesen Götzen +zerstören. + +Julia (steckt das Bild hastig zu sich, vergnügt). Ein großes Opfer, +bei meiner Ehre, das meinen Dank verdient. (Sie hängt ihm die ihrige +um.) So, Sklave! trage die Farbe deines Herrn. (Sie geht ab.) + +Fiesco (mit Feuer). Julia liebt mich! Julia! Ich beneide keinen +Gott. (Frohlockend im Saal.) Diese Nacht sei eine Festnacht der +Götter, die Freude soll ihr Meisterstück machen. Holla! holla! +(Menge Bediente.) Der Boden meiner Zimmer lecke cyprischen Nektar, +Musik lärme die Mitternacht aus ihrem bleiernen Schlummer auf, +tausend brennende Lampen spotten die Morgensonne hinweg--Allgemein +sei die Lust, der bacchantische Tanz stampfe das Todtenreich in +polternde Trümmer! + +(Er eilt ab. Rauschendes Allegro, unter welchem der Mittelvorhang +aufgezogen wird und einen großen illuminierten Saal eröffnet, worin +viele Masken tanzen. Zur Seite Schenk--und Spieltische von Gästen +besetzt.) + + + +Fünfter Auftritt + + +Gianettino halb betrunken. Lomellin. Zibo. Zenturione. Verrina. +Sacco. Calcagno. Alle maskiert. Mehrere Damen und Nobili. + +Gianettino (lärmend). Bravo! Bravo! Diese Weine glitschen herrlich, +unsre Tänzerinnen springen à merveille. Geh Einer von euch, streu' +es in Genua aus, ich sei heitern Humors, man könne sich gütlich +thun--Bei meiner Geburt! sie werden den Tag roth im Kalender zeichnen +und drunter schreiben: Heute war Prinz Doria lustig. + +Gäste (setzen die Gläser an). Die Republik! (Trompetenstoß.) + +Gianettino (wirft das Glas mit Macht auf die Erde). Hier liegen die +Scherben. (Drei schwarze Masken fahren auf, versammeln sich um +Gianettino.) + +Lomellin (führt den Prinzen vor). Gnädiger Herr, Sie sagten mir +neulich von einem Frauenzimmer, das Ihnen in der Lorenzokirche +begegnete? + +Gianettino. Das hab' ich auch, Bursche, und muß ihre Bekanntschaft +haben. + +Lomellin. Die kann ich Eurer Gnaden verschaffen. + +Gianettino (rasch). Kannst du? Kannst du? Lomellin, du hast dich +neulich zur Procuratorwürde gemeldet. Du sollst sie erhalten. + +Lomellin. Gnädiger Prinz, es ist die zweite im Staat, mehr denn +sechzig Edelleute bewerben sich darum, alle reicher und angesehener, +als Euer Gnaden unterthäniger Diener. + +Gianettino (schnaubt ihn trotzig an). Donner und Doria! Du sollst +Procurator werden. (Die drei Masken kommen vorwärts.) Adel in Genua? +Laß sie all ihre Ahnen und Wappen zumal in die Wagschale schmeißen, +was braucht es mehr, als ein Haar aus dem weißen Bart meines Onkels, +Genuas ganze Adelschaft in alle Lüfte zu schnellen? Ich will, du +sollst Procurator sein, das ist so viel als alle Stimmen der Signoria. + +Lomellin (leiser). Das Mädchen ist die einzige Tochter eines +gewissen Verrina. + +Gianettino. Das Mädchen ist hübsch, und trutz allen Teufeln! muß ich +sie brauchen. + +Lomellin. Gnädiger Herr! das einzige Kind des starrköpfigsten +Republikaners! + +Gianettino. Geh in die Hölle mit deinem Republikaner! Der Zorn eines +Vasallen und meine Leidenschaft! Das heißt, der Leuchtthurm muß +einstürzen, wenn Buben mit Muscheln darnach werfen. (Drei schwarze +Masken treten mit großen Bewegungen näher.) Hat darum Herzog Andreas +seine Narben geholt in den Schlachten dieser Lumpenrepublikaner, daß +sein Neffe die Gunst ihrer Kinder und Bräute erbetteln soll? Donner +und Doria! diesen Gelust müssen sie niederschlucken, oder ich will +über den Gebeinen meines Oheims einen Galgen aufpflanzen, an dem sich +ihre genuesische Freiheit zu Tod zappeln soll. (Die drei Masken treten +zurück.) + +Lomellin. Das Mädchen ist eben jetzt allein. Ihr Vater ist hier und +eine von den drei Masken. + +Gianettino. Erwünscht, Lomellin. Gleich bringe mich zu ihr. + +Lomellin. Aber Sie werden eine Buhlerin suchen und eine Empfindlerin +finden. + +Gianettino. Gewalt ist die beste Beredsamkeit. Führe mich alsobald +hin; den republikanischen Hund will ich sehen, der am Bären Doria +hinaufspringt. (Fiesco begegnet ihm an der Thür.) Wo ist die Gräfin? + + + +Sechster Auftritt + + +Vorige. Fiesco. + +Fiesco. Ich habe sie in den Wagen gehoben. (Er faßt Gianettinos +Hand und hält sie gegen seine Brust.) Prinz, ich bin jetzt doppelt in +Ihren Banden. Gianettino herrscht über meinen Kopf und Genua; über +mein Herz Ihre liebenswürdige Schwester. + +Lomellin. Fiesco ist ganz Epikuräer worden. Die große Welt hat viel +an Ihnen verloren. + +Fiesco. Aber Fiesco nichts an der großen Welt. Leben heißt träumen; +weise sein, Lomellin, heißt angenehm träumen. Kann man das besser +unter den Donnern des Throns, wo die Räder der Regierung ewig ins +gellende Ohr krachen, als am Busen eines schmachtenden Weibs? +Gianettino Doria mag über Genua herrschen. Fiesco wird lieben. + +Gianettino. Brich auf, Lomellin! Es wird Mitternacht. Die Zeit +rückt heran. Lavagna, wir danken für deine Bewirtung. Ich war +zufrieden. + +Fiesco. Das ist alles, was ich wünschen kann, Prinz. + +Gianettino. Also gute Nacht. Morgen ist Spiel bei Doria, und Fiesco +ist eingeladen. Komm, Procurator. + +Fiesco. Musik! Lichter! + +Gianettino (trotzig durch die drei Masken). Platz dem Namen des +Herzogs. + +Eine von den drei Masken (murmelt unwillig). In der Hölle! Niemals +in Genua! + +Gäste (in Bewegung). Der Prinz bricht auf. Gute Nacht, Lavagna! +(Taumeln hinaus.) + + + +Siebenter Auftritt + + +Die drei schwarzen Masken. Fiesco. Pause. + +Fiesco. Ich werde hier Gäste gewahr, die die Freuden meines Festes +nicht theilen. + +Masken (murmeln verdrießlich durcheinander). Nicht Einer. + +Fiesco (verbindlich). Sollte mein guter Wille einen Genueser +mißvergnügt weglassen? Hurtig, Lakaien! man soll den Ball erneuern +und die großen Pokale füllen. Ich wollte nicht, daß Jemand hier +Langeweile hätte. Darf ich Ihre Augen mit Feuerwerken ergötzen? +Wollen Sie die Künste meines Harlekins hören? Vielleicht finden Sie +bei meinem Frauenzimmer Zerstreuung? Oder wollen wir uns zum Pharao +setzen und die Zeit mit Spielen betrügen? + +Eine Maske. Wir sind gewohnt, die mit Thaten zu bezahlen! + +Fiesco. Eine männliche Antwort, und--das ist Verrina. + +Verrina (nimmt die Maske ab). Fiesco findet seine Freunde +geschwinder in ihren Masken, als sie ihn in der seinigen. + +Fiesco. Ich verstehe das nicht. Aber was soll der Trauerflor an +deinem Arm? Sollte Verrina Jemand begraben haben und Fiesco nichts +darum wissen? + +Verrina. Trauerpost taugt nicht für Fiescos lustige Feste. + +Fiesco. Doch, wenn ein Freund ihn auffordert. (Drückt seine Hand +mit Wärme.) Freund meiner Seele! wer ist uns Beiden gestorben? + +Verrina. Beiden! Beiden! O allzuwahr!--Aber nicht alle Söhne +trauern um ihre Mutter. + +Fiesco. Deine Mutter ist lange vermodert. + +Verrina (bedeutend). Ich besinne mich, daß Fiesco mich Bruder nannte, +weil ich der Sohn seines Vaterlands war. + +Fiesco (scherzhaft). Ah! ist es das? Also auf einen Spaß war es +abgezielt? Trauerkleider um Genua! und es ist wahr, Genua liegt +wirklich in letzten Zügen. Der Gedanke ist einzig und neu. Unser +Vetter fängt an, ein witziger Kopf zu werden! + +Calcagno. Er hat es ernsthaft gesagt, Fiesco! + +Fiesco. Freilich! freilich! Das war's eben. So trocken weg und so +weinerlich. Der Spaß verliert Alles, wenn der Spaßmacher selber +lacht. Mit einer wahren Leichenbittersmiene! Hätt' ich's je gedacht, +daß der finstre Verrina in seinen alten Tagen noch ein so lustiger +Vogel würde! + +Sacco. Verrina, komm! Er ist nimmermehr unser. + +Fiesco. Aber lustig weg, Landsmann. Laß uns aussehen wie listige +Erben, die heulend hinter der Bahre gehen und desto lauter ins +Schnupftuch lachen. Doch dürften wir dafür eine harte Stiefmutter +kriegen. Sei's drum, wir lassen sie keifen, und schmausen. + +Verrina (heftig bewegt). Himmel und Erde! und thun nichts?--Wo bist +du hingekommen, Fiesco? Wo soll ich den großen Tyrannenhasser +erfragen? Ich weiß eine Zeit, wo du beim Anblick einer Krone Gichter +bekommen hättest.--Gesunkener Sohn der Republik! du wirst's +verantworten, daß ich keinen Heller um meine Unsterblichkeit gebe, +wenn die Zeit auch Geister abnützen kann. + +Fiesco. Du bist der ewige Grillenfänger. Mag er Genua in die Tasche +stecken und einem Kaper von Tunis verschachern, was kümmert's uns? +Wir trinken Cyprier und küssen schöne Mädchen. + +Verrina (blickt ihn ernst an). Ist das deine wahre, ernstliche +Meinung? + +Fiesco. Warum nicht, Freund? Ist es denn eine Wollust, der Fuß des +trägen, vielbeinigen Thiers Republik zu sein? Dank' es Dem, der ihm +Flügel gibt und die Füße ihrer Ämter entsetzt. Gianettino Doria +wird Herzog. Staatsgeschäfte werden uns keine grauen Haare mehr +machen. + +Verrina. Fiesco?--ist das deine wahre, ernstliche Meinung? + +Fiesco. Andreas erklärt seinen Neffen zum Sohn und Erben seiner +Güter, wer wird der Thor sein, ihm das Erbe seiner Macht abzustreiten? + +Verrina (mit äußerstem Unmut). So kommt, Genueser! (Er verläßt den +Fiesco schnell, die Andern folgen.) + +Fiesco. Verrina!--Verrina!--dieser Republikaner ist hart wie Stahl!-- + + + +Achter Auftritt + + +Fiesco. Eine unbekannte Maske. + +Maske. Haben Sie eine Minute übrig, Lavagna? + +Fiesco (zuvorkommend). Für Sie eine Stunde! + +Maske. So haben Sie die Gnade, einen Gang mit mir vor die Stadt zu +thun. + +Fiesco. Es ist funfzig Minuten auf Mitternacht. + +Maske. Sie haben die Gnade, Graf. + +Fiesco. Ich werde anspannen lassen. + +Maske. Das ist nicht nöthig. Ich schicke ein Pferd voraus. Mehr +braucht es nicht, denn ich hoffe, es soll nur Einer zurückkommen. + +Fiesco (betreten). Und? + +Maske. Man wird Ihnen auf eine gewisse Thräne eine blutige Antwort +abfordern. + +Fiesco. Diese Thräne? + +Maske. Einer gewissen Gräfin von Lavagna. Ich kenne diese Dame sehr +gut und will wissen, womit sie verdient hat, das Opfer einer Närrin +zu werden? + +Fiesco. Jetzt verstehe ich Sie. Darf ich den Namen dieses seltsamen +Aufforderers wissen? + +Maske. Es ist der nämliche, der das Fräulein von Zibo einst anbetete +und vor dem Bräutigam Fiesco zurück trat. + +Fiesco. Scipio Bourgognino! + +Bourgognino (nimmt die Maske ab). Und der jetzt da ist, seine Ehre +zu lösen, die einem Nebenbuhler wich, der klein genug denkt, die +Sanftmuth zu quälen. + +Fiesco (umarmt ihn mit Feuer). Edler junger Mann! Gedankt sei's dem +Leiden meiner Gemahlin, das mir eine so werthe Bekanntschaft macht. +Ich fühle die Schönheit Ihres Unwillens, aber ich schlage mich nicht. + +Bourgognino (einen Schritt zurück). Der Graf von Lavagna wäre zu +feig, sich gegen die Erstlinge meines Schwertes zu wagen? + +Fiesco. Bourgognino! gegen die ganze Macht Frankreichs, aber nicht +gegen Sie! Ich ehre dieses liebe Feuer für einen lieberen Gegenstand. +Einen Lorbeer verdient der Wille, aber die That wäre kindisch. + +Bourgognino (erregt). Kindisch! Graf? Das Frauenzimmer kann über +Mißhandlung nur weinen--wofür ist der Mann da? + +Fiesco. Ungemein gut gesagt, aber ich schlage mich nicht. + +Bourgognino (dreht ihm den Rücken, will gehen). Ich werde Sie +verachten. + +Fiesco (lebhaft). Bei Gott, Jüngling! das wirst du nie, und wenn die +Tugend im Preis fallen sollte. (Faßt ihn bedächtlich bei der Hand.) +haben Sie jemals etwas gegen mich gefühlt, das man--wie soll ich +sagen?--Ehrfurcht nennt? + +Bourgognino. Wär' ich einem Mann gewichen, den ich nicht für den +ersten der Menschen erklärte? + +Fiesco. Also, mein Freund! einen Mann, der einst meine Ehrfurcht +verdiente, würde ich--etwas langsam verachten lernen. Ich dächte doch, +das Gewebe eines Meisters sollte künstlicher sein, als dem flüchtigen +Anfänger so geradezu in die Augen zu springen--Gehen Sie heim, +Bourgognino, und nehmen Sie sich Zeit, zu überlegen, warum Fiesco so +und nicht anders handelt. (Bourgognino geht stillschweigend ab.) Fahr +hin, edler Jüngling! Wenn diese Flammen ins Vaterland schlagen, mögen +die Doria fest stehen. + + + +Neunter Auftritt + + +Fiesco. Der Mohr tritt schüchtern herein und sieht sich überall +sorgfältig um. + +Fiesco (faßt ihn scharf und lang ins Auge). Was willst du, und wer +bist du? + +Mohr (wie oben). Ein Sklave der Republik. + +Fiesco. Sklaverei ist ein elendes Handwerk. (Immer ein scharfes Aug +auf ihn.) Was suchst du? + +Mohr. Herr, ich bin ein ehrlicher Mann. + +Fiesco. Häng' immer diesen Schild vor dein Gesicht hinaus, das wird +nicht überflüssig sein--aber was suchst du? + +Mohr (sucht ihm näher zu kommen, Fiesco weicht aus). Herr, ich bin +kein Spitzbube. + +Fiesco. Es ist gut, daß du das beifügst, und--doch wieder nicht gut. +(Ungeduldig.) Aber was suchst du? + +Mohr (rückt wieder näher). Seid Ihr der Graf Lavagna? + +Fiesco (stolz). Die Blinden in Genua kennen meinen Tritt.--Was soll +dir der Graf? + +Mohr. Seid auf Eurer Hut, Lavagna. (Hart an ihn.) + +Fiesco (springt auf die andere Seite). Das bin ich wirklich. + +Mohr (wie oben). Man hat nichts Guts gegen Euch vor, Lavagna. + +Fiesco (retiriert sich wieder). Das seh' ich. + +Mohr. Hütet Euch vor dem Doria. + +Fiesco (tritt ihm vertraut näher). Freund! sollt' ich dir doch wohl +Unrecht getan haben? Diesen Namen fürchte ich wirklich. + +Mohr. So flieht vor dem Mann. Könnt Ihr lesen? + +Fiesco. Eine kurzweilige Frage. Du bist bei manchem Cavalier +herumgekommen. Hast du was Schriftliches? + +Mohr. Euren Namen bei armen Sündern. (Er reicht ihm einen Zettel +und nistet sich hart an ihn. Fiesco tritt vor einen Spiegel und +schielt über das Papier. Der Mohr geht lauernd um ihn herum, endlich +zieht er den Dolch und will stoßen.) + +Fiesco (dreht sich geschickt und fährt nach dem Arm des Mohren). +Sachte, Canaille! (Entreißt ihm den Dolch.) + +Mohr (stampft wild auf den Boden). Teufel--Bitt' um Vergebung. +(Will sich abführen.) + +Fiesco (packt ihn, mit starker Stimme). Stephano! Drullo! Antonio! +(Den Mohren an der Gurgel.) Bleib, guter Freund! Höllische Büberei! +(Bediente.) Bleib und antworte! Du hast schlechte Arbeit gemacht; +an wen hast du dein Taglohn zu fordern? + +Mohr (nach vielen vergeblichen Versuchen, sich wegzustehlen, +entschlossen). Man kann mich nicht höher hängen, als der Galgen ist. + +Fiesco. Nein, tröste dich! Nicht an die Hörner des Monds, aber doch +hoch genug, daß du den Galgen für einen Zahnstocher ansehen sollst. +Doch deine Wahl war zu staatsklug, als daß ich sie deinem Mutterwitz +zutrauen sollte. Sprich also, wer hat dich gedungen? + +Mohr. Herr, einen Schurken könnt ihr mich schimpfen, aber den +Dummkopf verbitt' ich. + +Fiesco. Ist die Bestie stolz. Bestie, sprich, wer hat dich gedungen? + +Mohr (nachdenkend). Hum! so wär' ich doch nicht allein der Narr! +--wer mich gedungen hat?--und waren's doch nur hundert magre Zechinen! +--Wer mich gedungen hat?--Prinz Gianettino. + +Fiesco (erbittert auf und nieder). Hundert Zechinen und nicht mehr +für des Fiesco Kopf. (Hämisch.) Schäme dich, Kronprinz von Genua. +(Noch einer Schatulle eilend.) Hier, Bursche, sind tausend, und sag +deinem Herrn--er sei ein knickiger Mörder! + +(Mohr betrachtet ihn vom Fuß bis zum Wirbel.) + +Fiesco. Du besinnst dich, Bursche? + +Mohr (nimmt das Geld, setzt es nieder, nimmt es wieder und besieht +ihn mit immer steigendem Erstaunen). + +Fiesco. Was machst, Bursche? + +Mohr (wirft das Geld entschlossen auf den Tisch). Herr--das Geld +hab' ich nicht verdient. + +Fiesco. Schafskopf von einem Jauner! den Galgen hast du verdient. +Der entrüstete Elephant zertritt Menschen, aber nicht Würmer. Dich +würd' ich hängen lassen, wenn es mich nur so viel mehr als zwei Worte +kostete. + +Mohr (mit einer frohen Verbeugung). Der Herr sind gar zu gütig. + +Fiesco. Behüte Gott! nicht gegen dich. Es gefällt mir nun eben, daß +meine Laune einen Schurken, wie du bist, zu etwas und nichts machen +kann, und darum gehst du frei aus. Begreife mich recht. Dein +Ungeschick ist mir ein Unterpfand des Himmels, daß ich zu etwas +Großem aufgehoben bin, und darum bin ich gnädig, und du gehst frei +aus. + +Mohr (treuherzig). Schlagt ein, Lavagna! Eine Ehre ist der andern +werth. Wenn Jemand auf dieser Halbinsel eine Gurgel für Euch +überzählig hat, befehlt! und ich schneide sie ab, unentgeldlich. + +Fiesco. Eine höfliche Bestie! Sie will sich mit fremder Leute +Gurgeln bedanken. + +Mohr. Wir lassen uns nichts schenken, Herr! Unser eins hat auch +Ehre im Leibe. + +Fiesco. Die Ehre der Gurgelschneider? + +Mohr. Ist wohl feuerfester als Eurer ehrlichen Leute: sie brechen +ihre Schwüre dem lieben Herrgott; wir halten sie pünktlich dem Teufel. + +Fiesco. Du bist ein drolligter Jauner. + +Mohr. Freut mich, daß Ihr Geschmack an mir findet. Setzt mich erst +auf die Probe, Ihr werdet einen Mann kennen lernen, der sein +Exercitium aus dem Stegreif macht. Fordert mich auf. Ich kann Euch +von jeder Spitzbubenzunft ein Testimonium aufweisen, von der +untersten bis zur höchsten. + +Fiesco. Was ich nicht höre! (Indem er sich niedersetzt.) Also auch +Schelmen erkennen Gesetzt und Rangordnung? Laß mich doch von der +untersten hören. + +Mohr. Pfui, gnädiger Herr! das ist das verächtliche Heer der langen +Finger. Ein elend Gewerb, das keinen großen Mann ausbrütet, arbeitet +nur auf Karbatsche und Raspelhaus und führt--höchstens zum Galgen. + +Fiesco. Ein reizendes Ziel. Ich bin auf die beßre begierig. + +Mohr. Das sind die Spionen und Maschinen. Bedeutende Herren, denen +die Großen ein Ohr leihen, wo sie ihre Allwissenheit holen; die sich +wie Blutigel in Seelen einbeißen, das Gift aus dem Herzen schlürfen +und an die Behörde speien. + +Fiesco. Ich kenne das--fort! + +Mohr. Der Rang trifft nunmehr die Meuter, Giftmischer und Alle, die +ihren Mann lang hinhalten und aus dem Hinterhalt fassen. Feige +Memmen sind's oft, aber doch Kerls, die dem Teufel das Schulgeld mit +ihrer armen Seele bezahlen. Hier thut die Gerechtigkeit schon etwas +Übriges, strickt ihre Knöchel aufs Rad und pflanzt ihre Schlauköpfe +auf Spieße. Das ist die dritte Zunft. + +Fiesco. Aber, sprich doch, wann wird die deinige kommen? + +Mohr. Blitz, gnädiger Herr! das ist eben der Pfiff. Ich bin durch +diese alle gewandert. Mein Genie geilte frühzeitig über jedes Gehege. +Gestern Abend macht' ich mein Meisterstück in der dritten, vor +einer Stunde war ich--ein Stümper in der vierten. + +Fiesco. Diese wäre also? + +Mohr (lebhaft). Das sind Männer, (in Hitze) die ihren Mann zwischen +vier Mauern aufsuchen, durch die Gefahr eine Bahn sich hauen, ihm +gerade zu Leib gehen, mit dem ersten Gruß ihm den Großdank für den +zweiten ersparen. Unter uns! man nennt sie nur die Extrapost der +Hölle. Wenn Mephistopheles einen Gelust bekommt, braucht's nur einen +Wink, und er hat den Braten noch warm. + +Fiesco. Du bist ein hartgesottener Sünder. Einen solchen vermißte +ich längst. Gib mir deine Hand. Ich will dich bei mir behalten. + +Mohr. Ernst oder Spaß? + +Fiesco. Mein völliger Ernst, und gebe dir tausend Zechinen des Jahrs. + +Mohr. Topp, Lavagna! Ich bin Euer, und zum Henker fahre das +Privatleben. Braucht mich, wozu Ihr wollt. Zu Eurem Spürhund, zu +Eurem Parforce-Hund, zu Eurem Fuchs, zu Eurer Schlange, zu Eurem +Kuppler und Henkersknecht. Herr, zu allen Commissionen, nur bei +Leibe! zu keiner ehrlichen--dabei benehm' ich mich plump wie Holz. + +Fiesco. Sei unbesorgt! Wem ich ein Lamm schenken will, lass' ich's +durch keinen Wolf überliefern. Geh also gleich morgen durch Genua +und suche die Witterung des Staats. Lege dich wohl auf Kundschaft, +wie man von der Regierung denkt und vom Haus Doria flüstert, sondiere +daneben, was meine Mitbürger von meinem Schlaraffenleben und meinem +Liebesroman halten. Überschwemme ihre Gehirne mit Wein, bis ihre +Herzensmeinungen überlaufen. Hier hast du Geld. Spende davon unter +den Seidenhändlern aus. + +Mohr (sieht ihn nachdenklich an). Herr-Fiesco. Angst darf dir nicht +werden. Es ist nichts Ehrliches--Geh! rufe deine ganze Bande zu +Hilfe. Morgen will ich deine Zeitungen hören. (Er geht ab.) + +Mohr (ihm nach). Verlaßt Euch auf mich. Jetzt ist's früh vier Uhr. +Morgen um Acht habt Ihr so viel Neues erfahren, als in zweimal +siebenzig Ohren geht. (Ab.) + + + +Zehnter Auftritt + + +Zimmer bei Verrina. + +Bertha rücklings in einem Sopha, den Kopf in die Hand geworfen. +Verrina düster hereintretend. + +Bertha (erschrickt, springt auf). Himmel! da ist er! + +Verrina (steht still, besieht sie befremdet). An ihrem Vater +erschrickt meine Tochter? + +Bertha. Fliehen Sie! Lassen Sie mich fliehen! Sie sind schrecklich, +mein Vater. + +Verrina. Meinem einzigen Kinde? + +Bertha (mit einem schweren Blick auf ihn). Nein! Sie müssen noch +eine Tochter haben. + +Verrina. Drückt dich meine Zärtlichkeit zu schwer? + +Bertha. Zu Boden, Vater. + +Verrina. Wie? welcher Empfang, meine Tochter? Sonst, wenn ich nach +Hause kam, Berge auf meinem Herzen, hüpfte mir meine Bertha entgegen, +und meine Bertha lachte sie weg. Komm, umarme mich, Tochter. An +dieser glühenden Brust soll mein Herz wieder erwarmen, das am +Todtenbett des Vaterlands einfriert. O mein Kind! Ich habe heute +Abrechnung gehalten mit allen Freuden der Natur, und (äußerst schwer) +nur du bist mir geblieben. + +Bertha (mißt ihn mit einem langen Blick). Unglücklicher Vater! + +Verrina (umarmt sie beklemmt). Bertha! mein einziges Kind! Bertha! +meine letzte übrige Hoffnung!--Genuas Freiheit ist dahin--Fiesco +hin--(indem er sie heftiger drückt, durch die Zähne) Werde du eine +Hure-Bertha (reißt sich aus seinen Armen). Heiliger Gott! Sie +wissen?-Verrina (steht bebend still). Was? + +Bertha. Meine jungfräuliche Ehre-Verrina (wüthend). Was? + +Bertha. Diese Nacht-Verrina (wie ein Rasender). Was? + +Bertha. Gewalt! (Sinkt am Sopha nieder.) + +Verrina (nach einer langen schreckhaften Pause mit dumpfer Stimme). +Noch ein Athemzug, Tochter--den letzten! (Mit hohlem gebrochnem Ton.) +Wer? + +Bertha. Weh mir, nicht diesen todtenfarben Zorn! Helfe mir Gott! er +stammelt und zittert. + +Verrina. Ich wüßte doch nicht--meine Tochter! Wer? + +Bertha. Ruhig! ruhig! mein bester, mein theurer Vater. + +Verrina. Um Gotteswillen--Wer? (will vor ihr niederfallen.) + +Bertha. Eine Maske. + +Verrina (tritt zurück, nach einem stürmischen Nachdenken). Nein! das +kann nicht sein! Den Gedanken sendet mir Gott nicht. (Lacht graß +auf.) Alter Geck! als wenn alles Gift nur aus einer und eben der +Kröte spritzte? (Zu Bertha gefaßter.) Die Person, wie die meinige, +oder kleiner? + +Bertha. Größer. + +Verrina (rasch). Die Haare schwarz? kraus? + +Bertha. Kohlschwarz und kraus. + +Verrina (taumelt von ihr hinweg). Gott! mein Kopf! mein Kopf--die +Stimme? + +Bertha. Rauh, eine Baßstimme. + +Verrina (heftig). Von welcher Farbe? Nein! ich will nicht mehr +hören!--der Mantel--von welcher Farbe? + +Bertha. Der Mantel grün, wie mich däuchte. + +Verrina (hält beide Hände vors Gesicht und wankt in den Sopha). Sei +ruhig. Es ist nur ein Schwindel, meine Tochter. (Läßt die Hände +sinken; ein Todtengesicht.) + +Bertha (die Hände ringend). Barmherziger Himmel! das ist mein Vater +nicht mehr. + +Verrina (nach einer Pause mit bitterm Gelächter). Recht so! recht so! +Memme Verrina!