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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:28:04 -0700 |
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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg2000.de erreichbar. + + + + + + +Kater Martinchen + +Ernst Moritz Arndt + +Einundzwanzig vorpommersche Sagen + + +Inhalt: + +Geschichte von den sieben bunten Mäusen +Prinzessin Svanvithe +Der Riese Balderich +Die Unterirdischen in den Neun Bergen bei Rambin +Abenteuer des Johann Dietrich +Das Silberglöckchen +Der gläserne Schuh +Der Alte von Granitz +Der Falscheid +Rattenkönig Birlibi +Das brennende Geld +Kater Martinchen +Thrin Wulfen +De Kröger van Poseritz +De Brügg bi Slemmin +Schipper Gau un sin Puk +De witte Fru to Löbnitz +De Prester un de Düwel +De Wewer un de Steen +Die alte Burg bei Löbnitz +Der Rabenstein + + + + +Geschichte von den sieben bunten Mäusen + + +Vor langer, langer Zeit wohnte in Puddemin ein Bauer, der hatte eine +schöne und fromme Frau, die fleißig betete und alle Sonntage und +Festtage zur Kirche ging, auch den Armen, die vor ihre Türe kamen, +gern gab. Es war überhaupt eine freundliche und mitleidige Seele und +im ganzen Dorfe und Kirchspiele von allen Leuten geliebt. Nie hat +man ein hartes Wort von ihr gehört, noch ist ein Fluch und Schwur +oder andere Ungebühr je aus ihrem Munde gegangen. Diese Frau hatte +sieben Kinder, lauter kleine Dirnen, von welchen die älteste zwölf +und die jüngste zwei Jahr alt war: hübsche, lustige Dingelchen. +Diese gingen alle übereins gekleidet, mit bunten Röckchen und bunten +Schürzen und roten Mützchen; Schuhe aber und Strümpfe hatten sie +nicht an, denn das hätte zuviel gekostet, sondern gingen barfuß. Die +Mutter hielt sie nett und reinlich, wusch und kämmte sie morgens früh +und abends spät, wann sie aufstanden und zu Bett gingen, lehrte sie +lesen und singen und erzog sie in aller Freundlichkeit und +Gottesfurcht. Wann sie auf dem Felde was zu tun hatte oder weit +ausgehen mußte, stellte sie die älteste, welche Barbara hieß, über +die andern; diese mußte auf sie sehen, ihnen was erzählen, auch wohl +etwas vorlesen. Nun begab es sich einmal, daß ein hoher Festtag war +(ich glaube, es war der Karfreitag), da ging die Bauerfrau mit ihrem +Manne zur Kirche und sagte den Kindern, sie sollten hübsch artig sein; +der Barbara aber und den nächst älteren gab sie ein paar Lieder auf +aus dem Gesangbuche, die sie auswendig lernen sollten. So ging sie +weg. Barbara und die andern Kinder waren anfangs auch recht artig; +die älteren nahmen die Bücher und lasen, und die kleinsten saßen +still auf dem Boden und spielten. Als sie so saßen, da erblickte das +eine Kind etwas hinter dem Ofen und rief: "O seht! Seht! Was ist +das für ein schöner und weißer Beutel!" Es war aber ein Beutel mit +Nüssen und Äpfeln, den die Mutter des Morgens da hingehängt hatte +und den sie des Nachmittags einem ihrer kleinen Paten bringen wollte. +Die meisten Kinder sprangen nun alsbald auf und guckten danach, und +auch Barbara, die älteste, stand auf und guckte mit. Und die Kinder +flüsterten und sprachen dies und das über den schönen Beutel und was +wohl darin sein möchte. Und es gelüstete sie so sehr, es zu wissen, +und da riß eines den Beutel von dem Nagel, und Barbara öffnete die +Schnur, womit er zugebunden war, und es fielen Äpfel und Nüsse +heraus. Und als die Kinder die Äpfel und Nüsse auf dem Boden +hinrollen sahen, vergaßen sie alles, und daß es Festtag war, und was +die Mutter ihnen befohlen und aufgegeben hatte; sie setzten sich hin +und schmausten Äpfel und knackten Nüsse und aßen alles rein auf. +Als nun Vater und Mutter um den Mittag aus der Kirche zu Hause kamen, +sah die Mutter die Nußschalen auf dem Boden liegen, und sie schaute +nach dem Beutel und fand ihn nicht. Da erzürnte sie sich und ward +böse zum ersten Male in ihrem Leben und schalt die Kinder sehr und +rief: "Der Blitz! Ich wollte, daß ihr Mausemärten alle zu Mäusen +würdet!" Der Schwur war aber eine große Sünde, besonders weil es ein +so heiliger und hoher Festtag war; sonst hätte Gott es der Bäuerin +wohl vergeben, weil sie doch so fromm und gottesfürchtig war. Kaum +hatte die Frau das schlimme Wort aus ihrem Munde gehen lassen, so +waren alle die sieben niedlichen Kinderchen weg, als hätte sie ein +Wind weggeblasen, und sieben bunte Mäuse liefen in der Stube herum +mit roten Köpfchen, wie die Röcke und Mützen der Kinder gewesen waren. +Und Vater und Mutter erschraken so sehr, daß sie hätten zu Stein +werden mögen. Da kam der Knecht herein und öffnete die Türe, und die +sieben bunten Mäuse liefen alle zugleich hinaus und über die Flur auf +den Hof hin; sie liefen aber sehr geschwind. Und als die Frau das +sah, konnte sie sich nicht halten, denn es war ihr im Herzen, als +wären die Mäuse ihre Kinder gewesen; und sie stürzte sich aus der +Türe hinaus und mußte den Mäusen nachlaufen. + +Die sieben bunten Mäuse aber liefen den Weg entlang aus dem Dorfe +heraus, immer sporenstreichs; und so liefen sie über das Puddeminer +Feld und das Günzer Feld und das Schoritzer Feld und durch die Krewe +und die Dumsevitzer Koppel. Und die Mutter lief ihnen außer Atem +nach und konnte weder schreien noch weinen und wußte nicht mehr, was +sie tat. So liefen die Mäuse über das Dumsevitzer Feld hin und in +einen kleinen Busch hinein, wo einige hohe Eichen standen und in der +Mitte ein spiegelhellen Teich war. Und der Busch steht noch da mit +seinen Eichen und heißt der Mäusewinkel. Und als sie in den Busch +kamen und an den Teich im Busche, da standen sie alle sieben still +und guckten sich um, und die Bauerfrau stand dicht bei ihnen. Es war +aber, als wenn sie ihr Adje sagen wollten. Denn als sie die Frau so +ein Weilchen angeguckt hatten, plump! Und alle sieben sprangen +zugleich ins Wasser und schwammen nicht, sondern gingen gleich unter +in der Tiefe. Es war aber der helle Mittag, als dies geschah. Und +die Mutter blieb stehen, wo sie stand, und rührte keine Hand und +keinen Fuß mehr, sie war auch kein Mensch mehr. Sie ward stracks zu +einem Stein, und der Stein liegt noch da, wo sie stand und die +Mäuslein verschwinden sah; und das ist dieser große runde Stein, an +welchem wir sitzen. Und nun höre mal, was nach diesem geschehen ist +und noch alle Nacht geschieht! Glocke zwölf, wann alles schläft und +still ist und die Geister rundwandeln, da kommen die sieben bunten +Mäuse aus dem Wasser heraus und tanzen eine ganze ausgeschlagene +Stunde, bis es eins schlägt, um den Stein herum. Und sie sagen, dann +klingt der Stein, als wenn er sprechen könnte. Und das ist die +einzige Zeit, wo die Kinder und die Mutter sich verstehen können und +voneinander wissen; die übrige Zeit sind sie wie tot. Dann singen +die Mäuse einen Gesang, den ich dir sagen will, und der bedeutet ihre +Veränderung, oder daß sie wieder in Menschen verwandelt werden können. +Und dies ist der Gesang: + +Herut! herut! +Du junge Brut! +Din Brüdegam schall kamen; +Se hebben di +Doch gar to früh +Din junges Leben namen. + +Sitt de recht up'n Steen, +Wat he Flesch un Been, +Und wi gan mit dem Kranze: +Säven Junggesell'n +Uns führen schäl'n +Juchhe! to'm Hochtidsdanze. + +Und nun will ich dir sagen von dem Gesange, was er bedeutet. Die +Mäuse tanzen nun wohl schon tausend Jahre und länger um den Stein, +wann es die Mitternacht ist, und der Stein liegt ebensolange. Es +geht aber die Sage, daß sie einmal wieder verwandelt werden sollen, +und das kann durch Gottes Gnade nur auf folgende Weise geschehen: + +Es muß eine Frau sein gerade so alt, als die Bäuerin war, da sie aus +der Kirche kam, und diese muß sieben Söhne haben gerade so alt, als +die sieben kleinen Mädchen waren. Sind sie eine Minute älter oder +jünger, so geht es nicht mehr. Diese Frau muß an einem Karfreitage +gerade um die Mittagszeit, als die Frau zu Stein ward, mit ihren +sieben Söhnen in den Busch kommen und sich auf den Stein setzen. Und +wenn sie sich auf den Stein setzt, so wird der Stein lebendig und +wird wieder in einen Menschen verwandelt, und dann steht die +Bauerfrau wieder da, leibhaftig und in eben den Kleidern, die sie +getragen, als sie den Mäusen nachgelaufen zu diesem Mausewinkel. Und +die sieben bunten Mäuse werden wieder zu sieben kleinen Mädchen in +bunten Röcken und mit roten Mützen auf dem Kopf. Und jedes kleine +Mädchen geht zu dem kleinen Knaben hin, der sein Alter hat, und sie +werden Braut und Bräutigam. Und wann sie groß werden, so halten sie +Hochzeit an einem Tage und tanzen ihre Kränze ab. Und es sollen die +schönsten Jungfrauen werden auf der ganzen Insel, sagen die Leute, +und auch die glücklichsten und reichsten, denn alle diese Güter und +Höfe hier umher sollen ihnen gehören. Aber ach, du lieber Gott, wann +werden sie verwandelt werden? + + + + +Prinzessin Svanvithe + + +Du hast wohl von der Sage gehört, daß hier bei Garz, wo jetzt der +Wall über dem See ist, vor vielen tausend Jahren ein großes und +schönes Heidenschloß gewesen ist mit herrlichen Häusern und Kirchen, +worin sie ihre Götzen gehabt und angebetet haben. Dieses Schloß +haben vor langer, langer Zeit die Christen eingenommen, alle Helden +totgeschlagen und ihre Kirchen umgeworfen und die Götzen, die darin +standen, mit Feuer verbrannt; und nun ist nichts mehr übrig von all +der großen Herrlichkeit als der alte Wall und einige Leuschen, welche +die Leute sich erzählen, besonders von dem Mann mit Helm und Panzer +angetan, der auf dem weißen Schimmel oft über die Stadt und den See +hinreitet. Einige, die ihn nächtlich gesehen haben, erzählen, es sei +der alte König des Schlosses, und er habe eine güldene Krone auf. +Das ist aber alles nichts. Daß es aber um Weihnachten und Johannis +in der Nacht aus dem See klingt, als wenn Glocken in den Kirchen +geläutet werden, das ist wahr, und viele Leute haben es gehört, und +auch mein Vater. Das ist eine Kirche, die in den See versunken ist, +andere sagen, es ist der alte Götzentempel. Das glaub' ich aber +nicht; denn was sollten die Helden an christlichen Festtagen läuten? +Aber das Klingen und Läuten im See ist dir gar nichts gegen das, was +im Wall vorgeht, und davon will ich dir eine Geschichte erzählen. Da +sitzt eine wunderschöne Prinzessin mit zu Felde geschlagenen Haaren +und weinenden Augen und wartet auf den, der sie erlösen soll; und +dies ist eine sehr traurige Geschichte. + +In jener alten Zeit, als das Garzer Heidenschloß von den Christen +belagert ward und die drinnen in großen Nöten waren, weil sie sehr +gedrängt wurden, als schon manche Türme niedergeworfen waren und sie +auch nicht recht mehr zu leben hatten und die armen Leute in der +Stadt hin und wieder schon vor Hunger starben, da war drinnen ein +alter, eisgrauer Mann, der Vater des Königs, der auf Rügen regierte. +Dieser alte Mann war so alt, daß er nicht recht mehr hören und sehen +konnte; aber es war doch seine Lust, unter dem Golde und unter den +Edelsteinen und Diamanten zu kramen, welche er und seine Vorfahren im +Reiche gesammelt hatten und welche tief unter der Erde in einem +schönen, aus eitel Marmelsteinen und Kristallen gebauten Saale +verwahrt wurden. Davon waren dort ganz große Haufen aufgeschüttet, +viel größere als die Roggen- und Gerstenhaufen, die auf deines Vaters +Kornboden aufgeschüttet sind. Als nun das Schloß zu Garz von den +Christen in der Belagerung so geängstet ward und viele der tapfersten +Männer und auch der König, des alten Mannes Sohn, in dem Streite auf +den Wällen und vor den Toren der Stadt erschlagen waren, da wich der +Alte nicht mehr aus der marmornen Kammer, sondern lag Tag und Nacht +darin und hatte die Türen und Treppen, die dahin führten, dicht +vermauern lassen; er aber wußte noch einen kleinen heimlichen Gang, +der unter der Erde weglief, viele hundert Stufen tiefer als das +Schloß, und jenseits des Sees einen Ausgang hatte, den kein Mensch +wußte als er, und wo er hinausschlüpfen und sich draußen bei den +Menschen Speise und Trank kaufen konnte. Als nun das Schloß von den +Christen erobert und zerstört ward und die Männer und Frauen im +Schlosse getötet und alle Häuser und Kirchen verbrannt wurden, daß +kein Stein auf dem andern blieb, da fielen die Türme und Mauern +übereinander, und die Türe der Goldkammer ward gar verschüttet; auch +blieb kein Mensch lebendig, der wußte, wo der tote König seine +Schätze gehabt hatte. Der alte König aber saß drunten bei seinen +Haufen Goldes und hatte seinen heimlichen Gang offen und hat noch +viele hundert Jahre gelebt, nachdem das Schloß zerstört war; denn sie +sagen, die Menschen, welche sich zu sehr an Silber und Gold hängen, +können vom Leben nicht erlöst werden und sterben nicht, wenn sie Gott +auch noch so sehr um den Tod bitten. So lebte der alte, eisgraue +Mann noch viele, viele Jahre und mußte sein Gold bewachen, bis er +ganz dürr und trocken ward wie ein Totengerippe. Da ist er denn +gestorben und auch zur Strafe verwandelt worden und muß nun als ein +schwarzer magerer Hund unter den Goldhaufen liegen und sie bewachen, +wenn einer kommt und den Schatz holen will. Des Nachts aber zwischen +zwölf und ein Uhr, wann die Gespensterstunde ist, muß er noch immer +rundgehen als ein altes graues Männlein mit einer schwarzen +Pudelmütze auf dem Kopf und einem weißen Stock in der Hand. So haben +die Leute ihn oft gesehen im Garzer Holze am Wege nach Poseritz; auch +geht er zuweilen um den Kirchhof herum. Denn da sollen vor alters +Heidengräber gewesen sein, und die Helden haben immer viel Silber und +Gold mit sich in die Erde genommen. Das will er holen, darum +schleicht er dort, kann es aber nicht kriegen, denn er darf die +geweihte Erde nicht berühren. Das ist aber seine Strafe, daß er so +rundlaufen muß, wann andere Leute in den Betten und Gräbern schlafen, +weil er so geizig gewesen ist. + +Nun begab es sich lange nach diesen Tagen, daß in Bergen ein König +von Rügen wohnte, der hatte eine wunderschöne Tochter, die hieß +Svanvithe; und sie war die schönste Prinzessin weit und breit, und es +kamen Könige und Fürsten und Prinzen aus allen Landen, die um die +schöne Prinzessin warben. Und der König, ihr Herr Vater, wußte sich +kaum zu lassen vor allen den Freiern und hatte zuletzt nicht Häuser +genug, daß er die Fremden beherbergte, noch Ställe, wohin sie und +ihre Knappen und Staller ihre Pferde zögen; auch gebrach es fast an +Hafer im Lande und Raum für alle die Kutscher und Diener, die mit +ihnen kamen, und war Rügen so voll von Menschen, als es nie gewesen +seit jenen Tagen. Und der König wäre froh gewesen, wenn die +Prinzessin sich einen Mann genommen hätte und die übrigen Freier +weggereist wären. Das läßt sich aber bei den Königen nicht so leicht +machen als bei andern Leuten, und muß da alles mit vieler +Zierlichkeit und Langsamkeit hergehen. Die Prinzessin, nachdem sie +wohl ein ganzes halbes Jahr in ihrer einsamen Kammer geblieben war +und keinen Menschen gesehen, auch kein Sterbenswort gesagt hatte, +fand endlich einen Prinzen, der ihr wohl gefiel, und den sie gern zum +Mann haben wollte, und der Prinz gefiel auch dem alten Könige, daß er +ihn gern als Eidam wollte. Und sie hatten einander Ringe geschenkt, +und war große Freude im ganzen Lande, daß die schöne Svanvithe +Hochzeit halten sollte, und hatten alle Schneider und Schuster die +Fülle zu tun, die schönen Kleider und Schuhe zu machen, die zur +Hochzeit getragen werden sollten. Der verlobte Prinz aber und +Svanvithens Bräutigam hieß Herr Peter von Dänemarken und war ein über +die Maßen feiner und stattlicher Mann, daß seinesgleichen wenige +gesehen wurden. + +Da, als alles in lieblicher Hoffnung und Liebe grünete und blühete +und die ganze Insel in Freuden stand und nur noch ein paar Tage bis +zur Hochzeit waren, kam der Teufel und säete sein Unkraut aus, und +die Luft ward in Traurigkeit verwandelt. Es war nämlich allda an des +Königs Hofe auch ein Prinz aus Polen, ein hinterlistiger und +schlechter Herr, sonst schön und ritterlich an Gestalt und Gebärde. +Dieser hatte manches Jahr um die Prinzessin gefreit und sie geplagt +Tag und Nacht; sie hatte aber immer nein gesagt, denn sie mochte ihn +nicht leiden. Als dieser polnische Prinz nun sah, daß es wirklich +eine Hochzeit werden sollte und daß Herr Peter von Dänemarken zum +Treuliebsten der schönen Svanvithe erkoren war, sann er in seinem +bösen Herzen auf arge Tücke und wußte es durch seine Künste so zu +stellen, daß der König und alle Menschen glaubten, Svanvithe sei +keine züchtige Prinzessin und habe manche Nächte bei dem polnischen +Prinzen geschlafen. Das glaubte auch Herr Peter und reiste plötzlich +weg; und der polnische Prinz war zuerst weggereist, und alle Könige +und Prinzen reisten weg. Und das Schloß des Königs in Bergen stand +wüst und leer da, und alle Freude war mit weggezogen und alle Geiger +und Pfeifer und alles Saitenspiel, die sich auf Turniere und Feste +gerüstet hatten. Und die Schande der armen Prinzessin klang über das +ganze Land; ja in Schweden und Dänemark und Polen hörten sie es, wie +die Hochzeit sich zerschlagen hatte. Sie aber war gewiß unschuldig +und rein wie ein Kind, das aus dem Mutterleibe kommt, und war es +nichts als die greuliche Bosheit des verruchten polnischen Prinzen, +den sie als Freier verschmäht hatte. + +So ging es der armen Svanvithe, und der König, ihr Vater, war einige +Tage nach diesen Geschichten wie von Sinnen und wußte nicht von sich, +und ihm war so zumute, daß er sich hätte ein Leid antun können von +wegen seiner Tochter und von wegen des Schimpfes, den sie auf das +ganze königliche Haus gebracht hatte. Und als er sich besann und +wieder zu sich kam und die ganze Schande bedachte, worein er geraten +war durch seine Tochter, da ergrimmte er in seinem Herzen, und er +ließ die schöne Svanvithe holen und schlug sie hart und zerraufte ihr +Haar und stieß sie dann von sich und befahl seinen Dienern, daß sie +sie hinausführten in ein verborgenes Gemach, daß seine Augen sie +nimmer wiedersähen. Darauf ließ er in einen mit dichten Mauern +eingeschlossenen und mit dunklen Bäumen beschatteten Garten hinter +seinem Schlosse einen düstern Turm bauen, wo weder Sonne noch Mond +hineinschien, da sperrte er die Prinzessin ein. Der Turm, den er +hatte bauen lassen, war aber fest und dicht und hatte nur ein +einziges kleines Loch in der Türe, wodurch ein wenig Licht hineinfiel +und wodurch der Prinzessin die Speise gereicht ward. Es war auch +weder Bett noch Tisch oder Bank in dem traurigen Gefängnis; auf +harter Erde mußte die liegen, die sonst auf Sammet und Seiden +geschlafen hatte, und barfuß mußte die gehen, die sonst in goldenen +Schuhen geprangt hatte. Und Svanvithe hätte sterben müssen vor +Jammer, wenn sie nicht gewußt hätte, daß sie unschuldig war, und wenn +sie nicht zu Gott hätte beten können. Sie aber war ein sehr junges +Kind, als sie eingesperrt ward, erst sechzehn Jahre alt, schön wie +eine Rose und schlank und weiß wie eine Lilie, und die Menschen, die +sie liebhatten, nannten sie nicht anders als des Königs +Lilienstengelein. Und dieses süße Lilienstengelein sollte so +jämmerlich verwelken in der kalten und einsamen Finsternis. + +Und sie hatte wohl drei Jahre so gesessen zwischen den kalten Steinen, +und auch der alte König war nicht mehr froh gewesen seit jenem Tage, +als der polnische Prinz sie in die große Schande gebracht hatte, +sondern sein Kopf war schneeweiß geworden vor Gram wie der Kopf einer +Taube; aber vor den Leuten gebärdete er sich stolz und aufgerichtet +und tat, als wenn seine Tochter tot und lange begraben wäre. Sie +aber saß von der Welt ungewußt in ihrem Elende und tröstete sich +allein Gottes und dachte, daß er ihre Unschuld wohl einmal an den Tag +bringen würde. Weil sie aber in ihren einsamen Trauerstunden Zeit +genug hatte, hin und her zu denken, so fiel ihr die Sache ein von dem +Königsschatze unter dem Garzer Walle, die sie in ihrer Kindheit oft +gehört hatte, und sie gedachte damit ihre Unschuld, und daß der +polnische Prinz sie unter einem falschen Schein schändlich belogen +hatte, sonnenklar zu beweisen. Und als darauf ihr Wächter kam und +ihr die Speise durch das Loch reichte, sprach sie zu ihm: "Lieber +Wächter, gehe zu dem Könige, meinem und deinem Herrn, und sage ihm, +daß seine arme einzige Tochter ihn nur noch ein einziges Mal zu sehen +und zu sprechen wünscht in ihrem Leben und daß er ihr diese letzte +Gunst nicht versagen mag." + +Und der Wächter sagte ja und lief und dachte bei sich: "Wenn der alte +König ihre Bitte nur erhört!" Denn es jammerte ihn die arme +Prinzessin unaussprechlich, und sie jammerte alle Menschen; denn sie +war immer freundlich gewesen gegen jedermann, auch hatten die meisten +von Anfang an geglaubt, daß sie fälschlich verklagt war und daß der +polnische Prinz einen argen Lügenschein auf sie gebracht hatte; denn +sie hatte sich immer aller Zucht und Jungfräulichkeit beflissen vor +jedermann. + +Und als ihr Wächter vor den König trat und ihm die Bitte der +Prinzessin anbrachte, da war der alte Herr sehr zornig und schalt ihn +und drohete ihm, ihn selbst in den Turm zu werfen, wenn er den Namen +der Prinzessin vor ihm je wieder über seine Lippen laufen lasse. Und +der erschrockene Wächter ging weg. Der König aber legte sich hin und +schlief ein. Da soll er einen wunderbaren Traum gehabt haben, den +kein Mensch zu deuten verstanden hat, und er ist früh erwacht und +sehr unruhig gewesen und hat viel an seine Tochter denken müssen, bis +er zuletzt befohlen hat, daß man sie aus dem Turm heraufbrächte und +vor ihn führte. + +Als Svanvithe nun vor den König trat, war sie bleich und mager, auch +waren ihre Kleider und Schuhe schon abgerissen, und sie stand fast +nackt und barfuß da und sah einer Bettlertochter ähnlicher als einer +Königstochter. Und der alte König ist bei ihrem Anblick blaß +geworden vor Jammer wie der Kalk an der Wand, aber sonst hat er sich +nichts merken lassen. Und Svanvithe hat sich vor ihm verneigt und +also zu ihm gesprochen: + +"Mein König und Herr! Ich erscheine nur als eine arme Sünderin vor +dir, als eine, die an der göttlichen Gnade und an dem Lichte des +Himmels kein Recht mehr haben soll. Also hast du mich von deinem +Angesicht verstoßen und von allem Lebendigen weggesperrt. Ich +beteure aber vor dir und vor Gott, daß ich unschuldig leide und daß +der polnische Prinz aus eitel Tücke und Arglist all den schlimmen +Schein auf mich gebracht hat. Und nun hat Gott, der sich mein +erbarmen will, mir einen Gedanken ins Herz gegeben, wodurch ich meine +unbefleckte Jungfrauschaft beweisen und dich und mich und dein ganzes +Reich zu Reichtum und Ehren bringen kann. Du weißt, es geht die Sage, +unter dem alten Schloßwalle zu Garz, wo unsere heidnischen Ahnen +weiland gewohnt haben, liege ein reicher Schatz vergraben. Diese +Sage, die mir in meiner Kindheit oft erzählt ist, meldet ferner, +dieser Schatz könne nur von einer Prinzessin gehoben werden, die von +jenen alten Königen herstamme und noch eine reine Jungfrau sei: wenn +nämlich diese den Mut habe, in der Johannisnacht zwischen zwölf und +ein Uhr nackt und einsam diesen Wall zu ersteigen und darauf +rückwärts so lange hin und her zu treten, bis es ihr gelinge, die +Stelle zu treffen, wo die Tore und Treppen verschüttet sind, die zu +der Schatzkammer hinabführen. Sobald sie diese mit ihren Füßen +berühre, werde es sich unter ihr öffnen, und sie werde sanft +heruntersinken mitten in das Gold und könne sich von den +Herrlichkeiten dann auslesen, was sie wolle, und bei Sonnenaufgang +wieder herausgehen. Was sie aber nicht tragen könne, werde der alte +Geist, der den Schatz bewacht, nebst seinen Gehilfen nachtragen. +Hierauf habe ich nun meine Hoffnung eines neuen Glückes gestellt, ob +es mir etwa aufblühen wolle; laß mich denn, Herr König, mit Gott +diese Probe machen. Ich bin ja doch einer Toten gleich, und ob ich +hier begraben bin oder dort begraben werde, kann dir einerlei sein." + +Sie hatte die Gebärde, als wolle sie noch mehr sagen; aber bei diesen +Worten stockte sie und konnte nicht mehr, sondern schluchzete und +weinte bitterlich. Der König aber winkte dem Wächter leise zu, der +sie hereingeführt hatte, und alsbald kamen Frauen und Dienerinnen +herbei und trugen sie hinaus von dem Könige weg in ein Seitengemach. +Und nicht lange, so ward der Wächter wieder zu dem Könige gerufen, +und er brachte ihr Speise und Trank, daß sie sich stärkte und +erquickte, und zugleich die Botschaft, daß der König ihr die gebetene +mitternächtliche Fahrt erlaube. Bald trugen Dienerinnen ihr ein Bad +herein nebst zierlichen Kleidern, daß sie sich bedecken konnte, denn +sie war fast nackend. Und sie lebte nun wieder in Freuden, obgleich +sie ganz einsam saß und gegen niemand den Mund auftat--auch den +Dienern und Dienerinnen war das Sprechen zu ihr verboten, sie wußten +auch nicht, wer sie war, noch wie sie in das Schloß gekommen, denn +von denen, die sie kannten, ward niemand zu ihr gelassen denn allein +der Wächter, der ihr immer die Speise gebracht hatte im Turme. Und +ihre Schöne fing wieder an aufzublühen, wie blaß und elend sie auch +aus dem Turm gekommen war; und alle, die sie sahen, entsetzten sich +über ihre Huld und Lieblichkeit, und sie deuchte ihnen fast einem +Engel gleich, der vom Himmel in das Schloß gekommen sei. + +Und als vierzig Tage vergangen waren und der Tag vor Johannis da war, +da ging sie zu dem Könige, ihrem Vater, ins Gemach und sagte ihm +Lebewohl. Und der alte Herr neigte noch einmal wieder seinen weißen +Kopf über sie und weinte sehr, und sie sank vor ihm hin und umfaßte +seine Knie und weinte noch mehr. Und darauf ging sie hinaus und +verkleidete sich so, daß niemand sie für eine Prinzessin gehalten +hätte, und trat ihre Reise an. Die Reise war aber nicht weit von +Bergen nach Garz, und sie ging in der Tracht eines Reiterbuben einher. +Und in der Nacht, als es vom Garzer Kirchturm zwölf geschlagen +hatte, betrat sie einsam den Wall, tat ihre Kleider von sich, also +daß sie da stand, wie Gott sie erschaffen hatte, und nahm eine +Johannisrute in die Hand, womit sie hinter sich schlug. Und so +tappte sie stumm und rücklings fort, wie es geschehen mußte. Und +nicht lange war sie geschritten, so tat sich die Erde unter ihren +Füßen auf, und sie fiel sanft hinunter, und es war ihr, als würde sie +in einem Traum hinabgewiegt; und sie fiel hinab in ein gar großes und +schönes und von tausend Lichtern und Lampen erleuchtetes Gemach, +dessen Wände von Marmor und diamantenen Spiegeln blitzten und dessen +Boden ganz mit Gold und Silber und Edelsteinen beschüttet war, daß +man kaum darauf gehen konnte. Sie aber sank so weich auf einen +Goldhaufen herab, daß es ihr gar nicht weh tat. Und sie besah sich +alle die blitzende Herrlichkeit in dem weiten Saale, wo die Schätze +und Kostbarkeiten ihrer Ahnherren von vielen Jahrhunderten gesammelt +und aufgehängt waren; und da sah sie in der hintersten Ecke in einem +goldenen Lehnstuhl das kleine graue Männchen sitzen, das ihr +freundlich zunickte, als wolle es mit der Urenkelin sprechen. Sie +aber sprach kein Wort zu ihm, sondern winkte ihm nur leise mit der +Hand. Und auf ihren Wink hob der Geist sich hinweg und verschwand, +und statt seiner kam eine lange Schar prächtig gekleideter Diener und +Dienerinnen, welche sich in stummer Ehrfurcht hinter sie stellten, +als erwarteten sie, was die Herrin befehlen würde. Svanvithe aber +säumte nicht lange, bedenkend, wie kurz die Mittsommersnacht ist, und +sie nahm die Fülle der Edelsteine und Diamanten und winkte den +Dienern und Dienerinnen hinter ihr, daß sie ebenso täten; auch diese +füllten Hände und Taschen und Zipfel und Geren der Kleider mit Gold +und edlen Steinen und kostbaren Geschirren. Und noch ein Wink, und +die lange Reihe wandelte, und die Prinzessin schritt voran der Treppe +zu, als wenn sie herausgehen wollte; jene aber folgten ihr. Und +schon hatte sie viele Stufen vollendet und sah schon das dämmernde +Morgenlicht und hörte schon den Lerchengesang und den Hahnenkrei, die +den Tag verkündeten--da ward es ihr bange, ob die Diener und +Dienerinnen ihr auch nachträten mit den Schätzen. Und sie sah sich +um, und was erblickte sie? Sie sah den kleinen grauen Mann sich +plötzlich in einen großen schwarzen Hund verwandeln, der mit, +feurigem Rachen und funkelnden Augen gegen sie hinaufsprang. Und sie +entsetzte sich sehr und rief: "Oh Herr je!" Und als sie das Wort +ausgeschrien hatte, da schlug die Tür über ihr mit lautem Knalle zu, +und die Treppe versank, und die Diener und Dienerinnen verschwanden, +und alle Lichter des Saales erloschen, und sie war wieder unten am +Boden und konnte nicht heraus. Der alte König aber, da sie nicht +wiederkam, grämte sich sehr; denn er dachte, sie sei entweder +umgekommen bei dem Hinabsteigen zu dem Schatze durch die Tücke der +bösen Geister, die unter der Erde ihre Gewalt haben, oder sie habe +sich der Sache überhaupt nicht unterstanden und laufe nun wie eine +arme, verlassene Streunerin durch die Welt. Und er lebte nur noch +wenige Wochen nach ihrem Verschwinden; dann starb er und ward +begraben. + +Der Prinzessin Svanvithe war dieses Unglück aber geschehen, weil sie +sich umgesehen hatte, als sie weggehen wollte, und weil sie +gesprochen hatte. Denn über die Unterirdischen hat man keine Gewalt, +wenn man sich umsieht oder spricht, sondern es gerät dann fast immer +unglücklich, wovon man viele Beispiele und Geschichten weiß. + +Und es waren viele Jahre vergangen, vielleicht hundert Jahre und mehr, +und alle die Menschen waren gestorben und begraben, welche zu der +Zeit des alten Königs und der schönen Svanvithe gelebt hatten, und +schon ward hie und da von ihnen erzählt wie von einem alten, alten, +längst verschollenen Märchen; da hörte man hin und wieder, die +Prinzessin lebe noch und sitze unter dem Garzer Wall in der +Schatzkammer und müsse nun mit dem alten, grauen Urgroßvater die +Schätze hüten helfen. Und kein Mensch weiß zu sagen, wie dies hier +oben bekannt geworden ist. Vielleicht hat der kleine graue Mann, der +zuzeiten rundgeht, es einem verraten, oder es hat es auch einer der +hellsichtigen Menschen gesehen, die an hohen Festtagen in besonderen +Stunden geboren sind und die das Gras und das Gold in der Erde +wachsen sehen und mit ihren Augen durch die dicksten Berge und Mauern +dringen können. Und es war viel erschollen von der Geschichte und +von dem wundersamen Versinken der Prinzessin unter die Erde, und daß +sie in der dunkeln Kammer sitze und noch lebe und einmal erlöst +werden solle. Sie kann aber, sagen sie, erlöst werden, wenn einer es +wagt, auf dieselbe Weise, wie sie einst in der Johannisnacht getan +hat, in die verbotene Schatzkammer hinabzufallen. Dieser muß sich +dann dreimal vor ihr verneigen, ihr einen Kuß geben, sie an die Hand +fassen und sie still herausführen; denn kein Wort darf er beileibe +nicht sprechen. Wer sie herausbringt, der wird mit ihr in +Herrlichkeit und in Freuden leben und so viele Schätze haben, daß er +sich ein Königreich kaufen kann. Darin wird er dann fünfzig Jahre +als König auf dem Throne sitzen und sie als seine Königin neben ihm, +und werden gar liebliche Kinder zeugen; der kleine graue Spuk wird +dann aber auf immer verschwinden, wann sie ihm die Schätze weggehoben +haben. Nun hat es wohl so kühne und verwegene Prinzen und schöne +Knaben gegeben, die mit der Johannisrute in der Hand zu ihr +hinabgekommen sind; aber sie haben es immer in etwas versehen, und +die Prinzessin ist noch nicht erlöst. Ja, wenn das ein so leichtes +Ding wäre, wieviele würden Lust haben, eine so schöne Prinzessin zu +freien und Könige zu werden! Die Leute erzählen aber, der greuliche +schwarze Hund ist an allem schuld; keiner hat es mit ihm aushalten +können, sondern wenn sie ihn sehen, so müssen sie aufschreien, und +dann schlägt die Türe zu, und die Treppe versinkt, und alles ist +wieder vorbei. + +So sitzt denn die arme Svanvithe da in aller ihrer Unschuld und muß +da unten frieren und das kalte Gold hüten, und Gott weiß, wann sie +erlöst werden wird. Sie sitzt da über Goldhaufen gebeugt; ihr langes +Haar hängt ihr über die Schultern herab, und sie weint unaufhörlich. +Schon sitzen sechs junge Gesellen um sie herum, die auch mithüten +müssen. Das sind die, denen die Erlösung nicht gelungen ist. Wem es +aber gelingt, der heiratet die Prinzessin und bekommt den ganzen +Schatz und befreit zugleich die andern armen Gefangenen. Sie sagen, +der letzte ist vor zwanzig Jahren darin versunken, ein +Schuhmachergesell, der Jochim Fritz hieß. Das war ein junges, +schönes Blut und ging immer viel auf dem Wall spazieren. Der ist mit +einem Male verschwunden, und keiner hat gewußt, wo er gestoben und +geflogen war, und seine Eltern und Freunde haben ihn in der ganzen +Welt suchen lassen, aber nicht gefunden! Er mag nun auch wohl +dasitzen bei den andern. + + + + +Der Riese Balderich + + +In der westlichen Spitze der Insel Rügen in der Ostsee an der +Feldscheide der Dörfer Rothenkirchen und Götemitz, etwa eine +Viertelmeile von dem Kirchdorfe Rambin, liegen auf flachem Felde neun +kleine Hügel oder Hünengräber, welche gewöhnlich die Neun Berge oder +die Neun Berge bei Rambin genannt werden, und von welchen das Volk +allerlei Märchen erzählt. Diese entstanden weiland durch die +Kühnheit eines Riesen, und seitdem die Riesen tot sind, treiben die +Zwerge darin ihr Wesen. + +Vor langer Zeit lebte auf Rügen ein gewaltiger Riese (ich glaube, er +hieß Balderich), den verdroß es, daß das Land eine Insel war und daß +er immer durch das Meer waten mußte, wenn er nach Pommern auf das +feste Land wollte. Er ließ sich also eine ungeheure Schürze machen, +band sie um seine Hüften und füllte sie mit Erde; denn er wollte sich +einen Erddamm aufführen von der Insel bis zur Feste. Als er mit +seiner Tracht bis über Rothenkirchen gekommen war, riß ein Loch in +die Schürze, und aus der Erde, die herausfiel, wurden die Neun Berge. +Er stopfte das Loch zu und ging weiter; aber als er bis Gustow +gekommen war, riß wieder ein Loch in die Schürze, und es fielen +dreizehn kleine Berge heraus. Mit der noch übrigen Erde ging er ans +Meer und goß sie hinein. Da ward der Prosnitzer Hafen und die +niedliche Halbinsel Drigge. Aber es blieb noch ein schmaler +Zwischenraum zwischen Rügen und Pommern, und der Riese ärgerte sich +darüber so sehr, daß er plötzlich von einem Schlagfluß hinstürzte und +starb. Und so ist denn sein Damm leider nie fertig geworden. + +Von demselben Riesen Balderich erzählt man ein Kraftstück, das er bei +Putbus bewiesen hat. Er hatte schon mehrmals mit Ärger gesehen, daß +dem Christengotte zu Vilmnitz, eine halbe Meile von Putbus, eine +Kirche erbaut ward, und da hat er bei sich gesprochen: "Laß die +Würmer ihren Ameisenhaufen nur aufbauen; den werfe ich nieder, wann +er fertig ist." Als nun die Kirche fertig und der Turm aufgeführt war, +nahm der Riese einen gewaltigen Stein, stellte sich auf dem +Putbusser Tannenberge hin und schleuderte ihn mit so ungeheurer +Gewalt, daß der Stein wohl eine Viertelmeile über die Kirche wegflog +und bei Nadelitz niederfiel, wo er noch diesen Tag liegt am Wege, wo +man nach Posewald fährt, und der Riesenstein genannt wird. + + + + +Die Unterirdischen in den Neun Bergen bei Rambin + + +In den Neun Bergen bei Rambin wohnen nun die Zwerge und die kleinen +Unterirdischen und tanzen des Nachts in den Büschen und Feldern herum +und führen ihre Reigen und ihre Musiken auf im mitternächtlichen +Mondschein, besonders in der schönen und lustigen Sommerzeit und im +Lenze, wo alles in Blüte steht; denn nichts lieben die kleinen +Menschen mehr als die Blumen und die Blumenzeit. Sie haben auch +viele schöne Knaben und Mädchen bei sich; diese aber lassen