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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:28:04 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Kater Martinchen, by Ernst Moritz Arndt
+#2 in our series by Ernst Moritz Arndt
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+Title: Kater Martinchen
+
+Author: Ernst Moritz Arndt
+
+Release Date: October, 2004 [EBook #6724]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on January 20, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KATER MARTINCHEN ***
+
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+
+This text was produced for Project Gutenberg
+by Mike Pullen and Delphine Lettau.
+bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de.
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg2000.de erreichbar.
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+Kater Martinchen
+
+Ernst Moritz Arndt
+
+Einundzwanzig vorpommersche Sagen
+
+
+Inhalt:
+
+Geschichte von den sieben bunten Mäusen
+Prinzessin Svanvithe
+Der Riese Balderich
+Die Unterirdischen in den Neun Bergen bei Rambin
+Abenteuer des Johann Dietrich
+Das Silberglöckchen
+Der gläserne Schuh
+Der Alte von Granitz
+Der Falscheid
+Rattenkönig Birlibi
+Das brennende Geld
+Kater Martinchen
+Thrin Wulfen
+De Kröger van Poseritz
+De Brügg bi Slemmin
+Schipper Gau un sin Puk
+De witte Fru to Löbnitz
+De Prester un de Düwel
+De Wewer un de Steen
+Die alte Burg bei Löbnitz
+Der Rabenstein
+
+
+
+
+Geschichte von den sieben bunten Mäusen
+
+
+Vor langer, langer Zeit wohnte in Puddemin ein Bauer, der hatte eine
+schöne und fromme Frau, die fleißig betete und alle Sonntage und
+Festtage zur Kirche ging, auch den Armen, die vor ihre Türe kamen,
+gern gab. Es war überhaupt eine freundliche und mitleidige Seele und
+im ganzen Dorfe und Kirchspiele von allen Leuten geliebt. Nie hat
+man ein hartes Wort von ihr gehört, noch ist ein Fluch und Schwur
+oder andere Ungebühr je aus ihrem Munde gegangen. Diese Frau hatte
+sieben Kinder, lauter kleine Dirnen, von welchen die älteste zwölf
+und die jüngste zwei Jahr alt war: hübsche, lustige Dingelchen.
+Diese gingen alle übereins gekleidet, mit bunten Röckchen und bunten
+Schürzen und roten Mützchen; Schuhe aber und Strümpfe hatten sie
+nicht an, denn das hätte zuviel gekostet, sondern gingen barfuß. Die
+Mutter hielt sie nett und reinlich, wusch und kämmte sie morgens früh
+und abends spät, wann sie aufstanden und zu Bett gingen, lehrte sie
+lesen und singen und erzog sie in aller Freundlichkeit und
+Gottesfurcht. Wann sie auf dem Felde was zu tun hatte oder weit
+ausgehen mußte, stellte sie die älteste, welche Barbara hieß, über
+die andern; diese mußte auf sie sehen, ihnen was erzählen, auch wohl
+etwas vorlesen. Nun begab es sich einmal, daß ein hoher Festtag war
+(ich glaube, es war der Karfreitag), da ging die Bauerfrau mit ihrem
+Manne zur Kirche und sagte den Kindern, sie sollten hübsch artig sein;
+der Barbara aber und den nächst älteren gab sie ein paar Lieder auf
+aus dem Gesangbuche, die sie auswendig lernen sollten. So ging sie
+weg. Barbara und die andern Kinder waren anfangs auch recht artig;
+die älteren nahmen die Bücher und lasen, und die kleinsten saßen
+still auf dem Boden und spielten. Als sie so saßen, da erblickte das
+eine Kind etwas hinter dem Ofen und rief: "O seht! Seht! Was ist
+das für ein schöner und weißer Beutel!" Es war aber ein Beutel mit
+Nüssen und Äpfeln, den die Mutter des Morgens da hingehängt hatte
+und den sie des Nachmittags einem ihrer kleinen Paten bringen wollte.
+Die meisten Kinder sprangen nun alsbald auf und guckten danach, und
+auch Barbara, die älteste, stand auf und guckte mit. Und die Kinder
+flüsterten und sprachen dies und das über den schönen Beutel und was
+wohl darin sein möchte. Und es gelüstete sie so sehr, es zu wissen,
+und da riß eines den Beutel von dem Nagel, und Barbara öffnete die
+Schnur, womit er zugebunden war, und es fielen Äpfel und Nüsse
+heraus. Und als die Kinder die Äpfel und Nüsse auf dem Boden
+hinrollen sahen, vergaßen sie alles, und daß es Festtag war, und was
+die Mutter ihnen befohlen und aufgegeben hatte; sie setzten sich hin
+und schmausten Äpfel und knackten Nüsse und aßen alles rein auf.
+Als nun Vater und Mutter um den Mittag aus der Kirche zu Hause kamen,
+sah die Mutter die Nußschalen auf dem Boden liegen, und sie schaute
+nach dem Beutel und fand ihn nicht. Da erzürnte sie sich und ward
+böse zum ersten Male in ihrem Leben und schalt die Kinder sehr und
+rief: "Der Blitz! Ich wollte, daß ihr Mausemärten alle zu Mäusen
+würdet!" Der Schwur war aber eine große Sünde, besonders weil es ein
+so heiliger und hoher Festtag war; sonst hätte Gott es der Bäuerin
+wohl vergeben, weil sie doch so fromm und gottesfürchtig war. Kaum
+hatte die Frau das schlimme Wort aus ihrem Munde gehen lassen, so
+waren alle die sieben niedlichen Kinderchen weg, als hätte sie ein
+Wind weggeblasen, und sieben bunte Mäuse liefen in der Stube herum
+mit roten Köpfchen, wie die Röcke und Mützen der Kinder gewesen waren.
+Und Vater und Mutter erschraken so sehr, daß sie hätten zu Stein
+werden mögen. Da kam der Knecht herein und öffnete die Türe, und die
+sieben bunten Mäuse liefen alle zugleich hinaus und über die Flur auf
+den Hof hin; sie liefen aber sehr geschwind. Und als die Frau das
+sah, konnte sie sich nicht halten, denn es war ihr im Herzen, als
+wären die Mäuse ihre Kinder gewesen; und sie stürzte sich aus der
+Türe hinaus und mußte den Mäusen nachlaufen.
+
+Die sieben bunten Mäuse aber liefen den Weg entlang aus dem Dorfe
+heraus, immer sporenstreichs; und so liefen sie über das Puddeminer
+Feld und das Günzer Feld und das Schoritzer Feld und durch die Krewe
+und die Dumsevitzer Koppel. Und die Mutter lief ihnen außer Atem
+nach und konnte weder schreien noch weinen und wußte nicht mehr, was
+sie tat. So liefen die Mäuse über das Dumsevitzer Feld hin und in
+einen kleinen Busch hinein, wo einige hohe Eichen standen und in der
+Mitte ein spiegelhellen Teich war. Und der Busch steht noch da mit
+seinen Eichen und heißt der Mäusewinkel. Und als sie in den Busch
+kamen und an den Teich im Busche, da standen sie alle sieben still
+und guckten sich um, und die Bauerfrau stand dicht bei ihnen. Es war
+aber, als wenn sie ihr Adje sagen wollten. Denn als sie die Frau so
+ein Weilchen angeguckt hatten, plump! Und alle sieben sprangen
+zugleich ins Wasser und schwammen nicht, sondern gingen gleich unter
+in der Tiefe. Es war aber der helle Mittag, als dies geschah. Und
+die Mutter blieb stehen, wo sie stand, und rührte keine Hand und
+keinen Fuß mehr, sie war auch kein Mensch mehr. Sie ward stracks zu
+einem Stein, und der Stein liegt noch da, wo sie stand und die
+Mäuslein verschwinden sah; und das ist dieser große runde Stein, an
+welchem wir sitzen. Und nun höre mal, was nach diesem geschehen ist
+und noch alle Nacht geschieht! Glocke zwölf, wann alles schläft und
+still ist und die Geister rundwandeln, da kommen die sieben bunten
+Mäuse aus dem Wasser heraus und tanzen eine ganze ausgeschlagene
+Stunde, bis es eins schlägt, um den Stein herum. Und sie sagen, dann
+klingt der Stein, als wenn er sprechen könnte. Und das ist die
+einzige Zeit, wo die Kinder und die Mutter sich verstehen können und
+voneinander wissen; die übrige Zeit sind sie wie tot. Dann singen
+die Mäuse einen Gesang, den ich dir sagen will, und der bedeutet ihre
+Veränderung, oder daß sie wieder in Menschen verwandelt werden können.
+Und dies ist der Gesang:
+
+Herut! herut!
+Du junge Brut!
+Din Brüdegam schall kamen;
+Se hebben di
+Doch gar to früh
+Din junges Leben namen.
+
+Sitt de recht up'n Steen,
+Wat he Flesch un Been,
+Und wi gan mit dem Kranze:
+Säven Junggesell'n
+Uns führen schäl'n
+Juchhe! to'm Hochtidsdanze.
+
+Und nun will ich dir sagen von dem Gesange, was er bedeutet. Die
+Mäuse tanzen nun wohl schon tausend Jahre und länger um den Stein,
+wann es die Mitternacht ist, und der Stein liegt ebensolange. Es
+geht aber die Sage, daß sie einmal wieder verwandelt werden sollen,
+und das kann durch Gottes Gnade nur auf folgende Weise geschehen:
+
+Es muß eine Frau sein gerade so alt, als die Bäuerin war, da sie aus
+der Kirche kam, und diese muß sieben Söhne haben gerade so alt, als
+die sieben kleinen Mädchen waren. Sind sie eine Minute älter oder
+jünger, so geht es nicht mehr. Diese Frau muß an einem Karfreitage
+gerade um die Mittagszeit, als die Frau zu Stein ward, mit ihren
+sieben Söhnen in den Busch kommen und sich auf den Stein setzen. Und
+wenn sie sich auf den Stein setzt, so wird der Stein lebendig und
+wird wieder in einen Menschen verwandelt, und dann steht die
+Bauerfrau wieder da, leibhaftig und in eben den Kleidern, die sie
+getragen, als sie den Mäusen nachgelaufen zu diesem Mausewinkel. Und
+die sieben bunten Mäuse werden wieder zu sieben kleinen Mädchen in
+bunten Röcken und mit roten Mützen auf dem Kopf. Und jedes kleine
+Mädchen geht zu dem kleinen Knaben hin, der sein Alter hat, und sie
+werden Braut und Bräutigam. Und wann sie groß werden, so halten sie
+Hochzeit an einem Tage und tanzen ihre Kränze ab. Und es sollen die
+schönsten Jungfrauen werden auf der ganzen Insel, sagen die Leute,
+und auch die glücklichsten und reichsten, denn alle diese Güter und
+Höfe hier umher sollen ihnen gehören. Aber ach, du lieber Gott, wann
+werden sie verwandelt werden?
+
+
+
+
+Prinzessin Svanvithe
+
+
+Du hast wohl von der Sage gehört, daß hier bei Garz, wo jetzt der
+Wall über dem See ist, vor vielen tausend Jahren ein großes und
+schönes Heidenschloß gewesen ist mit herrlichen Häusern und Kirchen,
+worin sie ihre Götzen gehabt und angebetet haben. Dieses Schloß
+haben vor langer, langer Zeit die Christen eingenommen, alle Helden
+totgeschlagen und ihre Kirchen umgeworfen und die Götzen, die darin
+standen, mit Feuer verbrannt; und nun ist nichts mehr übrig von all
+der großen Herrlichkeit als der alte Wall und einige Leuschen, welche
+die Leute sich erzählen, besonders von dem Mann mit Helm und Panzer
+angetan, der auf dem weißen Schimmel oft über die Stadt und den See
+hinreitet. Einige, die ihn nächtlich gesehen haben, erzählen, es sei
+der alte König des Schlosses, und er habe eine güldene Krone auf.
+Das ist aber alles nichts. Daß es aber um Weihnachten und Johannis
+in der Nacht aus dem See klingt, als wenn Glocken in den Kirchen
+geläutet werden, das ist wahr, und viele Leute haben es gehört, und
+auch mein Vater. Das ist eine Kirche, die in den See versunken ist,
+andere sagen, es ist der alte Götzentempel. Das glaub' ich aber
+nicht; denn was sollten die Helden an christlichen Festtagen läuten?
+Aber das Klingen und Läuten im See ist dir gar nichts gegen das, was
+im Wall vorgeht, und davon will ich dir eine Geschichte erzählen. Da
+sitzt eine wunderschöne Prinzessin mit zu Felde geschlagenen Haaren
+und weinenden Augen und wartet auf den, der sie erlösen soll; und
+dies ist eine sehr traurige Geschichte.
+
+In jener alten Zeit, als das Garzer Heidenschloß von den Christen
+belagert ward und die drinnen in großen Nöten waren, weil sie sehr
+gedrängt wurden, als schon manche Türme niedergeworfen waren und sie
+auch nicht recht mehr zu leben hatten und die armen Leute in der
+Stadt hin und wieder schon vor Hunger starben, da war drinnen ein
+alter, eisgrauer Mann, der Vater des Königs, der auf Rügen regierte.
+Dieser alte Mann war so alt, daß er nicht recht mehr hören und sehen
+konnte; aber es war doch seine Lust, unter dem Golde und unter den
+Edelsteinen und Diamanten zu kramen, welche er und seine Vorfahren im
+Reiche gesammelt hatten und welche tief unter der Erde in einem
+schönen, aus eitel Marmelsteinen und Kristallen gebauten Saale
+verwahrt wurden. Davon waren dort ganz große Haufen aufgeschüttet,
+viel größere als die Roggen- und Gerstenhaufen, die auf deines Vaters
+Kornboden aufgeschüttet sind. Als nun das Schloß zu Garz von den
+Christen in der Belagerung so geängstet ward und viele der tapfersten
+Männer und auch der König, des alten Mannes Sohn, in dem Streite auf
+den Wällen und vor den Toren der Stadt erschlagen waren, da wich der
+Alte nicht mehr aus der marmornen Kammer, sondern lag Tag und Nacht
+darin und hatte die Türen und Treppen, die dahin führten, dicht
+vermauern lassen; er aber wußte noch einen kleinen heimlichen Gang,
+der unter der Erde weglief, viele hundert Stufen tiefer als das
+Schloß, und jenseits des Sees einen Ausgang hatte, den kein Mensch
+wußte als er, und wo er hinausschlüpfen und sich draußen bei den
+Menschen Speise und Trank kaufen konnte. Als nun das Schloß von den
+Christen erobert und zerstört ward und die Männer und Frauen im
+Schlosse getötet und alle Häuser und Kirchen verbrannt wurden, daß
+kein Stein auf dem andern blieb, da fielen die Türme und Mauern
+übereinander, und die Türe der Goldkammer ward gar verschüttet; auch
+blieb kein Mensch lebendig, der wußte, wo der tote König seine
+Schätze gehabt hatte. Der alte König aber saß drunten bei seinen
+Haufen Goldes und hatte seinen heimlichen Gang offen und hat noch
+viele hundert Jahre gelebt, nachdem das Schloß zerstört war; denn sie
+sagen, die Menschen, welche sich zu sehr an Silber und Gold hängen,
+können vom Leben nicht erlöst werden und sterben nicht, wenn sie Gott
+auch noch so sehr um den Tod bitten. So lebte der alte, eisgraue
+Mann noch viele, viele Jahre und mußte sein Gold bewachen, bis er
+ganz dürr und trocken ward wie ein Totengerippe. Da ist er denn
+gestorben und auch zur Strafe verwandelt worden und muß nun als ein
+schwarzer magerer Hund unter den Goldhaufen liegen und sie bewachen,
+wenn einer kommt und den Schatz holen will. Des Nachts aber zwischen
+zwölf und ein Uhr, wann die Gespensterstunde ist, muß er noch immer
+rundgehen als ein altes graues Männlein mit einer schwarzen
+Pudelmütze auf dem Kopf und einem weißen Stock in der Hand. So haben
+die Leute ihn oft gesehen im Garzer Holze am Wege nach Poseritz; auch
+geht er zuweilen um den Kirchhof herum. Denn da sollen vor alters
+Heidengräber gewesen sein, und die Helden haben immer viel Silber und
+Gold mit sich in die Erde genommen. Das will er holen, darum
+schleicht er dort, kann es aber nicht kriegen, denn er darf die
+geweihte Erde nicht berühren. Das ist aber seine Strafe, daß er so
+rundlaufen muß, wann andere Leute in den Betten und Gräbern schlafen,
+weil er so geizig gewesen ist.
+
+Nun begab es sich lange nach diesen Tagen, daß in Bergen ein König
+von Rügen wohnte, der hatte eine wunderschöne Tochter, die hieß
+Svanvithe; und sie war die schönste Prinzessin weit und breit, und es
+kamen Könige und Fürsten und Prinzen aus allen Landen, die um die
+schöne Prinzessin warben. Und der König, ihr Herr Vater, wußte sich
+kaum zu lassen vor allen den Freiern und hatte zuletzt nicht Häuser
+genug, daß er die Fremden beherbergte, noch Ställe, wohin sie und
+ihre Knappen und Staller ihre Pferde zögen; auch gebrach es fast an
+Hafer im Lande und Raum für alle die Kutscher und Diener, die mit
+ihnen kamen, und war Rügen so voll von Menschen, als es nie gewesen
+seit jenen Tagen. Und der König wäre froh gewesen, wenn die
+Prinzessin sich einen Mann genommen hätte und die übrigen Freier
+weggereist wären. Das läßt sich aber bei den Königen nicht so leicht
+machen als bei andern Leuten, und muß da alles mit vieler
+Zierlichkeit und Langsamkeit hergehen. Die Prinzessin, nachdem sie
+wohl ein ganzes halbes Jahr in ihrer einsamen Kammer geblieben war
+und keinen Menschen gesehen, auch kein Sterbenswort gesagt hatte,
+fand endlich einen Prinzen, der ihr wohl gefiel, und den sie gern zum
+Mann haben wollte, und der Prinz gefiel auch dem alten Könige, daß er
+ihn gern als Eidam wollte. Und sie hatten einander Ringe geschenkt,
+und war große Freude im ganzen Lande, daß die schöne Svanvithe
+Hochzeit halten sollte, und hatten alle Schneider und Schuster die
+Fülle zu tun, die schönen Kleider und Schuhe zu machen, die zur
+Hochzeit getragen werden sollten. Der verlobte Prinz aber und
+Svanvithens Bräutigam hieß Herr Peter von Dänemarken und war ein über
+die Maßen feiner und stattlicher Mann, daß seinesgleichen wenige
+gesehen wurden.
+
+Da, als alles in lieblicher Hoffnung und Liebe grünete und blühete
+und die ganze Insel in Freuden stand und nur noch ein paar Tage bis
+zur Hochzeit waren, kam der Teufel und säete sein Unkraut aus, und
+die Luft ward in Traurigkeit verwandelt. Es war nämlich allda an des
+Königs Hofe auch ein Prinz aus Polen, ein hinterlistiger und
+schlechter Herr, sonst schön und ritterlich an Gestalt und Gebärde.
+Dieser hatte manches Jahr um die Prinzessin gefreit und sie geplagt
+Tag und Nacht; sie hatte aber immer nein gesagt, denn sie mochte ihn
+nicht leiden. Als dieser polnische Prinz nun sah, daß es wirklich
+eine Hochzeit werden sollte und daß Herr Peter von Dänemarken zum
+Treuliebsten der schönen Svanvithe erkoren war, sann er in seinem
+bösen Herzen auf arge Tücke und wußte es durch seine Künste so zu
+stellen, daß der König und alle Menschen glaubten, Svanvithe sei
+keine züchtige Prinzessin und habe manche Nächte bei dem polnischen
+Prinzen geschlafen. Das glaubte auch Herr Peter und reiste plötzlich
+weg; und der polnische Prinz war zuerst weggereist, und alle Könige
+und Prinzen reisten weg. Und das Schloß des Königs in Bergen stand
+wüst und leer da, und alle Freude war mit weggezogen und alle Geiger
+und Pfeifer und alles Saitenspiel, die sich auf Turniere und Feste
+gerüstet hatten. Und die Schande der armen Prinzessin klang über das
+ganze Land; ja in Schweden und Dänemark und Polen hörten sie es, wie
+die Hochzeit sich zerschlagen hatte. Sie aber war gewiß unschuldig
+und rein wie ein Kind, das aus dem Mutterleibe kommt, und war es
+nichts als die greuliche Bosheit des verruchten polnischen Prinzen,
+den sie als Freier verschmäht hatte.
+
+So ging es der armen Svanvithe, und der König, ihr Vater, war einige
+Tage nach diesen Geschichten wie von Sinnen und wußte nicht von sich,
+und ihm war so zumute, daß er sich hätte ein Leid antun können von
+wegen seiner Tochter und von wegen des Schimpfes, den sie auf das
+ganze königliche Haus gebracht hatte. Und als er sich besann und
+wieder zu sich kam und die ganze Schande bedachte, worein er geraten
+war durch seine Tochter, da ergrimmte er in seinem Herzen, und er
+ließ die schöne Svanvithe holen und schlug sie hart und zerraufte ihr
+Haar und stieß sie dann von sich und befahl seinen Dienern, daß sie
+sie hinausführten in ein verborgenes Gemach, daß seine Augen sie
+nimmer wiedersähen. Darauf ließ er in einen mit dichten Mauern
+eingeschlossenen und mit dunklen Bäumen beschatteten Garten hinter
+seinem Schlosse einen düstern Turm bauen, wo weder Sonne noch Mond
+hineinschien, da sperrte er die Prinzessin ein. Der Turm, den er
+hatte bauen lassen, war aber fest und dicht und hatte nur ein
+einziges kleines Loch in der Türe, wodurch ein wenig Licht hineinfiel
+und wodurch der Prinzessin die Speise gereicht ward. Es war auch
+weder Bett noch Tisch oder Bank in dem traurigen Gefängnis; auf
+harter Erde mußte die liegen, die sonst auf Sammet und Seiden
+geschlafen hatte, und barfuß mußte die gehen, die sonst in goldenen
+Schuhen geprangt hatte. Und Svanvithe hätte sterben müssen vor
+Jammer, wenn sie nicht gewußt hätte, daß sie unschuldig war, und wenn
+sie nicht zu Gott hätte beten können. Sie aber war ein sehr junges
+Kind, als sie eingesperrt ward, erst sechzehn Jahre alt, schön wie
+eine Rose und schlank und weiß wie eine Lilie, und die Menschen, die
+sie liebhatten, nannten sie nicht anders als des Königs
+Lilienstengelein. Und dieses süße Lilienstengelein sollte so
+jämmerlich verwelken in der kalten und einsamen Finsternis.
+
+Und sie hatte wohl drei Jahre so gesessen zwischen den kalten Steinen,
+und auch der alte König war nicht mehr froh gewesen seit jenem Tage,
+als der polnische Prinz sie in die große Schande gebracht hatte,
+sondern sein Kopf war schneeweiß geworden vor Gram wie der Kopf einer
+Taube; aber vor den Leuten gebärdete er sich stolz und aufgerichtet
+und tat, als wenn seine Tochter tot und lange begraben wäre. Sie
+aber saß von der Welt ungewußt in ihrem Elende und tröstete sich
+allein Gottes und dachte, daß er ihre Unschuld wohl einmal an den Tag
+bringen würde. Weil sie aber in ihren einsamen Trauerstunden Zeit
+genug hatte, hin und her zu denken, so fiel ihr die Sache ein von dem
+Königsschatze unter dem Garzer Walle, die sie in ihrer Kindheit oft
+gehört hatte, und sie gedachte damit ihre Unschuld, und daß der
+polnische Prinz sie unter einem falschen Schein schändlich belogen
+hatte, sonnenklar zu beweisen. Und als darauf ihr Wächter kam und
+ihr die Speise durch das Loch reichte, sprach sie zu ihm: "Lieber
+Wächter, gehe zu dem Könige, meinem und deinem Herrn, und sage ihm,
+daß seine arme einzige Tochter ihn nur noch ein einziges Mal zu sehen
+und zu sprechen wünscht in ihrem Leben und daß er ihr diese letzte
+Gunst nicht versagen mag."
+
+Und der Wächter sagte ja und lief und dachte bei sich: "Wenn der alte
+König ihre Bitte nur erhört!" Denn es jammerte ihn die arme
+Prinzessin unaussprechlich, und sie jammerte alle Menschen; denn sie
+war immer freundlich gewesen gegen jedermann, auch hatten die meisten
+von Anfang an geglaubt, daß sie fälschlich verklagt war und daß der
+polnische Prinz einen argen Lügenschein auf sie gebracht hatte; denn
+sie hatte sich immer aller Zucht und Jungfräulichkeit beflissen vor
+jedermann.
+
+Und als ihr Wächter vor den König trat und ihm die Bitte der
+Prinzessin anbrachte, da war der alte Herr sehr zornig und schalt ihn
+und drohete ihm, ihn selbst in den Turm zu werfen, wenn er den Namen
+der Prinzessin vor ihm je wieder über seine Lippen laufen lasse. Und
+der erschrockene Wächter ging weg. Der König aber legte sich hin und
+schlief ein. Da soll er einen wunderbaren Traum gehabt haben, den
+kein Mensch zu deuten verstanden hat, und er ist früh erwacht und
+sehr unruhig gewesen und hat viel an seine Tochter denken müssen, bis
+er zuletzt befohlen hat, daß man sie aus dem Turm heraufbrächte und
+vor ihn führte.
+
+Als Svanvithe nun vor den König trat, war sie bleich und mager, auch
+waren ihre Kleider und Schuhe schon abgerissen, und sie stand fast
+nackt und barfuß da und sah einer Bettlertochter ähnlicher als einer
+Königstochter. Und der alte König ist bei ihrem Anblick blaß
+geworden vor Jammer wie der Kalk an der Wand, aber sonst hat er sich
+nichts merken lassen. Und Svanvithe hat sich vor ihm verneigt und
+also zu ihm gesprochen:
+
+"Mein König und Herr! Ich erscheine nur als eine arme Sünderin vor
+dir, als eine, die an der göttlichen Gnade und an dem Lichte des
+Himmels kein Recht mehr haben soll. Also hast du mich von deinem
+Angesicht verstoßen und von allem Lebendigen weggesperrt. Ich
+beteure aber vor dir und vor Gott, daß ich unschuldig leide und daß
+der polnische Prinz aus eitel Tücke und Arglist all den schlimmen
+Schein auf mich gebracht hat. Und nun hat Gott, der sich mein
+erbarmen will, mir einen Gedanken ins Herz gegeben, wodurch ich meine
+unbefleckte Jungfrauschaft beweisen und dich und mich und dein ganzes
+Reich zu Reichtum und Ehren bringen kann. Du weißt, es geht die Sage,
+unter dem alten Schloßwalle zu Garz, wo unsere heidnischen Ahnen
+weiland gewohnt haben, liege ein reicher Schatz vergraben. Diese
+Sage, die mir in meiner Kindheit oft erzählt ist, meldet ferner,
+dieser Schatz könne nur von einer Prinzessin gehoben werden, die von
+jenen alten Königen herstamme und noch eine reine Jungfrau sei: wenn
+nämlich diese den Mut habe, in der Johannisnacht zwischen zwölf und
+ein Uhr nackt und einsam diesen Wall zu ersteigen und darauf
+rückwärts so lange hin und her zu treten, bis es ihr gelinge, die
+Stelle zu treffen, wo die Tore und Treppen verschüttet sind, die zu
+der Schatzkammer hinabführen. Sobald sie diese mit ihren Füßen
+berühre, werde es sich unter ihr öffnen, und sie werde sanft
+heruntersinken mitten in das Gold und könne sich von den
+Herrlichkeiten dann auslesen, was sie wolle, und bei Sonnenaufgang
+wieder herausgehen. Was sie aber nicht tragen könne, werde der alte
+Geist, der den Schatz bewacht, nebst seinen Gehilfen nachtragen.
+Hierauf habe ich nun meine Hoffnung eines neuen Glückes gestellt, ob
+es mir etwa aufblühen wolle; laß mich denn, Herr König, mit Gott
+diese Probe machen. Ich bin ja doch einer Toten gleich, und ob ich
+hier begraben bin oder dort begraben werde, kann dir einerlei sein."
+
+Sie hatte die Gebärde, als wolle sie noch mehr sagen; aber bei diesen
+Worten stockte sie und konnte nicht mehr, sondern schluchzete und
+weinte bitterlich. Der König aber winkte dem Wächter leise zu, der
+sie hereingeführt hatte, und alsbald kamen Frauen und Dienerinnen
+herbei und trugen sie hinaus von dem Könige weg in ein Seitengemach.
+Und nicht lange, so ward der Wächter wieder zu dem Könige gerufen,
+und er brachte ihr Speise und Trank, daß sie sich stärkte und
+erquickte, und zugleich die Botschaft, daß der König ihr die gebetene
+mitternächtliche Fahrt erlaube. Bald trugen Dienerinnen ihr ein Bad
+herein nebst zierlichen Kleidern, daß sie sich bedecken konnte, denn
+sie war fast nackend. Und sie lebte nun wieder in Freuden, obgleich
+sie ganz einsam saß und gegen niemand den Mund auftat--auch den
+Dienern und Dienerinnen war das Sprechen zu ihr verboten, sie wußten
+auch nicht, wer sie war, noch wie sie in das Schloß gekommen, denn
+von denen, die sie kannten, ward niemand zu ihr gelassen denn allein
+der Wächter, der ihr immer die Speise gebracht hatte im Turme. Und
+ihre Schöne fing wieder an aufzublühen, wie blaß und elend sie auch
+aus dem Turm gekommen war; und alle, die sie sahen, entsetzten sich
+über ihre Huld und Lieblichkeit, und sie deuchte ihnen fast einem
+Engel gleich, der vom Himmel in das Schloß gekommen sei.
+
+Und als vierzig Tage vergangen waren und der Tag vor Johannis da war,
+da ging sie zu dem Könige, ihrem Vater, ins Gemach und sagte ihm
+Lebewohl. Und der alte Herr neigte noch einmal wieder seinen weißen
+Kopf über sie und weinte sehr, und sie sank vor ihm hin und umfaßte
+seine Knie und weinte noch mehr. Und darauf ging sie hinaus und
+verkleidete sich so, daß niemand sie für eine Prinzessin gehalten
+hätte, und trat ihre Reise an. Die Reise war aber nicht weit von
+Bergen nach Garz, und sie ging in der Tracht eines Reiterbuben einher.
+Und in der Nacht, als es vom Garzer Kirchturm zwölf geschlagen
+hatte, betrat sie einsam den Wall, tat ihre Kleider von sich, also
+daß sie da stand, wie Gott sie erschaffen hatte, und nahm eine
+Johannisrute in die Hand, womit sie hinter sich schlug. Und so
+tappte sie stumm und rücklings fort, wie es geschehen mußte. Und
+nicht lange war sie geschritten, so tat sich die Erde unter ihren
+Füßen auf, und sie fiel sanft hinunter, und es war ihr, als würde sie
+in einem Traum hinabgewiegt; und sie fiel hinab in ein gar großes und
+schönes und von tausend Lichtern und Lampen erleuchtetes Gemach,
+dessen Wände von Marmor und diamantenen Spiegeln blitzten und dessen
+Boden ganz mit Gold und Silber und Edelsteinen beschüttet war, daß
+man kaum darauf gehen konnte. Sie aber sank so weich auf einen
+Goldhaufen herab, daß es ihr gar nicht weh tat. Und sie besah sich
+alle die blitzende Herrlichkeit in dem weiten Saale, wo die Schätze
+und Kostbarkeiten ihrer Ahnherren von vielen Jahrhunderten gesammelt
+und aufgehängt waren; und da sah sie in der hintersten Ecke in einem
+goldenen Lehnstuhl das kleine graue Männchen sitzen, das ihr
+freundlich zunickte, als wolle es mit der Urenkelin sprechen. Sie
+aber sprach kein Wort zu ihm, sondern winkte ihm nur leise mit der
+Hand. Und auf ihren Wink hob der Geist sich hinweg und verschwand,
+und statt seiner kam eine lange Schar prächtig gekleideter Diener und
+Dienerinnen, welche sich in stummer Ehrfurcht hinter sie stellten,
+als erwarteten sie, was die Herrin befehlen würde. Svanvithe aber
+säumte nicht lange, bedenkend, wie kurz die Mittsommersnacht ist, und
+sie nahm die Fülle der Edelsteine und Diamanten und winkte den
+Dienern und Dienerinnen hinter ihr, daß sie ebenso täten; auch diese
+füllten Hände und Taschen und Zipfel und Geren der Kleider mit Gold
+und edlen Steinen und kostbaren Geschirren. Und noch ein Wink, und
+die lange Reihe wandelte, und die Prinzessin schritt voran der Treppe
+zu, als wenn sie herausgehen wollte; jene aber folgten ihr. Und
+schon hatte sie viele Stufen vollendet und sah schon das dämmernde
+Morgenlicht und hörte schon den Lerchengesang und den Hahnenkrei, die
+den Tag verkündeten--da ward es ihr bange, ob die Diener und
+Dienerinnen ihr auch nachträten mit den Schätzen. Und sie sah sich
+um, und was erblickte sie? Sie sah den kleinen grauen Mann sich
+plötzlich in einen großen schwarzen Hund verwandeln, der mit,
+feurigem Rachen und funkelnden Augen gegen sie hinaufsprang. Und sie
+entsetzte sich sehr und rief: "Oh Herr je!" Und als sie das Wort
+ausgeschrien hatte, da schlug die Tür über ihr mit lautem Knalle zu,
+und die Treppe versank, und die Diener und Dienerinnen verschwanden,
+und alle Lichter des Saales erloschen, und sie war wieder unten am
+Boden und konnte nicht heraus. Der alte König aber, da sie nicht
+wiederkam, grämte sich sehr; denn er dachte, sie sei entweder
+umgekommen bei dem Hinabsteigen zu dem Schatze durch die Tücke der
+bösen Geister, die unter der Erde ihre Gewalt haben, oder sie habe
+sich der Sache überhaupt nicht unterstanden und laufe nun wie eine
+arme, verlassene Streunerin durch die Welt. Und er lebte nur noch
+wenige Wochen nach ihrem Verschwinden; dann starb er und ward
+begraben.
+
+Der Prinzessin Svanvithe war dieses Unglück aber geschehen, weil sie
+sich umgesehen hatte, als sie weggehen wollte, und weil sie
+gesprochen hatte. Denn über die Unterirdischen hat man keine Gewalt,
+wenn man sich umsieht oder spricht, sondern es gerät dann fast immer
+unglücklich, wovon man viele Beispiele und Geschichten weiß.
+
+Und es waren viele Jahre vergangen, vielleicht hundert Jahre und mehr,
+und alle die Menschen waren gestorben und begraben, welche zu der
+Zeit des alten Königs und der schönen Svanvithe gelebt hatten, und
+schon ward hie und da von ihnen erzählt wie von einem alten, alten,
+längst verschollenen Märchen; da hörte man hin und wieder, die
+Prinzessin lebe noch und sitze unter dem Garzer Wall in der
+Schatzkammer und müsse nun mit dem alten, grauen Urgroßvater die
+Schätze hüten helfen. Und kein Mensch weiß zu sagen, wie dies hier
+oben bekannt geworden ist. Vielleicht hat der kleine graue Mann, der
+zuzeiten rundgeht, es einem verraten, oder es hat es auch einer der
+hellsichtigen Menschen gesehen, die an hohen Festtagen in besonderen
+Stunden geboren sind und die das Gras und das Gold in der Erde
+wachsen sehen und mit ihren Augen durch die dicksten Berge und Mauern
+dringen können. Und es war viel erschollen von der Geschichte und
+von dem wundersamen Versinken der Prinzessin unter die Erde, und daß
+sie in der dunkeln Kammer sitze und noch lebe und einmal erlöst
+werden solle. Sie kann aber, sagen sie, erlöst werden, wenn einer es
+wagt, auf dieselbe Weise, wie sie einst in der Johannisnacht getan
+hat, in die verbotene Schatzkammer hinabzufallen. Dieser muß sich
+dann dreimal vor ihr verneigen, ihr einen Kuß geben, sie an die Hand
+fassen und sie still herausführen; denn kein Wort darf er beileibe
+nicht sprechen. Wer sie herausbringt, der wird mit ihr in
+Herrlichkeit und in Freuden leben und so viele Schätze haben, daß er
+sich ein Königreich kaufen kann. Darin wird er dann fünfzig Jahre
+als König auf dem Throne sitzen und sie als seine Königin neben ihm,
+und werden gar liebliche Kinder zeugen; der kleine graue Spuk wird
+dann aber auf immer verschwinden, wann sie ihm die Schätze weggehoben
+haben. Nun hat es wohl so kühne und verwegene Prinzen und schöne
+Knaben gegeben, die mit der Johannisrute in der Hand zu ihr
+hinabgekommen sind; aber sie haben es immer in etwas versehen, und
+die Prinzessin ist noch nicht erlöst. Ja, wenn das ein so leichtes
+Ding wäre, wieviele würden Lust haben, eine so schöne Prinzessin zu
+freien und Könige zu werden! Die Leute erzählen aber, der greuliche
+schwarze Hund ist an allem schuld; keiner hat es mit ihm aushalten
+können, sondern wenn sie ihn sehen, so müssen sie aufschreien, und
+dann schlägt die Türe zu, und die Treppe versinkt, und alles ist
+wieder vorbei.
+
+So sitzt denn die arme Svanvithe da in aller ihrer Unschuld und muß
+da unten frieren und das kalte Gold hüten, und Gott weiß, wann sie
+erlöst werden wird. Sie sitzt da über Goldhaufen gebeugt; ihr langes
+Haar hängt ihr über die Schultern herab, und sie weint unaufhörlich.
+Schon sitzen sechs junge Gesellen um sie herum, die auch mithüten
+müssen. Das sind die, denen die Erlösung nicht gelungen ist. Wem es
+aber gelingt, der heiratet die Prinzessin und bekommt den ganzen
+Schatz und befreit zugleich die andern armen Gefangenen. Sie sagen,
+der letzte ist vor zwanzig Jahren darin versunken, ein
+Schuhmachergesell, der Jochim Fritz hieß. Das war ein junges,
+schönes Blut und ging immer viel auf dem Wall spazieren. Der ist mit
+einem Male verschwunden, und keiner hat gewußt, wo er gestoben und
+geflogen war, und seine Eltern und Freunde haben ihn in der ganzen
+Welt suchen lassen, aber nicht gefunden! Er mag nun auch wohl
+dasitzen bei den andern.
+
+
+
+
+Der Riese Balderich
+
+
+In der westlichen Spitze der Insel Rügen in der Ostsee an der
+Feldscheide der Dörfer Rothenkirchen und Götemitz, etwa eine
+Viertelmeile von dem Kirchdorfe Rambin, liegen auf flachem Felde neun
+kleine Hügel oder Hünengräber, welche gewöhnlich die Neun Berge oder
+die Neun Berge bei Rambin genannt werden, und von welchen das Volk
+allerlei Märchen erzählt. Diese entstanden weiland durch die
+Kühnheit eines Riesen, und seitdem die Riesen tot sind, treiben die
+Zwerge darin ihr Wesen.
+
+Vor langer Zeit lebte auf Rügen ein gewaltiger Riese (ich glaube, er
+hieß Balderich), den verdroß es, daß das Land eine Insel war und daß
+er immer durch das Meer waten mußte, wenn er nach Pommern auf das
+feste Land wollte. Er ließ sich also eine ungeheure Schürze machen,
+band sie um seine Hüften und füllte sie mit Erde; denn er wollte sich
+einen Erddamm aufführen von der Insel bis zur Feste. Als er mit
+seiner Tracht bis über Rothenkirchen gekommen war, riß ein Loch in
+die Schürze, und aus der Erde, die herausfiel, wurden die Neun Berge.
+Er stopfte das Loch zu und ging weiter; aber als er bis Gustow
+gekommen war, riß wieder ein Loch in die Schürze, und es fielen
+dreizehn kleine Berge heraus. Mit der noch übrigen Erde ging er ans
+Meer und goß sie hinein. Da ward der Prosnitzer Hafen und die
+niedliche Halbinsel Drigge. Aber es blieb noch ein schmaler
+Zwischenraum zwischen Rügen und Pommern, und der Riese ärgerte sich
+darüber so sehr, daß er plötzlich von einem Schlagfluß hinstürzte und
+starb. Und so ist denn sein Damm leider nie fertig geworden.
+
+Von demselben Riesen Balderich erzählt man ein Kraftstück, das er bei
+Putbus bewiesen hat. Er hatte schon mehrmals mit Ärger gesehen, daß
+dem Christengotte zu Vilmnitz, eine halbe Meile von Putbus, eine
+Kirche erbaut ward, und da hat er bei sich gesprochen: "Laß die
+Würmer ihren Ameisenhaufen nur aufbauen; den werfe ich nieder, wann
+er fertig ist." Als nun die Kirche fertig und der Turm aufgeführt war,
+nahm der Riese einen gewaltigen Stein, stellte sich auf dem
+Putbusser Tannenberge hin und schleuderte ihn mit so ungeheurer
+Gewalt, daß der Stein wohl eine Viertelmeile über die Kirche wegflog
+und bei Nadelitz niederfiel, wo er noch diesen Tag liegt am Wege, wo
+man nach Posewald fährt, und der Riesenstein genannt wird.
