summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/67240-0.txt8873
-rw-r--r--old/67240-0.zipbin205481 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/67240-h.zipbin328125 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/67240-h/67240-h.htm13337
-rw-r--r--old/67240-h/images/cover.jpgbin56781 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/67240-h/images/facsimile.jpgbin52365 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/67240-h/images/logo.jpgbin6362 -> 0 bytes
10 files changed, 17 insertions, 22210 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..1573c4c
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #67240 (https://www.gutenberg.org/ebooks/67240)
diff --git a/old/67240-0.txt b/old/67240-0.txt
deleted file mode 100644
index ade8c03..0000000
--- a/old/67240-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,8873 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook of Sämtliche Werke 12: Literarische
-Schriften, by Fjodor Michailowitsch Dostojewski
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Sämtliche Werke 12: Literarische Schriften
-
-Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski
-
-Editor: Arthur Moeller van den Bruck
-
-Translator: E. K. Rahsin
-
-Contributors: Dmitri Mereschkowski
- Nikolai Nikolajewitsch Strachow
-
-Release Date: January 24, 2022 [eBook #67240]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net. This book was produced from images
- made available by the HathiTrust Digital Library.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 12:
-LITERARISCHE SCHRIFTEN ***
-
-
- F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
-
- Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
- herausgegeben von Moeller van den Bruck
-
- Übertragen von E. K. Rahsin
-
-
- Zweite Abteilung: Zwölfter Band
-
-
- F. M. Dostojewski
-
-
-
-
- Literarische Schriften
-
-
- R. Piper & Co. Verlag, München
-
-
- R. Piper & Co. Verlag, München, 1921
- 5. bis 9. Tausend
-
-
- Copyright 1921 by R. Piper & Co., G. m. b. H.,
- Verlag in München.
-
-
-
-
- Inhalt.
-
-
- Seite
- Zur Einführung. Über Dostojewskis Leben und literarische 3
- Tätigkeit. Von N. N. Strachoff (1882)
- Vorbemerkung 101
-
- Erster Teil. Die russische Literatur
- Puschkinrede (August 1880) 105
- (Zur Puschkinrede S. 105. Puschkin S. 124)
- Bei gebotener Gelegenheit einige Vorlesungen über verschiedene 155
- Themata auf Grund einer Auseinandersetzung, die mir Herr
- A. Gradowskij gehalten hat
- (Dostojewskis Erläuterungen der Puschkinrede)
- Der Byronismus (Dezember 1877) 213
- Über russische Literatur (Januar 1861) 219
- Über Tolstois Roman „Anna Karénina“ (August 1877) 243
-
- Zweiter Teil. Der russische Nihilismus
- Das Milieu (1873) 291
- Der Büßer (1873) 303
- Selbstmord und Unsterblichkeit (1876) 319
-
- Dritter Teil. Notierte Gedanken
- Notierte Gedanken (1880) 337
-
- [Illustration: Tagebuchblatt Dostojewskis]
-
-
- 24. XII. 77.
-
- Memento für das ganze Leben.
-
- 1) Den russischen Candide schreiben.
- 2) Ein Buch über Jesus Christus schreiben.
- 3) Meine Memoiren schreiben.
- 4) Ein Poem „Die Ssorokowin’s“ schreiben.
-
- NB. (Dies alles außer dem letzten Roman und der
- beabsichtigten Ausgabe des „Tagebuchs“
- erfordert minimum 10 Jahre Arbeit, ich bin
- jetzt aber 56 Jahre alt.)
-
-
- Ein Wort ist gleichfalls eine Tat, und bei uns
- noch mehr als sonstwo.
-
- Dostojewski.
-
-
-
-
- Zur Einführung
-
-
- Über Dostojewskis Leben und literarische Tätigkeit
-
-Ich halte es für meine Pflicht, alles Bedeutungsvolle, das sich in
-meiner Erinnerung an Fjodor Michailowitsch Dostojewski erhalten hat,
-ferner alle seine Gedanken und Gefühlsäußerungen, so gut ich kann und
-wie ich sie verstehe, für die Öffentlichkeit niederzuschreiben. Ich
-stand ihm vor Jahren sehr nahe, namentlich während meiner
-Mitarbeiterschaft an den Zeitschriften, die er leitete, weshalb ich
-nicht nur seine Anschauungen und deren Entwicklungsgeschichte, sondern
-auch die Entwicklungsgeschichte dieser Zeitschriften selbst von allen
-noch Lebenden am besten zu kennen glaube. Gleichzeitig will ich mich
-bemühen, mit aller Aufrichtigkeit und Genauigkeit wiederzugeben, was ich
-von seinen persönlichen Eigenschaften und seinen Beziehungen zu anderen
-Menschen kennen zu lernen oder zu hören Gelegenheit hatte. Doch mein
-Hauptthema wird seine literarische und journalistische Tätigkeit sein.
-
- * * * * *
-
-Die journalistischen Arbeiten F. M. Dostojewskis sind, alles in allem
-genommen, recht umfangreich. Er hatte die größte Vorliebe gerade für
-diese Art Tätigkeit. Die letzten Zeilen, die er schrieb, sind die
-Artikel der letzten Nummer seines „Tagebuchs“.
-
-Die Zeitschriften, an denen er als Journalist, d. h. als Redakteur,
-Publizist und Kritiker arbeitete, waren folgende:
-
-1. „_Die Zeit_“ – eine umfangreiche Monatsschrift, die unter der
-Redaktion seines älteren Bruders, Michail Michailowitsch Dostojewski,
-vom Januar 1861 bis zum April 1863 erschien[1].
-
-2. „_Die Epoche_“ – eine Monatsschrift wie die vorhergehende, die seit
-dem Anfang des Jahres 1864 bis zum Februar 1865 erschien, in den ersten
-Monaten gleichfalls unter der Redaktion Michail Michailowitschs, später,
-nach seinem Tode am 4. Juni, unter der Redaktion A. U. Porezkis.
-
-3. „_Der Bürger_“ – eine Wochenschrift, die im Jahre 1872 vom Fürsten W.
-P. Meschtscherski[2] gegründet wurde. Im ersten Jahr war G. K.
-Gradowskij ihr Redakteur, im zweiten, 1873, F. M. Dostojewski. In dieser
-Wochenschrift begann er bereits, Feuilletons unter dem Titel „Tagebuch
-eines Schriftstellers“ zu veröffentlichen, die somit der Anfang der
-folgenden Zeitschrift sind.
-
-4. „_Tagebuch eines Schriftstellers._“ Dasselbe erschien einmal
-monatlich in den Jahren 1876 und 1877. Im Jahre 1880 erschien nur eine
-Nummer im August, und 1881 das letzte Heft kurz nach dem Tode
-Dostojewskis.
-
-Der Geist und die Richtung dieser Zeitschriften verfolgten einen
-besonderen Weg, im Gegensatz zu allen anderen Petersburger
-Zeitschriften, die sich ja bekanntlich in ihren Zielen durch große
-Gleichartigkeit auszeichnen, vermutlich infolge der gleichen
-Bedingungen, unter denen sie sich entwickeln. Die Tätigkeit F. M.
-Dostojewskis war dieser allgemeinen Petersburger Geistesart gerade
-entgegengesetzt, und so war vornehmlich er derjenige, der durch die
-Kraft seines Talentes und den Eifer seiner Überzeugungen der anderen
-Richtung, nicht der Petersburger, sondern der breiteren, sagen wir, der
-_russischen_, einen so bedeutenden Erfolg verschaffte.
-
-Meine Bekanntschaft mit F. M. Dostojewski begann auf journalistischem
-Gebiet und noch bevor die erste Dostojewskische Zeitschrift
-herausgegeben wurde. Der Hauptmitarbeiter einer neuen Zeitschrift, A. P.
-Miljukoff, damals mein Kollege an einem der Petersburger
-Unterrichtsinstitute, hatte meinen ersten größeren Artikel angenommen
-und mich gleichzeitig zu seinen Dienstagen eingeladen, an welchen Tagen
-sich bei ihm ein bestimmter Literatenkreis zu versammeln pflegte. Seit
-dem ersten Abend, den ich in dem Kreise verbrachte, betrachtete ich mich
-gewissermaßen als in diese Gesellschaft aufgenommen und alles
-interessierte mich sehr. Die hervorragendsten unter den Gästen A. P.
-Miljukoffs waren die beiden alten Freunde des Hausherrn – die Brüder
-Dostojewski, die man gewöhnlich zusammen sah. Außer ihnen erschienen
-noch die Dichter Maikoff, Krestoffski, Minajeff und andere. Den ersten
-Platz in diesem Kreise nahm natürlich F. M. Dostojewski ein. Alle sahen
-in ihm bereits einen hervorragenden Schriftsteller, doch beherrschte er
-den Kreis nicht etwa infolge seiner Berühmtheit, sondern auf eine ganz
-natürliche Weise: durch seinen Gedankenreichtum und die Lebhaftigkeit,
-mit der er seine Gedanken aussprach. Der Kreis war nicht groß und seine
-Mitglieder standen einander sehr nahe, so daß von einer Gezwungenheit,
-wie sie sonst in russischen Gesellschaften so oft herrscht, hier nicht
-die Rede sein konnte. Schon damals hatte Dostojewski eine besondere Art
-zu sprechen. Oft unterhielt er sich längere Zeit nur halblaut, fast nur
-flüsternd mit einem von uns, bis ihn dann irgend etwas erregte und
-hinriß und er plötzlich die Stimme erhob. Übrigens konnte man ihn zu
-jener Zeit, was seine Gemütsverfassung betrifft, ziemlich heiter nennen;
-es war in ihm damals noch sehr viel Weichheit, im Gegensatz zu den
-letzten Lebensjahren, wo er sie nach allem Ausgestandenen langsam
-eingebüßt hatte. Seines Äußeren erinnere ich mich noch lebhaft: er trug
-damals nur einen Schnurrbart und hatte, ungeachtet der mächtigen Stirn
-und der prachtvollen Augen, ein ganz soldatisches Aussehen, d. h.
-Gesichtszüge, wie man sie unter dem einfachen Volke findet. Auch
-erinnere ich mich seiner ersten Frau, die ich nur einmal ganz flüchtig
-sah. Sie machte auf mich einen sehr angenehmen Eindruck durch ihre
-bleichen, zarten Züge, obgleich dieselben unregelmäßig waren; überdies
-konnte man ihr die Neigung zu der Krankheit, die sie ins Grab brachte,
-schon ansehen. Sie starb an der Schwindsucht.
-
-Die Gespräche in diesem literarischen Kreise interessierten mich
-außerordentlich. Das war für mich eine neue Schule, in die ich hier
-geriet, eine Schule, die in vieler Hinsicht meinen Ansichten und meiner
-Geschmacksrichtung widersprach. Ich hatte bis dahin einem anderen Kreise
-angehört, einem Kreise, in dem man die Wissenschaft sehr hoch hielt,
-Dichtkunst und Musik, Puschkin und den Komponisten Glinka verehrte.
-
-Damals beschäftigte ich mich viel mit Naturwissenschaft und Philosophie
-und so studierte ich natürlich fleißig die Deutschen, in denen ich die
-Führer der Aufklärung sah. Bei den Literaten verhielt es sich anders:
-die lasen alle sehr eifrig die französischen Schriftsteller, während die
-deutschen ihnen gleichgültig waren. Alle wußten, daß der ältere der
-Brüder Dostojewski, Michail Michailowitsch, eine Ausnahme bildete, da er
-die deutsche Sprache so weit beherrschte, daß er deutsche Bücher lesen
-und aus dem Deutschen übersetzen konnte. Fjodor Michailowitsch hatte
-zwar gleichfalls Deutsch gelernt, doch ganz wie die anderen das Gelernte
-vergessen, und so las er bis an sein Lebensende von fremden Sprachen nur
-Französisch. Während seiner Verbannung in Sibirien hat er zwar einmal,
-wie aus einem Brief hervorgeht, den Vorsatz gefaßt, sich ernstlich an
-die Arbeit zu machen. Er bat den Bruder, ihm Hegels Geschichte der
-Philosophie in deutscher Sprache zu senden; aber das Buch blieb
-ungelesen und bald nachdem er mich kennen gelernt hatte, schenkte er es
-mir.
-
-So hatten sich denn die Anschauungen dieses Literatenkreises unter dem
-Einfluß der französischen Literatur entwickelt. Politische und soziale
-Fragen spielten hier die erste Rolle und verdrängten die ausschließlich
-künstlerischen Interessen. Ein Künstler mußte nach ihrer Auffassung die
-Entwicklung gewisser sozialer Ideale verfolgen und verfechten, in die
-Tagesfragen eingreifen, das entstehende Gute oder Schlechte der
-Gesellschaft zu Bewußtsein bringen, überhaupt Leiter und Erläuterer, d.
-h. im Grunde genommen ein Politiker und Publizist sein. So wurde fast
-unumwunden verlangt, daß der Künstler die ewigen und allgemeinen
-Interessen den zeitweiligen und gewissermaßen parteilichen unterordnen
-solle. Von der Notwendigkeit dieser publizistischen Tätigkeit war Fjodor
-Michailowitsch unerschütterlich überzeugt und blieb es bis zu seinem
-Tode.
-
-Die Aufgabe des Schriftstellers und Künstlers sah man hauptsächlich in
-der Beobachtung und Schilderung verschiedener Menschentypen, vornehmlich
-geringer und mitleiderregender, und in der Auslegung, wie sie unter dem
-Einfluß ihres Milieus, ihrer Verhältnisse, sich zu dem entwickelt
-hatten, was sie schließlich geworden waren. Deshalb war es bei den
-Literaten Sitte, gelegentlich in die schmutzigsten und verrufensten
-Lokale zu gehen und dort freundschaftliche Gespräche mit Leuten
-anzuknüpfen, die selbst der Krämer und niedrigste Subalternbeamte
-verabscheut hätte, und auch das Abstoßendste wurde von ihnen mit Mitleid
-und Nachsicht beurteilt.
-
-Ich sage offen, daß dieses Prinzip schädlich war. Schädlich nicht etwa,
-weil es falsch ist, sondern weil die Ergebnisse nicht vollständig sind
-und mit Zusätzen vervollständigt werden müssen, die wichtiger sind als
-das Prinzip selbst. Man sollte meinen, was kann es besseres geben, als
-Humanität? Oder was könnte interessanter sein als ein Kunstwerk, das den
-gegenwärtigen Augenblick wiederspiegelt? Indessen führt Humanität ohne
-leitende Grundsätze zum Verfall der Sitten, wie das unter den Cäsaren
-und im achtzehnten Jahrhundert der Fall war. Denn Nachsicht und bloßes
-Mitleid mit den Leiden der Menschen besagt wenig, man muß auch noch
-wissen, wofür man die Menschen liebt, und muß verstehen, worin die
-Schönheit und Würde der Menschenseele besteht. Deshalb vermag ein
-Künstler nur dann dem Augenblick zu dienen, wenn seinem Geiste
-Anschauungen zugrunde liegen, denen die Zeit nichts anhaben kann.
-Andernfalls wird er, wie wir das schon oft gesehen haben, nicht der
-Beherrscher, sondern der Sklave des Augenblicks sein.
-
-Waren die Literaten dieses Kreises unter sich, so kam das Gespräch
-beständig auf das Thema der verschiedenen Typen jener Art, und man
-bewies viel Geist und Beobachtungsgabe bei Gelegenheit dieser
-_physiologischen_ Erörterungen. Anfangs wunderte ich mich sehr, wenn das
-Urteil über menschliche Eigenschaften oder Handlungen nicht von der Höhe
-des sittlichen Standpunktes und seiner feststehenden Anforderungen
-gefällt wurde, sondern unter dem Gesichtswinkel der unvermeidlichen
-Übermacht der verschiedenen Einflüsse und der unvermeidlichen
-Unterlegenheit der menschlichen Natur. Die besondere Art, wie Fjodor
-Michailowitsch über diese Dinge dachte, die _über_ dieser Physiologie
-stand, offenbarte sich mir erst in der Folge mit ganzer Klarheit. In der
-ersten Zeit aber gewahrte ich sie gar nicht in dem allgemeinen Strom der
-mir ganz neuen Ansichten.
-
-Diese Gedankenrichtung, die man zweifellos auf den Einfluß der
-französischen Literatur zurückführen muß, war eine der Richtungen der
-_vierziger Jahre_, jener fruchtbaren Zeit, als Europa mit seinem ganz
-besonders regen geistigen Leben auf uns Russen einen großen Einfluß
-ausübte und in Rußland eine Saat säte, die erst lange nachher aufging.
-Diese bei uns fortwährend sich wiederholende Erscheinung, daß wir hinter
-Europa zurückbleiben, hat mir oft zu denken gegeben und erst spät habe
-ich mich mit ihr ausgesöhnt. Offenbar stehen wir Europa immer deshalb
-nach, weil wir nicht sein Leben leben, sondern von ihm nur seine
-Gedanken nehmen, die wir dann auf immer behalten, während wir für andere
-neue Lehren unserer Lehrerin taub und stumm bleiben. Nach dem Jahre 1848
-trat in Westeuropa ein Umschwung in der allgemeinen Stimmung ein: die
-frohen Hoffnungen verblaßten, das sittliche Niveau sank, es brach
-gleichsam eine furchtbare Krankheit aus und überall verbreitete sich
-Schwermut und begann Pessimismus zu herrschen. Der feinfühlige Alexander
-Herzen[3], der dies alles mit eigenen Augen sah, äußerte sich darüber in
-wahrer Verzweiflung. 1859 war Europa schon längst wieder in seine
-unschöpferische Periode eingetreten, während bei uns gerade damals die
-erste Saat aufzugehen begann. Es hat wohl kaum jemals in unserer
-Literatur eine so frohe und belebte Stimmung geherrscht wie in der Zeit
-von 1856 bis zu den Petersburger Brandstiftungen im Jahre 1862. Wir
-waren noch in keiner Beziehung enttäuscht und ein jeder gab sich
-unbehindert seinen Lieblingsgedanken hin und predigte das, was in Europa
-seinen Wert schon verloren oder bereits eine ganz andere Bedeutung
-erhalten hatte. Was mich betrifft, so gehörte ich in literarischer
-Beziehung gleichfalls zu einer der Richtungen der vierziger Jahre,
-jedoch zu einer noch älteren, als es diejenige war, zu der sich der
-Literatenkreis, von dem hier die Rede ist, bekannte – nämlich zu der
-Richtung, für die der Gipfel der Bildung nichts anderes bedeutete, als
-Hegel zu verstehen und Goethe _auswendig_ zu kennen. Deshalb, und noch
-aus Gründen bestimmter Meinungsverschiedenheiten, fiel mir die so ganz
-andere Stimmung des Literatenkreises besonders auf.
-
-Dieser Stimmung lag, wie bereits erwähnt, ein an sich gewiß herrliches
-Gefühl zugrunde: Humanität, Mitleid mit Menschen, die in einer
-schwierigen Lage sind, und ein Verzeihen ihrer Schwäche. In der Tat, man
-kann sich leicht einer gewissen Grausamkeit schuldig machen, wenn man
-seinen Mitmenschen die unerfüllte Pflicht vorhält – selbst wenn es sich
-dabei um eine sittliche Pflicht handelt. So war denn der literarische
-Kreis, in den ich eintrat, für mich in vieler Hinsicht eine Schule der
-Humanität. Doch ein anderer Zug, der mich besonders frappierte, stellte
-an sich eine weit größere Abweichung von meinen Ansichten dar. Zu meiner
-größten Verwunderung bemerkte ich, daß man in diesem Kreise Ausartungen,
-ja Ausschweifungen im Sinnlichen gar keine Bedeutung beimaß. Dieselben
-Menschen, die in sittlicher Beziehung von so ungeheurer Feinfühligkeit
-waren, die den höchsten Gedankenflug hatten und selber sogar
-größtenteils jeder physischen Ausschweifung fernstanden, dieselben
-Menschen sahen indessen mit vollkommenem Gleichmut auf alle
-Extravaganzen, sprachen von ihnen wie von spaßigen Narreteien oder
-nichtssagenden Lappalien, denen sich in einer freien Minute hinzugeben
-durchaus statthaft sei. Geistige Unanständigkeit wurde streng und scharf
-gerügt, fleischliche Unanständigkeit dagegen überhaupt nicht beachtet.
-Diese sonderbare _Emanzipation des Fleisches_ wirkte geradezu
-verführerisch, und in einigen Fällen hatte sie Folgen, an die zu denken
-schmerzlich und furchtbar ist. Von denen, die ich während meiner
-literarischen Mitarbeiterschaft, namentlich in den sechziger Jahren,
-kennen lernte, habe ich einige infolge dieser physischen Sünden, die sie
-für so belanglos hielten, sterben und wahnsinnig werden gesehen.
-
-Fjodor Michailowitsch suchte stets den letzten und neuesten Charakterzug
-des Lebens zu erhaschen, aber ungeachtet dessen, daß er sich beständig
-in die Zeiterscheinungen hineindachte und stolz war auf ihre richtige
-Wiedergabe in seinen Werken, stellte er doch gleichzeitig als Künstler
-die strengen Forderungen der Kunst über alles andere. Zwar suchte er in
-der Kunst immer irgendeine zeitliche oder nationale Bedeutung, aber die
-Kunst an sich entzückte ihn auch ohne alle Bedingungen und in der
-letzten Zeit begann er sogar, unumwunden die berühmte Formel „die Kunst
-für die Kunst“ zu verteidigen. Dieser Widerspruch lebte beständig in
-ihm, gleich vielen anderen Widersprüchen in seinen Gedanken und
-Handlungen, die aber in der Tiefe seiner Seele ihren natürlichen
-Ausgleich fanden und ihn in vielen Fällen vor falschen und unnormalen
-Wegen zurückhielten. Indem er sich über diese Widersprüche stellte,
-erhob er sich auf die Höhen, die seiner ganzen Tätigkeit ihre so
-wunderbare Stimmung geben.
-
-Diese seine Tätigkeit läßt sich in zwei deutlich zu unterscheidende
-Hälften teilen: die erste Hälfte (von seinem ersten Werk „Arme Leute“
-bis zu „Rodion Raskolnikoff“) verrät, was das Milieu und die Aufgaben
-betrifft, den Einfluß Gogols; die zweite Hälfte, die selbständigere (von
-Rodion Raskolnikoff bis zum Schluß) widmet sich ausnahmslos der damals
-in unserer Gesellschaft auftretenden Erscheinung, unserer größten
-inneren Krankheit – dem Nihilismus.
-
-Hier dürfte die Bemerkung erforderlich sein, daß in diesen meinen
-Aufzeichnungen nicht etwa Versuche, den verstorbenen Schriftsteller
-vollkommen zu erklären, zu sehen sind. Das lehne ich mit aller
-Entschiedenheit ab. Dazu ist er mir viel zu nah und unverständlich. Wenn
-ich an ihn denke, so frappiert mich zunächst die unermüdliche
-Beweglichkeit seines Geistes und die unerschöpfliche Fruchtbarkeit
-seiner Seele. Es war in ihm gleichsam noch nichts endgültig
-Ausgebildetes, in solchem Überfluß entstanden in ihm Gedanken und
-Gefühle, soviel Unbekanntes und Unausgesprochenes blieb noch hinter dem
-verborgen, was ihm auszusprechen gelang. Deshalb wuchs und erweiterte
-sich auch seine literarische Tätigkeit wie in Ausbrüchen, jedenfalls auf
-eine der gewöhnlichen Entwicklungsart ganz fremde Weise. Nach einer
-gleichmäßigen Fortdauer und sogar einem scheinbaren Schwächerwerden
-seines Talentes offenbarte er plötzlich neue Kräfte, zeigte er sich
-wieder von einer neuen Seite. Natürlich ist er überall derselbe
-Dostojewski. Nur kann man leider nicht sagen, daß er sich ganz
-ausgesprochen habe; der Tod verhinderte ihn, sich in neuem und letztem
-Aufschwunge zu erheben, und hat uns gewiß vieles vorenthalten.
-
-Mit ganz ungewöhnlicher Deutlichkeit zeigte sich in ihm eine besondere
-Art von Dualismus, der darin bestand, daß der Mensch, selbst wenn er
-sich äußerst lebhaft gewissen Gedanken und Gefühlen hingibt, in seiner
-Seele dennoch ein ununterjochbares und unerschütterliches Bewußtsein
-behält, von dem aus er auf sich selber, auf seine Gedanken und Gefühle
-sieht. Ich habe ihn mehrmals über diese seine Eigenschaft sprechen
-hören, und er nannte sie „Reflexion“. Die Folge eines solchen Dualismus
-ist, daß der Mensch immer die Möglichkeit behält, darüber zu urteilen,
-was seine Seele erfüllt, daß die verschiedenen Gefühle und Stimmungen
-sich nie restlos seiner Seele bemächtigen können, und daß aus diesem
-tiefen seelischen Zentrum eine Energie hervorgeht, die die ganze
-Tätigkeit und den ganzen Geist und Inhalt des Schaffens belebt und
-gestaltet.
-
-Doch wie dem auch sei, jedenfalls überraschte mich Fjodor Michailowitsch
-immer durch die Ungebundenheit seines Denkens, durch seine Fähigkeit,
-verschiedene und sogar entgegengesetzte Auffassungen zu verstehen. Als
-ich ihn kennen lernte, zeigte er sich als größter Verehrer Gogols und
-Puschkins und war von ihrer Kunst über alle Maßen entzückt. Ich erinnere
-mich noch heute, wie ich ihn zum erstenmal Puschkins Gedichte lesen
-hörte. Er wurde von Michail Michailowitsch dazu aufgefordert, der ihn
-mit Genugtuung lesen hörte und offenbar mit größter Bewunderung zum
-Bruder aussah. Fjodor Michailowitsch las allerdings sehr gut, aber mit
-jener etwas unfreien, klanglosen Stimme, mit der in der Regel Ungeübte
-ein Gedicht vortragen. Ich erwähne dies nur deshalb, weil er in den
-letzten Lebensjahren tatsächlich wundervoll vortrug und das Publikum
-durch seine Kunst mit Recht begeisterte.
-
-Gogol war gegen Ende der fünfziger Jahre bei allen noch in frischer
-Erinnerung, besonders bei den Literaten, die in ihren Gesprächen
-fortwährend seine Ausdrücke und Redewendungen zu gebrauchen pflegten.
-Ich erinnere mich, wie Fjodor Michailowitsch sehr feine Bemerkungen über
-die richtig zu Ende gezeichneten Charaktere und die Lebenswahrheit aller
-Gestalten Gogols machte. Überhaupt hatte die Literatur zu jener Zeit
-noch eine Bedeutung, die sie heutzutage nicht mehr hat. Fjodor
-Michailowitsch war ihr mit ganzem Herzen ergeben, und Puschkin und Gogol
-hatten ihn nicht nur erzogen, er schöpfte auch später noch beständig aus
-ihnen. Als seine Rede zur Puschkinfeier alle anderen Reden in den
-Schatten stellte und ihm einen Triumph eintrug, wie sich schwerlich
-jemand einen ähnlichen vorstellen kann, wenn er diesen nicht miterlebt
-hat, da sagte ich mir, daß dieser Lohn ihm allein in Wahrheit gebührte,
-denn von der ganzen Schar der Lobredner und Verehrer hatte wahrlich
-niemand Puschkin so geliebt wie Dostojewski.
-
-
- Seine Krankheit und seine schriftstellerische Arbeit
-
-Seine literarische Arbeit kam ihm teuer zu stehn. Einmal sagte er mir,
-die Ärzte hätten von ihm als erste Bedingung einer Heilung seiner
-Krankheit verlangt, daß er das Schreiben ganz und gar aufgäbe. Das war
-ihm natürlich nicht möglich, selbst wenn er sich zu einem solchen Leben
-hätte entschließen können – zu einem Leben ohne die Erfüllung dessen,
-wozu er sich berufen fühlte. Aber er hatte noch nicht einmal die
-Möglichkeit, sich ein bis zwei Jahre wenigstens gut zu erholen. Erst
-kurz vor seinem Tode gestalteten sich seine Verhältnisse – hauptsächlich
-dank der Sorge Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Frau – soweit günstig,
-daß er sich eine zeitweilige Erholung hin und wieder gestatten konnte;
-doch andererseits war er gerade vor seinem Tode weniger denn je zu einem
-Ausspannen und Stehenbleiben auf seinem Wege geneigt.
-
-Die epileptischen Anfälle wiederholten sich ungefähr einmal in jedem
-Monat; das war der gewöhnliche Verlauf der Krankheit. Bisweilen aber,
-wenn auch nur sehr selten, kamen die Anfälle öfter, sogar zweimal
-wöchentlich. Im Auslande, wo er mehr Ruhe hatte und wohl auch infolge
-des milderen Klimas sich besser fühlte, sollen manchmal ganze vier
-Monate in Ruhe vergangen sein. Er hatte stets ein Vorgefühl des Anfalls,
-doch es konnte auch täuschen.
-
-Einmal – es war, wenn ich nicht irre, im Jahre 1863 am Ostersonnabend –
-kam er ziemlich spät, etwa gegen elf Uhr, zu mir und wir gerieten in ein
-lebhaftes Gespräch. Ich erinnere mich nicht mehr, über welchen
-Gegenstand wir gerade sprachen, aber jedenfalls war es ein sehr
-wichtiges abstraktes Thema. Fjodor Michailowitsch war sehr angeregt und
-begann im Zimmer auf und ab zu gehen, während ich am Tische saß. Er
-sagte irgend etwas Großartiges, Frohes, und als ich seinem Gedanken mit
-einer Bemerkung beistimmte, da wandte er sich mit begeistertem Gesicht
-zu mir, mit einem Ausdruck, der deutlich verriet, daß seine Begeisterung
-ihren höchsten Grad erreicht hatte. Für einen Augenblick blieb er
-stehen, als suche er nach Worten für seinen Gedanken, und öffnete schon
-den Mund. Ich sah ihn mit Spannung an, denn ich fühlte, daß er etwas
-Außergewöhnliches sagen, daß ich vielleicht eine Offenbarung hören
-würde. Plötzlich drang aus seinem offenen Munde ein seltsamer,
-gezogener, sinnloser Schrei, und er fiel bewußtlos mitten im Zimmer hin.
-
-Der Anfall war nur von mittlerer Stärke. Infolge der Krämpfe streckte
-sich der ganze Körper und an den Mundwinkeln trat Schaum hervor. Nach
-Verlauf einer halben Stunde kam er wieder zu sich, und ich begleitete
-ihn zu Fuß nach Haus, da er sehr nah wohnte.
-
-Ich habe mehrmals von Fjodor Michailowitsch gehört, daß er vor dem
-Anfall Augenblicke der größten Verzückung und Begeisterung erlebe. „In
-diesen wenigen Augenblicken,“ sagte er, „empfinde ich ein Glück, wie man
-es in normalem Zustande niemals empfindet, und von dem die anderen
-Menschen sich gar keine Vorstellung machen können. Ich fühle
-vollständige Harmonie in mir und mit der ganzen Welt, und dieses Gefühl
-ist so stark und süß, daß man für die wenigen Sekunden einer solchen
-Seligkeit zehn Jahre seines Lebens, ja sogar das ganze Leben hingeben
-könnte.“
-
-Als Folge der Krämpfe stellten sich bei ihm nach einem Anfalle Schmerzen
-in den Muskeln ein, abgesehen von den Schmerzen der Verletzungen, die er
-sich manchmal beim Fall zuzog. Bisweilen zeigte das Gesicht eine
-auffallende Röte oder auch nur rote Flecke. Doch das Schlimmste war, daß
-der Kranke die Erinnerung verlor und für zwei bis drei Tage sich wie
-zerschlagen fühlte. Sein Gemütszustand war dann ein sehr bedrückter, –
-er konnte seinen Kummer und eine gewisse gesteigerte Sensibilität kaum
-überwinden. Das Wesen dieses Kummers bestand nach seinen Worten darin,
-daß er sich als Verbrecher empfand und den Wahn nicht abschütteln
-konnte, eine unbekannte Schuld, ein ungeheures Verbrechen laste auf ihm.
-
-Es läßt sich hiernach leicht denken, wie schädlich für ihn alles war,
-was einen Blutandrang in den Kopf hervorruft, also besonders das
-Schreiben. Dies ist übrigens nur eine der vielen Qualen, die die
-Schriftsteller im allgemeinen zu ertragen haben. Ich glaube, man
-kann diejenigen unter ihnen Ausnahmen nennen, bei denen die
-schriftstellerische Arbeit nicht mit einer Aufhebung des Gleichgewichts
-in ihrem Organismus, nicht mit einer Empfindsamkeit und Anspannung
-verbunden ist, die an Krankheit grenzen und deshalb unvermeidlich Qual
-verursachen. Die Freuden des Schaffens, der geistigen Befriedigung haben
-gleichfalls ihre Schattenseiten. Eine feine Sensibilität wird oft nur
-durch qualvolle Verhältnisse ausgebildet, jedenfalls aber werden durch
-sie sogar gewöhnliche Verhältnisse qualvoll.
-
-Auch über seine Art, zu schreiben, sei hier einiges gesagt. Gewöhnlich
-mußte er sich sehr beeilen, mußte zu einem Termin soundsoviel Druckbogen
-liefern, weshalb er sich in der Arbeit überhastete und nicht selten
-dennoch nicht fertig wurde. Da er nur von dem Honorar seiner
-literarischen Arbeiten lebte und fast bis zu seinem Lebensende, oder
-doch wenigstens bis zu den letzten drei oder vier Jahren sich immer
-irgendwie durchschlagen mußte, war er gezwungen, beständig um Vorschuß
-zu bitten und auf Bedingungen einzugehen, denen er nur schwer nachkommen
-oder die er überhaupt nicht erfüllen konnte. Hinzu kam, daß er im
-Geldausgeben weder Einteilung noch Vorsicht in demjenigen Maße besaß,
-wie sie vonnöten sind für einen, der ausschließlich von literarischer
-Arbeit lebt, die ja doch nichts Regelmäßiges und Bestimmtes einbringt.
-So kam es denn, daß er sein Leben lang in seinen Schulden und
-Verpflichtungen wie in einem Netz gefangen saß und sein Leben lang
-gehetzt und überanstrengt arbeitete. Diese Mißstände hatten noch einen
-anderen Grund, der sogar viel schwerwiegender war.
-
-Fjodor Michailowitsch schob das Arbeiten immer bis zur letzten
-Möglichkeit auf; erst wenn ihm nur noch knapp so viel Zeit bis zum
-Termin übrigblieb, daß er, wenn er eifrig schrieb, das Manuskript
-fertigstellen konnte – erst dann machte er sich an die Arbeit. Das war
-eine gewisse Faulheit, die sogar sehr groß sein konnte; doch war es
-immerhin keine gewöhnliche, sondern eine besondere, eben eine
-_Künstlerfaulheit_. Die tiefere Ursache freilich war, daß in ihm eine
-ununterbrochene Arbeit, eine rastlose Bewegung und ein Anwachsen der
-Gedanken vor sich ging, weshalb es ihm immer sehr schwer fiel, sich von
-dieser inneren Arbeit loszureißen und mit der äußeren, dem Schreiben, zu
-beginnen. Während er scheinbar müßig war, arbeitete er in Wirklichkeit
-unaufhörlich. Menschen, in denen diese innere Arbeit sich nicht
-vollzieht, oder nur in geringem Maße, langweilen sich gewöhnlich ohne
-eine äußere Beschäftigung, der sie sich darum auch meist mit Freuden
-widmen.
-
-Fjodor Michailowitsch dagegen langweilte sich infolge dieses Überflusses
-von Gedanken und Gefühlen, die in ihm wogten, niemals, und schätzte den
-äußeren Müßiggang über alles. Man kann sagen, daß in seinem Geist
-fortwährend neue Gestalten, Pläne neuer Werke entstanden, indes die
-alten Pläne reiften und sich entwickelten.
-
-Er schrieb nahezu ausnahmslos in der Nacht. Nach elf Uhr, wenn alles im
-Hause zur Ruhe ging, blieb er allein mit dem Samowar in seinem Zimmer
-und schrieb bis fünf oder sechs Uhr morgens, wobei er zwischendurch
-nicht sehr starken und fast kalten Tee trank. Infolgedessen stand er
-dann auch erst um zwei, ja sogar erst um drei Uhr nachmittags auf, und
-der Tag verging für ihn mit Empfang von Gästen und, nach einem
-Spaziergang, mit Besuchen bei Bekannten.
-
-Gerade an Fjodor Michailowitsch konnte man deutlich beobachten, welch
-eine Riesenarbeit das Schreiben für Schriftsteller von seinem
-Inhaltsreichtum ist.
-
-Was die Flüchtigkeit und Unfertigkeit seiner Werke betrifft, so war sich
-Fjodor Michailowitsch ihrer Mängel durchaus bewußt und gab sie auch ohne
-alle Beschönigungen zu. Und nicht nur das. Es tat ihm zwar leid um diese
-„unvollendeten Werke“, aber er bereute nicht nur nicht seine Eile in der
-Arbeit, sondern hielt sie sogar für notwendig und nützlich. Für ihn war
-die Hauptsache nicht das Werk an sich, sondern der Augenblick und der
-Eindruck, wenn auch letzterer nicht vollständig fehlerfrei sein mochte.
-In diesem Sinne war er ganz Journalist und ein Verleugner der Theorie
-der reinen Kunst. Seine Pläne und Absichten waren zahllos und so trug er
-sich immer mit mehreren Themen, die er alle bis zur Vollendung
-auszuarbeiten gedachte – jedoch später irgend einmal, wenn er mehr Muße
-haben werde, wenn die Zeiten ruhiger geworden seien! Vorläufig aber
-schrieb und schrieb er halb ausgearbeitete Sachen – einerseits, um sich
-die Mittel zum Lebensunterhalt zu verdienen, andererseits, um
-fortwährend seine Stimme durchzusetzen, in der öffentlichen Meinung, in
-den Debatten und Erörterungen der Tagesfragen, und um das Publikum nicht
-in Ruhe zu lassen, sondern immer wieder mit seinen Gedanken
-aufzurütteln.
-
-Eine große und bedeutungsvolle Eigenheit unserer Literatur sind von
-jeher die Zeitschriften, deren Kennzeichen Eile und Flüchtigkeit zu sein
-pflegen. Die Mitarbeiter haben sich selbst und auch die Leser an ein
-inhaltleeres Wortgepräge gewöhnt, an seichte Räsonnaden und formlose
-Betrachtungen, die gedanklich höchstens einen Anfang, doch weder ein
-Ende noch eine Mitte haben, und die fast ausnahmslos den Inhalt der
-Zeitschriften bilden. Die Tatsache, daß die Literatur von dieser Art
-ist, hängt natürlich damit zusammen, daß das Publikum nur Neues, nur
-eben Geschehenes liest, im Neuen aber nicht Befriedigung seiner
-Wißbegier oder seiner ästhetischen Neigungen sucht, sondern nur Angaben
-der im Augenblick gerade neuesten Anschauungen des Westens oder
-wenigstens unserer tonangebenden Literatenkreise. Unsere Leser sind
-nicht Richter, sondern nur Schüler, nicht Menschen, die bereits ihre
-festen Anschauungen haben, sondern Menschen, die anderen, die in ihren
-Anschauungen fortgeschrittener sind, nicht nachstehen wollen. Sie
-bedürfen einer Autorität, und sie verlangen nach einer leichten Lektüre,
-die ihnen gleichzeitig die beruhigende Gewißheit gibt, daß sie den Geist
-und die Richtung der allerneuesten, allerletzten Erscheinungen in
-der Weltliteratur kennen. So hat sich denn diese riesige
-Zeitschriftenliteratur entwickelt, deren Schreibmethode bis zur größten
-Nachlässigkeit sinken kann. Da die Literatur nur eine dienende Rolle
-spielte und folglich der Selbständigkeit entbehrte, mußte sie natürlich
-verflachen und die Strenge sowohl in der Ausdrucksform wie im
-Gedankeninhalt einbüßen.
-
-Nichtsdestoweniger war diese Literatur weder unnütz noch unwürdig.
-Immerhin verstand sie es, die Leser zu erziehen, und größtenteils war
-sie sogar von ehrlichem Eifer für ihre Ziele erfüllt. Deshalb ist es
-auch begreiflich, daß Fjodor Michailowitsch die Journalistik liebte und
-ihr gern diente, wobei er sich selbstverständlich vollkommen dessen
-bewußt war, was er tat und worin er von der strengen Form des Gedankens
-und der Kunst abwich. Von Jugend auf an die Journalistik gewöhnt, von
-ihr halbwegs sogar erzogen, blieb er ihr bis zuletzt treu, ja er schloß
-sich ganz rückhaltlos, schloß sich vollkommen dieser Literatur an, die
-ihn umgab, und stellte sich niemals abseits von ihr.
-
-Seine regelmäßige Lektüre bildeten russische Zeitschriften und
-Zeitungen, und seine Aufmerksamkeit war beständig auf seine Kollegen in
-der schönen Literatur, auf alle Kritiker seiner eigenen wie auch fremder
-Werke gerichtet. Es lag ihm sehr viel an jedem Erfolg, an jedem Lob,
-während ihn Angriffe äußerst betrübten. Im Literarischen lagen nun
-einmal seine hauptsächlichsten geistigen Interessen – doch übrigens auch
-seine materiellen. Er lebte, wie gesagt, ausschließlich von seiner
-literarischen Arbeit und dachte nicht einmal an eine andere
-Beschäftigung, ja er verfiel überhaupt nicht auf den Gedanken, sich
-durch einen Staatsdienst oder Privatdienst materiell sicherzustellen.
-War er in Geldverlegenheit, so wandte er sich ganz ungeniert an die
-betreffenden Redaktionen oder Verleger. So traf es sich bisweilen, daß
-ich während seines Aufenthalts im Auslande auf seine Bitte hin mit
-verschiedenen Verlegern zu unterhandeln hatte, gewöhnlich wegen einer
-Summe, die er für eine noch _ungeschriebene_ Novelle zu erhalten
-wünschte. Oft endeten die Unterhandlungen mit einer Weigerung des
-Verlegers, und mir tat es bisweilen sehr weh, zu denken, _wem_ er diese
-Vorschläge machte und dazu noch vergeblich. Er aber betrachtete diese
-Fälle als unvermeidliche Unbequemlichkeit seines Berufes, denn er
-begriff nur zu gut, daß man ihm deshalb keineswegs etwa Vorwürfe machen
-konnte. Die Abhängigkeit von Redaktionen und Verlegern sind wie jedes
-Angebot mit Unterhandlungen ein gütlicher Vertrag, eine Abmachung unter
-Gleichgestellten, und können deshalb niemals so peinlich sein wie andere
-Beziehungen.
-
-So waren auch die Schattenseiten der Literatur für ihn nichts Fremdes;
-er hatte sie nun einmal zu seinem Beruf erwählt und äußerte sich nicht
-selten in dem Sinne, daß er stolz auf ihn sei. Denn er liebte die
-Literatur, namentlich in der ersten Zeit, als jener Unterschied, der ihn
-später zur Opposition gegen die allgemeine Petersburger Journalistik
-veranlaßte, noch nicht scharf hervortrat. Und diese Liebe war der
-wichtigste Grund, weshalb er nicht sogleich zu den Slawophilen überging.
-Er empfand doch lebhaft die Feindseligkeit, mit der sich diese von jeher
-ihren Prinzipien gemäß zur zeitgenössischen Literatur verhielten.
-
-Der Vollständigkeit halber muß ich auch meine Stellungnahme ein wenig
-erläutern. Da ich mich für die wissenschaftliche Laufbahn vorbereitet
-hatte und erst spät in den Literatenkreis geriet, verhielt ich mich zur
-Journalistik mit einer gewissen Skepsis und Geringschätzung. Nach
-Möglichkeit vermied ich Vielschreiberei und bemühte mich, meine Artikel
-auch wirklich auszuarbeiten. Diese Sorgfalt meinerseits rief gewöhnlich
-Fjodor Michailowitschs Spott hervor. „Sie arbeiten immer für die
-Gesamtausgabe Ihrer Werke!“ sagte er. „Die wird es nie geben,“ sagte
-ich. Bald aber hatte ich mich doch so in die Literatur hineinziehen
-lassen, daß ich ihre Interessen viel mehr zu Herzen zu nehmen begann. An
-die Stelle der früheren Geringschätzung der Journalistik trat ein
-ernsteres Verhältnis zu ihr, als sich zeigte, daß auf der Unterlage
-dieser Räsonnaden solche Erscheinungen wachsen konnten wie der
-Nihilismus. Die Feindschaft, die ich gegen diesen empfand, bemühte ich
-mich auch Fjodor Michailowitsch einzuimpfen.
-
-Seine Vorliebe für den Feuilletonstil hat Dostojewski nie ganz
-verlassen. Ja er zwang sich selbst oft zu diesem Stil, um seine Gedanken
-allgemeinverständlich auszudrücken, auf eine dem Leser vertraute Weise.
-Dennoch wurde seine Schreibart mit den Jahren immer strenger, und auch
-in seinen früheren Feuilletonartikeln finden sich manche Seiten von
-einer künstlerischen Kraft und Strenge, die die Aufgaben eines
-Feuilletons weit überragen.
-
-
- Die neue Richtung. Die Bodenständigen
-
-Die Geistesrichtung Fjodor Michailowitschs war eine besondere Art
-Slawophilismus. Das geht bereits deutlich aus dem Prospekt hervor, der
-im September 1860 das Erscheinen der „Zeit“ für das folgende Jahr
-ankündigte und den zweifellos Fjodor Michailowitsch ganz allein
-ausgearbeitet hat. So enthält dieser Prospekt bereits einzelne Gedanken
-und Bestrebungen, die für seine ganze fernere Tätigkeit charakteristisch
-sind. Es ist, wie gesagt, eine Art Slawophilismus, denn Fjodor
-Michailowitsch fußt geradezu auf der Erkenntnis, daß es zwischen dem
-Volk und der Intelligenz einen durch die Reform Peters hervorgerufenen
-Zwiespalt gibt. Und aus diesem Grunde behauptet er – zum erstenmal 1860
-in der Rede zur Puschkinfeier –, daß uns Russen eine eigene,
-selbständige Entwicklung bevorstehe, weshalb er eine Rückkehr zum
-Nationalen, zum Volklichen verlangt. Doch wem die Ansichten unserer
-literarischen Parteien bekannt sind, für den dürfte es unschwer zu
-erkennen sein, daß dies noch nicht der echte Slawophilismus ist.
-
-Erstens ist der Ausgangspunkt offenbar ein anderer. Der Gedanke
-Dostojewskis besteht darin, daß man die gebildeten Kreise mit dem Volk
-derart aussöhnen und vereinigen müsse, daß dabei weder die ersteren sich
-von ihrer Bildung und der Wissenschaft, noch die letzteren sich von
-ihrem Grundwesen loszusagen brauchen. Es wäre also eine gewisse Synthese
-erforderlich, die sowohl die einen wie die anderen Prinzipien in sich
-aufnimmt. An der Möglichkeit dieser Synthese hat Dostojewski nie
-gezweifelt. Ja er ging sogar noch weiter, denn er glaubte, daß dem
-russischen Volk geistige Kräfte gegeben seien, mit denen es eine
-_universale Synthese_, d. h. die Auflösung und Versöhnung aller
-Widersprüche, die sich in der historischen Menschheit gezeigt, zustande
-bringen könne. Der Gedanke, daß das russische Volk diese Eigenschaft
-habe und zur Verwirklichung dieser Aufgabe ausersehen sei, bildet den
-Inhalt der Rede Fjodor Michailowitschs zur Puschkinfeier, somit hat er
-diesen Glauben bis zuletzt gehabt.
-
-Diese Auffassung ist für ihn äußerst charakteristisch. Sie ist vor allem
-ein Beweis der Breite der Basis seiner Sympathien. Er hätte zwar seine
-verschiedenen, oft entgegengesetzten Sympathien logisch nicht in
-Einklang zu bringen vermocht, wie er auch die Widersprüche, zu denen sie
-in weiteren Folgerungen führen, nicht entdeckte und wie er auch die
-Formel nicht gefunden hat, die diese Widersprüche beseitigen könnte;
-aber er versöhnte sie psychologisch und ästhetisch in seinem Inneren.
-Diese Veranlagung spielte in seinem ganzen Schaffen eine große Rolle und
-wurde für ihn sehr fruchtbar. Der auffallendste Zug war dabei wohl das
-vollständige Fehlen von Haß und Verachtung in seinem Verhalten zu
-unserem großen Streit zwischen der westlichen und der russischen Idee.
-Dieser Zug war die Ursache der geradezu elektrischen Wirkung seiner Rede
-zur Puschkinfeier. Und derselbe Zug charakterisiert auch seine Romane
-und sein „Tagebuch“.
-
-Der zweite charakteristische Zug in diesem Prospekt wie in der
-Puschkinrede, ist die _Unbestimmtheit_ der Prinzipien, auf die er sich
-stützt. Das war aber bei dem Ausgangspunkt und der gedanklichen Richtung
-Dostojewskis auch nicht anders zu erwarten. Er sah seinen Gedanken
-vorläufig nur in den Umrissen. Während die Slawophilen von vornherein
-gewisse sehr bestimmte religiöse, philosophische und politische
-Auffassungen vertraten, _suchte_ Dostojewski erst die Prinzipien, die zu
-der erwünschten Versöhnung führen sollten. Nichtsdestoweniger sprach er
-aber von diesen noch gesuchten Prinzipien mit großer Bestimmtheit und
-Beharrlichkeit. Das ist gleichfalls eine seiner charakteristischen
-Eigenschaften. Die abstraktesten Gedanken, ganz im allgemeinen
-ausgesprochen, wirkten überaus stark auf ihn und er ließ sich nicht
-selten von ihnen einfach hinreißen. Überhaupt war er ein in hohem Maße
-begeisterungsfähiger und empfindsamer Mensch. Manch ein einfacher
-Gedanke, ja mitunter sogar irgendein schon allen bekannter, ganz
-gewöhnlicher Gedanke konnte ihn plötzlich ungeheuer begeistern, wenn er
-ihm einmal in seiner ganzen Bedeutung aufging. Der Grund hierfür war
-wohl der, daß er, man kann sagen, ungemein lebhaft die _Gedanken
-fühlte_. Darum sprach er _seinen_ Gedanken in verschiedenen Formen aus,
-gab ihm bisweilen einen sehr scharfen plastischen Ausdruck, obschon er
-ihn nicht logisch erklärte, nicht seinen Inhalt auseinandersetzte. Denn
-in erster Linie war er doch Künstler, dachte in Bildern und ließ sich
-von Gefühlen leiten.
-
-Der dritte bemerkenswerte Zug ist natürlich seine lebhafte Zuversicht,
-mit der er auf die Schnelligkeit und Möglichkeit der Verwirklichung
-jener Aufgaben vertraute, der Glaube, daß jene Ziele mit Leichtigkeit zu
-erreichen seien. Das ist gleichfalls auf die Lebhaftigkeit des Gefühls,
-das ihn erfüllte, zurückzuführen. Während die Slawophilen, die die
-Aufgabe in ihrer ganzen Tiefe erkannt hatten, die ganze Schwierigkeit
-ihrer Ausführung begriffen und, je lauter der Lärm der literarischen und
-gesellschaftlichen Bewegung war, um so klarer sahen, daß die
-Verwirklichung ihrer geliebten Wünsche durch ebendiese Bewegung
-hinausgeschoben wurde – erhob Dostojewski, indem er sich von der
-herrschenden Erregung hinreißen ließ, und da er in ihr nicht die
-Elemente sah, die seinem Ideal vollkommen feindlich waren, kühn die
-Fahne seiner Idee in dem festen Glauben, die erregte Masse mitreißen zu
-können. Diese Fähigkeit, glühend zu glauben und zu hoffen, verblieb ihm
-bis zu seinem Tode. Er ließ sich stets von der Gewalt seiner Gedanken
-hinreißen und war nahezu fest überzeugt, daß das, was sein geistiger
-Blick schon so klar sah, unfehlbar und bald sich auch verwirklichen
-werde.
-
-Übrigens konnte damals, zu Anfang der sechziger Jahre, kaum jemand der
-allgemeinen Begeisterung widerstehen. Es war eine Zeit so voll von
-Hoffnung und Unternehmungslust. Alle Geister waren angeregt, alles war
-im Brodeln, so daß man in der Tat glauben konnte, das Unglaublichste
-werde geschehen. Das Gefühl für die Wirklichkeit war uns abhanden
-gekommen und man dachte: was wir wollen, das können wir auch vollbringen
-...
-
-Um diese Stimmung, in der wir uns alle befanden und unter deren Einfluß
-die Ansichten der Brüder Dostojewski sich entwickelten, zu verstehen,
-muß man sich den Geist jener Zeit vergegenwärtigen. Es war im Jahre der
-Bauernbefreiung, 1861, in der lichtesten Zeit der Regierung Alexanders
-II. Es hatte den Anschein, als müsse in ganz Rußland ein neues Leben
-beginnen, etwas ganz Außergewöhnliches müsse kommen! Wenigstens fiel uns
-der Glaube an die baldige Verwirklichung selbst der kühnsten Hoffnungen
-leicht und erschien uns nur natürlich. Alle wußten, daß die
-vorbereitenden Arbeiten zur Aufhebung der Leibeigenschaft sich bereits
-ihrem Ende näherten, und schon die dritte Nummer der „Zeit“ enthielt den
-Wortlaut des Manifestes vom 19. Februar, das am 5. März offiziell
-bekanntgegeben wurde.
-
-Leider folgten dieser frohen Zeit bald schwere Stunden, gegen Ende
-desselben Jahres die Studentenunruhen, im folgenden Jahre die unzähligen
-Brandstiftungen in Petersburg, zu Anfang 1863 der polnische Aufstand. Im
-Gegensatz zu dieser schweren Zeit hatte sich bis dahin, vom Jahre 1855
-an, die frohe Erwartung in der Gesellschaft und in der Literatur
-unausgesetzt gesteigert. Nach dem Regierungswechsel waren fortwährend
-verschiedene Erleichterungen, Befreiungen und Reformen eingeführt
-worden, die Zensur wurde mit jedem Jahre nachsichtiger, die Zahl der
-Zeitschriften und neuen Bücher wuchs schnell. In dieser Zeit wurden nun
-die Meinungen und Stimmungen, die in der Periode des Schweigens bis 1855
-entstanden und erstarkt waren, ausgesprochen. Jetzt, in der Freiheit und
-inmitten der allgemeinen Belebung erging man sich kühn in der Anwendung
-und Entwicklung seiner Prinzipien, doch die alte Gewöhnung an die Zensur
-und der immerhin nicht ganz aufgehobene Einfluß derselben, verliehen
-allem ein sowohl sehr gediegenes wie auch recht verführerisches
-Aussehen. So bildeten sich denn in diesen sieben Jahren die Richtungen
-aus, die heute noch herrschen. Die letzte Erscheinung dieser Art war die
-Richtung der „Zeit“, die Fjodor Michailowitsch angab.
-
-Es war das seiner Ansicht nach eine absolut neue, besondere Richtung,
-die dem neuen Leben, das nun augenscheinlich in ganz Rußland einsetzte,
-entsprechen und die Richtungen der alten Parteien, der Westler und der
-Slawophilen, ersetzen oder verdrängen sollte. Die Unbestimmtheit des
-Gedankens an sich machte ihm weiter keine Sorgen, da er an der
-Entwicklung desselben nicht den geringsten Zweifel hegte. Hinzu kam, daß
-die damalige Literatur einen Charakter hatte, der ihm zu glauben
-erlaubte, daß die zwei alten literarischen Parteien, die Westler und die
-Slawophilen, ausgestorben oder im Aussterben begriffen seien und daß
-etwas Neues zu erstehen beginne. Dieser Charakter beruhte darauf, daß
-die Parteien damals nicht schroff hervortraten und die gesamte Literatur
-wie ein einiges Ganzes zusammenhing. Ich erinnere mich noch gut jenes
-fast freundschaftlichen Gefühls, das damals unter den Schriftstellern
-herrschte. Man hatte erst kurz zuvor die Möglichkeit erhalten, seine
-Gedanken auszusprechen, mußte immer noch den allgemeinen Aufseher, die
-einst so strenge Zensur, im Auge behalten: so sahen denn die Literaten
-es für ihre Pflicht an, sich gegenseitig zu schützen und zu
-unterstützen. Überhaupt war man der Ansicht, daß die Literatur
-eine gewisse gemeinsame Sache sei, vor der die einzelnen
-Meinungsverschiedenheiten zurücktreten müßten. In der Tat, alle standen
-in gleichem Maße für die Aufklärung ein, für die Freiheit des Wortes,
-die Aufhebung mannigfacher Bedrückungen und Belästigungen usw., mit
-einem Wort, für die ersten liberalen Forderungen, die man in einer Weise
-abstrakt auffaßte, daß sie sich mit den verschiedensten, ja sogar mit
-entgegengesetzten Anschauungen vereinen ließen. Natürlich kannten die
-Anhänger der verschiedenen Richtungen die Grenzen zwischen sich und den
-anderen. Aber für die gewöhnlichen Leser und selbst für die Mehrzahl der
-Schreibenden war die Literatur ein ungeteiltes Ganzes. Im Grunde aber
-war sie ein Chaos, ein formloses und doch vielgestaltiges, und deshalb
-konnte leicht der Wunsch entstehen, diesem Chaos eine Form zu geben,
-oder wenigstens einen gewissen bestimmteren Weg einzuschlagen. Der
-Träger dieses Wunsches war Fjodor Michailowitsch, und von ihm persönlich
-kann man bezüglich seiner ganzen journalistischen Tätigkeit sagen, daß
-er erreicht hat, was er wollte. Inmitten der Petersburger Literatur
-ertönte seine Stimme oft laut und machtvoll, namentlich in den letzten
-Jahren seines Lebens, wo sie sogar alle anderen Stimmen übertönte, wenn
-sie protestierte und den neuen Weg wies.
-
-Außer in Fjodor Michailowitsch fand dieser Gedanke in Apollon Grigorjeff
-einen überzeugten Anhänger, der nach dem Erscheinen der ersten Nummer
-der „Zeit“ ihr eifriger Mitarbeiter wurde. Ich erinnere mich noch, wie
-es zum Teil durch meine Vermittlung dazu kam. Man wünschte damals von
-mir literarische Kritiken; ich weigerte mich, solche zu schreiben und
-empfahl dringend Grigorjeff, in dem ich unseren besten Kritiker sah und
-auch jetzt noch sehe. Zu meiner Freude erklärte Fjodor Michailowitsch,
-daß Grigorjeff ihm sehr gefalle und seine Mitarbeiterschaft ihm sehr
-erwünscht wäre. Seit der Zeit sahen wir alle in Grigorjeff unseren
-Führer auf dem Gebiet literarischer Kritik. Leider verloren wir ihn
-bald. Er starb 1864.
-
-Der erste Artikel Grigorjeffs, den er für die zweite Nummer der „Zeit“
-schrieb, begann mit der kategorischen Erklärung, daß es die beiden
-Richtungen, die sich vor zehn Jahren feindlich gegenüberstanden, die
-westliche und die östliche, bereits nicht mehr gäbe. Und diese Tatsache
-zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, sei jetzt die höchste Zeit, „denn
-für die Erkenntnis der einzelnen, für die Erkenntnis eines jeden von uns
-schreibenden und denkenden Menschen ist sie schon längst erwiesen.“
-
-Eine so feste Überzeugung, daß die zwei Hauptrichtungen unserer
-Literatur endgültig abgetan seien, wurde dem Verfasser natürlich nur
-durch den _Wunsch_, daß es sich so verhalten möge, eingegeben. Zum
-besseren Verständnis der Situation sei hier ein wenig an Grigorjeffs
-literarische Herkunft erinnert. Er gehörte zur sogenannten _jungen
-Redaktion_ des „Moskwitjänin“, den Pogodin[4] in Moskau herausgab und zu
-dem ein ganzer Kreis bekannter Namen gehörte. Dieser Kreis, wie auch
-Pogodin selbst, hielt sich im Grunde zu den Slawophilen, war aber in
-seinen Sympathien doch sehr frei und entfernte sich denn auch allmählich
-vom reinen Slawophilismus. Pogodin, der seinerzeit auf Puschkin und die
-ersten Slawophilen Einfluß gehabt, wurde auch von der „jungen Redaktion“
-wegen seines glühenden Patriotismus und seiner lebhaften, echt
-russischen Sympathien überaus geachtet, obschon er seinen früheren
-Überzeugungen treublieb und sich die _alte Redaktion_ nannte. Dennoch
-räumte er in seiner Zeitschrift „Moskwitjänin“ dem jungen Kreise volle
-Freiheit ein. Das Charakteristische dieses Kreises war eine begeisterte
-Verehrung der poetischen Literatur; in ihr sahen sie den besten Ausdruck
-des Volksgeistes und des Zeitgeistes zugleich, und in ihr suchten sie
-Offenbarungen und Gesetze. In diesem Kreise wurde Ostrowski verehrt,
-wurde von ihm gesagt, er bringe ein „neues Wort“; hier wurden Gogol und
-Puschkin verehrt und hier kämpfte man gegen die „realistische Schule“
-und die Petersburger.
-
-Zu dieser Partei der „jungen Redaktion“ gehörte nun Apollon Grigorjeff,
-und mit seinem Wunsch, sich von den Slawophilen abzusondern,
-unterstützte er in bedeutendem Maße Fjodor Michailowitschs Gedanken,
-eine neue Richtung zu gründen. Die Autorität Apollon Grigorjeffs war für
-uns alle in dieser Frage von entscheidender Bedeutung. So entstand dann
-jene Partei, die in der Petersburger Literatur lange Zeit unter einem
-besonderen Namen bekannt war: man nannte sie die Partei der
-„_Bodenständigen_“. Ausdrücke, wie z. B. „wir sind von unserem Boden
-getrennt“ oder „wir müssen unseren Boden suchen“ waren geradezu
-Lieblingsausdrücke Fjodor Michailowitschs, und finden sich schon in
-seinem Einführungsartikel. Dieser Ausdruck, der übrigens sehr plastisch
-und lebendig ist, hatte auch noch den Vorteil, daß er zugleich sehr
-allgemein war und kein bestimmtes Prinzip aussprach. Unter ihm konnte
-man natürlich auch Slawophilismus verstehen, aber die „Zeit“ ließ doch
-beständig durchblicken, namentlich anfangs, daß sie damit eine andere,
-wenn auch verwandte Richtung meinte.
-
-Das Verhältnis zu den Slawophilen war ungefähr folgendes. Apollon
-Grigorjeff sprach von ihnen sowohl mündlich wie schriftlich stets mit
-der größten Hochachtung. Von ihm lernten auch wir diese Hochachtung, die
-aus der Petersburger Literatur unmöglich zu lernen gewesen wäre, da
-diese die Slawophilen nie ohne Spott und Verachtung erwähnte. Auch heute
-noch verhält es sich nicht viel anders. Die Brüder Dostojewski aber
-waren unmittelbar aus der Petersburger Literatur hervorgegangen – das
-muß man bei einer Beurteilung ihrer literarischen Art und ihrer
-Ansichten immer im Auge behalten. Michail Michailowitsch stand natürlich
-mehr unter ihrem Einfluß und verhielt sich den Slawophilen gegenüber
-kühl oder sogar voreingenommen. Fjodor Michailowitsch dagegen, der zwar
-damals die Slawophilen fast noch gar nicht kannte, war doch nicht
-geneigt, Grigorjeff zu widersprechen, und überdies fühlte er bereits,
-wer von ihnen recht hatte. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls
-schloß sich die Richtung der „Zeit“, eben durch Apollon Grigorjeff, an
-den einen Zweig des Pogodinschen Slawophilismus an, und Grigorjeff
-gebührt das Verdienst, daß er die große, wesentliche Bedeutung des
-reinen Slawophilismus in unserem geistigen Leben erkannte.
-
-Dennoch spielte die größte und fruchtbarste Rolle in dieser ganzen
-Angelegenheit Fjodor Michailowitsch. Er war es, der bewußt und ohne zu
-zögern anfangs A. Grigorjeff und später den Slawophilen entgegenkam. Bei
-der Schnelligkeit und Geschmeidigkeit seines Auffassungsvermögens
-begriff er leicht diese Anschauungen in ihren Grundlagen; doch das
-Entscheidende wird hierbei wohl gewesen sein, daß er schon infolge der
-ganzen Art seiner Ansichten, seiner Annäherung an das Volk und der
-dadurch hervorgerufenen inneren Wandlung seiner Gedanken, ein unbewußter
-Slawophile war. Der Slawophilismus ist doch nicht eine vom Leben
-losgelöste Theorie; er ist eine vollkommen natürliche Erscheinung,
-sowohl von seiner positiven Seite – als Konservatismus – wie von seiner
-negativen Seite – als Reaktion, d. h. als Wunsch, das geistige wie
-moralische Joch des Westens abzuwerfen. So ist es denn erklärlich, daß
-sich in Fjodor Michailowitsch eine ganze Reihe von Ansichten und viele
-Sympathien entwickelt hatten, die vollkommen slawophil waren, und daß er
-mit ihnen hervortrat, ohne zunächst seine Übereinstimmung mit der schon
-längst existierenden Partei zu bemerken, um dann später unmittelbar und
-offen sich zu ihr zu bekennen. Gerade solche Parteigänger sind aber die
-wertvollsten. Sie sind nicht Schüler, die sklavisch die Worte der Lehrer
-wiederholen, sondern selbständige Träger der Idee, die sie auch weiter
-zu entwickeln fähig sind. Mit größter Feinfühligkeit erriet Fjodor
-Michailowitsch die richtige Anwendung seiner Prinzipien und entdeckte
-ihre verschiedenen Seiten.
-
-Zur Vervollständigung des Bildes füge ich noch ein paar Worte über mich
-hinzu. Der Gedanke, eine neue Richtung zu gründen, interessierte mich
-anfänglich nicht wenig, was ich dem Einfluß Grigorjeffs zuschreibe. Bald
-jedoch gewann ich die Überzeugung – vielleicht infolge meiner Abneigung
-gegen alles Unbestimmte –, daß man sich einfach für einen Slawophilen
-ausgeben mußte, auch wenn man nur die Grundprinzipien dieser Lehre
-teilte. Deshalb stimmte ich eine Zeitlang mit der Richtung der „Zeit“
-nicht überein, doch kann ich nicht sagen, daß ich diese Differenz jemals
-besonders betont hätte.
-
-Anders verhielt es sich mit den jüngeren Mitarbeitern der Zeitschrift,
-die sich alle eng um A. Grigorjeff scharten, der sie sowohl durch seinen
-Verstand, wie durch seine kindliche Schlichtheit und Gutmütigkeit anzog.
-Diese jungen Menschen trugen sich lange mit dem Gedanken, eine neue
-Richtung zu gründen. Es handelte sich dabei natürlich vor allem darum,
-der slawophilen Anschauung größere Freiheit zu geben, in ihren Horizont
-auch die Erscheinungen einzubeziehen, die sie konsequent mied und
-verneinte, wie z. B. die zeitgenössische Literatur oder die
-verschiedenen westlichen Einflüsse. Hierbei gab es endlose Dispute und
-es wurde täglich versucht, die eigene Weltanschauung zu verbessern, oder
-womöglich von Grund aus umzubauen.
-
-So hatte denn die Richtung der „Bodenständigen“ ihre eifrigsten Anhänger
-und auch eine gewisse Existenzberechtigung. Wenigstens war sie eine
-russische, patriotische Richtung, die vorläufig ihre Formulierung suchte
-und, wie das die Logik verlangte, sich zuletzt doch dem Slawophilismus
-anschloß. In der ersten Zeit aber hatte die Redaktion der Zeitschrift
-doppelte Ursache, sich ihm nicht anzuschließen: erstens vertraute sie
-auf die eigenen Kräfte und wollte selbständig sein und zweitens wollte
-sie ihre Ideen möglichst schnell verbreiten, das Publikum interessieren,
-fesseln und vor allem Zusammenstöße mit den Vorurteilen der Leser
-vermeiden. Deshalb wäre eine offizielle Berufung auf die Slawophilen
-unklug gewesen, selbst wenn die Redaktion sich zu einer solchen bereit
-gefunden hätte.
-
-„Die Zeit“ hatte einen entschiedenen und schnellen Erfolg. Die
-Abonnentenzahl, die für uns alle von so großer Wichtigkeit war, stieg in
-den zweieinhalb Jahren von 2300 auf 4302. Die Ursache dieses schnellen
-und großen Erfolges lag erstens im Namen Fjodor Michailowitschs, der
-bereits sehr bekannt war – von seinen Sträflingsjahren in Sibirien wußte
-ein jeder; – zweitens war der Roman „Erniedrigte und Beleidigte“, der in
-der ersten Nummer begann, trotz all seiner Mängel ein Werk, das die
-durch den Namen Dostojewski gewonnenen Abonnenten in würdiger Weise
-belohnte; drittens spielte hierbei wohl auch noch die allgemeine
-Stimmung des Publikums eine Rolle, denn weder vorher noch nachher hat es
-eine Zeit gegeben, wo man mit solchem Interesse nach literarischen
-Neuerscheinungen griff, wie damals. Mit dem schnellen Erfolg wuchs unser
-Selbstvertrauen, was unter günstigen Verhältnissen der Sache sehr
-dienlich war, dagegen unter ungünstigen ihr sehr schadete.
-
-Damals, 1861, waren wir nach diesem schnellen Erfolge sehr optimistisch
-und machten uns eifrig an die Arbeit. Ich gab meine Lehrtätigkeit auf
-und Michail Michailowitsch Dostojewski wollte seine Tabakfabrik
-schließen, von der er in der Zeit nach 1849 gelebt hatte, als der
-Literatur jede Freiheit genommen war.
-
-Die Mitarbeiter der „Zeit“ teilten sich in zwei Gruppen: die eine hatte
-zum Mittelpunkt Apollon Grigorjeff, um den sich, wie gesagt, die Jugend
-scharte, die andere bildeten Fjodor Michailowitsch und ich. Wir hatten
-eine ganz besondere Freundschaft geschlossen und kamen an jedem Tage
-mindestens einmal zusammen. Im Sommer des Jahres 1861 zog ich aus dem
-Universitätsviertel auf dem Wassili Ostroff in die Nähe der Kleinen
-Meschtschanskaja, wo sich die Redaktion und die Wohnung Michail
-Michailowitschs befanden. Fjodor Michailowitsch wohnte an der Mittleren
-Meschtschanskaja und Apollon Grigorjeff, sowie die ganze junge Kompagnie
-wohnte am Wosnessenski Prospekt in möblierten Zimmern. Ich erwähne das
-nur, um zu sagen, wie nah beieinander und in welcher Gegend wir lebten.
-Ich erinnere mich noch gut des damaligen Charakters dieser ziemlich
-schmutzigen Straßen mit den zum Teil niedrigen Häusern, die alle dicht
-bevölkert waren von Petersburger kleinen Leuten dritter Kategorie.
-Fjodor Michailowitsch hat in mehreren Erzählungen und Romanen, vor allem
-in „Rodion Raskolnikoff“, die Physiognomie dieser Straßen und ihrer
-Bewohner bewunderungswürdig erfaßt und wiedergegeben.
-
-Inmitten dieser Umgebung, die die Seele bedrückt und Ekel einflößt,
-verlebten wir sehr glückliche Jahre. Es gibt nichts Interessanteres und
-Anregenderes als journalistische Arbeit – wenn die Sache gut geht.
-Hierbei vereint sich die ganze Anregung eines Lebens in der
-Öffentlichkeit mit der ganzen Schönheit einsamen Nachdenkens und stiller
-Arbeit. Seiten, die man in der Stille sorgfältig durchdacht hat, treten
-plötzlich vor das Publikum, werden von zahllosen Menschen gelesen und
-werden zum Gegenstand der Dispute und Kritiken, von denen viele
-sogleich, wie Antworten auf Fragen, zu einem zurückkehren. Gerade damals
-war es üblich, daß jede Zeitschrift von allen anderen Zeitschriften
-sprach, so daß der Eindruck eines Artikels sich sehr bald feststellen
-ließ. Dostojewski, Grigorjeff und ich konnten überzeugt sein, daß wir in
-jeder neuen Nummer der literarischen Zeitschriften unsere Namen finden
-würden. Der Wettkampf der verschiedenen Redaktionen, die Spannung, mit
-der man die verschiedenen Richtungen, ihre Ideen, die Polemik, verfolgte
-– all das machte die journalistische Tätigkeit zu einem so fesselnden
-Spiel, daß, wer einmal an ihm teilgenommen hat, dem Wunsch nicht
-widerstehen kann, wieder an ihm teilzunehmen.
-
-Gewöhnlich trafen wir uns gegen drei Uhr nachmittags in der Redaktion,
-Fjodor Michailowitsch nach seinem Morgentee, ich nach meiner
-Morgenarbeit. Hier sahen wir die Zeitungen und Zeitschriften durch,
-nahmen Kenntnis von allen Neuigkeiten, und machten dann meist zusammen
-einen Spaziergang bis zum Mittagessen um fünf, worauf er nicht selten –
-etwa gegen sieben Uhr – wieder zu mir zum Tee kam und die Zeit bis zum
-Abendessen bei mir verbrachte. Überhaupt war er häufiger bei mir als ich
-bei ihm, denn ich war Junggeselle, folglich konnte man mich zu jeder
-Zeit besuchen, ohne befürchten zu müssen, daß man andere störe. Hatte
-ich einen Artikel beendet oder auch nur einen Teil eines Artikels
-geschrieben, so bestand er gewöhnlich darauf, daß ich das Geschriebene
-vorlas. Es ist mir, als hörte ich noch seine Stimme, die dann aus dem
-Stimmengewirr der anderen ungeduldig drängend und bittend erklang:
-
-„Lesen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, lesen Sie!“ Damals begriff ich
-übrigens noch nicht ganz, wieviel Schmeichelhaftes für mich in dieser
-Ungeduld lag. Er widersprach mir nie. Ich erinnere mich eigentlich nur
-eines einzigen Streites zwischen uns, zu dem es infolge eines Artikels
-von mir kam. Aber er sagte mir ebensowenig ein Wort des Lobes und
-äußerte nie eine besondere Anerkennung.
-
-Unsere damalige Freundschaft hatte zwar einen vornehmlich geistigen
-Charakter, aber wir standen uns auch als Menschen sehr nahe. Das
-Einander-Nahestehen hängt bei den Menschen von ihrer Natur ab und
-überschreitet oft auch unter den günstigsten Verhältnissen nicht eine
-gewisse Grenze. Ein jeder von uns zieht gleichsam einen Strich um sich
-herum, den er niemanden überschreiten läßt, oder richtiger – nicht
-überschreiten lassen kann. So fand auch unsere Annäherung ein Hindernis
-in unseren persönlichen Veranlagungen, doch will ich durchaus nicht
-sagen, daß der _kleinere_ Teil dieses Widerstandes auf meiner Seite war.
-Fjodor Michailowitsch hatte bisweilen Augenblicke argwöhnischer
-Vermutungen. Dann sagte er mißtrauisch: „Strachoff hat keinen, mit dem
-er sprechen kann, deshalb hält er sich an mich.“ Aber dieser flüchtige
-Zweifel zeigt ja nur, wie fest wir an die Gegenseitigkeit unserer
-Zuneigung glaubten. In den ersten Jahren war es ein Gefühl, das zu einem
-unbeschränkten Zutrauen wurde. Wenn Fjodor Michailowitsch einen
-epileptischen Anfall gehabt hatte, so befand er sich nach der
-Bewußtlosigkeit anfangs in einer unerträglich schweren Stimmung. Alles
-reizte oder schreckte ihn und selbst durch die Anwesenheit der Nächsten
-fühlte er sich bedrückt. Dann schickte sein Bruder oder seine Frau nach
-mir; in meiner Gegenwart fühlte er sich leichter, und es wurde ihm
-allmählich besser. Indem ich mich dieser Vergangenheit erinnere, leben
-in meinem Gedächtnis einige meiner besten Gefühle wieder auf und ich
-denke, daß ich damals wohl ein besserer Mensch gewesen sein muß, als ich
-es jetzt bin.
-
-Unsere Gespräche waren endlos, und es waren die schönsten Gespräche, die
-mir in meinem Leben beschieden gewesen sind. Er sprach in jener
-schlichten, lebendigen, anspruchslosen Art, die den Reiz und die
-Schönheit der russischen Gespräche ausmacht. Dazwischen scherzte er oft,
-namentlich in jener Zeit, aber sein Witz gefiel mir nicht sonderlich; es
-war häufig nur ein äußerlicher Humor, ähnlich dem französischen, also
-ein Spiel mehr mit Worten und Bildern, als mit Gedanken. Beispiele
-dieser Witzchen finden sich zumeist in seinen kritischen und polemischen
-Artikeln. Doch was mich in der Hauptsache fesselte und sogar frappierte,
-das war sein ungewöhnlicher Verstand, die Schnelligkeit, mit der er
-jeden Gedanken, schon nach dem ersten Wort, der ersten Andeutung,
-erfaßte. In dieser Leichtigkeit des Verstehens liegt der größte Reiz
-eines Gesprächs, wenn man sich unbehindert dem eigenen Gedankengang
-hingeben kann, nicht zu wiederholen und zu erklären braucht, wenn man
-auf eine Frage sofort die richtige Antwort erhält und wenn die
-Entgegnung gerade auf den zentralen Gedanken erfolgt, die Zustimmung
-gerade zu dem Gedanken gegeben wird, zu welchem man sie hören möchte,
-und es keine Mißverständnisse und Unklarheiten gibt. So sind mir unsere
-damaligen Gespräche in der Erinnerung geblieben, die Gespräche, die für
-mich eine große Freude und mein Stolz waren. Der Gesprächsstoff stand
-natürlich zumeist mit der Zeitschrift in Zusammenhang, doch außerdem
-sprachen wir noch über alle nur möglichen Themen, sehr oft über die
-abstraktesten Fragen. Fjodor Michailowitsch liebte diese Fragen nach dem
-Wesen der Dinge und den Grenzen des Wissens, und ich weiß noch, wie es
-ihn amüsierte, wenn ich seine Anschauungen nach den Lehren der
-verschiedenen Philosophen, die die Weltgeschichte kennt, klassifizierte.
-Es zeigte sich, daß es schwer hielt, sich etwas Neues auszudenken und er
-tröstete sich scherzend damit, daß er in seinen Anschauungen wenigstens
-mit dem einen oder anderen der großen Denker übereinstimmte.
-
-
- Fjodor Michailowitsch als Journalist
-
-Ich will mich hier nicht über seine Ansichten, nicht über seine eigene
-Stellung zu seiner Arbeit und die Dinge, mit denen er sich abgab,
-ausführlich verbreiten. Den besten Teil seiner Seele hat er uns in
-seinen Werken offenbart. Ich will nur sagen – was vielleicht manche
-unerfahrene Leser nicht vermuten: daß er einer der aufrichtigsten
-Schriftsteller war, daß alles, was er geschrieben, von ihm selbst erlebt
-und empfunden worden ist, und zwar mit großer Leidenschaft und Hingabe.
-Ja, Dostojewski ist der subjektivste aller Schriftsteller, er hat in den
-Personen seiner Romane fast ausnahmslos sich selbst geschildert. Nur
-selten hat er volle Objektivität erreicht. Für mich, der ich ihm so
-lange nahe stand, war die Subjektivität seiner Darstellungen nur zu
-erkennbar, und deshalb ging mir immer die Hälfte des Eindrucks verloren,
-des Eindrucks der Werke, die auf andere Leser verblüffend wirkten, da
-sie in seinen Gestalten vollkommen objektive Schilderungen sahen.
-
-Sehr oft wurde mir für ihn bange, wenn ich las, wie er gewisse dunkle,
-krankhafte Stimmungen wiedergab. So schilderte er z. B. im „Idiot“
-ausführlich die Stimmung vor einem epileptischen Anfall, obgleich die
-Ärzte Epileptikern stets vorschreiben, sich nicht diesen Erinnerungen
-hinzugeben, da sie unter Umständen ebenso einen Anfall herbeiführen
-können, wie der Anblick eines epileptischen Anfalls bei einem anderen.
-Doch Dostojewski schreckte vor nichts zurück, und was er auch
-schilderte, er blieb fest überzeugt, daß er seinen Gegenstand in voller
-Objektivität gebe. Häufig habe ich von ihm gehört, daß er sich für einen
-vollständigen Realisten halte, daß jene Verbrechen, Selbstmorde und alle
-anderen Ausschreitungen und Entartungen, die in der Regel das Thema
-seiner Romane bilden, in der Wirklichkeit häufige und gewöhnliche
-Erscheinungen seien, denen wir bloß keine Beachtung schenken. Auf Grund
-dieser Überzeugung schilderte er dann dreist das Dunkelste und
-Schmutzigste; niemand ist in der Schilderung der verschiedenen
-Verkommenheiten der Menschenseele so weit gegangen wie er. Und er
-erreichte, was er wollte: es gelang ihm, seinen Geschöpfen so viel
-Realität und Objektivität zu verleihen, daß die Leser aus anfänglicher
-Betroffenheit in Entzücken gerieten. In seinen Bildern war so viel
-Wahrheit, psychologische Richtigkeit und Tiefe, daß sie selbst solchen
-Leuten, denen die Sujets vollkommen fremd waren, verständlich wurden.
-Oft ging es mir durch den Sinn, daß er, wenn er erkennen würde, wie
-stark subjektiv seine Bilder gefärbt sind, sich im Schreiben beengt
-fühlen müßte, und wenn er die Art seines Schaffens bemerkte, nicht mehr
-schaffen könnte. So war für ihn eine gewisse Dosis Selbstbetrug
-erforderlich, wie fast für jeden Schriftsteller.
-
-Doch jeder Mensch hat bekanntlich nicht nur die Mängel seiner Vorzüge,
-sondern mitunter auch den Vorzug seiner Mängel. Dostojewski schildert
-seine elenden und bedauernswerten, gemeinen und furchtbaren Menschen,
-alle die seelischen Krankheiten und Pestbeulen, weil er über sie das
-höhere Urteil zu fällen verstand oder zu verstehen glaubte. Er sah den
-göttlichen Funken selbst im verkommensten Menschen; er verfolgte und
-beobachtete das geringste Aufblitzen dieses Funkens und erspähte Züge
-seelischer Schönheit in Menschen, zu denen wir mit Verachtung, Spott
-oder Abscheu uns zu verhalten gewöhnt sind. Wegen dieser Schönheit, die
-Dostojewski unter der scheußlichen und abstoßenden Äußerlichkeit
-durchschimmernd entdeckte, verzieh er den Menschen und liebte er sie.
-Eine feine und hohe Menschenliebe könnte man seine Muse nennen; und sie
-war es auch, die für ihn das Maß bildete, nach dem er Gut und Böse
-abwog, das Maß, mit dem er in die tiefsten und schrecklichsten Abgründe
-der Menschenseele hinabstieg. Sein Glaube an sich und den Menschen war
-unerschütterlich, und deshalb war er auch so aufrichtig und nahm er so
-ohne weiteres sogar seine Subjektivität für vollkommen objektiven
-Realismus. – Unter dem Wort „Muse“ verstehe ich jenen idealistischen
-Charakter, jene Art des Verstandes und Herzens, die der Mensch annimmt,
-wenn er zu schreiben und Gestalten zu schaffen anfängt. Die Muse und der
-Mensch selbst sind zwei verschiedene Wesen, obschon sie aus einer Wurzel
-hervorgehen und enger als die siamesischen Zwillinge zusammengewachsen
-sind. Aus dem Gesagten geht hervor, daß der Mensch Dostojewski und seine
-„Muse“ ungemein eng miteinander verbunden waren.
-
-Von seinen persönlichen, rein menschlichen Zügen wäre noch zu sagen, daß
-an ihm nicht die geringste Spur einer Verbitterung oder Kränkung durch
-die von ihm ausgestandenen Leiden zu bemerken war und nie auch nur der
-Schatten des Wunsches, die Rolle eines Märtyrers zu spielen. Er war
-absolut frei von jedem gehässigen Gefühl der Regierung gegenüber und tat
-so, als sei in seiner Vergangenheit nichts Besonderes vorgefallen,
-zeigte sich weder enttäuscht noch irgendwie seelisch getroffen, sondern
-war heiter und guter Dinge, wenn die Gesundheit es ihm erlaubte. Ich
-erinnere mich, wie ihm einmal eine Dame, die ihn mit großer
-Aufmerksamkeit betrachtet hatte, plötzlich sagte: „Wenn ich Sie
-betrachte, glaube ich, in Ihrem Gesicht die Leiden zu sehen, die Sie zu
-ertragen hatten ...“ Diese Bemerkung war ihm sichtlich unangenehm. „Was
-für Leiden!“ ... unterbrach er sie fast schroff, um dann sofort über
-ganz nebensächliche Dinge zu scherzen. Desgleichen erinnere ich mich
-noch eines anderen ähnlichen Falles. Er sollte sich an einem
-literarischen Vortragsabend, wie sie damals sehr in Mode waren,
-beteiligen und irgend etwas aus seinen Werken vorlesen. Die Wahl fiel
-ihm schwer. „Es muß etwas Neues, Interessantes sein,“ sagte er zu mir. –
-„Aus dem ‚Totenhause‘ vielleicht?“ schlug ich vor. – „Daraus habe ich
-schon oft vorgelesen, und ich möchte eigentlich nicht ... Es scheint mir
-dann immer, daß ich vor dem Publikum klage, mich immer beklage ... Das
-ist nicht gut.“
-
-Überhaupt kehrte er nicht gern zu der Vergangenheit zurück, als habe er
-sie ganz und gar abgetan, oder wenn er sich einmal Erinnerungen hingab,
-dann gedachte er irgendwelcher froher Erlebnisse, auf die er gleichsam
-stolz war. Deshalb hätte ein Uneingeweihter schwerlich vermuten können,
-wenn er ihn so sah und hörte, was in seinem früheren Leben vorgefallen
-war.
-
-In seinem Verhältnis zur Regierung stand er fest auf dem Standpunkt, der
-für alle echten Russen so selbstverständlich ist. Jeder Gedanke an
-Auflehnung war ihm fern, obschon er sich bisweilen tief bekümmert oder
-mit ehrlichem Unwillen über manche Leute und Maßregeln äußerte. Er
-selbst ertrug die unbequemen herrschenden Zustände nicht nur
-stillschweigend, sondern sogar mit vollkommenster Ruhe, wie etwa eine
-allgemeine Lebensbedingung, die keineswegs ihn persönlich anging. So
-entsinne ich mich nicht, ihn jemals über die Zensoren aufgebracht
-gesehen zu haben, obgleich diese Herren – im allgemeinen sehr
-liebenswürdige Leute, die sich zumeist mit Respekt zur Literatur
-verhielten – nicht selten ein Überflüssiges taten, und, wenn sie nicht
-viel Verfängliches fanden, wenigstens kleine Korrekturen anbrachten, um
-doch nicht ganz umsonst gelesen zu haben. Übrigens gehörte Fjodor
-Michailowitsch zu den Schriftstellern, die, ohne an die Zensur zu
-denken, unwillkürlich in den Grenzen bleiben, einfach weil sie viel zu
-ernst sind, um sich Schroffheiten und persönliche Ausfälle zu erlauben.
-
-Im Grunde waren wir sehr abstrakte Politiker, sprachen nur von
-allgemeinen Fragen und Auffassungen, in der Praxis aber blieben wir beim
-„reinen Liberalismus“, also bei dem Glauben, daß man in der inneren
-Organisation eines Staates ohne Zwangsmaßregeln am weitesten komme, daß
-die verschiedenen Interessen sich dann am deutlichsten äußern und am
-besten ausgleichen könnten. Mit einem Wort, es waren die Grundsätze, an
-die sich alle Anhänger der Gedanken-, Preß- und Handelsfreiheit usw.
-halten, Grundsätze, die natürlich längst nicht die ganze Frage
-erschöpfen, an die man sich aber in all den Fällen halten muß, wo zu
-anderen Grundsätzen keine Veranlassung vorliegt. In der Wirklichkeit
-freilich erwiesen sich gerade die liberalen Grundsätze als unfähig,
-unsere Gesellschaft zu regieren, eben als zu schwerverständlich und noch
-zu unerfüllbar, und überdies als durchaus ungeeignet, die Entwicklung
-anderer, ihnen entgegengesetzter Grundsätze zu paralysieren. So kam es
-unter den Anhängern des „reinen Liberalismus“ zu einer schnellen und
-entsetzlichen Ernüchterung, und das Ende der liberalen Epoche war, daß
-plötzlich Proklamationen auftauchten, die zum Aufstand, zur Revolution
-aufforderten. Den Proklamationen folgten die Brandstiftungen, diesen der
-polnische Aufstand und drei Jahre später das erste Attentat auf das
-Leben des Zaren.
-
-Ich führe dies hier an, um den Liberalismus unserer Zeitschrift und
-folglich denjenigen, zu dem sich Fjodor Michailowitsch bekannte, zu
-kennzeichnen. Leider herrschen bei uns trotz aller historischen
-Erfahrungen und Debatten, sowohl schriftlicher wie mündlicher, noch die
-größten Mißverständnisse in den Begriffen: und die wahre Bedeutung des
-Liberalismus ist fast vergessen. Denn daß ein Liberaler dem Wesen der
-Sache nach in der Mehrzahl der Fälle ein Konservativer und nicht ein
-Progressist sein muß und schon in keinem Fall ein Revolutionär – das
-wissen oder begreifen jetzt wohl nur sehr wenige. Diesem wahren
-Liberalismus ist Fjodor Michailowitsch denn auch bis zu seinem Tode treu
-geblieben. Wir standen keiner von den Parteien nahe, die praktische
-Aufgaben und praktische Interessen hatten; wir sahen ein, daß wir in der
-Sphäre allgemeiner abstrakter Fragen bleiben mußten, und da wir glühende
-Patrioten und Russophile waren, so sahen wir auch unter diesen Umständen
-eine Menge Arbeit vor uns, sowohl auf dem Gebiet der literarischen
-Kritik wie auf dem der Auslegung der russischen Geschichte und des
-russischen Lebens; ferner galt es, über den Westen zu schreiben, über
-die europäischen geistigen und politischen Ereignisse, die bei uns von
-so großem Einfluß sind. In allen diesen Beziehungen ist nicht zu
-leugnen, daß die „Zeit“ eifrig arbeitete und in keiner Hinsicht von der
-Verfolgung ihrer allgemeinen Aufgabe abwich.
-
-Ein nicht zu umgehender Teil dieser Aufgabe war die Polemik, da die
-übergroße Mehrzahl der Literaten zur Partei der Westler gehörte und der
-entscheidende Einfluß von Zeitschriften ausging, die direkt zum
-Nihilismus neigten. So wurde der Kampf mit dem Nihilismus gewissermaßen
-eine Spezialität der „Zeit“, wenigstens ließ sie ihn nie aus dem Auge
-und analysierte ihn von allen Seiten. In dem Zeitraum bis zum Erscheinen
-des Romans „Väter und Söhne“ von Turgenjeff (1862) hatte sie seine
-wesentlichen Züge bereits festgestellt, dieselben Züge, die Turgenjeff
-in lebendigen Bildern so treffend darstellte.
-
-Den Kampf gegen die nihilistische Richtung eröffnete Fjodor
-Michailowitsch, indem er gegen die grobmaterialistische Auffassung der
-Kunst schrieb, nur begnügte er sich mit recht schwachem, nachsichtigem
-Widerspruch. Da hielt ich es nicht aus und verfocht bei der ersten
-Gelegenheit offen und kategorisch eine den nihilistischen Lehren
-entgegengesetzte Richtung. Ich kann wohl sagen, daß in mir beständig
-eine gewisse organische Abneigung vor dem Nihilismus vorhanden war und
-daß ich seit dem Jahre 1855, als er zuerst sich bemerkbar zu machen
-begann, mit wachsendem Unwillen sein Hervortreten in der Literatur
-wahrgenommen hatte. Schon in den Jahren 1859 und 60 hatte ich gegen die
-Absurditäten, die da so unzweideutig und ungeniert ausgesprochen wurden,
-geschrieben, doch selbst befreundete Redakteure wiesen mich mit aller
-Entschiedenheit ab und nahmen mir sogar alle Hoffnung, jemals meine
-Artikel veröffentlicht zu sehen. Damals begriff ich, welch eine
-Autorität die Blätter dieser Richtung hatten. Um so größer war meine
-Freude, als die Redaktion der „Zeit“, natürlich nur dank Fjodor
-Michailowitsch, meinen Artikel „Über die Petersburger Literatur“ für die
-Juninummer 1861 annahm. Daraufhin schrieb ich fast für jede Nummer in
-diesem Geiste. Ich erzähle dies alles nur zur Charakteristik der
-Literatur jener Zeit.
-
-Ich bemühte mich um die größte Gewissenhaftigkeit, suchte meine Angriffe
-durch ein wirkliches Urteil zu begründen und scheute in der Beziehung
-keine Mühe; um so mehr interessierte Fjodor Michailowitsch die in ihnen
-enthaltene Klarlegung der Frage. Ich erwähne das deshalb, weil dieselbe
-so überaus wichtige Folgen hatte: sie führte zunächst zum vollständigen
-Bruch der „Zeit“ mit dem „Zeitgenossen“, dem angesehensten Petersburger
-Journal, und später zur allgemeinen Feindschaft fast des gesamten
-Petersburger Literatentums gegen die „Zeit“.
-
-Das Problem der bei uns in Rußland sich äußernden Verneinung wurde für
-unsere Literatur, für das öffentliche Bewußtsein erst durch den Roman
-Turgenjeffs „Väter und Söhne“ klargestellt, durch denselben Roman, in
-dem zum erstenmal das Wort „Nihilist“ vorkam, mit dem die Debatten über
-die „neuen Menschen“ begannen und, kurz, das Ganze seine Formulierung
-und Popularität erhielt. Turgenjeff verfolgte beständig mit größter
-Aufmerksamkeit die Veränderungen der bei uns herrschenden Stimmungen und
-der Ideale des „Helden der Zeit“, weshalb er unsere führenden
-literarischen Kreise nie aus dem Auge verlor. In dem erwähnten Roman
-hatte er nun einen Typ geschildert, der entschieden wie eine Offenbarung
-wirkte, da ihn vorher niemand bemerkt hatte, doch den jetzt plötzlich
-ein jeder in seiner Umgebung häufig vertreten sah. Die Verwunderung war
-ungeheuer; man verlor geradezu den Kopf, da die Überraschung für die
-Dargestellten gar so unerwartet kam und sie sich im Spiegelbilde des
-Romans nicht erkennen wollten, – obschon der Autor sich keineswegs mit
-entschiedener Ablehnung zu dem Helden des Romans verhielt. Doch der
-jungen Generation war das zu wenig; sie erklärte deshalb mit einem
-Riesenlärm, Turgenjeff, damals der erste Name in unserer Literatur, sei
-geistig zurückgeblieben und ein Gegner der allgemeinen Sache. In den
-damaligen endlosen Gesprächen und Disputen hatte ich häufig Gelegenheit,
-unterschiedlichen Nihilisten zu beweisen, daß sie, wenn sie folgerichtig
-dächten, sich zu denselben Anschauungen bekennen müßten, die der
-Nihilist Basaroff im Turgenjeffschen Roman vertritt. Die Mehrzahl des
-Publikums ereiferte sich, wie gewöhnlich, sehr, hatte aber von der
-ganzen Sache nur ungenaue, meist recht bunte Vorstellungen. Die
-eifrigsten Anhänger der nihilistischen Richtung vermuteten nicht einmal,
-daß z. B. die Wissenschaft und die Kunst gleichfalls ihrem Götzen
-geopfert werden müßten. Im April 1862 erschien in der „Zeit“ ein Artikel
-von mir, der Turgenjeff als streng objektiven Künstler scharf
-verteidigte, und der die Lebenswahrheit des von ihm geschilderten Typus
-bewies. Turgenjeff, der kurz nach dem Erscheinen des Artikels in
-Petersburg eintraf und auf der Redaktion der „Zeit“ erschien, wo er die
-Brüder Dostojewski und mich antraf, und uns alle drei zu einem Diner im
-Hotel einlud, war durch den Sturm, der sich gegen ihn erhoben hatte,
-offenbar sehr beunruhigt. In den folgenden Jahren wurde Turgenjeff mit
-einem ganzen Regen von Vorwürfen und Schimpf überschüttet, so daß er bis
-1867 nichts Ähnliches veröffentlichte.
-
-Inzwischen erschien im Jahre 1866 der Roman „Rodion Raskolnikoff“, in
-dem mit bewunderungswürdiger Kraft ein gewisser extremer und
-charakteristischer Ausdruck des Nihilismus dargestellt ist, und von
-diesem Roman bis zu der kurz vor dem Tode geschriebenen „Legende vom
-Großinquisitor“ zieht sich in den Werken Dostojewskis ununterbrochen
-eine vielgestaltige und tiefe Analyse unserer sittlichen und geistigen
-Problematik. Betrachtet man das Ganze von diesem Standpunkt aus, so muß
-man Dostojewski noch ein ungeheures Verdienst um die Literatur und die
-Gesellschaft zusprechen. Er allein hat die Aufgabe in ihrer ganzen Tiefe
-und Breite erfaßt hat, alle Arten und Äußerungen dieser Dummheit und
-Sittenlosigkeit gezeigt, die sich in russischen Menschen entwickeln,
-wenn sie den Heimatboden verlassen, d. h. wenn sie sich von der Treue zu
-Rußland und vom christlichen Geist lossagen. Er blickte in die Seelen
-dieser Menschen und schilderte den Kampf ihrer Irrtümer mit dem guten
-Element, das noch in ihrer Seele lebt. Dabei tritt bei ihm das religiöse
-Element, wie auch die Sittlichkeit und Vaterlandsliebe des Volkes
-deutlich als Gegengewicht hervor, als Zuflucht und Rettung vor dem Chaos
-und der Albernheit der verweichlichten oberen Gesellschaftsschicht. Das
-Ganze ist groß, feinsinnig und tief angefaßt, dazu mit beständigen
-Hinwendungen zu den ewigen Aufgaben der Menschenseele, mit
-künstlerischen Versuchen, die erhabensten, wie die anrüchigsten
-Geheimnisse der Menschenherzen zu erspähen. Es ist kein Wunder, daß
-solch ein Schriftsteller die Leser schließlich außerordentlich zu
-interessieren begann.
-
-In dieser kurzen Skizze der Stellungnahme unserer Literatur zum
-Nihilismus muß ich aus Sachlichkeit auch auf meine kleine Rolle
-hinweisen.
-
-Auf Grund meines Artikels über Turgenjeff erschien in der nächsten
-Nummer des „Zeitgenossen“ ein überaus scharfer, ausschließlich gegen
-mich gerichteter Artikel. Diese Ehre hatte ich hauptsächlich meiner
-Analyse der nihilistischen Richtung zu verdanken. Und mehr noch dieser
-meiner Richtung als einigen meiner positiven Anschauungen schreibe ich
-die Bemerkung Fjodor Michailowitschs zu, die er – viel später einmal,
-als unsere Freundschaft kühler war – mir gegenüber machte. Es war im
-Jahre 1873, als er die Redaktion des „Bürger“ übernommen hatte. Da
-verlangte er von mir, ich solle mehr schreiben; als ich darauf sagte,
-ich hätte zu wenig Gedanken, um so viel zu schreiben, fiel er mir ins
-Wort: „Wieso zu wenig Gedanken? Die Hälfte meiner Anschauungen sind Ihre
-Anschauungen!“ Man wird es verstehen, daß diese in geärgertem Tone
-gesagte Bemerkung sich als großes Kompliment in meinem Gedächtnis
-erhalten hat, und ich schreibe sie, wie gesagt, meinem hartnäckigen
-Einstehen für meinen Standpunkt gegen den Nihilismus zu. Menschen mit
-künstlerischer Verstandesart sehen oft ein großes Verdienst in der
-logischen Entwicklung eines Gedankens, wozu sie selbst wenig geneigt
-sind, und wenn man dann im Kern der Sache eine Übereinstimmung findet,
-wie es bei Fjodor Michailowitsch und mir größtenteils der Fall war, so
-ist den Künstlern die abstrakte Formulierung ihrer Ideen und Gefühle
-sehr angenehm.
-
-Auf den erwähnten Angriff des „Zeitgenossen“ antwortete ich in unserer
-Mainummer. Doch unsere Polemik wurde durch äußere Verhältnisse
-unterbrochen. Durch irgendeine Beziehung oder eine Anzeige fiel auf
-unseren Gegner der Verdacht, mit den revolutionären Proklamationen –
-nach denen die Brandstiftungen in Petersburg begannen – in Verbindung zu
-stehen, und der „Zeitgenosse“ wurde auf acht Monate verboten. Wir waren
-darüber aufrichtig betrübt, denn damit war uns der Gegner genommen,
-während wir gerade dem Kampf gegen ihn eine große Bedeutung beimaßen.
-Wir wußten sehr gut, daß seine Richtung trotz seines Schweigens oder
-sogar noch mehr dank diesem unfreiwilligen Schweigen fortfuhr, sich im
-Publikum zu entwickeln und zu erstarken. Uns aber fehlte jetzt der
-allgemein anerkannte Repräsentant der Richtung. Doch ganz abgesehen von
-diesem sozusagen internen Kummer, war schon die allgemeine Lage sehr
-schwer und traurig. Die Feuersbrünste flößten ein Grauen ein, das sich
-schwer beschreiben läßt. Ich entsinne mich noch, wie ich einmal mit
-Fjodor Michailowitsch nach den Inseln hinausfuhr. Vom Schiff aus sah man
-in der Ferne Rauchwolken, die sich an drei oder vier Stellen über der
-Stadt erhoben. Wir kamen in einen der Vergnügungsparks, wo eine
-Musikkapelle spielte und Zigeuner sangen. Aber wie gern wir uns auch
-zerstreut und amüsiert hätten, die schwere Stimmung ließ sich doch nicht
-verscheuchen, und es zog mich bald nach Haus. Daß bei diesen
-Feuersbrünsten Brandstiftung vorlag, war kaum zu bezweifeln, nur sind
-sowohl diese wie auch noch andere traurige Vorfälle jener Zeit aus
-irgendwelchen Gründen vollkommen unaufgeklärt geblieben.
-
-Im Juni dieses Jahres (1862) trat Fjodor Michailowitsch seine erste
-Reise ins Ausland an. Er fuhr u. a. nach Paris und London, wo er mit
-Alexander Herzen zusammentraf, den er damals noch sehr milde beurteilte.
-Seine „Winteraufzeichnungen“ verraten sogar ein wenig den Einfluß
-Herzens. Später aber, in den letzten Jahren, äußerte er oft seinen
-Unwillen über die Unfähigkeit Herzens, das russische Volk zu verstehen
-und seine volkliche Eigenart zu schätzen. Mißachtung der einfachsten und
-gutmütigen Sitten, Stolz auf den Besitz der Aufklärung – diese Züge
-Herzens ärgerten Fjodor Michailowitsch sehr; übrigens verurteilte er
-dieselben auch an Gribojedoff, nicht nur an unseren Revolutionären und
-kleinen Anklägern.
-
-Aus Paris erhielt ich von Fjodor Michailowitsch einen Brief, in dem er
-mir genau angab, wie und wo wir uns in Genf treffen könnten, wohin er
-von Köln aus, den Rhein hinauf, fahren wollte. Die Fortsetzung des
-Briefes führe ich hier an, da sie viel für ihn Bezeichnendes wiedergibt.
-
-„... Liebster Nikolai Nikolajewitsch, es ist jetzt eine schlimme Zeit,
-wie Sie schreiben – eine Zeit ungewisser und quälender Erwartung. Aber
-eine Zeitschrift ist doch eine große Sache ... Herrgott, wenn man
-bedenkt, wieviel noch nicht getan und noch nicht gesagt ist! Und ich
-sitze hier in der sogenannten schönen Fremde und brenne doch schon
-darauf, wenn auch nicht körperlich, so doch geistig, wieder nach Rußland
-zurückzukehren. Ein jeder, ein jeder muß jetzt mithelfen und vor allem
-danach trachten, auf den richtigen Weg zu kommen! Gar zu sehr haben sich
-die Begriffe in unserer Gesellschaft verwirrt. Ein allgemeines Zweifeln
-und Nicht-Wissen hat begonnen ... Ach, Nikolai Nikolajewitsch, Paris ist
-die langweiligste Stadt, und wenn es hier nicht sehr viel wirklich gar
-zu bemerkenswerte Dinge gäbe, so könnte man wahrlich sterben vor
-Langweile. Die Franzosen sind, bei Gott, ein Volk, von dem einem übel
-wird. Sie sprachen einmal von den selbstzufrieden-frechen und gemeinen
-Gesichtern, die auf unseren Petersburger mondänen Promenaden florieren.
-Aber ich schwöre Ihnen, die hiesigen wiegen die unsrigen auf. Bei uns
-sind es einfach fleischfressende Lumpen, und zwar wissen sie das
-größtenteils selber. Hier aber ist der Kerl vollkommen überzeugt, daß es
-gerade so sein müsse. Der Franzose ist still, ehrlich, höflich, aber
-falsch und das Geld ist bei ihm alles. Von Idealen keine Spur. Nicht nur
-keine Überzeugungen, sogar eigenes Nachdenken dürfen Sie nicht
-verlangen. Das Niveau der allgemeinen Bildung ist bis zum Äußersten
-niedrig (ich spreche nicht von den staatlich angestellten Gelehrten,
-dieser gibt es doch nicht viele, und schließlich, ist denn Gelehrtheit
-Bildung in dem Sinne, wie wir dieses Wort zu verstehen gewöhnt sind?)
-... Es gibt gewisse Dinge, die zu bemerken und zu verstehen eine halbe
-Stunde genügt, und die doch ganze Seiten der Nation deutlich bezeichnen,
-eben durch den Beweis, daß solche Tatsachen möglich sind, daß es so
-etwas wirklich gibt ... Und noch etwas, Nikolai Nikolajewitsch: Sie
-ahnen nicht, wie die Einsamkeit einem hier die Seele bedrückt. Man kommt
-in eine ganz sehnsüchtige und schwermütige Stimmung. Freilich, Sie sind
-ein einsamer Mensch und haben keinen Grund, mich deshalb besonders zu
-bedauern. Aber nichtsdestoweniger: man fühlt sich gewissermaßen
-losgelöst vom Erdboden und zurückgeblieben hinter der wichtigen, von uns
-verrichteten Arbeit und den laufenden Fragen im eigenen Vaterlande.
-Allerdings habe ich es bisher ungünstig getroffen im Auslande;
-scheußliches Wetter und zudem treibe ich mich immer noch in Nordeuropa
-umher und habe von den Naturwundern nur den Rhein mit seinen Ufern
-gesehen. (Nikolai Nikolajewitsch! Das ist wirklich ein Wunder!) Was wird
-es erst weiterhin geben, wenn ich von den Alpen in die Täler Italiens
-hinabsteige. Ach, wenn wir’s doch zusammen könnten! Wir sehen uns dann
-Neapel an, gehen in Rom spazieren, ja vielleicht liebkosen wir sogar
-eine junge Venezianerin in der Gondel (– Was meinen Sie? Nikolai
-Nikolajewitsch?) Doch – ‚kein Wort, kein Wort, ich schweige schon‘, –
-wie Poprischtschin[5] in einem ähnlichen Falle sagt ... Leben Sie wohl.
-Übrigens richtiger: auf Wiedersehen. Es ist doch nicht möglich, daß wir
-uns hier im Auslande _nicht_ treffen! Das würde ich mir niemals
-verzeihen. Ich drücke Ihnen kräftig die Hand. Grüßen Sie von mir alle
-unsere gemeinsamen Bekannten. Wie benimmt sich Ihr unerzogener Kater?
-Addio!
-
- Ihr Dostojewski.“
-
-In meiner Antwort auf diesen Brief versprach ich, zur rechten Zeit in
-Genf einzutreffen, was ich denn auch tat. Um ihn dort zu finden,
-versuchte ich es mit einem bewährten Mittel: ich begab mich auf die
-Hauptpromenade, den Kai, und suchte dort die besten Cafés auf. Wenn ich
-nicht irre, traf ich ihn gleich im ersten. Unsere Freude war natürlich
-groß, zumal wir uns beide lange Zeit in der Umgebung von ausschließlich
-Fremden vereinsamt gefühlt hatten, und unsere Begrüßung war denn auch so
-lebhaft und unsere Freude so laut, daß wir die anderen Cafébesucher, die
-würdig und schweigsam an ihren Tischchen vor den Zeitungen saßen,
-belästigten. Wir beeilten uns deshalb, hinauszukommen und waren von nun
-an selbstverständlich unzertrennlich. Fjodor Michailowitsch war kein
-Meister im Reisen; ihn interessierte weder die Natur besonders, noch
-historische Sehenswürdigkeiten, noch Kunstwerke, außer vielleicht die
-allergrößten. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf die Menschen gerichtet:
-und nur ihre Natur, ihren Charakter suchte er zu erfassen und vielleicht
-noch so den Gesamteindruck des Straßenlebens. Er begann mir auch
-sogleich mit Eifer auseinanderzusetzen, daß er die übliche Manier der
-Reisenden verachte – nach dem Führer alles Berühmte sich anzusehen. Und
-tatsächlich, wir sahen uns nichts an, sondern spazierten nur, wo es mehr
-Menschen gab, und unterhielten uns. Genf fand er im allgemeinen düster
-und langweilig. Auf meinen Vorschlag machten wir an einem schönen Tage
-einen Ausflug nach Luzern. Dann wollte ich unbedingt nach Florenz, von
-welcher Stadt Apollon Grigorjeff so begeistert geschrieben und erzählt
-hatte. Wir fuhren über Turin, Genua, Livorno. Von Turin, der Stadt mit
-den geraden, ebenen Straßen, sagte Fjodor Michailowitsch, daß es ihn an
-Petersburg erinnere. In Florenz verbrachten wir eine Woche in einem
-bescheidenen Hotel „Pension Suisse“ (Via Tornabuoni). Wir hatten es dort
-gut, denn das Hotel war nicht nur bequem und solid eingerichtet, es
-zeichnete sich auch noch durch gewisse patriarchalische Sitten aus und
-nicht durch jene widerlichen Ansprüche auf Luxus und andere
-Hotelunsitten, die sich in ihm schon ziemlich eingebürgert hatten, als
-ich 1875 wieder dort einkehrte. Auch in Florenz taten wir nichts von
-alledem, was Touristen zu tun pflegen. Wir brachten die Tage zu in
-Spaziergängen und bei der Lektüre von Victor Hugos Roman „_Les
-misérables_“, der damals erschien und den Fjodor Michailowitsch Teil für
-Teil kaufte und von denen wir drei oder vier in dieser Woche durchlasen.
-Aber ich wollte doch nicht die Gelegenheit versäumen, die großen
-Kunstschätze kennen zu lernen, und wollte in ruhiger, aufmerksamer
-Betrachtung versuchen, den geistigen Überschwang, der diese Schönheit
-geschaffen hatte, zu erfassen und nachzuempfinden. So besuchte ich denn
-mehreremal die _galleria degli Uffizii_. Einmal gingen wir auch zusammen
-hin. Da wir aber keinen bestimmten Vorsatz hatten und unvorbereitet
-waren, so begann Fjodor Michailowitsch sich alsbald zu langweilen und
-wir verließen die Galerie, ich glaube, noch bevor wir zur Venus von
-Medici gekommen waren. Dafür waren unsere Spaziergänge in der Stadt sehr
-unterhaltsam, obschon Fjodor Michailowitsch manchmal fand, daß der Arno
-an die Fontanka, einen Petersburger Kanal, erinnere, und obgleich wir
-kein einziges Mal in den Cascinen waren. Am schönsten aber waren unsere
-Gespräche abends vor dem Schlafengehen bei einem Glase roten Landweins.
-Da ich auf den Wein zu sprechen gekommen bin, möchte ich bemerken, daß
-Fjodor Michailowitsch in dieser Beziehung äußerst mäßig war. Ich
-erinnere mich nicht eines einzigen Falles in den ganzen zwanzig Jahren,
-wo ich an ihm auch nur die geringste Wirkung getrunkenen Weines bemerkt
-hätte. Eher bekundete er eine kleine Vorliebe für Süßigkeiten. Sonst war
-er im Essen sehr mäßig.
-
-Aus den „Winteraufzeichnungen“ werden die Leser am besten ersehen,
-worauf seine Aufmerksamkeit im Auslande wie überall gerichtet war: ihn
-interessierten die Menschen, ausschließlich die Menschen mit ihrer
-Seelenart, ihrer Lebensweise, ihren Gefühlen und Gedanken.
-
-In Florenz trennten wir uns. Er wollte nach Rom reisen (wozu es jedoch
-nicht kam) und ich wollte noch auf eine Woche nach Paris.
-
-Im September war unsere ganze Redaktion wieder vollzählig in Petersburg
-versammelt. Apollon Grigorjeff war schon im Sommer aus Orenburg
-zurückgekehrt. Wir machten uns alle mit Lust an die Arbeit und es ging
-so gut, daß es eine Freude war.
-
-Das folgende Jahr, 1863, war eine bedeutungsvolle Zeit in unserer
-allgemeinen Entwicklung. Im Januar brach der polnische Aufstand aus und
-rief in unserer Gesellschaft eine große Bestürzung hervor, die eine
-schroffe Wandlung einzelner Ansichten zur Folge hatte. Bei der liberalen
-Stimmung nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der regierenden
-Kreise, hatte man die polnische Frage anfangs überhaupt nicht richtig
-aufzufassen verstanden. Polen, der Selbständigkeit beraubt, erwies sich
-als Ausgangspunkt unvermeidlicher Erschütterungen. Nicht wenige
-Patrioten sagten schon lange, daß wir Polen, indem wir es Rußland
-einverleibten, _in unseren Körper_ wie irgendeine schädlich wirkende
-Medizin aufgenommen hätten. Deshalb vertraten der „Tag“ und die
-„Moskauer Nachrichten“ zunächst den Standpunkt, daß die beste Lösung des
-Problems vielleicht wäre, Polen abzuschütteln und seinem eignen
-Schicksal zu überlassen. Da kamen aber die Ansprüche der Polen auf das
-Westgebiet, und diese warfen einerseits ein ganz neues Problem auf,
-andererseits verwirrten sie die Mehrzahl der gebildeten Leute so weit,
-daß sie in ihrer tiefen Unkenntnis der Sache mit der Erfüllung dieser
-neuen Forderungen einverstanden gewesen wären. Da waren es die beiden
-genannten Moskauer Blätter, die viel zu einer richtigen Beurteilung der
-Sachlage beitrugen. In der Gesellschaft kam es zu einem krassen
-Umschwung der Anschauungen: der Patriotismus loderte auf, die nicht
-bodenständigen Liberalen verloren ihre Bedeutung und Alexander Herzen,
-der es sich einfallen ließ, für die Polen einzutreten, verlor auf immer
-sein Ansehen bei den Lesern.
-
-Die Petersburger Literatur hatte zu diesen Vorgängen von Anfang an fast
-ausnahmslos geschwiegen, vielleicht deshalb, weil sie nicht wußte, was
-sie sagen sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten Standpunkte aus
-urteilte und den Anmaßungen der Aufständischen sogar beistimmte. Dieses
-Schweigen reizte die Moskauer Patrioten und die patriotisch Gesinnten
-der Regierungskreise. Sie fühlten, daß in der Gesellschaft eine den
-Staatsinteressen in diesem Augenblick feindliche Stimmung oder Richtung
-vorhanden war und waren darüber mit Recht empört. Und diese Empörung
-wartete nur auf die erste Kundgebung der geheimen Stimmung, die sich
-vorläufig nur durch Schweigen ausdrückte, um sie dann als Feind im
-Innern niederzuschlagen. Und so geschah es denn auch, nur daß die Strafe
-infolge eines Mißverstehens nicht die Schuldigen traf, sondern die
-„Zeit“.
-
-Es muß eingestanden werden, daß unsere Zeitschrift den Aufgaben, die zu
-erfüllen die Pflicht eines jeden Blattes, besonders eines patriotischen
-gewesen wäre, nur mangelhaft nachkam. Die „Zeit“ war in diesem Jahr in
-literarischer Hinsicht allerdings interessant, aber zur Polnischen Frage
-hatte sie sich überhaupt noch nicht geäußert. Ihr erster Artikel über
-dieses Problem war ein Aufsatz von mir in der Aprilnummer: „Eine
-verhängnisvolle Frage.“ Und eben dieser Aufsatz wurde mißverstanden und
-veranlaßte das Verbot der Zeitschrift.
-
-Selbstverständlich war weder bei den Brüdern Dostojewski noch bei mir
-auch nur eine Spur von Polonophilismus vorhanden. Der Sinn meines
-Artikels war der, daß wir mit den Polen nicht nur materiell, sondern
-auch geistig kämpfen müßten und die endgültige Lösung des Problems erst
-dann eintreten würde, wenn wir die Polen geistig besiegt hätten. Die
-Polnische Frage erfordert mehr als jede andere die Mitwirkung auch aller
-unserer inneren Kräfte, sie erinnert uns an unseren Unterschied von
-Europa und verheißt Klärung und Entwicklung unserer selbständigen
-Elemente. In Wirklichkeit, im Leben, übertreffen wir die Polen
-unendlich; doch diese unsere Stärke muß man zu Bewußtsein bringen und
-aus ihr klare Formen geistiger und kultureller Entwicklung schöpfen.
-Beide Dostojewskis waren mit meinem Artikel sehr zufrieden und stolz
-darauf, daß sie ihn brachten. Im Grunde war es eine Umprägung der
-politischen Frage in eine abstrakte Formel. Aber das Leben mit seinen
-konkreten Gefühlen und Taten ging so glühend vorwärts, daß es diesmal
-die Abstraktheit nicht ertrug. Insofern war dieser unselige Artikel
-natürlich schlecht geschrieben. Nachher machte mir Fjodor Michailowitsch
-einen leisen Vorwurf eben wegen der trockenen Abstraktheit meiner
-Ausführungen, was mich damals ein wenig kränkte; doch jetzt gebe ich
-gern zu, daß er recht hatte. Es tut mir weh, an den Kummer zu denken,
-den ich unfreiwillig vielen Patrioten zufügte. Aber eine noch viel
-größere Strafe war es, daß andere wiederum mich für einen Polonophilen
-hielten und mir gegenüber gerade aus diesem Grunde eine besondere
-Hochachtung bezeugten. Das schmerzte mich mehr als alle verächtlichen
-Blicke, deren ich so viele zu ertragen hatte, und alle betonte Kühlheit
-sogar meiner nahen Bekannten, weil ich in ihren Augen ein Konservativer
-und Rückschrittler war. Dieses unklare Denken, diese kurzsichtige und
-enge Auffassung aller Fragen, diese verblüffende Armut an Logik und
-Kritik findet man in jeder Gesellschaft, in der unsrigen aber hat sie
-einen besonderen Einfluß. Das ist natürlich von großem Übel, denn es
-stört die Entwicklung des Denkens und somit auch die der Literatur. Doch
-um den unangenehmen Eindruck zu erklären, den der Ton meiner Schrift
-hervorrief, muß ich noch ein paar Worte über mich sagen.
-
-Grenzenloser Patriotismus – das war die Gefühlswelt, in der ich fern von
-den Hauptstädten aufgewachsen und erzogen worden war. Rußland erschien
-mir als ein Land von ungeheuren Kräften, mit unvergleichlichem Ruhm
-bedeckt, als erstes Land der Welt, so daß ich im buchstäblichen Sinn des
-Wortes Gott dafür dankte, daß ich als Russe zur Welt gekommen war.
-Deshalb konnte ich es lange Zeit überhaupt nicht fassen, daß es Menschen
-gab, die in der Beziehung anders fühlten und dachten, und ebenso schwer
-war mir, Anschauungen zu verstehen, die diesem meinem Gefühl
-widersprachen. Als ich mich aber schließlich überzeugte, daß Europa uns
-verachtet, daß es in uns ein halbbarbarisches Volk sieht und daß es für
-uns nicht nur schwierig, sondern einfach unmöglich ist, die europäischen
-Völker zu einer anderen Auffassung von uns zu bekehren, da war diese
-Entdeckung unsäglich schmerzlich für mich, und diesen Schmerz empfinde
-ich auch jetzt noch. Aber ich habe nie auch nur daran gedacht, mich von
-meinem Patriotismus loszusagen oder meinem Vaterlande und seinem Geist
-den Geist gleichviel welch eines anderen Landes vorzuziehen. Wenn es mir
-auch häufig schien, daß Rußland, wie der Dichter Tjutscheff sagt, „nicht
-mit dem Verstande zu erfassen“ sei und man an Rußland „nur glauben“
-könne, so begann ich doch mit der Zeit immer besser zu erkennen, wie es
-kam, daß „der stolze Blick der andren Völker nicht verstehen und nicht
-erkennen kann, was in Rußlands demütiger Nacktheit glüht und voll
-Geheimnis leuchtet“. Die Verachtung der Europäer war nur der beständige
-Stachel, der sowohl meine Treue zum Geist meines Volkes verstärkte, wie
-er das Verstehn dieses Geistes förderte. Eben diese Treue und dieses
-Verstehen wollte ich auch in anderen erwecken, und deshalb hatte ich von
-der Anmaßung der Polen geschrieben und darauf hingewiesen, daß wir uns
-nur durch unerschütterlichen Glauben an uns selbst und die Erkenntnis
-des Geistes, den wir in uns tragen, über ihre Anmaßung stellen können.
-Unser Unglück besteht vorläufig nur in der Schwierigkeit und Unklarheit
-dieser Erkenntnis. Doch dieses Unglück lastet nur auf denen, die sich
-vom Boden losgerissen haben. Wer aber von uns bestehen will, der suche
-diesen Geist und richte seinen Verstand darauf, sein Wesen zu erkennen.
-
-Der polnische Aristokratismus ist schon im allgemeinen, besonders aber
-in seinem Gegensatz zu dem angrenzenden russischen Gebiet, für jeden
-Russen etwas Widerliches; er hat auch am meisten zum Untergang Polens
-beigetragen. Er selbst hat sich durch die traditionelle Aneignung der
-europäischen Bildung entwickelt, auf der er auch jetzt noch beruht.
-Daraus folgt, daß es zuweilen besser ist, in der Kultur zurückzubleiben,
-dafür aber seinen eigenen Geist zu behalten und nicht in diesen
-rettungslosen Zwiespalt der Ziele und Gefühle zu geraten, in dem sich
-jetzt die Polen befinden. In diesem Sinne hatte ich meinen Artikel „Eine
-verhängnisvolle Frage“ genannt. Ich war bereit, unumwunden zu sagen, daß
-es für die Polen keine Rettung mehr gibt, daß die Geschichte sie zum
-Untergang verurteilt hat. Doch der Artikel entsprach in seiner zu
-abstrakten Form nicht den landläufigen Begriffen und man verstand ihn
-falsch. Als sich das Gerücht verbreitete, der „Zeit“ drohe Gefahr,
-wollten wir es zunächst nicht glauben, denn unser Gewissen war rein.
-Bald aber war es zu spät zu einer Erklärung: man hatte uns für
-schuldig befunden und erlaubte uns nicht einmal mehr einen
-Rechtfertigungsversuch. Die Zeitschrift wurde bedingungslos untersagt
-und zwar für immer. Ich hatte natürlich alles getan, was ich konnte und
-wozu man mir riet, doch selbst Persönlichkeiten wie Katkoff[6] und
-Aksakoff[7] vermochten nicht das Geringste auszurichten.
-
-Unsere Lage war nicht nur ärgerlich, sie war sogar ziemlich schwierig.
-Mir drohte Ausweisung aus Petersburg, wir alle verloren den Abnehmer für
-unsere Arbeiten, und noch schlimmer wurden durch den Schlag die
-Redakteure getroffen, die nun alle ihre Hoffnungen vernichtet sahen.
-Dennoch kann ich nicht behaupten, daß wir den Kopf hängen ließen. Wir
-trösteten uns damit, daß der ganze unangenehme Zwiespalt immerhin eine
-glänzende Reklame für uns sei, zumal der wahre Sachverhalt in den
-literarischen Kreisen und im Publikum schon bekannt wurde.
-
-Doch unseren neuen Hoffnungen war es nicht bestimmt, in Erfüllung zu
-gehen. Michail Michailowitsch erhielt nach acht Monaten allerdings die
-Erlaubnis, ein neues Blatt zu gründen, die „Epoche“, doch begann sie
-nach mehrfachen Verzögerungen unter sehr ungünstigen Verhältnissen zu
-erscheinen. Fjodor Michailowitsch war gegen Ende des Sommers ins Ausland
-gereist und hatte dort wieder gespielt, aber diesmal verloren. Kennen
-gelernt hatte er das Roulette schon auf der ersten Reise und dabei über
-1000 Francs gewonnen. Im Spiel sah er übrigens für sich nichts
-Schlimmes, da er sich sagte, als Schriftsteller müsse er auch diese
-Leidenschaft und die Sitten der Spielorte kennen lernen. Soweit ich mich
-erinnere, hatte er genügend Geld zur Reise mitgenommen, doch infolge der
-Spielverluste erhielt ich Ende September einen Brief von ihm, in dem er
-mich dringend bat, zum Verleger Boborykin zu gehen und für einen noch
-ungeschriebenen Roman dreihundert Rubel als Vorschuß zu erbitten. „Mag
-Boborykin erfahren,“ schrieb er, „wie es der ‚Zeitgenosse‘ und die
-‚Vaterländischen Annalen‘ erfahren haben, daß ich, abgesehen von meinem
-ersten Roman ‚Arme Leute‘, in meinem Leben noch niemals etwas
-geschrieben habe, ohne das Honorar im voraus fordern zu müssen. Ich bin
-als Literat ein Proletarier und wenn jemand meine Arbeit wünscht, so muß
-er mir vorher meinen Lebensunterhalt sichern. Diese Methode verwünsche
-ich selbst. Aber es ist einmal so und wird sich wahrscheinlich nie
-ändern ...“ Aus dem Auslande kehrte er im Spätherbst zurück. Als jedoch
-die „Epoche“ zu erscheinen begann, war er in Moskau, wo seine Frau im
-Sterben lag, und, selber krank, konnte er nichts schreiben. Mein
-Leitartikel „Der Umschwung“ wurde von der Zensur gestrichen, da sie mich
-für sehr gefährlich hielt, obgleich ich nur den einen Wunsch hatte,
-meine patriotische Gesinnung zu beweisen. Die anderen Mitarbeiter
-hielten nicht mehr so zusammen wie früher. Doch vor allem hatte sich das
-Verhalten des Publikums zur Literatur geändert. Es hatte sich im Jahre
-1863 allerdings ein mächtiger „Umschwung“ der Meinungen vollzogen. Das
-gutgläubige Publikum hatte zum erstenmal wahrgenommen, wohin die gewisse
-Literaturpartei es führte, und wandte sich nicht nur von ihr, sondern
-von der Literatur überhaupt ab. Ganz Russland wurde von Patriotismus
-erfaßt, und da die Literatur nicht sehr patriotisch war, so verlor man
-den Geschmack an ihr. Unter solchen Umständen hätte es von seiten des
-Redakteurs einer besonderen Energie bedurft, um die Sache durchzuführen,
-diese aber fehlte Michail Michailowitsch. Auch Fjodor Michailowitsch
-konnte nach dem Tode des Bruders trotz aller Energie den Fall der
-Zeitschrift nicht abwenden. Als die „Epoche“ mit dem Februarheft 1865 zu
-Ende ging, war außer den Einnahmen auch noch das Kapital verloren, das
-eine reiche Moskauer Verwandte den beiden Brüdern vermacht und auf deren
-Bitte im voraus ausgezahlt hatte (jedem zehntausend Rubel), und überdies
-lastete auf Fjodor Michailowitsch noch eine Schuld von fünfzehntausend
-Rubeln. Wenn wir jedoch in Erwägung ziehen, daß nach dem Abbruch der
-journalistischen Tätigkeit schon im nächsten Jahre (1866) der Roman
-„Rodion Raskolnikoff“, 1868 der „Idiot“, 1870 die „Dämonen“ erschienen,
-so muß man den Bankerott der „Epoche“ für ein Glück ansehen, denn hätte
-die Zeitschrift weiterbestanden, so wäre Fjodor Michailowitschs
-Arbeitskraft von ihr absorbiert worden.
-
-Im Juli 1865 trat Fjodor Michailowitsch wieder eine Auslandsreise an,
-von der er im November nach Petersburg zurückkehrte, wo er das ganze
-nächste Jahr blieb. Diese beiden Jahre waren für ihn eine sehr schwere
-Zeit. Krank, einsam, von Gläubigern bedrängt, hatte er noch für die
-zahlreiche Familie des verstorbenen Bruders zu sorgen. Man kann nicht
-umhin, die Energie zu bewundern, mit der er alles überwindet und in
-derselben Zeit noch sein erstes großes Werk „Rodion Raskolnikoff“
-schreibt. Im Oktober 1866 begann er den kleinen Roman „Der Spieler“
-niederzuschreiben, doch als er sah, daß er zum Termin nicht fertig
-werden konnte, erkundigte er sich bei einem Lehrer der Stenographie nach
-einer Stenographin. Der Lehrer empfahl ihm seine beste Schülerin, Anna
-Grigorjewna Ssnitkina, ein junges Mädchen, das kurz vorher das
-Mariengymnasium beendet und in demselben Jahre seinen Vater verloren
-hatte. Sie war mit Freuden bereit, der Aufforderung Dostojewskis, des
-von ihrem Vater bevorzugten Schriftstellers, nachzukommen, um so mehr,
-als er auch von ihr wie von ihrer ganzen Verwandtschaft mit Spannung
-gelesen wurde. Dieses junge Mädchen sollte später seine Frau werden.
-Auch in der Ehe half ihm Anna Grigorjewna beständig bei der Arbeit. Er
-diktierte ihr nach seinen Entwürfen, die er ins unreine mit vielen
-Korrekturen, Einschaltungen usw. niedergeschrieben hatte, worauf sie
-ihre stenographische Niederschrift umschrieb. Ihre Trauung fand am 15.
-Februar 1867 statt. Der Ehe entsprossen vier Kinder: Ssofja, geb. am 28.
-Februar 1868 in Genf und gest. am 12. Mai; Ljubow, geb. am 14. September
-1869 in Dresden; Fjodor, geb. am 16. Juli 1871 in Petersburg; und
-Alexei, der am 12. August 1875 in Staraja Russa zur Welt kam und am 16.
-Mai 1878 in Petersburg starb.
-
-Im zweiten Monat nach der Hochzeit reisten sie ins Ausland, wo sie viel
-länger verblieben, als sie beabsichtigt hatten und wünschten. Von Berlin
-fuhren sie nach Dresden, wo sie sich zwei Monate aufhielten, von dort
-nach Baden-Baden, wo Fjodor Michailowitsch wieder spielte, zuerst
-gewann, später aber alles verlor, so daß er nur dank dem von Katkoff
-nachgeschickten Vorschuß Baden-Baden verlassen konnte. In Genf trafen
-sie mit nur dreißig Franken ein. Dort verlebten sie den Winter 1867–68,
-in welcher Zeit Fjodor Michailowitsch den „Idiot“ schrieb. Sie führten
-ein einsames, einförmiges Leben, hatten keine Bekannten, außer einem
-Landsmann, der sie zuweilen besuchte und ihnen manchmal aus der größten
-Verlegenheit half, indem er ihnen fünf oder zehn Franken lieh. Die
-Geburt des ersten Töchterchens war eine große Freude. Fjodor
-Michailowitsch lebte förmlich auf und verbrachte jeden freien Augenblick
-am Kinderwagen und freute sich über jede Bewegung der Kleinen. Ihren Tod
-hat er nie verschmerzen können. Den Sommer 1868 verbrachten sie in Vevey
-am Genfer See. Im September reisten sie nach Italien; zwei Monate
-verlebten sie in Mailand, darauf den Winter 1868/69 in Florenz, wo er
-den „Idiot“ beendete. Das Leben in Florenz verlief für sie ebenso
-eintönig wie in der Schweiz, doch konnten sie hier wenigstens die
-Gemäldegalerien besuchen, was besonders Anna Grigorjewna sehr oft tat.
-Zu den Kunstwerken, die Fjodor Michailowitsch am meisten gefielen,
-gehörte der Turm des Florentiner Domes von Giotto und die Türen des
-Battistero von Lorenzo Ghiberti. Zu den Italienern verhielt er sich
-übrigens immer mit großer Sympathie, fand sie schlicht und gutmütig –
-die Menschen aus dem einfachen Volk erinnerten ihn an russische Bauern.
-Zuweilen besuchten Dostojewskis auch das Theater, doch das geschah
-immerhin sehr selten, da bei ihnen ständig Geldmangel herrschte.
-
-Im Juli 1869 kehrten sie über Venedig, Triest, Wien und Prag nach
-Dresden zurück. In den letzten Monaten des Jahres 1869 schrieb er die
-Novelle „Der Gatte“ und das ganze folgende Jahr die „Dämonen“. In
-Dresden, wo ihnen wieder ein Töchterchen geboren wurde, mußten sie fast
-volle zwei Jahre bleiben, was Fjodor Michailowitsch sehr schwer fiel, da
-ihn beständig Heimweh und der Gedanke quälte, daß er Rußland fremd
-werde, Rußland nicht mehr kenne. Die Rückkehr war ihnen jedoch
-unmöglich, da sie dazu einer größeren Summe bedurften. Das Geld aber,
-das sie erhielten, reichte trotz ihres bescheidenen Lebens nicht aus:
-einen bedeutenden Teil desselben verbrauchte der Unterhalt der Witwe des
-Bruders und seines Stiefsohnes aus erster Ehe, und außerdem mußten noch
-Prozente für die bei der Abreise versetzten Sachen bezahlt werden;
-trotzdem verfielen sie zu guter Letzt. Schließlich wurde ihnen der
-Aufenthalt im Auslande doch zu unerträglich, und sie beschlossen, alle
-schweren Folgen auf sich zu nehmen – es galt, noch die Schulden zu
-bezahlen – und am 8. Juli 1871 trafen sie in Petersburg ein.
-
-Das letzte Jahrzehnt seines Lebens brachte Fjodor Michailowitsch in
-Petersburg zu, abgesehen von kürzeren Reisen nach Ems zu Kurzwecken und
-dem Sommeraufenthalt in Staraja Russa, wo sie seit 1872 nicht nur jeden
-Sommer, sondern auch den einen Winter verlebten, als Fjodor
-Michailowitsch seinen vierten großen Roman schrieb (1874/75). Im
-Frühling des Jahres 1876 kauften sie sich in Staraja Russa (im
-Gouvernement Novgorod, südlich vom Ilmen-See) ein Haus mit einem großen
-alten Garten. Im Juni des Jahres 1879 machte er mit Wladimir
-Ssolowjoff[8] eine Reise nach einem Kloster in der Nähe von Koselsk (im
-Gouvernement Kaluga), der Koselskaja Optina, wo er sich fast eine Woche
-aufhielt. Die Eindrücke dieser Reise sind in den „Brüdern Karamasoff“
-wiedergegeben. So sehen wir denn, daß das Leben Fjodor Michailowitschs
-zu guter Letzt in vollkommen geregelten Verhältnissen verlief und aus
-einem mehr oder weniger unsteten ein seßhaftes wurde. Diese Besserung
-der Verhältnisse, die ihm eine gesündere Lebensweise und Freiheit in der
-Wahl seines Aufenthaltsortes gestattete, war hauptsächlich darauf
-zurückzuführen, daß Anna Grigorjewna es auf sich nahm, im Selbstverlage
-Neuausgaben seiner früheren Werke zu machen, was sie im Jahre 1873 mit
-den „Dämonen“ begann. Fjodor Michailowitsch war nicht nur auf den
-geistigen Erfolg seines Schaffens aufrichtig stolz, er war auch stolz
-auf den materiellen Erfolg und freute sich, daß er seine Schulden
-bezahlen konnte und sich nicht mehr mit dem Gedanken zu quälen brauchte,
-daß seine Familie einst in Armut zurückbleiben werde. 1878 wandte er
-sich zum letztenmal mit der Bitte um Vorschuß an die Redaktion des
-„Russischen Boten“, die ihren Mitarbeiter so lange und bereitwillig mit
-großen und kleinen Vorschüssen unterstützt hatte. Später hatte er es
-nicht mehr nötig und konnte sogar ein kleines Kapital beiseite legen.
-Die Redaktion der „Vaterländischen Annalen“, in denen seine zwei letzten
-Romane erschienen, zahlte allein für den ersten Abdruck der „Jugend“ 250
-Rubel pro Druckbogen, für den Abdruck der „Brüder Karamasoff“ 300 Rubel
-pro Druckbogen.
-
-Im letzten Jahrzehnt seines Lebens trat er als Publizist nur in den
-Jahren 1873 und 1876/77 hervor. Die Redaktion des „Bürgers“ war ihm vom
-Fürsten W. Meschtscherski angeboten worden. Er erhielt für seine
-Tätigkeit 250 Rubel monatlich, außer dem Honorar für seine Artikel.
-Fürst Meschtscherski war ihm überaus zugetan und ließ sich gern von ihm
-beeinflussen. Wer diesen Jahrgang des „Bürger“ liest, wird sich alsbald
-überzeugen, wieviel Arbeit und Sorgfalt vom Redakteur auf ihn verwandt
-worden ist. Leider ist es mir nicht bekannt, aus welchen Gründen und
-Erwägungen Fjodor Michailowitsch die Redaktion später niederlegte.
-
-„Das Tagebuch eines Schriftstellers“ erschien seit 1876. Es hatte einen
-Riesenerfolg und war tatsächlich ein glücklicher Gedanke, da es dem
-Bedürfnis und der Schreibweise Fjodor Michailowitschs durchaus
-entsprach. Jede Nummer enthielt eigentlich nur eine Reihe von
-Feuilletons, wenn man sich so ausdrücken kann, in denen er über die
-verschiedensten Tagesfragen, vornehmlich jedoch über politische, soziale
-und literarische Fragen schrieb. Ja man kann sagen, daß er in seinem
-„Tagebuch“ gewissermaßen seine eigene Biographie dieser Zeit geschrieben
-hat, denn er hat in ihm alles zur Sprache gebracht und erklärt, was ihn
-in jedem der zwölf Monate dieser Jahre beschäftigt, was er gedacht und
-gefühlt hat. Und nirgends, scheint es mir, drückt sich seine Energie und
-sein Mut so deutlich aus wie in diesem „Tagebuch“. Besonders setzte die
-Richtung dieser Zeitschrift die Leser in Erstaunen und riß sie
-schließlich mit. Diese Richtung widersprach aufs schärfste den Meinungen
-und Neigungen des Petersburger Publikums und war ein offensichtlicher
-Protest gegen die herrschende geistige Strömung. Es läßt sich denken,
-wie sehr sich alle diejenigen freuten, die mit den herrschenden
-Anschauungen unzufrieden waren und nirgends einen Protest oder die
-Vertretung der von ihnen geliebten Ideen fanden. Solcher gibt es viele
-bei uns, doch gehören sie nicht zu denen, die sich mit der Literatur
-befassen.
-
-In den Jahren 1878, 79 und 80 unterließ Dostojewski aus Rücksicht auf
-seine Gesundheit und die Arbeit an seinem letzten Werk die Fortführung
-des „Tagebuchs“, obgleich zuletzt von jeder Nummer sechstausend
-Exemplare gedruckt worden waren und einzelne Nummern noch eine zweite
-und dritte Auflage erforderten.
-
-
- Die Puschkinfeier
-
- (vom 6. bis 8. Juni 1880)
-
-Als Zeuge des Sieges, den Fjodor Michailowitsch auf der Puschkinfeier in
-Moskau davontrug, will ich versuchen, den ganzen Vorgang, an dem ich
-leidenschaftlichen Anteil nahm, so gut ich kann, wiederzugeben. Da ich
-nur Zuschauer war, konnte ich das innere Drama, das sich während dieser
-Feier abspielte und dessen Hauptrolle Fjodor Michailowitsch zufiel, um
-so besser erkennen. Er war aus Staraja Russa, wo er den Sommer mit
-seiner Familie verbrachte, als einer der offiziellen Vertreter des
-slawischen Wohltätigkeitsvereins kurz vor der Hauptfeier, also bereits
-vor mir, in Moskau eingetroffen und hatte, wie ich später erfuhr, schon
-an einem Bankett teilgenommen, das von seinen Verehrern ihm zu Ehren
-gegeben worden war.
-
-Als ich mich zur Feier aufmachte, erwartete ich, offen gestanden, nichts
-Gutes. Ich fürchtete viel Lärm, viel leeren Enthusiasmus, und es war
-sehr möglich, daß sich dabei nichts von Bedeutung ereignen würde. Zum
-Glück hatte ich mich diesmal getäuscht. Die Rede Dostojewskis gab der
-Feier einen Inhalt, der nach dem vergänglichen Feuerwerk des ganzen
-Festes wie ein harter glänzender Kristall bestehen blieb.
-
-Nach der Enthüllung des Puschkindenkmals am 6. Juni, den Festlichkeiten
-der Moskauer Duma und der Universität, begann am 7. Juni im Adelssaal
-der literarische Teil der Puschkinfeier mit einer öffentlichen
-Versammlung der „Gesellschaft der Liebhaber russischer Literatur“. An
-diesem Tage sollten Turgenjeff und nach ihm Aksakoff ihre Reden halten,
-also zwei Vertreter der entgegengesetzten Richtungen. Doch da sich die
-Eröffnung mit allen Ansprachen usw. sehr lange hinzog, so konnte nur
-Turgenjeff noch zu Wort kommen. Seine Rede wurde selbstverständlich mit
-großem Beifall aufgenommen. Unter den Literaten aber entspann sich
-nachher ein lebhafter Streit über den Inhalt dieser Rede, und man
-äußerte den Wunsch, sie zu widerlegen oder wenigstens zu ergänzen.
-Anders war es auch nicht zu erwarten von einer „Gesellschaft“, zu der so
-viele Slawophile gehörten. Besonders war es aufgefallen, auf welche
-Stufe Turgenjeff Puschkin stellte. Er erkannte ihn zwar als volklichen,
-d. h. als selbständigen Dichter an, doch stellte er darauf noch die
-Frage: war Puschkin deshalb ein nationaler Dichter? Denn national könne
-man nach der Meinung des Redners nur den großen und universalen Dichter
-nennen. Erst wenn ein Dichter den Geist seines Volkes vollkommen
-ausdrückt, erst dann ist er der „große“ und zugleich der universale
-Dichter, der der Schatzkammer der Menschheit einen Beitrag zuträgt. Die
-Antwort aber auf diese Frage verweigerte der Redner. „Ich behaupte
-nicht,“ sagte er, „daß Puschkin diese Bedeutung zukomme, aber ich wage
-auch nicht, sie ihm abzusprechen.“
-
-Das alles und noch manches andere erregte große Unzufriedenheit. In der
-Gruppe der aktiven Teilnehmer an der Feier hinterließ die Rede ein
-Gefühl des Unbefriedigtseins und der Unklarheit. Man zerpflückte
-kritisch die Worte Turgenjeffs und einige Literaten, die am nächsten
-Tage zu reden hatten, wollten sich zu seiner Stellungnahme äußern und
-Puschkin gewissermaßen verteidigen. Aber das, was am nächsten Tage, am
-8. Juni zur Verteidigung Puschkins geschah, überstieg doch alle
-Erwartungen und Absichten. Zuerst sollte Aksakoff seine Rede halten,
-dann Dostojewski, doch weiß ich nicht, aus welchem Grunde beschlossen
-wurde, daß Dostojewski beginnen sollte. Zwar las er seine Rede vor, aber
-das war kein Lesen; das waren Worte, die unmittelbar aus dem Herzen
-kamen und jedes Herz ergriffen. Der ganze Enthusiasmus und die ganze
-Natürlichkeit, die dem Stil Dostojewskis eigen sind, kamen durch seinen
-meisterhaften Vortrag noch mehr zur Geltung. Ich spreche noch nicht
-einmal vom Inhalt der Rede, obgleich er es war, der die Kraft des
-Vortrags ausmachte. Ist es mir doch, als hörte ich in diesem Augenblick
-wie über der atemlosen Stille der ganzen großen Versammlung seine Stimme
-sich erhob: „Demütige dich, stolzer Mensch, arbeite, müßiger Mensch!“
-
-Schon nach den ersten Worten, mit denen Dostojewski begann, horchte
-alles auf und verstummte. Man hörte zu, als sei vorher nichts von
-Puschkin gesagt worden, – bis die Spannung sich im ersten Beifallssturm
-löste. Dann aber war im Publikum jede Zurückhaltung vergessen und
-schrankenlos gab es sich seiner Begeisterung hin. Sah man doch einen
-Menschen vor sich, der selbst ganz erfüllt war von Begeisterung, und von
-diesem Menschen vernahm man eine Deutung, die diese Begeisterung
-wahrlich auch verdiente.
-
-Von dem Sturm, der sich nach dem Schluß der Rede im Saal erhob, kann
-sich wohl kaum jemand, der ihn nicht selbst erlebt hat, eine Vorstellung
-machen. Man erstürmte förmlich die Estrade; ein Jüngling, der sich bis
-zu Dostojewskis durchgedrängt hatte, fiel in Ohnmacht. Dostojewski wurde
-umarmt, geküßt. Ich erinnere mich nicht mehr aller Ausrufe der
-Begeisterten. Aksakoff wandte sich mit den Worten an ihn: „Turgenjeff
-und ich, er als Vertreter der Westler und ich als Vertreter der
-Slawophilen, wir sind Ihnen beide unsere volle Zustimmung und unseren
-tiefsten Dank schuldig!“ Und Annenkoff[9] kam auf mich zu und sagte ganz
-begeistert: „Was doch eine wirklich geniale Charakteristik bedeutet! –
-sie hat mit einem Schlage die ganze Sache entschieden!“
-
-Als Aksakoff, der alte Liebling der Moskowiter, später seine Rede halten
-sollte und das Publikum mit lebhaftem Applaus sein Erscheinen auf der
-Estrade begrüßte, sagte er nur kurz, daß er nach der Rede Dostojewskis
-nichts mehr zu sagen habe, denn alles, was er zu sagen beabsichtigt und
-niedergeschrieben, sei nur eine schwache Variation bloß einiger Themen
-dieser „_genialen Rede_“. Diese Worte riefen wieder stürmischen Applaus
-hervor. „Ich betrachte“, fuhr Aksakoff fort, „die Rede Dostojewskis als
-ein _Ereignis_ in unserer Literatur. Gestern konnte man noch darüber
-streiten, ob sie es sei oder nicht; heute ist diese Frage bereits
-abgetan. Wir kennen jetzt die wahre Bedeutung Puschkins und somit ist
-alles weitere Reden überflüssig.“ Mit diesen Worten verließ Aksakoff die
-Rednerbühne. Und wieder wollten die Ovationen der Begeisterten kein Ende
-nehmen, doch diesmal galt der Beifall auch der Handlungsweise Aksakoffs
-wie seinem Urteil über die Rede Dostojewskis.
-
-So feierte man in Dostojewski den Helden dieses Tages, der der ganzen
-Feier Inhalt und Farbe gegeben, der alle Erwartungen nicht nur erfüllt,
-sondern sogar weit übertroffen hatte, und man war ihm dankbar für die
-Befreiung von der zuletzt qualvollen Spannung. Das Publikum verlor ihn
-von nun an nicht mehr aus den Augen und überschüttete ihn bei jeder
-Gelegenheit mit den lautesten Beifallsbezeugungen. Dasselbe geschah
-schon am Abend dieses Tages, an dem die dreitägige Puschkinfeier mit
-einer literarisch-musikalischen Ausführung ihren Abschluß fand und
-Dostojewski auf allgemeines Bitten hin Puschkins Gedicht „Der Prophet“
-zweimal mit bewunderungswürdiger Meisterschaft vortrug.
-
-So endete diese herrliche Feier. Der letzte Applaus war verstummt, und
-müde und befriedigt löste sich die Versammlung auf. Der Eindruck, den
-ich davontrug, war nicht allein stark, er war mir auch vollkommen klar.
-Ich gedachte jener literarischen Bewegung, in der ich einst mit solchem
-Interesse mitgewirkt hatte, unseres ganzen Literatenkreises, der zuerst
-(1859) für das „Russische Wort“ geschrieben hatte, dann für die „Zeit“,
-die „Epoche“, die „Morgenröte“, den „Bürger“ ... Das waren Gruppen von
-Menschen, die der Literatur immer eine große Bedeutung beigemessen
-hatten und ihr am treuesten dienten. In Puschkin sahen sie _ihren_
-Dichter, wie denn auch niemand besser über Puschkin geschrieben hat als
-Apollon Grigorjeff. Ihnen hatte sich Dostojewski angeschlossen, war für
-einige von ihnen der Führer geworden und hatte ihrer Richtung den Namen
-gegeben, indem er sie die Richtung der „_Bodenständigen_“ nannte. Und
-diese Richtung war es, die hier gesiegt hatte.
-
-Zugleich hatte Dostojewski uns in zweierlei Hinsicht ein großes Beispiel
-gegeben: das Beispiel eines echten Konservativen und ein Beispiel, wie
-wir uns zu allem uns National-Feindlichen zu verhalten haben.
-
-Konservatismus und Patriotismus hält man oft für geistige
-Beschränktheit, für Dummheit und Stumpfheit, was sie freilich auch oft
-genug sind, da sie von einer Menge Menschen geteilt werden, der Verstand
-der Menschen aber im allgemeinen schwach und begrenzt ist. Doch das
-berührt noch nicht die Sache selbst. Was kann im Grunde natürlicher und
-richtiger sein, als die Liebe zu unserer Umgebung und der Wunsch, das zu
-erhalten, was wir lieben? Und selbst lieben lernen wir doch von
-Menschen, die uns nahestehen, und lernen verstehen auf Grund des
-geistigen Inhalts, der uns zuerst gegeben wird. Ein feinfühliges Herz
-und ein feiner Geist entdecken allmählich die positive Seite des sie
-umgebenden Lebens und eignen sie sich an, ebenso wie seine Geistesart
-und Schönheit, die den Hauptnerv jedes Menschendaseins ausmachen und
-ohne die das Leben unmöglich ist. Was aber von einem Menschen einmal
-liebgewonnen, einmal begriffen ist, wird eine tiefe Natur ganz gewiß
-nicht mehr vergessen, das kann sie nicht mehr wie etwas Überflüssiges
-und Gleichgültiges fortwerfen. So kann der einfachste und gewöhnlichste
-Vorgang in begabten Menschen die größte Bedeutung erlangen. Menschen,
-die für den Konservatismus wenig Sinn haben, die mit Leichtigkeit die
-Gefühle und Gedanken, die einst in ihnen gelebt, abschütteln können,
-beweisen damit doch zweifellos nur ihre geringe Feinfühligkeit, die
-Schwäche ihres Herzensgedächtnisses. Sie lassen sich gewöhnlich von
-ihrer Energie fortreißen, und darin liegt ihre Rechtfertigung; doch das
-Schädliche des Nichtverstehens, der Verachtung, der Vergewaltigung
-drängt sich unvermeidlich in ihre Tätigkeit und entstellt oft eine Tat,
-die für den edelsten Zweck ausgeführt wird.
-
-Dostojewski war von Natur konservativ. In ihm vollzog sich mächtig, doch
-schnell der Prozeß, der fast unterschiedslos die Entwicklung aller
-bedeutenden russischen Schriftsteller charakterisiert. Zuerst begeistern
-sie sich für abstrakte Gedanken, für Ideale, die sie vom Westen
-übernehmen, dann kommt es zum inneren Kampf und zur Enttäuschung, bis
-schließlich die zeitweilig unterdrückten Gefühle, die Liebe zu dem
-Heiligtum, das Rußlands Leben und Stärke ausmacht, erwachen. Auch
-Dostojewski gab es auf, nach höheren, führenden Ideen im Westen zu
-suchen, doch bewahrte er trotzdem Liebe und Verehrung für das
-europäische Geistesleben. Anderseits vermochte gerade er in der
-Ausbreitung des extremen Westlertums, das sich Nihilismus nennt, die
-Wurzel dieser entarteten Bestrebungen zu entdecken, und er verstand und
-bedauerte auch diese verirrten Seelen. Sein Blick, der nicht nur alle
-Gegensätze, sondern auch die Möglichkeit eines Ausgleichs der Gegensätze
-sah, diese feine und tiefe Sympathie, mit der er die beiden Pole unseres
-geistigen Lebens umfaßte und sie zu einem höheren Lebensprinzip und
-durch die Tat zu vereinigen suchte – das war der charakteristische Zug
-Dostojewskis. Seine Feindschaft gegen etwas bedeutete bei ihm nie eine
-bedingungslose Verneinung des Feindlichen.
-
-Und gerade diese seine Fähigkeit des versöhnenden Verstehens und
-Mitempfindens war es, die in seiner Rede zur Puschkinfeier zum Ausdruck
-kam und die Bestrebungen der Westler und der Slawophilen als auf ein und
-dasselbe höhere Ziel gerichtet zu deuten verstand. Da war es kein
-Wunder, daß Begeisterung die alten Gegner erfaßte und sie sich in diesem
-Augenblick versöhnt die Hände reichten.
-
- * * * * *
-
-Nach der Puschkinfeier, die ihm den größten und schönsten seiner
-literarischen Erfolge verschaffte, blieb ihm nicht mehr viel Zeit zum
-Leben – kaum acht Monate. Doch gerade diese letzte Zeit verbrachte er in
-der größten Tätigkeit. Außer der Erläuterung und Verteidigung seiner
-Moskauer Rede schrieb er in dieser zweiten Hälfte des Jahres 1880 den
-Schluß der „Brüder Karamasoff“, und noch bevor dieser im „Russischen
-Boten“ veröffentlicht war, lasen wir bereits die Anzeige, daß im
-nächsten Jahr das „Tagebuch“ wieder in jedem Monat erscheinen werde. Der
-Druck der Januarnummer war fast schon beendet, als der Tod seiner
-fieberhaften Tätigkeit ein Ende setzte.
-
-Für diejenigen, die ihn näher kannten, kam sein Tod eigentlich nicht
-überraschend. Er lebte augenscheinlich nur noch von den Nerven, denn
-sein Körper hatte schon einen solchen Grad von Abgezehrtheit erreicht,
-daß ihn der erste, geringste Stoß zerbrechen konnte. Am erstaunlichsten
-war dabei seine Unermüdlichkeit in der geistigen Arbeit, obgleich ihm
-das Arbeiten, wie er mir selbst einmal sagte, schwer fiel und er zum
-Schreiben eines Druckbogens zweimal oder dreimal mehr Zeit brauchte als
-früher. Außerdem wurde er in den letzten Jahren, besonders seit der
-Herausgabe des „Tagebuchs“, mit Briefen überschüttet und von Besuchern
-zu Tode erschöpft. Aus allen Ecken und Enden von Petersburg kam man zu
-ihm, oft mit Bitten um Unterstützung, da er Armen stets half und für
-fremdes Unglück immer Teilnahme hatte. Doch ebensooft kam man zu ihm mit
-Gewissensfragen, oder um seine Ansichten zu widerlegen, oder um ihm
-Verehrung zu bezeugen. Von derselben Art waren auch die Briefe, die er
-aus allen Gegenden Rußlands erhielt. Seine Popularität freute ihn. Er
-sah darin Beweise, daß seine Worte nicht ungehört verklangen. Das freute
-ihn sehr, denn er hielt es für seine Pflicht, Menschen zu ermutigen und
-zum Guten zu lenken. Besonders aufmerksam verhielt er sich zur Jugend,
-zu Studenten und Studentinnen. War doch der „bekehrte Nihilist“ sein
-Thema, das er liebte, und nicht nur in „Rodion Raskolnikoff“ hat er es
-ausgearbeitet, wir finden es auch in allen seinen folgenden Werken
-wieder. Deshalb ist es verständlich, daß die Jugend sich so zu ihm
-hingezogen fühlte.
-
-Er war sehr streng gegen sich selbst und von nahezu übertriebener
-Gewissenhaftigkeit. Er erlaubte sich nicht nur keine häßliche oder böse
-Handlung, sondern verzieh sich nicht einmal eine häßliche oder böse
-Empfindung. Man kann sagen, daß er sich in seinem Leben wie in der
-Arbeit beständig selbst erzog, nur die besten Gefühle in sich
-entwickelte und in seinen Handlungen nicht nur tadellos und
-uneigennützig war, sondern sogar bis zur Selbstverleugnung ging.
-Obgleich er von seiner Begabung eine sehr hohe Meinung hatte – und wohl
-mit Recht –, so hat er sich doch nie abseits von der ganzen großen Menge
-der Schreibenden gestellt, nie hochmütig auf die Tagesliteratur
-herabgesehen. Dieses Fehlen selbst des geringsten _literarischen
-Aristokratismus_ war sogar rührend. Er wußte, daß er, wenn er in die
-Öffentlichkeit trat, wie es jeder Schriftsteller tut, damit auf den
-Markt, auf die Straße hinaustrat, doch es fiel ihm nicht ein, sich
-seines Handwerks oder seiner Handwerksgenossen zu schämen, denn er wußte
-nur zu gut, daß das, was er auf den Markt hinaustrug und den Lesern
-anbot, unermeßlich höher war als Geld und Geldeswert. Er war stolz auf
-sein Handwerk, es war für ihn etwas Großes, Heiliges – und diese
-Auffassung kann uns vieles in seinem Verhalten erklären. Denn er wußte,
-was er tat, wenn er seine Seele auf die Straße trug.
-
-
- Sein Tod
-
-In den letzten neun Jahren seines Lebens litt Fjodor Michailowitsch an
-einem Emphysem, das er sich durch eine Erkältung zugezogen hatte. Der
-tödliche Ausgang dieser Krankheit trat durch das Zerreißen einer
-Lungenarterie ein. Es begann in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar mit
-einem Nasenbluten, dem er weiter keine Beachtung schenkte. Am 26. fühlte
-er sich offenbar ganz wohl, bis um vier Uhr nachmittags plötzlich ein
-Blutsturz erfolgte und anderthalb Stunden darauf ein zweiter, wobei der
-Kranke das Bewußtsein verlor. Als er wieder zu sich kam, äußerte er
-sofort den Wunsch, zu beichten und das Abendmahl zu nehmen. In Erwartung
-des Priesters nahm er Abschied von seiner Frau und seinen Kindern und
-segnete sie. Nach dem Abendmahl fühlte er sich vollkommen wohl. Am 28.
-Januar hatte er um zwölf Uhr mittags wieder einen Blutsturz, worauf
-seine Kräfte schnell abnahmen.
-
-In entscheidenden Augenblicken seines Lebens pflegte Fjodor
-Michailowitsch die Bibel, die er in seiner Sträflingszeit bei sich
-gehabt, aufs Geratewohl aufzuschlagen und die ersten Zeilen der
-aufgeschlagenen Seite zu lesen. So tat er es auch jetzt: er schlug die
-Bibel auf und bat seine Frau, ihm die aufgeschlagene Stelle vorzulesen.
-Es war das der vierzehnte Vers aus dem dritten Kapitel Matthäi:
-„Johannes wehrete ihm und sprach: Ich bedarf wohl, daß ich von dir
-getauft werde; und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu
-ihm: Halte mich nicht auf; also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu
-erfüllen.“ Als er diese Worte hörte, sagte er zu seiner Frau:
-
-„Hörst du? – ‚halte mich nicht auf‘ – also werde ich sterben.“ Und er
-schloß das Buch.