--daß der Bube in das Heiligthum der Gesetze +griff--diese Aufforderung war dir zu matt--der Bube mußte noch ins +Heiligthum deines Bluts greifen--(Springt auf.) Geschwind! rufe den +Nicolo--Blei und Pulver--oder halt! halt! ich besinne mich eben +anders--besser--Hole mein Schwert herbei, bet' ein Vaterunser. (Die +Hand vor die Stirne.) Was will ich aber? + +Bertha. Mir ist sehr bange, mein Vater. + +Verrina. Komm, setzt dich zu mir. (Bedeutend.) Bertha, erzähle +mir--Bertha, was that jener eisgraue Römer, als man seine Tochter +auch so--wie nenn ich's nun--auch so artig fand, seine Tochter? Höre +Bertha, was sagte Virginius zu seiner verstümmelten Tochter? + +Bertha (mit Schaudern). Ich weiß nicht, was er sagte. + +Verrina. Närrisches Ding--Nichts sagte er. (Plötzlich auf, faßt ein +Schwert.) Nach einem Schlachtmesser griff er-Bertha (stürzt ihm +erschrocken in die Arme). Großer Gott! was wollen Sie thun? + +Verrina (wirft das Schwert ins Zimmer). Nein! noch ist Gerechtigkeit +in Genua! + + + +Eilfter Auftritt + + +Sacco. Calcagno. Vorige. + +Calcagno. Verrina, geschwind! Mache dich fertig. Heute hebt die +Wahlwoche der Republik an. Wir wollen früh in die Signoria, die +neuen Senatoren wählen. Die Gassen wimmeln von Volk. Der ganze Adel +strömt nach dem Rathhaus. Du begleitest uns doch, (spöttisch) den +Triumph unsrer Freiheit zu sehen. + +Sacco. Ein Schwert liegt im Saal. Verrina schaut wild. Bertha hat +rothe Augen. + +Calcagno. Bei Gott! das nehm' ich nun auch gewahr--Sacco, hier ist +ein Unglück geschehen. + +Verrina (stellt zwei Sessel hin). Setzt euch. + +Sacco. Freund, du erschreckst uns. + +Calcagno. So sah ich dich nie, Freund. Hätte nicht Bertha geweint, +ich würde fragen: geht Genua unter? + +Verrina (fürchterlich). Unter! Sitzt nieder! + +Calcagno (erschrocken, indem sich Beide setzen). Mann! Ich +beschwöre dich! + +Verrina. Höret! + +Calcagno. Was ahnet mir, Sacco? + +Verrina. Genueser--ihr Beide kennt das Alterthum meines Namens. +Eure Ahnen haben den meinigen die Schleppe getragen. Meine Väter +fochten die Schlachten des Staats. Meine Mütter waren Muster der +Genueserinnen. Ehre war unser einziges Capital und erbte vom Vater +zum Sohn--oder wer weiß es anders? + +Sacco. Niemand. + +Calcagno. So wahr Gott lebt, Niemand. + +Verrina. Ich bin der letzte meines Geschlechts. Mein Weib liegt +begraben. Diese Tochter ist ihr einziges Vermächtniß. Genueser, ihr +seid Zeugen, wie ich sie erzog. Wird Jemand auftreten und Klage +führen, daß ich meine Bertha verwahrloste? + +Calcagno. Deine Tochter ist ein Muster im Lande. + +Verrina. Freunde! ich bin ein alter Mann. Verliere ich diese, darf +ich keine mehr hoffen. Mein Gedächtniß löscht aus. (Mit einer +schrecklichen Wendung.) Ich habe sie verloren. Infam ist mein Stamm. + +Beide. (in Bewegung). Das wolle Gott verhüten! (Bertha wälzt sich +jammernd im Sopha.) + +Verrina. Nein! Verzweifle nicht, Tochter. Diese Männer sind tapfer +und gut. Beweinen dich diese, wird's irgendwo bluten.--Seht nicht so +betroffen aus, Männer. (Langsam, mit Gewicht.) Wer Genua unterjocht, +kann doch wohl ein Mädchen bezwingen? + +Beide (fahren auf, werfen die Sessel zurück). Gianettino Doria! + +Bertha (mit einem Schrei). Stürzt über mich, Mauern! mein Scipio! + + + +Zwölfter Auftritt + + +Bourgognino. Vorige. + +Bourgognino (erhitzt). Springe hoch, Mädchen! Eine Freudenpost! +--Edler Verrina, ich komme, meinen Himmel auf Ihre Zunge zu setzen. +Schon längst liebte ich Ihre Tochter, und nie durft' ich es wagen, um +ihre Hand zu bitten, weil mein ganzes Vermögen auf falschen Brettern +von Coromandel schwamm. Eben jetzt fliegt meine Fortuna wohlbehalten +in die Rhede und führt, wie sie sagen, unermeßliche Schätze mit. Ich +bin ein reicher Mann. Schenken Sie mir Bertha, ich mache sie +glücklich. (Bertha verhüllt sich, große Pause.) + +Verrina (bedächtlich zu Bourgognino). Haben Sie Lust, junger Mensch, +Ihr Herz in eine Pfütze zu werfen? + +Bourgognino (greift nach dem Schwert, zieht aber plötzlich die Hand +zurück). Das sprach der Vater-Verrina. Das spricht jeder Schurk' in +Italien. Nehmen Sie mit dem Abtrag von anderer Leute Gastung vorlieb? + +Bourgognino. Mach mich nicht wahnwitzig, Graukopf! + +Calcagno. Bourgognino, wahr spricht der Graukopf. + +Bourgognino (auffahrend, gegen Bertha stürzend). Wahr spricht er? +Mich hätte eine Dirne genarrt? + +Calcagno. Bourgognino, nicht da hinaus. Das Mädchen ist engelrein. + +Bourgognino (steht erstaunt still). Nun! so wahr ich selig werden +will. Rein und entehrt. Ich habe keinen Sinn für das.--Sie sehen +sich an und sind stumm. Irgend ein Unhold von Missethat zuckt auf +ihren bebenden Zungen. Ich beschwöre euch! Schiebt meine Vernunft +nicht im Kurzweil herum. Rein wäre sie? Wer sagte rein? + +Verrina. Mein Kind ist nicht schuldig. + +Bourgognino. Also Gewalt! (Faßt das Schwert von dem Boden.) +Genueser! bei allen Sünden unter dem Mond! Wo--wo find' ich den +Räuber? + +Verrina. Eben dort, wo du den Dieb Genuas findest.--(Bourgognino +erstarrt. Verrina geht gedankenvoll auf und nieder, dann steht er +still.) + +Verrina. Wenn ich deinen Wink verstehe, ewige Vorsicht, so willst du +Genua durch meine Bertha erlösen! (Er tritt zu ihr, indem er den +Trauerflor langsam von seinem Arme wickelt, darauf feierlich.) Eh das +Herzblut eines Doria diesen häßlichen Flecken aus deiner Ehre wäscht, +soll kein Strahl des Tages auf diese Wangen fallen. Bis dahin--(er +wirft den Flor über sie) verblinde! (Pause. Die Übrigen sehen ihn +schweigend, betreten an.) + +Verrina (feierlicher, seine Hand auf Berthas Haupt gelegt). +Verflucht sei die Luft, die dich fächelt! Verflucht der Schlaf, der +dich erquickt! Verflucht jede menschliche Spur, die deinem Elend +willkommen ist! Geh hinab in das unterste Gewölb meines Hauses. +Winsle, heule, lähme die Zeit mit deinem Gram. (Unterbrochen von +Schauern fährt er fort.) Dein Leben sei das gichterische Wälzen des +sterbenden Wurms--der hartnäckige, zermalmende Kampf zwischen Sein +und Vergehen.--Dieser Fluch hafte auf dir, bis Gianettino den letzten +Odem verröchelt hat.--Wo nicht, so magst du ihn nachschleppen längs +der Ewigkeit, bis man ausfindig macht, wo die zwei Enden ihres Rings +in einander greifen. + +(Großes Schweigen. Auf allen Gesichtern Entsetzen. Verrina blickt +Jeden fest und durchdringend an.) + +Bourgognino. Rabenvater! was hast du gemacht? Diesen ungeheuren, +gräßlichen Fluch deiner armen, schuldlosen Tochter? + +Verrina. Nicht wahr--das ist schrecklich, mein zärtlicher +Bräutigam?--(Höchst bedeutend.) Wer von euch wird nun auftreten und +jetzt noch von kaltem Blut und Aufschube schwatzen? Genuas Loos ist +auf meine Bertha geworfen, mein Vaterherz meiner Bürgerpflicht +überantwortet. Wer von uns ist nun Memme genug, Genuas Erlösung zu +verzögern, wenn er weiß, daß dieses schuldlose Lamm seine Feigheit +mit unendlichem Gram bezahlt?--Bei Gott! das war nicht das Gewäsch +eines Narren--Ich hab' einen Eid gethan und werde mich meines Kindes +nicht erbarmen, bis ein Doria am Boden zuckt, und sollt' ich auf +Martern raffinieren, wie ein Henkersknecht, und sollt' ich dieses +unschuldige Lamm auf kannibalischer Folterbank zerknirschen--Sie +zittern--Blaß wie Geister schwindeln sie mich an.--Noch einmal, +Scipio! Ich verwahre sie zum Geisel deines Tyrannenmords. An diesem +theuren Faden halt' ich deine, meine, eure Pflichten fest. Genuas +Despot muß fallen, oder das Mädchen verzweifelt. Ich widerrufe nicht. + +Bourgognino (wirft sich der Bertha zu Füßen). Und fallen soll +er--fallen für Genua, wie ein Opferstier. So gewiß ich dies Schwert +im Herzen Dorias umkehre, so gewiß will ich den Bräutigamskuß auf +deine Lippen drücken. (Steht auf.) + +Verrina. Das erste Paar, das die Furien einsegnen. Gebt euch die +Hände. In Dorias Herzen wirst du dein Schwert umkehren?--Nimm sie, +sie ist dein! + +Calcagno (kniet nieder). Hier kniet noch ein Genueser und legt +seinen furchtbaren Stahl zu den Füßen der Unschuld. So gewiß möge +Calcagno den Weg zum Himmel ausfindig machen, als dieses sein Schwert +die Straße zu Dorias Leben. (Steht auf.) + +Sacco. Zuletzt, doch nicht minder entschlossen, kniet Raphael Sacco. +Wenn dies mein blankes Eisen Berthas Gefängniß nicht aufschließt, so +schließe sich das Ohr des Erhörers meinem letzten Gebet zu. (Steht +auf.) + +Verrina (erheitert). Genua dankt euch in mir, meine Freunde. Gehe +nun, Tochter. Freue dich, des Vaterlands großes Opfer zu sein. + +Bourgognino (umarmt sie im Abgehen). Geh! Traue auf Gott und +Bourgognino. An einem und eben dem Tag werden Bertha und Genua frei +sein. (Bertha entfernt sich.) + + + +Dreizehnter Auftritt + + +Vorige ohne Bertha. + +Calcagno. Eh wir weiter gehn, noch ein Wort, Genueser! + +Verrina. Ich errath' es. + +Calcagno. Werden vier Patrioten genug sein, Tyrannei, die mächtige +Hyder, zu stürzen? Werden wir nicht den Pöbel aufrühren, nicht den +Adel zu unsrer Partei ziehen müssen? + +Verrina. Ich verstehe. Höret also, ich habe längst einen Maler im +Solde, der seine ganze Kunst verschwendet, den Sturz des Appius +Claudius fresco zu malen. Fiesco ist ein Anbeter der Kunst, erhitzt +sich gern an erhabenen Scenen. Wir werden die Malerei nach seinem +Palast bringen und zugegen sein, wenn er sie betrachtet. Vielleicht, +daß der Anblick seinen Genius wieder aufweckt--Vielleicht-Bourgognino. +Weg mit ihm! Verdopple die Gefahr, spricht der Held, nicht die +Helfer. Ich habe schon längst ein Etwas in meiner Brust gefühlt, das +sich von nichts wollte ersättigen lassen--Was es war, weiß ich jetzt +plötzlich (indem er heroisch aufspringt). Ich hab' einen Tyrannen! + +(Der Vorhang fällt.) + + + + +Zweiter Aufzug + +Vorzimmer in Fiescos Palast. + + + +Erster Auftritt + + +Leonore. Arabella. + +Arabella. Nein, sag' ich. Sie sahen falsch. Die Eifersucht lieh +Ihnen die häßlichen Augen. + +Leonore. Es war Julia lebendig. Rede mir nichts ein. Meine +Silhouette hing an einem himmelblauen Band, dies war feuerfarb und +geflammt. Mein Loos ist entschieden. + + + +Zweiter Auftritt + + +Vorige. Julia. + +Julia (affectiert hereintretend). Der Graf bot mir sein Palais an, +den Zug nach dem Rathhaus zu sehen. Die Zeit wird mir lang werden. +Eh die Chocolade gemacht ist, Madame, unterhalten Sie mich. (Bella +entfernt sich, kommt sogleich wieder.) + +Leonore. Befehlen Sie, daß ich Gesellschaft hieher bitte? + +Julia. Abgeschmackt. Als wenn ich die hier suchen müßte? Sie +werden mich zerstreuen, Madame. (Auf und ab, sich den Hof machend.) +Wenn Sie das können, Madame--denn ich habe nichts zu versäumen. + +Arabella (boshaft). Desto mehr dieser kostbare Mohr, Signora. Wie +grausam, bedenken Sie! die Perspectivchen der jungen Stutzer um diese +schöne Prise zu bringen? Ah! und das blitzende Spiel der Perlen, das +Einem die Augen bald wund brennt.--Beim großmächtigen Gott! haben Sie +nicht das ganze Meer ausgeplündert? + +Julia (vor einem Spiegel). Das ist Ihr wohl eine Seltenheit, +Mamsell? Aber höre Sie, Mamsell, hat Sie Ihrer Herrschaft auch die +Zunge verdingt? Scharmant, Madame! Ihre Gäste durch Domestiken +becomplimentieren zu lassen. + +Leonore. Es ist mein Unglück, Signora, daß meine Laune mir das +Vergnügen Ihrer Gegenwart schmälert. + +Julia. Eine gräßliche Unart ist das, die Sie schwerfällig und albern +macht. Rasch! lebhaft und witzig! Das ist der Weg nicht, Ihren Mann +anzufesseln. + +Leonore. Ich weiß nur einen, Gräfin. Lassen Sie den Ihrigen immer +ein sympathetisches Mittel bleiben. + +Julia (ohne darauf achten zu wollen). Und, wie Sie sich tragen, +Madame! Pfui doch! Auch auf Ihren Körper wenden Sie mehr. Nehmen +Sie zur Kunst Ihre Zuflucht, wo die Natur an Ihnen Stiefmutter war. +Einen Firniß auf diese Wangen, woraus die mißfärbige Leidenschaft +kränkelt. Armes Geschöpf! So wird Ihr Gesichtchen nie einen Käufer +finden. + +Leonore (munter zu Bella). Wünsche mir Glück, Mädchen. Unmöglich +hab' ich meinen Fiesco verloren, oder ich habe nichts an ihm verloren. +(Man bringt Chocolade, Bella gießt ein.) + +Julia. Von Verlieren murmeln Sie etwas? Aber mein Gott! wie kam +Ihnen auch der tragische Einfall, den Fiesco zu nehmen?--Warum auf +diese Höhe, mein Kind, wo Sie nothwendig gesehen werden müssen? +verglichen werden müssen?--Auf Ehre, mein Schatz, das war ein Schelm +oder ein Dummkopf, der Sie dem Fiesco kuppelte. (Mitleidig ihre Hand +ergreifend.) Gutes Thierchen, der Mann, der in den Assembleen des +guten Tons gelitten wird, konnte nie deine Partie sein. (Sie nimmt +eine Tasse.) + +Leonore (lächelnd auf Arabellen). Oder er würde in diesen Häusern +des guten Tons nicht gelitten sein wollen. + +Julia. Der Graf hat Person--Welt--Geschmack. Der Graf war so +glücklich, Connaissancen von Rang zu machen. Der Graf hat +Temperament, Feuer. Nun reißt er sich warm aus dem delicatesten +Zirkel. Er kommt nach Hause. Die Ehfrau bewillkommt ihn mit einer +Werkeltagszärtlichkeit, löscht seine Gluth in einem feuchten, +frostigen Kuß, schneidet ihm ihre Caressen wirthschaftlich, wie einem +Kostgänger, vor. Der arme Ehmann! Dort lacht ihm ein blühendes +Ideal--hier ekelt ihn eine grämliche Empfindsamkeit an. Signora, um +Gotteswillen! wird er nicht den Verstand verlieren, oder was wird er +wählen? + +Leonore (bringt ihr eine Tasse). Sie, Madame, wenn er ihn verloren +hat. + +Julia. Gut. Dieser Biß sei in dein eigenes Herz gegangen. Zittre +um diesen Spott, aber eh du zitterst, erröthe. + +Leonore. Kennen Sie das Ding auch, Signora? Doch warum nicht? Es +ist ja ein Toilettenpfiff. + +Julia. Man sehe doch! Erzürnen muß man das Würmchen, will man ihm +ein Fünkchen Mutterwitz abjagen. Gut für jetzt. Es war Scherz, +Madame. Geben Sie mir Ihre Hand zur Versöhnung. + +Leonore (gibt ihr die Hand mit vielsagendem Blick). Imperiali!--vor +meinem Zorn haben Sie Ruhe. + +Julia. Großmüthig, allerdings! Doch sollt' ich's nicht auch sein +können, Gräfin? (Langsam und lauernd.) Wenn ich den Schatten einer +Person bei mir führe, muß es nicht folgen, daß das Original mir werth +ist? Oder was meinen Sie? + +Leonore (roth und verwirrt). Was sagen Sie? Ich hoffe, dieser +Schluß ist zu rasch. + +Julia. Das denk' ich selbst. Das Herz ruft nie die Sinne zu Hilfe. +Wahre Empfindung wird sich nie hinter Schmuckwerk verschanzen. + +Leonore. Großer Gott! Wie kommen Sie zu dieser Wahrheit? + +Julia. Mitleid, bloßes Mitleid--Denn sehen Sie, so ist es auch +umgekehrt wahr--und Sie haben Ihren Fiesco noch. (Sie gibt ihr ihre +Silhouette und lacht boshaft auf.) + +Leonore (mit auffahrender Erbitterung). Mein Schattenriß? Ihnen? +(Wirft sich schmerzvoll in einen Sessel.) O der heillose Mann! + +Julia (frohlockend). Hab' ich vergolten? hab' ich? Nun, Madame, +keinen Nadelstich mehr in Bereitschaft? (Laut in die Scene.) Den +Wagen vor! Mein Gewerb ist bestellt. (Zu Leonoren, der sie das Kinn +streicht.) Trösten Sie sich, mein Kind. Er gab mir die Silhouette im +Wahnwitz. (Ab.) + + + +Dritter Auftritt + + +Calcagno kommt. + +Calcagno. So erhitzt ging die Imperiali weg, und Sie in Wallung, +Madonna? + +Leonore (mit durchdringendem Schmerz). Nein! das war nie erhört! + +Calcagno. Himmel und Erde! Sie weinen doch wohl nicht? + +Leonore. Ein Freund vom Unmenschlichen--Mir aus den Augen! + +Calcagno. Welchem Unmenschlichen? Sie erschrecken mich. + +Leonore. Von meinem Mann--Nicht so! von dem Fiesco. + +Calcagno. Was muß ich hören? + +Leonore. O, nur ein Bubenstück, das bei euch gangbar ist, Männer. + +Calcagno (faßt ihre Hand mit Heftigkeit). Gnädige Frau, ich habe ein +Herz für die weinende Tugend. + +Leonore (ernst). Sie sind ein Mann--es ist nicht für mich. + +Calcagno. Ganz für Sie--voll von Ihnen--daß Sie wüßten, wie +sehr--wie unendlich sehr-Leonore. Mann, du lügst--du versicherst, eh +du handelst. + +Calcagno. Ich schwöre Ihnen-Leonore. Einen Meineid. Hör' auf! Ihr +ermüdet den Griffel Gottes, der sie niederschreibt. Männer! Männer! +wenn eure Eide zu so viel Teufeln würden, sie könnten Sturm gegen den +Himmel laufen und die Engel des Lichts als Gefangene wegführen. + +Calcagno. Sie schwärmen, Gräfin. Ihre Erbitterung macht Sie +ungerecht. Soll das Geschlecht für den Frevel des Einzelnen Rede +stehn? + +Leonore (sieht ihn groß an). Mensch! ich betete das Geschlecht in +dem Einzelnen an, soll ich es nicht in ihm verabscheuen dürfen? + +Calcagno. Versuchen Sie, Gräfin--Sie gaben Ihr Herz das erstemal +fehl--ich wüßte ihnen den Ort, wo es aufgehoben sein sollte. + +Leonore. Ihr könntet den Schöpfer aus seiner Welt hinauslügen--Ich +will nichts von dir hören. + +Calcagno. Diesen Verdammungsspruch sollten Sie noch heute in meinen +Armen zurückrufen. + +Leonore (aufmerksam). Rede ganz aus. In deinen--? + +Calcagno. In meinen Armen, die sich öffnen, eine Verlassene +aufzunehmen und für verlorene Liebe zu entschädigen. + +Leonore (sieht ihn fein an). Liebe? + +Calcagno (vor ihr nieder mit Feuer). Ja! es ist hingesagt. Liebe, +Madonna. Leben und Tod liegt auf Ihrer Zunge. Wenn meine +Leidenschaft Sünde ist, so mögen die Enden von Tugend und Laster in +einander fließen und Himmel und Hölle in eine Verdammniß gerinnen. + +Leonore (tritt mit Unwillen und Hoheit zurück). Da hinaus zielte +deine Theilnehmung, Schleicher?--In einer Kniebeugung verräthst du +Freundschaft und Liebe? Ewig aus meinem Aug! Abscheuliches +Geschlecht! Bis jetzt glaubte ich, du betrügest nur Weiber; das hab' +ich nie gewußt! daß du auch an dir selbst zum Verräther wirst. + +Calcagno (steht betroffen auf). Gnädige Frau-Leonore. Nicht genug, +daß er das heilige Siegel des Vertrauens erbrach, auch an den reinen +Spiegel der Tugend haucht dieser Heuchler die Pest und will meine +Unschuld im Eidbrechen unterweisen. + +Calcagno (rasch). Das Eidbrechen ist nur Ihr Fall nicht, Madonna. + +Leonore. Ich verstehe, und meine Empfindlichkeit sollte dir meine +Empfindung bestechen? Das wußtest du nicht, (sehr groß) daß schon +allein das erhabene Unglück, um den Fiesco zu brechen, ein Weiberherz +adelt. Geh! Fiescos Schande macht keinen Calcagno bei mir steigen, +aber--die Menschheit sinken. (Schnell ab.) + +Calcagno (sieht ihr betäubt nach, dann ab, mit einem Schlag vor die +Stirne). Dummkopf! + + + +Vierter Auftritt + + +Der Mohr. Fiesco. + +Fiesco. Wer war's, der da wegging? + +Mohr. Marchese Calcagno. + +Fiesco. Auf dem Sopha blieb dieses Schnupftuch liegen. Meine Frau +war hier. + +Mohr. Begegnete mir so eben in einer starken Erhitzung. + +Fiesco. Dieses Schnupftuch ist feucht. (Steckt es zu sich.) +Calcagno hier? Leonore in starker Erhitzung? (Nach einigem +Nachdenken zum Mohren.) Auf den Abend will ich dich fragen, was hier +geschehen ist. + +Mohr. Mamsell Bella hört es gern, daß sie blond sei. Will es +beantworten. + +Fiesco. Und nun sind dreißig Stunden vorbei. Hast du meinen Auftrag +vollzogen? + +Mohr. Auf ein Jota, mein Gebieter. + +Fiesco (setzt sich). Sag denn, wie pfeift man von Doria und der +gegenwärtigen Regierung? + +Mohr. O pfui; nach abscheulichen Weisen. Schon das Wort: Doria, +schüttelt sie wie ein Fieberfrost. Gianettino ist gehaßt bis in den +Tod. Alles murrt. Die Franzosen, sagen sie, seien Genuas Ratten +gewesen, Kater Doria habe sie aufgefressen und lasse sich nun die +Mäuse belieben. + +Fiesco. Das könnte wahr sein--und wußten sie keinen Hund für den +Kater? + +Mohr (leichtfertig). Die Stadt murmelte Langes und Breites von einem +gewissen--einem gewissen--Holla! Hätt' ich denn gar den Namen +vergessen? + +Fiesco (steht auf). Dummkopf! Er ist so leicht zu behalten, als +schwer er zu machen war. Hat Genua mehr als einen Einzigen? + +Mohr. So wenig als zween Grafen von Lavagna. + +Fiesco (setzt sich). Das ist Etwas. Und was flüstert man denn über +mein lustiges Leben? + +Mohr (mißt ihn mit großen Augen). Höret, Graf von Lavagna! Genua +muß groß von Euch denken. Man kann's nicht verdauen, daß ein +Cavalier vom ersten Hause--voll Talenten und Kopf--in vollem Feuer +und Einfluß--Herr von vier Millionen Pfund--Fürstenblut in den +Adern--ein Cavalier wie Fiesco, dem auf den ersten Wink alle Herzen +zufliegen würden-Fiesco (wendet sich mit Verachtung ab). Von einem +Schurken das anzuhören-Mohr. Daß Genuas großer Mann Genuas großen +Fall verschlafe. Viele bedauern, sehr Viele verspotten, die Meisten +verdammen Euch. Alle beklagen den Staat, der Euch verlor. Ein +Jesuit wollte gerochen haben, daß ein Fuchs im Schlafrock stecke. + +Fiesco. Ein Fuchs riecht den andern.--Was spricht man zu meinem +Roman mit der Gräfin Imperiali? + +Mohr. Was ich zu wiederholen hübsch unterlassen werde. + +Fiesco. Frei heraus! Je frecher, desto willkommener. Was murmelt +man? + +Mohr. Nichts murmelt man. Auf allen Kaffeehäusern, Billardtischen, +Gasthöfen, Promenaden--auf dem Markt--auf der Börse schreit man +laut-Fiesco. Was? Ich befehl' es dir! + +Mohr (sich zurückziehend). Daß Ihr ein Narr seid. + +Fiesco. Gut. Hier nimm die Zechine für diese Zeitung. Die +Schellenkappe hab' und nun aufgesetzt, daß diese Genueser über mich +lachen; bald will ich mir eine Glatze scheeren, daß sie den Hanswurst +von mir spielen. Wie nahmen sich die Seidenhändler bei meinen +Geschenken? + +Mohr (drollig). Narr, sie stellten sich wie die armen Sünder-Fiesco. +Narr? Bist du toll, Bursche? + +Mohr. Verzeiht! Ich hätte Lust zu noch mehr Zechinen. + +Fiesco (lacht, gibt ihm eine). Nun, wie die armen Sünder--? + +Mohr. Die auf dem Block liegen und jetzt Pardon über sich hören. +Euer sind sie Seel und Leib. + +Fiesco. Das freut mich. Sie geben den Ausschlag bei dem Pöbel zu +Genua. + +Mohr. Was das ein Auftritt war! Wenig fehlte, der Teufel hole mich! +daß ich nicht Geschmack an der Großmuth gefunden hätte. Sie wälzten +sich mir wie unsinnig um den Hals, die Mädel schienen sich bald in +meines Vaters Farbe vergafft zu haben, so hitzig fielen sie über +meine Mondsfinsterniß her. Allmächtig ist doch das Gold, war da mein +Gedanke; auch Mohren kann's bleichen. + +Fiesco. Dein Gedanke war besser, als das Mistbeet, worin er +wuchs--Die Worte, die du mir hinterbracht hast, sind gut, lassen sich +Thaten daraus schließen? + +Mohr. Wie aus des Himmels Räuspern der ausbrechende Sturm. Man +steckt die Köpfe zusammen, rottiert sich zu Hauf, ruft Hum! spukt ein +Fremder vorbei. Durch ganz Genua herrscht eine dumpfe Schwüle-- +Dieser Mißmuth hängt wie ein schweres Wetter über der Republik-- +nur einen Wind, so fallen Schlossen und Blitze. + +Fiesco. Stille! horch! Was ist das für ein verworrenes Gesumse? + +Mohr (aus dem Fenster fliegend). Es ist das Geschrei vieler Menschen, +die vom Rathhaus herabkommen. + +Fiesco. Heute ist Procuratorwahl. Laß meine Carriole vorfahren. +Unmöglich kann die Sitzung schon aus sein. Ich will hinauf. +Unmöglich kann sie rechtmäßig sein--Schwert und Mantel her. Wo ist +mein Orden? + +Mohr. Herr, ich hab' ihn gestohlen und versetzt. + +Fiesco. Das freut mich. + +Mohr. Nun, wie? wird mein Präsent bald herausrücken? + +Fiesco. Weil du nicht auch den Mantel nahmst? + +Mohr. Weil ich den Dieb ausfindig machte. + +Fiesco. Der Tumult wälzt sich hierher. Horch! Das ist nicht das +Gejauchze des Beifalls. (Rasch.) Geschwind, riegle die Hofpforten +auf. Ich hab' eine Ahnung. Doria ist tollkühn. Der Staat gaukelt +auf einer Nadelspitze. Ich wette, auf der Signoria ist Lärm worden. + +Mohr (am Fenster, schreit). Was ist das? Die Straße Balbi +herunter--Troß vieler Tausende--Hellebarden blitzen--Schwerter--Holla! +Senatoren--fliegen hieher-Fiesco. Es ist ein Aufruhr! Spring +unter sie. Nenn meinen Namen. Sieh zu, daß sie hieher sich werfen. +(Mohr eilt hinunter.) Was die Ameise Vernunft mühsam zu Haufen +schleppt, jagt in einem Hui der Wind des Zufalls zusammen. + + + +Fünfter Auftritt + + +Fiesco. Zenturione, Zibo, Asserato stürzen stürmisch ins Zimmer. + +Zibo. Graf, Sie verzeihen unserm Zorn, daß wir unangemeldet +hereintreten. + +Zenturione. Ich bin beschimpft, tödlich beschimpft vom Neffen des +Herzogs, im Angesicht der ganzen Signoria. + +Asserato. Doria hat das goldene Buch besudelt, davon jeder +genuesische Edelmann ein Blatt ist. + +Zenturione. Darum sind wir da. Der ganze Adel ist in mir +aufgefordert. Der ganze Adel muß meine Rache theilen. Meine Ehre zu +rächen, dazu würde ich schwerlich Gehilfen fordern. + +Zibo. Der ganze Adel ist in ihm aufgereizt. Der ganze Adel muß +Feuer und Flamme speien. + +Asserato. Die Rechte der Nation sind zertrümmert. Die +republikanische Freiheit hat einen Todesstoß. + +Fiesco. Sie spannen meine ganze Erwartung. + +Zibo. Er war der neunundzwanzigste unter den Wahlherrn, hatte zur +Procuratorwahl eine goldene Kugel gezogen. Achtundzwanzig Stimmen +waren gesammelt. Vierzehn sprachen für mich, eben so viele für +Lomellino! Dorias und die seinige standen noch aus. + +Zenturione (rasch ins Wort fallend). Standen noch aus. Ich votierte +für Zibo. Doria--fühlen Sie die Wunde meiner Ehre--Doria-Asserato +(fällt ihm wieder ins Wort). So was erlebte man nicht, so lang der +Ocean um Genua fluthet-Zenturione (hitziger fort). Doria zog ein +Schwert, das er unter dem Scharlach verborgen gehalten, spießte mein +Votum daran, rief in die Versammlung: + +Zibo. »Senatoren, es gilt nicht! Es ist durchlöchert! Lomellin ist +Procurator.