+
+
+
+
+Die Unterirdischen in den Neun Bergen bei Rambin
+
+
+In den Neun Bergen bei Rambin wohnen nun die Zwerge und die kleinen
+Unterirdischen und tanzen des Nachts in den Büschen und Feldern herum
+und führen ihre Reigen und ihre Musiken auf im mitternächtlichen
+Mondschein, besonders in der schönen und lustigen Sommerzeit und im
+Lenze, wo alles in Blüte steht; denn nichts lieben die kleinen
+Menschen mehr als die Blumen und die Blumenzeit. Sie haben auch
+viele schöne Knaben und Mädchen bei sich; diese aber lassen sie nicht
+heraus, sondern behalten sie unter der Erde in den Bergen, denn sie
+haben die meisten gestohlen oder durch einen glücklichen Zufall
+erwischt und fürchten, daß sie ihnen wieder weglaufen möchten. Denn
+vormals haben sich viele Kinder des Abends und des Morgens locken
+lassen von der süßen Musik und dem Gesange, der durch die Büsche
+klingt, und sind hingelaufen und haben zugehorcht; denn sie meinten,
+es seien kleine singende Waldvögelein, die mit solcher Lustigkeit
+musizierten und Gott lobeten--und dabei sind sie gefangen worden von
+den Zwergen, die sie mit in den Berg hinabgenommen, daß sie ihnen
+dort als Diener und Dienerinnen aufwarteten. Seitdem die Menschen
+nun Wissens daß es da so hergeht und nicht recht geheuer ist, hüten
+sie sich mehr, und geht keiner dahin. Doch verschwindet von Zeit zu
+Zeit noch manches unschuldige Kind, und die Leute sagen dann wohl, es
+hab's einer der Zwerge mitgenommen; und oft ist es auch wohl durch
+die Künste der kleinen braunen Männer eingefangen und muß da unten
+sitzen und dienen und kann nicht wiederkommen. Das ist aber ein
+uraltes Gesetz, das bei den Unterirdischen gilt, daß sie je alle
+fünfzig Jahre wieder an das Licht lassen müssen, was sie eingefangen
+haben. Und das ist gut für die, welche so gefangen sitzen und da
+unten den kleinen Leuten dienen müssen, daß ihnen diese Jahre nicht
+gerechnet werden, und daß keiner da älter werden kann als zwanzig
+Jahre, und wenn er volle fünfzig Jahre in den Bergen gesessen hätte.
+Und es kommen auf die Weise alle, die wieder herauskommen, jung und
+schön heraus. Auch haben die meisten Menschen, die bei ihnen gewesen
+sind, nachher auf der Erde viel Glück gehabt: entweder, daß sie da
+unten so klug und witzig und anschlägisch werden, oder daß die
+kleinen Leute, wie einige erzählen, ihnen unsichtbar bei der Arbeit
+helfen und Gold und Silber zutragen.
+
+Die Unterirdischen, welche in den Neun Bergen wohnen, gehören zu den
+braunen, und die sind nicht schlimm. Es gibt aber auch schwarze, das
+sind Tausendkünstler und Kunstschmiede, geschickt und fertig in
+allerlei Werk, aber auch arge Zauberer und Hexenmeister, voll
+Schalkheit und Trug, und ist ihnen nicht zu trauen. Sie sind auch
+Wilddiebe, denn sie essen gern Braten. Sie dürfen aber das Wild mit
+keinem Gewehr fällen, sondern sie stricken eigene Netze, die kein
+Mensch sehen kann; darin fangen sie es. Darum sind sie auch Feinde
+der Jäger und haben schon manchem Jäger sein Gewehr behext, daß er
+nicht treffen kann. Das glauben aber bis diesen Tag viele Leute, daß
+nichts eine größere Gewalt über diese Schwarzen hat als Eisen,
+worüber gebetet worden, oder was in Christenhänden gewesen ist.
+Solche Schwarzen wohnen hier aber gar nicht.
+
+In zwei Bergen wohnen von den weißen, und das sind die freundlichsten,
+zartesten und schönsten aller Unterirdischen, fein und anmutig von
+Gliedern und Gebärden und ebenso fein und liebenswürdig drinnen im
+Gemüte. Diese Weißen sind ganz unschuldig und rein und necken
+niemand, auch nicht einmal im Scherze, sondern ihr Leben ist licht
+und zart, wie das Leben der Blumen und Sterne, mit welchen sie auch
+am meisten Umgang halten. Diese niedlichen Kleinen sitzen den Winter,
+wann es auf der Erde rauh und wüst und kalt ist, ganz still in ihren
+Bergen und tun da nichts anders, als daß sie die feinste Arbeit
+wirken aus Silber und Gold, daß die Augen der meisten Sterblichen zu
+grob sind, sie zu sehen; die sie aber sehen können, sind besonders
+feine und zarte Geister. So leben sie den trüben Winter durch, wann
+es da draußen unhold ist, in ihren verborgenen Klausen. Sobald es
+aber Frühling geworden und den ganzen Sommer hindurch, leben sie hier
+oben im Sonnenschein und Sternenschein sehr fröhlich und tun dann
+nichts als sich freuen und andern Freude machen. Sobald es auch im
+ersten Lenze zu sprossen und zu keimen beginnt an Bäumen und Blumen,
+sind sie husch aus ihren Bergen heraus und schlüpfen in die Reiser
+und Stengel und von diesen in die Blüten und Blumenknospen, worin sie
+gar anmutig sitzen und lauschen. Des Nachts aber, wann die Menschen
+schlafen, spazieren sie heraus und schlingen ihre fröhlichen
+Reihentänze im Grünen um Hügel und Bäche und Quellen und machen die
+allerlieblichste und zarteste Musik, welche reisende Leute so oft
+hören und sich verwundern, weil sie die Spieler nicht sehen können.
+Diese kleinen Weißen dürfen auch bei Tage immer heraus, wann sie
+wollen, aber nicht in Gesellschaft, sondern einzeln, und sie müssen
+sich dann verwandeln. So fliegen viele von ihnen umher als bunte
+Vögelein oder Schmetterlinge oder als schneeweiße Täubchen und
+bringen den kleinen Kindern oft Schönes und den Erwachsenen zarte
+Gedanken und himmlische Träume, von welchen sie nicht wissen, wie sie
+ihnen kommen. Das ist bekannt, daß sie sich häufig in Träume
+verwandeln, wenn sie in geheimer Botschaft reisen. So haben sie
+manchen Betrübten getröstet und manchen Treuliebenden erquickt. Wer
+ihre Liebe gewonnen hat, der ist im Leben besonders glücklich, und
+wenn sie nicht so reich machen an Schätzen und Gütern als die andern
+Unterirdischen, so machen sie reich an Liedern und Träumen und
+fröhlichen Gesichten und Phantasien. Und das sind wohl die besten
+Schätze, die ein Mensch gewinnen kann.
+
+
+
+
+Abenteuer des Johann Dietrich
+
+
+In Rambin lebte einst ein Arbeitsmann, der hieß Jakob Dietrich, ein
+Mann schlecht und recht und gottesfürchtig, und der auch eine gute
+und gottesfürchtige Frau hatte. Die beiden Eheleute besaßen dort ein
+Häuschen und ein Gärtchen und nährten sich redlich von der Arbeit
+ihrer Hände; denn andere Künste kannten sie nicht. Sie hatten viele
+liebe Kinder, von welchen das jüngste, Johann Dietrich genannt, ihnen
+fast das liebste war. Denn es war ein schöner und munterer Junge,
+aufgeweckt und quick, fleißig in der Schule und gehorsam zu Hause,
+und behielt alle Lehren und Geschichten sehr gut, welche die Eltern
+ihm versagten. Auch von vielen andern Leuten lernte er und hielt
+jeden fest, der Geschichten wußte, und ließ ihn nicht eher los, als
+bis er sie erzählt hatte.
+
+Johann war acht Jahre alt geworden und lebte den Sommer bei seines
+Vaters Bruder, der Bauer in Rothenkirchen war, und mußte nebst andern
+Knaben Kühe hüten, die sie ins Feld gegen die Neun Berge
+hinaustrieben, wo damals noch viel mehr Wald war als jetzt. Da war
+ein alter Kuhhirt aus Rothenkirchen, Klas Starkwolt genannt, der
+gesellte sich oft zu den Knaben, und sie trieben die Herden zusammen
+und setzten sich hin und erzählten Geschichten. Der alte Klas wußte
+viele und erzählte sie sehr lebendig; er war bald Johann Dietrichs
+liebster Freund. Besonders aber wußte er viele Märchen von den Neun
+Bergen und von den Unterirdischen aus der allerfrühesten Zeit, als
+die Riesen im Lande untergegangen und die Kleinen in die Berge
+gekommen waren, und Johann hörte sie immer mit dem innigsten
+Wohlgefallen und plagte den alten Mann jeden Tag um neue Geschichten,
+obgleich ihm dieser das Herz zuweilen so in Flammen setzte, daß er
+des Abends spät und des Morgens früh, wenn er hier zuweilen heraus
+mußte, mit sausendem Haar über das Feld hinstrich, als hätte er alle
+Unterirdischen als Jäger hinter sich gehabt, die ihn fangen wollten.
+Der kleine Johann Dietrich hatte sich so vertieft und verliebt in
+diese Märchen von den Unterirdischen, daß er nichts anders sah und
+hörte, von nichts anderm sprach und fabelte als von goldenen Bechern
+und Kronen, gläsernen Schuhen, Taschen voll Dukaten, goldenen Ringen,
+diamantenen Kränzen, schneeweißen Bräuten und klingenden Hochzeiten.
+Wenn er nun so ganz darin war und in kindischer Freude aufjauchzte
+und umhersprang, dann pflegte der alte Starkwolt wohl den Kopf zu
+schütteln und ihm zuzurufen: "Johann! Johann! Wo willst du hin?
+Spaten und Sense, das sind dein Zepter und deine Krone, und deine
+Braut wird ein Kränzel von Rosmarin und einen bunten Rock von Drell
+tragen." Johann ließ sich das aber nicht anfechten und träumte immer
+lustig fort. Und obwohl er herzlich graulich war und in der
+Dunkelheit um alles in der Welt nicht über den Kirchhof gegangen wäre,
+hatte er sich das Leben da in dem Berge und die Schätze und
+Herrlichkeiten darin doch so ausgemalt, daß ihn fast gelüstete,
+einmal hinabzusteigen; denn der alte Klas hatte gesagt, wie man es
+anfangen müsse, damit man da unten Herr werde und nicht Diener, und
+damit sie einen nicht fünfzig Jahre festhalten und die Becher spülen
+und das Estrich kehren lassen könnten. Wer nämlich so klug oder so
+glücklich sei, die Mütze eines Unterirdischen zu finden oder zu
+erhaschen, der könne sicher hinabsteigen, dem dürfen sie nichts tun
+noch befehlen, sondern müssen ihm dienen, wie er wolle, und derjenige
+Unterirdische, dem die Mütze gehöre, müsse sein Diener sein und ihm
+schaffen, was er wolle. Das hatte Johann sich hinters Ohr
+geschrieben und seinen Teil dabei gedacht; ja, er hatte wohl
+hinzugesetzt, so etwas unterstehe er sich auch wohl zu wagen. Die
+Leute glaubten ihm das aber nicht, sondern lachten ihn aus; und doch
+hat er es getan, und sie haben genug geweint, als er nicht
+wiedergekommen ist.
+
+Es war nun die Zeit des Johannisfestes, wo die Tage am längsten sind
+und die Nächte am kürzesten, und wo die Jahreszeit am schönsten ist.
+Die Alten und die Kinder hatten die Festtage fröhlich gelebt und
+gespielt und allerlei Geschichten erzählt; da konnte Johann sich
+nicht länger halten, sondern den Tag nach Johannis schlich er sich
+heimlich weg, und als es dunkel ward, legte er sich auf dem Gipfel
+des höchsten der Neun Berge hin, wo die Unterirdischen, wie Klas ihm
+erzählt, ihren vornehmsten Tanzplatz hatten. Und wahrlich, er legte
+sich nicht ohne Angst hin, und hätte er nicht einmal dagelegen,
+vielleicht wäre nimmer was daraus geworden; denn sein Herz schlug ihm
+wie ein Hammer, und sein Atem ging wie ein frischer Wind. So
+lauschte er in Furcht und Hoffnung von zehn Uhr abends bis zwölf Uhr
+Mitternacht. Und als es zwölf schlug, sieh, da fing es an zu klingen
+und zu singen in den Bergen; und bald wisperte und lispelte und pfiff
+und säuselte es um ihn her; denn die kleinen Leute dreheten sich
+jetzt in Tänzen rund, und andere spielten und tummelten sich im
+Mondschein und machten tausend lustige Schwänke und Possen. Ihn
+überlief bei diesem Gewispel und Gesäusel ein geheimer Schauder (denn
+sehen konnte er nichts von ihnen, da ihre Mützchen, die sie tragen,
+sie unsichtbar machen); er aber lag ganz still, das Gesicht ins Gras
+gedrückt und die Augen fest zugeschlossen und leise schnarchend, als
+schliefe er. Doch konnte er es nicht lassen, zuweilen ein wenig
+umher zu blinzeln, damit er etwa seinen Vorteil ersähe, einen der
+kleinen Leute finge und ein Herr würde, denn dazu hatte er gar große
+Lust; aber wie heller Mondschein es auch war, er konnte auch nicht
+das geringste von ihnen erblicken.
+
+Und siehe, es währte nicht lange, so kamen drei der Unterirdischen
+dahergesprungen, wo er lag, gaben aber nicht acht auf ihn, warfen
+ihre braunen Mützchen in die Luft und fingen sie einander ab. Da riß
+der eine dem andern in Schalkheit die Mütze aus der Hand und warf sie
+weg. Und die Mütze flog dem Johann gerade auf den Kopf, und er fühlte
+sie, griff zu und richtete sich sogleich auf und ließ Schlaf Schlaf
+sein. Er schwang mit Freuden seine Mütze, daß das silberne Glöcklein
+daran klingelte, und setzte sie sich dann auf den Kopf, und (o Wunder!
+) in demselben Augenblicke sah er das zahllose und lustige Gewimmel
+der kleinen Leute, und sie waren ihm nicht mehr unsichtbar. Die drei
+kleinen Männer kamen listig herbei und wollten mit Behendigkeit die
+Mütze wieder gewinnen; er aber hielt seine Beute fest, und sie sahen
+wohl, daß sie auf diese Weise nichts von ihm gewinnen würden; denn
+Johann war ein Riese gegen sie an Größe und Stärke, und sie reichten
+ihm kaum bis ans Knie. Da kam derjenige, dem die Mütze gehörte, und
+trat ganz demütig vor den Finder hin und bat flehentlich, als hänge
+sein Leben dran, ihm die Mütze wiederzugeben. Johann aber antwortete
+ihm: "Nein, du kleiner, schlauer Schelm, die Mütze bekommst du nicht
+wieder; das ist nichts, was man für ein Butterbrot weggibt! Ich wäre
+schlimm daran mit euch, wenn ich nichts von euch hätte; jetzt aber
+habt ihr kein Recht an mir, sondern müßt mir, was ich nur will, zu
+Gefallen tun. Und ich will mit euch hinabfahren und sehen, wie ihr
+es da unten treibt; du aber sollst mein Diener sein, denn du mußt
+wohl. Das weiß ich so gut als ihr, daß es nicht anders sein kann,
+denn Klas Starkwolt hat mir es alles erzählt." Der kleine Mensch aber
+gebärdete sich, als ob er dies alles nicht gehört noch verstanden
+hätte; er fing seine Quälerei und Winselei und Plinselei wieder von
+vorn an, klagte und jammerte und heulte erbärmlich um sein verlornes
+Mützchen; aber als Johann ihm kurzweg sagte: "Es bleibt dabei, du
+bist der Diener, und ich will eine Fahrt mit euch machen", da fand er
+sich endlich drein, zumal da auch die andern ihm zuredeten, daß es so
+sein müsse. Johann aber warf seinen schlechten Hut nun weg und
+setzte sich die Mütze an seiner Stelle auf und befestigte sie wohl
+auf seinem Kopfe, damit sie ihm nicht abgleiten oder abfliegen könnte;
+denn in ihr trug er die Herrschaft.
+
+Und er versuchte es sogleich und befahl seinem neuen Diener, ihm
+Speise und Trank zu bringen, denn ihn hungerte. Und der Diener lief
+wie der Wind davon, und in einem Hui war er wieder da und trug Wein
+in Flaschen herbei und Brot und köstliche Früchte. Und Johann aß und
+trank und sah dem Spiele und den Tänzen der Kleinen zu, und es gefiel
+ihm sehr wohl. Und er führte sich in allen Dingen mit ihnen beherzt
+und klug auf, als wäre er ein geborner Herr gewesen.
+
+Und als der Hahn seinen dritten Krei getan hatte und die kleinen
+Lerchen in der Luft die ersten Wirbel anschlugen und das junge Licht
+in einzelnen weißen Streifen im Osten aufdämmerte, da ging es husch
+husch husch durch die Büsche und Blumen und Halme fort, und die Berge
+klangen wieder und taten sich auf, und die kleinen Menschen fuhren
+hinab; und Johann gab wohl acht auf alles und fand es wirklich so,
+wie sie ihm erzählt hatten. Siehe, auf dem Wipfel der Berge, wo sie
+eben noch getanzt hatten, und wo alles eben voll Gras und Blumen
+stand, wie die Menschen es bei Tage sehen, hob sich, als es zum
+Abzuge blies, plötzlich eine glänzende gläserne Spitze hervor; auf
+diese trat, wer hinein wollte, sie öffnete sich, und er glitt sanft
+hinab, und sie tat sich wieder hinter ihm zu; als sie aber alle
+hinein waren, verschwand sie und war auch keine Spur mehr von ihr zu
+sehen. Die aber durch die gläserne Spitze fielen, sanken gar sanfte
+in eine weite silberne Tonne, die sie alle aufnahm und wohl tausend
+solcher Leutlein beherbergen konnte. In eine solche fiel auch Johann
+mit seinem Diener und mit mehreren hinab, und sie alle schrien und
+baten ihn, daß er sie nicht treten möge, denn sie wären des Todes
+gewesen von seiner Last. Er aber hütete sich und war sehr freundlich
+gegen sie. Es gingen aber mehrere solcher Tonnen nebeneinander hin,
+immer hinauf und hinab, bis alle hinunter waren. Sie hingen an
+langen silbernen Ketten, die unten gezogen und gehalten wurden.
+
+Johann erstaunte beim Hinabfahren über den wunderbaren Glanz der
+Wände, zwischen welchen das Tönnchen fortglitt. Es war alles wie mit
+Perlen und Diamanten besetzt, so blitzte und funkelte es; unter sich
+aber hörte er die lieblichste Musik aus der Ferne klingen. So ward
+er auf das anmutigste hinabgewiegt, daß er nicht wußte, wie ihm
+geschah, und vor lauter Lust in einen tiefen Schlaf fiel.
+
+Er mochte wohl lange geschlafen haben. Als er erwachte, fand er sich
+in dem allerweichsten und allernettesten Bette, wie er es in seines
+Vaters Hause nimmer gesehen hatte, und dieses Bett stand in dem
+allerniedlichsten Zimmer; vor ihm aber stand ein kleiner Brauner mit
+dem Fliegenwedel in der Hand, womit er Mücken und Fliegen abwehrte,
+daß sie seines Herrn Schlummer nicht stören konnten. Johann tat kaum
+die Augen auf, so brachte der kleine Diener ihm schon das Handtuch
+mit dem Waschwasser und hielt ihm zugleich die nettesten neuen
+Kleider zum Anziehen hin, aus brauner Seide sehr niedlich gemacht,
+und ein Paar neue schwarze Schuh mit roten Bandschleifchen, wie
+Johann sie in Rambin und Rothenkirchen nie gesehen hatte; auch
+standen dort einige Paare der niedlichsten und glänzendsten gläsernen
+Schuhe, die nur bei großen Festlichkeiten gebraucht zu werden pflegen.
+Es gefiel dem kleinen Knaben sehr, daß er so leichte und saubere
+Kleider tragen sollte, und er ließ sie sich gern anziehen. Und als
+Johann angekleidet war, flugs flog der Diener fort und war geschwind
+wie der Blitz wieder da. Er trug aber auf einer goldenen Schüssel
+eine Flasche süßen Wein und ein Töpfchen Milch und schönes Weißbrot
+und Früchte und andere köstliche Speisen, wie kleine Knaben sie gern
+essen. Und Johann sah immer mehr, daß Klas Starkwolt, der alte
+Kuhhirt, es wohl gewußt habe; denn so herrlich und prächtig, als er
+hier alles fand, hatte er es sich doch nicht geträumt. Auch war sein
+Diener der allergehorsamste und tat alles von selbst, was er ihm nur
+an den Augen absehen konnte. Der Worte bedurfte es nie, sondern nur
+leichter Blicke und Winke; denn er war klug wie ein Bienchen, wie
+alle diese kleinen Leute von Natur sind.
+
+Und nun muß ich Johanns Zimmer beschreiben. Sein Bettchen war
+schneeweiß mit den weichsten Polstern und mit den weißesten Laken
+überzogen, mit Kissen aus Atlas und einer solchen gesteppten Decke.
+Ein Königssohn hätte darin schlafen können. Neben und vor diesem
+Bette standen die niedlichsten Stühle, auf das netteste gearbeitet
+und mit allerlei bunten Vögeln und Tieren verziert, welche
+kunstreiche Hände eingeschnitten hatten; einige waren auch von edlen
+Steinen bunt eingelegt. An den Wänden standen weiße Marmortische und
+ein paar kleinere aus grünen Smaragden, und zwei blanke Spiegel
+glänzten an den beiden Enden des Zimmers, deren Rahmen mit blitzenden
+Edelgesteinen eingefaßt waren. Die Wände des Zimmers waren mit
+grünen Smaragden getäfelt, und hatte einen solchen Glanz nie ein
+Mensch auf Erden gesehen und wird ihn auch keiner dort sehen, auch
+nicht in des größten Kaisers Hause. Und in solchem Zimmer wohnte nun
+der kleine Johann Dietrich, eines Tagelöhners Sohn aus Rambin, daß
+man wohl sagen mag: Das Glück fängt, wem es von Gott beschert ist.
+Hier unter der Erde sah man nun freilich nie Sonne, Mond und Sterne
+leuchten, und das schien allerdings ein großer Fehler zu sein. Aber
+sie brauchten hier solche Lichter nicht, auch bedurften sie weder der
+Wachslichter noch der Talglichter, noch der Kerzen und Öllampen und
+Laternen; sie hatten andern Lichtes genug. Denn die Unterirdischen
+wohnen recht eigentlich mitten unter den Edelgesteinen und sind die
+Meister des reinsten Silbers und Goldes, das in der Erde wächst, und
+sie haben die Kunst wohl gelernt, wie sie es hell bei sich haben
+können bei Tage und bei Nacht. Eigentlich muß man hier von Tag und
+Nacht nicht reden, denn die unterscheiden sie hier unten nicht, weil
+keine Sonne hier auf- und untergeht, welche die Scheidung macht,
+sondern sie rechnen hier nur nach Wochen. Sie setzen aber ihre
+Wohnungen und die Wege und Gänge, welche sie unter der Erde
+durchwandern, und die Orte, wo sie ihre großen Säle haben und ihre
+Reigen und Feste halten, mit den allerkostbarsten Edelgesteinen aus,
+daß es funkelt, als wäre es der ewige Tag. Einen solchen Stein hatte
+der kleine Johann auch in seinem Zimmer. Das war ein auserlesener
+Diamant, ganz rund und wohl so groß als eine Kugel, womit man Kegel
+zu werfen pflegt. Dieser war oben in der Decke des Zimmers befestigt
+und leuchtete so hell, daß er keiner andern Lampen und Lichter
+bedurfte.
+
+Als Johann Frühstück gegessen hatte, öffnete der Diener ein Türchen
+in der Wand, und Johanns Augen fielen hinein, und er sah die
+zierlichsten goldenen und silbernen Becher und Schalen und Gefäße und
+viele Körbchen voll Dukaten und Kästchen voll Kleinodien und
+kostbarer Steine. Auch waren da viele liebliche Bilder und die
+allersaubersten Märchenbücher mit Bildern, die er in seinem Leben
+gesehen hatte. Und er wollte diesen Vormittag gar nicht ausgehen,
+sondern betastete und besah sich alles und blätterte und las in den
+schönen Bilderbüchern und Märchenbüchern.
+
+Und als es Mittag geworden, da klang eine helle Glocke, und der
+Diener rief: "Herr, willst du allein essen oder in der großen
+Gesellschaft?" Und Johann antwortete: "In der großen Gesellschaft."
+Und der Diener führte ihn hinaus. Johann sah aber nichts als
+einzelne von Edelsteinen erleuchtete Hallen und einzelne kleine
+Männer und Frauen, die ihm aus Felsritzen und Steinklüften
+herauszuschlüpfen schienen, und verwunderte sich, woher die Glocke
+klänge, und sprach zu dem Diener: "Aber wo ist denn die
+Gesellschaft?" Und als er noch fragte, so öffnete sich die Halle,
+worin sie gingen, zu einer großen Weite und ward ein unendlicher Saal,
+über welchen eine weite, gewölbte und mit Edelsteinen und Diamanten
+geschmückte Decke gezogen war. Und in demselben Augenblick sah er
+auch ein unendliches Gewimmel von zierlich gekleideten kleinen
+Männern und Frauen durch viele geöffnete Türen hineinströmen, und tat
+sich der Boden an vielen Stellen auf, und die niedlichsten, mit den
+köstlichsten Gefäßen und schmackhaftesten Speisen und Früchten und
+Weinen besetzten Tische stellten sich aneinander hin, und die Stühle
+und Polster reiheten sich von selbst um die Tische, und die Männer
+und Frauen nahmen Platz. Und die Vornehmsten des kleinen Völkchens
+kamen und verneigten sich vor Johann und führten ihn mit sich an
+ihren Tisch und setzten ihn zwischen ihre schönsten Jungfrauen, daß
+er seine Lust hatte, mit den lieblichen Kindern zu sein, und es ihm
+da über die Maßen wohlgefiel. Es war auch eine sehr fröhliche Tafel,
+denn die Unterirdischen sind ein sehr lebendiges und lustiges
+Völkchen und können nicht lange still sein. Dazu klang die
+allerlieblichste Musik aus den Lüften, und die buntesten Vögel flogen
+umher und sangen in gar anmutigen Tönen, die einem die Seele aus der
+Brust holen konnten. Es waren aber keine lebendige Vögel, die da
+sangen, sondern künstliche Vögel und künstliche Töne und von den
+kleinen Männern so sinnreich gemacht, daß sie fliegen und singen
+konnten. Und Johann erstaunte und entsetzte sich sehr über alle die
+Wunder, die er sah, und freuete sich gewaltig. Die Diener und
+Dienerinnen aber, welche bei Tische aufwarteten und Blumen streueten
+und die Flur mit Rosenöl und andern Düften besprengten und die
+goldenen Schalen und Becher herumtrugen und die silbernen und
+kristallenen Körbe mit Früchten, waren Kinder der Menschen da droben,
+welche aus Neugier oder von ungefähr unter die Kleinen geraten und
+hier hinabgestiegen waren, ohne sich vorher eines Pfandes zu
+bemeistern, und die also in die Gewalt der Kleinen gekommen waren,
+oder die sich nächtlich und mitternächtlich unter ihre Sternenspiele
+auf dem gläsernen Berge verirrt hatten. Diese waren anders gekleidet
+als sie. Die Knaben und die Mädchen waren in schneeweiße Röckchen
+und Jäckchen gekleidet und trugen feine gläserne Schuh, daß man ihren
+Tritt immer hören konnte, und blaue Mützchen auf dem Kopfe; ihre
+Leibchen aber hatten sie mit silbernen Gürteln umgürtet. Das war die
+Tracht der Diener und Dienerinnen. Den kleinen Johann jammerten sie
+anfangs wohl, als er sie sah, wie sie springen und den Unterirdischen
+aufwarten mußten; aber weil sie munter aussahen und fein gekleidet
+waren und rosenrote Wangen hatten, so dachte er: "Nun, es geht ihnen
+doch so schlimm nicht, und ich habe es noch lange so gut nicht gehabt,
+als ich hinter den Kühen und Ochsen laufen mußte. Ich bin nun
+freilich ein Herr hier, und sie müssen als Diener laufen. Das kann
+aber nicht anders sein: warum haben sie sich auch so dumm fangen
+lassen und sich vorher kein Zeichen genommen? Es muß doch die Zeit
+kommen, wo sie einmal erlöst werden, und länger als fünfzig Jahre
+werden sie hier gewiß nicht bleiben." Damit tröstete er sich und
+spielte und scherzte mit seinen kleinen Gesellinnen und aß und trank
+in Freuden und ließ sich von seinem Diener und von den andern
+allerlei unterirdische Geschichten erzählen; denn er wollte alles
+genau wissen.
+
+So saßen sie ungefähr zwei Stunden lustig beisammen und aßen und
+tranken und horchten auf die liebliche Musik, die aus den Lüften
+erklang. Da klingelte der Vornehmste mit einem Glöckchen, und in
+einem Hui versanken die Tische und die Stühle wieder, und alle Männer
+und Frauen und Jünglinge und Jungfrauen standen da wieder auf den
+Füßen. Und wieder ein zweiter Klang mit einem zweiten Glöckchen, und
+wo eben die Tafeln gestanden, erhoben sich grüne Orangen- und Palmen-
+und Lorbeerbäume mit Blüten und Früchten, und andere, lustigere und
+klangreichere Vögel als die vorher durch die Luft geflattert hatten,
+saßen in ihren Zweigen und sangen. Und sie sangen alle wie in einer
+Weise und in einem Maße, und Johann sah bald, woher dies kam; denn am
+Ende des Saales hoch oben an der Decke saß in einer hohlen Wand ein
+eisgrauer Greis und gab den Ton an, nach welchem sie singen mußten.
+Sie nannten ihn ihren großen Ballmeister. Er war aber so ernst, als
+er weise war, und verschwiegen wie die graue Zeit und sprach nie ein
+Sterbenswort, da die andern alle wohl oft zuviel plapperten und
+schwätzelten.
+
+Der alte Eisgraue droben strich nun die Geige zum Tanze, und alle die
+bunten Vögel klangen den Strich nach. Es war aber ein recht
+fliegender Strich, denn ihr Tanz geht immer äußerst geschwind und
+lebendig. Als nun der Reigen angeklungen war, siehe, da bewegten
+sich die leichten und fröhlichen Scharen und sprangen und hüpften und
+drehten sich, als wenn die Welt im Wirbel auseinanderfliegen sollte.
+Und die kleinen hübschen und feinen unterirdischen Dirnen, die sich
+neben Johann gesetzt hatten, faßten ihn auch und drehten ihn mit rund.
+Und er ließ es gern geschehen und tanzte mit ihnen rund wohl zwei
+Stunden lang. Und diesen lustigen Tanz hat er jeden Nachmittag
+mitgehalten, solange er da unten geblieben ist, und in seinem
+spätesten Alter noch immer mit vielem Vergnügen davon erzählt. Er
+pflegte dann zu sagen, die himmlische Freude und der Gesang und das
+Saitenspiel der Engel, welche die Seligen im Himmel einst zu hoffen
+hätten, mögen wohl überschwenglich schön sein; er aber könne sich
+nichts Schöneres und Lieblicheres denken als die Musik dieses
+unterirdischen Reigens, die schönen und beseelten kleinen Menschen,
+die wunderbaren Vögel in den Zweigen mit den allerzauberischesten
+Tönen und die klingenden Silberglöckchen an den Mützen. Ein Mensch,
+der das nicht gesehen und gehört, könne sich gar keine Vorstellung
+davon machen.
+
+Als die Musik schwieg und der Tanz geendigt war (das mochte wohl die
+Zeit sein, die wir vier Uhr nachmittag nennen), verschwand das kleine
+lustige Völkchen, die einen hiehin, die andern dahin, und jeder ging
+wieder an sein Werk und seine Lust. Des Abends ward nach dem Essen
+gewöhnlich ebenso gejubelt und getanzt. Des Nachts aber schlüpften
+alle heraus aus den Bergen, besonders in schönen, sternhellen Nächten,
+und wenn sie auf Erden etwas Besonderes zu tun hatten. Da ging aber
+der kleine Johann immer ruhig schlafen und hielt, wie es einem
+frommen christlichen Knaben geziemte, andächtig sein Abendgebet, und
+auch des Morgens vergaß er nie zu beten.
+
+Doch nun muß ich noch mehr erzählen von den Unterirdischen, ehe ich
+weiter melde, wie es unserm kleinen Johann Dietrich da unten die
+folgenden Wochen und Jahre ergangen ist.
+
+Daß solche kleine Unterirdische, die man mit vielen Namen auch wohl
+Braunchen, Weißchen, Elfen, Weißelfen, Schwarzelfen, Kobolde, Puke,
+Heinzlein, Trolle nennt, seit uralten Zeiten unter den Bergen und
+Hügeln wohnen und ihre wunderbaren kristallenen und gläsernen Häuser
+haben, ist gewiß. Aber wie sie dahingekommen sind, und was es denn
+eigentlich für Geister sind, und wozu der liebe Gott sie eigentlich
+geschaffen hat, das hat uns bisher noch keiner sagen können. Sie
+sind wohl gleich den Seelen und Herzen der Menschen von sehr
+verschiedener Art, einige bös, andere gut, einige freundlich, andere
+neckisch; das wird aber von allen ohne Unterschied gesagt, daß sie
+sehr sinnreich und geschickt sind und die künstlichsten Werke und
+Geschmeide machen können, die ihnen kein Mensch nachmachen kann, und
+die von den Menschen deswegen oft für Zauberwerk und Hexenwerk
+gehalten werden. Alles, was ich hier erzähle, hat Johann Dietrich
+mitgebracht und es seinen Freunden erzählt und seinen Kindern so
+hinterlassen. Von diesen haben es wieder andere gehört, und so hat
+sich's weitererzählt bis diesen Tag.
+
+Die Unterirdischen, zu welchen Johann hinabgestiegen war, gehörten zu
+den Braunen. Sie hatten auch kleine Schelmstreiche im Herzen, waren
+aber im ganzen doch gutmütiger und fröhlicher Art. Die Braunen
+hießen sie, weil sie braune Jäckchen und Röckchen trugen und braune
+Mützen auf dem Kopf mit silbernen Glöckchen; einige trugen schwarze
+Schuh mit roten Bändern, die meisten aber feine gläserne, und beim
+Tanze trugen sie alle keine anderen. Sie hatten ihre Häuschen in den
+Bergen; aber damit waren sie sehr geheim, und Johann Dietrich,
+solange er bei ihnen gewesen, hat keine einzige ihrer Kammern gesehen.
+Er und der Diener hatten ihre Kammer hart bei der Stelle, wo der
+herrliche Speise- und Tanzsaal immer kam und verschwand; er hat auch
+an vielen andern Stellen schöne Hallen und offene Plätze und
+liebliche Anger und Auen gesehen, aber nirgends Wohnungen; sondern
+die Kleinen waren immer nur einzeln oder scharweise da, entweder daß
+sie tanzten, lustwandelten oder auch geschwind vorübergingen. Und
+wie sie aus den Steinen, worin sie wohnen, herauskamen und wieder
+hinschwanden, das hat er mit seinen Augen nie sehen können, wie sehr
+er auch oft darauf gelauscht hat; sondern sie kamen vor seinen Augen
+und verschwanden wie Blitze und Scheine. Einige kleine Dirnen aber,
+die ihn lieb hatten, haben ihm zugeflüstert: jeder habe sein eignes
+Häuschen tief im Gestein, ein liebliches, helles, gläsernes Häuschen;
+auch sei der ganze Berg durchsichtig von Anfang bis zu Ende und
+eigentlich rings mit Glas umwachsen; das sei aber seinen Augen zu
+sehen nicht möglich.
+
+Von diesen kleinen Unterirdischen waren die größten kaum einer Elle
+lang und die Knaben und Mädchen also gar klein; aber sie waren von
+Gestalt und Gebärde freundlich und schön, mit hellen, lichten Augen
+und mit gar feinen und anmutigen Händchen und Füßchen. Und eben
+durch diese Lieblichkeit und Freundlichkeit haben sie manches
+Menschenkind verführt, daß es zu ihnen heruntergekommen ist ohne
+irgend ein Pfand und Zeichen und lange Jahre da hat bleiben und
+dienen müssen. Denn wenn man ein Pfand von ihnen hat, schadet es
+nichts, daß man mit in dem silbernen Tönnchen hinabsteigt, und sie
+müssen einen immer wieder herauslassen. Sie geben aber nicht gern
+ein Pfand. Das klügste und richtigste ist, daß man mit Listen ein
+Pfand von ihnen nimmt; denn dann müssen sie einem dienen, da sie
+sonst gern herrschen wollen. Denn sie sind sehr herrschsüchtig, und
+das ist eigentlich ihr Hauptfehler; vorzüglich herrschen sie gern
+über die Menschen und bilden sich etwas darauf ein, weil die soviel
+stärker und größer sind, daß sie sie mit Listen zu ihren Dienern und
+Knechten machen. Das beste Pfand, das man von ihnen gewinnen kann
+und wodurch man am meisten Macht über sie bekommt, ist eine braune
+Mütze mit dem Glöckchen; sehr gut ist auch ein gläserner Schuh oder
+eine silberne Spange, womit sie ihren Leibgürtel zu schließen pflegen.
+Wer die hat, der hat aller Freuden Fülle bei ihnen und ist ein
+großer Gebieter.
+
+Ob sie auch sterben, das weiß man nicht, oder ob sie, wie einige
+erzählen, wann sie alt werden wollen, sich in Steine und Bäume
+verkriechen und so sich verwachsen und zu wundersamen Klängen,
+Ächzern und Seufzern werden, die sich zuweilen hören lassen, ohne daß
+man weiß, woher sie kommen, oder zu abenteuerlichen Knorren und
+verflochtenen Schlingen, wodurch die Hexen schlüpfen sollen, wann sie
+von dem wilden Jäger gejagt werden. Eine Leiche von ihnen hat keiner
+gesehen, und wenn man sie darnach gefragt hat, haben sie immer so
+geantwortet, als verstanden sie das Wort gar nicht. Das ist gewiß,
+daß manche von ihnen über zweitausend Jahre alt sind. Da ist es denn
+kein Wunder, daß man so weise Leute unter ihnen findet.
+
+Sie haben einen großen Vorteil voraus vor uns Menschenkindern, daß
+sie nicht nötig haben, für das tägliche Brot zu sorgen und zu
+arbeiten, denn Speise und Trank kommt ihnen von selber oder Gott weiß
+durch welche wundersame Kunst, und es fehlt nie Brot und Wein und
+Braten auf ihrem Tische. Auch sieht man dort unten, wo sie wohnen,
+und wo hin und wieder auch weite Fluren und Felder sind, nirgends
+Korn wachsen oder Vieh weiden oder Wild laufen, sondern bloß das
+Allerlustigste ist zum Genuß da, nämlich die schönsten Bäume und
+Reben, die mit den auserlesensten Früchten und Trauben prangen; auch
+die lieblichsten Blumen in Menge, worauf so bunte Schmetterlinge
+flattern, als man in dem Lande der Sonne und des Mondes nimmer sieht;
+und die allerschönsten und schimmerndsten Vögel, die alle wie
+Paradiesvögel und wie der Vogel Phönix aussehen, wiegen sich in den
+Zweigen und singen süße Lieder. Anderes Lebendiges sieht man dort
+nicht, wenn man das nicht etwas Lebendiges nennen will, daß hie und
+da aus den Kristallwänden Quellen von Wein und Milch sich ergießen.
+
+So scheint dies Völkchen denn sehr glücklich zu sein und bloß für die
+Freude und Lust geboren, und sie verstehen sich sehr wohl auf die
+Kunst, vergnügt zu sein und ihr Leben lustig zu gebrauchen. Doch muß
+man nicht glauben, daß sie nichts weiter tun als Tafel, Spiel und
+Tanz halten, dann in ihre Kammern schlüpfen und schlafen und etwa die
+Mitternächte über der Erde verspielen--nein, sie sind wohl die
+allerregsamsten und allerfleißigsten Wesen, die man je gesehen hat.
+Niemand versteht so gut als sie das Innere der Erde und die geheimen
+Kräfte der Natur und was in Bergen und Steinen und Metallen wächst,
+und was in den Farben der Blumen und den Wurzeln der Bäume für Triebe
+lauschen. Denn ihre Sinne sind die allerklarsten und die
+allerfeinsten, viel feiner als des heitersten und hellesten Kindes,
+von Menschen geboren; denn auch unsere kleinen Kindlein haben wohl
+recht feine Sinne und Gedanken, welche die Erwachsenen nur nicht
+immer verstehen, weil diese meistens schon wieder durch Stein und
+Erde verhärtet und vergröbert sind. Die Unterirdischen haben viel
+Freude an Silber und Gold und edlen Steinen und machen die
+allerkünstlichsten Arbeiten daraus, so daß die besten Meister hier
+oben erstaunen, wenn ein solches unterirdisches Werk hier mal gesehen
+wird. Deswegen nennen viele sie auch wohl Hüter des Goldes und des
+Silbers und meinen, daß sie von schlimmer Gier besessen und böse
+metallische Geister sind. Die meisten, die das sagen, tun ihnen aber
+unrecht, denn die weißen und braunen Unterirdischen sind wohl nicht
+so gierig. Sie verschenken ja soviel Schönes an die Menschenkinder;
+das würden sie aber nicht tun, wenn sie das Gold und die Edelsteine
+zu lieb hätten. Sie haben es nur lieb wegen des Glanzes, denn Glanz
+und Licht lieben sie über alles in der Welt. Die mit den schwarzen
+Jacken und Mützen sind aber wohl geizig und überhaupt von schlimmerer
+Natur als diese.
+
+Wie die Unterirdischen des Nachts aus ihren gläsernen Bergen
+schlüpfen und im Mondschein und Sternenschein tanzen und sich
+erlustigen, habe ich schon erzählt. Sie können sich aber auch
+unsichtbar in die Häuser der Menschen schleichen; denn wenn sie ihre
+Mützen aufhaben, kann sie kein Mensch sehen, er habe denn selbst eine
+solche Mütze. Da sagen die Leute denn, daß sie allerlei Schalkereien
+treiben, die Kinder in den Wiegen vertauschen, ja gar wegstehlen und
+mitnehmen. Das ist aber gewiß nicht wahr von den Weißen und Braunen.
+Auch hat ihnen Gott über die Häuser und Wohnungen der Menschen keine
+Gewalt gegeben, solcherlei schlimme Schalkerei zu treiben. Sie
+kommen wohl in die Häuser der Menschen, sie können sich auch
+verwandeln, so daß kein Schlüsselloch so klein ist, daß sie nicht
+hindurchschlüpfen; aber sie tun den Menschen nichts Böses, sondern
+wollen nur zuweilen sehen, was sie machen. Meistens bringen sie
+ihnen was Schönes mit, besonders den Kindern, die sie sehr lieb haben.
