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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Sämtliche Werke 12: Literarische Schriften - -Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski - -Editor: Arthur Moeller van den Bruck - -Translator: E. K. Rahsin - -Contributors: Dmitri Mereschkowski - Nikolai Nikolajewitsch Strachow - -Release Date: January 24, 2022 [eBook #67240] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net. This book was produced from images - made available by the HathiTrust Digital Library. - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 12: -LITERARISCHE SCHRIFTEN *** - - - F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke - - Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski - herausgegeben von Moeller van den Bruck - - Übertragen von E. K. Rahsin - - - Zweite Abteilung: Zwölfter Band - - - F. M. Dostojewski - - - - - Literarische Schriften - - - R. Piper & Co. Verlag, München - - - R. Piper & Co. Verlag, München, 1921 - 5. bis 9. Tausend - - - Copyright 1921 by R. Piper & Co., G. m. b. H., - Verlag in München. - - - - - Inhalt. - - - Seite - Zur Einführung. Über Dostojewskis Leben und literarische 3 - Tätigkeit. Von N. N. Strachoff (1882) - Vorbemerkung 101 - - Erster Teil. Die russische Literatur - Puschkinrede (August 1880) 105 - (Zur Puschkinrede S. 105. Puschkin S. 124) - Bei gebotener Gelegenheit einige Vorlesungen über verschiedene 155 - Themata auf Grund einer Auseinandersetzung, die mir Herr - A. Gradowskij gehalten hat - (Dostojewskis Erläuterungen der Puschkinrede) - Der Byronismus (Dezember 1877) 213 - Über russische Literatur (Januar 1861) 219 - Über Tolstois Roman „Anna Karénina“ (August 1877) 243 - - Zweiter Teil. Der russische Nihilismus - Das Milieu (1873) 291 - Der Büßer (1873) 303 - Selbstmord und Unsterblichkeit (1876) 319 - - Dritter Teil. Notierte Gedanken - Notierte Gedanken (1880) 337 - - [Illustration: Tagebuchblatt Dostojewskis] - - - 24. XII. 77. - - Memento für das ganze Leben. - - 1) Den russischen Candide schreiben. - 2) Ein Buch über Jesus Christus schreiben. - 3) Meine Memoiren schreiben. - 4) Ein Poem „Die Ssorokowin’s“ schreiben. - - NB. (Dies alles außer dem letzten Roman und der - beabsichtigten Ausgabe des „Tagebuchs“ - erfordert minimum 10 Jahre Arbeit, ich bin - jetzt aber 56 Jahre alt.) - - - Ein Wort ist gleichfalls eine Tat, und bei uns - noch mehr als sonstwo. - - Dostojewski. - - - - - Zur Einführung - - - Über Dostojewskis Leben und literarische Tätigkeit - -Ich halte es für meine Pflicht, alles Bedeutungsvolle, das sich in -meiner Erinnerung an Fjodor Michailowitsch Dostojewski erhalten hat, -ferner alle seine Gedanken und Gefühlsäußerungen, so gut ich kann und -wie ich sie verstehe, für die Öffentlichkeit niederzuschreiben. Ich -stand ihm vor Jahren sehr nahe, namentlich während meiner -Mitarbeiterschaft an den Zeitschriften, die er leitete, weshalb ich -nicht nur seine Anschauungen und deren Entwicklungsgeschichte, sondern -auch die Entwicklungsgeschichte dieser Zeitschriften selbst von allen -noch Lebenden am besten zu kennen glaube. Gleichzeitig will ich mich -bemühen, mit aller Aufrichtigkeit und Genauigkeit wiederzugeben, was ich -von seinen persönlichen Eigenschaften und seinen Beziehungen zu anderen -Menschen kennen zu lernen oder zu hören Gelegenheit hatte. Doch mein -Hauptthema wird seine literarische und journalistische Tätigkeit sein. - - * * * * * - -Die journalistischen Arbeiten F. M. Dostojewskis sind, alles in allem -genommen, recht umfangreich. Er hatte die größte Vorliebe gerade für -diese Art Tätigkeit. Die letzten Zeilen, die er schrieb, sind die -Artikel der letzten Nummer seines „Tagebuchs“. - -Die Zeitschriften, an denen er als Journalist, d. h. als Redakteur, -Publizist und Kritiker arbeitete, waren folgende: - -1. „_Die Zeit_“ – eine umfangreiche Monatsschrift, die unter der -Redaktion seines älteren Bruders, Michail Michailowitsch Dostojewski, -vom Januar 1861 bis zum April 1863 erschien[1]. - -2. „_Die Epoche_“ – eine Monatsschrift wie die vorhergehende, die seit -dem Anfang des Jahres 1864 bis zum Februar 1865 erschien, in den ersten -Monaten gleichfalls unter der Redaktion Michail Michailowitschs, später, -nach seinem Tode am 4. Juni, unter der Redaktion A. U. Porezkis. - -3. „_Der Bürger_“ – eine Wochenschrift, die im Jahre 1872 vom Fürsten W. -P. Meschtscherski[2] gegründet wurde. Im ersten Jahr war G. K. -Gradowskij ihr Redakteur, im zweiten, 1873, F. M. Dostojewski. In dieser -Wochenschrift begann er bereits, Feuilletons unter dem Titel „Tagebuch -eines Schriftstellers“ zu veröffentlichen, die somit der Anfang der -folgenden Zeitschrift sind. - -4. „_Tagebuch eines Schriftstellers._“ Dasselbe erschien einmal -monatlich in den Jahren 1876 und 1877. Im Jahre 1880 erschien nur eine -Nummer im August, und 1881 das letzte Heft kurz nach dem Tode -Dostojewskis. - -Der Geist und die Richtung dieser Zeitschriften verfolgten einen -besonderen Weg, im Gegensatz zu allen anderen Petersburger -Zeitschriften, die sich ja bekanntlich in ihren Zielen durch große -Gleichartigkeit auszeichnen, vermutlich infolge der gleichen -Bedingungen, unter denen sie sich entwickeln. Die Tätigkeit F. M. -Dostojewskis war dieser allgemeinen Petersburger Geistesart gerade -entgegengesetzt, und so war vornehmlich er derjenige, der durch die -Kraft seines Talentes und den Eifer seiner Überzeugungen der anderen -Richtung, nicht der Petersburger, sondern der breiteren, sagen wir, der -_russischen_, einen so bedeutenden Erfolg verschaffte. - -Meine Bekanntschaft mit F. M. Dostojewski begann auf journalistischem -Gebiet und noch bevor die erste Dostojewskische Zeitschrift -herausgegeben wurde. Der Hauptmitarbeiter einer neuen Zeitschrift, A. P. -Miljukoff, damals mein Kollege an einem der Petersburger -Unterrichtsinstitute, hatte meinen ersten größeren Artikel angenommen -und mich gleichzeitig zu seinen Dienstagen eingeladen, an welchen Tagen -sich bei ihm ein bestimmter Literatenkreis zu versammeln pflegte. Seit -dem ersten Abend, den ich in dem Kreise verbrachte, betrachtete ich mich -gewissermaßen als in diese Gesellschaft aufgenommen und alles -interessierte mich sehr. Die hervorragendsten unter den Gästen A. P. -Miljukoffs waren die beiden alten Freunde des Hausherrn – die Brüder -Dostojewski, die man gewöhnlich zusammen sah. Außer ihnen erschienen -noch die Dichter Maikoff, Krestoffski, Minajeff und andere. Den ersten -Platz in diesem Kreise nahm natürlich F. M. Dostojewski ein. Alle sahen -in ihm bereits einen hervorragenden Schriftsteller, doch beherrschte er -den Kreis nicht etwa infolge seiner Berühmtheit, sondern auf eine ganz -natürliche Weise: durch seinen Gedankenreichtum und die Lebhaftigkeit, -mit der er seine Gedanken aussprach. Der Kreis war nicht groß und seine -Mitglieder standen einander sehr nahe, so daß von einer Gezwungenheit, -wie sie sonst in russischen Gesellschaften so oft herrscht, hier nicht -die Rede sein konnte. Schon damals hatte Dostojewski eine besondere Art -zu sprechen. Oft unterhielt er sich längere Zeit nur halblaut, fast nur -flüsternd mit einem von uns, bis ihn dann irgend etwas erregte und -hinriß und er plötzlich die Stimme erhob. Übrigens konnte man ihn zu -jener Zeit, was seine Gemütsverfassung betrifft, ziemlich heiter nennen; -es war in ihm damals noch sehr viel Weichheit, im Gegensatz zu den -letzten Lebensjahren, wo er sie nach allem Ausgestandenen langsam -eingebüßt hatte. Seines Äußeren erinnere ich mich noch lebhaft: er trug -damals nur einen Schnurrbart und hatte, ungeachtet der mächtigen Stirn -und der prachtvollen Augen, ein ganz soldatisches Aussehen, d. h. -Gesichtszüge, wie man sie unter dem einfachen Volke findet. Auch -erinnere ich mich seiner ersten Frau, die ich nur einmal ganz flüchtig -sah. Sie machte auf mich einen sehr angenehmen Eindruck durch ihre -bleichen, zarten Züge, obgleich dieselben unregelmäßig waren; überdies -konnte man ihr die Neigung zu der Krankheit, die sie ins Grab brachte, -schon ansehen. Sie starb an der Schwindsucht. - -Die Gespräche in diesem literarischen Kreise interessierten mich -außerordentlich. Das war für mich eine neue Schule, in die ich hier -geriet, eine Schule, die in vieler Hinsicht meinen Ansichten und meiner -Geschmacksrichtung widersprach. Ich hatte bis dahin einem anderen Kreise -angehört, einem Kreise, in dem man die Wissenschaft sehr hoch hielt, -Dichtkunst und Musik, Puschkin und den Komponisten Glinka verehrte. - -Damals beschäftigte ich mich viel mit Naturwissenschaft und Philosophie -und so studierte ich natürlich fleißig die Deutschen, in denen ich die -Führer der Aufklärung sah. Bei den Literaten verhielt es sich anders: -die lasen alle sehr eifrig die französischen Schriftsteller, während die -deutschen ihnen gleichgültig waren. Alle wußten, daß der ältere der -Brüder Dostojewski, Michail Michailowitsch, eine Ausnahme bildete, da er -die deutsche Sprache so weit beherrschte, daß er deutsche Bücher lesen -und aus dem Deutschen übersetzen konnte. Fjodor Michailowitsch hatte -zwar gleichfalls Deutsch gelernt, doch ganz wie die anderen das Gelernte -vergessen, und so las er bis an sein Lebensende von fremden Sprachen nur -Französisch. Während seiner Verbannung in Sibirien hat er zwar einmal, -wie aus einem Brief hervorgeht, den Vorsatz gefaßt, sich ernstlich an -die Arbeit zu machen. Er bat den Bruder, ihm Hegels Geschichte der -Philosophie in deutscher Sprache zu senden; aber das Buch blieb -ungelesen und bald nachdem er mich kennen gelernt hatte, schenkte er es -mir. - -So hatten sich denn die Anschauungen dieses Literatenkreises unter dem -Einfluß der französischen Literatur entwickelt. Politische und soziale -Fragen spielten hier die erste Rolle und verdrängten die ausschließlich -künstlerischen Interessen. Ein Künstler mußte nach ihrer Auffassung die -Entwicklung gewisser sozialer Ideale verfolgen und verfechten, in die -Tagesfragen eingreifen, das entstehende Gute oder Schlechte der -Gesellschaft zu Bewußtsein bringen, überhaupt Leiter und Erläuterer, d. -h. im Grunde genommen ein Politiker und Publizist sein. So wurde fast -unumwunden verlangt, daß der Künstler die ewigen und allgemeinen -Interessen den zeitweiligen und gewissermaßen parteilichen unterordnen -solle. Von der Notwendigkeit dieser publizistischen Tätigkeit war Fjodor -Michailowitsch unerschütterlich überzeugt und blieb es bis zu seinem -Tode. - -Die Aufgabe des Schriftstellers und Künstlers sah man hauptsächlich in -der Beobachtung und Schilderung verschiedener Menschentypen, vornehmlich -geringer und mitleiderregender, und in der Auslegung, wie sie unter dem -Einfluß ihres Milieus, ihrer Verhältnisse, sich zu dem entwickelt -hatten, was sie schließlich geworden waren. Deshalb war es bei den -Literaten Sitte, gelegentlich in die schmutzigsten und verrufensten -Lokale zu gehen und dort freundschaftliche Gespräche mit Leuten -anzuknüpfen, die selbst der Krämer und niedrigste Subalternbeamte -verabscheut hätte, und auch das Abstoßendste wurde von ihnen mit Mitleid -und Nachsicht beurteilt. - -Ich sage offen, daß dieses Prinzip schädlich war. Schädlich nicht etwa, -weil es falsch ist, sondern weil die Ergebnisse nicht vollständig sind -und mit Zusätzen vervollständigt werden müssen, die wichtiger sind als -das Prinzip selbst. Man sollte meinen, was kann es besseres geben, als -Humanität? Oder was könnte interessanter sein als ein Kunstwerk, das den -gegenwärtigen Augenblick wiederspiegelt? Indessen führt Humanität ohne -leitende Grundsätze zum Verfall der Sitten, wie das unter den Cäsaren -und im achtzehnten Jahrhundert der Fall war. Denn Nachsicht und bloßes -Mitleid mit den Leiden der Menschen besagt wenig, man muß auch noch -wissen, wofür man die Menschen liebt, und muß verstehen, worin die -Schönheit und Würde der Menschenseele besteht. Deshalb vermag ein -Künstler nur dann dem Augenblick zu dienen, wenn seinem Geiste -Anschauungen zugrunde liegen, denen die Zeit nichts anhaben kann. -Andernfalls wird er, wie wir das schon oft gesehen haben, nicht der -Beherrscher, sondern der Sklave des Augenblicks sein. - -Waren die Literaten dieses Kreises unter sich, so kam das Gespräch -beständig auf das Thema der verschiedenen Typen jener Art, und man -bewies viel Geist und Beobachtungsgabe bei Gelegenheit dieser -_physiologischen_ Erörterungen. Anfangs wunderte ich mich sehr, wenn das -Urteil über menschliche Eigenschaften oder Handlungen nicht von der Höhe -des sittlichen Standpunktes und seiner feststehenden Anforderungen -gefällt wurde, sondern unter dem Gesichtswinkel der unvermeidlichen -Übermacht der verschiedenen Einflüsse und der unvermeidlichen -Unterlegenheit der menschlichen Natur. Die besondere Art, wie Fjodor -Michailowitsch über diese Dinge dachte, die _über_ dieser Physiologie -stand, offenbarte sich mir erst in der Folge mit ganzer Klarheit. In der -ersten Zeit aber gewahrte ich sie gar nicht in dem allgemeinen Strom der -mir ganz neuen Ansichten. - -Diese Gedankenrichtung, die man zweifellos auf den Einfluß der -französischen Literatur zurückführen muß, war eine der Richtungen der -_vierziger Jahre_, jener fruchtbaren Zeit, als Europa mit seinem ganz -besonders regen geistigen Leben auf uns Russen einen großen Einfluß -ausübte und in Rußland eine Saat säte, die erst lange nachher aufging. -Diese bei uns fortwährend sich wiederholende Erscheinung, daß wir hinter -Europa zurückbleiben, hat mir oft zu denken gegeben und erst spät habe -ich mich mit ihr ausgesöhnt. Offenbar stehen wir Europa immer deshalb -nach, weil wir nicht sein Leben leben, sondern von ihm nur seine -Gedanken nehmen, die wir dann auf immer behalten, während wir für andere -neue Lehren unserer Lehrerin taub und stumm bleiben. Nach dem Jahre 1848 -trat in Westeuropa ein Umschwung in der allgemeinen Stimmung ein: die -frohen Hoffnungen verblaßten, das sittliche Niveau sank, es brach -gleichsam eine furchtbare Krankheit aus und überall verbreitete sich -Schwermut und begann Pessimismus zu herrschen. Der feinfühlige Alexander -Herzen[3], der dies alles mit eigenen Augen sah, äußerte sich darüber in -wahrer Verzweiflung. 1859 war Europa schon längst wieder in seine -unschöpferische Periode eingetreten, während bei uns gerade damals die -erste Saat aufzugehen begann. Es hat wohl kaum jemals in unserer -Literatur eine so frohe und belebte Stimmung geherrscht wie in der Zeit -von 1856 bis zu den Petersburger Brandstiftungen im Jahre 1862. Wir -waren noch in keiner Beziehung enttäuscht und ein jeder gab sich -unbehindert seinen Lieblingsgedanken hin und predigte das, was in Europa -seinen Wert schon verloren oder bereits eine ganz andere Bedeutung -erhalten hatte. Was mich betrifft, so gehörte ich in literarischer -Beziehung gleichfalls zu einer der Richtungen der vierziger Jahre, -jedoch zu einer noch älteren, als es diejenige war, zu der sich der -Literatenkreis, von dem hier die Rede ist, bekannte – nämlich zu der -Richtung, für die der Gipfel der Bildung nichts anderes bedeutete, als -Hegel zu verstehen und Goethe _auswendig_ zu kennen. Deshalb, und noch -aus Gründen bestimmter Meinungsverschiedenheiten, fiel mir die so ganz -andere Stimmung des Literatenkreises besonders auf. - -Dieser Stimmung lag, wie bereits erwähnt, ein an sich gewiß herrliches -Gefühl zugrunde: Humanität, Mitleid mit Menschen, die in einer -schwierigen Lage sind, und ein Verzeihen ihrer Schwäche. In der Tat, man -kann sich leicht einer gewissen Grausamkeit schuldig machen, wenn man -seinen Mitmenschen die unerfüllte Pflicht vorhält – selbst wenn es sich -dabei um eine sittliche Pflicht handelt. So war denn der literarische -Kreis, in den ich eintrat, für mich in vieler Hinsicht eine Schule der -Humanität. Doch ein anderer Zug, der mich besonders frappierte, stellte -an sich eine weit größere Abweichung von meinen Ansichten dar. Zu meiner -größten Verwunderung bemerkte ich, daß man in diesem Kreise Ausartungen, -ja Ausschweifungen im Sinnlichen gar keine Bedeutung beimaß. Dieselben -Menschen, die in sittlicher Beziehung von so ungeheurer Feinfühligkeit -waren, die den höchsten Gedankenflug hatten und selber sogar -größtenteils jeder physischen Ausschweifung fernstanden, dieselben -Menschen sahen indessen mit vollkommenem Gleichmut auf alle -Extravaganzen, sprachen von ihnen wie von spaßigen Narreteien oder -nichtssagenden Lappalien, denen sich in einer freien Minute hinzugeben -durchaus statthaft sei. Geistige Unanständigkeit wurde streng und scharf -gerügt, fleischliche Unanständigkeit dagegen überhaupt nicht beachtet. -Diese sonderbare _Emanzipation des Fleisches_ wirkte geradezu -verführerisch, und in einigen Fällen hatte sie Folgen, an die zu denken -schmerzlich und furchtbar ist. Von denen, die ich während meiner -literarischen Mitarbeiterschaft, namentlich in den sechziger Jahren, -kennen lernte, habe ich einige infolge dieser physischen Sünden, die sie -für so belanglos hielten, sterben und wahnsinnig werden gesehen. - -Fjodor Michailowitsch suchte stets den letzten und neuesten Charakterzug -des Lebens zu erhaschen, aber ungeachtet dessen, daß er sich beständig -in die Zeiterscheinungen hineindachte und stolz war auf ihre richtige -Wiedergabe in seinen Werken, stellte er doch gleichzeitig als Künstler -die strengen Forderungen der Kunst über alles andere. Zwar suchte er in -der Kunst immer irgendeine zeitliche oder nationale Bedeutung, aber die -Kunst an sich entzückte ihn auch ohne alle Bedingungen und in der -letzten Zeit begann er sogar, unumwunden die berühmte Formel „die Kunst -für die Kunst“ zu verteidigen. Dieser Widerspruch lebte beständig in -ihm, gleich vielen anderen Widersprüchen in seinen Gedanken und -Handlungen, die aber in der Tiefe seiner Seele ihren natürlichen -Ausgleich fanden und ihn in vielen Fällen vor falschen und unnormalen -Wegen zurückhielten. Indem er sich über diese Widersprüche stellte, -erhob er sich auf die Höhen, die seiner ganzen Tätigkeit ihre so -wunderbare Stimmung geben. - -Diese seine Tätigkeit läßt sich in zwei deutlich zu unterscheidende -Hälften teilen: die erste Hälfte (von seinem ersten Werk „Arme Leute“ -bis zu „Rodion Raskolnikoff“) verrät, was das Milieu und die Aufgaben -betrifft, den Einfluß Gogols; die zweite Hälfte, die selbständigere (von -Rodion Raskolnikoff bis zum Schluß) widmet sich ausnahmslos der damals -in unserer Gesellschaft auftretenden Erscheinung, unserer größten -inneren Krankheit – dem Nihilismus. - -Hier dürfte die Bemerkung erforderlich sein, daß in diesen meinen -Aufzeichnungen nicht etwa Versuche, den verstorbenen Schriftsteller -vollkommen zu erklären, zu sehen sind. Das lehne ich mit aller -Entschiedenheit ab. Dazu ist er mir viel zu nah und unverständlich. Wenn -ich an ihn denke, so frappiert mich zunächst die unermüdliche -Beweglichkeit seines Geistes und die unerschöpfliche Fruchtbarkeit -seiner Seele. Es war in ihm gleichsam noch nichts endgültig -Ausgebildetes, in solchem Überfluß entstanden in ihm Gedanken und -Gefühle, soviel Unbekanntes und Unausgesprochenes blieb noch hinter dem -verborgen, was ihm auszusprechen gelang. Deshalb wuchs und erweiterte -sich auch seine literarische Tätigkeit wie in Ausbrüchen, jedenfalls auf -eine der gewöhnlichen Entwicklungsart ganz fremde Weise. Nach einer -gleichmäßigen Fortdauer und sogar einem scheinbaren Schwächerwerden -seines Talentes offenbarte er plötzlich neue Kräfte, zeigte er sich -wieder von einer neuen Seite. Natürlich ist er überall derselbe -Dostojewski. Nur kann man leider nicht sagen, daß er sich ganz -ausgesprochen habe; der Tod verhinderte ihn, sich in neuem und letztem -Aufschwunge zu erheben, und hat uns gewiß vieles vorenthalten. - -Mit ganz ungewöhnlicher Deutlichkeit zeigte sich in ihm eine besondere -Art von Dualismus, der darin bestand, daß der Mensch, selbst wenn er -sich äußerst lebhaft gewissen Gedanken und Gefühlen hingibt, in seiner -Seele dennoch ein ununterjochbares und unerschütterliches Bewußtsein -behält, von dem aus er auf sich selber, auf seine Gedanken und Gefühle -sieht. Ich habe ihn mehrmals über diese seine Eigenschaft sprechen -hören, und er nannte sie „Reflexion“. Die Folge eines solchen Dualismus -ist, daß der Mensch immer die Möglichkeit behält, darüber zu urteilen, -was seine Seele erfüllt, daß die verschiedenen Gefühle und Stimmungen -sich nie restlos seiner Seele bemächtigen können, und daß aus diesem -tiefen seelischen Zentrum eine Energie hervorgeht, die die ganze -Tätigkeit und den ganzen Geist und Inhalt des Schaffens belebt und -gestaltet. - -Doch wie dem auch sei, jedenfalls überraschte mich Fjodor Michailowitsch -immer durch die Ungebundenheit seines Denkens, durch seine Fähigkeit, -verschiedene und sogar entgegengesetzte Auffassungen zu verstehen. Als -ich ihn kennen lernte, zeigte er sich als größter Verehrer Gogols und -Puschkins und war von ihrer Kunst über alle Maßen entzückt. Ich erinnere -mich noch heute, wie ich ihn zum erstenmal Puschkins Gedichte lesen -hörte. Er wurde von Michail Michailowitsch dazu aufgefordert, der ihn -mit Genugtuung lesen hörte und offenbar mit größter Bewunderung zum -Bruder aussah. Fjodor Michailowitsch las allerdings sehr gut, aber mit -jener etwas unfreien, klanglosen Stimme, mit der in der Regel Ungeübte -ein Gedicht vortragen. Ich erwähne dies nur deshalb, weil er in den -letzten Lebensjahren tatsächlich wundervoll vortrug und das Publikum -durch seine Kunst mit Recht begeisterte. - -Gogol war gegen Ende der fünfziger Jahre bei allen noch in frischer -Erinnerung, besonders bei den Literaten, die in ihren Gesprächen -fortwährend seine Ausdrücke und Redewendungen zu gebrauchen pflegten. -Ich erinnere mich, wie Fjodor Michailowitsch sehr feine Bemerkungen über -die richtig zu Ende gezeichneten Charaktere und die Lebenswahrheit aller -Gestalten Gogols machte. Überhaupt hatte die Literatur zu jener Zeit -noch eine Bedeutung, die sie heutzutage nicht mehr hat. Fjodor -Michailowitsch war ihr mit ganzem Herzen ergeben, und Puschkin und Gogol -hatten ihn nicht nur erzogen, er schöpfte auch später noch beständig aus -ihnen. Als seine Rede zur Puschkinfeier alle anderen Reden in den -Schatten stellte und ihm einen Triumph eintrug, wie sich schwerlich -jemand einen ähnlichen vorstellen kann, wenn er diesen nicht miterlebt -hat, da sagte ich mir, daß dieser Lohn ihm allein in Wahrheit gebührte, -denn von der ganzen Schar der Lobredner und Verehrer hatte wahrlich -niemand Puschkin so geliebt wie Dostojewski. - - - Seine Krankheit und seine schriftstellerische Arbeit - -Seine literarische Arbeit kam ihm teuer zu stehn. Einmal sagte er mir, -die Ärzte hätten von ihm als erste Bedingung einer Heilung seiner -Krankheit verlangt, daß er das Schreiben ganz und gar aufgäbe. Das war -ihm natürlich nicht möglich, selbst wenn er sich zu einem solchen Leben -hätte entschließen können – zu einem Leben ohne die Erfüllung dessen, -wozu er sich berufen fühlte. Aber er hatte noch nicht einmal die -Möglichkeit, sich ein bis zwei Jahre wenigstens gut zu erholen. Erst -kurz vor seinem Tode gestalteten sich seine Verhältnisse – hauptsächlich -dank der Sorge Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Frau – soweit günstig, -daß er sich eine zeitweilige Erholung hin und wieder gestatten konnte; -doch andererseits war er gerade vor seinem Tode weniger denn je zu einem -Ausspannen und Stehenbleiben auf seinem Wege geneigt. - -Die epileptischen Anfälle wiederholten sich ungefähr einmal in jedem -Monat; das war der gewöhnliche Verlauf der Krankheit. Bisweilen aber, -wenn auch nur sehr selten, kamen die Anfälle öfter, sogar zweimal -wöchentlich. Im Auslande, wo er mehr Ruhe hatte und wohl auch infolge -des milderen Klimas sich besser fühlte, sollen manchmal ganze vier -Monate in Ruhe vergangen sein. Er hatte stets ein Vorgefühl des Anfalls, -doch es konnte auch täuschen. - -Einmal – es war, wenn ich nicht irre, im Jahre 1863 am Ostersonnabend – -kam er ziemlich spät, etwa gegen elf Uhr, zu mir und wir gerieten in ein -lebhaftes Gespräch. Ich erinnere mich nicht mehr, über welchen -Gegenstand wir gerade sprachen, aber jedenfalls war es ein sehr -wichtiges abstraktes Thema. Fjodor Michailowitsch war sehr angeregt und -begann im Zimmer auf und ab zu gehen, während ich am Tische saß. Er -sagte irgend etwas Großartiges, Frohes, und als ich seinem Gedanken mit -einer Bemerkung beistimmte, da wandte er sich mit begeistertem Gesicht -zu mir, mit einem Ausdruck, der deutlich verriet, daß seine Begeisterung -ihren höchsten Grad erreicht hatte. Für einen Augenblick blieb er -stehen, als suche er nach Worten für seinen Gedanken, und öffnete schon -den Mund. Ich sah ihn mit Spannung an, denn ich fühlte, daß er etwas -Außergewöhnliches sagen, daß ich vielleicht eine Offenbarung hören -würde. Plötzlich drang aus seinem offenen Munde ein seltsamer, -gezogener, sinnloser Schrei, und er fiel bewußtlos mitten im Zimmer hin. - -Der Anfall war nur von mittlerer Stärke. Infolge der Krämpfe streckte -sich der ganze Körper und an den Mundwinkeln trat Schaum hervor. Nach -Verlauf einer halben Stunde kam er wieder zu sich, und ich begleitete -ihn zu Fuß nach Haus, da er sehr nah wohnte. - -Ich habe mehrmals von Fjodor Michailowitsch gehört, daß er vor dem -Anfall Augenblicke der größten Verzückung und Begeisterung erlebe. „In -diesen wenigen Augenblicken,“ sagte er, „empfinde ich ein Glück, wie man -es in normalem Zustande niemals empfindet, und von dem die anderen -Menschen sich gar keine Vorstellung machen können. Ich fühle -vollständige Harmonie in mir und mit der ganzen Welt, und dieses Gefühl -ist so stark und süß, daß man für die wenigen Sekunden einer solchen -Seligkeit zehn Jahre seines Lebens, ja sogar das ganze Leben hingeben -könnte.