-
-Sein Vorgefühl sollte recht behalten. Er verschied am 29. Januar um acht
-Uhr achtunddreißig Minuten abends.
-
-
- Die Beerdigung
-
-Die Beerdigung Dostojewskis wurde zum Anlaß einer Kundgebung, die alle
-in Erstaunen setzte. Einen solchen Andrang von Menschen, so zahllose
-Beweise von Trauer und Verehrung hatten selbst die leidenschaftlichsten
-Anhänger des Toten nicht erwartet. Man kann wohl behaupten, daß es eine
-solche Beerdigung in Rußland noch nie gegeben hat. Dabei muß man nicht
-vergessen, daß Dostojewski ganz unerwartet starb, daß viele von seinem
-Ableben erst spät erfuhren, so daß in der kurzen Zeit bis zu seiner
-Beerdigung irgendwelche Verabredungen nicht möglich waren. So handelte
-jeder Verein, jede Schule aus eigenem Antrieb und jede der
-zweiundsiebzig Deputationen, jeder der fünfzehn Sängerchöre unabhängig
-von den anderen.
-
-Und so einfach, so selbstverständlich, so ruhig und feierlich vollzog
-sich alles. In der Kirche des Heiligen Geistes war nicht nur der Sarg
-auf dem hohen Katafalk mit Blumen und Kränzen vollständig bedeckt, es
-standen auch noch ringsum und hingen sogar an den Wänden riesige Kränze,
-die der Kirche eine ganz besondere, eigenartige, weihevolle Stimmung
-verliehen. Das Gedränge war groß, doch nichtsdestoweniger herrschte
-vollkommene Stille. Durch die Ehrung, die man dem toten Schriftsteller
-erwies – und an der sich alle beteiligten, so daß neben dem Riesenkranz
-der Petersburger Studenten, den Kränzen der Großfürsten und
-Großfürstinnen, die bescheidenen Blümchen der Bettler und der ärmsten
-Kinder lagen –, wurde es erst sichtbar, wie ungeheuer groß der Kreis
-seiner Anhänger war, und sowohl seine Nächsten wie seine Anhänger selbst
-waren überrascht, als sie sahen, daß die Zahl seiner Verehrer so
-unübersehbar war. In der ganzen Stadt begannen später erregte Debatten
-über die Bedeutung und die Ursache dieser Kundgebung. Personen, die zu
-Mißtrauen neigten und zur Literatur sich gleichgültig verhielten,
-behaupteten, diese ungeheuere Menschenmenge habe nur den Wunsch gehabt,
-den ehemaligen Sträfling zu ehren und dabei ihren Protest gegen die
-Regierung auszudrücken; andere jedoch, die mit der Literatur besser
-bekannt und selbst Anhänger fortschrittlicher Ideen waren, kamen der
-Wahrheit schon näher, wenn sie zu ihrem Leidwesen feststellten, daß
-diese Liebe und Hingebung dem „Patrioten“ gegolten, was ihrer Meinung
-nach ein Beweis von Rückständigkeit war. Und schließlich gab es noch
-eine dritte sonderbare Auslegung, die alles darauf zurückführte, daß
-Dostojewski, wie sie sagten, der Darsteller alles Dunkeln und aller
-Schrecken des russischen Lebens gewesen sei, jedoch nicht wie Gogol
-darüber gelacht, sondern geweint habe.
-
-Unter den Tausenden, die dem Toten das letzte Geleit gaben, werden
-natürlich Vertreter der verschiedensten Anschauungen gewesen sein, doch
-die Hauptmasse war entschieden von ganz anderen Gefühlen beherrscht: die
-beerdigte in Dostojewski ihren Erzieher, ihren Lehrer, den, der zu ihr
-gesagt hatte: „Demütige dich, stolzer Mensch! Arbeite, müßiger Mensch!“
-Alle, die nach einer sittlichen Stütze suchten, sahen in ihm einen
-Führer, der ihnen die Wege zeigte, auf denen man die Rettung suchen kann
-und muß. Man achtete und liebte in ihm nicht nur den Patrioten und
-Konservativen; für viele war er auch ein Trost und eine Hoffnung, und
-das nicht nur deshalb, weil er die revolutionären Umtriebe gegeißelt und
-bekämpft hatte, sondern weil er die höchsten, rein geistigen Interessen
-der russischen Menschen verstand, weil in seinen Worten sich nicht nur
-religiöse Stimmung, aufrichtige Liebe zum Volk offenbarte, sondern vor
-allem deshalb, weil ihm unsere staatliche Macht teuer war, teuer unsere
-volkliche Einheit und unsere politische Aufgabe, für die wir seit jeher
-soviel geopfert haben und noch jederzeit zu opfern bereit sind.
-
-Gewiß wird es in der ungeheuren Menge, die ihm zum Grabe folgte und in
-der so viel Jugend vertreten war, auch viele bekehrte und unbekehrte
-Nihilisten gegeben haben. Denn Dostojewski, der ihre Verirrungen so
-scharf rügte, verstand die Verirrten doch so tief wie kein anderer, und
-er war es auch, der ihnen wieder den richtigen Weg wies. Aber zweifellos
-gab es unter ihnen auch solche, die uns die Hoffnung geben, daß wir
-dieses große Übel überwinden werden. In dem großen Toten hatte diese
-Hoffnung wie ein Feuer gebrannt und er hatte in dem Glauben gelebt, daß
-er für diese rettenden Ansätze arbeitete.
-
-Sein Tod war nicht der Tod eines verdienten Künstlers, der in Ruhe seine
-Tage zu Ende gelebt, sondern der Tod eines politischen Kämpfers am
-Vorabend seiner letzten glühenden Rede, die am Tage vor seiner
-Beerdigung erschien.
-
-
- Seine Bedeutung
-
-Wenn wir die Entwicklung Dostojewskis verfolgen, so sehen wir, daß mit
-ihm dasselbe geschah, was nun schon seit dem achtzehnten Jahrhundert mit
-allen unseren großen Schriftstellern geschehen ist: alle begannen sie
-damit, daß sie sich für das _Fremde_ begeisterten, und alle kehrten sie
-später zum _Eigenen_ zurück. So war es zum Teil mit Vonwisin und so
-geschah es sehr ausgesprochen bei Karamsin, Gribojedoff, Puschkin und
-Gogol. Dostojewski ist in dieser Beziehung ein neues Ärgernis für unsere
-Westler, ein neuer und wichtiger Grund für sie, über unsere russische
-Literatur aufgebracht zu sein.
-
-Diese innere Umkehr, die sich in den Besten von uns vollzieht, wird oft
-Verrat und Abtrünnigkeit genannt; doch gerade bei Dostojewski ist am
-deutlichsten zu sehen, daß es sich hierbei nur um Entwicklung handelt,
-um die Aufdeckung der Anlagen, die in der Natur des Menschen liegen,
-nicht aber um einen Eintausch fremder Gedanken gegen andere fremde
-Gedanken. Dostojewski ist von seinem ersten bis zu seinem letzten Werk
-ein und derselbe; er konnte sich nicht verändern, denn schon in seinem
-ersten Werk ist seine ganze Seele zu erkennen, die ganze Art seiner
-Lebensauffassung. Von der Natur dieser Seele hing es ab, welche
-Einflüsse auf sie einwirkten. Und diese Einflüsse waren: die russische
-Literatur und das russische einfache Volk.
-
-Als ich Dostojewski kennen lernte, war er ein glühender Verehrer
-Puschkins und Gogols. Diese beiden Riesen unserer Literatur spiegeln
-sich schon in seinem ersten Werk „Arme Leute“ in bemerkenswerter Weise
-wieder. Hier finden wir es unmißverständlich ausgedrückt, daß der Autor
-mit Gogol nicht ganz zufrieden ist und nur in Puschkin seinen
-unmittelbaren Führer sieht. Der kleine Beamte Makar Djewuschkin, der
-Held in „Arme Leute“, der auffallend an Gogols Held im „Mantel“ und in
-den „Aufzeichnungen eines Irrsinnigen“ erinnert, ist sehr eingenommen
-von Puschkins „Stationsaufseher“. Er kann die Novelle nicht genug loben
-und bedauert sehr den armen Helden der Erzählung. Bald darauf liest er
-aber Gogols Novelle „Der Mantel“, und die macht auf ihn einen geradezu
-niederschmetternden Eindruck. Er ist aufs tiefste verletzt, da er in
-dieser schonungslosen Darstellung sich selbst erkennt, er betrinkt sich
-vor Leid und es widerfährt ihm infolgedessen ein Unglück nach dem
-anderen. So wird denn die schonungslose Ironie Gogols als gar zu
-grausame und herzlose Darstellung der Menschen vom Autor verurteilt. Und
-noch mehr wird sie verurteilt durch die Art, wie Djewuschkin selbst
-geschildert ist. Während in den Gestalten Gogols nur grauenvolle Leere
-und Gemeinheit zu sehen ist, besitzt dieser Makar Djewuschkin Schätze an
-Zartheit und Selbstverleugnung, und Herzenszüge, deren Schönheit er
-selbst nicht einmal ahnt. Während niemand Gogols Akakij Akakijewitsch
-oder Poprischtschin sein wollte, muß jeder Leser mit Neid auf den
-unglücklichen Makar Djewuschkin blicken und sich gestehen, daß zwischen
-dieser seelischen Schönheit und seiner eigenen Seele ein weiter Abstand
-ist.
-
-Das war Dostojewskis erster Schritt, im Jahre 1846 – eine kühne und
-entschlossene Korrektur Gogols. Es war das zugleich eine entscheidende
-Wendung in unserer Literatur. Ihre Bedeutung lag darin, daß die
-Korrektur Gogols unentbehrlich war, daß unsere Literatur sie unbedingt
-ausführen _mußte_ und sie auch noch bis zum heutigen Tage ausführt, daß
-man in gewissem Sinne auch alle unsere anderen großen Schriftsteller,
-Ostrowski, wie L. N. Tolstoi, eine Korrektur Gogols nennen und darin
-ihre größte Originalität sehen kann. Dostojewski aber begann sie als
-erster.
-
-Gogol hat sich nicht grundlos gequält, nicht grundlos alle seine Kräfte
-angespannt, um etwas Neues zu schaffen. Diese gespannt feinfühlige
-Stimmung, in der sich die Gemeinheit des Seienden so deutlich Gogol
-offenbarte, war am Ende unerträglich. Ein unüberwindlicher Ekel erhob
-sich in ihm bei der Betrachtung des russischen Lebens, dieses Lebens, in
-dem alles Gute sich schamhaft und hartnäckig in der Tiefe verbirgt,
-während das Gemeine und Schmutzige auf der Oberfläche paradiert und
-allen in die Augen springt. Gewiß hat Gogol die „heimlichen Tränen“
-vergossen, von denen er spricht; aber das waren Tränen des Mitleids
-eines ekstatischen Idealisten, nicht aber Tränen der Liebe. Und je mehr
-wir in den Sinn der ganzen Literatur nach Gogol, die mit Dostojewski
-beginnt, eindringen, um so klarer erkennen wir Gogols Grundfehler und
-die ganze dringende Notwendigkeit, die unsere neueren Schriftsteller
-empfanden – die Einseitigkeit zu vermeiden und einen neuen Weg
-einzuschlagen.
-
-Zweifellos wird man Dostojewskis Werke einmal anders auslegen; man wird
-aus ihnen Schlüsse ziehen und mit ihnen Gefühle nähren, die Dostojewskis
-wahren Gedanken und Gefühlen aufs tiefste widersprechen. Unsere
-Intelligenz hat sich gar zu sehr daran gewöhnt, in gewissen Geleisen zu
-denken. Es gibt zwei Gefühle, die für das Seelenleben unserer gebildeten
-Leute außer den täglichen Lebensinteressen gewöhnlich bestimmend sind:
-das eine davon ist das Gefühl des Unwillens, des sogenannten edlen
-Unwillens über jegliches Böse und Gemeine in Rußland; das andere ist das
-Gefühl des Mitleids mit Rußland, ein mitleidvolles Erkennen seiner
-Armseligkeit und seines tragischen Loses. Beide Gefühle sind sehr gut,
-jedoch zum Unglück nur durch einen gar zu dünnen Strich von schlechten
-Gefühlen getrennt: der Unwille grenzt an Erbitterung und das Mitleid an
-Selbstüberhebung, so daß oft Menschen, die sich anscheinend beständig
-edelster Stimmung hingeben, im Grunde nur ihre schlechten Eigenschaften
-nähren und nur aus ihnen ihren ganzen Edelsinn schöpfen. Von Dostojewski
-kann ich dagegen mit aller Bestimmtheit bezeugen, daß ihn niemals auch
-nur entfernt die Achtung vor seinem großen Vaterlande verlassen hat und
-der Unwille bei ihm niemals zur Erbitterung geworden ist. In dieser
-Hinsicht ist er für uns alle ein Beispiel. Man bedenke doch nur, wieviel
-er unter den bestehenden Verhältnissen zu leiden hatte! Und dennoch war
-nach allem, was er ausgestanden, nicht die leiseste Erbitterung in ihm
-und ebensowenig maßte er sich ein Recht auf die Autorität an, die die
-Gesellschaft bei uns so gern denen zuspricht, die gelitten haben, oder
-die die Märtyrer sich oft eigenmächtig beimessen. Überhaupt war an ihm
-die Entwicklung der Persönlichkeit, die ungewöhnliche seelische Energie
-auffallend. Ich habe ihn in den schwersten Stunden gesehen, doch niemals
-ließ er den Mut sinken, ja ich glaube sogar, daß man solche Umstände gar
-nicht ersinnen könnte, unter denen er wirklich zusammengebrochen wäre.
-So spricht er denn aus seiner eigenen Seele, wenn er einen seiner
-Helden, Dmitri Karamasoff, sagen läßt: „... ich habe soviel Kraft in
-mir, daß ich alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles
-Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich bin! Unter tausend
-Qualen – ich bin! Wenn ich mich auch auf der Folterbank krümme – aber
-ich bin!“ Es war in ihm ein unerschöpflicher Kräftevorrat, der nach
-jedem Nachlassen und sogar Sinken seines Schaffens sich immer wieder von
-neuem zu noch höheren Schöpfungen emporschwang. Es war dabei etwas
-Rätselhaftes in ihm. Neue Gestalten, neue Pläne tauchten beständig vor
-ihm auf, belagerten ihn geradezu und störten ihn bei der Arbeit. Deshalb
-sind auch einzelne seiner Romane ganze Knäule durcheinandergeflochtener,
-verwickelter Themen.
-
-Und so schildert er denn unermüdlich seine Gestalten, macht sie aber
-nicht wie Viktor Hugo zu Theaterhelden, läßt sie weder Wunder, noch
-Heldentaten vollbringen. Er hält sich unentwegt an den strengen
-Realismus, der das Vermächtnis Gogols war, aber selbst unter der größten
-Verkommenheit versteht er noch menschliche Züge zu entdecken. Dabei ist
-in jeder Schilderung Dostojewskis soviel Wahrheit, eine solche Tiefe
-seelischer Wahrheit enthalten, daß man den unmittelbaren Eindruck der
-Wirklichkeit selbst zu erleben glaubt. Der Fieberzustand seines Idioten,
-die Qualen eines Verbrechers oder eines Selbstmörders, Fieberträume,
-Hallucinationen – alles ist verständlich und klar wiedergegeben. Der
-Leser verfolgt mit Spannung die Gedanken und Gefühle von Personen, von
-denen er früher überhaupt keine Vorstellung hatte, und sieht mit
-Verwunderung, daß diese Gedanken und Gefühle in der eigenen Seele einen
-Widerhall finden.
-
-Leid, Verzweiflung, Verbrechen, Krankheit – das sind die stets
-wiederkehrenden Themen Dostojewskis. Aber was ist denn ihr Sinn, welches
-ist ihr Ergebnis? Etwa wieder Mutlosigkeit und Bitterkeit? O nein,
-sondern _Verzeihen_ und _Liebe_. Das ist der herrschende Gedanke, den er
-so glühend und unerschrocken in seinem letzten Roman („Die Brüder
-Karamasoff“) offen ausspricht. In diesem Ideal Christi fand er die
-Rechtfertigung seiner beständigen Liebe zum einfachen russischen Volk
-und fand er den höheren Sinn seiner ganzen, großen, heißen
-Vaterlandsliebe. Die Liebe zum einfachen Volk, zum _Erdboden_, wie er es
-nannte, ist eine bedeutungsvolle Erscheinung in unserer Literatur
-überhaupt. Die Erkenntnis der geistigen Schönheit und geistigen
-Gesundheit, die das Volk sich erhalten hat, während wir sie eingebüßt
-haben, hat bei uns schon lange begonnen und wächst mit jedem Tage. Einem
-Menschen aber wie Dostojewski, der mit solcher Liebe Volkstypen
-geschildert hat (bereits in seinen „Aufzeichnungen aus einem
-Totenhause“) – einem solchen Menschen konnte der Hauptnerv des
-Volkslebens natürlich nicht verborgen bleiben: Das hohe Ideal der
-Heiligkeit. Zu diesem Ideal streben sowohl unsere einfältigsten Seelen,
-wie unsere größten Geister, die bisweilen lange auf anderen Wegen
-umherirren, bevor sie diesen Weg finden. Wir wissen bereits, daß das
-Ideal Christi zum höchsten Ideal auch unseres anderen großen Dichters
-geworden ist – des Grafen L. N. Tolstoi. Die Zusammenhänge sind bei ihm
-dieselben wie bei Dostojewski. Auch er hat mit dem ganzen volklichen
-Verstehen seines großen künstlerischen Gefühls in langer, liebevoller
-Beobachtung des Volkes dessen Ideal erkannt. Diese Übereinstimmung mit
-Dostojewski ist auffallend. Persönlich kannten sie sich nicht, doch
-hatten sie in der letzten Zeit immer die Absicht, sich kennen zu lernen.
-Ich erlaube mir, einige Zeilen aus einem Brief Tolstois, den ich im
-September des vorigen Jahres von ihm erhielt, hier anzuführen. Er
-schreibt:
-
- „Ich verstehe nicht das Leben derjenigen Menschen in Moskau, die es
- selbst nicht verstehen. Aber das Leben der Mehrzahl – der Bauern,
- der Pilger und noch mancher Leute, die selbst ihr Leben verstehen –
- verstehe auch ich und liebe es über alles. Ich fahre fort, dafür zu
- arbeiten und wie mir scheint, nicht fruchtlos. Unlängst fühlte ich
- mich nicht wohl und da nahm ich ‚das Totenhaus‘ zur Hand. Ich hatte
- vieles vergessen, da las ich es nun wieder, und ich muß sagen, ich
- kenne kein besseres Buch in der ganzen neuen Literatur, Puschkin
- nicht ausgenommen. Nicht der Ton, sondern der Standpunkt ist ein so
- natürlicher, wahrer und christlicher. Es ist ein gutes, belehrendes
- Buch. Ich hatte gestern den ganzen Tag eine Freude daran, wie ich
- mich lange nicht gefreut habe. Wenn Sie Dostojewski sehen, so sagen
- Sie ihm, daß ich ihn liebe.“
-
- (26. Sept. 1880).
-
-Ich brachte diesen Brief Fjodor Michailowitsch, und das war einer der
-schönsten Augenblicke für ihn, und auch für mich als Zeugen.
-
-So findet denn in der Liebe zum Volk, aus der sich eine treue
-Ergebenheit zum Volksideal entwickelt, das Schaffen unserer zwei besten
-Künstler des Wortes seine Vollendung.
-
-Hieraus offenbart sich uns am deutlichsten der Sinn der Schöpfungen
-Dostojewskis. Außer seiner allgemeinen Sympathie zu allen „Erniedrigten
-und Beleidigten“, hatte er, besonders in der zweiten Hälfte seines
-Schaffens, noch eine bestimmte Aufgabe: die kranken Seiten unserer vom
-Volk losgerissenen Gesellschaft aufzudecken. Er zeigt uns zwei Arten von
-Typen: die „Nihilisten“, die sich in den letzten Jahrzehnten bei uns
-entwickelt haben, und die älteren Typen der „vierziger Jahre“. So spielt
-in seinem letzten Roman das Drama zwischen dem alten Karamasoff, der die
-Anschauungen der vierziger Jahre teilt, und seinen Söhnen, Iwan und
-Ssmerdjäkoff, dem Nihilisten. Mit unvergleichlicher Tiefe und Feinheit
-zeichnet Dostojewski die Entartung dieser Seelen durch unsere sogenannte
-Aufklärung. Sowohl hier wie in seinen anderen Romanen gehört sein
-größeres Mitgefühl der jungen Generation, eben Iwan, in dem die ernste,
-aufrichtige Überzeugungstreue – wenn auch die Überzeugungen falsch sind
-– so dargestellt ist, daß sie zu Dichtung und Großartigkeit wird. Am
-wenigsten schonte Dostojewski die Menschen der „vierziger Jahre“, was
-aus seinen Werken nur zu deutlich hervorgeht; es ist geradezu, als könne
-er ihnen nicht mehr vergeben, und so machte er sie entweder lächerlich,
-wie z. B. Stepan Trofimowitsch in den „Dämonen“, oder ekelhaft
-abstoßend, wie Fjodor Pawlowitsch Karamasoff, der gleichsam aus dem
-Leben ausgeschnitten erscheint. Zu den Nihilisten aber verhielt er sich,
-man kann sagen, mit väterlichem Kummer, mit väterlichem Mitgefühl. Und
-unsere junge Generation begriff allmählich, mit welch einem Herzen er
-sich zu ihr wandte und antwortete ihm mit Bezeugungen ihres Herzens.
-
-In seinem letzten großen Roman hat Dostojewski klarer als in allen
-anderen Romanen auch die positive Seite Rußlands gezeigt. Rußland
-besteht doch nicht nur aus entarteten Westlern, wie der alte Karamasoff
-einer ist, – und aus gedanklich so maßlos vermessenen Nihilisten wie
-sein Sohn Iwan. Durch den unglücklichen Diener Ssmerdjäkoff ist der
-Vatermord geschehen, dessen Schuld zu gleichen Teilen auf den Vater
-dieses Dieners wie auf seinen Halbbruder Iwan fallen muß, der diese
-bedauernswerte Kreatur irregeführt hat. Doch außer ihnen gibt es noch
-Dmitri Karamasoff, den gewöhnlichen Russen, den barbarischen Recken, in
-dem viel Böses, aber auch viel Gutes ist, und der bereit ist, für die
-Schuld der anderen zu büßen. Auch hat uns Dostojewski noch im jungen
-Aljoscha Hinweise gegeben, die wie Verheißungen für die Zukunft sind.
-Und der Liebling des Dichters, Iwan Karamasoff, der in der Seele, im
-Geiste den Vater erschlagen hat, wie die Nihilisten im Geiste Rußland
-erschlagen wollen, Iwan wird von seinem Gewissen wie vom Donner gerührt,
-und wenn er die Krankheit übersteht, wird er zur Besinnung kommen und
-ein anderer Mensch werden. Das sollten wir nicht vergessen und auch uns
-danach richten.
-
-So seien wir denn stark und mutig wie Dmitri Karamasoff, der sich durch
-kein Unglück brechen läßt; lernen wir es, fremde Schuld zu tragen und zu
-verzeihen, denn es ist wahr, was er sagt: „Alle sind für alle schuldig.“
-Das sind Züge des wahren russischen Geistes, des Geistes, in dem das
-ganze Rußland lebt und wächst und stark ist. Lernen wir es, Rußland mit
-dieser Liebe zu lieben, die in den „Brüdern Karamasoff“ atmet, und auf
-unsere Heimat nicht wie ihre Sklaven mit einem Gefühl der Erniedrigung
-zu blicken, und auch nicht mit Überhebung wie ihre Herren und Lehrer,
-sondern mit dem Gefühl, mit welchem Söhne auf ihre Mutter sehen.
-Versuchen wir, „aufzuerstehen“, wie Dmitri Karamasoff träumt, und, wie
-er sagt, einen „neuen Menschen“ in uns zu erziehen, um ein Recht auf die
-Stellung des Sohnes zu unserer Mutter zu haben: auf daß das Ideal der
-Christlichkeit, das die Seele unseres großen Landes erfüllt, auch zu
-unserem Ideale werde. Ich denke, dies ist es, was Dostojewskis großes
-Vermächtnis uns gebietet.
-
- _N. N. Strachoff._
-
-
-
-
- Vorbemerkung
-
-
-Über die literarische Tätigkeit Dostojewskis, soweit sie als Material
-für Band 12 der Ausgabe in Betracht kam, über die Beteiligung und
-Herausgeberschaft des Dichters an den verschiedenen Zeitschriften, in
-denen er seine kritischen Arbeiten veröffentlichte, gibt die Einleitung
-von N. N. Strachoff die nähere Auskunft. Strachoff (geboren im Jahre
-1828 zu Belgorod im Gouvernement Kursk, Literaturhistoriker,
-Naturwissenschaftler und Philosoph) war Dostojewskis Freund. Seine
-Arbeit über den Dichter, die den vollen Reiz der persönlichen
-Anteilnahme an Dostojewskis Entwicklung wie Lebensgang hat, wurde dem
-Bande in Übersetzung beigegeben, weil sie unmittelbarer, als es jede
-geschichtliche Rückschau heute könnte, in das literarische Milieu des
-jungen Rußland einführt, dem Dostojewski angehörte und über das er sich
-schließlich führend erhob. Die Nähe, in der Strachoff zu der Welt des
-Nihilismus, aber auch des Antinihilismus und hier zu der politischen
-Partei der Slawophilen stand, zeigt die Welt, aus der Dostojewski
-hervorging und macht sie, die zunächst so überaus ideologisch erscheint,
-mit einer Fülle von biographischen und psychologischen Einzelzügen erst
-menschlich-begreiflich und darüber hinaus für unser modern-politisches
-Verständnis Dostojewskis ungemein wertvoll.
-
-Die Lebensgeschichte Dostojewskis von seiner Kindheit bis zu seiner
-Rückkehr aus Sibirien und dem Beginn seiner publizistischen Tätigkeit
-(1821–1860), die der ihm gleichfalls befreundet gewesene
-Literaturhistoriker Orest Miller sogleich nach dem Tode Dostojewskis
-verfaßt hat, wurde dem vorhergehenden Bande der Deutschen Gesamtausgabe,
-Bd. XI, zugewiesen. Strachoffs Überblick über die letzten zwei
-Jahrzehnte Dostojewskis (1860–1881) ist von ihm als Fortsetzung jener
-Biographie der ersten Lebenshälfte Dostojewskis von Miller gedacht und
-in einem von ihnen gemeinsam herausgegebenen Bande 1883 erschienen.
-
-Die Entstehung der im vorliegenden Bande vereinigten Aufsätze
-Dostojewskis fällt in die Jahre 1861–1880. Die Aufsätze von 1861 sind in
-der von seinem Bruder und ihm damals herausgegebenen Monatsschrift „Die
-Zeit“ erschienen; die von 1873 in der Zeitschrift „Der Bürger“, deren
-Redakteur er ein Jahr lang war; die von 1876–1880 in den von ihm allein
-herausgegebenen Monatsheften „Das Tagebuch eines Schriftstellers“. Die
-Gedanken aus seinem Notizbuch stammen aus seinem letzten Lebensjahr.
-
-Der Text wurde in Auswahl und – soweit es die Notwendigkeit mit sich
-brachte, Dostojewskis Wiederholungen zu vermeiden – in Kürzung
-vorgelegt.
-
- E. K. R.
-
-
-
-
- Erster Teil.
-
- Die russische Literatur
-
-
- Zur Puschkinrede
-
- Die Rede zur Puschkinfeier ist mit diesem Vorwort und einer
- Antwort auf die Angriffe eines Westlers im August 1880 in einem
- einzelnen Heft veröffentlicht worden. Vgl. Seite 5.
-
-Meine Rede über Puschkin und seine Bedeutung habe ich am 8. Juni dieses
-Jahres in einer feierlichen Versammlung der „Freunde russischer
-Dichtung“ vor zahlreicher Zuhörerschaft gehalten und sie hat einen nicht
-geringen Eindruck gemacht. Iwan Ssergejewitsch Aksakoff, der bei dieser
-Gelegenheit von sich sagte, daß ihn alle gewissermaßen für den Führer
-der Slawophilen hielten, meinte in seiner Ansprache, daß meine Rede
-geradezu „ein Ereignis“ gewesen sei. Ich erwähne dies nicht, um mich
-etwa selbst zu loben, sondern einzig und allein um folgendes zu
-erklären: Wenn meine Rede tatsächlich ein Ereignis gewesen ist, so war
-sie das nur von dem einen Gesichtspunkte aus, den ich hier in einem
-besonderen Vorwort klarlegen möchte, denn nur aus diesem Grunde habe ich
-das Vorwort zu schreiben unternommen. Was jedoch meine Rede selbst
-anbetrifft, so wollte ich in ihr lediglich die vier folgenden Punkte der
-Bedeutung Puschkins für Rußland auseinandersetzen:
-
-1. Daß Puschkin der erste gewesen ist, der mit seinem tiefen,
-durchschauenden und hochbegnadeten Geiste und aus seinem echt russischen
-Herzen heraus die bedeutungsvolle krankhafte Erscheinung in unserer
-Intelligenz, unserer vom Boden losgerissenen Gesellschaft, die sich hoch
-über dem Volk stehend dünkt, entdeckt und als das erkannt hat, was sie
-ist. Er hat sie erkannt und hat es vermocht, den Typ unseres negativen
-russischen Menschen plastisch vor unsere Augen zu stellen: den Menschen,
-der keine Ruhe hat und der sich mit nichts Bestehendem zufrieden geben
-kann, der an seinen Heimatboden und an die Kräfte dieses Heimatbodens
-nicht glaubt, der Rußland und sich selbst (oder richtiger seine
-Gesellschaftsklasse, die ganze Schicht der Intelligenz, zu der auch er
-gehört, und die sich von unserem Volksboden gelöst hat) im letzten
-Grunde verneint, der mit seinen Volksgenossen nichts gemein haben will
-und der unter all dem doch aufrichtig leidet. Puschkins Aleko[10] und
-Onegin haben eine Menge solcher Gestalten, wie sie selbst sind, in
-unserer Literatur hervorgerufen. Ihnen folgten Petschorin[11],
-Tschitschikoff, Rudin, Lawretzkij und Bolkonskij[12] und unzählige
-andere, die allein schon durch ihr Erscheinen die Richtigkeit der von
-Puschkin erfaßten Tatsache bezeugten. Ihm, Puschkin, und seiner großen
-Einsicht wie Genialität, gebührt daher die Ehre und der Ruhm, die
-allergefährlichste Wunde der bei uns nach Peters folgenschwerer Reform
-entstandenen Gesellschaft, unserer sogenannten Intelligenz, aufgedeckt
-zu haben. Seiner intuitiven Diagnose verdanken wir die Erkenntnis und
-Feststellung unserer Krankheit. Und nicht zuletzt ist er es auch
-gewesen, der uns als erster einen Trost gegeben hat: denn von ihm ist
-uns gleichzeitig diese große Hoffnung gekommen, daß unsere Krankheit
-nicht tödlich zu sein braucht, daß vielmehr die russische Gesellschaft
-sehr wohl noch einmal gesunden kann und daß sie noch immer die
-Möglichkeit hat, sich zu erneuern und aufzuerstehen, wofern es ihr nur
-gelingt, sich dem Volksgeist wieder anzuschließen, denn
-
-2. er, Puschkin, hat uns als erster (gerade als erster, und vor ihm
-niemand) die künstlerischen Typen einer russischen Schönheit gegeben,
-dieser Schönheit, die unmittelbar aus der russischen Seele
-hervorgegangen ist, die sich in unserem Volksgeist offenbart, überall in
-unserem Boden, und die er, Puschkin, dort denn auch gesucht und gefunden
-hat. Das bezeugt die Gestalt der Tatjana in „Eugen Onegin“, diese echt
-russische Frau, die sich vor all der eingeschleppten Lüge zu bewahren
-gewußt hat, das bezeugen ferner seine historischen Gestalten, wie der
-Mönch Pimen und andere in seinem Drama „Boris Godunoff“, diese
-unmittelbar aus dem Leben genommenen und so überaus wahren Gestalten in
-dem Roman „Die Hauptmannstochter“ und noch viele, viele andere Typen,
-die von ihm in seinen Balladen, Gedichten, Erzählungen, Aufzeichnungen
-und sogar in seiner „Geschichte des Pugatschoffschen Aufstandes“
-unsterblich gemacht worden sind. Die Hauptsache aber, die man besonders
-unterstreichen muß, ist, daß alle diese Typen in ihrer unleugbar
-vorhandenen Schönheit des russischen Menschen und seiner Seele – ganz
-und ausschließlich unserem Volksgeist entnommen sind. Hier muß man schon
-die ganze Wahrheit sagen: nicht in unserer gegenwärtigen Zivilisation,
-nicht in unserer sogenannten „europäischen“ Bildung (die es bei uns,
-nebenbei bemerkt, noch niemals wirklich gegeben hat), nicht in den
-Ungeheuerlichkeiten äußerlich angeeigneter europäischer Ideen und Formen
-hat Puschkin uns diese Schönheit gezeigt, sondern einzig im russischen
-Volksgeiste hat sie sich ihm offenbart und zwar, wie gesagt, _in ihm
-allein_. Deshalb hat er uns denn – ich wiederhole es – mit seiner
-Feststellung der Krankheit auch die große Zuversicht geben dürfen, wie
-man sie in die Worte zusammenfassen kann: „Glaubt an den Volksgeist, von
-ihm allein erwartet eure Rettung und sie wird euch werden!“ Puschkin
-verstehen wollen – und nicht diesen Schluß aus ihm ziehen – nein, das
-ist unmöglich.
-
-Der dritte Punkt, den ich in der Bedeutung Puschkins feststellen wollte,
-ist jene besondere, allercharakteristischste und bei keinem anderen
-Genie außer ihm vorhandene Eigenart des künstlerischen Schöpfertums: ich
-meine die Fähigkeit, sich in den Geist einer jeden fremden Nation
-vollkommen hineinzuversetzen, ja sogar sich selbst in einen geistigen
-Vertreter jeder Nation zu verwandeln und im Geiste der Fremden
-schöpferisch zu werden. Ich sagte in meiner Rede, daß es in Europa die
-größten künstlerischen Weltgenies gegeben hat, wie Shakespeare,
-Cervantes, Schiller, doch kann man bei keinem einzigen von ihnen diese
-Fähigkeit wahrnehmen – wir sehen sie nur bei Puschkin. Und nicht etwa
-nur das Sichhineinversetzen, das bloße Verstehen der anderen ist hier
-das Bedeutungsvolle, sondern gerade die erstaunliche Vollkommenheit der
-Verwandlung. Diese Fähigkeit konnte ich in meiner Rede über die
-Bedeutung Puschkins natürlich nicht außer acht lassen, denn sie ist nun
-einmal die charakteristische Eigenheit seines Genies, eine Eigenart, die
-von allen Künstlern der Welt nur er allein hat, und durch die er sich
-denn auch von ihnen allen unterscheidet. Wenn ich dies sage, dann
-geschieht es natürlich nicht, um solche Größen unter den europäischen
-Genies, wie Shakespeare und Schiller, herabzusetzen: einen so lächerlich
-dummen Schluß könnte aus meiner Rede wirklich nur ein Dummkopf ziehen.
-Der _Universalismus_, die _Allgemeinverständlichkeit_ und die
-unerforschliche Tiefe der Welttypen des Menschen arischer Rasse, die
-Shakespeare für alle Zeiten gegeben hat, sind von mir nicht einen
-Augenblick in Frage gestellt worden. Und wenn Shakespeare in seinem
-Othello wirklich einen _venezianischen Mohr_ und nicht einen Engländer
-dargestellt hätte, dann würde er ihm nur den Nimbus einer örtlichen
-nationalen Charakteristik verliehen haben, die Weltbedeutung dieses
-Typus jedoch wäre ganz dieselbe geblieben, denn auch im Italiener hätte
-er das, was er ausdrücken wollte, ebenso und mit derselben Kraft
-ausgedrückt. Wie gesagt: nicht die Weltbedeutung Shakespeares und
-Schillers habe ich herabziehen wollen, indem ich die geniale Fähigkeit
-Puschkins, sich in den Geist fremder Nationen zu versetzen, hervorhob,
-sondern ich tat es bloß in dem Wunsch, den gerade in dieser Fähigkeit
-und in ihrer Vollkommenheit enthaltenen großen und prophetischen Hinweis
-für uns Russen klarzulegen – denn
-
-4) diese Fähigkeit ist ganz entschieden eine russische
-Nationaleigenschaft: Puschkin teilt sie mit unserem ganzen Volk und er
-ist als vollendeter Künstler zugleich derjenige, der am vollendetsten
-diese Fähigkeit zum Ausdruck bringt, wenigstens in seinem Werk, seinem
-künstlerischen Schaffen. Unser ganzes Volk trägt diese Neigung, sich in
-den Geist anderer Völker zu versetzen, und somit die Neigung zur
-Allversöhnung, in seiner Seele und hat das in den zwei Jahrhunderten
-nach der Reform Peters auch schon mehr als einmal bewiesen. Da ich nun
-aber auf diese Fähigkeit unseres Volkes hinwies – wie sollte ich da
-nicht auch auf die in ihr enthaltene große Beruhigung hinweisen, die sie
-uns auf unsere Frage nach unserer Zukunft als Antwort gibt, auf diese
-große und vielleicht größte aller Volkshoffnungen, die leuchtend vor uns
-steht! So sprach ich denn aus, daß unser Streben nach Europa, mit allen
-seinen Übertreibungen und Ausartungen, _in seinem letzten Grunde_ nicht
-nur berechtigt, sondern auch volkstümlich ist, und daß es sich mit dem
-Trieb des Volksgeistes vollkommen deckt und zweifellos auch etwas in
-sich birgt, das einen höheren Zweck verfolgt. In meiner kurzen, leider
-gar zu kurzen Rede konnte ich diesen Gedanken natürlich nicht genügend
-entwickeln, doch glaube ich trotzdem, daß das, was ich gesagt habe,
-nicht mißzuverstehen ist. Und wozu, ja: wozu sich darüber empören, daß,
-wie ich sagte, „unser bettelarmes Land vielleicht zu guter Letzt der
-ganzen Welt ein neues Wort sagen wird?“ Und wie lächerlich, darauf
-hinzuweisen, daß wir uns, bevor wir der Welt ein neues Wort sagen
-könnten, doch „erst ökonomisch, wissenschaftlich und staatlich
-entwickeln müssen“, und daß wir erst dann daran denken könnten, „neue
-Worte“ so (angeblich) vollendeten Organismen, wie es die Völker Europas
-sind, von uns aus zu sagen. Ich habe es ja in meiner Rede ausdrücklich
-betont, daß mir nichts ferner liegt, als das russische Volk in Dingen
-seiner ökonomischen oder wissenschaftlichen Errungenschaften mit den
-Völkern des Westens auch nur vergleichen zu wollen. Ich sage ganz
-einfach, daß von allen Völkern Europas das russische Volk am fähigsten
-ist, die Idee der allmenschlichen Einigung, der Nächstenliebe, der
-unparteiischen Beurteilung, die das Feindliche verzeiht, das Ungleiche
-unterscheidet und entschuldigt, die Widersprüche aufhebt, in sich
-aufzunehmen. Das ist kein „ökonomischer“, sondern ein rein _ethischer_
-Zug, und wer könnte bezweifeln oder verneinen, daß er im russischen Volk
-vorhanden ist? Oder wer dürfte sagen, daß das russische Volk nur eine
-immerfort duldende träge Masse sei, dazu bestimmt, nur „ökonomisch“ dem
-Gedeihen und der Entwicklung unserer Intelligenz zu dienen, die sich da
-hoch über dem Volk erhebt, daß aber dieses Volk selbst in sich nur tote
-duldsame Tatlosigkeit trüge, von der man nichts zu erwarten habe,
-weshalb denn auch gar kein Grund vorhanden sei, irgendwelche Hoffnungen
-auf dieses Volk der Menge zu setzen? Es ist traurig genug, sagen zu
-müssen, daß sogar sehr viele in Rußland einer solchen Ansicht sind und
-daß sie ihren Standpunkt noch dazu mit Eifer verfechten. Und nun habe
-ich gewagt, etwas ganz anderes auszusprechen.
-
-Ich wiederhole, daß ich „diese meine Phantasie“, wie ich mich
-ausdrückte, nicht eingehender, nicht mit der notwendigen Ausführlichkeit
-habe erklären und ihre Richtigkeit beweisen können – und doch konnte ich
-nicht unterlassen, auf sie hinzuweisen. So ohne weiteres zu behaupten,
-daß unser armes und unschönes Land nichts von derartig hohen Trieben in
-sich schließen könne, bevor es nicht „ökonomisch“ und „staatlich“ dem
-Westen ähnlich geworden sei – das ist einfach unsinnig. Die
-fundamentalen ethischen Geistesgüter hängen – wenigstens in ihrem
-Wesensgrunde – nicht von der ökonomischen Leistungsfähigkeit eines
-Volkes ab. Unser ganzes armes und unansehnliches Land steht da, immer
-abgesehen von seiner oberen Schicht, einmütig wie _ein_ Mann! Alle
-achtzig Millionen seiner Bevölkerung stellen eine geistige Einheit dar,
-wie sie in Europa nirgends zu finden ist und auch gar nicht zu finden
-sein kann: folglich ist es schon aus diesem Grunde unmöglich, zu sagen,
-unser Land sei unbedeutend, ja, im strengen Sinne des Wortes, noch nicht
-einmal arm vermag man es zu nennen. Im Gegenteil, in Europa, in diesem
-Europa, wo soviel Reichtümer zusammengescharrt sind – in Frankreich z.
-B., in England! – ist der ganze Staatsbau bei allen diesen Nationen
-untergraben und wird vielleicht morgen einstürzen, um dann etwas
-beispiellos Neuem, das an nichts Dagewesenes gemahnt, Platz zu machen.
-Und alle diese Reichtümer, die Europa aufgehäuft hat, werden es nicht
-vor dem Sturz bewahren können, denn „in einem Augenblick wird aller
-Reichtum verschwunden und vernichtet sein“. Und dieser, gerade dieser
-untergrabene Staatsbau, diese infizierte Bourgeoisie wird unserem Volk
-nun als einzig zu erstrebendes Ideal vor Augen gehalten, und erst wenn
-dies Ideal einmal von ihm erreicht sein sollte, sagt man, dürfe es
-wagen, daran zu denken, den Europäern irgendein Wort zu stammeln.
-Dagegen behaupten wir, daß dieses Volk eine in Liebe allversöhnende und
-allvereinende Geisteskraft auch unter den gegenwärtigen ökonomischen
-Verhältnissen besitzen und in seinem Innersten erhalten kann, ja, es
-kann das sogar in Zeiten, die noch weit schlimmer als die jetzigen der
-Armut sind: es hat das sogar in der Zeit nach dem Einfall der Tataren
-ins Land[13] und in der wüsten Zeit des Interregnums[14] gekonnt, bis
-Rußland ausschließlich vom eigenen und einigen Volksgeist gerettet
-wurde. Und schließlich: selbst wenn es wirklich so unbedingt notwendig
-sein sollte zur Erlangung des Rechtes, die Menschheit zu lieben, eine
-alles vereinende Seele und die Fähigkeit zu besitzen, nicht fremde
-Völker deshalb zu hassen, weil sie nicht so sind, wie wir, und den
-Wunsch zu haben, nicht sich in der eigenen Nationalität von allen
-anderen abzuschließen und sich gegen sie zu verschanzen, damit nur das
-eigene Volk alles bekäme, während man die anderen Völker für so etwas
-wie Zitronen hält, aus denen sich Saft herauspressen läßt (und Völker
-von diesem Nationalcharakter gibt es doch in Europa!) – wenn es auch
-wirklich, sage ich, zur Erlangung alles dessen notwendig sein sollte,
-zunächst ein reiches Volk zu werden und die Verfassung europäischer
-Staaten bei uns einzuführen, muß dann deshalb, so fragt es sich, alles
-unbedingt sklavisch nachgeahmt und, sogar einschließlich der Bourgeoisie
-(die dort, wie gesagt, vielleicht morgen schon stürzen wird), bei uns
-eingeführt werden? Wird man denn wirklich auch hierin dem russischen
-Organismus nicht gestatten, sich national zu entwickeln, durch die
-eigene organische Kraft? oder muß es wirklich unbedingt ein ganz
-unpersönliches und lakaienhaftes Kopieren Europas sein? Ja, aber: was
-soll man denn mit dem russischen Organismus anfangen? Begreifen diese
-Herren überhaupt, was ein Organismus ist? Und dabei reden sie doch so
-klug über die Naturwissenschaften! – „Das wird das Volk nicht zulassen“,
-sagte vor etwa zwei Jahren jemand im Gespräch zu einem überzeugten
-Westler. – „Dann muß man es beseitigen!“ versetzte darauf der Westler
-gelassen und erhaben. Und das war nicht „irgendeiner“, das war vielmehr
-ein – Repräsentant unserer Intelligenz. Diese Geschichte ist nicht
-erfunden, denn sie ist leider – von mir erlebt.
-
-Mit den angeführten vier Punkten wollte ich Puschkins Bedeutung für uns
-feststellen, und meine Rede hat also, wie bereits erwähnt, Eindruck
-gemacht. Nicht durch irgendwelche besonderen Vorzüge (ich betone das
-ausdrücklich) und nicht durch talentvollen Vortrag (darin gebe ich allen
-meinen Gegnern vollkommen recht, denn wirklich, ich will mich nicht
-loben), sondern durch ihre Aufrichtigkeit hat sie den Eindruck gemacht
-und – ich sage es dreist – durch die Richtigkeit der von mir
-hervorgehobenen Tatsachen, die eben überzeugen mußten, ungeachtet der
-Kürze und Unvollkommenheit meiner Rede. Aber worin, fragt es sich,
-bestand denn das „Ereignis“, wie Iwan Ssergejewitsch Aksakoff es nannte?
-
-Das „Ereignis“ war die Tatsache, daß von den Slawophilen oder der
-sogenannten russischen Partei (Gott, es gibt bei uns eine „russische
-Partei“!) ein großer und vielleicht entscheidender Schritt zur
-Versöhnung mit den Westlern gemacht wurde, denn die Slawophilen haben
-damit die Berechtigung anerkannt, die in dem Streben der Westler nach
-Europa liegen könnte; haben sogar die Berechtigung aller Übertreibungen
-und ihrer unsinnigsten theoretischen Folgerungen anerkannt, haben sich
-für diese Berechtigung mit dem echt russischen, unserem Volk so
-eigentümlichen Trieb erklärt, der unsrer ganzen geistigen Veranlagung
-nur zu sehr entspricht, die Übertreibungen selbst aber haben sie als
-historische Notwendigkeiten angesehen und als ein Fatum gerechtfertigt,
-so daß, wenn man einmal die Summe ziehen sollte, es sich herausstellen
-würde, daß die Westler in demselben Maße ihrem Vaterlande und der
-Richtung seines Geistes gedient haben, wie alle jene echt russischen
-Leute, die aufrichtig ihre Heimat lieben und sie vielleicht nur gar zu
-eifersüchtig vor der Europa-Begeisterung aller „russischen Ausländer“ zu
-bewahren suchen. Und zum Schluß wurde in dieser Rede erklärt, daß alle
-Gegensätze, aller Widerstreit und alle Feindseligkeiten zwischen den
-beiden Parteien bisher überhaupt nur ein großes Mißverständnis gewesen
-sind. Diese Erklärungen in ihrer Gesamtheit dürften nun wohl das gewesen
-sein, was man meinetwegen ein „Ereignis“ nennen kann, denn die
-Repräsentanten der Slawophilenpartei waren nach meiner Rede mit allen
-ihren Folgerungen durchaus einverstanden. Ich möchte jetzt nur noch
-darauf hinweisen – was übrigens auch schon in meiner Rede geschehen ist
-–, daß die Ehre, diesen ersten Schritt getan zu haben (wenn der
-aufrichtige Wunsch, eine Versöhnung herbeizuführen, zur Ehre gereicht),
-daß das Verdienst, dieses neue Wort, wenn man es so bezeichnen will,
-verkündet zu haben, durchaus nicht mir allein zukommt, sondern dem
-ganzen Slawophilentum, dem Geist und der Richtung unserer ganzen
-„Partei“, daß ferner das Gesagte von jeher allen jenen klar gewesen ist,
-die unparteiisch das Slawophilentum zu erfassen suchten, und daß der
-Gedanke, den ich ausgesprochen, von ihnen schon früher, wenn auch nicht
-gerade wörtlich, in dieser Weise ausgedrückt, so doch dem Sinne nach
-angedeutet worden ist. Ich aber habe nichts weiter getan, als daß ich
-ihn im richtigen Moment aussprach.
-
-Und nun die Folge: sollten jetzt die Westler unsere Folgerung annehmen
-und sich mit ihr einverstanden erklären, so würden ja allerdings
-wirklich alle Mißverständnisse zwischen den beiden Parteien beseitigt
-sein, und die Westler und Slawophilen hätten tatsächlich „keinen Stoff
-mehr zum Streit“, wie I. S. Aksakoff sich ausdrückte, „da jetzt alles
-erklärt ist“. Unter diesem Gesichtspunkt wäre meine Rede freilich „ein
-Ereignis“ gewesen. Aber das Wort „Ereignis“ ist doch wohl nur in der
-ersten Begeisterung von der einen Partei ausgesprochen, ob aber auch die
-andere Partei es anerkennen oder ob die Forderung nur ein Ideal bleiben
-wird, das ist eine ganz andere Frage. Neben den Slawophilen, die mich
-dort in ihre Arme schlossen und mir die Hände schüttelten, kaum daß ich
-die Rednertribüne verlassen hatte, kamen auch Westler auf mich zu, um
-mir auch ihrerseits fest die Hand zu drücken, und zwar waren es nicht so
-irgendwelche, sondern gerade die Führer der Parteien, oder doch
-diejenigen, welche gerade jetzt die beinahe entscheidende Rolle in ihr
-spielen. Und ihr Händedruck war ebenso heiß und sprach von ebenso
-aufrichtigem Beifall wie der der Slawophilen, und sie nannten meine Rede
-genial, und taten das mehr als einmal und hoben immer wieder ihre
-Bedeutung hervor. Aber ich fürchte, ich fürchte aufrichtig: geschah das
-nicht alles nur im ersten Augenblick des Mitgerissenseins?! Oh, nicht
-das fürchte ich, daß sie nachträglich ihre Meinung, meine Rede sei
-genial gewesen, ändern könnten! Ich weiß es ja selbst, daß sie nicht
-genial war, und fühlte mich auch durch ihr Lob keineswegs geschmeichelt,
-weshalb ich ihnen von ganzem Herzen ihre Meinungsänderung bezüglich
-meiner Genialität verzeihen würde. Es ist etwas anderes, was ich
-befürchte. Es wäre nämlich möglich, daß die Westler (ich meine nicht
-jene, die mir die Hand schüttelten, sondern die Westler im allgemeinen,
-was vorausgeschickt sei), daß die Westler also, wenn sie erst einmal
-über das dort Ausgesprochene nachdenken, ungefähr folgendes sagen
-könnten: „Aha!“ werden sie vielleicht sagen (übrigens sage ich
-ausdrücklich „vielleicht“, nichts Bestimmteres), „da haben sie nun nach
-langem Streit und Hader endlich doch zugegeben, daß unser Streben nach
-Europa berechtigt und natürlich ist! Sie haben eingesehen, daß auf
-unserer Seite dasselbe Recht besteht, das sie bis jetzt nur für sich in
-Anspruch nahmen, und haben nun ihre Fahnen endlich vor uns gesenkt. Nun,
-wir nehmen Ihre Anerkennung mit Vergnügen an, meine Herren, und beeilen
-uns, Ihnen zu erklären, daß das von Ihrer Seite sogar sehr nett ist: es
-verrät wenigstens einen gewissen Verstand, den wir Ihnen übrigens auch
-nie abgesprochen haben, mit Ausnahme vielleicht der Stumpfsinnigsten
-unter unseren Parteigängern, für die alle wir nicht wohl einstehen
-können – aber ... Sehen Sie mal, hier sitzt nun wieder ein gewisser
-neuer Haken, weshalb man denn diesen Punkt möglichst schnell klarlegen
-müßte. Die Sache ist nämlich die, daß Ihre These, unser Zug nach Europa
-stimme durchaus mit dem Volksgeist überein, ja, sei sogar metaphysisch
-als sein unmittelbarer Ausdruck zu erklären – daß diese Ihre Behauptung
-also für uns doch von mehr als fragwürdiger Richtigkeit bleibt, womit
-dann die Möglichkeit einer Versöhnung zwischen uns wiederum
-ausgeschlossen ist. Lassen Sie es sich gesagt sein, daß wir uns
-allerdings von Europa, von der europäischen Wissenschaft und von der
-Reform Peters haben lenken lassen, keineswegs aber vom Geist unseres
-Volkes, sintemal wir diesen Geist noch nicht zu entdecken vermocht haben
-und er uns auf unserem Wege auch noch nie begegnet ist – was etwa von
-ihm irgendwo vorhanden sein sollte, das haben wir hinter uns liegen
-lassen und sind schleunigst von ihm fortgeeilt. Wir sind von Anfang an
-selbständig unseren Weg gegangen und haben uns durchaus nicht von
-irgendeinem angeblichen Trieb des russischen Volkes, seiner universalen
-Aufnahmefähigkeit oder seiner Neigung zur Versöhnung aller nationalen
-Gegensätze treiben lassen – kurz, es ist nichts von dem geschehen,
-worüber Sie jetzt so viele Worte verloren haben. Im russischen Volk – da
-es nun einmal zur Sprache gekommen ist, wollen wir es ganz aufrichtig
-aussprechen – sehen wir nach wie vor nur eine passive Masse, von der wir
-nichts zu lernen haben, die vielmehr nur die Entwicklung Rußlands – im
-fortschrittlichen Sinne – hemmt und die man umgestalten und umschaffen
-muß: wenn nicht organisch, was leider nicht möglich ist, so doch
-wenigstens mechanisch, d. h. indem man sie einfach zwingt, ein für
-allemal zwingt, uns zu gehorchen. Um aber diesen Gehorsam zu erreichen,
-ist es eben erforderlich, bei uns genau dieselbe bürgerliche
-Organisation einzuführen, wie sie in den europäischen Staaten bereits
-vorhanden ist. An und für sich ist unser Volk arm und gemein, wie es das
-von jeher gewesen, und kann weder ein Ansehen noch eine Idee haben. Die
-ganze Geschichte unseres Volkes ist eine Ungereimtheit, aus der Sie aber
-bisher weiß der Teufel was für Schlüsse gezogen haben. Nur wir allein
-haben uns den nüchternen Blick bewahrt und das Volk richtig
-eingeschätzt. Ein Volk, wie das unsrige, darf keine Geschichte haben,
-und das, was es bis jetzt für seine Geschichte hält, muß von ihm mit
-Abscheu vergessen werden, jawohl, restlos vergessen werden. Eine
-Geschichte haben – das dürfen nur wir, die Intelligenz, der das Volk
-einzig mit seiner Arbeit und Kraft zu dienen hat.“
-
-„Übrigens erlauben Sie, regen Sie sich wegen unserer Einwände nicht auf
-und unterbrechen Sie uns nicht: nicht zu unseren Leibeigenen wollen wir
-unser Volk machen, wenn wir von seinem Gehorsam sprechen, o nein,
-natürlich nicht! Ziehen Sie, bitte, nicht so falsche Schlüsse! Wir sind
-human, wir sind Europäer: das wissen Sie ja nur zu gut. Im Gegenteil,
-wir wollen unser Volk allmählich bilden, regelrecht bilden, und unser
-Werk damit krönen, daß wir das Volk allmählich bis zu uns erheben und
-seine Nationalität in eine andere verwandeln, in irgendeine, die sich
-dann schon von selbst einstellen wird, wenn die Nation nur erst einmal
-richtig gebildet ist. Seine Bildung aber werden wir darauf gründen und
-damit beginnen, womit wir selber begonnen haben: mit der Verleugnung
-unserer Vergangenheit und einem Fluch auf unsere ganze Geschichte. Haben
-wir einem Mann aus dem Volke erst das Lesen und Schreiben beigebracht,
-so geben wir ihm gleich darauf Europa zu riechen, und dann umstricken
-wir ihn vollends mit – nun, sagen wir, mit den feinen Sitten, den
-Kleidern, Getränken und französischen Tänzen. Mit einem Wort, wir
-zwingen ihn, sich seines früheren Bastschuhs und seines selbstgebrauten
-‚Kwas‘[15] zu schämen, desgleichen seiner alten Lieder – und wenn es
-auch unter letzteren einzelne musikalisch sehr schöne geben mag, was wir
-ja gar nicht in Abrede stellen wollen, dann werden wir ihn doch zwingen,
-Couplets zu singen, wie sehr Sie sich darüber auch ärgern sollten. Kurz,
-um den guten Zweck zu erreichen, werden wir mit allen nur möglichen
-Mitteln zunächst die schwachen Seiten seines Charakters beeinflussen,
-ganz wie das ja auch mit uns geschehen ist, und schließlich wird dann
-das Volk – unser sein. Es wird sich seiner Vergangenheit selbst schämen
-und sie verfluchen. Wer das hinter ihm Liegende verflucht, der gehört
-bereits zu uns. Das ist unsere Formel! Und nach dieser Formel werden wir
-vorgehen, wenn wir uns daran machen, das Volk zu uns zu erheben. Sollte
-das Volk sich aber als unfähig zur Bildung erweisen, dann ja, dann muß
-man es beseitigen. In dem Fall wäre eben der Beweis dafür erbracht, daß
-unser Volk nur eine unwürdige, barbarische Herde ist, mit der man
-wirklich nichts anderes anfangen kann, als daß man sie zum Gehorsam
-zwingt. Denn was sollte man sonst mit ihm anfangen? – ist doch nur bei
-unserer Intelligenz und in Europa die Wahrheit! Wenn es bei uns auch
-achtzig Millionen Volk gibt (womit Sie übrigens dem Anscheine nach ein
-wenig zu prahlen belieben), so haben alle diese Millionen doch nur dann
-einen Lebenszweck, wenn sie dieser europäischen Wahrheit dienen, außer
-der es eine andere Wahrheit nun einmal nicht gibt und auch gar nicht
-geben kann. Mit der Menge aber, mit diesen achtzig Millionen, werden Sie
-uns nicht einschüchtern. So: und damit hätten wir Ihnen einmal gründlich
-unsere Meinung gesagt, diesmal in ganzer Nacktheit. Wir aber bleiben bei
-dem, was wir gesagt haben. Wir können doch nicht, wenn wir Ihre
-Folgerung annehmen, mit Ihnen – nun, zum Beispiel über so seltsame Dinge
-philosophieren, wie die Pravoslavie[16] und ihre angebliche und
-besondere Bedeutung! Wir hoffen vielmehr, daß Sie uns wenigstens dies
-nicht zumuten werden, namentlich nicht jetzt, in einem Augenblick, in
-dem das letzte Wort Europas, und das allgemeine Ergebnis der
-europäischen Wissenschaft, doch der Atheismus ist, ein aufgeklärter und
-humaner Atheismus! Wir aber – wir können doch nicht Europa etwa _nicht_
-folgen!! So sind wir denn meinetwegen bereit, jene Hälfte der bewußten
-Rede, in der Sie uns Beifall zollen, mit gewissen Einschränkungen gelten
-zu lassen – also sei’s drum, erweisen wir Ihnen diese Liebenswürdigkeit.
-Was aber die andere Hälfte betrifft, die, auf die Sie sich und alle
-diese Ihre ‚Grundlagen‘ beziehen – ja: da verzeihen Sie, da können wir
-nun nichts mehr annehmen und billigen!“
-
-Eine so traurige Antwort auf meine Rede ist durchaus möglich. Doch wie
-gesagt: ich wage sie nicht nur nicht in den Mund jener Westler zu legen,
-die mir die Hand drückten, sondern nicht einmal in den Mund der vielen,
-sehr vielen Aufgeklärten, die trotz ihrer Theorien prächtige Russen sind
-und für ihr Vaterland arbeiten und als russische Bürger alle Achtung
-verdienen. Dafür aber wird die Masse, die Masse der Abtrünnigen, der von
-ihrem Erdboden Losgerissenen, die Masse der Westler, der Durchschnitt,
-die Straße, auf der man die Idee weiterschleift, – dieser ganze Pöbel
-der „Richtung“ (und der ist zahlreich wie Sand am Meer) oh, dieser
-Schlag Menschen wird unbedingt in ähnlicher Weise antworten, wenn er es
-nicht schon getan hat! (Notabene: In betreff des Glaubens zum Beispiel
-ist schon in einer Broschüre mit dem ganzen ihnen eigenen Scharfsinn
-erklärt worden, das Ziel der Slawophilen sei – ganz Europa zur
-Orthodoxie zu bekehren.) Doch verscheuchen wir diese schwarzen Gedanken
-und hoffen wir zunächst auf die Führer dieses „Europäertums“. Wenn sie
-auch nur die Hälfte unserer Ansichten und in sie gesetzten Hoffnungen zu
-den ihrigen machen, so sei ihnen auch hierfür Ehre und Ruhm, und wir
-werden sie mit Begeisterung begrüßen. Selbst wenn sie nur die eine
-Hälfte annehmen, d. h. wenn sie wenigstens die Selbständigkeit und
-Eigenart des russischen Geistes anerkennen, so wie die Rechtmäßigkeit
-seines Daseins und seine menschenfreundliche allversöhnende Neigung, so
-wird es auch fast nichts mehr geben, worüber wir noch zu streiten
-hätten, wenigstens nichts Grundsätzliches. Dann würde meine Rede
-allerdings so etwas wie den Grund zu einem neuen Ereignis gelegt haben.
-Nicht sie selbst – ich wiederhole es noch zum letztenmal – wäre das
-Ereignis gewesen (sie ist eine solche Bezeichnung nicht wert), sondern
-der große Triumph Puschkins, der die Veranlassung zu unserer Einigung
-gewesen wäre – einer Einigung aller wahrhaft gebildeten und aufrichtigen
-Russen für ein großes allumfassendes Zukunftsziel.
-
-
- Puschkin[17]
-
- Vorgetragen am 8. Juni 1880 in der Versammlung des Vereins der
- „Freunde russischer Dichtung“.
-
-„Puschkin ist eine außergewöhnliche Erscheinung und vielleicht der
-bisher einzige Ausdruck des russischen Geistes“, sagt Gogol. Ich füge
-von mir aus hinzu: und zwar ein prophetischer Ausdruck. Ja, in Puschkins
-Erscheinen liegt für uns alle, uns Russen, etwas zweifellos
-Prophetisches. Puschkin kam uns in einer Zeit, als sich zum ersten Male
-so etwas wie Selbsterkenntnis in unserer Gesellschaft hervorzuwagen
-begann, ein ganzes Jahrhundert nach der Reform Peters[18], und sein
-Erscheinen wirkte wie eine Überleuchtung unseres dunklen Weges mit neuem
-und bahnweisendem Licht. In diesem Sinne ist Puschkin in der Tat eine
-Prophezeiung und ein Programm zugleich.
-
-Das Schaffen dieses großen Dichters teile ich in drei Perioden. Ich sage
-das nicht als Literaturkritiker: wenn ich von der schöpferischen
-Tätigkeit Puschkins rede, will ich nur meinen Satz von seiner
-prophetischen Bedeutung für Rußland klarlegen, und was ich unter diesem
-Ausdruck verstehe. Übrigens möchte ich hier vorausschicken, daß zwischen
-besagten drei Abschnitten seiner Entwicklung, wie mir scheint, keine
-festen Grenzen bestehen. Der Anfang des „Onegin“ zum Beispiel gehört
-meiner Ansicht nach noch in die erste Periode seines Schaffens, das Ende
-dagegen in die zweite, in der Puschkin seine Ideale in seinem eigenen
-Lande bereits gefunden, liebgewonnen und in seine große, weit
-ausschauende Seele aufgenommen hatte. Ferner: es ist üblich, zu sagen,
-daß Puschkin in der ersten Periode seines Schaffens europäische Dichter
-nachgeahmt habe, wie Parny, André Chénier und besonders Byron. Und es
-ist wahr: diese und andere Dichter Europas haben zweifellos einen großen
-Einfluß auf die Entwicklung seines Genies gehabt und haben diesen
-Einfluß wohl auch zeit seines Lebens behalten. Nichtsdestoweniger waren
-schon die ersten Dichtungen Puschkins keineswegs nur Nachahmungen,
-vielmehr verrät sich auch in ihnen schon die ungewöhnliche
-Selbständigkeit seines Genies. Aus Nachahmungen spricht nie ein so
-echter Schmerz, nie eine so tiefe Selbsterkenntnis, wie Puschkin sie z.
-B. in den „Zigeunern“ hat – in einem Poem, das ich durchaus noch zu
-seiner ersten Schaffensperiode rechne. Von seiner schöpferischen Kraft
-und von der mitreißenden Gewalt seiner Sprache ganz zu schweigen – nein,
-die hätte er wahrlich nicht gehabt, wenn er nur ein Nachahmer gewesen
-wäre. Die Gestalt des Aleko, des Helden dieses Poems, vertritt bereits
-einen großen und tiefen und echt russischen Gedanken, denselben, der
-später in so einheitlicher Vollendung im „Onegin“ ausgedrückt ist, wo
-uns fast derselbe Aleko entgegentritt, nur mit dem Unterschied, daß er
-dort nicht mehr in einer phantastischen Umgebung und in phantastischem
-Licht erscheint, sondern greifbar wirklich, wahrheitsgetreu und
-verständlich vor uns steht. Schon in Aleko hat Puschkin jenen
-Unglücklichen, der in seinem ganzen großen Vaterlande keinen festen
-Verbleib hat, jenen historischen russischen Märtyrer, dessen Erscheinen
-in unserer, vom Volk losgerissenen Gesellschaft – eben historisch
-betrachtet – so unvermeidlich war, in einer genialen Skizze
-festgehalten. Entdeckt aber hat er ihn wahrlich nicht nur in Byrons
-Werken! Dieser Typ ist fehlerlos erfaßt, ist eine von unseren stehenden
-Figuren und hat sich bei uns, in unserem russischen Vaterlande, seit
-langem und auf lange Zeit eingebürgert. Dieser russische „Skitáletz“[19]
-aus den höheren Gesellschaftskreisen setzt auch heute noch sein Leben
-fort, und ich glaube, er wird so bald nicht aussterben. Und wenn diese
-Naturen heutzutage nicht mehr Zigeunerlager aufsuchen, um in der wilden
-eigenartigen Lebensweise der Nomaden ihr Weltideal und im Schoße der
-Natur Ruhe und Erlösung von dem sinnlosen, verwirrenden Leben unserer
-russischen Gesellschaft zu finden, so werfen sie sich dafür dem
-Sozialismus in die Arme, den es zu Alekos Lebzeiten noch nicht gab – das
-heißt: sie gehen mit ihrem neuen Glauben nur auf einen fremden Acker, um
-dort mit Eifer auf ihre Weise zu arbeiten, geradeso überzeugt, wie Aleko
-es war, daß sie auf diesem ihrem phantastischen Arbeitsfeld das Glück
-nicht nur für sich selbst, sondern zugleich für die ganze Welt erlangen
-werden. Denn dieser russische Heimatlose bedarf nun einmal des
-allmenschlichen Glücks, um mit sich zur Ruhe kommen zu können: sonst, o
-nein, sonst gibt er sich nicht zufrieden – d. h. so lange tut er es
-nicht, wie es sich in der Sache nur um die Theorie handelt. Der
-„Skitaletz“ von heute wie der von damals sind noch ganz dieselben
-Russen, nur daß sie zu verschiedenen Zeiten geboren wurden. Dieser
-Menschenschlag ist, ich wiederhole es, gerade zu Anfang des zweiten
-Jahrhunderts nach der großen Reform Peters in unserer vom Volk und von
-der Volkskraft losgelösten Gesellschaft entstanden. Gewiß, eine riesige
-Mehrzahl der gebildeten Russen haben damals, zu Puschkins Zeiten, ebenso
-ihr Leben im Staatsdienst zugebracht, wie sie in unserer Zeit friedlich
-als Beamte weiter dienen, in den Renteien, auf den Eisenbahnen und in
-den Banken – oder sie verdienen sich ihr Geld durch andere Mittel, sie
-beschäftigen sich sogar mit Wissenschaft, geben Stunden, halten Vorträge
-und verrichten alles regelmäßig, faul, friedlich, leben von monatlichem
-Gehalt und kleinen Kartenpartien, ohne jede innere Anfechtung oder
-Neigung zur Flucht in ein Zigeunerlager, oder gleichviel wohin und
-welches Lager sich in unserer Zeit eben mehr dazu eignen würde. Viel,
-sehr viel ist es schon, wenn sie ein wenig die Liberalen spielen, „mit
-einem Schimmer von westeuropäischem Sozialismus“, dem aber ein gewisser
-russisch gutmütiger Charakter verliehen wird. Doch alles das ist nur ein
-Zeitunterschied. Was liegt daran, daß der eine noch nicht angefangen
-hat, sich zu beunruhigen, während der andere schon bei der
-verschlossenen Tür angelangt ist und sie mit dem Kopf auch bereits
-einzurennen versucht hat – natürlich vergeblich. Dasselbe erwartet sie
-alle – jeden zu seiner Zeit, wenn sie nicht den rettenden Weg betreten
-und sich bescheiden mit dem Volk vereinigen. Oder nicht einmal alle mag
-dasselbe erwarten: es genügen auch die „Auserwählten“, es genügt auch
-der zehnte Teil der aus der Ruhe Gekommenen, und die übrige große
-Mehrheit wird ebenfalls dank ihrer Unruhe keine Ruhe mehr finden. Aleko
-freilich versteht es noch nicht, seine Sehnsucht richtig auszudrücken:
-bei ihm ist alles gleichsam noch abstrakt. Er sehnt sich nach der Natur
-und klagt über die Gesellschaft, verspürt einen Drang, der sich
-irgendwie auf die ganze Welt bezieht, und trauert ob der vermeintlich
-irgendwo, irgendwann, durch irgendwen verlorenen Wahrheit, die er nun
-nirgends zu finden vermag. Hier ist, ersichtlich, ein bißchen Jean
-Jacques Rousseau zu spüren. Worin diese Wahrheit bestanden, wo und wie
-man sie wiederfinden könnte und wann sie verloren gegangen, das weiß er
-allerdings nicht zu sagen, aber er leidet aufrichtig. Vorläufig sehnt
-sich denn auch der phantastische unduldsame Mensch nur nach Erlösung von
-vornehmlich äußeren Erscheinungen. So muß es ja auch sein! Die Wahrheit
-ist für ihn irgendwo außerhalb seiner Person, vielleicht irgendwo in
-anderen Ländern, zum Beispiel in den europäischen, die alle ihren
-geschichtlich festgefügten Bau und eine bestimmte Ordnung in ihrem
-staatlichen wie gesellschaftlichen Leben besitzen. Und niemals wird er
-begreifen, daß die Wahrheit vor allen Dingen in ihm selbst sein muß,
-ganz innerlich, nur in ihm selbst – wie sollte er das auch anders
-verstehen? Er ist doch in seinem eigenen Lande ein Fremder, schon seit
-einem ganzen Jahrhundert hat er das Arbeiten verlernt, besitzt er nichts
-mehr von lebendiger Kultur, ist er wie ein Pensionsmädchen zwischen
-geschlossenen Wänden aufgewachsen. Die Pflichten, die er erfüllte, waren
-seltsam und willkürlich, je nach seiner Zugehörigkeit zu einer der
-vierzehn Rangklassen, in die unsere gebildete russische Gesellschaft
-eingeteilt ist. Er ist vorläufig nur ein losgerissenes und in der Luft
-schwebendes Stäubchen. Er fühlt das auch und leidet darunter oft sogar
-qualvoll! Nun, und schließlich – was hat es auch auf sich, daß er, der
-vielleicht zum russischen Geburtsadel gehört und sogar, was höchst
-wahrscheinlich ist, Leibeigene besitzt, mit der ganzen Freiheit seines
-Standes sich den kleinen phantastischen Einfall gestattet, an Menschen
-Gefallen zu finden, die „ohne Gesetz“ leben, um zeitweilig, wenn es sein
-soll, im Zigeunerlager einen Bären zu führen und ihn tanzen zu lassen?
-Am ehesten konnte ihm noch das Weib, „das Naturweib“, wie ein Dichter
-sich ausdrückt, die Hoffnung auf eine Erlösung von seiner Lebensqual
-verheißen: nichts ist infolgedessen selbstverständlicher, als daß er
-sich in leichtsinnigem, jedoch leidenschaftlichem Glauben in eine junge
-Zigeunerin verliebt. Es hieß das soviel wie: „Hier, nur hier finde ich
-den Ausweg, hier werde ich auch mein Glück finden, hier im Schoße der
-Natur, fern von aller Welt, hier unter diesen Menschen, die keine
-Zivilisation und keine Gesetze haben!“ Und was ist das Ergebnis? – schon
-bei seinem ersten Zusammenstoß mit den Bedingungen dieses freien Lebens
-hält er nicht stand und befleckt seine Hände mit Blut[20]. Nicht nur
-nicht zu einer allgemeinen Weltharmonie, nein, nicht einmal zum Leben in
-einer Zigeunerbande taugt der Unselige, und so jagen sie ihn denn fort –
-ohne Rache, ohne Bosheit, schlicht und nicht ohne Vornehmheit in ihrer
-einfachen Art. Der Alte sagt nur: „Verlaß uns, stolzer Mensch. Wir sind
-Zigeuner, haben kein Gesetz, wir richten nicht und lieben nicht, zu
-strafen.“
-
-Das ist natürlich alles recht phantastisch, aber der „stolze Mensch“ ist
-Wahrheit und von dem Dichter ist er treffend geschildert. Denn: so
-erfaßt und dargestellt wurde er bei uns zum erstenmal von – Puschkin.
-Das dürfen wir nicht vergessen. Es ist ja alles so echt an ihm ... kaum
-geht ihm etwas wider den Strich, da bringt er auch schon in Wut zwei
-Menschen um und rächt sich sofort für die Kränkung. Noch bequemer
-freilich wäre es gewesen, sich seiner Zugehörigkeit zu einer der
-vierzehn Rangklassen zu erinnern und selber das richtende und marternde
-Gesetz anzurufen (denn auch das ist vorgekommen), damit nur ja seine
-persönliche Kränkung gerächt werde. Nein, diese wahrheitsgetreue
-Dichtung ist nicht eine Nachahmung, in ihr ist schon die russische
-Beantwortung unserer „Frage“, dieser „verfluchten Frage“ im Sinne des
-russischen Volksglaubens und der russischen Volkswahrheit angedeutet:
-„Beuge dich, stolzer Mensch, und brich vor allen Dingen erst deinen
-Hochmut. Beuge dich, müßiger Mensch und arbeite erst einmal auf deinem
-Acker!“ Denn das wäre in der Tat die Lösung des Problems nach der
-Rechtsauffassung des Volkes und der Volksvernunft. „Nicht außerhalb
-deiner ist die Wahrheit, sondern in dir selber, suche sie in dir,
-unterwirf _dich dir_, bemächtige dich deiner und du wirst die Wahrheit
-erkennen! Nicht in den äußeren Dingen ist die Wahrheit und nicht
-irgendwo fern hinter Bergen und Meeren, sondern vor allem in deiner
-Arbeit an dir selbst! Besiege dich, bezähme dich – und du wirst frei
-sein, wie du es dir noch nie erträumt hast. Beginnst du aber ein großes
-Werk, so machst du auch andere frei und wirst das Glück schauen. Dein
-Leben wird sich mit Inhalt füllen und du wirst endlich dein Volk und
-seine heilige Wahrheit begreifen. Weder bei Zigeunern noch sonstwo ist
-die Weltharmonie zu finden, wenn du selbst ihrer nicht wert bist, wenn
-du Bosheit und Hochmut in dir hast und das Leben umsonst haben willst,
-ohne auch nur zu ahnen, daß man für sein Leben zahlen muß.“
-
-Diese Lösung des Problems ist in jener Dichtung Puschkins bereits
-angedeutet und beinahe vorgezeichnet. Viel klarer aber ist sie im „Eugen
-Onegin“ ausgedrückt, in diesem Roman, der nicht nur nicht phantastisch
-ist, sondern geradezu fühlbare Wirklichkeit, in dem das russische Leben
-mit so schöpferischer Kraft dargestellt ist und in einer so vollendeten
-Kunst, wie es sie vor Puschkin nicht gegeben hat und vielleicht nach ihm
-nicht wieder geben wird.
-
-Onegin kommt aus Petersburg – unbedingt aus Petersburg, das ist
-zweifellos die erste Bedingung. Einen so wichtigen Umstand in der
-Lebensgeschichte seines Helden konnte Puschkin natürlich nicht
-übergehen. Und ich wiederhole, dieser Held ist derselbe Aleko,
-namentlich später, wenn er ausruft: „Warum lieg ich nicht gelähmt, wie
-in Tula der Assessor?“ Vorläufig jedoch, zu Anfang des Romans, ist er
-ein halber Geck und Gesellschaftsmensch und hat noch viel zu wenig
-gelebt, um vom Leben schon ganz und gar enttäuscht zu sein. Aber auch
-ihn beginnt bereits heimzusuchen und zu beunruhigen jener „vornehme
-Dämon heimlicher Qual“. In der Einsamkeit auf seinem Gut, im Herzen
-seiner Heimat ist er natürlich nicht „bei sich zu Hause“. Er fühlt sich
-da nicht heimisch. Er weiß nicht, was er dort anfangen soll und es kommt
-ihm vor, als wäre er bei sich selbst zu Gaste. Später, wenn er in seiner
-Langweile und Unzufriedenheit und inneren Unruhe im Vaterlande und in
-fremden Ländern von Ort zu Ort reist, fühlt er sich – als fraglos kluger
-und fraglos aufrichtiger Mensch, der er ist – auch unter den Fremden
-sich selber fremd. Freilich liebt auch er sein Land, aber er traut ihm
-nicht. Natürlich hat er von den einheimischen Idealen gehört, aber er
-glaubt nicht an diese Ideale. Er glaubt nur an die vollkommene
-Unmöglichkeit gleichviel welch einer Arbeit auf dem Heimatboden und
-blickt auf die, die an diese Möglichkeit glauben – deren es damals, wie
-auch jetzt, nur wenige gab – mit einem traurigen Spottlächeln herab.
-Lenskij[21], sein junger Freund, wird von ihm einfach aus Hypochondrie
-erschossen, vielleicht gerade infolge seiner Sehnsucht nach dem
-Friedensideal –, das wäre uns nur zu ähnlich, weshalb diese Erklärung
-denn auch die wahrscheinlich richtige ist. Wie anders dagegen Tatjana!
-Die ist ein starker Mensch, die steht fest und sicher auf ihrem Boden.
-Sie ist tiefer als Onegin, und natürlich auch klüger als er. Sie ahnt
-schon allein durch ihren feinen Sinn, wo die Wahrheit ist und worin sie
-besteht, was dann der Schluß des Romans bezeugt. Vielleicht wäre es
-besser gewesen, Puschkin hätte seinen Roman nach ihr „Tatjana Larina“
-genannt, und nicht nach ihm „Jewgenij Onegin“, denn sie, nicht er, ist
-der Held. Sie ist ein bejahender Typ, nicht ein verneinender, wie er,
-sie ist ein Typ wahrhafter Schönheit, ist die Verherrlichung der
-russischen Frau – und sie ist es denn auch, die der Dichter den
-Grundgedanken seiner Dichtung in der berühmten Szene der letzten
-Begegnung Tatjanas mit Onegin aussprechen läßt. Ja, man kann sogar
-sagen, daß ein solches Urbild der russischen Frau, eine Heldin von
-solcher Schönheit, in unserem ganzen Schrifttum nicht wieder geschaffen
-worden ist – ausgenommen höchstens die Gestalt der Lisa in Turgenjeffs
-„Adelsnest“. – Nur die Angewohnheit, auf alles hochmütig herabzusehen,
-bringt Onegin dazu, daß er bei der ersten Begegnung auf dem weltfernen
-Gut ihrer Eltern überhaupt nicht sieht, wen er in der schüchternen
-Gestalt des reinen unschuldigen Mädchens vor sich hat, während sie sich
-schon bei dem ersten Blick auf ihn seltsam befangen fühlt. Er verstand
-eben nicht, in dem armen Mädchen die geistige Feinheit, die ganze
-Vollendung und Vollkommenheit ihres inneren Menschen zu erkennen und
-hielt sie vielleicht wirklich nur für einen „moralischen Embryo“. Sie –
-ein Embryo! und das noch nach ihrem Liebesbrief an ihn! Wenn jemand in
-diesem Roman ein moralischer Embryo ist, dann ist das wahrhaftig niemand
-anderes als er selbst, Onegin! Freilich, er konnte sie gar nicht
-erkennen: kennt er denn überhaupt die Menschenseele? Er ist ein
-abstrakter Mensch, ein unruhiger Träumer und bleibt es sein Leben lang.
-Auch später in Petersburg, wo er sie als vornehme Dame wiedersieht,
-begreift er sie nicht, obschon er ihr schreibt, daß seine Seele ihre
-ganze Schönheit fühle. Doch das sind nur Worte: sie geht an ihm und
-seinem Leben vorüber, von ihm unerkannt, unbegriffen! Darin besteht eben
-die Tragödie ihres Romans. Wäre dagegen damals, bei der ersten Begegnung
-mit ihr, Childe Harold, oder gar Lord Byron in eigener Person
-geradenwegs aus England auf dem Gut eingetroffen und hätte ihn auf den
-eigenartigen Reiz des schüchternen, jungen Mädchens aufmerksam gemacht –
-oh, da wäre Onegin sogleich von ihr betroffen und entzückt
-gewesen! Soviel geistiges Lakaientum steckt zuweilen in diesen
-Weltschmerzmärtyrern! Doch es geschah nicht, und Onegin, der die
-Weltharmonie sucht, begibt sich, infolgedessen, nachdem er Tatjana als
-Antwort auf ihren Brief eine Predigt gehalten und sich dabei immerhin
-noch sehr anständig benommen hat, mitsamt seinem Weltschmerz und dem aus
-kleinlich dummem Ärger vergossenen Blut auf dem Gewissen, auf Reisen –
-zunächst im eigenen Lande, doch offenbar ohne überhaupt zu bemerken, wo
-er sich befindet. Im Überschwang seiner vermeintlichen Gesundheit und
-Kraft ruft er unter Flüchen aus: „Jung bin ich, stark ist in mir das
-Leben!“ und doch weiß er nicht, worauf er wartet, was auf ihn wartet,
-und so bleibt ihm nichts als sein Weltschmerz.
-
-Das begriff Tatjana. In den unsterblichen Versen des Romans erzählt der
-Dichter, wie sie das Haus dieses ihr so wunderbaren und rätselhaften
-Menschen besucht. Ich will hier nicht weiter von der unnachahmlichen
-Schönheit und Tiefe dieser Strophen reden. Sie betritt sein Zimmer, sie
-betrachtet seine Bücher, die Sachen, alle Gegenstände, bemüht sich, aus
-ihnen seine Seele zu erraten, ihre Rätsel zu lösen – und der „moralische
-Embryo“ bleibt schließlich mit einem seltsamen Lächeln nachdenklich
-stehen, wie in einer Vorahnung der Lösung des Problems, und ihre Lippen
-fragen leise:
-
-„Oder sollte er – eine Parodie sein?“
-
-Ja, sie mußte darauf verfallen, sie hatte das Geheimnis erraten. In
-Petersburg – lange Zeit nachher, nach der neuen Begegnung –, da kennt
-sie ihn bereits vollkommen. Übrigens, nebenbei hat jemand gesagt, daß
-das gesellschaftliche Leben bei Hofe verderblich ihre Seele beeinflußt
-habe und daß gerade die Würde der hochgestellten Dame und die neuen
-gesellschaftlichen Begriffe zum Teil die Ursache ihrer Absage an Onegin
-gewesen seien. Nein, so verhielt es sich nicht. Nein, sie ist auch als
-Fürstin dieselbe Tanjä, dieselbe, die sie dort auf dem Lande war! Sie
-ist nicht verdorben, im Gegenteil, sie fühlt sich bedrückt durch dieses
-prunkvolle Petersburger Leben; es ist für sie eine Last und ein Zwang,
-unter dem sie leidet; sie verabscheut ihre gesellschaftliche Stellung,
-und wer sie anders beurteilt, der begreift überhaupt nicht, was Puschkin
-ausdrücken wollte. Fest und ruhig sagt sie zu Onegin:
-
- „... Doch bin ich einem andren angetraut
- Und werd’ ihm ewig treu sein.“
-
-Das sagt sie gerade als russische Frau, darin besteht die Verherrlichung
-derselben, die uns Puschkin mit ihrer Gestalt gegeben hat. Sie spricht
-die innere Wahrheit dieser Dichtung aus. Oh, ich sage kein Wort über
-ihre religiösen Ansichten, über ihre Auffassung der Heiligkeit der Ehe –
-nein, das werde ich nicht berühren. Aber wie denn: weigert sie sich
-deshalb, ihm zu folgen, obgleich sie ihm sagt: „Ich liebe Sie“ – deshalb
-etwa, weil sie „als russische Frau“ (und nicht als Südländerin oder
-irgendeine Französin) unfähig wäre zu einem mutigen Schritt, etwa weil
-sie nicht die Kraft hätte, ihre Fesseln zu zerreißen, und nicht stark
-genug wäre, das Gefeiertwerden, ihre gesellschaftliche Rolle, ihren
-Reichtum, den Ruf der Tugend zu opfern? Nein, die russische Frau ist
-mutig. Die russische Frau handelt furchtlos nach dem, was sie für
-richtig hält: das hat sie bewiesen. Aber Tatjana ist „einem anderen
-angetraut“, und diesem, dem sie nun einmal gehört, wird sie „ewig treu
-sein“. Aber wem denn, wem denn treu? Welchen Pflichten? Treu diesem
-alten General, den sie doch nicht lieben kann, da sie ja Onegin liebt,
-und den sie nur genommen, weil „die Mutter sie unter Tränen beschworen“?
-In ihrer verletzten, wunden Seele war damals weder Hoffnung noch Freude,
-sondern nichts als Verzweiflung. Also treu diesem alten General? Ja,
-treu diesem alten General, ihrem Mann, dem ehrlichen Menschen, der sie
-liebt, der sie achtet und stolz auf sie ist. Mag auch die Mutter sie
-beschworen und angefleht haben, aber sie, Tatjana selbst und keine
-andere hat das Jawort gegeben, sie, sie selbst hat ihm Treue geschworen.
-Mag sie ihn auch aus Verzweiflung genommen haben, jetzt ist er ihr
-Gatte, und ihr Treubruch würde ihn mit Schimpf und Schande bedecken,
-würde ihn vernichten. Und kann denn ein Mensch sein Glück auf dem
-Unglück eines anderen aufbauen? Das Glück liegt nicht allein in den
-Genüssen der Liebe, sondern auch in der höheren Harmonie des Geistes.
-Womit sollte man aber den Geist beruhigen, wenn hinter einem ein
-unehrenhafter, mitleidloser, fast unmenschlicher Schritt liegt? Sollte
-sie nur deshalb von ihm fliehen, weil es sich um ihr Glück handelte?
-Aber was kann denn das für ein Glück sein, das auf fremdem Unglück
-beruht? Nehmen wir an, daß Sie den Bau der Geschicke des
-Menschengeschlechts aufzuführen hätten, mit dem Ziel, die Menschen zu
-beglücken, ihnen zum Schluß Frieden und Ruhe zu geben. Nehmen Sie an, zu
-dem Zweck wäre es unbedingt erforderlich, im ganzen nur ein einziges
-menschliches Wesen zu Tode zu quälen – ja sagen wir, nicht einmal ein
-gar so wertvolles, meinetwegen sogar irgendein ganz lächerliches Wesen,
-also nicht etwa eine Figur aus Shakespeare, sondern – nun, sagen wir,
-einfach nur einen ehrenwerten alten Mann, den Gatten einer jungen Frau,
-an deren Liebe er in blinder Überzeugung glaubt, obgleich er ihr Herz
-gar nicht kennt, der sie aber ehrt und achtet, stolz auf sie ist,
-glücklich durch sie und ruhig. Und nur dieser eine Mensch muß entehrt
-und geschmäht und gequält werden, um auf den Tränen dieses Mannes den
-Glücksbau aufzuführen! Würden Sie da wohl einwilligen, der Baumeister
-dieses Gebäudes unter dieser einen Bedingung zu sein? Das ist die Frage.
-Vermöchten Sie auch nur einen Augenblick die Ansicht zu vertreten, daß
-die Menschen, für die Sie diesen Bau aufführen, einwilligen würden,
-dieses Glück von Ihnen anzunehmen, wenn Sie in das Fundament den Schmerz
-eines, zwar unbedeutenden, doch unverdientermaßen unbarmherzig zu Tode
-gequälten Menschen einmauerten, und daß die Menschen in diesem Glück
-ewig zufrieden sein könnten? Deshalb frage ich: konnte Tatjana in ihrer
-Reinheit und Vornehmheit und mit ihrem von eigenem Leid wehen Herzen
-sich überhaupt anders entschließen? Nein; denn eine reine russische
-Seele sagt sich in diesem Fall: „Mag ich allein das Glück entbehren, mag
-auch mein Unglück unvergleichlich größer sein als das Unglück dieses
-alten Mannes, mag auch niemand jemals erfahren, auch mein Mann nicht,
-daß ich mich geopfert habe, mag auch niemand mein Opfer schätzen, ich
-will doch nicht auf Kosten eines anderen glücklich sein!“ Das ist der
-Kern der Tragödie. Hier handelt es sich um ein Entweder – Oder, für ein
-Drittes ist es zu spät, und danach fällt denn die Antwort aus, die sie
-Onegin gibt. Nun wird man vielleicht einwenden: „Ja, aber auch Onegin
-ist doch unglücklich, den einen macht sie glücklich, den alten Mann, an
-den anderen aber, den jungen, und sein Unglück denkt sie nicht!“
-Erlauben Sie, hier handelt es sich noch um eine andere Frage, vielleicht
-sogar um die wichtigste im Roman. Übrigens hat die Frage, warum Tatjana
-nicht Onegin folgt, bei uns, oder wenigstens in unserer Literaturkritik,
-eine besondere Geschichte, die sogar recht charakteristisch ist, deshalb
-habe ich mir auch nur erlaubt, mich über diese Frage so ausführlich zu
-verbreiten. Das Charakteristischste dürfte wohl sein, daß die moralische
-Lösung dieser Frage bei uns so lange allen Zweifeln ausgesetzt gewesen
-ist. Ich denke: selbst wenn Tatjana frei gewesen, wenn ihr Mann schon
-gestorben wäre, daß sie auch dann nicht Onegins Werben angenommen hätte.
-Man muß doch das ganze innere Wesen dieser Frau erfassen. Sie sieht
-doch, wer er ist: er, der ewig unstete Mensch, findet plötzlich die
-Frau, die er als junges Mädchen verschmäht hat, findet sie in einer
-neuen glänzenden Umgebung, – und diese Umgebung ist für ihn auch das
-Ausschlaggebende, ihre gesellschaftliche Rolle ist es, die ihn
-bestrickt. Vor diesem ehemaligen kleinen Mädchen, auf das er beinahe mit
-Verachtung herabsah oder doch mit Geringschätzung, beugt sich jetzt die
-Gesellschaft – die Gesellschaft, diese ungeheure Autorität in den Augen
-Onegins, ungeachtet aller seiner Weltschmerzen und Weltideale. Deshalb
-also, nur deshalb wirft er sich wie geblendet ihr zu Füßen! Endlich
-glaubt er, sein Ideal gefunden zu haben, seine Rettung, seine Erlösung
-von seiner Sehnsucht, die er früher nicht zu erkennen verstanden, und
-„das Glück war doch so möglich, so nah!“ ruft er aus. Wie Aleko zur
-jungen Zigeunerin, so strebt Onegin jetzt zu Tatjana, indem er in seinem
-neuen absonderlichen Einfall alle Lösungen seiner Probleme sucht. Und
-das sieht doch Tatjana, sie hat ihn doch schon längst durchschaut?! Sie
-weiß doch ganz genau, daß er im Grunde nur seine neue Einbildung liebt,
-und nicht sie, die ja dieselbe Tatjana geblieben ist, die sie früher
-war! Sie weiß, daß er sie für etwas ganz anderes hält als das, was sie
-ist, daß er sie nicht nur nicht liebt, sondern daß er sogar überhaupt
-nicht fähig ist, gleichviel wen, zu lieben, wenn er auch noch so sehr
-leidet! Er liebt seinen Einfall, sein Trugbild, aber er selbst ist auch
-nur ein Trugbild. Würde er doch, wenn sie ihm folgte, schon am nächsten
-Tage wieder gleichgültig werden und an seinen Überschwang mit
-spöttischem Lächeln zurückdenken. Er hat keinen Boden unter sich, auf
-dem er stehen könnte, er ist ein Stäubchen, das vom Winde getragen wird.
-Wie anders dagegen Tatjana! Sie hat sogar in der Verzweiflung und in dem
-Bewußtsein, daß ihr Leben verfehlt ist, etwas Festes und
-Unerschütterliches, auf das ihre Seele sich stützen, woran sie sich
-aufrichten kann. Das sind ihre Erinnerungen an ihre Kindheit, an ihre
-Heimat, an die Landeinsamkeit, in der ihr stilles, reines Leben begann,
-und wäre es auch nur „das Kreuz und der Schatten der Bäume auf dem Grabe
-ihrer alten Kinderfrau“. Oh, diese Erinnerungen an ihre Jugend sind ihr
-jetzt das Teuerste, was sie hat, diese Erinnerungen allein sind ihr
-geblieben, aber sie genügen, um ihre Seele vor der letzten Verzweiflung
-zu bewahren. Und das ist nicht wenig, nein, das ist schon viel, sehr
-viel, denn das ist ein fester Boden, ist etwas, worauf man bauen kann.
-Hierin liegt die Berührung mit dem eigenen Volk, mit seinen
-Heiligtümern, liegt das, was das Vaterland zur wahren Heimatscholle
-macht. Was aber hat er, Onegin, und was ist er überhaupt? Doch nicht aus
-Mitleid konnte sie ihm folgen, nur um ihm eine Abwechslung zu bieten, um
-ihm nur für einige Zeit aus unendlicher liebevoller Barmherzigkeit das
-Phantom eines Glückes zu schenken, während sie mit Sicherheit wußte, daß
-er schon am nächsten Tage sich skeptisch und spöttisch zu diesem seinem
-neuen Glück verhalten werde! Nein, es gibt tiefe und starke Seelen, die
-ihr Heiligtum nicht bewußt der Schmähung preisgeben können, und wär’s
-auch nur aus unendlicher Barmherzigkeit. Nein, Tatjana konnte nicht
-Onegin folgen!
-
-In diesem seinem unsterblichen Roman „Onegin“ erscheint also Puschkin
-als ein großer Volksdichter, wie wir vor ihm keinen gehabt haben. Er hat
-darin mit einem einzigen Griff, in der treffendsten Weise, mit dem
-scharfsichtigsten Blick, den Kern unseres Wesens, unserer ganzen über
-dem Volk stehenden Gesellschaft erfaßt und dargestellt. In derselben
-Schaffensperiode aber, in der er uns den Typ des russischen Skitaletz
-schuf, den es heute noch ganz so wie damals gibt und der für unser
-zukünftiges Schicksal von größter Bedeutung ist, während er neben ihn
-die wahre Vertreterin unendlicher Schönheit in der russischen Frau
-stellte, prägte er gleichzeitig – und wiederum als erster – in anderen
-Werken eine ganze Reihe der prächtigsten russischen Volkstypen. Die
-Schönheit auch dieser Typen besteht vor allem in ihrer Echtheit, die so
-groß ist, daß man sie ordentlich wie lebende Menschen vor sich zu sehen
-meint: so unverkennbar sind sie, so wahr und leibhaft stehen sie vor
-einem: wie gemeißelt. Ich möchte nochmals betonen, daß ich nicht als
-Literaturkritiker rede, deshalb werde ich meinen Gedanken auch nicht
-durch eingehende Untersuchungen der genialen Werke unseres Dichters zu
-erklären versuchen. Über seinen russischen Chronisten[22] zum Beispiel
-müßte man allein schon ein ganzes Buch schreiben, wollte man die volle
-Bedeutung dieser Gestalt erfassen und wiedergeben, die Puschkin uns in
-ihrer ruhigen Geistesgröße wie ein Wahrzeichen und einen ewigen Zeugen
-unseres kraftvollen Volksgeistes vor Augen gestellt hat. Diesen Typ gibt
-es wirklich, von dem kann niemand sagen, er sei vom Dichter frei
-erfunden, sei bloß eine Idealgestalt. Wenn man aber zugesteht (und das
-muß man), daß es solche Menschen im russischen Volk gibt, dann muß man
-auch zugeben, daß es notwendig einen Volksgeist, der sie hervorbringt,
-geben muß, und weiter, daß dieser Geist auch die erforderliche
-Lebenskraft haben wird. Überall tritt bei Puschkin der Glaube an den
-russischen Charakter hervor, der Glaube an eine geistige Kraft des
-Volkes: wo aber Glaube ist, da ist Zuversicht, und die besitzt er denn
-auch – eine große Hoffnung und ein großes Vertrauen auf den russischen
-Menschen. Daß er in der Hoffnung auf den Sieg des Guten furchtlos der
-Zukunft entgegenschaue, sagt Puschkin einmal bei einem anderen Anlaß,
-doch könnte sich dieser Ausspruch auf seine ganze in nationalem Geiste
-schöpferische Tätigkeit beziehen. Und niemals, weder vor noch nach ihm,
-hat ein russischer Schriftsteller sich so herzlich und so vertraut mit
-seinem Volk verbunden, wie Puschkin. Gewiß, wir haben unter unseren
-Schriftstellern viele Kenner des einfachen Volkes, die es treffend und
-sogar liebevoll zu schildern verstehen. Vergleicht man sie aber mit
-Puschkin, so muß man sich gestehen, daß bis jetzt, außer einem,
-höchstens zweien von seinen jüngsten Nachfolgern, alle diese
-Schriftsteller nur „das Volk schildernde _Herren_“ sind. Selbst bei den
-begabtesten von ihnen, ja, sogar bei diesen zwei Ausnahmen, die ich
-soeben erwähnte, bricht doch – bricht irgendwo ein gewisses Herabsehen
-auf dieses Volk hervor, so etwas, das wie aus einem ganz anderen Leben,
-einer anderen Welt kommt, so etwas wie ein Wunsch, dieses Volk zu sich
-emporzuziehen und dadurch dann glücklich zu machen. In Puschkin dagegen
-hat sich eine wirkliche Vereinigung mit dem Volke vollzogen, die in ihm
-selbst fast so etwas wie eine echte und innige Rührung auslöst. Man
-denke nur an seine Geschichte vom Bären, dessen Bärenfrau der Bauer
-erschlagen, oder an sein Gedicht:
-
- „Freund Iwan, wenn wir jetzt trinken,
- Müssen wir vorerst einmal ...“
-
-und Sie werden ohne weiteres verstehen, was ich meine.
-
-Alle diese Schätze des schöpferischen Erfassens sind von Puschkin,
-unserem größten Dichter, gleichsam in der Art eines Hinweises für alle
-nach ihm kommenden russischen Künstler, für alle nachfolgenden Schöpfer
-auf diesem Gebiete, hinterlassen worden. Man kann sogar ohne Zögern
-behaupten: ohne Puschkin wären alle nach ihm gekommenen Begabungen
-überhaupt nicht möglich gewesen; wenigstens hätten sie sich nicht mit
-solcher Kraft und Deutlichkeit zu äußern vermocht, ungeachtet ihrer
-unzweifelhaften Veranlagung, wie ihnen das nach Puschkin in unserer Zeit
-tatsächlich gelungen ist. Doch gilt dies nicht bloß von der Dichtung,
-vom künstlerischen Schaffen: ohne Puschkin hätte sich vielleicht auch
-unser Glaube an unsere russische Selbständigkeit, unsere uns jetzt
-bereits bewußt gewordene Hoffnung auf unsere Volkskräfte und damit auch
-der Glaube an unsere Zukunft und Bestimmung, an unsere selbständige
-Rolle in der Reihenfolge der europäischen Völker nicht so nachdrücklich
-und unverrückbar festgesetzt, wie das nach Puschkin geschehen ist (wenn
-auch freilich noch immer nicht bei allen, vielmehr erst bei
-verhältnismäßig wenigen)!
-
-Diese Tat Puschkins nun tritt eigentlich erst dann plastisch hervor,
-wenn man voll und ganz erfaßt, was ich unter der dritten Periode seines
-Schaffens verstehe.
-
- * * * * *
-
-Ich sage nochmals: diese drei Perioden haben keine festen Grenzen
-zwischen sich. So könnten zum Beispiel einzelne seiner Werke, die er in
-der dritten geschrieben, sogar ganz zu Anfang entstanden sein, denn
-Puschkin war immer ein ganzer, sagen wir ein abgeschlossener Organismus,
-der von Hause aus alle Keime in sich trug und sie nicht etwa von außen
-nach und nach in sich aufgenommen hat. Die äußeren Anregungen haben in
-ihm nur die Keime zum Treiben gebracht, das Wachstum gefördert, oder
-haben, wenn man will, nur das tief in ihm Schlummernde wachgerufen. Aber
-dieser Organismus mußte sich naturgemäß entwickeln, und die Stufen oder,
-wie ich sie nannte, Perioden dieser Entwicklung lassen sich in der Tat
-unterscheiden, ja, es läßt sich sogar nachweisen, daß eine jede ihren
-besonderen Charakter hat, und es läßt sich verfolgen, wie eine jede sich
-allmählich aus der vorhergehenden entwickelt hat. So kann man zur
-dritten Periode denjenigen Teil seiner Werke rechnen, in denen
-vornehmlich universale Ideen ausgedrückt sind, in denen sich die
-poetischen Gestalten anderer Völker finden und die den Geist dieser
-Völker widerspiegeln. Von diesen Werken sind einige erst nach dem Tode
-des Dichters veröffentlicht worden. In dieser Periode aber hat das
-Schaffen Puschkins in seiner Art sogar etwas Wunderbares, es ist eine
-Erscheinung, die außerhalb alles bisher Dagewesenen zu stehen scheint,
-und es liegt etwas in ihr, dessen sich vor ihm noch niemand hat rühmen
-können.
-
-Es ist wahr, die europäische Literatur hat Genies von ungeheurer Größe
-aufzuweisen – hat Männer wie Shakespeare, Cervantes, Schiller. Aber man
-nenne mir doch nur einen von diesen Großen, der eine solche Fähigkeit,
-das Wesen fremder Nationalitäten wiederzugeben, besessen hätte, wie
-unser Puschkin. Gerade diese Fähigkeit, diese Hauptfähigkeit unserer
-Nationalität, teilt Puschkin mit unserem ganzen Volk, und gerade sie
-macht ihn zu unserem nationalsten Dichter.
-
-Selbst die größten europäischen Genies haben niemals vermocht, den Geist
-und das Wesen eines fremden Volkes, ja nicht einmal eines blutverwandten
-Nachbarvolkes, seine Seele, die ganze verborgene Tiefe dieser Seele und
-das Innerste dessen, wozu jedes Volk berufen ist, mit solcher
-persönlichen Schöpferkraft aus sich selbst heraus zu gestalten, wie es
-Puschkin gelang. Die europäischen Genies haben im Gegenteil, wenn sie
-sich anderen Völkern zuwandten, die fremde Nationalität gewöhnlich in
-ihre eigene verwandelt und nach den Begriffen ihrer Nation aufgefaßt.
-Sogar bei Shakespeare sind zum Beispiel die Italiener fast ohne
-Unterschied – Engländer. Nur Puschkin besitzt vor allen Dichtern der
-Welt die Fähigkeit, sich vollständig in den Geist einer fremden Nation
-zu versetzen. Nehmen Sie seine Faustszene, nehmen Sie sein Poem „Der
-geizige Ritter“ und die Ballade „Einst lebte ein armer Ritter ...“ Lesen
-Sie seinen „Don Juan“, und wenn Sie nicht wüßten, daß er von Puschkin
-ist, würden Sie gewiß nicht erraten, daß ihn – kein Spanier gedichtet
-hat. Und was sind das für tiefe, unheimliche Stellen in seinem Poem „Das
-Fest während der Pest“! Aus diesen phantastischen Gestalten spricht das
-Genie Englands. Dieses prachtvolle Pestlied des Helden, und dieses Lied
-der Mary – das sind englische Lieder, das ist der Schauer des britischen
-Genies, seine Klage, sein qualvolles Ahnen dessen, was seiner harrt.
-Erinnern Sie sich der Verse:
-
- „Einst kam ich in ein ödes Tal –“
-
-Es ist fast eine wörtliche Übertragung der drei ersten Seiten eines
-seltsamen mystischen Buches, das ein alter englischer Sektierer vor
-langer, langer Zeit in Prosa geschrieben hat, – aber ist es nun wirklich
-nur eine Übertragung? Aus der traurigen und gleichsam geisterfüllten
-Musik dieser Verse fühlt man förmlich die Seele des nordischen
-Protestantismus in der Seele dieses keltischen Sektenstifters, dieses
-uferlosen Mystikers mit dem stumpfen, finsteren und unbesiegbaren Wollen
-in der unbegrenzten und geheimnisvollen Phantasie. Beim Lesen dieses
-seltsamen Gedichts ist es einem, als spüre man den Geist der
-Reformationszeit, dieses kriegerische Feuer des frühesten
-Protestantismus, und begreiflich wird einem schließlich auch die
-Geschichte selbst, und zwar nicht nur durch ein gedankliches Verstehen,
-sondern es ist, als wäre man selber dabeigewesen, als wäre man soeben am
-Lager der bewaffneten Sektierer vorübergegangen, als hätte man mit ihnen
-Hymnen gesungen, mit ihnen Tränen der Begeisterung vergossen, mit ihnen
-an das geglaubt, woran sie glaubten. Und neben diesem religiösen
-Mystizismus stehen religiöse Verse aus dem Koran, die „Nachdichtungen
-aus dem Koran“: spricht aus diesen nicht ein Mohammedaner, nicht der
-Geist des Korans selber, und seines Schwertes, der in Einfalt erhabene
-Glaube und seine grausig blutige Kraft? Dann wieder haben wir die antike
-Welt in den „Ägyptischen Nächten“. Da verspüren wir die irdischen
-Götzen, so wie sie waren, die Götzen, die sich über ihrem Volk als
-Götter festgesetzt, die das Genie ihres Volkes und sein Streben bereits
-verachten, die an ihr Volk nicht mehr glauben und darüber einsame Götter
-geworden sind und in ihrer Einsamkeit, in ihrer dem Tode vorangehenden
-Langweile und Geistesarmut sich mit fanatischen, tierischen Roheiten,
-mit der Wollust niedriger Insekten, der Wollust eines Spinnenweibchens,
-das sein Spinnenmännchen auffrißt, die Zeit vertreiben. Nein, ich sage
-in allem Ernst: es hat noch keinen Dichter gegeben, der so wie Puschkin
-die ganze Welt in sich aufgenommen hätte. Doch nicht die
-Aufnahmefähigkeit im allgemeinen ist hier das Erstaunliche, sondern
-seine ganz unglaubliche Tiefe, das vollständige Sichhineinversetzen
-seines Geistes in den Geist fremder Völker, die fast vollkommene und
-deshalb so erstaunliche „Verwandlung“, eine Erscheinung, die sich bei
-keinem einzigen anderen Dichter wiederholt hat. In der Tat finden wir
-sie nur bei Puschkin und in diesem Sinne ist er, wie ich bereits sagte,
-eine noch nie dagewesene Erscheinung und unserer Meinung nach eine
-prophetische, denn ... denn eben darin hat sich am stärksten seine
-nationale russische Kraft geäußert, gerade die Volkstümlichkeit seiner
-Dichtung, das nationale Moment in der gesamten weiteren Entwicklung, das
-nationale Moment unserer Zukunft, das in der Gegenwart noch nicht an den
-Tag getreten ist, und das sich, wie gesagt, hier zum ersten Male
-prophetisch geäußert hat. Denn wo läge sonst die Kraft des russischen
-Volksgeistes, wenn nicht in seinem Streben zur Universalität und nach
-Allmenschlichkeit? Als Puschkin zum Dichter seines Volkes wurde, da
-begann er, sobald er nur mit dem Volksgeist in Berührung kam, sofort die
-große Bestimmung dieser Kraft zu ahnen. Hierin ist er ein Enträtsler und
-hierin ist er auch ein Prophet.
-
-Denn, was bedeutet für uns die Reform Peters? nicht nur im Hinblick auf
-unsere Zukunft, sondern auch in unserem Verhältnis zur Vergangenheit, zu
-allem, was bereits geschehen ist, was sich vor unseren Augen vollzogen
-hat? Was war sie uns? Sie war doch nicht nur eine Aneignung europäischer
-Kleider, Sitten, Erfindungen und der europäischen Wissenschaft. Erfassen
-wir recht, was sie war und wie sie war, betrachten wir sie aufmerksamer.
-Ja, es ist sehr leicht möglich, daß Peter sie anfänglich nur in diesem
-Sinne einführte, ich meine in eng utilitaristischem Sinne – aber in der
-Folge, bei der weiteren Entwicklung seiner Idee, hat Peter sich fraglos
-von einem gewissen unbewußten Instinkt leiten lassen: der aber zog ihn
-zu zukünftigen und selbstverständlich zu großen Zielen. Ebenso hat auch
-das russische Volk nicht etwa nur aus Utilitarismus die Reform
-angenommen, sondern mit einer gewissen Vorahnung, ein viel weiteres, ein
-unvergleichlich höheres Ziel zu erreichen, als es der nächstliegende
-Utilitarismus je sein könnte, das hat es herausgefühlt – natürlich
-gleichfalls unbewußt, aber doch unmittelbar und mit voller Lebenskraft.
-Da setzte dann mit einemmal dieses Streben ein: zur lebendigen
-Wiedervereinigung der Menschen, zu einer, sagen wir, universalen
-Einigung! Nicht feindlich (wie man es hätte erwarten können), sondern
-freundschaftlich, mit ganzer Liebe nahmen wir das Genie, den
-Schöpfergeist der fremden Völker in unsere Seele auf, aller Völker, so
-viel es ihrer nur gab, ohne Rassenunterschiede zu machen und die einen
-den anderen vorzuziehen, da unser Instinkt fast schon vom ersten Schritt
-an die Widersprüche zu unterscheiden, das Fremde einzuschätzen und die
-Unterschiede zu entschuldigen verstand: allein damit haben wir unsere
-Fähigkeit und Neigung (die uns selbst noch neu und unbewußt waren) zur
-Wiedervereinigung aller Völker der großen arischen Rasse bezeugt. Ja,
-die Bestimmung des russischen Menschen ist unstreitig eine universale.
-Ein echter, ein ganzer Russe werden, heißt vielleicht nur (d. h. letzten
-Endes, vergessen Sie das nicht) – ein Bruder aller Menschen werden, ein
-_Allmensch_ wenn Sie wollen. Oh, unsere ganze Spaltung in Slawophile und
-Westler ist ja nichts als ein einziges großes Mißverständnis, wenn auch
-ein historisch notwendiges. Einem echten Russen ist Europa und das
-Geschick der ganzen großen arischen Rasse ebenso teuer wie Rußland
-selbst, wie das Geschick des eigenen Landes, eben weil unsere Bestimmung
-die – wenn man sich so ausdrücken darf – die Verkörperung der
-Einheitsidee auf Erden ist, und zwar nicht einer durch das Schwert
-errungenen, sondern durch die Macht der brüderlichen Liebe und unseres
-brüderlichen Strebens zur Wiedervereinigung der Menschen verwirklichten
-Einheit. Verfolgen Sie unsere Entwicklungsgeschichte nach der Reform
-Peters und Sie werden bereits Spuren und Andeutungen dieses Gedankens,
-meines Traumes, wenn Sie wollen, in der Art unseres Umgangs mit den
-europäischen Nationen, ja, sogar in unserer auswärtigen Politik finden.
-Denn was hat Rußland in diesen ganzen zwei Jahrhunderten seit Peter mit
-seiner Politik anders getan, als Europa gedient, und zwar vielleicht in
-einem noch viel größeren Maße, als sich selbst? Ich glaube nicht, daß
-dies nur infolge der Talentlosigkeit unserer Diplomaten geschehen ist.
-Die Völker Europas wissen ja nicht einmal, wie teuer sie uns sind! Und
-ich baue fest darauf, daß wir in Zukunft, d. h. natürlich nicht wir,
-sondern die künftigen Russen, bereits alle ausnahmslos begreifen werden,
-daß ein echter Russe sein nichts anderes bedeutet, als sich bemühen, die
-europäischen Widersprüche in sich endgültig zu versöhnen, der
-europäischen Sehnsucht in der russischen allmenschlichen und
-allvereinenden Seele den Ausweg zu zeigen, in dieser Seele sie alle in
-brüderlicher Liebe aufzunehmen und so vielleicht das letzte Wort der
-großen, allgemeinen Harmonie, des brüderlichen Einvernehmens aller
-Völker nach dem evangelischen Gesetz Christi auszusprechen. Ich weiß,
-ich weiß, daß meine Worte, in der Begeisterung gesprochen, wie sie sind,
-übertrieben und phantastisch erscheinen können. Nun wohl, mögen sie es
-sein, aber ich bereue nicht, sie ausgesprochen zu haben. Sie mußten
-einmal ausgesprochen werden und zwar gerade jetzt, im Augenblick unseres
-Triumphes, in dem Augenblick, wo wir unseren großen genialen Toten
-ehren, der gerade diesen Gedanken in seiner ganzen schöpferischen Kraft
-verkörperte.
-
-Übrigens ist dieser Gedanke schon mehr als einmal geäußert worden. Ich
-habe daher gar nichts Neues gesagt. – Am meisten wird man freilich daran
-Anstoß nehmen, daß er allzu selbstbewußt scheinen könnte: „Was, uns,
-unserem bettelarmen, unkultivierten Lande, fiele eine solche Aufgabe zu.
-Uns wäre es bestimmt, der ganzen Welt ein neues Wort zu sagen?“ Ja, rede
-ich denn von ökonomischen Erfolgen, von Erfolgen des Schwertes und der
-Wissenschaft? Ich rede doch nur von der Brüderlichkeit der Menschen und
-davon, daß zur universalen brüderlichen Einigung das russische Volk
-vielleicht am meisten von allen anderen veranlagt und bestimmt ist, und
-daß ich in unserer Geschichte, in unseren begabten Männern und im
-schöpferischen Genie Puschkins die Beweise dafür sehe. Mag unser Land
-arm sein, aber dieses arme Land „durchwandert Christus in
-Bettlergestalt“. Ja, warum sollten wir nicht trotz unserer Armut sein
-letztes Wort in uns tragen können? Hat nicht auch er im Stall in einer
-Krippe geruht?
-
-So wiederhole ich: wir können wenigstens schon auf Puschkin, auf die
-Universalität und Allmenschlichkeit seines Genies hinweisen. Vermochte
-er doch das Genie jedes fremden Volkes wie ein ihm nahe verwandtes in
-seine Seele aufzunehmen. Und in der Kunst, im künstlerischen Schaffen
-hat er dieses Streben des russischen Geistes zur Universalität
-unstreitig bewiesen, darin aber liegt schon ein großer Hinweis für uns.
-Sollte unser Gedanke auch nur ein phantastischer Glaube sein, so haben
-wir in Puschkin doch wenigstens etwas, woraus dieser Glaube entstehen,
-worauf er fußen könnte. Wäre Puschkin nicht so jung gestorben, er hätte
-uns vielleicht noch große und unsterbliche Gestalten der russischen
-Seele offenbart, die unseren europäischen Brüdern bereits verständlicher
-sein, die sie uns näher bringen würden, als sie uns jetzt stehen. Er
-hätte ihnen vielleicht die ganze Wahrheit unserer Bestrebungen erklärt
-und sie würden uns jetzt besser verstehen, hätten es leichter, unser
-Wesen zu deuten und sie würden eher aufhören, so mißtrauisch und
-hochmütig auf uns herabzusehen, wie sie es jetzt tun und noch lange tun
-werden. Hätte Puschkin länger gelebt, dann gäbe es vielleicht auch
-zwischen uns Russen weniger Mißverständnisse und Streitigkeiten, als es
-ihrer jetzt zwischen uns gibt. Aber Gottes Ratschluß war anders.
-Puschkin starb in der Blüte seiner Jahre und seines Könnens und hat
-fraglos ein großes Geheimnis mit sich ins Grab genommen, so daß wir
-jetzt versuchen müssen, dieses Geheimnis ohne ihn zu erfassen.
-
-
- Bei gebotener Gelegenheit einige Vorlesungen über verschiedene
-
- Themata auf Grund einer Auseinandersetzung, die mir Herr A.
- Gradowskij gehalten hat
-
-
- I.
-
- Etwas von größter Bedeutung.
-
-Ich hatte die neue Nummer meines „Tagebuchs“ bereits beendet, indem ich
-ihren Inhalt auf meine am 8. Juni in Moskau gehaltene „Rede“ und ein
-Vorwort zu derselben beschränkte. Das Vorwort „Zur Puschkinrede“ schrieb
-ich in der Vorahnung des Lärms, den man schlagen werde und der denn auch
-richtig nach dem Erscheinen meiner Rede in den „Moskauer Nachrichten“
-nicht lange auf sich hat warten lassen. Als ich aber Ihre Kritik las,
-Herr Gradowskij, ließ ich den Druck des „Tagebuchs“ bis auf weiteres
-einstellen, um in derselben Nummer noch meine Antwort auf Ihre Angriffe
-veröffentlichen zu können.
-
-Oh, meine Vorahnungen sind alle in Erfüllung gegangen, das Geschrei, das
-sich erhoben hat, ist fürchterlich: stolz sei ich und feig sei ich, und
-eingebildet und ein „Dichter“! und die Polizei hätte man requirieren
-sollen, um die „Ausschreitungen“ des Publikums einzudämmen – das heißt,
-natürlich, eine moralische Polizei, eine liberale Polizei. Aber warum
-denn nicht die wirkliche? Ist doch auch diese bei uns jetzt liberal,
-sogar durchaus nicht weniger liberal, als die liberalen Herren, die
-dieses Geschrei über uns erhoben haben. Es fehlte ja auch nicht viel,
-und die wirkliche hätte eingegriffen! Doch lassen wir dieses Thema
-vorläufig, ich will lieber gleich zur Abwehr Ihrer Angriffe übergehen.
-Vorher möchte ich nur noch bemerken, daß ich mit Ihnen persönlich weder
-etwas zu schaffen noch mich über etwas auseinanderzusetzen habe, Herr
-Gradowskij. Letzteres ist so ausgeschlossen, daß ich tatsächlich nicht
-im geringsten die Absicht habe, Sie zu überzeugen oder gar von Ihrer
-Ansicht abzubringen. Auch früher schon habe ich mich, wenn ich Ihre
-Artikel las, stets über den Gedankengang derselben gewundert. Wenn ich
-Ihnen jetzt antworte, so geschieht das ausschließlich um der – anderen
-willen: ich meine unsere Leser, die dann über uns urteilen können. Für
-diese schreibe ich. Ich fühle, ich ahne, ja ich sehe sogar, daß neue
-Elemente erstanden sind und erstehen, die sich bis zur Verzweiflung nach
-einem neuen Wort sehnen, die angewidert sind von dem alten liberalen
-Gespött über Rußland, über jedes Wort der Hoffnung auf Rußland, die müde
-sind des liberal-zahnlosen Skeptizismus der alten Leichen, die man zu
-beerdigen vergessen hat, und die denn auch nur deshalb noch unter uns
-wandeln, dabei freilich sich nach wie vor für die junge Generation
-halten. Jawohl: müde der alten liberalen Führer und Retter Rußlands, die
-sich in den ganzen fünfundzwanzig Jahren ihres Aufenthaltes bei uns nur
-als „grundlose Marktschreier“ erwiesen haben. Kurz, ich möchte außer
-meiner Antwort auf Ihre Bemerkungen noch _vieles_ sagen, so daß ich,
-wenn ich antworte, eigentlich nur die gebotene Gelegenheit ergreife, um
-mich auszusprechen.
-
-Zunächst stellen Sie die Frage – und machen mir damit sogar einen
-Vorwurf –, warum ich nicht deutlicher erklärt habe, woher sich diese
-Menschen ohne festen Verbleib, von denen ich in meiner „Rede“ sprach,
-bei uns eingebürgert haben. Nun, die Geschichte ihrer Herkunft ist lang,
-da müßte man weit ausholen. Überdies würden Sie mir ja doch nicht
-beistimmen, gleichviel was ich Ihnen hierauf antworten wollte, denn Sie
-haben schon eine eigene Antwort auf die Frage, wie sie unter uns möglich
-geworden sind, in Bereitschaft, und die lautet ganz einfach: „Infolge
-des Jammers, mit solchen rohen Leuten wie Skwosnik-Dmuchanowskij[23]
-zusammenleben zu müssen, und außerdem natürlich vor Kummer über die
-damals noch nicht befreiten Bauern“ – eine Folgerung, die im allgemeinen
-eines zeitgenössischen russischen Liberalen wert ist, eines von diesen
-Leuten, bei denen alles was Rußland betrifft, bereits längst –
-ungeachtet unserer Probleme, die jetzt erst aufkommen – gelöst und
-unterschrieben ist. Das geschieht nämlich bei ihnen mit einer
-ungeheuren, nur dem russischen Liberalen möglichen Leichtigkeit.
-
-Nichtsdestoweniger ist diese Frage viel schwieriger und verwickelter,
-als Sie denken; jawohl, bedeutend schwieriger und zwar trotz Ihrer
-vermeintlich endgültigen Lösung des Problems. Was nun die Leute wie
-Skwosnik-Dmuchanowskij und ihren Kummer wegen der Leibeigenschaft der
-Bauern betrifft, so werde ich noch darauf zurückkommen. Doch zunächst
-gestatten Sie, daß ich mich zu einem von Ihnen gebrauchten höchst
-bezeichnenden Wort äußere, das Sie wiederum mit einer Leichtfertigkeit,
-die fast an Mutwillen grenzt, ausgesprochen haben und das ich nicht
-übergehen darf.
-
-Sie schreiben:
-
-„... Wie dem auch sei, jedenfalls befinden wir uns schon seit
-zweihundert Jahren unter dem Einfluß der europäischen Aufklärung, die
-auf uns überaus stark einwirkt – wohl dank des ‚universalen
-Verständnisses‘ der Russen, welches Herr Dostojewski für unsere
-nationale Eigentümlichkeit erklärt hat. Vor dieser Aufklärung können wir
-nicht so einfach etwa irgendwohin flüchten – wir wüßten auch nicht
-warum? Es ist das eine Tatsache, an der wir nichts zu ändern vermögen,
-aus dem einfachen Grunde nicht, weil jeder Russe, dem es um seine
-Aufklärung zu tun ist, diese Aufklärung unbedingt aus der europäischen
-Quelle erhält, eben infolge des unbedingten Nichtvorhandenseins
-russischer Quellen ...“
-
-Dies ist gewiß sehr schwungvoll von Ihnen ausgedrückt. Aber Sie haben da
-unter anderem ein großes Wort gebraucht: „Aufklärung“. Erlauben Sie, daß
-ich Sie frage, was Sie unter diesem Wort verstehen: die Wissenschaft des
-Westens, die Technik, die handwerklichen Fertigkeiten oder die –
-Aufklärung des Geistes? Was die ersteren betrifft, d. h. die
-Wissenschaften und die Techniken, so müssen wir die allerdings vom
-Westen übernehmen, und uns in der Beziehung von Europa abzuwenden, dazu
-haben wir gar keinen Grund, ganz abgesehen davon, daß es andere
-Lehrmeister nicht gibt, außer den westeuropäischen, wofür Europa von uns
-Dank und Preis sei ewiglich. Aber unter Aufklärung verstehe ich (und ich
-denke, daß niemand sie anders auffassen kann), verstehe ich – das, was
-das Wort buchstäblich besagt: „Erleuchtung“, also das geistige Licht,
-das die Seele erhellt, das Herz durchleuchtet, den Verstand lenkt und
-ihm den Lebensweg weist. Wenn das Wort aber dies bedeutet, so gestatten
-Sie mir, zu erklären, daß wir durchaus keine Veranlassung haben, eine
-solche Aufklärung aus den westeuropäischen Quellen zu beziehen, eben
-infolge des vollkommenen Vorhandenseins (und keineswegs
-Nichtvorhandenseins) russischer Quellen. Sie wundern sich? Ja, sehen
-Sie: im Streit der Meinungen, da liebe ich es, gleich mit dem
-Wesentlichen der Sache anzufangen, um die es sich handelt.
-
-Ich behaupte, daß unser Volk schon seit langem aufgeklärt ist, da es
-Christus und die Lehre Christi in sein Wesen aufgenommen hat. Man wird
-mir hierauf entgegnen, das Volk kenne die Lehre Christi nicht und
-Predigten würden ihm nicht gehalten. Das ist aber nur ein leerer
-Einwand: es kennt alles, alles das, was es wissen soll, obschon es ein
-Examen in der Religion nicht bestehen würde. Gelernt aber hat es das,
-was es weiß, in seinen Kirchen, wo es im Laufe von Jahrhunderten die
-Gebete und Hymnen hört, die besser sind, als mittelmäßige Predigten. Es
-hat sie für sich wiederholt und gesungen in den Wäldern, wenn es vor den
-ins Land einfallenden Feinden flüchtete, und vielleicht hat es schon zu
-Batyjs Zeiten, als die Tatarenhorden durchs Land zogen, gesungen: „Herr,
-sei mit uns!“ Vielleicht ist diese Hymne damals entstanden, denn außer
-Christus hatten die Horden uns alles geraubt, es blieb uns nichts als
-Christus. In dieser Hymne aber ist bereits die ganze Wahrheit Christi
-enthalten. Und was will es besagen, daß dem Volk keine langen Predigten
-gehalten werden und daß die Diakone die Heilige Schrift in uns
-unverständlicher Weise vortragen – die größte Anklage, die gegen unsere
-Kirche erhoben wird, von unseren Liberalen natürlich, denselben, die
-auch die Behauptung ersonnen haben, die kirchenslawische Sprache sei
-schon als solche unbequem und dazu dem Volk unverständlich?! Dafür tritt
-der Priester zu ihm hinaus und spricht das Gebet „Herr meines Lebens“ –
-in diesem Gebet aber ist das ganze Wesen des Christentums enthalten,
-sein ganzer Katechismus, und dieses Gebet kennt das Volk auswendig, so
-wie es auch viele Lebensgeschichten der Heiligen kennt und nie müde
-wird, andächtig zuzuhören, wenn jemand sie erzählt. Doch die Hauptschule
-des Christentums, die das Volk durchgemacht hat, das sind die
-Jahrhunderte der zahllosen Leiden und Heimsuchungen, von denen seine
-Geschichte berichtet, die Jahrhunderte, in denen es von allen verlassen
-und niedergetreten war, dabei für alle und alles arbeitete, in Christus
-aber nur seinen Tröster behielt, den es denn auch auf ewig in sein Herz
-schloß und der dafür seine Seele vor der Verzweiflung bewahrte.
-Übrigens, wozu sage ich Ihnen dies alles? Will ich Sie denn etwa
-überzeugen? Meine Worte werden Ihnen natürlich kindisch, wenn nicht ganz
-überflüssig erscheinen. Doch ich wiederhole zum drittenmal: nicht um
-Ihretwillen schreibe ich. Dies Thema ist von großer Wichtigkeit, darüber
-muß noch vieles gesagt werden – und das werde ich auch, solange ich noch
-die Feder in der Hand halte. Jetzt aber will ich meinen Gedanken nur als
-These aussprechen: Wenn unser Volk schon seit langer Zeit aufgeklärt
-ist, weil es in sein Wesen Christus und dessen Lehre aufgenommen, so hat
-es mit ihm zugleich natürlich auch die _wahre_ Aufklärung angenommen.
-Bei diesem eigenen Vorrat an Aufklärung können ihm die Wissenschaften
-des Westens selbstverständlich zu einer unschätzbaren Wohltat werden,
-und wir brauchen nicht zu befürchten, daß das Bild Christi durch die
-Wissenschaften bei uns so getrübt werden könnte, wie im Westen selbst.
-Übrigens ist das auch dort nicht durch die Wissenschaften geschehen, wie
-es die Liberalen gleichfalls behaupten, sondern schon viel früher, als
-die Kirche des Westens selbst die Erscheinung Christi entstellte, indem
-sie sie von neuem in der Gestalt des Papsttums verkörperte und sich aus
-einer Kirche in einen neuen römischen Staat verwandelte. Ja, im Westen
-gibt es wahrlich kein Christentum mehr und ebensowenig eine christliche
-Kirche, obschon es dort noch viele Christen gibt, die ja wohl nie ganz
-aussterben werden. Der Katholizismus ist nicht mehr Christentum und geht
-in Götzendienst über, der Protestantismus aber nähert sich mit
-Riesenschritten dem Atheismus, und wird zu einer schwanken,
-veränderlichen (und nicht ewig feststehenden) Sittenlehre.
-
-Oh, versteht sich, Sie werden mir hierauf sogleich erwidern, daß das
-Christentum und die Verehrung Christi keineswegs den ganzen Zyklus der
-Aufklärung enthielten, diese seien nur eine Stufe derselben, und zur
-Aufklärung gehörten im Gegenteil die Wissenschaften, Staatsideen, die
-allgemeine Entwicklung usw. usw. Darauf kann ich Ihnen freilich nichts
-antworten und eine Antwort wäre wohl auch nicht angebracht, denn wenn
-Sie zum Teil recht haben mögen, in betreff der Wissenschaften, zum
-Beispiel, so werden Sie doch dafür niemals zugeben, daß das Christentum
-unseres Volkes die hauptsächlichste und lebendigste Grundlage seiner
-Aufklärung ist und _ewig bleiben muß_! In meiner Rede sagte ich, daß
-Tatjana, indem sie sich weigerte, Onegin zu folgen, in russischem Geiste
-gehandelt habe, nach der Auffassung des russischen Volkes von Ehre und
-Gerechtigkeit. Einer meiner Kritiker jedoch, den es offenbar kränkt, daß
-das russische Volk eine eigene wahre Anschauung haben soll, widerspricht
-mir plötzlich mit der Frage: „Aber die Versündigung gegen das siebente
-Gebot?“ Kann man solchen Kritikern überhaupt antworten? Hauptsächlich
-kränkt sie ja doch, daß das russische Volk seine festen Begriffe von
-Rechtschaffenheit haben und somit wirklich aufgeklärt sein könnte. Ja,
-existiert denn der Ehebruch in unserem ganzen Volk, und existiert er
-denn als Recht und in Rechtschaffenheit? Hält ihn denn das ganze Volk
-für gut und richtig? Gewiß, unser Volk ist noch roh, wenn auch längst
-nicht das ganze Volk, o nein, bei weitem nicht das ganze Volk, das
-schwöre ich, und ich darf es schwören, denn ich kenne unser Volk, ich
-habe mit ihm jahrelang zusammengelebt, habe mit ihm gegessen und
-geschlafen und ward selbst „zu den Verbrechern gezählt“; ich habe
-gemeinsam mit ihm im Schweiße des Angesichts die Arbeit schwieliger
-Hände verrichtet, während die anderen, die ihre Hände „in Blut
-getaucht“, die „Liberalen“ spielten und über das Volk spöttelten und in
-Vorträgen und Aufsätzen zu dem Ergebnis kamen, daß unser Volk „von
-Tiergestalt und auch geistig von Tierart“ sei. Also sagen Sie mir nicht,
-daß ich das Volk nicht kenne! Ich kenne es: von ihm aus habe ich
-Christus wieder in meine Seele aufgenommen, den ich als Kind im
-Elternhause kennen gelernt, dann aber verloren hatte, als auch ich mich
-in einen „europäischen Liberalen“ verwandelte. Doch gut, mag unser Volk
-sündig und roh sein, und tierisch seine Gestalt und seine Art: „Der Sohn
-ritt auf der Mutter“ usw. Sie kennen doch das Lied? – aus irgendeinem
-Anlaß muß es ja entstanden sein! Alle russischen Lieder sind nach einem
-Geschehnis entstanden, nach etwas wirklich Gewesenem – ist Ihnen das
-noch nicht aufgefallen? Aber so seid doch wenigstens einmal gerecht, ihr
-Liberalen: bedenkt, was das Volk in all den vergangenen Jahrhunderten
-durchgemacht hat! Fragen Sie sich zunächst, wer an seiner Roheit am
-meisten schuld ist, verurteilen Sie es nicht so blindlings! Es ist doch
-mehr als lächerlich, einen Bauern deshalb zu verurteilen, weil er nicht
-von einem französischen Coiffeur zurecht gestutzt ist, – denn darauf
-laufen alle diese Beschuldigungen im Grunde hinaus, die unsere
-europäischen Liberalen gegen unser Volk erheben, da sie sich nun einmal
-darin so überaus gefallen, ihm alles abzusprechen: es soll weder eine
-Persönlichkeit haben, noch eine Nationalität! Mein Gott, im Westen aber,
-gleichviel bei welchem Volk – gibt es denn dort weniger Trunksucht und
-Diebstahl, und etwa nicht ebensolche Roheit, dabei noch eine Verstockung
-des Herzens und eine Erbitterung, die es in unserem Volk nicht gibt, das
-dafür von wirklicher, echter, unwissender Roheit ist, das wahre
-Gegenteil der Aufklärung, denn diese ist bisweilen mit einer solchen
-Gottlosigkeit verbunden, wie man es nicht für möglich halten sollte,
-wird aber dort nicht mehr für Sünde gehalten, sondern gerade für die
-einzige Wahrheit. Mag immerhin unserm Volk Tierisches und Sündhaftes
-anhaften, eines aber hat es zweifellos: das ist, daß es wenigstens, als
-Ganzes genommen (und nicht nur im Ideal, sondern in der wirklichsten
-Wirklichkeit) seine Sünde niemals für das Richtige gehalten hat, hält
-oder halten wird, auch niemals den Wunsch empfinden wird, sie dafür zu
-halten! Es sündigt, aber früher oder später sagt es doch: ich habe
-gefehlt. Sagt es nicht der Sündige selbst, so sagt es ein anderer für
-ihn, und die Wahrheit bleibt bestehen. Die Sünde ist wie stinkender,
-stickiger Dunst, und der wird sich verflüchtigen, sobald die Sonne
-vollends aufgeht. Die Sünde ist etwas Vorübergehendes, Vergängliches,
-Christus aber ist ewig. Das Volk sündigt stündlich und treibt Unfug,
-aber in besseren Stunden, in den Stunden Christi verwechselt es nie
-Recht mit Unrecht. Das eben ist das Wichtige: woran ein Volk glaubt,
-worin es die Wahrheit sieht, wie es sich dieselbe denkt, was sein
-höchster Wunsch ist, was es liebt und um was es zu Gott betet. Dieses
-Ideal ist in unserem Volk – Christus. Mit Christus aber besitzt es
-natürlich auch Aufklärung, und in wichtigen, entscheidenden Augenblicken
-hat denn auch unser Volk alles, was es volklich anging, stets im
-christlichen Sinne entschieden. Sie werden spöttisch einwenden: „Weinen,
-das ist wenig, seufzen gleichfalls, man muß auch handeln, man muß auch
-verwirklichen.“ Aber unter Ihnen, meine Herren, die Sie doch aufgeklärte
-Europäer zu sein glauben, gibt es denn unter Ihnen viele Gerechte?
-Nennen Sie mir doch Ihre Gerechten, die Christus ersetzen könnten! In
-dem Volk aber gibt es Gerechte. Es kommen unleugbar in ihm Charaktere
-von unendlicher Schönheit und Stärke vor, die freilich von Ihnen noch
-nicht bemerkt worden sind. Aber es gibt diese Gerechten und Märtyrer der
-Wahrheit – gleichviel ob wir sie sehen oder nicht sehen. Ich weiß nicht
-– wem es gegeben ist, sie zu sehen, der wird sie natürlich sehen
-und begreifen, wer aber in ihnen nur Tiere sieht, der wird
-selbstverständlich nichts sehen als das Tierische. Aber das Volk weiß,
-daß es diese Gerechten unter ihm gibt, schenkt ihnen sein volles
-Vertrauen, ist stark und gefestigt in diesem Gedanken und in der
-Hoffnung, daß sie es immer im nötigen, alle bedrängenden Augenblick
-retten werden. Und wie oft schon hat unser Volk das Vaterland gerettet!
-Und noch vor kurzem hat es sich, als es vor Sünde, Trunksucht und
-Sittenlosigkeit fast schon zu verfaulen schien, in neuer geistiger
-Freude und Frische erhoben und den letzten Krieg für den Glauben
-Christi, den die Muselmänner mit Füßen traten, ausgefochten. Es nahm den
-Krieg an, es griff gleichsam nach ihm, wie nach einer Möglichkeit, sich
-durch Opfer von den Sünden und Sittenlosigkeiten zu reinigen; und es
-sandte seine Söhne hin, zu kämpfen und, wenn es sein müßte zu fallen für
-die heilige Sache, und es schrie nicht, daß der Rubel sinke und der
-Preis für Lebensmittel steige. Es hörte voll Spannung zu, wenn jemand
-vom Kriege erzählte, es forschte gierig weiter und las selbst in den
-Zeitungen, soviel es nur lesen konnte, dessen sind wir Zeugen und
-solcher Zeugen gibt es viele. Ich weiß: die Erhebung des Volksgeistes
-während des letzten Krieges, und um so mehr noch der Grund dieser
-Erhebung, werden von unseren Liberalen nicht anerkannt, sie lachen über
-diese „Idee“. „Wie, in diesen Knechten soll eine sie alle vereinende
-Idee stecken, sie sollen staatsbürgerliches Gefühl, einen politischen
-Gedanken haben! – darf man das auch nur annehmen?“ Und warum, warum ist
-unser europäischer Liberaler so oft ein Feind des russischen Volkes?
-Warum stehen in Europa diejenigen, die sich Demokraten nennen, immer für
-das Volk ein oder stützen sich wenigstens auf das Volk, indes unser
-Demokrat so oft den Aristokraten spielt und zu guter Letzt fast immer
-dem dient, was die Volkskraft unterdrückt, um als richtiger
-selbstherrlicher „Herr“ sein Leben zu beschließen? Oh, ich behaupte ja
-nicht, daß sie bewußt Feinde des Volkes seien, aber gerade in der
-Unbewußtheit liegt das Tragische. Sie sind ungehalten über meine Fragen?
-Das ändert nichts an der Sache. Für mich sind das alles Axiome, und ganz
-gewiß werde ich nicht aufhören, sie zu erklären und zu beweisen, solange
-ich noch schreibe und spreche.
-
-Doch kommen wir zum Schluß: mit den Wissenschaften verhält es sich so
-wie ich sagte, aber „Aufklärung“ brauchen wir nicht aus westeuropäischen
-Quellen zu beziehen. Täten wir es, so könnten sich mit Leichtigkeit
-solche landläufigen Phrasen einschleppen, wie zum Beispiel: _Chacun pour
-soi et Dieu pour tous_, oder _après nous le déluge_. Oh, gewiß wird man
-nun sogleich zetern: „Gibt es denn bei uns nicht auch solche Aussprüche,
-sagt man nicht bei uns zum Beispiel: ‚Der verzehrten Gaben gedenkt man
-nicht‘, und Hunderte von ähnlichen Sprichwörtern?“ Ja, der Sprichwörter
-gibt es viele im Volk: der Verstand des Volks ist gar nicht so gering,
-ebensowenig ist es ohne Humor, und die zunehmende Erkenntnis flüstert
-immer allerlei pessimistische Betrachtungen ein – aber das sind bei uns
-doch alles nur Redensarten, und dem Volk fällt es gar nicht ein, an ihre
-moralische Wahrheit zu glauben, es scherzt über sie und verneint sie
-selbst. Werden Sie es aber wagen, zu behaupten, daß „_Chacun pour soi et
-Dieu pour tous_“ im Westen nur eine Redensart sei und nicht eine
-gesellschaftliche Formel, die dort von allen angenommen ist und der alle
-dienen und an deren Richtigkeit alle glauben? Wenigstens alle
-diejenigen, die über dem Volk stehen und das Volk im Zaum halten, die
-Land und Arbeiter besitzen und wie Schildwachen vor der „europäischen
-Aufklärung“ aufgepflanzt sind. Wozu bedürften wir wohl einer solchen
-Aufklärung? Was sollten wir mit einer solchen anfangen? Nein, suchen wir
-lieber bei uns etwas anderes. Die Wissenschaften sind eine Sache für
-sich und die Aufklärung ist gleichfalls eine Sache für sich. In der
-Hoffnung auf das Volk und im Vertrauen auf seine Kräfte werden wir
-vielleicht noch irgendeinmal diese unsere christliche Aufklärung in
-vollem Glanz und in ihrer ganzen Schönheit entfalten. Sie werden mir nun
-freilich sagen, das sei ein langes Hin und Her als Antwort auf Ihre
-Kritik. Mag sein! Ich betrachte diese Ausführungen selbst nur als ein
-Vorwort, jedoch als ein notwendiges. Ganz wie Sie in meiner „Rede“
-solche Punkte, in denen Sie nicht mit mir übereinstimmen, hervorheben
-und diese für das Wichtigste halten, so habe auch ich jetzt einen
-solchen Punkt aus Ihrer Kritik hervorgehoben, einen, in dem ich den Kern
-unserer Meinungsverschiedenheit sehe und der uns am meisten hindert, zu
-einer Übereinstimmung zu gelangen. Nun ist das Vorwort beendet, befassen
-wir uns jetzt mit Ihrer Kritik und zwar von nun an ohne Abschweifungen.
-
-
- II.
-
- Aleko und Dershimorda[24]. Alekos Kummer um den leibeigenen
- Bauern. Einige Anekdoten.
-
-Sie schreiben in Ihrer Kritik meiner Rede:
-
- „... doch hat Puschkin, als er Aleko und Onegin in ihrer Verneinung
- darstellte, nicht gezeigt, was sie denn eigentlich ‚verneinten‘, und
- es dürfte sehr gewagt sein, zu behaupten, daß sie gerade die
- ‚Volkswahrheit‘, diese Grundlage der russischen Weltanschauung,
- verneint hätten. Das ist bei ihm nirgendwo gesagt.“
-
-Nun, ob es von ihm gesagt oder nicht gesagt wurde, und wie groß das
-Wagnis einer solchen Behauptung auch gewesen sei – darauf werden wir
-sogleich zu sprechen kommen. Zunächst wenden wir uns dem Passus zu, in
-dem Sie von Gogols Skwosnik-Dmuchanowskijs sprechen, bei denen Puschkins
-Aleko es nicht ausgehalten haben soll, weshalb er das Weite suchte –
-angeblich suchen mußte – und zu den Zigeunern lief. Sie schreiben:
-
- „In der Tat, die Welt des damaligen ‚Skitaletz‘ war eine Welt, die
- eine andere Welt verneinte. Zur Erklärung dieser Typen sind die
- anderen Typen erforderlich, die Puschkin niemals dargestellt hat,
- obschon er sich hin und wieder in heftigem Unmut gegen sie wandte.
- Die Natur seines Talents hinderte ihn daran, in diese Finsternis
- hinabzusteigen und in die ‚Perle der Schöpfung‘ Eulen und
- Fledermäuse mit aufzunehmen, dieses lichtscheue Nachtvolk, das die
- Kellerräume in den unteren Stockwerken des russischen Gebäudes
- bevölkert.“ (sollten es nicht die oberen Stockwerke sein?) „Das hat
- erst Gogol getan, die große Kehrseite Puschkins. Er ist es denn
- auch, der der Welt die Erklärung gibt, weshalb Aleko zu den
- Zigeunern flüchtete, weshalb Onegin sich langweilte und quälte,
- weshalb alle diese ‚überflüssigen Menschen‘[25] entstanden.
-
- Die Korobotschka[26], die Ssobakewitschs, die
- Skwosnik-Dmuchanowskijs, die Dershimordas und Tjäpkin-Ljäpkins bei
- Gogol, sind die Gegenstücke zu Puschkins Aleko, Rudin und den vielen
- anderen: sie bilden den Hintergrund, ohne den diese Gestalten
- unverständlich wären. Aber die Gogolschen Helden waren doch auch
- Russen – Gott, und wie echte noch dazu! Die Korobotschka kannte
- keinen Weltschmerz. Skwosnik-Dmuchanowskij verstand es vortrefflich
- mit den Kaufleuten umzugehen. Ssobakewitsch durchschaute vollkommen
- seine Bauern und sie durchschauten ihn gleichfalls. Aleko und Rudin
- sahen das alles natürlich nicht und sie begriffen es auch nicht; sie
- liefen einfach fort, wohin ein jeder nur konnte: Aleko zu den
- Zigeunern, Rudin nach Paris, um dort auf den Barrikaden für eine
- Sache zu sterben, die ihn gar nichts anging.“
-
-Also sehen Sie mal, sie liefen _einfach_ fort. Oh, welch eine
-Feuilletonistenleichtfertigkeit im Urteil! Und _wie_ einfach das alles
-bei _Ihnen_ ist, wie klipp und klar und von vornherein schon
-entschieden! Sie reden ja wahrlich in _fertigen Worten_, wie man zu
-sagen pflegt. Übrigens, weshalb heben Sie es so nachdrücklich hervor,
-daß Gogols Helden Russen waren – „und wie echte noch dazu!“ Das hat ja
-nichts mit unserer Meinungsverschiedenheit zu schaffen! Wer weiß es denn
-nicht, daß sie Russen waren? Auch Aleko und Onegin waren Russen, auch
-wir, Sie und ich, sind Russen, und ein Russe, ein echter Russe, war doch
-auch Rudin, der nach Paris „fortlief“, um dort für eine Sache zu
-sterben, die ihn nach Ihrer Ansicht gar nichts anging. Aber gerade
-deshalb ist er doch ein so echter Russe, eben weil diese Sache ihn
-keineswegs so „gar nichts anging“, wie etwa einen Engländer oder
-Deutschen, – denn eine europäische, eine universale, eine allmenschliche
-Angelegenheit ist für einen Russen niemals gleichgültig. Und das ist
-doch auch der Zug, der Rudin auszeichnet. Seine Tragödie bestand doch
-hauptsächlich darin, daß er auf seinem Felde keine Arbeit fand und auf
-ein anderes Feld ging und dort starb, nur war dieses Feld ihm durchaus
-nicht so fremd, wie Sie annehmen. Um was es sich aber hierbei eigentlich
-handelt, ist folgendes: alle diese Menschen Gogols, wie
-Skwosnik-Dmuchanowskij und Ssobakewitsch, sind zwar Russen, das läßt
-sich nicht leugnen, aber sie sind entartete, vom Volksboden getrennte
-Russen, die, wenn sie das Volk auch von der einen Seite kennen, von der
-anderen Seite des Volkes dagegen nichts ahnen, ja sie vermuten nicht
-einmal, daß es eine solche andere Seite gibt – und das ist die ganze
-Ursache des Unglücks dieser Menschen. Von der Seele des Volkes, von
-allem dem, wonach das Volk sich sehnt, und um was es betet – von all dem
-wußten sie nichts, denn sie verachteten das Volk über alle Maßen. Ja,
-sie sprachen ihm die Seele einfach ab – außer im Moment der
-‚Seelenrevision‘[27] natürlich. „Ssobakewitsch durchschaute vollkommen
-seine Bauern,“ behaupten Sie. Das ist nicht möglich. Ssobakewitsch sah
-in seinem Leibeigenen nur dessen Marktwert, den er an Tschitschikoff
-verkaufen konnte. Sie behaupten, Skwosnik-Dmuchanowskij habe es
-vortrefflich verstanden, mit den Kaufleuten umzugehen. Aber ich bitte
-Sie! Lesen Sie doch nur die Rede dieses Skwosnik an die Kaufleute im
-fünften Akt: so kann man allenfalls zu Hunden reden, aber nicht zu
-Menschen – Sie jedoch nennen das „vortrefflich“ mit einem russischen
-Menschen umgehen? Ist es möglich, daß Sie das wirklich „vortrefflich“
-finden? Da wär’s doch besser, einfach Ohrfeigen auszuteilen und die
-Menschen an den Haaren über die Erde zu schleifen.
-
-In meiner Kindheit sah ich einmal auf der Landstraße einen Feldjäger
-vorüberfahren – in einem prächtigen Uniformrock, einen Dreimaster mit
-Federbesatz auf dem Kopf, – der den Postknecht während der rasenden
-Fahrt unausgesetzt und ganz fürchterlich mit der Faust ins Genick und
-auf den Rücken schlug, der Postknecht aber peitschte wiederum wie
-wahnsinnig die in gestrecktem Galopp jagende Troika. Dieser Feldjäger
-war natürlich von Geburt ein Russe, aber doch so verblendet und dem Volk
-entfremdet, daß er sich anders nicht mit einem einfachen Russen
-verständigen konnte, als mittels seiner riesigen Faust – anstatt aller
-Worte. Und doch hat er sein Leben lang mit solchen Postknechten und
-anderen Leuten aus dem Volk zu tun gehabt. Aber die Schöße seines
-Uniformrocks und der Hut mit dem Federbesatz, sein Offiziersrang und
-seine blankgeputzten Petersburger Stiefel waren ihm teurer, seelisch und
-geistig teurer, nicht nur als der russische Bauer, sondern vielleicht
-sogar teurer als ganz Rußland, das er kreuz und quer durchfahren und in
-dem er doch aller Wahrscheinlichkeit nach so gut wie nichts
-Bemerkenswertes gefunden hatte, nichts, das mehr wert gewesen wäre, als
-einen Hieb seiner Faust oder einen Fußtritt mit seinem blankgeputzten
-Stiefel. Seine Vorstellung von ganz Rußland beschränkte sich nur auf
-seine Vorgesetzten, alles andere, was es außer dieser vorgesetzten
-Behörde noch gab, schien ihm einer Existenz überhaupt nicht wert zu
-sein. Wie könnte nun wohl ein solcher Mensch das Wesen des Volkes und
-seine Seele begreifen! Er war zwar ein Russe, aber doch schon ein
-„europäischer“ Russe, nur mit dem Unterschied, daß sein „Europäertum“
-nicht etwa mit der Aufklärung begonnen hatte, sondern mit der
-Ausschweifung, wie das ja bei vielen, sehr vielen der Fall ist. Ja,
-diese Verderbnis ist bei uns schon mehr als einmal für das richtigste
-Mittel zur Verwandlung des Russen in einen Europäer gehalten worden. Der
-Sohn eines solchen Feldjägers wird vielleicht ein Professor, d. h.
-bereits ein patentierter Europäer geworden sein. Also reden Sie doch
-nicht von ihrem Verständnis des Volkswesens! Da taten Männer not wie
-Puschkin, Chomjäkoff, Ssamarin, Aksakoff[28], die als erste von dem
-wirklichen Wesen des Volkes zu sprechen anfingen. (Vor ihnen war von
-diesem Wesen allerdings schon manchmal die Rede gewesen, aber diese Rede
-hatte immer irgendwie klassisch und theatralisch geklungen!) Als aber
-diese Männer endlich von der „Volkswahrheit“ zu reden anfingen, da sah
-man sie erstaunt an und hielt sie für Epileptiker und Idioten, und man
-glaubte, ihr Ideal sei: „Rettich zu essen und Denunziationen zu
-schreiben“. Ja, Denunziationen! Sie setzten eben durch ihr Erscheinen
-und ihre Ansichten alle so in Erstaunen, daß die Liberalen schon
-bedenklich wurden und zu fürchten anfingen: wie, wollten diese
-sonderbaren Leute sie nicht am Ende denunzieren? Nun urteilen Sie
-selbst: sind von den heutigen Liberalen wohl schon viele weit abgekommen
-von einer so lächerlich dummen Auffassung der Slawophilen?
-
-Doch zur Sache! Sie sagen, Aleko sei von Dershimorda zu den Zigeunern
-gelaufen. Gut, nehmen wir an, daß es sich so verhält. Aber das Schlimme
-dabei ist, daß Sie selbst, Herr Gradowskij, mit vollkommener Überzeugung
-Aleko das Recht auf diesen Widerwillen zusprechen. Sie sagen zwischen
-den Zeilen ungefähr: „Es war ihm eben unmöglich, _nicht_ zu den
-Zigeunern fortzulaufen, denn Dershimorda war doch gar zu gemein.“ Ich
-aber behaupte, daß Aleko und Onegin in ihrer Art gleichfalls
-Dershimordas waren, und in einer Beziehung sogar noch schlimmere. Nur
-tue ich das mit dem Unterschied, daß ich nicht ihnen die Schuld daran
-zuschreibe, da ich die Tragik ihres Schicksals vollkommen begreife, Sie
-aber loben sie noch dafür, daß sie fortliefen: „So große und
-interessante Menschen, wie sie waren, wie hätten sie sich mit solchen
-Ungeheuern einleben sollen?“ meinen Sie, wenn Sie es auch nicht
-aussprechen. Sie irren sich aber sehr. Da behaupten Sie auch gleich,
-Aleko und Onegin wären durchaus nicht vom Boden losgerissen gewesen und
-hätten durchaus nicht die Volkswahrheit verneint. Und nicht nur das:
-„Sie waren auch durchaus nicht hochmütig“ – sogar das behaupten Sie.
-Aber hier ist doch der Hochmut die gerade, logische und unvermeidliche
-Folge ihrer Abstraktheit, ihrer Losgerissenheit vom Volksboden. Sie
-können doch nicht leugnen, daß sie das Land nicht gekannt haben, da sie
-in Instituten aufwuchsen und erzogen wurden, daß sie Rußland in
-Petersburg, im Staatsdienst, kennen lernten und zum Volk immer im
-Verhältnis des Herrn zum Leibeigenen standen. Und wenn sie auch auf
-ihren Gütern in nächster Nähe der Bauern lebten, so kannten sie diese
-doch nicht. Jener Feldjäger hatte auch sein Leben lang mit Postkutschern
-zu tun gehabt und sah dennoch nichts anderes in ihnen, als Wesen, die
-nur Schläge seiner Faust verdienten. Aleko und Onegin verhielten sich
-Rußland gegenüber wie erhaben über alles, und waren hochmütig und
-anmaßend und unduldsam, wie alle, die in einem vom Volk getrennten engen
-Kreise leben, unter Bedingungen, die man mit „alles-frei“ bezeichnen
-kann, nämlich frei sowohl von der Bauernarbeit wie auch von der
-europäischen Kulturarbeit, von der sie gleichfalls die Nutznießung
-gratis hatten. Gerade daraus aber – daß alle unsere intelligenten Leute
-infolge einer gewissen historischen Entwicklung fast im Laufe der ganzen
-letzten zwei Jahrhunderte unserer Geschichte sich in Müßiggänger, die
-bloß ihre Hände pflegten, verwandelt haben, läßt sich ihre Abstraktion,
-ihre Losgelöstheit vom Heimatboden erklären. Nicht an Dershimorda
-scheiterte er, sondern an sich selbst, weil er sich Dershimorda und
-dessen Herkunft nicht zu erklären verstand. Dazu war er viel zu stolz.
-Aus diesem Grunde fand er auch keine Möglichkeit, auf dem eigenen Felde
-zu arbeiten. Die anderen aber, die an diese Möglichkeit glaubten, hielt
-er für Dummköpfe oder gleichfalls für Dershimordas. Und nicht nur in
-seinem Verhalten zu Dershimorda war unser Skitaletz stolz, er war es
-auch ganz Rußland gegenüber, denn nach seiner Überzeugung bestand
-Rußland nur aus Sklaven und Dershimordas. Wenn es aber noch etwas
-Edleres enthielt, so waren sie allein dieses Edlere, sie, Aleko und
-Onegin, sonst aber niemand außer ihnen. Daraus folgte die Überhebung
-ganz von selbst. Indem sie in ihrer Absonderung vom Volk verblieben,
-mußten sie sich natürlich wundern, wie hoch sie in ihrer Bildung über
-den gemeinen Dershimordas standen, selbstverständlich ohne auch nur das
-Geringste von diesen zu begreifen. Wären sie nicht stolz gewesen, so
-hätten sie begriffen, daß auch sie selbst Dershimordas waren, nach
-dieser Einsicht aber hätten sie dann – und zwar gerade durch diese
-Einsicht – vielleicht auch den Weg zur Versöhnung gefunden. Dem Volk
-gegenüber aber empfanden sie eigentlich nicht einmal so sehr Stolz als
-einfach Ekel, und zwar alle ausnahmslos. Sie werden das freilich nicht
-glauben wollen, im Gegenteil, Sie geben nur oberflächlich zu, daß
-einzelne Charakterzüge Alekos und Onegins allerdings nicht angenehm
-sind, um mir gleich darauf den Text zu lesen und anmaßend zu behaupten,
-ich hätte einen beschränkten Blick und es wäre wohl kaum vernünftig,
-„die Symptome zu kurieren, die Wurzel der Krankheit aber unangerührt zu
-lassen“. Sie glauben, daß ich, wenn ich sage: „Demütige dich, stolzer
-Mensch“ – damit Aleko nur seine persönlichen Eigenschaften, seine
-Privatfehler zum Vorwurf mache, den eigentlichen Grund des Übels jedoch
-vollständig übersehe, „als läge das ganze Wesen der Sache nur in den
-persönlichen Eigenschaften der Stolzen, die sich nicht demütigen
-wollen“, wie Sie meinen. „Es ist ja noch gar nicht festgestellt,“ sagen
-Sie, „wem gegenüber der Skitaletz denn nun eigentlich so stolz war, und
-damit ist auch die Frage noch offen, wovor er sich denn hätte demütigen
-sollen.“ Das ist mir denn doch ein gar zu hochmütiger Einwurf von Ihnen!