+Und wann die Kinder beim Spielen Dukaten oder goldene Ringe
+gefunden haben, wie das wohl zuweilen geschieht, und mit zu Hause
+bringen, oder wenn kleine, zierliche Schuhe oder ein neues Kleidchen
+oder grüne Kränzlein, wann sie erwachen, auf ihren Wiegen und
+Bettchen hangen, so haben das wohl nicht immer die himmlischen
+Englein getan, sondern oft auch die kleinen Unterirdischen. Das
+sagen aber viele Leute, die es wissen, daß sie oft unsichtbar um die
+Kinder sind und sie behüten, besonders damit sie nicht im Feuer und
+Wasser umkommen. Wenn sie ja jemand necken und schrecken, so sind es
+faule Knechte und schmutzige Mägde, die sie mit bösen Träumen
+ängstigen, als Alp drücken, als Flöhe stechen, als Hunde und Katzen
+ungesehen beißen und kratzen, oder es sind Diebe und Buhler, welchen
+sie, wenn sie des Nachts auf verbotenen Wegen schleichen, als Eulen
+in den Nacken stoßen, oder die sie als Irrlichter in Sümpfe und
+Moräste locken oder gar ihren Verfolgern entgegenbringen. Aber das,
+denke ich, ist keine Sünde. Die Schwarzjacken aber sind bösartig und
+üben gern arge Tücken. Die dürfen aber den Häusern der Menschen
+nicht nahe kommen, auch überhaupt wenig auf der Erde sein, es sei
+denn in Wüsten und Einöden, wohin selten Menschen kommen. Sie kommen
+auch nicht zu den Menschen, außer wenn diese ihnen selbst die Gewalt
+über sich gegeben oder sich ihnen verpfändet und verschrieben haben.
+Denn darauf sinnen diese schwermütigen und grüblerischen Geister Tag
+und Nacht, wie sie arme Narren und listige Schelme verstricken und
+sich endlich an ihrer Not ergötzen mögen. Und diese schwarzen sind
+auch nicht schön wie die andern Unterirdischen, sondern grundhäßlich,
+haben trübe und triefende Augen wie die Köhler und Grobschmiede, sind
+stumm und heimlich bei ihrer Arbeit, leben einsam und höchstens zu
+zweien und dreien und kennen keinen Tanz und Musik, sondern nur
+Geheul und Gewimmer. Und wenn es in Wäldern und Sümpfen schreit wie
+eine Menge schreiender Kinder, oder wie ein Haufe Katzen miauen und
+eine Schar Eulen kreischen und wehklagen würde--das sind ihre
+nächtlichen Versammlungen, das ist ihre Musik, das sind sie.
+
+Doch haben die Menschen vor allen Unterirdischen ein Grauen, und das
+ist wohl natürlich. Denn dem Menschen ist das Licht angeboren und
+die Liebe zu allem Lichten und Hellen, und es schaudert ihm vor dem
+Dunklen und Verborgenen und vor allen geheimen Kräften, die
+unsichtbar umherschleichen und walten. Auch wissen sie ja, daß die
+Unterirdischen allenthalben sein und sich verwandeln und zaubern
+können. Freilich erzählt man vielmehr von ihren Zaubereien, als wahr
+ist; das meiste machen sie durch ihre Unsichtbarkeit und
+Künstlichkeit, wodurch sie so feine Arbeit als Spinnen und Wespen
+weben und wirken und den Menschen allerlei Gaukelei und Einbildung
+vormachen können. Und wenn sie ja viel zaubern, tun sie es mehr zur
+Freude und zum Spiel als zum Bösen. Die Schwarzen aber können auch
+hexen und sind schlimme Hexenmeister, und wenn die sich verwandeln,
+sind sie die scheußlichsten Tiere und Gewürme, Bären, Wölfe, Hyänen,
+Tiger, Katzen, Schlangen, Kröten, Skorpione, Krähen und Eulen; und
+wehe den armen Menschen, die sich mit ihnen eingelassen haben! Denn
+von ihnen muß man dreifache Pfänder nehmen, und auch der Klügste wird
+von ihnen betrogen, wenn er nicht kurzen Kauf mit ihnen hält. Daß
+diese Hexenkappen und Nebelkappen weben, womit man sich unsichtbar
+machen und in einem Hui über Land und Meer fahren kann, das ist wahr.
+Dem Doktor Faust haben sie seinen Mantel gemacht, womit er in einer
+Sekunde von Straßburg nach Rom und von Mainz nach Paris gefahren ist.
+Aber wie ist es diesem armen Doktor Faust auch ergangen! Er ist mit
+diesen schwarzen Künstlern, weil er zu weise werden wollte, ein
+Schwarzkünstler geworden und endlich zu dem Allerschwärzesten
+gefahren. Die Schwarzen machen auch Zauberwaffen, Harnische, die
+gegen Stahl und Hieb fest sind, Degen, die nie Scharten bekommen
+können und vor welchen sein Helm und Panzer aushält, dünne
+Kettenhemde leicht wie Spinnweben, wodurch keine Kugel dringt. Der
+Gebrauch derselben ist aber sehr abgekommen, seit die meisten
+Menschen Christen sind, und war mehr in der heidnischen Zeit. Das
+ist einmal wahr, künstliche Schmiede und Waffenschmiede sind sie und
+wissen eine Härtung und zugleich eine Schmeidigung des Stahls, die
+ihnen kein irdischer Schmied nachmachen kann; denn ihre Klingen sind
+zugleich biegsam wie Rohrhalme und scharf wie Diamanten. Auch wirken
+sie noch viel anderes Zaubergeschmeide aus Stahl und Eisen, das zu
+mancherlei verborgenen Künsten gebraucht wird und zum Teil die
+seltsamsten und unbegreiflichsten Eigenschaften hat. Die Braunen
+sind aber die Juweliere der Berge, die mehr in Gold und Silber und
+Edelsteinen arbeiten. Die feinsten und künstlichsten aller
+Unterirdischen sind die Weißen; die wirken ihre Arbeiten so fein und
+dünn wie die zartesten Blumen aus, so fein und zart, daß viele Augen
+sie gar nicht sehen können; und sie können aus Silber und Gold
+Röckchen weben, von denen man schwören sollte, sie seien aus
+Sonnenstrahlen oder Mondschein gewebt; denn sie sind leichter als die
+leichtesten Spinnweben.
+
+Johann Dietrich kam die ersten Wochen, die er in dem gläsernen Berge
+verlebte, nicht weiter als in sein Kämmerchen und von dem Kämmerchen
+in den Speise- und Tanzsaal und wieder zurück. Er konnte gar kein
+Ende finden, die schönen und köstlichen Sachen zu betrachten und zu
+loben, die in seinem Zimmer und in dem Schränkchen aufgestellt waren.
+Am meisten aber ergötzte er sich an den schönen Bildern und an
+seinem Bücherschranke, wo viele hundert der sauberst gebundenen
+Bücher mit goldenem Schnitte nebeneinander standen, und in welchen er
+die allerfeinsten und lustigsten Märchen fand, an welchen er sich
+nicht satt lesen konnte. Als aber die ersten Wochen vergangen waren,
+da spazierte er oft aus und ließ sich von seinem Diener alles zeigen
+und erzählen. Es gab da unten aber die allerlieblichsten
+Spaziergänge nach allen Seiten hin, und er konnte viele Meilen weit
+wandeln, und sie nahmen kein Ende; und man sieht daraus, wie
+unendlich groß der Berg war, worin die Unterirdischen wohnten, und
+doch erschien die Spitze oben nur wie ein kleiner Hügel, worauf
+einige Bäume und Sträuche stehen. Und daraus kann man auch wissen,
+wieviele Meilen seine Tiefe nach unten hinabgehen mußte. Das war
+aber das Besondere, daß zwischen jeder Au und jedem Anger, die man
+hier mit Hügeln und Bäumen und Blumen und Inseln und Seen durchsäet
+in der größten Mannigfaltigkeit hatte, gleichsam eine schmale Gasse
+war, durch welche man wie durch eine kristallene Felsenmauer gehen
+mußte, bis man zu etwas Neuem gelangte. Die einzelnen Anger und Auen
+waren aber wohl oft eine Meile lang. Von den Bäumen habe ich schon
+erzählt, wie sie voll köstlicher Früchte hingen, und von den Quellen,
+in welchen Milch und Wein aus den Felsen rieselte. Da konnten die
+Wanderer sich nie so weit vergehen, sie fanden immer, womit sie sich
+erquicken konnten. Aber das Allerlustigste waren die bunten Vögel,
+die immer von Zweig zu Zweig flatterten und wie tausend himmlische
+Nachtigallen sangen, und die Blumen, so wunderschön von Farben und
+Düften, daß Johann ihresgleichen nimmer auf Erden gesehen hatte.
+Kurz, es war hier alles zauberisch, lustig und anmutig und bei aller
+der Lust und dem Jubel ein so stilles Leben. Es wehete, und man
+fühlte keinen Wind; es schien hell, und man fühlte keine Hitze; die
+Wellen brauseten, und man fand keine Gefahr, sondern die niedlichsten
+Nachen und Gondeln, als schneeweiße Schwäne gestaltet, kamen, wann
+man über einen Strom wollte, von selbst ans Land geschwommen und
+führten an das jenseitige Ufer, und ebenso führten sie über die Seen
+zu den Inseln. Woher das alles kam, wußte niemand, und der Diener
+durfte es nicht sagen; das aber sah Johann wohl und konnte es mit
+Händen greifen, daß die großen Karfunkel und Diamanten, womit die
+hohe Decke statt des Himmels gewölbt war, und womit alle Wände des
+Berges geschmückt standen, für Sonne, Mond und Sterne leuchteten.
+Diese lieblichen Fluren und Auen waren meist einsam. Man sah wenige
+Unterirdische auf ihnen, und die man sah, schienen immer nur so
+vorüberzuschlüpfen, als hätten sie die größte Eile, davonzukommen.
+Selten geschah es, daß einige hier im Freien einmal einen Reigen
+aufführten, etwa zu dreien, höchstens zu einem halben Dutzend: mehr
+hat Johann hier nie beisammen gesehen. Nur dann ging es lustig her,
+wann die Schar der Diener und Dienerinnen, die wohl ein paar Hundert
+sein mochten, ausgelassen und spazieren geführt wurden. Das geschah
+aber alle Woche nur zweimal; meistens waren sie da drinnen in dem
+großen Saale oder in den anstoßenden Zimmern beschäftigt oder mußten
+auch in der Schule sitzen.
+
+Das war hier auch noch besonders, daß, wie die Diamanten und
+Edelsteine oben die Sonne und den Mond und die Sterne vorstellen
+mußten, es hier eigentlich keine Jahreszeiten gab; sondern die Luft
+war immer gleich, d. h. es war jahraus, jahrein eine milde, linde
+Frühlingsluft, von Blütenatem durchwehet und von Vogelgesang
+durchklungen. Doch zwei Tageszeiten gab es, Tag und Nacht, und diese
+teilten sich wieder in vier Teile, in Morgen, Mittag, Abend und Nacht;
+doch war der Mittag nicht wärmer als die anderen Tageszeiten. Das
+aber hatte es hier besonders, daß die Nacht nie so dunkel und der Tag
+nie so hell ward, als sie oben auf der Erde sind.
+
+Johann hatte viele Monate hier verlebt (ich glaube, es waren zehn),
+und sie waren ihm hingeschwunden wie ein Tag. Da begegnete ihm etwas,
+das ihn in die Schule brachte. Ich will erzählen, wie das zuging.
+Er wandelte einst nach seiner Gewohnheit mit seinem Diener herum. Da
+sah er in der Abenddämmerung etwas Schneeweißes in eine kristallene
+Felswand hineinschlüpfen und dann plötzlich verschwinden. Und es
+hatte ihm gedeucht, daß es von den kleinen Leuten war und daß ihm
+auch schneeweiße Locken von den Schultern herabhingen. Er fragte
+denn seinen Begleiter: "Was war das? Gibt es auch unter euch, die in
+weißen Kleidern gehen wie die Diener und Dienerinnen, die ihr uns
+abgefangen habt?" Der Diener antwortete: "Ja, es gibt deren, aber
+wenige, und sie erscheinen nie bei dem Tanze noch an den großen
+Tafeln außer einmal im Jahre, wann des großen Bergkönigs, der viel
+tausend Meilen unter uns in der innersten Tiefe wohnt, Geburtstag ist.
+Darum hast du sie noch nie gesehen. Das sind die ältesten Männer
+unter uns, und einige von ihnen sind wohl manches Jahrtausend alt und
+wissen vom Anfange der Welt und vom Ursprung der Dinge zu erzählen
+und werden die Weisen genannt. Sie leben sehr einsam für sich und
+kommen nur aus ihren Kammern, daß sie unsere Kinder und die Diener
+und Dienerinnen unterweisen, für welche hier auch eine große Schule
+ist; sonst sind sie meist mit der Betrachtung der innerlichen und
+himmlischen Dinge und mit der Sternkunde und Alchemie beschäftigt.
+"--"Was? Gibt es hier auch Schulen?" rief Johann. "Das ist nicht
+recht, Diener, daß du mir das verschwiegen hast; ich habe immer große
+Lust gehabt, in die Schule zu gehen und etwas Ordentliches zu lernen.
+"--"Das kannst du haben, wie du willst", antwortete der Diener; "du
+bist hier der Herr, und was du haben willst, müssen wir dir schon zu
+Gefallen tun. Du kannst dir einen der schneeweißen Weisen in die
+Kammer kommen lassen, wenn dir das gefällt, oder kannst auch in eine
+der Schulen gehen."--"Das will ich gleich morgenden Tages tun",
+sprach Johann, "und ich will mit in die Schule gehen, wo die Diener
+und Dienerinnen unterwiesen werden. Denn ich will mit denen lernen,
+die auf der Erde geboren sind; ihr möchtet mir zu fein sein, und ich
+käme nicht mit, und der hinterste zu sein wäre unlustig."
+
+Und gleich den andern Morgen ließ Johann sich von dem Diener in die
+Schule führen, und es gefiel ihm da so gut, daß er nachher nie einen
+Tag versäumt hat. Das ist nämlich sehr löblich von den
+Unterirdischen, daß die Kinder, welche zu ihnen herabkommen, immer
+sehr gut unterwiesen werden, so daß sehr kluge und geschickte Leute
+aus den Bergen gekommen sind, Männer und Frauen, die ihre
+Wissenschaft bei den Unterirdischen gelernt haben. Hier waren
+Meister in allerlei Künsten. Die Kinder lernten schreiben, lesen,
+rechnen, zeichnen, malen, Geschichten und Märchen aufschreiben und
+erzählen und wurden zugleich in mancherlei feiner und künstlicher
+Arbeit unterwiesen. Die Größeren und Fähigeren erhielten auch
+Unterricht von der Natur und von den Gestirnen und wurden auch in der
+Dichtkunst und Rätselkunst geübt, welche beiden Künste die
+Unterirdischen über alles lieben, und womit sie sich bei der Tafel
+und bei Festen untereinander viel reizen und ergötzen. Der kleine
+Johann war sehr fleißig und ward bald einer der geschicktesten
+Zeichner und Maler; auch arbeitete er sehr fein in Silber und Gold
+und Stein, ja er konnte aus Stein zuletzt so feine Früchte und Blumen
+wirken, daß man glauben sollte, der liebe Gott, der doch alles auf
+das schönste und künstlichste geschaffen hat, könne es kaum besser
+machen; er machte auch hübsche Reimlein, und im Rätselkampf war er so
+gewandt, daß er fast allen antworten konnte und ihm mancher die
+Antwort schuldig blieb.
+
+Manches liebe Jahr hatte Johann hier verlebt, ohne daß er an seine
+schöne Erde gedacht hätte und an diejenigen, welche er dort oben
+zurückgelassen hatte; so angenehm verfloß ihm die Zeit, und es währte
+nicht lange, daß er die Schule viel lieber hatte als den Tanzsaal und
+alle seine anderen Freuden. Auch hatte er hier unter den Kindern
+manchen lieben Gespielen und Gespielin gefunden. Nur war das
+betrüblich, daß diese gewisse Stunden immer dienen mußten und dann
+nicht mit ihm sein durften, obgleich sie keineswegs hart gehalten
+wurden und einen sehr leichten und meistens nur spielenden Dienst
+hatten, denn schwere und schmutzige und mühevolle Arbeit gab es hier
+unten gar nicht.
+
+Unter allen seinen Gesellen und Gesellinnen hatte Johann niemand
+lieber als ein kleines, blondes Mädchen, welches Lisbeth Krabbin hieß.
+Diese war mit ihm aus demselben Dorfe; es war die Tochter des
+Pfarrers Friedrich Krabbe in Rambin. Sie war als ein vierjähriges
+Kind weggekommen, und Johann erinnerte sich wohl, wie sie ihm von ihr
+erzählt hatten. Sie war aber nicht gestohlen von den Unterirdischen,
+sondern einen Sommertag mit den andern Kindern ins Feld gelaufen.
+Sie waren zu den Neun Bergen gegangen; da war die kleine Lisbeth
+eingeschlafen und von den andern vergessen und des Nachts, als sie
+erwachte, unter die Unterirdischen und mit ihnen unter die Erde
+gekommen. Johann aber hatte sie nicht bloß deswegen so lieb, weil
+sie mit ihm aus einem Dorfe war, sondern Lisbeth war von Natur ein
+ausnehmend freundliches und liebes Kind mit hellblauen Äuglein und
+blonden Löckchen und dem allerenglischesten Lächeln, und als sie groß
+ward, war sie ausbündig schön.
+
+Mit diesem niedlichen Kinde hatte Johann hier seine Kinderjahre recht
+lustig verspielt und gar nicht mehr daran gedacht, daß da oben über
+den Bergen auch noch Leute wohnten. So war er achtzehn Jahre alt
+geworden und Lisbeth sechzehn. Und was bis jetzt ein unschuldiges
+Kinderspiel gewesen war, ward nun eine süße Liebe. Sie konnten nicht
+mehr voneinander lassen und nannten sich Braut und Bräutigam und
+waren lieber allein als unter den andern Gespielen. Die
+Unterirdischen sahen das aber sehr gern, denn die hatten den Johann
+alle sehr lieb und hätten ihn gern auch als ihren Diener gehabt--denn
+Herrschsucht ist ihr Laster bei manchen Tugenden. Und sie dachten:
+"Durch diese hübsche Dienerin werden wir ihn fangen, und er wird sich
+um ihretwillen zuletzt wohl gefallen lassen, bei Tische aufzuwarten
+und Äpfel und Trauben von den Bäumen zu lesen und Blumen zu streuen
+und das Estrich zu kehren." Sie irrten sich aber sehr. Der kleine
+Diener, dem er die Mütze genommen und den die Langeweile oft bei ihm
+geplagt, hatte ihm zuviel erzählt: daß er hier nur das Befehlen habe
+und daß sie alles tun müßten, was er wolle; denn wer Meister von
+einem Unterirdischen geworden, sei dadurch auch soweit Meister aller
+übrigen, daß sie ihm alles zu Gefallen tun müssen, was in ihrer Macht
+stehe.
+
+Johann ging nun viel spazieren mit seiner süßen, kleinen Braut und
+ließ den Diener oft zu Hause, denn jetzt waren dort keine Wege und
+Stege mehr, die er nicht kannte. Und sie spazierten viel in der
+Dämmerung und oft bis in die sinkende Nacht hinein, ohne daß sie es
+merkten, wo ihnen die Zeit blieb; denn die Liebe ist eine Zeitdiebin,
+die ihresgleichen nicht hat. Der Johann war bei diesen Spaziergängen
+immer fröhlich und munter; aber die Lisbeth war oft stumm und traurig
+und erinnerte ihn oft des Landes da droben, wo die Menschen wohnen
+und Sonne, Mond und Sterne scheinen. Weil er das aber immer wegschob
+durch andere Gespräche, so verstummte sie wieder und seufzte still in
+sich, vergaß es endlich auch wohl wieder durch das Glück, daß sie an
+seinen Armen wandeln durfte. Nun begab es sich einmal, daß sie bei
+einem Spaziergange über ihrer Liebe und dem lustigen Gekose und
+Geflüster derselben ganz der Zeit vergessen hatten und Gott weiß wie
+weit geschlendert waren. Es war schon nach Mitternacht, und sie
+waren zufällig unter die Stelle gekommen, wo die Spitze des gläsernen
+Berges sich aufzutun und wo die Unterirdischen heraus und herein zu
+schlüpfen pflegten. Als sie nun da wandelten, hörten sie mit einem
+Male mehrere irdische Hähne laut krähen. Bei diesem süßen Klange,
+den sie nun in zwölf Jahren nicht gehört hatte, ward der kleinen
+Lisbeth gar wundersam um das Herz; sie konnte sich nicht länger
+halten, sie umfaßte ihren Johann, als wollte sie ihn totdrücken, und
+netzte ihm mit heißen Tränen die Wangen. So hing sie lange sprachlos
+an seiner Brust; dann küßte sie ihn wieder und bat ihn, daß er ihnen
+den unterirdischen Kerker doch aufschließen sollte. Sie sprach
+ungefähr also zu ihm:
+
+"Lieber Johann, es ist hier unten wohl schön, und die kleinen Leute
+sind auch freundlich und tun einem nichts zuleide, aber geheimelt hat
+es mir hier nie, sondern ist doch immer schauerlich zumute gewesen,
+und eigentlich froh bin ich hier erst geworden, seit ich dich so lieb
+habe, und doch nicht recht froh, denn es ist hier doch kein rechtes
+Leben, wie es für Menschen sein soll. Ich habe hier doch keine Ruhe
+Tag und Nacht, und ich will es dir nun sagen, was ich immer
+verschwiegen habe: alle Nacht träumt mir von meinem lieben Vater und
+von meiner Mutter und von unserm Kirchhofe, wo die Leute so andächtig
+an den Kirchtüren stehen und auf den Vater warten; und mir ist es
+dann so sehnsüchtig im Herzen, daß ich Blut weinen möchte, weil ich
+nicht mit ihnen in die Kirche gehen und beten und Gott loben und
+preisen kann, wie Menschen sollen. Denn ein christliches Leben ist
+hier unten einmal nicht, sondern nur so ein buntes, künstliches in
+der Mitte, wobei einem doch nicht ganz wohl wird, weil es wohl halb
+heidnisch ist. Und, lieber Johann, auch das mußt du bedenken, wir
+können hier ja nie Mann und Frau werden, denn es ist hier ja kein
+Priester, der uns vertrauen kann; und so müssen wir immerfort
+Brautleute bleiben und können alt und grau darüber werden. Darum
+denke darüber und mache Anstalt, daß wir von hier kommen; mich
+verlangt unbeschreiblich, wieder bei meinem Vater und unter frommen
+Christen zu sein."
+
+Auch für Johann hatten die Hähne ganz wunderbar gekrähet, und er
+empfand etwas, was er hier unten noch nie empfunden hatte, nämlich
+eine tiefe Sehnsucht nach dem schönen Sonnenlande, und er antwortete
+seiner Braut:
+
+"Liebe, süße Lisbeth, du ermahnest mich ganz recht! Ich empfinde nun
+auch, daß es Sünde ist für Christen, hier zu bleiben, und mir ist im
+Herzen fast, als hätte der Herr Christus uns mit diesem Hahnenkrei
+als mit seiner Liebesstimme gerufen: Kommt herauf, ihr Christenkinder,
+aus der Bezauberung und aus den Wohnungen der Verblendung! Kommt
+herauf an das Sternenlicht und wandelt wie die Kinder des Lichts! Ja,
+Lisbeth, mir ist zum erstenmal recht weh um das Herz geworden, und
+ich sehe wohl, daß es ein großer Fürwitz und eine schreckliche Sünde
+war, daß ich so mit den Unterirdischen hinabgefahren bin. Das mag
+Gott meinen jungen Jahren vergeben, weil ich ein Kind war und nicht
+wußte, was ich tat. Und nun will ich auch keinen Tag länger warten,
+sondern geschwinde Anstalt machen, daß ich fortkomme. Mich dürfen
+sie hier nicht halten."
+
+Und er war sehr bewegt in seiner Seele und führte sein liebes Kind
+eilends von dannen. So trieb ihn der Vorsatz fort, der schon in ihm
+lebendig war. Er hatte aber nicht bemerkt, daß Lisbeth bei seinen
+letzten Worten totenblaß geworden war, und wie schwer sie ihr aufs
+Herz gefallen waren; denn sie hatte vorher nicht bedacht, daß sie
+Dienerin war und ihre fünfzig Jahre aushalten mußte, und daß sie mit
+ihm nicht fort konnte. Und der Schmerz ward so gewaltig in ihr, daß
+sie endlich laut weinen und schluchzen mußte und er sie nun fragte,
+was ihr sei; er wolle ja gern mit ihr fortziehen, ja durch die ganze
+Welt mit ihr, wohin sie wolle. Da antwortete sie ihm: "Ach! Du bist
+hier der Herr und kannst es; aber ich bin die Dienerin und muß nach
+dem strengen Gesetze, das hier gilt, aushalten, bis die fünfzig Jahre
+um sind. Und was soll ich dann auf der Erde tun, wenn Vater und
+Mutter lange tot und die Gespielen alt und grau sind? Und du bist
+dann auch grau und alt; was kann es mir da helfen, daß ich hier jung
+bleibe und nicht älter werden kann als zwanzig Jahre? Ach, ich arme
+Lisbeth!"
+
+Sie sprach diese Worte so kläglich aus, daß sie einen Stein hätten
+rühren können. Und in Johanns Ohren tönten sie wie Donnerschläge,
+und er ward auch sehr traurig. Denn das fühlte er wohl, ohne sie
+konnte er von hier nicht gehen--und er konnte doch in seiner Seele
+nirgends einen Ausweg finden. Sie schieden also, als sie
+heimgekommen waren, sehr traurig voneinander. Johann aber drückte
+Lisbeths Hand an sein Herz und küßte sie viel tausendmal und sagte
+ihr: "Nein, liebe Lisbeth, ohne dich geh ich nimmer von hier, das
+glaube mir!" Und Lisbeth ward sehr getröstet durch diese Worte.
+
+Johann wälzte sich die ganze Nacht auf seinen Kissen hin und her und
+konnte kein Auge zutun, denn die Gedanken ließen ihm keine Ruhe,
+sondern flogen, wie aufgescheuchte Vögel, hinter welchen der Falke
+ist, immer rundum in seiner Seele. Endlich, als der Morgen schon
+grauete, fuhr er geschwind aus dem Bette und sprang hoch auf vor
+Freuden und jauchzete in seiner Stube hin und her und schrie überlaut:
+"Nun hab' ich's! Nun hab' ich's! Diener! Diener! Du hast mir
+zuviel erzählt." Und er klingelte, und der Diener kam, und er befahl:
+"Diener, geschwind! Geschwind! Bringe mir Lisbeth!" Und in einigen
+Augenblicken war der Diener da und führte die schöne Lisbeth an der
+Hand. Und er hieß den Diener hinausgehen und küßte seine Lisbeth und
+sprach zu ihr: "Liebe Lisbeth, nun freue dich mit mir! Ich hab' es
+gefunden! Ich hab' es gefunden! Wir werden nun beide bald wieder zu
+Christen kommen, und sie können uns hier nicht festhalten. Verlaß
+dich nur drauf, ich kann es machen. Und nun gehe, mein Herzchen, und
+sei froh." Und er küßte sein liebes Kind, rief darauf dem Diener und
+hieß ihn die Lisbeth wieder heimführen und auf dem Rückwege die sechs
+Vornehmsten zu ihm rufen. Der Diener aber verwunderte sich über
+diese Sendung, und die sechs wunderten sich noch mehr, als er ihnen
+die Mutung Johanns brachte, und munkelten und flüsterten
+untereinander, gingen aber mit ihm.
+
+Und als die sechse in Johanns Zimmer traten, empfing er sie sehr
+freundlich, denn es waren ja die, mit welchen er alle Tage zu Tische
+zu sitzen pflegte, und sprach also zu ihnen:
+
+"Liebe Herren und Freunde, euch ist wohl bewußt, auf welche Weise ich
+hierher gekommen bin, nicht als ein Gefangener und Überlisteter oder
+Diener, sondern als ein Herr und Meister über einen von euch und
+dadurch über alle; nur daß dieser eine immer mein leiblicher und
+stündlicher, ja sekundlicher Diener sein muß. Ihr habt mich die zehn
+Jahre, welche ich bei euch lebe, wie einen Herrn empfangen und
+gehalten, und dafür bin ich euch Dank schuldig. Ihr seid mir aber
+noch größern Dank schuldig, denn ich hätte euch mit allerlei Befehlen
+und Einfällen manche Mühe und Arbeit, Neckerei und Plage antun, ja
+ich hätte ein recht tückischer und unfreundlicher Tyrann gegen euch
+sein können, und ihr hättet es alles in Gehorsam leiden und tun
+müssen und nicht mucksen dürfen. Ich habe das aber nicht getan,
+sondern mich wie euresgleichen aufgeführt und mehr mit euch gejubelt
+und gespielt, als daß ich unter euch geherrscht hätte. Nun bitte ich
+euch, seid wieder freundlich gegen mich, wie ich gegen euch gewesen
+bin, und gewähret mir eine Bitte. Es ist hier unter den Dienerinnen
+eine feine Dirne, die ich lieb habe, Lisbeth Krabbin aus Rambin, wo
+auch ich geboren bin. Diese gebt mir und lasset sie mit mir ziehen!
+Denn ich will nun wieder hinauf, wo die Sonne scheint und der Pflug
+ins Feld geht. Weiter begehre ich nichts, als dieses schöne Kind und
+den Geschmuck und das Gerät meines Zimmers mitzunehmen."
+
+So sprach er mit sehr lebendigem und kräftigem Ton, daß sie den Ernst
+wohl fühlten. Sie aber schlugen die verlegenen und bedenklichen
+Blicke zu Boden und schwiegen alle; darauf nahm der älteste unter
+ihnen das leise Wort und lispelte: "Herr, du begehrst, was wir nicht
+geben können; es tut uns leid, daß du Unmögliches verlangest. Es ist
+ein unverbrüchliches Gesetz, daß nie ein Diener oder eine Dienerin
+entlassen werden kann von hier vor der bestimmten Zeit. Brächen wir
+das Gesetz, so würde unser ganzes unterirdisches Reich einen Fall tun.
+Sonst alles, denn du bist uns sehr lieb und ehrenwert; aber die
+Lisbeth können wir dir nicht herausgeben." "Ihr könnt die Lisbeth
+herausgeben, und ihr sollt sie herausgeben!" rief Johann im Zorn.
+"Nun geht und bedenkt euch bis morgen! Ich wißt meinen Befehl; es
+ist keine Bitte mehr. Morgen kommt zu dieser Stunde wieder. Ich
+will euch zeigen, ob ich über eure schmeichlischen und füchsischen
+Listen herrschen kann."
+
+Die sechs verneigten sich und gingen; den begleitenden Diener aber
+schalten sie, daß er zuviel erzählt habe. Er aber entschuldigte sich
+und verneinte es und sagte: "Ich wißt ja, wie klug er mich überlistet
+hat mit der Mütze und wie er von den Geheimnissen unserer Herrschaft
+alles gewußt hat durch den alten Kuhhirten aus Rothenkirchen; er hat
+ihm dies auch erzählt." Und sie glaubten ihm und schalten ihn nicht
+mehr.
+
+Als die sechse den andern Morgen zur befohlenen Stunde wiederkamen,
+empfing Johann sie doch freundlich und sprach: "Ich habe euch gestern
+hart angeredet; aber ich habe es nicht so schlimm gemeint, als ich
+ausgesehen habe. Aber die Lisbeth will und muß ich haben; dabei
+bleibt es! Und ich weiß wohl, daß ihr auch mich nicht gern misset,
+weil ihr die Menschenkinder gern habet, besonders wenn sie freundlich
+und lustig sind, wie ich bin. Aber ich kann's nun einmal nicht
+helfen, ich muß wieder zu Christen und wie ein Christ leben und
+sterben, und es ist eine große Sünde, wenn ich hier länger säume.
+Und deswegen verlasse ich euch, und nicht aus Widerwillen oder Haß.
+Und meine liebe Lisbeth will ich auch mitnehmen; dabei bleibt es!
+Und nun gebärdet euch nicht länger widerwärtig und widerspenstig und
+tut wie Freunde dem Freunde, was ihr sonst aus Not tun müsset und
+gebet mir die schöne Dirne heraus und lasset uns freundlich
+voneinander scheiden und hier und dort ein freundliches Andenken in
+den Herzen bewahren!"
+
+Und die sechs taten sehr freundlich und redeten nun einer nach dem
+andern und machten sehr schöne Wendungen und Schlingungen der Worte,
+womit sie ihn zu bestricken hofften, denn darin sind sie sehr
+geschickt. Auch hatten sie sich heute vorbereitet, daß sie wußten,
+was sie sprechen wollten. Aber es half ihnen nichts, und ihre Worte
+verflogen sich in den Winden und berührten Johann nicht stärker, als
+hätten sie Spreu aus dem Munde geblasen. Und das Ende vom Liede war
+wieder, nachdem er alle die schönen und künstlichen Worte angehört
+hatte: "Gebt die Lisbeth heraus! Ich gehe nicht ohne die Lisbeth."
+Denn Johann war zu sterblich verliebt, als daß er die schöne Dirne
+hier gelassen hätte. Die sechs aber verweigerten es standhaft und
+gebärdeten sich, als hätten sie recht und würden es nimmer tun.
+Johann aber sagte ihnen lächelnd: "Geht nun! Fahrt wohl bis morgen!
+Morgen seid ihr wieder zu dieser Stunde hier! Ich gebe euch nun das
+dritte und letzte Mal. Wollt ihr meinen Befehl dann nicht in Güte
+erfüllen, sollt ihr sehen, ob ich verstehe, Herr zu sein." Er hatte
+aber, da er sie so hartnäckig sah, in sich beschlossen, sie durch
+Plagen zum Gehorsam zu zwingen, falls sie nicht unterdessen auf
+bessere Gedanken kämen.
+
+Und sie kamen den dritten Morgen, und Johann sah sie mit ernstem und
+strengem Blick an und erwiderte ihre Verbeugungen nicht, sondern
+fragte kurz: "Ja oder nein?" Und sie antworteten einstimmig nein.
+Darauf befahl er dem Diener, er solle noch vierundvierzig der
+Vornehmsten rufen und solle ihre Frauen und Töchter mitkommen heißen
+und auch die Frauen und Töchter von diesen sechsen, die vor ihm
+standen. Und der Diener fuhr dahin wie der Wind, und in wenigen
+Minuten standen die vierundvierzig da mit ihren Frauen und Töchtern
+und auch die Frauen und Töchter der sechse, und waren in allem wohl
+fünfhundert Männer, Frauen und Kinder da. Und Johann ließ sie
+hingehen und Hauen, Karsten und Stangen holen und dann flugs
+wiederkommen. Und sie taten, wie er befohlen hatte, und waren bald
+wieder da. Er aber gedachte sie nun zu plagen, damit sie aus Not
+täten, was sie aus Liebe nicht tun wollten.
+
+Er führte sie auf einen Felsenberg, der auf einem der Anger lag. Da
+mußten diese feinen und zarten Wesen, die für schwere Arbeit nicht
+geschaffen waren, Steine hauen, sprengen und schleppen. Sie taten
+das ganz geduldig und ließen sich nichts merken, sondern gebärdeten
+sich, als sei es ihnen ein leichtes und gewohntes Spiel. Er aber
+ließ sie sich plagen vom Morgen bis an den Abend, und sie mußten
+schwitzen und arbeiten, daß ihnen der Atem fast ausging, denn er
+stand immer dabei und trieb sie an. Sie aber hofften, er werde die
+Geduld verlieren, und der Jammer werde ihn überwinden, daß er sie und
+ihre Frauen und Kinder so bleich und welk werden sah, die sonst so
+schön und lustig waren. Und wirklich war Johann zu keinem König
+Pharao und Nebukadnezar geboren, denn nachdem er es einige Wochen so
+getrieben hatte, ging ihm die Geduld aus, und der Jammer, daß er die
+schönen kleinen Menschen so mißhandeln mußte, tat auch sein Teil dazu.
+Sie aber wurden nicht mürb, denn es ist ein gar eigensinniges
+Völkchen. Sie brauchten aber immer die List, daß die schönsten unter
+ihnen immer zunächst bei Johann arbeiten mußten; besonders stellten
+sie die niedlichen, kleinen Dirnen dahin, die sonst seine
+Tischgesellinnen waren, und die mußten auf seine Mienen und Gebärden
+achtgeben und hatten bald bemerkt, daß er sich oft verstohlen
+wegwendete und eine Träne aus den Augen wischte. Johann dachte nun
+darauf, wie er eine Plage erfände, die ihn geschwinder zum Ziele
+führte.
+
+Und er machte sich hart und gebärdete sich noch viel härter und rief
+sie einen Abend zusammen und sprach: "Ich sehe, ihr seid ein
+hartnäckiges Geschlecht; so will ich denn viel hartnäckiger sein,
+denn ihr seid. Morgen, wann ihr zur Arbeit kommt, bringe sich jeder
+eine neue Geißel mit!" Und sie gehorchten ihm und brachten die
+Geißeln mit. Und er hieß sie sich alle entkleiden und einander mit
+den Geißeln zerhauen, bis das Blut danach floß; und er sah grimmig
+und grausam dabei aus, als hätte ihn eine Tigerin gesäugt oder ein
+schwarzer Galgenvogel das Futter zugetragen. Aber die kleinen Leute
+zerhieben sich und bluteten und hohnlachten dabei und taten ihm doch
+nicht den Willen. So taten sie drei, vier Tage.
+
+Da konnte er es nicht länger aushalten; es jammerte und ekelte ihn,
+und er hieß sie ablassen und schickte sie nach Hause. Und er dachte
+auf viele andere Plagen und Martern, die er ihnen antun könnte. Da
+er aber von Natur weich und mitleidig war und diese Wochen wirklich
+mehr ausgestanden hatte, daß er sie plagen mußte, als sie, die
+geplagt wurden, so gab er den Gedanken daran ganz auf; für sich und
+für seine Lisbeth wußte er aber auch gar keinen Rat und ward so
+traurig, daß sie ihn oft trösten und aufrichten mußte, der sonst
+immer so fröhlich und beherzt war. So lieb er die kleinen Leute
+sonst gehabt hatte, so unlieb wurden sie ihm jetzt. Er schied sich
+ganz aus ihrer Gesellschaft und von ihren Festen und Tänzen und lebte
+einsam mit seiner Dirne und aß und trank einsam in seinem Zimmer, so
+daß er fast ein Einsiedler ward und ganz in Trübsinn und Schwermut
+versank.
+
+Als er einmal in dieser Stimmung in der Dämmerung spazierte, warf er
+im Unmut, wie man zu tun pflegt, kleine Steine, die ihm vor den Füßen
+lagen, gegeneinander, daß sie zersprängen. Vielleicht erquickte es
+seinen schweren Mut auch, daß er die Steine sich so aneinander
+zerschlagen sah, denn wenn ein Mensch in sich uneins und zerrissen
+ist, möchte er im Unmut oft die ganze Welt zerschlagen. Genug,
+Johann, der nichts Besseres tun mochte, zerwarf die armen Steine, und
+da geschah es, daß aus einem ziemlich großen Stein, der
+auseinandersprang, ein Vogel schlüpfte, der ihn erlösen sollte. Es
+war dies eine Kröte, deren Haus in dem Stein mit ihr gewachsen war,
+und die vielleicht seit der Schöpfung der Welt darin gesessen hatte.
+Kaum sah Johann die Kröte springen, so ward er ganz freudenfroh und
+sprang hinter sie drein und haschte sie und rief ein Mal über das
+andere: "Nun, hab' ich sie! Nun hab' ich meine Lisbeth! Nun will
+ich euch schon kirr machen, nun sollt ihr's kriegen, ihr tückischen
+kleinen Gesellen! Habt ihr euch mit Ruten nicht wollen zum Gehorsam
+geißeln lassen, so will ich euch mit Kröten und Skorpionen geißeln."
+Und er barg die Kröte wie einen kostbaren Schatz in seiner Tasche und
+lief eilends nach Hause und nahm ein festes, silbernes Gefäß und
+setzte sie darein, damit sie ihm nicht entrinnen könnte. Und in
+seiner Freude sprach er überlaut für sich viele Worte und gebärdete
+sich so wunderlich, als sei er närrisch geworden, und sprang dann ins
+Freie hinaus. "Komm mit, mein Vöglein", rief er, "nun will ich dich
+versuchen, ob du echt bist!" Und er nahm das Gefäß mit der Kröte
+unter den Arm und lief hin, wo ein paar Unterirdische in der
+Einsamkeit des Weges gingen. Und als er ihnen näher kam, stürzten
+sie wie tot auf den Boden hin und winselten und heulten jämmerlich.
+Er aber ließ flugs von ihnen und rief: "Lisbeth, Lisbeth, nun hab'
+ich dich! Nun bist du mein!" Und so stürmte er zu Hause, schellte
+den Diener herein und ließ ihn Lisbeth holen.
+
+Und als Lisbeth kam, war sie ganz erstaunt, daß sie ihn so munter
+fand, denn seit einem halben Jahre hatte sie ihn nicht mehr froh
+gesehen. Und er lief auf sie zu und umhalsete sie und sprach:
+"Lisbeth! Süße Lisbeth! Nun bist du mein, nun nehme ich dich mit;
+übermorgen soll der Auszug sein, und juchhe, wie bald die lustige
+Hochzeit!" Sie aber erstaunte noch mehr und sagte: "Lieber Johann, du
+bist geck geworden? Wie soll das möglich sein?" Er aber lächelte und
+sprach: "Ich bin nicht geck geworden, aber die kleinen Schlingel will
+ich geck machen, wenn sie sich nicht zum Ziele legen wollen. Sieh
+hier! Hier ist dein und mein Erlöser." Und er nahm das silberne
+Geschirr und öffnete es und zeigte ihr die Kröte, vor deren
+Garstigkeit es ihr fast geschwunden hätte. Nun erzählte er ihr, wie
+er zu dem seltenen Vogel gekommen war, und wie herrlich ihm die Probe
+geglückt war, die er mit ihm an den Unterirdischen angestellt hatte,
+und wohlgefällig rief er noch einmal: "Sei froh, meine liebe Lisbeth!