“ - -Als Folge der Krämpfe stellten sich bei ihm nach einem Anfalle Schmerzen -in den Muskeln ein, abgesehen von den Schmerzen der Verletzungen, die er -sich manchmal beim Fall zuzog. Bisweilen zeigte das Gesicht eine -auffallende Röte oder auch nur rote Flecke. Doch das Schlimmste war, daß -der Kranke die Erinnerung verlor und für zwei bis drei Tage sich wie -zerschlagen fühlte. Sein Gemütszustand war dann ein sehr bedrückter, – -er konnte seinen Kummer und eine gewisse gesteigerte Sensibilität kaum -überwinden. Das Wesen dieses Kummers bestand nach seinen Worten darin, -daß er sich als Verbrecher empfand und den Wahn nicht abschütteln -konnte, eine unbekannte Schuld, ein ungeheures Verbrechen laste auf ihm. - -Es läßt sich hiernach leicht denken, wie schädlich für ihn alles war, -was einen Blutandrang in den Kopf hervorruft, also besonders das -Schreiben. Dies ist übrigens nur eine der vielen Qualen, die die -Schriftsteller im allgemeinen zu ertragen haben. Ich glaube, man -kann diejenigen unter ihnen Ausnahmen nennen, bei denen die -schriftstellerische Arbeit nicht mit einer Aufhebung des Gleichgewichts -in ihrem Organismus, nicht mit einer Empfindsamkeit und Anspannung -verbunden ist, die an Krankheit grenzen und deshalb unvermeidlich Qual -verursachen. Die Freuden des Schaffens, der geistigen Befriedigung haben -gleichfalls ihre Schattenseiten. Eine feine Sensibilität wird oft nur -durch qualvolle Verhältnisse ausgebildet, jedenfalls aber werden durch -sie sogar gewöhnliche Verhältnisse qualvoll. - -Auch über seine Art, zu schreiben, sei hier einiges gesagt. Gewöhnlich -mußte er sich sehr beeilen, mußte zu einem Termin soundsoviel Druckbogen -liefern, weshalb er sich in der Arbeit überhastete und nicht selten -dennoch nicht fertig wurde. Da er nur von dem Honorar seiner -literarischen Arbeiten lebte und fast bis zu seinem Lebensende, oder -doch wenigstens bis zu den letzten drei oder vier Jahren sich immer -irgendwie durchschlagen mußte, war er gezwungen, beständig um Vorschuß -zu bitten und auf Bedingungen einzugehen, denen er nur schwer nachkommen -oder die er überhaupt nicht erfüllen konnte. Hinzu kam, daß er im -Geldausgeben weder Einteilung noch Vorsicht in demjenigen Maße besaß, -wie sie vonnöten sind für einen, der ausschließlich von literarischer -Arbeit lebt, die ja doch nichts Regelmäßiges und Bestimmtes einbringt. -So kam es denn, daß er sein Leben lang in seinen Schulden und -Verpflichtungen wie in einem Netz gefangen saß und sein Leben lang -gehetzt und überanstrengt arbeitete. Diese Mißstände hatten noch einen -anderen Grund, der sogar viel schwerwiegender war. - -Fjodor Michailowitsch schob das Arbeiten immer bis zur letzten -Möglichkeit auf; erst wenn ihm nur noch knapp so viel Zeit bis zum -Termin übrigblieb, daß er, wenn er eifrig schrieb, das Manuskript -fertigstellen konnte – erst dann machte er sich an die Arbeit. Das war -eine gewisse Faulheit, die sogar sehr groß sein konnte; doch war es -immerhin keine gewöhnliche, sondern eine besondere, eben eine -_Künstlerfaulheit_. Die tiefere Ursache freilich war, daß in ihm eine -ununterbrochene Arbeit, eine rastlose Bewegung und ein Anwachsen der -Gedanken vor sich ging, weshalb es ihm immer sehr schwer fiel, sich von -dieser inneren Arbeit loszureißen und mit der äußeren, dem Schreiben, zu -beginnen. Während er scheinbar müßig war, arbeitete er in Wirklichkeit -unaufhörlich. Menschen, in denen diese innere Arbeit sich nicht -vollzieht, oder nur in geringem Maße, langweilen sich gewöhnlich ohne -eine äußere Beschäftigung, der sie sich darum auch meist mit Freuden -widmen. - -Fjodor Michailowitsch dagegen langweilte sich infolge dieses Überflusses -von Gedanken und Gefühlen, die in ihm wogten, niemals, und schätzte den -äußeren Müßiggang über alles. Man kann sagen, daß in seinem Geist -fortwährend neue Gestalten, Pläne neuer Werke entstanden, indes die -alten Pläne reiften und sich entwickelten. - -Er schrieb nahezu ausnahmslos in der Nacht. Nach elf Uhr, wenn alles im -Hause zur Ruhe ging, blieb er allein mit dem Samowar in seinem Zimmer -und schrieb bis fünf oder sechs Uhr morgens, wobei er zwischendurch -nicht sehr starken und fast kalten Tee trank. Infolgedessen stand er -dann auch erst um zwei, ja sogar erst um drei Uhr nachmittags auf, und -der Tag verging für ihn mit Empfang von Gästen und, nach einem -Spaziergang, mit Besuchen bei Bekannten. - -Gerade an Fjodor Michailowitsch konnte man deutlich beobachten, welch -eine Riesenarbeit das Schreiben für Schriftsteller von seinem -Inhaltsreichtum ist. - -Was die Flüchtigkeit und Unfertigkeit seiner Werke betrifft, so war sich -Fjodor Michailowitsch ihrer Mängel durchaus bewußt und gab sie auch ohne -alle Beschönigungen zu. Und nicht nur das. Es tat ihm zwar leid um diese -„unvollendeten Werke“, aber er bereute nicht nur nicht seine Eile in der -Arbeit, sondern hielt sie sogar für notwendig und nützlich. Für ihn war -die Hauptsache nicht das Werk an sich, sondern der Augenblick und der -Eindruck, wenn auch letzterer nicht vollständig fehlerfrei sein mochte. -In diesem Sinne war er ganz Journalist und ein Verleugner der Theorie -der reinen Kunst. Seine Pläne und Absichten waren zahllos und so trug er -sich immer mit mehreren Themen, die er alle bis zur Vollendung -auszuarbeiten gedachte – jedoch später irgend einmal, wenn er mehr Muße -haben werde, wenn die Zeiten ruhiger geworden seien! Vorläufig aber -schrieb und schrieb er halb ausgearbeitete Sachen – einerseits, um sich -die Mittel zum Lebensunterhalt zu verdienen, andererseits, um -fortwährend seine Stimme durchzusetzen, in der öffentlichen Meinung, in -den Debatten und Erörterungen der Tagesfragen, und um das Publikum nicht -in Ruhe zu lassen, sondern immer wieder mit seinen Gedanken -aufzurütteln. - -Eine große und bedeutungsvolle Eigenheit unserer Literatur sind von -jeher die Zeitschriften, deren Kennzeichen Eile und Flüchtigkeit zu sein -pflegen. Die Mitarbeiter haben sich selbst und auch die Leser an ein -inhaltleeres Wortgepräge gewöhnt, an seichte Räsonnaden und formlose -Betrachtungen, die gedanklich höchstens einen Anfang, doch weder ein -Ende noch eine Mitte haben, und die fast ausnahmslos den Inhalt der -Zeitschriften bilden. Die Tatsache, daß die Literatur von dieser Art -ist, hängt natürlich damit zusammen, daß das Publikum nur Neues, nur -eben Geschehenes liest, im Neuen aber nicht Befriedigung seiner -Wißbegier oder seiner ästhetischen Neigungen sucht, sondern nur Angaben -der im Augenblick gerade neuesten Anschauungen des Westens oder -wenigstens unserer tonangebenden Literatenkreise. Unsere Leser sind -nicht Richter, sondern nur Schüler, nicht Menschen, die bereits ihre -festen Anschauungen haben, sondern Menschen, die anderen, die in ihren -Anschauungen fortgeschrittener sind, nicht nachstehen wollen. Sie -bedürfen einer Autorität, und sie verlangen nach einer leichten Lektüre, -die ihnen gleichzeitig die beruhigende Gewißheit gibt, daß sie den Geist -und die Richtung der allerneuesten, allerletzten Erscheinungen in -der Weltliteratur kennen. So hat sich denn diese riesige -Zeitschriftenliteratur entwickelt, deren Schreibmethode bis zur größten -Nachlässigkeit sinken kann. Da die Literatur nur eine dienende Rolle -spielte und folglich der Selbständigkeit entbehrte, mußte sie natürlich -verflachen und die Strenge sowohl in der Ausdrucksform wie im -Gedankeninhalt einbüßen. - -Nichtsdestoweniger war diese Literatur weder unnütz noch unwürdig. -Immerhin verstand sie es, die Leser zu erziehen, und größtenteils war -sie sogar von ehrlichem Eifer für ihre Ziele erfüllt. Deshalb ist es -auch begreiflich, daß Fjodor Michailowitsch die Journalistik liebte und -ihr gern diente, wobei er sich selbstverständlich vollkommen dessen -bewußt war, was er tat und worin er von der strengen Form des Gedankens -und der Kunst abwich. Von Jugend auf an die Journalistik gewöhnt, von -ihr halbwegs sogar erzogen, blieb er ihr bis zuletzt treu, ja er schloß -sich ganz rückhaltlos, schloß sich vollkommen dieser Literatur an, die -ihn umgab, und stellte sich niemals abseits von ihr. - -Seine regelmäßige Lektüre bildeten russische Zeitschriften und -Zeitungen, und seine Aufmerksamkeit war beständig auf seine Kollegen in -der schönen Literatur, auf alle Kritiker seiner eigenen wie auch fremder -Werke gerichtet. Es lag ihm sehr viel an jedem Erfolg, an jedem Lob, -während ihn Angriffe äußerst betrübten. Im Literarischen lagen nun -einmal seine hauptsächlichsten geistigen Interessen – doch übrigens auch -seine materiellen. Er lebte, wie gesagt, ausschließlich von seiner -literarischen Arbeit und dachte nicht einmal an eine andere -Beschäftigung, ja er verfiel überhaupt nicht auf den Gedanken, sich -durch einen Staatsdienst oder Privatdienst materiell sicherzustellen. -War er in Geldverlegenheit, so wandte er sich ganz ungeniert an die -betreffenden Redaktionen oder Verleger. So traf es sich bisweilen, daß -ich während seines Aufenthalts im Auslande auf seine Bitte hin mit -verschiedenen Verlegern zu unterhandeln hatte, gewöhnlich wegen einer -Summe, die er für eine noch _ungeschriebene_ Novelle zu erhalten -wünschte. Oft endeten die Unterhandlungen mit einer Weigerung des -Verlegers, und mir tat es bisweilen sehr weh, zu denken, _wem_ er diese -Vorschläge machte und dazu noch vergeblich. Er aber betrachtete diese -Fälle als unvermeidliche Unbequemlichkeit seines Berufes, denn er -begriff nur zu gut, daß man ihm deshalb keineswegs etwa Vorwürfe machen -konnte. Die Abhängigkeit von Redaktionen und Verlegern sind wie jedes -Angebot mit Unterhandlungen ein gütlicher Vertrag, eine Abmachung unter -Gleichgestellten, und können deshalb niemals so peinlich sein wie andere -Beziehungen. - -So waren auch die Schattenseiten der Literatur für ihn nichts Fremdes; -er hatte sie nun einmal zu seinem Beruf erwählt und äußerte sich nicht -selten in dem Sinne, daß er stolz auf ihn sei. Denn er liebte die -Literatur, namentlich in der ersten Zeit, als jener Unterschied, der ihn -später zur Opposition gegen die allgemeine Petersburger Journalistik -veranlaßte, noch nicht scharf hervortrat. Und diese Liebe war der -wichtigste Grund, weshalb er nicht sogleich zu den Slawophilen überging. -Er empfand doch lebhaft die Feindseligkeit, mit der sich diese von jeher -ihren Prinzipien gemäß zur zeitgenössischen Literatur verhielten. - -Der Vollständigkeit halber muß ich auch meine Stellungnahme ein wenig -erläutern. Da ich mich für die wissenschaftliche Laufbahn vorbereitet -hatte und erst spät in den Literatenkreis geriet, verhielt ich mich zur -Journalistik mit einer gewissen Skepsis und Geringschätzung. Nach -Möglichkeit vermied ich Vielschreiberei und bemühte mich, meine Artikel -auch wirklich auszuarbeiten. Diese Sorgfalt meinerseits rief gewöhnlich -Fjodor Michailowitschs Spott hervor. „Sie arbeiten immer für die -Gesamtausgabe Ihrer Werke!“ sagte er. „Die wird es nie geben,“ sagte -ich. Bald aber hatte ich mich doch so in die Literatur hineinziehen -lassen, daß ich ihre Interessen viel mehr zu Herzen zu nehmen begann. An -die Stelle der früheren Geringschätzung der Journalistik trat ein -ernsteres Verhältnis zu ihr, als sich zeigte, daß auf der Unterlage -dieser Räsonnaden solche Erscheinungen wachsen konnten wie der -Nihilismus. Die Feindschaft, die ich gegen diesen empfand, bemühte ich -mich auch Fjodor Michailowitsch einzuimpfen. - -Seine Vorliebe für den Feuilletonstil hat Dostojewski nie ganz -verlassen. Ja er zwang sich selbst oft zu diesem Stil, um seine Gedanken -allgemeinverständlich auszudrücken, auf eine dem Leser vertraute Weise. -Dennoch wurde seine Schreibart mit den Jahren immer strenger, und auch -in seinen früheren Feuilletonartikeln finden sich manche Seiten von -einer künstlerischen Kraft und Strenge, die die Aufgaben eines -Feuilletons weit überragen. - - - Die neue Richtung. Die Bodenständigen - -Die Geistesrichtung Fjodor Michailowitschs war eine besondere Art -Slawophilismus. Das geht bereits deutlich aus dem Prospekt hervor, der -im September 1860 das Erscheinen der „Zeit“ für das folgende Jahr -ankündigte und den zweifellos Fjodor Michailowitsch ganz allein -ausgearbeitet hat. So enthält dieser Prospekt bereits einzelne Gedanken -und Bestrebungen, die für seine ganze fernere Tätigkeit charakteristisch -sind. Es ist, wie gesagt, eine Art Slawophilismus, denn Fjodor -Michailowitsch fußt geradezu auf der Erkenntnis, daß es zwischen dem -Volk und der Intelligenz einen durch die Reform Peters hervorgerufenen -Zwiespalt gibt. Und aus diesem Grunde behauptet er – zum erstenmal 1860 -in der Rede zur Puschkinfeier –, daß uns Russen eine eigene, -selbständige Entwicklung bevorstehe, weshalb er eine Rückkehr zum -Nationalen, zum Volklichen verlangt. Doch wem die Ansichten unserer -literarischen Parteien bekannt sind, für den dürfte es unschwer zu -erkennen sein, daß dies noch nicht der echte Slawophilismus ist. - -Erstens ist der Ausgangspunkt offenbar ein anderer. Der Gedanke -Dostojewskis besteht darin, daß man die gebildeten Kreise mit dem Volk -derart aussöhnen und vereinigen müsse, daß dabei weder die ersteren sich -von ihrer Bildung und der Wissenschaft, noch die letzteren sich von -ihrem Grundwesen loszusagen brauchen. Es wäre also eine gewisse Synthese -erforderlich, die sowohl die einen wie die anderen Prinzipien in sich -aufnimmt. An der Möglichkeit dieser Synthese hat Dostojewski nie -gezweifelt. Ja er ging sogar noch weiter, denn er glaubte, daß dem -russischen Volk geistige Kräfte gegeben seien, mit denen es eine -_universale Synthese_, d. h. die Auflösung und Versöhnung aller -Widersprüche, die sich in der historischen Menschheit gezeigt, zustande -bringen könne. Der Gedanke, daß das russische Volk diese Eigenschaft -habe und zur Verwirklichung dieser Aufgabe ausersehen sei, bildet den -Inhalt der Rede Fjodor Michailowitschs zur Puschkinfeier, somit hat er -diesen Glauben bis zuletzt gehabt. - -Diese Auffassung ist für ihn äußerst charakteristisch. Sie ist vor allem -ein Beweis der Breite der Basis seiner Sympathien. Er hätte zwar seine -verschiedenen, oft entgegengesetzten Sympathien logisch nicht in -Einklang zu bringen vermocht, wie er auch die Widersprüche, zu denen sie -in weiteren Folgerungen führen, nicht entdeckte und wie er auch die -Formel nicht gefunden hat, die diese Widersprüche beseitigen könnte; -aber er versöhnte sie psychologisch und ästhetisch in seinem Inneren. -Diese Veranlagung spielte in seinem ganzen Schaffen eine große Rolle und -wurde für ihn sehr fruchtbar. Der auffallendste Zug war dabei wohl das -vollständige Fehlen von Haß und Verachtung in seinem Verhalten zu -unserem großen Streit zwischen der westlichen und der russischen Idee. -Dieser Zug war die Ursache der geradezu elektrischen Wirkung seiner Rede -zur Puschkinfeier. Und derselbe Zug charakterisiert auch seine Romane -und sein „Tagebuch“. - -Der zweite charakteristische Zug in diesem Prospekt wie in der -Puschkinrede, ist die _Unbestimmtheit_ der Prinzipien, auf die er sich -stützt. Das war aber bei dem Ausgangspunkt und der gedanklichen Richtung -Dostojewskis auch nicht anders zu erwarten. Er sah seinen Gedanken -vorläufig nur in den Umrissen. Während die Slawophilen von vornherein -gewisse sehr bestimmte religiöse, philosophische und politische -Auffassungen vertraten, _suchte_ Dostojewski erst die Prinzipien, die zu -der erwünschten Versöhnung führen sollten. Nichtsdestoweniger sprach er -aber von diesen noch gesuchten Prinzipien mit großer Bestimmtheit und -Beharrlichkeit. Das ist gleichfalls eine seiner charakteristischen -Eigenschaften. Die abstraktesten Gedanken, ganz im allgemeinen -ausgesprochen, wirkten überaus stark auf ihn und er ließ sich nicht -selten von ihnen einfach hinreißen. Überhaupt war er ein in hohem Maße -begeisterungsfähiger und empfindsamer Mensch. Manch ein einfacher -Gedanke, ja mitunter sogar irgendein schon allen bekannter, ganz -gewöhnlicher Gedanke konnte ihn plötzlich ungeheuer begeistern, wenn er -ihm einmal in seiner ganzen Bedeutung aufging. Der Grund hierfür war -wohl der, daß er, man kann sagen, ungemein lebhaft die _Gedanken -fühlte_. Darum sprach er _seinen_ Gedanken in verschiedenen Formen aus, -gab ihm bisweilen einen sehr scharfen plastischen Ausdruck, obschon er -ihn nicht logisch erklärte, nicht seinen Inhalt auseinandersetzte. Denn -in erster Linie war er doch Künstler, dachte in Bildern und ließ sich -von Gefühlen leiten. - -Der dritte bemerkenswerte Zug ist natürlich seine lebhafte Zuversicht, -mit der er auf die Schnelligkeit und Möglichkeit der Verwirklichung -jener Aufgaben vertraute, der Glaube, daß jene Ziele mit Leichtigkeit zu -erreichen seien. Das ist gleichfalls auf die Lebhaftigkeit des Gefühls, -das ihn erfüllte, zurückzuführen. Während die Slawophilen, die die -Aufgabe in ihrer ganzen Tiefe erkannt hatten, die ganze Schwierigkeit -ihrer Ausführung begriffen und, je lauter der Lärm der literarischen und -gesellschaftlichen Bewegung war, um so klarer sahen, daß die -Verwirklichung ihrer geliebten Wünsche durch ebendiese Bewegung -hinausgeschoben wurde – erhob Dostojewski, indem er sich von der -herrschenden Erregung hinreißen ließ, und da er in ihr nicht die -Elemente sah, die seinem Ideal vollkommen feindlich waren, kühn die -Fahne seiner Idee in dem festen Glauben, die erregte Masse mitreißen zu -können. Diese Fähigkeit, glühend zu glauben und zu hoffen, verblieb ihm -bis zu seinem Tode. Er ließ sich stets von der Gewalt seiner Gedanken -hinreißen und war nahezu fest überzeugt, daß das, was sein geistiger -Blick schon so klar sah, unfehlbar und bald sich auch verwirklichen -werde. - -Übrigens konnte damals, zu Anfang der sechziger Jahre, kaum jemand der -allgemeinen Begeisterung widerstehen. Es war eine Zeit so voll von -Hoffnung und Unternehmungslust. Alle Geister waren angeregt, alles war -im Brodeln, so daß man in der Tat glauben konnte, das Unglaublichste -werde geschehen. Das Gefühl für die Wirklichkeit war uns abhanden -gekommen und man dachte: was wir wollen, das können wir auch vollbringen -... - -Um diese Stimmung, in der wir uns alle befanden und unter deren Einfluß -die Ansichten der Brüder Dostojewski sich entwickelten, zu verstehen, -muß man sich den Geist jener Zeit vergegenwärtigen. Es war im Jahre der -Bauernbefreiung, 1861, in der lichtesten Zeit der Regierung Alexanders -II. Es hatte den Anschein, als müsse in ganz Rußland ein neues Leben -beginnen, etwas ganz Außergewöhnliches müsse kommen! Wenigstens fiel uns -der Glaube an die baldige Verwirklichung selbst der kühnsten Hoffnungen -leicht und erschien uns nur natürlich. Alle wußten, daß die -vorbereitenden Arbeiten zur Aufhebung der Leibeigenschaft sich bereits -ihrem Ende näherten, und schon die dritte Nummer der „Zeit“ enthielt den -Wortlaut des Manifestes vom 19. Februar, das am 5. März offiziell -bekanntgegeben wurde. - -Leider folgten dieser frohen Zeit bald schwere Stunden, gegen Ende -desselben Jahres die Studentenunruhen, im folgenden Jahre die unzähligen -Brandstiftungen in Petersburg, zu Anfang 1863 der polnische Aufstand. Im -Gegensatz zu dieser schweren Zeit hatte sich bis dahin, vom Jahre 1855 -an, die frohe Erwartung in der Gesellschaft und in der Literatur -unausgesetzt gesteigert. Nach dem Regierungswechsel waren fortwährend -verschiedene Erleichterungen, Befreiungen und Reformen eingeführt -worden, die Zensur wurde mit jedem Jahre nachsichtiger, die Zahl der -Zeitschriften und neuen Bücher wuchs schnell. In dieser Zeit wurden nun -die Meinungen und Stimmungen, die in der Periode des Schweigens bis 1855 -entstanden und erstarkt waren, ausgesprochen. Jetzt, in der Freiheit und -inmitten der allgemeinen Belebung erging man sich kühn in der Anwendung -und Entwicklung seiner Prinzipien, doch die alte Gewöhnung an die Zensur -und der immerhin nicht ganz aufgehobene Einfluß derselben, verliehen -allem ein sowohl sehr gediegenes wie auch recht verführerisches -Aussehen. So bildeten sich denn in diesen sieben Jahren die Richtungen -aus, die heute noch herrschen. Die letzte Erscheinung dieser Art war die -Richtung der „Zeit“, die Fjodor Michailowitsch angab. - -Es war das seiner Ansicht nach eine absolut neue, besondere Richtung, -die dem neuen Leben, das nun augenscheinlich in ganz Rußland einsetzte, -entsprechen und die Richtungen der alten Parteien, der Westler und der -Slawophilen, ersetzen oder verdrängen sollte. Die Unbestimmtheit des -Gedankens an sich machte ihm weiter keine Sorgen, da er an der -Entwicklung desselben nicht den geringsten Zweifel hegte. Hinzu kam, daß -die damalige Literatur einen Charakter hatte, der ihm zu glauben -erlaubte, daß die zwei alten literarischen Parteien, die Westler und die -Slawophilen, ausgestorben oder im Aussterben begriffen seien und daß -etwas Neues zu erstehen beginne. Dieser Charakter beruhte darauf, daß -die Parteien damals nicht schroff hervortraten und die gesamte Literatur -wie ein einiges Ganzes zusammenhing. Ich erinnere mich noch gut jenes -fast freundschaftlichen Gefühls, das damals unter den Schriftstellern -herrschte. Man hatte erst kurz zuvor die Möglichkeit erhalten, seine -Gedanken auszusprechen, mußte immer noch den allgemeinen Aufseher, die -einst so strenge Zensur, im Auge behalten: so sahen denn die Literaten -es für ihre Pflicht an, sich gegenseitig zu schützen und zu -unterstützen. Überhaupt war man der Ansicht, daß die Literatur -eine gewisse gemeinsame Sache sei, vor der die einzelnen -Meinungsverschiedenheiten zurücktreten müßten. In der Tat, alle standen -in gleichem Maße für die Aufklärung ein, für die Freiheit des Wortes, -die Aufhebung mannigfacher Bedrückungen und Belästigungen usw., mit -einem Wort, für die ersten liberalen Forderungen, die man in einer Weise -abstrakt auffaßte, daß sie sich mit den verschiedensten, ja sogar mit -entgegengesetzten Anschauungen vereinen ließen. Natürlich kannten die -Anhänger der verschiedenen Richtungen die Grenzen zwischen sich und den -anderen. Aber für die gewöhnlichen Leser und selbst für die Mehrzahl der -Schreibenden war die Literatur ein ungeteiltes Ganzes. Im Grunde aber -war sie ein Chaos, ein formloses und doch vielgestaltiges, und deshalb -konnte leicht der Wunsch entstehen, diesem Chaos eine Form zu geben, -oder wenigstens einen gewissen bestimmteren Weg einzuschlagen. Der -Träger dieses Wunsches war Fjodor Michailowitsch, und von ihm persönlich -kann man bezüglich seiner ganzen journalistischen Tätigkeit sagen, daß -er erreicht hat, was er wollte. Inmitten der Petersburger Literatur -ertönte seine Stimme oft laut und machtvoll, namentlich in den letzten -Jahren seines Lebens, wo sie sogar alle anderen Stimmen übertönte, wenn -sie protestierte und den neuen Weg wies. - -Außer in Fjodor Michailowitsch fand dieser Gedanke in Apollon Grigorjeff -einen überzeugten Anhänger, der nach dem Erscheinen der ersten Nummer -der „Zeit“ ihr eifriger Mitarbeiter wurde. Ich erinnere mich noch, wie -es zum Teil durch meine Vermittlung dazu kam. Man wünschte damals von -mir literarische Kritiken; ich weigerte mich, solche zu schreiben und -empfahl dringend Grigorjeff, in dem ich unseren besten Kritiker sah und -auch jetzt noch sehe. Zu meiner Freude erklärte Fjodor Michailowitsch, -daß Grigorjeff ihm sehr gefalle und seine Mitarbeiterschaft ihm sehr -erwünscht wäre. Seit der Zeit sahen wir alle in Grigorjeff unseren -Führer auf dem Gebiet literarischer Kritik. Leider verloren wir ihn -bald. Er starb 1864. - -Der erste Artikel Grigorjeffs, den er für die zweite Nummer der „Zeit“ -schrieb, begann mit der kategorischen Erklärung, daß es die beiden -Richtungen, die sich vor zehn Jahren feindlich gegenüberstanden, die -westliche und die östliche, bereits nicht mehr gäbe. Und diese Tatsache -zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, sei jetzt die höchste Zeit, „denn -für die Erkenntnis der einzelnen, für die Erkenntnis eines jeden von uns -schreibenden und denkenden Menschen ist sie schon längst erwiesen.“ - -Eine so feste Überzeugung, daß die zwei Hauptrichtungen unserer -Literatur endgültig abgetan seien, wurde dem Verfasser natürlich nur -durch den _Wunsch_, daß es sich so verhalten möge, eingegeben. Zum -besseren Verständnis der Situation sei hier ein wenig an Grigorjeffs -literarische Herkunft erinnert. Er gehörte zur sogenannten _jungen -Redaktion_ des „Moskwitjänin“, den Pogodin[4] in Moskau herausgab und zu -dem ein ganzer Kreis bekannter Namen gehörte. Dieser Kreis, wie auch -Pogodin selbst, hielt sich im Grunde zu den Slawophilen, war aber in -seinen Sympathien doch sehr frei und entfernte sich denn auch allmählich -vom reinen Slawophilismus. Pogodin, der seinerzeit auf Puschkin und die -ersten Slawophilen Einfluß gehabt, wurde auch von der „jungen Redaktion“ -wegen seines glühenden Patriotismus und seiner lebhaften, echt -russischen Sympathien überaus geachtet, obschon er seinen früheren -Überzeugungen treublieb und sich die _alte Redaktion_ nannte. Dennoch -räumte er in seiner Zeitschrift „Moskwitjänin“ dem jungen Kreise volle -Freiheit ein. Das Charakteristische dieses Kreises war eine begeisterte -Verehrung der poetischen Literatur; in ihr sahen sie den besten Ausdruck -des Volksgeistes und des Zeitgeistes zugleich, und in ihr suchten sie -Offenbarungen und Gesetze. In diesem Kreise wurde Ostrowski verehrt, -wurde von ihm gesagt, er bringe ein „neues Wort“; hier wurden Gogol und -Puschkin verehrt und hier kämpfte man gegen die „realistische Schule“ -und die Petersburger. - -Zu dieser Partei der „jungen Redaktion“ gehörte nun Apollon Grigorjeff, -und mit seinem Wunsch, sich von den Slawophilen abzusondern, -unterstützte er in bedeutendem Maße Fjodor Michailowitschs Gedanken, -eine neue Richtung zu gründen. Die Autorität Apollon Grigorjeffs war für -uns alle in dieser Frage von entscheidender Bedeutung. So entstand dann -jene Partei, die in der Petersburger Literatur lange Zeit unter einem -besonderen Namen bekannt war: man nannte sie die Partei der -„_Bodenständigen_“. Ausdrücke, wie z. B. „wir sind von unserem Boden -getrennt“ oder „wir müssen unseren Boden suchen“ waren geradezu -Lieblingsausdrücke Fjodor Michailowitschs, und finden sich schon in -seinem Einführungsartikel. Dieser Ausdruck, der übrigens sehr plastisch -und lebendig ist, hatte auch noch den Vorteil, daß er zugleich sehr -allgemein war und kein bestimmtes Prinzip aussprach. Unter ihm konnte -man natürlich auch Slawophilismus verstehen, aber die „Zeit“ ließ doch -beständig durchblicken, namentlich anfangs, daß sie damit eine andere, -wenn auch verwandte Richtung meinte. - -Das Verhältnis zu den Slawophilen war ungefähr folgendes. Apollon -Grigorjeff sprach von ihnen sowohl mündlich wie schriftlich stets mit -der größten Hochachtung. Von ihm lernten auch wir diese Hochachtung, die -aus der Petersburger Literatur unmöglich zu lernen gewesen wäre, da -diese die Slawophilen nie ohne Spott und Verachtung erwähnte. Auch heute -noch verhält es sich nicht viel anders. Die Brüder Dostojewski aber -waren unmittelbar aus der Petersburger Literatur hervorgegangen – das -muß man bei einer Beurteilung ihrer literarischen Art und ihrer -Ansichten immer im Auge behalten. Michail Michailowitsch stand natürlich -mehr unter ihrem Einfluß und verhielt sich den Slawophilen gegenüber -kühl oder sogar voreingenommen. Fjodor Michailowitsch dagegen, der zwar -damals die Slawophilen fast noch gar nicht kannte, war doch nicht -geneigt, Grigorjeff zu widersprechen, und überdies fühlte er bereits, -wer von ihnen recht hatte. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls -schloß sich die Richtung der „Zeit“, eben durch Apollon Grigorjeff, an -den einen Zweig des Pogodinschen Slawophilismus an, und Grigorjeff -gebührt das Verdienst, daß er die große, wesentliche Bedeutung des -reinen Slawophilismus in unserem geistigen Leben erkannte. - -Dennoch spielte die größte und fruchtbarste Rolle in dieser ganzen -Angelegenheit Fjodor Michailowitsch. Er war es, der bewußt und ohne zu -zögern anfangs A. Grigorjeff und später den Slawophilen entgegenkam. Bei -der Schnelligkeit und Geschmeidigkeit seines Auffassungsvermögens -begriff er leicht diese Anschauungen in ihren Grundlagen; doch das -Entscheidende wird hierbei wohl gewesen sein, daß er schon infolge der -ganzen Art seiner Ansichten, seiner Annäherung an das Volk und der -dadurch hervorgerufenen inneren Wandlung seiner Gedanken, ein unbewußter -Slawophile war. Der Slawophilismus ist doch nicht eine vom Leben -losgelöste Theorie; er ist eine vollkommen natürliche Erscheinung, -sowohl von seiner positiven Seite – als Konservatismus – wie von seiner -negativen Seite – als Reaktion, d. h. als Wunsch, das geistige wie -moralische Joch des Westens abzuwerfen. So ist es denn erklärlich, daß -sich in Fjodor Michailowitsch eine ganze Reihe von Ansichten und viele -Sympathien entwickelt hatten, die vollkommen slawophil waren, und daß er -mit ihnen hervortrat, ohne zunächst seine Übereinstimmung mit der schon -längst existierenden Partei zu bemerken, um dann später unmittelbar und -offen sich zu ihr zu bekennen. Gerade solche Parteigänger sind aber die -wertvollsten. Sie sind nicht Schüler, die sklavisch die Worte der Lehrer -wiederholen, sondern selbständige Träger der Idee, die sie auch weiter -zu entwickeln fähig sind. Mit größter Feinfühligkeit erriet Fjodor -Michailowitsch die richtige Anwendung seiner Prinzipien und entdeckte -ihre verschiedenen Seiten. - -Zur Vervollständigung des Bildes füge ich noch ein paar Worte über mich -hinzu. Der Gedanke, eine neue Richtung zu gründen, interessierte mich -anfänglich nicht wenig, was ich dem Einfluß Grigorjeffs zuschreibe. Bald -jedoch gewann ich die Überzeugung – vielleicht infolge meiner Abneigung -gegen alles Unbestimmte –, daß man sich einfach für einen Slawophilen -ausgeben mußte, auch wenn man nur die Grundprinzipien dieser Lehre -teilte. Deshalb stimmte ich eine Zeitlang mit der Richtung der „Zeit“ -nicht überein, doch kann ich nicht sagen, daß ich diese Differenz jemals -besonders betont hätte. - -Anders verhielt es sich mit den jüngeren Mitarbeitern der Zeitschrift, -die sich alle eng um A. Grigorjeff scharten, der sie sowohl durch seinen -Verstand, wie durch seine kindliche Schlichtheit und Gutmütigkeit anzog. -Diese jungen Menschen trugen sich lange mit dem Gedanken, eine neue -Richtung zu gründen. Es handelte sich dabei natürlich vor allem darum, -der slawophilen Anschauung größere Freiheit zu geben, in ihren Horizont -auch die Erscheinungen einzubeziehen, die sie konsequent mied und -verneinte, wie z. B. die zeitgenössische Literatur oder die -verschiedenen westlichen Einflüsse. Hierbei gab es endlose Dispute und -es wurde täglich versucht, die eigene Weltanschauung zu verbessern, oder -womöglich von Grund aus umzubauen. - -So hatte denn die Richtung der „Bodenständigen“ ihre eifrigsten Anhänger -und auch eine gewisse Existenzberechtigung. Wenigstens war sie eine -russische, patriotische Richtung, die vorläufig ihre Formulierung suchte -und, wie das die Logik verlangte, sich zuletzt doch dem Slawophilismus -anschloß. In der ersten Zeit aber hatte die Redaktion der Zeitschrift -doppelte Ursache, sich ihm nicht anzuschließen: erstens vertraute sie -auf die eigenen Kräfte und wollte selbständig sein und zweitens wollte -sie ihre Ideen möglichst schnell verbreiten, das Publikum interessieren, -fesseln und vor allem Zusammenstöße mit den Vorurteilen der Leser -vermeiden. Deshalb wäre eine offizielle Berufung auf die Slawophilen -unklug gewesen, selbst wenn die Redaktion sich zu einer solchen bereit -gefunden hätte. - -„Die Zeit“ hatte einen entschiedenen und schnellen Erfolg. Die -Abonnentenzahl, die für uns alle von so großer Wichtigkeit war, stieg in -den zweieinhalb Jahren von 2300 auf 4302. Die Ursache dieses schnellen -und großen Erfolges lag erstens im Namen Fjodor Michailowitschs, der -bereits sehr bekannt war – von seinen Sträflingsjahren in Sibirien wußte -ein jeder; – zweitens war der Roman „Erniedrigte und Beleidigte“, der in -der ersten Nummer begann, trotz all seiner Mängel ein Werk, das die -durch den Namen Dostojewski gewonnenen Abonnenten in würdiger Weise -belohnte; drittens spielte hierbei wohl auch noch die allgemeine -Stimmung des Publikums eine Rolle, denn weder vorher noch nachher hat es -eine Zeit gegeben, wo man mit solchem Interesse nach literarischen -Neuerscheinungen griff, wie damals. Mit dem schnellen Erfolg wuchs unser -Selbstvertrauen, was unter günstigen Verhältnissen der Sache sehr -dienlich war, dagegen unter ungünstigen ihr sehr schadete. - -Damals, 1861, waren wir nach diesem schnellen Erfolge sehr optimistisch -und machten uns eifrig an die Arbeit. Ich gab meine Lehrtätigkeit auf -und Michail Michailowitsch Dostojewski wollte seine Tabakfabrik -schließen, von der er in der Zeit nach 1849 gelebt hatte, als der -Literatur jede Freiheit genommen war. - -Die Mitarbeiter der „Zeit“ teilten sich in zwei Gruppen: die eine hatte -zum Mittelpunkt Apollon Grigorjeff, um den sich, wie gesagt, die Jugend -scharte, die andere bildeten Fjodor Michailowitsch und ich. Wir hatten -eine ganz besondere Freundschaft geschlossen und kamen an jedem Tage -mindestens einmal zusammen. Im Sommer des Jahres 1861 zog ich aus dem -Universitätsviertel auf dem Wassili Ostroff in die Nähe der Kleinen -Meschtschanskaja, wo sich die Redaktion und die Wohnung Michail -Michailowitschs befanden. Fjodor Michailowitsch wohnte an der Mittleren -Meschtschanskaja und Apollon Grigorjeff, sowie die ganze junge Kompagnie -wohnte am Wosnessenski Prospekt in möblierten Zimmern. Ich erwähne das -nur, um zu sagen, wie nah beieinander und in welcher Gegend wir lebten. -Ich erinnere mich noch gut des damaligen Charakters dieser ziemlich -schmutzigen Straßen mit den zum Teil niedrigen Häusern, die alle dicht -bevölkert waren von Petersburger kleinen Leuten dritter Kategorie. -Fjodor Michailowitsch hat in mehreren Erzählungen und Romanen, vor allem -in „Rodion Raskolnikoff“, die Physiognomie dieser Straßen und ihrer -Bewohner bewunderungswürdig erfaßt und wiedergegeben. - -Inmitten dieser Umgebung, die die Seele bedrückt und Ekel einflößt, -verlebten wir sehr glückliche Jahre. Es gibt nichts Interessanteres und -Anregenderes als journalistische Arbeit – wenn die Sache gut geht. -Hierbei vereint sich die ganze Anregung eines Lebens in der -Öffentlichkeit mit der ganzen Schönheit einsamen Nachdenkens und stiller -Arbeit. Seiten, die man in der Stille sorgfältig durchdacht hat, treten -plötzlich vor das Publikum, werden von zahllosen Menschen gelesen und -werden zum Gegenstand der Dispute und Kritiken, von denen viele -sogleich, wie Antworten auf Fragen, zu einem zurückkehren. Gerade damals -war es üblich, daß jede Zeitschrift von allen anderen Zeitschriften -sprach, so daß der Eindruck eines Artikels sich sehr bald feststellen -ließ. Dostojewski, Grigorjeff und ich konnten überzeugt sein, daß wir in -jeder neuen Nummer der literarischen Zeitschriften unsere Namen finden -würden. Der Wettkampf der verschiedenen Redaktionen, die Spannung, mit -der man die verschiedenen Richtungen, ihre Ideen, die Polemik, verfolgte -– all das machte die journalistische Tätigkeit zu einem so fesselnden -Spiel, daß, wer einmal an ihm teilgenommen hat, dem Wunsch nicht -widerstehen kann, wieder an ihm teilzunehmen. - -Gewöhnlich trafen wir uns gegen drei Uhr nachmittags in der Redaktion, -Fjodor Michailowitsch nach seinem Morgentee, ich nach meiner -Morgenarbeit. Hier sahen wir die Zeitungen und Zeitschriften durch, -nahmen Kenntnis von allen Neuigkeiten, und machten dann meist zusammen -einen Spaziergang bis zum Mittagessen um fünf, worauf er nicht selten – -etwa gegen sieben Uhr – wieder zu mir zum Tee kam und die Zeit bis zum -Abendessen bei mir verbrachte. Überhaupt war er häufiger bei mir als ich -bei ihm, denn ich war Junggeselle, folglich konnte man mich zu jeder -Zeit besuchen, ohne befürchten zu müssen, daß man andere störe. Hatte -ich einen Artikel beendet oder auch nur einen Teil eines Artikels -geschrieben, so bestand er gewöhnlich darauf, daß ich das Geschriebene -vorlas. Es ist mir, als hörte ich noch seine Stimme, die dann aus dem -Stimmengewirr der anderen ungeduldig drängend und bittend erklang: - -„Lesen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, lesen Sie!“ Damals begriff ich -übrigens noch nicht ganz, wieviel Schmeichelhaftes für mich in dieser -Ungeduld lag. Er widersprach mir nie. Ich erinnere mich eigentlich nur -eines einzigen Streites zwischen uns, zu dem es infolge eines Artikels -von mir kam. Aber er sagte mir ebensowenig ein Wort des Lobes und -äußerte nie eine besondere Anerkennung. - -Unsere damalige Freundschaft hatte zwar einen vornehmlich geistigen -Charakter, aber wir standen uns auch als Menschen sehr nahe. Das -Einander-Nahestehen hängt bei den Menschen von ihrer Natur ab und -überschreitet oft auch unter den günstigsten Verhältnissen nicht eine -gewisse Grenze. Ein jeder von uns zieht gleichsam einen Strich um sich -herum, den er niemanden überschreiten läßt, oder richtiger – nicht -überschreiten lassen kann. So fand auch unsere Annäherung ein Hindernis -in unseren persönlichen Veranlagungen, doch will ich durchaus nicht -sagen, daß der _kleinere_ Teil dieses Widerstandes auf meiner Seite war. -Fjodor Michailowitsch hatte bisweilen Augenblicke argwöhnischer -Vermutungen. Dann sagte er mißtrauisch: „Strachoff hat keinen, mit dem -er sprechen kann, deshalb hält er sich an mich.“ Aber dieser flüchtige -Zweifel zeigt ja nur, wie fest wir an die Gegenseitigkeit unserer -Zuneigung glaubten. In den ersten Jahren war es ein Gefühl, das zu einem -unbeschränkten Zutrauen wurde. Wenn Fjodor Michailowitsch einen -epileptischen Anfall gehabt hatte, so befand er sich nach der -Bewußtlosigkeit anfangs in einer unerträglich schweren Stimmung. Alles -reizte oder schreckte ihn und selbst durch die Anwesenheit der Nächsten -fühlte er sich bedrückt. Dann schickte sein Bruder oder seine Frau nach -mir; in meiner Gegenwart fühlte er sich leichter, und es wurde ihm -allmählich besser. Indem ich mich dieser Vergangenheit erinnere, leben -in meinem Gedächtnis einige meiner besten Gefühle wieder auf und ich -denke, daß ich damals wohl ein besserer Mensch gewesen sein muß, als ich -es jetzt bin. - -Unsere Gespräche waren endlos, und es waren die schönsten Gespräche, die -mir in meinem Leben beschieden gewesen sind. Er sprach in jener -schlichten, lebendigen, anspruchslosen Art, die den Reiz und die -Schönheit der russischen Gespräche ausmacht. Dazwischen scherzte er oft, -namentlich in jener Zeit, aber sein Witz gefiel mir nicht sonderlich; es -war häufig nur ein äußerlicher Humor, ähnlich dem französischen, also -ein Spiel mehr mit Worten und Bildern, als mit Gedanken. Beispiele -dieser Witzchen finden sich zumeist in seinen kritischen und polemischen -Artikeln. Doch was mich in der Hauptsache fesselte und sogar frappierte, -das war sein ungewöhnlicher Verstand, die Schnelligkeit, mit der er -jeden Gedanken, schon nach dem ersten Wort, der ersten Andeutung, -erfaßte. In dieser Leichtigkeit des Verstehens liegt der größte Reiz -eines Gesprächs, wenn man sich unbehindert dem eigenen Gedankengang -hingeben kann, nicht zu wiederholen und zu erklären braucht, wenn man -auf eine Frage sofort die richtige Antwort erhält und wenn die -Entgegnung gerade auf den zentralen Gedanken erfolgt, die Zustimmung -gerade zu dem Gedanken gegeben wird, zu welchem man sie hören möchte, -und es keine Mißverständnisse und Unklarheiten gibt. So sind mir unsere -damaligen Gespräche in der Erinnerung geblieben, die Gespräche, die für -mich eine große Freude und mein Stolz waren. Der Gesprächsstoff stand -natürlich zumeist mit der Zeitschrift in Zusammenhang, doch außerdem -sprachen wir noch über alle nur möglichen Themen, sehr oft über die -abstraktesten Fragen. Fjodor Michailowitsch liebte diese Fragen nach dem -Wesen der Dinge und den Grenzen des Wissens, und ich weiß noch, wie es -ihn amüsierte, wenn ich seine Anschauungen nach den Lehren der -verschiedenen Philosophen, die die Weltgeschichte kennt, klassifizierte. -Es zeigte sich, daß es schwer hielt, sich etwas Neues auszudenken und er -tröstete sich scherzend damit, daß er in seinen Anschauungen wenigstens -mit dem einen oder anderen der großen Denker übereinstimmte. - - - Fjodor Michailowitsch als Journalist - -Ich will mich hier nicht über seine Ansichten, nicht über seine eigene -Stellung zu seiner Arbeit und die Dinge, mit denen er sich abgab, -ausführlich verbreiten. Den besten Teil seiner Seele hat er uns in -seinen Werken offenbart. Ich will nur sagen – was vielleicht manche -unerfahrene Leser nicht vermuten: daß er einer der aufrichtigsten -Schriftsteller war, daß alles, was er geschrieben, von ihm selbst erlebt -und empfunden worden ist, und zwar mit großer Leidenschaft und Hingabe. -Ja, Dostojewski ist der subjektivste aller Schriftsteller, er hat in den -Personen seiner Romane fast ausnahmslos sich selbst geschildert. Nur -selten hat er volle Objektivität erreicht. Für mich, der ich ihm so -lange nahe stand, war die Subjektivität seiner Darstellungen nur zu -erkennbar, und deshalb ging mir immer die Hälfte des Eindrucks verloren, -des Eindrucks der Werke, die auf andere Leser verblüffend wirkten, da -sie in seinen Gestalten vollkommen objektive Schilderungen sahen. - -Sehr oft wurde mir für ihn bange, wenn ich las, wie er gewisse dunkle, -krankhafte Stimmungen wiedergab. So schilderte er z. B. im „Idiot“ -ausführlich die Stimmung vor einem epileptischen Anfall, obgleich die -Ärzte Epileptikern stets vorschreiben, sich nicht diesen Erinnerungen -hinzugeben, da sie unter Umständen ebenso einen Anfall herbeiführen -können, wie der Anblick eines epileptischen Anfalls bei einem anderen. -Doch Dostojewski schreckte vor nichts zurück, und was er auch -schilderte, er blieb fest überzeugt, daß er seinen Gegenstand in voller -Objektivität gebe. Häufig habe ich von ihm gehört, daß er sich für einen -vollständigen Realisten halte, daß jene Verbrechen, Selbstmorde und alle -anderen Ausschreitungen und Entartungen, die in der Regel das Thema -seiner Romane bilden, in der Wirklichkeit häufige und gewöhnliche -Erscheinungen seien, denen wir bloß keine Beachtung schenken. Auf Grund -dieser Überzeugung schilderte er dann dreist das Dunkelste und -Schmutzigste; niemand ist in der Schilderung der verschiedenen -Verkommenheiten der Menschenseele so weit gegangen wie er. Und er -erreichte, was er wollte: es gelang ihm, seinen Geschöpfen so viel -Realität und Objektivität zu verleihen, daß die Leser aus anfänglicher -Betroffenheit in Entzücken gerieten. In seinen Bildern war so viel -Wahrheit, psychologische Richtigkeit und Tiefe, daß sie selbst solchen -Leuten, denen die Sujets vollkommen fremd waren, verständlich wurden. -Oft ging es mir durch den Sinn, daß er, wenn er erkennen würde, wie -stark subjektiv seine Bilder gefärbt sind, sich im Schreiben beengt -fühlen müßte, und wenn er die Art seines Schaffens bemerkte, nicht mehr -schaffen könnte. So war für ihn eine gewisse Dosis Selbstbetrug -erforderlich, wie fast für jeden Schriftsteller. - -Doch jeder Mensch hat bekanntlich nicht nur die Mängel seiner Vorzüge, -sondern mitunter auch den Vorzug seiner Mängel. Dostojewski schildert -seine elenden und bedauernswerten, gemeinen und furchtbaren Menschen, -alle die seelischen Krankheiten und Pestbeulen, weil er über sie das -höhere Urteil zu fällen verstand oder zu verstehen glaubte. Er sah den -göttlichen Funken selbst im verkommensten Menschen; er verfolgte und -beobachtete das geringste Aufblitzen dieses Funkens und erspähte Züge -seelischer Schönheit in Menschen, zu denen wir mit Verachtung, Spott -oder Abscheu uns zu verhalten gewöhnt sind. Wegen dieser Schönheit, die -Dostojewski unter der scheußlichen und abstoßenden Äußerlichkeit -durchschimmernd entdeckte, verzieh er den Menschen und liebte er sie. -Eine feine und hohe Menschenliebe könnte man seine Muse nennen; und sie -war es auch, die für ihn das Maß bildete, nach dem er Gut und Böse -abwog, das Maß, mit dem er in die tiefsten und schrecklichsten Abgründe -der Menschenseele hinabstieg. Sein Glaube an sich und den Menschen war -unerschütterlich, und deshalb war er auch so aufrichtig und nahm er so -ohne weiteres sogar seine Subjektivität für vollkommen objektiven -Realismus. – Unter dem Wort „Muse“ verstehe ich jenen idealistischen -Charakter, jene Art des Verstandes und Herzens, die der Mensch annimmt, -wenn er zu schreiben und Gestalten zu schaffen anfängt. Die Muse und der -Mensch selbst sind zwei verschiedene Wesen, obschon sie aus einer Wurzel -hervorgehen und enger als die siamesischen Zwillinge zusammengewachsen -sind. Aus dem Gesagten geht hervor, daß der Mensch Dostojewski und seine -„Muse“ ungemein eng miteinander verbunden waren. - -Von seinen persönlichen, rein menschlichen Zügen wäre noch zu sagen, daß -an ihm nicht die geringste Spur einer Verbitterung oder Kränkung durch -die von ihm ausgestandenen Leiden zu bemerken war und nie auch nur der -Schatten des Wunsches, die Rolle eines Märtyrers zu spielen. Er war -absolut frei von jedem gehässigen Gefühl der Regierung gegenüber und tat -so, als sei in seiner Vergangenheit nichts Besonderes vorgefallen, -zeigte sich weder enttäuscht noch irgendwie seelisch getroffen, sondern -war heiter und guter Dinge, wenn die Gesundheit es ihm erlaubte. Ich -erinnere mich, wie ihm einmal eine Dame, die ihn mit großer -Aufmerksamkeit betrachtet hatte, plötzlich sagte: „Wenn ich Sie -betrachte, glaube ich, in Ihrem Gesicht die Leiden zu sehen, die Sie zu -ertragen hatten ...“ Diese Bemerkung war ihm sichtlich unangenehm. „Was -für Leiden!“ ... unterbrach er sie fast schroff, um dann sofort über -ganz nebensächliche Dinge zu scherzen. Desgleichen erinnere ich mich -noch eines anderen ähnlichen Falles. Er sollte sich an einem -literarischen Vortragsabend, wie sie damals sehr in Mode waren, -beteiligen und irgend etwas aus seinen Werken vorlesen. Die Wahl fiel -ihm schwer. „Es muß etwas Neues, Interessantes sein,“ sagte er zu mir. – -„Aus dem ‚Totenhause‘ vielleicht?“ schlug ich vor. – „Daraus habe ich -schon oft vorgelesen, und ich möchte eigentlich nicht ... Es scheint mir -dann immer, daß ich vor dem Publikum klage, mich immer beklage ... Das -ist nicht gut.“ - -Überhaupt kehrte er nicht gern zu der Vergangenheit zurück, als habe er -sie ganz und gar abgetan, oder wenn er sich einmal Erinnerungen hingab, -dann gedachte er irgendwelcher froher Erlebnisse, auf die er gleichsam -stolz war. Deshalb hätte ein Uneingeweihter schwerlich vermuten können, -wenn er ihn so sah und hörte, was in seinem früheren Leben vorgefallen -war. - -In seinem Verhältnis zur Regierung stand er fest auf dem Standpunkt, der -für alle echten Russen so selbstverständlich ist. Jeder Gedanke an -Auflehnung war ihm fern, obschon er sich bisweilen tief bekümmert oder -mit ehrlichem Unwillen über manche Leute und Maßregeln äußerte. Er -selbst ertrug die unbequemen herrschenden Zustände nicht nur -stillschweigend, sondern sogar mit vollkommenster Ruhe, wie etwa eine -allgemeine Lebensbedingung, die keineswegs ihn persönlich anging. So -entsinne ich mich nicht, ihn jemals über die Zensoren aufgebracht -gesehen zu haben, obgleich diese Herren – im allgemeinen sehr -liebenswürdige Leute, die sich zumeist mit Respekt zur Literatur -verhielten – nicht selten ein Überflüssiges taten, und, wenn sie nicht -viel Verfängliches fanden, wenigstens kleine Korrekturen anbrachten, um -doch nicht ganz umsonst gelesen zu haben. Übrigens gehörte Fjodor -Michailowitsch zu den Schriftstellern, die, ohne an die Zensur zu -denken, unwillkürlich in den Grenzen bleiben, einfach weil sie viel zu -ernst sind, um sich Schroffheiten und persönliche Ausfälle zu erlauben. - -Im Grunde waren wir sehr abstrakte Politiker, sprachen nur von -allgemeinen Fragen und Auffassungen, in der Praxis aber blieben wir beim -„reinen Liberalismus“, also bei dem Glauben, daß man in der inneren -Organisation eines Staates ohne Zwangsmaßregeln am weitesten komme, daß -die verschiedenen Interessen sich dann am deutlichsten äußern und am -besten ausgleichen könnten. Mit einem Wort, es waren die Grundsätze, an -die sich alle Anhänger der Gedanken-, Preß- und Handelsfreiheit usw. -halten, Grundsätze, die natürlich längst nicht die ganze Frage -erschöpfen, an die man sich aber in all den Fällen halten muß, wo zu -anderen Grundsätzen keine Veranlassung vorliegt. In der Wirklichkeit -freilich erwiesen sich gerade die liberalen Grundsätze als unfähig, -unsere Gesellschaft zu regieren, eben als zu schwerverständlich und noch -zu unerfüllbar, und überdies als durchaus ungeeignet, die Entwicklung -anderer, ihnen entgegengesetzter Grundsätze zu paralysieren. So kam es -unter den Anhängern des „reinen Liberalismus“ zu einer schnellen und -entsetzlichen Ernüchterung, und das Ende der liberalen Epoche war, daß -plötzlich Proklamationen auftauchten, die zum Aufstand, zur Revolution -aufforderten. Den Proklamationen folgten die Brandstiftungen, diesen der -polnische Aufstand und drei Jahre später das erste Attentat auf das -Leben des Zaren. - -Ich führe dies hier an, um den Liberalismus unserer Zeitschrift und -folglich denjenigen, zu dem sich Fjodor Michailowitsch bekannte, zu -kennzeichnen. Leider herrschen bei uns trotz aller historischen -Erfahrungen und Debatten, sowohl schriftlicher wie mündlicher, noch die -größten Mißverständnisse in den Begriffen: und die wahre Bedeutung des -Liberalismus ist fast vergessen. Denn daß ein Liberaler dem Wesen der -Sache nach in der Mehrzahl der Fälle ein Konservativer und nicht ein -Progressist sein muß und schon in keinem Fall ein Revolutionär – das -wissen oder begreifen jetzt wohl nur sehr wenige. Diesem wahren -Liberalismus ist Fjodor Michailowitsch denn auch bis zu seinem Tode treu -geblieben. Wir standen keiner von den Parteien nahe, die praktische -Aufgaben und praktische Interessen hatten; wir sahen ein, daß wir in der -Sphäre allgemeiner abstrakter Fragen bleiben mußten, und da wir glühende -Patrioten und Russophile waren, so sahen wir auch unter diesen Umständen -eine Menge Arbeit vor uns, sowohl auf dem Gebiet der literarischen -Kritik wie auf dem der Auslegung der russischen Geschichte und des -russischen Lebens; ferner galt es, über den Westen zu schreiben, über -die europäischen geistigen und politischen Ereignisse, die bei uns von -so großem Einfluß sind. In allen diesen Beziehungen ist nicht zu -leugnen, daß die „Zeit“ eifrig arbeitete und in keiner Hinsicht von der -Verfolgung ihrer allgemeinen Aufgabe abwich. - -Ein nicht zu umgehender Teil dieser Aufgabe war die Polemik, da die -übergroße Mehrzahl der Literaten zur Partei der Westler gehörte und der -entscheidende Einfluß von Zeitschriften ausging, die direkt zum -Nihilismus neigten. So wurde der Kampf mit dem Nihilismus gewissermaßen -eine Spezialität der „Zeit“, wenigstens ließ sie ihn nie aus dem Auge -und analysierte ihn von allen Seiten. In dem Zeitraum bis zum Erscheinen -des Romans „Väter und Söhne“ von Turgenjeff (1862) hatte sie seine -wesentlichen Züge bereits festgestellt, dieselben Züge, die Turgenjeff -in lebendigen Bildern so treffend darstellte. - -Den Kampf gegen die nihilistische Richtung eröffnete Fjodor -Michailowitsch, indem er gegen die grobmaterialistische Auffassung der -Kunst schrieb, nur begnügte er sich mit recht schwachem, nachsichtigem -Widerspruch. Da hielt ich es nicht aus und verfocht bei der ersten -Gelegenheit offen und kategorisch eine den nihilistischen Lehren -entgegengesetzte Richtung. Ich kann wohl sagen, daß in mir beständig -eine gewisse organische Abneigung vor dem Nihilismus vorhanden war und -daß ich seit dem Jahre 1855, als er zuerst sich bemerkbar zu machen -begann, mit wachsendem Unwillen sein Hervortreten in der Literatur -wahrgenommen hatte. Schon in den Jahren 1859 und 60 hatte ich gegen die -Absurditäten, die da so unzweideutig und ungeniert ausgesprochen wurden, -geschrieben, doch selbst befreundete Redakteure wiesen mich mit aller -Entschiedenheit ab und nahmen mir sogar alle Hoffnung, jemals meine -Artikel veröffentlicht zu sehen. Damals begriff ich, welch eine -Autorität die Blätter dieser Richtung hatten. Um so größer war meine -Freude, als die Redaktion der „Zeit“, natürlich nur dank Fjodor -Michailowitsch, meinen Artikel „Über die Petersburger Literatur“ für die -Juninummer 1861 annahm. Daraufhin schrieb ich fast für jede Nummer in -diesem Geiste. Ich erzähle dies alles nur zur Charakteristik der -Literatur jener Zeit. - -Ich bemühte mich um die größte Gewissenhaftigkeit, suchte meine Angriffe -durch ein wirkliches Urteil zu begründen und scheute in der Beziehung -keine Mühe; um so mehr interessierte Fjodor Michailowitsch die in ihnen -enthaltene Klarlegung der Frage. Ich erwähne das deshalb, weil dieselbe -so überaus wichtige Folgen hatte: sie führte zunächst zum vollständigen -Bruch der „Zeit“ mit dem „Zeitgenossen“, dem angesehensten Petersburger -Journal, und später zur allgemeinen Feindschaft fast des gesamten -Petersburger Literatentums gegen die „Zeit“. - -Das Problem der bei uns in Rußland sich äußernden Verneinung wurde für -unsere Literatur, für das öffentliche Bewußtsein erst durch den Roman -Turgenjeffs „Väter und Söhne“ klargestellt, durch denselben Roman, in -dem zum erstenmal das Wort „Nihilist“ vorkam, mit dem die Debatten über -die „neuen Menschen“ begannen und, kurz, das Ganze seine Formulierung -und Popularität erhielt. Turgenjeff verfolgte beständig mit größter -Aufmerksamkeit die Veränderungen der bei uns herrschenden Stimmungen und -der Ideale des „Helden der Zeit“, weshalb er unsere führenden -literarischen Kreise nie aus dem Auge verlor. In dem erwähnten Roman -hatte er nun einen Typ geschildert, der entschieden wie eine Offenbarung -wirkte, da ihn vorher niemand bemerkt hatte, doch den jetzt plötzlich -ein jeder in seiner Umgebung häufig vertreten sah. Die Verwunderung war -ungeheuer; man verlor geradezu den Kopf, da die Überraschung für die -Dargestellten gar so unerwartet kam und sie sich im Spiegelbilde des -Romans nicht erkennen wollten, – obschon der Autor sich keineswegs mit -entschiedener Ablehnung zu dem Helden des Romans verhielt. Doch der -jungen Generation war das zu wenig; sie erklärte deshalb mit einem -Riesenlärm, Turgenjeff, damals der erste Name in unserer Literatur, sei -geistig zurückgeblieben und ein Gegner der allgemeinen Sache. In den -damaligen endlosen Gesprächen und Disputen hatte ich häufig Gelegenheit, -unterschiedlichen Nihilisten zu beweisen, daß sie, wenn sie folgerichtig -dächten, sich zu denselben Anschauungen bekennen müßten, die der -Nihilist Basaroff im Turgenjeffschen Roman vertritt. Die Mehrzahl des -Publikums ereiferte sich, wie gewöhnlich, sehr, hatte aber von der -ganzen Sache nur ungenaue, meist recht bunte Vorstellungen. Die -eifrigsten Anhänger der nihilistischen Richtung vermuteten nicht einmal, -daß z. B. die Wissenschaft und die Kunst gleichfalls ihrem Götzen -geopfert werden müßten. Im April 1862 erschien in der „Zeit“ ein Artikel -von mir, der Turgenjeff als streng objektiven Künstler scharf -verteidigte, und der die Lebenswahrheit des von ihm geschilderten Typus -bewies. Turgenjeff, der kurz nach dem Erscheinen des Artikels in -Petersburg eintraf und auf der Redaktion der „Zeit“ erschien, wo er die -Brüder Dostojewski und mich antraf, und uns alle drei zu einem Diner im -Hotel einlud, war durch den Sturm, der sich gegen ihn erhoben hatte, -offenbar sehr beunruhigt. In den folgenden Jahren wurde Turgenjeff mit -einem ganzen Regen von Vorwürfen und Schimpf überschüttet, so daß er bis -1867 nichts Ähnliches veröffentlichte. - -Inzwischen erschien im Jahre 1866 der Roman „Rodion Raskolnikoff“, in -dem mit bewunderungswürdiger Kraft ein gewisser extremer und -charakteristischer Ausdruck des Nihilismus dargestellt ist, und von -diesem Roman bis zu der kurz vor dem Tode geschriebenen „Legende vom -Großinquisitor“ zieht sich in den Werken Dostojewskis ununterbrochen -eine vielgestaltige und tiefe Analyse unserer sittlichen und geistigen -Problematik. Betrachtet man das Ganze von diesem Standpunkt aus, so muß -man Dostojewski noch ein ungeheures Verdienst um die Literatur und die -Gesellschaft zusprechen. Er allein hat die Aufgabe in ihrer ganzen Tiefe -und Breite erfaßt hat, alle Arten und Äußerungen dieser Dummheit und -Sittenlosigkeit gezeigt, die sich in russischen Menschen entwickeln, -wenn sie den Heimatboden verlassen, d. h. wenn sie sich von der Treue zu -Rußland und vom christlichen Geist lossagen. Er blickte in die Seelen -dieser Menschen und schilderte den Kampf ihrer Irrtümer mit dem guten -Element, das noch in ihrer Seele lebt. Dabei tritt bei ihm das religiöse -Element, wie auch die Sittlichkeit und Vaterlandsliebe des Volkes -deutlich als Gegengewicht hervor, als Zuflucht und Rettung vor dem Chaos -und der Albernheit der verweichlichten oberen Gesellschaftsschicht. Das -Ganze ist groß, feinsinnig und tief angefaßt, dazu mit beständigen -Hinwendungen zu den ewigen Aufgaben der Menschenseele, mit -künstlerischen Versuchen, die erhabensten, wie die anrüchigsten -Geheimnisse der Menschenherzen zu erspähen. Es ist kein Wunder, daß -solch ein Schriftsteller die Leser schließlich außerordentlich zu -interessieren begann. - -In dieser kurzen Skizze der Stellungnahme unserer Literatur zum -Nihilismus muß ich aus Sachlichkeit auch auf meine kleine Rolle -hinweisen. - -Auf Grund meines Artikels über Turgenjeff erschien in der nächsten -Nummer des „Zeitgenossen“ ein überaus scharfer, ausschließlich gegen -mich gerichteter Artikel. Diese Ehre hatte ich hauptsächlich meiner -Analyse der nihilistischen Richtung zu verdanken. Und mehr noch dieser -meiner Richtung als einigen meiner positiven Anschauungen schreibe ich -die Bemerkung Fjodor Michailowitschs zu, die er – viel später einmal, -als unsere Freundschaft kühler war – mir gegenüber machte. Es war im -Jahre 1873, als er die Redaktion des „Bürger“ übernommen hatte. Da -verlangte er von mir, ich solle mehr schreiben; als ich darauf sagte, -ich hätte zu wenig Gedanken, um so viel zu schreiben, fiel er mir ins -Wort: „Wieso zu wenig Gedanken? Die Hälfte meiner Anschauungen sind Ihre -Anschauungen!