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-The Project Gutenberg eBook of Des Waldbauern Friedel, by Margarete
-Lenk
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Des Waldbauern Friedel
-
-Author: Margarete Lenk
-
-Release Date: January 21, 2022 [eBook #67210]
-
-Language: German
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DES WALDBAUERN FRIEDEL ***
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1912 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben
- gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch
- nicht beeinträchtigt wird.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit
- halber eingefügt.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- Das Caret-Symbol (^) steht für ein nachfolgendes hochgestelltes
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-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Des
- Waldbauern Friedel
-
- Von
-
- Marg. Lenk
-
- *
-
- Vierte Auflage -- Mit Bildern
-
- Zwickau (Sachsen)
-
- Verlag und Druck von Johannes Herrmann
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
- ~Copyright 1912 by Johannes Herrmann, Zwickau (Sachsen).~
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- 1. Vertrieben. 3
-
- 2. In der Talmühle. 17
-
- 3. Wie die Kinder aufwuchsen. 37
-
- 4. Wie’s dem Talmüller ergangen war. 55
-
- 5. Der Tod kehrt ein. 73
-
- 6. In die weite, weite Welt. 92
-
- 7. Ein guter Kamerad. 113
-
- 8. Die alte Heimat. 129
-
- 9. Ins Land der Freiheit. 148
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-1. Vertrieben.
-
-
-Es war im Sommer des Jahres 1730. In dem wunderschönen Gebirgsländchen
-Salzburg, das im Süden Deutschlands, zwischen Bayern, Tirol und
-Österreich liegt, grünten die saftigen Wiesen, dufteten die dunklen
-Tannenwälder; und die untergehende Sonne vergoldete die Spitzen der
-gewaltigen Berge. Nicht allzuweit von einem kleinen gewerbfleißigen
-Städtchen stand am Bergeshang, von Waldbäumen beschattet, eine
-schlichte Hütte. Nur zwei Menschen wohnten darin: der Waldbauer
-Andreas, ein weißhaariger, aber noch sehr rüstiger Mann, und sein
-neunjähriger verwaister Enkel Fridolin, meist Friedel genannt.
-Einen schmuckeren Buben gab es wohl kaum in der ganzen Gegend! Hoch
-gewachsen, weiß und rot wie Milch und Blut, obgleich er sich von früh
-bis abends im Sonnenschein tummelte, mit lustigen, strahlenden Augen
-und weichem, dunklem Lockenhaar. Schon war er kräftig genug, dem
-Großvater bei der Bearbeitung des sehr kleinen Gütchens zu helfen, so
-daß die beiden, seit dem Tode eines alten, treuen Knechtes, ganz allein
-wirtschafteten.
-
-Jetzt ruhten Großvater und Enkel am Waldesrand und schauten behaglich
-der schneeweißen Kuh und den fünf schönen Ziegen zu, die sich die
-würzigen Kräuter wohlschmecken ließen. Andreas hatte Brot und Käse und
-einen Krug Milch herausgeholt, denn in der Hütte war’s noch heiß und
-dumpfig von der Sonnenglut des Tages.
-
-Schweigend saßen sie beisammen. Sonst hatte der Alte am Feierabend gern
-geplaudert und erzählt; seit einiger Zeit war er merkwürdig still. Aber
-sieh, jenseits der Wiese trat plötzlich sein stattlicher Hirsch mit
-majestätischem Geweih aus dem Waldesdunkel hervor und begann zu grasen.
-Wie festgebannt stand das zahme Vieh und schaute verwundert nach dem
-stolzen Gast hinüber; der Knabe aber betrachtete ihn mit atemlosen
-Entzücken. Aber nur zu bald gewahrte das herrliche Tier die Menschen,
-die es wohl schon als seine Feinde kennen mochte. Es warf den Kopf
-zurück und enteilte in mächtigen Sprüngen.
-
-„Schade, daß du deinen Stutzen (kurze Flinte) nicht hier hattest“,
-sagte Friedel, „sonst könnten wir morgen Hirschbraten essen.“
-
-„Nimmermehr! Das Hochwild ist nicht des Volkes; es ist des Erzbischofs.“
-
-„Das ist nicht recht! Es frißt unser Gras und bricht oft genug in
-unser Feld. Er hätt’ es ja nicht gesehen, wenn du den Hirsch geschossen
-hättest! Er sitzt ja weit weg in seinem Palast in der Stadt Salzburg.“
-
-„Schäm’ dich, so zu reden! Du weißt recht gut, daß es Gott gesehen
-hätte. Nein, nein! In allen irdischen Dingen wollen wir dem harten
-Herrn gern untertan sein; aber nimmer, nimmer hat er Macht über unsere
-Seelen!“
-
-Der Alte hatte nur mit sich selbst gesprochen, doch war dem Kinde seine
-tiefe Erregung nicht entgangen, und es fragte ängstlich:
-
-„Will der garstige Erzbischof deiner Seele was tun, Großvater? Wie kann
-er denn das? Sie ist ja ganz tief inwendig.“
-
-Andreas schwieg lange, dann zog er den Knaben an sich und begann:
-
-„Du hast in deiner Einfalt wahr gesprochen, mein Kind; er kann meiner
-Seele nichts tun! Schon längst möchte ich dir etwas sagen, was du noch
-nicht ganz verstehen wirst, aber doch wissen mußt. Höre mir nun recht
-aufmerksam zu. Sag’, weißt du denn, warum wir am Sonntag nicht in die
-schöne große Stadtkirche gehen, sondern in das ärmliche Kapellchen in
-der engen Gasse?“
-
-„Hab’ nimmer daran gedacht“, gestand der Knabe. „Hab’ aber ’mal in die
-große Kirch’ neingeguckt, als die Tür weit offen stand. Ei, da ist’s
-fein drin! Bilder gibt’s und Figuren, und gleißt alles von Gold! und
-Silber.“
-
-„Das glaub’ ich wohl! Aber sieh, der dicke Pater Ignatius führt die
-Leute in der schönen Kirche nicht den rechten Weg zum Himmel. Du kennst
-ihn doch, nicht wahr?“
-
-„Es ist unser HErr JEsus Christus“, erwiderte der Knabe feierlich; „wer
-an ihn glaubt, wird selig.“
-
-„Dabei bleib’ fest dein Leben lang! So lehrt ja unser lieber Pfarrer
-mit großem Fleiß die Großen und Kleinen, und schöpft alle seine Lehre
-aus der lieben Bibel. Pater Ignatius aber verbietet die Bibel zu lesen.
-Er sagt, man solle sich den Himmel verdienen mit guten Werken; man
-solle die Jungfrau Maria und andere Heilige anrufen, die doch auch
-sündige Menschen waren. Sieh, so gibt’s zweierlei Leut’ hier. Die
-meisten folgen dem Pater, der kleine Teil dem Pfarrer. Bisher haben sie
-äußerlich Frieden gehalten; jetzt aber hat der Erzbischof befohlen,
-die wenigen, die das kleine Kirchlein besuchen, zu ängstigen und zu
-verfolgen.“
-
-„Aha!“ lachte der Junge. „Nun weiß ich auch, warum mich des Müllers
-Sepp letzthin einen Ketzer schalt. Na, ich hab’s ihm heimgezahlt, daß
-er heulend davonlief mit einer Beule am Kopf. Und ist doch älter als
-ich!“
-
-„Das mußt du nicht tun! Weißt du nicht, wie geduldig unser Heiland
-litt, als man ihn beschimpfte?“
-
-„Ach, Großvater, das geht ja mit dem Sepp nimmer. Der tät ja gleich --“
-
-„Schweig, törichtes Kind! Ich verbiete dir ernstlich, dich zu rächen,
-wenn man dich deines Glaubens wegen beschimpft.“
-
-Zwei große Tränen, die über das ehrwürdige Antlitz des Alten in den
-weißen Bart rollten, stimmten den Knaben plötzlich weich und ernst.
-Liebkosend schmiegte er sich an den Alten und sprach leise:
-
-„Sag’ mir doch alles; ich will ja brav sein. O Großvater, ich will auch
-’mal in den Himmel kommen, wo mein Herzensmütterle ist und der Vater,
-den ich kaum gekannt!“
-
-„Nun, so höre! Ringsum im Salzburger Land gibt’s in Städten und Dörfern
-noch viele Leut’, die den rechten Glauben haben. Bisher hat man sie
-geduldet, denn sie sind gar friedlich, fleißig und sehr geschickt in
-allerlei Kunst und Handwerk, so daß sie viel Gewinn ins Land bringen.
-Aber der Erzbischof Firmian ist herrschsüchtig und hartherzig. Er will
-durchaus, daß wir alle unsern Glauben abschwören und wieder zu des
-Papstes Kirche kommen sollen.“
-
-„Wer ist nur der Papst, Großvater? Ich hör’ allweil’ von ihm und
-möcht’s wissen.“
-
-„Das ist der alleroberste Priester der Kirche, die sie katholisch
-nennen. Gar reich und mächtig wohnt er in der herrlichen Stadt Rom. Er
-sagt, er sei Petri Nachfolger und Christi Stellvertreter auf Erden.“
-
-„Glaub’ ich nimmer! Ist doch der liebe Heiland selber bei uns! Was
-braucht’s einen Papst?“
-
-„Das ist wahr. Wir nennen ihn den Antichrist und das Kind des
-Verderbens. Dabei bleib’ nur fest, mein Kind. Denk’ nur, man will uns
-unsere Bibeln wegnehmen; und unsere schönen Lieder sollen wir nicht
-mehr singen!“
-
-„Nun sing’ ich gerade recht, zum Trutz!“
-
-„Das ist brav; so denken wir alle. Und damit wir recht fest bleiben,
-sind unsere Ältesten (d. h. Vorsteher) aus dem ganzen Lande
-zusammengekommen heimlich bei Nacht in dem wilden, dunklen Felstal, wo
-die Schwarzach schäumend durchbraust --“
-
-„Ist’s das, wo wir neulich hinabgeschaut haben, als wir so hoch zu Berg
-gestiegen waren?“
-
-Der Großvater nickte.
-
-„Hu, ’s war schauerlich da unten.“
-
-„Freilich! Aber dort waren sie ganz sicher vor des Erzbischofs
-Lauschern, die immer aufpassen, was wir tun. Da haben wir alle gebetet
-und einander die Hand gereicht, und feierlich geschworen, dem rechten
-Glauben treu zu bleiben bis zum Tode.“
-
-„War mein Pate Rudi auch dabei?“
-
-„Gewiß; er ist ja der Älteste unserer Gemeinde. -- Du bist ein junges
-Kind und begreifst noch wenig. Aber sag’, willst du denn nun recht
-fleißig lernen und alles zu Herzen nehmen, und fest dabei bleiben, was
-auch kommen möge?“
-
-„Ich will, Großvater! Gewiß, ich will! Aber jetzt bin ich so müd’ und
-möcht’ schlafen gehen. Wir haben heute wacker geschafft.“
-
-„So komm, ruf’ die Ziegen; laß uns hineingehen, beten und in Gottes
-Schutz ruhen.“ --
-
-In den nächsten Tagen und Wochen blickte der Knabe oft ängstlich nach
-dem Städtchen herab, ob etwa jemand kommen werde, um ihm und dem
-Großvater den rechten Glauben wegzunehmen. Wie das geschehen sollte,
-war ihm nicht recht klar; doch ballte er tapfer die derben Fäuste und
-meinte, er wolle sich schon tüchtig wehren.
-
-Da aber nichts dergleichen geschah, schlug er sich’s bald aus dem Sinn
-und ward wieder leichtherzig wie zuvor. Der Großvater behandelte ihn
-liebreicher als je, hielt ihn aber streng zur Arbeit und ließ ihn nie
-mehr allein in die Stadt laufen, um allerlei zu besorgen, wie sonst
-wohl geschehen war. --
-
-Der Sommer schied; der Herbst schüttelte das Laub von den Bäumen, und
-endlich tanzten die ersten Schneeflocken in der Luft. Bald war’s aus
-mit der Arbeit im Freien. Nun mußte sich der Wildfang wieder fleißig
-im Lesen, Schreiben und Rechnen üben, und der Großvater suchte ihm mit
-viel Geduld und Weisheit die Hauptlehren des Christentums ins Herz
-zu prägen. Der Knabe lernte willig und sammelte in dieser Zeit einen
-Schatz köstlicher Bibelsprüche, deren Verständnis ihm erst später
-aufging; und die herrlichen Lieder, die er mit dem Großvater sang,
-begleiteten ihn wie Trostengel durchs ganze Leben.
-
-In diesem friedlichen, aber doch einförmigen Winterleben waren die
-Sonntage rechte Lichtblicke, die man mit Freuden begrüßte. Da wanderten
-die beiden zusammen zum lieben Kirchlein und blieben dann über Mittag
-bei dem Paten Rudi, wo es stets etwas Gutes zu essen gab. Unendlich
-viel Schönes war beim Paten Rudi zu sehen. Seine große, helle Stube
-hatte buntgemalte Wände, an denen allerlei Bilder hingen. Schrank
-und Truhe waren glänzend poliert und mit Silber beschlagen. Aus der
-großen Wanduhr trat beim Stundenschlag ein possierliches Männlein
-hervor und machte einen Diener. An dem Kachelofen konnte man die ganze
-Geschichte des Erzvaters Abraham betrachten. Das Beste aber war ein
-dickes Buch mit vielen seltsamen Holzschnitten; eine unversiegbare
-Freude für den lebhaften Knaben. Da gab es Ritter mit Schwert und
-Schild, Könige mit Krone und Zepter, Löwen, Elefanten und Affen, ja,
-sogar große Segelschiffe und schwarze Menschen. War die lebhafte
-Einbildungskraft des Knaben durch das Betrachten dieser Wunderdinge
-angeregt, so schlüpfte er gern hinaus in die kleine ziemlich düstere
-Küche, wo die alte Magd Zenzi spinnend oder strickend am Herdfeuer saß.
-„Zenzi, ein Märlein!“ bat er dann, sich auf den Schemel ihr zu Füßen
-setzend. „Weiß keins mehr“, brummte sie regelmäßig, fing aber doch bald
-an zu erzählen, denn ihr Schatz an Märchen, Sagen und Abenteuern war
-unerschöpflich.
-
-Was der Knabe da von Riesen und Zwergen, Nixen und Feen und
-wunderschönen Prinzessinnen hörte, erschien dem Großvater höchst unnütz
-und töricht. Der mildgesinnte Pate aber sprach: „Laß ihn gewähren!
-Junges Blut will auch Kurzweil haben und heiteres Spiel. Er weiß wohl,
-daß das doch nur Scherz ist; es tut ihm keinen Schaden. Gott läßt ja
-auch Blümlein wachsen, nicht nur Korn und Weizen.“
-
-Ach, Friedel sollte bald genug kein Märlein mehr hören! Eines
-Sonntagmorgens, als er geschäftig alles zum Kirchgang rüsten wollte,
-sprach der Alte mit beklommener Stimme:
-
-„Brauchst dein neues Wämsli nicht anzuziehen; ’s gibt keinen Kirchgang
-heute.“
-
-„Aber, Großvater, sieh doch, wie schön die Sonne scheint! ’s ist auch
-nicht kalt.“
-
-„Das weiß ich wohl; aber ’s Kirchlein ist zugeschlossen.“
-
-„Ei, der Herr Pate hat ja den Schlüssel!“
-
-„Der wird’s nimmer aufschließen“, rief Andreas, plötzlich in Tränen
-ausbrechend „Er liegt im finstern Kerker, und unser lieber Pfarrer
-auch!“ Damit barg er das Antlitz in die Hände und schluchzte laut.
-
-Das konnte Friedel nicht ertragen. Er schlang die Arme um seinen
-Hals, liebkoste ihn zärtlich und schlug vor, schnell alle guten Leute
-zusammenzurufen und die Gefangenen mit Gewalt zu befreien.
-
-Traurig schüttelte der Großvater den Kopf. „Du sprichst wie ein dummes
-Kind. Mit Gewalt ist hier nichts getan. Die Zeit der Not und Versuchung
-ist gekommen; Gott gebe nur, daß wir alle treu bleiben!“ --
-
-Nicht nur die Kapelle des Städtchens hatte man verschlossen, sondern
-alle protestantischen Kirchen im Salzburger Lande. Die Prediger und
-Ältesten warf man ins Gefängnis, damit sie ihre Glaubensbrüder nicht
-stärken und ermahnen konnten. Die verlassenen Gemeinden sollten mit
-allen nur erdenklichen Mitteln zum Papsttum zurückgeführt werden.
-
-So verging das Jahr 1731 bis zum Herbst in großer Sorge und Unruhe.
-Viele, viele schmachteten im Gefängnis. Andern hatte man Hab und Gut
-genommen; und endlich erließ der grausame Erzbischof den Befehl, daß
-alle, die sich nicht zum Papsttum bekehren wollten, binnen wenig Wochen
-aus dem Lande weichen müßten. Der Winter, der in jener Gebirgsgegend
-viel Schnee und Eis bringt, war dicht vor der Tür, aber das kümmerte
-den Erbarmungslosen nicht. Jammer und Herzeleid herrschte in den
-Häusern der Frommen; doch trösteten sie einander mit Gottes Wort und
-rüsteten mutig und ergeben zum Auszug. Von den Gefangenen waren nicht
-wenige in den feuchten Kerkern gestorben; die übrigen ließ man nun
-frei, damit sie, matt, krank und bleich, die beschwerliche Wanderung
-antreten möchten.
-
-Aber noch war des Bischofs unersättlicher Haß nicht befriedigt. Er
-ersann eine Qual für die Armen, die man wohl teuflisch nennen kann. Er
-ließ vielen, besonders den Vornehmen und den eifrigsten Bekennern, ihre
-Kinder wegnehmen, um sie in Klöstern erziehen zu lassen. Was da für
-Jammer und Wehklagen aus den Elternherzen zu Gott emporgestiegen sein
-mag, ist nicht auszudenken!
-
-Der alte Andreas wußte noch nichts von diesem letzten Anschlag des
-Tyrannen. Eifrig rüstete er mit Friedels Hilfe die wenige Habe, die
-er mitführen konnte, denn in drei Tagen wollte man die Wanderung
-beginnen. Die Angst und Aufregung der letzten Monate hatte ihn sehr
-verändert. Seine kräftige Gestalt war gebeugt, sein leuchtendes Auge
-matt geworden; er war kein starker Mann mehr, sondern ein müder Greis.
-
-Friedel dagegen war frischer und mutiger als je. Wohl tat ihm zuweilen
-das junge Herz weh beim Gedanken an den Abschied von der geliebten
-Heimat; aber bald schlug es wieder freudig in Erwartung alles
-Wunderbaren, das er auf der Wanderung zu erleben hoffte.
-
-Aber horch! Es klopft gewaltig an die Tür, die man in dieser
-angstvollen Zeit stets verschlossen hält.
-
-[Illustration]
-
-„Im Namen des Erzbischofs! Öffnet!“ ruft eine rauhe Stimme, und zwei
-kräftige, wohlgenährte Mönche betreten das niedere Gemach.
-
-„Was wollt ihr?“ fragte Andreas mit tiefem Ernst. „Ihr seht, ich rüste
-zum Auszug. Verschwendet eure Worte nicht mehr an mich.“
-
-„Damit ist’s vorbei, starrköpfiger Alter“, erwiderte der eine mit
-häßlichem Lachen. „An dir ist wenig gelegen; aber diesen schmucken
-Buben will die Gnade des Erzbischofs vom Verderben erretten. Wir sind
-gesandt, ihn ins Kloster abzuholen. Aller Widerstand ist vergebens.“
-Damit packte er den Knaben mit festem Griff am Arme.
-
-„Mein Kind! Mein Kind!“ jammerte der Alte, wollte aufstehen und es an
-sich ziehen, aber die Kraft versagte ihm; der Schreck war allzu groß
-gewesen. Er wankte und sank ohnmächtig auf die Bank zurück.
-
-Friedel aber sträubte sich gewaltig gegen die Mönche, schrie, schlug
-und stieß mit Händen und Füßen um sich, kratzte und biß. Bald aber sah
-er, daß es ihm, zwei starken Männern gegenüber, gar nichts nützte. Da
-ward er plötzlich ruhig und ließ sich ganz geduldig fortführen.
-
-Als der Greis aus seiner Ohnmacht erwachte, war die Hütte leer; wenige
-Minuten hatten ihn des einzigen irdischen Glückes beraubt, das er noch
-besessen. „O barmherziger Gott“, seufzte er, „nimm doch meine müde
-Seele zu dir! Was soll ich auf der Wanderschaft? Ich werde nur eine
-Last sein.“
-
-Wie er die drei Tage überstand, war ihm selbst unbegreiflich. Sein
-einziger Trost war, inbrünstig für das Seelenheil seines Lieblings
-zu beten. Zuweilen trat er hinaus vor die Hütte, um nach dem Kloster
-hinüberzuschauen, dessen Mauern und Türme etwa eine Stunde weit
-entfernt in der Wintersonne glänzten. Wie mochte es dem Kinde gehen?
-Ach, es war ja kaum möglich, daß es treu bleiben konnte! Es war noch
-allzu jung, leichtherzig und unwissend.
-
-Am letzten Abend übermannte ihn die Müdigkeit; er streckte sich aufs
-harte Lager und schlummerte einige Stunden. Da weckte ihn mitten in
-der Nacht ein leises Klopfen an der Tür. Erschrocken fuhr er auf. Wer
-mochte es sein? Was konnte man ihm noch rauben wollen? Aber, o Wunder!
-Draußen tönte eine traute Kinderstimme: „Ich bin’s, Großväterle; dein
-Friedel. O, laß mich ein; geschwind, geschwind!“ Und im nächsten
-Augenblick hing der Knabe jauchzend an seinem Halse.
-
-„Hast du nicht gleich gedacht, daß ich wiederkommen würde?“ fragte er.
-„Ganz zufrieden hab’ ich mich gestellt, gegessen, gelacht und gespielt
-wie die andern Kinder. Da ließen sie mich bald außer acht, und ich
-konnt’ mir die Gelegenheit zur Flucht besehen. Diese Nacht, als mein
-Bettgenoß fest schlief, und der Mönch, der uns hüten sollt’, gewaltig
-schnarchte, hab’ ich leise das Fensterlein geöffnet. ’s war eben weit
-genug zum Durchschlüpfen. Am Weingeländer hinab in den Garten, vom
-hohen Baum hinauf auf die Mauer, und von da in gewaltigem Sprung hinaus
-ins Freie, gerade in einen Schneehaufen, den der Sturm zusammengeweht.
-Ja, ja, sie wußten nicht, wie ich klettern und springen kann! Vorher
-hatt’ ich aber heiß gebetet, Großvater, so heiß wie noch nie. Und sieh,
-Gott hat mir geholfen!“
-
-„Mein Herzenskind, o Gott sei ewig Lob und Dank! Vergiß es nie, im
-ganzen Leben nicht, mein Friedel! Aber du zitterst vor Kälte; lege
-dich nieder, daß ich dich in die Wolldecke hülle.“
-
-„Nein, Großvater, das geht nicht. Wir müssen fort, gleich, noch in der
-Nacht. Sie kommen gewiß, mich zu suchen. Da müssen sie die Hütte leer
-finden, und wir müssen weit weg sein.“
-
-„Du hast recht, Bübli; ruh’ nur ein Weilchen, bis ich uns Milch wärme
-und noch ein Bündlein schnüre mit deinen Sonntagskleidern und was dir
-sonst noch wert ist.“
-
-In einer halben Stunde schritten sie über die Schwelle der geliebten
-Hütte, so schwer beladen, wie es ihre schwachen Kräfte erlaubten.
-Andreas betete:
-
- „In Gottes Namen fahren wir;
- Sein heil’ger Engel geh’ uns für,
- Wie dem Volk aus Ägyptenland,
- Das entging Pharaonis Hand. Kyrieleis!
-
- HErr Christ, du bist der rechte Weg
- Zum Himmel und der ein’ge Steg.
- Hilf uns Pilgrim’ ins Vaterland,
- Weil du dein Blut hast dran gewandt. Kyrieleis!“
-
-Schnell über die mit leichtem Schnee bedeckte Wiese schreitend,
-erreichten sie bald das Waldesdunkel, wo sie vor Wind und Kälte
-ziemlich geschützt waren.
-
-„Wo gehen wir hin, Großvater?“ fragte der Knabe leise.
-
-„Nach der Höhle, wo wir schon einmal rasteten, wenn uns beim Holzfällen
-ein Wetter überraschte. Dort mußt du schlafen bis zum Morgen. Dann
-geht’s weiter auf Umwegen zum Sammelplatz der Unsern, weit unten im
-Tal. Sieh, es schneit wieder; das ist gut. Sie werden unsere Fußspuren
-nicht finden.“
-
-„Ziehen alle frommen Leute aus dem ganzen Lande miteinander fort?“
-fragte Friedel weiter.
-
-„O nein! Es sind ganz mächtig viel; wohl dreißigtausend. In viele Züge
-geteilt, werden sie nach verschiedenen Richtungen hin wandern.“
-
-„Ist denn Platz für alle draußen in der Welt? Ist sie so groß?“
-
-„O Kind, die Welt hat Raum für Unzählige! Aber ob wir alle liebreiche
-Aufnahme finden werden in der Fremde, das steht bei Gott. Etliche
-wollen sogar übers Meer ziehen ins ferne Land Amerika. Die meisten
-hoffen Zuflucht zu finden bei dem Preußenkönig, der ein frommer Mann
-und uns wohlgesinnt ist.“
-
-„Aber wir, Großvater? Gelt, wir fahren mit übers Meer in einem großen
-Schiff, wie in des Paten Buch abgemalt ist? Das muß gar herrlich sein!“
-
-„Ach Kind“, seufzte der Alte, „bitte Gott, daß meine Kräfte aushalten
-bis zum Sammelplatz; weiter denk’ noch nicht! Sieh, hier ist unsere
-versteckte Höhle; das Mooslager drin ist noch weich und trocken. Laß
-uns ruhen bis zur Morgendämmerung.“
-
-
-
-
-2. In der Talmühle.
-
-
-Noch lag am nächsten Morgen mattes Dämmerlicht über dem Städtchen und
-seiner Umgebung, da ward es schon auf allen Pfaden, die nach Norden zu
-hinab ins Tal führten, lebendig. Und als die Sonne endlich emporstieg,
-herrschte auf der großen Wiese, wo man sonst allerlei ländliche Feste
-zu feiern pflegte, ein buntes, reges, aber ach, so trauriges Leben.
-Kein Lachen, Singen und Jauchzen war zu hören; wohl aber brach hier
-und da ein gequältes Herz in lauten Jammer aus. Tröstend, ordnend und
-ermahnend gingen ernste, rüstige Männer zwischen den Betrübten umher,
-und allmählich bildete sich der Zug. Auf hochbepackten, von Pferden
-oder Kühen gezogenen Wagen führte man allerlei Hab und Gut mit sich;
-auch die Kranken und Schwachen hatte man darauf gebettet und so gut wie
-möglich vor der Kälte geschützt. Da gab es Kindlein, die vielleicht
-erst gestern das Licht der Welt erblickt, Greise, die wohl kaum noch
-einige Wochen zu leben hatten; alle wurden erbarmungslos hinausgejagt
-in die rauhe, kalte Welt.
-
-„Wo ist Vater Andreas?“ fragte der Pate Rudi, der bleich, matt und sehr
-gealtert unter dem leinenen Schutzdach eines Wagens lag. „Hier wäre
-noch ein Plätzchen für ihn und meinen Liebling, den Friedel.“
-
-„Er wird wohl unter denen sein, die dort schon den breiten Pfad entlang
-ziehen. Er ist ja überall mutig voraus! Legt euch nur wieder nieder und
-versucht ein wenig zu schlummern. Am nächsten Ruheorte treffen wir wohl
-den Andreas.“
-
-[Illustration]
-
-Bald war alles in Bewegung, und der traurige Zug verschwand allmählich
-hinter einer vorspringenden Anhöhe. Weinen und Klagen war verstummt,
-aber durch die klare Winterluft schallten die Töne eines frommen
-Pilgerliedes:
-
- „In Gottes Namen scheiden wir;
- Sein göttlich Wort bekennen wir
- Und seiner Gnad’ begehren wir,
- Des rechten Glaubens leben wir. Kyrieleis!
-
- Freund’ von Freunden geschieden sind;
- O HErr, bewahr’ die armen Kind’
- Und all’, die hier vorhanden sind,
- Vor Unglück und vor böser Stund’! Kyrieleis!
-
- Geleit uns Gott in Ewigkeit
- Durch seine groß’ Barmherzigkeit.
- Der geb’ uns heut ein gut Geleit,
- Mit Leib und Seele Sicherheit. Kyrieleis!“
-
-Während nun unter diesen grausam Vertriebenen kein Wort des Grimmes
-oder der Rache laut ward, trug der Morgenwind den Schall der Glocken zu
-ihnen herüber, die den Dankgottesdienst einläuteten, den der Erzbischof
-halten ließ, weil die Stadt und Umgegend von den „greulichen Ketzern“
-befreit war. Der Papst aber rühmte gewaltig die große Heldentat des
-Tyrannen. --
-
-Pate Rudi hoffte vergebens, seinen alten Freund am nächsten Rastorte
-zu finden. Etliche meinten, er sei wohl schon voraus; andere, er habe
-sich der kleinen Schar angeschlossen, die einen etwas weiteren, aber
-bequemeren Weg talabwärts eingeschlagen hatte, um sich erst später dem
-Zuge anzuschließen. An Warten oder Nachforschen war nicht zu denken;
-mußte man doch eilen, für die nächste Nacht ein Städtchen oder größeres
-Dorf zu erreichen.
-
-Ach, wo war der müde Greis und der hilflose Knabe? In der
-Morgendämmerung hatten sie die schützende Höhle verlassen; Friedel
-ganz frisch und munter, Andreas aber krank und elend. Sein Kopf
-schwindelte, die Glieder zitterten, sein Auge war matt, und seine
-Gedanken unklar. Die Nachtkühle hatte ein Fieber zum Ausbruch gebracht,
-das dem durch Angst und Kummer geschwächten Körper schon lange drohte.
-Mühsam schleppte er sich vorwärts, und das Bündel auf seinen Schultern
-drückte schwerer und schwerer. Da konnte es geschehen, daß er den
-schmalen, versteckten Pfad, den man einschlagen mußte, um zur Talwiese
-zu kommen, versah, und nach und nach in der sehr einsamen Gegend
-gänzlich in die Irre geriet.
-
-„Großvater“, sprach Friedel endlich, „der Weg kommt ja gar nicht; wir
-wandern schon lang. Die Welt sieht heut so anders aus als sonst. Ich
-möcht’ auch was essen!“
-
-„Armes Kind! Ich vergaß ganz, wie hungrig du sein mußt. Dort unter der
-breitästigen Tanne ist ein guter Ruheplatz. Gott wird uns dann schon
-den Weg zeigen.“
-
-Sie ruhten lange. Die Sonne schien freundlich und schmolz bald den
-leichten Schnee; es war nicht sehr kalt. Friedel sprach dem Brot und
-Käse tapfer zu; Andreas konnte nichts essen, schlummerte aber, an den
-Baumstamm gelehnt, ziemlich lange. Dann machten sie sich wieder auf.
-
-Es war nun Mittag vorüber und gar keine Hoffnung mehr, den Zug zu
-erreichen. Aber ein Obdach für die nächste Nacht mußte sich ja finden,
-sei es auch nur in einer einsamen Jäger- oder Köhlerhütte. Sie
-wanderten kreuz und quer, aber die Gegend blieb einsam und ward Schritt
-zu Schritt rauher und wilder. Auch Friedels Mut fing an zu sinken, und
-seine Kraft war erschöpft. Weinend schmiegte er sich an den Großvater,
-als sie wieder einmal ruhten. Es war mitten im Walde am Ufer eines
-Baches, der über Steingeröll hüpfend in schäumenden Wellen bergab eilte.
-
-[Illustration]
-
-„Fürchte dich nicht, mein Kind!“ sagte der Alte mit matter Stimme.
-„Gott ist bei uns; er verläßt uns nicht. Und selbst wenn er mich zu
-sich holen würde, und du allein bliebest, verzage nicht! Weißt du noch
-den schönen Vers, den du neulich lerntest: ‚Unverzagt --‘?“
-
-„Ja, Großvater“, erwiderte das Kind, tapfer seine Tränen trocknend:
-
- „Unverzagt und ohne Grauen
- Soll ein Christ, wo er ist,
- Stets sich lassen schauen. --
-
-Horch! Bellt da unten im Walde nicht ein Hund? Jetzt wieder! O komm,
-Großväterle! Versuch’ doch aufzustehen! Wo ein Hund ist, ist wohl auch
-ein Mensch!“
-
-Mühsam erhob sich der Alte; ganz pfadlos gingen sie am rauhen,
-steinigen Ufer des Baches hin, der schnell breiter und reißender ward.
-Aber schon nach wenig Minuten verließen den Alten die Kräfte; zwischen
-den feuchten Steinen sank er zusammen und vermochte sich nicht wieder
-zu erheben. Mit Mühe schob ihm der Knabe sein eigenes kleines Bündel
-unter den Kopf und versuchte ihn etwas bequemer zu legen.
-
-„Wart’ nur ein ganz klein Weilchen“, tröstete er; „ich lauf’ schnell
-und hol’ gute Leute, die uns helfen.“
-
-„Gott geb’s, mein armes Kind!“ flüsterte der Greis. „Küsse mich noch
-einmal. O, Gott erbarme sich deiner, mein Liebling!“
-
-Wieder und wieder küßte der Knabe das kalte, bleiche Antlitz des
-Liegenden. Es ward ihm gar so schwer, ihn zu verlassen; das liebe
-Gesicht sah so verändert aus. Aber er mußte ja Hilfe haben; Großvater
-sollte bald einen Trunk heiße Milch haben und vielleicht auch ein
-warmes Lager.
-
-Tapfer drang er vorwärts. Dichtes Dorngestrüpp versperrte ihm oft den
-Weg, riß ihm die Hände blutig und manches Loch in sein Röcklein. Oft
-war er nahe dran, entmutigt umzukehren, aber das Bellen des Hundes
-lockte ihn immer wieder vorwärts. Da plötzlich, als er sich durch
-eine Reihe dichter niedriger Nadelholzbäume gedrängt, war er am Ziel.
-Ein freier ebener Platz lag vor ihm, ringsum dichter Wald. In raschen
-Wellen eilte der Bach hindurch, und an seinem Ufer stand ein Häuschen,
-der lieben heimatlichen Hütte ganz ähnlich, von rohen Steinen gebaut,
-mit weit vorstehendem Dach, niederer Tür und kleinen blanken Fenstern.
-Daneben aber klapperte, vom strömenden Wasser getrieben, lustig ein
-Mühlrad.
-
-Mit raschem Blick hatte der Knabe das langersehnte Bild geschaut.
-O weh! Da kam mit wütendem Gebell ein großer zottiger Hund auf ihn
-zugestürzt. Sollte er fliehen? Ach nein; Großvater mußte Hilfe haben!
-Tapfer trat er dem Tier entgegen, den kleinen Wanderstab drohend
-erhoben. Da öffnete sich die Tür des Häuschens, und ein Mann trat
-heraus, dessen Anblick ihn noch mehr erschreckte als der des Hundes.
-Ach, er sah aus wie die Riesen, die die alte Zenzi so schrecklich zu
-schildern verstand!
-
-Groß und stark, mit struppigem, langem schwarzen Haar und Bart, war er
-nur mit einem Kittel bekleidet, der aus dem Fell eines Bären gemacht
-war. In der Hand einen langen dicken Stock, trat er mit wilder Gebärde
-und zornigem Blick auf den kleinen Eindringling zu. Der aber hatte sich
-bereits gefaßt. Sobald der Hund auf den Ruf des Mannes von ihm abließ,
-faltete er die Hände und sprach laut:
-
- „Unverzagt und ohne Grauen
- Soll ein Christ, wo er ist,
- Stets sich lassen schauen.“
-
-„Ist das dein Gruß?“ fuhr ihn der Fremde an. „Wie wagst du in meinen
-Zauberkreis zu dringen?“
-
-„Ich hab’ nicht gewußt, daß es ein Zauberkreis ist“, erwiderte Friedel.
-„Aber ich bitt’ Euch, wenn Ihr ein guter Riese seid, so helft doch
-meinem Großvater! Er liegt oben im Walde und kann nimmer aufstehen.“
-
-„Was treibt ihr euch im Wald umher, ein Alter und ein Kind?“
-
-„Wir wären ja gern im Hüttli geblieben, aber der Erzbischof Firmian hat
-uns in die Welt hinausgejagt.“
-
-„Warum?“
-
-„Weil wir allein zum Himmelsvater beten und zum Heiland, und weil wir
-den Papst nicht mögen.“
-
-„Es ist genug! Du bist ein tapferer Bub! Ich hätt’ dir kein Leid getan,
-auch wenn du aus Vorwitz hergekommen wärst. Aber da der Firmian dein
-Feind ist, bin ich dein Freund und will dir helfen!“
-
-Er legte die Finger an den Mund und tat einen lauten Pfiff. Alsbald
-trat hinterm Hause ein Männlein hervor, klein und bucklig, eine spitze
-Mütze auf dem runden Kopf, die grobe Kleidung ganz von Mehl bestäubt.
-Ja, es war kein Zweifel: Friedel war in Zenzis Märchenland geraten,
-denn zu dem Riesen kam nun auch ein Zwerg.
-
-„Tobi“, gebot der Riese, „laß dir drinnen die Flasche mit Lebenswasser
-geben und komm! ’s liegt einer droben im Walde elend. Wir wollen ihn
-herholen.“
-
-Verwundert blickte das Männlein auf; es hatte freundliche, sanfte blaue
-Augen. Ohne ein Wort zu erwidern, horchte es, und sogleich waren die
-drei auf dem mühsamen Weg die Schlucht hinauf. Schwanzwedelnd umhüpfte
-sie jetzt der Hund. Es begann schon zu dämmern, als sie die Stelle
-erreichten, wo der Arme lag. Schon von weitem hatte Friedel fröhlich
-gerufen: „Wir sind gerettet, Großväterle! Gute Männer kommen! Bald
-sollst du warm und sicher liegen.“ Aber kein Gegenruf war erschollen.
-
-Nun warf sich das Kind bei dem Geliebten nieder und küßte seine Stirn,
-um ihn zu wecken. Aber erschrocken fuhr es auf: „Hu, wie kalt ist
-mein lieb Großväterle! Wie eisig kalt!“ Der kleine Mann beugte sich
-herab, um dem Kranken einige Tropfen des starken Getränkes einzuflößen,
-richtete sich aber sogleich wieder empor und sprach leise: „Der ist ja
-tot!“
-
-Die Worte waren wohl nur für den großen Mann bestimmt, doch Friedels
-feines Ohr hatte sie auch vernommen. „Tot?“ rief er. „Mein einzig
-Großväterle ganz tot?“ Laut aufschluchzend warf er sich über den
-Leichnam hin. Die lang angespannte Kraft versagte plötzlich; das
-Bewußtsein schwand. Er lag in tiefer Ohnmacht.
-
-Wie lange er ohnmächtig gelegen, wußte er später nicht mehr. Wohl
-fühlte er, daß man ihn forttrug, war aber nicht imstande, zu sprechen
-oder zu widerstreben. Auch als jemand ein warmes Getränk an seinen Mund
-hielt, nahm er ein paar Schlucke, ohne die Augen zu öffnen, und sank
-gleich wieder in Betäubung zurück.
-
-Endlich aber ward daraus ein langer, fester Schlaf, aus dem er gesund
-erwachte. Sein Lager war warm und weich, ringsum alles still. So meinte
-er, alles, was er in der letzten Zeit erlebt, sei nur ein böser Traum
-gewesen, und er läge im lieben Hüttli an des Großvaters Seite.
-
-„Ist’s schon Tag, Großväterle?“ fragte er schlaftrunken.
-
-„Schon längst!“ sprach eine helle, feine Kinderstimme.
-
-Da fuhr er empor und blickte in ein Gesichtchen, so hold und lieblich,
-wie er’s nimmer geschaut. Augen, so blau wie Vergißmeinnicht, Wangen
-wie zarte Röslein, Lockenhaar wie fein gesponnenes Gold.
-
-„Bist du ein Englein?“ fragte er, sich plötzlich besinnend und die
-Hände faltend. „Bin ich auch schon tot und im Himmel? O, wo ist der
-Großvater? Wo ist der HErr JEsus? Ich möchte zu ihnen!“
-
-„Ich bin ja kein Englein“, war die Antwort. „Du bist nicht im Himmel!
-Schau doch auf; du bist in der Talmühle, und ich bin des Talmüllers
-Ännchen.“
-
-Friedel erhob sich und sah verwundert umher in einem sauberen, aber
-ärmlichen Gemach.
-
-„Aber mein Großvater, wo ist er? Was haben sie mit ihm gemacht?“
-
-„Er war ja eingeschlafen“, sagte das Kind, die Händchen faltend. „Da
-haben sie ihn zu Bett gebracht draußen im Walde, wo es still und
-friedlich ist. Dort schläft er, bis ihn der Himmelskönig weckt, wenn er
-wiederkommt am Jüngsten Tage.“
-
-„Wer sagte dir’s!“
-
-„Die Mutter.“
-
-Erstaunt und noch halb träumend schaute Friedel das Englein im
-geflickten Zwillichröckchen an, das so zuversichtlich große Worte
-sprach. Aber ach, als der Bann des Schlafes sich allmählich löste,
-ward es ihm klar, daß er ja nun ganz, ganz allein sei auf der Welt.
-Den Großvater hatte man im wilden Walde begraben, die Freunde und
-Glaubensgenossen waren weit fortgezogen; er aber in der Gewalt der
-märchenhaften Gestalten, die er am Abend zuvor gesehen, hilflos
-zurückgeblieben. Da machte sich sein starkes, feuriges Gemüt in wildem
-Schmerze Luft.
-
-„Großvater! O Großvater!“ schrie er händeringend. „Nimm mich mit in den
-Himmel! O, HErr JEsu, komm doch gleich jetzt zum Jüngsten Tag und weck’
-mir den Großvater! Sonst will ich auch sterben, jetzt gleich! O, ich
-kann, ich kann nicht leben so ganz allein!“ Heiße Tränen stürzten dabei
-über seine Wangen.
-
-Tief erschrocken stand das Mägdlein dabei und wagte nicht so großen
-Jammer zu stören. Endlich faßte sich’s ein Herz, legte die kleine Hand
-auf die Stirn des Gastes und sprach leise:
-
-„Ich hab’ dich schon lieb; da bist du nicht ganz allein. Und Mütterle
-hat gesagt, ich soll dich nicht weinen lassen. Du sollst essen, wenn du
-aufgewacht bist.“
-
-Das Händchen war so weich und warm, die Stimme so sanft und das Wort
-„essen“ brachte ihn plötzlich auf andere Gedanken. Er fühlte ja einen
-nagenden Hunger, hatte seit gestern mittag nichts mehr genossen.
-Halb widerwillig trocknete er seine Tränen und schaute zu, wie das
-Kind vorsichtig ein dampfendes Schüsselchen vom Herd nahm und auf den
-Tisch stellte, einen Löffel und ein großes Stück Brot dazulegte und
-ihm freundlich winkte. Er folgte, und die Natur behauptete ihr Recht;
-es schmeckte köstlich! Dienstfertig brockte Ännchen das Brot in die
-fette Ziegenmilch und sah befriedigt zu. Als die Schüssel leer war,
-hielt der Gast Umschau in dem niedrigen, aber geräumigen Gemach. Es
-sah ganz ähnlich drin aus wie daheim im Hüttli: der schwarze Rauchfang
-überm Herd, die Bank längs der Wand, ein paar Schemel, zwei buntbemalte
-Truhen, schlichtes Hausgerät auf Wandbrettern. In der besten Ecke hing
-ein kleines Kruzifix; ein abgegriffenes Büchlein lag darunter, dicht
-davor stand ein schmuckes Spinnrad.
-
-„Das ist Mutters Winkel“, erklärte Ännchen; „sie lehrt mich auch beten,
-lesen und spinnen.“
-
-„Aber das?“ fragte Friedel, auf ein prächtiges Hirschgeweih zeigend,
-das über der Tür befestigt war.
-
-Da legte Ännchen den Finger auf den Mund und warnte: „Frag’ nicht
-danach! Es gehört dem Vater. Was Vater hat und tut, davon spricht man
-nicht.“
-
-„Ist der Riese dein Vater oder der Zwerg?“
-
-„So heißt es nicht! Der große Mann ist mein Vater; der kleine ist
-Tobias, der Mühlknecht. Ich habe ihn sehr lieb.“
-
-„Er sieht häßlich aus“, bemerkte Friedel.
-
-„Das schadet nichts, sagt Mutter, denn sein Herz ist schön. -- Wo
-mag nur Mutterle bleiben? Komm, laß uns ausschauen; sie ist oben in
-der Kammer.“
-
-In einer Ecke der Stube führte ein schmales steiles Treppchen empor ins
-winzige Dachkämmerlein. Leise stieg Ännchen hinauf; Friedel folgte und
-blickte über ihr blondes Köpfchen in den niederen Raum, gefüllt mit
-allerlei Werkzeug und Hausrat. Auf dem kalten Boden saß eine bleiche
-blonde, überaus liebliche Frau in dürftigem Zwillichgewand, umgeben von
-allen den Sachen, die der Großvater im schweren Bündel getragen. Die
-alte vielgebrauchte Bibel lag in ihrem Schoß, und sie war so vertieft
-ins Lesen, daß sie die Kinder erst gewahrte, als Ännchen die Arme um
-ihren Hals schlang. Da fuhr sie auf und sah auch den Knaben.
-
-„Du bist wahrlich ein Engel von Gott gesandt“, rief sie, ihn an sich
-ziehend, „daß du mir ins Haus gebracht hast, wonach mein Herz sich
-schon lange sehnte! Es ist ja das Buch, das uns den Weg zum Himmel
-zeigt aus diesem Elend! Als ich’s aufschlug, fand ich gleich so
-trostreiche Worte, die der Heiland gesprochen. O, wieviel, wieviel
-werd’ ich noch finden, wenn du bei uns bleibst!“
-
-„Du darfst heute darin lesen, soviel du willst“, sagte Friedel
-bedächtig, „aber morgen muß ich wandern, immer nach Mitternacht zu bis
-ins Preußenland, wo mein Pate Rudi und die andern Getreuen hingezogen
-sind. Alle diese Sachen will ich euch lassen; nur die Bibel steck’
-ich noch in mein kleines Bündel. Ich soll sie nicht hergeben, sagte
-Großvater.“
-
-„Du kannst unmöglich allein wandern, armes Kind!“ erwiderte die Frau.
-„Du bist viel zu klein und schwach dazu.“
-
-„O nein! Alle nennen mich groß und stark“, entgegnete der Junge, sich
-streckend.
-
-Lächelnd strich ihm die Frau übers wirre Haar. „Kommt herab“, sprach
-sie; „es ist hohe Zeit, den Männern das Essen zu kochen. Sie fällen
-Holz im Walde.“
-
-„Ich mag nicht essen, auch die Männer nicht sehen. Ich bleibe hier bei
-Großvaters Sachen.“
-
-Sie ließen ihn allein. Traurig ließ er alles durch die Hände gleiten,
-was ihm daheim so lieb gewesen. Das kleine Ledersäckchen mit Geld und
-einigen alten Silbermünzen mit seltsamen Gepräge, die ihm der Großvater
-manchmal gezeigt, suchte er vergebens. Hatten’s wohl die Männer
-behalten oder dem Toten mit ins Grab gegeben? Nun, er brauchte es
-nicht; sein Essen würden ihm gute Leute schon umsonst geben! Ach, wenn
-er nur schon heute wandern könnte! Aber er war noch so müde, so sehr
-müde von allem, was er erlebt, legte endlich den Kopf auf Großvaters
-Sonntagsrock und schlief wieder ein.
-
-Gegen Abend weckte ihn Ännchen und führte ihn hinunter in die Stube. Da
-saßen sie alle ganz zutraulich um den Herd, auf dem ein helles Feuer
-brannte. Die Frau spann, Tobi flickte seine Jacke, der Riese schnitzte
-irgendein Gerät aus Holz.
-
-„Nun“, sprach er, „hast du ausgetrauert und ausgeschlafen? Gönn’ dem
-armen Alten die Ruhe! Die Welt ist bös! Du bleibst bei uns. Wo vier
-essen, ißt auch der fünfte.“
-
-„O nein! Ich kann nicht bleiben!“ begann der Knabe.
-
-„Du mußt!“ rief der Mann, und warf ihm einen so wilden Blick zu, daß er
-erschrak und schwieg.
-
-Aber das Wörtlein „muß“ war dem Friedel verhaßt. Nur vom Großvater
-hatte er’s geduldet. Er fühlte sich stark und gewandt und mochte keinen
-Zwang leiden. „So gut ich aus dem Kloster floh, entflieh’ ich auch aus
-der Talmühle“, dachte er, und setzte sich still neben Ännchen auf die
-Bank im Winkel. Leise plauderte sie ihm vor von verstecktem Spielzeug
-im Schrein, das die Mutter nur Sonntags herausgebe, von Braten und
-Kuchen am Christfest, von Blumen und Beeren im Sommer und von einem
-zahmen Rehlein hinten im Stall. „Bleib’ doch gern bei mir“, bat sie,
-sich an ihn schmiegend; „dann sind wir Brüderchen und Schwesterchen,
-wie in den Märlein, die Tobi erzählt.“
-
-Als die Abendsuppe, die im Kessel brodelte, fertig war, setzten sich
-alle fünf um die große Schüssel und löffelten sie einträchtig aus, aber
-ganz stille, denn der finstere Blick des Talmüllers hielt sie alle im
-Bann. Nachher aber, als sie wieder am Feuer saßen, fing er plötzlich
-an, den Friedel auszufragen, wie es zugegangen bei der Vertreibung der
-Evangelischen. Zuerst antwortete der Knabe einsilbig und schüchtern,
-geriet jedoch bald in Erregung und beschrieb die Leiden der Gefangenen
-und Kranken gar beweglich.
-
-Aber was ging das alles den Talmüller an, der doch gewiß nicht zu
-ihnen gehörte? Warum blitzten seine schwarzen Augen so zornig? Warum
-ballte er die nervigen Fäuste wie in ohnmächtiger Wut? Dem Knaben ward
-unheimlich dabei zumute.
-
-Die Mutter bemerkte es wohl, legte sanft ihre Hand auf des Mannes
-Schulter und sprach: „Laß es gut sein, Christoph. Gott wird alles
-richten; wir aber sollen vergeben! Es ist spät; laß uns beten und zu
-Bett gehen.“
-
-Da standen sie alle auf, falteten die Hände und beteten laut und
-andächtig das Vaterunser. Was murmelte doch der Talmüller nach der
-fünften Bitte? Klang es nicht wie: „außer dem Firmian“?
-
-Nun nahm Tobi den Gast an die Hand und führte ihn zur Hintertür hinaus
-über einen kleinen Hof in die Hütte, wo das Mahlwerk stand. Dort war
-ein Kämmerlein abgeteilt. Eine Truhe und ein Schemel stand darin, und
-ein hohes Heulager war aufgeschüttet mit dicker Wolldecke; Friedels
-Bündel lag daneben.
-
-„Dies ist mein Revier“, sagte der kleine Mann, „und du bist mein
-Schlafgenoß. Nun noch ein Wort zur Gutenacht. Bleib’ in Frieden hier
-und folg’ dem Talmüller! ’s wird dein Schaden nicht sein. Goldtreu ist
-er als Freund, schrecklich als Feind!“
-
-Der Knabe antwortete nicht, und beide streckten sich aufs Lager. Nach
-einer Weile fragte er leise:
-
-„Wo habt ihr meinen Großvater begraben?“
-
-„Morgen will ich dir’s zeigen. Auf einer Waldlichtung links ab von der
-Mühle, nach Mitternacht zu. Gute Nacht.“ --
-
-Beim allerersten Morgengrauen des andern Tages öffnete sich leise, ganz
-leise das Pförtchen des Mahlwerks, und Friedel, sein Bündel auf der
-Schulter, den Wanderstab in der Hand, schlüpfte heraus, lief über den
-offenen Grund und verschwand im Walde. Das Glück war ihm günstig; er
-fand bald die Waldlichtung und den frischaufgeworfenen Grabhügel, mit
-großen Steinen beschwert, um das Waldgetier am Aufwühlen zu hindern. Er
-kniete dabei nieder, küßte die kalte, feuchte Erde, bezwang aber tapfer
-den aufsteigenden Jammer. „Gute Nacht, Großvater“, flüsterte er. „Ich
-gehe ins Preußenland zum Paten Rudi. Ich will fromm sein; im Himmel
-komm ich wieder zu dir!“
-
-Unwillig die großen Tränen von den Wangen wischend, erhob er sich
-und wanderte rüstig weiter durch dichten Wald, immer in nördlicher
-Richtung. Nach und nach ward es hell, aber der Grund ward rauher.
-Felsstücke und Gestrüpp hemmten seinen Weg; nur langsam kam er
-vorwärts. Plötzlich hörte der Wald ganz auf. Er trat heraus, prallte
-aber gleich erschrocken zurück, denn vor ihm fiel eine steile graue
-Felswand ab, und tief unten schimmerte im milden Morgenglanz ein See.
-Zur Rechten stürzte der Mühlbach brausend hinab. Nirgends eine Spur
-von Weg und Steg; keine andere Möglichkeit als Umkehr! Dazu blies der
-Novemberwind so stark, daß der Knabe sich an einen Baumstamm halten
-mußte. Leider fing es an zu schneien. Ach, er fühlte plötzlich, daß
-er doch nur ein Kind war! Sollte er umkehren? Würden sie ihn nun nicht
-hart behandeln? Die Frau war engelsgut, das Ännchen hatte er schon
-lieb, aber vor dem Talmüller fürchtete er sich.
-
-Da legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter. Erschrocken fuhr er
-auf und sah ihn hinter sich stehen, in Jägerkleidung, die Flinte über
-der Schulter, einen geschossenen Rehbock auf dem Rücken.
-
-„Törichtes Kind!“ sprach er. „Siehst du nun, daß aus meinem Zauberkreis
-kein Entrinnen ist? Hier der See, dort steile Felswände; nach Morgen zu
-die Schlucht, die Wolf, der Hund, streng bewacht. Warum vertraust du
-mir nicht, da ich doch dein Freund bin? Bleib’ ruhig bei mir, bis du
-herangewachsen bist; dann magst du wandern, wohin du willst. Ich selbst
-zeige dir dann den Weg. Deine Freunde sind zwei Tagereisen voraus; du
-würdest sie nicht mehr erreichen, selbst wenn wir wüßten, welchen Weg
-sie eingeschlagen haben. Der Winter ist nahe; es gibt noch Wölfe und
-Bären in den Bergen. Möchtest du einem begegnen?“
-
-Da wagte der Knabe dem seltsamen Manne ins Antlitz zu blicken. Er sah
-jetzt nicht furchtbar aus; sein Auge blickte freundlich. Er war doch
-ein schöner Mann, und das Jägerkleid stand ihm gut. Woher kam’s wohl,
-daß er den Rehbock schießen durfte, was sonst streng verboten war? Aber
-Ännchens Warnung fiel ihm ein; er schwieg und ließ sich willig zur
-Mühle zurückführen.
-
-Dort stand die Morgensuppe auf dem Tisch. Niemand erwähnte seine
-Flucht. Nach dem Essen sprach Tobias: „Ich will heut noch das letzte
-Mehl zu Tal bringen; morgen möchte der Pfad verschneit sein. Es ist für
-den Franzl am Stein; das ist nicht weit. Vor Abend bin ich wieder hier.
-Ich bring’ gleich alles mit, was der Franzl auf dem letzten Markt für
-uns besorgt hat zur Winternotdurft. Wer weiß, ob ich wieder hinabkann!
-Ich denke, es gibt bald Schnee.“
-
-Friedel sah aufmerksam zu, wie Tobi einen Esel mit den Säcken belud,
-ihn vor sich her über den rohgezimmerten Steg trieb, der unterhalb der
-Mühle über den Bach führte und im Walde verschwand. Der Müller erriet
-seine Gedanken.
-
-„Gib dich zufrieden; du kannst ihm nicht folgen. Sein Weg führt nicht
-nach Preußen zu“, sprach er lächelnd.
-
-„So will ich hier bleiben, bis ich groß bin“, rief der Junge plötzlich
-entschlossen; „das dauert ja nicht mehr lang!“
-
-Ännchen umhüpfte ihn fröhlich; die Mutter küßte ihn auf die Stirn. Der
-Mann war hinters Haus gegangen, sein Reh abzuziehen.
-
-
-
-
-3. Wie die Kinder aufwuchsen.
-
-
-Wenn Friedel erwartet hatte, in der Talmühle seltsame, märchenhafte
-Dinge zu erleben, so hatte er sich sehr getäuscht. Wenigstens jetzt im
-Winter war der Tageslauf nicht viel anders, als er in des Großvaters
-Hütte gewesen. O der liebe, liebe Großvater! Wieviel dachte der Knabe
-an ihn! Wie oft suchte er einen stillen Winkel, um sich auszuweinen!
-Aber Kindertrauer währt nicht allzulang; das Leben ist noch so neu
-und frisch, daß es schnell wieder Reiz gewinnt. So fing auch Friedel
-bald an um sich zu schauen und teilzunehmen an allem, was in der neuen
-Heimat lebte und webte. Ganz früh stand er mit Tobi auf und half das
-Vieh versorgen, die schönen Tauben, die unterm Dach ihre Nester und
-Fluglöcher hatten, die zahlreiche Hühnerschar, die jetzt auf den engen
-Hof beschränkt war, die schneeweiße Kuh, die zwei munteren Ziegen im
-Stall und endlich das geduldige Eselein, Tobis Liebling.
-
-[Illustration]
-
-Erst wenn diese alle eifrig fraßen, sammelte sich die Familie um den
-warmen Herd, und die gute Milchsuppe mit großen Brotbrocken schmeckte
-vortrefflich. Dann gingen die Männer, wenn’s das Wetter erlaubte,
-hinaus zum Holzfällen, oder sie hatten etwas am Mahlwerk, das jetzt
-ganz stillstand, zu bessern; auch sägten, hämmerten und hobelten sie in
-der Scheune, um allerlei nötiges Werkzeug herzustellen. Zuweilen durfte
-Friedel helfen, meist aber blieb er bei Mutter und Schwesterlein, wie
-er Frau Marie und Ännchen bald nannte. Die zarte, bleiche Frau ließ es
-gern geschehen, daß er das Herdfeuer unterhielt, Wasser aus dem Bach
-herbeischleppte, den Backofen heizte und ihr noch allerlei Dienste
-tat, an die ihn der Großvater gewöhnt. Sie war sehr still und ernst;
-wenn sie ihm aber einmal übers lockige Haar strich und ihn einen
-braven Buben nannte, war’s reicher Lohn für alle Mühe. Setzte sie
-sich dann ans Spinnrad, so holte auch Friedel seine Bücher herbei;
-denn er hatte dem Großvater, der vielleicht sein nahes Ende ahnte,
-heilig versprechen müssen, nichts zu vergessen, was er gelernt, und
-fleißig in der Bibel zu lesen. Dann legte auch Ännchen ihr steifes
-Holzpüppchen oder die kleinen Töpfe und Schüsselchen, mit denen sie
-gespielt, beiseite und buchstabierte mühsam mit Hilfe der Mutter in
-dem uralten, schmutzigen Gebetbüchlein, das auf dem Wandbrett lag.
-Es war so abgegriffen, daß man die Buchstaben kaum erkennen konnte,
-und Friedel behauptete keck, es sei ein schlechtes und dummes Buch,
-da gleich auf der ersten Seite das Ave-Maria stand, und man ja nur zu
-Gott und dem Heiland beten dürfe. Er meinte, in seinem Katechismus und
-Gesangbuch stünden viel bessere Sachen, die wolle er das Ännchen ganz
-so lehren, wie es ihn der Großvater gelehrt habe. Die Mutter ließ es
-gern geschehen, und alle die schönen Sprüche und Liederverse, die das
-kleine Mädchen mühsam buchstabieren und nach und nach auswendig lernen
-mußte, lernte sie mit und bewahrte sie in einem feinen und guten Herzen.
-
-„Du bist ein glückseliger Bub“, sprach sie oft zum Friedel, „daß du
-alles so früh gelernt hast. Und wenn dir dein Großvater ein Königreich
-hinterlassen hätt’, wär’s nur Staub gegen diese Schätze.“
-
-Mutter und Töchterlein lauschten gar andächtig, wenn der kleine
-Schulmeister aus der Bibel vorlas, in der er, dank des Großvaters
-Unterricht, schon recht gut Bescheid wußte. Ihm gefielen ja die
-Geschichten der Patriarchen und der streitbaren, herrlichen Könige des
-Alten Testaments am besten; Frau Maria aber wollte nur immer von JEsu,
-dem Sünderheiland, hören, und Friedel sah verwundert zu ihr auf, wenn
-ihr beim Zuhören die hellen Tränen übers Gesicht liefen.
-
-Nun kam das Weihnachtsfest immer näher, das der Knabe sich gar nicht
-denken konnte ohne das liebliche Lied: „Vom Himmel hoch, da komm
-ich her.“ Wie hell hatte er’s mit dem Großvater im lieben Hüttlein
-gesungen! Nun lehrte er das Ännchen ganz heimlich einige Verse, so oft
-sie einmal kurze Zeit allein waren; ja, sie schlüpften sogar in den
-Stall, um sich im Singen zu üben. Wie würden sich die Eltern und Tobi
-darüber freuen! Indes wurde es kälter; mit der Arbeit im Freien war’s
-ganz vorbei, und oft war die ganze Familie von früh bis abends auf die
-Stube beschränkt. Das war eine schlimme Zeit für den Talmüller. In den
-langen Abenden und dunklen Nächten kam oft ein böser, finsterer Geist
-über ihn, so daß er stundenlang untätig am Herd sitzen konnte, den
-Kopf in die Hände gestützt, in trübe Gedanken versunken. Dann wagten
-die andern kaum ein Wort zu sprechen; man hörte nur das Schnurren der
-Spinnräder und das Klappern des kleinen Webstuhls, den Tobi in einem
-Winkel aufgeschlagen hatte. Wenn dann ein tiefer Seufzer nach dem
-andern sich der Brust des starken Mannes entrang, schlich wohl das
-Ännchen herbei, streichelte sein gebeugtes Haupt und sprach ihm leise
-zu. Manchmal half es; er zog es auf den Schoß, liebkoste es unter
-Tränen und war für den Rest des Abends freundlicher als je. Aber nicht
-selten blieb alles umsonst, und für den munteren Friedel war die
-trübe, ängstliche Stimmung schwer zu ertragen. Gern hätte er gewußt,
-was dem armen Mann fehle; da aber Ännchen nur den Kopf schüttelte und
-den Finger auf den Mund legte, wenn er danach fragte, blieb’s ihm ein
-Geheimnis.
-
-Ganz im stillen traf die Frau ihre kleinen Vorbereitungen auf das
-Christfest. Die Kinder halfen ihr im ganzen Hause Ordnung und
-Sauberkeit herstellen, und begrüßten mit Jubel die drei großen,
-dicken Kuchen, die aus dem Backofen gezogen und im oberen Kämmerlein
-verwahrt wurden. Tobi holte ein schlankes Tannenbäumchen aus dem Walde
-und überraschte die Kinder durch etliche Sterne und Ringlein von
-Lebkuchenteig, die er schon im Herbst vom Franzl am Stein mitgebracht,
-dazu auch bunte Lichtchen.
-
-Am Tage vor dem Christfest war’s zwar kalt draußen, aber schön und
-klar. Desto trübere Wolken lagen auf der Stirn des Talmüllers. Als er
-ohne ein Wort zu sprechen die Morgensuppe gegessen hatte, nahm er die
-Flinte von der Wand und sprach:
-
-„Ich geh’ jetzt und hol’ einen Festbraten.“
-
-„Laß es doch bleiben, Christoph“, bat die Frau. „Ich schlacht’ uns das
-fette gelbbraune Huhn; das gibt eine prächtige Suppe.“
-
-„Fort will ich!“ rief der Mann heftig. „Weit fort muß ich! Ich muß
-fühlen, daß ich frei bin!“ Damit war er schon zur Tür hinaus.
-
-„Laßt ihn gewähren, Frau“, bat Tobi; „er hat wohl wieder böse Träume
-gehabt. Vielleicht läuft er sich’s aus.“
-
-Am frühen Nachmittag kam er wieder, ein Reh auf der Schulter, aber
-ach! noch mit demselben unsteten, finsteren Blick. Sogleich sah er
-das Bäumchen, das die Kinder indessen geschmückt, in der Ecke stehen.
-„Schafft das Ding hinaus! Ich mag kein Licht sehen!“ rief er, streckte
-sich vor dem Herd auf den Fußboden und schlief fest ein; leise schob
-ihm die Frau ein Kissen unter den Kopf. Es ward dunkel, und er schlief
-noch immer, dann und wann im Traum unverständliche Worte murmelnd.
-Still und traurig saßen die andern in der Ecke; es war ein trübseliger
-Christabend! Da das Feuer am Niedergehen war, schlich Friedel leise
-hin, um frisches Holz nachzulegen. Da schlug der Mann die Augen auf,
-noch ganz vom Traum befangen, und sein Blick fiel auf den Knaben.
-
-„Arnold“, sagte er leise, „bist du es? O, bist du nicht tot, mein
-Herzblatt, mein Liebling? Wie schön und groß bist du geworden!“
-
-„Ich bin ja der Friedel“, sprach der Knabe verwundert.
-
-Da löste sich der Bann des Traumes; wild fuhr der Mann empor, stieß das
-Kind von sich und rief:
-
-„Der Fremde wärmt sich an meinem Herd; der Eigene liegt fern im kalten
-Grund!“ Damit schlug er die Hände vors Gesicht und schluchzte zum
-Herzbrechen.
-
-Totenstill war’s in der Hütte; auch die Frau weinte. Tobi hatte Ännchen
-auf den Schoß genommen und flüsterte ihr leise Trost zu. Dem Friedel
-aber tat das Herz bitter weh. „Ach“, dachte er, „wenn mir der Mann so
-feind ist, daß er mir das Herdfeuer nicht gönnt, wär’s wohl besser, ich
-feierte heut Christabend mit dem Großvater droben im Himmel!“
-
-Aber der heiße Tränenstrom hatte des Talmüllers Herz erleichtert.
-Allmählich ward er ruhig, erhob sich vom Boden, setzte sich auf die
-Bank, und sein Blick fiel auf die traurige Gruppe im Winkel.