+Du sollst es sehen, wie ich sie mit dieser zu Paaren treiben will."
+
+Nun muß ich auch das Geheimnis erzählen, das in der Kröte steckte.
+Klas Starkwolt hatte dem kleinen Johann oft erzählt, daß die
+Unterirdischen keinen Gestank vertragen könnten, und daß sie bei dem
+Anblick, ja bei dem Geruch von Kröten sogleich in Ohnmacht fielen und
+die entsetzlichsten Schmerzen litten; mit Gestank und mit diesen
+garstigen und scheußlichen Tieren könne man sie zu allem zwingen.
+Daher findet man auch nie etwas Stinkendes in dem ganzen gläsernen
+Reiche, und die Kröten sind dort etwas Unerhörtes, und man muß daher
+diese Kröte, die so wunderbar in einem Stein eingehäuft und fast
+ebenso wunderbar aus diesem ihrem steinernen Hause herausgekommen war,
+fast ansehen als von Gott von Ewigkeit her zu solcher geheimen
+Wohnung verdammt, damit Johann und Lisbeth zusammen aus dem Berge
+kommen und Mann und Frau werden könnten.
+
+Johann und Lisbeth glaubten auch gern an ein solches Wunder,
+besonders Lisbeth, die Gottes liebes, frommes Kind war. Und als
+Johann ihr alles erzählt und erklärt hatte, was er ferner tun und wie
+er die Kleinen endlich zu seinem Willen zwingen wollte, da fiel sie
+ganz entzückt und gerührt auf ihr Gesichtchen zur Erde und betete und
+dankete Gott, daß er sie endlich von den kleinen Heiden erlösen und
+wieder zu Christenmenschen bringen wolle. Und sie ging ganz fröhlich
+heim und faltete ihre Händchen im Bette noch viel zum Gebete und
+hatte die Nacht die allersüßesten Träume. Johann legte sich auch
+nicht traurig nieder, und er überdachte und überlegte sich alles, wie
+er die Kleinen erschrecken und endlich mit seiner geliebten Braut aus
+dem Berge ziehen wollte.
+
+Und den folgenden Morgen, als es getagt hatte, rief er seinen Diener
+und hieß ihn die fünfzig Vornehmsten holen mit ihren Frauen und
+Töchtern. Und sie erschienen alsbald vor Johann, und er sprach zu
+ihnen:
+
+"Ihr wisset alle, und ist euch nicht verborgen, wie ich hierher
+gekommen bin, und wie ich diese manchen Jahre mit euch gelebt habe,
+nicht als ein Herr und Gebieter, sondern als ein Freund und Genosse.
+Und ich habe es wohl gewußt, wie ich hätte Herr sein und meiner
+Herrschaft gegen euch gebrauchen können; und das habe ich nicht getan,
+sondern nur einen einzigen von euch hab' ich als Diener gebraucht,
+und auch nicht als Diener, sondern mehr als Freund. Und ihr schienet
+mit mir zufrieden zu sein und mich lieb zu haben; als es aber dahin
+gekommen ist, daß ich endlich eine einzige kleine Freundlichkeit von
+euch begehren mußte, habt ihr euch gebärdet, als forderte ich Leben
+und Reich von euch, und mir sie trotzig abgeschlagen. Ihr wisset
+auch, was ich da ergriffen habe, und wie ich angefangen habe, euch
+mit Arbeit und Streichen zu plagen, damit ihr einsähet, daß ihr
+unrecht hättet, und mir die Liebe tätet. Aber ihr seid trotziger und
+hartnäckiger gewesen, als ich strenge, und aus Barmherzigkeit habe
+ich ablassen müssen von der Strafe. Ihr habt das aber nicht erkannt,
+sondern habt mich ausgelacht als einen Dummen, der keinen Rat wisse,
+euch zum Gehorsam zu zwingen. Ich aber weiß wohl Rat und will es
+euch bald zeigen, wenn ihr in eurer Verstocktheit bleibet und mir die
+Lisbeth nicht losgeben wollt. Darum zum letzten Male, besinnet euch
+noch eine Minute, und sagt ihr dann nein, so sollt ihr die Pein
+fühlen, die euch und euren Kindern von allen Peinen die
+fürchterlichste ist!"
+
+Und sie säumten nicht lange und sagten mit einer Stimme nein und
+dachten bei sich: "Welche neue List hat der Jüngling erdacht, womit
+er so weise Männer einzuschrecken meint?" Und sie lächelten, als sie
+nein sagten. Dies Lächeln ärgerte Johann mehr als alles andere und
+voll Zorns rief er: "Nun denn, da ihr nicht hören wollt, sollt ihr
+fühlen", und lief geschwind wie ein Blitz einige hundert Schritt weg,
+wo er das Gefäß mit der Kröte unter einem Strauch versteckt hatte.
+
+Und er kam zurück, und als er sich ihnen auf hundert Meter genahet
+hatte, stürzten sie alle hin, als wären sie mit einem Schlage
+zugleich vom Donner gerührt, und begannen zu heulen und zu winseln
+und sich zu krümmen, als ob sie von den entsetzlichsten Schmerzen
+gefoltert würden. Und sie streckten die Hände aus und schrien einer
+um den andern: "Laß ab, Herr! Laß ab, und sei barmherzig! Wir
+fühlen, daß du eine Kröte hast, und daß kein Entrinnen ist. Nimm die
+greulichen Plagen weg; wir wollen ja alles tun, was du befiehlst."
+Und er ließ sie noch einige Sekunden zappeln; dann entfernte er das
+Gefäß mit der Kröte, und sie richteten sich wieder auf, und ihre Züge
+erheiterten sich wieder, denn die Pein war weg, wie das Tier
+weggenommen war.
+
+Johann behielt nur die sechs Vornehmsten bei sich und ließ die Weiber
+und Kinder und die übrigen Männer alle gehen, wohin jeder wollte. Zu
+den sechsen aber sprach er seinen Willen also aus:
+
+"Diese Nacht zwischen zwölf und ein Uhr ziehe ich mit der Lisbeth von
+dannen, und ihr beladet mir drei Wagen mit Silber und Gold und edlen
+Steinen. Wiewohl ich alles nehmen könnte, was ihr in den Bergen habt,
+da ihr so widerspenstig und ungehorsam gegen mich gewesen seid, will
+ich euch doch so hart nicht strafen, sondern barmherziger gegen euch
+sein, als ihr gegen mich und die Lisbeth gewesen seid. Auch alle
+meine Herrlichkeiten und Kostbarkeiten und Bilder und Bücher und
+Geräte, die in meinem Zimmer sind, werden auf zwei Wagen geladen,
+also daß in allem fünf Frachtwagen bereit gemacht werden. Mir selbst
+aber rüstet ihr den schönsten Reisewagen, den ihr in euren Bergen
+habt, mit sechs schwarzen Rappen, worauf ich und meine Braut sitzen
+und zu den Unsrigen einfahren wollen. Zugleich befehle ich euch, daß
+von den Dienern und Dienerinnen alle diejenigen freigelassen werden,
+welche solange hier gewesen sind, daß sie droben zwanzig Jahre und
+drüber alt sein würden; und ihr sollt ihnen soviel Silber und Gold
+mitgeben, daß sie auf der Erde reiche Leute heißen können. Und das
+soll künftig ein ewiges Gesetz sein, und ihr sollt mir es hier diesen
+Augenblick beschwören, daß nimmer ein Menschenkind hier länger
+festgehalten werden soll als bis zu seinem zwanzigsten Jahre."
+
+Und die sechse leisteten ihm den Schwur und gingen dann traurig weg;
+er aber nahm jetzt die Kröte und vergrub sie tief in die Erde. Und
+sie und die übrigen Unterirdischen rüsteten alles zu, und auch Johann
+und Lisbeth bereiteten sich zur Reise und schmückten sich festlich
+gegen die Nacht, damit sie als Braut und Bräutigam erscheinen könnten.
+Es war aber jetzt beinahe dieselbe Zeit, in welcher er einst in den
+Berg hinabgestiegen war, die Zeit der längsten Tage, also
+Mittsommerszeit, die sie die Sonnengicht nennen. Und er war etwas
+über zwölf Jahre in dem Berge gewesen und Lisbeth etwas über dreizehn,
+und er ging in sein einundzwanzigstes Jahr und Lisbeth in ihr
+achtzehntes. Die kleinen Leute taten mit großem Gehorsam, aber sehr
+still alles, wie er ihnen befohlen hatte; desto lauter aber war die
+Schar der Diener und Dienerinnen, welche sein neues Gesetz über das
+zwanzigste Jahr mit erlöset hatte. Diese jubelten um ihn und um
+seine Lisbeth her und freueten sich sehr, daß sie mit ihnen auf die
+Oberwelt ziehen durften.
+
+Und als alle Kostbarkeiten herausgeschafft und die erlöseten Diener
+und Dienerinnen hinaufgefahren waren, setzten Johann und seine
+Lisbeth sich zuletzt in die silberne Tonne und ließen sich
+hinaufziehen. Es mochte wohl eine Stunde nach Mitternacht sein. Und
+es deuchte ihnen ebenso als vormals, wie sie hinabgefahren waren.
+Sie waren von Jubel umrauscht und von Musik umtönt, und endlich klang
+es über ihren Köpfen, und sie sahen den gläsernen Berg sich öffnen,
+und die ersten Himmelsstrahlen blinkten zu ihnen hinab nach so
+manchen Jahren, und bald waren sie draußen und sahen das Morgenrot
+schon im Osten dämmern. Johann sah eine Menge Unterirdischer, die um
+ihn und Lisbeth und die Wagen geschäftig waren, dort hin und her
+wallen, und er sagte ihnen das letzte Lebewohl; dann nahm er seine
+braune Mütze, schwang sie dreimal in der Luft um und warf sie unter
+sie. Und in demselben Augenblick sah er nichts mehr von ihnen,
+sondern erblickte nun nichts weiter als einen grünen Hügel und
+bekannte Büsche und Felder und hörte die Glocke vom Rambiner
+Kirchturme eben zwei schlagen. Und als es still geworden war und er
+von dem unterirdischen und überirdischen Getummel nichts weiter hörte
+als einige Lerchen, die ihre ersten Morgenlieder anstimmten, da fiel
+er mit seiner Lisbeth im Grase auf die Knie, und sie beteten beide
+recht andächtig und gelobten Gott ein recht christliches Leben, weil
+er sie so wunderbar von den Unterirdischen errettet hatte. Und alle
+Diener und Dienerinnen, welche durch sie miterlöset waren, taten
+desgleichen.
+
+Darauf erhuben sie sich alle, und die Sonne ging eben auf, und Johann
+ordnete nun den Zug seiner Wagen. Voran fuhren zwei Wagen, jeder mit
+vier Rotfüchsen bespannt, die waren mit eitel Gold und Dukaten
+beladen, so schwer, daß die Pferde von der Last stöhneten; diesen
+folgte ein anderer Wagen mit sechs schneeweißen Pferden, welche alles
+Silber und Kristall zogen; hinter diesem fuhren zwei letzte Wagen,
+jeder mit vier Grauschimmeln bespannt, und diese waren mit den
+herrlichsten Geräten und Gefäßen und Edelgesteinen und mit der
+Bibliothek Johanns beladen. Er mit seiner Braut fuhr zuletzt in
+einem offenen Wagen aus lauter grünem Smaragd, dessen Decke und
+Vorderseite mit vielen großen Diamanten besetzt waren, und sechs
+mutige, wiehernde Rappen zogen ihn. Er war aber nebst seiner Braut
+auf das kostbarste geschmückt, damit sie den Ihrigen auch durch den
+Schmuck und die Pracht als ein rechtes Wunder Gottes kämen. Denn
+beide waren von ihnen lange als tot betrauert und wer hätte wohl
+gedacht, daß sie jemals wiederkommen würden? Die erlösten Diener und
+Dienerinnen in gläsernen Schuhen und weißen Kleidern und Jäckchen mit
+silbernen Gürteln gingen vor und hinter und neben den Wagen und
+geleiteten sie; einige führten auch die Pferde. Denn sie wollten sie
+alle bis Rambin begleiten und von da jeder seines Weges weiter ziehen.
+Es waren ihrer in allem zwischen fünfzig und sechzig. Und sie
+jauchzeten vor Freuden, und einige, welche Geigen und Pfeifen und
+Trompeten mit hatten, spielten lustig auf. So zogen sie mit Jauchzen
+und Klingen die Hügel hinab auf die Straße, welche von Rambin nach
+Garz führt. Es war aber dem Johann und der Lisbeth gar wundersam
+zumute, als sie den Turm von Rambin wiedersahen und die Sturmweiden
+von Drammendorf und Giesendorf aus der Ferne, wo sie als Kinder
+soviel gespielt hatten. Als sie vor Rothenkirchen hinzogen, kam eben
+die Kuhherde über den Berg, und Klas Starkwolt mit seinem treuen
+Hurtig zog ihr langsamen Schrittes nach. Johann sah ihn und erkannte
+ihn stracks und dachte bei sich: "Den treuen Alten wirst du nicht
+vergessen." Und so zog er mit seiner Begleitung weiter, und alle
+Leute, die auf der Straße waren, hielten oder standen still, und
+viele liefen ihnen nach, ja einige liefen voraus und meldeten in
+Rambin, welche blanke und prächtige Wagen dort auf der Landstraße
+führen, und brachten das ganze Dorf auf die Beine. Der Zug ging aber
+sehr langsam wegen der schwer beladenen Wagen.
+
+So zogen sie etwa um vier Uhr morgens in Rambin ein und hielten still
+mitten im Dorf, etwa zwanzig Schritt von dem Hause, wo Johann geboren
+war. Und es war alles Volk zusammengelaufen und aus den Häusern
+gegangen, damit sie die glänzende Herrlichkeit mit eigenen Augen
+sähen. Johann entdeckte bald seinen alten Vater und seine Mutter und
+erkannte unter den vielen auch seinen Bruder Andres und seine
+Schwester Trine. Auch der alte Pfarrer Krabbe stand da in schwarzen
+Pantoffeln und einer weißen Schlafmütze, wie er eben aus dem Bette
+gekommen war, und gaffte mit den andern; aber Lisbeth erkannt ihn
+nicht mehr, denn sie war zu klein gewesen, als sie in den Berg
+entführt worden. So hielten sie etwa zehn Minuten still, ohne sich
+etwas merken zu lassen. Und man kann wohl sagen, daß in dem Dorfe
+Rambin nie eine solche Herrlichkeit erschienen war und auch nicht
+erscheinen wird bis an der Welt Ende. Johann und seine Braut
+funkelten von Diamanten und edlen Steinen; die Wagen, die Pferde, die
+Geschirre waren auf das prächtigste geziert, die Begleiter und
+Begleiterinnen alle in der Blüte der Jahre, mit den schönen, weißen
+Kleidern angetan und den sonderbaren Mützen und gläsernen Schuhen.
+Alles war wie aus einer andern Welt, so daß der Küster, seines
+Handwerks ein Schuhmacher, der in seiner Jugendwanderschaft bis nach
+Moskau und Konstantinopel gekommen war, sagte: "Sind es keine
+tatarische und persische und asiatische Prinzen, so müssen sie vom
+Mond heruntergekommen sein, denn in dem Lande Europa habe ich
+dergleichen nie gesehen und bin doch auch in vielen Städten gewesen,
+wo Kaiser und Könige wohnen!" Der gute Küster irrte sich aber; sie
+kamen weder aus Persien noch aus der Tatarei, sondern ganz aus der
+Nähe, aber freilich aus einer sehr wenig entdeckten Welt.
+
+Als Johann nun glaubte, es sei genug, und sie hätten ihre Augen bis
+zur Sättigung geweidet, sprang er rasch vom Wagen und hob sein
+schönes Kind auch heraus und drang durch die Menge hin, die ihm
+ehrerbietig Platz machte. Und ohne sich lange zu besinnen, eilte er
+zu dem niedrigen, strohenen Häuschen, wo Jakob Dietrich mit seiner
+Frau stand, und umhalsete sie beide und küssete sie, die sich vor ihm
+zur Erde werfen und seine Knie küsse wollten. Er aber wehrte ihnen
+und sprach: "Mitnichten! Das darf nicht sein! Kennt ihr mich denn
+nicht? Ich bin euer verlornen Sohn Johann Dietrich, und diese hier
+ist meine Braut." Und die beiden Alten erstaunten und wußten nicht,
+ob sie wachten oder träumten; alles Volk aber, das dies sah und hörte,
+verwunderte sich und rief: "Johann Dietrich, der verlorne Johann
+Dietrich ist von den Unterirdischen wiedergekommen, und seht, was er
+mitgebracht hat!"
+
+Johann Dietrich aber stand dort nicht lange müßig bei seinen Eltern,
+sondern, als er den alten Pfarrer Krabbe in der weißen Schlafmütze
+erblickte, lief er eilends hin und holte ihn fast mit Gewalt herbei;
+denn der alte Mann wußte nicht, was der ungestüme Jüngling im Sinn
+hatte. Und er führte den alten, ehrwürdigen Herrn zu Lisbeth und
+fragte ihn: "Kennst du diese?" Ehe er aber noch antworten konnte, zog
+er ihm Lisbeth in die Arme und sprach: "Dies ist deine verlorene
+Tochter und meine Braut, die bringe ich dir wieder. Und nun sollst
+du uns segnen und christlich zusammensprechen, da wir auf eine so
+wundersame Weise wieder zu den Unsern gekommen sind." Und der alte
+Mann war lange sprachlos und hing an der Brust seiner Lisbeth und
+weinte vor Freude; denn sie war sein einziges Kind, und er hatte sie
+lange als eine Tote beweint. Und als er sich besonnen hatte von dem
+ersten Erstaunen, nahm er die Hände seines Kindes und legte sie in
+die Hände Johanns und hieß Jakob Dietrich und seine Frau auch
+hinzutreten und sprach: "So segnet euch denn der Gott des Friedens
+und der Barmherzigkeit, der euch so wunderbar zusammengebracht hat,
+und lasse euch Kinder und Kindeskinder sehen und in seiner Furcht
+wandeln bis ans Ende eures Lebens! Siehe, ich preise ihn, daß er
+mich diesen Tag hat sehen lassen."
+
+Als dies vorbei und noch viel gefragt und erzählt war, und als die
+Nachbarn und die Gespielen und Gespielinnen sich den Johann und die
+Lisbeth wieder besehen und jeder auf seine Weise an seinen Zeichen
+wieder erkannt hatten, da gingen die beiden zu den Eltern in die
+Häuser. Johann aber säumte nicht mit der Hauptlust, mit der Hochzeit,
+die binnen acht Tagen sein sollte. Und er schickte viele hundert
+Wagen in den Wald, welche Bäume und Zweige in unendlicher Menge
+herbeifuhren. Und er ließ viele Zimmerleute und Schreiner und
+Tapezierer kommen. Und wo jetzt das Kloster steht, einige hundert
+Schritt vor dem Dorfe, da ließ er einen hohen und weiten Laubsaal
+bauen und von beiden Seiten Tische aufschlagen und in der Mitte eine
+Tanzbühne, und der Saal war so groß, daß er wohl fünftausend Menschen
+fassen konnte. Zu gleicher Zeit schickte er nach Stralsund und
+Greifswald und ließ ganze Böte von Wein, Zucker und Kaffee laden;
+auch wurden ganze Herden Ochsen, Schweine und Schafe zur Hochzeit
+hergetrieben, und wieviele Hirsche, Rehe und Hasen dazu geschossen
+sind, das ist nicht zu sagen, sowenig als die Fische zu zählen sind,
+die dazu bestellt wurden. In ganz Rügen und Pommern ist auch kein
+einziger Musikant geblieben, der nicht dazu verdungen wurde. Denn
+Johann war sehr reich und wollte seine Pracht sehen lassen. Auch
+hatte er das ganze Kirchspiel zur Hochzeit geladen und auch alle die
+schönen, weißen Jünglinge und Jungfrauen dabehalten, die er erlöset
+hatte, und die nun seinen Ehrentag mitfeiern wollten.
+
+Dies war die Ordnung der Hochzeit: Als der Morgen angebrochen war,
+gingen alle Gäste in die Kirche, und der alte Krabbe dankete Gott und
+erzählte die wunderbare Erhaltung und Errettung und Verlobung der
+Kinder; darauf segnete er sie ein und gab sie feierlich zusammen.
+Nun gingen sie in zierlicher Reihe alle in den großen Laubsaal, so
+daß Jakob Dietrich und seine Frau Lisbeth zwischen sich führten,
+Johann aber zwischen Vater Krabbe und seinem alten Klas Starkwolt
+ging. Denn diesen hatte er sogleich kommen lassen und ihn reichlich
+beschenkt, so daß er für seine übrigen Lebenstage geborgen war; auch
+hatte er ihm die schönsten Hochzeitskleider anmessen lassen. Und
+Klas hatte ihm versprechen müssen, bei ihm zu bleiben und mit ihm zu
+leben, so oft und viel er wollte; und das hat er redlich gehalten.
+Nach diesen Ehrenpaaren folgten die feinen Weißen aus dem Berge Paar
+um Paar, und darauf die ganze übrige Freundschaft, Nachbarschaft und
+Kirchspielschaft, nach Stand und Würden und Alter, wie es sich
+gebührte. Und sie hielten eine Hochzeit, wie sie in Rambin nie
+wieder gehalten worden, und wovon noch die Urenkel zu erzählen wissen.
+Vierzehn ausschlagene Tage und Nächte ist geschmaust und getanzt
+worden, und da hat man über vierzig Paare auf gläsernen Schuhen
+tanzen sehen, was seitdem etwas Unerhörtes gewesen. Und die Leute
+haben sich über die Tänzerinnen gewundert, so anmutigen Tanz haben
+sie gehalten; denn die Unterirdischen sind die ersten Tanzmeister in
+der Welt, und da hatten sie ja tanzen gelernt.
+
+Und als die Hochzeit vorbei war, da ist Johann herumgereist im Lande
+mit seiner schönen Lisbeth, und sie haben sich viele Städte und
+Dörfer und Güter gekauft, und er ist Herr von beinahe ganz Rügen
+geworden und ein sehr vornehmer Graf im Lande. Und auch der alte
+Jakob, sein Vater, ist ein Edelmann geworden, und Johanns Brüder und
+Schwestern haben Junker und Fräulein geheißen. Denn was kann man
+sich nicht alles für Silber und Gold schaffen? Schier alles, nur
+nicht die Seligkeit; sonst hätte der arme Mensch auf Erden auch gar
+keinen Trost. Johann aber hat in all seinem Reichtum nie vergessen,
+auf welche wunderbare Weise Gott seine Jugend geführt hat, und ist
+ein sehr frommer, christlicher Mann gewesen. Und seine Frau Lisbeth
+ist noch fast frommer gewesen als er. Und beide haben Kirchen und
+Armen viel Gutes getan, auch selbst viele Kirchen gebauet und sind
+endlich, von allen, die sie kannten, gesegnet, seliglich im Herrn
+verschieden. Und diese Kirche, die jetzt in Rambin steht, hat der
+Graf Johann Dietrich auch bauen lassen und hat sie sehr reich
+beschenkt von seinem vielen Gelde. Und sie ist zum ewigen Andenken
+an seine Geburt da gebaut, wo Jakob Dietrichs Häuschen gestanden hat.
+Und er hat viele kostbare Geräte dahin geschenkt, goldene Becher und
+silberne Schalen von der allerkünstlichsten Arbeit, wie die
+Unterirdischen sie in ihren Bergen machen, nebst seinen und der
+Lisbeth gläsernen Schuhen, zum ewigen Andenken, was ihnen in der
+Jugend geschehen war. Diese sind aber weggekommen unter dem großen
+König Karolus XII. von Schweden, als die Russen hier auf die Insel
+kamen und schlimm hauseten. Da haben die Kosaken auch die Kirche
+geplündert und das alles mitgenommen.
+
+So war der kleine Johann Dietrich aus einem armen Hirtenknaben ein
+reicher und vornehmer Herr geworden, weil er das Herz gehabt hatte,
+hinabzusteigen und sich die Schätze zu holen. Aber viele sind schon
+dadurch reich geworden, daß sie nur irgendein Pfand von den
+Unterirdischen gewonnen haben. Dadurch haben sie sie soweit in ihre
+Macht gekommen, daß sie ihnen etwas haben schenken oder zuliebe tun
+müssen. Manchen schenken sie auch freiwillig etwas und lehren sie
+schöne Künste und allerlei Geheimnisse; aber diesen, die ein Pfand
+oder etwas Verlornes von ihnen haben, müssen sie aus Not dienstbar
+und gefällig werden.
+
+
+
+
+Das Silberglöckchen
+
+
+Ein Schäferjunge zu Patzig, eine halbe Meile von Bergen, wo es in den
+Hügeln auch viele Unterirdische hat, fand eines Morgens ein silbernes
+Glöckchen auf der grünen Heide zwischen den Hünengräbern und steckte
+es zu sich. Es war aber das Glöckchen von einer Mütze eines kleinen
+Braunen, der es da im Tanze verloren und nicht sogleich bemerkt hatte,
+daß es an dem Mützchen nicht mehr klingelte. Er war nun ohne das
+Glöckchen heruntergekommen und war sehr traurig über diesen Verlust.
+Denn das Schlimmste, was den Unterirdischen begegnen kann, ist, wenn
+sie die Mütze verlieren, dann die Schuhe. Aber auch das Glöckchen an
+der Mütze und das Spänglein am Gürtel ist nichts Geringes. Wer das
+Glöckchen verloren hat, der kann nicht schlafen, bis er es
+wiedergewinnt, und das ist doch etwas recht Betrübtes. Der kleine
+Unterirdische in dieser großen Not spähete und spürte umher; aber wie
+sollte er erfahren, wer das Glöcklein hatte? Denn nur wenige Tage im
+Jahr dürfen sie an das Tageslicht hinaus, und dann durften sie auch
+nicht in ihrer wahren Gestalt erscheinen. Er hatte sich schon oft
+verwandelt in allerlei Gestalten, in Vögel und Tiere, auch in
+Menschen, und hatte von seinem Glöckchen gesungen und geklungen und
+gestöhnt und gebrüllt und geklagt und gesprochen; aber keine kleinste
+Kunde oder nur Spur von einer Kunde war ihm bis jetzt zugekommen.
+Denn das war das Schlimmste, daß der Schäferjunge gerade den Tag,
+nachdem er das Glöckchen gefunden, von Patzig weggezogen war und
+jetzt zu Unrow bei Gingst die Schafe hütete. Da begab es sich erst
+nach manchem Tag durch ein Ungefähr, daß der arme kleine
+Unterirdische wieder zu seinem Glöckchen und zu seiner Ruhe kommen
+sollte.
+
+Er war nämlich auf den Einfall gekommen, ob auch ein Rabe oder Dohle
+oder Krähe oder Uglaster das Glöckchen gefunden und etwa bei seiner
+diebischen Natur, die sich in das Blanke vergafft, in sein Nest
+getragen habe. Und er hatte sich in einen angenehmen, kleinen bunten
+Vogel verwandelt und alle Nester auf der ganzen Insel durchflogen und
+den Vögeln allerlei vorgesungen, ob sie ihm verraten möchten, daß sie
+den Fund getan hätten, und er so wieder zu seinem Schlaf käme. Aber
+die Vögel hatten sich nichts merken lassen. Als er nun des Abends
+flog über das Wasser von Ralow her über das Unrower Feld hin, weidete
+der Schäferjunge, welcher Fritz Schlagenteuffel hieß, dort eben seine
+Schafe. Mehrere der Schafe trugen Glocken um den Hals und klingelten,
+wenn der Junge sie durch seinen Hund in den Trab brachte. Das
+Vögelein, das über sie hinflog, dachte an sein Glöcklein und sang in
+seinem traurigen Mut:
+
+Glöckelein, Glöckelein.
+Böckelein, Böckelein,
+Schäflein auch du,
+Trägst du mein Klingeli,
+Bist du das reichste Vieh,
+Trägst meine Ruh.
+
+Der Junge horchte nach oben auf diesen seltsamen Gesang, der aus den
+Lüften klang, und sah den bunten Vogel, der ihm noch viel seltsamer
+vorkam. Er sprach bei sich: "Potztausend, wer den Vogel hätte! Der
+singt ja, wie unsereiner kaum sprechen kann. Was mag er mit dem
+wunderlichen Gesange meinen? Am Ende ist es ein bunter Hexenmeister.
+Meine Böcke haben nur tonbackene Glocken, und er nennt sie reiches
+Vieh, aber ich habe ein silbernes Glöckchen, und von mir singt er
+nichts!" Und mit den Worten fing er an, in der Tasche zu fummeln,
+holte sein Glöckchen heraus und ließ es klingen. Der Vogel in der
+Luft sah sogleich, was es war, und freute sich über die Maßen; er
+verschwand aber in der Sekunde, flog hinter den nächsten Busch, setze
+sich, zog sein buntes Federkleid aus und verwandelte sich in ein
+altes Weib, das mit kümmerlichen Kleidern angetan war. Die alte Frau,
+mit einem ganzen Sack voll Seufzer und Ächzer versehen, stümperte
+sich quer über das Feld zu dem Schäferbuben hin, der noch mit seinem
+Glöcklein klingelte und sich wunderte, wo der schöne Vogel geblieben
+war, räusperte sich und tat einige Huster aus hohler Brust und bot
+ihm dann einen freundlichen guten Abend und fragte nach der Straße zu
+der Stadt Bergen. Dann tat sie, als ob sie das Glöcklein jetzt erst
+erblickte, und rief: "Herre je, welch ein niedliches, kleines
+Glöckchen! Hab' ich doch in meinem Leben nichts Feineres gesehen!
+Höre, mein Söhnchen, willst du die Glocke verkaufen? Und was soll
+sie kosten? Ich habe ein kleines Enkelchen, für den wäre sie mir
+eben ein bequemes Spielgerät."--"Nein, die Glocke wird nicht verkauft!"
+antwortete der Schäferknabe kurz abgebissen; "das ist eine Glocke,
+so eine Glocke gibt's in der Welt nicht mehr: wenn ich nur damit
+anklingele, so laufen meine Schafe von selbst hin, wohin ich sie
+haben will; und welchen lieblichen Ton hat sie! Hört mal, Mutter",
+(und er klingelte) "ist eine Langeweile in der Welt, die vor dieser
+Glocke aushalten kann? Dann kann ich mir die längste Zeit
+wegklingeln, daß sie in einem Hui fort ist." Das alte Weib dachte:
+"Wollen sehen, ob er Blankes aushalten kann?" und hielt ihm Silber
+hin, wohl drei Taler; er sprach: "Ich verkaufe aber die Glocke nicht."
+Sie hielt ihm fünf Dukaten hin; er sprach: "Das Glöckchen bleibt
+mein." Sie hielt ihm die Hand voll Dukaten hin; er sprach zum
+drittenmal: "Gold ist Quark und gibt keinen Klang." Da wandte die
+Alte sich und lenkte das Gespräch anderswohin und lockte ihn mit
+geheimen Künsten und Segenssprechungen, wodurch sein Vieh Gedeihen
+bekommen könnte, und erzählte ihm allerlei Wunder davon. Da ward er
+lüstern und horchte auf. Das Ende vom Liede war, daß sie ihm sagte:
+"Höre, mein Kind, gib mir die Glocke; siehe, hier ist ein weißer
+Stock" (und sie holte ein weißes Stäbchen hervor, worauf Adam und Eva
+sehr künstlich geschnitten waren, wie sie die paradiesischen Herden
+weideten, und wie die feistesten Böcke und Lämmer vor ihnen
+hintanzten; auch der Schäferknabe David, wie er ausholt mit der
+Schleuder gegen den Riesen Goliath), "diesen Stock will ich dir geben
+für das Glöckchen, und solange du das Vieh mit diesem Stäbchen
+treibst, wird es Gedeihen haben, und du wirst ein reicher Schäfer
+werden; deine Hämmel werden immer vier Wochen früher fett werden als
+die Hämmel aller andern Schäfer, und jedes deiner Schafe wird zwei
+Pfund Wolle mehr tragen, ohne daß man ihnen den Segen ansehen kann."
+Die alte Frau reichte ihm den Stock mit einer so geheimnisvollen
+Gebärde und lächelte so leidig und zauberisch dazu, daß der Junge
+gleich in ihrer Gewalt war. Er griff gierig nach dem Stock und gab
+ihr die Hand und sagte: "Topp, schlag ein! Die Glocke ist dein für
+den Stock." Und sie schlug ein und nahm die Glocke und fuhr wie ein
+leichter Wind über das Feld und die Heide hin. Und er sah sie
+verschwinden, und sie deuchte ihm wie ein Nebel hinzufließen und
+sanft fortzulaufen, und alle seine Haare richteten sich zu Berge.
+
+Der Unterirdische, der ihm die Glocke in der Verkleidung einer alten
+Frau abgeschwatzt, hatte ihn nicht betrogen. Denn die Unterirdischen
+dürfen nicht lügen, sondern das Wort, das sie von sich geben oder
+geloben, müssen sie halten; denn wenn sie lügen, werden sie stracks
+in die garstigsten Tiere verwandelt, in Kröten, Schlangen, Mistkäfer,
+Wölfe und Lüchse und Affen, und müssen wohl Jahrtausende in Abscheu
+und Schmach herumkriechen und herumstreichen, ehe sie erlöst werden.
+Darum haben sie ein Grauen davor. Fritz Schlagenteuffel gab genau
+acht und versuchte seinen neuen Schäferstab, und er fand bald, daß
+das alte Weib ihm die Wahrheit gesagt hatte, denn seine Herde und all
+sein Werk und seiner Hände Arbeit geriet ihm wohl und hatte ein
+wunderbares Glück, so daß alle Schafherren und Oberschäfermeister
+diesen Jungen begehrten. Er blieb aber nicht lange Junge, sondern
+schaffte sich, ehe er noch achtzehn Jahre alt war, seine eigene
+Schäferei und ward in wenigen Jahren der reichste Schäfer auf ganz
+Rügen, so daß er sich endlich ein Rittergut hat kaufen können: und
+das ist Grabitz gewesen hier bei Rambin, was jetzt den Herren vom
+Sunde gehört. Da hat mein Vater ihn noch gekannt, wie aus dem
+Schäferjungen ein Edelmann geworden war, und hat er sich auch da als
+ein rechter, kluger und frommer Mann aufgeführt, der bei allen Leuten
+ein gutes Lob hatte, und der hat seine Söhne wie Junker erziehen
+lassen und seine Töchter wie Fräulein, und es leben noch davon und
+dünken sich jetzt vornehme Leute. Und wenn man solche Geschichten
+hört, möchte man wünschen, daß man auch mal so etwas erlebte und ein
+silbernes Glöcklein fände, das die Unterirdischen verloren haben.
+
+
+
+
+Der gläserne Schuh
+
+
+Ein Bauer aus Rothenkirchen, Johann Wilde genannt, fand einmal einen
+gläsernen Schuh auf einem der Berge, wo die kleinen Leute zu tanzen
+pflegen. Er steckte ihn flugs ein und lief weg damit und hielt die
+Hand fest auf der Tasche, als habe er eine Taube darin. Denn er
+wußte, daß er einen Schatz gefunden hatte, den die Unterirdischen
+teuer wiederkaufen müßten. Andere sagen, Johann Wilde habe die
+Unterirdischen mitternächtlich belauert und einem von ihnen den Schuh
+ausgezogen, indem er sich mit einer Branntweinflasche dort
+hingestreckt und gleich einem Besoffenen gebärdet habe. Denn er war
+ein sehr listiger und schlimmer Mensch und hatte durch seine
+Verschlagenheit manchen betrogen und war deswegen bei seinen Nachbarn
+gar nicht gut angeschrieben, und keiner hatte gern mit ihm zu tun.
+Viele sagen auch, er habe verbotene Künste gekonnt und mit den
+Unholden und alten Wettermacherinnen geheimen Umgang gepflogen. Als
+er den Schuh nun hatte, tat er es denen, die unter der Erde wohnen,
+gleich zu wissen, indem er um die Mitternacht zu den Neun Bergen ging
+und lauten Halses schrie: "Johann Wilde in Rothenkirchen hat einen
+schönen gläsernen Schuh, wer kauft ihn? Wer kauft ihn?" Denn er
+wußte, daß der Kleine, der einen Schuh verliert, den Fuß solange bloß
+tragen muß, bis er in wiederbekommt. Und das ist keine Kleinigkeit,
+da die kleinen Leute meist auf harten und steinichten Boden treten
+müssen. Der Kleine säumte auch nicht, ihn wieder einzulösen. Denn
+sobald er einen freien Tag hatte, wo er an das Tageslicht hinaus
+durfte, klopfte er als ein zierlicher Kaufmann an Johann Wildens Türe
+und fragte, ob er nicht gläserne Schuh zu verkaufen habe? Denn die
+seien jetzt eine angreifische Ware und werden auf allen Märkten
+gesucht. Der Bauer antwortete, er habe einen sehr kleinen, netten
+gläsernen Schuh, so daß auch eines Zwerges Fuß davon geklemmt werden
+müsse, und daß Gott erst eigene Leute dazu schaffen müsse; aber das
+sei ein seltener Schuh und ein kostbarer Schuh und ein teurer Schuh,
+und nicht jeder Kaufmann könne ihn bezahlen. Der Kaufmann ließ ihn
+sich zeigen und sprach:
+
+"Es ist eben nichts so Seltenes mit den gläsernen Schuhen, lieber
+Freund, als Ihr hier in Rothenkirchen glaubt, weil Ihr nicht in die
+Welt hinauskommet"; dann sagte er nach einigen Hms: "Aber ich will
+ihn doch gut bezahlen, weil ich gerade einen Gespann dazu habe." Und
+er bot dem Bauern tausend Taler. "Tausend Taler ist Geld, pflegte
+mein Vater zu sagen, wenn er fette Ochsen zu Markt trieb", sprach der
+Bauer spöttisch; "aber für den lumpigen Preis kommt er nicht aus
+meiner Hand, und mag er meinethalben auf dem Fuße von der Docke
+meiner Tochter prangen. Hör' Er, Freund, ich habe von dem gläsernen
+Schuh so ein Liedchen singen hören, und um einen Quark kommt er nicht
+aus meiner Hand. Kann Er nicht die Kunst, mein lieber Mann, daß ich
+in jeder Furche, die ich auspflüge, einen Dukaten finde, so bleibt
+der Schuh mein, und Er fragt auf anderen Märkten nach gläsernen
+Schuhen." Der Kaufmann machte noch viele Versuche und Wendungen hin
+und her; da er aber sah, daß der Bauer nicht nachließ, tat er ihm den
+Willen und schwur's ihm zu. Der Bauer glaubte ihm's und gab ihm den
+gläsernen Schuh; denn er wußte, mit wem er's zu tun hatte. Und der
+Kaufmann ging mit seinem Schuh weg.
+
+Und nun hat der Bauer sich flugs in seinen Stall gemacht und Pferde
+und Pflug bereitet und ist ins Feld gezogen und hat sich ein Stück
+mit der allerkürzesten Wendung ausgesucht, und wie der Pflug die
+erste Scholle gebrochen, ist der Dukaten aus der Erde gesprungen, und
+so hat er's bei jeder neuen Furche wieder gemacht. Da ist des
+Pflügens denn kein Ende gewesen, und der Bauer hat sich bald noch
+acht neue Pferde gekauft und auf den Stall gestellt zu den achten,
+die er schon hatte, und ihre Krippen sind nie leer geworden von Hafer,
+damit er je alle zwei Stunden zwei frische Pferde anschirren und
+desto rascher treiben könnte. Und der Bauer ist unersättlich gewesen
+im Pflügen und ist immer vor Sonnenaufgang ausgezogen und hat oft
+noch nach der Mitternacht gepflügt, und immerfort, immerfort, solange
+die Erde nicht zu Stein gefroren war, Sommer und Winter. Er hat aber
+immer allein gepflügt und nicht gelitten, daß jemand mit ihm gegangen
+oder zu ihm gekommen ist; denn er wollte nicht sehen lassen, warum er
+so pflügte. Und er ist weit geplagter gewesen als seine Pferde,
+welche den schönen Hafer fraßen und ordentlich Schicht und Wechsel
+hielten; und er ist bleich und mager geworden von dem vielen Wachen
+und Arbeiten. Seine Frau und Kinder haben keine Freude mehr an ihm
+gehabt; auf die Schenken und Gelage ist er nicht mehr gegangen und
+hat sich allen Leuten entzogen und kaum ein Wort mehr gesprochen,
+sondern ist stumm und in sich gekehrt so für sich hingegangen und hat
+des Tages auf seine Dukaten gearbeitet, und des Nachts hat er sie
+zählen und darauf grübeln müssen, wie er noch einen geschwinderen
+Pflug erfände. Und seine Frau und die Nachbarn haben ihn bejammert
+wegen seines wunderlichen Tuns und wegen seiner Stummheit und
+Schwermut und haben geglaubt, er sei närrisch geworden; auch haben
+alle Leute seine Frau und Kinder bedauert, denn sie meinten, durch
+die vielen Pferde, die er auf dem Stalle hielt, und durch die
+verkehrte Ackerwirtschaft mit dem überflüssigen Pflügen müsse er sich
+um Haus und Hof bringen. So ist es aber nicht ausgefallen. Aber das
+ist wahr, der arme Bauer hat keine vergnügte Stunde mehr gehabt, seit
+er so die Dukaten aus der Erde pflügte, und es hat wohl mit Recht von
+ihm geheißen: Wer sich dem Golde ergibt, ist schon halb in des Bösen
+Klauen. Auch hat er es nicht lange ausgehalten mit diesem Laufen in
+den Furchen bei Tage und Nacht. Denn als der zweite Frühling kam,
+ist er eines Tages hinterm Pflug hingefallen wie eine matte
+Novemberfliege und vor lauter Golddurst vertrocknet und verwelkt, da
+er doch ein sehr starker und lustiger Mensch war, ehe er den
+unterirdischen Schuh in seine Gewalt bekam. Seine Frau aber fand
+nach ihm einen Schatz, zwei große vernagelte Kisten voll heller,
+blanker Dukaten. Und seine Söhne haben sich große Güter gekauft und
+sind Herren und Edelleute geworden. So macht der Teufel zuweilen
+auch große Herren. Aber was hat das dem armen Johann Wilde gefrommt?