-Ich glaube, ausdrücklich gesagt zu haben, daß der Skitaletz ein Produkt
-der historischen Entstehung unserer Gesellschaft ist, folglich wälze ich
-doch nicht die ganze Schuld nur auf seine Person, auf seine persönlichen
-Eigenschaften. Sie haben das gelesen, denn ich habe es geschrieben und
-es steht gedruckt, weshalb übergehen Sie es also? Sie zitieren meinen
-ganzen Passus über das „Demütige dich“ und schreiben dann von sich aus:
-
- „Mit diesen Worten hat Herr Dostojewski das ‚Allerheiligste‘ seiner
- Überzeugungen ausgesprochen, das, was zugleich die Stärke und
- Schwäche des Autors der ‚Brüder Karamasoff‘ ausmacht. In diesen
- Worten ist ein großes _religiöses_ Ideal enthalten, eine mächtige
- Predigt _persönlicher_ Ethik, aber es fehlt jede Andeutung
- _sozialer_ Ideale.“
-
-Und darauf beginnen Sie sogleich, die Idee der „persönlichen
-Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ zu kritisieren. Auf
-Ihre diesbezügliche Meinung werde ich noch zu sprechen kommen, zunächst
-will ich Ihnen Ihre ganze Unterlage, die Sie, wie es scheint, zu
-verbergen wünschen, aufdecken und sie Ihnen zeigen, und zwar
-folgendermaßen: Sie ärgern sich über mich nicht nur deshalb, weil ich
-dem Skitaletz manches zum Vorwurf mache, sondern weil ich in ihm nicht
-wie Sie die Idealgestalt sittlicher Vervollkommnung sehe und ihn nicht
-für den gesunden Russen halte, wie er nur sein kann und sein soll. Daß
-Sie trotzdem zugeben, Aleko und Onegin hätten freilich einige
-„unsympathische Charakterzüge“, ist nur eine Finte von Ihnen. Ihrer
-inneren Auffassung nach, die Sie aus irgendeinem Grunde nicht ganz
-aussprechen wollen, ist der Skitaletz der Typ des normalen und
-ästhetischen Menschen, letzteres schon deshalb, weil er von Dershimorda
-fortläuft. Sie sind sogar höchst ungehalten, wenn jemand es wagt, in
-diesem Typ auch nur einen Fehler zu finden. Sie sagten bereits
-unumwunden: „Es ist doch sinnlos, zu behaupten, daß sie an ihrem Stolz
-gescheitert seien und sich nicht vor der Volkswahrheit hätten demütigen
-wollen.“ Und zum Schluß behaupten Sie noch mit Eifer, daß gerade diese
-unsere Menschenklasse die Bauern befreit habe. Sie schreiben:
-
- „Sagen wir mehr: wenn in der Seele der besten dieser Skitaltzy aus
- der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ein Gedanke lebte, so war das
- gerade der Gedanke an das Volk, und ihr glühendster Haß galt gerade
- der Sklaverei, die dieses Volk bedrückte. Gewiß haben sie auf ihre
- Art das Volk geliebt und die Leibeigenschaft gehaßt, meinetwegen
- ‚als Europäer‘, wenn man will. Aber wer war es denn, wenn nicht sie,
- die unsere Gesellschaft zur Aufhebung der Leibeigenschaft
- vorbereiteten? Wo sie konnten, haben auch sie dem ‚eigenen Acker‘
- gedient, anfangs als Verbreiter der Befreiungsidee, dann aber als
- Vermittler, als welche sie in erster Reihe wirkten.“
-
-Das ist es eben, daß die Skitaltzy die Leibeigenschaft in ihrer Art
-haßten, eben „europäisch“ haßten, darin liegt ja der ganze Kern der
-Sache. Das ist es eben, daß sie die Leibeigenschaft nicht um der
-russischen Bauern willen haßten, um des Russen willen, der für sie
-arbeitete, als ihr Leibeigener, dessen Arbeit sie ernährte und der
-folglich auch von ihnen – wenn sie es auch in Gemeinschaft mit anderen
-taten, so doch immerhin auch von ihnen – geknechtet wurde. Wer verbot
-ihnen denn, wenn sie schon so sehr unter dieser Beleidigung ihres
-staatsbürgerlichen Gefühls litten, daß sie zu den Zigeunern liefen oder
-auf die Barrikaden nach Paris – wer hinderte sie denn, ganz einfach
-wenigstens ihre eigenen Bauern zu befreien und einen Teil des eigenen
-Landes unter ihnen zu verteilen, um damit wenigstens das eigene Gewissen
-von diesem Unrecht und sich selbst von der persönlichen Verantwortung
-freizumachen? Aber von solchen Befreiungen hat man seltsamerweise nicht
-viel gehört, staatsbürgerliches Wehgeschrei dagegen ertönte doch genug
-und allerorten. „Das Milieu“, heißt es ja wohl, „das Milieu war die
-Fessel, und wie hätte er sich selbst seines Vermögens berauben sollen?“
-Aber weshalb denn nicht, wenn die Bauern ihm schon so leid taten, daß er
-auf die Barrikaden lief? Ja, sehen Sie, das war es nun wieder, daß man
-in diesem „Städtchen Paris“ nicht ohne Geld auskam, selbst wenn man an
-den Barrikadenkämpfen teilnahm, die Leibeigenen aber – schickten den
-Zins. Oder man machte es noch einfacher: man verpfändete oder verkaufte
-die Bauern, oder tauschte sie ein (war das nicht ganz gleich?), und
-hatte man das Kapital flüssig gemacht, dann fuhr man nach Paris, um dort
-behilflich zu sein, französische radikale Journale und Revuen
-herauszugeben, jetzt schon zum Heil der ganzen Menschheit, und nicht nur
-des russischen Bauern. Sie versichern, Herr Gradowskij, daß der Kummer
-um den leibeigenen Bauer sie alle gepeinigt habe? Nun, es war wohl nicht
-gerade ein Kummer wegen der Leibeigenschaft der russischen Bauern,
-sondern der ganz abstrakte Kummer wegen der Knechtschaft des
-Menschengeschlechtes im allgemeinen: „Die sollte es doch überhaupt nicht
-mehr geben, sie ist rückständig, sie verträgt sich nicht mit der
-Aufklärung! _Liberté, Egalité et Fraternité!_“ – nur daran dachten sie.
-Was jedoch den russischen Bauern persönlich anbelangt, so hat der Kummer
-um ihn diese großen Herren ganz gewiß nicht allzu sehr geplagt. Ich habe
-eine Menge vertraulicher Meinungsäußerungen sehr, sogar sehr
-„gebildeter“ Herren der guten alten Zeit gehört und genau im Gedächtnis
-behalten. Zum Beispiel: „Die Sklaverei ist ja freilich ein
-fürchterliches Übel, das steht außer Frage,“ äußerten sie, wenn sie
-unter sich waren, „aber wenn man es genau betrachtet, so ist doch unser
-Volk – ja, ist denn das überhaupt ein Volk? Kann man es denn auch nur
-entfernt z. B. mit dem Pariser Volk von siebzehnhundertdreiundneunzig
-vergleichen? Es hat sich ja doch schon an die Sklaverei gewöhnt, sein
-Gesicht, seine ganze Gestalt drückt schon den Sklaven aus, ja, und wenn
-Sie wollen – die Rute zum Beispiel ist ja natürlich eine schreckliche
-Gemeinheit, im allgemeinen gesprochen, aber beim russischen Bauern ist
-sie doch, bei Gott, ganz unentbehrlich. Unser Bäuerlein muß die Rute zu
-fühlen bekommen, sonst wird’s trübselig. Tja, nichts zu machen, aber so
-ist es nun einmal, unser Volk!“ heißt es – das habe ich seinerzeit mit
-eigenen Ohren gehört, ich schwöre es, und sogar von sehr gebildeten
-Leuten. Das ist die sogenannte „nüchterne Wahrheit“.
-
-Onegin wird seine Leibeigenen wahrscheinlich nicht geprügelt haben,
-obschon es schwerhält, hierüber mit Bestimmtheit etwas auszusagen; aber
-Aleko – nun, was diesen betrifft, so bin ich überzeugt, daß er seine
-Leibeigenen mitunter hat prügeln lassen, allerdings nicht aus
-Herzenshärte, sondern fast sogar aus Mitleid, fast sogar um des Guten
-willen, in dem Sinne etwa wie: „Das ist doch für ihn eine Notwendigkeit,
-ohne sie kommt er doch nicht aus, er kommt ja selber und bittet: ‚Straf
-mich, Herr, mach mich wieder zum Menschen, bin ganz aus der Zucht
-geraten!‘ Was soll man denn mit solch einer Natur anfangen, sagen Sie
-doch gefälligst? Nun, und so tut man ihm denn den Gefallen!“
-
-Ich wiederhole es, ihr Gefühl für den Bauern grenzte oft an Ekel vor
-ihm. Und wieviel schmutzige Anekdoten wurden unter ihnen vom Bauern, von
-seiner Sklavenseele, seinem „Götzendienst“, seinem Popen und seinem
-Weibe erzählt, und zwar ganz leichten Herzens, zuweilen von Leuten,
-deren eigenes Familienleben fast einem Bordelleben glich. Oh, versteht
-sich, das geschah ja nicht immer in irgendeiner bösen Absicht, sondern
-nur aus übermäßigem Eifer bei der Aufnahme der letzten europäischen
-Ideen, die nach unserer Art aufgefaßt wurden, und geschah gleich mit der
-ganzen russischen Leidenschaftlichkeit. Sie waren eben in allem Russen!
-Oh, die russischen sich grämenden „Skitaltzy“ waren bisweilen große
-Schelme, Herr Gradowskij, und gerade diese kleinen Anekdoten vom
-russischen Bauern und die Geringschätzung für ihn (wenn nicht
-Verachtung) haben in den Herzen dieser Herren ihrem Kummer ob der
-Leibeigenschaft immer die Spitze dadurch abgebrochen, daß er einen
-gewissen abstrakt universalen Charakter annahm. Mit einem solchen Kummer
-aber läßt es sich noch ganz gut, sogar sehr gut leben, namentlich wenn
-man sich dabei geistig von der Betrachtung seiner eigenen moralischen
-Schönheit und der Erhabenheit nährte, die man im Fluge seiner
-staatsbürgerlichen Ideen entwickelte, und körperlich, nun – körperlich
-immerhin vom Zins dieser selben Bauern, und sogar wie noch, sich nährte!
-Da fällt mir soeben eine Geschichte ein, die vor kurzem ein alter Herr
-im Journal zum besten gab. Es war im Sommer 1845 auf einem in der Nähe
-von Moskau belegenen entzückenden Landgut, dessen Besitzer, nach den
-Worten dieses alten Herrn, „grandiose Diners“ zu geben pflegte. So
-hatten sich dort wieder einmal die humansten Professoren, die
-seltsamsten Liebhaber und Kenner der schönen Künste und noch manches
-anderen, die berühmtesten Demokraten, die sich in der Folge sogar als
-Staatsmänner ausgezeichnet und fast einen Weltruf erworben haben, ferner
-Kritiker, Schriftsteller und die reizendsten Damen, sie alle Menschen
-von höchster geistiger Entwicklung, versammelt. Und plötzlich bricht die
-ganze Gesellschaft auf, wahrscheinlich nach einem Diner mit Champagner,
-getrüffelten Pasteten und meinetwegen Vogelmilch (es muß doch etwas
-Besonderes gegeben haben, wenn man die Diners „grandios“ nennt), um
-einen Spaziergang zu machen. Auf dem Felde im reifen Roggen treffen sie
-eine Schnitterin. Nun, die Feldarbeit ist doch wohl nichts weniger als
-leicht: die Bauern stehen um 4 Uhr morgens auf, um dann bis zum Abend
-das Korn zu schneiden – zwölf Stunden gebückt unter sengenden
-Sonnenstrahlen. Und dort im Roggen findet nun unsere Gesellschaft die
-Schnitterin in – können Sie sich das vorstellen! – in „primitivem
-Kostüm“ (das heißt wohl einfach im Hemde?)! Wie entsetzlich! Alle
-Friedensgefühle und Humanitätsbegriffe sind vor den Kopf gestoßen, und
-sogleich läßt sich eine beleidigte Stimme vernehmen: „Von allen Weibern
-ist es nur das russische Weib, das sich vor keinem Menschen schämt!“ Und
-darauf, versteht sich, sogleich die Folgerung: „Nur das russische Weib
-ist von allen das einzige, vor dem sich niemand schämt“ (d. h. nicht zu
-schämen braucht, etwa, als müsse es so sein!). Es kam zum Streit.
-Einzelne verteidigten die Bäuerin, aber was waren das für Verteidiger
-und mit welchen Entgegnungen hatten sie zu kämpfen! Und so etwas
-war möglich in einer Gesellschaft von diesen meist aus dem
-Gutsbesitzerstande hervorgegangenen „Skitaltzy“, die sich lukullisch
-sattgegessen, Champagner und Austern geschlürft hatten – und zwar für
-wessen Geld? Für ein Geld, das sie aus der Bauern Arbeit bezogen! Für
-Sie, meine Herren Weltschmerzleidende, arbeitet diese Bäuerin doch, für
-das aus ihrer Arbeit gewonnene Geld haben Sie sich doch sattgegessen!
-Weil sie im hohen Roggen, wo niemand sie sehen konnte, gequält von Hitze
-und Schweiß, ihren Rock ausgezogen und im Hemde arbeitet – deshalb soll
-sie schamlos sein, soll sie Ihr Schamgefühl verletzt haben – „von allen
-Weibern das schamloseste!“ – ach Sie Keuschheitspriester! Aber Ihre
-Pariser Zerstreuungen und Ihre Erlebnisse im „Städtchen Paris“ und der
-Cancan im Jardin Mabille, vor dem unsere russischen Herren wie Butter an
-der Sonne zergehen – selbst wenn von ihm nur die Rede war, und das nette
-Liedchen –
-
- „_Ma commère quand je danse_
- _Comment va mon cotillon?_“
-
-mit dem graziösen Raffen des Röckchens und dem Ruck mit dem
-Hinterteilchen dazu – das alles empört unsere schamhaften Herren
-keineswegs, im Gegenteil, es zieht sie sogar ungeheuer an!
-
-„Aber ich bitte Sie, das ist bei ihnen doch alles so graziös, dieses
-Cancanchen, dieses Röckchen und ... na ja – das sind doch in ihrer Art
-die elegantesten _Articles de Paris_, hier aber – wie kann man das
-überhaupt vergleichen: hier ist’s doch nur ein Weib, ein russisches
-Bauernweib, ein Klotz, ein unbehauener Klotz!“
-
-Nein, das war sogar nicht einmal bloßes Überzeugtsein von der Gemeinheit
-unseres Bauern und Volkes, da war die Ansicht schon ins Gefühl
-übergegangen, schon zum Gefühl geworden, da verriet sich bereits eine
-physische Empfindung des Ekels vor unserem Bauern – oh, natürlich nur
-eine unwillkürliche, fast unbewußte Empfindung, die sie selbst
-vielleicht gar nicht bemerkten. Und ich muß gestehen, ich kann mit Ihrem
-kapitalen Streitsatz keineswegs übereinstimmen, Herr Gradowskij: daß
-diese „Skitaltzy“ es gewesen seien, die in unserer Gesellschaft für die
-Befreiung der Leibeigenen vorgearbeitet hätten. Vielleicht mit
-abstraktem Geschwätz, indem sie ihren bürgerlichen Kummer nach allen
-Regeln überall hervorkehrten – oh, natürlich kam schließlich alles der
-Sache zugute. Bewirkt aber haben die Befreiung der Bauern, geholfen
-haben denen, die die Befreiung durchführen wollten, eher solche Männer
-wie z. B. Ssamarin[29], nicht aber Ihre Skitaltzy. Jener anderen
-dagegen, jener vom Schlage eines Ssamarin, die wohl in keiner Beziehung
-den Alekos und Onegins glichen, gab es doch damals gar nicht so wenige,
-und die halfen alle bei der großen Arbeit mit, Herr Gradowskij, von
-ihnen aber reden Sie natürlich kein Wort. Ihren Leuten jedoch ist die
-Geschichte, nach allen Anzeichen zu urteilen, sehr bald langweilig
-geworden, und sie begannen wieder zu schmollen. Sie wären auch keine
-„Skitaltzy“ gewesen, wenn sie sich anders verhalten hätten. Als sie dann
-nach der Aufhebung der Leibeigenschaft erst das Geld für ihre
-losgekauften Bauern erhalten hatten, da verkauften sie auch ihr übriges
-Land an Aufkäufer zum Aussaugen und ihre Wälder zum Abholzen. Sie selbst
-siedelten ins Ausland über und führten bei uns den Absentismus ein ...
-Sie werden mit mir darin natürlich nicht übereinstimmen, Herr Professor,
-aber was soll ich denn tun: es ist mir nun einmal absolut unmöglich, den
-Ihnen so teuren, der oberen Schicht entstammenden liberalen Russen für
-das Ideal des normalen echten Russen anzuerkennen, für den besten Typ,
-der der Rasse angeblich jemals wirklich war, ist und sogar in Zukunft
-sein soll. Ich sehe nur, daß dieser Typ in den letzten Dezennien wenig
-auf dem Arbeitsfelde seines Volkes geleistet hat. Und diese Auffassung
-halte ich für etwas richtiger und begründeter als Ihre Dithyrambe auf
-jene Herren.
-
-
- III.
-
- Zwei Hälften.
-
-Ich komme jetzt zu Ihrer Auffassung von der „persönlichen
-Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ und Ihrer Behauptung,
-daß dieselbe durchaus unzureichend sei im Vergleich mit „sozialen
-Idealen“ und vor allem mit „sozialen Institutionen“. Ja, auch Sie
-weisen darauf hin, daß dies der wichtigste Punkt in unserer
-Meinungsverschiedenheit ist. Sie schreiben:
-
- „Indem Herr Dostojewski Demut vor der Volkswahrheit und den
- Volksidealen verlangt, scheint er diese ‚Wahrheit‘ und diese Ideale
- für etwas bereits Fertiges, Feststehendes und Ewiges zu halten. Wir
- erlauben uns, dieser Annahme zu widersprechen. Die _sozialen_ Ideale
- unseres Volkes sind noch im Stadium des _Entstehens_, Sie fangen
- erst an sich zu entwickeln. Das Volk muß noch viel an sich arbeiten,
- um den Namen eines großen Volkes zu verdienen.“
-
-In betreff der „Wahrheit“ und der Ideale des Volkes habe ich Ihnen zum
-Teil schon geantwortet. Diese Wahrheit und diese Ideale des Volkes
-halten Sie direkt für ungenügend zur Entwicklung sozialer Ideale
-Rußlands. Das heißt also: Religion ist ein Ding für sich und alles
-Soziale, Gesellschaftliche ist etwas ganz anderes, d. h. wiederum ein
-Ding für sich. Sie schneiden den lebendigen Organismus mit Ihrem
-Gelehrtenmesser in zwei Hälften und behaupten, daß diese voneinander
-ganz unabhängig sein müssen. Betrachten wir sie näher, untersuchen wir
-jede dieser Hälften für sich, vielleicht können wir dann irgendwelche
-Schlüsse ziehen. Betrachten wir zunächst die Hälfte der „persönlichen
-Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“.
-
-Sie schreiben:
-
- „Herr Dostojewski ruft uns zur Arbeit auf, zur Arbeit an uns selbst.
- Die persönliche Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe ist
- natürlich die erste Voraussetzung jeder Tätigkeit, gleichviel, ob
- sie groß oder klein ist! Aber daraus folgt noch nicht, daß Menschen,
- die im _christlichen Sinne persönlich vollkommen_ sind, _unbedingt_
- einen vollendeten Staat bilden. Nehmen wir ein Beispiel:
-
- Der Apostel Paulus erklärt Sklaven und deren Herren ihr Verhältnis
- zueinander. Sowohl diese wie jene konnten die Lehre des Apostels
- befolgen und taten es meist auch wirklich, sie waren _persönlich_
- gute Christen, aber die _Sklaverei_ wurde damit nicht geheiligt und
- blieb eine unmoralische Einrichtung. So wird auch Herr Dostojewski,
- wie ein jeder von uns, vortreffliche Christen gekannt haben, sowohl
- unter Gutsbesitzern wie unter Bauern. Aber die Leibeigenschaft blieb
- trotzdem eine Schändlichkeit vor Gott, und der Zar-Befreier erfüllte
- nicht nur die Forderungen der _persönlichen_, sondern auch der
- _sozialen_ Sittlichkeit, von der man in der alten Zeit keine
- richtige Vorstellung hatte, obschon es ‚gute Menschen‘ damals nicht
- weniger gab, als heutzutage. Persönliche und soziale Sittlichkeit
- ist nicht ein und dasselbe. Daraus folgt, daß eine _soziale_
- Vervollkommnung nicht _lediglich_ durch die Besserung der
- persönlichen Eigenschaften der Menschen erreicht werden kann. Ein
- Beispiel:
-
- Nehmen wir an, daß seit dem Jahre 1800 eine Reihe von Predigern der
- christlichen Liebe und Demut sich vorgenommen hätten, die
- Sittlichkeit solcher Menschen, wie Gogols Gutsbesitzerin Frau
- Korobotschka und Ssobakewitsch, zu heben. Wäre es auch nur denkbar,
- daß sie die Aufhebung der Leibeigenschaft durchgesetzt hätten und
- daß es keines Machtwortes mehr bedurft hätte? Im Gegenteil, die
- Korobotschka hätte zu beweisen angefangen, daß sie eine wahre
- Christin und ‚Mutter‘ ihrer Bauern sei und wäre trotz aller
- gegenteiligen Versicherungen des Missionars bei ihrer Ansicht
- verblieben.
-
- Eine Verbesserung der Menschen in einem gesellschaftlichen Sinne
- kann nicht lediglich durch Arbeit nur an der eigenen Person und
- durch persönliche Demut erreicht werden. An sich selbst arbeiten und
- sich zur Demut erziehen, das kann man auch in der Wüste oder auf
- einer unbewohnten Insel. Aber als Angehörige einer Gesellschaft,
- eines Staates, entwickeln und verbessern sich die Menschen erst in
- der Arbeit _nebeneinander, füreinander und miteinander_. Das ist
- auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit der Menschen in
- einem so hohen Grade von der Vollkommenheit der _sozialen
- Institutionen_ abhängt, die im Menschen wenn nicht christliche, so
- doch bürgerliche Werte erziehen.“
-
-Sehen Sie, wie viel ich aus Ihrem Artikel abgeschrieben habe! Das klingt
-alles sehr selbstbewußt und die „persönliche Vervollkommnung im Geiste
-der christlichen Liebe“ hat gründlich die Wahrheit zu hören bekommen.
-Das heißt soviel wie: in staatlichen Dingen taugt sie zu nichts. Kurios,
-fürwahr, fassen Sie demnach das Christentum auf! Allein schon die
-Vorstellung, daß die Korobotschka und Ssobakewitsch wahre Christen
-werden könnten, sogar vollkommene, und darauf die Frage: könnte man sie
-dann dazu bringen, auf die Leibeigenschaft zu verzichten? ist
-bemerkenswert. Mir scheint es eine recht verfängliche Frage zu sein, die
-Sie da aufwerfen, und Ihre eigene Antwort lautet natürlich: „Nein, die
-Korobotschka wäre selbst als wahre Christin nicht dazu zu bewegen.“
-
-Darauf antworte ich ohne weiteres: wenn die Korobotschka überhaupt eine
-wahre und vollkommene Christin hätte werden können oder geworden wäre,
-so hätte die Leibeigenschaft auf ihrem Gut auch schon zu existieren
-aufgehört, weshalb man sich dann um nichts weiter zu bemühen brauchte,
-wenn auch alle Aktenstücke und Kaufbriefe in ihrem Besitz verblieben.
-
-Erlauben Sie: die Korobotschka war doch auch früher schon Christin,
-schon von Geburt an, d. h. seit ihrer Taufe, nicht wahr? Folglich
-verstehen Sie unter der Lehre der neuen Prediger des Christentums dem
-Wesen nach wohl dasselbe alte Christentum, nur erhöht, gesteigert, also
-ein vollendetes oder vollkommenes, das sozusagen schon sein Ideal
-erreicht hat? Aber was kann es dann noch für Sklaven geben, ich bitte
-Sie! Man muß doch das Christentum wenigstens annähernd begreifen! Und
-was würde es dann die Korobotschka, die _wahre_ Christin, noch angehen,
-ob ihre Bauern Leibeigene sind oder nicht? Sie wäre ihnen „Mutter“, eine
-richtige Mutter, und die „Mutter“ in ihr hätte sogleich die frühere
-„Herrin“ in ihr einfach ausgeschaltet, und das wäre ganz von selbst
-geschehen. Das frühere Verhältnis – dasjenige der Herrin zum Sklaven –
-wäre in dem Fall wie Nebel vor der Sonne verschwunden und die alten
-Menschen wären von anderen verdrängt worden, die in einem ganz neuen,
-vordem undenkbar gewesenen Verhältnis zueinander gestanden hätten. Und
-überhaupt wäre damit etwas schier Unglaubliches geschehen: es wären eben
-_überall_ vollkommene Christen entstanden, solche, wie es ihrer bisher
-auch als einzelne freilich so wenige gegeben hat, daß man selbst diese
-kaum zu entdecken vermöchte. Übrigens sind ja Sie es, Herr Gradowskij,
-der diese phantastische Möglichkeit in Erwägung zieht, nicht ich,
-folglich dürfen Sie sich auch nicht den Folgerungen entziehen. Ich
-versichere Ihnen, Herr Gradowskij, daß die Bauern der Korobotschka dann
-freiwillig bei ihr geblieben wären, und zwar aus dem einfachen Grunde,
-weil ein jeder sieht, wo er es am besten hat. Oder meinen Sie, daß die
-Bauern es mit Ihren Institutionen besser hätten, als bei der sie
-liebenden, wie eine leibliche Mutter für sie sorgenden Gutsbesitzerin?
-Desgleichen erlaube ich mir, Ihnen zu versichern, daß die Sklaverei zu
-Lebzeiten des Apostels Paulus nur deshalb auch in christlichen Gemeinden
-bestehen blieb, weil die damaligen, eben erst entstehenden Gemeinden
-noch nicht in dem Maße christlich waren, daß sie ein vollkommenes
-Christentum darstellten (was wir aus den Sendschreiben des Apostels
-ersehen). Aber die einzelnen Mitglieder der Gemeinden, die damals
-persönlich die Vollkommenheit erreichten, hatten auch keine Sklaven mehr
-und konnten sie ja gar nicht mehr haben, denn diese wurden sogleich zu
-ihren Brüdern, ein Bruder aber, ein wirklicher Bruder kann nicht seinen
-Bruder als Sklaven unter sich haben. Nach Ihren Worten müßte man dagegen
-annehmen, daß die Predigt der christlichen Lehre machtlos gewesen sei.
-Wenigstens schreiben Sie, daß durch die Predigt des Apostels die
-Sklaverei noch nicht geheiligt worden wäre. Andere Gelehrte aber,
-namentlich europäische Professoren der Geschichte, haben schon unzählige
-Male dem Christentum gerade das vorgeworfen, daß es angeblich die
-Sklaverei heilige. Das heißt aber, das Wesen der Sache nicht begreifen.
-Man stelle sich vor: die Madonna hätte Leibeigene und wollte diesen
-nicht die Freiheit geben. Welch ein Absurdum! Im Christentum, im
-wirklichen Christentum wird es Herren und Diener geben, aber ein Sklave
-ist undenkbar. Ich rede vom wahren, vollkommenen Christentum. Diener
-sind nicht Sklaven. Der Jünger Timotheus diente dem Apostel Paulus, als
-sie gemeinsam umherzogen, aber lesen Sie doch die Briefe Pauli an
-Timotheum: schreibt er an einen Sklaven, ja überhaupt an seinen Diener?
-Ich bitte Sie! – Das sind doch Briefe an seinen „Sohn Timotheus“ – an
-seinen „geliebten Sohn“! Ja, in einem solchen, gerade in einem solchen
-Verhältnis werden die Herren zu den Dienern stehen, wenn diese wie jene
-vollkommene Christen sind. Herren und Diener wird es geben, aber die
-Herren werden nicht Tyrannen sein, und die ihnen Dienenden nicht von
-ihnen Tyrannisierte. Stellen Sie sich vor, daß es in der zukünftigen
-Gesellschaft einen Kepler, einen Kant, einen Shakespeare gibt: sie
-leisten die große geistige Arbeit für alle, und alle wissen das und
-verehren und schätzen sie. Natürlich hat Shakespeare keine Zeit, sagen
-wir, sein Zimmer aufzuräumen. Glauben Sie mir, unter solchen
-Voraussetzungen wird unbedingt ein anderer Bürger zu ihm kommen, um ihm
-zu dienen, er wird es freiwillig tun, wird ungebeten die geringe Arbeit
-bei Shakespeare verrichten: sein Zimmer aufräumen usw. Wird er deshalb
-erniedrigt oder ein Sklave sein? Keineswegs. Er weiß, daß Shakespeare
-unvergleichlich nützlicher ist als er und er sagt sich oder ihm: „Dafür
-sei dir Ruhm und Ehre, und mir ist es eine Freude, dir dienen zu können.
-Soviel ich’s kann, trage ich auch meinen Teil zur großen Tat bei, indem
-ich dir Stunden des Schaffens erhalte, doch bin ich deshalb noch kein
-Sklave. Gerade durch diese meine Erkenntnis, daß du, Shakespeare, dank
-deinem Genie höher stehst als ich, habe ich bewiesen, indem ich zu dir
-kam, um dir zu dienen, daß ich an sittlicher Menschenwürde dir
-keineswegs nachstehe, sondern _als Mensch_ dir ebenbürtig bin.“ Oder
-vielmehr, er wird das gar nicht sagen. Es wäre schon allzu
-selbstverständlich. Solche Fragen sind ganz ausgeschlossen, ja
-undenkbar. Denn die Menschen werden dann wirklich neue Menschen sein,
-Kinder Christi, und werden das ehemalige Tier in sich überwunden haben.
-
-Sie werden freilich hierauf erwidern, dies sei eine phantastische
-Zukunftsillusion. Aber mit dem Phantasieren habe ja nicht ich den Anfang
-gemacht, sondern Sie, und Sie verstiegen sich sogar so weit, daß Sie
-sich die Korobotschka als eine vollkommene Christin denken konnten, die
-jedoch ihren „leibeigenen _Kindern_“ die Freiheit vorenthält. Das ist
-wohl etwas phantastischer als alles von mir Geschriebene.
-
-Nun werden vielleicht die klugen Leute lachend einwenden: „Ja, wozu sich
-dann noch um die Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe
-bemühen, wenn wirkliches Christentum, wie aus alledem hervorgeht, auf
-der Erde überhaupt nicht vorhanden ist, oder falls doch, dann nur so
-selten, daß man diese vereinzelten Fälle kaum wahrnehmen kann,
-anderenfalls (wie wiederum aus meinen eigenen Worten hervorgeht) wäre ja
-sofort alles beigelegt, jegliche Sklaverei vernichtet, die Typen vom
-Schlage der Korobotschka würden sich in lichte Genien verwandeln und den
-Menschen bliebe nichts weiter übrig, als Gott dem Herrn eine Hymne zu
-singen!“ Ja, natürlich, meine Herren Spötter, wirkliche Christen gibt es
-noch entsetzlich wenige (aber immerhin gibt es doch schon einige!).
-Woher aber wissen Sie, wievieler es bedarf, damit das Ideal des
-Christentums im Herzen des Volkes nicht stirbt und mit diesem Ideal auch
-seine große Hoffnung erhalten bleibt? Ins Weltliche übersetzt: wievieler
-unverfälschter treuer Bürger bedarf es, damit in der Gemeinschaft der
-Menschen die Idealgestalt eines Bürgers nicht vergessen wird? Auch diese
-Frage werden Sie schwerlich beantworten können. Hier handelt es sich um
-eine Sozialökonomie von eigener Art, von einer ganz besonderen Art, die
-uns noch unbekannt ist und die sogar auch Sie, Herr Gradowskij, noch
-nicht kennen.
-
-Wieder wird man einwenden: wenn die große Idee nur so wenige Anhänger
-hat, von welchem Nutzen kann sie dann sein? Ja aber wer vermag denn
-jetzt schon zu sagen, von welchem Nutzen sie schließlich sein, was sie
-zu guter Letzt bewirken wird? Offenbar ist bisher nur das Eine nötig
-gewesen: daß der große Gedanke nicht starb. Ganz etwas anderes ist es
-dagegen jetzt, wo etwas Neues in der Welt herannaht und man bereit sein
-muß ... Und übrigens handelt es sich hier gar nicht um den Nutzen,
-sondern um die Wahrheit. Denn wenn ich felsenfest daran glaube, daß die
-Wahrheit hierin liegt, gerade hierin, woran ich glaube, was geht es mich
-dann an, daß die ganze Welt an meine Wahrheit nicht glaubt, mich
-verspottet und einen anderen Weg geht? Gerade darin liegt doch die Macht
-eines großen ethischen Gedankens, gerade dadurch vereint er die Menschen
-zum stärksten Verband, daß er sich nicht nach seinem sofortigen Nutzen
-bewerten läßt, sondern die Menschen in die Zukunft leitet, zu ewigen
-Zielen, zu absoluter Freude. Wodurch wollten Sie sonst die Menschen zur
-Verwirklichung Ihrer sozialen Ideale vereinigen, wenn Sie keine
-Grundlage in einer uranfänglichen großen sittlichen Idee haben? Diese
-sittlichen Ideen haben aber alle das eine gemeinsam: daß sie ausnahmslos
-auf der Idee der persönlichen absoluten Vervollkommnung am letzten Ende,
-d. h. als Ideale beruhen, denn diese Vervollkommnung enthält alles in
-sich, alles Streben, alles unendliche Verlangen, und folglich ist sie,
-gerade sie der Mutterschoß aller unserer sozialen, bürgerlichen Ideale.
-Versuchen Sie es doch mal, die Menschen zu einer bürgerlichen
-Gesellschaft zu vereinigen: zu dem einzigen Zweck, um für ihre
-„Bäuchlein zu leben“! Die sittliche Antwort auf Ihren Versuch wäre die
-Formel: „_Chacun pour soi et Dieu pour tous._“ Unter dieser Formel wird
-aber keine einzige bürgerliche Gesellschaft lange bestehen, Herr
-Gradowskij.
-
-Doch ich gehe noch weiter und beabsichtige, Sie in Erstaunen zu setzen.
-
-So hören Sie denn, Herr Professor, daß es speziell soziale Ideale, die
-mit ethischen Idealen in keiner organischen Verbindung stehen, die
-vielmehr für sich ganz allein bestehen, also vom Ganzen abgeteilte
-Ideale, wie Sie sie mit Ihrem gelehrten Messerchen abteilen zu können
-meinen, ferner, daß es solche soziale Ideale, die äußerlich übernommen
-und an jeden beliebigen neuen Ort verpflanzt werden könnten und daselbst
-zu gedeihen vermöchten, als „Institution“ wie Sie sich ausdrücken – daß
-es solche Ideale, sage ich, überhaupt nicht gibt, noch je gegeben hat
-und auch gar nicht geben kann! Ja, und was ist denn eigentlich ein
-soziales Ideal, wie ist dieses Wort überhaupt zu verstehen?
-
-Sein Wesen liegt natürlich in dem Bestreben der Menschen, eine Formel
-für ihre soziale Organisation zu finden, eine möglichst fehlerlose und
-allen gerecht werdende Formel – nicht wahr? Aber diese Formel ist den
-Menschen unbekannt, sie suchen sie schon seit Tausenden von Jahren, seit
-dem Anfang ihrer geschichtlichen Entwicklung und können sie nicht
-finden. Die Ameise kennt die Formel ihres Ameisenbaues, die Biene die
-ihres Stockes (wenn sie sie auch nicht nach Menschenart kennen, so
-kennen sie sie doch in ihrer eigenen Art und mehr ist ja nicht nötig),
-aber der Mensch kennt seine Formel nicht. Wenn das aber der Fall ist,
-woher sollte dann wohl das Ideal einer sozialen Organisation in die
-menschliche Gesellschaft gekommen sein? Verfolgen Sie die Geschichte und
-Sie werden sogleich sehen, woher das Ideal kommt. Sie werden sehen, daß
-es einzig und allein ein Erzeugnis der sittlichen Vervollkommnung der
-einzelnen Menschen ist: damit fängt es an, und so ist es von jeher
-gewesen und wird ewig so bleiben. Als erstes sehen wir in der Geschichte
-jedes Volkes, jeder Nationalität, daß die sittliche Idee der Entstehung
-der betreffenden Nationalität immer vorangegangen ist, _denn gerade sie
-ist das, was die nationale Besonderheit bildet_, sie erst erschafft die
-Nationalität. Hervorgegangen aber ist diese sittliche Idee immer aus
-mystischen Ideen, aus Überzeugungen, daß der Mensch ewig sei,
-unsterblich, daß er nicht wie ein gewöhnliches Erdentier nur sein Leben
-friste, sondern mit anderen Welten und der Ewigkeit verbunden sei. Diese
-Überzeugungen sind immer und überall zur Religion geworden, zum
-Bekenntnis der neuen Idee, und stets hat sich dann, kaum daß die neue
-Religion entstanden war, sogleich auch staatlich eine neue Nation
-gebildet. Nehmen Sie z. B. die Juden oder die Muselmänner: bei ersteren
-bildete sich die Nation erst nach der Gesetzgebung durch Moses, obschon
-sie bereits mit dem Gesetz Abrahams begonnen hatte, und ebenso sind die
-mohammedanischen Nationen erst nach dem Koran entstanden. Um den
-empfangenen geistigen Schatz zu erhalten, beginnen die Menschen
-sogleich, sich zusammenzuschließen, und dann erst, in eifriger
-gemeinsamer Arbeit „nebeneinander, füreinander und miteinander“ (wie Sie
-sich beredt ausdrücken) – dann erst fangen die Menschen an, auch danach
-zu suchen, wie sie sich wohl so einrichten könnten, daß von dem
-erhaltenen Schatz nichts verloren gehe, dann suchen sie nach einer
-sozialen Formel des gemeinschaftlichen Lebens, nach einer Staatsform,
-die ihnen am ehesten helfen könnte, suchen jenen sittlichen Schatz, den
-sie erhalten, wenn möglich über die ganze Welt hin zu seinem vollsten
-Glanz zu entfalten und zu seinem größten Ruhme zu erheben. Und
-wohlgemerkt, sobald nach Ablauf der Zeiten und Jahre (denn auch hierin
-waltet ein Gesetz, das wir freilich nicht kennen) in der betreffenden
-Nation das geistige Ideal zu verfallen begann, da begann zugleich auch
-die Nation zu verfallen und mit ihr auch ihr ganzer Staatsbau, und es
-verblich auch das soziale Ideal, das sich inzwischen in ihr gebildet
-hatte. Von welcher Art der Charakter der Religion eines Volkes ist, von
-dem Charakter sind auch die sozialen Formen dieses Volkes. Folglich sind
-die sozialen Ideale mit den sittlichen Idealen stets unmittelbar und
-organisch verbunden, doch die Hauptsache ist, daß sie einzig und allein
-aus diesen hervorgehen. _Ganz für sich allein_ aber entstehen sie nie,
-denn indem sie entstehen, ist ihr Zweck nur die Befriedigung des
-sittlichen Strebens der betreffenden Nation, je nachdem wie und
-inwieweit dieses sittliche Streben in ihr entstanden und vorhanden ist.
-Folglich aber ist die „persönliche Vervollkommnung im religiösen
-Geiste“, wie wir sehen, im Leben der Völker die Grundlage alles
-weiteren, denn die persönliche Vervollkommnung ist _nichts anderes als
-die Ausübung der empfangenen Religion_. Die „sozialen Ideale“ aber
-entstehen nie ohne dieses Streben nach Selbstvervollkommnung und können
-auch gar nicht ohne dasselbe entstehen. Sie werden vielleicht bemerken,
-auch Sie hätten ja gesagt, daß die „persönliche Vervollkommnung der
-Anfang alles weiteren“ sei und daß Sie nichts mit einem Messer geteilt
-hätten. Das aber ist es ja gerade, daß Sie dies doch getan haben, daß
-Sie einen lebendigen Organismus zerschnitten und somit in zwei einzelne
-Hälften geteilt haben. Die persönliche Vervollkommnung ist nicht nur
-„der _Anfang_ alles weiteren“, sondern auch die Fortsetzung des Ganzen
-und sogar den Ausgang begreift sie in sich. Sie umfaßt, erschafft und
-erhält den Organismus der Nation und zwar nur sie allein. Nur für sie
-lebt die soziale Formel der Nation, da sie doch nur zu dem Zweck gesucht
-wird, um den ursprünglichen ersten Schatz zu erhalten. Wenn aber in der
-Nation das Bedürfnis nach allgemeiner einzelner Vervollkommnung _in dem
-Geiste, der dies Bedürfnis hervorgerufen_, erlischt, dann verschwinden
-allmählich auch alle „bürgerlichen Einrichtungen“, da es dann nichts
-mehr zu erhalten gibt. Deshalb kann man unter keinen Umständen dem
-zustimmen, was Sie in folgenden Worten ausdrücken:
-
- „Dies ist auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit der
- Menschen in so hohem Maße von der Vollkommenheit der _sozialen
- Institutionen_ abhängt, die im Menschen wenn nicht christliche, so
- doch bürgerliche Werte heranbilden.“
-
-„Wenn nicht christliche, so doch bürgerliche“! Sieht man hier nicht das
-Messer des Gelehrten, das Unteilbares trennt, das den ganzen, in sich
-abgeschlossenen lebendigen Organismus in zwei getrennte tote Hälften
-teilt, in eine sittliche und eine bürgerliche?
-
-Sie werden vielleicht sagen, daß sowohl in den „sozialen Institutionen“
-wie in der Rolle des „Bürgers“ die größte sittliche Idee enthalten sein
-kann, daß in bereits ausgereiften, entwickelten Nationen die
-„bürgerliche Idee“ stets an die Stelle der anfänglichen religiösen Idee
-tritt, die sich also gewissermaßen zu jener entwickle und der jene daher
-durchaus rechtmäßig folge.
-
-Ja, das behaupten allerdings viele, wir aber können für die Richtigkeit
-dieser Auffassung kein einziges historisches Beispiel finden. Wenn die
-sittlich-religiöse Idee in der Nation sich überlebt hatte, so setzte
-immer nur ein panisch ängstliches Vereinigungsbedürfnis ein, nämlich zu
-dem Zweck, um für den Fall, daß etwas geschehen sollte, „die Bäuchlein
-zu retten“ – andere Ziele kennt die bürgerliche Vereinigung dann nicht
-mehr. Da vereinigt sich gerade jetzt die französische Bourgeoisie, und
-vereinigt sich nur zu diesem Zweck: um die eigenen Bäuchlein vor dem
-vierten Stand, der schon die Tür, die zu ihr führt, zu zertrümmern
-droht, sicherzustellen. Aber das „Retten der eigenen Bäuchlein“ ist von
-allen Ideen, die die Menschen zu vereinigen suchen, die schwächste und
-letzte, in jeder Beziehung. Sie ist schon der Anfang vom Ende, ist die
-Vorahnung des Endes. Sie vereinigen sich, und dabei spitzen doch alle
-die Ohren und äugen ängstlich, um bei der ersten Gefahr möglichst
-schnell auseinanderzustieben. Und was könnte dann die „Institution“ als
-solche, als etwas für sich allein Genommenes, wohl noch retten? Gäbe es
-Brüder, so gäbe es auch eine Brüderschaft. Wenn es aber keine Brüder
-gibt, so können Sie durch keine einzige „Institution“ Brüderschaft
-erzielen. Was für einen Sinn hat es, überhaupt eine „Institution“ zu
-schaffen und mit der Aufschrift „_Liberté, Egalité, Fraternité_“ zu
-versehen? Erreichen werden Sie mit einer solchen Institution entschieden
-nichts, so daß man dann wohl – oder vielmehr unfehlbar, oder sogar
-unbedingt – zu den drei Worten noch etwas als viertes hinzufügen müßte,
-nämlich: „_ou la mort_“. „_Fraternité ou la mort_“ – und die Brüder
-werden den Brüdern die Köpfe abschlagen, um durch eine „bürgerliche
-Institution“ Brüderschaft einzuführen. Das ist nur ein Beispiel, aber
-ein gutes. Sie, Herr Gradowskij, suchen, wie auch Aleko es tut, die
-Rettung in Äußerlichkeiten. Sie meinen: Mag es auch bei uns in Rußland
-auf Schritt und Tritt nur Dummköpfe und Spitzbuben geben (vielleicht hat
-es auch wirklich den Anschein, natürlich je nach dem Standpunkt), aber
-da brauchte man nur irgendeine europäische „Einrichtung“ aus Europa nach
-Rußland zu verpflanzen und es wäre, Ihrer Ansicht nach, alles gerettet.
-Die mechanische Übernahme europäischer Formen (Formen, die dort
-vielleicht morgen schon zusammenbrechen werden), die unserem Volk fremd
-und seiner Art nicht angepaßt sind, ist bekanntlich der Hauptgedanke der
-russischen Westler. Übrigens belieben Sie, Herr Gradowskij, indem Sie
-Rußland seine schlechte Organisation vorwerfen und ihm Europa vorhalten,
-sich wörtlich auszudrücken:
-
- „Vorläufig aber können wir uns nicht einmal in jenen Fragen und
- Widersprüchen zurechtfinden, die Europa bereits längst beantwortet
- und überwunden hat.“
-
-Wie, Europa und bereits überwunden? Wer hat Ihnen nur so etwas aufbinden
-können? Dieses Europa ist doch schon am Vorabend seines Falles
-angelangt, eines Falles, der ausnahmslos allgemein und furchtbar sein
-wird. Der Ameisenbau ohne Kirche und ohne Christus (denn die Kirche, die
-ihr Ideal getrübt hat, hat sich dort allerorten schon längst in einen
-Staat verwandelt) mit seinem bis auf den Grund erschütterten sittlichen
-Prinzip, dieser Ameisenbau, der alles Gemeinsame und alles Absolute
-eingebüßt hat – dieser Ameisenbau ist, behaupte ich, bereits so gut wie
-untergraben. Der vierte Stand fängt an sich zu erheben, schon pocht er
-an die Tür und begehrt Einlaß, und wenn man ihm den nicht gewährt, wird
-er die Tür zertrümmern. Er will nicht die früheren Ideale, er verwirft
-jedes Gesetz, das bisher gegolten. Auf Kompromisse und Nachgeben läßt er
-sich nicht mehr ein, mit schwachen Stützen und kleiner Hilfe werden Sie
-da das Gebäude nicht retten. Nachgiebigkeit im Kleinen feuert nur an,
-und der vierte Stand will alles haben. Es wird etwas einsetzen, was
-bisher noch niemand für möglich gehalten hat. Alle diese
-parlamentarischen Regierungsysteme, alle gegenwärtig herrschenden
-sozialen Theorien, alle zusammengescharrten Reichtümer, alle Banken,
-Wissenschaften und Juden, alles das wird im Nu zunichte werden – außer
-den Juden natürlich, die auch dann den Kopf nicht verlieren und wieder
-obenauf sein werden, so daß der Krach ihnen sogar zugute kommen dürfte.
-Alles das „steht nahe vor der Tür“. Sie belieben zu lachen? Selig sind
-die Lachenden. Gäbe Gott Ihnen langes Leben, damit Sie alles mit eigenen
-Augen schauen. Dann werden Sie sich wundern. Oder Sie erwidern mir
-hierauf lachend: „Da muß ja Ihre Liebe zu Europa von recht
-absonderlicher Art sein, wenn Sie Europa einen solchen Ausgang
-prophezeien!“ Ja, freue ich mich denn? Ich sage es ja nur in der
-Vorahnung, daß die Summe schon so gut wie gezogen ist. Die endgültige
-Abrechnung aber, das Quittieren jener Summe, kann sogar viel früher
-erfolgen, als selbst die stärkste Phantasie es sich ausdenken könnte.
-Die Symptome sind furchtbar. Allein schon die ewig alte unnatürliche
-politische Lage der europäischen Staaten könnte den Anfang bilden. Aber
-wie sollte sie auch natürlich sein, wenn die Unnatur schon in ihrer
-Grundlage ruht und sich im Laufe von Jahrhunderten aufgehäuft hat. Es
-kann nicht ein kleiner Teil der Menschheit die ganze übrige Menschheit
-wie einen Sklaven beherrschen, einzig zu diesem Zweck aber sind bisher
-alle bürgerlichen (schon lange nicht mehr christlichen) Einrichtungen im
-jetzt vollkommen heidnischen Europa entstanden. Diese Unnatürlichkeit
-und diese „unlösbaren“ politischen Probleme (die übrigens allen bekannt
-sind) müssen unfehlbar zum großen, endgültigen, abrechnenden,
-politischen Kriege führen, in den alle hineingezogen werden und der noch
-in diesem Jahrhundert, vielleicht sogar schon in diesem Jahrzehnt,
-ausbrechen wird. Was meinen Sie: vermag die Gesellschaft dort einem
-langen politischen Krieg _jetzt_ noch standzuhalten? Der Fabrikant ist
-ängstlich und leicht zu erschrecken, der Jude gleichfalls, sie würden,
-sobald der Krieg sich etwas in die Länge zieht, oder nur droht, sich in
-die Länge zu ziehen, sogleich alle ihre Fabriken und Banken schließen,
-und die Millionen hungriger entlassener Proletarier werden auf die
-Straße gesetzt sein. Oder hoffen Sie etwa auf die Vernunft der
-Staatsmänner und darauf, daß diese es nicht zum Kriege kommen lassen
-werden? Aber wann hat man denn jemals auf diese Vernunft bauen können?
-Oder hoffen Sie vielleicht auf die Parlamente? – daß diese nicht die
-Mittel zum Kriege bewilligen werden, weil sie etwa die Folgen
-voraussähen? Ja, aber wann haben denn die Parlamente irgendwelche Folgen
-vorausgesehen und einem auch nur ein wenig energischen oder wenigstens
-beharrlichen Staatsmann die Mittel verweigert? Und so setzt der Krieg
-den Proletarier auf die Straße. Was meinen Sie, wird er auch jetzt
-wieder nach alter Art geduldig warten und hungern? – jetzt, nach den
-Siegen des politischen Sozialismus, nach der „Internationale“, den
-Kongressen der Sozialisten und der Pariser Kommune? Nein, jetzt wird es
-anders sein: die Proletarier werden sich auf Europa stürzen und alles
-Alte auf ewig zerstören. Erst an unserem russischen Ufer werden die
-Wogen zerschellen, denn dann erst wird es sich allen sichtbarlich
-offenbaren, in welchem Maße unser nationaler Organismus sich von den
-europäischen Organismen unterscheidet. Dann werden auch Sie, meine
-Herren Doktrinäre, sich vielleicht besinnen und bei uns die „volklichen
-Grundelemente“ zu suchen anfangen, über die Sie jetzt nur zu lachen
-verstehen. Und dabei, meine Herren, weisen Sie jetzt, gerade jetzt auf
-dieses Europa hin und empfehlen es uns als Vorbild und fordern uns auf,
-bei uns jene selben „Einrichtungen“ einzuführen, die dort morgen schon
-stürzen werden, als das überlebte Absurdum, das sie sind, jene
-„Einrichtungen“, an die auch in Europa klügere Leute schon längst nicht
-mehr glauben, und die sich nur nach den Gesetzen des Beharrungsvermögens
-bis jetzt noch erhalten haben. Ja, und wer könnte denn überhaupt – außer
-einem Doktrinär – die Komödie dieser bourgeoisen Vereinigung, die wir in
-Europa sich abspielen sehen, für die normale Formel menschlicher
-Vereinigung auf Erden halten? Und diese Leute, sagen Sie, hätten bei
-sich zu Hause ihre Probleme schon längst gelöst! Etwa nach den zwanzig
-Konstitutionen binnen weniger als einem Jahrhundert und nach wenig
-weniger als zehn Revolutionen? Oh, vielleicht, – nur werden wir uns
-dann, für einen Augenblick von Europa befreit, bereits selbständig, ohne
-europäische Vormundschaft, mit _unseren_ eigenen sozialen Idealen
-befassen, die unbedingt in Christus und der Idee der persönlichen
-Vervollkommnung wurzeln, Herr Gradowskij. Sie werden nun wieder fragen:
-was für eigene, von Europa unabhängige soziale Ideale kann es denn bei
-uns geben? Ja, soziale Ideale – bessere, als Ihre europäischen, stärkere
-als Ihre europäischen, stärkere und sogar – o Entsetzen! – freisinnigere
-als es die Ihrigen sind! Ja, freisinnigere, denn sie kommen unmittelbar
-aus dem Organismus unseres Volkes und sind nicht lakaienhaft
-unpersönliche Kopien europäischer Vorbilder. Hier kann ich natürlich
-nicht näher darauf eingehen, wenn auch nur deshalb nicht, weil der
-Artikel ohnehin lang geworden ist. Übrigens – erinnern Sie sich: was war
-und was wollte die älteste christliche Kirche sein? Sie bildete sich
-sogleich nach Christus, damals nur aus einigen wenigen Menschen, und
-sogleich, fast schon in den ersten Tagen nach Christus, war sie
-bestrebt, ihre „bürgerliche Formel“ zu finden, die restlos auf der
-sittlichen Hoffnung und der Idee der Wiedergeburt und Erneuerung des
-Geistes auf Grund der persönlichen Vervollkommnung beruht. Es entstanden
-christliche Gemeinden, Kirchen, und dann begann schnell eine neue, bis
-dahin noch nie gesehene Nationalität zu entstehen – eine allbrüderliche,
-allmenschliche in der Form der allgemeinen ökumenischen Kirche. Aber sie
-wurde verfolgt, ihr Ideal entwickelte sich gleichsam unterirdisch – über
-ihm aber, auf der Erde, entstand gleichfalls etwas Großes, ein
-riesenhaftes Gebäude, ein ungeheurer Ameisenbau: das römische Imperium,
-das gleichfalls so etwas wie ein Ideal und eine Auslösung des sittlichen
-Strebens in der ganzen alten Welt war. Es erschien der Menschgott, und
-das Imperium nahm als religiöse Idee Gestalt an, es ward Gestalt einer
-Idee, die in sich und durch sich allem sittlichen Streben der ganzen
-alten Welt den Ausweg bot. Aber der Ameisenhaufen ward von der Kirche
-untergraben. Es kam zum Zusammenstoß der beiden entgegengesetztesten
-Ideen, die es überhaupt auf der Erde geben kann: der Menschgott stieß
-auf den Gottmensch, Apollon auf Christus. Und es kam zum Kompromiß: das
-Imperium nahm das Christentum an und die Kirche das römische Recht und
-seine Staatsform. Ein kleiner Teil der Kirche ging in die Einsamkeit und
-setzte in der Einsiedelei die frühere Arbeit fort: Es entstanden wieder
-christliche Gemeinden, dann Klöster – alles freilich nur Versuche, sogar
-bis zum heutigen Tage. Der andere riesengroße Teil der Kirche teilte
-sich in der Folge, wie Sie wissen, in zwei Hälften. In der westlichen
-Hälfte ging die Kirche zu guter Letzt vollständig in den Staat auf. Und
-als das Imperium unterging, trat die Kirche an seine Stelle – sie hatte
-sich endgültig verwandelt und war tatsächlich zum Staat geworden. Das
-Papsttum war die Fortsetzung des alten römischen Staates, nur in seiner
-neuen Form.
-
-In der östlichen Hälfte dagegen ward der Staat vom Schwerte Mohammeds
-zerstört und so blieb ihr nur Christus, ein Christus, der vom Staat ganz
-abgesondert war. Das Land aber, das dann von Byzanz aus diesen Christus
-annahm und von neuem erhob, hat so grauenvoll unter Feinden, unter dem
-Tatarenjoch, unter Unordnung im Reich, unter der Leibeigenschaft, unter
-Europa und dem imitierten Europäertum zu leiden gehabt und erträgt auch
-jetzt noch so unendlich viel Schweres, daß seine soziale Formel – im
-Sinne des Geistes der Liebe und der christlichen Selbstvervollkommnung –
-sich in ihm allerdings noch nicht hat ausarbeiten können. Nur haben Sie,
-Herr Gradowskij, deshalb wohl noch nicht das Recht, diesem Volk daraus
-einen Vorwurf zu machen. Vorläufig ist unser Volk meinetwegen erst nur
-der Träger Christi, auf den allein es denn auch seine ganze Hoffnung
-setzt. Es nennt sich, den Mann aus dem Volke, „Krestjanin“[30], d. h.
-soviel wie „Christjanin“, und das ist nicht nur ein leeres Wort, sondern
-hierin liegt eine Idee, die seine ganze Zukunft ausfüllen wird.
-
-Sie, Herr Gradowskij, machen Rußland seine Unordnung zum Vorwurf. Aber
-wer hat denn in diesen ganzen letzten zwei Jahrhunderten und namentlich
-in den letzten fünfzig Jahren eine bessere innere Einrichtung des Landes
-am meisten verhindert? Das waren doch gerade immer nur die Leute Ihres
-Schlages, Herr Gradowskij, die sogenannten russischen Europäer, die in
-den ganzen zwei Jahrhunderten nicht ausstarben und sich jetzt noch ganz
-besonders breit machen. Wer ist der größte Feind der organischen und
-selbständigen Entwicklung Rußlands auf seinen eigenen volklichen
-Grundlagen? Wer ist es, der spöttisch und hochmütig nicht einmal das
-Vorhandensein dieser Grundlagen anerkennt und sie überhaupt nicht
-bemerken will?! Wer ist es, der unser Volk – nach irgendwelchen
-illusorischen Begriffen nennen sie es: „zu sich emporheben“ – umwandeln
-will?! d. h. einfach alle zu solchen machen, wie diese Herren selber
-sind, zu liberalen Pseudoeuropäern, indem sie von der Masse des Volkes
-immer wieder je ein Menschlein abreißen und verführen und „entarten“, d.
-h. verderben und zum Europäer wandeln, sei es auch nur insoweit, als man
-das mit europäisch zugeschnittenen Rockschößen erreichen kann?! Damit
-sage ich nicht, daß der Europäer verderbt sei; ich sage nur, daß einen
-Russen auf diese Weise in einen Europäer verwandeln, wie unsere
-Liberalen es tun, oft nichts anderes als einfach „verderben“ bedeutet.
-Gerade das aber ist das Ideal, das Programm ihrer Tätigkeit: von Zeit zu
-Zeit ein Menschlein von der ganzen Masse abzureißen – das ist ihr
-Bestreben. Wie absurd! Und so wollten sie alle achtzig Millionen unseres
-Volkes nach und nach umwandeln? Ja, glauben Sie denn wirklich im Ernst,
-daß unser Volk als Ganzes, die einheitliche Masse des Volkes, jemals
-einwilligen werde, etwas ebenso Unpersönliches zu werden, wie es diese
-russischen Herren Europäer sind?
-
-
- Der Byronismus
-
- (1877)
-
-Unsere beiden großen Dichter vom Anfang des Jahrhunderts, Puschkin und
-Lermontoff, waren „Byronianer“. Dieses Wort wurde am Grabe Nekrassoffs
-in einem Tone gesagt, als wäre es ein Scheltwort. Wer es aber in diesem
-Sinne gebraucht, befindet sich in einem Irrtum.
-
-Der „Byronismus“ war allerdings nur eine vorübergehende, fast nur
-momentane, aber, an sich betrachtet, doch große, notwendige und heilige
-Erscheinung im Leben der europäischen Geister oder sogar im Leben der
-ganzen Menschheit. Er entstand in einer Zeit der allgemeinen
-Enttäuschung, wenn nicht gar Verzweiflung. Mit überschwenglicher
-Begeisterung hatte man die neuen Ideale des neuen Glaubens, der gegen
-Ende des achtzehnten Jahrhunderts von Frankreich verkündet wurde,
-aufgenommen, – als plötzlich der Verlauf der Dinge in der führenden
-Nation Europas eine Wendung nahm, die so wenig den großen Erwartungen
-entsprach und die Menschen in ihrem hoffnungsvollen Glauben so tief
-enttäuschte, daß gerade jene Zeit für die suchenden Geister vielleicht
-die traurigste Zeit war, die die Geschichte Westeuropas kennt. Und nicht
-nur aus äußeren (politischen) Gründen stürzten die für einen Augenblick
-erhobenen Götzen, sondern ebenso infolge ihres inneren Bankrotts, was
-denn auch alle führenden Geister und alle starken Herzen sofort
-erkannten. Aber der neue _Ausweg_ war noch nicht zu finden, noch öffnete
-sich keine neue Tür, und so rang man mit dem Ersticken, rang innerhalb
-eines entsetzlich verkleinerten Horizonts und unter einem drückend tief
-herabgesenkten Himmel. Die alten Götterbilder lagen in Trümmern, die
-neuen aber blieben aus. Das war die Zeit, die ihren dichterischen
-Ausdruck in einem großen Genie, einem leidenschaftlichen Dichter fand.
-Aus seinen Strophen tönte die damalige Sehnsucht der Menschheit, sprach
-zugleich ihre finstere Enttäuschung, ja ihr Irrewerden an ihrem
-Lebenszweck und an ihren Idealen, von denen sie sich betrogen sah.
-Byrons Muse war damals eine neue, noch völlig unbekannte Muse der
-Vergeltung und Trauer, der Verwünschung und Verzweiflung. Und dieser
-Geist, der aus Byron sprach, sprach plötzlich aus der ganzen Menschheit:
-aus allen Ländern hörte man einen Widerhall seiner Stimme. Der
-Byronismus – der war nun gleichsam die erste Tür, die sich öffnete; oder
-wenigstens war in der allgemeinen traurigen Stimmung, die zum größten
-Teil ganz unbewußt sein mochte, gerade Byrons Stimme jener mächtige
-Schrei, in dem sich alles Gestöhn der Menschheit sammelte. Wie hätte er
-da nicht auch bei uns ein Echo finden sollen, und noch dazu in einem so
-großen, genialen und führenden Geist wie Puschkin? Denn dem Byronismus
-konnte sich bei uns damals weder ein größerer Geist, noch ein großes
-Herz verschließen, und das war durchaus natürlich und geschah nicht etwa
-nur aus Mitgefühl mit Europa und der europäischen Menschheit, so aus der
-Ferne, sondern weil auch bei uns in Rußland gerade zu jener Zeit gar zu
-viele neue, gleichfalls noch ungelöste und quälende Probleme auftauchten
-und auch noch gar zu viele alte Enttäuschungen zu verwinden waren ...
-Aber die Größe Puschkins, als führendes Genie, bestand ja gerade darin,
-daß er so schnell und als einziger in einer fast vollständig
-verständnislosen Umgebung den festen Weg, _den großen und ersehnten
-Ausweg für uns Russen fand und auf ihn hinwies_. Dieser Ausweg aus der
-Verzweiflung, diese Rettung war – _das Volk, die Anerkennung des
-russischen Volksgeistes_ und die Einsicht, daß wir uns seiner Wahrheit
-unterwerfen müssen.
-
-
- Über russische Literatur
-
- (1861)
-
-Jeder geschichtliche Zeitabschnitt hat von jeher neben seinen
-herrschenden Anschauungen und Überzeugungen noch einige andere
-Anschauungen, zu denen öffentlich sich zu bekennen, den Zeitgenossen
-gleichsam der Mut fehlt. Die Menschen von heute können freilich eine
-Menge guter Beweggründe zu einem solchen Verhalten haben, doch oft
-genug, ja sogar meistens verschweigen wir unsere wahre Meinung aus einem
-gewissen geheimen Jesuitismus, dessen größter Knebel unsere Eigenliebe
-ist – eine bis zur eifersüchtigsten Eitelkeit, ja sogar bis zum
-empfindlichsten Ehrgeiz gesteigerte Eigenliebe. Das Seltsamste an dieser
-Eigenliebe ist nun wohl, daß sie alles ruhig hinnimmt, sogar
-Bezeichnungen wie Schurke, Spitzbube, Dieb – d. h. sofern sie nicht
-buchstäblich ausgesprochen werden – alles, außer einem Zweifel an ihrem
-Verstande. Der Grund hierfür ist vielleicht darin zu suchen, daß man
-gerade in unserer Zeit immer stärker und schmerzhafter zu fühlen und
-sogar schon zu erkennen anfängt, daß jeder Mensch erstens seiner selbst
-wert ist, und zweitens, als Mensch im Namen seiner Menschenwürde auch
-jedes anderen Menschen wert sein sollte. Infolge dieser Erkenntnis
-verlangt es den Menschen nach Achtung seines Ich. Da aber der überlegene
-Verstand der einzige unverrückbare und unbestreitbare Vorrang des einen
-Menschen vor dem anderen Menschen ist, so will eben keiner in der
-Berechtigung auf den Vorrang hinter dem anderen zurückstehen. Darum ist
-man denn auch heutzutage mitunter gar zu zaghaft, wenn es sich darum
-handelt, eine Überzeugung zu äußern. Aber man ist es, weil man
-befürchtet, die anderen könnten sie rückständig oder sogar beschränkt
-nennen. Und doch müßte ein jeder, der aufrichtig überzeugt ist, seine
-Überzeugungen heilig halten; wer aber seine Überzeugungen heilig hält,
-müßte doch auch etwas für sie tun. Ja, jeder ehrliche Mensch ist es,
-unserer Meinung nach, einfach sich selbst schuldig, für seine
-Überzeugungen einzutreten, wofern er wirklich selbst an sie glaubt –
-denn es gibt ja unter den Überzeugten auch solche, die selber an ihre
-Überzeugungen nicht glauben. Ich habe sogar persönlich einen solchen
-Herrn gekannt. Er gehörte zu jener Kategorie zweifellos kluger Leute,
-die in ihrem ganzen Leben nichts anderes tun als Dummheiten. (Übrigens,
-wie ist das zu erklären, daß beschränkte, stumpfe Menschen viel weniger
-Dummheiten begehen als kluge Menschen?) Doch als ich jenen Herrn fragte,
-weshalb er denn andere mit solchem Eifer zu überzeugen trachte und woher
-er dieses Feuer, diese Leidenschaft der Überzeugung nehme, wenn er
-selber an seinen Worten zweifle – da antwortete er, daß er sich eben
-deshalb so ereifere, weil er sich selbst überzeugen wolle. Da sieht man,
-was das heißt, eine Idee von außen lieben, nur aus Vorliebe für sie, und
-ohne sie vorher wirklich geprüft zu haben (es ist sogar, als
-_fürchteten_ sie sich davor), ob sie richtig ist oder falsch! Wer weiß,
-vielleicht ist es nur zu wahr, daß manche leidenschaftlichen Eiferer ihr
-Leben lang andere zu überzeugen suchen, nur um sich selbst zu
-überzeugen, und dann doch unüberzeugt ins Grab gehen ... Doch genug
-davon! ... Mag man nun von uns denken, daß auch wir uns von unserer Idee
-hinreißen ließen, daß die Idee an sich falsch, unbegründet sei und von
-uns übertrieben werde, daß wir aus all zu jugendlicher Leidenschaft oder
-aus greisenhafter Geistesschwäche sprechen usw. usw. ... Nun, dann möge
-man es denken! Wir aber sind überzeugt, daß wir damit keinem schaden,
-wenn wir öffentlich aussprechen, woran wir glauben. Weshalb sollten wir
-es also nicht wirklich tun?
-
- * * * * *
-
-Ja, wir glauben, daß die russische Nation eine außergewöhnliche
-Erscheinung in der Geschichte der ganzen Menschheit ist. Der Charakter
-des russischen Volkes ist den Charakteren aller anderen europäischen
-Völker so unähnlich, daß die Europäer ihn bis heute noch nicht
-verstehen; oder was noch schlimmer ist, sie verstehen ihn verkehrt. Die
-europäischen Völker streben alle demselben Ziele zu, sie haben alle ein
-und dasselbe Ideal; das wird niemand bestreiten können. Aber alle
-entzweien sie sich in ihren Lokalinteressen. Ihre Exklusivität auch
-unter sich geht bis zur Unversöhnlichkeit, und je weiter desto mehr
-gehen sie auseinander und entfernen sich vom gemeinsamen Wege. Wie es
-scheint, will jede Nation nur aus eigener Kraft und ganz allein in ihrem
-Lande das allmenschliche Ideal finden, und so stören sie sich
-gegenseitig und schaden damit nur ihrer Sache. Wir wiederholen jetzt im
-Ernst, was wir einmal scherzend sagten: Der Engländer kann bis auf den
-heutigen Tag in der Existenz des Franzosen noch keine Logik sehen, und
-umgekehrt: der Franzose versteht den Engländer nicht um ein Atom besser,
-und das gilt nicht nur vom Durchschnittsfranzosen, vom instinktiven
-Empfinden des Volkes, sondern sogar von seinen ersten Männern, sogar von
-den geistigen Repräsentanten beider Nationen. Der Engländer macht sich
-bei jeder Gelegenheit über seinen Nachbarn lustig und blickt mit
-unversöhnlicher Verachtung auf dessen nationale Eigenheiten. Ihre
-Gegnerschaft raubt ihnen die Unvoreingenommenheit und macht sie
-parteiisch. So hören sie auf, sich gegenseitig zu verstehen. Die
-Franzosen sehen mit anderen Augen auf das Leben als die Engländer und
-ebenso verschieden sind ihre Religionen – und darauf sind sie noch
-stolz! Immer beharrlicher und eigensinniger entfernen sie sich
-voneinander in ihren Gesetzen wie in ihrer Weltanschauung. Sowohl der
-Franzose wie der Engländer sieht in der ganzen Welt nur sich allein und
-in jedem anderen ein Hindernis auf seinem Wege; und ein jeder will nur
-bei sich das vollbringen, was bloß alle Völker zusammen vollbringen
-könnten, mit vereinten Kräften. Wie nun, sollte diese Gegnerschaft etwa
-nur ein Überbleibsel der früheren Kämpfe sein? Muß man die Ursachen der
-Entzweiung in der Zeit der Jeanne d’Arc oder in der der Kreuzzüge
-suchen? Ist denn die Zivilisation wirklich so machtlos, daß sie diesen
-alten Haß bis auf den heutigen Tag noch nicht hat überwinden können?
-Oder sollte man die Ursachen nicht vielmehr im Boden selbst, im Blut, im
-ganzen Geist der beiden Völker suchen? Auch die übrigen Europäer sind
-größtenteils wie jene. Die Idee der Allmenschheit schwindet bei ihnen
-mehr und mehr. Bei jedem Volk erhält sie ein anderes Aussehen, verblaßt
-zunächst und nimmt dann im Bewußtsein der Menschen eine ganz andere
-Gestalt an. Das Christentum, das sie bisher noch verband, verliert mit
-jedem Tage an Kraft und Bedeutung. Selbst die Wissenschaft vermag die
-immer mehr Auseinanderstrebenden nicht zu vereinen. Freilich haben sie
-insofern recht, als eben diese ihre Exklusivität, diese Gegnerschaft
-untereinander, diese ihre Abgeschlossenheit von anderen und dieses
-stolze Vertrauen auf sich allein – als gerade das ihnen die Riesenkräfte
-im Kampf mit den Hindernissen auf ihrem Wege gibt. Nur werden dadurch
-diese Hindernisse immer größer und zahlreicher. Dieser große Gegensatz
-ist es, der die Europäer hindert, die Russen zu verstehen, und so
-nennen sie die größte Eigenart des russischen Charakters –
-„Charakterlosigkeit“. Wir wissen, daß wir alles das vorläufig ohne
-Beweise aussprechen, doch die Anführung von Beweisen würde zu weit
-führen und über den Rahmen dieses Artikels hinausgehen. Aber auch so
-wird man uns wenigstens beipflichten, daß der Charakter der russischen
-Nation sich aufs schärfste von den Charakteren der europäischen Nationen
-unterscheidet, denn wodurch er sich vornehmlich auszeichnet, ist seine
-hohe synthetische Begabung. Und doch hat die russische Nation
-jahrhundertelang feindlich auf Europa geblickt, hat eigensinnig nichts
-mit Europa zu tun haben wollen und hat seine Zukunft nicht einmal
-geahnt! Peter aber verspürte in sich gleichsam instinktiv die neue Kraft
-und erriet die Notwendigkeit einer Erweiterung des geistigen Horizonts
-und des Arbeitsfeldes für alle Russen. Ich sage „die Notwendigkeit“,
-weil es ihr Bedürfnis war, das sie unbewußt in sich trugen und das
-unbewußt aus ihnen hervorbrach, – das schon von Anbeginn, seitdem es
-überhaupt Slawen gibt, in ihrem Blute lag. Man sagt, Peter habe aus
-Rußland nur ein Holland machen wollen. Das wissen wir nicht. Die
-Persönlichkeit Peters ist trotz aller historischen Erklärungen und
-Forschungen der letzten Zeit für uns bis jetzt noch sehr rätselhaft. Wir
-begreifen nur eins: daß er doch mehr als nur originell sein mußte, um
-als Zar von Moskau in Holland Werftarbeiter zu werden. Jedenfalls sehen
-wir in Peter ein Beispiel dafür, wozu ein Russe sich entschließen kann,
-wenn er sich erst einmal voll und ganz überzeugt hat und fühlt, daß die
-Zeit gekommen ist und in ihm selber die neuen Kräfte schon herangereift
-sind. Schier unheimlich ist es, bis zu welchem Grade der Geist des
-Russen frei ist und von welch ungeheurer Gewalt sein Wille sein kann!
-Noch niemals hat sich jemand von seinem Boden so losgerissen, wie der
-Russe, und ist von seinem Wege so jäh abgebogen, um seiner neuen
-Überzeugung zu folgen! Und wer weiß, meine Herren Europäer, vielleicht
-ist es gerade Rußlands Bestimmung, solange zu warten, bis Sie Ihre
-Aufgabe beendet haben, inzwischen Ihre Ideen sich anzueignen, Ihre
-Ideale, Ihre Ziele, den Charakter Ihrer Bestrebungen zu begreifen, dann
-aber Ihre Ideen zu vereinen, sie zu allmenschlicher Bedeutung zu erheben
-und schließlich freien Geistes, frei von allen nebensächlichen Kasten-
-und Klasseninteressen, ein neues, großes, in der Geschichte noch
-unbekanntes Wirken zu beginnen, dort einsetzend, wo Sie aufhören, und
-Sie alle mitzureißen! Hat doch unser Dichter Lermontoff Rußland mit dem
-Recken unserer Sagen Ilja von Murom verglichen, der dreißig Jahre lang
-gelähmt in der Hütte saß, dann aber plötzlich aufstand und ging, als er
-mit einemmal Reckenkraft in sich verspürte. Wozu sind denn so reiche und
-eigenartige Fähigkeiten den Russen verliehen? Etwa nur zu dem Zweck, um
-zu nichts nütze zu sein?
-
-Vielleicht wird man uns jetzt fragen, woher wir soviel Großtuerei,
-soviel Anmaßung uns angeeignet und wo denn unsere Selbstkritik
-geblieben, unser nüchterner Blick? Darauf entgegnen wir: wenn wir
-solange so unnachsichtige Selbstverurteilung ertragen haben, dann werden
-wir auch eine andere Wahrheit ertragen können, selbst wenn sie das
-gerade Gegenteil jener ersten Selbsterkenntnis ist. Wir erinnern uns
-noch sehr gut, wie wir uns ‚Slawen‘ schalten, weil wir uns nicht in
-Europäer verwandeln konnten. Sollten wir nun wirklich nicht gestehen
-dürfen, daß wir damals ohne Einsicht sprachen? Wir wollen deshalb die
-Fähigkeit der Selbstverurteilung nicht abschütteln, wir lieben sie und
-halten sie für eine der besten Seiten der russischen Natur, für ihre
-Eigenart, für etwas, was die Europäer nicht haben. Wir wissen, daß wir
-uns in unserer Selbstverurteilung noch lange werden üben müssen, ja
-vielleicht sogar – je länger, desto besser. Aber versuchen Sie doch
-einmal, meine Herren, dem Franzosen etwas Abfälliges zu sagen, nun z. B.
-was seine Tapferkeit betrifft oder seine _légion d’honneur_. Oder rühren
-Sie den Engländer in irgendeiner allergeringfügigsten seiner häuslichen
-Gewohnheiten an, und Sie werden sehen, was er Ihnen antwortet. Weshalb
-sollen wir nun nicht auch einmal eine unserer guten Seiten hervorheben –
-daß wir Russen nämlich nicht so empfindlich und pedantisch sind
-(ausgenommen vielleicht die sogenannten Generale unserer Literatur)! Wir
-glauben an die Kraft des russischen Geistes nicht weniger als gleichviel
-welche anderen Völker an ihren Geist. Sollten wir nun wirklich nicht das
-bißchen Lob vertragen? Nein, meine Herren Europäer! Verlangen Sie von
-uns vorläufig noch keine Beweise für die Richtigkeit unserer Äußerungen
-über Sie und über uns, bemühen Sie sich lieber, uns etwas besser kennen
-zu lernen, wenn Sie dazu nur die Muße finden. Da haben Sie sich Gott
-weiß von wem sagen lassen, wir seien Fanatiker, und Sie glauben, die
-Soldaten würden bei uns zum Fanatismus aufgestachelt. Mein Gott, wenn
-Sie wüßten, wie lächerlich diese Ihre Annahme ist! Wenn es in der Welt
-überhaupt ein Wesen gibt, das keinen Fanatismus kennt, so ist das gerade
-der russische Soldat. Und wie schlecht kennen Sie auch unsere Offiziere!
-Sie haben es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß es bei uns nur
-zwei Stände gäbe: _les boyards et les serfs_, – und darauf sitzen Sie
-nun, stolz auf Ihr Wissen. Wo sind denn hier die Bojaren? Freilich gibt
-es bei uns verschiedene Stände, doch zwischen allen unseren Ständen gibt
-es mehr Vereinigungs- als Entzweiungspunkte. Das ist die Hauptsache. Das
-ist die Bürgschaft für den Frieden im Inneren, für die Ruhe im
-allgemeinen, die brüderliche Liebe und jedes Gedeihen. Jeder Russe ist
-vor allen Dingen Russe, erst in zweiter Reihe kommt in Frage, zu welch
-einem Stande er gehört. Bei Ihnen dagegen ist es ganz anders, und wir
-bedauern Sie deshalb. Ja bei Ihnen pflegt es gerade umgekehrt zu sein.
-Bei Ihnen ist aus Standesinteresse mitunter sogar die ganze Nation zum
-Opfer gebracht worden, und das noch sogar vor kurzem, das geschieht
-selbst jetzt noch und wird gewiß noch mehrmals geschehen. Folglich sind
-bei Ihnen die Stände noch sehr stark unterschieden, die Stände sowohl
-wie alle Ihre Korporationen.
-
-Man wird uns nun vielleicht verwundert fragen wollen: „Aber worin
-besteht denn Ihre gelobte Fähigkeit, Ihre Fortgeschrittenheit? Uns
-deucht, zu sehen ist sie noch nirgends!“ – Ja, Sie sehen sie nicht, denn
-Sie richten Ihren Blick auch gar nicht dorthin, wohin man ihn richten
-muß. Es genügt, daß sie schon im Geist und im Verlangen des ganzen
-Volkes ist; es genügt, daß eine, wenn auch noch so kleine Gruppe
-anfängt, unter sich wenigstens im allgemeinen übereinzustimmen. Nennen
-Sie uns nicht dünkelhafte, kurzsichtige, unreife Menschen. Nein, wir
-haben schon lange den nötigen Einblick und suchen längst alles zu
-analysieren; wir quälen uns mit dem Hin- und Herraten; wir sind uns über
-dem Analysieren sogar selber zum Überdruß geworden. Wir haben doch auch
-gelebt und vieles erlebt. Übrigens, sollten wir Ihnen nicht einmal die
-Geschichte unserer Entwicklung, unseres Wachstums erzählen? Natürlich
-werden wir nicht mit Peter dem Großen beginnen; wir beginnen mit der
-jüngsten Zeit, eben mit der Zeit, als in unsere gebildete Schicht
-plötzlich die Analyse eindrang. Nun also ...
-
-Es gab Augenblicke, wo wir, d. h. die Zivilisierten, an uns selbst nicht
-glaubten. Damals lasen wir noch französische Romane, lehnten aber einen
-Alexander Dumas und seine ganze Sippe mit Verachtung ab. Wir stürzten
-uns damals auf George Sand, aus deren Romanen wir zuerst das erfuhren,
-was die Zensur in anderen Werken nicht durchließ – oh, und mit welcher
-Begeisterung lasen wir George Sand! Damals hörten wir Ihr europäisches
-Urteil über uns demütig an und gaben Ihnen noch recht, meine Herren, im
-übrigen aber wußten wir nicht, was tun. Und weil wir nichts anzufangen
-wußten, begründeten wir die naturalistische Schule. Auch Byronianer gab
-es bei uns. Die taten größtenteils nichts, saßen müßig und verfluchten
-nicht einmal die Welt, was sie als Byronianer eigentlich doch hätten tun
-müssen. Höchstens lächelten sie mal, wenn ihre Faulheit es der Mühe wert
-fand. Ja sie spotteten sogar über Byron, weil er sich noch so geärgert
-und geweint und geflucht hatte, was doch zu einem Lord ganz und gar
-nicht paßte. Sie sagten, es lohne sich nicht, sich zu ärgern und zu
-verfluchen, es sei alles ohnehin schon so widerlich, daß man nicht
-einmal seinen Finger rühren wolle, und ein gutes Diner sei noch das
-beste vom Leben. Und wir hörten ihnen in Ehrfurcht zu und glaubten, in
-ihrem Ausspruch vom guten Diner irgendeine geheimnisvolle, allerfeinste
-und geistreichste Ironie zu vernehmen. Sie aber wurden dick und dicker,
-nicht nur mit jedem Tage, sondern fast mit jeder Stunde. Einige blieben
-auch bei der Theorie vom guten Diner nicht stehen und gingen
-folgerichtig weiter: sie fingen an, die eigenen Taschen auf Kosten
-anderer Taschen zu füllen. Viele wurden später Falschspieler, wir aber
-meinten: „Nun ja ... das tun sie doch auch aus Prinzip. Man muß doch vom
-Leben alles nehmen, was zu nehmen ist“. Und wenn sie vor unseren Augen
-Taschendiebstahl betrieben, so sahen wir auch darin nur eine besondere
-Art angewandten Byronismus, eine weitere Entwicklung und Anwendung
-desselben, die Byron noch unbekannt geblieben war. Wir seufzten und
-schüttelten betrübt das Haupt und klagten: „Da sieht man, wozu die
-Verzweiflung einen bringen kann: dieser Mensch ist erfüllt vom edelsten
-Unmut über das Schlechte, er brennt vor Verlangen nach Betätigung, aber
-man läßt ihn nichts tun, man gibt ihm kein Arbeitsfeld und da – und da
-unterschlägt er nun mit dämonischem Lächeln Karten oder wird zum
-Taschendieb.“ Und wie rein, wie kindlich unschuldig sind viele von uns
-aus dieser schmachvollen Atmosphäre hervorgegangen! Unendlich viele! –
-Fast sogar alle – außer den Byronianern, versteht sich.
-
-Aber wir hatten doch auch manche Hochherzige, denen es gelang, ein
-überzeugendes, zündendes Wort zu sagen. Oh, die klagten nicht, daß man
-sie nicht sprechen und nicht arbeiten lasse, oder wenn sie auch klagten,
-dann doch nicht mit müßigen Händen, sondern sie taten, was und wie sie
-konnten, sie _taten_ doch wenigstens etwas und ... haben viel, sehr viel
-getan! Sie waren naiv wie Kinder, konnten die Byronianer ihr Lebtag
-nicht begreifen und starben als Märtyrer. Friede ihrer Asche! Wir hatten
-auch Dämonen, echte Dämonen; es waren ihrer zwei[31] und – oh, wie wir
-sie liebten, wie wir sie auch heute noch lieben und schätzen! Der eine
-von ihnen lachte, lachte sein Leben lang, lachte über sich und über sie,
-und wir alle lachten mit ihm, lachten so lange, daß wir schließlich zu
-weinen anfingen von unserem Lachen. Der eine von ihnen machte aus einem
-Mantel, der einem Beamten abhanden kam, die furchtbarste Tragödie. Er
-zeichnete uns in drei Zeilen den ganzen Leutnant Pirogoff – den ganzen,
-bis auf das letzte Tüpfelchen. Er schilderte uns alle möglichen
-Menschen, Spekulanten und Hochstapler, Geizhälse und Betrüger, Beamte
-und Ehrenbürger. Er brauchte nur einmal mit dem Finger auf sie zu weisen
-und sie waren auf ewig gestempelt, so daß wir schon auf den ersten Blick
-wußten, wer sie sind und wie sie heißen. Oh, das war ein Dämon von so
-kolossaler Gewalt, wie Europa noch nie einen gehabt und bei sich
-vielleicht nicht einmal dulden würde. Und der zweite Dämon – doch diesen
-zweiten Dämon haben wir vielleicht noch mehr geliebt als den ersten. Er
-verfluchte und quälte sich, quälte sich wirklich; er rächte sich und
-vergab, er weinte und lachte, lachte auch über uns, wenn er schrieb, er
-war großmütig und ... lächerlich. Er erzählte uns sein Leben, seine
-Liebesabenteuer, er litt und wir litten mit ihm, und dennoch: wer weiß,
-ob wir von ihm nicht nur genasführt wurden? – Oft konnten wir nicht
-unterscheiden, ob er im Ernst sprach, wie es den Anschein hatte, oder ob
-er sich über uns lustig machte. Unsere Beamten kannten ihn auswendig und
-ein jeder von ihnen spielte den Mephisto, sobald er die Kanzlei verließ.
-Wir teilten niemals seine Ansichten, aber er bedrückte uns, machte uns
-traurig und wir ärgerten uns und wir empfanden Mitleid mit irgend
-jemandem, den wir nicht greifen, nicht nennen konnten, und sogar Wut
-erfaßte uns. Zuletzt langweilten wir ihn und er verfluchte und verhöhnte
-uns alle und verließ uns. Unsere Blicke folgten ihm lange – bis er
-schließlich irgendwo umkam, zwecklos, aus Kaprice, und sogar, wie
-gesagt, etwas lächerlich. Wir aber lachten nicht. Uns war damals
-überhaupt nicht nach Lachen zu Sinn. Jetzt ist es etwas anderes. Jetzt
-haben wir begriffen, daß wir diese ganze Mephistofelei, alle diese
-dämonischen Anschauungen etwas zu Voreilig uns angelegt, daß es für uns
-noch etwas zu früh war, uns selber zu verfluchen und an uns zu
-verzweifeln. Ja, das waren unsere Dämonen. Doch es gab auch noch andere
-Typen.
-
-Zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft gibt es eine sogenannte „goldene
-Mittelmäßigkeit“, die auf die führende Rolle Anspruch erhebt. Diese
-„Goldenen“ haben eine ungeheuere Eigenliebe. Mit geradezu vernichtender
-Verachtung und unverschämter Anmaßung blicken sie auf alle herab, die
-noch unbekannt und nicht so „bedeutend“ sind wie sie. Sie aber sind die
-ersten, die auf jeden Neuerer Steine werfen. Und wie hämisch boshaft,
-wie beschränkt sind sie in ihrer Verfolgung jeder Idee, die noch nicht
-Zeit gehabt hat, in das Bewußtsein der Gesamtheit einzudringen. Dann
-aber – was für Marktschreier sie dann sind, was für eifrige und dabei
-doch stumpfe Anhänger derselben Idee, sobald diese erst einmal in der
-Gesellschaft Bedeutung erlangt hat! Allerdings begreifen auch sie
-schließlich den neuen Gedanken, nur begreifen sie ihn immer erst nach
-allen anderen und immer gleichsam roh, beschränkt, stumpf, und niemals
-lassen sie die Einsicht gelten, daß, wenn die Idee richtig ist, sie dann
-auch entwicklungsfähig sein muß und folglich mit der Zeit unbedingt
-einer anderen Idee weichen wird, die aus ihr selber hervorgeht und sie,
-wiederum den neuen Anforderungen einer neuen Generation entsprechend,
-vervollständigen muß. Aber die Goldenen verstehen nie die neuen
-Anforderungen, und was die neue Generation betrifft, so hassen sie diese
-stets und sehen stolz auf sie herab. Das ist sogar ihr bestes
-Erkennungszeichen. Unter diesen Goldenen gibt es immer eine große Menge
-Händler und Hausierer, deren Handelsobjekt die moderne Phrase ist. Sie
-sind es, die jeden neuen Gedanken gemein machen, ihn in eine Modephrase
-verwandeln. Alles was sie anfassen, machen sie gemein. Jede lebendige
-Idee wird in ihrem Munde zu einem Leichnam. Sie aber sind die ersten,
-die den Lohn für die neue Idee einheimsen: am Tage nach der Beerdigung
-des genialen Menschen, der die Idee verkündet hat und der gerade von
-ihnen zu seinen Lebzeiten verhöhnt und verachtet worden ist. Einige von
-ihnen sind sogar dermaßen beschränkt, daß sie im Ernst glauben, der
-geniale Mensch habe nichts getan – getan hätten alles sie allein. Ihr
-Eigendünkel ist schier unermeßlich. Sie sind geistig stumpf und
-unoriginell, ja sogar knechtisch sind sie, obschon sie der Menge klug
-erscheinen. Mit ein paar Schlagworten machen sie Eindruck, mit einigen
-gewagten scharfen Phrasen; dabei geraten sie gewöhnlich in Ekstasen, da
-sie weder den Sinn noch den geistigen Bau der Idee verstehen, und so
-schaden sie ihr selbst dann, wenn sie auch noch so aufrichtig die neue
-Ansicht teilen. Ein kleines aktuelles Beispiel: Die Denker und
-Philantropen beschäftigen sich mit der Lösung eines Problems, sagen wir
-meinetwegen mit der Frauenfrage. Es handelt sich um die soziale Stellung
-der Frau, um ihre Gleichberechtigung mit dem Mann, ihre bisherige
-Abhängigkeit vom Mann, usw. usw. Die „Goldenen“ verstehen das nun
-unbedingt in dem Sinne, daß die Ehe _von Stund’ an_ über den Haufen
-geworfen werden soll – die Hauptsache ist für sie, daß es _von Stund’
-an_ geschehe. Ferner denken sie, daß jede Frau ihrem Manne nun nicht nur
-untreu sein _kann_, sondern ihm sogar untreu _sein muß_, und daß eben
-darin der ganze sittliche Wert und Sinn der Idee enthalten sei.
-
-Am komischsten wirken diese Herren, wenn die Gesellschaft in einer
-zerfahrenen Übergangszeit sich in zwei Parteien teilt. Dann wissen sie
-nämlich nie, welcher Partei, welcher Meinung sie sich anschließen
-sollen, und dabei sind sie doch oft Autoritäten! Da heißt es nun für
-sie, sich entscheiden, seine Meinung äußern. Was tun? Nach langem
-Schwanken entscheidet sich der Goldene endlich und – jedesmal fürs
-Falsche. Das ist schon so sein Gesetz. Das ist sogar der
-charakteristische Zug der Goldenen. Ein Beispiel erleben wir jetzt in
-der Volksschulfrage. Man stützt sich auf die Tatsache, daß das gebildete
-Volk – d. h. das des Lesens und Schreibens kundige – die Gefängnisse
-fülle, und daraus folgern die Goldenen, daß Bildung fürs Volk schädlich
-sei. Die Tatsache, die sie als vermeintlichen Beweis dieser
-Schädlichkeit anführen, gibt es nur deshalb, weil die Kenntnis des ABC
-unter dem Volk noch so wenig verbreitet ist. Anstatt sie nun noch
-weniger zu verbreiten, sollte man sie gerade soviel als irgend möglich
-zum Allgemeingut machen. Erst dann, wenn der Bauer, der lesen und
-schreiben kann, nicht mehr eine solche Ausnahme unter seinesgleichen
-sein wird, erst dann wäre die eine Ursache aufgehoben, weshalb gerade
-die Nichtanalphabeten die Gefängnisse bevölkern. Überdies sollten unsere
-Goldenen doch nicht vergessen, daß das ABC der erste Schritt zur Bildung
-ist. Oder vielleicht gehört es sogar zu ihrem Regierungssystem, das Volk
-im Dunkeln zu halten? Freilich ... es gibt keinen Menschen, der
-verstockter und kapriziöser und schädlicher wäre, als es manch einer der
-Kabinettphilantropen ist. Doch genug davon. Wir sind überzeugt, daß
-selbst die geringste Elementarbildung das Volk sittlich heben, dem
-einzelnen mehr Selbstachtung verleihen und somit die Wurzel vieler
-Laster ausrotten würde. Alles hängt von den Verhältnissen ab, alles
-verändert sich nur entsprechend den Verhältnissen. Ist erst einmal das
-dringende Bedürfnis nach einem Neuen vorhanden oder wenigstens die
-Erkenntnis, daß die Gesamtheit zu ihrem Gedeihen einer Neueinführung
-bedarf, so wird sie alsbald auch Mittel und Wege finden, um das
-Notwendige auszuführen. Dagegen wird keine selbst wirklich gute Reform
-von der Masse als Verbesserung empfunden, sondern viel eher als neue
-Bedrückung, oder jedenfalls als etwas Lästiges, wenn ihr noch nicht die
-Notwendigkeit dieser Verbesserung zum Bewußtsein gekommen ist, und wäre
-es auch nur in einer noch so geringen Erkenntnis. Ebenso verhält es sich
-mit unserer Elementarschulfrage. Doch trotz aller Goldenen und deren
-Ansichten wissen wir, daß unsere Intelligenz, die sich vom _Volksboden
-gelöst_ hat, das Volk – diese „unerratene Sphinx“, wie einer unserer
-Dichter es nennt – zu guter Letzt doch verstehen lernen wird. Sie wird
-den Geist des Volkes erfassen und ihn in sich aufnehmen, denn sie weiß
-bereits, daß dies die Grundlage unserer zukünftigen Entwicklung ist. Und
-sie hat schon erkannt, daß es an ihr ist, den ersten Schritt zu tun, um
-die Versöhnung und Vereinigung zustande zu bringen, und sie wird auch
-die Lösung finden, _wie_ das geschehen muß.
-
-Nun hängt alles vom ersten Schritt zur Annäherung ab: daß wir
-herausbekommen, wie wir es anfangen sollen, damit das Volk uns sein
-mißtrauisches Gesicht wieder zuwendet. Natürlich werden sich noch eine
-Menge Herren finden, die über unsere Worte lachen können. Wir wissen,
-daß es solcher Menschen eine Legion gibt, doch gehen sie uns nichts an.
-Übrigens hat jemand, wie wir hören, versichert, wir, d. h. unsere
-Zeitschrift, sähe ihre Aufgabe darin, eine Versöhnung zwischen der
-europäischen Zivilisation und unserem Volksgeist zustande zu bringen.
-Wir halten diese Äußerung nur für einen Scherz. Nicht ein einzelner
-Mensch kann das noch unbekannte Wort der Versöhnung sagen und dieses
-Problem lösen. Wir versuchen ja nur die Hauptidee, die uns leiten wird,
-anzugeben. Wir werden gleich allen anderen die Lösung des Problems
-suchen, werden unermüdlich wiederholen und beweisen, daß gesucht werden
-_muß_; wir werden forschen, das Material verarbeiten, unsere Eindrücke
-und Gedanken den Lesern mitteilen – darin wird unsere ganze Tätigkeit
-bestehen. Ein Wort ist gleichfalls eine Tat, und bei uns noch mehr als
-sonstwo. Ein Wort zur rechten Zeit kann von unschätzbarem Nutzen sein.
-Deshalb haben wir die Hoffnung, daß auch wir nützlich sein werden.
-Unsere Zeitschrift wendet sich an unsere gebildeten Kreise, nicht an das
-Volk, denn noch immer ist das erste Wort und der erste Schritt die
-Aufgabe der gebildeten Kreise gewesen. Dasselbe erwarten wir auch in
-diesem Fall, um so mehr, als es die gebildete Schicht war, die sich vom
-Volk entfernte. Die Annäherung wird noch viel Mühe kosten, das fühlen
-wir alle, obschon wir noch nicht klar sehen, worin die Schwierigkeiten
-bestehen werden. Die Hauptsache ist wohl die Beseitigung der
-Mißverständnisse, und die sind immer durch Geradheit, Offenheit und
-Liebe zu beseitigen. Wir haben bereits erkannt, daß die Interessen
-unseres Standes im Volk ruhen und die des Volks in uns. Wenn diese
-Erkenntnis allgemein wäre, so wäre der Erfolg gewiß. Aber obschon sie
-noch nicht allgemein ist, so sind doch Anzeichen vorhanden, daß sie sich
-bereits zu verbreiten anfängt, vorläufig aber genügt das auch. Es ist
-möglich, daß diejenigen, die die Annäherung wünschen, in ihren Versuchen
-tausend Fehler begehen werden, doch was tut das! – eine gerechte Sache
-ist deshalb noch nicht verloren. Wenigstens bleibt die Idee
-unerschüttert. Worauf es ankommt, ist – daß das Volk unseren Willen
-sieht und ihn begreifen lernt. Und das zu erreichen, dazu wird uns die
-Liebe am ehesten helfen, da sie verständlicher ist als alle Schlauheiten
-und diplomatischen Finessen. Liebe ist leicht zu erkennen, das Volk ist
-einsichtig und dankbar und fühlt sofort, von wem es geliebt wird. Ein
-Vorbild der Annäherung hat uns der Zar gegeben, indem er das letzte
-Hindernis auf dem Wege zur Vereinigung beseitigte: indem er die
-Leibeigenschaft aufhob – und es gibt nichts Höheres, Heiligeres in der
-ganzen tausendjährigen Geschichte Rußlands als es diese Tat des
-Herrschers ist. Wohl haben wir in den letzten anderthalb Jahrhunderten
-nichts getan, als das Volk zu Mißtrauen gegen uns zu erziehen, aber wenn
-nur der Wille da ist, werden wir es doch erreichen, daß wir wieder sein
-Zutrauen und seine Achtung erringen. Und welche Riesenkräfte werden wir
-dadurch gewinnen! Wie wird alles wachsen, erstarken, sich erneuern!
-Natürlich wird von der ganzen dazu erforderlichen Kraft nur ein Zehntel
-von uns stammen, die übrigen neun Zehntel bringt das Volk selber auf.
-
-„Aber was wollen Sie denn mit Ihrer Bildung anfangen?“ hören wir fragen.
-
-„Sie wollen das Volk bilden, d. h. dem Volk dieselbe europäische
-Zivilisation geben, die Sie selbst schon als nicht zu uns passend
-erkannt haben. Sie wollen also einfach das Volk europäisieren?“
-
-Hierauf entgegnen wir, daß es doch nicht gut möglich ist, von der
-europäischen Idee auf einem ihr vollständig fremdem Boden dieselben
-Früchte zu erwarten, die sie auf ihrem europäischen Boden gezeitigt hat.
-Bei uns ist alles dermaßen anders, ist alles so unähnlich Europa, sowohl
-innerlich wie äußerlich, wie überhaupt in jeder Beziehung, daß es ganz
-ausgeschlossen ist, europäische Resultate von uns zu erwarten. Deshalb
-wiederholen wir: was zu uns paßt, das wird bleiben, was nicht paßt, wird
-von selbst wegfallen. Es ist ausgeschlossen, daß man unser Volk zu
-Deutschen oder anderen Europäern machen könnte. Im Vergleich zum Volk
-sind wir, die Intelligenz, nur ein verschwindend kleines Häuflein, und
-folglich sind auch unsere selbständigen Kräfte um soviel geringer als
-die der ganzen riesengroßen Volksmasse. Und doch haben wir uns ganze
-anderthalb Jahrhunderte in Europa aufgehalten, ohne deshalb zu Deutschen
-geworden zu sein. Folglich haben auch wir, ungeachtet unserer geringen
-Zahl und Kräfte und unserer Losgelöstheit vom Volksboden, die großen
-russischen Grundideale der Allmenschlichkeit und Allversöhnung in uns
-getragen und sie auch in dieser Zeit nicht eingebüßt. Jetzt haben sie
-sich in uns erhoben. Wir begriffen, daß wir nichts anderes werden
-können, als das, was wir sind. Und es kam das Verlangen über uns, zu
-unserem Volk zurückzukehren. Wir fingen an, uns unserer Untätigkeit,
-unserer Unselbständigkeit inmitten der ungeheuren Tätigkeit der
-europäischen Völker zu schämen – und wir begriffen, daß wir in Europa
-nichts zu tun haben. Anderseits steht nicht zu befürchten, daß die
-europäische Wissenschaft unserem Volk eine Fessel auflegen werde; sie
-wird nur sein Arbeitsfeld vergrößern und ihm die Möglichkeit geben, auch
-sein Wort in der Wissenschaft zu sagen. Bisher war die Wissenschaft bei
-uns wie eine seltene Treibhauspflanze, und unsere Gesellschaft hat eine
-besondere wissenschaftliche Betätigung weder in der Theorie noch in der
-Praxis bewiesen, denn sie war vom Volk losgerissen und an und für sich
-kraftlos. Nur die Krone hat Brücken und Wege gebaut und auch das meist
-mit Hilfe fremder Ingenieure. Aber auch die Wissenschaft wird
-schließlich bei uns Wurzel fassen – vielleicht erst in einer Zeit, wenn
-wir nicht mehr sind. Wir können noch nicht einmal ahnen, was dann sein
-wird, doch wir wissen, daß unsere Zukunft nicht schlecht sein kann.
-Unserer Generation aber ward die Ehre zuteil, das erste Wort
-auszusprechen und den ersten Schritt zu tun.
-
-
- Über Tolstois Roman „Anna Karénina“
-
- (1877)
-
-
- Der Roman „Anna Karénina“, als eine Tatsache von besonderer
-
- Bedeutung
-
-In den Kreisen unserer Intelligenz pflegen jetzt viele, wenn man mit
-ihnen vom Volk spricht, gegen ein Auseinanderhalten von Volk und
-Intelligenz zu protestieren: „Was für ein Volk? Auch ich bin Volk!“
-heißt es.
-
-Im achten Teil des Romans „Anna Karenina“ sagt Lewin, der geliebte Held
-des Autors, auch von sich, daß er Volk sei. Diesen Lewin habe ich früher
-einmal einen Menschen mit reinem Herzen genannt. Obschon ich nun
-unverändert fortfahre, an die Reinheit seines Herzens zu glauben, glaube
-ich doch nicht, daß er – Volk sei. Im Gegenteil, ich sehe jetzt, daß
-auch er sich mit Vorliebe absondert. Überzeugt habe ich mich davon, als
-ich diesen achten und letzten Teil des Romans las. Lewin ist ja
-allerdings keine gegenwärtige, keine lebende Persönlichkeit, sondern nur
-die Phantasiegestalt eines Schriftstellers; aber dieser Schriftsteller,
-der ein ungeheures Talent, ein bedeutender Geist und ein von der
-Intelligenz Rußlands überaus geachteter Mensch ist, läßt diese
-Phantasiegestalt auch seine, des Autors, persönlichen Ansichten
-entwickeln, was besonders deutlich in diesem letzten Teil geschieht,
-wobei er in scharfen Widerspruch mit der gegenwärtigen russischen
-Wirklichkeit gerät. Das aber dürfte doch schon ein ernstes Thema für
-eine Erörterung sein, selbst in unserer so bewegten Zeit, die voll ist
-von großen, erschütternden, in schneller Reihenfolge sich entwickelnden
-Ereignissen. Denn wenn wir von dem nicht existierenden Lewin reden,
-reden wir ja in Wirklichkeit von den Ansichten eines der bedeutendsten
-Russen unserer Zeit. Und diese Ansichten betreffen die gegenwärtige
-russische Tat: den Balkankrieg.
-
-Das Wesentliche dieser Ansichten besteht, wenn ich den Autor richtig
-verstanden habe, hauptsächlich darin, daß unsere ganze sogenannte
-nationale Bewegung zugunsten der slawischen Brüder von unserem Volk
-keineswegs geteilt und sogar überhaupt nicht verstanden werde.
-
-So sehen wir, daß auch Lewin, der Mensch mit dem reinen Herzen, sich von
-der riesigen Mehrzahl der Russen lossagt und absondert. Seine Ansicht
-ist übrigens gar nicht neu und originell. Sie wäre denen, die im letzten
-Winter bei uns in Petersburg fast ebenso dachten – und das waren ihrer
-sozialen Stellung nach durchaus nicht obskure Leute – sehr gelegen
-gekommen, weshalb man es bedauern könnte, daß das Buch ein wenig zu spät
-erschienen ist. Aus welchem Grunde diese finstere Absonderung Lewins
-erfolgte, vermag ich nicht festzustellen. Allerdings ist er ein heißer,
-„unruhiger“, alles analysierender Mensch, der streng genommen in keiner
-Beziehung sich selber traut. Aber immerhin ist dieser Mensch „reinen
-Herzens“, dabei bleibe ich, obschon es schwer zu erraten ist, auf
-welchen geheimen und mitunter sogar lächerlichen Wegen das
-widernatürlichste, künstlichste und sogar schändlichste Gefühl in manch
-ein beispielhaft aufrichtiges und reines Herz eindringen kann. Übrigens
-möchte ich noch vorausschicken, daß ich diesen Lewin doch nicht mit der
-Person des Autors identifiziere, obwohl der Autor, wie sehr viele
-behaupten und wie auch ich deutlich sehe, seine eigenen Überzeugungen
-und Ansichten durch Lewin aussprechen läßt, ja sie ihm oft fast mit
-Gewalt in den Mund legt, bisweilen sogar auf Kosten der künstlerischen
-Geschlossenheit des gezeichneten Charakters. Ich sage das aus einer
-gewissen bitteren Verwunderung heraus, denn wenn auch sehr vieles von
-dem, was Lewin sagt, nur die Ansichten Lewins, des erdichteten Menschen,
-des künstlerisch dargestellten Charakters sind, so kann ich doch nicht
-leugnen, daß ich, was des Autors eigene Ansichten betrifft, nicht solche
-Ansichten gerade von diesem Autor erwartet hätte!
-
-Hier sehe ich mich gezwungen, zunächst einzelne meiner Gefühle
-darzulegen, trotz meines Vorsatzes mich nicht mit literarischer Kritik
-zu befassen. Aber wenn ich diese Ansichten auch gelegentlich der Kritik
-eines literarischen Werkes ausspreche, so haben sie doch nichts mit
-denen eines Literaturkritikers zu schaffen. Tatsächlich schreibe ich in
-diesem „Tagebuch“ alle meine Gedanken über meine Eindrücke nieder,
-schreibe somit über alles, was mir von den laufenden Ereignissen und
-Vorgängen bemerkenswert erscheint, und da habe ich es mir nun Gott weiß
-weshalb zum Vorsatz gemacht, von meinen vielleicht stärksten Eindrücken
-zu schweigen, bloß deshalb, weil sie die russische Literatur betreffen.
-Natürlich lag diesem Vorsatz ein ganz richtiger Gedanke zugrunde, aber
-eine buchstäbliche Befolgung des Vorsatzes ist dennoch nicht richtig,
-das sehe ich jetzt ein, eben weil es eine Befolgung des Buchstabens
-wäre. Zudem ist dieser Roman in meinen Augen nicht mehr ein einfaches
-literarisches Werk, sondern schon eine ganze nationale _Tat_, ein Faktum
-von bereits ganz anderer Bedeutung. Diese _Tat_, die die Schöpfung
-dieses Romans zweifellos ist, fiel für mich in diesem Frühjahr mit der
-enormen Tat der Kriegserklärung zusammen und in meinem Geist sah ich
-beide Taten sofort in Verbindung miteinander, denn ich fand zwischen
-ihnen einen mich selbst überraschenden bedeutungsvollen Zusammenhang.
-
-Im April begann unser großer Krieg für eine große hochherzige Idee: die
-geknechteten und mißhandelten slawischen Völker zu befreien und ihnen
-ein neues Leben zu ihrem und der Menschheit Wohl wiederzugeben. Dieser
-Zweck des Krieges ist für Europa so unbegreiflich, daß es ihn nur für
-einen listigen Vorwand hält und uns mit allen Mitteln zu schaden sucht.
-So hat es sich schon mit unserem Feinde gegen uns verbündet – wenn auch
-nicht in einem offiziellen Bündnis –, um wenigstens heimlich gegen uns
-zu kämpfen, in Erwartung des offenen Kampfes. Doch davon ein anderes
-Mal. Ich wollte hauptsächlich von dem Eindruck sprechen, den alle
-diejenigen empfangen mußten, die an die große zukünftige universale
-Bedeutung Rußlands glauben, als sie in diesem Frühjahr die
-Kriegserklärung lasen. Dieser einzig dastehende Krieg, um Schwachen und
-Bedrückten Leben und Freiheit zu geben, nicht ihnen zu nehmen, dieser in
-der heutigen Welt gar nicht mehr glaubwürdig klingende Kriegszweck war
-für alle, die an Rußlands Zukunft glauben, eine Tatsache, die feierlich
-und bedeutungsvoll diesen ihren Glauben bestätigte. Das war nun nicht
-mehr lediglich ein Traum, eine Vermutung bloß, sondern Wirklichkeit, war
-Tatsache, durch die die Hoffnungen bereits _in Erfüllung zu gehen
-begannen_. „Wenn aber der Anfang schon gemacht ist, dann wird auch alles
-andere in Erfüllung gehen, auch das, daß Rußland an der Spitze aller
-vereinigten Slawen sein großes neues Wort Europa sagen wird. Und selbst
-dieses Wort hat sich bereits angekündigt, doch ist Europa noch weit
-davon entfernt, dasselbe zu verstehen, und selbst wenn es versteht, wenn
-es verstehen muß, wird Europa noch lange nicht an das neue Wort
-glauben.“ So dachten damals die „Gläubigen“. Ja, der Eindruck war
-feierlich und bedeutungsvoll, und selbstverständlich mußte der Glaube
-der Gläubigen sich festigen und erstarken. Doch der begonnene Krieg ist
-immerhin von unberechenbarer Tragweite, so daß auch für uns, die wir an
-Rußland glauben, beunruhigende Fragen sich einstellten. Rußland und
-Europa! Rußland hat das Schwert gegen die Türken gezogen, aber wer weiß,
-vielleicht stößt es dabei mit Europa zusammen, und das – wäre das nicht
-zu früh? Der Zusammenstoß mit Europa ist etwas anderes als der mit der
-Türkei und wird nicht nur mit dem Schwert ausgefochten werden, so haben
-es die Gläubigen von jeher aufgefaßt. Aber sind wir nun auch zu diesem
-anderen Zusammenstoß bereit? Freilich, das Wort hat sich bereits
-angekündigt, aber ganz abgesehen von den Europäern – wird es denn auch
-bei uns von allen verstanden? Wir Gläubigen sagen z. B., daß Rußland
-allein die Elemente in sich trage, die zu einer Lösung des
-verhängnisvollen europäischen Problems des vierten Standes, und zwar
-ohne Kampf und Blut, ohne Haß und Feindschaft, erforderlich sind, daß es
-aber dieses Wort erst dann sagen werde, wenn Europa bereits im eigenen
-Blute schwimmt, denn vorher würde ja doch niemand in Europa unser Wort
-vernehmen, oder wenn auch vernehmen, so würde es doch niemand verstehen.
-Ja, wir Gläubigen glauben daran, aber was antwortet man uns darauf
-selbst hier in Rußland? Selbst hier sagen uns unsere Landsleute, dies
-seien nur fanatische Illusionen, die Weissagungen sein wollen, seien nur
-wilde Träume, und wir sollten ihnen doch Beweise geben, sichere
-Anzeichen und bereits greifbare Tatsachen! Ja was könnten wir ihnen nun
-zur Bekräftigung unserer _Weissagungen_ nennen? Etwa die Aufhebung der
-Leibeigenschaft – ein Faktum, das bei uns noch so wenig begriffen worden
-ist in seiner Bedeutung als Beweis russischer Geisteskraft? Oder die
-angeborene Natürlichkeit unserer Nächstenliebe, die schon in unserer
-Zeit immer deutlicher aus all dem hervorzutreten anfängt, was sie
-jahrhundertelang fast bis zum Ersticken bedrückt hat? Doch gut, wir
-weisen also darauf hin: da wird man uns denn entgegnen, daß all diese
-Tatsachen wiederum nur von unseren tollen Illusionen zu solcher
-Bedeutung aufgebauscht worden seien; überdies würden sie verschieden
-gedeutet und somit könne man sie überhaupt nicht als irgendwelche
-Beweise gelten lassen. Das würden uns fast alle antworten. Und nun
-bedenke man: wir, die wir uns selber noch nicht verstehen und die wir so
-wenig an uns glauben, wir – stoßen mit Europa zusammen! Europa aber –
-das ist doch etwas Ungeheures, Heiliges! Uns ist es teuer, dieses Land,
-teuer der zukünftige, der im Frieden errungene Sieg des großen
-christlichen Geistes, der sich im Osten am reinsten erhalten hat ... Und
-in der Erwägung der Möglichkeit eines Zusammenstoßes mit Europa im Laufe
-unseres jetzigen Krieges fürchten wir am meisten, daß Europa uns
-mißverstehen könnte und uns wie früher, wie gewöhnlich, mit Hochmut, mit
-Verachtung und mit dem Schwert begegnen werde, als wären wir wilden
-Barbaren nicht wert, vor Europa den Mund aufzutun. Ja aber, fragten wir
-uns nun, was werden wir ihnen denn sagen oder zeigen, damit sie uns
-richtig zu verstehen anfangen? Wir haben doch, scheint es, noch so wenig
-von solchen Gütern, die ihnen _verständlich_ wären und um deretwillen
-sie uns achten könnten? Denn unsere fundamentale, wichtigste Idee, unser
-beginnendes „neues Wort“ werden sie noch lange, gar zu lange nicht
-verstehen. Sie brauchen Fakta, die sie unmittelbar, die sie _heute_
-schon verstehen könnten, verstehen mit ihrem _heutigen_ Blick. Und mit
-diesem Blick fragen sie uns: „Wo ist denn Ihre Zivilisation? – läßt sich
-denn in dem Chaos, welches wir alle bei Ihnen sehen, eine Ordnung der
-ökonomischen Kräfte wahrnehmen? Wo ist _Ihre_ Wissenschaft, _Ihre_
-Kunst, _Ihre_ Literatur?“
-
- * * * * *
-
-Gerade in dieser Zeit, d. h. in diesem Frühjahr, traf es sich einmal,
-daß ich auf der Straße einem unserer Schriftsteller begegnete, den ich
-zu den am meisten von mir geliebten Autoren zähle. Wir sehen uns sehr
-selten, alle paar Monate einmal, und auch dann immer zufällig und auf
-der Straße. Er ist einer der hervorragendsten der fünf oder sechs
-unserer Belletristen, die alle zusammen aus irgendeinem Grunde die
-„Plejaden“ genannt werden[32]. Wenigstens hat die Kritik in
-Übereinstimmung mit dem Publikum sie von allen anderen Schriftstellern
-ihrer Art abgeteilt, und so ist es denn seit langem geblieben – der
-Kreis der „Plejaden“ erweitert sich nicht. Es ist mir stets eine Freude,
-mit diesem liebenswürdigen Romancier, den ich so überaus schätze,
-zusammenzutreffen und ihm unter anderem zu beweisen, daß ich es nicht
-glaube und auch gar nicht glauben könne, daß er, wie er sagt, alt
-geworden sei und nichts mehr schreiben werde. Nach einem kurzen Gespräch
-mit ihm trage ich immer eines seiner feinen und weitsichtigen Worte mit
-mir fort. Bei jener letzten Begegnung gab es viel Stoff zu einer
-Unterhaltung, denn der Krieg war schon erklärt. Doch er begann sofort
-und ohne Umschweife von „Anna Karenina“ zu sprechen (auch ich hatte
-gerade den siebenten Teil gelesen, mit welchem der Roman im „Russischen
-Boten“ schloß), und da er anscheinend nicht zu den Leichtbegeisterten
-gehört, war ich überrascht, als ich ihn mit leidenschaftlicher,
-überzeugter Begeisterung über dieses Werk urteilen hörte.
-
-„Das ist etwas Beispielloses, das ist ein Werk von erstem Range! Wer
-kann sich bei uns, von den Schriftstellern, damit messen? Und in Europa
-– wer? Wer könnte dort etwas Ähnliches vorweisen? Haben sie dort in
-allen ihren Literaturen jetzt oder in den letzten Jahren oder überhaupt
-in neuerer Zeit ein Werk hervorgebracht, das sich neben dieses stellen
-könnte?“
-
-Hauptsächlich überraschte mich an diesem Urteil, das übrigens vollkommen
-mit dem meinigen übereinstimmte, daß dieser Hinweis auf Europa geradezu
-eine Antwort war auf die Fragen und Zweifel, die sich damals in so
-vielen Herzen ganz von selbst erhoben. So erhielt dieses Buch in meinen
-Augen die Bedeutung eines Faktums, auf das wir Europa als Antwort auf
-jene Fragen hinweisen könnten. Natürlich wird man spöttisch einwenden,
-das sei ja im ganzen nur Literatur, nur irgendein Roman, und es sei
-lächerlich, die Bedeutung desselben so zu übertreiben und mit einem
-Roman gegen Europa aufzutreten. Ich weiß, daß man lachen wird, doch
-diese Aufregung ist überflüssig, denn ich übertreibe keineswegs und sehe
-die Dinge ganz nüchtern. Ich weiß, daß es allerdings nur ein Roman ist,
-nur ein Tropfen von dem, was nötig wäre. Für mich aber besteht die
-Hauptsache darin, daß dieser Tropfen bereits vorhanden, bereits
-Wirklichkeit ist, wenn aber der Anfang schon Tatsache ist, d. h. wenn
-das Genie Rußlands schon dieses _Faktum_ hervorzubringen vermocht hat,
-so ist es folglich nicht zur Unfruchtbarkeit verdammt, nicht der
-Kraftlosigkeit geweiht, sondern _kann_ schöpferisch sein, kann etwas
-_Eigenes_ geben, kann sein Wort anheben und es zu Ende sprechen, wenn
-die Zeit gekommen sein wird. Und überdies ist jenes Werk doch weit mehr
-als nur ein Tropfen. Oh, auch hierin mache ich mich nicht im geringsten
-einer Übertreibung schuldig: ich weiß nur zu gut, daß nicht nur nicht in
-einem einzelnen Schriftsteller der Plejaden, sondern auch in ihnen allen
-zusammen nicht das zu finden ist, streng genommen, was man geniale
-schöpferische Kraft nennt. Unstreitige Genies mit einem unstreitig
-„neuen Wort“ hat es in unserer ganzen Literatur nur drei gegeben.
-Lomonossoff, Puschkin und zum Teil Gogol. Diese ganze Plejadengruppe
-dagegen (und der Autor der „Anna Karenina“ gehört gleichfalls zu ihr)
-ist unmittelbar aus Puschkin hervorgegangen, aus einem der größten
-Russen, den man aber fast überhaupt noch nicht verstehen gelernt hat.
-Puschkin ist der Vertreter von Ideen, die gleichsam die
-Veranschaulichung des Künftigen oder der Bestimmung ganz Rußlands und
-seines Zieles, das heißt soviel wie unseres ganzen zukünftigen
-Schicksals sind.
-
-Alle unsere jetzigen „Plejaden“ haben nur nach Puschkins Hinweisen
-gearbeitet, etwas Neues aber haben sie nach ihm nicht gesagt. In ihm
-lagen bereits alle die Keime, die die Plejaden später entwickelt haben.
-Und dabei haben sie nur den kleinsten Teil der von ihm hinterlassenen
-Aufgaben ausgearbeitet. Dafür ist freilich das, was sie getan haben, mit
-solchem Reichtum an Kraft, mit solcher Tiefe und Deutlichkeit
-ausgearbeitet worden, daß Puschkin sie selbstverständlich anerkannt
-hätte. „Anna Karenina“ ist, was die Idee des Werkes betrifft, gewiß
-nichts Neues, wenigstens bei uns nichts Neues. Statt dieses Werkes
-könnten wir Europa natürlich ebensogut die Quelle selbst nennen, d. h.
-Puschkin als schärfsten, stärksten und unerschütterlichsten Beweis für
-die Selbständigkeit des russischen Genies und sein Recht auf die größte
-universale, allmenschliche und allvereinende Bedeutung in der Zukunft.
-Doch leider wissen wir, daß, wieviel wir auch reden und vorweisen
-wollten, Europa unsere Schriftsteller noch lange nicht lesen wird, oder
-selbst wenn man es dort täte, so würde man uns doch noch lange nicht
-verstehen und nicht schätzen. Und die Europäer sind ja auch noch gar
-nicht imstande, uns zu verstehen, nicht etwa aus Mangel an Geist,
-sondern weil wir für sie eine ganz andere Welt sind, als wären wir vom
-Monde auf die Erde versetzt, weshalb sie sogar die Tatsache, daß wir
-doch immerhin existieren, gar nicht zugeben möchten. Das weiß ich besser
-als mancher andere und rede deshalb von den Hinweisen, mit denen wir
-Europa auf die bewußten Fragen antworten könnten, nur in dem Sinne
-unserer eigenen Überzeugung von unserem Recht auf Selbständigkeit Europa
-gegenüber.
-
-Nichtsdestoweniger ist „Anna Karenina“ als Kunstwerk etwas Vollkommenes
-– ist ein Werk, dem die europäischen Literaturen der Gegenwart nichts
-Gleichwertiges gegenüberstellen können; was aber die Idee dieses Werkes
-betrifft, so ist sie bereits etwas ganz Nationales, ist gleichsam ein
-Stück von uns, ist eben das, was unsere Besonderheit vor der ganzen
-europäischen Welt ausmacht, und ist somit unser „neues Wort“ oder
-wenigstens der Anfang desselben – ein Wort, das in Europa niemand zu
-sagen versteht, dessen aber gerade Europa so dringend bedarf, trotz
-seines ganzen Stolzes. Ich kann mich hier nicht in einer literarischen
-Kritik ergehen, doch will ich immerhin ein paar Worte über dieses Buch
-sagen.
-
-In diesem Werk ist eine Untersuchung der Schuld und des Verbrechens der
-Menschen durchgeführt. Die geschilderten Menschen sind unter unnormalen
-Bedingungen genommen. Das Böse besteht schon vor ihnen. In den Strudel
-der Lüge hineingerissen, begehen diese Menschen ein Verbrechen und gehen
-unrettbar ins Verderben. Wie Sie sehen, ein Gedanke, der das liebste und
-älteste der europäischen Themen behandelt. Aber wie wird nun ein solches
-Problem in Europa gelöst? Sehr einfach. Und zwar gibt es dort zwei Arten
-von Lösungen. Die erste Lösung ist: das Gesetz ist gegeben,
-niedergeschrieben, formuliert, ist in Jahrtausenden ausgearbeitet, Gut
-und Böse festgestellt, aufgewogen, die Maße und Grade sind historisch
-von den Führern der Menschheit in unermüdlicher Arbeit an der
-Menschenseele und in höherer wissenschaftlicher Untersuchung der Gesetze
-des menschlichen Zusammenlebens festgesetzt. Diesem ausgearbeiteten
-Kodex ist ein jeder blinden Gehorsam schuldig. Wer das nicht tut und
-jene Gesetze übertritt, der bezahlt das mit seiner Freiheit, seinem
-Eigentum, seinem Leben, bezahlt buchstäblich und unmenschlich.
-
-„Ich weiß,“ sagt ihr anderen, „daß das sowohl blind wie mitleidlos und
-unhaltbar ist, da ja die endgültige Formel der Menschheit auf ihrem
-halben Wege noch nicht ausgearbeitet sein kann. Doch da es einen anderen
-Ausweg nicht gibt, so muß man sich eben an das halten, was man hat, was
-schwarz auf weiß gegeben ist, und zwar buchstäblich und rücksichtslos.
-Täte man das nicht – so wäre man schlimmer daran. Somit kann man sagen,
-daß wir, trotz der ganzen Unnatürlichkeit und Unsinnigkeit der Ordnung
-dessen, was wir unsere große europäische Zivilisation nennen,
-nichtsdestoweniger danach trachten müssen, daß die Kräfte des
-Menschengeistes gesund und unbeschädigt bleiben, daß die Gesellschaft
-nicht an dem Glauben, sie befinde sich auf dem Wege zur Vollkommenheit,
-zu zweifeln anfängt und nicht zu denken wagt, es sei das Ideal des
-Schönen und Erhabenen verdunkelt und der Begriff von Gut und Böse
-entstellt und umgedeutet, das Normale werde mehr und mehr verdrängt,
-Einfachheit und Natürlichkeit gingen unter dem Druck der unausgesetzten
-anwachsenden Lüge verloren.“
-
-Die zweite Lösung ist das Gegenteil der ersten: sie geht von der Annahme
-aus, daß die menschliche Gesellschaft unnormal aufgebaut sei, weshalb
-man den einzelnen für die Folgen dieser Unnormalität nicht
-verantwortlich machen könne. Also ist der Verbrecher frei von jeder
-Verantwortung und folglich gibt es vorläufig überhaupt kein Verbrechen.
-Will man nun mit dem, was allgemein Verbrechen genannt wird, und mit der
-Schuld der Menschen ein Ende machen, so muß man das zunächst mit der
-Unnormalität der Gesellschaft und ihres sozialen Aufbaus tun. Da aber
-eine Korrektur der bestehenden Ordnung der Dinge langwierig und
-unzuverlässig, ja sogar aussichtslos wäre, und man übrigens auch keine
-Mittel dazu hat, so muß man den ganzen bisherigen Bau der Gesellschaft
-zerstören und die alte Ordnung gleichsam mit dem Besen auskehren. Dann
-kann man alles von neuem beginnen, nach neuen Grundsätzen, die zwar noch
-unbekannt sind, aber immerhin nicht schlechter sein können als die der
-gegenwärtigen Ordnung; im Gegenteil, sie haben sogar viele Aussicht auf
-vollen Erfolg, denn unser Vertrauen gehört der Wissenschaft.
-
-Das wäre die zweite Lösung. Man erwartet den zukünftigen Ameisenbau,
-inzwischen aber überschwemmt man die Welt mit Blut. Andere Lösungen der
-menschlichen Schuld und der Verbrechen kennt die westeuropäische Welt
-nicht.
-
-In der Anschauung des russischen Autors – d. h. in seiner Auffassung von
-Schuld und Verbrechen – tritt dagegen deutlich hervor, daß kein
-Ameisenbau, kein Triumph des „vierten Standes“, keine Beseitigung der
-Armut, keine Organisation der Arbeit die Menschheit vor der Unnormalität
-bewahren wird oder würde, und folglich auch nicht vor Schuld und
-Verbrechen. Ausgedrückt ist das in einer unvergleichlichen
-psychologischen Ergründung der Menschenseele und mit furchtbarer Tiefe
-und Kraft durch einen bei uns bisher nicht gekannten Realismus der
-künstlerischen Darstellung.
-
-Es ist klar und verständlich bis zur leibhaftigen Sichtbarkeit gezeigt,
-daß das Böse im Menschen tiefer sitzt als die Sozialisten annehmen, die
-sich als Ärzte aufspielen, daß das Böse sich in keiner sozialen
-Organisation, und wäre sie noch so vollkommen, vermeiden läßt, daß die
-Seele des Menschen überall dieselbe bleibt, daß das Unnormale und die
-Sünde aus ihr allein hervorgehen und daß schließlich die Gesetze des
-Menschengeistes noch so unbekannt, von der Wissenschaft noch so
-unerforscht, so unbestimmt und so geheimnisvoll sind, daß es bis jetzt
-weder gründliche Ärzte noch selbst _endgültige_ Richter gibt und auch
-nicht geben kann, außer dem einen, der da sagt: „Die Rache ist mein, ich
-will vergelten.“ Nur er allein kennt das _ganze_ Geheimnis dieser Welt
-und das definitive Schicksal des Menschen. Der Mensch aber kann sich
-noch nicht unterfangen, mit dem Stolz eigener Unfehlbarkeit zu richten,
-noch ist _die_ Zeit nicht gekommen. Der Mensch, der Richter ist über
-andere, muß von sich wissen, daß er kein endgültiger Richter, vielmehr
-selber ein Sünder ist, daß die Wage und das Maß in seiner Hand eine
-Absurdität sind, _wenn er sich nicht selbst_ vor dem Gesetz des noch
-unerforschlichen Geheimnisses beugt und nicht in dem einzigen Ausweg
-seine Zuflucht sucht – in der Barmherzigkeit und in der Liebe. Auf daß
-aber der Mensch nicht umkomme vor Verzweiflung und womöglich in der
-Überzeugung untergehe, daß das Böse von geheimnisvoller und
-verhängnisvoller Unvermeidlichkeit sei, ist dem Menschen eben ein Ausweg
-gezeigt. Ihn hat der Dichter mit der Überzeugungskraft des Genies in der
-genialen Szene offenbart, die im Krankenzimmer der Heldin des Romans
-sich abspielt – wo die Verbrecher und Feinde sich plötzlich in höhere
-Wesen verwandeln, in Brüder, die einander alles verzeihen und eben durch
-dieses ihr gegenseitiges Verzeihen Lüge, Schuld und Verbrechen von sich
-abstreifen und sich dadurch mit einem Schlage selbst rechtfertigen, im
-vollen Bewußtsein dessen, daß sie das Recht dazu erhalten haben. Dann
-aber, im Schlußteil des Romans, in der schrecklichen Schilderung des
-Falles der Menschenseele, der Schritt für Schritt verfolgt wird, in der
-Wiedergabe jenes unüberwindlichen Zustandes, wo das Böse sich der Seele
-des Menschen bemächtigt und ihn fesselt, jede Bewegung, jede
-Widerstandskraft, jeden Gedanken, jede Lust zum Kampf gegen das Böse
-lähmt, im Kampf gegen die Finsternis, die sich auf die Seele senkt und
-von ihr in der Leidenschaft des Rachedurstes bewußt statt des Lichtes
-erwählt wird – in dieser Schilderung liegt für den Richter der Menschen,
-der das Maß und die Wage hält, so viel offenbarte Wahrheit, daß er
-natürlich erschrocken Bedenken tragen und ausrufen wird: „Nein, nicht
-immer ist die Rache mein, nicht immer werde ich vergelten,“ und er wird
-nicht unmenschlich dem in Verstocktheit gesunkenen Verbrecher als Schuld
-anrechnen, daß er den vom Lichte ewig gewiesenen Ausweg verschmähte und
-ihn geradezu _bewußt_ verwarf. Wenigstens wird er sich nicht an den
-Buchstaben des Gesetzes halten ...
-
-Wenn wir nun in der Literatur Werke von solcher Gedanken- und
-Darstellungskraft besitzen, weshalb sollten wir dann nicht _in der
-Folge_ auch _unsere_ Wissenschaft haben können und unsere eigenen
-Lösungen der ökonomischen, der sozialen Probleme; weshalb spricht Europa
-uns die dazu erforderliche Selbständigkeit ab, die Möglichkeit, daß wir
-_unser eigenes_ Wort sagen könnten? Man kann wirklich nicht den
-lächerlichen Gedanken gelten lassen, daß die Natur uns Russen nur mit
-literarischen Fähigkeiten versehen habe. Alles übrige ist doch eine
-Frage der geschichtlichen Entwicklung, der Umstände, der Forderungen der
-Zeit. Das könnten sich schließlich auch unsere russischen Europäer
-sagen, solange sie noch auf das Urteil der europäischen Europäer über
-uns warten müssen ...
-
-
- Ein Gutsherr, der von einem Bauern den Glauben an Gott erhält
-
-Jetzt, nachdem ich mein eigenes Empfinden auseinandergesetzt, wird man
-vielleicht verstehen, wie der Abfall eines solchen Autors, seine
-Absonderung von der großen russischen Tat unserer Tage – dem Kriege für
-die Unterdrückten und Verfolgten – und die paradoxe Unwahrheit des
-Urteils, das er in diesem unseligen achten Teil des Romans über unser
-Volk fällt, auf mich gewirkt haben. Er nimmt ja dem Volk alles, spricht
-ihm das Wertvollste ab, raubt ihm den Sinn und Zweck seines Lebens. Ja,
-es wäre dem Autor unvergleichlich angenehmer, wenn unser Volk sich nicht
-in seinem Herzen für die um ihres Glaubens willen leidenden Brüder
-erheben würde. Nur in diesem Sinne leugnet er auch die Beweise,
-ungeachtet dessen, daß sie Tatsachen sind. Freilich wird das alles nur
-von den imaginären Gestalten seines Romans ausgesprochen, aber, wie ich
-schon sagte, hinter ihnen sieht man nur zu deutlich den Autor selbst.
-Allerdings ist es ein aufrichtiges Buch: der Autor spricht aus der
-Seele. Sogar die peinlichsten Sachen (und die gibt es in diesem Buch)
-nehmen sich in ihm aus, als wären sie ganz unversehens hineingeraten, so
-daß man sie trotz ihrer ganzen Peinlichkeit nur für ein
-offenherziges Wort hält und nicht im geringsten etwa Tücke vermutet.
-Nichtsdestoweniger halte ich dieses Buch durchaus nicht für so harmlos,
-wie es manche Leute tun. Jetzt wird und kann es zum Glück keinen Einfluß
-mehr haben, denn daß es vielleicht einer kleinen abgesonderten Gruppe
-von Leuten beipflichtet, ist belanglos. Aber die Tatsache, daß ein
-solcher Autor in diesem Sinne überhaupt schreiben kann, ist doch sehr
-bedauerlich, bedauerlich und traurig für unsere Zukunft. Doch übrigens –
-zur Sache: ich will widersprechen und werde darauf hinweisen, was mich
-besonders überraschte.
-
-Zunächst muß ich ein paar Worte über Lewin sagen, der ersichtlich der
-Hauptheld des Romans ist. In ihm ist alles Positive ausgedrückt und zwar
-gewissermaßen als Gegensatz zu jenen Unnormalitäten, an denen andere
-Gestalten des Romanes zugrunde gehen oder unter denen sie zu leiden
-haben. Im übrigen ist Lewin offenbar der Erwählte, durch den der Autor
-seine eigenen Gedanken ausdrückt. Aber dieser Lewin war immer noch nicht
-vollkommen, immer fehlte ihm noch etwas, und so mußte der Autor sich
-wieder mit dem Fehlenden befassen, damit Lewin keinerlei Zweifel oder
-Fragen mehr verkörpere. – In der Folge wird der Leser begreifen, aus
-welchem Grunde ich zunächst hierbei verweile und somit nicht direkt zur
-Sache komme.
-
-Lewin ist glücklich, der Roman entwickelt sich zu seinem größten Ruhme,
-aber – ihm fehlt noch der innere, der geistige Friede. Ihn quälen die
-ewigen Fragen der Menschheit: Gott, das ewige Leben, Gut und Böse und
-Ähnliches. Es quält ihn, daß er ein Ungläubiger ist und sich nicht damit
-zufrieden geben kann, womit sich alle anderen zufrieden geben, indem sie
-ihre Interessen auf Naheliegendes beschränken, als da sind Tagesfragen,
-Verdienst, Vergötterung der eigenen Person oder anderer Götzen,
-Eigenliebe usw. usw. Ein Anzeichen von Großherzigkeit, nicht wahr? Aber
-von Lewin ist ja auch weniger nicht zu erwarten. Nebenbei zeigt es sich,
-daß Lewin auch sehr viel gelesen hat. Er kennt sowohl die Werke der
-Philosophen, der Positivisten, wie auch der gewöhnlichen Naturforscher,
-doch nichts befriedigt ihn, sondern im Gegenteil, die Bücher verwirren
-ihn noch mehr, so daß er in der freien Zeit, die ihm die Bewirtschaftung
-seines Gutes läßt, in den Wald oder aufs Feld geht, sich ärgert, sogar
-Kitty, seine junge Frau, nicht in dem Maße schätzt, wie sie es wohl
-verdient hätte. Da führt ihm der Zufall einen seiner Bauern in den Weg,
-der ihm gesprächsweise von zwei anderen Bauern, Mitjuscha und
-Fokanytsch, zwei in sittlicher Beziehung entgegengesetzten Typen,
-erzählt und sich dabei folgendermaßen ausdrückt:
-
-„Ja, Mitjuscha, warum nicht, der wird’s schon herauszuschlagen
-verstehen! Der erpreßt es einfach und nimmt sich das Seine. Dem tut doch
-kein Christenmensch leid. Onkel Fokanytsch aber, der wird doch nicht wie
-Mitjuscha einem anderen Menschen das Fell über die Ohren ziehen. Der
-wird auch so abgeben, daß man später zahlen kann, manchem wird er auch
-billiger geben. Da kann er denn auch selber nicht soviel Pacht zahlen
-...“
-
-„Aber warum wird er denn manchem billiger geben?“ fragte Lewin.
-
-„Ja, das ist schon so, die Menschen sind eben verschieden. Der eine
-Mensch lebt sozusagen nur für seine Bedürfnisse, wie beispielsweise
-sagen wir meinethalben Mitjuscha, der sich nur den Wanst vollschlägt;
-aber Fokanytsch, der Alte, – das ist ein Mensch mit Gewissen. Der lebt
-für die Seele, der hat Gott nicht vergessen.“
-
-„Wie das?! Wie – Gott nicht vergessen? wie lebt er für die Seele?“ rief
-Lewin fast erschrocken vor Betroffenheit.
-
-„Nun, das weiß man doch, wie! Lebt in Rechtschaffenheit, in Gott. Die
-Menschen sind nun mal verschieden. Beispielsweise Ihr selber, Herr, wenn
-man so nimmt – Ihr werdet doch auch keinem Menschen unrecht tun.“
-
-„Ja, ja, leb’ wohl!“ sagte Lewin hastig – die Aufregung verschlug ihm
-den Atem – er griff nach seinem Stock und entfernte sich schnell in der
-Richtung zum Hause ............
-
-Doch statt nach Hause zu gehen, ging er wieder in den Wald, legte sich
-unter einer Esche ins Gras und begann fast mit Begeisterung zu denken.
-Das Wort war gefunden, alle ewigen Rätsel gelöst durch dieses eine
-einfache Wort des Bauern: „Für die Seele leben, Gott nicht vergessen.“
-Der Bauer hat ihm natürlich nichts Neues gesagt: all das wußte er selber
-schon lange; aber der Bauer hat ihn doch auf den Gedanken gebracht und
-hat ihm die Lösung im verzwicktesten Augenblick zugeflüstert. Hierauf
-folgt eine Reihe von Betrachtungen Lewins, die sehr gut und treffend
-ausgedrückt sind. Lewins Gedankengang ist ungefähr folgender: wozu das
-mit dem Verstande suchen, was vom Leben schon _gegeben_ ist, womit jeder
-Mensch geboren wird und dem jeder Mensch (sogar unfreiwillig) folgen muß
-und auch tatsächlich folgt. Jeder Mensch wird mit einem Gewissen, mit
-dem Begriff von Gut und Böse geboren, folglich wird er auch unmittelbar
-zu einem Lebensziel geboren: für das Gute zu leben und das Böse zu
-vermeiden. Damit kommt der Bauer ebenso wie der Herr zur Welt, der
-Franzose wie der Russe, wie der Türke – alle verehren das Gute (NB.
-obschon viele das in einer höchst eigenartigen Weise tun). „Ich aber
-wollte“, sagt sich Lewin, „alles das mathematisch, wissenschaftlich, mit
-der Vernunft erfassen, oder ich erwartete ein Wunder, während mir das
-alles schon ohne mein Dazutun gegeben, einfach mit mir geboren ist.“ Daß
-es aber ohne unser Dazutun uns gegeben ist, dafür gibt es Beweise: alle
-Menschen begreifen oder können es begreifen, daß _man seinen Nächsten
-lieben muß wie sich selbst_. In diesem Wissen liegt denn auch, genau
-genommen, das ganze _Gesetz_ der Menschen, wie es uns Christus erklärt
-hat. Indessen ist uns diese Erkenntnis angeboren, folglich uns ohne
-unser Dazutun geschenkt, denn der Verstand könnte uns um keinen Preis
-dieses Wissen geben, – warum nicht? Nun ja, weil „den Nächsten lieben“
-nach dem Verstande beurteilt – unklug ist.
-
- „Woher habe ich das genommen?“ fragt sich Lewin. „Bin ich etwa durch
- den Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll
- und nicht ihn würgen? Man hat mir das in der Kindheit gesagt und
- _ich habe es freudig geglaubt_, weil man mir nur gesagt hatte, was
- schon in meiner Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand
- jedenfalls nicht. Der Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und
- das Gesetz, welches fordert, daß man alle, die uns an der
- Befriedigung unserer Wünsche hindern, beseitige. Dies ist das
- Ergebnis des Verstandes. Den Nächsten aber zu lieben konnte der
- Verstand nicht lehren, da das unklug ist.“
-
-Hierauf fällt Lewin eine Szene ein, die er kürzlich mit seiner
-Schwägerin Dolly und deren Kindern erlebt hatte. Die Kinder brieten
-Himbeeren in einer Tasse über einer Kerze und gossen sich die Milch im
-Bogen wie eine Fontäne aus dem Kannenschnabel in den Mund. Die Mutter,
-die sie bei dieser Betätigung ertappte, versuchte natürlich, ihnen klar
-zu machen, daß sie, wenn sie die Gefäße zerschlügen und die Milch
-verschütteten, dann weder ein Trinkgefäß noch Milch hätten. Aber die
-Kinder glaubten ihr offenbar kein Wort von dem, was sie sagte, denn „sie
-konnten sich den ganzen Umfang dessen, was sie genossen, gar nicht
-vorstellen, und infolgedessen konnten sie sich auch nicht denken, daß
-das, was sie verdarben, dasselbe sei, wovon sie lebten.“
-
- „Das ist alles von selbst da,“ dachten sie, „Interessantes oder
- Wichtiges gibt es dabei nicht, weil es stets so war und sein wird
- und stets alles ein und dasselbe ist. Darüber brauchen wir gar nicht
- nachzudenken, denn das ist das Gegebene; wir aber wollten uns etwas
- Eigenes und ganz Neues ausdenken. Und so dachten wir uns denn aus,
- die Himbeeren in die Tasse zu legen und sie über dem Licht zu braten
- und uns die Milch direkt aus der Kanne wie eine Fontäne in den Mund
- zu gießen. Das ist lustig und neu und gewiß nicht schlechter, als
- aus Tassen zu trinken.
-
- „Tun wir nun nicht ganz dasselbe, tue ich es nicht, indem ich mit
- dem Verstande die Bedeutung der Naturkräfte und den Sinn des
- menschlichen Lebens zu erfassen trachte?“ fuhr Lewin fort zu denken.
- „Und tun denn die philosophischen Theorien etwa nicht alle das
- gleiche, indem sie auf einem seltsamen, dem Menschen nicht eigenen
- Gedankenweg zu der Erkenntnis dessen führen, was der Mensch lange
- schon weiß, und mit solcher Sicherheit weiß, daß er ohne es gar
- nicht leben könnte? Ist es denn nicht aus der Entwicklung der
- Theorie jedes Philosophen klar ersichtlich, daß er schon im voraus
- ebenso sicher wie jener Bauer und auch nicht im geringsten klarer
- als jener den Hauptsinn des Lebens kennt, und nur auf einem
- unzuverlässigen Verstandeswege zu dem zurückkehren will, was allen
- bekannt ist?
-
- Nun, wie, wenn man die Kinder allein ließe, wenn sie alles selbst
- machen müßten, Tassen und Kannen, dazu Kühe melken usw. – würden sie
- dann Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben. Nun, so versuche
- man doch einmal, uns mit allen unseren Leidenschaften, unseren
- Gedanken allein zu lassen, _ohne_ Vorstellung vom einzigen Gott und
- Schöpfer! Oder ohne eine Vorstellung von dem, was Gut ist und was
- Böse, ohne sittlichen Instinkt.
-
- Ich möchte bloß wissen, was ohne diese Begriffe aufgebaut werden
- würde!
-
- Wir zerstören nur, weil wir geistig satt sind. Eben wie die Kinder!“
-
-Mit einem Wort, die Zweifel haben aufgehört und Lewin hat endlich den
-Glauben gefunden; er glaubt – doch an was? Das hat er noch nicht genau
-formuliert! Er stellte sich nur freudig die Frage: „Sollte das wirklich
-Glaube sein?“ Oder man muß annehmen, daß es nicht der Fall ist. Ja mehr
-noch als das: es ist sogar kaum anzunehmen, daß solche Leute wie Lewin
-überhaupt jemals einen endgültigen Glauben haben können. Lewin nennt
-sich zwar „Volk“, aber er ist ein Edelmann, ein Moskauer Landedelmann
-jener selben mittel-höheren Kreise, deren Historiker Graf L. Tolstoi ja
-vornehmlich ist.
-
-Der Bauer hat Lewin freilich nichts Neues gesagt, aber immerhin hat er
-ihn auf einen Gedanken gebracht, und mit diesem Gedanken begann sein
-Glaube. Schon daraus allein könnte Lewin ersehen, daß er durchaus nicht
-„Volk“ ist und kein Recht hat, von sich derlei zu sagen. Doch davon
-später. Ich will hier nur erwähnen, daß gerade diese Herren, wie z. B.
-Lewin, niemals vollkommen „Volk“ werden können, gleichviel wie lange sie
-unter dem Volk oder neben dem Volk leben, ja – in vieler Hinsicht werden
-sie es sogar überhaupt nicht verstehen und nie verstehen lernen.
-Eigendünkel und bloßer Wunsch – dazu noch ein so wunderlicher – genügen
-nicht, einen Menschen nun gleich zu dem zu machen, was er plötzlich sein
-will. Mag er hundertmal Gutsbesitzer und sogar ein arbeitender
-Gutsbesitzer sein, alle Bauernarbeit kennen, sogar zu mähen und einen
-Wagen anzuspannen verstehen und wissen, daß zu Scheibenhonig frische
-Gurken gereicht werden – in seiner Seele bleibt dennoch, trotz allen
-guten Willens, ein Etwas zurück, das man, wie mich deucht, einfach
-„Müßiggang“ nennen muß. Es ist das derselbe „Müßiggang“, sowohl in
-physischer wie in geistiger Beziehung, der Lewin, wie sehr er sich auch
-zusammennehmen wollte, doch nun einmal von seinen Vorfahren vererbt
-worden ist und den das Volk in jedem Herrn sieht, obschon es nicht mit
-unseren Augen schaut. Doch auch hiervon später. Was nun seinen Glauben
-betrifft, so wird er ihn wieder zerstören, wird es selber tun, lange
-wird er nicht bei uns verweilen: alsbald wird sich wieder irgendwo ein
-Haken zeigen, und seinen ganzen Glauben zerreißen. Z. B. Kitty stolpert
-beim Gehen – warum stolperte sie? Wenn sie stolperte, dann konnte sie
-eben nicht ohne zu stolpern gehen; es läßt sich genau feststellen, daß
-sie aus diesem und jenem Grunde stolpern mußte. Es ist klar, daß hierbei
-alles von Gesetzen abhing, die sich aufs genaueste feststellen lassen.
-Aber wenn dem so ist, so herrscht ja in allem die Wissenschaft. Wo
-bleibt da die Vorsehung? wo ist dann ihre Rolle? und wo die
-Verantwortung des Menschen? Wenn es aber keine Vorsehung gibt, wie kann
-ich dann an Gott glauben, usw. usw. Das ist wie eine gerade Linie, die
-sich in die Unendlichkeit fortsetzt. Mit einem Wort, dieser Lewin, diese
-ehrliche Seele, ist zugleich eine chaotisch müßige Seele _par
-excellence_, anderenfalls wäre er nicht das, was er ist: ein
-zeitgenössischer Herrensohn der russischen Intelligenz und dazu noch aus
-den mittelhohen Adelskreisen.
-
-Eine Stunde, nachdem der neue Glauben in ihm erweckt ist, wird das von
-ihm auch schon glänzend bewiesen: er behauptet, das russische Volk
-empfinde für die Balkanslawen nichts von dem, was Menschen im
-allgemeinen empfinden können, er verleugnet die Seele des Volkes in der
-eigenmächtigsten Weise, ja er erklärt sogar, daß er selber nicht das
-geringste Mitleid mit den heimgesuchten Menschen habe. Er erklärt, daß
-es ein „unmittelbares Gefühl für die bedrückten Balkanslawen nicht gäbe
-und gar nicht geben könne“ – d. h. nicht nur nicht in ihm, sondern
-überhaupt in keinem Russen, denn, wie er sagt: „ich bin selber Volk!“
-Fürwahr, diese Herren bewerten das russische Volk denn doch etwas gar zu
-niedrig! Übrigens – nach Väterart. Kaum eine Stunde ist seit dem Erwerb
-des neuen Glaubens vergangen, da werden schon wieder Himbeeren über dem
-Licht gebraten.
-
-
- Die Reizbarkeit der Eigenliebe
-
-Die Kinder kommen ihm entgegen gelaufen und berichten, daß Gäste
-eingetroffen seien. Es sind Gäste aus Moskau. Man setzt sich in der Nähe
-des Bienengartens unter Bäumen, Lewin bringt Scheibenhonig und frische
-Gurken herbei und die ganze Gesellschaft macht sich sogleich an den
-Honig und an die Orientfrage. Dies spielt nämlich im vorigen Jahr, – Sie
-wissen doch: Tschernajeff[33], unsere Freiwilligen, die Spenden. Die
-Unterhaltung wird bald sehr lebhaft, denn alle streben unaufhaltsam zur
-Hauptsache. Die Gesellschaft besteht, abgesehen von den Damen, erstens
-aus den beiden Gästen: einem Moskauer Professörchen, einem netten, aber
-etwas dummen Menschen, und dem Stiefbruder Lewins, Ssergei Iwanowitsch
-Kosnyscheff, der uns als ein Mensch von großem Verstande und großem
-Wissen geschildert wird. Der Charakter Kosnyscheffs ist im Roman
-künstlich aufgebaut und wird erst zum Schluß verständlich (ein Mensch
-mit den Anschauungen der vierziger Jahre). Kosnyscheff hat sich in der
-letzten Zeit mit Eifer und Hingabe der Hilfstätigkeit für die
-Balkanslawen gewidmet und das Komitee hat ihm Berge von Arbeit
-aufgeladen, so daß man sich kaum vorzustellen vermag, wenn man der
-fieberhaften Tätigkeit dieser Komiteemitglieder im vorigen Jahre
-gedenkt, wie er sich überhaupt hat freimachen können, und dazu noch auf
-ganze zwei Wochen, die er auf dem Lande verbringen will. Freilich gäbe
-es anderenfalls auch nicht diesen Disput im Bienengarten und somit auch
-nicht den ganzen achten Teil des Romans, welcher nur um dieses Disputs
-willen geschrieben ist. Ja sehen Sie, dieser Kosnyscheff hatte irgendein
-gelehrtes Buch über Rußland geschrieben, das vor etwa zwei oder drei
-Monaten in Moskau erschienen war, und obschon er lange daran gearbeitet
-und große Hoffnungen in dieses Werk gesetzt, hatte es schmählich Fiasko
-gemacht: von der Kritik war dem Werk überhaupt keine Beachtung geschenkt
-worden. Darauf erst hatte Kosnyscheff sich der slawischen Tätigkeit
-angeschlossen, und das mit einem Eifer, wie ihn niemand von ihm erwartet
-hätte. Daraus folgt, daß er gewissermaßen nicht auf natürlichem Wege zu
-dieser Betätigung gelangt und sein ganzer Eifer für die Balkanslawen nur
-„_ambition rentrée_“ ist, nichts weiter, und man ahnt bereits, daß Lewin
-im Disput mit ihm selbstverständlich Sieger bleiben muß. Kosnyscheff war
-auch in den früheren Teilen des Romans sehr geschickt in komischem
-Lichte dargestellt; aus dem achten Teil aber geht bereits klar hervor,
-daß er überhaupt nur zu dem Zweck geschaffen ist, um im Schlußkapitel
-als Piedestal zu Lewins Größe zu dienen. An sich freilich ist diese
-Gestalt dem Autor sehr gut gelungen.
-
-Dafür ist eine der mißlungenen Gestalten der alte Fürst, Lewins
-Schwiegervater, der gleichfalls dort unter den Bäumen im Bienengarten
-sitzt und sich an dem Gespräch über die Orientfrage beteiligt. Die Figur
-des alten Fürsten ist dem Autor sogar im ganzen Roman mißlungen, nicht
-nur im Schlußkapitel. Der alte Fürst soll einer der positiven Charaktere
-des Romans sein, selbstverständlich nicht auf Kosten des Realismus! So
-hat auch er seine Schwächen und fast sogar seine komischen Seiten, aber
-im allgemeinen ist er doch ein ehrwürdiger, höchst ehrwürdiger Mann. Er
-ist der Gutherzige des Romans, ist sozusagen die gesunde Vernunft –
-nicht die, die in den Stücken des achtzehnten Jahrhunderts wie ein
-gelehrter Esel redete. Da gab’s nichts anderes als nur Vernunft und
-abermals Vernunft. Der Fürst dagegen hat auch Humor und überhaupt
-menschliche Züge. Das Ergötzliche besteht nur darin, daß dieser alte
-Mensch die Aufgabe hat, geistreich sein zu müssen. Dabei hat er aber das
-Unglück, daß ihm nichts wirklich Geistreiches zu sagen gelingt. Statt
-dessen urteilt er in diesem Schlußkapitel über unser Volk und einen Teil
-unserer Gesellschaft geradezu zynisch. Der „Gutherzige“ entpuppt sich
-plötzlich als Verneiner des ganzen russischen Volkes wie alles dessen,
-was in diesem Volk Gutes lebt. Man hört so recht die Aufgebrachtheit
-eines alten Klubmitglieds und den greisenhaften Ärger. Übrigens ist
-seine politische Theorie nichts weniger als neu. Sie besteht darin, daß
-wir uns _nur_ für Rußland interessieren sollten, und deshalb ist er der
-Meinung, daß die Balkanslawen uns nichts angehen – anderenfalls würde er
-von uns nicht Interesse _nur_ für Rußland verlangen. Wir dagegen sind
-der Meinung, daß die Hilfe, die wir den Slawen bringen, eine Handlung im
-Interesse Rußlands, d. h. im Sinne der Bestimmung Rußlands ist. So
-besteht denn der allgemeine Charakter seiner Ansichten in der Engheit
-seiner Auffassung der russischen Interessen. Er sagt, er könne nicht
-begreifen, weshalb man hier in Rußland plötzlich die Balkanslawen so
-sehr liebe, während er, der Fürst, in seinem Herzen nicht die geringste
-Liebe zu ihnen verspüre. Auch verstehe er nicht, gegen wen denn die
-Russen in den Krieg ziehen, da doch die Regierung noch keiner anderen
-Macht den Krieg erklärt habe. Katawassoff, der Professor aus Moskau,
-sagt darauf, daß es Fälle geben könne, wo die Regierung den Willen des
-Volkes nicht erfüllt, und dann äußere sich die öffentliche Meinung eben
-in der Weise, wie es jetzt in Rußland geschehe. Hierauf heißt es von
-Lewin, der mit dem alten Fürsten übereinstimmt:
-
- „... er wollte sagen, daß, wenn die öffentliche Meinung ein
- unfehlbarer Richter wäre, die Revolution und Kommune doch ebenso
- gesetzmäßig sein müßten, wie diese Bewegung zugunsten der Slawen.“
-
-Es ist sonderbar, daß dieser Lewin und der alte Fürst sich durch
-keinerlei Erwägungen in ihrem Denken aufhalten lassen. Doch schließlich
-– wer sieht denn nicht, daß aus dem Fürsten gekränkte Eigenliebe spricht
-(die Leute ziehen in den Krieg, ohne ihn vorher gefragt zu haben, ob ihm
-das genehm ist!) und aus Lewin seine paradoxe Meinung. Nicht die
-Wahrheit ist Lewin teuer, sondern das, was er sich ausgedacht hat.
-Übrigens spricht vielleicht auch aus Lewin gekränkte Eigenliebe, denn es
-ist ja kaum glaublich, was alles die Eigenliebe der Menschen kränken
-kann. Das Volk und unsere Freiwilligen gegen die Verleumdungen Lewins
-und des alten Fürsten zu verteidigen, hat meines Erachtens keinen Sinn,
-ja es wäre für die Verteidigten sogar erniedrigend. Wenn Lewin zur
-Erklärung der Tatsache, daß Hunderte von Freiwilligen aus Rußland
-hinziehen, um mit den Balkanslawen gegen die Türken zu kämpfen, ohne
-weiteres sagt, daß „in einem Volke von achtzig Millionen sich immer
-nicht nur Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden
-werden, die ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt haben, Tausende
-von Müßiggängern, die stets bereit sind, sich der Räuberbande eines
-Pugatschoff[34] anzuschließen oder nach China oder Serbien zu gehen“ –
-so können wir nur darauf hinweisen, daß die Freiwilligen nicht heimlich
-aufbrachen. Alle haben sie gesehen und ihnen das Geleit gegeben und es
-war manch ein bekannter Name unter ihnen. Gewiß wird es neben der
-größten Aufopferung auch Leute gegeben haben, die einfach aus
-Abenteuerlust, aus Ruhmsucht oder aus anderen Gründen hinzogen. Aber
-noch weiß man nicht, wie viele auch von diesen Abenteuerlustigen ihr
-Leben dort hingegeben haben. Doch die Behauptung, daß unsere
-Freiwilligen vom vorigen Jahr _alle_ nur Müßiggänger und verlorene Leute
-gewesen seien, hat zum mindesten keinen Sinn, denn wie gesagt, wir haben
-Hunderte von ihnen gekannt. Was nun die Spenden betrifft, die selbst von
-den ärmsten Leuten aus dem Volk für die bedrängten und mißhandelten
-Glaubensbrüder dargebracht wurden, so behauptet der Fürst, daß das
-„Volk“ überhaupt nicht wisse, worum es sich dabei handelt. Er sagt:
-
- „... der Geistliche war verpflichtet, am Sonntag die ganze
- Geschichte in der Kirche zu verlesen. Nun und das tat er denn auch.
- Das Volk aber verstand davon nichts, es seufzte hin und wieder, wie
- es bei jeder Predigt seufzt. Darauf sagte der Priester, daß man in
- der Kirche zu einem heiligen Zweck sammle, und da holten sie jeder
- eine Kopeke hervor und gaben sie, wozu aber, das wußten sie selbst
- nicht.“
-
-Diese Behauptung, die sich über alle Beweise einfach hinwegsetzt, ist
-als Äußerung gerade des Fürsten unschwer zu erklären. Sie stammt von
-einem der früheren Volksvormunde, dem ehemaligen Herrn leibeigener
-Bauern, der, so gut er auch immer sein mag, für seine Sklaven doch
-nichts anderes als Verachtung empfinden kann, während er sich selbst
-unvergleichlich klüger dünkt als sie. Und diese Leibeigenen sollten
-irgend etwas eben so gut verstehen wie er? – Das ist ausgeschlossen!
-
-„Sie haben geseufzt, wie bei jeder Predigt, aber verstanden haben sie
-nichts!“ – Davon ist er überzeugt. Denselben Gedanken äußert auch Lewin,
-und auf eine gereizte Entgegnung Kosnyscheffs, daß mit den dargebrachten
-Spenden bereits das ganze Volk seinen Willen äußere, erwidert er:
-
- „Das Wort ‚Volk‘ ist so unbestimmt. Ja, die Bezirksschreiber und die
- Volksschullehrer, und von den Bauern einer von Tausend, die wissen
- vielleicht, um was es sich handelt. Die übrigen achtzig Millionen
- äußern weder ihren Willen, noch haben sie überhaupt einen Begriff
- davon, in welcher Angelegenheit sie ihren Willen äußern sollten.
- Welches Recht haben wir nun da, von einem Volkswillen zu sprechen?“
-
-Übrigens sei hier ein für allemal bemerkt, daß der Ausdruck „Wille des
-Volkes“ für die Bewegung im Volk, die wir im vorigen Jahre erlebten,
-durchaus nicht zutreffend ist. Es war nicht der „Wille“ des Volkes als
-solcher, der sich kund tat, sondern es zeigte sich nur sein großes
-Mitgefühl, sein christlicher Geist und schließlich sein Bedürfnis,
-gewissermaßen Buße zu tun – ja, so könnte man es tatsächlich nennen.