sie nicht +heraus, sondern behalten sie unter der Erde in den Bergen, denn sie +haben die meisten gestohlen oder durch einen glücklichen Zufall +erwischt und fürchten, daß sie ihnen wieder weglaufen möchten. Denn +vormals haben sich viele Kinder des Abends und des Morgens locken +lassen von der süßen Musik und dem Gesange, der durch die Büsche +klingt, und sind hingelaufen und haben zugehorcht; denn sie meinten, +es seien kleine singende Waldvögelein, die mit solcher Lustigkeit +musizierten und Gott lobeten--und dabei sind sie gefangen worden von +den Zwergen, die sie mit in den Berg hinabgenommen, daß sie ihnen +dort als Diener und Dienerinnen aufwarteten. Seitdem die Menschen +nun Wissens daß es da so hergeht und nicht recht geheuer ist, hüten +sie sich mehr, und geht keiner dahin. Doch verschwindet von Zeit zu +Zeit noch manches unschuldige Kind, und die Leute sagen dann wohl, es +hab's einer der Zwerge mitgenommen; und oft ist es auch wohl durch +die Künste der kleinen braunen Männer eingefangen und muß da unten +sitzen und dienen und kann nicht wiederkommen. Das ist aber ein +uraltes Gesetz, das bei den Unterirdischen gilt, daß sie je alle +fünfzig Jahre wieder an das Licht lassen müssen, was sie eingefangen +haben. Und das ist gut für die, welche so gefangen sitzen und da +unten den kleinen Leuten dienen müssen, daß ihnen diese Jahre nicht +gerechnet werden, und daß keiner da älter werden kann als zwanzig +Jahre, und wenn er volle fünfzig Jahre in den Bergen gesessen hätte. +Und es kommen auf die Weise alle, die wieder herauskommen, jung und +schön heraus. Auch haben die meisten Menschen, die bei ihnen gewesen +sind, nachher auf der Erde viel Glück gehabt: entweder, daß sie da +unten so klug und witzig und anschlägisch werden, oder daß die +kleinen Leute, wie einige erzählen, ihnen unsichtbar bei der Arbeit +helfen und Gold und Silber zutragen. + +Die Unterirdischen, welche in den Neun Bergen wohnen, gehören zu den +braunen, und die sind nicht schlimm. Es gibt aber auch schwarze, das +sind Tausendkünstler und Kunstschmiede, geschickt und fertig in +allerlei Werk, aber auch arge Zauberer und Hexenmeister, voll +Schalkheit und Trug, und ist ihnen nicht zu trauen. Sie sind auch +Wilddiebe, denn sie essen gern Braten. Sie dürfen aber das Wild mit +keinem Gewehr fällen, sondern sie stricken eigene Netze, die kein +Mensch sehen kann; darin fangen sie es. Darum sind sie auch Feinde +der Jäger und haben schon manchem Jäger sein Gewehr behext, daß er +nicht treffen kann. Das glauben aber bis diesen Tag viele Leute, daß +nichts eine größere Gewalt über diese Schwarzen hat als Eisen, +worüber gebetet worden, oder was in Christenhänden gewesen ist. +Solche Schwarzen wohnen hier aber gar nicht. + +In zwei Bergen wohnen von den weißen, und das sind die freundlichsten, +zartesten und schönsten aller Unterirdischen, fein und anmutig von +Gliedern und Gebärden und ebenso fein und liebenswürdig drinnen im +Gemüte. Diese Weißen sind ganz unschuldig und rein und necken +niemand, auch nicht einmal im Scherze, sondern ihr Leben ist licht +und zart, wie das Leben der Blumen und Sterne, mit welchen sie auch +am meisten Umgang halten. Diese niedlichen Kleinen sitzen den Winter, +wann es auf der Erde rauh und wüst und kalt ist, ganz still in ihren +Bergen und tun da nichts anders, als daß sie die feinste Arbeit +wirken aus Silber und Gold, daß die Augen der meisten Sterblichen zu +grob sind, sie zu sehen; die sie aber sehen können, sind besonders +feine und zarte Geister. So leben sie den trüben Winter durch, wann +es da draußen unhold ist, in ihren verborgenen Klausen. Sobald es +aber Frühling geworden und den ganzen Sommer hindurch, leben sie hier +oben im Sonnenschein und Sternenschein sehr fröhlich und tun dann +nichts als sich freuen und andern Freude machen. Sobald es auch im +ersten Lenze zu sprossen und zu keimen beginnt an Bäumen und Blumen, +sind sie husch aus ihren Bergen heraus und schlüpfen in die Reiser +und Stengel und von diesen in die Blüten und Blumenknospen, worin sie +gar anmutig sitzen und lauschen. Des Nachts aber, wann die Menschen +schlafen, spazieren sie heraus und schlingen ihre fröhlichen +Reihentänze im Grünen um Hügel und Bäche und Quellen und machen die +allerlieblichste und zarteste Musik, welche reisende Leute so oft +hören und sich verwundern, weil sie die Spieler nicht sehen können. +Diese kleinen Weißen dürfen auch bei Tage immer heraus, wann sie +wollen, aber nicht in Gesellschaft, sondern einzeln, und sie müssen +sich dann verwandeln. So fliegen viele von ihnen umher als bunte +Vögelein oder Schmetterlinge oder als schneeweiße Täubchen und +bringen den kleinen Kindern oft Schönes und den Erwachsenen zarte +Gedanken und himmlische Träume, von welchen sie nicht wissen, wie sie +ihnen kommen. Das ist bekannt, daß sie sich häufig in Träume +verwandeln, wenn sie in geheimer Botschaft reisen. So haben sie +manchen Betrübten getröstet und manchen Treuliebenden erquickt. Wer +ihre Liebe gewonnen hat, der ist im Leben besonders glücklich, und +wenn sie nicht so reich machen an Schätzen und Gütern als die andern +Unterirdischen, so machen sie reich an Liedern und Träumen und +fröhlichen Gesichten und Phantasien. Und das sind wohl die besten +Schätze, die ein Mensch gewinnen kann. + + + + +Abenteuer des Johann Dietrich + + +In Rambin lebte einst ein Arbeitsmann, der hieß Jakob Dietrich, ein +Mann schlecht und recht und gottesfürchtig, und der auch eine gute +und gottesfürchtige Frau hatte. Die beiden Eheleute besaßen dort ein +Häuschen und ein Gärtchen und nährten sich redlich von der Arbeit +ihrer Hände; denn andere Künste kannten sie nicht. Sie hatten viele +liebe Kinder, von welchen das jüngste, Johann Dietrich genannt, ihnen +fast das liebste war. Denn es war ein schöner und munterer Junge, +aufgeweckt und quick, fleißig in der Schule und gehorsam zu Hause, +und behielt alle Lehren und Geschichten sehr gut, welche die Eltern +ihm versagten. Auch von vielen andern Leuten lernte er und hielt +jeden fest, der Geschichten wußte, und ließ ihn nicht eher los, als +bis er sie erzählt hatte. + +Johann war acht Jahre alt geworden und lebte den Sommer bei seines +Vaters Bruder, der Bauer in Rothenkirchen war, und mußte nebst andern +Knaben Kühe hüten, die sie ins Feld gegen die Neun Berge +hinaustrieben, wo damals noch viel mehr Wald war als jetzt. Da war +ein alter Kuhhirt aus Rothenkirchen, Klas Starkwolt genannt, der +gesellte sich oft zu den Knaben, und sie trieben die Herden zusammen +und setzten sich hin und erzählten Geschichten. Der alte Klas wußte +viele und erzählte sie sehr lebendig; er war bald Johann Dietrichs +liebster Freund. Besonders aber wußte er viele Märchen von den Neun +Bergen und von den Unterirdischen aus der allerfrühesten Zeit, als +die Riesen im Lande untergegangen und die Kleinen in die Berge +gekommen waren, und Johann hörte sie immer mit dem innigsten +Wohlgefallen und plagte den alten Mann jeden Tag um neue Geschichten, +obgleich ihm dieser das Herz zuweilen so in Flammen setzte, daß er +des Abends spät und des Morgens früh, wenn er hier zuweilen heraus +mußte, mit sausendem Haar über das Feld hinstrich, als hätte er alle +Unterirdischen als Jäger hinter sich gehabt, die ihn fangen wollten. +Der kleine Johann Dietrich hatte sich so vertieft und verliebt in +diese Märchen von den Unterirdischen, daß er nichts anders sah und +hörte, von nichts anderm sprach und fabelte als von goldenen Bechern +und Kronen, gläsernen Schuhen, Taschen voll Dukaten, goldenen Ringen, +diamantenen Kränzen, schneeweißen Bräuten und klingenden Hochzeiten. +Wenn er nun so ganz darin war und in kindischer Freude aufjauchzte +und umhersprang, dann pflegte der alte Starkwolt wohl den Kopf zu +schütteln und ihm zuzurufen: "Johann! Johann! Wo willst du hin? +Spaten und Sense, das sind dein Zepter und deine Krone, und deine +Braut wird ein Kränzel von Rosmarin und einen bunten Rock von Drell +tragen." Johann ließ sich das aber nicht anfechten und träumte immer +lustig fort. Und obwohl er herzlich graulich war und in der +Dunkelheit um alles in der Welt nicht über den Kirchhof gegangen wäre, +hatte er sich das Leben da in dem Berge und die Schätze und +Herrlichkeiten darin doch so ausgemalt, daß ihn fast gelüstete, +einmal hinabzusteigen; denn der alte Klas hatte gesagt, wie man es +anfangen müsse, damit man da unten Herr werde und nicht Diener, und +damit sie einen nicht fünfzig Jahre festhalten und die Becher spülen +und das Estrich kehren lassen könnten. Wer nämlich so klug oder so +glücklich sei, die Mütze eines Unterirdischen zu finden oder zu +erhaschen, der könne sicher hinabsteigen, dem dürfen sie nichts tun +noch befehlen, sondern müssen ihm dienen, wie er wolle, und derjenige +Unterirdische, dem die Mütze gehöre, müsse sein Diener sein und ihm +schaffen, was er wolle. Das hatte Johann sich hinters Ohr +geschrieben und seinen Teil dabei gedacht; ja, er hatte wohl +hinzugesetzt, so etwas unterstehe er sich auch wohl zu wagen. Die +Leute glaubten ihm das aber nicht, sondern lachten ihn aus; und doch +hat er es getan, und sie haben genug geweint, als er nicht +wiedergekommen ist. + +Es war nun die Zeit des Johannisfestes, wo die Tage am längsten sind +und die Nächte am kürzesten, und wo die Jahreszeit am schönsten ist. +Die Alten und die Kinder hatten die Festtage fröhlich gelebt und +gespielt und allerlei Geschichten erzählt; da konnte Johann sich +nicht länger halten, sondern den Tag nach Johannis schlich er sich +heimlich weg, und als es dunkel ward, legte er sich auf dem Gipfel +des höchsten der Neun Berge hin, wo die Unterirdischen, wie Klas ihm +erzählt, ihren vornehmsten Tanzplatz hatten. Und wahrlich, er legte +sich nicht ohne Angst hin, und hätte er nicht einmal dagelegen, +vielleicht wäre nimmer was daraus geworden; denn sein Herz schlug ihm +wie ein Hammer, und sein Atem ging wie ein frischer Wind. So +lauschte er in Furcht und Hoffnung von zehn Uhr abends bis zwölf Uhr +Mitternacht. Und als es zwölf schlug, sieh, da fing es an zu klingen +und zu singen in den Bergen; und bald wisperte und lispelte und pfiff +und säuselte es um ihn her; denn die kleinen Leute dreheten sich +jetzt in Tänzen rund, und andere spielten und tummelten sich im +Mondschein und machten tausend lustige Schwänke und Possen. Ihn +überlief bei diesem Gewispel und Gesäusel ein geheimer Schauder (denn +sehen konnte er nichts von ihnen, da ihre Mützchen, die sie tragen, +sie unsichtbar machen); er aber lag ganz still, das Gesicht ins Gras +gedrückt und die Augen fest zugeschlossen und leise schnarchend, als +schliefe er. Doch konnte er es nicht lassen, zuweilen ein wenig +umher zu blinzeln, damit er etwa seinen Vorteil ersähe, einen der +kleinen Leute finge und ein Herr würde, denn dazu hatte er gar große +Lust; aber wie heller Mondschein es auch war, er konnte auch nicht +das geringste von ihnen erblicken. + +Und siehe, es währte nicht lange, so kamen drei der Unterirdischen +dahergesprungen, wo er lag, gaben aber nicht acht auf ihn, warfen +ihre braunen Mützchen in die Luft und fingen sie einander ab. Da riß +der eine dem andern in Schalkheit die Mütze aus der Hand und warf sie +weg. Und die Mütze flog dem Johann gerade auf den Kopf, und er fühlte +sie, griff zu und richtete sich sogleich auf und ließ Schlaf Schlaf +sein. Er schwang mit Freuden seine Mütze, daß das silberne Glöcklein +daran klingelte, und setzte sie sich dann auf den Kopf, und (o Wunder! +) in demselben Augenblicke sah er das zahllose und lustige Gewimmel +der kleinen Leute, und sie waren ihm nicht mehr unsichtbar. Die drei +kleinen Männer kamen listig herbei und wollten mit Behendigkeit die +Mütze wieder gewinnen; er aber hielt seine Beute fest, und sie sahen +wohl, daß sie auf diese Weise nichts von ihm gewinnen würden; denn +Johann war ein Riese gegen sie an Größe und Stärke, und sie reichten +ihm kaum bis ans Knie. Da kam derjenige, dem die Mütze gehörte, und +trat ganz demütig vor den Finder hin und bat flehentlich, als hänge +sein Leben dran, ihm die Mütze wiederzugeben. Johann aber antwortete +ihm: "Nein, du kleiner, schlauer Schelm, die Mütze bekommst du nicht +wieder; das ist nichts, was man für ein Butterbrot weggibt! Ich wäre +schlimm daran mit euch, wenn ich nichts von euch hätte; jetzt aber +habt ihr kein Recht an mir, sondern müßt mir, was ich nur will, zu +Gefallen tun. Und ich will mit euch hinabfahren und sehen, wie ihr +es da unten treibt; du aber sollst mein Diener sein, denn du mußt +wohl. Das weiß ich so gut als ihr, daß es nicht anders sein kann, +denn Klas Starkwolt hat mir es alles erzählt." Der kleine Mensch aber +gebärdete sich, als ob er dies alles nicht gehört noch verstanden +hätte; er fing seine Quälerei und Winselei und Plinselei wieder von +vorn an, klagte und jammerte und heulte erbärmlich um sein verlornes +Mützchen; aber als Johann ihm kurzweg sagte: "Es bleibt dabei, du +bist der Diener, und ich will eine Fahrt mit euch machen", da fand er +sich endlich drein, zumal da auch die andern ihm zuredeten, daß es so +sein müsse. Johann aber warf seinen schlechten Hut nun weg und +setzte sich die Mütze an seiner Stelle auf und befestigte sie wohl +auf seinem Kopfe, damit sie ihm nicht abgleiten oder abfliegen könnte; +denn in ihr trug er die Herrschaft. + +Und er versuchte es sogleich und befahl seinem neuen Diener, ihm +Speise und Trank zu bringen, denn ihn hungerte. Und der Diener lief +wie der Wind davon, und in einem Hui war er wieder da und trug Wein +in Flaschen herbei und Brot und köstliche Früchte. Und Johann aß und +trank und sah dem Spiele und den Tänzen der Kleinen zu, und es gefiel +ihm sehr wohl. Und er führte sich in allen Dingen mit ihnen beherzt +und klug auf, als wäre er ein geborner Herr gewesen. + +Und als der Hahn seinen dritten Krei getan hatte und die kleinen +Lerchen in der Luft die ersten Wirbel anschlugen und das junge Licht +in einzelnen weißen Streifen im Osten aufdämmerte, da ging es husch +husch husch durch die Büsche und Blumen und Halme fort, und die Berge +klangen wieder und taten sich auf, und die kleinen Menschen fuhren +hinab; und Johann gab wohl acht auf alles und fand es wirklich so, +wie sie ihm erzählt hatten. Siehe, auf dem Wipfel der Berge, wo sie +eben noch getanzt hatten, und wo alles eben voll Gras und Blumen +stand, wie die Menschen es bei Tage sehen, hob sich, als es zum +Abzuge blies, plötzlich eine glänzende gläserne Spitze hervor; auf +diese trat, wer hinein wollte, sie öffnete sich, und er glitt sanft +hinab, und sie tat sich wieder hinter ihm zu; als sie aber alle +hinein waren, verschwand sie und war auch keine Spur mehr von ihr zu +sehen. Die aber durch die gläserne Spitze fielen, sanken gar sanfte +in eine weite silberne Tonne, die sie alle aufnahm und wohl tausend +solcher Leutlein beherbergen konnte. In eine solche fiel auch Johann +mit seinem Diener und mit mehreren hinab, und sie alle schrien und +baten ihn, daß er sie nicht treten möge, denn sie wären des Todes +gewesen von seiner Last. Er aber hütete sich und war sehr freundlich +gegen sie. Es gingen aber mehrere solcher Tonnen nebeneinander hin, +immer hinauf und hinab, bis alle hinunter waren. Sie hingen an +langen silbernen Ketten, die unten gezogen und gehalten wurden. + +Johann erstaunte beim Hinabfahren über den wunderbaren Glanz der +Wände, zwischen welchen das Tönnchen fortglitt. Es war alles wie mit +Perlen und Diamanten besetzt, so blitzte und funkelte es; unter sich +aber hörte er die lieblichste Musik aus der Ferne klingen. So ward +er auf das anmutigste hinabgewiegt, daß er nicht wußte, wie ihm +geschah, und vor lauter Lust in einen tiefen Schlaf fiel. + +Er mochte wohl lange geschlafen haben. Als er erwachte, fand er sich +in dem allerweichsten und allernettesten Bette, wie er es in seines +Vaters Hause nimmer gesehen hatte, und dieses Bett stand in dem +allerniedlichsten Zimmer; vor ihm aber stand ein kleiner Brauner mit +dem Fliegenwedel in der Hand, womit er Mücken und Fliegen abwehrte, +daß sie seines Herrn Schlummer nicht stören konnten. Johann tat kaum +die Augen auf, so brachte der kleine Diener ihm schon das Handtuch +mit dem Waschwasser und hielt ihm zugleich die nettesten neuen +Kleider zum Anziehen hin, aus brauner Seide sehr niedlich gemacht, +und ein Paar neue schwarze Schuh mit roten Bandschleifchen, wie +Johann sie in Rambin und Rothenkirchen nie gesehen hatte; auch +standen dort einige Paare der niedlichsten und glänzendsten gläsernen +Schuhe, die nur bei großen Festlichkeiten gebraucht zu werden pflegen. +Es gefiel dem kleinen Knaben sehr, daß er so leichte und saubere +Kleider tragen sollte, und er ließ sie sich gern anziehen. Und als +Johann angekleidet war, flugs flog der Diener fort und war geschwind +wie der Blitz wieder da. Er trug aber auf einer goldenen Schüssel +eine Flasche süßen Wein und ein Töpfchen Milch und schönes Weißbrot +und Früchte und andere köstliche Speisen, wie kleine Knaben sie gern +essen. Und Johann sah immer mehr, daß Klas Starkwolt, der alte +Kuhhirt, es wohl gewußt habe; denn so herrlich und prächtig, als er +hier alles fand, hatte er es sich doch nicht geträumt. Auch war sein +Diener der allergehorsamste und tat alles von selbst, was er ihm nur +an den Augen absehen konnte. Der Worte bedurfte es nie, sondern nur +leichter Blicke und Winke; denn er war klug wie ein Bienchen, wie +alle diese kleinen Leute von Natur sind. + +Und nun muß ich Johanns Zimmer beschreiben. Sein Bettchen war +schneeweiß mit den weichsten Polstern und mit den weißesten Laken +überzogen, mit Kissen aus Atlas und einer solchen gesteppten Decke. +Ein Königssohn hätte darin schlafen können. Neben und vor diesem +Bette standen die niedlichsten Stühle, auf das netteste gearbeitet +und mit allerlei bunten Vögeln und Tieren verziert, welche +kunstreiche Hände eingeschnitten hatten; einige waren auch von edlen +Steinen bunt eingelegt. An den Wänden standen weiße Marmortische und +ein paar kleinere aus grünen Smaragden, und zwei blanke Spiegel +glänzten an den beiden Enden des Zimmers, deren Rahmen mit blitzenden +Edelgesteinen eingefaßt waren. Die Wände des Zimmers waren mit +grünen Smaragden getäfelt, und hatte einen solchen Glanz nie ein +Mensch auf Erden gesehen und wird ihn auch keiner dort sehen, auch +nicht in des größten Kaisers Hause. Und in solchem Zimmer wohnte nun +der kleine Johann Dietrich, eines Tagelöhners Sohn aus Rambin, daß +man wohl sagen mag: Das Glück fängt, wem es von Gott beschert ist. +Hier unter der Erde sah man nun freilich nie Sonne, Mond und Sterne +leuchten, und das schien allerdings ein großer Fehler zu sein. Aber +sie brauchten hier solche Lichter nicht, auch bedurften sie weder der +Wachslichter noch der Talglichter, noch der Kerzen und Öllampen und +Laternen; sie hatten andern Lichtes genug. Denn die Unterirdischen +wohnen recht eigentlich mitten unter den Edelgesteinen und sind die +Meister des reinsten Silbers und Goldes, das in der Erde wächst, und +sie haben die Kunst wohl gelernt, wie sie es hell bei sich haben +können bei Tage und bei Nacht. Eigentlich muß man hier von Tag und +Nacht nicht reden, denn die unterscheiden sie hier unten nicht, weil +keine Sonne hier auf- und untergeht, welche die Scheidung macht, +sondern sie rechnen hier nur nach Wochen. Sie setzen aber ihre +Wohnungen und die Wege und Gänge, welche sie unter der Erde +durchwandern, und die Orte, wo sie ihre großen Säle haben und ihre +Reigen und Feste halten, mit den allerkostbarsten Edelgesteinen aus, +daß es funkelt, als wäre es der ewige Tag. Einen solchen Stein hatte +der kleine Johann auch in seinem Zimmer. Das war ein auserlesener +Diamant, ganz rund und wohl so groß als eine Kugel, womit man Kegel +zu werfen pflegt. Dieser war oben in der Decke des Zimmers befestigt +und leuchtete so hell, daß er keiner andern Lampen und Lichter +bedurfte. + +Als Johann Frühstück gegessen hatte, öffnete der Diener ein Türchen +in der Wand, und Johanns Augen fielen hinein, und er sah die +zierlichsten goldenen und silbernen Becher und Schalen und Gefäße und +viele Körbchen voll Dukaten und Kästchen voll Kleinodien und +kostbarer Steine. Auch waren da viele liebliche Bilder und die +allersaubersten Märchenbücher mit Bildern, die er in seinem Leben +gesehen hatte. Und er wollte diesen Vormittag gar nicht ausgehen, +sondern betastete und besah sich alles und blätterte und las in den +schönen Bilderbüchern und Märchenbüchern. + +Und als es Mittag geworden, da klang eine helle Glocke, und der +Diener rief: "Herr, willst du allein essen oder in der großen +Gesellschaft?" Und Johann antwortete: "In der großen Gesellschaft." +Und der Diener führte ihn hinaus. Johann sah aber nichts als +einzelne von Edelsteinen erleuchtete Hallen und einzelne kleine +Männer und Frauen, die ihm aus Felsritzen und Steinklüften +herauszuschlüpfen schienen, und verwunderte sich, woher die Glocke +klänge, und sprach zu dem Diener: "Aber wo ist denn die +Gesellschaft?" Und als er noch fragte, so öffnete sich die Halle, +worin sie gingen, zu einer großen Weite und ward ein unendlicher Saal, +über welchen eine weite, gewölbte und mit Edelsteinen und Diamanten +geschmückte Decke gezogen war. Und in demselben Augenblick sah er +auch ein unendliches Gewimmel von zierlich gekleideten kleinen +Männern und Frauen durch viele geöffnete Türen hineinströmen, und tat +sich der Boden an vielen Stellen auf, und die niedlichsten, mit den +köstlichsten Gefäßen und schmackhaftesten Speisen und Früchten und +Weinen besetzten Tische stellten sich aneinander hin, und die Stühle +und Polster reiheten sich von selbst um die Tische, und die Männer +und Frauen nahmen Platz. Und die Vornehmsten des kleinen Völkchens +kamen und verneigten sich vor Johann und führten ihn mit sich an +ihren Tisch und setzten ihn zwischen ihre schönsten Jungfrauen, daß +er seine Lust hatte, mit den lieblichen Kindern zu sein, und es ihm +da über die Maßen wohlgefiel. Es war auch eine sehr fröhliche Tafel, +denn die Unterirdischen sind ein sehr lebendiges und lustiges +Völkchen und können nicht lange still sein. Dazu klang die +allerlieblichste Musik aus den Lüften, und die buntesten Vögel flogen +umher und sangen in gar anmutigen Tönen, die einem die Seele aus der +Brust holen konnten. Es waren aber keine lebendige Vögel, die da +sangen, sondern künstliche Vögel und künstliche Töne und von den +kleinen Männern so sinnreich gemacht, daß sie fliegen und singen +konnten. Und Johann erstaunte und entsetzte sich sehr über alle die +Wunder, die er sah, und freuete sich gewaltig. Die Diener und +Dienerinnen aber, welche bei Tische aufwarteten und Blumen streueten +und die Flur mit Rosenöl und andern Düften besprengten und die +goldenen Schalen und Becher herumtrugen und die silbernen und +kristallenen Körbe mit Früchten, waren Kinder der Menschen da droben, +welche aus Neugier oder von ungefähr unter die Kleinen geraten und +hier hinabgestiegen waren, ohne sich vorher eines Pfandes zu +bemeistern, und die also in die Gewalt der Kleinen gekommen waren, +oder die sich nächtlich und mitternächtlich unter ihre Sternenspiele +auf dem gläsernen Berge verirrt hatten. Diese waren anders gekleidet +als sie. Die Knaben und die Mädchen waren in schneeweiße Röckchen +und Jäckchen gekleidet und trugen feine gläserne Schuh, daß man ihren +Tritt immer hören konnte, und blaue Mützchen auf dem Kopfe; ihre +Leibchen aber hatten sie mit silbernen Gürteln umgürtet. Das war die +Tracht der Diener und Dienerinnen. Den kleinen Johann jammerten sie +anfangs wohl, als er sie sah, wie sie springen und den Unterirdischen +aufwarten mußten; aber weil sie munter aussahen und fein gekleidet +waren und rosenrote Wangen hatten, so dachte er: "Nun, es geht ihnen +doch so schlimm nicht, und ich habe es noch lange so gut nicht gehabt, +als ich hinter den Kühen und Ochsen laufen mußte. Ich bin nun +freilich ein Herr hier, und sie müssen als Diener laufen. Das kann +aber nicht anders sein: warum haben sie sich auch so dumm fangen +lassen und sich vorher kein Zeichen genommen? Es muß doch die Zeit +kommen, wo sie einmal erlöst werden, und länger als fünfzig Jahre +werden sie hier gewiß nicht bleiben." Damit tröstete er sich und +spielte und scherzte mit seinen kleinen Gesellinnen und aß und trank +in Freuden und ließ sich von seinem Diener und von den andern +allerlei unterirdische Geschichten erzählen; denn er wollte alles +genau wissen. + +So saßen sie ungefähr zwei Stunden lustig beisammen und aßen und +tranken und horchten auf die liebliche Musik, die aus den Lüften +erklang. Da klingelte der Vornehmste mit einem Glöckchen, und in +einem Hui versanken die Tische und die Stühle wieder, und alle Männer +und Frauen und Jünglinge und Jungfrauen standen da wieder auf den +Füßen. Und wieder ein zweiter Klang mit einem zweiten Glöckchen, und +wo eben die Tafeln gestanden, erhoben sich grüne Orangen- und Palmen- +und Lorbeerbäume mit Blüten und Früchten, und andere, lustigere und +klangreichere Vögel als die vorher durch die Luft geflattert hatten, +saßen in ihren Zweigen und sangen. Und sie sangen alle wie in einer +Weise und in einem Maße, und Johann sah bald, woher dies kam; denn am +Ende des Saales hoch oben an der Decke saß in einer hohlen Wand ein +eisgrauer Greis und gab den Ton an, nach welchem sie singen mußten. +Sie nannten ihn ihren großen Ballmeister. Er war aber so ernst, als +er weise war, und verschwiegen wie die graue Zeit und sprach nie ein +Sterbenswort, da die andern alle wohl oft zuviel plapperten und +schwätzelten. + +Der alte Eisgraue droben strich nun die Geige zum Tanze, und alle die +bunten Vögel klangen den Strich nach. Es war aber ein recht +fliegender Strich, denn ihr Tanz geht immer äußerst geschwind und +lebendig. Als nun der Reigen angeklungen war, siehe, da bewegten +sich die leichten und fröhlichen Scharen und sprangen und hüpften und +drehten sich, als wenn die Welt im Wirbel auseinanderfliegen sollte. +Und die kleinen hübschen und feinen unterirdischen Dirnen, die sich +neben Johann gesetzt hatten, faßten ihn auch und drehten ihn mit rund. +Und er ließ es gern geschehen und tanzte mit ihnen rund wohl zwei +Stunden lang. Und diesen lustigen Tanz hat er jeden Nachmittag +mitgehalten, solange er da unten geblieben ist, und in seinem +spätesten Alter noch immer mit vielem Vergnügen davon erzählt. Er +pflegte dann zu sagen, die himmlische Freude und der Gesang und das +Saitenspiel der Engel, welche die Seligen im Himmel einst zu hoffen +hätten, mögen wohl überschwenglich schön sein; er aber könne sich +nichts Schöneres und Lieblicheres denken als die Musik dieses +unterirdischen Reigens, die schönen und beseelten kleinen Menschen, +die wunderbaren Vögel in den Zweigen mit den allerzauberischesten +Tönen und die klingenden Silberglöckchen an den Mützen. Ein Mensch, +der das nicht gesehen und gehört, könne sich gar keine Vorstellung +davon machen. + +Als die Musik schwieg und der Tanz geendigt war (das mochte wohl die +Zeit sein, die wir vier Uhr nachmittag nennen), verschwand das kleine +lustige Völkchen, die einen hiehin, die andern dahin, und jeder ging +wieder an sein Werk und seine Lust. Des Abends ward nach dem Essen +gewöhnlich ebenso gejubelt und getanzt. Des Nachts aber schlüpften +alle heraus aus den Bergen, besonders in schönen, sternhellen Nächten, +und wenn sie auf Erden etwas Besonderes zu tun hatten. Da ging aber +der kleine Johann immer ruhig schlafen und hielt, wie es einem +frommen christlichen Knaben geziemte, andächtig sein Abendgebet, und +auch des Morgens vergaß er nie zu beten. + +Doch nun muß ich noch mehr erzählen von den Unterirdischen, ehe ich +weiter melde, wie es unserm kleinen Johann Dietrich da unten die +folgenden Wochen und Jahre ergangen ist. + +Daß solche kleine Unterirdische, die man mit vielen Namen auch wohl +Braunchen, Weißchen, Elfen, Weißelfen, Schwarzelfen, Kobolde, Puke, +Heinzlein, Trolle nennt, seit uralten Zeiten unter den Bergen und +Hügeln wohnen und ihre wunderbaren kristallenen und gläsernen Häuser +haben, ist gewiß. Aber wie sie dahingekommen sind, und was es denn +eigentlich für Geister sind, und wozu der liebe Gott sie eigentlich +geschaffen hat, das hat uns bisher noch keiner sagen können. Sie +sind wohl gleich den Seelen und Herzen der Menschen von sehr +verschiedener Art, einige bös, andere gut, einige freundlich, andere +neckisch; das wird aber von allen ohne Unterschied gesagt, daß sie +sehr sinnreich und geschickt sind und die künstlichsten Werke und +Geschmeide machen können, die ihnen kein Mensch nachmachen kann, und +die von den Menschen deswegen oft für Zauberwerk und Hexenwerk +gehalten werden. Alles, was ich hier erzähle, hat Johann Dietrich +mitgebracht und es seinen Freunden erzählt und seinen Kindern so +hinterlassen. Von diesen haben es wieder andere gehört, und so hat +sich's weitererzählt bis diesen Tag. + +Die Unterirdischen, zu welchen Johann hinabgestiegen war, gehörten zu +den Braunen. Sie hatten auch kleine Schelmstreiche im Herzen, waren +aber im ganzen doch gutmütiger und fröhlicher Art. Die Braunen +hießen sie, weil sie braune Jäckchen und Röckchen trugen und braune +Mützen auf dem Kopf mit silbernen Glöckchen; einige trugen schwarze +Schuh mit roten Bändern, die meisten aber feine gläserne, und beim +Tanze trugen sie alle keine anderen. Sie hatten ihre Häuschen in den +Bergen; aber damit waren sie sehr geheim, und Johann Dietrich, +solange er bei ihnen gewesen, hat keine einzige ihrer Kammern gesehen. +Er und der Diener hatten ihre Kammer hart bei der Stelle, wo der +herrliche Speise- und Tanzsaal immer kam und verschwand; er hat auch +an vielen andern Stellen schöne Hallen und offene Plätze und +liebliche Anger und Auen gesehen, aber nirgends Wohnungen; sondern +die Kleinen waren immer nur einzeln oder scharweise da, entweder daß +sie tanzten, lustwandelten oder auch geschwind vorübergingen. Und +wie sie aus den Steinen, worin sie wohnen, herauskamen und wieder +hinschwanden, das hat er mit seinen Augen nie sehen können, wie sehr +er auch oft darauf gelauscht hat; sondern sie kamen vor seinen Augen +und verschwanden wie Blitze und Scheine. Einige kleine Dirnen aber, +die ihn lieb hatten, haben ihm zugeflüstert: jeder habe sein eignes +Häuschen tief im Gestein, ein liebliches, helles, gläsernes Häuschen; +auch sei der ganze Berg durchsichtig von Anfang bis zu Ende und +eigentlich rings mit Glas umwachsen; das sei aber seinen Augen zu +sehen nicht möglich. + +Von diesen kleinen Unterirdischen waren die größten kaum einer Elle +lang und die Knaben und Mädchen also gar klein; aber sie waren von +Gestalt und Gebärde freundlich und schön, mit hellen, lichten Augen +und mit gar feinen und anmutigen Händchen und Füßchen. Und eben +durch diese Lieblichkeit und Freundlichkeit haben sie manches +Menschenkind verführt, daß es zu ihnen heruntergekommen ist ohne +irgend ein Pfand und Zeichen und lange Jahre da hat bleiben und +dienen müssen. Denn wenn man ein Pfand von ihnen hat, schadet es +nichts, daß man mit in dem silbernen Tönnchen hinabsteigt, und sie +müssen einen immer wieder herauslassen. Sie geben aber nicht gern +ein Pfand. Das klügste und richtigste ist, daß man mit Listen ein +Pfand von ihnen nimmt; denn dann müssen sie einem dienen, da sie +sonst gern herrschen wollen. Denn sie sind sehr herrschsüchtig, und +das ist eigentlich ihr Hauptfehler; vorzüglich herrschen sie gern +über die Menschen und bilden sich etwas darauf ein, weil die soviel +stärker und größer sind, daß sie sie mit Listen zu ihren Dienern und +Knechten machen. Das beste Pfand, das man von ihnen gewinnen kann +und wodurch man am meisten Macht über sie bekommt, ist eine braune +Mütze mit dem Glöckchen; sehr gut ist auch ein gläserner Schuh oder +eine silberne Spange, womit sie ihren Leibgürtel zu schließen pflegen. +Wer die hat, der hat aller Freuden Fülle bei ihnen und ist ein +großer Gebieter. + +Ob sie auch sterben, das weiß man nicht, oder ob sie, wie einige +erzählen, wann sie alt werden wollen, sich in Steine und Bäume +verkriechen und so sich verwachsen und zu wundersamen Klängen, +Ächzern und Seufzern werden, die sich zuweilen hören lassen, ohne daß +man weiß, woher sie kommen, oder zu abenteuerlichen Knorren und +verflochtenen Schlingen, wodurch die Hexen schlüpfen sollen, wann sie +von dem wilden Jäger gejagt werden. Eine Leiche von ihnen hat keiner +gesehen, und wenn man sie darnach gefragt hat, haben sie immer so +geantwortet, als verstanden sie das Wort gar nicht. Das ist gewiß, +daß manche von ihnen über zweitausend Jahre alt sind. Da ist es denn +kein Wunder, daß man so weise Leute unter ihnen findet. + +Sie haben einen großen Vorteil voraus vor uns Menschenkindern, daß +sie nicht nötig haben, für das tägliche Brot zu sorgen und zu +arbeiten, denn Speise und Trank kommt ihnen von selber oder Gott weiß +durch welche wundersame Kunst, und es fehlt nie Brot und Wein und +Braten auf ihrem Tische. Auch sieht man dort unten, wo sie wohnen, +und wo hin und wieder auch weite Fluren und Felder sind, nirgends +Korn wachsen oder Vieh weiden oder Wild laufen, sondern bloß das +Allerlustigste ist zum Genuß da, nämlich die schönsten Bäume und +Reben, die mit den auserlesensten Früchten und Trauben prangen; auch +die lieblichsten Blumen in Menge, worauf so bunte Schmetterlinge +flattern, als man in dem Lande der Sonne und des Mondes nimmer sieht; +und die allerschönsten und schimmerndsten Vögel, die alle wie +Paradiesvögel und wie der Vogel Phönix aussehen, wiegen sich in den +Zweigen und singen süße Lieder. Anderes Lebendiges sieht man dort +nicht, wenn man das nicht etwas Lebendiges nennen will, daß hie und +da aus den Kristallwänden Quellen von Wein und Milch sich ergießen. + +So scheint dies Völkchen denn sehr glücklich zu sein und bloß für die +Freude und Lust geboren, und sie verstehen sich sehr wohl auf die +Kunst, vergnügt zu sein und ihr Leben lustig zu gebrauchen. Doch muß +man nicht glauben, daß sie nichts weiter tun als Tafel, Spiel und +Tanz halten, dann in ihre Kammern schlüpfen und schlafen und etwa die +Mitternächte über der Erde verspielen--nein, sie sind wohl die +allerregsamsten und allerfleißigsten Wesen, die man je gesehen hat. +Niemand versteht so gut als sie das Innere der Erde und die geheimen +Kräfte der Natur und was in Bergen und Steinen und Metallen wächst, +und was in den Farben der Blumen und den Wurzeln der Bäume für Triebe +lauschen. Denn ihre Sinne sind die allerklarsten und die +allerfeinsten, viel feiner als des heitersten und hellesten Kindes, +von Menschen geboren; denn auch unsere kleinen Kindlein haben wohl +recht feine Sinne und Gedanken, welche die Erwachsenen nur nicht +immer verstehen, weil diese meistens schon wieder durch Stein und +Erde verhärtet und vergröbert sind. Die Unterirdischen haben viel +Freude an Silber und Gold und edlen Steinen und machen die +allerkünstlichsten Arbeiten daraus, so daß die besten Meister hier +oben erstaunen, wenn ein solches unterirdisches Werk hier mal gesehen +wird. Deswegen nennen viele sie auch wohl Hüter des Goldes und des +Silbers und meinen, daß sie von schlimmer Gier besessen und böse +metallische Geister sind. Die meisten, die das sagen, tun ihnen aber +unrecht, denn die weißen und braunen Unterirdischen sind wohl nicht +so gierig. Sie verschenken ja soviel Schönes an die Menschenkinder; +das würden sie aber nicht tun, wenn sie das Gold und die Edelsteine +zu lieb hätten. Sie haben es nur lieb wegen des Glanzes, denn Glanz +und Licht lieben sie über alles in der Welt. Die mit den schwarzen +Jacken und Mützen sind aber wohl geizig und überhaupt von schlimmerer +Natur als diese. + +Wie die