+
+
+
+
+Der Alte von Granitz
+
+
+Nicht weit von der Aalbeck liegt ein kleiner Hof namens Granitz unter
+der großen waldigen Uferforst, welche auch die Granitz genannt wird.
+Auf diesem Höfchen lebte vor nicht langen Jahren ein Herr von Scheele.
+Dieser war in seinen späteren Tagen in Trübsinn gesunken und sah
+fast keinen Menschen mehr, da er früher ein sehr munterer und
+geselliger Mann und ein gewaltiger Jäger gewesen war. Diese
+Einsamkeit des alten Mannes, sagen die Leute, kam daher, daß ihm drei
+schöne Töchter, die man die drei schönen Blonden hieß, und die hier
+in des Waldes Einsamkeit unter Herden und Vögeln aufgewachsen waren,
+mit einem Male alle drei in einer Nacht davongegangen waren und nie
+wiedergekommen sind. Das hatte der alte Mann sich zu Gemüt gezogen
+und sich von der Welt und ihren lustigen Freuden abgewendet. Er
+hatte vielen Umgang mit den kleinen Schwarzen und war auch mancher
+Nacht außer dem Hause, und kein Mensch wußte, wo er gewesen war; wenn
+er aber um die Morgendämmerung heimkam, flüsterte er seiner
+Haushälterin zu: "Pst! Pst! Ich habe heint an hoher Tafel
+geschmaust." Dieser alte Herr von Scheele pflegte seinen Freunden zu
+erzählen und bekräftigte es wohl mit einem tüchtigen husarischen und
+weidmännischen Fluche, in den Granitzer Tannen um die Aalbeck und an
+dem ganzen Ufer wimmele es von Unterirdischen. Auch hat er Leute,
+die er dort herum spazieren führte, oft eine Menge kleiner Spuren
+gezeigt, wie von den allerkleinsten Kindern, die da im Sande von
+ihren Füßchen einen Abdruck hinterlassen hätten, und ihnen plötzlich
+zugerufen: "Horch! Wie es da wieder wispert und flüstert!" Ein ander
+Mal, als er mit guten Freunden längs dem Meeresstrand gegangen, ist
+er wie in Bewunderung plötzlich still gestanden, hat auf das Meer
+gezeigt und gerufen: "Da sind sie meiner Seele wieder in voller
+Arbeit, und viele Tausende sind um ein paar versunkene Stückfässer
+Wein beschäftigt, die sie ans Ufer wälzen. Was wird das die Nacht
+ein lustiges Gelag werden!" Dann hat er ihnen erzählt, er könne sie
+sehen bei Tage und bei Nacht, und ihm tun sie nichts, ja sie seien
+seine besonderen Freunde, und einer habe sein Haus einmal von
+Feuersgefahr errettet, da er ihn nach Mitternacht aus tiefem Schlafe
+aufweckte und ihm einen Feuerbrand zeigte, der vom Herde gefallen und
+schon anderes Holz und Stroh, das auf der Flur lag, anzünden wollte.
+Man sehe beinahe alle Tage einige von ihnen am Ufer; bei hohen
+Stürmen aber, wo das Meer sehr tobe, seien sie fast alle da und
+lauern auf Bernstein und Schiffbrüche, und gewiß vergehe kein Schiff,
+von welchem sie nicht den besten Teil der Ladung bergen und unter der
+Erde in Sicherheit bringen. Und wie herrlich da unter den Sandbergen
+bei ihnen zu wohnen sei, und welche kristallene Paläste sie haben,
+davon habe auch kein Mensch eine Vorstellung, der nicht da gewesen
+sei.
+
+Dieser alte Mann galt sonst für einen guten und freundlichen Mann,
+und kein Mensch hat ihm nachgesagt, daß er etwas tue, was einen Bund
+mit bösen Geistern verrate. Aber der Umgang mit den kleinen
+Schwarzen ist nicht immer so unschuldig. Davon gibt es auch eine
+Geschichte.
+
+
+
+Der Falscheid
+
+
+Bei dem Kirchdorfe Lancken unweit der Granitz wohnte ein Bauer namens
+Matthes Pagels, ein sinniger, fleißiger Mann, der sehr einsam und
+still lebte, und den die Leute für sehr reich hielten. Einige
+munkelten auch, er sei ein Hexenmeister. Aber mancher wird für einen
+Hexenmeister gehalten, der sein Geld durch die natürlichste Hexerei
+erwirbt, daß er fleißig ist und gut aufpaßt. Dieser Pagels war aber
+kein guter Mensch. Er bekam Streit mit einem seiner Nachbarn, weil
+dieser ihn beschuldigte, er pflüge ihm an einer Seite den Acker ab.
+Und der Bauer Pagels tat das wirklich; er fluchte und schwur aber,
+das ganze Ackerstück gehöre ihm in seiner ganzen Breite, soweit er
+gepflügt hatte, und noch zehn Schritte weiter bis zu der hohen Buche,
+die oben an dem Rain stand; und das wollte er durch Eid und Schriften
+beweisen. Und er hat es bewiesen durch Eid und Urkunden und ein
+Papier vorgebracht, wodurch der Acker sein geworden ist. Die Leute
+sagen aber, zwei von den kleinen Schwarzen, die ihm auch das Geld in
+das Haus getragen, haben das falsche Papier geschmiedet und in der
+großen höllischen Staatskanzlei des Teufels geschrieben und besiegelt.
+Matthes Pagels aber hat schon bei seinem Leben die Strafe dafür
+gehabt, daß er weder Kraft noch Ruhe hatte vor seinen kleinen
+Geistern: jede Nacht um zwölf Uhr mußte er mit aller Gewalt aus dem
+Bette und auf dem Ackerstück rundwandeln und auf die hohe Buche
+klettern und dort zwei volle Glockenstunden aushalten und frieren.
+Noch sieht man ihn zuweilen da als einen kleinen Mann im grauen Rocke
+mit einer weißen Schlafmütze auf dem Kopfe; gewöhnlich sitzt er aber
+wie eine schneeweiße Eule auf dem Baume, sobald die Mitternacht
+vorbei ist, und schreit ganz jämmerlich. Und kein Mensch kommt dem
+Baume gern zu nahe, und kein Pferd ist da auf dem Wege
+vorbeizubringen, sondern sie schnauben und blasen und bäumen sich und
+gehen auch mit dem besten Reiter durch und querfeldein. Als meine
+selige Mutter, die in Lancken geboren war, noch ein Kind war, sangen
+die Leute noch vom Matthes Pagels und seiner Buche:
+
+Pagels mit de witte Mütz,
+Wo koold un hoch is din Sitz!
+Up de hoge Bök
+Un up de kruse Eek
+Un achter'm hollen Tuun;
+Worüm kannst du nich ruhn?
+
+Darüm kann ick nich rasten:
+Dat Papier liggt im Kasten,
+Un mine arme Seel
+Brennt in de lichte Höll.
+
+
+
+
+Rattenkönig Birlibi
+
+
+Ich will die Geschichte erzählen von dem Rattenkönig Birlibi, eine
+Geschichte, die mir Balzer Tievs aus Preseke oft erzählt hat nebst
+vielen andern Geschichten. Balzer war ein Knecht, der auf meines
+Vaters Hofe diente, als ich acht, neun Jahre alt war, ein Mensch von
+schalkischen Einfällen, der viele Geschichten und Märchen wußte. Die
+Geschichte von dem Rattenkönig Birlibi lautet also:
+
+In dem stralsundischen Dorfe Altenkamp, welches zwischen Garz und
+Putbus seitwärts am Strande liegt, hat vormals ein reicher Bauer
+gelebt, der hieß Hans Burwitz. Das war ein ordentlicher, kluger Mann,
+dem alles, was er angriff, geriet, und der im ganzen Dorfe die beste
+Wehr hatte. Er hatte sechzehn Kühe, vierzig Schafe, acht Pferde und
+zwei Füllen auf dem Stalle und in den Koppeln, glatt wie die Aale und
+von so guter Zucht, daß seine Füllen auf dem Berger Pferdemarkt immer
+zu acht bis zehn Pistolen das Stück bezahlt wurden. Dazu hatte er
+sechs hübsche Kinder, Söhne und Töchter, und es ging ihm so wohl, daß
+die Leute ihn wohl den reichen Bauer zu Altenkamp zu nennen pflegten.
+Dieser Mann ist durch nächtliche Gänge im Walde um all sein Vermögen
+gekommen.
+
+Hans Burwitz war auch ein starker Jäger, besonders hatte er eine
+treffliche Witterung auf Füchse und Marder und war deswegen oft des
+Nachts im Walde, wo er seine Eisen gelegt hatte und auf den Fang
+lauerte. Da hat er im Dunkeln und im Zwielichte der Dämmerung und
+des Mondscheins manche Dinge gesehen und gehört, die er nicht
+wiedererzählen mochte, wie denn im Walde des Nachts viel Wunderliches
+und Absonderliches vorgeht; aber die Geschichte von dem Rattenkönig
+Birlibi hat man von ihm erfahren. Hans Burwitz hatte in seiner
+Kindheit oft von einem Rattenkönig erzählen hören, der eine goldene
+Krone auf dem Kopfe trage und über alle Wiesel, Hamster, Ratten,
+Mäuse und anderes dergleichen Springinsfeldisches und leichtes
+Gesindel herrsche und ein gewaltiger Waldkönig sei; aber er hatte nie
+daran glauben wollen. Manches liebe Jahr war er auch im Walde auf
+Fuchs- und Marderfang und Vogelstellerei rundgegangen und hatte vom
+Rattenkönig auch nicht das mindeste weder gesehen noch gehört. Da
+mochte der Rattenkönig aber wohl in einer anderen Gegend sein Wesen
+getrieben haben. Denn er hat viele Schlösser in allen Ländern unter
+den Bergen und zieht beinahe jedes Jahr auf ein anderes Schloß, wo er
+sich mit seinen Hofherren und Hofdamen erlustigt. Denn er lebt wie
+ein sehr vornehmer Herr, und der Großmogul und König von Frankreich
+kann keine bessere Tage haben, und die Königin von Antiochien hat sie
+nicht gehabt, die ihr Vermögen in Herzen von Paradiesvögeln und
+Gehirnen von Nachtigallen aufgefressen hat. Und das glaube nur nicht,
+daß dieser Rattenkönig und seine Freunde Nüsse und Weizenkörner und
+Milch je an ihren Schnabel bringen; nein, Zucker und Marzipan ist ihr
+tägliches Essen, und süßer Wein ist ihr Getränk, und leben besser als
+König Salomon und Feldhauptmann Holofernes.
+
+Nun ging Hans Burwitz wieder einmal nach Mitternacht in den Wald und
+war auf der Fuchslauer. Da hörte er aus der Ferne ein vielstimmiges
+und kreischendes Getöse, und immer klang mit heller Stimme heraus:
+Birlibi! Birlibi! Birlibi! Da erinnerte er sich des Märchens vom
+Rattenkönig Birlibi, das er oft gehört hatte, und er dachte: "Willst
+mal hingehen und zusehen, was es ist!" Denn er war ein beherzter Mann,
+der auch in der stockfinstersten Nacht keine Furcht kannte. Und er
+war schon auf dem Sprunge zu gehen, da bedachte er das Sprichwort:
+"Bleib weg, wo du nichts zu tun hast, so behältst du deine Nase";
+aber das Birlibi tönte ihm nach, solange er im Walde war. Und die
+andere Nacht und die dritte Nacht war es wieder ebenso. Er aber ließ
+sich nichts anfechten und sprach: "Laß den Teufel und sein Gesindel
+ihr tolles Wesen treiben, wie sie wollen! Sie können dem nichts tun,
+der sich nicht mit ihnen abgibt." Wollte Gott, Hans hätte es immer so
+gehalten! Aber die vierte Nacht hat es ihn übermächtigt, und er ist
+wirklich in die bösen Stricke geraten.
+
+Es ist der Walpurgisabend gewesen, und seine Frau hat ihn gebeten, er
+möge diese Nacht nur nicht in den Wald gehen, denn es sei nicht
+geheuer, und alle Hexenmeister und Wettermacherinnen seien auf den
+Beinen, die können ihm was antun; denn in dieser Nacht, die das ganze
+höllische Heer loslasse, sei schon mancher Christenmensch zu Schaden
+gekommen. Aber er hat sie ausgelacht und hat es eine weibische
+Furcht genannt und ist seines gewöhnlichen Weges in den Wald gegangen,
+als die andern zu Bett waren. Da ist ihm aber der König Birlibi zu
+mächtig geworden. Anfangs war es diese Nacht im Walde eben wie die
+vorigen Nächte, es tosete und lärmte von fern, und das Birlibi klang
+hell darunter; und was über seinem Kopfe durch die Wipfel der Bäume
+schwirrte und pfiff und rauschte, das kümmerte Burwitz nicht viel,
+denn an Hexerei glaubte er gar nicht und sagte, es seien nur
+Nachtgeister, wovor dem Menschen graue, weil er sie nicht kenne, und
+allerlei Blendwerke und Gaukeleien der Finsternis, die dem nichts tun
+können, der keinen Glauben daran habe. Aber als es nun Mitternacht
+ward und die Glocke zwölf geschlagen hatte, da kam ein ganz anderes
+Birlibi aus dem Walde hervor, daß Hansen die Haare auf dem Kopfe
+kribbelten und sauseten und er davonlaufen wollte. Aber die waren
+ihm zu geschwind, und er war bald mitten unter dem Haufen und konnte
+nicht mehr heraus.
+
+Denn als es zwölf geschlagen hatte, tönte der ganze Wald mit einem
+Male wie von Trommeln und Pauken und Pfeifen und Trompeten, und es
+war so hell darin, als ob er plötzlich von vielen tausend Lampen und
+Kerzen erleuchtet worden wäre. Es war aber diese Nacht das große
+Hauptfest des Rattenkönigs, und alle seine Untertanen und Leute und
+Mannen und Vasallen waren zur Feier desselben aufgeboten. Und es
+schienen alle Bäume zu sausen und alle Büsche zu pfeifen und alle
+Felsen und Steine zu springen und zu tanzen, so daß Hansen
+entsetzlich bange ward; aber als er weglaufen wollte, verrannten ihm
+so viele Tiere den Weg, daß er nicht durchkommen konnte und sich
+ergeben mußte, stehenzubleiben, wo er war. Es waren da die Füchse
+und die Marder und die Iltisse und Wiesel und Siebenschläfer und
+Murmeltiere und Hamster und Ratten und Mäuse in so zahlloser Menge,
+daß es schien, sie waren aus der ganzen Welt zu diesem Feste
+zusammengetrommelt. Sie liefen und sprangen und hüpften und tanzten
+durcheinander, als ob sie toll waren; sie standen aber alle auf den
+Hinterfüßen, und mit den Vorderfüßen trugen sie grüne Zweige aus
+Maien und jubelten und toseten und heulten und kreischten und pfiffen
+jeder auf seine Weise. Kurz, es war das ganze leichte Diebsgesindel
+der Nacht beisammen und machten gar ein scheußliches Geläute und
+Gebimmel und Getümmel durcheinander. In den Lüften ging es ebenso
+wild als auf der Erde; da flogen die Eulen und Krähen und Käuze und
+Uhus und Fledermäuse und Mistkäfer bunt durcheinander und
+verkündigten mit ihren gellenden und kreischenden Kehlen und mit
+ihren summenden und schwirrenden Flügeln die Freude des hohen Tages.
+
+Als Hans erschrocken und erstaunt sich mitten in dem Gewimmel und
+Geschwirr und Getöse befand und nicht wußte, wo aus noch ein, siehe,
+da leuchtete es mit einem Male heller auf, und nun sangen viele
+tausend Stimmen zugleich, daß es in fürchterlich grauslicher
+Feierlichkeit durch den Walde schallte und Hansen das Herz im Leibe
+bebte:
+
+Macht auf! Macht auf! Macht auf die Pforten!
+Und wallet her von allen Orten!
+Geladen seid ihr allzugleich;
+Der König ziehet durch sein Reich.
+
+Ich bin der große Rattenkönig.
+Komm her zu mir, hast du zu wenig!
+Von Gold und Silber ist mein Haus,
+Das Geld mess' ich mit Scheffeln aus.
+
+So klang es im feierlichen und langsamen Gesange fort, und dann
+schallten immer wieder einzelne kreischende und gellende Stimmen mit
+widerlichem Laute darunter Birlibi! Birlibi! Und die ganze Menge
+rief Birlibi! nach, daß es durch den Wald schallte. Und es war der
+Rattenkönig, welcher einhergezogen kam. Er war ungeheuer groß wie
+ein Mastochs und saß auf einem goldenen Wagen und hatte eine goldene
+Krone auf dem Haupte und hielt ein goldenes Zepter in der Hand, und
+neben ihm saß seine Königin und hatte auch eine goldene Krone auf und
+war so fett, daß sie glänzte; und sie hatten ihre langen kahlen
+Schwänze hinter sich zusammengeschlungen und spielten damit, denn
+ihnen war sehr wohlig zumute. Und diese Schwänze waren das
+Allerscheußlichste, was man da sah; aber der König und die Königin
+waren auch scheußlich genug. Und der Wagen, worin sie saßen, ward
+von sechs magern Wölfen gezogen, die mit den Zähnen fletschten, und
+zwei lange Kater standen als Heiducken hinten auf und hielten
+brennende Fackeln und miauten entsetzlich. Dem Rattenkönig und der
+Rattenkönigin war aber vor ihnen nicht bange; sie schienen hier zu
+gewaltige Herren und Könige über alle zu sein. Es gingen auch zwölf
+geschwinde Trommelschläger dem Wagen voran und trommelten. Das waren
+Hasen; die müssen die Trommel schlagen und andern Mut machen, weil
+sie selbst keinen haben.
+
+Hansen war schon bange genug gewesen; jetzt aber, als er den
+Rattenkönig und die Rattenkönigin und die Wölfe und Kater und Hasen
+so miteinander sah, da schauderte ihm die Haut auf dem ganzen Leibe,
+und sein sonst so tapferes Herz wollte fast verzagen, und er sprach
+bei sich: "Hier mag der Henker länger bleiben, wo alles so wider die
+Natur geht! Ich habe auch wohl von Wundern gelesen und gehört; aber
+sie gingen doch immer etwas natürlich zu. Daß dies aber buntes
+Teufelsspiel ist und teuflisches Pack, sieht man wohl. Wer nur
+heraus wäre!"
+
+Und Hans machte noch einen Versuch, sich heraus zu drängen; aber der
+Zug brauste immer frisch fort durch den Wald, und Hans mußte mit. So
+ging es, bis sie an eine äußerste Ecke des Waldes kamen. Da war ein
+offenes Feld und hielten viele hundert Wagen, die mit Speck und
+Fleisch und Korn und Nüssen und anderen Eßwaren beladen waren. Einen
+jeden Wagen fuhr ein Bauer mit seinen Pferden, und die Bauern trugen
+die Säcke Korn und das Speck und die Schinken und Mettwürste und was
+sie sonst geladen, hinab in den Wald, und als sie Hans Burwitz stehen
+sahen, riefen sie ihm zu: "Komm! Hilf auch tragen!" Und Hans ging
+hin und lud mit ab und trug mit ihnen; er war aber so verwirrt, daß
+er nicht wußte, was er tat. Es deuchte ihm aber in dem Zwielichte,
+als sehe er unter den Bauern bekannte Gesichter, und unter andern den
+Schulzen aus Krakvitz und den Schmied aus Casnevitz; er ließ sich
+aber nichts merken, und jene taten auch wie unbekannte Leute. Mit
+den Bauern aber hatte es die Bewandnis: sie hatten sich dem
+Rattenkönig und seinem Anhange zum Dienst ergeben und mußten ihnen in
+der Walpurgisnacht, wo des Rattenkönigs großes Fest steht, immer den
+Raub zu dem Walde fahren, den Rattenkönigs Untertanen einzeln aus
+allen Orten der Welt zusammengemaust und zusammengestohlen hatten.
+Und Hans kam nun auch ganz unschuldig dazu und wußte nicht wie.
+Sowie die Säcke und das andere in den Wald getragen wurden, war das
+wilde Diebsgesindel darüber her, und es ging Grips! Graps! und Rips!
+Raps! hast du mir nicht gesehen, und jeder griff zu und schleppte
+sein Teil fort, so daß ihrer immer weniger wurden. Der König aber
+hielt noch da in seinem hohen und prächtigen Wagen, und es tanzeten
+und toseten und lärmten noch einige um ihn. Als aber alle Wagen
+abgeladen waren, da kamen wohl hundert große Ratten und gossen Gold
+aus Scheffeln auf das Feld und auf den Weg und sangen dazu:
+
+Hände her! Mützen her!
+Wer will mehr? Wer will mehr?
+Lustig! Lustig! Heut geht's toll,
+Lustig! Händ' und Mützen voll!
+
+Und die Bauern fielen wie die hungrigen Raben über das ausgeschüttete
+Gold her und griffelten und graffelten und drängten und stießen sich,
+und jeder raffte so viel auf von dem roten Raube, als er habhaft
+werden konnte, und Hans war auch nicht faul und griff rüstig mit zu.
+Und als sie in bester Arbeit waren wie Tauben, worunter man Erbsen
+geworfen, siehe, da krähete der Morgenhahn, wo das heidnische und
+höllische Reich auf der Erde keine Macht mehr hat--und in einem hui
+war alles verschwunden, als wäre es nur ein Traum gewesen, und Hans
+stand ganz allein da am Walde. Und der Morgen brach an, und er ging
+mit schwerem Herzen nach Hause. Er hatte aber auch schwere Taschen
+und schönes rotes Gold darin; das schüttete er nicht aus. Seine Frau
+war ganz ängstlich geworden, daß er so spät zu Hause kam, und sie
+erschrak, als sie ihn so bleich und verstört sah, und fragte ihn
+allerlei. Er aber fertigte sie nach seiner Gewohnheit mit Scherz ab
+und sagte ihr nicht ein Sterbenswörtchen von dem, was er gesehen und
+gehört hatte.
+
+Hans zählte sein Gold (es war ein hübsches Häuflein Dukaten), legte
+es in den Kasten und ging die ersten Monate nach diesem Abenteuer
+nicht in den Wald. Er hatte ein heimliches Grauen davor. Dann
+vergaß er, wie es dem Menschen geht, die Walpurgisnacht und ihr
+schauerliches und greuliches Getümmel allmählich und ging nach wie
+vor im Mond- und Sternenschein auf seinen Fuchs- und Marderfang. Von
+dem Rattenkönig und seinem Birlibi sah und hörte er nichts mehr und
+dachte zuletzt selten daran. Aber als es gegen den Frühling ging,
+veränderte sich alles; er hörte zuweilen um die Mitternacht wieder
+das Birlibi klingen, daß seine mattesten Haare auf dem Kopfe ihm
+lebendig wurden, und lief dann zwar immer geschwinde aus dem Walde,
+hatte aber dabei doch seine heimlichen Gedanken auf die
+Walpurgisnacht; und weil das, was die Menschen bei Tage denken, ihnen
+bei Nacht im Traume wiederkommt und allerlei spielt und spiegelt und
+gaukelt, so blieb auch der Rattenkönig mit seiner Nachtgaukelei nicht
+aus, und Hans träumte oft, als stehe der Rattenkönig vor seiner Türe
+und klopfe an; und er machte ihm dann auf und sah ihn leibhaftig, wie
+er damals in dem Wagen gesessen, und er war nun ganz von lauterem
+Golde und auch nicht so häßlich, als er ihm damals vorgekommen, und
+Rattenkönig sang ihm mit der allersüßesten Stimme, von der man nicht
+glauben wollte, daß eine Rattenkehle sie haben könnte, den Vers vor:
+
+Ich bin der große Rattenkönig.
+Komm her zu mir, hast du zu wenig!
+Von Gold und Silber ist mein Haus,
+Das Geld mess' ich mit Scheffeln aus.
+
+Und dann kam er dicht zu ihm heran und flüsterte ihm ins Ohr: "Du
+kommst doch wieder zur Walpurgisnacht, Hans Burwitz, und hilfst Säcke
+tragen und holst dir deine Taschen voll Dukaten?" Zwar hatte Hans,
+wann er aus solchen Träumen erwachte, neben der Freude über das Gold
+immer ein Grauen, und er sprach dann wohl: "Warte nur, Prinz Birlibi,
+ich komme dir nicht zu deinem Feste!" Aber es ging ihm, wie es andern
+Leuten auch gegangen ist, und das alte Sprichwort sollte an ihm auch
+wahr werden: Wen der Teufel erst an einem Faden hat, den führt er
+auch wohl bald am Strick. Genug, je näher die Walpurgisnacht kam,
+desto mehr wuchs in Hans die Gier, auch dabei zu sein. Doch nahm er
+sich fest vor, dem Bösen diesmal nicht den Willen zu tun, und ging
+den Walpurgisabend auch glücklich mit seiner Frau zu Bett. Aber er
+konnte nicht einschlafen; die Wagen mit den Säcken und die Bauern und
+die großen Ratten, die das Gold aus Scheffeln auf den Boden
+schütteten, fielen ihm immer wieder ein, und er konnte es nicht
+länger aushalten im Bette, er mußte aufstehen und sich von der Frau
+fortschleichen und in den finstern Wald laufen. Und da hat er diese
+zweite Nacht ebenso wieder erlebt als das erstemal. Er hatte sich
+ein Säckchen mitgenommen für das Gold und hatte auch viel reichlicher
+eingesammelt als das vorige Jahr.
+
+Nun deuchte ihm, habe er des Goldes genug, und er tat einen hohen
+Schwur, er wolle sich nimmer wieder in die Versuchung geben und auch
+nie wieder in den Wald gehen. Und er hat den Schwur gehalten und
+sich selbst überwunden, daß er nicht in den Wald gegangen ist und
+keine Walpurgisnacht wieder mitgehalten hat, so oft ihm auch noch von
+dem Birlibi und dem goldenen Rattenkönige geträumt hat. Er hat das
+aber nicht in seinem Herzen sitzen lassen, sondern hat es mit
+eifrigem Gebet wieder ausgetrieben und den Bösen endlich müd, gemacht,
+daß er von ihm gewichen ist. So war manches Jahr vergangen, und
+Hans hieß ein sehr reicher Mann. Er hatte sich für seine Dukaten
+Dörfer und Güter gekauft und war ein Herr geworden. Es munkelte auch
+unter den Leuten, es gehe nicht mit rechten Dingen zu mit seinem
+Reichtum; aber keiner konnte ihm das beweisen. Aber endlich ist der
+Beweis gekommen.
+
+Der Böse lauerte auf den armen Mann, an dem er schon einige Macht
+gewonnen hatte. Er war ergrimmt auf ihn, weil er von seinen hohen
+Festen in der Walpurgisnacht ganz ausblieb, und als Hans einmal
+wieder mit sündlicher Lüsternheit an das Goldsammeln gedacht und
+darüber das Abendgebet vergessen, auch einige unchristliche Flüche
+über eine Kleinigkeit getan hatte, hat er mit seinem Gesindel
+hervorbrechen können, und Hans hat nun gelernt, was das goldene
+Spielwerk des Königs Birlibi eigentlich auf sich habe. Seit dieser
+Zeit hat Hans weder Stern noch Glück mehr in seiner Wirtschaft gehabt.
+Wieviel er sich auch abmattete, er konnte nichts mehr vor sich
+bringen, sondern es ging von Tage zu Tage mehr rückwärts. Seine
+ärgsten Feinde aber waren die Mäuse, die ihm im Felde und in den
+Scheunen das Korn auffraßen, die Wiesel, Ratten und Marder, die ihm
+die Hühner, Enten und Tauben abschlachteten, die Füchse und Wölfe,
+die seine Lämmer, Schafe, Füllen und Kälber holten. Kurz, das
+Gesindel hat es so arg gemacht, daß Hans in wenigen Jahren um Güter
+und Höfe, um Pferde und Rinder, um Schafe und Kälber gekommen ist und
+zuletzt nicht ein einziges Huhn mehr hat sein nennen können. Er hat
+als ein armer Mann mit dem Stock in der Hand nebst Weib und Kindern
+von Haus und Hof gehen und sich auf seinen alten Tagen als Tagelöhner
+ernähren müssen.
+
+Da hat er oft die Geschichte erzählt, wie er zu dem Reichtum gekommen
+und aus dem Bauern ein Edelmann geworden ist, und hat Gott gedankt,
+daß er Ratten und Mäuse als seine Bekehrer geschickt und ihn so arm
+gemacht hat. "Denn sonst", hat der arme Mann gesagt, "Wäre ich wohl
+nicht in den Himmel gekommen, und der Teufel hätte seine Macht an mir
+behalten, und ich hätte dort jenseits endlich auch nach des
+Rattenkönigs Pfeife tanzen müssen." Das hat er auch dabei erzählt,
+daß solches Gold, das man auf eine so wundersame und heimliche Weise
+gewinne, doch keinen Segen in sich habe; denn ihm sei bei allen
+seinen Schätzen doch nie so wohl ums Herz gewesen als nachher in der
+bittersten Armut; ja, er sei ein elenderer Mann gewesen, da er als
+Junker mit Sechsen gefahren, als nachher, da er oft froh gewesen,
+wenn er des Abends nur Salz und Kartoffeln gehabt habe.
+
+
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+Das brennende Geld
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+Drei Bauern kamen eine Herbstnacht oder vielmehr früh, als es mehr
+gegen den Morgen ging, von einer Hochzeit aus dem Kirchdorf Lancken
+geritten. Sie waren Nachbarn, die in einem Dorfe wohnten, und ritten
+des Weges miteinander nach Hause. Als sie nun aus einem Walde kamen,
+sahen sie an einem kleinen Busche auf dem Felde ein großes Feuer, das
+bald wie ein glühender Herd voll Kohlen glimmte, bald wieder in
+hellen Flammen aufloderte. Sie hielten still und verwunderten sich,
+was das sein möge, und meinten endlich, es seien wohl Hirten und
+Schäfer, die es gegen die Nachtkälte angezündet hätten. Da fiel
+ihnen aber wieder ein, daß es am Schlusse Novembers war, und daß in
+dieser Jahreszeit keine Hirten und Schäfer im Felde zu sein pflegen.
+Da sprach der jüngste von den dreien, ein frecher Gesell: "Nachbarn,
+hört! Da brennt unser Glück! Und seid still und lasset uns
+hinreiten und jeden seine Taschen mit Kohlen füllen; dann haben wir
+für all unser Leben genug und können den Grafen fragen, was er für
+sein Schloß haben will." Der älteste aber sprach: "Behüte Gott, daß
+ich in dieser späten Zeit aus dem Wege reiten sollte! Ich kenne den
+Reiter zu gut, der da ruft: Hoho! Hallo! Halt den Mittelweg!" Der
+zweite hatte auch keine Lust. Der jüngste aber ritt hin, und was
+sein Pferd auch schnob und sich wehrte und bäumte, er brachte es an
+das Feuer, sprang ab und füllte sich die Taschen mit Kohlen. Die
+andern beiden hatte die Angst ergriffen, und sie waren im sausenden
+Galopp davongejagt, und er ließ sie auch ausreißen und holte sie
+dicht vor Vilmnitz wieder ein. Sie ritten nun noch ein Stündchen
+miteinander und kamen schweigend in ihrem Dorfe an, und keiner konnte
+ein Wort sprechen. Die Pferde waren aber schneeweiß von Schaum, so
+hatten sie sich abgelaufen und abgeängstigt. Dem Bauer war auch
+ungefähr so zumute gewesen, als habe der Feind ihn schon beim Schopf
+erfaßt gehabt. Es brach der helle, lichte Morgen an, als sie zu
+Hause kamen. Sie wollten nun sehen, was jener gefangen habe, denn
+seine Taschen hingen ihm schwer genug hinab, so schwer, als seien sie
+voll der gewichtigsten Dukaten. Er langte hinein, aber au weh! er
+brachte nichts als tote Mäuse an den Tag. Die andern beiden Bauern
+lachten und sprachen: "Da hast du deine ganze Teufelsbescherung! Die
+war der Angst wahrhaftig nicht wert!" Vor den Mäusen aber schauderten
+sie zusammen, versprachen ihrem Gesellen jedoch, keinem Menschen ein
+Sterbenswort von dem Abenteuer zu sagen.
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+Man hätte denken sollen, dieser Bauer mit den toten Mäusen habe nun
+für immer genug gehabt; aber er hat noch weiter gegrübelt über den
+Haufen brennender Kohlen und bei sich gesprochen: "Hättest du nur ein
+paar Körnlein Salz in der Tasche gehabt und geschwind auf die Kohlen
+streuen können, so hätte der Schatz wohl oben bleiben müssen und
+nicht weggleiten können." Und er hat die nächste Nacht wieder
+ausreiten müssen mit großem Schauder und Grauen, aber er hat es doch
+nicht lassen können; denn die Begier nach Geld war mächtiger als die
+Furcht. Und er hat es wieder brennen sehen genau an der gestrigen
+Stelle; bei Tage aber war da nichts zu sehen, sondern sie war
+grasgrün. Und er ist hingeritten und hat das Salz hineingestreuet
+und seine Taschen voll Kohlen gerafft, und so ist er im sausenden
+Galopp nach Hause gejagt und hat sich gehütet, daß er einen Laut von
+sich gegeben noch jemand begegnet ist; denn dann ist es nicht richtig.
+Aber er hat doch nichts als Kohlen in der Tasche gehabt und ein
+paar Schillinge, die von den Kohlen geschwärzt waren. Da hat er sich
+königlich gefreut, als sei dies der Anfang des Glückes und das
+Handgeld, das die Geister ihm gegeben haben. Er mochte aber die paar
+losen Schillinge von ungefähr in der Tasche gehabt haben, als er
+ausritt. Und die Schillinge haben dem armen Mann, der sonst ein
+fleißiger, ordentlicher Bauer war, keine Rast noch Ruhe mehr gelassen;
+jede Nacht, die Gott werden ließ, hat er ausreiten müssen und seine
+besten Pferde dabei tot geritten. Man hat es aber nicht gemerkt, daß
+er Schätze gefunden hat, sondern seine Wirtschaft hat von Jahr zu
+Jahr abgenommen, und endlich ist er auf einer Nachtfahrt gar einmal
+verschwunden. Und man hat von ihm und von seinem Pferde nie etwas
+wieder gesehen; seinen Hut aber haben die Leute in dem Schmachter See
+gefunden. Da muß der böse Feind ihn als Irrlicht hineingelockt haben;
+denn er braucht solche Künste gegen die, welche sich mit ihm
+einlassen und ihn suchen.
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+Kater Martinchen
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+Auf der Halbinsel Wittow auf Rügen ist ein Dorf, das heißt Putgarten,
+nicht weit von dem berühmten Vorgebirge Arkona, wo der alte
+heidnische Götze Swantewit weiland seinen Tempel gehabt und sein
+wüstes Wesen getrieben hat. In diesem Dorfe Putgarten lebte eine
+reiche Bäuerin, die hieß Trine Pipers. Sie war jung Witwe geworden
+und hatte keine Kinder, wollte auch nicht wieder freien, obgleich
+viele Freier um sie warben, denn sie war ein sehr schönes und
+frisches Weib. Das konnten die Leute nicht recht begreifen, zumal da
+sie sonst immer lustig und munter war und bei keinem Tanze und Gelage
+fehlte. Denn das mußte man sagen, einen aufgeräumteren Menschen gab
+es nicht als diese Bäuerin, und kein Haus hatte so viel Lustigkeit
+als das ihrige. Alle hohen Feste hatte es Tanz und Spiel bei ihr;
+die Fasten wurden von Anfang bis zu Ende durchgehalten und mit
+Schmäusen, Spielen und Tänzen gefeiert, Pfingsten und am Johannistage
+ward unter grünen Lauben getanzt, und am Martinstage setzte keine
+Bäuerin so viele gebratene Gänse auf, und wenn sie ihr Korn
+eingebracht, wenn sie Ochsen oder Schweine geschlachtet oder Wurst
+gemacht hatte, mußte die ganze Nachbarschaft sich mit freuen und mit
+ihr schmausen. Kurz, diese Bäuerin lebte so prächtig, daß kaum eine
+Edelmannsfrau besser leben konnte. In ihrem Hause war alles nett und
+tüchtig und fast über das Vermögen einer Bäuerin zierlich. Ebenso
+lustig und tüchtig sah es auf ihrem Hofe und in ihren Ställen aus.
+Ihre Pferde glänzten immer wie die Aale, und man hätte sie Sommer und
+Winter als Spiegel gebrauchen können; ihre Kühe waren die schönsten
+und gedeihlichsten im ganzen Dorfe und hatten immer volle Euter; ihre
+Hühner legten zweimal des Tages, und von ihren Gänseeiern war nie
+eines schier, sondern jedes gab ein Junges. Weil ihr Haus lustig und
+sie freigebig war, so hatte sie auch immer die schönsten und
+flinksten Knechte und Dirnen auf ganz Wittow.
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+So lebte Trine manches Jahr, und kein Mensch konnte begreifen, wie
+sie als Bäuerin das Leben so halten und durchsetzen konnte, und viele
+hatten schon gesagt: "Nun, die wird auch bald vor den Türen
+herumschleichen und schnurren gehen." Aber sie focht und schnurrte
+nicht herum, sondern blieb die reiche und lustige Trine Pipers nach
+wie vor. Andere, die dies lustige Leben so mit ansahen, meinten, es
+gehe nicht mit natürlichen Dingen zu; sie habe Umgang und
+Gemeinschaft mit bösen Geistern, und die bringen es ihr alles ins
+Haus und geben ihrem Vieh und ihren Früchten so wunderbaren Segen und
+Gedeihen--als wenn Gott nicht der beste und einzige Segenbringer und
+Segensprecher wäre. Viele wollten bei nächtlicher Weile einen
+Drachen gesehen haben, der wie ein langer feuriger Schwanz auf ihr
+Haus herabgeschossen sei; das sei ihr heimlicher Buhler, der hänge
+ihr den Wiem voll Schinken und Mettwürste, fülle ihr die Kisten und
+Kasten mit Silber und Gold und stehe mit am Butterfasse und helfe
+buttern und gehe mit in den Stall und helfe melken. Andere, noch
+boshafter, sagten, sie selbst sei eine Hexe und könne sich unsichtbar
+machen: so schleiche sie den Nachbarn in die Häuser, stehle aus
+Keller und Speisekammer, nehme den Hühnern die Eier aus den Nestern,
+melke die Kühe und rupfe den Schafen die Wolle und den Gänsen die
+Dunen aus. Darum sei sie so glatt und glau und könne soviele
+Wohlleben ausrichten und ein Leben führen, als wenn es alle Tage
+Sonntag wäre. Das bemerkten einige Nachbarsleute noch und
+schüttelten die Köpfe dabei, daß Trine eine leidige Freundlichkeit
+habe, womit sie wohl hexen könne, und daß sie Kindern nie in die
+Augen sehe, wieviel sie auch sonst mit ihnen schmeichle und kose;
+denn sie habe als Hexe kein Kind in ihren Augen, und es tue ihr sehr
+wehe, wenn sie den unschuldigen Kindern, die noch nichts verbrochen
+haben, in ihre reinen Augen schauen müsse.
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+So lief allerlei Geschwätz unter den Leuten rund, und sie flüsterten
+und munkelten viel über Trine Pipers; aber sie konnten ihr doch
+nichts anhaben und beweisen. Sie tat all ihr Werk tüchtig vor den
+Leuten, war redlich in Handel und Wandel, ging fleißig zur Kirche und
+gab Priester und Küster willig und freundlich das Ihrige und hatte
+immer eine offene Tasche und einen offenen Brotkorb für die Armen,
+wenn sie an ihre Türe kamen. Auch gingen die, welche ihr die Ehre so
+hinter ihrem Rücken zerwuschen, recht gern zu ihren Festen und Tänzen
+und schmeichelten und heuchelten ihr.
+
+Trine Pipers hatte auf diese Weise wohl zwanzig Jahre ihre Wirtschaft
+geführt, und alles war ihr immer nach Wunsch geraten. Da bekam sie
+einen bunten Kater ins Haus, und bald ging im Dorfe und in der
+Nachbarschaft das Gerede: der sei es, das sei der Gewaltige, nun sei
+es endlich zum Vorschein gekommen, und auch ein Kind könne es sehen,
+der trage ihr all das Glück zu. Denn leider sind die meisten
+Menschen so, daß sie meinen, es müsse mit einem Menschen was
+Heimliches oder Ungeheures sein, wenn er die Narrenkappe des Lebens
+nicht gerade so trägt wie sie, und wenn er die Schellen daran nicht
+ebenso klingen läßt.
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+Ein bunter Kater ward in Trines Hause gesehen, und kein Mensch wußte,
+wo der Kater hergekommen war. Trine lächelte und machte einen Scherz,
+wenn man sie fragte, und sagte es nicht. Einigen hatte sie wohl
+gesagt, sie habe einen Bruder, der sei Schiffer in Stockholm, der
+habe ihr den schönen Kater einmal aus Lissabon mitgebracht; aber das
+glaubten sie nicht. Der Kater war groß, bunt und schön, grau mit
+gelben Streifen über dem Rücken und hatte einen weißen Fleck am
+linken Vorderfuß. Da schrien die alten Weiber: "Da sehen wir's ja,
+da haben wir's! Einen dreifarbigen Kater? Wer hat in seinem Leben
+gesehen oder gehört, daß es Kater mit drei Farben gibt?" Trine liebte
+den Kater sehr und saß manche Stunde mit ihm allein und spielte mit
+ihm, der mit wohlgefälligem Brummen seinen Kopf an ihr streichelte
+und gegen alles, war ihr zu nah kam, ausprustete und aufpfuchsete:
+die arme Trine ward älter, die arme Trine hatte keine Kinder, sie
+mußte was zu spielen haben. So saß sie nun manche Stunde, wo sie
+sich sonst draußen in ihrer Wirtschaft tummelte, still in der Stube
+und spielte mit ihrem Martinichen; denn so rief sie den Kater.