« + +Zenturione. »Lomellin ist Procurator,« und warf sein Schwert auf die +Tafel. + +Asserato. Und rief: »Es gilt nicht!« und warf sein Schwert auf die +Tafel. + +Fiesco (nach einigem Stillschweigen). Wozu sind Sie entschlossen? + +Zenturione. Die Republik ist ins Herz gestoßen. Wozu wir +entschlossen sind? + +Fiesco. Zenturione, Binsen mögen vom Athem knicken. Eichen wollen +den Sturm. Ich frage, was Sie beschließen? + +Zibo. Ich dächte, man fragte, was Genua beschließe? + +Fiesco. Genua? Genua? Weg damit; es ist mürb, bricht, wo Sie es +anfassen. Sie rechnen auf die Patrizier? Vielleicht weil sie saure +Gesichter schneiden, die Achsel zucken, wenn von Staatssachen Rede +wird? Weg damit! Ihr Heldenfeuer klemmt sich in Ballen levantischer +Waaren, ihre Seelen flattern ängstlich um ihre ostindische Flotte. + +Zenturione. Lernen Sie unsere Patrizier besser schätzen. Kaum war +Dorias trotzige That gethan, flohen ihrer einige Hundert mit +zerrissenen Kleidern auf den Markt. Die Signoria fuhr auseinander. + +Fiesco (spöttisch). Wie Tauben auseinander flattern, wenn in den +Schlag sich ein Geier wirft? + +Zenturione (stürmisch). Nein! wie Pulvertonnen, wenn eine Lunte +hineinfällt. + +Zibo. Das Volk wüthet auch, was vermag nicht ein angeschossener Eber? + +Fiesco (lacht). Der blinde, unbeholfene Koloß, der mit plumpen +Knochen Anfangs Gepolter macht, Hohes und Niederes, Nahes und Fernes +mit gähnendem Rachen zu verschlingen droht und zuletzt--über +Zwirnsfäden stolpert? Genueser, vergebens! Die Epoche der +Meerbeherrscher ist vorbei. Genua ist unter seinen Namen gestürzt. +Genua ist doch, wo das unüberwindliche Rom wie ein Federball in die +Rakete eines zärtlichen Knaben Octavius sprang. Genua kann nicht +mehr frei sein. Genua muß von einem Monarchen erwärmt werden. Genua +braucht einen Souverain, also huldigen Sie dem Schwindelkopf +Gianettino. + +Zenturione (aufbrausend). Wenn sich die grollenden Elemente +versöhnen und der Nordpol dem Südpol nachspringt--Kommt, Kameraden! + +Fiesco. Bleiben Sie, bleiben Sie! Worüber brüten Sie, Zibo? + +Zibo. Über nichts oder einem Possenspiel, das das Erdbeben heißen +soll. + +Fiesco (führt sie zu einer Statue). Schauen Sie doch diese Figur an. + +Zenturione. Es ist die Venus von Florenz. Was soll sie uns hier? + +Fiesco. Sie gefällt Ihnen aber? + +Zibo. Ich sollte denken, oder wir wären schlechte Italiener. Wie +Sie das jetzt fragen mögen? + +Fiesco. Nun, reisen Sie durch alle Welttheile und suchen unter allen +lebendigen Abrücken des weiblichen Modells den glücklichsten aus, in +welchem sich alle Reize dieser geträumten Venus umarmen. + +Zibo. Und tragen dann für unsre Mühe davon? + +Fiesco. Dann werden Sie die Phantasie der Marktschreierei überwiesen +haben-Zenturione (ungeduldig). Und was gewonnen haben? + +Fiesco. Gewonnen haben den verjährten Proceß der Natur mit den +Künstlern. + +Zenturione (hitzig). Und dann? + +Fiesco. Dann? dann? (Fängt zu lachen an). Dann haben Sie vergessen +zu sehen, daß Genuas Freiheit zu Trümmern geht! (Zenturione, Zibo, +Asserato gehen ab.) + + + +Sechster Auftritt + + +Fiesco.--Getümmel um den Palast nimmt zu. + +Glücklich! glücklich! Das Stroh der Republik ist in Flammen. Das +Feuer hat schon Häuser und Thürme gefaßt--Immer zu! immer zu! +Allgemein werde der Brand, der schadenfrohe Wind pfeife in die +Verwüstung! + + + +Siebenter Auftritt + + +Mohr in Eile. Fiesco. + +Mohr. Haufen über Haufen! + +Fiesco. Mache die Thorflügel weit auf. Laß hereinstürzen, was Füße +hat. + +Mohr. Republikaner! Republikaner! Ziehen ihre Freiheit am Joch, +keuchen, wie Lastochsen, unter ihrer aristokratischen Herrlichkeit. + +Fiesco. Narren, die glauben, Fiesco von Lavagna werde fortführen, +was Fiesco von Lavagna nicht anfing! Die Empörung kommt wie gerufen. +Aber die Verschwörung muß meine sein. Sie stürmen die Treppe herauf. + +Mohr (hinaus). Holla! holla! Werden das Haus höflichst zur Thüre +hereinbringen. (Das Volk stürmt herein, die Thüre in Trümmer.) + + + +Achter Auftritt + + +Fiesco. Zwölf Handwerker. + +Alle. Rache an Doria! Rache an Gianettino! + +Fiesco. Hübsch gemach, meine Landsleute. Daß ihr mir alle eure +Aufwartung so machtet, das zeugt von eurem guten Herzen. Aber meine +Ohren sind delicater. + +Alle (ungestümer). Zu Boden mit den Doria! Zu Boden Oheim und +Neffen! + +Fiesco (der sie lächelnd überzählt). Zwölf sind ein vornehmes +Heer-Einige. Diese Doria müssen weg. Der Staat muß eine andere Form +haben. + +Erster Handwerker. Unsre Friedensrichter die Treppen hinab zu +schmeißen--die Treppen die Friedensrichter. + +Zweiter. Denkt doch, Lavagna, die Treppen hinab, als sie ihm bei der +Wahl widersprachen. + +Alle. Soll nicht geduldet werden! darf nicht geduldet werden! + +Ein Dritter. Ein Schwert in den Rath zu nehmen-Erster. Ein Schwert! +Das Zeichen des Kriegs! im Zimmer des Friedens! + +Zweiter. Im Scharlach in den Senat zu kommen! Nicht schwarz, wie +die übrigen Rathsherrn. + +Erster. Mit acht Hengsten durch unsere Hauptstadt zu fahren. + +Alle. Ein Tyrann! ein Verräther des Lands und der Regierung! + +Zweiter. Zweihundert Deutsche zur Leibwach vom Kaiser zu +kaufen-Erster. Ausländer wider die Kinder des Vaterlands! Deutsche +gegen Italiener! Soldaten neben die Gesetze! + +Alle. Hochverrath! Meuterei! Genuas Untergang! + +Erster. Das Wappen der Republik an der Kutsche zu führen-Zweiter. +Die Statue des Andreas mitten im Hof der Signoria!-Alle. In Stücken +mit dem Andreas! In tausend Stück den steinernen und den lebendigen! + +Fiesco. Genueser, warum mir Das alles? + +Erster. Ihr sollt es nicht dulden! Ihr sollt ihm den Daumen aufs +Aug halten! + +Zweiter. Ihr seid ein kluger Mann, und sollt es nicht dulden, und +sollt den Verstand für uns haben. + +Erster. Und seid ein besserer Edelmann, und sollt ihm das eintränken, +und sollt es nicht dulden. + +Fiesco. Euer Zutrauen schmeichelt mir sehr. Kann ich es durch +Thaten verdienen? + +Alle (lärmend). Schlage! Stürze! Erlöse! + +Fiesco. Doch ein gut Wort werdet ihr noch annehmen? + +Einige. Redet, Lavagna! + +Fiesco (der sich niedersetzt). Genueser--Das Reich der Thiere kam +einst in bürgerliche Gährung, Parteien schlugen mit Parteien, und ein +Fleischerhund bemächtigte sich des Throns. Dieser, gewohnt, das +Schlachtvieh an das Messer zu hetzen, hauste hündisch im Reich, +klaffte, biß und nagte die Knochen seines Volks. Die Nation murrte, +die Kühnsten traten zusammen und erwürgten den fürstlichen Bullen. +Jetzt ward ein Reichstag gehalten, die große Frage zu entscheiden, +welche Regierung die glücklichste sei? Die Stimmen theilten sich +dreifach. Genueser, für welche hättet ihr entschieden? + +Erster Bürger. Fürs Volk. Alle fürs Volk. + +Fiesco. Das Volk gewann's. Die Regierung ward demokratisch. Jeder +Bürger gab seine Stimme. Mehrheit setzte durch. Wenige Wochen +vergingen, so kündigte der Mensch dem neugebackenen Freistaat den +Krieg an. Das Reich kam zusammen. Roß, Löwe, Tiger, Bär, Elephant +und Rhinoceros traten auf und brüllten laut zu den Waffen! Jetzt kam +die Reih' an die Übrigen. Lamm, Hase, Hirsch, Esel, das ganze Reich +der Insecten, der Vögel, der Fische ganzes menschenscheues Heer--alle +traten dazwischen und wimmerten: Friede. Seht, Genueser! Der Feigen +waren mehr, denn der Streitbaren, der Dummen mehr, denn der +Klugen--Mehrheit setzte durch. Das Thierreich streckte die Waffen, +und der Mensch brandschatzte sein Gebiet. Dieses Staatssystem ward +also verworfen. Genueser, wozu wäret ihr jetzt geneigt gewesen? + +Erster und Zweiter. Zum Ausschuß! Freilich zum Ausschuß! + +Fiesco. Diese Meinung gefiel! Die Staatsgeschäfte theilten sich in +mehrere Kammern. Wölfe besorgten die Finanzen, Füchse waren ihre +Secretäre. Tauben führten das Criminalgericht, Tiger die gütlichen +Vergleiche, Böcke schlichteten Heirathsprocesse. Soldaten waren die +Hasen; Löwen und Elephant blieben bei der Bagage; der Esel war +Gesandter des Reichs, und der Maulwurf Oberaufseher über die +Verwaltung der Ämter. Genueser, was hofft ihr von dieser weisen +Vertheilung? Wen der Wolf nicht zerriß, den prellte der Fuchs. Wer +diesem entrann, den tölpelte der Esel nieder. Tiger erwürgten die +Unschuld; Diebe und Mörder begnadigte die Taube, und am Ende, wenn +die Ämter niedergelegt wurden, fand sie der Maulwurf alle +unsträflich verwaltet--Die Thiere empörten sich. Laßt uns einen +Monarchen wählen, riefen sie einstimmig, der Klauen und Hirn und nur +einen Magen hat--und einem Oberhaupt huldigten alle--einem, +Genueser--aber (indem er mit Hoheit unter sie tritt) es war der Löwe. + +Alle (klatschen, werfen die Mützen in die Höhe). Bravo! Bravo! das +haben sie schlau gemacht. + +Erster. Und Genua soll's nachmachen, und Genua hat seinen Mann schon. + +Fiesco. Ich will ihn nicht wissen. Gehet heim! Denkt auf den Löwen! +(Die Bürger tumultuarisch hinaus.) Es geht erwünscht. Volk und +Senat wider Doria. Volk und Senat für Fiesco--Hassan!--Hassan! Ich +muß diesen Wind benutzen--Hassan! Hassan! Ich muß diesen Haß +verstärken! dieses Interesse anfrischen!--Heraus, Hassan! Hurensohn +der Hölle! Hassan! Hassan! + + + +Neunter Auftritt + + +Mohr kommt. Fiesco. + +Mohr (wild). Meine Sohlen brennen noch. Was gibt's schon wieder? + +Fiesco. Was ich befehle. + +Mohr (geschmeidig). Wohin lauf' ich zuerst? wohin zuletzt? + +Fiesco. Das Laufen sei dir diesmal geschenkt. Du wirst geschleift +werden. Mache dich gleich gefaßt; ich posaune jetzt deinen +Meuchelmord aus und übergebe dich gebunden der peinlichen Nota. + +Mohr (sechs Schritte zurück). Herr?--das ist wider die Abrede. + +Fiesco. Sei ganz ruhig. Es ist nichts mehr, denn ein Possenspiel. +In diesem Augenblick liegt Alles daran, daß Gianettinos Anschlag auf +mein Leben ruchbar wird. Man wird dich peinlich verhören. + +Mohr. Ich bekenne dann oder leugne? + +Fiesco. Leugnest. Man wird dich auf die Tortur schrauben. Den +ersten Grad stehst du aus. Diese Witzigung kannst du auf Conto +deines Meuchelmords hinnehmen. Beim zweiten bekennst du. + +Mohr (schüttelt den Kopf, bedenklich). Ein Schelm ist der Teufel. +Die Herren könnten mich beim Essen behalten, und ich würde aus lauter +Komödie gerädert. + +Fiesco. Du kommst ganz weg. Ich gebe dir meine gräfliche Ehre. Ich +werde mir deine Bestrafung zur Genugthuung ausbitten und dich dann +vor den Augen der ganzen Republik pardonnieren. + +Mohr. Ich lasse mir's gefallen. Sie werden mir das Gelenk +auseinander treiben. Das macht geläufiger. + +Fiesco. So ritze mir hurtig mit deinem Dolche den Arm auf, bis Blut +darnach läuft--Ich werde thun, als hätt' ich dich erst frisch auf der +That ergriffen. Gut! (Mit gräßlichem Geschrei.) Mörder! Mörder! +Mörder! Besetzt die Wege! Riegelt die Pforten zu! (Er schleppt den +Mohren an der Gurgel hinaus, Bediente fliehen über den Schauplatz.) + + + +Zehnter Auftritt + + +Leonore. Rosa stürzen erschrocken herein. + +Leonore. Mord! schrieen sie, Mord! Von hier kam der Lärm. + +Rosa. Ganz gewiß nur ein blinder Tumult, wie alltäglich in Genua. + +Leonore. Sie schrieen Mord, und das Volk murmelte deutlich: Fiesco. +Armselige Betrüger! Meine Augen wollten sie schonen, aber mein Herz +überlistet sie. Geschwind, eile nach, sieh, sage mir, wo sie ihn +hinschleppen. + +Rosa. Sammeln Sie sich. Bella ist nach. + +Leonore. Bella wird seinen brechenden Blick noch auffassen! die +glückliche Bella! Weh über mich, seine Mörderin! Hätte Fiesco mich +lieben können, nie hätte Fiesco sich in die Welt gestürzt, nie in die +Dolche des Neids!--Bella kommt! Fort! Rede nicht, Bella! + + + +Eilfter Auftritt + + +Vorige. Bella. + +Bella. Der Graf lebt und ist ganz. Ich sah ihn durch die Stadt +galoppieren. Nie sah ich unsern gnädigen Herrn so schön. Der Rapp +prahlte unter ihm und jagte mit hochmüthigem Huf das andrängende Volk +von seinem fürstlichen Reiter. Er erblickte mich, als er vorüber +flog, lächelte gnädig, winkte hieher und warf drei Küsse zurück. +(Boshaft.) Was mach' ich damit, Signora? + +Leonore (in Entzückung). Leichtfertige Schwätzerin! Bring sie ihm +wieder. + +Rosa. Nun sehen Sie! jetzt sind Sie wieder Scharlach über und über. + +Leonore. Sein Herz wirft er den Dirnen nach, und ich jage nach einem +Blick?--O Weiber! Weiber! (Gehen ab.) + + + +Zwölfter Auftritt + + +Im Palast des Andreas. + +Gianettino. Lomellin kommen hastig + +Gianettino. Laß sie um ihre Freiheit brüllen, wie die Löwin um ein +Junges. Ich bleibe dabei. + +Lomellin. Doch, gnädiger Herr-Gianettino. Zum Teufel mit Eurem Doch, +dreistundlanger Procurator! Ich weiche um keines Haares Breite. +Laß Genuas Thürme die Köpfe schütteln und die tobende See Nein +dareinbrummen. Ich fürchte den Troß nicht. + +Lomellin. Der Pöbel ist freilich das brennende Holz, aber der Adel +gibt seinen Wind dazu. Die ganze Republik ist in Wallung. Volk und +Patrizier. + +Gianettino. So steh' ich wie Nero auf dem Berg und sehe dem +possierlichen Brande zu-Lomellin. Bis sich die ganze Masse des +Aufruhrs einem Parteigänger zuwirft, der ehrgeizig genug ist, in der +Verwüstung zu ernten. + +Gianettino. Possen! Possen! Ich kenne nur Einen, der fürchterlich +werden könnte, und für den ist gesorgt. + +Lomellin. Seine Durchlaucht. (Andreas kommt, Beide verneigen sich +tief.) + +Andreas. Signor Lomellin! Meine Nichte wünscht auszufahren. + +Lomellin. Ich werde die Gnade haben, sie zu begleiten. (Ab.) + + + +Dreizehnter Auftritt + + +Andreas. Gianettino. + +Andreas. Höre, Neffe! Ich bin schlimm mit dir zufrieden. + +Gianettino. Gönnen Sie mir Gehör, durchlauchtigster Oheim. + +Andreas. Dem zerlumptesten Bettler in Genua, wenn er es werth ist. +Einem Buben niemals, und wär' er mein Neffe. Gnädig genug, daß ich +dir den Oheim zeige; du verdientest den Herzog und seine Signoria zu +hören. + +Gianettino. Nur ein Wort, gnädigster Herr-Andreas. Höre, was du +gethan hast, und verantworte dich dann--Du hast ein Gebäude +umgerissen, das ich in einem halben Jahrhundert sorgsam +zusammenfügte--das Mausoleum deines Oheims--seine einzige +Pyramide--die Liebe der Genueser. Den Leichtsinn verzeiht dir +Andreas. + +Gianettino. Mein Oheim und Herzog-Andreas. Unterbrich mich nicht. +Du hast das schönste Kunstwerk der Regierung verletzt, das ich selbst +den Genuesern vom Himmel holte, das mich so viele Nächte gekostet, so +viele Gefahren und Blut. Vor ganz Genua hast du meine fürstlichen +Ehre besudelt, weil du für meine Anstalt keine Achtung zeigtest. Wem +wird sie heilig sein, wenn mein Blut sie verachtet?--Diese Dummheit +verzeiht dir der Oheim. + +Gianettino (beleidigt). Gnädigster Herr, Sie haben mich zu Genuas +Herzog gezogen. + +Andreas. Schweig--du bist ein Hochverräther des Staates und hast das +Herz seines Lebens verwundet. Merke dir's, Knabe! Es heißt-- +Unterwerfung!--Weil der Hirte am Abend seines Tagwerks zurücktrat, +wähntest du die Heerde verlassen? Weil Andreas eisgraue Haare +trägt, trampeltest du wie ein Gassenjunge auf den Gesetzen? + +Gianettino (trotzig). Gemach, Herzog. Auch in meinen Adern siedet +das Blut das Andreas, vor dem Frankreich erzitterte. + +Andreas. Schweig! befehl' ich--Ich bin gewohnt, daß das Meer +aufhorcht, wenn ich rede--Mitten in ihrem Tempel spieest du die +majestätische Gerechtigkeit an. Weißt du, wie man das ahndet, +Rebelle?--Jetzt antworte! + +(Gianettino heftet den Blick sprachlos zu Boden.) + +Andreas. Unglückseliger Andreas! In deinem eigenen Herzen hast du +den Wurm deines Verdiensts ausgebrütet.--Ich baute den Genuesern ein +Haus, das der Vergänglichkeit spotten sollte, und werfe den ersten +Feuerbrand hinein--Diesen! Dank' es, Unbesonnener, diesem eisgrauen +Kopf, der von Familienhänden zur Grube gebracht sein will--Dank' es +meiner gottlosen Liebe, daß ich den Kopf des Empörers dem beleidigten +Staate nicht--vom Blutgerüste zuwerfe. (Schnell ab.) + + + +Vierzehnter Auftritt + + +Lomellin außer Athem, erschrocken. Gianettino sieht dem Herzog +glühend und sprachlos nach. + +Lomellin. Was hab' ich gesehen? was angehört? Jetzt! Jetzt! +Fliehen Sie, Prinz! Jetzt ist Alles verloren. + +Gianettino (mit Ingrimm). Was war zu verlieren? + +Lomellin. Genua, Prinz. Ich komme vom Markt. Das Volk drängte sich +um einen Mohren, der an Stricken dahin geschleift wurde; der Graf von +Lavagna, über die dreihundert Nobili ihm nach bis ins Richthaus, wo +die Verbrecher gefoltert werden. Der Mohr war über einem Meuchelmord +ertappt worden, den er an dem Fiesco vollstrecken sollte. + +Gianettino (stampft mit dem Fuß). Was? Sind heut alle Teufel los? + +Lomellin. Man inquirierte scharf, wer ihn bestochen. Der Mohr +gestand nichts. Man brachte ihn auf die erste Folter. Er gestand +nichts. Man brachte ihn auf die zweite. Er sagte aus, sagte +aus--gnädiger Herr, wo gedachten Sie hin, da Sie Ihre Ehre einem +Taugenichts preisgaben? + +Gianettino (schnaubt ihn wild an). Frage mich nichts! + +Lomellin. Hören Sie weiter. Kaum war das Wort Doria +ausgesprochen--lieber hätt' ich meinen Namen auf der Schreibtafel des +Teufels gelesen, als hier den Ihren gehört--so zeigte sich Fiesco dem +Volk. Sie kennen ihn, den Mann, der befehlend flehet, den Wucherer +mit den Herzen der Menge. Die ganze Versammlung hing ihm odemlos in +starren, schrecklichen Gruppen entgegen; er sprach wenig, aber +streifte den blutenden Arm auf, das Volk schlug sich um die fallenden +Tropfen, wie um Reliquien. Der Mohr wurde seiner Willkür übergeben, +und Fiesco--ein Herzstoß für uns--Fiesco begnadigte ihn. Jetzt raste +die Stille des Volks in einen brüllenden Laut aus, jeder Odem +zernichtete einen Doria, Fiesco wurde auf tausendstimmigem Vivat nach +Hause getragen. + +Gianettino (mit einem dumpfen Gelächter). Der Aufruhr schwelle mir +an die Gurgel!--Kaiser Karl! Mit dieser einzigen Silbe will ich sie +niederwerfen, daß in ganz Genua auch keine Glocke mehr summen soll. + +Lomellin. Böhmen liegt weit von Italien--Wenn Karl sich beeilt, kann +er noch zeitig genug zu Ihrem Leichenschmaus kommen. + +Gianettino (zieht einen Brief mit großem Siegel hervor). Glück genug +also, daß er schon hier ist!--Verwundert sich Lomellin? Glaubte er +mich tolldreist genug, wüthige Republikaner zu reizen, wenn sie nicht +schon verkauft und verrathen wären? + +Lomellin (betreten). Ich weiß nicht, was ich denke. + +Gianettino. Ich denke Etwas, das du nicht weißt. Der Schluß ist +gefaßt. Übermorgen fallen zwölf Senatoren. Doria wird Monarch, und +Kaiser Karl wird ihn schützen--Du trittst zurück? + +Lomellin. Zwölf Senatoren! Mein Herz ist nicht weit genug, eine +Blutschuld zwölfmal zu fassen. + +Gianettino. Närrchen, am Thron wirft man sie nieder. Siehst du, ich +überlegte mit Karls Ministern, daß Frankreich in Genua noch starke +Parteien hätte, die es ihm zum zweiten Mal in die Hände spielen +könnten, wenn man sie nicht mit der Wurzel vertilgte. Das wurmte +beim alten Karl. Er unterschrieb meinen Anschlag--und du schreibst, +was ich dictiere. + +Lomellin. Noch weiß ich nicht-Gianettino. Setze dich! Schreib! + +Lomellin. Was schreib' ich aber? (Setzt sich.) + +Gianettino. Die Namen der zwölf Candidaten--Franz Zenturione. + +Lomellin (schreibt). Zum Dank für sein Votum führt er den Leichenzug. + +Gianettino. Cornelio Calva. + +Lomellin. Calva. + +Gianettino. Michael Zibo. + +Lomellin. Eine Abkühlung auf die Procuratur. + +Gianettino. Thomas Asserato mit drei Brüdern (Lomellin hält inne.) + +Gianettino (nachdrücklich). Mit drei Brüdern. + +Lomellin (schreibt). Weiter. + +Gianettino. Fiesco von Lavagna. + +Lomellin. Geben Sie Acht! geben Sie Acht! Sie werden über diesem +schwarzen Stein noch den Hals brechen. + +Gianettino. Scipio Bourgognino. + +Lomellin. Der mag anderswo Hochzeit halten. + +Gianettino. Wo ich Brautführer bin--Raphael Sacco. + +Lomellin. Dem sollt' ich Pardon auswirken, bis er mir meine +fünftausend Scudi bezahlt hat. (Schreibt.) Der Tod macht quitt. + +Gianettino. Vincent Calcagno. + +Lomellin. Calcagno--den Zwölften schreib' ich auf meine Gefahr, oder +unser Todfeind ist vergessen. + +Gianettino. Ende gut, Alles gut. Joseph Verrina. + +Lomellin. Das war der Kopf des Wurms. (Steht auf, streut Sand, +fliegt die Schrift durch, reicht sie dem Prinzen.) Der Tod gibt +übermorgen prächtige Gala und hat zwölf genuesische Fürsten geladen. + +Gianettino (tritt zum Tisch, unterzeichnet). Es ist geschehen--In +zwei Tagen ist Dogewahl. Wenn die Signoria versammelt ist, werden +die Zwölf auf das Signal eines Schnupftuchs mit einem plötzlichen +Schuß gestreckt, wenn zugleich meine zweihundert Deutsche das +Rathhaus mit Sturm besetzen. Ist das vorbei, tritt Gianettino Doria +in den Saal und läßt sich huldigen. (Klingelt.) + +Lomellin. Und Andreas? + +Gianettino (verächtlich). Ist ein alter Mann. (Ein Bedienter.) Wenn +der Herzog fragt, ich bin in der Messe. (Bedienter ab.) Der Teufel, +der in mir steckt, kann nur in Heiligenmaske incognito bleiben. + +Lomellin. Aber das Blatt, Prinz? + +Gianettino. Nimmst du, lässest es durch unsre Partei circulieren. +Dieser Brief muß mir Extrapost nach Levanto. Er unterrichtet den +Spinola von Allem und heißt ihn früh acht Uhr in der Hauptstadt hier +eintreffen. (Will fort.) + +Lomellin. Ein Loch im Faß, Prinz! Fiesco besucht keinen Senat mehr. + +Gianettino (zurückrufend). Doch noch einen Meuter wird Genua +haben?--Ich sorge dafür. (Ab in ein Seitenzimmer, Lomellin fort +durch ein anderes.) + + + +Fünfzehnter Auftritt + + +Vorzimmer bei Fiesco. + +Fiesco mit Briefen und Wechseln. Mohr. + +Fiesco. Also vier Galeeren sind eingelaufen. + +Mohr. Liegen glücklich in der Darsena vor Anker. + +Fiesco. Das kommt erwünscht. Woher die Expressen? + +Mohr. Von Rom, Piacenza und Frankreich. + +Fiesco (bricht die Briefe auf, fliegt sie durch). Willkommen, +willkommen in Genua! (Sehr aufgeräumt.) Die Kuriere werden fürstlich +bewirthet. + +Mohr. Hum! (Will gehen.) + +Fiesco. Halt! Halt! Hier kommt Arbeit für dich die Fülle. + +Mohr. Was steht zu Befehl? Die Nase des Spürers oder der Stachel +des Skorpions? + +Fiesco. Für jetzt des Lockvogels Schlag. Morgen früh werden +zweitausend Mann verkappt zur Stadt hereinschleichen, Dienste bei mir +zu nehmen. Vertheile du deine Handlanger an den Thoren herum, mit +der Ordre, auf die eintretenden Passagiers ein wachsames Auge zu +haben. Einige werden als ein Trupp Pilgrime kommen, die nach Loretto +wallfahrten gehen, andre als Ordensbrüder, oder Savoyarden, oder +Komödianten, wieder andre als Krämer, oder als ein Trupp Musikanten, +die meisten als abgedankte Soldaten, die genuesisches Brod essen +wollen. Jeder Fremde wird ausgefragt, wo er einstellet; antwortet er: +zur goldenen Schlange, so muß man ihn freundlich grüßen und meine +Wohnung bedeuten. Höre, Kerl! aber ich baue auf deine Klugheit. + +Mohr. Herr! wie auf meine Bosheit. Entwischt mir ein Lock Haare, so +sollt Ihr meine zwei Augen in eine Windbüchse laden und Sperlinge +damit schießen. (Will fort.) + +Fiesco. Halt! noch eine Arbeit. Die Galeeren werden der Nation +scharf in die Augen stechen. Merke auf, was davon die Rede wird. +Fragt dich Jemand, so hast du von Weitem murmeln gehört, daß dein +Herr damit Jagd auf die Türken mache. Verstehst du? + +Mohr. Verstehe. Die Bärte der Beschnittenen liegen oben drauf. Was +im Korb ist, weiß der Teufel. (Will fort.) + +Fiesco. Gemach. Noch eine Vorsicht. Gianettino hat neuen Grund, +mich zu hassen und mir Fallen zu stellen. Geh, beobachte deine +Kameraden, ob du nicht irgendwo einen Meuchelmord witterst. Doria +besucht die verdächtigen Häuser. Hänge dich an die Töchter der +Freude. Die Geheimnisse des Cabinets stecken sich gern in die Falten +eines Weiberrocks; versprich ihnen goldspeiende Kunden--versprich +deinen Herrn. Nichts kann zu ehrwürdig sein, das du nicht in diesen +Morast untertauchen sollst, bis du den festen Boden fühlst. + +Mohr. Halt! Holla! Ich habe Eingang bei einer gewissen Diana +Bononi und bin gegen fünf Vierteljahr ihr Zuführer gewesen. +Vorgestern sah ich den Procurator Lomellino aus ihrem Hause kommen. + +Fiesco. Wie gerufen. Eben der Lomellino ist der Hauptschlüssel zu +allen Tollheiten Dorias. Gleich morgen früh mußt du hingehen. +Vielleicht ist er heute Nacht dieser keuschen Luna Endymion. + +Mohr. Noch ein Umstand, gnädiger Herr. Wenn mich die Genueser +fragen--und ich bin des Teufels! das werden sie--wenn sie mich jetzt +fragen: was denkt Fiesco zu Genua?