Unterirdischen des Nachts aus ihren gläsernen Bergen +schlüpfen und im Mondschein und Sternenschein tanzen und sich +erlustigen, habe ich schon erzählt. Sie können sich aber auch +unsichtbar in die Häuser der Menschen schleichen; denn wenn sie ihre +Mützen aufhaben, kann sie kein Mensch sehen, er habe denn selbst eine +solche Mütze. Da sagen die Leute denn, daß sie allerlei Schalkereien +treiben, die Kinder in den Wiegen vertauschen, ja gar wegstehlen und +mitnehmen. Das ist aber gewiß nicht wahr von den Weißen und Braunen. +Auch hat ihnen Gott über die Häuser und Wohnungen der Menschen keine +Gewalt gegeben, solcherlei schlimme Schalkerei zu treiben. Sie +kommen wohl in die Häuser der Menschen, sie können sich auch +verwandeln, so daß kein Schlüsselloch so klein ist, daß sie nicht +hindurchschlüpfen; aber sie tun den Menschen nichts Böses, sondern +wollen nur zuweilen sehen, was sie machen. Meistens bringen sie +ihnen was Schönes mit, besonders den Kindern, die sie sehr lieb haben. +Und wann die Kinder beim Spielen Dukaten oder goldene Ringe +gefunden haben, wie das wohl zuweilen geschieht, und mit zu Hause +bringen, oder wenn kleine, zierliche Schuhe oder ein neues Kleidchen +oder grüne Kränzlein, wann sie erwachen, auf ihren Wiegen und +Bettchen hangen, so haben das wohl nicht immer die himmlischen +Englein getan, sondern oft auch die kleinen Unterirdischen. Das +sagen aber viele Leute, die es wissen, daß sie oft unsichtbar um die +Kinder sind und sie behüten, besonders damit sie nicht im Feuer und +Wasser umkommen. Wenn sie ja jemand necken und schrecken, so sind es +faule Knechte und schmutzige Mägde, die sie mit bösen Träumen +ängstigen, als Alp drücken, als Flöhe stechen, als Hunde und Katzen +ungesehen beißen und kratzen, oder es sind Diebe und Buhler, welchen +sie, wenn sie des Nachts auf verbotenen Wegen schleichen, als Eulen +in den Nacken stoßen, oder die sie als Irrlichter in Sümpfe und +Moräste locken oder gar ihren Verfolgern entgegenbringen. Aber das, +denke ich, ist keine Sünde. Die Schwarzjacken aber sind bösartig und +üben gern arge Tücken. Die dürfen aber den Häusern der Menschen +nicht nahe kommen, auch überhaupt wenig auf der Erde sein, es sei +denn in Wüsten und Einöden, wohin selten Menschen kommen. Sie kommen +auch nicht zu den Menschen, außer wenn diese ihnen selbst die Gewalt +über sich gegeben oder sich ihnen verpfändet und verschrieben haben. +Denn darauf sinnen diese schwermütigen und grüblerischen Geister Tag +und Nacht, wie sie arme Narren und listige Schelme verstricken und +sich endlich an ihrer Not ergötzen mögen. Und diese schwarzen sind +auch nicht schön wie die andern Unterirdischen, sondern grundhäßlich, +haben trübe und triefende Augen wie die Köhler und Grobschmiede, sind +stumm und heimlich bei ihrer Arbeit, leben einsam und höchstens zu +zweien und dreien und kennen keinen Tanz und Musik, sondern nur +Geheul und Gewimmer. Und wenn es in Wäldern und Sümpfen schreit wie +eine Menge schreiender Kinder, oder wie ein Haufe Katzen miauen und +eine Schar Eulen kreischen und wehklagen würde--das sind ihre +nächtlichen Versammlungen, das ist ihre Musik, das sind sie. + +Doch haben die Menschen vor allen Unterirdischen ein Grauen, und das +ist wohl natürlich. Denn dem Menschen ist das Licht angeboren und +die Liebe zu allem Lichten und Hellen, und es schaudert ihm vor dem +Dunklen und Verborgenen und vor allen geheimen Kräften, die +unsichtbar umherschleichen und walten. Auch wissen sie ja, daß die +Unterirdischen allenthalben sein und sich verwandeln und zaubern +können. Freilich erzählt man vielmehr von ihren Zaubereien, als wahr +ist; das meiste machen sie durch ihre Unsichtbarkeit und +Künstlichkeit, wodurch sie so feine Arbeit als Spinnen und Wespen +weben und wirken und den Menschen allerlei Gaukelei und Einbildung +vormachen können. Und wenn sie ja viel zaubern, tun sie es mehr zur +Freude und zum Spiel als zum Bösen. Die Schwarzen aber können auch +hexen und sind schlimme Hexenmeister, und wenn die sich verwandeln, +sind sie die scheußlichsten Tiere und Gewürme, Bären, Wölfe, Hyänen, +Tiger, Katzen, Schlangen, Kröten, Skorpione, Krähen und Eulen; und +wehe den armen Menschen, die sich mit ihnen eingelassen haben! Denn +von ihnen muß man dreifache Pfänder nehmen, und auch der Klügste wird +von ihnen betrogen, wenn er nicht kurzen Kauf mit ihnen hält. Daß +diese Hexenkappen und Nebelkappen weben, womit man sich unsichtbar +machen und in einem Hui über Land und Meer fahren kann, das ist wahr. +Dem Doktor Faust haben sie seinen Mantel gemacht, womit er in einer +Sekunde von Straßburg nach Rom und von Mainz nach Paris gefahren ist. +Aber wie ist es diesem armen Doktor Faust auch ergangen! Er ist mit +diesen schwarzen Künstlern, weil er zu weise werden wollte, ein +Schwarzkünstler geworden und endlich zu dem Allerschwärzesten +gefahren. Die Schwarzen machen auch Zauberwaffen, Harnische, die +gegen Stahl und Hieb fest sind, Degen, die nie Scharten bekommen +können und vor welchen sein Helm und Panzer aushält, dünne +Kettenhemde leicht wie Spinnweben, wodurch keine Kugel dringt. Der +Gebrauch derselben ist aber sehr abgekommen, seit die meisten +Menschen Christen sind, und war mehr in der heidnischen Zeit. Das +ist einmal wahr, künstliche Schmiede und Waffenschmiede sind sie und +wissen eine Härtung und zugleich eine Schmeidigung des Stahls, die +ihnen kein irdischer Schmied nachmachen kann; denn ihre Klingen sind +zugleich biegsam wie Rohrhalme und scharf wie Diamanten. Auch wirken +sie noch viel anderes Zaubergeschmeide aus Stahl und Eisen, das zu +mancherlei verborgenen Künsten gebraucht wird und zum Teil die +seltsamsten und unbegreiflichsten Eigenschaften hat. Die Braunen +sind aber die Juweliere der Berge, die mehr in Gold und Silber und +Edelsteinen arbeiten. Die feinsten und künstlichsten aller +Unterirdischen sind die Weißen; die wirken ihre Arbeiten so fein und +dünn wie die zartesten Blumen aus, so fein und zart, daß viele Augen +sie gar nicht sehen können; und sie können aus Silber und Gold +Röckchen weben, von denen man schwören sollte, sie seien aus +Sonnenstrahlen oder Mondschein gewebt; denn sie sind leichter als die +leichtesten Spinnweben. + +Johann Dietrich kam die ersten Wochen, die er in dem gläsernen Berge +verlebte, nicht weiter als in sein Kämmerchen und von dem Kämmerchen +in den Speise- und Tanzsaal und wieder zurück. Er konnte gar kein +Ende finden, die schönen und köstlichen Sachen zu betrachten und zu +loben, die in seinem Zimmer und in dem Schränkchen aufgestellt waren. +Am meisten aber ergötzte er sich an den schönen Bildern und an +seinem Bücherschranke, wo viele hundert der sauberst gebundenen +Bücher mit goldenem Schnitte nebeneinander standen, und in welchen er +die allerfeinsten und lustigsten Märchen fand, an welchen er sich +nicht satt lesen konnte. Als aber die ersten Wochen vergangen waren, +da spazierte er oft aus und ließ sich von seinem Diener alles zeigen +und erzählen. Es gab da unten aber die allerlieblichsten +Spaziergänge nach allen Seiten hin, und er konnte viele Meilen weit +wandeln, und sie nahmen kein Ende; und man sieht daraus, wie +unendlich groß der Berg war, worin die Unterirdischen wohnten, und +doch erschien die Spitze oben nur wie ein kleiner Hügel, worauf +einige Bäume und Sträuche stehen. Und daraus kann man auch wissen, +wieviele Meilen seine Tiefe nach unten hinabgehen mußte. Das war +aber das Besondere, daß zwischen jeder Au und jedem Anger, die man +hier mit Hügeln und Bäumen und Blumen und Inseln und Seen durchsäet +in der größten Mannigfaltigkeit hatte, gleichsam eine schmale Gasse +war, durch welche man wie durch eine kristallene Felsenmauer gehen +mußte, bis man zu etwas Neuem gelangte. Die einzelnen Anger und Auen +waren aber wohl oft eine Meile lang. Von den Bäumen habe ich schon +erzählt, wie sie voll köstlicher Früchte hingen, und von den Quellen, +in welchen Milch und Wein aus den Felsen rieselte. Da konnten die +Wanderer sich nie so weit vergehen, sie fanden immer, womit sie sich +erquicken konnten. Aber das Allerlustigste waren die bunten Vögel, +die immer von Zweig zu Zweig flatterten und wie tausend himmlische +Nachtigallen sangen, und die Blumen, so wunderschön von Farben und +Düften, daß Johann ihresgleichen nimmer auf Erden gesehen hatte. +Kurz, es war hier alles zauberisch, lustig und anmutig und bei aller +der Lust und dem Jubel ein so stilles Leben. Es wehete, und man +fühlte keinen Wind; es schien hell, und man fühlte keine Hitze; die +Wellen brauseten, und man fand keine Gefahr, sondern die niedlichsten +Nachen und Gondeln, als schneeweiße Schwäne gestaltet, kamen, wann +man über einen Strom wollte, von selbst ans Land geschwommen und +führten an das jenseitige Ufer, und ebenso führten sie über die Seen +zu den Inseln. Woher das alles kam, wußte niemand, und der Diener +durfte es nicht sagen; das aber sah Johann wohl und konnte es mit +Händen greifen, daß die großen Karfunkel und Diamanten, womit die +hohe Decke statt des Himmels gewölbt war, und womit alle Wände des +Berges geschmückt standen, für Sonne, Mond und Sterne leuchteten. +Diese lieblichen Fluren und Auen waren meist einsam. Man sah wenige +Unterirdische auf ihnen, und die man sah, schienen immer nur so +vorüberzuschlüpfen, als hätten sie die größte Eile, davonzukommen. +Selten geschah es, daß einige hier im Freien einmal einen Reigen +aufführten, etwa zu dreien, höchstens zu einem halben Dutzend: mehr +hat Johann hier nie beisammen gesehen. Nur dann ging es lustig her, +wann die Schar der Diener und Dienerinnen, die wohl ein paar Hundert +sein mochten, ausgelassen und spazieren geführt wurden. Das geschah +aber alle Woche nur zweimal; meistens waren sie da drinnen in dem +großen Saale oder in den anstoßenden Zimmern beschäftigt oder mußten +auch in der Schule sitzen. + +Das war hier auch noch besonders, daß, wie die Diamanten und +Edelsteine oben die Sonne und den Mond und die Sterne vorstellen +mußten, es hier eigentlich keine Jahreszeiten gab; sondern die Luft +war immer gleich, d. h. es war jahraus, jahrein eine milde, linde +Frühlingsluft, von Blütenatem durchwehet und von Vogelgesang +durchklungen. Doch zwei Tageszeiten gab es, Tag und Nacht, und diese +teilten sich wieder in vier Teile, in Morgen, Mittag, Abend und Nacht; +doch war der Mittag nicht wärmer als die anderen Tageszeiten. Das +aber hatte es hier besonders, daß die Nacht nie so dunkel und der Tag +nie so hell ward, als sie oben auf der Erde sind. + +Johann hatte viele Monate hier verlebt (ich glaube, es waren zehn), +und sie waren ihm hingeschwunden wie ein Tag. Da begegnete ihm etwas, +das ihn in die Schule brachte. Ich will erzählen, wie das zuging. +Er wandelte einst nach seiner Gewohnheit mit seinem Diener herum. Da +sah er in der Abenddämmerung etwas Schneeweißes in eine kristallene +Felswand hineinschlüpfen und dann plötzlich verschwinden. Und es +hatte ihm gedeucht, daß es von den kleinen Leuten war und daß ihm +auch schneeweiße Locken von den Schultern herabhingen. Er fragte +denn seinen Begleiter: "Was war das? Gibt es auch unter euch, die in +weißen Kleidern gehen wie die Diener und Dienerinnen, die ihr uns +abgefangen habt?" Der Diener antwortete: "Ja, es gibt deren, aber +wenige, und sie erscheinen nie bei dem Tanze noch an den großen +Tafeln außer einmal im Jahre, wann des großen Bergkönigs, der viel +tausend Meilen unter uns in der innersten Tiefe wohnt, Geburtstag ist. +Darum hast du sie noch nie gesehen. Das sind die ältesten Männer +unter uns, und einige von ihnen sind wohl manches Jahrtausend alt und +wissen vom Anfange der Welt und vom Ursprung der Dinge zu erzählen +und werden die Weisen genannt. Sie leben sehr einsam für sich und +kommen nur aus ihren Kammern, daß sie unsere Kinder und die Diener +und Dienerinnen unterweisen, für welche hier auch eine große Schule +ist; sonst sind sie meist mit der Betrachtung der innerlichen und +himmlischen Dinge und mit der Sternkunde und Alchemie beschäftigt. +"--"Was? Gibt es hier auch Schulen?" rief Johann. "Das ist nicht +recht, Diener, daß du mir das verschwiegen hast; ich habe immer große +Lust gehabt, in die Schule zu gehen und etwas Ordentliches zu lernen. +"--"Das kannst du haben, wie du willst", antwortete der Diener; "du +bist hier der Herr, und was du haben willst, müssen wir dir schon zu +Gefallen tun. Du kannst dir einen der schneeweißen Weisen in die +Kammer kommen lassen, wenn dir das gefällt, oder kannst auch in eine +der Schulen gehen."--"Das will ich gleich morgenden Tages tun", +sprach Johann, "und ich will mit in die Schule gehen, wo die Diener +und Dienerinnen unterwiesen werden. Denn ich will mit denen lernen, +die auf der Erde geboren sind; ihr möchtet mir zu fein sein, und ich +käme nicht mit, und der hinterste zu sein wäre unlustig." + +Und gleich den andern Morgen ließ Johann sich von dem Diener in die +Schule führen, und es gefiel ihm da so gut, daß er nachher nie einen +Tag versäumt hat. Das ist nämlich sehr löblich von den +Unterirdischen, daß die Kinder, welche zu ihnen herabkommen, immer +sehr gut unterwiesen werden, so daß sehr kluge und geschickte Leute +aus den Bergen gekommen sind, Männer und Frauen, die ihre +Wissenschaft bei den Unterirdischen gelernt haben. Hier waren +Meister in allerlei Künsten. Die Kinder lernten schreiben, lesen, +rechnen, zeichnen, malen, Geschichten und Märchen aufschreiben und +erzählen und wurden zugleich in mancherlei feiner und künstlicher +Arbeit unterwiesen. Die Größeren und Fähigeren erhielten auch +Unterricht von der Natur und von den Gestirnen und wurden auch in der +Dichtkunst und Rätselkunst geübt, welche beiden Künste die +Unterirdischen über alles lieben, und womit sie sich bei der Tafel +und bei Festen untereinander viel reizen und ergötzen. Der kleine +Johann war sehr fleißig und ward bald einer der geschicktesten +Zeichner und Maler; auch arbeitete er sehr fein in Silber und Gold +und Stein, ja er konnte aus Stein zuletzt so feine Früchte und Blumen +wirken, daß man glauben sollte, der liebe Gott, der doch alles auf +das schönste und künstlichste geschaffen hat, könne es kaum besser +machen; er machte auch hübsche Reimlein, und im Rätselkampf war er so +gewandt, daß er fast allen antworten konnte und ihm mancher die +Antwort schuldig blieb. + +Manches liebe Jahr hatte Johann hier verlebt, ohne daß er an seine +schöne Erde gedacht hätte und an diejenigen, welche er dort oben +zurückgelassen hatte; so angenehm verfloß ihm die Zeit, und es währte +nicht lange, daß er die Schule viel lieber hatte als den Tanzsaal und +alle seine anderen Freuden. Auch hatte er hier unter den Kindern +manchen lieben Gespielen und Gespielin gefunden. Nur war das +betrüblich, daß diese gewisse Stunden immer dienen mußten und dann +nicht mit ihm sein durften, obgleich sie keineswegs hart gehalten +wurden und einen sehr leichten und meistens nur spielenden Dienst +hatten, denn schwere und schmutzige und mühevolle Arbeit gab es hier +unten gar nicht. + +Unter allen seinen Gesellen und Gesellinnen hatte Johann niemand +lieber als ein kleines, blondes Mädchen, welches Lisbeth Krabbin hieß. +Diese war mit ihm aus demselben Dorfe; es war die Tochter des +Pfarrers Friedrich Krabbe in Rambin. Sie war als ein vierjähriges +Kind weggekommen, und Johann erinnerte sich wohl, wie sie ihm von ihr +erzählt hatten. Sie war aber nicht gestohlen von den Unterirdischen, +sondern einen Sommertag mit den andern Kindern ins Feld gelaufen. +Sie waren zu den Neun Bergen gegangen; da war die kleine Lisbeth +eingeschlafen und von den andern vergessen und des Nachts, als sie +erwachte, unter die Unterirdischen und mit ihnen unter die Erde +gekommen. Johann aber hatte sie nicht bloß deswegen so lieb, weil +sie mit ihm aus einem Dorfe war, sondern Lisbeth war von Natur ein +ausnehmend freundliches und liebes Kind mit hellblauen Äuglein und +blonden Löckchen und dem allerenglischesten Lächeln, und als sie groß +ward, war sie ausbündig schön. + +Mit diesem niedlichen Kinde hatte Johann hier seine Kinderjahre recht +lustig verspielt und gar nicht mehr daran gedacht, daß da oben über +den Bergen auch noch Leute wohnten. So war er achtzehn Jahre alt +geworden und Lisbeth sechzehn. Und was bis jetzt ein unschuldiges +Kinderspiel gewesen war, ward nun eine süße Liebe. Sie konnten nicht +mehr voneinander lassen und nannten sich Braut und Bräutigam und +waren lieber allein als unter den andern Gespielen. Die +Unterirdischen sahen das aber sehr gern, denn die hatten den Johann +alle sehr lieb und hätten ihn gern auch als ihren Diener gehabt--denn +Herrschsucht ist ihr Laster bei manchen Tugenden. Und sie dachten: +"Durch diese hübsche Dienerin werden wir ihn fangen, und er wird sich +um ihretwillen zuletzt wohl gefallen lassen, bei Tische aufzuwarten +und Äpfel und Trauben von den Bäumen zu lesen und Blumen zu streuen +und das Estrich zu kehren." Sie irrten sich aber sehr. Der kleine +Diener, dem er die Mütze genommen und den die Langeweile oft bei ihm +geplagt, hatte ihm zuviel erzählt: daß er hier nur das Befehlen habe +und daß sie alles tun müßten, was er wolle; denn wer Meister von +einem Unterirdischen geworden, sei dadurch auch soweit Meister aller +übrigen, daß sie ihm alles zu Gefallen tun müssen, was in ihrer Macht +stehe. + +Johann ging nun viel spazieren mit seiner süßen, kleinen Braut und +ließ den Diener oft zu Hause, denn jetzt waren dort keine Wege und +Stege mehr, die er nicht kannte. Und sie spazierten viel in der +Dämmerung und oft bis in die sinkende Nacht hinein, ohne daß sie es +merkten, wo ihnen die Zeit blieb; denn die Liebe ist eine Zeitdiebin, +die ihresgleichen nicht hat. Der Johann war bei diesen Spaziergängen +immer fröhlich und munter; aber die Lisbeth war oft stumm und traurig +und erinnerte ihn oft des Landes da droben, wo die Menschen wohnen +und Sonne, Mond und Sterne scheinen. Weil er das aber immer wegschob +durch andere Gespräche, so verstummte sie wieder und seufzte still in +sich, vergaß es endlich auch wohl wieder durch das Glück, daß sie an +seinen Armen wandeln durfte. Nun begab es sich einmal, daß sie bei +einem Spaziergange über ihrer Liebe und dem lustigen Gekose und +Geflüster derselben ganz der Zeit vergessen hatten und Gott weiß wie +weit geschlendert waren. Es war schon nach Mitternacht, und sie +waren zufällig unter die Stelle gekommen, wo die Spitze des gläsernen +Berges sich aufzutun und wo die Unterirdischen heraus und herein zu +schlüpfen pflegten. Als sie nun da wandelten, hörten sie mit einem +Male mehrere irdische Hähne laut krähen. Bei diesem süßen Klange, +den sie nun in zwölf Jahren nicht gehört hatte, ward der kleinen +Lisbeth gar wundersam um das Herz; sie konnte sich nicht länger +halten, sie umfaßte ihren Johann, als wollte sie ihn totdrücken, und +netzte ihm mit heißen Tränen die Wangen. So hing sie lange sprachlos +an seiner Brust; dann küßte sie ihn wieder und bat ihn, daß er ihnen +den unterirdischen Kerker doch aufschließen sollte. Sie sprach +ungefähr also zu ihm: + +"Lieber Johann, es ist hier unten wohl schön, und die kleinen Leute +sind auch freundlich und tun einem nichts zuleide, aber geheimelt hat +es mir hier nie, sondern ist doch immer schauerlich zumute gewesen, +und eigentlich froh bin ich hier erst geworden, seit ich dich so lieb +habe, und doch nicht recht froh, denn es ist hier doch kein rechtes +Leben, wie es für Menschen sein soll. Ich habe hier doch keine Ruhe +Tag und Nacht, und ich will es dir nun sagen, was ich immer +verschwiegen habe: alle Nacht träumt mir von meinem lieben Vater und +von meiner Mutter und von unserm Kirchhofe, wo die Leute so andächtig +an den Kirchtüren stehen und auf den Vater warten; und mir ist es +dann so sehnsüchtig im Herzen, daß ich Blut weinen möchte, weil ich +nicht mit ihnen in die Kirche gehen und beten und Gott loben und +preisen kann, wie Menschen sollen. Denn ein christliches Leben ist +hier unten einmal nicht, sondern nur so ein buntes, künstliches in +der Mitte, wobei einem doch nicht ganz wohl wird, weil es wohl halb +heidnisch ist. Und, lieber Johann, auch das mußt du bedenken, wir +können hier ja nie Mann und Frau werden, denn es ist hier ja kein +Priester, der uns vertrauen kann; und so müssen wir immerfort +Brautleute bleiben und können alt und grau darüber werden. Darum +denke darüber und mache Anstalt, daß wir von hier kommen; mich +verlangt unbeschreiblich, wieder bei meinem Vater und unter frommen +Christen zu sein." + +Auch für Johann hatten die Hähne ganz wunderbar gekrähet, und er +empfand etwas, was er hier unten noch nie empfunden hatte, nämlich +eine tiefe Sehnsucht nach dem schönen Sonnenlande, und er antwortete +seiner Braut: + +"Liebe, süße Lisbeth, du ermahnest mich ganz recht! Ich empfinde nun +auch, daß es Sünde ist für Christen, hier zu bleiben, und mir ist im +Herzen fast, als hätte der Herr Christus uns mit diesem Hahnenkrei +als mit seiner Liebesstimme gerufen: Kommt herauf, ihr Christenkinder, +aus der Bezauberung und aus den Wohnungen der Verblendung! Kommt +herauf an das Sternenlicht und wandelt wie die Kinder des Lichts! Ja, +Lisbeth, mir ist zum erstenmal recht weh um das Herz geworden, und +ich sehe wohl, daß es ein großer Fürwitz und eine schreckliche Sünde +war, daß ich so mit den Unterirdischen hinabgefahren bin. Das mag +Gott meinen jungen Jahren vergeben, weil ich ein Kind war und nicht +wußte, was ich tat. Und nun will ich auch keinen Tag länger warten, +sondern geschwinde Anstalt machen, daß ich fortkomme. Mich dürfen +sie hier nicht halten." + +Und er war sehr bewegt in seiner Seele und führte sein liebes Kind +eilends von dannen. So trieb ihn der Vorsatz fort, der schon in ihm +lebendig war. Er hatte aber nicht bemerkt, daß Lisbeth bei seinen +letzten Worten totenblaß geworden war, und wie schwer sie ihr aufs +Herz gefallen waren; denn sie hatte vorher nicht bedacht, daß sie +Dienerin war und ihre fünfzig Jahre aushalten mußte, und daß sie mit +ihm nicht fort konnte. Und der Schmerz ward so gewaltig in ihr, daß +sie endlich laut weinen und schluchzen mußte und er sie nun fragte, +was ihr sei; er wolle ja gern mit ihr fortziehen, ja durch die ganze +Welt mit ihr, wohin sie wolle. Da antwortete sie ihm: "Ach! Du bist +hier der Herr und kannst es; aber ich bin die Dienerin und muß nach +dem strengen Gesetze, das hier gilt, aushalten, bis die fünfzig Jahre +um sind. Und was soll ich dann auf der Erde tun, wenn Vater und +Mutter lange tot und die Gespielen alt und grau sind? Und du bist +dann auch grau und alt; was kann es mir da helfen, daß ich hier jung +bleibe und nicht älter werden kann als zwanzig Jahre? Ach, ich arme +Lisbeth!" + +Sie sprach diese Worte so kläglich aus, daß sie einen Stein hätten +rühren können. Und in Johanns Ohren tönten sie wie Donnerschläge, +und er ward auch sehr traurig. Denn das fühlte er wohl, ohne sie +konnte er von hier nicht gehen--und er konnte doch in seiner Seele +nirgends einen Ausweg finden. Sie schieden also, als sie +heimgekommen waren, sehr traurig voneinander. Johann aber drückte +Lisbeths Hand an sein Herz und küßte sie viel tausendmal und sagte +ihr: "Nein, liebe Lisbeth, ohne dich geh ich nimmer von hier, das +glaube mir!" Und Lisbeth ward sehr getröstet durch diese Worte. + +Johann wälzte sich die ganze Nacht auf seinen Kissen hin und her und +konnte kein Auge zutun, denn die Gedanken ließen ihm keine Ruhe, +sondern flogen, wie aufgescheuchte Vögel, hinter welchen der Falke +ist, immer rundum in seiner Seele. Endlich, als der Morgen schon +grauete, fuhr er geschwind aus dem Bette und sprang hoch auf vor +Freuden und jauchzete in seiner Stube hin und her und schrie überlaut: +"Nun hab' ich's! Nun hab' ich's! Diener! Diener! Du hast mir +zuviel erzählt." Und er klingelte, und der Diener kam, und er befahl: +"Diener, geschwind! Geschwind! Bringe mir Lisbeth!" Und in einigen +Augenblicken war der Diener da und führte die schöne Lisbeth an der +Hand. Und er hieß den Diener hinausgehen und küßte seine Lisbeth und +sprach zu ihr: "Liebe Lisbeth, nun freue dich mit mir! Ich hab' es +gefunden! Ich hab' es gefunden! Wir werden nun beide bald wieder zu +Christen kommen, und sie können uns hier nicht festhalten. Verlaß +dich nur drauf, ich kann es machen. Und nun gehe, mein Herzchen, und +sei froh." Und er küßte sein liebes Kind, rief darauf dem Diener und +hieß ihn die Lisbeth wieder heimführen und auf dem Rückwege die sechs +Vornehmsten zu ihm rufen. Der Diener aber verwunderte sich über +diese Sendung, und die sechs wunderten sich noch mehr, als er ihnen +die Mutung Johanns brachte, und munkelten und flüsterten +untereinander, gingen aber mit ihm. + +Und als die sechse in Johanns Zimmer traten, empfing er sie sehr +freundlich, denn es waren ja die, mit welchen er alle Tage zu Tische +zu sitzen pflegte, und sprach also zu ihnen: + +"Liebe Herren und Freunde, euch ist wohl bewußt, auf welche Weise ich +hierher gekommen bin, nicht als ein Gefangener und Überlisteter oder +Diener, sondern als ein Herr und Meister über einen von euch und +dadurch über alle; nur daß dieser eine immer mein leiblicher und +stündlicher, ja sekundlicher Diener sein muß. Ihr habt mich die zehn +Jahre, welche ich bei euch lebe, wie einen Herrn empfangen und +gehalten, und dafür bin ich euch Dank schuldig. Ihr seid mir aber +noch größern Dank schuldig, denn ich hätte euch mit allerlei Befehlen +und Einfällen manche Mühe und Arbeit, Neckerei und Plage antun, ja +ich hätte ein recht tückischer und unfreundlicher Tyrann gegen euch +sein können, und ihr hättet es alles in Gehorsam leiden und tun +müssen und nicht mucksen dürfen. Ich habe das aber nicht getan, +sondern mich wie euresgleichen aufgeführt und mehr mit euch gejubelt +und gespielt, als daß ich unter euch geherrscht hätte. Nun bitte ich +euch, seid wieder freundlich gegen mich, wie ich gegen euch gewesen +bin, und gewähret mir eine Bitte. Es ist hier unter den Dienerinnen +eine feine Dirne, die ich lieb habe, Lisbeth Krabbin aus Rambin, wo +auch ich geboren bin. Diese gebt mir und lasset sie mit mir ziehen! +Denn ich will nun wieder hinauf, wo die Sonne scheint und der Pflug +ins Feld geht. Weiter begehre ich nichts, als dieses schöne Kind und +den Geschmuck und das Gerät meines Zimmers mitzunehmen." + +So sprach er mit sehr lebendigem und kräftigem Ton, daß sie den Ernst +wohl fühlten. Sie aber schlugen die verlegenen und bedenklichen +Blicke zu Boden und schwiegen alle; darauf nahm der älteste unter +ihnen das leise Wort und lispelte: "Herr, du begehrst, was wir nicht +geben können; es tut uns leid, daß du Unmögliches verlangest. Es ist +ein unverbrüchliches Gesetz, daß nie ein Diener oder eine Dienerin +entlassen werden kann von hier vor der bestimmten Zeit. Brächen wir +das Gesetz, so würde unser ganzes unterirdisches Reich einen Fall tun. +Sonst alles, denn du bist uns sehr lieb und ehrenwert; aber die +Lisbeth können wir dir nicht herausgeben." "Ihr könnt die Lisbeth +herausgeben, und ihr sollt sie herausgeben!" rief Johann im Zorn. +"Nun geht und bedenkt euch bis morgen! Ich wißt meinen Befehl; es +ist keine Bitte mehr. Morgen kommt zu dieser Stunde wieder. Ich +will euch zeigen, ob ich über eure schmeichlischen und füchsischen +Listen herrschen kann." + +Die sechs verneigten sich und gingen; den begleitenden Diener aber +schalten sie, daß er zuviel erzählt habe. Er aber entschuldigte sich +und verneinte es und sagte: "Ich wißt ja, wie klug er mich überlistet +hat mit der Mütze und wie er von den Geheimnissen unserer Herrschaft +alles gewußt hat durch den alten Kuhhirten aus Rothenkirchen; er hat +ihm dies auch erzählt." Und sie glaubten ihm und schalten ihn nicht +mehr. + +Als die sechse den andern Morgen zur befohlenen Stunde wiederkamen, +empfing Johann sie doch freundlich und sprach: "Ich habe euch gestern +hart angeredet; aber ich habe es nicht so schlimm gemeint, als ich +ausgesehen habe. Aber die Lisbeth will und muß ich haben; dabei +bleibt es! Und ich weiß wohl, daß ihr auch mich nicht gern misset, +weil ihr die Menschenkinder gern habet, besonders wenn sie freundlich +und lustig sind, wie ich bin. Aber ich kann's nun einmal nicht +helfen, ich muß wieder zu Christen und wie ein Christ leben und +sterben, und es ist eine große Sünde, wenn ich hier länger säume. +Und deswegen verlasse ich euch, und nicht aus Widerwillen oder Haß. +Und meine liebe Lisbeth will ich auch mitnehmen; dabei bleibt es! +Und nun gebärdet euch nicht länger widerwärtig und widerspenstig und +tut wie Freunde dem Freunde, was ihr sonst aus Not tun müsset und +gebet mir die schöne Dirne heraus und lasset uns freundlich +voneinander scheiden und hier und dort ein freundliches Andenken in +den Herzen bewahren!" + +Und die sechs taten sehr freundlich und redeten nun einer nach dem +andern und machten sehr schöne Wendungen und Schlingungen der Worte, +womit sie ihn zu bestricken hofften, denn darin sind sie sehr +geschickt. Auch hatten sie sich heute vorbereitet, daß sie wußten, +was sie sprechen wollten. Aber es half ihnen nichts, und ihre Worte +verflogen sich in den Winden und berührten Johann nicht stärker, als +hätten sie Spreu aus dem Munde geblasen. Und das Ende vom Liede war +wieder, nachdem er alle die schönen und künstlichen Worte angehört +hatte: "Gebt die Lisbeth heraus! Ich gehe nicht ohne die Lisbeth." +Denn Johann war zu sterblich verliebt, als daß er die schöne Dirne +hier gelassen hätte. Die sechs aber verweigerten es standhaft und +gebärdeten sich, als hätten sie recht und würden es nimmer tun. +Johann aber sagte ihnen lächelnd: "Geht nun! Fahrt wohl bis morgen! +Morgen seid ihr wieder zu dieser Stunde hier! Ich gebe euch nun das +dritte und letzte Mal. Wollt ihr meinen Befehl dann nicht in Güte +erfüllen, sollt ihr sehen, ob ich verstehe, Herr zu sein." Er hatte +aber, da er sie so hartnäckig sah, in sich beschlossen, sie durch +Plagen zum Gehorsam zu zwingen, falls sie nicht unterdessen auf +bessere Gedanken kämen. + +Und sie kamen den dritten Morgen, und Johann sah sie mit ernstem und +strengem Blick an und erwiderte ihre Verbeugungen nicht, sondern +fragte kurz: "Ja oder nein?" Und sie antworteten einstimmig nein. +Darauf befahl er dem Diener, er solle noch vierundvierzig der +Vornehmsten rufen und solle ihre Frauen und Töchter mitkommen heißen +und auch die Frauen und Töchter von diesen sechsen, die vor ihm +standen. Und der Diener fuhr dahin wie der Wind, und in wenigen +Minuten standen die vierundvierzig da mit ihren Frauen und Töchtern +und auch die Frauen und Töchter der sechse, und waren in allem wohl +fünfhundert Männer, Frauen und Kinder da. Und Johann ließ sie +hingehen und Hauen, Karsten und Stangen holen und dann flugs +wiederkommen. Und sie taten, wie er befohlen hatte, und waren bald +wieder da. Er aber gedachte sie nun zu plagen, damit sie aus Not +täten, was sie aus Liebe nicht tun wollten. + +Er führte sie auf einen Felsenberg, der auf einem der Anger lag. Da +mußten diese feinen und zarten Wesen, die für schwere Arbeit nicht +geschaffen waren, Steine hauen, sprengen und schleppen. Sie taten +das ganz geduldig und ließen sich nichts merken, sondern gebärdeten +sich, als sei es ihnen ein leichtes und gewohntes Spiel. Er aber +ließ sie sich plagen vom Morgen bis an den Abend, und sie mußten +schwitzen und arbeiten, daß ihnen der Atem fast ausging, denn er +stand immer dabei und trieb sie an. Sie aber hofften, er werde die +Geduld verlieren, und der Jammer werde ihn überwinden, daß er sie und +ihre Frauen und Kinder so bleich und welk werden sah, die sonst so +schön und lustig waren. Und wirklich war Johann zu keinem König +Pharao und Nebukadnezar geboren, denn nachdem er es einige Wochen so +getrieben hatte, ging ihm die Geduld aus, und der Jammer, daß er die +schönen kleinen Menschen so mißhandeln mußte, tat auch sein Teil dazu. +Sie aber wurden nicht mürb, denn es ist ein gar eigensinniges +Völkchen. Sie brauchten aber immer die List, daß die schönsten unter +ihnen immer zunächst bei Johann arbeiten mußten; besonders stellten +sie die niedlichen, kleinen Dirnen dahin, die sonst seine +Tischgesellinnen waren, und die mußten auf seine Mienen und Gebärden +achtgeben und hatten bald bemerkt, daß er sich oft verstohlen +wegwendete und eine Träne aus den Augen wischte. Johann dachte nun +darauf, wie er eine Plage erfände, die ihn geschwinder zum Ziele +führte. + +Und er machte sich hart und gebärdete sich noch viel härter und rief +sie einen Abend zusammen und sprach: "Ich sehe, ihr seid ein +hartnäckiges Geschlecht; so will ich denn viel hartnäckiger sein, +denn ihr seid. Morgen, wann ihr zur Arbeit kommt, bringe sich jeder +eine neue Geißel mit!" Und sie gehorchten ihm und brachten die +Geißeln mit. Und er hieß sie sich alle entkleiden und einander mit +den Geißeln zerhauen, bis das Blut danach floß; und er sah grimmig +und grausam dabei aus, als hätte ihn eine Tigerin gesäugt oder ein +schwarzer Galgenvogel das Futter zugetragen. Aber die kleinen Leute +zerhieben sich und bluteten und hohnlachten dabei und taten ihm doch +nicht den Willen. So taten sie drei, vier Tage. + +Da konnte er es nicht länger aushalten; es jammerte und ekelte ihn, +und er hieß sie ablassen und schickte sie nach Hause. Und er dachte +auf viele andere Plagen und Martern, die er ihnen antun könnte. Da +er aber von Natur weich und mitleidig war und diese Wochen wirklich +mehr ausgestanden hatte, daß er sie plagen mußte, als sie, die +geplagt wurden, so gab er den Gedanken daran ganz auf; für sich und +für seine Lisbeth wußte er aber auch gar keinen Rat und ward so +traurig, daß sie ihn oft trösten und aufrichten mußte, der sonst +immer so fröhlich und beherzt war. So lieb er die kleinen Leute +sonst gehabt hatte, so unlieb wurden sie ihm jetzt. Er schied sich +ganz aus ihrer Gesellschaft und von ihren Festen und Tänzen und lebte +einsam mit seiner Dirne und aß und trank einsam in seinem Zimmer, so +daß er fast ein Einsiedler ward und ganz in Trübsinn und Schwermut +versank. + +Als er einmal in dieser Stimmung in der Dämmerung spazierte, warf er +im Unmut, wie man zu tun pflegt, kleine Steine, die ihm vor den Füßen +lagen, gegeneinander, daß sie zersprängen. Vielleicht erquickte es +seinen schweren Mut auch, daß er die Steine sich so aneinander +zerschlagen sah, denn wenn ein Mensch in sich uneins und zerrissen +ist, möchte er im Unmut oft die ganze Welt zerschlagen. Genug, +Johann, der nichts Besseres tun mochte, zerwarf die armen Steine, und +da geschah es, daß aus einem ziemlich großen Stein, der +auseinandersprang, ein Vogel schlüpfte, der ihn erlösen sollte. Es +war dies eine Kröte, deren Haus in dem Stein mit ihr gewachsen war, +und die vielleicht seit der Schöpfung der Welt darin gesessen hatte. +Kaum sah Johann die Kröte springen, so ward er ganz freudenfroh und +sprang hinter sie drein und haschte sie und rief ein Mal über das +andere: "Nun, hab' ich sie! Nun hab' ich meine Lisbeth! Nun will +ich euch schon kirr machen, nun sollt ihr's kriegen, ihr tückischen +kleinen Gesellen! Habt ihr euch mit Ruten nicht wollen zum Gehorsam +geißeln lassen, so will ich euch mit Kröten und Skorpionen geißeln." +Und er barg die Kröte wie einen kostbaren Schatz in seiner Tasche und +lief eilends nach Hause und nahm ein festes, silbernes Gefäß und +setzte sie darein, damit sie ihm nicht entrinnen könnte. Und in +seiner Freude sprach er überlaut für sich viele Worte und gebärdete +sich so wunderlich, als sei er närrisch geworden, und sprang dann ins +Freie hinaus. "Komm mit, mein Vöglein", rief er, "nun will ich dich +versuchen, ob du echt bist!" Und er nahm das Gefäß mit der Kröte +unter den Arm und lief hin, wo ein