-
-„Ihr armen Leut’“, sprach er mit weicher Stimme, „wie hab’ ich euch den
-Christabend verdorben! Ach, die Träume, die Träume! Komm her, Bub! Du
-bist brav; und ich bin dir gut! Setzt euch alle zu mir. Tobi soll ein
-Märlein erzählen, daß die trüben Gedanken weichen.“
-
-Sonst war Tobi stets dazu bereit; heute aber schien er selbst weich und
-wehmütig gestimmt, und es wollte nichts Rechtes werden. Da sprach die
-Mutter, sanft über des Mannes Haupt streichend:
-
-„Ich wüßt’ was Besseres heut zum Christabend. In Friedels Buch ist so
-schön erzählt, wie das JEsuskindlein geboren ward. Soll er’s nicht
-einmal vorlesen?“
-
-„Ist mir auch recht“, erwiderte Christoph. „Ein gutes Buch mag’s wohl
-sein, da ’s der Firmian verboten hat. Vielleicht liest der Bub besser
-als die Pfaffen; bei ihrem Gemurmel bin ich allweil eingeschlafen.“
-
-Aber jetzt schlief er nicht! Gar laut und deutlich und recht aus
-Herzensgrund las der Knabe die liebliche Geschichte, die er ja fast
-auswendig wußte; und als er die Engelsbotschaft sprach, strahlte sein
-Antlitz, als sei er selbst ein Himmelsbote.
-
-„Das war schön!“ sprach der Talmüller, tief aufatmend. „Da wird’s
-einem friedlich und hoffnungsvoll ums Herz. Nun holt nur euer Bäumchen
-und zündet’s an! Es mag das Licht bedeuten, das die armen Hirten
-umleuchtete, als der Engel kam.“
-
-Freudig gehorchten die Kinder; und als die zwölf Lichtchen brannten,
-traten sie vor den Vater und begannen ihr Lied zu singen, erst
-zaghaft, bald lauter und mutiger. Sechs Verse wußte Ännchen; dann sang
-Friedel allein mit immer heller werdender Stimme, glühenden Wangen und
-strahlenden Augen. Mit andächtig gefalteten Händen horchten die drei.
-Als er geendet hatte, blieb alles still; der Talmüller aber zog den
-Knaben an sich und küßte ihn. Von diesem Abend an hielt er ihn wie
-einen Sohn.
-
-Nun geschah es oft, daß Friedel am Abend sein Schnitzwerk oder andere
-Arbeit aus der Hand legen und vorlesen mußte. Der Talmüller hatte
-das Lesen, das er nie gelernt, bisher für eine unnütze Pfaffenkunst
-gehalten; jetzt bekam er Achtung davor und staunte den kleinen Jungen
-an, der so sicher fragte: „Was wollt ihr heute hören? Soll ich ein
-Wunder lesen, das der Heiland tat, ein Gleichnis, das er erzählte, oder
-eine Predigt, die er dem Volke hielt?“ Und dann fand er’s bald in dem
-großen, dicken Buch. Es war erstaunlich!
-
-Allerlei Gespräch knüpfte sich nicht selten an das Lesen. Einmal sagte
-der Talmüller:
-
-„Jetzt merk’ ich, wie uns die Priester betrogen haben. In diesem Buch,
-das Gott selbst den Menschen gegeben, wie der Bub sagt, laufen alle
-kranken, betrübten, elenden Leut’ stracks zum HErrn JEsu, bitten um
-Hilfe und werden allezeit freundlich erhört. Hat er sie wohl jemals
-erst zum Petrus oder zum Johannes geschickt, damit die Fürsprach’
-täten? Ich denk’ nicht! So will ich mir ein Herz fassen und dreist zum
-HErrn Christus selber beten. Er kann kein schrecklicher Richter sein,
-wie uns gelehrt ward.“
-
-„Ich tu’ es schon längst“, sprach die Frau leise. „Als ich einstmals
-am Verzweifeln war, du weißt schon wann, Christoph, da riet mir’s ein
-altes Weiblein, dem ich sonst wohl Almosen gegeben. Kein Heiliger hat
-dazumal mein zerbrochenes Herz geheilt, aber der HErr JEsus hat’s
-getan.“
-
-Dennoch gefiel dem seltsamen Manne nicht alles, was der Knabe las;
-manches dünkte ihm zu hart und schwer. Bei den Worten des HErrn:
-„Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch
-hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“, fuhr er
-aufgeregt empor und rief: „Das kann kein Mensch; das ist zu schwer! Wer
-mir Böses tut und mir mein ganzes Glück zerstört, den darf ich hassen,
-ja, ich haß ihn bis zum Tode.“ Wie er so dastand, die Augen blitzend,
-den Arm erhoben, die Faust geballt, sah er furchtbar aus.
-
-Dennoch faßte sich Friedel ein Herz und sagte schüchtern: „Mein
-Großvater konnte es aber doch! Er hat all’ Abend für den Firmian
-gebetet, und mich hat er’s auch gelehrt.“
-
-Da sah ihn der Mann mit seltsam scheuem Blick an, hieß ihn das Buch
-zumachen, und alle saßen still und gedrückt bis zur Schlafenszeit. Beim
-Gebet aber sprach Christoph seine bösen Worte nach der fünften Bitte
-wieder einmal ganz laut und deutlich, so daß die Frau sich weinend
-abwandte.
-
-Als der Winter sich zu Ende neigte, kamen sie zur Leidensgeschichte
-des HErrn JEsu. Da ruhten oft die fleißigen Hände der Zuhörer und
-falteten sich in ernster Andacht; Klein-Ännchen aber weinte bittere
-Mitleidstränen, daß man den guten Heiland so übel behandelt. Nun hing
-er am Kreuz, ward noch verhöhnt und gelästert in seinem bitteren
-Leiden. Horch, da spricht er noch einmal: „Vater, vergib ihnen; denn
-sie wissen nicht, was sie tun.“
-
-Da unterbrach der Talmüller den Knaben: „Lies heute nicht weiter; ich
-hab’ genug zu denken!“ Aber als sie bald darauf das Vaterunser beteten,
-hielt er inne und sprach feierlich: „Und auch dem Firmian; ja, lieber
-barmherziger Gott, auch dem Firmian!“
-
-Als sie ausgebetet hatten, sah Friedel zum erstenmal, wie die Frau die
-Arme um des Mannes Hals schlang und ihn unter Freudentränen küßte. Von
-diesem Tage an blieben zwar die finsteren Stimmungen nicht ganz aus,
-kamen aber viel seltener und hielten nicht mehr so lange an.
-
-So hatten alle in den dunklen Winterabenden viel gelernt, und der
-Talmüller wohl am meisten. Dennoch freute sich ein jeder, als der
-Schnee schmolz, der oft zugefrorene Bach wieder klare, schäumende
-Wellen schlug, der warme Sonnenschein bald Gras und Blümlein
-hervorlockte und im frisch grünenden Walde Vogelstimmen laut wurden.
-Nun gestaltete sich das Leben der Einsamen freier und fröhlicher. Tobi
-zog wieder aus, um das Korn abzuholen, das seine Kunden vom vorigen
-Jahre noch aufbewahrt hatten. Woher er’s holte, blieb für Friedel ein
-Geheimnis, und er hatte längst das neugierige Fragen verlernt. Lustig
-klapperte die Mühle; Webstuhl und Spinnräder ruhten, und die Mutter
-schaffte emsig im Krautgarten, der nicht weit vom Hause angelegt war.
-Die Kinder halfen nach Kräften und hatten ihre Lust an den jungen
-Hühnern und Tauben, an den Zicklein, die so munter umhersprangen,
-und den zwei schneeweißen Kaninchen, die Tobi von einem seiner Gänge
-mitbrachte. Ihre besten Tage waren, wenn die Mutter am Morgen sprach:
-„Heute könnt ihr das Vieh in den Wald treiben und hüten bis gegen
-Abend.“
-
-[Illustration]
-
-Da zogen sie singend aus, reichlich versorgt mit Brot und Käse und
-einem Becherlein, das sie so oft voll süße Milch melken durften, als
-sie nur wollten. Köstliche Stunden verlebten sie da im Grase liegend,
-zum blauen Himmel aufschauend, der so wunderbar durch die Baumkronen
-schimmerte, und dem Gesang der Vöglein lauschend, die hier ganz
-ungestört ihre Nester bauten. Gern suchten sie den Platz auf, wo der
-Großvater schlief. Es war eine liebliche Waldwiese, von dunklen Tannen
-und lichtgrünen Birken eingerahmt. Unzählige Blümlein sproßten weiß,
-rot, goldgelb und blau zwischen dem frischen Gras hervor, und am Rande
-unter den Bäumen reiften bald süße Erdbeeren in Fülle. Am Grabe des
-Großvaters saßen die Kinder, wanden Kränze, um es zu schmücken, und
-dachten nimmer an die Bitterkeit des Todes, sondern an den lichten
-Himmelssaal, wo der liebe Alte nun ausruhte von der Last des Lebens.
-Gar gern erzählte Friedel dem kleinen Mädchen von dem friedlichen
-Leben in der Heimat, aber auch von der Stadt, von der Kirche, vom
-Paten Rudi, seiner schönen Stube und dem wunderbaren Bilderbuch.
-Ännchen hörte mit großen Augen zu, denn alles war ihr neu und fremd.
-Sie war nun schon acht Jahre alt, kannte aber nichts von der Welt
-als die Talmühle. Ganz dunkel besann sie sich darauf, einmal auf der
-Wanderschaft gewesen zu sein mit Tobi und den Eltern. Aber es war schon
-lange her und die Erinnerung sehr unklar.
-
-Manchmal zogen die kleinen Hirten auch weiter, sogar bis zur steilen
-Felswand am See; doch nur selten, denn dort mußten die Tiere angebunden
-werden, damit sie nicht etwa, nach einem Gräslein haschend, in die
-Tiefe stürzten. Friedel ging gern hin; es war der einzige Ort, wo er
-etwas von der Außenwelt sah, wenn’s auch nicht viel war. Der See war
-nicht groß, und das andere Ufer viel niedriger, nicht bewaldet, sondern
-öde und steinig. Aber ganz in der Ferne sah man grüne Bäume, und
-zwischen ihnen erkannte Friedels scharfes Auge ein Häuschen, aus dessen
-Schornstein Rauch emporstieg. Wer mochte wohl dort so einsam wohnen? Da
-saß er und träumte von der Zeit, wo er hinausziehen würde in die Welt,
-herrliche Dinge schauen und endlich ins Preußenland kommen würde zu
-seinen Glaubensgenossen. Aber Ännchen durfte nichts davon merken, sonst
-fing es an zu weinen und sagte, er dürfe niemals fort; es habe ihn ja
-so lieb.
-
-Doch hatten die Kinder nicht allzuviel Zeit zum Träumen; sie mußten
-immer etwas mit heimbringen, was der Wald bot: allerlei Beeren je nach
-der Jahreszeit, Pilze, würzige Arzneikräuter, die Tobi sie kennen
-lehrte, Haselnüsse und endlich ganze Säcke voll Tannenzapfen, die das
-Herdfeuer so lustig und helleuchtend machten. Reichbeladen kamen sie
-dann singend heimgezogen, denn Ännchen lernte erstaunlich schnell alle
-Lieder, die Friedel wußte. Seltsam war’s, daß sie nie jemandem im
-Walde begegneten. Auf den Wald- und Bergfahrten, die der Knabe früher
-mit dem Großvater gemacht, war’s ja auch sehr einsam gewesen, aber
-doch hatten sie zuweilen einen Holzfäller angetroffen, einen Jäger
-oder ein Weiblein, das Beeren suchte. Ja, es war etwas Märchenhaftes
-um die Talmühle; man spürte es im Sommer mehr als zur Winterszeit!
-Wenn die Kinder daheim blieben, um der Mutter im Garten zu helfen
-oder das Heu auf der Wiese zu wenden, kam es mehr als einmal vor, daß
-Wolf, der große Hund, der sich nie weit vom Hause entfernte, unruhig
-ward, die Ohren spitzte und endlich mit wütendem Gebell fortstürzte,
-meist nach der Schlucht zu, wo Friedel einst so angstvoll hergekommen
-war. Dann war der Talmüller im Nu bei der Hand, mochte er sein, wo er
-wollte, warf sich das Bärenfell oder ein weißes Laken um und folgte
-dem Hunde, seltsame, schauerliche Töne ausstoßend. War er aber auf
-die Jagd gegangen, was im Sommer nur selten geschah, so erschien Tobi
-mehlbestäubt und eilte in wunderlichen Sprüngen dem Hunde nach. Bald
-kamen sie ganz ruhig zurück, als sei nichts geschehen; das feine Ohr
-des Knaben hatte aber mehr als einmal einen Schreckensruf im dichten
-Gebüsch vernommen und das Knacken von Ästen und Zweigen, als ob jemand
-schnell und blindlings die Flucht ergriffe. Fragte er, was geschehen
-sei, bekam er von Tobi nur neckische Antworten. Der Talmüller aber
-machte ein finsteres Gesicht und hieß ihn schweigen.
-
- * * * * *
-
-Vier Winter und drei Sommer waren vergangen. Friedel war kräftig
-emporgewachsen und ein schöner, stattlicher Knabe geworden. Das
-Leben in der Talmühle war dasselbe geblieben; aber die Kinder hatten
-sich allmählich verändert. Noch hingen sie aneinander mit herzlicher
-Liebe; ja, Friedel hätte jederzeit sein Leben für das zarte, holdselig
-aufblühende Mädchen gewagt. Aber das stete Beisammensein wollte nicht
-mehr recht passen.
-
-Ännchen hing mehr und mehr an der Mutter, lernte von ihr die einfache
-Mahlzeit kochen, einen immer feineren Faden spinnen und aus dem derben
-Wollzeug, das Tobi webte, ihr eigen Röcklein nähen. Lesen konnte sie
-nun ebensogut wie Friedel; sie wechselten miteinander ab beim Vorlesen
-am Abendfeuer. Im letzten Winter hatte der Knabe den Männern wacker
-geholfen beim Holzfällen und allerlei Arbeit in Stall und Scheune. Als
-aber der Frühling wieder ins Land zog, ward er still und matt, sah
-bleich aus und lag gern einsam unter einem Baum, zum Himmel aufschauend.
-
-Einst hatte ihn der Talmüller schon zweimal gerufen, ohne daß er hörte;
-da trat er zu ihm und fand ihn bitterlich weinend.
-
-„Was fehlt dir, Bub?“ fragte er erschrocken.
-
-Erst wollte er lange nicht antworten, endlich aber brach er schluchzend
-in die Worte aus: „Hinaus muß ich; hinaus aus dem engen Tal! Unter
-Menschen, ins Leben will ich; ich muß sonst sterben!“
-
-„Was ist denn so plötzlich über dich gekommen?“ fragte der Mann.
-
-„Nicht plötzlich! In mancher Winternacht hab’ ich geweint, wenn Tobi
-fest schlief. Ich hab’ euch alle lieb, und solang ich ein Kind war,
-ging alles gut. Aber ich kann nicht mehr mit dem Ännchen hinausziehen,
-das wenige Vieh zu hüten! Ich muß was Besseres zu tun haben, als Blumen
-und Beeren suchen! Ich möcht’ ein Mann werden und was Rechtes taugen in
-der Welt!“
-
-„Weißt du nicht, daß du noch immer zu jung bist, allein in die Welt zu
-ziehen?“
-
-„Ich weiß es wohl; aber ich weiß auch, daß Tobi hinausgeht unter
-Menschen. O, laßt mich mit ihm! Mir wird so bang in dem engen Tal, als
-solle mein Herz zerspringen!“
-
-Der Talmüller schwieg lange; dann begann er: „Es mußte so kommen; ein
-frischer Bub wie du sehnt sich hinaus. Später wirst du dich vielleicht
-oft zurücksehnen in diese tiefe Einsamkeit. Ganz fort darf ich dich
-noch nicht lassen; du weißt nicht, wie hart das Leben ist. Aber du
-sollst etwas lernen; ich will dich in die Mühle nehmen, daß du in
-etlichen Jahren als Mühlknappe ausziehen kannst. Auch Menschen sollst
-du sehen, aber nur, wenn du schweigen gelernt hast. Sag’, willst du zu
-niemand sprechen von dem, was du hier erlebt? Willst du besonders den
-Pfad, der aus dieser Einsamkeit führt, keinem verraten?“
-
-Nach kurzem Besinnen erwiderte Friedel: „Als ich noch ganz klein war
-und kaum übern Tisch gucken konnte, lehrte mich der Großvater schon
-viele Sprüchlein. Und eben diese vergaß ich nie! Eins davon heißt: ‚Ein
-Verleumder verrät, was er heimlich weiß; wer aber getreuen Herzens ist,
-verbirgt dasselbige.‘“
-
-„Ich vertraue dir!“ sprach der Talmüller. „Wenn der Tobi wieder
-auszieht, ziehst du mit.“
-
-O wie klopfte Friedels Herz vor Freude, endlich einmal wieder hinaus zu
-kommen aus diesem stillen, märchenhaften Tale!
-
-
-
-
-4. Wie’s dem Talmüller ergangen war.
-
-
-Nicht lange nach diesem Gespräch führte Friedel eines Morgens das
-Eselein aus dem Stalle. Ganz sauber hatte er sein graues Fell
-gebürstet und das Zaumzeug schön geputzt. Es war noch viel zu zeitig
-zum Ausziehen. Frau Marie kochte eben erst die Morgensuppe, und der
-Talmüller schlief noch fest. Aber Ännchen stand schon bei dem Knaben
-und zupfte ihm den nagelneuen Kittel zurecht, den sie selbst hatte
-nähen helfen.
-
-„Ich bring’ dir auch was mit aus der Welt draußen“, versprach Friedel.
-„O wie mein Herz klopft! Was werd’ ich sehen? Wohin wird der Weg
-führen?“
-
-Die Mutter rief zum Essen; doch nahm Friedel nur ein paar Löffel von
-der guten Suppe und steckte das Brot in die Tasche. Nun waren sie
-bereit; Tobi freute sich, den Knaben, den er sehr liebte, zum Gefährten
-zu haben, aber Christoph war nicht zu sehen. Als die beiden, den Esel
-vor sich hertreibend, über den Steg gingen und Ännchen ihnen noch ein
-Lebewohl nachrief, guckte der Mann verstohlen zur Dachlucke heraus.
-
-„Da zieht er hin, der treue, liebe Junge, der mir Frieden und Hoffnung
-gebracht hat durch das herrliche, göttliche Buch!“ sprach er zu sich
-selbst. „Und in wenig Jahren muß ich ihn ganz fortlassen. O Gott, laß
-ihn dann nur nicht allzuviel Jammer erleben! Ja, auch mich zieht’s
-manches Mal hinaus. Wohl möcht’ ich wieder unter Menschen leben. War
-ich doch der frischeste, fröhlichste Bursch im ganzen Dorf! Aber nein,
-’s geht nimmer! Das Herz ist allzu tief verwundet; es kann nimmer,
-nimmer ganz genesen. Ich hab’ mein Weib und mein Kind, das ist mir
-genug!“
-
-Rüstig schritten die beiden Wanderer vorwärts. Der kaum sichtbare Pfad
-führte zuerst durch dichten Wald; oft mußten sie sich bücken unter den
-tief herabhängenden Ästen, oft dem Esel vorausgehen, damit er sich
-nicht im Gestrüpp verwirre. Eine Stunde waren sie so gewandert, da ward
-der Wald lichter; der Weg führte ziemlich steil bergauf, und plötzlich
-standen sie vor einer hohen zerklüfteten Felswand.
-
-Fragend blickte Friedel seinen Begleiter an. „Meinst, die Welt sei hier
-alle?“ lachte dieser. „Komm nur mit; wirst dein Wunder schauen!“
-
-Dicht an dem Felsen gingen sie hin; an der andern Seite niedriges
-Nadelholz. Jetzt aber ergriff Tobi das Eselein am Zaum und führte
-es vorsichtig an der Felswand empor, die hier weniger steil war und
-einen tiefen Einschnitt hatte. Darüber aber wölbte sich das Gestein
-wie ein Dom. Gewand kletterte Friedel nach, erschrak aber nicht wenig,
-als sein Begleiter mit dem Tier plötzlich verschwunden war. Da hörte
-er ihn lachen, und siehe, er stand in einem breiten Spalt zwischen
-zwei Felsblöcken, der in einen dunklen Gang führte. Bald aber fiel
-von oben ein wenig Licht hinein. Manchmal war eben nur Raum genug für
-die Wanderer, dann öffneten sich wieder weite Höhlen und Hallen, vom
-Felsen gebildet. Dem Knaben war’s feierlich und ein wenig ängstlich
-zumute. Jetzt ward der Gang wieder sehr schmal. Tobi sagte, er sei
-eben noch breit genug, um den Esel, wenn er mit Säcken beladen sei,
-durchzulassen. Aber horch! Tönten da nicht Menschenstimmen? Bellte
-nicht ein Hund? O Wunder! Hörte man nicht deutlich das Jauchzen
-spielender Kinder? Jetzt bogen sie um eine scharfe Ecke; es ward
-heller und heller, und jetzt traten sie hinaus und erblickten ein
-Bild fröhlichen Lebens, wie es der Knabe seit Jahren nicht gesehen.
-Sie standen auf einem großen, weiten Bauernhof, der teils durch
-den Felsen, teils durch ein niedriges, aber sauberes Wohnhaus mit
-eingebauten Stallungen, teils durch eine hohe Steinmauer mit weitem
-Eingangstor begrenzt war. Lustig plätscherte der Brunnen in der Mitte.
-Der Hofhahn krähte auf dem hohen Düngerhaufen, Hühner und Gänse
-tummelten sich ringsumher, und eine Schar rotwangiger, blondhaariger
-Kinder tanzte singend im Kreise. Friedel jauchzte laut auf bei diesem
-Anblick. Endlich, endlich sah er wieder Menschen, über denen kein
-geheimnisvoller Schleier hing.
-
-Jetzt gewahrten die Kinder die Wanderer am Felsentor. „Der Tobi ist
-da, der Tobi!“ jubelten sie herbeieilend, wichen aber beim Anblick des
-fremden Knaben scheu zurück.
-
-„Ruft den Großvater“, gebot Tobi; und die ganze Herde stürmte ins Haus,
-aus dem gleich darauf ein stattlicher alter Mann mit großen, klaren
-Augen, langem, weißem Bart und Haar und ehrwürdigem Aussehen hervortrat.
-
-So war der Erzvater Abraham in des Paten Bilderbuch abgemalt gewesen;
-es war der Franzl am Stein. Die Kinderchen hingen sich an seine Hände
-und an die Falten seines langen, weiten Kittels. Freundlich begrüßte er
-Tobi, reichte auch Friedel die Hand und sprach:
-
-„Du bist mir kein Fremder, mein Sohn; Tobi hat Gutes von dir erzählt,
-darum sei mir willkommen! Wilhelm, nimm den Gast unter deine Hut bis
-zur Mittagsmahlzeit!“
-
-Der Älteste der Kinderschar, ein frischer, etwa zehnjähriger Junge,
-nahm Friedel in Beschlag, scheuchte die kleinere Gesellschaft fort und
-fragte: „Willst du meinen Fuchs sehen? Oder wollen wir schießen?“
-
-Der Gast entschied sich für das letztere und ward zu einer hölzernen
-Scheibe geführt, die am Felsen befestigt war. Aber o, wie schämte sich
-Friedel, als der Kleine mit dem scharfen Bolzen seiner Armbrust fast
-immer ins Schwarze traf, während es ihm auch nicht ein einziges Mal
-gelang!
-
-„Du gehst wohl nimmer auf die Jagd? Ich mein’ auf das kleine Wild, das
-man schießen darf?“ fragte Wilhelm.
-
-Traurig schüttelte Friedel den Kopf.
-
-„Dann will ich dir lieber was zeigen! Ich weiß, du wohnst tief im Wald.
-Möchtest du wohl einmal weit hinaus in die Welt blicken?“
-
-„O ja, so gern!“
-
-„So komm; aber hüte dich, daß du nicht fällst!“
-
-In einer Ecke des Hofes waren in die steile Felswand rohe Stufen
-eingeschlagen, eben groß genug, den Fuß hineinzusetzen. Wie ein
-Kätzchen kletterte der Kleine voran; vorsichtiger folgte Friedel, und
-sie erreichten bald einen breiten Vorsprung, von dem sich dem Auge eine
-herrliche Aussicht bot. Ein weites, ungemein fruchtbares Tal breitete
-sich vor Friedels entzückten Blicken aus. Grünende Wiesen, blühende
-Obstbäume, sprossende Saatfelder wechselten lieblich miteinander ab;
-ein silberhelles Flüßchen schlug muntere Wellen, und eine große Anzahl
-niederer Hütten mit gelben Strohdächern belebte die Landschaft. Am
-Ausgang des Tales aber erhob sich auf luftiger Höhe ein Schlößlein
-mit zierlichen Türmen und vielen Nebengebäuden. Hier und da erkannte
-Friedel zu seiner großen Freude auch Menschen, nach denen er sich ja so
-sehr sehnte. Dort pflügte ein fleißiger Ackersmann; ein anderer streute
-Samen aus. An jener Anhöhe weidete ein alter Mann eine Schafherde;
-dort trieben zwei barfüßige Kinder junge Gänschen und Enten in den
-Fluß, und wateten selbst hochgeschürzt in die klaren Wellen, einander
-neckend und bespritzend. Und da, weit hinten, ragte ja ein kleiner,
-altersgrauer Kirchturm zwischen hohen Bäumen hervor.
-
-Ganz verwundert horchte der Kleine auf die freudigen Ausrufe seines
-Gastes, der sich, von der Wanderung ermüdet, auf der Felsplatte
-niedergesetzt hatte. Ihm war ja dieser Anblick friedlichen Lebens etwas
-Alltägliches.
-
-„Deines Großvaters Haus ist das größte und schönste im ganzen Tal“,
-sagte Friedel endlich.
-
-„Gewiß!“ erwiderte Wilhelm. „Er ist eben der einzige freie Bauer; die
-andern sind nur Hüttenleute, die dem Edelmann Pachtgeld zahlen und
-viel Frondienste tun müssen. Haben oft kaum Zeit, ihr bißchen Feld zu
-bestellen.“
-
-„Wohnt der Edelmann dort oben im Schlößli?“
-
-„Nein; gottlob nicht! Er wohnt weit weg an eines Fürsten Hof. Auf dem
-Schlößli sitzt nur sein Haushalter, ein braver Mann, der die armen
-Hüttenleut’ nicht allzusehr schindet.“
-
-„Mein Großvater war auch ein freier Bauer“, berichtete Friedel, „aber
-der Erzbischof hat ihm doch alles genommen.“
-
-„Ja, die Pfaffen, die saugen die Welt aus“, sprach Wilhelm altklug.
-„Der da hinten beim Kirchli sitzt, ist freilich nicht so schlimm. Er
-ißt und trinkt, und läßt die Leut’ treiben, was sie wollen. So sagt
-Großvater“, fügte er erklärend hinzu. „Aber horch, die Mittagsglocken!
-Komm hurtig; ’s gibt ein paar fette Hühner und gewiß Eierkuchen
-hinterdrein, weil ihr Gäst’ seid.“
-
-Es war eine stattliche Tischgesellschaft, die sich in dem zwar
-niedrigen, aber weiten Gemach um die blanke eichene Tafel sammelte.
-Obenan saß der Franzl, ihm zur Seite zwei Söhne, stattliche Männer,
-Tobi und Friedel bekamen ihren Platz neben ihnen. Dann folgten drei
-junge Burschen; um das untere Ende scharten sich Frauen und Kinder.
-Fremdes Gesinde sah man nicht; der Franzl wirtschaftete mit Kindern
-und Enkeln allein. Die Speisen, die in großen Schüsseln und mächtigen
-Pfannen aufgetragen wurden, waren besser als alles, was Friedel
-bisher gekostet. Und als zum Nachtisch ein großer irdener Krug roten
-Weines erschien, trank Franzl aus seinem silbernen Becher; auch die
-Gäste mußten ihm in solchen Bescheid tun. Die Frauen und Mägdlein
-trugen silberne Ohrringe und Halsketten; alles zeugte von behaglichem
-Wohlstand. Als das Dankgebet gesprochen war, sagte Franzl:
-
-„Die armen Hüttenleut’ haben noch manchen Sack Korn liegen von der
-guten Ernte im letzten Jahr. Wenn du heute Zeit hättest, Tobi, könntest
-du dir’s zusammentragen und nach und nach hier abholen. Ich borg’ dir
-noch einen Esel, den kann der Bub wohl führen.“
-
-„Hab’s auch schon gedacht“, erwiderte Tobi. „Dem Friedel gelüstet’s,
-die Welt zu schauen; da sieht er heute doch ein Stücklein!“
-
-„Freilich ein armseliges!“ setzte Franzl hinzu.
-
-Nach kurzer Mittagsrast zogen die beiden aus, zwei Esel vor
-sich hertreibend, die sie nach ein paar Stunden schwer beladen
-zurückbrachten, und taten noch einmal so, ehe der Abend hereinbrach.
-
-Todmüde sank Friedel in das dicke, weiche Federbett, das er mit Wilhelm
-teilte; aber sein Herz war leicht und froh. Er war nicht gefangen in
-der engen Talmühle; es gab noch Leben, es gab noch eine Welt für ihn!
-
-Am andern Morgen zogen sie noch einmal aus, um vom äußersten Ende des
-Tales eine Ladung Kornsäcke zu holen. Auf sanfter Anhöhe ruhten sie
-unter blühenden Bäumen ein wenig aus. Da begann Tobi:
-
-„Da du nun doch weißt, daß über des Talmüllers Leben ein Geheimnis
-waltet, sollst du heute erfahren, wie es ihm ergangen ist. Daß du treu
-bist und schweigen kannst, hast du genug bewiesen.“
-
-„Ist dir erlaubt, mir’s zu berichten?“ fragte Friedel. „Nimmer begehr’
-ich zu hören, was geheim bleiben soll!“
-
-„Das ist brav! Aber der Talmüller hat mir selbst aufgetragen, dir heute
-zu erzählen, wie’s ihm ergangen ist.
-
-Er heißt eigentlich Christoph Hügli. Weit unten im Salzburger Land,
-nahe der Tiroler Grenze, lag sein hübsches Bauerngütlein mit einer
-stattlichen Mühle. Freilich gehörte das Land dem Erzbischof, aber seit
-langen, langen Jahren hatten’s Christophs Vorfahren zum Lehen gehabt.
-Obwohl der Christoph ein wilder Bursch war, hatten ihn alle gern, denn
-er war dabei treuherzig, ohne Falsch und allezeit mildtätig gegen die
-Armen. Seit er die Marie geheiratet hatte, ein verlassenes Waislein,
-aber fromm und schön, ward er auch gesetzter, und sie lebten zusammen
-in Liebe und Frieden wie die Engel im Himmel. Ein prächtig Büblein
-hatte ihnen Gott geschenkt; sie nannten’s Arnold, und es war des Vaters
-Augapfel. Nahebei auf einer Höhe hatte der Firmian ein Lustschlößlein,
-wo er zuweilen Hof hielt mit allerlei Gästen. Da trieben sie mancherlei
-Kurzweil und lagen auch fleißig der Jagd ob, denn in den schönen
-Waldungen gibt’s edles Wild in Fülle. Des Talmüllers Felder lagen
-aber just am Waldesrand, und da konnt’s nicht fehlen, daß oft die
-ganze glänzende Jagdgesellschaft mit Hallo und Hussa durch sein
-Korn und Weizen galoppierte, einem fliehenden Wild nach. Wenn er
-dann händeringend dabeistand, haben sie ihn noch verhöhnt. Auch kam
-das Wild nicht selten des Nachts aus dem Walde, um sich am Getreide
-sattzufressen und alles zu verwüsten. Wegschießen aber durfte man keins
-bei schwerer Strafe. Das war eine rechte Qual für Christophs heftiges
-Gemüt; besonders weil er gar zu gern selbst gejagt hätte und ein so
-guter Schütze war, daß er beim Scheibenschießen stets ins Schwarze
-traf und manch schönen Gewinn einsackte. Doch hat er sich lange tapfer
-bezwungen; auch sein Weib hat ihn immer zur Geduld ermahnt.
-
-[Illustration]
-
-Einmal aber war Lust und Not zugleich ins Haus gekommen. Der herzige
-kleine Bub, nun schon vierjährig, lag schwer krank an den Pocken;
-Marie aber hatte am Abend ein Mägdlein geboren und war recht matt
-und schwach. Die untreue Magd war aus Angst vor der Krankheit
-davongelaufen, und der arme Mann wußte nicht, wem er zuerst helfen
-sollte, dem jammernden Büblein, der schwachen Frau oder dem schreienden
-Neugeborenen. Da stürzt beim Morgengrauen der Hütebub in die Kammer
-und schreit: ‚Meister, das Wild ist im Weizen! Ein ganz Rudel!‘ Da
-übermannte ihn der Zorn. Ohne auf den Ruf der Frau zu achten, reißt
-er den Stutzen (kurze Flinte) von der Wand und ist im Nu draußen. Der
-Schuß kracht, und ein prachtvoller Edelhirsch stürzt, gerade zwischen
-die Augen getroffen, und verendet alsbald. Zu Tode erschrocken sieht’s
-der Bub und der Knecht. ‚Fliehet, fliehet, Meister; ’s gilt Euer
-Leben!‘ schreien sie. Aber der Christoph spricht: ‚Nimmer flieh’ ich
-und laß mein Weib und Kind der Rache des Tyrannen.‘ Da machten sie in
-rasender Eile eine tiefe Grube, zerrten den Hirsch hinein, schlossen
-sie und häuften Steingeröll darauf. Aber o weh! Es mochte wohl irgendwo
-an einer Waldecke oder hinter einer Mauer ein Lauscher und Verräter
-gestanden haben, denn ein ehrlicher Mann ist selten ohne Feind in
-dieser bösen Zeit. Es hat nicht lang gedauert, da kamen des Erzbischofs
-Häscher und schleppten den wackeren Mann vor die Augen des harten
-Herrn. Er leugnet nichts, bittet und fleht um Gnade und verspricht,
-all sein beweglich Gut hinzugeben; man solle ihn nur bei Weib und Kind
-lassen. Da lacht der Stolze höhnisch und spricht: ‚Dein Hab und Gut,
-elender Knecht? Das ist ohnedies verwirkt! Morgen schon übernimmt ein
-anderer dein Lehen. Du aber sprich dein Gebet; in einer Stunde hängst
-du am Galgen.‘ Der Jammer und die stumme Verzweiflung auf des schönen,
-kräftigen Mannes Antlitz gingen aber einer vornehmen Dame in des
-Bischofs Gefolge zu Herzen. Er hatte ihr jüngst versprochen, daß er
-ihr nie eine Bitte abschlagen wolle. So bat sie jetzt um das Leben des
-Armen, und nach einigem Besinnen gewährte er’s ihm. Dann aber redete
-er heimlich einige Worte zu einem Diener, der sich alsbald entfernte.
-Als nun Christoph sich kniend bedankt und dem tückischen Manne Gottes
-Lohn gewünscht hat, verläßt er das Gemach und will heimeilen. Siehe,
-da packen ihn draußen ein paar bewaffnete Knechte, schleppen ihn in
-den Hof, peitschen und martern ihn so grausam, daß er fast den Geist
-aufgibt, legen ihm schwere Fesseln an und werfen ihn, mit Wunden
-bedeckt, in einen feuchten, finstern Kerker.“ --
-
-Überwältigt von Mitleid schwieg Tobi eine Weile und barg das Gesicht in
-die Hände. Friedel aber ballte die Faust in ohnmächtigem Zorn und rief:
-
-„O der böse, böse Mann! Und nur wegen eines Hirsches!“
-
-[Illustration]
-
-Bald fuhr der Kleine fort: „Gott hatte ihm einen riesenstarken Leib
-gegeben, sonst wär’ er gewiß bald gestorben, wohl weniger vor Frost
-und Hunger als vor bitterem, herznagendem Leid. So aber lag er vier
-lange Jahre in dem garstigen Loch gefangen; dann erschien er plötzlich,
-ganz abgezehrt, bleich und in Lumpen gehüllt, im Dorfe. Wer ihn sah,
-schrie auf vor Schrecken und meinte, es sei ein Gespenst. Aber er war
-es selbst; man hatte ihn frei gelassen. Der Kammerdiener des Bischofs
-erzählte, sein Herr habe wohl einen sehr bösen Traum gehabt. Er habe
-immer im Schlaf aufgeschrien: ‚Der Hirsch! Der Hirsch kommt aus der
-Grube! Er will mich zertreten, er will mich aufspießen!‘ Sein Gewissen
-mag ihn wohl gezwackt haben. Aber zugleich hieß es, niemand dürfe den
-Christoph herbergen; er solle alsbald fortwandern aus dem Salzburger
-Land. ‚Fort, fort!‘ stöhnte der arme, elende Mann selber. ‚Nur fort
-von diesem Ort des Jammers!‘ Als er aber sein Weib, das barmherzige
-Leute ins Haus genommen hatten, wieder ans Herz drückte, und das
-Ännchen ihm die Wangen streichelte, weinte er helle Freudentränen.
-Aber ach, sein Büblein, den herzigen Arnold, suchte er vergebens!
-Als man damals das arme Weib mit den Kindern ohne alles Erbarmen von
-Haus und Hof trieb, trug der Hütejunge das Knäblein, das ja schwer
-krank war. Da hörte es, wie die Dorfleute, die in Angst und Schrecken
-zusammenstanden, einander erzählten, was man seinem lieben Vater getan.
-Da schrie es laut auf, fiel alsbald in Krämpfe, und ehe die Sonne sank,
-war das kleine, liebreiche Herz gebrochen.
-
-Als man das dem Christoph erzählte, hob er die Hand gen Himmel und
-rief: ‚Alles, alles will ich dem Firmian vergeben; aber meines Arnolds
-Tod vergeb’ ich ihm nie!‘ Und er sprach schreckliche Worte des Fluches
-über das Haupt des Unbarmherzigen.
-
-Herbergen durfte ihn keiner; aber das konnte niemand wehren, daß man
-ihm ordentliche Kleider gab, allerlei Gewand und Decken für Weib und
-Kind, auch manch silbernen Zehrpfennig und gute Reisekost. Als er nun
-fürder ziehen wollte, kam der Hütebub gelaufen, in des Armen damals das
-Arnoldlein gestorben war. Es war kein schöner Bursch aus ihm geworden,
-klein, verwachsen und häßlich. Der sprach zum Christoph: ‚Meister, Ihr
-habt mich aufgenommen, als ich ein verlassen Bettelbüblein war. Bei
-Euch ist meine Heimat; ich ziehe mit Euch! Und hier ist ein Eselein,
-das schickt Euch der Müller vom Oberdorf, bei dem ich zuletzt gedient.
-Setzt Euch darauf; Ihr seid zu schwach zum Wandern.‘“
-
-„Und der brave Bursche hieß Tobi?“ fragte Friedel.
-
-Das Männlein nickte und fuhr fort: „So zogen wir langsam durchs Land,
-und Gott gab milden Sonnenschein und schönes Wetter, so daß sich der
-Christoph schnell ein wenig erholte, und leise, leise wieder ein
-klein wenig Lebenslust in sein gemartertes Herz zog. Aber eine große
-Menschenscheu war ihm geblieben. Auch hatte er sich gelobt, nie wieder
-eine katholische Kirche zu betreten, was er doch nicht hätte vermeiden
-können, wenn er sich in einem bayrischen oder österreichischen Dorf
-niedergelassen hätte.
-
-Dazu kam, daß sein Herz mit tausend Fäden am Heimatlande hing, wie’s ja
-uns Bergbewohnern eigen ist. ‚Ach‘, sprach er oft, ‚wenn wir nur ein
-versteckt Winkelchen in unsern Bergen finden könnten und nicht außer
-Land müßten! Der Firmian kann ja auch sterben; dann darf ich mich wohl
-wieder unter die Leut’ wagen. Jetzt möcht’ ich ganz einsam leben mit
-Weib und Kind.‘ Da kamen wir endlich zum Franzl am Stein. Der hat auch
-einen tiefen Groll auf den Firmian, der ihn einmal schwer geschädigt
-hat; ich weiß nicht, wodurch.
-
-Als wir nun bei ihm rasteten und ihm alles erzählten, weil er gar so
-treuherzig aussah, sagte er, es stünde hier drüben am Gießbach eine
-verfallene Mühle, die wohl wieder herzurichten sei. Für die Hüttenleut’
-im ganzen Tal wäre es gut, wenn sie wieder in Gang käme, denn es sei so
-weit nach der nächsten großen Mühle; dazu sei der Müller nicht allzu
-brav und breche oft ab am Gewicht. Er verhehlte uns aber nicht, daß das
-Tal verrufen sei wegen einer Mordtat, die einst da geschehen. Es wage
-sich selten jemand hinein. Da sprach der Talmüller: ‚Das ist mir eben
-recht; üble Tat geschieht wohl überall! Liegt ein Fluch auf dem Ort,
-so soll mein frommes Weib beten, daß ein Segen draus wird. Vor Spuk
-fürchte ich mich nicht; hab’ mein Tag solchen Aberglauben nicht leiden
-mögen.‘ So führte uns der Franzl durch die Felsspalte hierher und half
-uns treulich aus mit allem, was wir zum Anfang brauchten. Zuerst ging
-es uns hart; aber Gott segnete unsere Arbeit, so daß endlich die Mühle
-wieder in Gang kam und nach schweren, mühsamen Wochen auch das Häuschen
-wohnlich wurde.
-
-Wenn nun auch der Talmüller selbst an keinen Spuk glaubte, so wußte er
-sich doch den Aberglauben der Leute zunutze zu machen. Alle Zugänge zum
-Tal wurden noch unwegsamer gemacht mit Gestrüpp, Steingeröll und großen
-Baumstämmen, die wir mühsam hinwälzten. Verirrte sich aber doch ein
-Jäger, Holzhacker oder Beerensucher in unser Gebiet, so scheuchten wir
-ihn weg in allerlei Verkappung, wie du ja selbst gesehen hast. Durch
-die Felsspalte ist wohl kaum je einer gekommen; sie war schon lang
-vorher Franzls Geheimnis. Dennoch glaub’ ich, daß mehr als einer von
-den Hüttenleuten weiß, wo sein Mehl gemahlen wird. Sie nennen mich den
-Wandermüller. Viele, viele von ihnen sind dem Firmian auch feind, wie
-er’s ja wohl verdient.
-
-So gefiel’s dem Christoph ganz wohl in der Einsamkeit; die Frau
-ist ja allezeit still und zufrieden, und das Kind ward ein rechtes
-Waldröslein. Aber vier lange Jahre im Kerker mit so starkem Sinn und
-heißem Herzen lassen doch Spuren zurück. So hat auch Christoph allerlei
-behalten, was schwer zu tragen ist, besonders für die Frau. Du kennst
-ja seine finsteren Tage; du weißt ja, was er immer nach der fünften
-Bitte vor sich hin murmelte, und seit wann er’s nicht mehr tut. Aber
-eins will er nicht lassen, und es macht uns schwere Sorge. Er schießt
-nicht selten ein Stück Wild! Wenn er’s nur in seinem verborgenen
-Tal täte, wär’s ja kein Unglück, aber er wagt sich von Jahr zu Jahr
-weiter hinaus. Viel Jagd ist ja nicht hier ringsum, aber es ist einmal
-verboten, und er sollte es nicht tun. Er sagt aber, da er um eines
-einzigen Hirsches willen sein ganzes Hab und Gut verloren hätte,
-könnt’s keine Sünde sein, wenn er sich manchmal einen Braten holte auf
-seinen mageren Tisch.“
-
-„In die Kirch’ seid ihr wohl allesamt nimmer gekommen?“ fragte Friedel
-nach einer Weile.
-
-„Nimmer!“ erwiderte Tobi. „Zuerst lag’s der Frau schwer auf dem
-Herzen, daß sie nicht einmal ihre Osterandacht halten konnte, wie’s
-streng geboten ist in der Papstkirche. Aber nach und nach fand sie
-sich darein. Ihr Vertrauen zu den Priestern hatte einen starken Stoß
-bekommen durch des Bischofs Grausamkeit. ‚Gott ist ja überall‘,
-sprach sie. ‚Zu ihm kann ich unterm blauen Himmel beten und im engen
-Kämmerlein.‘ Es tat ihr nur oft leid, daß sie so wenig von Gott und
-dem Heiland wußte. Da kamst du und brachtest uns das herrliche,
-himmlische Buch. Nun haben wir tausendmal mehr, als in allen Kirchen
-des Bischofs zu finden ist.
-
-So, nun weißt du alles. Laß uns weitergehen, und gib acht auf dein
-Grauchen; der Pfad wird hier schmal und unsicher.“
-
-
-
-
-5. Der Tod kehrt ein.
-
-
-Nun begann für Friedel ein neues Leben, anstrengender, härter, aber
-auch männlicher als bisher. In der Mühle arbeitete er unter Anleitung
-des Talmüllers, der nicht immer ein bequemer Geselle war. Selbst von
-gewaltiger Kraft und zäher Ausdauer, verlangte er oft zuviel von dem
-schnell wachsenden Knaben, ward leicht ungeduldig und konnte sogar,
-wenn ihn der finstere Geist überfiel, recht hart sein. Aber Friedel
-gedachte des Furchtbaren, das der Mann erduldet, darum hielt er ihm
-alles zugut und hütete sich, ihn zu reizen. Desto wohler tat’s ihm,
-daß der Müller ihm völlig vertraute, ihn sogar nicht selten allein zum
-Franzl am Stein schickte und ihn tagelang dort verweilen ließ. „Wenn
-der Bub in die Welt ziehen will, muß er mit Menschen umgehen lernen“,
-sprach er; „sonst möcht’s ihm übel ergehen.“
-
-Allzuviel von der Welt erfuhr der Knabe freilich nicht im Haus des
-freien Bauern, denn weder dieser noch seine Söhne waren jemals weiter
-gekommen als zum Markt der nächsten Stadt, die etwa fünf Stunden weit
-entfernt lag. In den Hütten der armen Talbewohner aber, denen er ihre
-Mehlsäcklein brachte, sah die Welt gar nicht herrlich, sondern recht
-kümmerlich aus. O wie mußten sie sich plagen mit hartem Frondienst
-auf des Edelmannes Land, ehe sie nur ihr eigen Äckerlein bebauen
-durften! Wie schnell zog bittere Armut in die Hütte, wenn etwa der Mann
-krank daniederlag! Und ach, wie groß war die Unwissenheit der armen
-Leute! Eine Schule gab’s nicht im Tale; der Priester aber, der wohl
-Zeit gehabt hätte, die Kinder ein wenig zu lehren, schlief lieber im
-Lehnstuhl oder zechte mit des Edelmannes Beamten.
-
-Ganz anders stand es in Franzls freiem Hof. Nicht nur Genüge, sondern
-Überfluß herrschte darin, dazu gute, etwas strenge Zucht. Die Buben und
-Mägdlein lernten alle zu rechter Zeit lesen und beten beim Großvater,
-der freilich die Haselrute stets dabei hatte und wohl zu gebrauchen
-wußte. Am meisten Gefallen fand Friedel an Franzls jüngstem Sohn
-Joseph, etwa zwei Jahre älter als er, aber nicht etwa viel größer und
-stärker; o bewahre! Dieses munteren Burschen Sinn stand auch hinaus ins
-Weite. Und da schon zwei verheiratete und zwei ledige Söhne auf dem Hof
-wirtschafteten, hatte niemand etwas dawider, daß er nächstes Frühjahr
-zu einem Verwandten nach Bayern ziehen wollte, um dessen Handwerk zu
-lernen. Er war Silberschmied. So sollten die beiden Freunde miteinander
-wandern, nur daß Friedels Weg noch ein wenig weiter führte, bis nach
-Preußen. Von den großen Landstrecken, die dazwischen lagen, von den
-Beschwerden, Gefahren und Versuchungen, die ihnen drohten, hatten die
-guten Jungen keine Ahnung, und die Alten auch nicht viel mehr. Sie
-meinten, viel anders könne es ja in der Welt auch nicht aussehen als
-hier im Salzburger Ländchen.
-
-Was war das für ein Festtag, als Christoph dem Friedel seinen alten
-Stutzen schenkte und ihm erlaubte, auf das kleine Wild um die Mühle
-her Jagd zu machen! Ännchen beklagte es freilich, daß die Häschen,
-Eichkätzchen und wilden Kaninchen nun so geängstet und verscheucht
-wurden; doch hatte sie nichts dagegen, daß Friedel den bösen Mardern
-und Wieseln, die ihren Hühnern so gefährlich waren, eifrig nachstellte.
-Bald verfehlte er nur selten sein Ziel; und als er einen Geier, der
-über der Mühle kreiste, herabschoß, erschien er dem Mägdlein als ein
-rechter Held.
-
-Zwei Jahre größerer Freiheit und strammer Arbeit hatten dem Buben
-gutgetan; er blickte frisch und mutig ins Leben und wuchs schön und
-kräftig heran.
-
-„Nur noch ein Jahr“, sagte er oft zu Ännchen, „dann bin ich siebzehn;
-dann geht’s fort in die weite Welt! So wein’ doch nicht; ich komme ja
-wieder! Draußen werd’ ich schnell ein Mann, verdiene viel Geld, kauf’
-mir eine Mühle und hol’ euch alle zu mir.“
-
-Zu solchen Luftschlössern lächelte Ännchen wehmütig. Sie konnte sich
-gar nicht dazu aufschwingen, denn eine schwere Sorge lastete auf ihrem
-Herzen, die Sorge um die liebe Mutter.
-
-Frau Marie war bis zu jenem entsetzlichen Unglückstag immer frisch und
-blühend gewesen. Aber der furchtbare Schrecken so kurz nach der Geburt
-des Kindes, der Tod des lieblichen Knaben und der jahrelange Kummer um
-den gefangenen Mann hatten ihre Gesundheit untergraben. Matt und elend
-war sie seitdem gewesen, hatte aber in selbstloser Sorge für die andern
-nur wenig darauf geachtet. Der böse Husten, der sie im kalten Winter
-oft quälte, ward immer wieder gelindert durch einen Tee aus heilsamen
-Waldkräutern, und im Sonnenschein meinte sie stets, sie sei nun wieder
-ganz gesund. In diesem Jahre aber ward es anders. Schon im Winter hatte
-sie wochenlang das Bett nicht verlassen können; jetzt ging sie zwar
-umher und griff die Arbeit an, mußte sie aber oft wieder liegen lassen,
-von unbesiegbarer Schwäche übermannt.
-
-Ännchen rührte ja emsig die kleinen Hände; auch Tobi, der alles
-verstand, kochte wunderbare Gerichte und stand mit hochaufgestreiften
-Ärmeln am Waschfaß. Dennoch konnten beide die Mutter nicht ersetzen.
-Bald legte sich die Sorge um sie schwer auf aller Herzen; Christophs
-Stimmung aber ward durch diese Sorge wieder finsterer und trüber als
-je. Es war nicht seine Art, die warme, ja heiße und leidenschaftliche
-Liebe, die er im Herzen trug, zu zeigen. So wußte auch Frau Marie
-nicht, wie oft er sie beobachtete, wie weh es ihm tat, sie so matt und
-bleich und dabei doch geschäftig und treusorgend zu sehen.
-
-Dreizehn Jahre waren vergangen seit jenem Schreckenstag; neun Jahre
-lebten sie nun schon vor aller Welt verborgen. War es nicht Zeit, sich
-wieder hinaus zu wagen unter freundliche, mitfühlende Menschen? Die
-Frau müßte es besser und bequemer haben! Ein Arzt könnte ihr vielleicht
-helfen! Und das Kind? Ach, es würde bald kein Kind mehr sein! War wohl
-dies einsame Tal der rechte Ort für ein heranblühendes Mägdlein? Selbst
-wenn es immer noch gefährlich wäre, sich im Salzburger Land offen sehen
-zu lassen, so war doch die Grenze nahe und leicht zu erreichen. Ein
-starker Mann wie er fand wohl überall Arbeit und Brot für sich und die
-Seinen.
-
-Tag und Nacht bewegte er solche Gedanken in seinem Herzen, und war oft
-nahe daran, zu sagen: „Kommt, laßt uns in Gottes Namen aufbrechen in
-dieser schönen, warmen Sommerzeit und wieder unter Menschen gehen.“
-Aber plötzlich überfiel ihn die finstere Scheu, die in den vier langen
-Kerkerjahren in seine Seele gezogen, und er konnte das Wort nicht
-aussprechen. Ach, er meinte, draußen müsse ihm jeder ansehen, wie
-man ihn damals niedergeworfen, wie einen Hund gepeitscht und grausam
-gemartert hatte!
-
-Der Sommer verging, und das entscheidende Wort war nicht ausgesprochen
-worden. Es fing zeitig an, rauh und kalt zu werden; der Sturmwind
-schüttelte das Laub von den Bäumen und jagte düstere Wolken über den
-Himmel. Bleich und fröstelnd saß Frau Marie eines Abends in der Hütte,
-mit schwacher Hand den feinen Faden spinnend. Ännchen bereitete am
-Herd die Abendkost, obgleich es noch nicht die gewohnte Zeit war.
-Ach, Christoph war ja seit dem frühen Morgen fort; wie hungrig würde
-er heimkehren! Beim Dunkelwerden hatten Tobi und Friedel die Mühle
-geschlossen; sie wuschen sich den Mehlstaub von Gesicht und Händen und
-wechselten die Mahlkittel mit den warmen wollenen Jacken.
-
-Da fuhren sie beide erschreckt zusammen; sie hatten ganz nahe im Walde
-einen Schuß gehört. Der Schall kam von der Schlucht her, in der der
-Mühlbach strömte. Friedel faßte sich schnell. „Er ist’s wohl selber“,
-sagte er. „Hat vielleicht dem Iltis aufgelauert, der neulich zwei
-Hühner totgebissen.“ Als sie aus ihrem Kämmerlein traten, kam ihnen
-die Frau mit dem Kinde schon entgegen, und nun fing auch der Hund an
-zu knurren und zu bellen, und rannte endlich in großen Sprüngen die
-Schlucht hinauf. Unschlüssig standen sie. Sollten sie ihm folgen? Der
-Talmüller konnte es gar nicht vertragen, wenn man ihn im Jagdvergnügen
-störte. Aber jetzt kam der Hund wieder, sprang winselnd an Friedel in
-die Höhe und zerrte Tobi an der Jacke.
-
-„Er will uns holen; es ist ein Unheil geschehen“, flüsterte der kleine
-Mann dem Knaben zu.
-
-„Geh’ hinein, Mutter“, bat Friedel; „der scharfe Wind tut deiner Brust
-weh. Gleich bringen wir dir Kunde!“
-
-Eilig folgten sie dem aufgeregten Tier. Ach, sie hatten nicht weit zu
-gehen, da stand der Hund und stieß ein jämmerliches Geheul aus! Beim
-Mondenlicht, das eben durch die Wolken brach, sahen sie den Talmüller
-im hohen, halbverwelkten Waldgras liegen. Er regte sich nicht. Friedel
-war ganz starr vor Schreck; Tobi aber kniete bei seinem geliebten Herrn
-nieder und fühlte an sein Herz und seine Hände. „Es ist noch Leben in
-ihm“, flüsterte er. „Schöpf’ Wasser in die hohle Hand und netz’ ihm die
-Stirn!“
-
-Wieder und wieder sprang der Knabe zum nahen Bach. Sie netzten ihm auch
-die dürren, brennenden Lippen; aber ach, als sie versuchten, ihn empor
-zu richten, merkten sie, daß das Blut aus der rechten Seite rieselte.
-„Faß an, Bub!“ gebot Tobi. „Wir müssen ihn heimtragen. Es +muß+ gehen!“
-Und es ging mit Aufbietung aller Kräfte.
-
-Halbwegs kamen ihnen schon die Frau und das Mägdlein entgegen; sie
-hatten’s drinnen nimmer ausgehalten. Laut jammerte Ännchen; die Frau
-aber sprach nur leise: „Es mußte so kommen! O mein Christoph, Gott gebe
-dir nur ein seliges Ende!“
-
-Schon auf dem kurzen Weg hatte er mehrmals schmerzlich gestöhnt; als
-sie ihn aufs Bett legten, schlug er die Augen auf, sah wirr um sich,
-hielt aber die Hand der Frau fest in der seinen.
-
-„Es war kein Hirsch“, sprach er ganz leise und mühsam, „nur ein kleines
-Reh. -- Es sollte das letztemal sein. -- Du hast mich so oft gebeten,
-es zu lassen. -- O sag’, hat der Heiland auch diese Sünde getragen?“
-
-„Alle, alle Sünden hat er getragen! O, glaub’ es nur fest! O, halt’
-dich nur ganz allein an ihn! Aus Gnaden nimmt er deine müde Seele in
-den Himmel!“
-
-Er lächelte, und ein Freudenschein flog über das totenbleiche Antlitz;
-dann sank er wieder in Betäubung. Gern hätten sie ihn ausgezogen und
-die Wunde verbunden; doch machte ihm jede Bewegung solche Schmerzen,
-daß sie davon abstehen mußten. Das Blut hatte aufgehört zu fließen,
-aber den erstarrenden Gesichtszügen sah man an, daß das Ende ganz nahe
-war. Er hörte nichts mehr, hatte aber die Hände gefaltet und sprach
-ganz leise noch einmal den Namen „JEsus“. Dann folgte ein schwerer
-Kampf der starken Natur, und endlich ward es ganz stille. Betend
-knieten sie um das Lager her, während sich die oft so schwer gequälte
-Seele zu Gott emporschwang.
-
-Nun war es vorüber! -- Tobi und die Kinder weinten bitterlich; Marie
-aber küßte die erkaltete Stirn und sprach: „So ruhe, mein Christoph,
-nach deinem schweren Leben! Ich folge dir bald ins Himmelreich; denn
-für dich habe ich gelebt, mit dir habe ich gelitten, mit dir möchte ich
-auch sterben!“
-
-Da fiel ihr das Ännchen jammernd um den Hals und bat sie gar beweglich,
-noch bei ihr zu bleiben. Sie liebkoste es zärtlich, erwiderte aber
-nichts auf die kindliche Bitte. Dann zog sie Friedel an sich und
-sprach: „Du bist Gottes Werkzeug gewesen, daß diese Seele zum Frieden
-eingehen konnte. Du brachtest uns das göttliche Buch ins Haus. Gott
-segne dich dafür!“
-
-Am andern Morgen trug der Knabe die Trauerkunde zum Franzl am Stein.
-Der kam selbst, um den Einsamen mit Rat und Tat beizustehen. Auf der
-Waldwiese neben Friedels Großvater begruben sie den armen Christoph.
-Dann saßen sie traurig beisammen in der Hütte.
-
-Wer mochte wohl die tödliche Kugel abgeschossen haben? War’s ein
-Jäger des Edelmannes gewesen oder ein Späher des Erzbischofs? Es war
-nutzlos, darüber zu grübeln; wer einen Wilddieb niederschoß, dem konnte
-man nichts anhaben.
-
-„Mit der Talmühle ist’s nun vorbei“, sagte der Franzl. „Ihr kommt alle
-auf meinen Hof; ihr braucht euch ja nicht zu verstecken. Der Tobi
-ist nun ein freier Mann und kann hinziehen, wo er will; einen guten
-Zehrpfennig geb’ ich ihm gern.“
-
-„Daraus wird nichts, Bauer!“ sprach der treue Knecht fest. „Wenn in
-Euerm Haus kein Raum für mich ist, leg’ ich mich zum Vieh in den Stall.
-Bin ja in einem Stall geboren, just wie das Christkindlein. Meine
-Mutter war ein elend Bettelweib! Aber wo die Frau bleibt und das Kind,
-da bleib’ auch ich!“
-
-„Und sollst’s gut haben, du treuer Mensch!“ sprach Franzl gerührt.
-„Euch aber, Talmüllerin, sollen meine Töchter wohl pflegen, daß ihr
-wieder gesund werdet und neuen Mut fasset.“
-
-Dankbar reichte ihm die Witwe die Hand, sah ihn aber mit einem Blick
-an, den er nicht mehr vergaß, und der ihm einen schmerzlichen Seufzer
-auspreßte.
-
-Bald begann der Auszug, der nicht so schnell vonstatten ging. Mutter
-und Töchterlein nahm Franzl gleich mit, daß sie von ihrem Jammer
-ausruhen möchten. Tobi und Friedel aber machten den Weg durch den
-verborgenen Felsengang noch gar oft, ehe alles Vieh, und was sonst
-des Fortbringens wert war, auf den Steinhof geschafft war. Etliches
-wertlose Hausgerät ließen sie zurück; denn Tobi sagte, es könne ihn
-wohl einmal die Lust anwandeln, eine Weile hier zu hausen, um der alten
-Zeit zu gedenken.
-
-Auch die Mühle klapperte noch fleißig, bis alles Korn gemahlen war,
-das die Hüttenleute liegen hatten. Sie sollten erst im nächsten Jahre
-erfahren, daß der Wandermüller nichts mehr holte. Als der letzte Sack
-mit weißem Mehl gefüllt war, nahm Tobi eine Axt und schlug das Gangwerk
-entzwei. Dann sprach er zu Friedel: „Komm, ich will dir was zeigen.
-Heute geht’s noch; morgen gibt’s vielleicht schon viel Schnee.“
-
-Er führte ihn durch den Wald zum steilen Seeufer und zeigte ihm eine
-Stelle, wo ein gewandter Kletterer wohl hinabsteigen konnte. „Sieh’“,
-sagte er, „wer hier heruntersteigt und auf dem schmalen Streif Ufersand
-hingeht, kann dort drüben am niederen Ufer leicht emporklimmen und zu
-dem Häuslein gelangen, das du so oft gesehen hast. Es ist das letzte
-Haus eines großen Dorfes. Oben herum führt kein Weg ans andere Seeufer;
-die Felsen sind so tief zerklüftet, daß kein Mensch darüber kommt. Oft
-ist auch der See so hoch, daß er bis an die Felsen spült; da darfst
-du’s nicht versuchen. Wer weiß, wozu du’s noch brauchen kannst! Ich
-hätt’ dir’s längst gezeigt, aber der Christoph hat’s nicht gewollt,
-damit dich die Wanderlust nicht einmal übermanne. Das Dorf heißt
-Windeck, weil’s dem Sturm arg ausgesetzt ist.“
-
-Nun gingen sie zurück, beteten noch einmal an den Gräbern, packten
-ihren letzten Kram zusammen und sagten, nicht ohne Abschiedsschmerz,
-dem einsamen Tal Lebewohl. Zur rechten Zeit war alles vollendet
-worden, denn der Winter brach nun mit Ernst herein und brachte
-ungewöhnlich viel Schnee.
-
-Die Familie auf dem Steinhof hatte zur Winterszeit sehr wenig, ja fast
-gar keinen Verkehr mit den übrigen Talbewohnern, so daß niemand von den
-Gästen wußte, die dort eingekehrt waren.
-
-Tobi und Friedel fanden sich schnell in der neuen Heimat zurecht.
-Tobi war, wie immer, jedermanns Knecht, tat alles, was sonst niemand
-gern mochte, und ward bald der Liebling der Kinder, denen er Märchen
-erzählte und allerlei Spielzeug schnitzte. Dagegen blieben Frau Marie
-und ihr Töchterlein recht still und scheu. Ihre tiefe Trauer paßte
-nicht in das lebhafte Getriebe des großen Haushaltes; Einsamkeit war
-ihnen ja zur Gewohnheit geworden.
-
-Dazu kam, daß Maries Krankheit zunahm, als strenge Kälte eintrat und
-wilde Stürme das Haus umtobten. Da räumte man ihr das sogenannte
-Auszüglerstübel ein, das, entfernt von den großen, belebten Räumen,
-in einem Winkel des Hauses lag. Es war ein freundlicher, heizbarer
-Raum, in dessen Fenster die milden Strahlen der Wintersonne fielen.
-Man stellte ihr den alten Hausrat hinein, den man von der Talmühle
-herübergeschafft, damit sie sich recht heimisch fühle; bereitete ihr
-aber ein so gutes Bett, wie sie ihr Lebtag nicht gehabt.
-
-Dort saß sie emsig spinnend, oder mit den schwachen Händen die Kleider
-der Hausgenossen flickend. Ännchen wäre am liebsten gar nicht von
-ihrer Seite gewichen, wenn sie es nicht selbst zuweilen fortgeschickt
-hätte, um in der Küche zu helfen, ein Spiel mit den Kindern zu machen
-oder ein wenig frische Luft zu schöpfen. Friedel war ein häufiger Gast
-im Auszüglerstübel. Dann saßen die drei zusammen wie ehemals in der
-Talmühle, lasen Gottes Wort, sangen die lieblichen Lieder, und redeten
-von vergangenen Tagen oder von frohen Zukunftsplänen.
-
-Zu den letzteren hatte Marie nur ein stilles Lächeln, denn sie fühlte
-wohl, daß ihre Zukunft nicht auf Erden lag. Die Kinder aber meinten,
-die kräftigen Suppen, die gute Milch und der stärkende Wein, den man
-ihr täglich brachte, würde sie gewiß wieder gesund machen.
-
-Bald aber kam die Zeit, da die fleißigen Hände der Talmüllerin ruhen
-mußten und sie nur noch selten ihr Lager verlassen konnte. Woche auf
-Woche verging; der Winter neigte sich zu Ende, und mit ihm schienen
-auch ihre Kräfte zu schwinden. Franzls erfahrener Blick sah wohl, daß
-hier kein Arzt helfen könnte; sonst hätte er die Kosten nicht gescheut,
-einen aus der Stadt holen zu lassen, sobald die Wege wieder gangbar
-wurden.
-
-Eines Tages trat er ans Bett der Kranken, als sie allein war, und
-sprach:
-
-„Gute Frau, der hohe Schnee, der das Tal versperrte, ist stark
-zusammengeschmolzen, aber noch einmal hart gefroren, so daß man wohl
-bis zum Kirchlein gelangen kann. Wollt Ihr, daß Euch der Priester
-besuche und das Sakrament reiche? Er mag denken, Ihr seid ein Gast aus
-dem Niederland, wo ich viel Freundschaft habe.“
-
-„Habt Dank für Eure Sorge“, erwiderte die Frau, „aber ich wünsche
-es nicht. Er würde es mir doch nicht so reichen, wie es der Heiland
-befohlen hat.“
-
-„Was sprecht Ihr da? Seid Ihr denn eine Ketzerin?“
-
-„Gewiß nicht; ich bin nur eine Christin. Ich halte mich fest an das,
-was in diesem Buch geschrieben steht!“ Damit zog sie die Bibel, die,
-mit einem Tuch bedeckt, auf dem Tisch neben ihrem Bette lag, hervor und
-reichte sie ihm hin.