“ Man wird es verstehen, daß diese in geärgertem Tone -gesagte Bemerkung sich als großes Kompliment in meinem Gedächtnis -erhalten hat, und ich schreibe sie, wie gesagt, meinem hartnäckigen -Einstehen für meinen Standpunkt gegen den Nihilismus zu. Menschen mit -künstlerischer Verstandesart sehen oft ein großes Verdienst in der -logischen Entwicklung eines Gedankens, wozu sie selbst wenig geneigt -sind, und wenn man dann im Kern der Sache eine Übereinstimmung findet, -wie es bei Fjodor Michailowitsch und mir größtenteils der Fall war, so -ist den Künstlern die abstrakte Formulierung ihrer Ideen und Gefühle -sehr angenehm. - -Auf den erwähnten Angriff des „Zeitgenossen“ antwortete ich in unserer -Mainummer. Doch unsere Polemik wurde durch äußere Verhältnisse -unterbrochen. Durch irgendeine Beziehung oder eine Anzeige fiel auf -unseren Gegner der Verdacht, mit den revolutionären Proklamationen – -nach denen die Brandstiftungen in Petersburg begannen – in Verbindung zu -stehen, und der „Zeitgenosse“ wurde auf acht Monate verboten. Wir waren -darüber aufrichtig betrübt, denn damit war uns der Gegner genommen, -während wir gerade dem Kampf gegen ihn eine große Bedeutung beimaßen. -Wir wußten sehr gut, daß seine Richtung trotz seines Schweigens oder -sogar noch mehr dank diesem unfreiwilligen Schweigen fortfuhr, sich im -Publikum zu entwickeln und zu erstarken. Uns aber fehlte jetzt der -allgemein anerkannte Repräsentant der Richtung. Doch ganz abgesehen von -diesem sozusagen internen Kummer, war schon die allgemeine Lage sehr -schwer und traurig. Die Feuersbrünste flößten ein Grauen ein, das sich -schwer beschreiben läßt. Ich entsinne mich noch, wie ich einmal mit -Fjodor Michailowitsch nach den Inseln hinausfuhr. Vom Schiff aus sah man -in der Ferne Rauchwolken, die sich an drei oder vier Stellen über der -Stadt erhoben. Wir kamen in einen der Vergnügungsparks, wo eine -Musikkapelle spielte und Zigeuner sangen. Aber wie gern wir uns auch -zerstreut und amüsiert hätten, die schwere Stimmung ließ sich doch nicht -verscheuchen, und es zog mich bald nach Haus. Daß bei diesen -Feuersbrünsten Brandstiftung vorlag, war kaum zu bezweifeln, nur sind -sowohl diese wie auch noch andere traurige Vorfälle jener Zeit aus -irgendwelchen Gründen vollkommen unaufgeklärt geblieben. - -Im Juni dieses Jahres (1862) trat Fjodor Michailowitsch seine erste -Reise ins Ausland an. Er fuhr u. a. nach Paris und London, wo er mit -Alexander Herzen zusammentraf, den er damals noch sehr milde beurteilte. -Seine „Winteraufzeichnungen“ verraten sogar ein wenig den Einfluß -Herzens. Später aber, in den letzten Jahren, äußerte er oft seinen -Unwillen über die Unfähigkeit Herzens, das russische Volk zu verstehen -und seine volkliche Eigenart zu schätzen. Mißachtung der einfachsten und -gutmütigen Sitten, Stolz auf den Besitz der Aufklärung – diese Züge -Herzens ärgerten Fjodor Michailowitsch sehr; übrigens verurteilte er -dieselben auch an Gribojedoff, nicht nur an unseren Revolutionären und -kleinen Anklägern. - -Aus Paris erhielt ich von Fjodor Michailowitsch einen Brief, in dem er -mir genau angab, wie und wo wir uns in Genf treffen könnten, wohin er -von Köln aus, den Rhein hinauf, fahren wollte. Die Fortsetzung des -Briefes führe ich hier an, da sie viel für ihn Bezeichnendes wiedergibt. - -„... Liebster Nikolai Nikolajewitsch, es ist jetzt eine schlimme Zeit, -wie Sie schreiben – eine Zeit ungewisser und quälender Erwartung. Aber -eine Zeitschrift ist doch eine große Sache ... Herrgott, wenn man -bedenkt, wieviel noch nicht getan und noch nicht gesagt ist! Und ich -sitze hier in der sogenannten schönen Fremde und brenne doch schon -darauf, wenn auch nicht körperlich, so doch geistig, wieder nach Rußland -zurückzukehren. Ein jeder, ein jeder muß jetzt mithelfen und vor allem -danach trachten, auf den richtigen Weg zu kommen! Gar zu sehr haben sich -die Begriffe in unserer Gesellschaft verwirrt. Ein allgemeines Zweifeln -und Nicht-Wissen hat begonnen ... Ach, Nikolai Nikolajewitsch, Paris ist -die langweiligste Stadt, und wenn es hier nicht sehr viel wirklich gar -zu bemerkenswerte Dinge gäbe, so könnte man wahrlich sterben vor -Langweile. Die Franzosen sind, bei Gott, ein Volk, von dem einem übel -wird. Sie sprachen einmal von den selbstzufrieden-frechen und gemeinen -Gesichtern, die auf unseren Petersburger mondänen Promenaden florieren. -Aber ich schwöre Ihnen, die hiesigen wiegen die unsrigen auf. Bei uns -sind es einfach fleischfressende Lumpen, und zwar wissen sie das -größtenteils selber. Hier aber ist der Kerl vollkommen überzeugt, daß es -gerade so sein müsse. Der Franzose ist still, ehrlich, höflich, aber -falsch und das Geld ist bei ihm alles. Von Idealen keine Spur. Nicht nur -keine Überzeugungen, sogar eigenes Nachdenken dürfen Sie nicht -verlangen. Das Niveau der allgemeinen Bildung ist bis zum Äußersten -niedrig (ich spreche nicht von den staatlich angestellten Gelehrten, -dieser gibt es doch nicht viele, und schließlich, ist denn Gelehrtheit -Bildung in dem Sinne, wie wir dieses Wort zu verstehen gewöhnt sind?) -... Es gibt gewisse Dinge, die zu bemerken und zu verstehen eine halbe -Stunde genügt, und die doch ganze Seiten der Nation deutlich bezeichnen, -eben durch den Beweis, daß solche Tatsachen möglich sind, daß es so -etwas wirklich gibt ... Und noch etwas, Nikolai Nikolajewitsch: Sie -ahnen nicht, wie die Einsamkeit einem hier die Seele bedrückt. Man kommt -in eine ganz sehnsüchtige und schwermütige Stimmung. Freilich, Sie sind -ein einsamer Mensch und haben keinen Grund, mich deshalb besonders zu -bedauern. Aber nichtsdestoweniger: man fühlt sich gewissermaßen -losgelöst vom Erdboden und zurückgeblieben hinter der wichtigen, von uns -verrichteten Arbeit und den laufenden Fragen im eigenen Vaterlande. -Allerdings habe ich es bisher ungünstig getroffen im Auslande; -scheußliches Wetter und zudem treibe ich mich immer noch in Nordeuropa -umher und habe von den Naturwundern nur den Rhein mit seinen Ufern -gesehen. (Nikolai Nikolajewitsch! Das ist wirklich ein Wunder!) Was wird -es erst weiterhin geben, wenn ich von den Alpen in die Täler Italiens -hinabsteige. Ach, wenn wir’s doch zusammen könnten! Wir sehen uns dann -Neapel an, gehen in Rom spazieren, ja vielleicht liebkosen wir sogar -eine junge Venezianerin in der Gondel (– Was meinen Sie? Nikolai -Nikolajewitsch?) Doch – ‚kein Wort, kein Wort, ich schweige schon‘, – -wie Poprischtschin[5] in einem ähnlichen Falle sagt ... Leben Sie wohl. -Übrigens richtiger: auf Wiedersehen. Es ist doch nicht möglich, daß wir -uns hier im Auslande _nicht_ treffen! Das würde ich mir niemals -verzeihen. Ich drücke Ihnen kräftig die Hand. Grüßen Sie von mir alle -unsere gemeinsamen Bekannten. Wie benimmt sich Ihr unerzogener Kater? -Addio! - - Ihr Dostojewski.“ - -In meiner Antwort auf diesen Brief versprach ich, zur rechten Zeit in -Genf einzutreffen, was ich denn auch tat. Um ihn dort zu finden, -versuchte ich es mit einem bewährten Mittel: ich begab mich auf die -Hauptpromenade, den Kai, und suchte dort die besten Cafés auf. Wenn ich -nicht irre, traf ich ihn gleich im ersten. Unsere Freude war natürlich -groß, zumal wir uns beide lange Zeit in der Umgebung von ausschließlich -Fremden vereinsamt gefühlt hatten, und unsere Begrüßung war denn auch so -lebhaft und unsere Freude so laut, daß wir die anderen Cafébesucher, die -würdig und schweigsam an ihren Tischchen vor den Zeitungen saßen, -belästigten. Wir beeilten uns deshalb, hinauszukommen und waren von nun -an selbstverständlich unzertrennlich. Fjodor Michailowitsch war kein -Meister im Reisen; ihn interessierte weder die Natur besonders, noch -historische Sehenswürdigkeiten, noch Kunstwerke, außer vielleicht die -allergrößten. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf die Menschen gerichtet: -und nur ihre Natur, ihren Charakter suchte er zu erfassen und vielleicht -noch so den Gesamteindruck des Straßenlebens. Er begann mir auch -sogleich mit Eifer auseinanderzusetzen, daß er die übliche Manier der -Reisenden verachte – nach dem Führer alles Berühmte sich anzusehen. Und -tatsächlich, wir sahen uns nichts an, sondern spazierten nur, wo es mehr -Menschen gab, und unterhielten uns. Genf fand er im allgemeinen düster -und langweilig. Auf meinen Vorschlag machten wir an einem schönen Tage -einen Ausflug nach Luzern. Dann wollte ich unbedingt nach Florenz, von -welcher Stadt Apollon Grigorjeff so begeistert geschrieben und erzählt -hatte. Wir fuhren über Turin, Genua, Livorno. Von Turin, der Stadt mit -den geraden, ebenen Straßen, sagte Fjodor Michailowitsch, daß es ihn an -Petersburg erinnere. In Florenz verbrachten wir eine Woche in einem -bescheidenen Hotel „Pension Suisse“ (Via Tornabuoni). Wir hatten es dort -gut, denn das Hotel war nicht nur bequem und solid eingerichtet, es -zeichnete sich auch noch durch gewisse patriarchalische Sitten aus und -nicht durch jene widerlichen Ansprüche auf Luxus und andere -Hotelunsitten, die sich in ihm schon ziemlich eingebürgert hatten, als -ich 1875 wieder dort einkehrte. Auch in Florenz taten wir nichts von -alledem, was Touristen zu tun pflegen. Wir brachten die Tage zu in -Spaziergängen und bei der Lektüre von Victor Hugos Roman „_Les -misérables_“, der damals erschien und den Fjodor Michailowitsch Teil für -Teil kaufte und von denen wir drei oder vier in dieser Woche durchlasen. -Aber ich wollte doch nicht die Gelegenheit versäumen, die großen -Kunstschätze kennen zu lernen, und wollte in ruhiger, aufmerksamer -Betrachtung versuchen, den geistigen Überschwang, der diese Schönheit -geschaffen hatte, zu erfassen und nachzuempfinden. So besuchte ich denn -mehreremal die _galleria degli Uffizii_. Einmal gingen wir auch zusammen -hin. Da wir aber keinen bestimmten Vorsatz hatten und unvorbereitet -waren, so begann Fjodor Michailowitsch sich alsbald zu langweilen und -wir verließen die Galerie, ich glaube, noch bevor wir zur Venus von -Medici gekommen waren. Dafür waren unsere Spaziergänge in der Stadt sehr -unterhaltsam, obschon Fjodor Michailowitsch manchmal fand, daß der Arno -an die Fontanka, einen Petersburger Kanal, erinnere, und obgleich wir -kein einziges Mal in den Cascinen waren. Am schönsten aber waren unsere -Gespräche abends vor dem Schlafengehen bei einem Glase roten Landweins. -Da ich auf den Wein zu sprechen gekommen bin, möchte ich bemerken, daß -Fjodor Michailowitsch in dieser Beziehung äußerst mäßig war. Ich -erinnere mich nicht eines einzigen Falles in den ganzen zwanzig Jahren, -wo ich an ihm auch nur die geringste Wirkung getrunkenen Weines bemerkt -hätte. Eher bekundete er eine kleine Vorliebe für Süßigkeiten. Sonst war -er im Essen sehr mäßig. - -Aus den „Winteraufzeichnungen“ werden die Leser am besten ersehen, -worauf seine Aufmerksamkeit im Auslande wie überall gerichtet war: ihn -interessierten die Menschen, ausschließlich die Menschen mit ihrer -Seelenart, ihrer Lebensweise, ihren Gefühlen und Gedanken. - -In Florenz trennten wir uns. Er wollte nach Rom reisen (wozu es jedoch -nicht kam) und ich wollte noch auf eine Woche nach Paris. - -Im September war unsere ganze Redaktion wieder vollzählig in Petersburg -versammelt. Apollon Grigorjeff war schon im Sommer aus Orenburg -zurückgekehrt. Wir machten uns alle mit Lust an die Arbeit und es ging -so gut, daß es eine Freude war. - -Das folgende Jahr, 1863, war eine bedeutungsvolle Zeit in unserer -allgemeinen Entwicklung. Im Januar brach der polnische Aufstand aus und -rief in unserer Gesellschaft eine große Bestürzung hervor, die eine -schroffe Wandlung einzelner Ansichten zur Folge hatte. Bei der liberalen -Stimmung nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der regierenden -Kreise, hatte man die polnische Frage anfangs überhaupt nicht richtig -aufzufassen verstanden. Polen, der Selbständigkeit beraubt, erwies sich -als Ausgangspunkt unvermeidlicher Erschütterungen. Nicht wenige -Patrioten sagten schon lange, daß wir Polen, indem wir es Rußland -einverleibten, _in unseren Körper_ wie irgendeine schädlich wirkende -Medizin aufgenommen hätten. Deshalb vertraten der „Tag“ und die -„Moskauer Nachrichten“ zunächst den Standpunkt, daß die beste Lösung des -Problems vielleicht wäre, Polen abzuschütteln und seinem eignen -Schicksal zu überlassen. Da kamen aber die Ansprüche der Polen auf das -Westgebiet, und diese warfen einerseits ein ganz neues Problem auf, -andererseits verwirrten sie die Mehrzahl der gebildeten Leute so weit, -daß sie in ihrer tiefen Unkenntnis der Sache mit der Erfüllung dieser -neuen Forderungen einverstanden gewesen wären. Da waren es die beiden -genannten Moskauer Blätter, die viel zu einer richtigen Beurteilung der -Sachlage beitrugen. In der Gesellschaft kam es zu einem krassen -Umschwung der Anschauungen: der Patriotismus loderte auf, die nicht -bodenständigen Liberalen verloren ihre Bedeutung und Alexander Herzen, -der es sich einfallen ließ, für die Polen einzutreten, verlor auf immer -sein Ansehen bei den Lesern. - -Die Petersburger Literatur hatte zu diesen Vorgängen von Anfang an fast -ausnahmslos geschwiegen, vielleicht deshalb, weil sie nicht wußte, was -sie sagen sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten Standpunkte aus -urteilte und den Anmaßungen der Aufständischen sogar beistimmte. Dieses -Schweigen reizte die Moskauer Patrioten und die patriotisch Gesinnten -der Regierungskreise. Sie fühlten, daß in der Gesellschaft eine den -Staatsinteressen in diesem Augenblick feindliche Stimmung oder Richtung -vorhanden war und waren darüber mit Recht empört. Und diese Empörung -wartete nur auf die erste Kundgebung der geheimen Stimmung, die sich -vorläufig nur durch Schweigen ausdrückte, um sie dann als Feind im -Innern niederzuschlagen. Und so geschah es denn auch, nur daß die Strafe -infolge eines Mißverstehens nicht die Schuldigen traf, sondern die -„Zeit“. - -Es muß eingestanden werden, daß unsere Zeitschrift den Aufgaben, die zu -erfüllen die Pflicht eines jeden Blattes, besonders eines patriotischen -gewesen wäre, nur mangelhaft nachkam. Die „Zeit“ war in diesem Jahr in -literarischer Hinsicht allerdings interessant, aber zur Polnischen Frage -hatte sie sich überhaupt noch nicht geäußert. Ihr erster Artikel über -dieses Problem war ein Aufsatz von mir in der Aprilnummer: „Eine -verhängnisvolle Frage.“ Und eben dieser Aufsatz wurde mißverstanden und -veranlaßte das Verbot der Zeitschrift. - -Selbstverständlich war weder bei den Brüdern Dostojewski noch bei mir -auch nur eine Spur von Polonophilismus vorhanden. Der Sinn meines -Artikels war der, daß wir mit den Polen nicht nur materiell, sondern -auch geistig kämpfen müßten und die endgültige Lösung des Problems erst -dann eintreten würde, wenn wir die Polen geistig besiegt hätten. Die -Polnische Frage erfordert mehr als jede andere die Mitwirkung auch aller -unserer inneren Kräfte, sie erinnert uns an unseren Unterschied von -Europa und verheißt Klärung und Entwicklung unserer selbständigen -Elemente. In Wirklichkeit, im Leben, übertreffen wir die Polen -unendlich; doch diese unsere Stärke muß man zu Bewußtsein bringen und -aus ihr klare Formen geistiger und kultureller Entwicklung schöpfen. -Beide Dostojewskis waren mit meinem Artikel sehr zufrieden und stolz -darauf, daß sie ihn brachten. Im Grunde war es eine Umprägung der -politischen Frage in eine abstrakte Formel. Aber das Leben mit seinen -konkreten Gefühlen und Taten ging so glühend vorwärts, daß es diesmal -die Abstraktheit nicht ertrug. Insofern war dieser unselige Artikel -natürlich schlecht geschrieben. Nachher machte mir Fjodor Michailowitsch -einen leisen Vorwurf eben wegen der trockenen Abstraktheit meiner -Ausführungen, was mich damals ein wenig kränkte; doch jetzt gebe ich -gern zu, daß er recht hatte. Es tut mir weh, an den Kummer zu denken, -den ich unfreiwillig vielen Patrioten zufügte. Aber eine noch viel -größere Strafe war es, daß andere wiederum mich für einen Polonophilen -hielten und mir gegenüber gerade aus diesem Grunde eine besondere -Hochachtung bezeugten. Das schmerzte mich mehr als alle verächtlichen -Blicke, deren ich so viele zu ertragen hatte, und alle betonte Kühlheit -sogar meiner nahen Bekannten, weil ich in ihren Augen ein Konservativer -und Rückschrittler war. Dieses unklare Denken, diese kurzsichtige und -enge Auffassung aller Fragen, diese verblüffende Armut an Logik und -Kritik findet man in jeder Gesellschaft, in der unsrigen aber hat sie -einen besonderen Einfluß. Das ist natürlich von großem Übel, denn es -stört die Entwicklung des Denkens und somit auch die der Literatur. Doch -um den unangenehmen Eindruck zu erklären, den der Ton meiner Schrift -hervorrief, muß ich noch ein paar Worte über mich sagen. - -Grenzenloser Patriotismus – das war die Gefühlswelt, in der ich fern von -den Hauptstädten aufgewachsen und erzogen worden war. Rußland erschien -mir als ein Land von ungeheuren Kräften, mit unvergleichlichem Ruhm -bedeckt, als erstes Land der Welt, so daß ich im buchstäblichen Sinn des -Wortes Gott dafür dankte, daß ich als Russe zur Welt gekommen war. -Deshalb konnte ich es lange Zeit überhaupt nicht fassen, daß es Menschen -gab, die in der Beziehung anders fühlten und dachten, und ebenso schwer -war mir, Anschauungen zu verstehen, die diesem meinem Gefühl -widersprachen. Als ich mich aber schließlich überzeugte, daß Europa uns -verachtet, daß es in uns ein halbbarbarisches Volk sieht und daß es für -uns nicht nur schwierig, sondern einfach unmöglich ist, die europäischen -Völker zu einer anderen Auffassung von uns zu bekehren, da war diese -Entdeckung unsäglich schmerzlich für mich, und diesen Schmerz empfinde -ich auch jetzt noch. Aber ich habe nie auch nur daran gedacht, mich von -meinem Patriotismus loszusagen oder meinem Vaterlande und seinem Geist -den Geist gleichviel welch eines anderen Landes vorzuziehen. Wenn es mir -auch häufig schien, daß Rußland, wie der Dichter Tjutscheff sagt, „nicht -mit dem Verstande zu erfassen“ sei und man an Rußland „nur glauben“ -könne, so begann ich doch mit der Zeit immer besser zu erkennen, wie es -kam, daß „der stolze Blick der andren Völker nicht verstehen und nicht -erkennen kann, was in Rußlands demütiger Nacktheit glüht und voll -Geheimnis leuchtet“. Die Verachtung der Europäer war nur der beständige -Stachel, der sowohl meine Treue zum Geist meines Volkes verstärkte, wie -er das Verstehn dieses Geistes förderte. Eben diese Treue und dieses -Verstehen wollte ich auch in anderen erwecken, und deshalb hatte ich von -der Anmaßung der Polen geschrieben und darauf hingewiesen, daß wir uns -nur durch unerschütterlichen Glauben an uns selbst und die Erkenntnis -des Geistes, den wir in uns tragen, über ihre Anmaßung stellen können. -Unser Unglück besteht vorläufig nur in der Schwierigkeit und Unklarheit -dieser Erkenntnis. Doch dieses Unglück lastet nur auf denen, die sich -vom Boden losgerissen haben. Wer aber von uns bestehen will, der suche -diesen Geist und richte seinen Verstand darauf, sein Wesen zu erkennen. - -Der polnische Aristokratismus ist schon im allgemeinen, besonders aber -in seinem Gegensatz zu dem angrenzenden russischen Gebiet, für jeden -Russen etwas Widerliches; er hat auch am meisten zum Untergang Polens -beigetragen. Er selbst hat sich durch die traditionelle Aneignung der -europäischen Bildung entwickelt, auf der er auch jetzt noch beruht. -Daraus folgt, daß es zuweilen besser ist, in der Kultur zurückzubleiben, -dafür aber seinen eigenen Geist zu behalten und nicht in diesen -rettungslosen Zwiespalt der Ziele und Gefühle zu geraten, in dem sich -jetzt die Polen befinden. In diesem Sinne hatte ich meinen Artikel „Eine -verhängnisvolle Frage“ genannt. Ich war bereit, unumwunden zu sagen, daß -es für die Polen keine Rettung mehr gibt, daß die Geschichte sie zum -Untergang verurteilt hat. Doch der Artikel entsprach in seiner zu -abstrakten Form nicht den landläufigen Begriffen und man verstand ihn -falsch. Als sich das Gerücht verbreitete, der „Zeit“ drohe Gefahr, -wollten wir es zunächst nicht glauben, denn unser Gewissen war rein. -Bald aber war es zu spät zu einer Erklärung: man hatte uns für -schuldig befunden und erlaubte uns nicht einmal mehr einen -Rechtfertigungsversuch. Die Zeitschrift wurde bedingungslos untersagt -und zwar für immer. Ich hatte natürlich alles getan, was ich konnte und -wozu man mir riet, doch selbst Persönlichkeiten wie Katkoff[6] und -Aksakoff[7] vermochten nicht das Geringste auszurichten. - -Unsere Lage war nicht nur ärgerlich, sie war sogar ziemlich schwierig. -Mir drohte Ausweisung aus Petersburg, wir alle verloren den Abnehmer für -unsere Arbeiten, und noch schlimmer wurden durch den Schlag die -Redakteure getroffen, die nun alle ihre Hoffnungen vernichtet sahen. -Dennoch kann ich nicht behaupten, daß wir den Kopf hängen ließen. Wir -trösteten uns damit, daß der ganze unangenehme Zwiespalt immerhin eine -glänzende Reklame für uns sei, zumal der wahre Sachverhalt in den -literarischen Kreisen und im Publikum schon bekannt wurde. - -Doch unseren neuen Hoffnungen war es nicht bestimmt, in Erfüllung zu -gehen. Michail Michailowitsch erhielt nach acht Monaten allerdings die -Erlaubnis, ein neues Blatt zu gründen, die „Epoche“, doch begann sie -nach mehrfachen Verzögerungen unter sehr ungünstigen Verhältnissen zu -erscheinen. Fjodor Michailowitsch war gegen Ende des Sommers ins Ausland -gereist und hatte dort wieder gespielt, aber diesmal verloren. Kennen -gelernt hatte er das Roulette schon auf der ersten Reise und dabei über -1000 Francs gewonnen. Im Spiel sah er übrigens für sich nichts -Schlimmes, da er sich sagte, als Schriftsteller müsse er auch diese -Leidenschaft und die Sitten der Spielorte kennen lernen. Soweit ich mich -erinnere, hatte er genügend Geld zur Reise mitgenommen, doch infolge der -Spielverluste erhielt ich Ende September einen Brief von ihm, in dem er -mich dringend bat, zum Verleger Boborykin zu gehen und für einen noch -ungeschriebenen Roman dreihundert Rubel als Vorschuß zu erbitten. „Mag -Boborykin erfahren,“ schrieb er, „wie es der ‚Zeitgenosse‘ und die -‚Vaterländischen Annalen‘ erfahren haben, daß ich, abgesehen von meinem -ersten Roman ‚Arme Leute‘, in meinem Leben noch niemals etwas -geschrieben habe, ohne das Honorar im voraus fordern zu müssen. Ich bin -als Literat ein Proletarier und wenn jemand meine Arbeit wünscht, so muß -er mir vorher meinen Lebensunterhalt sichern. Diese Methode verwünsche -ich selbst. Aber es ist einmal so und wird sich wahrscheinlich nie -ändern ...