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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-22 07:19:59 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Des Waldbauern Friedel - -Author: Margarete Lenk - -Release Date: January 21, 2022 [eBook #67210] - -Language: German - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DES WALDBAUERN FRIEDEL *** - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1912 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute - nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben - gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch - nicht beeinträchtigt wird. - - Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit - halber eingefügt. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - Das Caret-Symbol (^) steht für ein nachfolgendes hochgestelltes - Zeichen. - - #################################################################### - - - - - Des - Waldbauern Friedel - - Von - - Marg. Lenk - - * - - Vierte Auflage -- Mit Bildern - - Zwickau (Sachsen) - - Verlag und Druck von Johannes Herrmann - - - - - Alle Rechte vorbehalten. - - ~Copyright 1912 by Johannes Herrmann, Zwickau (Sachsen).~ - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - 1. Vertrieben. 3 - - 2. In der Talmühle. 17 - - 3. Wie die Kinder aufwuchsen. 37 - - 4. Wie’s dem Talmüller ergangen war. 55 - - 5. Der Tod kehrt ein. 73 - - 6. In die weite, weite Welt. 92 - - 7. Ein guter Kamerad. 113 - - 8. Die alte Heimat. 129 - - 9. Ins Land der Freiheit. 148 - - - - -[Illustration] - - - - -1. Vertrieben. - - -Es war im Sommer des Jahres 1730. In dem wunderschönen Gebirgsländchen -Salzburg, das im Süden Deutschlands, zwischen Bayern, Tirol und -Österreich liegt, grünten die saftigen Wiesen, dufteten die dunklen -Tannenwälder; und die untergehende Sonne vergoldete die Spitzen der -gewaltigen Berge. Nicht allzuweit von einem kleinen gewerbfleißigen -Städtchen stand am Bergeshang, von Waldbäumen beschattet, eine -schlichte Hütte. Nur zwei Menschen wohnten darin: der Waldbauer -Andreas, ein weißhaariger, aber noch sehr rüstiger Mann, und sein -neunjähriger verwaister Enkel Fridolin, meist Friedel genannt. -Einen schmuckeren Buben gab es wohl kaum in der ganzen Gegend! Hoch -gewachsen, weiß und rot wie Milch und Blut, obgleich er sich von früh -bis abends im Sonnenschein tummelte, mit lustigen, strahlenden Augen -und weichem, dunklem Lockenhaar. Schon war er kräftig genug, dem -Großvater bei der Bearbeitung des sehr kleinen Gütchens zu helfen, so -daß die beiden, seit dem Tode eines alten, treuen Knechtes, ganz allein -wirtschafteten. - -Jetzt ruhten Großvater und Enkel am Waldesrand und schauten behaglich -der schneeweißen Kuh und den fünf schönen Ziegen zu, die sich die -würzigen Kräuter wohlschmecken ließen. Andreas hatte Brot und Käse und -einen Krug Milch herausgeholt, denn in der Hütte war’s noch heiß und -dumpfig von der Sonnenglut des Tages. - -Schweigend saßen sie beisammen. Sonst hatte der Alte am Feierabend gern -geplaudert und erzählt; seit einiger Zeit war er merkwürdig still. Aber -sieh, jenseits der Wiese trat plötzlich sein stattlicher Hirsch mit -majestätischem Geweih aus dem Waldesdunkel hervor und begann zu grasen. -Wie festgebannt stand das zahme Vieh und schaute verwundert nach dem -stolzen Gast hinüber; der Knabe aber betrachtete ihn mit atemlosen -Entzücken. Aber nur zu bald gewahrte das herrliche Tier die Menschen, -die es wohl schon als seine Feinde kennen mochte. Es warf den Kopf -zurück und enteilte in mächtigen Sprüngen. - -„Schade, daß du deinen Stutzen (kurze Flinte) nicht hier hattest“, -sagte Friedel, „sonst könnten wir morgen Hirschbraten essen.“ - -„Nimmermehr! Das Hochwild ist nicht des Volkes; es ist des Erzbischofs.“ - -„Das ist nicht recht! Es frißt unser Gras und bricht oft genug in -unser Feld. Er hätt’ es ja nicht gesehen, wenn du den Hirsch geschossen -hättest! Er sitzt ja weit weg in seinem Palast in der Stadt Salzburg.“ - -„Schäm’ dich, so zu reden! Du weißt recht gut, daß es Gott gesehen -hätte. Nein, nein! In allen irdischen Dingen wollen wir dem harten -Herrn gern untertan sein; aber nimmer, nimmer hat er Macht über unsere -Seelen!“ - -Der Alte hatte nur mit sich selbst gesprochen, doch war dem Kinde seine -tiefe Erregung nicht entgangen, und es fragte ängstlich: - -„Will der garstige Erzbischof deiner Seele was tun, Großvater? Wie kann -er denn das? Sie ist ja ganz tief inwendig.“ - -Andreas schwieg lange, dann zog er den Knaben an sich und begann: - -„Du hast in deiner Einfalt wahr gesprochen, mein Kind; er kann meiner -Seele nichts tun! Schon längst möchte ich dir etwas sagen, was du noch -nicht ganz verstehen wirst, aber doch wissen mußt. Höre mir nun recht -aufmerksam zu. Sag’, weißt du denn, warum wir am Sonntag nicht in die -schöne große Stadtkirche gehen, sondern in das ärmliche Kapellchen in -der engen Gasse?“ - -„Hab’ nimmer daran gedacht“, gestand der Knabe. „Hab’ aber ’mal in die -große Kirch’ neingeguckt, als die Tür weit offen stand. Ei, da ist’s -fein drin! Bilder gibt’s und Figuren, und gleißt alles von Gold! und -Silber.“ - -„Das glaub’ ich wohl! Aber sieh, der dicke Pater Ignatius führt die -Leute in der schönen Kirche nicht den rechten Weg zum Himmel. Du kennst -ihn doch, nicht wahr?“ - -„Es ist unser HErr JEsus Christus“, erwiderte der Knabe feierlich; „wer -an ihn glaubt, wird selig.“ - -„Dabei bleib’ fest dein Leben lang! So lehrt ja unser lieber Pfarrer -mit großem Fleiß die Großen und Kleinen, und schöpft alle seine Lehre -aus der lieben Bibel. Pater Ignatius aber verbietet die Bibel zu lesen. -Er sagt, man solle sich den Himmel verdienen mit guten Werken; man -solle die Jungfrau Maria und andere Heilige anrufen, die doch auch -sündige Menschen waren. Sieh, so gibt’s zweierlei Leut’ hier. Die -meisten folgen dem Pater, der kleine Teil dem Pfarrer. Bisher haben sie -äußerlich Frieden gehalten; jetzt aber hat der Erzbischof befohlen, -die wenigen, die das kleine Kirchlein besuchen, zu ängstigen und zu -verfolgen.“ - -„Aha!“ lachte der Junge. „Nun weiß ich auch, warum mich des Müllers -Sepp letzthin einen Ketzer schalt. Na, ich hab’s ihm heimgezahlt, daß -er heulend davonlief mit einer Beule am Kopf. Und ist doch älter als -ich!“ - -„Das mußt du nicht tun! Weißt du nicht, wie geduldig unser Heiland -litt, als man ihn beschimpfte?“ - -„Ach, Großvater, das geht ja mit dem Sepp nimmer. Der tät ja gleich --“ - -„Schweig, törichtes Kind! Ich verbiete dir ernstlich, dich zu rächen, -wenn man dich deines Glaubens wegen beschimpft.“ - -Zwei große Tränen, die über das ehrwürdige Antlitz des Alten in den -weißen Bart rollten, stimmten den Knaben plötzlich weich und ernst. -Liebkosend schmiegte er sich an den Alten und sprach leise: - -„Sag’ mir doch alles; ich will ja brav sein. O Großvater, ich will auch -’mal in den Himmel kommen, wo mein Herzensmütterle ist und der Vater, -den ich kaum gekannt!“ - -„Nun, so höre! Ringsum im Salzburger Land gibt’s in Städten und Dörfern -noch viele Leut’, die den rechten Glauben haben. Bisher hat man sie -geduldet, denn sie sind gar friedlich, fleißig und sehr geschickt in -allerlei Kunst und Handwerk, so daß sie viel Gewinn ins Land bringen. -Aber der Erzbischof Firmian ist herrschsüchtig und hartherzig. Er will -durchaus, daß wir alle unsern Glauben abschwören und wieder zu des -Papstes Kirche kommen sollen.“ - -„Wer ist nur der Papst, Großvater? Ich hör’ allweil’ von ihm und -möcht’s wissen.“ - -„Das ist der alleroberste Priester der Kirche, die sie katholisch -nennen. Gar reich und mächtig wohnt er in der herrlichen Stadt Rom. Er -sagt, er sei Petri Nachfolger und Christi Stellvertreter auf Erden.“ - -„Glaub’ ich nimmer! Ist doch der liebe Heiland selber bei uns! Was -braucht’s einen Papst?“ - -„Das ist wahr. Wir nennen ihn den Antichrist und das Kind des -Verderbens. Dabei bleib’ nur fest, mein Kind. Denk’ nur, man will uns -unsere Bibeln wegnehmen; und unsere schönen Lieder sollen wir nicht -mehr singen!“ - -„Nun sing’ ich gerade recht, zum Trutz!“ - -„Das ist brav; so denken wir alle. Und damit wir recht fest bleiben, -sind unsere Ältesten (d. h. Vorsteher) aus dem ganzen Lande -zusammengekommen heimlich bei Nacht in dem wilden, dunklen Felstal, wo -die Schwarzach schäumend durchbraust --“ - -„Ist’s das, wo wir neulich hinabgeschaut haben, als wir so hoch zu Berg -gestiegen waren?“ - -Der Großvater nickte. - -„Hu, ’s war schauerlich da unten.“ - -„Freilich! Aber dort waren sie ganz sicher vor des Erzbischofs -Lauschern, die immer aufpassen, was wir tun. Da haben wir alle gebetet -und einander die Hand gereicht, und feierlich geschworen, dem rechten -Glauben treu zu bleiben bis zum Tode.“ - -„War mein Pate Rudi auch dabei?“ - -„Gewiß; er ist ja der Älteste unserer Gemeinde. -- Du bist ein junges -Kind und begreifst noch wenig. Aber sag’, willst du denn nun recht -fleißig lernen und alles zu Herzen nehmen, und fest dabei bleiben, was -auch kommen möge?“ - -„Ich will, Großvater! Gewiß, ich will! Aber jetzt bin ich so müd’ und -möcht’ schlafen gehen. Wir haben heute wacker geschafft.“ - -„So komm, ruf’ die Ziegen; laß uns hineingehen, beten und in Gottes -Schutz ruhen.“ -- - -In den nächsten Tagen und Wochen blickte der Knabe oft ängstlich nach -dem Städtchen herab, ob etwa jemand kommen werde, um ihm und dem -Großvater den rechten Glauben wegzunehmen. Wie das geschehen sollte, -war ihm nicht recht klar; doch ballte er tapfer die derben Fäuste und -meinte, er wolle sich schon tüchtig wehren. - -Da aber nichts dergleichen geschah, schlug er sich’s bald aus dem Sinn -und ward wieder leichtherzig wie zuvor. Der Großvater behandelte ihn -liebreicher als je, hielt ihn aber streng zur Arbeit und ließ ihn nie -mehr allein in die Stadt laufen, um allerlei zu besorgen, wie sonst -wohl geschehen war. -- - -Der Sommer schied; der Herbst schüttelte das Laub von den Bäumen, und -endlich tanzten die ersten Schneeflocken in der Luft. Bald war’s aus -mit der Arbeit im Freien. Nun mußte sich der Wildfang wieder fleißig -im Lesen, Schreiben und Rechnen üben, und der Großvater suchte ihm mit -viel Geduld und Weisheit die Hauptlehren des Christentums ins Herz -zu prägen. Der Knabe lernte willig und sammelte in dieser Zeit einen -Schatz köstlicher Bibelsprüche, deren Verständnis ihm erst später -aufging; und die herrlichen Lieder, die er mit dem Großvater sang, -begleiteten ihn wie Trostengel durchs ganze Leben. - -In diesem friedlichen, aber doch einförmigen Winterleben waren die -Sonntage rechte Lichtblicke, die man mit Freuden begrüßte. Da wanderten -die beiden zusammen zum lieben Kirchlein und blieben dann über Mittag -bei dem Paten Rudi, wo es stets etwas Gutes zu essen gab. Unendlich -viel Schönes war beim Paten Rudi zu sehen. Seine große, helle Stube -hatte buntgemalte Wände, an denen allerlei Bilder hingen. Schrank -und Truhe waren glänzend poliert und mit Silber beschlagen. Aus der -großen Wanduhr trat beim Stundenschlag ein possierliches Männlein -hervor und machte einen Diener. An dem Kachelofen konnte man die ganze -Geschichte des Erzvaters Abraham betrachten. Das Beste aber war ein -dickes Buch mit vielen seltsamen Holzschnitten; eine unversiegbare -Freude für den lebhaften Knaben. Da gab es Ritter mit Schwert und -Schild, Könige mit Krone und Zepter, Löwen, Elefanten und Affen, ja, -sogar große Segelschiffe und schwarze Menschen. War die lebhafte -Einbildungskraft des Knaben durch das Betrachten dieser Wunderdinge -angeregt, so schlüpfte er gern hinaus in die kleine ziemlich düstere -Küche, wo die alte Magd Zenzi spinnend oder strickend am Herdfeuer saß. -„Zenzi, ein Märlein!“ bat er dann, sich auf den Schemel ihr zu Füßen -setzend. „Weiß keins mehr“, brummte sie regelmäßig, fing aber doch bald -an zu erzählen, denn ihr Schatz an Märchen, Sagen und Abenteuern war -unerschöpflich. - -Was der Knabe da von Riesen und Zwergen, Nixen und Feen und -wunderschönen Prinzessinnen hörte, erschien dem Großvater höchst unnütz -und töricht. Der mildgesinnte Pate aber sprach: „Laß ihn gewähren! -Junges Blut will auch Kurzweil haben und heiteres Spiel. Er weiß wohl, -daß das doch nur Scherz ist; es tut ihm keinen Schaden. Gott läßt ja -auch Blümlein wachsen, nicht nur Korn und Weizen.“ - -Ach, Friedel sollte bald genug kein Märlein mehr hören! Eines -Sonntagmorgens, als er geschäftig alles zum Kirchgang rüsten wollte, -sprach der Alte mit beklommener Stimme: - -„Brauchst dein neues Wämsli nicht anzuziehen; ’s gibt keinen Kirchgang -heute.“ - -„Aber, Großvater, sieh doch, wie schön die Sonne scheint! ’s ist auch -nicht kalt.“ - -„Das weiß ich wohl; aber ’s Kirchlein ist zugeschlossen.“ - -„Ei, der Herr Pate hat ja den Schlüssel!“ - -„Der wird’s nimmer aufschließen“, rief Andreas, plötzlich in Tränen -ausbrechend „Er liegt im finstern Kerker, und unser lieber Pfarrer -auch!“ Damit barg er das Antlitz in die Hände und schluchzte laut. - -Das konnte Friedel nicht ertragen. Er schlang die Arme um seinen -Hals, liebkoste ihn zärtlich und schlug vor, schnell alle guten Leute -zusammenzurufen und die Gefangenen mit Gewalt zu befreien. - -Traurig schüttelte der Großvater den Kopf. „Du sprichst wie ein dummes -Kind. Mit Gewalt ist hier nichts getan. Die Zeit der Not und Versuchung -ist gekommen; Gott gebe nur, daß wir alle treu bleiben!“ -- - -Nicht nur die Kapelle des Städtchens hatte man verschlossen, sondern -alle protestantischen Kirchen im Salzburger Lande. Die Prediger und -Ältesten warf man ins Gefängnis, damit sie ihre Glaubensbrüder nicht -stärken und ermahnen konnten. Die verlassenen Gemeinden sollten mit -allen nur erdenklichen Mitteln zum Papsttum zurückgeführt werden. - -So verging das Jahr 1731 bis zum Herbst in großer Sorge und Unruhe. -Viele, viele schmachteten im Gefängnis. Andern hatte man Hab und Gut -genommen; und endlich erließ der grausame Erzbischof den Befehl, daß -alle, die sich nicht zum Papsttum bekehren wollten, binnen wenig Wochen -aus dem Lande weichen müßten. Der Winter, der in jener Gebirgsgegend -viel Schnee und Eis bringt, war dicht vor der Tür, aber das kümmerte -den Erbarmungslosen nicht. Jammer und Herzeleid herrschte in den -Häusern der Frommen; doch trösteten sie einander mit Gottes Wort und -rüsteten mutig und ergeben zum Auszug. Von den Gefangenen waren nicht -wenige in den feuchten Kerkern gestorben; die übrigen ließ man nun -frei, damit sie, matt, krank und bleich, die beschwerliche Wanderung -antreten möchten. - -Aber noch war des Bischofs unersättlicher Haß nicht befriedigt. Er -ersann eine Qual für die Armen, die man wohl teuflisch nennen kann. Er -ließ vielen, besonders den Vornehmen und den eifrigsten Bekennern, ihre -Kinder wegnehmen, um sie in Klöstern erziehen zu lassen. Was da für -Jammer und Wehklagen aus den Elternherzen zu Gott emporgestiegen sein -mag, ist nicht auszudenken! - -Der alte Andreas wußte noch nichts von diesem letzten Anschlag des -Tyrannen. Eifrig rüstete er mit Friedels Hilfe die wenige Habe, die -er mitführen konnte, denn in drei Tagen wollte man die Wanderung -beginnen. Die Angst und Aufregung der letzten Monate hatte ihn sehr -verändert. Seine kräftige Gestalt war gebeugt, sein leuchtendes Auge -matt geworden; er war kein starker Mann mehr, sondern ein müder Greis. - -Friedel dagegen war frischer und mutiger als je. Wohl tat ihm zuweilen -das junge Herz weh beim Gedanken an den Abschied von der geliebten -Heimat; aber bald schlug es wieder freudig in Erwartung alles -Wunderbaren, das er auf der Wanderung zu erleben hoffte. - -Aber horch! Es klopft gewaltig an die Tür, die man in dieser -angstvollen Zeit stets verschlossen hält. - -[Illustration] - -„Im Namen des Erzbischofs! Öffnet!“ ruft eine rauhe Stimme, und zwei -kräftige, wohlgenährte Mönche betreten das niedere Gemach. - -„Was wollt ihr?“ fragte Andreas mit tiefem Ernst. „Ihr seht, ich rüste -zum Auszug. Verschwendet eure Worte nicht mehr an mich.“ - -„Damit ist’s vorbei, starrköpfiger Alter“, erwiderte der eine mit -häßlichem Lachen. „An dir ist wenig gelegen; aber diesen schmucken -Buben will die Gnade des Erzbischofs vom Verderben erretten. Wir sind -gesandt, ihn ins Kloster abzuholen. Aller Widerstand ist vergebens.“ -Damit packte er den Knaben mit festem Griff am Arme. - -„Mein Kind! Mein Kind!“ jammerte der Alte, wollte aufstehen und es an -sich ziehen, aber die Kraft versagte ihm; der Schreck war allzu groß -gewesen. Er wankte und sank ohnmächtig auf die Bank zurück. - -Friedel aber sträubte sich gewaltig gegen die Mönche, schrie, schlug -und stieß mit Händen und Füßen um sich, kratzte und biß. Bald aber sah -er, daß es ihm, zwei starken Männern gegenüber, gar nichts nützte. Da -ward er plötzlich ruhig und ließ sich ganz geduldig fortführen. - -Als der Greis aus seiner Ohnmacht erwachte, war die Hütte leer; wenige -Minuten hatten ihn des einzigen irdischen Glückes beraubt, das er noch -besessen. „O barmherziger Gott“, seufzte er, „nimm doch meine müde -Seele zu dir! Was soll ich auf der Wanderschaft? Ich werde nur eine -Last sein.“ - -Wie er die drei Tage überstand, war ihm selbst unbegreiflich. Sein -einziger Trost war, inbrünstig für das Seelenheil seines Lieblings -zu beten. Zuweilen trat er hinaus vor die Hütte, um nach dem Kloster -hinüberzuschauen, dessen Mauern und Türme etwa eine Stunde weit -entfernt in der Wintersonne glänzten. Wie mochte es dem Kinde gehen? -Ach, es war ja kaum möglich, daß es treu bleiben konnte! Es war noch -allzu jung, leichtherzig und unwissend. - -Am letzten Abend übermannte ihn die Müdigkeit; er streckte sich aufs -harte Lager und schlummerte einige Stunden. Da weckte ihn mitten in -der Nacht ein leises Klopfen an der Tür. Erschrocken fuhr er auf. Wer -mochte es sein? Was konnte man ihm noch rauben wollen? Aber, o Wunder! -Draußen tönte eine traute Kinderstimme: „Ich bin’s, Großväterle; dein -Friedel. O, laß mich ein; geschwind, geschwind!“ Und im nächsten -Augenblick hing der Knabe jauchzend an seinem Halse. - -„Hast du nicht gleich gedacht, daß ich wiederkommen würde?“ fragte er. -„Ganz zufrieden hab’ ich mich gestellt, gegessen, gelacht und gespielt -wie die andern Kinder. Da ließen sie mich bald außer acht, und ich -konnt’ mir die Gelegenheit zur Flucht besehen. Diese Nacht, als mein -Bettgenoß fest schlief, und der Mönch, der uns hüten sollt’, gewaltig -schnarchte, hab’ ich leise das Fensterlein geöffnet. ’s war eben weit -genug zum Durchschlüpfen. Am Weingeländer hinab in den Garten, vom -hohen Baum hinauf auf die Mauer, und von da in gewaltigem Sprung hinaus -ins Freie, gerade in einen Schneehaufen, den der Sturm zusammengeweht. -Ja, ja, sie wußten nicht, wie ich klettern und springen kann! Vorher -hatt’ ich aber heiß gebetet, Großvater, so heiß wie noch nie. Und sieh, -Gott hat mir geholfen!“ - -„Mein Herzenskind, o Gott sei ewig Lob und Dank! Vergiß es nie, im -ganzen Leben nicht, mein Friedel! Aber du zitterst vor Kälte; lege -dich nieder, daß ich dich in die Wolldecke hülle.“ - -„Nein, Großvater, das geht nicht. Wir müssen fort, gleich, noch in der -Nacht. Sie kommen gewiß, mich zu suchen. Da müssen sie die Hütte leer -finden, und wir müssen weit weg sein.“ - -„Du hast recht, Bübli; ruh’ nur ein Weilchen, bis ich uns Milch wärme -und noch ein Bündlein schnüre mit deinen Sonntagskleidern und was dir -sonst noch wert ist.“ - -In einer halben Stunde schritten sie über die Schwelle der geliebten -Hütte, so schwer beladen, wie es ihre schwachen Kräfte erlaubten. -Andreas betete: - - „In Gottes Namen fahren wir; - Sein heil’ger Engel geh’ uns für, - Wie dem Volk aus Ägyptenland, - Das entging Pharaonis Hand. Kyrieleis! - - HErr Christ, du bist der rechte Weg - Zum Himmel und der ein’ge Steg. - Hilf uns Pilgrim’ ins Vaterland, - Weil du dein Blut hast dran gewandt. Kyrieleis!“ - -Schnell über die mit leichtem Schnee bedeckte Wiese schreitend, -erreichten sie bald das Waldesdunkel, wo sie vor Wind und Kälte -ziemlich geschützt waren. - -„Wo gehen wir hin, Großvater?“ fragte der Knabe leise. - -„Nach der Höhle, wo wir schon einmal rasteten, wenn uns beim Holzfällen -ein Wetter überraschte. Dort mußt du schlafen bis zum Morgen. Dann -geht’s weiter auf Umwegen zum Sammelplatz der Unsern, weit unten im -Tal. Sieh, es schneit wieder; das ist gut. Sie werden unsere Fußspuren -nicht finden.“ - -„Ziehen alle frommen Leute aus dem ganzen Lande miteinander fort?“ -fragte Friedel weiter. - -„O nein! Es sind ganz mächtig viel; wohl dreißigtausend. In viele Züge -geteilt, werden sie nach verschiedenen Richtungen hin wandern.“ - -„Ist denn Platz für alle draußen in der Welt? Ist sie so groß?“ - -„O Kind, die Welt hat Raum für Unzählige! Aber ob wir alle liebreiche -Aufnahme finden werden in der Fremde, das steht bei Gott. Etliche -wollen sogar übers Meer ziehen ins ferne Land Amerika. Die meisten -hoffen Zuflucht zu finden bei dem Preußenkönig, der ein frommer Mann -und uns wohlgesinnt ist.“ - -„Aber wir, Großvater? Gelt, wir fahren mit übers Meer in einem großen -Schiff, wie in des Paten Buch abgemalt ist? Das muß gar herrlich sein!“ - -„Ach Kind“, seufzte der Alte, „bitte Gott, daß meine Kräfte aushalten -bis zum Sammelplatz; weiter denk’ noch nicht! Sieh, hier ist unsere -versteckte Höhle; das Mooslager drin ist noch weich und trocken. Laß -uns ruhen bis zur Morgendämmerung.“ - - - - -2. In der Talmühle. - - -Noch lag am nächsten Morgen mattes Dämmerlicht über dem Städtchen und -seiner Umgebung, da ward es schon auf allen Pfaden, die nach Norden zu -hinab ins Tal führten, lebendig. Und als die Sonne endlich emporstieg, -herrschte auf der großen Wiese, wo man sonst allerlei ländliche Feste -zu feiern pflegte, ein buntes, reges, aber ach, so trauriges Leben. -Kein Lachen, Singen und Jauchzen war zu hören; wohl aber brach hier -und da ein gequältes Herz in lauten Jammer aus. Tröstend, ordnend und -ermahnend gingen ernste, rüstige Männer zwischen den Betrübten umher, -und allmählich bildete sich der Zug. Auf hochbepackten, von Pferden -oder Kühen gezogenen Wagen führte man allerlei Hab und Gut mit sich; -auch die Kranken und Schwachen hatte man darauf gebettet und so gut wie -möglich vor der Kälte geschützt. Da gab es Kindlein, die vielleicht -erst gestern das Licht der Welt erblickt, Greise, die wohl kaum noch -einige Wochen zu leben hatten; alle wurden erbarmungslos hinausgejagt -in die rauhe, kalte Welt. - -„Wo ist Vater Andreas?“ fragte der Pate Rudi, der bleich, matt und sehr -gealtert unter dem leinenen Schutzdach eines Wagens lag. „Hier wäre -noch ein Plätzchen für ihn und meinen Liebling, den Friedel.“ - -„Er wird wohl unter denen sein, die dort schon den breiten Pfad entlang -ziehen. Er ist ja überall mutig voraus! Legt euch nur wieder nieder und -versucht ein wenig zu schlummern. Am nächsten Ruheorte treffen wir wohl -den Andreas.“ - -[Illustration] - -Bald war alles in Bewegung, und der traurige Zug verschwand allmählich -hinter einer vorspringenden Anhöhe. Weinen und Klagen war verstummt, -aber durch die klare Winterluft schallten die Töne eines frommen -Pilgerliedes: - - „In Gottes Namen scheiden wir; - Sein göttlich Wort bekennen wir - Und seiner Gnad’ begehren wir, - Des rechten Glaubens leben wir. Kyrieleis! - - Freund’ von Freunden geschieden sind; - O HErr, bewahr’ die armen Kind’ - Und all’, die hier vorhanden sind, - Vor Unglück und vor böser Stund’! Kyrieleis! - - Geleit uns Gott in Ewigkeit - Durch seine groß’ Barmherzigkeit. - Der geb’ uns heut ein gut Geleit, - Mit Leib und Seele Sicherheit. Kyrieleis!“ - -Während nun unter diesen grausam Vertriebenen kein Wort des Grimmes -oder der Rache laut ward, trug der Morgenwind den Schall der Glocken zu -ihnen herüber, die den Dankgottesdienst einläuteten, den der Erzbischof -halten ließ, weil die Stadt und Umgegend von den „greulichen Ketzern“ -befreit war. Der Papst aber rühmte gewaltig die große Heldentat des -Tyrannen. -- - -Pate Rudi hoffte vergebens, seinen alten Freund am nächsten Rastorte -zu finden. Etliche meinten, er sei wohl schon voraus; andere, er habe -sich der kleinen Schar angeschlossen, die einen etwas weiteren, aber -bequemeren Weg talabwärts eingeschlagen hatte, um sich erst später dem -Zuge anzuschließen. An Warten oder Nachforschen war nicht zu denken; -mußte man doch eilen, für die nächste Nacht ein Städtchen oder größeres -Dorf zu erreichen. - -Ach, wo war der müde Greis und der hilflose Knabe? In der -Morgendämmerung hatten sie die schützende Höhle verlassen; Friedel -ganz frisch und munter, Andreas aber krank und elend. Sein Kopf -schwindelte, die Glieder zitterten, sein Auge war matt, und seine -Gedanken unklar. Die Nachtkühle hatte ein Fieber zum Ausbruch gebracht, -das dem durch Angst und Kummer geschwächten Körper schon lange drohte. -Mühsam schleppte er sich vorwärts, und das Bündel auf seinen Schultern -drückte schwerer und schwerer. Da konnte es geschehen, daß er den -schmalen, versteckten Pfad, den man einschlagen mußte, um zur Talwiese -zu kommen, versah, und nach und nach in der sehr einsamen Gegend -gänzlich in die Irre geriet. - -„Großvater“, sprach Friedel endlich, „der Weg kommt ja gar nicht; wir -wandern schon lang. Die Welt sieht heut so anders aus als sonst. Ich -möcht’ auch was essen!“ - -„Armes Kind! Ich vergaß ganz, wie hungrig du sein mußt. Dort unter der -breitästigen Tanne ist ein guter Ruheplatz. Gott wird uns dann schon -den Weg zeigen.“ - -Sie ruhten lange. Die Sonne schien freundlich und schmolz bald den -leichten Schnee; es war nicht sehr kalt. Friedel sprach dem Brot und -Käse tapfer zu; Andreas konnte nichts essen, schlummerte aber, an den -Baumstamm gelehnt, ziemlich lange. Dann machten sie sich wieder auf. - -Es war nun Mittag vorüber und gar keine Hoffnung mehr, den Zug zu -erreichen. Aber ein Obdach für die nächste Nacht mußte sich ja finden, -sei es auch nur in einer einsamen Jäger- oder Köhlerhütte. Sie -wanderten kreuz und quer, aber die Gegend blieb einsam und ward Schritt -zu Schritt rauher und wilder. Auch Friedels Mut fing an zu sinken, und -seine Kraft war erschöpft. Weinend schmiegte er sich an den Großvater, -als sie wieder einmal ruhten. Es war mitten im Walde am Ufer eines -Baches, der über Steingeröll hüpfend in schäumenden Wellen bergab eilte. - -[Illustration] - -„Fürchte dich nicht, mein Kind!“ sagte der Alte mit matter Stimme. -„Gott ist bei uns; er verläßt uns nicht. Und selbst wenn er mich zu -sich holen würde, und du allein bliebest, verzage nicht! Weißt du noch -den schönen Vers, den du neulich lerntest: ‚Unverzagt --‘?“ - -„Ja, Großvater“, erwiderte das Kind, tapfer seine Tränen trocknend: - - „Unverzagt und ohne Grauen - Soll ein Christ, wo er ist, - Stets sich lassen schauen. -- - -Horch! Bellt da unten im Walde nicht ein Hund? Jetzt wieder! O komm, -Großväterle! Versuch’ doch aufzustehen! Wo ein Hund ist, ist wohl auch -ein Mensch!“ - -Mühsam erhob sich der Alte; ganz pfadlos gingen sie am rauhen, -steinigen Ufer des Baches hin, der schnell breiter und reißender ward. -Aber schon nach wenig Minuten verließen den Alten die Kräfte; zwischen -den feuchten Steinen sank er zusammen und vermochte sich nicht wieder -zu erheben. Mit Mühe schob ihm der Knabe sein eigenes kleines Bündel -unter den Kopf und versuchte ihn etwas bequemer zu legen. - -„Wart’ nur ein ganz klein Weilchen“, tröstete er; „ich lauf’ schnell -und hol’ gute Leute, die uns helfen.“ - -„Gott geb’s, mein armes Kind!“ flüsterte der Greis. „Küsse mich noch -einmal. O, Gott erbarme sich deiner, mein Liebling!“ - -Wieder und wieder küßte der Knabe das kalte, bleiche Antlitz des -Liegenden. Es ward ihm gar so schwer, ihn zu verlassen; das liebe -Gesicht sah so verändert aus. Aber er mußte ja Hilfe haben; Großvater -sollte bald einen Trunk heiße Milch haben und vielleicht auch ein -warmes Lager. - -Tapfer drang er vorwärts. Dichtes Dorngestrüpp versperrte ihm oft den -Weg, riß ihm die Hände blutig und manches Loch in sein Röcklein. Oft -war er nahe dran, entmutigt umzukehren, aber das Bellen des Hundes -lockte ihn immer wieder vorwärts. Da plötzlich, als er sich durch -eine Reihe dichter niedriger Nadelholzbäume gedrängt, war er am Ziel. -Ein freier ebener Platz lag vor ihm, ringsum dichter Wald. In raschen -Wellen eilte der Bach hindurch, und an seinem Ufer stand ein Häuschen, -der lieben heimatlichen Hütte ganz ähnlich, von rohen Steinen gebaut, -mit weit vorstehendem Dach, niederer Tür und kleinen blanken Fenstern. -Daneben aber klapperte, vom strömenden Wasser getrieben, lustig ein -Mühlrad. - -Mit raschem Blick hatte der Knabe das langersehnte Bild geschaut. -O weh! Da kam mit wütendem Gebell ein großer zottiger Hund auf ihn -zugestürzt. Sollte er fliehen? Ach nein; Großvater mußte Hilfe haben! -Tapfer trat er dem Tier entgegen, den kleinen Wanderstab drohend -erhoben. Da öffnete sich die Tür des Häuschens, und ein Mann trat -heraus, dessen Anblick ihn noch mehr erschreckte als der des Hundes. -Ach, er sah aus wie die Riesen, die die alte Zenzi so schrecklich zu -schildern verstand! - -Groß und stark, mit struppigem, langem schwarzen Haar und Bart, war er -nur mit einem Kittel bekleidet, der aus dem Fell eines Bären gemacht -war. In der Hand einen langen dicken Stock, trat er mit wilder Gebärde -und zornigem Blick auf den kleinen Eindringling zu. Der aber hatte sich -bereits gefaßt. Sobald der Hund auf den Ruf des Mannes von ihm abließ, -faltete er die Hände und sprach laut: - - „Unverzagt und ohne Grauen - Soll ein Christ, wo er ist, - Stets sich lassen schauen.“ - -„Ist das dein Gruß?“ fuhr ihn der Fremde an. „Wie wagst du in meinen -Zauberkreis zu dringen?“ - -„Ich hab’ nicht gewußt, daß es ein Zauberkreis ist“, erwiderte Friedel. -„Aber ich bitt’ Euch, wenn Ihr ein guter Riese seid, so helft doch -meinem Großvater! Er liegt oben im Walde und kann nimmer aufstehen.“ - -„Was treibt ihr euch im Wald umher, ein Alter und ein Kind?“ - -„Wir wären ja gern im Hüttli geblieben, aber der Erzbischof Firmian hat -uns in die Welt hinausgejagt.“ - -„Warum?“ - -„Weil wir allein zum Himmelsvater beten und zum Heiland, und weil wir -den Papst nicht mögen.“ - -„Es ist genug! Du bist ein tapferer Bub! Ich hätt’ dir kein Leid getan, -auch wenn du aus Vorwitz hergekommen wärst. Aber da der Firmian dein -Feind ist, bin ich dein Freund und will dir helfen!“ - -Er legte die Finger an den Mund und tat einen lauten Pfiff. Alsbald -trat hinterm Hause ein Männlein hervor, klein und bucklig, eine spitze -Mütze auf dem runden Kopf, die grobe Kleidung ganz von Mehl bestäubt. -Ja, es war kein Zweifel: Friedel war in Zenzis Märchenland geraten, -denn zu dem Riesen kam nun auch ein Zwerg. - -„Tobi“, gebot der Riese, „laß dir drinnen die Flasche mit Lebenswasser -geben und komm! ’s liegt einer droben im Walde elend. Wir wollen ihn -herholen.“ - -Verwundert blickte das Männlein auf; es hatte freundliche, sanfte blaue -Augen. Ohne ein Wort zu erwidern, horchte es, und sogleich waren die -drei auf dem mühsamen Weg die Schlucht hinauf. Schwanzwedelnd umhüpfte -sie jetzt der Hund. Es begann schon zu dämmern, als sie die Stelle -erreichten, wo der Arme lag. Schon von weitem hatte Friedel fröhlich -gerufen: „Wir sind gerettet, Großväterle! Gute Männer kommen! Bald -sollst du warm und sicher liegen.“ Aber kein Gegenruf war erschollen. - -Nun warf sich das Kind bei dem Geliebten nieder und küßte seine Stirn, -um ihn zu wecken. Aber erschrocken fuhr es auf: „Hu, wie kalt ist -mein lieb Großväterle! Wie eisig kalt!“ Der kleine Mann beugte sich -herab, um dem Kranken einige Tropfen des starken Getränkes einzuflößen, -richtete sich aber sogleich wieder empor und sprach leise: „Der ist ja -tot!“ - -Die Worte waren wohl nur für den großen Mann bestimmt, doch Friedels -feines Ohr hatte sie auch vernommen. „Tot?“ rief er. „Mein einzig -Großväterle ganz tot?“ Laut aufschluchzend warf er sich über den -Leichnam hin. Die lang angespannte Kraft versagte plötzlich; das -Bewußtsein schwand. Er lag in tiefer Ohnmacht. - -Wie lange er ohnmächtig gelegen, wußte er später nicht mehr. Wohl -fühlte er, daß man ihn forttrug, war aber nicht imstande, zu sprechen -oder zu widerstreben. Auch als jemand ein warmes Getränk an seinen Mund -hielt, nahm er ein paar Schlucke, ohne die Augen zu öffnen, und sank -gleich wieder in Betäubung zurück. - -Endlich aber ward daraus ein langer, fester Schlaf, aus dem er gesund -erwachte. Sein Lager war warm und weich, ringsum alles still. So meinte -er, alles, was er in der letzten Zeit erlebt, sei nur ein böser Traum -gewesen, und er läge im lieben Hüttli an des Großvaters Seite. - -„Ist’s schon Tag, Großväterle?“ fragte er schlaftrunken. - -„Schon längst!“ sprach eine helle, feine Kinderstimme. - -Da fuhr er empor und blickte in ein Gesichtchen, so hold und lieblich, -wie er’s nimmer geschaut. Augen, so blau wie Vergißmeinnicht, Wangen -wie zarte Röslein, Lockenhaar wie fein gesponnenes Gold. - -„Bist du ein Englein?“ fragte er, sich plötzlich besinnend und die -Hände faltend. „Bin ich auch schon tot und im Himmel? O, wo ist der -Großvater? Wo ist der HErr JEsus? Ich möchte zu ihnen!“ - -„Ich bin ja kein Englein“, war die Antwort. „Du bist nicht im Himmel! -Schau doch auf; du bist in der Talmühle, und ich bin des Talmüllers -Ännchen.“ - -Friedel erhob sich und sah verwundert umher in einem sauberen, aber -ärmlichen Gemach. - -„Aber mein Großvater, wo ist er? Was haben sie mit ihm gemacht?“ - -„Er war ja eingeschlafen“, sagte das Kind, die Händchen faltend. „Da -haben sie ihn zu Bett gebracht draußen im Walde, wo es still und -friedlich ist. Dort schläft er, bis ihn der Himmelskönig weckt, wenn er -wiederkommt am Jüngsten Tage.“ - -„Wer sagte dir’s!“ - -„Die Mutter.“ - -Erstaunt und noch halb träumend schaute Friedel das Englein im -geflickten Zwillichröckchen an, das so zuversichtlich große Worte -sprach. Aber ach, als der Bann des Schlafes sich allmählich löste, -ward es ihm klar, daß er ja nun ganz, ganz allein sei auf der Welt. -Den Großvater hatte man im wilden Walde begraben, die Freunde und -Glaubensgenossen waren weit fortgezogen; er aber in der Gewalt der -märchenhaften Gestalten, die er am Abend zuvor gesehen, hilflos -zurückgeblieben. Da machte sich sein starkes, feuriges Gemüt in wildem -Schmerze Luft. - -„Großvater! O Großvater!“ schrie er händeringend. „Nimm mich mit in den -Himmel! O, HErr JEsu, komm doch gleich jetzt zum Jüngsten Tag und weck’ -mir den Großvater! Sonst will ich auch sterben, jetzt gleich! O, ich -kann, ich kann nicht leben so ganz allein!“ Heiße Tränen stürzten dabei -über seine Wangen. - -Tief erschrocken stand das Mägdlein dabei und wagte nicht so großen -Jammer zu stören. Endlich faßte sich’s ein Herz, legte die kleine Hand -auf die Stirn des Gastes und sprach leise: - -„Ich hab’ dich schon lieb; da bist du nicht ganz allein. Und Mütterle -hat gesagt, ich soll dich nicht weinen lassen. Du sollst essen, wenn du -aufgewacht bist.“ - -Das Händchen war so weich und warm, die Stimme so sanft und das Wort -„essen“ brachte ihn plötzlich auf andere Gedanken. Er fühlte ja einen -nagenden Hunger, hatte seit gestern mittag nichts mehr genossen. -Halb widerwillig trocknete er seine Tränen und schaute zu, wie das -Kind vorsichtig ein dampfendes Schüsselchen vom Herd nahm und auf den -Tisch stellte, einen Löffel und ein großes Stück Brot dazulegte und -ihm freundlich winkte. Er folgte, und die Natur behauptete ihr Recht; -es schmeckte köstlich! Dienstfertig brockte Ännchen das Brot in die -fette Ziegenmilch und sah befriedigt zu. Als die Schüssel leer war, -hielt der Gast Umschau in dem niedrigen, aber geräumigen Gemach. Es -sah ganz ähnlich drin aus wie daheim im Hüttli: der schwarze Rauchfang -überm Herd, die Bank längs der Wand, ein paar Schemel, zwei buntbemalte -Truhen, schlichtes Hausgerät auf Wandbrettern. In der besten Ecke hing -ein kleines Kruzifix; ein abgegriffenes Büchlein lag darunter, dicht -davor stand ein schmuckes Spinnrad. - -„Das ist Mutters Winkel“, erklärte Ännchen; „sie lehrt mich auch beten, -lesen und spinnen.“ - -„Aber das?“ fragte Friedel, auf ein prächtiges Hirschgeweih zeigend, -das über der Tür befestigt war. - -Da legte Ännchen den Finger auf den Mund und warnte: „Frag’ nicht -danach! Es gehört dem Vater. Was Vater hat und tut, davon spricht man -nicht.“ - -„Ist der Riese dein Vater oder der Zwerg?“ - -„So heißt es nicht! Der große Mann ist mein Vater; der kleine ist -Tobias, der Mühlknecht. Ich habe ihn sehr lieb.“ - -„Er sieht häßlich aus“, bemerkte Friedel. - -„Das schadet nichts, sagt Mutter, denn sein Herz ist schön. -- Wo -mag nur Mutterle bleiben? Komm, laß uns ausschauen; sie ist oben in -der Kammer.“ - -In einer Ecke der Stube führte ein schmales steiles Treppchen empor ins -winzige Dachkämmerlein. Leise stieg Ännchen hinauf; Friedel folgte und -blickte über ihr blondes Köpfchen in den niederen Raum, gefüllt mit -allerlei Werkzeug und Hausrat. Auf dem kalten Boden saß eine bleiche -blonde, überaus liebliche Frau in dürftigem Zwillichgewand, umgeben von -allen den Sachen, die der Großvater im schweren Bündel getragen. Die -alte vielgebrauchte Bibel lag in ihrem Schoß, und sie war so vertieft -ins Lesen, daß sie die Kinder erst gewahrte, als Ännchen die Arme um -ihren Hals schlang. Da fuhr sie auf und sah auch den Knaben. - -„Du bist wahrlich ein Engel von Gott gesandt“, rief sie, ihn an sich -ziehend, „daß du mir ins Haus gebracht hast, wonach mein Herz sich -schon lange sehnte! Es ist ja das Buch, das uns den Weg zum Himmel -zeigt aus diesem Elend! Als ich’s aufschlug, fand ich gleich so -trostreiche Worte, die der Heiland gesprochen. O, wieviel, wieviel -werd’ ich noch finden, wenn du bei uns bleibst!“ - -„Du darfst heute darin lesen, soviel du willst“, sagte Friedel -bedächtig, „aber morgen muß ich wandern, immer nach Mitternacht zu bis -ins Preußenland, wo mein Pate Rudi und die andern Getreuen hingezogen -sind. Alle diese Sachen will ich euch lassen; nur die Bibel steck’ -ich noch in mein kleines Bündel. Ich soll sie nicht hergeben, sagte -Großvater.“ - -„Du kannst unmöglich allein wandern, armes Kind!“ erwiderte die Frau. -„Du bist viel zu klein und schwach dazu.“ - -„O nein! Alle nennen mich groß und stark“, entgegnete der Junge, sich -streckend. - -Lächelnd strich ihm die Frau übers wirre Haar. „Kommt herab“, sprach -sie; „es ist hohe Zeit, den Männern das Essen zu kochen. Sie fällen -Holz im Walde.“ - -„Ich mag nicht essen, auch die Männer nicht sehen. Ich bleibe hier bei -Großvaters Sachen.“ - -Sie ließen ihn allein. Traurig ließ er alles durch die Hände gleiten, -was ihm daheim so lieb gewesen. Das kleine Ledersäckchen mit Geld und -einigen alten Silbermünzen mit seltsamen Gepräge, die ihm der Großvater -manchmal gezeigt, suchte er vergebens. Hatten’s wohl die Männer -behalten oder dem Toten mit ins Grab gegeben? Nun, er brauchte es -nicht; sein Essen würden ihm gute Leute schon umsonst geben! Ach, wenn -er nur schon heute wandern könnte! Aber er war noch so müde, so sehr -müde von allem, was er erlebt, legte endlich den Kopf auf Großvaters -Sonntagsrock und schlief wieder ein. - -Gegen Abend weckte ihn Ännchen und führte ihn hinunter in die Stube. Da -saßen sie alle ganz zutraulich um den Herd, auf dem ein helles Feuer -brannte. Die Frau spann, Tobi flickte seine Jacke, der Riese schnitzte -irgendein Gerät aus Holz. - -„Nun“, sprach er, „hast du ausgetrauert und ausgeschlafen? Gönn’ dem -armen Alten die Ruhe! Die Welt ist bös! Du bleibst bei uns. Wo vier -essen, ißt auch der fünfte.“ - -„O nein! Ich kann nicht bleiben!“ begann der Knabe. - -„Du mußt!“ rief der Mann, und warf ihm einen so wilden Blick zu, daß er -erschrak und schwieg. - -Aber das Wörtlein „muß“ war dem Friedel verhaßt. Nur vom Großvater -hatte er’s geduldet. Er fühlte sich stark und gewandt und mochte keinen -Zwang leiden. „So gut ich aus dem Kloster floh, entflieh’ ich auch aus -der Talmühle“, dachte er, und setzte sich still neben Ännchen auf die -Bank im Winkel. Leise plauderte sie ihm vor von verstecktem Spielzeug -im Schrein, das die Mutter nur Sonntags herausgebe, von Braten und -Kuchen am Christfest, von Blumen und Beeren im Sommer und von einem -zahmen Rehlein hinten im Stall. „Bleib’ doch gern bei mir“, bat sie, -sich an ihn schmiegend; „dann sind wir Brüderchen und Schwesterchen, -wie in den Märlein, die Tobi erzählt.“ - -Als die Abendsuppe, die im Kessel brodelte, fertig war, setzten sich -alle fünf um die große Schüssel und löffelten sie einträchtig aus, aber -ganz stille, denn der finstere Blick des Talmüllers hielt sie alle im -Bann. Nachher aber, als sie wieder am Feuer saßen, fing er plötzlich -an, den Friedel auszufragen, wie es zugegangen bei der Vertreibung der -Evangelischen. Zuerst antwortete der Knabe einsilbig und schüchtern, -geriet jedoch bald in Erregung und beschrieb die Leiden der Gefangenen -und Kranken gar beweglich. - -Aber was ging das alles den Talmüller an, der doch gewiß nicht zu -ihnen gehörte? Warum blitzten seine schwarzen Augen so zornig? Warum -ballte er die nervigen Fäuste wie in ohnmächtiger Wut? Dem Knaben ward -unheimlich dabei zumute. - -Die Mutter bemerkte es wohl, legte sanft ihre Hand auf des Mannes -Schulter und sprach: „Laß es gut sein, Christoph. Gott wird alles -richten; wir aber sollen vergeben! Es ist spät; laß uns beten und zu -Bett gehen.“ - -Da standen sie alle auf, falteten die Hände und beteten laut und -andächtig das Vaterunser. Was murmelte doch der Talmüller nach der -fünften Bitte? Klang es nicht wie: „außer dem Firmian“? - -Nun nahm Tobi den Gast an die Hand und führte ihn zur Hintertür hinaus -über einen kleinen Hof in die Hütte, wo das Mahlwerk stand. Dort war -ein Kämmerlein abgeteilt. Eine Truhe und ein Schemel stand darin, und -ein hohes Heulager war aufgeschüttet mit dicker Wolldecke; Friedels -Bündel lag daneben. - -„Dies ist mein Revier“, sagte der kleine Mann, „und du bist mein -Schlafgenoß. Nun noch ein Wort zur Gutenacht. Bleib’ in Frieden hier -und folg’ dem Talmüller! ’s wird dein Schaden nicht sein. Goldtreu ist -er als Freund, schrecklich als Feind!“ - -Der Knabe antwortete nicht, und beide streckten sich aufs Lager. Nach -einer Weile fragte er leise: - -„Wo habt ihr meinen Großvater begraben?“ - -„Morgen will ich dir’s zeigen. Auf einer Waldlichtung links ab von der -Mühle, nach Mitternacht zu. Gute Nacht.“ -- - -Beim allerersten Morgengrauen des andern Tages öffnete sich leise, ganz -leise das Pförtchen des Mahlwerks, und Friedel, sein Bündel auf der -Schulter, den Wanderstab in der Hand, schlüpfte heraus, lief über den -offenen Grund und verschwand im Walde. Das Glück war ihm günstig; er -fand bald die Waldlichtung und den frischaufgeworfenen Grabhügel, mit -großen Steinen beschwert, um das Waldgetier am Aufwühlen zu hindern. Er -kniete dabei nieder, küßte die kalte, feuchte Erde, bezwang aber tapfer -den aufsteigenden Jammer. „Gute Nacht, Großvater“, flüsterte er. „Ich -gehe ins Preußenland zum Paten Rudi. Ich will fromm sein; im Himmel -komm ich wieder zu dir!“ - -Unwillig die großen Tränen von den Wangen wischend, erhob er sich -und wanderte rüstig weiter durch dichten Wald, immer in nördlicher -Richtung. Nach und nach ward es hell, aber der Grund ward rauher. -Felsstücke und Gestrüpp hemmten seinen Weg; nur langsam kam er -vorwärts. Plötzlich hörte der Wald ganz auf. Er trat heraus, prallte -aber gleich erschrocken zurück, denn vor ihm fiel eine steile graue -Felswand ab, und tief unten schimmerte im milden Morgenglanz ein See. -Zur Rechten stürzte der Mühlbach brausend hinab. Nirgends eine Spur -von Weg und Steg; keine andere Möglichkeit als Umkehr! Dazu blies der -Novemberwind so stark, daß der Knabe sich an einen Baumstamm halten -mußte. Leider fing es an zu schneien. Ach, er fühlte plötzlich, daß -er doch nur ein Kind war! Sollte er umkehren? Würden sie ihn nun nicht -hart behandeln? Die Frau war engelsgut, das Ännchen hatte er schon -lieb, aber vor dem Talmüller fürchtete er sich. - -Da legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter. Erschrocken fuhr er -auf und sah ihn hinter sich stehen, in Jägerkleidung, die Flinte über -der Schulter, einen geschossenen Rehbock auf dem Rücken. - -„Törichtes Kind!“ sprach er. „Siehst du nun, daß aus meinem Zauberkreis -kein Entrinnen ist? Hier der See, dort steile Felswände; nach Morgen zu -die Schlucht, die Wolf, der Hund, streng bewacht. Warum vertraust du -mir nicht, da ich doch dein Freund bin? Bleib’ ruhig bei mir, bis du -herangewachsen bist; dann magst du wandern, wohin du willst. Ich selbst -zeige dir dann den Weg. Deine Freunde sind zwei Tagereisen voraus; du -würdest sie nicht mehr erreichen, selbst wenn wir wüßten, welchen Weg -sie eingeschlagen haben. Der Winter ist nahe; es gibt noch Wölfe und -Bären in den Bergen. Möchtest du einem begegnen?“ - -Da wagte der Knabe dem seltsamen Manne ins Antlitz zu blicken. Er sah -jetzt nicht furchtbar aus; sein Auge blickte freundlich. Er war doch -ein schöner Mann, und das Jägerkleid stand ihm gut. Woher kam’s wohl, -daß er den Rehbock schießen durfte, was sonst streng verboten war? Aber -Ännchens Warnung fiel ihm ein; er schwieg und ließ sich willig zur -Mühle zurückführen. - -Dort stand die Morgensuppe auf dem Tisch. Niemand erwähnte seine -Flucht. Nach dem Essen sprach Tobias: „Ich will heut noch das letzte -Mehl zu Tal bringen; morgen möchte der Pfad verschneit sein. Es ist für -den Franzl am Stein; das ist nicht weit. Vor Abend bin ich wieder hier. -Ich bring’ gleich alles mit, was der Franzl auf dem letzten Markt für -uns besorgt hat zur Winternotdurft. Wer weiß, ob ich wieder hinabkann! -Ich denke, es gibt bald Schnee.“ - -Friedel sah aufmerksam zu, wie Tobi einen Esel mit den Säcken belud, -ihn vor sich her über den rohgezimmerten Steg trieb, der unterhalb der -Mühle über den Bach führte und im Walde verschwand. Der Müller erriet -seine Gedanken. - -„Gib dich zufrieden; du kannst ihm nicht folgen. Sein Weg führt nicht -nach Preußen zu“, sprach er lächelnd. - -„So will ich hier bleiben, bis ich groß bin“, rief der Junge plötzlich -entschlossen; „das dauert ja nicht mehr lang!“ - -Ännchen umhüpfte ihn fröhlich; die Mutter küßte ihn auf die Stirn. Der -Mann war hinters Haus gegangen, sein Reh abzuziehen. - - - - -3. Wie die Kinder aufwuchsen. - - -Wenn Friedel erwartet hatte, in der Talmühle seltsame, märchenhafte -Dinge zu erleben, so hatte er sich sehr getäuscht. Wenigstens jetzt im -Winter war der Tageslauf nicht viel anders, als er in des Großvaters -Hütte gewesen. O der liebe, liebe Großvater! Wieviel dachte der Knabe -an ihn! Wie oft suchte er einen stillen Winkel, um sich auszuweinen! -Aber Kindertrauer währt nicht allzulang; das Leben ist noch so neu -und frisch, daß es schnell wieder Reiz gewinnt. So fing auch Friedel -bald an um sich zu schauen und teilzunehmen an allem, was in der neuen -Heimat lebte und webte. Ganz früh stand er mit Tobi auf und half das -Vieh versorgen, die schönen Tauben, die unterm Dach ihre Nester und -Fluglöcher hatten, die zahlreiche Hühnerschar, die jetzt auf den engen -Hof beschränkt war, die schneeweiße Kuh, die zwei munteren Ziegen im -Stall und endlich das geduldige Eselein, Tobis Liebling. - -[Illustration] - -Erst wenn diese alle eifrig fraßen, sammelte sich die Familie um den -warmen Herd, und die gute Milchsuppe mit großen Brotbrocken schmeckte -vortrefflich. Dann gingen die Männer, wenn’s das Wetter erlaubte, -hinaus zum Holzfällen, oder sie hatten etwas am Mahlwerk, das jetzt -ganz stillstand, zu bessern; auch sägten, hämmerten und hobelten sie in -der Scheune, um allerlei nötiges Werkzeug herzustellen. Zuweilen durfte -Friedel helfen, meist aber blieb er bei Mutter und Schwesterlein, wie -er Frau Marie und Ännchen bald nannte. Die zarte, bleiche Frau ließ es -gern geschehen, daß er das Herdfeuer unterhielt, Wasser aus dem Bach -herbeischleppte, den Backofen heizte und ihr noch allerlei Dienste -tat, an die ihn der Großvater gewöhnt. Sie war sehr still und ernst; -wenn sie ihm aber einmal übers lockige Haar strich und ihn einen -braven Buben nannte, war’s reicher Lohn für alle Mühe. Setzte sie -sich dann ans Spinnrad, so holte auch Friedel seine Bücher herbei; -denn er hatte dem Großvater, der vielleicht sein nahes Ende ahnte, -heilig versprechen müssen, nichts zu vergessen, was er gelernt, und -fleißig in der Bibel zu lesen. Dann legte auch Ännchen ihr steifes -Holzpüppchen oder die kleinen Töpfe und Schüsselchen, mit denen sie -gespielt, beiseite und buchstabierte mühsam mit Hilfe der Mutter in -dem uralten, schmutzigen Gebetbüchlein, das auf dem Wandbrett lag. -Es war so abgegriffen, daß man die Buchstaben kaum erkennen konnte, -und Friedel behauptete keck, es sei ein schlechtes und dummes Buch, -da gleich auf der ersten Seite das Ave-Maria stand, und man ja nur zu -Gott und dem Heiland beten dürfe. Er meinte, in seinem Katechismus und -Gesangbuch stünden viel bessere Sachen, die wolle er das Ännchen ganz -so lehren, wie es ihn der Großvater gelehrt habe. Die Mutter ließ es -gern geschehen, und alle die schönen Sprüche und Liederverse, die das -kleine Mädchen mühsam buchstabieren und nach und nach auswendig lernen -mußte, lernte sie mit und bewahrte sie in einem feinen und guten Herzen. - -„Du bist ein glückseliger Bub“, sprach sie oft zum Friedel, „daß du -alles so früh gelernt hast. Und wenn dir dein Großvater ein Königreich -hinterlassen hätt’, wär’s nur Staub gegen diese Schätze.“ - -Mutter und Töchterlein lauschten gar andächtig, wenn der kleine -Schulmeister aus der Bibel vorlas, in der er, dank des Großvaters -Unterricht, schon recht gut Bescheid wußte. Ihm gefielen ja die -Geschichten der Patriarchen und der streitbaren, herrlichen Könige des -Alten Testaments am besten; Frau Maria aber wollte nur immer von JEsu, -dem Sünderheiland, hören, und Friedel sah verwundert zu ihr auf, wenn -ihr beim Zuhören die hellen Tränen übers Gesicht liefen. - -Nun kam das Weihnachtsfest immer näher, das der Knabe sich gar nicht -denken konnte ohne das liebliche Lied: „Vom Himmel hoch, da komm -ich her.“ Wie hell hatte er’s mit dem Großvater im lieben Hüttlein -gesungen! Nun lehrte er das Ännchen ganz heimlich einige Verse, so oft -sie einmal kurze Zeit allein waren; ja, sie schlüpften sogar in den -Stall, um sich im Singen zu üben. Wie würden sich die Eltern und Tobi -darüber freuen! Indes wurde es kälter; mit der Arbeit im Freien war’s -ganz vorbei, und oft war die ganze Familie von früh bis abends auf die -Stube beschränkt. Das war eine schlimme Zeit für den Talmüller. In den -langen Abenden und dunklen Nächten kam oft ein böser, finsterer Geist -über ihn, so daß er stundenlang untätig am Herd sitzen konnte, den -Kopf in die Hände gestützt, in trübe Gedanken versunken. Dann wagten -die andern kaum ein Wort zu sprechen; man hörte nur das Schnurren der -Spinnräder und das Klappern des kleinen Webstuhls, den Tobi in einem -Winkel aufgeschlagen hatte. Wenn dann ein tiefer Seufzer nach dem -andern sich der Brust des starken Mannes entrang, schlich wohl das -Ännchen herbei, streichelte sein gebeugtes Haupt und sprach ihm leise -zu. Manchmal half es; er zog es auf den Schoß, liebkoste es unter -Tränen und war für den Rest des Abends freundlicher als je. Aber nicht -selten blieb alles umsonst, und für den munteren Friedel war die -trübe, ängstliche Stimmung schwer zu ertragen. Gern hätte er gewußt, -was dem armen Mann fehle; da aber Ännchen nur den Kopf schüttelte und -den Finger auf den Mund legte, wenn er danach fragte, blieb’s ihm ein -Geheimnis. - -Ganz im stillen traf die Frau ihre kleinen Vorbereitungen auf das -Christfest. Die Kinder halfen ihr im ganzen Hause Ordnung und -Sauberkeit herstellen, und begrüßten mit Jubel die drei großen, -dicken Kuchen, die aus dem Backofen gezogen und im oberen Kämmerlein -verwahrt wurden. Tobi holte ein schlankes Tannenbäumchen aus dem Walde -und überraschte die Kinder durch etliche Sterne und Ringlein von -Lebkuchenteig, die er schon im Herbst vom Franzl am Stein mitgebracht, -dazu auch bunte Lichtchen. - -Am Tage vor dem Christfest war’s zwar kalt draußen, aber schön und -klar. Desto trübere Wolken lagen auf der Stirn des Talmüllers. Als er -ohne ein Wort zu sprechen die Morgensuppe gegessen hatte, nahm er die -Flinte von der Wand und sprach: - -„Ich geh’ jetzt und hol’ einen Festbraten.“ - -„Laß es doch bleiben, Christoph“, bat die Frau. „Ich schlacht’ uns das -fette gelbbraune Huhn; das gibt eine prächtige Suppe.“ - -„Fort will ich!“ rief der Mann heftig. „Weit fort muß ich! Ich muß -fühlen, daß ich frei bin!“ Damit war er schon zur Tür hinaus. - -„Laßt ihn gewähren, Frau“, bat Tobi; „er hat wohl wieder böse Träume -gehabt. Vielleicht läuft er sich’s aus.“ - -Am frühen Nachmittag kam er wieder, ein Reh auf der Schulter, aber -ach! noch mit demselben unsteten, finsteren Blick. Sogleich sah er -das Bäumchen, das die Kinder indessen geschmückt, in der Ecke stehen. -„Schafft das Ding hinaus! Ich mag kein Licht sehen!“ rief er, streckte -sich vor dem Herd auf den Fußboden und schlief fest ein; leise schob -ihm die Frau ein Kissen unter den Kopf. Es ward dunkel, und er schlief -noch immer, dann und wann im Traum unverständliche Worte murmelnd. -Still und traurig saßen die andern in der Ecke; es war ein trübseliger -Christabend! Da das Feuer am Niedergehen war, schlich Friedel leise -hin, um frisches Holz nachzulegen. Da schlug der Mann die Augen auf, -noch ganz vom Traum befangen, und sein Blick fiel auf den Knaben. - -„Arnold“, sagte er leise, „bist du es? O, bist du nicht tot, mein -Herzblatt, mein Liebling? Wie schön und groß bist du geworden!“ - -„Ich bin ja der Friedel“, sprach der Knabe verwundert. - -Da löste sich der Bann des Traumes; wild fuhr der Mann empor, stieß das -Kind von sich und rief: - -„Der Fremde wärmt sich an meinem Herd; der Eigene liegt fern im kalten -Grund!“ Damit schlug er die Hände vors Gesicht und schluchzte zum -Herzbrechen. - -Totenstill war’s in der Hütte; auch die Frau weinte. Tobi hatte Ännchen -auf den Schoß genommen und flüsterte ihr leise Trost zu. Dem Friedel -aber tat das Herz bitter weh. „Ach“, dachte er, „wenn mir der Mann so -feind ist, daß er mir das Herdfeuer nicht gönnt, wär’s wohl besser, ich -feierte heut Christabend mit dem Großvater droben im Himmel!“ - -Aber der heiße Tränenstrom hatte des Talmüllers Herz erleichtert. -Allmählich ward er ruhig, erhob sich vom Boden, setzte sich auf die -Bank, und sein Blick fiel auf die traurige Gruppe im Winkel. - -„Ihr armen Leut’“, sprach er mit weicher Stimme, „wie hab’ ich euch den -Christabend verdorben! Ach, die Träume, die Träume! Komm her, Bub! Du -bist brav; und ich bin dir gut! Setzt euch alle zu mir. Tobi soll ein -Märlein erzählen, daß die trüben Gedanken weichen.“ - -Sonst war Tobi stets dazu bereit; heute aber schien er selbst weich und -wehmütig gestimmt, und es wollte nichts Rechtes werden. Da sprach die -Mutter, sanft über des Mannes Haupt streichend: - -„Ich wüßt’ was Besseres heut zum Christabend. In Friedels Buch ist so -schön erzählt, wie das JEsuskindlein geboren ward. Soll er’s nicht -einmal vorlesen?“ - -„Ist mir auch recht“, erwiderte Christoph. „Ein gutes Buch mag’s wohl -sein, da ’s der Firmian verboten hat. Vielleicht liest der Bub besser -als die Pfaffen; bei ihrem Gemurmel bin ich allweil eingeschlafen.“ - -Aber jetzt schlief er nicht! Gar laut und deutlich und recht aus -Herzensgrund las der Knabe die liebliche Geschichte, die er ja fast -auswendig wußte; und als er die Engelsbotschaft sprach, strahlte sein -Antlitz, als sei er selbst ein Himmelsbote. - -„Das war schön!“ sprach der Talmüller, tief aufatmend. „Da wird’s -einem friedlich und hoffnungsvoll ums Herz. Nun holt nur euer Bäumchen -und zündet’s an! Es mag das Licht bedeuten, das die armen Hirten -umleuchtete, als der Engel kam.“ - -Freudig gehorchten die Kinder; und als die zwölf Lichtchen brannten, -traten sie vor den Vater und begannen ihr Lied zu singen, erst -zaghaft, bald lauter und mutiger. Sechs Verse wußte Ännchen; dann sang -Friedel allein mit immer heller werdender Stimme, glühenden Wangen und -strahlenden Augen. Mit andächtig gefalteten Händen horchten die drei. -Als er geendet hatte, blieb alles still; der Talmüller aber zog den -Knaben an sich und küßte ihn. Von diesem Abend an hielt er ihn wie -einen Sohn. - -Nun geschah es oft, daß Friedel am Abend sein Schnitzwerk oder andere -Arbeit aus der Hand legen und vorlesen mußte. Der Talmüller hatte -das Lesen, das er nie gelernt, bisher für eine unnütze Pfaffenkunst -gehalten; jetzt bekam er Achtung davor und staunte den kleinen Jungen -an, der so sicher fragte: „Was wollt ihr heute hören? Soll ich ein -Wunder lesen, das der Heiland tat, ein Gleichnis, das er erzählte, oder -eine Predigt, die er dem Volke hielt?