-
-Franzl hatte keine Ehrfurcht vor seinem Priester, dessen müßiges, oft
-anstößiges Leben ihm ärgerlich war. Nur selten besuchte er mit den
-Seinen die Kirche. Es hatte ihn tief empört, als der Erzbischof eine
-so große Schar ehrbarer, fleißiger Leute aus dem Lande trieb um ihres
-Glaubens willen. Er meinte, was einer glaube, sei im Grunde einerlei;
-wenn er nur brav und ordentlich lebte. Darum war er auch gegen den
-Talmüller und gegen Friedel freundlich gewesen, obgleich sie den
-Pfaffen bitter feind waren. Dennoch erschrak er nicht wenig, als man
-ihm im eigenen Hause das Buch zeigte, das so arg verpönt und streng
-verboten war in der Kirche, zu der er doch noch gehörte.
-
-„Wißt Ihr, was ich damit tun sollte?“ fragte er die bleiche Frau. „Ins
-Feuer sollt’ ich’s werfen; denn es stehen gefährliche Dinge darin, die
-zu lesen bei strenger Buße verboten ist.“
-
-„Ihr werdet es nicht tun!“ erwiderte die Kranke ruhig. „Denn es ist
-Friedels Eigentum, dessen Kirche ihm sogar gebietet, es mit höchstem
-Fleiß zu lesen. Und wenn Ihr’s tätet, könntet Ihr mir die köstlichen
-Sprüche, die ich daraus gelernt, und die mir wie Leitsternlein auf
-meinem Todesgang leuchten, nicht aus dem Herzen reißen. Auch könntet
-Ihr’s nicht ändern, daß mein Christoph dadurch den Himmel fand, daß
-schon die beiden jungen Kinder ihren Heiland daraus kennen lernten!“
-
-Wie fest und sicher sprach die sonst so demütige Frau! Nun hätte
-Franzl, der einen wißbegierigen Sinn hatte, schon längst gerne gewußt,
-was wohl so Gefährliches in diesem Buche stehen mochte. Und jetzt hielt
-er’s in der Hand!
-
-Vielgebraucht, abgegriffen, mit allerlei wollenen Faden und kleinen
-Läppchen als Merkzeichen versehen, war es der größte Schatz einer
-Sterbenden, die in ihrem leidvollen Leben nichts als Liebe, Treue und
-stille Geduld bewiesen hatte!
-
-„Nun, ich mag nicht darüber urteilen, ehe ich es kenne“, erwiderte der
-Alte. „Wollt Ihr mir’s manchmal ein wenig leihen? Die Zeit wird mir
-lang in den Wintermonaten.“
-
-„Holt es Euch, so oft Ihr wollt; möge Gott Euer Herz öffnen! Aber am
-Morgen muß ich es haben; da kommt Friedel zu mir und liest mir so
-herrlich vor. Zum Selbstlesen fehlt mir oft die Kraft.“
-
-Der Franzl am Stein war ein sehr braver Mann, und hatte von Jugend auf
-ein ehrbares, ja ein tadelloses Leben geführt. Und doch wandte sich
-sein Herz lange nicht so schnell dem süßen Gotteswort zu, als das von
-Leidenschaft durchtobte Herz des armen Talmüllers.
-
-Zur Verwunderung der Hausgenossen saß er jetzt oft in dem warmen
-Winkel hinterm Kachelofen, ins Lesen eines alten Buches vertieft, das
-noch keiner bei ihm gesehen. Vor neugierigen Fragen war er sicher;
-sie hätten dem Frager nichts Gutes eingebracht bei der strengen Zucht
-jener Zeit und dem hohen Ansehen, in dem der Hausherr stand. Das Buch
-fesselte ihn unendlich, obgleich ihm keineswegs alles darin gefiel.
-Er war auf die Geschichten Abrahams gekommen, in denen ein großes
-Merkzeichen lag. Sie behagten ihm ausnehmend. Er kam sich selbst wie
-ein Erzvater vor, als hochgeehrtes Haupt eines großen Hausstandes,
-reich an Vieh und allerlei Gut. Aber warum mußte diesem frommen Manne
-sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet werden? Warum war gerade dieser
-Spruch mit einem dicken Strich bezeichnet, als sei er etwas Besonderes?
-War Abraham nicht schon von selbst gerecht? Ei, was war er für ein
-frommer Mann, Gott gehorsam bis zum Allerschwersten! Bald fand er auch
-die Evangelien, und las zum erstenmal in seinem langen, langen Leben
-die süße Botschaft vom Sünderheiland. Sehr, sehr wenig hatte er in
-seiner Kirche von ihm gehört und nichts so recht im Zusammenhang. Aber
-er merkte gleich, daß Christus in diesem Buch ganz anders abgemalt war,
-als ihn der Priester darstellte, wenn er ja einmal von ihm redete.
-Nicht als schrecklicher Richter, nicht als unnahbarer Himmelskönig trat
-jetzt der Gottessohn vor seine Seele, sondern als milder Freund der
-Kranken, Schwachen, Armen und Kleinen, besonders als Freund der Sünder!
--- Aber dieses so trostreiche Bild, das den wilden Christoph sogleich
-mächtig angezogen, stieß den tugendhaften, im ganzen Tale hochgeehrten
-Franzl ab. Ein Sünder war er doch gewißlich nicht! Er hatte von Jugend
-auf ehrbar, fleißig und gottesfürchtig gelebt; was er etwa versehen,
-das war ja reichlich gesühnt durch manche Widerwärtigkeit, die ihm
-begegnet, und gutgemacht durch die vielen Wohltaten, die er nicht nur
-seinen Glaubensgenossen, sondern allen Armen und Bedrängten erwiesen,
-die ihm in den Weg kamen. Und doch mußte er immer von neuem lesen und
-nachdenken; er konnte nicht anders!
-
-Zuweilen setzte er sich ans Bett der kranken Frau, um mit ihr über das
-Gelesene zu sprechen. Aber er konnte nicht mit ihr fühlen. Sie war ihr
-Lebtag arm, verachtet, von Trübsal heimgesucht gewesen; er dagegen
-angesehen und von Wohlstand umgeben. Dennoch bewunderte er die Ruhe,
-die Freudigkeit, mit der sie ihr Leiden trug und dem Tode ohne alle
-Furcht entgegensah.
-
-In großer Schwachheit und quälender Atemnot lebte sie bis zum März.
-Dem strengen Winter war ein zeitiges, schönes Frühjahr gefolgt. Der
-Schnee war längst geschmolzen. Sonnenschein und warmer Wind hatten das
-Erdreich getrocknet; schon dufteten die ersten Märzveilchen am Bette
-der Kranken. Friedel hatte sie ihr gebracht. Sie verlangte, allein mit
-ihm zu sprechen, und er beugte sich über sie.
-
-„Mein Sohn“, sprach sie mit leiser Stimme, „öffne dort meinen
-Kasten. Ganz unten wirst du einen Beutel mit Geld finden, der ist
-dein Eigentum. Wir fanden ihn damals in deines Großvaters Bündel und
-verwahrten ihn gleich für dich. Nun soll es dein Wanderpfennig sein.“
-
-Mit leichter Mühe fand der Knabe den Beutel. „O Mutter“, sprach er,
-„wie unendlich viel habt Ihr für mich getan, mich armen Fremdling
-jahrelang gespeist und getränkt, und gar noch das Geld für mich
-bewahrt! Wie soll ich Euch danken?“
-
-„Du hast uns reichlich gedankt durch Liebe und Treue und durch das
-teure Bibelbuch. Und nun bitt’ ich dich: Laß es dem Ännchen, wenn du
-wanderst! Aber versprich mir, daß du dir ein neues kaufst, sobald du in
-ein evangelisch Land kommst.“
-
-„Ich verspreche es, Mutter“, erwiderte Friedel mit tiefem Ernst.
-„Keinem würd’ ich das Buch lassen, aber dem Ännchen laß ich es gern;
-fürs Ännchen laß ich auch mein Leben!“ Dann kniete er am Bett nieder
-und bat: „O Mutter, höre mich an und verstehe mich recht! Ich hab’ was
-auf dem Herzen. Aber erst sag’: Mußt du denn wirklich sterben?“
-
-„Ja, mein Kind! Gott ruft mich, und ich folge mit Freuden, wenn auch
-mit schwerer Sorge um mein Ännchen.“
-
-„Ach“, seufzte der Knabe, „ich sollte wohl hierbleiben und das Ännchen
-schützen, und ich kann doch nicht! Ich muß fort; ich muß zu meines
-Glaubens Genossen! Es zieht mich mit aller Macht zu ihnen. Und sieh,
-Mutter, zwischen mir und dem Ännchen ist’s nicht mehr wie ehedem. Es
-läßt sich nicht mehr zur Gutenacht küssen wie in der Talmühle; es setzt
-sich nicht mehr neben mich, wenn wir uns um den Herd sammeln. Und doch
-fühl’ ich, o Mutter, ich fühl’ es so heiß, daß ich das Ännchen immer,
-immer liebhaben muß mein Leben lang! Darum will ich dich leise, ganz
-leise was fragen.“
-
-Er schlang die Arme um ihren Hals und flüsterte, tief errötend, einige
-Worte in ihr Ohr. Ein mildes Lächeln flog über die abgezehrten Züge.
-Sie legte die Hand auf das Haupt des Jünglings, der jetzt am Bett
-kniete, und sprach:
-
-„In Gottes Namen, mein lieber Sohn, wenn es sein Wille ist! Ja, ich
-sehe es im Geist. Er wird dich sicher zurückführen und alles wohl
-vollenden!“ --
-
-Noch wenige Tage; dann kam das Ende. Ganz schmerzlos, sanft und
-stille schlummerte sie ein, mit gefalteten Händen, ohne jeden Kampf.
-Nur Friedel und Ännchen waren bei ihr; Franzl war leise eingetreten,
-unbemerkt von den Kindern. Das Mädchen weinte bitterlich; Friedel aber
-betete mit gedämpfter Stimme:
-
- „In Christi Wunden schlaf’ ich ein,
- Die machen mich von Sünden rein.
- Ja, Christi Blut und Gerechtigkeit,
- Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid;
- Damit will ich vor Gott bestehn,
- Wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.“
-
-Indessen stand der Atem still; und die Seele, die so viel gelitten,
-schwang sich empor in Christi Arm und Schoß. --
-
-Am Abend rief Franzl den Friedel in seine eigene Kammer, hieß ihn an
-den Tisch sitzen, wo das Schreibgerät stand, und sprach:
-
-„Schreib’ mir den Vers auf, den du am Sterbebett gebetet.“ --
-
-Wo soll man die selig Entschlafene zur Ruhe bringen? Diese Frage machte
-dem Franzl viel zu schaffen. Auf den Kirchhof konnte man sie nicht
-begraben, ohne daß der Priester davon erfuhr, und dann würde allerlei
-an den Tag kommen, was am besten verschwiegen blieb. Was hinderte es
-aber, sie neben ihren Christoph zu legen! Waren nicht Männer genug im
-Hause, die sich beim Tragen der ohnehin nicht schweren Last abwechseln
-konnten?
-
-So kam es, daß zwei Tage später ein stiller Trauerzug durch den
-Felsengang schritt und nach mühsamem Abstieg ins verlassene Tal kam,
-wo die Waldbäume schon anfingen, zarte Blätter zu treiben, das Gras
-grünte und hier und da ein Vogelstimmlein laut ward. Freundlich schien
-die Sonne auf die einsamen Gräber, denen nun ein drittes beigesellt
-ward. Als der Hügel aufgeschüttet war, und Ännchen ein Kränzlein von
-Frühlingsblumen darauf gelegt hatte, falteten alle die Hände zum
-stillen Gebet.
-
-Ännchen hatte sich heute auf dem beschwerlichen, traurigen Weg von
-Friedel führen und stützen lassen wie ehemals, als sie noch Kinder
-waren. Jetzt stand sie neben ihm, still und gefaßt, den Blick zum
-Himmel gerichtet. Leise begann sie zu singen, und Friedel stimmte mit
-klaren Tönen ein:
-
- „O Jerusalem, du Schöne!
- Ach wie helle glänzest du!
- Ach wie lieblich Lobgetöne
- Hört man da in sanfter Ruh’!
- O der großen Freud’ und Wonne!
- Jetzund gehet auf die Sonne,
- Jetzund gehet an der Tag,
- Der kein Ende nehmen mag.
-
- Ach, ich habe schon erblicket
- Diese große Herrlichkeit!
- Jetzund werd’ ich schön geschmücket
- Mit dem weißen Himmelskleid,
- Mit der goldnen Ehrenkrone
- Steh’ ich da vor Gottes Throne,
- Schaue solche Freude an,
- Die kein Ende nehmen kann.“
-
-
-
-
-6. In die weite, weite Welt.
-
-
-Obgleich Friedels Trauer um die freundliche Talmüllerin, die wie
-eine Mutter an ihm gehandelt, tief und aufrichtig war, ward doch die
-Sehnsucht nach einem freien Wanderleben täglich stärker in seiner
-Seele. Noch wenige Wochen, dann sollte es fortgehen in die weite
-Welt! Nur eine Sorge lastete noch auf seinem treuen Herzen. Ännchen
-paßte nicht recht zu dem jungen Volk auf dem Steinhof, das so lustig
-und leichtsinnig ins Leben schaute und mit dem schüchternen, ernsten
-Mägdlein nichts anzufangen wußte. Es tat ihm weh, es so einsam in einem
-Winkel sitzen zu sehen, emsig spinnend oder nähend, während die andern
-am Feierabend allerlei Kurzweil trieben, lustige Liedlein sangen und
-einander neckten und hänselten. Wenn er sich zu ihr setzte, ward sie ja
-hold und freundlich, lächelte aber doch wehmutsvoll über seine goldenen
-Zukunftspläne. Ach, wenn er fort war, würde sie nur Tobi zum Freund
-und Beschützer haben, der doch als Knecht gehalten ward und nur zum
-Essen ins Haus kam! Auch war’s dem Friedel nicht entgangen, daß Peter,
-der zweite verheiratete Sohn des Hauses, ein etwas mürrischer Mensch
-mit stechenden, dunklen Augen, ihn und das Mägdlein von Anfang an
-mißgünstig angesehen hatte.
-
-Da war’s ihm ein großer Trost, daß dem Kinde recht bald nach dem Tode
-der Mutter ein starker Beschützer auftauchte, nämlich der alte Hausherr
-selbst. Bisher hatte er das Mädchen wenig beachtet; jetzt strich er ihm
-oft mit der Hand übers Goldhaar, sprach ihm freundlich zu und fragte,
-ob man es auch ordentlich versorge mit Speise, Trank und Kleidung.
-Endlich kam es so weit, daß Ännchen ihm allerlei kleine Dienste
-leisten durfte, und er sie gerne bei sich behielt, wenn die andern
-zur Feldarbeit auszogen, an der er, seines Alters wegen, nicht mehr
-teilnahm. Aber in dem schönen Garten hinterm Hause, wo man Obstbäume,
-Blumen und allerlei Küchenkräuter zog, arbeitete er noch rüstig, und
-wer ihm dabei helfen mußte, ward von niemand beneidet, da man’s ihm
-schwer zu Dank machen konnte. Darum waren’s alle zufrieden, daß er sich
-dies Jahr das stille fremde Mädchen zur Gehilfin wählte. Ännchen bewies
-sich so emsig, gehorsam und geschickt, daß sie nur immer Lob von dem
-Alten erntete. Ruhten sie dann auf der Bank unterm Apfelbaum, um das
-Vesperbrot zu essen, so führten sie gar ernstes Gespräch miteinander.
-Nicht selten brachte der Mann auch das Buch heraus, das er vor den
-Söhnen verborgen hielt, und das Kind mußte ihm vorlesen. Es tat es mit
-süßer Stimme und tiefem Verständnis.
-
-So standen die Dinge, als im wunderschönen Monat Mai Joseph und Friedel
-ihre Ranzen schnürten, die Wanderstäbe ergriffen und dem Steinhof
-Lebewohl sagten.
-
-Joseph schied leichtherzig; sein Ziel war eine Stadt an der Donau,
-wo sein Oheim wohnte, in dessen Hause er ein lustig Leben zu finden
-hoffte. Friedel aber wanderte ins Ungewisse, denn ein gut Stück weiter
-mochte das Preußenland wohl sein. Ach, und wie wollte ihm das Herz
-zerspringen beim Abschied von Ännchen! Bleich und still reichte sie ihm
-die Hand, litt es auch, daß er ihre Stirn küßte, was er lange nicht
-mehr gewagt. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht und lief eilend
-davon. „Sei getrost, braver Bub“, sprach Franzl zu ihm, „ich bewahre
-sie dir!“
-
-Als sie nun, von dem jungen Volk geleitet, zum Hof hinauszogen und
-zwischen grünenden Feldern hinwanderten, blickte Friedel noch einmal
-zurück. Da stand oben auf der schmalen Felsplatte, von wo er einst
-zum erstenmal das Tal überblickt, eine feine Mädchengestalt. Ein
-Sonnenstrahl fiel auf ihr Goldhaar, denn sie hatte das Kopftüchlein
-abgenommen und winkte ihm damit den Abschiedsgruß zu.
-
-Als die Wanderburschen das schöne Tal hinter sich gelassen hatten,
-durchzogen sie stundenlang recht öde Gegend, sahen verfallene Hütten,
-brachliegende, mit Gestrüpp bewachsene Felder und ganz verwilderte
-Gärten.
-
-Es waren verlassene Wohnstätten der vertriebenen Lutheraner; und das
-frevelhafte Wort des Erzbischofs: „Lieber sollen in meinem Lande nur
-Dornen und Disteln wachsen, ehe ich einen Ketzer drin dulde“, war hier
-schon in Erfüllung gegangen.
-
-Am nächsten Tage überschritten sie die Grenze und kamen nach Bayern.
-Allmählich ward das Land weniger gebirgig und wäre wohl ungemein
-fruchtbar gewesen, wenn nur das Landvolk Zeit und Mut gehabt hätte,
-es recht ordentlich zu bebauen. Aber ach, es war damals in ganz
-Deutschland böse Zeit für das Volk, besonders für die Bauern! Nur
-wenige saßen im Wohlstand auf eigenem Grund und Boden, die meisten
-hatten ihr bißchen Land von einem Edelmann gepachtet. Da nun zu jener
-Zeit die Fürsten meist in Saus und Braus, ja sogar in Wollust und
-unsinniger Verschwendung lebten, machten’s die Edelleute ihnen nach,
-und plagten und drückten die armen Bauern nach Herzenslust, so daß
-keiner zu einigem Wohlstand gelangen konnte. Der damalige Kurfürst von
-Bayern fütterte seine zahllosen Jagdhunde mit viel besseren Speisen,
-als die Landleute auf ihrem Tische hatten.
-
-So trafen auch die beiden Wanderburschen fast überall Mutlosigkeit,
-Armut und dazu die größte Unwissenheit an. Allzu freundlich waren die
-Leute auch nicht; besonders Friedel ward oft scheel angesehen, weil
-er sich nicht vor dem Kruzifix oder Heiligenbild bekreuzte, und die
-Stirn nicht netzte aus dem kleinen Weihwasserbecken, das in keiner
-Herberge fehlte. Dennoch gab’s manch lustige Wanderung durch grünen
-Wald und blumige Wiesen, und viel Schönes zu sehen in den Städten,
-die sie durchzogen. In einer derselben ward eben Jahrmarkt gehalten.
-Da konnte sich’s Friedel nicht versagen, ein seidenes Tüchlein und
-ein Silberkettchen für Ännchen zu kaufen, so sehr auch Joseph darüber
-lachte. Wohleingewickelt barg er’s in seinen Ranzen. Würde er ihr es
-wohl jemals umhängen?
-
-Zuweilen trafen sie auch einen Fuhrmann, der mit hochbeladenem
-Frachtwagen die rauhe, holprige Landstraße entlang zog, und ihnen gern
-erlaubte, für ein paar Groschen ein gut Stück mitzufahren.
-
-Endlich ward das Land so eben und flach, wie es Friedel gar nicht für
-möglich gehalten hatte, und eines Abends sahen sie von weitem die Türme
-der Stadt P. Sie wanderten am Ufer eines großen Flusses, der hieß der
-Inn, und meinten, einen größeren könnte es auf der ganzen Welt nicht
-geben. Aber die Donau, an deren Strand sie endlich staunend standen,
-war noch viel breiter, und die großen und kleinen Schiffe, die so
-lustig einherschwammen, entzückten Friedel so sehr, daß er sich fest
-vornahm, ein Stück auf dem Wasser zu fahren, sobald er allein sei.
-
-Mit einbrechender Nacht erreichten sie das Haus des Silberschmieds,
-in dem behaglicher Wohlstand herrschte. In dem Briefe des Vaters,
-den Joseph dem Hausherrn überreichte, mochte wohl auch Friedel der
-Huld des stattlichen, selbstbewußten Mannes empfohlen sein, denn er
-ward recht freundlich aufgenommen. Als sich’s aber zeigte, daß er ein
-blutarmer Bursch, dazu auch ein Ketzer war, behandelte man ihn kühler,
-und nach zwei sehr nötigen Rasttagen nahm er seinen Abschied.
-
-Recht frei und leicht war ihm zumute, daß er nun ganz sein eigener
-Herr war, aber doch auch ein wenig beklommen. Über seinen Plan, nach
-Preußen zu ziehen, hatte der Silberschmied nur gelächelt und die hohe,
-stattliche Gestalt des Burschen mit so eigenem Blick betrachtet. „Sei
-gescheit!“ hatte er gesagt. „Nimm Arbeit in deinem Handwerk, sobald
-du sie findest, und verdiene dir ein gut Stück Geld; das ist die
-Hauptsache.“ Ja, alle Leute taten, als ob das Geld das höchste Gut sei;
-der Großvater und die Talmüllerin hatten ganz anders gesprochen!
-
-Behaglich schlenderte er noch ein wenig in der Stadt umher, die zwar
-schöne Kirchen, aber enge, düstere Straßen hatte. O wie trübselig
-mußte es sein, zwischen diesen altersgeschwärzten Mauern zu wohnen!
-Es zog ihn mit Gewalt wieder hinaus in Freie. Schade, daß hier alles
-katholisch war! Wie gern hätte er einmal wieder in einer Kirche gebetet
-und gesungen, wie vor vielen Jahren als kleiner Knabe! Schon war er dem
-Flußufer wieder nahe, da sah er ein bescheidenes Kirchlein auf einem
-kleinen freien Platze. Die Tür war offen, und drinnen ward gesungen.
-Horchend blieb er stehen. O, klang es nicht wie süßer Ton aus der
-friedlichen Kindheit? Das Lied war ihm so bekannt, daß er hereintrat,
-sich auf die hinterste Bank setzte und gleich aus Herzensgrund mit
-einstimmte. Nun erschien ein alter, freundlicher Pfarrer auf der
-Kanzel und sprach ganz in der Weise wie der gute Herr, bei dem er
-zur Kinderlehre gegangen. Es wurde dem Jungen ganz heimisch in dem
-einfachen, fast dürftigen Raum. Als der kurze Wochengottesdienst aus
-war, faßte er sich ein Herz, wartete draußen auf den Pfarrer, trat mit
-abgezogenem Hute bescheiden auf ihn zu und fragte:
-
-„Ich bitt’ schön, ehrwürdiger Herr, wo führt denn hier der Weg ins
-Preußenland? Ist’s nimmer weit dahin?“
-
-Verwundert und fast unwillig blickte der Mann dem Burschen ins Gesicht.
-Nein, der sah so kindlich, so treuherzig aus, der konnte keinen
-albernen Scherz mit ihm treiben!
-
-„Mein Sohn“, erwiderte er, die lange Perücke schüttelnd, die er nach
-damaliger Sitte trug, „da hast du einen weiten, gefährlichen Weg vor
-dir! Sage, was treibt dich in solche Ferne?“
-
-„Ach, ich bin ein Salzburger und vor vielen Jahren zurückgeblieben, als
-der Erzbischof Firmian meine Leut’ aus dem Lande trieb. Nun bin ich
-groß und stark und möcht’ ihnen nachziehen.“
-
-„Hast du denn Zehrgeld?“
-
-„O ja; der Beutel ist noch recht dick!“ entgegnete der Bursche, ihn aus
-der Tasche ziehend.
-
-„Laß ihn nur stecken“, sprach der Pfarrer lächelnd. „Und zeig’ ihn
-keinem ohne Not; hörst du? In unserm armen geplagten Bayernland
-wimmelt’s von Landstreichern und Wegelagerern. Jetzt komm mit und iß
-eine Suppe bei mir; dann wollen wir weiter reden.“
-
-[Illustration]
-
-Nachdem sich Friedel in dem sehr bescheidenen Wohnstübchen des guten
-alten Herrn gesättigt, und ihm die ebenso freundliche Frau Pfarrerin
-einen Riß im Kittel zugenäht hatte, nahm ihn der Pfarrer in die
-Studierstube, wo so viele Bücher an den Wänden standen, als der Junge
-kaum in der ganzen Welt vermutet. Freimütig und kurz erzählte er dem
-alten Herrn, wie’s ihm von klein auf ergangen, und wie ihn nun eine
-mächtige Sehnsucht zu seinen Volks- und Glaubensgenossen treibe. Daß er
-aber wieder zurückgehen wolle, wenn er eine gute Heimat gefunden habe,
-um Tobi und Ännchen nachzuholen, das brachte er nicht über die Lippen.
-
-„Mein Sohn“, sprach der Pfarrer nach einigem Nachdenken, „deine
-Schicksale sind wundersamer Art! Erzähle sie nicht so leicht einem
-jeden; man würde dir schwerlich glauben. Bei mir ist dein Vertrauen gut
-angebracht; ich weiß, daß Gott die Seinen oft verschlungene Wege führt.
-Die Vertriebenen sind vom König von Preußen, der ein rauher, strenger,
-aber frommer Mann ist, wohl aufgenommen und kräftig unterstützt worden.
-Viele sind in Berlin und andern preußischen Städten geblieben; der
-größte Teil aber ist weit, weit nach Osten gezogen, wo man ihnen Land
-angewiesen hat. Der König hat große Summen Geldes zu ihrer Ansiedlung
-gestiftet.“
-
-„Dann will ich zum König nach Berlin gehen,“ sprach Friedel
-entschlossen, „und ihn um den Weg fragen; vielleicht weiß er auch, wo
-mein Pate Rudi geblieben ist.“
-
-„Du bist ein rechtes Kind“, sagte der Pfarrer lachend, „und ganz und
-gar weltfremd! Ein Bursch, wie du, kommt nicht so ohne weiteres zum
-König. Dazu ist er alt und kränklich, wie man hört. Und doch möchte
-ich dir helfen. Deine Treue und dein fester Sinn gefällt mir.“ Er
-dachte eine Weile nach, setzte sich dann an den Tisch und begann zu
-schreiben, ließ aber sogleich wieder davon ab und fragte: „Kannst du
-lesen?“
-
-„Freilich!“
-
-„Auch Geschriebenes?“
-
-„Sicher! Ich kann auch selber schreiben; hab’s nur seit Jahren wenig
-geübt.“
-
-„Sei froh! Hier im Bayernland hätten die meisten deiner Art mit Nein
-geantwortet.“
-
-Nun schrieb er ziemlich lange, faltete und siegelte einen Brief und gab
-ihn dem Burschen. „Dieser Brief ist an einen Pfarrer in Berlin, der
-mir wohlbekannt ist. Wenn dich Gott sicher so weit geführt hat, wirst
-du leicht seine Wohnung erfahren, und er wird dir raten, was du tun
-sollst. Auf diesen Zettel aber habe ich dir die Städte geschrieben,
-durch die deine kühne Reise führt. Sieh, diese ersten liegen in Bayern,
-diese nächsten in Sachsen; das ist ein lutherisch Land, da wird dir’s
-gefallen! Bist du aber erst in Preußen, so kommen diese Orte dran
-und zuletzt Berlin. Aber, aber, mein Junge! Denke nicht, daß dein
-Beutelchen so weit reicht! Suche Arbeit und Verdienst, wo du’s findest,
-nicht nur in deinem Handwerk. Glaub’ mir’s: Es kann ein Jahr vergehen,
-ehe du dein Ziel erreichst; denn im Winter hört alles Wandern auf bei
-den schlechten Straßen.“
-
-„Das tut nichts“, erwiderte Friedel herzhaft; „wenn ich nur zuletzt
-hinkomm!“
-
-„Ja, wenn!“ sagte der Pfarrer nachdenklich und ging unruhig im Stübchen
-auf und ab, als hätt’ er noch was auf dem Herzen. Endlich blieb er vor
-seinem Gast stehen und sprach: „Junge, du bist gewachsen wie eine
-Tanne, stark und geschmeidig dazu; nimm dich in acht, daß sie dich
-nicht zum Soldaten machen!“
-
-„Ei, das sollen sie fein bleiben lassen; ich bin ja ein Müller!“
-
-„Das schützt dich nicht! Ich sage dir’s, hüte dich! Sitze nicht lang in
-den Herbergen, trinke keinen Branntwein, und nimm ja von keinem Geld
-an, es sei denn, daß du’s mit redlicher Arbeit verdient hast.“
-
-Und nun erzählte er dem erstaunten Burschen, wie listig es die Werber
-oft anfingen, einen zum Soldaten zu machen, und wie ihm kein Mensch
-mehr helfen könne, wenn er einmal das Handgeld angenommen.
-
-Friedel hörte aufmerksam zu, verstand aber die Sache nicht ganz; sie
-war ihm allzu fremd. Hingegen schien ihm hier der rechte Ort, eine
-Bibel zu kaufen. Er erhielt sie aber sogar geschenkt und bedankte
-sich recht aus Herzensgrund. Sie war kleiner und leichter als die des
-Großvaters und beschwerte den Ranzen nicht sehr.
-
-Ein wenig nachdenklich, aber doch frohen Mutes schied Friedel von dem
-guten Pfarrer, ging auf seinen Rat ans Flußufer und fand freie Fahrt
-bis Regensburg auf einem mit allerlei Kaufmannsgut beladenen Schiffe.
-Tüchtig rudern und manch andern Dienst tun mußte er freilich für sein
-bißchen Essen und Trinken; doch tat er’s gern, denn er sehnte sich
-danach, wieder was zu schaffen. Von Regensburg wanderte er wacker
-nach Norden zu, und des Pfarrers Zettel war ein guter Wegweiser. Aber
-recht einsam war’s doch, immer so allein seine Straße zu ziehen;
-darum freute er sich, als sich einst ein ganz prächtiger Bursche zu
-ihm gesellte, der just nach derselben Stadt wollte. Was wußte er für
-lustige Lieder, und wie konnte er erzählen! Ein Landstreicher war’s
-sicher nicht! Er hatte ja eine Feder auf dem Hut und silberne Schnallen
-an den Kniehosen. Ganz vornehm mußte er sein, hatte schon mit Grafen
-und Edelleuten zu Tisch gesessen! Aber der Sommertag war heiß, und
-das weiche Gras am Waldesrand lud zur Ruhe ein. Sie streckten sich im
-kühlen Schatten nieder und schliefen bald sanft und fest. Ja, Friedel
-mochte wohl recht fest geschlafen haben, denn als er endlich erwachte,
-die Augen rieb und sich nach dem schmucken Kumpan umsah, war er weg
-und kam auf kein Rufen wieder. Aber der Schweiß rann dem Friedel von
-der Stirn; die Sonne hatte den Weg zu ihm gefunden. Er fuhr in die
-Tasche, um sein Tüchlein herauszuheben. Das war sicher drin; aber
-der Geldbeutel, der dabei gesteckt, der war weg! O weh, o weh! Wer
-hätte gedacht, daß ein Landstreicher so wacker plaudern könne und
-samtene Hosen trüge! Ein Viertelstündchen saß der arme Bursch weinend
-am Waldesrand, dann aber raffte er sich auf. „’s war ja nur schnödes
-Geld“, sprach er; „bald kann ich’s wieder verdienen! Gut, daß ich den
-Ranzen unterm Kopf hatte, sonst wär’ der wohl auch weg! Nun muß ich
-arbeiten, und freue mich darauf; ’s Wandern kriegt einer auch satt!
-Schadet nichts, wenn ein paar gute Jahre hingehen, ehe ich wieder
-heimkomme. Ich und’s Ännchen sind ja noch viel zu jung zum -- --“
-Weiter kam er nicht, schnallte den Ranzen auf und marschierte wacker
-vorwärts.
-
-Ein paar Tage später schaffte er schon in einer großen Mühle, wo es
-noch viel für ihn zu lernen gab. Der Meister gewann ihn lieb und ließ
-ihn den ganzen Winter nicht fort, da es im reißenden Flüßchen wenig Eis
-gab und das Mühlwerk nur selten stillstand. Hier schrieb er einen Brief
-an den Franzl und übergab ihn zaghaft der wundersamen Anstalt, die man
-Post nannte. Freilich war alles ringsum katholisch; aber er hielt sich
-still, las fleißig in seiner Bibel, mied das Wirtshaus, und in der
-Arbeit tat es ihm keiner zuvor.
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-Gern wäre er im zeitigen Frühjahr weiter gezogen, aber er mußte lange
-warten, ehe die aufgetauten, bodenlosen Landstraßen wieder gangbar
-waren. Dann setzte er seinen Stab weiter und kam glücklich bis ins
-Sachsenland. Einen großen Schatz trug er in der Brusttasche, einen
-Brief vom Franzl am Stein, unter den das Ännchen mit mühsam gemalten
-Buchstaben einen kurzen Gruß gesetzt hatte. Er wickelte ihn mit dem
-Tüchlein und der Kette zusammen, die er für Ännchen gekauft, und labte
-sich an dem Anblick dieser Schätze, wenn ihm der Mut sinken wollte.
-Denn ach, auch in Sachsen fand er das nicht, was er erwartet! Da es
-ein lutherisches Land war, meinte er, es müsse so fein friedlich und
-christlich zugehen, wie ehemals unter den frommen Salzburgern. O wie
-anders fand er es!
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-In Sachsen regierte damals August III., ein träger charakterloser
-Mensch, der, wie sein Vater August der Starke, seinen Glauben
-verleugnet hatte und katholisch geworden war. Während er nur seinem
-Vergnügen lebte, trieb sein Minister, Graf Brühl, die sinnloseste
-Verschwendung, so daß das arme Volk die schwere Last der Steuern
-und Abgaben kaum ertragen konnte. Die Reichen aber machten’s meist
-ihrem Fürsten nach, drückten und plagten die Armen und lebten dabei
-in Wollust. Hart und streng hielten auch die Herren ihre Knechte,
-die Meister ihre Gesellen. Trotzdem ging’s dem Friedel nicht allzu
-schlecht. An Gehorsam war er von klein auf gewöhnt; Arbeit war seine
-Lust, und ein hartes Wort nahm er nicht so leicht übel. Daß er jeden
-Sonntag zur Kirche gehen und sich dort Trost und Mut holen konnte,
-war ja ein unbezahlbarer Schatz. Ach, oft kam er auch mit beschwertem
-Gewissen! Denn nicht immer widerstand er der Versuchung, ein wenig
-teilzunehmen an der wilden Lustigkeit in den Herbergen. Sein Blut war
-heiß und wallte leicht auf, wenn man ihn neckte um seines stillen
-Wesens willen; schon das verwickelte ihn in manchen Streit. Auch kam’s
-wohl vor, daß er einmal ein Tröpflein über den Durst trank.
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-Nur in einem Ding blieb er unerschütterlich fest. An dem Scherz und
-leichtfertigem Geschwätz, das die Burschen in der Herberge mit hübschen
-Wirtstöchterlein oder stattlichen Mädchen trieben, nahm er nie teil,
-nein, nicht mit einem Wort! Sie gingen ihn alle nichts an! Nicht einen
-Augenblick vergaß er, was er damals am Bett kniend, zu Frau Marie
-gesagt, und was sie ihm geantwortet hatte. Hell und klar wollte er
-seine Augen zu Ännchen aufschlagen, wenn Gott ihn wieder zu ihr führte!
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-[Illustration]
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-Zwischen all dem Jammer, all der wilden Lust und dem harten Wesen
-gab es doch noch eine große Anzahl ernster, frommer Christen, die,
-unbekümmert um die tolle Welt, ihres Glaubens lebten. Zu solchen führte
-Gott endlich auch den jungen Wandersmann. Ein ganzes Jahr arbeitete
-er bei einem braven Müller, der zu diesen „Stillen im Lande“ gehörte,
-befand sich dort gar wohl und ward gehalten wie ein Sohn des Hauses.
-Gern hätte ihn der Meister noch länger behalten, doch zog es ihn nun
-mächtig nach Preußen. Er hatte sparsam gelebt; sein Beutel war so gut
-gefüllt, daß er hoffte, damit endlich bis nach Berlin zu kommen.
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-In der Mühle sammelten sich oft verständige Männer aus der Stadt,
-um am Feierabend ein wenig zu plaudern. Bescheiden zuhörend vernahm
-Friedel dann allerlei vom Lauf der Welt. Er wußte, daß der strenge,
-gefürchtete König von Preußen, der doch unendlich viel für sein Volk
-getan, gestorben war, und sein Sohn Friedrich II. den Thron bestiegen
-hatte. Von diesem erzählte man seltsame Dinge. Klein und mager von
-Person, sei er doch eine gar königliche Erscheinung, und der Blick
-seiner Augen sei so klar und durchdringend, als wolle er jedem ins Herz
-hineinsehen. Sein ganzes Streben gehe dahin, sein Volk glücklich zu
-machen; doch gehe er dabei viel milder und freundlicher zu Werke als
-sein harter Vater. Das machte dem Friedel Mut und Hoffnung; wer weiß,
-ob’s ihm nicht gelingen würde, diesen leutseligen König selbst nach den
-Salzburgern zu fragen!
-
-Von vielen Segenswünschen begleitet, zog er aus und überschritt endlich
-gutes Mutes die preußische Grenze. Bald merkte er, daß hier unterm
-Volk wirklich ein besserer Geist herrschte. Wie fleißig schafften
-sie alle, auch die es nicht fürs tägliche Brot bedurften! Größerer
-Wohlstand und bessere Ordnung war in Dorf und Stadt zu finden; freilich
-auch das strenge, herbe Wesen, das die Not der Zeit mit sich gebracht
-hatte. Bald fiel’s ihm auf, daß viele der jungen Burschen, die auf
-den Feldern arbeiteten, grellrote Halsbinden trugen. Auf die Frage,
-was das bedeute, sagte man ihm, es seien Kantonisten, d. h. Leute, die
-von Jugend auf für den Soldatenstand bestimmt wären. Jede Stadt und
-jedes Dorf müsse eine bestimmte Anzahl stellen. „Ei“, dachte Friedel,
-„das ist also die Sache, vor der mich der gute Pfarrer warnte. Nun, ich
-laß mir sicher nicht so ein rotes Ding um den Hals zwängen! Bin auch
-weder in Stadt noch Dorf zu Hause.“ Wenn nur die Welt, und besonders
-das Preußenland, nicht gar so groß gewesen wäre! Er ließ sich gewiß das
-Gras nicht unter den Füßen wachsen und vertat keinen Groschen unnütz,
-dennoch ging das Geld zu Ende, und Berlin war noch weit weg.
-
-Eines Tages saß er mutlos in einem einsamen Wirtshaus an der
-Landstraße; von bösem Unwetter überrascht, hatte er das nächste Dorf
-nicht mehr erreichen können. Außer ihm war nur noch ein einziger Gast
-in der großen Stube, ein stattlicher Herr in feiner Tuchkleidung und
-mit einem gewaltigen Zopf, der ihm fast bis an die Hüften herabhing.
-Er schrieb emsig in eine große Brieftasche, trat zuweilen ans Fenster,
-um nach dem Wetter zu sehen, beachtete aber den Müllerburschen gar
-nicht. Endlich brachte der Wirt das Abendessen; für Friedel eine dicke
-Suppe und ein Stück Schwarzbrot, für den Herrn aber ein gebratenes
-Huhn und einen Krug Wein. Der hungrige Bursche vertiefte sich in seine
-Suppenschüssel, ohne zu merken, daß die beiden Männer leise miteinander
-sprachen und nach ihm hinüberblickten. Endlich begann der Herr laut zu
-reden:
-
-„Es ist ein fatales Ding, daß mir der Bursch eben jetzt davonlaufen
-mußte um der einzigen Kopfnuß willen! Wenn’s heimwärts ginge, machte
-ich mir wenig draus, den Dummkopf los zu sein; aber nach Berlin ganz
-ohne Bedienung zu reisen, paßt mir nicht.“
-
-„Ei, wenn’s nur das ist“, erwiderte der Wirt, „so wird sich wohl
-jemand finden, der den gestrengen Herrn dahin begleitet. Heda, junger
-Mehlsack, will Er nicht nach Berlin?“
-
-„Meint Ihr mich?“ fuhr Friedel auf. „Ein Mehlsack bin ich nicht!“
-
-„Hast aber schon manch einen auf dem Buckel getragen, he? Hier gäb’s
-was für ihn!“
-
-„Was denn?“
-
-„Ei, wenn Er nicht gar so unmanierlich ist, könnt’ Er den gnädigen
-Herrn hier nach Berlin begleiten als sein Diener.“
-
-„Das geht nimmer! Ich bin ein freier Mann; gedient hab’ ich noch nie.“
-
-Der Herr war aufgestanden und trat an Friedels Tischchen. „Ei, mein
-Bursch, überlege dir die Sache. Freie Fahrt nach Berlin im Postwagen,
-gut Essen und ein schön Stück Geld. Weiter nichts zu tun, als mein
-Gepäck zu tragen, Kleider und Schuhe zu bürsten und dergleichen kleine
-Dienste zu leisten, die du bald begreifen wirst. Ein Dummkopf bist du
-nicht; das steht dir auf der Stirn geschrieben. Ein paar Wochen, dann
-ist alles vorüber; es ist nur für diese unangenehme Reise.“
-
-„Kann ich dann in Berlin bleiben?“
-
-„Ei gewiß! Ich nehm’ dich nicht wieder mit.“
-
-„Ob ich dort auch den König zu sehen bekomme?“
-
-„Nicht einmal, zehnmal sollst du ihn sehen, wenn du mit mir gehst.“
-
-„Dann will ich in Gottes Namen!“
-
-Am andern Tag mußte er sich sauber waschen und kämmen, seine
-Sonntagsjacke anziehen und den Wanderkittel im Ranzen tragen.
-Kaum war’s geschehen, so erklang auch schon ein Posthorn, und der
-schwerfällige Wagen, auf den der gnädige Herr gewartet, hielt vor dem
-Hause. Friedel mußte in einem kleinen Kasten, der hinten angebracht
-war, Platz nehmen, und fort ging’s, dem langersehnten Ziele zu. Nicht
-allzu geschwind! Die damaligen Postwagen waren gar ungeschickte, meist
-federlose Dinger, und das Fahren darin keineswegs ein Vergnügen. Das
-spürte auch Friedel in seinem engen Käfig gar bald, war aber dennoch
-guter Dinge. Nach ein paar Tagen erreichte man die letzte Station vor
-Berlin. Ehe der Herr, dem der Wein heute besonders gut geschmeckt
-hatte, wieder in den Wagen stieg, warf er dem Friedel ein blankes
-Silberstück hin und rief:
-
-„Hier, Bursch, hast du derweil ein Handgeld.“
-
-„Laßt’s doch sein, Herr“, sprach der Diener, „bis meine Zeit aus ist.“
-
-„Unsinn! Das tät zu lang dauern.“
-
-„Na“, dachte Friedel, „wenn ich den König sehen will, möcht’ ich mir
-neue Schuhe kaufen; der Herr hat wohl gesehen, daß meine nicht viel
-mehr taugen.“
-
-Bald war’s zu merken, daß man sich der für damalige Begriffe schon
-großen Stadt immer mehr näherte. Es war ein herrlicher Herbsttag; kein
-Wölkchen am Himmel. Die Felder waren schon fast abgeleert, aber die
-Obstgärten prangten im Schmuck der rotwangigen Äpfel und goldgelben
-Birnen; die Wiesen im letzten frischen Grün. Viele Menschen spazierten
-draußen herum, sich an der milden Luft zu erquicken. Vergnügt blickte
-Friedel in das fröhliche Leben; sein Herz klopfte in freudiger
-Erwartung. Nun mußte er ja bald sichere Kunde erhalten, wo sich seine
-Volksgenossen hingewendet. Jetzt rumpelte der Postwagen langsam an
-einem weiten Platz vorüber, auf dem Soldaten exerzierten. So oft der
-Wandersmann früher so etwas gesehen, hatte er so schnell als möglich
-Reißaus genommen; heute durfte er’s wohl gemütlich betrachten.
-
-Aber, o Schrecken, wie ging’s da her! Wenn einer beim Franzl am Stein
-das Vieh so angebrüllt, mit Füßen getreten und mit Fäusten geschlagen
-hätte, wie hier die Korporale die armen Soldaten, wär’s ihm schlecht
-ergangen. „O wie gut ist’s, daß ich keinem Werber begegnet bin!“ dachte
-Friedel und war froh, als sie vorüber waren.
-
-Nun ging’s zum Tor herein in die Stadt, und bald hielt der Wagen vor
-einem Posthause. Da standen zwei Männer, die schon auf den Herrn
-gewartet hatten. „Bringt Ihr ein paar?“ hörte er sie fragen. „Nur
-einen, aber einen Prachtkerl!“ war die halblaute Antwort.
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-Friedel sah sich vergebens nach dem Prachtkerl um und wollte das Gepäck
-auf seine Schultern nehmen, wie er’s gewöhnt war. Aber die Männer
-ließen’s nicht zu; nur seinen eigenen Ranzen durfte er aufsacken.
-
-„Geh’ einstweilen mit diesen beiden“, gebot der Herr Amtmann lachend,
-„da wirst du bald den König sehen.“ Mit diesen Worten verschwand er in
-der Haustür; die beiden nahmen Friedel in die Mitte und führten ihn
-durch enge, winklige Straßen vor ein großes unsauberes Haus mit kleinen
-vergitterten Fenstern. Hier konnte doch der König unmöglich wohnen!
-
-„Was soll ich da drin? Was habt ihr mit mir vor?“ fragte der Jüngling,
-plötzlich von banger Ahnung befallen.
-
-„Dummer Kerl! Hier gehörst du ’rein; ’s ist eine Kaserne. Du bist ja
-ein Rekrut!“
-
-„Das ist nicht wahr“, schrie Friedel entsetzt; „ich bin des gnädigen
-Herrn Diener!“
-
-„Schöner gnädiger Herr! Ein Werbeoffizier ist’s! Du dummes Schaf bist
-ihm ins Garn gegangen. Marsch, ’nein mit dir!“
-
-Aber der junge Salzburger ließ sich die Freiheit nicht so leicht
-rauben. Gewandt und kräftig, wie er war, riß er sich mit aller Macht
-los, schleuderte das entsetzliche Handgeld in den Straßenschmutz und
-rannte in großen Sprüngen davon. Aber ach, auf das Geschrei seiner
-beiden Verfolger: „Haltet ihn; ’s ist ein Rekrut!“ ward er im nächsten
-Augenblick festgehalten, seinen Führern wieder übergeben und von ihnen
-in die Kaserne geschleppt. Den Unglückstaler steckten sie ihm wieder
-in die Tasche. O wie hatte er ihn nur annehmen können! Wie konnte er
-die Warnung des guten Pfarrers vergessen!
-
-„Sieh“, sagte einer der Männer nun freundlicher, „an dieser Haustür
-steht ein Wachtposten mit geladenem Gewehr; darum sei vernünftig und
-denke nicht an Flucht. Hier ist deine Stube; nun sei gescheit und mach’
-dir’s bequem. Heute und morgen hast du noch frei.“
-
-
-
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-7. Ein guter Kamerad.
-
-
-In der großen düsteren, nur mit dem nötigsten Hausrat versehenen Stube
-befanden sich drei Männer. Einer, der ins Lesen eines Buches vertieft
-am Fenster saß, hob nur den Kopf, seufzte tief und las weiter. Die
-beiden andern, die Karten spielend am Tische saßen, begrüßten den
-Verzweifelten mit rohem Gelächter. Friedel aber sank auf einen Schemel
-nieder, schlug die Hände vors Gesicht, und seine kräftige Gestalt
-erbebte im Übermaß des Jammers, der sich endlich in lautem Weinen und
-Schluchzen Luft machte. Selbst den rohen Spielern ward’s unheimlich
-dabei zumute. „Komm“, flüsterte der eine, „wollen gehen und eins
-trinken, bis er ausgetobt hat.“
-
-Als sie hinaus waren, legte sich eine Hand sanft auf das Haupt des
-Weinenden. Er blickte auf; der eifrige Leser stand vor ihm, ein
-schöner, stattlicher junger Mann, bedeutend älter als Friedel und mit
-so feinen, geistvollen Zügen, daß ihn dieser für etwas ganz Vornehmes
-hielt, obgleich er nur die grauleinene Hausjacke der Soldaten trug.
-
-„Ach, lieber Herr“, rief er händeringend, „laßt mich hinaus, laßt mich
-fort! Man hat mich schändlich betrogen; ich kann und mag nicht Soldat
-sein!“
-
-„Armer Bursche“, erwiderte der andere, „ich kann dir nicht helfen! Ich
-bin ja auch Soldat wider Willen, schon seit einem Jahr.“
-
-„Kommt Ihr denn bald wieder los?“
-
-„Nicht eher, als bis mich Gott von dieser bösen Welt nimmt“, war die
-traurige Antwort.
-
-„Bis man stirbt, muß man Soldat bleiben?“ schrie Friedel ganz
-verzweifelt. „Dann will ich jetzt sterben, jetzt gleich! Ich halt’s
-nicht aus, nein, nimmer, nimmer! Frei will ich sein oder tot!“
-
-Eine Weile ließ ihn der Ältere gewähren, dann sprach er sanft: „Bruder,
-das ist nicht recht! Kannst du beten?“
-
-Statt aller Antwort glitt Friedel am Schemel nieder; der Kamerad kniete
-neben ihm und flehte in schlichten, innigen Worten um Kraft und Geduld,
-dies schreckliche Los männlich und christlich zu tragen, und fest zu
-glauben, daß auch dies schwere Schicksal aus Gottes Hand komme.
-
-Friedel war still geworden und streckte sich auf den Rat des Gefährten
-aufs harte Lager, gänzlich erschöpft von Schrecken und Jammer.
-
-„Wie heißt Ihr?“ fragte er den andern, der sich freundlich um ihn
-bemühte. „Und warum seid Ihr so gut zu mir?“
-
-„Weil ich dir an den Augen ansehe, daß du besserer Art bist als
-andere, und weil du beten kannst. Nenne mich Johannes und sage du; laß
-uns Freunde sein! Wir werden Zeit genug finden, einander die Herzen
-auszuschütten; jetzt mußt du ruhen. Ich will uns eine Suppe holen und
-dein Kommißbrot; du bist ganz erschöpft.“
-
-Als der arme Bursche am späten Abend endlich die müden Augen schloß,
-bewegten sich seine Lippen noch zu einem innigen Dankgebet, daß ihm
-Gott in der Gestalt des neuen Freundes, der still und ernst an seinem
-Bette saß, einen Schutzengel zugesellt hatte.
-
-Am nächsten Tage ward der Rekrut in die Rüstungskammer geführt und
-in die enge, knappanliegende Uniform gekleidet. Sie kam ihm vor
-wie eine Zwangsjacke, und er hätte sie am liebsten gleich wieder
-vom Leibe gerissen. Am verhaßtesten war’s ihm, daß sein schönes
-lichtbraunes Haar, auf das er ein wenig eitel gewesen, in einen
-garstigen Zopf gedreht wurde, der, künstlich verlängert, über den
-Rücken herunterbaumelte. So umgewandelt führte man ihn mit mehreren
-Schicksalsgenossen in eine weite Halle, wo ihnen ein Offizier
-etwas sehr Langes vorlas, wovon Friedel fast gar nichts verstand.
-Johannes sagte ihm später, es seien die Kriegsartikel gewesen; das
-machte ihn auch nicht viel klüger. Nun wurden ein paar große Fahnen
-hereingebracht, die mußten alle umfassen und einige Worte nachsprechen,
-die ihnen der Offizier vorsagte. Da aber dem Salzburger die schnarrende
-Sprechweise des ungeduldigen Herrn fast unverständlich war, bewegte er
-nur den Mund, ohne ein einziges Wort zu sagen. Das war der Fahneneid,
-der den armen Jungen auf Lebenszeit an einen Beruf fesseln sollte, der
-ihm zuwider war und zu dem man ihn durch schändlichen Betrug gezwungen!
-
-Der Adel, aus dem damals allein die Offizierstellen besetzt wurden, war
-mit wenigen Ausnahmen roh, übermütig, leichtfertig und stolz. Da war’s
-kein Wunder, daß es den armen Burschen, die auf dem Exerzierplatz ganz
-in die Gewalt solch hochnäsiger, grober Junker gegeben waren, herzlich
-schlecht erging. Das mußte auch Friedel reichlich erfahren; und es
-kostete dem treuen Johannes unendliche Mühe, ihn zu überzeugen, daß er
-sich Schimpfworte, Püffe, Fußtritte und Stockschläge gefallen lassen
-müsse, ohne ein Wort des Widerspruchs. Immerhin war für den gewandten,
-verständigen Burschen die allerschlimmste Zeit bald überstanden; und
-als es zu den Schießübungen kam, erntete er sogar zuweilen ein Wort des
-Lobes. Obgleich aber die Ausbrüche bitteren Jammers und ohnmächtigen
-Zornes allmählich seltener wurden, versöhnte er sich doch nie mit
-seinem Schicksal; nein, nicht einen Augenblick! Zahllos waren die
-Fluchtpläne, die er für sich und den Freund schmiedete, die aber nie
-zur Ausführung gelangten, da sich überall unübersteigliche Hindernisse
-entgegenstellten.
-
-Vielleicht war es gut, daß die Rekruten, besonders im ersten Jahre,
-nur wenig Zeit hatten, über ihr Schicksal nachzudenken. Das Drillen
-und Üben nahm gar kein Ende, und wenn’s überstanden war, gab’s in
-der trübseligen Stube zu waschen und zu putzen, damit am nächsten
-Tage nicht etwa ein Schmutzflecken an den weißen Gamaschen oder ein
-blind gewordener Knopf den Zorn des Korporals reizte. War endlich ein
-freies Stündchen, so suchten nicht wenige die Branntweinschenken auf,
-um in rohem Scherz ihr Elend zu vergessen; andere beschäftigten sich
-mit allerlei Handarbeiten oder Tagelöhnerdiensten, um einige Groschen
-zu erwerben, da der Sold so knapp war, daß er kaum zum Nötigsten
-reichte. Johannes, der eine schöne Handschrift schrieb, saß an den
-langen Winterabenden meist über Rechnungen und Briefen, die ihm ein
-Kaufmann zum Abschreiben übergab. Friedel aber suchte die Schnitzkunst
-wieder hervor, die er bei Tobi gelernt hatte; seine Löffel, Becher und
-Schüsseln wurden von den Kameraden gern gekauft.
-
-Nach und nach ward er ruhiger und lernte sein Schicksal männlich
-und gefaßt ertragen wie der Freund. Zu solcher Zeit erzählten sie
-einander aus vergangenen Tagen; ach, es klang wie aus einer andern,
-lieblich heiteren Welt! Friedel vertraute dem Freunde sehr bald
-seine wunderbaren Schicksale an; ja, er verschwieg ihm sogar seine
-innige Liebe zu Ännchen nicht, die ihm jetzt im Unglück erst recht
-zum Bewußtsein kam. Aber wie erschrak er, als Johannes das Antlitz in
-die Hände verbarg, schmerzlich seufzte und endlich in heiße Tränen
-ausbrach! Nach der Ursache zu fragen, wagte er nicht. Seine Ehrfurcht
-vor dem ernsten Freund war ebenso groß wie seine Liebe zu ihm. Bald
-beruhigte sich dieser und begann:
-
-„Von deinen Salzburgern kann ich dir etwas mitteilen. Mein lieber
-Vater, der ein Prediger ist, nahm großen Anteil an ihrem Schicksal;
-ja, ich erinnere mich selbst noch wohl, daß eine kleine Schar durch
-unser Dorf zog, wo wir etliche in unserm Hause beherbergten. Auch über
-das Schicksal derer, die nach Amerika auswanderten, erhielt mein Vater
-Nachricht. Sie haben im Staate Georgia eine neue Heimat gefunden.“
-
-„Ist das weit?“ unterbrach Friedel mit glänzenden Augen. „Könnten wir
-nicht dorthin entfliehen? Aufs Meer würden sie uns nicht so schnell
-folgen.“
-
-„Armer Junge! Du würdest eingeholt werden, lange, ehe du das Meer
-erreichtest. Auch in den Häfen sind Spione! Ach, es ist sehr, sehr
-weit! Wart’, ich will dir’s zeigen.“
-
-Er brachte aus seinem Kasten ein breites dünnes Buch hervor mit
-seltsamen Bildern, wie sie Friedel noch nie gesehen; es waren
-Landkarten. Nur zu bald merkte Johannes, wie kindlich und mangelhaft
-des Freundes Vorstellungen von Gestalt und Größe der Erde, von den
-Entfernungen zwischen den Ländern und Meeren waren. Mit Staunen hörte
-Friedel auf die Wunderdinge, die er ihm davon erzählte, und es entspann
-sich daraus ein Unterricht, der für beide gleich genußbringend war.
-
-Auch im Schreiben übte sich der Jüngere unter Aufsicht des gelehrten
-Genossen und verfaßte mit vieler Mühe, oft unterbrochen durch heißes
-Weinen, einen langen Brief an den Franzl am Stein, worin er die
-traurige Wendung seines Geschickes berichtete. Was er ganz am Rande für
-Ännchen hinzufügte, brauchte der Freund nicht zu lesen, begehrte es
-auch nicht.
-
-So wurden die beiden je länger je mehr ein Herz und eine Seele. Nur
-in einem blieben sie verschieden. Friedel gab nie, nein, keine Stunde
-lang, die Hoffnung auf, daß Gott ihn noch hienieden aus dem schweren
-Joch erlösen und in die Heimat zurückführen werde. Bat er ihn doch
-täglich so heiß, so inbrünstig darum! Johannes dagegen hatte alle
-irdischen Hoffnungen aufgegeben, sehnte sich aber desto mehr nach der
-Stunde, da seine befreite Seele aufschweben würde zur ewigen Freude.
-
-Friedel ward trotz der schmalen Kost, trotz des bitteren Herzwehes
-immer kräftiger und abgehärteter. Johannes aber brach oft, wenn die
-anstrengenden Übungen vorüber waren, ganz kraftlos zusammen, war auch
-nicht selten krank, so daß er einige Tage das Bett hüten mußte. Dann
-pflegte ihn der Freund so gut er konnte und sparte sich den mühsam
-verdienten Groschen ab, um ihm eine Erquickung zu bereiten. An solchen
-Tagen mußte er ihm auch oft aus der Bibel vorlesen, und meist Stellen,
-die von der Seligkeit des Himmels handelten. Tiefbewegt hatte der
-Kranke einst zugehört, dann sprach er:
-
-„Du guter Kamerad hast mir so freimütig alle deine Schicksale erzählt
-und mich so tief in dein liebreiches Herz blicken lassen. Da wird es
-Zeit, daß ich auch offen gegen dich bin. Ich weiß, du kannst nicht
-begreifen, daß ich auf Erden nichts mehr hoffe, und mich, o wie sehr!
-nach dem Himmel sehne. Aber denke nicht, daß mein armes, schwaches
-Herz so ganz allein am Heiland hängt. Wohl glaube ich aufrichtig an
-ihn und sehne mich nach ihm von ganzem Herzen. Aber wenn ich mir ihn
-vorstelle, zur Rechten Gottes sitzend in seiner Herrlichkeit, dann
-sieht mein geistiges Auge unter den Seligen, die seinen Thron umgeben,
-eine zarte verklärte, ach so unendlich geliebte Gestalt, in deren
-Lobgesang ich so gern noch heute einstimmen möchte.“
-
-[Illustration]
-
-„Ist’s etwa ein liebes frühverstorbenes Schwesterlein?“ fragte Friedel
-leise.
-
-„Nein, o nein; es ist Luise, meine teure, holde Braut!“ Er verbarg
-das Antlitz ins Kissen und schwieg lange. Dann fuhr er ruhiger fort:
-„Meine Trauer um sie ist selbstsüchtig. Ihr ist wohl geschehen; denn
-o, wie würde sie sich grämen, wenn sie leben müßte, hoffnungslos
-getrennt von mir! Ach, wir liebten uns so sehr! Bald sollte Hochzeit
-sein. Ich sollte dem alternden Vater im Amte helfen, begleitete aber
-erst einen Freund auf einer Reise und fiel auf dem Heimweg in die Hände
-der Werber. Ach, man hatte mich gewarnt! Auch wäre ich wohl alt genug
-gewesen, um vorsichtig zu sein; aber träumerisches, unpraktisches Wesen
-hing mir von klein auf an.“
-
-„Wie kam es, daß sie so bald sterben mußte?“ fragte Friedel mitleidig.
-
-„Sie war von zarter Gesundheit und hatte eben ein Fieber überstanden,
-als sie durch unvorsichtiges Geschwätz einer Magd plötzlich und
-unvorbereitet mein Unglück erfuhr. Sie sank in tiefe Ohnmacht; ein
-Rückfall trat ein, und nach wenig Tagen brach das treue Herz. Verstehst
-du nun, warum ich kein irdisches Glück mehr hoffe?“
-
-Satt aller Antwort schlang Friedel weinend die Arme um den Hals des
-Freundes und küßte ihn; von da an waren sie erst recht wie Brüder.
-
-Gute und böse Zeit eilt schnell dahin, als flögen wir davon. So
-waren auch zwei Jahre vergangen in einer Lebensweise, die dem freien
-Wanderburschen erst ganz unerträglich geschienen. Er war nun fertig und
-geschickt in allem, das ein guter Soldat leisten muß. Man mißhandelte
-ihn nicht mehr; ja, seine und des Freundes Lage hatte sich sogar etwas
-verbessert. Ein wohlmeinender Offizier, von guter Bildung und feinen
-Sitten, wie es deren immer eine Anzahl gab, war an die Spitze der
-Truppe getreten, der die Freunde angehörten, und hatte bald erkannt,
-daß sie besserer Art waren als ihre Genossen. Er brauchte sie zu
-allerlei Arbeiten und Dienstleistungen, gewährte ihnen eine kleine
-Zulage zum geringen Sold und stellte sie beim Exerzieren nebeneinander.
-Das letztere war beiden am wertvollsten. „Wenn’s einmal in den Krieg
-geht“, sagte Johannes, „marschieren wir zusammen; und wenn ich falle,
-rufst du mir ein Abschiedswort zu!“
-
-Nun, für jetzt war eben erst ein Krieg beendet, den man den ersten
-Schlesischen nennt. Siegreich kehrte der junge König in seine
-Hauptstadt zurück, und nun sollte ihn Friedel endlich zu sehen bekommen.
-
-Wie eine Mauer stand das ganze Regiment auf dem Paradeplatze; die
-beiden Freunde in der vordersten Reihe. Langsam ritt, von einigen
-Offizieren umgeben, ein kleiner Mann die Front entlang. Gerade da, wo
-Johannes und Friedel standen, hielt er ein wenig inne, so daß sie ihn
-genau betrachten konnten. Freilich sah er ganz anders aus, als der
-Salzburger sich einen König vorgestellt; er trug weder Purpurmantel
-noch Goldkrone, sondern den schlichten blauen Soldatenrock. Johannes
-aber sagte später dem Freunde, ein großer Geist spreche aus diesen
-klaren, tiefen Augen, diesem charaktervollen Mund und der hohen,
-gedankenreichen Stirn.
-
-Bald merkte man die Wahrheit dieser Rede; denn der König begann
-tatkräftig und unermüdlich für das Wohl seiner Untertanen, auch für
-die Hebung des Offizierstandes zu sorgen. Er erschien nicht selten
-selbst auf den Übungsplätzen, redete einzelne Soldaten an, nicht mit
-„Kerl“ oder irgendeinem Schimpfwort, sondern mit dem freundlichen
-„Mein Sohn“. Soweit sein Auge reichte, wurden die groben Mißhandlungen
-viel seltener. Daß die Zucht hart und streng und die Strafen grausam
-blieben, lag im Geiste der Zeit.
-
-Aber kaum zwei Jahre lang konnte der große König in Frieden für sein
-Volk sorgen, dann mußte er schon wieder zu den Waffen greifen, um
-sich das erkämpfte Land Schlesien, das sich unter seiner Herrschaft
-sehr wohl befand, zu sichern. Gar zu gern hätten es ihm die
-Österreicher wieder weggenommen. Schon rüsteten sie gegen ihn mit ihren
-Bundesgenossen. Da beschloß er ihnen zuvorzukommen. Diesmal sollte auch
-Friedels Regiment mit in den Kampf ziehen. Gar gewaltig ward nun geübt
-und vorbereitet; in den seltenen Ruhestunden aber saß der Jüngling mit
-heißen Wangen und glänzenden Augen über dem wunderbaren Landkartenbuch,
-um sich die Lage der einzelnen deutschen Länder fest einzuprägen.
-
-Als die Freunde eines Abends allein beisammen waren, fragte Friedel:
-
-„Sag’ mir doch, Johannes: Wenn ich nun hier in Salzburg wäre, da, wo
-ich mit dem Finger hinzeige, wie müßte ich’s denn machen, um ans Meer
-zu kommen?“
-
-„An welches denn? Ich lehrte dich viele Meere kennen.“
-
-„Ei, ans Atlantische! Du sagtest ja, da gehe der Weg nach Amerika.“
-
-„Was fällt dir ein? Du mußt ja in den Krieg!“
-
-„Sag’ mir’s immerhin; zeig’ mir’s ganz genau!“
-
-Johannes zögerte und sah dem Freunde forschend in die Augen. Feste
-Entschlossenheit sprach aus ihnen. Friedel war ein Mann geworden in
-diesen letzten Jahren. Wer weiß, ob ihm Gott nicht den kühnen Plan
-gelingen lassen würde!
-
-„Nun wohl!“ sprach er. „Am sichersten wäre es, du reistest durch
-die Gebirgsländer bis Basel. Sieh, hier ist es! Von dort könntest
-du wohl als Schiffsknecht den ganzen Rhein herunterfahren bis nach
-Rotterdam. Dann über die Nordsee bis nach England. So sind auch deine
-Glaubensgenossen damals gereist.“
-
-„Und du willst nicht mit?“
-
-„Wer weiß, wie bald uns beide die tödliche Kugel trifft!“
-
-Unzähligemal machte Friedels Finger die große, gefährliche Fahrt bis
-über den Ozean nach dem Staate Georgia. O, er war erstaunlich klug
-geworden in diesen schweren Jahren! Wie würde sich Ännchen darüber
-verwundern! Schade, daß er auf den schönen langen Brief, den er
-geschrieben, gar keine Antwort erhalten hatte. Ännchen allein brachte
-ja keinen Brief fertig. Und der Franzl? Ach, der verachtete ihn
-vielleicht, weil er Soldat war! Ein wenig stolz war er ja immer gewesen.