+Martinichen und Mieskater Martinichen klang es in der Stube,
+Martinichen klang es auf der Flur, Martinichen auf der Treppe und auf
+dem Boden. Keinen Tritt und Schritt tat sie, Martinichen war immer
+dabei, und von dem Vorratsboden und aus der Speisekammer brachte er
+immer seine Bescherung mit im Munde. Kurz, der bunte Kater
+Martinichen aus Lissabon war ihre Puppe und ihr Spielzeug; er stand
+mit ihr auf und ging mit ihr zu Bette, ja sie ging nicht in die
+Nachbarschaft, daß sie ihr Martinichen nicht unterm Arm trug;
+Martinichen leckte von ihrem Teller und lappte aus ihrem Napf, er war
+der Liebling, er durfte alles, keiner durfte ihm was tun: Hunde
+wurden herausgejagt, die ihn beißen wollten, ein Knecht ward
+verabschiedet, weil er ihn Murrkater und Brummkater, Speckfresser und
+Mausedieb genannt hatte.
+
+Dies gab Geschichten und Lügen und Märchen im ganzen Dorfe, bald im
+ganzen Kirchspiele, dann im ganzen Ländchen: Trine hieß eine Hexe,
+die einen wundersamen Kater habe, mit dem es nicht richtig sei, und
+vor dem man sich hüten müsse. Das sei ein Kater, einen solchen
+zweiten werde man in der ganzen Welt umsonst suchen; den ganzen Tag
+tue er nichts als fressen und sich hinstrecken und sonnen oder auf
+Trines Knien herumwälzen, des Nachts liege er auf ihrem Bette bis an
+den lichten Morgen, und doch finde der Knecht, wenn er morgens frühe
+zur ersten Fütterung in den Pferdestall gehe, immer zwei große Haufen
+toter Ratten und Mäuse vor der Haustüre aufgetürmt. Was möge das
+wohl für ein Kater sein, der für diesen feisten und glatten Faulenzer
+die Arbeit tue?
+
+Dies Gerede und Gemunkel hatte sich freilich erst draußen
+herumgetrieben; dann kam es auch in Trinens Haus und zu Trinens
+Leuten, und ihnen fing an, bei ihr ungeheuer zu werden. Wenn sie mit
+schmeichelnder Stimme Mieskaterchen! Mies--Mieskaterchen!
+Martinichen! Misichen--Martinichen! rief und den knurrenden und
+spinnenden Kater auf den Schoß nahm und ihm den Rücken streichelte,
+und er sich dann vor Vergnügen krümmte und an ihr strich und brummte,
+und ihm die grünen, umnebelten Augen im Kopfe funkelten, dann guckten
+die Leute die beiden Spieler mit großen Augen an und wären um alles
+in der Welt mit ihnen nicht lange in der Stube geblieben. Trine
+hatte sonst immer die tüchtigsten und schönsten Leute gehabt, aber
+die konnten es jetzt in ihrem Hause nicht aushalten; sie zogen weg,
+und sie konnte zuletzt nichts als Hack und Mack in ihren Dienst
+bekommen, und auch die blieben nicht lange, und fast jeden Monat
+hatte sie frische Leute. Alle Welt glaubte nun einmal, Trine sei
+eine Hexe, und keiner wollte mit ihr zu tun haben. Auch war es mit
+der alten Gastlichkeit und Fröhlichkeit des Hauses vorbei und mit den
+Schmäusen und Tänzen, denn keiner wollte kommen; und Trine mußte mit
+ihrem Mieskater Martinichen einsam sitzen und ihre Bratgänse und
+Würste allein verzehren.
+
+Aber ach, du arme Trine Pipers, die du sonst so froh und fröhlich
+gewesen warst und alle gern erfreut hattest, wie ging es dir auf
+deinen alten Tagen? Nicht allein keine Gesellen und Gesellinnen und
+Nachbarn und Nachbarinnen kamen mehr, sich des Segens zu freuen, den
+Gott dir gegeben hatte, und sich mit dir zu erlustigen, sondern in
+wenigen Jahren verging auch das, wovon du dich hättest erlustigen
+können. Die Leute kopfschüttelten und flüsterten zwar, der Kater sei
+es, der sei bisher der unsichtbare Bringer und Zuträger gewesen und
+habe Scheunen, Kornböden, Keller, Speisekammern, Milcheimer und
+Butterfässer und Geldkatzen und Sparbüchsen gefüllt; aber nun war ja
+dieser Wundertäter und Hexenmeister da, warum ging es denn nicht noch
+gedeihlicher als vorher? Warum ging vielmehr Trinens Wirtschaft von
+Tage zu Tage mehr zurück? Die arme Trine hatte Knechte und Mägde,
+wie sie kaum ein Bettlerkrug willig beherbergt hätte, recht was man
+Krücken und Ofenstecken nennt; ihre sonst so glatten Pferde magerten
+ab und verreckten an Rotz und Wurm; ihre Schweine und Kühe hatten
+Läuse und gaben keine Milch mehr; ihre Schafe und Gänse wurden
+Drehköpfe, als hätten sie geheime Wissenschaft studiert; ihre Hühner
+und Enten legten keine Eier und brüteten nicht mehr; ihr Feld trug
+Disteln und Dornen für Korn und Weizen. Kurz, Trine geriet in zwei
+Jahren in die bitterste Armut: Pferde waren weg, Kühe waren weg,
+Schweine ausgestorben, Schafe geschlachtet, Tauben und Hühner vom
+Marder aufgefressen, der Hund an der Kette verhungert--kein Hahn
+krähte mehr auf ihrer Haustüre, kein Bettler seufzte mehr sein Gebet
+davor. Und Trine saß allein und verlassen mit gelben, gefurchten und
+gerunzelten Wangen und von Tränen und Jammer triefenden Augen und
+schneeweißen Haaren in der frierenden Ecke ihres leeren Zimmers und
+hielt ihren magern und in der Asche verbrannten Kater auf dem Schoße
+und weinte jämmerlich über den kargen Brocken, die man ihr von fern
+zuwarf; denn keiner mochte ihr gern nah kommen.
+
+So hat man sie eines Morgens gefunden tot auf dem Boden ihres
+Stübchens hingestreckt und ihren treuen Mieskater Martinichen tot auf
+ihr liegend. Die Leute haben mit Grauen davon erzählt. Und die
+sonst so reiche Trine, die der Kirche und Geistlichkeit immer so gern
+gab, als sie noch was zu geben hatte, ist begraben, wie man Bettler
+begräbt, ohne Sang und Klang, ohne Glocken und Gefolge; kein Nachbar
+hat sie zum Kirchhof begleiten wollen, kein Verwandter ist ihrer
+Leiche gefolgt, sie hatte ihnen ja nichts nachgelassen. O kalte Welt,
+wie kalt wirst du denen im Alter, die dann nichts haben, womit sie
+sich die Füße zudecken können, und ach, auch die irdischen Mängel,
+die man mit schärferen Augen an den Alten betrachtet!
+
+Als Trine nun tot war, erzählen die Leute, ist sie immer als Hexe
+umgegangen und geht bis diesen Tag als Hexe um in der Gestalt einer
+alten, grauen Katze, die man daran kennt, daß sie Augen hat, die wie
+brennende Kohlen leuchten, und daß sie ganz entsetzlich laut sprühet
+und prustet, wenn man sie jagt. Sie wird noch alle Mitternächte auf
+der Stelle gesehen, wo ehedem Trinens Haus war, und heult dort
+erbärmlich; im Winter aber, wann in den Scheunen und auf den Dächern
+die wütigen Katzenhochzeiten sind, ist sie immer voran auf der
+höllischen Jagd und führt das ganze Getümmel und miaulet und winselt
+auf das allerscheußlichste. Diese Stimme verstehen die Leute in
+Putgarten so wohl, daß alt und jung gleich rufet: "Hört! Da ist
+wieder die alte Trine!"
+
+So ist es Trine Pipers gegangen, und so geht es vielen Menschen bis
+diesen Tag. Sie ist eine arme, elendige Bettlerfrau geworden und hat
+ihren christlichen, guten Namen verloren, weil sie den bunten Kater
+Martinichen lieber gehabt hat als Menschen. Denn wenn sie auch keine
+Hexe gewesen ist, so haben die Nachbarn und Nachbarinnen es doch
+geglaubt, weil sie sich in ihrer unnatürlichen und häßlichen Liebe zu
+der unverständigen Kreatur so in des Katers Gemüt und Gebärden
+hineingestohlen und hineinvertieft hatte, daß sie Menschen nicht mehr
+so suchte und liebte wie sonst. Sie mag zuletzt auch mit
+Katzenfreundlichkeit geblinzelt und mit Katzenaugen geschielt und mit
+allerlei Katzenmännchen sich gekrümmt und gewunden haben, so daß kein
+Mensch und kein Vieh und also auch kein Glück es länger bei ihr hat
+aushalten können und sie zuletzt mit ihrem Mieskater Martinichen ganz
+allein geblieben und so im größten Elende umgekommen ist.
+
+
+
+
+Thrin Wulfen
+
+
+Nicht weit von Schoritz, zwischen Schoritz und Puddemin, an dem Wege,
+wo man von Garz nach dem Zudar fährt, lag einst ein kleines Dorf, das
+hieß Günz, worin ein paar Bauern wohnten, die nach Schoritz zu Hofe
+dienten. Die sind aber ganz zerstört mit Häusern und mit Gärten, so
+daß man dort keine Spur mehr sieht, daß jemals Menschen dort gewohnt
+haben. In diesem Dorfe Günz wohnte ein Bauer, der hieß Jochen Wulf,
+der hatte eine Frau, und die hieß Thrin; das war eine arge Hexe, von
+deren losen Künsten und bösen Streichen die Leute noch heute zu
+erzählen wissen. Daß sie aber eine Hexe war, konnte man ihr anmerken
+an ihrer außerordentlichen Freundlichkeit und Leidigkeit, woraus List
+und Schelmerei oft hervorlächelten, und an den schönen und leckeren
+Sachen, die sie immer bei sich trug, und womit sie die Hunde und
+kleinen Kinder an sich lockte. Davor hat den Leuten auch gegraut,
+daß ihr, wohin sie immer gekommen, die Katzen von selbst auf den
+Schoß gesprungen sind, was diese Tiere, die eben keine
+Menschenfreunde sind, sonst nimmer mit Fremden tun. Denn durch die
+Kinder und durch Leckereien, die sie den Kindern geben, und durch
+Sälbchen und Kräuterchen, womit sie bei Kinderkrankheiten immer
+gleich zur Hand sind, drängen sich die alten Hexen in alle Häuser,
+und Hunde und Katzen dürfen sie nicht zu Feinden haben, weil ihre
+Arbeit meistens des Nachts ist, wo die andern Christenmenschen
+schlafen. Doch merkten die Leute ihr und ihrem Manne ihr heimliches
+und verbotenes Handwerk dadurch an, daß sie sehr reich wurden, und
+daß der Bauer Wulf dreimal soviel Korn und Weizen verkaufen konnte
+wie seine Nachbarn, und daß seine Pferde und Kühe, wenn er sie im
+Frühling ins Gras trieb, so glatt und fett waren wie die Aale, und
+als ob sie aus dem Teige gewälzt wären. Auch sagten alle Leute, sie
+habe einen Drachen, und den haben sie des Nachts oft auf ihr Dach
+herabschießen sehen, wo er ihr Raub und Schätze von andern zutrug.
+Das ist auch gewiß, und viele Leute haben es erzählt, die bei
+nächtlicher Weile bei Günz vorbeigegangen sind, daß es dann auf dem
+Wege oft geknarrt und geseufzt hat, wie die Räder an schwerbeladenen
+Wägen knarren und seufzen. Da haben die Leute sich umgesehen oder
+sind aus dem Wege gesprungen, damit sie nicht übergefahren würden;
+sie haben aber weder Pferde noch Wagen gesehen, und es ist ihnen ein
+entsetzliches Grauen angekommen. Das ist aber auch der alte,
+heimliche Drache gewesen, der den Nachbarn die Garben gestohlen und
+sie in des Wulfs Scheunen hat einfahren lassen. Daß die Thrine
+Wulfen eine arge Wetterhexe war, hat man am meisten auf der Weide und
+Brache an dem jungen Vieh sehen können. Wenn sie einmal unter eine
+Herde kam, gleich streckte ein Kalb alle viere von sich und hatte den
+Frosch, oder ein paar Dutzend junge Gänschen machten nicht zum
+Vergnügen den Drehhals, oder einige Lämmer und Jährlinge wurden
+Kopfhänger und Kopfschüttler, oder eine Schar Säue tanzte den Dreher.
+Sie gebärdete sich bei solchem Anblick, als tue es ihr sehr leid
+(die alten Hexen aber können es nicht lassen, junges, freudiges Vieh
+zu behexen, und wenn es ihr eigenes wäre), und sie sagte den Hirten
+oder Nachbarn, sie habe und wisse manche heilsame Mittel gegen solche
+Übel; sie sollen nur zu ihr kommen und sich eine Salbe holen und die
+kranken Tierchen damit bestreichen, gleich werde es dann besser mit
+ihnen werden. Das haben einige getan, und wirklich hat es stracks
+geholfen, aber den meisten hat gegraut, über ihre Schwelle zu treten,
+und da hat das liebe Vieh denn dran gemußt. Alle aber haben sich
+zugeflüstert, Thrin Wulfen habe sie behext und ihnen den Schabernack
+angetan. So zum Beispiel hatte sie eine Frau, welche sich mit ihr
+erzürnt und sie eine alte Wetterhexe gescholten hatte, in ihrem
+eignen Hause festgezaubert, daß sie nicht über die Schwelle zu gehen
+wagte und alle Türen und Fenster dicht versperrt hielt. Denn sie
+glaubte, sie sei in eine Erbse verwandelt, und jeder Vogel, der
+vorüberflog, war ihr so fürchterlich, daß sie bei seinem Anblick
+schrie, als fliege ihr Tod heran, ja daß sie bei dem Ton eines
+Gefieders aus der Luft schon in Ohnmacht fiel und mit Händen und
+Füßen zappelte; für die Enten, Hühner und Tauben aber in ihrem Hofe
+war der jüngste Tag gekommen, und sie hatten ihnen allen sogleich
+beim Beginn ihrer Krankheit die Hälse umdrehen lassen. Auch hatte
+die alte Bösewichtin es dem Mann dieser Frau angetan, daß er wie ein
+kindischer und besoffener Narr tanzen mußte, sobald er einen
+Ziegenbock springen sah. Und dies ist allen Leuten lächerlich und
+ärgerlich anzusehen gewesen, und das ärgste dabei ist noch gewesen,
+daß die Einfältigen vor dem Mann eine Art Grauen bekommen haben, als
+sei er auch von der Ziegenbocksgesellschaft und von den
+Blocksbergfahrern; die Klugen aber haben wohl gewußt, von wem diese
+Bockssprünge herrührten, doch keiner hat es ihr beweisen können. Und
+man kann wohl denken, wie die alte Bosheit in sich gelacht hat, daß
+der unschuldige Mann für ihren Gesellen gehalten worden ist. Ihr
+Vieh war immer das fetteste und mutigste in der ganzen Dorfherde, und
+man konnte an vielen Zeichen sehen, daß der Teufel sein Spiel damit
+hatte; denn fast nie ist ein Stück davon krank worden, und sie hat
+ihnen solche Kraft und Stärke angezaubert, daß von ihren kleinsten
+Kälbern die größten Ochsen sich stoßen ließen, und daß ihre Ferkel
+die wütendsten Eber aus dem Felde schlugen.
+
+Auch haben die Leute sie in mancherlei Verwandlungen umherlaufen und
+herumfliegen gesehen, aber niemand hat sich unterstanden, sie
+anzupacken oder ihr etwas zu tun; auch haben sie die
+allerwunderlichsten bunten Hunde und Katzen und sogar Füchse und
+Wiesel bei Tage und bei Nacht um ihren Hof laufen gesehen, aber
+keiner hat sie angetastet; sie wußten wohl, aus wessen Stall dieses
+gefährliche Vieh war. Von Elstern und Krähen aber hüpften immer
+ganze Scharen auf ihrem Hofe und ihren Dächern, und von ihrem
+einzigen Hausgiebel uhuheten des Nachts mehr Eulen, denn von allen
+Häusern und Dächern in Swantow und Puddemin zusammen.
+
+So ist sie in der Nachbarschaft viel herumgestrichen und
+herumgeflogen auf Schelmstücke und Diebsschliche, und es ist ihr
+lange genug glücklich gegangen. Der Pastor zum Zudar, der Herr
+Manthey hieß, hat die meiste Not mit ihr gehabt, und auch wohl
+deswegen, weil er dem Bösen selbst den Krückstock reichte, womit er
+ihn überholen konnte, da er mehr ins Buch der vier Könige guckte als
+in Bibel und Evangelienbuch. Einmal ist Thrin Wulfen zu seiner Frau
+gekommen und hat ihr eine Stiege Eier gebracht, und sie und die Frau
+Pastorin haben einander viel erzählt und sind sehr herzig und
+heimlich miteinander geworden, so daß die Frau Pastorin endlich die
+Thrin, als sie Ade gesagt, umhalst hat. Da ist ihr aber geschehen,
+daß sie vor Schrecken ohnmächtig worden und wie tot hingefallen ist.
+Denn was hat sie gesehen? Vor ihren sehenden Augen und unter ihren
+greifenden Händen ist die Thrin plötzlich eine rote Füchsin geworden
+und hat ihr mit den Vordertatzen die Wangen gestreichelt und mit der
+Schnauze das Gesicht geleckt und dabei recht fürchterlich greinig und
+freundlich ausgesehen. Das hat die Pastorin später vielen Leuten
+erzählt; wie es aber weiter geworden, hat sie nicht gewußt; denn als
+sie wieder zur Besinnung gekommen, war die Thrin weg und auch keine
+Spur von ihr und der roten Füchsin mehr da als der Geruch der
+füchsischen Küsse in ihrem Gesichte und ein paar leichte rote
+Streifen, womit sie sie bei der umhalsenden Liebkosung gekratzt hatte.
+Zuerst hat die Frau Manthey die Geschichte aus Furcht verschwiegen
+und erst nach Verlauf von Jahren erzählt. Auch Pastor Manthey ist
+inne geworden, daß er gegen die losen und leichten Künste der Thrin
+sich nicht mit der gehörigen geistlichen Rüstung gewaffnet hatte, und
+daß sie an ihn durfte; er hat bemerkt, daß ihm ein Dieb an seine
+Schinken und Würste kam, und das ist auch die Thrin gewesen. Denn
+wie manche Nacht ist sie als Katze in Wiemen und Keller und
+Speisekammern geschlichen und hat sich eine Wurst, eine Spickgans
+oder ein Stück Schinken nach Hause getragen! Endlich war es ruchbar
+geworden, daß man oft eine unbekannte graue Katze durchs Dorf laufen
+gesehen und daß auch andern Leuten auf eine ähnliche, unbegreifliche
+Weise manches abhanden gekommen war. Da lauerte der Pastor des
+Abends und in der Frühe oft genug auf mit einem geladnen Gewehr; aber
+nimmer hat er den schleichenden Dieb erwischen können. Endlich aber
+ist ihm die Katze mal in dem Garten in den Wurf gekommen, als er
+Sperlinge schießen wollte, und er hat ihr unverzagt aufs Leder
+gebrannt und sie mit humpelndem Fuß über den Zaun springen und
+jämmerlich miauen gehört. Der Schäfer aber, der hinter dem Garten
+eben mit den Schafen vorbeitrieb, als der Mantheysche Schuß fiel, hat
+erzählt, es sei neben ihm ein altes Weib über den Weg hingehinkt, die
+habe jämmerlich gewinselt und geheult, und sie habe ihm geklagt, des
+Krügers großer Hund habe ihr den Fuß blutig gebissen. So sei sie
+über die Zudarsche und Schoritzer Heide fortgehumpelt, und man habe
+ihr Gewinsel noch lange aus der Ferne hören können. Und das war
+wirklich die Thrin aus Günz gewesen; der Pastor hatte ihr das linke
+Bein durchschossen.
+
+Dieser geistliche Schuß gab einen großen Glückswandel. Thrin lag
+wohl ein Vierteljahr elend im Bette; dann sah man sie wieder, aber
+sie humpelte mit einem lahmen Beine und erzählte den Leuten, sie sei
+beim Äpfelschütteln vom Baum gefallen und habe sich dabei das Bein
+verrenkt. Nun ging es ihr aber schlimm. Weil sie nicht mehr so
+flink auf den Füßen war als sonst, so konnte sie, wann die Begier zu
+hexen mit plötzlicher Lüsternheit in ihr aufstieg, nicht mehr
+geschwind zu andern oder zu Fremden kommen, sondern mußte ihr Eigenes
+behexen. Da ward denn fast täglich irgend etwas verdreht, gelähmt
+oder umgebracht. Bei Tauben, Hühnern und Gänsen fing es an, und mit
+dem großen Vieh hörte es auf. Und wieviel der alte Jochen Wulf sie
+auch prügelte, das half alles nichts; die Hexenlust ist ein
+unauslöschlicher und unbezwinglicher Trieb. Als also alles Federvieh
+verdorben oder erwürgt war, da ist die Kunst über die Ferkel und
+Lämmer hergefahren, darauf an die Kälber und Schafe, endlich an die
+Kühe und Pferde. Der Bauer hat nun immer wieder neues Vieh kaufen
+müssen, und in solcher Weise ist in ein paar Jahren der Reichtum
+vergangen und das ungerechte Teufelsgut zerronnen. Ja, ihr eignes,
+einziges Kind hat sie zum Krüppel hexen müssen; und der alte Wulf ist
+aus Angst, daß ihm zuletzt ähnliches widerfahren möge, in die weite
+Welt gegangen und ist auf immer ein verschollener Name geblieben.
+Einige erzählen aber, die Thrin habe ihn verwandelt und habe wegen
+seiner Sünde die Macht dazu gehabt, weil der alte Schelm um ihre
+Hexerei gewußt und die Früchte davon gehehlt und mitgenossen habe;
+und so müsse er nun als ein greulicher Werwolf rundlaufen und die
+alten Weiber und Kinder erschrecken. Die Thrin aber sei nach der
+Flucht des Wulf als eine arme Bettlerin aus der Wehr geworfen und
+habe zuletzt in Puddemin gewohnt, sei aber zuzeiten immer noch hin
+und wieder als eine lahme Katze oder Füchsin umgegangen oder habe als
+eine lahme Elster auf Bäumen und Dächern herumgehüpft; endlich aber
+sei sie vor das Gewehr eines Freischützen geraten, wodurch die
+Katzengestalt für immer festgemacht worden. So haben viele Leute sie
+öfter als eine wilde, graue Katze an dem Günzer Teiche sitzen gesehen,
+auch als kein Haus mehr dastand; auch haben andere es dort um die
+Mitternacht häufig miauen und prusten und pfuchsen gehört, daß ihnen
+vor Grauen die Haare zu Berge standen.
+
+
+
+
+De Kröger van Poseritz
+
+
+Im Lande Rügen nich wiet van de Olde Fähr etwa eene Mil vam Sunde is
+een Karkdörp, dat het Poseritz. Då wahnde mal een riker Smitt, un de
+hedd ook eenen swarten Pudel, de kunn afsünnerlichste Künste. Dat
+Deerd was to sinen Künsten so klook und haselierig, datt de Smitt, de
+mit siner Smed eenen Krog helt, dat Hus jümmer vull Lüd hedd. De
+Pudel was so god, as hedde de Mann alle Dag Poppenspill edder eene
+heele Bande Kumödiganten im Huse hett. Dat gaff schöne Penning un
+klung hell in den Büdel herin; äwerst o weh! wo hett et toletzt för
+de arme Seel klungen! De Kröger wurd een riker Mann dör sinen Pudel,
+denn alle Lüde drögen ein dat Geld to un wullen den Pudel sine Künste
+spelen sehn. Se seggen, de Pudel wahnde nich egentlich bi dem Smitt.
+Denn des Dags hett man em då nich sehn; man in der Schummering kam
+he un bleef bet in deepste Nacht. He was äwerst een van de
+höllischen Schatzwächters ut den Bargen bi Gustow, worunner de olden
+Heiden mit ehren Schätzen begrawen liggen. Un då müßt he des Dags
+unner der Erd liggen un um de Middnacht as Wächter herumwedeln. Un
+he mag dem Kröger woll jeden Awend een paar Dukaten in den Poten
+mitbröcht hebben. Denn de Kröger wurd in weinigen Jåhren een
+steenriker Mann un buwede sick sinen Krog torecht as de Poseritzer
+Propost un Eddelmann un köfde sick eenen Morgen Land äwer den annern.
+Äwerst wo leep ditt lustige Spill toletzt henut? So rückt alle
+vörbadene Lust der Minschenkinder to Anfang as Liljen un Rosen;
+äwerst ehr Ende het Gestank. De swarte Nachtwächter bleef weg un kam
+nich mehr in't Hus. Un de Smitt was ängstlich un verstürt, un de
+Gäste fragden nah dem Hund. Denn sede de Smitt: "Man mütt mi den
+Hund stahlen hebben edder ook hett en Deef en doodslagen un ingrawen."
+Doch was dem armen Kerl nich woll um't Hart, un he sach går
+nüsterbleek un bedröwt ut, so datt de Lüde nich begripen kunnen, wo
+een vernünftig Minsch sick äwer een unvernünftig Deerd so grämen künn,
+un allerlei bunt Gerede drut entstund.
+
+So weren een paar Weken vörleden, un eenen Sündagawend, as de Kröger
+mit veelen Gästen üm den Disch satt un Kårten spelde, hürden se wat
+dör de Luft susen un gegen dat Finster slan, un en düchte, dat was
+een swarter Pudel. Un allen kam een grausamer Gruwel an, un se
+mügten nich upkieken gegen dat Finster. As se sick äwerst wedder een
+beten besunnen hedden, sproken se lang dåräwer; de Kröger äwerst satt
+still achter dem Awen un let den Kopp hängen. Un se foppten sick
+toletzt unner eenanner, wer woll dat Hart hedd, herut to gahn un to
+sehn, wat då were. Un een Snider nam sick de rechte Sniderkrauwagie
+un begehrde eenen Gesellen, de dat Aventür mit em wagen wull. Un et
+fund sick eener to em, un se gingen in den Gården, wo dat Finster
+herutging, un süh, då lag een dooder, swarter Pudel, den de
+Snidergesell recht god kennde. Un se meenden nu all, man hedde dat
+dem Smitt tom Schabernack dhan, wiel de Pudel em as een güldnes Hohn
+was, un een Fiend un Schelm hedde den dooden Hund so gegen dat
+Finster smeten. Un se gröwen een Loch an dem Tun und leden den Pudel
+dårin und sett'ten sick dårup wedder tom Spill dal. Äwerst de
+Smitt satt achter dem Awen un sede keen Starwenswurt un was sehr
+trurig. Un as se wedder van besten Künsten de Kårten flegen leten un
+uttrumfden, fung dat buten wedder an to susen un to brusen, un Kling!
+sede dat Finster, un de Pudel flog äwer den Disch un föll in de Stuw
+dal, un de meisten Gäste, de üm den Disch seten, föllen vör Schreck
+van den Bänken un krüzden un segneden sick. De tappre Snidergesell,
+de een Hart hedd gröter as sin Natelknoop, nam den Pudel un smet en
+tom Finster herut; un de Gäste nehmen ehre Höd van der Wand un makten
+sick up de Beenen. Un knapp was eene halwe Stund vorgahn, då sede
+dat wedder Kling! un de Pudel föll to'm tweeten Mal in de Stuw. Då
+lag he bi dem bedröwten Wirt bet an den hellen, lichten Morgen, denn
+de arme Minsch bleew alleen sitten, un Fru un Kinder un Gesellen
+weren to Bedd gahn. As äwerst de Sünn upging, was de Pudel weg, un
+keen Minsch wüßt, wo he stawen un flagen was. He hedd äwerst eenen
+grausamern Gestank as dat schändlichste Aas nah sick laten. Un up
+desülwige Wis is dat Greuel düslingto alle Nacht dörcht Finster edder
+dörch de Dören, ja dörcht Dack un de Wänd flagen; un hulpen keene
+Breder un Rigel, un ick glöw, he hedd sinen Weg dörch Stal un
+Demantsteen braken. Se gingen hen un begröwen den Hund mit grotem
+Staate; se brukten Segen un Bespreken äwer siner Gruft--alles umsüs:
+he kam jümmer wedder. De arme Smitt grep to un makte sick eene
+annere Stuw torecht, he tog ut bawen herup in een Stüwken unner de
+Auken, he meende sick to vörsteken; äwerst de Pudel hedd em eene to
+fine Näs, jümmer flog he herin, wo de Smitt was. Nu ging dat
+natürlich to, dat Krog un Smede bald leddig un vörlaten stunden, un
+datt de Smitt mit Wif un Kindern un mit dem aasigen, stinkenden Pudel
+eensam un alleen sitten un truren müßte. Wat dheed de arme Mann
+toletzt? He ging to un vörköfde alles, Smed und Krog un Acker un
+Gården, un tog van Poseritz weg. Un dem Mann, de dat Hus van em köft
+hedd, let de Pudel ook keene Ruh, un he kunn nich eher ruhig slapen
+vör all dem Gesuse un Gebruse und dem Günsen und Krassen, dat et des
+Nachts bedref, bet he dat Hus afbraken un an eener annern Stell weder
+upbuwt hedd. Don week de Düwel van em, äwerst van dem armen Smitt
+week he nich. Disse hedd de Lade vull Dukaten un wull een Eddelmann
+warden und köfde sick eenen schönen Hoff, de Üselitz het. Äwerst
+wat Eddelmann un Dukaten! Dat ging all to End mit em. De Pudel tog
+mit em in sin Eddelmannshus un husierde so arg, dat keen Knecht edder
+Magd bi dem jungen Eddelmann bedarwen kunn. Tolest satt de arme
+Smitt mit Fru un Kindern un mit all sinem Rikdom heel vörlaten då.
+Un as de Bös em lang nog ängstigt hedd up Erden, hett he em in eener
+Nacht den Gnadenstot gewen. Et was eene schöne, stille Sommernacht,
+keen Blitz un keene Lüchting to sehn, keen Lüftken, dat im Rohr
+spelde, då hebben de Nawers, de üm Üselitz wahnen, plötzlich een
+gewaltiges Für upstigen sehn, un in eener halwen Stund is alles,
+alles, Hus un Hoff un Minschen un Veh un de Smitt mit den Sinigen un
+mit sinem Düwelsgolde to Stoff un Asch vörbrennt west und hett man
+nümmer keene Spur van em sehn. Äwerst een Mann ut Mellnitz, de
+tom Löschen tolopen was, hett eenen swarten Pudel sehn, de mit
+greulich glönigen Oogen dör den Gården un Busch wegstrek un noch lang
+gräselich hülde. So hült de Satan vör Froiden, wenn he arme Seelen
+vörslingen kann.
+
+
+
+
+De Brügg bi Slemmin
+
+
+Ick mütt bi disser Gelegenheit ook noch vörtellen van der Brügg in
+dem Slemminer Holt, wo de Weg nah Zornow utlöpt. Da geit dat gar
+wunnerlich to; wo menniger stolter Rüter hett sick dar den Sand vam
+Pels schüddeln müßt! Denn jede Kreatur weet darüm un wahrschuwt,
+datt et da nich richtig is. As ick een Jung van viertein, föftein
+Jahren was, hödd ick de Koi bi dem Holländer to Slemmin un drew oft
+int Holt, un wenn ick ook dem wilden Jäger sine Hund hett hedd, keen
+Kalf hedd ick achter de Sünn äwer de Brügg kregen. Darüm steit da
+herüm ook jümmer dat schönste un längste Gras, denn dat Veh müßt den
+Verstand verlaren hebben, dat da mit egnem Willen gräsen gahn wull,
+un ick glöw, keen dummer Dreihhals van Schaap edder Goos würd da een
+Halmken anrühren. Un wer des Nachts äwer de Brügg föhren edder riden
+mütt, o Herre Jemerus! wat kost't dat oft vör Künst un Sprüng! Un wo
+snuwen de Perd un zittern un daddern un bäwern vör Angst, datt se
+äwer de behexte Brügg schälen, un scheten up der Brügg in de Knee un
+laten den schumigen Sweet vam Liwe drüppeln, as hedden se een paar
+Mil im Galopp lopen, edder as wenn se in de Lüchting van Kanonen
+springen schullen. De Minsch alleen wett nicks davon, wenn se em't
+nich vörtellt hebben edder wenn he nich in der Nacht kümmt un de Ulen
+und Kraihen in so dickem Swark üm de Düwelsbrügg flegen. Un ditt is
+de Geschicht van der Brügg:
+
+In Zornow was eene smucke Dern, eenes Schepers Dochter, de hedd sick
+dreimal vörjumfert un jedesmal ehr Kind ümbröcht, un de drei Kinder
+in dem Graben bi der Brügg in de Erd steken. Äwerst achter dem
+drüdden Kinde is de Satansundhad utkamen, un se hebben de Dern nahmen
+un se in eenen Sack dhan un bi der Brügg in dem Graben vörsöpt, un
+hebben de Lik van der armen Sünnersche bi ehren Kindekens ingraben.
+Äwerst wat künn tüschen dissen Vördrag wesen? Un't is darnah eene
+dulle un wilde Wirtschaft worden, datt den Lüden de Haar to Barg
+stahn sünt, so hebben sich de flegenden un klagenden Geisterken van
+den Kindekens föhlen un vernehmen laten. Un wer in dem Holte wat to
+dhon hett, dem will ick nich raden, datt he sick lang nah
+Sünnenunnergang edder vör Sünnenupgang da betrappeln lett. Dat piept
+un flüstert un wispert un tutet un hült da denn de ganze Nacht dörch,
+as wenn Katten Hochtid hollen edder lütte Kinder quarren, un
+Ulengequiek un Kraihengeschrei klingt jümmer datüschen. Denn in
+eener hollen Eek äwer der Brügg sitt Dag und Nacht eene olde Ul, un
+dat is de arme Schepersdochter, de in disser Welt keene Rauh findt.
+Un des Nachts mütt se jümmer hen un her flegen van Boom to Boom un
+van Twig to Twig un schreien un quiken, datt eenem de Haar up dem
+Kopp susen, un drei junge Ulen uhuen un flegen jümmer achter ehr her,
+un dat sünt de drei Kinder, de se vermordt hett. Äwerst tüschen
+twelw un een da geit et erst recht lustig, un Gott gnade dem, de denn
+äwer de Brügg mütt. Denn hett sick dat ganze Ulenrik tosam vörgadert,
+un se maken eene Musik in der Luft, wornah dat ganze düwelsche Heer
+in der ersten Mainacht danzen künn, un een hungriger Wulf mit
+glönigem Rachen steit an der Eck un hölt eene Baßviol tüschen den
+Beenen un speelt lustig up, un Vöss un Katers un Marten, Ilken un
+Wesel un anner deefsches Nachtgesindel danzt dato. Ick hew't nich
+sehn, äwerst de Smitt in Slemmin hett't sehn. De is mal darunner
+geraden, un he was äwen nich up Gottes Strat, denn he hedd de Äx up'm
+Nacken un wull sick eene junge Eek hauen. Den hebben se terreten und
+terzust--hast du mir nicht gesehen--un so is he to Huse kamen ganz
+terkraßt un verbaast, un sine Oldsche hett em drei Weken eene
+Kindersupp kaken müßt: so hedden de Satansgesellen den armen Schelm
+afängstigt. Dat is äwerst wiß un wahr, wat ick van den Koien un
+Perden vörtelld hew, un keen ordentlich un christlich Deerd un Vagel,
+de van Gott weet, geit in de Eek edder sett't sick da herüm. Ick hew
+all min Dag keenen Vagel in ehren Twigen singen edder zirpen hürt,
+Ulen un Hawks un Kraihen, Rawen und Hesters un anner dergliken
+Düwelsgerät dat süht man woll darup sitten. Mit der Brügg is't äwen
+so; keen ehrlicher Vagel sitt up ehren Pösten edder Geländer, nich
+eenmal eener van den lustigen un näswisen Vägeln, as de Meesk, de
+Quäkstart edder Steenbicker, de sünst so nülich un flink sünt alles
+Holt, wat se man sehn, to besitten un to befladdern. Denn ook de
+allergeringsten un lüttesten Deerdeken weten een beten van Gott, un
+et weiht en ook een beten Wind to, wo wat Gewaltigs un Greulichs
+geschehn ist, un gruweln sick davör."
+
+
+
+
+Schipper Gau un sin Puk
+
+
+Ji hewt woll oftermals hürt, wo veele Hexerei un Töwerei mit Katten,
+Zegenböcken, Heimken un Schorfpoggen drewen ward un wo de olde Fiend
+sick darachter steckt un den armen verbiesterden Minschen in de Höll
+herin spelt. Äwerst dat gifft so veelerlei Töwerei, datt et nich
+to denken noch uttospreken is, un wer schullt't glöwen, datt de Düwel
+listig nog is, in Müggen un Käwer ja in den allerminsten Worm sick
+herintomaken, wenn de vörblendte Minsch nah sinen Dingen lüstern is
+un nah dem Düstern un Vörborgnen snappt? Denn wer hängen will, seggt
+dat Sprickwurt, de kan woll dör eenen Spennenfaden to Doode kamen.
+As ick in miner Jugend in minen Wanderjahren ut minem Vaterlande
+Holsteen nah Rotterdam up Arbeit kamen was, hew ick mennige snurrige
+Ding davon sehn un hürt; denn de Schippers hebben veelen sodhanen
+Awerglowen un mennigerhand heemliche Künste. Ick mag't äwerst nich
+all nahseggen; doch will ick ju eens vörtellen, wat hier bi uns eenem
+Mann ut Barth edder vam Dars in Prerow begegnet is un wovon alle Lüde
+to seggen wüßten, as ick noch een junger Gesell was.
+
+In Barth lewde een Schipper Hinrich Gau, dat was de glücklichste un
+vörwegenste Schipper in der ganzen Ostsee, dem ook alles to Faden
+leep. He unnerstund sick, wat keen anner Schipper dörfte, un se
+seden, he kunn mit allen Winden segeln, un wenn he wull, ook wedder
+den Strom. Soveel was eenmal wiß, he wagde sick herut midden im
+Winter un in dem bösesten Unweder un kam jümmer mit ganzen Masten und
+heelen Segeln davon, wenn de annern Schipp terreten un terspleten in
+den Hawen lepen edder gar so deep vör Anker legen, datt keen
+Minschenoog se wedder to sehn kreeg. Mit dem Gau äwerst ging alles
+vörwärts, as künn he den Wind ut'm Sack schüdden, grad as he'n brukte.
+So was he denn jümmer de erste up dem Platz un makte de besten
+Frachten und ward in wenigen Jahren een riker Mann, datt se en den
+riken Schipper edder den riken Gau nömden. Dat Ding hedd äwerst so
+sinen egnen Haken un um all dat Gausche Glück un Geld mügt ick an dem
+Haken nich hängen, woran Gau fast was. Denn de Lüde munkelden so wat
+van eenem blanken Käwer edder eener grönen Pogg in eenem Glase; un
+dat was sin Puk, de em den Wind un dat Glück makte, un de Matrosen
+wullen dat düwelsche Ding unnerwielen sehn hebben, wenn't stief
+weihde edder de Nacht gefährlich düster was, wo't as een lütt winzig
+Jüngiken in eener swarten Jacke eene rode Mütz up'm Kopp up dem
+Schipp herümleep un alles nahsach, edder ook as een old gris Männiken
+mit eener kritwitten Parück up dem Kopp, dat am Stürroder satt un in
+den Häwen keek un dem Schipp den Weg wisde. Un se vörtellden ook,
+datt de Schipper sine blanken und grönen Düwelskamraten sehr prächtig
+plegde in eenem aparten Schrank in siner Koje, wo keen Minsch
+hensnuwen dörft, un datt he en da jümmer söten Muschatwin un Rosinen
+un Figen hendrog. Denn de in der bittern un suren Hölle wahnen,
+laten sick am lichtesten mit Zuckerbackels un Nüdlichkeiten locken un
+festholden, wenn man se to sinem Deenst anbinden will.
+
+Dat Glück was up disse Wis un mennigen schönen Dag mit dem Schipper
+Gau up der Fahrt west, un he vörstund sine Geisterkens to regieren,
+un se weren em up't Komando gehursam un willig. Äwerst toletzt
+vörsach he sick eenmal, un de Düwel slippte em los, un drew sin böses
+Spill so schrecklich, datt jeder sehn kunn, wat et was. Schipper Gau
+was mit eener riken Ladung ut England kamen un sin Schipp lag up dem
+Strom der Sundschen Rhede vör Anker. He was eenen Dag in de Stadt
+fahren, un Gott weet, wo't geschach--denn süs ging he den Dag
+weinigstens wohl dreimal an Burd--he was in een woist Gelag geraden
+un se hedden so deep in't Glas keken, datt Gau Schipp un Puk un de
+ganze Welt vörgatt. So hedd unser Schipper twee utgeslagene Dage in
+Stralsund vördrunken, un sine Dinger, de he hungern let, weren
+grimmig worden, hedden de Gläser terbraken, worin se seten, un blösen
+eenen Storm up, datt dat Schipp anfung mit allen Segeln to spelen un
+sick von allen Ankern losret. De Lüde, de up der Brügg un Lastadie
+stunden, vorwunderden sick--denn bi de Stadt weihde kum een
+Lüftken--wo dat Schipp rundküselde as een Swin, dat to veelen
+Branwinsbarm sapen hett. Un et wurd een grot Geschrei, un veele
+Schippers lepen herbi un ook Schipper Gau. He kreeg flugs een paar
+von sinen Matrosen un eenige annere Waghälse tohop, löste sin Boot un
+leet de Remen knarren un reep: "Frisch Jongs! frisch! wenn ick an
+Burd kam, schälen mine Kerls voll wedder to Loch, se kennen min
+Komando woll." Un Gau kam richtig an dat Schipp, dat sick jümmer
+rundüm küselde, as wenn't in eenem Strudel stack. Alle annern Schipp
+rührden sick nich, as wenn för se keene Luft weihde, un was een heel
+moj Wäder. Äwerst de kecke Gau hedd sick dittmal to veel vörmeten;
+sine Bürschchen, de weegn des langen Hungers to grimmig weren, leten
+sick van em weder locken noch hissen; se makten jümmer gewaltigern
+Storm un dullere Arbeit un küselden toletzt so arg, datt Schipp mit
+Mann un Mus to Grund gingen.