“ Und dann fand er’s bald in dem -großen, dicken Buch. Es war erstaunlich! - -Allerlei Gespräch knüpfte sich nicht selten an das Lesen. Einmal sagte -der Talmüller: - -„Jetzt merk’ ich, wie uns die Priester betrogen haben. In diesem Buch, -das Gott selbst den Menschen gegeben, wie der Bub sagt, laufen alle -kranken, betrübten, elenden Leut’ stracks zum HErrn JEsu, bitten um -Hilfe und werden allezeit freundlich erhört. Hat er sie wohl jemals -erst zum Petrus oder zum Johannes geschickt, damit die Fürsprach’ -täten? Ich denk’ nicht! So will ich mir ein Herz fassen und dreist zum -HErrn Christus selber beten. Er kann kein schrecklicher Richter sein, -wie uns gelehrt ward.“ - -„Ich tu’ es schon längst“, sprach die Frau leise. „Als ich einstmals -am Verzweifeln war, du weißt schon wann, Christoph, da riet mir’s ein -altes Weiblein, dem ich sonst wohl Almosen gegeben. Kein Heiliger hat -dazumal mein zerbrochenes Herz geheilt, aber der HErr JEsus hat’s -getan.“ - -Dennoch gefiel dem seltsamen Manne nicht alles, was der Knabe las; -manches dünkte ihm zu hart und schwer. Bei den Worten des HErrn: -„Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch -hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“, fuhr er -aufgeregt empor und rief: „Das kann kein Mensch; das ist zu schwer! Wer -mir Böses tut und mir mein ganzes Glück zerstört, den darf ich hassen, -ja, ich haß ihn bis zum Tode.“ Wie er so dastand, die Augen blitzend, -den Arm erhoben, die Faust geballt, sah er furchtbar aus. - -Dennoch faßte sich Friedel ein Herz und sagte schüchtern: „Mein -Großvater konnte es aber doch! Er hat all’ Abend für den Firmian -gebetet, und mich hat er’s auch gelehrt.“ - -Da sah ihn der Mann mit seltsam scheuem Blick an, hieß ihn das Buch -zumachen, und alle saßen still und gedrückt bis zur Schlafenszeit. Beim -Gebet aber sprach Christoph seine bösen Worte nach der fünften Bitte -wieder einmal ganz laut und deutlich, so daß die Frau sich weinend -abwandte. - -Als der Winter sich zu Ende neigte, kamen sie zur Leidensgeschichte -des HErrn JEsu. Da ruhten oft die fleißigen Hände der Zuhörer und -falteten sich in ernster Andacht; Klein-Ännchen aber weinte bittere -Mitleidstränen, daß man den guten Heiland so übel behandelt. Nun hing -er am Kreuz, ward noch verhöhnt und gelästert in seinem bitteren -Leiden. Horch, da spricht er noch einmal: „Vater, vergib ihnen; denn -sie wissen nicht, was sie tun.“ - -Da unterbrach der Talmüller den Knaben: „Lies heute nicht weiter; ich -hab’ genug zu denken!“ Aber als sie bald darauf das Vaterunser beteten, -hielt er inne und sprach feierlich: „Und auch dem Firmian; ja, lieber -barmherziger Gott, auch dem Firmian!“ - -Als sie ausgebetet hatten, sah Friedel zum erstenmal, wie die Frau die -Arme um des Mannes Hals schlang und ihn unter Freudentränen küßte. Von -diesem Tage an blieben zwar die finsteren Stimmungen nicht ganz aus, -kamen aber viel seltener und hielten nicht mehr so lange an. - -So hatten alle in den dunklen Winterabenden viel gelernt, und der -Talmüller wohl am meisten. Dennoch freute sich ein jeder, als der -Schnee schmolz, der oft zugefrorene Bach wieder klare, schäumende -Wellen schlug, der warme Sonnenschein bald Gras und Blümlein -hervorlockte und im frisch grünenden Walde Vogelstimmen laut wurden. -Nun gestaltete sich das Leben der Einsamen freier und fröhlicher. Tobi -zog wieder aus, um das Korn abzuholen, das seine Kunden vom vorigen -Jahre noch aufbewahrt hatten. Woher er’s holte, blieb für Friedel ein -Geheimnis, und er hatte längst das neugierige Fragen verlernt. Lustig -klapperte die Mühle; Webstuhl und Spinnräder ruhten, und die Mutter -schaffte emsig im Krautgarten, der nicht weit vom Hause angelegt war. -Die Kinder halfen nach Kräften und hatten ihre Lust an den jungen -Hühnern und Tauben, an den Zicklein, die so munter umhersprangen, -und den zwei schneeweißen Kaninchen, die Tobi von einem seiner Gänge -mitbrachte. Ihre besten Tage waren, wenn die Mutter am Morgen sprach: -„Heute könnt ihr das Vieh in den Wald treiben und hüten bis gegen -Abend.“ - -[Illustration] - -Da zogen sie singend aus, reichlich versorgt mit Brot und Käse und -einem Becherlein, das sie so oft voll süße Milch melken durften, als -sie nur wollten. Köstliche Stunden verlebten sie da im Grase liegend, -zum blauen Himmel aufschauend, der so wunderbar durch die Baumkronen -schimmerte, und dem Gesang der Vöglein lauschend, die hier ganz -ungestört ihre Nester bauten. Gern suchten sie den Platz auf, wo der -Großvater schlief. Es war eine liebliche Waldwiese, von dunklen Tannen -und lichtgrünen Birken eingerahmt. Unzählige Blümlein sproßten weiß, -rot, goldgelb und blau zwischen dem frischen Gras hervor, und am Rande -unter den Bäumen reiften bald süße Erdbeeren in Fülle. Am Grabe des -Großvaters saßen die Kinder, wanden Kränze, um es zu schmücken, und -dachten nimmer an die Bitterkeit des Todes, sondern an den lichten -Himmelssaal, wo der liebe Alte nun ausruhte von der Last des Lebens. -Gar gern erzählte Friedel dem kleinen Mädchen von dem friedlichen -Leben in der Heimat, aber auch von der Stadt, von der Kirche, vom -Paten Rudi, seiner schönen Stube und dem wunderbaren Bilderbuch. -Ännchen hörte mit großen Augen zu, denn alles war ihr neu und fremd. -Sie war nun schon acht Jahre alt, kannte aber nichts von der Welt -als die Talmühle. Ganz dunkel besann sie sich darauf, einmal auf der -Wanderschaft gewesen zu sein mit Tobi und den Eltern. Aber es war schon -lange her und die Erinnerung sehr unklar. - -Manchmal zogen die kleinen Hirten auch weiter, sogar bis zur steilen -Felswand am See; doch nur selten, denn dort mußten die Tiere angebunden -werden, damit sie nicht etwa, nach einem Gräslein haschend, in die -Tiefe stürzten. Friedel ging gern hin; es war der einzige Ort, wo er -etwas von der Außenwelt sah, wenn’s auch nicht viel war. Der See war -nicht groß, und das andere Ufer viel niedriger, nicht bewaldet, sondern -öde und steinig. Aber ganz in der Ferne sah man grüne Bäume, und -zwischen ihnen erkannte Friedels scharfes Auge ein Häuschen, aus dessen -Schornstein Rauch emporstieg. Wer mochte wohl dort so einsam wohnen? Da -saß er und träumte von der Zeit, wo er hinausziehen würde in die Welt, -herrliche Dinge schauen und endlich ins Preußenland kommen würde zu -seinen Glaubensgenossen. Aber Ännchen durfte nichts davon merken, sonst -fing es an zu weinen und sagte, er dürfe niemals fort; es habe ihn ja -so lieb. - -Doch hatten die Kinder nicht allzuviel Zeit zum Träumen; sie mußten -immer etwas mit heimbringen, was der Wald bot: allerlei Beeren je nach -der Jahreszeit, Pilze, würzige Arzneikräuter, die Tobi sie kennen -lehrte, Haselnüsse und endlich ganze Säcke voll Tannenzapfen, die das -Herdfeuer so lustig und helleuchtend machten. Reichbeladen kamen sie -dann singend heimgezogen, denn Ännchen lernte erstaunlich schnell alle -Lieder, die Friedel wußte. Seltsam war’s, daß sie nie jemandem im -Walde begegneten. Auf den Wald- und Bergfahrten, die der Knabe früher -mit dem Großvater gemacht, war’s ja auch sehr einsam gewesen, aber -doch hatten sie zuweilen einen Holzfäller angetroffen, einen Jäger -oder ein Weiblein, das Beeren suchte. Ja, es war etwas Märchenhaftes -um die Talmühle; man spürte es im Sommer mehr als zur Winterszeit! -Wenn die Kinder daheim blieben, um der Mutter im Garten zu helfen -oder das Heu auf der Wiese zu wenden, kam es mehr als einmal vor, daß -Wolf, der große Hund, der sich nie weit vom Hause entfernte, unruhig -ward, die Ohren spitzte und endlich mit wütendem Gebell fortstürzte, -meist nach der Schlucht zu, wo Friedel einst so angstvoll hergekommen -war. Dann war der Talmüller im Nu bei der Hand, mochte er sein, wo er -wollte, warf sich das Bärenfell oder ein weißes Laken um und folgte -dem Hunde, seltsame, schauerliche Töne ausstoßend. War er aber auf -die Jagd gegangen, was im Sommer nur selten geschah, so erschien Tobi -mehlbestäubt und eilte in wunderlichen Sprüngen dem Hunde nach. Bald -kamen sie ganz ruhig zurück, als sei nichts geschehen; das feine Ohr -des Knaben hatte aber mehr als einmal einen Schreckensruf im dichten -Gebüsch vernommen und das Knacken von Ästen und Zweigen, als ob jemand -schnell und blindlings die Flucht ergriffe. Fragte er, was geschehen -sei, bekam er von Tobi nur neckische Antworten. Der Talmüller aber -machte ein finsteres Gesicht und hieß ihn schweigen. - - * * * * * - -Vier Winter und drei Sommer waren vergangen. Friedel war kräftig -emporgewachsen und ein schöner, stattlicher Knabe geworden. Das -Leben in der Talmühle war dasselbe geblieben; aber die Kinder hatten -sich allmählich verändert. Noch hingen sie aneinander mit herzlicher -Liebe; ja, Friedel hätte jederzeit sein Leben für das zarte, holdselig -aufblühende Mädchen gewagt. Aber das stete Beisammensein wollte nicht -mehr recht passen. - -Ännchen hing mehr und mehr an der Mutter, lernte von ihr die einfache -Mahlzeit kochen, einen immer feineren Faden spinnen und aus dem derben -Wollzeug, das Tobi webte, ihr eigen Röcklein nähen. Lesen konnte sie -nun ebensogut wie Friedel; sie wechselten miteinander ab beim Vorlesen -am Abendfeuer. Im letzten Winter hatte der Knabe den Männern wacker -geholfen beim Holzfällen und allerlei Arbeit in Stall und Scheune. Als -aber der Frühling wieder ins Land zog, ward er still und matt, sah -bleich aus und lag gern einsam unter einem Baum, zum Himmel aufschauend. - -Einst hatte ihn der Talmüller schon zweimal gerufen, ohne daß er hörte; -da trat er zu ihm und fand ihn bitterlich weinend. - -„Was fehlt dir, Bub?“ fragte er erschrocken. - -Erst wollte er lange nicht antworten, endlich aber brach er schluchzend -in die Worte aus: „Hinaus muß ich; hinaus aus dem engen Tal! Unter -Menschen, ins Leben will ich; ich muß sonst sterben!“ - -„Was ist denn so plötzlich über dich gekommen?“ fragte der Mann. - -„Nicht plötzlich! In mancher Winternacht hab’ ich geweint, wenn Tobi -fest schlief. Ich hab’ euch alle lieb, und solang ich ein Kind war, -ging alles gut. Aber ich kann nicht mehr mit dem Ännchen hinausziehen, -das wenige Vieh zu hüten! Ich muß was Besseres zu tun haben, als Blumen -und Beeren suchen! Ich möcht’ ein Mann werden und was Rechtes taugen in -der Welt!“ - -„Weißt du nicht, daß du noch immer zu jung bist, allein in die Welt zu -ziehen?“ - -„Ich weiß es wohl; aber ich weiß auch, daß Tobi hinausgeht unter -Menschen. O, laßt mich mit ihm! Mir wird so bang in dem engen Tal, als -solle mein Herz zerspringen!“ - -Der Talmüller schwieg lange; dann begann er: „Es mußte so kommen; ein -frischer Bub wie du sehnt sich hinaus. Später wirst du dich vielleicht -oft zurücksehnen in diese tiefe Einsamkeit. Ganz fort darf ich dich -noch nicht lassen; du weißt nicht, wie hart das Leben ist. Aber du -sollst etwas lernen; ich will dich in die Mühle nehmen, daß du in -etlichen Jahren als Mühlknappe ausziehen kannst. Auch Menschen sollst -du sehen, aber nur, wenn du schweigen gelernt hast. Sag’, willst du zu -niemand sprechen von dem, was du hier erlebt? Willst du besonders den -Pfad, der aus dieser Einsamkeit führt, keinem verraten?“ - -Nach kurzem Besinnen erwiderte Friedel: „Als ich noch ganz klein war -und kaum übern Tisch gucken konnte, lehrte mich der Großvater schon -viele Sprüchlein. Und eben diese vergaß ich nie! Eins davon heißt: ‚Ein -Verleumder verrät, was er heimlich weiß; wer aber getreuen Herzens ist, -verbirgt dasselbige.‘“ - -„Ich vertraue dir!“ sprach der Talmüller. „Wenn der Tobi wieder -auszieht, ziehst du mit.“ - -O wie klopfte Friedels Herz vor Freude, endlich einmal wieder hinaus zu -kommen aus diesem stillen, märchenhaften Tale! - - - - -4. Wie’s dem Talmüller ergangen war. - - -Nicht lange nach diesem Gespräch führte Friedel eines Morgens das -Eselein aus dem Stalle. Ganz sauber hatte er sein graues Fell -gebürstet und das Zaumzeug schön geputzt. Es war noch viel zu zeitig -zum Ausziehen. Frau Marie kochte eben erst die Morgensuppe, und der -Talmüller schlief noch fest. Aber Ännchen stand schon bei dem Knaben -und zupfte ihm den nagelneuen Kittel zurecht, den sie selbst hatte -nähen helfen. - -„Ich bring’ dir auch was mit aus der Welt draußen“, versprach Friedel. -„O wie mein Herz klopft! Was werd’ ich sehen? Wohin wird der Weg -führen?“ - -Die Mutter rief zum Essen; doch nahm Friedel nur ein paar Löffel von -der guten Suppe und steckte das Brot in die Tasche. Nun waren sie -bereit; Tobi freute sich, den Knaben, den er sehr liebte, zum Gefährten -zu haben, aber Christoph war nicht zu sehen. Als die beiden, den Esel -vor sich hertreibend, über den Steg gingen und Ännchen ihnen noch ein -Lebewohl nachrief, guckte der Mann verstohlen zur Dachlucke heraus. - -„Da zieht er hin, der treue, liebe Junge, der mir Frieden und Hoffnung -gebracht hat durch das herrliche, göttliche Buch!“ sprach er zu sich -selbst. „Und in wenig Jahren muß ich ihn ganz fortlassen. O Gott, laß -ihn dann nur nicht allzuviel Jammer erleben! Ja, auch mich zieht’s -manches Mal hinaus. Wohl möcht’ ich wieder unter Menschen leben. War -ich doch der frischeste, fröhlichste Bursch im ganzen Dorf! Aber nein, -’s geht nimmer! Das Herz ist allzu tief verwundet; es kann nimmer, -nimmer ganz genesen. Ich hab’ mein Weib und mein Kind, das ist mir -genug!“ - -Rüstig schritten die beiden Wanderer vorwärts. Der kaum sichtbare Pfad -führte zuerst durch dichten Wald; oft mußten sie sich bücken unter den -tief herabhängenden Ästen, oft dem Esel vorausgehen, damit er sich -nicht im Gestrüpp verwirre. Eine Stunde waren sie so gewandert, da ward -der Wald lichter; der Weg führte ziemlich steil bergauf, und plötzlich -standen sie vor einer hohen zerklüfteten Felswand. - -Fragend blickte Friedel seinen Begleiter an. „Meinst, die Welt sei hier -alle?“ lachte dieser. „Komm nur mit; wirst dein Wunder schauen!“ - -Dicht an dem Felsen gingen sie hin; an der andern Seite niedriges -Nadelholz. Jetzt aber ergriff Tobi das Eselein am Zaum und führte -es vorsichtig an der Felswand empor, die hier weniger steil war und -einen tiefen Einschnitt hatte. Darüber aber wölbte sich das Gestein -wie ein Dom. Gewand kletterte Friedel nach, erschrak aber nicht wenig, -als sein Begleiter mit dem Tier plötzlich verschwunden war. Da hörte -er ihn lachen, und siehe, er stand in einem breiten Spalt zwischen -zwei Felsblöcken, der in einen dunklen Gang führte. Bald aber fiel -von oben ein wenig Licht hinein. Manchmal war eben nur Raum genug für -die Wanderer, dann öffneten sich wieder weite Höhlen und Hallen, vom -Felsen gebildet. Dem Knaben war’s feierlich und ein wenig ängstlich -zumute. Jetzt ward der Gang wieder sehr schmal. Tobi sagte, er sei -eben noch breit genug, um den Esel, wenn er mit Säcken beladen sei, -durchzulassen. Aber horch! Tönten da nicht Menschenstimmen? Bellte -nicht ein Hund? O Wunder! Hörte man nicht deutlich das Jauchzen -spielender Kinder? Jetzt bogen sie um eine scharfe Ecke; es ward -heller und heller, und jetzt traten sie hinaus und erblickten ein -Bild fröhlichen Lebens, wie es der Knabe seit Jahren nicht gesehen. -Sie standen auf einem großen, weiten Bauernhof, der teils durch -den Felsen, teils durch ein niedriges, aber sauberes Wohnhaus mit -eingebauten Stallungen, teils durch eine hohe Steinmauer mit weitem -Eingangstor begrenzt war. Lustig plätscherte der Brunnen in der Mitte. -Der Hofhahn krähte auf dem hohen Düngerhaufen, Hühner und Gänse -tummelten sich ringsumher, und eine Schar rotwangiger, blondhaariger -Kinder tanzte singend im Kreise. Friedel jauchzte laut auf bei diesem -Anblick. Endlich, endlich sah er wieder Menschen, über denen kein -geheimnisvoller Schleier hing. - -Jetzt gewahrten die Kinder die Wanderer am Felsentor. „Der Tobi ist -da, der Tobi!“ jubelten sie herbeieilend, wichen aber beim Anblick des -fremden Knaben scheu zurück. - -„Ruft den Großvater“, gebot Tobi; und die ganze Herde stürmte ins Haus, -aus dem gleich darauf ein stattlicher alter Mann mit großen, klaren -Augen, langem, weißem Bart und Haar und ehrwürdigem Aussehen hervortrat. - -So war der Erzvater Abraham in des Paten Bilderbuch abgemalt gewesen; -es war der Franzl am Stein. Die Kinderchen hingen sich an seine Hände -und an die Falten seines langen, weiten Kittels. Freundlich begrüßte er -Tobi, reichte auch Friedel die Hand und sprach: - -„Du bist mir kein Fremder, mein Sohn; Tobi hat Gutes von dir erzählt, -darum sei mir willkommen! Wilhelm, nimm den Gast unter deine Hut bis -zur Mittagsmahlzeit!“ - -Der Älteste der Kinderschar, ein frischer, etwa zehnjähriger Junge, -nahm Friedel in Beschlag, scheuchte die kleinere Gesellschaft fort und -fragte: „Willst du meinen Fuchs sehen? Oder wollen wir schießen?“ - -Der Gast entschied sich für das letztere und ward zu einer hölzernen -Scheibe geführt, die am Felsen befestigt war. Aber o, wie schämte sich -Friedel, als der Kleine mit dem scharfen Bolzen seiner Armbrust fast -immer ins Schwarze traf, während es ihm auch nicht ein einziges Mal -gelang! - -„Du gehst wohl nimmer auf die Jagd? Ich mein’ auf das kleine Wild, das -man schießen darf?“ fragte Wilhelm. - -Traurig schüttelte Friedel den Kopf. - -„Dann will ich dir lieber was zeigen! Ich weiß, du wohnst tief im Wald. -Möchtest du wohl einmal weit hinaus in die Welt blicken?“ - -„O ja, so gern!“ - -„So komm; aber hüte dich, daß du nicht fällst!“ - -In einer Ecke des Hofes waren in die steile Felswand rohe Stufen -eingeschlagen, eben groß genug, den Fuß hineinzusetzen. Wie ein -Kätzchen kletterte der Kleine voran; vorsichtiger folgte Friedel, und -sie erreichten bald einen breiten Vorsprung, von dem sich dem Auge eine -herrliche Aussicht bot. Ein weites, ungemein fruchtbares Tal breitete -sich vor Friedels entzückten Blicken aus. Grünende Wiesen, blühende -Obstbäume, sprossende Saatfelder wechselten lieblich miteinander ab; -ein silberhelles Flüßchen schlug muntere Wellen, und eine große Anzahl -niederer Hütten mit gelben Strohdächern belebte die Landschaft. Am -Ausgang des Tales aber erhob sich auf luftiger Höhe ein Schlößlein -mit zierlichen Türmen und vielen Nebengebäuden. Hier und da erkannte -Friedel zu seiner großen Freude auch Menschen, nach denen er sich ja so -sehr sehnte. Dort pflügte ein fleißiger Ackersmann; ein anderer streute -Samen aus. An jener Anhöhe weidete ein alter Mann eine Schafherde; -dort trieben zwei barfüßige Kinder junge Gänschen und Enten in den -Fluß, und wateten selbst hochgeschürzt in die klaren Wellen, einander -neckend und bespritzend. Und da, weit hinten, ragte ja ein kleiner, -altersgrauer Kirchturm zwischen hohen Bäumen hervor. - -Ganz verwundert horchte der Kleine auf die freudigen Ausrufe seines -Gastes, der sich, von der Wanderung ermüdet, auf der Felsplatte -niedergesetzt hatte. Ihm war ja dieser Anblick friedlichen Lebens etwas -Alltägliches. - -„Deines Großvaters Haus ist das größte und schönste im ganzen Tal“, -sagte Friedel endlich. - -„Gewiß!“ erwiderte Wilhelm. „Er ist eben der einzige freie Bauer; die -andern sind nur Hüttenleute, die dem Edelmann Pachtgeld zahlen und -viel Frondienste tun müssen. Haben oft kaum Zeit, ihr bißchen Feld zu -bestellen.“ - -„Wohnt der Edelmann dort oben im Schlößli?“ - -„Nein; gottlob nicht! Er wohnt weit weg an eines Fürsten Hof. Auf dem -Schlößli sitzt nur sein Haushalter, ein braver Mann, der die armen -Hüttenleut’ nicht allzusehr schindet.“ - -„Mein Großvater war auch ein freier Bauer“, berichtete Friedel, „aber -der Erzbischof hat ihm doch alles genommen.“ - -„Ja, die Pfaffen, die saugen die Welt aus“, sprach Wilhelm altklug. -„Der da hinten beim Kirchli sitzt, ist freilich nicht so schlimm. Er -ißt und trinkt, und läßt die Leut’ treiben, was sie wollen. So sagt -Großvater“, fügte er erklärend hinzu. „Aber horch, die Mittagsglocken! -Komm hurtig; ’s gibt ein paar fette Hühner und gewiß Eierkuchen -hinterdrein, weil ihr Gäst’ seid.“ - -Es war eine stattliche Tischgesellschaft, die sich in dem zwar -niedrigen, aber weiten Gemach um die blanke eichene Tafel sammelte. -Obenan saß der Franzl, ihm zur Seite zwei Söhne, stattliche Männer, -Tobi und Friedel bekamen ihren Platz neben ihnen. Dann folgten drei -junge Burschen; um das untere Ende scharten sich Frauen und Kinder. -Fremdes Gesinde sah man nicht; der Franzl wirtschaftete mit Kindern -und Enkeln allein. Die Speisen, die in großen Schüsseln und mächtigen -Pfannen aufgetragen wurden, waren besser als alles, was Friedel -bisher gekostet. Und als zum Nachtisch ein großer irdener Krug roten -Weines erschien, trank Franzl aus seinem silbernen Becher; auch die -Gäste mußten ihm in solchen Bescheid tun. Die Frauen und Mägdlein -trugen silberne Ohrringe und Halsketten; alles zeugte von behaglichem -Wohlstand. Als das Dankgebet gesprochen war, sagte Franzl: - -„Die armen Hüttenleut’ haben noch manchen Sack Korn liegen von der -guten Ernte im letzten Jahr. Wenn du heute Zeit hättest, Tobi, könntest -du dir’s zusammentragen und nach und nach hier abholen. Ich borg’ dir -noch einen Esel, den kann der Bub wohl führen.“ - -„Hab’s auch schon gedacht“, erwiderte Tobi. „Dem Friedel gelüstet’s, -die Welt zu schauen; da sieht er heute doch ein Stücklein!“ - -„Freilich ein armseliges!“ setzte Franzl hinzu. - -Nach kurzer Mittagsrast zogen die beiden aus, zwei Esel vor -sich hertreibend, die sie nach ein paar Stunden schwer beladen -zurückbrachten, und taten noch einmal so, ehe der Abend hereinbrach. - -Todmüde sank Friedel in das dicke, weiche Federbett, das er mit Wilhelm -teilte; aber sein Herz war leicht und froh. Er war nicht gefangen in -der engen Talmühle; es gab noch Leben, es gab noch eine Welt für ihn! - -Am andern Morgen zogen sie noch einmal aus, um vom äußersten Ende des -Tales eine Ladung Kornsäcke zu holen. Auf sanfter Anhöhe ruhten sie -unter blühenden Bäumen ein wenig aus. Da begann Tobi: - -„Da du nun doch weißt, daß über des Talmüllers Leben ein Geheimnis -waltet, sollst du heute erfahren, wie es ihm ergangen ist. Daß du treu -bist und schweigen kannst, hast du genug bewiesen.“ - -„Ist dir erlaubt, mir’s zu berichten?“ fragte Friedel. „Nimmer begehr’ -ich zu hören, was geheim bleiben soll!“ - -„Das ist brav! Aber der Talmüller hat mir selbst aufgetragen, dir heute -zu erzählen, wie’s ihm ergangen ist. - -Er heißt eigentlich Christoph Hügli. Weit unten im Salzburger Land, -nahe der Tiroler Grenze, lag sein hübsches Bauerngütlein mit einer -stattlichen Mühle. Freilich gehörte das Land dem Erzbischof, aber seit -langen, langen Jahren hatten’s Christophs Vorfahren zum Lehen gehabt. -Obwohl der Christoph ein wilder Bursch war, hatten ihn alle gern, denn -er war dabei treuherzig, ohne Falsch und allezeit mildtätig gegen die -Armen. Seit er die Marie geheiratet hatte, ein verlassenes Waislein, -aber fromm und schön, ward er auch gesetzter, und sie lebten zusammen -in Liebe und Frieden wie die Engel im Himmel. Ein prächtig Büblein -hatte ihnen Gott geschenkt; sie nannten’s Arnold, und es war des Vaters -Augapfel. Nahebei auf einer Höhe hatte der Firmian ein Lustschlößlein, -wo er zuweilen Hof hielt mit allerlei Gästen. Da trieben sie mancherlei -Kurzweil und lagen auch fleißig der Jagd ob, denn in den schönen -Waldungen gibt’s edles Wild in Fülle. Des Talmüllers Felder lagen -aber just am Waldesrand, und da konnt’s nicht fehlen, daß oft die -ganze glänzende Jagdgesellschaft mit Hallo und Hussa durch sein -Korn und Weizen galoppierte, einem fliehenden Wild nach. Wenn er -dann händeringend dabeistand, haben sie ihn noch verhöhnt. Auch kam -das Wild nicht selten des Nachts aus dem Walde, um sich am Getreide -sattzufressen und alles zu verwüsten. Wegschießen aber durfte man keins -bei schwerer Strafe. Das war eine rechte Qual für Christophs heftiges -Gemüt; besonders weil er gar zu gern selbst gejagt hätte und ein so -guter Schütze war, daß er beim Scheibenschießen stets ins Schwarze -traf und manch schönen Gewinn einsackte. Doch hat er sich lange tapfer -bezwungen; auch sein Weib hat ihn immer zur Geduld ermahnt. - -[Illustration] - -Einmal aber war Lust und Not zugleich ins Haus gekommen. Der herzige -kleine Bub, nun schon vierjährig, lag schwer krank an den Pocken; -Marie aber hatte am Abend ein Mägdlein geboren und war recht matt -und schwach. Die untreue Magd war aus Angst vor der Krankheit -davongelaufen, und der arme Mann wußte nicht, wem er zuerst helfen -sollte, dem jammernden Büblein, der schwachen Frau oder dem schreienden -Neugeborenen. Da stürzt beim Morgengrauen der Hütebub in die Kammer -und schreit: ‚Meister, das Wild ist im Weizen! Ein ganz Rudel!‘ Da -übermannte ihn der Zorn. Ohne auf den Ruf der Frau zu achten, reißt -er den Stutzen (kurze Flinte) von der Wand und ist im Nu draußen. Der -Schuß kracht, und ein prachtvoller Edelhirsch stürzt, gerade zwischen -die Augen getroffen, und verendet alsbald. Zu Tode erschrocken sieht’s -der Bub und der Knecht. ‚Fliehet, fliehet, Meister; ’s gilt Euer -Leben!‘ schreien sie. Aber der Christoph spricht: ‚Nimmer flieh’ ich -und laß mein Weib und Kind der Rache des Tyrannen.‘ Da machten sie in -rasender Eile eine tiefe Grube, zerrten den Hirsch hinein, schlossen -sie und häuften Steingeröll darauf. Aber o weh! Es mochte wohl irgendwo -an einer Waldecke oder hinter einer Mauer ein Lauscher und Verräter -gestanden haben, denn ein ehrlicher Mann ist selten ohne Feind in -dieser bösen Zeit. Es hat nicht lang gedauert, da kamen des Erzbischofs -Häscher und schleppten den wackeren Mann vor die Augen des harten -Herrn. Er leugnet nichts, bittet und fleht um Gnade und verspricht, -all sein beweglich Gut hinzugeben; man solle ihn nur bei Weib und Kind -lassen. Da lacht der Stolze höhnisch und spricht: ‚Dein Hab und Gut, -elender Knecht? Das ist ohnedies verwirkt! Morgen schon übernimmt ein -anderer dein Lehen. Du aber sprich dein Gebet; in einer Stunde hängst -du am Galgen.‘ Der Jammer und die stumme Verzweiflung auf des schönen, -kräftigen Mannes Antlitz gingen aber einer vornehmen Dame in des -Bischofs Gefolge zu Herzen. Er hatte ihr jüngst versprochen, daß er -ihr nie eine Bitte abschlagen wolle. So bat sie jetzt um das Leben des -Armen, und nach einigem Besinnen gewährte er’s ihm. Dann aber redete -er heimlich einige Worte zu einem Diener, der sich alsbald entfernte. -Als nun Christoph sich kniend bedankt und dem tückischen Manne Gottes -Lohn gewünscht hat, verläßt er das Gemach und will heimeilen. Siehe, -da packen ihn draußen ein paar bewaffnete Knechte, schleppen ihn in -den Hof, peitschen und martern ihn so grausam, daß er fast den Geist -aufgibt, legen ihm schwere Fesseln an und werfen ihn, mit Wunden -bedeckt, in einen feuchten, finstern Kerker.“ -- - -Überwältigt von Mitleid schwieg Tobi eine Weile und barg das Gesicht in -die Hände. Friedel aber ballte die Faust in ohnmächtigem Zorn und rief: - -„O der böse, böse Mann! Und nur wegen eines Hirsches!“ - -[Illustration] - -Bald fuhr der Kleine fort: „Gott hatte ihm einen riesenstarken Leib -gegeben, sonst wär’ er gewiß bald gestorben, wohl weniger vor Frost -und Hunger als vor bitterem, herznagendem Leid. So aber lag er vier -lange Jahre in dem garstigen Loch gefangen; dann erschien er plötzlich, -ganz abgezehrt, bleich und in Lumpen gehüllt, im Dorfe. Wer ihn sah, -schrie auf vor Schrecken und meinte, es sei ein Gespenst. Aber er war -es selbst; man hatte ihn frei gelassen. Der Kammerdiener des Bischofs -erzählte, sein Herr habe wohl einen sehr bösen Traum gehabt. Er habe -immer im Schlaf aufgeschrien: ‚Der Hirsch! Der Hirsch kommt aus der -Grube! Er will mich zertreten, er will mich aufspießen!‘ Sein Gewissen -mag ihn wohl gezwackt haben. Aber zugleich hieß es, niemand dürfe den -Christoph herbergen; er solle alsbald fortwandern aus dem Salzburger -Land. ‚Fort, fort!‘ stöhnte der arme, elende Mann selber. ‚Nur fort -von diesem Ort des Jammers!‘ Als er aber sein Weib, das barmherzige -Leute ins Haus genommen hatten, wieder ans Herz drückte, und das -Ännchen ihm die Wangen streichelte, weinte er helle Freudentränen. -Aber ach, sein Büblein, den herzigen Arnold, suchte er vergebens! -Als man damals das arme Weib mit den Kindern ohne alles Erbarmen von -Haus und Hof trieb, trug der Hütejunge das Knäblein, das ja schwer -krank war. Da hörte es, wie die Dorfleute, die in Angst und Schrecken -zusammenstanden, einander erzählten, was man seinem lieben Vater getan. -Da schrie es laut auf, fiel alsbald in Krämpfe, und ehe die Sonne sank, -war das kleine, liebreiche Herz gebrochen. - -Als man das dem Christoph erzählte, hob er die Hand gen Himmel und -rief: ‚Alles, alles will ich dem Firmian vergeben; aber meines Arnolds -Tod vergeb’ ich ihm nie!‘ Und er sprach schreckliche Worte des Fluches -über das Haupt des Unbarmherzigen. - -Herbergen durfte ihn keiner; aber das konnte niemand wehren, daß man -ihm ordentliche Kleider gab, allerlei Gewand und Decken für Weib und -Kind, auch manch silbernen Zehrpfennig und gute Reisekost. Als er nun -fürder ziehen wollte, kam der Hütebub gelaufen, in des Armen damals das -Arnoldlein gestorben war. Es war kein schöner Bursch aus ihm geworden, -klein, verwachsen und häßlich. Der sprach zum Christoph: ‚Meister, Ihr -habt mich aufgenommen, als ich ein verlassen Bettelbüblein war. Bei -Euch ist meine Heimat; ich ziehe mit Euch! Und hier ist ein Eselein, -das schickt Euch der Müller vom Oberdorf, bei dem ich zuletzt gedient. -Setzt Euch darauf; Ihr seid zu schwach zum Wandern.‘“ - -„Und der brave Bursche hieß Tobi?“ fragte Friedel. - -Das Männlein nickte und fuhr fort: „So zogen wir langsam durchs Land, -und Gott gab milden Sonnenschein und schönes Wetter, so daß sich der -Christoph schnell ein wenig erholte, und leise, leise wieder ein -klein wenig Lebenslust in sein gemartertes Herz zog. Aber eine große -Menschenscheu war ihm geblieben. Auch hatte er sich gelobt, nie wieder -eine katholische Kirche zu betreten, was er doch nicht hätte vermeiden -können, wenn er sich in einem bayrischen oder österreichischen Dorf -niedergelassen hätte. - -Dazu kam, daß sein Herz mit tausend Fäden am Heimatlande hing, wie’s ja -uns Bergbewohnern eigen ist. ‚Ach‘, sprach er oft, ‚wenn wir nur ein -versteckt Winkelchen in unsern Bergen finden könnten und nicht außer -Land müßten! Der Firmian kann ja auch sterben; dann darf ich mich wohl -wieder unter die Leut’ wagen. Jetzt möcht’ ich ganz einsam leben mit -Weib und Kind.‘ Da kamen wir endlich zum Franzl am Stein. Der hat auch -einen tiefen Groll auf den Firmian, der ihn einmal schwer geschädigt -hat; ich weiß nicht, wodurch. - -Als wir nun bei ihm rasteten und ihm alles erzählten, weil er gar so -treuherzig aussah, sagte er, es stünde hier drüben am Gießbach eine -verfallene Mühle, die wohl wieder herzurichten sei. Für die Hüttenleut’ -im ganzen Tal wäre es gut, wenn sie wieder in Gang käme, denn es sei so -weit nach der nächsten großen Mühle; dazu sei der Müller nicht allzu -brav und breche oft ab am Gewicht. Er verhehlte uns aber nicht, daß das -Tal verrufen sei wegen einer Mordtat, die einst da geschehen. Es wage -sich selten jemand hinein. Da sprach der Talmüller: ‚Das ist mir eben -recht; üble Tat geschieht wohl überall! Liegt ein Fluch auf dem Ort, -so soll mein frommes Weib beten, daß ein Segen draus wird. Vor Spuk -fürchte ich mich nicht; hab’ mein Tag solchen Aberglauben nicht leiden -mögen.‘ So führte uns der Franzl durch die Felsspalte hierher und half -uns treulich aus mit allem, was wir zum Anfang brauchten. Zuerst ging -es uns hart; aber Gott segnete unsere Arbeit, so daß endlich die Mühle -wieder in Gang kam und nach schweren, mühsamen Wochen auch das Häuschen -wohnlich wurde. - -Wenn nun auch der Talmüller selbst an keinen Spuk glaubte, so wußte er -sich doch den Aberglauben der Leute zunutze zu machen. Alle Zugänge zum -Tal wurden noch unwegsamer gemacht mit Gestrüpp, Steingeröll und großen -Baumstämmen, die wir mühsam hinwälzten. Verirrte sich aber doch ein -Jäger, Holzhacker oder Beerensucher in unser Gebiet, so scheuchten wir -ihn weg in allerlei Verkappung, wie du ja selbst gesehen hast. Durch -die Felsspalte ist wohl kaum je einer gekommen; sie war schon lang -vorher Franzls Geheimnis. Dennoch glaub’ ich, daß mehr als einer von -den Hüttenleuten weiß, wo sein Mehl gemahlen wird. Sie nennen mich den -Wandermüller. Viele, viele von ihnen sind dem Firmian auch feind, wie -er’s ja wohl verdient. - -So gefiel’s dem Christoph ganz wohl in der Einsamkeit; die Frau -ist ja allezeit still und zufrieden, und das Kind ward ein rechtes -Waldröslein. Aber vier lange Jahre im Kerker mit so starkem Sinn und -heißem Herzen lassen doch Spuren zurück. So hat auch Christoph allerlei -behalten, was schwer zu tragen ist, besonders für die Frau. Du kennst -ja seine finsteren Tage; du weißt ja, was er immer nach der fünften -Bitte vor sich hin murmelte, und seit wann er’s nicht mehr tut. Aber -eins will er nicht lassen, und es macht uns schwere Sorge. Er schießt -nicht selten ein Stück Wild! Wenn er’s nur in seinem verborgenen -Tal täte, wär’s ja kein Unglück, aber er wagt sich von Jahr zu Jahr -weiter hinaus. Viel Jagd ist ja nicht hier ringsum, aber es ist einmal -verboten, und er sollte es nicht tun. Er sagt aber, da er um eines -einzigen Hirsches willen sein ganzes Hab und Gut verloren hätte, -könnt’s keine Sünde sein, wenn er sich manchmal einen Braten holte auf -seinen mageren Tisch.“ - -„In die Kirch’ seid ihr wohl allesamt nimmer gekommen?“ fragte Friedel -nach einer Weile. - -„Nimmer!“ erwiderte Tobi. „Zuerst lag’s der Frau schwer auf dem -Herzen, daß sie nicht einmal ihre Osterandacht halten konnte, wie’s -streng geboten ist in der Papstkirche. Aber nach und nach fand sie -sich darein. Ihr Vertrauen zu den Priestern hatte einen starken Stoß -bekommen durch des Bischofs Grausamkeit. ‚Gott ist ja überall‘, -sprach sie. ‚Zu ihm kann ich unterm blauen Himmel beten und im engen -Kämmerlein.‘ Es tat ihr nur oft leid, daß sie so wenig von Gott und -dem Heiland wußte. Da kamst du und brachtest uns das herrliche, -himmlische Buch. Nun haben wir tausendmal mehr, als in allen Kirchen -des Bischofs zu finden ist. - -So, nun weißt du alles. Laß uns weitergehen, und gib acht auf dein -Grauchen; der Pfad wird hier schmal und unsicher.“ - - - - -5. Der Tod kehrt ein. - - -Nun begann für Friedel ein neues Leben, anstrengender, härter, aber -auch männlicher als bisher. In der Mühle arbeitete er unter Anleitung -des Talmüllers, der nicht immer ein bequemer Geselle war. Selbst von -gewaltiger Kraft und zäher Ausdauer, verlangte er oft zuviel von dem -schnell wachsenden Knaben, ward leicht ungeduldig und konnte sogar, -wenn ihn der finstere Geist überfiel, recht hart sein. Aber Friedel -gedachte des Furchtbaren, das der Mann erduldet, darum hielt er ihm -alles zugut und hütete sich, ihn zu reizen. Desto wohler tat’s ihm, -daß der Müller ihm völlig vertraute, ihn sogar nicht selten allein zum -Franzl am Stein schickte und ihn tagelang dort verweilen ließ. „Wenn -der Bub in die Welt ziehen will, muß er mit Menschen umgehen lernen“, -sprach er; „sonst möcht’s ihm übel ergehen.“ - -Allzuviel von der Welt erfuhr der Knabe freilich nicht im Haus des -freien Bauern, denn weder dieser noch seine Söhne waren jemals weiter -gekommen als zum Markt der nächsten Stadt, die etwa fünf Stunden weit -entfernt lag. In den Hütten der armen Talbewohner aber, denen er ihre -Mehlsäcklein brachte, sah die Welt gar nicht herrlich, sondern recht -kümmerlich aus. O wie mußten sie sich plagen mit hartem Frondienst -auf des Edelmannes Land, ehe sie nur ihr eigen Äckerlein bebauen -durften! Wie schnell zog bittere Armut in die Hütte, wenn etwa der Mann -krank daniederlag! Und ach, wie groß war die Unwissenheit der armen -Leute! Eine Schule gab’s nicht im Tale; der Priester aber, der wohl -Zeit gehabt hätte, die Kinder ein wenig zu lehren, schlief lieber im -Lehnstuhl oder zechte mit des Edelmannes Beamten. - -Ganz anders stand es in Franzls freiem Hof. Nicht nur Genüge, sondern -Überfluß herrschte darin, dazu gute, etwas strenge Zucht. Die Buben und -Mägdlein lernten alle zu rechter Zeit lesen und beten beim Großvater, -der freilich die Haselrute stets dabei hatte und wohl zu gebrauchen -wußte. Am meisten Gefallen fand Friedel an Franzls jüngstem Sohn -Joseph, etwa zwei Jahre älter als er, aber nicht etwa viel größer und -stärker; o bewahre! Dieses munteren Burschen Sinn stand auch hinaus ins -Weite. Und da schon zwei verheiratete und zwei ledige Söhne auf dem Hof -wirtschafteten, hatte niemand etwas dawider, daß er nächstes Frühjahr -zu einem Verwandten nach Bayern ziehen wollte, um dessen Handwerk zu -lernen. Er war Silberschmied. So sollten die beiden Freunde miteinander -wandern, nur daß Friedels Weg noch ein wenig weiter führte, bis nach -Preußen. Von den großen Landstrecken, die dazwischen lagen, von den -Beschwerden, Gefahren und Versuchungen, die ihnen drohten, hatten die -guten Jungen keine Ahnung, und die Alten auch nicht viel mehr. Sie -meinten, viel anders könne es ja in der Welt auch nicht aussehen als -hier im Salzburger Ländchen. - -Was war das für ein Festtag, als Christoph dem Friedel seinen alten -Stutzen schenkte und ihm erlaubte, auf das kleine Wild um die Mühle -her Jagd zu machen! Ännchen beklagte es freilich, daß die Häschen, -Eichkätzchen und wilden Kaninchen nun so geängstet und verscheucht -wurden; doch hatte sie nichts dagegen, daß Friedel den bösen Mardern -und Wieseln, die ihren Hühnern so gefährlich waren, eifrig nachstellte. -Bald verfehlte er nur selten sein Ziel; und als er einen Geier, der -über der Mühle kreiste, herabschoß, erschien er dem Mägdlein als ein -rechter Held. - -Zwei Jahre größerer Freiheit und strammer Arbeit hatten dem Buben -gutgetan; er blickte frisch und mutig ins Leben und wuchs schön und -kräftig heran. - -„Nur noch ein Jahr“, sagte er oft zu Ännchen, „dann bin ich siebzehn; -dann geht’s fort in die weite Welt! So wein’ doch nicht; ich komme ja -wieder! Draußen werd’ ich schnell ein Mann, verdiene viel Geld, kauf’ -mir eine Mühle und hol’ euch alle zu mir.“ - -Zu solchen Luftschlössern lächelte Ännchen wehmütig. Sie konnte sich -gar nicht dazu aufschwingen, denn eine schwere Sorge lastete auf ihrem -Herzen, die Sorge um die liebe Mutter. - -Frau Marie war bis zu jenem entsetzlichen Unglückstag immer frisch und -blühend gewesen. Aber der furchtbare Schrecken so kurz nach der Geburt -des Kindes, der Tod des lieblichen Knaben und der jahrelange Kummer um -den gefangenen Mann hatten ihre Gesundheit untergraben. Matt und elend -war sie seitdem gewesen, hatte aber in selbstloser Sorge für die andern -nur wenig darauf geachtet. Der böse Husten, der sie im kalten Winter -oft quälte, ward immer wieder gelindert durch einen Tee aus heilsamen -Waldkräutern, und im Sonnenschein meinte sie stets, sie sei nun wieder -ganz gesund. In diesem Jahre aber ward es anders. Schon im Winter hatte -sie wochenlang das Bett nicht verlassen können; jetzt ging sie zwar -umher und griff die Arbeit an, mußte sie aber oft wieder liegen lassen, -von unbesiegbarer Schwäche übermannt. - -Ännchen rührte ja emsig die kleinen Hände; auch Tobi, der alles -verstand, kochte wunderbare Gerichte und stand mit hochaufgestreiften -Ärmeln am Waschfaß. Dennoch konnten beide die Mutter nicht ersetzen. -Bald legte sich die Sorge um sie schwer auf aller Herzen; Christophs -Stimmung aber ward durch diese Sorge wieder finsterer und trüber als -je. Es war nicht seine Art, die warme, ja heiße und leidenschaftliche -Liebe, die er im Herzen trug, zu zeigen. So wußte auch Frau Marie -nicht, wie oft er sie beobachtete, wie weh es ihm tat, sie so matt und -bleich und dabei doch geschäftig und treusorgend zu sehen. - -Dreizehn Jahre waren vergangen seit jenem Schreckenstag; neun Jahre -lebten sie nun schon vor aller Welt verborgen. War es nicht Zeit, sich -wieder hinaus zu wagen unter freundliche, mitfühlende Menschen? Die -Frau müßte es besser und bequemer haben! Ein Arzt könnte ihr vielleicht -helfen! Und das Kind? Ach, es würde bald kein Kind mehr sein! War wohl -dies einsame Tal der rechte Ort für ein heranblühendes Mägdlein? Selbst -wenn es immer noch gefährlich wäre, sich im Salzburger Land offen sehen -zu lassen, so war doch die Grenze nahe und leicht zu erreichen. Ein -starker Mann wie er fand wohl überall Arbeit und Brot für sich und die -Seinen. - -Tag und Nacht bewegte er solche Gedanken in seinem Herzen, und war oft -nahe daran, zu sagen: „Kommt, laßt uns in Gottes Namen aufbrechen in -dieser schönen, warmen Sommerzeit und wieder unter Menschen gehen.“ -Aber plötzlich überfiel ihn die finstere Scheu, die in den vier langen -Kerkerjahren in seine Seele gezogen, und er konnte das Wort nicht -aussprechen. Ach, er meinte, draußen müsse ihm jeder ansehen, wie -man ihn damals niedergeworfen, wie einen Hund gepeitscht und grausam -gemartert hatte! - -Der Sommer verging, und das entscheidende Wort war nicht ausgesprochen -worden. Es fing zeitig an, rauh und kalt zu werden; der Sturmwind -schüttelte das Laub von den Bäumen und jagte düstere Wolken über den -Himmel. Bleich und fröstelnd saß Frau Marie eines Abends in der Hütte, -mit schwacher Hand den feinen Faden spinnend. Ännchen bereitete am -Herd die Abendkost, obgleich es noch nicht die gewohnte Zeit war. -Ach, Christoph war ja seit dem frühen Morgen fort; wie hungrig würde -er heimkehren! Beim Dunkelwerden hatten Tobi und Friedel die Mühle -geschlossen; sie wuschen sich den Mehlstaub von Gesicht und Händen und -wechselten die Mahlkittel mit den warmen wollenen Jacken. - -Da fuhren sie beide erschreckt zusammen; sie hatten ganz nahe im Walde -einen Schuß gehört. Der Schall kam von der Schlucht her, in der der -Mühlbach strömte. Friedel faßte sich schnell. „Er ist’s wohl selber“, -sagte er. „Hat vielleicht dem Iltis aufgelauert, der neulich zwei -Hühner totgebissen.“ Als sie aus ihrem Kämmerlein traten, kam ihnen -die Frau mit dem Kinde schon entgegen, und nun fing auch der Hund an -zu knurren und zu bellen, und rannte endlich in großen Sprüngen die -Schlucht hinauf. Unschlüssig standen sie. Sollten sie ihm folgen? Der -Talmüller konnte es gar nicht vertragen, wenn man ihn im Jagdvergnügen -störte. Aber jetzt kam der Hund wieder, sprang winselnd an Friedel in -die Höhe und zerrte Tobi an der Jacke. - -„Er will uns holen; es ist ein Unheil geschehen“, flüsterte der kleine -Mann dem Knaben zu. - -„Geh’ hinein, Mutter“, bat Friedel; „der scharfe Wind tut deiner Brust -weh. Gleich bringen wir dir Kunde!“ - -Eilig folgten sie dem aufgeregten Tier. Ach, sie hatten nicht weit zu -gehen, da stand der Hund und stieß ein jämmerliches Geheul aus! Beim -Mondenlicht, das eben durch die Wolken brach, sahen sie den Talmüller -im hohen, halbverwelkten Waldgras liegen. Er regte sich nicht. Friedel -war ganz starr vor Schreck; Tobi aber kniete bei seinem geliebten Herrn -nieder und fühlte an sein Herz und seine Hände. „Es ist noch Leben in -ihm“, flüsterte er. „Schöpf’ Wasser in die hohle Hand und netz’ ihm die -Stirn!“ - -Wieder und wieder sprang der Knabe zum nahen Bach. Sie netzten ihm auch -die dürren, brennenden Lippen; aber ach, als sie versuchten, ihn empor -zu richten, merkten sie, daß das Blut aus der rechten Seite rieselte. -„Faß an, Bub!“ gebot Tobi. „Wir müssen ihn heimtragen. Es +muß+ gehen!“ -Und es ging mit Aufbietung aller Kräfte. - -Halbwegs kamen ihnen schon die Frau und das Mägdlein entgegen; sie -hatten’s drinnen nimmer ausgehalten. Laut jammerte Ännchen; die Frau -aber sprach nur leise: „Es mußte so kommen! O mein Christoph, Gott gebe -dir nur ein seliges Ende!“ - -Schon auf dem kurzen Weg hatte er mehrmals schmerzlich gestöhnt; als -sie ihn aufs Bett legten, schlug er die Augen auf, sah wirr um sich, -hielt aber die Hand der Frau fest in der seinen. - -„Es war kein Hirsch“, sprach er ganz leise und mühsam, „nur ein kleines -Reh. -- Es sollte das letztemal sein. -- Du hast mich so oft gebeten, -es zu lassen. -- O sag’, hat der Heiland auch diese Sünde getragen?“ - -„Alle, alle Sünden hat er getragen! O, glaub’ es nur fest! O, halt’ -dich nur ganz allein an ihn! Aus Gnaden nimmt er deine müde Seele in -den Himmel!“ - -Er lächelte, und ein Freudenschein flog über das totenbleiche Antlitz; -dann sank er wieder in Betäubung. Gern hätten sie ihn ausgezogen und -die Wunde verbunden; doch machte ihm jede Bewegung solche Schmerzen, -daß sie davon abstehen mußten. Das Blut hatte aufgehört zu fließen, -aber den erstarrenden Gesichtszügen sah man an, daß das Ende ganz nahe -war. Er hörte nichts mehr, hatte aber die Hände gefaltet und sprach -ganz leise noch einmal den Namen „JEsus“. Dann folgte ein schwerer -Kampf der starken Natur, und endlich ward es ganz stille. Betend -knieten sie um das Lager her, während sich die oft so schwer gequälte -Seele zu Gott emporschwang. - -Nun war es vorüber! -- Tobi und die Kinder weinten bitterlich; Marie -aber küßte die erkaltete Stirn und sprach: „So ruhe, mein Christoph, -nach deinem schweren Leben! Ich folge dir bald ins Himmelreich; denn -für dich habe ich gelebt, mit dir habe ich gelitten, mit dir möchte ich -auch sterben!“ - -Da fiel ihr das Ännchen jammernd um den Hals und bat sie gar beweglich, -noch bei ihr zu bleiben. Sie liebkoste es zärtlich, erwiderte aber -nichts auf die kindliche Bitte. Dann zog sie Friedel an sich und -sprach: „Du bist Gottes Werkzeug gewesen, daß diese Seele zum Frieden -eingehen konnte. Du brachtest uns das göttliche Buch ins Haus. Gott -segne dich dafür!“ - -Am andern Morgen trug der Knabe die Trauerkunde zum Franzl am Stein. -Der kam selbst, um den Einsamen mit Rat und Tat beizustehen. Auf der -Waldwiese neben Friedels Großvater begruben sie den armen Christoph. -Dann saßen sie traurig beisammen in der Hütte. - -Wer mochte wohl die tödliche Kugel abgeschossen haben? War’s ein -Jäger des Edelmannes gewesen oder ein Späher des Erzbischofs? Es war -nutzlos, darüber zu grübeln; wer einen Wilddieb niederschoß, dem konnte -man nichts anhaben. - -„Mit der Talmühle ist’s nun vorbei“, sagte der Franzl. „Ihr kommt alle -auf meinen Hof; ihr braucht euch ja nicht zu verstecken. Der Tobi -ist nun ein freier Mann und kann hinziehen, wo er will; einen guten -Zehrpfennig geb’ ich ihm gern.“ - -„Daraus wird nichts, Bauer!“ sprach der treue Knecht fest. „Wenn in -Euerm Haus kein Raum für mich ist, leg’ ich mich zum Vieh in den Stall. -Bin ja in einem Stall geboren, just wie das Christkindlein. Meine -Mutter war ein elend Bettelweib! Aber wo die Frau bleibt und das Kind, -da bleib’ auch ich!“ - -„Und sollst’s gut haben, du treuer Mensch!“ sprach Franzl gerührt. -„Euch aber, Talmüllerin, sollen meine Töchter wohl pflegen, daß ihr -wieder gesund werdet und neuen Mut fasset.“ - -Dankbar reichte ihm die Witwe die Hand, sah ihn aber mit einem Blick -an, den er nicht mehr vergaß, und der ihm einen schmerzlichen Seufzer -auspreßte. - -Bald begann der Auszug, der nicht so schnell vonstatten ging. Mutter -und Töchterlein nahm Franzl gleich mit, daß sie von ihrem Jammer -ausruhen möchten. Tobi und Friedel aber machten den Weg durch den -verborgenen Felsengang noch gar oft, ehe alles Vieh, und was sonst -des Fortbringens wert war, auf den Steinhof geschafft war. Etliches -wertlose Hausgerät ließen sie zurück; denn Tobi sagte, es könne ihn -wohl einmal die Lust anwandeln, eine Weile hier zu hausen, um der alten -Zeit zu gedenken. - -Auch die Mühle klapperte noch fleißig, bis alles Korn gemahlen war, -das die Hüttenleute liegen hatten. Sie sollten erst im nächsten Jahre -erfahren, daß der Wandermüller nichts mehr holte. Als der letzte Sack -mit weißem Mehl gefüllt war, nahm Tobi eine Axt und schlug das Gangwerk -entzwei. Dann sprach er zu Friedel: „Komm, ich will dir was zeigen. -Heute geht’s noch; morgen gibt’s vielleicht schon viel Schnee.“ - -Er führte ihn durch den Wald zum steilen Seeufer und zeigte ihm eine -Stelle, wo ein gewandter Kletterer wohl hinabsteigen konnte. „Sieh’“, -sagte er, „wer hier heruntersteigt und auf dem schmalen Streif Ufersand -hingeht, kann dort drüben am niederen Ufer leicht emporklimmen und zu -dem Häuslein gelangen, das du so oft gesehen hast. Es ist das letzte -Haus eines großen Dorfes. Oben herum führt kein Weg ans andere Seeufer; -die Felsen sind so tief zerklüftet, daß kein Mensch darüber kommt. Oft -ist auch der See so hoch, daß er bis an die Felsen spült; da darfst -du’s nicht versuchen. Wer weiß, wozu du’s noch brauchen kannst! Ich -hätt’ dir’s längst gezeigt, aber der Christoph hat’s nicht gewollt, -damit dich die Wanderlust nicht einmal übermanne. Das Dorf heißt -Windeck, weil’s dem Sturm arg ausgesetzt ist.“ - -Nun gingen sie zurück, beteten noch einmal an den Gräbern, packten -ihren letzten Kram zusammen und sagten, nicht ohne Abschiedsschmerz, -dem einsamen Tal Lebewohl. Zur rechten Zeit war alles vollendet -worden, denn der Winter brach nun mit Ernst herein und brachte -ungewöhnlich viel Schnee. - -Die Familie auf dem Steinhof hatte zur Winterszeit sehr wenig, ja fast -gar keinen Verkehr mit den übrigen Talbewohnern, so daß niemand von den -Gästen wußte, die dort eingekehrt waren. - -Tobi und Friedel fanden sich schnell in der neuen Heimat zurecht. -Tobi war, wie immer, jedermanns Knecht, tat alles, was sonst niemand -gern mochte, und ward bald der Liebling der Kinder, denen er Märchen -erzählte und allerlei Spielzeug schnitzte. Dagegen blieben Frau Marie -und ihr Töchterlein recht still und scheu. Ihre tiefe Trauer paßte -nicht in das lebhafte Getriebe des großen Haushaltes; Einsamkeit war -ihnen ja zur Gewohnheit geworden. - -Dazu kam, daß Maries Krankheit zunahm, als strenge Kälte eintrat und -wilde Stürme das Haus umtobten. Da räumte man ihr das sogenannte -Auszüglerstübel ein, das, entfernt von den großen, belebten Räumen, -in einem Winkel des Hauses lag. Es war ein freundlicher, heizbarer -Raum, in dessen Fenster die milden Strahlen der Wintersonne fielen. -Man stellte ihr den alten Hausrat hinein, den man von der Talmühle -herübergeschafft, damit sie sich recht heimisch fühle; bereitete ihr -aber ein so gutes Bett, wie sie ihr Lebtag nicht gehabt. - -Dort saß sie emsig spinnend, oder mit den schwachen Händen die Kleider -der Hausgenossen flickend. Ännchen wäre am liebsten gar nicht von -ihrer Seite gewichen, wenn sie es nicht selbst zuweilen fortgeschickt -hätte, um in der Küche zu helfen, ein Spiel mit den Kindern zu machen -oder ein wenig frische Luft zu schöpfen. Friedel war ein häufiger Gast -im Auszüglerstübel. Dann saßen die drei zusammen wie ehemals in der -Talmühle, lasen Gottes Wort, sangen die lieblichen Lieder, und redeten -von vergangenen Tagen oder von frohen Zukunftsplänen. - -Zu den letzteren hatte Marie nur ein stilles Lächeln, denn sie fühlte -wohl, daß ihre Zukunft nicht auf Erden lag. Die Kinder aber meinten, -die kräftigen Suppen, die gute Milch und der stärkende Wein, den man -ihr täglich brachte, würde sie gewiß wieder gesund machen. - -Bald aber kam die Zeit, da die fleißigen Hände der Talmüllerin ruhen -mußten und sie nur noch selten ihr Lager verlassen konnte. Woche auf -Woche verging; der Winter neigte sich zu Ende, und mit ihm schienen -auch ihre Kräfte zu schwinden. Franzls erfahrener Blick sah wohl, daß -hier kein Arzt helfen könnte; sonst hätte er die Kosten nicht gescheut, -einen aus der Stadt holen zu lassen, sobald die Wege wieder gangbar -wurden. - -Eines Tages trat er ans Bett der Kranken, als sie allein war, und -sprach: - -„Gute Frau, der hohe Schnee, der das Tal versperrte, ist stark -zusammengeschmolzen, aber noch einmal hart gefroren, so daß man wohl -bis zum Kirchlein gelangen kann. Wollt Ihr, daß Euch der Priester -besuche und das Sakrament reiche? Er mag denken, Ihr seid ein Gast aus -dem Niederland, wo ich viel Freundschaft habe.“ - -„Habt Dank für Eure Sorge“, erwiderte die Frau, „aber ich wünsche -es nicht. Er würde es mir doch nicht so reichen, wie es der Heiland -befohlen hat.“ - -„Was sprecht Ihr da? Seid Ihr denn eine Ketzerin?“ - -„Gewiß nicht; ich bin nur eine Christin. Ich halte mich fest an das, -was in diesem Buch geschrieben steht!“ Damit zog sie die Bibel, die, -mit einem Tuch bedeckt, auf dem Tisch neben ihrem Bette lag, hervor und -reichte sie ihm hin. - -Franzl hatte keine Ehrfurcht vor seinem Priester, dessen müßiges, oft -anstößiges Leben ihm ärgerlich war. Nur selten besuchte er mit den -Seinen die Kirche. Es hatte ihn tief empört, als der Erzbischof eine -so große Schar ehrbarer, fleißiger Leute aus dem Lande trieb um ihres -Glaubens willen. Er meinte, was einer glaube, sei im Grunde einerlei; -wenn er nur brav und ordentlich lebte. Darum war er auch gegen den -Talmüller und gegen Friedel freundlich gewesen, obgleich sie den -Pfaffen bitter feind waren. Dennoch erschrak er nicht wenig, als man -ihm im eigenen Hause das Buch zeigte, das so arg verpönt und streng -verboten war in der Kirche, zu der er doch noch gehörte. - -„Wißt Ihr, was ich damit tun sollte?“ fragte er die bleiche Frau. „Ins -Feuer sollt’ ich’s werfen; denn es stehen gefährliche Dinge darin, die -zu lesen bei strenger Buße verboten ist.“ - -„Ihr werdet es nicht tun!“ erwiderte die Kranke ruhig. „Denn es ist -Friedels Eigentum, dessen Kirche ihm sogar gebietet, es mit höchstem -Fleiß zu lesen. Und wenn Ihr’s tätet, könntet Ihr mir die köstlichen -Sprüche, die ich daraus gelernt, und die mir wie Leitsternlein auf -meinem Todesgang leuchten, nicht aus dem Herzen reißen. Auch könntet -Ihr’s nicht ändern, daß mein Christoph dadurch den Himmel fand, daß -schon die beiden jungen Kinder ihren Heiland daraus kennen lernten!“ - -Wie fest und sicher sprach die sonst so demütige Frau! Nun hätte -Franzl, der einen wißbegierigen Sinn hatte, schon längst gerne gewußt, -was wohl so Gefährliches in diesem Buche stehen mochte. Und jetzt hielt -er’s in der Hand! - -Vielgebraucht, abgegriffen, mit allerlei wollenen Faden und kleinen -Läppchen als Merkzeichen versehen, war es der größte Schatz einer -Sterbenden, die in ihrem leidvollen Leben nichts als Liebe, Treue und -stille Geduld bewiesen hatte! - -„Nun, ich mag nicht darüber urteilen, ehe ich es kenne“, erwiderte der -Alte. „Wollt Ihr mir’s manchmal ein wenig leihen? Die Zeit wird mir -lang in den Wintermonaten.“ - -„Holt es Euch, so oft Ihr wollt; möge Gott Euer Herz öffnen! Aber am -Morgen muß ich es haben; da kommt Friedel zu mir und liest mir so -herrlich vor. Zum Selbstlesen fehlt mir oft die Kraft.