-
-Endlich hieß es: „Hinaus ins Feld!“ Schwerbepackt mit Tornister,
-Waffen und allerlei Gerät ging’s in strengen Märschen durch Preußen
-und Sachsen nach Böhmen zu. Wer gesund und stark war, hatte gutes
-Leben; denn in Dorf und Stadt mußte am Rasttag oder beim Nachtquartier
-aufgetragen werden, was Küche und Keller nur vermochten. Dazu kam, daß
-die Offiziere jetzt weit weniger grimmig waren. Das Beispiel des Königs
-und seiner Generäle hatte schon gut gewirkt, und durch gemeinschaftlich
-getragene Beschwerden verbinden sich die Herzen. Endlich überschritt
-das Heer die böhmische Grenze und drang weiter und weiter vor. Zu
-einer offenen Feldschlacht mit den Österreichern kam es nicht, nur zu
-kleineren Gefechten.
-
-O wie graute es den Freunden vor dem Kampfgewühl! Wie entsetzlich war
-besonders für den sanften Johannes der Gedanke, daß die Kugel, die er
-abschoß, vielleicht ein junges Leben vernichten werde! Bald aber mußten
-sie sich daran gewöhnen. Setzten sie doch auch täglich ihr Leben ein.
-
-Schnell ward die Stadt Prag erreicht und belagert. Auf dem ganzen Zuge
-waren die Freunde Seite an Seite marschiert; oft hatte Friedel noch
-ein Gepäckstück für Johannes getragen, den die Anstrengungen weit
-mehr ermüdeten als ihn. Lagerte man im Freien, so ruhten sie dicht
-beisammen, beteten oft miteinander und befahlen ihre Seelen in Gottes
-Hand. Prag übergab sich den Preußen nach kurzer Beschießung; dann ging
-es weiter nach Süden, den Fluß Moldau entlang.
-
-Kleine Gefechte, Krankheit und auch Fahnenflucht lichteten die Reihen
-des Heeres. Bei Nachtmärschen, in Wäldern oder Gebirgsgegenden entwich
-mancher unbemerkt auf Nimmerwiedersehen. Auch Friedel hatte es schon
-oft in den Füßen gezuckt, sich still davon zu machen; nur die Liebe
-zu Johannes hielt ihn davon ab. Hatte man im Anfang des Feldzugs
-Speise und Trank in Fülle gehabt, so fehlte es jetzt oft sehr daran.
-Die Böhmen waren von grimmigem Haß gegen die preußischen „Ketzer“
-erfüllt, versteckten das Korn vor ihnen und trieben das Vieh in die
-dichten Wälder. Da gab’s oft schmale Bissen, und Johannes würde es kaum
-ausgehalten haben, wenn der kerngesunde Freund ihm nicht oft die Hälfte
-seines Anteils aufgezwungen hätte. Der König fühlte wohl, daß es hier
-keinen andern Ausweg gab als einen ehrenvollen Rückzug.
-
-„O weh“, dachte Friedel, als er davon hörte, „nun geht’s wieder
-nordwärts!“ Ehe aber noch der Befehl dazu gegeben wurde, sah sich die
-Truppe, in der die Freunde standen, plötzlich einer Schar von Feinden
-gegenüber. Es entspann sich ein kurzer, aber heftiger Kampf. Bald
-zogen sich die Österreicher zurück; Friedel aber kniete bei seinem
-Johannes, dem eine Kugel die Brust durchbohrt hatte. Noch atmete er;
-ein seliges Lächeln schwebte auf den erbleichenden Lippen. Schluchzend
-küßte Friedel die hohe, kalte Stirn und rief ihm zu: „Leb’ wohl,
-Herzensfreund! Gott vergelte dir deine Liebe und Treue!“ Dann war es
-vorüber. Seine Sehnsucht war erfüllt; er stand anbetend vor Gottes
-Thron mit seiner Luise!
-
-Nun war das einzige Band zerrissen, das den Jüngling an das Heer
-geknüpft. Was ging ihn der König und seine Kriege an? War er doch kein
-Preuße! Aber für jetzt lähmte die Trauer um Johannes seine Kraft; auch
-war die Gegend der Flucht nicht günstig.
-
-Einige Tage später marschierte sein Regiment in der Abenddämmerung am
-Waldesrand. Die Ordnung konnte nicht streng aufrechtgehalten werden;
-matt und hungrig blieben viele zurück, auch Kranke und Verwundete gab
-es genug. Friedel befand sich bei der Nachhut. Da fielen plötzlich
-Schüsse aus dem Waldesdunkel; bewaffnete Bauern hatten sich darin
-versteckt. Mehr als ein Kriegsmann lag schwer getroffen am Boden;
-auch Friedel fühlte einen heftigen Stoß gegen die Brust und stürzte
-betäubt ins hohe Waldgras. Als er erwachte, war’s finstere Nacht. War
-er wohl verwundet? Schmerzen hatte er nicht, fühlte auch kein Blut;
-nur waren ihm die Glieder steif von dem kalten, feuchten Lager. Als
-alles totenstill blieb, erhob er sich und merkte, daß er ganz allein
-war. Im Brotbeutel fand sich zum Glück noch eine harte Rinde, die
-ihm den nagenden Hunger stillte, und bald dämmerte der Morgen. Im
-matten Lichtschimmer sah er hie und da einen Kameraden tot liegen.
-Ihn selbst hatte Gottes Hand wunderbar bewahrt. Vorn im Waffenrock
-war ein rundes Loch; und als er ihn öffnete, sah er, daß das kleine
-uralte Gesangbüchlein des Großvaters, das er erst am Abend in den Busen
-gesteckt, weil’s im Tornister keinen Raum fand, ihn vom sicheren Tode
-gerettet hatte. Eine Kugel hatte den dicken Ledereinband durchbohrt,
-war aber in den Blättern stecken geblieben. Auf den Knien dankte er
-Gott für sein junges Leben, das ihm doch noch so lieb und kostbar war.
-In demselben Augenblick erhob sich die Sonne am östlichen Himmel.
-
-Nun galt’s keine Zeit zu verlieren. Seinen Fluchtplan hatte er schon
-längst im Kopfe. Er wußte, daß er, wenn es ihm gelang, das im Westen
-sich hinstreckende Gebirge zu übersteigen, die bayrische Grenze und
-die Stadt Passau leicht erreichen konnte. Johannes hatte es auch
-gesagt. Aber wehe ihm, wenn er sich in preußischer Uniform allein
-durch böhmische Dörfer wagen würde! Als er nun tiefer in den Wald
-drang, um seinen Durst an den reichlich wachsenden Brombeeren zu
-stillen, lag da vor seinen Füßen der tote Körper eines der tückischen
-Bauern, die gestern abend aus dem Hinterhalt geschossen hatten. Eine
-preußische Kugel hatte ihm die Stirn zerschmettert; die grobe Kleidung
-war unversehrt, auch nirgends mit Blut befleckt. Ein grausig Geschäft
-war’s für den guten Jungen, den starren Leichnam auszuziehen und sich
-selbst den groben Kittel, die Lederhosen und plumpen Schuhe anzulegen.
-Er tat’s mit zitternden Händen; aber es mußte ja sein! Im Hosensack
-fand sich ein Beutelchen mit etwas Geld; viel war’s nicht, aber doch
-ein Schatz für den Einsamen. Fast noch lieber war ihm ein dickes Stück
-Schwarzbrot, das im Kittel stak. Den Zopf schnitt er sich mit seinem
-Messer ab; wirr und struppig war das Haar schon von selbst. Nun verbarg
-er Uniform und Waffen in dichtem Gestrüpp; nur das Gesangbuch, das
-Tüchlein und den Ring für Ännchen und seinen hölzernen Becher nahm er
-mit. Blindlings, ohne Weg und Steg, drang er in den Wald hinein, immer
-bergauf, ohne einem Menschen zu begegnen. Mit dem kostbaren Brot ging
-er sparsam um; gab’s doch im Walde so manches, das den Hunger stillte,
-besonders jetzt in der Herbstzeit. Beeren, Nüsse und Pilze genug, auch
-eßbare Wurzeln, die ihn Tobi vor Jahren kennen gelehrt.
-
-Gegen Abend stand er auf freier Bergeshöhe, nachdem er den ganzen Tag
-keinem Menschen begegnet. Es war ein schwach bevölkerter Landstrich;
-dichter Wald ringsum, nur in der Ferne hie und da ein Dörfchen oder
-vereinzelte Höfe. Trotz der Trauer um den Freund, trotz der ungewissen
-Zukunft schwoll dem Jüngling das Herz vor Freude und Hoffnung. Er
-breitete die Arme aus, als wolle er die ganze Welt umfassen, tat einen
-gewaltigen Luftsprung und rief: „Gottlob! Ich bin frei! frei! frei!“
-
-
-
-
-8. Die alte Heimat.
-
-
-Es war ein rauher, stürmischer Herbstabend. Wild flogen die schwarzen
-Wolken über den Himmel und sandten eiskalten, mit Schneeflocken
-vermischten Regen auf die Erde nieder. In den Gassen der Stadt Passau
-war’s still und öde; wer nicht hinaus mußte, blieb heute gewiß im
-traulichen Stübchen. Auch der gute alte Pfarrer, der dem Friedel vor
-sechs Jahren so freundlich geraten und geholfen, saß in der warmen Ecke
-hinter dem Kachelofen, behaglich sein Pfeifchen rauchend. Das dicke
-Buch, in dem er gelesen, hatte er weggelegt und plauderte mit seiner
-spinnenden Frau. Da trat die junge Magd herein und sprach ängstlich:
-
-„Herr Pfarrer, draußen steht ein wüster Gesell, arg zerrissen, bleich,
-mit funkelnden Augen und wirrem Haar. Ich reichte ihm ein Stück Brot;
-da sagte er, er sei krank und möge nicht essen. Aber mit Euch müsse er
-sprechen; sonst ginge es schlimm!“
-
-„Der arme Mensch! Bei diesem Wetter draußen und noch krank dazu!“
-erwiderte der gute Mann. „Bring’ ihn nur gleich herein.“
-
-Zögernd gehorchte die Magd; blieb aber dicht vor der Tür stehen, um
-gleich beispringen zu können, falls der wilde Gesell Böses im Schilde
-führte gegen ihre liebe alte Herrschaft. Der aber blieb auf der
-Schwelle stehen, um den sauberen Fußboden nicht zu beschmutzen, und
-begann mit matter, heiserer Stimme: „Herr Pfarrer, gelt, Ihr kennt
-mich nimmer? Ach, vor sechs Jahren sah ich wohl schmucker aus! Ich
-bin ja der Salzburger, dem Ihr damals so freundlich beistandet. Ach,
-ich möcht’ heim und kann doch nicht! Geschafft hab’ ich wacker, wo
-ich konnte; aber ’s geht nicht mehr. Mir ist so angst; ich bin voller
-Schmerzen. Ach, laßt mich nicht auf der Straße sterben!“
-
-Er schlug die Hände zusammen, wankte und wäre umgesunken, hätten ihn
-die beiden Alten nicht gestützt und mit Mühe auf das buntgeblümte
-Ruhebett niedergelegt.
-
-Bald darauf trat heftiges Fieber ein. Er meinte, ein Werber verfolge
-ihn, und war kaum auf dem Lager zu halten; dann weinte er wieder
-um einen gefallenen Freund und um ein Ännchen und bat endlich mit
-wehmütiger Stimme, man sollte ihn im Walde beim Großvater begraben. Es
-wurde eine schwere, lange Krankheit, die sich der Jüngling wohl durch
-häufiges Übernachten im Freien, durch allzu anstrengende Märsche bei
-schmaler Kost und hoher Gemütsaufregung zugezogen hatte.
-
-[Illustration]
-
-Als endlich seine starke Natur mit Gottes Hilfe die Krankheit überwand
-und ihm die Kräfte langsam wiederkehrten, war der Winter mit voller
-Gewalt eingezogen, und an Weiterwandern nicht zu denken. Sollte er wohl
-nun an Ännchen schreiben? Nein, doch nicht! Leicht konnte der Brief in
-fremde Hände kommen. Wer weiß, ob Franzl noch lebte! War er doch schon
-vor sechs Jahren ein recht alter Mann gewesen. Ob Ännchen und Tobi dann
-noch auf dem Hofe sein würden, war sehr zweifelhaft. Vielleicht hatte
-ihnen Peter schon längst den Weg gewiesen!
-
-Gern blieb der Genesende einige Monate lang bei seinen barmherzigen
-Pflegern, deren stiller, netter Haushalt ihm nach der wüsten
-Soldatenwirtschaft wie ein Paradies erschien. Allerlei Handarbeit,
-durch die er einige Groschen verdienen konnte, fand sich bald. Daneben
-tat er seinen Wirten zulieb und zu Dienst, was nur ein guter Sohn den
-Eltern tun konnte. Seine Vergangenheit und seine Zukunftspläne legte
-er ihnen offen dar und war herzlich froh, daß der Pfarrer gegen das
-Auswandern nichts einzuwenden hatte.
-
-Die Zahl derer, die übers Meer zogen, um der Tyrannei der Edelleute,
-der List der Werber und der allgemeinen Volksnot zu entfliehen, war zu
-jener Zeit sehr groß. Es waren nicht die schlechtesten Leute, die die
-Gefahren einer solchen Reise und die Mühseligkeiten des neuen Anbaues
-nicht scheuten, um nur freie Männer zu werden und das Stückchen Land
-unter ihren Füßen ihr Eigentum nennen zu dürfen.
-
-Mit gutem Rat und reichlicher Reisekost versehen, schied der Wanderer
-endlich von den Pfarrersleuten, ihnen tausendmal Gottes Segen
-wünschend. Wüst, elend und zerrissen hatte er die Stadt betreten;
-schmuck und sauber verließ er sie im redlich erworbenen neuen
-Anzug, ein leichtes Bündel auf dem Rücken mit mancher Gabe aus dem
-Leinenschrank der Pfarrerin.
-
-Das Land lachte in Frühlingspracht wie vor sechs Jahren, als er mit
-Joseph ausgezogen; er selbst aber war anders geworden, und der
-frische, leichte Mut wollte nicht wiederkehren. Einsam zog er seine
-Straße, wich jedem aus und suchte in der Nachtherberge schnell sein
-Lager auf, ohne sich in die lustige Gesellschaft in der Wirtsstube zu
-mischen. Ach, auch in Bayern gab es ja Werber, wenn sie auch nicht ganz
-so frech waren wie die preußischen. In jedem stattlichen Manne, der
-ihn etwa anredete, vermutete er seinen solchen, und machte oft weite
-Umwege, um ihm ja nicht wieder zu begegnen.
-
-In den heimatlichen Bergen fühlte er sich ein wenig sicherer;
-sie umstanden ihn wie eine Schutzmauer und grüßten ihn wie alte
-Jugendfreunde. Aber nun überfiel ihn die Angst, ob und wie er wohl
-Ännchen wiederfinden werde. Sie war ein so liebliches Kind gewesen, als
-er sie verließ; wie schön mochte sie nun geworden sein! Andere würden
-das auch gesehen haben! Dieser Gedanke fuhr ihm oft wie ein Stich durch
-Herz.
-
-In tiefes Sinnen versunken, wanderte er eines Tages über eine
-Hochebene und war seines Weges nicht ganz sicher. Die Gegend war ihm
-unbekannt, und doch konnte es nicht mehr weit sein zum Steinhof. Er
-mußte wohl einen falschen Fußpfad eingeschlagen haben und sah in der
-Ferne ein Dörfchen liegen. Er schritt darauf zu und fragte am Wege
-spielende Kinder nach seinem Namen. „Windeck heißt’s“, war die Antwort.
-„Windeck!“ Das war der Name, den ihm Tobi gesagt beim letzten Abschied
-von der Talmühle! Dort drüben lag wohl die wüste, mit Felsbrocken
-besäte Fläche, die er vom steilen Seeufer aus gesehen. Ja, jetzt
-entdeckte er auch das einsame, von Bäumen umgebene Haus, nach dem seine
-scharfen Kinderaugen oft sehnsüchtig hinübergeschaut. Schnell war
-sein Entschluß gefaßt. Nicht den Steinhof wollte er zuerst aufsuchen,
-sondern die verfallene Mühle, an die sich so reiche Erinnerungen
-knüpften.
-
-Viel weiter und beschwerlicher war der Weg, als er geglaubt. Ja, es
-war gar kein Weg, sondern eine wilde, ganz verlassene Einöde, an die
-sich wahrscheinlich allerlei Aberglaube knüpfte. Aber endlich stand er
-doch am Ufer des Bergsees und stieg mit leichter Mühe herab. Das Wasser
-stand so hoch, daß nur ein ganz schmaler Streifen sandigen Ufers an der
-Felswand hinführte, und die Wellen ihm oft die Füße netzten, ehe er die
-rechte Stelle erreichte und mühsam emporklomm.
-
-War’s nicht, als lege sich ihm eine schwere Hand auf die Schulter
-wie ehemals? Stand nicht des Talmüllers hohe Gestalt hinter ihm? Ach
-nein; nur in Gedanken durchlebte er alles noch einmal! Ringsum war’s
-totenstill. Die Sonne war nahe am Untergehen; er mußte sich aufraffen
-aus den Jugendträumen, um vor völligem Dunkelwerden die Mühle zu
-erreichen. Dort wollte er einsam übernachten im Schutz der verfallenen
-Mauern und am andern Morgen durch den Felsengang den Steinhof aufsuchen.
-
-Langsam schritt er durch den duftigen Frühlingswald. Die Pfade,
-die seine und Ännchens kleine Füße ehemals getreten, waren längst
-überwachsen; alles ringsum zeugte von völliger Verlassenheit. Hier
-am Bächlein unter den Birken war Ännchens Lieblingsplatz gewesen;
-dort auf jenem bemoosten Felsblock hatte sie Kränze gewunden und ihm
-staunend zugehört, wenn er kühne Zukunftspläne entwarf. Was war aus
-ihnen geworden? Ach, kam er nicht ärmer zurück, als er gegangen?
-Würden sie ihn nicht verachten auf dem Steinhofe, wo Geld und Gut so
-viel galt? „Mögen sie“, dachte er. „Ein treues Herz bring’ ich mit und
-ungebrochenen Mut. Gott ist reich, stark und barmherzig; er wird uns
-wohl ins Land der Freiheit führen!“
-
-Nun mußte das alte, traute und doch etwas märchenhafte Heim ganz nahe
-sein. Unwillkürlich trat er leise auf und bog geräuschlos die Zweige
-auseinander, die überall den Zugang versperrten. Jetzt trat er auf den
-freien Platz, der nun hie und da mit Gestrüpp bewachsen war. Dort stand
-die verfallene Mühle; es war eben noch hell genug, sie zu erkennen.
-Eine seltsame Scheu hielt den Jüngling ab, näher zu treten; er setzte
-sich auf einen Stein, wo er ehemals oft lesend oder träumend gesessen.
-Wie still war alles, wie öde! Nur über ihm in den Zweigen sang eine
-Nachtigall ihr schwermütig Lied. Wie, wenn Ännchen tot wäre, und man
-sie bei der Mutter begraben hätte? Wo kam ihm der Gedanke her, der
-ihm brennende Tränen aus den Augen trieb? Was war das für ein Glanz?
-Licht in der Mühle? O nein! Der Mond ging auf und goß milden Schein
-über das düstere Gemäuer aus. Den Kopf in die Hand gestützt, saß der
-Jüngling; aus seinem Herzen stieg ein inniges Gebet zu Gott empor für
-das Mägdlein, das er so innig liebte.
-
-Aber jetzt fuhr er auf! Kalter Schauer durchrieselte ihn. In der tiefen
-Einsamkeit vernahm er plötzlich süßen Gesang! Erst waren’s ferne, leise
-Töne, dann ward’s lauter, und er vernahm aus den öden Mauern die Worte
-eines Liedes, das er von klein auf gekannt und geliebt:
-
- „Keine Schönheit hat die Welt,
- Die mir nicht vor Augen stellt
- Meinen schönsten JEsum Christ,
- Der der Schönheit Ursprung ist.
-
- Oft gedenk’ ich an dein Licht,
- Wenn der frühe Tag anbricht.
- Ach, was ist für Herrlichkeit
- In dem Licht der Ewigkeit!
-
- Seh’ ich dann den Mondenschein
- Und des Himmels Äugelein,
- So gedenk’ ich: Der dies macht,
- Hat viel tausend schön’re Pracht.
-
- Lieblich singt die Nachtigall;
- Süß erklingt der Flöten Schall.
- Aber über allen Ton
- Ist das Wort: ‚Mariensohn!‘“
-
-Friedels Angst war bald geschwunden. Ja, es beschlich ihn eine süße,
-wunderbare Ahnung, die ihn trieb, in die letzte Strophe mit hellem Ton
-einzustimmen.
-
-Aber horch! Welch schreckliches, unheimliches Brummen tönte jetzt
-aus dem alten Gemäuer? In tollen, seltsamen Sprüngen kam eine
-kleine vermummte Gestalt drohend auf den Jüngling zu. Der aber war
-aufgestanden und erwartete ruhig die geheimnisvolle Erscheinung.
-
-„Tobi, alter guter Tobi!“ rief er. „Laß doch die Mummerei! Kennst du
-mich denn nicht mehr?“
-
-Da stand die dunkle Gestalt still, ein paar scharfe Augen blickten aus
-dem Bärenfell dem Gaste ins lächelnde Antlitz. Plötzlich aber ward die
-Verhüllung abgeworfen, und mit dem Rufe: „Er ist’s, der Totgeglaubte!“
-hing der treue Knecht an Friedels Halse.
-
-Herzlich erwiderte dieser die Liebkosung, machte sich jedoch bald los
-und blickte unverwandt nach dem Hause hinüber. Siehe, da fiel das
-Silberlicht des Mondes auf die niedere Türöffnung und bestrahlte die
-schlanke jungfräuliche Gestalt, die ganz still auf den verfallenen
-Stufen stand! In leichten Wellen umfloß das goldene Haar ihre
-Schultern; das schlichte Gewand von grobem Linnen glänzte im Mondschein
-wie weiße Seide.
-
-Eine Weile stand Friedel ins Anschauen versunken. Die Überraschung, das
-Glück war allzu groß! Dann flog er mit ausgebreiteten Armen auf die
-liebliche Erscheinung zu und drückte sie mit Freudentränen ans treue
-Herz.
-
-„Du bist mein!“ flüsterte er. „Die Mutter gab dich mir, ehe sie starb!
-Ihr Segen ruht auf uns!“
-
-„Ja, dein bin ich!“ erwiderte sie leise. „Ich wußte, daß du kommen
-würdest. Alle hielten dich für tot; mir sagte mein Herz, daß du
-lebtest. O, schütze mich, Geliebter, rette mich!“
-
-„Droht dir Gefahr?“ fragte Friedel erschrocken.
-
-„Hier nicht; hier bin ich sicher. Tobi wird dir alles erzählen. O Gott,
-wie gnädig bist du, daß du mir den Treuen sandtest, nun, da ich ganz
-heimatlos bin! Dir wollen wir dienen, dir wollen wir danken unser Leben
-lang!“
-
-Nun trat auch Tobi hinzu, und sie führten den Gast in die verödete
-Stube, die jedoch sauber und rein war. Schnell ward auf dem Herd ein
-helles Feuer entzündet und der Suppenkessel darüber gehängt. Auf zwei
-Schemeln und einem alten Kasten saßen die drei um die Flamme und
-sprachen gar wenig. Die Freude des Wiedersehens war allzu groß!
-
-Der Wanderer nahm ein sorgfältig eingehülltes Päckchen aus der
-Brusttasche, das den Ring und das verblichene Seidentüchlein enthielt,
-das er am ersten Tage seiner Wanderschaft gekauft. „Meine Treue wankt
-nie!“ sprach er leise, während er den Ring an Ännchens Finger steckte
-und das Tüchlein um ihren Hals schlang. „Aber wenn meine Hoffnung
-wanken wollte, blickte ich diese Gaben an. Ich wußte, daß ich sie dir
-bringen würde!“
-
-Daß eine schwere Gefahr diese beiden in diesen Zufluchtsort getrieben
-hatte, merkte Friedel gar wohl. Oft hielt sich Ännchen wie hilfesuchend
-an seinen Arm, und ihre schönen Augen blickten angstvoll ins Weite.
-
-Als aber die Abendsuppe fertig war, und die beiden jungen Leute
-zusammen aus dem Kessel aßen, während Tobi in Ermangelung eines dritten
-Löffels aus einem hölzernen Schüsselchen trank und große Stücke
-Schwarzbrot dazu verzehrte, ward die Stimmung etwas freier, und die
-Zungen lösten sich allmählich.
-
-Nur in kurzen Zügen berichtete Friedel für heute seine Schicksale und
-fragte dringend, warum man seinen langen Brief ohne Antwort gelassen.
-Ach, er war nie in die Hände der Freunde gekommen! Die Nachricht aus
-der sächsischen Mühle war das Letzte gewesen, das man von ihm erhielt.
-Die Post war ja zu jener Zeit keineswegs so sicher wie in unsern Tagen.
-Manche Postkutsche ward von Wegelagerern überfallen und ausgeraubt;
-manche stürzte auf den bodenlosen Straßen um, so daß der Inhalt durch
-Wasser oder Kot schwer beschädigt wurde.
-
-Als nun ein Jahr ums andere verflossen war, ohne Kunde von dem Wanderer
-zu bringen, hatten ihn die wohlgesinnten Bewohner des Steinhofs für
-tot gehalten. Peter aber hatte gemeint, es werde ihm wohl draußen so
-gut gehen, daß er der alten Freunde nimmer gedenke. Es gäbe noch mehr
-hübsche Mägdlein in der Welt als die verlassene Waisendirne. Solche
-Worte schnitten zwar Ännchen bitter ins Herz, aber Glauben schenkte sie
-ihnen keinen Augenblick. Nach und nach erst war sie sich ihrer innigen
-Liebe zu dem Verschollenen recht bewußt geworden. Nun aber hoffte sie
-zuversichtlich auf seine Rückkehr und saß am Feierabend gar oft auf
-der Felsplatte, um nach ihm auszuschauen. Endlich mußte er kommen, das
-sagte ihr eine innere Stimme, die nicht trügen konnte.
-
-Unter solchen Gesprächen war es spät geworden. Die drei Einsamen
-beteten laut miteinander den Psalm vom guten Hirten, der auch im
-finsteren Tale bei ihnen war, und suchten ihr Lager auf. Für Tobi und
-Friedel lag eine Schicht Heu in der Ecke der Stube; Ännchen hatte im
-Kämmerlein eine etwas bessere Ruhestätte. Trotz der hohen Erregung
-seines Gemütes sank der Jüngling fast augenblicklich in festen Schlaf,
-und liebliche Träume umspielten sein dürftiges Lager.
-
-Am nächsten Morgen aber war er zeitig munter und schlüpfte geräuschlos
-hinaus zu Tobi, der eben eine schöne weiße Ziege molk. Am klaren,
-sprudelnden Mühlbach wuschen sie sich und gingen dann in taufrischer
-Morgenluft unter den Bäumen auf und nieder. Tobi konnte sich nicht
-satt sehen an der hohen, stattlichen Gestalt seines Schützlings, der
-schweigsam und nachdenklich neben ihm her schritt.
-
-„Darfst du mir nun sagen, warum du mit dem holden Kinde in dieser
-Einsamkeit hausest?“ fragte er endlich.
-
-„Gewiß! Viel, viel hat sich auf dem Steinhof verändert; aber dieses
-sollst du zuerst erfahren. Daß du kein Wort davon zu Ännchen reden
-darfst, wird dir dein eigen Herz sagen. Du siehst ja, wie lieblich sie
-ist. Ach, andere sahen es auch, aber mit bösen, lüsternen Blicken!
-Auf dem Schlößlein oben am Ausgang des Tales geht’s jetzt lebhaft zu.
-Der alte Edelmann hat es seinem Sohne geschenkt, und der hält Hof in
-Saus und Braus, säuft sich voll mit wilden Gefährten, schindet die
-Bauern, zertrampelt die Saat mit Rossen und Jagdhunden, und was so edle
-Vergnügungen mehr sind. Wirst’s ja draußen in der Welt gesehen haben,
-wie’s die Junker treiben! Ännchen ging selten mit aufs Feld; ja, sie
-verließ in letzter Zeit kaum das Haus, weil sie den Franzl pflegte, der
-schon lange schwach und elend zu Bett liegt. Es ist etwa zehn Tage her,
-da klagte er über heftige Schmerzen in den Gliedern, und das Kind lief
-eilend auf die Wiesen, um heilsame Kräuter zu lindernden Umschlägen
-zu suchen. Wie sie nun gebückt am Waldesrand hingeht und emsig in die
-Schürze sammelt, steht plötzlich der Junker vor ihr. Ein schöner Bursch
-ist er und aufgeputzt mit Samt und Seide, daß es eine Art hat. Was er
-zu ihr gesagt, weiß kein Mensch; sie brach in Tränen aus, als wir sie
-danach fragten. Den Arm wollte er um sie schlingen; da flog sie davon
-wie ein Reh und fiel ohnmächtig nieder, als sie den Hof erreichte. Aber
-sie war auch dort nicht sicher! Zum Glück saß sie im Auszugstübel beim
-Alten, als am zweiten Tage der wüste Junker auf den Hof kam und fragte,
-wo die nette Dirne sei, die letzthin Kräuter gesucht. Er wolle sie
-haben in die Schloßküche.“
-
-„Wo ist der Bösewicht?“ rief Friedel ganz außer sich. „Zerdrücken will
-ich ihn wie einen Wurm!“
-
-„Sei kein Tor!“ mahnte Tobi. „‚Die Rache ist mein, ich will vergelten!‘
-spricht der HErr. -- Gut war’s, daß Albrecht, der brave älteste Sohn
-des Franzl, allein auf dem Hofe war, und nicht etwa der mißgünstige
-Peter, der das arme Kind schon lange scheel ansieht. ‚Sie war aus
-dem Niederland, wo wir Freundschaft haben‘, erwiderte Albrecht; ‚ist
-aber gestern in aller Frühe abgereist. Es gefiel ihr nimmer hier.‘
-Der schlechte Mensch sah ihn mit bösem Blicke an, als glaube er ihm
-nicht recht, und ging mit drohender Gebärde von dannen. Nun riet der
-Franzl, ich solle mit dem Kinde auf eine Zeitlang weiter hinauf ins
-Gebirge ziehen; einen guten Zehrpfennig wolle er uns mitgeben, und
-Arbeit und Obdach würden wir bald finden. Ännchen sei ja so wunderklug
-und geschickt zu jedem Geschäft. Hierbleiben dürfe es für jetzt nicht.
-Da hat es aber gebeten und gefleht, man solle es nur noch zehn Tage
-lang hier in der alten Mühle auf dich warten lassen; du würdest nun
-ganz gewiß kommen. Niemand hat’s geglaubt, auch ich nicht; aber Franzl
-sprach: ‚Tu ihr den Willen! Gott kann wohl ihre Zuversicht lohnen.‘
-Und so ist’s geschehen! ’s ist heute just der zehnte Tag, seit ich
-mit ihr, der Ziege und einem Sack voll Mundvorrat hierher kam durch
-den Felsengang. Der ist nicht mehr so sicher und bequem; allerlei
-Steingeröll hat sich abgelöst und versperrt oft den Weg fast ganz.
-Vor dem Ausgang auf den Hof haben wir, bald nachdem du fort warst,
-Fliederbüsche angepflanzt, die ihn jetzt verbergen. In den ganzen sechs
-Jahren ist niemand durchgegangen als ich von Zeit zu Zeit. Ich wollte
-hier nicht alles verwildern lassen. Und wenn’s Streit und Zank gab auf
-dem Hofe, bin ich manches Mal hierher entwichen, um Ruhe zu haben.“
-
-„Streit und Zank?“ fragte Friedel. „Das gab’s sonst nicht.“
-
-„Aber jetzt! Dein Buch hat’s gemacht! Wirst’s merken, wenn du
-hinkommst.“
-
-„Gott geb’ nur, daß mir der Junker nicht begegnet! O, wenn ich ihn hier
-unter der Faust hätte!“
-
-„Sei ruhig! Sieh, dort steht Ännchen an der Tür und winkt uns zur
-Morgensuppe.“
-
-Ja, Friedel hatte draußen in der Welt genug gehört von dem gottlosen
-Tun und Treiben der Junker, um zu wissen, daß er sein Ännchen sobald
-als möglich fortführen müsse. Wie sollte er’s machen, da er ja blutarm
-war? Nun, der Franzl war ein kluger Mann, der würde ihm das Beste
-raten. Als die drei zusammen die lieben Gräber besucht hatten, machte
-er sich allein auf den beschwerlichen Weg durch den Felsengang.
-
-Groß war das Erstaunen der Leute auf dem Steinhofe, als der
-Verschollene frisch und munter vor ihnen stand. Man hatte ihn längst
-für tot gehalten. Von Albrechts Familie ward er aufs freundlichste
-empfangen, während ihn Peter mit unverhohlenem Widerwillen ansah. Es
-konnte nicht lange verborgen bleiben, daß er ebenso arm heimgekehrt
-sei, als er gegangen war, und Peter fragte mit spöttischem Lachen:
-
-„Wo steht denn nun die prächtige Mühle, wohin du die Betteldirne führen
-willst? Wohl im Schlaraffenland, wo’s Semmeln schneit und Würste
-regnet? In des Edelmanns Küche hätte sie’s vielleicht besser bekommen.“
-
-Blutrot im Gesicht sprang Friedel empor und ballte die kräftige Faust;
-aber Albrecht hielt ihn fest und warnte: „Kein Kampf in unsers Vaters
-Haus! Höre nicht auf ihn. Komm zum Vater; da ist Friede!“
-
-Im Auszugstübchen, in demselben Bett, wo Ännchens Mutter selig
-gestorben, lag der ehemals so starke, tatkräftige Mann hilflos wie ein
-Kind. Die Beine waren durch die Gicht gelähmt, die Hände schwach und
-zitternd; nur der Geist war noch frisch und ungeschwächt. Lang und
-silberweiß umgaben Haar und Bart das abgemagerte, friedvolle Antlitz
-des Greises. Der selbstbewußte, etwas strenge Ausdruck war ganz daraus
-gewichen.
-
-Sein Staunen über Friedels plötzliche Ankunft war nicht so groß, wie
-man gedacht hatte; eine innere Stimme mochte ihm gesagt haben, daß der
-allmächtige Gott das Vertrauen des Mägdleins in Gnaden lohnen werde.
-
-Der Wanderer hatte viel mit dem Kranken zu sprechen von Vergangenheit
-und Zukunft und verweilte mehrere Tage auf dem Hofe. Teils durch
-Albrecht, teils durch Franzl selbst erfuhr er, daß es hier im kleinen
-so gegangen sei, wie’s allezeit in der Welt im großen geht. Der alte
-Hausherr hatte nach manch schwerem inneren Kampfe das Heil seiner Seele
-in Friedels Buch gefunden. Seine eigene Tugend war ihm mehr und mehr
-als ein unflätig Kleid erschienen, das er gern abwarf, um sich mit
-der reinen Seide der Gerechtigkeit Christi zu schmücken. Albrecht war
-ihm mit Weib und Kind auf diesem Himmelswege gefolgt, während Peter
-mit den Seinen sich verächtlich davon abwandte. Zwiespalt und Streit
-war durch ihn entstanden; ja, er hatte sogar gedroht, das Buch dem
-Priester zu bringen und die Hausgenossen als Ketzer zu verklagen. Die
-Ehrfurcht vor dem Vater hatte ihn wohl bisher abgehalten, diese Drohung
-auszuführen; was er aber tun würde, wenn dieser die Augen schloß,
-konnte niemand wissen. Darum hatte Albrecht den Entschluß gefaßt, nach
-des Vaters Tode dem Bruder den Hof zu überlassen und mit Weib und Kind
-in die Augsburger Gegend zu ziehen, wo es evangelische Gemeinden gab.
-
-Am dritten Tage saß Friedel am Bett des Alten und sprach mit ihm von
-der weiten Land- und Seefahrt, die er antreten wollte. Mit Staunen
-vernahm Franzl, wie unermeßlich groß die Entfernung und wie gefahrvoll
-die Reise sei.
-
-„Hast du denn auch Geld in der Tasche, mein Sohn?“ fragte er endlich.
-
-„Sehr wenig. Ich verdiente etwas in Passau; auch gab mir der Pfarrer
-ein Zehrgeld. Tobi hat auch seit Jahren alles aufgespart, was Ihr ihm
-etwa an Festtagen schenktet. Es ist ein straffes Beutelchen. Wenn wir
-uns als Schiffsknechte vermieten, kommen wir wohl den Rhein herab,
-vielleicht auch bis England. Dort aber gibt’s gute Leute, die sich
-lutherischer Auswanderer annehmen, besonders der Salzburger. Das sagte
-mir mein Johannes und auch der Pfarrer.“
-
-„Und Ännchen?“ fragte Franzl lächelnd. „Soll sie auch als Schiffsknecht
-arbeiten?“
-
-„O, für Ännchen sorgt Gott gewiß!“ rief Friedel. „Es darf keinen Mangel
-leiden.“
-
-„Da hast du recht! Aber Gott sorgt oft durch Menschenhand. Du weißt
-wohl kaum, wieviel man bedarf für eine solche Reise. Rufe mir doch den
-Albrecht her, wenn er daheim ist.“
-
-„Er schafft im Garten; Peter und seine Leute sind auf dem Felde.“
-
-Albrecht kam. Der Vater gab ihm einen kleinen Schlüssel, den er unterm
-Kopfkissen verborgen hatte. „Geh’ in den hinteren Keller“, sprach er,
-„und öffne die Tür in der linken Ecke. Noch nie öffnete sie eine andere
-Hand als die meine. Was du in dem Loch findest, das bringe her.“
-
-Es währte eine Weile, ehe Albrecht wiederkam, denn das Schloß war sehr
-verrostet gewesen. Er trug eine kupferne Schachtel, die schwer und
-fest geschlossen war. Mühsam richtete sich der Greis im Bette auf und
-öffnete, auf eine verborgene Feder drückend, den Deckel. Mit Staunen
-sah Friedel, daß das Gefäß bis zum Rande mit Gold- und Silbermünzen
-gefüllt war.
-
-„Das ist der Sparpfennig meines langen arbeitsreichen Lebens; ja, ein
-Teil davon stammt noch von meinem Vater her. Gott segnete mich so
-reich, daß ich es zurücklegen konnte, ohne jemand davon zu sagen. Du,
-mein Albrecht, warst mir ein treuer Sohn, und dir, als dem Ältesten,
-gebührt von Rechts wegen der Steinhof. Aber du hast das gute Teil
-erwählt und willst in die Fremde ziehen, um Gottes Wort zu haben mit
-den Deinen. Nimm jenes Tuch und breite es vor mir aus.“
-
-Albrecht gehorchte, und der Alte schüttete ungezählt ein Häuflein Gold
-und Silber hinein. „Dies nimm zur Gründung einer neuen Heimat und zur
-Erziehung deiner noch unversorgten Kinder.“
-
-Nun forderte er noch ein Tüchlein, füllte es mit geringerer Menge und
-reichte es Friedel. „Dies ist dein, zum Dank für das heilbringende,
-unbezahlbare Buch; und dem holden Mägdlein zum Dank dafür, daß es mich
-wie ein Engel gepflegt. Es ist zart und fein; du mußt es wohl hüten
-und gut halten auf der langen Reise. Dies dritte Teil aber verschließt
-wieder im Keller. Peter wird es nach meinem Tode finden, und vielleicht
-wird er’s nötig haben; denn ich fürchte, daß Gottes Segen vom Hofe
-verschwinden wird, wenn man Gottes Wort daraus vertreibt.“
-
-[Illustration]
-
-Erschöpft lehnte er sich ins Kissen zurück. Beide küßten seine Hände
-und dankten ihm mit Tränen für die überreiche Gabe. Dann trug Albrecht
-auf sein Geheiß die Schachtel wieder ins Versteck.
-
-
-
-
-9. Ins Land der Freiheit.
-
-
-Einige Tage später hielt der wilde Junker oben im Schlößchen ein großes
-Festgelage, wozu viele vornehme Gäste aus der Umgegend geladen waren.
-Auch die meisten Hüttenleute waren hinaufgelaufen, um etwas von der
-Herrlichkeit zu sehen, die lustige Musik von ferne zu hören, und etwa
-ein Stück übrigen Braten aus der Küche zu erhaschen.
-
-Während es nun oben gar hoch herging, war’s im Steinhofe still und
-feierlich. Im Auszugstübchen knieten die drei Auswanderer um Franzls
-Bett, und er segnete sie und betete inbrünstig mit ihnen um Schutz und
-Hilfe auf der gefahrvollen Reise. Lange ruhte seine welke Hand auf
-Ännchens blondem Haupt, und große Tränen rollten ihm dabei über die
-eingefallenen Wangen. Er liebte die junge Braut wie sein eigen Kind.
-Auch von Albrecht und seiner Familie gab’s einen schweren Abschied.
-Peter hatte sich hinaus aufs Feld gemacht ohne ein Wort des Lebewohls.
-
-Bald darauf fuhr ein schmuckes Bauernwäglein durchs stille Tal;
-Friedel, Ännchen und Tobi saßen darin, umgeben von inhaltreichen
-Bündeln. Unzähligemal schauten sie zurück nach dem Hofe, bis er
-endlich ihren Blicken entschwand. So mühselig und reich an Beschwerden
-Friedels frühere Wanderungen gewesen waren, so ruhig und sicher ging
-die Reise nach Basel vonstatten. Schon nach einigen Tagen fanden sie
-eine evangelische Kirche, wo der freundliche Pfarrer dem Friedel sein
-Ännchen antraute. In schlichten Reisekleidern standen sie vor dem
-Altar; doch hatte Tobi aus taufrischen Wiesenblumen ein Brautkränzlein
-für Ännchen gewunden.
-
-In Basel bestiegen sie ein Rheinschiff und fuhren den herrlichen Strom
-hinab. Die beiden Männer verdienten ihre Fahrt als Schiffsknechte, um
-mit Franzls Geschenk sparsam umzugehen. Ännchen nähte und strickte gar
-emsig oder schaute verwundert in die große, weite, schöne Welt hinaus,
-von der sie bisher nur so wenig gesehen.
-
-Aber so recht wohl ward dem Friedel erst, als sie in Rotterdam ein
-Seeschiff bestiegen hatten und das Land mehr und mehr ihren Blicken
-entschwand. Jubelnd drückte er Ännchen ans Herz und rief: „Nun bist du
-erst recht mein; nun kann mich kein Werber mehr von dir reißen!“
-
-Gott fügte es, daß sie auf diesem Schiffe einen erfahrenen,
-wohlmeinenden Mann kennen lernten, der sich ihrer annahm und sie dem
-Herrn des Auswandererschiffes empfahl. Sehr groß war ihre Freude, als
-sie unter den Mitreisenden eine kleine Anzahl Landsleute fanden, die
-mit ihnen das gleiche Ziel hatten. --
-
-Die Salzburger, welche vor Jahren nach der Vertreibung aus ihrer Heimat
-nach Amerika ausgewandert waren, hatten im Staate Georgia, nicht
-weit von der Stadt Savannah, eine Ansiedlung gegründet, der sie den
-Namen Eben-Ezer, d. h. Stein der Hilfe, gaben. Die an Beschwerden so
-reiche Zeit des ersten Anbaues war nun überstanden; freundliche Hütten
-waren aufgebaut, Gärten grünten und blühten, und die Felder trugen
-mancherlei Getreide. Mitten drin, von jedem leicht zu erreichen, erhob
-sich ein schmuckes Gotteshaus, Jerusalemskirche genannt. Zwar stand das
-Land unter englischer Regierung, doch genossen die Ansiedler, solange
-sie sich friedlich und ehrbar hielten, die vollste Freiheit; besonders
-hinderte sie niemand daran, ihres Glaubens zu leben.
-
-Heute, an einem heiteren Spätsommertage herrschte große freudige
-Aufregung unter jung und alt. Es war Nachricht gekommen, daß ein im
-Hafen von Charleston eingelaufenes Schiff wieder eine Anzahl aus
-Salzburg stammender Einwanderer gebracht habe. Diese erwartete man
-nun mit Freuden, und jeder wollte gern die neuen Brüder herbergen und
-erquicken. Jetzt zeigten sich in der Ferne Staubwolken, als nahten
-sich mehrere Wagen. Zum feierlichen Zug geordnet, ging die Gemeinde
-den Fremden entgegen und stimmte, sobald die Wagen näher kamen, den
-schönen Gesang an: „Lobe den HErren, den mächtigen König der Ehren!“
-Bei den Worten: „Der dich auf Adelers Fittigen sicher geführet“,
-hielt der erste Wagen an. Ein schöner, hochgewachsener junger Mann
-sprang, kräftig in das Lied einstimmend, herunter und half seiner
-zarten, lieblichen Frau sorglich beim Absteigen, während ein seltsames
-verwachsenes Männlein die Pferde hielt. Nach und nach kamen auch die
-andern heran. In ernster, freundlicher Rede begrüßte sie der Pfarrer;
-dann aber ging’s an ein frohes Begrüßen und Händedrücken, bis die Gäste
-verteilt waren und von ihren Wirten heimgeführt wurden.
-
-Bald saßen Friedel und Ännchen in der sauberen Hütte eines älteren
-Ehepaares und wurden mit dem Besten erquickt, was man nur aufzutragen
-hatte.
-
-„Würdest du wohl“, sprach der Wirt nach der Mahlzeit, „noch einen
-kleinen Ausgang machen, ehe ihr die Ruhe sucht? Ich möchte euch
-unserm Ältesten vorstellen. Er freut sich innig, daß wir wieder
-Zuwachs erhalten; doch hindert ihn sein hohes Alter, an der Begrüßung
-teilzunehmen.“
-
-Sogleich begab man sich auf den Weg, der zwischen wohlgepflegten Gärten
-hinführte, und erreichte bald das nette Häuschen des Ältesten. Um den
-milden Sommerabend zu genießen, saß er auf der Bank vor der Tür. Er war
-ein sehr alter Mann mit weißem Haar und Bart, aber ungemein frischen,
-heiteren blauen Augen. Einige hübsche Kinder, wohl seine Enkel,
-spielten um ihn her.
-
-„Hier bring’ ich Euch meine Gäste“, sprach der Ansiedler, „damit
-Ihr doch gleich den jüngsten, aber auch den stattlichsten der neuen
-Ankömmlinge kennen lernt.“
-
-Aber was war das? Der Gast hatte dem Greise eine Weile ins Antlitz
-gesehen; nun fiel er plötzlich vor ihm nieder und barg, vor Erregung
-zitternd, den Kopf in seinen Schoß.
-
-„Pate Rudi“, rief er, „o lieber, guter Pate Rudi; ich bin ja dein
-kleiner Friedel! Im Preußenland wollte ich dich suchen und finde dich
-nun in Amerika!“
-
-[Illustration]
-
-Die Freude des ehrwürdigen Alten war ungemein groß; er liebkoste den
-hochgewachsenen Mann, als sei er noch ein kleiner Knabe von ehemals,
-und schloß die junge Frau, die ihm zärtlich die Hand küßte, gleich in
-sein liebreiches Herz. Nun begann ein Fragen und Erzählen, das schier
-kein Ende nehmen wollte! Freilich war’s nicht nur Erfreuliches, was
-sie einander zu berichten hatten. Rudi war tief ergriffen, als er von
-dem schnellen, einsamen Tode seines alten Andreas hörte. Friedel aber
-fragte vergebens nach der treuen Magd Zenzi, die so schöne Märlein
-erzählt hatte. Sie war auf der Seereise gestorben und harrte in der
-Tiefe des Meeres ihrer Auferstehung.
-
-Indessen war auch Gundel, Rudis verheiratete Tochter, hinzugetreten und
-mahnte den Vater, daß es hohe Zeit für ihn sei, zur Ruhe zu gehen. „Du
-hast recht!“ sagte der freundliche Greis. „Laß mich nur meinem großen
-Patenkind noch schnell sagen, wie es kam, daß ich, statt nach Preußen,
-übers weite Meer gezogen bin. In den langen Winterabenden wollen wir
-uns dann nach Herzenslust alle unsere Schicksale erzählen. Du weißt
-wohl noch, Friedel, wie krank und matt ich war, als wir die traute
-Heimat verlassen mußten. Als wir nach Augsburg kamen, glaubte ich mein
-Ende nahe und lag lange danieder bei gastfreien Glaubensgenossen. Als
-ich unter ihrer treuen Pflege endlich doch genas, waren die meisten der
-Gefährten längst weitergezogen, außer einer kleinen Schar, die sich
-entschlossen hatte, übers Meer zu ziehen. Mein Schwiegersohn gehörte
-mit Weib und Kind dazu, und Gott stärkte mich wunderbar, daß auch ich
-die weite, beschwerliche Reise unternehmen konnte. Hier hab’ ich noch
-jahrelang rüstig schaffen dürfen, aber nun ist’s vorbei. Ich kann nur
-noch ein wenig guten Rat geben und das kleine Volk hüten. Du aber, mein
-Sohn, bist jung und stark, und das ist gut. Denn hier gilt’s alle Kraft
-dransetzen und so recht im Schweiße des Angesichts sein Brot essen.“
-
-Die Wahrheit dieser Worte erfuhr der junge Ansiedler in reichem Maße;
-aber auf eigenem Grund und Boden zu arbeiten ist für den rechten Mann
-eine Lust. Sehr hatte man sich gefreut, daß er ein gelernter Müller
-war, da notwendig eine zweite Mühle gebaut werden mußte. Ehe der
-Winter kam, stand sie schmuck und fertig da mit nettem angebauten
-Wohnhäuschen, von Garten umgeben. Weiter draußen war das Ackerland, das
-Tobi mit großem Eifer zurichtete, damit es im Frühjahr bepflanzt und
-besät werden konnte.
-
-Dieser treue Knecht war im fremden Lande sogleich daheim gewesen.
-Schon auf dem Schiffe hatte er als Krankenpfleger, Kinderwärter, Koch
-und Flickschneider Wunderbares geleistet und die Herzen der Gefährten
-im Sturm erobert. Hier wohnte er zwar in der Mühle, half dem Friedel
-wacker und schaffte frühmorgens, wenn noch alles schlief, im Garten,
-um es Ännchen zu erleichtern. Dennoch ward er bald der Freund und
-Vertraute der ganzen Niederlassung. Wo Not einkehrte, rief man den Tobi
-herbei. Und wenn er aufs Feld oder in den Wald ging, lief immer ein
-Häuflein Kinder hinter ihm her, denn sie hingen an ihm wie die Kletten.
-
-Daß die Mühle ein wenig abseits von den übrigen Wohnungen lag, war
-allen lieb und recht; besonders freute sich Ännchen darüber, da sie
-stets einen Hang zu Stille und Einsamkeit behielt. Während Friedel bald
-lebhaften Anteil an dem Wohl und Wehe der kleinen Gemeinde nahm und
-gern mit den wackeren Männern verkehrte, verließ Ännchen nur selten ihr
-trauliches Heim, das sie so schmuck und sauber hielt wie nur möglich.
-Aber wenn die Töne des großen Hornes erschallten, das zum Gottesdienst
-rief (eine Glocke besaß man noch nicht), dann ließen beide alle Arbeit
-stehen und eilten dem lieben Kirchlein zu.
-
-O wie herrlich war es, Gottes Wort so reichlich hören und so wohl
-lernen zu dürfen! Jetzt erst merkten sie, wie gering ihre Erkenntnis
-noch war. Heller und immer heller erleuchtete die himmlische Wahrheit
-ihre Seelen, und ihr Glaube ward fest und stark. Auch lernten sie jetzt
-erst den Segen christlicher Gemeinschaft kennen. Hatten sie doch bisher
-so allein gestanden!
-
-Auch an Freude und Kurzweil fehlte es nicht ganz. Gar fleißig ward
-der Gesang geübt; nicht nur im Kirchlein, auch in Feld und Garten
-erklangen die herrlichen Lieder zu Gottes Ehre. Nach treu getaner
-Arbeit konnte Friedel mit der Flinte durch den Wald streifen und manch
-guten Wildbraten heimbringen, ohne eines Edelmannes Rache fürchten zu
-müssen. Gern saß er am Feierabend oberhalb der Mühle am klaren Wasser,
-und manch silbernes Fischlein blieb an seiner Angel hängen. In solchen
-Stunden flogen seine Gedanken gar oft zurück ins alte Vaterland, in
-die Talmühle, zu des Großvaters Hütte, ach, auch an die einsame, öde
-Stätte, wo er bei der Leiche seines Johannes gekniet!
-
-Ein halbes Jahr mochten sie wohl in Eben-Ezer sein, als ein Brief
-vom Steinhofe ihnen die Kunde von Franzls seligem Tode brachte.
-Sein letztes Gebet war das Verslein gewesen, das ihm Friedel einst
-aufschreiben mußte, nachdem Frau Marie gestorben war. Albrecht schrieb,
-er rüste nun mit den Seinen zur Wanderung nach Augsburg.
-
-So weilten nun alle, an denen Friedels und Ännchens Herzen gehangen,
-nicht mehr in der alten, sondern in der himmlischen Heimat!
-
-Aber in der neuen irdischen Heimat ward es bald lebendig. Ein munterer
-kleiner Bube, der den Namen Johannes erhielt, strampelte in der Wiege,
-die Friedel selbst gemacht. Pate Rudi durfte sich noch an ihm erfreuen
-und meinte, er werde groß und stark werden wie sein Vater. „Mag er
-immerhin wachsen“, sprach der glückliche Vater; „hier fängt ihn kein
-Werber! Aber was Rechtes lernen soll er in unserer lieben Schule, mehr
-und besser als ich, um, will’s Gott, vielleicht selbst ein Lehrer zu
-werden.“
-
-Der kleine Johannes war wirklich ein kluges Kind, dazu frisch, kräftig
-und überaus liebreich, so daß er das zarte Schwesterlein, das ihn
-aus der Wiege und vom Schoß der Mutter verdrängte, mit großer Freude
-begrüßte. Es ward Marie genannt und war vom ersten Tage an Tobis
-Liebling.
-
-Nun hatte Ännchen vollends keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, ob
-die alte oder die neue Heimat schöner sei. Geschäftig und freundlich
-war sie immer, und ihr liebliches Antlitz strahlte in stillem Glück.
-
-Einmal aber fand Friedel sie an der Wiege des Kindes sitzend, in tiefes
-Sinnen versunken, mit Tränen in den Augen.
-
-„Was bekümmert dich?“ fragte er. „Hat dir jemand ein Leid getan?“
-
-„O nein! Ich gedachte nur der verlassenen Gräber im heimatlichen Tale.
-Kein Mensch wird ihnen mehr nahen; kein Blümlein wird mehr darauf
-gelegt werden. Vielleicht sind sie schon eingesunken und nicht mehr zu
-erkennen.“
-
-„Aber der Himmelsherr wird sie finden“, erwiderte Friedel. „Wenn die
-letzte Posaune ertönt, wird er auch die Geliebten erwecken und uns mit
-ihnen vereinen auf ewig!“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Im Verlag von +Johannes Herrmann, Zwickau+ (Sachsen), erschienen:
-
-
-Neue Kindheitserinnerungen an +Marg. Lenk+
-
-unter dem Titel:
-
-Erinnerungen an Gretel
-
-Von den Schwestern Margarete Lenks Susanna und Eva Klee
-
-242 Seiten. 8^o. 6 Bilder. Gebunden M. 3.50
-
-Nicht nur alle, die Marg. Lenk aus ihren Erzählungen kennen und lieben
-gelernt haben, werden nach diesem Buche greifen, das uns die junge
-Lehrerin als treue Erzieherin ihrer jüngeren Geschwister lebendig
-vor die Seele stellt, sondern auch für andere ist es von großem
-Reiz, durch dieses in schlichter und doch reiner und edler Sprache
-geschriebene Buch Einblick zu gewinnen in das glückliche Familienleben
-des bekannten, tüchtigen Dresdner Kreuzschulrektors Julius Klee und zu
-beobachten, wie Gretels kindliche Frömmigkeit in guten und bösen Tagen
-einen unauslöschlichen Eindruck auf die Herzen der heranwachsenden
-Kinder des Hauses gemacht hat. Auch manchen bekannten Persönlichkeiten
-aus den Kreisen des gebildeten Dresdner und Leipziger Bürgertums im
-vorigen Jahrhundert, die uns aus anderen zeitgenössischen Büchern
-bekannt sind, wie L. Richter, Rietschel, Otto Ludwig, Gustav Freytag,
-Buchhändler Hirzel u. a., begegnen wir hier wieder. Sehr passend zum
-Vorlesen im Familienkreis.
-
-Was lebt und webt nicht alles in diesem wunderfeinen, kleinen Buch! Es
-sind in ihm nur schlichte Aufzeichnungen enthalten, aber mit großer
-Treue gezeichnet. Ludwig Richters Enkelin, Otto Ludwigs und Rietschels
-Kinder gehören mit zum Kreis der munteren kleinen Schar, in die wir
-als Pflegestätte und Jungborn des Geistes unserer allverehrten großen
-Erzählerin und Dichterin lauschen und schauen dürfen. Das Buch ist eine
-rechte Herzerquickung und ein rechter lieber, kleiner Hausschatz.
-
-
-
-
-Marg. Lenks Jugendbücher
-
-erschienen in 250 Auflagen
-
-
-Die mit * bezeichneten Bände sind illustriert
-
- *Der Findling. Erzählung aus der Zeit der Reformation.
- 7. Aufl. Illustr. Leinenband M. 4.--
-
- *Des Pfarrers Kinder. Erzählung aus der Zeit des
- 30jährigen Krieges. 6. Aufl. Illustr. Leinenband „ 4.--
-
- Drei Wünsche. 4. Auflage. Leinenband „ 4.--
-
- *Seemövchen und andere Erzählungen. 3. Auflage „ 4.--
-
- *Treue Herzen. 4. Auflage. Illustriert. Halbleinen „ 3.--
-
- *Des Goldschmieds Töchterlein. 3. Auflage. Illustriert.
- Halbleinen „ 3.--
-
- *Kinderherzen. 5. Auflage. Illustriert. Halbleinen „ 3.--
-
- *Die Bettelsänger. 3. Auflage. Illustriert. Halbleinen „ 3.--
-
- Sturm und Sonnenschein. 4. Auflage. Leinenband „ 3.--
-
- Die Geschwister. 3. Auflage. Leinenband „ 3.--
-
- *Lenas Wanderjahre 3. Aufl. Illustriert. Halbleinen „ 2.50
-
- *Die Zwillinge. 4. Auflage. Illustriert „ 2.50
-
- Licht und Schatten. 3. Auflage. Halbleinen „ 2.50
-
- *Im fernen Westen. 2. Auflage. Illustr. Halbleinen „ 2.25
-
- Im Dienst des Friedefürsten. 5. Auflage. Halbleinen „ 2.25
-
- *Des Waldbauern Friedel. 4. Auflage. Illustriert „ 2.25
-
- Siegmund. -- Auf Seekönigs Thron. 2. Aufl. Halbl. „ 2.--
-
- Mein Sorgenkind „ 2.--
-
- Aus meiner Kindheit. 3. Auflage „ 2.--
-
- Fünfzehn Jahre in Amerika. 2. Auflage „ 2.--
-
- Ein Kleeblatt. 5. Auflage
-
-Ferner 5 kleine illustrierte Bändchen je M. 1.20 gebunden
-
-„Marg. Lenks Bücher brauchen keiner Empfehlung mehr. Einfache,
-kindliche Frömmigkeit kommt darin ganz naiv, mit natürlicher
-Selbstverständlichkeit zum Ausdruck, weil sie offenbar der Verfasserin
-Herzenssache ist, ja die Lebensluft, in der sie atmet. Mit feinem
-Gefühl erkennt und versteht sie die Kinderherzen, und dazu verfügt sie
-über eine starke, künstlerische Gestaltungskraft....“
-
- „Jugendschriften-Kommission des Schweizer Lehrervereins.“
-
-
-Verlag von Johannes Herrmann, Zwickau (Sachsen)
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DES WALDBAUERN FRIEDEL ***
-
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-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Des Waldbauern Friedel</span>, by Margarete Lenk</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-</div>
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-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Des Waldbauern Friedel</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Margarete Lenk</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: January 21, 2022 [eBook #67210]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DES WALDBAUERN FRIEDEL</span> ***</div>
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1912 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
-bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts
-dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p>
-
-<p class="p0">Das <a href="#Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</a>
-wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit halber eingefügt.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> erscheinen im vorliegenden
-Text kursiv. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
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-</div>
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-<div class="titelei">
-
-<h1><span class="s5">Des</span><br />
-Waldbauern Friedel</h1>
-
-<p class="s3 center mtop3">Von</p>
-
-<p class="s2 center mtop1"><b>Marg. Lenk</b></p>
-
-<p class="s1 center mtop1 mbot1"><b>*</b></p>
-
-<p class="s4 center"><b>Vierte Auflage &ndash; Mit Bildern</b></p>
-
-<p class="s4 center mtop3">Zwickau (Sachsen)</p>
-
-<hr class="r65" />
-
-<p class="s4 center">Verlag und Druck von Johannes Herrmann</p>
-
-<p class="center padtop5 break-before">Alle Rechte vorbehalten.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p class="s5 center antiqua">Copyright 1912 by Johannes Herrmann, Zwickau
-(Sachsen).</p>
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-</div>
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-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2>
-
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">1. Vertrieben.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#illu_003">3</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">2. In der Talmühle.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#In_der_Talmuehle">17</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">3. Wie die Kinder aufwuchsen.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Wie_die_Kinder_aufwuchsen">37</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">4. Wie’s dem Talmüller ergangen war.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Wies_dem_Talmueller_ergangen_war">55</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">5. Der Tod kehrt ein.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Der_Tod_kehrt_ein">73</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">6. In die weite, weite Welt.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#In_die_weite_weite_Welt">92</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">7. Ein guter Kamerad.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Ein_guter_Kamerad">113</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">8. Die alte Heimat.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Die_alte_Heimat">129</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">9. Ins Land der Freiheit.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Ins_Land_der_Freiheit">148</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter mtop3">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe45 padtop3" id="illu_003">
- <img class="w100" src="images/illu_003.jpg" alt="Kapitel 1, Kopfstück" />
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nopad" id="Vertrieben">1. Vertrieben.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="figleft illowe8" id="illu_003a">
- <img src="images/illu_003a.jpg" alt="E" />
-</div>
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-<p class="p0"><span class="hide-first1">E</span>s war im Sommer des Jahres 1730. In dem wunderschönen Gebirgsländchen
-Salzburg, das im Süden Deutschlands, zwischen Bayern, Tirol und
-Österreich liegt, grünten die saftigen Wiesen, dufteten die dunklen
-Tannenwälder; und die untergehende Sonne vergoldete die Spitzen der
-gewaltigen Berge. Nicht allzuweit von einem kleinen gewerbfleißigen
-Städtchen stand am Bergeshang, von Waldbäumen beschattet, eine
-schlichte Hütte. Nur zwei Menschen wohnten darin: der Waldbauer
-Andreas, ein weißhaariger, aber noch sehr rüstiger Mann, und sein
-neunjähriger verwaister Enkel Fridolin, meist Friedel genannt.
-Einen schmuckeren Buben gab es wohl kaum in der ganzen Gegend! Hoch
-gewachsen, weiß und rot wie Milch und Blut, obgleich er sich von früh
-bis abends im Sonnenschein tummelte, mit lustigen,<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> strahlenden Augen
-und weichem, dunklem Lockenhaar. Schon war er kräftig genug, dem
-Großvater bei der Bearbeitung des sehr kleinen Gütchens zu helfen, so
-daß die beiden, seit dem Tode eines alten, treuen Knechtes, ganz allein
-wirtschafteten.</p>
-
-<p>Jetzt ruhten Großvater und Enkel am Waldesrand und schauten behaglich
-der schneeweißen Kuh und den fünf schönen Ziegen zu, die sich die
-würzigen Kräuter wohlschmecken ließen. Andreas hatte Brot und Käse und
-einen Krug Milch herausgeholt, denn in der Hütte war’s noch heiß und
-dumpfig von der Sonnenglut des Tages.</p>
-
-<p>Schweigend saßen sie beisammen. Sonst hatte der Alte am Feierabend gern
-geplaudert und erzählt; seit einiger Zeit war er merkwürdig still. Aber
-sieh, jenseits der Wiese trat plötzlich sein stattlicher Hirsch mit
-majestätischem Geweih aus dem Waldesdunkel hervor und begann zu grasen.
-Wie festgebannt stand das zahme Vieh und schaute verwundert nach dem
-stolzen Gast hinüber; der Knabe aber betrachtete ihn mit atemlosen
-Entzücken. Aber nur zu bald gewahrte das herrliche Tier die Menschen,
-die es wohl schon als seine Feinde kennen mochte. Es warf den Kopf
-zurück und enteilte in mächtigen Sprüngen.</p>
-
-<p>„Schade, daß du deinen Stutzen (kurze Flinte) nicht hier hattest“,
-sagte Friedel, „sonst könnten wir morgen Hirschbraten essen.“</p>
-
-<p>„Nimmermehr! Das Hochwild ist nicht des Volkes; es ist des Erzbischofs.“</p>
-
-<p>„Das ist nicht recht! Es frißt unser Gras und<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> bricht oft genug in
-unser Feld. Er hätt’ es ja nicht gesehen, wenn du den Hirsch geschossen
-hättest! Er sitzt ja weit weg in seinem Palast in der Stadt Salzburg.“</p>
-
-<p>„Schäm’ dich, so zu reden! Du weißt recht gut, daß es Gott gesehen
-hätte. Nein, nein! In allen irdischen Dingen wollen wir dem harten
-Herrn gern untertan sein; aber nimmer, nimmer hat er Macht über unsere
-Seelen!“</p>
-
-<p>Der Alte hatte nur mit sich selbst gesprochen, doch war dem Kinde seine
-tiefe Erregung nicht entgangen, und es fragte ängstlich:</p>
-
-<p>„Will der garstige Erzbischof deiner Seele was tun, Großvater? Wie kann
-er denn das? Sie ist ja ganz tief inwendig.“</p>
-
-<p>Andreas schwieg lange, dann zog er den Knaben an sich und begann:</p>
-
-<p>„Du hast in deiner Einfalt wahr gesprochen, mein Kind; er kann meiner
-Seele nichts tun! Schon längst möchte ich dir etwas sagen, was du noch
-nicht ganz verstehen wirst, aber doch wissen mußt. Höre mir nun recht
-aufmerksam zu. Sag’, weißt du denn, warum wir am Sonntag nicht in die
-schöne große Stadtkirche gehen, sondern in das ärmliche Kapellchen in
-der engen Gasse?“</p>
-
-<p>„Hab’ nimmer daran gedacht“, gestand der Knabe. „Hab’ aber ’mal in die
-große Kirch’ neingeguckt, als die Tür weit offen stand. Ei, da ist’s
-fein drin! Bilder gibt’s und Figuren, und gleißt alles von Gold! und
-Silber.“</p>
-
-<p>„Das glaub’ ich wohl! Aber sieh, der dicke<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> Pater Ignatius führt die
-Leute in der schönen Kirche nicht den rechten Weg zum Himmel. Du kennst
-ihn doch, nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Es ist unser HErr JEsus Christus“, erwiderte der Knabe feierlich; „wer
-an ihn glaubt, wird selig.“</p>
-
-<p>„Dabei bleib’ fest dein Leben lang! So lehrt ja unser lieber Pfarrer
-mit großem Fleiß die Großen und Kleinen, und schöpft alle seine Lehre
-aus der lieben Bibel. Pater Ignatius aber verbietet die Bibel zu lesen.