paar Unterirdische in der +Einsamkeit des Weges gingen. Und als er ihnen näher kam, stürzten +sie wie tot auf den Boden hin und winselten und heulten jämmerlich. +Er aber ließ flugs von ihnen und rief: "Lisbeth, Lisbeth, nun hab' +ich dich! Nun bist du mein!" Und so stürmte er zu Hause, schellte +den Diener herein und ließ ihn Lisbeth holen. + +Und als Lisbeth kam, war sie ganz erstaunt, daß sie ihn so munter +fand, denn seit einem halben Jahre hatte sie ihn nicht mehr froh +gesehen. Und er lief auf sie zu und umhalsete sie und sprach: +"Lisbeth! Süße Lisbeth! Nun bist du mein, nun nehme ich dich mit; +übermorgen soll der Auszug sein, und juchhe, wie bald die lustige +Hochzeit!" Sie aber erstaunte noch mehr und sagte: "Lieber Johann, du +bist geck geworden? Wie soll das möglich sein?" Er aber lächelte und +sprach: "Ich bin nicht geck geworden, aber die kleinen Schlingel will +ich geck machen, wenn sie sich nicht zum Ziele legen wollen. Sieh +hier! Hier ist dein und mein Erlöser." Und er nahm das silberne +Geschirr und öffnete es und zeigte ihr die Kröte, vor deren +Garstigkeit es ihr fast geschwunden hätte. Nun erzählte er ihr, wie +er zu dem seltenen Vogel gekommen war, und wie herrlich ihm die Probe +geglückt war, die er mit ihm an den Unterirdischen angestellt hatte, +und wohlgefällig rief er noch einmal: "Sei froh, meine liebe Lisbeth! +Du sollst es sehen, wie ich sie mit dieser zu Paaren treiben will." + +Nun muß ich auch das Geheimnis erzählen, das in der Kröte steckte. +Klas Starkwolt hatte dem kleinen Johann oft erzählt, daß die +Unterirdischen keinen Gestank vertragen könnten, und daß sie bei dem +Anblick, ja bei dem Geruch von Kröten sogleich in Ohnmacht fielen und +die entsetzlichsten Schmerzen litten; mit Gestank und mit diesen +garstigen und scheußlichen Tieren könne man sie zu allem zwingen. +Daher findet man auch nie etwas Stinkendes in dem ganzen gläsernen +Reiche, und die Kröten sind dort etwas Unerhörtes, und man muß daher +diese Kröte, die so wunderbar in einem Stein eingehäuft und fast +ebenso wunderbar aus diesem ihrem steinernen Hause herausgekommen war, +fast ansehen als von Gott von Ewigkeit her zu solcher geheimen +Wohnung verdammt, damit Johann und Lisbeth zusammen aus dem Berge +kommen und Mann und Frau werden könnten. + +Johann und Lisbeth glaubten auch gern an ein solches Wunder, +besonders Lisbeth, die Gottes liebes, frommes Kind war. Und als +Johann ihr alles erzählt und erklärt hatte, was er ferner tun und wie +er die Kleinen endlich zu seinem Willen zwingen wollte, da fiel sie +ganz entzückt und gerührt auf ihr Gesichtchen zur Erde und betete und +dankete Gott, daß er sie endlich von den kleinen Heiden erlösen und +wieder zu Christenmenschen bringen wolle. Und sie ging ganz fröhlich +heim und faltete ihre Händchen im Bette noch viel zum Gebete und +hatte die Nacht die allersüßesten Träume. Johann legte sich auch +nicht traurig nieder, und er überdachte und überlegte sich alles, wie +er die Kleinen erschrecken und endlich mit seiner geliebten Braut aus +dem Berge ziehen wollte. + +Und den folgenden Morgen, als es getagt hatte, rief er seinen Diener +und hieß ihn die fünfzig Vornehmsten holen mit ihren Frauen und +Töchtern. Und sie erschienen alsbald vor Johann, und er sprach zu +ihnen: + +"Ihr wisset alle, und ist euch nicht verborgen, wie ich hierher +gekommen bin, und wie ich diese manchen Jahre mit euch gelebt habe, +nicht als ein Herr und Gebieter, sondern als ein Freund und Genosse. +Und ich habe es wohl gewußt, wie ich hätte Herr sein und meiner +Herrschaft gegen euch gebrauchen können; und das habe ich nicht getan, +sondern nur einen einzigen von euch hab' ich als Diener gebraucht, +und auch nicht als Diener, sondern mehr als Freund. Und ihr schienet +mit mir zufrieden zu sein und mich lieb zu haben; als es aber dahin +gekommen ist, daß ich endlich eine einzige kleine Freundlichkeit von +euch begehren mußte, habt ihr euch gebärdet, als forderte ich Leben +und Reich von euch, und mir sie trotzig abgeschlagen. Ihr wisset +auch, was ich da ergriffen habe, und wie ich angefangen habe, euch +mit Arbeit und Streichen zu plagen, damit ihr einsähet, daß ihr +unrecht hättet, und mir die Liebe tätet. Aber ihr seid trotziger und +hartnäckiger gewesen, als ich strenge, und aus Barmherzigkeit habe +ich ablassen müssen von der Strafe. Ihr habt das aber nicht erkannt, +sondern habt mich ausgelacht als einen Dummen, der keinen Rat wisse, +euch zum Gehorsam zu zwingen. Ich aber weiß wohl Rat und will es +euch bald zeigen, wenn ihr in eurer Verstocktheit bleibet und mir die +Lisbeth nicht losgeben wollt. Darum zum letzten Male, besinnet euch +noch eine Minute, und sagt ihr dann nein, so sollt ihr die Pein +fühlen, die euch und euren Kindern von allen Peinen die +fürchterlichste ist!" + +Und sie säumten nicht lange und sagten mit einer Stimme nein und +dachten bei sich: "Welche neue List hat der Jüngling erdacht, womit +er so weise Männer einzuschrecken meint?" Und sie lächelten, als sie +nein sagten. Dies Lächeln ärgerte Johann mehr als alles andere und +voll Zorns rief er: "Nun denn, da ihr nicht hören wollt, sollt ihr +fühlen", und lief geschwind wie ein Blitz einige hundert Schritt weg, +wo er das Gefäß mit der Kröte unter einem Strauch versteckt hatte. + +Und er kam zurück, und als er sich ihnen auf hundert Meter genahet +hatte, stürzten sie alle hin, als wären sie mit einem Schlage +zugleich vom Donner gerührt, und begannen zu heulen und zu winseln +und sich zu krümmen, als ob sie von den entsetzlichsten Schmerzen +gefoltert würden. Und sie streckten die Hände aus und schrien einer +um den andern: "Laß ab, Herr! Laß ab, und sei barmherzig! Wir +fühlen, daß du eine Kröte hast, und daß kein Entrinnen ist. Nimm die +greulichen Plagen weg; wir wollen ja alles tun, was du befiehlst." +Und er ließ sie noch einige Sekunden zappeln; dann entfernte er das +Gefäß mit der Kröte, und sie richteten sich wieder auf, und ihre Züge +erheiterten sich wieder, denn die Pein war weg, wie das Tier +weggenommen war. + +Johann behielt nur die sechs Vornehmsten bei sich und ließ die Weiber +und Kinder und die übrigen Männer alle gehen, wohin jeder wollte. Zu +den sechsen aber sprach er seinen Willen also aus: + +"Diese Nacht zwischen zwölf und ein Uhr ziehe ich mit der Lisbeth von +dannen, und ihr beladet mir drei Wagen mit Silber und Gold und edlen +Steinen. Wiewohl ich alles nehmen könnte, was ihr in den Bergen habt, +da ihr so widerspenstig und ungehorsam gegen mich gewesen seid, will +ich euch doch so hart nicht strafen, sondern barmherziger gegen euch +sein, als ihr gegen mich und die Lisbeth gewesen seid. Auch alle +meine Herrlichkeiten und Kostbarkeiten und Bilder und Bücher und +Geräte, die in meinem Zimmer sind, werden auf zwei Wagen geladen, +also daß in allem fünf Frachtwagen bereit gemacht werden. Mir selbst +aber rüstet ihr den schönsten Reisewagen, den ihr in euren Bergen +habt, mit sechs schwarzen Rappen, worauf ich und meine Braut sitzen +und zu den Unsrigen einfahren wollen. Zugleich befehle ich euch, daß +von den Dienern und Dienerinnen alle diejenigen freigelassen werden, +welche solange hier gewesen sind, daß sie droben zwanzig Jahre und +drüber alt sein würden; und ihr sollt ihnen soviel Silber und Gold +mitgeben, daß sie auf der Erde reiche Leute heißen können. Und das +soll künftig ein ewiges Gesetz sein, und ihr sollt mir es hier diesen +Augenblick beschwören, daß nimmer ein Menschenkind hier länger +festgehalten werden soll als bis zu seinem zwanzigsten Jahre." + +Und die sechse leisteten ihm den Schwur und gingen dann traurig weg; +er aber nahm jetzt die Kröte und vergrub sie tief in die Erde. Und +sie und die übrigen Unterirdischen rüsteten alles zu, und auch Johann +und Lisbeth bereiteten sich zur Reise und schmückten sich festlich +gegen die Nacht, damit sie als Braut und Bräutigam erscheinen könnten. +Es war aber jetzt beinahe dieselbe Zeit, in welcher er einst in den +Berg hinabgestiegen war, die Zeit der längsten Tage, also +Mittsommerszeit, die sie die Sonnengicht nennen. Und er war etwas +über zwölf Jahre in dem Berge gewesen und Lisbeth etwas über dreizehn, +und er ging in sein einundzwanzigstes Jahr und Lisbeth in ihr +achtzehntes. Die kleinen Leute taten mit großem Gehorsam, aber sehr +still alles, wie er ihnen befohlen hatte; desto lauter aber war die +Schar der Diener und Dienerinnen, welche sein neues Gesetz über das +zwanzigste Jahr mit erlöset hatte. Diese jubelten um ihn und um +seine Lisbeth her und freueten sich sehr, daß sie mit ihnen auf die +Oberwelt ziehen durften. + +Und als alle Kostbarkeiten herausgeschafft und die erlöseten Diener +und Dienerinnen hinaufgefahren waren, setzten Johann und seine +Lisbeth sich zuletzt in die silberne Tonne und ließen sich +hinaufziehen. Es mochte wohl eine Stunde nach Mitternacht sein. Und +es deuchte ihnen ebenso als vormals, wie sie hinabgefahren waren. +Sie waren von Jubel umrauscht und von Musik umtönt, und endlich klang +es über ihren Köpfen, und sie sahen den gläsernen Berg sich öffnen, +und die ersten Himmelsstrahlen blinkten zu ihnen hinab nach so +manchen Jahren, und bald waren sie draußen und sahen das Morgenrot +schon im Osten dämmern. Johann sah eine Menge Unterirdischer, die um +ihn und Lisbeth und die Wagen geschäftig waren, dort hin und her +wallen, und er sagte ihnen das letzte Lebewohl; dann nahm er seine +braune Mütze, schwang sie dreimal in der Luft um und warf sie unter +sie. Und in demselben Augenblick sah er nichts mehr von ihnen, +sondern erblickte nun nichts weiter als einen grünen Hügel und +bekannte Büsche und Felder und hörte die Glocke vom Rambiner +Kirchturme eben zwei schlagen. Und als es still geworden war und er +von dem unterirdischen und überirdischen Getummel nichts weiter hörte +als einige Lerchen, die ihre ersten Morgenlieder anstimmten, da fiel +er mit seiner Lisbeth im Grase auf die Knie, und sie beteten beide +recht andächtig und gelobten Gott ein recht christliches Leben, weil +er sie so wunderbar von den Unterirdischen errettet hatte. Und alle +Diener und Dienerinnen, welche durch sie miterlöset waren, taten +desgleichen. + +Darauf erhuben sie sich alle, und die Sonne ging eben auf, und Johann +ordnete nun den Zug seiner Wagen. Voran fuhren zwei Wagen, jeder mit +vier Rotfüchsen bespannt, die waren mit eitel Gold und Dukaten +beladen, so schwer, daß die Pferde von der Last stöhneten; diesen +folgte ein anderer Wagen mit sechs schneeweißen Pferden, welche alles +Silber und Kristall zogen; hinter diesem fuhren zwei letzte Wagen, +jeder mit vier Grauschimmeln bespannt, und diese waren mit den +herrlichsten Geräten und Gefäßen und Edelgesteinen und mit der +Bibliothek Johanns beladen. Er mit seiner Braut fuhr zuletzt in +einem offenen Wagen aus lauter grünem Smaragd, dessen Decke und +Vorderseite mit vielen großen Diamanten besetzt waren, und sechs +mutige, wiehernde Rappen zogen ihn. Er war aber nebst seiner Braut +auf das kostbarste geschmückt, damit sie den Ihrigen auch durch den +Schmuck und die Pracht als ein rechtes Wunder Gottes kämen. Denn +beide waren von ihnen lange als tot betrauert und wer hätte wohl +gedacht, daß sie jemals wiederkommen würden? Die erlösten Diener und +Dienerinnen in gläsernen Schuhen und weißen Kleidern und Jäckchen mit +silbernen Gürteln gingen vor und hinter und neben den Wagen und +geleiteten sie; einige führten auch die Pferde. Denn sie wollten sie +alle bis Rambin begleiten und von da jeder seines Weges weiter ziehen. +Es waren ihrer in allem zwischen fünfzig und sechzig. Und sie +jauchzeten vor Freuden, und einige, welche Geigen und Pfeifen und +Trompeten mit hatten, spielten lustig auf. So zogen sie mit Jauchzen +und Klingen die Hügel hinab auf die Straße, welche von Rambin nach +Garz führt. Es war aber dem Johann und der Lisbeth gar wundersam +zumute, als sie den Turm von Rambin wiedersahen und die Sturmweiden +von Drammendorf und Giesendorf aus der Ferne, wo sie als Kinder +soviel gespielt hatten. Als sie vor Rothenkirchen hinzogen, kam eben +die Kuhherde über den Berg, und Klas Starkwolt mit seinem treuen +Hurtig zog ihr langsamen Schrittes nach. Johann sah ihn und erkannte +ihn stracks und dachte bei sich: "Den treuen Alten wirst du nicht +vergessen." Und so zog er mit seiner Begleitung weiter, und alle +Leute, die auf der Straße waren, hielten oder standen still, und +viele liefen ihnen nach, ja einige liefen voraus und meldeten in +Rambin, welche blanke und prächtige Wagen dort auf der Landstraße +führen, und brachten das ganze Dorf auf die Beine. Der Zug ging aber +sehr langsam wegen der schwer beladenen Wagen. + +So zogen sie etwa um vier Uhr morgens in Rambin ein und hielten still +mitten im Dorf, etwa zwanzig Schritt von dem Hause, wo Johann geboren +war. Und es war alles Volk zusammengelaufen und aus den Häusern +gegangen, damit sie die glänzende Herrlichkeit mit eigenen Augen +sähen. Johann entdeckte bald seinen alten Vater und seine Mutter und +erkannte unter den vielen auch seinen Bruder Andres und seine +Schwester Trine. Auch der alte Pfarrer Krabbe stand da in schwarzen +Pantoffeln und einer weißen Schlafmütze, wie er eben aus dem Bette +gekommen war, und gaffte mit den andern; aber Lisbeth erkannt ihn +nicht mehr, denn sie war zu klein gewesen, als sie in den Berg +entführt worden. So hielten sie etwa zehn Minuten still, ohne sich +etwas merken zu lassen. Und man kann wohl sagen, daß in dem Dorfe +Rambin nie eine solche Herrlichkeit erschienen war und auch nicht +erscheinen wird bis an der Welt Ende. Johann und seine Braut +funkelten von Diamanten und edlen Steinen; die Wagen, die Pferde, die +Geschirre waren auf das prächtigste geziert, die Begleiter und +Begleiterinnen alle in der Blüte der Jahre, mit den schönen, weißen +Kleidern angetan und den sonderbaren Mützen und gläsernen Schuhen. +Alles war wie aus einer andern Welt, so daß der Küster, seines +Handwerks ein Schuhmacher, der in seiner Jugendwanderschaft bis nach +Moskau und Konstantinopel gekommen war, sagte: "Sind es keine +tatarische und persische und asiatische Prinzen, so müssen sie vom +Mond heruntergekommen sein, denn in dem Lande Europa habe ich +dergleichen nie gesehen und bin doch auch in vielen Städten gewesen, +wo Kaiser und Könige wohnen!" Der gute Küster irrte sich aber; sie +kamen weder aus Persien noch aus der Tatarei, sondern ganz aus der +Nähe, aber freilich aus einer sehr wenig entdeckten Welt. + +Als Johann nun glaubte, es sei genug, und sie hätten ihre Augen bis +zur Sättigung geweidet, sprang er rasch vom Wagen und hob sein +schönes Kind auch heraus und drang durch die Menge hin, die ihm +ehrerbietig Platz machte. Und ohne sich lange zu besinnen, eilte er +zu dem niedrigen, strohenen Häuschen, wo Jakob Dietrich mit seiner +Frau stand, und umhalsete sie beide und küssete sie, die sich vor ihm +zur Erde werfen und seine Knie küsse wollten. Er aber wehrte ihnen +und sprach: "Mitnichten! Das darf nicht sein! Kennt ihr mich denn +nicht? Ich bin euer verlornen Sohn Johann Dietrich, und diese hier +ist meine Braut." Und die beiden Alten erstaunten und wußten nicht, +ob sie wachten oder träumten; alles Volk aber, das dies sah und hörte, +verwunderte sich und rief: "Johann Dietrich, der verlorne Johann +Dietrich ist von den Unterirdischen wiedergekommen, und seht, was er +mitgebracht hat!" + +Johann Dietrich aber stand dort nicht lange müßig bei seinen Eltern, +sondern, als er den alten Pfarrer Krabbe in der weißen Schlafmütze +erblickte, lief er eilends hin und holte ihn fast mit Gewalt herbei; +denn der alte Mann wußte nicht, was der ungestüme Jüngling im Sinn +hatte. Und er führte den alten, ehrwürdigen Herrn zu Lisbeth und +fragte ihn: "Kennst du diese?" Ehe er aber noch antworten konnte, zog +er ihm Lisbeth in die Arme und sprach: "Dies ist deine verlorene +Tochter und meine Braut, die bringe ich dir wieder. Und nun sollst +du uns segnen und christlich zusammensprechen, da wir auf eine so +wundersame Weise wieder zu den Unsern gekommen sind." Und der alte +Mann war lange sprachlos und hing an der Brust seiner Lisbeth und +weinte vor Freude; denn sie war sein einziges Kind, und er hatte sie +lange als eine Tote beweint. Und als er sich besonnen hatte von dem +ersten Erstaunen, nahm er die Hände seines Kindes und legte sie in +die Hände Johanns und hieß Jakob Dietrich und seine Frau auch +hinzutreten und sprach: "So segnet euch denn der Gott des Friedens +und der Barmherzigkeit, der euch so wunderbar zusammengebracht hat, +und lasse euch Kinder und Kindeskinder sehen und in seiner Furcht +wandeln bis ans Ende eures Lebens! Siehe, ich preise ihn, daß er +mich diesen Tag hat sehen lassen." + +Als dies vorbei und noch viel gefragt und erzählt war, und als die +Nachbarn und die Gespielen und Gespielinnen sich den Johann und die +Lisbeth wieder besehen und jeder auf seine Weise an seinen Zeichen +wieder erkannt hatten, da gingen die beiden zu den Eltern in die +Häuser. Johann aber säumte nicht mit der Hauptlust, mit der Hochzeit, +die binnen acht Tagen sein sollte. Und er schickte viele hundert +Wagen in den Wald, welche Bäume und Zweige in unendlicher Menge +herbeifuhren. Und er ließ viele Zimmerleute und Schreiner und +Tapezierer kommen. Und wo jetzt das Kloster steht, einige hundert +Schritt vor dem Dorfe, da ließ er einen hohen und weiten Laubsaal +bauen und von beiden Seiten Tische aufschlagen und in der Mitte eine +Tanzbühne, und der Saal war so groß, daß er wohl fünftausend Menschen +fassen konnte. Zu gleicher Zeit schickte er nach Stralsund und +Greifswald und ließ ganze Böte von Wein, Zucker und Kaffee laden; +auch wurden ganze Herden Ochsen, Schweine und Schafe zur Hochzeit +hergetrieben, und wieviele Hirsche, Rehe und Hasen dazu geschossen +sind, das ist nicht zu sagen, sowenig als die Fische zu zählen sind, +die dazu bestellt wurden. In ganz Rügen und Pommern ist auch kein +einziger Musikant geblieben, der nicht dazu verdungen wurde. Denn +Johann war sehr reich und wollte seine Pracht sehen lassen. Auch +hatte er das ganze Kirchspiel zur Hochzeit geladen und auch alle die +schönen, weißen Jünglinge und Jungfrauen dabehalten, die er erlöset +hatte, und die nun seinen Ehrentag mitfeiern wollten. + +Dies war die Ordnung der Hochzeit: Als der Morgen angebrochen war, +gingen alle Gäste in die Kirche, und der alte Krabbe dankete Gott und +erzählte die wunderbare Erhaltung und Errettung und Verlobung der +Kinder; darauf segnete er sie ein und gab sie feierlich zusammen. +Nun gingen sie in zierlicher Reihe alle in den großen Laubsaal, so +daß Jakob Dietrich und seine Frau Lisbeth zwischen sich führten, +Johann aber zwischen Vater Krabbe und seinem alten Klas Starkwolt +ging. Denn diesen hatte er sogleich kommen lassen und ihn reichlich +beschenkt, so daß er für seine übrigen Lebenstage geborgen war; auch +hatte er ihm die schönsten Hochzeitskleider anmessen lassen. Und +Klas hatte ihm versprechen müssen, bei ihm zu bleiben und mit ihm zu +leben, so oft und viel er wollte; und das hat er redlich gehalten. +Nach diesen Ehrenpaaren folgten die feinen Weißen aus dem Berge Paar +um Paar, und darauf die ganze übrige Freundschaft, Nachbarschaft und +Kirchspielschaft, nach Stand und Würden und Alter, wie es sich +gebührte. Und sie hielten eine Hochzeit, wie sie in Rambin nie +wieder gehalten worden, und wovon noch die Urenkel zu erzählen wissen. +Vierzehn ausschlagene Tage und Nächte ist geschmaust und getanzt +worden, und da hat man über vierzig Paare auf gläsernen Schuhen +tanzen sehen, was seitdem etwas Unerhörtes gewesen. Und die Leute +haben sich über die Tänzerinnen gewundert, so anmutigen Tanz haben +sie gehalten; denn die Unterirdischen sind die ersten Tanzmeister in +der Welt, und da hatten sie ja tanzen gelernt. + +Und als die Hochzeit vorbei war, da ist Johann herumgereist im Lande +mit seiner schönen Lisbeth, und sie haben sich viele Städte und +Dörfer und Güter gekauft, und er ist Herr von beinahe ganz Rügen +geworden und ein sehr vornehmer Graf im Lande. Und auch der alte +Jakob, sein Vater, ist ein Edelmann geworden, und Johanns Brüder und +Schwestern haben Junker und Fräulein geheißen. Denn was kann man +sich nicht alles für Silber und Gold schaffen? Schier alles, nur +nicht die Seligkeit; sonst hätte der arme Mensch auf Erden auch gar +keinen Trost. Johann aber hat in all seinem Reichtum nie vergessen, +auf welche wunderbare Weise Gott seine Jugend geführt hat, und ist +ein sehr frommer, christlicher Mann gewesen. Und seine Frau Lisbeth +ist noch fast frommer gewesen als er. Und beide haben Kirchen und +Armen viel Gutes getan, auch selbst viele Kirchen gebauet und sind +endlich, von allen, die sie kannten, gesegnet, seliglich im Herrn +verschieden. Und diese Kirche, die jetzt in Rambin steht, hat der +Graf Johann Dietrich auch bauen lassen und hat sie sehr reich +beschenkt von seinem vielen Gelde. Und sie ist zum ewigen Andenken +an seine Geburt da gebaut, wo Jakob Dietrichs Häuschen gestanden hat. +Und er hat viele kostbare Geräte dahin geschenkt, goldene Becher und +silberne Schalen von der allerkünstlichsten Arbeit, wie die +Unterirdischen sie in ihren Bergen machen, nebst seinen und der +Lisbeth gläsernen Schuhen, zum ewigen Andenken, was ihnen in der +Jugend geschehen war. Diese sind aber weggekommen unter dem großen +König Karolus XII. von Schweden, als die Russen hier auf die Insel +kamen und schlimm hauseten. Da haben die Kosaken auch die Kirche +geplündert und das alles mitgenommen. + +So war der kleine Johann Dietrich aus einem armen Hirtenknaben ein +reicher und vornehmer Herr geworden, weil er das Herz gehabt hatte, +hinabzusteigen und sich die Schätze zu holen. Aber viele sind schon +dadurch reich geworden, daß sie nur irgendein Pfand von den +Unterirdischen gewonnen haben. Dadurch haben sie sie soweit in ihre +Macht gekommen, daß sie ihnen etwas haben schenken oder zuliebe tun +müssen. Manchen schenken sie auch freiwillig etwas und lehren sie +schöne Künste und allerlei Geheimnisse; aber diesen, die ein Pfand +oder etwas Verlornes von ihnen haben, müssen sie aus Not dienstbar +und gefällig werden. + + + + +Das Silberglöckchen + + +Ein Schäferjunge zu Patzig, eine halbe Meile von Bergen, wo es in den +Hügeln auch viele Unterirdische hat, fand eines Morgens ein silbernes +Glöckchen auf der grünen Heide zwischen den Hünengräbern und steckte +es zu sich. Es war aber das Glöckchen von einer Mütze eines kleinen +Braunen, der es da im Tanze verloren und nicht sogleich bemerkt hatte, +daß es an dem Mützchen nicht mehr klingelte. Er war nun ohne das +Glöckchen heruntergekommen und war sehr traurig über diesen Verlust. +Denn das Schlimmste, was den Unterirdischen begegnen kann, ist, wenn +sie die Mütze verlieren, dann die Schuhe. Aber auch das Glöckchen an +der Mütze und das Spänglein am Gürtel ist nichts Geringes. Wer das +Glöckchen verloren hat, der kann nicht schlafen, bis er es +wiedergewinnt, und das ist doch etwas recht Betrübtes. Der kleine +Unterirdische in dieser großen Not spähete und spürte umher; aber wie +sollte er erfahren, wer das Glöcklein hatte? Denn nur wenige Tage im +Jahr dürfen sie an das Tageslicht hinaus, und dann durften sie auch +nicht in ihrer wahren Gestalt erscheinen. Er hatte sich schon oft +verwandelt in allerlei Gestalten, in Vögel und Tiere, auch in +Menschen, und hatte von seinem Glöckchen gesungen und geklungen und +gestöhnt und gebrüllt und geklagt und gesprochen; aber keine kleinste +Kunde oder nur Spur von einer Kunde war ihm bis jetzt zugekommen. +Denn das war das Schlimmste, daß der Schäferjunge gerade den Tag, +nachdem er das Glöckchen gefunden, von Patzig weggezogen war und +jetzt zu Unrow bei Gingst die Schafe hütete. Da begab es sich erst +nach manchem Tag durch ein Ungefähr, daß der arme kleine +Unterirdische wieder zu seinem Glöckchen und zu seiner Ruhe kommen +sollte. + +Er war nämlich auf den Einfall gekommen, ob auch ein Rabe oder Dohle +oder Krähe oder Uglaster das Glöckchen gefunden und etwa bei seiner +diebischen Natur, die sich in das Blanke vergafft, in sein Nest +getragen habe. Und er hatte sich in einen angenehmen, kleinen bunten +Vogel verwandelt und alle Nester auf der ganzen Insel durchflogen und +den Vögeln allerlei vorgesungen, ob sie ihm verraten möchten, daß sie +den Fund getan hätten, und er so wieder zu seinem Schlaf käme. Aber +die Vögel hatten sich nichts merken lassen. Als er nun des Abends +flog über das Wasser von Ralow her über das Unrower Feld hin, weidete +der Schäferjunge, welcher Fritz Schlagenteuffel hieß, dort eben seine +Schafe. Mehrere der Schafe trugen Glocken um den Hals und klingelten, +wenn der Junge sie durch seinen Hund in den Trab brachte. Das +Vögelein, das über sie hinflog, dachte an sein Glöcklein und sang in +seinem traurigen Mut: + +Glöckelein, Glöckelein. +Böckelein, Böckelein, +Schäflein auch du, +Trägst du mein Klingeli, +Bist du das reichste Vieh, +Trägst meine Ruh. + +Der Junge horchte nach oben auf diesen seltsamen Gesang, der aus den +Lüften klang, und sah den bunten Vogel, der ihm noch viel seltsamer +vorkam. Er sprach bei sich: "Potztausend, wer den Vogel hätte! Der +singt ja, wie unsereiner kaum sprechen kann. Was mag er mit dem +wunderlichen Gesange meinen? Am Ende ist es ein bunter Hexenmeister. +Meine Böcke haben nur tonbackene Glocken, und er nennt sie reiches +Vieh, aber ich habe ein silbernes Glöckchen, und von mir singt er +nichts!" Und mit den Worten fing er an, in der Tasche zu fummeln, +holte sein Glöckchen heraus und ließ es klingen. Der Vogel in der +Luft sah sogleich, was es war, und freute sich über die Maßen; er +verschwand aber in der Sekunde, flog hinter den nächsten Busch, setze +sich, zog sein buntes Federkleid aus und verwandelte sich in ein +altes Weib, das mit kümmerlichen Kleidern angetan war. Die alte Frau, +mit einem ganzen Sack voll Seufzer und Ächzer versehen, stümperte +sich quer über das Feld zu dem Schäferbuben hin, der noch mit seinem +Glöcklein klingelte und sich wunderte, wo der schöne Vogel geblieben +war, räusperte sich und tat einige Huster aus hohler Brust und bot +ihm dann einen freundlichen guten Abend und fragte nach der Straße zu +der Stadt Bergen. Dann tat sie, als ob sie das Glöcklein jetzt erst +erblickte, und rief: "Herre je, welch ein niedliches, kleines +Glöckchen! Hab' ich doch in meinem Leben nichts Feineres gesehen! +Höre, mein Söhnchen, willst du die Glocke verkaufen? Und was soll +sie kosten? Ich habe ein kleines Enkelchen, für den wäre sie mir +eben ein bequemes Spielgerät."--"Nein, die Glocke wird nicht verkauft!" +antwortete der Schäferknabe kurz abgebissen; "das ist eine Glocke, +so eine Glocke gibt's in der Welt nicht mehr: wenn ich nur damit +anklingele, so laufen meine Schafe von selbst hin, wohin ich sie +haben will; und welchen lieblichen Ton hat sie! Hört mal, Mutter", +(und er klingelte) "ist eine Langeweile in der Welt, die vor dieser +Glocke aushalten kann? Dann kann ich mir die längste Zeit +wegklingeln, daß sie in einem Hui fort ist." Das alte Weib dachte: +"Wollen sehen, ob er Blankes aushalten kann?" und hielt ihm Silber +hin, wohl drei Taler; er sprach: "Ich verkaufe aber die Glocke nicht." +Sie hielt ihm fünf Dukaten hin; er sprach: "Das Glöckchen bleibt +mein." Sie hielt ihm die Hand voll Dukaten hin; er sprach zum +drittenmal: "Gold ist Quark und gibt keinen Klang." Da wandte die +Alte sich und lenkte das Gespräch anderswohin und lockte ihn mit +geheimen Künsten und Segenssprechungen, wodurch sein Vieh Gedeihen +bekommen könnte, und erzählte ihm allerlei Wunder davon. Da ward er +lüstern und horchte auf. Das Ende vom Liede war, daß sie ihm sagte: +"Höre, mein Kind, gib mir die Glocke; siehe, hier ist ein weißer +Stock" (und sie holte ein weißes Stäbchen hervor, worauf Adam und Eva +sehr künstlich geschnitten waren, wie sie die paradiesischen Herden +weideten, und wie die feistesten Böcke und Lämmer vor ihnen +hintanzten; auch der Schäferknabe David, wie er ausholt mit der +Schleuder gegen den Riesen Goliath), "diesen Stock will ich dir geben +für das Glöckchen, und solange du das Vieh mit diesem Stäbchen +treibst, wird es Gedeihen haben, und du wirst ein reicher Schäfer +werden; deine Hämmel werden immer vier Wochen früher fett werden als +die Hämmel aller andern Schäfer, und jedes deiner Schafe wird zwei +Pfund Wolle mehr tragen, ohne daß man ihnen den Segen ansehen kann." +Die alte Frau reichte ihm den Stock mit einer so geheimnisvollen +Gebärde und lächelte so leidig und zauberisch dazu, daß der Junge +gleich in ihrer Gewalt war. Er griff gierig nach dem Stock und gab +ihr die Hand und sagte: "Topp, schlag ein! Die Glocke ist dein für +den Stock." Und sie schlug ein und nahm die Glocke und fuhr wie ein +leichter Wind über das Feld und die Heide hin. Und er sah sie +verschwinden, und sie deuchte ihm wie ein Nebel hinzufließen und +sanft fortzulaufen, und alle seine Haare richteten sich zu Berge. + +Der Unterirdische, der ihm die Glocke in der Verkleidung einer alten +Frau abgeschwatzt, hatte ihn nicht betrogen. Denn die Unterirdischen +dürfen nicht lügen, sondern das Wort, das sie von sich geben oder +geloben, müssen sie halten; denn wenn sie lügen, werden sie stracks +in die garstigsten Tiere verwandelt, in Kröten, Schlangen, Mistkäfer, +Wölfe und Lüchse und Affen, und müssen wohl Jahrtausende in Abscheu +und Schmach herumkriechen und herumstreichen, ehe sie erlöst werden. +Darum haben sie ein Grauen davor. Fritz Schlagenteuffel gab genau +acht und versuchte seinen neuen Schäferstab, und er fand bald, daß +das alte Weib ihm die Wahrheit gesagt hatte, denn seine Herde und all +sein Werk und seiner Hände Arbeit geriet ihm wohl und hatte ein +wunderbares Glück, so daß alle Schafherren und Oberschäfermeister +diesen Jungen begehrten. Er blieb aber nicht lange Junge, sondern +schaffte sich, ehe er noch achtzehn Jahre alt war, seine eigene +Schäferei und ward in wenigen Jahren der reichste Schäfer auf ganz +Rügen, so daß er sich endlich ein Rittergut hat kaufen können: und +das ist Grabitz gewesen hier bei Rambin, was jetzt den Herren vom +Sunde gehört. Da hat mein Vater ihn noch gekannt, wie aus dem +Schäferjungen ein Edelmann geworden war, und hat er sich auch da als +ein rechter, kluger und frommer Mann aufgeführt, der bei allen Leuten +ein gutes Lob hatte, und der hat seine Söhne wie Junker erziehen +lassen und seine Töchter wie Fräulein, und es leben noch davon und +dünken sich jetzt vornehme Leute. Und wenn man solche Geschichten +hört, möchte man wünschen, daß man auch mal so etwas erlebte und ein +silbernes Glöcklein fände, das die Unterirdischen verloren haben. + + + + +Der gläserne Schuh + + +Ein Bauer aus Rothenkirchen, Johann Wilde genannt, fand einmal einen +gläsernen Schuh auf einem der Berge, wo die kleinen Leute zu tanzen +pflegen. Er steckte ihn flugs ein und lief weg damit und hielt die +Hand fest auf der Tasche, als habe er eine Taube darin. Denn er +wußte, daß er einen Schatz gefunden hatte, den die Unterirdischen +teuer wiederkaufen müßten. Andere sagen, Johann Wilde habe die +Unterirdischen mitternächtlich belauert und einem von ihnen den Schuh +ausgezogen, indem er sich mit einer Branntweinflasche dort +hingestreckt und gleich einem Besoffenen gebärdet habe. Denn er war +ein sehr listiger und schlimmer Mensch und hatte durch seine +Verschlagenheit manchen betrogen und war deswegen bei seinen Nachbarn +gar nicht gut angeschrieben, und keiner hatte gern mit ihm zu tun. +Viele sagen auch, er habe verbotene Künste gekonnt und mit den +Unholden und alten Wettermacherinnen geheimen Umgang gepflogen. Als +er den Schuh nun hatte, tat er es denen, die unter der Erde wohnen, +gleich zu wissen, indem er um die Mitternacht zu den Neun Bergen ging +und lauten Halses schrie: "Johann Wilde in Rothenkirchen hat einen +schönen gläsernen Schuh, wer kauft ihn? Wer kauft ihn?" Denn er +wußte, daß der Kleine, der einen Schuh verliert, den Fuß solange bloß +tragen muß, bis er in wiederbekommt. Und das ist keine Kleinigkeit, +da die kleinen Leute meist auf harten und steinichten Boden treten +müssen. Der Kleine säumte auch nicht, ihn wieder einzulösen. Denn +sobald er einen freien Tag hatte, wo er an das Tageslicht hinaus +durfte, klopfte er als ein zierlicher Kaufmann an Johann Wildens Türe +und fragte, ob er nicht gläserne Schuh zu verkaufen habe? Denn die +seien jetzt eine angreifische Ware und werden auf allen Märkten +gesucht. Der Bauer antwortete, er habe einen sehr kleinen, netten +gläsernen Schuh, so daß auch eines Zwerges Fuß davon geklemmt werden +müsse, und daß Gott erst eigene Leute dazu schaffen müsse; aber das +sei ein seltener Schuh und ein kostbarer Schuh und ein teurer Schuh, +und nicht jeder Kaufmann könne ihn bezahlen. Der Kaufmann ließ ihn +sich zeigen und sprach: + +"Es ist eben nichts so Seltenes mit den gläsernen Schuhen, lieber +Freund, als Ihr hier in Rothenkirchen glaubt, weil Ihr nicht in die +Welt hinauskommet"; dann sagte er nach einigen Hms: "Aber ich will +ihn doch gut bezahlen, weil ich gerade einen Gespann dazu habe." Und +er bot dem Bauern tausend Taler. "Tausend Taler ist Geld, pflegte +mein Vater zu sagen, wenn er fette Ochsen zu Markt trieb", sprach der +Bauer spöttisch; "aber für den lumpigen Preis kommt er nicht aus +meiner Hand, und mag er meinethalben auf dem Fuße von der Docke +meiner Tochter prangen. Hör' Er, Freund, ich habe von dem gläsernen +Schuh so ein Liedchen singen hören, und um einen Quark kommt er nicht +aus meiner Hand. Kann Er nicht die Kunst, mein lieber Mann, daß ich +in jeder Furche, die ich auspflüge, einen Dukaten finde, so bleibt +der Schuh mein, und Er fragt auf anderen Märkten nach gläsernen +Schuhen." Der Kaufmann machte noch viele Versuche und Wendungen hin +und her; da er aber sah, daß der Bauer nicht nachließ, tat er ihm den +Willen und schwur's ihm zu. Der Bauer glaubte ihm's und gab ihm den +gläsernen Schuh; denn er wußte, mit wem er's zu tun hatte. Und der +Kaufmann ging mit seinem Schuh weg. + +Und nun hat der Bauer sich flugs in seinen Stall gemacht und Pferde +und Pflug bereitet und ist ins Feld gezogen und hat sich ein Stück +mit der allerkürzesten Wendung ausgesucht, und wie der Pflug die +erste Scholle gebrochen, ist der Dukaten aus der Erde gesprungen, und +so hat er's bei jeder neuen Furche wieder gemacht. Da ist des +Pflügens denn kein Ende gewesen, und der Bauer hat sich bald noch +acht neue Pferde gekauft und auf den Stall gestellt zu den achten, +die er schon hatte, und ihre Krippen sind nie leer geworden von Hafer, +damit er je alle zwei Stunden zwei frische Pferde anschirren und +desto rascher treiben könnte. Und der Bauer ist unersättlich gewesen +im Pflügen und ist immer vor Sonnenaufgang ausgezogen und hat oft +noch nach der Mitternacht gepflügt, und immerfort, immerfort, solange +die Erde nicht zu Stein gefroren war, Sommer und Winter. Er hat aber +immer allein gepflügt und nicht gelitten, daß jemand mit ihm gegangen +oder zu ihm gekommen ist; denn er wollte nicht sehen lassen, warum er +so pflügte. Und er ist weit geplagter gewesen als seine Pferde, +welche den schönen Hafer fraßen und ordentlich Schicht und Wechsel +hielten; und er ist bleich und mager geworden von dem vielen Wachen +und Arbeiten. Seine Frau und Kinder haben keine Freude mehr an ihm +gehabt; auf die Schenken und Gelage ist er nicht mehr gegangen und +hat sich allen Leuten entzogen und kaum ein Wort mehr gesprochen, +sondern ist stumm und in sich gekehrt so für sich hingegangen und hat +des Tages auf seine Dukaten gearbeitet, und des Nachts hat er sie +zählen und darauf grübeln müssen, wie er noch einen geschwinderen +Pflug erfände. Und seine