“ - -Der Franzl am Stein war ein sehr braver Mann, und hatte von Jugend auf -ein ehrbares, ja ein tadelloses Leben geführt. Und doch wandte sich -sein Herz lange nicht so schnell dem süßen Gotteswort zu, als das von -Leidenschaft durchtobte Herz des armen Talmüllers. - -Zur Verwunderung der Hausgenossen saß er jetzt oft in dem warmen -Winkel hinterm Kachelofen, ins Lesen eines alten Buches vertieft, das -noch keiner bei ihm gesehen. Vor neugierigen Fragen war er sicher; -sie hätten dem Frager nichts Gutes eingebracht bei der strengen Zucht -jener Zeit und dem hohen Ansehen, in dem der Hausherr stand. Das Buch -fesselte ihn unendlich, obgleich ihm keineswegs alles darin gefiel. -Er war auf die Geschichten Abrahams gekommen, in denen ein großes -Merkzeichen lag. Sie behagten ihm ausnehmend. Er kam sich selbst wie -ein Erzvater vor, als hochgeehrtes Haupt eines großen Hausstandes, -reich an Vieh und allerlei Gut. Aber warum mußte diesem frommen Manne -sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet werden? Warum war gerade dieser -Spruch mit einem dicken Strich bezeichnet, als sei er etwas Besonderes? -War Abraham nicht schon von selbst gerecht? Ei, was war er für ein -frommer Mann, Gott gehorsam bis zum Allerschwersten! Bald fand er auch -die Evangelien, und las zum erstenmal in seinem langen, langen Leben -die süße Botschaft vom Sünderheiland. Sehr, sehr wenig hatte er in -seiner Kirche von ihm gehört und nichts so recht im Zusammenhang. Aber -er merkte gleich, daß Christus in diesem Buch ganz anders abgemalt war, -als ihn der Priester darstellte, wenn er ja einmal von ihm redete. -Nicht als schrecklicher Richter, nicht als unnahbarer Himmelskönig trat -jetzt der Gottessohn vor seine Seele, sondern als milder Freund der -Kranken, Schwachen, Armen und Kleinen, besonders als Freund der Sünder! --- Aber dieses so trostreiche Bild, das den wilden Christoph sogleich -mächtig angezogen, stieß den tugendhaften, im ganzen Tale hochgeehrten -Franzl ab. Ein Sünder war er doch gewißlich nicht! Er hatte von Jugend -auf ehrbar, fleißig und gottesfürchtig gelebt; was er etwa versehen, -das war ja reichlich gesühnt durch manche Widerwärtigkeit, die ihm -begegnet, und gutgemacht durch die vielen Wohltaten, die er nicht nur -seinen Glaubensgenossen, sondern allen Armen und Bedrängten erwiesen, -die ihm in den Weg kamen. Und doch mußte er immer von neuem lesen und -nachdenken; er konnte nicht anders! - -Zuweilen setzte er sich ans Bett der kranken Frau, um mit ihr über das -Gelesene zu sprechen. Aber er konnte nicht mit ihr fühlen. Sie war ihr -Lebtag arm, verachtet, von Trübsal heimgesucht gewesen; er dagegen -angesehen und von Wohlstand umgeben. Dennoch bewunderte er die Ruhe, -die Freudigkeit, mit der sie ihr Leiden trug und dem Tode ohne alle -Furcht entgegensah. - -In großer Schwachheit und quälender Atemnot lebte sie bis zum März. -Dem strengen Winter war ein zeitiges, schönes Frühjahr gefolgt. Der -Schnee war längst geschmolzen. Sonnenschein und warmer Wind hatten das -Erdreich getrocknet; schon dufteten die ersten Märzveilchen am Bette -der Kranken. Friedel hatte sie ihr gebracht. Sie verlangte, allein mit -ihm zu sprechen, und er beugte sich über sie. - -„Mein Sohn“, sprach sie mit leiser Stimme, „öffne dort meinen -Kasten. Ganz unten wirst du einen Beutel mit Geld finden, der ist -dein Eigentum. Wir fanden ihn damals in deines Großvaters Bündel und -verwahrten ihn gleich für dich. Nun soll es dein Wanderpfennig sein.“ - -Mit leichter Mühe fand der Knabe den Beutel. „O Mutter“, sprach er, -„wie unendlich viel habt Ihr für mich getan, mich armen Fremdling -jahrelang gespeist und getränkt, und gar noch das Geld für mich -bewahrt! Wie soll ich Euch danken?“ - -„Du hast uns reichlich gedankt durch Liebe und Treue und durch das -teure Bibelbuch. Und nun bitt’ ich dich: Laß es dem Ännchen, wenn du -wanderst! Aber versprich mir, daß du dir ein neues kaufst, sobald du in -ein evangelisch Land kommst.“ - -„Ich verspreche es, Mutter“, erwiderte Friedel mit tiefem Ernst. -„Keinem würd’ ich das Buch lassen, aber dem Ännchen laß ich es gern; -fürs Ännchen laß ich auch mein Leben!“ Dann kniete er am Bett nieder -und bat: „O Mutter, höre mich an und verstehe mich recht! Ich hab’ was -auf dem Herzen. Aber erst sag’: Mußt du denn wirklich sterben?“ - -„Ja, mein Kind! Gott ruft mich, und ich folge mit Freuden, wenn auch -mit schwerer Sorge um mein Ännchen.“ - -„Ach“, seufzte der Knabe, „ich sollte wohl hierbleiben und das Ännchen -schützen, und ich kann doch nicht! Ich muß fort; ich muß zu meines -Glaubens Genossen! Es zieht mich mit aller Macht zu ihnen. Und sieh, -Mutter, zwischen mir und dem Ännchen ist’s nicht mehr wie ehedem. Es -läßt sich nicht mehr zur Gutenacht küssen wie in der Talmühle; es setzt -sich nicht mehr neben mich, wenn wir uns um den Herd sammeln. Und doch -fühl’ ich, o Mutter, ich fühl’ es so heiß, daß ich das Ännchen immer, -immer liebhaben muß mein Leben lang! Darum will ich dich leise, ganz -leise was fragen.“ - -Er schlang die Arme um ihren Hals und flüsterte, tief errötend, einige -Worte in ihr Ohr. Ein mildes Lächeln flog über die abgezehrten Züge. -Sie legte die Hand auf das Haupt des Jünglings, der jetzt am Bett -kniete, und sprach: - -„In Gottes Namen, mein lieber Sohn, wenn es sein Wille ist! Ja, ich -sehe es im Geist. Er wird dich sicher zurückführen und alles wohl -vollenden!“ -- - -Noch wenige Tage; dann kam das Ende. Ganz schmerzlos, sanft und -stille schlummerte sie ein, mit gefalteten Händen, ohne jeden Kampf. -Nur Friedel und Ännchen waren bei ihr; Franzl war leise eingetreten, -unbemerkt von den Kindern. Das Mädchen weinte bitterlich; Friedel aber -betete mit gedämpfter Stimme: - - „In Christi Wunden schlaf’ ich ein, - Die machen mich von Sünden rein. - Ja, Christi Blut und Gerechtigkeit, - Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid; - Damit will ich vor Gott bestehn, - Wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.“ - -Indessen stand der Atem still; und die Seele, die so viel gelitten, -schwang sich empor in Christi Arm und Schoß. -- - -Am Abend rief Franzl den Friedel in seine eigene Kammer, hieß ihn an -den Tisch sitzen, wo das Schreibgerät stand, und sprach: - -„Schreib’ mir den Vers auf, den du am Sterbebett gebetet.“ -- - -Wo soll man die selig Entschlafene zur Ruhe bringen? Diese Frage machte -dem Franzl viel zu schaffen. Auf den Kirchhof konnte man sie nicht -begraben, ohne daß der Priester davon erfuhr, und dann würde allerlei -an den Tag kommen, was am besten verschwiegen blieb. Was hinderte es -aber, sie neben ihren Christoph zu legen! Waren nicht Männer genug im -Hause, die sich beim Tragen der ohnehin nicht schweren Last abwechseln -konnten? - -So kam es, daß zwei Tage später ein stiller Trauerzug durch den -Felsengang schritt und nach mühsamem Abstieg ins verlassene Tal kam, -wo die Waldbäume schon anfingen, zarte Blätter zu treiben, das Gras -grünte und hier und da ein Vogelstimmlein laut ward. Freundlich schien -die Sonne auf die einsamen Gräber, denen nun ein drittes beigesellt -ward. Als der Hügel aufgeschüttet war, und Ännchen ein Kränzlein von -Frühlingsblumen darauf gelegt hatte, falteten alle die Hände zum -stillen Gebet. - -Ännchen hatte sich heute auf dem beschwerlichen, traurigen Weg von -Friedel führen und stützen lassen wie ehemals, als sie noch Kinder -waren. Jetzt stand sie neben ihm, still und gefaßt, den Blick zum -Himmel gerichtet. Leise begann sie zu singen, und Friedel stimmte mit -klaren Tönen ein: - - „O Jerusalem, du Schöne! - Ach wie helle glänzest du! - Ach wie lieblich Lobgetöne - Hört man da in sanfter Ruh’! - O der großen Freud’ und Wonne! - Jetzund gehet auf die Sonne, - Jetzund gehet an der Tag, - Der kein Ende nehmen mag. - - Ach, ich habe schon erblicket - Diese große Herrlichkeit! - Jetzund werd’ ich schön geschmücket - Mit dem weißen Himmelskleid, - Mit der goldnen Ehrenkrone - Steh’ ich da vor Gottes Throne, - Schaue solche Freude an, - Die kein Ende nehmen kann.“ - - - - -6. In die weite, weite Welt. - - -Obgleich Friedels Trauer um die freundliche Talmüllerin, die wie -eine Mutter an ihm gehandelt, tief und aufrichtig war, ward doch die -Sehnsucht nach einem freien Wanderleben täglich stärker in seiner -Seele. Noch wenige Wochen, dann sollte es fortgehen in die weite -Welt! Nur eine Sorge lastete noch auf seinem treuen Herzen. Ännchen -paßte nicht recht zu dem jungen Volk auf dem Steinhof, das so lustig -und leichtsinnig ins Leben schaute und mit dem schüchternen, ernsten -Mägdlein nichts anzufangen wußte. Es tat ihm weh, es so einsam in einem -Winkel sitzen zu sehen, emsig spinnend oder nähend, während die andern -am Feierabend allerlei Kurzweil trieben, lustige Liedlein sangen und -einander neckten und hänselten. Wenn er sich zu ihr setzte, ward sie ja -hold und freundlich, lächelte aber doch wehmutsvoll über seine goldenen -Zukunftspläne. Ach, wenn er fort war, würde sie nur Tobi zum Freund -und Beschützer haben, der doch als Knecht gehalten ward und nur zum -Essen ins Haus kam! Auch war’s dem Friedel nicht entgangen, daß Peter, -der zweite verheiratete Sohn des Hauses, ein etwas mürrischer Mensch -mit stechenden, dunklen Augen, ihn und das Mägdlein von Anfang an -mißgünstig angesehen hatte. - -Da war’s ihm ein großer Trost, daß dem Kinde recht bald nach dem Tode -der Mutter ein starker Beschützer auftauchte, nämlich der alte Hausherr -selbst. Bisher hatte er das Mädchen wenig beachtet; jetzt strich er ihm -oft mit der Hand übers Goldhaar, sprach ihm freundlich zu und fragte, -ob man es auch ordentlich versorge mit Speise, Trank und Kleidung. -Endlich kam es so weit, daß Ännchen ihm allerlei kleine Dienste -leisten durfte, und er sie gerne bei sich behielt, wenn die andern -zur Feldarbeit auszogen, an der er, seines Alters wegen, nicht mehr -teilnahm. Aber in dem schönen Garten hinterm Hause, wo man Obstbäume, -Blumen und allerlei Küchenkräuter zog, arbeitete er noch rüstig, und -wer ihm dabei helfen mußte, ward von niemand beneidet, da man’s ihm -schwer zu Dank machen konnte. Darum waren’s alle zufrieden, daß er sich -dies Jahr das stille fremde Mädchen zur Gehilfin wählte. Ännchen bewies -sich so emsig, gehorsam und geschickt, daß sie nur immer Lob von dem -Alten erntete. Ruhten sie dann auf der Bank unterm Apfelbaum, um das -Vesperbrot zu essen, so führten sie gar ernstes Gespräch miteinander. -Nicht selten brachte der Mann auch das Buch heraus, das er vor den -Söhnen verborgen hielt, und das Kind mußte ihm vorlesen. Es tat es mit -süßer Stimme und tiefem Verständnis. - -So standen die Dinge, als im wunderschönen Monat Mai Joseph und Friedel -ihre Ranzen schnürten, die Wanderstäbe ergriffen und dem Steinhof -Lebewohl sagten. - -Joseph schied leichtherzig; sein Ziel war eine Stadt an der Donau, -wo sein Oheim wohnte, in dessen Hause er ein lustig Leben zu finden -hoffte. Friedel aber wanderte ins Ungewisse, denn ein gut Stück weiter -mochte das Preußenland wohl sein. Ach, und wie wollte ihm das Herz -zerspringen beim Abschied von Ännchen! Bleich und still reichte sie ihm -die Hand, litt es auch, daß er ihre Stirn küßte, was er lange nicht -mehr gewagt. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht und lief eilend -davon. „Sei getrost, braver Bub“, sprach Franzl zu ihm, „ich bewahre -sie dir!“ - -Als sie nun, von dem jungen Volk geleitet, zum Hof hinauszogen und -zwischen grünenden Feldern hinwanderten, blickte Friedel noch einmal -zurück. Da stand oben auf der schmalen Felsplatte, von wo er einst -zum erstenmal das Tal überblickt, eine feine Mädchengestalt. Ein -Sonnenstrahl fiel auf ihr Goldhaar, denn sie hatte das Kopftüchlein -abgenommen und winkte ihm damit den Abschiedsgruß zu. - -Als die Wanderburschen das schöne Tal hinter sich gelassen hatten, -durchzogen sie stundenlang recht öde Gegend, sahen verfallene Hütten, -brachliegende, mit Gestrüpp bewachsene Felder und ganz verwilderte -Gärten. - -Es waren verlassene Wohnstätten der vertriebenen Lutheraner; und das -frevelhafte Wort des Erzbischofs: „Lieber sollen in meinem Lande nur -Dornen und Disteln wachsen, ehe ich einen Ketzer drin dulde“, war hier -schon in Erfüllung gegangen. - -Am nächsten Tage überschritten sie die Grenze und kamen nach Bayern. -Allmählich ward das Land weniger gebirgig und wäre wohl ungemein -fruchtbar gewesen, wenn nur das Landvolk Zeit und Mut gehabt hätte, -es recht ordentlich zu bebauen. Aber ach, es war damals in ganz -Deutschland böse Zeit für das Volk, besonders für die Bauern! Nur -wenige saßen im Wohlstand auf eigenem Grund und Boden, die meisten -hatten ihr bißchen Land von einem Edelmann gepachtet. Da nun zu jener -Zeit die Fürsten meist in Saus und Braus, ja sogar in Wollust und -unsinniger Verschwendung lebten, machten’s die Edelleute ihnen nach, -und plagten und drückten die armen Bauern nach Herzenslust, so daß -keiner zu einigem Wohlstand gelangen konnte. Der damalige Kurfürst von -Bayern fütterte seine zahllosen Jagdhunde mit viel besseren Speisen, -als die Landleute auf ihrem Tische hatten. - -So trafen auch die beiden Wanderburschen fast überall Mutlosigkeit, -Armut und dazu die größte Unwissenheit an. Allzu freundlich waren die -Leute auch nicht; besonders Friedel ward oft scheel angesehen, weil -er sich nicht vor dem Kruzifix oder Heiligenbild bekreuzte, und die -Stirn nicht netzte aus dem kleinen Weihwasserbecken, das in keiner -Herberge fehlte. Dennoch gab’s manch lustige Wanderung durch grünen -Wald und blumige Wiesen, und viel Schönes zu sehen in den Städten, -die sie durchzogen. In einer derselben ward eben Jahrmarkt gehalten. -Da konnte sich’s Friedel nicht versagen, ein seidenes Tüchlein und -ein Silberkettchen für Ännchen zu kaufen, so sehr auch Joseph darüber -lachte. Wohleingewickelt barg er’s in seinen Ranzen. Würde er ihr es -wohl jemals umhängen? - -Zuweilen trafen sie auch einen Fuhrmann, der mit hochbeladenem -Frachtwagen die rauhe, holprige Landstraße entlang zog, und ihnen gern -erlaubte, für ein paar Groschen ein gut Stück mitzufahren. - -Endlich ward das Land so eben und flach, wie es Friedel gar nicht für -möglich gehalten hatte, und eines Abends sahen sie von weitem die Türme -der Stadt P. Sie wanderten am Ufer eines großen Flusses, der hieß der -Inn, und meinten, einen größeren könnte es auf der ganzen Welt nicht -geben. Aber die Donau, an deren Strand sie endlich staunend standen, -war noch viel breiter, und die großen und kleinen Schiffe, die so -lustig einherschwammen, entzückten Friedel so sehr, daß er sich fest -vornahm, ein Stück auf dem Wasser zu fahren, sobald er allein sei. - -Mit einbrechender Nacht erreichten sie das Haus des Silberschmieds, -in dem behaglicher Wohlstand herrschte. In dem Briefe des Vaters, -den Joseph dem Hausherrn überreichte, mochte wohl auch Friedel der -Huld des stattlichen, selbstbewußten Mannes empfohlen sein, denn er -ward recht freundlich aufgenommen. Als sich’s aber zeigte, daß er ein -blutarmer Bursch, dazu auch ein Ketzer war, behandelte man ihn kühler, -und nach zwei sehr nötigen Rasttagen nahm er seinen Abschied. - -Recht frei und leicht war ihm zumute, daß er nun ganz sein eigener -Herr war, aber doch auch ein wenig beklommen. Über seinen Plan, nach -Preußen zu ziehen, hatte der Silberschmied nur gelächelt und die hohe, -stattliche Gestalt des Burschen mit so eigenem Blick betrachtet. „Sei -gescheit!“ hatte er gesagt. „Nimm Arbeit in deinem Handwerk, sobald -du sie findest, und verdiene dir ein gut Stück Geld; das ist die -Hauptsache.“ Ja, alle Leute taten, als ob das Geld das höchste Gut sei; -der Großvater und die Talmüllerin hatten ganz anders gesprochen! - -Behaglich schlenderte er noch ein wenig in der Stadt umher, die zwar -schöne Kirchen, aber enge, düstere Straßen hatte. O wie trübselig -mußte es sein, zwischen diesen altersgeschwärzten Mauern zu wohnen! -Es zog ihn mit Gewalt wieder hinaus in Freie. Schade, daß hier alles -katholisch war! Wie gern hätte er einmal wieder in einer Kirche gebetet -und gesungen, wie vor vielen Jahren als kleiner Knabe! Schon war er dem -Flußufer wieder nahe, da sah er ein bescheidenes Kirchlein auf einem -kleinen freien Platze. Die Tür war offen, und drinnen ward gesungen. -Horchend blieb er stehen. O, klang es nicht wie süßer Ton aus der -friedlichen Kindheit? Das Lied war ihm so bekannt, daß er hereintrat, -sich auf die hinterste Bank setzte und gleich aus Herzensgrund mit -einstimmte. Nun erschien ein alter, freundlicher Pfarrer auf der -Kanzel und sprach ganz in der Weise wie der gute Herr, bei dem er -zur Kinderlehre gegangen. Es wurde dem Jungen ganz heimisch in dem -einfachen, fast dürftigen Raum. Als der kurze Wochengottesdienst aus -war, faßte er sich ein Herz, wartete draußen auf den Pfarrer, trat mit -abgezogenem Hute bescheiden auf ihn zu und fragte: - -„Ich bitt’ schön, ehrwürdiger Herr, wo führt denn hier der Weg ins -Preußenland? Ist’s nimmer weit dahin?“ - -Verwundert und fast unwillig blickte der Mann dem Burschen ins Gesicht. -Nein, der sah so kindlich, so treuherzig aus, der konnte keinen -albernen Scherz mit ihm treiben! - -„Mein Sohn“, erwiderte er, die lange Perücke schüttelnd, die er nach -damaliger Sitte trug, „da hast du einen weiten, gefährlichen Weg vor -dir! Sage, was treibt dich in solche Ferne?“ - -„Ach, ich bin ein Salzburger und vor vielen Jahren zurückgeblieben, als -der Erzbischof Firmian meine Leut’ aus dem Lande trieb. Nun bin ich -groß und stark und möcht’ ihnen nachziehen.“ - -„Hast du denn Zehrgeld?“ - -„O ja; der Beutel ist noch recht dick!“ entgegnete der Bursche, ihn aus -der Tasche ziehend. - -„Laß ihn nur stecken“, sprach der Pfarrer lächelnd. „Und zeig’ ihn -keinem ohne Not; hörst du? In unserm armen geplagten Bayernland -wimmelt’s von Landstreichern und Wegelagerern. Jetzt komm mit und iß -eine Suppe bei mir; dann wollen wir weiter reden.“ - -[Illustration] - -Nachdem sich Friedel in dem sehr bescheidenen Wohnstübchen des guten -alten Herrn gesättigt, und ihm die ebenso freundliche Frau Pfarrerin -einen Riß im Kittel zugenäht hatte, nahm ihn der Pfarrer in die -Studierstube, wo so viele Bücher an den Wänden standen, als der Junge -kaum in der ganzen Welt vermutet. Freimütig und kurz erzählte er dem -alten Herrn, wie’s ihm von klein auf ergangen, und wie ihn nun eine -mächtige Sehnsucht zu seinen Volks- und Glaubensgenossen treibe. Daß er -aber wieder zurückgehen wolle, wenn er eine gute Heimat gefunden habe, -um Tobi und Ännchen nachzuholen, das brachte er nicht über die Lippen. - -„Mein Sohn“, sprach der Pfarrer nach einigem Nachdenken, „deine -Schicksale sind wundersamer Art! Erzähle sie nicht so leicht einem -jeden; man würde dir schwerlich glauben. Bei mir ist dein Vertrauen gut -angebracht; ich weiß, daß Gott die Seinen oft verschlungene Wege führt. -Die Vertriebenen sind vom König von Preußen, der ein rauher, strenger, -aber frommer Mann ist, wohl aufgenommen und kräftig unterstützt worden. -Viele sind in Berlin und andern preußischen Städten geblieben; der -größte Teil aber ist weit, weit nach Osten gezogen, wo man ihnen Land -angewiesen hat. Der König hat große Summen Geldes zu ihrer Ansiedlung -gestiftet.“ - -„Dann will ich zum König nach Berlin gehen,“ sprach Friedel -entschlossen, „und ihn um den Weg fragen; vielleicht weiß er auch, wo -mein Pate Rudi geblieben ist.“ - -„Du bist ein rechtes Kind“, sagte der Pfarrer lachend, „und ganz und -gar weltfremd! Ein Bursch, wie du, kommt nicht so ohne weiteres zum -König. Dazu ist er alt und kränklich, wie man hört. Und doch möchte -ich dir helfen. Deine Treue und dein fester Sinn gefällt mir.“ Er -dachte eine Weile nach, setzte sich dann an den Tisch und begann zu -schreiben, ließ aber sogleich wieder davon ab und fragte: „Kannst du -lesen?“ - -„Freilich!“ - -„Auch Geschriebenes?“ - -„Sicher! Ich kann auch selber schreiben; hab’s nur seit Jahren wenig -geübt.“ - -„Sei froh! Hier im Bayernland hätten die meisten deiner Art mit Nein -geantwortet.“ - -Nun schrieb er ziemlich lange, faltete und siegelte einen Brief und gab -ihn dem Burschen. „Dieser Brief ist an einen Pfarrer in Berlin, der -mir wohlbekannt ist. Wenn dich Gott sicher so weit geführt hat, wirst -du leicht seine Wohnung erfahren, und er wird dir raten, was du tun -sollst. Auf diesen Zettel aber habe ich dir die Städte geschrieben, -durch die deine kühne Reise führt. Sieh, diese ersten liegen in Bayern, -diese nächsten in Sachsen; das ist ein lutherisch Land, da wird dir’s -gefallen! Bist du aber erst in Preußen, so kommen diese Orte dran -und zuletzt Berlin. Aber, aber, mein Junge! Denke nicht, daß dein -Beutelchen so weit reicht! Suche Arbeit und Verdienst, wo du’s findest, -nicht nur in deinem Handwerk. Glaub’ mir’s: Es kann ein Jahr vergehen, -ehe du dein Ziel erreichst; denn im Winter hört alles Wandern auf bei -den schlechten Straßen.“ - -„Das tut nichts“, erwiderte Friedel herzhaft; „wenn ich nur zuletzt -hinkomm!“ - -„Ja, wenn!“ sagte der Pfarrer nachdenklich und ging unruhig im Stübchen -auf und ab, als hätt’ er noch was auf dem Herzen. Endlich blieb er vor -seinem Gast stehen und sprach: „Junge, du bist gewachsen wie eine -Tanne, stark und geschmeidig dazu; nimm dich in acht, daß sie dich -nicht zum Soldaten machen!“ - -„Ei, das sollen sie fein bleiben lassen; ich bin ja ein Müller!“ - -„Das schützt dich nicht! Ich sage dir’s, hüte dich! Sitze nicht lang in -den Herbergen, trinke keinen Branntwein, und nimm ja von keinem Geld -an, es sei denn, daß du’s mit redlicher Arbeit verdient hast.“ - -Und nun erzählte er dem erstaunten Burschen, wie listig es die Werber -oft anfingen, einen zum Soldaten zu machen, und wie ihm kein Mensch -mehr helfen könne, wenn er einmal das Handgeld angenommen. - -Friedel hörte aufmerksam zu, verstand aber die Sache nicht ganz; sie -war ihm allzu fremd. Hingegen schien ihm hier der rechte Ort, eine -Bibel zu kaufen. Er erhielt sie aber sogar geschenkt und bedankte -sich recht aus Herzensgrund. Sie war kleiner und leichter als die des -Großvaters und beschwerte den Ranzen nicht sehr. - -Ein wenig nachdenklich, aber doch frohen Mutes schied Friedel von dem -guten Pfarrer, ging auf seinen Rat ans Flußufer und fand freie Fahrt -bis Regensburg auf einem mit allerlei Kaufmannsgut beladenen Schiffe. -Tüchtig rudern und manch andern Dienst tun mußte er freilich für sein -bißchen Essen und Trinken; doch tat er’s gern, denn er sehnte sich -danach, wieder was zu schaffen. Von Regensburg wanderte er wacker -nach Norden zu, und des Pfarrers Zettel war ein guter Wegweiser. Aber -recht einsam war’s doch, immer so allein seine Straße zu ziehen; -darum freute er sich, als sich einst ein ganz prächtiger Bursche zu -ihm gesellte, der just nach derselben Stadt wollte. Was wußte er für -lustige Lieder, und wie konnte er erzählen! Ein Landstreicher war’s -sicher nicht! Er hatte ja eine Feder auf dem Hut und silberne Schnallen -an den Kniehosen. Ganz vornehm mußte er sein, hatte schon mit Grafen -und Edelleuten zu Tisch gesessen! Aber der Sommertag war heiß, und -das weiche Gras am Waldesrand lud zur Ruhe ein. Sie streckten sich im -kühlen Schatten nieder und schliefen bald sanft und fest. Ja, Friedel -mochte wohl recht fest geschlafen haben, denn als er endlich erwachte, -die Augen rieb und sich nach dem schmucken Kumpan umsah, war er weg -und kam auf kein Rufen wieder. Aber der Schweiß rann dem Friedel von -der Stirn; die Sonne hatte den Weg zu ihm gefunden. Er fuhr in die -Tasche, um sein Tüchlein herauszuheben. Das war sicher drin; aber -der Geldbeutel, der dabei gesteckt, der war weg! O weh, o weh! Wer -hätte gedacht, daß ein Landstreicher so wacker plaudern könne und -samtene Hosen trüge! Ein Viertelstündchen saß der arme Bursch weinend -am Waldesrand, dann aber raffte er sich auf. „’s war ja nur schnödes -Geld“, sprach er; „bald kann ich’s wieder verdienen! Gut, daß ich den -Ranzen unterm Kopf hatte, sonst wär’ der wohl auch weg! Nun muß ich -arbeiten, und freue mich darauf; ’s Wandern kriegt einer auch satt! -Schadet nichts, wenn ein paar gute Jahre hingehen, ehe ich wieder -heimkomme. Ich und’s Ännchen sind ja noch viel zu jung zum -- --“ -Weiter kam er nicht, schnallte den Ranzen auf und marschierte wacker -vorwärts. - -Ein paar Tage später schaffte er schon in einer großen Mühle, wo es -noch viel für ihn zu lernen gab. Der Meister gewann ihn lieb und ließ -ihn den ganzen Winter nicht fort, da es im reißenden Flüßchen wenig Eis -gab und das Mühlwerk nur selten stillstand. Hier schrieb er einen Brief -an den Franzl und übergab ihn zaghaft der wundersamen Anstalt, die man -Post nannte. Freilich war alles ringsum katholisch; aber er hielt sich -still, las fleißig in seiner Bibel, mied das Wirtshaus, und in der -Arbeit tat es ihm keiner zuvor. - -Gern wäre er im zeitigen Frühjahr weiter gezogen, aber er mußte lange -warten, ehe die aufgetauten, bodenlosen Landstraßen wieder gangbar -waren. Dann setzte er seinen Stab weiter und kam glücklich bis ins -Sachsenland. Einen großen Schatz trug er in der Brusttasche, einen -Brief vom Franzl am Stein, unter den das Ännchen mit mühsam gemalten -Buchstaben einen kurzen Gruß gesetzt hatte. Er wickelte ihn mit dem -Tüchlein und der Kette zusammen, die er für Ännchen gekauft, und labte -sich an dem Anblick dieser Schätze, wenn ihm der Mut sinken wollte. -Denn ach, auch in Sachsen fand er das nicht, was er erwartet! Da es -ein lutherisches Land war, meinte er, es müsse so fein friedlich und -christlich zugehen, wie ehemals unter den frommen Salzburgern. O wie -anders fand er es! - -In Sachsen regierte damals August III., ein träger charakterloser -Mensch, der, wie sein Vater August der Starke, seinen Glauben -verleugnet hatte und katholisch geworden war. Während er nur seinem -Vergnügen lebte, trieb sein Minister, Graf Brühl, die sinnloseste -Verschwendung, so daß das arme Volk die schwere Last der Steuern -und Abgaben kaum ertragen konnte. Die Reichen aber machten’s meist -ihrem Fürsten nach, drückten und plagten die Armen und lebten dabei -in Wollust. Hart und streng hielten auch die Herren ihre Knechte, -die Meister ihre Gesellen. Trotzdem ging’s dem Friedel nicht allzu -schlecht. An Gehorsam war er von klein auf gewöhnt; Arbeit war seine -Lust, und ein hartes Wort nahm er nicht so leicht übel. Daß er jeden -Sonntag zur Kirche gehen und sich dort Trost und Mut holen konnte, -war ja ein unbezahlbarer Schatz. Ach, oft kam er auch mit beschwertem -Gewissen! Denn nicht immer widerstand er der Versuchung, ein wenig -teilzunehmen an der wilden Lustigkeit in den Herbergen. Sein Blut war -heiß und wallte leicht auf, wenn man ihn neckte um seines stillen -Wesens willen; schon das verwickelte ihn in manchen Streit. Auch kam’s -wohl vor, daß er einmal ein Tröpflein über den Durst trank. - -Nur in einem Ding blieb er unerschütterlich fest. An dem Scherz und -leichtfertigem Geschwätz, das die Burschen in der Herberge mit hübschen -Wirtstöchterlein oder stattlichen Mädchen trieben, nahm er nie teil, -nein, nicht mit einem Wort! Sie gingen ihn alle nichts an! Nicht einen -Augenblick vergaß er, was er damals am Bett kniend, zu Frau Marie -gesagt, und was sie ihm geantwortet hatte. Hell und klar wollte er -seine Augen zu Ännchen aufschlagen, wenn Gott ihn wieder zu ihr führte! - -[Illustration] - -Zwischen all dem Jammer, all der wilden Lust und dem harten Wesen -gab es doch noch eine große Anzahl ernster, frommer Christen, die, -unbekümmert um die tolle Welt, ihres Glaubens lebten. Zu solchen führte -Gott endlich auch den jungen Wandersmann. Ein ganzes Jahr arbeitete -er bei einem braven Müller, der zu diesen „Stillen im Lande“ gehörte, -befand sich dort gar wohl und ward gehalten wie ein Sohn des Hauses. -Gern hätte ihn der Meister noch länger behalten, doch zog es ihn nun -mächtig nach Preußen. Er hatte sparsam gelebt; sein Beutel war so gut -gefüllt, daß er hoffte, damit endlich bis nach Berlin zu kommen. - -In der Mühle sammelten sich oft verständige Männer aus der Stadt, -um am Feierabend ein wenig zu plaudern. Bescheiden zuhörend vernahm -Friedel dann allerlei vom Lauf der Welt. Er wußte, daß der strenge, -gefürchtete König von Preußen, der doch unendlich viel für sein Volk -getan, gestorben war, und sein Sohn Friedrich II. den Thron bestiegen -hatte. Von diesem erzählte man seltsame Dinge. Klein und mager von -Person, sei er doch eine gar königliche Erscheinung, und der Blick -seiner Augen sei so klar und durchdringend, als wolle er jedem ins Herz -hineinsehen. Sein ganzes Streben gehe dahin, sein Volk glücklich zu -machen; doch gehe er dabei viel milder und freundlicher zu Werke als -sein harter Vater. Das machte dem Friedel Mut und Hoffnung; wer weiß, -ob’s ihm nicht gelingen würde, diesen leutseligen König selbst nach den -Salzburgern zu fragen! - -Von vielen Segenswünschen begleitet, zog er aus und überschritt endlich -gutes Mutes die preußische Grenze. Bald merkte er, daß hier unterm -Volk wirklich ein besserer Geist herrschte. Wie fleißig schafften -sie alle, auch die es nicht fürs tägliche Brot bedurften! Größerer -Wohlstand und bessere Ordnung war in Dorf und Stadt zu finden; freilich -auch das strenge, herbe Wesen, das die Not der Zeit mit sich gebracht -hatte. Bald fiel’s ihm auf, daß viele der jungen Burschen, die auf -den Feldern arbeiteten, grellrote Halsbinden trugen. Auf die Frage, -was das bedeute, sagte man ihm, es seien Kantonisten, d. h. Leute, die -von Jugend auf für den Soldatenstand bestimmt wären. Jede Stadt und -jedes Dorf müsse eine bestimmte Anzahl stellen. „Ei“, dachte Friedel, -„das ist also die Sache, vor der mich der gute Pfarrer warnte. Nun, ich -laß mir sicher nicht so ein rotes Ding um den Hals zwängen! Bin auch -weder in Stadt noch Dorf zu Hause.“ Wenn nur die Welt, und besonders -das Preußenland, nicht gar so groß gewesen wäre! Er ließ sich gewiß das -Gras nicht unter den Füßen wachsen und vertat keinen Groschen unnütz, -dennoch ging das Geld zu Ende, und Berlin war noch weit weg. - -Eines Tages saß er mutlos in einem einsamen Wirtshaus an der -Landstraße; von bösem Unwetter überrascht, hatte er das nächste Dorf -nicht mehr erreichen können. Außer ihm war nur noch ein einziger Gast -in der großen Stube, ein stattlicher Herr in feiner Tuchkleidung und -mit einem gewaltigen Zopf, der ihm fast bis an die Hüften herabhing. -Er schrieb emsig in eine große Brieftasche, trat zuweilen ans Fenster, -um nach dem Wetter zu sehen, beachtete aber den Müllerburschen gar -nicht. Endlich brachte der Wirt das Abendessen; für Friedel eine dicke -Suppe und ein Stück Schwarzbrot, für den Herrn aber ein gebratenes -Huhn und einen Krug Wein. Der hungrige Bursche vertiefte sich in seine -Suppenschüssel, ohne zu merken, daß die beiden Männer leise miteinander -sprachen und nach ihm hinüberblickten. Endlich begann der Herr laut zu -reden: - -„Es ist ein fatales Ding, daß mir der Bursch eben jetzt davonlaufen -mußte um der einzigen Kopfnuß willen! Wenn’s heimwärts ginge, machte -ich mir wenig draus, den Dummkopf los zu sein; aber nach Berlin ganz -ohne Bedienung zu reisen, paßt mir nicht.“ - -„Ei, wenn’s nur das ist“, erwiderte der Wirt, „so wird sich wohl -jemand finden, der den gestrengen Herrn dahin begleitet. Heda, junger -Mehlsack, will Er nicht nach Berlin?“ - -„Meint Ihr mich?“ fuhr Friedel auf. „Ein Mehlsack bin ich nicht!“ - -„Hast aber schon manch einen auf dem Buckel getragen, he? Hier gäb’s -was für ihn!“ - -„Was denn?“ - -„Ei, wenn Er nicht gar so unmanierlich ist, könnt’ Er den gnädigen -Herrn hier nach Berlin begleiten als sein Diener.“ - -„Das geht nimmer! Ich bin ein freier Mann; gedient hab’ ich noch nie.“ - -Der Herr war aufgestanden und trat an Friedels Tischchen. „Ei, mein -Bursch, überlege dir die Sache. Freie Fahrt nach Berlin im Postwagen, -gut Essen und ein schön Stück Geld. Weiter nichts zu tun, als mein -Gepäck zu tragen, Kleider und Schuhe zu bürsten und dergleichen kleine -Dienste zu leisten, die du bald begreifen wirst. Ein Dummkopf bist du -nicht; das steht dir auf der Stirn geschrieben. Ein paar Wochen, dann -ist alles vorüber; es ist nur für diese unangenehme Reise.“ - -„Kann ich dann in Berlin bleiben?“ - -„Ei gewiß! Ich nehm’ dich nicht wieder mit.“ - -„Ob ich dort auch den König zu sehen bekomme?“ - -„Nicht einmal, zehnmal sollst du ihn sehen, wenn du mit mir gehst.“ - -„Dann will ich in Gottes Namen!“ - -Am andern Tag mußte er sich sauber waschen und kämmen, seine -Sonntagsjacke anziehen und den Wanderkittel im Ranzen tragen. -Kaum war’s geschehen, so erklang auch schon ein Posthorn, und der -schwerfällige Wagen, auf den der gnädige Herr gewartet, hielt vor dem -Hause. Friedel mußte in einem kleinen Kasten, der hinten angebracht -war, Platz nehmen, und fort ging’s, dem langersehnten Ziele zu. Nicht -allzu geschwind! Die damaligen Postwagen waren gar ungeschickte, meist -federlose Dinger, und das Fahren darin keineswegs ein Vergnügen. Das -spürte auch Friedel in seinem engen Käfig gar bald, war aber dennoch -guter Dinge. Nach ein paar Tagen erreichte man die letzte Station vor -Berlin. Ehe der Herr, dem der Wein heute besonders gut geschmeckt -hatte, wieder in den Wagen stieg, warf er dem Friedel ein blankes -Silberstück hin und rief: - -„Hier, Bursch, hast du derweil ein Handgeld.“ - -„Laßt’s doch sein, Herr“, sprach der Diener, „bis meine Zeit aus ist.“ - -„Unsinn! Das tät zu lang dauern.“ - -„Na“, dachte Friedel, „wenn ich den König sehen will, möcht’ ich mir -neue Schuhe kaufen; der Herr hat wohl gesehen, daß meine nicht viel -mehr taugen.“ - -Bald war’s zu merken, daß man sich der für damalige Begriffe schon -großen Stadt immer mehr näherte. Es war ein herrlicher Herbsttag; kein -Wölkchen am Himmel. Die Felder waren schon fast abgeleert, aber die -Obstgärten prangten im Schmuck der rotwangigen Äpfel und goldgelben -Birnen; die Wiesen im letzten frischen Grün. Viele Menschen spazierten -draußen herum, sich an der milden Luft zu erquicken. Vergnügt blickte -Friedel in das fröhliche Leben; sein Herz klopfte in freudiger -Erwartung. Nun mußte er ja bald sichere Kunde erhalten, wo sich seine -Volksgenossen hingewendet. Jetzt rumpelte der Postwagen langsam an -einem weiten Platz vorüber, auf dem Soldaten exerzierten. So oft der -Wandersmann früher so etwas gesehen, hatte er so schnell als möglich -Reißaus genommen; heute durfte er’s wohl gemütlich betrachten. - -Aber, o Schrecken, wie ging’s da her! Wenn einer beim Franzl am Stein -das Vieh so angebrüllt, mit Füßen getreten und mit Fäusten geschlagen -hätte, wie hier die Korporale die armen Soldaten, wär’s ihm schlecht -ergangen. „O wie gut ist’s, daß ich keinem Werber begegnet bin!“ dachte -Friedel und war froh, als sie vorüber waren. - -Nun ging’s zum Tor herein in die Stadt, und bald hielt der Wagen vor -einem Posthause. Da standen zwei Männer, die schon auf den Herrn -gewartet hatten. „Bringt Ihr ein paar?“ hörte er sie fragen. „Nur -einen, aber einen Prachtkerl!“ war die halblaute Antwort. - -Friedel sah sich vergebens nach dem Prachtkerl um und wollte das Gepäck -auf seine Schultern nehmen, wie er’s gewöhnt war. Aber die Männer -ließen’s nicht zu; nur seinen eigenen Ranzen durfte er aufsacken. - -„Geh’ einstweilen mit diesen beiden“, gebot der Herr Amtmann lachend, -„da wirst du bald den König sehen.“ Mit diesen Worten verschwand er in -der Haustür; die beiden nahmen Friedel in die Mitte und führten ihn -durch enge, winklige Straßen vor ein großes unsauberes Haus mit kleinen -vergitterten Fenstern. Hier konnte doch der König unmöglich wohnen! - -„Was soll ich da drin? Was habt ihr mit mir vor?“ fragte der Jüngling, -plötzlich von banger Ahnung befallen. - -„Dummer Kerl! Hier gehörst du ’rein; ’s ist eine Kaserne. Du bist ja -ein Rekrut!“ - -„Das ist nicht wahr“, schrie Friedel entsetzt; „ich bin des gnädigen -Herrn Diener!“ - -„Schöner gnädiger Herr! Ein Werbeoffizier ist’s! Du dummes Schaf bist -ihm ins Garn gegangen. Marsch, ’nein mit dir!“ - -Aber der junge Salzburger ließ sich die Freiheit nicht so leicht -rauben. Gewandt und kräftig, wie er war, riß er sich mit aller Macht -los, schleuderte das entsetzliche Handgeld in den Straßenschmutz und -rannte in großen Sprüngen davon. Aber ach, auf das Geschrei seiner -beiden Verfolger: „Haltet ihn; ’s ist ein Rekrut!“ ward er im nächsten -Augenblick festgehalten, seinen Führern wieder übergeben und von ihnen -in die Kaserne geschleppt. Den Unglückstaler steckten sie ihm wieder -in die Tasche. O wie hatte er ihn nur annehmen können! Wie konnte er -die Warnung des guten Pfarrers vergessen! - -„Sieh“, sagte einer der Männer nun freundlicher, „an dieser Haustür -steht ein Wachtposten mit geladenem Gewehr; darum sei vernünftig und -denke nicht an Flucht. Hier ist deine Stube; nun sei gescheit und mach’ -dir’s bequem. Heute und morgen hast du noch frei.“ - - - - -7. Ein guter Kamerad. - - -In der großen düsteren, nur mit dem nötigsten Hausrat versehenen Stube -befanden sich drei Männer. Einer, der ins Lesen eines Buches vertieft -am Fenster saß, hob nur den Kopf, seufzte tief und las weiter. Die -beiden andern, die Karten spielend am Tische saßen, begrüßten den -Verzweifelten mit rohem Gelächter. Friedel aber sank auf einen Schemel -nieder, schlug die Hände vors Gesicht, und seine kräftige Gestalt -erbebte im Übermaß des Jammers, der sich endlich in lautem Weinen und -Schluchzen Luft machte. Selbst den rohen Spielern ward’s unheimlich -dabei zumute. „Komm“, flüsterte der eine, „wollen gehen und eins -trinken, bis er ausgetobt hat.“ - -Als sie hinaus waren, legte sich eine Hand sanft auf das Haupt des -Weinenden. Er blickte auf; der eifrige Leser stand vor ihm, ein -schöner, stattlicher junger Mann, bedeutend älter als Friedel und mit -so feinen, geistvollen Zügen, daß ihn dieser für etwas ganz Vornehmes -hielt, obgleich er nur die grauleinene Hausjacke der Soldaten trug. - -„Ach, lieber Herr“, rief er händeringend, „laßt mich hinaus, laßt mich -fort! Man hat mich schändlich betrogen; ich kann und mag nicht Soldat -sein!“ - -„Armer Bursche“, erwiderte der andere, „ich kann dir nicht helfen! Ich -bin ja auch Soldat wider Willen, schon seit einem Jahr.“ - -„Kommt Ihr denn bald wieder los?“ - -„Nicht eher, als bis mich Gott von dieser bösen Welt nimmt“, war die -traurige Antwort. - -„Bis man stirbt, muß man Soldat bleiben?“ schrie Friedel ganz -verzweifelt. „Dann will ich jetzt sterben, jetzt gleich! Ich halt’s -nicht aus, nein, nimmer, nimmer! Frei will ich sein oder tot!“ - -Eine Weile ließ ihn der Ältere gewähren, dann sprach er sanft: „Bruder, -das ist nicht recht! Kannst du beten?“ - -Statt aller Antwort glitt Friedel am Schemel nieder; der Kamerad kniete -neben ihm und flehte in schlichten, innigen Worten um Kraft und Geduld, -dies schreckliche Los männlich und christlich zu tragen, und fest zu -glauben, daß auch dies schwere Schicksal aus Gottes Hand komme. - -Friedel war still geworden und streckte sich auf den Rat des Gefährten -aufs harte Lager, gänzlich erschöpft von Schrecken und Jammer. - -„Wie heißt Ihr?“ fragte er den andern, der sich freundlich um ihn -bemühte. „Und warum seid Ihr so gut zu mir?“ - -„Weil ich dir an den Augen ansehe, daß du besserer Art bist als -andere, und weil du beten kannst. Nenne mich Johannes und sage du; laß -uns Freunde sein! Wir werden Zeit genug finden, einander die Herzen -auszuschütten; jetzt mußt du ruhen. Ich will uns eine Suppe holen und -dein Kommißbrot; du bist ganz erschöpft.“ - -Als der arme Bursche am späten Abend endlich die müden Augen schloß, -bewegten sich seine Lippen noch zu einem innigen Dankgebet, daß ihm -Gott in der Gestalt des neuen Freundes, der still und ernst an seinem -Bette saß, einen Schutzengel zugesellt hatte. - -Am nächsten Tage ward der Rekrut in die Rüstungskammer geführt und -in die enge, knappanliegende Uniform gekleidet. Sie kam ihm vor -wie eine Zwangsjacke, und er hätte sie am liebsten gleich wieder -vom Leibe gerissen. Am verhaßtesten war’s ihm, daß sein schönes -lichtbraunes Haar, auf das er ein wenig eitel gewesen, in einen -garstigen Zopf gedreht wurde, der, künstlich verlängert, über den -Rücken herunterbaumelte. So umgewandelt führte man ihn mit mehreren -Schicksalsgenossen in eine weite Halle, wo ihnen ein Offizier -etwas sehr Langes vorlas, wovon Friedel fast gar nichts verstand. -Johannes sagte ihm später, es seien die Kriegsartikel gewesen; das -machte ihn auch nicht viel klüger. Nun wurden ein paar große Fahnen -hereingebracht, die mußten alle umfassen und einige Worte nachsprechen, -die ihnen der Offizier vorsagte. Da aber dem Salzburger die schnarrende -Sprechweise des ungeduldigen Herrn fast unverständlich war, bewegte er -nur den Mund, ohne ein einziges Wort zu sagen. Das war der Fahneneid, -der den armen Jungen auf Lebenszeit an einen Beruf fesseln sollte, der -ihm zuwider war und zu dem man ihn durch schändlichen Betrug gezwungen! - -Der Adel, aus dem damals allein die Offizierstellen besetzt wurden, war -mit wenigen Ausnahmen roh, übermütig, leichtfertig und stolz. Da war’s -kein Wunder, daß es den armen Burschen, die auf dem Exerzierplatz ganz -in die Gewalt solch hochnäsiger, grober Junker gegeben waren, herzlich -schlecht erging. Das mußte auch Friedel reichlich erfahren; und es -kostete dem treuen Johannes unendliche Mühe, ihn zu überzeugen, daß er -sich Schimpfworte, Püffe, Fußtritte und Stockschläge gefallen lassen -müsse, ohne ein Wort des Widerspruchs. Immerhin war für den gewandten, -verständigen Burschen die allerschlimmste Zeit bald überstanden; und -als es zu den Schießübungen kam, erntete er sogar zuweilen ein Wort des -Lobes. Obgleich aber die Ausbrüche bitteren Jammers und ohnmächtigen -Zornes allmählich seltener wurden, versöhnte er sich doch nie mit -seinem Schicksal; nein, nicht einen Augenblick! Zahllos waren die -Fluchtpläne, die er für sich und den Freund schmiedete, die aber nie -zur Ausführung gelangten, da sich überall unübersteigliche Hindernisse -entgegenstellten. - -Vielleicht war es gut, daß die Rekruten, besonders im ersten Jahre, -nur wenig Zeit hatten, über ihr Schicksal nachzudenken. Das Drillen -und Üben nahm gar kein Ende, und wenn’s überstanden war, gab’s in -der trübseligen Stube zu waschen und zu putzen, damit am nächsten -Tage nicht etwa ein Schmutzflecken an den weißen Gamaschen oder ein -blind gewordener Knopf den Zorn des Korporals reizte. War endlich ein -freies Stündchen, so suchten nicht wenige die Branntweinschenken auf, -um in rohem Scherz ihr Elend zu vergessen; andere beschäftigten sich -mit allerlei Handarbeiten oder Tagelöhnerdiensten, um einige Groschen -zu erwerben, da der Sold so knapp war, daß er kaum zum Nötigsten -reichte. Johannes, der eine schöne Handschrift schrieb, saß an den -langen Winterabenden meist über Rechnungen und Briefen, die ihm ein -Kaufmann zum Abschreiben übergab. Friedel aber suchte die Schnitzkunst -wieder hervor, die er bei Tobi gelernt hatte; seine Löffel, Becher und -Schüsseln wurden von den Kameraden gern gekauft. - -Nach und nach ward er ruhiger und lernte sein Schicksal männlich -und gefaßt ertragen wie der Freund. Zu solcher Zeit erzählten sie -einander aus vergangenen Tagen; ach, es klang wie aus einer andern, -lieblich heiteren Welt! Friedel vertraute dem Freunde sehr bald -seine wunderbaren Schicksale an; ja, er verschwieg ihm sogar seine -innige Liebe zu Ännchen nicht, die ihm jetzt im Unglück erst recht -zum Bewußtsein kam. Aber wie erschrak er, als Johannes das Antlitz in -die Hände verbarg, schmerzlich seufzte und endlich in heiße Tränen -ausbrach! Nach der Ursache zu fragen, wagte er nicht. Seine Ehrfurcht -vor dem ernsten Freund war ebenso groß wie seine Liebe zu ihm. Bald -beruhigte sich dieser und begann: - -„Von deinen Salzburgern kann ich dir etwas mitteilen. Mein lieber -Vater, der ein Prediger ist, nahm großen Anteil an ihrem Schicksal; -ja, ich erinnere mich selbst noch wohl, daß eine kleine Schar durch -unser Dorf zog, wo wir etliche in unserm Hause beherbergten. Auch über -das Schicksal derer, die nach Amerika auswanderten, erhielt mein Vater -Nachricht. Sie haben im Staate Georgia eine neue Heimat gefunden.“ - -„Ist das weit?“ unterbrach Friedel mit glänzenden Augen. „Könnten wir -nicht dorthin entfliehen? Aufs Meer würden sie uns nicht so schnell -folgen.“ - -„Armer Junge! Du würdest eingeholt werden, lange, ehe du das Meer -erreichtest. Auch in den Häfen sind Spione! Ach, es ist sehr, sehr -weit! Wart’, ich will dir’s zeigen.“ - -Er brachte aus seinem Kasten ein breites dünnes Buch hervor mit -seltsamen Bildern, wie sie Friedel noch nie gesehen; es waren -Landkarten. Nur zu bald merkte Johannes, wie kindlich und mangelhaft -des Freundes Vorstellungen von Gestalt und Größe der Erde, von den -Entfernungen zwischen den Ländern und Meeren waren. Mit Staunen hörte -Friedel auf die Wunderdinge, die er ihm davon erzählte, und es entspann -sich daraus ein Unterricht, der für beide gleich genußbringend war. - -Auch im Schreiben übte sich der Jüngere unter Aufsicht des gelehrten -Genossen und verfaßte mit vieler Mühe, oft unterbrochen durch heißes -Weinen, einen langen Brief an den Franzl am Stein, worin er die -traurige Wendung seines Geschickes berichtete. Was er ganz am Rande für -Ännchen hinzufügte, brauchte der Freund nicht zu lesen, begehrte es -auch nicht. - -So wurden die beiden je länger je mehr ein Herz und eine Seele. Nur -in einem blieben sie verschieden. Friedel gab nie, nein, keine Stunde -lang, die Hoffnung auf, daß Gott ihn noch hienieden aus dem schweren -Joch erlösen und in die Heimat zurückführen werde. Bat er ihn doch -täglich so heiß, so inbrünstig darum! Johannes dagegen hatte alle -irdischen Hoffnungen aufgegeben, sehnte sich aber desto mehr nach der -Stunde, da seine befreite Seele aufschweben würde zur ewigen Freude. - -Friedel ward trotz der schmalen Kost, trotz des bitteren Herzwehes -immer kräftiger und abgehärteter. Johannes aber brach oft, wenn die -anstrengenden Übungen vorüber waren, ganz kraftlos zusammen, war auch -nicht selten krank, so daß er einige Tage das Bett hüten mußte. Dann -pflegte ihn der Freund so gut er konnte und sparte sich den mühsam -verdienten Groschen ab, um ihm eine Erquickung zu bereiten. An solchen -Tagen mußte er ihm auch oft aus der Bibel vorlesen, und meist Stellen, -die von der Seligkeit des Himmels handelten. Tiefbewegt hatte der -Kranke einst zugehört, dann sprach er: - -„Du guter Kamerad hast mir so freimütig alle deine Schicksale erzählt -und mich so tief in dein liebreiches Herz blicken lassen. Da wird es -Zeit, daß ich auch offen gegen dich bin. Ich weiß, du kannst nicht -begreifen, daß ich auf Erden nichts mehr hoffe, und mich, o wie sehr! -nach dem Himmel sehne. Aber denke nicht, daß mein armes, schwaches -Herz so ganz allein am Heiland hängt. Wohl glaube ich aufrichtig an -ihn und sehne mich nach ihm von ganzem Herzen. Aber wenn ich mir ihn -vorstelle, zur Rechten Gottes sitzend in seiner Herrlichkeit, dann -sieht mein geistiges Auge unter den Seligen, die seinen Thron umgeben, -eine zarte verklärte, ach so unendlich geliebte Gestalt, in deren -Lobgesang ich so gern noch heute einstimmen möchte.“ - -[Illustration] - -„Ist’s etwa ein liebes frühverstorbenes Schwesterlein?“ fragte Friedel -leise. - -„Nein, o nein; es ist Luise, meine teure, holde Braut!“ Er verbarg -das Antlitz ins Kissen und schwieg lange. Dann fuhr er ruhiger fort: -„Meine Trauer um sie ist selbstsüchtig. Ihr ist wohl geschehen; denn -o, wie würde sie sich grämen, wenn sie leben müßte, hoffnungslos -getrennt von mir! Ach, wir liebten uns so sehr! Bald sollte Hochzeit -sein. Ich sollte dem alternden Vater im Amte helfen, begleitete aber -erst einen Freund auf einer Reise und fiel auf dem Heimweg in die Hände -der Werber. Ach, man hatte mich gewarnt! Auch wäre ich wohl alt genug -gewesen, um vorsichtig zu sein; aber träumerisches, unpraktisches Wesen -hing mir von klein auf an.“ - -„Wie kam es, daß sie so bald sterben mußte?“ fragte Friedel mitleidig. - -„Sie war von zarter Gesundheit und hatte eben ein Fieber überstanden, -als sie durch unvorsichtiges Geschwätz einer Magd plötzlich und -unvorbereitet mein Unglück erfuhr. Sie sank in tiefe Ohnmacht; ein -Rückfall trat ein, und nach wenig Tagen brach das treue Herz. Verstehst -du nun, warum ich kein irdisches Glück mehr hoffe?“ - -Satt aller Antwort schlang Friedel weinend die Arme um den Hals des -Freundes und küßte ihn; von da an waren sie erst recht wie Brüder. - -Gute und böse Zeit eilt schnell dahin, als flögen wir davon. So -waren auch zwei Jahre vergangen in einer Lebensweise, die dem freien -Wanderburschen erst ganz unerträglich geschienen. Er war nun fertig und -geschickt in allem, das ein guter Soldat leisten muß. Man mißhandelte -ihn nicht mehr; ja, seine und des Freundes Lage hatte sich sogar etwas -verbessert. Ein wohlmeinender Offizier, von guter Bildung und feinen -Sitten, wie es deren immer eine Anzahl gab, war an die Spitze der -Truppe getreten, der die Freunde angehörten, und hatte bald erkannt, -daß sie besserer Art waren als ihre Genossen. Er brauchte sie zu -allerlei Arbeiten und Dienstleistungen, gewährte ihnen eine kleine -Zulage zum geringen Sold und stellte sie beim Exerzieren nebeneinander. -Das letztere war beiden am wertvollsten. „Wenn’s einmal in den Krieg -geht“, sagte Johannes, „marschieren wir zusammen; und wenn ich falle, -rufst du mir ein Abschiedswort zu!“ - -Nun, für jetzt war eben erst ein Krieg beendet, den man den ersten -Schlesischen nennt. Siegreich kehrte der junge König in seine -Hauptstadt zurück, und nun sollte ihn Friedel endlich zu sehen bekommen. - -Wie eine Mauer stand das ganze Regiment auf dem Paradeplatze; die -beiden Freunde in der vordersten Reihe. Langsam ritt, von einigen -Offizieren umgeben, ein kleiner Mann die Front entlang. Gerade da, wo -Johannes und Friedel standen, hielt er ein wenig inne, so daß sie ihn -genau betrachten konnten. Freilich sah er ganz anders aus, als der -Salzburger sich einen König vorgestellt; er trug weder Purpurmantel -noch Goldkrone, sondern den schlichten blauen Soldatenrock. Johannes -aber sagte später dem Freunde, ein großer Geist spreche aus diesen -klaren, tiefen Augen, diesem charaktervollen Mund und der hohen, -gedankenreichen Stirn. - -Bald merkte man die Wahrheit dieser Rede; denn der König begann -tatkräftig und unermüdlich für das Wohl seiner Untertanen, auch für -die Hebung des Offizierstandes zu sorgen. Er erschien nicht selten -selbst auf den Übungsplätzen, redete einzelne Soldaten an, nicht mit -„Kerl“ oder irgendeinem Schimpfwort, sondern mit dem freundlichen -„Mein Sohn“. Soweit sein Auge reichte, wurden die groben Mißhandlungen -viel seltener. Daß die Zucht hart und streng und die Strafen grausam -blieben, lag im Geiste der Zeit. - -Aber kaum zwei Jahre lang konnte der große König in Frieden für sein -Volk sorgen, dann mußte er schon wieder zu den Waffen greifen, um -sich das erkämpfte Land Schlesien, das sich unter seiner Herrschaft -sehr wohl befand, zu sichern. Gar zu gern hätten es ihm die -Österreicher wieder weggenommen. Schon rüsteten sie gegen ihn mit ihren -Bundesgenossen. Da beschloß er ihnen zuvorzukommen. Diesmal sollte auch -Friedels Regiment mit in den Kampf ziehen. Gar gewaltig ward nun geübt -und vorbereitet; in den seltenen Ruhestunden aber saß der Jüngling mit -heißen Wangen und glänzenden Augen über dem wunderbaren Landkartenbuch, -um sich die Lage der einzelnen deutschen Länder fest einzuprägen. - -Als die Freunde eines Abends allein beisammen waren, fragte Friedel: - -„Sag’ mir doch, Johannes: Wenn ich nun hier in Salzburg wäre, da, wo -ich mit dem Finger hinzeige, wie müßte ich’s denn machen, um ans Meer -zu kommen?“ - -„An welches denn? Ich lehrte dich viele Meere kennen.“ - -„Ei, ans Atlantische! Du sagtest ja, da gehe der Weg nach Amerika.“ - -„Was fällt dir ein? Du mußt ja in den Krieg!“ - -„Sag’ mir’s immerhin; zeig’ mir’s ganz genau!“ - -Johannes zögerte und sah dem Freunde forschend in die Augen. Feste -Entschlossenheit sprach aus ihnen. Friedel war ein Mann geworden in -diesen letzten Jahren. Wer weiß, ob ihm Gott nicht den kühnen Plan -gelingen lassen würde! - -„Nun wohl!“ sprach er. „Am sichersten wäre es, du reistest durch -die Gebirgsländer bis Basel. Sieh, hier ist es! Von dort könntest -du wohl als Schiffsknecht den ganzen Rhein herunterfahren bis nach -Rotterdam. Dann über die Nordsee bis nach England. So sind auch deine -Glaubensgenossen damals gereist.“ - -„Und du willst nicht mit?“ - -„Wer weiß, wie bald uns beide die tödliche Kugel trifft!“ - -Unzähligemal machte Friedels Finger die große, gefährliche Fahrt bis -über den Ozean nach dem Staate Georgia. O, er war erstaunlich klug -geworden in diesen schweren Jahren! Wie würde sich Ännchen darüber -verwundern! Schade, daß er auf den schönen langen Brief, den er -geschrieben, gar keine Antwort erhalten hatte. Ännchen allein brachte -ja keinen Brief fertig. Und der Franzl? Ach, der verachtete ihn -vielleicht, weil er Soldat war! Ein wenig stolz war er ja immer gewesen. - -Endlich hieß es: „Hinaus ins Feld!“ Schwerbepackt mit Tornister, -Waffen und allerlei Gerät ging’s in strengen Märschen durch Preußen -und Sachsen nach Böhmen zu. Wer gesund und stark war, hatte gutes -Leben; denn in Dorf und Stadt mußte am Rasttag oder beim Nachtquartier -aufgetragen werden, was Küche und Keller nur vermochten. Dazu kam, daß -die Offiziere jetzt weit weniger grimmig waren. Das Beispiel des Königs -und seiner Generäle hatte schon gut gewirkt, und durch gemeinschaftlich -getragene Beschwerden verbinden sich die Herzen. Endlich überschritt -das Heer die böhmische Grenze und drang weiter und weiter vor. Zu -einer offenen Feldschlacht mit den Österreichern kam es nicht, nur zu -kleineren Gefechten. - -O wie graute es den Freunden vor dem Kampfgewühl! Wie entsetzlich war -besonders für den sanften Johannes der Gedanke, daß die Kugel, die er -abschoß, vielleicht ein junges Leben vernichten werde! Bald aber mußten -sie sich daran gewöhnen. Setzten sie doch auch täglich ihr Leben ein. - -Schnell ward die Stadt Prag erreicht und belagert. Auf dem ganzen Zuge -waren die Freunde Seite an Seite marschiert; oft hatte Friedel noch -ein Gepäckstück für Johannes getragen, den die Anstrengungen weit -mehr ermüdeten als ihn. Lagerte man im Freien, so ruhten sie dicht -beisammen, beteten oft miteinander und befahlen ihre Seelen in Gottes -Hand. Prag übergab sich den Preußen nach kurzer Beschießung; dann ging -es weiter nach Süden, den Fluß Moldau entlang. - -Kleine Gefechte, Krankheit und auch Fahnenflucht lichteten die Reihen -des Heeres. Bei Nachtmärschen, in Wäldern oder Gebirgsgegenden entwich -mancher unbemerkt auf Nimmerwiedersehen. Auch Friedel hatte es schon -oft in den Füßen gezuckt, sich still davon zu machen; nur die Liebe -zu Johannes hielt ihn davon ab. Hatte man im Anfang des Feldzugs -Speise und Trank in Fülle gehabt, so fehlte es jetzt oft sehr daran. -Die Böhmen waren von grimmigem Haß gegen die preußischen „Ketzer“ -erfüllt, versteckten das Korn vor ihnen und trieben das Vieh in die -dichten Wälder. Da gab’s oft schmale Bissen, und Johannes würde es kaum -ausgehalten haben, wenn der kerngesunde Freund ihm nicht oft die Hälfte -seines Anteils aufgezwungen hätte. Der König fühlte wohl, daß es hier -keinen andern Ausweg gab als einen ehrenvollen Rückzug. - -„O weh“, dachte Friedel, als er davon hörte, „nun geht’s wieder -nordwärts!“ Ehe aber noch der Befehl dazu gegeben wurde, sah sich die -Truppe, in der die Freunde standen, plötzlich einer Schar von Feinden -gegenüber. Es entspann sich ein kurzer, aber heftiger Kampf. Bald -zogen sich die Österreicher zurück; Friedel aber kniete bei seinem -Johannes, dem eine Kugel die Brust durchbohrt hatte. Noch atmete er; -ein seliges Lächeln schwebte auf den erbleichenden Lippen. Schluchzend -küßte Friedel die hohe, kalte Stirn und rief ihm zu: „Leb’ wohl, -Herzensfreund! Gott vergelte dir deine Liebe und Treue!“ Dann war es -vorüber. Seine Sehnsucht war erfüllt; er stand anbetend vor Gottes -Thron mit seiner Luise! - -Nun war das einzige Band zerrissen, das den Jüngling an das Heer -geknüpft. Was ging ihn der König und seine Kriege an? War er doch kein -Preuße! Aber für jetzt lähmte die Trauer um Johannes seine Kraft; auch -war die Gegend der Flucht nicht günstig. - -Einige Tage später marschierte sein Regiment in der Abenddämmerung am -Waldesrand. Die Ordnung konnte nicht streng aufrechtgehalten werden; -matt und hungrig blieben viele zurück, auch Kranke und Verwundete gab -es genug. Friedel befand sich bei der Nachhut. Da fielen plötzlich -Schüsse aus dem Waldesdunkel; bewaffnete Bauern hatten sich darin -versteckt. Mehr als ein Kriegsmann lag schwer getroffen am Boden; -auch Friedel fühlte einen heftigen Stoß gegen die Brust und stürzte -betäubt ins hohe Waldgras. Als er erwachte, war’s finstere Nacht. War -er wohl verwundet? Schmerzen hatte er nicht, fühlte auch kein Blut; -nur waren ihm die Glieder steif von dem kalten, feuchten Lager. Als -alles totenstill blieb, erhob er sich und merkte, daß er ganz allein -war. Im Brotbeutel fand sich zum Glück noch eine harte Rinde, die -ihm den nagenden Hunger stillte, und bald dämmerte der Morgen. Im -matten Lichtschimmer sah er hie und da einen Kameraden tot liegen. -Ihn selbst hatte Gottes Hand wunderbar bewahrt. Vorn im Waffenrock -war ein rundes Loch; und als er ihn öffnete, sah er, daß das kleine -uralte Gesangbüchlein des Großvaters, das er erst am Abend in den Busen -gesteckt, weil’s im Tornister keinen Raum fand, ihn vom sicheren Tode -gerettet hatte. Eine Kugel hatte den dicken Ledereinband durchbohrt, -war aber in den Blättern stecken geblieben. Auf den Knien dankte er -Gott für sein junges Leben, das ihm doch noch so lieb und kostbar war. -In demselben Augenblick erhob sich die Sonne am östlichen Himmel. - -Nun galt’s keine Zeit zu verlieren. Seinen Fluchtplan hatte er schon -längst im Kopfe. Er wußte, daß er, wenn es ihm gelang, das im Westen -sich hinstreckende Gebirge zu übersteigen, die bayrische Grenze und -die Stadt Passau leicht erreichen konnte. Johannes hatte es auch -gesagt. Aber wehe ihm, wenn er sich in preußischer Uniform allein -durch böhmische Dörfer wagen würde! Als er nun tiefer in den Wald -drang, um seinen Durst an den reichlich wachsenden Brombeeren zu -stillen, lag da vor seinen Füßen der tote Körper eines der tückischen -Bauern, die gestern abend aus dem Hinterhalt geschossen hatten. Eine -preußische Kugel hatte ihm die Stirn zerschmettert; die grobe Kleidung -war unversehrt, auch nirgends mit Blut befleckt. Ein grausig Geschäft -war’s für den guten Jungen, den starren Leichnam auszuziehen und sich -selbst den groben Kittel, die Lederhosen und plumpen Schuhe anzulegen. -Er tat’s mit zitternden Händen; aber es mußte ja sein! Im Hosensack -fand sich ein Beutelchen mit etwas Geld; viel war’s nicht, aber doch -ein Schatz für den Einsamen. Fast noch lieber war ihm ein dickes Stück -Schwarzbrot, das im Kittel stak. Den Zopf schnitt er sich mit seinem -Messer ab; wirr und struppig war das Haar schon von selbst. Nun verbarg -er Uniform und Waffen in dichtem Gestrüpp; nur das Gesangbuch, das -Tüchlein und den Ring für Ännchen und seinen hölzernen Becher nahm er -mit. Blindlings, ohne Weg und Steg, drang er in den Wald hinein, immer -bergauf, ohne einem Menschen zu begegnen. Mit dem kostbaren Brot ging -er sparsam um; gab’s doch im Walde so manches, das den Hunger stillte, -besonders jetzt in der Herbstzeit. Beeren, Nüsse und Pilze genug, auch -eßbare Wurzeln, die ihn Tobi vor Jahren kennen gelehrt. - -Gegen Abend stand er auf freier Bergeshöhe, nachdem er den ganzen Tag -keinem Menschen begegnet. Es war ein schwach bevölkerter Landstrich; -dichter Wald ringsum, nur in der Ferne hie und da ein Dörfchen oder -vereinzelte Höfe. Trotz der Trauer um den Freund, trotz der ungewissen -Zukunft schwoll dem Jüngling das Herz vor Freude und Hoffnung. Er -breitete die Arme aus, als wolle er die ganze Welt umfassen, tat einen -gewaltigen Luftsprung und rief: „Gottlob! Ich bin frei! frei! frei!