--Werdet Ihr Eure Maske noch länger +tragen, oder was soll ich antworten? + +Fiesco. Antworten! Wart! Die Frucht ist ja zeitig. Wehen +verkündigen die Geburt--Genua liege auf dem Block, sollst du +antworten, und dein Herr heiße Johann Ludwig Fiesco. + +Mohr (sich froh streckend). Was ich anbringen will, daß sich's +gewaschen haben soll, bei meiner hundsföttischen Ehre!--Aber nun hell +auf, Freund Hassan! In ein Weinhaus zuerst! Meine Füße haben alle +Hände voll zu thun--und muß meinen Magen caressieren, daß er mir bei +meinen Beinen das Wort redt. (Eilt ab, kommt aber schnell zurück.) A +propos! Bald hätt' ich das verplaudert. Was zwischen Eurer Frau und +Calcagno vorging, habt Ihr gern wissen mögen!--Ein Korb ging vor, +Herr, und Das war Alles. (Läuft davon.) + + + +Sechzehnter Auftritt + + +Fiesco bei sich. + +Ich bedaure, Calcagno--Meinten Sie etwa, ich würden den empfindlichen +Artikel meines Ehebetts Preis geben, wenn mir meines Weibes Tugend +und mein eigener Werth nicht Handschrift genug ausgestellt hätten? +Doch willkommen mit dieser Schwägerschaft. Du bist ein guter Soldat. +Das soll mir deinen Arm zu Dorias Untergang kuppeln!--(Mit starkem +Schritt auf und nieder.) Jetzt, Doria, mit mir auf den Kampfplatz! +Alle Maschinen des großen Wagestücks sind im Gang. Zum schaudernden +Concert alle Instrumente gestimmt. Nichts fehlt, als die Larve +herabzureißen und Genuas Patrioten den Fiesco zu zeigen. (Man hört +kommen.) Ein Besuch! Wer mag mich jetzt stören? + + + +Siebzehnter Auftritt + + +Voriger. Verrina. Romano mit einem Tableau. Sacco. Bourgognino. +Calcagno. Alle verneigen sich. + +Fiesco (ihnen entgegen, voll Heiterkeit). Willkommen, meine würdigen +Freunde! Welche wichtige Angelegenheit führt Sie so vollzählig zu +mir--Du auch da, theurer Bruder Verrina? Ich würde bald verlernt +haben, dich zu kennen, wären meine Gedanken nicht fleißiger um dich, +als meine Augen. War's nicht seit dem letzten Ball, daß ich meinen +Verrina entbehrte? + +Verrina. Zähl' ihm nicht nach, Fiesco. Schwere Lasten haben indeß +sein graues Haar gebeugt. Doch genug hievon. + +Fiesco. Nicht genug für die wißbegierige Liebe. Du wirst mir mehr +sagen müssen, wenn wir allein sind. (Zu Bourgognino.) Willkommen, +junger Held! Unsre Bekanntschaft ist noch grün, aber meine +Freundschaft ist zeitig. Haben Sie Ihre Meinung von mir verbessert? + +Bourgognino. Ich bin auf dem Wege. + +Fiesco. Verrina, man sagt mir, daß dieser junge Cavalier dein +Tochtermann werden soll. Nimm meinen ganzen Beifall zu dieser Wahl. +Ich hab' ihn nur einmal gesprochen, und doch würd' ich stolz sein, +wenn er der meinige wäre. + +Verrina. Dieses Urtheil macht mich eitel auf meine Tochter. + +Fiesco (zu den Andern). Sacco? Calcagno?--Lauter seltne +Erscheinungen in meinen Zimmern. Beinahe möchte ich mich meiner +Dienstfertigkeit schämen, wenn Genuas edelste Zierden sie +vorübergehen--Und hier begrüße ich einen fünften Gast, mir zwar fremd, +doch empfohlen genug durch diesen würdigen Zirkel. + +Romano. Es ist ein Maler schlechtweg, gnädiger Herr, Romano mit +Namen, der sich vom Diebstahl an der Natur ernährt, kein Wappen hat, +als seinen Pinsel, und nun gegenwärtig ist, (mit einer tiefen +Verbeugung) die große Linie zu einem Brutuskopfe zu finden. + +Fiesco. Ihre Hand, Romano. Ihre Meisterin ist eine Verwandte meines +Hauses. Ich liebe sie brüderlich. Kunst ist die rechte Hand der +Natur. Diese hat nur Geschöpfe, jene hat Menschen gemacht. Was +malen Sie aber, Romano? + +Romano. Scenen aus dem nervigten Alterthum. Zu Florenz steht mein +sterbender Hercules, meine Kleopatra zu Venedig, der wüthende Ajax zu +Rom, wo die Helden der Vorwelt--im Vatican wieder auferstehen. + +Fiesco. Und was ist wirklich Ihres Pinsels Beschäftigung? + +Romano. Er ist weggeworfen, gnädiger Herr. Das Licht des Genies +bekam weniger Fett, als das Licht des Lebens. Über einen gewissen +Punkt hinaus brennt nur die papierne Krone. Hier ist meine letzte +Arbeit. + +Fiesco (aufgeräumt). Sie könnte nicht erwünschter gekommen sein. +Ich bin heute ganz ungewöhnlich heiter, mein ganzes Wesen feiert eine +gewisse heroische Ruhe, ganz offen für die schöne Natur. Stellen Sie +Ihr Tableau auf. Ich will mir ein rechtes Fest daraus bereiten. +Tretet herum, meine Freunde. Wir wollen uns ganz dem Künstler +schenken. Stellen Sie Ihr Tableau auf. + +Verrina (winkt den Andern). Nun merket auf, Genueser! + +Romano (stellt das Gemälde zurecht). Das Licht muß von der Seite +spielen. Ziehen Sie jenen Vorhang auf. Diesen lassen Sie fallen. +Gut. (Er tritt auf die Seite.) Es ist die Geschichte der Virginia +und des Appius Claudius. + +(Lange ausdrucksvolle Pause, worin alle die Malerei betrachten.) + +Verrina (in Begeisterung). Spritz zu, eisgrauer Vater!--Zuckst du, +Tyrann?--Wie so bleich steht ihr Klötze Römer--ihm nach, Römer--das +Schlachtmesser blinkt--Mir nach, Klötze Genueser--Nieder mit Doria! +Nieder! nieder! (Er haut gegen das Gemälde.) + +Fiesco (lächelnd zum Maler.) Fordern Sie mehr Beifall? Ihre Kunst +macht diesen alten Mann zum bartlosen Träumer. + +Verrina (erschöpft). Wo bin ich? Wo sind sie hingekommen? Weg, wie +Blasen? Du hier, Fiesco? Der Tyrann lebt noch, Fiesco? + +Fiesco. Siehst du? Über vielem Sehen hast du die Augen vergessen. +Diesen Römerkopf findest du bewundernswerth? Weg mit ihm! Hier das +Mädchen blick' an! Dieser Ausdruck, wie weich, wie weiblich! Welche +Anmuth auch aus den welkenden Lippen? Welche Wollust im +verlöschenden Blick?--Unnachahmlich! göttlich, Romano!--Und noch die +weiße, blendende Brust, wie angenehm noch von des Athems letzten +Wellen gehoben! Mehr solche Nymphen, Romano, so will ich vor Ihren +Phantasieen knieen und der Natur einen Scheidebrief schreiben. + +Bourgognino. Verrina, ist das deine gehoffte herrliche Wirkung? + +Verrina. Fasse Muth, Sohn. Gott verwarf den Arm des Fiesco, er muß +auf den unsrigen rechnen. + +Fiesco (zum Maler). Ja, es ist Ihre letzte Arbeit, Romano. Ihr +Markt ist erschöpft. Sie rühren keinen Pinsel mehr an. Doch über +des Künstlers Bewunderung vergess' ich das Werk zu verschlingen. Ich +könnte hier stehen und hingaffen und ein Erdbeben überhören. Nehmen +Sie Ihr Gemälde weg. Sollt' ich Ihnen diesen Virginiakopf bezahlen, +müßt' ich Genua in Versatz geben. Nehmen Sie weg. + +Romano. Mit Ehre bezahlt sich der Künstler. Ich schenke es Ihnen. +(Er will hinaus.) + +Fiesco. Eine kleine Geduld, Romano. (Er geht mit majestätischem +Schritt im Zimmer und scheint über etwas Großes zu denken. Zuweilen +betrachtet er die Andern fliegend und scharf, endlich nimmt er den +Maler bei der Hand, führt ihn vor das Gemälde.) Tritt her, Maler! +(Äußerst stolz und mit Würde.) So trotzig stehst du da, weil du +Leben auf todten Tüchern heuchelst und große Thaten mit kleinem +Aufwand verewigst. Du prahlst mit Poetenhitze, der Phantasie +marklosem Marionettenspiel, ohne Herz, ohne thatenerwärmende Kraft; +stürzest Tyrannen auf Leinwand;--bist selbst ein elender Sklave? +Machst Republiken mit einem Pinsel frei;--kannst deine eignen Ketten +nicht brechen? (Voll und befehlend.) Geh! Deine Arbeit ist +Gaukelwerk--der Schein weiche der That--(Mit Größe, indem er das +Tableau umwirft.) Ich habe gethan, was du--nur maltest. (Alle +erschüttert. Romano trägt sein Tableau mit Bestürzung fort.) + + + +Achtzehnter Auftritt + + +Fiesco. Verrina. Bourgognino. Sacco. Calcagno. + +Fiesco (unterbricht eine Pause des Erstaunens). Dachtet ihr, der +Löwe schliefe, weil er nicht brüllte? Waret ihr eitel genug, euch zu +überreden, daß ihr die Einzigen wäret, die Genuas Ketten fühlten? die +Einzigen, die sie zu zerreißen wünschten? Eh ihr sie nur fern +rasseln hörtet, hatte sie schon Fiesco zerbrochen. (Er öffnet die +Schatulle, nimmt ein Paket Briefe heraus, die er alle über die Tafel +spreitet.) Hier Soldaten von Parma--hier französisches Geld--hier +vier Galeeren vom Papst. Was fehlt noch, einen Tyrannen in seinem +Nest aufzujagen? Was wißt ihr noch zu erinnern? (Da sie alle +erstarrt schweigen, tritt er von der Tafel mit Selbstgefühl.) +Republikaner, ihr seid geschickter, Tyrannen zu verfluchen, als sie +in die Luft zu sprengen. (Alle, außer Verrina, werfen sich sprachlos +Fiesco zu Füßen.) + +Verrina. Fiesco!--Mein Geist neigt sich vor dem deinigen--mein Knie +kann es nicht--Du bist ein großer Mensch!--aber--Steht auf, Genueser. + +Fiesco. Ganz Genua ärgerte sich an dem Weichling Fiesco. Ganz Genua +fluchte über den verbuhlten Schurken Fiesco. Genueser! Genueser! +Meine Buhlerei hat den arglistigen Despoten betrogen, meine Tollheit +hat eurem Fürwitz meine gefährliche Weisheit verhüllt. In den +Windeln der Üppigkeit lag das erstaunliche Werk der Verschwörung +gewickelt. Genug. Genua kennt ich in euch. Mein ungeheuerster +Wunsch ist befriedigt. + +Bourgognino (wirft sich unmuthig in einen Sessel). Bin ich denn gar +nichts mehr? + +Fiesco. Aber laßt uns schleunig von Gedanken zu Thaten gehn. Alle +Maschinen sind gerichtet. Ich kann die Stadt von Land und Wasser +bestürmen. Rom, Frankreich und Parma bedecken mich. Der Adel ist +schwierig. Des Pöbels Herzen sind mein. Die Tyrannen hab' ich in +Schlummer gesungen. Die Republik ist zu einem Umgusse zeitig. Mit +dem Glück sind wir fertig. Nichts fehlt--Aber Verrina ist +nachdenkend? + +Bourgognino. Geduld. Ich hab' ein Wörtchen, das ihn rascher +aufschrecken soll, als des jüngsten Tages Posaunenruf. (Er tritt zu +Verrina, ruft ihm bedeutend zu.) Vater, wach' auf! Deine Bertha +verzweifelt. + +Verrina. Wer sprach das?--Zum Werk, Genueser! + +Fiesco. Überlegt den Entwurf zur Vollstreckung. Über dem ernsten +Gespräch hat uns die Nacht überrascht. Genua liegt schlafen. Der +Tyrann fällt erschöpft von den Sünden des Tages nieder. Wachet für +beide! + +Bourgognino. Eh wir scheiden, laßt uns den heldenmüthigen Bund durch +eine Umarmung beschwören. (Sie schließen mit verschränkten Armen +einen Kreis.) Hier wachsen Genuas fünf größte Herzen zusammen, Genuas +größtes Loos zu entscheiden. (Drücken sich inniger.) Wenn der Welten +Bau auseinander fällt und der Spruch des Gerichts auch die Bande des +Bluts, auch der Liebe zerschneidet, bleibt dieses fünffache +Heldenblatt ganz! (Treten auseinander.) + +Verrina. Wann versammeln wir uns wieder? + +Fiesco. Morgen Mittag will ich eure Meinungen sammeln. + +Verrina. Morgen Mittag denn. Gute Nacht, Fiesco! Bourgognino, komm! +Du wirst etwas Seltsames hören. (Beide ab.) + +Fiesco (zu den Andern). Geht ihr zu den Hinterthoren hinaus, daß +Dorias Spionen nichts merken. (Alle entfernen sich.) + + + +Neunzehnter Auftritt + + +Fiesco, der nachdenkend auf und nieder geht. + +Welch ein Aufruhr in meiner Brust! welche heimliche Flucht der +Gedanken--Gleich verdächtigen Brüdern, die auf eine schwarze That +ausgehen, auf den Zehen schleichen und ihr flammroth Gesicht +furchtsam zu Boden schlagen, stehlen sich die üppigen Phantome an +meiner Seele vorbei--Haltet! haltet! Laßt mich euch ins Angesicht +leuchten--ein guter Gedanke stählet des Mannes Herz und zeigt sich +heldenmäßig dem Tage.--Ha! ich kenne euch!--das ist die Liverei des +ewigen Lügners--verschwindet! (Wieder Pause, darauf lebhafter.) +Republikaner Fiesco? Herzog Fiesco?--Gemach--Hier ist der gähe +Hinuntersturz, wo die Mark der Tugend sich schließt, sich scheiden +Himmel und Hölle--Eben hier haben Helden gestrauchelt, und Helden +sind gesunken, und die Welt belagert ihren Namen mit Flüchen--Eben +hier haben Helden gezweifelt, und Helden sind still gestanden und +Halbgötter geworden--(Rascher.) Daß sie mein sind, die Herzen von +Genua? Daß von meinen Händen dahin, dorthin sich gängeln läßt das +furchtbare Genua?--O über die schlaue Sünde, die einen Engel vor +jeden Teufel stellt--Unglückselige Schwungsucht! uralte Buhlerei! +Engel küßten an deinem Halse den Himmel hinweg, und der Tod sprang +aus deinem kreißenden Bauche--(Sich schaudernd schüttelnd.) Engel +fingst du mit Sirenentrillern von Unendlichkeit--Menschen angelst du +mit Gold, Weibern und Kronen! (Nach einer nachdenkenden Pause, fest.) +Ein Diadem erkämpfen ist groß. Es wegwerfen ist göttlich. +(Entschlossen.) Geh unter, Tyrann! Sei frei, Genua, und ich (sanft +geschmolzen) dein glücklichster Bürger! + + + + +Dritter Aufzug + +Furchtbare Wildniß. + + + +Erster Auftritt + + +Verrina. Bourgognino kommen durch die Nacht. + +Bourgognino (steht still.)A wohin führst du mich, Vater? Der dumpfe +Schmerz, womit du mich abriefst, keucht noch immer aus deinem +arbeitenden Odem. Unterbrich dieses grauenvolle Schweigen. Rede. +Ich folge nicht weiter. + +Verrina. Das ist der Ort. + +Bourgognino. Der schrecklichste, den du auffinden konntest. Vater, +wenn Das, was du hier vornehmen wirst, dem Orte gleich sieht, Vater, +so werden meine Haarspitzen aufwärts springen. + +Verrina. Doch blühet das, gegen die Nacht meiner Seele. Folge mir +dahin, wo die Verwesung Leichname morsch frißt, und der Tod seine +schaudernde Tafel hält--dahin, wo das Gewinsel verlorner Seelen +Teufel belustigt, und des Jammers undankbare Thränen im +durchlöcherten Sieb der Ewigkeit ausrinnen--dahin, mein Sohn, wo die +Welt ihre Losung ändert, und die Gottheit ihr allgütiges Wappen +bricht--dort will ich zu dir durch Verzerrungen sprechen, und mit +Zähneklappern wirst du hören. + +Bourgognino. Hören? Was? ich beschwöre dich. + +Verrina. Jüngling! ich fürchte--Jüngling, dein Blut ist +rosenroth--dein Fleisch ist milde geschmeidig; dergleichen Naturelle +fühlen menschlich weich; an dieser empfindenden Flamme schmilzt meine +grausame Weisheit. Hätte der Frost des Alters oder der bleierne Gram +den fröhlichen Sprung deiner Geister gestellt--hätte schwarzes, +klumpigtes Blut der leidenden Natur den Weg zum Herzen gesperrt, dann +wärst du geschickt, die Sprache meines Grams zu verstehen und meinen +Entschluß anzustaunen. + +Bourgognino. Ich werde ihn hören und mein machen. + +Verrina. Nicht darum, mein Sohn--Verrina wird damit dein Herz +verschonen. O Scipio, schwere Lasten liegen auf dieser Brust--ein +Gedanke, grauenvoll, wie die lichtscheue Nacht--ungeheuer genug, eine +Mannsbrust zu sprengen--Siehst du? Allein will ich ihn +vollführen--allein tragen kann ich ihn nicht. Wenn ich stolz wäre, +Scipio, ich könnte sagen, es ist eine Qual, der einzige große Mann zu +sein--Größe ist dem Schöpfer zur Last gefallen, und er hat Geister zu +Vertrauten gemacht--Höre, Scipio-Bourgognino. Meine Seele +verschlingt die deinige. + +Verrina. Höre, aber erwiedre nichts. Nichts, junger Mensch! Hörst +du? Kein Wort sollst du drauf sagen--Fiesco muß sterben! + +Bourgognino (mit Bestürzung). Sterben? Fiesco? + +Verrina. Sterben!--Ich danke dir, Gott! es ist heraus--Fiesco +sterben, Sohn, sterben durch mich!--Nun geh--es gibt Thaten, die sich +keinem Menschen-Urtheil mehr unterwerfen--nur den Himmel zum +Schiedsmann erkennen--Das ist eine davon. Geh. Ich will weder +deinen Tadel, noch deinen Beifall. Ich weiß, was sie mich kostet, +und damit gut. Doch höre--du könntest dich wohl gar wahnsinnig daran +denken--Höre--sahest du ihn gestern in unsrer Bestürzung sich +spiegeln?--Der Mann, dessen Lächeln Italien irre führte, wird er +seines Gleichen in Genua dulden?--Geh. Den Tyrannen wird Fiesco +stürzen, das ist gewiß! Fiesco wird Genuas gefährlichster Tyrann +werden, das ist gewisser! (Er geht schnell ab. Bourgognino blickt +ihm staunend und sprachlos nach, dann folgt er ihm langsam.) + + + +Zweiter Auftritt + + +Saal bei Fiesco. + +In der Mitte des Hintergrunds eine große Glasthüre, die den Prospect +über das Meer und Genua öffnet. Morgendämmerung.--Fiesco vom Fenster. + +Was ist das?--der Mond ist unter--Der Morgen kommt feurig aus der +See--Wilde Phantasieen haben meinen Schlaf aufgeschwelgt--mein ganzes +Wesen krampfig um eine Empfindung gewälzt--Ich muß mich im Offenen +dehnen. (Er macht die Glasthüre auf. Stadt und Meer von Morgenroth +überflammt. Fiesco mit starken Schritten im Zimmer.) Daß ich der +größte Mann bin im ganzen Genua? und die kleineren Seelen sollten +sich nicht unter die große versammeln?--Aber ich verletze die Tugend? +(steht still.) Tugend?--Der erhabene Kopf hat andre Versuchungen, als +der gemeine--Sollt' er Tugend mit ihm zu theilen haben?--Der Harnisch, +der des Pygmäen schmächtigen Körper zwingt, sollte der einem +Riesenleib anpassen müssen? + +Die Sonne geht auf über Genua. + +Diese majestätische Stadt! (Mit offenen Armen dagegen eilend.) Mein! +--und drüber emporzuflammen, gleich dem königlichen Tag--drüber zu +brüten mit Monarchenkraft--all die kochenden Begierden--all die +nimmersatten Wünsche in diesem grundlosen Ocean unterzutauchen?-- +Gewiß! Wenn auch des Betrügers Witz den Betrug nicht adelt, so +adelt doch der Preis den Betrüger. Es ist schimpflich, eine Börse +zu leeren--es ist frech, eine Million zu veruntreuen, aber es ist +namenlos groß, eine Krone zu stehlen. Die Schande nimmt ab mit der +wachsenden Sünde. (Pause, dann mit Ausdruck.) Gehorchen!-- +Herrschen!--ungeheure schwindlichte Kluft--Legt Alles hinein, was +der Mensch Kostbares hat--eure gewonnenen Schlachten, Eroberer-- +Künstler, eure unsterblichen Werke--eure Wollüste, Epikure--eure +Meere und Inseln, ihr Weltumschiffer! Gehorchen und Herrschen!-- +Sein und Nichtsein! Wer über den schwindlichten Graben vom letzten +Seraph zum Unendlichen setzt, wird auch diesen Sprung ausmessen. +(Mit erhabenem Spiel.) Zu stehen in jener schrecklich erhabenen +Höhe--niederzuschmollen in der Menschlichkeit reißenden Strudel, +wo das Rad der blinden Betrügerin Schicksale schelmisch wälzt-- +den ersten Mund am Becher der Freude--tief unten den geharnischten +Riesen Gesetz am Gängelbande zu lenken--schlagen zu sehen +unvergoltene Wunden, wenn sein kurzarmiger Grimm an das Geländer +der Majestät ohnmächtig poltert--die unbändigen Leidenschaften +des Volks, gleich so viel strampfenden Rossen, mit dem weichen +Spiele des Zügels zu zwingen--den emporstrebenden Stolz der +Vasallen mit einem--einem Athemzug in den Staub zu legen, wenn der +schöpferische Fürstenstab auch die Träume des fürstlichen Fiebers ins +Leben schwingt.--Ha! welche Vorstellung, die den staunenden Geist +über seine Linien wirbelt!--Ein Augenblick Fürst hat das Mark des +ganzen Daseins verschlungen. Nicht der Tummelplatz des Lebens--sein +Gehalt bestimmt seinen Werth. Zerstücke den Donner in seine +einfachen Silben, und du wirst Kinder damit in den Schlummer singen; +schmelze sie zusammen in einen plötzlichen Schall, und der +monarchische Laut wird den ewigen Himmel bewegen--Ich bin +entschlossen! (Heroisch auf und nieder.) + + + +Dritter Auftritt + + +Voriger. Leonore tritt herein mit merklicher Angst. + +Leonore. Vergeben Sie, Graf. Ich fürchte, Ihre Morgenruhe zu stören. + +Fiesco (tritt höchst betreten zurück.) Gewiß, gnädige Frau, Sie +überraschen mich seltsam. + +Leonore. Das begegnet nur den Liebenden nie. + +Fiesco. Schöne Gräfin, Sie verrathen Ihre Schönheit an den +feindlichen Morgenhauch. + +Leonore. Auch wüßt' ich nicht, warum ich den wenigen Rest für den +Gram schonen sollte. + +Fiesco. Gram, meine Liebe? Stand ich bisher im Wahn, Staaten nicht +umwühlen wollen, hieße Gemüthsruhe? + +Leonore. Möglich--Doch fühl' ich, daß meine Weiberbrust unter dieser +Gemüthsruhe bricht. Ich komme, mein Herr, Sie mit einer +nichtsbedeutenden Bitte zu belästigen, wenn Sie Zeit für mich +wegwerfen möchten. Seit sieben Monaten hatt' ich den seltsamen Traum, +Gräfin von Lavagna zu sein. Er ist verflogen. Der Kopf schmerzt +mir davon. Ich werden den ganzen Genuß meiner unschuldigen Kindheit +zurückrufen müssen, meine Geister von diesem lebhaften Phantome zu +heilen. Erlauben Sie darum, daß ich in die Arme meiner guten Mutter +zurückkehre? + +Fiesco (äußerst bestürzt). Gräfin? + +Leonore. Es ist ein schwaches, verzärteltes Ding, mein Herz, mit dem +Sie Mitleiden haben müssen. Auch die geringsten Andenken des Traums +könnten meiner kranken Einbildung Schaden thun. Ich stelle deßwegen +die letzten überbliebenen Pfänder ihrem rechtmäßigen Besitzer zurück. +(Sie legt einige Galanterieen auf ein Tischchen.) Auch diesen Dolch, +der mein Herz durchfuhr--(seinen Liebesbrief) auch diesen--und (indem +sie sich laut weinend hinausstürzen will) behalte nichts, als die +Wunde! + +Fiesco (erschüttert, eilt ihr nach, hält sie auf). Leonore! Welch +ein Auftritt! Um Gotteswillen! + +Leonore (fällt matt in seinen Arm). Ihre Gemahlin zu sein, hab' ich +nicht verdient, aber Ihre Gemahlin hätte Achtung verdient--Wie sie +jetzt zischen, die Lästerzungen! Wie sie auf mich herabschielen, +Genuas Damen und Mädchen! »Seht, wie sie wegblüht, die Eitle, die den +Fiesco heirathete.«--Grausame Ahndung meiner weiblichen Hoffart! Ich +hatte mein ganzes Geschlecht verachtet, da mich Fiesco zum Brautaltar +führte. + +Fiesco. Nein, wirklich, Madonna! dieser Auftritt ist sonderbar. + +Leonore. Ah, erwünscht. Er wird blaß und roth. Jetzt bin ich +muthig. + +Fiesco. Nur zwei Tage, Gräfin, und dann richten Sie mich. + +Leonore. Aufgeopfert!--Laß mich es nicht vor dir aussprechen, +jungfräuliches Licht! Aufgeopfert einer Buhlerin. Nein, sehen Sie +mich an, mein Gemahl! Wahrhaftig, die Augen, die ganz Genua in +knechtisches Zittern jagen, müssen sich jetzt vor den Thränen eines +Weibes verkriechen.-Fiesco (äußerst verwirrt). Nicht mehr, Signora. +Nicht weiter. + +Leonore (mit Wehmuth und etwas bitter). Ein schwaches Weiberherz zu +zerfleischen! O es ist des starken Geschlechts so würdig.--Ich warf +mich in die Arme dieses Mannes. An diesen Starken schmiegten sich +wollüstig alle meine weiblichen Schwächen. Ich übergab ihm meinen +ganzen Himmel--Der großmüthige Mann verschenkte ihn an eine-Fiesco +(stürzt ihr mit Heftigkeit ins Wort). Meine Leonore! nein-Leonore. +Meine Leonore?