“ Aus dem Auslande kehrte er im Spätherbst zurück. Als jedoch -die „Epoche“ zu erscheinen begann, war er in Moskau, wo seine Frau im -Sterben lag, und, selber krank, konnte er nichts schreiben. Mein -Leitartikel „Der Umschwung“ wurde von der Zensur gestrichen, da sie mich -für sehr gefährlich hielt, obgleich ich nur den einen Wunsch hatte, -meine patriotische Gesinnung zu beweisen. Die anderen Mitarbeiter -hielten nicht mehr so zusammen wie früher. Doch vor allem hatte sich das -Verhalten des Publikums zur Literatur geändert. Es hatte sich im Jahre -1863 allerdings ein mächtiger „Umschwung“ der Meinungen vollzogen. Das -gutgläubige Publikum hatte zum erstenmal wahrgenommen, wohin die gewisse -Literaturpartei es führte, und wandte sich nicht nur von ihr, sondern -von der Literatur überhaupt ab. Ganz Russland wurde von Patriotismus -erfaßt, und da die Literatur nicht sehr patriotisch war, so verlor man -den Geschmack an ihr. Unter solchen Umständen hätte es von seiten des -Redakteurs einer besonderen Energie bedurft, um die Sache durchzuführen, -diese aber fehlte Michail Michailowitsch. Auch Fjodor Michailowitsch -konnte nach dem Tode des Bruders trotz aller Energie den Fall der -Zeitschrift nicht abwenden. Als die „Epoche“ mit dem Februarheft 1865 zu -Ende ging, war außer den Einnahmen auch noch das Kapital verloren, das -eine reiche Moskauer Verwandte den beiden Brüdern vermacht und auf deren -Bitte im voraus ausgezahlt hatte (jedem zehntausend Rubel), und überdies -lastete auf Fjodor Michailowitsch noch eine Schuld von fünfzehntausend -Rubeln. Wenn wir jedoch in Erwägung ziehen, daß nach dem Abbruch der -journalistischen Tätigkeit schon im nächsten Jahre (1866) der Roman -„Rodion Raskolnikoff“, 1868 der „Idiot“, 1870 die „Dämonen“ erschienen, -so muß man den Bankerott der „Epoche“ für ein Glück ansehen, denn hätte -die Zeitschrift weiterbestanden, so wäre Fjodor Michailowitschs -Arbeitskraft von ihr absorbiert worden. - -Im Juli 1865 trat Fjodor Michailowitsch wieder eine Auslandsreise an, -von der er im November nach Petersburg zurückkehrte, wo er das ganze -nächste Jahr blieb. Diese beiden Jahre waren für ihn eine sehr schwere -Zeit. Krank, einsam, von Gläubigern bedrängt, hatte er noch für die -zahlreiche Familie des verstorbenen Bruders zu sorgen. Man kann nicht -umhin, die Energie zu bewundern, mit der er alles überwindet und in -derselben Zeit noch sein erstes großes Werk „Rodion Raskolnikoff“ -schreibt. Im Oktober 1866 begann er den kleinen Roman „Der Spieler“ -niederzuschreiben, doch als er sah, daß er zum Termin nicht fertig -werden konnte, erkundigte er sich bei einem Lehrer der Stenographie nach -einer Stenographin. Der Lehrer empfahl ihm seine beste Schülerin, Anna -Grigorjewna Ssnitkina, ein junges Mädchen, das kurz vorher das -Mariengymnasium beendet und in demselben Jahre seinen Vater verloren -hatte. Sie war mit Freuden bereit, der Aufforderung Dostojewskis, des -von ihrem Vater bevorzugten Schriftstellers, nachzukommen, um so mehr, -als er auch von ihr wie von ihrer ganzen Verwandtschaft mit Spannung -gelesen wurde. Dieses junge Mädchen sollte später seine Frau werden. -Auch in der Ehe half ihm Anna Grigorjewna beständig bei der Arbeit. Er -diktierte ihr nach seinen Entwürfen, die er ins unreine mit vielen -Korrekturen, Einschaltungen usw. niedergeschrieben hatte, worauf sie -ihre stenographische Niederschrift umschrieb. Ihre Trauung fand am 15. -Februar 1867 statt. Der Ehe entsprossen vier Kinder: Ssofja, geb. am 28. -Februar 1868 in Genf und gest. am 12. Mai; Ljubow, geb. am 14. September -1869 in Dresden; Fjodor, geb. am 16. Juli 1871 in Petersburg; und -Alexei, der am 12. August 1875 in Staraja Russa zur Welt kam und am 16. -Mai 1878 in Petersburg starb. - -Im zweiten Monat nach der Hochzeit reisten sie ins Ausland, wo sie viel -länger verblieben, als sie beabsichtigt hatten und wünschten. Von Berlin -fuhren sie nach Dresden, wo sie sich zwei Monate aufhielten, von dort -nach Baden-Baden, wo Fjodor Michailowitsch wieder spielte, zuerst -gewann, später aber alles verlor, so daß er nur dank dem von Katkoff -nachgeschickten Vorschuß Baden-Baden verlassen konnte. In Genf trafen -sie mit nur dreißig Franken ein. Dort verlebten sie den Winter 1867–68, -in welcher Zeit Fjodor Michailowitsch den „Idiot“ schrieb. Sie führten -ein einsames, einförmiges Leben, hatten keine Bekannten, außer einem -Landsmann, der sie zuweilen besuchte und ihnen manchmal aus der größten -Verlegenheit half, indem er ihnen fünf oder zehn Franken lieh. Die -Geburt des ersten Töchterchens war eine große Freude. Fjodor -Michailowitsch lebte förmlich auf und verbrachte jeden freien Augenblick -am Kinderwagen und freute sich über jede Bewegung der Kleinen. Ihren Tod -hat er nie verschmerzen können. Den Sommer 1868 verbrachten sie in Vevey -am Genfer See. Im September reisten sie nach Italien; zwei Monate -verlebten sie in Mailand, darauf den Winter 1868/69 in Florenz, wo er -den „Idiot“ beendete. Das Leben in Florenz verlief für sie ebenso -eintönig wie in der Schweiz, doch konnten sie hier wenigstens die -Gemäldegalerien besuchen, was besonders Anna Grigorjewna sehr oft tat. -Zu den Kunstwerken, die Fjodor Michailowitsch am meisten gefielen, -gehörte der Turm des Florentiner Domes von Giotto und die Türen des -Battistero von Lorenzo Ghiberti. Zu den Italienern verhielt er sich -übrigens immer mit großer Sympathie, fand sie schlicht und gutmütig – -die Menschen aus dem einfachen Volk erinnerten ihn an russische Bauern. -Zuweilen besuchten Dostojewskis auch das Theater, doch das geschah -immerhin sehr selten, da bei ihnen ständig Geldmangel herrschte. - -Im Juli 1869 kehrten sie über Venedig, Triest, Wien und Prag nach -Dresden zurück. In den letzten Monaten des Jahres 1869 schrieb er die -Novelle „Der Gatte“ und das ganze folgende Jahr die „Dämonen“. In -Dresden, wo ihnen wieder ein Töchterchen geboren wurde, mußten sie fast -volle zwei Jahre bleiben, was Fjodor Michailowitsch sehr schwer fiel, da -ihn beständig Heimweh und der Gedanke quälte, daß er Rußland fremd -werde, Rußland nicht mehr kenne. Die Rückkehr war ihnen jedoch -unmöglich, da sie dazu einer größeren Summe bedurften. Das Geld aber, -das sie erhielten, reichte trotz ihres bescheidenen Lebens nicht aus: -einen bedeutenden Teil desselben verbrauchte der Unterhalt der Witwe des -Bruders und seines Stiefsohnes aus erster Ehe, und außerdem mußten noch -Prozente für die bei der Abreise versetzten Sachen bezahlt werden; -trotzdem verfielen sie zu guter Letzt. Schließlich wurde ihnen der -Aufenthalt im Auslande doch zu unerträglich, und sie beschlossen, alle -schweren Folgen auf sich zu nehmen – es galt, noch die Schulden zu -bezahlen – und am 8. Juli 1871 trafen sie in Petersburg ein. - -Das letzte Jahrzehnt seines Lebens brachte Fjodor Michailowitsch in -Petersburg zu, abgesehen von kürzeren Reisen nach Ems zu Kurzwecken und -dem Sommeraufenthalt in Staraja Russa, wo sie seit 1872 nicht nur jeden -Sommer, sondern auch den einen Winter verlebten, als Fjodor -Michailowitsch seinen vierten großen Roman schrieb (1874/75). Im -Frühling des Jahres 1876 kauften sie sich in Staraja Russa (im -Gouvernement Novgorod, südlich vom Ilmen-See) ein Haus mit einem großen -alten Garten. Im Juni des Jahres 1879 machte er mit Wladimir -Ssolowjoff[8] eine Reise nach einem Kloster in der Nähe von Koselsk (im -Gouvernement Kaluga), der Koselskaja Optina, wo er sich fast eine Woche -aufhielt. Die Eindrücke dieser Reise sind in den „Brüdern Karamasoff“ -wiedergegeben. So sehen wir denn, daß das Leben Fjodor Michailowitschs -zu guter Letzt in vollkommen geregelten Verhältnissen verlief und aus -einem mehr oder weniger unsteten ein seßhaftes wurde. Diese Besserung -der Verhältnisse, die ihm eine gesündere Lebensweise und Freiheit in der -Wahl seines Aufenthaltsortes gestattete, war hauptsächlich darauf -zurückzuführen, daß Anna Grigorjewna es auf sich nahm, im Selbstverlage -Neuausgaben seiner früheren Werke zu machen, was sie im Jahre 1873 mit -den „Dämonen“ begann. Fjodor Michailowitsch war nicht nur auf den -geistigen Erfolg seines Schaffens aufrichtig stolz, er war auch stolz -auf den materiellen Erfolg und freute sich, daß er seine Schulden -bezahlen konnte und sich nicht mehr mit dem Gedanken zu quälen brauchte, -daß seine Familie einst in Armut zurückbleiben werde. 1878 wandte er -sich zum letztenmal mit der Bitte um Vorschuß an die Redaktion des -„Russischen Boten“, die ihren Mitarbeiter so lange und bereitwillig mit -großen und kleinen Vorschüssen unterstützt hatte. Später hatte er es -nicht mehr nötig und konnte sogar ein kleines Kapital beiseite legen. -Die Redaktion der „Vaterländischen Annalen“, in denen seine zwei letzten -Romane erschienen, zahlte allein für den ersten Abdruck der „Jugend“ 250 -Rubel pro Druckbogen, für den Abdruck der „Brüder Karamasoff“ 300 Rubel -pro Druckbogen. - -Im letzten Jahrzehnt seines Lebens trat er als Publizist nur in den -Jahren 1873 und 1876/77 hervor. Die Redaktion des „Bürgers“ war ihm vom -Fürsten W. Meschtscherski angeboten worden. Er erhielt für seine -Tätigkeit 250 Rubel monatlich, außer dem Honorar für seine Artikel. -Fürst Meschtscherski war ihm überaus zugetan und ließ sich gern von ihm -beeinflussen. Wer diesen Jahrgang des „Bürger“ liest, wird sich alsbald -überzeugen, wieviel Arbeit und Sorgfalt vom Redakteur auf ihn verwandt -worden ist. Leider ist es mir nicht bekannt, aus welchen Gründen und -Erwägungen Fjodor Michailowitsch die Redaktion später niederlegte. - -„Das Tagebuch eines Schriftstellers“ erschien seit 1876. Es hatte einen -Riesenerfolg und war tatsächlich ein glücklicher Gedanke, da es dem -Bedürfnis und der Schreibweise Fjodor Michailowitschs durchaus -entsprach. Jede Nummer enthielt eigentlich nur eine Reihe von -Feuilletons, wenn man sich so ausdrücken kann, in denen er über die -verschiedensten Tagesfragen, vornehmlich jedoch über politische, soziale -und literarische Fragen schrieb. Ja man kann sagen, daß er in seinem -„Tagebuch“ gewissermaßen seine eigene Biographie dieser Zeit geschrieben -hat, denn er hat in ihm alles zur Sprache gebracht und erklärt, was ihn -in jedem der zwölf Monate dieser Jahre beschäftigt, was er gedacht und -gefühlt hat. Und nirgends, scheint es mir, drückt sich seine Energie und -sein Mut so deutlich aus wie in diesem „Tagebuch“. Besonders setzte die -Richtung dieser Zeitschrift die Leser in Erstaunen und riß sie -schließlich mit. Diese Richtung widersprach aufs schärfste den Meinungen -und Neigungen des Petersburger Publikums und war ein offensichtlicher -Protest gegen die herrschende geistige Strömung. Es läßt sich denken, -wie sehr sich alle diejenigen freuten, die mit den herrschenden -Anschauungen unzufrieden waren und nirgends einen Protest oder die -Vertretung der von ihnen geliebten Ideen fanden. Solcher gibt es viele -bei uns, doch gehören sie nicht zu denen, die sich mit der Literatur -befassen. - -In den Jahren 1878, 79 und 80 unterließ Dostojewski aus Rücksicht auf -seine Gesundheit und die Arbeit an seinem letzten Werk die Fortführung -des „Tagebuchs“, obgleich zuletzt von jeder Nummer sechstausend -Exemplare gedruckt worden waren und einzelne Nummern noch eine zweite -und dritte Auflage erforderten. - - - Die Puschkinfeier - - (vom 6. bis 8. Juni 1880) - -Als Zeuge des Sieges, den Fjodor Michailowitsch auf der Puschkinfeier in -Moskau davontrug, will ich versuchen, den ganzen Vorgang, an dem ich -leidenschaftlichen Anteil nahm, so gut ich kann, wiederzugeben. Da ich -nur Zuschauer war, konnte ich das innere Drama, das sich während dieser -Feier abspielte und dessen Hauptrolle Fjodor Michailowitsch zufiel, um -so besser erkennen. Er war aus Staraja Russa, wo er den Sommer mit -seiner Familie verbrachte, als einer der offiziellen Vertreter des -slawischen Wohltätigkeitsvereins kurz vor der Hauptfeier, also bereits -vor mir, in Moskau eingetroffen und hatte, wie ich später erfuhr, schon -an einem Bankett teilgenommen, das von seinen Verehrern ihm zu Ehren -gegeben worden war. - -Als ich mich zur Feier aufmachte, erwartete ich, offen gestanden, nichts -Gutes. Ich fürchtete viel Lärm, viel leeren Enthusiasmus, und es war -sehr möglich, daß sich dabei nichts von Bedeutung ereignen würde. Zum -Glück hatte ich mich diesmal getäuscht. Die Rede Dostojewskis gab der -Feier einen Inhalt, der nach dem vergänglichen Feuerwerk des ganzen -Festes wie ein harter glänzender Kristall bestehen blieb. - -Nach der Enthüllung des Puschkindenkmals am 6. Juni, den Festlichkeiten -der Moskauer Duma und der Universität, begann am 7. Juni im Adelssaal -der literarische Teil der Puschkinfeier mit einer öffentlichen -Versammlung der „Gesellschaft der Liebhaber russischer Literatur“. An -diesem Tage sollten Turgenjeff und nach ihm Aksakoff ihre Reden halten, -also zwei Vertreter der entgegengesetzten Richtungen. Doch da sich die -Eröffnung mit allen Ansprachen usw. sehr lange hinzog, so konnte nur -Turgenjeff noch zu Wort kommen. Seine Rede wurde selbstverständlich mit -großem Beifall aufgenommen. Unter den Literaten aber entspann sich -nachher ein lebhafter Streit über den Inhalt dieser Rede, und man -äußerte den Wunsch, sie zu widerlegen oder wenigstens zu ergänzen. -Anders war es auch nicht zu erwarten von einer „Gesellschaft“, zu der so -viele Slawophile gehörten. Besonders war es aufgefallen, auf welche -Stufe Turgenjeff Puschkin stellte. Er erkannte ihn zwar als volklichen, -d. h. als selbständigen Dichter an, doch stellte er darauf noch die -Frage: war Puschkin deshalb ein nationaler Dichter? Denn national könne -man nach der Meinung des Redners nur den großen und universalen Dichter -nennen. Erst wenn ein Dichter den Geist seines Volkes vollkommen -ausdrückt, erst dann ist er der „große“ und zugleich der universale -Dichter, der der Schatzkammer der Menschheit einen Beitrag zuträgt. Die -Antwort aber auf diese Frage verweigerte der Redner. „Ich behaupte -nicht,“ sagte er, „daß Puschkin diese Bedeutung zukomme, aber ich wage -auch nicht, sie ihm abzusprechen.“ - -Das alles und noch manches andere erregte große Unzufriedenheit. In der -Gruppe der aktiven Teilnehmer an der Feier hinterließ die Rede ein -Gefühl des Unbefriedigtseins und der Unklarheit. Man zerpflückte -kritisch die Worte Turgenjeffs und einige Literaten, die am nächsten -Tage zu reden hatten, wollten sich zu seiner Stellungnahme äußern und -Puschkin gewissermaßen verteidigen. Aber das, was am nächsten Tage, am -8. Juni zur Verteidigung Puschkins geschah, überstieg doch alle -Erwartungen und Absichten. Zuerst sollte Aksakoff seine Rede halten, -dann Dostojewski, doch weiß ich nicht, aus welchem Grunde beschlossen -wurde, daß Dostojewski beginnen sollte. Zwar las er seine Rede vor, aber -das war kein Lesen; das waren Worte, die unmittelbar aus dem Herzen -kamen und jedes Herz ergriffen. Der ganze Enthusiasmus und die ganze -Natürlichkeit, die dem Stil Dostojewskis eigen sind, kamen durch seinen -meisterhaften Vortrag noch mehr zur Geltung. Ich spreche noch nicht -einmal vom Inhalt der Rede, obgleich er es war, der die Kraft des -Vortrags ausmachte. Ist es mir doch, als hörte ich in diesem Augenblick -wie über der atemlosen Stille der ganzen großen Versammlung seine Stimme -sich erhob: „Demütige dich, stolzer Mensch, arbeite, müßiger Mensch!“ - -Schon nach den ersten Worten, mit denen Dostojewski begann, horchte -alles auf und verstummte. Man hörte zu, als sei vorher nichts von -Puschkin gesagt worden, – bis die Spannung sich im ersten Beifallssturm -löste. Dann aber war im Publikum jede Zurückhaltung vergessen und -schrankenlos gab es sich seiner Begeisterung hin. Sah man doch einen -Menschen vor sich, der selbst ganz erfüllt war von Begeisterung, und von -diesem Menschen vernahm man eine Deutung, die diese Begeisterung -wahrlich auch verdiente. - -Von dem Sturm, der sich nach dem Schluß der Rede im Saal erhob, kann -sich wohl kaum jemand, der ihn nicht selbst erlebt hat, eine Vorstellung -machen. Man erstürmte förmlich die Estrade; ein Jüngling, der sich bis -zu Dostojewskis durchgedrängt hatte, fiel in Ohnmacht. Dostojewski wurde -umarmt, geküßt. Ich erinnere mich nicht mehr aller Ausrufe der -Begeisterten. Aksakoff wandte sich mit den Worten an ihn: „Turgenjeff -und ich, er als Vertreter der Westler und ich als Vertreter der -Slawophilen, wir sind Ihnen beide unsere volle Zustimmung und unseren -tiefsten Dank schuldig!“ Und Annenkoff[9] kam auf mich zu und sagte ganz -begeistert: „Was doch eine wirklich geniale Charakteristik bedeutet! – -sie hat mit einem Schlage die ganze Sache entschieden!“ - -Als Aksakoff, der alte Liebling der Moskowiter, später seine Rede halten -sollte und das Publikum mit lebhaftem Applaus sein Erscheinen auf der -Estrade begrüßte, sagte er nur kurz, daß er nach der Rede Dostojewskis -nichts mehr zu sagen habe, denn alles, was er zu sagen beabsichtigt und -niedergeschrieben, sei nur eine schwache Variation bloß einiger Themen -dieser „_genialen Rede_“. Diese Worte riefen wieder stürmischen Applaus -hervor. „Ich betrachte“, fuhr Aksakoff fort, „die Rede Dostojewskis als -ein _Ereignis_ in unserer Literatur. Gestern konnte man noch darüber -streiten, ob sie es sei oder nicht; heute ist diese Frage bereits -abgetan. Wir kennen jetzt die wahre Bedeutung Puschkins und somit ist -alles weitere Reden überflüssig.“ Mit diesen Worten verließ Aksakoff die -Rednerbühne. Und wieder wollten die Ovationen der Begeisterten kein Ende -nehmen, doch diesmal galt der Beifall auch der Handlungsweise Aksakoffs -wie seinem Urteil über die Rede Dostojewskis. - -So feierte man in Dostojewski den Helden dieses Tages, der der ganzen -Feier Inhalt und Farbe gegeben, der alle Erwartungen nicht nur erfüllt, -sondern sogar weit übertroffen hatte, und man war ihm dankbar für die -Befreiung von der zuletzt qualvollen Spannung. Das Publikum verlor ihn -von nun an nicht mehr aus den Augen und überschüttete ihn bei jeder -Gelegenheit mit den lautesten Beifallsbezeugungen. Dasselbe geschah -schon am Abend dieses Tages, an dem die dreitägige Puschkinfeier mit -einer literarisch-musikalischen Ausführung ihren Abschluß fand und -Dostojewski auf allgemeines Bitten hin Puschkins Gedicht „Der Prophet“ -zweimal mit bewunderungswürdiger Meisterschaft vortrug. - -So endete diese herrliche Feier. Der letzte Applaus war verstummt, und -müde und befriedigt löste sich die Versammlung auf. Der Eindruck, den -ich davontrug, war nicht allein stark, er war mir auch vollkommen klar. -Ich gedachte jener literarischen Bewegung, in der ich einst mit solchem -Interesse mitgewirkt hatte, unseres ganzen Literatenkreises, der zuerst -(1859) für das „Russische Wort“ geschrieben hatte, dann für die „Zeit“, -die „Epoche“, die „Morgenröte“, den „Bürger“ ... Das waren Gruppen von -Menschen, die der Literatur immer eine große Bedeutung beigemessen -hatten und ihr am treuesten dienten. In Puschkin sahen sie _ihren_ -Dichter, wie denn auch niemand besser über Puschkin geschrieben hat als -Apollon Grigorjeff. Ihnen hatte sich Dostojewski angeschlossen, war für -einige von ihnen der Führer geworden und hatte ihrer Richtung den Namen -gegeben, indem er sie die Richtung der „_Bodenständigen_“ nannte. Und -diese Richtung war es, die hier gesiegt hatte. - -Zugleich hatte Dostojewski uns in zweierlei Hinsicht ein großes Beispiel -gegeben: das Beispiel eines echten Konservativen und ein Beispiel, wie -wir uns zu allem uns National-Feindlichen zu verhalten haben. - -Konservatismus und Patriotismus hält man oft für geistige -Beschränktheit, für Dummheit und Stumpfheit, was sie freilich auch oft -genug sind, da sie von einer Menge Menschen geteilt werden, der Verstand -der Menschen aber im allgemeinen schwach und begrenzt ist. Doch das -berührt noch nicht die Sache selbst. Was kann im Grunde natürlicher und -richtiger sein, als die Liebe zu unserer Umgebung und der Wunsch, das zu -erhalten, was wir lieben? Und selbst lieben lernen wir doch von -Menschen, die uns nahestehen, und lernen verstehen auf Grund des -geistigen Inhalts, der uns zuerst gegeben wird. Ein feinfühliges Herz -und ein feiner Geist entdecken allmählich die positive Seite des sie -umgebenden Lebens und eignen sie sich an, ebenso wie seine Geistesart -und Schönheit, die den Hauptnerv jedes Menschendaseins ausmachen und -ohne die das Leben unmöglich ist. Was aber von einem Menschen einmal -liebgewonnen, einmal begriffen ist, wird eine tiefe Natur ganz gewiß -nicht mehr vergessen, das kann sie nicht mehr wie etwas Überflüssiges -und Gleichgültiges fortwerfen. So kann der einfachste und gewöhnlichste -Vorgang in begabten Menschen die größte Bedeutung erlangen. Menschen, -die für den Konservatismus wenig Sinn haben, die mit Leichtigkeit die -Gefühle und Gedanken, die einst in ihnen gelebt, abschütteln können, -beweisen damit doch zweifellos nur ihre geringe Feinfühligkeit, die -Schwäche ihres Herzensgedächtnisses. Sie lassen sich gewöhnlich von -ihrer Energie fortreißen, und darin liegt ihre Rechtfertigung; doch das -Schädliche des Nichtverstehens, der Verachtung, der Vergewaltigung -drängt sich unvermeidlich in ihre Tätigkeit und entstellt oft eine Tat, -die für den edelsten Zweck ausgeführt wird. - -Dostojewski war von Natur konservativ. In ihm vollzog sich mächtig, doch -schnell der Prozeß, der fast unterschiedslos die Entwicklung aller -bedeutenden russischen Schriftsteller charakterisiert. Zuerst begeistern -sie sich für abstrakte Gedanken, für Ideale, die sie vom Westen -übernehmen, dann kommt es zum inneren Kampf und zur Enttäuschung, bis -schließlich die zeitweilig unterdrückten Gefühle, die Liebe zu dem -Heiligtum, das Rußlands Leben und Stärke ausmacht, erwachen. Auch -Dostojewski gab es auf, nach höheren, führenden Ideen im Westen zu -suchen, doch bewahrte er trotzdem Liebe und Verehrung für das -europäische Geistesleben. Anderseits vermochte gerade er in der -Ausbreitung des extremen Westlertums, das sich Nihilismus nennt, die -Wurzel dieser entarteten Bestrebungen zu entdecken, und er verstand und -bedauerte auch diese verirrten Seelen. Sein Blick, der nicht nur alle -Gegensätze, sondern auch die Möglichkeit eines Ausgleichs der Gegensätze -sah, diese feine und tiefe Sympathie, mit der er die beiden Pole unseres -geistigen Lebens umfaßte und sie zu einem höheren Lebensprinzip und -durch die Tat zu vereinigen suchte – das war der charakteristische Zug -Dostojewskis. Seine Feindschaft gegen etwas bedeutete bei ihm nie eine -bedingungslose Verneinung des Feindlichen. - -Und gerade diese seine Fähigkeit des versöhnenden Verstehens und -Mitempfindens war es, die in seiner Rede zur Puschkinfeier zum Ausdruck -kam und die Bestrebungen der Westler und der Slawophilen als auf ein und -dasselbe höhere Ziel gerichtet zu deuten verstand. Da war es kein -Wunder, daß Begeisterung die alten Gegner erfaßte und sie sich in diesem -Augenblick versöhnt die Hände reichten. - - * * * * * - -Nach der Puschkinfeier, die ihm den größten und schönsten seiner -literarischen Erfolge verschaffte, blieb ihm nicht mehr viel Zeit zum -Leben – kaum acht Monate. Doch gerade diese letzte Zeit verbrachte er in -der größten Tätigkeit. Außer der Erläuterung und Verteidigung seiner -Moskauer Rede schrieb er in dieser zweiten Hälfte des Jahres 1880 den -Schluß der „Brüder Karamasoff“, und noch bevor dieser im „Russischen -Boten“ veröffentlicht war, lasen wir bereits die Anzeige, daß im -nächsten Jahr das „Tagebuch“ wieder in jedem Monat erscheinen werde. Der -Druck der Januarnummer war fast schon beendet, als der Tod seiner -fieberhaften Tätigkeit ein Ende setzte. - -Für diejenigen, die ihn näher kannten, kam sein Tod eigentlich nicht -überraschend. Er lebte augenscheinlich nur noch von den Nerven, denn -sein Körper hatte schon einen solchen Grad von Abgezehrtheit erreicht, -daß ihn der erste, geringste Stoß zerbrechen konnte. Am erstaunlichsten -war dabei seine Unermüdlichkeit in der geistigen Arbeit, obgleich ihm -das Arbeiten, wie er mir selbst einmal sagte, schwer fiel und er zum -Schreiben eines Druckbogens zweimal oder dreimal mehr Zeit brauchte als -früher. Außerdem wurde er in den letzten Jahren, besonders seit der -Herausgabe des „Tagebuchs“, mit Briefen überschüttet und von Besuchern -zu Tode erschöpft. Aus allen Ecken und Enden von Petersburg kam man zu -ihm, oft mit Bitten um Unterstützung, da er Armen stets half und für -fremdes Unglück immer Teilnahme hatte. Doch ebensooft kam man zu ihm mit -Gewissensfragen, oder um seine Ansichten zu widerlegen, oder um ihm -Verehrung zu bezeugen. Von derselben Art waren auch die Briefe, die er -aus allen Gegenden Rußlands erhielt. Seine Popularität freute ihn. Er -sah darin Beweise, daß seine Worte nicht ungehört verklangen. Das freute -ihn sehr, denn er hielt es für seine Pflicht, Menschen zu ermutigen und -zum Guten zu lenken. Besonders aufmerksam verhielt er sich zur Jugend, -zu Studenten und Studentinnen. War doch der „bekehrte Nihilist“ sein -Thema, das er liebte, und nicht nur in „Rodion Raskolnikoff“ hat er es -ausgearbeitet, wir finden es auch in allen seinen folgenden Werken -wieder. Deshalb ist es verständlich, daß die Jugend sich so zu ihm -hingezogen fühlte. - -Er war sehr streng gegen sich selbst und von nahezu übertriebener -Gewissenhaftigkeit. Er erlaubte sich nicht nur keine häßliche oder böse -Handlung, sondern verzieh sich nicht einmal eine häßliche oder böse -Empfindung. Man kann sagen, daß er sich in seinem Leben wie in der -Arbeit beständig selbst erzog, nur die besten Gefühle in sich -entwickelte und in seinen Handlungen nicht nur tadellos und -uneigennützig war, sondern sogar bis zur Selbstverleugnung ging. -Obgleich er von seiner Begabung eine sehr hohe Meinung hatte – und wohl -mit Recht –, so hat er sich doch nie abseits von der ganzen großen Menge -der Schreibenden gestellt, nie hochmütig auf die Tagesliteratur -herabgesehen. Dieses Fehlen selbst des geringsten _literarischen -Aristokratismus_ war sogar rührend. Er wußte, daß er, wenn er in die -Öffentlichkeit trat, wie es jeder Schriftsteller tut, damit auf den -Markt, auf die Straße hinaustrat, doch es fiel ihm nicht ein, sich -seines Handwerks oder seiner Handwerksgenossen zu schämen, denn er wußte -nur zu gut, daß das, was er auf den Markt hinaustrug und den Lesern -anbot, unermeßlich höher war als Geld und Geldeswert. Er war stolz auf -sein Handwerk, es war für ihn etwas Großes, Heiliges – und diese -Auffassung kann uns vieles in seinem Verhalten erklären. Denn er wußte, -was er tat, wenn er seine Seele auf die Straße trug. - - - Sein Tod - -In den letzten neun Jahren seines Lebens litt Fjodor Michailowitsch an -einem Emphysem, das er sich durch eine Erkältung zugezogen hatte. Der -tödliche Ausgang dieser Krankheit trat durch das Zerreißen einer -Lungenarterie ein. Es begann in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar mit -einem Nasenbluten, dem er weiter keine Beachtung schenkte. Am 26. fühlte -er sich offenbar ganz wohl, bis um vier Uhr nachmittags plötzlich ein -Blutsturz erfolgte und anderthalb Stunden darauf ein zweiter, wobei der -Kranke das Bewußtsein verlor. Als er wieder zu sich kam, äußerte er -sofort den Wunsch, zu beichten und das Abendmahl zu nehmen. In Erwartung -des Priesters nahm er Abschied von seiner Frau und seinen Kindern und -segnete sie. Nach dem Abendmahl fühlte er sich vollkommen wohl. Am 28. -Januar hatte er um zwölf Uhr mittags wieder einen Blutsturz, worauf -seine Kräfte schnell abnahmen. - -In entscheidenden Augenblicken seines Lebens pflegte Fjodor -Michailowitsch die Bibel, die er in seiner Sträflingszeit bei sich -gehabt, aufs Geratewohl aufzuschlagen und die ersten Zeilen der -aufgeschlagenen Seite zu lesen. So tat er es auch jetzt: er schlug die -Bibel auf und bat seine Frau, ihm die aufgeschlagene Stelle vorzulesen. -Es war das der vierzehnte Vers aus dem dritten Kapitel Matthäi: -„Johannes wehrete ihm und sprach: Ich bedarf wohl, daß ich von dir -getauft werde; und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu -ihm: Halte mich nicht auf; also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu -erfüllen.“ Als er diese Worte hörte, sagte er zu seiner Frau: - -„Hörst du? – ‚halte mich nicht auf‘ – also werde ich sterben.“ Und er -schloß das Buch. - -Sein Vorgefühl sollte recht behalten. Er verschied am 29. Januar um acht -Uhr achtunddreißig Minuten abends. - - - Die Beerdigung - -Die Beerdigung Dostojewskis wurde zum Anlaß einer Kundgebung, die alle -in Erstaunen setzte. Einen solchen Andrang von Menschen, so zahllose -Beweise von Trauer und Verehrung hatten selbst die leidenschaftlichsten -Anhänger des Toten nicht erwartet. Man kann wohl behaupten, daß es eine -solche Beerdigung in Rußland noch nie gegeben hat. Dabei muß man nicht -vergessen, daß Dostojewski ganz unerwartet starb, daß viele von seinem -Ableben erst spät erfuhren, so daß in der kurzen Zeit bis zu seiner -Beerdigung irgendwelche Verabredungen nicht möglich waren. So handelte -jeder Verein, jede Schule aus eigenem Antrieb und jede der -zweiundsiebzig Deputationen, jeder der fünfzehn Sängerchöre unabhängig -von den anderen. - -Und so einfach, so selbstverständlich, so ruhig und feierlich vollzog -sich alles. In der Kirche des Heiligen Geistes war nicht nur der Sarg -auf dem hohen Katafalk mit Blumen und Kränzen vollständig bedeckt, es -standen auch noch ringsum und hingen sogar an den Wänden riesige Kränze, -die der Kirche eine ganz besondere, eigenartige, weihevolle Stimmung -verliehen. Das Gedränge war groß, doch nichtsdestoweniger herrschte -vollkommene Stille. Durch die Ehrung, die man dem toten Schriftsteller -erwies – und an der sich alle beteiligten, so daß neben dem Riesenkranz -der Petersburger Studenten, den Kränzen der Großfürsten und -Großfürstinnen, die bescheidenen Blümchen der Bettler und der ärmsten -Kinder lagen –, wurde es erst sichtbar, wie ungeheuer groß der Kreis -seiner Anhänger war, und sowohl seine Nächsten wie seine Anhänger selbst -waren überrascht, als sie sahen, daß die Zahl seiner Verehrer so -unübersehbar war. In der ganzen Stadt begannen später erregte Debatten -über die Bedeutung und die Ursache dieser Kundgebung. Personen, die zu -Mißtrauen neigten und zur Literatur sich gleichgültig verhielten, -behaupteten, diese ungeheuere Menschenmenge habe nur den Wunsch gehabt, -den ehemaligen Sträfling zu ehren und dabei ihren Protest gegen die -Regierung auszudrücken; andere jedoch, die mit der Literatur besser -bekannt und selbst Anhänger fortschrittlicher Ideen waren, kamen der -Wahrheit schon näher, wenn sie zu ihrem Leidwesen feststellten, daß -diese Liebe und Hingebung dem „Patrioten“ gegolten, was ihrer Meinung -nach ein Beweis von Rückständigkeit war. Und schließlich gab es noch -eine dritte sonderbare Auslegung, die alles darauf zurückführte, daß -Dostojewski, wie sie sagten, der Darsteller alles Dunkeln und aller -Schrecken des russischen Lebens gewesen sei, jedoch nicht wie Gogol -darüber gelacht, sondern geweint habe. - -Unter den Tausenden, die dem Toten das letzte Geleit gaben, werden -natürlich Vertreter der verschiedensten Anschauungen gewesen sein, doch -die Hauptmasse war entschieden von ganz anderen Gefühlen beherrscht: die -beerdigte in Dostojewski ihren Erzieher, ihren Lehrer, den, der zu ihr -gesagt hatte: „Demütige dich, stolzer Mensch! Arbeite, müßiger Mensch!