Frau und die Nachbarn haben ihn bejammert +wegen seines wunderlichen Tuns und wegen seiner Stummheit und +Schwermut und haben geglaubt, er sei närrisch geworden; auch haben +alle Leute seine Frau und Kinder bedauert, denn sie meinten, durch +die vielen Pferde, die er auf dem Stalle hielt, und durch die +verkehrte Ackerwirtschaft mit dem überflüssigen Pflügen müsse er sich +um Haus und Hof bringen. So ist es aber nicht ausgefallen. Aber das +ist wahr, der arme Bauer hat keine vergnügte Stunde mehr gehabt, seit +er so die Dukaten aus der Erde pflügte, und es hat wohl mit Recht von +ihm geheißen: Wer sich dem Golde ergibt, ist schon halb in des Bösen +Klauen. Auch hat er es nicht lange ausgehalten mit diesem Laufen in +den Furchen bei Tage und Nacht. Denn als der zweite Frühling kam, +ist er eines Tages hinterm Pflug hingefallen wie eine matte +Novemberfliege und vor lauter Golddurst vertrocknet und verwelkt, da +er doch ein sehr starker und lustiger Mensch war, ehe er den +unterirdischen Schuh in seine Gewalt bekam. Seine Frau aber fand +nach ihm einen Schatz, zwei große vernagelte Kisten voll heller, +blanker Dukaten. Und seine Söhne haben sich große Güter gekauft und +sind Herren und Edelleute geworden. So macht der Teufel zuweilen +auch große Herren. Aber was hat das dem armen Johann Wilde gefrommt? + + + + +Der Alte von Granitz + + +Nicht weit von der Aalbeck liegt ein kleiner Hof namens Granitz unter +der großen waldigen Uferforst, welche auch die Granitz genannt wird. +Auf diesem Höfchen lebte vor nicht langen Jahren ein Herr von Scheele. +Dieser war in seinen späteren Tagen in Trübsinn gesunken und sah +fast keinen Menschen mehr, da er früher ein sehr munterer und +geselliger Mann und ein gewaltiger Jäger gewesen war. Diese +Einsamkeit des alten Mannes, sagen die Leute, kam daher, daß ihm drei +schöne Töchter, die man die drei schönen Blonden hieß, und die hier +in des Waldes Einsamkeit unter Herden und Vögeln aufgewachsen waren, +mit einem Male alle drei in einer Nacht davongegangen waren und nie +wiedergekommen sind. Das hatte der alte Mann sich zu Gemüt gezogen +und sich von der Welt und ihren lustigen Freuden abgewendet. Er +hatte vielen Umgang mit den kleinen Schwarzen und war auch mancher +Nacht außer dem Hause, und kein Mensch wußte, wo er gewesen war; wenn +er aber um die Morgendämmerung heimkam, flüsterte er seiner +Haushälterin zu: "Pst! Pst! Ich habe heint an hoher Tafel +geschmaust." Dieser alte Herr von Scheele pflegte seinen Freunden zu +erzählen und bekräftigte es wohl mit einem tüchtigen husarischen und +weidmännischen Fluche, in den Granitzer Tannen um die Aalbeck und an +dem ganzen Ufer wimmele es von Unterirdischen. Auch hat er Leute, +die er dort herum spazieren führte, oft eine Menge kleiner Spuren +gezeigt, wie von den allerkleinsten Kindern, die da im Sande von +ihren Füßchen einen Abdruck hinterlassen hätten, und ihnen plötzlich +zugerufen: "Horch! Wie es da wieder wispert und flüstert!" Ein ander +Mal, als er mit guten Freunden längs dem Meeresstrand gegangen, ist +er wie in Bewunderung plötzlich still gestanden, hat auf das Meer +gezeigt und gerufen: "Da sind sie meiner Seele wieder in voller +Arbeit, und viele Tausende sind um ein paar versunkene Stückfässer +Wein beschäftigt, die sie ans Ufer wälzen. Was wird das die Nacht +ein lustiges Gelag werden!" Dann hat er ihnen erzählt, er könne sie +sehen bei Tage und bei Nacht, und ihm tun sie nichts, ja sie seien +seine besonderen Freunde, und einer habe sein Haus einmal von +Feuersgefahr errettet, da er ihn nach Mitternacht aus tiefem Schlafe +aufweckte und ihm einen Feuerbrand zeigte, der vom Herde gefallen und +schon anderes Holz und Stroh, das auf der Flur lag, anzünden wollte. +Man sehe beinahe alle Tage einige von ihnen am Ufer; bei hohen +Stürmen aber, wo das Meer sehr tobe, seien sie fast alle da und +lauern auf Bernstein und Schiffbrüche, und gewiß vergehe kein Schiff, +von welchem sie nicht den besten Teil der Ladung bergen und unter der +Erde in Sicherheit bringen. Und wie herrlich da unter den Sandbergen +bei ihnen zu wohnen sei, und welche kristallene Paläste sie haben, +davon habe auch kein Mensch eine Vorstellung, der nicht da gewesen +sei. + +Dieser alte Mann galt sonst für einen guten und freundlichen Mann, +und kein Mensch hat ihm nachgesagt, daß er etwas tue, was einen Bund +mit bösen Geistern verrate. Aber der Umgang mit den kleinen +Schwarzen ist nicht immer so unschuldig. Davon gibt es auch eine +Geschichte. + + + +Der Falscheid + + +Bei dem Kirchdorfe Lancken unweit der Granitz wohnte ein Bauer namens +Matthes Pagels, ein sinniger, fleißiger Mann, der sehr einsam und +still lebte, und den die Leute für sehr reich hielten. Einige +munkelten auch, er sei ein Hexenmeister. Aber mancher wird für einen +Hexenmeister gehalten, der sein Geld durch die natürlichste Hexerei +erwirbt, daß er fleißig ist und gut aufpaßt. Dieser Pagels war aber +kein guter Mensch. Er bekam Streit mit einem seiner Nachbarn, weil +dieser ihn beschuldigte, er pflüge ihm an einer Seite den Acker ab. +Und der Bauer Pagels tat das wirklich; er fluchte und schwur aber, +das ganze Ackerstück gehöre ihm in seiner ganzen Breite, soweit er +gepflügt hatte, und noch zehn Schritte weiter bis zu der hohen Buche, +die oben an dem Rain stand; und das wollte er durch Eid und Schriften +beweisen. Und er hat es bewiesen durch Eid und Urkunden und ein +Papier vorgebracht, wodurch der Acker sein geworden ist. Die Leute +sagen aber, zwei von den kleinen Schwarzen, die ihm auch das Geld in +das Haus getragen, haben das falsche Papier geschmiedet und in der +großen höllischen Staatskanzlei des Teufels geschrieben und besiegelt. +Matthes Pagels aber hat schon bei seinem Leben die Strafe dafür +gehabt, daß er weder Kraft noch Ruhe hatte vor seinen kleinen +Geistern: jede Nacht um zwölf Uhr mußte er mit aller Gewalt aus dem +Bette und auf dem Ackerstück rundwandeln und auf die hohe Buche +klettern und dort zwei volle Glockenstunden aushalten und frieren. +Noch sieht man ihn zuweilen da als einen kleinen Mann im grauen Rocke +mit einer weißen Schlafmütze auf dem Kopfe; gewöhnlich sitzt er aber +wie eine schneeweiße Eule auf dem Baume, sobald die Mitternacht +vorbei ist, und schreit ganz jämmerlich. Und kein Mensch kommt dem +Baume gern zu nahe, und kein Pferd ist da auf dem Wege +vorbeizubringen, sondern sie schnauben und blasen und bäumen sich und +gehen auch mit dem besten Reiter durch und querfeldein. Als meine +selige Mutter, die in Lancken geboren war, noch ein Kind war, sangen +die Leute noch vom Matthes Pagels und seiner Buche: + +Pagels mit de witte Mütz, +Wo koold un hoch is din Sitz! +Up de hoge Bök +Un up de kruse Eek +Un achter'm hollen Tuun; +Worüm kannst du nich ruhn? + +Darüm kann ick nich rasten: +Dat Papier liggt im Kasten, +Un mine arme Seel +Brennt in de lichte Höll. + + + + +Rattenkönig Birlibi + + +Ich will die Geschichte erzählen von dem Rattenkönig Birlibi, eine +Geschichte, die mir Balzer Tievs aus Preseke oft erzählt hat nebst +vielen andern Geschichten. Balzer war ein Knecht, der auf meines +Vaters Hofe diente, als ich acht, neun Jahre alt war, ein Mensch von +schalkischen Einfällen, der viele Geschichten und Märchen wußte. Die +Geschichte von dem Rattenkönig Birlibi lautet also: + +In dem stralsundischen Dorfe Altenkamp, welches zwischen Garz und +Putbus seitwärts am Strande liegt, hat vormals ein reicher Bauer +gelebt, der hieß Hans Burwitz. Das war ein ordentlicher, kluger Mann, +dem alles, was er angriff, geriet, und der im ganzen Dorfe die beste +Wehr hatte. Er hatte sechzehn Kühe, vierzig Schafe, acht Pferde und +zwei Füllen auf dem Stalle und in den Koppeln, glatt wie die Aale und +von so guter Zucht, daß seine Füllen auf dem Berger Pferdemarkt immer +zu acht bis zehn Pistolen das Stück bezahlt wurden. Dazu hatte er +sechs hübsche Kinder, Söhne und Töchter, und es ging ihm so wohl, daß +die Leute ihn wohl den reichen Bauer zu Altenkamp zu nennen pflegten. +Dieser Mann ist durch nächtliche Gänge im Walde um all sein Vermögen +gekommen. + +Hans Burwitz war auch ein starker Jäger, besonders hatte er eine +treffliche Witterung auf Füchse und Marder und war deswegen oft des +Nachts im Walde, wo er seine Eisen gelegt hatte und auf den Fang +lauerte. Da hat er im Dunkeln und im Zwielichte der Dämmerung und +des Mondscheins manche Dinge gesehen und gehört, die er nicht +wiedererzählen mochte, wie denn im Walde des Nachts viel Wunderliches +und Absonderliches vorgeht; aber die Geschichte von dem Rattenkönig +Birlibi hat man von ihm erfahren. Hans Burwitz hatte in seiner +Kindheit oft von einem Rattenkönig erzählen hören, der eine goldene +Krone auf dem Kopfe trage und über alle Wiesel, Hamster, Ratten, +Mäuse und anderes dergleichen Springinsfeldisches und leichtes +Gesindel herrsche und ein gewaltiger Waldkönig sei; aber er hatte nie +daran glauben wollen. Manches liebe Jahr war er auch im Walde auf +Fuchs- und Marderfang und Vogelstellerei rundgegangen und hatte vom +Rattenkönig auch nicht das mindeste weder gesehen noch gehört. Da +mochte der Rattenkönig aber wohl in einer anderen Gegend sein Wesen +getrieben haben. Denn er hat viele Schlösser in allen Ländern unter +den Bergen und zieht beinahe jedes Jahr auf ein anderes Schloß, wo er +sich mit seinen Hofherren und Hofdamen erlustigt. Denn er lebt wie +ein sehr vornehmer Herr, und der Großmogul und König von Frankreich +kann keine bessere Tage haben, und die Königin von Antiochien hat sie +nicht gehabt, die ihr Vermögen in Herzen von Paradiesvögeln und +Gehirnen von Nachtigallen aufgefressen hat. Und das glaube nur nicht, +daß dieser Rattenkönig und seine Freunde Nüsse und Weizenkörner und +Milch je an ihren Schnabel bringen; nein, Zucker und Marzipan ist ihr +tägliches Essen, und süßer Wein ist ihr Getränk, und leben besser als +König Salomon und Feldhauptmann Holofernes. + +Nun ging Hans Burwitz wieder einmal nach Mitternacht in den Wald und +war auf der Fuchslauer. Da hörte er aus der Ferne ein vielstimmiges +und kreischendes Getöse, und immer klang mit heller Stimme heraus: +Birlibi! Birlibi! Birlibi! Da erinnerte er sich des Märchens vom +Rattenkönig Birlibi, das er oft gehört hatte, und er dachte: "Willst +mal hingehen und zusehen, was es ist!" Denn er war ein beherzter Mann, +der auch in der stockfinstersten Nacht keine Furcht kannte. Und er +war schon auf dem Sprunge zu gehen, da bedachte er das Sprichwort: +"Bleib weg, wo du nichts zu tun hast, so behältst du deine Nase"; +aber das Birlibi tönte ihm nach, solange er im Walde war. Und die +andere Nacht und die dritte Nacht war es wieder ebenso. Er aber ließ +sich nichts anfechten und sprach: "Laß den Teufel und sein Gesindel +ihr tolles Wesen treiben, wie sie wollen! Sie können dem nichts tun, +der sich nicht mit ihnen abgibt." Wollte Gott, Hans hätte es immer so +gehalten! Aber die vierte Nacht hat es ihn übermächtigt, und er ist +wirklich in die bösen Stricke geraten. + +Es ist der Walpurgisabend gewesen, und seine Frau hat ihn gebeten, er +möge diese Nacht nur nicht in den Wald gehen, denn es sei nicht +geheuer, und alle Hexenmeister und Wettermacherinnen seien auf den +Beinen, die können ihm was antun; denn in dieser Nacht, die das ganze +höllische Heer loslasse, sei schon mancher Christenmensch zu Schaden +gekommen. Aber er hat sie ausgelacht und hat es eine weibische +Furcht genannt und ist seines gewöhnlichen Weges in den Wald gegangen, +als die andern zu Bett waren. Da ist ihm aber der König Birlibi zu +mächtig geworden. Anfangs war es diese Nacht im Walde eben wie die +vorigen Nächte, es tosete und lärmte von fern, und das Birlibi klang +hell darunter; und was über seinem Kopfe durch die Wipfel der Bäume +schwirrte und pfiff und rauschte, das kümmerte Burwitz nicht viel, +denn an Hexerei glaubte er gar nicht und sagte, es seien nur +Nachtgeister, wovor dem Menschen graue, weil er sie nicht kenne, und +allerlei Blendwerke und Gaukeleien der Finsternis, die dem nichts tun +können, der keinen Glauben daran habe. Aber als es nun Mitternacht +ward und die Glocke zwölf geschlagen hatte, da kam ein ganz anderes +Birlibi aus dem Walde hervor, daß Hansen die Haare auf dem Kopfe +kribbelten und sauseten und er davonlaufen wollte. Aber die waren +ihm zu geschwind, und er war bald mitten unter dem Haufen und konnte +nicht mehr heraus. + +Denn als es zwölf geschlagen hatte, tönte der ganze Wald mit einem +Male wie von Trommeln und Pauken und Pfeifen und Trompeten, und es +war so hell darin, als ob er plötzlich von vielen tausend Lampen und +Kerzen erleuchtet worden wäre. Es war aber diese Nacht das große +Hauptfest des Rattenkönigs, und alle seine Untertanen und Leute und +Mannen und Vasallen waren zur Feier desselben aufgeboten. Und es +schienen alle Bäume zu sausen und alle Büsche zu pfeifen und alle +Felsen und Steine zu springen und zu tanzen, so daß Hansen +entsetzlich bange ward; aber als er weglaufen wollte, verrannten ihm +so viele Tiere den Weg, daß er nicht durchkommen konnte und sich +ergeben mußte, stehenzubleiben, wo er war. Es waren da die Füchse +und die Marder und die Iltisse und Wiesel und Siebenschläfer und +Murmeltiere und Hamster und Ratten und Mäuse in so zahlloser Menge, +daß es schien, sie waren aus der ganzen Welt zu diesem Feste +zusammengetrommelt. Sie liefen und sprangen und hüpften und tanzten +durcheinander, als ob sie toll waren; sie standen aber alle auf den +Hinterfüßen, und mit den Vorderfüßen trugen sie grüne Zweige aus +Maien und jubelten und toseten und heulten und kreischten und pfiffen +jeder auf seine Weise. Kurz, es war das ganze leichte Diebsgesindel +der Nacht beisammen und machten gar ein scheußliches Geläute und +Gebimmel und Getümmel durcheinander. In den Lüften ging es ebenso +wild als auf der Erde; da flogen die Eulen und Krähen und Käuze und +Uhus und Fledermäuse und Mistkäfer bunt durcheinander und +verkündigten mit ihren gellenden und kreischenden Kehlen und mit +ihren summenden und schwirrenden Flügeln die Freude des hohen Tages. + +Als Hans erschrocken und erstaunt sich mitten in dem Gewimmel und +Geschwirr und Getöse befand und nicht wußte, wo aus noch ein, siehe, +da leuchtete es mit einem Male heller auf, und nun sangen viele +tausend Stimmen zugleich, daß es in fürchterlich grauslicher +Feierlichkeit durch den Walde schallte und Hansen das Herz im Leibe +bebte: + +Macht auf! Macht auf! Macht auf die Pforten! +Und wallet her von allen Orten! +Geladen seid ihr allzugleich; +Der König ziehet durch sein Reich. + +Ich bin der große Rattenkönig. +Komm her zu mir, hast du zu wenig! +Von Gold und Silber ist mein Haus, +Das Geld mess' ich mit Scheffeln aus. + +So klang es im feierlichen und langsamen Gesange fort, und dann +schallten immer wieder einzelne kreischende und gellende Stimmen mit +widerlichem Laute darunter Birlibi! Birlibi! Und die ganze Menge +rief Birlibi! nach, daß es durch den Wald schallte. Und es war der +Rattenkönig, welcher einhergezogen kam. Er war ungeheuer groß wie +ein Mastochs und saß auf einem goldenen Wagen und hatte eine goldene +Krone auf dem Haupte und hielt ein goldenes Zepter in der Hand, und +neben ihm saß seine Königin und hatte auch eine goldene Krone auf und +war so fett, daß sie glänzte; und sie hatten ihre langen kahlen +Schwänze hinter sich zusammengeschlungen und spielten damit, denn +ihnen war sehr wohlig zumute. Und diese Schwänze waren das +Allerscheußlichste, was man da sah; aber der König und die Königin +waren auch scheußlich genug. Und der Wagen, worin sie saßen, ward +von sechs magern Wölfen gezogen, die mit den Zähnen fletschten, und +zwei lange Kater standen als Heiducken hinten auf und hielten +brennende Fackeln und miauten entsetzlich. Dem Rattenkönig und der +Rattenkönigin war aber vor ihnen nicht bange; sie schienen hier zu +gewaltige Herren und Könige über alle zu sein. Es gingen auch zwölf +geschwinde Trommelschläger dem Wagen voran und trommelten. Das waren +Hasen; die müssen die Trommel schlagen und andern Mut machen, weil +sie selbst keinen haben. + +Hansen war schon bange genug gewesen; jetzt aber, als er den +Rattenkönig und die Rattenkönigin und die Wölfe und Kater und Hasen +so miteinander sah, da schauderte ihm die Haut auf dem ganzen Leibe, +und sein sonst so tapferes Herz wollte fast verzagen, und er sprach +bei sich: "Hier mag der Henker länger bleiben, wo alles so wider die +Natur geht! Ich habe auch wohl von Wundern gelesen und gehört; aber +sie gingen doch immer etwas natürlich zu. Daß dies aber buntes +Teufelsspiel ist und teuflisches Pack, sieht man wohl. Wer nur +heraus wäre!" + +Und Hans machte noch einen Versuch, sich heraus zu drängen; aber der +Zug brauste immer frisch fort durch den Wald, und Hans mußte mit. So +ging es, bis sie an eine äußerste Ecke des Waldes kamen. Da war ein +offenes Feld und hielten viele hundert Wagen, die mit Speck und +Fleisch und Korn und Nüssen und anderen Eßwaren beladen waren. Einen +jeden Wagen fuhr ein Bauer mit seinen Pferden, und die Bauern trugen +die Säcke Korn und das Speck und die Schinken und Mettwürste und was +sie sonst geladen, hinab in den Wald, und als sie Hans Burwitz stehen +sahen, riefen sie ihm zu: "Komm! Hilf auch tragen!" Und Hans ging +hin und lud mit ab und trug mit ihnen; er war aber so verwirrt, daß +er nicht wußte, was er tat. Es deuchte ihm aber in dem Zwielichte, +als sehe er unter den Bauern bekannte Gesichter, und unter andern den +Schulzen aus Krakvitz und den Schmied aus Casnevitz; er ließ sich +aber nichts merken, und jene taten auch wie unbekannte Leute. Mit +den Bauern aber hatte es die Bewandnis: sie hatten sich dem +Rattenkönig und seinem Anhange zum Dienst ergeben und mußten ihnen in +der Walpurgisnacht, wo des Rattenkönigs großes Fest steht, immer den +Raub zu dem Walde fahren, den Rattenkönigs Untertanen einzeln aus +allen Orten der Welt zusammengemaust und zusammengestohlen hatten. +Und Hans kam nun auch ganz unschuldig dazu und wußte nicht wie. +Sowie die Säcke und das andere in den Wald getragen wurden, war das +wilde Diebsgesindel darüber her, und es ging Grips! Graps! und Rips! +Raps! hast du mir nicht gesehen, und jeder griff zu und schleppte +sein Teil fort, so daß ihrer immer weniger wurden. Der König aber +hielt noch da in seinem hohen und prächtigen Wagen, und es tanzeten +und toseten und lärmten noch einige um ihn. Als aber alle Wagen +abgeladen waren, da kamen wohl hundert große Ratten und gossen Gold +aus Scheffeln auf das Feld und auf den Weg und sangen dazu: + +Hände her! Mützen her! +Wer will mehr? Wer will mehr? +Lustig! Lustig! Heut geht's toll, +Lustig! Händ' und Mützen voll! + +Und die Bauern fielen wie die hungrigen Raben über das ausgeschüttete +Gold her und griffelten und graffelten und drängten und stießen sich, +und jeder raffte so viel auf von dem roten Raube, als er habhaft +werden konnte, und Hans war auch nicht faul und griff rüstig mit zu. +Und als sie in bester Arbeit waren wie Tauben, worunter man Erbsen +geworfen, siehe, da krähete der Morgenhahn, wo das heidnische und +höllische Reich auf der Erde keine Macht mehr hat--und in einem hui +war alles verschwunden, als wäre es nur ein Traum gewesen, und Hans +stand ganz allein da am Walde. Und der Morgen brach an, und er ging +mit schwerem Herzen nach Hause. Er hatte aber auch schwere Taschen +und schönes rotes Gold darin; das schüttete er nicht aus. Seine Frau +war ganz ängstlich geworden, daß er so spät zu Hause kam, und sie +erschrak, als sie ihn so bleich und verstört sah, und fragte ihn +allerlei. Er aber fertigte sie nach seiner Gewohnheit mit Scherz ab +und sagte ihr nicht ein Sterbenswörtchen von dem, was er gesehen und +gehört hatte. + +Hans zählte sein Gold (es war ein hübsches Häuflein Dukaten), legte +es in den Kasten und ging die ersten Monate nach diesem Abenteuer +nicht in den Wald. Er hatte ein heimliches Grauen davor. Dann +vergaß er, wie es dem Menschen geht, die Walpurgisnacht und ihr +schauerliches und greuliches Getümmel allmählich und ging nach wie +vor im Mond- und Sternenschein auf seinen Fuchs- und Marderfang. Von +dem Rattenkönig und seinem Birlibi sah und hörte er nichts mehr und +dachte zuletzt selten daran. Aber als es gegen den Frühling ging, +veränderte sich alles; er hörte zuweilen um die Mitternacht wieder +das Birlibi klingen, daß seine mattesten Haare auf dem Kopfe ihm +lebendig wurden, und lief dann zwar immer geschwinde aus dem Walde, +hatte aber dabei doch seine heimlichen Gedanken auf die +Walpurgisnacht; und weil das, was die Menschen bei Tage denken, ihnen +bei Nacht im Traume wiederkommt und allerlei spielt und spiegelt und +gaukelt, so blieb auch der Rattenkönig mit seiner Nachtgaukelei nicht +aus, und Hans träumte oft, als stehe der Rattenkönig vor seiner Türe +und klopfe an; und er machte ihm dann auf und sah ihn leibhaftig, wie +er damals in dem Wagen gesessen, und er war nun ganz von lauterem +Golde und auch nicht so häßlich, als er ihm damals vorgekommen, und +Rattenkönig sang ihm mit der allersüßesten Stimme, von der man nicht +glauben wollte, daß eine Rattenkehle sie haben könnte, den Vers vor: + +Ich bin der große Rattenkönig. +Komm her zu mir, hast du zu wenig! +Von Gold und Silber ist mein Haus, +Das Geld mess' ich mit Scheffeln aus. + +Und dann kam er dicht zu ihm heran und flüsterte ihm ins Ohr: "Du +kommst doch wieder zur Walpurgisnacht, Hans Burwitz, und hilfst Säcke +tragen und holst dir deine Taschen voll Dukaten?" Zwar hatte Hans, +wann er aus solchen Träumen erwachte, neben der Freude über das Gold +immer ein Grauen, und er sprach dann wohl: "Warte nur, Prinz Birlibi, +ich komme dir nicht zu deinem Feste!" Aber es ging ihm, wie es andern +Leuten auch gegangen ist, und das alte Sprichwort sollte an ihm auch +wahr werden: Wen der Teufel erst an einem Faden hat, den führt er +auch wohl bald am Strick. Genug, je näher die Walpurgisnacht kam, +desto mehr wuchs in Hans die Gier, auch dabei zu sein. Doch nahm er +sich fest vor, dem Bösen diesmal nicht den Willen zu tun, und ging +den Walpurgisabend auch glücklich mit seiner Frau zu Bett. Aber er +konnte nicht einschlafen; die Wagen mit den Säcken und die Bauern und +die großen Ratten, die das Gold aus Scheffeln auf den Boden +schütteten, fielen ihm immer wieder ein, und er konnte es nicht +länger aushalten im Bette, er mußte aufstehen und sich von der Frau +fortschleichen und in den finstern Wald laufen. Und da hat er diese +zweite Nacht ebenso wieder erlebt als das erstemal. Er hatte sich +ein Säckchen mitgenommen für das Gold und hatte auch viel reichlicher +eingesammelt als das vorige Jahr. + +Nun deuchte ihm, habe er des Goldes genug, und er tat einen hohen +Schwur, er wolle sich nimmer wieder in die Versuchung geben und auch +nie wieder in den Wald gehen. Und er hat den Schwur gehalten und +sich selbst überwunden, daß er nicht in den Wald gegangen ist und +keine Walpurgisnacht wieder mitgehalten hat, so oft ihm auch noch von +dem Birlibi und dem goldenen Rattenkönige geträumt hat. Er hat das +aber nicht in seinem Herzen sitzen lassen, sondern hat es mit +eifrigem Gebet wieder ausgetrieben und den Bösen endlich müd, gemacht, +daß er von ihm gewichen ist. So war manches Jahr vergangen, und +Hans hieß ein sehr reicher Mann. Er hatte sich für seine Dukaten +Dörfer und Güter gekauft und war ein Herr geworden. Es munkelte auch +unter den Leuten, es gehe nicht mit rechten Dingen zu mit seinem +Reichtum; aber keiner konnte ihm das beweisen. Aber endlich ist der +Beweis gekommen. + +Der Böse lauerte auf den armen Mann, an dem er schon einige Macht +gewonnen hatte. Er war ergrimmt auf ihn, weil er von seinen hohen +Festen in der Walpurgisnacht ganz ausblieb, und als Hans einmal +wieder mit sündlicher Lüsternheit an das Goldsammeln gedacht und +darüber das Abendgebet vergessen, auch einige unchristliche Flüche +über eine Kleinigkeit getan hatte, hat er mit seinem Gesindel +hervorbrechen können, und Hans hat nun gelernt, was das goldene +Spielwerk des Königs Birlibi eigentlich auf sich habe. Seit dieser +Zeit hat Hans weder Stern noch Glück mehr in seiner Wirtschaft gehabt. +Wieviel er sich auch abmattete, er konnte nichts mehr vor sich +bringen, sondern es ging von Tage zu Tage mehr rückwärts. Seine +ärgsten Feinde aber waren die Mäuse, die ihm im Felde und in den +Scheunen das Korn auffraßen, die Wiesel, Ratten und Marder, die ihm +die Hühner, Enten und Tauben abschlachteten, die Füchse und Wölfe, +die seine Lämmer, Schafe, Füllen und Kälber holten. Kurz, das +Gesindel hat es so arg gemacht, daß Hans in wenigen Jahren um Güter +und Höfe, um Pferde und Rinder, um Schafe und Kälber gekommen ist und +zuletzt nicht ein einziges Huhn mehr hat sein nennen können. Er hat +als ein armer Mann mit dem Stock in der Hand nebst Weib und Kindern +von Haus und Hof gehen und sich auf seinen alten Tagen als Tagelöhner +ernähren müssen. + +Da hat er oft die Geschichte erzählt, wie er zu dem Reichtum gekommen +und aus dem Bauern ein Edelmann geworden ist, und hat Gott gedankt, +daß er Ratten und Mäuse als seine Bekehrer geschickt und ihn so arm +gemacht hat. "Denn sonst", hat der arme Mann gesagt, "Wäre ich wohl +nicht in den Himmel gekommen, und der Teufel hätte seine Macht an mir +behalten, und ich hätte dort jenseits endlich auch nach des +Rattenkönigs Pfeife tanzen müssen." Das hat er auch dabei erzählt, +daß solches Gold, das man auf eine so wundersame und heimliche Weise +gewinne, doch keinen Segen in sich habe; denn ihm sei bei allen +seinen Schätzen doch nie so wohl ums Herz gewesen als nachher in der +bittersten Armut; ja, er sei ein elenderer Mann gewesen, da er als +Junker mit Sechsen gefahren, als nachher, da er oft froh gewesen, +wenn er des Abends nur Salz und Kartoffeln gehabt habe. + + + + +Das brennende Geld + + +Drei Bauern kamen eine Herbstnacht oder vielmehr früh, als es mehr +gegen den Morgen ging, von einer Hochzeit aus dem Kirchdorf Lancken +geritten. Sie waren Nachbarn, die in einem Dorfe wohnten, und ritten +des Weges miteinander nach Hause. Als sie nun aus einem Walde kamen, +sahen sie an einem kleinen Busche auf dem Felde ein großes Feuer, das +bald wie ein glühender Herd voll Kohlen glimmte, bald wieder in +hellen Flammen aufloderte. Sie hielten still und verwunderten sich, +was das sein möge, und meinten endlich, es seien wohl Hirten und +Schäfer, die es gegen die Nachtkälte angezündet hätten. Da fiel +ihnen aber wieder ein, daß es am Schlusse Novembers war, und daß in +dieser Jahreszeit keine Hirten und Schäfer im Felde zu sein pflegen. +Da sprach der jüngste von den dreien, ein frecher Gesell: "Nachbarn, +hört! Da brennt unser Glück! Und seid still und lasset uns +hinreiten und jeden seine Taschen mit Kohlen füllen; dann haben wir +für all unser Leben genug und können den Grafen fragen, was er für +sein Schloß haben will." Der älteste aber sprach: "Behüte Gott, daß +ich in dieser späten Zeit aus dem Wege reiten sollte! Ich kenne den +Reiter zu gut, der da ruft: Hoho! Hallo! Halt den Mittelweg!" Der +zweite hatte auch keine Lust. Der jüngste aber ritt hin, und was +sein Pferd auch schnob und sich wehrte und bäumte, er brachte es an +das Feuer, sprang ab und füllte sich die Taschen mit Kohlen. Die +andern beiden hatte die Angst ergriffen, und sie waren im sausenden +Galopp davongejagt, und er ließ sie auch ausreißen und holte sie +dicht vor Vilmnitz wieder ein. Sie ritten nun noch ein Stündchen +miteinander und kamen schweigend in ihrem Dorfe an, und keiner konnte +ein Wort sprechen. Die Pferde waren aber schneeweiß von Schaum, so +hatten sie sich abgelaufen und abgeängstigt. Dem Bauer war auch +ungefähr so zumute gewesen, als habe der Feind ihn schon beim Schopf +erfaßt gehabt. Es brach der helle, lichte Morgen an, als sie zu +Hause kamen. Sie wollten nun sehen, was jener gefangen habe, denn +seine Taschen hingen ihm schwer genug hinab, so schwer, als seien sie +voll der gewichtigsten Dukaten. Er langte hinein, aber au weh! er +brachte nichts als tote Mäuse an den Tag. Die andern beiden Bauern +lachten und sprachen: "Da hast du deine ganze Teufelsbescherung! Die +war der Angst wahrhaftig nicht wert!" Vor den Mäusen aber schauderten +sie zusammen, versprachen ihrem Gesellen jedoch, keinem Menschen ein +Sterbenswort von dem Abenteuer zu sagen. + +Man hätte denken sollen, dieser Bauer mit den toten Mäusen habe nun +für immer genug gehabt; aber er hat noch weiter gegrübelt über den +Haufen brennender Kohlen und bei sich gesprochen: "Hättest du nur ein +paar Körnlein Salz in der Tasche gehabt und geschwind auf die Kohlen +streuen können, so hätte der Schatz wohl oben bleiben müssen und +nicht weggleiten können." Und er hat die nächste Nacht wieder +ausreiten müssen mit großem Schauder und Grauen, aber er hat es doch +nicht lassen können; denn die Begier nach Geld war mächtiger als die +Furcht. Und er hat es wieder brennen sehen genau an der gestrigen +Stelle; bei Tage aber war da nichts zu sehen, sondern sie war +grasgrün. Und er ist hingeritten und hat das Salz hineingestreuet +und seine Taschen voll Kohlen gerafft, und so ist er im sausenden +Galopp nach Hause gejagt und hat sich gehütet, daß er einen Laut von +sich gegeben noch jemand begegnet ist; denn dann ist es nicht richtig. +Aber er hat doch nichts als Kohlen in der Tasche gehabt und ein +paar Schillinge, die von den Kohlen geschwärzt waren. Da hat er sich +königlich gefreut, als sei dies der Anfang des Glückes und das +Handgeld, das die Geister ihm gegeben haben. Er mochte aber die paar +losen Schillinge von ungefähr in der Tasche gehabt haben, als er +ausritt. Und die Schillinge haben dem armen Mann, der sonst ein +fleißiger, ordentlicher Bauer war, keine Rast noch Ruhe mehr gelassen; +jede Nacht, die Gott werden ließ, hat er ausreiten müssen und seine +besten Pferde dabei tot geritten. Man hat es aber nicht gemerkt, daß +er Schätze gefunden hat, sondern seine Wirtschaft hat von Jahr zu +Jahr abgenommen, und endlich ist er auf einer Nachtfahrt gar einmal +verschwunden. Und man hat von ihm und von seinem Pferde nie etwas +wieder gesehen; seinen Hut aber haben die Leute in dem Schmachter See +gefunden. Da muß der böse Feind ihn als Irrlicht hineingelockt haben; +denn er braucht solche Künste gegen die, welche sich mit ihm +einlassen und ihn suchen. + + + + +Kater Martinchen + + +Auf der Halbinsel Wittow auf Rügen ist ein Dorf, das heißt Putgarten, +nicht weit von dem berühmten Vorgebirge Arkona, wo der alte +heidnische Götze Swantewit weiland seinen Tempel gehabt und sein +wüstes Wesen getrieben hat. In diesem Dorfe Putgarten lebte eine +reiche Bäuerin, die hieß Trine Pipers. Sie war jung Witwe geworden +und hatte keine Kinder, wollte auch nicht wieder freien, obgleich +viele Freier um sie warben, denn sie war ein sehr schönes und +frisches Weib. Das konnten die Leute nicht recht begreifen, zumal da +sie sonst immer lustig und munter war und bei keinem Tanze und Gelage +fehlte. Denn das mußte man sagen, einen aufgeräumteren Menschen gab +es nicht als diese Bäuerin, und kein Haus hatte so viel Lustigkeit +als das ihrige. Alle hohen Feste hatte es Tanz und Spiel bei ihr; +die Fasten wurden von Anfang bis zu Ende durchgehalten und mit +Schmäusen, Spielen und Tänzen gefeiert, Pfingsten und am Johannistage +ward unter grünen Lauben getanzt, und am Martinstage setzte keine +Bäuerin so viele gebratene Gänse auf, und wenn sie ihr Korn +eingebracht, wenn sie Ochsen oder Schweine geschlachtet oder Wurst +gemacht hatte, mußte die ganze Nachbarschaft sich mit freuen und mit +ihr schmausen. Kurz, diese Bäuerin lebte so prächtig, daß kaum eine +Edelmannsfrau besser leben konnte. In ihrem Hause war alles nett und +tüchtig und fast über das Vermögen einer Bäuerin zierlich. Ebenso +lustig und tüchtig sah es auf ihrem Hofe und in ihren Ställen aus. +Ihre Pferde glänzten immer wie die Aale, und man hätte sie Sommer und +Winter als Spiegel gebrauchen können; ihre Kühe waren die schönsten +und gedeihlichsten im ganzen Dorfe und hatten immer volle Euter; ihre +Hühner legten zweimal des Tages, und von ihren Gänseeiern war nie +eines schier, sondern jedes gab ein Junges. Weil ihr Haus lustig und +sie freigebig war, so hatte sie auch immer die schönsten und +flinksten Knechte und Dirnen auf ganz Wittow. + +So lebte Trine manches Jahr, und kein Mensch konnte begreifen, wie +sie als Bäuerin das Leben so halten und durchsetzen konnte, und viele +hatten schon gesagt: "Nun, die wird auch bald vor den Türen +herumschleichen und schnurren gehen." Aber sie focht und schnurrte +nicht herum, sondern blieb die reiche und lustige Trine Pipers nach +wie vor. Andere, die dies lustige Leben so mit ansahen, meinten, es +gehe nicht mit natürlichen Dingen zu; sie habe Umgang und +Gemeinschaft mit bösen Geistern, und die bringen es ihr alles ins +Haus und geben ihrem Vieh und ihren Früchten so wunderbaren Segen und +Gedeihen--als wenn Gott nicht der beste und einzige Segenbringer und +Segensprecher wäre. Viele wollten bei nächtlicher Weile einen +Drachen gesehen haben, der wie ein langer feuriger Schwanz auf ihr +Haus herabgeschossen sei; das sei ihr heimlicher Buhler, der hänge +ihr den Wiem voll Schinken und Mettwürste, fülle ihr die Kisten und +Kasten mit Silber und Gold und stehe mit am Butterfasse und helfe +buttern und gehe mit in den Stall und helfe melken. Andere, noch +boshafter, sagten, sie selbst sei eine Hexe und könne sich unsichtbar +machen: so schleiche sie den Nachbarn in die Häuser, stehle aus +Keller und Speisekammer, nehme den Hühnern die Eier aus den Nestern, +melke die Kühe und rupfe den Schafen die Wolle und den Gänsen die +Dunen aus. Darum sei sie so glatt und glau und könne soviele +Wohlleben ausrichten und ein Leben führen, als wenn es alle Tage +Sonntag wäre. Das bemerkten einige Nachbarsleute noch und +schüttelten die Köpfe dabei, daß Trine eine leidige Freundlichkeit +habe, womit sie wohl hexen könne, und daß sie Kindern nie in die +Augen sehe, wieviel sie auch sonst mit ihnen schmeichle und kose; +denn sie habe als Hexe kein Kind in ihren Augen, und es tue ihr sehr +wehe, wenn sie den unschuldigen Kindern, die noch nichts verbrochen +haben, in ihre reinen Augen schauen müsse. + +So lief allerlei Geschwätz unter den Leuten rund, und sie flüsterten +und munkelten viel über Trine Pipers; aber sie konnten ihr doch +nichts anhaben und beweisen. Sie tat all ihr Werk tüchtig vor den +Leuten, war redlich in Handel und Wandel, ging fleißig zur Kirche und +gab Priester und Küster willig und freundlich das Ihrige und hatte +immer eine offene Tasche und einen offenen Brotkorb für die Armen, +wenn sie an ihre Türe kamen. Auch gingen die, welche ihr die Ehre so +hinter ihrem Rücken zerwuschen, recht gern zu ihren Festen und Tänzen +und schmeichelten und heuchelten ihr. + +Trine Pipers hatte auf diese Weise wohl zwanzig Jahre ihre Wirtschaft +geführt, und alles war ihr immer nach Wunsch geraten. Da bekam sie +einen bunten Kater ins Haus, und bald ging im Dorfe und in der +Nachbarschaft das Gerede: der sei es, das sei der Gewaltige, nun sei +es endlich zum Vorschein gekommen, und auch ein Kind könne es sehen, +der trage ihr all das Glück zu. Denn leider sind die meisten +Menschen so, daß sie meinen, es müsse mit einem Menschen was +Heimliches oder Ungeheures sein, wenn er die Narrenkappe des Lebens +nicht gerade so trägt wie sie, und wenn er die Schellen daran nicht +ebenso klingen läßt. + +Ein bunter Kater ward in Trines Hause gesehen, und kein Mensch wußte, +wo der Kater hergekommen war. Trine lächelte und machte einen Scherz, +wenn man sie fragte, und sagte es nicht. Einigen hatte sie wohl +gesagt, sie habe einen Bruder, der sei Schiffer in Stockholm, der +habe ihr den schönen Kater einmal aus Lissabon mitgebracht; aber das +glaubten sie nicht. Der Kater war groß, bunt und schön, grau mit +gelben Streifen über dem Rücken und hatte einen weißen Fleck am +linken Vorderfuß. Da schrien die alten Weiber: "Da sehen wir's ja, +da haben wir's! Einen dreifarbigen Kater? Wer hat in seinem Leben +gesehen oder gehört, daß es Kater mit drei Farben gibt?" Trine liebte +den Kater sehr und saß manche Stunde mit ihm allein und spielte mit +ihm, der mit wohlgefälligem Brummen seinen Kopf an ihr streichelte +und gegen alles, war ihr zu nah kam, ausprustete und aufpfuchsete: +die arme Trine ward älter, die arme Trine hatte keine Kinder, sie +mußte was zu spielen haben. So saß sie nun manche Stunde, wo sie +sich sonst draußen in ihrer Wirtschaft tummelte, still in der Stube +und spielte mit ihrem Martinichen; denn so rief sie den Kater. +Martinichen und Mieskater Martinichen klang es in der Stube, +Martinichen klang es auf der Flur, Martinichen auf der Treppe und auf +dem Boden. Keinen Tritt und Schritt tat sie, Martinichen war immer +dabei, und von dem Vorratsboden und aus der Speisekammer brachte er +immer seine Bescherung mit im Munde. Kurz, der bunte Kater +Martinichen aus Lissabon war ihre Puppe und ihr Spielzeug; er stand +mit ihr auf und ging mit ihr zu Bette, ja sie ging nicht in die +Nachbarschaft, daß sie ihr Martinichen nicht unterm Arm trug; +Martinichen leckte von ihrem Teller und lappte aus ihrem Napf, er war +der Liebling, er durfte alles, keiner durfte ihm was tun: Hunde +wurden herausgejagt, die ihn beißen wollten, ein Knecht ward +verabschiedet, weil er ihn Murrkater und Brummkater, Speckfresser und +Mausedieb genannt hatte. + +Dies gab Geschichten und Lügen und Märchen im ganzen Dorfe, bald im +ganzen Kirchspiele, dann im ganzen Ländchen: Trine hieß eine Hexe, +die einen wundersamen Kater habe, mit dem es nicht richtig sei, und +vor dem man sich hüten müsse. Das sei ein Kater, einen solchen +zweiten werde man in der ganzen Welt umsonst suchen; den ganzen Tag +tue er nichts als fressen und sich hinstrecken und sonnen oder auf +Trines Knien herumwälzen, des Nachts liege er auf ihrem Bette bis an +den lichten Morgen, und doch finde der Knecht, wenn er morgens frühe +zur ersten Fütterung in den Pferdestall gehe, immer zwei große Haufen +toter Ratten und Mäuse vor der Haustüre aufgetürmt. Was möge das +wohl für ein Kater sein, der für diesen feisten und glatten Faulenzer +die Arbeit tue? + +Dies Gerede und Gemunkel hatte sich freilich erst draußen +herumgetrieben; dann kam es auch in Trinens Haus und zu Trinens +Leuten, und ihnen fing an, bei ihr ungeheuer zu werden. Wenn sie mit +schmeichelnder Stimme Mieskaterchen! Mies--Mieskaterchen! +Martinichen! Misichen--Martinichen! rief und den knurrenden und +spinnenden Kater auf den Schoß nahm und ihm den Rücken streichelte, +und er sich dann vor Vergnügen krümmte und an ihr strich und brummte, +und ihm die grünen, umnebelten Augen im Kopfe funkelten, dann guckten +die Leute die beiden Spieler mit großen Augen an und wären um alles +in der Welt mit ihnen nicht lange in der Stube geblieben. Trine +hatte sonst immer die tüchtigsten und schönsten Leute gehabt, aber +die konnten es jetzt in ihrem Hause nicht aushalten; sie zogen weg, +und sie konnte zuletzt nichts als Hack und Mack in ihren Dienst +bekommen, und auch die blieben nicht lange, und fast jeden Monat +hatte sie frische Leute. Alle Welt glaubte nun einmal, Trine sei +eine Hexe, und keiner wollte mit ihr zu tun haben. Auch war es mit +der alten Gastlichkeit und Fröhlichkeit des Hauses vorbei und mit den +Schmäusen und Tänzen, denn keiner wollte kommen; und Trine mußte mit +ihrem Mieskater Martinichen einsam sitzen und ihre Bratgänse und +Würste allein verzehren. + +Aber ach, du arme Trine Pipers, die du sonst so froh und fröhlich +gewesen warst und alle gern erfreut hattest, wie ging es dir auf +deinen alten Tagen? Nicht allein keine Gesellen und Gesellinnen und +Nachbarn und Nachbarinnen kamen mehr, sich des Segens zu freuen, den +Gott dir gegeben hatte, und sich mit dir zu erlustigen, sondern in +wenigen Jahren verging auch das, wovon du dich hättest erlustigen +können. Die Leute kopfschüttelten und flüsterten zwar, der Kater sei +es, der sei bisher der unsichtbare Bringer und Zuträger gewesen und +habe Scheunen, Kornböden, Keller, Speisekammern, Milcheimer und +Butterfässer und Geldkatzen und Sparbüchsen gefüllt; aber nun war ja +dieser Wundertäter und Hexenmeister da, warum ging es denn nicht noch +gedeihlicher als vorher? Warum ging vielmehr Trinens Wirtschaft von +Tage zu Tage mehr zurück? Die arme Trine hatte Knechte und Mägde, +wie sie kaum ein Bettlerkrug willig beherbergt hätte, recht was man +Krücken und Ofenstecken nennt; ihre sonst so glatten Pferde magerten +ab und verreckten an Rotz und Wurm; ihre Schweine und Kühe hatten +Läuse und gaben keine Milch mehr; ihre Schafe und Gänse wurden +Drehköpfe, als hätten sie geheime Wissenschaft studiert; ihre Hühner +und Enten legten keine Eier und brüteten nicht mehr; ihr Feld trug +Disteln und Dornen für Korn und Weizen. Kurz, Trine geriet in zwei +Jahren in die bitterste Armut: Pferde waren weg, Kühe waren weg, +Schweine ausgestorben, Schafe geschlachtet, Tauben und Hühner vom +Marder aufgefressen, der Hund an der Kette verhungert--kein Hahn +krähte mehr auf ihrer Haustüre, kein Bettler seufzte mehr sein Gebet +davor. Und Trine saß allein und verlassen mit gelben, gefurchten und +gerunzelten Wangen und von Tränen und Jammer triefenden Augen und +schneeweißen Haaren in der frierenden Ecke ihres leeren Zimmers und +hielt ihren magern und in der Asche verbrannten Kater auf dem Schoße +und weinte jämmerlich über den kargen Brocken, die man ihr von fern +zuwarf; denn keiner mochte ihr gern nah kommen. + +So hat man sie eines Morgens gefunden tot auf dem Boden ihres +Stübchens hingestreckt und ihren treuen Mieskater Martinichen tot auf +ihr liegend. Die Leute haben mit Grauen davon erzählt. Und die +sonst so reiche Trine, die der Kirche und Geistlichkeit immer so gern +gab, als sie noch was zu geben hatte, ist begraben, wie man Bettler +begräbt, ohne Sang und Klang, ohne Glocken und Gefolge; kein Nachbar +hat sie zum Kirchhof begleiten wollen, kein Verwandter ist ihrer +Leiche gefolgt, sie hatte ihnen ja nichts nachgelassen. O kalte Welt, +wie kalt wirst du denen im Alter, die dann nichts haben, womit sie +sich die Füße zudecken können, und ach, auch die irdischen Mängel, +die man mit schärferen Augen an den Alten betrachtet! + +Als Trine nun tot war, erzählen die Leute, ist sie immer als Hexe +umgegangen und geht bis diesen Tag als Hexe um in der Gestalt einer +alten, grauen Katze, die man daran kennt, daß sie Augen hat, die wie +brennende Kohlen leuchten, und daß sie ganz entsetzlich laut sprühet +und prustet, wenn man sie jagt. Sie wird noch alle Mitternächte auf +der Stelle gesehen, wo ehedem Trinens Haus war, und heult dort +erbärmlich; im Winter aber, wann in den Scheunen und auf den Dächern +die wütigen Katzenhochzeiten sind, ist sie immer voran auf der +höllischen Jagd und führt das ganze Getümmel und miaulet und winselt +auf das allerscheußlichste. Diese Stimme verstehen die Leute in +Putgarten so wohl, daß alt und jung gleich rufet: "Hört! Da ist +wieder die alte Trine!" + +So ist es Trine Pipers gegangen, und so geht es vielen Menschen bis +diesen Tag. Sie ist eine arme, elendige Bettlerfrau geworden und hat +ihren christlichen, guten Namen verloren, weil sie den bunten Kater +Martinichen lieber gehabt hat als Menschen. Denn wenn sie auch keine +Hexe gewesen ist, so haben die Nachbarn und Nachbarinnen es doch +geglaubt, weil sie sich in ihrer unnatürlichen und häßlichen Liebe zu +der unverständigen Kreatur so in des Katers Gemüt und Gebärden +hineingestohlen und hineinvertieft hatte, daß sie Menschen nicht mehr +so suchte und liebte wie sonst. Sie mag zuletzt auch mit +Katzenfreundlichkeit geblinzelt und mit Katzenaugen geschielt und mit +allerlei Katzenmännchen sich gekrümmt und gewunden haben, so daß kein +Mensch und kein Vieh und also auch kein Glück es länger bei ihr hat +aushalten können und sie zuletzt mit ihrem Mieskater Martinichen ganz +allein geblieben und so im größten Elende umgekommen ist. + + + + +Thrin Wulfen + + +Nicht weit von Schoritz, zwischen Schoritz und Puddemin, an dem Wege, +wo man von Garz nach dem Zudar fährt, lag einst ein kleines Dorf, das +hieß Günz, worin ein paar Bauern wohnten, die nach Schoritz zu Hofe +dienten. Die sind aber ganz zerstört mit Häusern und mit Gärten, so +daß man dort keine Spur mehr sieht, daß jemals Menschen dort gewohnt +haben. In diesem Dorfe Günz wohnte ein Bauer, der hieß Jochen Wulf, +der hatte eine Frau, und die hieß Thrin; das war eine arge Hexe, von +deren losen Künsten und bösen Streichen die Leute noch heute zu +erzählen wissen. Daß sie aber eine Hexe war, konnte man ihr anmerken +an ihrer außerordentlichen Freundlichkeit und Leidigkeit, woraus List +und Schelmerei oft hervorlächelten, und an den schönen und leckeren +Sachen, die sie immer bei sich trug, und womit sie die Hunde und +kleinen Kinder an sich lockte. Davor hat den Leuten auch gegraut, +daß ihr, wohin sie immer gekommen, die Katzen von selbst auf den +Schoß gesprungen sind, was diese Tiere, die eben keine +Menschenfreunde sind, sonst nimmer mit Fremden tun. Denn durch die +Kinder und durch Leckereien, die sie den Kindern geben, und durch +Sälbchen und Kräuterchen, womit sie bei Kinderkrankheiten immer +gleich zur Hand sind, drängen sich die alten Hexen in alle Häuser, +und Hunde und Katzen dürfen sie nicht zu Feinden haben, weil ihre +Arbeit meistens des Nachts ist, wo die andern Christenmenschen +schlafen. Doch merkten die Leute ihr und ihrem Manne ihr heimliches +und verbotenes Handwerk dadurch an, daß sie sehr reich wurden, und +daß der Bauer Wulf dreimal soviel Korn und Weizen verkaufen konnte +wie seine Nachbarn, und daß seine Pferde und Kühe, wenn er sie im +Frühling ins Gras trieb, so glatt und fett waren wie die Aale, und +als ob sie aus dem Teige gewälzt wären. Auch sagten alle Leute, sie +habe einen Drachen, und den haben sie des Nachts oft auf ihr Dach +herabschießen sehen, wo er ihr Raub und Schätze von andern zutrug. +Das ist auch gewiß, und viele Leute haben es erzählt, die bei +nächtlicher Weile bei Günz vorbeigegangen sind, daß es dann auf dem +Wege oft geknarrt und geseufzt hat, wie die Räder an schwerbeladenen +Wägen knarren und seufzen. Da haben die Leute sich umgesehen oder +sind aus dem Wege gesprungen, damit sie nicht übergefahren würden; +sie haben aber weder Pferde noch Wagen gesehen, und es ist ihnen ein +entsetzliches Grauen angekommen. Das ist aber auch der alte, +heimliche Drache gewesen, der den Nachbarn die Garben gestohlen und +sie in des Wulfs Scheunen hat einfahren lassen. Daß die Thrine +Wulfen eine arge Wetterhexe war, hat man am meisten auf der Weide und +Brache an dem jungen Vieh sehen können. Wenn sie einmal unter eine +Herde kam, gleich streckte ein Kalb alle viere von sich und hatte den +Frosch, oder ein paar Dutzend junge Gänschen machten nicht zum +Vergnügen den Drehhals, oder einige Lämmer und Jährlinge wurden +Kopfhänger und Kopfschüttler, oder eine Schar Säue tanzte den Dreher. +Sie gebärdete sich bei solchem Anblick, als tue es ihr sehr leid +(die alten Hexen aber können es nicht lassen, junges, freudiges Vieh +zu behexen, und wenn es ihr eigenes wäre), und sie sagte den Hirten +oder Nachbarn, sie habe und wisse manche heilsame Mittel gegen solche +Übel; sie sollen nur zu ihr kommen und sich eine Salbe holen und die +kranken Tierchen damit bestreichen, gleich werde es dann besser mit +ihnen werden. Das haben einige getan, und wirklich hat es stracks +geholfen, aber den meisten hat gegraut, über ihre Schwelle zu treten, +und da hat das liebe Vieh denn dran gemußt. Alle aber haben sich +zugeflüstert, Thrin Wulfen habe sie behext und ihnen den Schabernack +angetan. So zum Beispiel hatte sie eine Frau, welche sich mit ihr +erzürnt und sie eine alte Wetterhexe gescholten hatte, in ihrem +eignen Hause festgezaubert, daß sie nicht über die Schwelle zu gehen +wagte und alle Türen und Fenster dicht versperrt hielt. Denn sie +glaubte, sie sei in eine Erbse verwandelt, und jeder Vogel, der +vorüberflog, war ihr so fürchterlich, daß sie bei seinem Anblick +schrie, als fliege ihr Tod heran, ja daß sie bei dem Ton eines +Gefieders aus der Luft schon in Ohnmacht fiel und mit Händen und +Füßen zappelte; für die Enten, Hühner und Tauben aber in ihrem Hofe +war der jüngste Tag gekommen, und sie hatten ihnen allen sogleich +beim Beginn ihrer Krankheit die Hälse umdrehen lassen. Auch hatte +die alte Bösewichtin es dem Mann dieser Frau angetan, daß er wie ein +kindischer und besoffener Narr tanzen mußte, sobald er einen +Ziegenbock springen sah. Und dies ist allen Leuten lächerlich und +ärgerlich anzusehen gewesen, und das ärgste dabei ist noch gewesen, +daß die Einfältigen vor dem Mann eine Art Grauen bekommen haben, als +sei er auch von der Ziegenbocksgesellschaft und von den +Blocksbergfahrern; die Klugen aber haben wohl gewußt, von wem diese +Bockssprünge herrührten, doch keiner hat es ihr beweisen können. Und +man kann wohl denken, wie die alte Bosheit in sich gelacht hat, daß +der unschuldige Mann für ihren Gesellen gehalten worden ist. Ihr +Vieh war immer das fetteste und mutigste in der ganzen Dorfherde, und +man konnte an vielen Zeichen sehen, daß der Teufel sein Spiel damit +hatte; denn fast nie ist ein Stück davon krank worden, und sie hat +ihnen solche Kraft und Stärke angezaubert, daß von ihren kleinsten +Kälbern die größten Ochsen sich stoßen ließen, und daß ihre Ferkel +die wütendsten Eber aus dem Felde schlugen. + +Auch haben die Leute sie in mancherlei Verwandlungen umherlaufen und +herumfliegen gesehen, aber niemand hat sich unterstanden, sie +anzupacken oder ihr etwas zu tun; auch haben sie die +allerwunderlichsten bunten Hunde und Katzen und sogar Füchse und +Wiesel bei Tage und bei Nacht um ihren Hof laufen gesehen, aber +keiner hat sie angetastet; sie wußten wohl, aus wessen Stall dieses +gefährliche Vieh war. Von Elstern und Krähen aber hüpften immer +ganze Scharen auf ihrem Hofe und ihren Dächern, und von ihrem +einzigen Hausgiebel uhuheten des Nachts mehr Eulen, denn von allen +Häusern und Dächern in Swantow und Puddemin zusammen. + +So ist sie in der Nachbarschaft viel herumgestrichen und +herumgeflogen auf Schelmstücke und Diebsschliche, und es ist ihr +lange genug glücklich gegangen. Der Pastor zum Zudar, der Herr +Manthey hieß, hat die meiste Not mit ihr gehabt, und auch wohl +deswegen, weil er dem Bösen selbst den Krückstock reichte, womit er +ihn überholen konnte, da er mehr ins Buch der vier Könige guckte als +in Bibel und Evangelienbuch. Einmal ist Thrin Wulfen zu seiner Frau +gekommen und hat ihr eine Stiege Eier gebracht, und sie und die Frau +Pastorin haben einander viel erzählt und sind sehr herzig und +heimlich miteinander geworden, so daß die Frau Pastorin endlich die +Thrin, als sie Ade gesagt, umhalst hat. Da ist ihr aber geschehen, +daß sie vor Schrecken ohnmächtig worden und wie tot hingefallen ist. +Denn was hat sie gesehen? Vor ihren sehenden Augen und unter ihren +greifenden Händen ist die Thrin plötzlich eine rote Füchsin geworden +und hat ihr mit den Vordertatzen die Wangen gestreichelt und mit der +Schnauze das Gesicht geleckt und dabei recht fürchterlich greinig und +freundlich ausgesehen. Das hat die Pastorin später vielen Leuten +erzählt; wie es aber weiter geworden, hat sie nicht gewußt; denn als +sie wieder zur Besinnung gekommen, war die Thrin weg und auch keine +Spur von ihr und der roten Füchsin mehr da als der Geruch der +füchsischen Küsse in ihrem Gesichte und ein paar leichte rote +Streifen, womit sie sie bei der umhalsenden Liebkosung gekratzt hatte. +Zuerst hat die Frau Manthey die Geschichte aus Furcht verschwiegen +und erst nach Verlauf von Jahren erzählt. Auch Pastor Manthey ist +inne geworden, daß er gegen die losen und leichten Künste der Thrin +sich nicht mit der gehörigen geistlichen Rüstung gewaffnet hatte, und +daß sie an ihn durfte; er hat bemerkt, daß ihm ein Dieb an seine +Schinken und Würste kam, und das ist auch die Thrin gewesen. Denn +wie manche Nacht ist sie als Katze in Wiemen und Keller und +Speisekammern geschlichen und hat sich eine Wurst, eine Spickgans +oder ein Stück Schinken nach Hause getragen! Endlich war es ruchbar +geworden, daß man oft eine unbekannte graue Katze durchs Dorf laufen +gesehen und daß auch andern Leuten auf eine ähnliche, unbegreifliche +Weise manches abhanden gekommen war. Da lauerte der Pastor des +Abends und in der Frühe oft genug auf mit einem geladnen Gewehr; aber +nimmer hat er den schleichenden Dieb erwischen können. Endlich aber +ist ihm die Katze mal in dem Garten in den Wurf gekommen, als er +Sperlinge schießen wollte, und er hat ihr unverzagt aufs Leder +gebrannt und sie mit humpelndem Fuß über den Zaun springen und +jämmerlich miauen gehört. Der Schäfer aber, der hinter dem Garten +eben mit den Schafen vorbeitrieb, als der Mantheysche Schuß fiel, hat +erzählt, es sei neben ihm ein altes Weib über den Weg hingehinkt, die +habe jämmerlich gewinselt und geheult, und sie habe ihm geklagt, des +Krügers großer Hund habe ihr den Fuß blutig gebissen. So sei sie +über die Zudarsche und Schoritzer Heide fortgehumpelt, und man habe +ihr Gewinsel noch lange aus der Ferne hören können. Und das war +wirklich die Thrin aus Günz gewesen; der Pastor hatte ihr das linke +Bein durchschossen. + +Dieser geistliche Schuß gab einen großen Glückswandel. Thrin lag +wohl ein Vierteljahr elend im Bette; dann sah man sie wieder, aber +sie humpelte mit einem lahmen Beine und erzählte den Leuten, sie sei +beim Äpfelschütteln vom Baum gefallen und habe sich dabei das Bein +verrenkt. Nun ging es ihr aber schlimm. Weil sie nicht mehr so +flink auf den Füßen war als sonst, so konnte sie, wann die Begier zu +hexen mit plötzlicher Lüsternheit in ihr aufstieg, nicht mehr +geschwind zu andern oder zu Fremden kommen, sondern mußte ihr Eigenes +behexen. Da ward denn fast täglich irgend etwas verdreht, gelähmt +oder umgebracht. Bei Tauben, Hühnern und Gänsen fing es an, und mit +dem großen Vieh hörte es auf. Und wieviel der alte Jochen Wulf sie +auch prügelte, das half alles nichts; die Hexenlust ist ein +unauslöschlicher und unbezwinglicher Trieb. Als also alles Federvieh +verdorben oder erwürgt war, da ist die Kunst über die Ferkel und +Lämmer hergefahren, darauf an die Kälber und Schafe, endlich an die +Kühe und Pferde. Der Bauer hat nun immer wieder neues Vieh kaufen +müssen, und in solcher Weise ist in ein paar Jahren der Reichtum +vergangen und das ungerechte Teufelsgut zerronnen. Ja, ihr eignes, +einziges Kind hat sie zum Krüppel hexen müssen; und der alte Wulf ist +aus Angst, daß ihm zuletzt ähnliches widerfahren möge, in die weite +Welt gegangen und ist auf immer ein verschollener Name geblieben. +Einige erzählen aber, die Thrin habe ihn verwandelt und habe wegen +seiner Sünde die Macht dazu gehabt, weil der alte Schelm um ihre +Hexerei gewußt und die Früchte davon gehehlt und mitgenossen habe; +und so müsse er nun als ein greulicher Werwolf rundlaufen und die +alten Weiber und Kinder erschrecken. Die Thrin aber sei nach der +Flucht des Wulf als eine arme Bettlerin aus der Wehr geworfen und +habe zuletzt in Puddemin gewohnt, sei aber zuzeiten immer noch hin +und wieder als eine lahme Katze oder Füchsin umgegangen oder habe als +eine lahme Elster auf Bäumen und Dächern herumgehüpft; endlich aber +sei sie vor das Gewehr eines Freischützen geraten, wodurch die +Katzengestalt für immer festgemacht worden. So haben viele Leute sie +öfter als eine wilde, graue Katze an dem Günzer Teiche sitzen gesehen, +auch als kein Haus mehr dastand; auch haben andere es dort um die +Mitternacht häufig miauen und prusten und pfuchsen gehört, daß ihnen +vor Grauen die Haare zu Berge standen. + + + + +De Kröger van Poseritz + + +Im Lande Rügen nich wiet van de Olde Fähr etwa eene Mil vam Sunde is +een Karkdörp, dat het Poseritz. Då wahnde mal een riker Smitt, un de +hedd ook eenen swarten Pudel, de kunn afsünnerlichste Künste. Dat +Deerd was to sinen Künsten so klook und haselierig, datt de Smitt, de +mit siner Smed eenen Krog helt, dat Hus jümmer vull Lüd hedd. De +Pudel was so god, as hedde de Mann alle Dag Poppenspill edder eene +heele Bande Kumödiganten im Huse hett. Dat gaff schöne Penning un +klung hell in den Büdel herin; äwerst o weh! wo hett et toletzt för +de arme Seel klungen! De Kröger wurd een riker Mann dör sinen Pudel, +denn alle Lüde drögen ein dat Geld to un wullen den Pudel sine Künste +spelen sehn. Se seggen, de Pudel wahnde nich egentlich bi dem Smitt. +Denn des Dags hett man em då nich sehn; man in der Schummering kam +he un bleef bet in deepste Nacht. He was äwerst een van de +höllischen Schatzwächters ut den Bargen bi Gustow, worunner de olden +Heiden mit ehren Schätzen begrawen liggen. Un då müßt he des Dags +unner der Erd liggen un um de Middnacht as Wächter herumwedeln. Un +he mag dem Kröger woll jeden Awend een paar Dukaten in den Poten +mitbröcht hebben. Denn de Kröger wurd in weinigen Jåhren een +steenriker Mann un buwede sick sinen Krog torecht as de Poseritzer +Propost un Eddelmann un köfde sick eenen Morgen Land äwer den annern. +Äwerst wo leep ditt lustige Spill toletzt henut? So rückt alle +vörbadene Lust der Minschenkinder to Anfang as Liljen un Rosen; +äwerst ehr Ende het Gestank. De swarte Nachtwächter bleef weg un kam +nich mehr in't Hus. Un de Smitt was ängstlich un verstürt, un de +Gäste fragden nah dem Hund. Denn sede de Smitt: "Man mütt mi den +Hund stahlen hebben edder ook hett en Deef en doodslagen un ingrawen." +Doch was dem armen Kerl nich woll um't Hart, un he sach går +nüsterbleek un bedröwt ut, so datt de Lüde nich begripen kunnen, wo +een vernünftig Minsch sick äwer een unvernünftig Deerd so grämen künn, +un allerlei bunt Gerede drut entstund. + +So weren een paar Weken vörleden, un eenen Sündagawend, as de Kröger +mit veelen Gästen üm den Disch satt un Kårten spelde, hürden se wat +dör de Luft susen un gegen dat Finster slan, un en düchte, dat was +een swarter Pudel. Un allen kam een grausamer Gruwel an, un se +mügten nich upkieken gegen dat Finster. As se sick äwerst wedder een +beten besunnen hedden, sproken se lang dåräwer; de Kröger äwerst satt +still achter dem Awen un let den Kopp hängen. Un se foppten sick +toletzt unner eenanner, wer woll dat Hart hedd, herut to gahn un to +sehn, wat då were. Un een Snider nam sick de rechte Sniderkrauwagie +un begehrde eenen Gesellen, de dat Aventür mit em wagen wull. Un et +fund sick eener to em, un se gingen in den Gården, wo dat Finster +herutging, un süh, då lag een dooder, swarter Pudel, den de +Snidergesell recht god kennde. Un se meenden nu all, man hedde dat +dem Smitt tom Schabernack dhan, wiel de Pudel em as een güldnes Hohn +was, un een Fiend un Schelm hedde den dooden Hund so gegen dat +Finster smeten. Un se gröwen een Loch an dem Tun und leden den Pudel +dårin und sett'ten sick dårup wedder tom Spill dal. Äwerst de +Smitt satt achter dem Awen un sede keen Starwenswurt un was sehr +trurig. Un as se wedder van besten Künsten de Kårten flegen leten un +uttrumfden, fung dat buten wedder an to susen un to brusen, un Kling! +sede dat Finster, un de Pudel flog äwer den Disch un föll in de Stuw +dal, un de meisten Gäste, de üm den Disch seten, föllen vör Schreck +van den Bänken un krüzden un segneden sick. De tappre Snidergesell, +de een Hart hedd gröter as sin Natelknoop, nam den Pudel un smet en +tom Finster herut; un de Gäste nehmen ehre Höd van der Wand un makten +sick up de Beenen. Un knapp was eene halwe Stund vorgahn, då sede +dat wedder Kling! un de Pudel föll to'm tweeten Mal in de Stuw. Då +lag he bi dem bedröwten Wirt bet an den hellen, lichten Morgen, denn +de arme Minsch bleew alleen sitten, un Fru un Kinder un Gesellen +weren to Bedd gahn. As äwerst de Sünn upging, was de Pudel weg, un +keen Minsch wüßt, wo he stawen un flagen was. He hedd äwerst eenen +grausamern Gestank as dat schändlichste Aas nah sick laten. Un up +desülwige Wis is dat Greuel düslingto alle Nacht dörcht Finster edder +dörch de Dören, ja dörcht Dack un de Wänd flagen; un hulpen keene +Breder un Rigel, un ick glöw, he hedd sinen Weg dörch Stal un +Demantsteen braken. Se gingen hen un begröwen den Hund mit grotem +Staate; se brukten Segen un Bespreken äwer siner Gruft--alles umsüs: +he kam jümmer wedder. De arme Smitt grep to un makte sick eene +annere Stuw torecht, he tog ut bawen herup in een Stüwken unner de +Auken, he meende sick to vörsteken; äwerst de Pudel hedd em eene to +fine Näs, jümmer flog he herin, wo de Smitt was. Nu ging dat +natürlich to, dat Krog un Smede bald leddig un vörlaten stunden, un +datt de Smitt mit Wif un Kindern un mit dem aasigen, stinkenden Pudel +eensam un alleen sitten un truren müßte. Wat dheed de arme Mann +toletzt? He ging to un vörköfde alles, Smed und Krog un Acker un +Gården, un tog van Poseritz weg. Un dem Mann, de dat Hus van em köft +hedd, let de Pudel ook keene Ruh, un he kunn nich eher ruhig slapen +vör all dem Gesuse un Gebruse und dem Günsen und Krassen, dat et des +Nachts bedref, bet he dat Hus afbraken un an eener annern Stell weder +upbuwt hedd. Don week de Düwel van em, äwerst van dem armen Smitt +week he nich. Disse hedd de Lade vull Dukaten un wull een Eddelmann +warden und köfde sick eenen schönen Hoff, de Üselitz het. Äwerst +wat Eddelmann un Dukaten! Dat ging all to End mit em. De Pudel tog +mit em in sin Eddelmannshus un husierde so arg, dat keen Knecht edder +Magd bi dem jungen Eddelmann bedarwen kunn. Tolest satt de arme +Smitt mit Fru un Kindern un mit all sinem Rikdom heel vörlaten då. +Un as de Bös em lang nog ängstigt hedd up Erden, hett he em in eener +Nacht den Gnadenstot gewen. Et was eene schöne, stille Sommernacht, +keen Blitz un keene Lüchting to sehn, keen Lüftken, dat im Rohr +spelde, då hebben de Nawers, de üm Üselitz wahnen, plötzlich een +gewaltiges Für upstigen sehn, un in eener halwen Stund is alles, +alles, Hus un Hoff un Minschen un Veh un de Smitt mit den Sinigen un +mit sinem Düwelsgolde to Stoff un Asch vörbrennt west und hett man +nümmer keene Spur van em sehn. Äwerst een Mann ut Mellnitz, de +tom Löschen tolopen was, hett eenen swarten Pudel sehn, de mit +greulich glönigen Oogen dör den Gården un Busch wegstrek un noch lang +gräselich hülde. So hült de Satan vör Froiden, wenn he arme Seelen +vörslingen kann. + + + + +De Brügg bi Slemmin + + +Ick mütt bi disser Gelegenheit ook noch vörtellen van der Brügg in +dem Slemminer Holt, wo de Weg nah Zornow utlöpt. Da geit dat gar +wunnerlich to; wo menniger stolter Rüter hett sick dar den Sand vam +Pels schüddeln müßt! Denn jede Kreatur weet darüm un wahrschuwt, +datt et da nich richtig is. As ick een Jung van viertein, föftein +Jahren was, hödd ick de Koi bi dem Holländer to Slemmin un drew oft +int Holt, un wenn ick ook dem wilden Jäger sine Hund hett hedd, keen +Kalf hedd ick achter de Sünn äwer de Brügg kregen. Darüm steit da +herüm ook jümmer dat schönste un längste Gras, denn dat Veh müßt den +Verstand verlaren hebben, dat da mit egnem Willen gräsen gahn wull, +un ick glöw, keen dummer Dreihhals van Schaap edder Goos würd da een +Halmken anrühren. Un wer des Nachts äwer de Brügg föhren edder riden +mütt, o Herre Jemerus! wat kost't dat oft vör Künst un Sprüng! Un wo +snuwen de Perd un zittern un daddern un bäwern vör Angst, datt se +äwer de behexte Brügg schälen, un scheten up der Brügg in de Knee un +laten den schumigen Sweet vam Liwe drüppeln, as hedden se een paar +Mil im Galopp lopen, edder as wenn se in de Lüchting van Kanonen +springen schullen. De Minsch alleen wett nicks davon, wenn se em't +nich vörtellt hebben edder wenn he nich in der Nacht kümmt un de Ulen +und Kraihen in so dickem Swark üm de Düwelsbrügg flegen. Un ditt is +de Geschicht van der Brügg: + +In Zornow was eene smucke Dern, eenes Schepers Dochter, de hedd sick +dreimal vörjumfert un jedesmal ehr Kind ümbröcht, un de drei Kinder +in dem Graben bi der Brügg in de Erd steken. Äwerst achter dem +drüdden Kinde is de Satansundhad utkamen, un se hebben de Dern nahmen +un se in eenen Sack dhan un bi der Brügg in dem Graben vörsöpt, un +hebben de Lik van der armen Sünnersche bi ehren Kindekens ingraben. +Äwerst wat künn tüschen dissen Vördrag wesen? Un't is darnah eene +dulle un wilde Wirtschaft worden, datt den Lüden de Haar to Barg +stahn sünt, so hebben sich de flegenden un klagenden Geisterken van +den Kindekens föhlen un vernehmen laten. Un wer in dem Holte wat to +dhon hett, dem will ick nich raden, datt he sick lang nah +Sünnenunnergang edder vör Sünnenupgang da betrappeln lett. Dat piept +un flüstert un wispert un tutet un hült da denn de ganze Nacht dörch, +as wenn Katten Hochtid hollen edder lütte Kinder quarren, un +Ulengequiek un Kraihengeschrei klingt jümmer datüschen. Denn in +eener hollen Eek äwer der Brügg sitt Dag und Nacht eene olde Ul, un +dat is de arme Schepersdochter, de in disser Welt keene Rauh findt. +Un des Nachts mütt se jümmer hen un her flegen van Boom to Boom un +van Twig to Twig un schreien un quiken, datt eenem de Haar up dem +Kopp susen, un drei junge Ulen uhuen un flegen jümmer achter ehr her, +un dat sünt de drei Kinder, de se vermordt hett. Äwerst tüschen +twelw un een da geit et erst recht lustig, un Gott gnade dem, de denn +äwer de Brügg mütt. Denn hett sick dat ganze Ulenrik tosam vörgadert, +un se maken eene Musik in der Luft, wornah dat ganze düwelsche Heer +in der ersten Mainacht danzen künn, un een hungriger Wulf mit +glönigem Rachen steit an der Eck un hölt eene Baßviol tüschen den +Beenen un speelt lustig up, un Vöss un Katers un Marten, Ilken un +Wesel un anner deefsches Nachtgesindel danzt dato. Ick hew't nich +sehn, äwerst de Smitt in Slemmin hett't sehn. De is mal darunner +geraden, un he was äwen nich up Gottes Strat, denn he hedd de Äx up'm +Nacken un wull sick eene junge Eek hauen. Den hebben se terreten und +terzust--hast du mir nicht gesehen--un so is he to Huse kamen ganz +terkraßt un verbaast, un sine Oldsche hett em drei Weken eene +Kindersupp kaken müßt: so hedden de Satansgesellen den armen Schelm +afängstigt. Dat is äwerst wiß un wahr, wat ick van den Koien un +Perden vörtelld hew, un keen ordentlich un christlich Deerd un Vagel, +de van Gott weet, geit in de Eek edder sett't sick da herüm. Ick hew +all min Dag keenen Vagel in ehren Twigen singen edder zirpen hürt, +Ulen un Hawks un Kraihen, Rawen und Hesters un anner dergliken +Düwelsgerät dat süht man woll darup sitten. Mit der Brügg is't äwen +so; keen ehrlicher Vagel sitt up ehren Pösten edder Geländer, nich +eenmal eener van den lustigen un näswisen Vägeln, as de Meesk, de +Quäkstart edder Steenbicker, de sünst so nülich un flink sünt alles +Holt, wat se man sehn, to besitten un to befladdern. Denn ook de +allergeringsten un lüttesten Deerdeken weten een beten van Gott, un +et weiht en ook een beten Wind to, wo wat Gewaltigs un Greulichs +geschehn ist, un gruweln sick davör." + + + + +Schipper Gau un sin Puk + + +Ji hewt woll oftermals hürt, wo veele Hexerei un Töwerei mit Katten, +Zegenböcken, Heimken un Schorfpoggen drewen ward un wo de olde Fiend +sick darachter steckt un den armen verbiesterden Minschen in de Höll +herin spelt. Äwerst dat gifft so veelerlei Töwerei, datt et nich +to denken noch uttospreken is, un wer schullt't glöwen, datt de Düwel +listig nog is, in Müggen un Käwer ja in den allerminsten Worm sick +herintomaken, wenn de vörblendte Minsch nah sinen Dingen lüstern is +un nah dem Düstern un Vörborgnen snappt? Denn wer hängen will, seggt +dat Sprickwurt, de kan woll dör eenen Spennenfaden to Doode kamen. +As ick in miner Jugend in minen Wanderjahren ut minem Vaterlande +Holsteen nah Rotterdam up Arbeit kamen was, hew ick mennige snurrige +Ding davon sehn un hürt; denn de Schippers hebben veelen sodhanen +Awerglowen un mennigerhand heemliche Künste. Ick mag't äwerst nich +all nahseggen; doch will ick ju eens vörtellen, wat hier bi uns eenem +Mann ut Barth edder vam Dars in Prerow begegnet is un wovon alle Lüde +to seggen wüßten, as ick noch een junger Gesell was. + +In Barth lewde een Schipper Hinrich Gau, dat was de glücklichste un +vörwegenste Schipper in der ganzen Ostsee, dem ook alles to Faden +leep. He unnerstund sick, wat keen anner Schipper dörfte, un se +seden, he kunn mit allen Winden segeln, un wenn he wull, ook wedder +den Strom. Soveel was eenmal wiß, he wagde sick herut midden im +Winter un in dem bösesten Unweder un kam jümmer mit ganzen Masten und +heelen Segeln davon, wenn de annern Schipp terreten un terspleten in +den Hawen lepen edder gar so deep vör Anker legen, datt keen +Minschenoog se wedder to sehn kreeg. Mit dem Gau äwerst ging alles +vörwärts, as künn he den Wind ut'm Sack schüdden, grad as he'n brukte. +So was he denn jümmer de erste up dem Platz un makte de besten +Frachten und ward in wenigen Jahren een riker Mann, datt se en den +riken Schipper edder den riken Gau nömden. Dat Ding hedd äwerst so +sinen egnen Haken un um all dat Gausche Glück un Geld mügt ick an dem +Haken nich hängen, woran Gau fast was. Denn de Lüde munkelden so wat +van eenem blanken Käwer edder eener grönen Pogg in eenem Glase; un +dat was sin Puk, de em den Wind un dat Glück makte, un de Matrosen +wullen dat düwelsche Ding unnerwielen sehn hebben, wenn't stief +weihde edder de Nacht gefährlich düster was, wo't as een lütt winzig +Jüngiken in eener swarten Jacke eene rode Mütz up'm Kopp up dem +Schipp herümleep un alles nahsach, edder ook as een old gris Männiken +mit eener kritwitten Parück up dem Kopp, dat am Stürroder satt un in +den Häwen keek un dem Schipp den Weg wisde. Un se vörtellden ook, +datt de Schipper sine blanken und grönen Düwelskamraten sehr prächtig +plegde in eenem aparten Schrank in siner Koje, wo keen Minsch +hensnuwen dörft, un datt he en da jümmer söten Muschatwin un Rosinen +un Figen hendrog. Denn de in der bittern un suren Hölle wahnen, +laten sick am lichtesten mit Zuckerbackels un Nüdlichkeiten locken un +festholden, wenn man se to sinem Deenst anbinden will. + +Dat Glück was up disse Wis un mennigen schönen Dag mit dem Schipper +Gau up der Fahrt west, un he vörstund sine Geisterkens to regieren, +un se weren em up't Komando gehursam un willig. Äwerst toletzt +vörsach he sick eenmal, un de Düwel slippte em los, un drew sin böses +Spill so schrecklich, datt jeder sehn kunn, wat et was. Schipper Gau +was mit eener riken Ladung ut England kamen un sin Schipp lag up dem +Strom der Sundschen Rhede vör Anker. He was eenen Dag in de Stadt +fahren, un Gott weet, wo't geschach--denn süs ging he den Dag +weinigstens wohl dreimal an Burd--he was in een woist Gelag geraden +un se hedden so deep in't Glas keken, datt Gau Schipp un Puk un de +ganze Welt vörgatt. So hedd unser Schipper twee utgeslagene Dage in +Stralsund vördrunken, un sine Dinger, de he hungern let, weren +grimmig worden, hedden de Gläser terbraken, worin se seten, un blösen +eenen Storm up, datt dat Schipp anfung mit allen Segeln to spelen un +sick von allen Ankern losret. De Lüde, de up der Brügg un Lastadie +stunden, vorwunderden sick--denn bi de Stadt weihde kum een +Lüftken--wo dat Schipp rundküselde as een Swin, dat to veelen +Branwinsbarm sapen hett. Un et wurd een grot Geschrei, un veele +Schippers lepen herbi un ook Schipper Gau. He kreeg flugs een paar +von sinen Matrosen un eenige annere Waghälse tohop, löste sin Boot