-Doch zunächst will ich zu erklären versuchen, wie es möglich war, daß
-das Volk, das weder Geographie noch Geschichte gelernt hat, dennoch
-_bewußt_ an der Bewegung für die bedrängten Balkanslawen teilnahm.
-
-So lange das russische Volk besteht, d. h. schon seit seiner Bekehrung
-zum Christentum, sind immer Pilger aus Rußland nach Palästina, zum
-Heiligen Grabe, oder nach Athos gewandert. Die Erzählungen dieser Pilger
-von dem Erlebten und Gesehenen sind im Volk, wie alle Erzählungen vom
-„Göttlichen“, ungemein beliebt; man hört fast andächtig zu und behält
-das Gehörte beinahe Wort für Wort. Diese Erzählungen haben sich im Volk
-durch Generationen vererbt und verbreitet. Deshalb wissen denn selbst
-unsere Bauern auf dem Felde, auch wenn sie nie etwas von Serben,
-Bulgaren oder Montenegrinern gehört haben, doch ganz genau und schon
-seit Jahrhunderten, daß die heiligen Stätten und die christliche
-Bevölkerung jener Gegenden von den heidnischen Türken erobert worden
-sind, und daß diese Bevölkerung unter dem Joch der Ungläubigen ein
-schweres Leben hat. Das wissen sie nicht nur, sondern es schmerzt sie
-auch aufrichtig. Denn in seinem Herzen hat sich das russische Volk immer
-zu den heiligen Stätten hingezogen gefühlt und in der Wallfahrt, wenn
-nicht nach Jerusalem, dann zu einem unserer russischen Klöster, eine
-gute Tat, etwas Seelenrettendes gesehen. Übrigens möchte ich bemerken,
-daß ich, indem ich von diesem historischen Zug des russischen
-Volkscharakters rede, ihn weder gutheiße, noch tadele, sondern nur eine
-Tatsache feststelle, mit der man sich vieles erklären kann. Was sollen
-wir denn tun, wenn wir nun einmal diesen historischen Zug haben! Ich
-weiß nicht, wohin er uns führen wird, aber es ist doch möglich, daß er
-uns zu etwas führt. Im Leben der Völker bildet sich das Wichtige immer
-entsprechend den wichtigsten nationalen Sondereigenheiten aus. Vorläufig
-hat z. B. der obenerwähnte Charakterzug unseres Volkes nur sein bewußt
-nationales Verhalten zu _jedem_ Kriege Rußlands mit dem Sultan zur Folge
-gehabt. Was jedoch den gegenwärtigen Krieg betrifft, so scheint noch der
-Zeitpunkt von besonderer Bedeutung für die Volksbewegung des vorigen
-Jahres gewesen zu sein.
-
-Es ist verhältnismäßig schon ziemlich lange her, schon sechzehn Jahre,
-daß die Leibeigenschaft bei uns aufgehoben wurde. Es verging seitdem ein
-Jahr ums andere, doch – in welcher Verfassung sah sich das Volk, wie
-äußerte sich sein Dank für den Gnadenakt des Zaren? Es sah zunehmende
-Trunksucht, sah unter seinen Standesgenossen gewissenlose Ausbeuter sich
-vermehren, sah ringsum Armut, sah sich selbst oft bis zum Tierischen
-gesunken – viele, oh, viele werden bei diesem Anblick schon Reue und
-Kummer empfunden haben und das Verlangen nach Buße. Im Schmerz der
-Selbstverurteilung begann ein Suchen nach dem Guten, Heiligen ... Und da
-hörten sie plötzlich von Christen, die um ihres Glaubens willen
-gemartert werden, die lieber ihr Leben hingeben, als daß sie zum Islam
-übertreten, obwohl sie dafür belohnt werden sollten. Diesen ersten
-Gerüchten von den Vorgängen am Balkan folgten die Aufrufe ans Volk, den
-Bedrängten zu helfen, es wurden Spenden gesammelt; dann sprach man von
-einem russischen General, der den Christen in ihren Kämpfen gegen die
-Ungläubigen beistand, dann begannen Freiwillige aus Rußland hinzuziehen
-– alles das erschütterte das Volk. Es war wie ein Aufruf, Buße zu tun.
-Und da sahen und erlebten wir es: wer aus dem Volk nicht als
-Freiwilliger hingehen konnte, der steuerte wenigstens ein Scherflein
-bei; die Freiwilligen aber wurden von allen begleitet, ganz Rußland gab
-ihnen das Geleit.
-
-Der alte Fürst hatte freilich in Karlsbad von all dem nichts gesehen,
-und als er dann gerade während der Hochflut der Bewegung zurückkehrte,
-verstand er von ihr so wenig, daß er über sie nur spötteln konnte. Doch
-was konnte dieser Greis, dessen Anschauungen aus dem Klub stammen, von
-Rußland oder dem russischen Bauern überhaupt verstehen? Der kluge Lewin
-hätte freilich mehr verstehen können als der alte Fürst, doch ihn machte
-die Erwägung stutzig, daß das Volk ja weder Geschichte noch Geographie
-kennt, und überdies kränkte es ihn, daß sich dabei niemand um ihn und
-seine Meinung kümmerte. Freilich weiß unser Volk nichts von Geschichte
-und Geographie, doch das, worauf es ankommt, das weiß es. Allerdings
-könnte man dem Volk inbetreff seiner alten historischen Neigung zu Buße
-und Wallfahrt eine Menge sehr kluger und vernünftiger Dinge sagen, z.
-B., daß seine Wallfahrten nur eine sehr enge und einseitige Auffassung
-seiner Pflicht seien, und daß es besser täte, wenn es vom Trinken ließe
-und seine Habe vermehrte und somit etwas dazu beitrüge, daß sein
-Vaterland endlich den „aufgeklärten europäischen Staaten“ zu gleichen
-anfange. Man könnte dem Pilger vorhalten, daß Gott seine Wallfahrt
-durchaus nicht brauche, und zwar hauptsächlich deshalb nicht, weil sie
-weder ihm, dem Pilger, noch seiner Familie Nutzen bringe, ja, daß seine
-Wallfahrt sogar direkt schädlich sei, weil er auf lange Zeit sein Haus
-und seine Heimat um eines im Grunde egoistischen Zweckes willen
-verlassen müsse, nämlich um seine Seele zu retten, während es Gott
-unvergleichlich angenehmer wäre, wenn er dieselbe Zeit in seinem
-Gemüsegarten zubrächte oder Kälber hütete. Wie gesagt, es läßt sich sehr
-viel Vernünftiges gegen das Wallfahren vorbringen, aber – was soll man
-denn tun, wenn unser Volk so geartet ist, daß das Suchen des Guten in
-ihm _fast ausschließlich diese Form_ angenommen hat, d. h. die Form des
-Bußetuns, mittels einer Wallfahrt oder eines Opfers? Jedenfalls könnte
-der kluge Lewin in Erwartung der „Aufklärung“ wenigstens diesen
-historischen Charakterzug dem Volk anrechnen. Er könnte sich doch sagen,
-daß viele Freiwillige und viele von denen, die sie begleiteten, einer
-guten Regung folgten und in ihrer Handlungsweise eine gute Tat sahen
-(das steht ganz außer Frage!), folglich aber waren es doch nicht
-„verlorene Leute“, sondern vielleicht sogar die besten aus dem Volk, und
-viele, sehr viele von ihnen werden diese Tat in der Tiefe ihres Herzens
-eben als Buße und Sühne empfunden haben. Und vor seinem Zaren fühlte
-sich deshalb keiner schuldig, im Gegenteil, er hoffte und wartete
-darauf, daß sein Zarbefreier auch in dieser Frage als Befreier
-eingreifen werde, wir aber, die wir in unseren Winkeln saßen, wir
-freuten uns, daß das große russische Volk unsere Hoffnung und unser
-großes ihm gehörendes Vertrauen rechtfertigte. So dürfte denn wohl
-nichts so mangelhaft sein, wie der Vergleich dieser guten, opferwilligen
-Bewegung mit der Bande Pugatschoffs, der Kommune usw.! Das konnte
-wahrlich nur der gereizte Hypochonder Lewin sagen! Da sieht man, wozu
-empfindliche Eigenliebe führen kann!
-
-Doch seine Gereiztheit geht noch weiter, er erklärt sogar unumwunden,
-daß ein unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Slawen nicht
-vorhanden sei und auch gar nicht sein könne. Auf die Entgegnung
-Kosnyscheffs, daß es doch wohl nur für ihn nicht vorhanden sei,
-antwortet er:
-
- „Vielleicht, aber ich sehe das nicht; ich bin selbst Volk und fühle
- es doch nicht.“
-
-Er hat also kein Mitgefühl mit den Mißhandelten? Übrigens wird der
-Streit zwischen Lewin und Kosnyscheff in einer Weise geführt, die von
-der Frage abweicht. Kosnyscheff sagt:
-
- „... Stelle dir vor, du gehst auf der Straße und siehst, daß
- Trunkene ein Weib oder ein Kind schlagen. Ich denke, da würdest du
- nicht erst fragen, ob jenen Betrunkenen der Krieg von der Regierung
- deines Landes erklärt ist oder nicht, sondern würdest hineilen, und
- die Bedrängten verteidigen.“
-
-„Aber doch deshalb nicht töten.“
-
-„Doch, du würdest töten,“ sagt Kosnyscheff, und sagt damit natürlich
-etwas Unhaltbares, denn um ein Weib auf der Straße vor Betrunkenen zu
-beschützen, braucht man doch wahrlich noch nicht zu töten. Aber sie
-wissen es ja auch, daß es sich in dieser Frage nicht um eine zufällige
-Rauferei auf der Straße handelt, sondern um ein systematisches
-Niedermetzeln, um raffinierte Folterungen. Und auf eben jene Behauptung
-Kosnyscheffs entgegnet Lewin:
-
- „Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe, würde ich mich meinem
- unmittelbaren Gefühl hingeben, im voraus aber kann ich es nicht
- sagen. Ein solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der
- Slawen ist jedoch nicht vorhanden, und kann es auch gar nicht sein.“
-
-Das ist psychologisch nicht uninteressant. Es gibt ja gewiß auch absolut
-gefühllose Menschen, die einfach roh oder entartet sind; nur gehört
-Lewin zweifellos nicht zu diesen, im Gegenteil, er ist sogar ein sehr
-gefühlvoller Mensch. Deshalb fragt es sich, ob nicht bei gewissen, des
-Mitgefühls sogar sehr fähigen Menschen die – Entfernung von
-psychologischer Bedeutung sein kann. Vielleicht versagt ihr Mitgefühl,
-wenn es heißt: „Die Greueltaten sind ja allerdings unerhört, man reißt
-lebenden Menschen die Haut ab, wirft Kinder vor den Augen der Mütter in
-die Luft und fängt sie mit dem Bajonett auf, vergewaltigt Frauen,
-schneidet ihnen die Brüste ab, sticht Kindern die Augen aus und setzt
-sie auf einen Spieß – aber das geschieht da irgendwo weit, irgendwo dort
-auf der anderen Hälfte des Erdballs. Und da das so weit ist, empfinde
-ich eben kein Mitgefühl!“ Wenn nun die Entfernung solchermaßen auf das
-Mitempfinden einwirkt, so muß man sich unwillkürlich fragen: bis zu
-welcher Entfernung reicht denn eigentlich die Menschenliebe?
-
-Doch Lewin ist, wie gesagt, zweifellos ein gefühlvoller Mensch, und
-obschon er für die Slawen kein Mitgefühl hat, geht seine Menschenliebe
-doch so weit, daß er einen ... Türken nicht töten könnte. Stellen wir
-uns einmal eine solche Szene vor: Lewin steht, mit dem Gewehr in der
-Hand und aufgepflanztem Bajonett – zwei Schritt von ihm steht ein Türke
-mit einem Säugling im Arm, dem er mit einer Nadel die Augen auszustechen
-sich anschickt. Die siebenjährige Schwester des kleinen Opfers schreit
-wie wahnsinnig und sucht mit aller Gewalt dem Türken ihr Brüderchen zu
-entreißen. Lewin aber steht nachdenklich und unentschlossen da und
-spricht zu sich selbst:
-
- „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich empfinde nichts. Ich bin
- selbst Volk. Ein unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der
- Slawen ist nicht vorhanden und kann es auch gar nicht sein.“
-
-In der Tat, was würde er in dem Fall tun – nach allem, was er gesagt
-hat? Sollte er wirklich nicht das Kind befreien? Sollte er ihm wirklich
-die Augen ausstechen lassen und es nicht sofort dem Türken entreißen?
-
- „Entreißen ist leicht gesagt, aber da wird man den Türken vielleicht
- – stoßen müssen?“
-
- „Nun, so stoße ihn!“
-
- „Stoße ihn! Aber wenn er mir das Kind nicht geben will und den Säbel
- zieht? Da wird man ihn womöglich totschlagen müssen?“
-
- „Nun, so schlag’ ihn tot!“
-
- „Nein, wie darf man denn das! Nein, totschlagen darf man den Türken
- nicht. Dann mag er schon lieber dem Kinde die Augen ausstechen und
- es umbringen. Ich gehe zu Kitty.“
-
-Das wäre Lewins folgerichtige Handlungsweise. Er sagt doch, daß er
-_nicht wisse_, ob er dem Weibe oder dem Kinde helfen würde, wenn er
-dabei einen Türken töten müßte. Die Türken tun ihm eben gar so leid.
-
-„Vor zwanzig Jahren hätte die Presse noch geschwiegen,“ sagt
-Kosnyscheff, „jetzt aber wird die Stimme des russischen Volkes gehört,
-das bereit ist, sich zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich zu opfern
-für die bedrängten Mitbrüder; das ist ein großer und wichtiger Schritt
-und ein Beweis von Kraft.“
-
- „Aber hier handelt es sich doch nicht nur darum, sich zu opfern,
- sondern darum, die Türken zu erschlagen,“ sagte Lewin vorsichtig.
- „Das Volk opfert und ist jederzeit bereit, für seine Seele zu
- opfern, nicht aber für den Totschlag ...“
-
-Also mit anderen Worten: „Liebes Mädchen, hier ist Geld, nimm es, wir
-opfern es für unsere Seelen, aber deinem Brüderchen laß vom Türken die
-Augen ausstechen. Denn das geht doch nicht, daß wir den Türken
-totschlagen ...“
-
-Und darauf schreibt der Autor ganz persönlich und von sich aus über
-Lewin:
-
- „Er konnte sich nicht damit einverstanden erklären, daß eine
- Handvoll Menschen, unter ihnen auch sein Stiefbruder, das Recht
- haben sollten, auf Grund dessen, was ihnen die Hunderte der durch
- die Hauptstädte reisenden schönredenden Freiwilligen erzählt hatten,
- zu sagen, sie und die Presse drückten den Willen und das Empfinden
- des Volkes aus, und dabei war das ein Wille, der _Rache_ und
- _Totschlag_ verlangte.“
-
-Das entspricht nicht der Wahrheit: von einem Verlangen nach _Rache_ kann
-überhaupt nicht die Rede sein. Auch jetzt, wo wir mit diesem
-blutdürstigen Volk Krieg führen, hört man über das Verhalten der Russen
-zu ihren Feinden nur Dinge, die Beweise der größten Menschlichkeit sind.
-Ja, man kann dreist behaupten, daß wenige der europäischen Armeen mit
-einem solchen Feinde so umgehen würden, wie es jetzt unsere Armee tut.
-Zwei oder drei unserer großen Tageszeitungen haben denn auch schon die
-Frage erörtert, ob es nicht ratsam wäre, die unerhörten Grausamkeiten
-der Türken zu vergelten: dieses Abschneiden der Nasen und anderer
-Glieder der Verwundeten und Gefangenen, bevor sie getötet werden. Man
-sollte meinen, daß mit dieser gesunkenen und verlogenen Nation kein
-anderes Volk noch menschlich umgehen könne, doch bin auch ich dafür, daß
-man von irgendwelchen Gegenmaßnahmen Abstand nimmt. Daß jedoch Kindern
-die Augen ausgestochen werden, das dürfen wir nicht zulassen, und um ein
-für allemal die Möglichkeit zu solchen Schändlichkeiten zu beseitigen,
-muß man die Verfolgten befreien, dem Verfolger aber auf immer die Waffe
-entreißen. Das aber ist nur möglich durch den Kampf. Kampf jedoch ist
-nicht Rache, und Lewin braucht deshalb für die Türken nichts zu
-befürchten. Auch im vorigen Jahr, noch vor der Kriegserklärung, als nur
-unsere Freiwilligen hinzogen, hätte er in der Beziehung ruhig sein
-können. Oder kennt er denn nicht den Russen und den russischen Soldaten?
-Freilich wird unser Soldat den Feind im Kampf töten, aber mit dem
-gefangenen Türken hat man ihn schon oft seine schmale Soldatenkost
-teilen gesehen. Und ich versichere, jeder Soldat, der das tat, wußte nur
-zu gut, daß dieser selbe Türke ihm, dem Russen, wenn er in türkische
-Gefangenschaft geraten wäre, den Kopf abgeschnitten, daraus mit anderen
-Köpfen einen Halbmond zusammengestellt hätte, und in der Mitte – einen
-Stern aus anderen Körperteilen. Außerdem könnte Lewin sich sagen, daß
-dieser russische Soldat, der den Türken im Kampf erschlägt, doch auch
-sein eigenes Leben einsetzt, daß er ebensogut vom Türken erschlagen
-werden kann und vielleicht auch wird, vorher aber noch Mühe und Pein und
-vor dem Tode womöglich Folterqualen auszustehen hat. Um der „Rache“, um
-des „Totschlags“ willen habe sich das russische Volk erhoben? Hat man
-jemals gehört, daß die Verteidigung von Kindern und Frauen, die
-aufgespießt, die vergewaltigt werden und die in der ganzen Welt keinen
-Beschützer haben – für eine rohe Tat, für lächerlich, fast für
-unsittlich, für Rachelust und Blutdurst gehalten worden ist? Und was ist
-das für eine Gefühllosigkeit neben größter Sentimentalität! Dieser Lewin
-hat doch auch ein Kind und er liebt doch seinen kleinen Knaben; wenn
-dieser in der Wanne gebadet wird, ist es doch fürs ganze Haus ein
-Ereignis. Blutet ihm denn da nicht das Herz, wenn er liest, daß sich
-unter den Baschibosucken Spezialisten herausgebildet haben, die ein
-Kind, das sie an den Beinchen packen, mit einem Ruck in zwei Hälften
-zerreißen können, oder von den toten Kindern neben den Leichen ihrer
-erschlagenen Mütter liest, denen die Brüste abgeschnitten sind? Doch
-dieser Lewin, der das liest, denkt bei sich vermutlich:
-
-„Kitty ist gesund und hat mit Appetit gegessen; der Kleine wurde gebadet
-und er fängt schon an, mich zu erkennen. Was geht es mich an, was sich
-dort irgendwo fern von hier bei den Balkanslawen zuträgt; _ein
-unmittelbares Gefühl für die Mißhandlung der Slawen ist nicht vorhanden
-und kann es auch gar nicht sein_ – denn _ich_ empfinde _nichts_.“
-
-Schließt damit Lewin seine Epopöe? Und ihn will uns der Autor als
-Beispiel eines rechtschaffenen und ehrlichen Menschen hinstellen?
-
-Solche Menschen, wie der Autor der „Anna Karenina“, sind Erzieher der
-Gesellschaft, sind unsere Lehrer und wir sind ihre Schüler. Was aber
-lehren sie uns nun eigentlich?
-
-
-
-
- Zweiter Teil.
-
- Der russische Nihilismus
-
-
- Das Milieu
-
- (1873)
-
-Mir scheint, daß das vorherrschende Gefühl aller Richter der Welt, der
-unseren aber im besonderen, das Gefühl der Macht sein muß, oder besser
-gesagt, der Eigenmacht. Um so bemerkenswerter ist es, daß sie heutzutage
-bei uns nie verurteilen, sondern ausnahmslos freisprechen. Freilich ist
-auch das ein Beweis ihrer Macht, sogar der Beweis eines übermäßigen
-Gebrauches ihrer Macht, jedoch nur in einer, weiß Gott, sentimentalen
-Richtung, die aber leider von allen eingehalten wird. Das ist eben das
-Auffallende, daß die Manie, um jeden Preis freizusprechen, nicht nur die
-Bauern unter den Geschworenen, die gestern noch Leibeigene waren,
-ergriffen hat, sondern sogar die Geschworenen aus den höchsten Ständen,
-selbst Edelleute und Universitätsprofessoren. Gerade diese Allgemeinheit
-der Manie kann einen auf seltsame Gedanken bringen.
-
-Viele erklären sich das damit, daß es ihnen leid täte, ein fremdes
-Menschenleben zu vernichten. Das russische Volk sei mitleidig, sagen
-sie.
-
-Sonderbar, ich habe immer geglaubt, daß zum Beispiel das englische Volk
-auch Mitleid empfindet, und wenn in ihm auch nicht diese, sagen wir,
-Weichherzigkeit zu finden ist, so hat es doch jedenfalls auch seine
-Menschenliebe. Das Bewußtsein und das Gefühl der christlichen Pflicht
-ist bei den Engländern in hohem Maße vorhanden, ist bis zur festen und
-selbständigen Überzeugung ausgebildet, vielleicht sogar ausgesprochener
-als bei uns, wenn man ihre alte Bildung und Selbständigkeit in Betracht
-zieht. Dort ist den Geschworenen die Macht doch nicht so wie den
-unsrigen plötzlich vom Himmel in den Schoß gefallen. Auch haben sie das
-ganze Geschworenengericht selbst geschaffen, haben es von niemandem
-entlehnt, sondern aus dem eigenen Leben in Jahrhunderten ausgearbeitet.
-Deshalb weiß dort jeder Geschworene, daß er, sobald er seinen Platz im
-Gerichtssaal eingenommen hat, nicht nur ein gefühlvoller Mensch mit
-einem guten Herzen ist, sondern in erster Linie Staatsbürger. Er ist
-sogar der Meinung (ob er recht hat, ist eine andere Frage), daß die
-Erfüllung einer Bürgerpflicht wertvoller ist als die christliche
-Herzenstat eines Menschen. Der englische Geschworene weiß, daß er im
-Gerichtssaal aufhört, eine Privatperson zu sein, daß er dort nur der
-Vertreter der öffentlichen Meinung seines Landes ist und die Fahne
-Englands hochzuhalten hat. Die Fähigkeit, ein Staatsbürger zu sein, ist
-doch nichts anderes, als die Fähigkeit, in sich den Vertreter seines
-ganzen Landes zu sehen. Auch in England kennt man Nachsicht im Urteil,
-auch dort berücksichtigt man das „zersetzende Milieu“ (das bei uns jetzt
-so beliebte Schlagwort), aber es geschieht das doch nur bis zu einer
-gewissen Grenze, nur soweit es die gesunde Vernunft des Landes zuläßt.
-Deshalb wird im alten England das Laster nicht Tugend genannt, sondern
-bleibt Laster und das Verbrechen – Verbrechen, und die sittliche
-Grundlage des Landes bleibt deshalb nicht minder fest bestehen.
-
-Hier höre ich eine Stimme einwenden: „Aber woher soll es denn auch bei
-uns Bürger geben? bedenken Sie doch nur, was wir noch gestern waren!
-Unsere Bürgerrechte (und dazu noch was für welche!), die haben uns doch,
-unvorbereitet wie wir waren, einfach überfallen und ruhen nun auf uns
-wie eine Last, die uns fast erdrückt!“
-
-„Freilich, in Ihrer Bemerkung liegt schon etwas Wahres, aber
-andererseits, das russische Volk ...“
-
-„Das russische Volk?“ unterbricht mich eine andere Stimme. „Aber,
-erlauben Sie, wer kennt von uns denn das russische Volk? Ich glaube, daß
-hier nicht nur Weichherzigkeit freispricht, sondern das Grauen vor der
-Macht selbst! Diese plötzliche furchtbare Macht über ein
-Menschenschicksal hat uns erschreckt, und bevor wir uns zu Ihren
-englischen Bürgern ausbilden, sprechen wir eben vorläufig frei. Aus
-Angst sprechen wir frei. Unsere Geschworenen denken vielleicht bei sich:
-‚Sind wir denn besser als der Angeklagte? Wir sind reich und
-sichergestellt, aber wenn wir in seiner Lage gewesen wären, wer weiß, ob
-wir nicht noch Schlimmeres getan hätten als er?‘ – und deshalb sprechen
-sie frei. Aber das ist vielleicht doch ein Wert, vielleicht ein
-Unterpfand eines höheren Christentums der Zukunft, eines geistigen
-Ausdrucks, wie die Welt bisher noch keinen ähnlichen gekannt hat!“
-
-Dieser Gedanke wäre allerdings beruhigend, aber ... weshalb hat denn
-unser Volk dieses Grauen vor der Macht? Spricht es frei, weil es sich
-vor dem Mitleid mit dem Verurteilten, vor dem Schmerz des Mitleids
-fürchtet? – Nun, so nehme man doch den Schmerz auf sich. Die Wahrheit
-steht höher als Mitleid.
-
-Allerdings, wenn wir uns mitunter wirklich selbst für schlechter halten
-als den Verbrecher, so geben wir doch damit zu, daß wir zur Hälfte an
-seinem Verbrechen mit schuld sind. Denn wir sagen uns, wenn wir selbst
-besser wären, so würde auch er besser sein und jetzt nicht als
-Angeklagter vor uns stehen ...
-
-Aber muß man ihn deshalb freisprechen?
-
-Nein, im Gegenteil: gerade deshalb muß man die Wahrheit aussprechen und
-das Böse – das Böse nennen, doch die Hälfte der Last des Urteils auf
-sich nehmen. Wir müssen den Gerichtssaal mit dem Gedanken betreten, daß
-auch uns Schuld trifft, und eben dieser Schmerz des Mitleids, den jetzt
-alle so fürchten und mit dem wir den Saal nach einer Verurteilung
-verlassen, wird unsere Strafe sein. Wenn dieser Schmerz echt und tief
-ist, so wird er uns besser machen, und nur wenn wir selbst besser
-werden, machen wir das Milieu besser. Das ist es ja, daß man überhaupt
-nur auf diese Weise das Milieu verbessern kann. Aber so aus Angst vor
-dem eigenen Mitgefühl freisprechen – das ist nicht schwer, nur käme man
-auf diesem Wege bald zu der Folgerung, daß es Verbrechen überhaupt nicht
-gebe, sondern an allem bloß das Milieu schuld sei, und schließlich –
-wenn wir folgerichtig weitergehen –, daß Verbrechen sogar Pflicht sei,
-oder doch ein edler Protest gegen die herrschende Ungerechtigkeit. Dazu
-führt die Lehre vom Milieu, im Gegensatz zur christlichen Lehre, die,
-obgleich sie den Einfluß des Milieus durchaus anerkennt und
-Barmherzigkeit predigt, dennoch den Kampf gegen das Milieu als sittliche
-Pflicht des Menschen aufstellt und dabei scharf abgrenzt, wo das Milieu
-aufhört und die Pflicht anfängt.
-
-Indem das Christentum den Menschen verantwortlich macht, erkennt es
-seine Freiheit an. Wenn man den Menschen von jedem Fehler der
-gesellschaftlichen Einrichtung für abhängig erklärt, wie es die Lehre
-vom Milieu tut, so führt man den Menschen zur vollständigen
-Unpersönlichkeit und entbindet ihn von jeder persönlichen sittlichen
-Pflicht, von jeder Selbständigkeit, und bringt ihn somit in die größte
-Knechtschaft, die man sich nur denken kann.
-
-„Ja, aber,“ höre ich jemandes ironische Stimme einwenden, „glauben Sie
-denn, daß diese freisprechenden zwölf Geschworenen, die mitunter
-ausnahmslos Bauern sind, auch nur eine Ahnung von Ihrer neuesten
-Milieutheorie haben, die Sie ihnen da unterschieben?“
-
-„Hm, ja ... freilich, wie sollten sie dazu kommen, d. h. alle die Vielen
-... Aber Ideen ... Ideen liegen doch in der Luft, Ideen sind doch
-ansteckend ...“
-
-„Na, das fehlte noch!“ lacht die ironische Stimme.
-
-„Aber wie ... wenn gerade unser Volk ganz besonders zur Lehre vom Milieu
-neigte, schon seinem Wesen nach, sagen wir meinetwegen infolge seiner
-slawischen Veranlagung? Wie, wenn gerade unser Volk das beste Material
-für gewisse europäische Propaganda wäre?“
-
-Die höhnische Stimme lacht noch lauter, aber das Lachen klingt etwas
-gezwungen.
-
- * * * * *
-
-Nein, es scheint mir doch, daß es sich hier vorläufig nicht um eine
-„Philosophie des Milieus“ handelt.
-
-Es ist wahr, schon seit Jahrhunderten nennt unser Volk die Verurteilten
-„Unglückliche“. Was will es damit ausdrücken? – die christliche
-Auffassung oder die Auffassung des Milieus? Hier liegt der springende
-Punkt, gerade hier konnte die Propaganda mit Erfolg einsetzen!
-
-Es gibt unausgesprochene, unbewußte und nur intensiv gefühlte Ideen, die
-mit der Menschenseele gleichsam verwachsen sind. Sie existieren sowohl
-im einzelnen Volk, wie in der ganzen Menschheit. Solange diese Ideen
-noch unbewußt dem Volksleben zugrunde liegen und erst nur stark und
-sicher empfunden werden, nur so lange kann das Volk ein starkes und
-lebendiges Leben führen. Im Bestreben, diese in sich verborgenen Ideen
-zum Ausdruck zu bringen, liegt die ganze Energie seines Lebens. Je
-unerschütterlicher das Volk seine Idee bewahrt, je weniger es fähig ist,
-von seinem anfänglichen Gefühl abzuweichen, je weniger es geneigt ist,
-sich falschen Deutungen dieser Idee hinzugeben, um so kraftvoller und
-glücklicher wird es sein.
-
-Ein Teil der Idee des russischen Volkes kommt nun zweifellos in der
-Tatsache zum Ausdruck, daß es die Verbrecher „Unglückliche“ nennt. Kein
-europäisches Volk hat je etwas Ähnliches geäußert, erst jetzt beginnen
-in Europa einzelne Philosophen für diese Auffassung einzutreten; unser
-Volk aber hat sie schon vor Jahrhunderten ausgesprochen. Doch daraus
-folgt noch nicht, daß es nicht durch eine falsche Auslegung dieser Idee
-irregeführt werden könnte, wenigstens zeitweilig.
-
-Meiner Ansicht nach will das russische Volk mit der Bezeichnung
-„Unglückliche“ den Verbrechern sagen: „Ihr habt gesündigt und büßt
-dafür, aber auch wir sind Sünder. Wären wir besser, so würdet ihr
-vielleicht nicht in den Gefängnissen sitzen. Mit der Strafe für eure
-Verbrechen tragt ihr auch die Last der allgemeinen Ungerechtigkeit.
-Betet für uns, wie wir für euch beten, und nehmt unser Almosen, das wir
-euch geben, damit ihr seht und wißt, daß wir euer gedenken und unsere
-brüderlichen Bande mit euch nicht zerrissen haben.“ Doch niemals hat das
-Volk deshalb aufgehört, einen Verbrecher für schuldig zu halten. Es wäre
-auch das größte Unglück für uns, wenn das Volk dem Verbrecher sagen
-würde: „Du bist unschuldig, denn es gibt kein Verbrechen.“ Und daß das
-Volk noch so denkt, das ist unsere Hoffnung, ist der Grund, weshalb wir
-unseren Glauben an unsere Zukunft nicht aufzugeben brauchen.
-
-Ich habe im Zuchthaus unter vielen Verbrechern gelebt, doch habe ich
-unter ihnen nicht einen gesehen, der sich nicht selbst für einen
-Verbrecher gehalten hätte. Niemand sprach von seinem Verbrechen. Niemand
-murrte wider seine Strafe. Wenn einmal ein Neuling mit seiner
-verbrecherischen Tat prahlen wollte, so erteilten ihm alle Sträflinge
-einstimmig einen barschen Verweis. Man sprach einfach nicht von seinem
-Verbrechen. Doch sicherlich gab es nicht Einen unter ihnen, dem eine
-lange Zeit seelischen Leidens, reinigender und aufrichtender Reue
-erspart geblieben war. Ich habe sie einsam grübeln, habe sie in der
-Kirche beten gesehn, habe manches vielverratende Wort gehört und
-erinnere mich noch des Ausdrucks ihrer Gesichter, – oh, man glaube mir,
-da war nicht einer unter ihnen, der sich in seiner Seele schuldlos
-gefühlt hätte!
-
-Ich möchte nicht, daß meine Worte als Ausdruck von Grausamkeit aufgefaßt
-werden, wenn ich behaupte, daß nur durch strenge Bestrafung, durch
-Gefängnis und Zwangsarbeit die Hälfte aller Verbrecher gerettet werden
-kann. Die Strafe bedrückt nicht, wie man meint, sondern erleichtert.
-Selbstreinigung durch Leid ist leichter, leichter als das Los, welches
-man ihnen bereitet, wenn man sie vollkommen freispricht. Man nimmt ihnen
-damit nur die Möglichkeit, sich zu bessern, und pflanzt in ihre Seele
-Zynismus, läßt in ihnen eine verfängliche Frage offen und ruft ihren
-Spott über die Richter hervor. Man erreicht damit nur, daß der
-Verbrecher selbst irre wird an den Dingen. „Freilich,“ wird er sich
-sagen, „sie haben ja recht mit dem Freispruch; wenn ich in Not war, wie
-sollte ich da nicht stehlen?“ Die Hauptsache aber ist, daß dadurch der
-Glaube an die Gerechtigkeit und die Volkswahrheit erschüttert wird.
-
-In den letzten Jahren, die ich im Auslande verbrachte, hat mir oft das
-Herz geschmerzt, wenn ich dort unsere Emigranten und Absentisten sah,
-deren Kinder die Muttersprache kaum verstanden oder schon verlernt
-hatten. Aber bisweilen, wenn ich den Lesesaal nach der Lektüre unserer
-Zeitungen verließ, konnte ich – bei Gott, meine Herren – unsere
-Absentisten verstehen. Mein Herz krampfte sich zusammen, wenn ich las,
-wie das in Rußland neueingeführte Geschworenengericht sich „bewährte“!
-Es wurde nur freigesprochen – eine Frau, die ihren Mann erschossen, ein
-Jüngling, der die Kasse bestohlen, um seine Geliebte zu bezahlen, ein
-Bauer, der sein Weib solange und so grausam mißhandelt hatte, bis das
-Weib sich erhängte – kurz, sie wurden alle für unschuldig erklärt. Und
-wenn das noch wenigstens Menschen gewesen wären, die ein besonderes
-Mitleid oder Nachsicht verdient hätten! Aber nein!! Deshalb konnte ich
-mir auch den Grund des Freispruchs nie erklären. Der Eindruck war
-bedrückend, nahezu beleidigend. In diesen bösen Augenblicken erschien
-mir Rußland bisweilen wie ein Sumpf, ein Moor, auf dem sich’s jemand hat
-einfallen lassen, einen Palast zu bauen. Von oben gesehen ist der Boden
-scheinbar fest und glatt, in Wirklichkeit aber ist er wie ein Brei.
-Tritt man auf ihn, so versinkt man in eine bodenlose Tiefe. Ich machte
-mir heftige Vorwürfe wegen meines Kleinmuts und tröstete mich damit, daß
-ich mich als Kritiker aus der Ferne immerhin täuschen konnte.
-
-Doch jetzt bin ich wieder in Rußland ...
-
-„Ja, sprechen sie überhaupt aus Mitleid frei?“ – das ist nun die Frage!
-Lachen sie nicht darüber, daß ich ihr eine solche Bedeutung zuschreibe.
-„Mitleid“ ist doch immerhin noch irgendwie zu erklären, es läßt
-wenigstens die eine oder andere Deutung zu. Wenn es aber nun nicht
-Mitleid ist?
-
-Dann steht man wie vor einer Finsternis, in der irgendein Wahnsinniger
-lebt.
-
-
- Der Büßer
-
- (1873)
-
-In unseren russischen Klöstern gibt es, wie man weiß, auch jetzt noch
-unter den Mönchen manche Asketen und Heilige, Beichtväter und Ratgeber.
-Ob das nun gut oder schlecht ist, ob man der Mönche bedarf oder nicht –
-diese Frage wollen wir hier nicht erörtern. Es soll zwar nicht zeitgemäß
-sein, von Mönchen zu reden, doch können wir nicht umhin, es hier
-trotzdem zu tun, da das Folgende ein Mönch erzählt hat. Diese
-Beichtväter und Ratgeber sind bisweilen hochgebildete Menschen, Menschen
-mit einem tiefen Verstande. Wenigstens wird so von ihnen berichtet, ich
-kenne sie nicht. Einige von ihnen, sagt man, seien in ganz Rußland
-bekannt, und aus den fernsten Gegenden kämen die Menschen zu ihnen, oft
-sogar zu Fuß aus Archangelsk, aus Sibirien, aus dem Kaukasus. Wer zu
-ihnen kommt, den treibt eine Verzweiflung, mit der die eigene Seele
-nicht mehr kämpfen kann, oder auf dem Gewissen dieser Menschen ruht eine
-so furchtbare Schuld, daß sie mit ihrem Geistlichen in der Heimat nicht
-darüber sprechen mögen – nicht aus Angst oder Mißtrauen, sondern weil
-die Verzweiflung ihnen jeden Glauben an eine Vergebung ihrer Sünde
-genommen hat. Hören sie dann zufällig von einem solchen fernen,
-trostspendenden Beichtvater, dann machen sie sich auf und pilgern zu
-ihm.
-
-So hat nun einer von diesen Mönchen in einem Gespräch unter vier Augen
-seinem Zuhörer folgendes erzählt:
-
-„Schon seit zwanzig Jahren höre ich Beichten, und, werden Sie es mir
-glauben, in zwanzig Jahren lernt man so viele verborgene Krankheiten der
-Menschenseele kennen, daß einen, wie man meinen sollte, nichts mehr
-wunder nehmen könnte. Und dennoch kommt es vor, daß man selbst nach
-zwanzig Jahren erschauert beim Anhören manch einer Schuld. Man verliert
-die Gemütsruhe, die erforderlich ist, um dem Verzweifelten Trost geben
-zu können, und man muß sich selber zu Demut und Vertrauen zwingen.“
-
-Und hierauf hat er folgende unglaubliche Geschichte aus dem Volksleben
-erzählt:
-
-... Ich sehe, ein Bauer kommt auf den Knien zu mir gekrochen. Ich hatte
-schon vom Fenster her gesehen, wie er draußen auf der Erde kriechend
-näher kam. Sein erstes Wort zu mir war:
-
-„Für mich gibt es keine Rettung mehr: bin verdammt! Was du auch sagst,
-ich weiß: ich bin verdammt!“
-
-Ich versuchte, ihn einigermaßen zu beruhigen. Ich sah, daß der Mensch
-weither gekommen war, weil es ihn nach Strafe und Leiden für sein
-Vergehen verlangte.
-
-„Wir kamen im Dorf mehrere Burschen zusammen,“ begann er, „und da fingen
-wir an unter uns zu streiten, wer den anderen in Frechheit überbieten
-könne. Ich prahlte, daß ich sie alle ausstechen würde. Da zog mich ein
-anderer Bursche beiseite und sagte mir unter vier Augen: ‚Hör mal, das
-kannst du nie und nimmer, was du da sagst. Du prahlst ja nur.‘“
-
-„Ich wollte schon schwören, aber er unterbrach mich: ‚Nein, wart,‘ sagte
-er, ‚nicht so. Du schwöre mir _bei deinem Seelenheil_ in jener Welt, daß
-du alles tun wirst, was ich dir sagen werde.‘“
-
-„Ich schwor.“
-
-„‚Gut,‘ sagte er. ‚Bald haben wir Fasten. Bereite dich zum Abendmahl
-vor. Die Hostie nimm, aber verschluck sie nicht. Wenn du dann aufstehst
-– tritt zur Seite, nimm sie aus dem Munde und behalt sie in der Hand.
-Das weitere werde ich dir dann sagen.‘“
-
-„So tat ich auch. Aus der Küche führte er mich geradewegs in den
-Gemüsegarten. Nahm einen Pflock, stieß ihn in die Erde und sagte: ‚Leg’
-hin!‘ Ich legte die Hostie auf den Pflock. ‚Jetzt geh und hol eine
-Flinte,‘ sagte er. Ich ging und holte sie. ‚Lad’ sie,‘ sagte er. Ich
-lud. ‚Ziele und schieß.‘ Ich erhob die Hand und zielte. Und da – wie der
-Schuß fiel, stand plötzlich vor mir das Kreuz mit dem Gekreuzigten. Da
-fiel ich bewußtlos hin ...“
-
-Zugetragen hatte sich das schon mehrere Jahre vor der Beichte. Den Namen
-dieses Pilgers wie auch die Strafe, die er ihm auferlegt, hat der Pater
-natürlich nicht gesagt. Wahrscheinlich hat er die Seele dieses Menschen
-mit einer furchtbaren Buße belastet, vielleicht sogar mit einer, die
-fast über menschliche Kraft ging, in der Erwägung, daß, je schwerer die
-Strafe, sie um so eher das Gewissen erleichtern werde. „... weil es ihn
-doch nach Strafe und Leiden für sein Vergehen verlangte ...“
-
-Dieser Fall verdient es entschieden, näher betrachtet zu werden, ja er
-ist sogar äußerst charakteristisch. Ich bin immer der Meinung gewesen,
-daß das letzte Wort gerade diese Menschen aussprechen werden, diese
-reuigen oder auch nicht reuigen, bußfertigen oder unbußfertigen; sie
-werden es sagen und uns den neuen Weg weisen, den neuen Weg ins Freie
-aus allen unseren anscheinend vollkommen unlösbaren Problemen. Es wird
-doch nicht Petersburg unser russisches Schicksal endgültig entscheiden.
-Deshalb aber ist jeder, ja sogar jeder geringste _neue_ Zug dieser
-„neuen Menschen“ unserer Aufmerksamkeit wert.
-
-Erstens, was mich am meisten wundert, das ist der Anfang des Ganzen, die
-Möglichkeit eines solchen Streites und Wettkampfes in einem russischen
-Dorf: wer den anderen in Frechheit überbieten könne. Es ist das eine
-Tatsache, die auf furchtbar vieles hindeutet, und ich muß sagen, daß sie
-für mich eine sogar ganz unerwartete Erscheinung ist – ich habe doch
-genug Menschen aus dem Volk gesehen, sogar die charakteristischsten
-Verbrecher und Sträflinge.
-
-Ferner ist die, sagen wir, krankhafte Seite des Vorfalls bemerkenswert.
-Halluzinationen sind eine vornehmlich krankhafte Erscheinung und
-zugleich hört man von dieser Krankheit nur sehr, sehr selten. Die
-Möglichkeit einer plötzlichen Halluzination bei einem, wenn auch sehr
-erregten, aber immerhin ganz gesunden Menschen ist an sich bisher
-vielleicht noch nicht vorgekommen. Doch das ist eine medizinische Frage,
-von der ich wenig verstehe.
-
-Etwas ganz anderes ist es mit der psychologischen Seite des Falles. Da
-erscheinen vor uns zwei Charaktere, die in hohem Maße für das ganze
-russische Volk typisch sind! Da ist vor allen Dingen dieses Vergessen
-eines jeden Maßes bezeichnend (doch ist das, wohlgemerkt, fast immer nur
-eine zeitweilige Erscheinung, gleichsam eine vorübergehende Anfechtung).
-Da ist dieses Bedürfnis, über das Maß hinauszugreifen, das Bedürfnis
-nach herzbeklemmenden Empfindungen, das Verlangen, an einen Abgrund
-heranzugehen, sich mit dem halben Körper schon über den Rand zu beugen,
-in die schaudervolle Tiefe zu blicken und – sehr oft oder wenigstens in
-nicht seltenen Fällen – sich wie ein Wahnsinniger mit dem Kopf voran in
-die Tiefe zu stürzen. Das ist das Verneinungsbedürfnis im russischen
-Menschen, bisweilen sogar in einem durchaus nicht verneinenden, sondern
-in einem ehrfürchtig alles bejahenden Menschen – die Verneinung von
-allem, selbst des größten Heiligtums des eigenen Herzens, seines
-höchsten Ideals, des ganzen Volksheiligtums, vor dem er soeben noch
-ehrfurchtsvoll gekniet, das aber dann plötzlich gleichsam zu einer
-unerträglichen Last für ihn wird. Auffallend ist dabei namentlich jene
-Hast, jener unbezwingbare Drang, in dem der Russe sich in manchen
-Augenblicken seines eigenen oder des ganzen Volkslebens zu äußern
-beeilt, wenn der Augenblick einer von jenen ist, die den Charakter des
-Menschen herausfordern – gleichviel ob es in einer guten oder in einer
-unflätigen Tat geschieht. Mitunter gibt es für ihn dann überhaupt keine
-Schranken mehr. Was es auch sei, Liebe, Wein, Eigenliebe, Neid oder die
-tolle Stimmung eines Gelages – da gibt sich mancher Russe rückhaltlos
-dem Augenblick hin, ist imstande, alles zu zerreißen, zu vernichten, von
-allem sich loszusagen, von der Familie, von den Sitten, von Gott. Manch
-ein herzensguter Mensch kann plötzlich zum Tier und Verbrecher werden,
-wenn er einmal in diesen Wirbel hineingerät – in diesen für uns
-verhängnisvollen Wirbel momentaner, konvulsivischer Selbstverneinung und
-Selbstzerstörung, die dem russischen Volkscharakter seit jeher zu seinem
-Verhängnis eigen sind. Aber mit ebensolcher Kraft, mit ebenso großem
-Ungestüm im Verlangen nach Selbsterhaltung und Buße versteht es das
-ganze Volk, wie auch der einzelne Russe, sich selber wieder zu retten,
-und er rettet sich gewöhnlich gerade in dem Augenblick, wenn er schon
-bei der letzten Grenze angelangt ist, d. h. wenn er nirgendwohin mehr
-weitergehen kann. Doch besonders bezeichnend ist es, daß der Rückschlag
-– der die Wiederherstellung, die Rettung zur Folge hat – immer ernster
-ist als der erste Stoß, der ihn zur Verneinung und Selbstvernichtung
-treibt. Jene erste Anwandlung ist eben immer eine Art Kleinmut oder eine
-Laune, während der Rückschlag mit der Wiederherstellung und Rettung aus
-eigener Kraft immer etwas Großes ist: und ihm gibt sich der russische
-Mensch mit der größten, gewaltigsten und ernstesten Anstrengung hin und
-blickt dann auf seine frühere Verneinung mit Selbstverachtung zurück.
-
-Ich glaube, das hauptsächlichste, das ursprünglichste geistige Bedürfnis
-des russischen Volkes ist das Bedürfnis zu leiden, ewig und
-unersättlich, überall und in allem. Dies Lechzen nach Leid hat es, wie
-mir scheint, schon von jeher in sich gehabt. Wie ein leidtragender Strom
-zieht es durch seine ganze Geschichte, und zwar nicht nur in Gestalt
-äußeren Unglücks und verschiedener Heimsuchungen, vielmehr entspringt
-seine Quelle dem lebendigen Herzen des Volkes. Sogar im Glück des
-Russen, sowohl des einzelnen wie des ganzen Volkes, ist unbedingt ein
-Teil Leid enthalten, anderenfalls ist für ihn das Glück nicht
-vollständig. Niemals, nicht einmal in den Stunden der größten Triumphe,
-die seine Geschichte kennt, hat das russische Volk ein stolzes oder
-triumphierendes Aussehen, sondern nur ein, bis zum Leid ergriffenes; es
-atmet wohl auf, aber den Ruhm schreibt es der Gnade Gottes zu. Im Leid
-findet das russische Volk gleichsam einen Genuß. Und was vom ganzen Volk
-gilt, gilt auch vom einzelnen Russen, natürlich nur im allgemeinen
-gesprochen. Man betrachte z. B. die zahlreichen Typen des randalierenden
-Russen. Es ist bei ihm nicht nur übermäßige Ausgelassenheit, deren
-Schrankenlosigkeit oder Frechheit einen wundernimmt oder einen durch die
-Tiefe des Falles einer Menschenseele anwidert. Dieser widerliche Mensch
-ist in erster Linie selber ein Märtyrer. Eine naiv triumphierende
-Selbstzufriedenheit, eine satte Gespreiztheit ist einem Russen nie
-eigen, nicht einmal einem dummen. Man vergleiche einen russischen
-Betrunkenen mit – nun, meinetwegen mit einem deutschen: der betrunkene
-Russe ist vielleicht gemeiner als der betrunkene Deutsche, doch ist
-dieser zweifellos dümmer und komischer als der Russe. Die Deutschen sind
-ein vornehmlich selbstzufriedenes, auf sich stolzes Volk. Im betrunkenen
-Deutschen pflegen nun diese Grundzüge des Volkscharakters an
-Ausgeprägtheit proportional dem Quantum des getrunkenen Bieres
-zuzunehmen. Der betrunkene Deutsche ist ein zweifellos glücklicher
-Mensch und denkt nicht daran, zu weinen; statt dessen singt er
-selbstgefällige Lieder und ist stolz. Er kommt stocksteif besoffen nach
-Haus, aber er ist dabei stolz! Der russische Trinker dagegen trinkt
-gewöhnlich aus Leid und weint nachher. Oder wenn er auch großtut, so ist
-das doch kein Triumphieren, sondern nur ein Randalieren. In der Regel
-fällt ihm dann irgendeine ihm widerfahrene Kränkung ein und er fängt an,
-dem Beleidiger, gleichviel, ob dieser zugegen ist oder nicht, bittere
-Vorwürfe zu machen. Schließlich beweist er ihm mit Nachdruck, daß er
-womöglich ein General sei, schimpft dabei aufrichtig, wenn man ihm nicht
-glaubt, bis er zu guter Letzt, um alle zu überzeugen, unbedingt nach der
-Polizei schreit. Aber er ist ja nur deshalb so, ruft auch nur deshalb
-nach der Polizei, weil er in den geheimsten Tiefen seiner betrunkenen
-Seele nur zu gut weiß, daß er ganz und gar kein General, sondern nur ein
-ekelhafter Säufer und tiefer gesunken ist als das niedrigste Vieh. Was
-wir hier im mikroskopischen Beispiel sehen, sehen wir auch im großen
-Ganzen. Selbst der größte Schandkerl, der fast schön ist in seiner
-Frechheit, in seiner eleganten Lasterhaftigkeit, so daß ihn die
-Dummköpfe sogar nachäffen, selbst dieser fühlt in den verborgensten
-Tiefen seiner verderbten Seele, daß er doch nur ein Nichtswürdiger ist.
-Er ist unzufrieden mit sich, die bittere Selbsterkenntnis nagt an seinem
-Herzen, und dafür rächt er sich an den anderen. Er martert sich, er tobt
-gegen sich und alles Gute in ihm und um ihn, bis er, unter ständigem
-Kampf gegen den in seinem Herzen sich ansammelnden Schmerz und doch
-zugleich sich wie daran berauschend, diese letzte Grenze erreicht. Wenn
-er aber dann, schon über dem Abgrund hängend, sich doch noch
-aufzurichten vermag, so straft er sich selbst am grausamsten, straft er
-sich mehr als andere es je könnten.
-
-Was trieb diese Burschen in den Streit: „Wer den anderen an Frechheit
-überbieten könne?“ Und warum wählte der Bursche gerade diese Tat zur
-Prüfung der Vermessenheit des anderen? Er hätte doch auch eine andere
-Tat wählen können, etwa die Ermordung einer hochgestellten
-Persönlichkeit oder sonst einen ganz besonderen Mord, denn der Bursche
-hatte doch geschworen, daß er „_zu allem_“ bereit sei, und sein
-Versucher wußte, daß er tatsächlich „alles“ tun werde, was er von ihm
-als Beweis seiner Vermessenheit verlangte. Doch nein! Selbst die
-schrecklichsten Verbrechen scheinen dem Versucher nicht schrecklich
-genug zu sein. Er denkt sich etwas noch nie Dagewesenes, etwas
-Unerhörtes aus, woran noch nie jemand gedacht hat! Doch das, daß er
-gerade in dieser Tat das Unerhörteste, das Vermessenste sah, gerade das
-verrät die ganze Weltanschauung unseres Volkes!
-
-Ich sagte – „woran noch nie jemand gedacht hat“. Ist es so? Nein, denn
-alles beweist, daß er sich schon lange mit diesem Gedanken beschäftigt
-haben muß. Vielleicht war schon in seiner Kindheit dieser Traum in seine
-Seele gekrochen, hatte sie mit Schrecken erfüllt und gequält – und diese
-Qual war für ihn vielleicht zum Genuß geworden. Er hatte sich das alles
-vielleicht schon lange zuvor ausgedacht – die Flinte, die Hostie – und
-nur als tiefstes Geheimnis in sich bewahrt. Selbst hätte er es
-vielleicht nicht zu tun gewagt, er spielte nur mit dieser Vorstellung,
-die ihm gefiel, die ihn verführte, der er nachgab. Eine Sekunde lang
-unerhörteste Vermessenheit – und wenn’s die Seele kostet! – doch dafür
-eine Sekunde über diesem Abgrund! Natürlich glaubte der Bursche, daß er
-für diese Tat ewig verdammt sein werde, aber – das Wagnis war doch zu
-verführerisch.
-
-Man kann vieles unbewußt wissen, indem man es nur fühlt, aber nicht
-weiß. Jedenfalls ist dieser Verführer ein interessantes Seelenproblem,
-und dabei nicht zu vergessen, daß er ein Bauer war, unter Bauern lebte!
-Gerade das ist es, was einen am meisten überrascht. Auch wäre es
-interessant, zu erfahren, ob er, der Verführer, sich für schuldiger
-hielt als sein Opfer. Es ist anzunehmen, daß er es tat, oder wenigstens
-wird er sich für ebenso schuldig betrachtet haben – so daß er, als er
-den anderen Burschen herausforderte, zugleich sich selbst
-herausforderte.
-
-Man sagt, das russische Volk kenne kaum das Evangelium, kenne nicht
-einmal die Grundlehren seines Glaubens. Mag sein, doch dafür kennt es
-Christus und trägt ihn seit jeher im Herzen. Das ist über jeden Zweifel
-erhaben! Wie aber eine richtige Auffassung von Christus ohne
-vorhergegangenen Religionsunterricht möglich ist, das ist eine andere
-Frage?! Jedenfalls hat das Volk dieses Gefühl für Christus von
-Generation zu Generation vererbt, und so ist es gleichsam eins geworden
-mit seinem Herzen. Vielleicht ist Christus die einzige Liebe des
-russischen Volkes, das ihn eben auf seine Art liebt, d. h. bis zur Qual.
-Deshalb ist ihm auch die liebste seiner Benennungen „das rechtgläubige
-Volk“, wie es sich denn vor allen anderen Völkern auf die richtigste
-Weise zu Christus bekennt. Es ist zugleich das einzige, worauf unser
-Volk stolz ist. Ich wiederhole – man kann vieles unbewußt wissen.
-
-Und nun: gerade an diesem Volksheiligtum sich zu versündigen, mit der
-ganzen Überlieferung, mit der ganzen Umgebung, mit der Erde selbst, mit
-allen und allem zu brechen und sich selbst unrettbar, auf ewig ins
-Verderben zu stürzen _für diesen einen Augenblick des Triumphes und
-Stolzes_ – nein, eine größere Versuchung hätte der russische Mephisto
-wahrlich nicht ersinnen können! Schon die bloße Möglichkeit so dunkler,
-geheimnisvoller und vielverschlungener Regungen in der Seele eines
-einfachen Bauern macht einen stutzig! Und dabei nicht zu vergessen, daß
-sich das alles in diesem Burschen doch fast bis zur bewußten Idee
-entwickelt hatte.
-
-Ein anderes ist folgendes. Menschen können freilich bis zum Tierischen
-gefühllos sein, doch hier handelt es sich nicht um Gefühllosigkeit,
-sondern um etwas ganz Besonderes: um den mystischen Schrecken, der die
-größte Macht über die Menschenseele hat. Daß es sich in diesem Fall
-tatsächlich um eine mystische Angst gehandelt hat, steht nach dem ganzen
-Verlauf der Begebenheit wohl außer Frage. Die starke Seele des Burschen
-konnte zunächst noch gegen diese Angst ankämpfen. Übrigens – war das ein
-Beweis von Stärke oder von ängstlichem Kleinmut? Vermutlich wird es
-sowohl das eine wie das andere gewesen sein: eine Mischung der
-Gegensätze. Diese mystische Angst hat dann den Kampf noch verlängert,
-indem sie vom Herzen des Sünders das natürliche Empfinden fernhielt. Das
-Gefühl der Angst ist grausam, es verhärtet das Herz und panzert es gegen
-jede weiche oder hochherzige Regung. So konnte der Bursch die Tat
-vollbringen. Doch warum erschlug der Gepeinigte nicht seinen Peiniger?
-
-Das ist es eben, daß sowohl bei diesem wie bei jenem in der Tiefe der
-Seele dasselbe Gefühl gewesen sein muß, so daß sie beide eine gewisse
-höllische Lust am eigenen Verderben empfunden haben werden – als sie dem
-atemraubenden Verlangen nachgaben, sich über diesen Abgrund zu beugen –
-und einen gewissen erschütternden Genuß von ihrer eigenen Vermessenheit.
-
-Und da – im Augenblick, als die Tat geschehen war – steht plötzlich die
-Erscheinung des Gekreuzigten vor ihm!
-
-Sein Herz hatte ihn gerichtet. Warum nicht sein Bewußtsein, warum zeigte
-ihm nicht sein Verstand die ganze Kleinlichkeit der Tat, die er für
-Kühnheit gehalten hatte, warum erblickte er das Gericht in der Gestalt
-einer Erscheinung, die doch wie von außen vor ihn hintrat, gleichsam
-unabhängig von seinem Geist und Gewissen? Das zu erklären, wäre eine
-große psychologische Aufgabe. Doch für ihn, den Verbrecher, war es
-natürlich ein Wunder des Herrn. Als Büßer kroch er über die Erde im
-Verlangen nach Strafe.
-
-Der andere aber, der Versucher? Von ihm hatte der Büßer nichts gesagt
-und wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist. Vielleicht kroch auch er
-auf den Knien, vielleicht aber ... blieb er im Dorf und lebt dort noch
-heute, trinkt und lacht und spottet an den Feiertagen nach wie vor. Die
-Erscheinung war ja nicht ihm erschienen! Oder? ... Es wäre doch sehr
-wesentlich, näheres auch über ihn zu erfahren, so – als Studienmaterial.
-
-Ja, es wäre wesentlich. Denn man fragt sich doch unwillkürlich: wie
-aber, wenn dieser nun der unverfälschte Dorfnihilist war? der
-einheimische Verneiner und Denker, der an nichts glaubt, der sich mit
-hochmütigem Lächeln ein Versuchsobjekt aussucht, einer, der mit seinem
-Opfer weder Mitleid hat noch bei der Ausführung der Tat zittert, sondern
-mit kalter Beobachtungslust das Beben und Zittern seines Opfers
-verfolgt? einzig aus dem Verlangen heraus, fremde Qualen zu sehen, oder
-Menschen in der Erniedrigung, weiß der Teufel – vielleicht sogar zu
-einer Art von wissenschaftlicher Erforschung?
-
-Wenn solche Züge sogar schon in unserem Volkscharakter vorhanden sind,
-unter den Landleuten – so ist das allerdings eine etwas überraschende
-Entdeckung. Früher hat man nie ähnliches vernommen.
-
-Die Bedeutung dieses ganzen Vorfalls liegt darin, daß er nicht von einem
-Dichter erdacht ist, sondern daß sich tatsächlich alles so zugetragen
-hat: es dürfte wahrlich nicht müßig sein, einmal in die Seele unseres
-zeitgenössischen Büßers zu schauen. Unsere Büßer verändern sich schnell.
-Dort unten im Volk gärt es seit der Aufhebung der Leibeigenschaft ebenso
-wie oben in der Gesellschaft. Der Riese erwacht und dehnt seine Glieder;
-vielleicht will er zu toben anfangen, will schrankenlos sich ausleben
-... Man sagt, er tue es bereits; man spricht von Räubern und
-Verbrechern, von Trunksucht, von betrunkenen Kindern, betrunkenen
-Müttern, von Zynismus, von Armut, Unredlichkeit, von Gottlosigkeit ...
-Doch erinnern wir uns dieses Büßers und seien wir voll Zuversicht: im
-letzten Augenblick wird sich die ganze Lüge – wenn hier wirklich Lüge
-ist – aus dem Herzen des Volkes herausreißen, und vor sich wird es eine
-überirdische Erscheinung sehen. Dann wird das Volk zu sich kommen und
-sich auf seine göttlichen Aufgaben besinnen. Jedenfalls wird es sich
-selbst retten, wenn es wirklich bis zum Rande des Verderbens mit ihm
-kommen sollte. Sich selbst und auch uns wird es retten, denn wieder sei
-es gesagt: das Licht und die Rettung werden von unten kommen.
-
-Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft ist in der Tat die Periode Peters
-in der Geschichte Rußlands abgeschlossen: nun leben wir in der größten
-Ungewißheit ...
-
-
- Selbstmord und Unsterblichkeit
-
- (1876)
-
-„... In der Tat: welch ein Recht hatte diese Natur, mich in die Welt zu
-setzen, infolge dort irgendwelcher ewigen Naturgesetze? Ich bin mit
-Erkenntnisfähigkeit erschaffen und habe diese Natur _erkannt_: welches
-Recht hatte sie, mich ohne meinen Wunsch und Willen erkenntnisfähig zu
-erschaffen? Erkennend, folglich leidend, ich aber will nicht leiden –
-denn warum sollte ich einwilligen zu leiden? Die Natur spricht zu mir
-durch meine Erkenntnis von einer gewissen Harmonie innerhalb des Ganzen.
-Die menschliche Erkenntnis hat aus dieser Verkündung Religionen gemacht.
-Sie sagt mir, daß ich – obschon ich genau weiß, daß ich an der ‚Harmonie
-des Ganzen‘ nicht mitwirken kann und auch niemals mitwirken werde, ja
-überhaupt nicht begreifen werde, was sie denn nun eigentlich ist und
-bedeutet – sagt mir, daß ich mich aber dennoch dieser Verkündung
-unterwerfen, mich bescheiden, das Leid im Hinblick auf die Harmonie des
-Ganzen auf mich nehmen und zu leben einwilligen soll. Wenn man dagegen
-selbst und bewußt wählen könnte, so würde ich doch selbstverständlich
-lieber nur in dem kurzen Augenblick, den mein Leben währt, d. h. solange
-_ich_ existiere, glücklich sein wollen, da doch das Ganze und seine
-Harmonie mich absolut nichts angehen, sobald ich aufhöre zu sein –
-gleichviel ob dieses Ganze nach meinem Tode mit seiner Harmonie erhalten
-bleibt oder ob es gleichzeitig mit mir zu existieren aufhört. Und wozu
-sollte ich mich so um seine Erhaltung nach meinem Tode sorgen? – das ist
-die Frage! Da wäre es doch besser, ich wäre wie alle Tiere erschaffen,
-d. h. lebend, jedoch ohne vernunftgemäße Erkenntnis – meine Erkenntnis
-ist ja nicht Harmonie, sondern ist Disharmonie, denn ich bin mit ihr
-unglücklich. Man betrachte nur einmal daraufhin die Menschen: wer ist
-denn glücklich in der Welt und was für Leute sind es denn, die
-_widerspruchslos_ leben? – Gerade diejenigen, die den Tieren ähneln, die
-infolge der geringen Entwicklung ihres Bewußtseins dem Tier am nächsten
-stehen. Sie willigen gern ein, zu leben, aber gerade unter der
-Bedingung, wie Tiere zu leben, nämlich fürs Essen, Trinken, Schlafen,
-Nesterbauen und Kinder-in-die-Welt-Setzen. Essen, Trinken und Schlafen
-nach Menschenart heißt im allgemeinen erwerben und rauben, ein Nest
-einrichten aber schon unbedingt rauben. Man wird vielleicht einwenden,
-daß man sein Nest auch auf vernünftigen, wissenschaftlich einwandfreien
-sozialen Prinzipien aufbauen könne und durchaus nicht zu rauben brauche,
-wie es bisher der Fall war. Möglich, aber ich frage: ‚wozu? Wozu
-erwerben und bauen und sich soviel Mühe geben, um sich in der
-Gesellschaft der Menschen richtig, um sich vernünftig und sittlich, kurz
-– gerecht einzurichten?‘ Darauf vermag mir natürlich niemand eine
-Antwort zu geben. Alles, was man mir darauf antworten könnte, wäre: ‚um
-sich Genuß zu verschaffen.‘ Ja, wenn ich eine Blume oder eine Kuh wäre,
-dann gäbe es für mich vielleicht auch einen Genuß. Indem ich mir aber,
-wie jetzt, unaufhörlich Fragen vorlege, kann ich nicht glücklich sein,
-nicht einmal im höchsten und _unmittelbarsten_ Glück der Liebe zum
-Nächsten und der Liebe der Menschheit zu mir, denn ich weiß, daß morgen
-schon alles dieses nicht mehr sein wird, sowohl ich wie dieses ganze
-Glück und die ganze Liebe und die ganze Menschheit – daß wir uns in ein
-Nichts verwandeln werden oder wieder in das anfängliche Urchaos. Unter
-einer solchen Bedingung aber kann ich um keinen Preis ein Glück annehmen
-– nicht aus Unlust, es anzunehmen, nicht aus Eigensinn um eines Prinzips
-willen, sondern einfach deshalb, weil ich weder glücklich sein kann noch
-werde, solange ich weiß, daß mich morgen das Nichtsein erwartet. Das ist
-eben eine Gefühlssache, ein ganz unmittelbares Gefühl, das ich nicht
-bewältigen kann. Nun gut, wenn ich allein sterben, und wenn dafür die
-Menschheit an meiner Statt ewig weiterleben würde, dann wäre ich
-vielleicht immerhin getröstet. Aber unser Planet ist doch nicht ewig und
-die Lebensdauer der ganzen Menschheit ist im Verhältnis zur Ewigkeit
-genau solch ein Augenblick wie mein Einzelleben. Und wie vernünftig, wie
-herrlich, wie gerecht und heilig die Menschheit auf Erden sich auch
-immer einrichtete – es wird morgen doch alles dieselbe Null sein. Und
-wenn das auch alles da aus irgendeinem Grunde notwendig ist, infolge
-irgendwelcher allmächtiger, ewiger und toter Naturgesetze, so ist doch,
-ich versichere Sie, in diesem Gedanken eine gewisse allertiefste
-Nichtachtung der Menschheit enthalten, die für mich tief beleidigend und
-um so unerträglicher ist, als es hier keinen Schuldigen gibt.
-
-„Und schließlich, wenn man dieses Märchen von der endlich mal nach
-vernünftigen und wissenschaftlichen Grundsätzen eingerichteten
-Menschheit auf Erden als möglich annimmt und an seine dereinstige
-Verwirklichung glaubt, d. h. an das zukünftige Menschenglück auf Erden
-glaubt – so ist doch schon der bloße Gedanke, daß die Natur infolge
-irgendwelcher ihrer trägen Gesetze es nötig hatte, den Menschen
-Jahrtausende zu quälen, bevor sie ihn zu diesem Glück brachte, schon
-unerträglich und empörend. Jetzt füge man noch hinzu, daß dieselbe
-Natur, die dem Menschen endlich einmal ein Glück gewährt, all das morgen
-schon aus irgendeinem Grunde in eine Null verwandeln muß, ungeachtet
-aller Leiden, mit denen die Menschheit für dieses Glück gezahlt hat, und
-ohne mir und meiner Erkenntnis das zu verbergen, wie sie es einer Kuh
-verbirgt, – so kommt einem unwillkürlich ein äußerst spaßiger, aber auch
-unerträglich trauriger Gedanke: ‚Nun, wie, wenn der Mensch nur als ein
-unverschämter Versuch in die Welt gesetzt worden ist, nur um zu sehen,
-ob sich ein solches Wesen auf der Erde einleben kann oder nicht?‘ Das
-Traurige dieses Gedankens besteht hauptsächlich darin, daß es wiederum
-keinen Schuldigen gibt, es ist niemand da, der den Versuch anstellt,
-somit kann man niemanden verfluchen, denn es ist alles infolge toter
-Naturgesetze entstanden, die für mich vollkommen unbegreiflich sind und
-mit denen sich meine Erkenntnis unter keinen Umständen abfinden kann.
-_Ergo:_
-
-„Da ich auf meine Fragen nach dem Glück durch meine eigene Erkenntnis
-von der Natur nur die Antwort erhalte, daß ich nicht anders als einzig
-in der Harmonie des Ganzen glücklich sein kann, ich aber diese Harmonie
-nicht verstehe und offenbar niemals zu verstehen imstande sein werde –
-
-„Da die Natur mir nicht nur nicht das Recht abspricht, von ihr
-Rechenschaft zu fordern, sondern mir sogar überhaupt nicht antwortet –
-und das nicht deshalb, weil sie etwa nicht antworten will, sondern
-deshalb, weil sie nicht antworten kann –
-
-„Da ich mich überzeugt habe, daß die Natur mir zum Beantworten meiner
-Fragen (mir unbewußt) _mich selber_ bestimmt hat, und mir auf meine
-Fragen durch eine eigene Erkenntnis antwortet (denn ich sage mir das
-doch alles selbst) –
-
-„Da ich bei einer solchen Einrichtung die Rolle sowohl des Klägers wie
-des Beklagten, des Richters wie des Angeklagten gleichzeitig auf mich
-nehme, diese Komödie von seiten der Natur aber so dumm finde und diese
-Komödie zu ertragen meinerseits sogar für erniedrigend halte –
-
-„So verurteile ich in meiner fraglosen Eigenschaft als Richter und
-Kläger und Beklagter diese Natur, die mich so zeremonielos und
-unverschämt zum Leiden erschaffen hat – mit mir zusammen zur Vernichtung
-... Da ich aber die Natur nicht vernichten kann, so vernichte ich mich
-allein, einzig weil es mich langweilt, eine Tyrannei zu ertragen, bei
-der es keinen Schuldigen gibt.“
-
- * * * * *
-
-Die Oktober-Nummer meines „Tagebuchs“ enthielt diese Beichte eines
-Selbstmörders, sein letztes Wort vor dem Tode, das er zur Rechtfertigung
-seiner Tat und vielleicht auch zur „Erbauung“ niedergeschrieben hatte.
-Einige meiner Freunde, deren Kritik ich sehr schätze, äußerten sich
-durchaus beifällig über diesen kleinen Aufsatz und meinten, es sei in
-ihm tatsächlich die Formel für diese Art Selbstmörder gefunden, ihr
-Wesen, ihr Gedankengang sei vollkommen klar ausgedrückt ... Nur eines
-flößte ihnen Bedenken ein: ob auch jeder Leser den Aufsatz richtig
-verstehen werde, oder ob man nicht eher das Gegenteil herauslesen könne?
-Auch ich hatte das schon während des Schreibens befürchtet, aber ich
-schämte mich, offen gestanden, in meinem Leser so viel Naivität
-vorauszusetzen, daß er die Absicht des Aufsatzes nicht durchschauen
-könne, da sie meines Erachtens doch so greifbar ersichtlich war. Leider
-war das ein Irrtum von mir. Denn kaum war diese Nummer des Tagebuchs
-erschienen, als ich sowohl schriftlich wie mündlich von Fremden und von
-Bekannten gefragt wurde, was dieser Aufsatz eigentlich zu bedeuten habe?
-„Was wollen Sie damit gesagt haben? Ist es möglich, daß Sie den
-Selbstmord verteidigen?“ lauteten die Fragen. Und nun erhielt ich noch
-aus Moskau die letzte Nummer einer Wochenschrift zugesandt, die eine mit
-„N. P.“ unterzeichnete, man kann sagen, „höflich schmähende“ Kritik
-meines kleinen Aufsatzes enthielt.
-
-Als ich diese Kritik gelesen hatte, verlor ich nahezu allen Mut. Mein
-Gott, habe ich denn viele solcher Leser, und glaubt denn dieser Herr N.
-P., der da behauptet, mein Selbstmörder verdiene nicht das geringste
-Mitleid, daß ich ihm diesen Selbstmörder zum „bemitleiden“ vorgestellt
-habe? Die persönliche Auffassung des Herrn N. P. ist für mich natürlich
-nicht von solcher Bedeutung, daß ich sie widerlegen müßte, obschon Herr
-N. P. ein Typ zu sein scheint und wohl eine ganze Schar Gleichgesinnter
-hinter ihm steht – er ist nämlich der Typ einer ganz besonderen
-„unverfrorenen“ und radikalen Menschensorte, ist der Vertreter eben der
-„gußeisernen Begriffe“, von denen er in seiner Kritik ausgeht. Wenn ich
-trotzdem meinem vor zwei Monaten erschienenen Aufsatz eine Erklärung
-folgen lasse, so geschieht dies nicht wegen der Kritik des Herrn N. P.,
-sondern weil ich schon vorher beschlossen hatte, es zu tun, – ich war ja
-bereits, und nur zu bald belehrt worden, daß ich meinen Gedanken noch
-erläutern und sogar breittreten mußte.
-
- * * * * *
-
-Meine Studie über den Selbstmörder bezieht sich auf die älteste und
-höchste Idee des Menschen: auf die Notwendigkeit des Glaubens an die
-Unsterblichkeit der Seele. Der Folgeschluß aus der Beichte dieses
-Selbstmörders, der durch „logischen Selbstmord“ umkommt, sollte sein:
-daß das Leben des Menschen ohne Glauben an seine Seele und ihre
-Unsterblichkeit unnatürlich, undenkbar und unerträglich ist. Und es
-schien mir allerdings, daß ich die Formel des logischen Selbstmörders
-gefunden und klar ausgedrückt hatte.
-
-Der Glaube an die Unsterblichkeit ist für diesen Selbstmörder nicht
-vorhanden, was er gleich zu Anfang vorausschickt. Die Überzeugung von
-der Zwecklosigkeit seines Lebens und die Empörung über die Stummheit des
-ihn umgebenden Weltalls führen ihn allmählich und unvermeidlich zu der
-Überzeugung von der vollständigen Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins
-auf Erden. Es ist für ihn hiernach sonnenklar, daß nur diejenigen
-Menschen, die den Tieren am nächsten stehen, infolge der geringen
-Entwicklung ihres Bewußtseins und der großen Entwicklung ihrer rein
-physischen Bedürfnisse, _einwilligen_ können, dieses Leben anzunehmen.
-Oh, er weiß, daß dieses rein körperliche Leben, essen, trinken,
-schlafen, Kinderzeugen und im Warmen sitzen, den Menschen noch lange an
-die Erde fesseln wird, wenn auch nicht in seinen höheren Typen. Dabei
-sind es aber gerade diese höheren Typen, die auf Erden herrschen und
-immer geherrscht haben, und denen, wenn die Zeit erfüllt war, die
-Millionen der anderen Menschen zu folgen pflegten. Was ist das nun,
-dieses höhere Wort und der höhere Gedanke? Dieses Wort, dieser Gedanke
-(ohne die das Leben der Menschheit undenkbar ist) wird sehr oft von ganz
-armen, unbeachteten, und sogar sehr oft verfolgten, in der Verbannung
-umgekommenen oder in Unbekanntheit dahingehenden Menschen zum erstenmal
-ausgesprochen. Doch der Gedanke selbst, das einmal von ihnen
-ausgesprochene Wort – die sterben nicht mit ihnen, sie verschwinden
-niemals spurlos und können auch gar nicht verschwinden, sobald sie
-einmal ausgesprochen sind ... Das aber ist fast das Erstaunlichste an
-der Menschheit! Der Gedanke eines Genies hat schon in der folgenden
-Generation oder in zwei bis drei Jahrzehnten alle und alles erfaßt und
-reißt alle und alles mit sich fort – und das Ergebnis ist, daß nicht die
-Millionen Menschen und nicht die anscheinend so unerschütterlichen und
-mächtigen materiellen Kräfte, nicht das Geld, nicht das Schwert, nicht
-die Gewalt, sondern der anfangs so unbeachtete Gedanke irgendeines
-äußerlich oft ganz unansehnlichen Menschen bleibt und herrscht. Herr N.
-P. schreibt in seiner Kritik, die Veröffentlichung einer solchen
-„Beichte“ in meinem Tagebuch sei ein „lächerlicher und bedauernswerter
-Anachronismus“ ... denn heute lebten wir „im Jahrhundert der gußeisernen
-Begriffe, im Jahrhundert der positiven Anschauungen, in einem
-Jahrhundert, dessen Parole lautet: leben um jeden Preis! ...“ (Sehr
-möglich! Das ist dann wohl auch der Grund, weshalb heutzutage die
-Selbstmorde unter den Intelligenten so häufig sind.) Ich kann aber dem
-verehrten Herrn N. P. und allen seinesgleichen versichern, daß dieses
-„Gußeisen“ sich vor mancher Idee, wie belanglos diese den Herren der
-„gußeisernen Begriffe“ anfangs auch erscheinen mag, wenn die Zeit kommt,
-in Staub verwandelt! Für mich persönlich ist eine der größten
-Befürchtungen für unsere Zukunft, und zwar schon für unsere nächste
-Zukunft, die Tatsache, daß einer besonderen, seltsamen ... nun sagen
-wir, Vorherbestimmung zufolge in einem großen, allzu großen Teil der
-russischen Intelligenz sich vollständiger Unglaube an die eigene Seele
-und ihre Unsterblichkeit zu verbreiten scheint, und zwar, wie mich
-dünkt, mit einer progressiv zunehmenden Schnelligkeit. Und nicht nur,
-daß dieser Unglaube sich aus Überzeugung ausbreiten wird (Überzeugung
-ist bei uns noch sehr wenig vorhanden), er äußert sich vielmehr, und
-zwar schon heute, in einem gewissen Indifferentismus zu der höchsten
-Idee des Menschseins, – in einem (bisweilen fast spöttischen und weiß
-Gott woher und nach welchen Gesetzen sich bei uns entwickelnden)
-Indifferentismus nicht nur zu dieser Idee, sondern überhaupt zu allem,
-was Leben ist, zur ganzen Lebenswahrheit, zu allem, was Leben gibt und
-nährt, was das Leben gesund erhält und der Fäulnis und Auflösung
-entgegenwirkt. Dieser Indifferentismus ist in unserer Zeit fast zu einer
-russischen Besonderheit geworden – im Vergleich mit den anderen
-europäischen Nationen. Er ist längst in die Familien der russischen
-Intelligenz eingedrungen und hat sie fast vollständig zerstört. Ohne
-eine höhere Idee aber kann weder ein Mensch noch eine Nation in der Welt
-bestehen. Auf Erden jedoch gibt es _nur eine_ höhere Idee, und die ist:
-die Idee der Unsterblichkeit der Menschenseele – denn die übrigen
-„höheren“ Lebensideen haben alle ihren Ursprung _nur in dieser einzigen
-Idee_. Hierüber kann man mit mir streiten (d. h. über diese Einheit der
-Quelle alles Höheren auf Erden), doch ich übergehe das vorläufig und
-spreche meine Idee aus, ohne sie zu begründen. In kurzen Worten läßt
-sich nicht alles sagen, nach und nach kann man es besser erklären. Wir
-haben ja noch Zeit vor uns.
-
-Mein Selbstmörder nun ist ein leidenschaftlicher Verfechter seiner Idee,
-d. h. der Notwendigkeit des Selbstmords, und nicht etwa ein
-indifferenter, nicht etwa ein „gußeiserner“ Herr. Er leidet, er quält
-sich tatsächlich, – wie mir scheint, habe ich das unmißverständlich
-ausgedrückt! Es ist für ihn nur zu ersichtlich, daß er nicht leben kann,
-und er weiß nur zu gut, daß er recht hat und daß es unmöglich ist, ihn
-zu widerlegen. Vor ihm stehen unbesiegbar die höchsten, die ersten
-Fragen: wozu soll der Mensch noch leben, wenn er bereits erkannt hat,
-daß tierisch zu leben für einen Menschen widerlich ist? unnatürlich, so
-zwecklos wie unzureichend? Was könnte ihn in solchem Fall da noch an die
-Erde fesseln? – Auf diese Fragen kann er keine Antwort erhalten, und das
-weiß er, denn wenn er auch erkannt hat, daß es, wie er sich ausdrückt,
-„eine Harmonie des Ganzen“ gibt, so sagt er sich doch, daß er sie nicht
-verstehen kann und niemals imstande sein wird, sie zu verstehen, und daß
-er nie an ihr teilnehmen werde. Gerade diese Klarheit ist es, die ihn
-umbringt. Wo liegt nun der Fehler, worin hat er sich geirrt? Der Fehler,
-meine ich, liegt einzig in dem Verlust des Glaubens an die
-Unsterblichkeit.
-
-Doch er sucht ja selbst glühend (d. h. er suchte, als er noch lebte, und
-suchte mit Pein) nach Versöhnung. Er wollte sie in der Liebe zur ganzen
-Menschheit finden. „Wenn nicht ich, so könnte doch die Menschheit
-glücklich sein und irgendeinmal die Harmonie erreichen: dieser Gedanke
-könnte mich auf Erden zurückhalten,“ sagt er, und verrät sich. Denn dies
-ist doch wohl kein kleinlicher Gedanke, sondern verrät Großmut und
-Opferbereitschaft. Aber die unwiderlegbare Überzeugung, daß das Leben
-der ganzen Menschheit im Grunde genau solch ein Augenblick ist wie sein
-eigenes, und daß schon am nächsten Tage nach dem Eintritt der „Harmonie“
-(wenn man an die Möglichkeit der Verwirklichung dieses Traumes überhaupt
-glaubt) die Menschheit sich genau so wie er in ein Nichts auflösen
-werde, kraft träger Naturgesetze, und noch dazu nach soviel Leid und
-Qual, die die Menschheit zur Verwirklichung dieses Traumes ausgestanden
-hat – dieser Gedanke bringt ihn um die letzte Versöhnungsmöglichkeit,
-denn sein Geist empört sich dagegen, empört sich gerade aus Liebe zur
-Menschheit. Er fühlt sich gekränkt für die ganze Menschheit, und dem
-Gesetz der Reflexion der Ideen zufolge – tötet das in ihm diese seine
-Liebe zur Menschheit. So geschieht es in Familien, die vor dem
-Hungertode stehn, daß die Eltern ihre Kinder, diese von ihnen am meisten
-geliebten Wesen, zu hassen anfangen, wenn die Qual dieser Kinder zu
-unerträglich wird – eben wegen der _Unerträglichkeit_ ihrer Qualen. Ja
-ich behaupte sogar, daß die Erkenntnis ihrer vollkommenen
-Machtlosigkeit, ihrer Unfähigkeit, der leidenden Menschheit zu helfen,
-ihre Schmerzen, wenn auch nur ein wenig, zu lindern, während sie doch
-gleichzeitig von ihrem Leiden überzeugt sind, _im Herzen der Menschen
-die Liebe zur Menschheit in Haß verwandeln kann_. Die Herren der
-„gußeisernen Ideen“ werden das natürlich nicht glauben und natürlich
-auch gar nicht verstehen: für sie ist die Liebe zur Menschheit und deren
-Glück etwas so Wohlfeiles, da ist alles so billig und so bequem
-eingerichtet, so althergebracht, schon zu Urväterzeiten eingeführt und
-niedergeschrieben, daß es sich ihrer Meinung nach überhaupt nicht lohnt,
-darüber besonders nachzudenken. Doch ich hätte Lust, diese Herren noch
-ein wenig zu erheitern: daher behaupte ich denn (_vorläufig_ wieder ohne
-zu begründen), daß die Liebe zur Menschheit sogar vollkommen undenkbar,
-unverständlich und _unmöglich_ ist, _ohne den Glauben an die
-Unsterblichkeit der Menschenseele_. Diejenigen aber, die dem Menschen
-den Glauben an seine Unsterblichkeit nehmen und diesen Glauben durch die
-„Liebe zur Menschheit“ – im Sinne eines höheren Lebenszweckes – ersetzen
-wollen, die, sage ich, erheben ihre Hand gegen sich selbst; denn anstatt
-der Liebe zur Menschheit pflanzen sie in das Herz dessen, der den
-Glauben verloren hat, nur den Keim des Menschenhasses. Mögen die Weisen
-der gußeisernen Ideen über meine Behauptung meinetwegen die Achsel
-zucken! Dieser Gedanke ist weiser als ihre Weisheit, und ich glaube ohne
-zu zweifeln, daß er in der Menschheit einmal zu einer Aktion werden
-wird, obschon ich auch dieses ohne Begründungen ausspreche.
-
-Ja ich behaupte sogar und wage auszusprechen: daß die Liebe zur
-Menschheit im _allgemeinen_ und _als Idee_ eine der für den
-Menschenverstand unfaßlichsten Ideen ist. Gerade _als Idee_! Nur das
-Gefühl kann sie rechtfertigen. Doch dieses Gefühl ist eben nur mit der
-gleichzeitigen Überzeugung von der Unsterblichkeit der Menschenseele
-möglich. (Auch dies ohne Begründungen.)
-
-Das Ergebnis ist klar: daß der Selbstmord nach dem Verlust der
-Unsterblichkeitsidee zur unvermeidlichen, bedingungslosen Notwendigkeit
-für jeden Menschen wird, der in seiner Entwicklung auch nur ein wenig
-über dem Tier steht. Die Unsterblichkeit dagegen, die ein ewiges Leben
-verheißt, verbindet den Menschen um so mehr, um so fester mit der Erde.
-Hierin liegt scheinbar ein Widerspruch: wenn das Leben so lang ist, wenn
-es außer dem Leben hier auf Erden noch ein ewiges gibt, weshalb sollte
-einem dies Erdenleben dann noch so teuer sein? Das Ergebnis jedenfalls
-ist, daß der Mensch nur durch den Glauben an seine Unsterblichkeit
-seinen vernünftigen Zweck auf Erden erfaßt. Ohne Überzeugung von seiner
-Unsterblichkeit, lösen sich die den Menschen mit der Erde verbindenden
-Fäden, sie werden dünner und fangen an zu faulen, und der Verlust eines
-höheren Lebenssinnes (mag dieser auch nur in der Form einer ganz
-unbewußten Sehnsucht sich äußern) zieht zweifellos den Selbstmord nach
-sich. Hieraus folgt umgekehrt die Moral meines Aufsatzes: „Wenn die
-Überzeugung von der Unsterblichkeit für das Menschenleben so
-unentbehrlich ist, so ist sie folglich auch der normale Zustand der
-Menschheit ... Wenn dem aber so ist, dann muß diese Unsterblichkeit der
-Menschenseele _zweifellos auch vorhanden sein_.“
-
-Mit einem Wort, die Unsterblichkeitsidee – das ist das Leben selbst, das
-lebendige Leben, seine endgültige Formel und der Hauptquell der Wahrheit
-und der richtigen Erkenntnis für die Menschheit. Das war und das ist der
-Sinn meines Aufsatzes, und ich nahm an, daß ein jeder, der ihn gelesen,
-sich über diesen seinen Sinn auch im klaren sein werde[35].
-
-
-
-
- Dritter Teil.
-
- Notierte Gedanken (1880)
-
-
- Notierte Gedanken
-
- (1880)
-
-
- Nur das ist stark ...
-
-„Nur das ist stark, wofür Blut vergossen wird“ – bloß vergessen die
-Nichtswürdigen, daß es sich nicht bei denen als stark erweist, die das
-Blut vergießen, sondern bei denen, deren Blut vergossen wird. Und das,
-gerade das ist das Gesetz des Blutes auf Erden.
-
-
- Kirche und Staat ...
-
-Als Staat konnte der Staat M. und N. nicht begnadigen (der Wille des
-Monarchen ausgenommen). Denn was ist eine Hinrichtung? – Im Staat: ein
-Opfer für eine Idee. Stünde aber an Stelle des Staates die Kirche – dann
-gäbe es keine Hinrichtungen. Kirche und Staat darf man nicht
-verwechseln. Daß man sie noch verwechselt, ist ein gutes Zeichen, denn
-daraus folgt, daß bei uns eine Neigung zur Kirche vorhanden ist. In
-England und Frankreich hätte man kein Bedenken getragen, sie zu
-erhängen.
-
-
- Die Frauenfrage.
-
-Der ganze Fehler der „Frauenfrage“ besteht darin, daß man Unteilbares
-teilt, Mann und Weib einzeln betrachtet, während sie doch ein einziger
-geschlossener Organismus sind. („Und er schuf sie, Mann und Weib ...“)
-Ja sogar mit den Kindern, mit den Nachfahren und Vorfahren und mit der
-ganzen Menschheit ist der Mensch ein einziger unteilbarer Organismus.
-Die Gesetze aber teilen immer und lösen alles womöglich in die
-Urbestandteile auf. Die Kirche dagegen teilt nicht.
-
-In der Natur ist alles für das Normale berechnet, alles nach dem Muster
-des Heiligen und Sündlosen zugeschnitten. (Der Mann 30 Jahre alt, die
-Frau 30 Jahre.) Die Schönheit ist dem Weibe zu Anfang gegeben, um den
-Mann zu fesseln, denn das sittliche Band ist noch schwach. Später ist
-die Schönheit nicht mehr nötig, man liebt das Weib, weil man seelisch
-zusammenwächst (organische Verbindung).
-
-
- Unsere öffentliche Meinung ...
-
-Unsere öffentliche Meinung ist deshalb nicht viel wert, weil sie bisher
-erst im Entstehen begriffen war, sich erst zu bilden begann. Bilden aber
-kann sie sich nur im langen Lauf der Geschichte, durch viele
-Generationen.
-
-
- Liberalismus und Tat.
-
-Unsere ganze liberale Partei steht abseits vom tätigen Leben, sie nimmt
-an der Tat nicht teil, sie ist mit ihr überhaupt nicht in Berührung
-gekommen. Sie hat nur verneint und gespöttelt.
-
-
- Sozialismus und Christentum.
-
-Man versuche doch zu teilen, versuche doch einmal festzusetzen, wo die
-eigene Persönlichkeit aufhört und die andere anfängt! Das stelle man
-einmal durch die Wissenschaft fest! Die Wissenschaft macht sich eben
-daran. Und der Sozialismus stützt sich ja gerade auf die Wissenschaft.
-Im Christentum ist schon die Frage undenkbar. Welches sind die Chancen
-dieser und jener Lösung? – Es wird ein neuer unvorhergesehener Geist
-aufkommen.
-
-
- Reichtum.
-
-Reichtum ist eine Stärkung des einzelnen, eine mechanische und geistige
-Befriedigung, folglich eine Loslösung des Einzelnen vom Ganzen.
-
-
- Das Volk.
-
-Im Volk ist das Bedürfnis nach etwas _Neuem_, einem neuen Wort, einem
-neuen Gefühl vorhanden, das Bedürfnis nach einer neuen Ordnung. Die
-sorglose Zeit der Trunkenheit nach der Bauernbefreiung geht vorüber.
-Noch nie ist das Volk für gewisse Einflüsse so empfänglich gewesen (und
-schutzlos ihnen preisgegeben) wie gerade jetzt. Z. B. die Sekte der
-Stundisten[36]. Sogar die nihilistische Propaganda wird ihren Weg
-finden. Hat es bisher nur wegen der Dummheit, Unerfahrenheit und
-Naivität der Propaganda noch nicht getan. Man muß auf der Hut sein. Man
-muß das Volk beschützen. Unsere Kirche aber verharrt seit Peter dem
-Großen in einem Zustande der Lähmung. Es ist eine furchtbare Zeit, und
-dazu nun noch diese Trunksucht. Und die Stundisten. Währenddessen ist
-unser Volk fast ganz sich selbst überlassen, nur auf die eigenen Kräfte
-angewiesen. Unsere Intelligenz – alles geht vorüber.
-
-
- Rußland und die Korporationen.
-
-Deutsche, Polen, Juden – lauter Korporationen, und helfen sich
-gegenseitig. Nur in Rußland gibt es keine Korporationen, nur Rußland
-allein ist geteilt. Und außer diesen Korporationen noch die mächtigste:
-die alte administrative Routine. Man sagt: unsere Gesellschaft sei nicht
-konservativ. Allerdings; die historische Entwicklung der Dinge (seit
-Peter) hat sie ja selber dazu gemacht. Und vor allem: sie sieht nicht,
-was es zu konservieren, zu erhalten gäbe. Alles ist ihr genommen, sogar
-die gesetzliche Initiative. Alle Rechte des russischen Menschen sind
-negativ. Gebt ihm etwas Positives und ihr werdet sehen, daß er
-gleichfalls konservativ sein wird. Dann hätte er doch etwas, was zu
-erhalten wäre. _Nicht konservativ ist er bloß deshalb, weil es bei uns
-nichts zu erhalten gibt._ „Je schlimmer, desto besser“ – das ist doch
-bei uns nicht etwa eine leere Redensart, sondern zum Unglück – die Sache
-selbst.
-
-
- Frankreich.
-
-„Nowoje Wremja“, Nr. 1667, 28. Oktober 1880. Baron Hübner prophezeit die
-nächsten sozialistischen Bewegungen in Frankreich und in Europa. Rußland
-wird zum Bündnis aufgefordert. (_Rußland soll nicht darauf eingehen!_ Es
-soll seine eigenen Vorteile wahrnehmen! Der Sozialismus wird an Rußland
-zerschellen.) In Frankreich werden sich den Sozialisten unfehlbar die
-Jesuiten anschließen und überhaupt alle Katholiken, die dank Gambettas
-Dummheit aus Paris ausgewiesen sind, alle Legitimisten und Bonapartisten
-werden sich dem Sozialismus zuwenden. Freilich ist das konservative
-Frankreich noch stark, trotz der Dummheit der Regierenden und der
-Dummheit der Republik. Aber das ist der Anfang vom Ende. Das Ende der
-Welt naht. Das Ende des Jahrhunderts wird sich in einer Erschütterung
-kundtun, wie noch nie zuvor. Rußland muß bereit sein, soll sich nicht
-bewegen, soll aufpassen und warten. Wenn es sich nur nicht zu einem
-Bündnis verleiten läßt! Das wäre furchtbar! Dann ist es aus mit Rußland,
-endgültig aus. Bei uns gibt es keinen Sozialismus, absolut keinen. Der
-ganze gesunde Teil des russischen Volkes aber wird sich nicht rühren,
-und der ist unzählbar groß.
-
-
- Die Juden.
-
-Und wenn auch alle Juden _in corpore_, wenn das ganze Kahal wie eine
-Verschwörung über Rußland steht und den russischen Bauern aussaugt – oh,
-wir haben nichts dawider, wir sagen kein Wort, kein Wort! Sonst könnten
-wir ja am Ende gar den Vorwurf der „_Unliberalität_“ einheimsen: man
-würde schließlich von uns denken, wir hielten unsere Religion für besser
-als die jüdische und bedrängten die Juden aus „religiöser Unduldsamkeit“
-– um Himmels willen, was dann! Man denke nur und frage sich – was dann!
-
-
- Die besseren Menschen.
-
-Wer sind bei uns die besseren Menschen? Der Adel ist zerstört. In
-Frankreich ward er gleichfalls zerstört. Die Ehrenlegion wurde
-aufgepfropft, aber sie hat ihre Aufgabe nicht gelöst. (In Europa werden
-die besseren Menschen von der Obrigkeit bestimmt.) Bei uns führte Peter
-der Große, um die Aristokratie der Bojaren zu unterdrücken, vierzehn
-Rangklassen ein. Eine Analogie mit der Ehrenlegion. Sie wurden
-aufgepfropft, aber sie haben nicht einmal angefangen, die Aufgabe zu
-lösen, sind vor allem vom Volksgeist nicht anerkannt, und selbst bei den
-Beamten gehen sie dem Bankrott entgegen. (Beamte für Sold, die
-Affäristen, Advokaten, Banken werden die Aristokratie überwältigen.)
-Indessen geht es doch nicht ohne bessere Menschen. Peter handelte im
-europäischen Geiste, als er die vierzehn Klassen schuf, denn die
-„Besseren“ wurden nun gleichfalls von der Obrigkeit geschaffen und
-gingen nicht aus dem Volksgeist hervor. Die Besseren müssen aber vom
-Volk bezeichnet werden und werden es auch. Diese neue Einteilung wird
-sich bei uns eher als sonstwo verwirklichen. Noch ist das Volk stumm,
-das ist wahr, doch nennt es schon außer Alexei, dem Gottesknecht, z. B.
-Suworoff, Kutusoff. Aber es hat ja noch keine Stimme. Die Stimme der
-Intelligenz ist zu unklar und dem Volk zu unverständlich, übrigens auch
-gar nicht vernehmbar. Gott weiß, wen die Intelligenz für die Besseren
-erklärt. Die Pariser Kommune und der westliche Sozialismus wollen keine
-Besseren, sie wollen Gleichheit und würden Shakespeare enthaupten.
-Unserem Volk ist Neid vollkommen fremd. Vollbringt für das Volk eine
-gute Tat und es wird euch als seine Helden verehren. (Nur müßt ihr das
-Volk lieben, nicht indem ihr es zu euch emporzuheben trachtet, sondern
-indem ihr euch selber vor ihm beugt ...)
-
-
- Ehrfurcht.
-
-Die Höhe einer Menschenseele ist zum Teil danach zu ermessen, wie weit
-und vor wem sie fähig ist, Ehrfurcht und Verehrung zu bezeugen (oder
-Andacht zu empfinden).
-
-
- Der Jude.
-
-Alle die Bismarck, Beaconsfield, die Französische Republik und Gambetta
-usw. – alle die sind, als Macht, für mich eine Vorspiegelung. Und je
-länger, desto mehr. Ihr Herr, wie der Herr aller, der Herr ganz Europas
-ist doch nur der Jude und seine Bank. Wir werden es ja erleben, daß er
-plötzlich sein Veto einlegt und Bismarck wie ein Stäubchen von seinem
-Platze gefegt wird. Der Jude und die Bank beherrschen jetzt alles:
-sowohl Europa wie die Aufklärung, die ganze Zivilisation und den
-Sozialismus – besonders den Sozialismus, denn durch ihn wird er das
-Christentum mit der Wurzel ausrotten und die christliche Kultur
-zerstören. Und wenn dann nichts als Anarchie übrigbleibt, da wird dann
-der Jude an der Spitze des Ganzen stehen. Denn indem er den Sozialismus
-predigt, bleibt er als Jude mit seinen Stammgenossen doch außerhalb, und
-wenn der ganze Reichtum Europas vertan ist, bleibt die Bank des Juden.
-Dann mag der Antichrist kommen und die Anarchie herrschen.
-
-
- Das Ideal ...
-
-Das Ideal menschlicher Schönheit – ist das russische Volk. Ich muß
-unbedingt auf diese Schönheit aufmerksam machen, den aristokratischen
-Typus zeigen usw. Unwillkürlich fühlst du, daß er menschlich nicht unter
-dir steht; und bald werdet ihr fühlen, daß er höher steht als ihr.
-
-
- Katerina Iwanowna („_Brüder Karamasoff_“).
-
-Ein Mensch, der in seinem ganzen Leben nicht lebt, sondern sich selbst
-ausdenkt.
-
-
- Eine Konstitution.
-
-Unsere Intellektuellen werden vom Volk doch nichts Vernünftiges zu sagen
-verstehen. Sie werden das Volk nur in Erstaunen setzen und es zu guter
-Letzt, und zwar sehr bald, um seine Geduld bringen – und damit wird die
-Sache enden.
-
-
- Väter und Söhne ...
-
-„Väter und Söhne“ – die Eigenen erkennen die Eigenen nicht.
-
-
- Volk ...
-
-Die Behörden und alle diese Beamten, die sind doch in ihrem Verhalten
-zum Volk ungefähr: „_A quelle sauce voulez vous qu’on vous mange, mais
-nous ne voulons pas_“, usw. Dumpfe Verzweiflung.
-
-Das Volk – dort ist alles. Das ist doch ein Meer, das wir bloß nicht
-sehen, da wir uns vom Volk im finnischen Sumpf abgesondert haben.
-
- „Ich liebe dich, Schöpfung Peters ...“
- Pardon, nein, ich liebe sie nicht.
- Fenster, Löcher – und Monumente.
-
-Niemand traut uns, alle hassen uns, – warum? Weil Europa instinktiv
-etwas Neues, ihm nicht im geringsten Ähnliches in uns spürt. In diesem
-Punkt stimmt Europa ganz mit unseren Westlern überein: die hassen
-Rußland gleichfalls, weil sie in ihm etwas Neues, noch nie Dagewesenes
-wittern.
-
-Der Osten, Asien, Eisenbahnen! Wir aber leben für Europa. Sparen sollten
-wir, 4 statt 40 ausgeben – Peter der Große hätte es getan – und nicht
-vergessen: Rußland liegt zwar in Europa, aber in der Hauptsache doch in
-Asien. Nach Asien! nach Asien!
-
-
- Formel.
-
-Das russische Volk lebt ganz in der Rechtgläubigkeit und in ihrer Idee.
-Außer der Rechtgläubigkeit ist in ihm nichts und hat es nichts – und
-braucht es auch nichts, denn die Rechtgläubigkeit ist alles; sie ist –
-Kirche, und Kirche ist die Krönung des Gebäudes, und zwar auf ewig. Sie
-denken, ich werde das jetzt zu erklären anfangen? – keineswegs! Alles
-später und unermüdlich. Vorläufig aber stelle ich nur die Formel auf und
-füge noch eine andere hinzu: Wer die Rechtgläubigkeit nicht versteht –
-der wird auch nie und nimmer das russische Volk verstehen. Ja nicht nur
-das: der kann das russische Volk nicht einmal lieben, sondern wird
-höchstens ein imaginäres Volk lieben, wie er das russische Volk in
-Wirklichkeit zu sehen wünschte. Und andererseits wird auch das Volk
-einen solchen Menschen nicht als zu ihm gehörig anerkennen: liebst du
-nicht das, was ich liebe, glaubst du nicht daran, woran ich glaube und
-achtest du nicht mein Heiligtum, so bist du nicht mein Bruder. Oh, das
-Volk wird ihm deshalb nicht zu nahe treten, wird ihn weder überfallen,
-noch berauben, noch verprügeln, es wird ihm nicht einmal ein böses Wort
-sagen. Es ist zu großzügig dazu, es kann viel aushalten und ist in
-Glaubenssachen duldsam. Das Volk wird den, der es anders sehen wollte,
-ruhig anhören – wenn er gescheit ist und zu reden versteht –, wird ihm
-für Ratschläge sogar danken, für die Wissenschaft, die man ihm bringt,
-wird sogar manchen Rat befolgen, denn das russische Volk ist großzügig
-und versteht die Dinge auseinanderzuhalten. Aber als seinesgleichen wird
-es ihn doch nicht ansehen, seine Hand wird es ihm nicht geben und sein
-Herz ebensowenig. Unsere Intelligenz aber im finnischen Sumpf sieht an
-ihm vorbei, und ärgert sich, wenn man ihr sagt, daß sie das Volk nicht
-kenne.
-
-
- Die Lage des Bauern.
-
-Grund genug zum Verzweifeln. Wozu soll er sich ausnutzen lassen, auch er
-wird zum Exploiteur. _Höchstens ein Heiliger_ bleibt standhaft.
-
-
- Konstitutionelle, Reaktionäre.
-
-Sie werden doch nur die Interessen Ihrer Gesellschaft vertreten, nicht
-aber die des Volkes. Das Volk werden Sie wieder zu Leibeigenen machen
-wollen. Kanonen werden Sie gegen das Volk verlangen! Und die Presse –
-die Presse werden Sie nach Sibirien verbannen, sobald sie nur im
-geringsten Ihr Mißfallen erregt. Nicht nur gegen Sie etwas zu sagen wird
-verboten sein – nicht einmal atmen wird man in Ihrer Gegenwart dürfen.
-
-
- Grundbesitz.
-
-Der Hauptgrund, weshalb unsere Gutsbesitzer sich mit dem Volk nicht
-verstehen und keine Arbeiter finden können, ist der, daß sie selber
-nicht Russen, sondern vom Boden losgelöste Europäer sind.
-
-
- Klassischer Unterricht.
-
-... Wenn man ihn allmählich einführt, nicht plötzlich in
-unverhältnismäßiger Weise die Bildung erweitert, sondern vorläufig nur
-den Boden vorbereitet – dann bekämen wir nach und nach ein Kontingent
-junger Leute mit klassischer Bildung. Und diese würden den Grundstock,
-den Anfang des weiteren bilden. Ferner könnte man etwa alle fünf Jahre,
-oder alle vier Jahre einmal die Unterrichtsstunden der klassischen
-Sprachen vermehren ... Das dauerte länger, aber es wäre richtiger. Bei
-uns aber hat man eine Vorliebe fürs Plötzliche (_sic_) – zwanzigtausend
-Werst Eisenbahn wurden bei uns in zehn Jahren gebaut, obschon das alles
-freie Kapital von der Landwirtschaft und der Industrie fortzog. So
-berief man die tschechischen Lehrer der alten Sprachen, – diese kalten,
-teilnahmslosen, der Jugend feindlich Gesinnten, die die russische
-Sprache nicht verstehen und als minderwertig erachten. Sie wurden
-gehaßt, verachtet, verspottet. Mitunter war sogar das Nationalgefühl im
-Schüler verletzt – bei uns aber ist davon ohnehin schon erschreckend
-wenig übriggeblieben ...
-
-
- Wie man ...
-
-Wie man bei uns glaubt, alles Unglück Rußlands würde durch eine
-Konstitution beseitigt werden, so ist man in Europa übereingekommen –
-bewußt und unbewußt –, daß man zunächst mit Rußland ein Ende machen
-müsse, denn Rußland halte die Völker Europas von der inneren Arbeit ab,
-zwinge sie, ihre großen Heere zu erhalten und den Sultan zu beschützen,
-so daß sie ihn nicht aus Europa hinausjagen und seinen Besitz unter sich
-teilen können! An allem, heißt es, ist Rußland schuld ...
-
-Wir können uns ihrem Haß nicht entziehen und einmal werden sie sich auf
-uns stürzen und uns zerreißen.
-
-
- Ein Projekt.
-
-Nein, wir wissen noch nicht einmal, wie sie uns hassen. Nein, es ist
-nicht nur das, daß es nicht ihre Zivilisation ist und wir nicht Europäer
-sind. Nein, sie wittern die Idee, die zukünftige, selbständige,
-russische, obschon sie bei uns noch nicht geboren, nur die Erde
-unheimlich schwanger von ihr ist und sich schon anschickt, sie unter
-furchtbaren Qualen zu gebären. Wir glauben es bloß nicht und lachen.
-Nun, die Europäer aber ahnen sie schon. Sie ahnen mehr als wir selbst,
-d. h. als die russische Intelligenz. Was soll uns die Idee, wir bringen
-sie selber um. Wir leben für Europa, heißt es doch, alle nur zum
-Zeitvertreib für Europa, alle und alles – und für unsere Unschuld.
-
-Dann wird man’s glauben.
-
-
- Staat ist Kirche. Virchow. (_Sehr wichtig._)
-
- Der Unterschied zwischen uns und Europa.
-
-Der Staat ist eine vorwiegend christliche Gesellschaft und hat die
-Tendenz, Kirche zu werden. _In Europa ist es umgekehrt_ (einer der
-tiefen Unterschiede zwischen uns und Europa). Siehe die Rede Virchows
-(„Nowoje Wremja“, Nr. 1745, 6. Januar 1881). Virchow erklärt, der Staat
-sei vorwiegend eine von Religion und Christentum freie Gesellschaft. So
-ist es in Frankreich (Gambetta). Unsere kleinen Dummköpfe haben die
-Formel des Westens sogleich aufgegriffen und in ihren Katechismus
-eingetragen. Bei _uns_ aber, im russischen Volk, – uns ist sie bis ins
-Herz hinein fremd. Virchow fürchtet ganz einfach, die Christen könnten
-die Nichtchristen sogleich zu vernichten suchen. Im Gegenteil: der Geist
-des wahren Christentums ist – vollständige Glaubensfreiheit. _Glaube
-freiwillig_ – das ist unsere Formel. Der Heiland ist vom Kreuz nicht
-herabgestiegen, weil er nicht _gewaltsam_ durch ein äußeres Wunder
-bekehren, sondern gerade die _Glaubensfreiheit_ wollte. Das ist der
-Geist des Christentums und auch unseres Volkes! Wenn es aber
-Abweichungen gibt, so bedauern wir es.
-
-
- Meinen Kritikern.
-
-Ich suche keine Ehren und werde nichts annehmen, und wahrlich ist es
-nicht meine Absicht, für meine Richtung mir Sterne zu erraffen.
-
-
- Ich.
-
-Ich bin wie Puschkin ein Diener des Zaren, weil seine Kinder, sein Volk,
-des Zaren Diener nicht verachten werden. Ich werde noch mehr sein Diener
-sein, wenn er wirklich glauben lernt, daß das Volk sich als seine Kinder
-fühlt. Ich weiß nicht, weshalb er es noch immer nicht recht glauben zu
-wollen scheint.
-
-
- Volksschulen.
-
-Zwei Kategorien von Volksschulen, in der ersten nur lesen; _so gut es
-geht_, auch schreiben (erlernen sie es – können sie Schreiber werden,
-sehr wenige werden es ganz verlernen) und die drei Gebete. Und dann die
-zweite Kategorie – gleichfalls für die Bauern – mit etwas höherem
-Lehrplan. Von dieser zweiten Kategorie vorläufig nur sehr wenige
-Schulen, denn wenn wir wenigstens die von der ersten ins Leben riefen,
-so wäre schon eine _Kraft erzeugt_. Wer lesen und schreiben kann – der
-vermag sich schon zu bewegen, der kann schon vorwärtskommen, der ist
-schon ausgerüstet und bewaffnet. Und Sie werden sehen, wie dann nach
-wenigen Jahren ganz von selbst die höheren Volksschulen entstehen
-werden: zunächst gilt es, die Lust zum Lernen hervorzurufen, dann wird
-das Verlangen nach weiterem Lernen und das Entstehen höherer Schulen
-nicht auf sich warten lassen. Bei uns aber soll alles plötzlich
-entstehen.
-
-Der deutsche Junge (Pflicht), der russische Junge (zerfallene Familie).
-
-Geschichte würde bei uns geistige Ideen wachrufen. Die geistigen Ideen
-des deutschen Jungen sind andere: seine Ordnung, seine Lebensweise,
-seine Nationalität. Bei uns aber, in unseren Familien ist nichts als
-Fäulnis. Hier könnte der Geschichtsunterricht rettend eingreifen und den
-Sinn des Jünglings wenigstens auf die historische Welt richten und somit
-von den abstrakten Phantastereien und dem ideellen Mischmasch, der die
-geistige Welt unserer Gesellschaft ausmacht, ablenken. Mit einem Wort,
-man hat nicht in nationalem Sinn gehandelt (der russische Junge ist
-entwicklungsfähiger als der Deutsche). Nur die Lehrer der Literatur
-könnte man kontrollieren, damit sie nicht liberale Absurditäten
-predigen.
-
-
- Entwicklung der Kinder.
-
-Zwei Bälle werden über dem Kinderbett angebracht, ein roter und ein
-blauer, und zwar zur Beschleunigung der Entwicklung, um Gedanken zu
-erwecken. Als wolle man die Natur beseitigen! Der Eindruck der Harmonie
-des Ganzen in der Natur wird dadurch aufgehoben. Die werden ihr Lebtag
-im _Ganzen_ Details, grelle Punkte, Ecken, Einzelheiten suchen.
-
-
- Erziehung.
-
-Der unkultivierte russische Vater hat entweder seine Beamtenwelt und
-sein Kartenspiel, oder wenn er sich mit irgend etwas befaßt – geht er in
-Abstraktheit auf, in Weltfragen, in Sehnsucht nach der äußeren Form
-einer Konstitution oder im Materialismus. Bei der geringsten praktischen
-Betätigung quält er sich mit ewiger Unentschiedenheit über das, was Ehre
-und Gewissen ist (was seinem Sohn doch nicht entgehen kann) und das
-Auffallendste an ihm ist sein vollständiges Nichtverstehen alles dessen,
-was vor seiner Nase ist, der Widerwille gegen alles, was vor ihm liegt.
-Und dasselbe findet sich beim Sohn. Schade, daß ich mich kurz fassen
-muß und nicht das ganze Thema entwickeln kann. Aber der
-Geschichtsunterricht, die allgemeine Geschichte würde wenigstens Achtung
-vor den historischen Formen des Menschenlebens einflößen, würde
-wenigstens in den Erscheinungen einen Sinn zu sehen lehren. „Ideen sind
-nicht nötig,“ heißt es. – Dann werden sie eben selber Ideen erfinden.
-
-Von den Vorzügen der Naturwissenschaften haben doch nur diejenigen so
-viel geredet, die nichts von ihnen verstehen. Wie viele von unseren
-Redakteuren und Zeitungsverlegern wissen denn etwas von ihnen? Um die
-Wahrheit zu sagen, unsere Gelehrten sind (und mancher ist sogar in
-Europa als Fachmann bekannt) – sind größtenteils vortreffliche
-Spezialisten, sagen wir meinetwegen sogar große Spezialisten, nur sind
-sie nichtsdestoweniger größtenteils ungebildete Leute, die über das
-klassische Unterrichtssystem natürlich kein Urteil haben können. Und
-über diesen stehen dann die Ausführenden, die von ihnen sich Rat holen,
-an und für sich zumeist die unschuldigsten Leute (mit einem Schimmer von
-Europäertum), die sich in ihrer Unschuld für glänzende Europäer halten,
-aus Unschuld, wie gesagt, und die auch aus purer Unschuld meist so gut
-wie überhaupt nichts von Rußland wissen – nun, und was kommt dabei
-heraus? Nichts, ganz wie bisher noch nichts herausgekommen ist ... Eine
-Kultur fehlt.
-
-
- An die „Vaterländischen Annalen“.
-
-Die ganze Literatur zittert vor Ihnen, besonders vor dem „Satirischen
-Alten“. Niemand wagt es, gegen ihn aufzutreten. Er ist doch ein
-Liberaler, ist durch und durch liberal! – Nein, meine Herren, seien Sie
-erst einmal liberal, _wenn das unvorteilhaft ist_, dann würde ich Sie
-gern sehen wollen!
-
-Mit abgedroschenen alten Gedanken schlagen Sie sich durch.
-
-
- Die Presse.
-
-Die Presse sichert jedem Schurken das Wort, wenn er auf dem Papier zu
-schimpfen versteht, jedem, den man in anständiger Gesellschaft unter
-keinen Umständen reden ließe. In der Presse finden alle diese Menschen
-ihr Asyl, – komm, schimpf soviel du willst, – – sogar mit Ehrerbietung
-wird er aufgenommen.
-
-
- Die Brüder Karamasoff.
-
-Die Schurken foppen mich mit meinem angeblich _ungebildeten_ und
-rückständigen Glauben an Gott. Diese Tölpel haben sich eine solche
-Gottesleugnung noch nicht einmal träumen lassen, wie sie in meinem
-„Großinquisitor“ und dem vorhergehenden Kapitel ausgedrückt ist und auf
-die das _ganze Buch_ die Antwort gibt. Wenn ich an Gott glaube, so tue
-ich es doch nicht wie ein Dummkopf (wie ein Fanatiker). Diese da wollen
-mich belehren und lachen über meine Beschränktheit! Ihre dumme Kreatur
-hat sich ja nicht einmal träumen lassen von einer solchen Gewalt der
-Verneinung, wie ich sie durchgemacht habe. Und die wollen mich
-unterrichten!
-
-
- Der Teufel.
-
-(Eine psychologische und _ausführliche_ kritische Erklärung Iwan
-Karamasoffs und der Erscheinung des Teufels.) Iwan ist tief, ist nicht
-einer der zeitgenössischen Atheisten, die mit ihrem Unglauben nur die
-Beschränktheit ihrer Weltanschauung und die Stumpfheit ihres kleinen
-Gehirns beweisen.
-
-
- Bjelinski.
-
-Ein ungewöhnlicher Eifer in der Aufnahme neuer Ideen, mit dem größten
-Verlangen, jedesmal bei der Aufnahme von etwas Neuem, alles Alte zu
-zertrampeln, mit Haß und Schimpf und Spott zu vernichten. Eine Art
-Rachegelüst ... „und ich verbrannte alles, was ich einst anbetete“.
-
-
- Das Geschimpfe meiner Feinde.
-
-Wenn physische Verrichtungen auf der Straße verboten sind, ebenso nackt
-einherspazierende Menschen, warum dann nicht auch dieses verbieten? –
-Ist es doch dieselbe physische Verrichtung, schädlich und gemein! Die
-Staatsanwaltschaft müßte sie ohne weiteres wegen Unmäßigkeit zur
-Rechenschaft ziehen.
-
-Leontjeff[37]. („Es lohnt nicht, der Welt Gutes zu wünschen, denn es
-steht geschrieben, daß sie vergehen werde“.)
-
-In dieser Auffassung liegt etwas Unvernünftiges und Ruchloses.
-
-Überdies ist es eine ungemein bequeme Anschauung, so für den
-Hausgebrauch: denn wenn es schon geschrieben steht, daß alle verurteilt
-sind, wozu soll man sich dann noch anstrengen, wozu anderen Gutes tun?
-Lebe für dich! Lebe hinfort ein jeder ruhig für seinen Wanst.
-
-
- Nach dem Erscheinen der Augustnummer meines „Tagebuchs“ und meiner
-
- Rede in Moskau.
-
-Hier sprach außer der Meinungsverschiedenheit mit mir noch eine Art Neid
-mit. Ja vielleicht war es überhaupt nur Neid, der da sprach. Natürlich
-kann man von Herrn Leontjeff nicht verlangen, daß er das schriftlich
-eingesteht. Aber möge dieser Publizist seinem Gewissen die Frage
-vorlegen und sich selbst die Wahrheit gestehen; auch das würde genügen.
-(Für einen anständigen Menschen genügt auch das.)
-
-
- Gelehrtheit.
-
-Es gibt gewisse Dinge, lebendige Dinge, die zu begreifen vor übermäßiger
-Gelehrtheit sehr schwer ist. Die Gelehrtheit, die ja auch selbst im
-Übermaß immer noch eine schöne Sache ist, kann sich aber bei der
-Berührung mit manchen _lebendigen_ Dingen sogar in eine äußerst
-schädliche Sache verwandeln. Es sind eben nicht alle lebendigen Dinge
-leicht zu begreifen. Das ist ein Axiom. Übermäßige Gelehrtheit hat
-bisweilen etwas Ertötendes in sich. Gelehrtheit ist ein Material, dem
-manche nicht gewachsen sind.
-
-Auch ist die übermäßige Gelehrtheit nicht immer die wahre oder richtige
-Gelehrtheit. Die wahre Gelehrtheit ist nicht nur nicht feindlich dem
-Leben gegenüber, sondern stimmt schließlich mit dem Leben immer überein,
-dem sie _neue Offenbarungen_ gibt, die sie im Leben selbst entdeckt. Das
-ist das wesentliche und großartige Kennzeichen der wahren Gelehrtheit.
-Die unwahre Gelehrtheit dagegen ist, und mag sie auch noch so groß sein,
-dem Leben doch immer irgendwie feindlich und geht womöglich bis zur
-Verneinung des Lebens. – Bei uns ist von Gelehrten der ersten Kategorie
-seltsamerweise wenig zu hören, dafür aber genug von solchen der zweiten
-Art, ja wie es scheint sogar nur von dieser. Es kann selbst die
-übermäßigste Gelehrtheit keine Gewähr dafür bieten, daß der Gelehrte
-nicht doch nur zur zweiten Kategorie gehört. Doch brauchen wir die
-Zuversicht nicht aufzugeben, daß es bei uns auch solche von der ersten
-geben wird. Irgend einmal werden wir sie doch haben. Wozu denn jede
-Hoffnung verlieren?
-
-Wie viele Menschen denken nicht selbst, sondern leben mit Gedanken, die
-andere bereits fertiggedacht haben! Bei uns aber lebt man nicht nur mit
-fertigen Gedanken, sondern lebt sogar mit fertigem Leid (und dabei ohne
-Kultur).
-
-
- Der Nihilismus ...
-
-Der Nihilismus ist bei uns aufgetreten, weil _wir alle Nihilisten sind_.
-Uns hat nur die neue, originelle Form seiner Erscheinung erschreckt.
-(Alle sind ohne Ausnahme Fjodor Pawlowitsch Karamasoff.)
-
-Komisch war die Bestürzung und die Sorge unserer Klugen, die zu
-erforschen suchten, woher die Nihilisten kämen. Sie sind eben
-nirgendwoher gekommen, sondern sind die ganze Zeit mit uns, in uns und
-bei uns gewesen. (Die Dämonen.) „Aber nein, wie denn das, wir sind nicht
-Nihilisten,“ behaupteten die Klugen, „wir wollen nur durch die
-Verneinung Rußlands Rußland retten (d. h. indem wir in der Art einer
-besonderen Sphäre, etwa als Aristokraten, über dem Volke stehen, das wir
-zu unserer Nichtigkeit emporheben wollen).“ Der Nihilismus ließe sich
-mit unserer Kirchenspaltung vergleichen. Ja aber die Kirchenspaltung war
-für uns von großem Nutzen.
-
-
- Religion ...
-
-Nicht aus Ekel vor der Welt haben sich die Heiligen in die Einsamkeit
-zurückgezogen, sondern zu ihrer sittlichen Vervollkommnung. Unsere
-früheren Mönche lebten sogar fast auf dem Marktplatz. Z. B. der Mönch
-Parfeni. Allein schon das Verlangen nach geistiger Erleuchtung ist –
-geistige Erleuchtung.
-
-Gewissen ohne Gott ist etwas Entsetzliches, es kann sich bis zur größten
-Unsittlichkeit verirren.
-
-Es ist unzureichend, Sittlichkeit als Überzeugungstreue zu definieren.
-Man muß sich auch noch fortwährend fragen: sind meine Überzeugungen
-richtig? Ihr Prüfstein aber ist – Christus. Doch hier kommt nicht mehr
-Philosophie in Frage, sondern Glaube. Glaube jedoch ist wie eine Farbe.
-
-Tatmenschen seien nur Leute von fragwürdiger Sittlichkeit. – Wie man
-wohl auf diesen Gedanken gekommen sein mag?
-
-Einen Menschen, der Ketzer verbrennt, kann ich nicht für sittlich
-erklären, denn ich erkenne eure These nicht an, nach welcher
-Sittlichkeit Übereinstimmung mit den inneren Überzeugungen sei. Das ist
-nur Ehrlichkeit, nicht aber Sittlichkeit. Für mich ist das Beispiel und
-Ideal der Sittlichkeit Christus. Ich frage: hätte er Ketzer verbrannt? –
-nein. Also ist es eine unsittliche Handlung.
-
-Der Großinquisitor ist allein schon deshalb unsittlich, weil sich in
-seinem Herzen und Gewissen die Idee festsetzen konnte, Menschen zu
-verbrennen sei notwendig.
-
-Gut – das Nützliche. Schlecht – das Nichtnützliche. Nein, gut ist das,
-was wir lieben. Alle Ideen Christi sind vom Menschenverstande verdorben
-worden und scheinen unerfüllbar zu sein. Die linke Backe ... mehr als
-sich selbst lieben ... Aber ich bitte, wozu das, wozu? Ich bin hier für
-einen Augenblick, Unsterblichkeit gibt es nicht, da lebe ich lieber wie
-ich will. Das sei keine Berechnung (sagt ein englischer Priester).
-Erlauben Sie mir, selber zu wissen, was für mich eine Berechnung oder
-keine Berechnung ist.
-
-
- Der Staat ...
-
-Der Staat wurde für die Mittelmäßigen geschaffen. – Wann hat denn der
-Staat bei seinem Entstehen gesagt: ich erschaffe mich für die
-Mittelmäßigen? Sie sagen, so habe es die Geschichte gemacht. Nein, immer
-haben Auserwählte geführt! Aber nach diesen, das ist allerdings wahr,
-hat sogleich die Mittelmäßigkeit auf den Ideen der höheren Menschen
-ihren kleinen mittelmäßigen Kodex aufgebaut. Bis dann wieder ein großer
-oder ursprünglicher Mensch kam und den Kodex zerstörte. Sie halten,
-scheint es, den Staat für etwas Absolutes? Glauben Sie mir, wir haben
-nicht nur keinen absoluten, sondern noch nicht einmal einen mehr oder
-weniger vollendeten Staat gesehen. Alles Embryonen.
-
-Die Gesellschaften seien entstanden aus dem Bedürfnis, sich
-einzurichten? – Das ist nicht wahr, sondern immer infolge einer großen
-Idee.
-
-
- Ethik ...
-
-Die andere Backe hinhalten, den Nächsten mehr lieben, als sich selbst –
-nicht deshalb, weil es vorteilhaft ist, sondern weil es einem gefällt,
-bis zum brennenden Gefühl, bis zur Leidenschaft. Christus habe sich
-geirrt – das sei erwiesen! Doch dieses brennende Gefühl sagt: lieber
-bleibe ich bei meinem Irrtum mit Christus als mit euch.
-
-Sie sagen: Europa habe doch viel Christliches auch ohne den Papst und
-den Protestantismus getan. Oh, selbstverständlich, das Christentum ist
-dort doch nicht in einem Augenblick gestorben, es brauchte doch zum
-Sterben eine lange Zeit, es hinterließ doch Spuren. Es gibt dort auch
-jetzt noch Christen, aber auch schrecklich viel falsche Auffassung vom
-Christentum.
-
-Ihre Handlung ist sittlich, aber nicht ihre Idee.
-
-_Sittlich_ ist nur das, was mit unserem Schönheitsgefühl übereinstimmt
-und mit dem Ideal, in welchem dasselbe sich verkörpert.
-
-Sein Verhalten mag ehrlich sein, aber seine Handlung ist nicht sittlich.
-Denn, wenn die Handlung eines Menschen bloß mit seinen Überzeugungen
-übereinstimmt, so braucht sie deshalb noch nicht sittlich zu sein. Es
-ist bisweilen sittlicher, nicht nach seiner Überzeugung zu handeln, wie
-es mancher tut, der dabei seiner Überzeugung durchaus treu bleibt, doch
-infolge eines Gefühls die Handlung nicht ausführt. Mit seinem Verstande
-schilt und verachtet er sich deshalb, aber sein Gefühl, d. h. sein
-Gewissen läßt ihn doch nicht die Tat ausführen (und schließlich weiß er
-auch, daß er sie nicht aus Feigheit unterläßt). Er unterläßt die
-Befolgung seiner Überzeugung nur deshalb, weil er dies als sittlicher
-erkannt hat, denn eine Befolgung wäre.
-
-
- Rußland ...
-
-Es gibt bei uns allerdings Kulturmenschen, aber sie entstanden, indem
-sie das Ganze verneinten und nur der kleinste Teil kehrte zum Volk
-zurück. Die übrigen sind alle negativ kultiviert. (Übrigens: weshalb
-mußte Peter das Volk zu Leibeigenen machen, um einen gebildeten Stand zu
-erhalten?!) Die Befreiung der Bauern geschah ganz abstrakt, ohne
-Verständnis für den russischen Bauern und sogar: indem man ihn
-verneinte; man bemitleidete ihn als Sklaven, aber man sprach ihm seine
-Persönlichkeit, seine Selbständigkeit, seinen ganzen Geist dabei ab.
-
-
- Ich ...
-
-Bei vollständigem Realismus im Menschen den Menschen finden. Das ist ein
-durchaus russischer Zug, und in diesem Sinne bin ich natürlich volklich
-(denn meine Richtung entspringt der Tiefe des christlichen
-Volksgeistes), obschon ich dem Gegenwärtigen russischen Volk unbekannt
-bin – doch das Zukünftige wird mich kennen.
-
-Man nennt mich einen Psychologen. Das ist nicht richtig. Ich bin nur ein
-Realist im höheren Sinne, d. h. ich zeige alle Tiefen der Menschenseele.
-
-
- Christus ...
-
-... Ich frage: weshalb ist es unsittlich, Blut zu vergießen? Wenn ich
-das Gegenteil behaupte, werden Sie meine Behauptung natürlich auf keine
-Weise widerlegen können.
-
-Wenn wir nicht im Glauben und in Christus eine Autorität hätten, würden
-wir uns in allem verirren.
-
-Es gibt sittliche Ideen. Sie erwachsen aus dem religiösen Gefühl, aber
-mit der Logik allein sind sie niemals zu rechtfertigen.
-
-Es wäre nicht mehr möglich, zu leben.
-
-Ein Beispiel: Der Jesuit lügt und ist überzeugt, daß lügen um eines
-guten Zweckes willen nützlich und gut sei. Sie loben es, daß er seiner
-Überzeugung gemäß handelt, d. h. er lügt und das ist schlecht, da er
-aber aus Überzeugung lügt, so ist das gut. Also einerseits ist lügen
-gut, andererseits schlecht. Wunderbar!
-
-Auf dem Boden, auf dem Sie stehen, werden Sie immer geschlagen werden.
-Das werden Sie nur dann nicht, wenn Sie anerkennen, daß es sittliche
-Ideen _gibt_ (aus dem Gefühl, von Christus), beweisen aber, daß sie
-sittlich sind, ist unmöglich (Berührung mit anderen Welten).
-
-... Natürlich ist das nicht wissenschaftlich, obschon – warum
-schließlich nicht? Die gewaltige Tatsache der Erscheinung Christi auf
-Erden und alles dessen, was darauf folgte, verlangt meiner Ansicht nach
-auch wissenschaftliche Ausarbeitung. Die Wissenschaft kann es doch nicht
-für unter ihrer Würde halten, die Bedeutung der Religion in der
-Menschheit zu untersuchen, und wäre es auch nur im Hinblick auf die
-historische Tatsache, die durch ihre Ununterbrochenheit und
-Beharrlichkeit frappiert. Die Überzeugung aber der Menschheit von der
-_Berührung mit anderen Welten_ – diese unausrottbare Überzeugung ist
-doch gleichfalls sehr bedeutsam. So etwas läßt sich doch nicht mit einem
-Federstrich lösen.
-
-_Der Großinquisitor und das Kapitel von den Kindern._ Angesichts dieser
-beiden Kapitel hätten Sie über mich, vielleicht wissenschaftlich, aber
-nicht in philosophischer Hinsicht so geringschätzig zu urteilen
-brauchen, obschon Philosophie nicht meine Spezialität ist. Auch in
-Europa gibt es keinen atheistischen _Ausdruck_ von solcher Gewalt und
-hat es _nie gegeben_. Folglich glaube ich an Christus und bekenne ich
-mich zu diesem Glauben nicht wie ein Kind, sondern mein Hosianna ist
-durch das große _Fegefeuer der Zweifel_ hindurchgegangen, wie in meinem
-letzten Roman der Teufel von sich sagt.
-
-
-
-
- Fußnoten
-
-
-[1] Fjodor Michailowitsch hätte sich natürlich gern auch als offiziellen
-Redakteur der Zeitschrift gesehen, doch stand er damals noch unter
-polizeilicher Aufsicht, weshalb er erst 1873 als Redakteur des „Bürger“
-bestätigt werden konnte. Da aber die beiden Brüder in größtem
-Einvernehmen lebten, so ergab sich daraus die beste Arbeitsteilung: M.
-M. übernahm alles Geschäftliche, während F. M. sich nur mit der
-geistigen Leitung der Zeitschrift befaßte. N. N. Strachoff.
-
-[2] Russischer Publizist von Ruf, geboren 1845. E. K. R.
-
-[3] Alexander Herzen, Sohn eines russischen Aristokraten und einer
-Württembergerin (geb. 1812 in Moskau, gest. 1870 in Paris). Er war
-Schriftsteller und Politiker, wurde schon als Student verbannt, gab in
-London von 1856–65 die Zeitschrift „Die Glocke“ heraus. Seinem
-ungeheueren Einfluß auf die Intelligenz jener Zeit, sowie seinem offenen
-Brief an Kaiser Alexander II. wird der Anstoß zur Verwirklichung der
-Bauernbefreiung zugeschrieben. E. K. R.
-
-[4] Professor der Geschichte. Näheres Bd. XI, S. 311. E. K. R.
-
-[5] Der Held der „Aufzeichnungen eines Irrsinnigen“ von Gogol. E. K. R.
-
-[6] Publizist, Politiker, Panslawist. E. K. R.
-
-[7] Führer der slawophilen Partei in Moskau. E. K. R.
-
-[8] Russischer Philosoph. E. K. R.
-
-[9] Herausgeber der Werke Puschkins. E. K. R.
-
-[10] Der Held in Puschkins Poem „Die Zigeuner“. E. K. R.
-
-[11] Petschorin, die Hauptperson in Lermontoffs Roman „Der Held unserer
-Zeit“; Tschitschikoff, die Hauptperson in Gogols Roman „Die toten
-Seelen“; Rudin und Lawretzkij, ersterer im Roman gleichen Namens und
-letzterer im Roman „Eine adlige Familie“ von Turgenjeff. E. K. R.
-
-[12] Fürst Andrej Bolkonskij, der Vertreter desselben Typs in Tolstois
-Roman „Krieg und Frieden“. E. K. R.
-
-[13] In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, unter Batyj, dem Enkel
-Dschingis-Chans. E. K. R.
-
-[14] Seit dem Tode des letzten Nachkommen Ruriks, Feodors I., 1598
-(nachdem Boris Godunoff den Thronfolger Dmitri 1591 hatte ermorden
-lassen) – bis Michail Romanoff 1613 den Thron bestieg. E. K. R.
-
-[15] Russisches Nationalgetränk aus gesäuertem Brot. E. K. R.
-
-[16] Rechtgläubigkeit. E. K. R.
-
-[17] Geb. 1799, fiel 1837 im Duell. E. K. R.
-
-[18] Geb. 1672, seit 1689, nach Ausschluß seines Bruders und seiner
-Halbschwester von der Regierung, Alleinherrscher; begann mit der Reform
-Rußlands nach seiner Reise ins Ausland 1697 und starb 1725. E. K. R.
-
-[19] Ein Mensch, der keinen Verbleib hat. E. K. R.
-
-[20] Aleko ersticht die Geliebte und einen jungen Zigeuner, die er bei
-einem Stelldichein überrascht. E. K. R.
-
-[21] Ein junger Gutsbesitzer und Dichter, Onegins Nachbar und Bräutigam
-der Olga Larina, der jüngeren Schwester Tatjanas. Onegin, der auf seinem
-Gut wie ein blasierter Einsiedler lebt, wird von Lenskij überredet, mit
-ihm zu einem Familienfest in Larins, den Gutsnachbarn, zu reiten.
-Nachträglich ärgert sich Onegin über seine Einwilligung, und um nun
-seinerseits Lenskij zu ärgern, tanzt er auf dem Fest ausschließlich mit
-dessen Braut. Lenskij wird eifersüchtig, fordert den Freund und fällt im
-Duell. E. K. R.
-
-[22] Der alte Mönch in Puschkins Drama „Boris Godunoff“. E. K. R.
-
-[23] Das Stadthaupt (der Bürgermeister) in Gogols Komödie „Der Revisor“.
-E. K. R.
-
-[24] Der Obergorodowoi (Schutzmann) in Gogols Komödie „Der Revisor“. E.
-K. R.
-
- [25] Diese Bezeichnung rührt von Turgenjeff her, dessen Romanhelden
- fast ausnahmslos „überflüssige Menschen“ sind, die im Vaterlande
- keine Arbeit zu finden verstehen, sich mit Vorliebe im Auslande – in
- Paris oder in süddeutschen Kurorten – aufhalten und sich im Grunde
- nur selbst zur Last fallen. E. K. R.
-
- [26] Frau Korobotschka ist eine Gutsbesitzerin, Ssobakewitsch ein
- Gutsbesitzer oder vielmehr „Besitzer von Leibeigenen“ in Gogols
- „Toten Seelen“, Tjäpkin-Ljäpkin ist der Friedensrichter in Gogols
- „Revisor“. Die Namen der Gestalten Gogols enthalten gewöhnlich
- bereits die ganze Charakteristik der Personen: Frau Korobotschka =
- Frau Kästchen, ist ein beschränktes, geiziges Frauenzimmer.
- Ssobakewitsch, – etwa Herr Hundemann –, behandelt seine Bauern, als
- wären sie Hunde. Dershimorda – Haltsmaul – hält vornehmlich mit
- diesem Befehl die Ordnung aufrecht. Skwosnik bedeutet
- „durchtriebener Schelm“, während Dmuchanowskij an die
- kirchenslawische Bezeichnung für „Aufgeblasenheit“ erinnert. Der
- Name Tjäpkin-Ljäpkin ist gebildet aus „Tjäp-da-ljäp,“ dem vulgären
- Ausdruck für „obenhin“ oder „irgendwie“. „Tjäp-da-ljäp, da i kletka“
- heißt: eins, zwei, drei mit etwas fertig sein – ganz wie der
- Friedensrichter Tjäpkin-Ljäpkin mit den Gerichtssachen eins, zwei,
- drei fertig ist. E. K. R.
-
-[27] Da die Leibeigenen im Plural meist einfach „Seelen“ genannt wurden,
-so nannte man eine Volkszählung oder eine gerichtliche bezw. notarielle
-Feststellung des Besitzes der Gutsherrn „Seelenrevision“. E. K. R.
-
-[28] Die bedeutendsten Slawophilen. E. K. R.
-
-[29] Publizist und Slawophile. E. K. R.
-
-[30] Das russische Wort für „Bauer“: es ist die ältere Form von
-„Christjanin“, d. h. „Christ“, und hat somit nichts – wie die
-Bezeichnung des Bauern in anderen Sprachen – mit „Land“ (Landmann) oder
-bauen, bebauen gemein. E. K. R.
-
-[31] Gogol und Lermontoff. E. K. R.
-
-[32] Tolstoi, Dostojewski, Turgenjeff, Gontscharoff, Grigorowitsch. E.
-K. R.
-
-[33] Russischer General, der 1876 in Serbien gegen die Türken kämpfte.
-E. K. R.
-
-[34] Usurpator, Führer im großen Bauernaufstand unter Katharina II., gab
-sich für (den ermordeten) Peter III. aus, wurde 1775 in Moskau
-hingerichtet. E. K. R.
-
-[35] Dostojewski hat den Seite 321–325 wiedergegebenen Entwurf in
-demselben Oktoberheft seiner Monatsschrift „_Das Verdikt_“ genannt und
-„die Überlegung eines Selbstmörders _aus Langeweile_, selbstredend eines
-Materialisten.“ E. K. R.
-
-[36] Anhänger einer lutheranisierenden Sekte in Südrußland, von der
-Regierung verfolgt. Sie verwerfen die Sakramente und alle
-gottesdienstlichen Gebräuche und haben keine Priester. E. K. R.
-
-[37] Verfasser einer kleinen Broschüre: „Unsere neuen Christen – Graf L.
-N. Tolstoi und F. M. Dostojewski“. E. K. R.
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen
-Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
-Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
-nach:
-
- F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.
- Zweite Abteilung: Zwölfter Band
- Literarische Schriften
- R. Piper & Co. Verlag, München, 1921.
- 5. bis 9. Tausend
-
-Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen
-Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
-ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
-Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
-nach der Titelseite eingefügt.
-
-Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
-
-Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert.
-
-Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen
-(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von
-Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
-
-Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
-Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben
-„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde
-vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):
-
- Gradowskij (Gradowski)
- Lewin (Levin)
- Ostrowski (Ostrowsky)
- Pugatschoff (Pugatscheff)
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
-russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 63]:
- ... sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten Standpunkten ...
- ... sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten Standpunkte ...
-
- [S. 171]:
- ... um den leibeigenen Bauer. Einige ...
- ... um den leibeigenen Bauern. Einige ...
-
- [S. 224]:
- ... nationalen Eigenheiten. Ihre Gegnerschaft raubt ihnen ...
- ... nationale Eigenheiten. Ihre Gegnerschaft raubt ihnen ...
-
- [S. 251]:
- ... als wären wir wilde Barbaren nicht wert, vor Europa ...
- ... als wären wir wilden Barbaren nicht wert, vor Europa ...
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 12:
-LITERARISCHE SCHRIFTEN ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
-United States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this eBook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that:
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This website includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/old/67240-0.zip b/old/67240-0.zip
deleted file mode 100644
index 305c76b..0000000
--- a/old/67240-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67240-h.zip b/old/67240-h.zip
deleted file mode 100644
index adaeae5..0000000
--- a/old/67240-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67240-h/67240-h.htm b/old/67240-h/67240-h.htm
deleted file mode 100644
index a7164bd..0000000
--- a/old/67240-h/67240-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,13337 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
-"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de">
-<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
-<title>The Project Gutenberg eBook of Sämtliche Werke 12: Literarische Schriften, by Fjodor Dostojewski</title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <!-- TITLE="Sämtliche Werke 12: Literarische Schriften" -->
- <!-- AUTHOR="Fjodor Dostojewski" -->
- <!-- TRANSLATOR="E. K. Rahsin" -->
- <!-- LANGUAGE="de" -->
- <!-- PUBLISHER="Piper, München" -->
- <!-- DATE="1921" -->
- <!-- COVER="images/cover.jpg" -->
-
-<style type='text/css'>
-
-body { margin-left:15%; margin-right:15%; }
-
-div.frontmatter { page-break-before:always; margin:auto; max-width:30em; }
-.logo { margin-top:3em; margin-bottom:1em; }
-.ser { text-indent:0; text-align:center; letter-spacing:0.1em; }
-.ed { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:5em; }
-.ed .line1 { display:inline-block; border-top:2px solid black; padding-top:0.25em;
- margin-top:0.25em; font-size:0.8em; }
-.division { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:3em; }
-.aut { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; font-size:1em;
- margin-top:1em; margin-bottom:1em; }
-h1.title { text-indent:0; text-align:center; }
-.subt { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; }
-.trn { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; }
-.pub { text-indent:0; text-align:center; letter-spacing:0.1em; }
-.pub .line1{ display:inline-block; border-top:2px solid black; padding-top:0.5em; }
-.impr { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:6em;
- font-size:0.8em; }
-.cop { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; font-size:0.8em; }
-div.facsimile { margin-top:4em; }
-.cap { text-indent:0; text-align:center; font-size:0.8em; }
-div.epi { margin-top:4em; margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:25em;
- font-size:0.8em; }
-div.epi p { text-indent:0; }
-div.transcript { margin-top:4em; margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:25em;
- font-size:0.8em; border:4px double black; padding:1em; }
-div.transcript p { text-indent:0; }
-div.transcript p.date { text-align:left; }
-div.transcript p.note { text-align:justify; margin-top:1em; font-size:1em; }
-div.transcript p.hdr { text-align:center; font-size:1.25em;
- margin-top:1em; margin-bottom:1em; }
-div.transcript table.list td.col1 { text-align:right; padding-right:0.5em; }
-div.transcript table.list td.col2 { text-align:left; }
-
-div.chapter{ page-break-before:always; }
-h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; }
-h2.part { margin-top:4em; margin-bottom:2em; }
-h2.part .firstline { font-size:0.8em; }
-h3 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; }
-h3.chapter { margin-top:4em; }
-h4 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; }
-
-p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; }
-p.noindent { text-indent:0; }
-p.first { text-indent:0; }
-span.firstchar { float:left; font-size:3em; line-height:0.83em; }
-span.prefirstchar { display:none; }
-p.first.pre2 span.prefirstchar { display:inline; font-size:0.33em; }
-p.sign { text-indent:0; text-align:right; margin-right:1em; }
-p.attr { text-indent:0; text-align:right; margin-right:1em; }
-p.date { text-indent:0; text-align:right; margin-right:1em; }
-div.excerpt{ margin-left:2em; margin-top:1em; margin-bottom:1em; }
-p.center { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; }
-p.note { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; font-size:0.8em; }
-
-hr.tb { border:0; border-top:1px solid black; margin:1em;
- margin-left:45%; width:10%; }
-
-/* "emphasis"--used for spaced out text */
-em { font-style:italic; }
-
-/* antiqua--use to mark alternative font for foreign language parts if so desired */
-.antiqua { font-style:italic; }
-
-/* language attributes (test only) */
-/*
-* > *[lang] { background-color:wheat; }
-*/
-
-.underline { text-decoration: underline; }
-.hidden { display:none; }
-
-/* footnotes */
-p.footnote { margin:1em; margin-bottom:0; text-indent:0; font-size:0.8em; }
-p.footnote span.ekr { padding-left:1em; font-style:italic; }
-p.footnote2 { margin:1em; margin-top:0; margin-bottom:0; text-indent:1em; font-size:0.8em; }
-
-/* poetry */
-div.poem-container { text-align:center; }
-div.poem-container div.poem { display:inline-block; }
-div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em; }
-.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; }
-.stanza .verse1 { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:3em; }
-
-/* tables */
-div.table { text-align:center; }
-table { margin-left:auto; margin-right:auto; border-collapse:collapse; }
-table td { padding-left:0em; padding-right:0em; vertical-align:top; text-align:left; }
-table.toc { max-width:30em; }
-table.toc td { font-size:0.8em; }
-table.toc td.col1 { text-align:left; padding-left:2em; text-indent:-2em; }
-table.toc td.col_page { padding-left:1em; text-align:right; width:4em; }
-table.toc tr.p td.col1 { font-size:1em; padding-left:0em; text-indent:0em; }
-table.toc tr.br td.col1 { text-align:center; padding-top:1em; }
-table.toc tr.r td.col1 { text-align:right; }
-
-a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
-a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
-a:hover { text-decoration: underline; }
-a:active { text-decoration: underline; }
-
-/* Transcriber's note */
-.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc;
- color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em;
- page-break-before:always; margin-top:3em; }
-span.trnote { font-size:inherit; line-height:inherit; background-color: #ccc;
- color: #000; border:0; margin:0; padding:0;
- page-break-before:avoid; margin-top:0em; }
-.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; }
-.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; }
-.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; }
-.trnote ul li { list-style-type: square; }
-.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; }
-.trnote .center { text-indent:0; text-align:center; }
-.trnote .list { text-indent:0em; margin-left:3em; text-align:left; }
-
-/* page numbers */
-a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; }
-a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit;
- letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal;
- font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small;
- border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px;
- display: inline; }
-
-/* footnote page number anchors (test only) */
-/*
-a[id].fnpage { position: absolute; right: 1%; }
-a[id].fnpage:after { content: attr(id); color: black; background-color: wheat;
- letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal;
- font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small;
- border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px;
- display: inline; }
-*/
-
-div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; }
-img { max-width:100%; }
-div.logo img { max-width:4em; }
-
-@media handheld {
- body { margin-left:0; margin-right:0; }
- div.frontmatter { max-width:inherit; }
- div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; }
- div.transcript { max-width:inherit; }
- div.epi { max-width:inherit; }
- em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; }
- table.toc { max-width:inherit; }
- span.firstchar { float:left; }
- a.pagenum { display:none; }
- a.pagenum:after { display:none; }
- .trnote { margin:0; }
-}
-
-</style>
-</head>
-
-<body>
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Sämtliche Werke 12: Literarische Schriften</span>, by Fjodor Michailowitsch Dostojewski</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Sämtliche Werke 12: Literarische Schriften</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski</p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Editor: Arthur Moeller van den Bruck</p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Translator: E. K. Rahsin</p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Contributors: Dmitri Mereschkowski</p>
-<p style='display:block; margin-top:0; margin-bottom:0; margin-left:2em;'>Nikolai Nikolajewitsch Strachow</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: January 24, 2022 [eBook #67240]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SÄMTLICHE WERKE 12: LITERARISCHE SCHRIFTEN</span> ***</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="ser">
-F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
-</p>
-
-<p class="ed">
-<span class="line1">Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski</span><br />
-<span class="line2">herausgegeben von Moeller van den Bruck</span>
-</p>
-
-<p class="trn">
-Übertragen von E. K. Rahsin
-</p>
-
-<p class="division">
-Zweite Abteilung: Zwölfter Band
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="aut">
-F. M. Dostojewski
-</p>
-
-<h1 class="title">
-Literarische Schriften
-</h1>
-
-<div class="centerpic logo">
-<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">R. Piper &amp; Co. Verlag, München</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="impr">
-R. Piper &amp; Co. Verlag, München, 1921<br />
-5. bis 9. Tausend
-</p>
-
-<p class="cop">
-Copyright 1921 by R. Piper &amp; Co., G. m. b. H.,<br />
-Verlag in München.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="toc" id="part-1">
-Inhalt.
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col_page">Seite</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><em>Zur Einführung.</em> Über Dostojewskis Leben und literarische Tätigkeit. Von N. N. Strachoff (1882)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-3">3</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><em>Vorbemerkung</em></td>
- <td class="col_page"><a href="#page-101">101</a></td>
- </tr>
- <tr class="p br">
- <td class="col1" colspan="2">Erster Teil. Die russische Literatur</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><em>Puschkinrede</em> (August 1880)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-105">105</a></td>
- </tr>
- <tr class="r">
- <td class="col1">(Zur Puschkinrede <a href="#page-105">S. 105.</a> Puschkin <a href="#page-124">S. 124</a>)</td>
- <td class="col_page">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><em>Bei gebotener Gelegenheit</em> einige Vorlesungen über verschiedene Themata auf Grund einer Auseinandersetzung, die mir Herr A. Gradowskij gehalten hat</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-155">155</a></td>
- </tr>
- <tr class="r">
- <td class="col1">(Dostojewskis Erläuterungen der Puschkinrede)</td>
- <td class="col_page">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><em>Der Byronismus</em> (Dezember 1877)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-213">213</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><em>Über russische Literatur</em> (Januar 1861)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-219">219</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><em>Über Tolstois Roman „Anna Karénina“</em> (August 1877)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-243">243</a></td>
- </tr>
- <tr class="p br">
- <td class="col1" colspan="2">Zweiter Teil. Der russische Nihilismus</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><em>Das Milieu</em> (1873)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-291">291</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><em>Der Büßer</em> (1873)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-303">303</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><em>Selbstmord und Unsterblichkeit</em> (1876)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-319">319</a></td>
- </tr>
- <tr class="p br">
- <td class="col1" colspan="2">Dritter Teil. Notierte Gedanken</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><em>Notierte Gedanken</em> (1880)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-337">337</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<div class="centerpic facsimile">
-<img src="images/facsimile.jpg" alt="" />
-<p class="cap">
-Tagebuchblatt Dostojewskis
-</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
- <div class="transcript">
-<p class="date">
-24. XII. 77.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Memento für das ganze Leben.
-</p>
-
- <div class="table">
-<table class="list" summary="">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1">1)</td>
- <td class="col2">Den russischen Candide schreiben.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">2)</td>
- <td class="col2">Ein Buch über Jesus Christus schreiben.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">3)</td>
- <td class="col2">Meine Memoiren schreiben.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">4)</td>
- <td class="col2">Ein Poem „Die Ssorokowin’s“ schreiben.</td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
- </div>
-<p class="note">
-NB. (Dies alles außer dem letzten Roman und der beabsichtigten
-Ausgabe des „Tagebuchs“ erfordert minimum
-10 Jahre Arbeit, ich bin jetzt aber 56 Jahre alt.)
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
- <div class="epi">
-<p class="center nowrap">
-Ein Wort ist gleichfalls eine Tat, und bei uns<br />
-noch mehr als sonstwo.
-</p>
-
-<p class="attr">
-Dostojewski.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="intro" id="part-2">
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-<span class="firstline">Zur Einführung</span>
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-1">
-<span class="firstline">Über Dostojewskis Leben und literarische Tätigkeit</span>
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> halte es für meine Pflicht, alles Bedeutungsvolle,
-das sich in meiner Erinnerung an Fjodor Michailowitsch
-Dostojewski erhalten hat, ferner alle seine
-Gedanken und Gefühlsäußerungen, so gut ich kann
-und wie ich sie verstehe, für die Öffentlichkeit niederzuschreiben.
-Ich stand ihm vor Jahren sehr nahe, namentlich
-während meiner Mitarbeiterschaft an den
-Zeitschriften, die er leitete, weshalb ich nicht nur seine
-Anschauungen und deren Entwicklungsgeschichte, sondern
-auch die Entwicklungsgeschichte dieser Zeitschriften
-selbst von allen noch Lebenden am besten
-zu kennen glaube. Gleichzeitig will ich mich bemühen,
-mit aller Aufrichtigkeit und Genauigkeit wiederzugeben,
-was ich von seinen persönlichen Eigenschaften
-und seinen Beziehungen zu anderen Menschen
-kennen zu lernen oder zu hören Gelegenheit hatte.
-Doch mein Hauptthema wird seine literarische und
-journalistische Tätigkeit sein.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Die journalistischen Arbeiten F. M. Dostojewskis
-sind, alles in allem genommen, recht umfangreich. Er
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-hatte die größte Vorliebe gerade für diese Art Tätigkeit.
-Die letzten Zeilen, die er schrieb, sind die Artikel
-der letzten Nummer seines „Tagebuchs“.
-</p>
-
-<p>
-Die Zeitschriften, an denen er als Journalist, d.
-h. als Redakteur, Publizist und Kritiker arbeitete, waren
-folgende:
-</p>
-
-<p>
-1. „<em>Die Zeit</em>“ – eine umfangreiche Monatsschrift,
-die unter der Redaktion seines älteren Bruders,
-Michail Michailowitsch Dostojewski, vom Januar
-1861 bis zum April 1863 erschien<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>.
-</p>
-
-<p>
-2. „<em>Die Epoche</em>“ – eine Monatsschrift wie
-die vorhergehende, die seit dem Anfang des Jahres
-1864 bis zum Februar 1865 erschien, in den ersten
-Monaten gleichfalls unter der Redaktion Michail Michailowitschs,
-später, nach seinem Tode am 4. Juni,
-unter der Redaktion A. U. Porezkis.
-</p>
-
-<p>
-3. „<em>Der Bürger</em>“ – eine Wochenschrift, die
-im Jahre 1872 vom Fürsten W. P. Meschtscherski<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a>
-gegründet wurde. Im ersten Jahr war G. K. Gradowskij
-ihr Redakteur, im zweiten, 1873, F. M. Dostojewski.
-In dieser Wochenschrift begann er bereits,
-Feuilletons unter dem Titel „Tagebuch eines Schriftstellers“
-zu veröffentlichen, die somit der Anfang der folgenden
-Zeitschrift sind.
-</p>
-
-<p>
-4. „<em>Tagebuch eines Schriftstellers.</em>“
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-Dasselbe erschien einmal monatlich in den Jahren
-1876 und 1877. Im Jahre 1880 erschien nur eine
-Nummer im August, und 1881 das letzte Heft kurz
-nach dem Tode Dostojewskis.
-</p>
-
-<p>
-Der Geist und die Richtung dieser Zeitschriften verfolgten
-einen besonderen Weg, im Gegensatz zu allen
-anderen Petersburger Zeitschriften, die sich ja bekanntlich
-in ihren Zielen durch große Gleichartigkeit
-auszeichnen, vermutlich infolge der gleichen Bedingungen,
-unter denen sie sich entwickeln. Die Tätigkeit
-F. M. Dostojewskis war dieser allgemeinen Petersburger
-Geistesart gerade entgegengesetzt, und so
-war vornehmlich er derjenige, der durch die Kraft
-seines Talentes und den Eifer seiner Überzeugungen
-der anderen Richtung, nicht der Petersburger, sondern
-der breiteren, sagen wir, der <em>russischen</em>, einen
-so bedeutenden Erfolg verschaffte.
-</p>
-
-<p>
-Meine Bekanntschaft mit F. M. Dostojewski begann
-auf journalistischem Gebiet und noch bevor die
-erste Dostojewskische Zeitschrift herausgegeben wurde.
-Der Hauptmitarbeiter einer neuen Zeitschrift, A. P.
-Miljukoff, damals mein Kollege an einem der Petersburger
-Unterrichtsinstitute, hatte meinen ersten
-größeren Artikel angenommen und mich gleichzeitig zu
-seinen Dienstagen eingeladen, an welchen Tagen
-sich bei ihm ein bestimmter Literatenkreis zu versammeln
-pflegte. Seit dem ersten Abend, den ich in dem
-Kreise verbrachte, betrachtete ich mich gewissermaßen
-als in diese Gesellschaft aufgenommen und alles interessierte
-mich sehr. Die hervorragendsten unter den
-Gästen A. P. Miljukoffs waren die beiden alten
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-Freunde des Hausherrn – die Brüder Dostojewski,
-die man gewöhnlich zusammen sah. Außer ihnen erschienen
-noch die Dichter Maikoff, Krestoffski, Minajeff
-und andere. Den ersten Platz in diesem Kreise
-nahm natürlich F. M. Dostojewski ein. Alle sahen
-in ihm bereits einen hervorragenden Schriftsteller,
-doch beherrschte er den Kreis nicht etwa infolge seiner
-Berühmtheit, sondern auf eine ganz natürliche Weise:
-durch seinen Gedankenreichtum und die Lebhaftigkeit,
-mit der er seine Gedanken aussprach. Der Kreis
-war nicht groß und seine Mitglieder standen einander
-sehr nahe, so daß von einer Gezwungenheit, wie sie
-sonst in russischen Gesellschaften so oft herrscht, hier
-nicht die Rede sein konnte. Schon damals hatte Dostojewski
-eine besondere Art zu sprechen. Oft unterhielt
-er sich längere Zeit nur halblaut, fast nur flüsternd
-mit einem von uns, bis ihn dann irgend etwas erregte
-und hinriß und er plötzlich die Stimme erhob.
-Übrigens konnte man ihn zu jener Zeit, was seine
-Gemütsverfassung betrifft, ziemlich heiter nennen; es
-war in ihm damals noch sehr viel Weichheit, im Gegensatz
-zu den letzten Lebensjahren, wo er sie nach allem
-Ausgestandenen langsam eingebüßt hatte. Seines
-Äußeren erinnere ich mich noch lebhaft: er trug damals
-nur einen Schnurrbart und hatte, ungeachtet
-der mächtigen Stirn und der prachtvollen Augen, ein
-ganz soldatisches Aussehen, d. h. Gesichtszüge, wie man
-sie unter dem einfachen Volke findet. Auch erinnere
-ich mich seiner ersten Frau, die ich nur einmal ganz
-flüchtig sah. Sie machte auf mich einen sehr angenehmen
-Eindruck durch ihre bleichen, zarten Züge, obgleich
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-dieselben unregelmäßig waren; überdies konnte
-man ihr die Neigung zu der Krankheit, die sie ins Grab
-brachte, schon ansehen. Sie starb an der Schwindsucht.
-</p>
-
-<p>
-Die Gespräche in diesem literarischen Kreise interessierten
-mich außerordentlich. Das war für mich
-eine neue Schule, in die ich hier geriet, eine Schule,
-die in vieler Hinsicht meinen Ansichten und meiner
-Geschmacksrichtung widersprach. Ich hatte bis dahin
-einem anderen Kreise angehört, einem Kreise, in dem
-man die Wissenschaft sehr hoch hielt, Dichtkunst und
-Musik, Puschkin und den Komponisten Glinka verehrte.