“ -Alle, die nach einer sittlichen Stütze suchten, sahen in ihm einen -Führer, der ihnen die Wege zeigte, auf denen man die Rettung suchen kann -und muß. Man achtete und liebte in ihm nicht nur den Patrioten und -Konservativen; für viele war er auch ein Trost und eine Hoffnung, und -das nicht nur deshalb, weil er die revolutionären Umtriebe gegeißelt und -bekämpft hatte, sondern weil er die höchsten, rein geistigen Interessen -der russischen Menschen verstand, weil in seinen Worten sich nicht nur -religiöse Stimmung, aufrichtige Liebe zum Volk offenbarte, sondern vor -allem deshalb, weil ihm unsere staatliche Macht teuer war, teuer unsere -volkliche Einheit und unsere politische Aufgabe, für die wir seit jeher -soviel geopfert haben und noch jederzeit zu opfern bereit sind. - -Gewiß wird es in der ungeheuren Menge, die ihm zum Grabe folgte und in -der so viel Jugend vertreten war, auch viele bekehrte und unbekehrte -Nihilisten gegeben haben. Denn Dostojewski, der ihre Verirrungen so -scharf rügte, verstand die Verirrten doch so tief wie kein anderer, und -er war es auch, der ihnen wieder den richtigen Weg wies. Aber zweifellos -gab es unter ihnen auch solche, die uns die Hoffnung geben, daß wir -dieses große Übel überwinden werden. In dem großen Toten hatte diese -Hoffnung wie ein Feuer gebrannt und er hatte in dem Glauben gelebt, daß -er für diese rettenden Ansätze arbeitete. - -Sein Tod war nicht der Tod eines verdienten Künstlers, der in Ruhe seine -Tage zu Ende gelebt, sondern der Tod eines politischen Kämpfers am -Vorabend seiner letzten glühenden Rede, die am Tage vor seiner -Beerdigung erschien. - - - Seine Bedeutung - -Wenn wir die Entwicklung Dostojewskis verfolgen, so sehen wir, daß mit -ihm dasselbe geschah, was nun schon seit dem achtzehnten Jahrhundert mit -allen unseren großen Schriftstellern geschehen ist: alle begannen sie -damit, daß sie sich für das _Fremde_ begeisterten, und alle kehrten sie -später zum _Eigenen_ zurück. So war es zum Teil mit Vonwisin und so -geschah es sehr ausgesprochen bei Karamsin, Gribojedoff, Puschkin und -Gogol. Dostojewski ist in dieser Beziehung ein neues Ärgernis für unsere -Westler, ein neuer und wichtiger Grund für sie, über unsere russische -Literatur aufgebracht zu sein. - -Diese innere Umkehr, die sich in den Besten von uns vollzieht, wird oft -Verrat und Abtrünnigkeit genannt; doch gerade bei Dostojewski ist am -deutlichsten zu sehen, daß es sich hierbei nur um Entwicklung handelt, -um die Aufdeckung der Anlagen, die in der Natur des Menschen liegen, -nicht aber um einen Eintausch fremder Gedanken gegen andere fremde -Gedanken. Dostojewski ist von seinem ersten bis zu seinem letzten Werk -ein und derselbe; er konnte sich nicht verändern, denn schon in seinem -ersten Werk ist seine ganze Seele zu erkennen, die ganze Art seiner -Lebensauffassung. Von der Natur dieser Seele hing es ab, welche -Einflüsse auf sie einwirkten. Und diese Einflüsse waren: die russische -Literatur und das russische einfache Volk. - -Als ich Dostojewski kennen lernte, war er ein glühender Verehrer -Puschkins und Gogols. Diese beiden Riesen unserer Literatur spiegeln -sich schon in seinem ersten Werk „Arme Leute“ in bemerkenswerter Weise -wieder. Hier finden wir es unmißverständlich ausgedrückt, daß der Autor -mit Gogol nicht ganz zufrieden ist und nur in Puschkin seinen -unmittelbaren Führer sieht. Der kleine Beamte Makar Djewuschkin, der -Held in „Arme Leute“, der auffallend an Gogols Held im „Mantel“ und in -den „Aufzeichnungen eines Irrsinnigen“ erinnert, ist sehr eingenommen -von Puschkins „Stationsaufseher“. Er kann die Novelle nicht genug loben -und bedauert sehr den armen Helden der Erzählung. Bald darauf liest er -aber Gogols Novelle „Der Mantel“, und die macht auf ihn einen geradezu -niederschmetternden Eindruck. Er ist aufs tiefste verletzt, da er in -dieser schonungslosen Darstellung sich selbst erkennt, er betrinkt sich -vor Leid und es widerfährt ihm infolgedessen ein Unglück nach dem -anderen. So wird denn die schonungslose Ironie Gogols als gar zu -grausame und herzlose Darstellung der Menschen vom Autor verurteilt. Und -noch mehr wird sie verurteilt durch die Art, wie Djewuschkin selbst -geschildert ist. Während in den Gestalten Gogols nur grauenvolle Leere -und Gemeinheit zu sehen ist, besitzt dieser Makar Djewuschkin Schätze an -Zartheit und Selbstverleugnung, und Herzenszüge, deren Schönheit er -selbst nicht einmal ahnt. Während niemand Gogols Akakij Akakijewitsch -oder Poprischtschin sein wollte, muß jeder Leser mit Neid auf den -unglücklichen Makar Djewuschkin blicken und sich gestehen, daß zwischen -dieser seelischen Schönheit und seiner eigenen Seele ein weiter Abstand -ist. - -Das war Dostojewskis erster Schritt, im Jahre 1846 – eine kühne und -entschlossene Korrektur Gogols. Es war das zugleich eine entscheidende -Wendung in unserer Literatur. Ihre Bedeutung lag darin, daß die -Korrektur Gogols unentbehrlich war, daß unsere Literatur sie unbedingt -ausführen _mußte_ und sie auch noch bis zum heutigen Tage ausführt, daß -man in gewissem Sinne auch alle unsere anderen großen Schriftsteller, -Ostrowski, wie L. N. Tolstoi, eine Korrektur Gogols nennen und darin -ihre größte Originalität sehen kann. Dostojewski aber begann sie als -erster. - -Gogol hat sich nicht grundlos gequält, nicht grundlos alle seine Kräfte -angespannt, um etwas Neues zu schaffen. Diese gespannt feinfühlige -Stimmung, in der sich die Gemeinheit des Seienden so deutlich Gogol -offenbarte, war am Ende unerträglich. Ein unüberwindlicher Ekel erhob -sich in ihm bei der Betrachtung des russischen Lebens, dieses Lebens, in -dem alles Gute sich schamhaft und hartnäckig in der Tiefe verbirgt, -während das Gemeine und Schmutzige auf der Oberfläche paradiert und -allen in die Augen springt. Gewiß hat Gogol die „heimlichen Tränen“ -vergossen, von denen er spricht; aber das waren Tränen des Mitleids -eines ekstatischen Idealisten, nicht aber Tränen der Liebe. Und je mehr -wir in den Sinn der ganzen Literatur nach Gogol, die mit Dostojewski -beginnt, eindringen, um so klarer erkennen wir Gogols Grundfehler und -die ganze dringende Notwendigkeit, die unsere neueren Schriftsteller -empfanden – die Einseitigkeit zu vermeiden und einen neuen Weg -einzuschlagen. - -Zweifellos wird man Dostojewskis Werke einmal anders auslegen; man wird -aus ihnen Schlüsse ziehen und mit ihnen Gefühle nähren, die Dostojewskis -wahren Gedanken und Gefühlen aufs tiefste widersprechen. Unsere -Intelligenz hat sich gar zu sehr daran gewöhnt, in gewissen Geleisen zu -denken. Es gibt zwei Gefühle, die für das Seelenleben unserer gebildeten -Leute außer den täglichen Lebensinteressen gewöhnlich bestimmend sind: -das eine davon ist das Gefühl des Unwillens, des sogenannten edlen -Unwillens über jegliches Böse und Gemeine in Rußland; das andere ist das -Gefühl des Mitleids mit Rußland, ein mitleidvolles Erkennen seiner -Armseligkeit und seines tragischen Loses. Beide Gefühle sind sehr gut, -jedoch zum Unglück nur durch einen gar zu dünnen Strich von schlechten -Gefühlen getrennt: der Unwille grenzt an Erbitterung und das Mitleid an -Selbstüberhebung, so daß oft Menschen, die sich anscheinend beständig -edelster Stimmung hingeben, im Grunde nur ihre schlechten Eigenschaften -nähren und nur aus ihnen ihren ganzen Edelsinn schöpfen. Von Dostojewski -kann ich dagegen mit aller Bestimmtheit bezeugen, daß ihn niemals auch -nur entfernt die Achtung vor seinem großen Vaterlande verlassen hat und -der Unwille bei ihm niemals zur Erbitterung geworden ist. In dieser -Hinsicht ist er für uns alle ein Beispiel. Man bedenke doch nur, wieviel -er unter den bestehenden Verhältnissen zu leiden hatte! Und dennoch war -nach allem, was er ausgestanden, nicht die leiseste Erbitterung in ihm -und ebensowenig maßte er sich ein Recht auf die Autorität an, die die -Gesellschaft bei uns so gern denen zuspricht, die gelitten haben, oder -die die Märtyrer sich oft eigenmächtig beimessen. Überhaupt war an ihm -die Entwicklung der Persönlichkeit, die ungewöhnliche seelische Energie -auffallend. Ich habe ihn in den schwersten Stunden gesehen, doch niemals -ließ er den Mut sinken, ja ich glaube sogar, daß man solche Umstände gar -nicht ersinnen könnte, unter denen er wirklich zusammengebrochen wäre. -So spricht er denn aus seiner eigenen Seele, wenn er einen seiner -Helden, Dmitri Karamasoff, sagen läßt: „... ich habe soviel Kraft in -mir, daß ich alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles -Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich bin! Unter tausend -Qualen – ich bin! Wenn ich mich auch auf der Folterbank krümme – aber -ich bin!“ Es war in ihm ein unerschöpflicher Kräftevorrat, der nach -jedem Nachlassen und sogar Sinken seines Schaffens sich immer wieder von -neuem zu noch höheren Schöpfungen emporschwang. Es war dabei etwas -Rätselhaftes in ihm. Neue Gestalten, neue Pläne tauchten beständig vor -ihm auf, belagerten ihn geradezu und störten ihn bei der Arbeit. Deshalb -sind auch einzelne seiner Romane ganze Knäule durcheinandergeflochtener, -verwickelter Themen. - -Und so schildert er denn unermüdlich seine Gestalten, macht sie aber -nicht wie Viktor Hugo zu Theaterhelden, läßt sie weder Wunder, noch -Heldentaten vollbringen. Er hält sich unentwegt an den strengen -Realismus, der das Vermächtnis Gogols war, aber selbst unter der größten -Verkommenheit versteht er noch menschliche Züge zu entdecken. Dabei ist -in jeder Schilderung Dostojewskis soviel Wahrheit, eine solche Tiefe -seelischer Wahrheit enthalten, daß man den unmittelbaren Eindruck der -Wirklichkeit selbst zu erleben glaubt. Der Fieberzustand seines Idioten, -die Qualen eines Verbrechers oder eines Selbstmörders, Fieberträume, -Hallucinationen – alles ist verständlich und klar wiedergegeben. Der -Leser verfolgt mit Spannung die Gedanken und Gefühle von Personen, von -denen er früher überhaupt keine Vorstellung hatte, und sieht mit -Verwunderung, daß diese Gedanken und Gefühle in der eigenen Seele einen -Widerhall finden. - -Leid, Verzweiflung, Verbrechen, Krankheit – das sind die stets -wiederkehrenden Themen Dostojewskis. Aber was ist denn ihr Sinn, welches -ist ihr Ergebnis? Etwa wieder Mutlosigkeit und Bitterkeit? O nein, -sondern _Verzeihen_ und _Liebe_. Das ist der herrschende Gedanke, den er -so glühend und unerschrocken in seinem letzten Roman („Die Brüder -Karamasoff“) offen ausspricht. In diesem Ideal Christi fand er die -Rechtfertigung seiner beständigen Liebe zum einfachen russischen Volk -und fand er den höheren Sinn seiner ganzen, großen, heißen -Vaterlandsliebe. Die Liebe zum einfachen Volk, zum _Erdboden_, wie er es -nannte, ist eine bedeutungsvolle Erscheinung in unserer Literatur -überhaupt. Die Erkenntnis der geistigen Schönheit und geistigen -Gesundheit, die das Volk sich erhalten hat, während wir sie eingebüßt -haben, hat bei uns schon lange begonnen und wächst mit jedem Tage. Einem -Menschen aber wie Dostojewski, der mit solcher Liebe Volkstypen -geschildert hat (bereits in seinen „Aufzeichnungen aus einem -Totenhause“) – einem solchen Menschen konnte der Hauptnerv des -Volkslebens natürlich nicht verborgen bleiben: Das hohe Ideal der -Heiligkeit. Zu diesem Ideal streben sowohl unsere einfältigsten Seelen, -wie unsere größten Geister, die bisweilen lange auf anderen Wegen -umherirren, bevor sie diesen Weg finden. Wir wissen bereits, daß das -Ideal Christi zum höchsten Ideal auch unseres anderen großen Dichters -geworden ist – des Grafen L. N. Tolstoi. Die Zusammenhänge sind bei ihm -dieselben wie bei Dostojewski. Auch er hat mit dem ganzen volklichen -Verstehen seines großen künstlerischen Gefühls in langer, liebevoller -Beobachtung des Volkes dessen Ideal erkannt. Diese Übereinstimmung mit -Dostojewski ist auffallend. Persönlich kannten sie sich nicht, doch -hatten sie in der letzten Zeit immer die Absicht, sich kennen zu lernen. -Ich erlaube mir, einige Zeilen aus einem Brief Tolstois, den ich im -September des vorigen Jahres von ihm erhielt, hier anzuführen. Er -schreibt: - - „Ich verstehe nicht das Leben derjenigen Menschen in Moskau, die es - selbst nicht verstehen. Aber das Leben der Mehrzahl – der Bauern, - der Pilger und noch mancher Leute, die selbst ihr Leben verstehen – - verstehe auch ich und liebe es über alles. Ich fahre fort, dafür zu - arbeiten und wie mir scheint, nicht fruchtlos. Unlängst fühlte ich - mich nicht wohl und da nahm ich ‚das Totenhaus‘ zur Hand. Ich hatte - vieles vergessen, da las ich es nun wieder, und ich muß sagen, ich - kenne kein besseres Buch in der ganzen neuen Literatur, Puschkin - nicht ausgenommen. Nicht der Ton, sondern der Standpunkt ist ein so - natürlicher, wahrer und christlicher. Es ist ein gutes, belehrendes - Buch. Ich hatte gestern den ganzen Tag eine Freude daran, wie ich - mich lange nicht gefreut habe. Wenn Sie Dostojewski sehen, so sagen - Sie ihm, daß ich ihn liebe.“ - - (26. Sept. 1880). - -Ich brachte diesen Brief Fjodor Michailowitsch, und das war einer der -schönsten Augenblicke für ihn, und auch für mich als Zeugen. - -So findet denn in der Liebe zum Volk, aus der sich eine treue -Ergebenheit zum Volksideal entwickelt, das Schaffen unserer zwei besten -Künstler des Wortes seine Vollendung. - -Hieraus offenbart sich uns am deutlichsten der Sinn der Schöpfungen -Dostojewskis. Außer seiner allgemeinen Sympathie zu allen „Erniedrigten -und Beleidigten“, hatte er, besonders in der zweiten Hälfte seines -Schaffens, noch eine bestimmte Aufgabe: die kranken Seiten unserer vom -Volk losgerissenen Gesellschaft aufzudecken. Er zeigt uns zwei Arten von -Typen: die „Nihilisten“, die sich in den letzten Jahrzehnten bei uns -entwickelt haben, und die älteren Typen der „vierziger Jahre“. So spielt -in seinem letzten Roman das Drama zwischen dem alten Karamasoff, der die -Anschauungen der vierziger Jahre teilt, und seinen Söhnen, Iwan und -Ssmerdjäkoff, dem Nihilisten. Mit unvergleichlicher Tiefe und Feinheit -zeichnet Dostojewski die Entartung dieser Seelen durch unsere sogenannte -Aufklärung. Sowohl hier wie in seinen anderen Romanen gehört sein -größeres Mitgefühl der jungen Generation, eben Iwan, in dem die ernste, -aufrichtige Überzeugungstreue – wenn auch die Überzeugungen falsch sind -– so dargestellt ist, daß sie zu Dichtung und Großartigkeit wird. Am -wenigsten schonte Dostojewski die Menschen der „vierziger Jahre“, was -aus seinen Werken nur zu deutlich hervorgeht; es ist geradezu, als könne -er ihnen nicht mehr vergeben, und so machte er sie entweder lächerlich, -wie z. B. Stepan Trofimowitsch in den „Dämonen“, oder ekelhaft -abstoßend, wie Fjodor Pawlowitsch Karamasoff, der gleichsam aus dem -Leben ausgeschnitten erscheint. Zu den Nihilisten aber verhielt er sich, -man kann sagen, mit väterlichem Kummer, mit väterlichem Mitgefühl. Und -unsere junge Generation begriff allmählich, mit welch einem Herzen er -sich zu ihr wandte und antwortete ihm mit Bezeugungen ihres Herzens. - -In seinem letzten großen Roman hat Dostojewski klarer als in allen -anderen Romanen auch die positive Seite Rußlands gezeigt. Rußland -besteht doch nicht nur aus entarteten Westlern, wie der alte Karamasoff -einer ist, – und aus gedanklich so maßlos vermessenen Nihilisten wie -sein Sohn Iwan. Durch den unglücklichen Diener Ssmerdjäkoff ist der -Vatermord geschehen, dessen Schuld zu gleichen Teilen auf den Vater -dieses Dieners wie auf seinen Halbbruder Iwan fallen muß, der diese -bedauernswerte Kreatur irregeführt hat. Doch außer ihnen gibt es noch -Dmitri Karamasoff, den gewöhnlichen Russen, den barbarischen Recken, in -dem viel Böses, aber auch viel Gutes ist, und der bereit ist, für die -Schuld der anderen zu büßen. Auch hat uns Dostojewski noch im jungen -Aljoscha Hinweise gegeben, die wie Verheißungen für die Zukunft sind. -Und der Liebling des Dichters, Iwan Karamasoff, der in der Seele, im -Geiste den Vater erschlagen hat, wie die Nihilisten im Geiste Rußland -erschlagen wollen, Iwan wird von seinem Gewissen wie vom Donner gerührt, -und wenn er die Krankheit übersteht, wird er zur Besinnung kommen und -ein anderer Mensch werden. Das sollten wir nicht vergessen und auch uns -danach richten. - -So seien wir denn stark und mutig wie Dmitri Karamasoff, der sich durch -kein Unglück brechen läßt; lernen wir es, fremde Schuld zu tragen und zu -verzeihen, denn es ist wahr, was er sagt: „Alle sind für alle schuldig.“ -Das sind Züge des wahren russischen Geistes, des Geistes, in dem das -ganze Rußland lebt und wächst und stark ist. Lernen wir es, Rußland mit -dieser Liebe zu lieben, die in den „Brüdern Karamasoff“ atmet, und auf -unsere Heimat nicht wie ihre Sklaven mit einem Gefühl der Erniedrigung -zu blicken, und auch nicht mit Überhebung wie ihre Herren und Lehrer, -sondern mit dem Gefühl, mit welchem Söhne auf ihre Mutter sehen. -Versuchen wir, „aufzuerstehen“, wie Dmitri Karamasoff träumt, und, wie -er sagt, einen „neuen Menschen“ in uns zu erziehen, um ein Recht auf die -Stellung des Sohnes zu unserer Mutter zu haben: auf daß das Ideal der -Christlichkeit, das die Seele unseres großen Landes erfüllt, auch zu -unserem Ideale werde. Ich denke, dies ist es, was Dostojewskis großes -Vermächtnis uns gebietet. - - _N. N. Strachoff._ - - - - - Vorbemerkung - - -Über die literarische Tätigkeit Dostojewskis, soweit sie als Material -für Band 12 der Ausgabe in Betracht kam, über die Beteiligung und -Herausgeberschaft des Dichters an den verschiedenen Zeitschriften, in -denen er seine kritischen Arbeiten veröffentlichte, gibt die Einleitung -von N. N. Strachoff die nähere Auskunft. Strachoff (geboren im Jahre -1828 zu Belgorod im Gouvernement Kursk, Literaturhistoriker, -Naturwissenschaftler und Philosoph) war Dostojewskis Freund. Seine -Arbeit über den Dichter, die den vollen Reiz der persönlichen -Anteilnahme an Dostojewskis Entwicklung wie Lebensgang hat, wurde dem -Bande in Übersetzung beigegeben, weil sie unmittelbarer, als es jede -geschichtliche Rückschau heute könnte, in das literarische Milieu des -jungen Rußland einführt, dem Dostojewski angehörte und über das er sich -schließlich führend erhob. Die Nähe, in der Strachoff zu der Welt des -Nihilismus, aber auch des Antinihilismus und hier zu der politischen -Partei der Slawophilen stand, zeigt die Welt, aus der Dostojewski -hervorging und macht sie, die zunächst so überaus ideologisch erscheint, -mit einer Fülle von biographischen und psychologischen Einzelzügen erst -menschlich-begreiflich und darüber hinaus für unser modern-politisches -Verständnis Dostojewskis ungemein wertvoll. - -Die Lebensgeschichte Dostojewskis von seiner Kindheit bis zu seiner -Rückkehr aus Sibirien und dem Beginn seiner publizistischen Tätigkeit -(1821–1860), die der ihm gleichfalls befreundet gewesene -Literaturhistoriker Orest Miller sogleich nach dem Tode Dostojewskis -verfaßt hat, wurde dem vorhergehenden Bande der Deutschen Gesamtausgabe, -Bd. XI, zugewiesen. Strachoffs Überblick über die letzten zwei -Jahrzehnte Dostojewskis (1860–1881) ist von ihm als Fortsetzung jener -Biographie der ersten Lebenshälfte Dostojewskis von Miller gedacht und -in einem von ihnen gemeinsam herausgegebenen Bande 1883 erschienen. - -Die Entstehung der im vorliegenden Bande vereinigten Aufsätze -Dostojewskis fällt in die Jahre 1861–1880. Die Aufsätze von 1861 sind in -der von seinem Bruder und ihm damals herausgegebenen Monatsschrift „Die -Zeit“ erschienen; die von 1873 in der Zeitschrift „Der Bürger“, deren -Redakteur er ein Jahr lang war; die von 1876–1880 in den von ihm allein -herausgegebenen Monatsheften „Das Tagebuch eines Schriftstellers“. Die -Gedanken aus seinem Notizbuch stammen aus seinem letzten Lebensjahr. - -Der Text wurde in Auswahl und – soweit es die Notwendigkeit mit sich -brachte, Dostojewskis Wiederholungen zu vermeiden – in Kürzung -vorgelegt. - - E. K. R. - - - - - Erster Teil. - - Die russische Literatur - - - Zur Puschkinrede - - Die Rede zur Puschkinfeier ist mit diesem Vorwort und einer - Antwort auf die Angriffe eines Westlers im August 1880 in einem - einzelnen Heft veröffentlicht worden. Vgl. Seite 5. - -Meine Rede über Puschkin und seine Bedeutung habe ich am 8. Juni dieses -Jahres in einer feierlichen Versammlung der „Freunde russischer -Dichtung“ vor zahlreicher Zuhörerschaft gehalten und sie hat einen nicht -geringen Eindruck gemacht. Iwan Ssergejewitsch Aksakoff, der bei dieser -Gelegenheit von sich sagte, daß ihn alle gewissermaßen für den Führer -der Slawophilen hielten, meinte in seiner Ansprache, daß meine Rede -geradezu „ein Ereignis“ gewesen sei. Ich erwähne dies nicht, um mich -etwa selbst zu loben, sondern einzig und allein um folgendes zu -erklären: Wenn meine Rede tatsächlich ein Ereignis gewesen ist, so war -sie das nur von dem einen Gesichtspunkte aus, den ich hier in einem -besonderen Vorwort klarlegen möchte, denn nur aus diesem Grunde habe ich -das Vorwort zu schreiben unternommen. Was jedoch meine Rede selbst -anbetrifft, so wollte ich in ihr lediglich die vier folgenden Punkte der -Bedeutung Puschkins für Rußland auseinandersetzen: - -1. Daß Puschkin der erste gewesen ist, der mit seinem tiefen, -durchschauenden und hochbegnadeten Geiste und aus seinem echt russischen -Herzen heraus die bedeutungsvolle krankhafte Erscheinung in unserer -Intelligenz, unserer vom Boden losgerissenen Gesellschaft, die sich hoch -über dem Volk stehend dünkt, entdeckt und als das erkannt hat, was sie -ist. Er hat sie erkannt und hat es vermocht, den Typ unseres negativen -russischen Menschen plastisch vor unsere Augen zu stellen: den Menschen, -der keine Ruhe hat und der sich mit nichts Bestehendem zufrieden geben -kann, der an seinen Heimatboden und an die Kräfte dieses Heimatbodens -nicht glaubt, der Rußland und sich selbst (oder richtiger seine -Gesellschaftsklasse, die ganze Schicht der Intelligenz, zu der auch er -gehört, und die sich von unserem Volksboden gelöst hat) im letzten -Grunde verneint, der mit seinen Volksgenossen nichts gemein haben will -und der unter all dem doch aufrichtig leidet. Puschkins Aleko[10] und -Onegin haben eine Menge solcher Gestalten, wie sie selbst sind, in -unserer Literatur hervorgerufen. Ihnen folgten Petschorin[11], -Tschitschikoff, Rudin, Lawretzkij und Bolkonskij[12] und unzählige -andere, die allein schon durch ihr Erscheinen die Richtigkeit der von -Puschkin erfaßten Tatsache bezeugten. Ihm, Puschkin, und seiner großen -Einsicht wie Genialität, gebührt daher die Ehre und der Ruhm, die -allergefährlichste Wunde der bei uns nach Peters folgenschwerer Reform -entstandenen Gesellschaft, unserer sogenannten Intelligenz, aufgedeckt -zu haben. Seiner intuitiven Diagnose verdanken wir die Erkenntnis und -Feststellung unserer Krankheit. Und nicht zuletzt ist er es auch -gewesen, der uns als erster einen Trost gegeben hat: denn von ihm ist -uns gleichzeitig diese große Hoffnung gekommen, daß unsere Krankheit -nicht tödlich zu sein braucht, daß vielmehr die russische Gesellschaft -sehr wohl noch einmal gesunden kann und daß sie noch immer die -Möglichkeit hat, sich zu erneuern und aufzuerstehen, wofern es ihr nur -gelingt, sich dem Volksgeist wieder anzuschließen, denn - -2. er, Puschkin, hat uns als erster (gerade als erster, und vor ihm -niemand) die künstlerischen Typen einer russischen Schönheit gegeben, -dieser Schönheit, die unmittelbar aus der russischen Seele -hervorgegangen ist, die sich in unserem Volksgeist offenbart, überall in -unserem Boden, und die er, Puschkin, dort denn auch gesucht und gefunden -hat. Das bezeugt die Gestalt der Tatjana in „Eugen Onegin“, diese echt -russische Frau, die sich vor all der eingeschleppten Lüge zu bewahren -gewußt hat, das bezeugen ferner seine historischen Gestalten, wie der -Mönch Pimen und andere in seinem Drama „Boris Godunoff“, diese -unmittelbar aus dem Leben genommenen und so überaus wahren Gestalten in -dem Roman „Die Hauptmannstochter“ und noch viele, viele andere Typen, -die von ihm in seinen Balladen, Gedichten, Erzählungen, Aufzeichnungen -und sogar in seiner „Geschichte des Pugatschoffschen Aufstandes“ -unsterblich gemacht worden sind. Die Hauptsache aber, die man besonders -unterstreichen muß, ist, daß alle diese Typen in ihrer unleugbar -vorhandenen Schönheit des russischen Menschen und seiner Seele – ganz -und ausschließlich unserem Volksgeist entnommen sind. Hier muß man schon -die ganze Wahrheit sagen: nicht in unserer gegenwärtigen Zivilisation, -nicht in unserer sogenannten „europäischen“ Bildung (die es bei uns, -nebenbei bemerkt, noch niemals wirklich gegeben hat), nicht in den -Ungeheuerlichkeiten äußerlich angeeigneter europäischer Ideen und Formen -hat Puschkin uns diese Schönheit gezeigt, sondern einzig im russischen -Volksgeiste hat sie sich ihm offenbart und zwar, wie gesagt, _in ihm -allein_. Deshalb hat er uns denn – ich wiederhole es – mit seiner -Feststellung der Krankheit auch die große Zuversicht geben dürfen, wie -man sie in die Worte zusammenfassen kann: „Glaubt an den Volksgeist, von -ihm allein erwartet eure Rettung und sie wird euch werden!