+
+To der Tid ging mennig Gerede mank de Schippers hen un her, un veelen
+is woll bang worden; äwerst ick glöw, et gifft noch van der Art, de
+ehre lütten Düwelkens in Schachteln un Gläsern mit an Burd nehmen.
+
+
+
+
+De witte Fru to Löbnitz
+
+
+In Löbnitz ging de Red, datt eene witte Fru bi nachtslapender Tid
+rundging. Ehr Gang was van der Bleke äwer dat Steg, dat achter dem
+Backhuse up der Beek liggt, dörch dat Backhus üm den Schaapstall un
+üm de grote Schün, un denn gar langsam dör den Boomgarden un
+Blomengarden, wo se oft still stund un sick bückte, as wenn se Äppel
+upsammelde edder Blomen plückte. Van da ging se toletzt in dat Hus,
+wo se üm Klock een meist ut dem Keller unner der Trepp herupsteeg mit
+eenem Licht in der Hand, waran blage Fünkschen stöweden un dat hell
+upgnisterde. So is se oft sehn üm de Gespensterstund; un ook mine
+selige Moder sede, se hedd se mal schemern sehn. Se plag jümmer an
+der Trepp stilltostahn un sick wunnerlich ümtokiken ook woll de
+Husdör to beföhlen, ob se slaten were; denn ging se langsam un
+potentatisch de Trepp herup un steg to Bänen unner de Oken to den
+Katten un löschte ehr Licht ut. Dat is enmal wiß, keen Minsch ging
+to der Tid gern up de Dele un up de Trepp; un dat was dat
+Besünnlichste, datt keen Hund da je to liggen edder to rasten plegde.
+Un oft is't schehn, datt Mäge, de de Trepp mit Licht herupgingen
+edder des Nachts da wat to bestellen hedden, plötzlich as för dood
+henstörteden un denn elendig krank wurden; un de hebben vörtellt, de
+witte Fru wer en mit dem blagen gnistrigen Licht in den Weg treden un
+hedd se anpust't. Van disser witten Fru vörtellde Johann Geese
+eenmal:
+
+"Mit der witten Fru, de to gewissen Tiden, am meisten im Harwst un
+Winter to Löbnitz ümgeiht, schall man sick woll in acht nehmen, un
+den Düwel nich im Äwermod vörsöken. Dat is een erzböses Wif, un se
+geiht nich vörgäws in der wilden Unruh rund un makt ehrlichen Lüden
+de Nacht gruwlich. Dat's woll hundert Jahr her un länger, datt se to
+Löbnitz würklich lewde un regierde. Se was een rikes un vörnehmes
+Eddelmannswif un se seggen, se kam ut Polen--so schön un witt as de
+witte Dag, datt ehres Gliken van Schönheit kum up der Welt west is.
+Äwerst se was eene leidige Hex un falsch un listig van Grund ut,
+un slimmer as Bollis im Winter; un de olde Fiend hedd ehr den letzten
+Bloodsdruppen vörgiftet, datt ook nich een god Haar mehr an ehr was.
+Se was grausam hoffardig un lichtfardig, solang se jung un schön was,
+un schall ehren olden Mann mit Gift vörgewen hebben. As et äwerst
+mit ehr gegen dat Older ging un se een, drei Stieg Jahr up dem Puckel
+hedd, da vörlet se de lustige Düwel, de im Blood sitt, äwergaff se
+sinem slimmsten Broder, dem hungrigen un kattigen Gitzdüwel, dem
+Düwel, de nich slapen kann, dem rechten Negendöder der Seelen, as de
+Herr Pastor seggt. Nu wurd dat olde Wif eene slimme
+Minschenschinnerin un Lüdplagerin un kratzte ut dem Blood und Sweet
+der armen Lüde Gold in Hupen tosam un vörgrof't an veelen Stellen.
+Un as se endlich van disser Welt weg müßt, is't ehr tor Straf sett't,
+datt se up desülwige Wis, as se annern keene Rauh un Rast günnt hett,
+ook im Grawe noch keene Rauh finden schull. Darüm mütt se nu ümgahn
+in der doistern Nacht, wenn alle frame Kreaturen un christlichen
+Minschen slapen, un de hungrigen Wülw und Vöss un Marten un Ilken un
+anner sodhan Tüg alleen up den Beenen sünt. Denn mütt se herut in
+Hagel un Snei un Wind un Regen in dem witten Doodenhemd mit dem
+gefährlichen Licht in der Hand. Un wiel se im Keller un in der Bleke
+dat meiste Geld vorgrawen hett, darüm mütt se dar am meisten ümlopen.
+De Herr hett woll de Löcher sehn, de de Schatzgröwers dissen Winter
+up der Bleke upwöhlt hebben? Äwerst de dummen Narren! da ward
+keen Minsch wat finden. Denn je slimmer de Minsch ist, de Geld in
+der Erd vörgröft, desto grötere Macht hett de Bös äwer den Schatz un
+desto deeper kann he en to sick heruntertrecken. Un wer seggt uns,
+wo veele dausend Faden deep he ehre Geldkasten in de Erd
+herunnerslaken hett? Dat is ook wahr un is dör veele Teken bewist,
+datt düslike vordammte Seelen, de im Graw keene Rauh hebben, van Gott
+brukt warden de Slimmen in Tucht to holden. Denn wer in vörbadner
+Tid as Sliker edder Deef herümlurt un wat söcht, wo he nicks vörlaren
+hett, un dem witten Wiwe in den Wurf kümmt, mit dem dörft se affahren,
+as't ehr geföllt, wenn he nich noch tor rechten Tid een himmlisch
+Gewehr ergrippt, as een Evangelienbook edder een Gebet, dem Gott
+anmarkt, datt et nich tom Spaß ut der Kehle geiht. Dat hett sick vör
+een twintig Jahr begewen. Da was in Langenhanshagen een Snider, de
+het Jakobs un was as een Töwerer un Deef vörropen, de des Nachts
+selden in sinem Bedd sleep. Den funden se eenes Morgens to Löbnitz
+an der Eek achter dem Backhus, wo de Steg äwer de Beek geiht. O je!
+wo bummelde de grote Kramsvagel! un wo frisch weihede dat
+Sniderhoiken im Wind! He was mit eener frischen grönen Wide upknüppt.
+Sine Fründschaft sede woll, datt he sick woll sülwst een Leed
+andhan hedd; äwerst wi weten dat beter: sine Uphengersche lewt noch."
+
+
+
+
+De Prester un de Düwel
+
+
+Starkow hett jümmer deege Presters hett, de as unser Pastor Scheer
+den Minschen woll an't Hart to kamen un den Düwel, wenn he sick nich
+gar to sehr inwörtelt hett, uttodriwen vörstunden. Un wet de Herr,
+wo dat herkümmt? In olden Tiden, as de Heiden hier utdrewen un Gotts
+Wurt un dat bloodige Krütz predigt wurden, was disse Gegend hier üm
+Starkow Redbaß un Löbnitz nicks as Holt, Heid un Morast, wo hier un
+dar een Mann in sinem Hüsken wahnde. Da kam ook een Pastor un de nüe
+Kark schull buwt warden; äwerst der Lüde was wenig un dat Weinige ook
+noch arm. De Pastor is een sehr gottsfürchtig Mann west un klok dabi
+un hett veel hen un her sunnen, up wat Wis he Gotts Wark vollbringen
+un sinem hilligen Wurt eene Stad bereiden künn. Un da is em de Düwel
+infollen, de olde Schalk un Seelenfänger, de sick oft bi em infund,
+wenn he sine stille Bedstund in sinem Kamerken helt. Denn he kennde
+en woll, wenn he sick as eene swarte Fleg up sine Bibel settede un
+darup herümwipperde. Denn de Stank blef nah, wenn de Fleg wegflog.
+Un de kloke Herr hett den Düwel mit List dran kregen un bedragen, un
+Satan hett sweeten müßt, datt em de höllschen Druppen äwer de Näs
+lepen. Un in drei Dagen hett de Kark fix und fardig da stahn, as de
+Herr se noch süht, un is eene van den öldesten in Pamerland, un ehr
+Baumeister hett se nich mit inwihen helpen dörft. Äwerst dat mütt
+man em laten, so slimm de olde Fiend is, he hett eene grote Dägd, un
+dat is de Dägd der Geduld un Arbeitsamkeit, datt he sick nicks
+vördreten lett, wat to sinem Geschäft hürt--un datt künn een
+Christenminsch sick ook woll van dem Doiwel leeren laten. Wo sehr de
+kloke Prester en ook vexirrt un narrt hedd, he makte een fründlich
+Gesicht dato, un kam jümmer wedder un frog sinen Kunden, ob he em
+noch nich in wat denen künn un ob he nich noch eene kleene Arbeit för
+en hedd. De Prester öwerst fürchte sick vör dem Schelm, datt he en
+doch beluren mügte, un wull nicks mehr mit em to dhon hebben.
+
+Nu was da een Dörp, dat nah Starkow in de Kark ging; dat lag achter
+dem Holt heel nah, un de Pastor müßt oft dahinriden. Äwerst so
+nah dat Dörp ook lag, was't wegen Unwegsamkeit doch een
+Dreiviertelwegs. Denn he müßt eenen wieden Weg maken äwer Oldenhagen
+un üm den groten Wald herüm, wiel in dem Holt een deeper Morast was,
+wo man alleen im Sommer äwer kunn. Da föll dem Pastor eenes Dages in,
+ob he sinen Werkmeister nich wedder bruken un dran kriegen schull.
+Un as de Düwel eenmal wedderkam, slot he den Handel af mit em un
+besprack sick mit dem Bösen: He schull em in drei Dagen den Weg dör't
+Holt un eenen Damm äwer den Morast maken, un he wulle mit Lif und
+Seel sin wesen, wenn he en betrappelde, datt he man eenen Strohhalm
+breet ut sinem Vörbeet ging. De Prester satt awerst in sinem Garden
+unner eenem Boom un las de Predigt äwer, de he den nächsten Sünndag
+holden wull; un sin Swur was: "Düwel, wenn du in drei Dagen den Weg
+un Damm dör dat Holt to der Horst fardigkrigst, so schast du mine
+Seel nehmen, wo du se findst, wenn ick nich mehr up dissen minen
+Vörbeet stah." Un de Düwel schmunzelde in sinem Sinn un dachte: Den
+Vagel hest du fangen; denn wo will de dumme Prester dat woll anfangen,
+datt ick'n nich mal uter sinem Vörbeet treffen schall? Dat Lewen is
+lang un de Gedanken sünt kort un ehr Beten van Faden ritt licht af.
+Un he ging lustig weg un makte sick an de Arbeit, haude Eeken af un
+makte Brüggen un slepte Steene un karde Sand, un ehr drei Dag üm
+weren, stund de grade Weg da un lag de schöne Damm fardig, so schön
+un glatt, datt een Könnig mit Lust dräwerfahren kunn. Un he kam to
+dem Prester un sede: "De Weg un de Damm sünt makt." Un he lurde em nu
+up, wo he en faten un begigeln künn.
+
+Un kum vergingen een paar Dag, so nam de Prester sinen Stock in de
+Hand un ging den Weg nah Redbas herut, sick sine Brewe un Zeitungen
+van der Post to halen. Un as he kum an de Brügg kamen was, wo de
+Sched is tüschen de Redbasser un Starkower Feldmark, wipps, hast du
+mir nicht gesehn, was de olde Grising da in sinem roden scharlaken
+Tressenrock un mit sinem Hahnenfoot, wippelde as een Hester üm dat
+kranke Küken, üm den Prester herüm, un stellde sick achter em up den
+Weg, datt he em nich wedder torügg lopen künn. Un he grüßte en up
+sine döwelsche Wise gar fründlich un reep: "Willkamen, Presting! Nu
+müßt du mal mit mi kamen un tosehn, wo't sick in der Höll lewt un ob
+du se denen Buren richtig utleggt hest. Wo steiht et? Hest du din
+Fell brav insmeert, datt et in der Hitt nich springt?" Un as de Düwel
+disse spötsche Red dhan hedd, makte he sick an den Prester un wull en
+packen; äwerst he kunn nich! Denn em kam een Gruwel un Grusen an, as
+wenn he mit sinen Klauen in kold Is tastet hedd. Un de Prester
+lachte mit grotem Vergnögen, blos em ut siner Pip den Tabaksrook in
+de Näs un sede: "Holt, Düwel! da is noch een Sticken vör, datt du
+nich herin kannst. Markst du, datt ick up minen Vörbeet stah? Un
+damit du Schlangenschelm et begrippst un in dinen Düwelsknaken
+zitterst un bäwerst, so kumm her un seh!" Un de Prester tog eenen
+Stäwel ut un wieste dem Düwel, datt he drei, vier Bläder ut dem
+Evangelienbook in sine Socken inneiht hedd. Un de hedd he ook in
+sinen Stäweln hett, as he im Garden den Eid swur un sinen Handel äwer
+den Weg dör't Holt afslot. Un de rode Düwel wurd vör Grimm blaß un
+bleek as de Kalk an der Wand un schämde sick un vörzagde an dem
+Prester, un neihde ut, as wenn em Für unner den Salen brennde, un
+hett sick sin Leder nich mehr bi em sehn laten. Un de Prester hett
+as een gottselig Mann lewt, un is so storwen, un de Kark steiht bet
+dissen hütigen Dag, un de Damm liggt noch un führt den Namen sines
+Baumeisters, het de Düwelsdamm; äwerst nahgrad wer't woll nödig, datt
+man den Düwel eenmal wedder dran krege tom Utbetern; denn he hett
+vördammt veele Löcher. Un wenn man ditt so bedenkt un de olden
+Geschichten hürt, so mag man sick woll wundern, datt de Presters nu
+tor Tiden so weinig känen un den Düwel nich mehr am Strick hebben.
+Se segen, de olde Herr van der Finsternis un Düsternis is dood un
+lewt nich mehr, äwerst se känen't nich bewiesen un ick glöwt nich;
+denn he reckt sine Tatzen noch oft nog hervör. Un wahrhaftig leider
+Gotts! an dem Düwel fehlt et nich, man de rechte Glow fehlt un de
+rechte Leewe, de rechte fürige himmlische Leewe, de de ganze
+vullgeproppte glönige Höll un alle Millionen Düwels mit eenanner
+utbrennen un in Asch vörwandeln kann. Un darüm vörseggt en dat Hart,
+et mit em uptonehmen. De Olden vörstunden't beter un wüßten den
+Spruch mit der Dhad uttoleggen: West klok as de Slangen un eenfoldig
+as de Duwen. To der Tid, as de Düwel Karken und Klöster buwen müßt,
+gaff't gottskloke Lüde; nu äwerst sünt se düwelsklok un negenklok un
+äwer all der Klokheit is de Vörnunft dumm worden, wo se de goden un
+slimmen Geister mit eenem Blick underscheiden un den Engels und
+Düwels in Christo begripen un den Lüden utdüden kunnen. Se söken den
+leewen Gott in der Welt, wo he is un ook nich is, un nich in der
+Bibel, wo en jeder finden kann, dem Negenklokheit de Oogen nich
+vörglastert hett. Weer he so säker un wiß up der Landstrat to finden,
+so were de leewe Heiland jo ümsüs vam Himmel herunnerkamen, sin
+dürbares Blood am Krütz för uns to vörgeten.
+
+
+
+
+De Wewer un de Steen
+
+
+De Herr hett woll dat steenerne Krütz sehn, dat am Wege steiht, wo
+man van der Löbnitzer Mähl nach Redbas geiht. Da lag vör dissem een
+Steen, de was in twee Stücken tersprungen. Den hebben se wegnahmen,
+as de Fürst Hessenstein de prächtige Redbasser Brügg buwen let; un
+dat is schad, denn de Steen hedd wat in sick, un't was eene Geschicht
+mit em, woran sick Mennigeen spegeln un wobi jeder Wandersmann, de
+vörbiging, sine goden Gedanken hebben kun; un he was recht een
+Wahrnagel för de Deewe un för alle falschen Nachtslikers. Nu he
+äwerst weg is, ward et woll to swind vörgäten sin, un wer weet, wo
+lang dat Krütz noch steiht, denn nu is de Tid da, wo se alles
+umkehren un dat Olde vörachten.
+
+Vör langen langen Tiden, lang vör Minschengedenken, wahnde in Redebas
+een Wewer, dat was een groter Schelm. He wewerde äwerst nich
+veel--denn sin Wewstohl stund jümmer still--äwerst he grep to eener
+Kunst, wodör man een lustig Lewen holden un swind rik warden kann; un
+de Düwel hedd to sinem Gespinst den Inslag makt, un nu mag de arme
+Stacker tosehn, wo he dat Netz utrawweln will, dat he sick sülwst
+wewt hett. Des Nachts, wenn de ehrlichen Lüde slapen, was min Wewer
+jümmer flink mit sinen Gesellen up den Beenen, un fette Swin un Gös,
+de de Bur den annern Morgen tohauen wull, un Schinken un Mettwurst un
+mennig swarer Immenrump un blanker Schepel Weiten kam int Hus, un
+nüms wußte, up wat för eenem Wege. Dat äwerst wüßten alle Lüde im
+Dörp, datt de Wewer ful was as de Oss üm Wihnachten un datt he fedder
+lewde as de Schult un Vörwalter. Un se munkelden woll unner sick, he
+were een Deef un Röwer un stünd' ook mit dem olden Draken im Vörbund,
+de em alles todröge; äwerst bewiesen kunn em't keener. Nu begaff
+sick't eenes Dages, datt unser Meister Urian mit sinem Gesellen dem
+Löbnitzer Möller eene Nacht in de Mähl brok, un datt jeder sinen Sack
+Weiten furtdrog. Glik drup kam de Möller mit sinem Burschen, un se
+funden de Mähl apen un den Weiten weg un lepen up den Wegen herut, ob
+se nüms gewahr warden künnen. Un se kemen ook up den Redbasser Weg
+un packten unsern Wewer, de mit sinem Weiten up eenem groten Steen
+satt; de Gesell äwerst was wiet vörut. De Möller un de Mählenbursch
+nehmen nu unsern Wewer tüschen sich un prügelden en deeg af, un darup
+müßt he sinen Weiten wedder upsacken un mit gewaltigem Pusten un
+Stänen nah Löbnitz bet an dat Möllerhus dregen. Da hölden se en fest,
+denn se meenden ganz säker; datt he de Weitendeef were. Un den
+annern Vörmiddag was groter Gerichtsdag to Löbnitz. Un de Wewer hölt
+sick stif und lögnede alles, un lede sware Klag up den Möller un den
+Mählenburschen, datt se en as eenen Deef festholden, up der Landstrat
+slagen un em sinen egnen Weiten afnahmen hedden. "Denn"--schreide
+he--"ditt is min Sack (he hedd äwerst sinen egnen Sack mit sinem
+Namenteken mitnahmen un den Weiten darin schüddet) un de Weiten darin
+is min Weiten, den ick mi gistern Awend van dem Buren to Holthof
+köfft hew. Un wenn ji't nich glöwen willt, so schickt hen un latet
+den Buren halen un fragen, un wenn he seggt, datt ick den Weiten van
+em nich köfft hew, will ick nu un ewig een Schelm heten." Un se
+schickten nah'm Holthof, un de Bur sede ut, as de Wewer bedürt hedd;
+denn he stack ook mit drin un was een Afflegger un Deewshehler. Un
+nu wüßte de Richter keenen annern Rat, he hölt den Wewer woll för
+eenen Deef, äwerst he kunn em't nich up't Lif seggen, un darüm müßt
+he en tom Swur laten. Un he nam den Möller un den Mählenburschen un
+den Wäwer, un se gingen mit eenanner to dem Steen un dem Krütz up der
+Heid am Wege, wo de Möller en packt hedd, un da vörmahnde he den
+Wewer noch eenmal, Gott de Ehre to laten, wenn he sündigt hedd, un
+leewer sine Sünd to bekennen un de Straf to liden, as eenen falschen
+Eid to dhon un ewig in der Höll to braden. "Denn"--sede he un sach
+den Schelm dabi sehr ernsthaftig an--"disse Steen wat woll tügen
+gegen di, wenn du falsch swerst, un disse Durnbüsche warden de Köpp
+äwer di tohop stecken un Weh und Zeter äwer di schreien." De Wewer
+äwerst let sick nicks anfechten, he makte sin Hart fast un verschot
+keene Min un schwur frisch weg, datt he unschuldig were an des
+Möllers Dör un Weiten, un sprack mit frecher luder Stimm: "Lat dissen
+Steen in Stücken springen, un wenn et een muntlos Kindeken weet, datt
+ick de Deef bün, lat et oogenblicklich dat Wurt gewinnen." Un da
+gingen se van dem Steen weder nach Löbnitz torügg, un de Spruch was:
+De Möller un de Mählenbursch müßten dem Wewer Afbidde dhon un för den
+Schimp un de Släge hundertföftig Daler betalen und alle Kosten stahn.
+Dat hedden se noch to ehrem Schaden; de Wewer äwerst strek dat Geld
+in un lachte in sin Füstken, nam sinen Weitensack up den Puckel un
+plegde sick eenen goden Dag van dem Roof un van dem glücklichen
+Geldfang.
+
+Nu was't to spad em totoropen: "Holl up! Holl up!" he was to dicht
+van den Doiwelsstricken bestrickt, un kunn nich mehr herut; sin Wagen
+was loslaten, un lep störtlings bargaf. He dref dat lichte Handwark
+noch een paar Jahr un wurd een Perddeef un Stratröwer un Mörder un
+strek an Galgen un Strick oft hart vörbi. Toletzt äwerst wurde he in
+Rostock fast mit mehrern siner Gesellen, un da kam et ut, datt he vör
+drei Jahren in Kenz een Hus anstaken hedd, worin eene olde Frau un
+drei Kinder vörbrennt weren. De arme Sünder wurd nu utlewert nah
+Redebas, wo he to Hus was, un sin Urtel wurd spraken: He schull an
+dem Pal vörbrennt warden. As he hier satt, dachten se in Löbnitz un
+Redbas wedder an den Weitensack un wo he sick an dem Steen up der
+Heid losswaren hedd. Un de Königliche Amtmann un de Schult leten dat
+Holt, worup he verbrennen schull, dahenführen un richteden em an dem
+Steen sinen letzten fürigen Stol up. Un da hett sick begewen, as he
+in der heeten Qual satt un sinen letzten Lewensschrei van sick gaf,
+datt et unner dem brennenden Holte klungen hett, as wenn een Kind
+weent. Un alle Minschen, de dabistunden, hebben sick vörwundert un
+vörfiert äwer de Kinderstimm, un een old Wif hett seggt: "Da hett mal
+eene Mordhand een Kind in de Erd scharrt, un dat rührt sick nu in
+siner Gruft." Äwerst de Mählenbursch van vörmals, de nu Möller in
+Karnin was un dabistund, reep ganz lude, datt alle Lüd et hürden: "Ne!
+keene arme Sündersche hett ehr Kind da in de Erd vörgraben, da hett
+de Schelm up dat Evangelienbook sin falsch Wurt ingraben, un dat mütt,
+damit de Wahrheit an den Dag kümmt, unner der Erd herutschreien:
+'Wewer, du hest Gott belagen.' Un nu will'n wi sehn, wo't mit dem
+Steen utsüht." Un de Möller vörtellde de ganze Geschicht van dem
+Weitensack un wat de Richter bi dem Steen seggt hed un wo sehr he den
+Wewer up sine ewige Seligkeit vörmahnt hedd, un up wat Wise un mit
+wat för Wurden de Wewer sick darup vörswaren hedd. Un de Lüde
+vörstaunden sick un keener kunn een Wurt spreken vör Schrecken. Un
+as de arme Sünder vörbrennt was un nicks as Asch un Knaken äwrig
+weren, da trat de Möller to dem Steen un rakte mit dem Stock de Asch
+weg van dem Steen, un süh! de Steen was terborsten un in twee Stücken
+zersprungen. Un alle Lüde seden: "Seht! dat is Gotts Finger", un
+gingen in Furcht un Zittern to Hus. Äwerst ob van allen den, de
+dabistunden, ook nich eener mal stahlen hett, daför will ick nich
+godstahn; denn so ward et woll in disser Welt bliwen, so lang se
+steiht.
+
+
+
+
+Die alte Burg bei Löbnitz
+
+
+Nahe bei Löbnitz über grünen Wiesen, wodurch sich das Flüßchen Barth
+hinschlängelt, grünt ein kleiner Eichenwald mit einem durchrinnenden
+Bächlein und den schönsten und dichtesten Haselbüschen, welche sich
+fast jeden Herbst unter dem braunen Schmuck ihrer Früchte beugen. An
+der Südseite des Wäldchens liegt eine Ziegelei, und am nördlichsten
+Ende erhebt sich eine Burghöhe, deren Umwallung ringsum eine Senkung
+umgibt, in welcher die elegischen und zauberischen Sträuche Kreuzdorn
+und Hagedorn, Hollunder und Alf-Ranke, Nessel und Nachtschatten sich
+festgesiedelt hatten und dem Andringer das Aufsteigen fast schwer
+machten; auch hatten die Füchse sich den Wall und sein altes Gemäuer
+zu ihren unterirdischen Wohnungen durchminiert. Dieser alten Burg
+gegenüber erhob jenseits am rechten Ufer des Flusses unweit Wobbelkow
+ein stattliches Hünengrab sein grünbemoostes Haupt, von dessen Gipfel
+man die Stadt Barth mit ihren roten Dächern und in der Landschaft
+umher ein halbes Dutzend Kirchtürme und ein halbes Hundert Höfe und
+Dörfer überschauen konnte. Dieses Eichwäldchen ward nach den
+Trümmern jener Burg gewöhnlich nur zur alten Burg genannt. Hier
+hatte sich nun ein Abenteuer begeben, welches durch alle Münde und
+Mäuler der Menschen die Runde machte: Eine junge, hübsche Dirne,
+welche die Kühe des Zieglers im Busche hütete, war plötzlich
+verschwunden oder entlaufen, und da geschah es, daß die Stimmen der
+Sage sich wieder aufweckten, die oft verschollen ihre Zeit träumt und
+schläft und dann mit doppelter Lebendigkeit wieder in die Ohren der
+Menschen tönt. Und in folgender Weise war die Erzählung des Gärtners
+Christian Benzin:
+
+"Herr, sie sagen so was von der Dirne des Zieglers, die vor vierzehn
+Tagen am hellen scheinenden Mittag verschwunden und nicht
+wiedergekommen ist. Die Leute munkeln, und des alten Schweden
+Sturbergs Jungen aus Wobbelkow, die einem Kalbe nachgelaufen, haben
+es gesehen: Ein Matrose in bunter, rotgestreifter Jacke ist mit ihr
+am Saum des Waldes spazierengegangen und hat einen Blumenstrauß in
+der Hand gehabt, und sie glauben, der habe sie weggelockt und mit
+sich auf sein Schiff genommen. O du Herr Jemine! Das Schiff, worauf
+die Dirne fährt! Soviel ist wahr, den Buntjack werden die
+Sturbergsjungen wohl spazieren gesehen haben, aber meiner Sir so weit,
+als die dummen Leute sich einbilden, ist sie nicht unter Segel
+gegangen. Ich weiß wohl, wo sie sitzt, und Jochen Eigen, den sie
+immer den Edelmann schelten, weiß es wohl noch besser, aber der
+schämt sich und sagt's nicht und verrät nichts von seinen
+Hausheimlichkeiten, als wenn er mal ein wenig zu tief ins Glas
+geguckt hat." Und bei diesen Worten machte der Gärtner Christian eine
+gar absonderliche und verwunderliche Miene.
+
+"Nun, Benzin, nur her mit Euren Geschichten! Jetzt, hoffe ich,
+wird's einmal wohl ans Licht kommen, warum Ihr bei dem Namen alte
+Burg immer so wunderliche Reden und Gebärden braucht. Hier muß es
+irgendwo stecken, daß Ihr auf der Jagd nie in diesen Busch hinein
+wollt und mit leichten, diebischen Katzentritten an seinem Rande
+umherschleicht oder Euch in gehöriger Entfernung Eure Stelle anweisen
+laßt. Darum habt ihr, als die schönen Mamsellen aus Barth jüngst
+dahin Nüsse pflücken gingen und noch andere hübsche junge Frauen
+mitgehen wollten, so wunderliche Gesichter geschnitten und sie in den
+Löbnitzer Wald auf den Kamp zu laufen verlockt, wo man unter den
+Pfriemenbüschen wohl Hasen und Füchse aufjagen, aber keine Nüsse
+schütteln kann. Es muß was Besonderes mit diesem Busche sein. Und
+nun heraus damit! Ich lasse Euch diesmal nicht los."
+
+"Ja, Herr, dies ist Euch ein Busch! hier ließe sich viel erzählen,
+und wer eine hübsche Frau und schöne Tochter hat, der lasse andere
+Weiber in diesen Busch Nüsse pflücken gehen. Ich sage nur soviel:
+wie manche hübsche Jungfer würde ihr Herzleid zu erzählen haben, wenn
+sie sich nicht schämte! Ich erinnere mich noch, mein Vater hat mir's
+erzählt,--es sind wohl ein paar Stiege Jahre her--da waren ein paar
+schöne Jungfern aus Barth gekommen Nüsse zu pflücken, und sie sind
+hier im Wäldchen verschwunden. Man hat die Verschwundenen tage- und
+wochenlang gesucht, wie man Stecknadeln sucht, bei Sonnenlicht und
+Laternenlicht, aber keine Spur von ihnen gefunden, kein Mensch hat
+sie wiedergesehen. Mein Vater sagt, es sei große Wehklage und Trauer
+um sie gewesen--denn es waren Kinder ehrsamer und reicher Leute--und
+zuletzt in Kentz und Starkow und in allen Kirchen umher mit den
+Glocken um sie geläutet, als hätte ein Wolf oder Bär sie gefressen.
+Aber deren gibt's hier nicht; ich weiß wohl, wer der Wolf ist. Und
+doch hat sich's wunderlich genug offenbart: sie waren nicht von
+wilden Tieren aufgefressen, sondern nach acht bis zehn Jahren von
+Vergessenheit und Verschollenheit sind sie mit einemmal noch ganz
+frisch und blank wieder unter den Lebendigen aufgetreten und haben
+sich nichts merken lassen. Aber die Leute haben doch eine Art Grauel
+vor ihnen angewandelt und haben ihrer Jungferschaft nicht recht
+getraut, und die armen hübschen Mädchen haben zuletzt als alte
+Jungfern sterben müssen.
+
+Und nun will ich erzählen, was Jochen Eigen mir erzählt hat, der
+diese Geschichten am besten weiß; aber er wird sich hüten sie dem
+Herrn zu erzählen. Und dann wird der Herr verstehen, warum ich
+hübsche junge Frauen und Mädchen nicht so leichtfertig in den Wald
+laufen lassen will, und warum ich neulich krank ward, als ich die
+Nacht bei dem Fuchsbau am Burgwall, wo sie gegraben hatten,
+Schildwache stehen und die jungen Füchse, wenn sie etwa heraus
+wollten, zurücktreiben sollte.
+
+Vor langen, langen Jahren war Jochen Eigens Urgroßvater*, ein
+prächtiger, stolzer Edelmann, so prächtig und steinreich, daß er den
+Zaum seines Pferdes mit Juwelen besetzte und in einem goldnen
+Steigbügel saß. Dieser hatte im Lande Rügen und auch hier im
+Pommerlande viele schöne Höfe, Wälder und Bauern, so viele, daß man
+sie nicht zählen konnte--ein prächtiger, stolzer Mensch, der mit
+sechsen vom Bock fuhr, einen Läufer vor sich herlaufen und seine
+Pferde in langen Strängen springen ließ. Aber es war ein wilder,
+verwegner Mensch, der nichts von Gottes Wort und Wegen wissen wollte,
+ein toller Jäger und Reiter und ein greulicher Weiberjäger, der wie
+der Falk auf die Tauben, auf die schönen Dirnen lauerte. Diesem
+Eigen hat in jenen alten Zeiten auch Löbnitz und Diwitz und Wobbelkow
+gehört, und hier bei Löbnitz hat er im Walde ein prächtiges
+Burgschloß gehabt mit vielen Türmen und Fenstern, wo er manche schöne
+Nacht durchschwärmt und durchtrunken und mit seinen lustigen Gesellen
+bei Wein und Weibern bankettiert hat. Und dort auf dem hohen
+Hünengrabe an dem andern Ufer, dort am Wege zwischen Redebas und
+Wobbelkow, hat er sich ein prächtiges, aus eitel gehauenen demantenen
+Steinen gebautes Lustschloß hingestellt. Da ist er oft hingaloppiert
+und hat dort gesessen und mit einem Kieker auf die Landstraßen umher
+ausgeschaut, ob seine wilden Lauscher und Räuber, die er ausgeschickt
+hatte, schöne Weiber einzufangen, nicht irgendwo mit Beute
+heransprengten. Diese armen Gefangenen haben sie dann bei
+nächtlicher Weile, wo andere gute Christenleute schlafen, auf die
+Burg im Walde geschleppt und dort versteckt, daß weder Hund noch Hahn
+danach gekräht hat. So hat der böse Mensch sein wildes, verruchtes
+Wesen viele lange Jahre getrieben, und Gott hat ihm manchen Tag die
+Zügel schießen lassen. Das lag aber in seinem Blute, und Jochen, dem
+der Edelmann lange vergangen sein sollte, dessen Großvater schon ein
+armer Weber gewesen--der Herr glaubt nicht, was die alten Leute von
+dem zu erzählen wissen, wie grausam der in seinen jungen Jahren auf
+die hübschen Dirnen gejagt hat. Er will sich's nun nur nicht mehr
+merken lassen, aber diese lüsternen Edelmannsnücken hat er noch genug
+in sich. Endlich aber ist doch des alten wilden Jägers Tag gekommen,
+es ist Krieg geworden, und Pest und Hunger und Moskowiterzeit und
+Kalmückenzeit, ich weiß den Namen nicht recht, aber eine grausame
+böse Zeit ist gekommen, und da ist jener Bösewicht auch von seinem
+Jammer gefaßt worden: seine Schlösser und Häuser verbrannt, seine
+Scheunen und Speicher ausgeleert, sein Vieh weggetrieben. Da hat er
+sich zuletzt hier in die Burg bergen und verstecken und knapp leben
+lernen müssen wie andere arme Leute. Da ist seine Rechnung bei dem
+höchsten und obersten Rechenmeister übervoll gewesen, und er hat ihn
+mit seinem Blitz geschlagen und sein prächtiges Sündenhaus angezündet,
+und er und seine Weiber sind alle zu weißen Aschen verbrannt, und
+von der ganzen Herrlichkeit, wo sonst Geigen und Trompeten klangen
+und Tag und Nacht bankettiert ward, liegen noch kaum ein paar Steine
+da, und nun sind die Füchse und Marder und Eulen die einzigen
+Nachtmusikanten.
+
+----------------------------
+* Die Eigen sind allerdings ein altes adliges Geschlecht in der Insel
+Rügen gewesen, aber jetzt längst verloschen und verschollen. Möglich,
+daß Jochen Eigen, welchen sie gern den Edelmann schalten, aus jenem
+Geschlechte war. Ich habe weder Lust noch Veranlassung gehabt seinem
+Ursprunge diplomatisch nachzuforschen. Bei diesen Geschichten dringt
+sich übrigens wieder die bekannte Erfahrung auf, daß Bauern und
+Dienstleute in Erinnerung mancher Unbill und Ungerechtigkeiten, die
+ihnen von schlimmen Edelleuten widerfahren sind, indem sie der
+freundlichen Herren darüber vergessen, eine Freude und Ergötzung
+erleben, wenn sie sich märchenhaft erzählen, wie das Unglück oder gar
+der Gottseibeiuns irgendeinem bösen verruchten Geschlechte das Garaus
+gemacht habe.
+----------------------------
+
+Der Herr weiß wohl die alte Eiche, die dicht an der Burg steht, ein
+besonderes altes Gewächs, welchem der Blitz auch vor einigen Jahren
+die eine Hälfte abgespaltet hat. Da spielt jetzt eine gar
+wunderliche Musikantengesellschaft drauf. Wenn man nur achtgibt und
+aufmerkt, daß auch kein Vögelchen im Walde schwirrt und zirpt, um den
+Baum ist's nimmer still. Spatzen und Zeisige und Meisen flattern und
+schreien da bei Tage in solcher Menge, daß man sein eigen Wort nicht
+hören kann, und des Nachts--o herrje!--machen die Eulen und Krähen
+und Raben ihren Gesang, daß einem die Haare zu Berge stehen. Sie
+sagen auch, daß die Füchse dann aus ihren Löchern kommen und
+mitheulen, und daß die Schlangen, deren unten am Bache so viele sind,
+dann einen Ringeltanz halten; aber ich habe es nicht gesehen. Das
+ist aber einmal wahr, daß man die Pferde, die in ihren Nüstern von
+Gespenstern und anderm Teufelszeug eine Witterung haben, an dieser
+Seite des Waldes selbst bei Tage kaum grasen sieht. Der Herr hat
+auch wohl den schwarzen Storch gesehen, der nicht weit von der Burg
+auf einer abgestumpften Buche horstet. Hier um Löbnitz, Redebas und
+Divitz, wo die Barthwiesen und Bäche so viele Nattern, Schlangen und
+Frösche ziehen, hat's der Störche auf allen Dächern und Scheunen die
+Menge, aber nirgends sieht man einen schwarzen Storch als hier.
+Zuweilen sollen Jahre sein, so er ganz ausbleibt, schon seit
+Menschengedenken hat man davon gesprochen, aber er erscheint zu
+seiner Zeit immer wieder. Dieser schwarze Storch ist hier der
+Feldhauptmann des ganzen Vogelgefieders. Viele Leute sagen, er sei
+der alte Edelmann selbst oder auch ein Sohn von ihm, den er mit einer
+Mohrenprinzessin gezeugt haben soll, die er dem Sultan im Mohrenlande
+abgekauft hatte. Denn Zauberer, Hexenmeister, Mohren und solches
+wanschaffene Teufelsgesindel, das keinen ordentlichen Vater und
+Mutter vorzeigen kann, wippsen hier des Nachts umher, und diese haben
+die vielen Fußtritte ausgetreten, die zu dem Wall hinlaufen; denn die
+Menschen hüten sich wohl, um dieses Revier Fußsteige zu machen.
+Dieses Gesindel wohnt bis auf den heutigen Tag in unterirdischen
+Sälen, die noch viele hundert Schuh tief unter den Füchsen liegen,
+und mancher hat es deswegen tief unter dem Wall heraus oft so
+wunderlich sausen und klingen gehört, mit ganz anderer Gewalt und
+andern Tönen, als Füchse und Marder in ihren Löchern machen können.
+Mit diesem schwarzen Storch ist es ein gar absonderliches Ding. Das
+wissen alle Bauern und Hirten zu erzählen, er hat auf den Wiesen ein
+dreimal größeres Jagdrevier als irgendeiner der bunten Störche, und
+keiner von diesen kommt ihm in sein Verbiet; ja sie fliegen gleich
+davon, als wenn sie den Teufel sähen, sobald sie ihn nur von fern
+erblicken. Des Nachmittags gegen den Abend, wenn die Sonne ins Gold
+zu gehen anfängt, sieht man ihn zwischen der Burg und dem Hünengrabe
+immer hin und her fliegen, auch sitzt er dann oft auf diesem Hügel
+und schaut gegen die Stadt Barth hinüber, woraus er in seinen Tagen
+vielleicht manche hübsche Dirne verlockt hat. So muß er nun nach
+Gottes Spruch und Urteil viele Jahrtausende in Vogelgestalt
+herumfliegen--denn wer wird ihn zu erlösen kommen?--und statt seiner
+früheren Leckerbissen mit der schlechten Speise der Frösche und
+Schlangen, die jeder Mensch anspeit und ausspeit, vorlieb nehmen, und
+in seinem schwarzen Rock zeigen, daß er ein Schelm und Bösewicht von
+Natur ist. Aber es ist sonst doch noch etwas anderes dabei, und das
+ist eben das Greuliche, der Matros in der bunten Jacke. Ich weiß
+nicht, ob es ein Matros ist, in welcher Gestalt ihn viele wollen
+gesehen haben, oder ein hübscher flinker Jägerbursch, aber die bunte
+Jacke gehört einmal dazu. Und keiner versteht, wie dieser Buntjack
+und der Schwarzrock, der Storch, zugleich da sein können, und was
+diese Vermaskierung bedeutet, aber ein buntes Teufelsspiel ist es
+sicherlich, und hat manche arme Seele um Ehre und Glück gebracht.