“ - - - - -8. Die alte Heimat. - - -Es war ein rauher, stürmischer Herbstabend. Wild flogen die schwarzen -Wolken über den Himmel und sandten eiskalten, mit Schneeflocken -vermischten Regen auf die Erde nieder. In den Gassen der Stadt Passau -war’s still und öde; wer nicht hinaus mußte, blieb heute gewiß im -traulichen Stübchen. Auch der gute alte Pfarrer, der dem Friedel vor -sechs Jahren so freundlich geraten und geholfen, saß in der warmen Ecke -hinter dem Kachelofen, behaglich sein Pfeifchen rauchend. Das dicke -Buch, in dem er gelesen, hatte er weggelegt und plauderte mit seiner -spinnenden Frau. Da trat die junge Magd herein und sprach ängstlich: - -„Herr Pfarrer, draußen steht ein wüster Gesell, arg zerrissen, bleich, -mit funkelnden Augen und wirrem Haar. Ich reichte ihm ein Stück Brot; -da sagte er, er sei krank und möge nicht essen. Aber mit Euch müsse er -sprechen; sonst ginge es schlimm!“ - -„Der arme Mensch! Bei diesem Wetter draußen und noch krank dazu!“ -erwiderte der gute Mann. „Bring’ ihn nur gleich herein.“ - -Zögernd gehorchte die Magd; blieb aber dicht vor der Tür stehen, um -gleich beispringen zu können, falls der wilde Gesell Böses im Schilde -führte gegen ihre liebe alte Herrschaft. Der aber blieb auf der -Schwelle stehen, um den sauberen Fußboden nicht zu beschmutzen, und -begann mit matter, heiserer Stimme: „Herr Pfarrer, gelt, Ihr kennt -mich nimmer? Ach, vor sechs Jahren sah ich wohl schmucker aus! Ich -bin ja der Salzburger, dem Ihr damals so freundlich beistandet. Ach, -ich möcht’ heim und kann doch nicht! Geschafft hab’ ich wacker, wo -ich konnte; aber ’s geht nicht mehr. Mir ist so angst; ich bin voller -Schmerzen. Ach, laßt mich nicht auf der Straße sterben!“ - -Er schlug die Hände zusammen, wankte und wäre umgesunken, hätten ihn -die beiden Alten nicht gestützt und mit Mühe auf das buntgeblümte -Ruhebett niedergelegt. - -Bald darauf trat heftiges Fieber ein. Er meinte, ein Werber verfolge -ihn, und war kaum auf dem Lager zu halten; dann weinte er wieder -um einen gefallenen Freund und um ein Ännchen und bat endlich mit -wehmütiger Stimme, man sollte ihn im Walde beim Großvater begraben. Es -wurde eine schwere, lange Krankheit, die sich der Jüngling wohl durch -häufiges Übernachten im Freien, durch allzu anstrengende Märsche bei -schmaler Kost und hoher Gemütsaufregung zugezogen hatte. - -[Illustration] - -Als endlich seine starke Natur mit Gottes Hilfe die Krankheit überwand -und ihm die Kräfte langsam wiederkehrten, war der Winter mit voller -Gewalt eingezogen, und an Weiterwandern nicht zu denken. Sollte er wohl -nun an Ännchen schreiben? Nein, doch nicht! Leicht konnte der Brief in -fremde Hände kommen. Wer weiß, ob Franzl noch lebte! War er doch schon -vor sechs Jahren ein recht alter Mann gewesen. Ob Ännchen und Tobi dann -noch auf dem Hofe sein würden, war sehr zweifelhaft. Vielleicht hatte -ihnen Peter schon längst den Weg gewiesen! - -Gern blieb der Genesende einige Monate lang bei seinen barmherzigen -Pflegern, deren stiller, netter Haushalt ihm nach der wüsten -Soldatenwirtschaft wie ein Paradies erschien. Allerlei Handarbeit, -durch die er einige Groschen verdienen konnte, fand sich bald. Daneben -tat er seinen Wirten zulieb und zu Dienst, was nur ein guter Sohn den -Eltern tun konnte. Seine Vergangenheit und seine Zukunftspläne legte -er ihnen offen dar und war herzlich froh, daß der Pfarrer gegen das -Auswandern nichts einzuwenden hatte. - -Die Zahl derer, die übers Meer zogen, um der Tyrannei der Edelleute, -der List der Werber und der allgemeinen Volksnot zu entfliehen, war zu -jener Zeit sehr groß. Es waren nicht die schlechtesten Leute, die die -Gefahren einer solchen Reise und die Mühseligkeiten des neuen Anbaues -nicht scheuten, um nur freie Männer zu werden und das Stückchen Land -unter ihren Füßen ihr Eigentum nennen zu dürfen. - -Mit gutem Rat und reichlicher Reisekost versehen, schied der Wanderer -endlich von den Pfarrersleuten, ihnen tausendmal Gottes Segen -wünschend. Wüst, elend und zerrissen hatte er die Stadt betreten; -schmuck und sauber verließ er sie im redlich erworbenen neuen -Anzug, ein leichtes Bündel auf dem Rücken mit mancher Gabe aus dem -Leinenschrank der Pfarrerin. - -Das Land lachte in Frühlingspracht wie vor sechs Jahren, als er mit -Joseph ausgezogen; er selbst aber war anders geworden, und der -frische, leichte Mut wollte nicht wiederkehren. Einsam zog er seine -Straße, wich jedem aus und suchte in der Nachtherberge schnell sein -Lager auf, ohne sich in die lustige Gesellschaft in der Wirtsstube zu -mischen. Ach, auch in Bayern gab es ja Werber, wenn sie auch nicht ganz -so frech waren wie die preußischen. In jedem stattlichen Manne, der -ihn etwa anredete, vermutete er seinen solchen, und machte oft weite -Umwege, um ihm ja nicht wieder zu begegnen. - -In den heimatlichen Bergen fühlte er sich ein wenig sicherer; -sie umstanden ihn wie eine Schutzmauer und grüßten ihn wie alte -Jugendfreunde. Aber nun überfiel ihn die Angst, ob und wie er wohl -Ännchen wiederfinden werde. Sie war ein so liebliches Kind gewesen, als -er sie verließ; wie schön mochte sie nun geworden sein! Andere würden -das auch gesehen haben! Dieser Gedanke fuhr ihm oft wie ein Stich durch -Herz. - -In tiefes Sinnen versunken, wanderte er eines Tages über eine -Hochebene und war seines Weges nicht ganz sicher. Die Gegend war ihm -unbekannt, und doch konnte es nicht mehr weit sein zum Steinhof. Er -mußte wohl einen falschen Fußpfad eingeschlagen haben und sah in der -Ferne ein Dörfchen liegen. Er schritt darauf zu und fragte am Wege -spielende Kinder nach seinem Namen. „Windeck heißt’s“, war die Antwort. -„Windeck!“ Das war der Name, den ihm Tobi gesagt beim letzten Abschied -von der Talmühle! Dort drüben lag wohl die wüste, mit Felsbrocken -besäte Fläche, die er vom steilen Seeufer aus gesehen. Ja, jetzt -entdeckte er auch das einsame, von Bäumen umgebene Haus, nach dem seine -scharfen Kinderaugen oft sehnsüchtig hinübergeschaut. Schnell war -sein Entschluß gefaßt. Nicht den Steinhof wollte er zuerst aufsuchen, -sondern die verfallene Mühle, an die sich so reiche Erinnerungen -knüpften. - -Viel weiter und beschwerlicher war der Weg, als er geglaubt. Ja, es -war gar kein Weg, sondern eine wilde, ganz verlassene Einöde, an die -sich wahrscheinlich allerlei Aberglaube knüpfte. Aber endlich stand er -doch am Ufer des Bergsees und stieg mit leichter Mühe herab. Das Wasser -stand so hoch, daß nur ein ganz schmaler Streifen sandigen Ufers an der -Felswand hinführte, und die Wellen ihm oft die Füße netzten, ehe er die -rechte Stelle erreichte und mühsam emporklomm. - -War’s nicht, als lege sich ihm eine schwere Hand auf die Schulter -wie ehemals? Stand nicht des Talmüllers hohe Gestalt hinter ihm? Ach -nein; nur in Gedanken durchlebte er alles noch einmal! Ringsum war’s -totenstill. Die Sonne war nahe am Untergehen; er mußte sich aufraffen -aus den Jugendträumen, um vor völligem Dunkelwerden die Mühle zu -erreichen. Dort wollte er einsam übernachten im Schutz der verfallenen -Mauern und am andern Morgen durch den Felsengang den Steinhof aufsuchen. - -Langsam schritt er durch den duftigen Frühlingswald. Die Pfade, -die seine und Ännchens kleine Füße ehemals getreten, waren längst -überwachsen; alles ringsum zeugte von völliger Verlassenheit. Hier -am Bächlein unter den Birken war Ännchens Lieblingsplatz gewesen; -dort auf jenem bemoosten Felsblock hatte sie Kränze gewunden und ihm -staunend zugehört, wenn er kühne Zukunftspläne entwarf. Was war aus -ihnen geworden? Ach, kam er nicht ärmer zurück, als er gegangen? -Würden sie ihn nicht verachten auf dem Steinhofe, wo Geld und Gut so -viel galt? „Mögen sie“, dachte er. „Ein treues Herz bring’ ich mit und -ungebrochenen Mut. Gott ist reich, stark und barmherzig; er wird uns -wohl ins Land der Freiheit führen!“ - -Nun mußte das alte, traute und doch etwas märchenhafte Heim ganz nahe -sein. Unwillkürlich trat er leise auf und bog geräuschlos die Zweige -auseinander, die überall den Zugang versperrten. Jetzt trat er auf den -freien Platz, der nun hie und da mit Gestrüpp bewachsen war. Dort stand -die verfallene Mühle; es war eben noch hell genug, sie zu erkennen. -Eine seltsame Scheu hielt den Jüngling ab, näher zu treten; er setzte -sich auf einen Stein, wo er ehemals oft lesend oder träumend gesessen. -Wie still war alles, wie öde! Nur über ihm in den Zweigen sang eine -Nachtigall ihr schwermütig Lied. Wie, wenn Ännchen tot wäre, und man -sie bei der Mutter begraben hätte? Wo kam ihm der Gedanke her, der -ihm brennende Tränen aus den Augen trieb? Was war das für ein Glanz? -Licht in der Mühle? O nein! Der Mond ging auf und goß milden Schein -über das düstere Gemäuer aus. Den Kopf in die Hand gestützt, saß der -Jüngling; aus seinem Herzen stieg ein inniges Gebet zu Gott empor für -das Mägdlein, das er so innig liebte. - -Aber jetzt fuhr er auf! Kalter Schauer durchrieselte ihn. In der tiefen -Einsamkeit vernahm er plötzlich süßen Gesang! Erst waren’s ferne, leise -Töne, dann ward’s lauter, und er vernahm aus den öden Mauern die Worte -eines Liedes, das er von klein auf gekannt und geliebt: - - „Keine Schönheit hat die Welt, - Die mir nicht vor Augen stellt - Meinen schönsten JEsum Christ, - Der der Schönheit Ursprung ist. - - Oft gedenk’ ich an dein Licht, - Wenn der frühe Tag anbricht. - Ach, was ist für Herrlichkeit - In dem Licht der Ewigkeit! - - Seh’ ich dann den Mondenschein - Und des Himmels Äugelein, - So gedenk’ ich: Der dies macht, - Hat viel tausend schön’re Pracht. - - Lieblich singt die Nachtigall; - Süß erklingt der Flöten Schall. - Aber über allen Ton - Ist das Wort: ‚Mariensohn!‘“ - -Friedels Angst war bald geschwunden. Ja, es beschlich ihn eine süße, -wunderbare Ahnung, die ihn trieb, in die letzte Strophe mit hellem Ton -einzustimmen. - -Aber horch! Welch schreckliches, unheimliches Brummen tönte jetzt -aus dem alten Gemäuer? In tollen, seltsamen Sprüngen kam eine -kleine vermummte Gestalt drohend auf den Jüngling zu. Der aber war -aufgestanden und erwartete ruhig die geheimnisvolle Erscheinung. - -„Tobi, alter guter Tobi!“ rief er. „Laß doch die Mummerei! Kennst du -mich denn nicht mehr?“ - -Da stand die dunkle Gestalt still, ein paar scharfe Augen blickten aus -dem Bärenfell dem Gaste ins lächelnde Antlitz. Plötzlich aber ward die -Verhüllung abgeworfen, und mit dem Rufe: „Er ist’s, der Totgeglaubte!“ -hing der treue Knecht an Friedels Halse. - -Herzlich erwiderte dieser die Liebkosung, machte sich jedoch bald los -und blickte unverwandt nach dem Hause hinüber. Siehe, da fiel das -Silberlicht des Mondes auf die niedere Türöffnung und bestrahlte die -schlanke jungfräuliche Gestalt, die ganz still auf den verfallenen -Stufen stand! In leichten Wellen umfloß das goldene Haar ihre -Schultern; das schlichte Gewand von grobem Linnen glänzte im Mondschein -wie weiße Seide. - -Eine Weile stand Friedel ins Anschauen versunken. Die Überraschung, das -Glück war allzu groß! Dann flog er mit ausgebreiteten Armen auf die -liebliche Erscheinung zu und drückte sie mit Freudentränen ans treue -Herz. - -„Du bist mein!“ flüsterte er. „Die Mutter gab dich mir, ehe sie starb! -Ihr Segen ruht auf uns!“ - -„Ja, dein bin ich!“ erwiderte sie leise. „Ich wußte, daß du kommen -würdest. Alle hielten dich für tot; mir sagte mein Herz, daß du -lebtest. O, schütze mich, Geliebter, rette mich!“ - -„Droht dir Gefahr?“ fragte Friedel erschrocken. - -„Hier nicht; hier bin ich sicher. Tobi wird dir alles erzählen. O Gott, -wie gnädig bist du, daß du mir den Treuen sandtest, nun, da ich ganz -heimatlos bin! Dir wollen wir dienen, dir wollen wir danken unser Leben -lang!“ - -Nun trat auch Tobi hinzu, und sie führten den Gast in die verödete -Stube, die jedoch sauber und rein war. Schnell ward auf dem Herd ein -helles Feuer entzündet und der Suppenkessel darüber gehängt. Auf zwei -Schemeln und einem alten Kasten saßen die drei um die Flamme und -sprachen gar wenig. Die Freude des Wiedersehens war allzu groß! - -Der Wanderer nahm ein sorgfältig eingehülltes Päckchen aus der -Brusttasche, das den Ring und das verblichene Seidentüchlein enthielt, -das er am ersten Tage seiner Wanderschaft gekauft. „Meine Treue wankt -nie!“ sprach er leise, während er den Ring an Ännchens Finger steckte -und das Tüchlein um ihren Hals schlang. „Aber wenn meine Hoffnung -wanken wollte, blickte ich diese Gaben an. Ich wußte, daß ich sie dir -bringen würde!“ - -Daß eine schwere Gefahr diese beiden in diesen Zufluchtsort getrieben -hatte, merkte Friedel gar wohl. Oft hielt sich Ännchen wie hilfesuchend -an seinen Arm, und ihre schönen Augen blickten angstvoll ins Weite. - -Als aber die Abendsuppe fertig war, und die beiden jungen Leute -zusammen aus dem Kessel aßen, während Tobi in Ermangelung eines dritten -Löffels aus einem hölzernen Schüsselchen trank und große Stücke -Schwarzbrot dazu verzehrte, ward die Stimmung etwas freier, und die -Zungen lösten sich allmählich. - -Nur in kurzen Zügen berichtete Friedel für heute seine Schicksale und -fragte dringend, warum man seinen langen Brief ohne Antwort gelassen. -Ach, er war nie in die Hände der Freunde gekommen! Die Nachricht aus -der sächsischen Mühle war das Letzte gewesen, das man von ihm erhielt. -Die Post war ja zu jener Zeit keineswegs so sicher wie in unsern Tagen. -Manche Postkutsche ward von Wegelagerern überfallen und ausgeraubt; -manche stürzte auf den bodenlosen Straßen um, so daß der Inhalt durch -Wasser oder Kot schwer beschädigt wurde. - -Als nun ein Jahr ums andere verflossen war, ohne Kunde von dem Wanderer -zu bringen, hatten ihn die wohlgesinnten Bewohner des Steinhofs für -tot gehalten. Peter aber hatte gemeint, es werde ihm wohl draußen so -gut gehen, daß er der alten Freunde nimmer gedenke. Es gäbe noch mehr -hübsche Mägdlein in der Welt als die verlassene Waisendirne. Solche -Worte schnitten zwar Ännchen bitter ins Herz, aber Glauben schenkte sie -ihnen keinen Augenblick. Nach und nach erst war sie sich ihrer innigen -Liebe zu dem Verschollenen recht bewußt geworden. Nun aber hoffte sie -zuversichtlich auf seine Rückkehr und saß am Feierabend gar oft auf -der Felsplatte, um nach ihm auszuschauen. Endlich mußte er kommen, das -sagte ihr eine innere Stimme, die nicht trügen konnte. - -Unter solchen Gesprächen war es spät geworden. Die drei Einsamen -beteten laut miteinander den Psalm vom guten Hirten, der auch im -finsteren Tale bei ihnen war, und suchten ihr Lager auf. Für Tobi und -Friedel lag eine Schicht Heu in der Ecke der Stube; Ännchen hatte im -Kämmerlein eine etwas bessere Ruhestätte. Trotz der hohen Erregung -seines Gemütes sank der Jüngling fast augenblicklich in festen Schlaf, -und liebliche Träume umspielten sein dürftiges Lager. - -Am nächsten Morgen aber war er zeitig munter und schlüpfte geräuschlos -hinaus zu Tobi, der eben eine schöne weiße Ziege molk. Am klaren, -sprudelnden Mühlbach wuschen sie sich und gingen dann in taufrischer -Morgenluft unter den Bäumen auf und nieder. Tobi konnte sich nicht -satt sehen an der hohen, stattlichen Gestalt seines Schützlings, der -schweigsam und nachdenklich neben ihm her schritt. - -„Darfst du mir nun sagen, warum du mit dem holden Kinde in dieser -Einsamkeit hausest?“ fragte er endlich. - -„Gewiß! Viel, viel hat sich auf dem Steinhof verändert; aber dieses -sollst du zuerst erfahren. Daß du kein Wort davon zu Ännchen reden -darfst, wird dir dein eigen Herz sagen. Du siehst ja, wie lieblich sie -ist. Ach, andere sahen es auch, aber mit bösen, lüsternen Blicken! -Auf dem Schlößlein oben am Ausgang des Tales geht’s jetzt lebhaft zu. -Der alte Edelmann hat es seinem Sohne geschenkt, und der hält Hof in -Saus und Braus, säuft sich voll mit wilden Gefährten, schindet die -Bauern, zertrampelt die Saat mit Rossen und Jagdhunden, und was so edle -Vergnügungen mehr sind. Wirst’s ja draußen in der Welt gesehen haben, -wie’s die Junker treiben! Ännchen ging selten mit aufs Feld; ja, sie -verließ in letzter Zeit kaum das Haus, weil sie den Franzl pflegte, der -schon lange schwach und elend zu Bett liegt. Es ist etwa zehn Tage her, -da klagte er über heftige Schmerzen in den Gliedern, und das Kind lief -eilend auf die Wiesen, um heilsame Kräuter zu lindernden Umschlägen -zu suchen. Wie sie nun gebückt am Waldesrand hingeht und emsig in die -Schürze sammelt, steht plötzlich der Junker vor ihr. Ein schöner Bursch -ist er und aufgeputzt mit Samt und Seide, daß es eine Art hat. Was er -zu ihr gesagt, weiß kein Mensch; sie brach in Tränen aus, als wir sie -danach fragten. Den Arm wollte er um sie schlingen; da flog sie davon -wie ein Reh und fiel ohnmächtig nieder, als sie den Hof erreichte. Aber -sie war auch dort nicht sicher! Zum Glück saß sie im Auszugstübel beim -Alten, als am zweiten Tage der wüste Junker auf den Hof kam und fragte, -wo die nette Dirne sei, die letzthin Kräuter gesucht. Er wolle sie -haben in die Schloßküche.“ - -„Wo ist der Bösewicht?“ rief Friedel ganz außer sich. „Zerdrücken will -ich ihn wie einen Wurm!“ - -„Sei kein Tor!“ mahnte Tobi. „‚Die Rache ist mein, ich will vergelten!‘ -spricht der HErr. -- Gut war’s, daß Albrecht, der brave älteste Sohn -des Franzl, allein auf dem Hofe war, und nicht etwa der mißgünstige -Peter, der das arme Kind schon lange scheel ansieht. ‚Sie war aus -dem Niederland, wo wir Freundschaft haben‘, erwiderte Albrecht; ‚ist -aber gestern in aller Frühe abgereist. Es gefiel ihr nimmer hier.‘ -Der schlechte Mensch sah ihn mit bösem Blicke an, als glaube er ihm -nicht recht, und ging mit drohender Gebärde von dannen. Nun riet der -Franzl, ich solle mit dem Kinde auf eine Zeitlang weiter hinauf ins -Gebirge ziehen; einen guten Zehrpfennig wolle er uns mitgeben, und -Arbeit und Obdach würden wir bald finden. Ännchen sei ja so wunderklug -und geschickt zu jedem Geschäft. Hierbleiben dürfe es für jetzt nicht. -Da hat es aber gebeten und gefleht, man solle es nur noch zehn Tage -lang hier in der alten Mühle auf dich warten lassen; du würdest nun -ganz gewiß kommen. Niemand hat’s geglaubt, auch ich nicht; aber Franzl -sprach: ‚Tu ihr den Willen! Gott kann wohl ihre Zuversicht lohnen.‘ -Und so ist’s geschehen! ’s ist heute just der zehnte Tag, seit ich -mit ihr, der Ziege und einem Sack voll Mundvorrat hierher kam durch -den Felsengang. Der ist nicht mehr so sicher und bequem; allerlei -Steingeröll hat sich abgelöst und versperrt oft den Weg fast ganz. -Vor dem Ausgang auf den Hof haben wir, bald nachdem du fort warst, -Fliederbüsche angepflanzt, die ihn jetzt verbergen. In den ganzen sechs -Jahren ist niemand durchgegangen als ich von Zeit zu Zeit. Ich wollte -hier nicht alles verwildern lassen. Und wenn’s Streit und Zank gab auf -dem Hofe, bin ich manches Mal hierher entwichen, um Ruhe zu haben.“ - -„Streit und Zank?“ fragte Friedel. „Das gab’s sonst nicht.“ - -„Aber jetzt! Dein Buch hat’s gemacht! Wirst’s merken, wenn du -hinkommst.“ - -„Gott geb’ nur, daß mir der Junker nicht begegnet! O, wenn ich ihn hier -unter der Faust hätte!“ - -„Sei ruhig! Sieh, dort steht Ännchen an der Tür und winkt uns zur -Morgensuppe.“ - -Ja, Friedel hatte draußen in der Welt genug gehört von dem gottlosen -Tun und Treiben der Junker, um zu wissen, daß er sein Ännchen sobald -als möglich fortführen müsse. Wie sollte er’s machen, da er ja blutarm -war? Nun, der Franzl war ein kluger Mann, der würde ihm das Beste -raten. Als die drei zusammen die lieben Gräber besucht hatten, machte -er sich allein auf den beschwerlichen Weg durch den Felsengang. - -Groß war das Erstaunen der Leute auf dem Steinhofe, als der -Verschollene frisch und munter vor ihnen stand. Man hatte ihn längst -für tot gehalten. Von Albrechts Familie ward er aufs freundlichste -empfangen, während ihn Peter mit unverhohlenem Widerwillen ansah. Es -konnte nicht lange verborgen bleiben, daß er ebenso arm heimgekehrt -sei, als er gegangen war, und Peter fragte mit spöttischem Lachen: - -„Wo steht denn nun die prächtige Mühle, wohin du die Betteldirne führen -willst? Wohl im Schlaraffenland, wo’s Semmeln schneit und Würste -regnet? In des Edelmanns Küche hätte sie’s vielleicht besser bekommen.“ - -Blutrot im Gesicht sprang Friedel empor und ballte die kräftige Faust; -aber Albrecht hielt ihn fest und warnte: „Kein Kampf in unsers Vaters -Haus! Höre nicht auf ihn. Komm zum Vater; da ist Friede!“ - -Im Auszugstübchen, in demselben Bett, wo Ännchens Mutter selig -gestorben, lag der ehemals so starke, tatkräftige Mann hilflos wie ein -Kind. Die Beine waren durch die Gicht gelähmt, die Hände schwach und -zitternd; nur der Geist war noch frisch und ungeschwächt. Lang und -silberweiß umgaben Haar und Bart das abgemagerte, friedvolle Antlitz -des Greises. Der selbstbewußte, etwas strenge Ausdruck war ganz daraus -gewichen. - -Sein Staunen über Friedels plötzliche Ankunft war nicht so groß, wie -man gedacht hatte; eine innere Stimme mochte ihm gesagt haben, daß der -allmächtige Gott das Vertrauen des Mägdleins in Gnaden lohnen werde. - -Der Wanderer hatte viel mit dem Kranken zu sprechen von Vergangenheit -und Zukunft und verweilte mehrere Tage auf dem Hofe. Teils durch -Albrecht, teils durch Franzl selbst erfuhr er, daß es hier im kleinen -so gegangen sei, wie’s allezeit in der Welt im großen geht. Der alte -Hausherr hatte nach manch schwerem inneren Kampfe das Heil seiner Seele -in Friedels Buch gefunden. Seine eigene Tugend war ihm mehr und mehr -als ein unflätig Kleid erschienen, das er gern abwarf, um sich mit -der reinen Seide der Gerechtigkeit Christi zu schmücken. Albrecht war -ihm mit Weib und Kind auf diesem Himmelswege gefolgt, während Peter -mit den Seinen sich verächtlich davon abwandte. Zwiespalt und Streit -war durch ihn entstanden; ja, er hatte sogar gedroht, das Buch dem -Priester zu bringen und die Hausgenossen als Ketzer zu verklagen. Die -Ehrfurcht vor dem Vater hatte ihn wohl bisher abgehalten, diese Drohung -auszuführen; was er aber tun würde, wenn dieser die Augen schloß, -konnte niemand wissen. Darum hatte Albrecht den Entschluß gefaßt, nach -des Vaters Tode dem Bruder den Hof zu überlassen und mit Weib und Kind -in die Augsburger Gegend zu ziehen, wo es evangelische Gemeinden gab. - -Am dritten Tage saß Friedel am Bett des Alten und sprach mit ihm von -der weiten Land- und Seefahrt, die er antreten wollte. Mit Staunen -vernahm Franzl, wie unermeßlich groß die Entfernung und wie gefahrvoll -die Reise sei. - -„Hast du denn auch Geld in der Tasche, mein Sohn?“ fragte er endlich. - -„Sehr wenig. Ich verdiente etwas in Passau; auch gab mir der Pfarrer -ein Zehrgeld. Tobi hat auch seit Jahren alles aufgespart, was Ihr ihm -etwa an Festtagen schenktet. Es ist ein straffes Beutelchen. Wenn wir -uns als Schiffsknechte vermieten, kommen wir wohl den Rhein herab, -vielleicht auch bis England. Dort aber gibt’s gute Leute, die sich -lutherischer Auswanderer annehmen, besonders der Salzburger. Das sagte -mir mein Johannes und auch der Pfarrer.“ - -„Und Ännchen?“ fragte Franzl lächelnd. „Soll sie auch als Schiffsknecht -arbeiten?“ - -„O, für Ännchen sorgt Gott gewiß!“ rief Friedel. „Es darf keinen Mangel -leiden.“ - -„Da hast du recht! Aber Gott sorgt oft durch Menschenhand. Du weißt -wohl kaum, wieviel man bedarf für eine solche Reise. Rufe mir doch den -Albrecht her, wenn er daheim ist.“ - -„Er schafft im Garten; Peter und seine Leute sind auf dem Felde.“ - -Albrecht kam. Der Vater gab ihm einen kleinen Schlüssel, den er unterm -Kopfkissen verborgen hatte. „Geh’ in den hinteren Keller“, sprach er, -„und öffne die Tür in der linken Ecke. Noch nie öffnete sie eine andere -Hand als die meine. Was du in dem Loch findest, das bringe her.“ - -Es währte eine Weile, ehe Albrecht wiederkam, denn das Schloß war sehr -verrostet gewesen. Er trug eine kupferne Schachtel, die schwer und -fest geschlossen war. Mühsam richtete sich der Greis im Bette auf und -öffnete, auf eine verborgene Feder drückend, den Deckel. Mit Staunen -sah Friedel, daß das Gefäß bis zum Rande mit Gold- und Silbermünzen -gefüllt war. - -„Das ist der Sparpfennig meines langen arbeitsreichen Lebens; ja, ein -Teil davon stammt noch von meinem Vater her. Gott segnete mich so -reich, daß ich es zurücklegen konnte, ohne jemand davon zu sagen. Du, -mein Albrecht, warst mir ein treuer Sohn, und dir, als dem Ältesten, -gebührt von Rechts wegen der Steinhof. Aber du hast das gute Teil -erwählt und willst in die Fremde ziehen, um Gottes Wort zu haben mit -den Deinen. Nimm jenes Tuch und breite es vor mir aus.“ - -Albrecht gehorchte, und der Alte schüttete ungezählt ein Häuflein Gold -und Silber hinein. „Dies nimm zur Gründung einer neuen Heimat und zur -Erziehung deiner noch unversorgten Kinder.“ - -Nun forderte er noch ein Tüchlein, füllte es mit geringerer Menge und -reichte es Friedel. „Dies ist dein, zum Dank für das heilbringende, -unbezahlbare Buch; und dem holden Mägdlein zum Dank dafür, daß es mich -wie ein Engel gepflegt. Es ist zart und fein; du mußt es wohl hüten -und gut halten auf der langen Reise. Dies dritte Teil aber verschließt -wieder im Keller. Peter wird es nach meinem Tode finden, und vielleicht -wird er’s nötig haben; denn ich fürchte, daß Gottes Segen vom Hofe -verschwinden wird, wenn man Gottes Wort daraus vertreibt.“ - -[Illustration] - -Erschöpft lehnte er sich ins Kissen zurück. Beide küßten seine Hände -und dankten ihm mit Tränen für die überreiche Gabe. Dann trug Albrecht -auf sein Geheiß die Schachtel wieder ins Versteck. - - - - -9. Ins Land der Freiheit. - - -Einige Tage später hielt der wilde Junker oben im Schlößchen ein großes -Festgelage, wozu viele vornehme Gäste aus der Umgegend geladen waren. -Auch die meisten Hüttenleute waren hinaufgelaufen, um etwas von der -Herrlichkeit zu sehen, die lustige Musik von ferne zu hören, und etwa -ein Stück übrigen Braten aus der Küche zu erhaschen. - -Während es nun oben gar hoch herging, war’s im Steinhofe still und -feierlich. Im Auszugstübchen knieten die drei Auswanderer um Franzls -Bett, und er segnete sie und betete inbrünstig mit ihnen um Schutz und -Hilfe auf der gefahrvollen Reise. Lange ruhte seine welke Hand auf -Ännchens blondem Haupt, und große Tränen rollten ihm dabei über die -eingefallenen Wangen. Er liebte die junge Braut wie sein eigen Kind. -Auch von Albrecht und seiner Familie gab’s einen schweren Abschied. -Peter hatte sich hinaus aufs Feld gemacht ohne ein Wort des Lebewohls. - -Bald darauf fuhr ein schmuckes Bauernwäglein durchs stille Tal; -Friedel, Ännchen und Tobi saßen darin, umgeben von inhaltreichen -Bündeln. Unzähligemal schauten sie zurück nach dem Hofe, bis er -endlich ihren Blicken entschwand. So mühselig und reich an Beschwerden -Friedels frühere Wanderungen gewesen waren, so ruhig und sicher ging -die Reise nach Basel vonstatten. Schon nach einigen Tagen fanden sie -eine evangelische Kirche, wo der freundliche Pfarrer dem Friedel sein -Ännchen antraute. In schlichten Reisekleidern standen sie vor dem -Altar; doch hatte Tobi aus taufrischen Wiesenblumen ein Brautkränzlein -für Ännchen gewunden. - -In Basel bestiegen sie ein Rheinschiff und fuhren den herrlichen Strom -hinab. Die beiden Männer verdienten ihre Fahrt als Schiffsknechte, um -mit Franzls Geschenk sparsam umzugehen. Ännchen nähte und strickte gar -emsig oder schaute verwundert in die große, weite, schöne Welt hinaus, -von der sie bisher nur so wenig gesehen. - -Aber so recht wohl ward dem Friedel erst, als sie in Rotterdam ein -Seeschiff bestiegen hatten und das Land mehr und mehr ihren Blicken -entschwand. Jubelnd drückte er Ännchen ans Herz und rief: „Nun bist du -erst recht mein; nun kann mich kein Werber mehr von dir reißen!“ - -Gott fügte es, daß sie auf diesem Schiffe einen erfahrenen, -wohlmeinenden Mann kennen lernten, der sich ihrer annahm und sie dem -Herrn des Auswandererschiffes empfahl. Sehr groß war ihre Freude, als -sie unter den Mitreisenden eine kleine Anzahl Landsleute fanden, die -mit ihnen das gleiche Ziel hatten. -- - -Die Salzburger, welche vor Jahren nach der Vertreibung aus ihrer Heimat -nach Amerika ausgewandert waren, hatten im Staate Georgia, nicht -weit von der Stadt Savannah, eine Ansiedlung gegründet, der sie den -Namen Eben-Ezer, d. h. Stein der Hilfe, gaben. Die an Beschwerden so -reiche Zeit des ersten Anbaues war nun überstanden; freundliche Hütten -waren aufgebaut, Gärten grünten und blühten, und die Felder trugen -mancherlei Getreide. Mitten drin, von jedem leicht zu erreichen, erhob -sich ein schmuckes Gotteshaus, Jerusalemskirche genannt. Zwar stand das -Land unter englischer Regierung, doch genossen die Ansiedler, solange -sie sich friedlich und ehrbar hielten, die vollste Freiheit; besonders -hinderte sie niemand daran, ihres Glaubens zu leben. - -Heute, an einem heiteren Spätsommertage herrschte große freudige -Aufregung unter jung und alt. Es war Nachricht gekommen, daß ein im -Hafen von Charleston eingelaufenes Schiff wieder eine Anzahl aus -Salzburg stammender Einwanderer gebracht habe. Diese erwartete man -nun mit Freuden, und jeder wollte gern die neuen Brüder herbergen und -erquicken. Jetzt zeigten sich in der Ferne Staubwolken, als nahten -sich mehrere Wagen. Zum feierlichen Zug geordnet, ging die Gemeinde -den Fremden entgegen und stimmte, sobald die Wagen näher kamen, den -schönen Gesang an: „Lobe den HErren, den mächtigen König der Ehren!“ -Bei den Worten: „Der dich auf Adelers Fittigen sicher geführet“, -hielt der erste Wagen an. Ein schöner, hochgewachsener junger Mann -sprang, kräftig in das Lied einstimmend, herunter und half seiner -zarten, lieblichen Frau sorglich beim Absteigen, während ein seltsames -verwachsenes Männlein die Pferde hielt. Nach und nach kamen auch die -andern heran. In ernster, freundlicher Rede begrüßte sie der Pfarrer; -dann aber ging’s an ein frohes Begrüßen und Händedrücken, bis die Gäste -verteilt waren und von ihren Wirten heimgeführt wurden. - -Bald saßen Friedel und Ännchen in der sauberen Hütte eines älteren -Ehepaares und wurden mit dem Besten erquickt, was man nur aufzutragen -hatte. - -„Würdest du wohl“, sprach der Wirt nach der Mahlzeit, „noch einen -kleinen Ausgang machen, ehe ihr die Ruhe sucht? Ich möchte euch -unserm Ältesten vorstellen. Er freut sich innig, daß wir wieder -Zuwachs erhalten; doch hindert ihn sein hohes Alter, an der Begrüßung -teilzunehmen.“ - -Sogleich begab man sich auf den Weg, der zwischen wohlgepflegten Gärten -hinführte, und erreichte bald das nette Häuschen des Ältesten. Um den -milden Sommerabend zu genießen, saß er auf der Bank vor der Tür. Er war -ein sehr alter Mann mit weißem Haar und Bart, aber ungemein frischen, -heiteren blauen Augen. Einige hübsche Kinder, wohl seine Enkel, -spielten um ihn her. - -„Hier bring’ ich Euch meine Gäste“, sprach der Ansiedler, „damit -Ihr doch gleich den jüngsten, aber auch den stattlichsten der neuen -Ankömmlinge kennen lernt.“ - -Aber was war das? Der Gast hatte dem Greise eine Weile ins Antlitz -gesehen; nun fiel er plötzlich vor ihm nieder und barg, vor Erregung -zitternd, den Kopf in seinen Schoß. - -„Pate Rudi“, rief er, „o lieber, guter Pate Rudi; ich bin ja dein -kleiner Friedel! Im Preußenland wollte ich dich suchen und finde dich -nun in Amerika!“ - -[Illustration] - -Die Freude des ehrwürdigen Alten war ungemein groß; er liebkoste den -hochgewachsenen Mann, als sei er noch ein kleiner Knabe von ehemals, -und schloß die junge Frau, die ihm zärtlich die Hand küßte, gleich in -sein liebreiches Herz. Nun begann ein Fragen und Erzählen, das schier -kein Ende nehmen wollte! Freilich war’s nicht nur Erfreuliches, was -sie einander zu berichten hatten. Rudi war tief ergriffen, als er von -dem schnellen, einsamen Tode seines alten Andreas hörte. Friedel aber -fragte vergebens nach der treuen Magd Zenzi, die so schöne Märlein -erzählt hatte. Sie war auf der Seereise gestorben und harrte in der -Tiefe des Meeres ihrer Auferstehung. - -Indessen war auch Gundel, Rudis verheiratete Tochter, hinzugetreten und -mahnte den Vater, daß es hohe Zeit für ihn sei, zur Ruhe zu gehen. „Du -hast recht!“ sagte der freundliche Greis. „Laß mich nur meinem großen -Patenkind noch schnell sagen, wie es kam, daß ich, statt nach Preußen, -übers weite Meer gezogen bin. In den langen Winterabenden wollen wir -uns dann nach Herzenslust alle unsere Schicksale erzählen. Du weißt -wohl noch, Friedel, wie krank und matt ich war, als wir die traute -Heimat verlassen mußten. Als wir nach Augsburg kamen, glaubte ich mein -Ende nahe und lag lange danieder bei gastfreien Glaubensgenossen. Als -ich unter ihrer treuen Pflege endlich doch genas, waren die meisten der -Gefährten längst weitergezogen, außer einer kleinen Schar, die sich -entschlossen hatte, übers Meer zu ziehen. Mein Schwiegersohn gehörte -mit Weib und Kind dazu, und Gott stärkte mich wunderbar, daß auch ich -die weite, beschwerliche Reise unternehmen konnte. Hier hab’ ich noch -jahrelang rüstig schaffen dürfen, aber nun ist’s vorbei. Ich kann nur -noch ein wenig guten Rat geben und das kleine Volk hüten. Du aber, mein -Sohn, bist jung und stark, und das ist gut. Denn hier gilt’s alle Kraft -dransetzen und so recht im Schweiße des Angesichts sein Brot essen.“ - -Die Wahrheit dieser Worte erfuhr der junge Ansiedler in reichem Maße; -aber auf eigenem Grund und Boden zu arbeiten ist für den rechten Mann -eine Lust. Sehr hatte man sich gefreut, daß er ein gelernter Müller -war, da notwendig eine zweite Mühle gebaut werden mußte. Ehe der -Winter kam, stand sie schmuck und fertig da mit nettem angebauten -Wohnhäuschen, von Garten umgeben. Weiter draußen war das Ackerland, das -Tobi mit großem Eifer zurichtete, damit es im Frühjahr bepflanzt und -besät werden konnte. - -Dieser treue Knecht war im fremden Lande sogleich daheim gewesen. -Schon auf dem Schiffe hatte er als Krankenpfleger, Kinderwärter, Koch -und Flickschneider Wunderbares geleistet und die Herzen der Gefährten -im Sturm erobert. Hier wohnte er zwar in der Mühle, half dem Friedel -wacker und schaffte frühmorgens, wenn noch alles schlief, im Garten, -um es Ännchen zu erleichtern. Dennoch ward er bald der Freund und -Vertraute der ganzen Niederlassung. Wo Not einkehrte, rief man den Tobi -herbei. Und wenn er aufs Feld oder in den Wald ging, lief immer ein -Häuflein Kinder hinter ihm her, denn sie hingen an ihm wie die Kletten. - -Daß die Mühle ein wenig abseits von den übrigen Wohnungen lag, war -allen lieb und recht; besonders freute sich Ännchen darüber, da sie -stets einen Hang zu Stille und Einsamkeit behielt. Während Friedel bald -lebhaften Anteil an dem Wohl und Wehe der kleinen Gemeinde nahm und -gern mit den wackeren Männern verkehrte, verließ Ännchen nur selten ihr -trauliches Heim, das sie so schmuck und sauber hielt wie nur möglich. -Aber wenn die Töne des großen Hornes erschallten, das zum Gottesdienst -rief (eine Glocke besaß man noch nicht), dann ließen beide alle Arbeit -stehen und eilten dem lieben Kirchlein zu. - -O wie herrlich war es, Gottes Wort so reichlich hören und so wohl -lernen zu dürfen! Jetzt erst merkten sie, wie gering ihre Erkenntnis -noch war. Heller und immer heller erleuchtete die himmlische Wahrheit -ihre Seelen, und ihr Glaube ward fest und stark. Auch lernten sie jetzt -erst den Segen christlicher Gemeinschaft kennen. Hatten sie doch bisher -so allein gestanden! - -Auch an Freude und Kurzweil fehlte es nicht ganz. Gar fleißig ward -der Gesang geübt; nicht nur im Kirchlein, auch in Feld und Garten -erklangen die herrlichen Lieder zu Gottes Ehre. Nach treu getaner -Arbeit konnte Friedel mit der Flinte durch den Wald streifen und manch -guten Wildbraten heimbringen, ohne eines Edelmannes Rache fürchten zu -müssen. Gern saß er am Feierabend oberhalb der Mühle am klaren Wasser, -und manch silbernes Fischlein blieb an seiner Angel hängen. In solchen -Stunden flogen seine Gedanken gar oft zurück ins alte Vaterland, in -die Talmühle, zu des Großvaters Hütte, ach, auch an die einsame, öde -Stätte, wo er bei der Leiche seines Johannes gekniet! - -Ein halbes Jahr mochten sie wohl in Eben-Ezer sein, als ein Brief -vom Steinhofe ihnen die Kunde von Franzls seligem Tode brachte. -Sein letztes Gebet war das Verslein gewesen, das ihm Friedel einst -aufschreiben mußte, nachdem Frau Marie gestorben war. Albrecht schrieb, -er rüste nun mit den Seinen zur Wanderung nach Augsburg. - -So weilten nun alle, an denen Friedels und Ännchens Herzen gehangen, -nicht mehr in der alten, sondern in der himmlischen Heimat! - -Aber in der neuen irdischen Heimat ward es bald lebendig. Ein munterer -kleiner Bube, der den Namen Johannes erhielt, strampelte in der Wiege, -die Friedel selbst gemacht. Pate Rudi durfte sich noch an ihm erfreuen -und meinte, er werde groß und stark werden wie sein Vater. „Mag er -immerhin wachsen“, sprach der glückliche Vater; „hier fängt ihn kein -Werber! Aber was Rechtes lernen soll er in unserer lieben Schule, mehr -und besser als ich, um, will’s Gott, vielleicht selbst ein Lehrer zu -werden.“ - -Der kleine Johannes war wirklich ein kluges Kind, dazu frisch, kräftig -und überaus liebreich, so daß er das zarte Schwesterlein, das ihn -aus der Wiege und vom Schoß der Mutter verdrängte, mit großer Freude -begrüßte. Es ward Marie genannt und war vom ersten Tage an Tobis -Liebling. - -Nun hatte Ännchen vollends keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, ob -die alte oder die neue Heimat schöner sei. Geschäftig und freundlich -war sie immer, und ihr liebliches Antlitz strahlte in stillem Glück. - -Einmal aber fand Friedel sie an der Wiege des Kindes sitzend, in tiefes -Sinnen versunken, mit Tränen in den Augen. - -„Was bekümmert dich?“ fragte er. „Hat dir jemand ein Leid getan?“ - -„O nein! Ich gedachte nur der verlassenen Gräber im heimatlichen Tale. -Kein Mensch wird ihnen mehr nahen; kein Blümlein wird mehr darauf -gelegt werden. Vielleicht sind sie schon eingesunken und nicht mehr zu -erkennen.“ - -„Aber der Himmelsherr wird sie finden“, erwiderte Friedel. „Wenn die -letzte Posaune ertönt, wird er auch die Geliebten erwecken und uns mit -ihnen vereinen auf ewig!“ - -[Illustration] - - - - -Im Verlag von +Johannes Herrmann, Zwickau+ (Sachsen), erschienen: - - -Neue Kindheitserinnerungen an +Marg. Lenk+ - -unter dem Titel: - -Erinnerungen an Gretel - -Von den Schwestern Margarete Lenks Susanna und Eva Klee - -242 Seiten. 8^o. 6 Bilder. Gebunden M. 3.50 - -Nicht nur alle, die Marg. Lenk aus ihren Erzählungen kennen und lieben -gelernt haben, werden nach diesem Buche greifen, das uns die junge -Lehrerin als treue Erzieherin ihrer jüngeren Geschwister lebendig -vor die Seele stellt, sondern auch für andere ist es von großem -Reiz, durch dieses in schlichter und doch reiner und edler Sprache -geschriebene Buch Einblick zu gewinnen in das glückliche Familienleben -des bekannten, tüchtigen Dresdner Kreuzschulrektors Julius Klee und zu -beobachten, wie Gretels kindliche Frömmigkeit in guten und bösen Tagen -einen unauslöschlichen Eindruck auf die Herzen der heranwachsenden -Kinder des Hauses gemacht hat. Auch manchen bekannten Persönlichkeiten -aus den Kreisen des gebildeten Dresdner und Leipziger Bürgertums im -vorigen Jahrhundert, die uns aus anderen zeitgenössischen Büchern -bekannt sind, wie L. Richter, Rietschel, Otto Ludwig, Gustav Freytag, -Buchhändler Hirzel u. a., begegnen wir hier wieder. Sehr passend zum -Vorlesen im Familienkreis. - -Was lebt und webt nicht alles in diesem wunderfeinen, kleinen Buch! Es -sind in ihm nur schlichte Aufzeichnungen enthalten, aber mit großer -Treue gezeichnet. Ludwig Richters Enkelin, Otto Ludwigs und Rietschels -Kinder gehören mit zum Kreis der munteren kleinen Schar, in die wir -als Pflegestätte und Jungborn des Geistes unserer allverehrten großen -Erzählerin und Dichterin lauschen und schauen dürfen. Das Buch ist eine -rechte Herzerquickung und ein rechter lieber, kleiner Hausschatz. - - - - -Marg. Lenks Jugendbücher - -erschienen in 250 Auflagen - - -Die mit * bezeichneten Bände sind illustriert - - *Der Findling. Erzählung aus der Zeit der Reformation. - 7. Aufl. Illustr. Leinenband M. 4.-- - - *Des Pfarrers Kinder. Erzählung aus der Zeit des - 30jährigen Krieges. 6. Aufl. Illustr. Leinenband „ 4.-- - - Drei Wünsche. 4. Auflage. Leinenband „ 4.-- - - *Seemövchen und andere Erzählungen. 3. Auflage „ 4.-- - - *Treue Herzen. 4. Auflage. Illustriert. Halbleinen „ 3.-- - - *Des Goldschmieds Töchterlein. 3. Auflage. Illustriert. - Halbleinen „ 3.-- - - *Kinderherzen. 5. Auflage. Illustriert. Halbleinen „ 3.-- - - *Die Bettelsänger. 3. Auflage. Illustriert. Halbleinen „ 3.-- - - Sturm und Sonnenschein. 4. Auflage. Leinenband „ 3.-- - - Die Geschwister. 3. Auflage. Leinenband „ 3.-- - - *Lenas Wanderjahre 3. Aufl. Illustriert. Halbleinen „ 2.50 - - *Die Zwillinge. 4. Auflage. Illustriert „ 2.50 - - Licht und Schatten. 3. Auflage. Halbleinen „ 2.50 - - *Im fernen Westen. 2. Auflage. Illustr. Halbleinen „ 2.25 - - Im Dienst des Friedefürsten. 5. Auflage. Halbleinen „ 2.25 - - *Des Waldbauern Friedel. 4. Auflage. Illustriert „ 2.25 - - Siegmund. -- Auf Seekönigs Thron. 2. Aufl. Halbl. „ 2.-- - - Mein Sorgenkind „ 2.-- - - Aus meiner Kindheit. 3. Auflage „ 2.-- - - Fünfzehn Jahre in Amerika. 2. Auflage „ 2.-- - - Ein Kleeblatt. 5. Auflage - -Ferner 5 kleine illustrierte Bändchen je M. 1.20 gebunden - -„Marg. Lenks Bücher brauchen keiner Empfehlung mehr. Einfache, -kindliche Frömmigkeit kommt darin ganz naiv, mit natürlicher -Selbstverständlichkeit zum Ausdruck, weil sie offenbar der Verfasserin -Herzenssache ist, ja die Lebensluft, in der sie atmet. Mit feinem -Gefühl erkennt und versteht sie die Kinderherzen, und dazu verfügt sie -über eine starke, künstlerische Gestaltungskraft....“ - - „Jugendschriften-Kommission des Schweizer Lehrervereins.“ - - -Verlag von Johannes Herrmann, Zwickau (Sachsen) - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DES WALDBAUERN FRIEDEL *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Des Waldbauern Friedel</span>, by Margarete Lenk</p> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Ungewöhnliche -und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten -bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts -dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p> - -<p class="p0">Das <a href="#Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</a> -wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit halber eingefügt.</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> erscheinen im vorliegenden -Text kursiv. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<h1><span class="s5">Des</span><br /> -Waldbauern Friedel</h1> - -<p class="s3 center mtop3">Von</p> - -<p class="s2 center mtop1"><b>Marg. Lenk</b></p> - -<p class="s1 center mtop1 mbot1"><b>*</b></p> - -<p class="s4 center"><b>Vierte Auflage – Mit Bildern</b></p> - -<p class="s4 center mtop3">Zwickau (Sachsen)</p> - -<hr class="r65" /> - -<p class="s4 center">Verlag und Druck von Johannes Herrmann</p> - -<p class="center padtop5 break-before">Alle Rechte vorbehalten.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p class="s5 center antiqua">Copyright 1912 by Johannes Herrmann, Zwickau -(Sachsen).</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2> - -</div> - -<table summary="Inhalt"> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">1. Vertrieben.</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#illu_003">3</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">2. In der Talmühle.</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#In_der_Talmuehle">17</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">3. Wie die Kinder aufwuchsen.</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Wie_die_Kinder_aufwuchsen">37</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">4. Wie’s dem Talmüller ergangen war.</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Wies_dem_Talmueller_ergangen_war">55</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">5. Der Tod kehrt ein.</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Der_Tod_kehrt_ein">73</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">6. In die weite, weite Welt.</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#In_die_weite_weite_Welt">92</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">7. Ein guter Kamerad.</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Ein_guter_Kamerad">113</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">8. Die alte Heimat.</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Die_alte_Heimat">129</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">9. Ins Land der Freiheit.</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Ins_Land_der_Freiheit">148</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter mtop3"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p> - -<div class="figcenter illowe45 padtop3" id="illu_003"> - <img class="w100" src="images/illu_003.jpg" alt="Kapitel 1, Kopfstück" /> -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nopad" id="Vertrieben">1. Vertrieben.</h2> - -</div> - -<div class="figleft illowe8" id="illu_003a"> - <img src="images/illu_003a.jpg" alt="E" /> -</div> - -<p class="p0"><span class="hide-first1">E</span>s war im Sommer des Jahres 1730. In dem wunderschönen Gebirgsländchen -Salzburg, das im Süden Deutschlands, zwischen Bayern, Tirol und -Österreich liegt, grünten die saftigen Wiesen, dufteten die dunklen -Tannenwälder; und die untergehende Sonne vergoldete die Spitzen der -gewaltigen Berge. Nicht allzuweit von einem kleinen gewerbfleißigen -Städtchen stand am Bergeshang, von Waldbäumen beschattet, eine -schlichte Hütte. Nur zwei Menschen wohnten darin: der Waldbauer -Andreas, ein weißhaariger, aber noch sehr rüstiger Mann, und sein -neunjähriger verwaister Enkel Fridolin, meist Friedel genannt. -Einen schmuckeren Buben gab es wohl kaum in der ganzen Gegend! Hoch -gewachsen, weiß und rot wie Milch und Blut, obgleich er sich von früh -bis abends im Sonnenschein tummelte, mit lustigen,<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> strahlenden Augen -und weichem, dunklem Lockenhaar. Schon war er kräftig genug, dem -Großvater bei der Bearbeitung des sehr kleinen Gütchens zu helfen, so -daß die beiden, seit dem Tode eines alten, treuen Knechtes, ganz allein -wirtschafteten.</p> - -<p>Jetzt ruhten Großvater und Enkel am Waldesrand und schauten behaglich -der schneeweißen Kuh und den fünf schönen Ziegen zu, die sich die -würzigen Kräuter wohlschmecken ließen. Andreas hatte Brot und Käse und -einen Krug Milch herausgeholt, denn in der Hütte war’s noch heiß und -dumpfig von der Sonnenglut des Tages.</p> - -<p>Schweigend saßen sie beisammen. Sonst hatte der Alte am Feierabend gern -geplaudert und erzählt; seit einiger Zeit war er merkwürdig still. Aber -sieh, jenseits der Wiese trat plötzlich sein stattlicher Hirsch mit -majestätischem Geweih aus dem Waldesdunkel hervor und begann zu grasen. -Wie festgebannt stand das zahme Vieh und schaute verwundert nach dem -stolzen Gast hinüber; der Knabe aber betrachtete ihn mit atemlosen -Entzücken. Aber nur zu bald gewahrte das herrliche Tier die Menschen, -die es wohl schon als seine Feinde kennen mochte. Es warf den Kopf -zurück und enteilte in mächtigen Sprüngen.</p> - -<p>„Schade, daß du deinen Stutzen (kurze Flinte) nicht hier hattest“, -sagte Friedel, „sonst könnten wir morgen Hirschbraten essen.“</p> - -<p>„Nimmermehr! Das Hochwild ist nicht des Volkes; es ist des Erzbischofs.“</p> - -<p>„Das ist nicht recht! Es frißt unser Gras und<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> bricht oft genug in -unser Feld. Er hätt’ es ja nicht gesehen, wenn du den Hirsch geschossen -hättest! Er sitzt ja weit weg in seinem Palast in der Stadt Salzburg.“</p> - -<p>„Schäm’ dich, so zu reden! Du weißt recht gut, daß es Gott gesehen -hätte. Nein, nein! In allen irdischen Dingen wollen wir dem harten -Herrn gern untertan sein; aber nimmer, nimmer hat er Macht über unsere -Seelen!“</p> - -<p>Der Alte hatte nur mit sich selbst gesprochen, doch war dem Kinde seine -tiefe Erregung nicht entgangen, und es fragte ängstlich:</p> - -<p>„Will der garstige Erzbischof deiner Seele was tun, Großvater? Wie kann -er denn das? Sie ist ja ganz tief inwendig.“</p> - -<p>Andreas schwieg lange, dann zog er den Knaben an sich und begann:</p> - -<p>„Du hast in deiner Einfalt wahr gesprochen, mein Kind; er kann meiner -Seele nichts tun! Schon längst möchte ich dir etwas sagen, was du noch -nicht ganz verstehen wirst, aber doch wissen mußt. Höre mir nun recht -aufmerksam zu. Sag’, weißt du denn, warum wir am Sonntag nicht in die -schöne große Stadtkirche gehen, sondern in das ärmliche Kapellchen in -der engen Gasse?“</p> - -<p>„Hab’ nimmer daran gedacht“, gestand der Knabe. „Hab’ aber ’mal in die -große Kirch’ neingeguckt, als die Tür weit offen stand. Ei, da ist’s -fein drin! Bilder gibt’s und Figuren, und gleißt alles von Gold! und -Silber.“</p> - -<p>„Das glaub’ ich wohl! Aber sieh, der dicke<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> Pater Ignatius führt die -Leute in der schönen Kirche nicht den rechten Weg zum Himmel. Du kennst -ihn doch, nicht wahr?“</p> - -<p>„Es ist unser HErr JEsus Christus“, erwiderte der Knabe feierlich; „wer -an ihn glaubt, wird selig.“</p> - -<p>„Dabei bleib’ fest dein Leben lang! So lehrt ja unser lieber Pfarrer -mit großem Fleiß die Großen und Kleinen, und schöpft alle seine Lehre -aus der lieben Bibel. Pater Ignatius aber verbietet die Bibel zu lesen. -Er sagt, man solle sich den Himmel verdienen mit guten Werken; man -solle die Jungfrau Maria und andere Heilige anrufen, die doch auch -sündige Menschen waren. Sieh, so gibt’s zweierlei Leut’ hier. Die -meisten folgen dem Pater, der kleine Teil dem Pfarrer. Bisher haben sie -äußerlich Frieden gehalten; jetzt aber hat der Erzbischof befohlen, -die wenigen, die das kleine Kirchlein besuchen, zu ängstigen und zu -verfolgen.“</p> - -<p>„Aha!“ lachte der Junge. „Nun weiß ich auch, warum mich des Müllers -Sepp letzthin einen Ketzer schalt. Na, ich hab’s ihm heimgezahlt, daß -er heulend davonlief mit einer Beule am Kopf. Und ist doch älter als -ich!“</p> - -<p>„Das mußt du nicht tun! Weißt du nicht, wie geduldig unser Heiland -litt, als man ihn beschimpfte?“</p> - -<p>„Ach, Großvater, das geht ja mit dem Sepp nimmer. Der tät ja gleich –“</p> - -<p>„Schweig, törichtes Kind! Ich verbiete dir ernstlich, dich zu rächen, -wenn man dich deines Glaubens wegen beschimpft.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> - -<p>Zwei große Tränen, die über das ehrwürdige Antlitz des Alten in den -weißen Bart rollten, stimmten den Knaben plötzlich weich und ernst. -Liebkosend schmiegte er sich an den Alten und sprach leise:</p> - -<p>„Sag’ mir doch alles; ich will ja brav sein. O Großvater, ich will auch -’mal in den Himmel kommen, wo mein Herzensmütterle ist und der Vater, -den ich kaum gekannt!“</p> - -<p>„Nun, so höre! Ringsum im Salzburger Land gibt’s in Städten und Dörfern -noch viele Leut’, die den rechten Glauben haben. Bisher hat man sie -geduldet, denn sie sind gar friedlich, fleißig und sehr geschickt in -allerlei Kunst und Handwerk, so daß sie viel Gewinn ins Land bringen. -Aber der Erzbischof Firmian ist herrschsüchtig und hartherzig. Er will -durchaus, daß wir alle unsern Glauben abschwören und wieder zu des -Papstes Kirche kommen sollen.“</p> - -<p>„Wer ist nur der Papst, Großvater? Ich hör’ allweil’ von ihm und -möcht’s wissen.“</p> - -<p>„Das ist der alleroberste Priester der Kirche, die sie katholisch -nennen. Gar reich und mächtig wohnt er in der herrlichen Stadt Rom. Er -sagt, er sei Petri Nachfolger und Christi Stellvertreter auf Erden.“</p> - -<p>„Glaub’ ich nimmer! Ist doch der liebe Heiland selber bei uns! Was -braucht’s einen Papst?“</p> - -<p>„Das ist wahr. Wir nennen ihn den Antichrist und das Kind des -Verderbens. Dabei bleib’ nur fest, mein Kind. Denk’ nur, man will uns -unsere Bibeln wegnehmen; und unsere schönen Lieder sollen wir nicht -mehr singen!“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p> - -<p>„Nun sing’ ich gerade recht, zum Trutz!“</p> - -<p>„Das ist brav; so denken wir alle. Und damit wir recht fest bleiben, -sind unsere Ältesten (d. h. Vorsteher) aus dem ganzen Lande -zusammengekommen heimlich bei Nacht in dem wilden, dunklen Felstal, wo -die Schwarzach schäumend durchbraust –“</p> - -<p>„Ist’s das, wo wir neulich hinabgeschaut haben, als wir so hoch zu Berg -gestiegen waren?“</p> - -<p>Der Großvater nickte.</p> - -<p>„Hu, ’s war schauerlich da unten.“</p> - -<p>„Freilich! Aber dort waren sie ganz sicher vor des Erzbischofs -Lauschern, die immer aufpassen, was wir tun. Da haben wir alle gebetet -und einander die Hand gereicht, und feierlich geschworen, dem rechten -Glauben treu zu bleiben bis zum Tode.“</p> - -<p>„War mein Pate Rudi auch dabei?“</p> - -<p>„Gewiß; er ist ja der Älteste unserer Gemeinde. – Du bist ein junges -Kind und begreifst noch wenig. Aber sag’, willst du denn nun recht -fleißig lernen und alles zu Herzen nehmen, und fest dabei bleiben, was -auch kommen möge?“</p> - -<p>„Ich will, Großvater! Gewiß, ich will! Aber jetzt bin ich so müd’ und -möcht’ schlafen gehen. Wir haben heute wacker geschafft.“</p> - -<p>„So komm, ruf’ die Ziegen; laß uns hineingehen, beten und in Gottes -Schutz ruhen.“ –</p> - -<p>In den nächsten Tagen und Wochen blickte der Knabe oft ängstlich nach -dem Städtchen herab, ob etwa jemand kommen werde, um ihm und dem -Großvater den rechten Glauben wegzunehmen. Wie das geschehen sollte,<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> -war ihm nicht recht klar; doch ballte er tapfer die derben Fäuste und -meinte, er wolle sich schon tüchtig wehren.</p> - -<p>Da aber nichts dergleichen geschah, schlug er sich’s bald aus dem Sinn -und ward wieder leichtherzig wie zuvor. Der Großvater behandelte ihn -liebreicher als je, hielt ihn aber streng zur Arbeit und ließ ihn nie -mehr allein in die Stadt laufen, um allerlei zu besorgen, wie sonst -wohl geschehen war. –</p> - -<p>Der Sommer schied; der Herbst schüttelte das Laub von den Bäumen, und -endlich tanzten die ersten Schneeflocken in der Luft. Bald war’s aus -mit der Arbeit im Freien. Nun mußte sich der Wildfang wieder fleißig -im Lesen, Schreiben und Rechnen üben, und der Großvater suchte ihm mit -viel Geduld und Weisheit die Hauptlehren des Christentums ins Herz -zu prägen. Der Knabe lernte willig und sammelte in dieser Zeit einen -Schatz köstlicher Bibelsprüche, deren Verständnis ihm erst später -aufging; und die herrlichen Lieder, die er mit dem Großvater sang, -begleiteten ihn wie Trostengel durchs ganze Leben.