-Er sagt, man solle sich den Himmel verdienen mit guten Werken; man
-solle die Jungfrau Maria und andere Heilige anrufen, die doch auch
-sündige Menschen waren. Sieh, so gibt’s zweierlei Leut’ hier. Die
-meisten folgen dem Pater, der kleine Teil dem Pfarrer. Bisher haben sie
-äußerlich Frieden gehalten; jetzt aber hat der Erzbischof befohlen,
-die wenigen, die das kleine Kirchlein besuchen, zu ängstigen und zu
-verfolgen.“</p>
-
-<p>„Aha!“ lachte der Junge. „Nun weiß ich auch, warum mich des Müllers
-Sepp letzthin einen Ketzer schalt. Na, ich hab’s ihm heimgezahlt, daß
-er heulend davonlief mit einer Beule am Kopf. Und ist doch älter als
-ich!“</p>
-
-<p>„Das mußt du nicht tun! Weißt du nicht, wie geduldig unser Heiland
-litt, als man ihn beschimpfte?“</p>
-
-<p>„Ach, Großvater, das geht ja mit dem Sepp nimmer. Der tät ja gleich &ndash;“</p>
-
-<p>„Schweig, törichtes Kind! Ich verbiete dir ernstlich, dich zu rächen,
-wenn man dich deines Glaubens wegen beschimpft.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
-
-<p>Zwei große Tränen, die über das ehrwürdige Antlitz des Alten in den
-weißen Bart rollten, stimmten den Knaben plötzlich weich und ernst.
-Liebkosend schmiegte er sich an den Alten und sprach leise:</p>
-
-<p>„Sag’ mir doch alles; ich will ja brav sein. O Großvater, ich will auch
-’mal in den Himmel kommen, wo mein Herzensmütterle ist und der Vater,
-den ich kaum gekannt!“</p>
-
-<p>„Nun, so höre! Ringsum im Salzburger Land gibt’s in Städten und Dörfern
-noch viele Leut’, die den rechten Glauben haben. Bisher hat man sie
-geduldet, denn sie sind gar friedlich, fleißig und sehr geschickt in
-allerlei Kunst und Handwerk, so daß sie viel Gewinn ins Land bringen.
-Aber der Erzbischof Firmian ist herrschsüchtig und hartherzig. Er will
-durchaus, daß wir alle unsern Glauben abschwören und wieder zu des
-Papstes Kirche kommen sollen.“</p>
-
-<p>„Wer ist nur der Papst, Großvater? Ich hör’ allweil’ von ihm und
-möcht’s wissen.“</p>
-
-<p>„Das ist der alleroberste Priester der Kirche, die sie katholisch
-nennen. Gar reich und mächtig wohnt er in der herrlichen Stadt Rom. Er
-sagt, er sei Petri Nachfolger und Christi Stellvertreter auf Erden.“</p>
-
-<p>„Glaub’ ich nimmer! Ist doch der liebe Heiland selber bei uns! Was
-braucht’s einen Papst?“</p>
-
-<p>„Das ist wahr. Wir nennen ihn den Antichrist und das Kind des
-Verderbens. Dabei bleib’ nur fest, mein Kind. Denk’ nur, man will uns
-unsere Bibeln wegnehmen; und unsere schönen Lieder sollen wir nicht
-mehr singen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p>
-
-<p>„Nun sing’ ich gerade recht, zum Trutz!“</p>
-
-<p>„Das ist brav; so denken wir alle. Und damit wir recht fest bleiben,
-sind unsere Ältesten (d.&nbsp;h. Vorsteher) aus dem ganzen Lande
-zusammengekommen heimlich bei Nacht in dem wilden, dunklen Felstal, wo
-die Schwarzach schäumend durchbraust &ndash;“</p>
-
-<p>„Ist’s das, wo wir neulich hinabgeschaut haben, als wir so hoch zu Berg
-gestiegen waren?“</p>
-
-<p>Der Großvater nickte.</p>
-
-<p>„Hu, ’s war schauerlich da unten.“</p>
-
-<p>„Freilich! Aber dort waren sie ganz sicher vor des Erzbischofs
-Lauschern, die immer aufpassen, was wir tun. Da haben wir alle gebetet
-und einander die Hand gereicht, und feierlich geschworen, dem rechten
-Glauben treu zu bleiben bis zum Tode.“</p>
-
-<p>„War mein Pate Rudi auch dabei?“</p>
-
-<p>„Gewiß; er ist ja der Älteste unserer Gemeinde. &ndash; Du bist ein junges
-Kind und begreifst noch wenig. Aber sag’, willst du denn nun recht
-fleißig lernen und alles zu Herzen nehmen, und fest dabei bleiben, was
-auch kommen möge?“</p>
-
-<p>„Ich will, Großvater! Gewiß, ich will! Aber jetzt bin ich so müd’ und
-möcht’ schlafen gehen. Wir haben heute wacker geschafft.“</p>
-
-<p>„So komm, ruf’ die Ziegen; laß uns hineingehen, beten und in Gottes
-Schutz ruhen.“&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In den nächsten Tagen und Wochen blickte der Knabe oft ängstlich nach
-dem Städtchen herab, ob etwa jemand kommen werde, um ihm und dem
-Großvater den rechten Glauben wegzunehmen. Wie das geschehen sollte,<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span>
-war ihm nicht recht klar; doch ballte er tapfer die derben Fäuste und
-meinte, er wolle sich schon tüchtig wehren.</p>
-
-<p>Da aber nichts dergleichen geschah, schlug er sich’s bald aus dem Sinn
-und ward wieder leichtherzig wie zuvor. Der Großvater behandelte ihn
-liebreicher als je, hielt ihn aber streng zur Arbeit und ließ ihn nie
-mehr allein in die Stadt laufen, um allerlei zu besorgen, wie sonst
-wohl geschehen war.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Sommer schied; der Herbst schüttelte das Laub von den Bäumen, und
-endlich tanzten die ersten Schneeflocken in der Luft. Bald war’s aus
-mit der Arbeit im Freien. Nun mußte sich der Wildfang wieder fleißig
-im Lesen, Schreiben und Rechnen üben, und der Großvater suchte ihm mit
-viel Geduld und Weisheit die Hauptlehren des Christentums ins Herz
-zu prägen. Der Knabe lernte willig und sammelte in dieser Zeit einen
-Schatz köstlicher Bibelsprüche, deren Verständnis ihm erst später
-aufging; und die herrlichen Lieder, die er mit dem Großvater sang,
-begleiteten ihn wie Trostengel durchs ganze Leben.</p>
-
-<p>In diesem friedlichen, aber doch einförmigen Winterleben waren die
-Sonntage rechte Lichtblicke, die man mit Freuden begrüßte. Da wanderten
-die beiden zusammen zum lieben Kirchlein und blieben dann über Mittag
-bei dem Paten Rudi, wo es stets etwas Gutes zu essen gab. Unendlich
-viel Schönes war beim Paten Rudi zu sehen. Seine große, helle Stube
-hatte buntgemalte Wände, an denen allerlei Bilder hingen. Schrank
-und Truhe waren glänzend poliert und mit Silber beschlagen. Aus der
-großen Wanduhr trat<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> beim Stundenschlag ein possierliches Männlein
-hervor und machte einen Diener. An dem Kachelofen konnte man die ganze
-Geschichte des Erzvaters Abraham betrachten. Das Beste aber war ein
-dickes Buch mit vielen seltsamen Holzschnitten; eine unversiegbare
-Freude für den lebhaften Knaben. Da gab es Ritter mit Schwert und
-Schild, Könige mit Krone und Zepter, Löwen, Elefanten und Affen, ja,
-sogar große Segelschiffe und schwarze Menschen. War die lebhafte
-Einbildungskraft des Knaben durch das Betrachten dieser Wunderdinge
-angeregt, so schlüpfte er gern hinaus in die kleine ziemlich düstere
-Küche, wo die alte Magd Zenzi spinnend oder strickend am Herdfeuer saß.
-„Zenzi, ein Märlein!“ bat er dann, sich auf den Schemel ihr zu Füßen
-setzend. „Weiß keins mehr“, brummte sie regelmäßig, fing aber doch bald
-an zu erzählen, denn ihr Schatz an Märchen, Sagen und Abenteuern war
-unerschöpflich.</p>
-
-<p>Was der Knabe da von Riesen und Zwergen, Nixen und Feen und
-wunderschönen Prinzessinnen hörte, erschien dem Großvater höchst unnütz
-und töricht. Der mildgesinnte Pate aber sprach: „Laß ihn gewähren!
-Junges Blut will auch Kurzweil haben und heiteres Spiel. Er weiß wohl,
-daß das doch nur Scherz ist; es tut ihm keinen Schaden. Gott läßt ja
-auch Blümlein wachsen, nicht nur Korn und Weizen.“</p>
-
-<p>Ach, Friedel sollte bald genug kein Märlein mehr hören! Eines
-Sonntagmorgens, als er geschäftig alles zum Kirchgang rüsten wollte,
-sprach der Alte mit beklommener Stimme:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p>
-
-<p>„Brauchst dein neues Wämsli nicht anzuziehen; ’s gibt keinen Kirchgang
-heute.“</p>
-
-<p>„Aber, Großvater, sieh doch, wie schön die Sonne scheint! ’s ist auch
-nicht kalt.“</p>
-
-<p>„Das weiß ich wohl; aber ’s Kirchlein ist zugeschlossen.“</p>
-
-<p>„Ei, der Herr Pate hat ja den Schlüssel!“</p>
-
-<p>„Der wird’s nimmer aufschließen“, rief Andreas, plötzlich in Tränen
-ausbrechend „Er liegt im finstern Kerker, und unser lieber Pfarrer
-auch!“ Damit barg er das Antlitz in die Hände und schluchzte laut.</p>
-
-<p>Das konnte Friedel nicht ertragen. Er schlang die Arme um seinen
-Hals, liebkoste ihn zärtlich und schlug vor, schnell alle guten Leute
-zusammenzurufen und die Gefangenen mit Gewalt zu befreien.</p>
-
-<p>Traurig schüttelte der Großvater den Kopf. „Du sprichst wie ein dummes
-Kind. Mit Gewalt ist hier nichts getan. Die Zeit der Not und Versuchung
-ist gekommen; Gott gebe nur, daß wir alle treu bleiben!“&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nicht nur die Kapelle des Städtchens hatte man verschlossen, sondern
-alle protestantischen Kirchen im Salzburger Lande. Die Prediger und
-Ältesten warf man ins Gefängnis, damit sie ihre Glaubensbrüder nicht
-stärken und ermahnen konnten. Die verlassenen Gemeinden sollten mit
-allen nur erdenklichen Mitteln zum Papsttum zurückgeführt werden.</p>
-
-<p>So verging das Jahr 1731 bis zum Herbst in großer Sorge und Unruhe.
-Viele, viele schmachteten im Gefängnis. Andern hatte man Hab und Gut
-genommen; und endlich erließ der grausame Erzbischof<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> den Befehl, daß
-alle, die sich nicht zum Papsttum bekehren wollten, binnen wenig Wochen
-aus dem Lande weichen müßten. Der Winter, der in jener Gebirgsgegend
-viel Schnee und Eis bringt, war dicht vor der Tür, aber das kümmerte
-den Erbarmungslosen nicht. Jammer und Herzeleid herrschte in den
-Häusern der Frommen; doch trösteten sie einander mit Gottes Wort und
-rüsteten mutig und ergeben zum Auszug. Von den Gefangenen waren nicht
-wenige in den feuchten Kerkern gestorben; die übrigen ließ man nun
-frei, damit sie, matt, krank und bleich, die beschwerliche Wanderung
-antreten möchten.</p>
-
-<p>Aber noch war des Bischofs unersättlicher Haß nicht befriedigt. Er
-ersann eine Qual für die Armen, die man wohl teuflisch nennen kann. Er
-ließ vielen, besonders den Vornehmen und den eifrigsten Bekennern, ihre
-Kinder wegnehmen, um sie in Klöstern erziehen zu lassen. Was da für
-Jammer und Wehklagen aus den Elternherzen zu Gott emporgestiegen sein
-mag, ist nicht auszudenken!</p>
-
-<p>Der alte Andreas wußte noch nichts von diesem letzten Anschlag des
-Tyrannen. Eifrig rüstete er mit Friedels Hilfe die wenige Habe, die
-er mitführen konnte, denn in drei Tagen wollte man die Wanderung
-beginnen. Die Angst und Aufregung der letzten Monate hatte ihn sehr
-verändert. Seine kräftige Gestalt war gebeugt, sein leuchtendes Auge
-matt geworden; er war kein starker Mann mehr, sondern ein müder Greis.</p>
-
-<p>Friedel dagegen war frischer und mutiger als je. Wohl tat ihm zuweilen
-das junge Herz weh beim<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> Gedanken an den Abschied von der geliebten
-Heimat; aber bald schlug es wieder freudig in Erwartung alles
-Wunderbaren, das er auf der Wanderung zu erleben hoffte.</p>
-
-<p>Aber horch! Es klopft gewaltig an die Tür, die man in dieser
-angstvollen Zeit stets verschlossen hält.</p>
-
-<div class="figcenter illowe40" id="illu_013">
- <img class="w100" src="images/illu_013.jpg" alt="Zwei Mönche treten ein." />
-</div>
-
-<p>„Im Namen des Erzbischofs! Öffnet!“ ruft eine rauhe Stimme, und zwei
-kräftige, wohlgenährte Mönche betreten das niedere Gemach.</p>
-
-<p>„Was wollt ihr?“ fragte Andreas mit tiefem Ernst. „Ihr seht, ich rüste
-zum Auszug. Verschwendet eure Worte nicht mehr an mich.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p>
-
-<p>„Damit ist’s vorbei, starrköpfiger Alter“, erwiderte der eine mit
-häßlichem Lachen. „An dir ist wenig gelegen; aber diesen schmucken
-Buben will die Gnade des Erzbischofs vom Verderben erretten. Wir sind
-gesandt, ihn ins Kloster abzuholen. Aller Widerstand ist vergebens.“
-Damit packte er den Knaben mit festem Griff am Arme.</p>
-
-<p>„Mein Kind! Mein Kind!“ jammerte der Alte, wollte aufstehen und es an
-sich ziehen, aber die Kraft versagte ihm; der Schreck war allzu groß
-gewesen. Er wankte und sank ohnmächtig auf die Bank zurück.</p>
-
-<p>Friedel aber sträubte sich gewaltig gegen die Mönche, schrie, schlug
-und stieß mit Händen und Füßen um sich, kratzte und biß. Bald aber sah
-er, daß es ihm, zwei starken Männern gegenüber, gar nichts nützte. Da
-ward er plötzlich ruhig und ließ sich ganz geduldig fortführen.</p>
-
-<p>Als der Greis aus seiner Ohnmacht erwachte, war die Hütte leer; wenige
-Minuten hatten ihn des einzigen irdischen Glückes beraubt, das er noch
-besessen. „O barmherziger Gott“, seufzte er, „nimm doch meine müde
-Seele zu dir! Was soll ich auf der Wanderschaft? Ich werde nur eine
-Last sein.“</p>
-
-<p>Wie er die drei Tage überstand, war ihm selbst unbegreiflich. Sein
-einziger Trost war, inbrünstig für das Seelenheil seines Lieblings
-zu beten. Zuweilen trat er hinaus vor die Hütte, um nach dem Kloster
-hinüberzuschauen, dessen Mauern und Türme etwa eine Stunde weit
-entfernt in der Wintersonne glänzten. Wie mochte es dem Kinde gehen?
-Ach, es war ja kaum<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> möglich, daß es treu bleiben konnte! Es war noch
-allzu jung, leichtherzig und unwissend.</p>
-
-<p>Am letzten Abend übermannte ihn die Müdigkeit; er streckte sich aufs
-harte Lager und schlummerte einige Stunden. Da weckte ihn mitten in
-der Nacht ein leises Klopfen an der Tür. Erschrocken fuhr er auf. Wer
-mochte es sein? Was konnte man ihm noch rauben wollen? Aber, o Wunder!
-Draußen tönte eine traute Kinderstimme: „Ich bin’s, Großväterle; dein
-Friedel. O, laß mich ein; geschwind, geschwind!“ Und im nächsten
-Augenblick hing der Knabe jauchzend an seinem Halse.</p>
-
-<p>„Hast du nicht gleich gedacht, daß ich wiederkommen würde?“ fragte er.
-„Ganz zufrieden hab’ ich mich gestellt, gegessen, gelacht und gespielt
-wie die andern Kinder. Da ließen sie mich bald außer acht, und ich
-konnt’ mir die Gelegenheit zur Flucht besehen. Diese Nacht, als mein
-Bettgenoß fest schlief, und der Mönch, der uns hüten sollt’, gewaltig
-schnarchte, hab’ ich leise das Fensterlein geöffnet. ’s war eben weit
-genug zum Durchschlüpfen. Am Weingeländer hinab in den Garten, vom
-hohen Baum hinauf auf die Mauer, und von da in gewaltigem Sprung hinaus
-ins Freie, gerade in einen Schneehaufen, den der Sturm zusammengeweht.
-Ja, ja, sie wußten nicht, wie ich klettern und springen kann! Vorher
-hatt’ ich aber heiß gebetet, Großvater, so heiß wie noch nie. Und sieh,
-Gott hat mir geholfen!“</p>
-
-<p>„Mein Herzenskind, o Gott sei ewig Lob und Dank! Vergiß es nie, im
-ganzen Leben nicht, mein<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Friedel! Aber du zitterst vor Kälte; lege
-dich nieder, daß ich dich in die Wolldecke hülle.“</p>
-
-<p>„Nein, Großvater, das geht nicht. Wir müssen fort, gleich, noch in der
-Nacht. Sie kommen gewiß, mich zu suchen. Da müssen sie die Hütte leer
-finden, und wir müssen weit weg sein.“</p>
-
-<p>„Du hast recht, Bübli; ruh’ nur ein Weilchen, bis ich uns Milch wärme
-und noch ein Bündlein schnüre mit deinen Sonntagskleidern und was dir
-sonst noch wert ist.“</p>
-
-<p>In einer halben Stunde schritten sie über die Schwelle der geliebten
-Hütte, so schwer beladen, wie es ihre schwachen Kräfte erlaubten.
-Andreas betete:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„In Gottes Namen fahren wir;</div>
- <div class="verse indent0">Sein heil’ger Engel geh’ uns für,</div>
- <div class="verse indent0">Wie dem Volk aus Ägyptenland,</div>
- <div class="verse indent0">Das entging Pharaonis Hand. Kyrieleis!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">HErr Christ, du bist der rechte Weg</div>
- <div class="verse indent0">Zum Himmel und der ein’ge Steg.</div>
- <div class="verse indent0">Hilf uns Pilgrim’ ins Vaterland,</div>
- <div class="verse indent0">Weil du dein Blut hast dran gewandt. Kyrieleis!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Schnell über die mit leichtem Schnee bedeckte Wiese schreitend,
-erreichten sie bald das Waldesdunkel, wo sie vor Wind und Kälte
-ziemlich geschützt waren.</p>
-
-<p>„Wo gehen wir hin, Großvater?“ fragte der Knabe leise.</p>
-
-<p>„Nach der Höhle, wo wir schon einmal rasteten, wenn uns beim Holzfällen
-ein Wetter überraschte. Dort mußt du schlafen bis zum Morgen. Dann
-geht’s weiter auf Umwegen zum Sammelplatz der Unsern, weit unten<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> im
-Tal. Sieh, es schneit wieder; das ist gut. Sie werden unsere Fußspuren
-nicht finden.“</p>
-
-<p>„Ziehen alle frommen Leute aus dem ganzen Lande miteinander fort?“
-fragte Friedel weiter.</p>
-
-<p>„O nein! Es sind ganz mächtig viel; wohl dreißigtausend. In viele Züge
-geteilt, werden sie nach verschiedenen Richtungen hin wandern.“</p>
-
-<p>„Ist denn Platz für alle draußen in der Welt? Ist sie so groß?“</p>
-
-<p>„O Kind, die Welt hat Raum für Unzählige! Aber ob wir alle liebreiche
-Aufnahme finden werden in der Fremde, das steht bei Gott. Etliche
-wollen sogar übers Meer ziehen ins ferne Land Amerika. Die meisten
-hoffen Zuflucht zu finden bei dem Preußenkönig, der ein frommer Mann
-und uns wohlgesinnt ist.“</p>
-
-<p>„Aber wir, Großvater? Gelt, wir fahren mit übers Meer in einem großen
-Schiff, wie in des Paten Buch abgemalt ist? Das muß gar herrlich sein!“</p>
-
-<p>„Ach Kind“, seufzte der Alte, „bitte Gott, daß meine Kräfte aushalten
-bis zum Sammelplatz; weiter denk’ noch nicht! Sieh, hier ist unsere
-versteckte Höhle; das Mooslager drin ist noch weich und trocken. Laß
-uns ruhen bis zur Morgendämmerung.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="In_der_Talmuehle">2. In der Talmühle.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Noch lag am nächsten Morgen mattes Dämmerlicht über dem Städtchen und
-seiner Umgebung, da ward es schon auf allen Pfaden, die nach Norden zu<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span>
-hinab ins Tal führten, lebendig. Und als die Sonne endlich emporstieg,
-herrschte auf der großen Wiese, wo man sonst allerlei ländliche Feste
-zu feiern pflegte, ein buntes, reges, aber ach, so trauriges Leben.
-Kein Lachen, Singen und Jauchzen war zu hören; wohl aber brach hier
-und da ein gequältes Herz in lauten Jammer aus. Tröstend, ordnend und
-ermahnend gingen ernste, rüstige Männer zwischen den Betrübten umher,
-und allmählich bildete sich der Zug. Auf hochbepackten, von Pferden
-oder Kühen gezogenen Wagen führte man allerlei Hab und Gut mit sich;
-auch die Kranken und Schwachen hatte man darauf gebettet und so gut wie
-möglich vor der Kälte geschützt. Da gab es Kindlein, die vielleicht
-erst gestern das Licht der Welt erblickt, Greise, die wohl kaum noch
-einige Wochen zu leben hatten; alle wurden erbarmungslos hinausgejagt
-in die rauhe, kalte Welt.</p>
-
-<p>„Wo ist Vater Andreas?“ fragte der Pate Rudi, der bleich, matt und sehr
-gealtert unter dem leinenen Schutzdach eines Wagens lag. „Hier wäre
-noch ein Plätzchen für ihn und meinen Liebling, den Friedel.“</p>
-
-<p>„Er wird wohl unter denen sein, die dort schon den breiten Pfad entlang
-ziehen. Er ist ja überall mutig voraus! Legt euch nur wieder nieder und
-versucht ein wenig zu schlummern. Am nächsten Ruheorte treffen wir wohl
-den Andreas.“</p>
-
-<div class="figcenter illowe32_5" id="illu_019">
- <img class="w100" src="images/illu_019.jpg" alt="Auszug." />
-</div>
-
-<p>Bald war alles in Bewegung, und der traurige Zug verschwand allmählich
-hinter einer vorspringenden Anhöhe. Weinen und Klagen war verstummt,
-aber durch die klare Winterluft schallten die Töne eines frommen
-Pilgerliedes:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„In Gottes Namen scheiden wir;</div>
- <div class="verse indent0">Sein göttlich Wort bekennen wir</div>
- <div class="verse indent0">Und seiner Gnad’ begehren wir,</div>
- <div class="verse indent0">Des rechten Glaubens leben wir. Kyrieleis!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Freund’ von Freunden geschieden sind;</div>
- <div class="verse indent0">O HErr, bewahr’ die armen Kind’</div>
- <div class="verse indent0">Und all’, die hier vorhanden sind,</div>
- <div class="verse indent0">Vor Unglück und vor böser Stund’! Kyrieleis!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Geleit uns Gott in Ewigkeit</div>
- <div class="verse indent0">Durch seine groß’ Barmherzigkeit.</div>
- <div class="verse indent0">Der geb’ uns heut ein gut Geleit,</div>
- <div class="verse indent0">Mit Leib und Seele Sicherheit. Kyrieleis!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Während nun unter diesen grausam Vertriebenen kein Wort des Grimmes
-oder der Rache laut ward, trug der Morgenwind den Schall der Glocken zu
-ihnen herüber, die den Dankgottesdienst einläuteten, den der Erzbischof
-halten ließ, weil die Stadt und Umgegend von den „greulichen Ketzern“
-befreit war. Der Papst aber rühmte gewaltig die große Heldentat des
-Tyrannen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Pate Rudi hoffte vergebens, seinen alten Freund am nächsten Rastorte
-zu finden. Etliche meinten, er sei wohl schon voraus; andere, er habe
-sich der kleinen Schar angeschlossen, die einen etwas weiteren, aber
-bequemeren Weg talabwärts eingeschlagen hatte, um sich erst später dem
-Zuge anzuschließen. An Warten oder Nachforschen war nicht zu denken;
-mußte man doch eilen, für die nächste Nacht ein Städtchen oder größeres
-Dorf zu erreichen.</p>
-
-<p>Ach, wo war der müde Greis und der hilflose Knabe? In der
-Morgendämmerung hatten sie die<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> schützende Höhle verlassen; Friedel
-ganz frisch und munter, Andreas aber krank und elend. Sein Kopf
-schwindelte, die Glieder zitterten, sein Auge war matt, und seine
-Gedanken unklar. Die Nachtkühle hatte ein Fieber zum Ausbruch gebracht,
-das dem durch Angst und Kummer geschwächten Körper schon lange drohte.
-Mühsam schleppte er sich vorwärts, und das Bündel auf seinen Schultern
-drückte schwerer und schwerer. Da konnte es geschehen, daß er den
-schmalen, versteckten Pfad, den man einschlagen mußte, um zur Talwiese
-zu kommen, versah, und nach und nach in der sehr einsamen Gegend
-gänzlich in die Irre geriet.</p>
-
-<p>„Großvater“, sprach Friedel endlich, „der Weg kommt ja gar nicht; wir
-wandern schon lang. Die Welt sieht heut so anders aus als sonst. Ich
-möcht’ auch was essen!“</p>
-
-<p>„Armes Kind! Ich vergaß ganz, wie hungrig du sein mußt. Dort unter der
-breitästigen Tanne ist ein guter Ruheplatz. Gott wird uns dann schon
-den Weg zeigen.“</p>
-
-<p>Sie ruhten lange. Die Sonne schien freundlich und schmolz bald den
-leichten Schnee; es war nicht sehr kalt. Friedel sprach dem Brot und
-Käse tapfer zu; Andreas konnte nichts essen, schlummerte aber, an den
-Baumstamm gelehnt, ziemlich lange. Dann machten sie sich wieder auf.</p>
-
-<p>Es war nun Mittag vorüber und gar keine Hoffnung mehr, den Zug zu
-erreichen. Aber ein Obdach für die nächste Nacht mußte sich ja finden,
-sei es auch nur in einer einsamen Jäger- oder Köhlerhütte. Sie<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span>
-wanderten kreuz und quer, aber die Gegend blieb einsam und ward Schritt
-zu Schritt rauher und wilder. Auch Friedels Mut fing an zu sinken, und
-seine Kraft war erschöpft. Weinend schmiegte er sich an den Großvater,
-als sie wieder einmal ruhten. Es war mitten im Walde am Ufer eines
-Baches, der über Steingeröll hüpfend in schäumenden Wellen bergab eilte.</p>
-
-<div class="figcenter illowe37_5" id="illu_023">
- <img class="w100" src="images/illu_023.jpg" alt="Rast im Wald." />
-</div>
-
-<p>„Fürchte dich nicht, mein Kind!“ sagte der Alte mit matter Stimme.
-„Gott ist bei uns; er verläßt uns nicht. Und selbst wenn er mich zu
-sich holen würde, und du allein bliebest, verzage nicht! Weißt du noch
-den schönen Vers, den du neulich lerntest: ‚Unverzagt&nbsp;&ndash;‘?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p>
-
-<p>„Ja, Großvater“, erwiderte das Kind, tapfer seine Tränen trocknend:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Unverzagt und ohne Grauen</div>
- <div class="verse indent0">Soll ein Christ, wo er ist,</div>
- <div class="verse indent0">Stets sich lassen schauen. &ndash;</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Horch! Bellt da unten im Walde nicht ein Hund? Jetzt wieder! O komm,
-Großväterle! Versuch’ doch aufzustehen! Wo ein Hund ist, ist wohl auch
-ein Mensch!“</p>
-
-<p>Mühsam erhob sich der Alte; ganz pfadlos gingen sie am rauhen,
-steinigen Ufer des Baches hin, der schnell breiter und reißender ward.
-Aber schon nach wenig Minuten verließen den Alten die Kräfte; zwischen
-den feuchten Steinen sank er zusammen und vermochte sich nicht wieder
-zu erheben. Mit Mühe schob ihm der Knabe sein eigenes kleines Bündel
-unter den Kopf und versuchte ihn etwas bequemer zu legen.</p>
-
-<p>„Wart’ nur ein ganz klein Weilchen“, tröstete er; „ich lauf’ schnell
-und hol’ gute Leute, die uns helfen.“</p>
-
-<p>„Gott geb’s, mein armes Kind!“ flüsterte der Greis. „Küsse mich noch
-einmal. O, Gott erbarme sich deiner, mein Liebling!“</p>
-
-<p>Wieder und wieder küßte der Knabe das kalte, bleiche Antlitz des
-Liegenden. Es ward ihm gar so schwer, ihn zu verlassen; das liebe
-Gesicht sah so verändert aus. Aber er mußte ja Hilfe haben; Großvater
-sollte bald einen Trunk heiße Milch haben und vielleicht auch ein
-warmes Lager.</p>
-
-<p>Tapfer drang er vorwärts. Dichtes Dorngestrüpp versperrte ihm oft den
-Weg, riß ihm die Hände blutig<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> und manches Loch in sein Röcklein. Oft
-war er nahe dran, entmutigt umzukehren, aber das Bellen des Hundes
-lockte ihn immer wieder vorwärts. Da plötzlich, als er sich durch
-eine Reihe dichter niedriger Nadelholzbäume gedrängt, war er am Ziel.
-Ein freier ebener Platz lag vor ihm, ringsum dichter Wald. In raschen
-Wellen eilte der Bach hindurch, und an seinem Ufer stand ein Häuschen,
-der lieben heimatlichen Hütte ganz ähnlich, von rohen Steinen gebaut,
-mit weit vorstehendem Dach, niederer Tür und kleinen blanken Fenstern.
-Daneben aber klapperte, vom strömenden Wasser getrieben, lustig ein
-Mühlrad.</p>
-
-<p>Mit raschem Blick hatte der Knabe das langersehnte Bild geschaut.
-O weh! Da kam mit wütendem Gebell ein großer zottiger Hund auf ihn
-zugestürzt. Sollte er fliehen? Ach nein; Großvater mußte Hilfe haben!
-Tapfer trat er dem Tier entgegen, den kleinen Wanderstab drohend
-erhoben. Da öffnete sich die Tür des Häuschens, und ein Mann trat
-heraus, dessen Anblick ihn noch mehr erschreckte als der des Hundes.
-Ach, er sah aus wie die Riesen, die die alte Zenzi so schrecklich zu
-schildern verstand!</p>
-
-<p>Groß und stark, mit struppigem, langem schwarzen Haar und Bart, war er
-nur mit einem Kittel bekleidet, der aus dem Fell eines Bären gemacht
-war. In der Hand einen langen dicken Stock, trat er mit wilder Gebärde
-und zornigem Blick auf den kleinen Eindringling zu. Der aber hatte sich
-bereits gefaßt. Sobald der Hund auf den Ruf des Mannes von ihm abließ,
-faltete er die Hände und sprach laut:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Unverzagt und ohne Grauen</div>
- <div class="verse indent0">Soll ein Christ, wo er ist,</div>
- <div class="verse indent0">Stets sich lassen schauen.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Ist das dein Gruß?“ fuhr ihn der Fremde an. „Wie wagst du in meinen
-Zauberkreis zu dringen?“</p>
-
-<p>„Ich hab’ nicht gewußt, daß es ein Zauberkreis ist“, erwiderte Friedel.
-„Aber ich bitt’ Euch, wenn Ihr ein guter Riese seid, so helft doch
-meinem Großvater! Er liegt oben im Walde und kann nimmer aufstehen.“</p>
-
-<p>„Was treibt ihr euch im Wald umher, ein Alter und ein Kind?“</p>
-
-<p>„Wir wären ja gern im Hüttli geblieben, aber der Erzbischof Firmian hat
-uns in die Welt hinausgejagt.“</p>
-
-<p>„Warum?“</p>
-
-<p>„Weil wir allein zum Himmelsvater beten und zum Heiland, und weil wir
-den Papst nicht mögen.“</p>
-
-<p>„Es ist genug! Du bist ein tapferer Bub! Ich hätt’ dir kein Leid getan,
-auch wenn du aus Vorwitz hergekommen wärst. Aber da der Firmian dein
-Feind ist, bin ich dein Freund und will dir helfen!“</p>
-
-<p>Er legte die Finger an den Mund und tat einen lauten Pfiff. Alsbald
-trat hinterm Hause ein Männlein hervor, klein und bucklig, eine spitze
-Mütze auf dem runden Kopf, die grobe Kleidung ganz von Mehl bestäubt.
-Ja, es war kein Zweifel: Friedel war in Zenzis Märchenland geraten,
-denn zu dem Riesen kam nun auch ein Zwerg.</p>
-
-<p>„Tobi“, gebot der Riese, „laß dir drinnen die Flasche mit Lebenswasser
-geben und komm! ’s liegt einer droben im Walde elend. Wir wollen ihn
-herholen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p>
-
-<p>Verwundert blickte das Männlein auf; es hatte freundliche, sanfte blaue
-Augen. Ohne ein Wort zu erwidern, horchte es, und sogleich waren die
-drei auf dem mühsamen Weg die Schlucht hinauf. Schwanzwedelnd umhüpfte
-sie jetzt der Hund. Es begann schon zu dämmern, als sie die Stelle
-erreichten, wo der Arme lag. Schon von weitem hatte Friedel fröhlich
-gerufen: „Wir sind gerettet, Großväterle! Gute Männer kommen! Bald
-sollst du warm und sicher liegen.“ Aber kein Gegenruf war erschollen.</p>
-
-<p>Nun warf sich das Kind bei dem Geliebten nieder und küßte seine Stirn,
-um ihn zu wecken. Aber erschrocken fuhr es auf: „Hu, wie kalt ist
-mein lieb Großväterle! Wie eisig kalt!“ Der kleine Mann beugte sich
-herab, um dem Kranken einige Tropfen des starken Getränkes einzuflößen,
-richtete sich aber sogleich wieder empor und sprach leise: „Der ist ja
-tot!“</p>
-
-<p>Die Worte waren wohl nur für den großen Mann bestimmt, doch Friedels
-feines Ohr hatte sie auch vernommen. „Tot?“ rief er. „Mein einzig
-Großväterle ganz tot?“ Laut aufschluchzend warf er sich über den
-Leichnam hin. Die lang angespannte Kraft versagte plötzlich; das
-Bewußtsein schwand. Er lag in tiefer Ohnmacht.</p>
-
-<p>Wie lange er ohnmächtig gelegen, wußte er später nicht mehr. Wohl
-fühlte er, daß man ihn forttrug, war aber nicht imstande, zu sprechen
-oder zu widerstreben. Auch als jemand ein warmes Getränk an seinen Mund
-hielt, nahm er ein paar Schlucke, ohne die Augen zu öffnen, und sank
-gleich wieder in Betäubung zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p>
-
-<p>Endlich aber ward daraus ein langer, fester Schlaf, aus dem er gesund
-erwachte. Sein Lager war warm und weich, ringsum alles still. So meinte
-er, alles, was er in der letzten Zeit erlebt, sei nur ein böser Traum
-gewesen, und er läge im lieben Hüttli an des Großvaters Seite.</p>
-
-<p>„Ist’s schon Tag, Großväterle?“ fragte er schlaftrunken.</p>
-
-<p>„Schon längst!“ sprach eine helle, feine Kinderstimme.</p>
-
-<p>Da fuhr er empor und blickte in ein Gesichtchen, so hold und lieblich,
-wie er’s nimmer geschaut. Augen, so blau wie Vergißmeinnicht, Wangen
-wie zarte Röslein, Lockenhaar wie fein gesponnenes Gold.</p>
-
-<p>„Bist du ein Englein?“ fragte er, sich plötzlich besinnend und die
-Hände faltend. „Bin ich auch schon tot und im Himmel? O, wo ist der
-Großvater? Wo ist der HErr JEsus? Ich möchte zu ihnen!“</p>
-
-<p>„Ich bin ja kein Englein“, war die Antwort. „Du bist nicht im Himmel!
-Schau doch auf; du bist in der Talmühle, und ich bin des Talmüllers
-Ännchen.“</p>
-
-<p>Friedel erhob sich und sah verwundert umher in einem sauberen, aber
-ärmlichen Gemach.</p>
-
-<p>„Aber mein Großvater, wo ist er? Was haben sie mit ihm gemacht?“</p>
-
-<p>„Er war ja eingeschlafen“, sagte das Kind, die Händchen faltend. „Da
-haben sie ihn zu Bett gebracht draußen im Walde, wo es still und
-friedlich ist. Dort schläft er, bis ihn der Himmelskönig weckt, wenn er
-wiederkommt am Jüngsten Tage.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p>
-
-<p>„Wer sagte dir’s!“</p>
-
-<p>„Die Mutter.“</p>
-
-<p>Erstaunt und noch halb träumend schaute Friedel das Englein im
-geflickten Zwillichröckchen an, das so zuversichtlich große Worte
-sprach. Aber ach, als der Bann des Schlafes sich allmählich löste,
-ward es ihm klar, daß er ja nun ganz, ganz allein sei auf der Welt.
-Den Großvater hatte man im wilden Walde begraben, die Freunde und
-Glaubensgenossen waren weit fortgezogen; er aber in der Gewalt der
-märchenhaften Gestalten, die er am Abend zuvor gesehen, hilflos
-zurückgeblieben. Da machte sich sein starkes, feuriges Gemüt in wildem
-Schmerze Luft.</p>
-
-<p>„Großvater! O Großvater!“ schrie er händeringend. „Nimm mich mit in den
-Himmel! O, HErr JEsu, komm doch gleich jetzt zum Jüngsten Tag und weck’
-mir den Großvater! Sonst will ich auch sterben, jetzt gleich! O, ich
-kann, ich kann nicht leben so ganz allein!“ Heiße Tränen stürzten dabei
-über seine Wangen.</p>
-
-<p>Tief erschrocken stand das Mägdlein dabei und wagte nicht so großen
-Jammer zu stören. Endlich faßte sich’s ein Herz, legte die kleine Hand
-auf die Stirn des Gastes und sprach leise:</p>
-
-<p>„Ich hab’ dich schon lieb; da bist du nicht ganz allein. Und Mütterle
-hat gesagt, ich soll dich nicht weinen lassen. Du sollst essen, wenn du
-aufgewacht bist.“</p>
-
-<p>Das Händchen war so weich und warm, die Stimme so sanft und das Wort
-„essen“ brachte ihn plötzlich auf andere Gedanken. Er fühlte ja einen
-nagenden Hunger, hatte seit gestern mittag nichts mehr genossen.<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span>
-Halb widerwillig trocknete er seine Tränen und schaute zu, wie das
-Kind vorsichtig ein dampfendes Schüsselchen vom Herd nahm und auf den
-Tisch stellte, einen Löffel und ein großes Stück Brot dazulegte und
-ihm freundlich winkte. Er folgte, und die Natur behauptete ihr Recht;
-es schmeckte köstlich! Dienstfertig brockte Ännchen das Brot in die
-fette Ziegenmilch und sah befriedigt zu. Als die Schüssel leer war,
-hielt der Gast Umschau in dem niedrigen, aber geräumigen Gemach. Es
-sah ganz ähnlich drin aus wie daheim im Hüttli: der schwarze Rauchfang
-überm Herd, die Bank längs der Wand, ein paar Schemel, zwei buntbemalte
-Truhen, schlichtes Hausgerät auf Wandbrettern. In der besten Ecke hing
-ein kleines Kruzifix; ein abgegriffenes Büchlein lag darunter, dicht
-davor stand ein schmuckes Spinnrad.</p>
-
-<p>„Das ist Mutters Winkel“, erklärte Ännchen; „sie lehrt mich auch beten,
-lesen und spinnen.“</p>
-
-<p>„Aber das?“ fragte Friedel, auf ein prächtiges Hirschgeweih zeigend,
-das über der Tür befestigt war.</p>
-
-<p>Da legte Ännchen den Finger auf den Mund und warnte: „Frag’ nicht
-danach! Es gehört dem Vater. Was Vater hat und tut, davon spricht man
-nicht.“</p>
-
-<p>„Ist der Riese dein Vater oder der Zwerg?“</p>
-
-<p>„So heißt es nicht! Der große Mann ist mein Vater; der kleine ist
-Tobias, der Mühlknecht. Ich habe ihn sehr lieb.“</p>
-
-<p>„Er sieht häßlich aus“, bemerkte Friedel.</p>
-
-<p>„Das schadet nichts, sagt Mutter, denn sein Herz ist schön. &ndash; Wo
-mag nur Mutterle bleiben?<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> Komm, laß uns ausschauen; sie ist oben in
-der Kammer.“</p>
-
-<p>In einer Ecke der Stube führte ein schmales steiles Treppchen empor ins
-winzige Dachkämmerlein. Leise stieg Ännchen hinauf; Friedel folgte und
-blickte über ihr blondes Köpfchen in den niederen Raum, gefüllt mit
-allerlei Werkzeug und Hausrat. Auf dem kalten Boden saß eine bleiche
-blonde, überaus liebliche Frau in dürftigem Zwillichgewand, umgeben von
-allen den Sachen, die der Großvater im schweren Bündel getragen. Die
-alte vielgebrauchte Bibel lag in ihrem Schoß, und sie war so vertieft
-ins Lesen, daß sie die Kinder erst gewahrte, als Ännchen die Arme um
-ihren Hals schlang. Da fuhr sie auf und sah auch den Knaben.</p>
-
-<p>„Du bist wahrlich ein Engel von Gott gesandt“, rief sie, ihn an sich
-ziehend, „daß du mir ins Haus gebracht hast, wonach mein Herz sich
-schon lange sehnte! Es ist ja das Buch, das uns den Weg zum Himmel
-zeigt aus diesem Elend! Als ich’s aufschlug, fand ich gleich so
-trostreiche Worte, die der Heiland gesprochen. O, wieviel, wieviel
-werd’ ich noch finden, wenn du bei uns bleibst!“</p>
-
-<p>„Du darfst heute darin lesen, soviel du willst“, sagte Friedel
-bedächtig, „aber morgen muß ich wandern, immer nach Mitternacht zu bis
-ins Preußenland, wo mein Pate Rudi und die andern Getreuen hingezogen
-sind. Alle diese Sachen will ich euch lassen; nur die Bibel steck’
-ich noch in mein kleines Bündel. Ich soll sie nicht hergeben, sagte
-Großvater.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p>
-
-<p>„Du kannst unmöglich allein wandern, armes Kind!“ erwiderte die Frau.
-„Du bist viel zu klein und schwach dazu.“</p>
-
-<p>„O nein! Alle nennen mich groß und stark“, entgegnete der Junge, sich
-streckend.</p>
-
-<p>Lächelnd strich ihm die Frau übers wirre Haar. „Kommt herab“, sprach
-sie; „es ist hohe Zeit, den Männern das Essen zu kochen. Sie fällen
-Holz im Walde.“</p>
-
-<p>„Ich mag nicht essen, auch die Männer nicht sehen. Ich bleibe hier bei
-Großvaters Sachen.“</p>
-
-<p>Sie ließen ihn allein. Traurig ließ er alles durch die Hände gleiten,
-was ihm daheim so lieb gewesen. Das kleine Ledersäckchen mit Geld und
-einigen alten Silbermünzen mit seltsamen Gepräge, die ihm der Großvater
-manchmal gezeigt, suchte er vergebens. Hatten’s wohl die Männer
-behalten oder dem Toten mit ins Grab gegeben? Nun, er brauchte es
-nicht; sein Essen würden ihm gute Leute schon umsonst geben! Ach, wenn
-er nur schon heute wandern könnte! Aber er war noch so müde, so sehr
-müde von allem, was er erlebt, legte endlich den Kopf auf Großvaters
-Sonntagsrock und schlief wieder ein.</p>
-
-<p>Gegen Abend weckte ihn Ännchen und führte ihn hinunter in die Stube. Da
-saßen sie alle ganz zutraulich um den Herd, auf dem ein helles Feuer
-brannte. Die Frau spann, Tobi flickte seine Jacke, der Riese schnitzte
-irgendein Gerät aus Holz.</p>
-
-<p>„Nun“, sprach er, „hast du ausgetrauert und ausgeschlafen? Gönn’ dem
-armen Alten die Ruhe! Die<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Welt ist bös! Du bleibst bei uns. Wo vier
-essen, ißt auch der fünfte.“</p>
-
-<p>„O nein! Ich kann nicht bleiben!“ begann der Knabe.</p>
-
-<p>„Du mußt!“ rief der Mann, und warf ihm einen so wilden Blick zu, daß er
-erschrak und schwieg.</p>
-
-<p>Aber das Wörtlein „muß“ war dem Friedel verhaßt. Nur vom Großvater
-hatte er’s geduldet. Er fühlte sich stark und gewandt und mochte keinen
-Zwang leiden. „So gut ich aus dem Kloster floh, entflieh’ ich auch aus
-der Talmühle“, dachte er, und setzte sich still neben Ännchen auf die
-Bank im Winkel. Leise plauderte sie ihm vor von verstecktem Spielzeug
-im Schrein, das die Mutter nur Sonntags herausgebe, von Braten und
-Kuchen am Christfest, von Blumen und Beeren im Sommer und von einem
-zahmen Rehlein hinten im Stall. „Bleib’ doch gern bei mir“, bat sie,
-sich an ihn schmiegend; „dann sind wir Brüderchen und Schwesterchen,
-wie in den Märlein, die Tobi erzählt.“</p>
-
-<p>Als die Abendsuppe, die im Kessel brodelte, fertig war, setzten sich
-alle fünf um die große Schüssel und löffelten sie einträchtig aus, aber
-ganz stille, denn der finstere Blick des Talmüllers hielt sie alle im
-Bann. Nachher aber, als sie wieder am Feuer saßen, fing er plötzlich
-an, den Friedel auszufragen, wie es zugegangen bei der Vertreibung der
-Evangelischen. Zuerst antwortete der Knabe einsilbig und schüchtern,
-geriet jedoch bald in Erregung und beschrieb die Leiden der Gefangenen
-und Kranken gar beweglich.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p>
-
-<p>Aber was ging das alles den Talmüller an, der doch gewiß nicht zu
-ihnen gehörte? Warum blitzten seine schwarzen Augen so zornig? Warum
-ballte er die nervigen Fäuste wie in ohnmächtiger Wut? Dem Knaben ward
-unheimlich dabei zumute.</p>
-
-<p>Die Mutter bemerkte es wohl, legte sanft ihre Hand auf des Mannes
-Schulter und sprach: „Laß es gut sein, Christoph. Gott wird alles
-richten; wir aber sollen vergeben! Es ist spät; laß uns beten und zu
-Bett gehen.“</p>
-
-<p>Da standen sie alle auf, falteten die Hände und beteten laut und
-andächtig das Vaterunser. Was murmelte doch der Talmüller nach der
-fünften Bitte? Klang es nicht wie: „außer dem Firmian“?</p>
-
-<p>Nun nahm Tobi den Gast an die Hand und führte ihn zur Hintertür hinaus
-über einen kleinen Hof in die Hütte, wo das Mahlwerk stand. Dort war
-ein Kämmerlein abgeteilt. Eine Truhe und ein Schemel stand darin, und
-ein hohes Heulager war aufgeschüttet mit dicker Wolldecke; Friedels
-Bündel lag daneben.</p>
-
-<p>„Dies ist mein Revier“, sagte der kleine Mann, „und du bist mein
-Schlafgenoß. Nun noch ein Wort zur Gutenacht. Bleib’ in Frieden hier
-und folg’ dem Talmüller! ’s wird dein Schaden nicht sein. Goldtreu ist
-er als Freund, schrecklich als Feind!“</p>
-
-<p>Der Knabe antwortete nicht, und beide streckten sich aufs Lager. Nach
-einer Weile fragte er leise:</p>
-
-<p>„Wo habt ihr meinen Großvater begraben?“</p>
-
-<p>„Morgen will ich dir’s zeigen. Auf einer Wald<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span>lichtung links ab von der
-Mühle, nach Mitternacht zu. Gute Nacht.“&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Beim allerersten Morgengrauen des andern Tages öffnete sich leise, ganz
-leise das Pförtchen des Mahlwerks, und Friedel, sein Bündel auf der
-Schulter, den Wanderstab in der Hand, schlüpfte heraus, lief über den
-offenen Grund und verschwand im Walde. Das Glück war ihm günstig; er
-fand bald die Waldlichtung und den frischaufgeworfenen Grabhügel, mit
-großen Steinen beschwert, um das Waldgetier am Aufwühlen zu hindern. Er
-kniete dabei nieder, küßte die kalte, feuchte Erde, bezwang aber tapfer
-den aufsteigenden Jammer. „Gute Nacht, Großvater“, flüsterte er. „Ich
-gehe ins Preußenland zum Paten Rudi. Ich will fromm sein; im Himmel
-komm ich wieder zu dir!“</p>
-
-<p>Unwillig die großen Tränen von den Wangen wischend, erhob er sich
-und wanderte rüstig weiter durch dichten Wald, immer in nördlicher
-Richtung. Nach und nach ward es hell, aber der Grund ward rauher.
-Felsstücke und Gestrüpp hemmten seinen Weg; nur langsam kam er
-vorwärts. Plötzlich hörte der Wald ganz auf. Er trat heraus, prallte
-aber gleich erschrocken zurück, denn vor ihm fiel eine steile graue
-Felswand ab, und tief unten schimmerte im milden Morgenglanz ein See.
-Zur Rechten stürzte der Mühlbach brausend hinab. Nirgends eine Spur
-von Weg und Steg; keine andere Möglichkeit als Umkehr! Dazu blies der
-Novemberwind so stark, daß der Knabe sich an einen Baumstamm halten
-mußte. Leider fing es an zu schneien. Ach, er fühlte plötzlich, daß<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span>
-er doch nur ein Kind war! Sollte er umkehren? Würden sie ihn nun nicht
-hart behandeln? Die Frau war engelsgut, das Ännchen hatte er schon
-lieb, aber vor dem Talmüller fürchtete er sich.</p>
-
-<p>Da legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter. Erschrocken fuhr er
-auf und sah ihn hinter sich stehen, in Jägerkleidung, die Flinte über
-der Schulter, einen geschossenen Rehbock auf dem Rücken.</p>
-
-<p>„Törichtes Kind!“ sprach er. „Siehst du nun, daß aus meinem Zauberkreis
-kein Entrinnen ist? Hier der See, dort steile Felswände; nach Morgen zu
-die Schlucht, die Wolf, der Hund, streng bewacht. Warum vertraust du
-mir nicht, da ich doch dein Freund bin? Bleib’ ruhig bei mir, bis du
-herangewachsen bist; dann magst du wandern, wohin du willst. Ich selbst
-zeige dir dann den Weg. Deine Freunde sind zwei Tagereisen voraus; du
-würdest sie nicht mehr erreichen, selbst wenn wir wüßten, welchen Weg
-sie eingeschlagen haben. Der Winter ist nahe; es gibt noch Wölfe und
-Bären in den Bergen. Möchtest du einem begegnen?“</p>
-
-<p>Da wagte der Knabe dem seltsamen Manne ins Antlitz zu blicken. Er sah
-jetzt nicht furchtbar aus; sein Auge blickte freundlich. Er war doch
-ein schöner Mann, und das Jägerkleid stand ihm gut. Woher kam’s wohl,
-daß er den Rehbock schießen durfte, was sonst streng verboten war? Aber
-Ännchens Warnung fiel ihm ein; er schwieg und ließ sich willig zur
-Mühle zurückführen.</p>
-
-<p>Dort stand die Morgensuppe auf dem Tisch. Niemand erwähnte seine
-Flucht. Nach dem Essen sprach<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Tobias: „Ich will heut noch das letzte
-Mehl zu Tal bringen; morgen möchte der Pfad verschneit sein. Es ist für
-den Franzl am Stein; das ist nicht weit. Vor Abend bin ich wieder hier.
-Ich bring’ gleich alles mit, was der Franzl auf dem letzten Markt für
-uns besorgt hat zur Winternotdurft. Wer weiß, ob ich wieder hinabkann!
-Ich denke, es gibt bald Schnee.“</p>
-
-<p>Friedel sah aufmerksam zu, wie Tobi einen Esel mit den Säcken belud,
-ihn vor sich her über den rohgezimmerten Steg trieb, der unterhalb der
-Mühle über den Bach führte und im Walde verschwand. Der Müller erriet
-seine Gedanken.</p>
-
-<p>„Gib dich zufrieden; du kannst ihm nicht folgen. Sein Weg führt nicht
-nach Preußen zu“, sprach er lächelnd.</p>
-
-<p>„So will ich hier bleiben, bis ich groß bin“, rief der Junge plötzlich
-entschlossen; „das dauert ja nicht mehr lang!“</p>
-
-<p>Ännchen umhüpfte ihn fröhlich; die Mutter küßte ihn auf die Stirn. Der
-Mann war hinters Haus gegangen, sein Reh abzuziehen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Wie_die_Kinder_aufwuchsen">3. Wie die Kinder aufwuchsen.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wenn Friedel erwartet hatte, in der Talmühle seltsame, märchenhafte
-Dinge zu erleben, so hatte er sich sehr getäuscht. Wenigstens jetzt im
-Winter war der Tageslauf nicht viel anders, als er in des Großvaters
-Hütte gewesen. O der liebe, liebe Großvater!<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Wieviel dachte der Knabe
-an ihn! Wie oft suchte er einen stillen Winkel, um sich auszuweinen!
-Aber Kindertrauer währt nicht allzulang; das Leben ist noch so neu
-und frisch, daß es schnell wieder Reiz gewinnt. So fing auch Friedel
-bald an um sich zu schauen und teilzunehmen an allem, was in der neuen
-Heimat lebte und webte. Ganz früh stand er mit Tobi auf und half das
-Vieh versorgen, die schönen Tauben, die unterm Dach ihre Nester und
-Fluglöcher hatten, die zahlreiche Hühnerschar, die jetzt auf den engen
-Hof beschränkt war, die schneeweiße Kuh, die zwei munteren Ziegen im
-Stall und endlich das geduldige Eselein, Tobis Liebling.</p>
-
-<div class="figcenter illowe32_5" id="illu_039">
- <img class="w100" src="images/illu_039.jpg" alt="Friedel liest seine Bücher." />
-</div>
-
-<p>Erst wenn diese alle eifrig fraßen, sammelte sich die Familie um den
-warmen Herd, und die gute Milchsuppe mit großen Brotbrocken schmeckte
-vortrefflich. Dann gingen die Männer, wenn’s das Wetter erlaubte,
-hinaus zum Holzfällen, oder sie hatten etwas am Mahlwerk, das jetzt
-ganz stillstand, zu bessern; auch sägten, hämmerten und hobelten sie in
-der Scheune, um allerlei nötiges Werkzeug herzustellen. Zuweilen durfte
-Friedel helfen, meist aber blieb er bei Mutter und Schwesterlein, wie
-er Frau Marie und Ännchen bald nannte. Die zarte, bleiche Frau ließ es
-gern geschehen, daß er das Herdfeuer unterhielt, Wasser aus dem Bach
-herbeischleppte, den Backofen heizte und ihr noch allerlei Dienste
-tat, an die ihn der Großvater gewöhnt. Sie war sehr still und ernst;
-wenn sie ihm aber einmal übers lockige Haar strich und ihn einen
-braven Buben nannte, war’s reicher Lohn für alle Mühe. Setzte sie
-sich dann ans Spinnrad, so holte auch Friedel seine<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> Bücher herbei;
-denn er hatte dem Großvater, der vielleicht sein nahes Ende ahnte,
-heilig versprechen müssen, nichts zu vergessen, was er gelernt, und
-fleißig in der Bibel zu lesen. Dann legte auch Ännchen ihr steifes
-Holzpüppchen oder die kleinen Töpfe und Schüsselchen, mit denen sie
-gespielt, beiseite und buchstabierte mühsam mit Hilfe der Mutter in
-dem uralten, schmutzigen Gebetbüchlein, das auf dem Wandbrett lag.
-Es war so abgegriffen, daß man die Buchstaben kaum erkennen konnte,
-und Friedel behauptete keck, es sei ein schlechtes und dummes Buch,
-da gleich auf der ersten Seite das Ave-Maria stand, und man ja nur zu
-Gott und dem Heiland beten dürfe. Er meinte, in seinem Katechismus und
-Gesangbuch stünden viel bessere Sachen, die wolle er das Ännchen ganz
-so lehren, wie es ihn der Großvater gelehrt habe. Die Mutter ließ es
-gern geschehen, und alle die schönen Sprüche und Liederverse, die das
-kleine Mädchen mühsam buchstabieren und nach und nach auswendig lernen
-mußte, lernte sie mit und bewahrte sie in einem feinen und guten Herzen.</p>
-
-<p>„Du bist ein glückseliger Bub“, sprach sie oft zum Friedel, „daß du
-alles so früh gelernt hast. Und wenn dir dein Großvater ein Königreich
-hinterlassen hätt’, wär’s nur Staub gegen diese Schätze.“</p>
-
-<p>Mutter und Töchterlein lauschten gar andächtig, wenn der kleine
-Schulmeister aus der Bibel vorlas, in der er, dank des Großvaters
-Unterricht, schon recht gut Bescheid wußte. Ihm gefielen ja die
-Geschichten der Patriarchen und der streitbaren, herrlichen Könige des
-Alten Testaments am besten; Frau Maria aber wollte<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> nur immer von JEsu,
-dem Sünderheiland, hören, und Friedel sah verwundert zu ihr auf, wenn
-ihr beim Zuhören die hellen Tränen übers Gesicht liefen.</p>
-
-<p>Nun kam das Weihnachtsfest immer näher, das der Knabe sich gar nicht
-denken konnte ohne das liebliche Lied: „Vom Himmel hoch, da komm
-ich her.“ Wie hell hatte er’s mit dem Großvater im lieben Hüttlein
-gesungen! Nun lehrte er das Ännchen ganz heimlich einige Verse, so oft
-sie einmal kurze Zeit allein waren; ja, sie schlüpften sogar in den
-Stall, um sich im Singen zu üben. Wie würden sich die Eltern und Tobi
-darüber freuen! Indes wurde es kälter; mit der Arbeit im Freien war’s
-ganz vorbei, und oft war die ganze Familie von früh bis abends auf die
-Stube beschränkt. Das war eine schlimme Zeit für den Talmüller. In den
-langen Abenden und dunklen Nächten kam oft ein böser, finsterer Geist
-über ihn, so daß er stundenlang untätig am Herd sitzen konnte, den
-Kopf in die Hände gestützt, in trübe Gedanken versunken. Dann wagten
-die andern kaum ein Wort zu sprechen; man hörte nur das Schnurren der
-Spinnräder und das Klappern des kleinen Webstuhls, den Tobi in einem
-Winkel aufgeschlagen hatte. Wenn dann ein tiefer Seufzer nach dem
-andern sich der Brust des starken Mannes entrang, schlich wohl das
-Ännchen herbei, streichelte sein gebeugtes Haupt und sprach ihm leise
-zu. Manchmal half es; er zog es auf den Schoß, liebkoste es unter
-Tränen und war für den Rest des Abends freundlicher als je. Aber nicht
-selten blieb alles umsonst, und für den munteren Friedel war die<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span>
-trübe, ängstliche Stimmung schwer zu ertragen. Gern hätte er gewußt,
-was dem armen Mann fehle; da aber Ännchen nur den Kopf schüttelte und
-den Finger auf den Mund legte, wenn er danach fragte, blieb’s ihm ein
-Geheimnis.</p>
-
-<p>Ganz im stillen traf die Frau ihre kleinen Vorbereitungen auf das
-Christfest. Die Kinder halfen ihr im ganzen Hause Ordnung und
-Sauberkeit herstellen, und begrüßten mit Jubel die drei großen,
-dicken Kuchen, die aus dem Backofen gezogen und im oberen Kämmerlein
-verwahrt wurden. Tobi holte ein schlankes Tannenbäumchen aus dem Walde
-und überraschte die Kinder durch etliche Sterne und Ringlein von
-Lebkuchenteig, die er schon im Herbst vom Franzl am Stein mitgebracht,
-dazu auch bunte Lichtchen.</p>
-
-<p>Am Tage vor dem Christfest war’s zwar kalt draußen, aber schön und
-klar. Desto trübere Wolken lagen auf der Stirn des Talmüllers. Als er
-ohne ein Wort zu sprechen die Morgensuppe gegessen hatte, nahm er die
-Flinte von der Wand und sprach:</p>
-
-<p>„Ich geh’ jetzt und hol’ einen Festbraten.“</p>
-
-<p>„Laß es doch bleiben, Christoph“, bat die Frau. „Ich schlacht’ uns das
-fette gelbbraune Huhn; das gibt eine prächtige Suppe.“</p>
-
-<p>„Fort will ich!“ rief der Mann heftig. „Weit fort muß ich! Ich muß
-fühlen, daß ich frei bin!“ Damit war er schon zur Tür hinaus.</p>
-
-<p>„Laßt ihn gewähren, Frau“, bat Tobi; „er hat wohl wieder böse Träume
-gehabt. Vielleicht läuft er sich’s aus.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p>
-
-<p>Am frühen Nachmittag kam er wieder, ein Reh auf der Schulter, aber
-ach! noch mit demselben unsteten, finsteren Blick. Sogleich sah er
-das Bäumchen, das die Kinder indessen geschmückt, in der Ecke stehen.
-„Schafft das Ding hinaus! Ich mag kein Licht sehen!“ rief er, streckte
-sich vor dem Herd auf den Fußboden und schlief fest ein; leise schob
-ihm die Frau ein Kissen unter den Kopf. Es ward dunkel, und er schlief
-noch immer, dann und wann im Traum unverständliche Worte murmelnd.
-Still und traurig saßen die andern in der Ecke; es war ein trübseliger
-Christabend! Da das Feuer am Niedergehen war, schlich Friedel leise
-hin, um frisches Holz nachzulegen. Da schlug der Mann die Augen auf,
-noch ganz vom Traum befangen, und sein Blick fiel auf den Knaben.</p>
-
-<p>„Arnold“, sagte er leise, „bist du es? O, bist du nicht tot, mein
-Herzblatt, mein Liebling? Wie schön und groß bist du geworden!“</p>
-
-<p>„Ich bin ja der Friedel“, sprach der Knabe verwundert.</p>
-
-<p>Da löste sich der Bann des Traumes; wild fuhr der Mann empor, stieß das
-Kind von sich und rief:</p>
-
-<p>„Der Fremde wärmt sich an meinem Herd; der Eigene liegt fern im kalten
-Grund!“ Damit schlug er die Hände vors Gesicht und schluchzte zum
-Herzbrechen.</p>
-
-<p>Totenstill war’s in der Hütte; auch die Frau weinte. Tobi hatte Ännchen
-auf den Schoß genommen und flüsterte ihr leise Trost zu. Dem Friedel
-aber tat das Herz bitter weh. „Ach“, dachte er, „wenn mir der<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> Mann so
-feind ist, daß er mir das Herdfeuer nicht gönnt, wär’s wohl besser, ich
-feierte heut Christabend mit dem Großvater droben im Himmel!“</p>
-
-<p>Aber der heiße Tränenstrom hatte des Talmüllers Herz erleichtert.
-Allmählich ward er ruhig, erhob sich vom Boden, setzte sich auf die
-Bank, und sein Blick fiel auf die traurige Gruppe im Winkel.</p>
-
-<p>„Ihr armen Leut’“, sprach er mit weicher Stimme, „wie hab’ ich euch den
-Christabend verdorben! Ach, die Träume, die Träume! Komm her, Bub! Du
-bist brav; und ich bin dir gut! Setzt euch alle zu mir. Tobi soll ein
-Märlein erzählen, daß die trüben Gedanken weichen.“</p>
-
-<p>Sonst war Tobi stets dazu bereit; heute aber schien er selbst weich und
-wehmütig gestimmt, und es wollte nichts Rechtes werden. Da sprach die
-Mutter, sanft über des Mannes Haupt streichend:</p>
-
-<p>„Ich wüßt’ was Besseres heut zum Christabend. In Friedels Buch ist so
-schön erzählt, wie das JEsuskindlein geboren ward. Soll er’s nicht
-einmal vorlesen?“</p>
-
-<p>„Ist mir auch recht“, erwiderte Christoph. „Ein gutes Buch mag’s wohl
-sein, da ’s der Firmian verboten hat. Vielleicht liest der Bub besser
-als die Pfaffen; bei ihrem Gemurmel bin ich allweil eingeschlafen.“</p>
-
-<p>Aber jetzt schlief er nicht! Gar laut und deutlich und recht aus
-Herzensgrund las der Knabe die liebliche Geschichte, die er ja fast
-auswendig wußte; und als er die Engelsbotschaft sprach, strahlte sein
-Antlitz, als sei er selbst ein Himmelsbote.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p>
-
-<p>„Das war schön!“ sprach der Talmüller, tief aufatmend. „Da wird’s
-einem friedlich und hoffnungsvoll ums Herz. Nun holt nur euer Bäumchen
-und zündet’s an! Es mag das Licht bedeuten, das die armen Hirten
-umleuchtete, als der Engel kam.“</p>
-
-<p>Freudig gehorchten die Kinder; und als die zwölf Lichtchen brannten,
-traten sie vor den Vater und begannen ihr Lied zu singen, erst
-zaghaft, bald lauter und mutiger. Sechs Verse wußte Ännchen; dann sang
-Friedel allein mit immer heller werdender Stimme, glühenden Wangen und
-strahlenden Augen. Mit andächtig gefalteten Händen horchten die drei.