-</p>
-
-<p>
-Damals beschäftigte ich mich viel mit Naturwissenschaft
-und Philosophie und so studierte ich natürlich
-fleißig die Deutschen, in denen ich die Führer der
-Aufklärung sah. Bei den Literaten verhielt es sich anders:
-die lasen alle sehr eifrig die französischen Schriftsteller,
-während die deutschen ihnen gleichgültig waren.
-Alle wußten, daß der ältere der Brüder Dostojewski,
-Michail Michailowitsch, eine Ausnahme bildete,
-da er die deutsche Sprache so weit beherrschte,
-daß er deutsche Bücher lesen und aus dem Deutschen
-übersetzen konnte. Fjodor Michailowitsch hatte zwar
-gleichfalls Deutsch gelernt, doch ganz wie die anderen
-das Gelernte vergessen, und so las er bis an sein
-Lebensende von fremden Sprachen nur Französisch.
-Während seiner Verbannung in Sibirien hat er zwar
-einmal, wie aus einem Brief hervorgeht, den Vorsatz
-gefaßt, sich ernstlich an die Arbeit zu machen. Er bat
-den Bruder, ihm Hegels Geschichte der Philosophie
-in deutscher Sprache zu senden; aber das Buch blieb
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-ungelesen und bald nachdem er mich kennen gelernt
-hatte, schenkte er es mir.
-</p>
-
-<p>
-So hatten sich denn die Anschauungen dieses Literatenkreises
-unter dem Einfluß der französischen Literatur
-entwickelt. Politische und soziale Fragen spielten
-hier die erste Rolle und verdrängten die ausschließlich
-künstlerischen Interessen. Ein Künstler mußte
-nach ihrer Auffassung die Entwicklung gewisser sozialer
-Ideale verfolgen und verfechten, in die Tagesfragen
-eingreifen, das entstehende Gute oder Schlechte
-der Gesellschaft zu Bewußtsein bringen, überhaupt
-Leiter und Erläuterer, d. h. im Grunde genommen
-ein Politiker und Publizist sein. So wurde fast unumwunden
-verlangt, daß der Künstler die ewigen und
-allgemeinen Interessen den zeitweiligen und gewissermaßen
-parteilichen unterordnen solle. Von der Notwendigkeit
-dieser publizistischen Tätigkeit war Fjodor Michailowitsch
-unerschütterlich überzeugt und blieb es bis
-zu seinem Tode.
-</p>
-
-<p>
-Die Aufgabe des Schriftstellers und Künstlers sah
-man hauptsächlich in der Beobachtung und Schilderung
-verschiedener Menschentypen, vornehmlich geringer
-und mitleiderregender, und in der Auslegung, wie
-sie unter dem Einfluß ihres Milieus, ihrer Verhältnisse,
-sich zu dem entwickelt hatten, was sie schließlich geworden
-waren. Deshalb war es bei den Literaten Sitte, gelegentlich
-in die schmutzigsten und verrufensten Lokale
-zu gehen und dort freundschaftliche Gespräche mit
-Leuten anzuknüpfen, die selbst der Krämer und niedrigste
-Subalternbeamte verabscheut hätte, und auch das
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Abstoßendste wurde von ihnen mit Mitleid und Nachsicht
-beurteilt.
-</p>
-
-<p>
-Ich sage offen, daß dieses Prinzip schädlich war.
-Schädlich nicht etwa, weil es falsch ist, sondern weil die
-Ergebnisse nicht vollständig sind und mit Zusätzen vervollständigt
-werden müssen, die wichtiger sind als das
-Prinzip selbst. Man sollte meinen, was kann es besseres
-geben, als Humanität? Oder was könnte interessanter
-sein als ein Kunstwerk, das den gegenwärtigen Augenblick
-wiederspiegelt? Indessen führt Humanität ohne
-leitende Grundsätze zum Verfall der Sitten, wie das
-unter den Cäsaren und im achtzehnten Jahrhundert
-der Fall war. Denn Nachsicht und bloßes Mitleid mit
-den Leiden der Menschen besagt wenig, man muß auch
-noch wissen, wofür man die Menschen liebt, und muß
-verstehen, worin die Schönheit und Würde der Menschenseele
-besteht. Deshalb vermag ein Künstler nur
-dann dem Augenblick zu dienen, wenn seinem Geiste
-Anschauungen zugrunde liegen, denen die Zeit nichts
-anhaben kann. Andernfalls wird er, wie wir das schon
-oft gesehen haben, nicht der Beherrscher, sondern der
-Sklave des Augenblicks sein.
-</p>
-
-<p>
-Waren die Literaten dieses Kreises unter sich, so
-kam das Gespräch beständig auf das Thema der verschiedenen
-Typen jener Art, und man bewies viel Geist
-und Beobachtungsgabe bei Gelegenheit dieser <em>physiologischen</em>
-Erörterungen. Anfangs wunderte
-ich mich sehr, wenn das Urteil über menschliche Eigenschaften
-oder Handlungen nicht von der Höhe des sittlichen
-Standpunktes und seiner feststehenden Anforderungen
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-gefällt wurde, sondern unter dem Gesichtswinkel
-der unvermeidlichen Übermacht der verschiedenen
-Einflüsse und der unvermeidlichen Unterlegenheit
-der menschlichen Natur. Die besondere Art, wie Fjodor
-Michailowitsch über diese Dinge dachte, die <em>über</em>
-dieser Physiologie stand, offenbarte sich mir erst in der
-Folge mit ganzer Klarheit. In der ersten Zeit aber gewahrte
-ich sie gar nicht in dem allgemeinen Strom
-der mir ganz neuen Ansichten.
-</p>
-
-<p>
-Diese Gedankenrichtung, die man zweifellos auf
-den Einfluß der französischen Literatur zurückführen
-muß, war eine der Richtungen der <em>vierziger
-Jahre</em>, jener fruchtbaren Zeit, als Europa mit seinem
-ganz besonders regen geistigen Leben auf uns
-Russen einen großen Einfluß ausübte und in Rußland
-eine Saat säte, die erst lange nachher aufging. Diese
-bei uns fortwährend sich wiederholende Erscheinung, daß
-wir hinter Europa zurückbleiben, hat mir oft zu denken
-gegeben und erst spät habe ich mich mit ihr ausgesöhnt.
-Offenbar stehen wir Europa immer deshalb
-nach, weil wir nicht sein Leben leben, sondern von ihm
-nur seine Gedanken nehmen, die wir dann auf immer
-behalten, während wir für andere neue Lehren unserer
-Lehrerin taub und stumm bleiben. Nach dem
-Jahre 1848 trat in Westeuropa ein Umschwung in
-der allgemeinen Stimmung ein: die frohen Hoffnungen
-verblaßten, das sittliche Niveau sank, es brach
-gleichsam eine furchtbare Krankheit aus und überall
-verbreitete sich Schwermut und begann Pessimismus
-zu herrschen. Der feinfühlige Alexander Herzen<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a>, der
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-dies alles mit eigenen Augen sah, äußerte sich darüber
-in wahrer Verzweiflung. 1859 war Europa schon
-längst wieder in seine unschöpferische Periode eingetreten,
-während bei uns gerade damals die erste Saat
-aufzugehen begann. Es hat wohl kaum jemals in unserer
-Literatur eine so frohe und belebte Stimmung
-geherrscht wie in der Zeit von 1856 bis zu den Petersburger
-Brandstiftungen im Jahre 1862. Wir waren
-noch in keiner Beziehung enttäuscht und ein jeder
-gab sich unbehindert seinen Lieblingsgedanken hin
-und predigte das, was in Europa seinen Wert schon
-verloren oder bereits eine ganz andere Bedeutung erhalten
-hatte. Was mich betrifft, so gehörte ich in literarischer
-Beziehung gleichfalls zu einer der Richtungen
-der vierziger Jahre, jedoch zu einer noch älteren,
-als es diejenige war, zu der sich der Literatenkreis, von
-dem hier die Rede ist, bekannte – nämlich zu der
-Richtung, für die der Gipfel der Bildung nichts anderes
-bedeutete, als Hegel zu verstehen und Goethe
-<em>auswendig</em> zu kennen. Deshalb, und noch
-aus Gründen bestimmter Meinungsverschiedenheiten,
-fiel mir die so ganz andere Stimmung des Literatenkreises
-besonders auf.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Stimmung lag, wie bereits erwähnt, ein an
-sich gewiß herrliches Gefühl zugrunde: Humanität,
-Mitleid mit Menschen, die in einer schwierigen Lage
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-sind, und ein Verzeihen ihrer Schwäche. In der Tat,
-man kann sich leicht einer gewissen Grausamkeit
-schuldig machen, wenn man seinen Mitmenschen die
-unerfüllte Pflicht vorhält – selbst wenn es sich dabei
-um eine sittliche Pflicht handelt. So war denn der literarische
-Kreis, in den ich eintrat, für mich in vieler
-Hinsicht eine Schule der Humanität. Doch ein
-anderer Zug, der mich besonders frappierte, stellte an
-sich eine weit größere Abweichung von meinen Ansichten
-dar. Zu meiner größten Verwunderung bemerkte
-ich, daß man in diesem Kreise Ausartungen, ja
-Ausschweifungen im Sinnlichen gar keine Bedeutung
-beimaß. Dieselben Menschen, die in
-sittlicher Beziehung von so ungeheurer Feinfühligkeit
-waren, die den höchsten Gedankenflug hatten und
-selber sogar größtenteils jeder physischen Ausschweifung
-fernstanden, dieselben Menschen sahen indessen
-mit vollkommenem Gleichmut auf alle Extravaganzen,
-sprachen von ihnen wie von spaßigen Narreteien oder
-nichtssagenden Lappalien, denen sich in einer freien
-Minute hinzugeben durchaus statthaft sei. Geistige Unanständigkeit
-wurde streng und scharf gerügt, fleischliche
-Unanständigkeit dagegen überhaupt nicht beachtet.
-Diese sonderbare <em>Emanzipation des
-Fleisches</em> wirkte geradezu verführerisch, und in
-einigen Fällen hatte sie Folgen, an die zu denken
-schmerzlich und furchtbar ist. Von denen, die ich während
-meiner literarischen Mitarbeiterschaft, namentlich
-in den sechziger Jahren, kennen lernte, habe ich
-einige infolge dieser physischen Sünden, die sie für so
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-belanglos hielten, sterben und wahnsinnig werden gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Fjodor Michailowitsch suchte stets den letzten und
-neuesten Charakterzug des Lebens zu erhaschen, aber
-ungeachtet dessen, daß er sich beständig in die Zeiterscheinungen
-hineindachte und stolz war auf ihre richtige
-Wiedergabe in seinen Werken, stellte er doch
-gleichzeitig als Künstler die strengen Forderungen der
-Kunst über alles andere. Zwar suchte er in der Kunst
-immer irgendeine zeitliche oder nationale Bedeutung,
-aber die Kunst an sich entzückte ihn auch ohne alle Bedingungen
-und in der letzten Zeit begann er sogar, unumwunden
-die berühmte Formel „die Kunst für die
-Kunst“ zu verteidigen. Dieser Widerspruch lebte beständig
-in ihm, gleich vielen anderen Widersprüchen
-in seinen Gedanken und Handlungen, die aber in der
-Tiefe seiner Seele ihren natürlichen Ausgleich fanden
-und ihn in vielen Fällen vor falschen und unnormalen
-Wegen zurückhielten. Indem er sich über diese
-Widersprüche stellte, erhob er sich auf die Höhen, die
-seiner ganzen Tätigkeit ihre so wunderbare Stimmung
-geben.
-</p>
-
-<p>
-Diese seine Tätigkeit läßt sich in zwei deutlich zu
-unterscheidende Hälften teilen: die erste Hälfte (von
-seinem ersten Werk „Arme Leute“ bis zu „Rodion Raskolnikoff“)
-verrät, was das Milieu und die Aufgaben
-betrifft, den Einfluß Gogols; die zweite Hälfte, die
-selbständigere (von Rodion Raskolnikoff bis zum
-Schluß) widmet sich ausnahmslos der damals in unserer
-Gesellschaft auftretenden Erscheinung, unserer größten
-inneren Krankheit – dem Nihilismus.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Hier dürfte die Bemerkung erforderlich sein, daß
-in diesen meinen Aufzeichnungen nicht etwa Versuche,
-den verstorbenen Schriftsteller vollkommen zu erklären,
-zu sehen sind. Das lehne ich mit aller Entschiedenheit
-ab. Dazu ist er mir viel zu nah und unverständlich.
-Wenn ich an ihn denke, so frappiert mich
-zunächst die unermüdliche Beweglichkeit seines Geistes
-und die unerschöpfliche Fruchtbarkeit seiner Seele. Es
-war in ihm gleichsam noch nichts endgültig Ausgebildetes,
-in solchem Überfluß entstanden in ihm Gedanken
-und Gefühle, soviel Unbekanntes und Unausgesprochenes
-blieb noch hinter dem verborgen, was ihm
-auszusprechen gelang. Deshalb wuchs und erweiterte
-sich auch seine literarische Tätigkeit wie in Ausbrüchen,
-jedenfalls auf eine der gewöhnlichen Entwicklungsart
-ganz fremde Weise. Nach einer gleichmäßigen
-Fortdauer und sogar einem scheinbaren Schwächerwerden
-seines Talentes offenbarte er plötzlich neue
-Kräfte, zeigte er sich wieder von einer neuen Seite.
-Natürlich ist er überall derselbe Dostojewski. Nur
-kann man leider nicht sagen, daß er sich ganz ausgesprochen
-habe; der Tod verhinderte ihn, sich in neuem
-und letztem Aufschwunge zu erheben, und hat uns gewiß
-vieles vorenthalten.
-</p>
-
-<p>
-Mit ganz ungewöhnlicher Deutlichkeit zeigte sich in
-ihm eine besondere Art von Dualismus, der darin
-bestand, daß der Mensch, selbst wenn er sich äußerst
-lebhaft gewissen Gedanken und Gefühlen hingibt, in
-seiner Seele dennoch ein ununterjochbares und unerschütterliches
-Bewußtsein behält, von dem aus er auf
-sich selber, auf seine Gedanken und Gefühle sieht. Ich
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-habe ihn mehrmals über diese seine Eigenschaft sprechen
-hören, und er nannte sie „Reflexion“. Die Folge
-eines solchen Dualismus ist, daß der Mensch immer
-die Möglichkeit behält, darüber zu urteilen, was seine
-Seele erfüllt, daß die verschiedenen Gefühle und
-Stimmungen sich nie restlos seiner Seele bemächtigen
-können, und daß aus diesem tiefen seelischen Zentrum
-eine Energie hervorgeht, die die ganze Tätigkeit und
-den ganzen Geist und Inhalt des Schaffens belebt und
-gestaltet.
-</p>
-
-<p>
-Doch wie dem auch sei, jedenfalls überraschte mich
-Fjodor Michailowitsch immer durch die Ungebundenheit
-seines Denkens, durch seine Fähigkeit, verschiedene
-und sogar entgegengesetzte Auffassungen zu verstehen.
-Als ich ihn kennen lernte, zeigte er sich als größter
-Verehrer Gogols und Puschkins und war von ihrer
-Kunst über alle Maßen entzückt. Ich erinnere mich
-noch heute, wie ich ihn zum erstenmal Puschkins Gedichte
-lesen hörte. Er wurde von Michail Michailowitsch
-dazu aufgefordert, der ihn mit Genugtuung lesen
-hörte und offenbar mit größter Bewunderung zum
-Bruder aussah. Fjodor Michailowitsch las allerdings
-sehr gut, aber mit jener etwas unfreien, klanglosen
-Stimme, mit der in der Regel Ungeübte ein Gedicht
-vortragen. Ich erwähne dies nur deshalb, weil er
-in den letzten Lebensjahren tatsächlich wundervoll vortrug
-und das Publikum durch seine Kunst mit Recht
-begeisterte.
-</p>
-
-<p>
-Gogol war gegen Ende der fünfziger Jahre bei allen
-noch in frischer Erinnerung, besonders bei den
-Literaten, die in ihren Gesprächen fortwährend seine
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-Ausdrücke und Redewendungen zu gebrauchen pflegten.
-Ich erinnere mich, wie Fjodor Michailowitsch sehr feine
-Bemerkungen über die richtig zu Ende gezeichneten Charaktere
-und die Lebenswahrheit aller Gestalten Gogols
-machte. Überhaupt hatte die Literatur zu jener
-Zeit noch eine Bedeutung, die sie heutzutage nicht
-mehr hat. Fjodor Michailowitsch war ihr mit ganzem
-Herzen ergeben, und Puschkin und Gogol hatten ihn
-nicht nur erzogen, er schöpfte auch später noch beständig
-aus ihnen. Als seine Rede zur Puschkinfeier alle
-anderen Reden in den Schatten stellte und ihm einen
-Triumph eintrug, wie sich schwerlich jemand einen
-ähnlichen vorstellen kann, wenn er diesen nicht miterlebt
-hat, da sagte ich mir, daß dieser Lohn ihm allein
-in Wahrheit gebührte, denn von der ganzen Schar der
-Lobredner und Verehrer hatte wahrlich niemand Puschkin
-so geliebt wie Dostojewski.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-2">
-<span class="firstline">Seine Krankheit und seine schriftstellerische Arbeit</span>
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Seine literarische Arbeit kam ihm teuer zu stehn.
-Einmal sagte er mir, die Ärzte hätten von ihm als
-erste Bedingung einer Heilung seiner Krankheit
-verlangt, daß er das Schreiben ganz und gar aufgäbe.
-Das war ihm natürlich nicht möglich, selbst wenn er
-sich zu einem solchen Leben hätte entschließen können
-– zu einem Leben ohne die Erfüllung dessen, wozu
-er sich berufen fühlte. Aber er hatte noch nicht einmal
-die Möglichkeit, sich ein bis zwei Jahre wenigstens
-gut zu erholen. Erst kurz vor seinem Tode gestalteten
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-sich seine Verhältnisse – hauptsächlich dank der Sorge
-Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Frau – soweit
-günstig, daß er sich eine zeitweilige Erholung hin und
-wieder gestatten konnte; doch andererseits war er gerade
-vor seinem Tode weniger denn je zu einem Ausspannen
-und Stehenbleiben auf seinem Wege geneigt.
-</p>
-
-<p>
-Die epileptischen Anfälle wiederholten sich ungefähr
-einmal in jedem Monat; das war der gewöhnliche
-Verlauf der Krankheit. Bisweilen aber, wenn
-auch nur sehr selten, kamen die Anfälle öfter, sogar
-zweimal wöchentlich. Im Auslande, wo er mehr Ruhe
-hatte und wohl auch infolge des milderen Klimas sich
-besser fühlte, sollen manchmal ganze vier Monate in
-Ruhe vergangen sein. Er hatte stets ein Vorgefühl des
-Anfalls, doch es konnte auch täuschen.
-</p>
-
-<p>
-Einmal – es war, wenn ich nicht irre, im Jahre
-1863 am Ostersonnabend – kam er ziemlich spät, etwa
-gegen elf Uhr, zu mir und wir gerieten in ein lebhaftes
-Gespräch. Ich erinnere mich nicht mehr, über welchen
-Gegenstand wir gerade sprachen, aber jedenfalls
-war es ein sehr wichtiges abstraktes Thema. Fjodor
-Michailowitsch war sehr angeregt und begann im
-Zimmer auf und ab zu gehen, während ich am Tische
-saß. Er sagte irgend etwas Großartiges, Frohes, und
-als ich seinem Gedanken mit einer Bemerkung beistimmte,
-da wandte er sich mit begeistertem Gesicht zu
-mir, mit einem Ausdruck, der deutlich verriet, daß
-seine Begeisterung ihren höchsten Grad erreicht hatte.
-Für einen Augenblick blieb er stehen, als suche er nach
-Worten für seinen Gedanken, und öffnete schon
-den Mund. Ich sah ihn mit Spannung an, denn ich
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-fühlte, daß er etwas Außergewöhnliches sagen, daß
-ich vielleicht eine Offenbarung hören würde. Plötzlich
-drang aus seinem offenen Munde ein seltsamer,
-gezogener, sinnloser Schrei, und er fiel bewußtlos mitten
-im Zimmer hin.
-</p>
-
-<p>
-Der Anfall war nur von mittlerer Stärke. Infolge
-der Krämpfe streckte sich der ganze Körper und an den
-Mundwinkeln trat Schaum hervor. Nach Verlauf einer
-halben Stunde kam er wieder zu sich, und ich begleitete
-ihn zu Fuß nach Haus, da er sehr nah wohnte.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe mehrmals von Fjodor Michailowitsch gehört,
-daß er vor dem Anfall Augenblicke der größten
-Verzückung und Begeisterung erlebe. „In diesen wenigen
-Augenblicken,“ sagte er, „empfinde ich ein
-Glück, wie man es in normalem Zustande niemals
-empfindet, und von dem die anderen Menschen sich
-gar keine Vorstellung machen können. Ich fühle vollständige
-Harmonie in mir und mit der ganzen Welt,
-und dieses Gefühl ist so stark und süß, daß man für
-die wenigen Sekunden einer solchen Seligkeit zehn
-Jahre seines Lebens, ja sogar das ganze Leben hingeben
-könnte.“
-</p>
-
-<p>
-Als Folge der Krämpfe stellten sich bei ihm nach
-einem Anfalle Schmerzen in den Muskeln ein, abgesehen
-von den Schmerzen der Verletzungen, die er sich
-manchmal beim Fall zuzog. Bisweilen zeigte das Gesicht
-eine auffallende Röte oder auch nur rote Flecke.
-Doch das Schlimmste war, daß der Kranke die Erinnerung
-verlor und für zwei bis drei Tage sich wie
-zerschlagen fühlte. Sein Gemütszustand war dann ein
-sehr bedrückter, – er konnte seinen Kummer und eine
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-gewisse gesteigerte Sensibilität kaum überwinden. Das
-Wesen dieses Kummers bestand nach seinen Worten darin,
-daß er sich als Verbrecher empfand und den Wahn
-nicht abschütteln konnte, eine unbekannte Schuld, ein
-ungeheures Verbrechen laste auf ihm.
-</p>
-
-<p>
-Es läßt sich hiernach leicht denken, wie schädlich
-für ihn alles war, was einen Blutandrang in den
-Kopf hervorruft, also besonders das Schreiben. Dies
-ist übrigens nur eine der vielen Qualen, die die
-Schriftsteller im allgemeinen zu ertragen haben. Ich
-glaube, man kann diejenigen unter ihnen Ausnahmen
-nennen, bei denen die schriftstellerische Arbeit nicht
-mit einer Aufhebung des Gleichgewichts in ihrem Organismus,
-nicht mit einer Empfindsamkeit und Anspannung
-verbunden ist, die an Krankheit grenzen und deshalb
-unvermeidlich Qual verursachen. Die Freuden
-des Schaffens, der geistigen Befriedigung haben
-gleichfalls ihre Schattenseiten. Eine feine Sensibilität
-wird oft nur durch qualvolle Verhältnisse ausgebildet,
-jedenfalls aber werden durch sie sogar gewöhnliche
-Verhältnisse qualvoll.
-</p>
-
-<p>
-Auch über seine Art, zu schreiben, sei hier einiges
-gesagt. Gewöhnlich mußte er sich sehr beeilen, mußte
-zu einem Termin soundsoviel Druckbogen liefern, weshalb
-er sich in der Arbeit überhastete und nicht selten
-dennoch nicht fertig wurde. Da er nur von dem Honorar
-seiner literarischen Arbeiten lebte und fast bis
-zu seinem Lebensende, oder doch wenigstens bis zu den
-letzten drei oder vier Jahren sich immer irgendwie
-durchschlagen mußte, war er gezwungen, beständig um
-Vorschuß zu bitten und auf Bedingungen einzugehen,
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-denen er nur schwer nachkommen oder die er überhaupt
-nicht erfüllen konnte. Hinzu kam, daß er im Geldausgeben
-weder Einteilung noch Vorsicht in demjenigen Maße
-besaß, wie sie vonnöten sind für einen, der ausschließlich
-von literarischer Arbeit lebt, die ja doch
-nichts Regelmäßiges und Bestimmtes einbringt. So
-kam es denn, daß er sein Leben lang in seinen Schulden
-und Verpflichtungen wie in einem Netz gefangen
-saß und sein Leben lang gehetzt und überanstrengt
-arbeitete. Diese Mißstände hatten noch einen anderen
-Grund, der sogar viel schwerwiegender war.
-</p>
-
-<p>
-Fjodor Michailowitsch schob das Arbeiten immer
-bis zur letzten Möglichkeit auf; erst wenn ihm nur
-noch knapp so viel Zeit bis zum Termin übrigblieb,
-daß er, wenn er eifrig schrieb, das Manuskript fertigstellen
-konnte – erst dann machte er sich an die Arbeit.
-Das war eine gewisse Faulheit, die sogar sehr
-groß sein konnte; doch war es immerhin keine gewöhnliche,
-sondern eine besondere, eben eine <em>Künstlerfaulheit</em>.
-Die tiefere Ursache freilich war,
-daß in ihm eine ununterbrochene Arbeit, eine
-rastlose Bewegung und ein Anwachsen der Gedanken
-vor sich ging, weshalb es ihm immer sehr schwer fiel,
-sich von dieser inneren Arbeit loszureißen und mit der
-äußeren, dem Schreiben, zu beginnen. Während er
-scheinbar müßig war, arbeitete er in Wirklichkeit unaufhörlich.
-Menschen, in denen diese innere Arbeit
-sich nicht vollzieht, oder nur in geringem Maße, langweilen
-sich gewöhnlich ohne eine äußere Beschäftigung,
-der sie sich darum auch meist mit Freuden widmen.
-</p>
-
-<p>
-Fjodor Michailowitsch dagegen langweilte sich infolge
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-dieses Überflusses von Gedanken und Gefühlen,
-die in ihm wogten, niemals, und schätzte den äußeren
-Müßiggang über alles. Man kann sagen, daß in seinem
-Geist fortwährend neue Gestalten, Pläne neuer
-Werke entstanden, indes die alten Pläne reiften und
-sich entwickelten.
-</p>
-
-<p>
-Er schrieb nahezu ausnahmslos in der Nacht.
-Nach elf Uhr, wenn alles im Hause zur Ruhe ging,
-blieb er allein mit dem Samowar in seinem Zimmer
-und schrieb bis fünf oder sechs Uhr morgens, wobei
-er zwischendurch nicht sehr starken und fast kalten Tee
-trank. Infolgedessen stand er dann auch erst um zwei,
-ja sogar erst um drei Uhr nachmittags auf, und der
-Tag verging für ihn mit Empfang von Gästen und,
-nach einem Spaziergang, mit Besuchen bei Bekannten.
-</p>
-
-<p>
-Gerade an Fjodor Michailowitsch konnte man
-deutlich beobachten, welch eine Riesenarbeit das
-Schreiben für Schriftsteller von seinem Inhaltsreichtum
-ist.
-</p>
-
-<p>
-Was die Flüchtigkeit und Unfertigkeit seiner Werke
-betrifft, so war sich Fjodor Michailowitsch ihrer
-Mängel durchaus bewußt und gab sie auch ohne alle
-Beschönigungen zu. Und nicht nur das. Es tat ihm
-zwar leid um diese „unvollendeten Werke“, aber er
-bereute nicht nur nicht seine Eile in der Arbeit, sondern
-hielt sie sogar für notwendig und nützlich. Für
-ihn war die Hauptsache nicht das Werk an sich, sondern
-der Augenblick und der Eindruck, wenn auch
-letzterer nicht vollständig fehlerfrei sein mochte. In
-diesem Sinne war er ganz Journalist und ein Verleugner
-der Theorie der reinen Kunst. Seine Pläne
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-und Absichten waren zahllos und so trug er sich immer
-mit mehreren Themen, die er alle bis zur Vollendung
-auszuarbeiten gedachte – jedoch später irgend
-einmal, wenn er mehr Muße haben werde, wenn die
-Zeiten ruhiger geworden seien! Vorläufig aber schrieb
-und schrieb er halb ausgearbeitete Sachen – einerseits, um
-sich die Mittel zum Lebensunterhalt zu verdienen, andererseits,
-um fortwährend seine Stimme durchzusetzen,
-in der öffentlichen Meinung, in den Debatten und
-Erörterungen der Tagesfragen, und um das Publikum
-nicht in Ruhe zu lassen, sondern immer wieder mit seinen
-Gedanken aufzurütteln.
-</p>
-
-<p>
-Eine große und bedeutungsvolle Eigenheit unserer Literatur
-sind von jeher die Zeitschriften, deren Kennzeichen
-Eile und Flüchtigkeit zu sein pflegen. Die Mitarbeiter
-haben sich selbst und auch die Leser an ein inhaltleeres
-Wortgepräge gewöhnt, an seichte Räsonnaden und formlose
-Betrachtungen, die gedanklich höchstens einen Anfang,
-doch weder ein Ende noch eine Mitte haben, und
-die fast ausnahmslos den Inhalt der Zeitschriften bilden.
-Die Tatsache, daß die Literatur von dieser Art ist,
-hängt natürlich damit zusammen, daß das Publikum
-nur Neues, nur eben Geschehenes liest, im Neuen aber
-nicht Befriedigung seiner Wißbegier oder seiner ästhetischen
-Neigungen sucht, sondern nur Angaben der im
-Augenblick gerade neuesten Anschauungen des Westens
-oder wenigstens unserer tonangebenden Literatenkreise.
-Unsere Leser sind nicht Richter, sondern nur
-Schüler, nicht Menschen, die bereits ihre festen Anschauungen
-haben, sondern Menschen, die anderen, die
-in ihren Anschauungen fortgeschrittener sind, nicht nachstehen
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-wollen. Sie bedürfen einer Autorität, und sie
-verlangen nach einer leichten Lektüre, die ihnen gleichzeitig
-die beruhigende Gewißheit gibt, daß sie den Geist
-und die Richtung der allerneuesten, allerletzten Erscheinungen
-in der Weltliteratur kennen. So hat sich denn
-diese riesige Zeitschriftenliteratur entwickelt, deren
-Schreibmethode bis zur größten Nachlässigkeit sinken
-kann. Da die Literatur nur eine dienende Rolle spielte
-und folglich der Selbständigkeit entbehrte, mußte sie
-natürlich verflachen und die Strenge sowohl in der
-Ausdrucksform wie im Gedankeninhalt einbüßen.
-</p>
-
-<p>
-Nichtsdestoweniger war diese Literatur weder unnütz
-noch unwürdig. Immerhin verstand sie es, die Leser
-zu erziehen, und größtenteils war sie sogar von ehrlichem
-Eifer für ihre Ziele erfüllt. Deshalb ist es auch
-begreiflich, daß Fjodor Michailowitsch die Journalistik
-liebte und ihr gern diente, wobei er sich selbstverständlich
-vollkommen dessen bewußt war, was er tat und
-worin er von der strengen Form des Gedankens und der
-Kunst abwich. Von Jugend auf an die Journalistik gewöhnt,
-von ihr halbwegs sogar erzogen, blieb er ihr
-bis zuletzt treu, ja er schloß sich ganz rückhaltlos, schloß
-sich vollkommen dieser Literatur an, die ihn umgab,
-und stellte sich niemals abseits von ihr.
-</p>
-
-<p>
-Seine regelmäßige Lektüre bildeten russische Zeitschriften
-und Zeitungen, und seine Aufmerksamkeit war
-beständig auf seine Kollegen in der schönen Literatur,
-auf alle Kritiker seiner eigenen wie auch fremder Werke
-gerichtet. Es lag ihm sehr viel an jedem Erfolg, an jedem
-Lob, während ihn Angriffe äußerst betrübten.
-Im Literarischen lagen nun einmal seine hauptsächlichsten
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-geistigen Interessen – doch übrigens auch seine
-materiellen. Er lebte, wie gesagt, ausschließlich von
-seiner literarischen Arbeit und dachte nicht einmal an
-eine andere Beschäftigung, ja er verfiel überhaupt nicht
-auf den Gedanken, sich durch einen Staatsdienst oder
-Privatdienst materiell sicherzustellen. War er in Geldverlegenheit,
-so wandte er sich ganz ungeniert an die betreffenden
-Redaktionen oder Verleger. So traf es sich
-bisweilen, daß ich während seines Aufenthalts im Auslande
-auf seine Bitte hin mit verschiedenen Verlegern
-zu unterhandeln hatte, gewöhnlich wegen einer Summe,
-die er für eine noch <em>ungeschriebene</em> Novelle
-zu erhalten wünschte. Oft endeten die Unterhandlungen
-mit einer Weigerung des Verlegers, und mir tat es
-bisweilen sehr weh, zu denken, <em>wem</em> er diese Vorschläge
-machte und dazu noch vergeblich. Er aber betrachtete
-diese Fälle als unvermeidliche Unbequemlichkeit seines
-Berufes, denn er begriff nur zu gut, daß man
-ihm deshalb keineswegs etwa Vorwürfe machen konnte.
-Die Abhängigkeit von Redaktionen und Verlegern
-sind wie jedes Angebot mit Unterhandlungen ein gütlicher
-Vertrag, eine Abmachung unter Gleichgestellten,
-und können deshalb niemals so peinlich sein wie andere
-Beziehungen.
-</p>
-
-<p>
-So waren auch die Schattenseiten der Literatur für
-ihn nichts Fremdes; er hatte sie nun einmal zu seinem
-Beruf erwählt und äußerte sich nicht selten in dem Sinne,
-daß er stolz auf ihn sei. Denn er liebte die
-Literatur, namentlich in der ersten Zeit, als jener Unterschied,
-der ihn später zur Opposition gegen die allgemeine
-Petersburger Journalistik veranlaßte, noch
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-nicht scharf hervortrat. Und diese Liebe war der wichtigste
-Grund, weshalb er nicht sogleich zu den Slawophilen
-überging. Er empfand doch lebhaft die Feindseligkeit,
-mit der sich diese von jeher ihren Prinzipien
-gemäß zur zeitgenössischen Literatur verhielten.
-</p>
-
-<p>
-Der Vollständigkeit halber muß ich auch meine
-Stellungnahme ein wenig erläutern. Da ich mich für
-die wissenschaftliche Laufbahn vorbereitet hatte und
-erst spät in den Literatenkreis geriet, verhielt ich mich
-zur Journalistik mit einer gewissen Skepsis und Geringschätzung.
-Nach Möglichkeit vermied ich Vielschreiberei
-und bemühte mich, meine Artikel auch wirklich
-auszuarbeiten. Diese Sorgfalt meinerseits rief gewöhnlich
-Fjodor Michailowitschs Spott hervor. „Sie arbeiten
-immer für die Gesamtausgabe Ihrer Werke!“
-sagte er. „Die wird es nie geben,“ sagte ich. Bald aber
-hatte ich mich doch so in die Literatur hineinziehen lassen,
-daß ich ihre Interessen viel mehr zu Herzen zu nehmen
-begann. An die Stelle der früheren Geringschätzung
-der Journalistik trat ein ernsteres Verhältnis zu
-ihr, als sich zeigte, daß auf der Unterlage dieser
-Räsonnaden solche Erscheinungen wachsen konnten
-wie der Nihilismus. Die Feindschaft, die ich gegen
-diesen empfand, bemühte ich mich auch Fjodor Michailowitsch
-einzuimpfen.
-</p>
-
-<p>
-Seine Vorliebe für den Feuilletonstil hat Dostojewski
-nie ganz verlassen. Ja er zwang sich selbst
-oft zu diesem Stil, um seine Gedanken allgemeinverständlich
-auszudrücken, auf eine dem Leser vertraute
-Weise. Dennoch wurde seine Schreibart mit den Jahren
-immer strenger, und auch in seinen früheren Feuilletonartikeln
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-finden sich manche Seiten von einer
-künstlerischen Kraft und Strenge, die die Aufgaben
-eines Feuilletons weit überragen.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-3">
-<span class="firstline">Die neue Richtung. Die Bodenständigen</span>
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die Geistesrichtung Fjodor Michailowitschs war
-eine besondere Art Slawophilismus. Das geht bereits
-deutlich aus dem Prospekt hervor, der im September
-1860 das Erscheinen der „Zeit“ für das folgende
-Jahr ankündigte und den zweifellos Fjodor Michailowitsch
-ganz allein ausgearbeitet hat. So enthält dieser
-Prospekt bereits einzelne Gedanken und Bestrebungen,
-die für seine ganze fernere Tätigkeit charakteristisch
-sind. Es ist, wie gesagt, eine Art Slawophilismus, denn
-Fjodor Michailowitsch fußt geradezu auf der Erkenntnis,
-daß es zwischen dem Volk und der Intelligenz
-einen durch die Reform Peters hervorgerufenen Zwiespalt
-gibt. Und aus diesem Grunde behauptet er – zum
-erstenmal 1860 in der Rede zur Puschkinfeier –, daß
-uns Russen eine eigene, selbständige Entwicklung bevorstehe,
-weshalb er eine Rückkehr zum Nationalen,
-zum Volklichen verlangt. Doch wem die Ansichten unserer
-literarischen Parteien bekannt sind, für den dürfte
-es unschwer zu erkennen sein, daß dies noch nicht der
-echte Slawophilismus ist.
-</p>
-
-<p>
-Erstens ist der Ausgangspunkt offenbar ein
-anderer. Der Gedanke Dostojewskis besteht darin,
-daß man die gebildeten Kreise mit dem Volk
-derart aussöhnen und vereinigen müsse, daß dabei
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-weder die ersteren sich von ihrer Bildung und der
-Wissenschaft, noch die letzteren sich von ihrem Grundwesen
-loszusagen brauchen. Es wäre also eine gewisse
-Synthese erforderlich, die sowohl die einen wie die anderen
-Prinzipien in sich aufnimmt. An der Möglichkeit dieser
-Synthese hat Dostojewski nie gezweifelt. Ja er ging
-sogar noch weiter, denn er glaubte, daß dem russischen
-Volk geistige Kräfte gegeben seien, mit denen es eine
-<em>universale Synthese</em>, d. h. die Auflösung und
-Versöhnung aller Widersprüche, die sich in der historischen
-Menschheit gezeigt, zustande bringen könne. Der
-Gedanke, daß das russische Volk diese Eigenschaft habe
-und zur Verwirklichung dieser Aufgabe ausersehen sei,
-bildet den Inhalt der Rede Fjodor Michailowitschs
-zur Puschkinfeier, somit hat er diesen Glauben bis zuletzt
-gehabt.
-</p>
-
-<p>
-Diese Auffassung ist für ihn äußerst charakteristisch.
-Sie ist vor allem ein Beweis der Breite der Basis seiner
-Sympathien. Er hätte zwar seine verschiedenen, oft
-entgegengesetzten Sympathien logisch nicht in Einklang
-zu bringen vermocht, wie er auch die Widersprüche, zu
-denen sie in weiteren Folgerungen führen, nicht entdeckte
-und wie er auch die Formel nicht gefunden hat,
-die diese Widersprüche beseitigen könnte; aber er versöhnte
-sie psychologisch und ästhetisch in seinem Inneren.
-Diese Veranlagung spielte in seinem ganzen Schaffen
-eine große Rolle und wurde für ihn sehr fruchtbar.
-Der auffallendste Zug war dabei wohl das vollständige
-Fehlen von Haß und Verachtung in seinem Verhalten
-zu unserem großen Streit zwischen der westlichen
-und der russischen Idee. Dieser Zug war die Ursache
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-der geradezu elektrischen Wirkung seiner Rede
-zur Puschkinfeier. Und derselbe Zug charakterisiert auch
-seine Romane und sein „Tagebuch“.
-</p>
-
-<p>
-Der zweite charakteristische Zug in diesem Prospekt
-wie in der Puschkinrede, ist die <em>Unbestimmtheit</em>
-der Prinzipien, auf die er sich stützt. Das war
-aber bei dem Ausgangspunkt und der gedanklichen
-Richtung Dostojewskis auch nicht anders zu erwarten.
-Er sah seinen Gedanken vorläufig nur in den Umrissen.
-Während die Slawophilen von vornherein gewisse
-sehr bestimmte religiöse, philosophische und politische
-Auffassungen vertraten, <em>suchte</em> Dostojewski erst die
-Prinzipien, die zu der erwünschten Versöhnung führen
-sollten. Nichtsdestoweniger sprach er aber von diesen
-noch gesuchten Prinzipien mit großer Bestimmtheit und
-Beharrlichkeit. Das ist gleichfalls eine seiner charakteristischen
-Eigenschaften. Die abstraktesten Gedanken,
-ganz im allgemeinen ausgesprochen, wirkten überaus
-stark auf ihn und er ließ sich nicht selten von ihnen einfach
-hinreißen. Überhaupt war er ein in hohem Maße
-begeisterungsfähiger und empfindsamer Mensch. Manch
-ein einfacher Gedanke, ja mitunter sogar irgendein
-schon allen bekannter, ganz gewöhnlicher Gedanke
-konnte ihn plötzlich ungeheuer begeistern, wenn er ihm
-einmal in seiner ganzen Bedeutung aufging. Der
-Grund hierfür war wohl der, daß er, man kann sagen,
-ungemein lebhaft die <em>Gedanken fühlte</em>. Darum
-sprach er <em>seinen</em> Gedanken in verschiedenen Formen
-aus, gab ihm bisweilen einen sehr scharfen plastischen
-Ausdruck, obschon er ihn nicht logisch erklärte, nicht
-seinen Inhalt auseinandersetzte. Denn in erster Linie
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-war er doch Künstler, dachte in Bildern und ließ sich
-von Gefühlen leiten.
-</p>
-
-<p>
-Der dritte bemerkenswerte Zug ist natürlich seine
-lebhafte Zuversicht, mit der er auf die Schnelligkeit
-und Möglichkeit der Verwirklichung jener Aufgaben
-vertraute, der Glaube, daß jene Ziele mit
-Leichtigkeit zu erreichen seien. Das ist gleichfalls
-auf die Lebhaftigkeit des Gefühls, das ihn erfüllte,
-zurückzuführen. Während die Slawophilen,
-die die Aufgabe in ihrer ganzen Tiefe erkannt hatten,
-die ganze Schwierigkeit ihrer Ausführung begriffen
-und, je lauter der Lärm der literarischen und gesellschaftlichen
-Bewegung war, um so klarer sahen, daß
-die Verwirklichung ihrer geliebten Wünsche durch ebendiese
-Bewegung hinausgeschoben wurde – erhob Dostojewski,
-indem er sich von der herrschenden Erregung
-hinreißen ließ, und da er in ihr nicht die Elemente
-sah, die seinem Ideal vollkommen feindlich waren, kühn
-die Fahne seiner Idee in dem festen Glauben, die erregte
-Masse mitreißen zu können. Diese Fähigkeit, glühend
-zu glauben und zu hoffen, verblieb ihm bis zu
-seinem Tode. Er ließ sich stets von der Gewalt seiner
-Gedanken hinreißen und war nahezu fest überzeugt,
-daß das, was sein geistiger Blick schon so klar sah,
-unfehlbar und bald sich auch verwirklichen werde.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens konnte damals, zu Anfang der sechziger
-Jahre, kaum jemand der allgemeinen Begeisterung widerstehen.
-Es war eine Zeit so voll von Hoffnung und
-Unternehmungslust. Alle Geister waren angeregt, alles
-war im Brodeln, so daß man in der Tat glauben
-konnte, das Unglaublichste werde geschehen. Das Gefühl
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-für die Wirklichkeit war uns abhanden gekommen
-und man dachte: was wir wollen, das können
-wir auch vollbringen ...
-</p>
-
-<p>
-Um diese Stimmung, in der wir uns alle befanden
-und unter deren Einfluß die Ansichten der Brüder
-Dostojewski sich entwickelten, zu verstehen, muß man
-sich den Geist jener Zeit vergegenwärtigen. Es war
-im Jahre der Bauernbefreiung, 1861, in der lichtesten
-Zeit der Regierung Alexanders II. Es hatte den Anschein,
-als müsse in ganz Rußland ein neues Leben beginnen,
-etwas ganz Außergewöhnliches müsse kommen!
-Wenigstens fiel uns der Glaube an die baldige Verwirklichung
-selbst der kühnsten Hoffnungen leicht und erschien
-uns nur natürlich. Alle wußten, daß die vorbereitenden
-Arbeiten zur Aufhebung der Leibeigenschaft sich
-bereits ihrem Ende näherten, und schon die dritte Nummer
-der „Zeit“ enthielt den Wortlaut des Manifestes
-vom 19. Februar, das am 5. März offiziell bekanntgegeben
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-Leider folgten dieser frohen Zeit bald schwere
-Stunden, gegen Ende desselben Jahres die Studentenunruhen,
-im folgenden Jahre die unzähligen Brandstiftungen
-in Petersburg, zu Anfang 1863 der polnische
-Aufstand. Im Gegensatz zu dieser schweren Zeit
-hatte sich bis dahin, vom Jahre 1855 an, die frohe
-Erwartung in der Gesellschaft und in der Literatur
-unausgesetzt gesteigert. Nach dem Regierungswechsel
-waren fortwährend verschiedene Erleichterungen, Befreiungen
-und Reformen eingeführt worden, die Zensur
-wurde mit jedem Jahre nachsichtiger, die Zahl der
-Zeitschriften und neuen Bücher wuchs schnell. In dieser
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Zeit wurden nun die Meinungen und Stimmungen, die
-in der Periode des Schweigens bis 1855 entstanden
-und erstarkt waren, ausgesprochen. Jetzt, in der Freiheit
-und inmitten der allgemeinen Belebung erging
-man sich kühn in der Anwendung und Entwicklung
-seiner Prinzipien, doch die alte Gewöhnung an die
-Zensur und der immerhin nicht ganz aufgehobene Einfluß
-derselben, verliehen allem ein sowohl sehr gediegenes
-wie auch recht verführerisches Aussehen. So bildeten
-sich denn in diesen sieben Jahren die Richtungen
-aus, die heute noch herrschen. Die letzte Erscheinung
-dieser Art war die Richtung der „Zeit“, die Fjodor
-Michailowitsch angab.
-</p>
-
-<p>
-Es war das seiner Ansicht nach eine absolut neue,
-besondere Richtung, die dem neuen Leben, das nun
-augenscheinlich in ganz Rußland einsetzte, entsprechen
-und die Richtungen der alten Parteien, der Westler
-und der Slawophilen, ersetzen oder verdrängen sollte. Die
-Unbestimmtheit des Gedankens an sich machte ihm
-weiter keine Sorgen, da er an der Entwicklung desselben
-nicht den geringsten Zweifel hegte. Hinzu kam,
-daß die damalige Literatur einen Charakter hatte, der
-ihm zu glauben erlaubte, daß die zwei alten literarischen
-Parteien, die Westler und die Slawophilen,
-ausgestorben oder im Aussterben begriffen seien und
-daß etwas Neues zu erstehen beginne. Dieser Charakter
-beruhte darauf, daß die Parteien damals nicht
-schroff hervortraten und die gesamte Literatur wie ein
-einiges Ganzes zusammenhing. Ich erinnere mich noch
-gut jenes fast freundschaftlichen Gefühls, das damals
-unter den Schriftstellern herrschte. Man hatte erst
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-kurz zuvor die Möglichkeit erhalten, seine Gedanken
-auszusprechen, mußte immer noch den allgemeinen
-Aufseher, die einst so strenge Zensur, im Auge behalten:
-so sahen denn die Literaten es für ihre Pflicht an,
-sich gegenseitig zu schützen und zu unterstützen. Überhaupt
-war man der Ansicht, daß die Literatur eine gewisse
-gemeinsame Sache sei, vor der die einzelnen
-Meinungsverschiedenheiten zurücktreten müßten. In
-der Tat, alle standen in gleichem Maße für die Aufklärung
-ein, für die Freiheit des Wortes, die Aufhebung
-mannigfacher Bedrückungen und Belästigungen
-usw., mit einem Wort, für die ersten liberalen Forderungen,
-die man in einer Weise abstrakt auffaßte,
-daß sie sich mit den verschiedensten, ja sogar mit entgegengesetzten
-Anschauungen vereinen ließen. Natürlich
-kannten die Anhänger der verschiedenen Richtungen
-die Grenzen zwischen sich und den anderen. Aber für
-die gewöhnlichen Leser und selbst für die Mehrzahl der
-Schreibenden war die Literatur ein ungeteiltes Ganzes.
-Im Grunde aber war sie ein Chaos, ein formloses
-und doch vielgestaltiges, und deshalb konnte leicht der
-Wunsch entstehen, diesem Chaos eine Form zu geben,
-oder wenigstens einen gewissen bestimmteren Weg einzuschlagen.
-Der Träger dieses Wunsches war Fjodor
-Michailowitsch, und von ihm persönlich kann man bezüglich
-seiner ganzen journalistischen Tätigkeit sagen,
-daß er erreicht hat, was er wollte. Inmitten der Petersburger
-Literatur ertönte seine Stimme oft laut
-und machtvoll, namentlich in den letzten Jahren seines
-Lebens, wo sie sogar alle anderen Stimmen übertönte,
-wenn sie protestierte und den neuen Weg wies.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Außer in Fjodor Michailowitsch fand dieser Gedanke
-in Apollon Grigorjeff einen überzeugten Anhänger,
-der nach dem Erscheinen der ersten Nummer der
-„Zeit“ ihr eifriger Mitarbeiter wurde. Ich erinnere
-mich noch, wie es zum Teil durch meine Vermittlung
-dazu kam. Man wünschte damals von mir literarische
-Kritiken; ich weigerte mich, solche zu schreiben und
-empfahl dringend Grigorjeff, in dem ich unseren besten
-Kritiker sah und auch jetzt noch sehe. Zu meiner
-Freude erklärte Fjodor Michailowitsch, daß Grigorjeff
-ihm sehr gefalle und seine Mitarbeiterschaft ihm sehr
-erwünscht wäre. Seit der Zeit sahen wir alle in Grigorjeff
-unseren Führer auf dem Gebiet literarischer
-Kritik. Leider verloren wir ihn bald. Er starb 1864.
-</p>
-
-<p>
-Der erste Artikel Grigorjeffs, den er für die zweite
-Nummer der „Zeit“ schrieb, begann mit der kategorischen
-Erklärung, daß es die beiden Richtungen, die sich
-vor zehn Jahren feindlich gegenüberstanden, die westliche
-und die östliche, bereits nicht mehr gäbe. Und diese
-Tatsache zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, sei jetzt
-die höchste Zeit, „denn für die Erkenntnis der einzelnen,
-für die Erkenntnis eines jeden von uns schreibenden
-und denkenden Menschen ist sie schon längst erwiesen.“
-</p>
-
-<p>
-Eine so feste Überzeugung, daß die zwei Hauptrichtungen
-unserer Literatur endgültig abgetan
-seien, wurde dem Verfasser natürlich nur durch
-den <em>Wunsch</em>, daß es sich so verhalten möge, eingegeben.
-Zum besseren Verständnis der Situation sei hier
-ein wenig an Grigorjeffs literarische Herkunft erinnert.
-Er gehörte zur sogenannten <em>jungen Redaktion</em>
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-des „Moskwitjänin“, den Pogodin<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> in Moskau herausgab
-und zu dem ein ganzer Kreis bekannter Namen gehörte.
-Dieser Kreis, wie auch Pogodin selbst, hielt sich
-im Grunde zu den Slawophilen, war aber in seinen
-Sympathien doch sehr frei und entfernte sich denn auch
-allmählich vom reinen Slawophilismus. Pogodin, der
-seinerzeit auf Puschkin und die ersten Slawophilen Einfluß
-gehabt, wurde auch von der „jungen Redaktion“
-wegen seines glühenden Patriotismus und seiner lebhaften,
-echt russischen Sympathien überaus geachtet, obschon
-er seinen früheren Überzeugungen treublieb und
-sich die <em>alte Redaktion</em> nannte. Dennoch räumte
-er in seiner Zeitschrift „Moskwitjänin“ dem jungen
-Kreise volle Freiheit ein. Das Charakteristische dieses
-Kreises war eine begeisterte Verehrung der poetischen
-Literatur; in ihr sahen sie den besten Ausdruck
-des Volksgeistes und des Zeitgeistes zugleich, und in
-ihr suchten sie Offenbarungen und Gesetze. In diesem
-Kreise wurde Ostrowski verehrt, wurde von ihm
-gesagt, er bringe ein „neues Wort“; hier wurden Gogol
-und Puschkin verehrt und hier kämpfte man gegen
-die „realistische Schule“ und die Petersburger.
-</p>
-
-<p>
-Zu dieser Partei der „jungen Redaktion“ gehörte
-nun Apollon Grigorjeff, und mit seinem Wunsch, sich
-von den Slawophilen abzusondern, unterstützte er in
-bedeutendem Maße Fjodor Michailowitschs Gedanken,
-eine neue Richtung zu gründen. Die Autorität Apollon
-Grigorjeffs war für uns alle in dieser Frage von
-entscheidender Bedeutung. So entstand dann jene Partei,
-die in der Petersburger Literatur lange Zeit unter
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-einem besonderen Namen bekannt war: man nannte
-sie die Partei der „<em>Bodenständigen</em>“. Ausdrücke,
-wie z. B. „wir sind von unserem Boden getrennt“ oder
-„wir müssen unseren Boden suchen“ waren geradezu
-Lieblingsausdrücke Fjodor Michailowitschs, und finden
-sich schon in seinem Einführungsartikel. Dieser
-Ausdruck, der übrigens sehr plastisch und lebendig ist,
-hatte auch noch den Vorteil, daß er zugleich sehr allgemein
-war und kein bestimmtes Prinzip aussprach. Unter
-ihm konnte man natürlich auch Slawophilismus
-verstehen, aber die „Zeit“ ließ doch beständig durchblicken,
-namentlich anfangs, daß sie damit eine andere,
-wenn auch verwandte Richtung meinte.
-</p>
-
-<p>
-Das Verhältnis zu den Slawophilen war ungefähr
-folgendes. Apollon Grigorjeff sprach von ihnen sowohl
-mündlich wie schriftlich stets mit der größten
-Hochachtung. Von ihm lernten auch wir diese Hochachtung,
-die aus der Petersburger Literatur unmöglich
-zu lernen gewesen wäre, da diese die Slawophilen nie
-ohne Spott und Verachtung erwähnte. Auch heute noch
-verhält es sich nicht viel anders. Die Brüder Dostojewski
-aber waren unmittelbar aus der Petersburger
-Literatur hervorgegangen – das muß man bei einer
-Beurteilung ihrer literarischen Art und ihrer Ansichten
-immer im Auge behalten. Michail Michailowitsch
-stand natürlich mehr unter ihrem Einfluß und verhielt
-sich den Slawophilen gegenüber kühl oder sogar voreingenommen.
-Fjodor Michailowitsch dagegen, der
-zwar damals die Slawophilen fast noch gar nicht
-kannte, war doch nicht geneigt, Grigorjeff zu widersprechen,
-und überdies fühlte er bereits, wer von ihnen
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-recht hatte. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls
-schloß sich die Richtung der „Zeit“, eben durch
-Apollon Grigorjeff, an den einen Zweig des Pogodinschen
-Slawophilismus an, und Grigorjeff gebührt
-das Verdienst, daß er die große, wesentliche Bedeutung
-des reinen Slawophilismus in unserem geistigen
-Leben erkannte.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch spielte die größte und fruchtbarste Rolle
-in dieser ganzen Angelegenheit Fjodor Michailowitsch.
-Er war es, der bewußt und ohne zu zögern anfangs
-A. Grigorjeff und später den Slawophilen entgegenkam.
-Bei der Schnelligkeit und Geschmeidigkeit seines
-Auffassungsvermögens begriff er leicht diese Anschauungen
-in ihren Grundlagen; doch das Entscheidende
-wird hierbei wohl gewesen sein, daß er schon infolge
-der ganzen Art seiner Ansichten, seiner Annäherung
-an das Volk und der dadurch hervorgerufenen inneren
-Wandlung seiner Gedanken, ein unbewußter Slawophile
-war. Der Slawophilismus ist doch nicht eine vom
-Leben losgelöste Theorie; er ist eine vollkommen natürliche
-Erscheinung, sowohl von seiner positiven Seite
-– als Konservatismus – wie von seiner negativen
-Seite – als Reaktion, d. h. als Wunsch, das geistige
-wie moralische Joch des Westens abzuwerfen. So ist
-es denn erklärlich, daß sich in Fjodor Michailowitsch
-eine ganze Reihe von Ansichten und viele Sympathien
-entwickelt hatten, die vollkommen slawophil waren, und
-daß er mit ihnen hervortrat, ohne zunächst seine Übereinstimmung
-mit der schon längst existierenden Partei
-zu bemerken, um dann später unmittelbar und offen sich
-zu ihr zu bekennen. Gerade solche Parteigänger sind aber
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-die wertvollsten. Sie sind nicht Schüler, die sklavisch
-die Worte der Lehrer wiederholen, sondern selbständige
-Träger der Idee, die sie auch weiter zu entwickeln fähig
-sind. Mit größter Feinfühligkeit erriet Fjodor
-Michailowitsch die richtige Anwendung seiner Prinzipien
-und entdeckte ihre verschiedenen Seiten.
-</p>
-
-<p>
-Zur Vervollständigung des Bildes füge ich noch
-ein paar Worte über mich hinzu. Der Gedanke, eine
-neue Richtung zu gründen, interessierte mich anfänglich
-nicht wenig, was ich dem Einfluß Grigorjeffs zuschreibe.
-Bald jedoch gewann ich die Überzeugung –
-vielleicht infolge meiner Abneigung gegen alles Unbestimmte
-–, daß man sich einfach für einen Slawophilen
-ausgeben mußte, auch wenn man nur die Grundprinzipien
-dieser Lehre teilte. Deshalb stimmte ich eine
-Zeitlang mit der Richtung der „Zeit“ nicht überein,
-doch kann ich nicht sagen, daß ich diese Differenz jemals
-besonders betont hätte.
-</p>
-
-<p>
-Anders verhielt es sich mit den jüngeren Mitarbeitern
-der Zeitschrift, die sich alle eng um A. Grigorjeff
-scharten, der sie sowohl durch seinen Verstand, wie
-durch seine kindliche Schlichtheit und Gutmütigkeit anzog.
-Diese jungen Menschen trugen sich lange mit dem
-Gedanken, eine neue Richtung zu gründen. Es handelte
-sich dabei natürlich vor allem darum, der slawophilen
-Anschauung größere Freiheit zu geben, in ihren Horizont
-auch die Erscheinungen einzubeziehen, die sie konsequent
-mied und verneinte, wie z. B. die zeitgenössische
-Literatur oder die verschiedenen westlichen Einflüsse.
-Hierbei gab es endlose Dispute und es wurde täglich
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-versucht, die eigene Weltanschauung zu verbessern,
-oder womöglich von Grund aus umzubauen.
-</p>
-
-<p>
-So hatte denn die Richtung der „Bodenständigen“
-ihre eifrigsten Anhänger und auch eine gewisse Existenzberechtigung.
-Wenigstens war sie eine russische,
-patriotische Richtung, die vorläufig ihre Formulierung
-suchte und, wie das die Logik verlangte, sich zuletzt doch
-dem Slawophilismus anschloß. In der ersten Zeit aber
-hatte die Redaktion der Zeitschrift doppelte Ursache,
-sich ihm nicht anzuschließen: erstens vertraute sie auf
-die eigenen Kräfte und wollte selbständig sein und
-zweitens wollte sie ihre Ideen möglichst schnell verbreiten,
-das Publikum interessieren, fesseln und vor allem
-Zusammenstöße mit den Vorurteilen der Leser vermeiden.
-Deshalb wäre eine offizielle Berufung auf die
-Slawophilen unklug gewesen, selbst wenn die Redaktion
-sich zu einer solchen bereit gefunden hätte.
-</p>
-
-<p>
-„Die Zeit“ hatte einen entschiedenen und schnellen
-Erfolg. Die Abonnentenzahl, die für uns alle von so
-großer Wichtigkeit war, stieg in den zweieinhalb Jahren
-von 2300 auf 4302. Die Ursache dieses schnellen
-und großen Erfolges lag erstens im Namen Fjodor
-Michailowitschs, der bereits sehr bekannt war – von
-seinen Sträflingsjahren in Sibirien wußte ein jeder;
-– zweitens war der Roman „Erniedrigte und Beleidigte“,
-der in der ersten Nummer begann, trotz all
-seiner Mängel ein Werk, das die durch den Namen
-Dostojewski gewonnenen Abonnenten in würdiger
-Weise belohnte; drittens spielte hierbei wohl auch noch
-die allgemeine Stimmung des Publikums eine Rolle,
-denn weder vorher noch nachher hat es eine Zeit gegeben,
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-wo man mit solchem Interesse nach literarischen
-Neuerscheinungen griff, wie damals. Mit dem schnellen
-Erfolg wuchs unser Selbstvertrauen, was unter
-günstigen Verhältnissen der Sache sehr dienlich war,
-dagegen unter ungünstigen ihr sehr schadete.
-</p>
-
-<p>
-Damals, 1861, waren wir nach diesem schnellen
-Erfolge sehr optimistisch und machten uns eifrig an die
-Arbeit. Ich gab meine Lehrtätigkeit auf und Michail
-Michailowitsch Dostojewski wollte seine Tabakfabrik
-schließen, von der er in der Zeit nach 1849 gelebt hatte,
-als der Literatur jede Freiheit genommen war.
-</p>
-
-<p>
-Die Mitarbeiter der „Zeit“ teilten sich in zwei
-Gruppen: die eine hatte zum Mittelpunkt Apollon Grigorjeff,
-um den sich, wie gesagt, die Jugend scharte,
-die andere bildeten Fjodor Michailowitsch und ich.
-Wir hatten eine ganz besondere Freundschaft geschlossen
-und kamen an jedem Tage mindestens einmal zusammen.
-Im Sommer des Jahres 1861 zog ich aus
-dem Universitätsviertel auf dem Wassili Ostroff in die
-Nähe der Kleinen Meschtschanskaja, wo sich die Redaktion
-und die Wohnung Michail Michailowitschs
-befanden. Fjodor Michailowitsch wohnte an der Mittleren
-Meschtschanskaja und Apollon Grigorjeff, sowie
-die ganze junge Kompagnie wohnte am Wosnessenski
-Prospekt in möblierten Zimmern. Ich erwähne das
-nur, um zu sagen, wie nah beieinander und in welcher
-Gegend wir lebten. Ich erinnere mich noch gut
-des damaligen Charakters dieser ziemlich schmutzigen
-Straßen mit den zum Teil niedrigen Häusern, die alle
-dicht bevölkert waren von Petersburger kleinen Leuten
-dritter Kategorie. Fjodor Michailowitsch hat in mehreren
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-Erzählungen und Romanen, vor allem in „Rodion
-Raskolnikoff“, die Physiognomie dieser Straßen
-und ihrer Bewohner bewunderungswürdig erfaßt und
-wiedergegeben.
-</p>
-
-<p>
-Inmitten dieser Umgebung, die die Seele bedrückt
-und Ekel einflößt, verlebten wir sehr glückliche
-Jahre. Es gibt nichts Interessanteres und Anregenderes
-als journalistische Arbeit – wenn die Sache gut
-geht. Hierbei vereint sich die ganze Anregung eines
-Lebens in der Öffentlichkeit mit der ganzen Schönheit
-einsamen Nachdenkens und stiller Arbeit. Seiten,
-die man in der Stille sorgfältig durchdacht hat, treten
-plötzlich vor das Publikum, werden von zahllosen
-Menschen gelesen und werden zum Gegenstand der
-Dispute und Kritiken, von denen viele sogleich, wie Antworten
-auf Fragen, zu einem zurückkehren. Gerade damals
-war es üblich, daß jede Zeitschrift von allen anderen
-Zeitschriften sprach, so daß der Eindruck eines Artikels
-sich sehr bald feststellen ließ. Dostojewski, Grigorjeff und
-ich konnten überzeugt sein, daß wir in jeder neuen
-Nummer der literarischen Zeitschriften unsere Namen
-finden würden. Der Wettkampf der verschiedenen Redaktionen,
-die Spannung, mit der man die verschiedenen
-Richtungen, ihre Ideen, die Polemik, verfolgte – all
-das machte die journalistische Tätigkeit zu einem so
-fesselnden Spiel, daß, wer einmal an ihm teilgenommen
-hat, dem Wunsch nicht widerstehen kann, wieder
-an ihm teilzunehmen.
-</p>
-
-<p>
-Gewöhnlich trafen wir uns gegen drei Uhr nachmittags
-in der Redaktion, Fjodor Michailowitsch nach
-seinem Morgentee, ich nach meiner Morgenarbeit.
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-Hier sahen wir die Zeitungen und Zeitschriften durch,
-nahmen Kenntnis von allen Neuigkeiten, und
-machten dann meist zusammen einen Spaziergang
-bis zum Mittagessen um fünf, worauf er nicht selten
-– etwa gegen sieben Uhr – wieder zu mir zum Tee
-kam und die Zeit bis zum Abendessen bei mir verbrachte.
-Überhaupt war er häufiger bei mir als ich
-bei ihm, denn ich war Junggeselle, folglich konnte man
-mich zu jeder Zeit besuchen, ohne befürchten zu müssen,
-daß man andere störe. Hatte ich einen Artikel beendet
-oder auch nur einen Teil eines Artikels geschrieben, so
-bestand er gewöhnlich darauf, daß ich das Geschriebene
-vorlas. Es ist mir, als hörte ich noch seine Stimme, die
-dann aus dem Stimmengewirr der anderen ungeduldig
-drängend und bittend erklang:
-</p>
-
-<p>
-„Lesen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, lesen Sie!“
-Damals begriff ich übrigens noch nicht ganz, wieviel
-Schmeichelhaftes für mich in dieser Ungeduld lag. Er
-widersprach mir nie. Ich erinnere mich eigentlich nur
-eines einzigen Streites zwischen uns, zu dem es infolge
-eines Artikels von mir kam. Aber er sagte mir
-ebensowenig ein Wort des Lobes und äußerte nie eine
-besondere Anerkennung.
-</p>
-
-<p>
-Unsere damalige Freundschaft hatte zwar einen
-vornehmlich geistigen Charakter, aber wir standen uns
-auch als Menschen sehr nahe. Das Einander-Nahestehen
-hängt bei den Menschen von ihrer Natur ab und
-überschreitet oft auch unter den günstigsten Verhältnissen
-nicht eine gewisse Grenze. Ein jeder von uns
-zieht gleichsam einen Strich um sich herum, den er niemanden
-überschreiten läßt, oder richtiger – nicht überschreiten
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-lassen kann. So fand auch unsere Annäherung
-ein Hindernis in unseren persönlichen Veranlagungen,
-doch will ich durchaus nicht sagen, daß der <em>kleinere</em>
-Teil dieses Widerstandes auf meiner Seite war. Fjodor
-Michailowitsch hatte bisweilen Augenblicke argwöhnischer
-Vermutungen. Dann sagte er mißtrauisch:
-„Strachoff hat keinen, mit dem er sprechen kann, deshalb
-hält er sich an mich.“ Aber dieser flüchtige Zweifel
-zeigt ja nur, wie fest wir an die Gegenseitigkeit
-unserer Zuneigung glaubten. In den ersten Jahren
-war es ein Gefühl, das zu einem unbeschränkten Zutrauen
-wurde. Wenn Fjodor Michailowitsch einen
-epileptischen Anfall gehabt hatte, so befand er sich nach
-der Bewußtlosigkeit anfangs in einer unerträglich
-schweren Stimmung. Alles reizte oder schreckte ihn
-und selbst durch die Anwesenheit der Nächsten fühlte
-er sich bedrückt. Dann schickte sein Bruder oder seine
-Frau nach mir; in meiner Gegenwart fühlte er sich
-leichter, und es wurde ihm allmählich besser. Indem ich
-mich dieser Vergangenheit erinnere, leben in meinem
-Gedächtnis einige meiner besten Gefühle wieder auf
-und ich denke, daß ich damals wohl ein besserer Mensch
-gewesen sein muß, als ich es jetzt bin.
-</p>
-
-<p>
-Unsere Gespräche waren endlos, und es waren
-die schönsten Gespräche, die mir in meinem Leben beschieden
-gewesen sind. Er sprach in jener schlichten, lebendigen,
-anspruchslosen Art, die den Reiz und die
-Schönheit der russischen Gespräche ausmacht. Dazwischen
-scherzte er oft, namentlich in jener Zeit, aber sein
-Witz gefiel mir nicht sonderlich; es war häufig nur ein
-äußerlicher Humor, ähnlich dem französischen, also ein
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Spiel mehr mit Worten und Bildern, als mit Gedanken.
-Beispiele dieser Witzchen finden sich zumeist in
-seinen kritischen und polemischen Artikeln. Doch was
-mich in der Hauptsache fesselte und sogar frappierte,
-das war sein ungewöhnlicher Verstand, die Schnelligkeit,
-mit der er jeden Gedanken, schon nach dem ersten
-Wort, der ersten Andeutung, erfaßte. In dieser Leichtigkeit
-des Verstehens liegt der größte Reiz eines Gesprächs,
-wenn man sich unbehindert dem eigenen Gedankengang
-hingeben kann, nicht zu wiederholen und
-zu erklären braucht, wenn man auf eine Frage sofort
-die richtige Antwort erhält und wenn die Entgegnung
-gerade auf den zentralen Gedanken erfolgt, die Zustimmung
-gerade zu dem Gedanken gegeben wird, zu welchem
-man sie hören möchte, und es keine Mißverständnisse
-und Unklarheiten gibt. So sind mir unsere damaligen
-Gespräche in der Erinnerung geblieben, die Gespräche,
-die für mich eine große Freude und mein Stolz waren.
-Der Gesprächsstoff stand natürlich zumeist mit
-der Zeitschrift in Zusammenhang, doch außerdem sprachen
-wir noch über alle nur möglichen Themen, sehr
-oft über die abstraktesten Fragen. Fjodor Michailowitsch
-liebte diese Fragen nach dem Wesen der Dinge
-und den Grenzen des Wissens, und ich weiß noch, wie
-es ihn amüsierte, wenn ich seine Anschauungen nach
-den Lehren der verschiedenen Philosophen, die die Weltgeschichte
-kennt, klassifizierte. Es zeigte sich, daß es
-schwer hielt, sich etwas Neues auszudenken und er tröstete
-sich scherzend damit, daß er in seinen Anschauungen
-wenigstens mit dem einen oder anderen der großen
-Denker übereinstimmte.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-4">
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-<span class="firstline">Fjodor Michailowitsch als Journalist</span>
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Ich will mich hier nicht über seine Ansichten, nicht
-über seine eigene Stellung zu seiner Arbeit und die Dinge,
-mit denen er sich abgab, ausführlich verbreiten. Den besten
-Teil seiner Seele hat er uns in seinen Werken offenbart.
-Ich will nur sagen – was vielleicht manche unerfahrene
-Leser nicht vermuten: daß er einer der aufrichtigsten
-Schriftsteller war, daß alles, was er geschrieben,
-von ihm selbst erlebt und empfunden worden ist, und
-zwar mit großer Leidenschaft und Hingabe. Ja, Dostojewski
-ist der subjektivste aller Schriftsteller, er hat
-in den Personen seiner Romane fast ausnahmslos sich
-selbst geschildert. Nur selten hat er volle Objektivität
-erreicht. Für mich, der ich ihm so lange nahe stand,
-war die Subjektivität seiner Darstellungen nur zu erkennbar,
-und deshalb ging mir immer die Hälfte des
-Eindrucks verloren, des Eindrucks der Werke, die auf
-andere Leser verblüffend wirkten, da sie in seinen Gestalten
-vollkommen objektive Schilderungen sahen.
-</p>
-
-<p>
-Sehr oft wurde mir für ihn bange, wenn ich las,
-wie er gewisse dunkle, krankhafte Stimmungen wiedergab.
-So schilderte er z. B. im „Idiot“ ausführlich die
-Stimmung vor einem epileptischen Anfall, obgleich die
-Ärzte Epileptikern stets vorschreiben, sich nicht diesen
-Erinnerungen hinzugeben, da sie unter Umständen
-ebenso einen Anfall herbeiführen können, wie der Anblick
-eines epileptischen Anfalls bei einem anderen.
-Doch Dostojewski schreckte vor nichts zurück, und was
-er auch schilderte, er blieb fest überzeugt, daß er seinen
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Gegenstand in voller Objektivität gebe. Häufig
-habe ich von ihm gehört, daß er sich für einen vollständigen
-Realisten halte, daß jene Verbrechen, Selbstmorde
-und alle anderen Ausschreitungen und Entartungen,
-die in der Regel das Thema seiner Romane
-bilden, in der Wirklichkeit häufige und gewöhnliche
-Erscheinungen seien, denen wir bloß keine Beachtung
-schenken. Auf Grund dieser Überzeugung schilderte er
-dann dreist das Dunkelste und Schmutzigste; niemand
-ist in der Schilderung der verschiedenen Verkommenheiten
-der Menschenseele so weit gegangen wie er. Und
-er erreichte, was er wollte: es gelang ihm, seinen Geschöpfen
-so viel Realität und Objektivität zu verleihen,
-daß die Leser aus anfänglicher Betroffenheit in Entzücken
-gerieten. In seinen Bildern war so viel Wahrheit,
-psychologische Richtigkeit und Tiefe, daß sie selbst
-solchen Leuten, denen die Sujets vollkommen fremd
-waren, verständlich wurden. Oft ging es mir durch
-den Sinn, daß er, wenn er erkennen würde, wie stark
-subjektiv seine Bilder gefärbt sind, sich im Schreiben
-beengt fühlen müßte, und wenn er die Art seines
-Schaffens bemerkte, nicht mehr schaffen könnte. So
-war für ihn eine gewisse Dosis Selbstbetrug erforderlich,
-wie fast für jeden Schriftsteller.
-</p>
-
-<p>
-Doch jeder Mensch hat bekanntlich nicht
-nur die Mängel seiner Vorzüge, sondern mitunter
-auch den Vorzug seiner Mängel. Dostojewski schildert
-seine elenden und bedauernswerten, gemeinen und
-furchtbaren Menschen, alle die seelischen Krankheiten
-und Pestbeulen, weil er über sie das höhere Urteil zu
-fällen verstand oder zu verstehen glaubte. Er sah den
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-göttlichen Funken selbst im verkommensten Menschen;
-er verfolgte und beobachtete das geringste Aufblitzen
-dieses Funkens und erspähte Züge seelischer Schönheit
-in Menschen, zu denen wir mit Verachtung, Spott
-oder Abscheu uns zu verhalten gewöhnt sind. Wegen
-dieser Schönheit, die Dostojewski unter der scheußlichen
-und abstoßenden Äußerlichkeit durchschimmernd entdeckte,
-verzieh er den Menschen und liebte er sie. Eine
-feine und hohe Menschenliebe könnte man seine Muse
-nennen; und sie war es auch, die für ihn das Maß
-bildete, nach dem er Gut und Böse abwog, das Maß,
-mit dem er in die tiefsten und schrecklichsten Abgründe
-der Menschenseele hinabstieg. Sein Glaube an sich
-und den Menschen war unerschütterlich, und deshalb
-war er auch so aufrichtig und nahm er so ohne weiteres
-sogar seine Subjektivität für vollkommen objektiven
-Realismus. – Unter dem Wort „Muse“ verstehe ich
-jenen idealistischen Charakter, jene Art des Verstandes
-und Herzens, die der Mensch annimmt, wenn er zu
-schreiben und Gestalten zu schaffen anfängt. Die Muse
-und der Mensch selbst sind zwei verschiedene Wesen,
-obschon sie aus einer Wurzel hervorgehen und enger
-als die siamesischen Zwillinge zusammengewachsen
-sind. Aus dem Gesagten geht hervor, daß der Mensch
-Dostojewski und seine „Muse“ ungemein eng miteinander
-verbunden waren.
-</p>
-
-<p>
-Von seinen persönlichen, rein menschlichen Zügen
-wäre noch zu sagen, daß an ihm nicht die geringste
-Spur einer Verbitterung oder Kränkung durch die von
-ihm ausgestandenen Leiden zu bemerken war und nie
-auch nur der Schatten des Wunsches, die Rolle eines
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Märtyrers zu spielen. Er war absolut frei von jedem
-gehässigen Gefühl der Regierung gegenüber und tat
-so, als sei in seiner Vergangenheit nichts Besonderes
-vorgefallen, zeigte sich weder enttäuscht noch irgendwie
-seelisch getroffen, sondern war heiter und guter
-Dinge, wenn die Gesundheit es ihm erlaubte. Ich
-erinnere mich, wie ihm einmal eine Dame, die ihn mit
-großer Aufmerksamkeit betrachtet hatte, plötzlich sagte:
-„Wenn ich Sie betrachte, glaube ich, in Ihrem Gesicht
-die Leiden zu sehen, die Sie zu ertragen hatten ...“
-Diese Bemerkung war ihm sichtlich unangenehm. „Was
-für Leiden!“ ... unterbrach er sie fast schroff, um
-dann sofort über ganz nebensächliche Dinge zu scherzen.
-Desgleichen erinnere ich mich noch eines anderen
-ähnlichen Falles. Er sollte sich an einem literarischen
-Vortragsabend, wie sie damals sehr in Mode waren,
-beteiligen und irgend etwas aus seinen Werken vorlesen.
-Die Wahl fiel ihm schwer. „Es muß etwas Neues,
-Interessantes sein,“ sagte er zu mir. – „Aus dem ‚Totenhause‘
-vielleicht?“ schlug ich vor. – „Daraus habe
-ich schon oft vorgelesen, und ich möchte eigentlich
-nicht ... Es scheint mir dann immer, daß ich vor dem
-Publikum klage, mich immer beklage ... Das ist nicht
-gut.“
-</p>
-
-<p>
-Überhaupt kehrte er nicht gern zu der Vergangenheit
-zurück, als habe er sie ganz und gar abgetan, oder
-wenn er sich einmal Erinnerungen hingab, dann gedachte
-er irgendwelcher froher Erlebnisse, auf die er
-gleichsam stolz war. Deshalb hätte ein Uneingeweihter
-schwerlich vermuten können, wenn er ihn so sah und
-hörte, was in seinem früheren Leben vorgefallen war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-In seinem Verhältnis zur Regierung stand er fest
-auf dem Standpunkt, der für alle echten Russen so
-selbstverständlich ist. Jeder Gedanke an Auflehnung
-war ihm fern, obschon er sich bisweilen tief bekümmert
-oder mit ehrlichem Unwillen über manche Leute und
-Maßregeln äußerte. Er selbst ertrug die unbequemen
-herrschenden Zustände nicht nur stillschweigend, sondern
-sogar mit vollkommenster Ruhe, wie etwa eine
-allgemeine Lebensbedingung, die keineswegs ihn persönlich
-anging. So entsinne ich mich nicht, ihn jemals
-über die Zensoren aufgebracht gesehen zu haben, obgleich
-diese Herren – im allgemeinen sehr liebenswürdige
-Leute, die sich zumeist mit Respekt zur Literatur
-verhielten – nicht selten ein Überflüssiges taten,
-und, wenn sie nicht viel Verfängliches fanden, wenigstens
-kleine Korrekturen anbrachten, um doch nicht
-ganz umsonst gelesen zu haben. Übrigens gehörte Fjodor
-Michailowitsch zu den Schriftstellern, die, ohne an
-die Zensur zu denken, unwillkürlich in den Grenzen
-bleiben, einfach weil sie viel zu ernst sind, um sich
-Schroffheiten und persönliche Ausfälle zu erlauben.
-</p>
-
-<p>
-Im Grunde waren wir sehr abstrakte Politiker,
-sprachen nur von allgemeinen Fragen und Auffassungen,
-in der Praxis aber blieben wir beim „reinen Liberalismus“,
-also bei dem Glauben, daß man in der
-inneren Organisation eines Staates ohne Zwangsmaßregeln
-am weitesten komme, daß die verschiedenen
-Interessen sich dann am deutlichsten äußern und am
-besten ausgleichen könnten. Mit einem Wort, es waren
-die Grundsätze, an die sich alle Anhänger der Gedanken-,
-Preß- und Handelsfreiheit usw. halten, Grundsätze,
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-die natürlich längst nicht die ganze Frage erschöpfen,
-an die man sich aber in all den Fällen halten
-muß, wo zu anderen Grundsätzen keine Veranlassung
-vorliegt. In der Wirklichkeit freilich erwiesen sich gerade
-die liberalen Grundsätze als unfähig, unsere Gesellschaft
-zu regieren, eben als zu schwerverständlich und
-noch zu unerfüllbar, und überdies als durchaus ungeeignet,
-die Entwicklung anderer, ihnen entgegengesetzter
-Grundsätze zu paralysieren. So kam es unter den
-Anhängern des „reinen Liberalismus“ zu einer schnellen
-und entsetzlichen Ernüchterung, und das Ende der
-liberalen Epoche war, daß plötzlich Proklamationen
-auftauchten, die zum Aufstand, zur Revolution aufforderten.
-Den Proklamationen folgten die Brandstiftungen,
-diesen der polnische Aufstand und drei Jahre
-später das erste Attentat auf das Leben des Zaren.
-</p>
-
-<p>
-Ich führe dies hier an, um den Liberalismus unserer
-Zeitschrift und folglich denjenigen, zu dem sich
-Fjodor Michailowitsch bekannte, zu kennzeichnen. Leider
-herrschen bei uns trotz aller historischen Erfahrungen
-und Debatten, sowohl schriftlicher wie mündlicher,
-noch die größten Mißverständnisse in den Begriffen:
-und die wahre Bedeutung des Liberalismus ist fast
-vergessen. Denn daß ein Liberaler dem Wesen der
-Sache nach in der Mehrzahl der Fälle ein Konservativer
-und nicht ein Progressist sein muß und schon in
-keinem Fall ein Revolutionär – das wissen oder begreifen
-jetzt wohl nur sehr wenige. Diesem wahren Liberalismus
-ist Fjodor Michailowitsch denn auch bis
-zu seinem Tode treu geblieben. Wir standen keiner
-von den Parteien nahe, die praktische Aufgaben und
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-praktische Interessen hatten; wir sahen ein, daß wir
-in der Sphäre allgemeiner abstrakter Fragen bleiben
-mußten, und da wir glühende Patrioten und Russophile
-waren, so sahen wir auch unter diesen Umständen
-eine Menge Arbeit vor uns, sowohl auf dem Gebiet
-der literarischen Kritik wie auf dem der Auslegung
-der russischen Geschichte und des russischen Lebens;
-ferner galt es, über den Westen zu schreiben, über die
-europäischen geistigen und politischen Ereignisse, die
-bei uns von so großem Einfluß sind. In allen diesen
-Beziehungen ist nicht zu leugnen, daß die „Zeit“ eifrig
-arbeitete und in keiner Hinsicht von der Verfolgung
-ihrer allgemeinen Aufgabe abwich.
-</p>
-
-<p>
-Ein nicht zu umgehender Teil dieser Aufgabe war
-die Polemik, da die übergroße Mehrzahl der Literaten
-zur Partei der Westler gehörte und der entscheidende
-Einfluß von Zeitschriften ausging, die direkt
-zum Nihilismus neigten. So wurde der Kampf mit
-dem Nihilismus gewissermaßen eine Spezialität der
-„Zeit“, wenigstens ließ sie ihn nie aus dem Auge
-und analysierte ihn von allen Seiten. In dem Zeitraum
-bis zum Erscheinen des Romans „Väter und
-Söhne“ von Turgenjeff (1862) hatte sie seine wesentlichen
-Züge bereits festgestellt, dieselben Züge, die Turgenjeff
-in lebendigen Bildern so treffend darstellte.
-</p>
-
-<p>
-Den Kampf gegen die nihilistische Richtung eröffnete
-Fjodor Michailowitsch, indem er gegen die
-grobmaterialistische Auffassung der Kunst schrieb, nur
-begnügte er sich mit recht schwachem, nachsichtigem Widerspruch.
-Da hielt ich es nicht aus und verfocht bei
-der ersten Gelegenheit offen und kategorisch eine den
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-nihilistischen Lehren entgegengesetzte Richtung. Ich
-kann wohl sagen, daß in mir beständig eine gewisse organische
-Abneigung vor dem Nihilismus vorhanden war
-und daß ich seit dem Jahre 1855, als er zuerst sich bemerkbar
-zu machen begann, mit wachsendem Unwillen
-sein Hervortreten in der Literatur wahrgenommen hatte.
-Schon in den Jahren 1859 und 60 hatte ich gegen
-die Absurditäten, die da so unzweideutig und ungeniert
-ausgesprochen wurden, geschrieben, doch selbst befreundete
-Redakteure wiesen mich mit aller Entschiedenheit
-ab und nahmen mir sogar alle Hoffnung, jemals
-meine Artikel veröffentlicht zu sehen. Damals begriff
-ich, welch eine Autorität die Blätter dieser Richtung
-hatten. Um so größer war meine Freude, als die Redaktion
-der „Zeit“, natürlich nur dank Fjodor Michailowitsch,
-meinen Artikel „Über die Petersburger
-Literatur“ für die Juninummer 1861 annahm. Daraufhin
-schrieb ich fast für jede Nummer in diesem
-Geiste. Ich erzähle dies alles nur zur Charakteristik
-der Literatur jener Zeit.
-</p>
-
-<p>
-Ich bemühte mich um die größte Gewissenhaftigkeit,
-suchte meine Angriffe durch ein wirkliches Urteil zu
-begründen und scheute in der Beziehung keine Mühe; um
-so mehr interessierte Fjodor Michailowitsch die in ihnen
-enthaltene Klarlegung der Frage. Ich erwähne das
-deshalb, weil dieselbe so überaus wichtige Folgen
-hatte: sie führte zunächst zum vollständigen Bruch der
-„Zeit“ mit dem „Zeitgenossen“, dem angesehensten
-Petersburger Journal, und später zur allgemeinen
-Feindschaft fast des gesamten Petersburger Literatentums
-gegen die „Zeit“.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-Das Problem der bei uns in Rußland sich äußernden
-Verneinung wurde für unsere Literatur, für das
-öffentliche Bewußtsein erst durch den Roman Turgenjeffs
-„Väter und Söhne“ klargestellt, durch denselben
-Roman, in dem zum erstenmal das Wort „Nihilist“
-vorkam, mit dem die Debatten über die „neuen Menschen“
-begannen und, kurz, das Ganze seine Formulierung
-und Popularität erhielt. Turgenjeff verfolgte beständig
-mit größter Aufmerksamkeit die Veränderungen
-der bei uns herrschenden Stimmungen und der Ideale
-des „Helden der Zeit“, weshalb er unsere führenden
-literarischen Kreise nie aus dem Auge verlor. In
-dem erwähnten Roman hatte er nun einen Typ geschildert,
-der entschieden wie eine Offenbarung wirkte,
-da ihn vorher niemand bemerkt hatte, doch den jetzt
-plötzlich ein jeder in seiner Umgebung häufig vertreten
-sah. Die Verwunderung war ungeheuer;
-man verlor geradezu den Kopf, da die Überraschung
-für die Dargestellten gar so unerwartet kam und sie
-sich im Spiegelbilde des Romans nicht erkennen wollten,
-– obschon der Autor sich keineswegs mit entschiedener
-Ablehnung zu dem Helden des Romans verhielt.
-Doch der jungen Generation war das zu wenig;
-sie erklärte deshalb mit einem Riesenlärm, Turgenjeff,
-damals der erste Name in unserer Literatur, sei
-geistig zurückgeblieben und ein Gegner der allgemeinen
-Sache. In den damaligen endlosen Gesprächen und
-Disputen hatte ich häufig Gelegenheit, unterschiedlichen
-Nihilisten zu beweisen, daß sie, wenn sie folgerichtig
-dächten, sich zu denselben Anschauungen bekennen müßten,
-die der Nihilist Basaroff im Turgenjeffschen Roman
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-vertritt. Die Mehrzahl des Publikums ereiferte
-sich, wie gewöhnlich, sehr, hatte aber von der ganzen
-Sache nur ungenaue, meist recht bunte Vorstellungen.
-Die eifrigsten Anhänger der nihilistischen Richtung
-vermuteten nicht einmal, daß z. B. die Wissenschaft
-und die Kunst gleichfalls ihrem Götzen geopfert werden
-müßten. Im April 1862 erschien in der „Zeit“
-ein Artikel von mir, der Turgenjeff als streng objektiven
-Künstler scharf verteidigte, und der die Lebenswahrheit
-des von ihm geschilderten Typus bewies.
-Turgenjeff, der kurz nach dem Erscheinen des Artikels
-in Petersburg eintraf und auf der Redaktion der
-„Zeit“ erschien, wo er die Brüder Dostojewski und
-mich antraf, und uns alle drei zu einem Diner im
-Hotel einlud, war durch den Sturm, der sich gegen
-ihn erhoben hatte, offenbar sehr beunruhigt. In den
-folgenden Jahren wurde Turgenjeff mit einem ganzen
-Regen von Vorwürfen und Schimpf überschüttet, so
-daß er bis 1867 nichts Ähnliches veröffentlichte.
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen erschien im Jahre 1866 der Roman
-„Rodion Raskolnikoff“, in dem mit bewunderungswürdiger
-Kraft ein gewisser extremer und charakteristischer
-Ausdruck des Nihilismus dargestellt ist, und von diesem
-Roman bis zu der kurz vor dem Tode geschriebenen
-„Legende vom Großinquisitor“ zieht sich in den
-Werken Dostojewskis ununterbrochen eine vielgestaltige
-und tiefe Analyse unserer sittlichen und geistigen
-Problematik. Betrachtet man das Ganze von diesem
-Standpunkt aus, so muß man Dostojewski noch ein
-ungeheures Verdienst um die Literatur und die Gesellschaft
-zusprechen. Er allein hat die Aufgabe in ihrer
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-ganzen Tiefe und Breite erfaßt hat, alle Arten und Äußerungen
-dieser Dummheit und Sittenlosigkeit gezeigt,
-die sich in russischen Menschen entwickeln, wenn sie den
-Heimatboden verlassen, d. h. wenn sie sich von der
-Treue zu Rußland und vom christlichen Geist lossagen.
-Er blickte in die Seelen dieser Menschen und schilderte
-den Kampf ihrer Irrtümer mit dem guten Element,
-das noch in ihrer Seele lebt. Dabei tritt bei ihm das
-religiöse Element, wie auch die Sittlichkeit und Vaterlandsliebe
-des Volkes deutlich als Gegengewicht hervor,
-als Zuflucht und Rettung vor dem Chaos und der
-Albernheit der verweichlichten oberen Gesellschaftsschicht.
-Das Ganze ist groß, feinsinnig und tief angefaßt,
-dazu mit beständigen Hinwendungen zu den ewigen
-Aufgaben der Menschenseele, mit künstlerischen
-Versuchen, die erhabensten, wie die anrüchigsten Geheimnisse
-der Menschenherzen zu erspähen. Es ist kein
-Wunder, daß solch ein Schriftsteller die Leser schließlich
-außerordentlich zu interessieren begann.
-</p>
-
-<p>
-In dieser kurzen Skizze der Stellungnahme unserer
-Literatur zum Nihilismus muß ich aus Sachlichkeit
-auch auf meine kleine Rolle hinweisen.
-</p>
-
-<p>
-Auf Grund meines Artikels über Turgenjeff erschien
-in der nächsten Nummer des „Zeitgenossen“ ein
-überaus scharfer, ausschließlich gegen mich gerichteter
-Artikel. Diese Ehre hatte ich hauptsächlich meiner
-Analyse der nihilistischen Richtung zu verdanken. Und
-mehr noch dieser meiner Richtung als einigen meiner
-positiven Anschauungen schreibe ich die Bemerkung
-Fjodor Michailowitschs zu, die er – viel später einmal,
-als unsere Freundschaft kühler war – mir gegenüber
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-machte. Es war im Jahre 1873, als er die
-Redaktion des „Bürger“ übernommen hatte. Da verlangte
-er von mir, ich solle mehr schreiben; als ich darauf
-sagte, ich hätte zu wenig Gedanken, um so viel zu
-schreiben, fiel er mir ins Wort: „Wieso zu wenig
-Gedanken? Die Hälfte meiner Anschauungen sind Ihre
-Anschauungen!“ Man wird es verstehen, daß diese in
-geärgertem Tone gesagte Bemerkung sich als großes
-Kompliment in meinem Gedächtnis erhalten hat, und
-ich schreibe sie, wie gesagt, meinem hartnäckigen Einstehen
-für meinen Standpunkt gegen den Nihilismus
-zu. Menschen mit künstlerischer Verstandesart sehen oft
-ein großes Verdienst in der logischen Entwicklung
-eines Gedankens, wozu sie selbst wenig geneigt sind,
-und wenn man dann im Kern der Sache eine Übereinstimmung
-findet, wie es bei Fjodor Michailowitsch und
-mir größtenteils der Fall war, so ist den Künstlern die
-abstrakte Formulierung ihrer Ideen und Gefühle sehr
-angenehm.
-</p>
-
-<p>
-Auf den erwähnten Angriff des „Zeitgenossen“
-antwortete ich in unserer Mainummer. Doch unsere
-Polemik wurde durch äußere Verhältnisse unterbrochen.
-Durch irgendeine Beziehung oder eine Anzeige fiel auf
-unseren Gegner der Verdacht, mit den revolutionären
-Proklamationen – nach denen die Brandstiftungen in
-Petersburg begannen – in Verbindung zu stehen, und
-der „Zeitgenosse“ wurde auf acht Monate verboten.
-Wir waren darüber aufrichtig betrübt, denn damit
-war uns der Gegner genommen, während wir gerade
-dem Kampf gegen ihn eine große Bedeutung beimaßen.
-Wir wußten sehr gut, daß seine Richtung trotz
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-seines Schweigens oder sogar noch mehr dank diesem
-unfreiwilligen Schweigen fortfuhr, sich im Publikum
-zu entwickeln und zu erstarken. Uns aber fehlte jetzt der
-allgemein anerkannte Repräsentant der Richtung.
-Doch ganz abgesehen von diesem sozusagen internen
-Kummer, war schon die allgemeine Lage
-sehr schwer und traurig. Die Feuersbrünste flößten
-ein Grauen ein, das sich schwer beschreiben läßt. Ich
-entsinne mich noch, wie ich einmal mit Fjodor Michailowitsch
-nach den Inseln hinausfuhr. Vom Schiff aus
-sah man in der Ferne Rauchwolken, die sich an drei
-oder vier Stellen über der Stadt erhoben. Wir kamen
-in einen der Vergnügungsparks, wo eine Musikkapelle
-spielte und Zigeuner sangen. Aber wie gern wir uns
-auch zerstreut und amüsiert hätten, die schwere Stimmung
-ließ sich doch nicht verscheuchen, und es zog mich
-bald nach Haus. Daß bei diesen Feuersbrünsten Brandstiftung
-vorlag, war kaum zu bezweifeln, nur sind sowohl
-diese wie auch noch andere traurige Vorfälle jener
-Zeit aus irgendwelchen Gründen vollkommen unaufgeklärt
-geblieben.
-</p>
-
-<p>
-Im Juni dieses Jahres (1862) trat Fjodor Michailowitsch
-seine erste Reise ins Ausland an. Er fuhr
-u. a. nach Paris und London, wo er mit Alexander
-Herzen zusammentraf, den er damals noch sehr milde
-beurteilte. Seine „Winteraufzeichnungen“ verraten sogar
-ein wenig den Einfluß Herzens. Später aber, in
-den letzten Jahren, äußerte er oft seinen Unwillen über
-die Unfähigkeit Herzens, das russische Volk zu verstehen
-und seine volkliche Eigenart zu schätzen. Mißachtung
-der einfachsten und gutmütigen Sitten, Stolz auf den
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Besitz der Aufklärung – diese Züge Herzens ärgerten
-Fjodor Michailowitsch sehr; übrigens verurteilte er dieselben
-auch an Gribojedoff, nicht nur an unseren Revolutionären
-und kleinen Anklägern.
-</p>
-
-<p>
-Aus Paris erhielt ich von Fjodor Michailowitsch
-einen Brief, in dem er mir genau angab, wie und wo
-wir uns in Genf treffen könnten, wohin er von Köln
-aus, den Rhein hinauf, fahren wollte. Die Fortsetzung
-des Briefes führe ich hier an, da sie viel für ihn Bezeichnendes
-wiedergibt.
-</p>
-
-<p>
-„... Liebster Nikolai Nikolajewitsch, es ist jetzt
-eine schlimme Zeit, wie Sie schreiben – eine Zeit ungewisser
-und quälender Erwartung. Aber eine Zeitschrift
-ist doch eine große Sache ... Herrgott, wenn
-man bedenkt, wieviel noch nicht getan und noch
-nicht gesagt ist! Und ich sitze hier in der sogenannten
-schönen Fremde und brenne doch schon darauf, wenn
-auch nicht körperlich, so doch geistig, wieder nach Rußland
-zurückzukehren. Ein jeder, ein jeder muß jetzt mithelfen
-und vor allem danach trachten, auf den richtigen
-Weg zu kommen! Gar zu sehr haben sich die Begriffe
-in unserer Gesellschaft verwirrt. Ein allgemeines
-Zweifeln und Nicht-Wissen hat begonnen ... Ach, Nikolai
-Nikolajewitsch, Paris ist die langweiligste Stadt,
-und wenn es hier nicht sehr viel wirklich gar zu bemerkenswerte
-Dinge gäbe, so könnte man wahrlich
-sterben vor Langweile. Die Franzosen sind, bei Gott,
-ein Volk, von dem einem übel wird. Sie sprachen einmal
-von den selbstzufrieden-frechen und gemeinen Gesichtern,
-die auf unseren Petersburger mondänen Promenaden
-florieren. Aber ich schwöre Ihnen, die hiesigen
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-wiegen die unsrigen auf. Bei uns sind es einfach
-fleischfressende Lumpen, und zwar wissen sie das größtenteils
-selber. Hier aber ist der Kerl vollkommen überzeugt,
-daß es gerade so sein müsse. Der Franzose ist
-still, ehrlich, höflich, aber falsch und das Geld ist bei
-ihm alles. Von Idealen keine Spur. Nicht nur keine
-Überzeugungen, sogar eigenes Nachdenken dürfen Sie
-nicht verlangen. Das Niveau der allgemeinen Bildung
-ist bis zum Äußersten niedrig (ich spreche nicht von den
-staatlich angestellten Gelehrten, dieser gibt es doch
-nicht viele, und schließlich, ist denn Gelehrtheit Bildung
-in dem Sinne, wie wir dieses Wort zu verstehen
-gewöhnt sind?) ... Es gibt gewisse Dinge, die zu bemerken
-und zu verstehen eine halbe Stunde genügt,
-und die doch ganze Seiten der Nation deutlich bezeichnen,
-eben durch den Beweis, daß solche Tatsachen möglich
-sind, daß es so etwas wirklich gibt ... Und noch
-etwas, Nikolai Nikolajewitsch: Sie ahnen nicht, wie
-die Einsamkeit einem hier die Seele bedrückt. Man
-kommt in eine ganz sehnsüchtige und schwermütige
-Stimmung. Freilich, Sie sind ein einsamer Mensch
-und haben keinen Grund, mich deshalb besonders zu
-bedauern. Aber nichtsdestoweniger: man fühlt sich gewissermaßen
-losgelöst vom Erdboden und zurückgeblieben
-hinter der wichtigen, von uns verrichteten Arbeit
-und den laufenden Fragen im eigenen Vaterlande.
-Allerdings habe ich es bisher ungünstig getroffen im
-Auslande; scheußliches Wetter und zudem treibe ich
-mich immer noch in Nordeuropa umher und habe von
-den Naturwundern nur den Rhein mit seinen Ufern
-gesehen. (Nikolai Nikolajewitsch! Das ist wirklich ein
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-Wunder!) Was wird es erst weiterhin geben, wenn
-ich von den Alpen in die Täler Italiens hinabsteige.
-Ach, wenn wir’s doch zusammen könnten! Wir sehen
-uns dann Neapel an, gehen in Rom spazieren, ja vielleicht
-liebkosen wir sogar eine junge Venezianerin in
-der Gondel (– Was meinen Sie? Nikolai Nikolajewitsch?)
-Doch – ‚kein Wort, kein Wort, ich schweige
-schon‘, – wie Poprischtschin<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> in einem ähnlichen Falle
-sagt ... Leben Sie wohl. Übrigens richtiger: auf
-Wiedersehen. Es ist doch nicht möglich, daß wir uns
-hier im Auslande <em>nicht</em> treffen! Das würde ich mir
-niemals verzeihen. Ich drücke Ihnen kräftig die Hand.
-Grüßen Sie von mir alle unsere gemeinsamen Bekannten.
-Wie benimmt sich Ihr unerzogener Kater? Addio!
-</p>
-
-<p class="sign">
-Ihr Dostojewski.“
-</p>
-
-<p class="noindent">
-In meiner Antwort auf diesen Brief versprach ich,
-zur rechten Zeit in Genf einzutreffen, was ich denn
-auch tat. Um ihn dort zu finden, versuchte ich es mit
-einem bewährten Mittel: ich begab mich auf die
-Hauptpromenade, den Kai, und suchte dort die besten
-Cafés auf. Wenn ich nicht irre, traf ich ihn gleich
-im ersten. Unsere Freude war natürlich groß, zumal wir
-uns beide lange Zeit in der Umgebung von ausschließlich
-Fremden vereinsamt gefühlt hatten, und unsere
-Begrüßung war denn auch so lebhaft und unsere Freude
-so laut, daß wir die anderen Cafébesucher, die würdig
-und schweigsam an ihren Tischchen vor den Zeitungen
-saßen, belästigten. Wir beeilten uns deshalb,
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-hinauszukommen und waren von nun an selbstverständlich
-unzertrennlich. Fjodor Michailowitsch war kein
-Meister im Reisen; ihn interessierte weder die Natur
-besonders, noch historische Sehenswürdigkeiten, noch
-Kunstwerke, außer vielleicht die allergrößten. Seine
-ganze Aufmerksamkeit war auf die Menschen gerichtet:
-und nur ihre Natur, ihren Charakter suchte er zu erfassen
-und vielleicht noch so den Gesamteindruck des
-Straßenlebens. Er begann mir auch sogleich mit Eifer
-auseinanderzusetzen, daß er die übliche Manier der
-Reisenden verachte – nach dem Führer alles Berühmte
-sich anzusehen. Und tatsächlich, wir sahen uns nichts
-an, sondern spazierten nur, wo es mehr Menschen gab,
-und unterhielten uns. Genf fand er im allgemeinen
-düster und langweilig. Auf meinen Vorschlag machten
-wir an einem schönen Tage einen Ausflug nach Luzern.
-Dann wollte ich unbedingt nach Florenz, von
-welcher Stadt Apollon Grigorjeff so begeistert geschrieben
-und erzählt hatte. Wir fuhren über Turin, Genua,
-Livorno. Von Turin, der Stadt mit den geraden, ebenen
-Straßen, sagte Fjodor Michailowitsch, daß es ihn
-an Petersburg erinnere. In Florenz verbrachten wir
-eine Woche in einem bescheidenen Hotel „Pension Suisse“
-(Via Tornabuoni). Wir hatten es dort gut, denn
-das Hotel war nicht nur bequem und solid eingerichtet,
-es zeichnete sich auch noch durch gewisse patriarchalische
-Sitten aus und nicht durch jene widerlichen Ansprüche
-auf Luxus und andere Hotelunsitten, die sich in
-ihm schon ziemlich eingebürgert hatten, als ich 1875
-wieder dort einkehrte. Auch in Florenz taten wir nichts
-von alledem, was Touristen zu tun pflegen. Wir brachten
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-die Tage zu in Spaziergängen und bei der Lektüre
-von Victor Hugos Roman „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Les misérables</span>“,
-der damals erschien und den Fjodor Michailowitsch
-Teil für Teil kaufte und von denen wir drei oder
-vier in dieser Woche durchlasen. Aber ich wollte doch
-nicht die Gelegenheit versäumen, die großen Kunstschätze
-kennen zu lernen, und wollte in ruhiger, aufmerksamer
-Betrachtung versuchen, den geistigen Überschwang,
-der diese Schönheit geschaffen hatte, zu erfassen
-und nachzuempfinden. So besuchte ich denn mehreremal
-die <span class="antiqua">galleria degli Uffizii</span>. Einmal gingen
-wir auch zusammen hin. Da wir aber keinen bestimmten
-Vorsatz hatten und unvorbereitet waren, so begann
-Fjodor Michailowitsch sich alsbald zu langweilen und
-wir verließen die Galerie, ich glaube, noch bevor wir
-zur Venus von Medici gekommen waren. Dafür waren
-unsere Spaziergänge in der Stadt sehr unterhaltsam, obschon
-Fjodor Michailowitsch manchmal fand, daß der
-Arno an die Fontanka, einen Petersburger Kanal, erinnere,
-und obgleich wir kein einziges Mal in den
-Cascinen waren. Am schönsten aber waren unsere Gespräche
-abends vor dem Schlafengehen bei einem Glase
-roten Landweins. Da ich auf den Wein zu sprechen gekommen
-bin, möchte ich bemerken, daß Fjodor Michailowitsch
-in dieser Beziehung äußerst mäßig war. Ich
-erinnere mich nicht eines einzigen Falles in den ganzen
-zwanzig Jahren, wo ich an ihm auch nur die geringste
-Wirkung getrunkenen Weines bemerkt hätte.
-Eher bekundete er eine kleine Vorliebe für Süßigkeiten.
-Sonst war er im Essen sehr mäßig.
-</p>
-
-<p>
-Aus den „Winteraufzeichnungen“ werden die Leser
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-am besten ersehen, worauf seine Aufmerksamkeit im
-Auslande wie überall gerichtet war: ihn interessierten
-die Menschen, ausschließlich die Menschen mit ihrer
-Seelenart, ihrer Lebensweise, ihren Gefühlen und Gedanken.
-</p>
-
-<p>
-In Florenz trennten wir uns. Er wollte nach Rom
-reisen (wozu es jedoch nicht kam) und ich wollte noch
-auf eine Woche nach Paris.
-</p>
-
-<p>
-Im September war unsere ganze Redaktion wieder
-vollzählig in Petersburg versammelt. Apollon Grigorjeff
-war schon im Sommer aus Orenburg zurückgekehrt.
-Wir machten uns alle mit Lust an die Arbeit
-und es ging so gut, daß es eine Freude war.
-</p>
-
-<p>
-Das folgende Jahr, 1863, war eine bedeutungsvolle
-Zeit in unserer allgemeinen Entwicklung. Im Januar
-brach der polnische Aufstand aus und rief in unserer
-Gesellschaft eine große Bestürzung hervor, die
-eine schroffe Wandlung einzelner Ansichten zur Folge
-hatte. Bei der liberalen Stimmung nicht nur der Gesellschaft,
-sondern auch der regierenden Kreise, hatte
-man die polnische Frage anfangs überhaupt nicht richtig
-aufzufassen verstanden. Polen, der Selbständigkeit
-beraubt, erwies sich als Ausgangspunkt unvermeidlicher
-Erschütterungen. Nicht wenige Patrioten sagten
-schon lange, daß wir Polen, indem wir es Rußland
-einverleibten, <em>in unseren Körper</em> wie irgendeine
-schädlich wirkende Medizin aufgenommen hätten.
-Deshalb vertraten der „Tag“ und die „Moskauer
-Nachrichten“ zunächst den Standpunkt, daß die beste
-Lösung des Problems vielleicht wäre, Polen abzuschütteln
-und seinem eignen Schicksal zu überlassen. Da
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-kamen aber die Ansprüche der Polen auf das Westgebiet,
-und diese warfen einerseits ein ganz neues Problem auf,
-andererseits verwirrten sie die Mehrzahl der gebildeten
-Leute so weit, daß sie in ihrer tiefen Unkenntnis der
-Sache mit der Erfüllung dieser neuen Forderungen einverstanden
-gewesen wären. Da waren es die beiden genannten
-Moskauer Blätter, die viel zu einer richtigen
-Beurteilung der Sachlage beitrugen. In der Gesellschaft
-kam es zu einem krassen Umschwung der Anschauungen:
-der Patriotismus loderte auf, die nicht bodenständigen
-Liberalen verloren ihre Bedeutung und Alexander
-Herzen, der es sich einfallen ließ, für die Polen
-einzutreten, verlor auf immer sein Ansehen bei den
-Lesern.
-</p>
-
-<p>
-Die Petersburger Literatur hatte zu diesen Vorgängen
-von Anfang an fast ausnahmslos geschwiegen,
-vielleicht deshalb, weil sie nicht wußte, was sie sagen
-sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten <a id="corr-3"></a>Standpunkte
-aus urteilte und den Anmaßungen der Aufständischen
-sogar beistimmte. Dieses Schweigen reizte die
-Moskauer Patrioten und die patriotisch Gesinnten der
-Regierungskreise. Sie fühlten, daß in der Gesellschaft
-eine den Staatsinteressen in diesem Augenblick feindliche
-Stimmung oder Richtung vorhanden war und
-waren darüber mit Recht empört. Und diese Empörung
-wartete nur auf die erste Kundgebung der geheimen
-Stimmung, die sich vorläufig nur durch Schweigen
-ausdrückte, um sie dann als Feind im Innern niederzuschlagen.
-Und so geschah es denn auch, nur daß die
-Strafe infolge eines Mißverstehens nicht die Schuldigen
-traf, sondern die „Zeit“.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Es muß eingestanden werden, daß unsere Zeitschrift
-den Aufgaben, die zu erfüllen die Pflicht eines jeden
-Blattes, besonders eines patriotischen gewesen wäre, nur
-mangelhaft nachkam. Die „Zeit“ war in diesem Jahr
-in literarischer Hinsicht allerdings interessant, aber zur
-Polnischen Frage hatte sie sich überhaupt noch nicht
-geäußert. Ihr erster Artikel über dieses Problem war
-ein Aufsatz von mir in der Aprilnummer: „Eine verhängnisvolle
-Frage.“ Und eben dieser Aufsatz wurde
-mißverstanden und veranlaßte das Verbot der Zeitschrift.
-</p>
-
-<p>
-Selbstverständlich war weder bei den Brüdern Dostojewski
-noch bei mir auch nur eine Spur von Polonophilismus
-vorhanden. Der Sinn meines Artikels
-war der, daß wir mit den Polen nicht nur materiell,
-sondern auch geistig kämpfen müßten und die endgültige
-Lösung des Problems erst dann eintreten würde,
-wenn wir die Polen geistig besiegt hätten. Die Polnische
-Frage erfordert mehr als jede andere die Mitwirkung auch
-aller unserer inneren Kräfte, sie erinnert uns an unseren
-Unterschied von Europa und verheißt Klärung
-und Entwicklung unserer selbständigen Elemente. In
-Wirklichkeit, im Leben, übertreffen wir die Polen unendlich;
-doch diese unsere Stärke muß man zu Bewußtsein
-bringen und aus ihr klare Formen geistiger
-und kultureller Entwicklung schöpfen. Beide Dostojewskis
-waren mit meinem Artikel sehr zufrieden und stolz
-darauf, daß sie ihn brachten. Im Grunde war es eine
-Umprägung der politischen Frage in eine abstrakte
-Formel. Aber das Leben mit seinen konkreten Gefühlen
-und Taten ging so glühend vorwärts, daß es diesmal
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-die Abstraktheit nicht ertrug. Insofern war dieser
-unselige Artikel natürlich schlecht geschrieben. Nachher
-machte mir Fjodor Michailowitsch einen leisen
-Vorwurf eben wegen der trockenen Abstraktheit meiner
-Ausführungen, was mich damals ein wenig kränkte;
-doch jetzt gebe ich gern zu, daß er recht hatte. Es
-tut mir weh, an den Kummer zu denken, den ich unfreiwillig
-vielen Patrioten zufügte. Aber eine noch viel
-größere Strafe war es, daß andere wiederum mich
-für einen Polonophilen hielten und mir gegenüber
-gerade aus diesem Grunde eine besondere Hochachtung
-bezeugten. Das schmerzte mich mehr als alle verächtlichen
-Blicke, deren ich so viele zu ertragen hatte, und
-alle betonte Kühlheit sogar meiner nahen Bekannten,
-weil ich in ihren Augen ein Konservativer und Rückschrittler
-war. Dieses unklare Denken, diese kurzsichtige
-und enge Auffassung aller Fragen, diese verblüffende
-Armut an Logik und Kritik findet man in jeder
-Gesellschaft, in der unsrigen aber hat sie einen besonderen
-Einfluß. Das ist natürlich von großem Übel,
-denn es stört die Entwicklung des Denkens und somit
-auch die der Literatur. Doch um den unangenehmen
-Eindruck zu erklären, den der Ton meiner Schrift hervorrief,
-muß ich noch ein paar Worte über mich sagen.
-</p>
-
-<p>
-Grenzenloser Patriotismus – das war die Gefühlswelt,
-in der ich fern von den Hauptstädten aufgewachsen
-und erzogen worden war. Rußland erschien
-mir als ein Land von ungeheuren Kräften, mit unvergleichlichem
-Ruhm bedeckt, als erstes Land der Welt,
-so daß ich im buchstäblichen Sinn des Wortes Gott dafür
-dankte, daß ich als Russe zur Welt gekommen war.
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Deshalb konnte ich es lange Zeit überhaupt nicht fassen,
-daß es Menschen gab, die in der Beziehung anders
-fühlten und dachten, und ebenso schwer war mir, Anschauungen
-zu verstehen, die diesem meinem Gefühl
-widersprachen. Als ich mich aber schließlich überzeugte,
-daß Europa uns verachtet, daß es in uns ein
-halbbarbarisches Volk sieht und daß es für uns nicht nur
-schwierig, sondern einfach unmöglich ist, die europäischen
-Völker zu einer anderen Auffassung von uns zu
-bekehren, da war diese Entdeckung unsäglich schmerzlich
-für mich, und diesen Schmerz empfinde ich auch
-jetzt noch. Aber ich habe nie auch nur daran gedacht,
-mich von meinem Patriotismus loszusagen oder meinem
-Vaterlande und seinem Geist den Geist gleichviel
-welch eines anderen Landes vorzuziehen. Wenn es mir
-auch häufig schien, daß Rußland, wie der Dichter Tjutscheff
-sagt, „nicht mit dem Verstande zu erfassen“ sei
-und man an Rußland „nur glauben“ könne, so begann
-ich doch mit der Zeit immer besser zu erkennen, wie
-es kam, daß „der stolze Blick der andren Völker
-nicht verstehen und nicht erkennen kann, was in Rußlands
-demütiger Nacktheit glüht und voll Geheimnis
-leuchtet“. Die Verachtung der Europäer war nur der
-beständige Stachel, der sowohl meine Treue zum Geist
-meines Volkes verstärkte, wie er das Verstehn dieses
-Geistes förderte. Eben diese Treue und dieses Verstehen
-wollte ich auch in anderen erwecken, und deshalb
-hatte ich von der Anmaßung der Polen geschrieben und
-darauf hingewiesen, daß wir uns nur durch unerschütterlichen
-Glauben an uns selbst und die Erkenntnis
-des Geistes, den wir in uns tragen, über ihre Anmaßung
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-stellen können. Unser Unglück besteht vorläufig
-nur in der Schwierigkeit und Unklarheit dieser Erkenntnis.
-Doch dieses Unglück lastet nur auf denen, die
-sich vom Boden losgerissen haben. Wer aber von uns
-bestehen will, der suche diesen Geist und richte seinen
-Verstand darauf, sein Wesen zu erkennen.
-</p>
-
-<p>
-Der polnische Aristokratismus ist schon im allgemeinen,
-besonders aber in seinem Gegensatz zu dem
-angrenzenden russischen Gebiet, für jeden Russen
-etwas Widerliches; er hat auch am meisten zum
-Untergang Polens beigetragen. Er selbst hat sich durch
-die traditionelle Aneignung der europäischen Bildung
-entwickelt, auf der er auch jetzt noch beruht. Daraus
-folgt, daß es zuweilen besser ist, in der Kultur zurückzubleiben,
-dafür aber seinen eigenen Geist zu behalten
-und nicht in diesen rettungslosen Zwiespalt der Ziele
-und Gefühle zu geraten, in dem sich jetzt die Polen befinden.
-In diesem Sinne hatte ich meinen Artikel „Eine
-verhängnisvolle Frage“ genannt. Ich war bereit, unumwunden
-zu sagen, daß es für die Polen keine Rettung
-mehr gibt, daß die Geschichte sie zum Untergang
-verurteilt hat. Doch der Artikel entsprach in seiner zu
-abstrakten Form nicht den landläufigen Begriffen und
-man verstand ihn falsch. Als sich das Gerücht verbreitete,
-der „Zeit“ drohe Gefahr, wollten wir es zunächst
-nicht glauben, denn unser Gewissen war rein. Bald
-aber war es zu spät zu einer Erklärung: man hatte
-uns für schuldig befunden und erlaubte uns nicht einmal
-mehr einen Rechtfertigungsversuch. Die Zeitschrift
-wurde bedingungslos untersagt und zwar für
-immer. Ich hatte natürlich alles getan, was ich konnte
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-und wozu man mir riet, doch selbst Persönlichkeiten
-wie Katkoff<a class="fnote" href="#footnote-6" id="fnote-6">[6]</a> und Aksakoff<a class="fnote" href="#footnote-7" id="fnote-7">[7]</a> vermochten nicht das
-Geringste auszurichten.
-</p>
-
-<p>
-Unsere Lage war nicht nur ärgerlich, sie war sogar
-ziemlich schwierig. Mir drohte Ausweisung aus Petersburg,
-wir alle verloren den Abnehmer für unsere Arbeiten,
-und noch schlimmer wurden durch den Schlag
-die Redakteure getroffen, die nun alle ihre Hoffnungen
-vernichtet sahen. Dennoch kann ich nicht behaupten,
-daß wir den Kopf hängen ließen. Wir trösteten
-uns damit, daß der ganze unangenehme Zwiespalt immerhin
-eine glänzende Reklame für uns sei, zumal der
-wahre Sachverhalt in den literarischen Kreisen und
-im Publikum schon bekannt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Doch unseren neuen Hoffnungen war es nicht bestimmt,
-in Erfüllung zu gehen. Michail Michailowitsch
-erhielt nach acht Monaten allerdings die Erlaubnis,
-ein neues Blatt zu gründen, die „Epoche“, doch begann
-sie nach mehrfachen Verzögerungen unter sehr
-ungünstigen Verhältnissen zu erscheinen. Fjodor Michailowitsch
-war gegen Ende des Sommers ins Ausland
-gereist und hatte dort wieder gespielt, aber diesmal
-verloren. Kennen gelernt hatte er das Roulette
-schon auf der ersten Reise und dabei über 1000 Francs
-gewonnen. Im Spiel sah er übrigens für sich nichts
-Schlimmes, da er sich sagte, als Schriftsteller müsse
-er auch diese Leidenschaft und die Sitten der Spielorte
-kennen lernen. Soweit ich mich erinnere, hatte er
-genügend Geld zur Reise mitgenommen, doch infolge
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-der Spielverluste erhielt ich Ende September einen
-Brief von ihm, in dem er mich dringend bat, zum
-Verleger Boborykin zu gehen und für einen noch ungeschriebenen
-Roman dreihundert Rubel als Vorschuß
-zu erbitten. „Mag Boborykin erfahren,“ schrieb er,
-„wie es der ‚Zeitgenosse‘ und die ‚Vaterländischen
-Annalen‘ erfahren haben, daß ich, abgesehen von meinem
-ersten Roman ‚Arme Leute‘, in meinem Leben noch
-niemals etwas geschrieben habe, ohne das Honorar
-im voraus fordern zu müssen. Ich bin als Literat ein
-Proletarier und wenn jemand meine Arbeit wünscht,
-so muß er mir vorher meinen Lebensunterhalt sichern.
-Diese Methode verwünsche ich selbst. Aber es ist einmal
-so und wird sich wahrscheinlich nie ändern ...“
-Aus dem Auslande kehrte er im Spätherbst zurück. Als
-jedoch die „Epoche“ zu erscheinen begann, war er in
-Moskau, wo seine Frau im Sterben lag, und, selber
-krank, konnte er nichts schreiben. Mein Leitartikel „Der
-Umschwung“ wurde von der Zensur gestrichen, da sie
-mich für sehr gefährlich hielt, obgleich ich nur den
-einen Wunsch hatte, meine patriotische Gesinnung zu
-beweisen. Die anderen Mitarbeiter hielten nicht mehr
-so zusammen wie früher. Doch vor allem hatte sich das
-Verhalten des Publikums zur Literatur geändert. Es hatte
-sich im Jahre 1863 allerdings ein mächtiger „Umschwung“
-der Meinungen vollzogen. Das gutgläubige Publikum
-hatte zum erstenmal wahrgenommen, wohin die gewisse
-Literaturpartei es führte, und wandte sich nicht
-nur von ihr, sondern von der Literatur überhaupt ab.
-Ganz Russland wurde von Patriotismus erfaßt, und
-da die Literatur nicht sehr patriotisch war, so verlor
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-man den Geschmack an ihr. Unter solchen Umständen
-hätte es von seiten des Redakteurs einer besonderen
-Energie bedurft, um die Sache durchzuführen, diese
-aber fehlte Michail Michailowitsch. Auch Fjodor Michailowitsch
-konnte nach dem Tode des Bruders trotz
-aller Energie den Fall der Zeitschrift nicht abwenden.
-Als die „Epoche“ mit dem Februarheft 1865 zu Ende
-ging, war außer den Einnahmen auch noch das Kapital
-verloren, das eine reiche Moskauer Verwandte
-den beiden Brüdern vermacht und auf deren Bitte im
-voraus ausgezahlt hatte (jedem zehntausend Rubel),
-und überdies lastete auf Fjodor Michailowitsch noch
-eine Schuld von fünfzehntausend Rubeln. Wenn wir
-jedoch in Erwägung ziehen, daß nach dem Abbruch der
-journalistischen Tätigkeit schon im nächsten Jahre
-(1866) der Roman „Rodion Raskolnikoff“, 1868 der
-„Idiot“, 1870 die „Dämonen“ erschienen, so muß man
-den Bankerott der „Epoche“ für ein Glück ansehen,
-denn hätte die Zeitschrift weiterbestanden, so wäre Fjodor
-Michailowitschs Arbeitskraft von ihr absorbiert
-worden.
-</p>
-
-<p>
-Im Juli 1865 trat Fjodor Michailowitsch wieder
-eine Auslandsreise an, von der er im November nach
-Petersburg zurückkehrte, wo er das ganze nächste Jahr
-blieb. Diese beiden Jahre waren für ihn eine sehr
-schwere Zeit. Krank, einsam, von Gläubigern bedrängt,
-hatte er noch für die zahlreiche Familie des verstorbenen
-Bruders zu sorgen. Man kann nicht umhin, die
-Energie zu bewundern, mit der er alles überwindet
-und in derselben Zeit noch sein erstes großes Werk „Rodion
-Raskolnikoff“ schreibt. Im Oktober 1866 begann
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-er den kleinen Roman „Der Spieler“ niederzuschreiben,
-doch als er sah, daß er zum Termin nicht fertig
-werden konnte, erkundigte er sich bei einem Lehrer der
-Stenographie nach einer Stenographin. Der Lehrer
-empfahl ihm seine beste Schülerin, Anna Grigorjewna
-Ssnitkina, ein junges Mädchen, das kurz vorher das
-Mariengymnasium beendet und in demselben Jahre
-seinen Vater verloren hatte. Sie war mit Freuden bereit,
-der Aufforderung Dostojewskis, des von ihrem
-Vater bevorzugten Schriftstellers, nachzukommen, um so
-mehr, als er auch von ihr wie von ihrer ganzen Verwandtschaft
-mit Spannung gelesen wurde. Dieses
-junge Mädchen sollte später seine Frau werden. Auch
-in der Ehe half ihm Anna Grigorjewna beständig bei
-der Arbeit. Er diktierte ihr nach seinen Entwürfen,
-die er ins unreine mit vielen Korrekturen, Einschaltungen
-usw. niedergeschrieben hatte, worauf sie ihre
-stenographische Niederschrift umschrieb. Ihre Trauung
-fand am 15. Februar 1867 statt. Der Ehe entsprossen
-vier Kinder: Ssofja, geb. am 28. Februar
-1868 in Genf und gest. am 12. Mai; Ljubow, geb.
-am 14. September 1869 in Dresden; Fjodor, geb.
-am 16. Juli 1871 in Petersburg; und Alexei, der am
-12. August 1875 in Staraja Russa zur Welt kam und
-am 16. Mai 1878 in Petersburg starb.
-</p>
-
-<p>
-Im zweiten Monat nach der Hochzeit reisten sie
-ins Ausland, wo sie viel länger verblieben, als sie beabsichtigt
-hatten und wünschten. Von Berlin fuhren
-sie nach Dresden, wo sie sich zwei Monate aufhielten,
-von dort nach Baden-Baden, wo Fjodor Michailowitsch
-wieder spielte, zuerst gewann, später aber alles
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-verlor, so daß er nur dank dem von Katkoff nachgeschickten
-Vorschuß Baden-Baden verlassen konnte. In
-Genf trafen sie mit nur dreißig Franken ein. Dort
-verlebten sie den Winter 1867–68, in welcher Zeit
-Fjodor Michailowitsch den „Idiot“ schrieb. Sie führten
-ein einsames, einförmiges Leben, hatten keine Bekannten,
-außer einem Landsmann, der sie zuweilen besuchte
-und ihnen manchmal aus der größten Verlegenheit
-half, indem er ihnen fünf oder zehn Franken
-lieh. Die Geburt des ersten Töchterchens war eine große
-Freude. Fjodor Michailowitsch lebte förmlich auf und
-verbrachte jeden freien Augenblick am Kinderwagen und
-freute sich über jede Bewegung der Kleinen. Ihren Tod
-hat er nie verschmerzen können. Den Sommer 1868
-verbrachten sie in Vevey am Genfer See. Im September
-reisten sie nach Italien; zwei Monate verlebten
-sie in Mailand, darauf den Winter 1868/69 in
-Florenz, wo er den „Idiot“ beendete. Das Leben in
-Florenz verlief für sie ebenso eintönig wie in der
-Schweiz, doch konnten sie hier wenigstens die Gemäldegalerien
-besuchen, was besonders Anna Grigorjewna
-sehr oft tat. Zu den Kunstwerken, die Fjodor
-Michailowitsch am meisten gefielen, gehörte der Turm
-des Florentiner Domes von Giotto und die Türen
-des Battistero von Lorenzo Ghiberti. Zu den Italienern
-verhielt er sich übrigens immer mit großer
-Sympathie, fand sie schlicht und gutmütig –
-die Menschen aus dem einfachen Volk erinnerten ihn
-an russische Bauern. Zuweilen besuchten Dostojewskis
-auch das Theater, doch das geschah immerhin sehr selten,
-da bei ihnen ständig Geldmangel herrschte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-Im Juli 1869 kehrten sie über Venedig, Triest,
-Wien und Prag nach Dresden zurück. In den letzten
-Monaten des Jahres 1869 schrieb er die Novelle
-„Der Gatte“ und das ganze folgende Jahr die „Dämonen“.
-In Dresden, wo ihnen wieder ein Töchterchen
-geboren wurde, mußten sie fast volle zwei Jahre
-bleiben, was Fjodor Michailowitsch sehr schwer fiel,
-da ihn beständig Heimweh und der Gedanke quälte,
-daß er Rußland fremd werde, Rußland nicht mehr
-kenne. Die Rückkehr war ihnen jedoch unmöglich, da
-sie dazu einer größeren Summe bedurften. Das Geld
-aber, das sie erhielten, reichte trotz ihres bescheidenen
-Lebens nicht aus: einen bedeutenden Teil desselben
-verbrauchte der Unterhalt der Witwe des Bruders
-und seines Stiefsohnes aus erster Ehe, und außerdem
-mußten noch Prozente für die bei der Abreise
-versetzten Sachen bezahlt werden; trotzdem verfielen
-sie zu guter Letzt. Schließlich wurde ihnen der Aufenthalt
-im Auslande doch zu unerträglich, und sie beschlossen,
-alle schweren Folgen auf sich zu nehmen
-– es galt, noch die Schulden zu bezahlen –
-und am 8. Juli 1871 trafen sie in Petersburg ein.
-</p>
-
-<p>
-Das letzte Jahrzehnt seines Lebens brachte Fjodor
-Michailowitsch in Petersburg zu, abgesehen von
-kürzeren Reisen nach Ems zu Kurzwecken und dem
-Sommeraufenthalt in Staraja Russa, wo sie seit 1872
-nicht nur jeden Sommer, sondern auch den einen
-Winter verlebten, als Fjodor Michailowitsch seinen
-vierten großen Roman schrieb (1874/75). Im Frühling
-des Jahres 1876 kauften sie sich in Staraja Russa
-(im Gouvernement Novgorod, südlich vom Ilmen-See)
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-ein Haus mit einem großen alten Garten. Im
-Juni des Jahres 1879 machte er mit Wladimir Ssolowjoff<a class="fnote" href="#footnote-8" id="fnote-8">[8]</a>
-eine Reise nach einem Kloster in der Nähe
-von Koselsk (im Gouvernement Kaluga), der Koselskaja
-Optina, wo er sich fast eine Woche aufhielt. Die
-Eindrücke dieser Reise sind in den „Brüdern Karamasoff“
-wiedergegeben. So sehen wir denn, daß das
-Leben Fjodor Michailowitschs zu guter Letzt in vollkommen
-geregelten Verhältnissen verlief und aus einem
-mehr oder weniger unsteten ein seßhaftes wurde. Diese
-Besserung der Verhältnisse, die ihm eine gesündere
-Lebensweise und Freiheit in der Wahl seines Aufenthaltsortes
-gestattete, war hauptsächlich darauf zurückzuführen,
-daß Anna Grigorjewna es auf sich nahm,
-im Selbstverlage Neuausgaben seiner früheren Werke
-zu machen, was sie im Jahre 1873 mit den „Dämonen“
-begann. Fjodor Michailowitsch war nicht nur
-auf den geistigen Erfolg seines Schaffens aufrichtig
-stolz, er war auch stolz auf den materiellen Erfolg und
-freute sich, daß er seine Schulden bezahlen konnte und
-sich nicht mehr mit dem Gedanken zu quälen brauchte,
-daß seine Familie einst in Armut zurückbleiben werde.
-1878 wandte er sich zum letztenmal mit der Bitte um
-Vorschuß an die Redaktion des „Russischen Boten“,
-die ihren Mitarbeiter so lange und bereitwillig mit
-großen und kleinen Vorschüssen unterstützt hatte. Später
-hatte er es nicht mehr nötig und konnte sogar ein
-kleines Kapital beiseite legen. Die Redaktion der
-„Vaterländischen Annalen“, in denen seine zwei letzten
-Romane erschienen, zahlte allein für den ersten
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-Abdruck der „Jugend“ 250 Rubel pro Druckbogen,
-für den Abdruck der „Brüder Karamasoff“ 300 Rubel
-pro Druckbogen.
-</p>
-
-<p>
-Im letzten Jahrzehnt seines Lebens trat er als
-Publizist nur in den Jahren 1873 und 1876/77 hervor.
-Die Redaktion des „Bürgers“ war ihm vom
-Fürsten W. Meschtscherski angeboten worden. Er
-erhielt für seine Tätigkeit 250 Rubel monatlich,
-außer dem Honorar für seine Artikel. Fürst
-Meschtscherski war ihm überaus zugetan und ließ sich
-gern von ihm beeinflussen. Wer diesen Jahrgang des
-„Bürger“ liest, wird sich alsbald überzeugen, wieviel
-Arbeit und Sorgfalt vom Redakteur auf ihn verwandt
-worden ist. Leider ist es mir nicht bekannt, aus welchen
-Gründen und Erwägungen Fjodor Michailowitsch
-die Redaktion später niederlegte.
-</p>
-
-<p>
-„Das Tagebuch eines Schriftstellers“ erschien seit
-1876. Es hatte einen Riesenerfolg und war tatsächlich
-ein glücklicher Gedanke, da es dem Bedürfnis und
-der Schreibweise Fjodor Michailowitschs durchaus
-entsprach. Jede Nummer enthielt eigentlich nur eine
-Reihe von Feuilletons, wenn man sich so ausdrücken
-kann, in denen er über die verschiedensten Tagesfragen,
-vornehmlich jedoch über politische, soziale und literarische
-Fragen schrieb. Ja man kann sagen, daß
-er in seinem „Tagebuch“ gewissermaßen seine eigene
-Biographie dieser Zeit geschrieben hat, denn er hat
-in ihm alles zur Sprache gebracht und erklärt, was
-ihn in jedem der zwölf Monate dieser Jahre beschäftigt,
-was er gedacht und gefühlt hat. Und nirgends, scheint
-es mir, drückt sich seine Energie und sein Mut so
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-deutlich aus wie in diesem „Tagebuch“. Besonders
-setzte die Richtung dieser Zeitschrift die Leser in Erstaunen
-und riß sie schließlich mit. Diese Richtung
-widersprach aufs schärfste den Meinungen und Neigungen
-des Petersburger Publikums und war ein offensichtlicher
-Protest gegen die herrschende geistige
-Strömung. Es läßt sich denken, wie sehr sich alle diejenigen
-freuten, die mit den herrschenden Anschauungen
-unzufrieden waren und nirgends einen Protest
-oder die Vertretung der von ihnen geliebten Ideen
-fanden. Solcher gibt es viele bei uns, doch gehören sie
-nicht zu denen, die sich mit der Literatur befassen.
-</p>
-
-<p>
-In den Jahren 1878, 79 und 80 unterließ Dostojewski
-aus Rücksicht auf seine Gesundheit und die
-Arbeit an seinem letzten Werk die Fortführung des
-„Tagebuchs“, obgleich zuletzt von jeder Nummer sechstausend
-Exemplare gedruckt worden waren und einzelne
-Nummern noch eine zweite und dritte Auflage
-erforderten.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-5">
-<span class="firstline">Die Puschkinfeier</span><br />
-(vom 6. bis 8. Juni 1880)
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Als Zeuge des Sieges, den Fjodor Michailowitsch
-auf der Puschkinfeier in Moskau davontrug, will ich
-versuchen, den ganzen Vorgang, an dem ich leidenschaftlichen
-Anteil nahm, so gut ich kann, wiederzugeben. Da
-ich nur Zuschauer war, konnte ich das innere Drama,
-das sich während dieser Feier abspielte und dessen Hauptrolle
-Fjodor Michailowitsch zufiel, um so besser erkennen.
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-Er war aus Staraja Russa, wo er den Sommer
-mit seiner Familie verbrachte, als einer der offiziellen
-Vertreter des slawischen Wohltätigkeitsvereins kurz
-vor der Hauptfeier, also bereits vor mir, in Moskau
-eingetroffen und hatte, wie ich später erfuhr, schon
-an einem Bankett teilgenommen, das von seinen Verehrern
-ihm zu Ehren gegeben worden war.
-</p>
-
-<p>
-Als ich mich zur Feier aufmachte, erwartete ich,
-offen gestanden, nichts Gutes. Ich fürchtete viel
-Lärm, viel leeren Enthusiasmus, und es war sehr möglich,
-daß sich dabei nichts von Bedeutung ereignen würde.
-Zum Glück hatte ich mich diesmal getäuscht. Die Rede Dostojewskis
-gab der Feier einen Inhalt, der nach dem
-vergänglichen Feuerwerk des ganzen Festes wie ein
-harter glänzender Kristall bestehen blieb.
-</p>
-
-<p>
-Nach der Enthüllung des Puschkindenkmals am
-6. Juni, den Festlichkeiten der Moskauer Duma und
-der Universität, begann am 7. Juni im Adelssaal der
-literarische Teil der Puschkinfeier mit einer öffentlichen
-Versammlung der „Gesellschaft der Liebhaber
-russischer Literatur“. An diesem Tage sollten Turgenjeff
-und nach ihm Aksakoff ihre Reden halten, also
-zwei Vertreter der entgegengesetzten Richtungen. Doch
-da sich die Eröffnung mit allen Ansprachen usw. sehr
-lange hinzog, so konnte nur Turgenjeff noch zu Wort
-kommen. Seine Rede wurde selbstverständlich mit großem
-Beifall aufgenommen. Unter den Literaten aber
-entspann sich nachher ein lebhafter Streit über den
-Inhalt dieser Rede, und man äußerte den Wunsch, sie
-zu widerlegen oder wenigstens zu ergänzen. Anders
-war es auch nicht zu erwarten von einer „Gesellschaft“,
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-zu der so viele Slawophile gehörten. Besonders war es
-aufgefallen, auf welche Stufe Turgenjeff Puschkin stellte.
-Er erkannte ihn zwar als volklichen, d. h. als selbständigen
-Dichter an, doch stellte er darauf noch die
-Frage: war Puschkin deshalb ein nationaler Dichter?
-Denn national könne man nach der Meinung des Redners
-nur den großen und universalen Dichter nennen.
-Erst wenn ein Dichter den Geist seines Volkes
-vollkommen ausdrückt, erst dann ist er der „große“
-und zugleich der universale Dichter, der der Schatzkammer
-der Menschheit einen Beitrag zuträgt. Die
-Antwort aber auf diese Frage verweigerte der Redner.
-„Ich behaupte nicht,“ sagte er, „daß Puschkin
-diese Bedeutung zukomme, aber ich wage auch nicht,
-sie ihm abzusprechen.“
-</p>
-
-<p>
-Das alles und noch manches andere erregte große
-Unzufriedenheit. In der Gruppe der aktiven Teilnehmer
-an der Feier hinterließ die Rede ein Gefühl des
-Unbefriedigtseins und der Unklarheit. Man zerpflückte
-kritisch die Worte Turgenjeffs und einige Literaten,
-die am nächsten Tage zu reden hatten, wollten sich zu
-seiner Stellungnahme äußern und Puschkin gewissermaßen
-verteidigen. Aber das, was am nächsten Tage,
-am 8. Juni zur Verteidigung Puschkins geschah, überstieg
-doch alle Erwartungen und Absichten. Zuerst
-sollte Aksakoff seine Rede halten, dann Dostojewski,
-doch weiß ich nicht, aus welchem Grunde beschlossen
-wurde, daß Dostojewski beginnen sollte. Zwar las er
-seine Rede vor, aber das war kein Lesen; das waren
-Worte, die unmittelbar aus dem Herzen kamen und
-jedes Herz ergriffen. Der ganze Enthusiasmus und
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-die ganze Natürlichkeit, die dem Stil Dostojewskis
-eigen sind, kamen durch seinen meisterhaften Vortrag
-noch mehr zur Geltung. Ich spreche noch nicht einmal
-vom Inhalt der Rede, obgleich er es war, der die Kraft
-des Vortrags ausmachte. Ist es mir doch, als hörte
-ich in diesem Augenblick wie über der atemlosen Stille
-der ganzen großen Versammlung seine Stimme sich
-erhob: „Demütige dich, stolzer Mensch, arbeite, müßiger
-Mensch!“
-</p>
-
-<p>
-Schon nach den ersten Worten, mit denen Dostojewski
-begann, horchte alles auf und verstummte. Man
-hörte zu, als sei vorher nichts von Puschkin gesagt
-worden, – bis die Spannung sich im ersten Beifallssturm
-löste. Dann aber war im Publikum jede Zurückhaltung
-vergessen und schrankenlos gab es sich seiner
-Begeisterung hin. Sah man doch einen Menschen
-vor sich, der selbst ganz erfüllt war von Begeisterung,
-und von diesem Menschen vernahm man eine Deutung,
-die diese Begeisterung wahrlich auch verdiente.
-</p>
-
-<p>
-Von dem Sturm, der sich nach dem Schluß der
-Rede im Saal erhob, kann sich wohl kaum jemand,
-der ihn nicht selbst erlebt hat, eine Vorstellung machen.
-Man erstürmte förmlich die Estrade; ein Jüngling,
-der sich bis zu Dostojewskis durchgedrängt hatte, fiel
-in Ohnmacht. Dostojewski wurde umarmt, geküßt. Ich
-erinnere mich nicht mehr aller Ausrufe der Begeisterten.
-Aksakoff wandte sich mit den Worten an ihn:
-„Turgenjeff und ich, er als Vertreter der Westler und
-ich als Vertreter der Slawophilen, wir sind Ihnen
-beide unsere volle Zustimmung und unseren tiefsten
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Dank schuldig!“ Und Annenkoff<a class="fnote" href="#footnote-9" id="fnote-9">[9]</a> kam auf mich zu und
-sagte ganz begeistert: „Was doch eine wirklich geniale
-Charakteristik bedeutet! – sie hat mit einem Schlage
-die ganze Sache entschieden!“
-</p>
-
-<p>
-Als Aksakoff, der alte Liebling der Moskowiter,
-später seine Rede halten sollte und das Publikum mit
-lebhaftem Applaus sein Erscheinen auf der Estrade begrüßte,
-sagte er nur kurz, daß er nach der Rede Dostojewskis
-nichts mehr zu sagen habe, denn alles, was
-er zu sagen beabsichtigt und niedergeschrieben, sei nur
-eine schwache Variation bloß einiger Themen dieser
-„<em>genialen Rede</em>“. Diese Worte riefen wieder
-stürmischen Applaus hervor. „Ich betrachte“, fuhr
-Aksakoff fort, „die Rede Dostojewskis als ein <em>Ereignis</em>
-in unserer Literatur. Gestern konnte man
-noch darüber streiten, ob sie es sei oder nicht; heute ist
-diese Frage bereits abgetan. Wir kennen jetzt die wahre
-Bedeutung Puschkins und somit ist alles weitere Reden
-überflüssig.“ Mit diesen Worten verließ Aksakoff
-die Rednerbühne. Und wieder wollten die Ovationen
-der Begeisterten kein Ende nehmen, doch diesmal galt
-der Beifall auch der Handlungsweise Aksakoffs wie
-seinem Urteil über die Rede Dostojewskis.
-</p>
-
-<p>
-So feierte man in Dostojewski den Helden dieses
-Tages, der der ganzen Feier Inhalt und Farbe gegeben,
-der alle Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern
-sogar weit übertroffen hatte, und man war ihm dankbar
-für die Befreiung von der zuletzt qualvollen Spannung.
-Das Publikum verlor ihn von nun an nicht
-mehr aus den Augen und überschüttete ihn bei jeder
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-Gelegenheit mit den lautesten Beifallsbezeugungen.
-Dasselbe geschah schon am Abend dieses Tages, an
-dem die dreitägige Puschkinfeier mit einer literarisch-musikalischen
-Ausführung ihren Abschluß fand und
-Dostojewski auf allgemeines Bitten hin Puschkins Gedicht
-„Der Prophet“ zweimal mit bewunderungswürdiger
-Meisterschaft vortrug.
-</p>
-
-<p>
-So endete diese herrliche Feier. Der letzte Applaus
-war verstummt, und müde und befriedigt löste
-sich die Versammlung auf. Der Eindruck, den ich davontrug,
-war nicht allein stark, er war mir auch vollkommen
-klar. Ich gedachte jener literarischen Bewegung,
-in der ich einst mit solchem Interesse mitgewirkt
-hatte, unseres ganzen Literatenkreises, der zuerst (1859)
-für das „Russische Wort“ geschrieben hatte, dann für
-die „Zeit“, die „Epoche“, die „Morgenröte“, den
-„Bürger“ ... Das waren Gruppen von Menschen,
-die der Literatur immer eine große Bedeutung
-beigemessen hatten und ihr am treuesten dienten.
-In Puschkin sahen sie <em>ihren</em> Dichter, wie denn auch
-niemand besser über Puschkin geschrieben hat als Apollon
-Grigorjeff. Ihnen hatte sich Dostojewski angeschlossen,
-war für einige von ihnen der Führer
-geworden und hatte ihrer Richtung den Namen gegeben,
-indem er sie die Richtung der „<em>Bodenständigen</em>“
-nannte. Und diese Richtung war es, die hier
-gesiegt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Zugleich hatte Dostojewski uns in zweierlei Hinsicht
-ein großes Beispiel gegeben: das Beispiel eines
-echten Konservativen und ein Beispiel, wie wir uns
-zu allem uns National-Feindlichen zu verhalten haben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Konservatismus und Patriotismus hält man oft
-für geistige Beschränktheit, für Dummheit und
-Stumpfheit, was sie freilich auch oft genug sind, da
-sie von einer Menge Menschen geteilt werden, der
-Verstand der Menschen aber im allgemeinen schwach
-und begrenzt ist. Doch das berührt noch nicht die Sache
-selbst. Was kann im Grunde natürlicher und richtiger
-sein, als die Liebe zu unserer Umgebung und
-der Wunsch, das zu erhalten, was wir lieben? Und
-selbst lieben lernen wir doch von Menschen, die uns
-nahestehen, und lernen verstehen auf Grund des geistigen
-Inhalts, der uns zuerst gegeben wird. Ein feinfühliges
-Herz und ein feiner Geist entdecken allmählich
-die positive Seite des sie umgebenden Lebens und
-eignen sie sich an, ebenso wie seine Geistesart
-und Schönheit, die den Hauptnerv jedes Menschendaseins
-ausmachen und ohne die das Leben
-unmöglich ist. Was aber von einem Menschen einmal
-liebgewonnen, einmal begriffen ist, wird eine tiefe Natur
-ganz gewiß nicht mehr vergessen, das kann sie nicht
-mehr wie etwas Überflüssiges und Gleichgültiges fortwerfen.
-So kann der einfachste und gewöhnlichste Vorgang
-in begabten Menschen die größte Bedeutung erlangen.
-Menschen, die für den Konservatismus wenig
-Sinn haben, die mit Leichtigkeit die Gefühle und Gedanken,
-die einst in ihnen gelebt, abschütteln können,
-beweisen damit doch zweifellos nur ihre geringe Feinfühligkeit,
-die Schwäche ihres Herzensgedächtnisses. Sie
-lassen sich gewöhnlich von ihrer Energie fortreißen, und
-darin liegt ihre Rechtfertigung; doch das Schädliche
-des Nichtverstehens, der Verachtung, der Vergewaltigung
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-drängt sich unvermeidlich in ihre Tätigkeit und
-entstellt oft eine Tat, die für den edelsten Zweck ausgeführt
-wird.
-</p>
-
-<p>
-Dostojewski war von Natur konservativ. In ihm
-vollzog sich mächtig, doch schnell der Prozeß, der fast
-unterschiedslos die Entwicklung aller bedeutenden russischen
-Schriftsteller charakterisiert. Zuerst begeistern
-sie sich für abstrakte Gedanken, für Ideale, die sie vom
-Westen übernehmen, dann kommt es zum inneren
-Kampf und zur Enttäuschung, bis schließlich die zeitweilig
-unterdrückten Gefühle, die Liebe zu dem Heiligtum,
-das Rußlands Leben und Stärke ausmacht,
-erwachen. Auch Dostojewski gab es auf, nach höheren,
-führenden Ideen im Westen zu suchen, doch bewahrte
-er trotzdem Liebe und Verehrung für das europäische
-Geistesleben. Anderseits vermochte gerade er in der Ausbreitung
-des extremen Westlertums, das sich Nihilismus
-nennt, die Wurzel dieser entarteten Bestrebungen
-zu entdecken, und er verstand und bedauerte
-auch diese verirrten Seelen. Sein Blick, der nicht
-nur alle Gegensätze, sondern auch die Möglichkeit eines
-Ausgleichs der Gegensätze sah, diese feine und tiefe
-Sympathie, mit der er die beiden Pole unseres geistigen
-Lebens umfaßte und sie zu einem höheren Lebensprinzip
-und durch die Tat zu vereinigen suchte – das
-war der charakteristische Zug Dostojewskis. Seine
-Feindschaft gegen etwas bedeutete bei ihm nie eine
-bedingungslose Verneinung des Feindlichen.
-</p>
-
-<p>
-Und gerade diese seine Fähigkeit des versöhnenden
-Verstehens und Mitempfindens war es, die in seiner
-Rede zur Puschkinfeier zum Ausdruck kam und die Bestrebungen
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-der Westler und der Slawophilen als auf
-ein und dasselbe höhere Ziel gerichtet zu deuten verstand.
-Da war es kein Wunder, daß Begeisterung die
-alten Gegner erfaßte und sie sich in diesem Augenblick
-versöhnt die Hände reichten.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Nach der Puschkinfeier, die ihm den größten und
-schönsten seiner literarischen Erfolge verschaffte, blieb
-ihm nicht mehr viel Zeit zum Leben – kaum acht Monate.
-Doch gerade diese letzte Zeit verbrachte er in der
-größten Tätigkeit. Außer der Erläuterung und Verteidigung
-seiner Moskauer Rede schrieb er in dieser
-zweiten Hälfte des Jahres 1880 den Schluß der
-„Brüder Karamasoff“, und noch bevor dieser im „Russischen
-Boten“ veröffentlicht war, lasen wir bereits
-die Anzeige, daß im nächsten Jahr das „Tagebuch“
-wieder in jedem Monat erscheinen werde. Der Druck
-der Januarnummer war fast schon beendet, als der
-Tod seiner fieberhaften Tätigkeit ein Ende setzte.
-</p>
-
-<p>
-Für diejenigen, die ihn näher kannten, kam sein
-Tod eigentlich nicht überraschend. Er lebte augenscheinlich
-nur noch von den Nerven, denn sein Körper hatte
-schon einen solchen Grad von Abgezehrtheit erreicht,
-daß ihn der erste, geringste Stoß zerbrechen konnte.
-Am erstaunlichsten war dabei seine Unermüdlichkeit in
-der geistigen Arbeit, obgleich ihm das Arbeiten, wie
-er mir selbst einmal sagte, schwer fiel und er zum
-Schreiben eines Druckbogens zweimal oder dreimal
-mehr Zeit brauchte als früher. Außerdem wurde er in
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-den letzten Jahren, besonders seit der Herausgabe des
-„Tagebuchs“, mit Briefen überschüttet und von Besuchern
-zu Tode erschöpft. Aus allen Ecken und Enden
-von Petersburg kam man zu ihm, oft mit Bitten um
-Unterstützung, da er Armen stets half und für fremdes
-Unglück immer Teilnahme hatte. Doch ebensooft
-kam man zu ihm mit Gewissensfragen, oder um seine
-Ansichten zu widerlegen, oder um ihm Verehrung zu
-bezeugen. Von derselben Art waren auch die Briefe,
-die er aus allen Gegenden Rußlands erhielt. Seine
-Popularität freute ihn. Er sah darin Beweise, daß
-seine Worte nicht ungehört verklangen. Das freute
-ihn sehr, denn er hielt es für seine Pflicht, Menschen
-zu ermutigen und zum Guten zu lenken. Besonders
-aufmerksam verhielt er sich zur Jugend, zu Studenten
-und Studentinnen. War doch der „bekehrte Nihilist“
-sein Thema, das er liebte, und nicht nur in „Rodion
-Raskolnikoff“ hat er es ausgearbeitet, wir finden es
-auch in allen seinen folgenden Werken wieder. Deshalb
-ist es verständlich, daß die Jugend sich so zu ihm
-hingezogen fühlte.
-</p>
-
-<p>
-Er war sehr streng gegen sich selbst und von nahezu
-übertriebener Gewissenhaftigkeit. Er erlaubte sich nicht
-nur keine häßliche oder böse Handlung, sondern
-verzieh sich nicht einmal eine häßliche oder böse Empfindung.
-Man kann sagen, daß er sich in seinem Leben
-wie in der Arbeit beständig selbst erzog, nur die
-besten Gefühle in sich entwickelte und in seinen Handlungen
-nicht nur tadellos und uneigennützig war, sondern
-sogar bis zur Selbstverleugnung ging. Obgleich
-er von seiner Begabung eine sehr hohe Meinung hatte
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-– und wohl mit Recht –, so hat er sich doch nie abseits
-von der ganzen großen Menge der Schreibenden
-gestellt, nie hochmütig auf die Tagesliteratur herabgesehen.
-Dieses Fehlen selbst des geringsten <em>literarischen
-Aristokratismus</em> war sogar rührend.
-Er wußte, daß er, wenn er in die Öffentlichkeit
-trat, wie es jeder Schriftsteller tut, damit auf den
-Markt, auf die Straße hinaustrat, doch es fiel ihm nicht
-ein, sich seines Handwerks oder seiner Handwerksgenossen
-zu schämen, denn er wußte nur zu gut, daß das,
-was er auf den Markt hinaustrug und den Lesern anbot,
-unermeßlich höher war als Geld und Geldeswert.
-Er war stolz auf sein Handwerk, es war für ihn etwas
-Großes, Heiliges – und diese Auffassung kann
-uns vieles in seinem Verhalten erklären. Denn er
-wußte, was er tat, wenn er seine Seele auf die Straße
-trug.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-6">
-<span class="firstline">Sein Tod</span>
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-In den letzten neun Jahren seines Lebens litt Fjodor
-Michailowitsch an einem Emphysem, das er sich
-durch eine Erkältung zugezogen hatte. Der tödliche Ausgang
-dieser Krankheit trat durch das Zerreißen einer
-Lungenarterie ein. Es begann in der Nacht vom 25. auf
-den 26. Januar mit einem Nasenbluten, dem er weiter
-keine Beachtung schenkte. Am 26. fühlte er sich
-offenbar ganz wohl, bis um vier Uhr nachmittags
-plötzlich ein Blutsturz erfolgte und anderthalb Stunden
-darauf ein zweiter, wobei der Kranke das Bewußtsein
-verlor. Als er wieder zu sich kam, äußerte
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-er sofort den Wunsch, zu beichten und das Abendmahl
-zu nehmen. In Erwartung des Priesters nahm er Abschied
-von seiner Frau und seinen Kindern und segnete
-sie. Nach dem Abendmahl fühlte er sich vollkommen
-wohl. Am 28. Januar hatte er um zwölf Uhr
-mittags wieder einen Blutsturz, worauf seine Kräfte
-schnell abnahmen.
-</p>
-
-<p>
-In entscheidenden Augenblicken seines Lebens
-pflegte Fjodor Michailowitsch die Bibel, die er in
-seiner Sträflingszeit bei sich gehabt, aufs Geratewohl
-aufzuschlagen und die ersten Zeilen der aufgeschlagenen
-Seite zu lesen. So tat er es auch jetzt: er schlug
-die Bibel auf und bat seine Frau, ihm die aufgeschlagene
-Stelle vorzulesen. Es war das der vierzehnte Vers
-aus dem dritten Kapitel Matthäi: „Johannes wehrete
-ihm und sprach: Ich bedarf wohl, daß ich von
-dir getauft werde; und du kommst zu mir? Jesus aber
-antwortete und sprach zu ihm: Halte mich nicht auf;
-also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“
-Als er diese Worte hörte, sagte er zu seiner Frau:
-</p>
-
-<p>
-„Hörst du? – ‚halte mich nicht auf‘ – also werde
-ich sterben.“ Und er schloß das Buch.
-</p>
-
-<p>
-Sein Vorgefühl sollte recht behalten. Er verschied
-am 29. Januar um acht Uhr achtunddreißig Minuten
-abends.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-7">
-<span class="firstline">Die Beerdigung</span>
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die Beerdigung Dostojewskis wurde zum Anlaß
-einer Kundgebung, die alle in Erstaunen setzte. Einen
-solchen Andrang von Menschen, so zahllose Beweise
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-von Trauer und Verehrung hatten selbst die leidenschaftlichsten
-Anhänger des Toten nicht erwartet. Man
-kann wohl behaupten, daß es eine solche Beerdigung
-in Rußland noch nie gegeben hat. Dabei muß man
-nicht vergessen, daß Dostojewski ganz unerwartet starb,
-daß viele von seinem Ableben erst spät erfuhren, so
-daß in der kurzen Zeit bis zu seiner Beerdigung irgendwelche
-Verabredungen nicht möglich waren. So
-handelte jeder Verein, jede Schule aus eigenem Antrieb
-und jede der zweiundsiebzig Deputationen, jeder
-der fünfzehn Sängerchöre unabhängig von den anderen.
-</p>
-
-<p>
-Und so einfach, so selbstverständlich, so ruhig und
-feierlich vollzog sich alles. In der Kirche des Heiligen
-Geistes war nicht nur der Sarg auf dem hohen Katafalk
-mit Blumen und Kränzen vollständig bedeckt, es
-standen auch noch ringsum und hingen sogar an den
-Wänden riesige Kränze, die der Kirche eine ganz besondere,
-eigenartige, weihevolle Stimmung verliehen.
-Das Gedränge war groß, doch nichtsdestoweniger
-herrschte vollkommene Stille. Durch die Ehrung, die
-man dem toten Schriftsteller erwies – und an der sich
-alle beteiligten, so daß neben dem Riesenkranz der
-Petersburger Studenten, den Kränzen der Großfürsten
-und Großfürstinnen, die bescheidenen Blümchen
-der Bettler und der ärmsten Kinder lagen –, wurde es
-erst sichtbar, wie ungeheuer groß der Kreis seiner Anhänger
-war, und sowohl seine Nächsten wie seine Anhänger
-selbst waren überrascht, als sie sahen, daß die
-Zahl seiner Verehrer so unübersehbar war. In der ganzen
-Stadt begannen später erregte Debatten über die Bedeutung
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-und die Ursache dieser Kundgebung. Personen,
-die zu Mißtrauen neigten und zur Literatur sich gleichgültig
-verhielten, behaupteten, diese ungeheuere Menschenmenge
-habe nur den Wunsch gehabt, den ehemaligen
-Sträfling zu ehren und dabei ihren Protest gegen
-die Regierung auszudrücken; andere jedoch, die mit der
-Literatur besser bekannt und selbst Anhänger fortschrittlicher
-Ideen waren, kamen der Wahrheit schon näher,
-wenn sie zu ihrem Leidwesen feststellten, daß diese
-Liebe und Hingebung dem „Patrioten“ gegolten, was
-ihrer Meinung nach ein Beweis von Rückständigkeit
-war. Und schließlich gab es noch eine dritte sonderbare
-Auslegung, die alles darauf zurückführte, daß
-Dostojewski, wie sie sagten, der Darsteller alles Dunkeln
-und aller Schrecken des russischen Lebens gewesen
-sei, jedoch nicht wie Gogol darüber gelacht, sondern
-geweint habe.
-</p>
-
-<p>
-Unter den Tausenden, die dem Toten das letzte
-Geleit gaben, werden natürlich Vertreter der verschiedensten
-Anschauungen gewesen sein, doch die Hauptmasse
-war entschieden von ganz anderen Gefühlen beherrscht:
-die beerdigte in Dostojewski ihren Erzieher,
-ihren Lehrer, den, der zu ihr gesagt hatte: „Demütige dich,
-stolzer Mensch! Arbeite, müßiger Mensch!“ Alle, die
-nach einer sittlichen Stütze suchten, sahen in ihm einen
-Führer, der ihnen die Wege zeigte, auf denen man die
-Rettung suchen kann und muß. Man achtete und liebte
-in ihm nicht nur den Patrioten und Konservativen;
-für viele war er auch ein Trost und eine Hoffnung, und
-das nicht nur deshalb, weil er die revolutionären Umtriebe
-gegeißelt und bekämpft hatte, sondern weil er
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-die höchsten, rein geistigen Interessen der russischen
-Menschen verstand, weil in seinen Worten sich nicht
-nur religiöse Stimmung, aufrichtige Liebe zum Volk
-offenbarte, sondern vor allem deshalb, weil ihm unsere
-staatliche Macht teuer war, teuer unsere volkliche
-Einheit und unsere politische Aufgabe, für die wir seit
-jeher soviel geopfert haben und noch jederzeit zu opfern
-bereit sind.