</p> - -<p>In diesem friedlichen, aber doch einförmigen Winterleben waren die -Sonntage rechte Lichtblicke, die man mit Freuden begrüßte. Da wanderten -die beiden zusammen zum lieben Kirchlein und blieben dann über Mittag -bei dem Paten Rudi, wo es stets etwas Gutes zu essen gab. Unendlich -viel Schönes war beim Paten Rudi zu sehen. Seine große, helle Stube -hatte buntgemalte Wände, an denen allerlei Bilder hingen. Schrank -und Truhe waren glänzend poliert und mit Silber beschlagen. Aus der -großen Wanduhr trat<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> beim Stundenschlag ein possierliches Männlein -hervor und machte einen Diener. An dem Kachelofen konnte man die ganze -Geschichte des Erzvaters Abraham betrachten. Das Beste aber war ein -dickes Buch mit vielen seltsamen Holzschnitten; eine unversiegbare -Freude für den lebhaften Knaben. Da gab es Ritter mit Schwert und -Schild, Könige mit Krone und Zepter, Löwen, Elefanten und Affen, ja, -sogar große Segelschiffe und schwarze Menschen. War die lebhafte -Einbildungskraft des Knaben durch das Betrachten dieser Wunderdinge -angeregt, so schlüpfte er gern hinaus in die kleine ziemlich düstere -Küche, wo die alte Magd Zenzi spinnend oder strickend am Herdfeuer saß. -„Zenzi, ein Märlein!“ bat er dann, sich auf den Schemel ihr zu Füßen -setzend. „Weiß keins mehr“, brummte sie regelmäßig, fing aber doch bald -an zu erzählen, denn ihr Schatz an Märchen, Sagen und Abenteuern war -unerschöpflich.</p> - -<p>Was der Knabe da von Riesen und Zwergen, Nixen und Feen und -wunderschönen Prinzessinnen hörte, erschien dem Großvater höchst unnütz -und töricht. Der mildgesinnte Pate aber sprach: „Laß ihn gewähren! -Junges Blut will auch Kurzweil haben und heiteres Spiel. Er weiß wohl, -daß das doch nur Scherz ist; es tut ihm keinen Schaden. Gott läßt ja -auch Blümlein wachsen, nicht nur Korn und Weizen.“</p> - -<p>Ach, Friedel sollte bald genug kein Märlein mehr hören! Eines -Sonntagmorgens, als er geschäftig alles zum Kirchgang rüsten wollte, -sprach der Alte mit beklommener Stimme:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p> - -<p>„Brauchst dein neues Wämsli nicht anzuziehen; ’s gibt keinen Kirchgang -heute.“</p> - -<p>„Aber, Großvater, sieh doch, wie schön die Sonne scheint! ’s ist auch -nicht kalt.“</p> - -<p>„Das weiß ich wohl; aber ’s Kirchlein ist zugeschlossen.“</p> - -<p>„Ei, der Herr Pate hat ja den Schlüssel!“</p> - -<p>„Der wird’s nimmer aufschließen“, rief Andreas, plötzlich in Tränen -ausbrechend „Er liegt im finstern Kerker, und unser lieber Pfarrer -auch!“ Damit barg er das Antlitz in die Hände und schluchzte laut.</p> - -<p>Das konnte Friedel nicht ertragen. Er schlang die Arme um seinen -Hals, liebkoste ihn zärtlich und schlug vor, schnell alle guten Leute -zusammenzurufen und die Gefangenen mit Gewalt zu befreien.</p> - -<p>Traurig schüttelte der Großvater den Kopf. „Du sprichst wie ein dummes -Kind. Mit Gewalt ist hier nichts getan. Die Zeit der Not und Versuchung -ist gekommen; Gott gebe nur, daß wir alle treu bleiben!“ –</p> - -<p>Nicht nur die Kapelle des Städtchens hatte man verschlossen, sondern -alle protestantischen Kirchen im Salzburger Lande. Die Prediger und -Ältesten warf man ins Gefängnis, damit sie ihre Glaubensbrüder nicht -stärken und ermahnen konnten. Die verlassenen Gemeinden sollten mit -allen nur erdenklichen Mitteln zum Papsttum zurückgeführt werden.</p> - -<p>So verging das Jahr 1731 bis zum Herbst in großer Sorge und Unruhe. -Viele, viele schmachteten im Gefängnis. Andern hatte man Hab und Gut -genommen; und endlich erließ der grausame Erzbischof<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> den Befehl, daß -alle, die sich nicht zum Papsttum bekehren wollten, binnen wenig Wochen -aus dem Lande weichen müßten. Der Winter, der in jener Gebirgsgegend -viel Schnee und Eis bringt, war dicht vor der Tür, aber das kümmerte -den Erbarmungslosen nicht. Jammer und Herzeleid herrschte in den -Häusern der Frommen; doch trösteten sie einander mit Gottes Wort und -rüsteten mutig und ergeben zum Auszug. Von den Gefangenen waren nicht -wenige in den feuchten Kerkern gestorben; die übrigen ließ man nun -frei, damit sie, matt, krank und bleich, die beschwerliche Wanderung -antreten möchten.</p> - -<p>Aber noch war des Bischofs unersättlicher Haß nicht befriedigt. Er -ersann eine Qual für die Armen, die man wohl teuflisch nennen kann. Er -ließ vielen, besonders den Vornehmen und den eifrigsten Bekennern, ihre -Kinder wegnehmen, um sie in Klöstern erziehen zu lassen. Was da für -Jammer und Wehklagen aus den Elternherzen zu Gott emporgestiegen sein -mag, ist nicht auszudenken!</p> - -<p>Der alte Andreas wußte noch nichts von diesem letzten Anschlag des -Tyrannen. Eifrig rüstete er mit Friedels Hilfe die wenige Habe, die -er mitführen konnte, denn in drei Tagen wollte man die Wanderung -beginnen. Die Angst und Aufregung der letzten Monate hatte ihn sehr -verändert. Seine kräftige Gestalt war gebeugt, sein leuchtendes Auge -matt geworden; er war kein starker Mann mehr, sondern ein müder Greis.</p> - -<p>Friedel dagegen war frischer und mutiger als je. Wohl tat ihm zuweilen -das junge Herz weh beim<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> Gedanken an den Abschied von der geliebten -Heimat; aber bald schlug es wieder freudig in Erwartung alles -Wunderbaren, das er auf der Wanderung zu erleben hoffte.</p> - -<p>Aber horch! Es klopft gewaltig an die Tür, die man in dieser -angstvollen Zeit stets verschlossen hält.</p> - -<div class="figcenter illowe40" id="illu_013"> - <img class="w100" src="images/illu_013.jpg" alt="Zwei Mönche treten ein." /> -</div> - -<p>„Im Namen des Erzbischofs! Öffnet!“ ruft eine rauhe Stimme, und zwei -kräftige, wohlgenährte Mönche betreten das niedere Gemach.</p> - -<p>„Was wollt ihr?“ fragte Andreas mit tiefem Ernst. „Ihr seht, ich rüste -zum Auszug. Verschwendet eure Worte nicht mehr an mich.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p> - -<p>„Damit ist’s vorbei, starrköpfiger Alter“, erwiderte der eine mit -häßlichem Lachen. „An dir ist wenig gelegen; aber diesen schmucken -Buben will die Gnade des Erzbischofs vom Verderben erretten. Wir sind -gesandt, ihn ins Kloster abzuholen. Aller Widerstand ist vergebens.“ -Damit packte er den Knaben mit festem Griff am Arme.</p> - -<p>„Mein Kind! Mein Kind!“ jammerte der Alte, wollte aufstehen und es an -sich ziehen, aber die Kraft versagte ihm; der Schreck war allzu groß -gewesen. Er wankte und sank ohnmächtig auf die Bank zurück.</p> - -<p>Friedel aber sträubte sich gewaltig gegen die Mönche, schrie, schlug -und stieß mit Händen und Füßen um sich, kratzte und biß. Bald aber sah -er, daß es ihm, zwei starken Männern gegenüber, gar nichts nützte. Da -ward er plötzlich ruhig und ließ sich ganz geduldig fortführen.</p> - -<p>Als der Greis aus seiner Ohnmacht erwachte, war die Hütte leer; wenige -Minuten hatten ihn des einzigen irdischen Glückes beraubt, das er noch -besessen. „O barmherziger Gott“, seufzte er, „nimm doch meine müde -Seele zu dir! Was soll ich auf der Wanderschaft? Ich werde nur eine -Last sein.“</p> - -<p>Wie er die drei Tage überstand, war ihm selbst unbegreiflich. Sein -einziger Trost war, inbrünstig für das Seelenheil seines Lieblings -zu beten. Zuweilen trat er hinaus vor die Hütte, um nach dem Kloster -hinüberzuschauen, dessen Mauern und Türme etwa eine Stunde weit -entfernt in der Wintersonne glänzten. Wie mochte es dem Kinde gehen? -Ach, es war ja kaum<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> möglich, daß es treu bleiben konnte! Es war noch -allzu jung, leichtherzig und unwissend.</p> - -<p>Am letzten Abend übermannte ihn die Müdigkeit; er streckte sich aufs -harte Lager und schlummerte einige Stunden. Da weckte ihn mitten in -der Nacht ein leises Klopfen an der Tür. Erschrocken fuhr er auf. Wer -mochte es sein? Was konnte man ihm noch rauben wollen? Aber, o Wunder! -Draußen tönte eine traute Kinderstimme: „Ich bin’s, Großväterle; dein -Friedel. O, laß mich ein; geschwind, geschwind!“ Und im nächsten -Augenblick hing der Knabe jauchzend an seinem Halse.</p> - -<p>„Hast du nicht gleich gedacht, daß ich wiederkommen würde?“ fragte er. -„Ganz zufrieden hab’ ich mich gestellt, gegessen, gelacht und gespielt -wie die andern Kinder. Da ließen sie mich bald außer acht, und ich -konnt’ mir die Gelegenheit zur Flucht besehen. Diese Nacht, als mein -Bettgenoß fest schlief, und der Mönch, der uns hüten sollt’, gewaltig -schnarchte, hab’ ich leise das Fensterlein geöffnet. ’s war eben weit -genug zum Durchschlüpfen. Am Weingeländer hinab in den Garten, vom -hohen Baum hinauf auf die Mauer, und von da in gewaltigem Sprung hinaus -ins Freie, gerade in einen Schneehaufen, den der Sturm zusammengeweht. -Ja, ja, sie wußten nicht, wie ich klettern und springen kann! Vorher -hatt’ ich aber heiß gebetet, Großvater, so heiß wie noch nie. Und sieh, -Gott hat mir geholfen!“</p> - -<p>„Mein Herzenskind, o Gott sei ewig Lob und Dank! Vergiß es nie, im -ganzen Leben nicht, mein<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Friedel! Aber du zitterst vor Kälte; lege -dich nieder, daß ich dich in die Wolldecke hülle.“</p> - -<p>„Nein, Großvater, das geht nicht. Wir müssen fort, gleich, noch in der -Nacht. Sie kommen gewiß, mich zu suchen. Da müssen sie die Hütte leer -finden, und wir müssen weit weg sein.“</p> - -<p>„Du hast recht, Bübli; ruh’ nur ein Weilchen, bis ich uns Milch wärme -und noch ein Bündlein schnüre mit deinen Sonntagskleidern und was dir -sonst noch wert ist.“</p> - -<p>In einer halben Stunde schritten sie über die Schwelle der geliebten -Hütte, so schwer beladen, wie es ihre schwachen Kräfte erlaubten. -Andreas betete:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„In Gottes Namen fahren wir;</div> - <div class="verse indent0">Sein heil’ger Engel geh’ uns für,</div> - <div class="verse indent0">Wie dem Volk aus Ägyptenland,</div> - <div class="verse indent0">Das entging Pharaonis Hand. Kyrieleis!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">HErr Christ, du bist der rechte Weg</div> - <div class="verse indent0">Zum Himmel und der ein’ge Steg.</div> - <div class="verse indent0">Hilf uns Pilgrim’ ins Vaterland,</div> - <div class="verse indent0">Weil du dein Blut hast dran gewandt. Kyrieleis!“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Schnell über die mit leichtem Schnee bedeckte Wiese schreitend, -erreichten sie bald das Waldesdunkel, wo sie vor Wind und Kälte -ziemlich geschützt waren.</p> - -<p>„Wo gehen wir hin, Großvater?“ fragte der Knabe leise.</p> - -<p>„Nach der Höhle, wo wir schon einmal rasteten, wenn uns beim Holzfällen -ein Wetter überraschte. Dort mußt du schlafen bis zum Morgen. Dann -geht’s weiter auf Umwegen zum Sammelplatz der Unsern, weit unten<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> im -Tal. Sieh, es schneit wieder; das ist gut. Sie werden unsere Fußspuren -nicht finden.“</p> - -<p>„Ziehen alle frommen Leute aus dem ganzen Lande miteinander fort?“ -fragte Friedel weiter.</p> - -<p>„O nein! Es sind ganz mächtig viel; wohl dreißigtausend. In viele Züge -geteilt, werden sie nach verschiedenen Richtungen hin wandern.“</p> - -<p>„Ist denn Platz für alle draußen in der Welt? Ist sie so groß?“</p> - -<p>„O Kind, die Welt hat Raum für Unzählige! Aber ob wir alle liebreiche -Aufnahme finden werden in der Fremde, das steht bei Gott. Etliche -wollen sogar übers Meer ziehen ins ferne Land Amerika. Die meisten -hoffen Zuflucht zu finden bei dem Preußenkönig, der ein frommer Mann -und uns wohlgesinnt ist.“</p> - -<p>„Aber wir, Großvater? Gelt, wir fahren mit übers Meer in einem großen -Schiff, wie in des Paten Buch abgemalt ist? Das muß gar herrlich sein!“</p> - -<p>„Ach Kind“, seufzte der Alte, „bitte Gott, daß meine Kräfte aushalten -bis zum Sammelplatz; weiter denk’ noch nicht! Sieh, hier ist unsere -versteckte Höhle; das Mooslager drin ist noch weich und trocken. Laß -uns ruhen bis zur Morgendämmerung.“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="In_der_Talmuehle">2. In der Talmühle.</h2> - -</div> - -<p>Noch lag am nächsten Morgen mattes Dämmerlicht über dem Städtchen und -seiner Umgebung, da ward es schon auf allen Pfaden, die nach Norden zu<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> -hinab ins Tal führten, lebendig. Und als die Sonne endlich emporstieg, -herrschte auf der großen Wiese, wo man sonst allerlei ländliche Feste -zu feiern pflegte, ein buntes, reges, aber ach, so trauriges Leben. -Kein Lachen, Singen und Jauchzen war zu hören; wohl aber brach hier -und da ein gequältes Herz in lauten Jammer aus. Tröstend, ordnend und -ermahnend gingen ernste, rüstige Männer zwischen den Betrübten umher, -und allmählich bildete sich der Zug. Auf hochbepackten, von Pferden -oder Kühen gezogenen Wagen führte man allerlei Hab und Gut mit sich; -auch die Kranken und Schwachen hatte man darauf gebettet und so gut wie -möglich vor der Kälte geschützt. Da gab es Kindlein, die vielleicht -erst gestern das Licht der Welt erblickt, Greise, die wohl kaum noch -einige Wochen zu leben hatten; alle wurden erbarmungslos hinausgejagt -in die rauhe, kalte Welt.</p> - -<p>„Wo ist Vater Andreas?“ fragte der Pate Rudi, der bleich, matt und sehr -gealtert unter dem leinenen Schutzdach eines Wagens lag. „Hier wäre -noch ein Plätzchen für ihn und meinen Liebling, den Friedel.“</p> - -<p>„Er wird wohl unter denen sein, die dort schon den breiten Pfad entlang -ziehen. Er ist ja überall mutig voraus! Legt euch nur wieder nieder und -versucht ein wenig zu schlummern. Am nächsten Ruheorte treffen wir wohl -den Andreas.“</p> - -<div class="figcenter illowe32_5" id="illu_019"> - <img class="w100" src="images/illu_019.jpg" alt="Auszug." /> -</div> - -<p>Bald war alles in Bewegung, und der traurige Zug verschwand allmählich -hinter einer vorspringenden Anhöhe. Weinen und Klagen war verstummt, -aber durch die klare Winterluft schallten die Töne eines frommen -Pilgerliedes:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„In Gottes Namen scheiden wir;</div> - <div class="verse indent0">Sein göttlich Wort bekennen wir</div> - <div class="verse indent0">Und seiner Gnad’ begehren wir,</div> - <div class="verse indent0">Des rechten Glaubens leben wir. Kyrieleis!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Freund’ von Freunden geschieden sind;</div> - <div class="verse indent0">O HErr, bewahr’ die armen Kind’</div> - <div class="verse indent0">Und all’, die hier vorhanden sind,</div> - <div class="verse indent0">Vor Unglück und vor böser Stund’! Kyrieleis!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Geleit uns Gott in Ewigkeit</div> - <div class="verse indent0">Durch seine groß’ Barmherzigkeit.</div> - <div class="verse indent0">Der geb’ uns heut ein gut Geleit,</div> - <div class="verse indent0">Mit Leib und Seele Sicherheit. Kyrieleis!“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Während nun unter diesen grausam Vertriebenen kein Wort des Grimmes -oder der Rache laut ward, trug der Morgenwind den Schall der Glocken zu -ihnen herüber, die den Dankgottesdienst einläuteten, den der Erzbischof -halten ließ, weil die Stadt und Umgegend von den „greulichen Ketzern“ -befreit war. Der Papst aber rühmte gewaltig die große Heldentat des -Tyrannen. –</p> - -<p>Pate Rudi hoffte vergebens, seinen alten Freund am nächsten Rastorte -zu finden. Etliche meinten, er sei wohl schon voraus; andere, er habe -sich der kleinen Schar angeschlossen, die einen etwas weiteren, aber -bequemeren Weg talabwärts eingeschlagen hatte, um sich erst später dem -Zuge anzuschließen. An Warten oder Nachforschen war nicht zu denken; -mußte man doch eilen, für die nächste Nacht ein Städtchen oder größeres -Dorf zu erreichen.</p> - -<p>Ach, wo war der müde Greis und der hilflose Knabe? In der -Morgendämmerung hatten sie die<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> schützende Höhle verlassen; Friedel -ganz frisch und munter, Andreas aber krank und elend. Sein Kopf -schwindelte, die Glieder zitterten, sein Auge war matt, und seine -Gedanken unklar. Die Nachtkühle hatte ein Fieber zum Ausbruch gebracht, -das dem durch Angst und Kummer geschwächten Körper schon lange drohte. -Mühsam schleppte er sich vorwärts, und das Bündel auf seinen Schultern -drückte schwerer und schwerer. Da konnte es geschehen, daß er den -schmalen, versteckten Pfad, den man einschlagen mußte, um zur Talwiese -zu kommen, versah, und nach und nach in der sehr einsamen Gegend -gänzlich in die Irre geriet.</p> - -<p>„Großvater“, sprach Friedel endlich, „der Weg kommt ja gar nicht; wir -wandern schon lang. Die Welt sieht heut so anders aus als sonst. Ich -möcht’ auch was essen!“</p> - -<p>„Armes Kind! Ich vergaß ganz, wie hungrig du sein mußt. Dort unter der -breitästigen Tanne ist ein guter Ruheplatz. Gott wird uns dann schon -den Weg zeigen.“</p> - -<p>Sie ruhten lange. Die Sonne schien freundlich und schmolz bald den -leichten Schnee; es war nicht sehr kalt. Friedel sprach dem Brot und -Käse tapfer zu; Andreas konnte nichts essen, schlummerte aber, an den -Baumstamm gelehnt, ziemlich lange. Dann machten sie sich wieder auf.</p> - -<p>Es war nun Mittag vorüber und gar keine Hoffnung mehr, den Zug zu -erreichen. Aber ein Obdach für die nächste Nacht mußte sich ja finden, -sei es auch nur in einer einsamen Jäger- oder Köhlerhütte. Sie<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> -wanderten kreuz und quer, aber die Gegend blieb einsam und ward Schritt -zu Schritt rauher und wilder. Auch Friedels Mut fing an zu sinken, und -seine Kraft war erschöpft. Weinend schmiegte er sich an den Großvater, -als sie wieder einmal ruhten. Es war mitten im Walde am Ufer eines -Baches, der über Steingeröll hüpfend in schäumenden Wellen bergab eilte.</p> - -<div class="figcenter illowe37_5" id="illu_023"> - <img class="w100" src="images/illu_023.jpg" alt="Rast im Wald." /> -</div> - -<p>„Fürchte dich nicht, mein Kind!“ sagte der Alte mit matter Stimme. -„Gott ist bei uns; er verläßt uns nicht. Und selbst wenn er mich zu -sich holen würde, und du allein bliebest, verzage nicht! Weißt du noch -den schönen Vers, den du neulich lerntest: ‚Unverzagt –‘?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> - -<p>„Ja, Großvater“, erwiderte das Kind, tapfer seine Tränen trocknend:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Unverzagt und ohne Grauen</div> - <div class="verse indent0">Soll ein Christ, wo er ist,</div> - <div class="verse indent0">Stets sich lassen schauen. –</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Horch! Bellt da unten im Walde nicht ein Hund? Jetzt wieder! O komm, -Großväterle! Versuch’ doch aufzustehen! Wo ein Hund ist, ist wohl auch -ein Mensch!“</p> - -<p>Mühsam erhob sich der Alte; ganz pfadlos gingen sie am rauhen, -steinigen Ufer des Baches hin, der schnell breiter und reißender ward. -Aber schon nach wenig Minuten verließen den Alten die Kräfte; zwischen -den feuchten Steinen sank er zusammen und vermochte sich nicht wieder -zu erheben. Mit Mühe schob ihm der Knabe sein eigenes kleines Bündel -unter den Kopf und versuchte ihn etwas bequemer zu legen.</p> - -<p>„Wart’ nur ein ganz klein Weilchen“, tröstete er; „ich lauf’ schnell -und hol’ gute Leute, die uns helfen.“</p> - -<p>„Gott geb’s, mein armes Kind!“ flüsterte der Greis. „Küsse mich noch -einmal. O, Gott erbarme sich deiner, mein Liebling!“</p> - -<p>Wieder und wieder küßte der Knabe das kalte, bleiche Antlitz des -Liegenden. Es ward ihm gar so schwer, ihn zu verlassen; das liebe -Gesicht sah so verändert aus. Aber er mußte ja Hilfe haben; Großvater -sollte bald einen Trunk heiße Milch haben und vielleicht auch ein -warmes Lager.</p> - -<p>Tapfer drang er vorwärts. Dichtes Dorngestrüpp versperrte ihm oft den -Weg, riß ihm die Hände blutig<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> und manches Loch in sein Röcklein. Oft -war er nahe dran, entmutigt umzukehren, aber das Bellen des Hundes -lockte ihn immer wieder vorwärts. Da plötzlich, als er sich durch -eine Reihe dichter niedriger Nadelholzbäume gedrängt, war er am Ziel. -Ein freier ebener Platz lag vor ihm, ringsum dichter Wald. In raschen -Wellen eilte der Bach hindurch, und an seinem Ufer stand ein Häuschen, -der lieben heimatlichen Hütte ganz ähnlich, von rohen Steinen gebaut, -mit weit vorstehendem Dach, niederer Tür und kleinen blanken Fenstern. -Daneben aber klapperte, vom strömenden Wasser getrieben, lustig ein -Mühlrad.</p> - -<p>Mit raschem Blick hatte der Knabe das langersehnte Bild geschaut. -O weh! Da kam mit wütendem Gebell ein großer zottiger Hund auf ihn -zugestürzt. Sollte er fliehen? Ach nein; Großvater mußte Hilfe haben! -Tapfer trat er dem Tier entgegen, den kleinen Wanderstab drohend -erhoben. Da öffnete sich die Tür des Häuschens, und ein Mann trat -heraus, dessen Anblick ihn noch mehr erschreckte als der des Hundes. -Ach, er sah aus wie die Riesen, die die alte Zenzi so schrecklich zu -schildern verstand!</p> - -<p>Groß und stark, mit struppigem, langem schwarzen Haar und Bart, war er -nur mit einem Kittel bekleidet, der aus dem Fell eines Bären gemacht -war. In der Hand einen langen dicken Stock, trat er mit wilder Gebärde -und zornigem Blick auf den kleinen Eindringling zu. Der aber hatte sich -bereits gefaßt. Sobald der Hund auf den Ruf des Mannes von ihm abließ, -faltete er die Hände und sprach laut:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Unverzagt und ohne Grauen</div> - <div class="verse indent0">Soll ein Christ, wo er ist,</div> - <div class="verse indent0">Stets sich lassen schauen.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Ist das dein Gruß?“ fuhr ihn der Fremde an. „Wie wagst du in meinen -Zauberkreis zu dringen?“</p> - -<p>„Ich hab’ nicht gewußt, daß es ein Zauberkreis ist“, erwiderte Friedel. -„Aber ich bitt’ Euch, wenn Ihr ein guter Riese seid, so helft doch -meinem Großvater! Er liegt oben im Walde und kann nimmer aufstehen.“</p> - -<p>„Was treibt ihr euch im Wald umher, ein Alter und ein Kind?“</p> - -<p>„Wir wären ja gern im Hüttli geblieben, aber der Erzbischof Firmian hat -uns in die Welt hinausgejagt.“</p> - -<p>„Warum?“</p> - -<p>„Weil wir allein zum Himmelsvater beten und zum Heiland, und weil wir -den Papst nicht mögen.“</p> - -<p>„Es ist genug! Du bist ein tapferer Bub! Ich hätt’ dir kein Leid getan, -auch wenn du aus Vorwitz hergekommen wärst. Aber da der Firmian dein -Feind ist, bin ich dein Freund und will dir helfen!“</p> - -<p>Er legte die Finger an den Mund und tat einen lauten Pfiff. Alsbald -trat hinterm Hause ein Männlein hervor, klein und bucklig, eine spitze -Mütze auf dem runden Kopf, die grobe Kleidung ganz von Mehl bestäubt. -Ja, es war kein Zweifel: Friedel war in Zenzis Märchenland geraten, -denn zu dem Riesen kam nun auch ein Zwerg.</p> - -<p>„Tobi“, gebot der Riese, „laß dir drinnen die Flasche mit Lebenswasser -geben und komm! ’s liegt einer droben im Walde elend. Wir wollen ihn -herholen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p> - -<p>Verwundert blickte das Männlein auf; es hatte freundliche, sanfte blaue -Augen. Ohne ein Wort zu erwidern, horchte es, und sogleich waren die -drei auf dem mühsamen Weg die Schlucht hinauf. Schwanzwedelnd umhüpfte -sie jetzt der Hund. Es begann schon zu dämmern, als sie die Stelle -erreichten, wo der Arme lag. Schon von weitem hatte Friedel fröhlich -gerufen: „Wir sind gerettet, Großväterle! Gute Männer kommen! Bald -sollst du warm und sicher liegen.“ Aber kein Gegenruf war erschollen.</p> - -<p>Nun warf sich das Kind bei dem Geliebten nieder und küßte seine Stirn, -um ihn zu wecken. Aber erschrocken fuhr es auf: „Hu, wie kalt ist -mein lieb Großväterle! Wie eisig kalt!“ Der kleine Mann beugte sich -herab, um dem Kranken einige Tropfen des starken Getränkes einzuflößen, -richtete sich aber sogleich wieder empor und sprach leise: „Der ist ja -tot!“</p> - -<p>Die Worte waren wohl nur für den großen Mann bestimmt, doch Friedels -feines Ohr hatte sie auch vernommen. „Tot?“ rief er. „Mein einzig -Großväterle ganz tot?“ Laut aufschluchzend warf er sich über den -Leichnam hin. Die lang angespannte Kraft versagte plötzlich; das -Bewußtsein schwand. Er lag in tiefer Ohnmacht.</p> - -<p>Wie lange er ohnmächtig gelegen, wußte er später nicht mehr. Wohl -fühlte er, daß man ihn forttrug, war aber nicht imstande, zu sprechen -oder zu widerstreben. Auch als jemand ein warmes Getränk an seinen Mund -hielt, nahm er ein paar Schlucke, ohne die Augen zu öffnen, und sank -gleich wieder in Betäubung zurück.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> - -<p>Endlich aber ward daraus ein langer, fester Schlaf, aus dem er gesund -erwachte. Sein Lager war warm und weich, ringsum alles still. So meinte -er, alles, was er in der letzten Zeit erlebt, sei nur ein böser Traum -gewesen, und er läge im lieben Hüttli an des Großvaters Seite.</p> - -<p>„Ist’s schon Tag, Großväterle?“ fragte er schlaftrunken.</p> - -<p>„Schon längst!“ sprach eine helle, feine Kinderstimme.</p> - -<p>Da fuhr er empor und blickte in ein Gesichtchen, so hold und lieblich, -wie er’s nimmer geschaut. Augen, so blau wie Vergißmeinnicht, Wangen -wie zarte Röslein, Lockenhaar wie fein gesponnenes Gold.</p> - -<p>„Bist du ein Englein?“ fragte er, sich plötzlich besinnend und die -Hände faltend. „Bin ich auch schon tot und im Himmel? O, wo ist der -Großvater? Wo ist der HErr JEsus? Ich möchte zu ihnen!“</p> - -<p>„Ich bin ja kein Englein“, war die Antwort. „Du bist nicht im Himmel! -Schau doch auf; du bist in der Talmühle, und ich bin des Talmüllers -Ännchen.“</p> - -<p>Friedel erhob sich und sah verwundert umher in einem sauberen, aber -ärmlichen Gemach.</p> - -<p>„Aber mein Großvater, wo ist er? Was haben sie mit ihm gemacht?“</p> - -<p>„Er war ja eingeschlafen“, sagte das Kind, die Händchen faltend. „Da -haben sie ihn zu Bett gebracht draußen im Walde, wo es still und -friedlich ist. Dort schläft er, bis ihn der Himmelskönig weckt, wenn er -wiederkommt am Jüngsten Tage.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p> - -<p>„Wer sagte dir’s!“</p> - -<p>„Die Mutter.“</p> - -<p>Erstaunt und noch halb träumend schaute Friedel das Englein im -geflickten Zwillichröckchen an, das so zuversichtlich große Worte -sprach. Aber ach, als der Bann des Schlafes sich allmählich löste, -ward es ihm klar, daß er ja nun ganz, ganz allein sei auf der Welt. -Den Großvater hatte man im wilden Walde begraben, die Freunde und -Glaubensgenossen waren weit fortgezogen; er aber in der Gewalt der -märchenhaften Gestalten, die er am Abend zuvor gesehen, hilflos -zurückgeblieben. Da machte sich sein starkes, feuriges Gemüt in wildem -Schmerze Luft.</p> - -<p>„Großvater! O Großvater!“ schrie er händeringend. „Nimm mich mit in den -Himmel! O, HErr JEsu, komm doch gleich jetzt zum Jüngsten Tag und weck’ -mir den Großvater! Sonst will ich auch sterben, jetzt gleich! O, ich -kann, ich kann nicht leben so ganz allein!“ Heiße Tränen stürzten dabei -über seine Wangen.</p> - -<p>Tief erschrocken stand das Mägdlein dabei und wagte nicht so großen -Jammer zu stören. Endlich faßte sich’s ein Herz, legte die kleine Hand -auf die Stirn des Gastes und sprach leise:</p> - -<p>„Ich hab’ dich schon lieb; da bist du nicht ganz allein. Und Mütterle -hat gesagt, ich soll dich nicht weinen lassen. Du sollst essen, wenn du -aufgewacht bist.“</p> - -<p>Das Händchen war so weich und warm, die Stimme so sanft und das Wort -„essen“ brachte ihn plötzlich auf andere Gedanken. Er fühlte ja einen -nagenden Hunger, hatte seit gestern mittag nichts mehr genossen.<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> -Halb widerwillig trocknete er seine Tränen und schaute zu, wie das -Kind vorsichtig ein dampfendes Schüsselchen vom Herd nahm und auf den -Tisch stellte, einen Löffel und ein großes Stück Brot dazulegte und -ihm freundlich winkte. Er folgte, und die Natur behauptete ihr Recht; -es schmeckte köstlich! Dienstfertig brockte Ännchen das Brot in die -fette Ziegenmilch und sah befriedigt zu. Als die Schüssel leer war, -hielt der Gast Umschau in dem niedrigen, aber geräumigen Gemach. Es -sah ganz ähnlich drin aus wie daheim im Hüttli: der schwarze Rauchfang -überm Herd, die Bank längs der Wand, ein paar Schemel, zwei buntbemalte -Truhen, schlichtes Hausgerät auf Wandbrettern. In der besten Ecke hing -ein kleines Kruzifix; ein abgegriffenes Büchlein lag darunter, dicht -davor stand ein schmuckes Spinnrad.</p> - -<p>„Das ist Mutters Winkel“, erklärte Ännchen; „sie lehrt mich auch beten, -lesen und spinnen.“</p> - -<p>„Aber das?“ fragte Friedel, auf ein prächtiges Hirschgeweih zeigend, -das über der Tür befestigt war.</p> - -<p>Da legte Ännchen den Finger auf den Mund und warnte: „Frag’ nicht -danach! Es gehört dem Vater. Was Vater hat und tut, davon spricht man -nicht.“</p> - -<p>„Ist der Riese dein Vater oder der Zwerg?“</p> - -<p>„So heißt es nicht! Der große Mann ist mein Vater; der kleine ist -Tobias, der Mühlknecht. Ich habe ihn sehr lieb.“</p> - -<p>„Er sieht häßlich aus“, bemerkte Friedel.</p> - -<p>„Das schadet nichts, sagt Mutter, denn sein Herz ist schön. – Wo -mag nur Mutterle bleiben?<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> Komm, laß uns ausschauen; sie ist oben in -der Kammer.“</p> - -<p>In einer Ecke der Stube führte ein schmales steiles Treppchen empor ins -winzige Dachkämmerlein. Leise stieg Ännchen hinauf; Friedel folgte und -blickte über ihr blondes Köpfchen in den niederen Raum, gefüllt mit -allerlei Werkzeug und Hausrat. Auf dem kalten Boden saß eine bleiche -blonde, überaus liebliche Frau in dürftigem Zwillichgewand, umgeben von -allen den Sachen, die der Großvater im schweren Bündel getragen. Die -alte vielgebrauchte Bibel lag in ihrem Schoß, und sie war so vertieft -ins Lesen, daß sie die Kinder erst gewahrte, als Ännchen die Arme um -ihren Hals schlang. Da fuhr sie auf und sah auch den Knaben.</p> - -<p>„Du bist wahrlich ein Engel von Gott gesandt“, rief sie, ihn an sich -ziehend, „daß du mir ins Haus gebracht hast, wonach mein Herz sich -schon lange sehnte! Es ist ja das Buch, das uns den Weg zum Himmel -zeigt aus diesem Elend! Als ich’s aufschlug, fand ich gleich so -trostreiche Worte, die der Heiland gesprochen. O, wieviel, wieviel -werd’ ich noch finden, wenn du bei uns bleibst!“</p> - -<p>„Du darfst heute darin lesen, soviel du willst“, sagte Friedel -bedächtig, „aber morgen muß ich wandern, immer nach Mitternacht zu bis -ins Preußenland, wo mein Pate Rudi und die andern Getreuen hingezogen -sind. Alle diese Sachen will ich euch lassen; nur die Bibel steck’ -ich noch in mein kleines Bündel. Ich soll sie nicht hergeben, sagte -Großvater.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p> - -<p>„Du kannst unmöglich allein wandern, armes Kind!“ erwiderte die Frau. -„Du bist viel zu klein und schwach dazu.“</p> - -<p>„O nein! Alle nennen mich groß und stark“, entgegnete der Junge, sich -streckend.</p> - -<p>Lächelnd strich ihm die Frau übers wirre Haar. „Kommt herab“, sprach -sie; „es ist hohe Zeit, den Männern das Essen zu kochen. Sie fällen -Holz im Walde.“</p> - -<p>„Ich mag nicht essen, auch die Männer nicht sehen. Ich bleibe hier bei -Großvaters Sachen.“</p> - -<p>Sie ließen ihn allein. Traurig ließ er alles durch die Hände gleiten, -was ihm daheim so lieb gewesen. Das kleine Ledersäckchen mit Geld und -einigen alten Silbermünzen mit seltsamen Gepräge, die ihm der Großvater -manchmal gezeigt, suchte er vergebens. Hatten’s wohl die Männer -behalten oder dem Toten mit ins Grab gegeben? Nun, er brauchte es -nicht; sein Essen würden ihm gute Leute schon umsonst geben! Ach, wenn -er nur schon heute wandern könnte! Aber er war noch so müde, so sehr -müde von allem, was er erlebt, legte endlich den Kopf auf Großvaters -Sonntagsrock und schlief wieder ein.</p> - -<p>Gegen Abend weckte ihn Ännchen und führte ihn hinunter in die Stube. Da -saßen sie alle ganz zutraulich um den Herd, auf dem ein helles Feuer -brannte. Die Frau spann, Tobi flickte seine Jacke, der Riese schnitzte -irgendein Gerät aus Holz.</p> - -<p>„Nun“, sprach er, „hast du ausgetrauert und ausgeschlafen? Gönn’ dem -armen Alten die Ruhe! Die<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Welt ist bös! Du bleibst bei uns. Wo vier -essen, ißt auch der fünfte.“</p> - -<p>„O nein! Ich kann nicht bleiben!“ begann der Knabe.</p> - -<p>„Du mußt!“ rief der Mann, und warf ihm einen so wilden Blick zu, daß er -erschrak und schwieg.</p> - -<p>Aber das Wörtlein „muß“ war dem Friedel verhaßt. Nur vom Großvater -hatte er’s geduldet. Er fühlte sich stark und gewandt und mochte keinen -Zwang leiden. „So gut ich aus dem Kloster floh, entflieh’ ich auch aus -der Talmühle“, dachte er, und setzte sich still neben Ännchen auf die -Bank im Winkel. Leise plauderte sie ihm vor von verstecktem Spielzeug -im Schrein, das die Mutter nur Sonntags herausgebe, von Braten und -Kuchen am Christfest, von Blumen und Beeren im Sommer und von einem -zahmen Rehlein hinten im Stall. „Bleib’ doch gern bei mir“, bat sie, -sich an ihn schmiegend; „dann sind wir Brüderchen und Schwesterchen, -wie in den Märlein, die Tobi erzählt.“</p> - -<p>Als die Abendsuppe, die im Kessel brodelte, fertig war, setzten sich -alle fünf um die große Schüssel und löffelten sie einträchtig aus, aber -ganz stille, denn der finstere Blick des Talmüllers hielt sie alle im -Bann. Nachher aber, als sie wieder am Feuer saßen, fing er plötzlich -an, den Friedel auszufragen, wie es zugegangen bei der Vertreibung der -Evangelischen. Zuerst antwortete der Knabe einsilbig und schüchtern, -geriet jedoch bald in Erregung und beschrieb die Leiden der Gefangenen -und Kranken gar beweglich.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p> - -<p>Aber was ging das alles den Talmüller an, der doch gewiß nicht zu -ihnen gehörte? Warum blitzten seine schwarzen Augen so zornig? Warum -ballte er die nervigen Fäuste wie in ohnmächtiger Wut? Dem Knaben ward -unheimlich dabei zumute.</p> - -<p>Die Mutter bemerkte es wohl, legte sanft ihre Hand auf des Mannes -Schulter und sprach: „Laß es gut sein, Christoph. Gott wird alles -richten; wir aber sollen vergeben! Es ist spät; laß uns beten und zu -Bett gehen.“</p> - -<p>Da standen sie alle auf, falteten die Hände und beteten laut und -andächtig das Vaterunser. Was murmelte doch der Talmüller nach der -fünften Bitte? Klang es nicht wie: „außer dem Firmian“?</p> - -<p>Nun nahm Tobi den Gast an die Hand und führte ihn zur Hintertür hinaus -über einen kleinen Hof in die Hütte, wo das Mahlwerk stand. Dort war -ein Kämmerlein abgeteilt. Eine Truhe und ein Schemel stand darin, und -ein hohes Heulager war aufgeschüttet mit dicker Wolldecke; Friedels -Bündel lag daneben.</p> - -<p>„Dies ist mein Revier“, sagte der kleine Mann, „und du bist mein -Schlafgenoß. Nun noch ein Wort zur Gutenacht. Bleib’ in Frieden hier -und folg’ dem Talmüller! ’s wird dein Schaden nicht sein. Goldtreu ist -er als Freund, schrecklich als Feind!“</p> - -<p>Der Knabe antwortete nicht, und beide streckten sich aufs Lager. Nach -einer Weile fragte er leise:</p> - -<p>„Wo habt ihr meinen Großvater begraben?“</p> - -<p>„Morgen will ich dir’s zeigen. Auf einer Wald<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span>lichtung links ab von der -Mühle, nach Mitternacht zu. Gute Nacht.“ –</p> - -<p>Beim allerersten Morgengrauen des andern Tages öffnete sich leise, ganz -leise das Pförtchen des Mahlwerks, und Friedel, sein Bündel auf der -Schulter, den Wanderstab in der Hand, schlüpfte heraus, lief über den -offenen Grund und verschwand im Walde. Das Glück war ihm günstig; er -fand bald die Waldlichtung und den frischaufgeworfenen Grabhügel, mit -großen Steinen beschwert, um das Waldgetier am Aufwühlen zu hindern. Er -kniete dabei nieder, küßte die kalte, feuchte Erde, bezwang aber tapfer -den aufsteigenden Jammer. „Gute Nacht, Großvater“, flüsterte er. „Ich -gehe ins Preußenland zum Paten Rudi. Ich will fromm sein; im Himmel -komm ich wieder zu dir!“</p> - -<p>Unwillig die großen Tränen von den Wangen wischend, erhob er sich -und wanderte rüstig weiter durch dichten Wald, immer in nördlicher -Richtung. Nach und nach ward es hell, aber der Grund ward rauher. -Felsstücke und Gestrüpp hemmten seinen Weg; nur langsam kam er -vorwärts. Plötzlich hörte der Wald ganz auf. Er trat heraus, prallte -aber gleich erschrocken zurück, denn vor ihm fiel eine steile graue -Felswand ab, und tief unten schimmerte im milden Morgenglanz ein See. -Zur Rechten stürzte der Mühlbach brausend hinab. Nirgends eine Spur -von Weg und Steg; keine andere Möglichkeit als Umkehr! Dazu blies der -Novemberwind so stark, daß der Knabe sich an einen Baumstamm halten -mußte. Leider fing es an zu schneien. Ach, er fühlte plötzlich, daß<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> -er doch nur ein Kind war! Sollte er umkehren? Würden sie ihn nun nicht -hart behandeln? Die Frau war engelsgut, das Ännchen hatte er schon -lieb, aber vor dem Talmüller fürchtete er sich.</p> - -<p>Da legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter. Erschrocken fuhr er -auf und sah ihn hinter sich stehen, in Jägerkleidung, die Flinte über -der Schulter, einen geschossenen Rehbock auf dem Rücken.</p> - -<p>„Törichtes Kind!“ sprach er. „Siehst du nun, daß aus meinem Zauberkreis -kein Entrinnen ist? Hier der See, dort steile Felswände; nach Morgen zu -die Schlucht, die Wolf, der Hund, streng bewacht. Warum vertraust du -mir nicht, da ich doch dein Freund bin? Bleib’ ruhig bei mir, bis du -herangewachsen bist; dann magst du wandern, wohin du willst. Ich selbst -zeige dir dann den Weg. Deine Freunde sind zwei Tagereisen voraus; du -würdest sie nicht mehr erreichen, selbst wenn wir wüßten, welchen Weg -sie eingeschlagen haben. Der Winter ist nahe; es gibt noch Wölfe und -Bären in den Bergen. Möchtest du einem begegnen?“</p> - -<p>Da wagte der Knabe dem seltsamen Manne ins Antlitz zu blicken. Er sah -jetzt nicht furchtbar aus; sein Auge blickte freundlich. Er war doch -ein schöner Mann, und das Jägerkleid stand ihm gut. Woher kam’s wohl, -daß er den Rehbock schießen durfte, was sonst streng verboten war? Aber -Ännchens Warnung fiel ihm ein; er schwieg und ließ sich willig zur -Mühle zurückführen.</p> - -<p>Dort stand die Morgensuppe auf dem Tisch. Niemand erwähnte seine -Flucht. Nach dem Essen sprach<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Tobias: „Ich will heut noch das letzte -Mehl zu Tal bringen; morgen möchte der Pfad verschneit sein. Es ist für -den Franzl am Stein; das ist nicht weit. Vor Abend bin ich wieder hier. -Ich bring’ gleich alles mit, was der Franzl auf dem letzten Markt für -uns besorgt hat zur Winternotdurft. Wer weiß, ob ich wieder hinabkann! -Ich denke, es gibt bald Schnee.“</p> - -<p>Friedel sah aufmerksam zu, wie Tobi einen Esel mit den Säcken belud, -ihn vor sich her über den rohgezimmerten Steg trieb, der unterhalb der -Mühle über den Bach führte und im Walde verschwand. Der Müller erriet -seine Gedanken.</p> - -<p>„Gib dich zufrieden; du kannst ihm nicht folgen. Sein Weg führt nicht -nach Preußen zu“, sprach er lächelnd.</p> - -<p>„So will ich hier bleiben, bis ich groß bin“, rief der Junge plötzlich -entschlossen; „das dauert ja nicht mehr lang!“</p> - -<p>Ännchen umhüpfte ihn fröhlich; die Mutter küßte ihn auf die Stirn. Der -Mann war hinters Haus gegangen, sein Reh abzuziehen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Wie_die_Kinder_aufwuchsen">3. Wie die Kinder aufwuchsen.</h2> - -</div> - -<p>Wenn Friedel erwartet hatte, in der Talmühle seltsame, märchenhafte -Dinge zu erleben, so hatte er sich sehr getäuscht. Wenigstens jetzt im -Winter war der Tageslauf nicht viel anders, als er in des Großvaters -Hütte gewesen. O der liebe, liebe Großvater!<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Wieviel dachte der Knabe -an ihn! Wie oft suchte er einen stillen Winkel, um sich auszuweinen! -Aber Kindertrauer währt nicht allzulang; das Leben ist noch so neu -und frisch, daß es schnell wieder Reiz gewinnt. So fing auch Friedel -bald an um sich zu schauen und teilzunehmen an allem, was in der neuen -Heimat lebte und webte. Ganz früh stand er mit Tobi auf und half das -Vieh versorgen, die schönen Tauben, die unterm Dach ihre Nester und -Fluglöcher hatten, die zahlreiche Hühnerschar, die jetzt auf den engen -Hof beschränkt war, die schneeweiße Kuh, die zwei munteren Ziegen im -Stall und endlich das geduldige Eselein, Tobis Liebling.</p> - -<div class="figcenter illowe32_5" id="illu_039"> - <img class="w100" src="images/illu_039.jpg" alt="Friedel liest seine Bücher." /> -</div> - -<p>Erst wenn diese alle eifrig fraßen, sammelte sich die Familie um den -warmen Herd, und die gute Milchsuppe mit großen Brotbrocken schmeckte -vortrefflich. Dann gingen die Männer, wenn’s das Wetter erlaubte, -hinaus zum Holzfällen, oder sie hatten etwas am Mahlwerk, das jetzt -ganz stillstand, zu bessern; auch sägten, hämmerten und hobelten sie in -der Scheune, um allerlei nötiges Werkzeug herzustellen. Zuweilen durfte -Friedel helfen, meist aber blieb er bei Mutter und Schwesterlein, wie -er Frau Marie und Ännchen bald nannte. Die zarte, bleiche Frau ließ es -gern geschehen, daß er das Herdfeuer unterhielt, Wasser aus dem Bach -herbeischleppte, den Backofen heizte und ihr noch allerlei Dienste -tat, an die ihn der Großvater gewöhnt. Sie war sehr still und ernst; -wenn sie ihm aber einmal übers lockige Haar strich und ihn einen -braven Buben nannte, war’s reicher Lohn für alle Mühe. Setzte sie -sich dann ans Spinnrad, so holte auch Friedel seine<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> Bücher herbei; -denn er hatte dem Großvater, der vielleicht sein nahes Ende ahnte, -heilig versprechen müssen, nichts zu vergessen, was er gelernt, und -fleißig in der Bibel zu lesen. Dann legte auch Ännchen ihr steifes -Holzpüppchen oder die kleinen Töpfe und Schüsselchen, mit denen sie -gespielt, beiseite und buchstabierte mühsam mit Hilfe der Mutter in -dem uralten, schmutzigen Gebetbüchlein, das auf dem Wandbrett lag. -Es war so abgegriffen, daß man die Buchstaben kaum erkennen konnte, -und Friedel behauptete keck, es sei ein schlechtes und dummes Buch, -da gleich auf der ersten Seite das Ave-Maria stand, und man ja nur zu -Gott und dem Heiland beten dürfe. Er meinte, in seinem Katechismus und -Gesangbuch stünden viel bessere Sachen, die wolle er das Ännchen ganz -so lehren, wie es ihn der Großvater gelehrt habe. Die Mutter ließ es -gern geschehen, und alle die schönen Sprüche und Liederverse, die das -kleine Mädchen mühsam buchstabieren und nach und nach auswendig lernen -mußte, lernte sie mit und bewahrte sie in einem feinen und guten Herzen.</p> - -<p>„Du bist ein glückseliger Bub“, sprach sie oft zum Friedel, „daß du -alles so früh gelernt hast. Und wenn dir dein Großvater ein Königreich -hinterlassen hätt’, wär’s nur Staub gegen diese Schätze.“</p> - -<p>Mutter und Töchterlein lauschten gar andächtig, wenn der kleine -Schulmeister aus der Bibel vorlas, in der er, dank des Großvaters -Unterricht, schon recht gut Bescheid wußte. Ihm gefielen ja die -Geschichten der Patriarchen und der streitbaren, herrlichen Könige des -Alten Testaments am besten; Frau Maria aber wollte<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> nur immer von JEsu, -dem Sünderheiland, hören, und Friedel sah verwundert zu ihr auf, wenn -ihr beim Zuhören die hellen Tränen übers Gesicht liefen.</p> - -<p>Nun kam das Weihnachtsfest immer näher, das der Knabe sich gar nicht -denken konnte ohne das liebliche Lied: „Vom Himmel hoch, da komm -ich her.“ Wie hell hatte er’s mit dem Großvater im lieben Hüttlein -gesungen! Nun lehrte er das Ännchen ganz heimlich einige Verse, so oft -sie einmal kurze Zeit allein waren; ja, sie schlüpften sogar in den -Stall, um sich im Singen zu üben. Wie würden sich die Eltern und Tobi -darüber freuen! Indes wurde es kälter; mit der Arbeit im Freien war’s -ganz vorbei, und oft war die ganze Familie von früh bis abends auf die -Stube beschränkt. Das war eine schlimme Zeit für den Talmüller. In den -langen Abenden und dunklen Nächten kam oft ein böser, finsterer Geist -über ihn, so daß er stundenlang untätig am Herd sitzen konnte, den -Kopf in die Hände gestützt, in trübe Gedanken versunken. Dann wagten -die andern kaum ein Wort zu sprechen; man hörte nur das Schnurren der -Spinnräder und das Klappern des kleinen Webstuhls, den Tobi in einem -Winkel aufgeschlagen hatte. Wenn dann ein tiefer Seufzer nach dem -andern sich der Brust des starken Mannes entrang, schlich wohl das -Ännchen herbei, streichelte sein gebeugtes Haupt und sprach ihm leise -zu. Manchmal half es; er zog es auf den Schoß, liebkoste es unter -Tränen und war für den Rest des Abends freundlicher als je. Aber nicht -selten blieb alles umsonst, und für den munteren Friedel war die<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> -trübe, ängstliche Stimmung schwer zu ertragen. Gern hätte er gewußt, -was dem armen Mann fehle; da aber Ännchen nur den Kopf schüttelte und -den Finger auf den Mund legte, wenn er danach fragte, blieb’s ihm ein -Geheimnis.</p> - -<p>Ganz im stillen traf die Frau ihre kleinen Vorbereitungen auf das -Christfest. Die Kinder halfen ihr im ganzen Hause Ordnung und -Sauberkeit herstellen, und begrüßten mit Jubel die drei großen, -dicken Kuchen, die aus dem Backofen gezogen und im oberen Kämmerlein -verwahrt wurden. Tobi holte ein schlankes Tannenbäumchen aus dem Walde -und überraschte die Kinder durch etliche Sterne und Ringlein von -Lebkuchenteig, die er schon im Herbst vom Franzl am Stein mitgebracht, -dazu auch bunte Lichtchen.</p> - -<p>Am Tage vor dem Christfest war’s zwar kalt draußen, aber schön und -klar. Desto trübere Wolken lagen auf der Stirn des Talmüllers. Als er -ohne ein Wort zu sprechen die Morgensuppe gegessen hatte, nahm er die -Flinte von der Wand und sprach:</p> - -<p>„Ich geh’ jetzt und hol’ einen Festbraten.“</p> - -<p>„Laß es doch bleiben, Christoph“, bat die Frau. „Ich schlacht’ uns das -fette gelbbraune Huhn; das gibt eine prächtige Suppe.“</p> - -<p>„Fort will ich!“ rief der Mann heftig. „Weit fort muß ich! Ich muß -fühlen, daß ich frei bin!“ Damit war er schon zur Tür hinaus.</p> - -<p>„Laßt ihn gewähren, Frau“, bat Tobi; „er hat wohl wieder böse Träume -gehabt. Vielleicht läuft er sich’s aus.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p> - -<p>Am frühen Nachmittag kam er wieder, ein Reh auf der Schulter, aber -ach! noch mit demselben unsteten, finsteren Blick. Sogleich sah er -das Bäumchen, das die Kinder indessen geschmückt, in der Ecke stehen. -„Schafft das Ding hinaus! Ich mag kein Licht sehen!“ rief er, streckte -sich vor dem Herd auf den Fußboden und schlief fest ein; leise schob -ihm die Frau ein Kissen unter den Kopf. Es ward dunkel, und er schlief -noch immer, dann und wann im Traum unverständliche Worte murmelnd. -Still und traurig saßen die andern in der Ecke; es war ein trübseliger -Christabend! Da das Feuer am Niedergehen war, schlich Friedel leise -hin, um frisches Holz nachzulegen. Da schlug der Mann die Augen auf, -noch ganz vom Traum befangen, und sein Blick fiel auf den Knaben.</p> - -<p>„Arnold“, sagte er leise, „bist du es? O, bist du nicht tot, mein -Herzblatt, mein Liebling? Wie schön und groß bist du geworden!“</p> - -<p>„Ich bin ja der Friedel“, sprach der Knabe verwundert.</p> - -<p>Da löste sich der Bann des Traumes; wild fuhr der Mann empor, stieß das -Kind von sich und rief:</p> - -<p>„Der Fremde wärmt sich an meinem Herd; der Eigene liegt fern im kalten -Grund!“ Damit schlug er die Hände vors Gesicht und schluchzte zum -Herzbrechen.</p> - -<p>Totenstill war’s in der Hütte; auch die Frau weinte. Tobi hatte Ännchen -auf den Schoß genommen und flüsterte ihr leise Trost zu. Dem Friedel -aber tat das Herz bitter weh. „Ach“, dachte er, „wenn mir der<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> Mann so -feind ist, daß er mir das Herdfeuer nicht gönnt, wär’s wohl besser, ich -feierte heut Christabend mit dem Großvater droben im Himmel!“</p> - -<p>Aber der heiße Tränenstrom hatte des Talmüllers Herz erleichtert. -Allmählich ward er ruhig, erhob sich vom Boden, setzte sich auf die -Bank, und sein Blick fiel auf die traurige Gruppe im Winkel.</p> - -<p>„Ihr armen Leut’“, sprach er mit weicher Stimme, „wie hab’ ich euch den -Christabend verdorben! Ach, die Träume, die Träume! Komm her, Bub! Du -bist brav; und ich bin dir gut! Setzt euch alle zu mir. Tobi soll ein -Märlein erzählen, daß die trüben Gedanken weichen.“</p> - -<p>Sonst war Tobi stets dazu bereit; heute aber schien er selbst weich und -wehmütig gestimmt, und es wollte nichts Rechtes werden. Da sprach die -Mutter, sanft über des Mannes Haupt streichend:</p> - -<p>„Ich wüßt’ was Besseres heut zum Christabend. In Friedels Buch ist so -schön erzählt, wie das JEsuskindlein geboren ward. Soll er’s nicht -einmal vorlesen?“</p> - -<p>„Ist mir auch recht“, erwiderte Christoph. „Ein gutes Buch mag’s wohl -sein, da ’s der Firmian verboten hat. Vielleicht liest der Bub besser -als die Pfaffen; bei ihrem Gemurmel bin ich allweil eingeschlafen.“</p> - -<p>Aber jetzt schlief er nicht! Gar laut und deutlich und recht aus -Herzensgrund las der Knabe die liebliche Geschichte, die er ja fast -auswendig wußte; und als er die Engelsbotschaft sprach, strahlte sein -Antlitz, als sei er selbst ein Himmelsbote.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p> - -<p>„Das war schön!“ sprach der Talmüller, tief aufatmend. „Da wird’s -einem friedlich und hoffnungsvoll ums Herz. Nun holt nur euer Bäumchen -und zündet’s an! Es mag das Licht bedeuten, das die armen Hirten -umleuchtete, als der Engel kam.“</p> - -<p>Freudig gehorchten die Kinder; und als die zwölf Lichtchen brannten, -traten sie vor den Vater und begannen ihr Lied zu singen, erst -zaghaft, bald lauter und mutiger. Sechs Verse wußte Ännchen; dann sang -Friedel allein mit immer heller werdender Stimme, glühenden Wangen und -strahlenden Augen. Mit andächtig gefalteten Händen horchten die drei. -Als er geendet hatte, blieb alles still; der Talmüller aber zog den -Knaben an sich und küßte ihn. Von diesem Abend an hielt er ihn wie -einen Sohn.</p> - -<p>Nun geschah es oft, daß Friedel am Abend sein Schnitzwerk oder andere -Arbeit aus der Hand legen und vorlesen mußte. Der Talmüller hatte -das Lesen, das er nie gelernt, bisher für eine unnütze Pfaffenkunst -gehalten; jetzt bekam er Achtung davor und staunte den kleinen Jungen -an, der so sicher fragte: „Was wollt ihr heute hören? Soll ich ein -Wunder lesen, das der Heiland tat, ein Gleichnis, das er erzählte, oder -eine Predigt, die er dem Volke hielt?“ Und dann fand er’s bald in dem -großen, dicken Buch. Es war erstaunlich!</p> - -<p>Allerlei Gespräch knüpfte sich nicht selten an das Lesen. Einmal sagte -der Talmüller:</p> - -<p>„Jetzt merk’ ich, wie uns die Priester betrogen haben. In diesem Buch, -das Gott selbst den Menschen<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> gegeben, wie der Bub sagt, laufen alle -kranken, betrübten, elenden Leut’ stracks zum HErrn JEsu, bitten um -Hilfe und werden allezeit freundlich erhört. Hat er sie wohl jemals -erst zum Petrus oder zum Johannes geschickt, damit die Fürsprach’ -täten? Ich denk’ nicht! So will ich mir ein Herz fassen und dreist zum -HErrn Christus selber beten. Er kann kein schrecklicher Richter sein, -wie uns gelehrt ward.“</p> - -<p>„Ich tu’ es schon längst“, sprach die Frau leise. „Als ich einstmals -am Verzweifeln war, du weißt schon wann, Christoph, da riet mir’s ein -altes Weiblein, dem ich sonst wohl Almosen gegeben. Kein Heiliger hat -dazumal mein zerbrochenes Herz geheilt, aber der HErr JEsus hat’s -getan.“</p> - -<p>Dennoch gefiel dem seltsamen Manne nicht alles, was der Knabe las; -manches dünkte ihm zu hart und schwer. Bei den Worten des HErrn: -„Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch -hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“, fuhr er -aufgeregt empor und rief: „Das kann kein Mensch; das ist zu schwer! Wer -mir Böses tut und mir mein ganzes Glück zerstört, den darf ich hassen, -ja, ich haß ihn bis zum Tode.“ Wie er so dastand, die Augen blitzend, -den Arm erhoben, die Faust geballt, sah er furchtbar aus.</p> - -<p>Dennoch faßte sich Friedel ein Herz und sagte schüchtern: „Mein -Großvater konnte es aber doch! Er hat all’ Abend für den Firmian -gebetet, und mich hat er’s auch gelehrt.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p> - -<p>Da sah ihn der Mann mit seltsam scheuem Blick an, hieß ihn das Buch -zumachen, und alle saßen still und gedrückt bis zur Schlafenszeit. Beim -Gebet aber sprach Christoph seine bösen Worte nach der fünften Bitte -wieder einmal ganz laut und deutlich, so daß die Frau sich weinend -abwandte.</p> - -<p>Als der Winter sich zu Ende neigte, kamen sie zur Leidensgeschichte -des HErrn JEsu. Da ruhten oft die fleißigen Hände der Zuhörer und -falteten sich in ernster Andacht; Klein-Ännchen aber weinte bittere -Mitleidstränen, daß man den guten Heiland so übel behandelt. Nun hing -er am Kreuz, ward noch verhöhnt und gelästert in seinem bitteren -Leiden. Horch, da spricht er noch einmal: „Vater, vergib ihnen; denn -sie wissen nicht, was sie tun.“</p> - -<p>Da unterbrach der Talmüller den Knaben: „Lies heute nicht weiter; ich -hab’ genug zu denken!“ Aber als sie bald darauf das Vaterunser beteten, -hielt er inne und sprach feierlich: „Und auch dem Firmian; ja, lieber -barmherziger Gott, auch dem Firmian!“</p> - -<p>Als sie ausgebetet hatten, sah Friedel zum erstenmal, wie die Frau die -Arme um des Mannes Hals schlang und ihn unter Freudentränen küßte. Von -diesem Tage an blieben zwar die finsteren Stimmungen nicht ganz aus, -kamen aber viel seltener und hielten nicht mehr so lange an.</p> - -<p>So hatten alle in den dunklen Winterabenden viel gelernt, und der -Talmüller wohl am meisten. Dennoch freute sich ein jeder, als der -Schnee schmolz, der oft zugefrorene Bach wieder klare, schäumende<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> -Wellen schlug, der warme Sonnenschein bald Gras und Blümlein -hervorlockte und im frisch grünenden Walde Vogelstimmen laut wurden. -Nun gestaltete sich das Leben der Einsamen freier und fröhlicher. Tobi -zog wieder aus, um das Korn abzuholen, das seine Kunden vom vorigen -Jahre noch aufbewahrt hatten. Woher er’s holte, blieb für Friedel ein -Geheimnis, und er hatte längst das neugierige Fragen verlernt. Lustig -klapperte die Mühle; Webstuhl und Spinnräder ruhten, und die Mutter -schaffte emsig im Krautgarten, der nicht weit vom Hause angelegt war. -Die Kinder halfen nach Kräften und hatten ihre Lust an den jungen -Hühnern und Tauben, an den Zicklein, die so munter umhersprangen, -und den zwei schneeweißen Kaninchen, die Tobi von einem seiner Gänge -mitbrachte. Ihre besten Tage waren, wenn die Mutter am Morgen sprach: -„Heute könnt ihr das Vieh in den Wald treiben und hüten bis gegen -Abend.“</p> - -<div class="figcenter illowe43" id="illu_050"> - <img class="w100" src="images/illu_050.jpg" alt="Friedel und Ännchen auf der - Waldwiese." /> -</div> - -<p>Da zogen sie singend aus, reichlich versorgt mit Brot und Käse und -einem Becherlein, das sie so oft voll süße Milch melken durften, als -sie nur wollten. Köstliche Stunden verlebten sie da im Grase liegend, -zum blauen Himmel aufschauend, der so wunderbar durch die Baumkronen -schimmerte, und dem Gesang der Vöglein lauschend, die hier ganz -ungestört ihre Nester bauten. Gern suchten sie den Platz auf, wo der -Großvater schlief. Es war eine liebliche Waldwiese, von dunklen Tannen -und lichtgrünen Birken eingerahmt. Unzählige Blümlein sproßten weiß, -rot, goldgelb und blau zwischen dem frischen Gras hervor, und<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> am Rande -unter den Bäumen reiften bald süße Erdbeeren in Fülle. Am Grabe des -Großvaters saßen die Kinder, wanden Kränze, um es zu schmücken, und -dachten nimmer an die Bitterkeit des Todes, sondern an den lichten -Himmelssaal, wo der liebe Alte nun ausruhte von der Last des Lebens. -Gar gern erzählte Friedel dem kleinen Mädchen von dem friedlichen -Leben in der Heimat, aber auch von der Stadt, von der<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Kirche, vom -Paten Rudi, seiner schönen Stube und dem wunderbaren Bilderbuch. -Ännchen hörte mit großen Augen zu, denn alles war ihr neu und fremd. -Sie war nun schon acht Jahre alt, kannte aber nichts von der Welt -als die Talmühle. Ganz dunkel besann sie sich darauf, einmal auf der -Wanderschaft gewesen zu sein mit Tobi und den Eltern. Aber es war schon -lange her und die Erinnerung sehr unklar.