“ Puschkin -verstehen wollen – und nicht diesen Schluß aus ihm ziehen – nein, das -ist unmöglich. - -Der dritte Punkt, den ich in der Bedeutung Puschkins feststellen wollte, -ist jene besondere, allercharakteristischste und bei keinem anderen -Genie außer ihm vorhandene Eigenart des künstlerischen Schöpfertums: ich -meine die Fähigkeit, sich in den Geist einer jeden fremden Nation -vollkommen hineinzuversetzen, ja sogar sich selbst in einen geistigen -Vertreter jeder Nation zu verwandeln und im Geiste der Fremden -schöpferisch zu werden. Ich sagte in meiner Rede, daß es in Europa die -größten künstlerischen Weltgenies gegeben hat, wie Shakespeare, -Cervantes, Schiller, doch kann man bei keinem einzigen von ihnen diese -Fähigkeit wahrnehmen – wir sehen sie nur bei Puschkin. Und nicht etwa -nur das Sichhineinversetzen, das bloße Verstehen der anderen ist hier -das Bedeutungsvolle, sondern gerade die erstaunliche Vollkommenheit der -Verwandlung. Diese Fähigkeit konnte ich in meiner Rede über die -Bedeutung Puschkins natürlich nicht außer acht lassen, denn sie ist nun -einmal die charakteristische Eigenheit seines Genies, eine Eigenart, die -von allen Künstlern der Welt nur er allein hat, und durch die er sich -denn auch von ihnen allen unterscheidet. Wenn ich dies sage, dann -geschieht es natürlich nicht, um solche Größen unter den europäischen -Genies, wie Shakespeare und Schiller, herabzusetzen: einen so lächerlich -dummen Schluß könnte aus meiner Rede wirklich nur ein Dummkopf ziehen. -Der _Universalismus_, die _Allgemeinverständlichkeit_ und die -unerforschliche Tiefe der Welttypen des Menschen arischer Rasse, die -Shakespeare für alle Zeiten gegeben hat, sind von mir nicht einen -Augenblick in Frage gestellt worden. Und wenn Shakespeare in seinem -Othello wirklich einen _venezianischen Mohr_ und nicht einen Engländer -dargestellt hätte, dann würde er ihm nur den Nimbus einer örtlichen -nationalen Charakteristik verliehen haben, die Weltbedeutung dieses -Typus jedoch wäre ganz dieselbe geblieben, denn auch im Italiener hätte -er das, was er ausdrücken wollte, ebenso und mit derselben Kraft -ausgedrückt. Wie gesagt: nicht die Weltbedeutung Shakespeares und -Schillers habe ich herabziehen wollen, indem ich die geniale Fähigkeit -Puschkins, sich in den Geist fremder Nationen zu versetzen, hervorhob, -sondern ich tat es bloß in dem Wunsch, den gerade in dieser Fähigkeit -und in ihrer Vollkommenheit enthaltenen großen und prophetischen Hinweis -für uns Russen klarzulegen – denn - -4) diese Fähigkeit ist ganz entschieden eine russische -Nationaleigenschaft: Puschkin teilt sie mit unserem ganzen Volk und er -ist als vollendeter Künstler zugleich derjenige, der am vollendetsten -diese Fähigkeit zum Ausdruck bringt, wenigstens in seinem Werk, seinem -künstlerischen Schaffen. Unser ganzes Volk trägt diese Neigung, sich in -den Geist anderer Völker zu versetzen, und somit die Neigung zur -Allversöhnung, in seiner Seele und hat das in den zwei Jahrhunderten -nach der Reform Peters auch schon mehr als einmal bewiesen. Da ich nun -aber auf diese Fähigkeit unseres Volkes hinwies – wie sollte ich da -nicht auch auf die in ihr enthaltene große Beruhigung hinweisen, die sie -uns auf unsere Frage nach unserer Zukunft als Antwort gibt, auf diese -große und vielleicht größte aller Volkshoffnungen, die leuchtend vor uns -steht! So sprach ich denn aus, daß unser Streben nach Europa, mit allen -seinen Übertreibungen und Ausartungen, _in seinem letzten Grunde_ nicht -nur berechtigt, sondern auch volkstümlich ist, und daß es sich mit dem -Trieb des Volksgeistes vollkommen deckt und zweifellos auch etwas in -sich birgt, das einen höheren Zweck verfolgt. In meiner kurzen, leider -gar zu kurzen Rede konnte ich diesen Gedanken natürlich nicht genügend -entwickeln, doch glaube ich trotzdem, daß das, was ich gesagt habe, -nicht mißzuverstehen ist. Und wozu, ja: wozu sich darüber empören, daß, -wie ich sagte, „unser bettelarmes Land vielleicht zu guter Letzt der -ganzen Welt ein neues Wort sagen wird?“ Und wie lächerlich, darauf -hinzuweisen, daß wir uns, bevor wir der Welt ein neues Wort sagen -könnten, doch „erst ökonomisch, wissenschaftlich und staatlich -entwickeln müssen“, und daß wir erst dann daran denken könnten, „neue -Worte“ so (angeblich) vollendeten Organismen, wie es die Völker Europas -sind, von uns aus zu sagen. Ich habe es ja in meiner Rede ausdrücklich -betont, daß mir nichts ferner liegt, als das russische Volk in Dingen -seiner ökonomischen oder wissenschaftlichen Errungenschaften mit den -Völkern des Westens auch nur vergleichen zu wollen. Ich sage ganz -einfach, daß von allen Völkern Europas das russische Volk am fähigsten -ist, die Idee der allmenschlichen Einigung, der Nächstenliebe, der -unparteiischen Beurteilung, die das Feindliche verzeiht, das Ungleiche -unterscheidet und entschuldigt, die Widersprüche aufhebt, in sich -aufzunehmen. Das ist kein „ökonomischer“, sondern ein rein _ethischer_ -Zug, und wer könnte bezweifeln oder verneinen, daß er im russischen Volk -vorhanden ist? Oder wer dürfte sagen, daß das russische Volk nur eine -immerfort duldende träge Masse sei, dazu bestimmt, nur „ökonomisch“ dem -Gedeihen und der Entwicklung unserer Intelligenz zu dienen, die sich da -hoch über dem Volk erhebt, daß aber dieses Volk selbst in sich nur tote -duldsame Tatlosigkeit trüge, von der man nichts zu erwarten habe, -weshalb denn auch gar kein Grund vorhanden sei, irgendwelche Hoffnungen -auf dieses Volk der Menge zu setzen? Es ist traurig genug, sagen zu -müssen, daß sogar sehr viele in Rußland einer solchen Ansicht sind und -daß sie ihren Standpunkt noch dazu mit Eifer verfechten. Und nun habe -ich gewagt, etwas ganz anderes auszusprechen. - -Ich wiederhole, daß ich „diese meine Phantasie“, wie ich mich -ausdrückte, nicht eingehender, nicht mit der notwendigen Ausführlichkeit -habe erklären und ihre Richtigkeit beweisen können – und doch konnte ich -nicht unterlassen, auf sie hinzuweisen. So ohne weiteres zu behaupten, -daß unser armes und unschönes Land nichts von derartig hohen Trieben in -sich schließen könne, bevor es nicht „ökonomisch“ und „staatlich“ dem -Westen ähnlich geworden sei – das ist einfach unsinnig. Die -fundamentalen ethischen Geistesgüter hängen – wenigstens in ihrem -Wesensgrunde – nicht von der ökonomischen Leistungsfähigkeit eines -Volkes ab. Unser ganzes armes und unansehnliches Land steht da, immer -abgesehen von seiner oberen Schicht, einmütig wie _ein_ Mann! Alle -achtzig Millionen seiner Bevölkerung stellen eine geistige Einheit dar, -wie sie in Europa nirgends zu finden ist und auch gar nicht zu finden -sein kann: folglich ist es schon aus diesem Grunde unmöglich, zu sagen, -unser Land sei unbedeutend, ja, im strengen Sinne des Wortes, noch nicht -einmal arm vermag man es zu nennen. Im Gegenteil, in Europa, in diesem -Europa, wo soviel Reichtümer zusammengescharrt sind – in Frankreich z. -B., in England! – ist der ganze Staatsbau bei allen diesen Nationen -untergraben und wird vielleicht morgen einstürzen, um dann etwas -beispiellos Neuem, das an nichts Dagewesenes gemahnt, Platz zu machen. -Und alle diese Reichtümer, die Europa aufgehäuft hat, werden es nicht -vor dem Sturz bewahren können, denn „in einem Augenblick wird aller -Reichtum verschwunden und vernichtet sein“. Und dieser, gerade dieser -untergrabene Staatsbau, diese infizierte Bourgeoisie wird unserem Volk -nun als einzig zu erstrebendes Ideal vor Augen gehalten, und erst wenn -dies Ideal einmal von ihm erreicht sein sollte, sagt man, dürfe es -wagen, daran zu denken, den Europäern irgendein Wort zu stammeln. -Dagegen behaupten wir, daß dieses Volk eine in Liebe allversöhnende und -allvereinende Geisteskraft auch unter den gegenwärtigen ökonomischen -Verhältnissen besitzen und in seinem Innersten erhalten kann, ja, es -kann das sogar in Zeiten, die noch weit schlimmer als die jetzigen der -Armut sind: es hat das sogar in der Zeit nach dem Einfall der Tataren -ins Land[13] und in der wüsten Zeit des Interregnums[14] gekonnt, bis -Rußland ausschließlich vom eigenen und einigen Volksgeist gerettet -wurde. Und schließlich: selbst wenn es wirklich so unbedingt notwendig -sein sollte zur Erlangung des Rechtes, die Menschheit zu lieben, eine -alles vereinende Seele und die Fähigkeit zu besitzen, nicht fremde -Völker deshalb zu hassen, weil sie nicht so sind, wie wir, und den -Wunsch zu haben, nicht sich in der eigenen Nationalität von allen -anderen abzuschließen und sich gegen sie zu verschanzen, damit nur das -eigene Volk alles bekäme, während man die anderen Völker für so etwas -wie Zitronen hält, aus denen sich Saft herauspressen läßt (und Völker -von diesem Nationalcharakter gibt es doch in Europa!) – wenn es auch -wirklich, sage ich, zur Erlangung alles dessen notwendig sein sollte, -zunächst ein reiches Volk zu werden und die Verfassung europäischer -Staaten bei uns einzuführen, muß dann deshalb, so fragt es sich, alles -unbedingt sklavisch nachgeahmt und, sogar einschließlich der Bourgeoisie -(die dort, wie gesagt, vielleicht morgen schon stürzen wird), bei uns -eingeführt werden? Wird man denn wirklich auch hierin dem russischen -Organismus nicht gestatten, sich national zu entwickeln, durch die -eigene organische Kraft? oder muß es wirklich unbedingt ein ganz -unpersönliches und lakaienhaftes Kopieren Europas sein? Ja, aber: was -soll man denn mit dem russischen Organismus anfangen? Begreifen diese -Herren überhaupt, was ein Organismus ist? Und dabei reden sie doch so -klug über die Naturwissenschaften! – „Das wird das Volk nicht zulassen“, -sagte vor etwa zwei Jahren jemand im Gespräch zu einem überzeugten -Westler. – „Dann muß man es beseitigen!“ versetzte darauf der Westler -gelassen und erhaben. Und das war nicht „irgendeiner“, das war vielmehr -ein – Repräsentant unserer Intelligenz. Diese Geschichte ist nicht -erfunden, denn sie ist leider – von mir erlebt. - -Mit den angeführten vier Punkten wollte ich Puschkins Bedeutung für uns -feststellen, und meine Rede hat also, wie bereits erwähnt, Eindruck -gemacht. Nicht durch irgendwelche besonderen Vorzüge (ich betone das -ausdrücklich) und nicht durch talentvollen Vortrag (darin gebe ich allen -meinen Gegnern vollkommen recht, denn wirklich, ich will mich nicht -loben), sondern durch ihre Aufrichtigkeit hat sie den Eindruck gemacht -und – ich sage es dreist – durch die Richtigkeit der von mir -hervorgehobenen Tatsachen, die eben überzeugen mußten, ungeachtet der -Kürze und Unvollkommenheit meiner Rede. Aber worin, fragt es sich, -bestand denn das „Ereignis“, wie Iwan Ssergejewitsch Aksakoff es nannte? - -Das „Ereignis“ war die Tatsache, daß von den Slawophilen oder der -sogenannten russischen Partei (Gott, es gibt bei uns eine „russische -Partei“!) ein großer und vielleicht entscheidender Schritt zur -Versöhnung mit den Westlern gemacht wurde, denn die Slawophilen haben -damit die Berechtigung anerkannt, die in dem Streben der Westler nach -Europa liegen könnte; haben sogar die Berechtigung aller Übertreibungen -und ihrer unsinnigsten theoretischen Folgerungen anerkannt, haben sich -für diese Berechtigung mit dem echt russischen, unserem Volk so -eigentümlichen Trieb erklärt, der unsrer ganzen geistigen Veranlagung -nur zu sehr entspricht, die Übertreibungen selbst aber haben sie als -historische Notwendigkeiten angesehen und als ein Fatum gerechtfertigt, -so daß, wenn man einmal die Summe ziehen sollte, es sich herausstellen -würde, daß die Westler in demselben Maße ihrem Vaterlande und der -Richtung seines Geistes gedient haben, wie alle jene echt russischen -Leute, die aufrichtig ihre Heimat lieben und sie vielleicht nur gar zu -eifersüchtig vor der Europa-Begeisterung aller „russischen Ausländer“ zu -bewahren suchen. Und zum Schluß wurde in dieser Rede erklärt, daß alle -Gegensätze, aller Widerstreit und alle Feindseligkeiten zwischen den -beiden Parteien bisher überhaupt nur ein großes Mißverständnis gewesen -sind. Diese Erklärungen in ihrer Gesamtheit dürften nun wohl das gewesen -sein, was man meinetwegen ein „Ereignis“ nennen kann, denn die -Repräsentanten der Slawophilenpartei waren nach meiner Rede mit allen -ihren Folgerungen durchaus einverstanden. Ich möchte jetzt nur noch -darauf hinweisen – was übrigens auch schon in meiner Rede geschehen ist -–, daß die Ehre, diesen ersten Schritt getan zu haben (wenn der -aufrichtige Wunsch, eine Versöhnung herbeizuführen, zur Ehre gereicht), -daß das Verdienst, dieses neue Wort, wenn man es so bezeichnen will, -verkündet zu haben, durchaus nicht mir allein zukommt, sondern dem -ganzen Slawophilentum, dem Geist und der Richtung unserer ganzen -„Partei“, daß ferner das Gesagte von jeher allen jenen klar gewesen ist, -die unparteiisch das Slawophilentum zu erfassen suchten, und daß der -Gedanke, den ich ausgesprochen, von ihnen schon früher, wenn auch nicht -gerade wörtlich, in dieser Weise ausgedrückt, so doch dem Sinne nach -angedeutet worden ist. Ich aber habe nichts weiter getan, als daß ich -ihn im richtigen Moment aussprach. - -Und nun die Folge: sollten jetzt die Westler unsere Folgerung annehmen -und sich mit ihr einverstanden erklären, so würden ja allerdings -wirklich alle Mißverständnisse zwischen den beiden Parteien beseitigt -sein, und die Westler und Slawophilen hätten tatsächlich „keinen Stoff -mehr zum Streit“, wie I. S. Aksakoff sich ausdrückte, „da jetzt alles -erklärt ist“. Unter diesem Gesichtspunkt wäre meine Rede freilich „ein -Ereignis“ gewesen. Aber das Wort „Ereignis“ ist doch wohl nur in der -ersten Begeisterung von der einen Partei ausgesprochen, ob aber auch die -andere Partei es anerkennen oder ob die Forderung nur ein Ideal bleiben -wird, das ist eine ganz andere Frage. Neben den Slawophilen, die mich -dort in ihre Arme schlossen und mir die Hände schüttelten, kaum daß ich -die Rednertribüne verlassen hatte, kamen auch Westler auf mich zu, um -mir auch ihrerseits fest die Hand zu drücken, und zwar waren es nicht so -irgendwelche, sondern gerade die Führer der Parteien, oder doch -diejenigen, welche gerade jetzt die beinahe entscheidende Rolle in ihr -spielen. Und ihr Händedruck war ebenso heiß und sprach von ebenso -aufrichtigem Beifall wie der der Slawophilen, und sie nannten meine Rede -genial, und taten das mehr als einmal und hoben immer wieder ihre -Bedeutung hervor. Aber ich fürchte, ich fürchte aufrichtig: geschah das -nicht alles nur im ersten Augenblick des Mitgerissenseins?! Oh, nicht -das fürchte ich, daß sie nachträglich ihre Meinung, meine Rede sei -genial gewesen, ändern könnten! Ich weiß es ja selbst, daß sie nicht -genial war, und fühlte mich auch durch ihr Lob keineswegs geschmeichelt, -weshalb ich ihnen von ganzem Herzen ihre Meinungsänderung bezüglich -meiner Genialität verzeihen würde. Es ist etwas anderes, was ich -befürchte. Es wäre nämlich möglich, daß die Westler (ich meine nicht -jene, die mir die Hand schüttelten, sondern die Westler im allgemeinen, -was vorausgeschickt sei), daß die Westler also, wenn sie erst einmal -über das dort Ausgesprochene nachdenken, ungefähr folgendes sagen -könnten: „Aha!“ werden sie vielleicht sagen (übrigens sage ich -ausdrücklich „vielleicht“, nichts Bestimmteres), „da haben sie nun nach -langem Streit und Hader endlich doch zugegeben, daß unser Streben nach -Europa berechtigt und natürlich ist! Sie haben eingesehen, daß auf -unserer Seite dasselbe Recht besteht, das sie bis jetzt nur für sich in -Anspruch nahmen, und haben nun ihre Fahnen endlich vor uns gesenkt. Nun, -wir nehmen Ihre Anerkennung mit Vergnügen an, meine Herren, und beeilen -uns, Ihnen zu erklären, daß das von Ihrer Seite sogar sehr nett ist: es -verrät wenigstens einen gewissen Verstand, den wir Ihnen übrigens auch -nie abgesprochen haben, mit Ausnahme vielleicht der Stumpfsinnigsten -unter unseren Parteigängern, für die alle wir nicht wohl einstehen -können – aber ... Sehen Sie mal, hier sitzt nun wieder ein gewisser -neuer Haken, weshalb man denn diesen Punkt möglichst schnell klarlegen -müßte. Die Sache ist nämlich die, daß Ihre These, unser Zug nach Europa -stimme durchaus mit dem Volksgeist überein, ja, sei sogar metaphysisch -als sein unmittelbarer Ausdruck zu erklären – daß diese Ihre Behauptung -also für uns doch von mehr als fragwürdiger Richtigkeit bleibt, womit -dann die Möglichkeit einer Versöhnung zwischen uns wiederum -ausgeschlossen ist. Lassen Sie es sich gesagt sein, daß wir uns -allerdings von Europa, von der europäischen Wissenschaft und von der -Reform Peters haben lenken lassen, keineswegs aber vom Geist unseres -Volkes, sintemal wir diesen Geist noch nicht zu entdecken vermocht haben -und er uns auf unserem Wege auch noch nie begegnet ist – was etwa von -ihm irgendwo vorhanden sein sollte, das haben wir hinter uns liegen -lassen und sind schleunigst von ihm fortgeeilt. Wir sind von Anfang an -selbständig unseren Weg gegangen und haben uns durchaus nicht von -irgendeinem angeblichen Trieb des russischen Volkes, seiner universalen -Aufnahmefähigkeit oder seiner Neigung zur Versöhnung aller nationalen -Gegensätze treiben lassen – kurz, es ist nichts von dem geschehen, -worüber Sie jetzt so viele Worte verloren haben. Im russischen Volk – da -es nun einmal zur Sprache gekommen ist, wollen wir es ganz aufrichtig -aussprechen – sehen wir nach wie vor nur eine passive Masse, von der wir -nichts zu lernen haben, die vielmehr nur die Entwicklung Rußlands – im -fortschrittlichen Sinne – hemmt und die man umgestalten und umschaffen -muß: wenn nicht organisch, was leider nicht möglich ist, so doch -wenigstens mechanisch, d. h. indem man sie einfach zwingt, ein für -allemal zwingt, uns zu gehorchen. Um aber diesen Gehorsam zu erreichen, -ist es eben erforderlich, bei uns genau dieselbe bürgerliche -Organisation einzuführen, wie sie in den europäischen Staaten bereits -vorhanden ist. An und für sich ist unser Volk arm und gemein, wie es das -von jeher gewesen, und kann weder ein Ansehen noch eine Idee haben. Die -ganze Geschichte unseres Volkes ist eine Ungereimtheit, aus der Sie aber -bisher weiß der Teufel was für Schlüsse gezogen haben. Nur wir allein -haben uns den nüchternen Blick bewahrt und das Volk richtig -eingeschätzt. Ein Volk, wie das unsrige, darf keine Geschichte haben, -und das, was es bis jetzt für seine Geschichte hält, muß von ihm mit -Abscheu vergessen werden, jawohl, restlos vergessen werden. Eine -Geschichte haben – das dürfen nur wir, die Intelligenz, der das Volk -einzig mit seiner Arbeit und Kraft zu dienen hat.“ - -„Übrigens erlauben Sie, regen Sie sich wegen unserer Einwände nicht auf -und unterbrechen Sie uns nicht: nicht zu unseren Leibeigenen wollen wir -unser Volk machen, wenn wir von seinem Gehorsam sprechen, o nein, -natürlich nicht! Ziehen Sie, bitte, nicht so falsche Schlüsse! Wir sind -human, wir sind Europäer: das wissen Sie ja nur zu gut. Im Gegenteil, -wir wollen unser Volk allmählich bilden, regelrecht bilden, und unser -Werk damit krönen, daß wir das Volk allmählich bis zu uns erheben und -seine Nationalität in eine andere verwandeln, in irgendeine, die sich -dann schon von selbst einstellen wird, wenn die Nation nur erst einmal -richtig gebildet ist. Seine Bildung aber werden wir darauf gründen und -damit beginnen, womit wir selber begonnen haben: mit der Verleugnung -unserer Vergangenheit und einem Fluch auf unsere ganze Geschichte. Haben -wir einem Mann aus dem Volke erst das Lesen und Schreiben beigebracht, -so geben wir ihm gleich darauf Europa zu riechen, und dann umstricken -wir ihn vollends mit – nun, sagen wir, mit den feinen Sitten, den -Kleidern, Getränken und französischen Tänzen. Mit einem Wort, wir -zwingen ihn, sich seines früheren Bastschuhs und seines selbstgebrauten -‚Kwas‘[15] zu schämen, desgleichen seiner alten Lieder – und wenn es -auch unter letzteren einzelne musikalisch sehr schöne geben mag, was wir -ja gar nicht in Abrede stellen wollen, dann werden wir ihn doch zwingen, -Couplets zu singen, wie sehr Sie sich darüber auch ärgern sollten. Kurz, -um den guten Zweck zu erreichen, werden wir mit allen nur möglichen -Mitteln zunächst die schwachen Seiten seines Charakters beeinflussen, -ganz wie das ja auch mit uns geschehen ist, und schließlich wird dann -das Volk – unser sein. Es wird sich seiner Vergangenheit selbst schämen -und sie verfluchen. Wer das hinter ihm Liegende verflucht, der gehört -bereits zu uns. Das ist unsere Formel! Und nach dieser Formel werden wir -vorgehen, wenn wir uns daran machen, das Volk zu uns zu erheben. Sollte -das Volk sich aber als unfähig zur Bildung erweisen, dann ja, dann muß -man es beseitigen. In dem Fall wäre eben der Beweis dafür erbracht, daß -unser Volk nur eine unwürdige, barbarische Herde ist, mit der man -wirklich nichts anderes anfangen kann, als daß man sie zum Gehorsam -zwingt. Denn was sollte man sonst mit ihm anfangen? – ist doch nur bei -unserer Intelligenz und in Europa die Wahrheit! Wenn es bei uns auch -achtzig Millionen Volk gibt (womit Sie übrigens dem Anscheine nach ein -wenig zu prahlen belieben), so haben alle diese Millionen doch nur dann -einen Lebenszweck, wenn sie dieser europäischen Wahrheit dienen, außer -der es eine andere Wahrheit nun einmal nicht gibt und auch gar nicht -geben kann. Mit der Menge aber, mit diesen achtzig Millionen, werden Sie -uns nicht einschüchtern. So: und damit hätten wir Ihnen einmal gründlich -unsere Meinung gesagt, diesmal in ganzer Nacktheit. Wir aber bleiben bei -dem, was wir gesagt haben. Wir können doch nicht, wenn wir Ihre -Folgerung annehmen, mit Ihnen – nun, zum Beispiel über so seltsame Dinge -philosophieren, wie die Pravoslavie[16] und ihre angebliche und -besondere Bedeutung! Wir hoffen vielmehr, daß Sie uns wenigstens dies -nicht zumuten werden, namentlich nicht jetzt, in einem Augenblick, in -dem das letzte Wort Europas, und das allgemeine Ergebnis der -europäischen Wissenschaft, doch der Atheismus ist, ein aufgeklärter und -humaner Atheismus! Wir aber – wir können doch nicht Europa etwa _nicht_ -folgen!! So sind wir denn meinetwegen bereit, jene Hälfte der bewußten -Rede, in der Sie uns Beifall zollen, mit gewissen Einschränkungen gelten -zu lassen – also sei’s drum, erweisen wir Ihnen diese Liebenswürdigkeit. -Was aber die andere Hälfte betrifft, die, auf die Sie sich und alle -diese Ihre ‚Grundlagen‘ beziehen – ja: da verzeihen Sie, da können wir -nun nichts mehr annehmen und billigen!“ - -Eine so traurige Antwort auf meine Rede ist durchaus möglich. Doch wie -gesagt: ich wage sie nicht nur nicht in den Mund jener Westler zu legen, -die mir die Hand drückten, sondern nicht einmal in den Mund der vielen, -sehr vielen Aufgeklärten, die trotz ihrer Theorien prächtige Russen sind -und für ihr Vaterland arbeiten und als russische Bürger alle Achtung -verdienen. Dafür aber wird die Masse, die Masse der Abtrünnigen, der von -ihrem Erdboden Losgerissenen, die Masse der Westler, der Durchschnitt, -die Straße, auf der man die Idee weiterschleift, – dieser ganze Pöbel -der „Richtung“ (und der ist zahlreich wie Sand am Meer) oh, dieser -Schlag Menschen wird unbedingt in ähnlicher Weise antworten, wenn er es -nicht schon getan hat! (Notabene: In betreff des Glaubens zum Beispiel -ist schon in einer Broschüre mit dem ganzen ihnen eigenen Scharfsinn -erklärt worden, das Ziel der Slawophilen sei – ganz Europa zur -Orthodoxie zu bekehren.) Doch verscheuchen wir diese schwarzen Gedanken -und hoffen wir zunächst auf die Führer dieses „Europäertums“. Wenn sie -auch nur die Hälfte unserer Ansichten und in sie gesetzten Hoffnungen zu -den ihrigen machen, so sei ihnen auch hierfür Ehre und Ruhm, und wir -werden sie mit Begeisterung begrüßen. Selbst wenn sie nur die eine -Hälfte annehmen, d. h. wenn sie wenigstens die Selbständigkeit und -Eigenart des russischen Geistes anerkennen, so wie die Rechtmäßigkeit -seines Daseins und seine menschenfreundliche allversöhnende Neigung, so -wird es auch fast nichts mehr geben, worüber wir noch zu streiten -hätten, wenigstens nichts Grundsätzliches. Dann würde meine Rede -allerdings so etwas wie den Grund zu einem neuen Ereignis gelegt haben. -Nicht sie selbst – ich wiederhole es noch zum letztenmal – wäre das -Ereignis gewesen (sie ist eine solche Bezeichnung nicht wert), sondern -der große Triumph Puschkins, der die Veranlassung zu unserer Einigung -gewesen wäre – einer Einigung aller wahrhaft gebildeten und aufrichtigen -Russen für ein großes allumfassendes Zukunftsziel. - - - Puschkin[17] - - Vorgetragen am 8. Juni 1880 in der Versammlung des Vereins der - „Freunde russischer Dichtung“. - -„Puschkin ist eine außergewöhnliche Erscheinung und vielleicht der -bisher einzige Ausdruck des russischen Geistes“, sagt Gogol. Ich füge -von mir aus hinzu: und zwar ein prophetischer Ausdruck. Ja, in Puschkins -Erscheinen liegt für uns alle, uns Russen, etwas zweifellos -Prophetisches. Puschkin kam uns in einer Zeit, als sich zum ersten Male -so etwas wie Selbsterkenntnis in unserer Gesellschaft hervorzuwagen -begann, ein ganzes Jahrhundert nach der Reform Peters[18], und sein -Erscheinen wirkte wie eine Überleuchtung unseres dunklen Weges mit neuem -und bahnweisendem Licht. In diesem Sinne ist Puschkin in der Tat eine -Prophezeiung und ein Programm zugleich. - -Das Schaffen dieses großen Dichters teile ich in drei Perioden. Ich sage -das nicht als Literaturkritiker: wenn ich von der schöpferischen -Tätigkeit Puschkins rede, will ich nur meinen Satz von seiner -prophetischen Bedeutung für Rußland klarlegen, und was ich unter diesem -Ausdruck verstehe. Übrigens möchte ich hier vorausschicken, daß zwischen -besagten drei Abschnitten seiner Entwicklung, wie mir scheint, keine -festen Grenzen bestehen. Der Anfang des „Onegin“ zum Beispiel gehört -meiner Ansicht nach noch in die erste Periode seines Schaffens, das Ende -dagegen in die zweite, in der Puschkin seine Ideale in seinem eigenen -Lande bereits gefunden, liebgewonnen und in seine große, weit -ausschauende Seele aufgenommen hatte. Ferner: es ist üblich, zu sagen, -daß Puschkin in der ersten Periode seines Schaffens europäische Dichter -nachgeahmt habe, wie Parny, André Chénier und besonders Byron. Und es -ist wahr: diese und andere Dichter Europas haben zweifellos einen großen -Einfluß auf die Entwicklung seines Genies gehabt und haben diesen -Einfluß wohl auch zeit seines Lebens behalten. Nichtsdestoweniger waren -schon die ersten Dichtungen Puschkins keineswegs nur Nachahmungen, -vielmehr verrät sich auch in ihnen schon die ungewöhnliche -Selbständigkeit seines Genies. Aus Nachahmungen spricht nie ein so -echter Schmerz, nie eine so tiefe Selbsterkenntnis, wie Puschkin sie z. -B. in den „Zigeunern“ hat – in einem Poem, das ich durchaus noch zu -seiner ersten Schaffensperiode rechne. Von seiner schöpferischen Kraft -und von der mitreißenden Gewalt seiner Sprache ganz zu schweigen – nein, -die hätte er wahrlich nicht gehabt, wenn er nur ein Nachahmer gewesen -wäre. Die Gestalt des Aleko, des Helden dieses Poems, vertritt bereits -einen großen und tiefen und echt russischen Gedanken, denselben, der -später in so einheitlicher Vollendung im „Onegin“ ausgedrückt ist, wo -uns fast derselbe Aleko entgegentritt, nur mit dem Unterschied, daß er -dort nicht mehr in einer phantastischen Umgebung und in phantastischem -Licht erscheint, sondern greifbar wirklich, wahrheitsgetreu und -verständlich vor uns steht. Schon in Aleko hat Puschkin jenen -Unglücklichen, der in seinem ganzen großen Vaterlande keinen festen -Verbleib hat, jenen historischen russischen Märtyrer, dessen Erscheinen -in unserer, vom Volk losgerissenen Gesellschaft – eben historisch -betrachtet – so unvermeidlich war, in einer genialen Skizze -festgehalten. Entdeckt aber hat er ihn wahrlich nicht nur in Byrons -Werken! Dieser Typ ist fehlerlos erfaßt, ist eine von unseren stehenden -Figuren und hat sich bei uns, in unserem russischen Vaterlande, seit -langem und auf lange Zeit eingebürgert. Dieser russische „Skitáletz“[19] -aus den höheren Gesellschaftskreisen setzt auch heute noch sein Leben -fort, und ich glaube, er wird so bald nicht aussterben. Und wenn diese -Naturen heutzutage nicht mehr Zigeunerlager aufsuchen, um in der wilden -eigenartigen Lebensweise der Nomaden ihr Weltideal und im Schoße der -Natur Ruhe und Erlösung von dem sinnlosen, verwirrenden Leben unserer -russischen Gesellschaft zu finden, so werfen sie sich dafür dem -Sozialismus in die Arme, den es zu Alekos Lebzeiten noch nicht gab – das -heißt: sie gehen mit ihrem neuen Glauben nur auf einen fremden Acker, um -dort mit Eifer auf ihre Weise zu arbeiten, geradeso überzeugt, wie Aleko -es war, daß sie auf diesem ihrem phantastischen Arbeitsfeld das Glück -nicht nur für sich selbst, sondern zugleich für die ganze Welt erlangen -werden. Denn dieser russische Heimatlose bedarf nun einmal des -allmenschlichen Glücks, um mit sich zur Ruhe kommen zu können: sonst, o -nein, sonst gibt er sich nicht zufrieden – d. h. so lange tut er es -nicht, wie es sich in der Sache nur um die Theorie handelt. Der -„Skitaletz“ von heute wie der von damals sind noch ganz dieselben -Russen, nur daß sie zu verschiedenen Zeiten geboren wurden. Dieser -Menschenschlag ist, ich wiederhole es, gerade zu Anfang des zweiten -Jahrhunderts nach der großen Reform Peters in unserer vom Volk und von -der Volkskraft losgelösten Gesellschaft entstanden. Gewiß, eine riesige -Mehrzahl der gebildeten Russen haben damals, zu Puschkins