--Himmel, habe Dank! das war wieder echter Goldklang +der Liebe. Hassen sollt' ich dich, Falscher, und werfe mich hungrig +auf die Brosamen deiner Zärtlichkeit--Hassen? Sagte ich hassen, +Fiesco? O glaub' es nicht! Sterben lehrt mich dein Meineid, aber +nicht hassen. Mein Herz ist betrogen. (Man hört den Mohren.) + +Fiesco. Leonore, erfüllen Sie mir eine kleine kindische Bitte. + +Leonore. Alles, Fiesco, nur nicht Gleichgültigkeit. + +Fiesco. Was Sie wollen, wie Sie wollen--(Bedeutend.) Bis Genua um +zwei Tage älter ist, fragen Sie nicht, verdammen Sie nicht! (Er +führt sie mit Anstand in ein anderes Zimmer.) + + + +Vierter Auftritt + + +Mohr keuchend. Fiesco. + +Fiesco. Woher so in Athem? + +Mohr. Geschwind, gnädiger Herr-Fiesco. Ist was ins Garn gelaufen? + +Mohr. Lest diesen Brief. Bin ich denn wirklich da? Ich glaube, +Genua ist um zwölf Gassen kürzer worden, oder meine Beine um so viel +länger. Ihr verblaßt? Ja, um Köpfe werden sie karten, und der Eure +ist Tarock. Wie gefällt's Euch? + +Fiesco (wirft den Brief erschüttert auf den Tisch). Krauskopf und +zehn Teufel! wie kommst zu diesem Brief? + +Mohr. Ungefähr wie--Euer Gnaden zur Republik. Ein Expresser sollte +damit nach Levanto fliegen! Ich wittre den Fraß, laure dem Burschen +in einem Hohlweg auf. Baff, liegt der Marder--wir haben das Huhn. + +Fiesco. Sein Blut über dich! Der Brief ist nicht mit Gold zu +bezahlen. + +Mohr. Doch dank' ich für Silber. (Ernsthaft und wichtig.) Graf von +Lavagna! Ich habe neulich einen Gelust nach Eurem Kopf gehabt. +(Indem er auf den Brief deutet.) Hier wär' er wieder--Jetzt, denk' +ich, wären gnädiger Herr und Halunke quitt. Fürs Weitere könnt Ihr +Euch beim guten Freund bedanken. (Reicht ihm einen zweiten Zettel.) +Numero zwei. + +Fiesco (nimmt das Blatt mit Erstaunen). Wirst du toll sein? + +Mohr. Numero zwei. (Er stellt sich trotzig neben ihn, stemmt den +Ellenbogen an.) Der Löwe hat's doch so dumm nicht gemacht, daß er die +Maus pardonnierte? (Arglistig.) Gelt! er hat's schlau gemacht, wer +hätt ihn auch sonst aus dem Garne genagt?--Nun? Wie behagt Euch das? + +Fiesco. Kerl, wie viel Teufel besoldest du? + +Mohr. Zu dienen--nur einen, und der steht in gräflichem Futter. + +Fiesco. Dorias eigene Unterschrift!--Wo bringst du das Blatt her? + +Mohr. Warm aus den Händen meiner Bononi. Ich machte mich noch die +gestrige Nacht dahin, ließ Eure schönen Worte und Eure noch schönern +Zechinen klingen. Die letzten drangen durch. Früh sechs sollt' ich +wieder anfragen. Der Graf war richtig dort, wie Ihr sagtet, und +bezahlte mit Schwarz und Weiß das Weggeld zu einem contrebandenen +Himmelreich. + +Fiesco (aufgebracht). Über die feilen Weiberknechte!--Republiken +wollen sie stürzen, können keiner Metze nicht schweigen. Ich sehe +aus diesen Papieren, daß Doria und sein Anhang Komplott gemacht haben, +mich mit eilf Senatoren zu ermorden und Gianettino zum souveränen +Herzog zu machen. + +Mohr. Nicht anders, und das schon am Morgen der Dogewahl, dem +dritten des Monats. + +Fiesco (rasch.) Unsere flinke Nacht soll diesen Morgen in Mutterleibe +erwürgen--Geschwind, Hassan--meine Sachen sind reif--Rufe die +Andern--wir wollen ihnen einen blutigen Vorsprung machen--Tummle dich, +Hassan! + +Mohr. Noch muß ich Euch meinen Schubsack von Zeitungen stürzen. +Zweitausend Mann sind glücklich hereinprakticiert. Ich habe sie bei +den Kapuzinern untergebracht, wo auch kein vorlauter Sonnenstrahl sie +ausspionieren soll. Sie brennen vor Neugier, ihren Herrn zu sehen, +und es sind treffliche Kerl. + +Fiesco. Aus jedem Kopf blüht ein Scudi für dich--Was murmelt Genua +zu meinen Galeeren? + +Mohr. Das ist ein Hauptspaß, gnädiger Herr. Über die vierhundert +Abenteurer, die der Friede zwischen Frankreich und Spanien auf den +Sand gesetzt hat, nisteten sich an meine Leute und bestürmten sie, +ein gutes Wort für sie bei Euch einzulegen, daß Ihr sie gegen die +Ungläubigen schicken mögt. Ich habe sie auf den Abend zu Euch in den +Schloßhof beschieden. + +Fiesco (froh.) Bald sollt' ich dir um den Hals fallen, Schurke! Ein +Meisterstreich! Vierhundert, sagst du?--Genua ist nicht mehr zu +retten. Vierhundert Scudi sind dein. + +Mohr (treuherzig.) Gelt, Fiesco? Wir Zwei wollen Genua +zusammenschmeißen, daß man die Gesetze mit dem Besen aufkehren +kann--Das hab' ich Euch nie gesagt, daß ich unter der hiesigen +Garnison meine Vögel habe, auf die ich zählen kann, wie auf meine +Höllenfahrt. Nun hab' ich veranstaltet, daß wir auf jedem Thor +wenigstens sechs Creaturen unter der Wache haben, die genug sind, die +Andern zu beschwätzen und ihre fünf Sinne unter Wein zu setzen. Wenn +Ihr also Lust habt, diese Nacht einen Streich zu wagen, so findet Ihr +die Wachen besoffen. + +Fiesco. Rede nichts mehr. Bis jetzt hab' ich den ungeheuren Quader +ohne Menschenhilfe gewälzt; hart am Ziel soll mich der schlechteste +Kerl in der Rundung beschämen?--Deine Hand, Bursche! Was dir der +Graf schuldig bleibt, wird der Herzog hereinholen. + +Mohr. Überdies noch ein Billet von der Gräfin Imperiali. Sie +winkte mir von der Gasse hinauf, war sehr gnädig, fragte mich +spöttelnd, ob die Gräfin von Lavagna keinen Anfall von Gelbsucht +gehabt hätte? Euer Gnaden, sagt' ich, fragen nur einem Befinden nach, +sagt' ich-Fiesco (hat das Billet gelesen und wirft es weg). Sehr +gut gesagt; sie antwortete? + +Mohr. Antwortete, sie bedaure dennoch das Schicksal der armen Wittwe, +erbiete sich auch, ihr Genugthuung zu geben und Euer Gnaden +Galanterieen künftig zu verbitten. + +Fiesco (hämisch). Welche sich wohl noch vor Welt-Untergang aufheben +dürften--Das die ganze Erheblichkeit, Hassan? + +Mohr (boshaft). Gnädiger Herr, Angelegenheiten der Damen sind es +zunächst nach den politischen-Fiesco. O ja freilich, und diese +allerdings. Aber was willst du mit diesem Papierchen? + +Mohr. Eine Teufelei mit einer andern auskratzen--Diese Pulver gab +mir Signora, Eurer Frau täglich eins in die Chocolade zu rühren. + +Fiesco (tritt blaß zurück). Gab dir? + +Mohr. Donna Julia, Gräfin Imperiali. + +Fiesco (reißt ihm solche weg, heftig). Lügst du, Canaille, lass' ich +dich lebendig an den Wetterhahn vom Lorenzothurm schmieden, wo dich +der Wind in einem Athemzug neunmal herumtreibt--die Pulver? + +Mohr (ungeduldig). Soll ich Eurer Frau in der Chocolade zu saufen +geben, verordnete Donna Julia Imperiali. + +Fiesco (außer Fassung). Ungeheuer! Ungeheuer!--dieses holdselige +Geschöpf?--Hat so viel Hölle in einer Frauenzimmerseele Platz?--Doch, +ich vergaß dir zu danken, himmlische Vorsicht, die du es nichtig +machst--nichtig durch einen ärgeren Teufel. Deine Wege sind +sonderbar. (Zum Mohren.) Du versprichst, zu gehorchen, und schweigst. + +Mohr. Sehr wohl. Das Letzte kann ich, sie bezahlte mir's baar. + +Fiesco. Dieses Billet ladet mich zu ihr--Ich will kommen, Madame! +Ich will Sie beschwätzen, bis Sie hieher folgen. Gut. Du eilst +nunmehr, was du eilen kannst, rufst die ganze Verschwörung zusammen. + +Mohr. Diesen Befehl hab' ich vorausgewittert und darum Jeden auf +meine Faust Punkt zehn Uhr hieher bestellt. + +Fiesco. Ich höre Tritte. Sie sind's. Kerl, du verdientest deinen +eigenen Galgen, wo noch kein Sohn Adams gezappelt hat. Geh ins +Vorzimmer, bis ich läute. + +Mohr (im Abgehen). Der Mohr hat seine Arbeit gethan, der Mohr kann +gehen. (Ab.) + + + +Fünfter Auftritt + + +Alle Verschwornen. + +Fiesco (ihnen entgegen). Das Wetter ist im Anzug. Die Wolken laufen +zusammen. Tretet leis auf! Laßt beide Schlösser vorfallen! + +Verrina. Acht Zimmer hinter uns hab' ich zugeriegelt; der Argwohn +kann auf hundert Mannsschritte nicht beikommen. + +Bourgognino. Hier ist kein Verräther, wenn's unsre Furcht nicht wird. + +Fiesco. Furcht kann nicht über meine Schwelle. Willkommen, wer noch +der Gestrige ist. Nehmt eure Plätze. (Setzen sich.) + +Bourgognino (spaziert im Zimmer). Ich sitze ungern, wenn ich ans +Umreißen denke. + +Fiesco. Genueser, das ist eine merkwürdige Stunde. + +Verrina. Du hast uns aufgefordert, einem Plan zum Tyrannenmord +nachzudenken. Frage uns. Wir sind da, dir Rede zu geben. + +Fiesco. Zuerst also--eine Frage, die spät genug kommt, um seltsam zu +klingen--Wer soll fallen? (Alle schweigen.) + +Bourgognino (indem er sich über Fiescos Sessel lehnt, bedeutend). +Die Tyrannen. + +Fiesco. Wohlgesprochen, die Tyrannen. Ich bitte euch, gebt genau +Acht auf die ganze Schwere des Worts. Wer die Freiheit zu stürzen +Miene macht, oder Gewicht hat?--Wer ist mehr Tyrann? + +Verrina. Ich hasse den Ersten, den Letzten fürchte ich. Andreas +Doria falle! + +Calcagno (in Bewegung). Andreas, der abgelebte Andreas, dessen +Rechnung mit der Natur vielleicht übermorgen zerfallen ist? + +Sacco. Andreas, der sanftmüthige Alte? + +Fiesco. Furchtbar ist dieses alten Mannes Sanftmuth, mein Sacco! +Gianettinos Tolltrotz nur lächerlich. Andreas Doria falle! das +sprach deine Weisheit, Verrina. + +Bourgognino. Ketten von Stahl oder Seide--es sind Ketten, und +Andreas Doria falle! + +Fiesco (zum Tisch gehend). Also den Stab gebrochen über Onkel und +Neffen! Unterzeichnet! (Alle unterschreiben.) Das Wer? ist +berichtigt. (Setzen sich wieder.) Nun zum gleich merkwürdigen +Wie?--Reden Sie zuerst, Freund Calcagno. + +Calcagno. Wir führen es aus wie Soldaten oder wie Meuter. Jenes ist +gefährlich, weil es uns zwingt, viele Mitwisser zu haben, gewagt, +weil die Herzen der Nation noch nicht ganz gewonnen sind--diesem sind +fünf gute Dolche gewachsen. In drei Tagen ist hohe Messe in der +Lorenzokirche. Beide Doria halten dort ihre Andacht. In der Nähe +des Allerhöchsten entschläft auch Tyrannenangst. Ich sagte Alles. + +Fiesco (abgewandt). Calcagno--abscheulich ist Ihre vernünftige +Meinung--Raphael Sacco? + +Sacco. Calcagnos Gründe gefallen mir, seine Wahl empört. Besser, +Fiesco läßt Oheim und Neffen zu einem Gastmahle laden, wo sie dann, +zwischen den ganzen Groll der Republik gepreßt, die Wahl haben, den +Tod entweder an unsern Dolchen zu essen, oder in gutem Cyprier +Bescheid zu thun. Wenigstens bequem ist diese Methode. + +Fiesco (mit Entsetzen). Sacco, und wenn der Tropfe Wein, den ihre +sterbende Zunge kostet, zum siedenden Pech wird, ein Vorschmack der +Hölle--Wie dann, Sacco?--Weg mit diesem Rath! Sprich du, Verrina. + +Verrina. Ein offenes Herz zeigt eine offene Stirn. Meuchelmord +bringt uns in jedes Banditen Brüderschaft. Das Schwert in der Hand +deutet den Helden. Meine Meinung ist, wir geben laut das Signal des +Aufruhrs, rufen Genuas Patrioten stürmend zur Rache auf. (Er fährt +vom Sessel. Die Andern folgen. Bourgognino wirft sich ihm um den +Hals.) + +Bourgognino. Und zwingen mit gewaffneter Hand dem Glück eine Gunst +ab? Das ist die Stimme der Ehre und die meinige. + +Fiesco. Und die meinige. Pfui, Genueser! (Zu Calcagno und Sacco.) +Das Glück hat bereits schon zu viel für uns gethan, wir müssen uns +selbst auch noch Arbeit geben--Also Aufruhr, und den noch diese Nacht, +Genueser! (Verrina, Bourgognino erstaunen. Die Andern erschrecken.) + +Calcagno. Was? noch diese Nacht? Noch sind die Tyrannen zu mächtig, +noch unser Anhang zu dünne. + +Sacco. Diese Nacht noch? und es ist nichts gethan, und die Sonne +geht schon bergunter? + +Fiesco. Eure Bedenklichkeiten sind sehr gegründet, aber lest diese +Blätter. (Er reicht ihnen die Handschriften Gianettinos und geht, +indeß sie neugierig lesen, hämisch auf und nieder.) Jetzt fahre wohl, +Doria, schöner Stern! Stolz und vorlaut standst du da, als hättest +du den Horizont von Genua verpachtet, und sahest doch, daß auch die +Sonne den Himmel räumt und das Scepter der Welt mit dem Monde theilt. +Fahre wohl, Doria, schöner Stern! + +Auch Patroklus ist gestorben, Und war mehr als du. + + +Bourgognino (nachdem sie die Blätter gelesen). Das ist gräßlich! + +Calcagno. Zwölf auf einen Schuß! + +Verrina. Morgen in der Signoria! + +Bourgognino. Gebt mir die Zettel. Ich reite spornstreichs durch +Genua, halte sie so, so werden die Steine hinter mir springen und die +Hunde Zetermordio heulen. + +Alle. Rache! Rache! Rache! Diese Nacht noch! + +Fiesco. Da seid ihr, wo ich euch wollte. Sobald es Abend wird, will +ich die vornehmsten Mißvergnügten zu einer Lustbarkeit bitten; +nämlich alle, die auf Gianettinos Mordliste stehen, und noch überdies +die Sauli, die Gentili, Vivaldi und Vesodimari, alle Todfeinde des +Hauses Doria, die der Meuchelmörder zu fürchten vergaß. Sie werden +meinen Anschlag mit offenen Armen umfassen, daran zweifle ich nicht. + +Bourgognino. Daran zweifl' ich nicht. + +Fiesco. Vor Allem müssen wir uns des Meers versichern. Galeeren und +Schiffsvolk hab' ich. Die zwanzig Schiffe der Doria sind unbetakelt, +unbemannt, leicht überrumpelt. Die Mündung der Darsena wird gestopft, +alle Hoffnung zur Flucht verriegelt. Haben wir den Hafen, so liegt +Genua an Ketten. + +Verrina. Unleugbar. + +Fiesco. Dann werden die festen Plätze der Stadt erobert und besetzt. +Der wichtigste ist das Thomasthor, das zum Hafen führt und unsere +Seemacht mit der Landmacht verknüpft. Beide Doria werden in ihren +Palästen überfallen, ermordet. In allen Gassen wird Lärm geschlagen; +die Sturmglocken werden gezogen, die Bürger herausgerufen, unsere +Partei zu nehmen und Genuas Freiheit zu verfechten. Begünstiget uns +das Glück, so hört ihr in der Signoria das Weitere. + +Verrina. Der Plan ist gut. Laß sehen, wie wir die Rollen vertheilen. + +Fiesco (bedeutend). Genueser, ihr stelltet mich freiwillig an die +Spitze des Komplotts. Werdet ihr auch meinen weiteren Befehlen +gehorchen? + +Verrina. So gewiß sie die besten sind. + +Fiesco. Verrina, weißt du das Wörtchen unter der Fahne?--Genueser, +sagt's ihm, es heißt Subordination! Wenn ich nicht diese Köpfe +drehen kann, wie ich eben will--versteht mich ganz--wenn ich nicht +der Souverän der Verschwörung bin, so hat sie auch ein Mitglied +verloren. + +Verrina. Ein freies Leben ist ein paar knechtische Stunden +werth--Wir gehorchen. + +Fiesco. So verlaßt mich jetzt. Einer von euch wird die Stadt +visitieren und mir von der Stärke und Schwäche der festen Plätze +Rapport machen. Ein Anderer erforscht die Parole. Ein Dritter +bemannt die Galeeren. Ein Vierter wird die zweitausend Mann nach +meinem Schloßhof befördern. Ich selbst werde auf den Abend Alles +berichtigt haben und noch überdies, wenn das Glück will, die Bank im +Pharao sprengen. Schlag neun Uhr ist Alles im Schloß, meine letzten +Befehle zu hören. (Klingelt.) + +Verrina. Ich nehme den Hafen auf mich. (Ab.) + +Bourgognino. Ich die Soldaten. (Auch ab.) + +Calcagno. Die Parole will ich ablauern. (Ab.) + +Sacco. Ich die Runde durch Genua machen. (Ab.) + + + +Sechster Auftritt + + +Fiesco. Darauf der Mohr. + +Fiesco (hat sich an ein Pult gesetzt und schreibt). Schlugen sie +nicht um gegen das Wörtchen Subordination, wie die Raupe gegen die +Nadel?--Aber es ist zu spät, Republikaner! + +Mohr (kommt). Gnädiger Herr-Fiesco (steht auf, gibt ihm einen +Zettel). Alle, deren Namen auf diesem Blatt stehen, ladest du zu +einer Komödie auf die Nacht. + +Mohr. Mitzuspielen vermuthlich. Die Entrée wird die Gurgel kosten. + +Fiesco (fremd und verächtlich). Wenn das bestellt ist, will ich dich +nicht länger in Genua aufhalten. (Er geht und läßt eine Goldbörse +hinter sich fallen.) Das sei deine letzte Arbeit. (Geht ab.) + + + +Siebenter Auftritt + + +Mohr hebt den Beutel langsam von der Erde, indem er ihm stutzig +nachblickt. + +Stehn wir so miteinander? »Will ich dich nicht mehr in Genua +aufhalten.« Das heißt aus dem Christlichen in mein Heidenthum +verdolmetscht: Wenn ich Herzog bin, lass' ich den guten Freund an +einen genuesischen Galgen hängen. Gut. Er besorgt, weil ich um +seine Schliche weiß, werd' ich seine Ehre über mein Maul springen +lassen, wenn er Herzog ist. Sachte, Herr Graf! das Letzte wäre noch +zu überlegen. + +Jetzt, alter Doria, steht mir deine Haut zu Befehl.--Hin bist du, +wenn ich dich nicht warne. Wenn ich jetzt hingehe und das Komplott +angebe, rett' ich dem Herzog von Genua nichts Geringeres, als ein +Leben und ein Herzogthum; nichts Geringers, als dieser Hut, von Gold +gestrichen voll, kann sein Dank sein. (Er will fort, bleibt aber +plötzlich still stehn.) Aber sachte, Freund Hassan! Du bist etwa gar +auf der Reise nach einem dummen Streich? Wenn die ganze +Todtschlägerei jetzt zurückging' und daraus gar etwas Gutes +würde?--Pfui! pfui! was will mir mein Geiz für einen Teufelsstreich +spielen!--Was stiftet größeres Unheil: wenn ich diesen Fiesco +prelle?--wenn ich jenen Doria an das Messer liefre?--Das klügelt mir +aus, meine Teufel!--Bringt der Fiesco es hinaus, kann Genua aufkommen. +Weg! das kann nicht sein. Schlüpft dieser Doria durch, bleibt +Alles wie vor, und Genua hat Frieden--das wäre noch garstiger!--Aber +das Spektakel, wenn die Köpfe der Rebellen in die Garküche des +Henkers fliegen? (Auf die andere Seite.) Aber das lustige Gemetzel +dieser Nacht, wenn Ihre Durchlauchten am Pfiff eines Mohren erwürgen? +Nein! aus diesem Wirrwarr helf' sich ein Christ, dem Heiden ist das +Räthsel zu spitzig--Ich will einen Gelehrten fragen. (Ab.) + + + +Achter Auftritt + + +Saal bei der Gräfin Imperiali. + +Julia im Negligé. Gianettino tritt herein, zerstört. + +Gianettino. Guten Abend, Schwester. + +Julia (steht auf). Etwas Außerordentliches mag es auch sein, das den +Kronprinzen von Genua zu seiner Schwester führt? + +Gianettino. Schwester, bist du doch stets von Schmetterlingen +umschwärmt und ich von Wespen. Wer kann abkommen? Setzen wir uns. + +Julia. Du machst mich bald ungeduldig. + +Gianettino. Schwester, wann war's das letztemal, daß dich Fiesco +besuchte? + +Julia. Seltsam. Als wenn mein Gehirn dergleichen Nichtigkeiten +beherbergte. + +Gianettino. Ich muß es durchaus wissen. + +Julia. Nun--er war gestern da. + +Gianettino. Und zeigte sich offen? + +Julia. Wie gewöhnlich. + +Gianettino. Auch noch der alte Phantast? + +Julia (beleidigt). Bruder! + +Gianettino (mir stärkerer Stimme). Höre! Auch noch der alte +Phantast? + +Julia (steht aufgebracht auf). Wofür halten Sie mich, Bruder? + +Gianettino (bleibt sitzen, hämisch). Für ein Stück Weiberfleisch, in +einen großen--großen Adelsbrief gewickelt. Unter uns, Schwester, +weil doch Niemand auflauert. + +Julia (hitzig). Unter uns--Sie sind ein tolldreister Affe, der auf +dem Credit seines Onkels steckenreitet--weil doch Niemand auflauert. + +Gianettino. Schwesterchen, Schwesterchen! Nicht böse--Ich bin nur +lustig, weil Fiesco noch der alte Phantast ist. Das hab' ich wissen +wollen. Empfehl' mich. (Will gehen.) + + + +Neunter Auftritt + + +Lomellin kommt. + +Lomellin (küßt der Julia die Hand). Verzeihung für meine +Dreistigkeit, gnädige Frau. (Zum Gianettino gekehrt.) Gewisse Dinge, +die sich nicht aufschieben lassen-Gianettino (nimmt ihn bei Seite. +Julia tritt zornig zu einem Flügel und spielt ein Allegro). Alles +angeordnet auf morgen? + +Lomellin. Alles! Prinz. Aber der Kurier, der heute früh nach +Levanto flog, ist nicht wieder zurück. Auch Spinola ist nicht da. +Wenn er aufgefangen wäre!--Ich bin in höchster Verlegenheit. + +Gianettino. Besorge nichts. Du hast doch die Liste bei der Hand? + +Lomellin (betreten). Gnädiger Herr--die Liste--ich weiß nicht--ich +werde sie in meiner gestrigen Rocktasche liegen haben-Gianettino. +Auch gut. Wär' nur Spinola zurück. Fiesco wird morgen früh todt im +Bette gefunden. Ich hab' die Anstalt gemacht. + +Lomellin. Aber fürchterlich Aufsehen wird's machen. + +Gianettino. Das eben ist unsre Sicherheit, Bursche. +Alltagsverbrechen bringen das Blut des Beleidigten in Wallung, und +Alles kann der Mensch. Außerordentliche Frevel machen es vor +Schrecken gefrieren, und der Mensch ist nichts. Weißt du das Märchen +mit dem Medusakopf? Der Anblick macht Steine--Was ist nicht gethan, +Bursche, bis Steine erwarmen. + +Lomellin. Haben Sie der gnädigen Frau einen Wink gegeben? + +Gianettino. Pfui doch! die muß man des Fiesco wegen delicater +behandeln. Doch, wenn sie erst die Früchte verschmeckt, wird sie die +Unkosten verschmerzen. Komm! ich erwarte diesen Abend noch Truppen +von Mailand und muß an den Thoren die Ordre geben. (Zur Julia.) Nun, +Schwester, hast du deinen Zorn bald verklimpert? + +Julia. Gehen Sie! Sie sind ein wilder Gast. + +(Gianettino will hinaus und stößt auf Fiesco.) + + + +Zehnter Auftritt + + +Fiesco kommt. + +Gianettino (zurückfahrend). Ha! + +Fiesco (zuvorkommend, verbindlich). Prinz, Sie überheben mich eines +Besuchs, den ich mir eben vorbehalten hatte-Gianettino. Auch mir, +Graf, konnte nichts Erwünschters als Ihre Gesellschaft begegnen. + +Fiesco (tritt zu Julien, küßt ihr respectvoll die Hand). Man ist es +bei Ihnen gewohnt, Signora, immer seine Erwartungen übertroffen zu +sehen. + +Julia. Pfui doch, das würde bei einer Andern zweideutig lauten--Aber +ich erschrecke an meinem Negligé. Verzeihen Sie, Graf. (Will in ihr +Kabinet fliegen.) + +Fiesco. O bleiben Sie, schöne gnädige Frau! Das Frauenzimmer ist +nie so schön, als im Schlafgewand, (lächelnd) es ist die Tracht +seines Gewerbes--Diese hinaufgezwungenen Haare--Erlauben Sie, daß ich +sie ganz durcheinander werfe. + +Julia. Daß ihr Männer so gerne verwirret! + +Fiesco (unschuldig gegen Gianettino). Haare und Republiken! Nicht +wahr, das gilt uns gleichviel?--Und auch dieses Band ist falsch +angeheftet--Setzen Sie sich, schöne Gräfin--Augen zu betrügen +versteht Ihre Laura, aber nicht Herzen--Lassen Sie mich Ihre +Kammerfrau sein. (Sie setzt sich, er macht ihr den Anzug zurecht.) + +Gianettino (zupft den Lomellin). Der arme, sorglose Wicht! + +Fiesco (an Juliens Busen beschäftigt). Sehen Sie--dieses verstecke +ich weislich. Die Sinne müssen immer nur blinde Briefträger sein und +nicht wissen, was Phantasie und Natur mit einander abzukarten haben. + +Julia. Das ist leichtfertig. + +Fiesco. Ganz und gar nicht, denn, sehen Sie, die beste Neuigkeit +verliert, sobald sie Stadtmärchen wird--Unsre Sinne sind nur die +Grundsuppe unsrer innern Republik. Der Adel lebt von ihnen, aber +erhebt sich über ihren platten Geschmack. (Er hat sie fertig gemacht +und führt sie vor den Spiegel.) Nun, bei meiner Ehre! dieser Anzug +muß morgen Mode in Genua sein. (Fein.) Darf ich Sie so durch die +Stadt führen, Gräfin? + +Julia. Über den verschlagenen Kopf! Wie künstlich er's anlegte, +mich in seinen Willen hineinzulügen! Aber ich habe Kopfweh und werde +zu Hause bleiben. + +Fiesco. Verzeihen Sie, Gräfin--das können Sie, wie Sie wollen, aber +Sie wollen es nicht--Diesen Mittag ist eine Gesellschaft +florentinischer Schauspieler hier angekommen und hat sich erboten, in +meinem Palaste zu spielen--Nun hab' ich nicht verhindern können, daß +die meisten Edeldamen der Stadt Zuschauerinnen sein werden, welches +mich äußerst verlegen macht, weil ich die vornehmste Loge besetzen +soll, ohne meinen empfindlichen Gästen eine Sottise zu machen. Noch +ist nur ein Ausweg möglich. (Mit einer tiefen Verbeugung.) Wollen +Sie so gnädig sein, Signora? + +Julia (wird roth und geht schleunig ins Kabinet). Laura! + +Gianettino (tritt zu Fiesco). Graf, Sie erinnern sich einer +unangenehmen Geschichte, die neulich zwischen uns Beiden +vorfiel-Fiesco. Ich wünschte, Prinz, wir vergäßen sie Beide--Wir +Menschen handeln gegen uns, wie wir uns kennen, und wessen Schuld +ist's, als die meinige, daß mich mein Freund Doria nicht ganz gekannt +hat? + +Gianettino. Wenigstens werd' ich nie daran danken, ohne Ihnen von +Herzen Abbitte zu thun-Fiesco. Und ich nie, ohne Ihnen von Herzen zu +vergeben--(Julia kommt etwas umgekleidet zurück.) + +Gianettino. Eben fällt es mir bei, Graf, Sie lassen ja gegen die +Türken kreuzen? + +Fiesco. Diesen Abend werden die Anker gelichtet--Ich bin eben darum +in einiger Besorgniß, woraus mich die Gefälligkeit meines Freundes +Doria reißen könnte. + +Gianettino (äußerst höflich). Mit allem Vergnügen!