</p> - -<p>Manchmal zogen die kleinen Hirten auch weiter, sogar bis zur steilen -Felswand am See; doch nur selten, denn dort mußten die Tiere angebunden -werden, damit sie nicht etwa, nach einem Gräslein haschend, in die -Tiefe stürzten. Friedel ging gern hin; es war der einzige Ort, wo er -etwas von der Außenwelt sah, wenn’s auch nicht viel war. Der See war -nicht groß, und das andere Ufer viel niedriger, nicht bewaldet, sondern -öde und steinig. Aber ganz in der Ferne sah man grüne Bäume, und -zwischen ihnen erkannte Friedels scharfes Auge ein Häuschen, aus dessen -Schornstein Rauch emporstieg. Wer mochte wohl dort so einsam wohnen? Da -saß er und träumte von der Zeit, wo er hinausziehen würde in die Welt, -herrliche Dinge schauen und endlich ins Preußenland kommen würde zu -seinen Glaubensgenossen. Aber Ännchen durfte nichts davon merken, sonst -fing es an zu weinen und sagte, er dürfe niemals fort; es habe ihn ja -so lieb.</p> - -<p>Doch hatten die Kinder nicht allzuviel Zeit zum Träumen; sie mußten -immer etwas mit heimbringen, was der Wald bot: allerlei Beeren je nach -der Jahreszeit, Pilze, würzige Arzneikräuter, die Tobi sie kennen<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> -lehrte, Haselnüsse und endlich ganze Säcke voll Tannenzapfen, die das -Herdfeuer so lustig und helleuchtend machten. Reichbeladen kamen sie -dann singend heimgezogen, denn Ännchen lernte erstaunlich schnell alle -Lieder, die Friedel wußte. Seltsam war’s, daß sie nie jemandem im -Walde begegneten. Auf den Wald- und Bergfahrten, die der Knabe früher -mit dem Großvater gemacht, war’s ja auch sehr einsam gewesen, aber -doch hatten sie zuweilen einen Holzfäller angetroffen, einen Jäger -oder ein Weiblein, das Beeren suchte. Ja, es war etwas Märchenhaftes -um die Talmühle; man spürte es im Sommer mehr als zur Winterszeit! -Wenn die Kinder daheim blieben, um der Mutter im Garten zu helfen -oder das Heu auf der Wiese zu wenden, kam es mehr als einmal vor, daß -Wolf, der große Hund, der sich nie weit vom Hause entfernte, unruhig -ward, die Ohren spitzte und endlich mit wütendem Gebell fortstürzte, -meist nach der Schlucht zu, wo Friedel einst so angstvoll hergekommen -war. Dann war der Talmüller im Nu bei der Hand, mochte er sein, wo er -wollte, warf sich das Bärenfell oder ein weißes Laken um und folgte -dem Hunde, seltsame, schauerliche Töne ausstoßend. War er aber auf -die Jagd gegangen, was im Sommer nur selten geschah, so erschien Tobi -mehlbestäubt und eilte in wunderlichen Sprüngen dem Hunde nach. Bald -kamen sie ganz ruhig zurück, als sei nichts geschehen; das feine Ohr -des Knaben hatte aber mehr als einmal einen Schreckensruf im dichten -Gebüsch vernommen und das Knacken von Ästen und Zweigen, als ob jemand<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> -schnell und blindlings die Flucht ergriffe. Fragte er, was geschehen -sei, bekam er von Tobi nur neckische Antworten. Der Talmüller aber -machte ein finsteres Gesicht und hieß ihn schweigen.</p> - -<p class="center">* <span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Vier Winter und drei Sommer waren vergangen. Friedel war kräftig -emporgewachsen und ein schöner, stattlicher Knabe geworden. Das -Leben in der Talmühle war dasselbe geblieben; aber die Kinder hatten -sich allmählich verändert. Noch hingen sie aneinander mit herzlicher -Liebe; ja, Friedel hätte jederzeit sein Leben für das zarte, holdselig -aufblühende Mädchen gewagt. Aber das stete Beisammensein wollte nicht -mehr recht passen.</p> - -<p>Ännchen hing mehr und mehr an der Mutter, lernte von ihr die einfache -Mahlzeit kochen, einen immer feineren Faden spinnen und aus dem derben -Wollzeug, das Tobi webte, ihr eigen Röcklein nähen. Lesen konnte sie -nun ebensogut wie Friedel; sie wechselten miteinander ab beim Vorlesen -am Abendfeuer. Im letzten Winter hatte der Knabe den Männern wacker -geholfen beim Holzfällen und allerlei Arbeit in Stall und Scheune. Als -aber der Frühling wieder ins Land zog, ward er still und matt, sah -bleich aus und lag gern einsam unter einem Baum, zum Himmel aufschauend.</p> - -<p>Einst hatte ihn der Talmüller schon zweimal gerufen, ohne daß er hörte; -da trat er zu ihm und fand ihn bitterlich weinend.</p> - -<p>„Was fehlt dir, Bub?“ fragte er erschrocken.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p> - -<p>Erst wollte er lange nicht antworten, endlich aber brach er schluchzend -in die Worte aus: „Hinaus muß ich; hinaus aus dem engen Tal! Unter -Menschen, ins Leben will ich; ich muß sonst sterben!“</p> - -<p>„Was ist denn so plötzlich über dich gekommen?“ fragte der Mann.</p> - -<p>„Nicht plötzlich! In mancher Winternacht hab’ ich geweint, wenn Tobi -fest schlief. Ich hab’ euch alle lieb, und solang ich ein Kind war, -ging alles gut. Aber ich kann nicht mehr mit dem Ännchen hinausziehen, -das wenige Vieh zu hüten! Ich muß was Besseres zu tun haben, als Blumen -und Beeren suchen! Ich möcht’ ein Mann werden und was Rechtes taugen in -der Welt!“</p> - -<p>„Weißt du nicht, daß du noch immer zu jung bist, allein in die Welt zu -ziehen?“</p> - -<p>„Ich weiß es wohl; aber ich weiß auch, daß Tobi hinausgeht unter -Menschen. O, laßt mich mit ihm! Mir wird so bang in dem engen Tal, als -solle mein Herz zerspringen!“</p> - -<p>Der Talmüller schwieg lange; dann begann er: „Es mußte so kommen; ein -frischer Bub wie du sehnt sich hinaus. Später wirst du dich vielleicht -oft zurücksehnen in diese tiefe Einsamkeit. Ganz fort darf ich dich -noch nicht lassen; du weißt nicht, wie hart das Leben ist. Aber du -sollst etwas lernen; ich will dich in die Mühle nehmen, daß du in -etlichen Jahren als Mühlknappe ausziehen kannst. Auch Menschen sollst -du sehen, aber nur, wenn du schweigen gelernt hast. Sag’, willst du zu -niemand sprechen von dem, was du<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> hier erlebt? Willst du besonders den -Pfad, der aus dieser Einsamkeit führt, keinem verraten?“</p> - -<p>Nach kurzem Besinnen erwiderte Friedel: „Als ich noch ganz klein war -und kaum übern Tisch gucken konnte, lehrte mich der Großvater schon -viele Sprüchlein. Und eben diese vergaß ich nie! Eins davon heißt: ‚Ein -Verleumder verrät, was er heimlich weiß; wer aber getreuen Herzens ist, -verbirgt dasselbige.‘“</p> - -<p>„Ich vertraue dir!“ sprach der Talmüller. „Wenn der Tobi wieder -auszieht, ziehst du mit.“</p> - -<p>O wie klopfte Friedels Herz vor Freude, endlich einmal wieder hinaus zu -kommen aus diesem stillen, märchenhaften Tale!</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Wies_dem_Talmueller_ergangen_war">4. Wie’s dem Talmüller ergangen war.</h2> - -</div> - -<p>Nicht lange nach diesem Gespräch führte Friedel eines Morgens das -Eselein aus dem Stalle. Ganz sauber hatte er sein graues Fell -gebürstet und das Zaumzeug schön geputzt. Es war noch viel zu zeitig -zum Ausziehen. Frau Marie kochte eben erst die Morgensuppe, und der -Talmüller schlief noch fest. Aber Ännchen stand schon bei dem Knaben -und zupfte ihm den nagelneuen Kittel zurecht, den sie selbst hatte -nähen helfen.</p> - -<p>„Ich bring’ dir auch was mit aus der Welt draußen“, versprach Friedel. -„O wie mein Herz klopft! Was werd’ ich sehen? Wohin wird der Weg -führen?“</p> - -<p>Die Mutter rief zum Essen; doch nahm Friedel nur ein paar Löffel von -der guten Suppe und steckte das<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> Brot in die Tasche. Nun waren sie -bereit; Tobi freute sich, den Knaben, den er sehr liebte, zum Gefährten -zu haben, aber Christoph war nicht zu sehen. Als die beiden, den Esel -vor sich hertreibend, über den Steg gingen und Ännchen ihnen noch ein -Lebewohl nachrief, guckte der Mann verstohlen zur Dachlucke heraus.</p> - -<p>„Da zieht er hin, der treue, liebe Junge, der mir Frieden und Hoffnung -gebracht hat durch das herrliche, göttliche Buch!“ sprach er zu sich -selbst. „Und in wenig Jahren muß ich ihn ganz fortlassen. O Gott, laß -ihn dann nur nicht allzuviel Jammer erleben! Ja, auch mich zieht’s -manches Mal hinaus. Wohl möcht’ ich wieder unter Menschen leben. War -ich doch der frischeste, fröhlichste Bursch im ganzen Dorf! Aber nein, -’s geht nimmer! Das Herz ist allzu tief verwundet; es kann nimmer, -nimmer ganz genesen. Ich hab’ mein Weib und mein Kind, das ist mir -genug!“</p> - -<p>Rüstig schritten die beiden Wanderer vorwärts. Der kaum sichtbare Pfad -führte zuerst durch dichten Wald; oft mußten sie sich bücken unter den -tief herabhängenden Ästen, oft dem Esel vorausgehen, damit er sich -nicht im Gestrüpp verwirre. Eine Stunde waren sie so gewandert, da ward -der Wald lichter; der Weg führte ziemlich steil bergauf, und plötzlich -standen sie vor einer hohen zerklüfteten Felswand.</p> - -<p>Fragend blickte Friedel seinen Begleiter an. „Meinst, die Welt sei hier -alle?“ lachte dieser. „Komm nur mit; wirst dein Wunder schauen!“</p> - -<p>Dicht an dem Felsen gingen sie hin; an der andern Seite niedriges -Nadelholz. Jetzt aber ergriff Tobi das<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Eselein am Zaum und führte -es vorsichtig an der Felswand empor, die hier weniger steil war und -einen tiefen Einschnitt hatte. Darüber aber wölbte sich das Gestein -wie ein Dom. Gewand kletterte Friedel nach, erschrak aber nicht wenig, -als sein Begleiter mit dem Tier plötzlich verschwunden war. Da hörte -er ihn lachen, und siehe, er stand in einem breiten Spalt zwischen -zwei Felsblöcken, der in einen dunklen Gang führte. Bald aber fiel -von oben ein wenig Licht hinein. Manchmal war eben nur Raum genug für -die Wanderer, dann öffneten sich wieder weite Höhlen und Hallen, vom -Felsen gebildet. Dem Knaben war’s feierlich und ein wenig ängstlich -zumute. Jetzt ward der Gang wieder sehr schmal. Tobi sagte, er sei -eben noch breit genug, um den Esel, wenn er mit Säcken beladen sei, -durchzulassen. Aber horch! Tönten da nicht Menschenstimmen? Bellte -nicht ein Hund? O Wunder! Hörte man nicht deutlich das Jauchzen -spielender Kinder? Jetzt bogen sie um eine scharfe Ecke; es ward -heller und heller, und jetzt traten sie hinaus und erblickten ein -Bild fröhlichen Lebens, wie es der Knabe seit Jahren nicht gesehen. -Sie standen auf einem großen, weiten Bauernhof, der teils durch -den Felsen, teils durch ein niedriges, aber sauberes Wohnhaus mit -eingebauten Stallungen, teils durch eine hohe Steinmauer mit weitem -Eingangstor begrenzt war. Lustig plätscherte der Brunnen in der Mitte. -Der Hofhahn krähte auf dem hohen Düngerhaufen, Hühner und Gänse -tummelten sich ringsumher, und eine Schar rotwangiger, blondhaariger -Kinder tanzte singend im<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Kreise. Friedel jauchzte laut auf bei diesem -Anblick. Endlich, endlich sah er wieder Menschen, über denen kein -geheimnisvoller Schleier hing.</p> - -<p>Jetzt gewahrten die Kinder die Wanderer am Felsentor. „Der Tobi ist -da, der Tobi!“ jubelten sie herbeieilend, wichen aber beim Anblick des -fremden Knaben scheu zurück.</p> - -<p>„Ruft den Großvater“, gebot Tobi; und die ganze Herde stürmte ins Haus, -aus dem gleich darauf ein stattlicher alter Mann mit großen, klaren -Augen, langem, weißem Bart und Haar und ehrwürdigem Aussehen hervortrat.</p> - -<p>So war der Erzvater Abraham in des Paten Bilderbuch abgemalt gewesen; -es war der Franzl am Stein. Die Kinderchen hingen sich an seine Hände -und an die Falten seines langen, weiten Kittels. Freundlich begrüßte er -Tobi, reichte auch Friedel die Hand und sprach:</p> - -<p>„Du bist mir kein Fremder, mein Sohn; Tobi hat Gutes von dir erzählt, -darum sei mir willkommen! Wilhelm, nimm den Gast unter deine Hut bis -zur Mittagsmahlzeit!“</p> - -<p>Der Älteste der Kinderschar, ein frischer, etwa zehnjähriger Junge, -nahm Friedel in Beschlag, scheuchte die kleinere Gesellschaft fort und -fragte: „Willst du meinen Fuchs sehen? Oder wollen wir schießen?“</p> - -<p>Der Gast entschied sich für das letztere und ward zu einer hölzernen -Scheibe geführt, die am Felsen befestigt war. Aber o, wie schämte sich -Friedel, als der Kleine mit dem scharfen Bolzen seiner Armbrust fast<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> -immer ins Schwarze traf, während es ihm auch nicht ein einziges Mal -gelang!</p> - -<p>„Du gehst wohl nimmer auf die Jagd? Ich mein’ auf das kleine Wild, das -man schießen darf?“ fragte Wilhelm.</p> - -<p>Traurig schüttelte Friedel den Kopf.</p> - -<p>„Dann will ich dir lieber was zeigen! Ich weiß, du wohnst tief im Wald. -Möchtest du wohl einmal weit hinaus in die Welt blicken?“</p> - -<p>„O ja, so gern!“</p> - -<p>„So komm; aber hüte dich, daß du nicht fällst!“</p> - -<p>In einer Ecke des Hofes waren in die steile Felswand rohe Stufen -eingeschlagen, eben groß genug, den Fuß hineinzusetzen. Wie ein -Kätzchen kletterte der Kleine voran; vorsichtiger folgte Friedel, und -sie erreichten bald einen breiten Vorsprung, von dem sich dem Auge eine -herrliche Aussicht bot. Ein weites, ungemein fruchtbares Tal breitete -sich vor Friedels entzückten Blicken aus. Grünende Wiesen, blühende -Obstbäume, sprossende Saatfelder wechselten lieblich miteinander ab; -ein silberhelles Flüßchen schlug muntere Wellen, und eine große Anzahl -niederer Hütten mit gelben Strohdächern belebte die Landschaft. Am -Ausgang des Tales aber erhob sich auf luftiger Höhe ein Schlößlein -mit zierlichen Türmen und vielen Nebengebäuden. Hier und da erkannte -Friedel zu seiner großen Freude auch Menschen, nach denen er sich ja so -sehr sehnte. Dort pflügte ein fleißiger Ackersmann; ein anderer streute -Samen aus. An jener Anhöhe weidete ein alter Mann eine Schafherde; -dort trieben<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> zwei barfüßige Kinder junge Gänschen und Enten in den -Fluß, und wateten selbst hochgeschürzt in die klaren Wellen, einander -neckend und bespritzend. Und da, weit hinten, ragte ja ein kleiner, -altersgrauer Kirchturm zwischen hohen Bäumen hervor.</p> - -<p>Ganz verwundert horchte der Kleine auf die freudigen Ausrufe seines -Gastes, der sich, von der Wanderung ermüdet, auf der Felsplatte -niedergesetzt hatte. Ihm war ja dieser Anblick friedlichen Lebens etwas -Alltägliches.</p> - -<p>„Deines Großvaters Haus ist das größte und schönste im ganzen Tal“, -sagte Friedel endlich.</p> - -<p>„Gewiß!“ erwiderte Wilhelm. „Er ist eben der einzige freie Bauer; die -andern sind nur Hüttenleute, die dem Edelmann Pachtgeld zahlen und -viel Frondienste tun müssen. Haben oft kaum Zeit, ihr bißchen Feld zu -bestellen.“</p> - -<p>„Wohnt der Edelmann dort oben im Schlößli?“</p> - -<p>„Nein; gottlob nicht! Er wohnt weit weg an eines Fürsten Hof. Auf dem -Schlößli sitzt nur sein Haushalter, ein braver Mann, der die armen -Hüttenleut’ nicht allzusehr schindet.“</p> - -<p>„Mein Großvater war auch ein freier Bauer“, berichtete Friedel, „aber -der Erzbischof hat ihm doch alles genommen.“</p> - -<p>„Ja, die Pfaffen, die saugen die Welt aus“, sprach Wilhelm altklug. -„Der da hinten beim Kirchli sitzt, ist freilich nicht so schlimm. Er -ißt und trinkt, und läßt die Leut’ treiben, was sie wollen. So sagt -Großvater“, fügte er erklärend hinzu. „Aber horch,<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> die Mittagsglocken! -Komm hurtig; ’s gibt ein paar fette Hühner und gewiß Eierkuchen -hinterdrein, weil ihr Gäst’ seid.“</p> - -<p>Es war eine stattliche Tischgesellschaft, die sich in dem zwar -niedrigen, aber weiten Gemach um die blanke eichene Tafel sammelte. -Obenan saß der Franzl, ihm zur Seite zwei Söhne, stattliche Männer, -Tobi und Friedel bekamen ihren Platz neben ihnen. Dann folgten drei -junge Burschen; um das untere Ende scharten sich Frauen und Kinder. -Fremdes Gesinde sah man nicht; der Franzl wirtschaftete mit Kindern -und Enkeln allein. Die Speisen, die in großen Schüsseln und mächtigen -Pfannen aufgetragen wurden, waren besser als alles, was Friedel -bisher gekostet. Und als zum Nachtisch ein großer irdener Krug roten -Weines erschien, trank Franzl aus seinem silbernen Becher; auch die -Gäste mußten ihm in solchen Bescheid tun. Die Frauen und Mägdlein -trugen silberne Ohrringe und Halsketten; alles zeugte von behaglichem -Wohlstand. Als das Dankgebet gesprochen war, sagte Franzl:</p> - -<p>„Die armen Hüttenleut’ haben noch manchen Sack Korn liegen von der -guten Ernte im letzten Jahr. Wenn du heute Zeit hättest, Tobi, könntest -du dir’s zusammentragen und nach und nach hier abholen. Ich borg’ dir -noch einen Esel, den kann der Bub wohl führen.“</p> - -<p>„Hab’s auch schon gedacht“, erwiderte Tobi. „Dem Friedel gelüstet’s, -die Welt zu schauen; da sieht er heute doch ein Stücklein!“</p> - -<p>„Freilich ein armseliges!“ setzte Franzl hinzu.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p> - -<p>Nach kurzer Mittagsrast zogen die beiden aus, zwei Esel vor -sich hertreibend, die sie nach ein paar Stunden schwer beladen -zurückbrachten, und taten noch einmal so, ehe der Abend hereinbrach.</p> - -<p>Todmüde sank Friedel in das dicke, weiche Federbett, das er mit Wilhelm -teilte; aber sein Herz war leicht und froh. Er war nicht gefangen in -der engen Talmühle; es gab noch Leben, es gab noch eine Welt für ihn!</p> - -<p>Am andern Morgen zogen sie noch einmal aus, um vom äußersten Ende des -Tales eine Ladung Kornsäcke zu holen. Auf sanfter Anhöhe ruhten sie -unter blühenden Bäumen ein wenig aus. Da begann Tobi:</p> - -<p>„Da du nun doch weißt, daß über des Talmüllers Leben ein Geheimnis -waltet, sollst du heute erfahren, wie es ihm ergangen ist. Daß du treu -bist und schweigen kannst, hast du genug bewiesen.“</p> - -<p>„Ist dir erlaubt, mir’s zu berichten?“ fragte Friedel. „Nimmer begehr’ -ich zu hören, was geheim bleiben soll!“</p> - -<p>„Das ist brav! Aber der Talmüller hat mir selbst aufgetragen, dir heute -zu erzählen, wie’s ihm ergangen ist.</p> - -<p>Er heißt eigentlich Christoph Hügli. Weit unten im Salzburger Land, -nahe der Tiroler Grenze, lag sein hübsches Bauerngütlein mit einer -stattlichen Mühle. Freilich gehörte das Land dem Erzbischof, aber seit -langen, langen Jahren hatten’s Christophs Vorfahren zum Lehen gehabt. -Obwohl der Christoph ein wilder Bursch war, hatten ihn alle gern, denn -er war dabei treuherzig, ohne Falsch und allezeit mildtätig gegen die -Armen.<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Seit er die Marie geheiratet hatte, ein verlassenes Waislein, -aber fromm und schön, ward er auch gesetzter, und sie lebten zusammen -in Liebe und Frieden wie die Engel im Himmel. Ein prächtig Büblein -hatte ihnen Gott geschenkt; sie nannten’s Arnold, und es war des Vaters -Augapfel. Nahebei auf einer Höhe hatte der Firmian ein Lustschlößlein, -wo er zuweilen Hof hielt mit allerlei Gästen. Da trieben sie mancherlei -Kurzweil und lagen auch fleißig der Jagd ob, denn in den schönen -Waldungen gibt’s edles Wild in Fülle. Des Talmüllers Felder lagen -aber just am Waldesrand, und da konnt’s nicht fehlen, daß oft die -ganze glänzende Jagdgesellschaft mit Hallo und Hussa durch sein -Korn und Weizen galoppierte, einem fliehenden Wild nach. Wenn er -dann händeringend dabeistand, haben sie ihn noch verhöhnt. Auch kam -das Wild nicht selten des Nachts aus dem Walde, um sich am Getreide -sattzufressen und alles zu verwüsten. Wegschießen aber durfte man keins -bei schwerer Strafe. Das war eine rechte Qual für Christophs heftiges -Gemüt; besonders weil er gar zu gern selbst gejagt hätte und ein so -guter Schütze war, daß er beim Scheibenschießen stets ins Schwarze -traf und manch schönen Gewinn einsackte. Doch hat er sich lange tapfer -bezwungen; auch sein Weib hat ihn immer zur Geduld ermahnt.</p> - -<div class="figcenter illowe45" id="illu_064"> - <img class="w100" src="images/illu_064.jpg" alt="Christoph schießt - einen Hirsch." /> -</div> - -<p>Einmal aber war Lust und Not zugleich ins Haus gekommen. Der herzige -kleine Bub, nun schon vierjährig, lag schwer krank an den Pocken; -Marie aber hatte am Abend ein Mägdlein geboren und war recht<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> matt -und schwach. Die untreue Magd war aus Angst vor der Krankheit -davongelaufen, und der arme Mann wußte nicht, wem er zuerst helfen -sollte, dem jammernden Büblein, der schwachen Frau oder dem schreienden -Neugeborenen. Da stürzt beim Morgengrauen der Hütebub in die Kammer -und schreit: ‚Meister, das Wild ist im Weizen! Ein ganz Rudel!‘ Da -übermannte ihn der Zorn. Ohne auf den Ruf der Frau zu achten, reißt -er den Stutzen (kurze Flinte) von der Wand und ist im Nu draußen. Der -Schuß kracht, und ein prachtvoller Edelhirsch stürzt, gerade zwischen<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> -die Augen getroffen, und verendet alsbald. Zu Tode erschrocken sieht’s -der Bub und der Knecht. ‚Fliehet, fliehet, Meister; ’s gilt Euer -Leben!‘ schreien sie. Aber der Christoph spricht: ‚Nimmer flieh’ ich -und laß mein Weib und Kind der Rache des Tyrannen.‘ Da machten sie in -rasender Eile eine tiefe Grube, zerrten den Hirsch hinein, schlossen -sie und häuften Steingeröll darauf. Aber o weh! Es mochte wohl irgendwo -an einer Waldecke oder hinter einer Mauer ein Lauscher und Verräter -gestanden haben, denn ein ehrlicher Mann ist selten ohne Feind in -dieser bösen Zeit. Es hat nicht lang gedauert, da kamen des Erzbischofs -Häscher und schleppten den wackeren Mann vor die Augen des harten -Herrn. Er leugnet nichts, bittet und fleht um Gnade und verspricht, -all sein beweglich Gut hinzugeben; man solle ihn nur bei Weib und Kind -lassen. Da lacht der Stolze höhnisch und spricht: ‚Dein Hab und Gut, -elender Knecht? Das ist ohnedies verwirkt! Morgen schon übernimmt ein -anderer dein Lehen. Du aber sprich dein Gebet; in einer Stunde hängst -du am Galgen.‘ Der Jammer und die stumme Verzweiflung auf des schönen, -kräftigen Mannes Antlitz gingen aber einer vornehmen Dame in des -Bischofs Gefolge zu Herzen. Er hatte ihr jüngst versprochen, daß er -ihr nie eine Bitte abschlagen wolle. So bat sie jetzt um das Leben des -Armen, und nach einigem Besinnen gewährte er’s ihm. Dann aber redete -er heimlich einige Worte zu einem Diener, der sich alsbald entfernte. -Als nun Christoph sich kniend bedankt und dem tückischen Manne Gottes -Lohn gewünscht hat, verläßt<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> er das Gemach und will heimeilen. Siehe, -da packen ihn draußen ein paar bewaffnete Knechte, schleppen ihn in -den Hof, peitschen und martern ihn so grausam, daß er fast den Geist -aufgibt, legen ihm schwere Fesseln an und werfen ihn, mit Wunden -bedeckt, in einen feuchten, finstern Kerker.“ –</p> - -<p>Überwältigt von Mitleid schwieg Tobi eine Weile und barg das Gesicht in -die Hände. Friedel aber ballte die Faust in ohnmächtigem Zorn und rief:</p> - -<p>„O der böse, böse Mann! Und nur wegen eines Hirsches!“</p> - -<div class="figcenter illowe32" id="illu_067"> - <img class="w100" src="images/illu_067.jpg" alt="Christoph ist wieder frei." /> -</div> - -<p>Bald fuhr der Kleine fort: „Gott hatte ihm einen riesenstarken Leib -gegeben, sonst wär’ er gewiß bald gestorben, wohl weniger vor Frost -und Hunger als vor bitterem, herznagendem Leid. So aber lag er vier -lange Jahre in dem garstigen Loch gefangen; dann erschien er plötzlich, -ganz abgezehrt, bleich und in Lumpen gehüllt, im Dorfe. Wer ihn sah, -schrie auf vor Schrecken und meinte, es sei ein Gespenst. Aber er war -es selbst; man hatte ihn frei gelassen. Der Kammerdiener des Bischofs -erzählte, sein Herr habe wohl einen sehr bösen Traum gehabt. Er habe -immer im Schlaf aufgeschrien: ‚Der Hirsch! Der Hirsch kommt aus der -Grube! Er will mich zertreten, er will mich aufspießen!‘ Sein Gewissen -mag ihn wohl gezwackt haben. Aber zugleich hieß es, niemand dürfe den -Christoph herbergen; er solle alsbald fortwandern aus dem Salzburger -Land. ‚Fort, fort!‘ stöhnte der arme, elende Mann selber. ‚Nur fort -von diesem Ort des Jammers!‘ Als er aber sein Weib, das barmherzige<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> -Leute ins Haus genommen hatten, wieder ans Herz drückte, und das -Ännchen ihm die Wangen streichelte, weinte er helle Freudentränen. -Aber ach, sein Büblein, den herzigen Arnold, suchte er vergebens! -Als man damals das arme Weib mit den Kindern ohne alles Erbarmen von -Haus und Hof trieb, trug der Hütejunge das Knäblein, das ja schwer -krank war. Da hörte es, wie die Dorfleute, die in Angst und Schrecken -zusammenstanden, einander erzählten, was man seinem lieben Vater getan. -Da schrie es laut auf, fiel alsbald in Krämpfe, und ehe die Sonne sank, -war das kleine, liebreiche Herz gebrochen.</p> - -<p>Als man das dem Christoph erzählte, hob er die Hand gen Himmel und -rief: ‚Alles, alles will ich dem Firmian vergeben; aber meines Arnolds -Tod vergeb’ ich ihm nie!‘ Und er sprach schreckliche Worte des Fluches -über das Haupt des Unbarmherzigen.</p> - -<p>Herbergen durfte ihn keiner; aber das konnte niemand wehren, daß man -ihm ordentliche Kleider gab, allerlei Gewand und Decken für Weib und -Kind, auch manch silbernen Zehrpfennig und gute Reisekost. Als er nun -fürder ziehen wollte, kam der Hütebub gelaufen, in des Armen damals das -Arnoldlein gestorben war. Es war kein schöner Bursch aus ihm geworden, -klein, verwachsen und häßlich. Der sprach zum Christoph: ‚Meister, Ihr -habt mich aufgenommen, als ich ein verlassen Bettelbüblein war. Bei -Euch ist meine Heimat; ich ziehe mit Euch! Und hier ist ein Eselein, -das schickt Euch der Müller vom Oberdorf, bei dem ich zuletzt gedient. -Setzt Euch darauf; Ihr seid zu schwach zum Wandern.‘“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p> - -<p>„Und der brave Bursche hieß Tobi?“ fragte Friedel.</p> - -<p>Das Männlein nickte und fuhr fort: „So zogen wir langsam durchs Land, -und Gott gab milden Sonnenschein und schönes Wetter, so daß sich der -Christoph schnell ein wenig erholte, und leise, leise wieder ein -klein wenig Lebenslust in sein gemartertes Herz zog. Aber eine große -Menschenscheu war ihm geblieben. Auch hatte er sich gelobt, nie wieder -eine katholische Kirche zu betreten, was er doch nicht hätte vermeiden -können, wenn er sich in einem bayrischen oder österreichischen Dorf -niedergelassen hätte.</p> - -<p>Dazu kam, daß sein Herz mit tausend Fäden am Heimatlande hing, wie’s ja -uns Bergbewohnern eigen ist. ‚Ach‘, sprach er oft, ‚wenn wir nur ein -versteckt Winkelchen in unsern Bergen finden könnten und nicht außer -Land müßten! Der Firmian kann ja auch sterben; dann darf ich mich wohl -wieder unter die Leut’ wagen. Jetzt möcht’ ich ganz einsam leben mit -Weib und Kind.‘ Da kamen wir endlich zum Franzl am Stein. Der hat auch -einen tiefen Groll auf den Firmian, der ihn einmal schwer geschädigt -hat; ich weiß nicht, wodurch.</p> - -<p>Als wir nun bei ihm rasteten und ihm alles erzählten, weil er gar so -treuherzig aussah, sagte er, es stünde hier drüben am Gießbach eine -verfallene Mühle, die wohl wieder herzurichten sei. Für die Hüttenleut’ -im ganzen Tal wäre es gut, wenn sie wieder in Gang käme, denn es sei so -weit nach der nächsten großen Mühle; dazu sei der Müller nicht<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> allzu -brav und breche oft ab am Gewicht. Er verhehlte uns aber nicht, daß das -Tal verrufen sei wegen einer Mordtat, die einst da geschehen. Es wage -sich selten jemand hinein. Da sprach der Talmüller: ‚Das ist mir eben -recht; üble Tat geschieht wohl überall! Liegt ein Fluch auf dem Ort, -so soll mein frommes Weib beten, daß ein Segen draus wird. Vor Spuk -fürchte ich mich nicht; hab’ mein Tag solchen Aberglauben nicht leiden -mögen.‘ So führte uns der Franzl durch die Felsspalte hierher und half -uns treulich aus mit allem, was wir zum Anfang brauchten. Zuerst ging -es uns hart; aber Gott segnete unsere Arbeit, so daß endlich die Mühle -wieder in Gang kam und nach schweren, mühsamen Wochen auch das Häuschen -wohnlich wurde.</p> - -<p>Wenn nun auch der Talmüller selbst an keinen Spuk glaubte, so wußte er -sich doch den Aberglauben der Leute zunutze zu machen. Alle Zugänge zum -Tal wurden noch unwegsamer gemacht mit Gestrüpp, Steingeröll und großen -Baumstämmen, die wir mühsam hinwälzten. Verirrte sich aber doch ein -Jäger, Holzhacker oder Beerensucher in unser Gebiet, so scheuchten wir -ihn weg in allerlei Verkappung, wie du ja selbst gesehen hast. Durch -die Felsspalte ist wohl kaum je einer gekommen; sie war schon lang -vorher Franzls Geheimnis. Dennoch glaub’ ich, daß mehr als einer von -den Hüttenleuten weiß, wo sein Mehl gemahlen wird. Sie nennen mich den -Wandermüller. Viele, viele von ihnen sind dem Firmian auch feind, wie -er’s ja wohl verdient.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p> - -<p>So gefiel’s dem Christoph ganz wohl in der Einsamkeit; die Frau -ist ja allezeit still und zufrieden, und das Kind ward ein rechtes -Waldröslein. Aber vier lange Jahre im Kerker mit so starkem Sinn und -heißem Herzen lassen doch Spuren zurück. So hat auch Christoph allerlei -behalten, was schwer zu tragen ist, besonders für die Frau. Du kennst -ja seine finsteren Tage; du weißt ja, was er immer nach der fünften -Bitte vor sich hin murmelte, und seit wann er’s nicht mehr tut. Aber -eins will er nicht lassen, und es macht uns schwere Sorge. Er schießt -nicht selten ein Stück Wild! Wenn er’s nur in seinem verborgenen -Tal täte, wär’s ja kein Unglück, aber er wagt sich von Jahr zu Jahr -weiter hinaus. Viel Jagd ist ja nicht hier ringsum, aber es ist einmal -verboten, und er sollte es nicht tun. Er sagt aber, da er um eines -einzigen Hirsches willen sein ganzes Hab und Gut verloren hätte, -könnt’s keine Sünde sein, wenn er sich manchmal einen Braten holte auf -seinen mageren Tisch.“</p> - -<p>„In die Kirch’ seid ihr wohl allesamt nimmer gekommen?“ fragte Friedel -nach einer Weile.</p> - -<p>„Nimmer!“ erwiderte Tobi. „Zuerst lag’s der Frau schwer auf dem -Herzen, daß sie nicht einmal ihre Osterandacht halten konnte, wie’s -streng geboten ist in der Papstkirche. Aber nach und nach fand sie -sich darein. Ihr Vertrauen zu den Priestern hatte einen starken Stoß -bekommen durch des Bischofs Grausamkeit. ‚Gott ist ja überall‘, -sprach sie. ‚Zu ihm kann ich unterm blauen Himmel beten und im engen -Kämmerlein.‘ Es tat ihr nur oft leid, daß sie so wenig von Gott und -dem<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> Heiland wußte. Da kamst du und brachtest uns das herrliche, -himmlische Buch. Nun haben wir tausendmal mehr, als in allen Kirchen -des Bischofs zu finden ist.</p> - -<p>So, nun weißt du alles. Laß uns weitergehen, und gib acht auf dein -Grauchen; der Pfad wird hier schmal und unsicher.“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Tod_kehrt_ein">5. Der Tod kehrt ein.</h2> - -</div> - -<p>Nun begann für Friedel ein neues Leben, anstrengender, härter, aber -auch männlicher als bisher. In der Mühle arbeitete er unter Anleitung -des Talmüllers, der nicht immer ein bequemer Geselle war. Selbst von -gewaltiger Kraft und zäher Ausdauer, verlangte er oft zuviel von dem -schnell wachsenden Knaben, ward leicht ungeduldig und konnte sogar, -wenn ihn der finstere Geist überfiel, recht hart sein. Aber Friedel -gedachte des Furchtbaren, das der Mann erduldet, darum hielt er ihm -alles zugut und hütete sich, ihn zu reizen. Desto wohler tat’s ihm, -daß der Müller ihm völlig vertraute, ihn sogar nicht selten allein zum -Franzl am Stein schickte und ihn tagelang dort verweilen ließ. „Wenn -der Bub in die Welt ziehen will, muß er mit Menschen umgehen lernen“, -sprach er; „sonst möcht’s ihm übel ergehen.“</p> - -<p>Allzuviel von der Welt erfuhr der Knabe freilich nicht im Haus des -freien Bauern, denn weder dieser noch seine Söhne waren jemals weiter -gekommen als zum Markt der nächsten Stadt, die etwa fünf Stunden<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> weit -entfernt lag. In den Hütten der armen Talbewohner aber, denen er ihre -Mehlsäcklein brachte, sah die Welt gar nicht herrlich, sondern recht -kümmerlich aus. O wie mußten sie sich plagen mit hartem Frondienst -auf des Edelmannes Land, ehe sie nur ihr eigen Äckerlein bebauen -durften! Wie schnell zog bittere Armut in die Hütte, wenn etwa der Mann -krank daniederlag! Und ach, wie groß war die Unwissenheit der armen -Leute! Eine Schule gab’s nicht im Tale; der Priester aber, der wohl -Zeit gehabt hätte, die Kinder ein wenig zu lehren, schlief lieber im -Lehnstuhl oder zechte mit des Edelmannes Beamten.</p> - -<p>Ganz anders stand es in Franzls freiem Hof. Nicht nur Genüge, sondern -Überfluß herrschte darin, dazu gute, etwas strenge Zucht. Die Buben und -Mägdlein lernten alle zu rechter Zeit lesen und beten beim Großvater, -der freilich die Haselrute stets dabei hatte und wohl zu gebrauchen -wußte. Am meisten Gefallen fand Friedel an Franzls jüngstem Sohn -Joseph, etwa zwei Jahre älter als er, aber nicht etwa viel größer und -stärker; o bewahre! Dieses munteren Burschen Sinn stand auch hinaus ins -Weite. Und da schon zwei verheiratete und zwei ledige Söhne auf dem Hof -wirtschafteten, hatte niemand etwas dawider, daß er nächstes Frühjahr -zu einem Verwandten nach Bayern ziehen wollte, um dessen Handwerk zu -lernen. Er war Silberschmied. So sollten die beiden Freunde miteinander -wandern, nur daß Friedels Weg noch ein wenig weiter führte, bis nach -Preußen. Von den großen Landstrecken, die dazwischen lagen, von den<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> -Beschwerden, Gefahren und Versuchungen, die ihnen drohten, hatten die -guten Jungen keine Ahnung, und die Alten auch nicht viel mehr. Sie -meinten, viel anders könne es ja in der Welt auch nicht aussehen als -hier im Salzburger Ländchen.</p> - -<p>Was war das für ein Festtag, als Christoph dem Friedel seinen alten -Stutzen schenkte und ihm erlaubte, auf das kleine Wild um die Mühle -her Jagd zu machen! Ännchen beklagte es freilich, daß die Häschen, -Eichkätzchen und wilden Kaninchen nun so geängstet und verscheucht -wurden; doch hatte sie nichts dagegen, daß Friedel den bösen Mardern -und Wieseln, die ihren Hühnern so gefährlich waren, eifrig nachstellte. -Bald verfehlte er nur selten sein Ziel; und als er einen Geier, der -über der Mühle kreiste, herabschoß, erschien er dem Mägdlein als ein -rechter Held.</p> - -<p>Zwei Jahre größerer Freiheit und strammer Arbeit hatten dem Buben -gutgetan; er blickte frisch und mutig ins Leben und wuchs schön und -kräftig heran.</p> - -<p>„Nur noch ein Jahr“, sagte er oft zu Ännchen, „dann bin ich siebzehn; -dann geht’s fort in die weite Welt! So wein’ doch nicht; ich komme ja -wieder! Draußen werd’ ich schnell ein Mann, verdiene viel Geld, kauf’ -mir eine Mühle und hol’ euch alle zu mir.“</p> - -<p>Zu solchen Luftschlössern lächelte Ännchen wehmütig. Sie konnte sich -gar nicht dazu aufschwingen, denn eine schwere Sorge lastete auf ihrem -Herzen, die Sorge um die liebe Mutter.</p> - -<p>Frau Marie war bis zu jenem entsetzlichen Unglückstag immer frisch und -blühend gewesen. Aber<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> der furchtbare Schrecken so kurz nach der Geburt -des Kindes, der Tod des lieblichen Knaben und der jahrelange Kummer um -den gefangenen Mann hatten ihre Gesundheit untergraben. Matt und elend -war sie seitdem gewesen, hatte aber in selbstloser Sorge für die andern -nur wenig darauf geachtet. Der böse Husten, der sie im kalten Winter -oft quälte, ward immer wieder gelindert durch einen Tee aus heilsamen -Waldkräutern, und im Sonnenschein meinte sie stets, sie sei nun wieder -ganz gesund. In diesem Jahre aber ward es anders. Schon im Winter hatte -sie wochenlang das Bett nicht verlassen können; jetzt ging sie zwar -umher und griff die Arbeit an, mußte sie aber oft wieder liegen lassen, -von unbesiegbarer Schwäche übermannt.</p> - -<p>Ännchen rührte ja emsig die kleinen Hände; auch Tobi, der alles -verstand, kochte wunderbare Gerichte und stand mit hochaufgestreiften -Ärmeln am Waschfaß. Dennoch konnten beide die Mutter nicht ersetzen. -Bald legte sich die Sorge um sie schwer auf aller Herzen; Christophs -Stimmung aber ward durch diese Sorge wieder finsterer und trüber als -je. Es war nicht seine Art, die warme, ja heiße und leidenschaftliche -Liebe, die er im Herzen trug, zu zeigen. So wußte auch Frau Marie -nicht, wie oft er sie beobachtete, wie weh es ihm tat, sie so matt und -bleich und dabei doch geschäftig und treusorgend zu sehen.</p> - -<p>Dreizehn Jahre waren vergangen seit jenem Schreckenstag; neun Jahre -lebten sie nun schon vor aller Welt verborgen. War es nicht Zeit, sich -wieder hinaus zu wagen unter freundliche, mitfühlende Menschen?<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Die -Frau müßte es besser und bequemer haben! Ein Arzt könnte ihr vielleicht -helfen! Und das Kind? Ach, es würde bald kein Kind mehr sein! War wohl -dies einsame Tal der rechte Ort für ein heranblühendes Mägdlein? Selbst -wenn es immer noch gefährlich wäre, sich im Salzburger Land offen sehen -zu lassen, so war doch die Grenze nahe und leicht zu erreichen. Ein -starker Mann wie er fand wohl überall Arbeit und Brot für sich und die -Seinen.</p> - -<p>Tag und Nacht bewegte er solche Gedanken in seinem Herzen, und war oft -nahe daran, zu sagen: „Kommt, laßt uns in Gottes Namen aufbrechen in -dieser schönen, warmen Sommerzeit und wieder unter Menschen gehen.“ -Aber plötzlich überfiel ihn die finstere Scheu, die in den vier langen -Kerkerjahren in seine Seele gezogen, und er konnte das Wort nicht -aussprechen. Ach, er meinte, draußen müsse ihm jeder ansehen, wie -man ihn damals niedergeworfen, wie einen Hund gepeitscht und grausam -gemartert hatte!</p> - -<p>Der Sommer verging, und das entscheidende Wort war nicht ausgesprochen -worden. Es fing zeitig an, rauh und kalt zu werden; der Sturmwind -schüttelte das Laub von den Bäumen und jagte düstere Wolken über den -Himmel. Bleich und fröstelnd saß Frau Marie eines Abends in der Hütte, -mit schwacher Hand den feinen Faden spinnend. Ännchen bereitete am -Herd die Abendkost, obgleich es noch nicht die gewohnte Zeit war. -Ach, Christoph war ja seit dem frühen Morgen fort; wie hungrig würde -er heimkehren! Beim Dunkelwerden hatten Tobi und Friedel die<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Mühle -geschlossen; sie wuschen sich den Mehlstaub von Gesicht und Händen und -wechselten die Mahlkittel mit den warmen wollenen Jacken.</p> - -<p>Da fuhren sie beide erschreckt zusammen; sie hatten ganz nahe im Walde -einen Schuß gehört. Der Schall kam von der Schlucht her, in der der -Mühlbach strömte. Friedel faßte sich schnell. „Er ist’s wohl selber“, -sagte er. „Hat vielleicht dem Iltis aufgelauert, der neulich zwei -Hühner totgebissen.“ Als sie aus ihrem Kämmerlein traten, kam ihnen -die Frau mit dem Kinde schon entgegen, und nun fing auch der Hund an -zu knurren und zu bellen, und rannte endlich in großen Sprüngen die -Schlucht hinauf. Unschlüssig standen sie. Sollten sie ihm folgen? Der -Talmüller konnte es gar nicht vertragen, wenn man ihn im Jagdvergnügen -störte. Aber jetzt kam der Hund wieder, sprang winselnd an Friedel in -die Höhe und zerrte Tobi an der Jacke.</p> - -<p>„Er will uns holen; es ist ein Unheil geschehen“, flüsterte der kleine -Mann dem Knaben zu.</p> - -<p>„Geh’ hinein, Mutter“, bat Friedel; „der scharfe Wind tut deiner Brust -weh. Gleich bringen wir dir Kunde!“</p> - -<p>Eilig folgten sie dem aufgeregten Tier. Ach, sie hatten nicht weit zu -gehen, da stand der Hund und stieß ein jämmerliches Geheul aus! Beim -Mondenlicht, das eben durch die Wolken brach, sahen sie den Talmüller -im hohen, halbverwelkten Waldgras liegen. Er regte sich nicht. Friedel -war ganz starr vor Schreck; Tobi aber kniete bei seinem geliebten Herrn -nieder und fühlte an sein Herz und seine Hände. „Es ist noch<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> Leben in -ihm“, flüsterte er. „Schöpf’ Wasser in die hohle Hand und netz’ ihm die -Stirn!“</p> - -<p>Wieder und wieder sprang der Knabe zum nahen Bach. Sie netzten ihm auch -die dürren, brennenden Lippen; aber ach, als sie versuchten, ihn empor -zu richten, merkten sie, daß das Blut aus der rechten Seite rieselte. -„Faß an, Bub!“ gebot Tobi. „Wir müssen ihn heimtragen. Es <em class="gesperrt">muß</em> -gehen!“ Und es ging mit Aufbietung aller Kräfte.</p> - -<p>Halbwegs kamen ihnen schon die Frau und das Mägdlein entgegen; sie -hatten’s drinnen nimmer ausgehalten. Laut jammerte Ännchen; die Frau -aber sprach nur leise: „Es mußte so kommen! O mein Christoph, Gott gebe -dir nur ein seliges Ende!“</p> - -<p>Schon auf dem kurzen Weg hatte er mehrmals schmerzlich gestöhnt; als -sie ihn aufs Bett legten, schlug er die Augen auf, sah wirr um sich, -hielt aber die Hand der Frau fest in der seinen.</p> - -<p>„Es war kein Hirsch“, sprach er ganz leise und mühsam, „nur ein kleines -Reh. – Es sollte das letztemal sein. – Du hast mich so oft gebeten, -es zu lassen. – O sag’, hat der Heiland auch diese Sünde getragen?“</p> - -<p>„Alle, alle Sünden hat er getragen! O, glaub’ es nur fest! O, halt’ -dich nur ganz allein an ihn! Aus Gnaden nimmt er deine müde Seele in -den Himmel!“</p> - -<p>Er lächelte, und ein Freudenschein flog über das totenbleiche Antlitz; -dann sank er wieder in Betäubung. Gern hätten sie ihn ausgezogen und -die Wunde verbunden; doch machte ihm jede Bewegung solche<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Schmerzen, -daß sie davon abstehen mußten. Das Blut hatte aufgehört zu fließen, -aber den erstarrenden Gesichtszügen sah man an, daß das Ende ganz nahe -war. Er hörte nichts mehr, hatte aber die Hände gefaltet und sprach -ganz leise noch einmal den Namen „JEsus“. Dann folgte ein schwerer -Kampf der starken Natur, und endlich ward es ganz stille. Betend -knieten sie um das Lager her, während sich die oft so schwer gequälte -Seele zu Gott emporschwang.</p> - -<p>Nun war es vorüber! – Tobi und die Kinder weinten bitterlich; Marie -aber küßte die erkaltete Stirn und sprach: „So ruhe, mein Christoph, -nach deinem schweren Leben! Ich folge dir bald ins Himmelreich; denn -für dich habe ich gelebt, mit dir habe ich gelitten, mit dir möchte ich -auch sterben!“</p> - -<p>Da fiel ihr das Ännchen jammernd um den Hals und bat sie gar beweglich, -noch bei ihr zu bleiben. Sie liebkoste es zärtlich, erwiderte aber -nichts auf die kindliche Bitte. Dann zog sie Friedel an sich und -sprach: „Du bist Gottes Werkzeug gewesen, daß diese Seele zum Frieden -eingehen konnte. Du brachtest uns das göttliche Buch ins Haus. Gott -segne dich dafür!“</p> - -<p>Am andern Morgen trug der Knabe die Trauerkunde zum Franzl am Stein. -Der kam selbst, um den Einsamen mit Rat und Tat beizustehen. Auf der -Waldwiese neben Friedels Großvater begruben sie den armen Christoph. -Dann saßen sie traurig beisammen in der Hütte.</p> - -<p>Wer mochte wohl die tödliche Kugel abgeschossen haben? War’s ein -Jäger des Edelmannes gewesen<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> oder ein Späher des Erzbischofs? Es war -nutzlos, darüber zu grübeln; wer einen Wilddieb niederschoß, dem konnte -man nichts anhaben.</p> - -<p>„Mit der Talmühle ist’s nun vorbei“, sagte der Franzl. „Ihr kommt alle -auf meinen Hof; ihr braucht euch ja nicht zu verstecken. Der Tobi -ist nun ein freier Mann und kann hinziehen, wo er will; einen guten -Zehrpfennig geb’ ich ihm gern.“</p> - -<p>„Daraus wird nichts, Bauer!“ sprach der treue Knecht fest. „Wenn in -Euerm Haus kein Raum für mich ist, leg’ ich mich zum Vieh in den Stall. -Bin ja in einem Stall geboren, just wie das Christkindlein. Meine -Mutter war ein elend Bettelweib! Aber wo die Frau bleibt und das Kind, -da bleib’ auch ich!“</p> - -<p>„Und sollst’s gut haben, du treuer Mensch!“ sprach Franzl gerührt. -„Euch aber, Talmüllerin, sollen meine Töchter wohl pflegen, daß ihr -wieder gesund werdet und neuen Mut fasset.“</p> - -<p>Dankbar reichte ihm die Witwe die Hand, sah ihn aber mit einem Blick -an, den er nicht mehr vergaß, und der ihm einen schmerzlichen Seufzer -auspreßte.</p> - -<p>Bald begann der Auszug, der nicht so schnell vonstatten ging. Mutter -und Töchterlein nahm Franzl gleich mit, daß sie von ihrem Jammer -ausruhen möchten. Tobi und Friedel aber machten den Weg durch den -verborgenen Felsengang noch gar oft, ehe alles Vieh, und was sonst -des Fortbringens wert war, auf den Steinhof geschafft war. Etliches -wertlose Hausgerät ließen sie zurück; denn Tobi sagte, es<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> könne ihn -wohl einmal die Lust anwandeln, eine Weile hier zu hausen, um der alten -Zeit zu gedenken.</p> - -<p>Auch die Mühle klapperte noch fleißig, bis alles Korn gemahlen war, -das die Hüttenleute liegen hatten. Sie sollten erst im nächsten Jahre -erfahren, daß der Wandermüller nichts mehr holte. Als der letzte Sack -mit weißem Mehl gefüllt war, nahm Tobi eine Axt und schlug das Gangwerk -entzwei. Dann sprach er zu Friedel: „Komm, ich will dir was zeigen. -Heute geht’s noch; morgen gibt’s vielleicht schon viel Schnee.“</p> - -<p>Er führte ihn durch den Wald zum steilen Seeufer und zeigte ihm eine -Stelle, wo ein gewandter Kletterer wohl hinabsteigen konnte. „Sieh’“, -sagte er, „wer hier heruntersteigt und auf dem schmalen Streif Ufersand -hingeht, kann dort drüben am niederen Ufer leicht emporklimmen und zu -dem Häuslein gelangen, das du so oft gesehen hast. Es ist das letzte -Haus eines großen Dorfes. Oben herum führt kein Weg ans andere Seeufer; -die Felsen sind so tief zerklüftet, daß kein Mensch darüber kommt. Oft -ist auch der See so hoch, daß er bis an die Felsen spült; da darfst -du’s nicht versuchen. Wer weiß, wozu du’s noch brauchen kannst! Ich -hätt’ dir’s längst gezeigt, aber der Christoph hat’s nicht gewollt, -damit dich die Wanderlust nicht einmal übermanne. Das Dorf heißt -Windeck, weil’s dem Sturm arg ausgesetzt ist.“</p> - -<p>Nun gingen sie zurück, beteten noch einmal an den Gräbern, packten -ihren letzten Kram zusammen und sagten, nicht ohne Abschiedsschmerz, -dem einsamen Tal Lebewohl. Zur rechten Zeit war alles vollendet<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> -worden, denn der Winter brach nun mit Ernst herein und brachte -ungewöhnlich viel Schnee.</p> - -<p>Die Familie auf dem Steinhof hatte zur Winterszeit sehr wenig, ja fast -gar keinen Verkehr mit den übrigen Talbewohnern, so daß niemand von den -Gästen wußte, die dort eingekehrt waren.</p> - -<p>Tobi und Friedel fanden sich schnell in der neuen Heimat zurecht. -Tobi war, wie immer, jedermanns Knecht, tat alles, was sonst niemand -gern mochte, und ward bald der Liebling der Kinder, denen er Märchen -erzählte und allerlei Spielzeug schnitzte. Dagegen blieben Frau Marie -und ihr Töchterlein recht still und scheu. Ihre tiefe Trauer paßte -nicht in das lebhafte Getriebe des großen Haushaltes; Einsamkeit war -ihnen ja zur Gewohnheit geworden.</p> - -<p>Dazu kam, daß Maries Krankheit zunahm, als strenge Kälte eintrat und -wilde Stürme das Haus umtobten. Da räumte man ihr das sogenannte -Auszüglerstübel ein, das, entfernt von den großen, belebten Räumen, -in einem Winkel des Hauses lag. Es war ein freundlicher, heizbarer -Raum, in dessen Fenster die milden Strahlen der Wintersonne fielen. -Man stellte ihr den alten Hausrat hinein, den man von der Talmühle -herübergeschafft, damit sie sich recht heimisch fühle; bereitete ihr -aber ein so gutes Bett, wie sie ihr Lebtag nicht gehabt.</p> - -<p>Dort saß sie emsig spinnend, oder mit den schwachen Händen die Kleider -der Hausgenossen flickend. Ännchen wäre am liebsten gar nicht von -ihrer Seite gewichen, wenn sie es nicht selbst zuweilen fortgeschickt -hätte, um<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> in der Küche zu helfen, ein Spiel mit den Kindern zu machen -oder ein wenig frische Luft zu schöpfen. Friedel war ein häufiger Gast -im Auszüglerstübel. Dann saßen die drei zusammen wie ehemals in der -Talmühle, lasen Gottes Wort, sangen die lieblichen Lieder, und redeten -von vergangenen Tagen oder von frohen Zukunftsplänen.</p> - -<p>Zu den letzteren hatte Marie nur ein stilles Lächeln, denn sie fühlte -wohl, daß ihre Zukunft nicht auf Erden lag. Die Kinder aber meinten, -die kräftigen Suppen, die gute Milch und der stärkende Wein, den man -ihr täglich brachte, würde sie gewiß wieder gesund machen.</p> - -<p>Bald aber kam die Zeit, da die fleißigen Hände der Talmüllerin ruhen -mußten und sie nur noch selten ihr Lager verlassen konnte. Woche auf -Woche verging; der Winter neigte sich zu Ende, und mit ihm schienen -auch ihre Kräfte zu schwinden. Franzls erfahrener Blick sah wohl, daß -hier kein Arzt helfen könnte; sonst hätte er die Kosten nicht gescheut, -einen aus der Stadt holen zu lassen, sobald die Wege wieder gangbar -wurden.</p> - -<p>Eines Tages trat er ans Bett der Kranken, als sie allein war, und -sprach:</p> - -<p>„Gute Frau, der hohe Schnee, der das Tal versperrte, ist stark -zusammengeschmolzen, aber noch einmal hart gefroren, so daß man wohl -bis zum Kirchlein gelangen kann. Wollt Ihr, daß Euch der Priester -besuche und das Sakrament reiche? Er mag denken, Ihr seid ein Gast aus -dem Niederland, wo ich viel Freundschaft habe.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p> - -<p>„Habt Dank für Eure Sorge“, erwiderte die Frau, „aber ich wünsche -es nicht. Er würde es mir doch nicht so reichen, wie es der Heiland -befohlen hat.“</p> - -<p>„Was sprecht Ihr da? Seid Ihr denn eine Ketzerin?“</p> - -<p>„Gewiß nicht; ich bin nur eine Christin. Ich halte mich fest an das, -was in diesem Buch geschrieben steht!“ Damit zog sie die Bibel, die, -mit einem Tuch bedeckt, auf dem Tisch neben ihrem Bette lag, hervor und -reichte sie ihm hin.</p> - -<p>Franzl hatte keine Ehrfurcht vor seinem Priester, dessen müßiges, oft -anstößiges Leben ihm ärgerlich war. Nur selten besuchte er mit den -Seinen die Kirche. Es hatte ihn tief empört, als der Erzbischof eine -so große Schar ehrbarer, fleißiger Leute aus dem Lande trieb um ihres -Glaubens willen. Er meinte, was einer glaube, sei im Grunde einerlei; -wenn er nur brav und ordentlich lebte. Darum war er auch gegen den -Talmüller und gegen Friedel freundlich gewesen, obgleich sie den -Pfaffen bitter feind waren. Dennoch erschrak er nicht wenig, als man -ihm im eigenen Hause das Buch zeigte, das so arg verpönt und streng -verboten war in der Kirche, zu der er doch noch gehörte.</p> - -<p>„Wißt Ihr, was ich damit tun sollte?“ fragte er die bleiche Frau. „Ins -Feuer sollt’ ich’s werfen; denn es stehen gefährliche Dinge darin, die -zu lesen bei strenger Buße verboten ist.“</p> - -<p>„Ihr werdet es nicht tun!“ erwiderte die Kranke ruhig. „Denn es ist -Friedels Eigentum, dessen Kirche<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> ihm sogar gebietet, es mit höchstem -Fleiß zu lesen. Und wenn Ihr’s tätet, könntet Ihr mir die köstlichen -Sprüche, die ich daraus gelernt, und die mir wie Leitsternlein auf -meinem Todesgang leuchten, nicht aus dem Herzen reißen. Auch könntet -Ihr’s nicht ändern, daß mein Christoph dadurch den Himmel fand, daß -schon die beiden jungen Kinder ihren Heiland daraus kennen lernten!“</p> - -<p>Wie fest und sicher sprach die sonst so demütige Frau! Nun hätte -Franzl, der einen wißbegierigen Sinn hatte, schon längst gerne gewußt, -was wohl so Gefährliches in diesem Buche stehen mochte. Und jetzt hielt -er’s in der Hand!</p> - -<p>Vielgebraucht, abgegriffen, mit allerlei wollenen Faden und kleinen -Läppchen als Merkzeichen versehen, war es der größte Schatz einer -Sterbenden, die in ihrem leidvollen Leben nichts als Liebe, Treue und -stille Geduld bewiesen hatte!</p> - -<p>„Nun, ich mag nicht darüber urteilen, ehe ich es kenne“, erwiderte der -Alte. „Wollt Ihr mir’s manchmal ein wenig leihen? Die Zeit wird mir -lang in den Wintermonaten.“</p> - -<p>„Holt es Euch, so oft Ihr wollt; möge Gott Euer Herz öffnen! Aber am -Morgen muß ich es haben; da kommt Friedel zu mir und liest mir so -herrlich vor. Zum Selbstlesen fehlt mir oft die Kraft.“</p> - -<p>Der Franzl am Stein war ein sehr braver Mann, und hatte von Jugend auf -ein ehrbares, ja ein tadelloses Leben geführt. Und doch wandte sich -sein Herz lange nicht so schnell dem süßen Gotteswort<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> zu, als das von -Leidenschaft durchtobte Herz des armen Talmüllers.</p> - -<p>Zur Verwunderung der Hausgenossen saß er jetzt oft in dem warmen -Winkel hinterm Kachelofen, ins Lesen eines alten Buches vertieft, das -noch keiner bei ihm gesehen. Vor neugierigen Fragen war er sicher; -sie hätten dem Frager nichts Gutes eingebracht bei der strengen Zucht -jener Zeit und dem hohen Ansehen, in dem der Hausherr stand. Das Buch -fesselte ihn unendlich, obgleich ihm keineswegs alles darin gefiel. -Er war auf die Geschichten Abrahams gekommen, in denen ein großes -Merkzeichen lag. Sie behagten ihm ausnehmend. Er kam sich selbst wie -ein Erzvater vor, als hochgeehrtes Haupt eines großen Hausstandes, -reich an Vieh und allerlei Gut. Aber warum mußte diesem frommen Manne -sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet werden? Warum war gerade dieser -Spruch mit einem dicken Strich bezeichnet, als sei er etwas Besonderes? -War Abraham nicht schon von selbst gerecht? Ei, was war er für ein -frommer Mann, Gott gehorsam bis zum Allerschwersten! Bald fand er auch -die Evangelien, und las zum erstenmal in seinem langen, langen Leben -die süße Botschaft vom Sünderheiland. Sehr, sehr wenig hatte er in -seiner Kirche von ihm gehört und nichts so recht im Zusammenhang. Aber -er merkte gleich, daß Christus in diesem Buch ganz anders abgemalt war, -als ihn der Priester darstellte, wenn er ja einmal von ihm redete. -Nicht als schrecklicher Richter, nicht als unnahbarer Himmelskönig trat -jetzt der Gottessohn vor seine Seele, sondern als milder<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Freund der -Kranken, Schwachen, Armen und Kleinen, besonders als Freund der Sünder! -– Aber dieses so trostreiche Bild, das den wilden Christoph sogleich -mächtig angezogen, stieß den tugendhaften, im ganzen Tale hochgeehrten -Franzl ab. Ein Sünder war er doch gewißlich nicht! Er hatte von Jugend -auf ehrbar, fleißig und gottesfürchtig gelebt; was er etwa versehen, -das war ja reichlich gesühnt durch manche Widerwärtigkeit, die ihm -begegnet, und gutgemacht durch die vielen Wohltaten, die er nicht nur -seinen Glaubensgenossen, sondern allen Armen und Bedrängten erwiesen, -die ihm in den Weg kamen. Und doch mußte er immer von neuem lesen und -nachdenken; er konnte nicht anders!</p> - -<p>Zuweilen setzte er sich ans Bett der kranken Frau, um mit ihr über das -Gelesene zu sprechen. Aber er konnte nicht mit ihr fühlen. Sie war ihr -Lebtag arm, verachtet, von Trübsal heimgesucht gewesen; er dagegen -angesehen und von Wohlstand umgeben. Dennoch bewunderte er die Ruhe, -die Freudigkeit, mit der sie ihr Leiden trug und dem Tode ohne alle -Furcht entgegensah.</p> - -<p>In großer Schwachheit und quälender Atemnot lebte sie bis zum März. -Dem strengen Winter war ein zeitiges, schönes Frühjahr gefolgt. Der -Schnee war längst geschmolzen. Sonnenschein und warmer Wind hatten das -Erdreich getrocknet; schon dufteten die ersten Märzveilchen am Bette -der Kranken. Friedel hatte sie ihr gebracht. Sie verlangte, allein mit -ihm zu sprechen, und er beugte sich über sie.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p> - -<p>„Mein Sohn“, sprach sie mit leiser Stimme, „öffne dort meinen -Kasten. Ganz unten wirst du einen Beutel mit Geld finden, der ist -dein Eigentum. Wir fanden ihn damals in deines Großvaters Bündel und -verwahrten ihn gleich für dich. Nun soll es dein Wanderpfennig sein.