un +leet de Remen knarren un reep: "Frisch Jongs! frisch! wenn ick an +Burd kam, schälen mine Kerls voll wedder to Loch, se kennen min +Komando woll." Un Gau kam richtig an dat Schipp, dat sick jümmer +rundüm küselde, as wenn't in eenem Strudel stack. Alle annern Schipp +rührden sick nich, as wenn för se keene Luft weihde, un was een heel +moj Wäder. Äwerst de kecke Gau hedd sick dittmal to veel vörmeten; +sine Bürschchen, de weegn des langen Hungers to grimmig weren, leten +sick van em weder locken noch hissen; se makten jümmer gewaltigern +Storm un dullere Arbeit un küselden toletzt so arg, datt Schipp mit +Mann un Mus to Grund gingen. + +To der Tid ging mennig Gerede mank de Schippers hen un her, un veelen +is woll bang worden; äwerst ick glöw, et gifft noch van der Art, de +ehre lütten Düwelkens in Schachteln un Gläsern mit an Burd nehmen. + + + + +De witte Fru to Löbnitz + + +In Löbnitz ging de Red, datt eene witte Fru bi nachtslapender Tid +rundging. Ehr Gang was van der Bleke äwer dat Steg, dat achter dem +Backhuse up der Beek liggt, dörch dat Backhus üm den Schaapstall un +üm de grote Schün, un denn gar langsam dör den Boomgarden un +Blomengarden, wo se oft still stund un sick bückte, as wenn se Äppel +upsammelde edder Blomen plückte. Van da ging se toletzt in dat Hus, +wo se üm Klock een meist ut dem Keller unner der Trepp herupsteeg mit +eenem Licht in der Hand, waran blage Fünkschen stöweden un dat hell +upgnisterde. So is se oft sehn üm de Gespensterstund; un ook mine +selige Moder sede, se hedd se mal schemern sehn. Se plag jümmer an +der Trepp stilltostahn un sick wunnerlich ümtokiken ook woll de +Husdör to beföhlen, ob se slaten were; denn ging se langsam un +potentatisch de Trepp herup un steg to Bänen unner de Oken to den +Katten un löschte ehr Licht ut. Dat is enmal wiß, keen Minsch ging +to der Tid gern up de Dele un up de Trepp; un dat was dat +Besünnlichste, datt keen Hund da je to liggen edder to rasten plegde. +Un oft is't schehn, datt Mäge, de de Trepp mit Licht herupgingen +edder des Nachts da wat to bestellen hedden, plötzlich as för dood +henstörteden un denn elendig krank wurden; un de hebben vörtellt, de +witte Fru wer en mit dem blagen gnistrigen Licht in den Weg treden un +hedd se anpust't. Van disser witten Fru vörtellde Johann Geese +eenmal: + +"Mit der witten Fru, de to gewissen Tiden, am meisten im Harwst un +Winter to Löbnitz ümgeiht, schall man sick woll in acht nehmen, un +den Düwel nich im Äwermod vörsöken. Dat is een erzböses Wif, un se +geiht nich vörgäws in der wilden Unruh rund un makt ehrlichen Lüden +de Nacht gruwlich. Dat's woll hundert Jahr her un länger, datt se to +Löbnitz würklich lewde un regierde. Se was een rikes un vörnehmes +Eddelmannswif un se seggen, se kam ut Polen--so schön un witt as de +witte Dag, datt ehres Gliken van Schönheit kum up der Welt west is. +Äwerst se was eene leidige Hex un falsch un listig van Grund ut, +un slimmer as Bollis im Winter; un de olde Fiend hedd ehr den letzten +Bloodsdruppen vörgiftet, datt ook nich een god Haar mehr an ehr was. +Se was grausam hoffardig un lichtfardig, solang se jung un schön was, +un schall ehren olden Mann mit Gift vörgewen hebben. As et äwerst +mit ehr gegen dat Older ging un se een, drei Stieg Jahr up dem Puckel +hedd, da vörlet se de lustige Düwel, de im Blood sitt, äwergaff se +sinem slimmsten Broder, dem hungrigen un kattigen Gitzdüwel, dem +Düwel, de nich slapen kann, dem rechten Negendöder der Seelen, as de +Herr Pastor seggt. Nu wurd dat olde Wif eene slimme +Minschenschinnerin un Lüdplagerin un kratzte ut dem Blood und Sweet +der armen Lüde Gold in Hupen tosam un vörgrof't an veelen Stellen. +Un as se endlich van disser Welt weg müßt, is't ehr tor Straf sett't, +datt se up desülwige Wis, as se annern keene Rauh un Rast günnt hett, +ook im Grawe noch keene Rauh finden schull. Darüm mütt se nu ümgahn +in der doistern Nacht, wenn alle frame Kreaturen un christlichen +Minschen slapen, un de hungrigen Wülw und Vöss un Marten un Ilken un +anner sodhan Tüg alleen up den Beenen sünt. Denn mütt se herut in +Hagel un Snei un Wind un Regen in dem witten Doodenhemd mit dem +gefährlichen Licht in der Hand. Un wiel se im Keller un in der Bleke +dat meiste Geld vorgrawen hett, darüm mütt se dar am meisten ümlopen. +De Herr hett woll de Löcher sehn, de de Schatzgröwers dissen Winter +up der Bleke upwöhlt hebben? Äwerst de dummen Narren! da ward +keen Minsch wat finden. Denn je slimmer de Minsch ist, de Geld in +der Erd vörgröft, desto grötere Macht hett de Bös äwer den Schatz un +desto deeper kann he en to sick heruntertrecken. Un wer seggt uns, +wo veele dausend Faden deep he ehre Geldkasten in de Erd +herunnerslaken hett? Dat is ook wahr un is dör veele Teken bewist, +datt düslike vordammte Seelen, de im Graw keene Rauh hebben, van Gott +brukt warden de Slimmen in Tucht to holden. Denn wer in vörbadner +Tid as Sliker edder Deef herümlurt un wat söcht, wo he nicks vörlaren +hett, un dem witten Wiwe in den Wurf kümmt, mit dem dörft se affahren, +as't ehr geföllt, wenn he nich noch tor rechten Tid een himmlisch +Gewehr ergrippt, as een Evangelienbook edder een Gebet, dem Gott +anmarkt, datt et nich tom Spaß ut der Kehle geiht. Dat hett sick vör +een twintig Jahr begewen. Da was in Langenhanshagen een Snider, de +het Jakobs un was as een Töwerer un Deef vörropen, de des Nachts +selden in sinem Bedd sleep. Den funden se eenes Morgens to Löbnitz +an der Eek achter dem Backhus, wo de Steg äwer de Beek geiht. O je! +wo bummelde de grote Kramsvagel! un wo frisch weihede dat +Sniderhoiken im Wind! He was mit eener frischen grönen Wide upknüppt. +Sine Fründschaft sede woll, datt he sick woll sülwst een Leed +andhan hedd; äwerst wi weten dat beter: sine Uphengersche lewt noch." + + + + +De Prester un de Düwel + + +Starkow hett jümmer deege Presters hett, de as unser Pastor Scheer +den Minschen woll an't Hart to kamen un den Düwel, wenn he sick nich +gar to sehr inwörtelt hett, uttodriwen vörstunden. Un wet de Herr, +wo dat herkümmt? In olden Tiden, as de Heiden hier utdrewen un Gotts +Wurt un dat bloodige Krütz predigt wurden, was disse Gegend hier üm +Starkow Redbaß un Löbnitz nicks as Holt, Heid un Morast, wo hier un +dar een Mann in sinem Hüsken wahnde. Da kam ook een Pastor un de nüe +Kark schull buwt warden; äwerst der Lüde was wenig un dat Weinige ook +noch arm. De Pastor is een sehr gottsfürchtig Mann west un klok dabi +un hett veel hen un her sunnen, up wat Wis he Gotts Wark vollbringen +un sinem hilligen Wurt eene Stad bereiden künn. Un da is em de Düwel +infollen, de olde Schalk un Seelenfänger, de sick oft bi em infund, +wenn he sine stille Bedstund in sinem Kamerken helt. Denn he kennde +en woll, wenn he sick as eene swarte Fleg up sine Bibel settede un +darup herümwipperde. Denn de Stank blef nah, wenn de Fleg wegflog. +Un de kloke Herr hett den Düwel mit List dran kregen un bedragen, un +Satan hett sweeten müßt, datt em de höllschen Druppen äwer de Näs +lepen. Un in drei Dagen hett de Kark fix und fardig da stahn, as de +Herr se noch süht, un is eene van den öldesten in Pamerland, un ehr +Baumeister hett se nich mit inwihen helpen dörft. Äwerst dat mütt +man em laten, so slimm de olde Fiend is, he hett eene grote Dägd, un +dat is de Dägd der Geduld un Arbeitsamkeit, datt he sick nicks +vördreten lett, wat to sinem Geschäft hürt--un datt künn een +Christenminsch sick ook woll van dem Doiwel leeren laten. Wo sehr de +kloke Prester en ook vexirrt un narrt hedd, he makte een fründlich +Gesicht dato, un kam jümmer wedder un frog sinen Kunden, ob he em +noch nich in wat denen künn un ob he nich noch eene kleene Arbeit för +en hedd. De Prester öwerst fürchte sick vör dem Schelm, datt he en +doch beluren mügte, un wull nicks mehr mit em to dhon hebben. + +Nu was da een Dörp, dat nah Starkow in de Kark ging; dat lag achter +dem Holt heel nah, un de Pastor müßt oft dahinriden. Äwerst so +nah dat Dörp ook lag, was't wegen Unwegsamkeit doch een +Dreiviertelwegs. Denn he müßt eenen wieden Weg maken äwer Oldenhagen +un üm den groten Wald herüm, wiel in dem Holt een deeper Morast was, +wo man alleen im Sommer äwer kunn. Da föll dem Pastor eenes Dages in, +ob he sinen Werkmeister nich wedder bruken un dran kriegen schull. +Un as de Düwel eenmal wedderkam, slot he den Handel af mit em un +besprack sick mit dem Bösen: He schull em in drei Dagen den Weg dör't +Holt un eenen Damm äwer den Morast maken, un he wulle mit Lif und +Seel sin wesen, wenn he en betrappelde, datt he man eenen Strohhalm +breet ut sinem Vörbeet ging. De Prester satt awerst in sinem Garden +unner eenem Boom un las de Predigt äwer, de he den nächsten Sünndag +holden wull; un sin Swur was: "Düwel, wenn du in drei Dagen den Weg +un Damm dör dat Holt to der Horst fardigkrigst, so schast du mine +Seel nehmen, wo du se findst, wenn ick nich mehr up dissen minen +Vörbeet stah." Un de Düwel schmunzelde in sinem Sinn un dachte: Den +Vagel hest du fangen; denn wo will de dumme Prester dat woll anfangen, +datt ick'n nich mal uter sinem Vörbeet treffen schall? Dat Lewen is +lang un de Gedanken sünt kort un ehr Beten van Faden ritt licht af. +Un he ging lustig weg un makte sick an de Arbeit, haude Eeken af un +makte Brüggen un slepte Steene un karde Sand, un ehr drei Dag üm +weren, stund de grade Weg da un lag de schöne Damm fardig, so schön +un glatt, datt een Könnig mit Lust dräwerfahren kunn. Un he kam to +dem Prester un sede: "De Weg un de Damm sünt makt." Un he lurde em nu +up, wo he en faten un begigeln künn. + +Un kum vergingen een paar Dag, so nam de Prester sinen Stock in de +Hand un ging den Weg nah Redbas herut, sick sine Brewe un Zeitungen +van der Post to halen. Un as he kum an de Brügg kamen was, wo de +Sched is tüschen de Redbasser un Starkower Feldmark, wipps, hast du +mir nicht gesehn, was de olde Grising da in sinem roden scharlaken +Tressenrock un mit sinem Hahnenfoot, wippelde as een Hester üm dat +kranke Küken, üm den Prester herüm, un stellde sick achter em up den +Weg, datt he em nich wedder torügg lopen künn. Un he grüßte en up +sine döwelsche Wise gar fründlich un reep: "Willkamen, Presting! Nu +müßt du mal mit mi kamen un tosehn, wo't sick in der Höll lewt un ob +du se denen Buren richtig utleggt hest. Wo steiht et? Hest du din +Fell brav insmeert, datt et in der Hitt nich springt?" Un as de Düwel +disse spötsche Red dhan hedd, makte he sick an den Prester un wull en +packen; äwerst he kunn nich! Denn em kam een Gruwel un Grusen an, as +wenn he mit sinen Klauen in kold Is tastet hedd. Un de Prester +lachte mit grotem Vergnögen, blos em ut siner Pip den Tabaksrook in +de Näs un sede: "Holt, Düwel! da is noch een Sticken vör, datt du +nich herin kannst. Markst du, datt ick up minen Vörbeet stah? Un +damit du Schlangenschelm et begrippst un in dinen Düwelsknaken +zitterst un bäwerst, so kumm her un seh!" Un de Prester tog eenen +Stäwel ut un wieste dem Düwel, datt he drei, vier Bläder ut dem +Evangelienbook in sine Socken inneiht hedd. Un de hedd he ook in +sinen Stäweln hett, as he im Garden den Eid swur un sinen Handel äwer +den Weg dör't Holt afslot. Un de rode Düwel wurd vör Grimm blaß un +bleek as de Kalk an der Wand un schämde sick un vörzagde an dem +Prester, un neihde ut, as wenn em Für unner den Salen brennde, un +hett sick sin Leder nich mehr bi em sehn laten. Un de Prester hett +as een gottselig Mann lewt, un is so storwen, un de Kark steiht bet +dissen hütigen Dag, un de Damm liggt noch un führt den Namen sines +Baumeisters, het de Düwelsdamm; äwerst nahgrad wer't woll nödig, datt +man den Düwel eenmal wedder dran krege tom Utbetern; denn he hett +vördammt veele Löcher. Un wenn man ditt so bedenkt un de olden +Geschichten hürt, so mag man sick woll wundern, datt de Presters nu +tor Tiden so weinig känen un den Düwel nich mehr am Strick hebben. +Se segen, de olde Herr van der Finsternis un Düsternis is dood un +lewt nich mehr, äwerst se känen't nich bewiesen un ick glöwt nich; +denn he reckt sine Tatzen noch oft nog hervör. Un wahrhaftig leider +Gotts! an dem Düwel fehlt et nich, man de rechte Glow fehlt un de +rechte Leewe, de rechte fürige himmlische Leewe, de de ganze +vullgeproppte glönige Höll un alle Millionen Düwels mit eenanner +utbrennen un in Asch vörwandeln kann. Un darüm vörseggt en dat Hart, +et mit em uptonehmen. De Olden vörstunden't beter un wüßten den +Spruch mit der Dhad uttoleggen: West klok as de Slangen un eenfoldig +as de Duwen. To der Tid, as de Düwel Karken und Klöster buwen müßt, +gaff't gottskloke Lüde; nu äwerst sünt se düwelsklok un negenklok un +äwer all der Klokheit is de Vörnunft dumm worden, wo se de goden un +slimmen Geister mit eenem Blick underscheiden un den Engels und +Düwels in Christo begripen un den Lüden utdüden kunnen. Se söken den +leewen Gott in der Welt, wo he is un ook nich is, un nich in der +Bibel, wo en jeder finden kann, dem Negenklokheit de Oogen nich +vörglastert hett. Weer he so säker un wiß up der Landstrat to finden, +so were de leewe Heiland jo ümsüs vam Himmel herunnerkamen, sin +dürbares Blood am Krütz för uns to vörgeten. + + + + +De Wewer un de Steen + + +De Herr hett woll dat steenerne Krütz sehn, dat am Wege steiht, wo +man van der Löbnitzer Mähl nach Redbas geiht. Da lag vör dissem een +Steen, de was in twee Stücken tersprungen. Den hebben se wegnahmen, +as de Fürst Hessenstein de prächtige Redbasser Brügg buwen let; un +dat is schad, denn de Steen hedd wat in sick, un't was eene Geschicht +mit em, woran sick Mennigeen spegeln un wobi jeder Wandersmann, de +vörbiging, sine goden Gedanken hebben kun; un he was recht een +Wahrnagel för de Deewe un för alle falschen Nachtslikers. Nu he +äwerst weg is, ward et woll to swind vörgäten sin, un wer weet, wo +lang dat Krütz noch steiht, denn nu is de Tid da, wo se alles +umkehren un dat Olde vörachten. + +Vör langen langen Tiden, lang vör Minschengedenken, wahnde in Redebas +een Wewer, dat was een groter Schelm. He wewerde äwerst nich +veel--denn sin Wewstohl stund jümmer still--äwerst he grep to eener +Kunst, wodör man een lustig Lewen holden un swind rik warden kann; un +de Düwel hedd to sinem Gespinst den Inslag makt, un nu mag de arme +Stacker tosehn, wo he dat Netz utrawweln will, dat he sick sülwst +wewt hett. Des Nachts, wenn de ehrlichen Lüde slapen, was min Wewer +jümmer flink mit sinen Gesellen up den Beenen, un fette Swin un Gös, +de de Bur den annern Morgen tohauen wull, un Schinken un Mettwurst un +mennig swarer Immenrump un blanker Schepel Weiten kam int Hus, un +nüms wußte, up wat för eenem Wege. Dat äwerst wüßten alle Lüde im +Dörp, datt de Wewer ful was as de Oss üm Wihnachten un datt he fedder +lewde as de Schult un Vörwalter. Un se munkelden woll unner sick, he +were een Deef un Röwer un stünd' ook mit dem olden Draken im Vörbund, +de em alles todröge; äwerst bewiesen kunn em't keener. Nu begaff +sick't eenes Dages, datt unser Meister Urian mit sinem Gesellen dem +Löbnitzer Möller eene Nacht in de Mähl brok, un datt jeder sinen Sack +Weiten furtdrog. Glik drup kam de Möller mit sinem Burschen, un se +funden de Mähl apen un den Weiten weg un lepen up den Wegen herut, ob +se nüms gewahr warden künnen. Un se kemen ook up den Redbasser Weg +un packten unsern Wewer, de mit sinem Weiten up eenem groten Steen +satt; de Gesell äwerst was wiet vörut. De Möller un de Mählenbursch +nehmen nu unsern Wewer tüschen sich un prügelden en deeg af, un darup +müßt he sinen Weiten wedder upsacken un mit gewaltigem Pusten un +Stänen nah Löbnitz bet an dat Möllerhus dregen. Da hölden se en fest, +denn se meenden ganz säker; datt he de Weitendeef were. Un den +annern Vörmiddag was groter Gerichtsdag to Löbnitz. Un de Wewer hölt +sick stif und lögnede alles, un lede sware Klag up den Möller un den +Mählenburschen, datt se en as eenen Deef festholden, up der Landstrat +slagen un em sinen egnen Weiten afnahmen hedden. "Denn"--schreide +he--"ditt is min Sack (he hedd äwerst sinen egnen Sack mit sinem +Namenteken mitnahmen un den Weiten darin schüddet) un de Weiten darin +is min Weiten, den ick mi gistern Awend van dem Buren to Holthof +köfft hew. Un wenn ji't nich glöwen willt, so schickt hen un latet +den Buren halen un fragen, un wenn he seggt, datt ick den Weiten van +em nich köfft hew, will ick nu un ewig een Schelm heten." Un se +schickten nah'm Holthof, un de Bur sede ut, as de Wewer bedürt hedd; +denn he stack ook mit drin un was een Afflegger un Deewshehler. Un +nu wüßte de Richter keenen annern Rat, he hölt den Wewer woll för +eenen Deef, äwerst he kunn em't nich up't Lif seggen, un darüm müßt +he en tom Swur laten. Un he nam den Möller un den Mählenburschen un +den Wäwer, un se gingen mit eenanner to dem Steen un dem Krütz up der +Heid am Wege, wo de Möller en packt hedd, un da vörmahnde he den +Wewer noch eenmal, Gott de Ehre to laten, wenn he sündigt hedd, un +leewer sine Sünd to bekennen un de Straf to liden, as eenen falschen +Eid to dhon un ewig in der Höll to braden. "Denn"--sede he un sach +den Schelm dabi sehr ernsthaftig an--"disse Steen wat woll tügen +gegen di, wenn du falsch swerst, un disse Durnbüsche warden de Köpp +äwer di tohop stecken un Weh und Zeter äwer di schreien." De Wewer +äwerst let sick nicks anfechten, he makte sin Hart fast un verschot +keene Min un schwur frisch weg, datt he unschuldig were an des +Möllers Dör un Weiten, un sprack mit frecher luder Stimm: "Lat dissen +Steen in Stücken springen, un wenn et een muntlos Kindeken weet, datt +ick de Deef bün, lat et oogenblicklich dat Wurt gewinnen." Un da +gingen se van dem Steen weder nach Löbnitz torügg, un de Spruch was: +De Möller un de Mählenbursch müßten dem Wewer Afbidde dhon un för den +Schimp un de Släge hundertföftig Daler betalen und alle Kosten stahn. +Dat hedden se noch to ehrem Schaden; de Wewer äwerst strek dat Geld +in un lachte in sin Füstken, nam sinen Weitensack up den Puckel un +plegde sick eenen goden Dag van dem Roof un van dem glücklichen +Geldfang. + +Nu was't to spad em totoropen: "Holl up! Holl up!" he was to dicht +van den Doiwelsstricken bestrickt, un kunn nich mehr herut; sin Wagen +was loslaten, un lep störtlings bargaf. He dref dat lichte Handwark +noch een paar Jahr un wurd een Perddeef un Stratröwer un Mörder un +strek an Galgen un Strick oft hart vörbi. Toletzt äwerst wurde he in +Rostock fast mit mehrern siner Gesellen, un da kam et ut, datt he vör +drei Jahren in Kenz een Hus anstaken hedd, worin eene olde Frau un +drei Kinder vörbrennt weren. De arme Sünder wurd nu utlewert nah +Redebas, wo he to Hus was, un sin Urtel wurd spraken: He schull an +dem Pal vörbrennt warden. As he hier satt, dachten se in Löbnitz un +Redbas wedder an den Weitensack un wo he sick an dem Steen up der +Heid losswaren hedd. Un de Königliche Amtmann un de Schult leten dat +Holt, worup he verbrennen schull, dahenführen un richteden em an dem +Steen sinen letzten fürigen Stol up. Un da hett sick begewen, as he +in der heeten Qual satt un sinen letzten Lewensschrei van sick gaf, +datt et unner dem brennenden Holte klungen hett, as wenn een Kind +weent. Un alle Minschen, de dabistunden, hebben sick vörwundert un +vörfiert äwer de Kinderstimm, un een old Wif hett seggt: "Da hett mal +eene Mordhand een Kind in de Erd scharrt, un dat rührt sick nu in +siner Gruft." Äwerst de Mählenbursch van vörmals, de nu Möller in +Karnin was un dabistund, reep ganz lude, datt alle Lüd et hürden: "Ne! +keene arme Sündersche hett ehr Kind da in de Erd vörgraben, da hett +de Schelm up dat Evangelienbook sin falsch Wurt ingraben, un dat mütt, +damit de Wahrheit an den Dag kümmt, unner der Erd herutschreien: +'Wewer, du hest Gott belagen.' Un nu will'n wi sehn, wo't mit dem +Steen utsüht." Un de Möller vörtellde de ganze Geschicht van dem +Weitensack un wat de Richter bi dem Steen seggt hed un wo sehr he den +Wewer up sine ewige Seligkeit vörmahnt hedd, un up wat Wise un mit +wat för Wurden de Wewer sick darup vörswaren hedd. Un de Lüde +vörstaunden sick un keener kunn een Wurt spreken vör Schrecken. Un +as de arme Sünder vörbrennt was un nicks as Asch un Knaken äwrig +weren, da trat de Möller to dem Steen un rakte mit dem Stock de Asch +weg van dem Steen, un süh! de Steen was terborsten un in twee Stücken +zersprungen. Un alle Lüde seden: "Seht! dat is Gotts Finger", un +gingen in Furcht un Zittern to Hus. Äwerst ob van allen den, de +dabistunden, ook nich eener mal stahlen hett, daför will ick nich +godstahn; denn so ward et woll in disser Welt bliwen, so lang se +steiht. + + + + +Die alte Burg bei Löbnitz + + +Nahe bei Löbnitz über grünen Wiesen, wodurch sich das Flüßchen Barth +hinschlängelt, grünt ein kleiner Eichenwald mit einem durchrinnenden +Bächlein und den schönsten und dichtesten Haselbüschen, welche sich +fast jeden Herbst unter dem braunen Schmuck ihrer Früchte beugen. An +der Südseite des Wäldchens liegt eine Ziegelei, und am nördlichsten +Ende erhebt sich eine Burghöhe, deren Umwallung ringsum eine Senkung +umgibt, in welcher die elegischen und zauberischen Sträuche Kreuzdorn +und Hagedorn, Hollunder und Alf-Ranke, Nessel und Nachtschatten sich +festgesiedelt hatten und dem Andringer das Aufsteigen fast schwer +machten; auch hatten die Füchse sich den Wall und sein altes Gemäuer +zu ihren unterirdischen Wohnungen durchminiert. Dieser alten Burg +gegenüber erhob jenseits am rechten Ufer des Flusses unweit Wobbelkow +ein stattliches Hünengrab sein grünbemoostes Haupt, von dessen Gipfel +man die Stadt Barth mit ihren roten Dächern und in der Landschaft +umher ein halbes Dutzend Kirchtürme und ein halbes Hundert Höfe und +Dörfer überschauen konnte. Dieses Eichwäldchen ward nach den +Trümmern jener Burg gewöhnlich nur zur alten Burg genannt. Hier +hatte sich nun ein Abenteuer begeben, welches durch alle Münde und +Mäuler der Menschen die Runde machte: Eine junge, hübsche Dirne, +welche die Kühe des Zieglers im Busche hütete, war plötzlich +verschwunden oder entlaufen, und da geschah es, daß die Stimmen der +Sage sich wieder aufweckten, die oft verschollen ihre Zeit träumt und +schläft und dann mit doppelter Lebendigkeit wieder in die Ohren der +Menschen tönt. Und in folgender Weise war die Erzählung des Gärtners +Christian Benzin: + +"Herr, sie sagen so was von der Dirne des Zieglers, die vor vierzehn +Tagen am hellen scheinenden Mittag verschwunden und nicht +wiedergekommen ist. Die Leute munkeln, und des alten Schweden +Sturbergs Jungen aus Wobbelkow, die einem Kalbe nachgelaufen, haben +es gesehen: Ein Matrose in bunter, rotgestreifter Jacke ist mit ihr +am Saum des Waldes spazierengegangen und hat einen Blumenstrauß in +der Hand gehabt, und sie glauben, der habe sie weggelockt und mit +sich auf sein Schiff genommen. O du Herr Jemine! Das Schiff, worauf +die Dirne fährt! Soviel ist wahr, den Buntjack werden die +Sturbergsjungen wohl spazieren gesehen haben, aber meiner Sir so weit, +als die dummen Leute sich einbilden, ist sie nicht unter Segel +gegangen. Ich weiß wohl, wo sie sitzt, und Jochen Eigen, den sie +immer den Edelmann schelten, weiß es wohl noch besser, aber der +schämt sich und sagt's nicht und verrät nichts von seinen +Hausheimlichkeiten, als wenn er mal ein wenig zu tief ins Glas +geguckt hat." Und bei diesen Worten machte der Gärtner Christian eine +gar absonderliche und verwunderliche Miene. + +"Nun, Benzin, nur her mit Euren Geschichten! Jetzt, hoffe ich, +wird's einmal wohl ans Licht kommen, warum Ihr bei dem Namen alte +Burg immer so wunderliche Reden und Gebärden braucht. Hier muß es +irgendwo stecken, daß Ihr auf der Jagd nie in diesen Busch hinein +wollt und mit leichten, diebischen Katzentritten an seinem Rande +umherschleicht oder Euch in gehöriger Entfernung Eure Stelle anweisen +laßt. Darum habt ihr, als die schönen Mamsellen aus Barth jüngst +dahin Nüsse pflücken gingen und noch andere hübsche junge Frauen +mitgehen wollten, so wunderliche Gesichter geschnitten und sie in den +Löbnitzer Wald auf den Kamp zu laufen verlockt, wo man unter den +Pfriemenbüschen wohl Hasen und Füchse aufjagen, aber keine Nüsse +schütteln kann. Es muß was Besonderes mit diesem Busche sein. Und +nun heraus damit! Ich lasse Euch diesmal nicht los." + +"Ja, Herr, dies ist Euch ein Busch! hier ließe sich viel erzählen, +und wer eine hübsche Frau und schöne Tochter hat, der lasse andere +Weiber in diesen Busch Nüsse pflücken gehen. Ich sage nur soviel: +wie manche hübsche Jungfer würde ihr Herzleid zu erzählen haben, wenn +sie sich nicht schämte! Ich erinnere mich noch, mein Vater hat mir's +erzählt,--es sind wohl ein paar Stiege Jahre her--da waren ein paar +schöne Jungfern aus Barth gekommen Nüsse zu pflücken, und sie sind +hier im Wäldchen verschwunden. Man hat die Verschwundenen tage- und +wochenlang gesucht, wie man Stecknadeln sucht, bei Sonnenlicht und +Laternenlicht, aber keine Spur von ihnen gefunden, kein Mensch hat +sie wiedergesehen. Mein Vater sagt, es sei große Wehklage und Trauer +um sie gewesen--denn es waren Kinder ehrsamer und reicher Leute--und +zuletzt in Kentz und Starkow und in allen Kirchen umher mit den +Glocken um sie geläutet, als hätte ein Wolf oder Bär sie gefressen. +Aber deren gibt's hier nicht; ich weiß wohl, wer der Wolf ist. Und +doch hat sich's wunderlich genug offenbart: sie waren nicht von +wilden Tieren aufgefressen, sondern nach acht bis zehn Jahren von +Vergessenheit und Verschollenheit sind sie mit einemmal noch ganz +frisch und blank wieder unter den Lebendigen aufgetreten und haben +sich nichts merken lassen. Aber die Leute haben doch eine Art Grauel +vor ihnen angewandelt und haben ihrer Jungferschaft nicht recht +getraut, und die armen hübschen Mädchen haben zuletzt als alte +Jungfern sterben müssen. + +Und nun will ich erzählen, was Jochen Eigen mir erzählt hat, der +diese Geschichten am besten weiß; aber er wird sich hüten sie dem +Herrn zu erzählen. Und dann wird der Herr verstehen, warum ich +hübsche junge Frauen und Mädchen nicht so leichtfertig in den Wald +laufen lassen will, und warum ich neulich krank ward, als ich die +Nacht bei dem Fuchsbau am Burgwall, wo sie gegraben hatten, +Schildwache stehen und die jungen Füchse, wenn sie etwa heraus +wollten, zurücktreiben sollte. + +Vor langen, langen Jahren war Jochen Eigens Urgroßvater*, ein +prächtiger, stolzer Edelmann, so prächtig und steinreich, daß er den +Zaum seines Pferdes mit Juwelen besetzte und in einem goldnen +Steigbügel saß. Dieser hatte im Lande Rügen und auch hier im +Pommerlande viele schöne Höfe, Wälder und Bauern, so viele, daß man +sie nicht zählen konnte--ein prächtiger, stolzer Mensch, der mit +sechsen vom Bock fuhr, einen Läufer vor sich herlaufen und seine +Pferde in langen Strängen springen ließ. Aber es war ein wilder, +verwegner Mensch, der nichts von Gottes Wort und Wegen wissen wollte, +ein toller Jäger und Reiter und ein greulicher Weiberjäger, der wie +der Falk auf die Tauben, auf die schönen Dirnen lauerte. Diesem +Eigen hat in jenen alten Zeiten auch Löbnitz und Diwitz und Wobbelkow +gehört, und hier bei Löbnitz hat er im Walde ein prächtiges +Burgschloß gehabt mit vielen Türmen und Fenstern, wo er manche schöne +Nacht durchschwärmt und durchtrunken und mit seinen lustigen Gesellen +bei Wein und Weibern bankettiert hat. Und dort auf dem hohen +Hünengrabe an dem andern Ufer, dort am Wege zwischen Redebas und +Wobbelkow, hat er sich ein prächtiges, aus eitel gehauenen demantenen +Steinen gebautes Lustschloß hingestellt. Da ist er oft hingaloppiert +und hat dort gesessen und mit einem Kieker auf die Landstraßen umher +ausgeschaut, ob seine wilden Lauscher und Räuber, die er ausgeschickt +hatte, schöne Weiber einzufangen, nicht irgendwo mit Beute +heransprengten. Diese armen Gefangenen haben sie dann bei +nächtlicher Weile, wo andere gute Christenleute schlafen, auf die +Burg im Walde geschleppt und dort versteckt, daß weder Hund noch Hahn +danach gekräht hat. So hat der böse Mensch sein wildes, verruchtes +Wesen viele lange Jahre getrieben, und Gott hat ihm manchen Tag die +Zügel schießen lassen. Das lag aber in seinem Blute, und Jochen, dem +der Edelmann lange vergangen sein sollte, dessen Großvater schon ein +armer Weber gewesen--der Herr glaubt nicht, was die alten Leute von +dem zu erzählen wissen, wie grausam der in seinen jungen Jahren auf +die hübschen Dirnen gejagt hat. Er will sich's nun nur nicht mehr +merken lassen, aber diese lüsternen Edelmannsnücken hat er noch genug +in sich. Endlich aber ist doch des alten wilden Jägers Tag gekommen, +es ist Krieg geworden, und Pest und Hunger und Moskowiterzeit und +Kalmückenzeit, ich weiß den Namen nicht recht, aber eine grausame +böse Zeit ist gekommen, und da ist jener Bösewicht auch von seinem +Jammer gefaßt worden: seine Schlösser und Häuser verbrannt, seine +Scheunen und Speicher ausgeleert, sein Vieh weggetrieben. Da hat er +sich zuletzt hier in die Burg bergen und verstecken und knapp leben +lernen müssen wie andere arme Leute. Da ist seine Rechnung bei dem +höchsten und obersten Rechenmeister übervoll gewesen, und er hat ihn +mit seinem Blitz geschlagen und sein prächtiges Sündenhaus angezündet, +und er und seine Weiber sind alle zu weißen Aschen verbrannt, und +von der ganzen Herrlichkeit, wo sonst Geigen und Trompeten klangen +und Tag und Nacht bankettiert ward, liegen noch kaum ein paar Steine +da, und nun sind die Füchse und Marder und Eulen die einzigen +Nachtmusikanten. + +---------------------------- +* Die Eigen sind allerdings ein altes adliges Geschlecht in der Insel +Rügen gewesen, aber jetzt längst verloschen und verschollen. Möglich, +daß Jochen Eigen, welchen sie gern den Edelmann schalten, aus jenem +Geschlechte war. Ich habe weder Lust noch Veranlassung gehabt seinem +Ursprunge diplomatisch nachzuforschen. Bei diesen Geschichten dringt +sich übrigens wieder die bekannte Erfahrung auf, daß Bauern und +Dienstleute in Erinnerung mancher Unbill und Ungerechtigkeiten, die +ihnen von schlimmen Edelleuten widerfahren sind, indem sie der +freundlichen Herren darüber vergessen, eine Freude und Ergötzung +erleben, wenn sie sich märchenhaft erzählen, wie das Unglück oder gar +der Gottseibeiuns irgendeinem bösen verruchten Geschlechte das Garaus +gemacht habe. +---------------------------- + +Der Herr weiß wohl die alte Eiche, die dicht an der Burg steht, ein +besonderes altes Gewächs, welchem der Blitz auch vor einigen Jahren +die eine Hälfte abgespaltet hat. Da spielt jetzt eine gar +wunderliche Musikantengesellschaft drauf. Wenn man nur achtgibt und +aufmerkt, daß auch kein Vögelchen im Walde schwirrt und zirpt, um den +Baum ist's nimmer still. Spatzen und Zeisige und Meisen flattern und +schreien da bei Tage in solcher Menge, daß man sein eigen Wort nicht +hören kann, und des Nachts--o herrje!--machen die Eulen und Krähen +und Raben ihren Gesang, daß einem die Haare zu Berge stehen. Sie +sagen auch, daß die Füchse dann aus ihren Löchern kommen und +mitheulen, und daß die Schlangen, deren unten am Bache so viele sind, +dann einen Ringeltanz halten; aber ich habe es nicht gesehen. Das +ist aber einmal wahr, daß man die Pferde, die in ihren Nüstern von +Gespenstern und anderm Teufelszeug eine Witterung haben, an dieser +Seite des Waldes selbst bei Tage kaum grasen sieht. Der Herr hat +auch wohl den schwarzen Storch gesehen, der nicht weit von der Burg +auf einer abgestumpften Buche horstet. Hier um Löbnitz, Redebas und +Divitz, wo die Barthwiesen und Bäche so viele Nattern, Schlangen und +Frösche ziehen, hat's der Störche auf allen Dächern und Scheunen die +Menge, aber nirgends sieht man einen schwarzen Storch als hier. +Zuweilen sollen Jahre sein, so er ganz ausbleibt, schon seit +Menschengedenken hat man davon gesprochen, aber er erscheint zu +seiner Zeit immer wieder. Dieser schwarze Storch ist hier der +Feldhauptmann des ganzen Vogelgefieders. Viele Leute sagen, er sei +der alte Edelmann selbst oder auch ein Sohn von ihm, den er mit einer +Mohrenprinzessin gezeugt haben soll, die er dem Sultan im Mohrenlande +abgekauft hatte. Denn Zauberer, Hexenmeister, Mohren und solches +wanschaffene Teufelsgesindel, das keinen ordentlichen Vater und +Mutter vorzeigen kann, wippsen hier des Nachts umher, und diese haben +die vielen Fußtritte ausgetreten, die zu dem Wall hinlaufen; denn die +Menschen hüten sich wohl, um dieses Revier Fußsteige zu machen. +Dieses Gesindel wohnt bis auf den heutigen Tag in unterirdischen +Sälen, die noch viele hundert Schuh tief unter den Füchsen liegen, +und mancher hat es deswegen tief unter dem Wall heraus oft so +wunderlich sausen und klingen gehört, mit ganz anderer Gewalt und +andern Tönen, als Füchse und Marder in ihren Löchern machen können. +Mit diesem schwarzen Storch ist es ein gar absonderliches Ding. Das +wissen alle Bauern und Hirten zu erzählen, er hat auf den Wiesen ein +dreimal größeres Jagdrevier als irgendeiner der bunten Störche, und +keiner von diesen kommt ihm in sein Verbiet; ja sie fliegen gleich +davon, als wenn sie den Teufel sähen, sobald sie ihn nur von fern +erblicken. Des Nachmittags gegen den Abend, wenn die Sonne ins Gold +zu gehen anfängt, sieht man ihn zwischen der Burg und dem Hünengrabe +immer hin und her fliegen, auch sitzt er dann oft auf diesem Hügel +und schaut gegen die Stadt Barth hinüber, woraus er in seinen Tagen +vielleicht manche hübsche Dirne verlockt hat. So muß er nun nach +Gottes Spruch und Urteil viele Jahrtausende in Vogelgestalt +herumfliegen--denn wer wird ihn zu erlösen kommen?