--Befehlen Sie +über meinen ganzen Einfluß! + +Fiesco. Der Vorgang dürfte gegen Abend einigen Auflauf gegen den +Hafen und meinen Palast verursachen, welchen der Herzog, Ihr Oheim, +mißdeuten könnten-Gianettino (treuherzig). Lassen Sie mich dafür +sorgen. Machen Sie immer fort, und ich wünsche Ihnen viel Glück zur +Unternehmung. + +Fiesco (schmollt). Ich bin Ihnen sehr verbunden. + + + +Eilfter Auftritt + + +Vorige. Ein Deutscher der Leibwache. + +Gianettino. Was soll's? + +Deutscher. Als ich das Thomasthor vorbeiging, sah ich gewaffnete +Soldaten in großer Anzahl der Darsena zueilen und die Galeeren des +Grafen von Lavagna segelfertig machen-Gianettino. Nichts Wichtigers? +Es wird nicht weiter gemeldet. + +Deutscher. Sehr wohl. Auch aus den Klöstern der Kapuziner wimmelt +verdächtiges Gesindel und schleicht über den Markt; Gang und Ansehen +lassen vermuthen, daß es Soldaten sind. + +Gianettino (zornig). Über den Diensteifer eines Dummkopfs! (Zu +Lomellin zuversichtlich.) Das sind meine Mailänder. + +Deutscher. Befehlen Euer Gnaden, daß sie arretiert werden sollen? + +Gianettino (laut zu Lomellin). Sehen Sie nach, Lomellin. (Wild zum +Deutschen.) Nur fort, es ist gut! (Zu Lomellin.) Bedeuten Sie dem +deutschen Ochsen, daß er das Maul halten soll. + +(Lomellin ab mit dem Deutschen.) + +Fiesco (der bisher mit Julien getändelt und verstohlen +herübergeschielt hatte). Unser Freund ist verdrießlich. Darf ich +den Grund wissen? + +Gianettino. Kein Wunder. Das ewige Anfragen und Melden! (Schießt +hinaus.) + +Fiesco. Auch auf uns wartet das Schauspiel. Darf ich Ihnen den Arm +anbieten, gnädige Frau? + +Julia. Geduld! Ich muß erst die Enveloppe umwerfen. Doch kein +Trauerspiel, Graf? Das kommt mir im Traum. + +Fiesco (tückisch). O, es ist zum Todtlachen, Gräfin! + +(Er führt sie ab. Vorhang fällt.) + + + + +Vierter Aufzug + +Es ist Nacht. Schloßhof des Fiesco. Die Laternen werden angezündet. +Waffen hereingetragen. Ein Schloßflügel ist erleuchtet. + + + +Erster Auftritt + + +Bourgognino führt Soldaten auf. + +Bourgognino. Halt!--An das große Hofthor kommen vier Posten. Zwei +an jede Thüre zum Schloß. (Wachen nehmen ihren Posten.) Wer will, +wird hereingelassen. Hinaus darf Niemand. Wer Gewalt braucht, +niedergestochen. (Mit den Übrigen ins Schloß. Schildwachen auf und +nieder. Pause.) + + + +Zweiter Auftritt + + +Wachen am Hofthor (rufen an). Wer da? (Zenturione kommt.) + +Zenturione. Freund von Lavagna. (Geht quer über den Hof nach dem +rechten Schloßthor.) + +Wachen (dort). Zurück! + +Zenturione (stutzt und geht nach dem linken Thor). + +Wachen (am linken). Zurück! + +Zenturione (steht betreten still. Pause. Darauf zur linken Wache). +Freund, wo hinaus geht's zur Komödie? + +Wache. Weiß nicht. + +Zenturione (auf und ab mit steigender Besorgnis, darauf zur rechten +Wache). Freund, wann geht die Komödie an? + +Wache. Weiß nicht. + +Zenturione (erstaunt auf und nieder. Wird die Waffen gewahr. +Bestürzt). Freund, was soll das? + +Wache. Weiß nicht. + +Zenturione (hüllt sich erschrocken in seinen Mantel). Sonderbar. + +Wachen am Hofthor (rufen an). Wer da? + + + +Dritter Auftritt + + +Vorige. Zibo. + +Zibo (im Hereintreten). Freund von Lavagna. + +Zenturione. Zibo, wo sind wir? + +Zibo. Was? + +Zenturione. Schau' um dich, Zibo! + +Zibo. Wo? Was? + +Zenturione. Alle Thüren besetzt. + +Zibo. Hier liegen Waffen. + +Zenturione. Niemand gibt Auskunft. + +Zibo. Das ist seltsam. + +Zenturione. Wie viel ist die Glocke? + +Zibo. Acht Uhr vorüber. + +Zenturione. Puh! es ist grimmkalt. + +Zibo. Acht Uhr ist die bestellte Stunde. + +Zenturione (den Kopf schüttelnd). Hier ist's nicht richtig. + +Zibo. Fiesco hat einen Spaß vor. + +Zenturione. Morgen ist Dogewahl--Zibo, hier ist's nicht richtig. + +Zibo. Stille! stille! stille! + +Zenturione. Der rechte Schloßflügel ist voll Lichter. + +Zibo. Hörst du nichts? Hörst du nichts? + +Zenturione. Hohles Gemurmel drinnen und mitunter-Zibo. Dumpfiges +Rasseln, wie von Harnischen, die sich an einander reiben-Zenturione. +Schauervoll! Schauervoll! + +Zibo. Ein Wagen! Er hält an der Pforte! + +Wachen am Hofthor (rufen an). Wer da? + + + +Vierter Auftritt + + +Vorige. Vier Asserato. + +Asserato (im Hereintreten). Freund von Fiesco. + +Zibo. Es sind die vier Asserato. + +Zenturione. Guten Abend, Landsmann. + +Asserato. Wir gehen in die Komödie. + +Zibo. Glück auf den Weg! + +Asserato. Geht ihr nicht mit in die Komödie? + +Zenturione. Spaziert nur voran. Wir wollen erst frische Luft +schöpfen. + +Asserato. Es wird bald angehen. Kommt. (Gehen weiter.) + +Wache. Zurück! + +Asserato. Wo will das hinaus? + +Zenturione (lacht). Zum Schloß hinaus. + +Asserato. Hier ist ein Mißverstand. + +Zibo. Ein handgreiflicher. (Musik auf dem rechten Flügel.) + +Asserato. Hört ihr die Symphonie? Das Lustspiel wird vor sich gehen. + +Zenturione. Mich däucht, es fing schon an, und wir spielen die +Narren drin. + +Zibo. Übrige Hitze hab' ich nicht. Ich gehe. + +Asserato. Waffen hier. + +Zibo. Pah! Komödienwaaren. + +Zenturione. Sollen wir hier stehen, wie die Narren am Acheron? +Kommt zum Kaffeehaus! (Alle Sechs eilen gegen die Pforte.) + +Wachen (schreien heftig). Zurück! + +Zenturione. Mord und Tod! Wir sind gefangen! + +Zibo. Mein Schwert sagt: nicht lange! + +Asserato. Steck' ein! steck' ein! Der Graf ist ein Ehrenmann. + +Zibo. Verkauft! Verrathen! Die Komödie war der Speck, hinter der +Maus schlug die Thüre zu. + +Asserato. Das wolle Gott nicht! Mich schaudert, wie das sich +entwickeln soll. + + + +Fünfter Auftritt + + +Schildwachen. Wer da? (Verrina, Sacco kommen.) + +Verrina. Freunde vom Hause. (Sieben andere Nobili kommen nach.) + +Zibo. Seine Vertrauten! Nun klärt sich Alles auf. + +Sacco (im Gespräch mit Verrina). Wie ich Ihnen sagte. Lescaro hat +die Wache am Thomasthor, Dorias bester Officier und ihm blindlings +ergeben. + +Verrina. Das freut mich. + +Zibo (zu Verrina). Sie kommen erwünscht, Verrina, uns allen aus dem +Traume zu helfen. + +Verrina. Wie so? Wie so? + +Zenturione. Wir sind zu einer Komödie geladen. + +Verrina. So haben wir einen Weg. + +Zenturione (ungeduldig). Den Weg alles Fleisches. Den weiß ich. +Sie sehen ja, daß die Thüren besetzt sind? Wofür die Thüren besetzen? + +Zibo. Wofür die Waffen? + +Zenturione. Wir stehen da, wie unter dem Galgen. + +Verrina. Der Graf wird selbst kommen. + +Zenturione. Er kann sich betreiben. Meine Geduld reißt den Zaum ab. +(Alle Nobili gehen im Hintergrunde auf und nieder.) + +Bourgognino (aus dem Schloß). Wie steht's im Hafen, Verrina? + +Verrina. Alles glücklich an Bord. + +Bourgognino. Das Schloß ist auch gepfropft voll Soldaten. + +Verrina. Es geht stark auf neun Uhr. + +Bourgognino. Der Graf macht sehr lang. + +Verrina. Immer zu rasch für seine Hoffnung. Bourgognino, ich werde +zu Eis, wenn ich mir etwas denke. + +Bourgognino. Vater, übereile dich nicht. + +Verrina. Es läßt sich nicht übereilen, wo nicht gezögert werden kann. +Wenn ich den zweiten Mord nicht begehe, kann ich den ersten niemal +verantworten. + +Bourgognino. Aber wann soll Fiesco sterben? + +Verrina. Wann Genua frei ist, stirbt Fiesco! + +Schildwachen. Wer da? + + + +Sechster Auftritt + + +Vorige. Fiesco. + +Fiesco (im Hereintreten). Ein Freund! (Alle verneigen sich. +Schildwachen präsentieren.) Willkommen, wertheste Gäste! Sie werden +geschmählt haben, daß der Hausvater so lange auf sich warten ließ. +Verzeihen Sie. (Leise zu Verrina.) Fertig? + +Verrina (ihm ins Ohr). Nach Wunsch. + +Fiesco (leise zu Bourgognino). Und? + +Bourgognino. Alles richtig. + +Fiesco (zu Sacco). Und? + +Sacco. Alles gut. + +Fiesco. Und Calcagno? + +Bourgognino. Fehlt noch. + +Fiesco (laut zu den Thorwachen). Man soll schließen! (Er nimmt den +Hut ab und tritt mit freiem Anstand zur Versammlung.) + + +Meine Herren! + +Ich bin so frei gewesen, Sie zu einem Schauspiel bitten zu +lassen--Nicht aber, Sie zu unterhalten, sondern Ihnen Rollen darin +aufzutragen. + +Lange genug, meine Freunde, haben wir Gianettino Dorias Trotz und die +Anmaßungen des Andreas ertragen. Wenn wir Genua retten wollen, +Freunde, wird keine Zeit zu verlieren sein. Zu was Ende glauben Sie +diese zwanzig Galeeren, die den vaterländischen Hafen belagern? Zu +was Ende die Allianzen, so diese Doria schlossen? Zu was Ende die +fremden Waffen, die sie ins Herz Genuas zogen?--Jetzt ist es nicht +mehr mit Murren und Verwünschen gethan. Alles zu retten, muß Alles +gewagt werden. Ein verzweifeltes Übel will eine verwegene Arznei. +Sollte Einer in dieser Versammlung sein, der Phlegma genug hat, einen +Herrn zu erkennen, der nur seines Gleichen ist?--(Gemurmel.)--Hier +ist Keiner, dessen Ahnen nicht um Genuas Wiege standen. Was? bei +Allem, was heilig ist! was? was haben denn diese zween Bürger voraus, +daß sie den frechen Flug über unsere Häupter nehmen?--(Wilderes +Gemurre.)--Jeder von Ihnen ist feierlich aufgeforderet, Genuas Sache +gegen seine Unterdrücker zu führen--Keiner von Ihnen kann ein +Haarbreit von seinen Rechten vergeben, ohne zugleich die Seele des +ganzen Staats zu verrathen-(Ungestüme Bewegungen unter den Zuhörern +unterbrechen ihn; dann fährt er fort.) + +Sie empfinden--jetzt ist Alles gewonnen. Schon hab' ich vor Ihnen +her den Weg zum Ruhme gebahnt. Wollen Sie folgen? Ich bin bereit, +Sie zu führen. Diese Anstalten, die Sie noch kaum mit Entsetzen +beschauten, müssen Ihnen jetzt frischen Heldenmuth einhauchen. Diese +Schauder der Bangigkeit müssen in einen rühmlichen Eifer erwarmen, +mit diesen Patrioten und mir Eine Sache zu machen und die Tyrannen +von Grund aus zu stürzen. Der Erfolg wird das Wagstück begünstigen, +denn meine Anstalten sind gut. Das Unternehmen ist gerecht, denn +Genua leidet. Der Gedanke macht uns unsterblich, denn er ist +gefährlich und ungeheuer. + +Zenturione (in stürmischer Aufwallung). Genug! Genua wird frei! +Mit diesem Feldgeschrei gegen die Hölle! + +Zibo. Und wen das nicht aus seinem Schlummer jagt, der keuche ewig +am Ruder, bis ihn die Posaune des Weltgerichts losschließt. + +Fiesco. Das waren Worte eines Mannes. Nun erst verdienen Sie die +Gefahr zu wissen, die über Ihnen und Genua hing. (Er gibt ihnen die +Zettel des Mohren.) Leuchtet, Soldaten! (Nobili drängen sich um eine +Fackel und lesen.) Es ging, wie ich wünschte, Freund. + +Verrina. Doch rede noch nicht so laut. Ich habe dort auf dem linken +Flügel Gesichter bleich werden und Kniee schlottern gesehen. + +Zenturione (in Wuth). Zwölf Senatoren! Teuflisch! Faßt alle +Schwerter auf! (Alle stürzen sich auf die bereit liegenden Waffen, +zwei ausgenommen.) + +Zibo. Dein Name steht auch da, Bourgognino. + +Bourgognino. Und noch heute, so Gott will, auf Dorias Gurgel. + +Zenturione. Zwei Schwerter liegen noch. + +Zibo. Was? was? + +Zenturione. Zwei nahmen kein Schwert. + +Asserato. Meine Brüder können kein Blut sehen. Verschont sie! + +Zenturione (heftig). Was? was? Kein Tyrannenblut sehen? Zerreißt +die Memmen! Werft sie zur Republik hinaus, diese Bastarde! (Einige +von der Gesellschaft werfen sich ergrimmt auf die Beiden.) + +Fiesco (reißt sie auseinander). Haltet! haltet! Soll Genua Sklaven +seine Freiheit verdanken? Soll unser Gold durch dieses schlechte +Metall seinen guten Klang verlieren? (Er befreit sie.) Sie, meine +Herren, nehmen so lang mit einem Zimmer in meinem Schloß vorlieb, bis +unsre Sachen entschieden sind. (Zur Wache.) Zween Arrestanten! Ihr +haftet für sie! Zwei scharfe Posten an ihre Schwelle! (Sie werden +abgeführt.) + +Schildwachen am Hofthor. Wer draußen? (Man pocht.) + +Calcagno (ruft ängstlich). Schließt auf! Ein Freund! Schließt um +Gotteswillen auf! + +Bourgognino. Es ist Calcagno. Was soll das »um Gotteswillen«? + +Fiesco. Macht ihm auf, Soldaten. + + + +Siebenter Auftritt + + +Vorige. Calcagno außer Athem, erschrocken. + +Calcagno. Aus! aus! Fliehe, wer fliehen kann! Alles aus! + +Bourgognino. Was aus? Haben sie Fleisch von Erz, sind unsre +Schwerter von Binsen? + +Fiesco. Überlegung, Calcagno! Ein Mißverstand hier wäre nicht mehr +zu vergeben. + +Calcagno. Verrathen sind wir. Eine höllische Wahrheit. Ihr Mohr +Lavagna, der Schelm! Ich komme vom Palast der Signoria. Er hatte +Audienz beim Herzog. (Alle Nobili erblassen. Fiesco selbst +verändert die Farbe.) + +Verrina (entschlossen gegen die Thorwachen). Soldaten! streckt mir +die Hellebarden vor! Ich will nicht durch die Hände des Henkers +sterben. (Alle Nobili rennen bestürzt durcheinander.) + +Fiesco (gefaßter.) Wohin? Was macht ihr?--Geh in die Hölle, +Calcagno--Es war ein blinder Schrecken, ihr Herrn--Weib! Das vor +diesen Knaben zu sagen--Auch du, Verrina?--Bourgognino, du +auch?--Wohin du? + +Bourgognino (heftig). Heim, meine Bertha ermorden und wieder hier +sein. + +Fiesco (schlägt ein Gelächter auf). Bleibt! Haltet! Ist das der +Muth der Tyrannenmörder?--Meisterlich spieltest du deine Rolle, +Calcagno!--Merktet ihr nicht, daß diese Zeitung meine Veranstaltung +war?--Calcagno, sprechen Sie, war's nicht mein Befehl, daß Sie diese +Römer auf die Prob' stellen sollten? + +Verrina. Nun, wenn du lachen kannst?--Ich will's glauben, oder dich +nimmer für einen Menschen halten. + +Fiesco. Schande über euch, Männer! In dieser Knabenprobe zu fallen! +--Nehmt eure Waffen wieder--Ihr werdet wie Bären fechten, wollt ihr +diese Scharte verwetzen. (Leise zu Calcagno.) Waren Sie selbst dort? + +Calcagno. Ich drängte mich durch die Trabanten, meinem Auftrag gemäß +die Parole beim Herzog zu holen--wie ich zurücktrete, bringt man den +Mohren. + +Fiesco (laut). Also der Alte ist zu Bette? Wir wollen ihn aus den +Federn trommeln (Leise.) Sprach er lang mit dem Herzog? + +Calcagno. Mein erster Schreck und Eure nahe Gefahr ließen mich kaum +zwei Minuten dort. + +Fiesco (laut und munter). Sieh doch! wie unsre Landsleute noch +zittern. + +Calcagno. Sie hätten auch nicht so bald herausplatzen sollen. +(Leise.) Aber um Gotteswillen, Graf! was wird diese Nothlüge fruchten? + +Fiesco. Zeit, Freund, und dann ist der erste Schreck jetzt vorüber. +(Laut.) He! an soll Wein bringen! (Leise.) Und sahn Sie den Herzog +erblassen? (Laut.) Frisch, Brüder, wir wollen noch eins Bescheid +thun auf den Tanz dieser Nacht! (Leise.) Und sahn Sie den Herzog +erblassen? + +Calcagno. Des Mohren erstes Wort muß »Verschwörung« gelautet haben; +der Alte trat schneebleich zurück. + +Fiesco (verwirrt). Hum! Hum! der Teufel ist schlau, Calcagno--er +verrieth nichts, bis das Messer an ihre Gurgel ging. Jetzt ist er +freilich ihr Engel. Der Mohr ist schlau. (Man bringt ihm einen +Becher Wein; er hält ihn gegen die Versammlung und trinkt.) Unser +gutes Glück, Kameraden! (Man pocht.) + +Schildwachen. Wer draußen? + +Eine Stimme. Ordonnanz des Herzogs. (Die Nobili stürzen +verzweifelnd im Hof herum.) + +Fiesco (springt unter sie). Nein, Kinder! Erschreckt nicht! +erschreckt nicht! Ich bin hier. Hurtig! Schafft diese Waffen weg. +Seid Männer! ich bitte euch. Dieser Besuch läßt mich hoffen, daß +Andreas noch zweifelt. Geht hinein. Faßt euch. Schließt auf, +Soldaten. (Alle entfernen sich. Das Thor wird geöffnet.) + + + +Achter Auftritt + + +Fiesco, als käm' er eben aus dem Schloß. Drei Deutsche, die den +Mohren gebunden bringen. + +Fiesco. Wer rief mich in den Hof? + +Deutscher. Führt uns zum Grafen. + +Fiesco. Der Graf ist hier. Wer begehrt mich? + +Deutscher (macht die Honneurs vor ihm). Einen guten Abend vom Herzog. +Diesen Mohren liefert er Euer Gnaden gebunden aus. Er habe +schändlich herausgeplaudert. Das Weitere sagt der Zettel. + +Fiesco (nimmt ihn gleichgültig.) Und hab' ich dir nicht erst heut die +Galeere verkündigt? (Zum Deutschen.) Es ist gut, Freund. Meinen +Respect an den Herzog. + +Mohr (ruft ihnen nach). Und auch meinerseits einen, und sag' +ihm--dem Herzog--wenn er keinen Esel geschickt hätte, so würd' er +erfahren haben, daß im Schloß zweitausend Soldaten stecken. +(Deutsche gehen ab. Nobili kommen zurück.) + + + +Neunter Auftritt + + +Fiesco. Verschworene. Mohr trotzig in der Mitte. + +Verschworene (fahren bebend zurück beim Anblick des Mohren). Ha! was +ist das? + +Fiesco (hat das Billet gelesen, mit verbissenem Zorn). Genueser! die +Gefahr ist vorbei--aber auch die Verschwörung. + +Verrina (ruft erstaunt aus). Was? Sind die Doria todt? + +Fiesco (in heftiger Bewegung). Bei Gott! auf die ganze Kriegsmacht +der Republik--auf Das war ich nicht gefaßt. Der alte schwächliche +Mann schlägt mit vier Zeilen dritthalbtausend Mann. (Läßt kraftlos +die Hände sinken.) Doria schlägt den Fiesco. + +Bourgognino. So sprechen Sie doch! Wir erstarren. + +Fiesco (liest). »Lavagna, Sie haben, däucht mich, Ein Schicksal mit +mir--Wohlthaten werden Ihnen mit Undank belohnt. Dieser Mohr warnt +mich vor einem Komplott--Ich sende ihn hier gebunden zurück und werde +heute Nacht ohne Leibwache schlafen.« (Er läßt das Papier fallen. +Alle sehen sich an.) + +Verrina. Nun, Fiesco? + +Fiesco (mit Adel). Ein Doria soll mich an Großmuth besiegt haben? +Eine Tugend fehlt im Stamm der Fiesker?--Nein! so wahr ich ich selber +bin!--Geht auseinander, ihr! Ich werde hingehen--und Alles bekennen. +(Will hinausstürzen.) + +Verrina (hält ihn auf). Bist du wahnsinnig, Mensch? War es denn +irgend ein Bubenstreich, den wir vorhatten? Halt! oder war's nicht +Sache des Vaterlands! Halt! oder wolltest du nur dem Andreas zu +Leibe, nicht dem Tyrannen? Halt! sag' ich--ich verhafte dich als +einen Verräther des Staats-Verschworne. Bindet ihn! werft ihn zu +Boden! + +Fiesco (reißt Einem ein Schwert weg und macht sich Bahn). Sachte +doch! Wer ist der Erste, der das Halfter über den Tiger wirft?--Seht, +ihr Herrn--Frei bin ich--könnte durch, wo ich Luft hätte--Jetzt will +ich bleiben, denn ich habe mich anders besonnen. + +Bourgognino. Auf Ihre Pflicht besonnen? + +Fiesco (aufgebracht, mit Stolz). Ha, Knabe! Lernen Sie erst die Ihrige +gegen mich auswendig, und mir nimmer das!--Ruhig, ihr Herrn--es bleibt +Alles wie vor.--(Zum Mohren, dessen Stricke er zerhaut.) Du hast das +Verdienst, eine große That zu veranlassen--Entfliehe! + +Calcagno (zornig). Was? was? Leben soll der Heide? leben und uns +alle verrathen haben? + +Fiesco. Leben und euch allen--bang gemacht haben. Fort, Bursche! +Sorge, daß du Genua auf den Rücken kriegst, man könnte seinen Muth an +dir retten wollen. + +Mohr. Das heißt, der Teufel läßt keinen Schelmen sitzen!--Gehorsamer +Diener, ihr Herrn!--Ich merke schon, in Italien wächst mein Strick +nicht. Ich muß ihn anderswo suchen. (Ab mit Gelächter.) + + + +Zehnter Auftritt + + +Bedienter kommt. Vorige ohne den Mohren. + +Bedienter. Die Gräfin Imperiali fragen schon dreimal nach Euer +Gnaden. + +Fiesco. Potz tausend! Die Komödie wird freilich wohl angehen müssen! +Sag' ihr, ich bin unverzüglich dort--Bleib--Meine Frau bittest du, +in den Concertsaal zu treten und mich hinter den Tapeten zu erwarten. +(Bedienter ab.) Ich habe hier euer Aller Rollen zu Papier gebracht; +wenn Jeder die seinige erfüllt, so ist nichts mehr zu sagen--Verrina +wird voraus in den Hafen gehen und mit einer Kanone das Signal zum +Ausbruch geben, wenn die Schiffe erobert sind.--Ich gehe; mich ruft +noch eine große Verrichtung. Ihr werdet ein Glöckchen hören und alle +miteinander in meinen Concertsaal kommen--Indeß geht hinein--und laßt +euch meinen Cyprier schmecken. (Sie gehen auseinander.) + + + +Eilfter Auftritt + + +Concertsaal--Leonore. Arabella. Rosa. Alle beängstigt. + +Leonore. In den Concertsaal versprach Fiesco zu kommen, und kommt +nicht. Eilf Uhr ist vorüber. Von Waffen und Menschen dröhnt +fürchterlich der Palast, und kommt kein Fiesco? + +Rosa. Sie sollen sich hinter die Tapeten verstecken--Was der gnädige +Herr damit wollen mag? + +Leonore. Er will's, Rosa, ich weiß also genug, um gehorsam zu sein. +Bella, genug, um ganz außer Furcht zu sein--Und doch! doch zittr' ich +so sehr, Bella, und mein Herz klopft so schrecklich bang. Mädchen, +um Gotteswillen! gehe keines von meiner Seite. + +Bella. Fürchten Sie nichts. Unsre Angst bewacht unsern Fürwitz. + +Leonore. Worauf mein Auge stößt, begegnen mir fremde Gesichter, wie +Gespenster hohl und verzerrt. Wen ich anrufe, zittert wie ein +Ergriffener und flüchtet sich in die dichteste Nacht, diese gräßliche +Herberge des bösen Gewissens. Was man antwortet, ist ein halber +heimlicher Laut, der auf bebender Zunge noch ängstlicher zweifelt, ob +er auch kecklich entwischen darf.--Fiesco?--Ich weiß nicht, was hier +Grauenvolles geschmiedet wird--Nur meinen Fiesco (mit Grazie ihre +Hände faltend) umflattert, ihr himmlischen Mächte! + +Rosa (zusammengeschreckt). Jesus! Was rauscht in der Galerie? + +Bella. Es ist der Soldat, der dort Wache steht. (Die Schildwache +ruft außen: »Wer da?« Man antwortet.) + +Leonore. Leute kommen! Hinter die Tapete! Geschwind! (Sie +verstecken sich.) + + + +Zwölfter Auftritt + + +Julia. Fiesco im Gespräch. + +Julia (sehr zerstört). Hören Sie auf, Graf! Ihre Galanterieen +fallen nicht mehr in achtlose Ohren, aber in ein siedendes Blut--Wo +bin ich? Hier ist Niemand als die verführerische Nacht. Wohin haben +Sie mein verwahrlostes Herz geplaudert? + +Fiesco. Wo die verzagte Leidenschaft kühner wird, und Wallungen +freier mit Wallungen reden. + +Julia. Halt ein, Fiesco. Bei Allem, was heilig ist, nicht weiter! +Wäre die Nacht nicht so dichte, du würdest meine flammrothen Wangen +sehen und dich erbarmen. + +Fiesco. Weit gefehlt, Julia! Eben dann würde meine Empfindung die +Feuerfahne der deinigen gewahr und lief' desto muthiger über. (Er +küßt ihr heftig die Hand.) + +Julia. Mensch, dein Gesicht brennt fiebrisch, wie dein Gespräch. +Weh, auch aus dem meinigen, ich fühl's, schlägt wildes, frevelndes +Feuer. Laß uns das Licht suchen, ich bitte. Die aufgewiegelten +Sinne könnten den gefährlichen Wink dieser Finsterniß merken. Geh! +diese gährenden Rebellen könnten hinter dem Rücken des verschämten +Tages ihre gottlosen Künste treiben. Geh unter Menschen, ich +beschwöre dich. + +Fiesco (zudringlicher). Wie ohne Noth besorgt, meine Liebe! Wird je +die Gebieterin ihren Sklaven fürchten? + +Julia. Über euch Männer und den ewigen Widerspruch! Als wenn ihr +nicht die gefährlichsten Sieger wäret, wenn ihr euch unsrer +Eigenliebe gefangen gebt. Soll ich dir Alles gestehen, Fiesco? daß +nur mein Laster meine Tugend bewahrte? nur mein Stolz deine Künste +verlachte? nur bis hieher meine Grundsätze Stand hielten? Du +verzweifelst an deiner List und nimmst deine Zuflucht zu Julias Blut. +Hier verlassen sie mich. + +Fiesco (leichtfertig dreist). Und was verlorst du bei diesem +Verluste? + +Julia (aufgeregt und mit Hitze). Wenn ich den Schlüssel zu meinem +weiblichen Heiligthum an dich vertändle, womit du mich schamroth +machst, wenn du willst? Was hab' ich weniger zu verlieren, als +Alles? Willst du mehr wissen, Spötter? Das Bekenntniß willst du +noch haben, daß die ganze geheime Weisheit unsers Geschlechts nur +eine armselige Vorkehrung ist, unsere tödtliche Seite zu entsetzen, +die doch zuletzt allein von euren Schwüren belagert wird, die (ich +gesteh' es erröthend ein) so gern erobert sein möchte, so oft beim +ersten Seitenblick der Tugend den Feind verrätherisch empfängt?--daß +alle unsere weiblichen Künste einzig für dieses wehrlose Stichblatt +fechten, wie auf dem Schach alle Officiere den wehrlosen König +bedecken? Überrumpelst du diesen--Matt! und wird getrost das ganze +Brett durcheinander. (Nach einer Pause mit Ernst.) Du hast das +Gemäld' unsrer prahlerischen Armuth--Sei großmüthig! + +Fiesco. Und doch, Julia--Wo besser als in meiner unendlichen +Leidenschaft kannst du diesen Schatz niederlegen? + +Julia. Gewiß nirgends besser, und nirgends schlimmer--Höre, Fiesco, +wie lang wird diese Unendlichkeit währen?