-Als er geendet hatte, blieb alles still; der Talmüller aber zog den
-Knaben an sich und küßte ihn. Von diesem Abend an hielt er ihn wie
-einen Sohn.</p>
-
-<p>Nun geschah es oft, daß Friedel am Abend sein Schnitzwerk oder andere
-Arbeit aus der Hand legen und vorlesen mußte. Der Talmüller hatte
-das Lesen, das er nie gelernt, bisher für eine unnütze Pfaffenkunst
-gehalten; jetzt bekam er Achtung davor und staunte den kleinen Jungen
-an, der so sicher fragte: „Was wollt ihr heute hören? Soll ich ein
-Wunder lesen, das der Heiland tat, ein Gleichnis, das er erzählte, oder
-eine Predigt, die er dem Volke hielt?“ Und dann fand er’s bald in dem
-großen, dicken Buch. Es war erstaunlich!</p>
-
-<p>Allerlei Gespräch knüpfte sich nicht selten an das Lesen. Einmal sagte
-der Talmüller:</p>
-
-<p>„Jetzt merk’ ich, wie uns die Priester betrogen haben. In diesem Buch,
-das Gott selbst den Menschen<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> gegeben, wie der Bub sagt, laufen alle
-kranken, betrübten, elenden Leut’ stracks zum HErrn JEsu, bitten um
-Hilfe und werden allezeit freundlich erhört. Hat er sie wohl jemals
-erst zum Petrus oder zum Johannes geschickt, damit die Fürsprach’
-täten? Ich denk’ nicht! So will ich mir ein Herz fassen und dreist zum
-HErrn Christus selber beten. Er kann kein schrecklicher Richter sein,
-wie uns gelehrt ward.“</p>
-
-<p>„Ich tu’ es schon längst“, sprach die Frau leise. „Als ich einstmals
-am Verzweifeln war, du weißt schon wann, Christoph, da riet mir’s ein
-altes Weiblein, dem ich sonst wohl Almosen gegeben. Kein Heiliger hat
-dazumal mein zerbrochenes Herz geheilt, aber der HErr JEsus hat’s
-getan.“</p>
-
-<p>Dennoch gefiel dem seltsamen Manne nicht alles, was der Knabe las;
-manches dünkte ihm zu hart und schwer. Bei den Worten des HErrn:
-„Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch
-hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“, fuhr er
-aufgeregt empor und rief: „Das kann kein Mensch; das ist zu schwer! Wer
-mir Böses tut und mir mein ganzes Glück zerstört, den darf ich hassen,
-ja, ich haß ihn bis zum Tode.“ Wie er so dastand, die Augen blitzend,
-den Arm erhoben, die Faust geballt, sah er furchtbar aus.</p>
-
-<p>Dennoch faßte sich Friedel ein Herz und sagte schüchtern: „Mein
-Großvater konnte es aber doch! Er hat all’ Abend für den Firmian
-gebetet, und mich hat er’s auch gelehrt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p>
-
-<p>Da sah ihn der Mann mit seltsam scheuem Blick an, hieß ihn das Buch
-zumachen, und alle saßen still und gedrückt bis zur Schlafenszeit. Beim
-Gebet aber sprach Christoph seine bösen Worte nach der fünften Bitte
-wieder einmal ganz laut und deutlich, so daß die Frau sich weinend
-abwandte.</p>
-
-<p>Als der Winter sich zu Ende neigte, kamen sie zur Leidensgeschichte
-des HErrn JEsu. Da ruhten oft die fleißigen Hände der Zuhörer und
-falteten sich in ernster Andacht; Klein-Ännchen aber weinte bittere
-Mitleidstränen, daß man den guten Heiland so übel behandelt. Nun hing
-er am Kreuz, ward noch verhöhnt und gelästert in seinem bitteren
-Leiden. Horch, da spricht er noch einmal: „Vater, vergib ihnen; denn
-sie wissen nicht, was sie tun.“</p>
-
-<p>Da unterbrach der Talmüller den Knaben: „Lies heute nicht weiter; ich
-hab’ genug zu denken!“ Aber als sie bald darauf das Vaterunser beteten,
-hielt er inne und sprach feierlich: „Und auch dem Firmian; ja, lieber
-barmherziger Gott, auch dem Firmian!“</p>
-
-<p>Als sie ausgebetet hatten, sah Friedel zum erstenmal, wie die Frau die
-Arme um des Mannes Hals schlang und ihn unter Freudentränen küßte. Von
-diesem Tage an blieben zwar die finsteren Stimmungen nicht ganz aus,
-kamen aber viel seltener und hielten nicht mehr so lange an.</p>
-
-<p>So hatten alle in den dunklen Winterabenden viel gelernt, und der
-Talmüller wohl am meisten. Dennoch freute sich ein jeder, als der
-Schnee schmolz, der oft zugefrorene Bach wieder klare, schäumende<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span>
-Wellen schlug, der warme Sonnenschein bald Gras und Blümlein
-hervorlockte und im frisch grünenden Walde Vogelstimmen laut wurden.
-Nun gestaltete sich das Leben der Einsamen freier und fröhlicher. Tobi
-zog wieder aus, um das Korn abzuholen, das seine Kunden vom vorigen
-Jahre noch aufbewahrt hatten. Woher er’s holte, blieb für Friedel ein
-Geheimnis, und er hatte längst das neugierige Fragen verlernt. Lustig
-klapperte die Mühle; Webstuhl und Spinnräder ruhten, und die Mutter
-schaffte emsig im Krautgarten, der nicht weit vom Hause angelegt war.
-Die Kinder halfen nach Kräften und hatten ihre Lust an den jungen
-Hühnern und Tauben, an den Zicklein, die so munter umhersprangen,
-und den zwei schneeweißen Kaninchen, die Tobi von einem seiner Gänge
-mitbrachte. Ihre besten Tage waren, wenn die Mutter am Morgen sprach:
-„Heute könnt ihr das Vieh in den Wald treiben und hüten bis gegen
-Abend.“</p>
-
-<div class="figcenter illowe43" id="illu_050">
- <img class="w100" src="images/illu_050.jpg" alt="Friedel und Ännchen auf der
- Waldwiese." />
-</div>
-
-<p>Da zogen sie singend aus, reichlich versorgt mit Brot und Käse und
-einem Becherlein, das sie so oft voll süße Milch melken durften, als
-sie nur wollten. Köstliche Stunden verlebten sie da im Grase liegend,
-zum blauen Himmel aufschauend, der so wunderbar durch die Baumkronen
-schimmerte, und dem Gesang der Vöglein lauschend, die hier ganz
-ungestört ihre Nester bauten. Gern suchten sie den Platz auf, wo der
-Großvater schlief. Es war eine liebliche Waldwiese, von dunklen Tannen
-und lichtgrünen Birken eingerahmt. Unzählige Blümlein sproßten weiß,
-rot, goldgelb und blau zwischen dem frischen Gras hervor, und<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> am Rande
-unter den Bäumen reiften bald süße Erdbeeren in Fülle. Am Grabe des
-Großvaters saßen die Kinder, wanden Kränze, um es zu schmücken, und
-dachten nimmer an die Bitterkeit des Todes, sondern an den lichten
-Himmelssaal, wo der liebe Alte nun ausruhte von der Last des Lebens.
-Gar gern erzählte Friedel dem kleinen Mädchen von dem friedlichen
-Leben in der Heimat, aber auch von der Stadt, von der<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Kirche, vom
-Paten Rudi, seiner schönen Stube und dem wunderbaren Bilderbuch.
-Ännchen hörte mit großen Augen zu, denn alles war ihr neu und fremd.
-Sie war nun schon acht Jahre alt, kannte aber nichts von der Welt
-als die Talmühle. Ganz dunkel besann sie sich darauf, einmal auf der
-Wanderschaft gewesen zu sein mit Tobi und den Eltern. Aber es war schon
-lange her und die Erinnerung sehr unklar.</p>
-
-<p>Manchmal zogen die kleinen Hirten auch weiter, sogar bis zur steilen
-Felswand am See; doch nur selten, denn dort mußten die Tiere angebunden
-werden, damit sie nicht etwa, nach einem Gräslein haschend, in die
-Tiefe stürzten. Friedel ging gern hin; es war der einzige Ort, wo er
-etwas von der Außenwelt sah, wenn’s auch nicht viel war. Der See war
-nicht groß, und das andere Ufer viel niedriger, nicht bewaldet, sondern
-öde und steinig. Aber ganz in der Ferne sah man grüne Bäume, und
-zwischen ihnen erkannte Friedels scharfes Auge ein Häuschen, aus dessen
-Schornstein Rauch emporstieg. Wer mochte wohl dort so einsam wohnen? Da
-saß er und träumte von der Zeit, wo er hinausziehen würde in die Welt,
-herrliche Dinge schauen und endlich ins Preußenland kommen würde zu
-seinen Glaubensgenossen. Aber Ännchen durfte nichts davon merken, sonst
-fing es an zu weinen und sagte, er dürfe niemals fort; es habe ihn ja
-so lieb.</p>
-
-<p>Doch hatten die Kinder nicht allzuviel Zeit zum Träumen; sie mußten
-immer etwas mit heimbringen, was der Wald bot: allerlei Beeren je nach
-der Jahreszeit, Pilze, würzige Arzneikräuter, die Tobi sie kennen<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span>
-lehrte, Haselnüsse und endlich ganze Säcke voll Tannenzapfen, die das
-Herdfeuer so lustig und helleuchtend machten. Reichbeladen kamen sie
-dann singend heimgezogen, denn Ännchen lernte erstaunlich schnell alle
-Lieder, die Friedel wußte. Seltsam war’s, daß sie nie jemandem im
-Walde begegneten. Auf den Wald- und Bergfahrten, die der Knabe früher
-mit dem Großvater gemacht, war’s ja auch sehr einsam gewesen, aber
-doch hatten sie zuweilen einen Holzfäller angetroffen, einen Jäger
-oder ein Weiblein, das Beeren suchte. Ja, es war etwas Märchenhaftes
-um die Talmühle; man spürte es im Sommer mehr als zur Winterszeit!
-Wenn die Kinder daheim blieben, um der Mutter im Garten zu helfen
-oder das Heu auf der Wiese zu wenden, kam es mehr als einmal vor, daß
-Wolf, der große Hund, der sich nie weit vom Hause entfernte, unruhig
-ward, die Ohren spitzte und endlich mit wütendem Gebell fortstürzte,
-meist nach der Schlucht zu, wo Friedel einst so angstvoll hergekommen
-war. Dann war der Talmüller im Nu bei der Hand, mochte er sein, wo er
-wollte, warf sich das Bärenfell oder ein weißes Laken um und folgte
-dem Hunde, seltsame, schauerliche Töne ausstoßend. War er aber auf
-die Jagd gegangen, was im Sommer nur selten geschah, so erschien Tobi
-mehlbestäubt und eilte in wunderlichen Sprüngen dem Hunde nach. Bald
-kamen sie ganz ruhig zurück, als sei nichts geschehen; das feine Ohr
-des Knaben hatte aber mehr als einmal einen Schreckensruf im dichten
-Gebüsch vernommen und das Knacken von Ästen und Zweigen, als ob jemand<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span>
-schnell und blindlings die Flucht ergriffe. Fragte er, was geschehen
-sei, bekam er von Tobi nur neckische Antworten. Der Talmüller aber
-machte ein finsteres Gesicht und hieß ihn schweigen.</p>
-
-<p class="center">* <span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Vier Winter und drei Sommer waren vergangen. Friedel war kräftig
-emporgewachsen und ein schöner, stattlicher Knabe geworden. Das
-Leben in der Talmühle war dasselbe geblieben; aber die Kinder hatten
-sich allmählich verändert. Noch hingen sie aneinander mit herzlicher
-Liebe; ja, Friedel hätte jederzeit sein Leben für das zarte, holdselig
-aufblühende Mädchen gewagt. Aber das stete Beisammensein wollte nicht
-mehr recht passen.</p>
-
-<p>Ännchen hing mehr und mehr an der Mutter, lernte von ihr die einfache
-Mahlzeit kochen, einen immer feineren Faden spinnen und aus dem derben
-Wollzeug, das Tobi webte, ihr eigen Röcklein nähen. Lesen konnte sie
-nun ebensogut wie Friedel; sie wechselten miteinander ab beim Vorlesen
-am Abendfeuer. Im letzten Winter hatte der Knabe den Männern wacker
-geholfen beim Holzfällen und allerlei Arbeit in Stall und Scheune. Als
-aber der Frühling wieder ins Land zog, ward er still und matt, sah
-bleich aus und lag gern einsam unter einem Baum, zum Himmel aufschauend.</p>
-
-<p>Einst hatte ihn der Talmüller schon zweimal gerufen, ohne daß er hörte;
-da trat er zu ihm und fand ihn bitterlich weinend.</p>
-
-<p>„Was fehlt dir, Bub?“ fragte er erschrocken.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p>
-
-<p>Erst wollte er lange nicht antworten, endlich aber brach er schluchzend
-in die Worte aus: „Hinaus muß ich; hinaus aus dem engen Tal! Unter
-Menschen, ins Leben will ich; ich muß sonst sterben!“</p>
-
-<p>„Was ist denn so plötzlich über dich gekommen?“ fragte der Mann.</p>
-
-<p>„Nicht plötzlich! In mancher Winternacht hab’ ich geweint, wenn Tobi
-fest schlief. Ich hab’ euch alle lieb, und solang ich ein Kind war,
-ging alles gut. Aber ich kann nicht mehr mit dem Ännchen hinausziehen,
-das wenige Vieh zu hüten! Ich muß was Besseres zu tun haben, als Blumen
-und Beeren suchen! Ich möcht’ ein Mann werden und was Rechtes taugen in
-der Welt!“</p>
-
-<p>„Weißt du nicht, daß du noch immer zu jung bist, allein in die Welt zu
-ziehen?“</p>
-
-<p>„Ich weiß es wohl; aber ich weiß auch, daß Tobi hinausgeht unter
-Menschen. O, laßt mich mit ihm! Mir wird so bang in dem engen Tal, als
-solle mein Herz zerspringen!“</p>
-
-<p>Der Talmüller schwieg lange; dann begann er: „Es mußte so kommen; ein
-frischer Bub wie du sehnt sich hinaus. Später wirst du dich vielleicht
-oft zurücksehnen in diese tiefe Einsamkeit. Ganz fort darf ich dich
-noch nicht lassen; du weißt nicht, wie hart das Leben ist. Aber du
-sollst etwas lernen; ich will dich in die Mühle nehmen, daß du in
-etlichen Jahren als Mühlknappe ausziehen kannst. Auch Menschen sollst
-du sehen, aber nur, wenn du schweigen gelernt hast. Sag’, willst du zu
-niemand sprechen von dem, was du<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> hier erlebt? Willst du besonders den
-Pfad, der aus dieser Einsamkeit führt, keinem verraten?“</p>
-
-<p>Nach kurzem Besinnen erwiderte Friedel: „Als ich noch ganz klein war
-und kaum übern Tisch gucken konnte, lehrte mich der Großvater schon
-viele Sprüchlein. Und eben diese vergaß ich nie! Eins davon heißt: ‚Ein
-Verleumder verrät, was er heimlich weiß; wer aber getreuen Herzens ist,
-verbirgt dasselbige.‘“</p>
-
-<p>„Ich vertraue dir!“ sprach der Talmüller. „Wenn der Tobi wieder
-auszieht, ziehst du mit.“</p>
-
-<p>O wie klopfte Friedels Herz vor Freude, endlich einmal wieder hinaus zu
-kommen aus diesem stillen, märchenhaften Tale!</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Wies_dem_Talmueller_ergangen_war">4. Wie’s dem Talmüller ergangen war.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Nicht lange nach diesem Gespräch führte Friedel eines Morgens das
-Eselein aus dem Stalle. Ganz sauber hatte er sein graues Fell
-gebürstet und das Zaumzeug schön geputzt. Es war noch viel zu zeitig
-zum Ausziehen. Frau Marie kochte eben erst die Morgensuppe, und der
-Talmüller schlief noch fest. Aber Ännchen stand schon bei dem Knaben
-und zupfte ihm den nagelneuen Kittel zurecht, den sie selbst hatte
-nähen helfen.</p>
-
-<p>„Ich bring’ dir auch was mit aus der Welt draußen“, versprach Friedel.
-„O wie mein Herz klopft! Was werd’ ich sehen? Wohin wird der Weg
-führen?“</p>
-
-<p>Die Mutter rief zum Essen; doch nahm Friedel nur ein paar Löffel von
-der guten Suppe und steckte das<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> Brot in die Tasche. Nun waren sie
-bereit; Tobi freute sich, den Knaben, den er sehr liebte, zum Gefährten
-zu haben, aber Christoph war nicht zu sehen. Als die beiden, den Esel
-vor sich hertreibend, über den Steg gingen und Ännchen ihnen noch ein
-Lebewohl nachrief, guckte der Mann verstohlen zur Dachlucke heraus.</p>
-
-<p>„Da zieht er hin, der treue, liebe Junge, der mir Frieden und Hoffnung
-gebracht hat durch das herrliche, göttliche Buch!“ sprach er zu sich
-selbst. „Und in wenig Jahren muß ich ihn ganz fortlassen. O Gott, laß
-ihn dann nur nicht allzuviel Jammer erleben! Ja, auch mich zieht’s
-manches Mal hinaus. Wohl möcht’ ich wieder unter Menschen leben. War
-ich doch der frischeste, fröhlichste Bursch im ganzen Dorf! Aber nein,
-’s geht nimmer! Das Herz ist allzu tief verwundet; es kann nimmer,
-nimmer ganz genesen. Ich hab’ mein Weib und mein Kind, das ist mir
-genug!“</p>
-
-<p>Rüstig schritten die beiden Wanderer vorwärts. Der kaum sichtbare Pfad
-führte zuerst durch dichten Wald; oft mußten sie sich bücken unter den
-tief herabhängenden Ästen, oft dem Esel vorausgehen, damit er sich
-nicht im Gestrüpp verwirre. Eine Stunde waren sie so gewandert, da ward
-der Wald lichter; der Weg führte ziemlich steil bergauf, und plötzlich
-standen sie vor einer hohen zerklüfteten Felswand.</p>
-
-<p>Fragend blickte Friedel seinen Begleiter an. „Meinst, die Welt sei hier
-alle?“ lachte dieser. „Komm nur mit; wirst dein Wunder schauen!“</p>
-
-<p>Dicht an dem Felsen gingen sie hin; an der andern Seite niedriges
-Nadelholz. Jetzt aber ergriff Tobi das<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Eselein am Zaum und führte
-es vorsichtig an der Felswand empor, die hier weniger steil war und
-einen tiefen Einschnitt hatte. Darüber aber wölbte sich das Gestein
-wie ein Dom. Gewand kletterte Friedel nach, erschrak aber nicht wenig,
-als sein Begleiter mit dem Tier plötzlich verschwunden war. Da hörte
-er ihn lachen, und siehe, er stand in einem breiten Spalt zwischen
-zwei Felsblöcken, der in einen dunklen Gang führte. Bald aber fiel
-von oben ein wenig Licht hinein. Manchmal war eben nur Raum genug für
-die Wanderer, dann öffneten sich wieder weite Höhlen und Hallen, vom
-Felsen gebildet. Dem Knaben war’s feierlich und ein wenig ängstlich
-zumute. Jetzt ward der Gang wieder sehr schmal. Tobi sagte, er sei
-eben noch breit genug, um den Esel, wenn er mit Säcken beladen sei,
-durchzulassen. Aber horch! Tönten da nicht Menschenstimmen? Bellte
-nicht ein Hund? O Wunder! Hörte man nicht deutlich das Jauchzen
-spielender Kinder? Jetzt bogen sie um eine scharfe Ecke; es ward
-heller und heller, und jetzt traten sie hinaus und erblickten ein
-Bild fröhlichen Lebens, wie es der Knabe seit Jahren nicht gesehen.
-Sie standen auf einem großen, weiten Bauernhof, der teils durch
-den Felsen, teils durch ein niedriges, aber sauberes Wohnhaus mit
-eingebauten Stallungen, teils durch eine hohe Steinmauer mit weitem
-Eingangstor begrenzt war. Lustig plätscherte der Brunnen in der Mitte.
-Der Hofhahn krähte auf dem hohen Düngerhaufen, Hühner und Gänse
-tummelten sich ringsumher, und eine Schar rotwangiger, blondhaariger
-Kinder tanzte singend im<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Kreise. Friedel jauchzte laut auf bei diesem
-Anblick. Endlich, endlich sah er wieder Menschen, über denen kein
-geheimnisvoller Schleier hing.</p>
-
-<p>Jetzt gewahrten die Kinder die Wanderer am Felsentor. „Der Tobi ist
-da, der Tobi!“ jubelten sie herbeieilend, wichen aber beim Anblick des
-fremden Knaben scheu zurück.</p>
-
-<p>„Ruft den Großvater“, gebot Tobi; und die ganze Herde stürmte ins Haus,
-aus dem gleich darauf ein stattlicher alter Mann mit großen, klaren
-Augen, langem, weißem Bart und Haar und ehrwürdigem Aussehen hervortrat.</p>
-
-<p>So war der Erzvater Abraham in des Paten Bilderbuch abgemalt gewesen;
-es war der Franzl am Stein. Die Kinderchen hingen sich an seine Hände
-und an die Falten seines langen, weiten Kittels. Freundlich begrüßte er
-Tobi, reichte auch Friedel die Hand und sprach:</p>
-
-<p>„Du bist mir kein Fremder, mein Sohn; Tobi hat Gutes von dir erzählt,
-darum sei mir willkommen! Wilhelm, nimm den Gast unter deine Hut bis
-zur Mittagsmahlzeit!“</p>
-
-<p>Der Älteste der Kinderschar, ein frischer, etwa zehnjähriger Junge,
-nahm Friedel in Beschlag, scheuchte die kleinere Gesellschaft fort und
-fragte: „Willst du meinen Fuchs sehen? Oder wollen wir schießen?“</p>
-
-<p>Der Gast entschied sich für das letztere und ward zu einer hölzernen
-Scheibe geführt, die am Felsen befestigt war. Aber o, wie schämte sich
-Friedel, als der Kleine mit dem scharfen Bolzen seiner Armbrust fast<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>
-immer ins Schwarze traf, während es ihm auch nicht ein einziges Mal
-gelang!</p>
-
-<p>„Du gehst wohl nimmer auf die Jagd? Ich mein’ auf das kleine Wild, das
-man schießen darf?“ fragte Wilhelm.</p>
-
-<p>Traurig schüttelte Friedel den Kopf.</p>
-
-<p>„Dann will ich dir lieber was zeigen! Ich weiß, du wohnst tief im Wald.
-Möchtest du wohl einmal weit hinaus in die Welt blicken?“</p>
-
-<p>„O ja, so gern!“</p>
-
-<p>„So komm; aber hüte dich, daß du nicht fällst!“</p>
-
-<p>In einer Ecke des Hofes waren in die steile Felswand rohe Stufen
-eingeschlagen, eben groß genug, den Fuß hineinzusetzen. Wie ein
-Kätzchen kletterte der Kleine voran; vorsichtiger folgte Friedel, und
-sie erreichten bald einen breiten Vorsprung, von dem sich dem Auge eine
-herrliche Aussicht bot. Ein weites, ungemein fruchtbares Tal breitete
-sich vor Friedels entzückten Blicken aus. Grünende Wiesen, blühende
-Obstbäume, sprossende Saatfelder wechselten lieblich miteinander ab;
-ein silberhelles Flüßchen schlug muntere Wellen, und eine große Anzahl
-niederer Hütten mit gelben Strohdächern belebte die Landschaft. Am
-Ausgang des Tales aber erhob sich auf luftiger Höhe ein Schlößlein
-mit zierlichen Türmen und vielen Nebengebäuden. Hier und da erkannte
-Friedel zu seiner großen Freude auch Menschen, nach denen er sich ja so
-sehr sehnte. Dort pflügte ein fleißiger Ackersmann; ein anderer streute
-Samen aus. An jener Anhöhe weidete ein alter Mann eine Schafherde;
-dort trieben<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> zwei barfüßige Kinder junge Gänschen und Enten in den
-Fluß, und wateten selbst hochgeschürzt in die klaren Wellen, einander
-neckend und bespritzend. Und da, weit hinten, ragte ja ein kleiner,
-altersgrauer Kirchturm zwischen hohen Bäumen hervor.</p>
-
-<p>Ganz verwundert horchte der Kleine auf die freudigen Ausrufe seines
-Gastes, der sich, von der Wanderung ermüdet, auf der Felsplatte
-niedergesetzt hatte. Ihm war ja dieser Anblick friedlichen Lebens etwas
-Alltägliches.</p>
-
-<p>„Deines Großvaters Haus ist das größte und schönste im ganzen Tal“,
-sagte Friedel endlich.</p>
-
-<p>„Gewiß!“ erwiderte Wilhelm. „Er ist eben der einzige freie Bauer; die
-andern sind nur Hüttenleute, die dem Edelmann Pachtgeld zahlen und
-viel Frondienste tun müssen. Haben oft kaum Zeit, ihr bißchen Feld zu
-bestellen.“</p>
-
-<p>„Wohnt der Edelmann dort oben im Schlößli?“</p>
-
-<p>„Nein; gottlob nicht! Er wohnt weit weg an eines Fürsten Hof. Auf dem
-Schlößli sitzt nur sein Haushalter, ein braver Mann, der die armen
-Hüttenleut’ nicht allzusehr schindet.“</p>
-
-<p>„Mein Großvater war auch ein freier Bauer“, berichtete Friedel, „aber
-der Erzbischof hat ihm doch alles genommen.“</p>
-
-<p>„Ja, die Pfaffen, die saugen die Welt aus“, sprach Wilhelm altklug.
-„Der da hinten beim Kirchli sitzt, ist freilich nicht so schlimm. Er
-ißt und trinkt, und läßt die Leut’ treiben, was sie wollen. So sagt
-Großvater“, fügte er erklärend hinzu. „Aber horch,<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> die Mittagsglocken!
-Komm hurtig; ’s gibt ein paar fette Hühner und gewiß Eierkuchen
-hinterdrein, weil ihr Gäst’ seid.“</p>
-
-<p>Es war eine stattliche Tischgesellschaft, die sich in dem zwar
-niedrigen, aber weiten Gemach um die blanke eichene Tafel sammelte.
-Obenan saß der Franzl, ihm zur Seite zwei Söhne, stattliche Männer,
-Tobi und Friedel bekamen ihren Platz neben ihnen. Dann folgten drei
-junge Burschen; um das untere Ende scharten sich Frauen und Kinder.
-Fremdes Gesinde sah man nicht; der Franzl wirtschaftete mit Kindern
-und Enkeln allein. Die Speisen, die in großen Schüsseln und mächtigen
-Pfannen aufgetragen wurden, waren besser als alles, was Friedel
-bisher gekostet. Und als zum Nachtisch ein großer irdener Krug roten
-Weines erschien, trank Franzl aus seinem silbernen Becher; auch die
-Gäste mußten ihm in solchen Bescheid tun. Die Frauen und Mägdlein
-trugen silberne Ohrringe und Halsketten; alles zeugte von behaglichem
-Wohlstand. Als das Dankgebet gesprochen war, sagte Franzl:</p>
-
-<p>„Die armen Hüttenleut’ haben noch manchen Sack Korn liegen von der
-guten Ernte im letzten Jahr. Wenn du heute Zeit hättest, Tobi, könntest
-du dir’s zusammentragen und nach und nach hier abholen. Ich borg’ dir
-noch einen Esel, den kann der Bub wohl führen.“</p>
-
-<p>„Hab’s auch schon gedacht“, erwiderte Tobi. „Dem Friedel gelüstet’s,
-die Welt zu schauen; da sieht er heute doch ein Stücklein!“</p>
-
-<p>„Freilich ein armseliges!“ setzte Franzl hinzu.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p>
-
-<p>Nach kurzer Mittagsrast zogen die beiden aus, zwei Esel vor
-sich hertreibend, die sie nach ein paar Stunden schwer beladen
-zurückbrachten, und taten noch einmal so, ehe der Abend hereinbrach.</p>
-
-<p>Todmüde sank Friedel in das dicke, weiche Federbett, das er mit Wilhelm
-teilte; aber sein Herz war leicht und froh. Er war nicht gefangen in
-der engen Talmühle; es gab noch Leben, es gab noch eine Welt für ihn!</p>
-
-<p>Am andern Morgen zogen sie noch einmal aus, um vom äußersten Ende des
-Tales eine Ladung Kornsäcke zu holen. Auf sanfter Anhöhe ruhten sie
-unter blühenden Bäumen ein wenig aus. Da begann Tobi:</p>
-
-<p>„Da du nun doch weißt, daß über des Talmüllers Leben ein Geheimnis
-waltet, sollst du heute erfahren, wie es ihm ergangen ist. Daß du treu
-bist und schweigen kannst, hast du genug bewiesen.“</p>
-
-<p>„Ist dir erlaubt, mir’s zu berichten?“ fragte Friedel. „Nimmer begehr’
-ich zu hören, was geheim bleiben soll!“</p>
-
-<p>„Das ist brav! Aber der Talmüller hat mir selbst aufgetragen, dir heute
-zu erzählen, wie’s ihm ergangen ist.</p>
-
-<p>Er heißt eigentlich Christoph Hügli. Weit unten im Salzburger Land,
-nahe der Tiroler Grenze, lag sein hübsches Bauerngütlein mit einer
-stattlichen Mühle. Freilich gehörte das Land dem Erzbischof, aber seit
-langen, langen Jahren hatten’s Christophs Vorfahren zum Lehen gehabt.
-Obwohl der Christoph ein wilder Bursch war, hatten ihn alle gern, denn
-er war dabei treuherzig, ohne Falsch und allezeit mildtätig gegen die
-Armen.<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Seit er die Marie geheiratet hatte, ein verlassenes Waislein,
-aber fromm und schön, ward er auch gesetzter, und sie lebten zusammen
-in Liebe und Frieden wie die Engel im Himmel. Ein prächtig Büblein
-hatte ihnen Gott geschenkt; sie nannten’s Arnold, und es war des Vaters
-Augapfel. Nahebei auf einer Höhe hatte der Firmian ein Lustschlößlein,
-wo er zuweilen Hof hielt mit allerlei Gästen. Da trieben sie mancherlei
-Kurzweil und lagen auch fleißig der Jagd ob, denn in den schönen
-Waldungen gibt’s edles Wild in Fülle. Des Talmüllers Felder lagen
-aber just am Waldesrand, und da konnt’s nicht fehlen, daß oft die
-ganze glänzende Jagdgesellschaft mit Hallo und Hussa durch sein
-Korn und Weizen galoppierte, einem fliehenden Wild nach. Wenn er
-dann händeringend dabeistand, haben sie ihn noch verhöhnt. Auch kam
-das Wild nicht selten des Nachts aus dem Walde, um sich am Getreide
-sattzufressen und alles zu verwüsten. Wegschießen aber durfte man keins
-bei schwerer Strafe. Das war eine rechte Qual für Christophs heftiges
-Gemüt; besonders weil er gar zu gern selbst gejagt hätte und ein so
-guter Schütze war, daß er beim Scheibenschießen stets ins Schwarze
-traf und manch schönen Gewinn einsackte. Doch hat er sich lange tapfer
-bezwungen; auch sein Weib hat ihn immer zur Geduld ermahnt.</p>
-
-<div class="figcenter illowe45" id="illu_064">
- <img class="w100" src="images/illu_064.jpg" alt="Christoph schießt
- einen Hirsch." />
-</div>
-
-<p>Einmal aber war Lust und Not zugleich ins Haus gekommen. Der herzige
-kleine Bub, nun schon vierjährig, lag schwer krank an den Pocken;
-Marie aber hatte am Abend ein Mägdlein geboren und war recht<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> matt
-und schwach. Die untreue Magd war aus Angst vor der Krankheit
-davongelaufen, und der arme Mann wußte nicht, wem er zuerst helfen
-sollte, dem jammernden Büblein, der schwachen Frau oder dem schreienden
-Neugeborenen. Da stürzt beim Morgengrauen der Hütebub in die Kammer
-und schreit: ‚Meister, das Wild ist im Weizen! Ein ganz Rudel!‘ Da
-übermannte ihn der Zorn. Ohne auf den Ruf der Frau zu achten, reißt
-er den Stutzen (kurze Flinte) von der Wand und ist im Nu draußen. Der
-Schuß kracht, und ein prachtvoller Edelhirsch stürzt, gerade zwischen<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span>
-die Augen getroffen, und verendet alsbald. Zu Tode erschrocken sieht’s
-der Bub und der Knecht. ‚Fliehet, fliehet, Meister; ’s gilt Euer
-Leben!‘ schreien sie. Aber der Christoph spricht: ‚Nimmer flieh’ ich
-und laß mein Weib und Kind der Rache des Tyrannen.‘ Da machten sie in
-rasender Eile eine tiefe Grube, zerrten den Hirsch hinein, schlossen
-sie und häuften Steingeröll darauf. Aber o weh! Es mochte wohl irgendwo
-an einer Waldecke oder hinter einer Mauer ein Lauscher und Verräter
-gestanden haben, denn ein ehrlicher Mann ist selten ohne Feind in
-dieser bösen Zeit. Es hat nicht lang gedauert, da kamen des Erzbischofs
-Häscher und schleppten den wackeren Mann vor die Augen des harten
-Herrn. Er leugnet nichts, bittet und fleht um Gnade und verspricht,
-all sein beweglich Gut hinzugeben; man solle ihn nur bei Weib und Kind
-lassen. Da lacht der Stolze höhnisch und spricht: ‚Dein Hab und Gut,
-elender Knecht? Das ist ohnedies verwirkt! Morgen schon übernimmt ein
-anderer dein Lehen. Du aber sprich dein Gebet; in einer Stunde hängst
-du am Galgen.‘ Der Jammer und die stumme Verzweiflung auf des schönen,
-kräftigen Mannes Antlitz gingen aber einer vornehmen Dame in des
-Bischofs Gefolge zu Herzen. Er hatte ihr jüngst versprochen, daß er
-ihr nie eine Bitte abschlagen wolle. So bat sie jetzt um das Leben des
-Armen, und nach einigem Besinnen gewährte er’s ihm. Dann aber redete
-er heimlich einige Worte zu einem Diener, der sich alsbald entfernte.
-Als nun Christoph sich kniend bedankt und dem tückischen Manne Gottes
-Lohn gewünscht hat, verläßt<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> er das Gemach und will heimeilen. Siehe,
-da packen ihn draußen ein paar bewaffnete Knechte, schleppen ihn in
-den Hof, peitschen und martern ihn so grausam, daß er fast den Geist
-aufgibt, legen ihm schwere Fesseln an und werfen ihn, mit Wunden
-bedeckt, in einen feuchten, finstern Kerker.“&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Überwältigt von Mitleid schwieg Tobi eine Weile und barg das Gesicht in
-die Hände. Friedel aber ballte die Faust in ohnmächtigem Zorn und rief:</p>
-
-<p>„O der böse, böse Mann! Und nur wegen eines Hirsches!“</p>
-
-<div class="figcenter illowe32" id="illu_067">
- <img class="w100" src="images/illu_067.jpg" alt="Christoph ist wieder frei." />
-</div>
-
-<p>Bald fuhr der Kleine fort: „Gott hatte ihm einen riesenstarken Leib
-gegeben, sonst wär’ er gewiß bald gestorben, wohl weniger vor Frost
-und Hunger als vor bitterem, herznagendem Leid. So aber lag er vier
-lange Jahre in dem garstigen Loch gefangen; dann erschien er plötzlich,
-ganz abgezehrt, bleich und in Lumpen gehüllt, im Dorfe. Wer ihn sah,
-schrie auf vor Schrecken und meinte, es sei ein Gespenst. Aber er war
-es selbst; man hatte ihn frei gelassen. Der Kammerdiener des Bischofs
-erzählte, sein Herr habe wohl einen sehr bösen Traum gehabt. Er habe
-immer im Schlaf aufgeschrien: ‚Der Hirsch! Der Hirsch kommt aus der
-Grube! Er will mich zertreten, er will mich aufspießen!‘ Sein Gewissen
-mag ihn wohl gezwackt haben. Aber zugleich hieß es, niemand dürfe den
-Christoph herbergen; er solle alsbald fortwandern aus dem Salzburger
-Land. ‚Fort, fort!‘ stöhnte der arme, elende Mann selber. ‚Nur fort
-von diesem Ort des Jammers!‘ Als er aber sein Weib, das barmherzige<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span>
-Leute ins Haus genommen hatten, wieder ans Herz drückte, und das
-Ännchen ihm die Wangen streichelte, weinte er helle Freudentränen.
-Aber ach, sein Büblein, den herzigen Arnold, suchte er vergebens!
-Als man damals das arme Weib mit den Kindern ohne alles Erbarmen von
-Haus und Hof trieb, trug der Hütejunge das Knäblein, das ja schwer
-krank war. Da hörte es, wie die Dorfleute, die in Angst und Schrecken
-zusammenstanden, einander erzählten, was man seinem lieben Vater getan.
-Da schrie es laut auf, fiel alsbald in Krämpfe, und ehe die Sonne sank,
-war das kleine, liebreiche Herz gebrochen.</p>
-
-<p>Als man das dem Christoph erzählte, hob er die Hand gen Himmel und
-rief: ‚Alles, alles will ich dem Firmian vergeben; aber meines Arnolds
-Tod vergeb’ ich ihm nie!‘ Und er sprach schreckliche Worte des Fluches
-über das Haupt des Unbarmherzigen.</p>
-
-<p>Herbergen durfte ihn keiner; aber das konnte niemand wehren, daß man
-ihm ordentliche Kleider gab, allerlei Gewand und Decken für Weib und
-Kind, auch manch silbernen Zehrpfennig und gute Reisekost. Als er nun
-fürder ziehen wollte, kam der Hütebub gelaufen, in des Armen damals das
-Arnoldlein gestorben war. Es war kein schöner Bursch aus ihm geworden,
-klein, verwachsen und häßlich. Der sprach zum Christoph: ‚Meister, Ihr
-habt mich aufgenommen, als ich ein verlassen Bettelbüblein war. Bei
-Euch ist meine Heimat; ich ziehe mit Euch! Und hier ist ein Eselein,
-das schickt Euch der Müller vom Oberdorf, bei dem ich zuletzt gedient.
-Setzt Euch darauf; Ihr seid zu schwach zum Wandern.‘“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p>
-
-<p>„Und der brave Bursche hieß Tobi?“ fragte Friedel.</p>
-
-<p>Das Männlein nickte und fuhr fort: „So zogen wir langsam durchs Land,
-und Gott gab milden Sonnenschein und schönes Wetter, so daß sich der
-Christoph schnell ein wenig erholte, und leise, leise wieder ein
-klein wenig Lebenslust in sein gemartertes Herz zog. Aber eine große
-Menschenscheu war ihm geblieben. Auch hatte er sich gelobt, nie wieder
-eine katholische Kirche zu betreten, was er doch nicht hätte vermeiden
-können, wenn er sich in einem bayrischen oder österreichischen Dorf
-niedergelassen hätte.</p>
-
-<p>Dazu kam, daß sein Herz mit tausend Fäden am Heimatlande hing, wie’s ja
-uns Bergbewohnern eigen ist. ‚Ach‘, sprach er oft, ‚wenn wir nur ein
-versteckt Winkelchen in unsern Bergen finden könnten und nicht außer
-Land müßten! Der Firmian kann ja auch sterben; dann darf ich mich wohl
-wieder unter die Leut’ wagen. Jetzt möcht’ ich ganz einsam leben mit
-Weib und Kind.‘ Da kamen wir endlich zum Franzl am Stein. Der hat auch
-einen tiefen Groll auf den Firmian, der ihn einmal schwer geschädigt
-hat; ich weiß nicht, wodurch.</p>
-
-<p>Als wir nun bei ihm rasteten und ihm alles erzählten, weil er gar so
-treuherzig aussah, sagte er, es stünde hier drüben am Gießbach eine
-verfallene Mühle, die wohl wieder herzurichten sei. Für die Hüttenleut’
-im ganzen Tal wäre es gut, wenn sie wieder in Gang käme, denn es sei so
-weit nach der nächsten großen Mühle; dazu sei der Müller nicht<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> allzu
-brav und breche oft ab am Gewicht. Er verhehlte uns aber nicht, daß das
-Tal verrufen sei wegen einer Mordtat, die einst da geschehen. Es wage
-sich selten jemand hinein. Da sprach der Talmüller: ‚Das ist mir eben
-recht; üble Tat geschieht wohl überall! Liegt ein Fluch auf dem Ort,
-so soll mein frommes Weib beten, daß ein Segen draus wird. Vor Spuk
-fürchte ich mich nicht; hab’ mein Tag solchen Aberglauben nicht leiden
-mögen.‘ So führte uns der Franzl durch die Felsspalte hierher und half
-uns treulich aus mit allem, was wir zum Anfang brauchten. Zuerst ging
-es uns hart; aber Gott segnete unsere Arbeit, so daß endlich die Mühle
-wieder in Gang kam und nach schweren, mühsamen Wochen auch das Häuschen
-wohnlich wurde.</p>
-
-<p>Wenn nun auch der Talmüller selbst an keinen Spuk glaubte, so wußte er
-sich doch den Aberglauben der Leute zunutze zu machen. Alle Zugänge zum
-Tal wurden noch unwegsamer gemacht mit Gestrüpp, Steingeröll und großen
-Baumstämmen, die wir mühsam hinwälzten. Verirrte sich aber doch ein
-Jäger, Holzhacker oder Beerensucher in unser Gebiet, so scheuchten wir
-ihn weg in allerlei Verkappung, wie du ja selbst gesehen hast. Durch
-die Felsspalte ist wohl kaum je einer gekommen; sie war schon lang
-vorher Franzls Geheimnis. Dennoch glaub’ ich, daß mehr als einer von
-den Hüttenleuten weiß, wo sein Mehl gemahlen wird. Sie nennen mich den
-Wandermüller. Viele, viele von ihnen sind dem Firmian auch feind, wie
-er’s ja wohl verdient.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p>
-
-<p>So gefiel’s dem Christoph ganz wohl in der Einsamkeit; die Frau
-ist ja allezeit still und zufrieden, und das Kind ward ein rechtes
-Waldröslein. Aber vier lange Jahre im Kerker mit so starkem Sinn und
-heißem Herzen lassen doch Spuren zurück. So hat auch Christoph allerlei
-behalten, was schwer zu tragen ist, besonders für die Frau. Du kennst
-ja seine finsteren Tage; du weißt ja, was er immer nach der fünften
-Bitte vor sich hin murmelte, und seit wann er’s nicht mehr tut. Aber
-eins will er nicht lassen, und es macht uns schwere Sorge. Er schießt
-nicht selten ein Stück Wild! Wenn er’s nur in seinem verborgenen
-Tal täte, wär’s ja kein Unglück, aber er wagt sich von Jahr zu Jahr
-weiter hinaus. Viel Jagd ist ja nicht hier ringsum, aber es ist einmal
-verboten, und er sollte es nicht tun. Er sagt aber, da er um eines
-einzigen Hirsches willen sein ganzes Hab und Gut verloren hätte,
-könnt’s keine Sünde sein, wenn er sich manchmal einen Braten holte auf
-seinen mageren Tisch.“</p>
-
-<p>„In die Kirch’ seid ihr wohl allesamt nimmer gekommen?“ fragte Friedel
-nach einer Weile.</p>
-
-<p>„Nimmer!“ erwiderte Tobi. „Zuerst lag’s der Frau schwer auf dem
-Herzen, daß sie nicht einmal ihre Osterandacht halten konnte, wie’s
-streng geboten ist in der Papstkirche. Aber nach und nach fand sie
-sich darein. Ihr Vertrauen zu den Priestern hatte einen starken Stoß
-bekommen durch des Bischofs Grausamkeit. ‚Gott ist ja überall‘,
-sprach sie. ‚Zu ihm kann ich unterm blauen Himmel beten und im engen
-Kämmerlein.‘ Es tat ihr nur oft leid, daß sie so wenig von Gott und
-dem<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> Heiland wußte. Da kamst du und brachtest uns das herrliche,
-himmlische Buch. Nun haben wir tausendmal mehr, als in allen Kirchen
-des Bischofs zu finden ist.</p>
-
-<p>So, nun weißt du alles. Laß uns weitergehen, und gib acht auf dein
-Grauchen; der Pfad wird hier schmal und unsicher.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Tod_kehrt_ein">5. Der Tod kehrt ein.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Nun begann für Friedel ein neues Leben, anstrengender, härter, aber
-auch männlicher als bisher. In der Mühle arbeitete er unter Anleitung
-des Talmüllers, der nicht immer ein bequemer Geselle war. Selbst von
-gewaltiger Kraft und zäher Ausdauer, verlangte er oft zuviel von dem
-schnell wachsenden Knaben, ward leicht ungeduldig und konnte sogar,
-wenn ihn der finstere Geist überfiel, recht hart sein. Aber Friedel
-gedachte des Furchtbaren, das der Mann erduldet, darum hielt er ihm
-alles zugut und hütete sich, ihn zu reizen. Desto wohler tat’s ihm,
-daß der Müller ihm völlig vertraute, ihn sogar nicht selten allein zum
-Franzl am Stein schickte und ihn tagelang dort verweilen ließ. „Wenn
-der Bub in die Welt ziehen will, muß er mit Menschen umgehen lernen“,
-sprach er; „sonst möcht’s ihm übel ergehen.“</p>
-
-<p>Allzuviel von der Welt erfuhr der Knabe freilich nicht im Haus des
-freien Bauern, denn weder dieser noch seine Söhne waren jemals weiter
-gekommen als zum Markt der nächsten Stadt, die etwa fünf Stunden<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> weit
-entfernt lag. In den Hütten der armen Talbewohner aber, denen er ihre
-Mehlsäcklein brachte, sah die Welt gar nicht herrlich, sondern recht
-kümmerlich aus. O wie mußten sie sich plagen mit hartem Frondienst
-auf des Edelmannes Land, ehe sie nur ihr eigen Äckerlein bebauen
-durften! Wie schnell zog bittere Armut in die Hütte, wenn etwa der Mann
-krank daniederlag! Und ach, wie groß war die Unwissenheit der armen
-Leute! Eine Schule gab’s nicht im Tale; der Priester aber, der wohl
-Zeit gehabt hätte, die Kinder ein wenig zu lehren, schlief lieber im
-Lehnstuhl oder zechte mit des Edelmannes Beamten.</p>
-
-<p>Ganz anders stand es in Franzls freiem Hof. Nicht nur Genüge, sondern
-Überfluß herrschte darin, dazu gute, etwas strenge Zucht. Die Buben und
-Mägdlein lernten alle zu rechter Zeit lesen und beten beim Großvater,
-der freilich die Haselrute stets dabei hatte und wohl zu gebrauchen
-wußte. Am meisten Gefallen fand Friedel an Franzls jüngstem Sohn
-Joseph, etwa zwei Jahre älter als er, aber nicht etwa viel größer und
-stärker; o bewahre! Dieses munteren Burschen Sinn stand auch hinaus ins
-Weite. Und da schon zwei verheiratete und zwei ledige Söhne auf dem Hof
-wirtschafteten, hatte niemand etwas dawider, daß er nächstes Frühjahr
-zu einem Verwandten nach Bayern ziehen wollte, um dessen Handwerk zu
-lernen. Er war Silberschmied. So sollten die beiden Freunde miteinander
-wandern, nur daß Friedels Weg noch ein wenig weiter führte, bis nach
-Preußen. Von den großen Landstrecken, die dazwischen lagen, von den<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>
-Beschwerden, Gefahren und Versuchungen, die ihnen drohten, hatten die
-guten Jungen keine Ahnung, und die Alten auch nicht viel mehr. Sie
-meinten, viel anders könne es ja in der Welt auch nicht aussehen als
-hier im Salzburger Ländchen.</p>
-
-<p>Was war das für ein Festtag, als Christoph dem Friedel seinen alten
-Stutzen schenkte und ihm erlaubte, auf das kleine Wild um die Mühle
-her Jagd zu machen! Ännchen beklagte es freilich, daß die Häschen,
-Eichkätzchen und wilden Kaninchen nun so geängstet und verscheucht
-wurden; doch hatte sie nichts dagegen, daß Friedel den bösen Mardern
-und Wieseln, die ihren Hühnern so gefährlich waren, eifrig nachstellte.
-Bald verfehlte er nur selten sein Ziel; und als er einen Geier, der
-über der Mühle kreiste, herabschoß, erschien er dem Mägdlein als ein
-rechter Held.</p>
-
-<p>Zwei Jahre größerer Freiheit und strammer Arbeit hatten dem Buben
-gutgetan; er blickte frisch und mutig ins Leben und wuchs schön und
-kräftig heran.</p>
-
-<p>„Nur noch ein Jahr“, sagte er oft zu Ännchen, „dann bin ich siebzehn;
-dann geht’s fort in die weite Welt! So wein’ doch nicht; ich komme ja
-wieder! Draußen werd’ ich schnell ein Mann, verdiene viel Geld, kauf’
-mir eine Mühle und hol’ euch alle zu mir.“</p>
-
-<p>Zu solchen Luftschlössern lächelte Ännchen wehmütig. Sie konnte sich
-gar nicht dazu aufschwingen, denn eine schwere Sorge lastete auf ihrem
-Herzen, die Sorge um die liebe Mutter.</p>
-
-<p>Frau Marie war bis zu jenem entsetzlichen Unglückstag immer frisch und
-blühend gewesen. Aber<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> der furchtbare Schrecken so kurz nach der Geburt
-des Kindes, der Tod des lieblichen Knaben und der jahrelange Kummer um
-den gefangenen Mann hatten ihre Gesundheit untergraben. Matt und elend
-war sie seitdem gewesen, hatte aber in selbstloser Sorge für die andern
-nur wenig darauf geachtet. Der böse Husten, der sie im kalten Winter
-oft quälte, ward immer wieder gelindert durch einen Tee aus heilsamen
-Waldkräutern, und im Sonnenschein meinte sie stets, sie sei nun wieder
-ganz gesund. In diesem Jahre aber ward es anders. Schon im Winter hatte
-sie wochenlang das Bett nicht verlassen können; jetzt ging sie zwar
-umher und griff die Arbeit an, mußte sie aber oft wieder liegen lassen,
-von unbesiegbarer Schwäche übermannt.</p>
-
-<p>Ännchen rührte ja emsig die kleinen Hände; auch Tobi, der alles
-verstand, kochte wunderbare Gerichte und stand mit hochaufgestreiften
-Ärmeln am Waschfaß. Dennoch konnten beide die Mutter nicht ersetzen.
-Bald legte sich die Sorge um sie schwer auf aller Herzen; Christophs
-Stimmung aber ward durch diese Sorge wieder finsterer und trüber als
-je. Es war nicht seine Art, die warme, ja heiße und leidenschaftliche
-Liebe, die er im Herzen trug, zu zeigen. So wußte auch Frau Marie
-nicht, wie oft er sie beobachtete, wie weh es ihm tat, sie so matt und
-bleich und dabei doch geschäftig und treusorgend zu sehen.</p>
-
-<p>Dreizehn Jahre waren vergangen seit jenem Schreckenstag; neun Jahre
-lebten sie nun schon vor aller Welt verborgen. War es nicht Zeit, sich
-wieder hinaus zu wagen unter freundliche, mitfühlende Menschen?<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Die
-Frau müßte es besser und bequemer haben! Ein Arzt könnte ihr vielleicht
-helfen! Und das Kind? Ach, es würde bald kein Kind mehr sein! War wohl
-dies einsame Tal der rechte Ort für ein heranblühendes Mägdlein? Selbst
-wenn es immer noch gefährlich wäre, sich im Salzburger Land offen sehen
-zu lassen, so war doch die Grenze nahe und leicht zu erreichen. Ein
-starker Mann wie er fand wohl überall Arbeit und Brot für sich und die
-Seinen.</p>
-
-<p>Tag und Nacht bewegte er solche Gedanken in seinem Herzen, und war oft
-nahe daran, zu sagen: „Kommt, laßt uns in Gottes Namen aufbrechen in
-dieser schönen, warmen Sommerzeit und wieder unter Menschen gehen.“
-Aber plötzlich überfiel ihn die finstere Scheu, die in den vier langen
-Kerkerjahren in seine Seele gezogen, und er konnte das Wort nicht
-aussprechen. Ach, er meinte, draußen müsse ihm jeder ansehen, wie
-man ihn damals niedergeworfen, wie einen Hund gepeitscht und grausam
-gemartert hatte!</p>
-
-<p>Der Sommer verging, und das entscheidende Wort war nicht ausgesprochen
-worden. Es fing zeitig an, rauh und kalt zu werden; der Sturmwind
-schüttelte das Laub von den Bäumen und jagte düstere Wolken über den
-Himmel. Bleich und fröstelnd saß Frau Marie eines Abends in der Hütte,
-mit schwacher Hand den feinen Faden spinnend. Ännchen bereitete am
-Herd die Abendkost, obgleich es noch nicht die gewohnte Zeit war.
-Ach, Christoph war ja seit dem frühen Morgen fort; wie hungrig würde
-er heimkehren! Beim Dunkelwerden hatten Tobi und Friedel die<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Mühle
-geschlossen; sie wuschen sich den Mehlstaub von Gesicht und Händen und
-wechselten die Mahlkittel mit den warmen wollenen Jacken.</p>
-
-<p>Da fuhren sie beide erschreckt zusammen; sie hatten ganz nahe im Walde
-einen Schuß gehört. Der Schall kam von der Schlucht her, in der der
-Mühlbach strömte. Friedel faßte sich schnell. „Er ist’s wohl selber“,
-sagte er. „Hat vielleicht dem Iltis aufgelauert, der neulich zwei
-Hühner totgebissen.“ Als sie aus ihrem Kämmerlein traten, kam ihnen
-die Frau mit dem Kinde schon entgegen, und nun fing auch der Hund an
-zu knurren und zu bellen, und rannte endlich in großen Sprüngen die
-Schlucht hinauf. Unschlüssig standen sie. Sollten sie ihm folgen? Der
-Talmüller konnte es gar nicht vertragen, wenn man ihn im Jagdvergnügen
-störte. Aber jetzt kam der Hund wieder, sprang winselnd an Friedel in
-die Höhe und zerrte Tobi an der Jacke.</p>
-
-<p>„Er will uns holen; es ist ein Unheil geschehen“, flüsterte der kleine
-Mann dem Knaben zu.</p>
-
-<p>„Geh’ hinein, Mutter“, bat Friedel; „der scharfe Wind tut deiner Brust
-weh. Gleich bringen wir dir Kunde!“</p>
-
-<p>Eilig folgten sie dem aufgeregten Tier. Ach, sie hatten nicht weit zu
-gehen, da stand der Hund und stieß ein jämmerliches Geheul aus! Beim
-Mondenlicht, das eben durch die Wolken brach, sahen sie den Talmüller
-im hohen, halbverwelkten Waldgras liegen. Er regte sich nicht. Friedel
-war ganz starr vor Schreck; Tobi aber kniete bei seinem geliebten Herrn
-nieder und fühlte an sein Herz und seine Hände. „Es ist noch<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> Leben in
-ihm“, flüsterte er. „Schöpf’ Wasser in die hohle Hand und netz’ ihm die
-Stirn!“</p>
-
-<p>Wieder und wieder sprang der Knabe zum nahen Bach. Sie netzten ihm auch
-die dürren, brennenden Lippen; aber ach, als sie versuchten, ihn empor
-zu richten, merkten sie, daß das Blut aus der rechten Seite rieselte.
-„Faß an, Bub!“ gebot Tobi. „Wir müssen ihn heimtragen. Es <em class="gesperrt">muß</em>
-gehen!“ Und es ging mit Aufbietung aller Kräfte.</p>
-
-<p>Halbwegs kamen ihnen schon die Frau und das Mägdlein entgegen; sie
-hatten’s drinnen nimmer ausgehalten. Laut jammerte Ännchen; die Frau
-aber sprach nur leise: „Es mußte so kommen! O mein Christoph, Gott gebe
-dir nur ein seliges Ende!“</p>
-
-<p>Schon auf dem kurzen Weg hatte er mehrmals schmerzlich gestöhnt; als
-sie ihn aufs Bett legten, schlug er die Augen auf, sah wirr um sich,
-hielt aber die Hand der Frau fest in der seinen.</p>
-
-<p>„Es war kein Hirsch“, sprach er ganz leise und mühsam, „nur ein kleines
-Reh. &ndash; Es sollte das letztemal sein. &ndash; Du hast mich so oft gebeten,
-es zu lassen. &ndash; O sag’, hat der Heiland auch diese Sünde getragen?“</p>
-
-<p>„Alle, alle Sünden hat er getragen! O, glaub’ es nur fest! O, halt’
-dich nur ganz allein an ihn! Aus Gnaden nimmt er deine müde Seele in
-den Himmel!“</p>
-
-<p>Er lächelte, und ein Freudenschein flog über das totenbleiche Antlitz;
-dann sank er wieder in Betäubung. Gern hätten sie ihn ausgezogen und
-die Wunde verbunden; doch machte ihm jede Bewegung solche<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Schmerzen,
-daß sie davon abstehen mußten. Das Blut hatte aufgehört zu fließen,
-aber den erstarrenden Gesichtszügen sah man an, daß das Ende ganz nahe
-war. Er hörte nichts mehr, hatte aber die Hände gefaltet und sprach
-ganz leise noch einmal den Namen „JEsus“. Dann folgte ein schwerer
-Kampf der starken Natur, und endlich ward es ganz stille. Betend
-knieten sie um das Lager her, während sich die oft so schwer gequälte
-Seele zu Gott emporschwang.</p>
-
-<p>Nun war es vorüber! &ndash; Tobi und die Kinder weinten bitterlich; Marie
-aber küßte die erkaltete Stirn und sprach: „So ruhe, mein Christoph,
-nach deinem schweren Leben! Ich folge dir bald ins Himmelreich; denn
-für dich habe ich gelebt, mit dir habe ich gelitten, mit dir möchte ich
-auch sterben!“</p>
-
-<p>Da fiel ihr das Ännchen jammernd um den Hals und bat sie gar beweglich,
-noch bei ihr zu bleiben. Sie liebkoste es zärtlich, erwiderte aber
-nichts auf die kindliche Bitte. Dann zog sie Friedel an sich und
-sprach: „Du bist Gottes Werkzeug gewesen, daß diese Seele zum Frieden
-eingehen konnte. Du brachtest uns das göttliche Buch ins Haus. Gott
-segne dich dafür!“</p>
-
-<p>Am andern Morgen trug der Knabe die Trauerkunde zum Franzl am Stein.
-Der kam selbst, um den Einsamen mit Rat und Tat beizustehen. Auf der
-Waldwiese neben Friedels Großvater begruben sie den armen Christoph.
-Dann saßen sie traurig beisammen in der Hütte.</p>
-
-<p>Wer mochte wohl die tödliche Kugel abgeschossen haben? War’s ein
-Jäger des Edelmannes gewesen<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> oder ein Späher des Erzbischofs? Es war
-nutzlos, darüber zu grübeln; wer einen Wilddieb niederschoß, dem konnte
-man nichts anhaben.</p>
-
-<p>„Mit der Talmühle ist’s nun vorbei“, sagte der Franzl. „Ihr kommt alle
-auf meinen Hof; ihr braucht euch ja nicht zu verstecken. Der Tobi
-ist nun ein freier Mann und kann hinziehen, wo er will; einen guten
-Zehrpfennig geb’ ich ihm gern.“</p>
-
-<p>„Daraus wird nichts, Bauer!“ sprach der treue Knecht fest. „Wenn in
-Euerm Haus kein Raum für mich ist, leg’ ich mich zum Vieh in den Stall.
-Bin ja in einem Stall geboren, just wie das Christkindlein. Meine
-Mutter war ein elend Bettelweib! Aber wo die Frau bleibt und das Kind,
-da bleib’ auch ich!“</p>
-
-<p>„Und sollst’s gut haben, du treuer Mensch!“ sprach Franzl gerührt.
-„Euch aber, Talmüllerin, sollen meine Töchter wohl pflegen, daß ihr
-wieder gesund werdet und neuen Mut fasset.“</p>
-
-<p>Dankbar reichte ihm die Witwe die Hand, sah ihn aber mit einem Blick
-an, den er nicht mehr vergaß, und der ihm einen schmerzlichen Seufzer
-auspreßte.</p>
-
-<p>Bald begann der Auszug, der nicht so schnell vonstatten ging. Mutter
-und Töchterlein nahm Franzl gleich mit, daß sie von ihrem Jammer
-ausruhen möchten. Tobi und Friedel aber machten den Weg durch den
-verborgenen Felsengang noch gar oft, ehe alles Vieh, und was sonst
-des Fortbringens wert war, auf den Steinhof geschafft war. Etliches
-wertlose Hausgerät ließen sie zurück; denn Tobi sagte, es<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> könne ihn
-wohl einmal die Lust anwandeln, eine Weile hier zu hausen, um der alten
-Zeit zu gedenken.</p>
-
-<p>Auch die Mühle klapperte noch fleißig, bis alles Korn gemahlen war,
-das die Hüttenleute liegen hatten. Sie sollten erst im nächsten Jahre
-erfahren, daß der Wandermüller nichts mehr holte. Als der letzte Sack
-mit weißem Mehl gefüllt war, nahm Tobi eine Axt und schlug das Gangwerk
-entzwei. Dann sprach er zu Friedel: „Komm, ich will dir was zeigen.
-Heute geht’s noch; morgen gibt’s vielleicht schon viel Schnee.“</p>
-
-<p>Er führte ihn durch den Wald zum steilen Seeufer und zeigte ihm eine
-Stelle, wo ein gewandter Kletterer wohl hinabsteigen konnte. „Sieh’“,
-sagte er, „wer hier heruntersteigt und auf dem schmalen Streif Ufersand
-hingeht, kann dort drüben am niederen Ufer leicht emporklimmen und zu
-dem Häuslein gelangen, das du so oft gesehen hast. Es ist das letzte
-Haus eines großen Dorfes. Oben herum führt kein Weg ans andere Seeufer;
-die Felsen sind so tief zerklüftet, daß kein Mensch darüber kommt. Oft
-ist auch der See so hoch, daß er bis an die Felsen spült; da darfst
-du’s nicht versuchen. Wer weiß, wozu du’s noch brauchen kannst! Ich
-hätt’ dir’s längst gezeigt, aber der Christoph hat’s nicht gewollt,
-damit dich die Wanderlust nicht einmal übermanne. Das Dorf heißt
-Windeck, weil’s dem Sturm arg ausgesetzt ist.“</p>
-
-<p>Nun gingen sie zurück, beteten noch einmal an den Gräbern, packten
-ihren letzten Kram zusammen und sagten, nicht ohne Abschiedsschmerz,
-dem einsamen Tal Lebewohl. Zur rechten Zeit war alles vollendet<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span>
-worden, denn der Winter brach nun mit Ernst herein und brachte
-ungewöhnlich viel Schnee.</p>
-
-<p>Die Familie auf dem Steinhof hatte zur Winterszeit sehr wenig, ja fast
-gar keinen Verkehr mit den übrigen Talbewohnern, so daß niemand von den
-Gästen wußte, die dort eingekehrt waren.</p>
-
-<p>Tobi und Friedel fanden sich schnell in der neuen Heimat zurecht.
-Tobi war, wie immer, jedermanns Knecht, tat alles, was sonst niemand
-gern mochte, und ward bald der Liebling der Kinder, denen er Märchen
-erzählte und allerlei Spielzeug schnitzte. Dagegen blieben Frau Marie
-und ihr Töchterlein recht still und scheu. Ihre tiefe Trauer paßte
-nicht in das lebhafte Getriebe des großen Haushaltes; Einsamkeit war
-ihnen ja zur Gewohnheit geworden.</p>
-
-<p>Dazu kam, daß Maries Krankheit zunahm, als strenge Kälte eintrat und
-wilde Stürme das Haus umtobten. Da räumte man ihr das sogenannte
-Auszüglerstübel ein, das, entfernt von den großen, belebten Räumen,
-in einem Winkel des Hauses lag. Es war ein freundlicher, heizbarer
-Raum, in dessen Fenster die milden Strahlen der Wintersonne fielen.