-</p>
-
-<p>
-Gewiß wird es in der ungeheuren Menge, die
-ihm zum Grabe folgte und in der so viel Jugend vertreten
-war, auch viele bekehrte und unbekehrte Nihilisten
-gegeben haben. Denn Dostojewski, der ihre
-Verirrungen so scharf rügte, verstand die Verirrten
-doch so tief wie kein anderer, und er war es auch, der
-ihnen wieder den richtigen Weg wies. Aber zweifellos
-gab es unter ihnen auch solche, die uns die Hoffnung
-geben, daß wir dieses große Übel überwinden
-werden. In dem großen Toten hatte diese Hoffnung
-wie ein Feuer gebrannt und er hatte in dem Glauben
-gelebt, daß er für diese rettenden Ansätze arbeitete.
-</p>
-
-<p>
-Sein Tod war nicht der Tod eines verdienten
-Künstlers, der in Ruhe seine Tage zu Ende gelebt,
-sondern der Tod eines politischen Kämpfers am Vorabend
-seiner letzten glühenden Rede, die am Tage vor
-seiner Beerdigung erschien.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-8">
-<span class="firstline">Seine Bedeutung</span>
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Wenn wir die Entwicklung Dostojewskis verfolgen,
-so sehen wir, daß mit ihm dasselbe geschah, was
-nun schon seit dem achtzehnten Jahrhundert mit allen
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-unseren großen Schriftstellern geschehen ist: alle begannen
-sie damit, daß sie sich für das <em>Fremde</em> begeisterten,
-und alle kehrten sie später zum <em>Eigenen</em>
-zurück. So war es zum Teil mit Vonwisin und so
-geschah es sehr ausgesprochen bei Karamsin, Gribojedoff,
-Puschkin und Gogol. Dostojewski ist in dieser
-Beziehung ein neues Ärgernis für unsere Westler,
-ein neuer und wichtiger Grund für sie, über unsere
-russische Literatur aufgebracht zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Diese innere Umkehr, die sich in den Besten von
-uns vollzieht, wird oft Verrat und Abtrünnigkeit genannt;
-doch gerade bei Dostojewski ist am deutlichsten
-zu sehen, daß es sich hierbei nur um Entwicklung
-handelt, um die Aufdeckung der Anlagen, die in der
-Natur des Menschen liegen, nicht aber um einen
-Eintausch fremder Gedanken gegen andere fremde
-Gedanken. Dostojewski ist von seinem ersten bis zu
-seinem letzten Werk ein und derselbe; er konnte sich
-nicht verändern, denn schon in seinem ersten Werk
-ist seine ganze Seele zu erkennen, die ganze Art seiner
-Lebensauffassung. Von der Natur dieser Seele
-hing es ab, welche Einflüsse auf sie einwirkten. Und
-diese Einflüsse waren: die russische Literatur und das
-russische einfache Volk.
-</p>
-
-<p>
-Als ich Dostojewski kennen lernte, war er ein glühender
-Verehrer Puschkins und Gogols. Diese beiden
-Riesen unserer Literatur spiegeln sich schon in seinem
-ersten Werk „Arme Leute“ in bemerkenswerter Weise
-wieder. Hier finden wir es unmißverständlich ausgedrückt,
-daß der Autor mit Gogol nicht ganz zufrieden
-ist und nur in Puschkin seinen unmittelbaren Führer
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-sieht. Der kleine Beamte Makar Djewuschkin, der
-Held in „Arme Leute“, der auffallend an Gogols Held
-im „Mantel“ und in den „Aufzeichnungen eines Irrsinnigen“
-erinnert, ist sehr eingenommen von Puschkins
-„Stationsaufseher“. Er kann die Novelle nicht
-genug loben und bedauert sehr den armen Helden der
-Erzählung. Bald darauf liest er aber Gogols Novelle
-„Der Mantel“, und die macht auf ihn einen geradezu
-niederschmetternden Eindruck. Er ist aufs tiefste
-verletzt, da er in dieser schonungslosen Darstellung
-sich selbst erkennt, er betrinkt sich vor Leid und es
-widerfährt ihm infolgedessen ein Unglück nach dem
-anderen. So wird denn die schonungslose Ironie Gogols
-als gar zu grausame und herzlose Darstellung der
-Menschen vom Autor verurteilt. Und noch mehr wird
-sie verurteilt durch die Art, wie Djewuschkin selbst geschildert
-ist. Während in den Gestalten Gogols nur
-grauenvolle Leere und Gemeinheit zu sehen ist, besitzt
-dieser Makar Djewuschkin Schätze an Zartheit und
-Selbstverleugnung, und Herzenszüge, deren Schönheit
-er selbst nicht einmal ahnt. Während niemand
-Gogols Akakij Akakijewitsch oder Poprischtschin sein
-wollte, muß jeder Leser mit Neid auf den unglücklichen
-Makar Djewuschkin blicken und sich gestehen, daß
-zwischen dieser seelischen Schönheit und seiner eigenen
-Seele ein weiter Abstand ist.
-</p>
-
-<p>
-Das war Dostojewskis erster Schritt, im Jahre
-1846 – eine kühne und entschlossene Korrektur Gogols.
-Es war das zugleich eine entscheidende Wendung
-in unserer Literatur. Ihre Bedeutung lag darin, daß
-die Korrektur Gogols unentbehrlich war, daß unsere
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-Literatur sie unbedingt ausführen <em>mußte</em> und sie
-auch noch bis zum heutigen Tage ausführt, daß man in
-gewissem Sinne auch alle unsere anderen großen
-Schriftsteller, Ostrowski, wie L. N. Tolstoi, eine Korrektur
-Gogols nennen und darin ihre größte Originalität
-sehen kann. Dostojewski aber begann sie als erster.
-</p>
-
-<p>
-Gogol hat sich nicht grundlos gequält, nicht grundlos
-alle seine Kräfte angespannt, um etwas Neues zu
-schaffen. Diese gespannt feinfühlige Stimmung, in der
-sich die Gemeinheit des Seienden so deutlich Gogol
-offenbarte, war am Ende unerträglich. Ein unüberwindlicher
-Ekel erhob sich in ihm bei der Betrachtung
-des russischen Lebens, dieses Lebens, in dem alles
-Gute sich schamhaft und hartnäckig in der Tiefe verbirgt,
-während das Gemeine und Schmutzige auf der
-Oberfläche paradiert und allen in die Augen springt.
-Gewiß hat Gogol die „heimlichen Tränen“ vergossen,
-von denen er spricht; aber das waren Tränen des Mitleids
-eines ekstatischen Idealisten, nicht aber Tränen
-der Liebe. Und je mehr wir in den Sinn der ganzen
-Literatur nach Gogol, die mit Dostojewski beginnt,
-eindringen, um so klarer erkennen wir Gogols Grundfehler
-und die ganze dringende Notwendigkeit, die unsere
-neueren Schriftsteller empfanden – die Einseitigkeit
-zu vermeiden und einen neuen Weg einzuschlagen.
-</p>
-
-<p>
-Zweifellos wird man Dostojewskis Werke einmal
-anders auslegen; man wird aus ihnen Schlüsse ziehen
-und mit ihnen Gefühle nähren, die Dostojewskis wahren
-Gedanken und Gefühlen aufs tiefste widersprechen.
-Unsere Intelligenz hat sich gar zu sehr daran gewöhnt,
-in gewissen Geleisen zu denken. Es gibt zwei
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Gefühle, die für das Seelenleben unserer gebildeten
-Leute außer den täglichen Lebensinteressen gewöhnlich
-bestimmend sind: das eine davon ist das Gefühl des Unwillens,
-des sogenannten edlen Unwillens über jegliches
-Böse und Gemeine in Rußland; das andere
-ist das Gefühl des Mitleids mit Rußland, ein mitleidvolles
-Erkennen seiner Armseligkeit und seines tragischen
-Loses. Beide Gefühle sind sehr gut, jedoch zum
-Unglück nur durch einen gar zu dünnen Strich von
-schlechten Gefühlen getrennt: der Unwille grenzt an
-Erbitterung und das Mitleid an Selbstüberhebung, so
-daß oft Menschen, die sich anscheinend beständig edelster
-Stimmung hingeben, im Grunde nur ihre schlechten
-Eigenschaften nähren und nur aus ihnen ihren ganzen
-Edelsinn schöpfen. Von Dostojewski kann ich dagegen
-mit aller Bestimmtheit bezeugen, daß ihn niemals auch
-nur entfernt die Achtung vor seinem großen Vaterlande
-verlassen hat und der Unwille bei ihm niemals zur Erbitterung
-geworden ist. In dieser Hinsicht ist er für
-uns alle ein Beispiel. Man bedenke doch nur, wieviel er
-unter den bestehenden Verhältnissen zu leiden hatte!
-Und dennoch war nach allem, was er ausgestanden, nicht
-die leiseste Erbitterung in ihm und ebensowenig maßte
-er sich ein Recht auf die Autorität an, die die Gesellschaft
-bei uns so gern denen zuspricht, die gelitten haben,
-oder die die Märtyrer sich oft eigenmächtig beimessen.
-Überhaupt war an ihm die Entwicklung der
-Persönlichkeit, die ungewöhnliche seelische Energie auffallend.
-Ich habe ihn in den schwersten Stunden gesehen,
-doch niemals ließ er den Mut sinken, ja ich glaube
-sogar, daß man solche Umstände gar nicht ersinnen
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-könnte, unter denen er wirklich zusammengebrochen
-wäre. So spricht er denn aus seiner eigenen Seele,
-wenn er einen seiner Helden, Dmitri Karamasoff, sagen
-läßt: „... ich habe soviel Kraft in mir, daß ich
-alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles
-Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich
-bin! Unter tausend Qualen – ich bin! Wenn ich mich
-auch auf der Folterbank krümme – aber ich bin!“ Es
-war in ihm ein unerschöpflicher Kräftevorrat, der nach
-jedem Nachlassen und sogar Sinken seines Schaffens
-sich immer wieder von neuem zu noch höheren Schöpfungen
-emporschwang. Es war dabei etwas Rätselhaftes
-in ihm. Neue Gestalten, neue Pläne tauchten beständig
-vor ihm auf, belagerten ihn geradezu und störten ihn
-bei der Arbeit. Deshalb sind auch einzelne seiner Romane
-ganze Knäule durcheinandergeflochtener, verwickelter
-Themen.
-</p>
-
-<p>
-Und so schildert er denn unermüdlich seine Gestalten,
-macht sie aber nicht wie Viktor Hugo zu Theaterhelden,
-läßt sie weder Wunder, noch Heldentaten vollbringen.
-Er hält sich unentwegt an den strengen Realismus,
-der das Vermächtnis Gogols war, aber selbst
-unter der größten Verkommenheit versteht er noch
-menschliche Züge zu entdecken. Dabei ist in jeder
-Schilderung Dostojewskis soviel Wahrheit, eine solche
-Tiefe seelischer Wahrheit enthalten, daß man den unmittelbaren
-Eindruck der Wirklichkeit selbst zu erleben
-glaubt. Der Fieberzustand seines Idioten, die Qualen
-eines Verbrechers oder eines Selbstmörders, Fieberträume,
-Hallucinationen – alles ist verständlich und
-klar wiedergegeben. Der Leser verfolgt mit Spannung
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-die Gedanken und Gefühle von Personen, von denen er
-früher überhaupt keine Vorstellung hatte, und sieht mit
-Verwunderung, daß diese Gedanken und Gefühle in
-der eigenen Seele einen Widerhall finden.
-</p>
-
-<p>
-Leid, Verzweiflung, Verbrechen, Krankheit – das
-sind die stets wiederkehrenden Themen Dostojewskis.
-Aber was ist denn ihr Sinn, welches ist ihr Ergebnis?
-Etwa wieder Mutlosigkeit und Bitterkeit? O nein,
-sondern <em>Verzeihen</em> und <em>Liebe</em>. Das ist der herrschende
-Gedanke, den er so glühend und unerschrocken in
-seinem letzten Roman („Die Brüder Karamasoff“)
-offen ausspricht. In diesem Ideal Christi fand er die
-Rechtfertigung seiner beständigen Liebe zum einfachen
-russischen Volk und fand er den höheren Sinn seiner
-ganzen, großen, heißen Vaterlandsliebe. Die Liebe zum
-einfachen Volk, zum <em>Erdboden</em>, wie er es nannte,
-ist eine bedeutungsvolle Erscheinung in unserer Literatur
-überhaupt. Die Erkenntnis der geistigen Schönheit
-und geistigen Gesundheit, die das Volk sich erhalten hat,
-während wir sie eingebüßt haben, hat bei uns schon
-lange begonnen und wächst mit jedem Tage. Einem
-Menschen aber wie Dostojewski, der mit solcher Liebe
-Volkstypen geschildert hat (bereits in seinen „Aufzeichnungen
-aus einem Totenhause“) – einem solchen Menschen
-konnte der Hauptnerv des Volkslebens natürlich
-nicht verborgen bleiben: Das hohe Ideal der Heiligkeit.
-Zu diesem Ideal streben sowohl unsere einfältigsten
-Seelen, wie unsere größten Geister, die bisweilen
-lange auf anderen Wegen umherirren, bevor sie diesen
-Weg finden. Wir wissen bereits, daß das Ideal Christi
-zum höchsten Ideal auch unseres anderen großen Dichters
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-geworden ist – des Grafen L. N. Tolstoi. Die Zusammenhänge
-sind bei ihm dieselben wie bei Dostojewski.
-Auch er hat mit dem ganzen volklichen Verstehen
-seines großen künstlerischen Gefühls in langer,
-liebevoller Beobachtung des Volkes dessen Ideal erkannt.
-Diese Übereinstimmung mit Dostojewski ist
-auffallend. Persönlich kannten sie sich nicht, doch hatten
-sie in der letzten Zeit immer die Absicht, sich kennen zu
-lernen. Ich erlaube mir, einige Zeilen aus einem Brief
-Tolstois, den ich im September des vorigen Jahres
-von ihm erhielt, hier anzuführen. Er schreibt:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Ich verstehe nicht das Leben derjenigen Menschen
-in Moskau, die es selbst nicht verstehen.
-Aber das Leben der Mehrzahl – der Bauern,
-der Pilger und noch mancher Leute, die selbst
-ihr Leben verstehen – verstehe auch ich und liebe
-es über alles. Ich fahre fort, dafür zu arbeiten und
-wie mir scheint, nicht fruchtlos. Unlängst fühlte ich
-mich nicht wohl und da nahm ich ‚das Totenhaus‘
-zur Hand. Ich hatte vieles vergessen, da las ich es nun
-wieder, und ich muß sagen, ich kenne kein besseres
-Buch in der ganzen neuen Literatur, Puschkin nicht
-ausgenommen. Nicht der Ton, sondern der Standpunkt
-ist ein so natürlicher, wahrer und christlicher. Es
-ist ein gutes, belehrendes Buch. Ich hatte gestern den
-ganzen Tag eine Freude daran, wie ich mich lange
-nicht gefreut habe. Wenn Sie Dostojewski sehen, so
-sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe.“
-</p>
-
-<p class="date">
-(26. Sept. 1880).
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Ich brachte diesen Brief Fjodor Michailowitsch, und
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-das war einer der schönsten Augenblicke für ihn, und
-auch für mich als Zeugen.
-</p>
-
-<p>
-So findet denn in der Liebe zum Volk, aus der sich
-eine treue Ergebenheit zum Volksideal entwickelt, das
-Schaffen unserer zwei besten Künstler des Wortes seine
-Vollendung.
-</p>
-
-<p>
-Hieraus offenbart sich uns am deutlichsten der Sinn
-der Schöpfungen Dostojewskis. Außer seiner allgemeinen
-Sympathie zu allen „Erniedrigten und Beleidigten“,
-hatte er, besonders in der zweiten Hälfte seines
-Schaffens, noch eine bestimmte Aufgabe: die kranken
-Seiten unserer vom Volk losgerissenen Gesellschaft aufzudecken.
-Er zeigt uns zwei Arten von Typen: die „Nihilisten“,
-die sich in den letzten Jahrzehnten bei uns entwickelt
-haben, und die älteren Typen der „vierziger
-Jahre“. So spielt in seinem letzten Roman das Drama
-zwischen dem alten Karamasoff, der die Anschauungen
-der vierziger Jahre teilt, und seinen Söhnen, Iwan und
-Ssmerdjäkoff, dem Nihilisten. Mit unvergleichlicher
-Tiefe und Feinheit zeichnet Dostojewski die Entartung
-dieser Seelen durch unsere sogenannte Aufklärung. Sowohl
-hier wie in seinen anderen Romanen gehört sein
-größeres Mitgefühl der jungen Generation, eben
-Iwan, in dem die ernste, aufrichtige Überzeugungstreue
-– wenn auch die Überzeugungen falsch sind –
-so dargestellt ist, daß sie zu Dichtung und Großartigkeit
-wird. Am wenigsten schonte Dostojewski
-die Menschen der „vierziger Jahre“, was aus
-seinen Werken nur zu deutlich hervorgeht; es
-ist geradezu, als könne er ihnen nicht mehr vergeben,
-und so machte er sie entweder lächerlich, wie
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-z. B. Stepan Trofimowitsch in den „Dämonen“, oder
-ekelhaft abstoßend, wie Fjodor Pawlowitsch Karamasoff,
-der gleichsam aus dem Leben ausgeschnitten erscheint.
-Zu den Nihilisten aber verhielt er sich, man
-kann sagen, mit väterlichem Kummer, mit väterlichem
-Mitgefühl. Und unsere junge Generation begriff allmählich,
-mit welch einem Herzen er sich zu ihr wandte
-und antwortete ihm mit Bezeugungen ihres Herzens.
-</p>
-
-<p>
-In seinem letzten großen Roman hat Dostojewski
-klarer als in allen anderen Romanen auch die positive
-Seite Rußlands gezeigt. Rußland besteht doch nicht
-nur aus entarteten Westlern, wie der alte Karamasoff
-einer ist, – und aus gedanklich so maßlos vermessenen
-Nihilisten wie sein Sohn Iwan. Durch den unglücklichen
-Diener Ssmerdjäkoff ist der Vatermord geschehen,
-dessen Schuld zu gleichen Teilen auf den Vater dieses
-Dieners wie auf seinen Halbbruder Iwan fallen muß,
-der diese bedauernswerte Kreatur irregeführt hat.
-Doch außer ihnen gibt es noch Dmitri Karamasoff,
-den gewöhnlichen Russen, den barbarischen Recken, in
-dem viel Böses, aber auch viel Gutes ist, und der bereit
-ist, für die Schuld der anderen zu büßen. Auch hat
-uns Dostojewski noch im jungen Aljoscha Hinweise gegeben,
-die wie Verheißungen für die Zukunft sind. Und
-der Liebling des Dichters, Iwan Karamasoff, der in
-der Seele, im Geiste den Vater erschlagen hat, wie die
-Nihilisten im Geiste Rußland erschlagen wollen, Iwan
-wird von seinem Gewissen wie vom Donner gerührt,
-und wenn er die Krankheit übersteht, wird er zur Besinnung
-kommen und ein anderer Mensch werden. Das
-sollten wir nicht vergessen und auch uns danach richten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-So seien wir denn stark und mutig wie Dmitri Karamasoff,
-der sich durch kein Unglück brechen läßt; lernen
-wir es, fremde Schuld zu tragen und zu verzeihen,
-denn es ist wahr, was er sagt: „Alle sind für alle schuldig.“
-Das sind Züge des wahren russischen Geistes, des
-Geistes, in dem das ganze Rußland lebt und wächst
-und stark ist. Lernen wir es, Rußland mit dieser Liebe
-zu lieben, die in den „Brüdern Karamasoff“ atmet,
-und auf unsere Heimat nicht wie ihre Sklaven mit
-einem Gefühl der Erniedrigung zu blicken, und auch
-nicht mit Überhebung wie ihre Herren und Lehrer,
-sondern mit dem Gefühl, mit welchem Söhne auf ihre
-Mutter sehen. Versuchen wir, „aufzuerstehen“, wie
-Dmitri Karamasoff träumt, und, wie er sagt, einen
-„neuen Menschen“ in uns zu erziehen, um ein Recht
-auf die Stellung des Sohnes zu unserer Mutter zu
-haben: auf daß das Ideal der Christlichkeit, das die Seele
-unseres großen Landes erfüllt, auch zu unserem Ideale
-werde. Ich denke, dies ist es, was Dostojewskis großes
-Vermächtnis uns gebietet.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<em>N. N. Strachoff.</em>
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="intro" id="part-3">
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-<span class="firstline">Vorbemerkung</span>
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">Ü</span><span class="postfirstchar">ber</span> die literarische Tätigkeit Dostojewskis, soweit
-sie als Material für Band 12 der Ausgabe in
-Betracht kam, über die Beteiligung und Herausgeberschaft
-des Dichters an den verschiedenen Zeitschriften,
-in denen er seine kritischen Arbeiten veröffentlichte,
-gibt die Einleitung von N. N. Strachoff die nähere
-Auskunft. Strachoff (geboren im Jahre 1828 zu Belgorod
-im Gouvernement Kursk, Literaturhistoriker,
-Naturwissenschaftler und Philosoph) war Dostojewskis
-Freund. Seine Arbeit über den Dichter, die
-den vollen Reiz der persönlichen Anteilnahme an Dostojewskis
-Entwicklung wie Lebensgang hat, wurde
-dem Bande in Übersetzung beigegeben, weil sie unmittelbarer,
-als es jede geschichtliche Rückschau heute
-könnte, in das literarische Milieu des jungen Rußland
-einführt, dem Dostojewski angehörte und über
-das er sich schließlich führend erhob. Die Nähe, in der
-Strachoff zu der Welt des Nihilismus, aber auch des
-Antinihilismus und hier zu der politischen Partei der
-Slawophilen stand, zeigt die Welt, aus der Dostojewski
-hervorging und macht sie, die zunächst so überaus
-ideologisch erscheint, mit einer Fülle von biographischen
-und psychologischen Einzelzügen erst menschlich-begreiflich
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-und darüber hinaus für unser modern-politisches
-Verständnis Dostojewskis ungemein wertvoll.
-</p>
-
-<p>
-Die Lebensgeschichte Dostojewskis von seiner Kindheit
-bis zu seiner Rückkehr aus Sibirien und dem Beginn
-seiner publizistischen Tätigkeit (1821–1860), die der
-ihm gleichfalls befreundet gewesene Literaturhistoriker
-Orest Miller sogleich nach dem Tode Dostojewskis verfaßt
-hat, wurde dem vorhergehenden Bande der Deutschen
-Gesamtausgabe, Bd. XI, zugewiesen. Strachoffs Überblick
-über die letzten zwei Jahrzehnte Dostojewskis
-(1860–1881) ist von ihm als Fortsetzung jener Biographie
-der ersten Lebenshälfte Dostojewskis von Miller
-gedacht und in einem von ihnen gemeinsam herausgegebenen
-Bande 1883 erschienen.
-</p>
-
-<p>
-Die Entstehung der im vorliegenden Bande vereinigten
-Aufsätze Dostojewskis fällt in die Jahre 1861–1880.
-Die Aufsätze von 1861 sind in der von seinem Bruder
-und ihm damals herausgegebenen Monatsschrift „Die
-Zeit“ erschienen; die von 1873 in der Zeitschrift „Der
-Bürger“, deren Redakteur er ein Jahr lang war; die von
-1876–1880 in den von ihm allein herausgegebenen
-Monatsheften „Das Tagebuch eines Schriftstellers“.
-Die Gedanken aus seinem Notizbuch stammen aus seinem
-letzten Lebensjahr.
-</p>
-
-<p>
-Der Text wurde in Auswahl und – soweit es
-die Notwendigkeit mit sich brachte, Dostojewskis Wiederholungen
-zu vermeiden – in Kürzung vorgelegt.
-</p>
-
-<p class="sign">
-E. K. R.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="part" id="part-4">
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-<span class="firstline">Erster Teil.</span><br />
-Die russische Literatur
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-1">
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-<span class="firstline">Zur Puschkinrede</span>
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="note">
-Die Rede zur Puschkinfeier ist mit diesem Vorwort und einer
-Antwort auf die Angriffe eines Westlers im August 1880 in
-einem einzelnen Heft veröffentlicht worden. Vgl. <a href="#page-5">Seite 5</a>.
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">eine</span> Rede über Puschkin und seine Bedeutung
-habe ich am 8. Juni dieses Jahres in einer feierlichen
-Versammlung der „Freunde russischer Dichtung“ vor
-zahlreicher Zuhörerschaft gehalten und sie hat einen
-nicht geringen Eindruck gemacht. Iwan Ssergejewitsch
-Aksakoff, der bei dieser Gelegenheit von sich sagte, daß
-ihn alle gewissermaßen für den Führer der Slawophilen
-hielten, meinte in seiner Ansprache, daß meine Rede
-geradezu „ein Ereignis“ gewesen sei. Ich erwähne
-dies nicht, um mich etwa selbst zu loben, sondern einzig
-und allein um folgendes zu erklären: Wenn meine
-Rede tatsächlich ein Ereignis gewesen ist, so war sie
-das nur von dem einen Gesichtspunkte aus, den ich
-hier in einem besonderen Vorwort klarlegen möchte,
-denn nur aus diesem Grunde habe ich das Vorwort zu
-schreiben unternommen. Was jedoch meine Rede selbst
-anbetrifft, so wollte ich in ihr lediglich die vier folgenden
-Punkte der Bedeutung Puschkins für Rußland auseinandersetzen:
-</p>
-
-<p>
-1. Daß Puschkin der erste gewesen ist, der mit seinem
-tiefen, durchschauenden und hochbegnadeten Geiste
-und aus seinem echt russischen Herzen heraus die
-bedeutungsvolle krankhafte Erscheinung in unserer Intelligenz,
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-unserer vom Boden losgerissenen Gesellschaft,
-die sich hoch über dem Volk stehend dünkt, entdeckt und
-als das erkannt hat, was sie ist. Er hat sie erkannt
-und hat es vermocht, den Typ unseres negativen
-russischen Menschen plastisch vor unsere Augen
-zu stellen: den Menschen, der keine Ruhe hat und
-der sich mit nichts Bestehendem zufrieden geben kann,
-der an seinen Heimatboden und an die Kräfte dieses
-Heimatbodens nicht glaubt, der Rußland und sich
-selbst (oder richtiger seine Gesellschaftsklasse, die ganze
-Schicht der Intelligenz, zu der auch er gehört, und
-die sich von unserem Volksboden gelöst hat) im letzten
-Grunde verneint, der mit seinen Volksgenossen
-nichts gemein haben will und der unter all dem
-doch aufrichtig leidet. Puschkins Aleko<a class="fnote" href="#footnote-10" id="fnote-10">[10]</a> und Onegin
-haben eine Menge solcher Gestalten, wie sie selbst sind,
-in unserer Literatur hervorgerufen. Ihnen folgten Petschorin<a class="fnote" href="#footnote-11" id="fnote-11">[11]</a>,
-Tschitschikoff, Rudin, Lawretzkij und Bolkonskij<a class="fnote" href="#footnote-12" id="fnote-12">[12]</a>
-und unzählige andere, die allein schon durch
-ihr Erscheinen die Richtigkeit der von Puschkin erfaßten
-Tatsache bezeugten. Ihm, Puschkin, und seiner großen
-Einsicht wie Genialität, gebührt daher die Ehre
-und der Ruhm, die allergefährlichste Wunde der bei
-uns nach Peters folgenschwerer Reform entstandenen
-Gesellschaft, unserer sogenannten Intelligenz, aufgedeckt
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-zu haben. Seiner intuitiven Diagnose verdanken
-wir die Erkenntnis und Feststellung unserer Krankheit.
-Und nicht zuletzt ist er es auch gewesen, der uns als
-erster einen Trost gegeben hat: denn von ihm ist uns
-gleichzeitig diese große Hoffnung gekommen, daß unsere
-Krankheit nicht tödlich zu sein braucht, daß vielmehr
-die russische Gesellschaft sehr wohl noch einmal
-gesunden kann und daß sie noch immer die Möglichkeit
-hat, sich zu erneuern und aufzuerstehen, wofern es ihr
-nur gelingt, sich dem Volksgeist wieder anzuschließen,
-denn
-</p>
-
-<p>
-2. er, Puschkin, hat uns als erster (gerade als erster,
-und vor ihm niemand) die künstlerischen Typen
-einer russischen Schönheit gegeben, dieser Schönheit,
-die unmittelbar aus der russischen Seele hervorgegangen
-ist, die sich in unserem Volksgeist offenbart, überall
-in unserem Boden, und die er, Puschkin, dort denn
-auch gesucht und gefunden hat. Das bezeugt die Gestalt
-der Tatjana in „Eugen Onegin“, diese echt russische
-Frau, die sich vor all der eingeschleppten Lüge zu
-bewahren gewußt hat, das bezeugen ferner seine historischen
-Gestalten, wie der Mönch Pimen und andere in
-seinem Drama „Boris Godunoff“, diese unmittelbar
-aus dem Leben genommenen und so überaus wahren
-Gestalten in dem Roman „Die Hauptmannstochter“
-und noch viele, viele andere Typen, die von ihm
-in seinen Balladen, Gedichten, Erzählungen, Aufzeichnungen
-und sogar in seiner „Geschichte des Pugatschoffschen
-Aufstandes“ unsterblich gemacht worden
-sind. Die Hauptsache aber, die man besonders unterstreichen
-muß, ist, daß alle diese Typen in ihrer unleugbar
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-vorhandenen Schönheit des russischen Menschen
-und seiner Seele – ganz und ausschließlich unserem
-Volksgeist entnommen sind. Hier muß man schon die
-ganze Wahrheit sagen: nicht in unserer gegenwärtigen
-Zivilisation, nicht in unserer sogenannten „europäischen“
-Bildung (die es bei uns, nebenbei bemerkt, noch
-niemals wirklich gegeben hat), nicht in den Ungeheuerlichkeiten
-äußerlich angeeigneter europäischer Ideen und
-Formen hat Puschkin uns diese Schönheit gezeigt, sondern
-einzig im russischen Volksgeiste hat sie sich ihm offenbart
-und zwar, wie gesagt, <em>in ihm allein</em>. Deshalb
-hat er uns denn – ich wiederhole es – mit seiner
-Feststellung der Krankheit auch die große Zuversicht
-geben dürfen, wie man sie in die Worte zusammenfassen
-kann: „Glaubt an den Volksgeist, von ihm
-allein erwartet eure Rettung und sie wird euch werden!“
-Puschkin verstehen wollen – und nicht diesen
-Schluß aus ihm ziehen – nein, das ist unmöglich.
-</p>
-
-<p>
-Der dritte Punkt, den ich in der Bedeutung Puschkins
-feststellen wollte, ist jene besondere, allercharakteristischste
-und bei keinem anderen Genie außer ihm
-vorhandene Eigenart des künstlerischen Schöpfertums:
-ich meine die Fähigkeit, sich in den Geist einer jeden
-fremden Nation vollkommen hineinzuversetzen, ja sogar
-sich selbst in einen geistigen Vertreter jeder Nation
-zu verwandeln und im Geiste der Fremden schöpferisch
-zu werden. Ich sagte in meiner Rede, daß es in Europa
-die größten künstlerischen Weltgenies gegeben hat,
-wie Shakespeare, Cervantes, Schiller, doch kann man
-bei keinem einzigen von ihnen diese Fähigkeit wahrnehmen
-– wir sehen sie nur bei Puschkin. Und nicht
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-etwa nur das Sichhineinversetzen, das bloße Verstehen
-der anderen ist hier das Bedeutungsvolle, sondern
-gerade die erstaunliche Vollkommenheit der Verwandlung.
-Diese Fähigkeit konnte ich in meiner Rede
-über die Bedeutung Puschkins natürlich nicht außer
-acht lassen, denn sie ist nun einmal die charakteristische
-Eigenheit seines Genies, eine Eigenart, die von allen
-Künstlern der Welt nur er allein hat, und durch die
-er sich denn auch von ihnen allen unterscheidet. Wenn
-ich dies sage, dann geschieht es natürlich nicht, um
-solche Größen unter den europäischen Genies, wie
-Shakespeare und Schiller, herabzusetzen: einen so lächerlich
-dummen Schluß könnte aus meiner Rede wirklich
-nur ein Dummkopf ziehen. Der <em>Universalismus</em>,
-die <em>Allgemeinverständlichkeit</em>
-und die unerforschliche Tiefe der Welttypen
-des Menschen arischer Rasse, die Shakespeare für alle
-Zeiten gegeben hat, sind von mir nicht einen Augenblick
-in Frage gestellt worden. Und wenn Shakespeare
-in seinem Othello wirklich einen <em>venezianischen
-Mohr</em> und nicht einen Engländer dargestellt hätte,
-dann würde er ihm nur den Nimbus einer örtlichen
-nationalen Charakteristik verliehen haben, die Weltbedeutung
-dieses Typus jedoch wäre ganz dieselbe geblieben,
-denn auch im Italiener hätte er das, was er
-ausdrücken wollte, ebenso und mit derselben Kraft ausgedrückt.
-Wie gesagt: nicht die Weltbedeutung Shakespeares
-und Schillers habe ich herabziehen wollen, indem
-ich die geniale Fähigkeit Puschkins, sich in den
-Geist fremder Nationen zu versetzen, hervorhob, sondern
-ich tat es bloß in dem Wunsch, den gerade in
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-dieser Fähigkeit und in ihrer Vollkommenheit enthaltenen
-großen und prophetischen Hinweis für uns Russen
-klarzulegen – denn
-</p>
-
-<p>
-4) diese Fähigkeit ist ganz entschieden eine russische
-Nationaleigenschaft: Puschkin teilt sie mit unserem
-ganzen Volk und er ist als vollendeter Künstler
-zugleich derjenige, der am vollendetsten diese Fähigkeit
-zum Ausdruck bringt, wenigstens in seinem Werk,
-seinem künstlerischen Schaffen. Unser ganzes Volk trägt
-diese Neigung, sich in den Geist anderer Völker zu versetzen,
-und somit die Neigung zur Allversöhnung, in
-seiner Seele und hat das in den zwei Jahrhunderten
-nach der Reform Peters auch schon mehr als einmal
-bewiesen. Da ich nun aber auf diese Fähigkeit unseres
-Volkes hinwies – wie sollte ich da nicht auch auf
-die in ihr enthaltene große Beruhigung hinweisen, die sie
-uns auf unsere Frage nach unserer Zukunft als Antwort
-gibt, auf diese große und vielleicht größte aller Volkshoffnungen,
-die leuchtend vor uns steht! So sprach ich denn
-aus, daß unser Streben nach Europa, mit allen seinen
-Übertreibungen und Ausartungen, <em>in seinem letzten
-Grunde</em> nicht nur berechtigt, sondern auch
-volkstümlich ist, und daß es sich mit dem Trieb des
-Volksgeistes vollkommen deckt und zweifellos auch
-etwas in sich birgt, das einen höheren Zweck verfolgt.
-In meiner kurzen, leider gar zu kurzen Rede
-konnte ich diesen Gedanken natürlich nicht genügend
-entwickeln, doch glaube ich trotzdem, daß das, was ich
-gesagt habe, nicht mißzuverstehen ist. Und wozu, ja:
-wozu sich darüber empören, daß, wie ich sagte, „unser
-bettelarmes Land vielleicht zu guter Letzt der ganzen Welt
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-ein neues Wort sagen wird?“ Und wie lächerlich, darauf
-hinzuweisen, daß wir uns, bevor wir der Welt ein
-neues Wort sagen könnten, doch „erst ökonomisch, wissenschaftlich
-und staatlich entwickeln müssen“, und daß
-wir erst dann daran denken könnten, „neue Worte“ so
-(angeblich) vollendeten Organismen, wie es die Völker
-Europas sind, von uns aus zu sagen. Ich habe
-es ja in meiner Rede ausdrücklich betont, daß mir
-nichts ferner liegt, als das russische Volk in Dingen
-seiner ökonomischen oder wissenschaftlichen Errungenschaften
-mit den Völkern des Westens auch nur vergleichen
-zu wollen. Ich sage ganz einfach, daß von allen
-Völkern Europas das russische Volk am fähigsten
-ist, die Idee der allmenschlichen Einigung,
-der Nächstenliebe, der unparteiischen Beurteilung,
-die das Feindliche verzeiht, das Ungleiche unterscheidet
-und entschuldigt, die Widersprüche aufhebt,
-in sich aufzunehmen. Das ist kein „ökonomischer“,
-sondern ein rein <em>ethischer</em> Zug, und wer könnte
-bezweifeln oder verneinen, daß er im russischen Volk
-vorhanden ist? Oder wer dürfte sagen, daß das
-russische Volk nur eine immerfort duldende träge
-Masse sei, dazu bestimmt, nur „ökonomisch“ dem Gedeihen
-und der Entwicklung unserer Intelligenz zu
-dienen, die sich da hoch über dem Volk erhebt, daß
-aber dieses Volk selbst in sich nur tote duldsame Tatlosigkeit
-trüge, von der man nichts zu erwarten habe,
-weshalb denn auch gar kein Grund vorhanden sei, irgendwelche
-Hoffnungen auf dieses Volk der Menge zu
-setzen? Es ist traurig genug, sagen zu müssen, daß sogar
-sehr viele in Rußland einer solchen Ansicht sind
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-und daß sie ihren Standpunkt noch dazu mit Eifer
-verfechten. Und nun habe ich gewagt, etwas ganz anderes
-auszusprechen.
-</p>
-
-<p>
-Ich wiederhole, daß ich „diese meine Phantasie“, wie
-ich mich ausdrückte, nicht eingehender, nicht mit der
-notwendigen Ausführlichkeit habe erklären und ihre
-Richtigkeit beweisen können – und doch konnte ich
-nicht unterlassen, auf sie hinzuweisen. So ohne weiteres
-zu behaupten, daß unser armes und unschönes
-Land nichts von derartig hohen Trieben in sich schließen
-könne, bevor es nicht „ökonomisch“ und „staatlich“
-dem Westen ähnlich geworden sei – das ist einfach
-unsinnig. Die fundamentalen ethischen Geistesgüter
-hängen – wenigstens in ihrem Wesensgrunde
-– nicht von der ökonomischen Leistungsfähigkeit eines
-Volkes ab. Unser ganzes armes und unansehnliches
-Land steht da, immer abgesehen von seiner oberen
-Schicht, einmütig wie <em>ein</em> Mann! Alle achtzig Millionen
-seiner Bevölkerung stellen eine geistige Einheit
-dar, wie sie in Europa nirgends zu finden ist und
-auch gar nicht zu finden sein kann: folglich ist es schon
-aus diesem Grunde unmöglich, zu sagen, unser Land
-sei unbedeutend, ja, im strengen Sinne des Wortes,
-noch nicht einmal arm vermag man es zu nennen.
-Im Gegenteil, in Europa, in diesem Europa, wo soviel
-Reichtümer zusammengescharrt sind – in Frankreich
-z. B., in England! – ist der ganze Staatsbau
-bei allen diesen Nationen untergraben und wird vielleicht
-morgen einstürzen, um dann etwas beispiellos
-Neuem, das an nichts Dagewesenes gemahnt, Platz
-zu machen. Und alle diese Reichtümer, die Europa
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-aufgehäuft hat, werden es nicht vor dem Sturz bewahren
-können, denn „in einem Augenblick wird aller
-Reichtum verschwunden und vernichtet sein“. Und dieser,
-gerade dieser untergrabene Staatsbau, diese infizierte
-Bourgeoisie wird unserem Volk nun als einzig
-zu erstrebendes Ideal vor Augen gehalten, und erst
-wenn dies Ideal einmal von ihm erreicht sein sollte, sagt
-man, dürfe es wagen, daran zu denken, den Europäern
-irgendein Wort zu stammeln. Dagegen behaupten wir,
-daß dieses Volk eine in Liebe allversöhnende und allvereinende
-Geisteskraft auch unter den gegenwärtigen
-ökonomischen Verhältnissen besitzen und in seinem Innersten
-erhalten kann, ja, es kann das sogar in Zeiten,
-die noch weit schlimmer als die jetzigen der Armut
-sind: es hat das sogar in der Zeit nach dem Einfall
-der Tataren ins Land<a class="fnote" href="#footnote-13" id="fnote-13">[13]</a> und in der wüsten Zeit des
-Interregnums<a class="fnote" href="#footnote-14" id="fnote-14">[14]</a> gekonnt, bis Rußland ausschließlich
-vom eigenen und einigen Volksgeist gerettet
-wurde. Und schließlich: selbst wenn es wirklich so unbedingt
-notwendig sein sollte zur Erlangung des
-Rechtes, die Menschheit zu lieben, eine alles vereinende
-Seele und die Fähigkeit zu besitzen, nicht
-fremde Völker deshalb zu hassen, weil sie nicht so sind,
-wie wir, und den Wunsch zu haben, nicht sich in der
-eigenen Nationalität von allen anderen abzuschließen
-und sich gegen sie zu verschanzen, damit nur das eigene
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-Volk alles bekäme, während man die anderen Völker
-für so etwas wie Zitronen hält, aus denen sich Saft
-herauspressen läßt (und Völker von diesem Nationalcharakter
-gibt es doch in Europa!) – wenn es auch
-wirklich, sage ich, zur Erlangung alles dessen notwendig
-sein sollte, zunächst ein reiches Volk zu werden und
-die Verfassung europäischer Staaten bei uns einzuführen,
-muß dann deshalb, so fragt es sich, alles unbedingt
-sklavisch nachgeahmt und, sogar einschließlich der
-Bourgeoisie (die dort, wie gesagt, vielleicht morgen
-schon stürzen wird), bei uns eingeführt werden? Wird
-man denn wirklich auch hierin dem russischen Organismus
-nicht gestatten, sich national zu entwickeln,
-durch die eigene organische Kraft? oder muß es wirklich
-unbedingt ein ganz unpersönliches und lakaienhaftes
-Kopieren Europas sein? Ja, aber: was soll man
-denn mit dem russischen Organismus anfangen? Begreifen
-diese Herren überhaupt, was ein Organismus
-ist? Und dabei reden sie doch so klug über die Naturwissenschaften!
-– „Das wird das Volk nicht zulassen“,
-sagte vor etwa zwei Jahren jemand im Gespräch
-zu einem überzeugten Westler. – „Dann muß
-man es beseitigen!“ versetzte darauf der Westler gelassen
-und erhaben. Und das war nicht „irgendeiner“,
-das war vielmehr ein – Repräsentant unserer Intelligenz.
-Diese Geschichte ist nicht erfunden, denn sie
-ist leider – von mir erlebt.
-</p>
-
-<p>
-Mit den angeführten vier Punkten wollte ich Puschkins
-Bedeutung für uns feststellen, und meine Rede
-hat also, wie bereits erwähnt, Eindruck gemacht. Nicht
-durch irgendwelche besonderen Vorzüge (ich betone das
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-ausdrücklich) und nicht durch talentvollen Vortrag
-(darin gebe ich allen meinen Gegnern vollkommen
-recht, denn wirklich, ich will mich nicht loben), sondern
-durch ihre Aufrichtigkeit hat sie den Eindruck gemacht
-und – ich sage es dreist – durch die Richtigkeit
-der von mir hervorgehobenen Tatsachen, die eben
-überzeugen mußten, ungeachtet der Kürze und Unvollkommenheit
-meiner Rede. Aber worin, fragt es sich,
-bestand denn das „Ereignis“, wie Iwan Ssergejewitsch
-Aksakoff es nannte?
-</p>
-
-<p>
-Das „Ereignis“ war die Tatsache, daß von den
-Slawophilen oder der sogenannten russischen Partei
-(Gott, es gibt bei uns eine „russische Partei“!) ein
-großer und vielleicht entscheidender Schritt zur Versöhnung
-mit den Westlern gemacht wurde, denn die
-Slawophilen haben damit die Berechtigung anerkannt,
-die in dem Streben der Westler nach Europa liegen
-könnte; haben sogar die Berechtigung aller Übertreibungen
-und ihrer unsinnigsten theoretischen Folgerungen
-anerkannt, haben sich für diese Berechtigung mit dem
-echt russischen, unserem Volk so eigentümlichen Trieb
-erklärt, der unsrer ganzen geistigen Veranlagung nur
-zu sehr entspricht, die Übertreibungen selbst aber haben
-sie als historische Notwendigkeiten angesehen und
-als ein Fatum gerechtfertigt, so daß, wenn man einmal
-die Summe ziehen sollte, es sich herausstellen
-würde, daß die Westler in demselben Maße ihrem Vaterlande
-und der Richtung seines Geistes gedient haben,
-wie alle jene echt russischen Leute, die aufrichtig
-ihre Heimat lieben und sie vielleicht nur gar zu
-eifersüchtig vor der Europa-Begeisterung aller „russischen
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-Ausländer“ zu bewahren suchen. Und zum
-Schluß wurde in dieser Rede erklärt, daß alle Gegensätze,
-aller Widerstreit und alle Feindseligkeiten zwischen
-den beiden Parteien bisher überhaupt nur ein
-großes Mißverständnis gewesen sind. Diese Erklärungen
-in ihrer Gesamtheit dürften nun wohl das
-gewesen sein, was man meinetwegen ein „Ereignis“
-nennen kann, denn die Repräsentanten der Slawophilenpartei
-waren nach meiner Rede mit allen ihren Folgerungen
-durchaus einverstanden. Ich möchte jetzt nur
-noch darauf hinweisen – was übrigens auch schon in
-meiner Rede geschehen ist –, daß die Ehre, diesen ersten
-Schritt getan zu haben (wenn der aufrichtige
-Wunsch, eine Versöhnung herbeizuführen, zur Ehre
-gereicht), daß das Verdienst, dieses neue Wort, wenn
-man es so bezeichnen will, verkündet zu haben, durchaus
-nicht mir allein zukommt, sondern dem ganzen
-Slawophilentum, dem Geist und der Richtung unserer
-ganzen „Partei“, daß ferner das Gesagte von jeher
-allen jenen klar gewesen ist, die unparteiisch das
-Slawophilentum zu erfassen suchten, und daß der Gedanke,
-den ich ausgesprochen, von ihnen schon früher,
-wenn auch nicht gerade wörtlich, in dieser Weise ausgedrückt,
-so doch dem Sinne nach angedeutet worden
-ist. Ich aber habe nichts weiter getan, als daß ich ihn
-im richtigen Moment aussprach.
-</p>
-
-<p>
-Und nun die Folge: sollten jetzt die Westler unsere
-Folgerung annehmen und sich mit ihr einverstanden
-erklären, so würden ja allerdings wirklich alle
-Mißverständnisse zwischen den beiden Parteien beseitigt
-sein, und die Westler und Slawophilen hätten
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-tatsächlich „keinen Stoff mehr zum Streit“, wie I. S.
-Aksakoff sich ausdrückte, „da jetzt alles erklärt ist“.
-Unter diesem Gesichtspunkt wäre meine Rede freilich
-„ein Ereignis“ gewesen. Aber das Wort „Ereignis“ ist
-doch wohl nur in der ersten Begeisterung von der einen
-Partei ausgesprochen, ob aber auch die andere Partei
-es anerkennen oder ob die Forderung nur ein Ideal bleiben
-wird, das ist eine ganz andere Frage. Neben den
-Slawophilen, die mich dort in ihre Arme schlossen
-und mir die Hände schüttelten, kaum daß ich die Rednertribüne
-verlassen hatte, kamen auch Westler auf
-mich zu, um mir auch ihrerseits fest die Hand zu drücken,
-und zwar waren es nicht so irgendwelche, sondern
-gerade die Führer der Parteien, oder doch diejenigen,
-welche gerade jetzt die beinahe entscheidende Rolle
-in ihr spielen. Und ihr Händedruck war ebenso heiß
-und sprach von ebenso aufrichtigem Beifall wie der
-der Slawophilen, und sie nannten meine Rede genial,
-und taten das mehr als einmal und hoben immer
-wieder ihre Bedeutung hervor. Aber ich fürchte, ich
-fürchte aufrichtig: geschah das nicht alles nur im ersten
-Augenblick des Mitgerissenseins?! Oh, nicht das
-fürchte ich, daß sie nachträglich ihre Meinung, meine
-Rede sei genial gewesen, ändern könnten! Ich weiß
-es ja selbst, daß sie nicht genial war, und fühlte mich
-auch durch ihr Lob keineswegs geschmeichelt, weshalb
-ich ihnen von ganzem Herzen ihre Meinungsänderung
-bezüglich meiner Genialität verzeihen würde. Es ist
-etwas anderes, was ich befürchte. Es wäre nämlich
-möglich, daß die Westler (ich meine nicht jene, die mir
-die Hand schüttelten, sondern die Westler im allgemeinen,
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-was vorausgeschickt sei), daß die Westler also,
-wenn sie erst einmal über das dort Ausgesprochene
-nachdenken, ungefähr folgendes sagen könnten:
-„Aha!“ werden sie vielleicht sagen (übrigens sage ich
-ausdrücklich „vielleicht“, nichts Bestimmteres), „da haben
-sie nun nach langem Streit und Hader endlich
-doch zugegeben, daß unser Streben nach Europa berechtigt
-und natürlich ist! Sie haben eingesehen, daß
-auf unserer Seite dasselbe Recht besteht, das sie bis jetzt
-nur für sich in Anspruch nahmen, und haben nun
-ihre Fahnen endlich vor uns gesenkt. Nun, wir nehmen
-Ihre Anerkennung mit Vergnügen an, meine Herren,
-und beeilen uns, Ihnen zu erklären, daß das von
-Ihrer Seite sogar sehr nett ist: es verrät wenigstens
-einen gewissen Verstand, den wir Ihnen übrigens auch
-nie abgesprochen haben, mit Ausnahme vielleicht der
-Stumpfsinnigsten unter unseren Parteigängern, für die
-alle wir nicht wohl einstehen können – aber ... Sehen
-Sie mal, hier sitzt nun wieder ein gewisser neuer
-Haken, weshalb man denn diesen Punkt möglichst
-schnell klarlegen müßte. Die Sache ist nämlich die,
-daß Ihre These, unser Zug nach Europa stimme durchaus
-mit dem Volksgeist überein, ja, sei sogar metaphysisch
-als sein unmittelbarer Ausdruck zu erklären
-– daß diese Ihre Behauptung also für uns doch
-von mehr als fragwürdiger Richtigkeit bleibt, womit
-dann die Möglichkeit einer Versöhnung zwischen uns
-wiederum ausgeschlossen ist. Lassen Sie es sich gesagt
-sein, daß wir uns allerdings von Europa, von der
-europäischen Wissenschaft und von der Reform Peters
-haben lenken lassen, keineswegs aber vom Geist unseres
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-Volkes, sintemal wir diesen Geist noch nicht zu entdecken
-vermocht haben und er uns auf unserem Wege
-auch noch nie begegnet ist – was etwa von ihm irgendwo
-vorhanden sein sollte, das haben wir hinter
-uns liegen lassen und sind schleunigst von ihm fortgeeilt.
-Wir sind von Anfang an selbständig unseren
-Weg gegangen und haben uns durchaus nicht von
-irgendeinem angeblichen Trieb des russischen Volkes,
-seiner universalen Aufnahmefähigkeit oder seiner Neigung
-zur Versöhnung aller nationalen Gegensätze treiben
-lassen – kurz, es ist nichts von dem geschehen,
-worüber Sie jetzt so viele Worte verloren haben. Im
-russischen Volk – da es nun einmal zur Sprache gekommen
-ist, wollen wir es ganz aufrichtig aussprechen
-– sehen wir nach wie vor nur eine passive
-Masse, von der wir nichts zu lernen haben, die vielmehr
-nur die Entwicklung Rußlands – im fortschrittlichen
-Sinne – hemmt und die man umgestalten
-und umschaffen muß: wenn nicht organisch, was
-leider nicht möglich ist, so doch wenigstens mechanisch,
-d. h. indem man sie einfach zwingt, ein für allemal
-zwingt, uns zu gehorchen. Um aber diesen Gehorsam
-zu erreichen, ist es eben erforderlich, bei uns genau
-dieselbe bürgerliche Organisation einzuführen, wie sie
-in den europäischen Staaten bereits vorhanden ist.
-An und für sich ist unser Volk arm und gemein, wie
-es das von jeher gewesen, und kann weder ein Ansehen
-noch eine Idee haben. Die ganze Geschichte unseres
-Volkes ist eine Ungereimtheit, aus der Sie aber
-bisher weiß der Teufel was für Schlüsse gezogen haben.
-Nur wir allein haben uns den nüchternen Blick
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-bewahrt und das Volk richtig eingeschätzt. Ein Volk,
-wie das unsrige, darf keine Geschichte haben, und das,
-was es bis jetzt für seine Geschichte hält, muß von
-ihm mit Abscheu vergessen werden, jawohl, restlos vergessen
-werden. Eine Geschichte haben – das dürfen
-nur wir, die Intelligenz, der das Volk einzig mit seiner
-Arbeit und Kraft zu dienen hat.“
-</p>
-
-<p>
-„Übrigens erlauben Sie, regen Sie sich wegen
-unserer Einwände nicht auf und unterbrechen Sie
-uns nicht: nicht zu unseren Leibeigenen wollen wir unser
-Volk machen, wenn wir von seinem Gehorsam
-sprechen, o nein, natürlich nicht! Ziehen Sie, bitte,
-nicht so falsche Schlüsse! Wir sind human, wir
-sind Europäer: das wissen Sie ja nur zu gut. Im Gegenteil,
-wir wollen unser Volk allmählich bilden, regelrecht
-bilden, und unser Werk damit krönen, daß
-wir das Volk allmählich bis zu uns erheben und seine
-Nationalität in eine andere verwandeln, in irgendeine,
-die sich dann schon von selbst einstellen wird, wenn
-die Nation nur erst einmal richtig gebildet ist. Seine
-Bildung aber werden wir darauf gründen und damit
-beginnen, womit wir selber begonnen haben: mit
-der Verleugnung unserer Vergangenheit und einem
-Fluch auf unsere ganze Geschichte. Haben wir einem
-Mann aus dem Volke erst das Lesen und Schreiben
-beigebracht, so geben wir ihm gleich darauf Europa zu
-riechen, und dann umstricken wir ihn vollends mit –
-nun, sagen wir, mit den feinen Sitten, den Kleidern,
-Getränken und französischen Tänzen. Mit einem
-Wort, wir zwingen ihn, sich seines früheren Bastschuhs
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-und seines selbstgebrauten ‚Kwas‘<a class="fnote" href="#footnote-15" id="fnote-15">[15]</a> zu schämen, desgleichen
-seiner alten Lieder – und wenn es auch unter
-letzteren einzelne musikalisch sehr schöne geben mag,
-was wir ja gar nicht in Abrede stellen wollen, dann
-werden wir ihn doch zwingen, Couplets zu singen, wie
-sehr Sie sich darüber auch ärgern sollten. Kurz, um
-den guten Zweck zu erreichen, werden wir mit allen nur
-möglichen Mitteln zunächst die schwachen Seiten seines
-Charakters beeinflussen, ganz wie das ja auch mit
-uns geschehen ist, und schließlich wird dann das Volk
-– unser sein. Es wird sich seiner Vergangenheit selbst
-schämen und sie verfluchen. Wer das hinter ihm Liegende
-verflucht, der gehört bereits zu uns. Das ist
-unsere Formel! Und nach dieser Formel werden wir
-vorgehen, wenn wir uns daran machen, das Volk zu
-uns zu erheben. Sollte das Volk sich aber als unfähig
-zur Bildung erweisen, dann ja, dann muß man
-es beseitigen. In dem Fall wäre eben der Beweis dafür
-erbracht, daß unser Volk nur eine unwürdige,
-barbarische Herde ist, mit der man wirklich nichts anderes
-anfangen kann, als daß man sie zum Gehorsam
-zwingt. Denn was sollte man sonst mit ihm anfangen?
-– ist doch nur bei unserer Intelligenz und in
-Europa die Wahrheit! Wenn es bei uns auch achtzig
-Millionen Volk gibt (womit Sie übrigens dem Anscheine
-nach ein wenig zu prahlen belieben), so haben
-alle diese Millionen doch nur dann einen Lebenszweck,
-wenn sie dieser europäischen Wahrheit dienen,
-außer der es eine andere Wahrheit nun einmal nicht
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-gibt und auch gar nicht geben kann. Mit der Menge
-aber, mit diesen achtzig Millionen, werden Sie uns
-nicht einschüchtern. So: und damit hätten wir Ihnen
-einmal gründlich unsere Meinung gesagt, diesmal in
-ganzer Nacktheit. Wir aber bleiben bei dem, was wir
-gesagt haben. Wir können doch nicht, wenn wir Ihre
-Folgerung annehmen, mit Ihnen – nun, zum Beispiel
-über so seltsame Dinge philosophieren, wie die
-Pravoslavie<a class="fnote" href="#footnote-16" id="fnote-16">[16]</a> und ihre angebliche und besondere Bedeutung!
-Wir hoffen vielmehr, daß Sie uns wenigstens
-dies nicht zumuten werden, namentlich nicht jetzt,
-in einem Augenblick, in dem das letzte Wort Europas,
-und das allgemeine Ergebnis der europäischen Wissenschaft,
-doch der Atheismus ist, ein aufgeklärter und
-humaner Atheismus! Wir aber – wir können doch
-nicht Europa etwa <em>nicht</em> folgen!! So sind wir denn
-meinetwegen bereit, jene Hälfte der bewußten Rede,
-in der Sie uns Beifall zollen, mit gewissen Einschränkungen
-gelten zu lassen – also sei’s drum, erweisen
-wir Ihnen diese Liebenswürdigkeit. Was aber die
-andere Hälfte betrifft, die, auf die Sie sich und alle
-diese Ihre ‚Grundlagen‘ beziehen – ja: da verzeihen
-Sie, da können wir nun nichts mehr annehmen und
-billigen!“
-</p>
-
-<p>
-Eine so traurige Antwort auf meine Rede ist durchaus
-möglich. Doch wie gesagt: ich wage sie nicht nur
-nicht in den Mund jener Westler zu legen, die mir die
-Hand drückten, sondern nicht einmal in den Mund
-der vielen, sehr vielen Aufgeklärten, die trotz ihrer
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-Theorien prächtige Russen sind und für ihr Vaterland
-arbeiten und als russische Bürger alle Achtung verdienen.
-Dafür aber wird die Masse, die Masse der
-Abtrünnigen, der von ihrem Erdboden Losgerissenen,
-die Masse der Westler, der Durchschnitt, die Straße,
-auf der man die Idee weiterschleift, – dieser ganze
-Pöbel der „Richtung“ (und der ist zahlreich wie Sand
-am Meer) oh, dieser Schlag Menschen wird unbedingt
-in ähnlicher Weise antworten, wenn er es nicht
-schon getan hat! (Notabene: In betreff des Glaubens
-zum Beispiel ist schon in einer Broschüre mit dem
-ganzen ihnen eigenen Scharfsinn erklärt worden, das
-Ziel der Slawophilen sei – ganz Europa zur Orthodoxie
-zu bekehren.) Doch verscheuchen wir diese schwarzen
-Gedanken und hoffen wir zunächst auf die Führer
-dieses „Europäertums“. Wenn sie auch nur die Hälfte
-unserer Ansichten und in sie gesetzten Hoffnungen zu
-den ihrigen machen, so sei ihnen auch hierfür Ehre
-und Ruhm, und wir werden sie mit Begeisterung begrüßen.
-Selbst wenn sie nur die eine Hälfte annehmen, d. h.
-wenn sie wenigstens die Selbständigkeit und Eigenart
-des russischen Geistes anerkennen, so wie die Rechtmäßigkeit
-seines Daseins und seine menschenfreundliche
-allversöhnende Neigung, so wird es auch fast
-nichts mehr geben, worüber wir noch zu streiten hätten,
-wenigstens nichts Grundsätzliches. Dann würde meine
-Rede allerdings so etwas wie den Grund zu einem
-neuen Ereignis gelegt haben. Nicht sie selbst – ich
-wiederhole es noch zum letztenmal – wäre das Ereignis
-gewesen (sie ist eine solche Bezeichnung nicht
-wert), sondern der große Triumph Puschkins, der die
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-Veranlassung zu unserer Einigung gewesen wäre –
-einer Einigung aller wahrhaft gebildeten und aufrichtigen
-Russen für ein großes allumfassendes Zukunftsziel.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-2">
-<span class="firstline">Puschkin<a class="fnote" href="#footnote-17" id="fnote-17">[17]</a></span>
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="note">
-Vorgetragen am 8. Juni 1880 in der Versammlung
-des Vereins der „Freunde russischer Dichtung“.
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>P</span><span class="postfirstchar">uschkin</span> ist eine außergewöhnliche Erscheinung
-und vielleicht der bisher einzige Ausdruck des
-russischen Geistes“, sagt Gogol. Ich füge von mir aus
-hinzu: und zwar ein prophetischer Ausdruck. Ja, in
-Puschkins Erscheinen liegt für uns alle, uns Russen,
-etwas zweifellos Prophetisches. Puschkin kam uns in
-einer Zeit, als sich zum ersten Male so etwas wie
-Selbsterkenntnis in unserer Gesellschaft hervorzuwagen
-begann, ein ganzes Jahrhundert nach der Reform
-Peters<a class="fnote" href="#footnote-18" id="fnote-18">[18]</a>, und sein Erscheinen wirkte wie eine Überleuchtung
-unseres dunklen Weges mit neuem und bahnweisendem
-Licht. In diesem Sinne ist Puschkin in der
-Tat eine Prophezeiung und ein Programm zugleich.
-</p>
-
-<p>
-Das Schaffen dieses großen Dichters teile ich in
-drei Perioden. Ich sage das nicht als Literaturkritiker:
-wenn ich von der schöpferischen Tätigkeit Puschkins
-rede, will ich nur meinen Satz von seiner prophetischen
-Bedeutung für Rußland klarlegen, und was ich unter
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-diesem Ausdruck verstehe. Übrigens möchte ich hier
-vorausschicken, daß zwischen besagten drei Abschnitten
-seiner Entwicklung, wie mir scheint, keine festen Grenzen
-bestehen. Der Anfang des „Onegin“ zum Beispiel
-gehört meiner Ansicht nach noch in die erste Periode
-seines Schaffens, das Ende dagegen in die zweite, in
-der Puschkin seine Ideale in seinem eigenen Lande
-bereits gefunden, liebgewonnen und in seine große,
-weit ausschauende Seele aufgenommen hatte. Ferner:
-es ist üblich, zu sagen, daß Puschkin in der ersten Periode
-seines Schaffens europäische Dichter nachgeahmt
-habe, wie Parny, André Chénier und besonders Byron.
-Und es ist wahr: diese und andere Dichter Europas
-haben zweifellos einen großen Einfluß auf die Entwicklung
-seines Genies gehabt und haben diesen Einfluß
-wohl auch zeit seines Lebens behalten. Nichtsdestoweniger
-waren schon die ersten Dichtungen Puschkins
-keineswegs nur Nachahmungen, vielmehr verrät
-sich auch in ihnen schon die ungewöhnliche Selbständigkeit
-seines Genies. Aus Nachahmungen spricht nie
-ein so echter Schmerz, nie eine so tiefe Selbsterkenntnis,
-wie Puschkin sie z. B. in den „Zigeunern“ hat –
-in einem Poem, das ich durchaus noch zu seiner
-ersten Schaffensperiode rechne. Von seiner schöpferischen
-Kraft und von der mitreißenden Gewalt seiner
-Sprache ganz zu schweigen – nein, die hätte er wahrlich
-nicht gehabt, wenn er nur ein Nachahmer gewesen
-wäre. Die Gestalt des Aleko, des Helden dieses Poems,
-vertritt bereits einen großen und tiefen und echt russischen
-Gedanken, denselben, der später in so einheitlicher
-Vollendung im „Onegin“ ausgedrückt ist, wo uns
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-fast derselbe Aleko entgegentritt, nur mit dem Unterschied,
-daß er dort nicht mehr in einer phantastischen
-Umgebung und in phantastischem Licht erscheint, sondern
-greifbar wirklich, wahrheitsgetreu und verständlich
-vor uns steht. Schon in Aleko hat Puschkin jenen
-Unglücklichen, der in seinem ganzen großen Vaterlande
-keinen festen Verbleib hat, jenen historischen russischen
-Märtyrer, dessen Erscheinen in unserer, vom Volk losgerissenen
-Gesellschaft – eben historisch betrachtet –
-so unvermeidlich war, in einer genialen Skizze festgehalten.
-Entdeckt aber hat er ihn wahrlich nicht nur
-in Byrons Werken! Dieser Typ ist fehlerlos erfaßt, ist
-eine von unseren stehenden Figuren und hat sich bei
-uns, in unserem russischen Vaterlande, seit langem und
-auf lange Zeit eingebürgert. Dieser russische „Skitáletz“<a class="fnote" href="#footnote-19" id="fnote-19">[19]</a>
-aus den höheren Gesellschaftskreisen setzt auch
-heute noch sein Leben fort, und ich glaube, er wird so
-bald nicht aussterben. Und wenn diese Naturen heutzutage
-nicht mehr Zigeunerlager aufsuchen, um in der
-wilden eigenartigen Lebensweise der Nomaden ihr
-Weltideal und im Schoße der Natur Ruhe und Erlösung
-von dem sinnlosen, verwirrenden Leben unserer
-russischen Gesellschaft zu finden, so werfen sie sich
-dafür dem Sozialismus in die Arme, den es zu Alekos
-Lebzeiten noch nicht gab – das heißt: sie gehen mit
-ihrem neuen Glauben nur auf einen fremden Acker, um
-dort mit Eifer auf ihre Weise zu arbeiten, geradeso
-überzeugt, wie Aleko es war, daß sie auf diesem ihrem
-phantastischen Arbeitsfeld das Glück nicht nur für sich
-selbst, sondern zugleich für die ganze Welt erlangen
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-werden. Denn dieser russische Heimatlose bedarf nun
-einmal des allmenschlichen Glücks, um mit sich zur Ruhe
-kommen zu können: sonst, o nein, sonst gibt er
-sich nicht zufrieden – d. h. so lange tut er es nicht,
-wie es sich in der Sache nur um die Theorie handelt.
-Der „Skitaletz“ von heute wie der von damals sind
-noch ganz dieselben Russen, nur daß sie zu verschiedenen
-Zeiten geboren wurden. Dieser Menschenschlag ist,
-ich wiederhole es, gerade zu Anfang des zweiten Jahrhunderts
-nach der großen Reform Peters in unserer
-vom Volk und von der Volkskraft losgelösten Gesellschaft
-entstanden. Gewiß, eine riesige Mehrzahl der gebildeten
-Russen haben damals, zu Puschkins Zeiten,
-ebenso ihr Leben im Staatsdienst zugebracht, wie sie
-in unserer Zeit friedlich als Beamte weiter dienen, in
-den Renteien, auf den Eisenbahnen und in den Banken
-– oder sie verdienen sich ihr Geld durch andere Mittel,
-sie beschäftigen sich sogar mit Wissenschaft, geben
-Stunden, halten Vorträge und verrichten alles regelmäßig,
-faul, friedlich, leben von monatlichem Gehalt
-und kleinen Kartenpartien, ohne jede innere Anfechtung
-oder Neigung zur Flucht in ein Zigeunerlager,
-oder gleichviel wohin und welches Lager sich in unserer
-Zeit eben mehr dazu eignen würde. Viel, sehr viel ist
-es schon, wenn sie ein wenig die Liberalen spielen,
-„mit einem Schimmer von westeuropäischem Sozialismus“,
-dem aber ein gewisser russisch gutmütiger Charakter
-verliehen wird. Doch alles das ist nur ein Zeitunterschied.
-Was liegt daran, daß der eine noch nicht
-angefangen hat, sich zu beunruhigen, während der andere
-schon bei der verschlossenen Tür angelangt ist und
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-sie mit dem Kopf auch bereits einzurennen versucht hat
-– natürlich vergeblich. Dasselbe erwartet sie alle –
-jeden zu seiner Zeit, wenn sie nicht den rettenden Weg
-betreten und sich bescheiden mit dem Volk vereinigen.
-Oder nicht einmal alle mag dasselbe erwarten: es genügen
-auch die „Auserwählten“, es genügt auch der
-zehnte Teil der aus der Ruhe Gekommenen, und die
-übrige große Mehrheit wird ebenfalls dank ihrer Unruhe
-keine Ruhe mehr finden. Aleko freilich versteht es
-noch nicht, seine Sehnsucht richtig auszudrücken: bei
-ihm ist alles gleichsam noch abstrakt. Er sehnt sich nach
-der Natur und klagt über die Gesellschaft, verspürt
-einen Drang, der sich irgendwie auf die ganze Welt bezieht,
-und trauert ob der vermeintlich irgendwo, irgendwann,
-durch irgendwen verlorenen Wahrheit, die
-er nun nirgends zu finden vermag. Hier ist, ersichtlich,
-ein bißchen Jean Jacques Rousseau zu spüren. Worin
-diese Wahrheit bestanden, wo und wie man sie wiederfinden
-könnte und wann sie verloren gegangen, das
-weiß er allerdings nicht zu sagen, aber er leidet aufrichtig.
-Vorläufig sehnt sich denn auch der phantastische
-unduldsame Mensch nur nach Erlösung von vornehmlich
-äußeren Erscheinungen. So muß es ja auch sein!
-Die Wahrheit ist für ihn irgendwo außerhalb seiner
-Person, vielleicht irgendwo in anderen Ländern, zum
-Beispiel in den europäischen, die alle ihren geschichtlich
-festgefügten Bau und eine bestimmte Ordnung in
-ihrem staatlichen wie gesellschaftlichen Leben besitzen.
-Und niemals wird er begreifen, daß die Wahrheit vor
-allen Dingen in ihm selbst sein muß, ganz innerlich,
-nur in ihm selbst – wie sollte er das auch anders verstehen?
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-Er ist doch in seinem eigenen Lande ein Fremder,
-schon seit einem ganzen Jahrhundert hat er das
-Arbeiten verlernt, besitzt er nichts mehr von lebendiger
-Kultur, ist er wie ein Pensionsmädchen zwischen geschlossenen
-Wänden aufgewachsen. Die Pflichten, die
-er erfüllte, waren seltsam und willkürlich, je nach seiner
-Zugehörigkeit zu einer der vierzehn Rangklassen, in
-die unsere gebildete russische Gesellschaft eingeteilt ist.
-Er ist vorläufig nur ein losgerissenes und in der Luft
-schwebendes Stäubchen. Er fühlt das auch und leidet
-darunter oft sogar qualvoll! Nun, und schließlich –
-was hat es auch auf sich, daß er, der vielleicht zum russischen
-Geburtsadel gehört und sogar, was höchst
-wahrscheinlich ist, Leibeigene besitzt, mit der ganzen
-Freiheit seines Standes sich den kleinen phantastischen
-Einfall gestattet, an Menschen Gefallen zu finden, die
-„ohne Gesetz“ leben, um zeitweilig, wenn es sein soll,
-im Zigeunerlager einen Bären zu führen und ihn tanzen
-zu lassen? Am ehesten konnte ihm noch das Weib,
-„das Naturweib“, wie ein Dichter sich ausdrückt, die
-Hoffnung auf eine Erlösung von seiner Lebensqual
-verheißen: nichts ist infolgedessen selbstverständlicher,
-als daß er sich in leichtsinnigem, jedoch leidenschaftlichem
-Glauben in eine junge Zigeunerin verliebt. Es
-hieß das soviel wie: „Hier, nur hier finde ich den Ausweg,
-hier werde ich auch mein Glück finden, hier im
-Schoße der Natur, fern von aller Welt, hier unter diesen
-Menschen, die keine Zivilisation und keine Gesetze
-haben!“ Und was ist das Ergebnis? – schon bei seinem
-ersten Zusammenstoß mit den Bedingungen dieses
-freien Lebens hält er nicht stand und befleckt seine Hände
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-mit Blut<a class="fnote" href="#footnote-20" id="fnote-20">[20]</a>. Nicht nur nicht zu einer allgemeinen
-Weltharmonie, nein, nicht einmal zum Leben in einer
-Zigeunerbande taugt der Unselige, und so jagen sie ihn
-denn fort – ohne Rache, ohne Bosheit, schlicht und
-nicht ohne Vornehmheit in ihrer einfachen Art. Der
-Alte sagt nur: „Verlaß uns, stolzer Mensch. Wir sind
-Zigeuner, haben kein Gesetz, wir richten nicht und lieben
-nicht, zu strafen.“
-</p>
-
-<p>
-Das ist natürlich alles recht phantastisch, aber der
-„stolze Mensch“ ist Wahrheit und von dem Dichter ist
-er treffend geschildert. Denn: so erfaßt und dargestellt
-wurde er bei uns zum erstenmal von – Puschkin. Das
-dürfen wir nicht vergessen. Es ist ja alles so echt an
-ihm ... kaum geht ihm etwas wider den Strich, da
-bringt er auch schon in Wut zwei Menschen um und
-rächt sich sofort für die Kränkung. Noch bequemer freilich
-wäre es gewesen, sich seiner Zugehörigkeit zu einer
-der vierzehn Rangklassen zu erinnern und selber das
-richtende und marternde Gesetz anzurufen (denn auch
-das ist vorgekommen), damit nur ja seine persönliche
-Kränkung gerächt werde. Nein, diese wahrheitsgetreue
-Dichtung ist nicht eine Nachahmung, in ihr ist schon die
-russische Beantwortung unserer „Frage“, dieser „verfluchten
-Frage“ im Sinne des russischen Volksglaubens
-und der russischen Volkswahrheit angedeutet: „Beuge
-dich, stolzer Mensch, und brich vor allen Dingen erst
-deinen Hochmut. Beuge dich, müßiger Mensch und arbeite
-erst einmal auf deinem Acker!“ Denn das wäre
-in der Tat die Lösung des Problems nach der Rechtsauffassung
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-des Volkes und der Volksvernunft. „Nicht
-außerhalb deiner ist die Wahrheit, sondern in dir selber,
-suche sie in dir, unterwirf <em>dich dir</em>, bemächtige
-dich deiner und du wirst die Wahrheit erkennen! Nicht
-in den äußeren Dingen ist die Wahrheit und nicht irgendwo
-fern hinter Bergen und Meeren, sondern vor allem
-in deiner Arbeit an dir selbst! Besiege dich, bezähme dich
-– und du wirst frei sein, wie du es dir noch nie erträumt
-hast. Beginnst du aber ein großes Werk, so
-machst du auch andere frei und wirst das Glück schauen.
-Dein Leben wird sich mit Inhalt füllen und du
-wirst endlich dein Volk und seine heilige Wahrheit begreifen.
-Weder bei Zigeunern noch sonstwo ist die
-Weltharmonie zu finden, wenn du selbst ihrer nicht
-wert bist, wenn du Bosheit und Hochmut in dir hast
-und das Leben umsonst haben willst, ohne auch nur zu
-ahnen, daß man für sein Leben zahlen muß.“
-</p>
-
-<p>
-Diese Lösung des Problems ist in jener Dichtung
-Puschkins bereits angedeutet und beinahe vorgezeichnet.
-Viel klarer aber ist sie im „Eugen Onegin“ ausgedrückt,
-in diesem Roman, der nicht nur nicht phantastisch
-ist, sondern geradezu fühlbare Wirklichkeit, in dem
-das russische Leben mit so schöpferischer Kraft dargestellt
-ist und in einer so vollendeten Kunst, wie es sie
-vor Puschkin nicht gegeben hat und vielleicht nach ihm
-nicht wieder geben wird.
-</p>
-
-<p>
-Onegin kommt aus Petersburg – unbedingt aus
-Petersburg, das ist zweifellos die erste Bedingung.
-Einen so wichtigen Umstand in der Lebensgeschichte
-seines Helden konnte Puschkin natürlich nicht übergehen.
-Und ich wiederhole, dieser Held ist derselbe Aleko,
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-namentlich später, wenn er ausruft: „Warum lieg ich
-nicht gelähmt, wie in Tula der Assessor?“ Vorläufig
-jedoch, zu Anfang des Romans, ist er ein halber Geck
-und Gesellschaftsmensch und hat noch viel zu wenig gelebt,
-um vom Leben schon ganz und gar enttäuscht zu
-sein. Aber auch ihn beginnt bereits heimzusuchen und
-zu beunruhigen jener „vornehme Dämon heimlicher
-Qual“. In der Einsamkeit auf seinem Gut, im Herzen
-seiner Heimat ist er natürlich nicht „bei sich zu Hause“.
-Er fühlt sich da nicht heimisch. Er weiß nicht, was er
-dort anfangen soll und es kommt ihm vor, als wäre er
-bei sich selbst zu Gaste. Später, wenn er in seiner Langweile
-und Unzufriedenheit und inneren Unruhe im Vaterlande
-und in fremden Ländern von Ort zu Ort reist,
-fühlt er sich – als fraglos kluger und fraglos aufrichtiger
-Mensch, der er ist – auch unter den Fremden
-sich selber fremd. Freilich liebt auch er sein Land,
-aber er traut ihm nicht. Natürlich hat er von den einheimischen
-Idealen gehört, aber er glaubt nicht an diese
-Ideale. Er glaubt nur an die vollkommene Unmöglichkeit
-gleichviel welch einer Arbeit auf dem Heimatboden
-und blickt auf die, die an diese Möglichkeit glauben
-– deren es damals, wie auch jetzt, nur wenige
-gab – mit einem traurigen Spottlächeln herab. Lenskij<a class="fnote" href="#footnote-21" id="fnote-21">[21]</a>,
-sein junger Freund, wird von ihm einfach aus
-Hypochondrie erschossen, vielleicht gerade infolge seiner
-Sehnsucht nach dem Friedensideal –, das wäre uns
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-nur zu ähnlich, weshalb diese Erklärung denn auch die
-wahrscheinlich richtige ist. Wie anders dagegen Tatjana!
-Die ist ein starker Mensch, die steht fest und sicher
-auf ihrem Boden. Sie ist tiefer als Onegin, und natürlich
-auch klüger als er. Sie ahnt schon allein durch ihren
-feinen Sinn, wo die Wahrheit ist und worin sie besteht,
-was dann der Schluß des Romans bezeugt. Vielleicht
-wäre es besser gewesen, Puschkin hätte seinen
-Roman nach ihr „Tatjana Larina“ genannt, und nicht
-nach ihm „Jewgenij Onegin“, denn sie, nicht er, ist der
-Held. Sie ist ein bejahender Typ, nicht ein verneinender,
-wie er, sie ist ein Typ wahrhafter Schönheit, ist
-die Verherrlichung der russischen Frau – und sie ist es
-denn auch, die der Dichter den Grundgedanken seiner
-Dichtung in der berühmten Szene der letzten Begegnung
-Tatjanas mit Onegin aussprechen läßt. Ja, man kann
-sogar sagen, daß ein solches Urbild der russischen Frau,
-eine Heldin von solcher Schönheit, in unserem ganzen
-Schrifttum nicht wieder geschaffen worden ist – ausgenommen
-höchstens die Gestalt der Lisa in Turgenjeffs „Adelsnest“.
-– Nur die Angewohnheit, auf alles hochmütig herabzusehen,
-bringt Onegin dazu, daß er bei der ersten Begegnung
-auf dem weltfernen Gut ihrer Eltern überhaupt nicht sieht,
-wen er in der schüchternen Gestalt des reinen unschuldigen
-Mädchens vor sich hat, während sie sich schon bei dem
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-ersten Blick auf ihn seltsam befangen fühlt. Er verstand
-eben nicht, in dem armen Mädchen die geistige Feinheit,
-die ganze Vollendung und Vollkommenheit ihres
-inneren Menschen zu erkennen und hielt sie vielleicht
-wirklich nur für einen „moralischen Embryo“. Sie –
-ein Embryo! und das noch nach ihrem Liebesbrief
-an ihn! Wenn jemand in diesem Roman ein moralischer
-Embryo ist, dann ist das wahrhaftig niemand
-anderes als er selbst, Onegin! Freilich, er konnte sie
-gar nicht erkennen: kennt er denn überhaupt die Menschenseele?
-Er ist ein abstrakter Mensch, ein unruhiger
-Träumer und bleibt es sein Leben lang. Auch später in
-Petersburg, wo er sie als vornehme Dame wiedersieht,
-begreift er sie nicht, obschon er ihr schreibt, daß seine
-Seele ihre ganze Schönheit fühle. Doch das sind nur
-Worte: sie geht an ihm und seinem Leben vorüber, von
-ihm unerkannt, unbegriffen! Darin besteht eben die
-Tragödie ihres Romans. Wäre dagegen damals, bei der
-ersten Begegnung mit ihr, Childe Harold, oder gar Lord
-Byron in eigener Person geradenwegs aus England auf
-dem Gut eingetroffen und hätte ihn auf den eigenartigen
-Reiz des schüchternen, jungen Mädchens aufmerksam
-gemacht – oh, da wäre Onegin sogleich von ihr
-betroffen und entzückt gewesen! Soviel geistiges
-Lakaientum steckt zuweilen in diesen Weltschmerzmärtyrern!
-Doch es geschah nicht, und Onegin, der die Weltharmonie
-sucht, begibt sich, infolgedessen, nachdem er
-Tatjana als Antwort auf ihren Brief eine Predigt gehalten
-und sich dabei immerhin noch sehr anständig benommen
-hat, mitsamt seinem Weltschmerz und dem
-aus kleinlich dummem Ärger vergossenen Blut auf
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-dem Gewissen, auf Reisen – zunächst im eigenen
-Lande, doch offenbar ohne überhaupt zu bemerken, wo
-er sich befindet. Im Überschwang seiner vermeintlichen
-Gesundheit und Kraft ruft er unter Flüchen aus:
-„Jung bin ich, stark ist in mir das Leben!“ und doch
-weiß er nicht, worauf er wartet, was auf ihn wartet,
-und so bleibt ihm nichts als sein Weltschmerz.
-</p>
-
-<p>
-Das begriff Tatjana. In den unsterblichen Versen
-des Romans erzählt der Dichter, wie sie das Haus dieses
-ihr so wunderbaren und rätselhaften Menschen besucht.
-Ich will hier nicht weiter von der unnachahmlichen
-Schönheit und Tiefe dieser Strophen reden. Sie
-betritt sein Zimmer, sie betrachtet seine Bücher, die
-Sachen, alle Gegenstände, bemüht sich, aus ihnen seine
-Seele zu erraten, ihre Rätsel zu lösen – und der „moralische
-Embryo“ bleibt schließlich mit einem seltsamen
-Lächeln nachdenklich stehen, wie in einer Vorahnung
-der Lösung des Problems, und ihre Lippen fragen leise:
-</p>
-
-<p>
-„Oder sollte er – eine Parodie sein?“
-</p>
-
-<p>
-Ja, sie mußte darauf verfallen, sie hatte das Geheimnis
-erraten. In Petersburg – lange Zeit nachher,
-nach der neuen Begegnung –, da kennt sie ihn
-bereits vollkommen. Übrigens, nebenbei hat jemand
-gesagt, daß das gesellschaftliche Leben bei Hofe verderblich
-ihre Seele beeinflußt habe und daß gerade die
-Würde der hochgestellten Dame und die neuen gesellschaftlichen
-Begriffe zum Teil die Ursache ihrer Absage
-an Onegin gewesen seien. Nein, so verhielt es sich
-nicht. Nein, sie ist auch als Fürstin dieselbe Tanjä,
-dieselbe, die sie dort auf dem Lande war! Sie ist nicht
-verdorben, im Gegenteil, sie fühlt sich bedrückt durch
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-dieses prunkvolle Petersburger Leben; es ist für sie eine
-Last und ein Zwang, unter dem sie leidet; sie verabscheut
-ihre gesellschaftliche Stellung, und wer sie anders
-beurteilt, der begreift überhaupt nicht, was Puschkin
-ausdrücken wollte. Fest und ruhig sagt sie zu Onegin:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„... Doch bin ich einem andren angetraut</p>
- <p class="verse">Und werd’ ihm ewig treu sein.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Das sagt sie gerade als russische Frau, darin
-besteht die Verherrlichung derselben, die uns Puschkin
-mit ihrer Gestalt gegeben hat. Sie spricht die
-innere Wahrheit dieser Dichtung aus. Oh, ich
-sage kein Wort über ihre religiösen Ansichten,
-über ihre Auffassung der Heiligkeit der Ehe
-– nein, das werde ich nicht berühren. Aber wie denn:
-weigert sie sich deshalb, ihm zu folgen, obgleich sie ihm
-sagt: „Ich liebe Sie“ – deshalb etwa, weil sie „als
-russische Frau“ (und nicht als Südländerin oder irgendeine
-Französin) unfähig wäre zu einem mutigen
-Schritt, etwa weil sie nicht die Kraft hätte, ihre Fesseln
-zu zerreißen, und nicht stark genug wäre, das
-Gefeiertwerden, ihre gesellschaftliche Rolle, ihren
-Reichtum, den Ruf der Tugend zu opfern?
-Nein, die russische Frau ist mutig. Die russische Frau
-handelt furchtlos nach dem, was sie für richtig hält:
-das hat sie bewiesen. Aber Tatjana ist „einem anderen
-angetraut“, und diesem, dem sie nun einmal gehört,
-wird sie „ewig treu sein“. Aber wem denn, wem denn
-treu? Welchen Pflichten? Treu diesem alten General,
-den sie doch nicht lieben kann, da sie ja Onegin liebt,
-und den sie nur genommen, weil „die Mutter sie unter
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-Tränen beschworen“? In ihrer verletzten, wunden
-Seele war damals weder Hoffnung noch Freude, sondern
-nichts als Verzweiflung. Also treu diesem alten
-General? Ja, treu diesem alten General, ihrem Mann,
-dem ehrlichen Menschen, der sie liebt, der sie achtet und
-stolz auf sie ist. Mag auch die Mutter sie beschworen
-und angefleht haben, aber sie, Tatjana selbst und keine
-andere hat das Jawort gegeben, sie, sie selbst hat ihm
-Treue geschworen. Mag sie ihn auch aus Verzweiflung
-genommen haben, jetzt ist er ihr Gatte, und ihr Treubruch
-würde ihn mit Schimpf und Schande bedecken,
-würde ihn vernichten. Und kann denn ein Mensch sein
-Glück auf dem Unglück eines anderen aufbauen? Das
-Glück liegt nicht allein in den Genüssen der Liebe, sondern
-auch in der höheren Harmonie des Geistes. Womit
-sollte man aber den Geist beruhigen, wenn hinter
-einem ein unehrenhafter, mitleidloser, fast unmenschlicher
-Schritt liegt? Sollte sie nur deshalb von
-ihm fliehen, weil es sich um ihr Glück handelte? Aber
-was kann denn das für ein Glück sein, das auf fremdem
-Unglück beruht? Nehmen wir an, daß Sie den
-Bau der Geschicke des Menschengeschlechts aufzuführen
-hätten, mit dem Ziel, die Menschen zu beglücken,
-ihnen zum Schluß Frieden und Ruhe zu geben. Nehmen
-Sie an, zu dem Zweck wäre es unbedingt erforderlich,
-im ganzen nur ein einziges menschliches Wesen zu
-Tode zu quälen – ja sagen wir, nicht einmal ein gar
-so wertvolles, meinetwegen sogar irgendein ganz lächerliches
-Wesen, also nicht etwa eine Figur aus Shakespeare,
-sondern – nun, sagen wir, einfach nur einen
-ehrenwerten alten Mann, den Gatten einer jungen
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-Frau, an deren Liebe er in blinder Überzeugung
-glaubt, obgleich er ihr Herz gar nicht kennt, der sie aber
-ehrt und achtet, stolz auf sie ist, glücklich durch sie und
-ruhig. Und nur dieser eine Mensch muß entehrt und geschmäht
-und gequält werden, um auf den Tränen dieses
-Mannes den Glücksbau aufzuführen! Würden Sie da
-wohl einwilligen, der Baumeister dieses Gebäudes unter
-dieser einen Bedingung zu sein? Das ist die Frage.
-Vermöchten Sie auch nur einen Augenblick die Ansicht
-zu vertreten, daß die Menschen, für die Sie diesen
-Bau aufführen, einwilligen würden, dieses Glück von
-Ihnen anzunehmen, wenn Sie in das Fundament den
-Schmerz eines, zwar unbedeutenden, doch unverdientermaßen
-unbarmherzig zu Tode gequälten
-Menschen einmauerten, und daß die Menschen in diesem
-Glück ewig zufrieden sein könnten? Deshalb frage
-ich: konnte Tatjana in ihrer Reinheit und Vornehmheit
-und mit ihrem von eigenem Leid wehen Herzen
-sich überhaupt anders entschließen? Nein; denn eine
-reine russische Seele sagt sich in diesem Fall: „Mag
-ich allein das Glück entbehren, mag auch mein Unglück
-unvergleichlich größer sein als das Unglück dieses alten
-Mannes, mag auch niemand jemals erfahren, auch
-mein Mann nicht, daß ich mich geopfert habe, mag
-auch niemand mein Opfer schätzen, ich will doch nicht
-auf Kosten eines anderen glücklich sein!“ Das ist der
-Kern der Tragödie. Hier handelt es sich um ein Entweder
-– Oder, für ein Drittes ist es zu spät, und danach
-fällt denn die Antwort aus, die sie Onegin gibt.
-Nun wird man vielleicht einwenden: „Ja, aber auch
-Onegin ist doch unglücklich, den einen macht sie glücklich,
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-den alten Mann, an den anderen aber, den jungen,
-und sein Unglück denkt sie nicht!“ Erlauben Sie,
-hier handelt es sich noch um eine andere Frage, vielleicht
-sogar um die wichtigste im Roman. Übrigens
-hat die Frage, warum Tatjana nicht Onegin folgt, bei
-uns, oder wenigstens in unserer Literaturkritik, eine besondere
-Geschichte, die sogar recht charakteristisch ist, deshalb
-habe ich mir auch nur erlaubt, mich über diese Frage
-so ausführlich zu verbreiten. Das Charakteristischste
-dürfte wohl sein, daß die moralische Lösung dieser Frage
-bei uns so lange allen Zweifeln ausgesetzt gewesen ist.
-Ich denke: selbst wenn Tatjana frei gewesen, wenn ihr
-Mann schon gestorben wäre, daß sie auch dann nicht
-Onegins Werben angenommen hätte. Man muß doch
-das ganze innere Wesen dieser Frau erfassen. Sie sieht
-doch, wer er ist: er, der ewig unstete Mensch, findet plötzlich
-die Frau, die er als junges Mädchen verschmäht
-hat, findet sie in einer neuen glänzenden Umgebung,
-– und diese Umgebung ist für ihn auch das Ausschlaggebende,
-ihre gesellschaftliche Rolle ist es, die ihn bestrickt.
-Vor diesem ehemaligen kleinen Mädchen, auf
-das er beinahe mit Verachtung herabsah oder doch mit
-Geringschätzung, beugt sich jetzt die Gesellschaft – die
-Gesellschaft, diese ungeheure Autorität in den Augen
-Onegins, ungeachtet aller seiner Weltschmerzen und
-Weltideale. Deshalb also, nur deshalb wirft er sich
-wie geblendet ihr zu Füßen! Endlich glaubt er, sein
-Ideal gefunden zu haben, seine Rettung, seine Erlösung
-von seiner Sehnsucht, die er früher nicht zu erkennen
-verstanden, und „das Glück war doch so möglich,
-so nah!“ ruft er aus. Wie Aleko zur jungen Zigeunerin,
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-so strebt Onegin jetzt zu Tatjana, indem er
-in seinem neuen absonderlichen Einfall alle Lösungen
-seiner Probleme sucht. Und das sieht doch Tatjana, sie
-hat ihn doch schon längst durchschaut?! Sie weiß doch
-ganz genau, daß er im Grunde nur seine neue Einbildung
-liebt, und nicht sie, die ja dieselbe Tatjana geblieben
-ist, die sie früher war! Sie weiß, daß er sie für
-etwas ganz anderes hält als das, was sie ist, daß er
-sie nicht nur nicht liebt, sondern daß er sogar überhaupt
-nicht fähig ist, gleichviel wen, zu lieben, wenn er auch
-noch so sehr leidet! Er liebt seinen Einfall, sein Trugbild,
-aber er selbst ist auch nur ein Trugbild. Würde er
-doch, wenn sie ihm folgte, schon am nächsten Tage wieder
-gleichgültig werden und an seinen Überschwang
-mit spöttischem Lächeln zurückdenken. Er hat keinen Boden
-unter sich, auf dem er stehen könnte, er ist ein
-Stäubchen, das vom Winde getragen wird. Wie anders
-dagegen Tatjana! Sie hat sogar in der Verzweiflung
-und in dem Bewußtsein, daß ihr Leben verfehlt ist,
-etwas Festes und Unerschütterliches, auf das ihre Seele
-sich stützen, woran sie sich aufrichten kann. Das sind
-ihre Erinnerungen an ihre Kindheit, an ihre Heimat,
-an die Landeinsamkeit, in der ihr stilles, reines Leben
-begann, und wäre es auch nur „das Kreuz und der
-Schatten der Bäume auf dem Grabe ihrer alten Kinderfrau“.
-Oh, diese Erinnerungen an ihre Jugend sind
-ihr jetzt das Teuerste, was sie hat, diese Erinnerungen
-allein sind ihr geblieben, aber sie genügen, um ihre
-Seele vor der letzten Verzweiflung zu bewahren. Und
-das ist nicht wenig, nein, das ist schon viel, sehr viel,
-denn das ist ein fester Boden, ist etwas, worauf man
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-bauen kann. Hierin liegt die Berührung mit dem eigenen
-Volk, mit seinen Heiligtümern, liegt das, was das
-Vaterland zur wahren Heimatscholle macht. Was aber
-hat er, Onegin, und was ist er überhaupt? Doch nicht
-aus Mitleid konnte sie ihm folgen, nur um ihm eine
-Abwechslung zu bieten, um ihm nur für einige Zeit
-aus unendlicher liebevoller Barmherzigkeit das Phantom
-eines Glückes zu schenken, während sie mit Sicherheit
-wußte, daß er schon am nächsten Tage sich skeptisch
-und spöttisch zu diesem seinem neuen Glück verhalten
-werde! Nein, es gibt tiefe und starke Seelen, die ihr
-Heiligtum nicht bewußt der Schmähung preisgeben
-können, und wär’s auch nur aus unendlicher Barmherzigkeit.
-Nein, Tatjana konnte nicht Onegin folgen!
-</p>
-
-<p>
-In diesem seinem unsterblichen Roman „Onegin“ erscheint
-also Puschkin als ein großer Volksdichter, wie
-wir vor ihm keinen gehabt haben. Er hat darin mit
-einem einzigen Griff, in der treffendsten Weise, mit
-dem scharfsichtigsten Blick, den Kern unseres Wesens,
-unserer ganzen über dem Volk stehenden Gesellschaft erfaßt
-und dargestellt. In derselben Schaffensperiode
-aber, in der er uns den Typ des russischen Skitaletz
-schuf, den es heute noch ganz so wie damals gibt und
-der für unser zukünftiges Schicksal von größter Bedeutung
-ist, während er neben ihn die wahre Vertreterin
-unendlicher Schönheit in der russischen Frau stellte,
-prägte er gleichzeitig – und wiederum als erster –
-in anderen Werken eine ganze Reihe der prächtigsten
-russischen Volkstypen. Die Schönheit auch dieser Typen
-besteht vor allem in ihrer Echtheit, die so groß ist,
-daß man sie ordentlich wie lebende Menschen vor sich zu
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-sehen meint: so unverkennbar sind sie, so wahr und
-leibhaft stehen sie vor einem: wie gemeißelt. Ich möchte
-nochmals betonen, daß ich nicht als Literaturkritiker
-rede, deshalb werde ich meinen Gedanken auch nicht
-durch eingehende Untersuchungen der genialen Werke
-unseres Dichters zu erklären versuchen. Über seinen
-russischen Chronisten<a class="fnote" href="#footnote-22" id="fnote-22">[22]</a> zum Beispiel müßte man allein
-schon ein ganzes Buch schreiben, wollte man die volle
-Bedeutung dieser Gestalt erfassen und wiedergeben,
-die Puschkin uns in ihrer ruhigen Geistesgröße wie ein
-Wahrzeichen und einen ewigen Zeugen unseres kraftvollen
-Volksgeistes vor Augen gestellt hat. Diesen
-Typ gibt es wirklich, von dem kann niemand sagen, er
-sei vom Dichter frei erfunden, sei bloß eine Idealgestalt.
-Wenn man aber zugesteht (und das muß man),
-daß es solche Menschen im russischen Volk gibt, dann
-muß man auch zugeben, daß es notwendig einen Volksgeist,
-der sie hervorbringt, geben muß, und weiter,
-daß dieser Geist auch die erforderliche Lebenskraft haben
-wird. Überall tritt bei Puschkin der Glaube an
-den russischen Charakter hervor, der Glaube an eine
-geistige Kraft des Volkes: wo aber Glaube ist, da ist
-Zuversicht, und die besitzt er denn auch – eine große Hoffnung
-und ein großes Vertrauen auf den russischen
-Menschen. Daß er in der Hoffnung auf den Sieg des
-Guten furchtlos der Zukunft entgegenschaue, sagt
-Puschkin einmal bei einem anderen Anlaß, doch könnte
-sich dieser Ausspruch auf seine ganze in nationalem
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-Geiste schöpferische Tätigkeit beziehen. Und niemals,
-weder vor noch nach ihm, hat ein russischer Schriftsteller
-sich so herzlich und so vertraut mit seinem Volk verbunden,
-wie Puschkin. Gewiß, wir haben unter unseren
-Schriftstellern viele Kenner des einfachen Volkes, die
-es treffend und sogar liebevoll zu schildern verstehen.
-Vergleicht man sie aber mit Puschkin, so muß man sich
-gestehen, daß bis jetzt, außer einem, höchstens zweien
-von seinen jüngsten Nachfolgern, alle diese Schriftsteller
-nur „das Volk schildernde <em>Herren</em>“ sind. Selbst
-bei den begabtesten von ihnen, ja, sogar bei diesen zwei
-Ausnahmen, die ich soeben erwähnte, bricht doch –
-bricht irgendwo ein gewisses Herabsehen auf dieses
-Volk hervor, so etwas, das wie aus einem ganz anderen
-Leben, einer anderen Welt kommt, so etwas wie ein
-Wunsch, dieses Volk zu sich emporzuziehen und dadurch
-dann glücklich zu machen. In Puschkin dagegen hat sich
-eine wirkliche Vereinigung mit dem Volke vollzogen,
-die in ihm selbst fast so etwas wie eine echte und innige
-Rührung auslöst. Man denke nur an seine Geschichte
-vom Bären, dessen Bärenfrau der Bauer erschlagen,
-oder an sein Gedicht:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Freund Iwan, wenn wir jetzt trinken,</p>
- <p class="verse">Müssen wir vorerst einmal ...“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-und Sie werden ohne weiteres verstehen, was ich
-meine.
-</p>
-
-<p>
-Alle diese Schätze des schöpferischen Erfassens sind
-von Puschkin, unserem größten Dichter, gleichsam in
-der Art eines Hinweises für alle nach ihm kommenden
-russischen Künstler, für alle nachfolgenden Schöpfer
-auf diesem Gebiete, hinterlassen worden. Man kann
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-sogar ohne Zögern behaupten: ohne Puschkin wären
-alle nach ihm gekommenen Begabungen überhaupt nicht
-möglich gewesen; wenigstens hätten sie sich nicht mit
-solcher Kraft und Deutlichkeit zu äußern vermocht, ungeachtet
-ihrer unzweifelhaften Veranlagung, wie ihnen
-das nach Puschkin in unserer Zeit tatsächlich gelungen
-ist. Doch gilt dies nicht bloß von der Dichtung, vom
-künstlerischen Schaffen: ohne Puschkin hätte sich vielleicht
-auch unser Glaube an unsere russische Selbständigkeit,
-unsere uns jetzt bereits bewußt gewordene Hoffnung
-auf unsere Volkskräfte und damit auch der Glaube
-an unsere Zukunft und Bestimmung, an unsere selbständige
-Rolle in der Reihenfolge der europäischen Völker
-nicht so nachdrücklich und unverrückbar festgesetzt,
-wie das nach Puschkin geschehen ist (wenn auch freilich
-noch immer nicht bei allen, vielmehr erst bei verhältnismäßig
-wenigen)!
-</p>
-
-<p>
-Diese Tat Puschkins nun tritt eigentlich erst dann
-plastisch hervor, wenn man voll und ganz erfaßt, was
-ich unter der dritten Periode seines Schaffens verstehe.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Ich sage nochmals: diese drei Perioden haben keine
-festen Grenzen zwischen sich. So könnten zum Beispiel
-einzelne seiner Werke, die er in der dritten geschrieben,
-sogar ganz zu Anfang entstanden sein, denn
-Puschkin war immer ein ganzer, sagen wir ein abgeschlossener
-Organismus, der von Hause aus alle Keime
-in sich trug und sie nicht etwa von außen nach und
-nach in sich aufgenommen hat. Die äußeren Anregungen
-haben in ihm nur die Keime zum Treiben gebracht,
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-das Wachstum gefördert, oder haben, wenn man will,
-nur das tief in ihm Schlummernde wachgerufen. Aber
-dieser Organismus mußte sich naturgemäß entwickeln,
-und die Stufen oder, wie ich sie nannte, Perioden dieser
-Entwicklung lassen sich in der Tat unterscheiden,
-ja, es läßt sich sogar nachweisen, daß eine jede ihren
-besonderen Charakter hat, und es läßt sich verfolgen,
-wie eine jede sich allmählich aus der vorhergehenden
-entwickelt hat. So kann man zur dritten Periode denjenigen
-Teil seiner Werke rechnen, in denen vornehmlich
-universale Ideen ausgedrückt sind, in denen sich die
-poetischen Gestalten anderer Völker finden und die den
-Geist dieser Völker widerspiegeln. Von diesen Werken
-sind einige erst nach dem Tode des Dichters veröffentlicht
-worden. In dieser Periode aber hat das
-Schaffen Puschkins in seiner Art sogar etwas Wunderbares,
-es ist eine Erscheinung, die außerhalb alles
-bisher Dagewesenen zu stehen scheint, und es liegt etwas
-in ihr, dessen sich vor ihm noch niemand hat rühmen
-können.
-</p>
-
-<p>
-Es ist wahr, die europäische Literatur hat Genies
-von ungeheurer Größe aufzuweisen – hat Männer
-wie Shakespeare, Cervantes, Schiller. Aber man nenne
-mir doch nur einen von diesen Großen, der eine solche
-Fähigkeit, das Wesen fremder Nationalitäten wiederzugeben,
-besessen hätte, wie unser Puschkin. Gerade
-diese Fähigkeit, diese Hauptfähigkeit unserer Nationalität,
-teilt Puschkin mit unserem ganzen Volk, und
-gerade sie macht ihn zu unserem nationalsten Dichter.
-</p>
-
-<p>
-Selbst die größten europäischen Genies haben niemals
-vermocht, den Geist und das Wesen eines fremden
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-Volkes, ja nicht einmal eines blutverwandten
-Nachbarvolkes, seine Seele, die ganze verborgene Tiefe
-dieser Seele und das Innerste dessen, wozu jedes Volk
-berufen ist, mit solcher persönlichen Schöpferkraft aus
-sich selbst heraus zu gestalten, wie es Puschkin gelang.
-Die europäischen Genies haben im Gegenteil, wenn
-sie sich anderen Völkern zuwandten, die fremde Nationalität
-gewöhnlich in ihre eigene verwandelt und
-nach den Begriffen ihrer Nation aufgefaßt. Sogar
-bei Shakespeare sind zum Beispiel die Italiener fast
-ohne Unterschied – Engländer. Nur Puschkin besitzt
-vor allen Dichtern der Welt die Fähigkeit, sich vollständig
-in den Geist einer fremden Nation zu versetzen.
-Nehmen Sie seine Faustszene, nehmen Sie sein Poem
-„Der geizige Ritter“ und die Ballade „Einst lebte ein
-armer Ritter ...“ Lesen Sie seinen „Don Juan“, und
-wenn Sie nicht wüßten, daß er von Puschkin ist, würden
-Sie gewiß nicht erraten, daß ihn – kein Spanier
-gedichtet hat. Und was sind das für tiefe, unheimliche
-Stellen in seinem Poem „Das Fest während der Pest“!
-Aus diesen phantastischen Gestalten spricht das Genie
-Englands. Dieses prachtvolle Pestlied des Helden, und
-dieses Lied der Mary – das sind englische Lieder, das
-ist der Schauer des britischen Genies, seine Klage, sein
-qualvolles Ahnen dessen, was seiner harrt. Erinnern
-Sie sich der Verse:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Einst kam ich in ein ödes Tal –“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Es ist fast eine wörtliche Übertragung der drei ersten
-Seiten eines seltsamen mystischen Buches, das ein alter
-englischer Sektierer vor langer, langer Zeit in Prosa
-geschrieben hat, – aber ist es nun wirklich nur eine
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-Übertragung? Aus der traurigen und gleichsam geisterfüllten
-Musik dieser Verse fühlt man förmlich die
-Seele des nordischen Protestantismus in der Seele
-dieses keltischen Sektenstifters, dieses uferlosen Mystikers
-mit dem stumpfen, finsteren und unbesiegbaren
-Wollen in der unbegrenzten und geheimnisvollen Phantasie.
-Beim Lesen dieses seltsamen Gedichts ist es einem,
-als spüre man den Geist der Reformationszeit, dieses
-kriegerische Feuer des frühesten Protestantismus, und
-begreiflich wird einem schließlich auch die Geschichte
-selbst, und zwar nicht nur durch ein gedankliches Verstehen,
-sondern es ist, als wäre man selber dabeigewesen,
-als wäre man soeben am Lager der bewaffneten
-Sektierer vorübergegangen, als hätte man mit
-ihnen Hymnen gesungen, mit ihnen Tränen der Begeisterung
-vergossen, mit ihnen an das geglaubt, woran
-sie glaubten. Und neben diesem religiösen Mystizismus
-stehen religiöse Verse aus dem Koran, die „Nachdichtungen
-aus dem Koran“: spricht aus diesen nicht
-ein Mohammedaner, nicht der Geist des Korans selber,
-und seines Schwertes, der in Einfalt erhabene Glaube
-und seine grausig blutige Kraft? Dann wieder haben
-wir die antike Welt in den „Ägyptischen Nächten“.
-Da verspüren wir die irdischen Götzen, so wie sie waren,
-die Götzen, die sich über ihrem Volk als Götter
-festgesetzt, die das Genie ihres Volkes und sein Streben
-bereits verachten, die an ihr Volk nicht mehr glauben
-und darüber einsame Götter geworden sind und
-in ihrer Einsamkeit, in ihrer dem Tode vorangehenden
-Langweile und Geistesarmut sich mit fanatischen, tierischen
-Roheiten, mit der Wollust niedriger Insekten,
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-der Wollust eines Spinnenweibchens, das sein Spinnenmännchen
-auffrißt, die Zeit vertreiben. Nein, ich
-sage in allem Ernst: es hat noch keinen Dichter gegeben,
-der so wie Puschkin die ganze Welt in sich aufgenommen
-hätte. Doch nicht die Aufnahmefähigkeit im
-allgemeinen ist hier das Erstaunliche, sondern seine
-ganz unglaubliche Tiefe, das vollständige Sichhineinversetzen
-seines Geistes in den Geist fremder Völker,
-die fast vollkommene und deshalb so erstaunliche „Verwandlung“,
-eine Erscheinung, die sich bei keinem einzigen
-anderen Dichter wiederholt hat. In der Tat finden
-wir sie nur bei Puschkin und in diesem Sinne ist
-er, wie ich bereits sagte, eine noch nie dagewesene Erscheinung
-und unserer Meinung nach eine prophetische,
-denn ... denn eben darin hat sich am stärksten seine
-nationale russische Kraft geäußert, gerade die Volkstümlichkeit
-seiner Dichtung, das nationale Moment in
-der gesamten weiteren Entwicklung, das nationale Moment
-unserer Zukunft, das in der Gegenwart noch nicht
-an den Tag getreten ist, und das sich, wie gesagt, hier
-zum ersten Male prophetisch geäußert hat. Denn
-wo läge sonst die Kraft des russischen Volksgeistes,
-wenn nicht in seinem Streben zur Universalität und
-nach Allmenschlichkeit? Als Puschkin zum Dichter seines
-Volkes wurde, da begann er, sobald er nur mit
-dem Volksgeist in Berührung kam, sofort die große
-Bestimmung dieser Kraft zu ahnen. Hierin ist er ein
-Enträtsler und hierin ist er auch ein Prophet.
-</p>
-
-<p>
-Denn, was bedeutet für uns die Reform Peters?
-nicht nur im Hinblick auf unsere Zukunft, sondern auch
-in unserem Verhältnis zur Vergangenheit, zu allem,
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-was bereits geschehen ist, was sich vor unseren Augen
-vollzogen hat? Was war sie uns? Sie war doch nicht
-nur eine Aneignung europäischer Kleider, Sitten, Erfindungen
-und der europäischen Wissenschaft. Erfassen
-wir recht, was sie war und wie sie war, betrachten wir
-sie aufmerksamer. Ja, es ist sehr leicht möglich, daß
-Peter sie anfänglich nur in diesem Sinne einführte, ich
-meine in eng utilitaristischem Sinne – aber in der Folge,
-bei der weiteren Entwicklung seiner Idee, hat Peter sich
-fraglos von einem gewissen unbewußten Instinkt leiten
-lassen: der aber zog ihn zu zukünftigen und selbstverständlich
-zu großen Zielen. Ebenso hat auch das
-russische Volk nicht etwa nur aus Utilitarismus die Reform
-angenommen, sondern mit einer gewissen Vorahnung,
-ein viel weiteres, ein unvergleichlich höheres
-Ziel zu erreichen, als es der nächstliegende Utilitarismus
-je sein könnte, das hat es herausgefühlt – natürlich
-gleichfalls unbewußt, aber doch unmittelbar
-und mit voller Lebenskraft. Da setzte dann mit einemmal
-dieses Streben ein: zur lebendigen Wiedervereinigung
-der Menschen, zu einer, sagen wir, universalen
-Einigung! Nicht feindlich (wie man es hätte erwarten
-können), sondern freundschaftlich, mit ganzer Liebe
-nahmen wir das Genie, den Schöpfergeist der fremden
-Völker in unsere Seele auf, aller Völker, so viel es
-ihrer nur gab, ohne Rassenunterschiede zu machen und
-die einen den anderen vorzuziehen, da unser Instinkt
-fast schon vom ersten Schritt an die Widersprüche zu
-unterscheiden, das Fremde einzuschätzen und die Unterschiede
-zu entschuldigen verstand: allein damit haben
-wir unsere Fähigkeit und Neigung (die uns selbst noch
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-neu und unbewußt waren) zur Wiedervereinigung aller
-Völker der großen arischen Rasse bezeugt. Ja, die
-Bestimmung des russischen Menschen ist unstreitig eine
-universale. Ein echter, ein ganzer Russe werden, heißt
-vielleicht nur (d. h. letzten Endes, vergessen Sie das
-nicht) – ein Bruder aller Menschen werden, ein <em>Allmensch</em>
-wenn Sie wollen. Oh, unsere ganze Spaltung
-in Slawophile und Westler ist ja nichts als ein
-einziges großes Mißverständnis, wenn auch ein historisch
-notwendiges. Einem echten Russen ist Europa
-und das Geschick der ganzen großen arischen Rasse
-ebenso teuer wie Rußland selbst, wie das Geschick des
-eigenen Landes, eben weil unsere Bestimmung die –
-wenn man sich so ausdrücken darf – die Verkörperung
-der Einheitsidee auf Erden ist, und zwar nicht einer
-durch das Schwert errungenen, sondern durch die
-Macht der brüderlichen Liebe und unseres brüderlichen
-Strebens zur Wiedervereinigung der Menschen verwirklichten
-Einheit. Verfolgen Sie unsere Entwicklungsgeschichte
-nach der Reform Peters und Sie werden
-bereits Spuren und Andeutungen dieses Gedankens,
-meines Traumes, wenn Sie wollen, in der Art
-unseres Umgangs mit den europäischen Nationen, ja,
-sogar in unserer auswärtigen Politik finden. Denn was
-hat Rußland in diesen ganzen zwei Jahrhunderten seit
-Peter mit seiner Politik anders getan, als Europa gedient,
-und zwar vielleicht in einem noch viel größeren
-Maße, als sich selbst? Ich glaube nicht, daß dies nur
-infolge der Talentlosigkeit unserer Diplomaten geschehen
-ist. Die Völker Europas wissen ja nicht einmal,
-wie teuer sie uns sind! Und ich baue fest
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-darauf, daß wir in Zukunft, d. h. natürlich nicht wir,
-sondern die künftigen Russen, bereits alle ausnahmslos
-begreifen werden, daß ein echter Russe sein nichts
-anderes bedeutet, als sich bemühen, die europäischen
-Widersprüche in sich endgültig zu versöhnen, der europäischen
-Sehnsucht in der russischen allmenschlichen
-und allvereinenden Seele den Ausweg zu zeigen, in
-dieser Seele sie alle in brüderlicher Liebe aufzunehmen
-und so vielleicht das letzte Wort der großen, allgemeinen
-Harmonie, des brüderlichen Einvernehmens
-aller Völker nach dem evangelischen Gesetz Christi auszusprechen.
-Ich weiß, ich weiß, daß meine Worte, in
-der Begeisterung gesprochen, wie sie sind, übertrieben
-und phantastisch erscheinen können. Nun wohl,
-mögen sie es sein, aber ich bereue nicht, sie ausgesprochen
-zu haben. Sie mußten einmal ausgesprochen werden
-und zwar gerade jetzt, im Augenblick unseres Triumphes,
-in dem Augenblick, wo wir unseren großen
-genialen Toten ehren, der gerade diesen Gedanken in
-seiner ganzen schöpferischen Kraft verkörperte.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens ist dieser Gedanke schon mehr als einmal
-geäußert worden. Ich habe daher gar nichts Neues gesagt.
-– Am meisten wird man freilich daran Anstoß nehmen,
-daß er allzu selbstbewußt scheinen könnte: „Was,
-uns, unserem bettelarmen, unkultivierten Lande, fiele
-eine solche Aufgabe zu. Uns wäre es bestimmt, der
-ganzen Welt ein neues Wort zu sagen?“ Ja, rede ich
-denn von ökonomischen Erfolgen, von Erfolgen des
-Schwertes und der Wissenschaft? Ich rede doch nur
-von der Brüderlichkeit der Menschen und davon, daß
-zur universalen brüderlichen Einigung das russische
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-Volk vielleicht am meisten von allen anderen veranlagt
-und bestimmt ist, und daß ich in unserer Geschichte, in
-unseren begabten Männern und im schöpferischen Genie
-Puschkins die Beweise dafür sehe. Mag unser Land
-arm sein, aber dieses arme Land „durchwandert Christus
-in Bettlergestalt“. Ja, warum sollten wir nicht
-trotz unserer Armut sein letztes Wort in uns tragen
-können? Hat nicht auch er im Stall in einer Krippe
-geruht?
-</p>
-
-<p>
-So wiederhole ich: wir können wenigstens schon
-auf Puschkin, auf die Universalität und Allmenschlichkeit
-seines Genies hinweisen. Vermochte er doch das
-Genie jedes fremden Volkes wie ein ihm nahe verwandtes
-in seine Seele aufzunehmen. Und in der
-Kunst, im künstlerischen Schaffen hat er dieses Streben
-des russischen Geistes zur Universalität unstreitig
-bewiesen, darin aber liegt schon ein großer Hinweis
-für uns. Sollte unser Gedanke auch nur ein phantastischer
-Glaube sein, so haben wir in Puschkin doch wenigstens
-etwas, woraus dieser Glaube entstehen,
-worauf er fußen könnte. Wäre Puschkin nicht so jung
-gestorben, er hätte uns vielleicht noch große und unsterbliche
-Gestalten der russischen Seele offenbart, die
-unseren europäischen Brüdern bereits verständlicher
-sein, die sie uns näher bringen würden, als sie uns
-jetzt stehen. Er hätte ihnen vielleicht die ganze Wahrheit
-unserer Bestrebungen erklärt und sie würden uns
-jetzt besser verstehen, hätten es leichter, unser Wesen
-zu deuten und sie würden eher aufhören, so mißtrauisch
-und hochmütig auf uns herabzusehen, wie sie es
-jetzt tun und noch lange tun werden. Hätte Puschkin
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-länger gelebt, dann gäbe es vielleicht auch zwischen uns
-Russen weniger Mißverständnisse und Streitigkeiten,
-als es ihrer jetzt zwischen uns gibt. Aber Gottes Ratschluß
-war anders. Puschkin starb in der Blüte seiner
-Jahre und seines Könnens und hat fraglos ein großes
-Geheimnis mit sich ins Grab genommen, so daß wir
-jetzt versuchen müssen, dieses Geheimnis ohne ihn zu
-erfassen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-3">
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-<span class="firstline">Bei gebotener Gelegenheit einige Vorlesungen über verschiedene Themata auf Grund einer Auseinandersetzung, die mir Herr A. Gradowskij gehalten hat</span>
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section" id="subchap-4-3-1">
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-<span class="firstline">I.</span><br />
-Etwas von größter Bedeutung.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> hatte die neue Nummer meines „Tagebuchs“
-bereits beendet, indem ich ihren Inhalt auf
-meine am 8. Juni in Moskau gehaltene „Rede“ und
-ein Vorwort zu derselben beschränkte. Das Vorwort
-„Zur Puschkinrede“ schrieb ich in der Vorahnung des
-Lärms, den man schlagen werde und der denn auch
-richtig nach dem Erscheinen meiner Rede in den „Moskauer
-Nachrichten“ nicht lange auf sich hat warten lassen.
-Als ich aber Ihre Kritik las, Herr Gradowskij,
-ließ ich den Druck des „Tagebuchs“ bis auf weiteres
-einstellen, um in derselben Nummer noch meine Antwort
-auf Ihre Angriffe veröffentlichen zu können.
-</p>
-
-<p>
-Oh, meine Vorahnungen sind alle in Erfüllung
-gegangen, das Geschrei, das sich erhoben hat, ist fürchterlich:
-stolz sei ich und feig sei ich, und eingebildet
-und ein „Dichter“! und die Polizei hätte man requirieren
-sollen, um die „Ausschreitungen“ des Publikums
-einzudämmen – das heißt, natürlich, eine moralische
-Polizei, eine liberale Polizei. Aber warum denn nicht
-die wirkliche? Ist doch auch diese bei uns jetzt liberal,
-sogar durchaus nicht weniger liberal, als die liberalen
-Herren, die dieses Geschrei über uns erhoben haben. Es
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-fehlte ja auch nicht viel, und die wirkliche hätte eingegriffen!
-Doch lassen wir dieses Thema vorläufig, ich
-will lieber gleich zur Abwehr Ihrer Angriffe
-übergehen. Vorher möchte ich nur noch bemerken, daß
-ich mit Ihnen persönlich weder etwas zu schaffen noch
-mich über etwas auseinanderzusetzen habe, Herr Gradowskij.
-Letzteres ist so ausgeschlossen, daß ich tatsächlich
-nicht im geringsten die Absicht habe, Sie zu überzeugen
-oder gar von Ihrer Ansicht abzubringen. Auch
-früher schon habe ich mich, wenn ich Ihre Artikel las,
-stets über den Gedankengang derselben gewundert.
-Wenn ich Ihnen jetzt antworte, so geschieht das ausschließlich
-um der – anderen willen: ich meine unsere
-Leser, die dann über uns urteilen können. Für diese
-schreibe ich. Ich fühle, ich ahne, ja ich sehe sogar, daß
-neue Elemente erstanden sind und erstehen, die sich bis
-zur Verzweiflung nach einem neuen Wort sehnen, die
-angewidert sind von dem alten liberalen Gespött über
-Rußland, über jedes Wort der Hoffnung auf Rußland,
-die müde sind des liberal-zahnlosen Skeptizismus der
-alten Leichen, die man zu beerdigen vergessen hat, und
-die denn auch nur deshalb noch unter uns wandeln,
-dabei freilich sich nach wie vor für die junge Generation
-halten. Jawohl: müde der alten liberalen Führer
-und Retter Rußlands, die sich in den ganzen fünfundzwanzig
-Jahren ihres Aufenthaltes bei uns nur
-als „grundlose Marktschreier“ erwiesen haben. Kurz,
-ich möchte außer meiner Antwort auf Ihre Bemerkungen
-noch <em>vieles</em> sagen, so daß ich, wenn ich antworte,
-eigentlich nur die gebotene Gelegenheit ergreife,
-um mich auszusprechen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-Zunächst stellen Sie die Frage – und machen mir
-damit sogar einen Vorwurf –, warum ich nicht deutlicher
-erklärt habe, woher sich diese Menschen ohne festen
-Verbleib, von denen ich in meiner „Rede“ sprach,
-bei uns eingebürgert haben. Nun, die Geschichte ihrer
-Herkunft ist lang, da müßte man weit ausholen. Überdies
-würden Sie mir ja doch nicht beistimmen, gleichviel
-was ich Ihnen hierauf antworten wollte, denn Sie
-haben schon eine eigene Antwort auf die Frage, wie sie
-unter uns möglich geworden sind, in Bereitschaft, und
-die lautet ganz einfach: „Infolge des Jammers, mit
-solchen rohen Leuten wie Skwosnik-Dmuchanowskij<a class="fnote" href="#footnote-23" id="fnote-23">[23]</a>
-zusammenleben zu müssen, und außerdem natürlich vor
-Kummer über die damals noch nicht befreiten Bauern“
-– eine Folgerung, die im allgemeinen eines zeitgenössischen
-russischen Liberalen wert ist, eines von diesen
-Leuten, bei denen alles was Rußland betrifft, bereits
-längst – ungeachtet unserer Probleme, die jetzt
-erst aufkommen – gelöst und unterschrieben ist.
-Das geschieht nämlich bei ihnen mit einer ungeheuren,
-nur dem russischen Liberalen möglichen Leichtigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Nichtsdestoweniger ist diese Frage viel schwieriger
-und verwickelter, als Sie denken; jawohl, bedeutend
-schwieriger und zwar trotz Ihrer vermeintlich
-endgültigen Lösung des Problems. Was nun die Leute
-wie Skwosnik-Dmuchanowskij und ihren Kummer wegen
-der Leibeigenschaft der Bauern betrifft, so werde
-ich noch darauf zurückkommen. Doch zunächst gestatten
-Sie, daß ich mich zu einem von Ihnen gebrauchten
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-höchst bezeichnenden Wort äußere, das Sie wiederum
-mit einer Leichtfertigkeit, die fast an Mutwillen grenzt,
-ausgesprochen haben und das ich nicht übergehen darf.
-</p>
-
-<p>
-Sie schreiben:
-</p>
-
-<p>
-„... Wie dem auch sei, jedenfalls befinden wir
-uns schon seit zweihundert Jahren unter dem Einfluß
-der europäischen Aufklärung, die auf uns überaus stark
-einwirkt – wohl dank des ‚universalen Verständnisses‘
-der Russen, welches Herr Dostojewski für unsere nationale
-Eigentümlichkeit erklärt hat. Vor dieser Aufklärung
-können wir nicht so einfach etwa irgendwohin
-flüchten – wir wüßten auch nicht warum? Es ist
-das eine Tatsache, an der wir nichts zu ändern vermögen,
-aus dem einfachen Grunde nicht, weil jeder
-Russe, dem es um seine Aufklärung zu tun ist, diese
-Aufklärung unbedingt aus der europäischen Quelle erhält,
-eben infolge des unbedingten Nichtvorhandenseins
-russischer Quellen ...“
-</p>
-
-<p>
-Dies ist gewiß sehr schwungvoll von Ihnen ausgedrückt.
-Aber Sie haben da unter anderem ein großes
-Wort gebraucht: „Aufklärung“. Erlauben Sie, daß
-ich Sie frage, was Sie unter diesem Wort verstehen:
-die Wissenschaft des Westens, die Technik, die handwerklichen
-Fertigkeiten oder die – Aufklärung des
-Geistes? Was die ersteren betrifft, d. h. die Wissenschaften
-und die Techniken, so müssen wir die allerdings
-vom Westen übernehmen, und uns in der Beziehung
-von Europa abzuwenden, dazu haben wir gar keinen
-Grund, ganz abgesehen davon, daß es andere Lehrmeister
-nicht gibt, außer den westeuropäischen, wofür Europa
-von uns Dank und Preis sei ewiglich. Aber unter
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-Aufklärung verstehe ich (und ich denke, daß niemand
-sie anders auffassen kann), verstehe ich – das,
-was das Wort buchstäblich besagt: „Erleuchtung“, also
-das geistige Licht, das die Seele erhellt, das Herz
-durchleuchtet, den Verstand lenkt und ihm den Lebensweg
-weist. Wenn das Wort aber dies bedeutet, so gestatten
-Sie mir, zu erklären, daß wir durchaus keine
-Veranlassung haben, eine solche Aufklärung aus den
-westeuropäischen Quellen zu beziehen, eben infolge des
-vollkommenen Vorhandenseins (und keineswegs Nichtvorhandenseins)
-russischer Quellen. Sie wundern sich?
-Ja, sehen Sie: im Streit der Meinungen, da liebe ich
-es, gleich mit dem Wesentlichen der Sache anzufangen,
-um die es sich handelt.
-</p>
-
-<p>
-Ich behaupte, daß unser Volk schon seit langem
-aufgeklärt ist, da es Christus und die Lehre Christi in
-sein Wesen aufgenommen hat. Man wird mir hierauf
-entgegnen, das Volk kenne die Lehre Christi nicht und
-Predigten würden ihm nicht gehalten. Das ist aber nur
-ein leerer Einwand: es kennt alles, alles das, was es
-wissen soll, obschon es ein Examen in der Religion
-nicht bestehen würde. Gelernt aber hat es das, was es
-weiß, in seinen Kirchen, wo es im Laufe von Jahrhunderten
-die Gebete und Hymnen hört, die besser sind, als
-mittelmäßige Predigten. Es hat sie für sich wiederholt
-und gesungen in den Wäldern, wenn es vor den ins
-Land einfallenden Feinden flüchtete, und vielleicht hat
-es schon zu Batyjs Zeiten, als die Tatarenhorden
-durchs Land zogen, gesungen: „Herr, sei mit uns!“
-Vielleicht ist diese Hymne damals entstanden, denn außer
-Christus hatten die Horden uns alles geraubt, es
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-blieb uns nichts als Christus. In dieser Hymne aber ist
-bereits die ganze Wahrheit Christi enthalten. Und was
-will es besagen, daß dem Volk keine langen Predigten
-gehalten werden und daß die Diakone die Heilige Schrift
-in uns unverständlicher Weise vortragen – die größte
-Anklage, die gegen unsere Kirche erhoben wird, von
-unseren Liberalen natürlich, denselben, die auch die Behauptung
-ersonnen haben, die kirchenslawische Sprache sei
-schon als solche unbequem und dazu dem Volk unverständlich?!
-Dafür tritt der Priester zu ihm hinaus und
-spricht das Gebet „Herr meines Lebens“ – in diesem
-Gebet aber ist das ganze Wesen des Christentums enthalten,
-sein ganzer Katechismus, und dieses Gebet
-kennt das Volk auswendig, so wie es auch viele Lebensgeschichten
-der Heiligen kennt und nie müde wird, andächtig
-zuzuhören, wenn jemand sie erzählt. Doch die
-Hauptschule des Christentums, die das Volk durchgemacht
-hat, das sind die Jahrhunderte der zahllosen Leiden
-und Heimsuchungen, von denen seine Geschichte
-berichtet, die Jahrhunderte, in denen es von allen verlassen
-und niedergetreten war, dabei für alle und alles
-arbeitete, in Christus aber nur seinen Tröster behielt,
-den es denn auch auf ewig in sein Herz schloß und der
-dafür seine Seele vor der Verzweiflung bewahrte.
-Übrigens, wozu sage ich Ihnen dies alles? Will ich
-Sie denn etwa überzeugen? Meine Worte werden Ihnen
-natürlich kindisch, wenn nicht ganz überflüssig erscheinen.
-Doch ich wiederhole zum drittenmal: nicht
-um Ihretwillen schreibe ich. Dies Thema ist von großer
-Wichtigkeit, darüber muß noch vieles gesagt werden
-– und das werde ich auch, solange ich noch die
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-Feder in der Hand halte. Jetzt aber will ich meinen
-Gedanken nur als These aussprechen: Wenn unser
-Volk schon seit langer Zeit aufgeklärt ist, weil es in
-sein Wesen Christus und dessen Lehre aufgenommen, so
-hat es mit ihm zugleich natürlich auch die <em>wahre</em>
-Aufklärung angenommen. Bei diesem eigenen Vorrat
-an Aufklärung können ihm die Wissenschaften des Westens
-selbstverständlich zu einer unschätzbaren Wohltat
-werden, und wir brauchen nicht zu befürchten, daß das
-Bild Christi durch die Wissenschaften bei uns so getrübt
-werden könnte, wie im Westen selbst. Übrigens
-ist das auch dort nicht durch die Wissenschaften geschehen,
-wie es die Liberalen gleichfalls behaupten, sondern
-schon viel früher, als die Kirche des Westens selbst
-die Erscheinung Christi entstellte, indem sie sie von neuem
-in der Gestalt des Papsttums verkörperte und sich
-aus einer Kirche in einen neuen römischen Staat verwandelte.
-Ja, im Westen gibt es wahrlich kein Christentum
-mehr und ebensowenig eine christliche Kirche,
-obschon es dort noch viele Christen gibt, die ja wohl
-nie ganz aussterben werden. Der Katholizismus ist nicht
-mehr Christentum und geht in Götzendienst über,
-der Protestantismus aber nähert sich mit Riesenschritten
-dem Atheismus, und wird zu einer schwanken, veränderlichen
-(und nicht ewig feststehenden) Sittenlehre.
-</p>
-
-<p>
-Oh, versteht sich, Sie werden mir hierauf sogleich
-erwidern, daß das Christentum und die Verehrung
-Christi keineswegs den ganzen Zyklus der Aufklärung
-enthielten, diese seien nur eine Stufe derselben,
-und zur Aufklärung gehörten im Gegenteil die Wissenschaften,
-Staatsideen, die allgemeine Entwicklung usw.
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-usw. Darauf kann ich Ihnen freilich nichts antworten
-und eine Antwort wäre wohl auch nicht angebracht,
-denn wenn Sie zum Teil recht haben mögen, in betreff
-der Wissenschaften, zum Beispiel, so werden Sie
-doch dafür niemals zugeben, daß das Christentum unseres
-Volkes die hauptsächlichste und lebendigste Grundlage
-seiner Aufklärung ist und <em>ewig bleiben muß</em>!
-In meiner Rede sagte ich, daß Tatjana, indem sie sich
-weigerte, Onegin zu folgen, in russischem Geiste gehandelt
-habe, nach der Auffassung des russischen Volkes
-von Ehre und Gerechtigkeit. Einer meiner Kritiker
-jedoch, den es offenbar kränkt, daß das russische Volk
-eine eigene wahre Anschauung haben soll, widerspricht
-mir plötzlich mit der Frage: „Aber die Versündigung
-gegen das siebente Gebot?“ Kann man solchen
-Kritikern überhaupt antworten? Hauptsächlich kränkt
-sie ja doch, daß das russische Volk seine festen Begriffe
-von Rechtschaffenheit haben und somit wirklich
-aufgeklärt sein könnte. Ja, existiert denn der Ehebruch
-in unserem ganzen Volk, und existiert er denn als Recht
-und in Rechtschaffenheit? Hält ihn denn das ganze
-Volk für gut und richtig? Gewiß, unser Volk ist noch
-roh, wenn auch längst nicht das ganze Volk, o nein,
-bei weitem nicht das ganze Volk, das schwöre ich, und
-ich darf es schwören, denn ich kenne unser Volk, ich habe
-mit ihm jahrelang zusammengelebt, habe mit ihm
-gegessen und geschlafen und ward selbst „zu den Verbrechern
-gezählt“; ich habe gemeinsam mit ihm im
-Schweiße des Angesichts die Arbeit schwieliger Hände
-verrichtet, während die anderen, die ihre Hände „in
-Blut getaucht“, die „Liberalen“ spielten und über das
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-Volk spöttelten und in Vorträgen und Aufsätzen zu dem
-Ergebnis kamen, daß unser Volk „von Tiergestalt und
-auch geistig von Tierart“ sei. Also sagen Sie mir nicht,
-daß ich das Volk nicht kenne! Ich kenne es: von ihm
-aus habe ich Christus wieder in meine Seele aufgenommen,
-den ich als Kind im Elternhause kennen gelernt,
-dann aber verloren hatte, als auch ich mich in
-einen „europäischen Liberalen“ verwandelte. Doch gut,
-mag unser Volk sündig und roh sein, und tierisch seine
-Gestalt und seine Art: „Der Sohn ritt auf der Mutter“
-usw. Sie kennen doch das Lied? – aus irgendeinem
-Anlaß muß es ja entstanden sein! Alle russischen Lieder
-sind nach einem Geschehnis entstanden, nach etwas
-wirklich Gewesenem – ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?
-Aber so seid doch wenigstens einmal gerecht,
-ihr Liberalen: bedenkt, was das Volk in all den vergangenen
-Jahrhunderten durchgemacht hat! Fragen Sie
-sich zunächst, wer an seiner Roheit am meisten schuld
-ist, verurteilen Sie es nicht so blindlings! Es ist doch
-mehr als lächerlich, einen Bauern deshalb zu verurteilen,
-weil er nicht von einem französischen Coiffeur zurecht
-gestutzt ist, – denn darauf laufen alle diese Beschuldigungen
-im Grunde hinaus, die unsere europäischen
-Liberalen gegen unser Volk erheben, da sie sich nun
-einmal darin so überaus gefallen, ihm alles abzusprechen:
-es soll weder eine Persönlichkeit haben, noch eine
-Nationalität! Mein Gott, im Westen aber, gleichviel
-bei welchem Volk – gibt es denn dort weniger Trunksucht
-und Diebstahl, und etwa nicht ebensolche Roheit,
-dabei noch eine Verstockung des Herzens und eine Erbitterung,
-die es in unserem Volk nicht gibt, das dafür
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-von wirklicher, echter, unwissender Roheit ist, das
-wahre Gegenteil der Aufklärung, denn diese ist bisweilen
-mit einer solchen Gottlosigkeit verbunden, wie
-man es nicht für möglich halten sollte, wird aber dort
-nicht mehr für Sünde gehalten, sondern gerade für die
-einzige Wahrheit. Mag immerhin unserm Volk Tierisches
-und Sündhaftes anhaften, eines aber hat es zweifellos:
-das ist, daß es wenigstens, als Ganzes genommen
-(und nicht nur im Ideal, sondern in der wirklichsten
-Wirklichkeit) seine Sünde niemals für das Richtige
-gehalten hat, hält oder halten wird, auch niemals
-den Wunsch empfinden wird, sie dafür zu halten! Es
-sündigt, aber früher oder später sagt es doch: ich habe
-gefehlt. Sagt es nicht der Sündige selbst, so sagt es
-ein anderer für ihn, und die Wahrheit bleibt bestehen.
-Die Sünde ist wie stinkender, stickiger Dunst, und der
-wird sich verflüchtigen, sobald die Sonne vollends aufgeht.
-Die Sünde ist etwas Vorübergehendes, Vergängliches,
-Christus aber ist ewig. Das Volk sündigt stündlich
-und treibt Unfug, aber in besseren Stunden, in
-den Stunden Christi verwechselt es nie Recht mit Unrecht.
-Das eben ist das Wichtige: woran ein Volk
-glaubt, worin es die Wahrheit sieht, wie es sich dieselbe
-denkt, was sein höchster Wunsch ist, was es liebt
-und um was es zu Gott betet. Dieses Ideal ist in unserem
-Volk – Christus. Mit Christus aber besitzt es natürlich
-auch Aufklärung, und in wichtigen, entscheidenden
-Augenblicken hat denn auch unser Volk alles, was
-es volklich anging, stets im christlichen Sinne entschieden.
-Sie werden spöttisch einwenden: „Weinen, das ist
-wenig, seufzen gleichfalls, man muß auch handeln, man
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-muß auch verwirklichen.“ Aber unter Ihnen, meine Herren,
-die Sie doch aufgeklärte Europäer zu sein glauben,
-gibt es denn unter Ihnen viele Gerechte? Nennen
-Sie mir doch Ihre Gerechten, die Christus ersetzen
-könnten! In dem Volk aber gibt es Gerechte. Es kommen
-unleugbar in ihm Charaktere von unendlicher
-Schönheit und Stärke vor, die freilich von Ihnen noch
-nicht bemerkt worden sind. Aber es gibt diese Gerechten
-und Märtyrer der Wahrheit – gleichviel ob wir
-sie sehen oder nicht sehen. Ich weiß nicht – wem es
-gegeben ist, sie zu sehen, der wird sie natürlich sehen
-und begreifen, wer aber in ihnen nur Tiere sieht, der
-wird selbstverständlich nichts sehen als das Tierische.
-Aber das Volk weiß, daß es diese Gerechten unter ihm gibt,
-schenkt ihnen sein volles Vertrauen, ist stark und gefestigt
-in diesem Gedanken und in der Hoffnung, daß sie es
-immer im nötigen, alle bedrängenden Augenblick retten
-werden. Und wie oft schon hat unser Volk das Vaterland
-gerettet! Und noch vor kurzem hat es sich, als es
-vor Sünde, Trunksucht und Sittenlosigkeit fast schon
-zu verfaulen schien, in neuer geistiger Freude und Frische
-erhoben und den letzten Krieg für den Glauben
-Christi, den die Muselmänner mit Füßen traten, ausgefochten.
-Es nahm den Krieg an, es griff gleichsam
-nach ihm, wie nach einer Möglichkeit, sich durch Opfer
-von den Sünden und Sittenlosigkeiten zu reinigen; und
-es sandte seine Söhne hin, zu kämpfen und, wenn es
-sein müßte zu fallen für die heilige Sache, und es
-schrie nicht, daß der Rubel sinke und der Preis für Lebensmittel
-steige. Es hörte voll Spannung zu, wenn jemand
-vom Kriege erzählte, es forschte gierig weiter
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-und las selbst in den Zeitungen, soviel es nur lesen
-konnte, dessen sind wir Zeugen und solcher Zeugen gibt
-es viele. Ich weiß: die Erhebung des Volksgeistes während
-des letzten Krieges, und um so mehr noch der
-Grund dieser Erhebung, werden von unseren Liberalen
-nicht anerkannt, sie lachen über diese „Idee“.
-„Wie, in diesen Knechten soll eine sie alle vereinende
-Idee stecken, sie sollen staatsbürgerliches Gefühl, einen
-politischen Gedanken haben! – darf man das auch nur
-annehmen?“ Und warum, warum ist unser europäischer
-Liberaler so oft ein Feind des russischen Volkes?
-Warum stehen in Europa diejenigen, die sich Demokraten
-nennen, immer für das Volk ein oder stützen sich
-wenigstens auf das Volk, indes unser Demokrat so
-oft den Aristokraten spielt und zu guter Letzt fast immer
-dem dient, was die Volkskraft unterdrückt, um als
-richtiger selbstherrlicher „Herr“ sein Leben zu beschließen?
-Oh, ich behaupte ja nicht, daß sie bewußt Feinde
-des Volkes seien, aber gerade in der Unbewußtheit liegt
-das Tragische. Sie sind ungehalten über meine Fragen?
-Das ändert nichts an der Sache. Für mich sind
-das alles Axiome, und ganz gewiß werde ich nicht aufhören,
-sie zu erklären und zu beweisen, solange ich
-noch schreibe und spreche.
-</p>
-
-<p>
-Doch kommen wir zum Schluß: mit den Wissenschaften
-verhält es sich so wie ich sagte, aber „Aufklärung“
-brauchen wir nicht aus westeuropäischen Quellen
-zu beziehen. Täten wir es, so könnten sich mit Leichtigkeit
-solche landläufigen Phrasen einschleppen, wie
-zum Beispiel: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Chacun pour soi et Dieu pour tous</span>,
-oder <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">après nous le déluge</span>. Oh, gewiß wird man
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-nun sogleich zetern: „Gibt es denn bei uns nicht auch
-solche Aussprüche, sagt man nicht bei uns zum Beispiel:
-‚Der verzehrten Gaben gedenkt man nicht‘, und
-Hunderte von ähnlichen Sprichwörtern?“ Ja, der
-Sprichwörter gibt es viele im Volk: der Verstand des
-Volks ist gar nicht so gering, ebensowenig ist es ohne Humor,
-und die zunehmende Erkenntnis flüstert immer allerlei
-pessimistische Betrachtungen ein – aber das sind
-bei uns doch alles nur Redensarten, und dem Volk
-fällt es gar nicht ein, an ihre moralische Wahrheit zu
-glauben, es scherzt über sie und verneint sie selbst. Werden
-Sie es aber wagen, zu behaupten, daß „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Chacun
-pour soi et Dieu pour tous</span>“ im Westen nur eine
-Redensart sei und nicht eine gesellschaftliche Formel, die
-dort von allen angenommen ist und der alle dienen und
-an deren Richtigkeit alle glauben? Wenigstens alle
-diejenigen, die über dem Volk stehen und das Volk im
-Zaum halten, die Land und Arbeiter besitzen und wie
-Schildwachen vor der „europäischen Aufklärung“ aufgepflanzt
-sind. Wozu bedürften wir wohl einer solchen
-Aufklärung? Was sollten wir mit einer solchen anfangen?
-Nein, suchen wir lieber bei uns etwas anderes.
-Die Wissenschaften sind eine Sache für sich und die Aufklärung
-ist gleichfalls eine Sache für sich. In der Hoffnung
-auf das Volk und im Vertrauen auf seine Kräfte
-werden wir vielleicht noch irgendeinmal diese unsere
-christliche Aufklärung in vollem Glanz und in ihrer
-ganzen Schönheit entfalten. Sie werden mir nun freilich
-sagen, das sei ein langes Hin und Her als Antwort
-auf Ihre Kritik. Mag sein! Ich betrachte diese
-Ausführungen selbst nur als ein Vorwort, jedoch als
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-ein notwendiges. Ganz wie Sie in meiner „Rede“ solche
-Punkte, in denen Sie nicht mit mir übereinstimmen,
-hervorheben und diese für das Wichtigste halten,
-so habe auch ich jetzt einen solchen Punkt aus Ihrer
-Kritik hervorgehoben, einen, in dem ich den Kern unserer
-Meinungsverschiedenheit sehe und der uns am meisten
-hindert, zu einer Übereinstimmung zu gelangen.
-Nun ist das Vorwort beendet, befassen wir uns jetzt mit
-Ihrer Kritik und zwar von nun an ohne Abschweifungen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-4-3-2">
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-<span class="firstline">II.</span><br />
-Aleko und Dershimorda<a class="fnote" href="#footnote-24" id="fnote-24">[24]</a>. Alekos Kummer
-um den leibeigenen <a id="corr-11"></a>Bauern. Einige
-Anekdoten.
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Sie schreiben in Ihrer Kritik meiner Rede:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„... doch hat Puschkin, als er Aleko und Onegin
-in ihrer Verneinung darstellte, nicht gezeigt, was
-sie denn eigentlich ‚verneinten‘, und es dürfte sehr
-gewagt sein, zu behaupten, daß sie gerade die
-‚Volkswahrheit‘, diese Grundlage der russischen
-Weltanschauung, verneint hätten. Das ist bei ihm
-nirgendwo gesagt.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Nun, ob es von ihm gesagt oder nicht gesagt wurde,
-und wie groß das Wagnis einer solchen Behauptung
-auch gewesen sei – darauf werden wir sogleich
-zu sprechen kommen. Zunächst wenden wir uns dem
-Passus zu, in dem Sie von Gogols Skwosnik-Dmuchanowskijs
-sprechen, bei denen Puschkins Aleko
-es nicht ausgehalten haben soll, weshalb er das Weite
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-suchte – angeblich suchen mußte – und zu den Zigeunern
-lief. Sie schreiben:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„In der Tat, die Welt des damaligen ‚Skitaletz‘
-war eine Welt, die eine andere Welt verneinte.
-Zur Erklärung dieser Typen sind die anderen
-Typen erforderlich, die Puschkin niemals
-dargestellt hat, obschon er sich hin und wieder in
-heftigem Unmut gegen sie wandte. Die Natur seines
-Talents hinderte ihn daran, in diese Finsternis
-hinabzusteigen und in die ‚Perle der Schöpfung‘
-Eulen und Fledermäuse mit aufzunehmen,
-dieses lichtscheue Nachtvolk, das die Kellerräume
-in den unteren Stockwerken des russischen Gebäudes
-bevölkert.“ (sollten es nicht die oberen Stockwerke
-sein?) „Das hat erst Gogol getan, die
-große Kehrseite Puschkins. Er ist es denn auch, der
-der Welt die Erklärung gibt, weshalb Aleko zu
-den Zigeunern flüchtete, weshalb Onegin sich
-langweilte und quälte, weshalb alle diese ‚überflüssigen
-Menschen‘<a class="fnote" href="#footnote-25" id="fnote-25">[25]</a> entstanden.
-</p>
-
-<p>
-Die Korobotschka<a class="fnote" href="#footnote-26" id="fnote-26">[26]</a>, die Ssobakewitschs, die
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-Skwosnik-Dmuchanowskijs, die Dershimordas und
-Tjäpkin-Ljäpkins bei Gogol, sind die Gegenstücke
-zu Puschkins Aleko, Rudin und den vielen anderen:
-sie bilden den Hintergrund, ohne den diese
-Gestalten unverständlich wären. Aber die Gogolschen
-Helden waren doch auch Russen – Gott,
-und wie echte noch dazu! Die Korobotschka kannte
-keinen Weltschmerz. Skwosnik-Dmuchanowskij
-verstand es vortrefflich mit den Kaufleuten umzugehen.
-Ssobakewitsch durchschaute vollkommen seine
-Bauern und sie durchschauten ihn gleichfalls. Aleko
-und Rudin sahen das alles natürlich nicht und
-sie begriffen es auch nicht; sie liefen einfach fort,
-wohin ein jeder nur konnte: Aleko zu den Zigeunern,
-Rudin nach Paris, um dort auf den Barrikaden
-für eine Sache zu sterben, die ihn gar nichts
-anging.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Also sehen Sie mal, sie liefen <em>einfach</em> fort. Oh,
-welch eine Feuilletonistenleichtfertigkeit im Urteil! Und
-<em>wie</em> einfach das alles bei <em>Ihnen</em> ist, wie klipp und
-klar und von vornherein schon entschieden! Sie reden
-ja wahrlich in <em>fertigen Worten</em>, wie man zu
-sagen pflegt. Übrigens, weshalb heben Sie es so
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-nachdrücklich hervor, daß Gogols Helden Russen waren
-– „und wie echte noch dazu!“ Das hat ja nichts
-mit unserer Meinungsverschiedenheit zu schaffen! Wer
-weiß es denn nicht, daß sie Russen waren? Auch Aleko
-und Onegin waren Russen, auch wir, Sie und ich,
-sind Russen, und ein Russe, ein echter Russe, war doch
-auch Rudin, der nach Paris „fortlief“, um dort für
-eine Sache zu sterben, die ihn nach Ihrer Ansicht gar
-nichts anging. Aber gerade deshalb ist er doch ein so
-echter Russe, eben weil diese Sache ihn keineswegs
-so „gar nichts anging“, wie etwa einen Engländer
-oder Deutschen, – denn eine europäische, eine
-universale, eine allmenschliche Angelegenheit ist für
-einen Russen niemals gleichgültig. Und das ist doch
-auch der Zug, der Rudin auszeichnet. Seine Tragödie
-bestand doch hauptsächlich darin, daß er auf seinem
-Felde keine Arbeit fand und auf ein anderes
-Feld ging und dort starb, nur war dieses Feld ihm
-durchaus nicht so fremd, wie Sie annehmen. Um was
-es sich aber hierbei eigentlich handelt, ist folgendes:
-alle diese Menschen Gogols, wie Skwosnik-Dmuchanowskij
-und Ssobakewitsch, sind zwar Russen, das
-läßt sich nicht leugnen, aber sie sind entartete, vom
-Volksboden getrennte Russen, die, wenn sie das
-Volk auch von der einen Seite kennen, von der anderen
-Seite des Volkes dagegen nichts ahnen, ja sie vermuten
-nicht einmal, daß es eine solche andere Seite
-gibt – und das ist die ganze Ursache des Unglücks
-dieser Menschen. Von der Seele des Volkes, von allem
-dem, wonach das Volk sich sehnt, und um was es betet
-– von all dem wußten sie nichts, denn sie verachteten
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-das Volk über alle Maßen. Ja, sie sprachen ihm
-die Seele einfach ab – außer im Moment der ‚Seelenrevision‘<a class="fnote" href="#footnote-27" id="fnote-27">[27]</a>
-natürlich. „Ssobakewitsch durchschaute
-vollkommen seine Bauern,“ behaupten Sie. Das ist
-nicht möglich. Ssobakewitsch sah in seinem Leibeigenen
-nur dessen Marktwert, den er an Tschitschikoff
-verkaufen konnte. Sie behaupten, Skwosnik-Dmuchanowskij
-habe es vortrefflich verstanden, mit den Kaufleuten
-umzugehen. Aber ich bitte Sie! Lesen Sie doch
-nur die Rede dieses Skwosnik an die Kaufleute im
-fünften Akt: so kann man allenfalls zu Hunden reden,
-aber nicht zu Menschen – Sie jedoch nennen das „vortrefflich“
-mit einem russischen Menschen umgehen?
-Ist es möglich, daß Sie das wirklich „vortrefflich“
-finden? Da wär’s doch besser, einfach Ohrfeigen auszuteilen
-und die Menschen an den Haaren über die Erde
-zu schleifen.
-</p>
-
-<p>
-In meiner Kindheit sah ich einmal auf der Landstraße
-einen Feldjäger vorüberfahren – in einem
-prächtigen Uniformrock, einen Dreimaster mit Federbesatz
-auf dem Kopf, – der den Postknecht während
-der rasenden Fahrt unausgesetzt und ganz fürchterlich
-mit der Faust ins Genick und auf den Rücken
-schlug, der Postknecht aber peitschte wiederum wie
-wahnsinnig die in gestrecktem Galopp jagende Troika.
-Dieser Feldjäger war natürlich von Geburt ein Russe,
-aber doch so verblendet und dem Volk entfremdet, daß
-er sich anders nicht mit einem einfachen Russen verständigen
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-konnte, als mittels seiner riesigen Faust –
-anstatt aller Worte. Und doch hat er sein Leben lang
-mit solchen Postknechten und anderen Leuten aus dem
-Volk zu tun gehabt. Aber die Schöße seines Uniformrocks
-und der Hut mit dem Federbesatz, sein Offiziersrang
-und seine blankgeputzten Petersburger Stiefel
-waren ihm teurer, seelisch und geistig teurer, nicht nur
-als der russische Bauer, sondern vielleicht sogar teurer
-als ganz Rußland, das er kreuz und quer durchfahren
-und in dem er doch aller Wahrscheinlichkeit
-nach so gut wie nichts Bemerkenswertes gefunden hatte,
-nichts, das mehr wert gewesen wäre, als einen Hieb
-seiner Faust oder einen Fußtritt mit seinem blankgeputzten
-Stiefel. Seine Vorstellung von ganz Rußland
-beschränkte sich nur auf seine Vorgesetzten, alles andere,
-was es außer dieser vorgesetzten Behörde noch
-gab, schien ihm einer Existenz überhaupt nicht wert
-zu sein. Wie könnte nun wohl ein solcher Mensch das
-Wesen des Volkes und seine Seele begreifen! Er war
-zwar ein Russe, aber doch schon ein „europäischer“
-Russe, nur mit dem Unterschied, daß sein „Europäertum“
-nicht etwa mit der Aufklärung begonnen hatte,
-sondern mit der Ausschweifung, wie das ja bei vielen,
-sehr vielen der Fall ist. Ja, diese Verderbnis ist bei
-uns schon mehr als einmal für das richtigste Mittel
-zur Verwandlung des Russen in einen Europäer gehalten
-worden. Der Sohn eines solchen Feldjägers
-wird vielleicht ein Professor, d. h. bereits ein patentierter
-Europäer geworden sein. Also reden Sie doch
-nicht von ihrem Verständnis des Volkswesens! Da taten
-Männer not wie Puschkin, Chomjäkoff, Ssamarin,
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-Aksakoff<a class="fnote" href="#footnote-28" id="fnote-28">[28]</a>, die als erste von dem wirklichen Wesen
-des Volkes zu sprechen anfingen. (Vor ihnen war
-von diesem Wesen allerdings schon manchmal die Rede
-gewesen, aber diese Rede hatte immer irgendwie
-klassisch und theatralisch geklungen!)
-Als aber diese Männer endlich von der „Volkswahrheit“
-zu reden anfingen, da sah man sie
-erstaunt an und hielt sie für Epileptiker und Idioten,
-und man glaubte, ihr Ideal sei: „Rettich zu essen und
-Denunziationen zu schreiben“. Ja, Denunziationen!
-Sie setzten eben durch ihr Erscheinen und ihre Ansichten
-alle so in Erstaunen, daß die Liberalen schon bedenklich
-wurden und zu fürchten anfingen: wie, wollten
-diese sonderbaren Leute sie nicht am Ende denunzieren?
-Nun urteilen Sie selbst: sind von den heutigen
-Liberalen wohl schon viele weit abgekommen von
-einer so lächerlich dummen Auffassung der Slawophilen?
-</p>
-
-<p>
-Doch zur Sache! Sie sagen, Aleko sei von Dershimorda
-zu den Zigeunern gelaufen. Gut, nehmen
-wir an, daß es sich so verhält. Aber das Schlimme dabei
-ist, daß Sie selbst, Herr Gradowskij, mit vollkommener
-Überzeugung Aleko das Recht auf diesen Widerwillen
-zusprechen. Sie sagen zwischen den Zeilen
-ungefähr: „Es war ihm eben unmöglich, <em>nicht</em> zu
-den Zigeunern fortzulaufen, denn Dershimorda war
-doch gar zu gemein.“ Ich aber behaupte, daß Aleko
-und Onegin in ihrer Art gleichfalls Dershimordas waren,
-und in einer Beziehung sogar noch schlimmere.
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-Nur tue ich das mit dem Unterschied, daß ich nicht
-ihnen die Schuld daran zuschreibe, da ich die Tragik
-ihres Schicksals vollkommen begreife, Sie aber loben
-sie noch dafür, daß sie fortliefen: „So große und interessante
-Menschen, wie sie waren, wie hätten sie sich
-mit solchen Ungeheuern einleben sollen?“ meinen Sie,
-wenn Sie es auch nicht aussprechen. Sie irren sich aber
-sehr. Da behaupten Sie auch gleich, Aleko und Onegin
-wären durchaus nicht vom Boden losgerissen gewesen
-und hätten durchaus nicht die Volkswahrheit
-verneint. Und nicht nur das: „Sie waren auch durchaus
-nicht hochmütig“ – sogar das behaupten Sie.
-Aber hier ist doch der Hochmut die gerade, logische
-und unvermeidliche Folge ihrer Abstraktheit, ihrer
-Losgerissenheit vom Volksboden. Sie können doch nicht
-leugnen, daß sie das Land nicht gekannt haben, da sie
-in Instituten aufwuchsen und erzogen wurden, daß
-sie Rußland in Petersburg, im Staatsdienst, kennen
-lernten und zum Volk immer im Verhältnis des Herrn
-zum Leibeigenen standen. Und wenn sie auch auf ihren
-Gütern in nächster Nähe der Bauern lebten, so kannten
-sie diese doch nicht. Jener Feldjäger hatte auch sein
-Leben lang mit Postkutschern zu tun gehabt und sah
-dennoch nichts anderes in ihnen, als Wesen, die nur
-Schläge seiner Faust verdienten. Aleko und Onegin verhielten
-sich Rußland gegenüber wie erhaben über alles,
-und waren hochmütig und anmaßend und unduldsam,
-wie alle, die in einem vom Volk getrennten engen Kreise
-leben, unter Bedingungen, die man mit „alles-frei“
-bezeichnen kann, nämlich frei sowohl von der Bauernarbeit
-wie auch von der europäischen Kulturarbeit, von der
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-sie gleichfalls die Nutznießung gratis hatten. Gerade
-daraus aber – daß alle unsere intelligenten Leute infolge
-einer gewissen historischen Entwicklung fast im
-Laufe der ganzen letzten zwei Jahrhunderte unserer
-Geschichte sich in Müßiggänger, die bloß ihre Hände
-pflegten, verwandelt haben, läßt sich ihre Abstraktion,
-ihre Losgelöstheit vom Heimatboden erklären. Nicht
-an Dershimorda scheiterte er, sondern an sich selbst,
-weil er sich Dershimorda und dessen Herkunft nicht zu
-erklären verstand. Dazu war er viel zu stolz. Aus diesem
-Grunde fand er auch keine Möglichkeit, auf dem
-eigenen Felde zu arbeiten. Die anderen aber, die an
-diese Möglichkeit glaubten, hielt er für Dummköpfe
-oder gleichfalls für Dershimordas. Und nicht nur in
-seinem Verhalten zu Dershimorda war unser Skitaletz
-stolz, er war es auch ganz Rußland gegenüber, denn
-nach seiner Überzeugung bestand Rußland nur aus
-Sklaven und Dershimordas. Wenn es aber noch etwas
-Edleres enthielt, so waren sie allein dieses Edlere,
-sie, Aleko und Onegin, sonst aber niemand außer ihnen.
-Daraus folgte die Überhebung ganz von selbst. Indem
-sie in ihrer Absonderung vom Volk verblieben, mußten
-sie sich natürlich wundern, wie hoch sie in ihrer
-Bildung über den gemeinen Dershimordas standen,
-selbstverständlich ohne auch nur das Geringste von diesen
-zu begreifen. Wären sie nicht stolz gewesen, so
-hätten sie begriffen, daß auch sie selbst Dershimordas
-waren, nach dieser Einsicht aber hätten sie dann –
-und zwar gerade durch diese Einsicht – vielleicht auch
-den Weg zur Versöhnung gefunden. Dem Volk gegenüber
-aber empfanden sie eigentlich nicht einmal so
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-sehr Stolz als einfach Ekel, und zwar alle ausnahmslos.