--und statt seiner +früheren Leckerbissen mit der schlechten Speise der Frösche und +Schlangen, die jeder Mensch anspeit und ausspeit, vorlieb nehmen, und +in seinem schwarzen Rock zeigen, daß er ein Schelm und Bösewicht von +Natur ist. Aber es ist sonst doch noch etwas anderes dabei, und das +ist eben das Greuliche, der Matros in der bunten Jacke. Ich weiß +nicht, ob es ein Matros ist, in welcher Gestalt ihn viele wollen +gesehen haben, oder ein hübscher flinker Jägerbursch, aber die bunte +Jacke gehört einmal dazu. Und keiner versteht, wie dieser Buntjack +und der Schwarzrock, der Storch, zugleich da sein können, und was +diese Vermaskierung bedeutet, aber ein buntes Teufelsspiel ist es +sicherlich, und hat manche arme Seele um Ehre und Glück gebracht. +Denn wenn so ein glatter Geelschnabel und Grünling von einer hübschen +jungen Dirne oder ein anderes schönes Weibsbild hier im Walde Blumen +lesen oder Nüsse pflücken geht und ihre Gedanken nicht in acht nimmt, +daß sie nicht ganz auf Gottes Wegen bleiben--ich meine, wenn sie +etwas zu junges und zu Lustiges denkt oder mit verbotenen +Götzenbildern des Herzens spielt, wie unser Herr Pastor Scheer sagt, +auf der Stelle stellt sich der schöngestreifte Buntjack ein und macht +vor ihr seine Kratzfüße. Er macht sich gar leidig und freundlich +heran, reicht Blumensträußchen, erbietet sich als Diener die +Nußbeutel zu tragen, und spielt so mit tausend Blücklingen und +Heuchlingen und Schmeichlingen um die Weibsen herum, daß die armen +Begigelten und Behexten nicht wissen, wie ihnen geschieht, und nimmer +gewahr werden können, welch ein Hahnenfüßler er ist. Auch kommt er +wohl immer ganz wie von ungefähr als ein feiner, blöder Jüngling, als +ein hübscher, unschuldiger Knab', irgendein buntes Vöglein auf der +Hand tragend und sprechend: 'Sie sucht Blumen, schöne Jungfer, Sie +will Nüsse pflücken--o komm Sie mit mir! Ich weiß wo schönste Blumen +stehen, wo braune Nüsse in Menge hängen.' Und so lockt er sie fort, +und führt sie durch Blumen und Nüsse immer tiefer in den Wald, und +lockt sie endlich auf den Burgwall--'O da ist eine ganz prächtige +Aussicht, schöne Jungfer', ruft er, 'da kann Sie die schöne Welt mal +weit umher überschauen.' Da oben liegt aber ein kleiner roter runder +Stein wie zu einem Sitz zurechtgemacht mit einem immergrünen +Plätzchen daherum, da hat der Schelm Blumen und Nüsse hingestreut, +und wohl rosenrote Äpfel und Pflaumen, und heißt sie sich setzen und +sich des Blicks über die weite Landschaft freuen. Aber siehe! Wie +sie herantreten und den Stein berühren, tut sich das grüne Plätzchen +auf, und Buntjack und Jungfer und Nüsse und Blumen--alles sinkt +plötzlich tief in die Erde hinab, in die unterirdischen Säle, aus +welchen es oft so wunderlich herausklingt--und die armen versunkenen +Dirnen kommen nimmer wieder, oder einige kommen auch wohl nach Jahren +wieder an das Licht und unter die Menschen, aber sie schämen sich zu +sagen, wo sie so lange gewesen sind und was ihnen widerfahren ist. O +wie manche hübsche Jungfer, die mit dem lustigen Buntjack Blumen und +Nüsse pflücken ging, hat hier den Blumenkranz ihrer Unschuld verloren. +Ich sage soviel, meine Frau ließe ich für alle Schätze der Welt +nicht in diesen Busch gehen. Die Jungen, die des Nachts auf den +Wiesen die Pferde hüten, erzählen viel von dem Eulen- und +Krähengeschrei, aber zuweilen haben sie auch ein Wimmern und Winseln +wie tief aus der Erde heraus gehört, und dann haben sie den schwarzen +Storch gesehen sich in der Luft über dem Walde mit den Flügeln +wiegend und klatschend, als sei ihm das eine Freude. Aber ich weiß +nicht, ob man alles so glauben soll, aber gewiß böses Spiel ist +dahinter, wiewohl man glauben soll, daß Gott solches Spiel nicht +zuläßt bei denen, die mit den rechten Gedanken und mit frommen +Bibelsprüchen in der Brust versehen sind, und wenn sie sich auch +unter lauter Teufelsgesindel im düstersten Walde und in einsamster +Wüste verirrt hätten." + + + + +Der Rabenstein + + +Es gibt viele absonderliche und wunderseltsame Geschichten und Dinge +in der Natur, von welchen kein Mensch begreift, wie sie sich begeben +und zusammenhängen, und sind doch da. Und wenn die Menschen sie +erzählen hören, erstaunen sie und erschrecken, aber wissen können sie +sie nicht. So ist es auch mit dem Rabenstein, wovon viele erzählen, +aber keiner etwas Gewisses weiß; daß es aber Rabensteine gibt, das +weiß man wohl. + +Ihr habt auch wohl von Diebslichtern gehört. Die sind fast eben wie +der Rabenstein und wie andere unsichtbare Diebslaternen. Es ist aber +greulich zu erzählen, wie Diebslichter gewonnen werden. Sie sind die +Finger von ungeborenen und unschuldigen Kindlein; denn die Finger von +schon geborenen und getauften Kindern kann man dazu nicht gebrauchen. +Und was für ungeborene Kindlein sind das? Und wie muß man die +Lichter gewinnen? Wenn eine Diebin oder Mörderin sich selbst erhängt +oder ersäuft hat oder gehängt oder geköpft worden ist und ein Kind in +ihrem Leibe trägt, dann mußt du hingehen um die Mitternacht, auf des +Teufels Straßen, und nicht auf Gottes Straßen, mit Beschwörungen und +Zaubereien, und nicht mit Gebet und Segen, und mußt ein Beil oder +Messer nehmen, das von Henkershänden gebraucht ist, und damit den +Bauch der armen Sünderin öffnen, das Kind herausnehmen und seine +Finger abschneiden und zu dir stecken. Aber solches muß durchaus um +die Mitternacht vollbracht werden und in vollkommenster Einsamkeit +und Schweigsamkeit, so daß auch kein leisester Laut, ja kein ach! und +kein Seufzer über die Lippen des Suchenden gehen darf. So gewinnst +du Lichter, die, wenn du willst, brennen, und, wie kurz sie auch sind, +doch nimmer ausbrennen, sondern immer gleich lang bleiben. Diese +Zauberlichter haben die sonderliche Natur und Eigenschaft, daß sie +augenblicklich brennen, wie und wo ihr diebischer Inhaber nur denkt +oder wünscht, daß sie brennen sollen, und ebenso geschwind als sein +Wunsch und Gedanke erlöschen. Durch ihre Hilfe kann er in der +dichtesten finstersten Nacht, wenn und wo er will, alles sehen; sie +leuchten aber nur für ihn und für keinen andern, und er selbst bleibt +unsichtbar, wenn sie auch alles andere hell machen. Dabei sitzt noch +die Greulichkeit in ihnen, daß sie eine geheime Gewalt über den +Schlaf haben und daß in den Zimmern, wo sie angezündet werden, der +Schlafende so fest schnarcht, daß man zehn Donnerbüchsen über seinem +Kopf losknallen könnte und er doch nicht erwachte. Denke, wie lustig +sich da stehlen und nehmen läßt! + +Auf diese Weise werden die Diebslichter gewonnen und gebraucht, aber +anders der Rabenstein und nicht so greulich, wiewohl auch ein vom +Satan und von seinen Gelüsten verblendetes und verhärtetes Herz dazu +gehört, sich den Rabenstein in die Tasche zu schaffen. Dies ist aber +der Rabenstein, und auf folgende Weise wird er gewonnen: + +Die Raben, Krähen, Adler und andre solche Vögel, welche scharfe +Schnäbel und Klauen haben und von Gott auf den Raub angewiesen sind, +sagen die Leute, werden sehr alt und leben wohl zweihundert und +dreihundert Jahre, also viel länger als die ältesten Menschen. Wenn +nun ein Rabenpaar hundert Winter miteinander gelebt und geheckt hat, +dann legt es erst den Rabenstein, und, wie sie sagen, alle zehn +Winter einen neuen Stein. Dieser Rabenstein soll nach der Sage aus +den Augen der Diebe herauswachsen, welche die Raben am Galgen +ausgehackt haben; und das müssen die Raben an vielen hundert Dieben +getan haben, ehe sie einen solchen Wunderstein legen können. Er ist +von der Größe einer Wälschen Nuß oder eines Rabeneies, ganz rund und +glatt und feuerrot wie ein Karfunkelstein, und die Raben legen ihn in +der letzten Nacht des Hornungs: denn noch im Winter legen sie ihre +Eier und im ersten Frühling, wann es noch reift und friert, haben sie +schon befiederte Jungen. Es hat aber dieser grausige Wunderstein +zwei Eigenschaften; die erste, daß er in der Nacht leuchtet wie eine +Sonne und alles umher hell, seinen Träger aber unsichtbar macht, so +daß sich herrlich mit ihm stehlen läßt: die zweite, daß er zu Galgen +und Rad hinlockt. + +Wer einen Rabenstein suchen und fangen will, der muß in die hohen +Forsten suchen gehen, wo die großen, himmelhohen Bäume stehen; denn +auf den schlanksten und schiersten Fichten, Eschen und Buchen, welche +der gewandteste Matrose nicht leicht erklettern kann, baut der kluge +Vogel Rabe sein Nest. Da muß er lauschen und lugen, wo er Rabentöne +aus hoher Luft klingen hören und Rabennester entdecken mag, und zwar +an solchen Tagen, wo Schnee gefallen ist; denn dann kann er allein +die rechten Nester finden. Er mag nämlich alle Nester ruhig sitzen +lassen, unter deren Bäumen Schnee liegt, denn in solchen ist kein +Rabenstein. Der Rabenstein nämlich ist so warm von oben, daß es +unter seinem Neste nimmer friert noch taut und daß der Schnee in der +Minute vergeht, in welcher er fällt. Aber wer dies auch weiß, kann +doch wohl hundert Jahre in allen Wäldern und unter allen Bäumen +herumlaufen und sich die Augen aus dem Kopfe gucken, und findet doch +das Nest mit dem Rabenstein nicht. Denn das Glück oder gottlob +leider der Teufel läßt sich nicht immer so leicht greifen, als die +einfältigen Leute sich einbilden. Denn überhaupt sind wenige Raben +in der Welt, und von diesen wenigen wie wenige werden hundert Jahre +alt oder gar zweihundert und dreihundert! Weil strenge Winter, wilde +Buben, Jäger und mächtigere Raubvögel die meisten in der Jugend +verderben--und ferner, wie schwer auch sind die Rabennester zu finden, +da der Rabe nur einen Klang oder Ton macht, wenn er in hoher Luft +fliegt oder auf dem Aase sitzt oder im Neste angegriffen wird, sonst +aber der verschwiegenste und einsamste aller Vögel ist! Hat nun auch +einer einmal einen solchen Baum gefunden, so will es noch ein rechtes +Löwenherz, ja Satansherz dazu, den Rabenstein aus dem Neste +herunterzuholen. Denn hört, wie das geschehen muß: + +Wer den Rabenstein haben will, der muß in der letzten Nacht des +besagten Hornungs in den Wald gehen, wo der Baum mit dem +hoffnungsvollen Neste steht. Er muß ganz einsam und allein kommen, +und auch keine Menschenseele muß wissen, wohin und wofür er +ausgegangen ist; und auch keinen Laut, nicht einmal ein Hustchen oder +ein Seufzerlein darf er von sich geben. Auf die Glocke der Zeit muß +er achtgeben und genau um die Mitternachtstunde zur Stelle sein; denn +nur in der Gespensterstunde, zwischen zwölf und eins in der Nacht, +läßt der Stein sich gewinnen. Dann muß er sich so splitterfasernackt +entkleiden, wie Adam weiland im Unschuldkleide der Natur im Garten +Eden gestanden ist; und in diesem Naturkleide muß er nun den Stamm +hinaufklettern und zitternd und bebend im Sinn behalten, daß er +keinen Ton vernehmen lassen darf; denn alsbald ihm auch nur der +leiseste Laut entführe, würde er gleich des Todes sein. Aber nun +merkt euch hierbei wieder des Teufels List. Wenn er den armen +gierigen Kletterer bis oben zur Spitze hinaufgelockt hat, wo das +heillose Nest sitzt, dann darf er nicht hineinschauen und sich den +leuchtenden Stein aussuchen, sondern er muß sich nun noch dreimal um +den Stamm herumschwingen, die Augen zutun, und blind hineingreifen, +und was sein Finger zuerst berührt, das muß er behalten. So hat +sich's oft begeben, daß manche mit einem faulen Ei heruntergekommen +sind und für alle Angst, Arbeit und Schmerzen nur Spott gehabt haben. +Es bringen es überhaupt wohl wenige zustande mit dem Rabenstein, +unter Hunderten, die ihn begehren, wohl kaum einer. Denn alles ist +dabei halsbrechend und ungeheuer. Den meisten vergeht gewiß schon +die Lust, wenn es um die kalte tote Mitternacht an das Auskleiden +gehen soll, und sie nehmen in der Angst die Flucht, und haben dann +gewiß das Geschwirr und Gesurr des höllischen Nachtgesindels im +Nacken hinter sich. Auf diese Weise hat mancher freche und verwegene +Bursch Schuh und Stiefeln, Rock und Hut verloren und den Leuten +hinterher von Dieben und Räubern erzählt, die ihn so bis aufs Hemd +ausgezogen haben; die guten Leute hätten diese Räuber und Kleider und +Schuh aber unter dem Rabennest finden können. Viele erfrieren und +ermatten auch, indem sie den Stamm kaum halb hinaufgeklettert sind, +oder können es vor Schmerz nicht länger aushalten, denn es geht dabei +wohl an ein ehrliches Schinden der Knie, Schenkel und Arme, und so +müssen sie endlich mit Schimpf zurückkriechen oder fallen auch wohl +gar jämmerlich herunter. Das bleibt aber wahr, wenn sie auch oben +bis zur äußersten Spitze und zum Neste gelangt sind, dann wird's erst +recht teuflisch und gefährlich. Nun in der Mattigkeit und Angst den +vollen Verstand behalten und den Ton so bezwingen, daß auch kein Laut +aus der Brust dringt, die Augen zutun, sich dabei dreimal um den +Stamm schwingen, und dann mit der Hand ins Nest fahren und den +letzten Glücksgriff tun--das ist wahrhaftig nicht jedermanns Ding. +Dabei stürzen noch die meisten herunter und brechen den Hals, +besonders wenn es ihnen zu mächtig wird und sie doch stöhnen oder +murmeln. Dann ist es um sie getan. Sowie auch nur der leiseste Laut +fast nur atmet, geschweige klingt, ist sogleich ein ganzes Heer da, +das mit zu dem Satansgaukelspiel gehört. Viele hunderttausend Raben +füllen plötzlich mit ihrem Gekrächze die Luft und umflattern den +armen Sünder, und fallen mit Flügeln, Klauen und Schnäbeln so dicht +auf ihn, daß er herunter muß, er mag wollen oder nicht. Da geht's +denn zuletzt an den Sturz und an ein Hals- und Beinbrechen--denn wäre +der Kletterer ein Löwe von Mut und Stärke, er muß herunter--und mit +den Augen und einem bißchen von Wangen und Nase nimmt die +Gesellschaft gleich fürlieb. Dies sind die Geschichten, wovon man so +oft hört, die man auch oft in Zeitungen liest, wo auf die vermeinten +Mörder gelauscht und gefahndet werden soll: ein junger Jägerbursch +oder Handwerksbursch sei nackt und zerrissen und zerfleischt im Walde +gefunden, von Räubern ausgeplündert und erschlagen oder von zuckenden +Bären und Wölfen zerrissen. Er hat sein mitternächtliches Wagstück +mit dem schwarzen Federvolke so bezahlen müssen, und die Räuber, +Mörder und reißenden Tiere haben weder Knüppel und Pistolen noch +Zähne und Tatzen geführt. + +Und nun will ich auch eine Geschichte erzählen von einem, der den +Rabenstein besessen hat, und was er ausgerichtet und wie es mit ihm +geendet hat. + +Vor langer langer Zeit lebte zu Boldewitz auf Rügen ein reicher und +vornehmer Herr, der vieler Kaiser und Könige und Potentaten in +schweren Fällen Kriegsobrister gewesen war, der hieß Herr Friedrich +von Rotermund. Dieser brachte aus der Türkei oder aus der Tartarei, +kurz, aus den Heidenländern, wo sie Weiber kaufen, wie bei uns die +Pferde, ein wunderschönes Weib mit, von welcher kein Mensch wußte, ob +sie eine Heidin oder Christin war. Sie war aber nicht sein eheliches +Weib, sondern seine Kebsin. Mit dieser zeugte er ein Feierabendskind, +und das war ein Knabe und hieß auch Friedrich. Es war aber kein +Friedrich, sondern ein rechter Kriegerich; denn der Krieg und die +Wildheit steckte darin, und er war von keinem Schulmeister noch +Züchtiger zu bändigen, sondern ging durch wie ein kosakisches oder +tartarisches Pferd. Er war aber schön wie Sonnenschein und stark wie +Eichbäume und bei all seiner Wildheit den Menschen über die Maßen +angenehm und gefällig; so daß jeder den Buben gern hatte. Nach +seines Vaters Tode, als er fünfzehn Jahre alt war und nun einem +älteren Bruder gehorchen sollte, welcher der Sohn der echten Ehefrau +des alten Rotermund war, ertrug er die strengere Zucht nicht, sondern +entlief und kam nach der Insel Hiddensee, und ging von da zu Schiffe +in alle Welt hinaus und ward ein gewaltiger Matros. Als er sich das +muntre Seeleben ein halbes Dutzend Jahre versucht hatte, ist er +einmal wieder nach Stralsund gekommen und von da zu Hause nach Bergen +in Rügen, wo seine Mutter wohnte. Und seine Mutter und andere +Freunde haben ihn dort beredet, er solle auf dem Lande bleiben, +welchem Gott feste Balken untergelegt hat, und das unstäte und +unsichere Meer verlassen. Und er ist zu einem Förster in die Lehre +gegangen, daß er das fröhliche und lustige Weidwerk lernte, und bald +ein flinker und hübscher Jägerbursch geworden, vor welchem die Weiber +und Mädchen in den Türen und Fenstern stillstanden und ausschauten +und freundlich nickten und grüßten, wenn er vorüberging; denn er ist +wohl einer der schönsten und reisigsten Menschen gewesen, die man +weit und breit sehen konnte. Hier hat er nun aber, wie es oft bei +den Weidmännern geschieht, mancherlei verbotene Künste gelernt, ist +ein Freischütz geworden, und hat sich den Rabenstein geholt. Dies +war dem mutigen Matrosen nur ein Spiel gewesen, welchem im wildesten +Sturm nimmer ein Mast zu hoch noch zu glatt gewesen, daß er ihn nicht +erklettert und von seiner Spitz dem heulenden Meer fröhlich in den +offenen Todesrachen geschaut hätte. + +Fritz Rotermund--so nannten ihn die Leute--hat sich nun von seinem +Funde des Rabensteins nichts merken lassen, sondern seinen +karfunklischen Diebsschlüssel gar lustig gebraucht; doch weil er von +Natur sehr gutherzig und freundlich war, hat er keine sehr greuliche +Taten getan, sondern solche, welche die leichtsinnige Jugend oft nur +lustige Streiche nennt. Weil er mit seinem Stein unsichtbar in alle +Häuser und Kammern gehen konnte, so hat er freilich die lustige Gabe +genutzt, aber nie keinem ehrlichen oder armen Menschen nur einen +Heller genommen; sondern wo er einen bösen, ungerechten Herrn wußte, +der auf seinen Schätzen lag, die er aus dem Schweiß und Blut seiner +geplagten Untertanen zusammengepreßt hatte, oder einen Filz und +Wucherer, der unersättlich die letzte Habe der Kleinen und Geringen +im Volk verschlang, da hat er fleißig eingesprochen und ihre Kisten +und Beutel etwas leichter und schlaffer gemacht. Das ist aber +besonders an ihm gewesen, daß er von solcher Diebsbeute fast nie +etwas für sich behalten, sondern es fast alles hingetragen hat, wo er +arme und notleidende Alte und hungrige und verlassene Kindlein gewußt +hat. Da ist er nächtlich und mitternächtlich, wo alle Augen der +tiefste Schlaf geschlossen hielt, in die Häuser geschlichen und hat +die silbernen oder goldenen Gaben auf Tische, Betten und Wiegen +hingeschüttet; daß die Leute, wenn sie erwachten, erstaunten und die +Hände zusammenfalteten und beteten. Denn sie konnten nicht meinen, +daß eine unsichtbare Diebshand die wohltätige Verteilerin gewesen sei, +sondern mußten glauben, es sei von oben gekommen und ein Englein vom +Himmel habe es ihnen ins Haus getragen. Und so ist in den Städten +und Dörfern, welche der Förster Fritz besuchte, mancherlei Gerede +entstanden zugleich von verwegenen Dieben und von wohltätigen Engeln, +wie denn Gottes Reich und Satans Reich und die Gespräche darüber hier +auf Erden immer mitsammen sind. Aber noch viele andre Schalkstreiche +hat der lose Fritz verübt, der leicht wie der Wind allenthalben aus +und ein schlüpfen konnte; und was würden die Türen und Fenster, wenn +sie Mund hätten, von ihm nicht alles zu erzählen wissen! Doch das +darf ich nicht alles erzählen, weil es sich hier nicht schickt; und +auch die andern Possenstreiche alle könnte ich nimmer auserzählen, +die er zu Weihnachten und Fastnacht und bei Hochzeiten, Tänzen und +Mummereien als der unvermummte und doch unsichtbare Gast gespielt hat. + +Eine Not aber hat Fritz bald in dem Rabenstein gefühlt, die eine +schwere Not war und die als eine Teufelsplage der verbotenen Kunst +anhängt. Weil nämlich der Rabenstein aus Galgenvögeln und +Galgenaugen geboren wird, so hat er einen heimlichen und +unüberwindlichen Trieb zu Galgen und Rad in sich, eine Witterung, die +seinen Träger und Besitzer treibt, daß er mit dabei sein muß, wenn es +an solchen hohen Stellen etwas zu tun gibt. Wenn daher auf der Insel +in einem Hochgericht und an einem Galgen einer geköpft oder gehängt +werden sollte, so trieb's ihn mit Teufelsgewalt und wie auf +Windesflügeln hin; er mußte mit dabei sein, und sollte er drei, vier +Meilen in zwei Stunden laufen, daß dem Atemlosen die Zunge aus dem +Halse hing. Das war aber noch viel schlimmer und grausiger, daß er +die Geburtstage und Jahrestage der gerichteten armen Sünder mitfeiern +mußte. An dem Jahrestage der Hinrichtung nämlich versammelten sich +die Geister der Gerichteten, damit sie ihren nächtlichen Totentanz um +die Hochgerichte halten; und diesen Tanz begehen sie um die grausige +Mitternacht, und da müssen alle die mitfeiern und mittanzen, welche +den Rabenstein haben. So mußte denn auch Fritz manche liebe Nacht, +wo er gern anderswo geweilt oder geschlafen hätte, im Hagel und +Schnee, im Sturm und Donnerwetter hinaus in das wilde Weite und über +Heiden und Felder, gleich einem Kain, zu Galgen und Hochgericht +fortlaufen und den schaurigen Tanz mittanzen, bis ihm oft der Atem +schier auszugehen anfing; denn seine Mittänzer und Mittänzerinnen +hüpften begreiflicherweise auf den allerleichtesten Füßen einher. +Und die Leute konnten ihm die Reise zu einem solchen nächtlichen Ball +wohl anmerken, und daß ihm irgend was Unrechtes widerfahren war--denn +er sah acht, vierzehn Tage nachher noch bleich und krank aus--er aber +schüttelte alle fremde Bemerkungen und Fragen leicht von sich ab, +machte irgendeinen Scherz oder Wind darüber und sagte: "Ei was! Ihr +Siebenschläfer, die ihr euch jeden Abend zu regelmäßiger Zeit auf +eurem weichen Pfühl hinstreckt, könnt euch wohl rosige Wangen und +dicke Bäuchlein anschnarchen; aber mit dem Jäger ist es gar anders +bestellt, der muß viel ein nächtlicher Gesell sein: Füchse, Marder, +Ottern und anderes Wild, das euch die warmen Pelze liefert, fängt und +belauert man nicht beim Sonnenschein. Man stößt da auch wohl +zuweilen auf etwas, das nichts taugt, aber das schüttelt ein tapfrer +Jäger auch wieder ab, und die tüchtigen und geheimen Jägerkünste zu +lernen und die tapfern Jägergeschichten zu bestehen, dazu gebricht +euch das Herz." + +So hatte Fritz Rotermund es manches liebes Jahr getrieben und hatte +wohl frisch und lustig gelebt und für Tänze und Gelage und Spiel und +schöne Mädchen immer Geld in der Tasche; aber reich war er nicht +geworden, denn volle Taschen konnte er nicht leiden. Er war bisher +mit seinem grünen Rock zufrieden gewesen und immer noch ein +Jägersmann geblieben; da begab sich aber von ungeschicht etwas, das +den wilden Jäger zu einem zahmen Edelmann machen sollte, und das war +dieses: + +Im Kriege, zur Zeit des Königs Karolus*, waren bei der Stadt Bergen +zwei Juden gehängt, die man als Pferdediebe ertappt hatte. Sie +hatten dort schon ein Jahr an dem Galgen gebaumelt, als Fritz +Rotermund zur Jahresfeier heraus mußte, um zu lernen, wie auf +hebräisch um Galgen und Rad getanzt wird. Und da hat er einen recht +geschwinden davidischen Reigen tanzen gelernt, denn die jüdischen +Geister hatten sich in einem so schnellen asiatischen Schwunge +herumgedreht, daß er--was ihm noch nie begegnet war--ermattet in +Schlaf hingesunken und erst erwacht war, als das Morgenrot den Ost +schon zu hellen begann. Da, als er erschrocken aufsprang, begab es +sich, daß der Wind ihm die lumpigen Rockzipfel des einen +Galgenkrametvogels, unter dessen dürren Beinen er in Schlaf gefallen +war, so heftig gegen die linke Backe wehte, daß das Blut darnach +heraussprang. Der Fritz, als er den Backenstreich fühlte und auf der +darnach tastenden Hand Blut erblickte, rief halb schauderig, halb +lachend aus: "Ei! ei! Mauschelchen! Du hast auch verdammt scharfe +Knöpfe und willst deine Leute wohl an mir rächen, welchen ich in +andern Geschäften zuweilen auch wohl mitternächtliche Besuche +abzustatten pflege?" Und zugleich schaute er nach dem Rocke, und sah +auch kein kleinstes Zeichen von einem Knopf, und das verwunderte und +schauderte ihn noch mehr. Er ergriff daher den im Winde fliegenden +Zipfel, damit er näher untersuchte, ob irgend in den Falten ein Knopf +verborgen stecke. Aber auch da fand sich nichts. Wohl aber fühlte +er etwas Hartes in den Ecken, und sah bald, daß diese mit tausend +Fäden hin und her im Unterfutter so durchnäht waren, als wenn sie bis +zum Jüngsten Tage halten sollten. Er griff nun frisch zu mit seinen +Jägerfäusten und riß den ganzen Rockzipfel zu Fetzen auseinander, und +was erblickte er? Ein paar funkelnde Edelsteine fielen vor ihm auf +die Erde. + +---------------------------- +* In Schweden und in den damals schwedischen deutschen Ostseelanden +ist dieser König Karolus (Karl der Zwölfte) gleich dem Iskander der +Morgenländer und unserm Friedrich Rotbart auf dem Kyffhäuser wenige +Jahrzehnte nach seinem Tode ein mythischer Name geworden. Alles +längstvergangne Ungeheure und Gewaltige reiht sich unter solche Namen; +ob ein Jahrhundert oder einige Jahrtausende rückwärts oder vorwärts +gerechnet werden müssen, was kümmert das das Volk, welches für das +Poetische und Mythische eine wahrhaft göttliche Zeitrechnung hat, das +heißt: nach dem gewöhnlichen Maße gemessen gar keine. +---------------------------- + +Er nahm sie auf und betrachtete sie an seinem Rabenstein und an dem +hellen Morgenrot, und fand, daß diese gegen jene Steine nur wie +blasses Wasser waren gegen das rote Feuer. Und hoch sprang er in die +Luft empor und rief: "Nun, dies ist der erste Galgentanz, der etwas +anderes als Schauder und Greuel gebracht hat", und so trollte er sich +davon. + +Als er aber nach einer halben Stunde Galgen und Furcht weit hinter +sich hatte und die Sonne schon am klaren Himmel stehen sah, da holte +er die Steine wieder aus der Tasche und beschaute sie genauer, und +wußte bald, was sie wert waren. Denn auf seinen vielen und weiten +Seereisen hatte er viele Weltwunder und Meerwunder gesehen, und war +auch gewesen, wo die schönen grünlockigen Seejungfern so zauberisch +singen, daß die Schiffer den Matrosen, damit sie nicht zu ihnen in +die Tiefe springen, die Ohren voll Teer gießen und mit Wachs zukleben +müssen, und war auch an das Land gekommen, wo die Diamanten und +Rubinen am Strande im Sande liegen, wie bei uns die Kieselsteine, +hatte aber keine aufsammeln und mitnehmen dürfen wegen der greulichen +Drachen und Greifen, die sie bewachen. + +Er lief nun fröhlich zu Hause, holte sein Pferd aus dem Stall, +sattelte es, und sagte auf acht Tage Ade, und so trabte er auf die +Alte Fähre zu, und von da ging's auf Hamburg oder Berlin, wo er die +kostbaren Judendiamanten wieder an Juden verkaufte und mit großen +Säcken voll Dukaten, wohl über ein paar Tonnen Goldes, nach wenigen +Tagen heimkam. + +Nun hatte Fritz Geld in Hülle und Fülle, und mit dem Gelde kamen ihm +auch vornehme und ernsthafte Gedanken, ja ganz neue Gedanken, wie er +sie noch in seinem Leben nicht gehabt hatte. Er ging hin und ward +ein Edelmann, und kaufte seinem Bruder Boldevitz ab, wo sein Vater +gewohnt hatte und wo er geboren war, und kaufte auch Unruh und auch +mehrere andere schöne Güter, die da herumliegen. Und der Jäger Fritz +fuhr nun mit Vieren und mit Sechsen und mit langen Strängen, und +hatte Diener und Jäger hinter sich auf dem Bock stehen und Läufer mit +silbernen Stäben vor sich herlaufen, und hieß Herr Fritz von +Rotermund, wie sein Vater in seinen Tagen geheißen hatte. Und nun +nahm er sich auch ein schönes adliges Fräulein zur Frau und zeugte +Söhne und Töchter, und lebte und gebärdete sich wie ein anderer Herr. +Er blieb aber so freundlich und gebäurisch mit den Menschen und war +so mild gegen seine Leute und so mitleidig gegen die Armen, daß alle +verwundert sagten: Der wilde und leichtfertige Fritz ist ja ein +Mensch und dazu noch ein Christenmensch geworden. + +Und das war nicht bloß eitler Schein, sondern es war ihm herzlicher +Ernst. Als Fritz so großes Gut erworben hatte und ein Edelmann +geworden war, da schien auch wirklich ein neuer Geist in ihn gefahren +zu sein, ein besserer Geist, der sonst so selten mit dem geschwinden +und plötzlichen Reichtum ins Haus zu kommen pflegt. Er verabscheute +von nun an seinen Rabenstein und seine mitternächtlichen +Diebsschliche, liebte auch seine alten Schalkstreiche nicht mehr, +sondern wollte sich wirklich von Herzen umwenden und bekehren und +wieder ein Mensch Gottes werden, hielt sich daher hinfort zu andern +guten Christen und zu Kirche und Abendmahl, und lebte mit Frau und +Kindern und mit Freunden und Nachbarn und mit allen Menschen so, daß +alle ihn lieb und wert hielten und seiner Jugend und Jugendstreiche +gern vergaßen. Wie er nun aber wirklich christlich und menschlich zu +sein und zu leben strebte, so hatte er doch noch einen plagenden Wurm, +um welchen er und sein Gott allein wußten, und dieser schlimme Wurm +war sein Rabenstein. Was der arme Mann um diesen ausgestanden und +gelitten hat, das ist gar nicht zu beschreiben. + +Er fühlte nämlich, sowie er sich wieder zum Christentum und zum +Glauben seiner Kindheit zurückgewendet hatte, daß der Rabenstein +nichts Geheures war, sondern eine böse teuflische Gaukelei, und hätte +ihn sogleich von sich werfen mögen in den tiefsten See oder in die +verborgenste Erde vergraben oder in dem gewaltigsten Feuer verbrennen, +damit nimmer eine Menschenhand ihn wiederfände und mit seinem +höllischen Glanze Unheil stiftete. Aber! aber! Wie ist es dir +ergangen, armer Fritz Rotermund? Man wird des Rabensteins noch viel +schwerer los, als man ihn gewinnt. Sowie Fritz den Rabenstein von +sich werfen, wie er ihn der verschlingenden See, dem verzehrenden +Feuer überliefern wollte, wich der tückische Stein kaum eine Sekunde +von ihm, und flog ihm immer wieder in die Hand zurück, die ihn mit +aller Gewalt von sich geschleudert hatte, oder in die Tasche, woraus +er genommen war. Da hat nun Fritz, der jetzt wahrhaftig nicht der +muntre und fröhliche Fritz heißen konnte, es nach und nach mit allen +Elementen versucht, ob etwa eines den Stein lieber annähme als das +andre; aber der fürchterliche Stein ist der unverlierbare und +unzerstörbare geblieben. Er hat es außer diesen unglücklichen Proben +am eifrigsten und unablässigsten mit dem allerbesten Element versucht, +mit Andacht und Gebet; und wie viel er da gerungen hat, wie viel und +oft er um die stille Mitternacht in seiner Kammer und im einsamen +Walde und an heiliger Stätte auf den Knien gelegen und seinen Gott +und Heiland um Barmherzigkeit gefleht hat, daß er ihn von dem Bösen +erlösen wolle, das weiß auch Gott allein. Immer noch hat er die +blutigen Gerichtstage mithalten und die mitternächtlichen Galgentänze +noch mittanzen müssen, und jetzt mit entsetzlichem Grausen und +Schaudern, weil der Christ wußte, was es war. So hat er wohl zwanzig +Jahre gelebt in seinem neuen Stande, äußerlich der freundliche, +christliche Mensch, der milde und barmherzige Herr, innerlich der +Gepeinigte und Gemarterte. Er hat aber nicht abgelassen und ist +nicht müde geworden in Demut und Gebet, und hat dies alles mit +gebeugtem Herzen getragen als ein armer Sünder, den Gott für seinen +leichtfertigen Übermut und seine heidnische Frechheit strafen und +durch das, was ihm nun eine so grimme Pein geworden, vielleicht +erretten wolle. Endlich ist der Tag dieser Errettung und Begnadigung +gekommen, aber auf eine grauenvolle Weise. + +Fritz ward eine Nacht zu einem Galgenfest getrieben nach Putbus, wo +an dem Wege, auf dem man nach Kasnevitz fährt, etwa eine halbe Stunde +vom Schlosse, auf einem öden Heidehügel, noch heute die Trümmer eines +Galgens stehen. Dort fand er bei seiner Ankunft das greuliche +Nachtgesindel schon in dem greulichen Tanze rundfliegen, und zugleich +mit ihm ritt von der andern Seite her als Mittänzer ein Mann auf, der +noch mit lebendigem Fleisch umkleidet war wie er und mächtig zu Rosse +saß und einen blanken Säbel in der Rechten schwang, als forderte er +jemand heraus. Und gewiß, er forderte heraus, denn der Fritz fühlte +bei seinem Anblick den heißesten Grimm in sich entbrennen, und mußte +sein Schwert ziehen und gegen ihn anlaufen, der, als er Fritzen zu +Fuß anrennen sah, von seinem Rappen heruntersprang. Fritz erkannte +ihn alsbald als den verrufenen alten Erzbösewicht, der am äußersten +Ende der Insel auf Jasmund hauste und von dem die Leute sich viele +greuliche und mordliche Geschichten erzählten. Sein Name war von +Zuhmen. Der alte graue Schelm erschien aber auf diesem Tanzplatz, +weil er vor ein paar Monaten einen Rabenstein gefunden hatte. Nun +war er der zweite auf der Insel, der einen Rabenstein besaß und zu +dieser mitternächtlichen Totenfeier hinaus mußte. Denn das ist auch +noch eine treibende Wut und ein unseliges Verhängnis des +entsetzlichen Steins, daß, wenn zwei sich begegnen, die den +Rabenstein haben, sie auf Leben und Tod einen Kampf miteinander +halten müssen. + +Und so trafen denn die zwei in blinder Wut aufeinander und kämpften +den gräßlichen Kampf, während das leichte Heer seinen lustigen Reigen +um sie tanzte und wirbelte; und wie die Schläge ihrer Klingen sich +verdoppelten, so verdoppelte sich in ihren Herzen auch der Grimm. +Sie waren aber beide reisige Männer und gewaltig an Fäusten und +Gliedern und waren im rüstig frischen Alter ergraut. Und der Kampf +dauerte solange der Tanz dauerte, und das Gras um den Galgen war von +ihrem Blute rot gefärbt; da, als es von dem Turm eins schallte, +stürzte, von einem letzten gewaltigen Streich getroffen, der alte +Jasmunder Bösewicht als Leiche hin, Fritz aber entfloh mit Grausen +und mit tiefen und blutenden Wunden, die seinen Weg hinter ihm +röteten. Er hatte sich aber auf des Feindes Rappen geschwungen, denn +seine Füße hätten ihn nicht nach Hause zu tragen vermocht. + +Und als der Sommermorgen graute, ritt er matt und blutig ins Tor zu +Boldevitz ein und hatte nicht Angst um sein Leben, sondern um seine +arme Seele. Und er weckte alsbald seinen treuen Diener und hieß ihn +geschwinde ein Pferd satteln und gen Gingst galoppieren, daß er ihm +den dortigen Herrn Pfarrer holte. Denn er sprach zu ihm: "Ich war +ausgeritten und bin in dem Walde bei Kubbelkow unter Räuber geraten, +und sieh! wie sie mich zerhauen haben und wie die Blutströme aus den +tiefen Wunden an mir herabrinnen! Es wird in wenigen Stunden aus +sein mit dem alten Fritz." + +Und der Diener flog wie der Wind auf seinem Pferde dahin, denn er +liebte seinen guten Herrn über alles. Und der erschrockene Pfarrer +in Gingst war nicht Säumiger, denn er nannte Herrn Fritz Rotermund +den besten Christen und den fleißigsten Kirchengänger unter seinen +eingepfarrten Edelleuten. Und anderhalb Stunden nach des Dieners +Ausflug waren beide in Boldewitz und fanden den alten Herrn auf dem +Lager blaß und bleich wie den Tod und sein Weib und seine Kinder um +ihn, welche ihm seine Wunden verbunden hatten. Er aber, als der +Pastor hereingetreten ist, hat allen gewinkt herauszugehen, damit er +mit dem geistlichen Herrn betete und sich zur Abfahrt bereitete. + +Und als sie beide allein geworden, hat er dem Pastor alles erzählt +und gebeichtet und den Mann so bestürzt, daß er kaum hat beten können. +Bald aber hat der fromme Mann sich wieder genommen und hat die +Bibel ergriffen und des todwunden Ritters Hände gefaßt, und über ihm +gebetet, daß der gnädige Himmel sich des reuigen und zagenden Sünders +erbarmen wolle. Und der Himmel hat sich gnädig auf das Gebet +herabgelassen, und Fritz hat mit lauter Stimme und sehnsüchtigem +Herzen die Worte des geistlichen Herrn nachgesprochen. Und bald hat +er sich zum erstenmal in vielen Jahren ganz getröstet gefühlt und +laut ausgerufen: "Gelobt und gepriesen sei Gott und Jesus Christus +für diese Wunden!" Und der Pastor ist fröhlich erstaunt über diesen +Ausruf und über des Ritters erheitertes und erleuchtetes Angesicht, +und bald noch viel mehr und viel fröhlicher, als der Herr von oben +das hörbare und sichtbare Zeichen der Gnade gegeben. Denn kaum hatte +Fritz diesen fröhlichen Ruf des erlösten Herzens getan, als der +unselige Karfunkelstein plötzlich aus der Tasche des Edelmanns +herausfuhr, wie ein leuchtender Blitz durch die Luft hinzischte, und +dann wie eine springende Feuerkugel sich gegen den Ofen schnellte, +und kling! Kling! in der Sekunde in Millionen Stücke zerstob, wie +ein Sandhaufen auseinanderweht, so daß man auch die Spur nicht von +ihm sah. Und Fritz hat wieder freudig gerufen: "Mein Gott und mein +Heiland, wie barmherzig bist du! Und sahet und hörtet Ihr wohl, Herr +Pastor, wie der Teufel in nichts zerklungen und in Staub zerflogen +ist?" Und er faltete in Inbrunst die Hände und dankte und betete; und +der Pastor dankte und betete mit ihm und sprach: "So bist du gnädig, +barmherziger Gott und Erhalter und Behalter aller Dinge, und erlösest +und erquickest den reuigen Sünder!" + +Und unter den beiden war große Freude, und sie umhalsten sich in +Wonne, wie sich die Engel im Himmel umhalsen, und Fritz sprach: "Mein +Abschied ist nahe, und darum geht, Herr Pastor, und holet mir Weib +und Kinder." Und der Pastor hat sie gebracht, und Fritz hat die Hände +auf sie gelegt und sie zum letztenmal geküßt und gesegnet, und ist +dann augenblicklich mit Zuversicht und Freuden heimgegangen. Denn +das Blut war aus seinen Adern gelaufen und die Luft an dem irdischen +Leben aus seiner Seele. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Kater Martinchen, von Ernst +Moritz Arndt. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Kater Martinchen, by Ernst Moritz Arndt + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KATER MARTINCHEN *** + +This file should be named 6724-8.txt or 6724-8.zip + +This text was produced for Project Gutenberg +by Mike Pullen and Delphine Lettau. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg2000.de erreichbar. + + + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +https://www.gutenberg.org/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. 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