-Man stellte ihr den alten Hausrat hinein, den man von der Talmühle
-herübergeschafft, damit sie sich recht heimisch fühle; bereitete ihr
-aber ein so gutes Bett, wie sie ihr Lebtag nicht gehabt.</p>
-
-<p>Dort saß sie emsig spinnend, oder mit den schwachen Händen die Kleider
-der Hausgenossen flickend. Ännchen wäre am liebsten gar nicht von
-ihrer Seite gewichen, wenn sie es nicht selbst zuweilen fortgeschickt
-hätte, um<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> in der Küche zu helfen, ein Spiel mit den Kindern zu machen
-oder ein wenig frische Luft zu schöpfen. Friedel war ein häufiger Gast
-im Auszüglerstübel. Dann saßen die drei zusammen wie ehemals in der
-Talmühle, lasen Gottes Wort, sangen die lieblichen Lieder, und redeten
-von vergangenen Tagen oder von frohen Zukunftsplänen.</p>
-
-<p>Zu den letzteren hatte Marie nur ein stilles Lächeln, denn sie fühlte
-wohl, daß ihre Zukunft nicht auf Erden lag. Die Kinder aber meinten,
-die kräftigen Suppen, die gute Milch und der stärkende Wein, den man
-ihr täglich brachte, würde sie gewiß wieder gesund machen.</p>
-
-<p>Bald aber kam die Zeit, da die fleißigen Hände der Talmüllerin ruhen
-mußten und sie nur noch selten ihr Lager verlassen konnte. Woche auf
-Woche verging; der Winter neigte sich zu Ende, und mit ihm schienen
-auch ihre Kräfte zu schwinden. Franzls erfahrener Blick sah wohl, daß
-hier kein Arzt helfen könnte; sonst hätte er die Kosten nicht gescheut,
-einen aus der Stadt holen zu lassen, sobald die Wege wieder gangbar
-wurden.</p>
-
-<p>Eines Tages trat er ans Bett der Kranken, als sie allein war, und
-sprach:</p>
-
-<p>„Gute Frau, der hohe Schnee, der das Tal versperrte, ist stark
-zusammengeschmolzen, aber noch einmal hart gefroren, so daß man wohl
-bis zum Kirchlein gelangen kann. Wollt Ihr, daß Euch der Priester
-besuche und das Sakrament reiche? Er mag denken, Ihr seid ein Gast aus
-dem Niederland, wo ich viel Freundschaft habe.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p>
-
-<p>„Habt Dank für Eure Sorge“, erwiderte die Frau, „aber ich wünsche
-es nicht. Er würde es mir doch nicht so reichen, wie es der Heiland
-befohlen hat.“</p>
-
-<p>„Was sprecht Ihr da? Seid Ihr denn eine Ketzerin?“</p>
-
-<p>„Gewiß nicht; ich bin nur eine Christin. Ich halte mich fest an das,
-was in diesem Buch geschrieben steht!“ Damit zog sie die Bibel, die,
-mit einem Tuch bedeckt, auf dem Tisch neben ihrem Bette lag, hervor und
-reichte sie ihm hin.</p>
-
-<p>Franzl hatte keine Ehrfurcht vor seinem Priester, dessen müßiges, oft
-anstößiges Leben ihm ärgerlich war. Nur selten besuchte er mit den
-Seinen die Kirche. Es hatte ihn tief empört, als der Erzbischof eine
-so große Schar ehrbarer, fleißiger Leute aus dem Lande trieb um ihres
-Glaubens willen. Er meinte, was einer glaube, sei im Grunde einerlei;
-wenn er nur brav und ordentlich lebte. Darum war er auch gegen den
-Talmüller und gegen Friedel freundlich gewesen, obgleich sie den
-Pfaffen bitter feind waren. Dennoch erschrak er nicht wenig, als man
-ihm im eigenen Hause das Buch zeigte, das so arg verpönt und streng
-verboten war in der Kirche, zu der er doch noch gehörte.</p>
-
-<p>„Wißt Ihr, was ich damit tun sollte?“ fragte er die bleiche Frau. „Ins
-Feuer sollt’ ich’s werfen; denn es stehen gefährliche Dinge darin, die
-zu lesen bei strenger Buße verboten ist.“</p>
-
-<p>„Ihr werdet es nicht tun!“ erwiderte die Kranke ruhig. „Denn es ist
-Friedels Eigentum, dessen Kirche<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> ihm sogar gebietet, es mit höchstem
-Fleiß zu lesen. Und wenn Ihr’s tätet, könntet Ihr mir die köstlichen
-Sprüche, die ich daraus gelernt, und die mir wie Leitsternlein auf
-meinem Todesgang leuchten, nicht aus dem Herzen reißen. Auch könntet
-Ihr’s nicht ändern, daß mein Christoph dadurch den Himmel fand, daß
-schon die beiden jungen Kinder ihren Heiland daraus kennen lernten!“</p>
-
-<p>Wie fest und sicher sprach die sonst so demütige Frau! Nun hätte
-Franzl, der einen wißbegierigen Sinn hatte, schon längst gerne gewußt,
-was wohl so Gefährliches in diesem Buche stehen mochte. Und jetzt hielt
-er’s in der Hand!</p>
-
-<p>Vielgebraucht, abgegriffen, mit allerlei wollenen Faden und kleinen
-Läppchen als Merkzeichen versehen, war es der größte Schatz einer
-Sterbenden, die in ihrem leidvollen Leben nichts als Liebe, Treue und
-stille Geduld bewiesen hatte!</p>
-
-<p>„Nun, ich mag nicht darüber urteilen, ehe ich es kenne“, erwiderte der
-Alte. „Wollt Ihr mir’s manchmal ein wenig leihen? Die Zeit wird mir
-lang in den Wintermonaten.“</p>
-
-<p>„Holt es Euch, so oft Ihr wollt; möge Gott Euer Herz öffnen! Aber am
-Morgen muß ich es haben; da kommt Friedel zu mir und liest mir so
-herrlich vor. Zum Selbstlesen fehlt mir oft die Kraft.“</p>
-
-<p>Der Franzl am Stein war ein sehr braver Mann, und hatte von Jugend auf
-ein ehrbares, ja ein tadelloses Leben geführt. Und doch wandte sich
-sein Herz lange nicht so schnell dem süßen Gotteswort<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> zu, als das von
-Leidenschaft durchtobte Herz des armen Talmüllers.</p>
-
-<p>Zur Verwunderung der Hausgenossen saß er jetzt oft in dem warmen
-Winkel hinterm Kachelofen, ins Lesen eines alten Buches vertieft, das
-noch keiner bei ihm gesehen. Vor neugierigen Fragen war er sicher;
-sie hätten dem Frager nichts Gutes eingebracht bei der strengen Zucht
-jener Zeit und dem hohen Ansehen, in dem der Hausherr stand. Das Buch
-fesselte ihn unendlich, obgleich ihm keineswegs alles darin gefiel.
-Er war auf die Geschichten Abrahams gekommen, in denen ein großes
-Merkzeichen lag. Sie behagten ihm ausnehmend. Er kam sich selbst wie
-ein Erzvater vor, als hochgeehrtes Haupt eines großen Hausstandes,
-reich an Vieh und allerlei Gut. Aber warum mußte diesem frommen Manne
-sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet werden? Warum war gerade dieser
-Spruch mit einem dicken Strich bezeichnet, als sei er etwas Besonderes?
-War Abraham nicht schon von selbst gerecht? Ei, was war er für ein
-frommer Mann, Gott gehorsam bis zum Allerschwersten! Bald fand er auch
-die Evangelien, und las zum erstenmal in seinem langen, langen Leben
-die süße Botschaft vom Sünderheiland. Sehr, sehr wenig hatte er in
-seiner Kirche von ihm gehört und nichts so recht im Zusammenhang. Aber
-er merkte gleich, daß Christus in diesem Buch ganz anders abgemalt war,
-als ihn der Priester darstellte, wenn er ja einmal von ihm redete.
-Nicht als schrecklicher Richter, nicht als unnahbarer Himmelskönig trat
-jetzt der Gottessohn vor seine Seele, sondern als milder<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Freund der
-Kranken, Schwachen, Armen und Kleinen, besonders als Freund der Sünder!
-&ndash; Aber dieses so trostreiche Bild, das den wilden Christoph sogleich
-mächtig angezogen, stieß den tugendhaften, im ganzen Tale hochgeehrten
-Franzl ab. Ein Sünder war er doch gewißlich nicht! Er hatte von Jugend
-auf ehrbar, fleißig und gottesfürchtig gelebt; was er etwa versehen,
-das war ja reichlich gesühnt durch manche Widerwärtigkeit, die ihm
-begegnet, und gutgemacht durch die vielen Wohltaten, die er nicht nur
-seinen Glaubensgenossen, sondern allen Armen und Bedrängten erwiesen,
-die ihm in den Weg kamen. Und doch mußte er immer von neuem lesen und
-nachdenken; er konnte nicht anders!</p>
-
-<p>Zuweilen setzte er sich ans Bett der kranken Frau, um mit ihr über das
-Gelesene zu sprechen. Aber er konnte nicht mit ihr fühlen. Sie war ihr
-Lebtag arm, verachtet, von Trübsal heimgesucht gewesen; er dagegen
-angesehen und von Wohlstand umgeben. Dennoch bewunderte er die Ruhe,
-die Freudigkeit, mit der sie ihr Leiden trug und dem Tode ohne alle
-Furcht entgegensah.</p>
-
-<p>In großer Schwachheit und quälender Atemnot lebte sie bis zum März.
-Dem strengen Winter war ein zeitiges, schönes Frühjahr gefolgt. Der
-Schnee war längst geschmolzen. Sonnenschein und warmer Wind hatten das
-Erdreich getrocknet; schon dufteten die ersten Märzveilchen am Bette
-der Kranken. Friedel hatte sie ihr gebracht. Sie verlangte, allein mit
-ihm zu sprechen, und er beugte sich über sie.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p>
-
-<p>„Mein Sohn“, sprach sie mit leiser Stimme, „öffne dort meinen
-Kasten. Ganz unten wirst du einen Beutel mit Geld finden, der ist
-dein Eigentum. Wir fanden ihn damals in deines Großvaters Bündel und
-verwahrten ihn gleich für dich. Nun soll es dein Wanderpfennig sein.“</p>
-
-<p>Mit leichter Mühe fand der Knabe den Beutel. „O Mutter“, sprach er,
-„wie unendlich viel habt Ihr für mich getan, mich armen Fremdling
-jahrelang gespeist und getränkt, und gar noch das Geld für mich
-bewahrt! Wie soll ich Euch danken?“</p>
-
-<p>„Du hast uns reichlich gedankt durch Liebe und Treue und durch das
-teure Bibelbuch. Und nun bitt’ ich dich: Laß es dem Ännchen, wenn du
-wanderst! Aber versprich mir, daß du dir ein neues kaufst, sobald du in
-ein evangelisch Land kommst.“</p>
-
-<p>„Ich verspreche es, Mutter“, erwiderte Friedel mit tiefem Ernst.
-„Keinem würd’ ich das Buch lassen, aber dem Ännchen laß ich es gern;
-fürs Ännchen laß ich auch mein Leben!“ Dann kniete er am Bett nieder
-und bat: „O Mutter, höre mich an und verstehe mich recht! Ich hab’ was
-auf dem Herzen. Aber erst sag’: Mußt du denn wirklich sterben?“</p>
-
-<p>„Ja, mein Kind! Gott ruft mich, und ich folge mit Freuden, wenn auch
-mit schwerer Sorge um mein Ännchen.“</p>
-
-<p>„Ach“, seufzte der Knabe, „ich sollte wohl hierbleiben und das Ännchen
-schützen, und ich kann doch nicht! Ich muß fort; ich muß zu meines
-Glaubens Genossen! Es zieht mich mit aller Macht zu ihnen. Und sieh,
-Mutter, zwischen mir und dem Ännchen<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> ist’s nicht mehr wie ehedem. Es
-läßt sich nicht mehr zur Gutenacht küssen wie in der Talmühle; es setzt
-sich nicht mehr neben mich, wenn wir uns um den Herd sammeln. Und doch
-fühl’ ich, o Mutter, ich fühl’ es so heiß, daß ich das Ännchen immer,
-immer liebhaben muß mein Leben lang! Darum will ich dich leise, ganz
-leise was fragen.“</p>
-
-<p>Er schlang die Arme um ihren Hals und flüsterte, tief errötend, einige
-Worte in ihr Ohr. Ein mildes Lächeln flog über die abgezehrten Züge.
-Sie legte die Hand auf das Haupt des Jünglings, der jetzt am Bett
-kniete, und sprach:</p>
-
-<p>„In Gottes Namen, mein lieber Sohn, wenn es sein Wille ist! Ja, ich
-sehe es im Geist. Er wird dich sicher zurückführen und alles wohl
-vollenden!“&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Noch wenige Tage; dann kam das Ende. Ganz schmerzlos, sanft und
-stille schlummerte sie ein, mit gefalteten Händen, ohne jeden Kampf.
-Nur Friedel und Ännchen waren bei ihr; Franzl war leise eingetreten,
-unbemerkt von den Kindern. Das Mädchen weinte bitterlich; Friedel aber
-betete mit gedämpfter Stimme:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„In Christi Wunden schlaf’ ich ein,</div>
- <div class="verse indent0">Die machen mich von Sünden rein.</div>
- <div class="verse indent0">Ja, Christi Blut und Gerechtigkeit,</div>
- <div class="verse indent0">Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid;</div>
- <div class="verse indent0">Damit will ich vor Gott bestehn,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Indessen stand der Atem still; und die Seele, die so viel gelitten,
-schwang sich empor in Christi Arm und Schoß.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span></p>
-
-<p>Am Abend rief Franzl den Friedel in seine eigene Kammer, hieß ihn an
-den Tisch sitzen, wo das Schreibgerät stand, und sprach:</p>
-
-<p>„Schreib’ mir den Vers auf, den du am Sterbebett gebetet.“&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wo soll man die selig Entschlafene zur Ruhe bringen? Diese Frage machte
-dem Franzl viel zu schaffen. Auf den Kirchhof konnte man sie nicht
-begraben, ohne daß der Priester davon erfuhr, und dann würde allerlei
-an den Tag kommen, was am besten verschwiegen blieb. Was hinderte es
-aber, sie neben ihren Christoph zu legen! Waren nicht Männer genug im
-Hause, die sich beim Tragen der ohnehin nicht schweren Last abwechseln
-konnten?</p>
-
-<p>So kam es, daß zwei Tage später ein stiller Trauerzug durch den
-Felsengang schritt und nach mühsamem Abstieg ins verlassene Tal kam,
-wo die Waldbäume schon anfingen, zarte Blätter zu treiben, das Gras
-grünte und hier und da ein Vogelstimmlein laut ward. Freundlich schien
-die Sonne auf die einsamen Gräber, denen nun ein drittes beigesellt
-ward. Als der Hügel aufgeschüttet war, und Ännchen ein Kränzlein von
-Frühlingsblumen darauf gelegt hatte, falteten alle die Hände zum
-stillen Gebet.</p>
-
-<p>Ännchen hatte sich heute auf dem beschwerlichen, traurigen Weg von
-Friedel führen und stützen lassen wie ehemals, als sie noch Kinder
-waren. Jetzt stand sie neben ihm, still und gefaßt, den Blick zum
-Himmel gerichtet. Leise begann sie zu singen, und Friedel stimmte mit
-klaren Tönen ein:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„O Jerusalem, du Schöne!</div>
- <div class="verse indent0">Ach wie helle glänzest du!</div>
- <div class="verse indent0">Ach wie lieblich Lobgetöne</div>
- <div class="verse indent0">Hört man da in sanfter Ruh’!</div>
- <div class="verse indent0">O der großen Freud’ und Wonne!</div>
- <div class="verse indent0">Jetzund gehet auf die Sonne,</div>
- <div class="verse indent0">Jetzund gehet an der Tag,</div>
- <div class="verse indent0">Der kein Ende nehmen mag.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Ach, ich habe schon erblicket</div>
- <div class="verse indent0">Diese große Herrlichkeit!</div>
- <div class="verse indent0">Jetzund werd’ ich schön geschmücket</div>
- <div class="verse indent0">Mit dem weißen Himmelskleid,</div>
- <div class="verse indent0">Mit der goldnen Ehrenkrone</div>
- <div class="verse indent0">Steh’ ich da vor Gottes Throne,</div>
- <div class="verse indent0">Schaue solche Freude an,</div>
- <div class="verse indent0">Die kein Ende nehmen kann.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="In_die_weite_weite_Welt">6. In die weite, weite Welt.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Obgleich Friedels Trauer um die freundliche Talmüllerin, die wie
-eine Mutter an ihm gehandelt, tief und aufrichtig war, ward doch die
-Sehnsucht nach einem freien Wanderleben täglich stärker in seiner
-Seele. Noch wenige Wochen, dann sollte es fortgehen in die weite
-Welt! Nur eine Sorge lastete noch auf seinem treuen Herzen. Ännchen
-paßte nicht recht zu dem jungen Volk auf dem Steinhof, das so lustig
-und leichtsinnig ins Leben schaute und mit dem schüchternen, ernsten
-Mägdlein nichts anzufangen wußte. Es tat ihm weh, es so einsam in einem
-Winkel sitzen zu sehen, emsig spinnend oder nähend, während die andern
-am<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> Feierabend allerlei Kurzweil trieben, lustige Liedlein sangen und
-einander neckten und hänselten. Wenn er sich zu ihr setzte, ward sie ja
-hold und freundlich, lächelte aber doch wehmutsvoll über seine goldenen
-Zukunftspläne. Ach, wenn er fort war, würde sie nur Tobi zum Freund
-und Beschützer haben, der doch als Knecht gehalten ward und nur zum
-Essen ins Haus kam! Auch war’s dem Friedel nicht entgangen, daß Peter,
-der zweite verheiratete Sohn des Hauses, ein etwas mürrischer Mensch
-mit stechenden, dunklen Augen, ihn und das Mägdlein von Anfang an
-mißgünstig angesehen hatte.</p>
-
-<p>Da war’s ihm ein großer Trost, daß dem Kinde recht bald nach dem Tode
-der Mutter ein starker Beschützer auftauchte, nämlich der alte Hausherr
-selbst. Bisher hatte er das Mädchen wenig beachtet; jetzt strich er ihm
-oft mit der Hand übers Goldhaar, sprach ihm freundlich zu und fragte,
-ob man es auch ordentlich versorge mit Speise, Trank und Kleidung.
-Endlich kam es so weit, daß Ännchen ihm allerlei kleine Dienste
-leisten durfte, und er sie gerne bei sich behielt, wenn die andern
-zur Feldarbeit auszogen, an der er, seines Alters wegen, nicht mehr
-teilnahm. Aber in dem schönen Garten hinterm Hause, wo man Obstbäume,
-Blumen und allerlei Küchenkräuter zog, arbeitete er noch rüstig, und
-wer ihm dabei helfen mußte, ward von niemand beneidet, da man’s ihm
-schwer zu Dank machen konnte. Darum waren’s alle zufrieden, daß er sich
-dies Jahr das stille fremde Mädchen zur Gehilfin wählte. Ännchen bewies
-sich so emsig, gehorsam<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> und geschickt, daß sie nur immer Lob von dem
-Alten erntete. Ruhten sie dann auf der Bank unterm Apfelbaum, um das
-Vesperbrot zu essen, so führten sie gar ernstes Gespräch miteinander.
-Nicht selten brachte der Mann auch das Buch heraus, das er vor den
-Söhnen verborgen hielt, und das Kind mußte ihm vorlesen. Es tat es mit
-süßer Stimme und tiefem Verständnis.</p>
-
-<p>So standen die Dinge, als im wunderschönen Monat Mai Joseph und Friedel
-ihre Ranzen schnürten, die Wanderstäbe ergriffen und dem Steinhof
-Lebewohl sagten.</p>
-
-<p>Joseph schied leichtherzig; sein Ziel war eine Stadt an der Donau,
-wo sein Oheim wohnte, in dessen Hause er ein lustig Leben zu finden
-hoffte. Friedel aber wanderte ins Ungewisse, denn ein gut Stück weiter
-mochte das Preußenland wohl sein. Ach, und wie wollte ihm das Herz
-zerspringen beim Abschied von Ännchen! Bleich und still reichte sie ihm
-die Hand, litt es auch, daß er ihre Stirn küßte, was er lange nicht
-mehr gewagt. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht und lief eilend
-davon. „Sei getrost, braver Bub“, sprach Franzl zu ihm, „ich bewahre
-sie dir!“</p>
-
-<p>Als sie nun, von dem jungen Volk geleitet, zum Hof hinauszogen und
-zwischen grünenden Feldern hinwanderten, blickte Friedel noch einmal
-zurück. Da stand oben auf der schmalen Felsplatte, von wo er einst
-zum erstenmal das Tal überblickt, eine feine Mädchengestalt. Ein
-Sonnenstrahl fiel auf ihr Goldhaar, denn sie hatte das Kopftüchlein
-abgenommen und winkte ihm damit den Abschiedsgruß zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p>
-
-<p>Als die Wanderburschen das schöne Tal hinter sich gelassen hatten,
-durchzogen sie stundenlang recht öde Gegend, sahen verfallene Hütten,
-brachliegende, mit Gestrüpp bewachsene Felder und ganz verwilderte
-Gärten.</p>
-
-<p>Es waren verlassene Wohnstätten der vertriebenen Lutheraner; und das
-frevelhafte Wort des Erzbischofs: „Lieber sollen in meinem Lande nur
-Dornen und Disteln wachsen, ehe ich einen Ketzer drin dulde“, war hier
-schon in Erfüllung gegangen.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage überschritten sie die Grenze und kamen nach Bayern.
-Allmählich ward das Land weniger gebirgig und wäre wohl ungemein
-fruchtbar gewesen, wenn nur das Landvolk Zeit und Mut gehabt hätte,
-es recht ordentlich zu bebauen. Aber ach, es war damals in ganz
-Deutschland böse Zeit für das Volk, besonders für die Bauern! Nur
-wenige saßen im Wohlstand auf eigenem Grund und Boden, die meisten
-hatten ihr bißchen Land von einem Edelmann gepachtet. Da nun zu jener
-Zeit die Fürsten meist in Saus und Braus, ja sogar in Wollust und
-unsinniger Verschwendung lebten, machten’s die Edelleute ihnen nach,
-und plagten und drückten die armen Bauern nach Herzenslust, so daß
-keiner zu einigem Wohlstand gelangen konnte. Der damalige Kurfürst von
-Bayern fütterte seine zahllosen Jagdhunde mit viel besseren Speisen,
-als die Landleute auf ihrem Tische hatten.</p>
-
-<p>So trafen auch die beiden Wanderburschen fast überall Mutlosigkeit,
-Armut und dazu die größte Unwissenheit an. Allzu freundlich waren die
-Leute auch nicht; besonders Friedel ward oft scheel an<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span>gesehen, weil
-er sich nicht vor dem Kruzifix oder Heiligenbild bekreuzte, und die
-Stirn nicht netzte aus dem kleinen Weihwasserbecken, das in keiner
-Herberge fehlte. Dennoch gab’s manch lustige Wanderung durch grünen
-Wald und blumige Wiesen, und viel Schönes zu sehen in den Städten,
-die sie durchzogen. In einer derselben ward eben Jahrmarkt gehalten.
-Da konnte sich’s Friedel nicht versagen, ein seidenes Tüchlein und
-ein Silberkettchen für Ännchen zu kaufen, so sehr auch Joseph darüber
-lachte. Wohleingewickelt barg er’s in seinen Ranzen. Würde er ihr es
-wohl jemals umhängen?</p>
-
-<p>Zuweilen trafen sie auch einen Fuhrmann, der mit hochbeladenem
-Frachtwagen die rauhe, holprige Landstraße entlang zog, und ihnen gern
-erlaubte, für ein paar Groschen ein gut Stück mitzufahren.</p>
-
-<p>Endlich ward das Land so eben und flach, wie es Friedel gar nicht für
-möglich gehalten hatte, und eines Abends sahen sie von weitem die Türme
-der Stadt P. Sie wanderten am Ufer eines großen Flusses, der hieß der
-Inn, und meinten, einen größeren könnte es auf der ganzen Welt nicht
-geben. Aber die Donau, an deren Strand sie endlich staunend standen,
-war noch viel breiter, und die großen und kleinen Schiffe, die so
-lustig einherschwammen, entzückten Friedel so sehr, daß er sich fest
-vornahm, ein Stück auf dem Wasser zu fahren, sobald er allein sei.</p>
-
-<p>Mit einbrechender Nacht erreichten sie das Haus des Silberschmieds,
-in dem behaglicher Wohlstand herrschte. In dem Briefe des Vaters,
-den Joseph dem<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Hausherrn überreichte, mochte wohl auch Friedel der
-Huld des stattlichen, selbstbewußten Mannes empfohlen sein, denn er
-ward recht freundlich aufgenommen. Als sich’s aber zeigte, daß er ein
-blutarmer Bursch, dazu auch ein Ketzer war, behandelte man ihn kühler,
-und nach zwei sehr nötigen Rasttagen nahm er seinen Abschied.</p>
-
-<p>Recht frei und leicht war ihm zumute, daß er nun ganz sein eigener
-Herr war, aber doch auch ein wenig beklommen. Über seinen Plan, nach
-Preußen zu ziehen, hatte der Silberschmied nur gelächelt und die hohe,
-stattliche Gestalt des Burschen mit so eigenem Blick betrachtet. „Sei
-gescheit!“ hatte er gesagt. „Nimm Arbeit in deinem Handwerk, sobald
-du sie findest, und verdiene dir ein gut Stück Geld; das ist die
-Hauptsache.“ Ja, alle Leute taten, als ob das Geld das höchste Gut sei;
-der Großvater und die Talmüllerin hatten ganz anders gesprochen!</p>
-
-<p>Behaglich schlenderte er noch ein wenig in der Stadt umher, die zwar
-schöne Kirchen, aber enge, düstere Straßen hatte. O wie trübselig
-mußte es sein, zwischen diesen altersgeschwärzten Mauern zu wohnen!
-Es zog ihn mit Gewalt wieder hinaus in Freie. Schade, daß hier alles
-katholisch war! Wie gern hätte er einmal wieder in einer Kirche gebetet
-und gesungen, wie vor vielen Jahren als kleiner Knabe! Schon war er dem
-Flußufer wieder nahe, da sah er ein bescheidenes Kirchlein auf einem
-kleinen freien Platze. Die Tür war offen, und drinnen ward gesungen.
-Horchend blieb er stehen. O, klang es nicht wie süßer Ton aus der
-friedlichen Kindheit? Das<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> Lied war ihm so bekannt, daß er hereintrat,
-sich auf die hinterste Bank setzte und gleich aus Herzensgrund mit
-einstimmte. Nun erschien ein alter, freundlicher Pfarrer auf der
-Kanzel und sprach ganz in der Weise wie der gute Herr, bei dem er
-zur Kinderlehre gegangen. Es wurde dem Jungen ganz heimisch in dem
-einfachen, fast dürftigen Raum. Als der kurze Wochengottesdienst aus
-war, faßte er sich ein Herz, wartete draußen auf den Pfarrer, trat mit
-abgezogenem Hute bescheiden auf ihn zu und fragte:</p>
-
-<p>„Ich bitt’ schön, ehrwürdiger Herr, wo führt denn hier der Weg ins
-Preußenland? Ist’s nimmer weit dahin?“</p>
-
-<p>Verwundert und fast unwillig blickte der Mann dem Burschen ins Gesicht.
-Nein, der sah so kindlich, so treuherzig aus, der konnte keinen
-albernen Scherz mit ihm treiben!</p>
-
-<p>„Mein Sohn“, erwiderte er, die lange Perücke schüttelnd, die er nach
-damaliger Sitte trug, „da hast du einen weiten, gefährlichen Weg vor
-dir! Sage, was treibt dich in solche Ferne?“</p>
-
-<p>„Ach, ich bin ein Salzburger und vor vielen Jahren zurückgeblieben, als
-der Erzbischof Firmian meine Leut’ aus dem Lande trieb. Nun bin ich
-groß und stark und möcht’ ihnen nachziehen.“</p>
-
-<p>„Hast du denn Zehrgeld?“</p>
-
-<p>„O ja; der Beutel ist noch recht dick!“ entgegnete der Bursche, ihn aus
-der Tasche ziehend.</p>
-
-<p>„Laß ihn nur stecken“, sprach der Pfarrer lächelnd. „Und zeig’ ihn
-keinem ohne Not; hörst du? In unserm armen geplagten Bayernland
-wimmelt’s von Land<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span>streichern und Wegelagerern. Jetzt komm mit und iß
-eine Suppe bei mir; dann wollen wir weiter reden.“</p>
-
-<div class="figcenter illowe45" id="illu_099">
- <img class="w100" src="images/illu_099.jpg" alt="Friedel und der Pfarrer." />
-</div>
-
-<p>Nachdem sich Friedel in dem sehr bescheidenen Wohnstübchen des guten
-alten Herrn gesättigt, und ihm die ebenso freundliche Frau Pfarrerin
-einen Riß im Kittel zugenäht hatte, nahm ihn der Pfarrer in die
-Studierstube, wo so viele Bücher an den Wänden standen, als der Junge
-kaum in der ganzen Welt vermutet. Freimütig und kurz erzählte er dem
-alten<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Herrn, wie’s ihm von klein auf ergangen, und wie ihn nun eine
-mächtige Sehnsucht zu seinen Volks- und Glaubensgenossen treibe. Daß er
-aber wieder zurückgehen wolle, wenn er eine gute Heimat gefunden habe,
-um Tobi und Ännchen nachzuholen, das brachte er nicht über die Lippen.</p>
-
-<p>„Mein Sohn“, sprach der Pfarrer nach einigem Nachdenken, „deine
-Schicksale sind wundersamer Art! Erzähle sie nicht so leicht einem
-jeden; man würde dir schwerlich glauben. Bei mir ist dein Vertrauen gut
-angebracht; ich weiß, daß Gott die Seinen oft verschlungene Wege führt.
-Die Vertriebenen sind vom König von Preußen, der ein rauher, strenger,
-aber frommer Mann ist, wohl aufgenommen und kräftig unterstützt worden.
-Viele sind in Berlin und andern preußischen Städten geblieben; der
-größte Teil aber ist weit, weit nach Osten gezogen, wo man ihnen Land
-angewiesen hat. Der König hat große Summen Geldes zu ihrer Ansiedlung
-gestiftet.“</p>
-
-<p>„Dann will ich zum König nach Berlin gehen,“ sprach Friedel
-entschlossen, „und ihn um den Weg fragen; vielleicht weiß er auch, wo
-mein Pate Rudi geblieben ist.“</p>
-
-<p>„Du bist ein rechtes Kind“, sagte der Pfarrer lachend, „und ganz und
-gar weltfremd! Ein Bursch, wie du, kommt nicht so ohne weiteres zum
-König. Dazu ist er alt und kränklich, wie man hört. Und doch möchte
-ich dir helfen. Deine Treue und dein fester Sinn gefällt mir.“ Er
-dachte eine Weile nach, setzte sich dann an den Tisch und begann zu
-schreiben,<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> ließ aber sogleich wieder davon ab und fragte: „Kannst du
-lesen?“</p>
-
-<p>„Freilich!“</p>
-
-<p>„Auch Geschriebenes?“</p>
-
-<p>„Sicher! Ich kann auch selber schreiben; hab’s nur seit Jahren wenig
-geübt.“</p>
-
-<p>„Sei froh! Hier im Bayernland hätten die meisten deiner Art mit Nein
-geantwortet.“</p>
-
-<p>Nun schrieb er ziemlich lange, faltete und siegelte einen Brief und gab
-ihn dem Burschen. „Dieser Brief ist an einen Pfarrer in Berlin, der
-mir wohlbekannt ist. Wenn dich Gott sicher so weit geführt hat, wirst
-du leicht seine Wohnung erfahren, und er wird dir raten, was du tun
-sollst. Auf diesen Zettel aber habe ich dir die Städte geschrieben,
-durch die deine kühne Reise führt. Sieh, diese ersten liegen in Bayern,
-diese nächsten in Sachsen; das ist ein lutherisch Land, da wird dir’s
-gefallen! Bist du aber erst in Preußen, so kommen diese Orte dran
-und zuletzt Berlin. Aber, aber, mein Junge! Denke nicht, daß dein
-Beutelchen so weit reicht! Suche Arbeit und Verdienst, wo du’s findest,
-nicht nur in deinem Handwerk. Glaub’ mir’s: Es kann ein Jahr vergehen,
-ehe du dein Ziel erreichst; denn im Winter hört alles Wandern auf bei
-den schlechten Straßen.“</p>
-
-<p>„Das tut nichts“, erwiderte Friedel herzhaft; „wenn ich nur zuletzt
-hinkomm!“</p>
-
-<p>„Ja, wenn!“ sagte der Pfarrer nachdenklich und ging unruhig im Stübchen
-auf und ab, als hätt’ er noch was auf dem Herzen. Endlich blieb er vor
-seinem<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Gast stehen und sprach: „Junge, du bist gewachsen wie eine
-Tanne, stark und geschmeidig dazu; nimm dich in acht, daß sie dich
-nicht zum Soldaten machen!“</p>
-
-<p>„Ei, das sollen sie fein bleiben lassen; ich bin ja ein Müller!“</p>
-
-<p>„Das schützt dich nicht! Ich sage dir’s, hüte dich! Sitze nicht lang in
-den Herbergen, trinke keinen Branntwein, und nimm ja von keinem Geld
-an, es sei denn, daß du’s mit redlicher Arbeit verdient hast.“</p>
-
-<p>Und nun erzählte er dem erstaunten Burschen, wie listig es die Werber
-oft anfingen, einen zum Soldaten zu machen, und wie ihm kein Mensch
-mehr helfen könne, wenn er einmal das Handgeld angenommen.</p>
-
-<p>Friedel hörte aufmerksam zu, verstand aber die Sache nicht ganz; sie
-war ihm allzu fremd. Hingegen schien ihm hier der rechte Ort, eine
-Bibel zu kaufen. Er erhielt sie aber sogar geschenkt und bedankte
-sich recht aus Herzensgrund. Sie war kleiner und leichter als die des
-Großvaters und beschwerte den Ranzen nicht sehr.</p>
-
-<p>Ein wenig nachdenklich, aber doch frohen Mutes schied Friedel von dem
-guten Pfarrer, ging auf seinen Rat ans Flußufer und fand freie Fahrt
-bis Regensburg auf einem mit allerlei Kaufmannsgut beladenen Schiffe.
-Tüchtig rudern und manch andern Dienst tun mußte er freilich für sein
-bißchen Essen und Trinken; doch tat er’s gern, denn er sehnte sich
-danach, wieder was zu schaffen. Von Regensburg wanderte er wacker
-nach Norden zu, und des Pfarrers Zettel war ein guter Wegweiser. Aber
-recht einsam war’s doch, immer so<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> allein seine Straße zu ziehen;
-darum freute er sich, als sich einst ein ganz prächtiger Bursche zu
-ihm gesellte, der just nach derselben Stadt wollte. Was wußte er für
-lustige Lieder, und wie konnte er erzählen! Ein Landstreicher war’s
-sicher nicht! Er hatte ja eine Feder auf dem Hut und silberne Schnallen
-an den Kniehosen. Ganz vornehm mußte er sein, hatte schon mit Grafen
-und Edelleuten zu Tisch gesessen! Aber der Sommertag war heiß, und
-das weiche Gras am Waldesrand lud zur Ruhe ein. Sie streckten sich im
-kühlen Schatten nieder und schliefen bald sanft und fest. Ja, Friedel
-mochte wohl recht fest geschlafen haben, denn als er endlich erwachte,
-die Augen rieb und sich nach dem schmucken Kumpan umsah, war er weg
-und kam auf kein Rufen wieder. Aber der Schweiß rann dem Friedel von
-der Stirn; die Sonne hatte den Weg zu ihm gefunden. Er fuhr in die
-Tasche, um sein Tüchlein herauszuheben. Das war sicher drin; aber
-der Geldbeutel, der dabei gesteckt, der war weg! O weh, o weh! Wer
-hätte gedacht, daß ein Landstreicher so wacker plaudern könne und
-samtene Hosen trüge! Ein Viertelstündchen saß der arme Bursch weinend
-am Waldesrand, dann aber raffte er sich auf. „’s war ja nur schnödes
-Geld“, sprach er; „bald kann ich’s wieder verdienen! Gut, daß ich den
-Ranzen unterm Kopf hatte, sonst wär’ der wohl auch weg! Nun muß ich
-arbeiten, und freue mich darauf; ’s Wandern kriegt einer auch satt!
-Schadet nichts, wenn ein paar gute Jahre hingehen, ehe ich wieder
-heimkomme. Ich und’s Ännchen sind ja noch viel zu jung zum &ndash; &ndash;“
-Weiter<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> kam er nicht, schnallte den Ranzen auf und marschierte wacker
-vorwärts.</p>
-
-<p>Ein paar Tage später schaffte er schon in einer großen Mühle, wo es
-noch viel für ihn zu lernen gab. Der Meister gewann ihn lieb und ließ
-ihn den ganzen Winter nicht fort, da es im reißenden Flüßchen wenig Eis
-gab und das Mühlwerk nur selten stillstand. Hier schrieb er einen Brief
-an den Franzl und übergab ihn zaghaft der wundersamen Anstalt, die man
-Post nannte. Freilich war alles ringsum katholisch; aber er hielt sich
-still, las fleißig in seiner Bibel, mied das Wirtshaus, und in der
-Arbeit tat es ihm keiner zuvor.</p>
-
-<p>Gern wäre er im zeitigen Frühjahr weiter gezogen, aber er mußte lange
-warten, ehe die aufgetauten, bodenlosen Landstraßen wieder gangbar
-waren. Dann setzte er seinen Stab weiter und kam glücklich bis ins
-Sachsenland. Einen großen Schatz trug er in der Brusttasche, einen
-Brief vom Franzl am Stein, unter den das Ännchen mit mühsam gemalten
-Buchstaben einen kurzen Gruß gesetzt hatte. Er wickelte ihn mit dem
-Tüchlein und der Kette zusammen, die er für Ännchen gekauft, und labte
-sich an dem Anblick dieser Schätze, wenn ihm der Mut sinken wollte.
-Denn ach, auch in Sachsen fand er das nicht, was er erwartet! Da es
-ein lutherisches Land war, meinte er, es müsse so fein friedlich und
-christlich zugehen, wie ehemals unter den frommen Salzburgern. O wie
-anders fand er es!</p>
-
-<p>In Sachsen regierte damals August III., ein träger charakterloser
-Mensch, der, wie sein Vater August der<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Starke, seinen Glauben
-verleugnet hatte und katholisch geworden war. Während er nur seinem
-Vergnügen lebte, trieb sein Minister, Graf Brühl, die sinnloseste
-Verschwendung, so daß das arme Volk die schwere Last der Steuern
-und Abgaben kaum ertragen konnte. Die Reichen aber machten’s meist
-ihrem Fürsten nach, drückten und plagten die Armen und lebten dabei
-in Wollust. Hart und streng hielten auch die Herren ihre Knechte,
-die Meister ihre Gesellen. Trotzdem ging’s dem Friedel nicht allzu
-schlecht. An Gehorsam war er von klein auf gewöhnt; Arbeit war seine
-Lust, und ein hartes Wort nahm er nicht so leicht übel. Daß er jeden
-Sonntag zur Kirche gehen und sich dort Trost und Mut holen konnte,
-war ja ein unbezahlbarer Schatz. Ach, oft kam er auch mit beschwertem
-Gewissen! Denn nicht immer widerstand er der Versuchung, ein wenig
-teilzunehmen an der wilden Lustigkeit in den Herbergen. Sein Blut war
-heiß und wallte leicht auf, wenn man ihn neckte um seines stillen
-Wesens willen; schon das verwickelte ihn in manchen Streit. Auch kam’s
-wohl vor, daß er einmal ein Tröpflein über den Durst trank.</p>
-
-<p>Nur in einem Ding blieb er unerschütterlich fest. An dem Scherz und
-leichtfertigem Geschwätz, das die Burschen in der Herberge mit hübschen
-Wirtstöchterlein oder stattlichen Mädchen trieben, nahm er nie teil,
-nein, nicht mit einem Wort! Sie gingen ihn alle nichts an! Nicht einen
-Augenblick vergaß er, was er damals am Bett kniend, zu Frau Marie
-gesagt, und was sie ihm geantwortet hatte. Hell und klar wollte<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> er
-seine Augen zu Ännchen aufschlagen, wenn Gott ihn wieder zu ihr führte!</p>
-
-<div class="figcenter illowe45" id="illu_106">
- <img class="w100" src="images/illu_106.jpg" alt="Plauderei in der Mühle." />
-</div>
-
-<p>Zwischen all dem Jammer, all der wilden Lust und dem harten Wesen
-gab es doch noch eine große Anzahl ernster, frommer Christen, die,
-unbekümmert um die tolle Welt, ihres Glaubens lebten. Zu solchen führte
-Gott endlich auch den jungen Wandersmann. Ein ganzes Jahr arbeitete
-er bei einem braven Müller, der zu diesen „Stillen im Lande“ gehörte,
-befand sich dort gar wohl und ward gehalten wie ein Sohn des Hauses.
-Gern hätte ihn der Meister<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> noch länger behalten, doch zog es ihn nun
-mächtig nach Preußen. Er hatte sparsam gelebt; sein Beutel war so gut
-gefüllt, daß er hoffte, damit endlich bis nach Berlin zu kommen.</p>
-
-<p>In der Mühle sammelten sich oft verständige Männer aus der Stadt,
-um am Feierabend ein wenig zu plaudern. Bescheiden zuhörend vernahm
-Friedel dann allerlei vom Lauf der Welt. Er wußte, daß der strenge,
-gefürchtete König von Preußen, der doch unendlich viel für sein Volk
-getan, gestorben war, und sein Sohn Friedrich II. den Thron bestiegen
-hatte. Von diesem erzählte man seltsame Dinge. Klein und mager von
-Person, sei er doch eine gar königliche Erscheinung, und der Blick
-seiner Augen sei so klar und durchdringend, als wolle er jedem ins Herz
-hineinsehen. Sein ganzes Streben gehe dahin, sein Volk glücklich zu
-machen; doch gehe er dabei viel milder und freundlicher zu Werke als
-sein harter Vater. Das machte dem Friedel Mut und Hoffnung; wer weiß,
-ob’s ihm nicht gelingen würde, diesen leutseligen König selbst nach den
-Salzburgern zu fragen!</p>
-
-<p>Von vielen Segenswünschen begleitet, zog er aus und überschritt endlich
-gutes Mutes die preußische Grenze. Bald merkte er, daß hier unterm
-Volk wirklich ein besserer Geist herrschte. Wie fleißig schafften
-sie alle, auch die es nicht fürs tägliche Brot bedurften! Größerer
-Wohlstand und bessere Ordnung war in Dorf und Stadt zu finden; freilich
-auch das strenge, herbe Wesen, das die Not der Zeit mit sich gebracht
-hatte. Bald fiel’s ihm auf, daß viele der jungen Burschen,<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> die auf
-den Feldern arbeiteten, grellrote Halsbinden trugen. Auf die Frage,
-was das bedeute, sagte man ihm, es seien Kantonisten, d.&nbsp;h. Leute, die
-von Jugend auf für den Soldatenstand bestimmt wären. Jede Stadt und
-jedes Dorf müsse eine bestimmte Anzahl stellen. „Ei“, dachte Friedel,
-„das ist also die Sache, vor der mich der gute Pfarrer warnte. Nun, ich
-laß mir sicher nicht so ein rotes Ding um den Hals zwängen! Bin auch
-weder in Stadt noch Dorf zu Hause.“ Wenn nur die Welt, und besonders
-das Preußenland, nicht gar so groß gewesen wäre! Er ließ sich gewiß das
-Gras nicht unter den Füßen wachsen und vertat keinen Groschen unnütz,
-dennoch ging das Geld zu Ende, und Berlin war noch weit weg.</p>
-
-<p>Eines Tages saß er mutlos in einem einsamen Wirtshaus an der
-Landstraße; von bösem Unwetter überrascht, hatte er das nächste Dorf
-nicht mehr erreichen können. Außer ihm war nur noch ein einziger Gast
-in der großen Stube, ein stattlicher Herr in feiner Tuchkleidung und
-mit einem gewaltigen Zopf, der ihm fast bis an die Hüften herabhing.
-Er schrieb emsig in eine große Brieftasche, trat zuweilen ans Fenster,
-um nach dem Wetter zu sehen, beachtete aber den Müllerburschen gar
-nicht. Endlich brachte der Wirt das Abendessen; für Friedel eine dicke
-Suppe und ein Stück Schwarzbrot, für den Herrn aber ein gebratenes
-Huhn und einen Krug Wein. Der hungrige Bursche vertiefte sich in seine
-Suppenschüssel, ohne zu merken, daß die beiden Männer leise miteinander
-sprachen und nach ihm hinüberblickten. Endlich begann der Herr laut zu
-reden:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p>
-
-<p>„Es ist ein fatales Ding, daß mir der Bursch eben jetzt davonlaufen
-mußte um der einzigen Kopfnuß willen! Wenn’s heimwärts ginge, machte
-ich mir wenig draus, den Dummkopf los zu sein; aber nach Berlin ganz
-ohne Bedienung zu reisen, paßt mir nicht.“</p>
-
-<p>„Ei, wenn’s nur das ist“, erwiderte der Wirt, „so wird sich wohl
-jemand finden, der den gestrengen Herrn dahin begleitet. Heda, junger
-Mehlsack, will Er nicht nach Berlin?“</p>
-
-<p>„Meint Ihr mich?“ fuhr Friedel auf. „Ein Mehlsack bin ich nicht!“</p>
-
-<p>„Hast aber schon manch einen auf dem Buckel getragen, he? Hier gäb’s
-was für ihn!“</p>
-
-<p>„Was denn?“</p>
-
-<p>„Ei, wenn Er nicht gar so unmanierlich ist, könnt’ Er den gnädigen
-Herrn hier nach Berlin begleiten als sein Diener.“</p>
-
-<p>„Das geht nimmer! Ich bin ein freier Mann; gedient hab’ ich noch nie.“</p>
-
-<p>Der Herr war aufgestanden und trat an Friedels Tischchen. „Ei, mein
-Bursch, überlege dir die Sache. Freie Fahrt nach Berlin im Postwagen,
-gut Essen und ein schön Stück Geld. Weiter nichts zu tun, als mein
-Gepäck zu tragen, Kleider und Schuhe zu bürsten und dergleichen kleine
-Dienste zu leisten, die du bald begreifen wirst. Ein Dummkopf bist du
-nicht; das steht dir auf der Stirn geschrieben. Ein paar Wochen, dann
-ist alles vorüber; es ist nur für diese unangenehme Reise.“</p>
-
-<p>„Kann ich dann in Berlin bleiben?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p>
-
-<p>„Ei gewiß! Ich nehm’ dich nicht wieder mit.“</p>
-
-<p>„Ob ich dort auch den König zu sehen bekomme?“</p>
-
-<p>„Nicht einmal, zehnmal sollst du ihn sehen, wenn du mit mir gehst.“</p>
-
-<p>„Dann will ich in Gottes Namen!“</p>
-
-<p>Am andern Tag mußte er sich sauber waschen und kämmen, seine
-Sonntagsjacke anziehen und den Wanderkittel im Ranzen tragen.
-Kaum war’s geschehen, so erklang auch schon ein Posthorn, und der
-schwerfällige Wagen, auf den der gnädige Herr gewartet, hielt vor dem
-Hause. Friedel mußte in einem kleinen Kasten, der hinten angebracht
-war, Platz nehmen, und fort ging’s, dem langersehnten Ziele zu. Nicht
-allzu geschwind! Die damaligen Postwagen waren gar ungeschickte, meist
-federlose Dinger, und das Fahren darin keineswegs ein Vergnügen. Das
-spürte auch Friedel in seinem engen Käfig gar bald, war aber dennoch
-guter Dinge. Nach ein paar Tagen erreichte man die letzte Station vor
-Berlin. Ehe der Herr, dem der Wein heute besonders gut geschmeckt
-hatte, wieder in den Wagen stieg, warf er dem Friedel ein blankes
-Silberstück hin und rief:</p>
-
-<p>„Hier, Bursch, hast du derweil ein Handgeld.“</p>
-
-<p>„Laßt’s doch sein, Herr“, sprach der Diener, „bis meine Zeit aus ist.“</p>
-
-<p>„Unsinn! Das tät zu lang dauern.“</p>
-
-<p>„Na“, dachte Friedel, „wenn ich den König sehen will, möcht’ ich mir
-neue Schuhe kaufen; der Herr hat wohl gesehen, daß meine nicht viel
-mehr taugen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p>
-
-<p>Bald war’s zu merken, daß man sich der für damalige Begriffe schon
-großen Stadt immer mehr näherte. Es war ein herrlicher Herbsttag; kein
-Wölkchen am Himmel. Die Felder waren schon fast abgeleert, aber die
-Obstgärten prangten im Schmuck der rotwangigen Äpfel und goldgelben
-Birnen; die Wiesen im letzten frischen Grün. Viele Menschen spazierten
-draußen herum, sich an der milden Luft zu erquicken. Vergnügt blickte
-Friedel in das fröhliche Leben; sein Herz klopfte in freudiger
-Erwartung. Nun mußte er ja bald sichere Kunde erhalten, wo sich seine
-Volksgenossen hingewendet. Jetzt rumpelte der Postwagen langsam an
-einem weiten Platz vorüber, auf dem Soldaten exerzierten. So oft der
-Wandersmann früher so etwas gesehen, hatte er so schnell als möglich
-Reißaus genommen; heute durfte er’s wohl gemütlich betrachten.</p>
-
-<p>Aber, o Schrecken, wie ging’s da her! Wenn einer beim Franzl am Stein
-das Vieh so angebrüllt, mit Füßen getreten und mit Fäusten geschlagen
-hätte, wie hier die Korporale die armen Soldaten, wär’s ihm schlecht
-ergangen. „O wie gut ist’s, daß ich keinem Werber begegnet bin!“ dachte
-Friedel und war froh, als sie vorüber waren.</p>
-
-<p>Nun ging’s zum Tor herein in die Stadt, und bald hielt der Wagen vor
-einem Posthause. Da standen zwei Männer, die schon auf den Herrn
-gewartet hatten. „Bringt Ihr ein paar?“ hörte er sie fragen. „Nur
-einen, aber einen Prachtkerl!“ war die halblaute Antwort.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p>
-
-<p>Friedel sah sich vergebens nach dem Prachtkerl um und wollte das Gepäck
-auf seine Schultern nehmen, wie er’s gewöhnt war. Aber die Männer
-ließen’s nicht zu; nur seinen eigenen Ranzen durfte er aufsacken.</p>
-
-<p>„Geh’ einstweilen mit diesen beiden“, gebot der Herr Amtmann lachend,
-„da wirst du bald den König sehen.“ Mit diesen Worten verschwand er in
-der Haustür; die beiden nahmen Friedel in die Mitte und führten ihn
-durch enge, winklige Straßen vor ein großes unsauberes Haus mit kleinen
-vergitterten Fenstern. Hier konnte doch der König unmöglich wohnen!</p>
-
-<p>„Was soll ich da drin? Was habt ihr mit mir vor?“ fragte der Jüngling,
-plötzlich von banger Ahnung befallen.</p>
-
-<p>„Dummer Kerl! Hier gehörst du ’rein; ’s ist eine Kaserne. Du bist ja
-ein Rekrut!“</p>
-
-<p>„Das ist nicht wahr“, schrie Friedel entsetzt; „ich bin des gnädigen
-Herrn Diener!“</p>
-
-<p>„Schöner gnädiger Herr! Ein Werbeoffizier ist’s! Du dummes Schaf bist
-ihm ins Garn gegangen. Marsch, ’nein mit dir!“</p>
-
-<p>Aber der junge Salzburger ließ sich die Freiheit nicht so leicht
-rauben. Gewandt und kräftig, wie er war, riß er sich mit aller Macht
-los, schleuderte das entsetzliche Handgeld in den Straßenschmutz und
-rannte in großen Sprüngen davon. Aber ach, auf das Geschrei seiner
-beiden Verfolger: „Haltet ihn; ’s ist ein Rekrut!“ ward er im nächsten
-Augenblick festgehalten, seinen Führern wieder übergeben und von ihnen
-in die Kaserne geschleppt. Den Unglückstaler steckten sie<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> ihm wieder
-in die Tasche. O wie hatte er ihn nur annehmen können! Wie konnte er
-die Warnung des guten Pfarrers vergessen!</p>
-
-<p>„Sieh“, sagte einer der Männer nun freundlicher, „an dieser Haustür
-steht ein Wachtposten mit geladenem Gewehr; darum sei vernünftig und
-denke nicht an Flucht. Hier ist deine Stube; nun sei gescheit und mach’
-dir’s bequem. Heute und morgen hast du noch frei.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Ein_guter_Kamerad">7. Ein guter Kamerad.</h2>
-
-</div>
-
-<p>In der großen düsteren, nur mit dem nötigsten Hausrat versehenen Stube
-befanden sich drei Männer. Einer, der ins Lesen eines Buches vertieft
-am Fenster saß, hob nur den Kopf, seufzte tief und las weiter. Die
-beiden andern, die Karten spielend am Tische saßen, begrüßten den
-Verzweifelten mit rohem Gelächter. Friedel aber sank auf einen Schemel
-nieder, schlug die Hände vors Gesicht, und seine kräftige Gestalt
-erbebte im Übermaß des Jammers, der sich endlich in lautem Weinen und
-Schluchzen Luft machte. Selbst den rohen Spielern ward’s unheimlich
-dabei zumute. „Komm“, flüsterte der eine, „wollen gehen und eins
-trinken, bis er ausgetobt hat.“</p>
-
-<p>Als sie hinaus waren, legte sich eine Hand sanft auf das Haupt des
-Weinenden. Er blickte auf; der eifrige Leser stand vor ihm, ein
-schöner, stattlicher junger Mann, bedeutend älter als Friedel und mit
-so feinen, geistvollen Zügen, daß ihn dieser für etwas ganz<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> Vornehmes
-hielt, obgleich er nur die grauleinene Hausjacke der Soldaten trug.</p>
-
-<p>„Ach, lieber Herr“, rief er händeringend, „laßt mich hinaus, laßt mich
-fort! Man hat mich schändlich betrogen; ich kann und mag nicht Soldat
-sein!“</p>
-
-<p>„Armer Bursche“, erwiderte der andere, „ich kann dir nicht helfen! Ich
-bin ja auch Soldat wider Willen, schon seit einem Jahr.“</p>
-
-<p>„Kommt Ihr denn bald wieder los?“</p>
-
-<p>„Nicht eher, als bis mich Gott von dieser bösen Welt nimmt“, war die
-traurige Antwort.</p>
-
-<p>„Bis man stirbt, muß man Soldat bleiben?“ schrie Friedel ganz
-verzweifelt. „Dann will ich jetzt sterben, jetzt gleich! Ich halt’s
-nicht aus, nein, nimmer, nimmer! Frei will ich sein oder tot!“</p>
-
-<p>Eine Weile ließ ihn der Ältere gewähren, dann sprach er sanft: „Bruder,
-das ist nicht recht! Kannst du beten?“</p>
-
-<p>Statt aller Antwort glitt Friedel am Schemel nieder; der Kamerad kniete
-neben ihm und flehte in schlichten, innigen Worten um Kraft und Geduld,
-dies schreckliche Los männlich und christlich zu tragen, und fest zu
-glauben, daß auch dies schwere Schicksal aus Gottes Hand komme.</p>
-
-<p>Friedel war still geworden und streckte sich auf den Rat des Gefährten
-aufs harte Lager, gänzlich erschöpft von Schrecken und Jammer.</p>
-
-<p>„Wie heißt Ihr?“ fragte er den andern, der sich freundlich um ihn
-bemühte. „Und warum seid Ihr so gut zu mir?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p>
-
-<p>„Weil ich dir an den Augen ansehe, daß du besserer Art bist als
-andere, und weil du beten kannst. Nenne mich Johannes und sage du; laß
-uns Freunde sein! Wir werden Zeit genug finden, einander die Herzen
-auszuschütten; jetzt mußt du ruhen. Ich will uns eine Suppe holen und
-dein Kommißbrot; du bist ganz erschöpft.“</p>
-
-<p>Als der arme Bursche am späten Abend endlich die müden Augen schloß,
-bewegten sich seine Lippen noch zu einem innigen Dankgebet, daß ihm
-Gott in der Gestalt des neuen Freundes, der still und ernst an seinem
-Bette saß, einen Schutzengel zugesellt hatte.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage ward der Rekrut in die Rüstungskammer geführt und
-in die enge, knappanliegende Uniform gekleidet. Sie kam ihm vor
-wie eine Zwangsjacke, und er hätte sie am liebsten gleich wieder
-vom Leibe gerissen. Am verhaßtesten war’s ihm, daß sein schönes
-lichtbraunes Haar, auf das er ein wenig eitel gewesen, in einen
-garstigen Zopf gedreht wurde, der, künstlich verlängert, über den
-Rücken herunterbaumelte. So umgewandelt führte man ihn mit mehreren
-Schicksalsgenossen in eine weite Halle, wo ihnen ein Offizier
-etwas sehr Langes vorlas, wovon Friedel fast gar nichts verstand.
-Johannes sagte ihm später, es seien die Kriegsartikel gewesen; das
-machte ihn auch nicht viel klüger. Nun wurden ein paar große Fahnen
-hereingebracht, die mußten alle umfassen und einige Worte nachsprechen,
-die ihnen der Offizier vorsagte. Da aber dem Salzburger die schnarrende
-Sprechweise des ungeduldigen Herrn fast unverständlich<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> war, bewegte er
-nur den Mund, ohne ein einziges Wort zu sagen. Das war der Fahneneid,
-der den armen Jungen auf Lebenszeit an einen Beruf fesseln sollte, der
-ihm zuwider war und zu dem man ihn durch schändlichen Betrug gezwungen!</p>
-
-<p>Der Adel, aus dem damals allein die Offizierstellen besetzt wurden, war
-mit wenigen Ausnahmen roh, übermütig, leichtfertig und stolz. Da war’s
-kein Wunder, daß es den armen Burschen, die auf dem Exerzierplatz ganz
-in die Gewalt solch hochnäsiger, grober Junker gegeben waren, herzlich
-schlecht erging. Das mußte auch Friedel reichlich erfahren; und es
-kostete dem treuen Johannes unendliche Mühe, ihn zu überzeugen, daß er
-sich Schimpfworte, Püffe, Fußtritte und Stockschläge gefallen lassen
-müsse, ohne ein Wort des Widerspruchs. Immerhin war für den gewandten,
-verständigen Burschen die allerschlimmste Zeit bald überstanden; und
-als es zu den Schießübungen kam, erntete er sogar zuweilen ein Wort des
-Lobes. Obgleich aber die Ausbrüche bitteren Jammers und ohnmächtigen
-Zornes allmählich seltener wurden, versöhnte er sich doch nie mit
-seinem Schicksal; nein, nicht einen Augenblick! Zahllos waren die
-Fluchtpläne, die er für sich und den Freund schmiedete, die aber nie
-zur Ausführung gelangten, da sich überall unübersteigliche Hindernisse
-entgegenstellten.</p>
-
-<p>Vielleicht war es gut, daß die Rekruten, besonders im ersten Jahre,
-nur wenig Zeit hatten, über ihr Schicksal nachzudenken. Das Drillen
-und Üben nahm gar kein Ende, und wenn’s überstanden war, gab’s in
-der<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> trübseligen Stube zu waschen und zu putzen, damit am nächsten
-Tage nicht etwa ein Schmutzflecken an den weißen Gamaschen oder ein
-blind gewordener Knopf den Zorn des Korporals reizte. War endlich ein
-freies Stündchen, so suchten nicht wenige die Branntweinschenken auf,
-um in rohem Scherz ihr Elend zu vergessen; andere beschäftigten sich
-mit allerlei Handarbeiten oder Tagelöhnerdiensten, um einige Groschen
-zu erwerben, da der Sold so knapp war, daß er kaum zum Nötigsten
-reichte. Johannes, der eine schöne Handschrift schrieb, saß an den
-langen Winterabenden meist über Rechnungen und Briefen, die ihm ein
-Kaufmann zum Abschreiben übergab. Friedel aber suchte die Schnitzkunst
-wieder hervor, die er bei Tobi gelernt hatte; seine Löffel, Becher und
-Schüsseln wurden von den Kameraden gern gekauft.</p>
-
-<p>Nach und nach ward er ruhiger und lernte sein Schicksal männlich
-und gefaßt ertragen wie der Freund. Zu solcher Zeit erzählten sie
-einander aus vergangenen Tagen; ach, es klang wie aus einer andern,
-lieblich heiteren Welt! Friedel vertraute dem Freunde sehr bald
-seine wunderbaren Schicksale an; ja, er verschwieg ihm sogar seine
-innige Liebe zu Ännchen nicht, die ihm jetzt im Unglück erst recht
-zum Bewußtsein kam. Aber wie erschrak er, als Johannes das Antlitz in
-die Hände verbarg, schmerzlich seufzte und endlich in heiße Tränen
-ausbrach! Nach der Ursache zu fragen, wagte er nicht. Seine Ehrfurcht
-vor dem ernsten Freund war ebenso groß wie seine Liebe zu ihm. Bald
-beruhigte sich dieser und begann:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span></p>
-
-<p>„Von deinen Salzburgern kann ich dir etwas mitteilen. Mein lieber
-Vater, der ein Prediger ist, nahm großen Anteil an ihrem Schicksal;
-ja, ich erinnere mich selbst noch wohl, daß eine kleine Schar durch
-unser Dorf zog, wo wir etliche in unserm Hause beherbergten. Auch über
-das Schicksal derer, die nach Amerika auswanderten, erhielt mein Vater
-Nachricht. Sie haben im Staate Georgia eine neue Heimat gefunden.“</p>
-
-<p>„Ist das weit?“ unterbrach Friedel mit glänzenden Augen. „Könnten wir
-nicht dorthin entfliehen? Aufs Meer würden sie uns nicht so schnell
-folgen.“</p>
-
-<p>„Armer Junge! Du würdest eingeholt werden, lange, ehe du das Meer
-erreichtest. Auch in den Häfen sind Spione! Ach, es ist sehr, sehr
-weit! Wart’, ich will dir’s zeigen.“</p>
-
-<p>Er brachte aus seinem Kasten ein breites dünnes Buch hervor mit
-seltsamen Bildern, wie sie Friedel noch nie gesehen; es waren
-Landkarten. Nur zu bald merkte Johannes, wie kindlich und mangelhaft
-des Freundes Vorstellungen von Gestalt und Größe der Erde, von den
-Entfernungen zwischen den Ländern und Meeren waren. Mit Staunen hörte
-Friedel auf die Wunderdinge, die er ihm davon erzählte, und es entspann
-sich daraus ein Unterricht, der für beide gleich genußbringend war.</p>
-
-<p>Auch im Schreiben übte sich der Jüngere unter Aufsicht des gelehrten
-Genossen und verfaßte mit vieler Mühe, oft unterbrochen durch heißes
-Weinen, einen langen Brief an den Franzl am Stein, worin er die<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span>
-traurige Wendung seines Geschickes berichtete. Was er ganz am Rande für
-Ännchen hinzufügte, brauchte der Freund nicht zu lesen, begehrte es
-auch nicht.</p>
-
-<p>So wurden die beiden je länger je mehr ein Herz und eine Seele. Nur
-in einem blieben sie verschieden. Friedel gab nie, nein, keine Stunde
-lang, die Hoffnung auf, daß Gott ihn noch hienieden aus dem schweren
-Joch erlösen und in die Heimat zurückführen werde. Bat er ihn doch
-täglich so heiß, so inbrünstig darum! Johannes dagegen hatte alle
-irdischen Hoffnungen aufgegeben, sehnte sich aber desto mehr nach der
-Stunde, da seine befreite Seele aufschweben würde zur ewigen Freude.</p>
-
-<p>Friedel ward trotz der schmalen Kost, trotz des bitteren Herzwehes
-immer kräftiger und abgehärteter. Johannes aber brach oft, wenn die
-anstrengenden Übungen vorüber waren, ganz kraftlos zusammen, war auch
-nicht selten krank, so daß er einige Tage das Bett hüten mußte. Dann
-pflegte ihn der Freund so gut er konnte und sparte sich den mühsam
-verdienten Groschen ab, um ihm eine Erquickung zu bereiten. An solchen
-Tagen mußte er ihm auch oft aus der Bibel vorlesen, und meist Stellen,
-die von der Seligkeit des Himmels handelten. Tiefbewegt hatte der
-Kranke einst zugehört, dann sprach er:</p>
-
-<p>„Du guter Kamerad hast mir so freimütig alle deine Schicksale erzählt
-und mich so tief in dein liebreiches Herz blicken lassen. Da wird es
-Zeit, daß ich auch offen gegen dich bin. Ich weiß, du kannst nicht
-begreifen, daß ich auf Erden nichts mehr hoffe, und mich, o wie sehr!
-nach dem Himmel sehne. Aber denke<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> nicht, daß mein armes, schwaches
-Herz so ganz allein am Heiland hängt. Wohl glaube ich aufrichtig an
-ihn und sehne mich nach ihm von ganzem Herzen. Aber wenn ich mir ihn
-vorstelle, zur Rechten Gottes sitzend in seiner Herrlichkeit, dann
-sieht mein geistiges Auge unter den Seligen, die seinen Thron umgeben,
-eine zarte verklärte, ach so unendlich geliebte Gestalt, in deren
-Lobgesang ich so gern noch heute einstimmen möchte.“</p>
-
-<div class="figcenter illowe45" id="illu_120">
- <img class="w100" src="images/illu_120.jpg" alt="Friedel und Johannes." />
-</div>
-
-<p>„Ist’s etwa ein liebes frühverstorbenes Schwesterlein?“ fragte Friedel
-leise.</p>
-
-<p>„Nein, o nein; es ist Luise, meine teure, holde Braut!“ Er verbarg
-das Antlitz ins Kissen und schwieg lange. Dann fuhr er ruhiger fort:
-„Meine Trauer um sie ist selbstsüchtig. Ihr ist wohl geschehen; denn
-o, wie würde sie sich grämen, wenn sie leben müßte,<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> hoffnungslos
-getrennt von mir! Ach, wir liebten uns so sehr! Bald sollte Hochzeit
-sein. Ich sollte dem alternden Vater im Amte helfen, begleitete aber
-erst einen Freund auf einer Reise und fiel auf dem Heimweg in die Hände
-der Werber. Ach, man hatte mich gewarnt! Auch wäre ich wohl alt genug
-gewesen, um vorsichtig zu sein; aber träumerisches, unpraktisches Wesen
-hing mir von klein auf an.“</p>
-
-<p>„Wie kam es, daß sie so bald sterben mußte?“ fragte Friedel mitleidig.</p>
-
-<p>„Sie war von zarter Gesundheit und hatte eben ein Fieber überstanden,
-als sie durch unvorsichtiges Geschwätz einer Magd plötzlich und
-unvorbereitet mein Unglück erfuhr. Sie sank in tiefe Ohnmacht; ein
-Rückfall trat ein, und nach wenig Tagen brach das treue Herz. Verstehst
-du nun, warum ich kein irdisches Glück mehr hoffe?“</p>
-
-<p>Satt aller Antwort schlang Friedel weinend die Arme um den Hals des
-Freundes und küßte ihn; von da an waren sie erst recht wie Brüder.</p>
-
-<p>Gute und böse Zeit eilt schnell dahin, als flögen wir davon. So
-waren auch zwei Jahre vergangen in einer Lebensweise, die dem freien
-Wanderburschen erst ganz unerträglich geschienen. Er war nun fertig und
-geschickt in allem, das ein guter Soldat leisten muß. Man mißhandelte
-ihn nicht mehr; ja, seine und des Freundes Lage hatte sich sogar etwas
-verbessert. Ein wohlmeinender Offizier, von guter Bildung und feinen
-Sitten, wie es deren immer eine Anzahl gab, war an die Spitze der
-Truppe getreten, der die Freunde<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> angehörten, und hatte bald erkannt,
-daß sie besserer Art waren als ihre Genossen. Er brauchte sie zu
-allerlei Arbeiten und Dienstleistungen, gewährte ihnen eine kleine
-Zulage zum geringen Sold und stellte sie beim Exerzieren nebeneinander.