-Sie werden das freilich nicht glauben wollen, im
-Gegenteil, Sie geben nur oberflächlich zu, daß einzelne
-Charakterzüge Alekos und Onegins allerdings nicht
-angenehm sind, um mir gleich darauf den Text zu lesen
-und anmaßend zu behaupten, ich hätte einen beschränkten
-Blick und es wäre wohl kaum vernünftig, „die
-Symptome zu kurieren, die Wurzel der Krankheit aber
-unangerührt zu lassen“. Sie glauben, daß ich, wenn
-ich sage: „Demütige dich, stolzer Mensch“ – damit
-Aleko nur seine persönlichen Eigenschaften, seine
-Privatfehler zum Vorwurf mache, den eigentlichen
-Grund des Übels jedoch vollständig übersehe, „als
-läge das ganze Wesen der Sache nur in den persönlichen
-Eigenschaften der Stolzen, die sich nicht demütigen
-wollen“, wie Sie meinen. „Es ist ja noch gar nicht
-festgestellt,“ sagen Sie, „wem gegenüber der Skitaletz
-denn nun eigentlich so stolz war, und damit ist auch die
-Frage noch offen, wovor er sich denn hätte demütigen
-sollen.“ Das ist mir denn doch ein gar zu hochmütiger
-Einwurf von Ihnen! Ich glaube, ausdrücklich gesagt zu
-haben, daß der Skitaletz ein Produkt der historischen
-Entstehung unserer Gesellschaft ist, folglich wälze ich
-doch nicht die ganze Schuld nur auf seine Person, auf
-seine persönlichen Eigenschaften. Sie haben das gelesen,
-denn ich habe es geschrieben und es steht gedruckt,
-weshalb übergehen Sie es also? Sie zitieren
-meinen ganzen Passus über das „Demütige dich“ und
-schreiben dann von sich aus:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Mit diesen Worten hat Herr Dostojewski
-das ‚Allerheiligste‘ seiner Überzeugungen ausgesprochen,
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-das, was zugleich die Stärke und Schwäche
-des Autors der ‚Brüder Karamasoff‘ ausmacht.
-In diesen Worten ist ein großes <em>religiöses</em>
-Ideal enthalten, eine mächtige Predigt <em>persönlicher</em>
-Ethik, aber es fehlt jede Andeutung <em>sozialer</em>
-Ideale.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Und darauf beginnen Sie sogleich, die Idee der
-„persönlichen Vervollkommnung im Geiste der christlichen
-Liebe“ zu kritisieren. Auf Ihre diesbezügliche
-Meinung werde ich noch zu sprechen kommen, zunächst
-will ich Ihnen Ihre ganze Unterlage, die Sie, wie
-es scheint, zu verbergen wünschen, aufdecken und sie
-Ihnen zeigen, und zwar folgendermaßen: Sie ärgern
-sich über mich nicht nur deshalb, weil ich dem Skitaletz
-manches zum Vorwurf mache, sondern weil ich in
-ihm nicht wie Sie die Idealgestalt sittlicher Vervollkommnung
-sehe und ihn nicht für den gesunden
-Russen halte, wie er nur sein kann und sein
-soll. Daß Sie trotzdem zugeben, Aleko und Onegin
-hätten freilich einige „unsympathische Charakterzüge“,
-ist nur eine Finte von Ihnen. Ihrer inneren Auffassung
-nach, die Sie aus irgendeinem Grunde nicht ganz
-aussprechen wollen, ist der Skitaletz der Typ des normalen
-und ästhetischen Menschen, letzteres schon deshalb,
-weil er von Dershimorda fortläuft. Sie sind sogar höchst
-ungehalten, wenn jemand es wagt, in diesem Typ auch
-nur einen Fehler zu finden. Sie sagten bereits unumwunden:
-„Es ist doch sinnlos, zu behaupten, daß sie an
-ihrem Stolz gescheitert seien und sich nicht vor der
-Volkswahrheit hätten demütigen wollen.“ Und zum
-Schluß behaupten Sie noch mit Eifer, daß gerade
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-diese unsere Menschenklasse die Bauern befreit habe.
-Sie schreiben:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Sagen wir mehr: wenn in der Seele der besten
-dieser Skitaltzy aus der ersten Hälfte unseres
-Jahrhunderts ein Gedanke lebte, so war das gerade
-der Gedanke an das Volk, und ihr glühendster Haß
-galt gerade der Sklaverei, die dieses Volk bedrückte.
-Gewiß haben sie auf ihre Art das Volk geliebt
-und die Leibeigenschaft gehaßt, meinetwegen
-‚als Europäer‘, wenn man will. Aber wer war es
-denn, wenn nicht sie, die unsere Gesellschaft zur
-Aufhebung der Leibeigenschaft vorbereiteten? Wo
-sie konnten, haben auch sie dem ‚eigenen Acker‘ gedient,
-anfangs als Verbreiter der Befreiungsidee,
-dann aber als Vermittler, als welche sie in erster
-Reihe wirkten.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Das ist es eben, daß die Skitaltzy die Leibeigenschaft
-in ihrer Art haßten, eben „europäisch“ haßten,
-darin liegt ja der ganze Kern der Sache. Das ist es
-eben, daß sie die Leibeigenschaft nicht um der russischen
-Bauern willen haßten, um des Russen willen,
-der für sie arbeitete, als ihr Leibeigener, dessen Arbeit
-sie ernährte und der folglich auch von ihnen –
-wenn sie es auch in Gemeinschaft mit anderen taten,
-so doch immerhin auch von ihnen – geknechtet wurde.
-Wer verbot ihnen denn, wenn sie schon so sehr unter
-dieser Beleidigung ihres staatsbürgerlichen Gefühls
-litten, daß sie zu den Zigeunern liefen oder auf die
-Barrikaden nach Paris – wer hinderte sie denn, ganz
-einfach wenigstens ihre eigenen Bauern zu befreien
-und einen Teil des eigenen Landes unter ihnen zu
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-verteilen, um damit wenigstens das eigene Gewissen
-von diesem Unrecht und sich selbst von der persönlichen
-Verantwortung freizumachen? Aber von solchen
-Befreiungen hat man seltsamerweise nicht viel
-gehört, staatsbürgerliches Wehgeschrei dagegen ertönte
-doch genug und allerorten. „Das Milieu“, heißt es ja
-wohl, „das Milieu war die Fessel, und wie hätte er
-sich selbst seines Vermögens berauben sollen?“ Aber
-weshalb denn nicht, wenn die Bauern ihm schon so
-leid taten, daß er auf die Barrikaden lief? Ja, sehen
-Sie, das war es nun wieder, daß man in diesem
-„Städtchen Paris“ nicht ohne Geld auskam, selbst
-wenn man an den Barrikadenkämpfen teilnahm, die
-Leibeigenen aber – schickten den Zins. Oder man
-machte es noch einfacher: man verpfändete oder verkaufte
-die Bauern, oder tauschte sie ein (war das nicht
-ganz gleich?), und hatte man das Kapital flüssig gemacht,
-dann fuhr man nach Paris, um dort behilflich
-zu sein, französische radikale Journale und Revuen
-herauszugeben, jetzt schon zum Heil der ganzen Menschheit,
-und nicht nur des russischen Bauern. Sie versichern,
-Herr Gradowskij, daß der Kummer um den
-leibeigenen Bauer sie alle gepeinigt habe? Nun, es
-war wohl nicht gerade ein Kummer wegen der Leibeigenschaft
-der russischen Bauern, sondern der ganz
-abstrakte Kummer wegen der Knechtschaft des Menschengeschlechtes
-im allgemeinen: „Die sollte es
-doch überhaupt nicht mehr geben, sie ist rückständig,
-sie verträgt sich nicht mit der Aufklärung! <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Liberté,
-Egalité et Fraternité!</span>“ – nur daran dachten sie. Was
-jedoch den russischen Bauern persönlich anbelangt, so
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-hat der Kummer um ihn diese großen Herren ganz
-gewiß nicht allzu sehr geplagt. Ich habe eine Menge
-vertraulicher Meinungsäußerungen sehr, sogar sehr
-„gebildeter“ Herren der guten alten Zeit gehört und
-genau im Gedächtnis behalten. Zum Beispiel: „Die
-Sklaverei ist ja freilich ein fürchterliches Übel, das
-steht außer Frage,“ äußerten sie, wenn sie unter sich
-waren, „aber wenn man es genau betrachtet, so ist
-doch unser Volk – ja, ist denn das überhaupt ein
-Volk? Kann man es denn auch nur entfernt z. B. mit
-dem Pariser Volk von siebzehnhundertdreiundneunzig
-vergleichen? Es hat sich ja doch schon an die Sklaverei
-gewöhnt, sein Gesicht, seine ganze Gestalt drückt
-schon den Sklaven aus, ja, und wenn Sie wollen –
-die Rute zum Beispiel ist ja natürlich eine schreckliche
-Gemeinheit, im allgemeinen gesprochen, aber beim russischen
-Bauern ist sie doch, bei Gott, ganz unentbehrlich.
-Unser Bäuerlein muß die Rute zu fühlen bekommen,
-sonst wird’s trübselig. Tja, nichts zu machen,
-aber so ist es nun einmal, unser Volk!“ heißt es
-– das habe ich seinerzeit mit eigenen Ohren gehört,
-ich schwöre es, und sogar von sehr gebildeten Leuten.
-Das ist die sogenannte „nüchterne Wahrheit“.
-</p>
-
-<p>
-Onegin wird seine Leibeigenen wahrscheinlich nicht
-geprügelt haben, obschon es schwerhält, hierüber mit
-Bestimmtheit etwas auszusagen; aber Aleko – nun,
-was diesen betrifft, so bin ich überzeugt, daß er seine
-Leibeigenen mitunter hat prügeln lassen, allerdings
-nicht aus Herzenshärte, sondern fast sogar aus Mitleid,
-fast sogar um des Guten willen, in dem Sinne
-etwa wie: „Das ist doch für ihn eine Notwendigkeit,
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-ohne sie kommt er doch nicht aus, er kommt ja selber
-und bittet: ‚Straf mich, Herr, mach mich wieder zum
-Menschen, bin ganz aus der Zucht geraten!‘ Was soll
-man denn mit solch einer Natur anfangen, sagen Sie
-doch gefälligst? Nun, und so tut man ihm denn den
-Gefallen!“
-</p>
-
-<p>
-Ich wiederhole es, ihr Gefühl für den Bauern
-grenzte oft an Ekel vor ihm. Und wieviel schmutzige
-Anekdoten wurden unter ihnen vom Bauern, von seiner
-Sklavenseele, seinem „Götzendienst“, seinem Popen
-und seinem Weibe erzählt, und zwar ganz leichten
-Herzens, zuweilen von Leuten, deren eigenes Familienleben
-fast einem Bordelleben glich. Oh, versteht
-sich, das geschah ja nicht immer in irgendeiner bösen
-Absicht, sondern nur aus übermäßigem Eifer bei der Aufnahme
-der letzten europäischen Ideen, die nach unserer
-Art aufgefaßt wurden, und geschah gleich mit der ganzen
-russischen Leidenschaftlichkeit. Sie waren eben in allem
-Russen! Oh, die russischen sich grämenden „Skitaltzy“
-waren bisweilen große Schelme, Herr Gradowskij,
-und gerade diese kleinen Anekdoten vom russischen
-Bauern und die Geringschätzung für ihn (wenn
-nicht Verachtung) haben in den Herzen dieser Herren
-ihrem Kummer ob der Leibeigenschaft immer die Spitze
-dadurch abgebrochen, daß er einen gewissen abstrakt
-universalen Charakter annahm. Mit einem solchen Kummer
-aber läßt es sich noch ganz gut, sogar sehr gut leben,
-namentlich wenn man sich dabei geistig von der Betrachtung
-seiner eigenen moralischen Schönheit und
-der Erhabenheit nährte, die man im Fluge seiner staatsbürgerlichen
-Ideen entwickelte, und körperlich, nun –
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-körperlich immerhin vom Zins dieser selben Bauern,
-und sogar wie noch, sich nährte! Da fällt mir soeben
-eine Geschichte ein, die vor kurzem ein alter Herr im
-Journal zum besten gab. Es war im Sommer 1845
-auf einem in der Nähe von Moskau belegenen entzückenden
-Landgut, dessen Besitzer, nach den Worten
-dieses alten Herrn, „grandiose Diners“ zu geben
-pflegte. So hatten sich dort wieder einmal die humansten
-Professoren, die seltsamsten Liebhaber und Kenner
-der schönen Künste und noch manches anderen, die
-berühmtesten Demokraten, die sich in der Folge sogar
-als Staatsmänner ausgezeichnet und fast einen Weltruf
-erworben haben, ferner Kritiker, Schriftsteller
-und die reizendsten Damen, sie alle Menschen
-von höchster geistiger Entwicklung, versammelt. Und
-plötzlich bricht die ganze Gesellschaft auf, wahrscheinlich
-nach einem Diner mit Champagner, getrüffelten
-Pasteten und meinetwegen Vogelmilch (es muß doch
-etwas Besonderes gegeben haben, wenn man die Diners
-„grandios“ nennt), um einen Spaziergang zu
-machen. Auf dem Felde im reifen Roggen treffen sie
-eine Schnitterin. Nun, die Feldarbeit ist doch wohl
-nichts weniger als leicht: die Bauern stehen um 4 Uhr
-morgens auf, um dann bis zum Abend das Korn zu
-schneiden – zwölf Stunden gebückt unter sengenden
-Sonnenstrahlen. Und dort im Roggen findet nun unsere
-Gesellschaft die Schnitterin in – können
-Sie sich das vorstellen! – in „primitivem
-Kostüm“ (das heißt wohl einfach im Hemde?)!
-Wie entsetzlich! Alle Friedensgefühle und Humanitätsbegriffe
-sind vor den Kopf gestoßen,
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-und sogleich läßt sich eine beleidigte Stimme vernehmen:
-„Von allen Weibern ist es nur das russische
-Weib, das sich vor keinem Menschen schämt!“ Und
-darauf, versteht sich, sogleich die Folgerung: „Nur das
-russische Weib ist von allen das einzige, vor dem sich
-niemand schämt“ (d. h. nicht zu schämen braucht, etwa,
-als müsse es so sein!). Es kam zum Streit. Einzelne
-verteidigten die Bäuerin, aber was waren das für
-Verteidiger und mit welchen Entgegnungen hatten sie
-zu kämpfen! Und so etwas war möglich in einer Gesellschaft
-von diesen meist aus dem Gutsbesitzerstande
-hervorgegangenen „Skitaltzy“, die sich lukullisch sattgegessen,
-Champagner und Austern geschlürft hatten – und
-zwar für wessen Geld? Für ein Geld, das sie aus der
-Bauern Arbeit bezogen! Für Sie, meine Herren Weltschmerzleidende,
-arbeitet diese Bäuerin doch, für das
-aus ihrer Arbeit gewonnene Geld haben Sie sich doch
-sattgegessen! Weil sie im hohen Roggen, wo niemand
-sie sehen konnte, gequält von Hitze und Schweiß, ihren
-Rock ausgezogen und im Hemde arbeitet – deshalb
-soll sie schamlos sein, soll sie Ihr Schamgefühl verletzt
-haben – „von allen Weibern das schamloseste!“
-– ach Sie Keuschheitspriester! Aber Ihre Pariser Zerstreuungen
-und Ihre Erlebnisse im „Städtchen Paris“
-und der Cancan im Jardin Mabille, vor dem
-unsere russischen Herren wie Butter an der Sonne
-zergehen – selbst wenn von ihm nur die Rede war,
-und das nette Liedchen –
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ma commère quand je danse</span></p>
- <p class="verse"><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Comment va mon cotillon?</span>“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-mit dem graziösen Raffen des Röckchens und dem
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-Ruck mit dem Hinterteilchen dazu – das alles empört
-unsere schamhaften Herren keineswegs, im Gegenteil,
-es zieht sie sogar ungeheuer an!
-</p>
-
-<p>
-„Aber ich bitte Sie, das ist bei ihnen doch
-alles so graziös, dieses Cancanchen, dieses Röckchen
-und ... na ja – das sind doch in ihrer Art die elegantesten
-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Articles de Paris</span>, hier aber – wie kann
-man das überhaupt vergleichen: hier ist’s doch nur
-ein Weib, ein russisches Bauernweib, ein Klotz, ein
-unbehauener Klotz!“
-</p>
-
-<p>
-Nein, das war sogar nicht einmal bloßes Überzeugtsein
-von der Gemeinheit unseres Bauern und
-Volkes, da war die Ansicht schon ins Gefühl übergegangen,
-schon zum Gefühl geworden, da verriet sich
-bereits eine physische Empfindung des Ekels vor unserem
-Bauern – oh, natürlich nur eine unwillkürliche,
-fast unbewußte Empfindung, die sie selbst vielleicht
-gar nicht bemerkten. Und ich muß gestehen, ich kann
-mit Ihrem kapitalen Streitsatz keineswegs übereinstimmen,
-Herr Gradowskij: daß diese „Skitaltzy“ es gewesen
-seien, die in unserer Gesellschaft für die Befreiung
-der Leibeigenen vorgearbeitet hätten. Vielleicht
-mit abstraktem Geschwätz, indem sie ihren bürgerlichen
-Kummer nach allen Regeln überall hervorkehrten
-– oh, natürlich kam schließlich alles der Sache zugute.
-Bewirkt aber haben die Befreiung der Bauern,
-geholfen haben denen, die die Befreiung durchführen
-wollten, eher solche Männer wie z. B. Ssamarin<a class="fnote" href="#footnote-29" id="fnote-29">[29]</a>,
-nicht aber Ihre Skitaltzy. Jener anderen dagegen, jener
-vom Schlage eines Ssamarin, die wohl in keiner Beziehung
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-den Alekos und Onegins glichen, gab es doch
-damals gar nicht so wenige, und die halfen alle bei der
-großen Arbeit mit, Herr Gradowskij, von ihnen aber
-reden Sie natürlich kein Wort. Ihren Leuten jedoch
-ist die Geschichte, nach allen Anzeichen zu urteilen, sehr
-bald langweilig geworden, und sie begannen wieder
-zu schmollen. Sie wären auch keine „Skitaltzy“ gewesen,
-wenn sie sich anders verhalten hätten. Als sie dann
-nach der Aufhebung der Leibeigenschaft erst das Geld
-für ihre losgekauften Bauern erhalten hatten, da verkauften
-sie auch ihr übriges Land an Aufkäufer zum
-Aussaugen und ihre Wälder zum Abholzen. Sie selbst
-siedelten ins Ausland über und führten bei uns den Absentismus
-ein ... Sie werden mit mir darin natürlich
-nicht übereinstimmen, Herr Professor, aber was soll
-ich denn tun: es ist mir nun einmal absolut unmöglich,
-den Ihnen so teuren, der oberen Schicht entstammenden
-liberalen Russen für das Ideal des normalen
-echten Russen anzuerkennen, für den besten Typ, der
-der Rasse angeblich jemals wirklich war, ist und sogar
-in Zukunft sein soll. Ich sehe nur, daß dieser Typ
-in den letzten Dezennien wenig auf dem Arbeitsfelde
-seines Volkes geleistet hat. Und diese Auffassung halte
-ich für etwas richtiger und begründeter als Ihre Dithyrambe
-auf jene Herren.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-4-3-3">
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-<span class="firstline">III.</span><br />
-Zwei Hälften.
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Ich komme jetzt zu Ihrer Auffassung von der „persönlichen
-Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“
-und Ihrer Behauptung, daß dieselbe durchaus unzureichend
-sei im Vergleich mit „sozialen Idealen“ und
-vor allem mit „sozialen Institutionen“. Ja, auch Sie
-weisen darauf hin, daß dies der wichtigste Punkt in
-unserer Meinungsverschiedenheit ist. Sie schreiben:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Indem Herr Dostojewski Demut vor der
-Volkswahrheit und den Volksidealen verlangt,
-scheint er diese ‚Wahrheit‘ und diese Ideale für
-etwas bereits Fertiges, Feststehendes und Ewiges
-zu halten. Wir erlauben uns, dieser Annahme zu
-widersprechen. Die <em>sozialen</em> Ideale unseres
-Volkes sind noch im Stadium des <em>Entstehens</em>,
-Sie fangen erst an sich zu entwickeln. Das Volk
-muß noch viel an sich arbeiten, um den Namen eines
-großen Volkes zu verdienen.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-In betreff der „Wahrheit“ und der Ideale des
-Volkes habe ich Ihnen zum Teil schon geantwortet.
-Diese Wahrheit und diese Ideale des Volkes halten
-Sie direkt für ungenügend zur Entwicklung sozialer
-Ideale Rußlands. Das heißt also: Religion ist ein
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-Ding für sich und alles Soziale, Gesellschaftliche ist
-etwas ganz anderes, d. h. wiederum ein Ding für sich.
-Sie schneiden den lebendigen Organismus mit
-Ihrem Gelehrtenmesser in zwei Hälften und behaupten,
-daß diese voneinander ganz unabhängig sein müssen.
-Betrachten wir sie näher, untersuchen wir jede dieser
-Hälften für sich, vielleicht können wir dann irgendwelche
-Schlüsse ziehen. Betrachten wir zunächst die
-Hälfte der „persönlichen Vervollkommnung im Geiste
-der christlichen Liebe“.
-</p>
-
-<p>
-Sie schreiben:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Herr Dostojewski ruft uns zur Arbeit auf,
-zur Arbeit an uns selbst. Die persönliche Vervollkommnung
-im Geiste der christlichen Liebe ist natürlich
-die erste Voraussetzung jeder Tätigkeit,
-gleichviel, ob sie groß oder klein ist! Aber daraus
-folgt noch nicht, daß Menschen, die im <em>christlichen
-Sinne persönlich vollkommen</em>
-sind, <em>unbedingt</em> einen vollendeten Staat
-bilden. Nehmen wir ein Beispiel:
-</p>
-
-<p>
-Der Apostel Paulus erklärt Sklaven und deren
-Herren ihr Verhältnis zueinander. Sowohl diese
-wie jene konnten die Lehre des Apostels befolgen
-und taten es meist auch wirklich, sie waren <em>persönlich</em>
-gute Christen, aber die <em>Sklaverei</em>
-wurde damit nicht geheiligt und blieb eine unmoralische
-Einrichtung. So wird auch Herr Dostojewski,
-wie ein jeder von uns, vortreffliche Christen
-gekannt haben, sowohl unter Gutsbesitzern
-wie unter Bauern. Aber die Leibeigenschaft blieb
-trotzdem eine Schändlichkeit vor Gott, und der
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-Zar-Befreier erfüllte nicht nur die Forderungen
-der <em>persönlichen</em>, sondern auch der <em>sozialen</em>
-Sittlichkeit, von der man in der alten Zeit
-keine richtige Vorstellung hatte, obschon es ‚gute
-Menschen‘ damals nicht weniger gab, als heutzutage.
-Persönliche und soziale Sittlichkeit ist nicht
-ein und dasselbe. Daraus folgt, daß eine <em>soziale</em>
-Vervollkommnung nicht <em>lediglich</em> durch
-die Besserung der persönlichen Eigenschaften der
-Menschen erreicht werden kann. Ein Beispiel:
-</p>
-
-<p>
-Nehmen wir an, daß seit dem Jahre 1800 eine
-Reihe von Predigern der christlichen Liebe und Demut
-sich vorgenommen hätten, die Sittlichkeit solcher
-Menschen, wie Gogols Gutsbesitzerin Frau
-Korobotschka und Ssobakewitsch, zu heben. Wäre
-es auch nur denkbar, daß sie die Aufhebung der Leibeigenschaft
-durchgesetzt hätten und daß es keines
-Machtwortes mehr bedurft hätte? Im Gegenteil,
-die Korobotschka hätte zu beweisen angefangen,
-daß sie eine wahre Christin und ‚Mutter‘ ihrer
-Bauern sei und wäre trotz aller gegenteiligen Versicherungen
-des Missionars bei ihrer Ansicht verblieben.
-</p>
-
-<p>
-Eine Verbesserung der Menschen in einem gesellschaftlichen
-Sinne kann nicht lediglich durch
-Arbeit nur an der eigenen Person und durch persönliche
-Demut erreicht werden. An sich selbst arbeiten
-und sich zur Demut erziehen, das kann man auch
-in der Wüste oder auf einer unbewohnten Insel.
-Aber als Angehörige einer Gesellschaft, eines Staates,
-entwickeln und verbessern sich die Menschen
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-erst in der Arbeit <em>nebeneinander, füreinander
-und miteinander</em>. Das ist
-auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit
-der Menschen in einem so hohen Grade von
-der Vollkommenheit der <em>sozialen Institutionen</em>
-abhängt, die im Menschen wenn nicht
-christliche, so doch bürgerliche Werte erziehen.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Sehen Sie, wie viel ich aus Ihrem Artikel abgeschrieben
-habe! Das klingt alles sehr selbstbewußt und
-die „persönliche Vervollkommnung im Geiste der christlichen
-Liebe“ hat gründlich die Wahrheit zu hören bekommen.
-Das heißt soviel wie: in staatlichen Dingen
-taugt sie zu nichts. Kurios, fürwahr, fassen Sie demnach
-das Christentum auf! Allein schon die Vorstellung,
-daß die Korobotschka und Ssobakewitsch wahre Christen
-werden könnten, sogar vollkommene, und darauf
-die Frage: könnte man sie dann dazu bringen, auf die
-Leibeigenschaft zu verzichten? ist bemerkenswert. Mir
-scheint es eine recht verfängliche Frage zu sein, die Sie
-da aufwerfen, und Ihre eigene Antwort lautet natürlich:
-„Nein, die Korobotschka wäre selbst als wahre
-Christin nicht dazu zu bewegen.“
-</p>
-
-<p>
-Darauf antworte ich ohne weiteres: wenn die
-Korobotschka überhaupt eine wahre und vollkommene
-Christin hätte werden können oder geworden wäre, so
-hätte die Leibeigenschaft auf ihrem Gut auch schon zu
-existieren aufgehört, weshalb man sich dann um nichts
-weiter zu bemühen brauchte, wenn auch alle Aktenstücke
-und Kaufbriefe in ihrem Besitz verblieben.
-</p>
-
-<p>
-Erlauben Sie: die Korobotschka war doch auch
-früher schon Christin, schon von Geburt an, d. h. seit
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-ihrer Taufe, nicht wahr? Folglich verstehen Sie unter
-der Lehre der neuen Prediger des Christentums dem
-Wesen nach wohl dasselbe alte Christentum, nur erhöht,
-gesteigert, also ein vollendetes oder vollkommenes,
-das sozusagen schon sein Ideal erreicht hat? Aber was
-kann es dann noch für Sklaven geben, ich bitte Sie!
-Man muß doch das Christentum wenigstens annähernd
-begreifen! Und was würde es dann die Korobotschka,
-die <em>wahre</em> Christin, noch angehen, ob ihre Bauern
-Leibeigene sind oder nicht? Sie wäre ihnen „Mutter“,
-eine richtige Mutter, und die „Mutter“ in ihr hätte
-sogleich die frühere „Herrin“ in ihr einfach ausgeschaltet,
-und das wäre ganz von selbst geschehen. Das frühere
-Verhältnis – dasjenige der Herrin zum Sklaven
-– wäre in dem Fall wie Nebel vor der Sonne
-verschwunden und die alten Menschen wären von anderen
-verdrängt worden, die in einem ganz neuen, vordem
-undenkbar gewesenen Verhältnis zueinander gestanden
-hätten. Und überhaupt wäre damit etwas schier
-Unglaubliches geschehen: es wären eben <em>überall</em>
-vollkommene Christen entstanden, solche, wie es ihrer
-bisher auch als einzelne freilich so wenige gegeben hat,
-daß man selbst diese kaum zu entdecken vermöchte. Übrigens
-sind ja Sie es, Herr Gradowskij, der diese
-phantastische Möglichkeit in Erwägung zieht, nicht ich,
-folglich dürfen Sie sich auch nicht den Folgerungen
-entziehen. Ich versichere Ihnen, Herr Gradowskij, daß
-die Bauern der Korobotschka dann freiwillig bei ihr
-geblieben wären, und zwar aus dem einfachen Grunde,
-weil ein jeder sieht, wo er es am besten hat. Oder
-meinen Sie, daß die Bauern es mit Ihren Institutionen
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-besser hätten, als bei der sie liebenden, wie eine
-leibliche Mutter für sie sorgenden Gutsbesitzerin? Desgleichen
-erlaube ich mir, Ihnen zu versichern, daß die
-Sklaverei zu Lebzeiten des Apostels Paulus nur deshalb
-auch in christlichen Gemeinden bestehen blieb, weil
-die damaligen, eben erst entstehenden Gemeinden noch
-nicht in dem Maße christlich waren, daß sie ein vollkommenes
-Christentum darstellten (was wir aus den Sendschreiben
-des Apostels ersehen). Aber die einzelnen
-Mitglieder der Gemeinden, die damals persönlich die
-Vollkommenheit erreichten, hatten auch keine Sklaven
-mehr und konnten sie ja gar nicht mehr haben, denn
-diese wurden sogleich zu ihren Brüdern, ein Bruder
-aber, ein wirklicher Bruder kann nicht seinen Bruder
-als Sklaven unter sich haben. Nach Ihren Worten müßte
-man dagegen annehmen, daß die Predigt der christlichen
-Lehre machtlos gewesen sei. Wenigstens schreiben
-Sie, daß durch die Predigt des Apostels die Sklaverei
-noch nicht geheiligt worden wäre. Andere Gelehrte
-aber, namentlich europäische Professoren der
-Geschichte, haben schon unzählige Male dem Christentum
-gerade das vorgeworfen, daß es angeblich die
-Sklaverei heilige. Das heißt aber, das Wesen der Sache
-nicht begreifen. Man stelle sich vor: die Madonna
-hätte Leibeigene und wollte diesen nicht die Freiheit
-geben. Welch ein Absurdum! Im Christentum, im wirklichen
-Christentum wird es Herren und Diener geben,
-aber ein Sklave ist undenkbar. Ich rede vom wahren,
-vollkommenen Christentum. Diener sind nicht Sklaven.
-Der Jünger Timotheus diente dem Apostel Paulus, als
-sie gemeinsam umherzogen, aber lesen Sie doch die Briefe
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-Pauli an Timotheum: schreibt er an einen Sklaven,
-ja überhaupt an seinen Diener? Ich bitte Sie! – Das
-sind doch Briefe an seinen „Sohn Timotheus“ – an
-seinen „geliebten Sohn“! Ja, in einem solchen, gerade in
-einem solchen Verhältnis werden die Herren zu den Dienern
-stehen, wenn diese wie jene vollkommene Christen
-sind. Herren und Diener wird es geben, aber die Herren
-werden nicht Tyrannen sein, und die ihnen Dienenden
-nicht von ihnen Tyrannisierte. Stellen Sie sich vor,
-daß es in der zukünftigen Gesellschaft einen Kepler,
-einen Kant, einen Shakespeare gibt: sie leisten die große
-geistige Arbeit für alle, und alle wissen das und
-verehren und schätzen sie. Natürlich hat Shakespeare
-keine Zeit, sagen wir, sein Zimmer aufzuräumen. Glauben
-Sie mir, unter solchen Voraussetzungen wird unbedingt
-ein anderer Bürger zu ihm kommen, um ihm zu
-dienen, er wird es freiwillig tun, wird ungebeten die
-geringe Arbeit bei Shakespeare verrichten: sein Zimmer
-aufräumen usw. Wird er deshalb erniedrigt
-oder ein Sklave sein? Keineswegs. Er weiß, daß Shakespeare
-unvergleichlich nützlicher ist als er und er sagt
-sich oder ihm: „Dafür sei dir Ruhm und Ehre, und
-mir ist es eine Freude, dir dienen zu können. Soviel
-ich’s kann, trage ich auch meinen Teil zur großen Tat
-bei, indem ich dir Stunden des Schaffens erhalte, doch
-bin ich deshalb noch kein Sklave. Gerade durch diese
-meine Erkenntnis, daß du, Shakespeare, dank deinem
-Genie höher stehst als ich, habe ich bewiesen, indem ich
-zu dir kam, um dir zu dienen, daß ich an sittlicher
-Menschenwürde dir keineswegs nachstehe, sondern
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-<em>als Mensch</em> dir ebenbürtig bin.“ Oder vielmehr,
-er wird das gar nicht sagen. Es wäre schon allzu
-selbstverständlich. Solche Fragen sind ganz ausgeschlossen,
-ja undenkbar. Denn die Menschen werden dann
-wirklich neue Menschen sein, Kinder Christi, und werden
-das ehemalige Tier in sich überwunden haben.
-</p>
-
-<p>
-Sie werden freilich hierauf erwidern, dies sei eine
-phantastische Zukunftsillusion. Aber mit dem Phantasieren
-habe ja nicht ich den Anfang gemacht, sondern
-Sie, und Sie verstiegen sich sogar so weit, daß Sie sich
-die Korobotschka als eine vollkommene Christin denken
-konnten, die jedoch ihren „leibeigenen <em>Kindern</em>“ die
-Freiheit vorenthält. Das ist wohl etwas phantastischer
-als alles von mir Geschriebene.
-</p>
-
-<p>
-Nun werden vielleicht die klugen Leute lachend
-einwenden: „Ja, wozu sich dann noch um die Vervollkommnung
-im Geiste der christlichen Liebe bemühen,
-wenn wirkliches Christentum, wie aus alledem hervorgeht,
-auf der Erde überhaupt nicht vorhanden ist, oder
-falls doch, dann nur so selten, daß man diese vereinzelten
-Fälle kaum wahrnehmen kann, anderenfalls (wie
-wiederum aus meinen eigenen Worten hervorgeht)
-wäre ja sofort alles beigelegt, jegliche Sklaverei vernichtet,
-die Typen vom Schlage der Korobotschka würden
-sich in lichte Genien verwandeln und den Menschen
-bliebe nichts weiter übrig, als Gott dem Herrn eine
-Hymne zu singen!“ Ja, natürlich, meine Herren Spötter,
-wirkliche Christen gibt es noch entsetzlich wenige (aber
-immerhin gibt es doch schon einige!). Woher aber wissen
-Sie, wievieler es bedarf, damit das Ideal des
-Christentums im Herzen des Volkes nicht stirbt und mit
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-diesem Ideal auch seine große Hoffnung erhalten
-bleibt? Ins Weltliche übersetzt: wievieler unverfälschter
-treuer Bürger bedarf es, damit in der Gemeinschaft
-der Menschen die Idealgestalt eines Bürgers nicht vergessen
-wird? Auch diese Frage werden Sie schwerlich
-beantworten können. Hier handelt es sich um eine Sozialökonomie
-von eigener Art, von einer ganz besonderen
-Art, die uns noch unbekannt ist und die sogar auch
-Sie, Herr Gradowskij, noch nicht kennen.
-</p>
-
-<p>
-Wieder wird man einwenden: wenn die große Idee
-nur so wenige Anhänger hat, von welchem Nutzen kann
-sie dann sein? Ja aber wer vermag denn jetzt schon zu
-sagen, von welchem Nutzen sie schließlich sein, was sie
-zu guter Letzt bewirken wird? Offenbar ist bisher nur
-das Eine nötig gewesen: daß der große Gedanke nicht
-starb. Ganz etwas anderes ist es dagegen jetzt, wo etwas
-Neues in der Welt herannaht und man bereit sein
-muß ... Und übrigens handelt es sich hier gar nicht
-um den Nutzen, sondern um die Wahrheit. Denn wenn
-ich felsenfest daran glaube, daß die Wahrheit hierin
-liegt, gerade hierin, woran ich glaube, was geht es mich
-dann an, daß die ganze Welt an meine Wahrheit nicht
-glaubt, mich verspottet und einen anderen Weg geht?
-Gerade darin liegt doch die Macht eines großen ethischen
-Gedankens, gerade dadurch vereint er die Menschen
-zum stärksten Verband, daß er sich nicht nach seinem
-sofortigen Nutzen bewerten läßt, sondern die Menschen
-in die Zukunft leitet, zu ewigen Zielen, zu absoluter
-Freude. Wodurch wollten Sie sonst die Menschen
-zur Verwirklichung Ihrer sozialen Ideale vereinigen,
-wenn Sie keine Grundlage in einer uranfänglichen
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-großen sittlichen Idee haben? Diese sittlichen
-Ideen haben aber alle das eine gemeinsam: daß sie ausnahmslos
-auf der Idee der persönlichen absoluten Vervollkommnung
-am letzten Ende, d. h. als Ideale beruhen,
-denn diese Vervollkommnung enthält alles in sich, alles
-Streben, alles unendliche Verlangen, und folglich ist
-sie, gerade sie der Mutterschoß aller unserer sozialen,
-bürgerlichen Ideale. Versuchen Sie es doch mal, die
-Menschen zu einer bürgerlichen Gesellschaft zu vereinigen:
-zu dem einzigen Zweck, um für ihre „Bäuchlein
-zu leben“! Die sittliche Antwort auf Ihren Versuch
-wäre die Formel: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Chacun pour soi et Dieu pour
-tous.</span>“ Unter dieser Formel wird aber keine einzige
-bürgerliche Gesellschaft lange bestehen, Herr Gradowskij.
-</p>
-
-<p>
-Doch ich gehe noch weiter und beabsichtige, Sie in
-Erstaunen zu setzen.
-</p>
-
-<p>
-So hören Sie denn, Herr Professor, daß es speziell
-soziale Ideale, die mit ethischen Idealen in keiner
-organischen Verbindung stehen, die vielmehr für sich
-ganz allein bestehen, also vom Ganzen abgeteilte Ideale,
-wie Sie sie mit Ihrem gelehrten Messerchen abteilen
-zu können meinen, ferner, daß es solche soziale
-Ideale, die äußerlich übernommen und an jeden beliebigen
-neuen Ort verpflanzt werden könnten und daselbst
-zu gedeihen vermöchten, als „Institution“ wie
-Sie sich ausdrücken – daß es solche Ideale, sage ich,
-überhaupt nicht gibt, noch je gegeben hat und auch
-gar nicht geben kann! Ja, und was ist denn eigentlich
-ein soziales Ideal, wie ist dieses Wort überhaupt zu
-verstehen?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-Sein Wesen liegt natürlich in dem Bestreben der
-Menschen, eine Formel für ihre soziale Organisation
-zu finden, eine möglichst fehlerlose und allen gerecht
-werdende Formel – nicht wahr? Aber diese Formel ist
-den Menschen unbekannt, sie suchen sie schon seit Tausenden
-von Jahren, seit dem Anfang ihrer geschichtlichen
-Entwicklung und können sie nicht finden. Die Ameise
-kennt die Formel ihres Ameisenbaues, die Biene die
-ihres Stockes (wenn sie sie auch nicht nach Menschenart
-kennen, so kennen sie sie doch in ihrer eigenen Art
-und mehr ist ja nicht nötig), aber der Mensch kennt
-seine Formel nicht. Wenn das aber der Fall ist, woher
-sollte dann wohl das Ideal einer sozialen Organisation
-in die menschliche Gesellschaft gekommen sein?
-Verfolgen Sie die Geschichte und Sie werden sogleich
-sehen, woher das Ideal kommt. Sie werden sehen, daß
-es einzig und allein ein Erzeugnis der sittlichen Vervollkommnung
-der einzelnen Menschen ist: damit fängt
-es an, und so ist es von jeher gewesen und wird ewig
-so bleiben. Als erstes sehen wir in der Geschichte jedes
-Volkes, jeder Nationalität, daß die sittliche Idee der
-Entstehung der betreffenden Nationalität immer vorangegangen
-ist, <em>denn gerade sie ist das, was
-die nationale Besonderheit bildet</em>, sie
-erst erschafft die Nationalität. Hervorgegangen aber ist
-diese sittliche Idee immer aus mystischen Ideen, aus Überzeugungen,
-daß der Mensch ewig sei, unsterblich, daß
-er nicht wie ein gewöhnliches Erdentier nur sein Leben
-friste, sondern mit anderen Welten und der Ewigkeit
-verbunden sei. Diese Überzeugungen sind immer und
-überall zur Religion geworden, zum Bekenntnis der
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-neuen Idee, und stets hat sich dann, kaum daß die
-neue Religion entstanden war, sogleich auch staatlich
-eine neue Nation gebildet. Nehmen Sie z. B. die Juden
-oder die Muselmänner: bei ersteren bildete sich
-die Nation erst nach der Gesetzgebung durch Moses,
-obschon sie bereits mit dem Gesetz Abrahams begonnen
-hatte, und ebenso sind die mohammedanischen Nationen
-erst nach dem Koran entstanden. Um den empfangenen
-geistigen Schatz zu erhalten, beginnen die Menschen sogleich,
-sich zusammenzuschließen, und dann erst, in eifriger
-gemeinsamer Arbeit „nebeneinander, füreinander
-und miteinander“ (wie Sie sich beredt ausdrücken) –
-dann erst fangen die Menschen an, auch danach zu suchen,
-wie sie sich wohl so einrichten könnten, daß von
-dem erhaltenen Schatz nichts verloren gehe, dann suchen
-sie nach einer sozialen Formel des gemeinschaftlichen
-Lebens, nach einer Staatsform, die ihnen am ehesten
-helfen könnte, suchen jenen sittlichen Schatz, den
-sie erhalten, wenn möglich über die ganze Welt hin
-zu seinem vollsten Glanz zu entfalten und zu seinem
-größten Ruhme zu erheben. Und wohlgemerkt, sobald
-nach Ablauf der Zeiten und Jahre (denn auch hierin
-waltet ein Gesetz, das wir freilich nicht kennen) in der
-betreffenden Nation das geistige Ideal zu verfallen
-begann, da begann zugleich auch die Nation zu verfallen
-und mit ihr auch ihr ganzer Staatsbau, und es verblich
-auch das soziale Ideal, das sich inzwischen in ihr
-gebildet hatte. Von welcher Art der Charakter der Religion
-eines Volkes ist, von dem Charakter sind auch
-die sozialen Formen dieses Volkes. Folglich sind die
-sozialen Ideale mit den sittlichen Idealen stets unmittelbar
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-und organisch verbunden, doch die Hauptsache
-ist, daß sie einzig und allein aus diesen hervorgehen.
-<em>Ganz für sich allein</em> aber entstehen sie nie,
-denn indem sie entstehen, ist ihr Zweck nur die Befriedigung
-des sittlichen Strebens der betreffenden Nation,
-je nachdem wie und inwieweit dieses sittliche Streben
-in ihr entstanden und vorhanden ist. Folglich aber
-ist die „persönliche Vervollkommnung im religiösen Geiste“,
-wie wir sehen, im Leben der Völker die Grundlage
-alles weiteren, denn die persönliche Vervollkommnung
-ist <em>nichts anderes als die Ausübung
-der empfangenen Religion</em>. Die
-„sozialen Ideale“ aber entstehen nie ohne dieses Streben
-nach Selbstvervollkommnung und können auch gar
-nicht ohne dasselbe entstehen. Sie werden vielleicht
-bemerken, auch Sie hätten ja gesagt, daß die „persönliche
-Vervollkommnung der Anfang alles weiteren“ sei
-und daß Sie nichts mit einem Messer geteilt hätten.
-Das aber ist es ja gerade, daß Sie dies doch getan haben,
-daß Sie einen lebendigen Organismus zerschnitten
-und somit in zwei einzelne Hälften geteilt haben.
-Die persönliche Vervollkommnung ist nicht nur „der
-<em>Anfang</em> alles weiteren“, sondern auch die Fortsetzung
-des Ganzen und sogar den Ausgang begreift sie
-in sich. Sie umfaßt, erschafft und erhält den Organismus
-der Nation und zwar nur sie allein. Nur für sie
-lebt die soziale Formel der Nation, da sie doch nur zu
-dem Zweck gesucht wird, um den ursprünglichen ersten
-Schatz zu erhalten. Wenn aber in der Nation das Bedürfnis
-nach allgemeiner einzelner Vervollkommnung
-<em>in dem Geiste, der dies Bedürfnis hervorgerufen</em>,
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-erlischt, dann verschwinden allmählich
-auch alle „bürgerlichen Einrichtungen“, da es dann
-nichts mehr zu erhalten gibt. Deshalb kann man unter
-keinen Umständen dem zustimmen, was Sie in folgenden
-Worten ausdrücken:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Dies ist auch der Grund, weshalb die soziale
-Vollkommenheit der Menschen in so hohem Maße
-von der Vollkommenheit der <em>sozialen Institutionen</em>
-abhängt, die im Menschen wenn nicht
-christliche, so doch bürgerliche Werte heranbilden.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-„Wenn nicht christliche, so doch bürgerliche“! Sieht
-man hier nicht das Messer des Gelehrten, das Unteilbares
-trennt, das den ganzen, in sich abgeschlossenen
-lebendigen Organismus in zwei getrennte tote Hälften
-teilt, in eine sittliche und eine bürgerliche?
-</p>
-
-<p>
-Sie werden vielleicht sagen, daß sowohl in den
-„sozialen Institutionen“ wie in der Rolle des „Bürgers“
-die größte sittliche Idee enthalten sein kann, daß
-in bereits ausgereiften, entwickelten Nationen die
-„bürgerliche Idee“ stets an die Stelle der anfänglichen
-religiösen Idee tritt, die sich also gewissermaßen zu
-jener entwickle und der jene daher durchaus rechtmäßig
-folge.
-</p>
-
-<p>
-Ja, das behaupten allerdings viele, wir aber können
-für die Richtigkeit dieser Auffassung kein einziges
-historisches Beispiel finden. Wenn die sittlich-religiöse
-Idee in der Nation sich überlebt hatte, so setzte immer
-nur ein panisch ängstliches Vereinigungsbedürfnis
-ein, nämlich zu dem Zweck, um für den Fall, daß etwas
-geschehen sollte, „die Bäuchlein zu retten“ – andere
-Ziele kennt die bürgerliche Vereinigung dann nicht
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-mehr. Da vereinigt sich gerade jetzt die französische
-Bourgeoisie, und vereinigt sich nur zu diesem Zweck:
-um die eigenen Bäuchlein vor dem vierten Stand, der
-schon die Tür, die zu ihr führt, zu zertrümmern droht,
-sicherzustellen. Aber das „Retten der eigenen Bäuchlein“
-ist von allen Ideen, die die Menschen zu vereinigen
-suchen, die schwächste und letzte, in jeder Beziehung.
-Sie ist schon der Anfang vom Ende, ist die Vorahnung
-des Endes. Sie vereinigen sich, und dabei spitzen
-doch alle die Ohren und äugen ängstlich, um bei
-der ersten Gefahr möglichst schnell auseinanderzustieben.
-Und was könnte dann die „Institution“ als solche,
-als etwas für sich allein Genommenes, wohl noch
-retten? Gäbe es Brüder, so gäbe es auch eine Brüderschaft.
-Wenn es aber keine Brüder gibt, so können
-Sie durch keine einzige „Institution“ Brüderschaft erzielen.
-Was für einen Sinn hat es, überhaupt eine
-„Institution“ zu schaffen und mit der Aufschrift
-„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Liberté, Egalité, Fraternité</span>“ zu versehen? Erreichen
-werden Sie mit einer solchen Institution entschieden
-nichts, so daß man dann wohl – oder vielmehr
-unfehlbar, oder sogar unbedingt – zu den drei
-Worten noch etwas als viertes hinzufügen müßte,
-nämlich: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">ou la mort</span>“. „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Fraternité ou la mort</span>“
-– und die Brüder werden den Brüdern die Köpfe abschlagen,
-um durch eine „bürgerliche Institution“ Brüderschaft
-einzuführen. Das ist nur ein Beispiel, aber
-ein gutes. Sie, Herr Gradowskij, suchen, wie auch
-Aleko es tut, die Rettung in Äußerlichkeiten. Sie meinen:
-Mag es auch bei uns in Rußland auf Schritt
-und Tritt nur Dummköpfe und Spitzbuben geben
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-(vielleicht hat es auch wirklich den Anschein, natürlich
-je nach dem Standpunkt), aber da brauchte man nur
-irgendeine europäische „Einrichtung“ aus Europa nach
-Rußland zu verpflanzen und es wäre, Ihrer Ansicht
-nach, alles gerettet. Die mechanische Übernahme europäischer
-Formen (Formen, die dort vielleicht morgen
-schon zusammenbrechen werden), die unserem Volk
-fremd und seiner Art nicht angepaßt sind, ist bekanntlich
-der Hauptgedanke der russischen Westler. Übrigens
-belieben Sie, Herr Gradowskij, indem Sie Rußland
-seine schlechte Organisation vorwerfen und ihm
-Europa vorhalten, sich wörtlich auszudrücken:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Vorläufig aber können wir uns nicht einmal
-in jenen Fragen und Widersprüchen zurechtfinden,
-die Europa bereits längst beantwortet und überwunden
-hat.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Wie, Europa und bereits überwunden? Wer hat
-Ihnen nur so etwas aufbinden können? Dieses Europa
-ist doch schon am Vorabend seines Falles angelangt,
-eines Falles, der ausnahmslos allgemein und furchtbar
-sein wird. Der Ameisenbau ohne Kirche und ohne Christus
-(denn die Kirche, die ihr Ideal getrübt hat, hat
-sich dort allerorten schon längst in einen Staat verwandelt)
-mit seinem bis auf den Grund erschütterten
-sittlichen Prinzip, dieser Ameisenbau, der alles Gemeinsame
-und alles Absolute eingebüßt hat – dieser Ameisenbau
-ist, behaupte ich, bereits so gut wie untergraben.
-Der vierte Stand fängt an sich zu erheben, schon
-pocht er an die Tür und begehrt Einlaß, und wenn
-man ihm den nicht gewährt, wird er die Tür zertrümmern.
-Er will nicht die früheren Ideale, er verwirft
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-jedes Gesetz, das bisher gegolten. Auf Kompromisse und
-Nachgeben läßt er sich nicht mehr ein, mit schwachen
-Stützen und kleiner Hilfe werden Sie da das Gebäude
-nicht retten. Nachgiebigkeit im Kleinen feuert nur an,
-und der vierte Stand will alles haben. Es wird etwas
-einsetzen, was bisher noch niemand für möglich gehalten
-hat. Alle diese parlamentarischen Regierungsysteme,
-alle gegenwärtig herrschenden sozialen Theorien,
-alle zusammengescharrten Reichtümer, alle Banken,
-Wissenschaften und Juden, alles das wird im Nu zunichte
-werden – außer den Juden natürlich, die auch
-dann den Kopf nicht verlieren und wieder obenauf sein
-werden, so daß der Krach ihnen sogar zugute kommen
-dürfte. Alles das „steht nahe vor der Tür“. Sie belieben
-zu lachen? Selig sind die Lachenden. Gäbe Gott
-Ihnen langes Leben, damit Sie alles mit eigenen Augen
-schauen. Dann werden Sie sich wundern. Oder Sie
-erwidern mir hierauf lachend: „Da muß ja Ihre Liebe
-zu Europa von recht absonderlicher Art sein, wenn
-Sie Europa einen solchen Ausgang prophezeien!“ Ja,
-freue ich mich denn? Ich sage es ja nur in der Vorahnung,
-daß die Summe schon so gut wie gezogen ist. Die
-endgültige Abrechnung aber, das Quittieren jener
-Summe, kann sogar viel früher erfolgen, als selbst
-die stärkste Phantasie es sich ausdenken könnte. Die
-Symptome sind furchtbar. Allein schon die ewig alte
-unnatürliche politische Lage der europäischen Staaten
-könnte den Anfang bilden. Aber wie sollte sie auch natürlich
-sein, wenn die Unnatur schon in ihrer Grundlage
-ruht und sich im Laufe von Jahrhunderten aufgehäuft
-hat. Es kann nicht ein kleiner Teil der Menschheit die
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-ganze übrige Menschheit wie einen Sklaven beherrschen,
-einzig zu diesem Zweck aber sind bisher alle bürgerlichen
-(schon lange nicht mehr christlichen) Einrichtungen
-im jetzt vollkommen heidnischen Europa entstanden.
-Diese Unnatürlichkeit und diese „unlösbaren“
-politischen Probleme (die übrigens allen bekannt sind)
-müssen unfehlbar zum großen, endgültigen, abrechnenden,
-politischen Kriege führen, in den alle hineingezogen
-werden und der noch in diesem Jahrhundert, vielleicht
-sogar schon in diesem Jahrzehnt, ausbrechen wird.
-Was meinen Sie: vermag die Gesellschaft dort einem
-langen politischen Krieg <em>jetzt</em> noch standzuhalten?
-Der Fabrikant ist ängstlich und leicht zu erschrecken, der
-Jude gleichfalls, sie würden, sobald der Krieg sich etwas
-in die Länge zieht, oder nur droht, sich in die
-Länge zu ziehen, sogleich alle ihre Fabriken und Banken
-schließen, und die Millionen hungriger entlassener
-Proletarier werden auf die Straße gesetzt sein. Oder
-hoffen Sie etwa auf die Vernunft der Staatsmänner
-und darauf, daß diese es nicht zum Kriege kommen
-lassen werden? Aber wann hat man denn jemals
-auf diese Vernunft bauen können? Oder hoffen Sie
-vielleicht auf die Parlamente? – daß diese nicht die
-Mittel zum Kriege bewilligen werden, weil sie etwa
-die Folgen voraussähen? Ja, aber wann haben denn
-die Parlamente irgendwelche Folgen vorausgesehen und
-einem auch nur ein wenig energischen oder wenigstens
-beharrlichen Staatsmann die Mittel verweigert? Und
-so setzt der Krieg den Proletarier auf die Straße. Was
-meinen Sie, wird er auch jetzt wieder nach alter Art
-geduldig warten und hungern? – jetzt, nach den
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-Siegen des politischen Sozialismus, nach der „Internationale“,
-den Kongressen der Sozialisten und der
-Pariser Kommune? Nein, jetzt wird es anders sein:
-die Proletarier werden sich auf Europa stürzen und
-alles Alte auf ewig zerstören. Erst an unserem
-russischen Ufer werden die Wogen zerschellen, denn
-dann erst wird es sich allen sichtbarlich offenbaren,
-in welchem Maße unser nationaler Organismus
-sich von den europäischen Organismen
-unterscheidet. Dann werden auch Sie, meine Herren
-Doktrinäre, sich vielleicht besinnen und bei uns die
-„volklichen Grundelemente“ zu suchen anfangen, über
-die Sie jetzt nur zu lachen verstehen. Und dabei, meine
-Herren, weisen Sie jetzt, gerade jetzt auf dieses Europa
-hin und empfehlen es uns als Vorbild und fordern
-uns auf, bei uns jene selben „Einrichtungen“ einzuführen,
-die dort morgen schon stürzen werden, als das
-überlebte Absurdum, das sie sind, jene „Einrichtungen“,
-an die auch in Europa klügere Leute schon längst nicht
-mehr glauben, und die sich nur nach den Gesetzen des
-Beharrungsvermögens bis jetzt noch erhalten haben.
-Ja, und wer könnte denn überhaupt – außer einem
-Doktrinär – die Komödie dieser bourgeoisen Vereinigung,
-die wir in Europa sich abspielen sehen, für die
-normale Formel menschlicher Vereinigung auf Erden
-halten? Und diese Leute, sagen Sie, hätten bei sich zu
-Hause ihre Probleme schon längst gelöst! Etwa nach
-den zwanzig Konstitutionen binnen weniger als einem
-Jahrhundert und nach wenig weniger als zehn Revolutionen?
-Oh, vielleicht, – nur werden wir uns
-dann, für einen Augenblick von Europa befreit, bereits
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-selbständig, ohne europäische Vormundschaft, mit
-<em>unseren</em> eigenen sozialen Idealen befassen, die unbedingt
-in Christus und der Idee der persönlichen Vervollkommnung
-wurzeln, Herr Gradowskij. Sie werden
-nun wieder fragen: was für eigene, von Europa
-unabhängige soziale Ideale kann es denn bei uns
-geben? Ja, soziale Ideale – bessere, als Ihre europäischen,
-stärkere als Ihre europäischen, stärkere und sogar
-– o Entsetzen! – freisinnigere als es die Ihrigen
-sind! Ja, freisinnigere, denn sie kommen unmittelbar
-aus dem Organismus unseres Volkes und sind nicht
-lakaienhaft unpersönliche Kopien europäischer Vorbilder.
-Hier kann ich natürlich nicht näher darauf eingehen,
-wenn auch nur deshalb nicht, weil der Artikel
-ohnehin lang geworden ist. Übrigens – erinnern Sie
-sich: was war und was wollte die älteste christliche Kirche
-sein? Sie bildete sich sogleich nach Christus, damals
-nur aus einigen wenigen Menschen, und sogleich,
-fast schon in den ersten Tagen nach Christus, war sie
-bestrebt, ihre „bürgerliche Formel“ zu finden, die restlos
-auf der sittlichen Hoffnung und der Idee der Wiedergeburt
-und Erneuerung des Geistes auf Grund der
-persönlichen Vervollkommnung beruht. Es entstanden
-christliche Gemeinden, Kirchen, und dann begann schnell
-eine neue, bis dahin noch nie gesehene Nationalität
-zu entstehen – eine allbrüderliche, allmenschliche
-in der Form der allgemeinen ökumenischen
-Kirche. Aber sie wurde verfolgt, ihr Ideal entwickelte
-sich gleichsam unterirdisch – über ihm aber,
-auf der Erde, entstand gleichfalls etwas Großes, ein
-riesenhaftes Gebäude, ein ungeheurer Ameisenbau: das
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-römische Imperium, das gleichfalls so etwas wie ein
-Ideal und eine Auslösung des sittlichen Strebens
-in der ganzen alten Welt war. Es erschien der Menschgott,
-und das Imperium nahm als religiöse Idee Gestalt
-an, es ward Gestalt einer Idee, die in sich und
-durch sich allem sittlichen Streben der ganzen alten
-Welt den Ausweg bot. Aber der Ameisenhaufen ward
-von der Kirche untergraben. Es kam zum Zusammenstoß
-der beiden entgegengesetztesten Ideen, die es überhaupt
-auf der Erde geben kann: der Menschgott stieß
-auf den Gottmensch, Apollon auf Christus. Und es kam
-zum Kompromiß: das Imperium nahm das Christentum
-an und die Kirche das römische Recht und seine
-Staatsform. Ein kleiner Teil der Kirche ging in die
-Einsamkeit und setzte in der Einsiedelei die frühere Arbeit
-fort: Es entstanden wieder christliche Gemeinden,
-dann Klöster – alles freilich nur Versuche, sogar bis
-zum heutigen Tage. Der andere riesengroße Teil der
-Kirche teilte sich in der Folge, wie Sie wissen, in zwei
-Hälften. In der westlichen Hälfte ging die Kirche zu
-guter Letzt vollständig in den Staat auf. Und als das
-Imperium unterging, trat die Kirche an seine Stelle
-– sie hatte sich endgültig verwandelt und war tatsächlich
-zum Staat geworden. Das Papsttum war die
-Fortsetzung des alten römischen Staates, nur in seiner
-neuen Form.
-</p>
-
-<p>
-In der östlichen Hälfte dagegen ward der Staat
-vom Schwerte Mohammeds zerstört und so blieb ihr
-nur Christus, ein Christus, der vom Staat ganz abgesondert
-war. Das Land aber, das dann von Byzanz
-aus diesen Christus annahm und von neuem erhob,
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-hat so grauenvoll unter Feinden, unter dem Tatarenjoch,
-unter Unordnung im Reich, unter der Leibeigenschaft,
-unter Europa und dem imitierten Europäertum
-zu leiden gehabt und erträgt auch jetzt noch so unendlich
-viel Schweres, daß seine soziale Formel – im
-Sinne des Geistes der Liebe und der christlichen Selbstvervollkommnung
-– sich in ihm allerdings noch nicht
-hat ausarbeiten können. Nur haben Sie, Herr Gradowskij,
-deshalb wohl noch nicht das Recht, diesem
-Volk daraus einen Vorwurf zu machen. Vorläufig ist
-unser Volk meinetwegen erst nur der Träger Christi,
-auf den allein es denn auch seine ganze Hoffnung setzt.
-Es nennt sich, den Mann aus dem Volke, „Krestjanin“<a class="fnote" href="#footnote-30" id="fnote-30">[30]</a>,
-d. h. soviel wie „Christjanin“, und das ist nicht
-nur ein leeres Wort, sondern hierin liegt eine Idee,
-die seine ganze Zukunft ausfüllen wird.
-</p>
-
-<p>
-Sie, Herr Gradowskij, machen Rußland seine Unordnung
-zum Vorwurf. Aber wer hat denn in diesen
-ganzen letzten zwei Jahrhunderten und namentlich in
-den letzten fünfzig Jahren eine bessere innere Einrichtung
-des Landes am meisten verhindert? Das waren
-doch gerade immer nur die Leute Ihres Schlages, Herr
-Gradowskij, die sogenannten russischen Europäer, die
-in den ganzen zwei Jahrhunderten nicht ausstarben
-und sich jetzt noch ganz besonders breit machen. Wer ist
-der größte Feind der organischen und selbständigen
-Entwicklung Rußlands auf seinen eigenen volklichen
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-Grundlagen? Wer ist es, der spöttisch und hochmütig
-nicht einmal das Vorhandensein dieser Grundlagen anerkennt
-und sie überhaupt nicht bemerken will?! Wer
-ist es, der unser Volk – nach irgendwelchen illusorischen
-Begriffen nennen sie es: „zu sich emporheben“ – umwandeln
-will?! d. h. einfach alle zu solchen machen, wie
-diese Herren selber sind, zu liberalen Pseudoeuropäern,
-indem sie von der Masse des Volkes immer wieder je
-ein Menschlein abreißen und verführen und „entarten“,
-d. h. verderben und zum Europäer wandeln, sei es auch
-nur insoweit, als man das mit europäisch zugeschnittenen
-Rockschößen erreichen kann?! Damit sage ich
-nicht, daß der Europäer verderbt sei; ich sage nur, daß
-einen Russen auf diese Weise in einen Europäer verwandeln,
-wie unsere Liberalen es tun, oft nichts anderes
-als einfach „verderben“ bedeutet. Gerade das
-aber ist das Ideal, das Programm ihrer Tätigkeit: von
-Zeit zu Zeit ein Menschlein von der ganzen Masse abzureißen
-– das ist ihr Bestreben. Wie absurd! Und so wollten
-sie alle achtzig Millionen unseres Volkes nach und
-nach umwandeln? Ja, glauben Sie denn wirklich im
-Ernst, daß unser Volk als Ganzes, die einheitliche
-Masse des Volkes, jemals einwilligen werde, etwas
-ebenso Unpersönliches zu werden, wie es diese russischen
-Herren Europäer sind?
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-4">
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-<span class="firstline">Der Byronismus</span><br />
-(1877)
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nsere</span> beiden großen Dichter vom Anfang des
-Jahrhunderts, Puschkin und Lermontoff, waren „Byronianer“.
-Dieses Wort wurde am Grabe Nekrassoffs
-in einem Tone gesagt, als wäre es ein Scheltwort.
-Wer es aber in diesem Sinne gebraucht, befindet sich
-in einem Irrtum.
-</p>
-
-<p>
-Der „Byronismus“ war allerdings nur eine vorübergehende,
-fast nur momentane, aber, an sich betrachtet,
-doch große, notwendige und heilige Erscheinung
-im Leben der europäischen Geister oder sogar im Leben
-der ganzen Menschheit. Er entstand in einer Zeit der
-allgemeinen Enttäuschung, wenn nicht gar Verzweiflung.
-Mit überschwenglicher Begeisterung hatte man
-die neuen Ideale des neuen Glaubens, der gegen Ende
-des achtzehnten Jahrhunderts von Frankreich verkündet
-wurde, aufgenommen, – als plötzlich der Verlauf
-der Dinge in der führenden Nation Europas eine Wendung
-nahm, die so wenig den großen Erwartungen
-entsprach und die Menschen in ihrem hoffnungsvollen
-Glauben so tief enttäuschte, daß gerade jene Zeit für
-die suchenden Geister vielleicht die traurigste Zeit war,
-die die Geschichte Westeuropas kennt. Und nicht nur
-aus äußeren (politischen) Gründen stürzten die für einen
-Augenblick erhobenen Götzen, sondern ebenso infolge
-ihres inneren Bankrotts, was denn auch alle führenden
-Geister und alle starken Herzen sofort erkannten.
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-Aber der neue <em>Ausweg</em> war noch nicht zu finden,
-noch öffnete sich keine neue Tür, und so rang man
-mit dem Ersticken, rang innerhalb eines entsetzlich verkleinerten
-Horizonts und unter einem drückend tief herabgesenkten
-Himmel. Die alten Götterbilder lagen in
-Trümmern, die neuen aber blieben aus. Das war die
-Zeit, die ihren dichterischen Ausdruck in einem großen
-Genie, einem leidenschaftlichen Dichter fand. Aus seinen
-Strophen tönte die damalige Sehnsucht der
-Menschheit, sprach zugleich ihre finstere Enttäuschung,
-ja ihr Irrewerden an ihrem Lebenszweck und an ihren
-Idealen, von denen sie sich betrogen sah. Byrons Muse
-war damals eine neue, noch völlig unbekannte Muse
-der Vergeltung und Trauer, der Verwünschung und
-Verzweiflung. Und dieser Geist, der aus Byron sprach,
-sprach plötzlich aus der ganzen Menschheit: aus allen
-Ländern hörte man einen Widerhall seiner Stimme.
-Der Byronismus – der war nun gleichsam die erste
-Tür, die sich öffnete; oder wenigstens war in der allgemeinen
-traurigen Stimmung, die zum größten Teil
-ganz unbewußt sein mochte, gerade Byrons Stimme
-jener mächtige Schrei, in dem sich alles Gestöhn der
-Menschheit sammelte. Wie hätte er da nicht auch bei
-uns ein Echo finden sollen, und noch dazu in einem so
-großen, genialen und führenden Geist wie Puschkin?
-Denn dem Byronismus konnte sich bei uns damals
-weder ein größerer Geist, noch ein großes Herz verschließen,
-und das war durchaus natürlich und geschah
-nicht etwa nur aus Mitgefühl mit Europa und der
-europäischen Menschheit, so aus der Ferne, sondern
-weil auch bei uns in Rußland gerade zu jener Zeit
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-gar zu viele neue, gleichfalls noch ungelöste und quälende
-Probleme auftauchten und auch noch gar zu viele
-alte Enttäuschungen zu verwinden waren ... Aber die
-Größe Puschkins, als führendes Genie, bestand ja gerade
-darin, daß er so schnell und als einziger in einer
-fast vollständig verständnislosen Umgebung den festen
-Weg, <em>den großen und ersehnten Ausweg
-für uns Russen fand und auf ihn hinwies</em>.
-Dieser Ausweg aus der Verzweiflung, diese
-Rettung war – <em>das Volk, die Anerkennung
-des russischen Volksgeistes</em> und die Einsicht,
-daß wir uns seiner Wahrheit unterwerfen müssen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-5">
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-<span class="firstline">Über russische Literatur</span><br />
-(1861)
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">eder</span> geschichtliche Zeitabschnitt hat von jeher neben
-seinen herrschenden Anschauungen und Überzeugungen
-noch einige andere Anschauungen, zu denen öffentlich
-sich zu bekennen, den Zeitgenossen gleichsam der
-Mut fehlt. Die Menschen von heute können freilich
-eine Menge guter Beweggründe zu einem solchen Verhalten
-haben, doch oft genug, ja sogar meistens verschweigen
-wir unsere wahre Meinung aus einem gewissen
-geheimen Jesuitismus, dessen größter Knebel
-unsere Eigenliebe ist – eine bis zur eifersüchtigsten
-Eitelkeit, ja sogar bis zum empfindlichsten Ehrgeiz gesteigerte
-Eigenliebe. Das Seltsamste an dieser Eigenliebe
-ist nun wohl, daß sie alles ruhig hinnimmt, sogar
-Bezeichnungen wie Schurke, Spitzbube, Dieb – d. h.
-sofern sie nicht buchstäblich ausgesprochen werden –
-alles, außer einem Zweifel an ihrem Verstande. Der
-Grund hierfür ist vielleicht darin zu suchen, daß man
-gerade in unserer Zeit immer stärker und schmerzhafter
-zu fühlen und sogar schon zu erkennen anfängt, daß jeder
-Mensch erstens seiner selbst wert ist, und zweitens,
-als Mensch im Namen seiner Menschenwürde auch jedes
-anderen Menschen wert sein sollte. Infolge dieser
-Erkenntnis verlangt es den Menschen nach Achtung
-seines Ich. Da aber der überlegene Verstand der einzige
-unverrückbare und unbestreitbare Vorrang des
-einen Menschen vor dem anderen Menschen ist, so
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-will eben keiner in der Berechtigung auf den Vorrang
-hinter dem anderen zurückstehen. Darum ist man denn
-auch heutzutage mitunter gar zu zaghaft, wenn es sich
-darum handelt, eine Überzeugung zu äußern. Aber
-man ist es, weil man befürchtet, die anderen könnten
-sie rückständig oder sogar beschränkt nennen. Und
-doch müßte ein jeder, der aufrichtig überzeugt ist, seine
-Überzeugungen heilig halten; wer aber seine Überzeugungen
-heilig hält, müßte doch auch etwas für sie
-tun. Ja, jeder ehrliche Mensch ist es, unserer Meinung
-nach, einfach sich selbst schuldig, für seine Überzeugungen
-einzutreten, wofern er wirklich selbst an sie
-glaubt – denn es gibt ja unter den Überzeugten auch
-solche, die selber an ihre Überzeugungen nicht glauben.
-Ich habe sogar persönlich einen solchen Herrn gekannt.
-Er gehörte zu jener Kategorie zweifellos kluger
-Leute, die in ihrem ganzen Leben nichts anderes tun
-als Dummheiten. (Übrigens, wie ist das zu erklären,
-daß beschränkte, stumpfe Menschen viel weniger
-Dummheiten begehen als kluge Menschen?) Doch als
-ich jenen Herrn fragte, weshalb er denn andere mit
-solchem Eifer zu überzeugen trachte und woher er dieses
-Feuer, diese Leidenschaft der Überzeugung nehme,
-wenn er selber an seinen Worten zweifle – da
-antwortete er, daß er sich eben deshalb so ereifere, weil
-er sich selbst überzeugen wolle. Da sieht man, was das
-heißt, eine Idee von außen lieben, nur aus Vorliebe
-für sie, und ohne sie vorher wirklich geprüft zu haben
-(es ist sogar, als <em>fürchteten</em> sie sich davor),
-ob sie richtig ist oder falsch! Wer weiß, vielleicht ist es
-nur zu wahr, daß manche leidenschaftlichen Eiferer ihr
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-Leben lang andere zu überzeugen suchen, nur um sich selbst
-zu überzeugen, und dann doch unüberzeugt ins Grab
-gehen ... Doch genug davon! ... Mag man nun
-von uns denken, daß auch wir uns von unserer Idee
-hinreißen ließen, daß die Idee an sich falsch, unbegründet
-sei und von uns übertrieben werde, daß wir aus all
-zu jugendlicher Leidenschaft oder aus greisenhafter
-Geistesschwäche sprechen usw. usw. ... Nun, dann
-möge man es denken! Wir aber sind überzeugt, daß
-wir damit keinem schaden, wenn wir öffentlich aussprechen,
-woran wir glauben. Weshalb sollten wir es
-also nicht wirklich tun?
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Ja, wir glauben, daß die russische Nation eine
-außergewöhnliche Erscheinung in der Geschichte der
-ganzen Menschheit ist. Der Charakter des russischen
-Volkes ist den Charakteren aller anderen europäischen
-Völker so unähnlich, daß die Europäer ihn bis heute
-noch nicht verstehen; oder was noch schlimmer ist, sie
-verstehen ihn verkehrt. Die europäischen Völker streben
-alle demselben Ziele zu, sie haben alle ein und dasselbe
-Ideal; das wird niemand bestreiten können. Aber alle
-entzweien sie sich in ihren Lokalinteressen. Ihre Exklusivität
-auch unter sich geht bis zur Unversöhnlichkeit,
-und je weiter desto mehr gehen sie auseinander und entfernen
-sich vom gemeinsamen Wege. Wie es scheint,
-will jede Nation nur aus eigener Kraft und ganz allein
-in ihrem Lande das allmenschliche Ideal finden,
-und so stören sie sich gegenseitig und schaden damit
-nur ihrer Sache. Wir wiederholen jetzt im Ernst, was
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-wir einmal scherzend sagten: Der Engländer kann bis
-auf den heutigen Tag in der Existenz des Franzosen
-noch keine Logik sehen, und umgekehrt: der Franzose
-versteht den Engländer nicht um ein Atom besser, und
-das gilt nicht nur vom Durchschnittsfranzosen, vom instinktiven
-Empfinden des Volkes, sondern sogar von
-seinen ersten Männern, sogar von den geistigen Repräsentanten
-beider Nationen. Der Engländer macht
-sich bei jeder Gelegenheit über seinen Nachbarn lustig
-und blickt mit unversöhnlicher Verachtung auf dessen
-<a id="corr-14"></a>nationale Eigenheiten. Ihre Gegnerschaft raubt ihnen
-die Unvoreingenommenheit und macht sie parteiisch. So
-hören sie auf, sich gegenseitig zu verstehen. Die Franzosen
-sehen mit anderen Augen auf das Leben als die
-Engländer und ebenso verschieden sind ihre Religionen
-– und darauf sind sie noch stolz! Immer beharrlicher
-und eigensinniger entfernen sie sich voneinander in
-ihren Gesetzen wie in ihrer Weltanschauung. Sowohl
-der Franzose wie der Engländer sieht in der ganzen
-Welt nur sich allein und in jedem anderen ein Hindernis
-auf seinem Wege; und ein jeder will nur bei sich
-das vollbringen, was bloß alle Völker zusammen vollbringen
-könnten, mit vereinten Kräften. Wie nun,
-sollte diese Gegnerschaft etwa nur ein Überbleibsel der
-früheren Kämpfe sein? Muß man die Ursachen der
-Entzweiung in der Zeit der Jeanne d’Arc oder in der
-der Kreuzzüge suchen? Ist denn die Zivilisation wirklich
-so machtlos, daß sie diesen alten Haß bis auf den
-heutigen Tag noch nicht hat überwinden können? Oder
-sollte man die Ursachen nicht vielmehr im Boden selbst,
-im Blut, im ganzen Geist der beiden Völker suchen?
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-Auch die übrigen Europäer sind größtenteils wie jene.
-Die Idee der Allmenschheit schwindet bei ihnen mehr
-und mehr. Bei jedem Volk erhält sie ein anderes Aussehen,
-verblaßt zunächst und nimmt dann im Bewußtsein
-der Menschen eine ganz andere Gestalt an. Das
-Christentum, das sie bisher noch verband, verliert mit
-jedem Tage an Kraft und Bedeutung. Selbst die Wissenschaft
-vermag die immer mehr Auseinanderstrebenden
-nicht zu vereinen. Freilich haben sie insofern
-recht, als eben diese ihre Exklusivität, diese Gegnerschaft
-untereinander, diese ihre Abgeschlossenheit von
-anderen und dieses stolze Vertrauen auf sich allein –
-als gerade das ihnen die Riesenkräfte im Kampf mit
-den Hindernissen auf ihrem Wege gibt. Nur werden
-dadurch diese Hindernisse immer größer und
-zahlreicher. Dieser große Gegensatz ist es, der die Europäer
-hindert, die Russen zu verstehen, und so nennen
-sie die größte Eigenart des russischen Charakters
-– „Charakterlosigkeit“. Wir wissen, daß wir alles das
-vorläufig ohne Beweise aussprechen, doch die Anführung
-von Beweisen würde zu weit führen und über
-den Rahmen dieses Artikels hinausgehen. Aber auch
-so wird man uns wenigstens beipflichten, daß der Charakter
-der russischen Nation sich aufs schärfste von den
-Charakteren der europäischen Nationen unterscheidet,
-denn wodurch er sich vornehmlich auszeichnet, ist seine
-hohe synthetische Begabung. Und doch hat die russische
-Nation jahrhundertelang feindlich auf Europa geblickt,
-hat eigensinnig nichts mit Europa zu tun haben
-wollen und hat seine Zukunft nicht einmal geahnt!
-Peter aber verspürte in sich gleichsam instinktiv die neue
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-Kraft und erriet die Notwendigkeit einer Erweiterung
-des geistigen Horizonts und des Arbeitsfeldes für
-alle Russen. Ich sage „die Notwendigkeit“, weil es ihr
-Bedürfnis war, das sie unbewußt in sich trugen und
-das unbewußt aus ihnen hervorbrach, – das schon
-von Anbeginn, seitdem es überhaupt Slawen gibt, in
-ihrem Blute lag. Man sagt, Peter habe aus Rußland
-nur ein Holland machen wollen. Das wissen wir nicht.
-Die Persönlichkeit Peters ist trotz aller historischen Erklärungen
-und Forschungen der letzten Zeit für uns
-bis jetzt noch sehr rätselhaft. Wir begreifen nur eins:
-daß er doch mehr als nur originell sein mußte, um als
-Zar von Moskau in Holland Werftarbeiter zu werden.
-Jedenfalls sehen wir in Peter ein Beispiel dafür,
-wozu ein Russe sich entschließen kann, wenn er sich erst
-einmal voll und ganz überzeugt hat und fühlt, daß die
-Zeit gekommen ist und in ihm selber die neuen Kräfte
-schon herangereift sind. Schier unheimlich ist es, bis
-zu welchem Grade der Geist des Russen frei ist und
-von welch ungeheurer Gewalt sein Wille sein kann!
-Noch niemals hat sich jemand von seinem Boden so
-losgerissen, wie der Russe, und ist von seinem Wege
-so jäh abgebogen, um seiner neuen Überzeugung zu
-folgen! Und wer weiß, meine Herren Europäer, vielleicht
-ist es gerade Rußlands Bestimmung, solange zu
-warten, bis Sie Ihre Aufgabe beendet haben, inzwischen
-Ihre Ideen sich anzueignen, Ihre Ideale, Ihre
-Ziele, den Charakter Ihrer Bestrebungen zu begreifen,
-dann aber Ihre Ideen zu vereinen, sie zu allmenschlicher
-Bedeutung zu erheben und schließlich freien Geistes,
-frei von allen nebensächlichen Kasten- und Klasseninteressen,
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-ein neues, großes, in der Geschichte noch
-unbekanntes Wirken zu beginnen, dort einsetzend, wo
-Sie aufhören, und Sie alle mitzureißen! Hat doch unser
-Dichter Lermontoff Rußland mit dem Recken unserer
-Sagen Ilja von Murom verglichen, der dreißig
-Jahre lang gelähmt in der Hütte saß, dann aber plötzlich
-aufstand und ging, als er mit einemmal Reckenkraft
-in sich verspürte. Wozu sind denn so reiche und eigenartige
-Fähigkeiten den Russen verliehen? Etwa nur zu
-dem Zweck, um zu nichts nütze zu sein?
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht wird man uns jetzt fragen, woher wir soviel
-Großtuerei, soviel Anmaßung uns angeeignet und
-wo denn unsere Selbstkritik geblieben, unser nüchterner
-Blick? Darauf entgegnen wir: wenn wir solange so
-unnachsichtige Selbstverurteilung ertragen haben, dann
-werden wir auch eine andere Wahrheit ertragen können,
-selbst wenn sie das gerade Gegenteil jener ersten
-Selbsterkenntnis ist. Wir erinnern uns noch sehr gut,
-wie wir uns ‚Slawen‘ schalten, weil wir uns nicht
-in Europäer verwandeln konnten. Sollten wir nun
-wirklich nicht gestehen dürfen, daß wir damals ohne
-Einsicht sprachen? Wir wollen deshalb die Fähigkeit
-der Selbstverurteilung nicht abschütteln, wir lieben sie
-und halten sie für eine der besten Seiten der russischen
-Natur, für ihre Eigenart, für etwas, was die Europäer
-nicht haben. Wir wissen, daß wir uns in unserer
-Selbstverurteilung noch lange werden üben müssen, ja
-vielleicht sogar – je länger, desto besser. Aber versuchen
-Sie doch einmal, meine Herren, dem Franzosen etwas
-Abfälliges zu sagen, nun z. B. was seine Tapferkeit betrifft
-oder seine <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">légion d’honneur</span>. Oder rühren Sie
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-den Engländer in irgendeiner allergeringfügigsten seiner
-häuslichen Gewohnheiten an, und Sie werden sehen,
-was er Ihnen antwortet. Weshalb sollen wir
-nun nicht auch einmal eine unserer guten Seiten hervorheben
-– daß wir Russen nämlich nicht so empfindlich
-und pedantisch sind (ausgenommen vielleicht die sogenannten
-Generale unserer Literatur)! Wir glauben an
-die Kraft des russischen Geistes nicht weniger als
-gleichviel welche anderen Völker an ihren Geist. Sollten
-wir nun wirklich nicht das bißchen Lob vertragen?
-Nein, meine Herren Europäer! Verlangen Sie von uns
-vorläufig noch keine Beweise für die Richtigkeit unserer
-Äußerungen über Sie und über uns, bemühen
-Sie sich lieber, uns etwas besser kennen zu lernen,
-wenn Sie dazu nur die Muße finden. Da haben Sie
-sich Gott weiß von wem sagen lassen, wir seien Fanatiker,
-und Sie glauben, die Soldaten würden bei uns
-zum Fanatismus aufgestachelt. Mein Gott, wenn Sie
-wüßten, wie lächerlich diese Ihre Annahme ist! Wenn
-es in der Welt überhaupt ein Wesen gibt, das keinen
-Fanatismus kennt, so ist das gerade der russische Soldat.
-Und wie schlecht kennen Sie auch unsere Offiziere!
-Sie haben es sich nun einmal in den Kopf gesetzt,
-daß es bei uns nur zwei Stände gäbe: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">les
-boyards et les serfs</span>, – und darauf sitzen Sie nun,
-stolz auf Ihr Wissen. Wo sind denn hier die Bojaren?
-Freilich gibt es bei uns verschiedene Stände, doch zwischen
-allen unseren Ständen gibt es mehr Vereinigungs-
-als Entzweiungspunkte. Das ist die Hauptsache.
-Das ist die Bürgschaft für den Frieden im Inneren, für
-die Ruhe im allgemeinen, die brüderliche Liebe und jedes
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-Gedeihen. Jeder Russe ist vor allen Dingen Russe,
-erst in zweiter Reihe kommt in Frage, zu welch einem
-Stande er gehört. Bei Ihnen dagegen ist es ganz anders,
-und wir bedauern Sie deshalb. Ja bei Ihnen
-pflegt es gerade umgekehrt zu sein. Bei Ihnen ist aus
-Standesinteresse mitunter sogar die ganze Nation zum
-Opfer gebracht worden, und das noch sogar vor kurzem,
-das geschieht selbst jetzt noch und wird gewiß noch
-mehrmals geschehen. Folglich sind bei Ihnen die Stände
-noch sehr stark unterschieden, die Stände sowohl wie
-alle Ihre Korporationen.
-</p>
-
-<p>
-Man wird uns nun vielleicht verwundert fragen
-wollen: „Aber worin besteht denn Ihre gelobte Fähigkeit,
-Ihre Fortgeschrittenheit? Uns deucht, zu sehen ist
-sie noch nirgends!“ – Ja, Sie sehen sie nicht, denn
-Sie richten Ihren Blick auch gar nicht dorthin, wohin
-man ihn richten muß. Es genügt, daß sie schon im Geist
-und im Verlangen des ganzen Volkes ist; es genügt,
-daß eine, wenn auch noch so kleine Gruppe anfängt, unter
-sich wenigstens im allgemeinen übereinzustimmen.
-Nennen Sie uns nicht dünkelhafte, kurzsichtige, unreife
-Menschen. Nein, wir haben schon lange den nötigen
-Einblick und suchen längst alles zu analysieren; wir
-quälen uns mit dem Hin- und Herraten; wir sind uns
-über dem Analysieren sogar selber zum Überdruß geworden.
-Wir haben doch auch gelebt und vieles erlebt.
-Übrigens, sollten wir Ihnen nicht einmal die Geschichte
-unserer Entwicklung, unseres Wachstums erzählen?
-Natürlich werden wir nicht mit Peter dem Großen beginnen;
-wir beginnen mit der jüngsten Zeit, eben mit
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-der Zeit, als in unsere gebildete Schicht plötzlich die
-Analyse eindrang. Nun also ...
-</p>
-
-<p>
-Es gab Augenblicke, wo wir, d. h. die Zivilisierten,
-an uns selbst nicht glaubten. Damals lasen wir noch
-französische Romane, lehnten aber einen Alexander Dumas
-und seine ganze Sippe mit Verachtung ab. Wir
-stürzten uns damals auf George Sand, aus deren Romanen
-wir zuerst das erfuhren, was die Zensur in anderen
-Werken nicht durchließ – oh, und mit welcher
-Begeisterung lasen wir George Sand! Damals hörten
-wir Ihr europäisches Urteil über uns demütig an und
-gaben Ihnen noch recht, meine Herren, im übrigen aber
-wußten wir nicht, was tun. Und weil wir nichts anzufangen
-wußten, begründeten wir die naturalistische Schule.
-Auch Byronianer gab es bei uns. Die taten größtenteils
-nichts, saßen müßig und verfluchten nicht einmal
-die Welt, was sie als Byronianer eigentlich doch hätten
-tun müssen. Höchstens lächelten sie mal, wenn ihre Faulheit
-es der Mühe wert fand. Ja sie spotteten sogar über
-Byron, weil er sich noch so geärgert und geweint
-und geflucht hatte, was doch zu einem Lord ganz und
-gar nicht paßte. Sie sagten, es lohne sich nicht, sich zu
-ärgern und zu verfluchen, es sei alles ohnehin schon so
-widerlich, daß man nicht einmal seinen Finger rühren
-wolle, und ein gutes Diner sei noch das beste vom Leben.
-Und wir hörten ihnen in Ehrfurcht zu und glaubten,
-in ihrem Ausspruch vom guten Diner irgendeine
-geheimnisvolle, allerfeinste und geistreichste Ironie zu
-vernehmen. Sie aber wurden dick und dicker, nicht
-nur mit jedem Tage, sondern fast mit jeder Stunde.
-Einige blieben auch bei der Theorie vom guten Diner
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-nicht stehen und gingen folgerichtig weiter: sie fingen
-an, die eigenen Taschen auf Kosten anderer Taschen
-zu füllen. Viele wurden später Falschspieler, wir aber
-meinten: „Nun ja ... das tun sie doch auch aus Prinzip.
-Man muß doch vom Leben alles nehmen, was zu
-nehmen ist“. Und wenn sie vor unseren Augen Taschendiebstahl
-betrieben, so sahen wir auch darin nur eine besondere
-Art angewandten Byronismus, eine weitere
-Entwicklung und Anwendung desselben, die Byron noch
-unbekannt geblieben war. Wir seufzten und schüttelten
-betrübt das Haupt und klagten: „Da sieht man, wozu
-die Verzweiflung einen bringen kann: dieser Mensch
-ist erfüllt vom edelsten Unmut über das Schlechte, er
-brennt vor Verlangen nach Betätigung, aber man
-läßt ihn nichts tun, man gibt ihm kein Arbeitsfeld und
-da – und da unterschlägt er nun mit dämonischem Lächeln
-Karten oder wird zum Taschendieb.“ Und wie
-rein, wie kindlich unschuldig sind viele von uns aus dieser
-schmachvollen Atmosphäre hervorgegangen! Unendlich
-viele! – Fast sogar alle – außer den Byronianern,
-versteht sich.
-</p>
-
-<p>
-Aber wir hatten doch auch manche Hochherzige, denen
-es gelang, ein überzeugendes, zündendes Wort zu sagen.
-Oh, die klagten nicht, daß man sie nicht sprechen und
-nicht arbeiten lasse, oder wenn sie auch klagten, dann
-doch nicht mit müßigen Händen, sondern sie taten, was
-und wie sie konnten, sie <em>taten</em> doch wenigstens etwas
-und ... haben viel, sehr viel getan! Sie
-waren naiv wie Kinder, konnten die Byronianer
-ihr Lebtag nicht begreifen und starben als
-Märtyrer. Friede ihrer Asche! Wir hatten auch
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-Dämonen, echte Dämonen; es waren ihrer zwei<a class="fnote" href="#footnote-31" id="fnote-31">[31]</a>
-und – oh, wie wir sie liebten, wie wir sie auch heute
-noch lieben und schätzen! Der eine von ihnen lachte,
-lachte sein Leben lang, lachte über sich und über sie, und
-wir alle lachten mit ihm, lachten so lange, daß wir
-schließlich zu weinen anfingen von unserem Lachen.
-Der eine von ihnen machte aus einem Mantel, der
-einem Beamten abhanden kam, die furchtbarste Tragödie.
-Er zeichnete uns in drei Zeilen den ganzen Leutnant
-Pirogoff – den ganzen, bis auf das letzte Tüpfelchen.
-Er schilderte uns alle möglichen Menschen,
-Spekulanten und Hochstapler, Geizhälse und Betrüger,
-Beamte und Ehrenbürger. Er brauchte nur einmal mit
-dem Finger auf sie zu weisen und sie waren auf ewig
-gestempelt, so daß wir schon auf den ersten Blick wußten,
-wer sie sind und wie sie heißen. Oh, das war ein
-Dämon von so kolossaler Gewalt, wie Europa noch nie
-einen gehabt und bei sich vielleicht nicht einmal dulden
-würde. Und der zweite Dämon – doch diesen zweiten
-Dämon haben wir vielleicht noch mehr geliebt als den
-ersten. Er verfluchte und quälte sich, quälte sich wirklich;
-er rächte sich und vergab, er weinte und lachte, lachte
-auch über uns, wenn er schrieb, er war großmütig und
-... lächerlich. Er erzählte uns sein Leben, seine Liebesabenteuer,
-er litt und wir litten mit ihm, und dennoch:
-wer weiß, ob wir von ihm nicht nur genasführt
-wurden? – Oft konnten wir nicht unterscheiden, ob
-er im Ernst sprach, wie es den Anschein hatte, oder ob
-er sich über uns lustig machte. Unsere Beamten kannten
-ihn auswendig und ein jeder von ihnen spielte den
-<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
-Mephisto, sobald er die Kanzlei verließ. Wir teilten
-niemals seine Ansichten, aber er bedrückte uns, machte
-uns traurig und wir ärgerten uns und wir empfanden
-Mitleid mit irgend jemandem, den wir nicht greifen,
-nicht nennen konnten, und sogar Wut erfaßte uns. Zuletzt
-langweilten wir ihn und er verfluchte und verhöhnte
-uns alle und verließ uns. Unsere Blicke folgten
-ihm lange – bis er schließlich irgendwo umkam, zwecklos,
-aus Kaprice, und sogar, wie gesagt, etwas lächerlich.
-Wir aber lachten nicht. Uns war damals überhaupt
-nicht nach Lachen zu Sinn. Jetzt ist es etwas anderes.
-Jetzt haben wir begriffen, daß wir diese ganze Mephistofelei,
-alle diese dämonischen Anschauungen etwas zu
-Voreilig uns angelegt, daß es für uns noch etwas zu
-früh war, uns selber zu verfluchen und an uns zu verzweifeln.
-Ja, das waren unsere Dämonen. Doch es gab
-auch noch andere Typen.
-</p>
-
-<p>
-Zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft gibt es eine
-sogenannte „goldene Mittelmäßigkeit“, die auf die
-führende Rolle Anspruch erhebt. Diese „Goldenen“ haben
-eine ungeheuere Eigenliebe. Mit geradezu vernichtender
-Verachtung und unverschämter Anmaßung blicken
-sie auf alle herab, die noch unbekannt und nicht so
-„bedeutend“ sind wie sie. Sie aber sind die ersten, die
-auf jeden Neuerer Steine werfen. Und wie hämisch
-boshaft, wie beschränkt sind sie in ihrer Verfolgung jeder
-Idee, die noch nicht Zeit gehabt hat, in das Bewußtsein
-der Gesamtheit einzudringen. Dann aber –
-was für Marktschreier sie dann sind, was für eifrige
-und dabei doch stumpfe Anhänger derselben Idee, sobald
-diese erst einmal in der Gesellschaft Bedeutung erlangt
-<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-hat! Allerdings begreifen auch sie schließlich den
-neuen Gedanken, nur begreifen sie ihn immer erst nach
-allen anderen und immer gleichsam roh, beschränkt,
-stumpf, und niemals lassen sie die Einsicht gelten, daß,
-wenn die Idee richtig ist, sie dann auch entwicklungsfähig
-sein muß und folglich mit der Zeit unbedingt einer
-anderen Idee weichen wird, die aus ihr selber
-hervorgeht und sie, wiederum den neuen Anforderungen
-einer neuen Generation entsprechend, vervollständigen
-muß. Aber die Goldenen verstehen nie die neuen
-Anforderungen, und was die neue Generation betrifft,
-so hassen sie diese stets und sehen stolz auf sie herab. Das
-ist sogar ihr bestes Erkennungszeichen. Unter diesen
-Goldenen gibt es immer eine große Menge Händler
-und Hausierer, deren Handelsobjekt die moderne
-Phrase ist. Sie sind es, die jeden neuen Gedanken gemein
-machen, ihn in eine Modephrase verwandeln.
-Alles was sie anfassen, machen sie gemein. Jede lebendige
-Idee wird in ihrem Munde zu einem Leichnam.
-Sie aber sind die ersten, die den Lohn für die neue
-Idee einheimsen: am Tage nach der Beerdigung des genialen
-Menschen, der die Idee verkündet hat und der gerade
-von ihnen zu seinen Lebzeiten verhöhnt und verachtet
-worden ist. Einige von ihnen sind sogar dermaßen
-beschränkt, daß sie im Ernst glauben, der geniale
-Mensch habe nichts getan – getan hätten alles sie allein.
-Ihr Eigendünkel ist schier unermeßlich. Sie sind
-geistig stumpf und unoriginell, ja sogar knechtisch sind
-sie, obschon sie der Menge klug erscheinen. Mit ein
-paar Schlagworten machen sie Eindruck, mit einigen
-gewagten scharfen Phrasen; dabei geraten sie gewöhnlich
-<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-in Ekstasen, da sie weder den Sinn noch den geistigen
-Bau der Idee verstehen, und so schaden sie ihr
-selbst dann, wenn sie auch noch so aufrichtig die neue
-Ansicht teilen. Ein kleines aktuelles Beispiel: Die Denker
-und Philantropen beschäftigen sich mit der Lösung
-eines Problems, sagen wir meinetwegen mit der
-Frauenfrage. Es handelt sich um die soziale Stellung
-der Frau, um ihre Gleichberechtigung mit dem Mann,
-ihre bisherige Abhängigkeit vom Mann, usw. usw.
-Die „Goldenen“ verstehen das nun unbedingt in dem
-Sinne, daß die Ehe <em>von Stund’ an</em> über den Haufen
-geworfen werden soll – die Hauptsache ist für sie,
-daß es <em>von Stund’ an</em> geschehe. Ferner denken
-sie, daß jede Frau ihrem Manne nun nicht nur untreu
-sein <em>kann</em>, sondern ihm sogar untreu <em>sein muß</em>,
-und daß eben darin der ganze sittliche Wert und Sinn
-der Idee enthalten sei.
-</p>
-
-<p>
-Am komischsten wirken diese Herren, wenn die Gesellschaft
-in einer zerfahrenen Übergangszeit sich in
-zwei Parteien teilt. Dann wissen sie nämlich nie, welcher
-Partei, welcher Meinung sie sich anschließen sollen,
-und dabei sind sie doch oft Autoritäten! Da heißt
-es nun für sie, sich entscheiden, seine Meinung äußern.
-Was tun? Nach langem Schwanken entscheidet sich der
-Goldene endlich und – jedesmal fürs Falsche. Das
-ist schon so sein Gesetz. Das ist sogar der charakteristische
-Zug der Goldenen. Ein Beispiel erleben wir
-jetzt in der Volksschulfrage. Man stützt sich auf die
-Tatsache, daß das gebildete Volk – d. h. das des Lesens
-und Schreibens kundige – die Gefängnisse fülle,
-und daraus folgern die Goldenen, daß Bildung fürs
-<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-Volk schädlich sei. Die Tatsache, die sie als vermeintlichen
-Beweis dieser Schädlichkeit anführen, gibt es
-nur deshalb, weil die Kenntnis des ABC unter dem
-Volk noch so wenig verbreitet ist. Anstatt sie nun noch
-weniger zu verbreiten, sollte man sie gerade soviel als
-irgend möglich zum Allgemeingut machen. Erst dann,
-wenn der Bauer, der lesen und schreiben kann,
-nicht mehr eine solche Ausnahme unter seinesgleichen
-sein wird, erst dann wäre die eine Ursache aufgehoben,
-weshalb gerade die Nichtanalphabeten die Gefängnisse
-bevölkern. Überdies sollten unsere Goldenen doch nicht
-vergessen, daß das ABC der erste Schritt zur Bildung
-ist. Oder vielleicht gehört es sogar zu ihrem Regierungssystem,
-das Volk im Dunkeln zu halten? Freilich
-... es gibt keinen Menschen, der verstockter und kapriziöser
-und schädlicher wäre, als es manch einer der Kabinettphilantropen
-ist. Doch genug davon. Wir sind
-überzeugt, daß selbst die geringste Elementarbildung
-das Volk sittlich heben, dem einzelnen mehr Selbstachtung
-verleihen und somit die Wurzel vieler Laster ausrotten
-würde. Alles hängt von den Verhältnissen ab,
-alles verändert sich nur entsprechend den Verhältnissen.
-Ist erst einmal das dringende Bedürfnis nach einem Neuen
-vorhanden oder wenigstens die Erkenntnis, daß die
-Gesamtheit zu ihrem Gedeihen einer Neueinführung bedarf,
-so wird sie alsbald auch Mittel und Wege finden,
-um das Notwendige auszuführen. Dagegen wird
-keine selbst wirklich gute Reform von der Masse als
-Verbesserung empfunden, sondern viel eher als neue
-Bedrückung, oder jedenfalls als etwas Lästiges, wenn
-ihr noch nicht die Notwendigkeit dieser Verbesserung
-<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
-zum Bewußtsein gekommen ist, und wäre es auch
-nur in einer noch so geringen Erkenntnis. Ebenso verhält
-es sich mit unserer Elementarschulfrage. Doch
-trotz aller Goldenen und deren Ansichten wissen wir,
-daß unsere Intelligenz, die sich vom <em>Volksboden
-gelöst</em> hat, das Volk – diese „unerratene Sphinx“,
-wie einer unserer Dichter es nennt – zu guter Letzt
-doch verstehen lernen wird. Sie wird den Geist des
-Volkes erfassen und ihn in sich aufnehmen, denn sie
-weiß bereits, daß dies die Grundlage unserer zukünftigen
-Entwicklung ist. Und sie hat schon erkannt, daß
-es an ihr ist, den ersten Schritt zu tun, um die Versöhnung
-und Vereinigung zustande zu bringen, und
-sie wird auch die Lösung finden, <em>wie</em> das geschehen
-muß.
-</p>
-
-<p>
-Nun hängt alles vom ersten Schritt zur Annäherung
-ab: daß wir herausbekommen, wie wir es anfangen sollen,
-damit das Volk uns sein mißtrauisches Gesicht wieder
-zuwendet. Natürlich werden sich noch eine Menge
-Herren finden, die über unsere Worte lachen können.
-Wir wissen, daß es solcher Menschen eine Legion gibt,
-doch gehen sie uns nichts an. Übrigens hat jemand, wie
-wir hören, versichert, wir, d. h. unsere Zeitschrift, sähe
-ihre Aufgabe darin, eine Versöhnung zwischen der europäischen
-Zivilisation und unserem Volksgeist zustande zu
-bringen. Wir halten diese Äußerung nur für einen
-Scherz. Nicht ein einzelner Mensch kann das noch
-unbekannte Wort der Versöhnung sagen und
-dieses Problem lösen. Wir versuchen ja nur
-die Hauptidee, die uns leiten wird, anzugeben.
-Wir werden gleich allen anderen die Lösung des Problems
-<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-suchen, werden unermüdlich wiederholen und beweisen,
-daß gesucht werden <em>muß</em>; wir werden forschen,
-das Material verarbeiten, unsere Eindrücke und
-Gedanken den Lesern mitteilen – darin wird unsere
-ganze Tätigkeit bestehen. Ein Wort ist gleichfalls eine
-Tat, und bei uns noch mehr als sonstwo. Ein Wort
-zur rechten Zeit kann von unschätzbarem Nutzen sein.
-Deshalb haben wir die Hoffnung, daß auch wir
-nützlich sein werden. Unsere Zeitschrift wendet sich an
-unsere gebildeten Kreise, nicht an das Volk, denn noch
-immer ist das erste Wort und der erste
-Schritt die Aufgabe der gebildeten Kreise gewesen.
-Dasselbe erwarten wir auch in diesem Fall, um so
-mehr, als es die gebildete Schicht war, die sich vom
-Volk entfernte. Die Annäherung wird noch viel Mühe
-kosten, das fühlen wir alle, obschon wir noch nicht klar
-sehen, worin die Schwierigkeiten bestehen werden. Die
-Hauptsache ist wohl die Beseitigung der Mißverständnisse,
-und die sind immer durch Geradheit, Offenheit
-und Liebe zu beseitigen. Wir haben bereits erkannt, daß
-die Interessen unseres Standes im Volk ruhen und die
-des Volks in uns. Wenn diese Erkenntnis allgemein
-wäre, so wäre der Erfolg gewiß. Aber obschon sie noch
-nicht allgemein ist, so sind doch Anzeichen vorhanden,
-daß sie sich bereits zu verbreiten anfängt, vorläufig
-aber genügt das auch. Es ist möglich, daß diejenigen,
-die die Annäherung wünschen, in ihren Versuchen tausend
-Fehler begehen werden, doch was tut das! – eine
-gerechte Sache ist deshalb noch nicht verloren. Wenigstens
-bleibt die Idee unerschüttert. Worauf es ankommt,
-ist – daß das Volk unseren Willen sieht und
-<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-ihn begreifen lernt. Und das zu erreichen, dazu wird
-uns die Liebe am ehesten helfen, da sie verständlicher
-ist als alle Schlauheiten und diplomatischen Finessen.
-Liebe ist leicht zu erkennen, das Volk ist einsichtig und
-dankbar und fühlt sofort, von wem es geliebt wird.
-Ein Vorbild der Annäherung hat uns der Zar gegeben,
-indem er das letzte Hindernis auf dem Wege zur
-Vereinigung beseitigte: indem er die Leibeigenschaft
-aufhob – und es gibt nichts Höheres, Heiligeres in
-der ganzen tausendjährigen Geschichte Rußlands als
-es diese Tat des Herrschers ist. Wohl haben wir in den
-letzten anderthalb Jahrhunderten nichts getan, als das
-Volk zu Mißtrauen gegen uns zu erziehen, aber wenn
-nur der Wille da ist, werden wir es doch erreichen, daß
-wir wieder sein Zutrauen und seine Achtung erringen.
-Und welche Riesenkräfte werden wir dadurch gewinnen!
-Wie wird alles wachsen, erstarken, sich erneuern!
-Natürlich wird von der ganzen dazu erforderlichen
-Kraft nur ein Zehntel von uns stammen, die übrigen
-neun Zehntel bringt das Volk selber auf.
-</p>
-
-<p>
-„Aber was wollen Sie denn mit Ihrer Bildung
-anfangen?“ hören wir fragen.
-</p>
-
-<p>
-„Sie wollen das Volk bilden, d. h. dem Volk dieselbe
-europäische Zivilisation geben, die Sie selbst schon
-als nicht zu uns passend erkannt haben. Sie wollen
-also einfach das Volk europäisieren?“
-</p>
-
-<p>
-Hierauf entgegnen wir, daß es doch nicht gut möglich
-ist, von der europäischen Idee auf einem ihr vollständig
-fremdem Boden dieselben Früchte zu erwarten,
-die sie auf ihrem europäischen Boden gezeitigt hat. Bei
-uns ist alles dermaßen anders, ist alles so unähnlich
-<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
-Europa, sowohl innerlich wie äußerlich, wie überhaupt
-in jeder Beziehung, daß es ganz ausgeschlossen ist, europäische
-Resultate von uns zu erwarten. Deshalb wiederholen
-wir: was zu uns paßt, das wird bleiben, was
-nicht paßt, wird von selbst wegfallen. Es ist ausgeschlossen,
-daß man unser Volk zu Deutschen oder anderen
-Europäern machen könnte. Im Vergleich zum
-Volk sind wir, die Intelligenz, nur ein verschwindend
-kleines Häuflein, und folglich sind auch unsere selbständigen
-Kräfte um soviel geringer als die der ganzen
-riesengroßen Volksmasse. Und doch haben wir uns
-ganze anderthalb Jahrhunderte in Europa aufgehalten,
-ohne deshalb zu Deutschen geworden zu sein. Folglich
-haben auch wir, ungeachtet unserer geringen Zahl und
-Kräfte und unserer Losgelöstheit vom Volksboden,
-die großen russischen Grundideale der Allmenschlichkeit
-und Allversöhnung in uns getragen und sie auch in
-dieser Zeit nicht eingebüßt. Jetzt haben sie sich in uns
-erhoben. Wir begriffen, daß wir nichts anderes werden
-können, als das, was wir sind. Und es kam
-das Verlangen über uns, zu unserem Volk zurückzukehren.
-Wir fingen an, uns unserer Untätigkeit, unserer
-Unselbständigkeit inmitten der ungeheuren Tätigkeit der
-europäischen Völker zu schämen – und wir begriffen,
-daß wir in Europa nichts zu tun haben. Anderseits steht
-nicht zu befürchten, daß die europäische Wissenschaft
-unserem Volk eine Fessel auflegen werde; sie wird nur
-sein Arbeitsfeld vergrößern und ihm die Möglichkeit
-geben, auch sein Wort in der Wissenschaft zu sagen.
-Bisher war die Wissenschaft bei uns wie eine seltene
-Treibhauspflanze, und unsere Gesellschaft hat eine besondere
-<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
-wissenschaftliche Betätigung weder in der
-Theorie noch in der Praxis bewiesen, denn sie war vom
-Volk losgerissen und an und für sich kraftlos. Nur die
-Krone hat Brücken und Wege gebaut und auch das
-meist mit Hilfe fremder Ingenieure. Aber auch die
-Wissenschaft wird schließlich bei uns Wurzel fassen
-– vielleicht erst in einer Zeit, wenn wir nicht
-mehr sind. Wir können noch nicht einmal ahnen,
-was dann sein wird, doch wir wissen, daß unsere Zukunft
-nicht schlecht sein kann. Unserer Generation aber
-ward die Ehre zuteil, das erste Wort auszusprechen
-und den ersten Schritt zu tun.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-6">
-<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-<span class="firstline">Über Tolstois Roman „Anna Karénina“</span><br />
-(1877)
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section" id="subchap-4-6-1">
-<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
-<span class="firstline">Der Roman „Anna Karénina“, als eine Tatsache von besonderer Bedeutung</span>
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> den Kreisen unserer Intelligenz pflegen jetzt
-viele, wenn man mit ihnen vom Volk spricht, gegen
-ein Auseinanderhalten von Volk und Intelligenz zu
-protestieren: „Was für ein Volk? Auch ich bin Volk!“
-heißt es.
-</p>
-
-<p>
-Im achten Teil des Romans „Anna Karenina“
-sagt Lewin, der geliebte Held des Autors, auch von
-sich, daß er Volk sei. Diesen Lewin habe ich früher einmal
-einen Menschen mit reinem Herzen genannt. Obschon
-ich nun unverändert fortfahre, an die Reinheit
-seines Herzens zu glauben, glaube ich doch nicht, daß
-er – Volk sei. Im Gegenteil, ich sehe jetzt, daß auch
-er sich mit Vorliebe absondert. Überzeugt habe ich
-mich davon, als ich diesen achten und letzten Teil des
-Romans las. Lewin ist ja allerdings keine gegenwärtige,
-keine lebende Persönlichkeit, sondern nur die Phantasiegestalt
-eines Schriftstellers; aber dieser Schriftsteller,
-der ein ungeheures Talent, ein bedeutender Geist
-und ein von der Intelligenz Rußlands überaus geachteter
-Mensch ist, läßt diese Phantasiegestalt auch
-seine, des Autors, persönlichen Ansichten entwickeln,
-was besonders deutlich in diesem letzten Teil geschieht,
-wobei er in scharfen Widerspruch mit der gegenwärtigen
-<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
-russischen Wirklichkeit gerät. Das aber dürfte
-doch schon ein ernstes Thema für eine Erörterung sein,
-selbst in unserer so bewegten Zeit, die voll ist von großen,
-erschütternden, in schneller Reihenfolge sich entwickelnden
-Ereignissen. Denn wenn wir von dem nicht
-existierenden Lewin reden, reden wir ja in Wirklichkeit
-von den Ansichten eines der bedeutendsten Russen unserer
-Zeit. Und diese Ansichten betreffen die gegenwärtige
-russische Tat: den Balkankrieg.
-</p>
-
-<p>
-Das Wesentliche dieser Ansichten besteht, wenn
-ich den Autor richtig verstanden habe, hauptsächlich
-darin, daß unsere ganze sogenannte nationale Bewegung
-zugunsten der slawischen Brüder von unserem
-Volk keineswegs geteilt und sogar überhaupt nicht
-verstanden werde.
-</p>
-
-<p>
-So sehen wir, daß auch Lewin, der Mensch mit
-dem reinen Herzen, sich von der riesigen Mehrzahl der
-Russen lossagt und absondert. Seine Ansicht ist übrigens
-gar nicht neu und originell. Sie wäre denen, die
-im letzten Winter bei uns in Petersburg fast ebenso
-dachten – und das waren ihrer sozialen Stellung
-nach durchaus nicht obskure Leute – sehr gelegen gekommen,
-weshalb man es bedauern könnte, daß das
-Buch ein wenig zu spät erschienen ist. Aus welchem
-Grunde diese finstere Absonderung Lewins erfolgte,
-vermag ich nicht festzustellen. Allerdings ist er ein heißer,
-„unruhiger“, alles analysierender Mensch, der
-streng genommen in keiner Beziehung sich selber traut.
-Aber immerhin ist dieser Mensch „reinen Herzens“,
-dabei bleibe ich, obschon es schwer zu erraten ist, auf
-welchen geheimen und mitunter sogar lächerlichen Wegen
-<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-das widernatürlichste, künstlichste und sogar
-schändlichste Gefühl in manch ein beispielhaft aufrichtiges
-und reines Herz eindringen kann. Übrigens
-möchte ich noch vorausschicken, daß ich diesen Lewin
-doch nicht mit der Person des Autors identifiziere, obwohl
-der Autor, wie sehr viele behaupten und wie auch
-ich deutlich sehe, seine eigenen Überzeugungen und
-Ansichten durch Lewin aussprechen läßt, ja sie ihm
-oft fast mit Gewalt in den Mund legt, bisweilen sogar
-auf Kosten der künstlerischen Geschlossenheit des
-gezeichneten Charakters. Ich sage das aus einer gewissen
-bitteren Verwunderung heraus, denn wenn
-auch sehr vieles von dem, was Lewin sagt, nur die
-Ansichten Lewins, des erdichteten Menschen, des künstlerisch
-dargestellten Charakters sind, so kann ich doch
-nicht leugnen, daß ich, was des Autors eigene Ansichten
-betrifft, nicht solche Ansichten gerade von diesem
-Autor erwartet hätte!
-</p>
-
-<p>
-Hier sehe ich mich gezwungen, zunächst einzelne
-meiner Gefühle darzulegen, trotz meines Vorsatzes
-mich nicht mit literarischer Kritik zu befassen. Aber
-wenn ich diese Ansichten auch gelegentlich der Kritik
-eines literarischen Werkes ausspreche, so haben sie doch
-nichts mit denen eines Literaturkritikers zu schaffen.
-Tatsächlich schreibe ich in diesem „Tagebuch“ alle meine
-Gedanken über meine Eindrücke nieder, schreibe somit
-über alles, was mir von den laufenden Ereignissen
-und Vorgängen bemerkenswert erscheint, und da
-habe ich es mir nun Gott weiß weshalb zum Vorsatz
-gemacht, von meinen vielleicht stärksten Eindrücken zu
-schweigen, bloß deshalb, weil sie die russische Literatur
-<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
-betreffen. Natürlich lag diesem Vorsatz ein ganz
-richtiger Gedanke zugrunde, aber eine buchstäbliche
-Befolgung des Vorsatzes ist dennoch nicht richtig, das
-sehe ich jetzt ein, eben weil es eine Befolgung des Buchstabens
-wäre. Zudem ist dieser Roman in meinen Augen
-nicht mehr ein einfaches literarisches Werk, sondern
-schon eine ganze nationale <em>Tat</em>, ein Faktum
-von bereits ganz anderer Bedeutung. Diese <em>Tat</em>, die
-die Schöpfung dieses Romans zweifellos ist, fiel für
-mich in diesem Frühjahr mit der enormen Tat der
-Kriegserklärung zusammen und in meinem Geist sah
-ich beide Taten sofort in Verbindung miteinander, denn
-ich fand zwischen ihnen einen mich selbst überraschenden
-bedeutungsvollen Zusammenhang.
-</p>
-
-<p>
-Im April begann unser großer Krieg für eine große
-hochherzige Idee: die geknechteten und mißhandelten
-slawischen Völker zu befreien und ihnen ein neues
-Leben zu ihrem und der Menschheit Wohl wiederzugeben.
-Dieser Zweck des Krieges ist für Europa so
-unbegreiflich, daß es ihn nur für einen listigen Vorwand
-hält und uns mit allen Mitteln zu schaden sucht.
-So hat es sich schon mit unserem Feinde gegen uns
-verbündet – wenn auch nicht in einem offiziellen
-Bündnis –, um wenigstens heimlich gegen uns zu
-kämpfen, in Erwartung des offenen Kampfes. Doch
-davon ein anderes Mal. Ich wollte hauptsächlich von
-dem Eindruck sprechen, den alle diejenigen empfangen
-mußten, die an die große zukünftige universale Bedeutung
-Rußlands glauben, als sie in diesem Frühjahr
-die Kriegserklärung lasen. Dieser einzig dastehende
-Krieg, um Schwachen und Bedrückten Leben und Freiheit
-<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
-zu geben, nicht ihnen zu nehmen, dieser in der heutigen
-Welt gar nicht mehr glaubwürdig klingende
-Kriegszweck war für alle, die an Rußlands Zukunft
-glauben, eine Tatsache, die feierlich und bedeutungsvoll
-diesen ihren Glauben bestätigte. Das war nun nicht
-mehr lediglich ein Traum, eine Vermutung bloß, sondern
-Wirklichkeit, war Tatsache, durch die die Hoffnungen
-bereits <em>in Erfüllung zu gehen begannen</em>.
-„Wenn aber der Anfang schon gemacht ist, dann
-wird auch alles andere in Erfüllung gehen, auch das,
-daß Rußland an der Spitze aller vereinigten Slawen
-sein großes neues Wort Europa sagen wird. Und selbst
-dieses Wort hat sich bereits angekündigt, doch ist
-Europa noch weit davon entfernt, dasselbe zu verstehen,
-und selbst wenn es versteht, wenn es verstehen
-muß, wird Europa noch lange nicht an
-das neue Wort glauben.“ So dachten damals die
-„Gläubigen“. Ja, der Eindruck war feierlich und bedeutungsvoll,
-und selbstverständlich mußte der Glaube
-der Gläubigen sich festigen und erstarken. Doch der
-begonnene Krieg ist immerhin von unberechenbarer
-Tragweite, so daß auch für uns, die wir an Rußland
-glauben, beunruhigende Fragen sich einstellten. Rußland
-und Europa! Rußland hat das Schwert gegen
-die Türken gezogen, aber wer weiß, vielleicht stößt es
-dabei mit Europa zusammen, und das – wäre das
-nicht zu früh? Der Zusammenstoß mit Europa ist etwas
-anderes als der mit der Türkei und wird nicht nur
-mit dem Schwert ausgefochten werden, so haben es
-die Gläubigen von jeher aufgefaßt. Aber sind wir nun
-auch zu diesem anderen Zusammenstoß bereit? Freilich,
-<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
-das Wort hat sich bereits angekündigt, aber ganz
-abgesehen von den Europäern – wird es denn
-auch bei uns von allen verstanden? Wir Gläubigen
-sagen z. B., daß Rußland allein die Elemente in sich
-trage, die zu einer Lösung des verhängnisvollen europäischen
-Problems des vierten Standes, und zwar ohne
-Kampf und Blut, ohne Haß und Feindschaft, erforderlich
-sind, daß es aber dieses Wort erst dann sagen
-werde, wenn Europa bereits im eigenen Blute
-schwimmt, denn vorher würde ja doch niemand in Europa
-unser Wort vernehmen, oder wenn auch vernehmen,
-so würde es doch niemand verstehen. Ja, wir
-Gläubigen glauben daran, aber was antwortet man
-uns darauf selbst hier in Rußland? Selbst hier sagen
-uns unsere Landsleute, dies seien nur fanatische Illusionen,
-die Weissagungen sein wollen, seien nur
-wilde Träume, und wir sollten ihnen doch Beweise
-geben, sichere Anzeichen und bereits greifbare Tatsachen!
-Ja was könnten wir ihnen nun zur Bekräftigung
-unserer <em>Weissagungen</em> nennen? Etwa die
-Aufhebung der Leibeigenschaft – ein Faktum, das bei
-uns noch so wenig begriffen worden ist in seiner Bedeutung
-als Beweis russischer Geisteskraft? Oder die
-angeborene Natürlichkeit unserer Nächstenliebe, die
-schon in unserer Zeit immer deutlicher aus all dem
-hervorzutreten anfängt, was sie jahrhundertelang fast
-bis zum Ersticken bedrückt hat? Doch gut, wir weisen
-also darauf hin: da wird man uns denn entgegnen,
-daß all diese Tatsachen wiederum nur von unseren tollen
-Illusionen zu solcher Bedeutung aufgebauscht worden
-seien; überdies würden sie verschieden gedeutet
-<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-und somit könne man sie überhaupt nicht als irgendwelche
-Beweise gelten lassen. Das würden uns fast
-alle antworten. Und nun bedenke man: wir, die wir
-uns selber noch nicht verstehen und die wir so wenig
-an uns glauben, wir – stoßen mit Europa zusammen!
-Europa aber – das ist doch etwas Ungeheures,
-Heiliges! Uns ist es teuer, dieses Land, teuer der zukünftige,
-der im Frieden errungene Sieg des großen
-christlichen Geistes, der sich im Osten am reinsten erhalten
-hat ... Und in der Erwägung der Möglichkeit
-eines Zusammenstoßes mit Europa im Laufe
-unseres jetzigen Krieges fürchten wir am meisten,
-daß Europa uns mißverstehen könnte und uns wie
-früher, wie gewöhnlich, mit Hochmut, mit Verachtung
-und mit dem Schwert begegnen werde,
-als wären wir <a id="corr-17"></a>wilden Barbaren nicht wert, vor Europa
-den Mund aufzutun. Ja aber, fragten wir uns
-nun, was werden wir ihnen denn sagen oder zeigen,
-damit sie uns richtig zu verstehen anfangen? Wir haben
-doch, scheint es, noch so wenig von solchen Gütern,
-die ihnen <em>verständlich</em> wären und um deretwillen
-sie uns achten könnten? Denn unsere fundamentale,
-wichtigste Idee, unser beginnendes „neues
-Wort“ werden sie noch lange, gar zu lange nicht verstehen.
-Sie brauchen Fakta, die sie unmittelbar, die sie
-<em>heute</em> schon verstehen könnten, verstehen mit ihrem
-<em>heutigen</em> Blick. Und mit diesem Blick fragen sie
-uns: „Wo ist denn Ihre Zivilisation? – läßt sich
-denn in dem Chaos, welches wir alle bei Ihnen sehen,
-eine Ordnung der ökonomischen Kräfte wahrnehmen?
-<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-Wo ist <em>Ihre</em> Wissenschaft, <em>Ihre</em> Kunst, <em>Ihre</em> Literatur?“
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Gerade in dieser Zeit, d. h. in diesem Frühjahr,
-traf es sich einmal, daß ich auf der Straße einem unserer
-Schriftsteller begegnete, den ich zu den am meisten
-von mir geliebten Autoren zähle. Wir sehen uns
-sehr selten, alle paar Monate einmal, und auch
-dann immer zufällig und auf der Straße. Er ist einer
-der hervorragendsten der fünf oder sechs unserer Belletristen,
-die alle zusammen aus irgendeinem Grunde
-die „Plejaden“ genannt werden<a class="fnote" href="#footnote-32" id="fnote-32">[32]</a>. Wenigstens hat die
-Kritik in Übereinstimmung mit dem Publikum sie
-von allen anderen Schriftstellern ihrer Art abgeteilt,
-und so ist es denn seit langem geblieben –
-der Kreis der „Plejaden“ erweitert sich nicht. Es ist
-mir stets eine Freude, mit diesem liebenswürdigen
-Romancier, den ich so überaus schätze, zusammenzutreffen
-und ihm unter anderem zu beweisen, daß ich es
-nicht glaube und auch gar nicht glauben könne, daß
-er, wie er sagt, alt geworden sei und nichts mehr
-schreiben werde. Nach einem kurzen Gespräch mit ihm
-trage ich immer eines seiner feinen und weitsichtigen
-Worte mit mir fort. Bei jener letzten Begegnung gab
-es viel Stoff zu einer Unterhaltung, denn der Krieg
-war schon erklärt. Doch er begann sofort und ohne
-Umschweife von „Anna Karenina“ zu sprechen (auch
-ich hatte gerade den siebenten Teil gelesen, mit welchem
-der Roman im „Russischen Boten“ schloß), und
-da er anscheinend nicht zu den Leichtbegeisterten gehört,
-<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
-war ich überrascht, als ich ihn mit leidenschaftlicher,
-überzeugter Begeisterung über dieses Werk urteilen
-hörte.
-</p>
-
-<p>
-„Das ist etwas Beispielloses, das ist ein Werk
-von erstem Range! Wer kann sich bei uns, von den
-Schriftstellern, damit messen? Und in Europa – wer?
-Wer könnte dort etwas Ähnliches vorweisen? Haben
-sie dort in allen ihren Literaturen jetzt oder in den letzten
-Jahren oder überhaupt in neuerer Zeit ein Werk
-hervorgebracht, das sich neben dieses stellen könnte?“
-</p>
-
-<p>
-Hauptsächlich überraschte mich an diesem Urteil,
-das übrigens vollkommen mit dem meinigen übereinstimmte,
-daß dieser Hinweis auf Europa geradezu eine
-Antwort war auf die Fragen und Zweifel, die sich
-damals in so vielen Herzen ganz von selbst erhoben.
-So erhielt dieses Buch in meinen Augen die Bedeutung
-eines Faktums, auf das wir Europa als Antwort
-auf jene Fragen hinweisen könnten. Natürlich
-wird man spöttisch einwenden, das sei ja im ganzen
-nur Literatur, nur irgendein Roman, und es sei lächerlich,
-die Bedeutung desselben so zu übertreiben und
-mit einem Roman gegen Europa aufzutreten. Ich weiß,
-daß man lachen wird, doch diese Aufregung ist überflüssig,
-denn ich übertreibe keineswegs und sehe die
-Dinge ganz nüchtern. Ich weiß, daß es allerdings
-nur ein Roman ist, nur ein Tropfen von dem,
-was nötig wäre. Für mich aber besteht die Hauptsache
-darin, daß dieser Tropfen bereits vorhanden, bereits
-Wirklichkeit ist, wenn aber der Anfang schon Tatsache
-ist, d. h. wenn das Genie Rußlands schon dieses <em>Faktum</em>
-hervorzubringen vermocht hat, so ist es folglich
-<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
-nicht zur Unfruchtbarkeit verdammt, nicht der Kraftlosigkeit
-geweiht, sondern <em>kann</em> schöpferisch sein, kann
-etwas <em>Eigenes</em> geben, kann sein Wort anheben
-und es zu Ende sprechen, wenn die Zeit gekommen sein
-wird. Und überdies ist jenes Werk doch weit mehr als
-nur ein Tropfen. Oh, auch hierin mache ich mich nicht
-im geringsten einer Übertreibung schuldig: ich weiß
-nur zu gut, daß nicht nur nicht in einem einzelnen
-Schriftsteller der Plejaden, sondern auch in ihnen allen
-zusammen nicht das zu finden ist, streng genommen,
-was man geniale schöpferische Kraft nennt. Unstreitige
-Genies mit einem unstreitig „neuen Wort“
-hat es in unserer ganzen Literatur nur drei gegeben.
-Lomonossoff, Puschkin und zum Teil Gogol. Diese ganze
-Plejadengruppe dagegen (und der Autor der „Anna
-Karenina“ gehört gleichfalls zu ihr) ist unmittelbar
-aus Puschkin hervorgegangen, aus einem der größten
-Russen, den man aber fast überhaupt noch nicht verstehen
-gelernt hat. Puschkin ist der Vertreter von
-Ideen, die gleichsam die Veranschaulichung des Künftigen
-oder der Bestimmung ganz Rußlands und seines
-Zieles, das heißt soviel wie unseres ganzen zukünftigen
-Schicksals sind.
-</p>
-
-<p>
-Alle unsere jetzigen „Plejaden“ haben nur nach
-Puschkins Hinweisen gearbeitet, etwas Neues aber
-haben sie nach ihm nicht gesagt. In ihm lagen bereits
-alle die Keime, die die Plejaden später entwickelt haben.
-Und dabei haben sie nur den kleinsten Teil der
-von ihm hinterlassenen Aufgaben ausgearbeitet. Dafür
-ist freilich das, was sie getan haben, mit solchem Reichtum
-an Kraft, mit solcher Tiefe und Deutlichkeit ausgearbeitet
-<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
-worden, daß Puschkin sie selbstverständlich
-anerkannt hätte. „Anna Karenina“ ist, was die Idee
-des Werkes betrifft, gewiß nichts Neues, wenigstens
-bei uns nichts Neues. Statt dieses Werkes könnten wir
-Europa natürlich ebensogut die Quelle selbst nennen,
-d. h. Puschkin als schärfsten, stärksten und unerschütterlichsten
-Beweis für die Selbständigkeit des russischen
-Genies und sein Recht auf die größte universale, allmenschliche
-und allvereinende Bedeutung in der Zukunft.
-Doch leider wissen wir, daß, wieviel wir auch
-reden und vorweisen wollten, Europa unsere Schriftsteller
-noch lange nicht lesen wird, oder selbst wenn
-man es dort täte, so würde man uns doch noch lange
-nicht verstehen und nicht schätzen. Und die Europäer
-sind ja auch noch gar nicht imstande, uns zu verstehen,
-nicht etwa aus Mangel an Geist, sondern weil wir
-für sie eine ganz andere Welt sind, als wären wir
-vom Monde auf die Erde versetzt, weshalb sie sogar
-die Tatsache, daß wir doch immerhin existieren, gar nicht
-zugeben möchten. Das weiß ich besser als mancher andere
-und rede deshalb von den Hinweisen, mit denen
-wir Europa auf die bewußten Fragen antworten könnten,
-nur in dem Sinne unserer eigenen Überzeugung
-von unserem Recht auf Selbständigkeit Europa gegenüber.
-</p>
-
-<p>
-Nichtsdestoweniger ist „Anna Karenina“ als
-Kunstwerk etwas Vollkommenes – ist ein Werk, dem
-die europäischen Literaturen der Gegenwart nichts
-Gleichwertiges gegenüberstellen können; was aber die
-Idee dieses Werkes betrifft, so ist sie bereits etwas
-ganz Nationales, ist gleichsam ein Stück von uns, ist
-<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
-eben das, was unsere Besonderheit vor der ganzen
-europäischen Welt ausmacht, und ist somit unser
-„neues Wort“ oder wenigstens der Anfang desselben
-– ein Wort, das in Europa niemand zu sagen
-versteht, dessen aber gerade Europa so dringend bedarf,
-trotz seines ganzen Stolzes. Ich kann mich hier nicht
-in einer literarischen Kritik ergehen, doch will ich immerhin
-ein paar Worte über dieses Buch sagen.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Werk ist eine Untersuchung der Schuld
-und des Verbrechens der Menschen durchgeführt. Die
-geschilderten Menschen sind unter unnormalen Bedingungen
-genommen. Das Böse besteht schon vor ihnen.
-In den Strudel der Lüge hineingerissen, begehen
-diese Menschen ein Verbrechen und gehen unrettbar
-ins Verderben. Wie Sie sehen, ein Gedanke, der das
-liebste und älteste der europäischen Themen behandelt.
-Aber wie wird nun ein solches Problem in Europa gelöst?
-Sehr einfach. Und zwar gibt es dort zwei Arten
-von Lösungen. Die erste Lösung ist: das Gesetz ist
-gegeben, niedergeschrieben, formuliert, ist in Jahrtausenden
-ausgearbeitet, Gut und Böse festgestellt, aufgewogen,
-die Maße und Grade sind historisch von den
-Führern der Menschheit in unermüdlicher Arbeit an
-der Menschenseele und in höherer wissenschaftlicher
-Untersuchung der Gesetze des menschlichen Zusammenlebens
-festgesetzt. Diesem ausgearbeiteten Kodex ist
-ein jeder blinden Gehorsam schuldig. Wer das nicht
-tut und jene Gesetze übertritt, der bezahlt das mit seiner
-Freiheit, seinem Eigentum, seinem Leben, bezahlt
-buchstäblich und unmenschlich.
-</p>
-
-<p>
-„Ich weiß,“ sagt ihr anderen, „daß das sowohl
-<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-blind wie mitleidlos und unhaltbar ist, da ja die
-endgültige Formel der Menschheit auf ihrem halben
-Wege noch nicht ausgearbeitet sein kann. Doch da es
-einen anderen Ausweg nicht gibt, so muß man sich
-eben an das halten, was man hat, was schwarz auf
-weiß gegeben ist, und zwar buchstäblich und rücksichtslos.
-Täte man das nicht – so wäre man schlimmer
-daran. Somit kann man sagen, daß wir, trotz der ganzen
-Unnatürlichkeit und Unsinnigkeit der Ordnung dessen,
-was wir unsere große europäische Zivilisation
-nennen, nichtsdestoweniger danach trachten müssen, daß
-die Kräfte des Menschengeistes gesund und unbeschädigt
-bleiben, daß die Gesellschaft nicht an dem Glauben,
-sie befinde sich auf dem Wege zur Vollkommenheit,
-zu zweifeln anfängt und nicht zu denken wagt, es sei das
-Ideal des Schönen und Erhabenen verdunkelt und der
-Begriff von Gut und Böse entstellt und umgedeutet,
-das Normale werde mehr und mehr verdrängt, Einfachheit
-und Natürlichkeit gingen unter dem Druck der
-unausgesetzten anwachsenden Lüge verloren.“
-</p>
-
-<p>
-Die zweite Lösung ist das Gegenteil der ersten: sie
-geht von der Annahme aus, daß die menschliche Gesellschaft
-unnormal aufgebaut sei, weshalb man den
-einzelnen für die Folgen dieser Unnormalität nicht verantwortlich
-machen könne. Also ist der Verbrecher
-frei von jeder Verantwortung und folglich gibt es vorläufig
-überhaupt kein Verbrechen. Will man nun mit
-dem, was allgemein Verbrechen genannt wird, und
-mit der Schuld der Menschen ein Ende machen, so
-muß man das zunächst mit der Unnormalität der Gesellschaft
-und ihres sozialen Aufbaus tun. Da aber eine
-<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-Korrektur der bestehenden Ordnung der Dinge langwierig
-und unzuverlässig, ja sogar aussichtslos wäre,
-und man übrigens auch keine Mittel dazu hat, so
-muß man den ganzen bisherigen Bau der Gesellschaft
-zerstören und die alte Ordnung gleichsam mit dem Besen
-auskehren. Dann kann man alles von neuem beginnen,
-nach neuen Grundsätzen, die zwar noch unbekannt
-sind, aber immerhin nicht schlechter sein können
-als die der gegenwärtigen Ordnung; im Gegenteil, sie
-haben sogar viele Aussicht auf vollen Erfolg, denn unser
-Vertrauen gehört der Wissenschaft.
-</p>
-
-<p>
-Das wäre die zweite Lösung. Man erwartet den
-zukünftigen Ameisenbau, inzwischen aber überschwemmt
-man die Welt mit Blut. Andere Lösungen der menschlichen
-Schuld und der Verbrechen kennt die westeuropäische
-Welt nicht.
-</p>
-
-<p>
-In der Anschauung des russischen Autors – d. h.
-in seiner Auffassung von Schuld und Verbrechen –
-tritt dagegen deutlich hervor, daß kein Ameisenbau,
-kein Triumph des „vierten Standes“, keine Beseitigung
-der Armut, keine Organisation der Arbeit die
-Menschheit vor der Unnormalität bewahren wird oder
-würde, und folglich auch nicht vor Schuld und Verbrechen.
-Ausgedrückt ist das in einer unvergleichlichen psychologischen
-Ergründung der Menschenseele und mit furchtbarer
-Tiefe und Kraft durch einen bei uns bisher nicht gekannten
-Realismus der künstlerischen Darstellung.
-</p>
-
-<p>
-Es ist klar und verständlich bis zur leibhaftigen
-Sichtbarkeit gezeigt, daß das Böse im Menschen tiefer
-sitzt als die Sozialisten annehmen, die sich als Ärzte
-<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-aufspielen, daß das Böse sich in keiner sozialen Organisation,
-und wäre sie noch so vollkommen, vermeiden
-läßt, daß die Seele des Menschen überall dieselbe
-bleibt, daß das Unnormale und die Sünde aus ihr
-allein hervorgehen und daß schließlich die Gesetze des
-Menschengeistes noch so unbekannt, von der Wissenschaft
-noch so unerforscht, so unbestimmt und so geheimnisvoll
-sind, daß es bis jetzt weder gründliche Ärzte noch
-selbst <em>endgültige</em> Richter gibt und auch nicht geben
-kann, außer dem einen, der da sagt: „Die Rache
-ist mein, ich will vergelten.“ Nur er allein kennt das
-<em>ganze</em> Geheimnis dieser Welt und das definitive
-Schicksal des Menschen. Der Mensch aber kann sich
-noch nicht unterfangen, mit dem Stolz eigener Unfehlbarkeit
-zu richten, noch ist <em>die</em> Zeit nicht gekommen.
-Der Mensch, der Richter ist über andere, muß von
-sich wissen, daß er kein endgültiger Richter, vielmehr
-selber ein Sünder ist, daß die Wage und das Maß in
-seiner Hand eine Absurdität sind, <em>wenn er sich
-nicht selbst</em> vor dem Gesetz des noch unerforschlichen
-Geheimnisses beugt und nicht in dem einzigen
-Ausweg seine Zuflucht sucht – in der Barmherzigkeit
-und in der Liebe. Auf daß aber der Mensch nicht umkomme
-vor Verzweiflung und womöglich in der Überzeugung
-untergehe, daß das Böse von geheimnisvoller
-und verhängnisvoller Unvermeidlichkeit sei, ist dem
-Menschen eben ein Ausweg gezeigt. Ihn hat der Dichter
-mit der Überzeugungskraft des Genies in der genialen
-Szene offenbart, die im Krankenzimmer der
-Heldin des Romans sich abspielt – wo die Verbrecher
-und Feinde sich plötzlich in höhere Wesen verwandeln,
-<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-in Brüder, die einander alles verzeihen und eben
-durch dieses ihr gegenseitiges Verzeihen Lüge, Schuld
-und Verbrechen von sich abstreifen und sich dadurch
-mit einem Schlage selbst rechtfertigen, im vollen Bewußtsein
-dessen, daß sie das Recht dazu erhalten haben.
-Dann aber, im Schlußteil des Romans, in der schrecklichen
-Schilderung des Falles der Menschenseele, der
-Schritt für Schritt verfolgt wird, in der Wiedergabe jenes
-unüberwindlichen Zustandes, wo das Böse sich
-der Seele des Menschen bemächtigt und ihn fesselt, jede
-Bewegung, jede Widerstandskraft, jeden Gedanken,
-jede Lust zum Kampf gegen das Böse lähmt, im
-Kampf gegen die Finsternis, die sich auf die Seele
-senkt und von ihr in der Leidenschaft des Rachedurstes
-bewußt statt des Lichtes erwählt wird – in dieser
-Schilderung liegt für den Richter der Menschen, der
-das Maß und die Wage hält, so viel offenbarte Wahrheit,
-daß er natürlich erschrocken Bedenken tragen und
-ausrufen wird: „Nein, nicht immer ist die Rache mein,
-nicht immer werde ich vergelten,“ und er wird nicht
-unmenschlich dem in Verstocktheit gesunkenen Verbrecher
-als Schuld anrechnen, daß er den vom Lichte
-ewig gewiesenen Ausweg verschmähte und ihn geradezu
-<em>bewußt</em> verwarf. Wenigstens wird er sich nicht an
-den Buchstaben des Gesetzes halten ...
-</p>
-
-<p>
-Wenn wir nun in der Literatur Werke von solcher
-Gedanken- und Darstellungskraft besitzen, weshalb
-sollten wir dann nicht <em>in der Folge</em> auch <em>unsere</em>
-Wissenschaft haben können und unsere eigenen
-Lösungen der ökonomischen, der sozialen Probleme; weshalb
-spricht Europa uns die dazu erforderliche Selbständigkeit
-<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-ab, die Möglichkeit, daß wir <em>unser
-eigenes</em> Wort sagen könnten? Man kann wirklich
-nicht den lächerlichen Gedanken gelten lassen,
-daß die Natur uns Russen nur mit literarischen Fähigkeiten
-versehen habe. Alles übrige ist doch eine Frage der
-geschichtlichen Entwicklung, der Umstände, der Forderungen
-der Zeit. Das könnten sich schließlich auch
-unsere russischen Europäer sagen, solange sie noch auf
-das Urteil der europäischen Europäer über uns warten
-müssen ...
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-4-6-2">
-<span class="firstline">Ein Gutsherr, der von einem Bauern den Glauben an Gott erhält</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Jetzt, nachdem ich mein eigenes Empfinden auseinandergesetzt,
-wird man vielleicht verstehen, wie der Abfall
-eines solchen Autors, seine Absonderung von der
-großen russischen Tat unserer Tage – dem Kriege für die
-Unterdrückten und Verfolgten – und die paradoxe Unwahrheit
-des Urteils, das er in diesem unseligen achten
-Teil des Romans über unser Volk fällt, auf mich gewirkt
-haben. Er nimmt ja dem Volk alles, spricht ihm das Wertvollste
-ab, raubt ihm den Sinn und Zweck seines Lebens.
-Ja, es wäre dem Autor unvergleichlich angenehmer, wenn
-unser Volk sich nicht in seinem Herzen für die um ihres
-Glaubens willen leidenden Brüder erheben würde. Nur
-in diesem Sinne leugnet er auch die Beweise, ungeachtet
-dessen, daß sie Tatsachen sind. Freilich wird das
-alles nur von den imaginären Gestalten seines Romans
-ausgesprochen, aber, wie ich schon sagte, hinter ihnen
-sieht man nur zu deutlich den Autor selbst. Allerdings
-ist es ein aufrichtiges Buch: der Autor spricht aus der
-<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-Seele. Sogar die peinlichsten Sachen (und die gibt es
-in diesem Buch) nehmen sich in ihm aus, als wären
-sie ganz unversehens hineingeraten, so daß man sie trotz
-ihrer ganzen Peinlichkeit nur für ein offenherziges
-Wort hält und nicht im geringsten etwa Tücke vermutet.
-Nichtsdestoweniger halte ich dieses Buch durchaus nicht
-für so harmlos, wie es manche Leute tun. Jetzt wird
-und kann es zum Glück keinen Einfluß mehr haben,
-denn daß es vielleicht einer kleinen abgesonderten
-Gruppe von Leuten beipflichtet, ist belanglos. Aber die
-Tatsache, daß ein solcher Autor in diesem Sinne
-überhaupt schreiben kann, ist doch sehr bedauerlich, bedauerlich
-und traurig für unsere Zukunft. Doch übrigens
-– zur Sache: ich will widersprechen und werde
-darauf hinweisen, was mich besonders überraschte.
-</p>
-
-<p>
-Zunächst muß ich ein paar Worte über Lewin sagen,
-der ersichtlich der Hauptheld des Romans ist. In ihm
-ist alles Positive ausgedrückt und zwar gewissermaßen
-als Gegensatz zu jenen Unnormalitäten, an denen
-andere Gestalten des Romanes zugrunde gehen oder
-unter denen sie zu leiden haben. Im übrigen ist Lewin
-offenbar der Erwählte, durch den der Autor seine
-eigenen Gedanken ausdrückt. Aber dieser Lewin war
-immer noch nicht vollkommen, immer fehlte ihm noch
-etwas, und so mußte der Autor sich wieder mit dem
-Fehlenden befassen, damit Lewin keinerlei Zweifel oder
-Fragen mehr verkörpere. – In der Folge wird der
-Leser begreifen, aus welchem Grunde ich zunächst hierbei
-verweile und somit nicht direkt zur Sache komme.
-</p>
-
-<p>
-Lewin ist glücklich, der Roman entwickelt sich zu
-seinem größten Ruhme, aber – ihm fehlt noch der innere,
-<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-der geistige Friede. Ihn quälen die ewigen Fragen
-der Menschheit: Gott, das ewige Leben, Gut und
-Böse und Ähnliches. Es quält ihn, daß er ein Ungläubiger
-ist und sich nicht damit zufrieden geben kann,
-womit sich alle anderen zufrieden geben, indem sie ihre
-Interessen auf Naheliegendes beschränken, als da sind
-Tagesfragen, Verdienst, Vergötterung der eigenen Person
-oder anderer Götzen, Eigenliebe usw. usw. Ein Anzeichen
-von Großherzigkeit, nicht wahr? Aber von Lewin
-ist ja auch weniger nicht zu erwarten. Nebenbei
-zeigt es sich, daß Lewin auch sehr viel gelesen hat. Er
-kennt sowohl die Werke der Philosophen, der Positivisten,
-wie auch der gewöhnlichen Naturforscher, doch
-nichts befriedigt ihn, sondern im Gegenteil, die Bücher
-verwirren ihn noch mehr, so daß er in der freien
-Zeit, die ihm die Bewirtschaftung seines Gutes läßt,
-in den Wald oder aufs Feld geht, sich ärgert, sogar
-Kitty, seine junge Frau, nicht in dem Maße schätzt,
-wie sie es wohl verdient hätte. Da führt ihm der Zufall
-einen seiner Bauern in den Weg, der ihm gesprächsweise
-von zwei anderen Bauern, Mitjuscha und
-Fokanytsch, zwei in sittlicher Beziehung entgegengesetzten
-Typen, erzählt und sich dabei folgendermaßen ausdrückt:
-</p>
-
-<p>
-„Ja, Mitjuscha, warum nicht, der wird’s schon herauszuschlagen
-verstehen! Der erpreßt es einfach und
-nimmt sich das Seine. Dem tut doch kein Christenmensch
-leid. Onkel Fokanytsch aber, der wird doch nicht
-wie Mitjuscha einem anderen Menschen das Fell über
-die Ohren ziehen. Der wird auch so abgeben, daß man
-später zahlen kann, manchem wird er auch billiger geben.
-<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
-Da kann er denn auch selber nicht soviel Pacht
-zahlen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Aber warum wird er denn manchem billiger geben?“
-fragte Lewin.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, das ist schon so, die Menschen sind eben verschieden.
-Der eine Mensch lebt sozusagen nur für seine
-Bedürfnisse, wie beispielsweise sagen wir meinethalben
-Mitjuscha, der sich nur den Wanst vollschlägt; aber
-Fokanytsch, der Alte, – das ist ein Mensch mit Gewissen.
-Der lebt für die Seele, der hat Gott nicht vergessen.“
-</p>
-
-<p>
-„Wie das?! Wie – Gott nicht vergessen? wie
-lebt er für die Seele?“ rief Lewin fast erschrocken vor
-Betroffenheit.
-</p>
-
-<p>
-„Nun, das weiß man doch, wie! Lebt in Rechtschaffenheit,
-in Gott. Die Menschen sind nun mal verschieden.
-Beispielsweise Ihr selber, Herr, wenn man so
-nimmt – Ihr werdet doch auch keinem Menschen unrecht
-tun.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ja, leb’ wohl!“ sagte Lewin hastig – die Aufregung
-verschlug ihm den Atem – er griff nach seinem
-Stock und entfernte sich schnell in der Richtung zum
-Hause ............
-</p>
-
-<p>
-Doch statt nach Hause zu gehen, ging er wieder in
-den Wald, legte sich unter einer Esche ins Gras und
-begann fast mit Begeisterung zu denken. Das Wort
-war gefunden, alle ewigen Rätsel gelöst durch dieses
-eine einfache Wort des Bauern: „Für die Seele leben,
-Gott nicht vergessen.“ Der Bauer hat ihm natürlich
-nichts Neues gesagt: all das wußte er selber schon lange;
-aber der Bauer hat ihn doch auf den Gedanken gebracht
-<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
-und hat ihm die Lösung im verzwicktesten Augenblick
-zugeflüstert. Hierauf folgt eine Reihe von Betrachtungen
-Lewins, die sehr gut und treffend ausgedrückt
-sind. Lewins Gedankengang ist ungefähr folgender:
-wozu das mit dem Verstande suchen, was vom
-Leben schon <em>gegeben</em> ist, womit jeder Mensch geboren
-wird und dem jeder Mensch (sogar unfreiwillig)
-folgen muß und auch tatsächlich folgt. Jeder Mensch
-wird mit einem Gewissen, mit dem Begriff von Gut
-und Böse geboren, folglich wird er auch unmittelbar
-zu einem Lebensziel geboren: für das Gute zu leben
-und das Böse zu vermeiden. Damit kommt der Bauer
-ebenso wie der Herr zur Welt, der Franzose wie der
-Russe, wie der Türke – alle verehren das Gute (NB.
-obschon viele das in einer höchst eigenartigen Weise
-tun). „Ich aber wollte“, sagt sich Lewin, „alles das
-mathematisch, wissenschaftlich, mit der Vernunft erfassen,
-oder ich erwartete ein Wunder, während mir das
-alles schon ohne mein Dazutun gegeben, einfach mit
-mir geboren ist.“ Daß es aber ohne unser Dazutun
-uns gegeben ist, dafür gibt es Beweise: alle Menschen
-begreifen oder können es begreifen, daß <em>man seinen
-Nächsten lieben muß wie sich selbst</em>.
-In diesem Wissen liegt denn auch, genau genommen,
-das ganze <em>Gesetz</em> der Menschen, wie es uns
-Christus erklärt hat. Indessen ist uns diese Erkenntnis
-angeboren, folglich uns ohne unser Dazutun geschenkt,
-denn der Verstand könnte uns um keinen Preis dieses
-Wissen geben, – warum nicht? Nun ja, weil „den
-Nächsten lieben“ nach dem Verstande beurteilt – unklug
-ist.
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-<p class="noindent">
-„Woher habe ich das genommen?“ fragt sich
-Lewin. „Bin ich etwa durch den Verstand darauf
-gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll und
-nicht ihn würgen? Man hat mir das in der Kindheit
-gesagt und <em>ich habe es freudig geglaubt</em>,
-weil man mir nur gesagt hatte, was
-schon in meiner Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt?
-Der Verstand jedenfalls nicht. Der Verstand
-hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz,
-welches fordert, daß man alle, die uns an der Befriedigung
-unserer Wünsche hindern, beseitige. Dies
-ist das Ergebnis des Verstandes. Den Nächsten aber
-zu lieben konnte der Verstand nicht lehren, da das
-unklug ist.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Hierauf fällt Lewin eine Szene ein, die er kürzlich
-mit seiner Schwägerin Dolly und deren Kindern erlebt
-hatte. Die Kinder brieten Himbeeren in einer Tasse
-über einer Kerze und gossen sich die Milch im Bogen
-wie eine Fontäne aus dem Kannenschnabel
-in den Mund. Die Mutter, die sie bei dieser
-Betätigung ertappte, versuchte natürlich, ihnen klar zu
-machen, daß sie, wenn sie die Gefäße zerschlügen und
-die Milch verschütteten, dann weder ein Trinkgefäß
-noch Milch hätten. Aber die Kinder glaubten ihr offenbar
-kein Wort von dem, was sie sagte, denn „sie konnten
-sich den ganzen Umfang dessen, was sie genossen,
-gar nicht vorstellen, und infolgedessen konnten sie sich
-auch nicht denken, daß das, was sie verdarben, dasselbe
-sei, wovon sie lebten.“
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Das ist alles von selbst da,“ dachten sie, „Interessantes
-oder Wichtiges gibt es dabei nicht, weil es
-<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
-stets so war und sein wird und stets alles ein und
-dasselbe ist. Darüber brauchen wir gar nicht nachzudenken,
-denn das ist das Gegebene; wir aber wollten
-uns etwas Eigenes und ganz Neues ausdenken.
-Und so dachten wir uns denn aus, die Himbeeren
-in die Tasse zu legen und sie über dem Licht
-zu braten und uns die Milch direkt aus der Kanne
-wie eine Fontäne in den Mund zu gießen. Das
-ist lustig und neu und gewiß nicht schlechter, als aus
-Tassen zu trinken.
-</p>
-
-<p>
-„Tun wir nun nicht ganz dasselbe, tue ich es
-nicht, indem ich mit dem Verstande die Bedeutung
-der Naturkräfte und den Sinn des menschlichen Lebens
-zu erfassen trachte?“ fuhr Lewin fort zu denken.
-„Und tun denn die philosophischen Theorien etwa
-nicht alle das gleiche, indem sie auf einem seltsamen,
-dem Menschen nicht eigenen Gedankenweg
-zu der Erkenntnis dessen führen, was der Mensch
-lange schon weiß, und mit solcher Sicherheit weiß,
-daß er ohne es gar nicht leben könnte? Ist es denn
-nicht aus der Entwicklung der Theorie jedes Philosophen
-klar ersichtlich, daß er schon im voraus ebenso
-sicher wie jener Bauer und auch nicht im geringsten
-klarer als jener den Hauptsinn des Lebens
-kennt, und nur auf einem unzuverlässigen Verstandeswege
-zu dem zurückkehren will, was allen bekannt
-ist?
-</p>
-
-<p>
-Nun, wie, wenn man die Kinder allein ließe,
-wenn sie alles selbst machen müßten, Tassen und
-Kannen, dazu Kühe melken usw. – würden sie dann
-Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben.
-<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
-Nun, so versuche man doch einmal, uns mit allen
-unseren Leidenschaften, unseren Gedanken allein zu
-lassen, <em>ohne</em> Vorstellung vom einzigen Gott und
-Schöpfer! Oder ohne eine Vorstellung von dem, was
-Gut ist und was Böse, ohne sittlichen Instinkt.
-</p>
-
-<p>
-Ich möchte bloß wissen, was ohne diese Begriffe
-aufgebaut werden würde!
-</p>
-
-<p>
-Wir zerstören nur, weil wir geistig satt sind.
-Eben wie die Kinder!“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Mit einem Wort, die Zweifel haben aufgehört und
-Lewin hat endlich den Glauben gefunden; er glaubt –
-doch an was? Das hat er noch nicht genau formuliert!
-Er stellte sich nur freudig die Frage: „Sollte das wirklich
-Glaube sein?“ Oder man muß annehmen, daß es
-nicht der Fall ist. Ja mehr noch als das: es ist sogar
-kaum anzunehmen, daß solche Leute wie Lewin überhaupt
-jemals einen endgültigen Glauben haben können.
-Lewin nennt sich zwar „Volk“, aber er ist ein
-Edelmann, ein Moskauer Landedelmann jener selben
-mittel-höheren Kreise, deren Historiker Graf L. Tolstoi
-ja vornehmlich ist.
-</p>
-
-<p>
-Der Bauer hat Lewin freilich nichts Neues gesagt,
-aber immerhin hat er ihn auf einen Gedanken gebracht,
-und mit diesem Gedanken begann sein Glaube. Schon
-daraus allein könnte Lewin ersehen, daß er durchaus
-nicht „Volk“ ist und kein Recht hat, von sich derlei zu sagen.
-Doch davon später. Ich will hier nur erwähnen,
-daß gerade diese Herren, wie z. B. Lewin, niemals vollkommen
-„Volk“ werden können, gleichviel wie lange sie
-unter dem Volk oder neben dem Volk leben, ja – in
-vieler Hinsicht werden sie es sogar überhaupt nicht
-<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
-verstehen und nie verstehen lernen. Eigendünkel und
-bloßer Wunsch – dazu noch ein so wunderlicher – genügen
-nicht, einen Menschen nun gleich zu dem zu machen,
-was er plötzlich sein will. Mag er hundertmal
-Gutsbesitzer und sogar ein arbeitender Gutsbesitzer
-sein, alle Bauernarbeit kennen, sogar zu mähen und
-einen Wagen anzuspannen verstehen und wissen, daß
-zu Scheibenhonig frische Gurken gereicht werden – in
-seiner Seele bleibt dennoch, trotz allen guten Willens,
-ein Etwas zurück, das man, wie mich deucht, einfach
-„Müßiggang“ nennen muß. Es ist das derselbe „Müßiggang“,
-sowohl in physischer wie in geistiger Beziehung,
-der Lewin, wie sehr er sich auch zusammennehmen
-wollte, doch nun einmal von seinen Vorfahren
-vererbt worden ist und den das Volk in jedem Herrn
-sieht, obschon es nicht mit unseren Augen schaut. Doch
-auch hiervon später. Was nun seinen Glauben betrifft,
-so wird er ihn wieder zerstören, wird es selber
-tun, lange wird er nicht bei uns verweilen: alsbald
-wird sich wieder irgendwo ein Haken zeigen, und seinen
-ganzen Glauben zerreißen. Z. B. Kitty stolpert
-beim Gehen – warum stolperte sie? Wenn sie stolperte,
-dann konnte sie eben nicht ohne zu stolpern gehen;
-es läßt sich genau feststellen, daß sie aus diesem und jenem
-Grunde stolpern mußte. Es ist klar, daß hierbei
-alles von Gesetzen abhing, die sich aufs genaueste feststellen
-lassen. Aber wenn dem so ist, so herrscht ja in
-allem die Wissenschaft. Wo bleibt da die Vorsehung?
-wo ist dann ihre Rolle? und wo die Verantwortung des
-Menschen? Wenn es aber keine Vorsehung gibt, wie
-kann ich dann an Gott glauben, usw. usw. Das ist
-<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
-wie eine gerade Linie, die sich in die Unendlichkeit fortsetzt.
-Mit einem Wort, dieser Lewin, diese ehrliche Seele,
-ist zugleich eine chaotisch müßige Seele <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par excellence</span>,
-anderenfalls wäre er nicht das, was er ist: ein zeitgenössischer
-Herrensohn der russischen Intelligenz und
-dazu noch aus den mittelhohen Adelskreisen.
-</p>
-
-<p>
-Eine Stunde, nachdem der neue Glauben in ihm erweckt
-ist, wird das von ihm auch schon glänzend bewiesen: er
-behauptet, das russische Volk empfinde für die Balkanslawen
-nichts von dem, was Menschen im allgemeinen
-empfinden können, er verleugnet die Seele des
-Volkes in der eigenmächtigsten Weise, ja er erklärt sogar,
-daß er selber nicht das geringste Mitleid mit den
-heimgesuchten Menschen habe. Er erklärt, daß es ein
-„unmittelbares Gefühl für die bedrückten Balkanslawen
-nicht gäbe und gar nicht geben könne“ – d. h. nicht
-nur nicht in ihm, sondern überhaupt in keinem Russen,
-denn, wie er sagt: „ich bin selber Volk!“ Fürwahr, diese
-Herren bewerten das russische Volk denn doch etwas
-gar zu niedrig! Übrigens – nach Väterart. Kaum eine
-Stunde ist seit dem Erwerb des neuen Glaubens
-vergangen, da werden schon wieder Himbeeren über
-dem Licht gebraten.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-4-6-3">
-<span class="firstline">Die Reizbarkeit der Eigenliebe</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Die Kinder kommen ihm entgegen gelaufen und berichten,
-daß Gäste eingetroffen seien. Es sind Gäste
-aus Moskau. Man setzt sich in der Nähe des Bienengartens
-unter Bäumen, Lewin bringt Scheibenhonig
-und frische Gurken herbei und die ganze Gesellschaft
-<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
-macht sich sogleich an den Honig und an die Orientfrage.
-Dies spielt nämlich im vorigen Jahr, – Sie
-wissen doch: Tschernajeff<a class="fnote" href="#footnote-33" id="fnote-33">[33]</a>, unsere Freiwilligen, die
-Spenden. Die Unterhaltung wird bald sehr lebhaft,
-denn alle streben unaufhaltsam zur Hauptsache. Die
-Gesellschaft besteht, abgesehen von den Damen, erstens
-aus den beiden Gästen: einem Moskauer Professörchen,
-einem netten, aber etwas dummen Menschen, und
-dem Stiefbruder Lewins, Ssergei Iwanowitsch Kosnyscheff,
-der uns als ein Mensch von großem Verstande
-und großem Wissen geschildert wird. Der Charakter
-Kosnyscheffs ist im Roman künstlich aufgebaut und
-wird erst zum Schluß verständlich (ein Mensch mit den
-Anschauungen der vierziger Jahre). Kosnyscheff hat
-sich in der letzten Zeit mit Eifer und Hingabe der Hilfstätigkeit
-für die Balkanslawen gewidmet und das Komitee
-hat ihm Berge von Arbeit aufgeladen, so daß
-man sich kaum vorzustellen vermag, wenn man der fieberhaften
-Tätigkeit dieser Komiteemitglieder im vorigen
-Jahre gedenkt, wie er sich überhaupt hat freimachen
-können, und dazu noch auf ganze zwei Wochen, die er
-auf dem Lande verbringen will. Freilich gäbe es anderenfalls
-auch nicht diesen Disput im Bienengarten
-und somit auch nicht den ganzen achten Teil des Romans,
-welcher nur um dieses Disputs willen geschrieben
-ist. Ja sehen Sie, dieser Kosnyscheff hatte irgendein
-gelehrtes Buch über Rußland geschrieben, das vor
-etwa zwei oder drei Monaten in Moskau erschienen
-war, und obschon er lange daran gearbeitet und große
-<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
-Hoffnungen in dieses Werk gesetzt, hatte es schmählich
-Fiasko gemacht: von der Kritik war dem Werk überhaupt
-keine Beachtung geschenkt worden. Darauf erst
-hatte Kosnyscheff sich der slawischen Tätigkeit angeschlossen,
-und das mit einem Eifer, wie ihn niemand
-von ihm erwartet hätte. Daraus folgt, daß er gewissermaßen
-nicht auf natürlichem Wege zu dieser Betätigung
-gelangt und sein ganzer Eifer für die Balkanslawen
-nur „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">ambition rentrée</span>“ ist, nichts weiter, und
-man ahnt bereits, daß Lewin im Disput mit ihm selbstverständlich
-Sieger bleiben muß. Kosnyscheff war auch
-in den früheren Teilen des Romans sehr geschickt in
-komischem Lichte dargestellt; aus dem achten Teil aber
-geht bereits klar hervor, daß er überhaupt nur zu dem
-Zweck geschaffen ist, um im Schlußkapitel als Piedestal
-zu Lewins Größe zu dienen. An sich freilich ist diese
-Gestalt dem Autor sehr gut gelungen.
-</p>
-
-<p>
-Dafür ist eine der mißlungenen Gestalten der alte
-Fürst, Lewins Schwiegervater, der gleichfalls dort unter
-den Bäumen im Bienengarten sitzt und sich an dem
-Gespräch über die Orientfrage beteiligt. Die Figur des
-alten Fürsten ist dem Autor sogar im ganzen Roman
-mißlungen, nicht nur im Schlußkapitel. Der alte Fürst
-soll einer der positiven Charaktere des Romans sein,
-selbstverständlich nicht auf Kosten des Realismus! So
-hat auch er seine Schwächen und fast sogar seine komischen
-Seiten, aber im allgemeinen ist er doch ein ehrwürdiger,
-höchst ehrwürdiger Mann. Er ist der Gutherzige
-des Romans, ist sozusagen die gesunde Vernunft –
-nicht die, die in den Stücken des achtzehnten Jahrhunderts
-wie ein gelehrter Esel redete. Da gab’s nichts
-<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
-anderes als nur Vernunft und abermals Vernunft. Der
-Fürst dagegen hat auch Humor und überhaupt menschliche
-Züge. Das Ergötzliche besteht nur darin, daß dieser
-alte Mensch die Aufgabe hat, geistreich sein zu müssen.