--Ach! schon zu unglücklich +hab' ich gespielt, daß ich nicht auch mein Letztes noch setzen +sollte--Dich zu fangen, Fiesco, muthete ich dreist meinen Reizen zu; +und ich mißtraue ihnen die Allmacht, dich festzuhalten--Pfui doch, +was red' ich da? (Sie tritt zurück und hält die Hände vors Gesicht.) + +Fiesco. Zwei Sünden in einem Athem. Das Mißtrauen in meinen Geschmack, +oder das Majestätsverbrechen gegen deine Liebenswürdigkeit--was von +beiden ist schwerer zu vergeben? + +Julia (matt, unterliegend, mit beweglichem Ton). Lügen sind nur die +Waffen der Hölle--die bracht Fiesco nicht mehr, seine Julia zu fällen. +(Sie fällt erschöpft in einen Sopha, nach einer Pause feierlich.) +Höre, laß dir noch ein Wörtchen sagen, Fiesco--Wir sind Heldinnen, +wenn wir unsere Tugend noch sicher wissen:--wenn wir sie vertheidigen, +Kinder; (ihm starr und wild unter die Augen) Furien, wenn wir sie +rächen--Höre. Wenn du mich kalt würgtest, Fiesco? + +Fiesco (nimmt einen aufgebrachten Ton an). Kalt? kalt?--Nun, bei +Gott! was fordert denn die unersättliche Eitelkeit des Weibs, wenn es +einen Mann vor sich kriechen sieht und noch zweifelt? Ha, er erwacht +wieder, ich fühle, (den Ton in Kälte verändert) noch zu rechter Zeit +gehen mir die Augen auf--Was war's, das ich eben erbetteln +wollte?--Die kleinste Erniedrigung eines Mannes ist gegen die höchste +Gunst eines Weibs weggeworfen! (Zu ihr mit tiefer, frostiger +Verbeugung.) Fassen Sie Muth, Madame! Jetzt sind Sie sicher. + +Julia (bestürzt). Graf? Welche Anwandlung! + +Fiesco (äußerst gleichgültig). Nein, Madame! Sie haben vollkommen +recht, wir Beide haben die Ehre nur einmal auf dem Spiel. (Mit einem +höflichen Handkuß.) Ich habe das Vergnügen, Ihnen bei der +Gesellschaft meinen Respect zu bezeugen. (Er will schnell fort.) + +Julia (ihm nach, reißt ihn zurück). Bleib! Bist du rasend? Bleib! Muß +ich es denn sagen--heraussagen, was das ganze Männervolk auf den +Knieen--in Thränen--auf der Folterbank meinem Stolz nicht abdringen +sollte?--Weh! auch dies dichte Dunkel ist zu licht, diese Feuersbrunst +zu bergen, die das Geständniß auf meinen Wangen macht--Fiesco--O, ich +bohre durchs Herz meines ganzen Geschlechts--mein ganzes Geschlecht +wird mich ewig hassen--Ich bete dich an, Fiesco! (Fällt vor ihm +nieder.) + +Fiesco (weicht drei Schritte zurück, läßt sie liegen und lacht +triumphierend auf). Das bedaur' ich, Signora. (Er zieht die Glocke, +hebt die Tapete auf und führt Leonoren hervor.) Hier ist meine +Gemahlin--ein göttliches Weib! (Er fällt Leonoren in den Arm.) + +Julia (springt schreiend vom Boden). Ah! unerhört betrogen! + + + +Dreizehnter Auftritt + + +Die Verschwornen, welche zumal hereintreten. Damen von der andern +Seite. Fiesco. Leonore und Julia. + +Leonore. Mein Gemahl, das war allzu streng. + +Fiesco. Ein schlechtes Herz verdiente nicht weniger. Deinen Thränen +war ich diese Genugthuung schuldig. (Zur Versammlung.) Nein, meine +Herrn und Damen, ich bin nicht gewohnt, bei jedem Anlaß in kindische +Flammen aufzuprasseln, Die Thorheiten der Menschen belustigen mich +lange, eh sie mich reizen. Diese verdient meinen ganzen Zorn, denn +sie hat diesem Engel dieses Pulver gemischt. (Er zeigt das Gift der +Versammlung, die mit Abscheu zurücktritt.) + +Julia (ihre Wuth in sich beißend). Gut! Gut! Sehr gut, mein Herr! +(Will fort.) + +Fiesco (führt sie am Arm zurück). Sie werden Geduld haben, +Madame--Noch sind wir nicht fertig--Diese Gesellschaft möchte gar zu +gern wissen, warum ich meinen Verstand so verleugnen konnte, den +tollen Roman mit Genuas größter Närrin zu spielen-Julia +(aufspringend). Es ist nicht auszuhalten! Doch zittre du! (Drohend. +) Doria donnert in Genua, und ich--bin seine Schwester. + +Fiesco. Schlimm genug, wenn das Ihre letzte Galle ist--Leider muß +ich Ihnen die Botschaft bringen, daß Fiesco von Lavagna aus dem +gestohlenen Diadem Ihres durchlauchtigsten Bruders einen Strick +gedreht hat, womit er den Dieb der Republik diese Nacht aufzuhängen +gesonnen ist. (Da sie sich entfärbt, lacht er hämisch auf.) Pfui, +das kam unerwartet--und sehen Sie! (indem er beißender fortfährt) +darum fand ich es für nöthig, den ungebetenen Blicken Ihres Hauses +etwas zu schaffen zu geben; darum behängt' ich mich (auf sie deutend) +mit dieser Harlekinsleidenschaft, darum (auf Leonoren zeigend) ließ +ich diesen Edelstein fallen, und mein Wild rannte glücklich in den +blanken Betrug--Ich dank' für Ihre Gefälligkeit, Signora, und gebe +meinen Theaterschmuck ab. (Er überliefert ihren Schattenriß mit +einer Verbeugung.) + +Leonore (schmiegt sich bittend an den Fiesco). Mein Ludovico, sie +weint. Darf Ihre Leonore Sie zitternd bitten? + +Julia (trotzig zu Leonoren). Schweig! du Verhaßte-Fiesco (zu einem +Bedienten). Sei Er galant, Freund--biete Er dieser Dame den Arm an; +sie hat Lust, mein Staatsgefängniß zu sehen. Er steht mir davor, daß +Madonna von Niemand incommodiert wird--draußen geht eine scharfe +Luft--der Sturm, der heute Nacht den Stamm Doria spaltet, möchte ihr +leicht--den Haarputz verderben. + +Julia (schluchzend). Die Pest über dich, schwarzer heimtückischer +Heuchler! (Zu Leonoren grimmig.) Freue dich deines Triumphs nicht, +auch dich wird er verderben, und sich selbst und--verzweifeln! +(Stürzt hinaus.) + +Fiesco (winkt den Gästen). Sie waren Zeugen--Retten Sie meine Ehre +in Genua! (Zu den Verschwornen.) Ihr werdet mich abholen, wenn die +Kanone kommt. (Alle entfernen sich.) + + + +Vierzehnter Auftritt + + +Leonore. Fiesco. + +Leonore (tritt ihm ängstlich näher). Fiesco?--Fiesco?--Ich verstehe +Sie nur halb, aber ich fange an zu zittern. + +Fiesco (wichtig). Leonore--ich sahe Sie einst einer Genueserin zur +Linken gehen--Ich sahe Sie in den Assembleen des Adels mit dem +zweiten Handkuß der Ritter vorlieb nehmen. Leonore--das that meinen +Augen weh. Ich beschloß, es soll nicht mehr sein--es wird aufhören. +Hören Sie das kriegerische Getöse in meinen Schloß? Was Sie fürchten, +ist wahr--Gehn Sie zu Bette, Gräfin--morgen will ich--die Herzogin +wecken. + +Leonore (schlägt beide Arme zusammen und wirft sich in einen Sessel). +Gott! meine Ahnung! Ich bin verloren! + +Fiesco (gesetzt, mit Würde). Lassen Sie mich ausreden, Liebe! Zwei +meiner Ahnherrn trugen die dreifache Krone; das Blut der Fiesker +fließt nur unter dem Purpur gesund. Soll Ihr Gemahl nur geerbten +Glanz von sich werfen? (Lebhafter.) Was? Soll er sich für all seine +Hoheit beim gaukelnden Zufall bedanken, der in einer erträglichen +Laune aus modernden Verdiensten einen Johann Ludwig Fiesco +zusammenflickte? Nein, Leonore! Ich bin zu stolz, mir etwas +schenken zu lassen, was ich noch selbst zu erwerben weiß. Heute +Nacht werf' ich meinen Ahnen den geborgten Schmuck in ihr Grab +zurück--Die Grafen von Lavagna starben aus--Fürsten beginnen. + +Leonore (schüttelt den Kopf, still phantasierend). Ich sehe meinen +Gemahl an tiefen tödtlichen Wunden zu Boden fallen--(Hohler.) Ich +sehe die stummen Träger den zerrissenen Leichnam meines Gemahls mir +entgegen tragen. (Erschrocken aufspringend.) Die erste--einzige +Kugel fliegt durch die Seele Fiescos. + +Fiesco (faßt sie liebevoll bei der Hand). Ruhig, mein Kind. Das +wird die einzige Kugel nicht. + +Leonore (blickt ihn ernsthaft an). So zuversichtlich ruft Fiesco den +Himmel heraus? Und wäre der tausendmaltausendste Fall nur der +mögliche, so könnte der tausendmaltausendste wahr werden, und mein +Gemahl wäre verloren--Denke, du spieltest um den Himmel, Fiesco. +Wenn eine Billion Gewinnste für einen einzigen Fehler fiel', würdest +du dreist genug sein, die Würfel zu schütteln und die freche Wette +mit Gott einzugehen? Nein, mein Gemahl! wenn auf dem Brett Alles +liegt, ist jeder Wurf Gotteslästerung. + +Fiesco (lächelt). Sei unbesorgt, das Glück und ich stehen besser. + +Leonore. Sagst du das--und standest bei jenem geisterverzerrenden +Spiele--ihr nennt es Zeitvertreib--sahest zu der Betrügerin, wie sie +ihren Günstling mit kleinen Glückskarten lockte, bis er warm ward, +aufstand, die Bank forderte--und ihn jetzt im Wurf der Verzweiflung +verließ--O mein Gemahl! du gehst nicht hin, dich den Genuesern zu +zeigen und angebetet zu werden. Republikaner aus ihrem Schlaf +aufzujagen, das Roß an seine Hufe zu mahnen, ist kein Spaziergang, +Fiesco. Traue diesen Rebellen nicht. Die Klugen, die dich +aufhetzten, fürchten dich. Die Dummen, die dich vergötterten, nützen +dir wenig, und wo ich hinsehe ist Fiesco verloren. + +Fiesco (mit starken Schritten im Zimmer). Kleinmuth ist die höchste +Gefahr. Größe will auch ein Opfer haben. + +Leonore. Größe, Fiesco?--Daß dein Genie meinem Herzen so übel will! +--Sieh! Ich vertraue deinem Glück, du siegst, will ich sagen--Weh +dann mir Ärmsten meines Geschlechts! Unglückselig, wenn es mißlingt! +wenn es glückt, unglückseliger! Hier ist keine Wahl, mein Geliebter! +Wenn er den Herzog verfehlt, ist Fiesco verloren. Mein Gemahl ist +hin, wenn ich den Herzog umarme. + +Fiesco. Das verstehe ich nicht. + +Leonore. Doch, mein Fiesco! In dieser stürmischen Zone des Throns +verdorret das zarte Pflänzchen der Liebe. Das Herz eines Menschen, +und wär' auch selbst Fiesco der Mensch, ist zu enge für zwei +allmächtige Götter--Götter, die sich so gram sind. Liebe hat Thränen, +und kann Thränen verstehen; Herrschsucht hat eherne Augen, worin +ewig nie die Empfindung perlt--Liebe hat nur ein Gut, thut Verzicht +auf die ganze übrige Schöpfung: Herrschsucht hungert beim Raube der +ganzen Natur--Herrschsucht zertrümmert die Welt in ein rasselndes +Kettenhaus, Liebe träumt sich in jede Wüste Elysium.--Wolltest du +jetzt an meinem Busen dich wiegen, pochte ein störriger Vasalle an +dein Reich--Wollt' ich jetzt in deine Arme mich werfen, hörte deine +Despotenangst einen Mörder aus den Tapeten hervorrauschen und jagte +dich flüchtig von Zimmer zu Zimmer. Ja, der großäugige Verdacht +steckte zuletzt auch die häusliche Eintracht an--Wenn deine Leonore +dir jetzt einen Labetrank brächte, würdest du den Kelch mit +Verzuckungen wegstoßen und die Zärtlichkeit eine Giftmischerin +schelten. + +Fiesco (bleibt mit Entsetzen stehen). Leonore, hör auf! Das ist +eine häßliche Vorstellung-Leonore. Und doch ist das Gemälde nicht +fertig. Ich würde sagen, opfre die Liebe der Größe, opfre die +Ruhe--wenn nur Fiesco noch bleibt--Gott! das ist Radstoß!--Selten +stiegen Engel auf den Thron, seltner herunter. Wer keinen Menschen +zu fürchten braucht, wird er sich eines Menschen erbarmen? Wer an +jeden Wunsche einen Donnerkeil heften kann, wird er für nöthig finden, +ihm ein sanftes Wörtchen zum Geleite zu geben? (Sie hält inne, dann +tritt sie bescheiden zu ihm und faßt seine Hand; mit feinster +Bitterkeit.) Fürsten, Fiesco? diese mißrathenen Projecte der +wollenden und nicht könnenden Natur--sitzen so gern zwischen +Menschheit und Gottheit nieder;--heillose Geschöpfe! schlechtere +Schöpfer! + +Fiesco (stürzt sich beunruhigt durchs Zimmer). Leonore, hör' auf! +Die Brücke ist hinter mir abgehoben-Leonore (blickt ihn schmachtend +an). Und warum, mein Gemahl? Nur Thaten sind nicht mehr zu tilgen. +(Schmelzend zärtlich und etwas schelmisch.) Ich hörte dich wohl einst +schwören, meine Schönheit habe alle deine Entwürfe gestürzt--du hast +falsch geschworen, du Heuchler, oder sie hat frühzeitig +abgeblüht--Frage dein Herz, wer ist schuldig? (Feuriger, indem sie +ihn mit beiden Armen umfaßt.) Komm zurücke! Ermanne dich! Entsage! +Die Liebe soll dich entschädigen. Kann mein Herz deinen ungeheuren +Hunger nicht stillen--o Fiesco! das Diadem wird noch ärmer sein. +--(Schmeichelnd.) Komm! ich will alle deine Wünsche auswendig lernen, +will alle Zauber der Natur in einen Kuß der Liebe zusammenschmelzen, +den erhabenen Flüchtling ewig in diesen himmlischen Banden zu +halten--dein Herz ist unendlich--auch die Liebe ist es, Fiesco. +(Schmelzend.) Ein armes Geschöpf glücklich zu machen--ein Geschöpf, +das seinen Himmel an deinem Busen lebt--sollte das eine Lücke in +deinem Herzen lassen? + +Fiesco (durch und durch erschüttert). Leonore, was hast du gemacht? +(Er fällt ihr kraftlos um den Hals.) Ich werde keinem Genueser mehr +unter die Augen treten-Leonore (freudig rasch). Laß uns fliehen, +Fiesco, laß in den Staub uns werfen all diese prahlenden Nichts, laß +in romantischen Fluren ganz der Liebe uns leben! (Sie drückt ihn an +ihr Herz mit schöner Entzückung.) Unsre Seelen, klar, wie über uns +das heitre Blau des Himmels, nehmen dann den schwarzen Hauch des +Grams nicht mehr an--Unser Leben rinnt dann melodisch wie die +flötende Quelle zum Schöpfer--(Man hört den Kanonenschuß. Fiesco +springt los. Alle Verschwornen treten in den Saal.) + + + +Fünfzehnter Auftritt + + +Verschworne. Die Zeit ist da! + +Fiesco (zu Leonoren, fest). Lebe wohl! Ewig--oder Genua liegt +morgen zu deinen Füßen. (Will fortstürzen.) + +Bourgognino (schreit). Die Gräfin sinkt um. (Leonore in Ohnmacht. +Alle springen hin, sie zu halten. Fiesco vor ihr niedergeworfen.) + +Fiesco (mit schneidendem Ton). Leonore! Rettet! um Gotteswillen! +Rettet! (Rosa, Bella kommen, sie zurecht zu bringen.) Sie schlägt +die Augen auf--(Er springt entschlossen in die Höh'.) Jetzt +kommt--sie dem Doria zuzudrücken. (Verschworne stürzen zum Saal +hinaus. Vorhang fällt.) + + + + +Fünfter Aufzug + +Nach Mitternacht.--Große Straße in Genua--Hie und da leuchten Lampen +an einigen Häusern, die nach und nach auslöschen--Im Hintergrund der +Bühne sieht man das Thomasthor, das noch geschlossen ist. In +perspectivischer Ferne die See.--Einige Menschen gehen mit +Handlaternen über den Platz, darauf die Runde und Patrouille--Alles +ist ruhig. Nur das Meer wallt etwas ungestüm. + + + +Erster Auftritt + + +Fiesco kommt gewaffnet und bleibt vor dem Palast des Andreas Doria +stehen. Darauf Andreas. + +Fiesco. Der Alte hat Wort gehalten--im Palast alle Lichter aus. Die +Wachen sind fort. Ich will läuten. (Läutet.) He! holla! Wach' auf, +Doria! Verrathner, verkaufter Doria, wach' auf! Holla! Holla! +Holla! Wach' auf! + +Andreas (erscheint auf dem Altane). Wer zog die Glocke? + +Fiesco (mit veränderter Stimme). Frage nicht! Folge! Dein Stern +geht unter, Herzog, Genua steht auf wider dich! Nahe sind deine +Henker, und du kannst schlafen, Andreas? + +Andreas (mit Ehre). Ich besinne mich, wie die zürnende See mit +meiner Bellona zankte, daß der Kiel krachte und der oberste Mast +brach--Andreas Doria schlief sanft. Wer schickt die Henker? + +Fiesco. Ein Mann, furchtbarer als deine zürnende See, Johann Ludwig +Fiesco. + +Andreas (lacht). Du bist bei Laune, Freund. Bring deine Schwänke +bei Tag. Mitternacht ist eine ungewöhnliche Stunde. + +Fiesco. Du höhnst deinen Warner? + +Andreas. Ich dank' ihm und geh zu Bette. Fiesco hat sich schläfrig +geschwelgt und hat keine Zeit für Doria übrig. + +Fiesco. Unglücklicher alter Mann--traue der Schlange nicht! Sieben +Farben ringen auf ihrem spiegelnden Rücken--du nahst--und gählings +schnürt dich der tödliche Wirbel. Den Wink eines Verräthers +verlachtest du. Verlache den Rath eines Freundes nicht. Ein Pferd +steht gesattelt in deinem Hof. Fliehe bei Zeit! Verlache den Freund +nicht! + +Andreas. Fiesco denkt edel. Ich hab' ihn niemal beleidigt, und +Fiesco verräth mich nicht. + +Fiesco. Denkt edel, verräth dich, und gab dir Proben von Beidem. + +Andreas. So steht eine Leibwache da, die kein Fiesco zu Boden wirft, +wenn nicht Cherubim unter ihm dienen. + +Fiesco (hämisch). Ich möchte sie sprechen, einen Brief in die +Ewigkeit zu bestellen. + +Andreas (groß). Armer Spötter, hast du nie gehört, daß Andreas Doria +Achtzig alt ist, und Genua--glücklich? (Er verläßt die Altane.) + +Fiesco (blickt ihm erstaunt nach). Mußt' ich diesen Mann erst +stürzen, eh' ich lerne, daß es schwerer ist, ihm zu gleichen? (Er +geht einige Schritte tiefsinnig auf und nieder.) Nun, ich machte +Größe mit Größe wett--Wir sind fertig, Andreas, und nun, Verderben, +gehe deinen Gang. + +(Er eilt in die hinterste Gasse--Trommeln tönen von allen Enden. +Scharfes Gefecht am Thomasthor. Das Thor wird gesprengt und öffnet +die Aussicht in den Hafen, worin Schiffe liegen, mit Fackeln +erleuchtet.) + + + +Zweiter Auftritt + + +Gianettino Doria in einen Scharlachmantel geworfen. Lomellin. +Bediente voraus mit Fackeln. Alle hastig. + +Gianettino (steht still). Wer befahl, Lärmen zu schlagen? + +Lomellin. Auf den Galeeren krachte eine Kanone. + +Gianettino. Die Sklaven werden ihre Ketten reißen. (Schüsse am +Thomasthor.) + +Lomellin. Feuer dort! + +Gianettino. Thor offen! Wachen in Aufruhr! (Zu den Bedienten.) +Hurtig, Schurken! Leuchtet dem Hafen zu! (Eilen gegen das Thor.) + + + +Dritter Auftritt + + +Vorige. Bourgognino mit Verschwornen, die vom Thomasthor kommen. + +Bourgognino. Sebastian Lescaro ist ein wackrer Soldat. + +Zenturione. Wehrte sich wie ein Bär, bis er niederfiel. + +Gianettino (tritt bestürzt zurück). Was hör' ich da?--Haltet! + +Bourgognino. Wer dort mit dem Flambeau? + +Lomellin. Es sind Feinde, Prinz! Schleichen Sie links weg. + +Bourgognino (ruft hitzig an). Wer da mit dem Flambeau? + +Zenturione. Steht! Eure Losung! + +Gianettino (zieht das Schwert, trotzig). Unterwerfung und Doria. + +Bourgognino (schäumend, fürchterlich). Räuber der Republik und +meiner Braut! (Zu den Verschwornen, indem er auf Gianettino stürzt.) +Ein Gang Profit, Brüder! Seine Teufel liefern ihn selbst aus. (Er +stößt ihn nieder.) + +Gianettino (fällt mit Gebrüll). Mord! Mord! Mord! Räche mich, +Lomellin! + +Lomellin. Bediente (fliehend). Hilfe! Mörder! Mörder! + +Zenturione (ruft mit starker Stimme). Er ist getroffen. Haltet den +Grafen auf! (Lomellin wird gefangen.) + +Lomellin (knieend). Schont meines Lebens, ich trete zu euch über! + +Bourgognino. Lebt dieses Unthier noch? Die Memme mag fliehen. +(Lomellin entwischt.) + +Zenturione. Thomasthor unser! Gianettino kalt! Rennt, was ihr +rennen könnt! Sagt's dem Fiesco an! + +Gianettino (bäumt sich krampfig in die Höh). Pest! Fiesco--(Stirbt.) + +Bourgognino (reißt den Stahl aus dem Leichnam). Genua frei und meine +Bertha--Dein Schwert, Zenturione. Dies blutige bringst du meiner +Braut. Ihr Kerker ist gesprengt. Ich werde nachkommen und ihr den +Brautkuß gegen. (Eilen ab zu verschiedenen Straßen.) + + + +Vierter Auftritt + + +Andreas Doria. Deutsche. + +Deutscher. Der Sturm zog sich dorthin. Werft Euch zu Pferd, Herzog. + +Andreas. Laß mich noch einmal Genuas Thürme schauen und den Himmel! +Nein, es ist kein Traum, und Andreas ist verrathen. + +Deutscher. Feinde um und um! Fort! Flucht über die Grenze! + +Andreas (wirft sich auf den Leichnam seines Neffen). Hier will ich +enden. Rede Keiner von Fliehen. Hier liegt die Kraft meines Alters. +Meine Bahn ist aus. (Calcagno fern mit Verschwornen.) + +Deutscher. Mörder dort! Mörder! Flieht, alter Fürst! + +Andreas (da die Trommeln wieder anfangen). Höret, Ausländer! Höret! +das sind die Genueser, deren Joch ich brach. (Verhüllt sich.) +Vergilt man auch so in Eurem Lande? + +Deutscher. Fort! Fort! Fort! indeß unsre deutschen Knochen +Scharten in ihre Klingen schlagen. (Calcagno näher.) + +Andreas. Rettet euch! Laßt mich! Schreckt Nationen mit der +Schauerpost: die Genueser erschlugen ihren Vater-Deutscher. Mord! +Zum Erschlagen hat's noch Weile--Kameraden, steht! Nehmt den Herzog +in die Mitte! (Ziehen.) Peitscht diesen welschen Hunden Respect vor +einem Graukopf ein-Calcagno (ruft an). Wer da? Was gibt's da? + +Deutsche (hauen ein). Deutsche Hiebe! (Gehen fechtend ab. +Gianettinos Leichnam wird hinweggebracht.) + + + +Fünfter Auftritt + + +Leonore in Mannskleidern. Arabella hinter ihr her. Beide schleichen +ängstlich hervor. + +Arabella. Kommen Sie, gnädige Frau, o kommen Sie doch-Leonore. Da +hinaus wüthet der Aufruhr--Horch! war das nicht eines Sterbenden +Ächzen?--Weh! sie umzingeln ihn--Auf Fiescos Herz deuten ihre +gähnenden Rohre--Auf das meinige, Bella--Sie drücken ab--Haltet! +haltet! Es ist mein Gemahl! (Wirft ihre Arme schwärmend in die Luft.) + +Arabella. Aber um Gotteswillen-Leonore (immer wilder phantasierend, +nach allen Gegenden schreiend). Fiesco!--Fiesco!--Fiesco!--Sie +weichen hinter ihm ab, seine Getreuen--Rebellentreue ist wankend. +(Heftig erschrocken.) Rebellen führt mein Gemahl? Bella? Himmel? +Ein Rebell kämpft mein Fiesco? + +Arabella. Nicht doch, Signora, als Genuas furchtbarer Schiedsmann. + +Leonore (aufmerksam). Das wäre Etwas--und Leonore hätte gezittert? +Den ersten Republikaner umarmte die feigste Republikanerin?--Geh, +Arabella--wenn die Männer um Länder sich messen, dürfen auch die +Weiber sich fühlen. (Man fängt wieder an zu trommeln.) Ich werfe +mich unter die Kämpfer. + +Arabella (schlägt die Hände zusammen). Barmherziger Himmel! + +Leonore. Sachte! Woran stößt sich mein Fuß? Hier ist ein Hut und +ein Mantel. Ein Schwert liegt dabei. (Sie wägt es.) Ein schweres +Schwert, meine Bella; doch schleppen kann ich's noch wohl, und das +Schwert macht seinem Führer nicht Schande. (Man läutet Sturm.) + +Arabella. Hören Sie? hören Sie? das wimmert vom Thurm der +Dominicaner. Gott erbarme! wie fürchterlich! + +Leonore (schwärmend). Sprich, wie entzückend! In dieser Sturmglocke +spricht mein Fiesco mit Genua. (Man trommelt stärker.) Hurrah! +Hurrah! Nie klangen mir Flöten so süß--Auch diese Trommeln belebe +mein Fiesco--Wie mein Herz höher wallt! Ganz Genua wird +munter--Miethlinge hüpfen hinter seinem Namen, und sein Weib sollte +zaghaft thun? (Es stürmt auf drei andern Thürmen.) Nein! Eine +Heldin soll mein Held umarmen--Mein Brutus soll eine Römerin umarmen. +(Sie setzt den Hut auf und wirft den Scharlach um.) Ich bin Porcia. + +Arabella. Gnädige Frau, Sie wissen nicht, wie entsetzlich Sie +schwärmen. Nein, das wissen Sie nicht. (Sturmläuten und Trommeln.) + +Leonore. Elende, die du Das alles hörst und nicht schwärmst! Weinen +möchten diese Quader, daß sie die Beine nicht haben, meinem Fiesco +zuzuspringen--Diese Paläste zürnen über ihren Meister, der sie so +fest in die Erde zwang, daß sie meinem Fiesco nicht zuspringen +können--Die Ufer, könnten sie's, verließen ihre Pflicht, gäben Genua +dem Meere Preis und tanzten hinter seiner Trommel--Was den Tod aus +seinen Windeln rüttelt, kann deinen Muth nicht wecken? Geh!--Ich +finde meinen Weg. + +Arabella. Großer Gott! Sie werden doch diese Grille nicht wahr +machen wollen? + +Leonore (stolz und heroisch). Das sollt' ich meinen, du +Alberne--(Feurig.) Wo am wildesten das Getümmel wüthet, wo in Person +mein Fiesco kämpft--Ist das Lavagna? hör' ich sie fragen--den Niemand +bezwingen kann, der um Genua eiserne Würfel schwingt, ist das +Lavagna?