-Das letztere war beiden am wertvollsten. „Wenn’s einmal in den Krieg
-geht“, sagte Johannes, „marschieren wir zusammen; und wenn ich falle,
-rufst du mir ein Abschiedswort zu!“</p>
-
-<p>Nun, für jetzt war eben erst ein Krieg beendet, den man den ersten
-Schlesischen nennt. Siegreich kehrte der junge König in seine
-Hauptstadt zurück, und nun sollte ihn Friedel endlich zu sehen bekommen.</p>
-
-<p>Wie eine Mauer stand das ganze Regiment auf dem Paradeplatze; die
-beiden Freunde in der vordersten Reihe. Langsam ritt, von einigen
-Offizieren umgeben, ein kleiner Mann die Front entlang. Gerade da, wo
-Johannes und Friedel standen, hielt er ein wenig inne, so daß sie ihn
-genau betrachten konnten. Freilich sah er ganz anders aus, als der
-Salzburger sich einen König vorgestellt; er trug weder Purpurmantel
-noch Goldkrone, sondern den schlichten blauen Soldatenrock. Johannes
-aber sagte später dem Freunde, ein großer Geist spreche aus diesen
-klaren, tiefen Augen, diesem charaktervollen Mund und der hohen,
-gedankenreichen Stirn.</p>
-
-<p>Bald merkte man die Wahrheit dieser Rede; denn der König begann
-tatkräftig und unermüdlich für das Wohl seiner Untertanen, auch für
-die Hebung des Offizierstandes zu sorgen. Er erschien nicht selten
-selbst auf den Übungsplätzen, redete einzelne Soldaten an,<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> nicht mit
-„Kerl“ oder irgendeinem Schimpfwort, sondern mit dem freundlichen
-„Mein Sohn“. Soweit sein Auge reichte, wurden die groben Mißhandlungen
-viel seltener. Daß die Zucht hart und streng und die Strafen grausam
-blieben, lag im Geiste der Zeit.</p>
-
-<p>Aber kaum zwei Jahre lang konnte der große König in Frieden für sein
-Volk sorgen, dann mußte er schon wieder zu den Waffen greifen, um
-sich das erkämpfte Land Schlesien, das sich unter seiner Herrschaft
-sehr wohl befand, zu sichern. Gar zu gern hätten es ihm die
-Österreicher wieder weggenommen. Schon rüsteten sie gegen ihn mit ihren
-Bundesgenossen. Da beschloß er ihnen zuvorzukommen. Diesmal sollte auch
-Friedels Regiment mit in den Kampf ziehen. Gar gewaltig ward nun geübt
-und vorbereitet; in den seltenen Ruhestunden aber saß der Jüngling mit
-heißen Wangen und glänzenden Augen über dem wunderbaren Landkartenbuch,
-um sich die Lage der einzelnen deutschen Länder fest einzuprägen.</p>
-
-<p>Als die Freunde eines Abends allein beisammen waren, fragte Friedel:</p>
-
-<p>„Sag’ mir doch, Johannes: Wenn ich nun hier in Salzburg wäre, da, wo
-ich mit dem Finger hinzeige, wie müßte ich’s denn machen, um ans Meer
-zu kommen?“</p>
-
-<p>„An welches denn? Ich lehrte dich viele Meere kennen.“</p>
-
-<p>„Ei, ans Atlantische! Du sagtest ja, da gehe der Weg nach Amerika.“</p>
-
-<p>„Was fällt dir ein? Du mußt ja in den Krieg!“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p>
-
-<p>„Sag’ mir’s immerhin; zeig’ mir’s ganz genau!“</p>
-
-<p>Johannes zögerte und sah dem Freunde forschend in die Augen. Feste
-Entschlossenheit sprach aus ihnen. Friedel war ein Mann geworden in
-diesen letzten Jahren. Wer weiß, ob ihm Gott nicht den kühnen Plan
-gelingen lassen würde!</p>
-
-<p>„Nun wohl!“ sprach er. „Am sichersten wäre es, du reistest durch
-die Gebirgsländer bis Basel. Sieh, hier ist es! Von dort könntest
-du wohl als Schiffsknecht den ganzen Rhein herunterfahren bis nach
-Rotterdam. Dann über die Nordsee bis nach England. So sind auch deine
-Glaubensgenossen damals gereist.“</p>
-
-<p>„Und du willst nicht mit?“</p>
-
-<p>„Wer weiß, wie bald uns beide die tödliche Kugel trifft!“</p>
-
-<p>Unzähligemal machte Friedels Finger die große, gefährliche Fahrt bis
-über den Ozean nach dem Staate Georgia. O, er war erstaunlich klug
-geworden in diesen schweren Jahren! Wie würde sich Ännchen darüber
-verwundern! Schade, daß er auf den schönen langen Brief, den er
-geschrieben, gar keine Antwort erhalten hatte. Ännchen allein brachte
-ja keinen Brief fertig. Und der Franzl? Ach, der verachtete ihn
-vielleicht, weil er Soldat war! Ein wenig stolz war er ja immer gewesen.</p>
-
-<p>Endlich hieß es: „Hinaus ins Feld!“ Schwerbepackt mit Tornister,
-Waffen und allerlei Gerät ging’s in strengen Märschen durch Preußen
-und Sachsen nach Böhmen zu. Wer gesund und stark war, hatte gutes
-Leben; denn in Dorf und Stadt mußte am Rasttag oder<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> beim Nachtquartier
-aufgetragen werden, was Küche und Keller nur vermochten. Dazu kam, daß
-die Offiziere jetzt weit weniger grimmig waren. Das Beispiel des Königs
-und seiner Generäle hatte schon gut gewirkt, und durch gemeinschaftlich
-getragene Beschwerden verbinden sich die Herzen. Endlich überschritt
-das Heer die böhmische Grenze und drang weiter und weiter vor. Zu
-einer offenen Feldschlacht mit den Österreichern kam es nicht, nur zu
-kleineren Gefechten.</p>
-
-<p>O wie graute es den Freunden vor dem Kampfgewühl! Wie entsetzlich war
-besonders für den sanften Johannes der Gedanke, daß die Kugel, die er
-abschoß, vielleicht ein junges Leben vernichten werde! Bald aber mußten
-sie sich daran gewöhnen. Setzten sie doch auch täglich ihr Leben ein.</p>
-
-<p>Schnell ward die Stadt Prag erreicht und belagert. Auf dem ganzen Zuge
-waren die Freunde Seite an Seite marschiert; oft hatte Friedel noch
-ein Gepäckstück für Johannes getragen, den die Anstrengungen weit
-mehr ermüdeten als ihn. Lagerte man im Freien, so ruhten sie dicht
-beisammen, beteten oft miteinander und befahlen ihre Seelen in Gottes
-Hand. Prag übergab sich den Preußen nach kurzer Beschießung; dann ging
-es weiter nach Süden, den Fluß Moldau entlang.</p>
-
-<p>Kleine Gefechte, Krankheit und auch Fahnenflucht lichteten die Reihen
-des Heeres. Bei Nachtmärschen, in Wäldern oder Gebirgsgegenden entwich
-mancher unbemerkt auf Nimmerwiedersehen. Auch Friedel hatte es schon
-oft in den Füßen gezuckt, sich still davon zu machen; nur die Liebe
-zu Johannes hielt ihn davon<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> ab. Hatte man im Anfang des Feldzugs
-Speise und Trank in Fülle gehabt, so fehlte es jetzt oft sehr daran.
-Die Böhmen waren von grimmigem Haß gegen die preußischen „Ketzer“
-erfüllt, versteckten das Korn vor ihnen und trieben das Vieh in die
-dichten Wälder. Da gab’s oft schmale Bissen, und Johannes würde es kaum
-ausgehalten haben, wenn der kerngesunde Freund ihm nicht oft die Hälfte
-seines Anteils aufgezwungen hätte. Der König fühlte wohl, daß es hier
-keinen andern Ausweg gab als einen ehrenvollen Rückzug.</p>
-
-<p>„O weh“, dachte Friedel, als er davon hörte, „nun geht’s wieder
-nordwärts!“ Ehe aber noch der Befehl dazu gegeben wurde, sah sich die
-Truppe, in der die Freunde standen, plötzlich einer Schar von Feinden
-gegenüber. Es entspann sich ein kurzer, aber heftiger Kampf. Bald
-zogen sich die Österreicher zurück; Friedel aber kniete bei seinem
-Johannes, dem eine Kugel die Brust durchbohrt hatte. Noch atmete er;
-ein seliges Lächeln schwebte auf den erbleichenden Lippen. Schluchzend
-küßte Friedel die hohe, kalte Stirn und rief ihm zu: „Leb’ wohl,
-Herzensfreund! Gott vergelte dir deine Liebe und Treue!“ Dann war es
-vorüber. Seine Sehnsucht war erfüllt; er stand anbetend vor Gottes
-Thron mit seiner Luise!</p>
-
-<p>Nun war das einzige Band zerrissen, das den Jüngling an das Heer
-geknüpft. Was ging ihn der König und seine Kriege an? War er doch kein
-Preuße! Aber für jetzt lähmte die Trauer um Johannes seine Kraft; auch
-war die Gegend der Flucht nicht günstig.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p>
-
-<p>Einige Tage später marschierte sein Regiment in der Abenddämmerung am
-Waldesrand. Die Ordnung konnte nicht streng aufrechtgehalten werden;
-matt und hungrig blieben viele zurück, auch Kranke und Verwundete gab
-es genug. Friedel befand sich bei der Nachhut. Da fielen plötzlich
-Schüsse aus dem Waldesdunkel; bewaffnete Bauern hatten sich darin
-versteckt. Mehr als ein Kriegsmann lag schwer getroffen am Boden;
-auch Friedel fühlte einen heftigen Stoß gegen die Brust und stürzte
-betäubt ins hohe Waldgras. Als er erwachte, war’s finstere Nacht. War
-er wohl verwundet? Schmerzen hatte er nicht, fühlte auch kein Blut;
-nur waren ihm die Glieder steif von dem kalten, feuchten Lager. Als
-alles totenstill blieb, erhob er sich und merkte, daß er ganz allein
-war. Im Brotbeutel fand sich zum Glück noch eine harte Rinde, die
-ihm den nagenden Hunger stillte, und bald dämmerte der Morgen. Im
-matten Lichtschimmer sah er hie und da einen Kameraden tot liegen.
-Ihn selbst hatte Gottes Hand wunderbar bewahrt. Vorn im Waffenrock
-war ein rundes Loch; und als er ihn öffnete, sah er, daß das kleine
-uralte Gesangbüchlein des Großvaters, das er erst am Abend in den Busen
-gesteckt, weil’s im Tornister keinen Raum fand, ihn vom sicheren Tode
-gerettet hatte. Eine Kugel hatte den dicken Ledereinband durchbohrt,
-war aber in den Blättern stecken geblieben. Auf den Knien dankte er
-Gott für sein junges Leben, das ihm doch noch so lieb und kostbar war.
-In demselben Augenblick erhob sich die Sonne am östlichen Himmel.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p>
-
-<p>Nun galt’s keine Zeit zu verlieren. Seinen Fluchtplan hatte er schon
-längst im Kopfe. Er wußte, daß er, wenn es ihm gelang, das im Westen
-sich hinstreckende Gebirge zu übersteigen, die bayrische Grenze und
-die Stadt Passau leicht erreichen konnte. Johannes hatte es auch
-gesagt. Aber wehe ihm, wenn er sich in preußischer Uniform allein
-durch böhmische Dörfer wagen würde! Als er nun tiefer in den Wald
-drang, um seinen Durst an den reichlich wachsenden Brombeeren zu
-stillen, lag da vor seinen Füßen der tote Körper eines der tückischen
-Bauern, die gestern abend aus dem Hinterhalt geschossen hatten. Eine
-preußische Kugel hatte ihm die Stirn zerschmettert; die grobe Kleidung
-war unversehrt, auch nirgends mit Blut befleckt. Ein grausig Geschäft
-war’s für den guten Jungen, den starren Leichnam auszuziehen und sich
-selbst den groben Kittel, die Lederhosen und plumpen Schuhe anzulegen.
-Er tat’s mit zitternden Händen; aber es mußte ja sein! Im Hosensack
-fand sich ein Beutelchen mit etwas Geld; viel war’s nicht, aber doch
-ein Schatz für den Einsamen. Fast noch lieber war ihm ein dickes Stück
-Schwarzbrot, das im Kittel stak. Den Zopf schnitt er sich mit seinem
-Messer ab; wirr und struppig war das Haar schon von selbst. Nun verbarg
-er Uniform und Waffen in dichtem Gestrüpp; nur das Gesangbuch, das
-Tüchlein und den Ring für Ännchen und seinen hölzernen Becher nahm er
-mit. Blindlings, ohne Weg und Steg, drang er in den Wald hinein, immer
-bergauf, ohne einem Menschen zu begegnen. Mit dem kostbaren Brot ging
-er sparsam<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> um; gab’s doch im Walde so manches, das den Hunger stillte,
-besonders jetzt in der Herbstzeit. Beeren, Nüsse und Pilze genug, auch
-eßbare Wurzeln, die ihn Tobi vor Jahren kennen gelehrt.</p>
-
-<p>Gegen Abend stand er auf freier Bergeshöhe, nachdem er den ganzen Tag
-keinem Menschen begegnet. Es war ein schwach bevölkerter Landstrich;
-dichter Wald ringsum, nur in der Ferne hie und da ein Dörfchen oder
-vereinzelte Höfe. Trotz der Trauer um den Freund, trotz der ungewissen
-Zukunft schwoll dem Jüngling das Herz vor Freude und Hoffnung. Er
-breitete die Arme aus, als wolle er die ganze Welt umfassen, tat einen
-gewaltigen Luftsprung und rief: „Gottlob! Ich bin frei! frei! frei!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_alte_Heimat">8. Die alte Heimat.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es war ein rauher, stürmischer Herbstabend. Wild flogen die schwarzen
-Wolken über den Himmel und sandten eiskalten, mit Schneeflocken
-vermischten Regen auf die Erde nieder. In den Gassen der Stadt Passau
-war’s still und öde; wer nicht hinaus mußte, blieb heute gewiß im
-traulichen Stübchen. Auch der gute alte Pfarrer, der dem Friedel vor
-sechs Jahren so freundlich geraten und geholfen, saß in der warmen Ecke
-hinter dem Kachelofen, behaglich sein Pfeifchen rauchend. Das dicke
-Buch, in dem er gelesen, hatte er weggelegt und plauderte mit seiner
-spinnenden Frau. Da trat die junge Magd herein und sprach ängstlich:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span></p>
-
-<p>„Herr Pfarrer, draußen steht ein wüster Gesell, arg zerrissen, bleich,
-mit funkelnden Augen und wirrem Haar. Ich reichte ihm ein Stück Brot;
-da sagte er, er sei krank und möge nicht essen. Aber mit Euch müsse er
-sprechen; sonst ginge es schlimm!“</p>
-
-<p>„Der arme Mensch! Bei diesem Wetter draußen und noch krank dazu!“
-erwiderte der gute Mann. „Bring’ ihn nur gleich herein.“</p>
-
-<p>Zögernd gehorchte die Magd; blieb aber dicht vor der Tür stehen, um
-gleich beispringen zu können, falls der wilde Gesell Böses im Schilde
-führte gegen ihre liebe alte Herrschaft. Der aber blieb auf der
-Schwelle stehen, um den sauberen Fußboden nicht zu beschmutzen, und
-begann mit matter, heiserer Stimme: „Herr Pfarrer, gelt, Ihr kennt
-mich nimmer? Ach, vor sechs Jahren sah ich wohl schmucker aus! Ich
-bin ja der Salzburger, dem Ihr damals so freundlich beistandet. Ach,
-ich möcht’ heim und kann doch nicht! Geschafft hab’ ich wacker, wo
-ich konnte; aber ’s geht nicht mehr. Mir ist so angst; ich bin voller
-Schmerzen. Ach, laßt mich nicht auf der Straße sterben!“</p>
-
-<p>Er schlug die Hände zusammen, wankte und wäre umgesunken, hätten ihn
-die beiden Alten nicht gestützt und mit Mühe auf das buntgeblümte
-Ruhebett niedergelegt.</p>
-
-<p>Bald darauf trat heftiges Fieber ein. Er meinte, ein Werber verfolge
-ihn, und war kaum auf dem Lager zu halten; dann weinte er wieder
-um einen gefallenen Freund und um ein Ännchen und bat endlich mit
-wehmütiger Stimme, man sollte ihn im<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Walde beim Großvater begraben. Es
-wurde eine schwere, lange Krankheit, die sich der Jüngling wohl durch
-häufiges Übernachten im Freien, durch allzu anstrengende Märsche bei
-schmaler Kost und hoher Gemütsaufregung zugezogen hatte.</p>
-
-<div class="figcenter illowe45" id="illu_131">
- <img class="w100" src="images/illu_131.jpg" alt="Friedel ist krank." />
-</div>
-
-<p>Als endlich seine starke Natur mit Gottes Hilfe die Krankheit überwand
-und ihm die Kräfte langsam wiederkehrten, war der Winter mit voller
-Gewalt eingezogen, und an Weiterwandern nicht zu denken. Sollte er wohl
-nun an Ännchen schreiben? Nein, doch nicht! Leicht konnte der Brief in
-fremde Hände kommen. Wer weiß, ob Franzl noch lebte! War er doch schon
-vor sechs Jahren ein recht alter Mann gewesen. Ob Ännchen und Tobi dann
-noch auf dem Hofe sein würden, war sehr zweifelhaft.<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> Vielleicht hatte
-ihnen Peter schon längst den Weg gewiesen!</p>
-
-<p>Gern blieb der Genesende einige Monate lang bei seinen barmherzigen
-Pflegern, deren stiller, netter Haushalt ihm nach der wüsten
-Soldatenwirtschaft wie ein Paradies erschien. Allerlei Handarbeit,
-durch die er einige Groschen verdienen konnte, fand sich bald. Daneben
-tat er seinen Wirten zulieb und zu Dienst, was nur ein guter Sohn den
-Eltern tun konnte. Seine Vergangenheit und seine Zukunftspläne legte
-er ihnen offen dar und war herzlich froh, daß der Pfarrer gegen das
-Auswandern nichts einzuwenden hatte.</p>
-
-<p>Die Zahl derer, die übers Meer zogen, um der Tyrannei der Edelleute,
-der List der Werber und der allgemeinen Volksnot zu entfliehen, war zu
-jener Zeit sehr groß. Es waren nicht die schlechtesten Leute, die die
-Gefahren einer solchen Reise und die Mühseligkeiten des neuen Anbaues
-nicht scheuten, um nur freie Männer zu werden und das Stückchen Land
-unter ihren Füßen ihr Eigentum nennen zu dürfen.</p>
-
-<p>Mit gutem Rat und reichlicher Reisekost versehen, schied der Wanderer
-endlich von den Pfarrersleuten, ihnen tausendmal Gottes Segen
-wünschend. Wüst, elend und zerrissen hatte er die Stadt betreten;
-schmuck und sauber verließ er sie im redlich erworbenen neuen
-Anzug, ein leichtes Bündel auf dem Rücken mit mancher Gabe aus dem
-Leinenschrank der Pfarrerin.</p>
-
-<p>Das Land lachte in Frühlingspracht wie vor sechs Jahren, als er mit
-Joseph ausgezogen; er selbst aber<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> war anders geworden, und der
-frische, leichte Mut wollte nicht wiederkehren. Einsam zog er seine
-Straße, wich jedem aus und suchte in der Nachtherberge schnell sein
-Lager auf, ohne sich in die lustige Gesellschaft in der Wirtsstube zu
-mischen. Ach, auch in Bayern gab es ja Werber, wenn sie auch nicht ganz
-so frech waren wie die preußischen. In jedem stattlichen Manne, der
-ihn etwa anredete, vermutete er seinen solchen, und machte oft weite
-Umwege, um ihm ja nicht wieder zu begegnen.</p>
-
-<p>In den heimatlichen Bergen fühlte er sich ein wenig sicherer;
-sie umstanden ihn wie eine Schutzmauer und grüßten ihn wie alte
-Jugendfreunde. Aber nun überfiel ihn die Angst, ob und wie er wohl
-Ännchen wiederfinden werde. Sie war ein so liebliches Kind gewesen, als
-er sie verließ; wie schön mochte sie nun geworden sein! Andere würden
-das auch gesehen haben! Dieser Gedanke fuhr ihm oft wie ein Stich durch
-Herz.</p>
-
-<p>In tiefes Sinnen versunken, wanderte er eines Tages über eine
-Hochebene und war seines Weges nicht ganz sicher. Die Gegend war ihm
-unbekannt, und doch konnte es nicht mehr weit sein zum Steinhof. Er
-mußte wohl einen falschen Fußpfad eingeschlagen haben und sah in der
-Ferne ein Dörfchen liegen. Er schritt darauf zu und fragte am Wege
-spielende Kinder nach seinem Namen. „Windeck heißt’s“, war die Antwort.
-„Windeck!“ Das war der Name, den ihm Tobi gesagt beim letzten Abschied
-von der Talmühle! Dort drüben lag wohl die wüste, mit<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Felsbrocken
-besäte Fläche, die er vom steilen Seeufer aus gesehen. Ja, jetzt
-entdeckte er auch das einsame, von Bäumen umgebene Haus, nach dem seine
-scharfen Kinderaugen oft sehnsüchtig hinübergeschaut. Schnell war
-sein Entschluß gefaßt. Nicht den Steinhof wollte er zuerst aufsuchen,
-sondern die verfallene Mühle, an die sich so reiche Erinnerungen
-knüpften.</p>
-
-<p>Viel weiter und beschwerlicher war der Weg, als er geglaubt. Ja, es
-war gar kein Weg, sondern eine wilde, ganz verlassene Einöde, an die
-sich wahrscheinlich allerlei Aberglaube knüpfte. Aber endlich stand er
-doch am Ufer des Bergsees und stieg mit leichter Mühe herab. Das Wasser
-stand so hoch, daß nur ein ganz schmaler Streifen sandigen Ufers an der
-Felswand hinführte, und die Wellen ihm oft die Füße netzten, ehe er die
-rechte Stelle erreichte und mühsam emporklomm.</p>
-
-<p>War’s nicht, als lege sich ihm eine schwere Hand auf die Schulter
-wie ehemals? Stand nicht des Talmüllers hohe Gestalt hinter ihm? Ach
-nein; nur in Gedanken durchlebte er alles noch einmal! Ringsum war’s
-totenstill. Die Sonne war nahe am Untergehen; er mußte sich aufraffen
-aus den Jugendträumen, um vor völligem Dunkelwerden die Mühle zu
-erreichen. Dort wollte er einsam übernachten im Schutz der verfallenen
-Mauern und am andern Morgen durch den Felsengang den Steinhof aufsuchen.</p>
-
-<p>Langsam schritt er durch den duftigen Frühlingswald. Die Pfade,
-die seine und Ännchens kleine Füße ehemals getreten, waren längst
-überwachsen; alles<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> ringsum zeugte von völliger Verlassenheit. Hier
-am Bächlein unter den Birken war Ännchens Lieblingsplatz gewesen;
-dort auf jenem bemoosten Felsblock hatte sie Kränze gewunden und ihm
-staunend zugehört, wenn er kühne Zukunftspläne entwarf. Was war aus
-ihnen geworden? Ach, kam er nicht ärmer zurück, als er gegangen?
-Würden sie ihn nicht verachten auf dem Steinhofe, wo Geld und Gut so
-viel galt? „Mögen sie“, dachte er. „Ein treues Herz bring’ ich mit und
-ungebrochenen Mut. Gott ist reich, stark und barmherzig; er wird uns
-wohl ins Land der Freiheit führen!“</p>
-
-<p>Nun mußte das alte, traute und doch etwas märchenhafte Heim ganz nahe
-sein. Unwillkürlich trat er leise auf und bog geräuschlos die Zweige
-auseinander, die überall den Zugang versperrten. Jetzt trat er auf den
-freien Platz, der nun hie und da mit Gestrüpp bewachsen war. Dort stand
-die verfallene Mühle; es war eben noch hell genug, sie zu erkennen.
-Eine seltsame Scheu hielt den Jüngling ab, näher zu treten; er setzte
-sich auf einen Stein, wo er ehemals oft lesend oder träumend gesessen.
-Wie still war alles, wie öde! Nur über ihm in den Zweigen sang eine
-Nachtigall ihr schwermütig Lied. Wie, wenn Ännchen tot wäre, und man
-sie bei der Mutter begraben hätte? Wo kam ihm der Gedanke her, der
-ihm brennende Tränen aus den Augen trieb? Was war das für ein Glanz?
-Licht in der Mühle? O nein! Der Mond ging auf und goß milden Schein
-über das düstere Gemäuer aus. Den Kopf in die Hand gestützt, saß der<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span>
-Jüngling; aus seinem Herzen stieg ein inniges Gebet zu Gott empor für
-das Mägdlein, das er so innig liebte.</p>
-
-<p>Aber jetzt fuhr er auf! Kalter Schauer durchrieselte ihn. In der tiefen
-Einsamkeit vernahm er plötzlich süßen Gesang! Erst waren’s ferne, leise
-Töne, dann ward’s lauter, und er vernahm aus den öden Mauern die Worte
-eines Liedes, das er von klein auf gekannt und geliebt:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Keine Schönheit hat die Welt,</div>
- <div class="verse indent0">Die mir nicht vor Augen stellt</div>
- <div class="verse indent0">Meinen schönsten JEsum Christ,</div>
- <div class="verse indent0">Der der Schönheit Ursprung ist.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Oft gedenk’ ich an dein Licht,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn der frühe Tag anbricht.</div>
- <div class="verse indent0">Ach, was ist für Herrlichkeit</div>
- <div class="verse indent0">In dem Licht der Ewigkeit!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Seh’ ich dann den Mondenschein</div>
- <div class="verse indent0">Und des Himmels Äugelein,</div>
- <div class="verse indent0">So gedenk’ ich: Der dies macht,</div>
- <div class="verse indent0">Hat viel tausend schön’re Pracht.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Lieblich singt die Nachtigall;</div>
- <div class="verse indent0">Süß erklingt der Flöten Schall.</div>
- <div class="verse indent0">Aber über allen Ton</div>
- <div class="verse indent0">Ist das Wort: ‚Mariensohn!‘“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Friedels Angst war bald geschwunden. Ja, es beschlich ihn eine süße,
-wunderbare Ahnung, die ihn trieb, in die letzte Strophe mit hellem Ton
-einzustimmen.</p>
-
-<p>Aber horch! Welch schreckliches, unheimliches Brummen tönte jetzt
-aus dem alten Gemäuer? In tollen, seltsamen Sprüngen kam eine
-kleine vermummte<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Gestalt drohend auf den Jüngling zu. Der aber war
-aufgestanden und erwartete ruhig die geheimnisvolle Erscheinung.</p>
-
-<p>„Tobi, alter guter Tobi!“ rief er. „Laß doch die Mummerei! Kennst du
-mich denn nicht mehr?“</p>
-
-<p>Da stand die dunkle Gestalt still, ein paar scharfe Augen blickten aus
-dem Bärenfell dem Gaste ins lächelnde Antlitz. Plötzlich aber ward die
-Verhüllung abgeworfen, und mit dem Rufe: „Er ist’s, der Totgeglaubte!“
-hing der treue Knecht an Friedels Halse.</p>
-
-<p>Herzlich erwiderte dieser die Liebkosung, machte sich jedoch bald los
-und blickte unverwandt nach dem Hause hinüber. Siehe, da fiel das
-Silberlicht des Mondes auf die niedere Türöffnung und bestrahlte die
-schlanke jungfräuliche Gestalt, die ganz still auf den verfallenen
-Stufen stand! In leichten Wellen umfloß das goldene Haar ihre
-Schultern; das schlichte Gewand von grobem Linnen glänzte im Mondschein
-wie weiße Seide.</p>
-
-<p>Eine Weile stand Friedel ins Anschauen versunken. Die Überraschung, das
-Glück war allzu groß! Dann flog er mit ausgebreiteten Armen auf die
-liebliche Erscheinung zu und drückte sie mit Freudentränen ans treue
-Herz.</p>
-
-<p>„Du bist mein!“ flüsterte er. „Die Mutter gab dich mir, ehe sie starb!
-Ihr Segen ruht auf uns!“</p>
-
-<p>„Ja, dein bin ich!“ erwiderte sie leise. „Ich wußte, daß du kommen
-würdest. Alle hielten dich für tot; mir sagte mein Herz, daß du
-lebtest. O, schütze mich, Geliebter, rette mich!“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p>
-
-<p>„Droht dir Gefahr?“ fragte Friedel erschrocken.</p>
-
-<p>„Hier nicht; hier bin ich sicher. Tobi wird dir alles erzählen. O Gott,
-wie gnädig bist du, daß du mir den Treuen sandtest, nun, da ich ganz
-heimatlos bin! Dir wollen wir dienen, dir wollen wir danken unser Leben
-lang!“</p>
-
-<p>Nun trat auch Tobi hinzu, und sie führten den Gast in die verödete
-Stube, die jedoch sauber und rein war. Schnell ward auf dem Herd ein
-helles Feuer entzündet und der Suppenkessel darüber gehängt. Auf zwei
-Schemeln und einem alten Kasten saßen die drei um die Flamme und
-sprachen gar wenig. Die Freude des Wiedersehens war allzu groß!</p>
-
-<p>Der Wanderer nahm ein sorgfältig eingehülltes Päckchen aus der
-Brusttasche, das den Ring und das verblichene Seidentüchlein enthielt,
-das er am ersten Tage seiner Wanderschaft gekauft. „Meine Treue wankt
-nie!“ sprach er leise, während er den Ring an Ännchens Finger steckte
-und das Tüchlein um ihren Hals schlang. „Aber wenn meine Hoffnung
-wanken wollte, blickte ich diese Gaben an. Ich wußte, daß ich sie dir
-bringen würde!“</p>
-
-<p>Daß eine schwere Gefahr diese beiden in diesen Zufluchtsort getrieben
-hatte, merkte Friedel gar wohl. Oft hielt sich Ännchen wie hilfesuchend
-an seinen Arm, und ihre schönen Augen blickten angstvoll ins Weite.</p>
-
-<p>Als aber die Abendsuppe fertig war, und die beiden jungen Leute
-zusammen aus dem Kessel aßen, während Tobi in Ermangelung eines dritten
-Löffels aus einem hölzernen Schüsselchen trank und große Stücke<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span>
-Schwarzbrot dazu verzehrte, ward die Stimmung etwas freier, und die
-Zungen lösten sich allmählich.</p>
-
-<p>Nur in kurzen Zügen berichtete Friedel für heute seine Schicksale und
-fragte dringend, warum man seinen langen Brief ohne Antwort gelassen.
-Ach, er war nie in die Hände der Freunde gekommen! Die Nachricht aus
-der sächsischen Mühle war das Letzte gewesen, das man von ihm erhielt.
-Die Post war ja zu jener Zeit keineswegs so sicher wie in unsern Tagen.
-Manche Postkutsche ward von Wegelagerern überfallen und ausgeraubt;
-manche stürzte auf den bodenlosen Straßen um, so daß der Inhalt durch
-Wasser oder Kot schwer beschädigt wurde.</p>
-
-<p>Als nun ein Jahr ums andere verflossen war, ohne Kunde von dem Wanderer
-zu bringen, hatten ihn die wohlgesinnten Bewohner des Steinhofs für
-tot gehalten. Peter aber hatte gemeint, es werde ihm wohl draußen so
-gut gehen, daß er der alten Freunde nimmer gedenke. Es gäbe noch mehr
-hübsche Mägdlein in der Welt als die verlassene Waisendirne. Solche
-Worte schnitten zwar Ännchen bitter ins Herz, aber Glauben schenkte sie
-ihnen keinen Augenblick. Nach und nach erst war sie sich ihrer innigen
-Liebe zu dem Verschollenen recht bewußt geworden. Nun aber hoffte sie
-zuversichtlich auf seine Rückkehr und saß am Feierabend gar oft auf
-der Felsplatte, um nach ihm auszuschauen. Endlich mußte er kommen, das
-sagte ihr eine innere Stimme, die nicht trügen konnte.</p>
-
-<p>Unter solchen Gesprächen war es spät geworden. Die drei Einsamen
-beteten laut miteinander den Psalm<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> vom guten Hirten, der auch im
-finsteren Tale bei ihnen war, und suchten ihr Lager auf. Für Tobi und
-Friedel lag eine Schicht Heu in der Ecke der Stube; Ännchen hatte im
-Kämmerlein eine etwas bessere Ruhestätte. Trotz der hohen Erregung
-seines Gemütes sank der Jüngling fast augenblicklich in festen Schlaf,
-und liebliche Träume umspielten sein dürftiges Lager.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen aber war er zeitig munter und schlüpfte geräuschlos
-hinaus zu Tobi, der eben eine schöne weiße Ziege molk. Am klaren,
-sprudelnden Mühlbach wuschen sie sich und gingen dann in taufrischer
-Morgenluft unter den Bäumen auf und nieder. Tobi konnte sich nicht
-satt sehen an der hohen, stattlichen Gestalt seines Schützlings, der
-schweigsam und nachdenklich neben ihm her schritt.</p>
-
-<p>„Darfst du mir nun sagen, warum du mit dem holden Kinde in dieser
-Einsamkeit hausest?“ fragte er endlich.</p>
-
-<p>„Gewiß! Viel, viel hat sich auf dem Steinhof verändert; aber dieses
-sollst du zuerst erfahren. Daß du kein Wort davon zu Ännchen reden
-darfst, wird dir dein eigen Herz sagen. Du siehst ja, wie lieblich sie
-ist. Ach, andere sahen es auch, aber mit bösen, lüsternen Blicken!
-Auf dem Schlößlein oben am Ausgang des Tales geht’s jetzt lebhaft zu.
-Der alte Edelmann hat es seinem Sohne geschenkt, und der hält Hof in
-Saus und Braus, säuft sich voll mit wilden Gefährten, schindet die
-Bauern, zertrampelt die Saat mit Rossen und Jagdhunden, und was so edle
-Vergnügungen mehr sind. Wirst’s ja draußen in der<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> Welt gesehen haben,
-wie’s die Junker treiben! Ännchen ging selten mit aufs Feld; ja, sie
-verließ in letzter Zeit kaum das Haus, weil sie den Franzl pflegte, der
-schon lange schwach und elend zu Bett liegt. Es ist etwa zehn Tage her,
-da klagte er über heftige Schmerzen in den Gliedern, und das Kind lief
-eilend auf die Wiesen, um heilsame Kräuter zu lindernden Umschlägen
-zu suchen. Wie sie nun gebückt am Waldesrand hingeht und emsig in die
-Schürze sammelt, steht plötzlich der Junker vor ihr. Ein schöner Bursch
-ist er und aufgeputzt mit Samt und Seide, daß es eine Art hat. Was er
-zu ihr gesagt, weiß kein Mensch; sie brach in Tränen aus, als wir sie
-danach fragten. Den Arm wollte er um sie schlingen; da flog sie davon
-wie ein Reh und fiel ohnmächtig nieder, als sie den Hof erreichte. Aber
-sie war auch dort nicht sicher! Zum Glück saß sie im Auszugstübel beim
-Alten, als am zweiten Tage der wüste Junker auf den Hof kam und fragte,
-wo die nette Dirne sei, die letzthin Kräuter gesucht. Er wolle sie
-haben in die Schloßküche.“</p>
-
-<p>„Wo ist der Bösewicht?“ rief Friedel ganz außer sich. „Zerdrücken will
-ich ihn wie einen Wurm!“</p>
-
-<p>„Sei kein Tor!“ mahnte Tobi. „‚Die Rache ist mein, ich will vergelten!‘
-spricht der HErr. &ndash; Gut war’s, daß Albrecht, der brave älteste Sohn
-des Franzl, allein auf dem Hofe war, und nicht etwa der mißgünstige
-Peter, der das arme Kind schon lange scheel ansieht. ‚Sie war aus
-dem Niederland, wo wir Freundschaft haben‘, erwiderte Albrecht; ‚ist
-aber gestern in aller Frühe abgereist. Es gefiel ihr nimmer<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> hier.‘
-Der schlechte Mensch sah ihn mit bösem Blicke an, als glaube er ihm
-nicht recht, und ging mit drohender Gebärde von dannen. Nun riet der
-Franzl, ich solle mit dem Kinde auf eine Zeitlang weiter hinauf ins
-Gebirge ziehen; einen guten Zehrpfennig wolle er uns mitgeben, und
-Arbeit und Obdach würden wir bald finden. Ännchen sei ja so wunderklug
-und geschickt zu jedem Geschäft. Hierbleiben dürfe es für jetzt nicht.
-Da hat es aber gebeten und gefleht, man solle es nur noch zehn Tage
-lang hier in der alten Mühle auf dich warten lassen; du würdest nun
-ganz gewiß kommen. Niemand hat’s geglaubt, auch ich nicht; aber Franzl
-sprach: ‚Tu ihr den Willen! Gott kann wohl ihre Zuversicht lohnen.‘
-Und so ist’s geschehen! ’s ist heute just der zehnte Tag, seit ich
-mit ihr, der Ziege und einem Sack voll Mundvorrat hierher kam durch
-den Felsengang. Der ist nicht mehr so sicher und bequem; allerlei
-Steingeröll hat sich abgelöst und versperrt oft den Weg fast ganz.
-Vor dem Ausgang auf den Hof haben wir, bald nachdem du fort warst,
-Fliederbüsche angepflanzt, die ihn jetzt verbergen. In den ganzen sechs
-Jahren ist niemand durchgegangen als ich von Zeit zu Zeit. Ich wollte
-hier nicht alles verwildern lassen. Und wenn’s Streit und Zank gab auf
-dem Hofe, bin ich manches Mal hierher entwichen, um Ruhe zu haben.“</p>
-
-<p>„Streit und Zank?“ fragte Friedel. „Das gab’s sonst nicht.“</p>
-
-<p>„Aber jetzt! Dein Buch hat’s gemacht! Wirst’s merken, wenn du
-hinkommst.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p>
-
-<p>„Gott geb’ nur, daß mir der Junker nicht begegnet! O, wenn ich ihn hier
-unter der Faust hätte!“</p>
-
-<p>„Sei ruhig! Sieh, dort steht Ännchen an der Tür und winkt uns zur
-Morgensuppe.“</p>
-
-<p>Ja, Friedel hatte draußen in der Welt genug gehört von dem gottlosen
-Tun und Treiben der Junker, um zu wissen, daß er sein Ännchen sobald
-als möglich fortführen müsse. Wie sollte er’s machen, da er ja blutarm
-war? Nun, der Franzl war ein kluger Mann, der würde ihm das Beste
-raten. Als die drei zusammen die lieben Gräber besucht hatten, machte
-er sich allein auf den beschwerlichen Weg durch den Felsengang.</p>
-
-<p>Groß war das Erstaunen der Leute auf dem Steinhofe, als der
-Verschollene frisch und munter vor ihnen stand. Man hatte ihn längst
-für tot gehalten. Von Albrechts Familie ward er aufs freundlichste
-empfangen, während ihn Peter mit unverhohlenem Widerwillen ansah. Es
-konnte nicht lange verborgen bleiben, daß er ebenso arm heimgekehrt
-sei, als er gegangen war, und Peter fragte mit spöttischem Lachen:</p>
-
-<p>„Wo steht denn nun die prächtige Mühle, wohin du die Betteldirne führen
-willst? Wohl im Schlaraffenland, wo’s Semmeln schneit und Würste
-regnet? In des Edelmanns Küche hätte sie’s vielleicht besser bekommen.“</p>
-
-<p>Blutrot im Gesicht sprang Friedel empor und ballte die kräftige Faust;
-aber Albrecht hielt ihn fest und warnte: „Kein Kampf in unsers Vaters
-Haus! Höre nicht auf ihn. Komm zum Vater; da ist Friede!“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p>
-
-<p>Im Auszugstübchen, in demselben Bett, wo Ännchens Mutter selig
-gestorben, lag der ehemals so starke, tatkräftige Mann hilflos wie ein
-Kind. Die Beine waren durch die Gicht gelähmt, die Hände schwach und
-zitternd; nur der Geist war noch frisch und ungeschwächt. Lang und
-silberweiß umgaben Haar und Bart das abgemagerte, friedvolle Antlitz
-des Greises. Der selbstbewußte, etwas strenge Ausdruck war ganz daraus
-gewichen.</p>
-
-<p>Sein Staunen über Friedels plötzliche Ankunft war nicht so groß, wie
-man gedacht hatte; eine innere Stimme mochte ihm gesagt haben, daß der
-allmächtige Gott das Vertrauen des Mägdleins in Gnaden lohnen werde.</p>
-
-<p>Der Wanderer hatte viel mit dem Kranken zu sprechen von Vergangenheit
-und Zukunft und verweilte mehrere Tage auf dem Hofe. Teils durch
-Albrecht, teils durch Franzl selbst erfuhr er, daß es hier im kleinen
-so gegangen sei, wie’s allezeit in der Welt im großen geht. Der alte
-Hausherr hatte nach manch schwerem inneren Kampfe das Heil seiner Seele
-in Friedels Buch gefunden. Seine eigene Tugend war ihm mehr und mehr
-als ein unflätig Kleid erschienen, das er gern abwarf, um sich mit
-der reinen Seide der Gerechtigkeit Christi zu schmücken. Albrecht war
-ihm mit Weib und Kind auf diesem Himmelswege gefolgt, während Peter
-mit den Seinen sich verächtlich davon abwandte. Zwiespalt und Streit
-war durch ihn entstanden; ja, er hatte sogar gedroht, das Buch dem
-Priester zu bringen und die Hausgenossen als<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Ketzer zu verklagen. Die
-Ehrfurcht vor dem Vater hatte ihn wohl bisher abgehalten, diese Drohung
-auszuführen; was er aber tun würde, wenn dieser die Augen schloß,
-konnte niemand wissen. Darum hatte Albrecht den Entschluß gefaßt, nach
-des Vaters Tode dem Bruder den Hof zu überlassen und mit Weib und Kind
-in die Augsburger Gegend zu ziehen, wo es evangelische Gemeinden gab.</p>
-
-<p>Am dritten Tage saß Friedel am Bett des Alten und sprach mit ihm von
-der weiten Land- und Seefahrt, die er antreten wollte. Mit Staunen
-vernahm Franzl, wie unermeßlich groß die Entfernung und wie gefahrvoll
-die Reise sei.</p>
-
-<p>„Hast du denn auch Geld in der Tasche, mein Sohn?“ fragte er endlich.</p>
-
-<p>„Sehr wenig. Ich verdiente etwas in Passau; auch gab mir der Pfarrer
-ein Zehrgeld. Tobi hat auch seit Jahren alles aufgespart, was Ihr ihm
-etwa an Festtagen schenktet. Es ist ein straffes Beutelchen. Wenn wir
-uns als Schiffsknechte vermieten, kommen wir wohl den Rhein herab,
-vielleicht auch bis England. Dort aber gibt’s gute Leute, die sich
-lutherischer Auswanderer annehmen, besonders der Salzburger. Das sagte
-mir mein Johannes und auch der Pfarrer.“</p>
-
-<p>„Und Ännchen?“ fragte Franzl lächelnd. „Soll sie auch als Schiffsknecht
-arbeiten?“</p>
-
-<p>„O, für Ännchen sorgt Gott gewiß!“ rief Friedel. „Es darf keinen Mangel
-leiden.“</p>
-
-<p>„Da hast du recht! Aber Gott sorgt oft durch Menschenhand. Du weißt
-wohl kaum, wieviel man<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> bedarf für eine solche Reise. Rufe mir doch den
-Albrecht her, wenn er daheim ist.“</p>
-
-<p>„Er schafft im Garten; Peter und seine Leute sind auf dem Felde.“</p>
-
-<p>Albrecht kam. Der Vater gab ihm einen kleinen Schlüssel, den er unterm
-Kopfkissen verborgen hatte. „Geh’ in den hinteren Keller“, sprach er,
-„und öffne die Tür in der linken Ecke. Noch nie öffnete sie eine andere
-Hand als die meine. Was du in dem Loch findest, das bringe her.“</p>
-
-<p>Es währte eine Weile, ehe Albrecht wiederkam, denn das Schloß war sehr
-verrostet gewesen. Er trug eine kupferne Schachtel, die schwer und
-fest geschlossen war. Mühsam richtete sich der Greis im Bette auf und
-öffnete, auf eine verborgene Feder drückend, den Deckel. Mit Staunen
-sah Friedel, daß das Gefäß bis zum Rande mit Gold- und Silbermünzen
-gefüllt war.</p>
-
-<p>„Das ist der Sparpfennig meines langen arbeitsreichen Lebens; ja, ein
-Teil davon stammt noch von meinem Vater her. Gott segnete mich so
-reich, daß ich es zurücklegen konnte, ohne jemand davon zu sagen. Du,
-mein Albrecht, warst mir ein treuer Sohn, und dir, als dem Ältesten,
-gebührt von Rechts wegen der Steinhof. Aber du hast das gute Teil
-erwählt und willst in die Fremde ziehen, um Gottes Wort zu haben mit
-den Deinen. Nimm jenes Tuch und breite es vor mir aus.“</p>
-
-<p>Albrecht gehorchte, und der Alte schüttete ungezählt ein Häuflein Gold
-und Silber hinein. „Dies nimm zur Gründung einer neuen Heimat und zur
-Erziehung deiner noch unversorgten Kinder.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p>
-
-<p>Nun forderte er noch ein Tüchlein, füllte es mit geringerer Menge und
-reichte es Friedel. „Dies ist dein, zum Dank für das heilbringende,
-unbezahlbare Buch; und dem holden Mägdlein zum Dank dafür, daß es mich
-wie ein Engel gepflegt. Es ist zart und fein; du mußt es wohl hüten
-und gut halten auf der langen Reise. Dies dritte Teil aber verschließt
-wieder im Keller. Peter wird es nach meinem Tode finden, und vielleicht
-wird er’s nötig haben; denn ich fürchte, daß Gottes Segen vom Hofe
-verschwinden wird, wenn man Gottes Wort daraus vertreibt.“</p>
-
-<div class="figcenter illowe44" id="illu_147">
- <img class="w100" src="images/illu_147.jpg" alt="Albrechts Vater verteilt
- seine Güter." />
-</div>
-
-<p>Erschöpft lehnte er sich ins Kissen zurück. Beide küßten seine Hände
-und dankten ihm mit Tränen für die überreiche Gabe. Dann trug Albrecht
-auf sein Geheiß die Schachtel wieder ins Versteck.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Ins_Land_der_Freiheit">9. Ins Land der Freiheit.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Einige Tage später hielt der wilde Junker oben im Schlößchen ein großes
-Festgelage, wozu viele vornehme Gäste aus der Umgegend geladen waren.
-Auch die meisten Hüttenleute waren hinaufgelaufen, um etwas von der
-Herrlichkeit zu sehen, die lustige Musik von ferne zu hören, und etwa
-ein Stück übrigen Braten aus der Küche zu erhaschen.</p>
-
-<p>Während es nun oben gar hoch herging, war’s im Steinhofe still und
-feierlich. Im Auszugstübchen knieten die drei Auswanderer um Franzls
-Bett, und er segnete sie und betete inbrünstig mit ihnen um Schutz und
-Hilfe auf der gefahrvollen Reise. Lange ruhte seine welke Hand auf
-Ännchens blondem Haupt, und große Tränen rollten ihm dabei über die
-eingefallenen Wangen. Er liebte die junge Braut wie sein eigen Kind.
-Auch von Albrecht und seiner Familie gab’s einen schweren Abschied.
-Peter hatte sich hinaus aufs Feld gemacht ohne ein Wort des Lebewohls.</p>
-
-<p>Bald darauf fuhr ein schmuckes Bauernwäglein durchs stille Tal;
-Friedel, Ännchen und Tobi saßen darin, umgeben von inhaltreichen
-Bündeln. Unzähligemal schauten sie zurück nach dem Hofe, bis er
-endlich ihren Blicken entschwand. So mühselig und reich an Beschwerden
-Friedels frühere Wanderungen gewesen waren, so ruhig und sicher ging
-die Reise nach Basel vonstatten. Schon nach einigen Tagen fanden sie
-eine evangelische Kirche, wo der freundliche Pfarrer dem Friedel sein
-Ännchen antraute. In schlichten Reise<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span>kleidern standen sie vor dem
-Altar; doch hatte Tobi aus taufrischen Wiesenblumen ein Brautkränzlein
-für Ännchen gewunden.</p>
-
-<p>In Basel bestiegen sie ein Rheinschiff und fuhren den herrlichen Strom
-hinab. Die beiden Männer verdienten ihre Fahrt als Schiffsknechte, um
-mit Franzls Geschenk sparsam umzugehen. Ännchen nähte und strickte gar
-emsig oder schaute verwundert in die große, weite, schöne Welt hinaus,
-von der sie bisher nur so wenig gesehen.</p>
-
-<p>Aber so recht wohl ward dem Friedel erst, als sie in Rotterdam ein
-Seeschiff bestiegen hatten und das Land mehr und mehr ihren Blicken
-entschwand. Jubelnd drückte er Ännchen ans Herz und rief: „Nun bist du
-erst recht mein; nun kann mich kein Werber mehr von dir reißen!“</p>
-
-<p>Gott fügte es, daß sie auf diesem Schiffe einen erfahrenen,
-wohlmeinenden Mann kennen lernten, der sich ihrer annahm und sie dem
-Herrn des Auswandererschiffes empfahl. Sehr groß war ihre Freude, als
-sie unter den Mitreisenden eine kleine Anzahl Landsleute fanden, die
-mit ihnen das gleiche Ziel hatten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Salzburger, welche vor Jahren nach der Vertreibung aus ihrer Heimat
-nach Amerika ausgewandert waren, hatten im Staate Georgia, nicht
-weit von der Stadt Savannah, eine Ansiedlung gegründet, der sie den
-Namen Eben-Ezer, d.&nbsp;h. Stein der Hilfe, gaben. Die an Beschwerden so
-reiche Zeit des ersten Anbaues war nun überstanden; freundliche Hütten
-waren aufgebaut, Gärten grünten und blühten, und die Felder<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> trugen
-mancherlei Getreide. Mitten drin, von jedem leicht zu erreichen, erhob
-sich ein schmuckes Gotteshaus, Jerusalemskirche genannt. Zwar stand das
-Land unter englischer Regierung, doch genossen die Ansiedler, solange
-sie sich friedlich und ehrbar hielten, die vollste Freiheit; besonders
-hinderte sie niemand daran, ihres Glaubens zu leben.</p>
-
-<p>Heute, an einem heiteren Spätsommertage herrschte große freudige
-Aufregung unter jung und alt. Es war Nachricht gekommen, daß ein im
-Hafen von Charleston eingelaufenes Schiff wieder eine Anzahl aus
-Salzburg stammender Einwanderer gebracht habe. Diese erwartete man
-nun mit Freuden, und jeder wollte gern die neuen Brüder herbergen und
-erquicken. Jetzt zeigten sich in der Ferne Staubwolken, als nahten
-sich mehrere Wagen. Zum feierlichen Zug geordnet, ging die Gemeinde
-den Fremden entgegen und stimmte, sobald die Wagen näher kamen, den
-schönen Gesang an: „Lobe den HErren, den mächtigen König der Ehren!“
-Bei den Worten: „Der dich auf Adelers Fittigen sicher geführet“,
-hielt der erste Wagen an. Ein schöner, hochgewachsener junger Mann
-sprang, kräftig in das Lied einstimmend, herunter und half seiner
-zarten, lieblichen Frau sorglich beim Absteigen, während ein seltsames
-verwachsenes Männlein die Pferde hielt. Nach und nach kamen auch die
-andern heran. In ernster, freundlicher Rede begrüßte sie der Pfarrer;
-dann aber ging’s an ein frohes Begrüßen und Händedrücken, bis die Gäste
-verteilt waren und von ihren Wirten heimgeführt wurden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p>
-
-<p>Bald saßen Friedel und Ännchen in der sauberen Hütte eines älteren
-Ehepaares und wurden mit dem Besten erquickt, was man nur aufzutragen
-hatte.</p>
-
-<p>„Würdest du wohl“, sprach der Wirt nach der Mahlzeit, „noch einen
-kleinen Ausgang machen, ehe ihr die Ruhe sucht? Ich möchte euch
-unserm Ältesten vorstellen. Er freut sich innig, daß wir wieder
-Zuwachs erhalten; doch hindert ihn sein hohes Alter, an der Begrüßung
-teilzunehmen.“</p>
-
-<p>Sogleich begab man sich auf den Weg, der zwischen wohlgepflegten Gärten
-hinführte, und erreichte bald das nette Häuschen des Ältesten. Um den
-milden Sommerabend zu genießen, saß er auf der Bank vor der Tür. Er war
-ein sehr alter Mann mit weißem Haar und Bart, aber ungemein frischen,
-heiteren blauen Augen. Einige hübsche Kinder, wohl seine Enkel,
-spielten um ihn her.</p>
-
-<p>„Hier bring’ ich Euch meine Gäste“, sprach der Ansiedler, „damit
-Ihr doch gleich den jüngsten, aber auch den stattlichsten der neuen
-Ankömmlinge kennen lernt.“</p>
-
-<p>Aber was war das? Der Gast hatte dem Greise eine Weile ins Antlitz
-gesehen; nun fiel er plötzlich vor ihm nieder und barg, vor Erregung
-zitternd, den Kopf in seinen Schoß.</p>
-
-<p>„Pate Rudi“, rief er, „o lieber, guter Pate Rudi; ich bin ja dein
-kleiner Friedel! Im Preußenland wollte ich dich suchen und finde dich
-nun in Amerika!“</p>
-
-<div class="figcenter illowe38" id="illu_152">
- <img class="w100" src="images/illu_152.jpg" alt="Der Pate Rudi." />
-</div>
-
-<p>Die Freude des ehrwürdigen Alten war ungemein groß; er liebkoste den
-hochgewachsenen Mann, als sei<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> er noch ein kleiner Knabe von ehemals,
-und schloß die junge Frau, die ihm zärtlich die Hand küßte, gleich in
-sein liebreiches Herz. Nun begann ein Fragen und Erzählen, das schier
-kein Ende nehmen wollte! Freilich war’s nicht nur Erfreuliches, was
-sie einander<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> zu berichten hatten. Rudi war tief ergriffen, als er von
-dem schnellen, einsamen Tode seines alten Andreas hörte. Friedel aber
-fragte vergebens nach der treuen Magd Zenzi, die so schöne Märlein
-erzählt hatte. Sie war auf der Seereise gestorben und harrte in der
-Tiefe des Meeres ihrer Auferstehung.</p>
-
-<p>Indessen war auch Gundel, Rudis verheiratete Tochter, hinzugetreten und
-mahnte den Vater, daß es hohe Zeit für ihn sei, zur Ruhe zu gehen. „Du
-hast recht!“ sagte der freundliche Greis. „Laß mich nur meinem großen
-Patenkind noch schnell sagen, wie es kam, daß ich, statt nach Preußen,
-übers weite Meer gezogen bin. In den langen Winterabenden wollen wir
-uns dann nach Herzenslust alle unsere Schicksale erzählen. Du weißt
-wohl noch, Friedel, wie krank und matt ich war, als wir die traute
-Heimat verlassen mußten. Als wir nach Augsburg kamen, glaubte ich mein
-Ende nahe und lag lange danieder bei gastfreien Glaubensgenossen. Als
-ich unter ihrer treuen Pflege endlich doch genas, waren die meisten der
-Gefährten längst weitergezogen, außer einer kleinen Schar, die sich
-entschlossen hatte, übers Meer zu ziehen. Mein Schwiegersohn gehörte
-mit Weib und Kind dazu, und Gott stärkte mich wunderbar, daß auch ich
-die weite, beschwerliche Reise unternehmen konnte. Hier hab’ ich noch
-jahrelang rüstig schaffen dürfen, aber nun ist’s vorbei. Ich kann nur
-noch ein wenig guten Rat geben und das kleine Volk hüten. Du aber, mein
-Sohn, bist jung und stark, und das ist gut. Denn hier gilt’s alle Kraft
-dran<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span>setzen und so recht im Schweiße des Angesichts sein Brot essen.“</p>
-
-<p>Die Wahrheit dieser Worte erfuhr der junge Ansiedler in reichem Maße;
-aber auf eigenem Grund und Boden zu arbeiten ist für den rechten Mann
-eine Lust. Sehr hatte man sich gefreut, daß er ein gelernter Müller
-war, da notwendig eine zweite Mühle gebaut werden mußte. Ehe der
-Winter kam, stand sie schmuck und fertig da mit nettem angebauten
-Wohnhäuschen, von Garten umgeben. Weiter draußen war das Ackerland, das
-Tobi mit großem Eifer zurichtete, damit es im Frühjahr bepflanzt und
-besät werden konnte.</p>
-
-<p>Dieser treue Knecht war im fremden Lande sogleich daheim gewesen.
-Schon auf dem Schiffe hatte er als Krankenpfleger, Kinderwärter, Koch
-und Flickschneider Wunderbares geleistet und die Herzen der Gefährten
-im Sturm erobert. Hier wohnte er zwar in der Mühle, half dem Friedel
-wacker und schaffte frühmorgens, wenn noch alles schlief, im Garten,
-um es Ännchen zu erleichtern. Dennoch ward er bald der Freund und
-Vertraute der ganzen Niederlassung. Wo Not einkehrte, rief man den Tobi
-herbei. Und wenn er aufs Feld oder in den Wald ging, lief immer ein
-Häuflein Kinder hinter ihm her, denn sie hingen an ihm wie die Kletten.</p>
-
-<p>Daß die Mühle ein wenig abseits von den übrigen Wohnungen lag, war
-allen lieb und recht; besonders freute sich Ännchen darüber, da sie
-stets einen Hang zu Stille und Einsamkeit behielt. Während Friedel bald
-lebhaften Anteil an dem Wohl und Wehe der<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> kleinen Gemeinde nahm und
-gern mit den wackeren Männern verkehrte, verließ Ännchen nur selten ihr
-trauliches Heim, das sie so schmuck und sauber hielt wie nur möglich.
-Aber wenn die Töne des großen Hornes erschallten, das zum Gottesdienst
-rief (eine Glocke besaß man noch nicht), dann ließen beide alle Arbeit
-stehen und eilten dem lieben Kirchlein zu.</p>
-
-<p>O wie herrlich war es, Gottes Wort so reichlich hören und so wohl
-lernen zu dürfen! Jetzt erst merkten sie, wie gering ihre Erkenntnis
-noch war. Heller und immer heller erleuchtete die himmlische Wahrheit
-ihre Seelen, und ihr Glaube ward fest und stark. Auch lernten sie jetzt
-erst den Segen christlicher Gemeinschaft kennen. Hatten sie doch bisher
-so allein gestanden!</p>
-
-<p>Auch an Freude und Kurzweil fehlte es nicht ganz. Gar fleißig ward
-der Gesang geübt; nicht nur im Kirchlein, auch in Feld und Garten
-erklangen die herrlichen Lieder zu Gottes Ehre. Nach treu getaner
-Arbeit konnte Friedel mit der Flinte durch den Wald streifen und manch
-guten Wildbraten heimbringen, ohne eines Edelmannes Rache fürchten zu
-müssen. Gern saß er am Feierabend oberhalb der Mühle am klaren Wasser,
-und manch silbernes Fischlein blieb an seiner Angel hängen. In solchen
-Stunden flogen seine Gedanken gar oft zurück ins alte Vaterland, in
-die Talmühle, zu des Großvaters Hütte, ach, auch an die einsame, öde
-Stätte, wo er bei der Leiche seines Johannes gekniet!</p>
-
-<p>Ein halbes Jahr mochten sie wohl in Eben-Ezer sein, als ein Brief
-vom Steinhofe ihnen die Kunde<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> von Franzls seligem Tode brachte.
-Sein letztes Gebet war das Verslein gewesen, das ihm Friedel einst
-aufschreiben mußte, nachdem Frau Marie gestorben war. Albrecht schrieb,
-er rüste nun mit den Seinen zur Wanderung nach Augsburg.</p>
-
-<p>So weilten nun alle, an denen Friedels und Ännchens Herzen gehangen,
-nicht mehr in der alten, sondern in der himmlischen Heimat!</p>
-
-<p>Aber in der neuen irdischen Heimat ward es bald lebendig. Ein munterer
-kleiner Bube, der den Namen Johannes erhielt, strampelte in der Wiege,
-die Friedel selbst gemacht. Pate Rudi durfte sich noch an ihm erfreuen
-und meinte, er werde groß und stark werden wie sein Vater. „Mag er
-immerhin wachsen“, sprach der glückliche Vater; „hier fängt ihn kein
-Werber! Aber was Rechtes lernen soll er in unserer lieben Schule, mehr
-und besser als ich, um, will’s Gott, vielleicht selbst ein Lehrer zu
-werden.“</p>
-
-<p>Der kleine Johannes war wirklich ein kluges Kind, dazu frisch, kräftig
-und überaus liebreich, so daß er das zarte Schwesterlein, das ihn
-aus der Wiege und vom Schoß der Mutter verdrängte, mit großer Freude
-begrüßte. Es ward Marie genannt und war vom ersten Tage an Tobis
-Liebling.</p>
-
-<p>Nun hatte Ännchen vollends keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, ob
-die alte oder die neue Heimat schöner sei. Geschäftig und freundlich
-war sie immer, und ihr liebliches Antlitz strahlte in stillem Glück.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p>
-
-<p>Einmal aber fand Friedel sie an der Wiege des Kindes sitzend, in tiefes
-Sinnen versunken, mit Tränen in den Augen.</p>
-
-<p>„Was bekümmert dich?“ fragte er. „Hat dir jemand ein Leid getan?“</p>
-
-<p>„O nein! Ich gedachte nur der verlassenen Gräber im heimatlichen Tale.
-Kein Mensch wird ihnen mehr nahen; kein Blümlein wird mehr darauf
-gelegt werden. Vielleicht sind sie schon eingesunken und nicht mehr zu
-erkennen.“</p>
-
-<p>„Aber der Himmelsherr wird sie finden“, erwiderte Friedel. „Wenn die
-letzte Posaune ertönt, wird er auch die Geliebten erwecken und uns mit
-ihnen vereinen auf ewig!“</p>
-
-<div class="figcenter illowe8a" id="illu_157_deko">
- <img class="w100" src="images/illu_157_deko.jpg" alt="Ende." />
-</div>
-
-<div class="anz">
-
-<hr class="full x-ebookmaker-drop" />
-
-<p class="center">Im Verlag von <em class="gesperrt">Johannes Herrmann,
-Zwickau</em> (Sachsen), erschienen:</p>
-
-<p class="s3 center">Neue Kindheitserinnerungen an <em class="gesperrt">Marg.
-Lenk</em></p>
-
-<p class="center">unter dem Titel:</p>
-
-<p class="s1 center"><b>Erinnerungen an Gretel</b></p>
-
-<p class="s4 center">Von den Schwestern Margarete Lenks Susanna und Eva Klee</p>
-
-<p class="center">242 Seiten. 8<sup>o</sup>. 6 Bilder. Gebunden M. 3.50</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p>Nicht nur alle, die Marg. Lenk aus ihren Erzählungen kennen und lieben
-gelernt haben, werden nach diesem Buche greifen, das uns die junge
-Lehrerin als treue Erzieherin ihrer jüngeren Geschwister lebendig
-vor die Seele stellt, sondern auch für andere ist es von großem
-Reiz, durch dieses in schlichter und doch reiner und edler Sprache
-geschriebene Buch Einblick zu gewinnen in das glückliche Familienleben
-des bekannten, tüchtigen Dresdner Kreuzschulrektors Julius Klee und zu
-beobachten, wie Gretels kindliche Frömmigkeit in guten und bösen Tagen
-einen unauslöschlichen Eindruck auf die Herzen der heranwachsenden
-Kinder des Hauses gemacht hat. Auch manchen bekannten Persönlichkeiten
-aus den Kreisen des gebildeten Dresdner und Leipziger Bürgertums im
-vorigen Jahrhundert, die uns aus anderen zeitgenössischen Büchern
-bekannt sind, wie L. Richter, Rietschel, Otto Ludwig, Gustav Freytag,
-Buchhändler Hirzel u.&nbsp;a., begegnen wir hier wieder. Sehr passend zum
-Vorlesen im Familienkreis.</p>
-
-<p>Was lebt und webt nicht alles in diesem wunderfeinen, kleinen Buch! Es
-sind in ihm nur schlichte Aufzeichnungen enthalten, aber mit großer
-Treue gezeichnet. Ludwig Richters Enkelin, Otto Ludwigs und Rietschels
-Kinder gehören mit zum Kreis der munteren kleinen Schar, in die wir
-als Pflegestätte und Jungborn des Geistes unserer allverehrten großen
-Erzählerin und Dichterin lauschen und schauen dürfen. Das Buch ist eine
-rechte Herzerquickung und ein rechter lieber, kleiner Hausschatz.</p>
-
-<p class="s2 center mtop3 break-before"><b>Marg. Lenks Jugendbücher</b></p>
-
-<p class="center">erschienen in 250 Auflagen</p>
-
-<hr class="r65" />
-
-<p class="center">Die mit * bezeichneten Bände sind illustriert</p>
-
-<table summary="Marg. Lenks Jugendbücher">
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- *Der Findling. Erzählung aus der Zeit der Reformation.
- 7. Aufl. Illustr. Leinenband
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">M.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">4.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- *Des Pfarrers Kinder. Erzählung aus der Zeit des
- 30jährigen Krieges. 6. Aufl. Illustr. Leinenband
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">4.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- Drei Wünsche. 4. Auflage. Leinenband
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">4.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- *Seemövchen und andere Erzählungen. 3. Auflage
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">4.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- *Treue Herzen. 4. Auflage. Illustriert. Halbleinen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">3.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- *Des Goldschmieds Töchterlein. 3. Auflage. Illustriert.
- Halbleinen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">3.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- *Kinderherzen. 5. Auflage. Illustriert. Halbleinen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">3.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- *Die Bettelsänger. 3. Auflage. Illustriert. Halbleinen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">3.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- Sturm und Sonnenschein. 4. Auflage. Leinenband
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">3.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- Die Geschwister. 3. Auflage. Leinenband
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">3.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- *Lenas Wanderjahre 3. Aufl. Illustriert. Halbleinen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">2.50</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- *Die Zwillinge. 4. Auflage. Illustriert
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">2.50</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- Licht und Schatten. 3. Auflage. Halbleinen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">2.50</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- *Im fernen Westen. 2. Auflage. Illustr. Halbleinen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">2.25</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- Im Dienst des Friedefürsten. 5. Auflage. Halbleinen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">2.25</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- *Des Waldbauern Friedel. 4. Auflage. Illustriert
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">2.25</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- Siegmund. &ndash; Auf Seekönigs Thron. 2. Aufl. Halbl.
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">2.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- Mein Sorgenkind
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">2.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- Aus meiner Kindheit. 3. Auflage
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">2.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- Fünfzehn Jahre in Amerika. 2. Auflage
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">2.&mdash;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang2">
- Ein Kleeblatt. 5. Auflage
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p class="center">Ferner 5 kleine illustrierte Bändchen je M. 1.20 gebunden</p>
-
-<p class="s5">„Marg. Lenks Bücher brauchen keiner Empfehlung mehr. Einfache,
-kindliche Frömmigkeit kommt darin ganz naiv, mit natürlicher
-Selbstverständlichkeit zum Ausdruck, weil sie offenbar der Verfasserin
-Herzenssache ist, ja die Lebensluft, in der sie atmet. Mit feinem
-Gefühl erkennt und versteht sie die Kinderherzen, und dazu verfügt sie
-über eine starke, künstlerische Gestaltungskraft....“</p>
-
-<p class="s5 right mright2">„Jugendschriften-Kommission des Schweizer
-Lehrervereins.“</p>
-
-<p class="center mtop2"><span class="bt">Verlag von Johannes Herrmann, Zwickau
-(Sachsen)</span></p>
-
-</div>
-
-<hr class="r65" />
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DES WALDBAUERN FRIEDEL</span> ***</div>
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- </div>
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- </div>
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-</div>
-</body>
-</html>
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