-Dabei hat er aber das Unglück, daß ihm nichts
-wirklich Geistreiches zu sagen gelingt. Statt dessen urteilt
-er in diesem Schlußkapitel über unser Volk und
-einen Teil unserer Gesellschaft geradezu zynisch. Der
-„Gutherzige“ entpuppt sich plötzlich als Verneiner des
-ganzen russischen Volkes wie alles dessen, was in diesem
-Volk Gutes lebt. Man hört so recht die Aufgebrachtheit
-eines alten Klubmitglieds und den greisenhaften
-Ärger. Übrigens ist seine politische Theorie
-nichts weniger als neu. Sie besteht darin, daß wir uns
-<em>nur</em> für Rußland interessieren sollten, und deshalb
-ist er der Meinung, daß die Balkanslawen uns nichts
-angehen – anderenfalls würde er von uns nicht Interesse
-<em>nur</em> für Rußland verlangen. Wir dagegen sind
-der Meinung, daß die Hilfe, die wir den Slawen
-bringen, eine Handlung im Interesse Rußlands,
-d. h. im Sinne der Bestimmung Rußlands ist.
-So besteht denn der allgemeine Charakter seiner
-Ansichten in der Engheit seiner Auffassung der
-russischen Interessen. Er sagt, er könne nicht begreifen,
-weshalb man hier in Rußland plötzlich
-die Balkanslawen so sehr liebe, während er, der Fürst,
-in seinem Herzen nicht die geringste Liebe zu ihnen verspüre.
-Auch verstehe er nicht, gegen wen denn die
-Russen in den Krieg ziehen, da doch die Regierung noch
-keiner anderen Macht den Krieg erklärt habe. Katawassoff,
-der Professor aus Moskau, sagt darauf, daß
-<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
-es Fälle geben könne, wo die Regierung den Willen des
-Volkes nicht erfüllt, und dann äußere sich die öffentliche
-Meinung eben in der Weise, wie es jetzt in Rußland
-geschehe. Hierauf heißt es von Lewin, der mit
-dem alten Fürsten übereinstimmt:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„... er wollte sagen, daß, wenn die öffentliche
-Meinung ein unfehlbarer Richter wäre, die Revolution
-und Kommune doch ebenso gesetzmäßig sein
-müßten, wie diese Bewegung zugunsten der Slawen.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Es ist sonderbar, daß dieser Lewin und der alte Fürst
-sich durch keinerlei Erwägungen in ihrem Denken aufhalten
-lassen. Doch schließlich – wer sieht denn nicht,
-daß aus dem Fürsten gekränkte Eigenliebe spricht (die
-Leute ziehen in den Krieg, ohne ihn vorher gefragt zu
-haben, ob ihm das genehm ist!) und aus Lewin seine paradoxe
-Meinung. Nicht die Wahrheit ist Lewin teuer,
-sondern das, was er sich ausgedacht hat. Übrigens
-spricht vielleicht auch aus Lewin gekränkte Eigenliebe,
-denn es ist ja kaum glaublich, was alles die Eigenliebe
-der Menschen kränken kann. Das Volk und unsere Freiwilligen
-gegen die Verleumdungen Lewins und des alten
-Fürsten zu verteidigen, hat meines Erachtens keinen Sinn,
-ja es wäre für die Verteidigten sogar erniedrigend.
-Wenn Lewin zur Erklärung der Tatsache, daß Hunderte
-von Freiwilligen aus Rußland hinziehen, um mit den
-Balkanslawen gegen die Türken zu kämpfen, ohne weiteres
-sagt, daß „in einem Volke von achtzig Millionen
-sich immer nicht nur Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende
-von Menschen finden werden, die ihre gesellschaftliche
-<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
-Stellung eingebüßt haben, Tausende von
-Müßiggängern, die stets bereit sind, sich der Räuberbande
-eines Pugatschoff<a class="fnote" href="#footnote-34" id="fnote-34">[34]</a> anzuschließen oder nach China
-oder Serbien zu gehen“ – so können wir nur darauf
-hinweisen, daß die Freiwilligen nicht heimlich aufbrachen.
-Alle haben sie gesehen und ihnen das Geleit gegeben
-und es war manch ein bekannter Name unter
-ihnen. Gewiß wird es neben der größten Aufopferung
-auch Leute gegeben haben, die einfach aus Abenteuerlust,
-aus Ruhmsucht oder aus anderen Gründen hinzogen.
-Aber noch weiß man nicht, wie viele auch von
-diesen Abenteuerlustigen ihr Leben dort hingegeben haben.
-Doch die Behauptung, daß unsere Freiwilligen
-vom vorigen Jahr <em>alle</em> nur Müßiggänger und verlorene
-Leute gewesen seien, hat zum mindesten keinen
-Sinn, denn wie gesagt, wir haben Hunderte von ihnen
-gekannt. Was nun die Spenden betrifft, die selbst
-von den ärmsten Leuten aus dem Volk für die bedrängten
-und mißhandelten Glaubensbrüder dargebracht
-wurden, so behauptet der Fürst, daß das „Volk“ überhaupt
-nicht wisse, worum es sich dabei handelt. Er
-sagt:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„... der Geistliche war verpflichtet, am Sonntag
-die ganze Geschichte in der Kirche zu verlesen. Nun
-und das tat er denn auch. Das Volk aber verstand
-davon nichts, es seufzte hin und wieder, wie es bei
-jeder Predigt seufzt. Darauf sagte der Priester, daß
-man in der Kirche zu einem heiligen Zweck sammle,
-<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
-und da holten sie jeder eine Kopeke hervor und gaben
-sie, wozu aber, das wußten sie selbst nicht.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Diese Behauptung, die sich über alle Beweise einfach
-hinwegsetzt, ist als Äußerung gerade des Fürsten
-unschwer zu erklären. Sie stammt von einem der
-früheren Volksvormunde, dem ehemaligen Herrn leibeigener
-Bauern, der, so gut er auch immer sein mag,
-für seine Sklaven doch nichts anderes als Verachtung
-empfinden kann, während er sich selbst unvergleichlich
-klüger dünkt als sie. Und diese Leibeigenen sollten
-irgend etwas eben so gut verstehen wie er? – Das ist
-ausgeschlossen!
-</p>
-
-<p>
-„Sie haben geseufzt, wie bei jeder Predigt, aber
-verstanden haben sie nichts!“ – Davon ist er überzeugt.
-Denselben Gedanken äußert auch Lewin, und auf
-eine gereizte Entgegnung Kosnyscheffs, daß mit den
-dargebrachten Spenden bereits das ganze Volk seinen
-Willen äußere, erwidert er:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Das Wort ‚Volk‘ ist so unbestimmt. Ja, die Bezirksschreiber
-und die Volksschullehrer, und von den
-Bauern einer von Tausend, die wissen vielleicht, um
-was es sich handelt. Die übrigen achtzig Millionen äußern
-weder ihren Willen, noch haben sie überhaupt
-einen Begriff davon, in welcher Angelegenheit sie
-ihren Willen äußern sollten. Welches Recht haben
-wir nun da, von einem Volkswillen zu sprechen?“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Übrigens sei hier ein für allemal bemerkt, daß
-der Ausdruck „Wille des Volkes“ für die Bewegung
-im Volk, die wir im vorigen Jahre erlebten, durchaus
-nicht zutreffend ist. Es war nicht der „Wille“ des Volkes
-als solcher, der sich kund tat, sondern es zeigte sich
-<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
-nur sein großes Mitgefühl, sein christlicher Geist und
-schließlich sein Bedürfnis, gewissermaßen Buße zu tun
-– ja, so könnte man es tatsächlich nennen. Doch zunächst
-will ich zu erklären versuchen, wie es möglich
-war, daß das Volk, das weder Geographie noch Geschichte
-gelernt hat, dennoch <em>bewußt</em> an der Bewegung
-für die bedrängten Balkanslawen teilnahm.
-</p>
-
-<p>
-So lange das russische Volk besteht, d. h. schon
-seit seiner Bekehrung zum Christentum, sind immer
-Pilger aus Rußland nach Palästina, zum Heiligen
-Grabe, oder nach Athos gewandert. Die Erzählungen
-dieser Pilger von dem Erlebten und Gesehenen sind
-im Volk, wie alle Erzählungen vom „Göttlichen“, ungemein
-beliebt; man hört fast andächtig zu und behält
-das Gehörte beinahe Wort für Wort. Diese Erzählungen
-haben sich im Volk durch Generationen vererbt
-und verbreitet. Deshalb wissen denn selbst unsere
-Bauern auf dem Felde, auch wenn sie nie etwas von
-Serben, Bulgaren oder Montenegrinern gehört haben,
-doch ganz genau und schon seit Jahrhunderten, daß
-die heiligen Stätten und die christliche Bevölkerung
-jener Gegenden von den heidnischen Türken erobert
-worden sind, und daß diese Bevölkerung unter dem
-Joch der Ungläubigen ein schweres Leben hat. Das
-wissen sie nicht nur, sondern es schmerzt sie auch aufrichtig.
-Denn in seinem Herzen hat sich das russische
-Volk immer zu den heiligen Stätten hingezogen gefühlt
-und in der Wallfahrt, wenn nicht nach Jerusalem,
-dann zu einem unserer russischen Klöster, eine
-gute Tat, etwas Seelenrettendes gesehen. Übrigens
-möchte ich bemerken, daß ich, indem ich von diesem
-<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
-historischen Zug des russischen Volkscharakters rede,
-ihn weder gutheiße, noch tadele, sondern nur eine Tatsache
-feststelle, mit der man sich vieles erklären kann.
-Was sollen wir denn tun, wenn wir nun einmal diesen
-historischen Zug haben! Ich weiß nicht, wohin er
-uns führen wird, aber es ist doch möglich, daß er uns
-zu etwas führt. Im Leben der Völker bildet sich das
-Wichtige immer entsprechend den wichtigsten nationalen
-Sondereigenheiten aus. Vorläufig hat z. B. der
-obenerwähnte Charakterzug unseres Volkes nur sein
-bewußt nationales Verhalten zu <em>jedem</em> Kriege Rußlands
-mit dem Sultan zur Folge gehabt. Was jedoch
-den gegenwärtigen Krieg betrifft, so scheint noch der
-Zeitpunkt von besonderer Bedeutung für die Volksbewegung
-des vorigen Jahres gewesen zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Es ist verhältnismäßig schon ziemlich lange her,
-schon sechzehn Jahre, daß die Leibeigenschaft bei uns
-aufgehoben wurde. Es verging seitdem ein Jahr ums
-andere, doch – in welcher Verfassung sah sich das
-Volk, wie äußerte sich sein Dank für den Gnadenakt
-des Zaren? Es sah zunehmende Trunksucht, sah unter
-seinen Standesgenossen gewissenlose Ausbeuter sich
-vermehren, sah ringsum Armut, sah sich selbst oft bis
-zum Tierischen gesunken – viele, oh, viele werden
-bei diesem Anblick schon Reue und Kummer empfunden
-haben und das Verlangen nach Buße. Im Schmerz
-der Selbstverurteilung begann ein Suchen nach dem
-Guten, Heiligen ... Und da hörten sie plötzlich von
-Christen, die um ihres Glaubens willen gemartert werden,
-die lieber ihr Leben hingeben, als daß sie zum
-Islam übertreten, obwohl sie dafür belohnt werden sollten.
-<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
-Diesen ersten Gerüchten von den Vorgängen am
-Balkan folgten die Aufrufe ans Volk, den Bedrängten
-zu helfen, es wurden Spenden gesammelt; dann
-sprach man von einem russischen General, der den
-Christen in ihren Kämpfen gegen die Ungläubigen beistand,
-dann begannen Freiwillige aus Rußland hinzuziehen
-– alles das erschütterte das Volk. Es war
-wie ein Aufruf, Buße zu tun. Und da sahen und erlebten
-wir es: wer aus dem Volk nicht als Freiwilliger
-hingehen konnte, der steuerte wenigstens ein Scherflein
-bei; die Freiwilligen aber wurden von allen begleitet,
-ganz Rußland gab ihnen das Geleit.
-</p>
-
-<p>
-Der alte Fürst hatte freilich in Karlsbad von all
-dem nichts gesehen, und als er dann gerade während
-der Hochflut der Bewegung zurückkehrte, verstand er
-von ihr so wenig, daß er über sie nur spötteln konnte.
-Doch was konnte dieser Greis, dessen Anschauungen
-aus dem Klub stammen, von Rußland oder dem russischen
-Bauern überhaupt verstehen? Der kluge Lewin
-hätte freilich mehr verstehen können als der alte
-Fürst, doch ihn machte die Erwägung stutzig, daß das
-Volk ja weder Geschichte noch Geographie kennt,
-und überdies kränkte es ihn, daß sich dabei niemand
-um ihn und seine Meinung kümmerte. Freilich weiß
-unser Volk nichts von Geschichte und Geographie, doch
-das, worauf es ankommt, das weiß es. Allerdings
-könnte man dem Volk inbetreff seiner alten historischen
-Neigung zu Buße und Wallfahrt eine Menge
-sehr kluger und vernünftiger Dinge sagen, z. B., daß
-seine Wallfahrten nur eine sehr enge und einseitige
-Auffassung seiner Pflicht seien, und daß es besser täte,
-<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
-wenn es vom Trinken ließe und seine Habe vermehrte
-und somit etwas dazu beitrüge, daß sein Vaterland
-endlich den „aufgeklärten europäischen Staaten“ zu
-gleichen anfange. Man könnte dem Pilger vorhalten,
-daß Gott seine Wallfahrt durchaus nicht brauche, und
-zwar hauptsächlich deshalb nicht, weil sie weder ihm,
-dem Pilger, noch seiner Familie Nutzen bringe, ja,
-daß seine Wallfahrt sogar direkt schädlich sei, weil
-er auf lange Zeit sein Haus und seine Heimat
-um eines im Grunde egoistischen Zweckes willen verlassen
-müsse, nämlich um seine Seele zu retten, während
-es Gott unvergleichlich angenehmer wäre, wenn er dieselbe
-Zeit in seinem Gemüsegarten zubrächte oder
-Kälber hütete. Wie gesagt, es läßt sich sehr viel Vernünftiges
-gegen das Wallfahren vorbringen, aber
-– was soll man denn tun, wenn unser Volk
-so geartet ist, daß das Suchen des Guten in ihm <em>fast
-ausschließlich diese Form</em> angenommen
-hat, d. h. die Form des Bußetuns, mittels einer Wallfahrt
-oder eines Opfers? Jedenfalls könnte der kluge
-Lewin in Erwartung der „Aufklärung“ wenigstens
-diesen historischen Charakterzug dem Volk anrechnen.
-Er könnte sich doch sagen, daß viele Freiwillige und
-viele von denen, die sie begleiteten, einer guten Regung
-folgten und in ihrer Handlungsweise eine gute
-Tat sahen (das steht ganz außer Frage!), folglich aber
-waren es doch nicht „verlorene Leute“, sondern vielleicht
-sogar die besten aus dem Volk, und viele, sehr
-viele von ihnen werden diese Tat in der Tiefe ihres
-Herzens eben als Buße und Sühne empfunden haben.
-Und vor seinem Zaren fühlte sich deshalb keiner schuldig,
-<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
-im Gegenteil, er hoffte und wartete darauf, daß
-sein Zarbefreier auch in dieser Frage als Befreier eingreifen
-werde, wir aber, die wir in unseren Winkeln
-saßen, wir freuten uns, daß das große russische Volk
-unsere Hoffnung und unser großes ihm gehörendes
-Vertrauen rechtfertigte. So dürfte denn wohl nichts
-so mangelhaft sein, wie der Vergleich dieser guten,
-opferwilligen Bewegung mit der Bande Pugatschoffs,
-der Kommune usw.! Das konnte wahrlich nur der gereizte
-Hypochonder Lewin sagen! Da sieht man, wozu
-empfindliche Eigenliebe führen kann!
-</p>
-
-<p>
-Doch seine Gereiztheit geht noch weiter, er erklärt
-sogar unumwunden, daß ein unmittelbares Gefühl
-für die Unterdrückung der Slawen nicht vorhanden
-sei und auch gar nicht sein könne. Auf die Entgegnung
-Kosnyscheffs, daß es doch wohl nur für ihn
-nicht vorhanden sei, antwortet er:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Vielleicht, aber ich sehe das nicht; ich bin selbst
-Volk und fühle es doch nicht.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Er hat also kein Mitgefühl mit den Mißhandelten?
-Übrigens wird der Streit zwischen Lewin und
-Kosnyscheff in einer Weise geführt, die von der Frage
-abweicht. Kosnyscheff sagt:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„... Stelle dir vor, du gehst auf der Straße und
-siehst, daß Trunkene ein Weib oder ein Kind schlagen.
-Ich denke, da würdest du nicht erst fragen, ob
-jenen Betrunkenen der Krieg von der Regierung
-deines Landes erklärt ist oder nicht, sondern würdest
-hineilen, und die Bedrängten verteidigen.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-„Aber doch deshalb nicht töten.“
-</p>
-
-<p>
-„Doch, du würdest töten,“ sagt Kosnyscheff, und
-<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
-sagt damit natürlich etwas Unhaltbares, denn um ein
-Weib auf der Straße vor Betrunkenen zu beschützen,
-braucht man doch wahrlich noch nicht zu töten. Aber
-sie wissen es ja auch, daß es sich in dieser Frage nicht
-um eine zufällige Rauferei auf der Straße handelt,
-sondern um ein systematisches Niedermetzeln, um raffinierte
-Folterungen. Und auf eben jene Behauptung
-Kosnyscheffs entgegnet Lewin:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe,
-würde ich mich meinem unmittelbaren Gefühl hingeben,
-im voraus aber kann ich es nicht sagen. Ein
-solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung
-der Slawen ist jedoch nicht vorhanden, und kann es
-auch gar nicht sein.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Das ist psychologisch nicht uninteressant. Es gibt
-ja gewiß auch absolut gefühllose Menschen, die einfach
-roh oder entartet sind; nur gehört Lewin zweifellos
-nicht zu diesen, im Gegenteil, er ist sogar ein
-sehr gefühlvoller Mensch. Deshalb fragt es sich, ob
-nicht bei gewissen, des Mitgefühls sogar sehr fähigen
-Menschen die – Entfernung von psychologischer Bedeutung
-sein kann. Vielleicht versagt ihr Mitgefühl, wenn
-es heißt: „Die Greueltaten sind ja allerdings unerhört,
-man reißt lebenden Menschen die Haut ab, wirft
-Kinder vor den Augen der Mütter in die Luft und
-fängt sie mit dem Bajonett auf, vergewaltigt Frauen,
-schneidet ihnen die Brüste ab, sticht Kindern die Augen
-aus und setzt sie auf einen Spieß – aber das geschieht
-da irgendwo weit, irgendwo dort auf der anderen
-Hälfte des Erdballs. Und da das so weit ist,
-empfinde ich eben kein Mitgefühl!“ Wenn nun die
-<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
-Entfernung solchermaßen auf das Mitempfinden einwirkt,
-so muß man sich unwillkürlich fragen: bis zu
-welcher Entfernung reicht denn eigentlich die Menschenliebe?
-</p>
-
-<p>
-Doch Lewin ist, wie gesagt, zweifellos ein gefühlvoller
-Mensch, und obschon er für die Slawen kein
-Mitgefühl hat, geht seine Menschenliebe doch so weit,
-daß er einen ... Türken nicht töten könnte. Stellen
-wir uns einmal eine solche Szene vor: Lewin steht, mit
-dem Gewehr in der Hand und aufgepflanztem Bajonett
-– zwei Schritt von ihm steht ein Türke mit einem
-Säugling im Arm, dem er mit einer Nadel die Augen
-auszustechen sich anschickt. Die siebenjährige Schwester
-des kleinen Opfers schreit wie wahnsinnig und sucht
-mit aller Gewalt dem Türken ihr Brüderchen zu entreißen.
-Lewin aber steht nachdenklich und unentschlossen
-da und spricht zu sich selbst:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich empfinde
-nichts. Ich bin selbst Volk. Ein unmittelbares Gefühl
-für die Unterdrückung der Slawen ist nicht vorhanden
-und kann es auch gar nicht sein.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-In der Tat, was würde er in dem Fall tun – nach
-allem, was er gesagt hat? Sollte er wirklich nicht das
-Kind befreien? Sollte er ihm wirklich die Augen ausstechen
-lassen und es nicht sofort dem Türken entreißen?
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Entreißen ist leicht gesagt, aber da wird man
-den Türken vielleicht – stoßen müssen?“
-</p>
-
-<p>
-„Nun, so stoße ihn!“
-</p>
-
-<p>
-„Stoße ihn! Aber wenn er mir das Kind nicht
-<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
-geben will und den Säbel zieht? Da wird man ihn
-womöglich totschlagen müssen?“
-</p>
-
-<p>
-„Nun, so schlag’ ihn tot!“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, wie darf man denn das! Nein, totschlagen
-darf man den Türken nicht. Dann mag er schon
-lieber dem Kinde die Augen ausstechen und es umbringen.
-Ich gehe zu Kitty.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Das wäre Lewins folgerichtige Handlungsweise. Er
-sagt doch, daß er <em>nicht wisse</em>, ob er dem Weibe
-oder dem Kinde helfen würde, wenn er dabei einen
-Türken töten müßte. Die Türken tun ihm eben gar so
-leid.
-</p>
-
-<p>
-„Vor zwanzig Jahren hätte die Presse noch geschwiegen,“
-sagt Kosnyscheff, „jetzt aber wird die
-Stimme des russischen Volkes gehört, das bereit ist,
-sich zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich zu opfern
-für die bedrängten Mitbrüder; das ist ein großer und
-wichtiger Schritt und ein Beweis von Kraft.“
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Aber hier handelt es sich doch nicht nur darum,
-sich zu opfern, sondern darum, die Türken zu erschlagen,“
-sagte Lewin vorsichtig. „Das Volk opfert und
-ist jederzeit bereit, für seine Seele zu opfern, nicht
-aber für den Totschlag ...“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Also mit anderen Worten: „Liebes Mädchen, hier
-ist Geld, nimm es, wir opfern es für unsere Seelen,
-aber deinem Brüderchen laß vom Türken die Augen
-ausstechen. Denn das geht doch nicht, daß wir den
-Türken totschlagen ...“
-</p>
-
-<p>
-Und darauf schreibt der Autor ganz persönlich und
-von sich aus über Lewin:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="noindent">
-„Er konnte sich nicht damit einverstanden erklären,
-<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
-daß eine Handvoll Menschen, unter ihnen auch
-sein Stiefbruder, das Recht haben sollten, auf
-Grund dessen, was ihnen die Hunderte der durch die
-Hauptstädte reisenden schönredenden Freiwilligen
-erzählt hatten, zu sagen, sie und die Presse drückten
-den Willen und das Empfinden des Volkes aus,
-und dabei war das ein Wille, der <em>Rache</em> und
-<em>Totschlag</em> verlangte.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Das entspricht nicht der Wahrheit: von einem Verlangen
-nach <em>Rache</em> kann überhaupt nicht die Rede
-sein. Auch jetzt, wo wir mit diesem blutdürstigen Volk
-Krieg führen, hört man über das Verhalten der Russen
-zu ihren Feinden nur Dinge, die Beweise der größten
-Menschlichkeit sind. Ja, man kann dreist behaupten,
-daß wenige der europäischen Armeen mit einem solchen
-Feinde so umgehen würden, wie es jetzt unsere Armee
-tut. Zwei oder drei unserer großen Tageszeitungen haben
-denn auch schon die Frage erörtert, ob es nicht ratsam
-wäre, die unerhörten Grausamkeiten der Türken
-zu vergelten: dieses Abschneiden der Nasen und anderer
-Glieder der Verwundeten und Gefangenen, bevor
-sie getötet werden. Man sollte meinen, daß
-mit dieser gesunkenen und verlogenen Nation kein
-anderes Volk noch menschlich umgehen könne, doch
-bin auch ich dafür, daß man von irgendwelchen
-Gegenmaßnahmen Abstand nimmt. Daß jedoch
-Kindern die Augen ausgestochen werden, das dürfen
-wir nicht zulassen, und um ein für allemal die
-Möglichkeit zu solchen Schändlichkeiten zu beseitigen,
-muß man die Verfolgten befreien, dem Verfolger aber
-auf immer die Waffe entreißen. Das aber ist nur möglich
-<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
-durch den Kampf. Kampf jedoch ist nicht Rache, und
-Lewin braucht deshalb für die Türken nichts zu befürchten.
-Auch im vorigen Jahr, noch vor der Kriegserklärung,
-als nur unsere Freiwilligen hinzogen, hätte
-er in der Beziehung ruhig sein können. Oder kennt er
-denn nicht den Russen und den russischen Soldaten?
-Freilich wird unser Soldat den Feind im Kampf töten,
-aber mit dem gefangenen Türken hat man ihn
-schon oft seine schmale Soldatenkost teilen gesehen.
-Und ich versichere, jeder Soldat, der das tat, wußte
-nur zu gut, daß dieser selbe Türke ihm, dem Russen,
-wenn er in türkische Gefangenschaft geraten wäre, den
-Kopf abgeschnitten, daraus mit anderen Köpfen einen
-Halbmond zusammengestellt hätte, und in der Mitte
-– einen Stern aus anderen Körperteilen. Außerdem
-könnte Lewin sich sagen, daß dieser russische Soldat,
-der den Türken im Kampf erschlägt, doch auch sein
-eigenes Leben einsetzt, daß er ebensogut vom Türken
-erschlagen werden kann und vielleicht auch wird, vorher
-aber noch Mühe und Pein und vor dem Tode womöglich
-Folterqualen auszustehen hat. Um der „Rache“,
-um des „Totschlags“ willen habe sich das russische
-Volk erhoben? Hat man jemals gehört, daß die
-Verteidigung von Kindern und Frauen, die aufgespießt,
-die vergewaltigt werden und die in der ganzen
-Welt keinen Beschützer haben – für eine rohe Tat,
-für lächerlich, fast für unsittlich, für Rachelust und
-Blutdurst gehalten worden ist? Und was ist das für
-eine Gefühllosigkeit neben größter Sentimentalität!
-Dieser Lewin hat doch auch ein Kind und er liebt doch
-seinen kleinen Knaben; wenn dieser in der Wanne
-<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
-gebadet wird, ist es doch fürs ganze Haus ein Ereignis.
-Blutet ihm denn da nicht das Herz, wenn er liest,
-daß sich unter den Baschibosucken Spezialisten herausgebildet
-haben, die ein Kind, das sie an den Beinchen
-packen, mit einem Ruck in zwei Hälften zerreißen können,
-oder von den toten Kindern neben den Leichen
-ihrer erschlagenen Mütter liest, denen die Brüste abgeschnitten
-sind? Doch dieser Lewin, der das liest, denkt
-bei sich vermutlich:
-</p>
-
-<p>
-„Kitty ist gesund und hat mit Appetit gegessen;
-der Kleine wurde gebadet und er fängt schon an, mich
-zu erkennen. Was geht es mich an, was sich dort irgendwo
-fern von hier bei den Balkanslawen zuträgt;
-<em>ein unmittelbares Gefühl für die Mißhandlung
-der Slawen ist nicht vorhanden
-und kann es auch gar nicht sein</em> –
-denn <em>ich</em> empfinde <em>nichts</em>.“
-</p>
-
-<p>
-Schließt damit Lewin seine Epopöe? Und ihn will
-uns der Autor als Beispiel eines rechtschaffenen und ehrlichen
-Menschen hinstellen?
-</p>
-
-<p>
-Solche Menschen, wie der Autor der „Anna Karenina“,
-sind Erzieher der Gesellschaft, sind unsere Lehrer
-und wir sind ihre Schüler. Was aber lehren sie uns
-nun eigentlich?
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="part" id="part-5">
-<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
-<span class="firstline">Zweiter Teil.</span><br />
-Der russische Nihilismus
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-1">
-<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
-<span class="firstline">Das Milieu</span><br />
-(1873)
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ir</span> scheint, daß das vorherrschende Gefühl aller
-Richter der Welt, der unseren aber im besonderen, das
-Gefühl der Macht sein muß, oder besser gesagt, der
-Eigenmacht. Um so bemerkenswerter ist es, daß sie
-heutzutage bei uns nie verurteilen, sondern ausnahmslos
-freisprechen. Freilich ist auch das ein Beweis ihrer
-Macht, sogar der Beweis eines übermäßigen Gebrauches
-ihrer Macht, jedoch nur in einer, weiß Gott,
-sentimentalen Richtung, die aber leider von allen
-eingehalten wird. Das ist eben das Auffallende,
-daß die Manie, um jeden Preis freizusprechen, nicht
-nur die Bauern unter den Geschworenen, die gestern
-noch Leibeigene waren, ergriffen hat, sondern sogar
-die Geschworenen aus den höchsten Ständen, selbst
-Edelleute und Universitätsprofessoren. Gerade diese Allgemeinheit
-der Manie kann einen auf seltsame Gedanken
-bringen.
-</p>
-
-<p>
-Viele erklären sich das damit, daß es ihnen leid
-täte, ein fremdes Menschenleben zu vernichten. Das
-russische Volk sei mitleidig, sagen sie.
-</p>
-
-<p>
-Sonderbar, ich habe immer geglaubt, daß zum
-Beispiel das englische Volk auch Mitleid empfindet,
-und wenn in ihm auch nicht diese, sagen wir, Weichherzigkeit
-zu finden ist, so hat es doch jedenfalls auch
-seine Menschenliebe. Das Bewußtsein und das Gefühl
-der christlichen Pflicht ist bei den Engländern in hohem
-<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
-Maße vorhanden, ist bis zur festen und selbständigen
-Überzeugung ausgebildet, vielleicht sogar ausgesprochener
-als bei uns, wenn man ihre alte Bildung und Selbständigkeit
-in Betracht zieht. Dort ist den Geschworenen
-die Macht doch nicht so wie den unsrigen plötzlich
-vom Himmel in den Schoß gefallen. Auch haben sie das
-ganze Geschworenengericht selbst geschaffen, haben
-es von niemandem entlehnt, sondern aus dem eigenen
-Leben in Jahrhunderten ausgearbeitet. Deshalb weiß
-dort jeder Geschworene, daß er, sobald er seinen Platz
-im Gerichtssaal eingenommen hat, nicht nur ein gefühlvoller
-Mensch mit einem guten Herzen ist, sondern in erster
-Linie Staatsbürger. Er ist sogar der Meinung (ob
-er recht hat, ist eine andere Frage), daß die Erfüllung
-einer Bürgerpflicht wertvoller ist als die christliche
-Herzenstat eines Menschen. Der englische Geschworene
-weiß, daß er im Gerichtssaal aufhört, eine Privatperson
-zu sein, daß er dort nur der Vertreter der
-öffentlichen Meinung seines Landes ist und die Fahne
-Englands hochzuhalten hat. Die Fähigkeit, ein Staatsbürger
-zu sein, ist doch nichts anderes, als die Fähigkeit,
-in sich den Vertreter seines ganzen Landes zu sehen.
-Auch in England kennt man Nachsicht im Urteil,
-auch dort berücksichtigt man das „zersetzende Milieu“
-(das bei uns jetzt so beliebte Schlagwort), aber es geschieht
-das doch nur bis zu einer gewissen Grenze, nur
-soweit es die gesunde Vernunft des Landes zuläßt.
-Deshalb wird im alten England das Laster nicht Tugend
-genannt, sondern bleibt Laster und das Verbrechen
-– Verbrechen, und die sittliche Grundlage des
-Landes bleibt deshalb nicht minder fest bestehen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
-Hier höre ich eine Stimme einwenden: „Aber woher
-soll es denn auch bei uns Bürger geben? bedenken
-Sie doch nur, was wir noch gestern waren! Unsere Bürgerrechte
-(und dazu noch was für welche!), die haben
-uns doch, unvorbereitet wie wir waren, einfach überfallen
-und ruhen nun auf uns wie eine Last, die uns fast
-erdrückt!“
-</p>
-
-<p>
-„Freilich, in Ihrer Bemerkung liegt schon etwas
-Wahres, aber andererseits, das russische Volk ...“
-</p>
-
-<p>
-„Das russische Volk?“ unterbricht mich eine andere
-Stimme. „Aber, erlauben Sie, wer kennt von uns
-denn das russische Volk? Ich glaube, daß hier nicht
-nur Weichherzigkeit freispricht, sondern das Grauen
-vor der Macht selbst! Diese plötzliche furchtbare Macht
-über ein Menschenschicksal hat uns erschreckt, und bevor
-wir uns zu Ihren englischen Bürgern ausbilden,
-sprechen wir eben vorläufig frei. Aus Angst sprechen
-wir frei. Unsere Geschworenen denken vielleicht bei
-sich: ‚Sind wir denn besser als der Angeklagte? Wir
-sind reich und sichergestellt, aber wenn wir in seiner
-Lage gewesen wären, wer weiß, ob wir nicht noch
-Schlimmeres getan hätten als er?‘ – und deshalb
-sprechen sie frei. Aber das ist vielleicht doch ein Wert,
-vielleicht ein Unterpfand eines höheren Christentums
-der Zukunft, eines geistigen Ausdrucks, wie die Welt
-bisher noch keinen ähnlichen gekannt hat!“
-</p>
-
-<p>
-Dieser Gedanke wäre allerdings beruhigend, aber
-... weshalb hat denn unser Volk dieses Grauen vor
-der Macht? Spricht es frei, weil es sich vor dem Mitleid
-mit dem Verurteilten, vor dem Schmerz des Mitleids
-fürchtet? – Nun, so nehme man doch den
-<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
-Schmerz auf sich. Die Wahrheit steht höher als Mitleid.
-</p>
-
-<p>
-Allerdings, wenn wir uns mitunter wirklich selbst
-für schlechter halten als den Verbrecher, so geben wir
-doch damit zu, daß wir zur Hälfte an seinem Verbrechen
-mit schuld sind. Denn wir sagen uns, wenn wir
-selbst besser wären, so würde auch er besser sein und
-jetzt nicht als Angeklagter vor uns stehen ...
-</p>
-
-<p>
-Aber muß man ihn deshalb freisprechen?
-</p>
-
-<p>
-Nein, im Gegenteil: gerade deshalb muß man die
-Wahrheit aussprechen und das Böse – das Böse nennen,
-doch die Hälfte der Last des Urteils auf sich nehmen.
-Wir müssen den Gerichtssaal mit dem Gedanken
-betreten, daß auch uns Schuld trifft, und eben dieser
-Schmerz des Mitleids, den jetzt alle so fürchten und
-mit dem wir den Saal nach einer Verurteilung verlassen,
-wird unsere Strafe sein. Wenn dieser Schmerz
-echt und tief ist, so wird er uns besser machen, und
-nur wenn wir selbst besser werden, machen wir das
-Milieu besser. Das ist es ja, daß man überhaupt nur
-auf diese Weise das Milieu verbessern kann. Aber so
-aus Angst vor dem eigenen Mitgefühl freisprechen –
-das ist nicht schwer, nur käme man auf diesem Wege
-bald zu der Folgerung, daß es Verbrechen überhaupt
-nicht gebe, sondern an allem bloß das Milieu schuld
-sei, und schließlich – wenn wir folgerichtig weitergehen
-–, daß Verbrechen sogar Pflicht sei, oder doch ein
-edler Protest gegen die herrschende Ungerechtigkeit. Dazu
-führt die Lehre vom Milieu, im Gegensatz zur christlichen
-Lehre, die, obgleich sie den Einfluß des Milieus
-durchaus anerkennt und Barmherzigkeit predigt, dennoch
-<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
-den Kampf gegen das Milieu als sittliche Pflicht
-des Menschen aufstellt und dabei scharf abgrenzt, wo
-das Milieu aufhört und die Pflicht anfängt.
-</p>
-
-<p>
-Indem das Christentum den Menschen verantwortlich
-macht, erkennt es seine Freiheit an. Wenn man
-den Menschen von jedem Fehler der gesellschaftlichen
-Einrichtung für abhängig erklärt, wie es die Lehre
-vom Milieu tut, so führt man den Menschen zur vollständigen
-Unpersönlichkeit und entbindet ihn von jeder
-persönlichen sittlichen Pflicht, von jeder Selbständigkeit,
-und bringt ihn somit in die größte Knechtschaft,
-die man sich nur denken kann.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, aber,“ höre ich jemandes ironische Stimme
-einwenden, „glauben Sie denn, daß diese freisprechenden
-zwölf Geschworenen, die mitunter ausnahmslos
-Bauern sind, auch nur eine Ahnung von Ihrer neuesten
-Milieutheorie haben, die Sie ihnen da unterschieben?“
-</p>
-
-<p>
-„Hm, ja ... freilich, wie sollten sie dazu kommen,
-d. h. alle die Vielen ... Aber Ideen ... Ideen liegen
-doch in der Luft, Ideen sind doch ansteckend ...“
-</p>
-
-<p>
-„Na, das fehlte noch!“ lacht die ironische Stimme.
-</p>
-
-<p>
-„Aber wie ... wenn gerade unser Volk ganz besonders
-zur Lehre vom Milieu neigte, schon seinem
-Wesen nach, sagen wir meinetwegen infolge seiner slawischen
-Veranlagung? Wie, wenn gerade unser Volk
-das beste Material für gewisse europäische Propaganda
-wäre?“
-</p>
-
-<p>
-Die höhnische Stimme lacht noch lauter, aber das
-Lachen klingt etwas gezwungen.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
-Nein, es scheint mir doch, daß es sich hier vorläufig
-nicht um eine „Philosophie des Milieus“ handelt.
-</p>
-
-<p>
-Es ist wahr, schon seit Jahrhunderten nennt unser
-Volk die Verurteilten „Unglückliche“. Was will
-es damit ausdrücken? – die christliche Auffassung oder
-die Auffassung des Milieus? Hier liegt der springende
-Punkt, gerade hier konnte die Propaganda mit Erfolg
-einsetzen!
-</p>
-
-<p>
-Es gibt unausgesprochene, unbewußte und nur intensiv
-gefühlte Ideen, die mit der Menschenseele gleichsam
-verwachsen sind. Sie existieren sowohl im
-einzelnen Volk, wie in der ganzen Menschheit. Solange
-diese Ideen noch unbewußt dem Volksleben zugrunde
-liegen und erst nur stark und sicher empfunden werden,
-nur so lange kann das Volk ein starkes und lebendiges
-Leben führen. Im Bestreben, diese in sich verborgenen
-Ideen zum Ausdruck zu bringen, liegt die ganze Energie
-seines Lebens. Je unerschütterlicher das Volk seine
-Idee bewahrt, je weniger es fähig ist, von seinem
-anfänglichen Gefühl abzuweichen, je weniger es geneigt
-ist, sich falschen Deutungen dieser Idee hinzugeben,
-um so kraftvoller und glücklicher wird es sein.
-</p>
-
-<p>
-Ein Teil der Idee des russischen Volkes kommt
-nun zweifellos in der Tatsache zum Ausdruck, daß es
-die Verbrecher „Unglückliche“ nennt. Kein europäisches
-Volk hat je etwas Ähnliches geäußert, erst jetzt beginnen
-in Europa einzelne Philosophen für diese Auffassung
-einzutreten; unser Volk aber hat sie schon vor
-Jahrhunderten ausgesprochen. Doch daraus folgt noch
-nicht, daß es nicht durch eine falsche Auslegung dieser
-Idee irregeführt werden könnte, wenigstens zeitweilig.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
-Meiner Ansicht nach will das russische Volk mit
-der Bezeichnung „Unglückliche“ den Verbrechern sagen:
-„Ihr habt gesündigt und büßt dafür, aber auch
-wir sind Sünder. Wären wir besser, so würdet ihr vielleicht
-nicht in den Gefängnissen sitzen. Mit der Strafe
-für eure Verbrechen tragt ihr auch die Last der allgemeinen
-Ungerechtigkeit. Betet für uns, wie wir für
-euch beten, und nehmt unser Almosen, das wir euch
-geben, damit ihr seht und wißt, daß wir euer gedenken
-und unsere brüderlichen Bande mit euch nicht zerrissen
-haben.“ Doch niemals hat das Volk deshalb aufgehört,
-einen Verbrecher für schuldig zu halten. Es wäre
-auch das größte Unglück für uns, wenn das Volk dem
-Verbrecher sagen würde: „Du bist unschuldig, denn es
-gibt kein Verbrechen.“ Und daß das Volk noch so denkt,
-das ist unsere Hoffnung, ist der Grund, weshalb wir
-unseren Glauben an unsere Zukunft nicht aufzugeben
-brauchen.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe im Zuchthaus unter vielen Verbrechern
-gelebt, doch habe ich unter ihnen nicht einen gesehen,
-der sich nicht selbst für einen Verbrecher gehalten hätte.
-Niemand sprach von seinem Verbrechen. Niemand
-murrte wider seine Strafe. Wenn einmal ein Neuling
-mit seiner verbrecherischen Tat prahlen wollte, so erteilten
-ihm alle Sträflinge einstimmig einen barschen
-Verweis. Man sprach einfach nicht von seinem Verbrechen.
-Doch sicherlich gab es nicht Einen unter
-ihnen, dem eine lange Zeit seelischen Leidens, reinigender
-und aufrichtender Reue erspart geblieben war.
-Ich habe sie einsam grübeln, habe sie in der Kirche
-beten gesehn, habe manches vielverratende Wort gehört
-<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
-und erinnere mich noch des Ausdrucks ihrer Gesichter,
-– oh, man glaube mir, da war nicht einer unter
-ihnen, der sich in seiner Seele schuldlos gefühlt
-hätte!
-</p>
-
-<p>
-Ich möchte nicht, daß meine Worte als Ausdruck
-von Grausamkeit aufgefaßt werden, wenn ich behaupte,
-daß nur durch strenge Bestrafung, durch Gefängnis
-und Zwangsarbeit die Hälfte aller Verbrecher
-gerettet werden kann. Die Strafe bedrückt nicht, wie
-man meint, sondern erleichtert. Selbstreinigung durch
-Leid ist leichter, leichter als das Los, welches man
-ihnen bereitet, wenn man sie vollkommen freispricht.
-Man nimmt ihnen damit nur die Möglichkeit, sich zu
-bessern, und pflanzt in ihre Seele Zynismus, läßt
-in ihnen eine verfängliche Frage offen und ruft ihren
-Spott über die Richter hervor. Man erreicht damit
-nur, daß der Verbrecher selbst irre wird an den Dingen.
-„Freilich,“ wird er sich sagen, „sie haben ja recht
-mit dem Freispruch; wenn ich in Not war, wie sollte
-ich da nicht stehlen?“ Die Hauptsache aber ist, daß dadurch
-der Glaube an die Gerechtigkeit und die Volkswahrheit
-erschüttert wird.
-</p>
-
-<p>
-In den letzten Jahren, die ich im Auslande verbrachte,
-hat mir oft das Herz geschmerzt, wenn ich dort
-unsere Emigranten und Absentisten sah, deren Kinder
-die Muttersprache kaum verstanden oder schon verlernt
-hatten. Aber bisweilen, wenn ich den Lesesaal nach der
-Lektüre unserer Zeitungen verließ, konnte ich – bei
-Gott, meine Herren – unsere Absentisten verstehen.
-Mein Herz krampfte sich zusammen, wenn ich las, wie
-das in Rußland neueingeführte Geschworenengericht
-<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
-sich „bewährte“! Es wurde nur freigesprochen – eine
-Frau, die ihren Mann erschossen, ein Jüngling, der
-die Kasse bestohlen, um seine Geliebte zu bezahlen, ein
-Bauer, der sein Weib solange und so grausam mißhandelt
-hatte, bis das Weib sich erhängte – kurz, sie wurden
-alle für unschuldig erklärt. Und wenn das noch
-wenigstens Menschen gewesen wären, die ein besonderes
-Mitleid oder Nachsicht verdient hätten! Aber nein!!
-Deshalb konnte ich mir auch den Grund des Freispruchs
-nie erklären. Der Eindruck war bedrückend, nahezu
-beleidigend. In diesen bösen Augenblicken erschien
-mir Rußland bisweilen wie ein Sumpf, ein Moor,
-auf dem sich’s jemand hat einfallen lassen, einen Palast
-zu bauen. Von oben gesehen ist der Boden scheinbar
-fest und glatt, in Wirklichkeit aber ist er wie ein
-Brei. Tritt man auf ihn, so versinkt man in eine bodenlose
-Tiefe. Ich machte mir heftige Vorwürfe wegen
-meines Kleinmuts und tröstete mich damit, daß ich
-mich als Kritiker aus der Ferne immerhin täuschen
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-Doch jetzt bin ich wieder in Rußland ...
-</p>
-
-<p>
-„Ja, sprechen sie überhaupt aus Mitleid frei?“ –
-das ist nun die Frage! Lachen sie nicht darüber, daß
-ich ihr eine solche Bedeutung zuschreibe. „Mitleid“ ist
-doch immerhin noch irgendwie zu erklären, es läßt wenigstens
-die eine oder andere Deutung zu. Wenn es
-aber nun nicht Mitleid ist?
-</p>
-
-<p>
-Dann steht man wie vor einer Finsternis, in der
-irgendein Wahnsinniger lebt.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-2">
-<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
-<span class="firstline">Der Büßer</span><br />
-(1873)
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> unseren russischen Klöstern gibt es, wie man
-weiß, auch jetzt noch unter den Mönchen manche Asketen
-und Heilige, Beichtväter und Ratgeber. Ob das
-nun gut oder schlecht ist, ob man der Mönche bedarf
-oder nicht – diese Frage wollen wir hier nicht erörtern.
-Es soll zwar nicht zeitgemäß sein, von Mönchen
-zu reden, doch können wir nicht umhin, es hier trotzdem
-zu tun, da das Folgende ein Mönch erzählt hat. Diese
-Beichtväter und Ratgeber sind bisweilen hochgebildete
-Menschen, Menschen mit einem tiefen Verstande. Wenigstens
-wird so von ihnen berichtet, ich kenne sie nicht.
-Einige von ihnen, sagt man, seien in ganz Rußland
-bekannt, und aus den fernsten Gegenden kämen die
-Menschen zu ihnen, oft sogar zu Fuß aus Archangelsk,
-aus Sibirien, aus dem Kaukasus. Wer zu ihnen kommt,
-den treibt eine Verzweiflung, mit der die eigene Seele
-nicht mehr kämpfen kann, oder auf dem Gewissen dieser
-Menschen ruht eine so furchtbare Schuld, daß sie mit
-ihrem Geistlichen in der Heimat nicht darüber sprechen
-mögen – nicht aus Angst oder Mißtrauen, sondern
-weil die Verzweiflung ihnen jeden Glauben an eine
-Vergebung ihrer Sünde genommen hat. Hören sie dann
-zufällig von einem solchen fernen, trostspendenden
-Beichtvater, dann machen sie sich auf und pilgern zu
-ihm.
-</p>
-
-<p>
-So hat nun einer von diesen Mönchen in einem
-<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
-Gespräch unter vier Augen seinem Zuhörer folgendes
-erzählt:
-</p>
-
-<p>
-„Schon seit zwanzig Jahren höre ich Beichten, und,
-werden Sie es mir glauben, in zwanzig Jahren lernt
-man so viele verborgene Krankheiten der Menschenseele
-kennen, daß einen, wie man meinen sollte, nichts
-mehr wunder nehmen könnte. Und dennoch kommt es
-vor, daß man selbst nach zwanzig Jahren erschauert
-beim Anhören manch einer Schuld. Man verliert die
-Gemütsruhe, die erforderlich ist, um dem Verzweifelten
-Trost geben zu können, und man muß sich selber zu Demut
-und Vertrauen zwingen.“
-</p>
-
-<p>
-Und hierauf hat er folgende unglaubliche Geschichte
-aus dem Volksleben erzählt:
-</p>
-
-<p>
-... Ich sehe, ein Bauer kommt auf den Knien zu
-mir gekrochen. Ich hatte schon vom Fenster her gesehen,
-wie er draußen auf der Erde kriechend näher kam.
-Sein erstes Wort zu mir war:
-</p>
-
-<p>
-„Für mich gibt es keine Rettung mehr: bin verdammt!
-Was du auch sagst, ich weiß: ich bin verdammt!“
-</p>
-
-<p>
-Ich versuchte, ihn einigermaßen zu beruhigen. Ich
-sah, daß der Mensch weither gekommen war, weil es
-ihn nach Strafe und Leiden für sein Vergehen verlangte.
-</p>
-
-<p>
-„Wir kamen im Dorf mehrere Burschen zusammen,“
-begann er, „und da fingen wir an unter uns zu streiten,
-wer den anderen in Frechheit überbieten könne.
-Ich prahlte, daß ich sie alle ausstechen würde. Da zog
-mich ein anderer Bursche beiseite und sagte mir unter
-<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
-vier Augen: ‚Hör mal, das kannst du nie und nimmer,
-was du da sagst. Du prahlst ja nur.‘“
-</p>
-
-<p>
-„Ich wollte schon schwören, aber er unterbrach
-mich: ‚Nein, wart,‘ sagte er, ‚nicht so. Du schwöre mir
-<em>bei deinem Seelenheil</em> in jener Welt, daß du
-alles tun wirst, was ich dir sagen werde.‘“
-</p>
-
-<p>
-„Ich schwor.“
-</p>
-
-<p>
-„‚Gut,‘ sagte er. ‚Bald haben wir Fasten. Bereite
-dich zum Abendmahl vor. Die Hostie nimm, aber verschluck
-sie nicht. Wenn du dann aufstehst – tritt zur
-Seite, nimm sie aus dem Munde und behalt sie in der
-Hand. Das weitere werde ich dir dann sagen.‘“
-</p>
-
-<p>
-„So tat ich auch. Aus der Küche führte er mich
-geradewegs in den Gemüsegarten. Nahm einen Pflock,
-stieß ihn in die Erde und sagte: ‚Leg’ hin!‘ Ich legte
-die Hostie auf den Pflock. ‚Jetzt geh und hol eine
-Flinte,‘ sagte er. Ich ging und holte sie. ‚Lad’ sie,‘ sagte
-er. Ich lud. ‚Ziele und schieß.‘ Ich erhob die Hand und
-zielte. Und da – wie der Schuß fiel, stand plötzlich vor
-mir das Kreuz mit dem Gekreuzigten. Da fiel ich bewußtlos
-hin ...“
-</p>
-
-<p>
-Zugetragen hatte sich das schon mehrere Jahre vor
-der Beichte. Den Namen dieses Pilgers wie auch die
-Strafe, die er ihm auferlegt, hat der Pater natürlich
-nicht gesagt. Wahrscheinlich hat er die Seele dieses
-Menschen mit einer furchtbaren Buße belastet, vielleicht
-sogar mit einer, die fast über menschliche Kraft
-ging, in der Erwägung, daß, je schwerer die Strafe,
-sie um so eher das Gewissen erleichtern werde. „... weil
-es ihn doch nach Strafe und Leiden für sein Vergehen
-verlangte ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
-Dieser Fall verdient es entschieden, näher betrachtet
-zu werden, ja er ist sogar äußerst charakteristisch.
-Ich bin immer der Meinung gewesen, daß das letzte
-Wort gerade diese Menschen aussprechen werden, diese
-reuigen oder auch nicht reuigen, bußfertigen oder unbußfertigen;
-sie werden es sagen und uns den neuen
-Weg weisen, den neuen Weg ins Freie aus allen unseren
-anscheinend vollkommen unlösbaren Problemen.
-Es wird doch nicht Petersburg unser russisches Schicksal
-endgültig entscheiden. Deshalb aber ist jeder, ja
-sogar jeder geringste <em>neue</em> Zug dieser „neuen Menschen“
-unserer Aufmerksamkeit wert.
-</p>
-
-<p>
-Erstens, was mich am meisten wundert, das ist der
-Anfang des Ganzen, die Möglichkeit eines solchen
-Streites und Wettkampfes in einem russischen Dorf:
-wer den anderen in Frechheit überbieten könne. Es ist
-das eine Tatsache, die auf furchtbar vieles hindeutet,
-und ich muß sagen, daß sie für mich eine sogar ganz
-unerwartete Erscheinung ist – ich habe doch genug
-Menschen aus dem Volk gesehen, sogar die charakteristischsten
-Verbrecher und Sträflinge.
-</p>
-
-<p>
-Ferner ist die, sagen wir, krankhafte Seite des Vorfalls
-bemerkenswert. Halluzinationen sind eine vornehmlich
-krankhafte Erscheinung und zugleich hört man
-von dieser Krankheit nur sehr, sehr selten. Die Möglichkeit
-einer plötzlichen Halluzination bei einem, wenn
-auch sehr erregten, aber immerhin ganz gesunden Menschen
-ist an sich bisher vielleicht noch nicht vorgekommen.
-Doch das ist eine medizinische Frage, von der ich
-wenig verstehe.
-</p>
-
-<p>
-Etwas ganz anderes ist es mit der psychologischen
-<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
-Seite des Falles. Da erscheinen vor uns zwei Charaktere,
-die in hohem Maße für das ganze russische
-Volk typisch sind! Da ist vor allen Dingen dieses Vergessen
-eines jeden Maßes bezeichnend (doch ist das, wohlgemerkt,
-fast immer nur eine zeitweilige Erscheinung,
-gleichsam eine vorübergehende Anfechtung). Da ist dieses
-Bedürfnis, über das Maß hinauszugreifen, das Bedürfnis
-nach herzbeklemmenden Empfindungen, das Verlangen,
-an einen Abgrund heranzugehen, sich mit dem
-halben Körper schon über den Rand zu beugen, in die
-schaudervolle Tiefe zu blicken und – sehr oft oder wenigstens
-in nicht seltenen Fällen – sich wie ein Wahnsinniger
-mit dem Kopf voran in die Tiefe zu stürzen.
-Das ist das Verneinungsbedürfnis im russischen Menschen,
-bisweilen sogar in einem durchaus nicht verneinenden,
-sondern in einem ehrfürchtig alles bejahenden
-Menschen – die Verneinung von allem, selbst des
-größten Heiligtums des eigenen Herzens, seines höchsten
-Ideals, des ganzen Volksheiligtums, vor dem er
-soeben noch ehrfurchtsvoll gekniet, das aber dann plötzlich
-gleichsam zu einer unerträglichen Last für ihn wird.
-Auffallend ist dabei namentlich jene Hast, jener unbezwingbare
-Drang, in dem der Russe sich in manchen
-Augenblicken seines eigenen oder des ganzen Volkslebens
-zu äußern beeilt, wenn der Augenblick einer
-von jenen ist, die den Charakter des Menschen herausfordern
-– gleichviel ob es in einer guten oder in einer
-unflätigen Tat geschieht. Mitunter gibt es für ihn
-dann überhaupt keine Schranken mehr. Was es auch
-sei, Liebe, Wein, Eigenliebe, Neid oder die tolle Stimmung
-eines Gelages – da gibt sich mancher Russe
-<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
-rückhaltlos dem Augenblick hin, ist imstande, alles zu
-zerreißen, zu vernichten, von allem sich loszusagen, von
-der Familie, von den Sitten, von Gott. Manch ein
-herzensguter Mensch kann plötzlich zum Tier und
-Verbrecher werden, wenn er einmal in diesen Wirbel
-hineingerät – in diesen für uns verhängnisvollen
-Wirbel momentaner, konvulsivischer Selbstverneinung
-und Selbstzerstörung, die dem russischen Volkscharakter
-seit jeher zu seinem Verhängnis eigen sind.
-Aber mit ebensolcher Kraft, mit ebenso großem Ungestüm
-im Verlangen nach Selbsterhaltung und Buße
-versteht es das ganze Volk, wie auch der einzelne Russe,
-sich selber wieder zu retten, und er rettet sich gewöhnlich
-gerade in dem Augenblick, wenn er schon bei der
-letzten Grenze angelangt ist, d. h. wenn er nirgendwohin
-mehr weitergehen kann. Doch besonders bezeichnend ist
-es, daß der Rückschlag – der die Wiederherstellung,
-die Rettung zur Folge hat – immer ernster ist als der
-erste Stoß, der ihn zur Verneinung und Selbstvernichtung
-treibt. Jene erste Anwandlung ist eben immer
-eine Art Kleinmut oder eine Laune, während der Rückschlag
-mit der Wiederherstellung und Rettung aus
-eigener Kraft immer etwas Großes ist: und ihm gibt
-sich der russische Mensch mit der größten, gewaltigsten
-und ernstesten Anstrengung hin und blickt dann
-auf seine frühere Verneinung mit Selbstverachtung
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube, das hauptsächlichste, das ursprünglichste
-geistige Bedürfnis des russischen Volkes ist das Bedürfnis
-zu leiden, ewig und unersättlich, überall und
-in allem. Dies Lechzen nach Leid hat es, wie mir
-<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
-scheint, schon von jeher in sich gehabt. Wie ein leidtragender
-Strom zieht es durch seine ganze Geschichte,
-und zwar nicht nur in Gestalt äußeren Unglücks und
-verschiedener Heimsuchungen, vielmehr entspringt seine
-Quelle dem lebendigen Herzen des Volkes. Sogar im
-Glück des Russen, sowohl des einzelnen wie des ganzen
-Volkes, ist unbedingt ein Teil Leid enthalten, anderenfalls
-ist für ihn das Glück nicht vollständig. Niemals,
-nicht einmal in den Stunden der größten Triumphe,
-die seine Geschichte kennt, hat das russische Volk
-ein stolzes oder triumphierendes Aussehen, sondern
-nur ein, bis zum Leid ergriffenes; es atmet wohl auf,
-aber den Ruhm schreibt es der Gnade Gottes zu. Im
-Leid findet das russische Volk gleichsam einen Genuß.
-Und was vom ganzen Volk gilt, gilt auch vom einzelnen
-Russen, natürlich nur im allgemeinen gesprochen.
-Man betrachte z. B. die zahlreichen Typen des randalierenden
-Russen. Es ist bei ihm nicht nur übermäßige
-Ausgelassenheit, deren Schrankenlosigkeit oder Frechheit
-einen wundernimmt oder einen durch die Tiefe
-des Falles einer Menschenseele anwidert. Dieser
-widerliche Mensch ist in erster Linie selber ein Märtyrer.
-Eine naiv triumphierende Selbstzufriedenheit,
-eine satte Gespreiztheit ist einem Russen nie eigen, nicht
-einmal einem dummen. Man vergleiche einen russischen
-Betrunkenen mit – nun, meinetwegen mit einem deutschen:
-der betrunkene Russe ist vielleicht gemeiner als
-der betrunkene Deutsche, doch ist dieser zweifellos dümmer
-und komischer als der Russe. Die Deutschen sind
-ein vornehmlich selbstzufriedenes, auf sich stolzes Volk.
-Im betrunkenen Deutschen pflegen nun diese Grundzüge
-<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
-des Volkscharakters an Ausgeprägtheit proportional
-dem Quantum des getrunkenen Bieres zuzunehmen.
-Der betrunkene Deutsche ist ein zweifellos
-glücklicher Mensch und denkt nicht daran, zu weinen;
-statt dessen singt er selbstgefällige Lieder und ist stolz.
-Er kommt stocksteif besoffen nach Haus, aber er ist dabei
-stolz! Der russische Trinker dagegen trinkt gewöhnlich
-aus Leid und weint nachher. Oder wenn er auch
-großtut, so ist das doch kein Triumphieren, sondern nur
-ein Randalieren. In der Regel fällt ihm dann irgendeine
-ihm widerfahrene Kränkung ein und er fängt an,
-dem Beleidiger, gleichviel, ob dieser zugegen ist oder
-nicht, bittere Vorwürfe zu machen. Schließlich beweist
-er ihm mit Nachdruck, daß er womöglich ein General sei,
-schimpft dabei aufrichtig, wenn man ihm nicht glaubt,
-bis er zu guter Letzt, um alle zu überzeugen, unbedingt
-nach der Polizei schreit. Aber er ist ja nur deshalb
-so, ruft auch nur deshalb nach der Polizei, weil
-er in den geheimsten Tiefen seiner betrunkenen Seele
-nur zu gut weiß, daß er ganz und gar kein
-General, sondern nur ein ekelhafter Säufer und
-tiefer gesunken ist als das niedrigste Vieh.
-Was wir hier im mikroskopischen Beispiel sehen,
-sehen wir auch im großen Ganzen. Selbst der
-größte Schandkerl, der fast schön ist in seiner
-Frechheit, in seiner eleganten Lasterhaftigkeit, so daß
-ihn die Dummköpfe sogar nachäffen, selbst dieser fühlt
-in den verborgensten Tiefen seiner verderbten Seele, daß
-er doch nur ein Nichtswürdiger ist. Er ist unzufrieden
-mit sich, die bittere Selbsterkenntnis nagt an seinem
-Herzen, und dafür rächt er sich an den anderen. Er
-<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
-martert sich, er tobt gegen sich und alles Gute in ihm
-und um ihn, bis er, unter ständigem Kampf gegen den
-in seinem Herzen sich ansammelnden Schmerz und doch
-zugleich sich wie daran berauschend, diese letzte Grenze
-erreicht. Wenn er aber dann, schon über dem Abgrund
-hängend, sich doch noch aufzurichten vermag, so
-straft er sich selbst am grausamsten, straft er sich mehr
-als andere es je könnten.
-</p>
-
-<p>
-Was trieb diese Burschen in den Streit: „Wer
-den anderen an Frechheit überbieten könne?“ Und
-warum wählte der Bursche gerade diese Tat zur Prüfung
-der Vermessenheit des anderen? Er hätte doch auch
-eine andere Tat wählen können, etwa die Ermordung
-einer hochgestellten Persönlichkeit oder sonst einen ganz
-besonderen Mord, denn der Bursche hatte doch geschworen,
-daß er „<em>zu allem</em>“ bereit sei, und sein Versucher
-wußte, daß er tatsächlich „alles“ tun werde, was er
-von ihm als Beweis seiner Vermessenheit verlangte.
-Doch nein! Selbst die schrecklichsten Verbrechen scheinen
-dem Versucher nicht schrecklich genug zu sein. Er
-denkt sich etwas noch nie Dagewesenes, etwas Unerhörtes
-aus, woran noch nie jemand gedacht hat! Doch das,
-daß er gerade in dieser Tat das Unerhörteste, das Vermessenste
-sah, gerade das verrät die ganze Weltanschauung
-unseres Volkes!
-</p>
-
-<p>
-Ich sagte – „woran noch nie jemand gedacht hat“.
-Ist es so? Nein, denn alles beweist, daß er sich schon
-lange mit diesem Gedanken beschäftigt haben muß.
-Vielleicht war schon in seiner Kindheit dieser Traum
-in seine Seele gekrochen, hatte sie mit Schrecken erfüllt
-und gequält – und diese Qual war für ihn vielleicht
-<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
-zum Genuß geworden. Er hatte sich das alles
-vielleicht schon lange zuvor ausgedacht – die Flinte,
-die Hostie – und nur als tiefstes Geheimnis in sich
-bewahrt. Selbst hätte er es vielleicht nicht zu tun gewagt,
-er spielte nur mit dieser Vorstellung, die ihm gefiel,
-die ihn verführte, der er nachgab. Eine Sekunde
-lang unerhörteste Vermessenheit – und wenn’s die
-Seele kostet! – doch dafür eine Sekunde über diesem
-Abgrund! Natürlich glaubte der Bursche, daß er
-für diese Tat ewig verdammt sein werde, aber – das
-Wagnis war doch zu verführerisch.
-</p>
-
-<p>
-Man kann vieles unbewußt wissen, indem man es
-nur fühlt, aber nicht weiß. Jedenfalls ist dieser Verführer
-ein interessantes Seelenproblem, und dabei nicht
-zu vergessen, daß er ein Bauer war, unter Bauern
-lebte! Gerade das ist es, was einen am meisten überrascht.
-Auch wäre es interessant, zu erfahren, ob er,
-der Verführer, sich für schuldiger hielt als sein Opfer.
-Es ist anzunehmen, daß er es tat, oder wenigstens
-wird er sich für ebenso schuldig betrachtet haben – so
-daß er, als er den anderen Burschen herausforderte,
-zugleich sich selbst herausforderte.
-</p>
-
-<p>
-Man sagt, das russische Volk kenne kaum das Evangelium,
-kenne nicht einmal die Grundlehren seines
-Glaubens. Mag sein, doch dafür kennt es Christus und
-trägt ihn seit jeher im Herzen. Das ist über jeden
-Zweifel erhaben! Wie aber eine richtige Auffassung
-von Christus ohne vorhergegangenen Religionsunterricht
-möglich ist, das ist eine andere Frage?! Jedenfalls
-hat das Volk dieses Gefühl für Christus von Generation
-zu Generation vererbt, und so ist es gleichsam
-<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
-eins geworden mit seinem Herzen. Vielleicht ist
-Christus die einzige Liebe des russischen Volkes, das
-ihn eben auf seine Art liebt, d. h. bis zur Qual. Deshalb
-ist ihm auch die liebste seiner Benennungen „das
-rechtgläubige Volk“, wie es sich denn vor allen anderen
-Völkern auf die richtigste Weise zu Christus bekennt.
-Es ist zugleich das einzige, worauf unser Volk
-stolz ist. Ich wiederhole – man kann vieles unbewußt
-wissen.
-</p>
-
-<p>
-Und nun: gerade an diesem Volksheiligtum sich zu
-versündigen, mit der ganzen Überlieferung, mit der
-ganzen Umgebung, mit der Erde selbst, mit allen und
-allem zu brechen und sich selbst unrettbar, auf ewig
-ins Verderben zu stürzen <em>für diesen einen Augenblick
-des Triumphes und Stolzes</em> –
-nein, eine größere Versuchung hätte der russische Mephisto
-wahrlich nicht ersinnen können! Schon die bloße
-Möglichkeit so dunkler, geheimnisvoller und vielverschlungener
-Regungen in der Seele eines einfachen
-Bauern macht einen stutzig! Und dabei nicht zu vergessen,
-daß sich das alles in diesem Burschen doch fast
-bis zur bewußten Idee entwickelt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ein anderes ist folgendes. Menschen können freilich
-bis zum Tierischen gefühllos sein, doch hier handelt
-es sich nicht um Gefühllosigkeit, sondern um etwas
-ganz Besonderes: um den mystischen Schrecken, der die
-größte Macht über die Menschenseele hat. Daß es sich
-in diesem Fall tatsächlich um eine mystische Angst gehandelt
-hat, steht nach dem ganzen Verlauf der Begebenheit
-wohl außer Frage. Die starke Seele des
-Burschen konnte zunächst noch gegen diese Angst ankämpfen.
-<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
-Übrigens – war das ein Beweis von
-Stärke oder von ängstlichem Kleinmut? Vermutlich
-wird es sowohl das eine wie das andere gewesen sein:
-eine Mischung der Gegensätze. Diese mystische Angst
-hat dann den Kampf noch verlängert, indem sie vom
-Herzen des Sünders das natürliche Empfinden fernhielt.
-Das Gefühl der Angst ist grausam, es verhärtet
-das Herz und panzert es gegen jede weiche oder hochherzige
-Regung. So konnte der Bursch die Tat vollbringen.
-Doch warum erschlug der Gepeinigte nicht
-seinen Peiniger?
-</p>
-
-<p>
-Das ist es eben, daß sowohl bei diesem wie bei jenem
-in der Tiefe der Seele dasselbe Gefühl gewesen
-sein muß, so daß sie beide eine gewisse höllische Lust
-am eigenen Verderben empfunden haben werden – als
-sie dem atemraubenden Verlangen nachgaben, sich über
-diesen Abgrund zu beugen – und einen gewissen erschütternden
-Genuß von ihrer eigenen Vermessenheit.
-</p>
-
-<p>
-Und da – im Augenblick, als die Tat geschehen
-war – steht plötzlich die Erscheinung des Gekreuzigten
-vor ihm!
-</p>
-
-<p>
-Sein Herz hatte ihn gerichtet. Warum nicht sein
-Bewußtsein, warum zeigte ihm nicht sein Verstand die
-ganze Kleinlichkeit der Tat, die er für Kühnheit gehalten
-hatte, warum erblickte er das Gericht in der
-Gestalt einer Erscheinung, die doch wie von außen vor
-ihn hintrat, gleichsam unabhängig von seinem Geist
-und Gewissen? Das zu erklären, wäre eine große psychologische
-Aufgabe. Doch für ihn, den Verbrecher, war
-es natürlich ein Wunder des Herrn. Als Büßer kroch
-er über die Erde im Verlangen nach Strafe.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
-Der andere aber, der Versucher? Von ihm hatte der
-Büßer nichts gesagt und wir wissen nicht, was aus
-ihm geworden ist. Vielleicht kroch auch er auf den Knien,
-vielleicht aber ... blieb er im Dorf und lebt dort noch
-heute, trinkt und lacht und spottet an den Feiertagen
-nach wie vor. Die Erscheinung war ja nicht ihm erschienen!
-Oder? ... Es wäre doch sehr wesentlich, näheres
-auch über ihn zu erfahren, so – als Studienmaterial.
-</p>
-
-<p>
-Ja, es wäre wesentlich. Denn man fragt sich doch
-unwillkürlich: wie aber, wenn dieser nun der unverfälschte
-Dorfnihilist war? der einheimische Verneiner
-und Denker, der an nichts glaubt, der sich mit hochmütigem
-Lächeln ein Versuchsobjekt aussucht, einer, der
-mit seinem Opfer weder Mitleid hat noch bei der Ausführung
-der Tat zittert, sondern mit kalter Beobachtungslust
-das Beben und Zittern seines Opfers verfolgt?
-einzig aus dem Verlangen heraus, fremde Qualen
-zu sehen, oder Menschen in der Erniedrigung, weiß
-der Teufel – vielleicht sogar zu einer Art von wissenschaftlicher
-Erforschung?
-</p>
-
-<p>
-Wenn solche Züge sogar schon in unserem Volkscharakter
-vorhanden sind, unter den Landleuten – so
-ist das allerdings eine etwas überraschende Entdeckung.
-Früher hat man nie ähnliches vernommen.
-</p>
-
-<p>
-Die Bedeutung dieses ganzen Vorfalls liegt darin,
-daß er nicht von einem Dichter erdacht ist, sondern daß
-sich tatsächlich alles so zugetragen hat: es dürfte
-wahrlich nicht müßig sein, einmal in die Seele unseres
-zeitgenössischen Büßers zu schauen. Unsere Büßer
-verändern sich schnell. Dort unten im Volk gärt es seit
-der Aufhebung der Leibeigenschaft ebenso wie oben in
-<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
-der Gesellschaft. Der Riese erwacht und dehnt seine
-Glieder; vielleicht will er zu toben anfangen, will
-schrankenlos sich ausleben ... Man sagt, er tue es bereits;
-man spricht von Räubern und Verbrechern, von
-Trunksucht, von betrunkenen Kindern, betrunkenen
-Müttern, von Zynismus, von Armut, Unredlichkeit,
-von Gottlosigkeit ... Doch erinnern wir uns dieses
-Büßers und seien wir voll Zuversicht: im letzten Augenblick
-wird sich die ganze Lüge – wenn hier wirklich
-Lüge ist – aus dem Herzen des Volkes herausreißen,
-und vor sich wird es eine überirdische Erscheinung sehen.
-Dann wird das Volk zu sich kommen und sich auf
-seine göttlichen Aufgaben besinnen. Jedenfalls wird
-es sich selbst retten, wenn es wirklich bis zum Rande
-des Verderbens mit ihm kommen sollte. Sich selbst und
-auch uns wird es retten, denn wieder sei es gesagt: das
-Licht und die Rettung werden von unten kommen.
-</p>
-
-<p>
-Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft ist in der
-Tat die Periode Peters in der Geschichte Rußlands abgeschlossen:
-nun leben wir in der größten Ungewißheit
-...
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-3">
-<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
-<span class="firstline">Selbstmord und Unsterblichkeit</span><br />
-(1876)
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="pre2 first">
-<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„...</span></span> <span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> der Tat: welch ein Recht hatte diese Natur,
-mich in die Welt zu setzen, infolge dort irgendwelcher
-ewigen Naturgesetze? Ich bin mit Erkenntnisfähigkeit
-erschaffen und habe diese Natur <em>erkannt</em>: welches
-Recht hatte sie, mich ohne meinen Wunsch und Willen
-erkenntnisfähig zu erschaffen? Erkennend, folglich
-leidend, ich aber will nicht leiden – denn warum sollte
-ich einwilligen zu leiden? Die Natur spricht zu mir durch
-meine Erkenntnis von einer gewissen Harmonie
-innerhalb des Ganzen. Die menschliche Erkenntnis hat aus
-dieser Verkündung Religionen gemacht. Sie sagt mir, daß
-ich – obschon ich genau weiß, daß ich an der ‚Harmonie
-des Ganzen‘ nicht mitwirken kann und auch niemals
-mitwirken werde, ja überhaupt nicht begreifen werde,
-was sie denn nun eigentlich ist und bedeutet – sagt mir,
-daß ich mich aber dennoch dieser Verkündung unterwerfen,
-mich bescheiden, das Leid im Hinblick auf die Harmonie
-des Ganzen auf mich nehmen und zu leben einwilligen
-soll. Wenn man dagegen selbst und bewußt wählen
-könnte, so würde ich doch selbstverständlich lieber
-nur in dem kurzen Augenblick, den mein Leben währt,
-d. h. solange <em>ich</em> existiere, glücklich sein wollen, da doch
-das Ganze und seine Harmonie mich absolut nichts
-angehen, sobald ich aufhöre zu sein – gleichviel ob
-dieses Ganze nach meinem Tode mit seiner Harmonie
-erhalten bleibt oder ob es gleichzeitig mit mir zu existieren
-<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
-aufhört. Und wozu sollte ich mich so um seine Erhaltung
-nach meinem Tode sorgen? – das ist die
-Frage! Da wäre es doch besser, ich wäre wie alle Tiere
-erschaffen, d. h. lebend, jedoch ohne vernunftgemäße
-Erkenntnis – meine Erkenntnis ist ja nicht Harmonie,
-sondern ist Disharmonie, denn ich bin mit ihr unglücklich.
-Man betrachte nur einmal daraufhin die
-Menschen: wer ist denn glücklich in der Welt und was
-für Leute sind es denn, die <em>widerspruchslos</em> leben?
-– Gerade diejenigen, die den Tieren ähneln, die
-infolge der geringen Entwicklung ihres Bewußtseins
-dem Tier am nächsten stehen. Sie willigen gern ein, zu
-leben, aber gerade unter der Bedingung, wie Tiere zu
-leben, nämlich fürs Essen, Trinken, Schlafen, Nesterbauen
-und Kinder-in-die-Welt-Setzen. Essen, Trinken
-und Schlafen nach Menschenart heißt im allgemeinen
-erwerben und rauben, ein Nest einrichten aber schon
-unbedingt rauben. Man wird vielleicht einwenden, daß
-man sein Nest auch auf vernünftigen, wissenschaftlich
-einwandfreien sozialen Prinzipien aufbauen könne und
-durchaus nicht zu rauben brauche, wie es bisher der
-Fall war. Möglich, aber ich frage: ‚wozu? Wozu
-erwerben und bauen und sich soviel Mühe geben, um
-sich in der Gesellschaft der Menschen richtig, um sich vernünftig
-und sittlich, kurz – gerecht einzurichten?‘ Darauf
-vermag mir natürlich niemand eine Antwort zu geben.
-Alles, was man mir darauf antworten könnte,
-wäre: ‚um sich Genuß zu verschaffen.‘ Ja, wenn ich
-eine Blume oder eine Kuh wäre, dann gäbe es für mich
-vielleicht auch einen Genuß. Indem ich mir aber, wie
-jetzt, unaufhörlich Fragen vorlege, kann ich nicht glücklich
-<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
-sein, nicht einmal im höchsten und <em>unmittelbarsten</em>
-Glück der Liebe zum Nächsten und der Liebe
-der Menschheit zu mir, denn ich weiß, daß morgen
-schon alles dieses nicht mehr sein wird, sowohl ich wie
-dieses ganze Glück und die ganze Liebe und die ganze
-Menschheit – daß wir uns in ein Nichts verwandeln
-werden oder wieder in das anfängliche Urchaos. Unter
-einer solchen Bedingung aber kann ich um keinen
-Preis ein Glück annehmen – nicht aus Unlust, es anzunehmen,
-nicht aus Eigensinn um eines Prinzips willen,
-sondern einfach deshalb, weil ich weder glücklich
-sein kann noch werde, solange ich weiß, daß mich morgen
-das Nichtsein erwartet. Das ist eben eine Gefühlssache,
-ein ganz unmittelbares Gefühl, das ich
-nicht bewältigen kann. Nun gut, wenn ich allein sterben,
-und wenn dafür die Menschheit an meiner Statt
-ewig weiterleben würde, dann wäre ich vielleicht immerhin
-getröstet. Aber unser Planet ist doch nicht ewig
-und die Lebensdauer der ganzen Menschheit ist im Verhältnis
-zur Ewigkeit genau solch ein Augenblick wie mein
-Einzelleben. Und wie vernünftig, wie herrlich, wie gerecht
-und heilig die Menschheit auf Erden sich auch
-immer einrichtete – es wird morgen doch alles dieselbe
-Null sein. Und wenn das auch alles da aus irgendeinem
-Grunde notwendig ist, infolge irgendwelcher
-allmächtiger, ewiger und toter Naturgesetze, so ist doch,
-ich versichere Sie, in diesem Gedanken eine gewisse allertiefste
-Nichtachtung der Menschheit enthalten, die
-für mich tief beleidigend und um so unerträglicher ist,
-als es hier keinen Schuldigen gibt.
-</p>
-
-<p>
-„Und schließlich, wenn man dieses Märchen von
-<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
-der endlich mal nach vernünftigen und wissenschaftlichen
-Grundsätzen eingerichteten Menschheit auf Erden
-als möglich annimmt und an seine dereinstige Verwirklichung
-glaubt, d. h. an das zukünftige Menschenglück
-auf Erden glaubt – so ist doch schon
-der bloße Gedanke, daß die Natur infolge irgendwelcher
-ihrer trägen Gesetze es nötig hatte, den
-Menschen Jahrtausende zu quälen, bevor sie ihn
-zu diesem Glück brachte, schon unerträglich und empörend.
-Jetzt füge man noch hinzu, daß dieselbe Natur,
-die dem Menschen endlich einmal ein Glück gewährt,
-all das morgen schon aus irgendeinem Grunde in eine
-Null verwandeln muß, ungeachtet aller Leiden, mit denen
-die Menschheit für dieses Glück gezahlt hat, und
-ohne mir und meiner Erkenntnis das zu verbergen, wie
-sie es einer Kuh verbirgt, – so kommt einem unwillkürlich
-ein äußerst spaßiger, aber auch unerträglich trauriger Gedanke:
-‚Nun, wie, wenn der Mensch nur als ein unverschämter
-Versuch in die Welt gesetzt worden ist, nur
-um zu sehen, ob sich ein solches Wesen auf der Erde
-einleben kann oder nicht?‘ Das Traurige dieses Gedankens
-besteht hauptsächlich darin, daß es wiederum
-keinen Schuldigen gibt, es ist niemand da, der den
-Versuch anstellt, somit kann man niemanden verfluchen,
-denn es ist alles infolge toter Naturgesetze entstanden,
-die für mich vollkommen unbegreiflich sind
-und mit denen sich meine Erkenntnis unter keinen Umständen
-abfinden kann. <span class="antiqua">Ergo:</span>
-</p>
-
-<p>
-„Da ich auf meine Fragen nach dem Glück durch
-meine eigene Erkenntnis von der Natur nur die Antwort
-erhalte, daß ich nicht anders als einzig in der
-<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
-Harmonie des Ganzen glücklich sein kann, ich aber
-diese Harmonie nicht verstehe und offenbar niemals zu
-verstehen imstande sein werde –
-</p>
-
-<p>
-„Da die Natur mir nicht nur nicht das Recht abspricht,
-von ihr Rechenschaft zu fordern, sondern mir
-sogar überhaupt nicht antwortet – und das nicht deshalb,
-weil sie etwa nicht antworten will, sondern deshalb,
-weil sie nicht antworten kann –
-</p>
-
-<p>
-„Da ich mich überzeugt habe, daß die Natur mir
-zum Beantworten meiner Fragen (mir unbewußt)
-<em>mich selber</em> bestimmt hat, und mir auf meine Fragen
-durch eine eigene Erkenntnis antwortet (denn ich
-sage mir das doch alles selbst) –
-</p>
-
-<p>
-„Da ich bei einer solchen Einrichtung die Rolle sowohl
-des Klägers wie des Beklagten, des Richters wie
-des Angeklagten gleichzeitig auf mich nehme, diese Komödie
-von seiten der Natur aber so dumm finde und
-diese Komödie zu ertragen meinerseits sogar für erniedrigend
-halte –
-</p>
-
-<p>
-„So verurteile ich in meiner fraglosen Eigenschaft
-als Richter und Kläger und Beklagter diese Natur, die mich
-so zeremonielos und unverschämt zum Leiden erschaffen
-hat – mit mir zusammen zur Vernichtung ... Da ich aber
-die Natur nicht vernichten kann, so vernichte ich mich allein,
-einzig weil es mich langweilt, eine Tyrannei zu ertragen,
-bei der es keinen Schuldigen gibt.“
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Die Oktober-Nummer meines „Tagebuchs“ enthielt
-diese Beichte eines Selbstmörders, sein letztes Wort
-<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
-vor dem Tode, das er zur Rechtfertigung seiner Tat
-und vielleicht auch zur „Erbauung“ niedergeschrieben
-hatte. Einige meiner Freunde, deren Kritik ich sehr
-schätze, äußerten sich durchaus beifällig über diesen
-kleinen Aufsatz und meinten, es sei in ihm tatsächlich
-die Formel für diese Art Selbstmörder gefunden, ihr
-Wesen, ihr Gedankengang sei vollkommen klar ausgedrückt
-... Nur eines flößte ihnen Bedenken ein:
-ob auch jeder Leser den Aufsatz richtig verstehen werde,
-oder ob man nicht eher das Gegenteil herauslesen
-könne? Auch ich hatte das schon während des Schreibens
-befürchtet, aber ich schämte mich, offen gestanden,
-in meinem Leser so viel Naivität vorauszusetzen,
-daß er die Absicht des Aufsatzes nicht durchschauen
-könne, da sie meines Erachtens doch so greifbar ersichtlich
-war. Leider war das ein Irrtum von mir. Denn
-kaum war diese Nummer des Tagebuchs erschienen, als
-ich sowohl schriftlich wie mündlich von Fremden und
-von Bekannten gefragt wurde, was dieser Aufsatz
-eigentlich zu bedeuten habe? „Was wollen Sie damit
-gesagt haben? Ist es möglich, daß Sie den Selbstmord
-verteidigen?“ lauteten die Fragen. Und nun erhielt ich
-noch aus Moskau die letzte Nummer einer Wochenschrift
-zugesandt, die eine mit „N. P.“ unterzeichnete,
-man kann sagen, „höflich schmähende“ Kritik meines
-kleinen Aufsatzes enthielt.
-</p>
-
-<p>
-Als ich diese Kritik gelesen hatte, verlor ich nahezu
-allen Mut. Mein Gott, habe ich denn viele solcher Leser,
-und glaubt denn dieser Herr N. P., der da behauptet,
-mein Selbstmörder verdiene nicht das geringste
-Mitleid, daß ich ihm diesen Selbstmörder zum „bemitleiden“
-<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
-vorgestellt habe? Die persönliche Auffassung
-des Herrn N. P. ist für mich natürlich nicht von solcher
-Bedeutung, daß ich sie widerlegen müßte, obschon
-Herr N. P. ein Typ zu sein scheint und wohl eine ganze
-Schar Gleichgesinnter hinter ihm steht – er ist nämlich
-der Typ einer ganz besonderen „unverfrorenen“ und
-radikalen Menschensorte, ist der Vertreter eben der
-„gußeisernen Begriffe“, von denen er in seiner Kritik
-ausgeht. Wenn ich trotzdem meinem vor zwei Monaten
-erschienenen Aufsatz eine Erklärung folgen lasse, so geschieht
-dies nicht wegen der Kritik des Herrn N. P.,
-sondern weil ich schon vorher beschlossen hatte, es zu
-tun, – ich war ja bereits, und nur zu bald belehrt
-worden, daß ich meinen Gedanken noch erläutern und
-sogar breittreten mußte.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Meine Studie über den Selbstmörder bezieht sich auf
-die älteste und höchste Idee des Menschen: auf die
-Notwendigkeit des Glaubens an die Unsterblichkeit der
-Seele. Der Folgeschluß aus der Beichte dieses Selbstmörders,
-der durch „logischen Selbstmord“ umkommt,
-sollte sein: daß das Leben des Menschen ohne Glauben an
-seine Seele und ihre Unsterblichkeit unnatürlich, undenkbar
-und unerträglich ist. Und es schien mir allerdings,
-daß ich die Formel des logischen Selbstmörders
-gefunden und klar ausgedrückt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Der Glaube an die Unsterblichkeit ist für diesen
-Selbstmörder nicht vorhanden, was er gleich zu Anfang
-vorausschickt. Die Überzeugung von der Zwecklosigkeit
-seines Lebens und die Empörung über die Stummheit
-<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
-des ihn umgebenden Weltalls führen ihn allmählich
-und unvermeidlich zu der Überzeugung von der
-vollständigen Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins
-auf Erden. Es ist für ihn hiernach sonnenklar, daß nur
-diejenigen Menschen, die den Tieren am nächsten stehen,
-infolge der geringen Entwicklung ihres Bewußtseins
-und der großen Entwicklung ihrer rein physischen
-Bedürfnisse, <em>einwilligen</em> können, dieses Leben
-anzunehmen. Oh, er weiß, daß dieses rein körperliche
-Leben, essen, trinken, schlafen, Kinderzeugen und im
-Warmen sitzen, den Menschen noch lange an die Erde
-fesseln wird, wenn auch nicht in seinen höheren Typen.
-Dabei sind es aber gerade diese höheren Typen,
-die auf Erden herrschen und immer geherrscht haben,
-und denen, wenn die Zeit erfüllt war, die Millionen
-der anderen Menschen zu folgen pflegten. Was ist
-das nun, dieses höhere Wort und der höhere Gedanke? Dieses
-Wort, dieser Gedanke (ohne die das Leben der Menschheit
-undenkbar ist) wird sehr oft von ganz armen, unbeachteten,
-und sogar sehr oft verfolgten, in der Verbannung
-umgekommenen oder in Unbekanntheit dahingehenden
-Menschen zum erstenmal ausgesprochen. Doch
-der Gedanke selbst, das einmal von ihnen ausgesprochene
-Wort – die sterben nicht mit ihnen, sie verschwinden
-niemals spurlos und können auch gar nicht verschwinden,
-sobald sie einmal ausgesprochen sind ... Das
-aber ist fast das Erstaunlichste an der Menschheit! Der
-Gedanke eines Genies hat schon in der folgenden Generation
-oder in zwei bis drei Jahrzehnten alle und
-alles erfaßt und reißt alle und alles mit sich fort –
-und das Ergebnis ist, daß nicht die Millionen Menschen
-<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
-und nicht die anscheinend so unerschütterlichen
-und mächtigen materiellen Kräfte, nicht das Geld, nicht
-das Schwert, nicht die Gewalt, sondern der anfangs so
-unbeachtete Gedanke irgendeines äußerlich oft ganz unansehnlichen
-Menschen bleibt und herrscht. Herr N. P.
-schreibt in seiner Kritik, die Veröffentlichung einer solchen
-„Beichte“ in meinem Tagebuch sei ein „lächerlicher
-und bedauernswerter Anachronismus“ ... denn
-heute lebten wir „im Jahrhundert der gußeisernen Begriffe,
-im Jahrhundert der positiven Anschauungen, in
-einem Jahrhundert, dessen Parole lautet: leben um jeden
-Preis! ...“ (Sehr möglich! Das ist dann wohl
-auch der Grund, weshalb heutzutage die Selbstmorde
-unter den Intelligenten so häufig sind.) Ich kann aber
-dem verehrten Herrn N. P. und allen seinesgleichen versichern,
-daß dieses „Gußeisen“ sich vor mancher Idee,
-wie belanglos diese den Herren der „gußeisernen Begriffe“
-anfangs auch erscheinen mag, wenn die Zeit
-kommt, in Staub verwandelt! Für mich persönlich ist
-eine der größten Befürchtungen für unsere Zukunft,
-und zwar schon für unsere nächste Zukunft, die Tatsache,
-daß einer besonderen, seltsamen ... nun sagen
-wir, Vorherbestimmung zufolge in einem großen, allzu
-großen Teil der russischen Intelligenz sich vollständiger
-Unglaube an die eigene Seele und ihre Unsterblichkeit
-zu verbreiten scheint, und zwar, wie mich dünkt,
-mit einer progressiv zunehmenden Schnelligkeit. Und
-nicht nur, daß dieser Unglaube sich aus Überzeugung
-ausbreiten wird (Überzeugung ist bei uns noch sehr
-wenig vorhanden), er äußert sich vielmehr, und zwar
-schon heute, in einem gewissen Indifferentismus zu der
-<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
-höchsten Idee des Menschseins, – in einem (bisweilen
-fast spöttischen und weiß Gott woher und nach welchen
-Gesetzen sich bei uns entwickelnden) Indifferentismus
-nicht nur zu dieser Idee, sondern überhaupt zu
-allem, was Leben ist, zur ganzen Lebenswahrheit, zu
-allem, was Leben gibt und nährt, was das Leben gesund
-erhält und der Fäulnis und Auflösung entgegenwirkt.
-Dieser Indifferentismus ist in unserer Zeit fast
-zu einer russischen Besonderheit geworden – im Vergleich
-mit den anderen europäischen Nationen. Er ist
-längst in die Familien der russischen Intelligenz eingedrungen
-und hat sie fast vollständig zerstört. Ohne
-eine höhere Idee aber kann weder ein Mensch noch eine
-Nation in der Welt bestehen. Auf Erden jedoch gibt es
-<em>nur eine</em> höhere Idee, und die ist: die Idee der Unsterblichkeit
-der Menschenseele – denn die übrigen „höheren“
-Lebensideen haben alle ihren Ursprung <em>nur in
-dieser einzigen Idee</em>. Hierüber kann man mit
-mir streiten (d. h. über diese Einheit der Quelle alles
-Höheren auf Erden), doch ich übergehe das vorläufig
-und spreche meine Idee aus, ohne sie zu begründen.
-In kurzen Worten läßt sich nicht alles sagen, nach und
-nach kann man es besser erklären. Wir haben ja noch
-Zeit vor uns.
-</p>
-
-<p>
-Mein Selbstmörder nun ist ein leidenschaftlicher
-Verfechter seiner Idee, d. h. der Notwendigkeit des
-Selbstmords, und nicht etwa ein indifferenter, nicht etwa
-ein „gußeiserner“ Herr. Er leidet, er quält sich tatsächlich,
-– wie mir scheint, habe ich das unmißverständlich
-ausgedrückt! Es ist für ihn nur zu ersichtlich,
-daß er nicht leben kann, und er weiß nur zu gut, daß
-<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
-er recht hat und daß es unmöglich ist, ihn zu widerlegen.
-Vor ihm stehen unbesiegbar die höchsten, die ersten
-Fragen: wozu soll der Mensch noch leben, wenn
-er bereits erkannt hat, daß tierisch zu leben für einen
-Menschen widerlich ist? unnatürlich, so zwecklos wie
-unzureichend? Was könnte ihn in solchem Fall da noch
-an die Erde fesseln? – Auf diese Fragen kann er keine
-Antwort erhalten, und das weiß er, denn wenn er auch
-erkannt hat, daß es, wie er sich ausdrückt, „eine Harmonie
-des Ganzen“ gibt, so sagt er sich doch, daß er
-sie nicht verstehen kann und niemals imstande sein wird,
-sie zu verstehen, und daß er nie an ihr teilnehmen
-werde. Gerade diese Klarheit ist es, die ihn umbringt.
-Wo liegt nun der Fehler, worin hat er sich geirrt? Der
-Fehler, meine ich, liegt einzig in dem Verlust des Glaubens
-an die Unsterblichkeit.
-</p>
-
-<p>
-Doch er sucht ja selbst glühend (d. h. er suchte, als
-er noch lebte, und suchte mit Pein) nach Versöhnung.
-Er wollte sie in der Liebe zur ganzen Menschheit
-finden. „Wenn nicht ich, so könnte doch die Menschheit
-glücklich sein und irgendeinmal die Harmonie erreichen:
-dieser Gedanke könnte mich auf Erden zurückhalten,“
-sagt er, und verrät sich. Denn dies ist doch
-wohl kein kleinlicher Gedanke, sondern verrät Großmut
-und Opferbereitschaft. Aber die unwiderlegbare
-Überzeugung, daß das Leben der ganzen Menschheit
-im Grunde genau solch ein Augenblick ist wie sein eigenes,
-und daß schon am nächsten Tage nach dem Eintritt
-der „Harmonie“ (wenn man an die Möglichkeit der
-Verwirklichung dieses Traumes überhaupt glaubt) die
-Menschheit sich genau so wie er in ein Nichts auflösen
-<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
-werde, kraft träger Naturgesetze, und noch dazu nach
-soviel Leid und Qual, die die Menschheit zur Verwirklichung
-dieses Traumes ausgestanden hat – dieser Gedanke
-bringt ihn um die letzte Versöhnungsmöglichkeit,
-denn sein Geist empört sich dagegen, empört sich gerade
-aus Liebe zur Menschheit. Er fühlt sich gekränkt für die
-ganze Menschheit, und dem Gesetz der Reflexion der
-Ideen zufolge – tötet das in ihm diese seine Liebe zur
-Menschheit. So geschieht es in Familien, die vor dem
-Hungertode stehn, daß die Eltern ihre Kinder, diese
-von ihnen am meisten geliebten Wesen, zu hassen anfangen,
-wenn die Qual dieser Kinder zu unerträglich
-wird – eben wegen der <em>Unerträglichkeit</em> ihrer
-Qualen. Ja ich behaupte sogar, daß die Erkenntnis
-ihrer vollkommenen Machtlosigkeit, ihrer Unfähigkeit,
-der leidenden Menschheit zu helfen, ihre Schmerzen,
-wenn auch nur ein wenig, zu lindern, während sie doch
-gleichzeitig von ihrem Leiden überzeugt sind, <em>im Herzen
-der Menschen die Liebe zur Menschheit
-in Haß verwandeln kann</em>. Die Herren
-der „gußeisernen Ideen“ werden das natürlich nicht
-glauben und natürlich auch gar nicht verstehen:
-für sie ist die Liebe zur Menschheit und
-deren Glück etwas so Wohlfeiles, da ist alles so
-billig und so bequem eingerichtet, so althergebracht,
-schon zu Urväterzeiten eingeführt und niedergeschrieben,
-daß es sich ihrer Meinung nach überhaupt nicht
-lohnt, darüber besonders nachzudenken. Doch ich hätte
-Lust, diese Herren noch ein wenig zu erheitern: daher
-behaupte ich denn (<em>vorläufig</em> wieder ohne zu begründen),
-daß die Liebe zur Menschheit sogar vollkommen
-<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
-undenkbar, unverständlich und <em>unmöglich</em> ist,
-<em>ohne den Glauben an die Unsterblichkeit
-der Menschenseele</em>. Diejenigen aber, die
-dem Menschen den Glauben an seine Unsterblichkeit
-nehmen und diesen Glauben durch die „Liebe zur
-Menschheit“ – im Sinne eines höheren Lebenszweckes
-– ersetzen wollen, die, sage ich, erheben ihre
-Hand gegen sich selbst; denn anstatt der Liebe zur
-Menschheit pflanzen sie in das Herz dessen, der den
-Glauben verloren hat, nur den Keim des Menschenhasses.
-Mögen die Weisen der gußeisernen Ideen über
-meine Behauptung meinetwegen die Achsel zucken! Dieser
-Gedanke ist weiser als ihre Weisheit, und ich glaube
-ohne zu zweifeln, daß er in der Menschheit einmal zu
-einer Aktion werden wird, obschon ich auch dieses ohne
-Begründungen ausspreche.
-</p>
-
-<p>
-Ja ich behaupte sogar und wage auszusprechen: daß
-die Liebe zur Menschheit im <em>allgemeinen</em> und
-<em>als Idee</em> eine der für den Menschenverstand unfaßlichsten
-Ideen ist. Gerade <em>als Idee</em>! Nur das Gefühl
-kann sie rechtfertigen. Doch dieses Gefühl ist eben
-nur mit der gleichzeitigen Überzeugung von der Unsterblichkeit
-der Menschenseele möglich. (Auch dies ohne
-Begründungen.)
-</p>
-
-<p>
-Das Ergebnis ist klar: daß der Selbstmord nach
-dem Verlust der Unsterblichkeitsidee zur unvermeidlichen,
-bedingungslosen Notwendigkeit für jeden Menschen
-wird, der in seiner Entwicklung auch nur ein
-wenig über dem Tier steht. Die Unsterblichkeit dagegen,
-die ein ewiges Leben verheißt, verbindet den Menschen
-um so mehr, um so fester mit der Erde. Hierin
-<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
-liegt scheinbar ein Widerspruch: wenn das Leben so
-lang ist, wenn es außer dem Leben hier auf Erden noch
-ein ewiges gibt, weshalb sollte einem dies Erdenleben
-dann noch so teuer sein? Das Ergebnis jedenfalls ist,
-daß der Mensch nur durch den Glauben an seine Unsterblichkeit
-seinen vernünftigen Zweck auf Erden erfaßt.
-Ohne Überzeugung von seiner Unsterblichkeit, lösen
-sich die den Menschen mit der Erde verbindenden
-Fäden, sie werden dünner und fangen an zu faulen,
-und der Verlust eines höheren Lebenssinnes (mag dieser
-auch nur in der Form einer ganz unbewußten Sehnsucht
-sich äußern) zieht zweifellos den Selbstmord nach
-sich. Hieraus folgt umgekehrt die Moral meines Aufsatzes:
-„Wenn die Überzeugung von der Unsterblichkeit
-für das Menschenleben so unentbehrlich ist, so ist
-sie folglich auch der normale Zustand der Menschheit ...
-Wenn dem aber so ist, dann muß diese Unsterblichkeit
-der Menschenseele <em>zweifellos auch vorhanden
-sein</em>.“
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Wort, die Unsterblichkeitsidee – das ist
-das Leben selbst, das lebendige Leben, seine endgültige
-Formel und der Hauptquell der Wahrheit und der richtigen
-Erkenntnis für die Menschheit. Das war und
-das ist der Sinn meines Aufsatzes, und ich nahm an,
-daß ein jeder, der ihn gelesen, sich über diesen seinen
-Sinn auch im klaren sein werde<a class="fnote" href="#footnote-35" id="fnote-35">[35]</a>.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="part" id="part-6">
-<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
-<span class="firstline">Dritter Teil.</span><br />
-Notierte Gedanken
-(1880)
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-1">
-<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
-<span class="firstline">Notierte Gedanken</span><br />
-(1880)
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-1">
-<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
-<span class="firstline">Nur das ist stark ...</span>
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>N</span><span class="postfirstchar">ur</span> das ist stark, wofür Blut vergossen wird“ –
-bloß vergessen die Nichtswürdigen, daß es sich nicht
-bei denen als stark erweist, die das Blut vergießen, sondern
-bei denen, deren Blut vergossen wird. Und das,
-gerade das ist das Gesetz des Blutes auf Erden.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-2">
-<span class="firstline">Kirche und Staat ...</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Als Staat konnte der Staat M. und N. nicht begnadigen
-(der Wille des Monarchen ausgenommen).
-Denn was ist eine Hinrichtung? – Im Staat: ein
-Opfer für eine Idee. Stünde aber an Stelle des Staates
-die Kirche – dann gäbe es keine Hinrichtungen.
-Kirche und Staat darf man nicht verwechseln. Daß
-man sie noch verwechselt, ist ein gutes Zeichen, denn
-daraus folgt, daß bei uns eine Neigung zur Kirche
-vorhanden ist. In England und Frankreich hätte man
-kein Bedenken getragen, sie zu erhängen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-3">
-<span class="firstline">Die Frauenfrage.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Der ganze Fehler der „Frauenfrage“ besteht darin,
-daß man Unteilbares teilt, Mann und Weib einzeln
-betrachtet, während sie doch ein einziger geschlossener
-Organismus sind. („Und er schuf sie, Mann und
-<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
-Weib ...“) Ja sogar mit den Kindern, mit den Nachfahren
-und Vorfahren und mit der ganzen Menschheit
-ist der Mensch ein einziger unteilbarer Organismus.
-Die Gesetze aber teilen immer und lösen alles womöglich
-in die Urbestandteile auf. Die Kirche dagegen teilt
-nicht.
-</p>
-
-<p>
-In der Natur ist alles für das Normale berechnet,
-alles nach dem Muster des Heiligen und Sündlosen zugeschnitten.
-(Der Mann 30 Jahre alt, die Frau 30
-Jahre.) Die Schönheit ist dem Weibe zu Anfang gegeben,
-um den Mann zu fesseln, denn das sittliche Band
-ist noch schwach. Später ist die Schönheit nicht mehr
-nötig, man liebt das Weib, weil man seelisch zusammenwächst
-(organische Verbindung).
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-4">
-<span class="firstline">Unsere öffentliche Meinung ...</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Unsere öffentliche Meinung ist deshalb nicht viel
-wert, weil sie bisher erst im Entstehen begriffen war,
-sich erst zu bilden begann. Bilden aber kann sie sich nur
-im langen Lauf der Geschichte, durch viele Generationen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-5">
-<span class="firstline">Liberalismus und Tat.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Unsere ganze liberale Partei steht abseits vom tätigen
-Leben, sie nimmt an der Tat nicht teil, sie ist mit
-ihr überhaupt nicht in Berührung gekommen. Sie hat
-nur verneint und gespöttelt.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-6">
-<span class="firstline">Sozialismus und Christentum.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Man versuche doch zu teilen, versuche doch einmal
-<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
-festzusetzen, wo die eigene Persönlichkeit aufhört und
-die andere anfängt! Das stelle man einmal durch die
-Wissenschaft fest! Die Wissenschaft macht sich eben daran.
-Und der Sozialismus stützt sich ja gerade auf die
-Wissenschaft. Im Christentum ist schon die Frage
-undenkbar. Welches sind die Chancen dieser und jener
-Lösung? – Es wird ein neuer unvorhergesehener Geist
-aufkommen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-7">
-<span class="firstline">Reichtum.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Reichtum ist eine Stärkung des einzelnen, eine mechanische
-und geistige Befriedigung, folglich eine Loslösung
-des Einzelnen vom Ganzen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-8">
-<span class="firstline">Das Volk.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Im Volk ist das Bedürfnis nach etwas <em>Neuem</em>,
-einem neuen Wort, einem neuen Gefühl vorhanden,
-das Bedürfnis nach einer neuen Ordnung. Die sorglose
-Zeit der Trunkenheit nach der Bauernbefreiung
-geht vorüber. Noch nie ist das Volk für gewisse Einflüsse
-so empfänglich gewesen (und schutzlos ihnen
-preisgegeben) wie gerade jetzt. Z. B. die Sekte der
-Stundisten<a class="fnote" href="#footnote-36" id="fnote-36">[36]</a>. Sogar die nihilistische Propaganda wird
-ihren Weg finden. Hat es bisher nur wegen der Dummheit,
-Unerfahrenheit und Naivität der Propaganda
-noch nicht getan. Man muß auf der Hut sein. Man
-muß das Volk beschützen. Unsere Kirche aber verharrt
-<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
-seit Peter dem Großen in einem Zustande der Lähmung.
-Es ist eine furchtbare Zeit, und dazu nun noch
-diese Trunksucht. Und die Stundisten. Währenddessen
-ist unser Volk fast ganz sich selbst überlassen, nur auf
-die eigenen Kräfte angewiesen. Unsere Intelligenz –
-alles geht vorüber.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-9">
-<span class="firstline">Rußland und die Korporationen.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Deutsche, Polen, Juden – lauter Korporationen,
-und helfen sich gegenseitig. Nur in Rußland gibt es
-keine Korporationen, nur Rußland allein ist geteilt.
-Und außer diesen Korporationen noch die mächtigste:
-die alte administrative Routine. Man sagt: unsere Gesellschaft
-sei nicht konservativ. Allerdings; die historische
-Entwicklung der Dinge (seit Peter) hat sie ja selber
-dazu gemacht. Und vor allem: sie sieht nicht, was
-es zu konservieren, zu erhalten gäbe. Alles ist ihr genommen,
-sogar die gesetzliche Initiative. Alle Rechte
-des russischen Menschen sind negativ. Gebt ihm etwas
-Positives und ihr werdet sehen, daß er gleichfalls konservativ
-sein wird. Dann hätte er doch etwas, was zu
-erhalten wäre. <em>Nicht konservativ ist er
-bloß deshalb, weil es bei uns nichts zu
-erhalten gibt.</em> „Je schlimmer, desto besser“ –
-das ist doch bei uns nicht etwa eine leere Redensart,
-sondern zum Unglück – die Sache selbst.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-10">
-<span class="firstline">Frankreich.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-„Nowoje Wremja“, Nr. 1667, 28. Oktober 1880.
-Baron Hübner prophezeit die nächsten sozialistischen Bewegungen
-<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
-in Frankreich und in Europa. Rußland wird
-zum Bündnis aufgefordert. (<em>Rußland soll
-nicht darauf eingehen!</em> Es soll seine eigenen
-Vorteile wahrnehmen! Der Sozialismus wird an Rußland
-zerschellen.) In Frankreich werden sich den Sozialisten
-unfehlbar die Jesuiten anschließen und überhaupt
-alle Katholiken, die dank Gambettas Dummheit
-aus Paris ausgewiesen sind, alle Legitimisten und Bonapartisten
-werden sich dem Sozialismus zuwenden.
-Freilich ist das konservative Frankreich noch stark, trotz
-der Dummheit der Regierenden und der Dummheit
-der Republik. Aber das ist der Anfang vom Ende. Das
-Ende der Welt naht. Das Ende des Jahrhunderts
-wird sich in einer Erschütterung kundtun, wie noch
-nie zuvor. Rußland muß bereit sein, soll sich nicht bewegen,
-soll aufpassen und warten. Wenn es sich nur
-nicht zu einem Bündnis verleiten läßt! Das wäre
-furchtbar! Dann ist es aus mit Rußland, endgültig
-aus. Bei uns gibt es keinen Sozialismus, absolut keinen.
-Der ganze gesunde Teil des russischen Volkes aber
-wird sich nicht rühren, und der ist unzählbar groß.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-11">
-<span class="firstline">Die Juden.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Und wenn auch alle Juden <span class="antiqua">in corpore</span>, wenn das
-ganze Kahal wie eine Verschwörung über Rußland
-steht und den russischen Bauern aussaugt – oh, wir
-haben nichts dawider, wir sagen kein Wort, kein
-Wort! Sonst könnten wir ja am Ende gar den Vorwurf
-der „<em>Unliberalität</em>“ einheimsen: man
-würde schließlich von uns denken, wir hielten unsere
-Religion für besser als die jüdische und bedrängten die
-<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
-Juden aus „religiöser Unduldsamkeit“ – um Himmels
-willen, was dann! Man denke nur und frage sich
-– was dann!
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-12">
-<span class="firstline">Die besseren Menschen.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Wer sind bei uns die besseren Menschen? Der Adel
-ist zerstört. In Frankreich ward er gleichfalls zerstört.
-Die Ehrenlegion wurde aufgepfropft, aber sie hat ihre
-Aufgabe nicht gelöst. (In Europa werden die besseren
-Menschen von der Obrigkeit bestimmt.) Bei uns führte
-Peter der Große, um die Aristokratie der Bojaren zu
-unterdrücken, vierzehn Rangklassen ein. Eine Analogie
-mit der Ehrenlegion. Sie wurden aufgepfropft,
-aber sie haben nicht einmal angefangen, die Aufgabe
-zu lösen, sind vor allem vom Volksgeist nicht anerkannt,
-und selbst bei den Beamten gehen sie dem Bankrott
-entgegen. (Beamte für Sold, die Affäristen, Advokaten,
-Banken werden die Aristokratie überwältigen.)
-Indessen geht es doch nicht ohne bessere Menschen.
-Peter handelte im europäischen Geiste, als er
-die vierzehn Klassen schuf, denn die „Besseren“ wurden
-nun gleichfalls von der Obrigkeit geschaffen und
-gingen nicht aus dem Volksgeist hervor. Die Besseren
-müssen aber vom Volk bezeichnet werden und werden es
-auch. Diese neue Einteilung wird sich bei uns eher als
-sonstwo verwirklichen. Noch ist das Volk stumm, das
-ist wahr, doch nennt es schon außer Alexei, dem Gottesknecht,
-z. B. Suworoff, Kutusoff. Aber es hat ja
-noch keine Stimme. Die Stimme der Intelligenz ist zu
-unklar und dem Volk zu unverständlich, übrigens
-auch gar nicht vernehmbar. Gott weiß, wen die Intelligenz
-<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
-für die Besseren erklärt. Die Pariser Kommune
-und der westliche Sozialismus wollen keine Besseren,
-sie wollen Gleichheit und würden Shakespeare
-enthaupten. Unserem Volk ist Neid vollkommen fremd.
-Vollbringt für das Volk eine gute Tat und es wird
-euch als seine Helden verehren. (Nur müßt ihr das
-Volk lieben, nicht indem ihr es zu euch emporzuheben
-trachtet, sondern indem ihr euch selber vor ihm
-beugt ...)
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-13">
-<span class="firstline">Ehrfurcht.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Die Höhe einer Menschenseele ist zum Teil danach
-zu ermessen, wie weit und vor wem sie fähig ist, Ehrfurcht
-und Verehrung zu bezeugen (oder Andacht zu
-empfinden).
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-14">
-<span class="firstline">Der Jude.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Alle die Bismarck, Beaconsfield, die Französische
-Republik und Gambetta usw. – alle die sind, als
-Macht, für mich eine Vorspiegelung. Und je länger, desto
-mehr. Ihr Herr, wie der Herr aller, der Herr ganz
-Europas ist doch nur der Jude und seine Bank. Wir
-werden es ja erleben, daß er plötzlich sein Veto einlegt
-und Bismarck wie ein Stäubchen von seinem Platze
-gefegt wird. Der Jude und die Bank beherrschen jetzt
-alles: sowohl Europa wie die Aufklärung, die ganze
-Zivilisation und den Sozialismus – besonders den
-Sozialismus, denn durch ihn wird er das Christentum
-mit der Wurzel ausrotten und die christliche Kultur
-zerstören. Und wenn dann nichts als Anarchie übrigbleibt,
-da wird dann der Jude an der Spitze des Ganzen
-<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
-stehen. Denn indem er den Sozialismus predigt,
-bleibt er als Jude mit seinen Stammgenossen doch
-außerhalb, und wenn der ganze Reichtum Europas
-vertan ist, bleibt die Bank des Juden. Dann mag der
-Antichrist kommen und die Anarchie herrschen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-15">
-<span class="firstline">Das Ideal ...</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Das Ideal menschlicher Schönheit – ist das russische
-Volk. Ich muß unbedingt auf diese Schönheit
-aufmerksam machen, den aristokratischen Typus zeigen
-usw. Unwillkürlich fühlst du, daß er menschlich
-nicht unter dir steht; und bald werdet ihr fühlen, daß
-er höher steht als ihr.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-16">
-<span class="firstline">Katerina Iwanowna („<em>Brüder Karamasoff</em>“).</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Ein Mensch, der in seinem ganzen Leben nicht lebt,
-sondern sich selbst ausdenkt.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-17">
-<span class="firstline">Eine Konstitution.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Unsere Intellektuellen werden vom Volk doch nichts
-Vernünftiges zu sagen verstehen. Sie werden das Volk
-nur in Erstaunen setzen und es zu guter Letzt, und zwar
-sehr bald, um seine Geduld bringen – und damit wird
-die Sache enden.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-18">
-<span class="firstline">Väter und Söhne ...</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-„Väter und Söhne“ – die Eigenen erkennen die
-Eigenen nicht.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-19">
-<span class="firstline">Volk ...</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Die Behörden und alle diese Beamten, die sind doch
-in ihrem Verhalten zum Volk ungefähr: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">A quelle
-<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
-sauce voulez vous qu’on vous mange, mais
-nous ne voulons pas</span>“, usw. Dumpfe Verzweiflung.
-</p>
-
-<p>
-Das Volk – dort ist alles. Das ist doch ein Meer,
-das wir bloß nicht sehen, da wir uns vom Volk im
-finnischen Sumpf abgesondert haben.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse1">„Ich liebe dich, Schöpfung Peters ...“</p>
- <p class="verse">Pardon, nein, ich liebe sie nicht.</p>
- <p class="verse">Fenster, Löcher – und Monumente.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Niemand traut uns, alle hassen uns, – warum?
-Weil Europa instinktiv etwas Neues, ihm nicht im geringsten
-Ähnliches in uns spürt. In diesem Punkt
-stimmt Europa ganz mit unseren Westlern überein: die
-hassen Rußland gleichfalls, weil sie in ihm etwas
-Neues, noch nie Dagewesenes wittern.
-</p>
-
-<p>
-Der Osten, Asien, Eisenbahnen! Wir aber leben
-für Europa. Sparen sollten wir, 4 statt 40 ausgeben
-– Peter der Große hätte es getan – und nicht vergessen:
-Rußland liegt zwar in Europa, aber in der
-Hauptsache doch in Asien. Nach Asien! nach Asien!
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-20">
-<span class="firstline">Formel.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Das russische Volk lebt ganz in der Rechtgläubigkeit
-und in ihrer Idee. Außer der Rechtgläubigkeit ist
-in ihm nichts und hat es nichts – und braucht es
-auch nichts, denn die Rechtgläubigkeit ist alles; sie ist
-– Kirche, und Kirche ist die Krönung des Gebäudes,
-und zwar auf ewig. Sie denken, ich werde das jetzt zu
-erklären anfangen? – keineswegs! Alles später und
-unermüdlich. Vorläufig aber stelle ich nur die Formel
-auf und füge noch eine andere hinzu: Wer die Rechtgläubigkeit
-<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
-nicht versteht – der wird auch nie und
-nimmer das russische Volk verstehen. Ja nicht nur das:
-der kann das russische Volk nicht einmal lieben, sondern
-wird höchstens ein imaginäres Volk lieben, wie er das
-russische Volk in Wirklichkeit zu sehen wünschte. Und
-andererseits wird auch das Volk einen solchen Menschen
-nicht als zu ihm gehörig anerkennen: liebst du nicht das,
-was ich liebe, glaubst du nicht daran, woran ich glaube
-und achtest du nicht mein Heiligtum, so bist du nicht
-mein Bruder. Oh, das Volk wird ihm deshalb nicht
-zu nahe treten, wird ihn weder überfallen, noch berauben,
-noch verprügeln, es wird ihm nicht einmal ein
-böses Wort sagen. Es ist zu großzügig dazu, es kann
-viel aushalten und ist in Glaubenssachen duldsam. Das
-Volk wird den, der es anders sehen wollte, ruhig anhören
-– wenn er gescheit ist und zu reden versteht –,
-wird ihm für Ratschläge sogar danken, für die Wissenschaft,
-die man ihm bringt, wird sogar manchen Rat
-befolgen, denn das russische Volk ist großzügig und versteht
-die Dinge auseinanderzuhalten. Aber als seinesgleichen
-wird es ihn doch nicht ansehen, seine Hand wird
-es ihm nicht geben und sein Herz ebensowenig. Unsere
-Intelligenz aber im finnischen Sumpf sieht an ihm vorbei,
-und ärgert sich, wenn man ihr sagt, daß sie das
-Volk nicht kenne.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-21">
-<span class="firstline">Die Lage des Bauern.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Grund genug zum Verzweifeln. Wozu soll er sich
-ausnutzen lassen, auch er wird zum Exploiteur. <em>Höchstens
-ein Heiliger</em> bleibt standhaft.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-22">
-<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
-<span class="firstline">Konstitutionelle, Reaktionäre.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Sie werden doch nur die Interessen Ihrer Gesellschaft
-vertreten, nicht aber die des Volkes. Das Volk
-werden Sie wieder zu Leibeigenen machen wollen.
-Kanonen werden Sie gegen das Volk verlangen! Und
-die Presse – die Presse werden Sie nach Sibirien verbannen,
-sobald sie nur im geringsten Ihr Mißfallen
-erregt. Nicht nur gegen Sie etwas zu sagen wird verboten
-sein – nicht einmal atmen wird man in Ihrer
-Gegenwart dürfen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-23">
-<span class="firstline">Grundbesitz.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Der Hauptgrund, weshalb unsere Gutsbesitzer sich
-mit dem Volk nicht verstehen und keine Arbeiter finden
-können, ist der, daß sie selber nicht Russen, sondern
-vom Boden losgelöste Europäer sind.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-24">
-<span class="firstline">Klassischer Unterricht.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-... Wenn man ihn allmählich einführt, nicht plötzlich
-in unverhältnismäßiger Weise die Bildung erweitert,
-sondern vorläufig nur den Boden vorbereitet –
-dann bekämen wir nach und nach ein Kontingent junger
-Leute mit klassischer Bildung. Und diese würden
-den Grundstock, den Anfang des weiteren bilden. Ferner
-könnte man etwa alle fünf Jahre, oder alle vier
-Jahre einmal die Unterrichtsstunden der klassischen
-Sprachen vermehren ... Das dauerte länger, aber es
-wäre richtiger. Bei uns aber hat man eine Vorliebe fürs
-Plötzliche (<span class="antiqua">sic</span>) – zwanzigtausend Werst Eisenbahn
-wurden bei uns in zehn Jahren gebaut, obschon das
-<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
-alles freie Kapital von der Landwirtschaft und der Industrie
-fortzog. So berief man die tschechischen Lehrer
-der alten Sprachen, – diese kalten, teilnahmslosen,
-der Jugend feindlich Gesinnten, die die russische Sprache
-nicht verstehen und als minderwertig erachten. Sie
-wurden gehaßt, verachtet, verspottet. Mitunter war sogar
-das Nationalgefühl im Schüler verletzt – bei uns
-aber ist davon ohnehin schon erschreckend wenig übriggeblieben
-...
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-25">
-<span class="firstline">Wie man ...</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Wie man bei uns glaubt, alles Unglück Rußlands
-würde durch eine Konstitution beseitigt werden, so ist
-man in Europa übereingekommen – bewußt und unbewußt
-–, daß man zunächst mit Rußland ein Ende machen
-müsse, denn Rußland halte die Völker Europas
-von der inneren Arbeit ab, zwinge sie, ihre großen
-Heere zu erhalten und den Sultan zu beschützen, so daß
-sie ihn nicht aus Europa hinausjagen und seinen Besitz
-unter sich teilen können! An allem, heißt es, ist Rußland
-schuld ...
-</p>
-
-<p>
-Wir können uns ihrem Haß nicht entziehen und einmal
-werden sie sich auf uns stürzen und uns zerreißen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-26">
-<span class="firstline">Ein Projekt.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Nein, wir wissen noch nicht einmal, wie sie uns hassen.
-Nein, es ist nicht nur das, daß es nicht ihre Zivilisation
-ist und wir nicht Europäer sind. Nein, sie wittern
-die Idee, die zukünftige, selbständige, russische, obschon
-sie bei uns noch nicht geboren, nur die Erde unheimlich
-schwanger von ihr ist und sich schon anschickt,
-<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
-sie unter furchtbaren Qualen zu gebären. Wir glauben
-es bloß nicht und lachen. Nun, die Europäer aber
-ahnen sie schon. Sie ahnen mehr als wir selbst, d. h.
-als die russische Intelligenz. Was soll uns die Idee,
-wir bringen sie selber um. Wir leben für Europa, heißt
-es doch, alle nur zum Zeitvertreib für Europa, alle und
-alles – und für unsere Unschuld.
-</p>
-
-<p>
-Dann wird man’s glauben.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-27">
-<span class="firstline">Staat ist Kirche. Virchow. (<em>Sehr wichtig.</em>)</span><br />
-Der Unterschied zwischen uns und Europa.
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Der Staat ist eine vorwiegend christliche Gesellschaft
-und hat die Tendenz, Kirche zu werden. <em>In Europa
-ist es umgekehrt</em> (einer der tiefen Unterschiede
-zwischen uns und Europa). Siehe die Rede Virchows
-(„Nowoje Wremja“, Nr. 1745, 6. Januar 1881).
-Virchow erklärt, der Staat sei vorwiegend eine von Religion
-und Christentum freie Gesellschaft. So ist es in
-Frankreich (Gambetta). Unsere kleinen Dummköpfe haben
-die Formel des Westens sogleich aufgegriffen
-und in ihren Katechismus eingetragen. Bei <em>uns</em> aber,
-im russischen Volk, – uns ist sie bis ins Herz hinein
-fremd. Virchow fürchtet ganz einfach, die Christen
-könnten die Nichtchristen sogleich zu vernichten suchen.
-Im Gegenteil: der Geist des wahren Christentums ist
-– vollständige Glaubensfreiheit. <em>Glaube freiwillig</em>
-– das ist unsere Formel. Der Heiland ist
-vom Kreuz nicht herabgestiegen, weil er nicht <em>gewaltsam</em>
-durch ein äußeres Wunder bekehren, sondern
-gerade die <em>Glaubensfreiheit</em> wollte. Das
-<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
-ist der Geist des Christentums und auch unseres Volkes!
-Wenn es aber Abweichungen gibt, so bedauern wir es.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-28">
-<span class="firstline">Meinen Kritikern.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Ich suche keine Ehren und werde nichts annehmen,
-und wahrlich ist es nicht meine Absicht, für meine Richtung
-mir Sterne zu erraffen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-29">
-<span class="firstline">Ich.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Ich bin wie Puschkin ein Diener des Zaren, weil
-seine Kinder, sein Volk, des Zaren Diener nicht verachten
-werden. Ich werde noch mehr sein Diener sein,
-wenn er wirklich glauben lernt, daß das Volk sich als
-seine Kinder fühlt. Ich weiß nicht, weshalb er es noch
-immer nicht recht glauben zu wollen scheint.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-30">
-<span class="firstline">Volksschulen.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Zwei Kategorien von Volksschulen, in der ersten nur
-lesen; <em>so gut es geht</em>, auch schreiben (erlernen sie es
-– können sie Schreiber werden, sehr wenige werden es
-ganz verlernen) und die drei Gebete. Und dann die
-zweite Kategorie – gleichfalls für die Bauern – mit
-etwas höherem Lehrplan. Von dieser zweiten Kategorie
-vorläufig nur sehr wenige Schulen, denn wenn wir wenigstens
-die von der ersten ins Leben riefen, so wäre
-schon eine <em>Kraft erzeugt</em>. Wer lesen und schreiben
-kann – der vermag sich schon zu bewegen, der kann
-schon vorwärtskommen, der ist schon ausgerüstet und bewaffnet.
-Und Sie werden sehen, wie dann nach wenigen
-<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
-Jahren ganz von selbst die höheren Volksschulen
-entstehen werden: zunächst gilt es, die Lust zum
-Lernen hervorzurufen, dann wird das Verlangen nach
-weiterem Lernen und das Entstehen höherer Schulen
-nicht auf sich warten lassen. Bei uns aber soll alles
-plötzlich entstehen.
-</p>
-
-<p>
-Der deutsche Junge (Pflicht), der russische Junge
-(zerfallene Familie).
-</p>
-
-<p>
-Geschichte würde bei uns geistige Ideen wachrufen.
-Die geistigen Ideen des deutschen Jungen sind andere:
-seine Ordnung, seine Lebensweise, seine Nationalität.
-Bei uns aber, in unseren Familien ist nichts als Fäulnis.
-Hier könnte der Geschichtsunterricht rettend eingreifen
-und den Sinn des Jünglings wenigstens auf
-die historische Welt richten und somit von den abstrakten
-Phantastereien und dem ideellen Mischmasch, der
-die geistige Welt unserer Gesellschaft ausmacht, ablenken.
-Mit einem Wort, man hat nicht in nationalem
-Sinn gehandelt (der russische Junge ist entwicklungsfähiger
-als der Deutsche). Nur die Lehrer der Literatur
-könnte man kontrollieren, damit sie nicht liberale Absurditäten
-predigen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-31">
-<span class="firstline">Entwicklung der Kinder.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Zwei Bälle werden über dem Kinderbett angebracht,
-ein roter und ein blauer, und zwar zur Beschleunigung
-der Entwicklung, um Gedanken zu erwecken. Als wolle
-man die Natur beseitigen! Der Eindruck der Harmonie
-des Ganzen in der Natur wird dadurch aufgehoben.
-Die werden ihr Lebtag im <em>Ganzen</em> Details, grelle
-Punkte, Ecken, Einzelheiten suchen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-32">
-<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
-<span class="firstline">Erziehung.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Der unkultivierte russische Vater hat entweder seine
-Beamtenwelt und sein Kartenspiel, oder wenn er
-sich mit irgend etwas befaßt – geht er in Abstraktheit
-auf, in Weltfragen, in Sehnsucht nach der äußeren
-Form einer Konstitution oder im Materialismus. Bei
-der geringsten praktischen Betätigung quält er sich mit
-ewiger Unentschiedenheit über das, was Ehre und
-Gewissen ist (was seinem Sohn doch nicht entgehen
-kann) und das Auffallendste an ihm ist sein vollständiges
-Nichtverstehen alles dessen, was vor seiner Nase
-ist, der Widerwille gegen alles, was vor ihm liegt.
-Und dasselbe findet sich beim Sohn. Schade, daß ich
-mich kurz fassen muß und nicht das ganze Thema entwickeln
-kann. Aber der Geschichtsunterricht, die allgemeine
-Geschichte würde wenigstens Achtung vor den
-historischen Formen des Menschenlebens einflößen,
-würde wenigstens in den Erscheinungen einen Sinn
-zu sehen lehren. „Ideen sind nicht nötig,“ heißt es. –
-Dann werden sie eben selber Ideen erfinden.
-</p>
-
-<p>
-Von den Vorzügen der Naturwissenschaften haben
-doch nur diejenigen so viel geredet, die nichts von ihnen
-verstehen. Wie viele von unseren Redakteuren und
-Zeitungsverlegern wissen denn etwas von ihnen? Um
-die Wahrheit zu sagen, unsere Gelehrten sind (und
-mancher ist sogar in Europa als Fachmann bekannt)
-– sind größtenteils vortreffliche Spezialisten, sagen
-wir meinetwegen sogar große Spezialisten, nur sind
-sie nichtsdestoweniger größtenteils ungebildete Leute,
-die über das klassische Unterrichtssystem natürlich kein
-<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
-Urteil haben können. Und über diesen stehen dann die
-Ausführenden, die von ihnen sich Rat holen, an und
-für sich zumeist die unschuldigsten Leute (mit einem
-Schimmer von Europäertum), die sich in ihrer Unschuld
-für glänzende Europäer halten, aus Unschuld, wie gesagt,
-und die auch aus purer Unschuld meist so gut
-wie überhaupt nichts von Rußland wissen – nun,
-und was kommt dabei heraus? Nichts, ganz wie bisher
-noch nichts herausgekommen ist ... Eine Kultur
-fehlt.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-33">
-<span class="firstline">An die „Vaterländischen Annalen“.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Die ganze Literatur zittert vor Ihnen, besonders
-vor dem „Satirischen Alten“. Niemand wagt es, gegen
-ihn aufzutreten. Er ist doch ein Liberaler, ist durch und
-durch liberal! – Nein, meine Herren, seien Sie erst
-einmal liberal, <em>wenn das unvorteilhaft ist</em>,
-dann würde ich Sie gern sehen wollen!
-</p>
-
-<p>
-Mit abgedroschenen alten Gedanken schlagen Sie
-sich durch.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-34">
-<span class="firstline">Die Presse.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Die Presse sichert jedem Schurken das Wort, wenn
-er auf dem Papier zu schimpfen versteht, jedem, den
-man in anständiger Gesellschaft unter keinen Umständen
-reden ließe. In der Presse finden alle diese Menschen
-ihr Asyl, – komm, schimpf soviel du willst, –
-– sogar mit Ehrerbietung wird er aufgenommen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-35">
-<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
-<span class="firstline">Die Brüder Karamasoff.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Die Schurken foppen mich mit meinem angeblich
-<em>ungebildeten</em> und rückständigen Glauben an
-Gott. Diese Tölpel haben sich eine solche Gottesleugnung
-noch nicht einmal träumen lassen, wie sie in meinem
-„Großinquisitor“ und dem vorhergehenden Kapitel
-ausgedrückt ist und auf die das <em>ganze Buch</em>
-die Antwort gibt. Wenn ich an Gott glaube, so tue ich
-es doch nicht wie ein Dummkopf (wie ein Fanatiker).
-Diese da wollen mich belehren und lachen über meine
-Beschränktheit! Ihre dumme Kreatur hat sich ja nicht
-einmal träumen lassen von einer solchen Gewalt der
-Verneinung, wie ich sie durchgemacht habe. Und die
-wollen mich unterrichten!
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-36">
-<span class="firstline">Der Teufel.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-(Eine psychologische und <em>ausführliche</em> kritische
-Erklärung Iwan Karamasoffs und der Erscheinung
-des Teufels.) Iwan ist tief, ist nicht einer der
-zeitgenössischen Atheisten, die mit ihrem Unglauben nur
-die Beschränktheit ihrer Weltanschauung und die
-Stumpfheit ihres kleinen Gehirns beweisen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-37">
-<span class="firstline">Bjelinski.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Ein ungewöhnlicher Eifer in der Aufnahme neuer
-Ideen, mit dem größten Verlangen, jedesmal bei der
-Aufnahme von etwas Neuem, alles Alte zu zertrampeln,
-mit Haß und Schimpf und Spott zu vernichten. Eine
-Art Rachegelüst ... „und ich verbrannte alles, was
-ich einst anbetete“.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-38">
-<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
-<span class="firstline">Das Geschimpfe meiner Feinde.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Wenn physische Verrichtungen auf der Straße verboten
-sind, ebenso nackt einherspazierende Menschen,
-warum dann nicht auch dieses verbieten? – Ist es doch
-dieselbe physische Verrichtung, schädlich und gemein!
-Die Staatsanwaltschaft müßte sie ohne weiteres wegen
-Unmäßigkeit zur Rechenschaft ziehen.
-</p>
-
-<p>
-Leontjeff<a class="fnote" href="#footnote-37" id="fnote-37">[37]</a>. („Es lohnt nicht, der Welt Gutes zu
-wünschen, denn es steht geschrieben, daß sie vergehen
-werde“.)
-</p>
-
-<p>
-In dieser Auffassung liegt etwas Unvernünftiges
-und Ruchloses.
-</p>
-
-<p>
-Überdies ist es eine ungemein bequeme Anschauung,
-so für den Hausgebrauch: denn wenn es schon geschrieben
-steht, daß alle verurteilt sind, wozu soll man
-sich dann noch anstrengen, wozu anderen Gutes tun?
-Lebe für dich! Lebe hinfort ein jeder ruhig für seinen
-Wanst.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-39">
-<span class="firstline">Nach dem Erscheinen der Augustnummer meines „Tagebuchs“ und meiner Rede in Moskau.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Hier sprach außer der Meinungsverschiedenheit
-mit mir noch eine Art Neid mit. Ja vielleicht war es
-überhaupt nur Neid, der da sprach. Natürlich kann man
-von Herrn Leontjeff nicht verlangen, daß er das schriftlich
-eingesteht. Aber möge dieser Publizist seinem Gewissen
-die Frage vorlegen und sich selbst die Wahrheit
-<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
-gestehen; auch das würde genügen. (Für einen anständigen
-Menschen genügt auch das.)
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-40">
-<span class="firstline">Gelehrtheit.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Es gibt gewisse Dinge, lebendige Dinge, die zu
-begreifen vor übermäßiger Gelehrtheit sehr schwer ist.
-Die Gelehrtheit, die ja auch selbst im Übermaß immer
-noch eine schöne Sache ist, kann sich aber bei der Berührung
-mit manchen <em>lebendigen</em> Dingen sogar
-in eine äußerst schädliche Sache verwandeln. Es sind
-eben nicht alle lebendigen Dinge leicht zu begreifen.
-Das ist ein Axiom. Übermäßige Gelehrtheit hat
-bisweilen etwas Ertötendes in sich. Gelehrtheit ist
-ein Material, dem manche nicht gewachsen sind.
-</p>
-
-<p>
-Auch ist die übermäßige Gelehrtheit nicht immer die
-wahre oder richtige Gelehrtheit. Die wahre Gelehrtheit
-ist nicht nur nicht feindlich dem Leben gegenüber, sondern
-stimmt schließlich mit dem Leben immer überein,
-dem sie <em>neue Offenbarungen</em> gibt, die sie im
-Leben selbst entdeckt. Das ist das wesentliche und großartige
-Kennzeichen der wahren Gelehrtheit. Die unwahre
-Gelehrtheit dagegen ist, und mag sie auch noch so
-groß sein, dem Leben doch immer irgendwie feindlich
-und geht womöglich bis zur Verneinung des Lebens. –
-Bei uns ist von Gelehrten der ersten Kategorie seltsamerweise
-wenig zu hören, dafür aber genug von solchen
-der zweiten Art, ja wie es scheint sogar nur von
-dieser. Es kann selbst die übermäßigste Gelehrtheit
-keine Gewähr dafür bieten, daß der Gelehrte nicht doch
-nur zur zweiten Kategorie gehört. Doch brauchen wir
-<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
-die Zuversicht nicht aufzugeben, daß es bei uns auch
-solche von der ersten geben wird. Irgend einmal werden
-wir sie doch haben. Wozu denn jede Hoffnung verlieren?
-</p>
-
-<p>
-Wie viele Menschen denken nicht selbst, sondern
-leben mit Gedanken, die andere bereits fertiggedacht
-haben! Bei uns aber lebt man nicht nur mit fertigen
-Gedanken, sondern lebt sogar mit fertigem Leid (und dabei
-ohne Kultur).
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-41">
-<span class="firstline">Der Nihilismus ...</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Der Nihilismus ist bei uns aufgetreten, weil <em>wir
-alle Nihilisten sind</em>. Uns hat nur die neue,
-originelle Form seiner Erscheinung erschreckt. (Alle sind
-ohne Ausnahme Fjodor Pawlowitsch Karamasoff.)
-</p>
-
-<p>
-Komisch war die Bestürzung und die Sorge unserer
-Klugen, die zu erforschen suchten, woher die Nihilisten
-kämen. Sie sind eben nirgendwoher gekommen,
-sondern sind die ganze Zeit mit uns, in uns und bei
-uns gewesen. (Die Dämonen.) „Aber nein, wie denn
-das, wir sind nicht Nihilisten,“ behaupteten die Klugen,
-„wir wollen nur durch die Verneinung Rußlands
-Rußland retten (d. h. indem wir in der Art einer besonderen
-Sphäre, etwa als Aristokraten, über dem
-Volke stehen, das wir zu unserer Nichtigkeit emporheben
-wollen).“ Der Nihilismus ließe sich mit unserer
-Kirchenspaltung vergleichen. Ja aber die Kirchenspaltung
-war für uns von großem Nutzen.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-42">
-<span class="firstline">Religion ...</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Nicht aus Ekel vor der Welt haben sich die Heiligen
-<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a>
-in die Einsamkeit zurückgezogen, sondern zu ihrer sittlichen
-Vervollkommnung. Unsere früheren Mönche lebten
-sogar fast auf dem Marktplatz. Z. B. der Mönch
-Parfeni. Allein schon das Verlangen nach geistiger
-Erleuchtung ist – geistige Erleuchtung.
-</p>
-
-<p>
-Gewissen ohne Gott ist etwas Entsetzliches, es kann
-sich bis zur größten Unsittlichkeit verirren.
-</p>
-
-<p>
-Es ist unzureichend, Sittlichkeit als Überzeugungstreue
-zu definieren. Man muß sich auch noch fortwährend
-fragen: sind meine Überzeugungen richtig? Ihr
-Prüfstein aber ist – Christus. Doch hier kommt nicht
-mehr Philosophie in Frage, sondern Glaube. Glaube
-jedoch ist wie eine Farbe.
-</p>
-
-<p>
-Tatmenschen seien nur Leute von fragwürdiger
-Sittlichkeit. – Wie man wohl auf diesen Gedanken gekommen
-sein mag?
-</p>
-
-<p>
-Einen Menschen, der Ketzer verbrennt, kann ich
-nicht für sittlich erklären, denn ich erkenne eure These
-nicht an, nach welcher Sittlichkeit Übereinstimmung
-mit den inneren Überzeugungen sei. Das ist nur Ehrlichkeit,
-nicht aber Sittlichkeit. Für mich ist das Beispiel
-und Ideal der Sittlichkeit Christus. Ich frage:
-hätte er Ketzer verbrannt? – nein. Also ist es eine
-unsittliche Handlung.
-</p>
-
-<p>
-Der Großinquisitor ist allein schon deshalb unsittlich,
-weil sich in seinem Herzen und Gewissen die Idee
-festsetzen konnte, Menschen zu verbrennen sei notwendig.
-</p>
-
-<p>
-Gut – das Nützliche. Schlecht – das Nichtnützliche.
-Nein, gut ist das, was wir lieben. Alle Ideen Christi
-sind vom Menschenverstande verdorben worden und
-<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
-scheinen unerfüllbar zu sein. Die linke Backe ... mehr als
-sich selbst lieben ... Aber ich bitte, wozu das, wozu?
-Ich bin hier für einen Augenblick, Unsterblichkeit gibt
-es nicht, da lebe ich lieber wie ich will. Das sei keine
-Berechnung (sagt ein englischer Priester). Erlauben
-Sie mir, selber zu wissen, was für mich eine Berechnung
-oder keine Berechnung ist.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-43">
-<span class="firstline">Der Staat ...</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Der Staat wurde für die Mittelmäßigen geschaffen.
-– Wann hat denn der Staat bei seinem Entstehen gesagt:
-ich erschaffe mich für die Mittelmäßigen? Sie
-sagen, so habe es die Geschichte gemacht. Nein, immer
-haben Auserwählte geführt! Aber nach diesen, das ist
-allerdings wahr, hat sogleich die Mittelmäßigkeit auf
-den Ideen der höheren Menschen ihren kleinen mittelmäßigen
-Kodex aufgebaut. Bis dann wieder ein großer
-oder ursprünglicher Mensch kam und den Kodex
-zerstörte. Sie halten, scheint es, den Staat für etwas
-Absolutes? Glauben Sie mir, wir haben nicht nur
-keinen absoluten, sondern noch nicht einmal einen mehr
-oder weniger vollendeten Staat gesehen. Alles Embryonen.
-</p>
-
-<p>
-Die Gesellschaften seien entstanden aus dem Bedürfnis,
-sich einzurichten? – Das ist nicht wahr, sondern
-immer infolge einer großen Idee.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-44">
-<span class="firstline">Ethik ...</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Die andere Backe hinhalten, den Nächsten mehr lieben,
-als sich selbst – nicht deshalb, weil es vorteilhaft
-<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
-ist, sondern weil es einem gefällt, bis zum brennenden
-Gefühl, bis zur Leidenschaft. Christus habe sich geirrt
-– das sei erwiesen! Doch dieses brennende Gefühl
-sagt: lieber bleibe ich bei meinem Irrtum mit Christus
-als mit euch.
-</p>
-
-<p>
-Sie sagen: Europa habe doch viel Christliches auch
-ohne den Papst und den Protestantismus getan. Oh,
-selbstverständlich, das Christentum ist dort doch nicht
-in einem Augenblick gestorben, es brauchte doch zum
-Sterben eine lange Zeit, es hinterließ doch Spuren. Es
-gibt dort auch jetzt noch Christen, aber auch schrecklich
-viel falsche Auffassung vom Christentum.
-</p>
-
-<p>
-Ihre Handlung ist sittlich, aber nicht ihre Idee.
-</p>
-
-<p>
-<em>Sittlich</em> ist nur das, was mit unserem Schönheitsgefühl
-übereinstimmt und mit dem Ideal, in welchem
-dasselbe sich verkörpert.
-</p>
-
-<p>
-Sein Verhalten mag ehrlich sein, aber seine Handlung
-ist nicht sittlich. Denn, wenn die Handlung eines
-Menschen bloß mit seinen Überzeugungen übereinstimmt,
-so braucht sie deshalb noch nicht sittlich zu sein.
-Es ist bisweilen sittlicher, nicht nach seiner Überzeugung
-zu handeln, wie es mancher tut, der dabei seiner
-Überzeugung durchaus treu bleibt, doch infolge eines
-Gefühls die Handlung nicht ausführt. Mit seinem
-Verstande schilt und verachtet er sich deshalb, aber sein
-Gefühl, d. h. sein Gewissen läßt ihn doch nicht die Tat
-ausführen (und schließlich weiß er auch, daß er sie
-nicht aus Feigheit unterläßt). Er unterläßt die Befolgung
-seiner Überzeugung nur deshalb, weil er dies
-als sittlicher erkannt hat, denn eine Befolgung wäre.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-45">
-<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
-<span class="firstline">Rußland ...</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Es gibt bei uns allerdings Kulturmenschen, aber sie
-entstanden, indem sie das Ganze verneinten und nur der
-kleinste Teil kehrte zum Volk zurück. Die übrigen sind
-alle negativ kultiviert. (Übrigens: weshalb mußte Peter
-das Volk zu Leibeigenen machen, um einen gebildeten
-Stand zu erhalten?!) Die Befreiung der Bauern
-geschah ganz abstrakt, ohne Verständnis für den russischen
-Bauern und sogar: indem man ihn verneinte;
-man bemitleidete ihn als Sklaven, aber man sprach
-ihm seine Persönlichkeit, seine Selbständigkeit, seinen
-ganzen Geist dabei ab.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-46">
-<span class="firstline">Ich ...</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Bei vollständigem Realismus im Menschen den
-Menschen finden. Das ist ein durchaus russischer Zug,
-und in diesem Sinne bin ich natürlich volklich (denn
-meine Richtung entspringt der Tiefe des christlichen
-Volksgeistes), obschon ich dem Gegenwärtigen russischen
-Volk unbekannt bin – doch das Zukünftige wird
-mich kennen.
-</p>
-
-<p>
-Man nennt mich einen Psychologen. Das ist nicht
-richtig. Ich bin nur ein Realist im höheren Sinne, d.
-h. ich zeige alle Tiefen der Menschenseele.
-</p>
-
-<h4 class="section" id="subchap-6-1-47">
-<span class="firstline">Christus ...</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-... Ich frage: weshalb ist es unsittlich, Blut zu
-vergießen? Wenn ich das Gegenteil behaupte, werden
-Sie meine Behauptung natürlich auf keine Weise widerlegen
-können.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
-Wenn wir nicht im Glauben und in Christus eine
-Autorität hätten, würden wir uns in allem verirren.
-</p>
-
-<p>
-Es gibt sittliche Ideen. Sie erwachsen aus dem religiösen
-Gefühl, aber mit der Logik allein sind sie niemals
-zu rechtfertigen.
-</p>
-
-<p>
-Es wäre nicht mehr möglich, zu leben.
-</p>
-
-<p>
-Ein Beispiel: Der Jesuit lügt und ist überzeugt,
-daß lügen um eines guten Zweckes willen nützlich und
-gut sei. Sie loben es, daß er seiner Überzeugung gemäß
-handelt, d. h. er lügt und das ist schlecht, da er aber
-aus Überzeugung lügt, so ist das gut. Also einerseits
-ist lügen gut, andererseits schlecht. Wunderbar!
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Boden, auf dem Sie stehen, werden Sie
-immer geschlagen werden. Das werden Sie nur dann
-nicht, wenn Sie anerkennen, daß es sittliche Ideen
-<em>gibt</em> (aus dem Gefühl, von Christus), beweisen aber,
-daß sie sittlich sind, ist unmöglich (Berührung mit anderen
-Welten).
-</p>
-
-<p>
-... Natürlich ist das nicht wissenschaftlich, obschon
-– warum schließlich nicht? Die gewaltige Tatsache
-der Erscheinung Christi auf Erden und alles dessen,
-was darauf folgte, verlangt meiner Ansicht nach
-auch wissenschaftliche Ausarbeitung. Die Wissenschaft
-kann es doch nicht für unter ihrer Würde halten, die
-Bedeutung der Religion in der Menschheit zu untersuchen,
-und wäre es auch nur im Hinblick auf die historische
-Tatsache, die durch ihre Ununterbrochenheit
-und Beharrlichkeit frappiert. Die Überzeugung aber
-der Menschheit von der <em>Berührung mit anderen
-Welten</em> – diese unausrottbare Überzeugung
-<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
-ist doch gleichfalls sehr bedeutsam. So etwas läßt sich
-doch nicht mit einem Federstrich lösen.
-</p>
-
-<p>
-<em>Der Großinquisitor und das Kapitel
-von den Kindern.</em> Angesichts dieser beiden
-Kapitel hätten Sie über mich, vielleicht wissenschaftlich,
-aber nicht in philosophischer Hinsicht so geringschätzig
-zu urteilen brauchen, obschon Philosophie nicht
-meine Spezialität ist. Auch in Europa gibt es keinen
-atheistischen <em>Ausdruck</em> von solcher Gewalt und hat es
-<em>nie gegeben</em>. Folglich glaube ich an Christus und
-bekenne ich mich zu diesem Glauben nicht wie ein Kind,
-sondern mein Hosianna ist durch das große <em>Fegefeuer
-der Zweifel</em> hindurchgegangen, wie in
-meinem letzten Roman der Teufel von sich sagt.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="footnotes" id="part-7">
-Fußnoten
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Fjodor Michailowitsch hätte sich natürlich gern auch als offiziellen
-Redakteur der Zeitschrift gesehen, doch stand er damals noch
-unter polizeilicher Aufsicht, weshalb er erst 1873 als Redakteur
-des „Bürger“ bestätigt werden konnte. Da aber die beiden Brüder
-in größtem Einvernehmen lebten, so ergab sich daraus die beste
-Arbeitsteilung: M. M. übernahm alles Geschäftliche, während
-F. M. sich nur mit der geistigen Leitung der Zeitschrift befaßte.
-<span class="ekr">N. N. Strachoff.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Russischer Publizist von Ruf, geboren 1845. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Alexander Herzen, Sohn eines russischen Aristokraten und
-einer Württembergerin (geb. 1812 in Moskau, gest. 1870 in Paris).
-Er war Schriftsteller und Politiker, wurde schon als Student verbannt,
-gab in London von 1856–65 die Zeitschrift „Die Glocke“
-heraus. Seinem ungeheueren Einfluß auf die Intelligenz jener
-Zeit, sowie seinem offenen Brief an Kaiser Alexander II. wird
-der Anstoß zur Verwirklichung der Bauernbefreiung zugeschrieben.
-<span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Professor der Geschichte. Näheres Bd. XI, S. 311. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Der Held der „Aufzeichnungen eines Irrsinnigen“ von Gogol.
-<span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-6" id="footnote-6">[6]</a> Publizist, Politiker, Panslawist. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-7" id="footnote-7">[7]</a> Führer der slawophilen Partei in Moskau. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-8" id="footnote-8">[8]</a> Russischer Philosoph. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-9" id="footnote-9">[9]</a> Herausgeber der Werke Puschkins. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-10" id="footnote-10">[10]</a> Der Held in Puschkins Poem „Die Zigeuner“. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-11" id="footnote-11">[11]</a> Petschorin, die Hauptperson in Lermontoffs Roman „Der
-Held unserer Zeit“; Tschitschikoff, die Hauptperson in Gogols Roman
-„Die toten Seelen“; Rudin und Lawretzkij, ersterer im Roman
-gleichen Namens und letzterer im Roman „Eine adlige Familie“
-von Turgenjeff. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-12" id="footnote-12">[12]</a> Fürst Andrej Bolkonskij, der Vertreter desselben Typs in
-Tolstois Roman „Krieg und Frieden“. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-13" id="footnote-13">[13]</a> In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, unter Batyj,
-dem Enkel Dschingis-Chans. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-14" id="footnote-14">[14]</a> Seit dem Tode des letzten Nachkommen Ruriks, Feodors I.,
-1598 (nachdem Boris Godunoff den Thronfolger Dmitri 1591
-hatte ermorden lassen) – bis Michail Romanoff 1613 den Thron
-bestieg. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-15" id="footnote-15">[15]</a> Russisches Nationalgetränk aus gesäuertem Brot.
-<span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-16" id="footnote-16">[16]</a> Rechtgläubigkeit. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-17" id="footnote-17">[17]</a> Geb. 1799, fiel 1837 im Duell. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-18" id="footnote-18">[18]</a> Geb. 1672, seit 1689, nach Ausschluß seines Bruders und
-seiner Halbschwester von der Regierung, Alleinherrscher; begann
-mit der Reform Rußlands nach seiner Reise ins Ausland 1697
-und starb 1725. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-19" id="footnote-19">[19]</a> Ein Mensch, der keinen Verbleib hat. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-20" id="footnote-20">[20]</a> Aleko ersticht die Geliebte und einen jungen Zigeuner, die
-er bei einem Stelldichein überrascht. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-21" id="footnote-21">[21]</a> Ein junger Gutsbesitzer und Dichter, Onegins Nachbar und
-Bräutigam der Olga Larina, der jüngeren Schwester Tatjanas.
-Onegin, der auf seinem Gut wie ein blasierter Einsiedler lebt,
-wird von Lenskij überredet, mit ihm zu einem Familienfest in
-Larins, den Gutsnachbarn, zu reiten. Nachträglich ärgert sich
-Onegin über seine Einwilligung, und um nun seinerseits Lenskij
-zu ärgern, tanzt er auf dem Fest ausschließlich mit dessen Braut.
-Lenskij wird eifersüchtig, fordert den Freund und fällt im Duell.
-<span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-22" id="footnote-22">[22]</a> Der alte Mönch in Puschkins Drama „Boris Godunoff“.
-<span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-23" id="footnote-23">[23]</a> Das Stadthaupt (der Bürgermeister) in Gogols Komödie
-„Der Revisor“. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-24" id="footnote-24">[24]</a> Der Obergorodowoi (Schutzmann) in Gogols Komödie „Der
-Revisor“. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-25" id="footnote-25">[25]</a> Diese Bezeichnung rührt von Turgenjeff her, dessen Romanhelden
-fast ausnahmslos „überflüssige Menschen“ sind, die im
-Vaterlande keine Arbeit zu finden verstehen, sich mit Vorliebe im
-Auslande – in Paris oder in süddeutschen Kurorten – aufhalten
-und sich im Grunde nur selbst zur Last fallen. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-26" id="footnote-26">[26]</a> Frau Korobotschka ist eine Gutsbesitzerin, Ssobakewitsch ein
-Gutsbesitzer oder vielmehr „Besitzer von Leibeigenen“ in Gogols
-„Toten Seelen“, Tjäpkin-Ljäpkin ist der Friedensrichter in Gogols
-„Revisor“. Die Namen der Gestalten Gogols enthalten gewöhnlich
-bereits die ganze Charakteristik der Personen: Frau Korobotschka
-= Frau Kästchen, ist ein beschränktes, geiziges Frauenzimmer.
-Ssobakewitsch, – etwa Herr Hundemann –, behandelt seine
-Bauern, als wären sie Hunde. Dershimorda – Haltsmaul –
-hält vornehmlich mit diesem Befehl die Ordnung aufrecht.
-Skwosnik bedeutet „durchtriebener Schelm“, während Dmuchanowskij
-an die kirchenslawische Bezeichnung für „Aufgeblasenheit“
-erinnert. Der Name Tjäpkin-Ljäpkin ist gebildet aus „Tjäp-da-ljäp,“
-dem vulgären Ausdruck für „obenhin“ oder „irgendwie“.
-„Tjäp-da-ljäp, da i kletka“ heißt: eins, zwei, drei mit etwas fertig
-sein – ganz wie der Friedensrichter Tjäpkin-Ljäpkin mit den
-Gerichtssachen eins, zwei, drei fertig ist. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-27" id="footnote-27">[27]</a> Da die Leibeigenen im Plural meist einfach „Seelen“ genannt
-wurden, so nannte man eine Volkszählung oder eine gerichtliche
-bezw. notarielle Feststellung des Besitzes der Gutsherrn
-„Seelenrevision“. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-28" id="footnote-28">[28]</a> Die bedeutendsten Slawophilen. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-29" id="footnote-29">[29]</a> Publizist und Slawophile. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-30" id="footnote-30">[30]</a> Das russische Wort für „Bauer“: es ist die ältere Form
-von „Christjanin“, d. h. „Christ“, und hat somit nichts – wie
-die Bezeichnung des Bauern in anderen Sprachen – mit „Land“
-(Landmann) oder bauen, bebauen gemein. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-31" id="footnote-31">[31]</a> Gogol und Lermontoff. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-32" id="footnote-32">[32]</a> Tolstoi, Dostojewski, Turgenjeff, Gontscharoff, Grigorowitsch.
-<span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-33" id="footnote-33">[33]</a> Russischer General, der 1876 in Serbien gegen die Türken
-kämpfte. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-34" id="footnote-34">[34]</a> Usurpator, Führer im großen Bauernaufstand unter Katharina
-II., gab sich für (den ermordeten) Peter III. aus, wurde
-1775 in Moskau hingerichtet. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-35" id="footnote-35">[35]</a> Dostojewski hat den <a href="#page-321">Seite 321</a>–<a href="#page-325">325</a> wiedergegebenen Entwurf
-in demselben Oktoberheft seiner Monatsschrift „<em>Das Verdikt</em>“
-genannt und „die Überlegung eines Selbstmörders <em>aus Langeweile</em>,
-selbstredend eines Materialisten.“ <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-36" id="footnote-36">[36]</a> Anhänger einer lutheranisierenden Sekte in Südrußland,
-von der Regierung verfolgt. Sie verwerfen die Sakramente und
-alle gottesdienstlichen Gebräuche und haben keine Priester.
-<span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-37" id="footnote-37">[37]</a> Verfasser einer kleinen Broschüre: „Unsere neuen Christen –
-Graf L. N. Tolstoi und F. M. Dostojewski“. <span class="ekr">E. K. R.</span>
-</p>
-
-<div class="trnote chapter">
-<p class="transnote">
-Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-
-<p>
-Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung
-der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren
-Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde
-transkribiert nach:
-</p>
-
-<p class="nowrap center">
-F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.<br />
-Zweite Abteilung: Zwölfter Band<br />
-Literarische Schriften<br />
-R. Piper &amp; Co. Verlag, München, 1921.<br />
-5. bis 9. Tausend
-</p>
-
-<p class="skip_in_txt">
-Das Cover wurde von den Bearbeitern den ursprünglichen
-Bucheinbänden nachempfunden und der <em>public domain</em> zur Verfügung gestellt.
-</p>
-
-<p>
-Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“
-vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen
-Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw.
-sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.
-</p>
-
-<p>
-Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
-</p>
-
-<p>
-Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert.
-</p>
-
-<p>
-Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“)
-eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen
-wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
-</p>
-
-<p>
-Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen:
-Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“.
-Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen
-wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):
-</p>
-
-<p class="list">
-Gradowskij (Gradowski)<br />
-Lewin (Levin)<br />
-Ostrowski (Ostrowsky)<br />
-Pugatschoff (Pugatscheff)
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
-russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-
-
-<ul>
-
-<li>
-... sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten <span class="underline">Standpunkten</span> ...<br />
-... sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten <a href="#corr-3"><span class="underline">Standpunkte</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... um den leibeigenen <span class="underline">Bauer</span>. Einige ...<br />
-... um den leibeigenen <a href="#corr-11"><span class="underline">Bauern</span></a>. Einige ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">nationalen</span> Eigenheiten. Ihre Gegnerschaft raubt ihnen ...<br />
-... <a href="#corr-14"><span class="underline">nationale</span></a> Eigenheiten. Ihre Gegnerschaft raubt ihnen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... als wären wir <span class="underline">wilde</span> Barbaren nicht wert, vor Europa ...<br />
-... als wären wir <a href="#corr-17"><span class="underline">wilden</span></a> Barbaren nicht wert, vor Europa ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SÄMTLICHE WERKE 12: LITERARISCHE SCHRIFTEN</span> ***</div>
-<div style='text-align:left'>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Updated editions will replace the previous one&#8212;the old editions will
-be renamed.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg&#8482; electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG&#8482;
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-</div>
-
-<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br />
-<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br />
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span>
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-To protect the Project Gutenberg&#8482; mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase &#8220;Project
-Gutenberg&#8221;), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg&#8482; License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg&#8482;
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg&#8482; electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg&#8482; electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person
-or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.B. &#8220;Project Gutenberg&#8221; is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg&#8482; electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg&#8482; electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg&#8482;
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (&#8220;the
-Foundation&#8221; or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg&#8482; electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg&#8482; mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg&#8482;
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg&#8482; name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg&#8482; License when
-you share it without charge with others.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg&#8482; work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg&#8482; License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg&#8482; work (any work
-on which the phrase &#8220;Project Gutenberg&#8221; appears, or with which the
-phrase &#8220;Project Gutenberg&#8221; is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-</div>
-
-<blockquote>
- <div style='display:block; margin:1em 0'>
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
- other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
- whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
- of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
- at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
- are not located in the United States, you will have to check the laws
- of the country where you are located before using this eBook.
- </div>
-</blockquote>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg&#8482; electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase &#8220;Project
-Gutenberg&#8221; associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg&#8482;
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg&#8482; electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg&#8482; License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg&#8482;
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg&#8482;.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg&#8482; License.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg&#8482; work in a format
-other than &#8220;Plain Vanilla ASCII&#8221; or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg&#8482; website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original &#8220;Plain
-Vanilla ASCII&#8221; or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg&#8482; License as specified in paragraph 1.E.1.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg&#8482; works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg&#8482; electronic works
-provided that:
-</div>
-
-<div style='margin-left:0.7em;'>
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg&#8482; works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg&#8482; trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, &#8220;Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation.&#8221;
- </div>
-
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg&#8482;
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg&#8482;
- works.
- </div>
-
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
- </div>
-
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg&#8482; works.
- </div>
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg&#8482; electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg&#8482; trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg&#8482; collection. Despite these efforts, Project Gutenberg&#8482;
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain &#8220;Defects,&#8221; such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the &#8220;Right
-of Replacement or Refund&#8221; described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg&#8482; trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg&#8482; electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you &#8216;AS-IS&#8217;, WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg&#8482; electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg&#8482;
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg&#8482; work, and (c) any
-Defect you cause.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-</div>
-</body>
-</html>
diff --git a/old/67240-h/images/cover.jpg b/old/67240-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index e2296e8..0000000
--- a/old/67240-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67240-h/images/facsimile.jpg b/old/67240-h/images/facsimile.jpg
deleted file mode 100644
index a94571c..0000000
--- a/old/67240-h/images/facsimile.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67240-h/images/logo.jpg b/old/67240-h/images/logo.jpg
deleted file mode 100644
index e569b5e..0000000
--- a/old/67240-h/images/logo.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