“</p> - -<p>Mit leichter Mühe fand der Knabe den Beutel. „O Mutter“, sprach er, -„wie unendlich viel habt Ihr für mich getan, mich armen Fremdling -jahrelang gespeist und getränkt, und gar noch das Geld für mich -bewahrt! Wie soll ich Euch danken?“</p> - -<p>„Du hast uns reichlich gedankt durch Liebe und Treue und durch das -teure Bibelbuch. Und nun bitt’ ich dich: Laß es dem Ännchen, wenn du -wanderst! Aber versprich mir, daß du dir ein neues kaufst, sobald du in -ein evangelisch Land kommst.“</p> - -<p>„Ich verspreche es, Mutter“, erwiderte Friedel mit tiefem Ernst. -„Keinem würd’ ich das Buch lassen, aber dem Ännchen laß ich es gern; -fürs Ännchen laß ich auch mein Leben!“ Dann kniete er am Bett nieder -und bat: „O Mutter, höre mich an und verstehe mich recht! Ich hab’ was -auf dem Herzen. Aber erst sag’: Mußt du denn wirklich sterben?“</p> - -<p>„Ja, mein Kind! Gott ruft mich, und ich folge mit Freuden, wenn auch -mit schwerer Sorge um mein Ännchen.“</p> - -<p>„Ach“, seufzte der Knabe, „ich sollte wohl hierbleiben und das Ännchen -schützen, und ich kann doch nicht! Ich muß fort; ich muß zu meines -Glaubens Genossen! Es zieht mich mit aller Macht zu ihnen. Und sieh, -Mutter, zwischen mir und dem Ännchen<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> ist’s nicht mehr wie ehedem. Es -läßt sich nicht mehr zur Gutenacht küssen wie in der Talmühle; es setzt -sich nicht mehr neben mich, wenn wir uns um den Herd sammeln. Und doch -fühl’ ich, o Mutter, ich fühl’ es so heiß, daß ich das Ännchen immer, -immer liebhaben muß mein Leben lang! Darum will ich dich leise, ganz -leise was fragen.“</p> - -<p>Er schlang die Arme um ihren Hals und flüsterte, tief errötend, einige -Worte in ihr Ohr. Ein mildes Lächeln flog über die abgezehrten Züge. -Sie legte die Hand auf das Haupt des Jünglings, der jetzt am Bett -kniete, und sprach:</p> - -<p>„In Gottes Namen, mein lieber Sohn, wenn es sein Wille ist! Ja, ich -sehe es im Geist. Er wird dich sicher zurückführen und alles wohl -vollenden!“ –</p> - -<p>Noch wenige Tage; dann kam das Ende. Ganz schmerzlos, sanft und -stille schlummerte sie ein, mit gefalteten Händen, ohne jeden Kampf. -Nur Friedel und Ännchen waren bei ihr; Franzl war leise eingetreten, -unbemerkt von den Kindern. Das Mädchen weinte bitterlich; Friedel aber -betete mit gedämpfter Stimme:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„In Christi Wunden schlaf’ ich ein,</div> - <div class="verse indent0">Die machen mich von Sünden rein.</div> - <div class="verse indent0">Ja, Christi Blut und Gerechtigkeit,</div> - <div class="verse indent0">Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid;</div> - <div class="verse indent0">Damit will ich vor Gott bestehn,</div> - <div class="verse indent0">Wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Indessen stand der Atem still; und die Seele, die so viel gelitten, -schwang sich empor in Christi Arm und Schoß. –</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span></p> - -<p>Am Abend rief Franzl den Friedel in seine eigene Kammer, hieß ihn an -den Tisch sitzen, wo das Schreibgerät stand, und sprach:</p> - -<p>„Schreib’ mir den Vers auf, den du am Sterbebett gebetet.“ –</p> - -<p>Wo soll man die selig Entschlafene zur Ruhe bringen? Diese Frage machte -dem Franzl viel zu schaffen. Auf den Kirchhof konnte man sie nicht -begraben, ohne daß der Priester davon erfuhr, und dann würde allerlei -an den Tag kommen, was am besten verschwiegen blieb. Was hinderte es -aber, sie neben ihren Christoph zu legen! Waren nicht Männer genug im -Hause, die sich beim Tragen der ohnehin nicht schweren Last abwechseln -konnten?</p> - -<p>So kam es, daß zwei Tage später ein stiller Trauerzug durch den -Felsengang schritt und nach mühsamem Abstieg ins verlassene Tal kam, -wo die Waldbäume schon anfingen, zarte Blätter zu treiben, das Gras -grünte und hier und da ein Vogelstimmlein laut ward. Freundlich schien -die Sonne auf die einsamen Gräber, denen nun ein drittes beigesellt -ward. Als der Hügel aufgeschüttet war, und Ännchen ein Kränzlein von -Frühlingsblumen darauf gelegt hatte, falteten alle die Hände zum -stillen Gebet.</p> - -<p>Ännchen hatte sich heute auf dem beschwerlichen, traurigen Weg von -Friedel führen und stützen lassen wie ehemals, als sie noch Kinder -waren. Jetzt stand sie neben ihm, still und gefaßt, den Blick zum -Himmel gerichtet. Leise begann sie zu singen, und Friedel stimmte mit -klaren Tönen ein:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„O Jerusalem, du Schöne!</div> - <div class="verse indent0">Ach wie helle glänzest du!</div> - <div class="verse indent0">Ach wie lieblich Lobgetöne</div> - <div class="verse indent0">Hört man da in sanfter Ruh’!</div> - <div class="verse indent0">O der großen Freud’ und Wonne!</div> - <div class="verse indent0">Jetzund gehet auf die Sonne,</div> - <div class="verse indent0">Jetzund gehet an der Tag,</div> - <div class="verse indent0">Der kein Ende nehmen mag.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ach, ich habe schon erblicket</div> - <div class="verse indent0">Diese große Herrlichkeit!</div> - <div class="verse indent0">Jetzund werd’ ich schön geschmücket</div> - <div class="verse indent0">Mit dem weißen Himmelskleid,</div> - <div class="verse indent0">Mit der goldnen Ehrenkrone</div> - <div class="verse indent0">Steh’ ich da vor Gottes Throne,</div> - <div class="verse indent0">Schaue solche Freude an,</div> - <div class="verse indent0">Die kein Ende nehmen kann.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="In_die_weite_weite_Welt">6. In die weite, weite Welt.</h2> - -</div> - -<p>Obgleich Friedels Trauer um die freundliche Talmüllerin, die wie -eine Mutter an ihm gehandelt, tief und aufrichtig war, ward doch die -Sehnsucht nach einem freien Wanderleben täglich stärker in seiner -Seele. Noch wenige Wochen, dann sollte es fortgehen in die weite -Welt! Nur eine Sorge lastete noch auf seinem treuen Herzen. Ännchen -paßte nicht recht zu dem jungen Volk auf dem Steinhof, das so lustig -und leichtsinnig ins Leben schaute und mit dem schüchternen, ernsten -Mägdlein nichts anzufangen wußte. Es tat ihm weh, es so einsam in einem -Winkel sitzen zu sehen, emsig spinnend oder nähend, während die andern -am<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> Feierabend allerlei Kurzweil trieben, lustige Liedlein sangen und -einander neckten und hänselten. Wenn er sich zu ihr setzte, ward sie ja -hold und freundlich, lächelte aber doch wehmutsvoll über seine goldenen -Zukunftspläne. Ach, wenn er fort war, würde sie nur Tobi zum Freund -und Beschützer haben, der doch als Knecht gehalten ward und nur zum -Essen ins Haus kam! Auch war’s dem Friedel nicht entgangen, daß Peter, -der zweite verheiratete Sohn des Hauses, ein etwas mürrischer Mensch -mit stechenden, dunklen Augen, ihn und das Mägdlein von Anfang an -mißgünstig angesehen hatte.</p> - -<p>Da war’s ihm ein großer Trost, daß dem Kinde recht bald nach dem Tode -der Mutter ein starker Beschützer auftauchte, nämlich der alte Hausherr -selbst. Bisher hatte er das Mädchen wenig beachtet; jetzt strich er ihm -oft mit der Hand übers Goldhaar, sprach ihm freundlich zu und fragte, -ob man es auch ordentlich versorge mit Speise, Trank und Kleidung. -Endlich kam es so weit, daß Ännchen ihm allerlei kleine Dienste -leisten durfte, und er sie gerne bei sich behielt, wenn die andern -zur Feldarbeit auszogen, an der er, seines Alters wegen, nicht mehr -teilnahm. Aber in dem schönen Garten hinterm Hause, wo man Obstbäume, -Blumen und allerlei Küchenkräuter zog, arbeitete er noch rüstig, und -wer ihm dabei helfen mußte, ward von niemand beneidet, da man’s ihm -schwer zu Dank machen konnte. Darum waren’s alle zufrieden, daß er sich -dies Jahr das stille fremde Mädchen zur Gehilfin wählte. Ännchen bewies -sich so emsig, gehorsam<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> und geschickt, daß sie nur immer Lob von dem -Alten erntete. Ruhten sie dann auf der Bank unterm Apfelbaum, um das -Vesperbrot zu essen, so führten sie gar ernstes Gespräch miteinander. -Nicht selten brachte der Mann auch das Buch heraus, das er vor den -Söhnen verborgen hielt, und das Kind mußte ihm vorlesen. Es tat es mit -süßer Stimme und tiefem Verständnis.</p> - -<p>So standen die Dinge, als im wunderschönen Monat Mai Joseph und Friedel -ihre Ranzen schnürten, die Wanderstäbe ergriffen und dem Steinhof -Lebewohl sagten.</p> - -<p>Joseph schied leichtherzig; sein Ziel war eine Stadt an der Donau, -wo sein Oheim wohnte, in dessen Hause er ein lustig Leben zu finden -hoffte. Friedel aber wanderte ins Ungewisse, denn ein gut Stück weiter -mochte das Preußenland wohl sein. Ach, und wie wollte ihm das Herz -zerspringen beim Abschied von Ännchen! Bleich und still reichte sie ihm -die Hand, litt es auch, daß er ihre Stirn küßte, was er lange nicht -mehr gewagt. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht und lief eilend -davon. „Sei getrost, braver Bub“, sprach Franzl zu ihm, „ich bewahre -sie dir!“</p> - -<p>Als sie nun, von dem jungen Volk geleitet, zum Hof hinauszogen und -zwischen grünenden Feldern hinwanderten, blickte Friedel noch einmal -zurück. Da stand oben auf der schmalen Felsplatte, von wo er einst -zum erstenmal das Tal überblickt, eine feine Mädchengestalt. Ein -Sonnenstrahl fiel auf ihr Goldhaar, denn sie hatte das Kopftüchlein -abgenommen und winkte ihm damit den Abschiedsgruß zu.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p> - -<p>Als die Wanderburschen das schöne Tal hinter sich gelassen hatten, -durchzogen sie stundenlang recht öde Gegend, sahen verfallene Hütten, -brachliegende, mit Gestrüpp bewachsene Felder und ganz verwilderte -Gärten.</p> - -<p>Es waren verlassene Wohnstätten der vertriebenen Lutheraner; und das -frevelhafte Wort des Erzbischofs: „Lieber sollen in meinem Lande nur -Dornen und Disteln wachsen, ehe ich einen Ketzer drin dulde“, war hier -schon in Erfüllung gegangen.</p> - -<p>Am nächsten Tage überschritten sie die Grenze und kamen nach Bayern. -Allmählich ward das Land weniger gebirgig und wäre wohl ungemein -fruchtbar gewesen, wenn nur das Landvolk Zeit und Mut gehabt hätte, -es recht ordentlich zu bebauen. Aber ach, es war damals in ganz -Deutschland böse Zeit für das Volk, besonders für die Bauern! Nur -wenige saßen im Wohlstand auf eigenem Grund und Boden, die meisten -hatten ihr bißchen Land von einem Edelmann gepachtet. Da nun zu jener -Zeit die Fürsten meist in Saus und Braus, ja sogar in Wollust und -unsinniger Verschwendung lebten, machten’s die Edelleute ihnen nach, -und plagten und drückten die armen Bauern nach Herzenslust, so daß -keiner zu einigem Wohlstand gelangen konnte. Der damalige Kurfürst von -Bayern fütterte seine zahllosen Jagdhunde mit viel besseren Speisen, -als die Landleute auf ihrem Tische hatten.</p> - -<p>So trafen auch die beiden Wanderburschen fast überall Mutlosigkeit, -Armut und dazu die größte Unwissenheit an. Allzu freundlich waren die -Leute auch nicht; besonders Friedel ward oft scheel an<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span>gesehen, weil -er sich nicht vor dem Kruzifix oder Heiligenbild bekreuzte, und die -Stirn nicht netzte aus dem kleinen Weihwasserbecken, das in keiner -Herberge fehlte. Dennoch gab’s manch lustige Wanderung durch grünen -Wald und blumige Wiesen, und viel Schönes zu sehen in den Städten, -die sie durchzogen. In einer derselben ward eben Jahrmarkt gehalten. -Da konnte sich’s Friedel nicht versagen, ein seidenes Tüchlein und -ein Silberkettchen für Ännchen zu kaufen, so sehr auch Joseph darüber -lachte. Wohleingewickelt barg er’s in seinen Ranzen. Würde er ihr es -wohl jemals umhängen?</p> - -<p>Zuweilen trafen sie auch einen Fuhrmann, der mit hochbeladenem -Frachtwagen die rauhe, holprige Landstraße entlang zog, und ihnen gern -erlaubte, für ein paar Groschen ein gut Stück mitzufahren.</p> - -<p>Endlich ward das Land so eben und flach, wie es Friedel gar nicht für -möglich gehalten hatte, und eines Abends sahen sie von weitem die Türme -der Stadt P. Sie wanderten am Ufer eines großen Flusses, der hieß der -Inn, und meinten, einen größeren könnte es auf der ganzen Welt nicht -geben. Aber die Donau, an deren Strand sie endlich staunend standen, -war noch viel breiter, und die großen und kleinen Schiffe, die so -lustig einherschwammen, entzückten Friedel so sehr, daß er sich fest -vornahm, ein Stück auf dem Wasser zu fahren, sobald er allein sei.</p> - -<p>Mit einbrechender Nacht erreichten sie das Haus des Silberschmieds, -in dem behaglicher Wohlstand herrschte. In dem Briefe des Vaters, -den Joseph dem<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Hausherrn überreichte, mochte wohl auch Friedel der -Huld des stattlichen, selbstbewußten Mannes empfohlen sein, denn er -ward recht freundlich aufgenommen. Als sich’s aber zeigte, daß er ein -blutarmer Bursch, dazu auch ein Ketzer war, behandelte man ihn kühler, -und nach zwei sehr nötigen Rasttagen nahm er seinen Abschied.</p> - -<p>Recht frei und leicht war ihm zumute, daß er nun ganz sein eigener -Herr war, aber doch auch ein wenig beklommen. Über seinen Plan, nach -Preußen zu ziehen, hatte der Silberschmied nur gelächelt und die hohe, -stattliche Gestalt des Burschen mit so eigenem Blick betrachtet. „Sei -gescheit!“ hatte er gesagt. „Nimm Arbeit in deinem Handwerk, sobald -du sie findest, und verdiene dir ein gut Stück Geld; das ist die -Hauptsache.“ Ja, alle Leute taten, als ob das Geld das höchste Gut sei; -der Großvater und die Talmüllerin hatten ganz anders gesprochen!</p> - -<p>Behaglich schlenderte er noch ein wenig in der Stadt umher, die zwar -schöne Kirchen, aber enge, düstere Straßen hatte. O wie trübselig -mußte es sein, zwischen diesen altersgeschwärzten Mauern zu wohnen! -Es zog ihn mit Gewalt wieder hinaus in Freie. Schade, daß hier alles -katholisch war! Wie gern hätte er einmal wieder in einer Kirche gebetet -und gesungen, wie vor vielen Jahren als kleiner Knabe! Schon war er dem -Flußufer wieder nahe, da sah er ein bescheidenes Kirchlein auf einem -kleinen freien Platze. Die Tür war offen, und drinnen ward gesungen. -Horchend blieb er stehen. O, klang es nicht wie süßer Ton aus der -friedlichen Kindheit? Das<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> Lied war ihm so bekannt, daß er hereintrat, -sich auf die hinterste Bank setzte und gleich aus Herzensgrund mit -einstimmte. Nun erschien ein alter, freundlicher Pfarrer auf der -Kanzel und sprach ganz in der Weise wie der gute Herr, bei dem er -zur Kinderlehre gegangen. Es wurde dem Jungen ganz heimisch in dem -einfachen, fast dürftigen Raum. Als der kurze Wochengottesdienst aus -war, faßte er sich ein Herz, wartete draußen auf den Pfarrer, trat mit -abgezogenem Hute bescheiden auf ihn zu und fragte:</p> - -<p>„Ich bitt’ schön, ehrwürdiger Herr, wo führt denn hier der Weg ins -Preußenland? Ist’s nimmer weit dahin?“</p> - -<p>Verwundert und fast unwillig blickte der Mann dem Burschen ins Gesicht. -Nein, der sah so kindlich, so treuherzig aus, der konnte keinen -albernen Scherz mit ihm treiben!</p> - -<p>„Mein Sohn“, erwiderte er, die lange Perücke schüttelnd, die er nach -damaliger Sitte trug, „da hast du einen weiten, gefährlichen Weg vor -dir! Sage, was treibt dich in solche Ferne?“</p> - -<p>„Ach, ich bin ein Salzburger und vor vielen Jahren zurückgeblieben, als -der Erzbischof Firmian meine Leut’ aus dem Lande trieb. Nun bin ich -groß und stark und möcht’ ihnen nachziehen.“</p> - -<p>„Hast du denn Zehrgeld?“</p> - -<p>„O ja; der Beutel ist noch recht dick!“ entgegnete der Bursche, ihn aus -der Tasche ziehend.</p> - -<p>„Laß ihn nur stecken“, sprach der Pfarrer lächelnd. „Und zeig’ ihn -keinem ohne Not; hörst du? In unserm armen geplagten Bayernland -wimmelt’s von Land<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span>streichern und Wegelagerern. Jetzt komm mit und iß -eine Suppe bei mir; dann wollen wir weiter reden.“</p> - -<div class="figcenter illowe45" id="illu_099"> - <img class="w100" src="images/illu_099.jpg" alt="Friedel und der Pfarrer." /> -</div> - -<p>Nachdem sich Friedel in dem sehr bescheidenen Wohnstübchen des guten -alten Herrn gesättigt, und ihm die ebenso freundliche Frau Pfarrerin -einen Riß im Kittel zugenäht hatte, nahm ihn der Pfarrer in die -Studierstube, wo so viele Bücher an den Wänden standen, als der Junge -kaum in der ganzen Welt vermutet. Freimütig und kurz erzählte er dem -alten<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Herrn, wie’s ihm von klein auf ergangen, und wie ihn nun eine -mächtige Sehnsucht zu seinen Volks- und Glaubensgenossen treibe. Daß er -aber wieder zurückgehen wolle, wenn er eine gute Heimat gefunden habe, -um Tobi und Ännchen nachzuholen, das brachte er nicht über die Lippen.</p> - -<p>„Mein Sohn“, sprach der Pfarrer nach einigem Nachdenken, „deine -Schicksale sind wundersamer Art! Erzähle sie nicht so leicht einem -jeden; man würde dir schwerlich glauben. Bei mir ist dein Vertrauen gut -angebracht; ich weiß, daß Gott die Seinen oft verschlungene Wege führt. -Die Vertriebenen sind vom König von Preußen, der ein rauher, strenger, -aber frommer Mann ist, wohl aufgenommen und kräftig unterstützt worden. -Viele sind in Berlin und andern preußischen Städten geblieben; der -größte Teil aber ist weit, weit nach Osten gezogen, wo man ihnen Land -angewiesen hat. Der König hat große Summen Geldes zu ihrer Ansiedlung -gestiftet.“</p> - -<p>„Dann will ich zum König nach Berlin gehen,“ sprach Friedel -entschlossen, „und ihn um den Weg fragen; vielleicht weiß er auch, wo -mein Pate Rudi geblieben ist.“</p> - -<p>„Du bist ein rechtes Kind“, sagte der Pfarrer lachend, „und ganz und -gar weltfremd! Ein Bursch, wie du, kommt nicht so ohne weiteres zum -König. Dazu ist er alt und kränklich, wie man hört. Und doch möchte -ich dir helfen. Deine Treue und dein fester Sinn gefällt mir.“ Er -dachte eine Weile nach, setzte sich dann an den Tisch und begann zu -schreiben,<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> ließ aber sogleich wieder davon ab und fragte: „Kannst du -lesen?“</p> - -<p>„Freilich!“</p> - -<p>„Auch Geschriebenes?“</p> - -<p>„Sicher! Ich kann auch selber schreiben; hab’s nur seit Jahren wenig -geübt.“</p> - -<p>„Sei froh! Hier im Bayernland hätten die meisten deiner Art mit Nein -geantwortet.“</p> - -<p>Nun schrieb er ziemlich lange, faltete und siegelte einen Brief und gab -ihn dem Burschen. „Dieser Brief ist an einen Pfarrer in Berlin, der -mir wohlbekannt ist. Wenn dich Gott sicher so weit geführt hat, wirst -du leicht seine Wohnung erfahren, und er wird dir raten, was du tun -sollst. Auf diesen Zettel aber habe ich dir die Städte geschrieben, -durch die deine kühne Reise führt. Sieh, diese ersten liegen in Bayern, -diese nächsten in Sachsen; das ist ein lutherisch Land, da wird dir’s -gefallen! Bist du aber erst in Preußen, so kommen diese Orte dran -und zuletzt Berlin. Aber, aber, mein Junge! Denke nicht, daß dein -Beutelchen so weit reicht! Suche Arbeit und Verdienst, wo du’s findest, -nicht nur in deinem Handwerk. Glaub’ mir’s: Es kann ein Jahr vergehen, -ehe du dein Ziel erreichst; denn im Winter hört alles Wandern auf bei -den schlechten Straßen.“</p> - -<p>„Das tut nichts“, erwiderte Friedel herzhaft; „wenn ich nur zuletzt -hinkomm!“</p> - -<p>„Ja, wenn!“ sagte der Pfarrer nachdenklich und ging unruhig im Stübchen -auf und ab, als hätt’ er noch was auf dem Herzen. Endlich blieb er vor -seinem<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Gast stehen und sprach: „Junge, du bist gewachsen wie eine -Tanne, stark und geschmeidig dazu; nimm dich in acht, daß sie dich -nicht zum Soldaten machen!“</p> - -<p>„Ei, das sollen sie fein bleiben lassen; ich bin ja ein Müller!“</p> - -<p>„Das schützt dich nicht! Ich sage dir’s, hüte dich! Sitze nicht lang in -den Herbergen, trinke keinen Branntwein, und nimm ja von keinem Geld -an, es sei denn, daß du’s mit redlicher Arbeit verdient hast.“</p> - -<p>Und nun erzählte er dem erstaunten Burschen, wie listig es die Werber -oft anfingen, einen zum Soldaten zu machen, und wie ihm kein Mensch -mehr helfen könne, wenn er einmal das Handgeld angenommen.</p> - -<p>Friedel hörte aufmerksam zu, verstand aber die Sache nicht ganz; sie -war ihm allzu fremd. Hingegen schien ihm hier der rechte Ort, eine -Bibel zu kaufen. Er erhielt sie aber sogar geschenkt und bedankte -sich recht aus Herzensgrund. Sie war kleiner und leichter als die des -Großvaters und beschwerte den Ranzen nicht sehr.</p> - -<p>Ein wenig nachdenklich, aber doch frohen Mutes schied Friedel von dem -guten Pfarrer, ging auf seinen Rat ans Flußufer und fand freie Fahrt -bis Regensburg auf einem mit allerlei Kaufmannsgut beladenen Schiffe. -Tüchtig rudern und manch andern Dienst tun mußte er freilich für sein -bißchen Essen und Trinken; doch tat er’s gern, denn er sehnte sich -danach, wieder was zu schaffen. Von Regensburg wanderte er wacker -nach Norden zu, und des Pfarrers Zettel war ein guter Wegweiser. Aber -recht einsam war’s doch, immer so<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> allein seine Straße zu ziehen; -darum freute er sich, als sich einst ein ganz prächtiger Bursche zu -ihm gesellte, der just nach derselben Stadt wollte. Was wußte er für -lustige Lieder, und wie konnte er erzählen! Ein Landstreicher war’s -sicher nicht! Er hatte ja eine Feder auf dem Hut und silberne Schnallen -an den Kniehosen. Ganz vornehm mußte er sein, hatte schon mit Grafen -und Edelleuten zu Tisch gesessen! Aber der Sommertag war heiß, und -das weiche Gras am Waldesrand lud zur Ruhe ein. Sie streckten sich im -kühlen Schatten nieder und schliefen bald sanft und fest. Ja, Friedel -mochte wohl recht fest geschlafen haben, denn als er endlich erwachte, -die Augen rieb und sich nach dem schmucken Kumpan umsah, war er weg -und kam auf kein Rufen wieder. Aber der Schweiß rann dem Friedel von -der Stirn; die Sonne hatte den Weg zu ihm gefunden. Er fuhr in die -Tasche, um sein Tüchlein herauszuheben. Das war sicher drin; aber -der Geldbeutel, der dabei gesteckt, der war weg! O weh, o weh! Wer -hätte gedacht, daß ein Landstreicher so wacker plaudern könne und -samtene Hosen trüge! Ein Viertelstündchen saß der arme Bursch weinend -am Waldesrand, dann aber raffte er sich auf. „’s war ja nur schnödes -Geld“, sprach er; „bald kann ich’s wieder verdienen! Gut, daß ich den -Ranzen unterm Kopf hatte, sonst wär’ der wohl auch weg! Nun muß ich -arbeiten, und freue mich darauf; ’s Wandern kriegt einer auch satt! -Schadet nichts, wenn ein paar gute Jahre hingehen, ehe ich wieder -heimkomme. Ich und’s Ännchen sind ja noch viel zu jung zum – –“ -Weiter<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> kam er nicht, schnallte den Ranzen auf und marschierte wacker -vorwärts.</p> - -<p>Ein paar Tage später schaffte er schon in einer großen Mühle, wo es -noch viel für ihn zu lernen gab. Der Meister gewann ihn lieb und ließ -ihn den ganzen Winter nicht fort, da es im reißenden Flüßchen wenig Eis -gab und das Mühlwerk nur selten stillstand. Hier schrieb er einen Brief -an den Franzl und übergab ihn zaghaft der wundersamen Anstalt, die man -Post nannte. Freilich war alles ringsum katholisch; aber er hielt sich -still, las fleißig in seiner Bibel, mied das Wirtshaus, und in der -Arbeit tat es ihm keiner zuvor.</p> - -<p>Gern wäre er im zeitigen Frühjahr weiter gezogen, aber er mußte lange -warten, ehe die aufgetauten, bodenlosen Landstraßen wieder gangbar -waren. Dann setzte er seinen Stab weiter und kam glücklich bis ins -Sachsenland. Einen großen Schatz trug er in der Brusttasche, einen -Brief vom Franzl am Stein, unter den das Ännchen mit mühsam gemalten -Buchstaben einen kurzen Gruß gesetzt hatte. Er wickelte ihn mit dem -Tüchlein und der Kette zusammen, die er für Ännchen gekauft, und labte -sich an dem Anblick dieser Schätze, wenn ihm der Mut sinken wollte. -Denn ach, auch in Sachsen fand er das nicht, was er erwartet! Da es -ein lutherisches Land war, meinte er, es müsse so fein friedlich und -christlich zugehen, wie ehemals unter den frommen Salzburgern. O wie -anders fand er es!</p> - -<p>In Sachsen regierte damals August III., ein träger charakterloser -Mensch, der, wie sein Vater August der<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Starke, seinen Glauben -verleugnet hatte und katholisch geworden war. Während er nur seinem -Vergnügen lebte, trieb sein Minister, Graf Brühl, die sinnloseste -Verschwendung, so daß das arme Volk die schwere Last der Steuern -und Abgaben kaum ertragen konnte. Die Reichen aber machten’s meist -ihrem Fürsten nach, drückten und plagten die Armen und lebten dabei -in Wollust. Hart und streng hielten auch die Herren ihre Knechte, -die Meister ihre Gesellen. Trotzdem ging’s dem Friedel nicht allzu -schlecht. An Gehorsam war er von klein auf gewöhnt; Arbeit war seine -Lust, und ein hartes Wort nahm er nicht so leicht übel. Daß er jeden -Sonntag zur Kirche gehen und sich dort Trost und Mut holen konnte, -war ja ein unbezahlbarer Schatz. Ach, oft kam er auch mit beschwertem -Gewissen! Denn nicht immer widerstand er der Versuchung, ein wenig -teilzunehmen an der wilden Lustigkeit in den Herbergen. Sein Blut war -heiß und wallte leicht auf, wenn man ihn neckte um seines stillen -Wesens willen; schon das verwickelte ihn in manchen Streit. Auch kam’s -wohl vor, daß er einmal ein Tröpflein über den Durst trank.</p> - -<p>Nur in einem Ding blieb er unerschütterlich fest. An dem Scherz und -leichtfertigem Geschwätz, das die Burschen in der Herberge mit hübschen -Wirtstöchterlein oder stattlichen Mädchen trieben, nahm er nie teil, -nein, nicht mit einem Wort! Sie gingen ihn alle nichts an! Nicht einen -Augenblick vergaß er, was er damals am Bett kniend, zu Frau Marie -gesagt, und was sie ihm geantwortet hatte. Hell und klar wollte<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> er -seine Augen zu Ännchen aufschlagen, wenn Gott ihn wieder zu ihr führte!</p> - -<div class="figcenter illowe45" id="illu_106"> - <img class="w100" src="images/illu_106.jpg" alt="Plauderei in der Mühle." /> -</div> - -<p>Zwischen all dem Jammer, all der wilden Lust und dem harten Wesen -gab es doch noch eine große Anzahl ernster, frommer Christen, die, -unbekümmert um die tolle Welt, ihres Glaubens lebten. Zu solchen führte -Gott endlich auch den jungen Wandersmann. Ein ganzes Jahr arbeitete -er bei einem braven Müller, der zu diesen „Stillen im Lande“ gehörte, -befand sich dort gar wohl und ward gehalten wie ein Sohn des Hauses. -Gern hätte ihn der Meister<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> noch länger behalten, doch zog es ihn nun -mächtig nach Preußen. Er hatte sparsam gelebt; sein Beutel war so gut -gefüllt, daß er hoffte, damit endlich bis nach Berlin zu kommen.</p> - -<p>In der Mühle sammelten sich oft verständige Männer aus der Stadt, -um am Feierabend ein wenig zu plaudern. Bescheiden zuhörend vernahm -Friedel dann allerlei vom Lauf der Welt. Er wußte, daß der strenge, -gefürchtete König von Preußen, der doch unendlich viel für sein Volk -getan, gestorben war, und sein Sohn Friedrich II. den Thron bestiegen -hatte. Von diesem erzählte man seltsame Dinge. Klein und mager von -Person, sei er doch eine gar königliche Erscheinung, und der Blick -seiner Augen sei so klar und durchdringend, als wolle er jedem ins Herz -hineinsehen. Sein ganzes Streben gehe dahin, sein Volk glücklich zu -machen; doch gehe er dabei viel milder und freundlicher zu Werke als -sein harter Vater. Das machte dem Friedel Mut und Hoffnung; wer weiß, -ob’s ihm nicht gelingen würde, diesen leutseligen König selbst nach den -Salzburgern zu fragen!</p> - -<p>Von vielen Segenswünschen begleitet, zog er aus und überschritt endlich -gutes Mutes die preußische Grenze. Bald merkte er, daß hier unterm -Volk wirklich ein besserer Geist herrschte. Wie fleißig schafften -sie alle, auch die es nicht fürs tägliche Brot bedurften! Größerer -Wohlstand und bessere Ordnung war in Dorf und Stadt zu finden; freilich -auch das strenge, herbe Wesen, das die Not der Zeit mit sich gebracht -hatte. Bald fiel’s ihm auf, daß viele der jungen Burschen,<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> die auf -den Feldern arbeiteten, grellrote Halsbinden trugen. Auf die Frage, -was das bedeute, sagte man ihm, es seien Kantonisten, d. h. Leute, die -von Jugend auf für den Soldatenstand bestimmt wären. Jede Stadt und -jedes Dorf müsse eine bestimmte Anzahl stellen. „Ei“, dachte Friedel, -„das ist also die Sache, vor der mich der gute Pfarrer warnte. Nun, ich -laß mir sicher nicht so ein rotes Ding um den Hals zwängen! Bin auch -weder in Stadt noch Dorf zu Hause.“ Wenn nur die Welt, und besonders -das Preußenland, nicht gar so groß gewesen wäre! Er ließ sich gewiß das -Gras nicht unter den Füßen wachsen und vertat keinen Groschen unnütz, -dennoch ging das Geld zu Ende, und Berlin war noch weit weg.</p> - -<p>Eines Tages saß er mutlos in einem einsamen Wirtshaus an der -Landstraße; von bösem Unwetter überrascht, hatte er das nächste Dorf -nicht mehr erreichen können. Außer ihm war nur noch ein einziger Gast -in der großen Stube, ein stattlicher Herr in feiner Tuchkleidung und -mit einem gewaltigen Zopf, der ihm fast bis an die Hüften herabhing. -Er schrieb emsig in eine große Brieftasche, trat zuweilen ans Fenster, -um nach dem Wetter zu sehen, beachtete aber den Müllerburschen gar -nicht. Endlich brachte der Wirt das Abendessen; für Friedel eine dicke -Suppe und ein Stück Schwarzbrot, für den Herrn aber ein gebratenes -Huhn und einen Krug Wein. Der hungrige Bursche vertiefte sich in seine -Suppenschüssel, ohne zu merken, daß die beiden Männer leise miteinander -sprachen und nach ihm hinüberblickten. Endlich begann der Herr laut zu -reden:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p> - -<p>„Es ist ein fatales Ding, daß mir der Bursch eben jetzt davonlaufen -mußte um der einzigen Kopfnuß willen! Wenn’s heimwärts ginge, machte -ich mir wenig draus, den Dummkopf los zu sein; aber nach Berlin ganz -ohne Bedienung zu reisen, paßt mir nicht.“</p> - -<p>„Ei, wenn’s nur das ist“, erwiderte der Wirt, „so wird sich wohl -jemand finden, der den gestrengen Herrn dahin begleitet. Heda, junger -Mehlsack, will Er nicht nach Berlin?“</p> - -<p>„Meint Ihr mich?“ fuhr Friedel auf. „Ein Mehlsack bin ich nicht!“</p> - -<p>„Hast aber schon manch einen auf dem Buckel getragen, he? Hier gäb’s -was für ihn!“</p> - -<p>„Was denn?“</p> - -<p>„Ei, wenn Er nicht gar so unmanierlich ist, könnt’ Er den gnädigen -Herrn hier nach Berlin begleiten als sein Diener.“</p> - -<p>„Das geht nimmer! Ich bin ein freier Mann; gedient hab’ ich noch nie.“</p> - -<p>Der Herr war aufgestanden und trat an Friedels Tischchen. „Ei, mein -Bursch, überlege dir die Sache. Freie Fahrt nach Berlin im Postwagen, -gut Essen und ein schön Stück Geld. Weiter nichts zu tun, als mein -Gepäck zu tragen, Kleider und Schuhe zu bürsten und dergleichen kleine -Dienste zu leisten, die du bald begreifen wirst. Ein Dummkopf bist du -nicht; das steht dir auf der Stirn geschrieben. Ein paar Wochen, dann -ist alles vorüber; es ist nur für diese unangenehme Reise.“</p> - -<p>„Kann ich dann in Berlin bleiben?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> - -<p>„Ei gewiß! Ich nehm’ dich nicht wieder mit.“</p> - -<p>„Ob ich dort auch den König zu sehen bekomme?“</p> - -<p>„Nicht einmal, zehnmal sollst du ihn sehen, wenn du mit mir gehst.“</p> - -<p>„Dann will ich in Gottes Namen!“</p> - -<p>Am andern Tag mußte er sich sauber waschen und kämmen, seine -Sonntagsjacke anziehen und den Wanderkittel im Ranzen tragen. -Kaum war’s geschehen, so erklang auch schon ein Posthorn, und der -schwerfällige Wagen, auf den der gnädige Herr gewartet, hielt vor dem -Hause. Friedel mußte in einem kleinen Kasten, der hinten angebracht -war, Platz nehmen, und fort ging’s, dem langersehnten Ziele zu. Nicht -allzu geschwind! Die damaligen Postwagen waren gar ungeschickte, meist -federlose Dinger, und das Fahren darin keineswegs ein Vergnügen. Das -spürte auch Friedel in seinem engen Käfig gar bald, war aber dennoch -guter Dinge. Nach ein paar Tagen erreichte man die letzte Station vor -Berlin. Ehe der Herr, dem der Wein heute besonders gut geschmeckt -hatte, wieder in den Wagen stieg, warf er dem Friedel ein blankes -Silberstück hin und rief:</p> - -<p>„Hier, Bursch, hast du derweil ein Handgeld.“</p> - -<p>„Laßt’s doch sein, Herr“, sprach der Diener, „bis meine Zeit aus ist.“</p> - -<p>„Unsinn! Das tät zu lang dauern.“</p> - -<p>„Na“, dachte Friedel, „wenn ich den König sehen will, möcht’ ich mir -neue Schuhe kaufen; der Herr hat wohl gesehen, daß meine nicht viel -mehr taugen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p> - -<p>Bald war’s zu merken, daß man sich der für damalige Begriffe schon -großen Stadt immer mehr näherte. Es war ein herrlicher Herbsttag; kein -Wölkchen am Himmel. Die Felder waren schon fast abgeleert, aber die -Obstgärten prangten im Schmuck der rotwangigen Äpfel und goldgelben -Birnen; die Wiesen im letzten frischen Grün. Viele Menschen spazierten -draußen herum, sich an der milden Luft zu erquicken. Vergnügt blickte -Friedel in das fröhliche Leben; sein Herz klopfte in freudiger -Erwartung. Nun mußte er ja bald sichere Kunde erhalten, wo sich seine -Volksgenossen hingewendet. Jetzt rumpelte der Postwagen langsam an -einem weiten Platz vorüber, auf dem Soldaten exerzierten. So oft der -Wandersmann früher so etwas gesehen, hatte er so schnell als möglich -Reißaus genommen; heute durfte er’s wohl gemütlich betrachten.</p> - -<p>Aber, o Schrecken, wie ging’s da her! Wenn einer beim Franzl am Stein -das Vieh so angebrüllt, mit Füßen getreten und mit Fäusten geschlagen -hätte, wie hier die Korporale die armen Soldaten, wär’s ihm schlecht -ergangen. „O wie gut ist’s, daß ich keinem Werber begegnet bin!“ dachte -Friedel und war froh, als sie vorüber waren.</p> - -<p>Nun ging’s zum Tor herein in die Stadt, und bald hielt der Wagen vor -einem Posthause. Da standen zwei Männer, die schon auf den Herrn -gewartet hatten. „Bringt Ihr ein paar?“ hörte er sie fragen. „Nur -einen, aber einen Prachtkerl!“ war die halblaute Antwort.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p> - -<p>Friedel sah sich vergebens nach dem Prachtkerl um und wollte das Gepäck -auf seine Schultern nehmen, wie er’s gewöhnt war. Aber die Männer -ließen’s nicht zu; nur seinen eigenen Ranzen durfte er aufsacken.</p> - -<p>„Geh’ einstweilen mit diesen beiden“, gebot der Herr Amtmann lachend, -„da wirst du bald den König sehen.“ Mit diesen Worten verschwand er in -der Haustür; die beiden nahmen Friedel in die Mitte und führten ihn -durch enge, winklige Straßen vor ein großes unsauberes Haus mit kleinen -vergitterten Fenstern. Hier konnte doch der König unmöglich wohnen!</p> - -<p>„Was soll ich da drin? Was habt ihr mit mir vor?“ fragte der Jüngling, -plötzlich von banger Ahnung befallen.</p> - -<p>„Dummer Kerl! Hier gehörst du ’rein; ’s ist eine Kaserne. Du bist ja -ein Rekrut!“</p> - -<p>„Das ist nicht wahr“, schrie Friedel entsetzt; „ich bin des gnädigen -Herrn Diener!“</p> - -<p>„Schöner gnädiger Herr! Ein Werbeoffizier ist’s! Du dummes Schaf bist -ihm ins Garn gegangen. Marsch, ’nein mit dir!“</p> - -<p>Aber der junge Salzburger ließ sich die Freiheit nicht so leicht -rauben. Gewandt und kräftig, wie er war, riß er sich mit aller Macht -los, schleuderte das entsetzliche Handgeld in den Straßenschmutz und -rannte in großen Sprüngen davon. Aber ach, auf das Geschrei seiner -beiden Verfolger: „Haltet ihn; ’s ist ein Rekrut!“ ward er im nächsten -Augenblick festgehalten, seinen Führern wieder übergeben und von ihnen -in die Kaserne geschleppt. Den Unglückstaler steckten sie<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> ihm wieder -in die Tasche. O wie hatte er ihn nur annehmen können! Wie konnte er -die Warnung des guten Pfarrers vergessen!</p> - -<p>„Sieh“, sagte einer der Männer nun freundlicher, „an dieser Haustür -steht ein Wachtposten mit geladenem Gewehr; darum sei vernünftig und -denke nicht an Flucht. Hier ist deine Stube; nun sei gescheit und mach’ -dir’s bequem. Heute und morgen hast du noch frei.“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Ein_guter_Kamerad">7. Ein guter Kamerad.</h2> - -</div> - -<p>In der großen düsteren, nur mit dem nötigsten Hausrat versehenen Stube -befanden sich drei Männer. Einer, der ins Lesen eines Buches vertieft -am Fenster saß, hob nur den Kopf, seufzte tief und las weiter. Die -beiden andern, die Karten spielend am Tische saßen, begrüßten den -Verzweifelten mit rohem Gelächter. Friedel aber sank auf einen Schemel -nieder, schlug die Hände vors Gesicht, und seine kräftige Gestalt -erbebte im Übermaß des Jammers, der sich endlich in lautem Weinen und -Schluchzen Luft machte. Selbst den rohen Spielern ward’s unheimlich -dabei zumute. „Komm“, flüsterte der eine, „wollen gehen und eins -trinken, bis er ausgetobt hat.“</p> - -<p>Als sie hinaus waren, legte sich eine Hand sanft auf das Haupt des -Weinenden. Er blickte auf; der eifrige Leser stand vor ihm, ein -schöner, stattlicher junger Mann, bedeutend älter als Friedel und mit -so feinen, geistvollen Zügen, daß ihn dieser für etwas ganz<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> Vornehmes -hielt, obgleich er nur die grauleinene Hausjacke der Soldaten trug.</p> - -<p>„Ach, lieber Herr“, rief er händeringend, „laßt mich hinaus, laßt mich -fort! Man hat mich schändlich betrogen; ich kann und mag nicht Soldat -sein!“</p> - -<p>„Armer Bursche“, erwiderte der andere, „ich kann dir nicht helfen! Ich -bin ja auch Soldat wider Willen, schon seit einem Jahr.“</p> - -<p>„Kommt Ihr denn bald wieder los?“</p> - -<p>„Nicht eher, als bis mich Gott von dieser bösen Welt nimmt“, war die -traurige Antwort.</p> - -<p>„Bis man stirbt, muß man Soldat bleiben?“ schrie Friedel ganz -verzweifelt. „Dann will ich jetzt sterben, jetzt gleich! Ich halt’s -nicht aus, nein, nimmer, nimmer! Frei will ich sein oder tot!“</p> - -<p>Eine Weile ließ ihn der Ältere gewähren, dann sprach er sanft: „Bruder, -das ist nicht recht! Kannst du beten?“</p> - -<p>Statt aller Antwort glitt Friedel am Schemel nieder; der Kamerad kniete -neben ihm und flehte in schlichten, innigen Worten um Kraft und Geduld, -dies schreckliche Los männlich und christlich zu tragen, und fest zu -glauben, daß auch dies schwere Schicksal aus Gottes Hand komme.</p> - -<p>Friedel war still geworden und streckte sich auf den Rat des Gefährten -aufs harte Lager, gänzlich erschöpft von Schrecken und Jammer.</p> - -<p>„Wie heißt Ihr?“ fragte er den andern, der sich freundlich um ihn -bemühte. „Und warum seid Ihr so gut zu mir?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> - -<p>„Weil ich dir an den Augen ansehe, daß du besserer Art bist als -andere, und weil du beten kannst. Nenne mich Johannes und sage du; laß -uns Freunde sein! Wir werden Zeit genug finden, einander die Herzen -auszuschütten; jetzt mußt du ruhen. Ich will uns eine Suppe holen und -dein Kommißbrot; du bist ganz erschöpft.“</p> - -<p>Als der arme Bursche am späten Abend endlich die müden Augen schloß, -bewegten sich seine Lippen noch zu einem innigen Dankgebet, daß ihm -Gott in der Gestalt des neuen Freundes, der still und ernst an seinem -Bette saß, einen Schutzengel zugesellt hatte.</p> - -<p>Am nächsten Tage ward der Rekrut in die Rüstungskammer geführt und -in die enge, knappanliegende Uniform gekleidet. Sie kam ihm vor -wie eine Zwangsjacke, und er hätte sie am liebsten gleich wieder -vom Leibe gerissen. Am verhaßtesten war’s ihm, daß sein schönes -lichtbraunes Haar, auf das er ein wenig eitel gewesen, in einen -garstigen Zopf gedreht wurde, der, künstlich verlängert, über den -Rücken herunterbaumelte. So umgewandelt führte man ihn mit mehreren -Schicksalsgenossen in eine weite Halle, wo ihnen ein Offizier -etwas sehr Langes vorlas, wovon Friedel fast gar nichts verstand. -Johannes sagte ihm später, es seien die Kriegsartikel gewesen; das -machte ihn auch nicht viel klüger. Nun wurden ein paar große Fahnen -hereingebracht, die mußten alle umfassen und einige Worte nachsprechen, -die ihnen der Offizier vorsagte. Da aber dem Salzburger die schnarrende -Sprechweise des ungeduldigen Herrn fast unverständlich<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> war, bewegte er -nur den Mund, ohne ein einziges Wort zu sagen. Das war der Fahneneid, -der den armen Jungen auf Lebenszeit an einen Beruf fesseln sollte, der -ihm zuwider war und zu dem man ihn durch schändlichen Betrug gezwungen!</p> - -<p>Der Adel, aus dem damals allein die Offizierstellen besetzt wurden, war -mit wenigen Ausnahmen roh, übermütig, leichtfertig und stolz. Da war’s -kein Wunder, daß es den armen Burschen, die auf dem Exerzierplatz ganz -in die Gewalt solch hochnäsiger, grober Junker gegeben waren, herzlich -schlecht erging. Das mußte auch Friedel reichlich erfahren; und es -kostete dem treuen Johannes unendliche Mühe, ihn zu überzeugen, daß er -sich Schimpfworte, Püffe, Fußtritte und Stockschläge gefallen lassen -müsse, ohne ein Wort des Widerspruchs. Immerhin war für den gewandten, -verständigen Burschen die allerschlimmste Zeit bald überstanden; und -als es zu den Schießübungen kam, erntete er sogar zuweilen ein Wort des -Lobes. Obgleich aber die Ausbrüche bitteren Jammers und ohnmächtigen -Zornes allmählich seltener wurden, versöhnte er sich doch nie mit -seinem Schicksal; nein, nicht einen Augenblick! Zahllos waren die -Fluchtpläne, die er für sich und den Freund schmiedete, die aber nie -zur Ausführung gelangten, da sich überall unübersteigliche Hindernisse -entgegenstellten.</p> - -<p>Vielleicht war es gut, daß die Rekruten, besonders im ersten Jahre, -nur wenig Zeit hatten, über ihr Schicksal nachzudenken. Das Drillen -und Üben nahm gar kein Ende, und wenn’s überstanden war, gab’s in -der<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> trübseligen Stube zu waschen und zu putzen, damit am nächsten -Tage nicht etwa ein Schmutzflecken an den weißen Gamaschen oder ein -blind gewordener Knopf den Zorn des Korporals reizte. War endlich ein -freies Stündchen, so suchten nicht wenige die Branntweinschenken auf, -um in rohem Scherz ihr Elend zu vergessen; andere beschäftigten sich -mit allerlei Handarbeiten oder Tagelöhnerdiensten, um einige Groschen -zu erwerben, da der Sold so knapp war, daß er kaum zum Nötigsten -reichte. Johannes, der eine schöne Handschrift schrieb, saß an den -langen Winterabenden meist über Rechnungen und Briefen, die ihm ein -Kaufmann zum Abschreiben übergab. Friedel aber suchte die Schnitzkunst -wieder hervor, die er bei Tobi gelernt hatte; seine Löffel, Becher und -Schüsseln wurden von den Kameraden gern gekauft.</p> - -<p>Nach und nach ward er ruhiger und lernte sein Schicksal männlich -und gefaßt ertragen wie der Freund. Zu solcher Zeit erzählten sie -einander aus vergangenen Tagen; ach, es klang wie aus einer andern, -lieblich heiteren Welt! Friedel vertraute dem Freunde sehr bald -seine wunderbaren Schicksale an; ja, er verschwieg ihm sogar seine -innige Liebe zu Ännchen nicht, die ihm jetzt im Unglück erst recht -zum Bewußtsein kam. Aber wie erschrak er, als Johannes das Antlitz in -die Hände verbarg, schmerzlich seufzte und endlich in heiße Tränen -ausbrach! Nach der Ursache zu fragen, wagte er nicht. Seine Ehrfurcht -vor dem ernsten Freund war ebenso groß wie seine Liebe zu ihm. Bald -beruhigte sich dieser und begann:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span></p> - -<p>„Von deinen Salzburgern kann ich dir etwas mitteilen. Mein lieber -Vater, der ein Prediger ist, nahm großen Anteil an ihrem Schicksal; -ja, ich erinnere mich selbst noch wohl, daß eine kleine Schar durch -unser Dorf zog, wo wir etliche in unserm Hause beherbergten. Auch über -das Schicksal derer, die nach Amerika auswanderten, erhielt mein Vater -Nachricht. Sie haben im Staate Georgia eine neue Heimat gefunden.“</p> - -<p>„Ist das weit?“ unterbrach Friedel mit glänzenden Augen. „Könnten wir -nicht dorthin entfliehen? Aufs Meer würden sie uns nicht so schnell -folgen.“</p> - -<p>„Armer Junge! Du würdest eingeholt werden, lange, ehe du das Meer -erreichtest. Auch in den Häfen sind Spione! Ach, es ist sehr, sehr -weit! Wart’, ich will dir’s zeigen.“</p> - -<p>Er brachte aus seinem Kasten ein breites dünnes Buch hervor mit -seltsamen Bildern, wie sie Friedel noch nie gesehen; es waren -Landkarten. Nur zu bald merkte Johannes, wie kindlich und mangelhaft -des Freundes Vorstellungen von Gestalt und Größe der Erde, von den -Entfernungen zwischen den Ländern und Meeren waren. Mit Staunen hörte -Friedel auf die Wunderdinge, die er ihm davon erzählte, und es entspann -sich daraus ein Unterricht, der für beide gleich genußbringend war.</p> - -<p>Auch im Schreiben übte sich der Jüngere unter Aufsicht des gelehrten -Genossen und verfaßte mit vieler Mühe, oft unterbrochen durch heißes -Weinen, einen langen Brief an den Franzl am Stein, worin er die<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> -traurige Wendung seines Geschickes berichtete. Was er ganz am Rande für -Ännchen hinzufügte, brauchte der Freund nicht zu lesen, begehrte es -auch nicht.</p> - -<p>So wurden die beiden je länger je mehr ein Herz und eine Seele. Nur -in einem blieben sie verschieden. Friedel gab nie, nein, keine Stunde -lang, die Hoffnung auf, daß Gott ihn noch hienieden aus dem schweren -Joch erlösen und in die Heimat zurückführen werde. Bat er ihn doch -täglich so heiß, so inbrünstig darum! Johannes dagegen hatte alle -irdischen Hoffnungen aufgegeben, sehnte sich aber desto mehr nach der -Stunde, da seine befreite Seele aufschweben würde zur ewigen Freude.</p> - -<p>Friedel ward trotz der schmalen Kost, trotz des bitteren Herzwehes -immer kräftiger und abgehärteter. Johannes aber brach oft, wenn die -anstrengenden Übungen vorüber waren, ganz kraftlos zusammen, war auch -nicht selten krank, so daß er einige Tage das Bett hüten mußte. Dann -pflegte ihn der Freund so gut er konnte und sparte sich den mühsam -verdienten Groschen ab, um ihm eine Erquickung zu bereiten. An solchen -Tagen mußte er ihm auch oft aus der Bibel vorlesen, und meist Stellen, -die von der Seligkeit des Himmels handelten. Tiefbewegt hatte der -Kranke einst zugehört, dann sprach er:</p> - -<p>„Du guter Kamerad hast mir so freimütig alle deine Schicksale erzählt -und mich so tief in dein liebreiches Herz blicken lassen. Da wird es -Zeit, daß ich auch offen gegen dich bin. Ich weiß, du kannst nicht -begreifen, daß ich auf Erden nichts mehr hoffe, und mich, o wie sehr! -nach dem Himmel sehne. Aber denke<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> nicht, daß mein armes, schwaches -Herz so ganz allein am Heiland hängt. Wohl glaube ich aufrichtig an -ihn und sehne mich nach ihm von ganzem Herzen. Aber wenn ich mir ihn -vorstelle, zur Rechten Gottes sitzend in seiner Herrlichkeit, dann -sieht mein geistiges Auge unter den Seligen, die seinen Thron umgeben, -eine zarte verklärte, ach so unendlich geliebte Gestalt, in deren -Lobgesang ich so gern noch heute einstimmen möchte.“</p> - -<div class="figcenter illowe45" id="illu_120"> - <img class="w100" src="images/illu_120.jpg" alt="Friedel und Johannes." /> -</div> - -<p>„Ist’s etwa ein liebes frühverstorbenes Schwesterlein?“ fragte Friedel -leise.</p> - -<p>„Nein, o nein; es ist Luise, meine teure, holde Braut!“ Er verbarg -das Antlitz ins Kissen und schwieg lange. Dann fuhr er ruhiger fort: -„Meine Trauer um sie ist selbstsüchtig. Ihr ist wohl geschehen; denn -o, wie würde sie sich grämen, wenn sie leben müßte,<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> hoffnungslos -getrennt von mir! Ach, wir liebten uns so sehr! Bald sollte Hochzeit -sein. Ich sollte dem alternden Vater im Amte helfen, begleitete aber -erst einen Freund auf einer Reise und fiel auf dem Heimweg in die Hände -der Werber. Ach, man hatte mich gewarnt! Auch wäre ich wohl alt genug -gewesen, um vorsichtig zu sein; aber träumerisches, unpraktisches Wesen -hing mir von klein auf an.“</p> - -<p>„Wie kam es, daß sie so bald sterben mußte?“ fragte Friedel mitleidig.</p> - -<p>„Sie war von zarter Gesundheit und hatte eben ein Fieber überstanden, -als sie durch unvorsichtiges Geschwätz einer Magd plötzlich und -unvorbereitet mein Unglück erfuhr. Sie sank in tiefe Ohnmacht; ein -Rückfall trat ein, und nach wenig Tagen brach das treue Herz. Verstehst -du nun, warum ich kein irdisches Glück mehr hoffe?“</p> - -<p>Satt aller Antwort schlang Friedel weinend die Arme um den Hals des -Freundes und küßte ihn; von da an waren sie erst recht wie Brüder.</p> - -<p>Gute und böse Zeit eilt schnell dahin, als flögen wir davon. So -waren auch zwei Jahre vergangen in einer Lebensweise, die dem freien -Wanderburschen erst ganz unerträglich geschienen. Er war nun fertig und -geschickt in allem, das ein guter Soldat leisten muß. Man mißhandelte -ihn nicht mehr; ja, seine und des Freundes Lage hatte sich sogar etwas -verbessert. Ein wohlmeinender Offizier, von guter Bildung und feinen -Sitten, wie es deren immer eine Anzahl gab, war an die Spitze der -Truppe getreten, der die Freunde<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> angehörten, und hatte bald erkannt, -daß sie besserer Art waren als ihre Genossen. Er brauchte sie zu -allerlei Arbeiten und Dienstleistungen, gewährte ihnen eine kleine -Zulage zum geringen Sold und stellte sie beim Exerzieren nebeneinander. -Das letztere war beiden am wertvollsten. „Wenn’s einmal in den Krieg -geht“, sagte Johannes, „marschieren wir zusammen; und wenn ich falle, -rufst du mir ein Abschiedswort zu!“</p> - -<p>Nun, für jetzt war eben erst ein Krieg beendet, den man den ersten -Schlesischen nennt. Siegreich kehrte der junge König in seine -Hauptstadt zurück, und nun sollte ihn Friedel endlich zu sehen bekommen.</p> - -<p>Wie eine Mauer stand das ganze Regiment auf dem Paradeplatze; die -beiden Freunde in der vordersten Reihe. Langsam ritt, von einigen -Offizieren umgeben, ein kleiner Mann die Front entlang. Gerade da, wo -Johannes und Friedel standen, hielt er ein wenig inne, so daß sie ihn -genau betrachten konnten. Freilich sah er ganz anders aus, als der -Salzburger sich einen König vorgestellt; er trug weder Purpurmantel -noch Goldkrone, sondern den schlichten blauen Soldatenrock. Johannes -aber sagte später dem Freunde, ein großer Geist spreche aus diesen -klaren, tiefen Augen, diesem charaktervollen Mund und der hohen, -gedankenreichen Stirn.</p> - -<p>Bald merkte man die Wahrheit dieser Rede; denn der König begann -tatkräftig und unermüdlich für das Wohl seiner Untertanen, auch für -die Hebung des Offizierstandes zu sorgen. Er erschien nicht selten -selbst auf den Übungsplätzen, redete einzelne Soldaten an,<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> nicht mit -„Kerl“ oder irgendeinem Schimpfwort, sondern mit dem freundlichen -„Mein Sohn“. Soweit sein Auge reichte, wurden die groben Mißhandlungen -viel seltener. Daß die Zucht hart und streng und die Strafen grausam -blieben, lag im Geiste der Zeit.</p> - -<p>Aber kaum zwei Jahre lang konnte der große König in Frieden für sein -Volk sorgen, dann mußte er schon wieder zu den Waffen greifen, um -sich das erkämpfte Land Schlesien, das sich unter seiner Herrschaft -sehr wohl befand, zu sichern. Gar zu gern hätten es ihm die -Österreicher wieder weggenommen. Schon rüsteten sie gegen ihn mit ihren -Bundesgenossen. Da beschloß er ihnen zuvorzukommen. Diesmal sollte auch -Friedels Regiment mit in den Kampf ziehen. Gar gewaltig ward nun geübt -und vorbereitet; in den seltenen Ruhestunden aber saß der Jüngling mit -heißen Wangen und glänzenden Augen über dem wunderbaren Landkartenbuch, -um sich die Lage der einzelnen deutschen Länder fest einzuprägen.</p> - -<p>Als die Freunde eines Abends allein beisammen waren, fragte Friedel:</p> - -<p>„Sag’ mir doch, Johannes: Wenn ich nun hier in Salzburg wäre, da, wo -ich mit dem Finger hinzeige, wie müßte ich’s denn machen, um ans Meer -zu kommen?“</p> - -<p>„An welches denn? Ich lehrte dich viele Meere kennen.“</p> - -<p>„Ei, ans Atlantische! Du sagtest ja, da gehe der Weg nach Amerika.“</p> - -<p>„Was fällt dir ein? Du mußt ja in den Krieg!“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p> - -<p>„Sag’ mir’s immerhin; zeig’ mir’s ganz genau!“</p> - -<p>Johannes zögerte und sah dem Freunde forschend in die Augen. Feste -Entschlossenheit sprach aus ihnen. Friedel war ein Mann geworden in -diesen letzten Jahren. Wer weiß, ob ihm Gott nicht den kühnen Plan -gelingen lassen würde!</p> - -<p>„Nun wohl!“ sprach er. „Am sichersten wäre es, du reistest durch -die Gebirgsländer bis Basel. Sieh, hier ist es! Von dort könntest -du wohl als Schiffsknecht den ganzen Rhein herunterfahren bis nach -Rotterdam. Dann über die Nordsee bis nach England. So sind auch deine -Glaubensgenossen damals gereist.“</p> - -<p>„Und du willst nicht mit?“</p> - -<p>„Wer weiß, wie bald uns beide die tödliche Kugel trifft!“</p> - -<p>Unzähligemal machte Friedels Finger die große, gefährliche Fahrt bis -über den Ozean nach dem Staate Georgia. O, er war erstaunlich klug -geworden in diesen schweren Jahren! Wie würde sich Ännchen darüber -verwundern! Schade, daß er auf den schönen langen Brief, den er -geschrieben, gar keine Antwort erhalten hatte. Ännchen allein brachte -ja keinen Brief fertig. Und der Franzl? Ach, der verachtete ihn -vielleicht, weil er Soldat war! Ein wenig stolz war er ja immer gewesen.</p> - -<p>Endlich hieß es: „Hinaus ins Feld!“ Schwerbepackt mit Tornister, -Waffen und allerlei Gerät ging’s in strengen Märschen durch Preußen -und Sachsen nach Böhmen zu. Wer gesund und stark war, hatte gutes -Leben; denn in Dorf und Stadt mußte am Rasttag oder<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> beim Nachtquartier -aufgetragen werden, was Küche und Keller nur vermochten. Dazu kam, daß -die Offiziere jetzt weit weniger grimmig waren. Das Beispiel des Königs -und seiner Generäle hatte schon gut gewirkt, und durch gemeinschaftlich -getragene Beschwerden verbinden sich die Herzen. Endlich überschritt -das Heer die böhmische Grenze und drang weiter und weiter vor. Zu -einer offenen Feldschlacht mit den Österreichern kam es nicht, nur zu -kleineren Gefechten.</p> - -<p>O wie graute es den Freunden vor dem Kampfgewühl! Wie entsetzlich war -besonders für den sanften Johannes der Gedanke, daß die Kugel, die er -abschoß, vielleicht ein junges Leben vernichten werde! Bald aber mußten -sie sich daran gewöhnen. Setzten sie doch auch täglich ihr Leben ein.</p> - -<p>Schnell ward die Stadt Prag erreicht und belagert. Auf dem ganzen Zuge -waren die Freunde Seite an Seite marschiert; oft hatte Friedel noch -ein Gepäckstück für Johannes getragen, den die Anstrengungen weit -mehr ermüdeten als ihn. Lagerte man im Freien, so ruhten sie dicht -beisammen, beteten oft miteinander und befahlen ihre Seelen in Gottes -Hand. Prag übergab sich den Preußen nach kurzer Beschießung; dann ging -es weiter nach Süden, den Fluß Moldau entlang.</p> - -<p>Kleine Gefechte, Krankheit und auch Fahnenflucht lichteten die Reihen -des Heeres. Bei Nachtmärschen, in Wäldern oder Gebirgsgegenden entwich -mancher unbemerkt auf Nimmerwiedersehen. Auch Friedel hatte es schon -oft in den Füßen gezuckt, sich still davon zu machen; nur die Liebe -zu Johannes hielt ihn davon<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> ab. Hatte man im Anfang des Feldzugs -Speise und Trank in Fülle gehabt, so fehlte es jetzt oft sehr daran. -Die Böhmen waren von grimmigem Haß gegen die preußischen „Ketzer“ -erfüllt, versteckten das Korn vor ihnen und trieben das Vieh in die -dichten Wälder. Da gab’s oft schmale Bissen, und Johannes würde es kaum -ausgehalten haben, wenn der kerngesunde Freund ihm nicht oft die Hälfte -seines Anteils aufgezwungen hätte. Der König fühlte wohl, daß es hier -keinen andern Ausweg gab als einen ehrenvollen Rückzug.</p> - -<p>„O weh“, dachte Friedel, als er davon hörte, „nun geht’s wieder -nordwärts!“ Ehe aber noch der Befehl dazu gegeben wurde, sah sich die -Truppe, in der die Freunde standen, plötzlich einer Schar von Feinden -gegenüber. Es entspann sich ein kurzer, aber heftiger Kampf. Bald -zogen sich die Österreicher zurück; Friedel aber kniete bei seinem -Johannes, dem eine Kugel die Brust durchbohrt hatte. Noch atmete er; -ein seliges Lächeln schwebte auf den erbleichenden Lippen. Schluchzend -küßte Friedel die hohe, kalte Stirn und rief ihm zu: „Leb’ wohl, -Herzensfreund! Gott vergelte dir deine Liebe und Treue!