+Denn wenn so ein glatter Geelschnabel und Grünling von einer hübschen
+jungen Dirne oder ein anderes schönes Weibsbild hier im Walde Blumen
+lesen oder Nüsse pflücken geht und ihre Gedanken nicht in acht nimmt,
+daß sie nicht ganz auf Gottes Wegen bleiben--ich meine, wenn sie
+etwas zu junges und zu Lustiges denkt oder mit verbotenen
+Götzenbildern des Herzens spielt, wie unser Herr Pastor Scheer sagt,
+auf der Stelle stellt sich der schöngestreifte Buntjack ein und macht
+vor ihr seine Kratzfüße. Er macht sich gar leidig und freundlich
+heran, reicht Blumensträußchen, erbietet sich als Diener die
+Nußbeutel zu tragen, und spielt so mit tausend Blücklingen und
+Heuchlingen und Schmeichlingen um die Weibsen herum, daß die armen
+Begigelten und Behexten nicht wissen, wie ihnen geschieht, und nimmer
+gewahr werden können, welch ein Hahnenfüßler er ist. Auch kommt er
+wohl immer ganz wie von ungefähr als ein feiner, blöder Jüngling, als
+ein hübscher, unschuldiger Knab', irgendein buntes Vöglein auf der
+Hand tragend und sprechend: 'Sie sucht Blumen, schöne Jungfer, Sie
+will Nüsse pflücken--o komm Sie mit mir! Ich weiß wo schönste Blumen
+stehen, wo braune Nüsse in Menge hängen.' Und so lockt er sie fort,
+und führt sie durch Blumen und Nüsse immer tiefer in den Wald, und
+lockt sie endlich auf den Burgwall--'O da ist eine ganz prächtige
+Aussicht, schöne Jungfer', ruft er, 'da kann Sie die schöne Welt mal
+weit umher überschauen.' Da oben liegt aber ein kleiner roter runder
+Stein wie zu einem Sitz zurechtgemacht mit einem immergrünen
+Plätzchen daherum, da hat der Schelm Blumen und Nüsse hingestreut,
+und wohl rosenrote Äpfel und Pflaumen, und heißt sie sich setzen und
+sich des Blicks über die weite Landschaft freuen. Aber siehe! Wie
+sie herantreten und den Stein berühren, tut sich das grüne Plätzchen
+auf, und Buntjack und Jungfer und Nüsse und Blumen--alles sinkt
+plötzlich tief in die Erde hinab, in die unterirdischen Säle, aus
+welchen es oft so wunderlich herausklingt--und die armen versunkenen
+Dirnen kommen nimmer wieder, oder einige kommen auch wohl nach Jahren
+wieder an das Licht und unter die Menschen, aber sie schämen sich zu
+sagen, wo sie so lange gewesen sind und was ihnen widerfahren ist. O
+wie manche hübsche Jungfer, die mit dem lustigen Buntjack Blumen und
+Nüsse pflücken ging, hat hier den Blumenkranz ihrer Unschuld verloren.
+Ich sage soviel, meine Frau ließe ich für alle Schätze der Welt
+nicht in diesen Busch gehen. Die Jungen, die des Nachts auf den
+Wiesen die Pferde hüten, erzählen viel von dem Eulen- und
+Krähengeschrei, aber zuweilen haben sie auch ein Wimmern und Winseln
+wie tief aus der Erde heraus gehört, und dann haben sie den schwarzen
+Storch gesehen sich in der Luft über dem Walde mit den Flügeln
+wiegend und klatschend, als sei ihm das eine Freude. Aber ich weiß
+nicht, ob man alles so glauben soll, aber gewiß böses Spiel ist
+dahinter, wiewohl man glauben soll, daß Gott solches Spiel nicht
+zuläßt bei denen, die mit den rechten Gedanken und mit frommen
+Bibelsprüchen in der Brust versehen sind, und wenn sie sich auch
+unter lauter Teufelsgesindel im düstersten Walde und in einsamster
+Wüste verirrt hätten."
+
+
+
+
+Der Rabenstein
+
+
+Es gibt viele absonderliche und wunderseltsame Geschichten und Dinge
+in der Natur, von welchen kein Mensch begreift, wie sie sich begeben
+und zusammenhängen, und sind doch da. Und wenn die Menschen sie
+erzählen hören, erstaunen sie und erschrecken, aber wissen können sie
+sie nicht. So ist es auch mit dem Rabenstein, wovon viele erzählen,
+aber keiner etwas Gewisses weiß; daß es aber Rabensteine gibt, das
+weiß man wohl.
+
+Ihr habt auch wohl von Diebslichtern gehört. Die sind fast eben wie
+der Rabenstein und wie andere unsichtbare Diebslaternen. Es ist aber
+greulich zu erzählen, wie Diebslichter gewonnen werden. Sie sind die
+Finger von ungeborenen und unschuldigen Kindlein; denn die Finger von
+schon geborenen und getauften Kindern kann man dazu nicht gebrauchen.
+Und was für ungeborene Kindlein sind das? Und wie muß man die
+Lichter gewinnen? Wenn eine Diebin oder Mörderin sich selbst erhängt
+oder ersäuft hat oder gehängt oder geköpft worden ist und ein Kind in
+ihrem Leibe trägt, dann mußt du hingehen um die Mitternacht, auf des
+Teufels Straßen, und nicht auf Gottes Straßen, mit Beschwörungen und
+Zaubereien, und nicht mit Gebet und Segen, und mußt ein Beil oder
+Messer nehmen, das von Henkershänden gebraucht ist, und damit den
+Bauch der armen Sünderin öffnen, das Kind herausnehmen und seine
+Finger abschneiden und zu dir stecken. Aber solches muß durchaus um
+die Mitternacht vollbracht werden und in vollkommenster Einsamkeit
+und Schweigsamkeit, so daß auch kein leisester Laut, ja kein ach! und
+kein Seufzer über die Lippen des Suchenden gehen darf. So gewinnst
+du Lichter, die, wenn du willst, brennen, und, wie kurz sie auch sind,
+doch nimmer ausbrennen, sondern immer gleich lang bleiben. Diese
+Zauberlichter haben die sonderliche Natur und Eigenschaft, daß sie
+augenblicklich brennen, wie und wo ihr diebischer Inhaber nur denkt
+oder wünscht, daß sie brennen sollen, und ebenso geschwind als sein
+Wunsch und Gedanke erlöschen. Durch ihre Hilfe kann er in der
+dichtesten finstersten Nacht, wenn und wo er will, alles sehen; sie
+leuchten aber nur für ihn und für keinen andern, und er selbst bleibt
+unsichtbar, wenn sie auch alles andere hell machen. Dabei sitzt noch
+die Greulichkeit in ihnen, daß sie eine geheime Gewalt über den
+Schlaf haben und daß in den Zimmern, wo sie angezündet werden, der
+Schlafende so fest schnarcht, daß man zehn Donnerbüchsen über seinem
+Kopf losknallen könnte und er doch nicht erwachte. Denke, wie lustig
+sich da stehlen und nehmen läßt!
+
+Auf diese Weise werden die Diebslichter gewonnen und gebraucht, aber
+anders der Rabenstein und nicht so greulich, wiewohl auch ein vom
+Satan und von seinen Gelüsten verblendetes und verhärtetes Herz dazu
+gehört, sich den Rabenstein in die Tasche zu schaffen. Dies ist aber
+der Rabenstein, und auf folgende Weise wird er gewonnen:
+
+Die Raben, Krähen, Adler und andre solche Vögel, welche scharfe
+Schnäbel und Klauen haben und von Gott auf den Raub angewiesen sind,
+sagen die Leute, werden sehr alt und leben wohl zweihundert und
+dreihundert Jahre, also viel länger als die ältesten Menschen. Wenn
+nun ein Rabenpaar hundert Winter miteinander gelebt und geheckt hat,
+dann legt es erst den Rabenstein, und, wie sie sagen, alle zehn
+Winter einen neuen Stein. Dieser Rabenstein soll nach der Sage aus
+den Augen der Diebe herauswachsen, welche die Raben am Galgen
+ausgehackt haben; und das müssen die Raben an vielen hundert Dieben
+getan haben, ehe sie einen solchen Wunderstein legen können. Er ist
+von der Größe einer Wälschen Nuß oder eines Rabeneies, ganz rund und
+glatt und feuerrot wie ein Karfunkelstein, und die Raben legen ihn in
+der letzten Nacht des Hornungs: denn noch im Winter legen sie ihre
+Eier und im ersten Frühling, wann es noch reift und friert, haben sie
+schon befiederte Jungen. Es hat aber dieser grausige Wunderstein
+zwei Eigenschaften; die erste, daß er in der Nacht leuchtet wie eine
+Sonne und alles umher hell, seinen Träger aber unsichtbar macht, so
+daß sich herrlich mit ihm stehlen läßt: die zweite, daß er zu Galgen
+und Rad hinlockt.
+
+Wer einen Rabenstein suchen und fangen will, der muß in die hohen
+Forsten suchen gehen, wo die großen, himmelhohen Bäume stehen; denn
+auf den schlanksten und schiersten Fichten, Eschen und Buchen, welche
+der gewandteste Matrose nicht leicht erklettern kann, baut der kluge
+Vogel Rabe sein Nest. Da muß er lauschen und lugen, wo er Rabentöne
+aus hoher Luft klingen hören und Rabennester entdecken mag, und zwar
+an solchen Tagen, wo Schnee gefallen ist; denn dann kann er allein
+die rechten Nester finden. Er mag nämlich alle Nester ruhig sitzen
+lassen, unter deren Bäumen Schnee liegt, denn in solchen ist kein
+Rabenstein. Der Rabenstein nämlich ist so warm von oben, daß es
+unter seinem Neste nimmer friert noch taut und daß der Schnee in der
+Minute vergeht, in welcher er fällt. Aber wer dies auch weiß, kann
+doch wohl hundert Jahre in allen Wäldern und unter allen Bäumen
+herumlaufen und sich die Augen aus dem Kopfe gucken, und findet doch
+das Nest mit dem Rabenstein nicht. Denn das Glück oder gottlob
+leider der Teufel läßt sich nicht immer so leicht greifen, als die
+einfältigen Leute sich einbilden. Denn überhaupt sind wenige Raben
+in der Welt, und von diesen wenigen wie wenige werden hundert Jahre
+alt oder gar zweihundert und dreihundert! Weil strenge Winter, wilde
+Buben, Jäger und mächtigere Raubvögel die meisten in der Jugend
+verderben--und ferner, wie schwer auch sind die Rabennester zu finden,
+da der Rabe nur einen Klang oder Ton macht, wenn er in hoher Luft
+fliegt oder auf dem Aase sitzt oder im Neste angegriffen wird, sonst
+aber der verschwiegenste und einsamste aller Vögel ist! Hat nun auch
+einer einmal einen solchen Baum gefunden, so will es noch ein rechtes
+Löwenherz, ja Satansherz dazu, den Rabenstein aus dem Neste
+herunterzuholen. Denn hört, wie das geschehen muß:
+
+Wer den Rabenstein haben will, der muß in der letzten Nacht des
+besagten Hornungs in den Wald gehen, wo der Baum mit dem
+hoffnungsvollen Neste steht. Er muß ganz einsam und allein kommen,
+und auch keine Menschenseele muß wissen, wohin und wofür er
+ausgegangen ist; und auch keinen Laut, nicht einmal ein Hustchen oder
+ein Seufzerlein darf er von sich geben. Auf die Glocke der Zeit muß
+er achtgeben und genau um die Mitternachtstunde zur Stelle sein; denn
+nur in der Gespensterstunde, zwischen zwölf und eins in der Nacht,
+läßt der Stein sich gewinnen. Dann muß er sich so splitterfasernackt
+entkleiden, wie Adam weiland im Unschuldkleide der Natur im Garten
+Eden gestanden ist; und in diesem Naturkleide muß er nun den Stamm
+hinaufklettern und zitternd und bebend im Sinn behalten, daß er
+keinen Ton vernehmen lassen darf; denn alsbald ihm auch nur der
+leiseste Laut entführe, würde er gleich des Todes sein. Aber nun
+merkt euch hierbei wieder des Teufels List. Wenn er den armen
+gierigen Kletterer bis oben zur Spitze hinaufgelockt hat, wo das
+heillose Nest sitzt, dann darf er nicht hineinschauen und sich den
+leuchtenden Stein aussuchen, sondern er muß sich nun noch dreimal um
+den Stamm herumschwingen, die Augen zutun, und blind hineingreifen,
+und was sein Finger zuerst berührt, das muß er behalten. So hat
+sich's oft begeben, daß manche mit einem faulen Ei heruntergekommen
+sind und für alle Angst, Arbeit und Schmerzen nur Spott gehabt haben.
+Es bringen es überhaupt wohl wenige zustande mit dem Rabenstein,
+unter Hunderten, die ihn begehren, wohl kaum einer. Denn alles ist
+dabei halsbrechend und ungeheuer. Den meisten vergeht gewiß schon
+die Lust, wenn es um die kalte tote Mitternacht an das Auskleiden
+gehen soll, und sie nehmen in der Angst die Flucht, und haben dann
+gewiß das Geschwirr und Gesurr des höllischen Nachtgesindels im
+Nacken hinter sich. Auf diese Weise hat mancher freche und verwegene
+Bursch Schuh und Stiefeln, Rock und Hut verloren und den Leuten
+hinterher von Dieben und Räubern erzählt, die ihn so bis aufs Hemd
+ausgezogen haben; die guten Leute hätten diese Räuber und Kleider und
+Schuh aber unter dem Rabennest finden können. Viele erfrieren und
+ermatten auch, indem sie den Stamm kaum halb hinaufgeklettert sind,
+oder können es vor Schmerz nicht länger aushalten, denn es geht dabei
+wohl an ein ehrliches Schinden der Knie, Schenkel und Arme, und so
+müssen sie endlich mit Schimpf zurückkriechen oder fallen auch wohl
+gar jämmerlich herunter. Das bleibt aber wahr, wenn sie auch oben
+bis zur äußersten Spitze und zum Neste gelangt sind, dann wird's erst
+recht teuflisch und gefährlich. Nun in der Mattigkeit und Angst den
+vollen Verstand behalten und den Ton so bezwingen, daß auch kein Laut
+aus der Brust dringt, die Augen zutun, sich dabei dreimal um den
+Stamm schwingen, und dann mit der Hand ins Nest fahren und den
+letzten Glücksgriff tun--das ist wahrhaftig nicht jedermanns Ding.
+Dabei stürzen noch die meisten herunter und brechen den Hals,
+besonders wenn es ihnen zu mächtig wird und sie doch stöhnen oder
+murmeln. Dann ist es um sie getan. Sowie auch nur der leiseste Laut
+fast nur atmet, geschweige klingt, ist sogleich ein ganzes Heer da,
+das mit zu dem Satansgaukelspiel gehört. Viele hunderttausend Raben
+füllen plötzlich mit ihrem Gekrächze die Luft und umflattern den
+armen Sünder, und fallen mit Flügeln, Klauen und Schnäbeln so dicht
+auf ihn, daß er herunter muß, er mag wollen oder nicht. Da geht's
+denn zuletzt an den Sturz und an ein Hals- und Beinbrechen--denn wäre
+der Kletterer ein Löwe von Mut und Stärke, er muß herunter--und mit
+den Augen und einem bißchen von Wangen und Nase nimmt die
+Gesellschaft gleich fürlieb. Dies sind die Geschichten, wovon man so
+oft hört, die man auch oft in Zeitungen liest, wo auf die vermeinten
+Mörder gelauscht und gefahndet werden soll: ein junger Jägerbursch
+oder Handwerksbursch sei nackt und zerrissen und zerfleischt im Walde
+gefunden, von Räubern ausgeplündert und erschlagen oder von zuckenden
+Bären und Wölfen zerrissen. Er hat sein mitternächtliches Wagstück
+mit dem schwarzen Federvolke so bezahlen müssen, und die Räuber,
+Mörder und reißenden Tiere haben weder Knüppel und Pistolen noch
+Zähne und Tatzen geführt.
+
+Und nun will ich auch eine Geschichte erzählen von einem, der den
+Rabenstein besessen hat, und was er ausgerichtet und wie es mit ihm
+geendet hat.
+
+Vor langer langer Zeit lebte zu Boldewitz auf Rügen ein reicher und
+vornehmer Herr, der vieler Kaiser und Könige und Potentaten in
+schweren Fällen Kriegsobrister gewesen war, der hieß Herr Friedrich
+von Rotermund. Dieser brachte aus der Türkei oder aus der Tartarei,
+kurz, aus den Heidenländern, wo sie Weiber kaufen, wie bei uns die
+Pferde, ein wunderschönes Weib mit, von welcher kein Mensch wußte, ob
+sie eine Heidin oder Christin war. Sie war aber nicht sein eheliches
+Weib, sondern seine Kebsin. Mit dieser zeugte er ein Feierabendskind,
+und das war ein Knabe und hieß auch Friedrich. Es war aber kein
+Friedrich, sondern ein rechter Kriegerich; denn der Krieg und die
+Wildheit steckte darin, und er war von keinem Schulmeister noch
+Züchtiger zu bändigen, sondern ging durch wie ein kosakisches oder
+tartarisches Pferd. Er war aber schön wie Sonnenschein und stark wie
+Eichbäume und bei all seiner Wildheit den Menschen über die Maßen
+angenehm und gefällig; so daß jeder den Buben gern hatte. Nach
+seines Vaters Tode, als er fünfzehn Jahre alt war und nun einem
+älteren Bruder gehorchen sollte, welcher der Sohn der echten Ehefrau
+des alten Rotermund war, ertrug er die strengere Zucht nicht, sondern
+entlief und kam nach der Insel Hiddensee, und ging von da zu Schiffe
+in alle Welt hinaus und ward ein gewaltiger Matros. Als er sich das
+muntre Seeleben ein halbes Dutzend Jahre versucht hatte, ist er
+einmal wieder nach Stralsund gekommen und von da zu Hause nach Bergen
+in Rügen, wo seine Mutter wohnte. Und seine Mutter und andere
+Freunde haben ihn dort beredet, er solle auf dem Lande bleiben,
+welchem Gott feste Balken untergelegt hat, und das unstäte und
+unsichere Meer verlassen. Und er ist zu einem Förster in die Lehre
+gegangen, daß er das fröhliche und lustige Weidwerk lernte, und bald
+ein flinker und hübscher Jägerbursch geworden, vor welchem die Weiber
+und Mädchen in den Türen und Fenstern stillstanden und ausschauten
+und freundlich nickten und grüßten, wenn er vorüberging; denn er ist
+wohl einer der schönsten und reisigsten Menschen gewesen, die man
+weit und breit sehen konnte. Hier hat er nun aber, wie es oft bei
+den Weidmännern geschieht, mancherlei verbotene Künste gelernt, ist
+ein Freischütz geworden, und hat sich den Rabenstein geholt. Dies
+war dem mutigen Matrosen nur ein Spiel gewesen, welchem im wildesten
+Sturm nimmer ein Mast zu hoch noch zu glatt gewesen, daß er ihn nicht
+erklettert und von seiner Spitz dem heulenden Meer fröhlich in den
+offenen Todesrachen geschaut hätte.
+
+Fritz Rotermund--so nannten ihn die Leute--hat sich nun von seinem
+Funde des Rabensteins nichts merken lassen, sondern seinen
+karfunklischen Diebsschlüssel gar lustig gebraucht; doch weil er von
+Natur sehr gutherzig und freundlich war, hat er keine sehr greuliche
+Taten getan, sondern solche, welche die leichtsinnige Jugend oft nur
+lustige Streiche nennt. Weil er mit seinem Stein unsichtbar in alle
+Häuser und Kammern gehen konnte, so hat er freilich die lustige Gabe
+genutzt, aber nie keinem ehrlichen oder armen Menschen nur einen
+Heller genommen; sondern wo er einen bösen, ungerechten Herrn wußte,
+der auf seinen Schätzen lag, die er aus dem Schweiß und Blut seiner
+geplagten Untertanen zusammengepreßt hatte, oder einen Filz und
+Wucherer, der unersättlich die letzte Habe der Kleinen und Geringen
+im Volk verschlang, da hat er fleißig eingesprochen und ihre Kisten
+und Beutel etwas leichter und schlaffer gemacht. Das ist aber
+besonders an ihm gewesen, daß er von solcher Diebsbeute fast nie
+etwas für sich behalten, sondern es fast alles hingetragen hat, wo er
+arme und notleidende Alte und hungrige und verlassene Kindlein gewußt
+hat. Da ist er nächtlich und mitternächtlich, wo alle Augen der
+tiefste Schlaf geschlossen hielt, in die Häuser geschlichen und hat
+die silbernen oder goldenen Gaben auf Tische, Betten und Wiegen
+hingeschüttet; daß die Leute, wenn sie erwachten, erstaunten und die
+Hände zusammenfalteten und beteten. Denn sie konnten nicht meinen,
+daß eine unsichtbare Diebshand die wohltätige Verteilerin gewesen sei,
+sondern mußten glauben, es sei von oben gekommen und ein Englein vom
+Himmel habe es ihnen ins Haus getragen. Und so ist in den Städten
+und Dörfern, welche der Förster Fritz besuchte, mancherlei Gerede
+entstanden zugleich von verwegenen Dieben und von wohltätigen Engeln,
+wie denn Gottes Reich und Satans Reich und die Gespräche darüber hier
+auf Erden immer mitsammen sind. Aber noch viele andre Schalkstreiche
+hat der lose Fritz verübt, der leicht wie der Wind allenthalben aus
+und ein schlüpfen konnte; und was würden die Türen und Fenster, wenn
+sie Mund hätten, von ihm nicht alles zu erzählen wissen! Doch das
+darf ich nicht alles erzählen, weil es sich hier nicht schickt; und
+auch die andern Possenstreiche alle könnte ich nimmer auserzählen,
+die er zu Weihnachten und Fastnacht und bei Hochzeiten, Tänzen und
+Mummereien als der unvermummte und doch unsichtbare Gast gespielt hat.
+
+Eine Not aber hat Fritz bald in dem Rabenstein gefühlt, die eine
+schwere Not war und die als eine Teufelsplage der verbotenen Kunst
+anhängt. Weil nämlich der Rabenstein aus Galgenvögeln und
+Galgenaugen geboren wird, so hat er einen heimlichen und
+unüberwindlichen Trieb zu Galgen und Rad in sich, eine Witterung, die
+seinen Träger und Besitzer treibt, daß er mit dabei sein muß, wenn es
+an solchen hohen Stellen etwas zu tun gibt. Wenn daher auf der Insel
+in einem Hochgericht und an einem Galgen einer geköpft oder gehängt
+werden sollte, so trieb's ihn mit Teufelsgewalt und wie auf
+Windesflügeln hin; er mußte mit dabei sein, und sollte er drei, vier
+Meilen in zwei Stunden laufen, daß dem Atemlosen die Zunge aus dem
+Halse hing. Das war aber noch viel schlimmer und grausiger, daß er
+die Geburtstage und Jahrestage der gerichteten armen Sünder mitfeiern
+mußte. An dem Jahrestage der Hinrichtung nämlich versammelten sich
+die Geister der Gerichteten, damit sie ihren nächtlichen Totentanz um
+die Hochgerichte halten; und diesen Tanz begehen sie um die grausige
+Mitternacht, und da müssen alle die mitfeiern und mittanzen, welche
+den Rabenstein haben. So mußte denn auch Fritz manche liebe Nacht,
+wo er gern anderswo geweilt oder geschlafen hätte, im Hagel und
+Schnee, im Sturm und Donnerwetter hinaus in das wilde Weite und über
+Heiden und Felder, gleich einem Kain, zu Galgen und Hochgericht
+fortlaufen und den schaurigen Tanz mittanzen, bis ihm oft der Atem
+schier auszugehen anfing; denn seine Mittänzer und Mittänzerinnen
+hüpften begreiflicherweise auf den allerleichtesten Füßen einher.
+Und die Leute konnten ihm die Reise zu einem solchen nächtlichen Ball
+wohl anmerken, und daß ihm irgend was Unrechtes widerfahren war--denn
+er sah acht, vierzehn Tage nachher noch bleich und krank aus--er aber
+schüttelte alle fremde Bemerkungen und Fragen leicht von sich ab,
+machte irgendeinen Scherz oder Wind darüber und sagte: "Ei was! Ihr
+Siebenschläfer, die ihr euch jeden Abend zu regelmäßiger Zeit auf
+eurem weichen Pfühl hinstreckt, könnt euch wohl rosige Wangen und
+dicke Bäuchlein anschnarchen; aber mit dem Jäger ist es gar anders
+bestellt, der muß viel ein nächtlicher Gesell sein: Füchse, Marder,
+Ottern und anderes Wild, das euch die warmen Pelze liefert, fängt und
+belauert man nicht beim Sonnenschein. Man stößt da auch wohl
+zuweilen auf etwas, das nichts taugt, aber das schüttelt ein tapfrer
+Jäger auch wieder ab, und die tüchtigen und geheimen Jägerkünste zu
+lernen und die tapfern Jägergeschichten zu bestehen, dazu gebricht
+euch das Herz."
+
+So hatte Fritz Rotermund es manches liebes Jahr getrieben und hatte
+wohl frisch und lustig gelebt und für Tänze und Gelage und Spiel und
+schöne Mädchen immer Geld in der Tasche; aber reich war er nicht
+geworden, denn volle Taschen konnte er nicht leiden. Er war bisher
+mit seinem grünen Rock zufrieden gewesen und immer noch ein
+Jägersmann geblieben; da begab sich aber von ungeschicht etwas, das
+den wilden Jäger zu einem zahmen Edelmann machen sollte, und das war
+dieses:
+
+Im Kriege, zur Zeit des Königs Karolus*, waren bei der Stadt Bergen
+zwei Juden gehängt, die man als Pferdediebe ertappt hatte. Sie
+hatten dort schon ein Jahr an dem Galgen gebaumelt, als Fritz
+Rotermund zur Jahresfeier heraus mußte, um zu lernen, wie auf
+hebräisch um Galgen und Rad getanzt wird. Und da hat er einen recht
+geschwinden davidischen Reigen tanzen gelernt, denn die jüdischen
+Geister hatten sich in einem so schnellen asiatischen Schwunge
+herumgedreht, daß er--was ihm noch nie begegnet war--ermattet in
+Schlaf hingesunken und erst erwacht war, als das Morgenrot den Ost
+schon zu hellen begann. Da, als er erschrocken aufsprang, begab es
+sich, daß der Wind ihm die lumpigen Rockzipfel des einen
+Galgenkrametvogels, unter dessen dürren Beinen er in Schlaf gefallen
+war, so heftig gegen die linke Backe wehte, daß das Blut darnach
+heraussprang. Der Fritz, als er den Backenstreich fühlte und auf der
+darnach tastenden Hand Blut erblickte, rief halb schauderig, halb
+lachend aus: "Ei! ei! Mauschelchen! Du hast auch verdammt scharfe
+Knöpfe und willst deine Leute wohl an mir rächen, welchen ich in
+andern Geschäften zuweilen auch wohl mitternächtliche Besuche
+abzustatten pflege?" Und zugleich schaute er nach dem Rocke, und sah
+auch kein kleinstes Zeichen von einem Knopf, und das verwunderte und
+schauderte ihn noch mehr. Er ergriff daher den im Winde fliegenden
+Zipfel, damit er näher untersuchte, ob irgend in den Falten ein Knopf
+verborgen stecke. Aber auch da fand sich nichts. Wohl aber fühlte
+er etwas Hartes in den Ecken, und sah bald, daß diese mit tausend
+Fäden hin und her im Unterfutter so durchnäht waren, als wenn sie bis
+zum Jüngsten Tage halten sollten. Er griff nun frisch zu mit seinen
+Jägerfäusten und riß den ganzen Rockzipfel zu Fetzen auseinander, und
+was erblickte er? Ein paar funkelnde Edelsteine fielen vor ihm auf
+die Erde.
+
+----------------------------
+* In Schweden und in den damals schwedischen deutschen Ostseelanden
+ist dieser König Karolus (Karl der Zwölfte) gleich dem Iskander der
+Morgenländer und unserm Friedrich Rotbart auf dem Kyffhäuser wenige
+Jahrzehnte nach seinem Tode ein mythischer Name geworden. Alles
+längstvergangne Ungeheure und Gewaltige reiht sich unter solche Namen;
+ob ein Jahrhundert oder einige Jahrtausende rückwärts oder vorwärts
+gerechnet werden müssen, was kümmert das das Volk, welches für das
+Poetische und Mythische eine wahrhaft göttliche Zeitrechnung hat, das
+heißt: nach dem gewöhnlichen Maße gemessen gar keine.
+----------------------------
+
+Er nahm sie auf und betrachtete sie an seinem Rabenstein und an dem
+hellen Morgenrot, und fand, daß diese gegen jene Steine nur wie
+blasses Wasser waren gegen das rote Feuer. Und hoch sprang er in die
+Luft empor und rief: "Nun, dies ist der erste Galgentanz, der etwas
+anderes als Schauder und Greuel gebracht hat", und so trollte er sich
+davon.
+
+Als er aber nach einer halben Stunde Galgen und Furcht weit hinter
+sich hatte und die Sonne schon am klaren Himmel stehen sah, da holte
+er die Steine wieder aus der Tasche und beschaute sie genauer, und
+wußte bald, was sie wert waren. Denn auf seinen vielen und weiten
+Seereisen hatte er viele Weltwunder und Meerwunder gesehen, und war
+auch gewesen, wo die schönen grünlockigen Seejungfern so zauberisch
+singen, daß die Schiffer den Matrosen, damit sie nicht zu ihnen in
+die Tiefe springen, die Ohren voll Teer gießen und mit Wachs zukleben
+müssen, und war auch an das Land gekommen, wo die Diamanten und
+Rubinen am Strande im Sande liegen, wie bei uns die Kieselsteine,
+hatte aber keine aufsammeln und mitnehmen dürfen wegen der greulichen
+Drachen und Greifen, die sie bewachen.
+
+Er lief nun fröhlich zu Hause, holte sein Pferd aus dem Stall,
+sattelte es, und sagte auf acht Tage Ade, und so trabte er auf die
+Alte Fähre zu, und von da ging's auf Hamburg oder Berlin, wo er die
+kostbaren Judendiamanten wieder an Juden verkaufte und mit großen
+Säcken voll Dukaten, wohl über ein paar Tonnen Goldes, nach wenigen
+Tagen heimkam.
+
+Nun hatte Fritz Geld in Hülle und Fülle, und mit dem Gelde kamen ihm
+auch vornehme und ernsthafte Gedanken, ja ganz neue Gedanken, wie er
+sie noch in seinem Leben nicht gehabt hatte. Er ging hin und ward
+ein Edelmann, und kaufte seinem Bruder Boldevitz ab, wo sein Vater
+gewohnt hatte und wo er geboren war, und kaufte auch Unruh und auch
+mehrere andere schöne Güter, die da herumliegen. Und der Jäger Fritz
+fuhr nun mit Vieren und mit Sechsen und mit langen Strängen, und
+hatte Diener und Jäger hinter sich auf dem Bock stehen und Läufer mit
+silbernen Stäben vor sich herlaufen, und hieß Herr Fritz von
+Rotermund, wie sein Vater in seinen Tagen geheißen hatte. Und nun
+nahm er sich auch ein schönes adliges Fräulein zur Frau und zeugte
+Söhne und Töchter, und lebte und gebärdete sich wie ein anderer Herr.
+Er blieb aber so freundlich und gebäurisch mit den Menschen und war
+so mild gegen seine Leute und so mitleidig gegen die Armen, daß alle
+verwundert sagten: Der wilde und leichtfertige Fritz ist ja ein
+Mensch und dazu noch ein Christenmensch geworden.
+
+Und das war nicht bloß eitler Schein, sondern es war ihm herzlicher
+Ernst. Als Fritz so großes Gut erworben hatte und ein Edelmann
+geworden war, da schien auch wirklich ein neuer Geist in ihn gefahren
+zu sein, ein besserer Geist, der sonst so selten mit dem geschwinden
+und plötzlichen Reichtum ins Haus zu kommen pflegt. Er verabscheute
+von nun an seinen Rabenstein und seine mitternächtlichen
+Diebsschliche, liebte auch seine alten Schalkstreiche nicht mehr,
+sondern wollte sich wirklich von Herzen umwenden und bekehren und
+wieder ein Mensch Gottes werden, hielt sich daher hinfort zu andern
+guten Christen und zu Kirche und Abendmahl, und lebte mit Frau und
+Kindern und mit Freunden und Nachbarn und mit allen Menschen so, daß
+alle ihn lieb und wert hielten und seiner Jugend und Jugendstreiche
+gern vergaßen. Wie er nun aber wirklich christlich und menschlich zu
+sein und zu leben strebte, so hatte er doch noch einen plagenden Wurm,
+um welchen er und sein Gott allein wußten, und dieser schlimme Wurm
+war sein Rabenstein. Was der arme Mann um diesen ausgestanden und
+gelitten hat, das ist gar nicht zu beschreiben.
+
+Er fühlte nämlich, sowie er sich wieder zum Christentum und zum
+Glauben seiner Kindheit zurückgewendet hatte, daß der Rabenstein
+nichts Geheures war, sondern eine böse teuflische Gaukelei, und hätte
+ihn sogleich von sich werfen mögen in den tiefsten See oder in die
+verborgenste Erde vergraben oder in dem gewaltigsten Feuer verbrennen,
+damit nimmer eine Menschenhand ihn wiederfände und mit seinem
+höllischen Glanze Unheil stiftete. Aber! aber! Wie ist es dir
+ergangen, armer Fritz Rotermund? Man wird des Rabensteins noch viel
+schwerer los, als man ihn gewinnt. Sowie Fritz den Rabenstein von
+sich werfen, wie er ihn der verschlingenden See, dem verzehrenden
+Feuer überliefern wollte, wich der tückische Stein kaum eine Sekunde
+von ihm, und flog ihm immer wieder in die Hand zurück, die ihn mit
+aller Gewalt von sich geschleudert hatte, oder in die Tasche, woraus
+er genommen war. Da hat nun Fritz, der jetzt wahrhaftig nicht der
+muntre und fröhliche Fritz heißen konnte, es nach und nach mit allen
+Elementen versucht, ob etwa eines den Stein lieber annähme als das
+andre; aber der fürchterliche Stein ist der unverlierbare und
+unzerstörbare geblieben. Er hat es außer diesen unglücklichen Proben
+am eifrigsten und unablässigsten mit dem allerbesten Element versucht,
+mit Andacht und Gebet; und wie viel er da gerungen hat, wie viel und
+oft er um die stille Mitternacht in seiner Kammer und im einsamen
+Walde und an heiliger Stätte auf den Knien gelegen und seinen Gott
+und Heiland um Barmherzigkeit gefleht hat, daß er ihn von dem Bösen
+erlösen wolle, das weiß auch Gott allein. Immer noch hat er die
+blutigen Gerichtstage mithalten und die mitternächtlichen Galgentänze
+noch mittanzen müssen, und jetzt mit entsetzlichem Grausen und
+Schaudern, weil der Christ wußte, was es war. So hat er wohl zwanzig
+Jahre gelebt in seinem neuen Stande, äußerlich der freundliche,
+christliche Mensch, der milde und barmherzige Herr, innerlich der
+Gepeinigte und Gemarterte. Er hat aber nicht abgelassen und ist
+nicht müde geworden in Demut und Gebet, und hat dies alles mit
+gebeugtem Herzen getragen als ein armer Sünder, den Gott für seinen
+leichtfertigen Übermut und seine heidnische Frechheit strafen und
+durch das, was ihm nun eine so grimme Pein geworden, vielleicht
+erretten wolle. Endlich ist der Tag dieser Errettung und Begnadigung
+gekommen, aber auf eine grauenvolle Weise.
+
+Fritz ward eine Nacht zu einem Galgenfest getrieben nach Putbus, wo
+an dem Wege, auf dem man nach Kasnevitz fährt, etwa eine halbe Stunde
+vom Schlosse, auf einem öden Heidehügel, noch heute die Trümmer eines
+Galgens stehen. Dort fand er bei seiner Ankunft das greuliche
+Nachtgesindel schon in dem greulichen Tanze rundfliegen, und zugleich
+mit ihm ritt von der andern Seite her als Mittänzer ein Mann auf, der
+noch mit lebendigem Fleisch umkleidet war wie er und mächtig zu Rosse
+saß und einen blanken Säbel in der Rechten schwang, als forderte er
+jemand heraus. Und gewiß, er forderte heraus, denn der Fritz fühlte
+bei seinem Anblick den heißesten Grimm in sich entbrennen, und mußte
+sein Schwert ziehen und gegen ihn anlaufen, der, als er Fritzen zu
+Fuß anrennen sah, von seinem Rappen heruntersprang. Fritz erkannte
+ihn alsbald als den verrufenen alten Erzbösewicht, der am äußersten
+Ende der Insel auf Jasmund hauste und von dem die Leute sich viele
+greuliche und mordliche Geschichten erzählten. Sein Name war von
+Zuhmen. Der alte graue Schelm erschien aber auf diesem Tanzplatz,
+weil er vor ein paar Monaten einen Rabenstein gefunden hatte. Nun
+war er der zweite auf der Insel, der einen Rabenstein besaß und zu
+dieser mitternächtlichen Totenfeier hinaus mußte. Denn das ist auch
+noch eine treibende Wut und ein unseliges Verhängnis des
+entsetzlichen Steins, daß, wenn zwei sich begegnen, die den
+Rabenstein haben, sie auf Leben und Tod einen Kampf miteinander
+halten müssen.
+
+Und so trafen denn die zwei in blinder Wut aufeinander und kämpften
+den gräßlichen Kampf, während das leichte Heer seinen lustigen Reigen
+um sie tanzte und wirbelte; und wie die Schläge ihrer Klingen sich
+verdoppelten, so verdoppelte sich in ihren Herzen auch der Grimm.
+Sie waren aber beide reisige Männer und gewaltig an Fäusten und
+Gliedern und waren im rüstig frischen Alter ergraut. Und der Kampf
+dauerte solange der Tanz dauerte, und das Gras um den Galgen war von
+ihrem Blute rot gefärbt; da, als es von dem Turm eins schallte,
+stürzte, von einem letzten gewaltigen Streich getroffen, der alte
+Jasmunder Bösewicht als Leiche hin, Fritz aber entfloh mit Grausen
+und mit tiefen und blutenden Wunden, die seinen Weg hinter ihm
+röteten. Er hatte sich aber auf des Feindes Rappen geschwungen, denn
+seine Füße hätten ihn nicht nach Hause zu tragen vermocht.
+
+Und als der Sommermorgen graute, ritt er matt und blutig ins Tor zu
+Boldevitz ein und hatte nicht Angst um sein Leben, sondern um seine
+arme Seele. Und er weckte alsbald seinen treuen Diener und hieß ihn
+geschwinde ein Pferd satteln und gen Gingst galoppieren, daß er ihm
+den dortigen Herrn Pfarrer holte. Denn er sprach zu ihm: "Ich war
+ausgeritten und bin in dem Walde bei Kubbelkow unter Räuber geraten,
+und sieh! wie sie mich zerhauen haben und wie die Blutströme aus den
+tiefen Wunden an mir herabrinnen! Es wird in wenigen Stunden aus
+sein mit dem alten Fritz."
+
+Und der Diener flog wie der Wind auf seinem Pferde dahin, denn er
+liebte seinen guten Herrn über alles. Und der erschrockene Pfarrer
+in Gingst war nicht Säumiger, denn er nannte Herrn Fritz Rotermund
+den besten Christen und den fleißigsten Kirchengänger unter seinen
+eingepfarrten Edelleuten. Und anderhalb Stunden nach des Dieners
+Ausflug waren beide in Boldewitz und fanden den alten Herrn auf dem
+Lager blaß und bleich wie den Tod und sein Weib und seine Kinder um
+ihn, welche ihm seine Wunden verbunden hatten. Er aber, als der
+Pastor hereingetreten ist, hat allen gewinkt herauszugehen, damit er
+mit dem geistlichen Herrn betete und sich zur Abfahrt bereitete.
+
+Und als sie beide allein geworden, hat er dem Pastor alles erzählt
+und gebeichtet und den Mann so bestürzt, daß er kaum hat beten können.
+Bald aber hat der fromme Mann sich wieder genommen und hat die
+Bibel ergriffen und des todwunden Ritters Hände gefaßt, und über ihm
+gebetet, daß der gnädige Himmel sich des reuigen und zagenden Sünders
+erbarmen wolle. Und der Himmel hat sich gnädig auf das Gebet
+herabgelassen, und Fritz hat mit lauter Stimme und sehnsüchtigem
+Herzen die Worte des geistlichen Herrn nachgesprochen. Und bald hat
+er sich zum erstenmal in vielen Jahren ganz getröstet gefühlt und
+laut ausgerufen: "Gelobt und gepriesen sei Gott und Jesus Christus
+für diese Wunden!" Und der Pastor ist fröhlich erstaunt über diesen
+Ausruf und über des Ritters erheitertes und erleuchtetes Angesicht,
+und bald noch viel mehr und viel fröhlicher, als der Herr von oben
+das hörbare und sichtbare Zeichen der Gnade gegeben. Denn kaum hatte
+Fritz diesen fröhlichen Ruf des erlösten Herzens getan, als der
+unselige Karfunkelstein plötzlich aus der Tasche des Edelmanns
+herausfuhr, wie ein leuchtender Blitz durch die Luft hinzischte, und
+dann wie eine springende Feuerkugel sich gegen den Ofen schnellte,
+und kling! Kling! in der Sekunde in Millionen Stücke zerstob, wie
+ein Sandhaufen auseinanderweht, so daß man auch die Spur nicht von
+ihm sah. Und Fritz hat wieder freudig gerufen: "Mein Gott und mein
+Heiland, wie barmherzig bist du! Und sahet und hörtet Ihr wohl, Herr
+Pastor, wie der Teufel in nichts zerklungen und in Staub zerflogen
+ist?" Und er faltete in Inbrunst die Hände und dankte und betete; und
+der Pastor dankte und betete mit ihm und sprach: "So bist du gnädig,
+barmherziger Gott und Erhalter und Behalter aller Dinge, und erlösest
+und erquickest den reuigen Sünder!"
+
+Und unter den beiden war große Freude, und sie umhalsten sich in
+Wonne, wie sich die Engel im Himmel umhalsen, und Fritz sprach: "Mein
+Abschied ist nahe, und darum geht, Herr Pastor, und holet mir Weib
+und Kinder." Und der Pastor hat sie gebracht, und Fritz hat die Hände
+auf sie gelegt und sie zum letztenmal geküßt und gesegnet, und ist
+dann augenblicklich mit Zuversicht und Freuden heimgegangen. Denn
+das Blut war aus seinen Adern gelaufen und die Luft an dem irdischen
+Leben aus seiner Seele.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Kater Martinchen, von Ernst
+Moritz Arndt.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Kater Martinchen, by Ernst Moritz Arndt
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KATER MARTINCHEN ***
+
+This file should be named 6724-8.txt or 6724-8.zip
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+This text was produced for Project Gutenberg
+by Mike Pullen and Delphine Lettau.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
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