--Genueser! Er ist's, werd' ich sagen, und dieser Mann ist +mein Gemahl, und ich hab' auch eine Wunde. (Sacco mit Verschwornen.) + +Sacco (ruft an). Wer da? Doria oder Fiesco? + +Leonore (begeistert). Fiesco und Freiheit! (Sie wirft sich in eine +Gasse. Auflauf. Bella wird weggedrängt.) + + + +Sechster Auftritt + + +Sacco mit einem Haufen. Calcagno begegnet ihm mit einem andern. + +Calcagno. Andreas Doria ist entflohen. + +Sacco. Deine schlechteste Empfehlung bei Fiesco. + +Calcagno. Bären, die Deutschen! pflanzten sich vor den Alten wie +Felsen. Ich kriegte ihn gar nicht zu Gesicht. Neun von den Unsern +sind fertig. Ich selbst bin am linken Ohrlappen gestreift. Wenn sie +das fremden Tyrannen thun, alle Teufel! wie müssen sie ihre Fürsten +bewachen! + +Sacco. Wir haben schon starken Anhang, und alle Thore sind unser. + +Calcagno. Auf der Burg, hör' ich, fechten sie scharf. + +Sacco. Bourgognino ist unter ihnen. Was schafft Verrina? + +Calcagno. Liegt zwischen Genua und dem Meer, wie der höllische +Kettenhund, daß kaum ein Anchove durch kann. + +Sacco. Ich lass' in der Vorstadt stürmen. + +Calcagno. Ich marschiere über die Piazza Sarzana. Rühr dich, +Tambour! (Ziehen unter Trommelschlag weiter.) + + + +Siebenter Auftritt + + +Der Mohr. Ein Trupp Diebe mit Lunten. + +Mohr. Daß ihr's wißt, Schurken! Ich war der Mann, der diese Suppe +einbrockte--Mir gibt man keinen Löffel. Gut. Die Hatz ist mir eben +recht. Wir wollen eins anzünden und plündern. Die drüben baxen sich +um ein Herzogthum, wir heizen die Kirchen ein, daß die erfrornen +Apostel sich wärmen. + +(Werfen sich in die umliegenden Häuser.) + + + +Achter Auftritt + + +Bourgognino. Bertha verkleidet. + +Bourgognino. Hier ruhe aus, lieber Kleiner. Du bist in Sicherheit. +Blutest du? + +Bertha (die Sprache verändert). Nirgends. + +Bourgognino (lebhaft). Pfui, so steh auf! Ich will dich hinführen, +wo man Wunden für Genua erntet--Schön, siehst du? wie diese. (Er +streift seinen Arm auf.) + +Bertha (zurückfahrend). O Himmel! + +Bourgognino. Du erschrickst? Niedlicher Kleiner, zu früh eiltest du +in den Mann--Wie alt bist du? + +Bertha. Fünfzehn Jahr. + +Bourgognino. Schlimm! Für diese Nacht fünf Jahre zu zärtlich--Den +Vater? + +Bertha. Der beste Bürger in Genua. + +Bourgognino. Gemach, Knabe! Das ist nur Einer, und seine Tochter +ist meine verlobte Braut. Weißt du das Haus des Verrina? + +Bertha. Ich dächte. + +Bourgognino (rasch). Und kennst seine göttliche Tochter? + +Bertha. Bertha heißt seine Tochter. + +Bourgognino (hitzig). Gleich geh und überliefre ihr diesen Ring. Er +gelte den Trauring, sagst du, und der blaue Busch halte sich brav. +Jetzt fahre wohl! Ich muß dorthin. Die Gefahr ist noch nicht aus. +(Einige Häuser brennen.) + +Bertha (ruft ihm nach mit sanfter Stimme). Scipio! + +Bourgognino (steht betroffen still). Bei meinem Schwert! Ich kenne +die Stimme. + +Bertha (fällt ihm um den Hals). Bei meinem Herzen! Ich bin hier +sehr bekannt. + +Bourgognino (schreit). Bertha! (Sturmläuten in der Vorstadt. +Auflauf. Beide verlieren sich in einer Umarmung.) + + + +Neunter Auftritt + + +Fiesco tritt hitzig auf. Zibo. Gefolge. + +Fiesco. Wer warf das Feuer ein? + +Zibo. Die Burg ist erobert. + +Fiesco. Wer warf das Feuer ein? + +Zibo (winkt dem Gefolge). Patrouillen nach dem Thäter! (Einige +gehen.) + +Fiesco (zornig). Wollen sie mich zum Mordbrenner machen? Gleich +eilt mit Spritzen und Eimern! (Gefolge ab.) Aber Gianettino ist doch +geliefert? + +Zibo. So sagt man. + +Fiesco (wild). Sagt man nur? Wer sagt das nur? Zibo, bei Ihrer +Ehre, ist er entronnen? + +Zibo (bedenklich). Wenn ich meine Augen gegen die Aussagen eines +Edelmanns setzen kann, so lebt Gianettino. + +Fiesco (auffahrend). Sie reden sich um den Hals, Zibo! + +Zibo. Noch einmal--Ich sah ihn vor acht Minuten lebendig in gelbem +Busch und Scharlach herumgehn. + +Fiesco (außer Fassung). Himmel und Hölle--Zibo!--den Bourgognino +lass' ich um einen Kopf kürzer machen. Fliegen Sie, Zibo--Man soll +alle Stadtthore sperren--alle Felouquen soll man zu Schanden +schießen--so kann er nicht zu Wasser davon--diesen Demant, Zibo, den +reichsten in Genua, Lucca, Venedig und Pisa,--wer mir die Zeitung +bringt: Gianettino ist todt--er soll diesen Demant haben. (Zibo eilt +ab.) Fliegen Sie, Zibo! + + + +Zehnter Auftritt + + +Fiesco. Sacco. Der Mohr. Soldaten. + +Sacco. Den Mohren fanden wie eine brennende Lunte in den Jesuiterdom +werfen-Fiesco. Deine Verrätherei ging dir hin, weil sie mich traf. +Auf Mordbrennereien steht der Strick. Führt ihn gleich ab, hängt ihn +am Kirchthor auf. + +Mohr. Pfui! Pfui! Pfui! Das kommt mir ungeschickt--Läßt sich +nichts davon wegplaudern? + +Fiesco. Nichts. + +Mohr (vertraulich). Schickt mich einmal zur Prob auf die Galeere. + +Fiesco (winkt den Andern). Zum Galgen. + +Mohr (trotzig). So will ich ein Christ werden! + +Fiesco. Die Kirche bedankt sich für die Blattern des Heidenthums. + +Mohr (schmeichelnd). Schickt mich wenigstens besoffen in die +Ewigkeit. + +Fiesco. Nüchtern. + +Mohr. Aber hängt mich nur an keine christliche Kirche. + +Fiesco. Ein Ritter hält Wort. Ich versprach dir deinen eigenen +Galgen. + +Sacco (brummt). Nicht viel Federlesens, Heide! Man hat noch mehr zu +thun. + +Mohr. Doch--wenn halt allenfalls--der Strick bräche?-Fiesco (zum +Sacco). Man wird ihn doppelt nehmen. + +Mohr (resigniert). So mag's sein--und der Teufel kann sich auf den +Extrafall rüsten. (Ab mit Soldaten, die ihn in einiger Entfernung +aufhenken.) + + + +Eilfter Auftritt + + +Fiesco. Leonore erscheint hinten im Scharlachrock Gianettinos. + +Fiesco (wird sie gewahr, fährt vor, fährt zurück und murmelt grimmig). +Kenn' ich nicht diesen Busch und Mantel? (Eilt näher, heftig.) Ich +kenne den Busch und Mantel! (Wüthend, indem er auf sie losstürzt und +sie niederstößt.) Wenn du drei Leben hast, so steh wieder auf und +wandle! (Leonore fällt mit einem gebrochenen Laut. Man hört einen +Siegesmarsch. Trommeln, Hörner und Hoboen.) + + + +Zwölfter Auftritt + + +Fiesco. Calcagno. Sacco. Zenturione. Zibo. Soldaten mit Musik +und Fahnen treten auf. + +Fiesco (ihnen entgegen im Triumph). Genueser--der Wurf ist +geworfen--Hier liegt er, der Wurm meiner Seele--die gräßliche Kost +meines Hasses. Hebet die Schwerter hoch!--Gianettino! + +Calcagno. Und ich komme, Ihnen zu sagen, daß zwei Drittheile von +Genua Ihre Partei ergreifen und zu Fieskischen Fahnen schwören-Zibo. +Und durch mich schickt Ihnen Verrina vom Admiralschiff seinen Gruß +und die Herrschaft über Hafen und Meer-Zenturione. Und durch mich +der Gouverneur der Stadt seinen Commandostab und die Schlüssel-Sacco. +Und in mir wirft sich (indem er niederfällt) der große und kleine +Rath der Republik knieend vor seinen Herrn und bittet fußfällig um +Gnade und Schonung-Calcagno. Mich laßt den Ersten sein, der den +großen Sieger in seinen Mauern willkommen heißt--Heil Ihnen--Senket +die Fahnen tief!--Herzog von Genua! + +Alle (nehmen die Hüte ab). Heil, Heil dem Herzog von Genua! +(Fahnenmarsch.) + +Fiesco (stand die ganze Zeit über, den Kopf auf die Brust gesunken, +in einer denkenden Stellung.) + +Calcagno. Volk und Senat stehen wartend, ihren gnädigen Oberherrn im +Fürstenornat zu begrüßen--Erlauben Sie uns, durchlauchtigster Herzog, +Sie im Triumph nach der Signoria zu führen. + +Fiesco. Erlaubt mir erst, daß ich mit meinem Herzen mich +abfinde--Ich mußte eine gewisse theure Person in banger Ahnung +zurücklassen, eine Person, die die Glorie dieser Nacht mit mir +theilen wird. (Gerührt zur Gesellschaft.) Habt die Güte und +begleitet mich zu eurer liebenswürdigen Herzogin! (Er will +aufbrechen.) + +Calcagno. Soll der meuchelmörderische Bube hier liegen und seine +Schande in diesem Winkel verhehlen? + +Zenturione. Steckt seinen Kopf auf eine Hellebarde! + +Zibo. Laßt seinen zerrissenen Rumpf unser Pflaster kehren. (Man +leuchtet gegen den Leichnam.) + +Calcagno (erschrocken und etwas leise). Schaut her, Genueser! Das +ist bei Gott kein Gianettinogesicht. (Alle sehen starr auf die +Leiche.) + +Fiesco (hält still, wirft von der Seite einen forschenden Blick +darauf, den er starr und langsam unter Verzerrungen zurückzieht). +Nein, Teufel--Nein, das ist kein Gianettinogesicht, hämischer Teufel! +(Die Augen herumgerollt.) Genua mein, sagt ihr? Mein--(Hinauswüthend +in einem gräßlichen Schrei.) Spiegelfechterei der Hölle! Es ist mein +Weib! (Sinkt durchdonnert zu Boden. Verschworne stehen in todter Pause +und schauervollen Gruppen.) + +Fiesco (matt aufgerichtet mit dumpfer Stimme). Hab' ich mein Weib +ermordet, Genueser?--Ich beschwöre euch, schielt nicht so +geisterbleich auf dieses Spiel der Natur--Gott sei gelobt! Es gibt +Schicksale, die der Mensch nicht zu fürchten hat, weil er nur Mensch +ist. Wem Götterwollust versagt ist, wird keine Teufelqual +zugemuthet--Diese Verirrung wäre etwas mehr. (Mit schrecklicher +Beruhigung.) Genueser, Gott sei Dank! Es kann nicht sein. + + + +Dreizehnter Auftritt + + +Vorige. Arabella kommt jammernd. + +Arabella. Mögen sie mich umbringen, was hab' ich auch jetzt noch zu +verlieren?--Habt Erbarmen, ihr Männer--Hier verließ ich meine gnädige +Frau, und nirgends find' ich sie wieder. + +Fiesco (tritt ihr näher mit leiser bebender Stimme). Leonore heißt +deine gnädige Frau? + +Arabella (froh). O daß Sie da sind, mein liebster, guter, gnädiger +Herr!--Zürnen Sie nicht über uns, wir konnten sie nicht mehr +zurückhalten. + +Fiesco (zürnt sie dumpfig an). Du Verhaßte! von was nicht? + +Arabella. Daß sie nicht nachsprang-Fiesco (heftiger). Schweig! +wohin sprang? + +Arabella. Ins Gedränge-Fiesco (wüthend). Daß deine Zunge zum +Krokodil würde--Ihre Kleider? + +Arabella. Ein scharlachner Mantel-Fiesco (rasend gegen sie taumelnd). +Geh in den neunten Kreis der Hölle!--der Mantel? + +Arabella. Lag hier am Boden-Einige Verschworne (murmelnd). Gianettino +ward hier ermordet-Fiesco (todesmatt zurückwankend zu Arabella). Deine +Frau ist gefunden. (Arabella geht angstvoll. Fiesco sucht mit +verdrehten Augen im ganzen Kreis herum, darauf mit leiser, schwebender +Stimme, die stufenweis bis zum Toben steigt.) Wahr ist's--wahr--und +ich das Stichblatt des unendlichen Bubenstücks. (Viehisch um sich +hauend.) Tretet zurück, ihr menschlichen Gesichter--Ah, (mit frechem +Zähnblecken gen Himmel) hätt' ich nur seinen Weltbau zwischen diesen +Zähnen--Ich fühle mich aufgelegt, die ganze Natur in ein grinsendes +Scheusal zu zerkratzen, bis sie aussieht wie mein Schmerz--(Zu den +Andern, die bebend herumstehen.) Mensch!--wie es jetzt dasteht, das +erbärmliche Geschlecht, sich segnet und selig preist, daß es nicht ist +wie ich--Nicht wie ich! (In hohles Beben hinabgefallen.) Ich allein +habe den Streich--(Rascher, wilder.) Ich? Warum ich? Warum nicht mit +mir auch diese? Warum soll sich mein Schmerz am Schmerz eines +Mitgeschöpfs nicht stumpf reiben dürfen? + +Calcagno (furchtsam). Mein theurer Herzog-Fiesco (dringt auf ihn ein +mit gräßlicher Freude). Ah, willkommen! Hier, Gott sei Dank! ist +Einer, den auch dieser Donner quetschte! (Indem er den Calcagno +wüthend in seine Arme drückt.) Bruder Zerschmettert! Wohl bekomm die +Verdammniß! Sie ist todt! Du hat sie auch geliebt! (Er zwingt ihn +an den Leichnam und drückt ihm den Kopf dagegen.) Verzweifle! Sie +ist todt! (Den stieren Blick in einen Winkel geheftet.) Ah, daß ich +stünde am Thor der Verdammniß, hinunterschauen dürfte mein Aug auf +die mancherlei Folterschrauben der sinnreichen Hölle, saugen mein Ohr +zerknirschter Sünder Gewinsel--Könnt' ich sie sehen, meine Qual, wer +weiß, ich trüge sie vielleicht? (Mit Schauern zur Leiche gehend.) +Mein Weib liegt hier ermordet--Nein, das will wenig sagen +(Nachdrücklicher.) Ich, der Bube, habe mein Weib ermordet--O pfui, so +etwas kann die Hölle kaum kitzeln--Erst wirbelt sie mich künstlich +auf der Freude letztes glättestes Schwindeldach, schwätzt mich bis an +die Schwelle des Himmels--und dann hinunter--dann--o könnte mein Odem +die Pest unter Seelen blasen--dann--dann ermord' ich mein Weib--Nein, +ihr Witz ist noch feiner--dann übereilen sich (verächtlich) zwei +Augen, und (mir schrecklichem Nachdruck) ich--ermorde--mein Weib! +(Beißend lächelnd.) Das ist das Meisterstück! + +(Alle Verschwornen hängen gerührt an ihren Waffen. Einige wischen +Thränen aus den Augen. Pause.) + +Fiesco (erschöpft und stiller, indem er im Zirkel herumblickt). +Schluchzt hier Jemand?--Ja, bei Gott, die einen Fürsten würgten, +weinen. (In stillen Schmerz geschmolzen.) Redet! Weint ihr über +diesen Hochverrath des Todes, oder weint ihr über meines Geistes +Memmenfall? (In ernster, rührender Stellung vor der Todten +verweilend.) Wo in warme Thränen felsenharte Mörder schmelzen, flucht +Fiescos Verzweiflung! (Sinkt weinend an ihr nieder.) Leonore, +vergib--Reue zürnt man dem Himmel nicht ab! (Weich mit Wehmuth.) +Jahre voraus, Leonore, genoß ich das Fest jener Stunde, wo ich den +Genuesern ihre Herzogin brächte--Wie lieblich verschämt sah ich schon +deine Wangen erröthen, deinen Busen wie fürstlich schön unter dem +Silberflor schwellen, wie angenehm deine lispelnde Stimme der +Entzückung versagen (Lebhafter.) Ha! wie berauschend wallte mir schon +der stolze Zuruf zu Ohren, wie spiegelte sich meiner Liebe Triumph im +versinkenden Neide!--Leonore--die Stund' ist gekommen--Genuas Herzog +ist dein Fiesco--und Genuas schlechtester Bettler besinnt sich, seine +Verachtung an meine Qual und meinen Scharlach zu tauschen--(Rührender.) +Eine Gattin theilt seinen Gram--mit wem kann ich meine Herrlichkeit +theilen? (Er weint heftiger und verbirgt sein Gesicht an der Leiche. +Rührung auf allen Gesichtern.) + +Calcagno. Es war eine treffliche Dame. + +Zibo. Daß man doch ja den Trauerfall dem Volk noch verschweige. Er +nähme den Unsrigen den Muth und gäb' ihn den Feinden. + +Fiesco (steht gefaßt und fest auf). Höret, Genueser!--die Vorsehung, +versteh' ich ihren Wink, schlug mir diese Wunde nur, mein Herz für +die nahe Größe zu prüfen.--Es war die gewagteste Probe--jetzt fürcht' +ich weder Qual, noch Entzücken mehr. Kommt! Genua erwarte mich, +sagt ihr?--Ich will Genua einen Fürsten schenken, wie ihn noch kein +Europäer sah--Kommt!--dieser unglücklichen Fürstin will ich eine +Todtenfeier halten, daß das Leben seine Anbeter verlieren und die +Verwesung wie eine Braut glänzen soll--Jetzt folgt eurem Herzog! +(Gehen ab unter Fahnenmarsch.) + + + +Vierzehnter Auftritt + + +Andreas Doria. Lomellin. + +Andreas. Dort jauchzen sie hin. + +Lomellin. Ihr Glück hat sie berauscht. Die Thore sind bloßgegeben. +Der Signoria wälzt sich Alles zu. + +Andreas. Nur an meinem Neffen scheute das Roß. Mein Neffe ist todt. +Hören Sie, Lomellin-Lomellin. Was? noch? noch hoffen Sie, Herzog? + +Andreas (ernst). Zittre du für dein Leben, weil du mich Herzog +spottest, wenn ich auch nicht einmal hoffen darf. + +Lomellin. Gnädigster Herr--eine brausende Nation liegt in der Schale +Fiescos--Was in der Ihrigen? + +Andreas (groß und warm). Der Himmel! + +Lomellin (hämisch die Achsel zuckend). Seitdem das Pulver erfunden +ist, campieren die Engel nicht mehr. + +Andreas. Erbärmlicher Affe, der einem verzweifelnden Graukopf seinen +Gott noch nimmt! (Ernst und gebietend.) Geh! mache bekannt, daß +Andreas noch lebe--Andreas, sagst du, ersuche seine Kinder, ihn doch +in seinem achtzigsten Jahre nicht zu den Ausländern zu jagen, die dem +Andreas den Flor seines Vaterlandes niemals verzeihen würden. Sag' +ihnen das, und Andreas ersuche seine Kinder um so viel Erde in seinem +Vaterland für so viel Gebeine. + +Lomellin. Ich gehorsame, aber verzweifle. (Will gehen.) + +Andreas. Höre! und nimm diese eisgraue Haarlocke mit--Sie war die +letzte, sagst du, auf meinem Haupt und ging los in der dritten +Jännernacht, als Genua losriß von meinem Herzen und habe achtzig +Jahre gehalten und habe den Kahlkopf verlassen im achtzigsten +Jahre--die Haarlocke ist mürbe! aber doch stark genug, dem schlanken +Jüngling den Purpur zu knüpfen (Er geht ab mit verhülltem Gesicht. +Lomellin eilt in eine entgegengesetzte Gasse. Man hört ein +tumultuarisches Freudengeschrei unter Trompeten und Pauken.) + + + +Fünfzehnter Auftritt + + +Verrina vom Hafen. Bertha und Bourgognino. + +Verrina. Man jauchzt. Wem gilt das? + +Bourgognino. Sie werden den Fiesco zum Herzog ausrufen. + +Bertha (schmiegt sich ängstlich an Bourgognino). Mein Vater ist +fürchterlich, Scipio! + +Verrina. Laßt mich allein, Kinder--O Genua! Genua! + +Bourgognino. Der Pöbel vergöttert ihn und forderte wiehernd den +Purpur. Der Adel sah mit Entsetzen zu und durfte nicht Nein sagen. + +Verrina. Mein Sohn, ich hab' alle meine Habseligkeiten zu Gold +gemacht und auf dein Schiff bringen lassen. Nimm deine Frau und +stich unverzüglich in See. Vielleicht werd' ich nachkommen. +Vielleicht--nicht mehr. Ihr segelt nach Marseille, und (schwer und +gepreßt sie umarmend)--Gott geleit' euch! (Schnell ab.) + +Bertha. Um Gotteswillen! Worüber brütet mein Vater? + +Bourgognino. Verstandst du den Vater? + +Bertha. Fliehen, o Gott! Fliehen in der Brautnacht! + +Bourgognino. So sprach er--und wir gehorchen. (Beide gehen nach dem +Hafen.) + + + +Sechzehnter Auftritt + + +Verrina. Fiesco im herzoglichen Schmuck. (Beide treffen auf +einander.) + +Fiesco. Verrina! Erwünscht. Eben war und aus, dich zu suchen. + +Verrina. Das war auch mein Gang. + +Fiesco. Merkt Verrina keine Veränderung an seinem Freunde? + +Verrina (zurückhaltend). Ich wünsche keine. + +Fiesco. Aber siehst du auch keine? + +Verrina (ohne ihn anzusehen). Ich hoffe, nein! + +Fiesco. Ich frage, findest du keine! + +Verrina (nach einem flüchtigen Blick). Ich finde keine. + +Fiesco. Nun, siehst du, so muß es doch wahr sein, daß die Gewalt +nicht Tyrannen macht. Seit wir uns Beide verließen, bin ich Genuas +Herzog geworden, und Verrina (indem er ihn an die Brust drückt) +findet meine Umarmung noch feurig wie sonst. + +Verrina. Desto schlimmer, daß ich sie frostig erwiedern muß; der +Anblick der Majestät fällt wie ein schneidendes Messer zwischen mich +und den Herzog! Johann Ludwig Fiesco besaß Länder in meinem +Herzen--jetzt hat er Genua erobert, und ich nehme mein Eigenthum +zurück. + +Fiesco (betreten). Das wolle Gott nicht! Für ein Herzogthum wäre +der Preis zu jüdisch. + +Verrina (murmelt düster). Hum! Ist denn etwa die Freiheit in der +Mode gesunken, daß man dem Ersten dem Besten Republiken um ein +Schandengeld nachwirft. + +Fiesco (beißt die Lippen zusammen). Das sag du Niemand, als dem +Fiesco. + +Verrina. O natürlich! Ein vorzüglicher Kopf muß es immer sein, von +dem die Wahrheit ohne Ohrfeige wegkommt--Aber Schade! der +verschlagene Spieler hat's nur in einer Karte versehen. Er +calculierte das ganze Spiel des Neides, aber der raffinierte Witzling +ließ zum Unglück die Patrioten aus. (Sehr bedeutend.) Hat der +Unterdrücker der Freiheit auch einen Kniff auf die Züge der römischen +Tugend zurückbehalten? Ich schwör' es beim lebendigen Gott, eh die +Nachwelt meine Gebeine aus dem Kirchhof eines Herzogthums gräbt, soll +sie sie auf dem Rade zusammenlesen! + +Fiesco (nimmt ihn mit Sanftmuth bei der Hand). Auch nicht, wenn der +Herzog dein Bruder ist? wenn er sein Fürstenthum nur zur Schatzkammer +seiner Wohlthätigkeit macht, die bis jetzt bei seiner haushälterischen +Dürftigkeit betteln ging? Verrina, auch dann nicht? + +Verrina. Auch dann nicht--und der verschenkte Raub hat noch keinem +Dieb von dem Galgen geholfen. Überdies ging diese Großmuth bei +Verrina fehl. Meinem Mitbürger konnt' ich schon erlauben, mir Gutes +zu thun--meinem Mitbürger hofft' ich es wett machen zu können. Die +Geschenke eines Fürsten sind Gnade--und nur Gott ist mir gnädig. + +Fiesco (ärgerlich). Wollt ich doch lieber Italien vom Atlantermeer +abreißen, als diesen Starrkopf von seinem Wahn. + +Verrina. Und abreißen ist doch sonst deine schlechteste Kunst nicht, +davon weiß das Lamm Republik zu erzählen, das du dem Wolf Doria aus +dem Rachen nahmst--es selbst aufzufressen.--Aber genug! Nur im +Vorbeigehen, Herzog, sage mir, was verbrach denn der arme Teufel, den +ihr am Jesuiterdom aufknüpftet? + +Fiesco. Die Canaille zündete Genua an. + +Verrina. Aber doch die Gesetze ließ die Canaille ganz? + +Fiesco. Verrina brandschatzt meine Freundschaft. + +Verrina. Hinweg mit der Freundschaft! ich sage dir ja, ich liebe +dich nicht mehr; ich schwöre dir, daß ich dich hasse--hasse wie den +Wurm des Paradieses, der den ersten falschen Wurf in der Schöpfung +that, worunter schon das fünfte Jahrtausend blutet--Höre, +Fiesco--nicht Unterthan gegen Herrn--nicht Freund gegen +Freund--Mensch gegen Mensch red' ich zu dir. (Scharf und heftig.) Du +hast eine Schande begangen an der Majestät des wahrhaftigen Gottes, +daß du dir die Tugend die Hände zu deinem Bubenstück führen und +Genuas Patrioten mit Genua Unzucht treiben ließest--Fiesco, wär' auch +ich der Redlichdumme gewesen, den Schalk nicht zu merken, Fiesco! bei +allen Schauern der Ewigkeit, einen Strick wollt' ich drehen aus +meinen eigenen Gedärmen und mich erdrosseln, daß meine fliehende +Seele im gichtrischen Schaumblasen dir zuspritzen sollte. Das +fürstliche Schelmenstück drückt wohl die Goldwage menschlicher Sünden +entzwei, aber du hast den Himmel geneckt, und den Prozeß wird das +Weltgericht führen. + +(Fiesco erstaunt und sprachlos mißt ihn mit großen Augen.) + +Verrina. Besinne dich auf keine Antwort. Jetzt sind wir fertig. +(Nach einigem Auf- und Niedergehen.) Herzog von Genua, auf den +Schiffen des gestrigen Tyrannen lernt' ich eine Gattung armer +Geschöpfe kennen, die eine verjährte Schuld mit jedem Ruderschlag +wiederkäuen und in den Ocean ihre Thränen weinen, der wie ein reicher +Mann zu vornehm ist, sie zu zählen--Ein guter Fürst eröffnet sein +Regiment mit Erbarmen. Wolltest du dich entschließen, die +Galeerensklaven zu erlösen? + +Fiesco (scharf). Sie seien die Erstlinge meiner Tyrannei--Geh und +verkündige ihnen Allen Erlösung. + +Verrina. So machst du deine Sache nur halb, wenn du ihre Freude +verlierst. Versuch' es und gehe selbst. Die großen Herren sind so +selten dabei, wenn sie Böses thun; sollten sie auch das Gute im +Hinterhalt stiften?--Ich dächte, der Herzog wäre für keines Bettlers +Empfindung zu groß. + +Fiesco. Mann, du bist schrecklich, aber ich weiß nicht, warum ich +folgen muß. (Beide gehen dem Meer zu.) + +Verrina (hält still, mit Wehmuth). Aber, noch einmal umarme mich, +Fiesco! Hier ist ja Niemand, der den Verrina weinen sieht und einen +Fürsten empfinden. (Er drückt ihn innig.) Gewiß, nie schlugen zwei +größere Herzen zusammen; wir liebten uns doch so brüderlich +warm--(Heftig an Fiescos Halse weinend.) Fiesco! Fiesco! du räumst +einen Platz in meiner Brust, den das Menschengeschlecht, dreifach +genommen, nicht mehr besetzen wird. + +Fiesco (sehr gerührt). Sei--mein--Freund! + +Verrina. Wirf diesen häßlichen Purpur weg, und ich bin's--Der erste +Fürst war ein Mörder und führte den Purpur ein, die Flecken seiner +That in dieser Blutfarbe zu verstecken--Höre, Fiesco--ich bin ein +Kriegsmann, verstehe mich wenig auf nasse Wangen--Fiesco--das sind +meine ersten Thränen--Wird diesen Purpur weg! + +Fiesco. Schweig! + +Verrina (heftiger). Fiesco--laß hier alle Kronen dieses Planeten zum +Preis, dort zum Popanz all seine Foltern legen, ich soll knieen vor +einem Sterblichen--ich werde nicht knieen--Fiesco! (indem er +niederfällt) es ist mein erster Kniefall--Wirf diesen Purpur weg! + +Fiesco. Steh auf und reize mich nicht mehr! + +Verrina (entschlossen). Ich steh' auf, reize dich nicht mehr (Sie +stehen an einem Brett, das zu einer Galeere führt.) Der Fürst hat den +Vortritt. (Gehen über das Brett.) + +Fiesco. Was zerrst du mich so am Mantel?--er fällt! + +Verrina (mit fürchterlichem Hohn). Nun, wenn der Purpur fällt, muß +auch der Herzog nach! (Er stürzt ihn ins Meer.) + +Fiesco (ruft aus den Wellen). Hilf, Genua! Hilf! Hilf deinem +Herzog! (Sinkt unter.) + + + +Siebzehnter Auftritt + + +Calcagno. Sacco. Zibo. Zenturione. Verschworne. Volk. (Alle +eilig, ängstlich.) + +Calcagno (schreit). Fiesco! Fiesco! Andreas ist zurück, halb Genua +springt dem Andreas zu. Wo ist Fiesco? + +Verrina (mit festem Ton). Ertrunken! + +Zenturione. Antwortet die Hölle oder das Tollhaus? + +Verrina. Ertränkt, wenn das hübscher lautet--Ich geh' zum Andreas. + +(Alle bleiben in starren Gruppen stehn. Der Vorhang fällt.) + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Die Verschwörung des Fiesco zu +Genua", von Friedrich Schiller. + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE VERSCHWOERUNG DES FIESCO ZU GENUA *** + +This file should be named 6499-8.txt or 6499-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +https://www.gutenberg.org/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. 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