“ Dann war es -vorüber. Seine Sehnsucht war erfüllt; er stand anbetend vor Gottes -Thron mit seiner Luise!</p> - -<p>Nun war das einzige Band zerrissen, das den Jüngling an das Heer -geknüpft. Was ging ihn der König und seine Kriege an? War er doch kein -Preuße! Aber für jetzt lähmte die Trauer um Johannes seine Kraft; auch -war die Gegend der Flucht nicht günstig.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p> - -<p>Einige Tage später marschierte sein Regiment in der Abenddämmerung am -Waldesrand. Die Ordnung konnte nicht streng aufrechtgehalten werden; -matt und hungrig blieben viele zurück, auch Kranke und Verwundete gab -es genug. Friedel befand sich bei der Nachhut. Da fielen plötzlich -Schüsse aus dem Waldesdunkel; bewaffnete Bauern hatten sich darin -versteckt. Mehr als ein Kriegsmann lag schwer getroffen am Boden; -auch Friedel fühlte einen heftigen Stoß gegen die Brust und stürzte -betäubt ins hohe Waldgras. Als er erwachte, war’s finstere Nacht. War -er wohl verwundet? Schmerzen hatte er nicht, fühlte auch kein Blut; -nur waren ihm die Glieder steif von dem kalten, feuchten Lager. Als -alles totenstill blieb, erhob er sich und merkte, daß er ganz allein -war. Im Brotbeutel fand sich zum Glück noch eine harte Rinde, die -ihm den nagenden Hunger stillte, und bald dämmerte der Morgen. Im -matten Lichtschimmer sah er hie und da einen Kameraden tot liegen. -Ihn selbst hatte Gottes Hand wunderbar bewahrt. Vorn im Waffenrock -war ein rundes Loch; und als er ihn öffnete, sah er, daß das kleine -uralte Gesangbüchlein des Großvaters, das er erst am Abend in den Busen -gesteckt, weil’s im Tornister keinen Raum fand, ihn vom sicheren Tode -gerettet hatte. Eine Kugel hatte den dicken Ledereinband durchbohrt, -war aber in den Blättern stecken geblieben. Auf den Knien dankte er -Gott für sein junges Leben, das ihm doch noch so lieb und kostbar war. -In demselben Augenblick erhob sich die Sonne am östlichen Himmel.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p> - -<p>Nun galt’s keine Zeit zu verlieren. Seinen Fluchtplan hatte er schon -längst im Kopfe. Er wußte, daß er, wenn es ihm gelang, das im Westen -sich hinstreckende Gebirge zu übersteigen, die bayrische Grenze und -die Stadt Passau leicht erreichen konnte. Johannes hatte es auch -gesagt. Aber wehe ihm, wenn er sich in preußischer Uniform allein -durch böhmische Dörfer wagen würde! Als er nun tiefer in den Wald -drang, um seinen Durst an den reichlich wachsenden Brombeeren zu -stillen, lag da vor seinen Füßen der tote Körper eines der tückischen -Bauern, die gestern abend aus dem Hinterhalt geschossen hatten. Eine -preußische Kugel hatte ihm die Stirn zerschmettert; die grobe Kleidung -war unversehrt, auch nirgends mit Blut befleckt. Ein grausig Geschäft -war’s für den guten Jungen, den starren Leichnam auszuziehen und sich -selbst den groben Kittel, die Lederhosen und plumpen Schuhe anzulegen. -Er tat’s mit zitternden Händen; aber es mußte ja sein! Im Hosensack -fand sich ein Beutelchen mit etwas Geld; viel war’s nicht, aber doch -ein Schatz für den Einsamen. Fast noch lieber war ihm ein dickes Stück -Schwarzbrot, das im Kittel stak. Den Zopf schnitt er sich mit seinem -Messer ab; wirr und struppig war das Haar schon von selbst. Nun verbarg -er Uniform und Waffen in dichtem Gestrüpp; nur das Gesangbuch, das -Tüchlein und den Ring für Ännchen und seinen hölzernen Becher nahm er -mit. Blindlings, ohne Weg und Steg, drang er in den Wald hinein, immer -bergauf, ohne einem Menschen zu begegnen. Mit dem kostbaren Brot ging -er sparsam<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> um; gab’s doch im Walde so manches, das den Hunger stillte, -besonders jetzt in der Herbstzeit. Beeren, Nüsse und Pilze genug, auch -eßbare Wurzeln, die ihn Tobi vor Jahren kennen gelehrt.</p> - -<p>Gegen Abend stand er auf freier Bergeshöhe, nachdem er den ganzen Tag -keinem Menschen begegnet. Es war ein schwach bevölkerter Landstrich; -dichter Wald ringsum, nur in der Ferne hie und da ein Dörfchen oder -vereinzelte Höfe. Trotz der Trauer um den Freund, trotz der ungewissen -Zukunft schwoll dem Jüngling das Herz vor Freude und Hoffnung. Er -breitete die Arme aus, als wolle er die ganze Welt umfassen, tat einen -gewaltigen Luftsprung und rief: „Gottlob! Ich bin frei! frei! frei!“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Die_alte_Heimat">8. Die alte Heimat.</h2> - -</div> - -<p>Es war ein rauher, stürmischer Herbstabend. Wild flogen die schwarzen -Wolken über den Himmel und sandten eiskalten, mit Schneeflocken -vermischten Regen auf die Erde nieder. In den Gassen der Stadt Passau -war’s still und öde; wer nicht hinaus mußte, blieb heute gewiß im -traulichen Stübchen. Auch der gute alte Pfarrer, der dem Friedel vor -sechs Jahren so freundlich geraten und geholfen, saß in der warmen Ecke -hinter dem Kachelofen, behaglich sein Pfeifchen rauchend. Das dicke -Buch, in dem er gelesen, hatte er weggelegt und plauderte mit seiner -spinnenden Frau. Da trat die junge Magd herein und sprach ängstlich:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span></p> - -<p>„Herr Pfarrer, draußen steht ein wüster Gesell, arg zerrissen, bleich, -mit funkelnden Augen und wirrem Haar. Ich reichte ihm ein Stück Brot; -da sagte er, er sei krank und möge nicht essen. Aber mit Euch müsse er -sprechen; sonst ginge es schlimm!“</p> - -<p>„Der arme Mensch! Bei diesem Wetter draußen und noch krank dazu!“ -erwiderte der gute Mann. „Bring’ ihn nur gleich herein.“</p> - -<p>Zögernd gehorchte die Magd; blieb aber dicht vor der Tür stehen, um -gleich beispringen zu können, falls der wilde Gesell Böses im Schilde -führte gegen ihre liebe alte Herrschaft. Der aber blieb auf der -Schwelle stehen, um den sauberen Fußboden nicht zu beschmutzen, und -begann mit matter, heiserer Stimme: „Herr Pfarrer, gelt, Ihr kennt -mich nimmer? Ach, vor sechs Jahren sah ich wohl schmucker aus! Ich -bin ja der Salzburger, dem Ihr damals so freundlich beistandet. Ach, -ich möcht’ heim und kann doch nicht! Geschafft hab’ ich wacker, wo -ich konnte; aber ’s geht nicht mehr. Mir ist so angst; ich bin voller -Schmerzen. Ach, laßt mich nicht auf der Straße sterben!“</p> - -<p>Er schlug die Hände zusammen, wankte und wäre umgesunken, hätten ihn -die beiden Alten nicht gestützt und mit Mühe auf das buntgeblümte -Ruhebett niedergelegt.</p> - -<p>Bald darauf trat heftiges Fieber ein. Er meinte, ein Werber verfolge -ihn, und war kaum auf dem Lager zu halten; dann weinte er wieder -um einen gefallenen Freund und um ein Ännchen und bat endlich mit -wehmütiger Stimme, man sollte ihn im<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Walde beim Großvater begraben. Es -wurde eine schwere, lange Krankheit, die sich der Jüngling wohl durch -häufiges Übernachten im Freien, durch allzu anstrengende Märsche bei -schmaler Kost und hoher Gemütsaufregung zugezogen hatte.</p> - -<div class="figcenter illowe45" id="illu_131"> - <img class="w100" src="images/illu_131.jpg" alt="Friedel ist krank." /> -</div> - -<p>Als endlich seine starke Natur mit Gottes Hilfe die Krankheit überwand -und ihm die Kräfte langsam wiederkehrten, war der Winter mit voller -Gewalt eingezogen, und an Weiterwandern nicht zu denken. Sollte er wohl -nun an Ännchen schreiben? Nein, doch nicht! Leicht konnte der Brief in -fremde Hände kommen. Wer weiß, ob Franzl noch lebte! War er doch schon -vor sechs Jahren ein recht alter Mann gewesen. Ob Ännchen und Tobi dann -noch auf dem Hofe sein würden, war sehr zweifelhaft.<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> Vielleicht hatte -ihnen Peter schon längst den Weg gewiesen!</p> - -<p>Gern blieb der Genesende einige Monate lang bei seinen barmherzigen -Pflegern, deren stiller, netter Haushalt ihm nach der wüsten -Soldatenwirtschaft wie ein Paradies erschien. Allerlei Handarbeit, -durch die er einige Groschen verdienen konnte, fand sich bald. Daneben -tat er seinen Wirten zulieb und zu Dienst, was nur ein guter Sohn den -Eltern tun konnte. Seine Vergangenheit und seine Zukunftspläne legte -er ihnen offen dar und war herzlich froh, daß der Pfarrer gegen das -Auswandern nichts einzuwenden hatte.</p> - -<p>Die Zahl derer, die übers Meer zogen, um der Tyrannei der Edelleute, -der List der Werber und der allgemeinen Volksnot zu entfliehen, war zu -jener Zeit sehr groß. Es waren nicht die schlechtesten Leute, die die -Gefahren einer solchen Reise und die Mühseligkeiten des neuen Anbaues -nicht scheuten, um nur freie Männer zu werden und das Stückchen Land -unter ihren Füßen ihr Eigentum nennen zu dürfen.</p> - -<p>Mit gutem Rat und reichlicher Reisekost versehen, schied der Wanderer -endlich von den Pfarrersleuten, ihnen tausendmal Gottes Segen -wünschend. Wüst, elend und zerrissen hatte er die Stadt betreten; -schmuck und sauber verließ er sie im redlich erworbenen neuen -Anzug, ein leichtes Bündel auf dem Rücken mit mancher Gabe aus dem -Leinenschrank der Pfarrerin.</p> - -<p>Das Land lachte in Frühlingspracht wie vor sechs Jahren, als er mit -Joseph ausgezogen; er selbst aber<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> war anders geworden, und der -frische, leichte Mut wollte nicht wiederkehren. Einsam zog er seine -Straße, wich jedem aus und suchte in der Nachtherberge schnell sein -Lager auf, ohne sich in die lustige Gesellschaft in der Wirtsstube zu -mischen. Ach, auch in Bayern gab es ja Werber, wenn sie auch nicht ganz -so frech waren wie die preußischen. In jedem stattlichen Manne, der -ihn etwa anredete, vermutete er seinen solchen, und machte oft weite -Umwege, um ihm ja nicht wieder zu begegnen.</p> - -<p>In den heimatlichen Bergen fühlte er sich ein wenig sicherer; -sie umstanden ihn wie eine Schutzmauer und grüßten ihn wie alte -Jugendfreunde. Aber nun überfiel ihn die Angst, ob und wie er wohl -Ännchen wiederfinden werde. Sie war ein so liebliches Kind gewesen, als -er sie verließ; wie schön mochte sie nun geworden sein! Andere würden -das auch gesehen haben! Dieser Gedanke fuhr ihm oft wie ein Stich durch -Herz.</p> - -<p>In tiefes Sinnen versunken, wanderte er eines Tages über eine -Hochebene und war seines Weges nicht ganz sicher. Die Gegend war ihm -unbekannt, und doch konnte es nicht mehr weit sein zum Steinhof. Er -mußte wohl einen falschen Fußpfad eingeschlagen haben und sah in der -Ferne ein Dörfchen liegen. Er schritt darauf zu und fragte am Wege -spielende Kinder nach seinem Namen. „Windeck heißt’s“, war die Antwort. -„Windeck!“ Das war der Name, den ihm Tobi gesagt beim letzten Abschied -von der Talmühle! Dort drüben lag wohl die wüste, mit<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Felsbrocken -besäte Fläche, die er vom steilen Seeufer aus gesehen. Ja, jetzt -entdeckte er auch das einsame, von Bäumen umgebene Haus, nach dem seine -scharfen Kinderaugen oft sehnsüchtig hinübergeschaut. Schnell war -sein Entschluß gefaßt. Nicht den Steinhof wollte er zuerst aufsuchen, -sondern die verfallene Mühle, an die sich so reiche Erinnerungen -knüpften.</p> - -<p>Viel weiter und beschwerlicher war der Weg, als er geglaubt. Ja, es -war gar kein Weg, sondern eine wilde, ganz verlassene Einöde, an die -sich wahrscheinlich allerlei Aberglaube knüpfte. Aber endlich stand er -doch am Ufer des Bergsees und stieg mit leichter Mühe herab. Das Wasser -stand so hoch, daß nur ein ganz schmaler Streifen sandigen Ufers an der -Felswand hinführte, und die Wellen ihm oft die Füße netzten, ehe er die -rechte Stelle erreichte und mühsam emporklomm.</p> - -<p>War’s nicht, als lege sich ihm eine schwere Hand auf die Schulter -wie ehemals? Stand nicht des Talmüllers hohe Gestalt hinter ihm? Ach -nein; nur in Gedanken durchlebte er alles noch einmal! Ringsum war’s -totenstill. Die Sonne war nahe am Untergehen; er mußte sich aufraffen -aus den Jugendträumen, um vor völligem Dunkelwerden die Mühle zu -erreichen. Dort wollte er einsam übernachten im Schutz der verfallenen -Mauern und am andern Morgen durch den Felsengang den Steinhof aufsuchen.</p> - -<p>Langsam schritt er durch den duftigen Frühlingswald. Die Pfade, -die seine und Ännchens kleine Füße ehemals getreten, waren längst -überwachsen; alles<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> ringsum zeugte von völliger Verlassenheit. Hier -am Bächlein unter den Birken war Ännchens Lieblingsplatz gewesen; -dort auf jenem bemoosten Felsblock hatte sie Kränze gewunden und ihm -staunend zugehört, wenn er kühne Zukunftspläne entwarf. Was war aus -ihnen geworden? Ach, kam er nicht ärmer zurück, als er gegangen? -Würden sie ihn nicht verachten auf dem Steinhofe, wo Geld und Gut so -viel galt? „Mögen sie“, dachte er. „Ein treues Herz bring’ ich mit und -ungebrochenen Mut. Gott ist reich, stark und barmherzig; er wird uns -wohl ins Land der Freiheit führen!“</p> - -<p>Nun mußte das alte, traute und doch etwas märchenhafte Heim ganz nahe -sein. Unwillkürlich trat er leise auf und bog geräuschlos die Zweige -auseinander, die überall den Zugang versperrten. Jetzt trat er auf den -freien Platz, der nun hie und da mit Gestrüpp bewachsen war. Dort stand -die verfallene Mühle; es war eben noch hell genug, sie zu erkennen. -Eine seltsame Scheu hielt den Jüngling ab, näher zu treten; er setzte -sich auf einen Stein, wo er ehemals oft lesend oder träumend gesessen. -Wie still war alles, wie öde! Nur über ihm in den Zweigen sang eine -Nachtigall ihr schwermütig Lied. Wie, wenn Ännchen tot wäre, und man -sie bei der Mutter begraben hätte? Wo kam ihm der Gedanke her, der -ihm brennende Tränen aus den Augen trieb? Was war das für ein Glanz? -Licht in der Mühle? O nein! Der Mond ging auf und goß milden Schein -über das düstere Gemäuer aus. Den Kopf in die Hand gestützt, saß der<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> -Jüngling; aus seinem Herzen stieg ein inniges Gebet zu Gott empor für -das Mägdlein, das er so innig liebte.</p> - -<p>Aber jetzt fuhr er auf! Kalter Schauer durchrieselte ihn. In der tiefen -Einsamkeit vernahm er plötzlich süßen Gesang! Erst waren’s ferne, leise -Töne, dann ward’s lauter, und er vernahm aus den öden Mauern die Worte -eines Liedes, das er von klein auf gekannt und geliebt:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Keine Schönheit hat die Welt,</div> - <div class="verse indent0">Die mir nicht vor Augen stellt</div> - <div class="verse indent0">Meinen schönsten JEsum Christ,</div> - <div class="verse indent0">Der der Schönheit Ursprung ist.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Oft gedenk’ ich an dein Licht,</div> - <div class="verse indent0">Wenn der frühe Tag anbricht.</div> - <div class="verse indent0">Ach, was ist für Herrlichkeit</div> - <div class="verse indent0">In dem Licht der Ewigkeit!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Seh’ ich dann den Mondenschein</div> - <div class="verse indent0">Und des Himmels Äugelein,</div> - <div class="verse indent0">So gedenk’ ich: Der dies macht,</div> - <div class="verse indent0">Hat viel tausend schön’re Pracht.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Lieblich singt die Nachtigall;</div> - <div class="verse indent0">Süß erklingt der Flöten Schall.</div> - <div class="verse indent0">Aber über allen Ton</div> - <div class="verse indent0">Ist das Wort: ‚Mariensohn!‘“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Friedels Angst war bald geschwunden. Ja, es beschlich ihn eine süße, -wunderbare Ahnung, die ihn trieb, in die letzte Strophe mit hellem Ton -einzustimmen.</p> - -<p>Aber horch! Welch schreckliches, unheimliches Brummen tönte jetzt -aus dem alten Gemäuer? In tollen, seltsamen Sprüngen kam eine -kleine vermummte<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Gestalt drohend auf den Jüngling zu. Der aber war -aufgestanden und erwartete ruhig die geheimnisvolle Erscheinung.</p> - -<p>„Tobi, alter guter Tobi!“ rief er. „Laß doch die Mummerei! Kennst du -mich denn nicht mehr?“</p> - -<p>Da stand die dunkle Gestalt still, ein paar scharfe Augen blickten aus -dem Bärenfell dem Gaste ins lächelnde Antlitz. Plötzlich aber ward die -Verhüllung abgeworfen, und mit dem Rufe: „Er ist’s, der Totgeglaubte!“ -hing der treue Knecht an Friedels Halse.</p> - -<p>Herzlich erwiderte dieser die Liebkosung, machte sich jedoch bald los -und blickte unverwandt nach dem Hause hinüber. Siehe, da fiel das -Silberlicht des Mondes auf die niedere Türöffnung und bestrahlte die -schlanke jungfräuliche Gestalt, die ganz still auf den verfallenen -Stufen stand! In leichten Wellen umfloß das goldene Haar ihre -Schultern; das schlichte Gewand von grobem Linnen glänzte im Mondschein -wie weiße Seide.</p> - -<p>Eine Weile stand Friedel ins Anschauen versunken. Die Überraschung, das -Glück war allzu groß! Dann flog er mit ausgebreiteten Armen auf die -liebliche Erscheinung zu und drückte sie mit Freudentränen ans treue -Herz.</p> - -<p>„Du bist mein!“ flüsterte er. „Die Mutter gab dich mir, ehe sie starb! -Ihr Segen ruht auf uns!“</p> - -<p>„Ja, dein bin ich!“ erwiderte sie leise. „Ich wußte, daß du kommen -würdest. Alle hielten dich für tot; mir sagte mein Herz, daß du -lebtest. O, schütze mich, Geliebter, rette mich!“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p> - -<p>„Droht dir Gefahr?“ fragte Friedel erschrocken.</p> - -<p>„Hier nicht; hier bin ich sicher. Tobi wird dir alles erzählen. O Gott, -wie gnädig bist du, daß du mir den Treuen sandtest, nun, da ich ganz -heimatlos bin! Dir wollen wir dienen, dir wollen wir danken unser Leben -lang!“</p> - -<p>Nun trat auch Tobi hinzu, und sie führten den Gast in die verödete -Stube, die jedoch sauber und rein war. Schnell ward auf dem Herd ein -helles Feuer entzündet und der Suppenkessel darüber gehängt. Auf zwei -Schemeln und einem alten Kasten saßen die drei um die Flamme und -sprachen gar wenig. Die Freude des Wiedersehens war allzu groß!</p> - -<p>Der Wanderer nahm ein sorgfältig eingehülltes Päckchen aus der -Brusttasche, das den Ring und das verblichene Seidentüchlein enthielt, -das er am ersten Tage seiner Wanderschaft gekauft. „Meine Treue wankt -nie!“ sprach er leise, während er den Ring an Ännchens Finger steckte -und das Tüchlein um ihren Hals schlang. „Aber wenn meine Hoffnung -wanken wollte, blickte ich diese Gaben an. Ich wußte, daß ich sie dir -bringen würde!“</p> - -<p>Daß eine schwere Gefahr diese beiden in diesen Zufluchtsort getrieben -hatte, merkte Friedel gar wohl. Oft hielt sich Ännchen wie hilfesuchend -an seinen Arm, und ihre schönen Augen blickten angstvoll ins Weite.</p> - -<p>Als aber die Abendsuppe fertig war, und die beiden jungen Leute -zusammen aus dem Kessel aßen, während Tobi in Ermangelung eines dritten -Löffels aus einem hölzernen Schüsselchen trank und große Stücke<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> -Schwarzbrot dazu verzehrte, ward die Stimmung etwas freier, und die -Zungen lösten sich allmählich.</p> - -<p>Nur in kurzen Zügen berichtete Friedel für heute seine Schicksale und -fragte dringend, warum man seinen langen Brief ohne Antwort gelassen. -Ach, er war nie in die Hände der Freunde gekommen! Die Nachricht aus -der sächsischen Mühle war das Letzte gewesen, das man von ihm erhielt. -Die Post war ja zu jener Zeit keineswegs so sicher wie in unsern Tagen. -Manche Postkutsche ward von Wegelagerern überfallen und ausgeraubt; -manche stürzte auf den bodenlosen Straßen um, so daß der Inhalt durch -Wasser oder Kot schwer beschädigt wurde.</p> - -<p>Als nun ein Jahr ums andere verflossen war, ohne Kunde von dem Wanderer -zu bringen, hatten ihn die wohlgesinnten Bewohner des Steinhofs für -tot gehalten. Peter aber hatte gemeint, es werde ihm wohl draußen so -gut gehen, daß er der alten Freunde nimmer gedenke. Es gäbe noch mehr -hübsche Mägdlein in der Welt als die verlassene Waisendirne. Solche -Worte schnitten zwar Ännchen bitter ins Herz, aber Glauben schenkte sie -ihnen keinen Augenblick. Nach und nach erst war sie sich ihrer innigen -Liebe zu dem Verschollenen recht bewußt geworden. Nun aber hoffte sie -zuversichtlich auf seine Rückkehr und saß am Feierabend gar oft auf -der Felsplatte, um nach ihm auszuschauen. Endlich mußte er kommen, das -sagte ihr eine innere Stimme, die nicht trügen konnte.</p> - -<p>Unter solchen Gesprächen war es spät geworden. Die drei Einsamen -beteten laut miteinander den Psalm<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> vom guten Hirten, der auch im -finsteren Tale bei ihnen war, und suchten ihr Lager auf. Für Tobi und -Friedel lag eine Schicht Heu in der Ecke der Stube; Ännchen hatte im -Kämmerlein eine etwas bessere Ruhestätte. Trotz der hohen Erregung -seines Gemütes sank der Jüngling fast augenblicklich in festen Schlaf, -und liebliche Träume umspielten sein dürftiges Lager.</p> - -<p>Am nächsten Morgen aber war er zeitig munter und schlüpfte geräuschlos -hinaus zu Tobi, der eben eine schöne weiße Ziege molk. Am klaren, -sprudelnden Mühlbach wuschen sie sich und gingen dann in taufrischer -Morgenluft unter den Bäumen auf und nieder. Tobi konnte sich nicht -satt sehen an der hohen, stattlichen Gestalt seines Schützlings, der -schweigsam und nachdenklich neben ihm her schritt.</p> - -<p>„Darfst du mir nun sagen, warum du mit dem holden Kinde in dieser -Einsamkeit hausest?“ fragte er endlich.</p> - -<p>„Gewiß! Viel, viel hat sich auf dem Steinhof verändert; aber dieses -sollst du zuerst erfahren. Daß du kein Wort davon zu Ännchen reden -darfst, wird dir dein eigen Herz sagen. Du siehst ja, wie lieblich sie -ist. Ach, andere sahen es auch, aber mit bösen, lüsternen Blicken! -Auf dem Schlößlein oben am Ausgang des Tales geht’s jetzt lebhaft zu. -Der alte Edelmann hat es seinem Sohne geschenkt, und der hält Hof in -Saus und Braus, säuft sich voll mit wilden Gefährten, schindet die -Bauern, zertrampelt die Saat mit Rossen und Jagdhunden, und was so edle -Vergnügungen mehr sind. Wirst’s ja draußen in der<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> Welt gesehen haben, -wie’s die Junker treiben! Ännchen ging selten mit aufs Feld; ja, sie -verließ in letzter Zeit kaum das Haus, weil sie den Franzl pflegte, der -schon lange schwach und elend zu Bett liegt. Es ist etwa zehn Tage her, -da klagte er über heftige Schmerzen in den Gliedern, und das Kind lief -eilend auf die Wiesen, um heilsame Kräuter zu lindernden Umschlägen -zu suchen. Wie sie nun gebückt am Waldesrand hingeht und emsig in die -Schürze sammelt, steht plötzlich der Junker vor ihr. Ein schöner Bursch -ist er und aufgeputzt mit Samt und Seide, daß es eine Art hat. Was er -zu ihr gesagt, weiß kein Mensch; sie brach in Tränen aus, als wir sie -danach fragten. Den Arm wollte er um sie schlingen; da flog sie davon -wie ein Reh und fiel ohnmächtig nieder, als sie den Hof erreichte. Aber -sie war auch dort nicht sicher! Zum Glück saß sie im Auszugstübel beim -Alten, als am zweiten Tage der wüste Junker auf den Hof kam und fragte, -wo die nette Dirne sei, die letzthin Kräuter gesucht. Er wolle sie -haben in die Schloßküche.“</p> - -<p>„Wo ist der Bösewicht?“ rief Friedel ganz außer sich. „Zerdrücken will -ich ihn wie einen Wurm!“</p> - -<p>„Sei kein Tor!“ mahnte Tobi. „‚Die Rache ist mein, ich will vergelten!‘ -spricht der HErr. – Gut war’s, daß Albrecht, der brave älteste Sohn -des Franzl, allein auf dem Hofe war, und nicht etwa der mißgünstige -Peter, der das arme Kind schon lange scheel ansieht. ‚Sie war aus -dem Niederland, wo wir Freundschaft haben‘, erwiderte Albrecht; ‚ist -aber gestern in aller Frühe abgereist. Es gefiel ihr nimmer<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> hier.‘ -Der schlechte Mensch sah ihn mit bösem Blicke an, als glaube er ihm -nicht recht, und ging mit drohender Gebärde von dannen. Nun riet der -Franzl, ich solle mit dem Kinde auf eine Zeitlang weiter hinauf ins -Gebirge ziehen; einen guten Zehrpfennig wolle er uns mitgeben, und -Arbeit und Obdach würden wir bald finden. Ännchen sei ja so wunderklug -und geschickt zu jedem Geschäft. Hierbleiben dürfe es für jetzt nicht. -Da hat es aber gebeten und gefleht, man solle es nur noch zehn Tage -lang hier in der alten Mühle auf dich warten lassen; du würdest nun -ganz gewiß kommen. Niemand hat’s geglaubt, auch ich nicht; aber Franzl -sprach: ‚Tu ihr den Willen! Gott kann wohl ihre Zuversicht lohnen.‘ -Und so ist’s geschehen! ’s ist heute just der zehnte Tag, seit ich -mit ihr, der Ziege und einem Sack voll Mundvorrat hierher kam durch -den Felsengang. Der ist nicht mehr so sicher und bequem; allerlei -Steingeröll hat sich abgelöst und versperrt oft den Weg fast ganz. -Vor dem Ausgang auf den Hof haben wir, bald nachdem du fort warst, -Fliederbüsche angepflanzt, die ihn jetzt verbergen. In den ganzen sechs -Jahren ist niemand durchgegangen als ich von Zeit zu Zeit. Ich wollte -hier nicht alles verwildern lassen. Und wenn’s Streit und Zank gab auf -dem Hofe, bin ich manches Mal hierher entwichen, um Ruhe zu haben.“</p> - -<p>„Streit und Zank?“ fragte Friedel. „Das gab’s sonst nicht.“</p> - -<p>„Aber jetzt! Dein Buch hat’s gemacht! Wirst’s merken, wenn du -hinkommst.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p> - -<p>„Gott geb’ nur, daß mir der Junker nicht begegnet! O, wenn ich ihn hier -unter der Faust hätte!“</p> - -<p>„Sei ruhig! Sieh, dort steht Ännchen an der Tür und winkt uns zur -Morgensuppe.“</p> - -<p>Ja, Friedel hatte draußen in der Welt genug gehört von dem gottlosen -Tun und Treiben der Junker, um zu wissen, daß er sein Ännchen sobald -als möglich fortführen müsse. Wie sollte er’s machen, da er ja blutarm -war? Nun, der Franzl war ein kluger Mann, der würde ihm das Beste -raten. Als die drei zusammen die lieben Gräber besucht hatten, machte -er sich allein auf den beschwerlichen Weg durch den Felsengang.</p> - -<p>Groß war das Erstaunen der Leute auf dem Steinhofe, als der -Verschollene frisch und munter vor ihnen stand. Man hatte ihn längst -für tot gehalten. Von Albrechts Familie ward er aufs freundlichste -empfangen, während ihn Peter mit unverhohlenem Widerwillen ansah. Es -konnte nicht lange verborgen bleiben, daß er ebenso arm heimgekehrt -sei, als er gegangen war, und Peter fragte mit spöttischem Lachen:</p> - -<p>„Wo steht denn nun die prächtige Mühle, wohin du die Betteldirne führen -willst? Wohl im Schlaraffenland, wo’s Semmeln schneit und Würste -regnet? In des Edelmanns Küche hätte sie’s vielleicht besser bekommen.“</p> - -<p>Blutrot im Gesicht sprang Friedel empor und ballte die kräftige Faust; -aber Albrecht hielt ihn fest und warnte: „Kein Kampf in unsers Vaters -Haus! Höre nicht auf ihn. Komm zum Vater; da ist Friede!“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p> - -<p>Im Auszugstübchen, in demselben Bett, wo Ännchens Mutter selig -gestorben, lag der ehemals so starke, tatkräftige Mann hilflos wie ein -Kind. Die Beine waren durch die Gicht gelähmt, die Hände schwach und -zitternd; nur der Geist war noch frisch und ungeschwächt. Lang und -silberweiß umgaben Haar und Bart das abgemagerte, friedvolle Antlitz -des Greises. Der selbstbewußte, etwas strenge Ausdruck war ganz daraus -gewichen.</p> - -<p>Sein Staunen über Friedels plötzliche Ankunft war nicht so groß, wie -man gedacht hatte; eine innere Stimme mochte ihm gesagt haben, daß der -allmächtige Gott das Vertrauen des Mägdleins in Gnaden lohnen werde.</p> - -<p>Der Wanderer hatte viel mit dem Kranken zu sprechen von Vergangenheit -und Zukunft und verweilte mehrere Tage auf dem Hofe. Teils durch -Albrecht, teils durch Franzl selbst erfuhr er, daß es hier im kleinen -so gegangen sei, wie’s allezeit in der Welt im großen geht. Der alte -Hausherr hatte nach manch schwerem inneren Kampfe das Heil seiner Seele -in Friedels Buch gefunden. Seine eigene Tugend war ihm mehr und mehr -als ein unflätig Kleid erschienen, das er gern abwarf, um sich mit -der reinen Seide der Gerechtigkeit Christi zu schmücken. Albrecht war -ihm mit Weib und Kind auf diesem Himmelswege gefolgt, während Peter -mit den Seinen sich verächtlich davon abwandte. Zwiespalt und Streit -war durch ihn entstanden; ja, er hatte sogar gedroht, das Buch dem -Priester zu bringen und die Hausgenossen als<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Ketzer zu verklagen. Die -Ehrfurcht vor dem Vater hatte ihn wohl bisher abgehalten, diese Drohung -auszuführen; was er aber tun würde, wenn dieser die Augen schloß, -konnte niemand wissen. Darum hatte Albrecht den Entschluß gefaßt, nach -des Vaters Tode dem Bruder den Hof zu überlassen und mit Weib und Kind -in die Augsburger Gegend zu ziehen, wo es evangelische Gemeinden gab.</p> - -<p>Am dritten Tage saß Friedel am Bett des Alten und sprach mit ihm von -der weiten Land- und Seefahrt, die er antreten wollte. Mit Staunen -vernahm Franzl, wie unermeßlich groß die Entfernung und wie gefahrvoll -die Reise sei.</p> - -<p>„Hast du denn auch Geld in der Tasche, mein Sohn?“ fragte er endlich.</p> - -<p>„Sehr wenig. Ich verdiente etwas in Passau; auch gab mir der Pfarrer -ein Zehrgeld. Tobi hat auch seit Jahren alles aufgespart, was Ihr ihm -etwa an Festtagen schenktet. Es ist ein straffes Beutelchen. Wenn wir -uns als Schiffsknechte vermieten, kommen wir wohl den Rhein herab, -vielleicht auch bis England. Dort aber gibt’s gute Leute, die sich -lutherischer Auswanderer annehmen, besonders der Salzburger. Das sagte -mir mein Johannes und auch der Pfarrer.“</p> - -<p>„Und Ännchen?“ fragte Franzl lächelnd. „Soll sie auch als Schiffsknecht -arbeiten?“</p> - -<p>„O, für Ännchen sorgt Gott gewiß!“ rief Friedel. „Es darf keinen Mangel -leiden.“</p> - -<p>„Da hast du recht! Aber Gott sorgt oft durch Menschenhand. Du weißt -wohl kaum, wieviel man<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> bedarf für eine solche Reise. Rufe mir doch den -Albrecht her, wenn er daheim ist.“</p> - -<p>„Er schafft im Garten; Peter und seine Leute sind auf dem Felde.“</p> - -<p>Albrecht kam. Der Vater gab ihm einen kleinen Schlüssel, den er unterm -Kopfkissen verborgen hatte. „Geh’ in den hinteren Keller“, sprach er, -„und öffne die Tür in der linken Ecke. Noch nie öffnete sie eine andere -Hand als die meine. Was du in dem Loch findest, das bringe her.“</p> - -<p>Es währte eine Weile, ehe Albrecht wiederkam, denn das Schloß war sehr -verrostet gewesen. Er trug eine kupferne Schachtel, die schwer und -fest geschlossen war. Mühsam richtete sich der Greis im Bette auf und -öffnete, auf eine verborgene Feder drückend, den Deckel. Mit Staunen -sah Friedel, daß das Gefäß bis zum Rande mit Gold- und Silbermünzen -gefüllt war.</p> - -<p>„Das ist der Sparpfennig meines langen arbeitsreichen Lebens; ja, ein -Teil davon stammt noch von meinem Vater her. Gott segnete mich so -reich, daß ich es zurücklegen konnte, ohne jemand davon zu sagen. Du, -mein Albrecht, warst mir ein treuer Sohn, und dir, als dem Ältesten, -gebührt von Rechts wegen der Steinhof. Aber du hast das gute Teil -erwählt und willst in die Fremde ziehen, um Gottes Wort zu haben mit -den Deinen. Nimm jenes Tuch und breite es vor mir aus.“</p> - -<p>Albrecht gehorchte, und der Alte schüttete ungezählt ein Häuflein Gold -und Silber hinein. „Dies nimm zur Gründung einer neuen Heimat und zur -Erziehung deiner noch unversorgten Kinder.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p> - -<p>Nun forderte er noch ein Tüchlein, füllte es mit geringerer Menge und -reichte es Friedel. „Dies ist dein, zum Dank für das heilbringende, -unbezahlbare Buch; und dem holden Mägdlein zum Dank dafür, daß es mich -wie ein Engel gepflegt. Es ist zart und fein; du mußt es wohl hüten -und gut halten auf der langen Reise. Dies dritte Teil aber verschließt -wieder im Keller. Peter wird es nach meinem Tode finden, und vielleicht -wird er’s nötig haben; denn ich fürchte, daß Gottes Segen vom Hofe -verschwinden wird, wenn man Gottes Wort daraus vertreibt.“</p> - -<div class="figcenter illowe44" id="illu_147"> - <img class="w100" src="images/illu_147.jpg" alt="Albrechts Vater verteilt - seine Güter." /> -</div> - -<p>Erschöpft lehnte er sich ins Kissen zurück. Beide küßten seine Hände -und dankten ihm mit Tränen für die überreiche Gabe. Dann trug Albrecht -auf sein Geheiß die Schachtel wieder ins Versteck.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Ins_Land_der_Freiheit">9. Ins Land der Freiheit.</h2> - -</div> - -<p>Einige Tage später hielt der wilde Junker oben im Schlößchen ein großes -Festgelage, wozu viele vornehme Gäste aus der Umgegend geladen waren. -Auch die meisten Hüttenleute waren hinaufgelaufen, um etwas von der -Herrlichkeit zu sehen, die lustige Musik von ferne zu hören, und etwa -ein Stück übrigen Braten aus der Küche zu erhaschen.</p> - -<p>Während es nun oben gar hoch herging, war’s im Steinhofe still und -feierlich. Im Auszugstübchen knieten die drei Auswanderer um Franzls -Bett, und er segnete sie und betete inbrünstig mit ihnen um Schutz und -Hilfe auf der gefahrvollen Reise. Lange ruhte seine welke Hand auf -Ännchens blondem Haupt, und große Tränen rollten ihm dabei über die -eingefallenen Wangen. Er liebte die junge Braut wie sein eigen Kind. -Auch von Albrecht und seiner Familie gab’s einen schweren Abschied. -Peter hatte sich hinaus aufs Feld gemacht ohne ein Wort des Lebewohls.</p> - -<p>Bald darauf fuhr ein schmuckes Bauernwäglein durchs stille Tal; -Friedel, Ännchen und Tobi saßen darin, umgeben von inhaltreichen -Bündeln. Unzähligemal schauten sie zurück nach dem Hofe, bis er -endlich ihren Blicken entschwand. So mühselig und reich an Beschwerden -Friedels frühere Wanderungen gewesen waren, so ruhig und sicher ging -die Reise nach Basel vonstatten. Schon nach einigen Tagen fanden sie -eine evangelische Kirche, wo der freundliche Pfarrer dem Friedel sein -Ännchen antraute. In schlichten Reise<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span>kleidern standen sie vor dem -Altar; doch hatte Tobi aus taufrischen Wiesenblumen ein Brautkränzlein -für Ännchen gewunden.</p> - -<p>In Basel bestiegen sie ein Rheinschiff und fuhren den herrlichen Strom -hinab. Die beiden Männer verdienten ihre Fahrt als Schiffsknechte, um -mit Franzls Geschenk sparsam umzugehen. Ännchen nähte und strickte gar -emsig oder schaute verwundert in die große, weite, schöne Welt hinaus, -von der sie bisher nur so wenig gesehen.</p> - -<p>Aber so recht wohl ward dem Friedel erst, als sie in Rotterdam ein -Seeschiff bestiegen hatten und das Land mehr und mehr ihren Blicken -entschwand. Jubelnd drückte er Ännchen ans Herz und rief: „Nun bist du -erst recht mein; nun kann mich kein Werber mehr von dir reißen!“</p> - -<p>Gott fügte es, daß sie auf diesem Schiffe einen erfahrenen, -wohlmeinenden Mann kennen lernten, der sich ihrer annahm und sie dem -Herrn des Auswandererschiffes empfahl. Sehr groß war ihre Freude, als -sie unter den Mitreisenden eine kleine Anzahl Landsleute fanden, die -mit ihnen das gleiche Ziel hatten. –</p> - -<p>Die Salzburger, welche vor Jahren nach der Vertreibung aus ihrer Heimat -nach Amerika ausgewandert waren, hatten im Staate Georgia, nicht -weit von der Stadt Savannah, eine Ansiedlung gegründet, der sie den -Namen Eben-Ezer, d. h. Stein der Hilfe, gaben. Die an Beschwerden so -reiche Zeit des ersten Anbaues war nun überstanden; freundliche Hütten -waren aufgebaut, Gärten grünten und blühten, und die Felder<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> trugen -mancherlei Getreide. Mitten drin, von jedem leicht zu erreichen, erhob -sich ein schmuckes Gotteshaus, Jerusalemskirche genannt. Zwar stand das -Land unter englischer Regierung, doch genossen die Ansiedler, solange -sie sich friedlich und ehrbar hielten, die vollste Freiheit; besonders -hinderte sie niemand daran, ihres Glaubens zu leben.</p> - -<p>Heute, an einem heiteren Spätsommertage herrschte große freudige -Aufregung unter jung und alt. Es war Nachricht gekommen, daß ein im -Hafen von Charleston eingelaufenes Schiff wieder eine Anzahl aus -Salzburg stammender Einwanderer gebracht habe. Diese erwartete man -nun mit Freuden, und jeder wollte gern die neuen Brüder herbergen und -erquicken. Jetzt zeigten sich in der Ferne Staubwolken, als nahten -sich mehrere Wagen. Zum feierlichen Zug geordnet, ging die Gemeinde -den Fremden entgegen und stimmte, sobald die Wagen näher kamen, den -schönen Gesang an: „Lobe den HErren, den mächtigen König der Ehren!“ -Bei den Worten: „Der dich auf Adelers Fittigen sicher geführet“, -hielt der erste Wagen an. Ein schöner, hochgewachsener junger Mann -sprang, kräftig in das Lied einstimmend, herunter und half seiner -zarten, lieblichen Frau sorglich beim Absteigen, während ein seltsames -verwachsenes Männlein die Pferde hielt. Nach und nach kamen auch die -andern heran. In ernster, freundlicher Rede begrüßte sie der Pfarrer; -dann aber ging’s an ein frohes Begrüßen und Händedrücken, bis die Gäste -verteilt waren und von ihren Wirten heimgeführt wurden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p> - -<p>Bald saßen Friedel und Ännchen in der sauberen Hütte eines älteren -Ehepaares und wurden mit dem Besten erquickt, was man nur aufzutragen -hatte.</p> - -<p>„Würdest du wohl“, sprach der Wirt nach der Mahlzeit, „noch einen -kleinen Ausgang machen, ehe ihr die Ruhe sucht? Ich möchte euch -unserm Ältesten vorstellen. Er freut sich innig, daß wir wieder -Zuwachs erhalten; doch hindert ihn sein hohes Alter, an der Begrüßung -teilzunehmen.“</p> - -<p>Sogleich begab man sich auf den Weg, der zwischen wohlgepflegten Gärten -hinführte, und erreichte bald das nette Häuschen des Ältesten. Um den -milden Sommerabend zu genießen, saß er auf der Bank vor der Tür. Er war -ein sehr alter Mann mit weißem Haar und Bart, aber ungemein frischen, -heiteren blauen Augen. Einige hübsche Kinder, wohl seine Enkel, -spielten um ihn her.</p> - -<p>„Hier bring’ ich Euch meine Gäste“, sprach der Ansiedler, „damit -Ihr doch gleich den jüngsten, aber auch den stattlichsten der neuen -Ankömmlinge kennen lernt.“</p> - -<p>Aber was war das? Der Gast hatte dem Greise eine Weile ins Antlitz -gesehen; nun fiel er plötzlich vor ihm nieder und barg, vor Erregung -zitternd, den Kopf in seinen Schoß.</p> - -<p>„Pate Rudi“, rief er, „o lieber, guter Pate Rudi; ich bin ja dein -kleiner Friedel! Im Preußenland wollte ich dich suchen und finde dich -nun in Amerika!“</p> - -<div class="figcenter illowe38" id="illu_152"> - <img class="w100" src="images/illu_152.jpg" alt="Der Pate Rudi." /> -</div> - -<p>Die Freude des ehrwürdigen Alten war ungemein groß; er liebkoste den -hochgewachsenen Mann, als sei<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> er noch ein kleiner Knabe von ehemals, -und schloß die junge Frau, die ihm zärtlich die Hand küßte, gleich in -sein liebreiches Herz. Nun begann ein Fragen und Erzählen, das schier -kein Ende nehmen wollte! Freilich war’s nicht nur Erfreuliches, was -sie einander<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> zu berichten hatten. Rudi war tief ergriffen, als er von -dem schnellen, einsamen Tode seines alten Andreas hörte. Friedel aber -fragte vergebens nach der treuen Magd Zenzi, die so schöne Märlein -erzählt hatte. Sie war auf der Seereise gestorben und harrte in der -Tiefe des Meeres ihrer Auferstehung.</p> - -<p>Indessen war auch Gundel, Rudis verheiratete Tochter, hinzugetreten und -mahnte den Vater, daß es hohe Zeit für ihn sei, zur Ruhe zu gehen. „Du -hast recht!“ sagte der freundliche Greis. „Laß mich nur meinem großen -Patenkind noch schnell sagen, wie es kam, daß ich, statt nach Preußen, -übers weite Meer gezogen bin. In den langen Winterabenden wollen wir -uns dann nach Herzenslust alle unsere Schicksale erzählen. Du weißt -wohl noch, Friedel, wie krank und matt ich war, als wir die traute -Heimat verlassen mußten. Als wir nach Augsburg kamen, glaubte ich mein -Ende nahe und lag lange danieder bei gastfreien Glaubensgenossen. Als -ich unter ihrer treuen Pflege endlich doch genas, waren die meisten der -Gefährten längst weitergezogen, außer einer kleinen Schar, die sich -entschlossen hatte, übers Meer zu ziehen. Mein Schwiegersohn gehörte -mit Weib und Kind dazu, und Gott stärkte mich wunderbar, daß auch ich -die weite, beschwerliche Reise unternehmen konnte. Hier hab’ ich noch -jahrelang rüstig schaffen dürfen, aber nun ist’s vorbei. Ich kann nur -noch ein wenig guten Rat geben und das kleine Volk hüten. Du aber, mein -Sohn, bist jung und stark, und das ist gut. Denn hier gilt’s alle Kraft -dran<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span>setzen und so recht im Schweiße des Angesichts sein Brot essen.“</p> - -<p>Die Wahrheit dieser Worte erfuhr der junge Ansiedler in reichem Maße; -aber auf eigenem Grund und Boden zu arbeiten ist für den rechten Mann -eine Lust. Sehr hatte man sich gefreut, daß er ein gelernter Müller -war, da notwendig eine zweite Mühle gebaut werden mußte. Ehe der -Winter kam, stand sie schmuck und fertig da mit nettem angebauten -Wohnhäuschen, von Garten umgeben. Weiter draußen war das Ackerland, das -Tobi mit großem Eifer zurichtete, damit es im Frühjahr bepflanzt und -besät werden konnte.</p> - -<p>Dieser treue Knecht war im fremden Lande sogleich daheim gewesen. -Schon auf dem Schiffe hatte er als Krankenpfleger, Kinderwärter, Koch -und Flickschneider Wunderbares geleistet und die Herzen der Gefährten -im Sturm erobert. Hier wohnte er zwar in der Mühle, half dem Friedel -wacker und schaffte frühmorgens, wenn noch alles schlief, im Garten, -um es Ännchen zu erleichtern. Dennoch ward er bald der Freund und -Vertraute der ganzen Niederlassung. Wo Not einkehrte, rief man den Tobi -herbei. Und wenn er aufs Feld oder in den Wald ging, lief immer ein -Häuflein Kinder hinter ihm her, denn sie hingen an ihm wie die Kletten.</p> - -<p>Daß die Mühle ein wenig abseits von den übrigen Wohnungen lag, war -allen lieb und recht; besonders freute sich Ännchen darüber, da sie -stets einen Hang zu Stille und Einsamkeit behielt. Während Friedel bald -lebhaften Anteil an dem Wohl und Wehe der<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> kleinen Gemeinde nahm und -gern mit den wackeren Männern verkehrte, verließ Ännchen nur selten ihr -trauliches Heim, das sie so schmuck und sauber hielt wie nur möglich. -Aber wenn die Töne des großen Hornes erschallten, das zum Gottesdienst -rief (eine Glocke besaß man noch nicht), dann ließen beide alle Arbeit -stehen und eilten dem lieben Kirchlein zu.</p> - -<p>O wie herrlich war es, Gottes Wort so reichlich hören und so wohl -lernen zu dürfen! Jetzt erst merkten sie, wie gering ihre Erkenntnis -noch war. Heller und immer heller erleuchtete die himmlische Wahrheit -ihre Seelen, und ihr Glaube ward fest und stark. Auch lernten sie jetzt -erst den Segen christlicher Gemeinschaft kennen. Hatten sie doch bisher -so allein gestanden!</p> - -<p>Auch an Freude und Kurzweil fehlte es nicht ganz. Gar fleißig ward -der Gesang geübt; nicht nur im Kirchlein, auch in Feld und Garten -erklangen die herrlichen Lieder zu Gottes Ehre. Nach treu getaner -Arbeit konnte Friedel mit der Flinte durch den Wald streifen und manch -guten Wildbraten heimbringen, ohne eines Edelmannes Rache fürchten zu -müssen. Gern saß er am Feierabend oberhalb der Mühle am klaren Wasser, -und manch silbernes Fischlein blieb an seiner Angel hängen. In solchen -Stunden flogen seine Gedanken gar oft zurück ins alte Vaterland, in -die Talmühle, zu des Großvaters Hütte, ach, auch an die einsame, öde -Stätte, wo er bei der Leiche seines Johannes gekniet!</p> - -<p>Ein halbes Jahr mochten sie wohl in Eben-Ezer sein, als ein Brief -vom Steinhofe ihnen die Kunde<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> von Franzls seligem Tode brachte. -Sein letztes Gebet war das Verslein gewesen, das ihm Friedel einst -aufschreiben mußte, nachdem Frau Marie gestorben war. Albrecht schrieb, -er rüste nun mit den Seinen zur Wanderung nach Augsburg.</p> - -<p>So weilten nun alle, an denen Friedels und Ännchens Herzen gehangen, -nicht mehr in der alten, sondern in der himmlischen Heimat!</p> - -<p>Aber in der neuen irdischen Heimat ward es bald lebendig. Ein munterer -kleiner Bube, der den Namen Johannes erhielt, strampelte in der Wiege, -die Friedel selbst gemacht. Pate Rudi durfte sich noch an ihm erfreuen -und meinte, er werde groß und stark werden wie sein Vater. „Mag er -immerhin wachsen“, sprach der glückliche Vater; „hier fängt ihn kein -Werber! Aber was Rechtes lernen soll er in unserer lieben Schule, mehr -und besser als ich, um, will’s Gott, vielleicht selbst ein Lehrer zu -werden.“</p> - -<p>Der kleine Johannes war wirklich ein kluges Kind, dazu frisch, kräftig -und überaus liebreich, so daß er das zarte Schwesterlein, das ihn -aus der Wiege und vom Schoß der Mutter verdrängte, mit großer Freude -begrüßte. Es ward Marie genannt und war vom ersten Tage an Tobis -Liebling.</p> - -<p>Nun hatte Ännchen vollends keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, ob -die alte oder die neue Heimat schöner sei. Geschäftig und freundlich -war sie immer, und ihr liebliches Antlitz strahlte in stillem Glück.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p> - -<p>Einmal aber fand Friedel sie an der Wiege des Kindes sitzend, in tiefes -Sinnen versunken, mit Tränen in den Augen.</p> - -<p>„Was bekümmert dich?“ fragte er. „Hat dir jemand ein Leid getan?“</p> - -<p>„O nein! Ich gedachte nur der verlassenen Gräber im heimatlichen Tale. -Kein Mensch wird ihnen mehr nahen; kein Blümlein wird mehr darauf -gelegt werden. Vielleicht sind sie schon eingesunken und nicht mehr zu -erkennen.“</p> - -<p>„Aber der Himmelsherr wird sie finden“, erwiderte Friedel. „Wenn die -letzte Posaune ertönt, wird er auch die Geliebten erwecken und uns mit -ihnen vereinen auf ewig!“</p> - -<div class="figcenter illowe8a" id="illu_157_deko"> - <img class="w100" src="images/illu_157_deko.jpg" alt="Ende." /> -</div> - -<div class="anz"> - -<hr class="full x-ebookmaker-drop" /> - -<p class="center">Im Verlag von <em class="gesperrt">Johannes Herrmann, -Zwickau</em> (Sachsen), erschienen:</p> - -<p class="s3 center">Neue Kindheitserinnerungen an <em class="gesperrt">Marg. -Lenk</em></p> - -<p class="center">unter dem Titel:</p> - -<p class="s1 center"><b>Erinnerungen an Gretel</b></p> - -<p class="s4 center">Von den Schwestern Margarete Lenks Susanna und Eva Klee</p> - -<p class="center">242 Seiten. 8<sup>o</sup>. 6 Bilder. Gebunden M. 3.50</p> - -<hr class="r10" /> - -<p>Nicht nur alle, die Marg. Lenk aus ihren Erzählungen kennen und lieben -gelernt haben, werden nach diesem Buche greifen, das uns die junge -Lehrerin als treue Erzieherin ihrer jüngeren Geschwister lebendig -vor die Seele stellt, sondern auch für andere ist es von großem -Reiz, durch dieses in schlichter und doch reiner und edler Sprache -geschriebene Buch Einblick zu gewinnen in das glückliche Familienleben -des bekannten, tüchtigen Dresdner Kreuzschulrektors Julius Klee und zu -beobachten, wie Gretels kindliche Frömmigkeit in guten und bösen Tagen -einen unauslöschlichen Eindruck auf die Herzen der heranwachsenden -Kinder des Hauses gemacht hat. Auch manchen bekannten Persönlichkeiten -aus den Kreisen des gebildeten Dresdner und Leipziger Bürgertums im -vorigen Jahrhundert, die uns aus anderen zeitgenössischen Büchern -bekannt sind, wie L. Richter, Rietschel, Otto Ludwig, Gustav Freytag, -Buchhändler Hirzel u. a., begegnen wir hier wieder. Sehr passend zum -Vorlesen im Familienkreis.</p> - -<p>Was lebt und webt nicht alles in diesem wunderfeinen, kleinen Buch! Es -sind in ihm nur schlichte Aufzeichnungen enthalten, aber mit großer -Treue gezeichnet. Ludwig Richters Enkelin, Otto Ludwigs und Rietschels -Kinder gehören mit zum Kreis der munteren kleinen Schar, in die wir -als Pflegestätte und Jungborn des Geistes unserer allverehrten großen -Erzählerin und Dichterin lauschen und schauen dürfen. Das Buch ist eine -rechte Herzerquickung und ein rechter lieber, kleiner Hausschatz.</p> - -<p class="s2 center mtop3 break-before"><b>Marg. Lenks Jugendbücher</b></p> - -<p class="center">erschienen in 250 Auflagen</p> - -<hr class="r65" /> - -<p class="center">Die mit * bezeichneten Bände sind illustriert</p> - -<table summary="Marg. Lenks Jugendbücher"> - <tr> - <td class="vat hang2"> - *Der Findling. Erzählung aus der Zeit der Reformation. - 7. Aufl. Illustr. Leinenband - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">M.</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">4.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - *Des Pfarrers Kinder. Erzählung aus der Zeit des - 30jährigen Krieges. 6. Aufl. Illustr. Leinenband - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">4.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - Drei Wünsche. 4. Auflage. Leinenband - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">4.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - *Seemövchen und andere Erzählungen. 3. Auflage - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">4.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - *Treue Herzen. 4. Auflage. Illustriert. Halbleinen - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">3.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - *Des Goldschmieds Töchterlein. 3. Auflage. Illustriert. - Halbleinen - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">3.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - *Kinderherzen. 5. Auflage. Illustriert. Halbleinen - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">3.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - *Die Bettelsänger. 3. Auflage. Illustriert. Halbleinen - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">3.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - Sturm und Sonnenschein. 4. Auflage. Leinenband - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">3.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - Die Geschwister. 3. Auflage. Leinenband - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">3.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - *Lenas Wanderjahre 3. Aufl. Illustriert. Halbleinen - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">2.50</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - *Die Zwillinge. 4. Auflage. Illustriert - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">2.50</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - Licht und Schatten. 3. Auflage. Halbleinen - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">2.50</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - *Im fernen Westen. 2. Auflage. Illustr. Halbleinen - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">2.25</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - Im Dienst des Friedefürsten. 5. Auflage. Halbleinen - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">2.25</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - *Des Waldbauern Friedel. 4. Auflage. Illustriert - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">2.25</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - Siegmund. – Auf Seekönigs Thron. 2. Aufl. Halbl. - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">2.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - Mein Sorgenkind - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">2.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - Aus meiner Kindheit. 3. Auflage - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">2.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - Fünfzehn Jahre in Amerika. 2. Auflage - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left">2.—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang2"> - Ein Kleeblatt. 5. Auflage - </td> - <td class="vab"> - <div class="center"> </div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="left"> </div> - </td> - </tr> -</table> - -<p class="center">Ferner 5 kleine illustrierte Bändchen je M. 1.20 gebunden</p> - -<p class="s5">„Marg. Lenks Bücher brauchen keiner Empfehlung mehr. Einfache, -kindliche Frömmigkeit kommt darin ganz naiv, mit natürlicher -Selbstverständlichkeit zum Ausdruck, weil sie offenbar der Verfasserin -Herzenssache ist, ja die Lebensluft, in der sie atmet. Mit feinem -Gefühl erkennt und versteht sie die Kinderherzen, und dazu verfügt sie -über eine starke, künstlerische Gestaltungskraft....“</p> - -<p class="s5 right mright2">„Jugendschriften-Kommission des Schweizer -Lehrervereins.“</p> - -<p class="center mtop2"><span class="bt">Verlag von Johannes Herrmann, Zwickau -(Sachsen)</span></p> - -</div> - -<hr class="r65" /> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DES WALDBAUERN FRIEDEL</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/67210-h/images/cover.jpg b/old/67210-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5f7ff3f..0000000 --- a/old/67210-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_003.jpg b/old/67210-h/images/illu_003.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5214d17..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_003.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_003a.jpg b/old/67210-h/images/illu_003a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d3f49f8..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_003a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_013.jpg b/old/67210-h/images/illu_013.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 15d15f4..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_013.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_019.jpg b/old/67210-h/images/illu_019.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a0bf238..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_019.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_023.jpg b/old/67210-h/images/illu_023.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f75c219..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_023.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_039.jpg b/old/67210-h/images/illu_039.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index cb8de12..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_039.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_050.jpg b/old/67210-h/images/illu_050.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 440f177..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_050.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_064.jpg b/old/67210-h/images/illu_064.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 75eb253..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_064.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_067.jpg b/old/67210-h/images/illu_067.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index cd7d56b..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_067.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_099.jpg b/old/67210-h/images/illu_099.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 3510dfc..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_099.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_106.jpg b/old/67210-h/images/illu_106.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e488ee2..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_106.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_120.jpg b/old/67210-h/images/illu_120.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index bd5abce..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_120.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_131.jpg b/old/67210-h/images/illu_131.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5065486..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_131.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_147.jpg b/old/67210-h/images/illu_147.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f6c184c..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_147.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_152.jpg b/old/67210-h/images/illu_152.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8c541b2..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_152.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67210-h/images/illu_157_deko.jpg b/old/67210-h/images/illu_157_deko.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 7c36e15..0000000 --- a/old/67210-h/images/illu_157_deko.jpg +++ /dev/null |