Zeiten, ebenso -ihr Leben im Staatsdienst zugebracht, wie sie in unserer Zeit friedlich -als Beamte weiter dienen, in den Renteien, auf den Eisenbahnen und in -den Banken – oder sie verdienen sich ihr Geld durch andere Mittel, sie -beschäftigen sich sogar mit Wissenschaft, geben Stunden, halten Vorträge -und verrichten alles regelmäßig, faul, friedlich, leben von monatlichem -Gehalt und kleinen Kartenpartien, ohne jede innere Anfechtung oder -Neigung zur Flucht in ein Zigeunerlager, oder gleichviel wohin und -welches Lager sich in unserer Zeit eben mehr dazu eignen würde. Viel, -sehr viel ist es schon, wenn sie ein wenig die Liberalen spielen, „mit -einem Schimmer von westeuropäischem Sozialismus“, dem aber ein gewisser -russisch gutmütiger Charakter verliehen wird. Doch alles das ist nur ein -Zeitunterschied. Was liegt daran, daß der eine noch nicht angefangen -hat, sich zu beunruhigen, während der andere schon bei der -verschlossenen Tür angelangt ist und sie mit dem Kopf auch bereits -einzurennen versucht hat – natürlich vergeblich. Dasselbe erwartet sie -alle – jeden zu seiner Zeit, wenn sie nicht den rettenden Weg betreten -und sich bescheiden mit dem Volk vereinigen. Oder nicht einmal alle mag -dasselbe erwarten: es genügen auch die „Auserwählten“, es genügt auch -der zehnte Teil der aus der Ruhe Gekommenen, und die übrige große -Mehrheit wird ebenfalls dank ihrer Unruhe keine Ruhe mehr finden. Aleko -freilich versteht es noch nicht, seine Sehnsucht richtig auszudrücken: -bei ihm ist alles gleichsam noch abstrakt. Er sehnt sich nach der Natur -und klagt über die Gesellschaft, verspürt einen Drang, der sich -irgendwie auf die ganze Welt bezieht, und trauert ob der vermeintlich -irgendwo, irgendwann, durch irgendwen verlorenen Wahrheit, die er nun -nirgends zu finden vermag. Hier ist, ersichtlich, ein bißchen Jean -Jacques Rousseau zu spüren. Worin diese Wahrheit bestanden, wo und wie -man sie wiederfinden könnte und wann sie verloren gegangen, das weiß er -allerdings nicht zu sagen, aber er leidet aufrichtig. Vorläufig sehnt -sich denn auch der phantastische unduldsame Mensch nur nach Erlösung von -vornehmlich äußeren Erscheinungen. So muß es ja auch sein! Die Wahrheit -ist für ihn irgendwo außerhalb seiner Person, vielleicht irgendwo in -anderen Ländern, zum Beispiel in den europäischen, die alle ihren -geschichtlich festgefügten Bau und eine bestimmte Ordnung in ihrem -staatlichen wie gesellschaftlichen Leben besitzen. Und niemals wird er -begreifen, daß die Wahrheit vor allen Dingen in ihm selbst sein muß, -ganz innerlich, nur in ihm selbst – wie sollte er das auch anders -verstehen? Er ist doch in seinem eigenen Lande ein Fremder, schon seit -einem ganzen Jahrhundert hat er das Arbeiten verlernt, besitzt er nichts -mehr von lebendiger Kultur, ist er wie ein Pensionsmädchen zwischen -geschlossenen Wänden aufgewachsen. Die Pflichten, die er erfüllte, waren -seltsam und willkürlich, je nach seiner Zugehörigkeit zu einer der -vierzehn Rangklassen, in die unsere gebildete russische Gesellschaft -eingeteilt ist. Er ist vorläufig nur ein losgerissenes und in der Luft -schwebendes Stäubchen. Er fühlt das auch und leidet darunter oft sogar -qualvoll! Nun, und schließlich – was hat es auch auf sich, daß er, der -vielleicht zum russischen Geburtsadel gehört und sogar, was höchst -wahrscheinlich ist, Leibeigene besitzt, mit der ganzen Freiheit seines -Standes sich den kleinen phantastischen Einfall gestattet, an Menschen -Gefallen zu finden, die „ohne Gesetz“ leben, um zeitweilig, wenn es sein -soll, im Zigeunerlager einen Bären zu führen und ihn tanzen zu lassen? -Am ehesten konnte ihm noch das Weib, „das Naturweib“, wie ein Dichter -sich ausdrückt, die Hoffnung auf eine Erlösung von seiner Lebensqual -verheißen: nichts ist infolgedessen selbstverständlicher, als daß er -sich in leichtsinnigem, jedoch leidenschaftlichem Glauben in eine junge -Zigeunerin verliebt. Es hieß das soviel wie: „Hier, nur hier finde ich -den Ausweg, hier werde ich auch mein Glück finden, hier im Schoße der -Natur, fern von aller Welt, hier unter diesen Menschen, die keine -Zivilisation und keine Gesetze haben!“ Und was ist das Ergebnis? – schon -bei seinem ersten Zusammenstoß mit den Bedingungen dieses freien Lebens -hält er nicht stand und befleckt seine Hände mit Blut[20]. Nicht nur -nicht zu einer allgemeinen Weltharmonie, nein, nicht einmal zum Leben in -einer Zigeunerbande taugt der Unselige, und so jagen sie ihn denn fort – -ohne Rache, ohne Bosheit, schlicht und nicht ohne Vornehmheit in ihrer -einfachen Art. Der Alte sagt nur: „Verlaß uns, stolzer Mensch. Wir sind -Zigeuner, haben kein Gesetz, wir richten nicht und lieben nicht, zu -strafen.“ - -Das ist natürlich alles recht phantastisch, aber der „stolze Mensch“ ist -Wahrheit und von dem Dichter ist er treffend geschildert. Denn: so -erfaßt und dargestellt wurde er bei uns zum erstenmal von – Puschkin. -Das dürfen wir nicht vergessen. Es ist ja alles so echt an ihm ... kaum -geht ihm etwas wider den Strich, da bringt er auch schon in Wut zwei -Menschen um und rächt sich sofort für die Kränkung. Noch bequemer -freilich wäre es gewesen, sich seiner Zugehörigkeit zu einer der -vierzehn Rangklassen zu erinnern und selber das richtende und marternde -Gesetz anzurufen (denn auch das ist vorgekommen), damit nur ja seine -persönliche Kränkung gerächt werde. Nein, diese wahrheitsgetreue -Dichtung ist nicht eine Nachahmung, in ihr ist schon die russische -Beantwortung unserer „Frage“, dieser „verfluchten Frage“ im Sinne des -russischen Volksglaubens und der russischen Volkswahrheit angedeutet: -„Beuge dich, stolzer Mensch, und brich vor allen Dingen erst deinen -Hochmut. Beuge dich, müßiger Mensch und arbeite erst einmal auf deinem -Acker!“ Denn das wäre in der Tat die Lösung des Problems nach der -Rechtsauffassung des Volkes und der Volksvernunft. „Nicht außerhalb -deiner ist die Wahrheit, sondern in dir selber, suche sie in dir, -unterwirf _dich dir_, bemächtige dich deiner und du wirst die Wahrheit -erkennen! Nicht in den äußeren Dingen ist die Wahrheit und nicht -irgendwo fern hinter Bergen und Meeren, sondern vor allem in deiner -Arbeit an dir selbst! Besiege dich, bezähme dich – und du wirst frei -sein, wie du es dir noch nie erträumt hast. Beginnst du aber ein großes -Werk, so machst du auch andere frei und wirst das Glück schauen. Dein -Leben wird sich mit Inhalt füllen und du wirst endlich dein Volk und -seine heilige Wahrheit begreifen. Weder bei Zigeunern noch sonstwo ist -die Weltharmonie zu finden, wenn du selbst ihrer nicht wert bist, wenn -du Bosheit und Hochmut in dir hast und das Leben umsonst haben willst, -ohne auch nur zu ahnen, daß man für sein Leben zahlen muß.“ - -Diese Lösung des Problems ist in jener Dichtung Puschkins bereits -angedeutet und beinahe vorgezeichnet. Viel klarer aber ist sie im „Eugen -Onegin“ ausgedrückt, in diesem Roman, der nicht nur nicht phantastisch -ist, sondern geradezu fühlbare Wirklichkeit, in dem das russische Leben -mit so schöpferischer Kraft dargestellt ist und in einer so vollendeten -Kunst, wie es sie vor Puschkin nicht gegeben hat und vielleicht nach ihm -nicht wieder geben wird. - -Onegin kommt aus Petersburg – unbedingt aus Petersburg, das ist -zweifellos die erste Bedingung. Einen so wichtigen Umstand in der -Lebensgeschichte seines Helden konnte Puschkin natürlich nicht -übergehen. Und ich wiederhole, dieser Held ist derselbe Aleko, -namentlich später, wenn er ausruft: „Warum lieg ich nicht gelähmt, wie -in Tula der Assessor?“ Vorläufig jedoch, zu Anfang des Romans, ist er -ein halber Geck und Gesellschaftsmensch und hat noch viel zu wenig -gelebt, um vom Leben schon ganz und gar enttäuscht zu sein. Aber auch -ihn beginnt bereits heimzusuchen und zu beunruhigen jener „vornehme -Dämon heimlicher Qual“. In der Einsamkeit auf seinem Gut, im Herzen -seiner Heimat ist er natürlich nicht „bei sich zu Hause“. Er fühlt sich -da nicht heimisch. Er weiß nicht, was er dort anfangen soll und es kommt -ihm vor, als wäre er bei sich selbst zu Gaste. Später, wenn er in seiner -Langweile und Unzufriedenheit und inneren Unruhe im Vaterlande und in -fremden Ländern von Ort zu Ort reist, fühlt er sich – als fraglos kluger -und fraglos aufrichtiger Mensch, der er ist – auch unter den Fremden -sich selber fremd. Freilich liebt auch er sein Land, aber er traut ihm -nicht. Natürlich hat er von den einheimischen Idealen gehört, aber er -glaubt nicht an diese Ideale. Er glaubt nur an die vollkommene -Unmöglichkeit gleichviel welch einer Arbeit auf dem Heimatboden und -blickt auf die, die an diese Möglichkeit glauben – deren es damals, wie -auch jetzt, nur wenige gab – mit einem traurigen Spottlächeln herab. -Lenskij[21], sein junger Freund, wird von ihm einfach aus Hypochondrie -erschossen, vielleicht gerade infolge seiner Sehnsucht nach dem -Friedensideal –, das wäre uns nur zu ähnlich, weshalb diese Erklärung -denn auch die wahrscheinlich richtige ist. Wie anders dagegen Tatjana! -Die ist ein starker Mensch, die steht fest und sicher auf ihrem Boden. -Sie ist tiefer als Onegin, und natürlich auch klüger als er. Sie ahnt -schon allein durch ihren feinen Sinn, wo die Wahrheit ist und worin sie -besteht, was dann der Schluß des Romans bezeugt. Vielleicht wäre es -besser gewesen, Puschkin hätte seinen Roman nach ihr „Tatjana Larina“ -genannt, und nicht nach ihm „Jewgenij Onegin“, denn sie, nicht er, ist -der Held. Sie ist ein bejahender Typ, nicht ein verneinender, wie er, -sie ist ein Typ wahrhafter Schönheit, ist die Verherrlichung der -russischen Frau – und sie ist es denn auch, die der Dichter den -Grundgedanken seiner Dichtung in der berühmten Szene der letzten -Begegnung Tatjanas mit Onegin aussprechen läßt. Ja, man kann sogar -sagen, daß ein solches Urbild der russischen Frau, eine Heldin von -solcher Schönheit, in unserem ganzen Schrifttum nicht wieder geschaffen -worden ist – ausgenommen höchstens die Gestalt der Lisa in Turgenjeffs -„Adelsnest“. – Nur die Angewohnheit, auf alles hochmütig herabzusehen, -bringt Onegin dazu, daß er bei der ersten Begegnung auf dem weltfernen -Gut ihrer Eltern überhaupt nicht sieht, wen er in der schüchternen -Gestalt des reinen unschuldigen Mädchens vor sich hat, während sie sich -schon bei dem ersten Blick auf ihn seltsam befangen fühlt. Er verstand -eben nicht, in dem armen Mädchen die geistige Feinheit, die ganze -Vollendung und Vollkommenheit ihres inneren Menschen zu erkennen und -hielt sie vielleicht wirklich nur für einen „moralischen Embryo“. Sie – -ein Embryo! und das noch nach ihrem Liebesbrief an ihn! Wenn jemand in -diesem Roman ein moralischer Embryo ist, dann ist das wahrhaftig niemand -anderes als er selbst, Onegin! Freilich, er konnte sie gar nicht -erkennen: kennt er denn überhaupt die Menschenseele? Er ist ein -abstrakter Mensch, ein unruhiger Träumer und bleibt es sein Leben lang. -Auch später in Petersburg, wo er sie als vornehme Dame wiedersieht, -begreift er sie nicht, obschon er ihr schreibt, daß seine Seele ihre -ganze Schönheit fühle. Doch das sind nur Worte: sie geht an ihm und -seinem Leben vorüber, von ihm unerkannt, unbegriffen! Darin besteht eben -die Tragödie ihres Romans. Wäre dagegen damals, bei der ersten Begegnung -mit ihr, Childe Harold, oder gar Lord Byron in eigener Person -geradenwegs aus England auf dem Gut eingetroffen und hätte ihn auf den -eigenartigen Reiz des schüchternen, jungen Mädchens aufmerksam gemacht – -oh, da wäre Onegin sogleich von ihr betroffen und entzückt -gewesen! Soviel geistiges Lakaientum steckt zuweilen in diesen -Weltschmerzmärtyrern! Doch es geschah nicht, und Onegin, der die -Weltharmonie sucht, begibt sich, infolgedessen, nachdem er Tatjana als -Antwort auf ihren Brief eine Predigt gehalten und sich dabei immerhin -noch sehr anständig benommen hat, mitsamt seinem Weltschmerz und dem aus -kleinlich dummem Ärger vergossenen Blut auf dem Gewissen, auf Reisen – -zunächst im eigenen Lande, doch offenbar ohne überhaupt zu bemerken, wo -er sich befindet. Im Überschwang seiner vermeintlichen Gesundheit und -Kraft ruft er unter Flüchen aus: „Jung bin ich, stark ist in mir das -Leben!“ und doch weiß er nicht, worauf er wartet, was auf ihn wartet, -und so bleibt ihm nichts als sein Weltschmerz. - -Das begriff Tatjana. In den unsterblichen Versen des Romans erzählt der -Dichter, wie sie das Haus dieses ihr so wunderbaren und rätselhaften -Menschen besucht. Ich will hier nicht weiter von der unnachahmlichen -Schönheit und Tiefe dieser Strophen reden. Sie betritt sein Zimmer, sie -betrachtet seine Bücher, die Sachen, alle Gegenstände, bemüht sich, aus -ihnen seine Seele zu erraten, ihre Rätsel zu lösen – und der „moralische -Embryo“ bleibt schließlich mit einem seltsamen Lächeln nachdenklich -stehen, wie in einer Vorahnung der Lösung des Problems, und ihre Lippen -fragen leise: - -„Oder sollte er – eine Parodie sein?“ - -Ja, sie mußte darauf verfallen, sie hatte das Geheimnis erraten. In -Petersburg – lange Zeit nachher, nach der neuen Begegnung –, da kennt -sie ihn bereits vollkommen. Übrigens, nebenbei hat jemand gesagt, daß -das gesellschaftliche Leben bei Hofe verderblich ihre Seele beeinflußt -habe und daß gerade die Würde der hochgestellten Dame und die neuen -gesellschaftlichen Begriffe zum Teil die Ursache ihrer Absage an Onegin -gewesen seien. Nein, so verhielt es sich nicht. Nein, sie ist auch als -Fürstin dieselbe Tanjä, dieselbe, die sie dort auf dem Lande war! Sie -ist nicht verdorben, im Gegenteil, sie fühlt sich bedrückt durch dieses -prunkvolle Petersburger Leben; es ist für sie eine Last und ein Zwang, -unter dem sie leidet; sie verabscheut ihre gesellschaftliche Stellung, -und wer sie anders beurteilt, der begreift überhaupt nicht, was Puschkin -ausdrücken wollte. Fest und ruhig sagt sie zu Onegin: - - „... Doch bin ich einem andren angetraut - Und werd’ ihm ewig treu sein.“ - -Das sagt sie gerade als russische Frau, darin besteht die Verherrlichung -derselben, die uns Puschkin mit ihrer Gestalt gegeben hat. Sie spricht -die innere Wahrheit dieser Dichtung aus. Oh, ich sage kein Wort über -ihre religiösen Ansichten, über ihre Auffassung der Heiligkeit der Ehe – -nein, das werde ich nicht berühren. Aber wie denn: weigert sie sich -deshalb, ihm zu folgen, obgleich sie ihm sagt: „Ich liebe Sie“ – deshalb -etwa, weil sie „als russische Frau“ (und nicht als Südländerin oder -irgendeine Französin) unfähig wäre zu einem mutigen Schritt, etwa weil -sie nicht die Kraft hätte, ihre Fesseln zu zerreißen, und nicht stark -genug wäre, das Gefeiertwerden, ihre gesellschaftliche Rolle, ihren -Reichtum, den Ruf der Tugend zu opfern? Nein, die russische Frau ist -mutig. Die russische Frau handelt furchtlos nach dem, was sie für -richtig hält: das hat sie bewiesen. Aber Tatjana ist „einem anderen -angetraut“, und diesem, dem sie nun einmal gehört, wird sie „ewig treu -sein“. Aber wem denn, wem denn treu? Welchen Pflichten? Treu diesem -alten General, den sie doch nicht lieben kann, da sie ja Onegin liebt, -und den sie nur genommen, weil „die Mutter sie unter Tränen beschworen“? -In ihrer verletzten, wunden Seele war damals weder Hoffnung noch Freude, -sondern nichts als Verzweiflung. Also treu diesem alten General? Ja, -treu diesem alten General, ihrem Mann, dem ehrlichen Menschen, der sie -liebt, der sie achtet und stolz auf sie ist. Mag auch die Mutter sie -beschworen und angefleht haben, aber sie, Tatjana selbst und keine -andere hat das Jawort gegeben, sie, sie selbst hat ihm Treue geschworen. -Mag sie ihn auch aus Verzweiflung genommen haben, jetzt ist er ihr -Gatte, und ihr Treubruch würde ihn mit Schimpf und Schande bedecken, -würde ihn vernichten. Und kann denn ein Mensch sein Glück auf dem -Unglück eines anderen aufbauen? Das Glück liegt nicht allein in den -Genüssen der Liebe, sondern auch in der höheren Harmonie des Geistes. -Womit sollte man aber den Geist beruhigen, wenn hinter einem ein -unehrenhafter, mitleidloser, fast unmenschlicher Schritt liegt? Sollte -sie nur deshalb von ihm fliehen, weil es sich um ihr Glück handelte? -Aber was kann denn das für ein Glück sein, das auf fremdem Unglück -beruht? Nehmen wir an, daß Sie den Bau der Geschicke des -Menschengeschlechts aufzuführen hätten, mit dem Ziel, die Menschen zu -beglücken, ihnen zum Schluß Frieden und Ruhe zu geben. Nehmen Sie an, zu -dem Zweck wäre es unbedingt erforderlich, im ganzen nur ein einziges -menschliches Wesen zu Tode zu quälen – ja sagen wir, nicht einmal ein -gar so wertvolles, meinetwegen sogar irgendein ganz lächerliches Wesen, -also nicht etwa eine Figur aus Shakespeare, sondern – nun, sagen wir, -einfach nur einen ehrenwerten alten Mann, den Gatten einer jungen Frau, -an deren Liebe er in blinder Überzeugung glaubt, obgleich er ihr Herz -gar nicht kennt, der sie aber ehrt und achtet, stolz auf sie ist, -glücklich durch sie und ruhig. Und nur dieser eine Mensch muß entehrt -und geschmäht und gequält werden, um auf den Tränen dieses Mannes den -Glücksbau aufzuführen! Würden Sie da wohl einwilligen, der Baumeister -dieses Gebäudes unter dieser einen Bedingung zu sein? Das ist die Frage. -Vermöchten Sie auch nur einen Augenblick die Ansicht zu vertreten, daß -die Menschen, für die Sie diesen Bau aufführen, einwilligen würden, -dieses Glück von Ihnen anzunehmen, wenn Sie in das Fundament den Schmerz -eines, zwar unbedeutenden, doch unverdientermaßen unbarmherzig zu Tode -gequälten Menschen einmauerten, und daß die Menschen in diesem Glück -ewig zufrieden sein könnten? Deshalb frage ich: konnte Tatjana in ihrer -Reinheit und Vornehmheit und mit ihrem von eigenem Leid wehen Herzen -sich überhaupt anders entschließen? Nein; denn eine reine russische -Seele sagt sich in diesem Fall: „Mag ich allein das Glück entbehren, mag -auch mein Unglück unvergleichlich größer sein als das Unglück dieses -alten Mannes, mag auch niemand jemals erfahren, auch mein Mann nicht, -daß ich mich geopfert habe, mag auch niemand mein Opfer schätzen, ich -will doch nicht auf Kosten eines anderen glücklich sein!“ Das ist der -Kern der Tragödie. Hier handelt es sich um ein Entweder – Oder, für ein -Drittes ist es zu spät, und danach fällt denn die Antwort aus, die sie -Onegin gibt. Nun wird man vielleicht einwenden: „Ja, aber auch Onegin -ist doch unglücklich, den einen macht sie glücklich, den alten Mann, an -den anderen aber, den jungen, und sein Unglück denkt sie nicht!“ -Erlauben Sie, hier handelt es sich noch um eine andere Frage, vielleicht -sogar um die wichtigste im Roman. Übrigens hat die Frage, warum Tatjana -nicht Onegin folgt, bei uns, oder wenigstens in unserer Literaturkritik, -eine besondere Geschichte, die sogar recht charakteristisch ist, deshalb -habe ich mir auch nur erlaubt, mich über diese Frage so ausführlich zu -verbreiten. Das Charakteristischste dürfte wohl sein, daß die moralische -Lösung dieser Frage bei uns so lange allen Zweifeln ausgesetzt gewesen -ist. Ich denke: selbst wenn Tatjana frei gewesen, wenn ihr Mann schon -gestorben wäre, daß sie auch dann nicht Onegins Werben angenommen hätte. -Man muß doch das ganze innere Wesen dieser Frau erfassen. Sie sieht -doch, wer er ist: er, der ewig unstete Mensch, findet plötzlich die -Frau, die er als junges Mädchen verschmäht hat, findet sie in einer -neuen glänzenden Umgebung, – und diese Umgebung ist für ihn auch das -Ausschlaggebende, ihre gesellschaftliche Rolle ist es, die ihn -bestrickt. Vor diesem ehemaligen kleinen Mädchen, auf das er beinahe mit -Verachtung herabsah oder doch mit Geringschätzung, beugt sich jetzt die -Gesellschaft – die Gesellschaft, diese ungeheure Autorität in den Augen -Onegins, ungeachtet aller seiner Weltschmerzen und Weltideale. Deshalb -also, nur deshalb wirft er sich wie geblendet ihr zu Füßen! Endlich -glaubt er, sein Ideal gefunden zu haben, seine Rettung, seine Erlösung -von seiner Sehnsucht, die er früher nicht zu erkennen verstanden, und -„das Glück war doch so möglich, so nah!“ ruft er aus. Wie Aleko zur -jungen Zigeunerin, so strebt Onegin jetzt zu Tatjana, indem er in seinem -neuen absonderlichen Einfall alle Lösungen seiner Probleme sucht. Und -das sieht doch Tatjana, sie hat ihn doch schon längst durchschaut?! Sie -weiß doch ganz genau, daß er im Grunde nur seine neue Einbildung liebt, -und nicht sie, die ja dieselbe Tatjana geblieben ist, die sie früher -war! Sie weiß, daß er sie für etwas ganz anderes hält als das, was sie -ist, daß er sie nicht nur nicht liebt, sondern daß er sogar überhaupt -nicht fähig ist, gleichviel wen, zu lieben, wenn er auch noch so sehr -leidet! Er liebt seinen Einfall, sein Trugbild, aber er selbst ist auch -nur ein Trugbild. Würde er doch, wenn sie ihm folgte, schon am nächsten -Tage wieder gleichgültig werden und an seinen Überschwang mit -spöttischem Lächeln zurückdenken. Er hat keinen Boden unter sich, auf -dem er stehen könnte, er ist ein Stäubchen, das vom Winde getragen wird. -Wie anders dagegen Tatjana! Sie hat sogar in der Verzweiflung und in dem -Bewußtsein, daß ihr Leben verfehlt ist, etwas Festes und -Unerschütterliches, auf das ihre Seele sich stützen, woran sie sich -aufrichten kann. Das sind ihre Erinnerungen an ihre Kindheit, an ihre -Heimat, an die Landeinsamkeit, in der ihr stilles, reines Leben begann, -und wäre es auch nur „das Kreuz und der Schatten der Bäume auf dem Grabe -ihrer alten Kinderfrau“. Oh, diese Erinnerungen an ihre Jugend sind ihr -jetzt das Teuerste, was sie hat, diese Erinnerungen allein sind ihr -geblieben, aber sie genügen, um ihre Seele vor der letzten Verzweiflung -zu bewahren. Und das ist nicht wenig, nein, das ist schon viel, sehr -viel, denn das ist ein fester Boden, ist etwas, worauf man bauen kann. -Hierin liegt die Berührung mit dem eigenen Volk, mit seinen -Heiligtümern, liegt das, was das Vaterland zur wahren Heimatscholle -macht. Was aber hat er, Onegin, und was ist er überhaupt? Doch nicht aus -Mitleid konnte sie ihm folgen, nur um ihm eine Abwechslung zu bieten, um -ihm nur für einige Zeit aus unendlicher liebevoller Barmherzigkeit das -Phantom eines Glückes zu schenken, während sie mit Sicherheit wußte, daß -er schon am nächsten Tage sich skeptisch und spöttisch zu diesem seinem -neuen Glück verhalten werde! Nein, es gibt tiefe und starke Seelen, die -ihr Heiligtum nicht bewußt der Schmähung preisgeben können, und wär’s -auch nur aus unendlicher Barmherzigkeit. Nein, Tatjana konnte nicht -Onegin folgen! - -In diesem seinem unsterblichen Roman „Onegin“ erscheint also Puschkin -als ein großer Volksdichter, wie wir vor ihm keinen gehabt haben. Er hat -darin mit einem einzigen Griff, in der treffendsten Weise, mit dem -scharfsichtigsten Blick, den Kern unseres Wesens, unserer ganzen über -dem Volk stehenden Gesellschaft erfaßt und dargestellt. In derselben -Schaffensperiode aber, in der er uns den Typ des russischen Skitaletz -schuf, den es heute noch ganz so wie damals gibt und der für unser -zukünftiges Schicksal von größter Bedeutung ist, während er neben ihn -die wahre Vertreterin unendlicher Schönheit in der russischen Frau -stellte, prägte er gleichzeitig – und wiederum als erster – in anderen -Werken eine ganze Reihe der prächtigsten russischen Volkstypen. Die -Schönheit auch dieser Typen besteht vor allem in ihrer Echtheit, die so -groß ist, daß man sie ordentlich wie lebende Menschen vor sich zu sehen -meint: so unverkennbar sind sie, so wahr und leibhaft stehen sie vor -einem: wie gemeißelt. Ich möchte nochmals betonen, daß ich nicht als -Literaturkritiker rede, deshalb werde ich meinen Gedanken auch nicht -durch eingehende Untersuchungen der genialen Werke unseres Dichters zu -erklären versuchen. Über seinen russischen Chronisten[22] zum Beispiel -müßte man allein schon ein ganzes Buch schreiben, wollte man die volle -Bedeutung dieser Gestalt erfassen und wiedergeben, die Puschkin uns in -ihrer ruhigen Geistesgröße wie ein Wahrzeichen und einen ewigen Zeugen -unseres kraftvollen Volksgeistes vor Augen gestellt hat. Diesen Typ gibt -es wirklich, von dem kann niemand sagen, er sei vom Dichter frei -erfunden, sei bloß eine Idealgestalt. Wenn man aber zugesteht (und das -muß man), daß es solche Menschen im russischen Volk gibt, dann muß man -auch zugeben, daß es notwendig einen Volksgeist, der sie hervorbringt, -geben muß, und weiter, daß dieser Geist auch die erforderliche -Lebenskraft haben wird. Überall tritt bei Puschkin der Glaube an den -russischen Charakter hervor, der Glaube an eine geistige Kraft des -Volkes: wo aber Glaube ist, da ist Zuversicht, und die besitzt er denn -auch – eine große Hoffnung und ein großes Vertrauen auf den russischen -Menschen. Daß er in der Hoffnung auf den Sieg des Guten furchtlos der -Zukunft entgegenschaue, sagt Puschkin einmal bei einem anderen Anlaß, -doch könnte sich dieser Ausspruch auf seine ganze in nationalem Geiste -schöpferische Tätigkeit beziehen. Und niemals, weder vor noch nach ihm, -hat ein russischer Schriftsteller sich so herzlich und so vertraut mit -seinem Volk verbunden, wie Puschkin. Gewiß, wir haben unter unseren -Schriftstellern viele Kenner des einfachen Volkes, die es treffend und -sogar liebevoll zu schildern verstehen. Vergleicht man sie aber mit -Puschkin, so muß man sich gestehen, daß bis jetzt, außer einem, -höchstens zweien von seinen jüngsten Nachfolgern, alle diese -Schriftsteller nur „das Volk schildernde _Herren_“ sind. Selbst bei den -begabtesten von ihnen, ja, sogar bei diesen zwei Ausnahmen, die ich -soeben erwähnte, bricht doch – bricht irgendwo ein gewisses Herabsehen -auf dieses Volk hervor, so etwas, das wie aus einem ganz anderen Leben, -einer anderen Welt kommt, so etwas wie ein Wunsch, dieses Volk zu sich -emporzuziehen und dadurch dann glücklich zu machen. In Puschkin dagegen -hat sich eine wirkliche Vereinigung mit dem Volke vollzogen, die in ihm -selbst fast so etwas wie eine echte und innige Rührung auslöst. Man -denke nur an seine Geschichte vom Bären, dessen Bärenfrau der Bauer -erschlagen, oder an sein Gedicht: - - „Freund Iwan, wenn wir jetzt trinken, - Müssen wir vorerst einmal ...“ - -und Sie werden ohne weiteres verstehen, was ich meine. - -Alle diese Schätze des schöpferischen Erfassens sind von Puschkin, -unserem größten Dichter, gleichsam in der Art eines Hinweises für alle -nach ihm kommenden russischen Künstler, für alle nachfolgenden Schöpfer -auf diesem Gebiete, hinterlassen worden. Man kann sogar ohne Zögern -behaupten: ohne Puschkin wären alle nach ihm gekommenen Begabungen -überhaupt nicht möglich gewesen; wenigstens hätten sie sich nicht mit -solcher Kraft und Deutlichkeit zu äußern vermocht, ungeachtet ihrer -unzweifelhaften Veranlagung, wie ihnen das nach Puschkin in unserer Zeit -tatsächlich gelungen ist. Doch gilt dies nicht bloß von der Dichtung, -vom künstlerischen Schaffen: ohne Puschkin hätte sich vielleicht auch -unser Glaube an unsere russische Selbständigkeit, unsere uns jetzt -bereits bewußt gewordene Hoffnung auf unsere Volkskräfte und damit auch -der Glaube an unsere Zukunft und Bestimmung, an unsere selbständige -Rolle in der Reihenfolge der europäischen Völker nicht so nachdrücklich -und unverrückbar festgesetzt, wie das nach Puschkin geschehen ist (wenn -auch freilich noch immer nicht bei allen, vielmehr erst bei -verhältnismäßig wenigen)! - -Diese Tat Puschkins nun tritt eigentlich erst dann plastisch hervor, -wenn man voll und ganz erfaßt, was ich unter der dritten Periode seines -Schaffens verstehe. - - * * * * * - -Ich sage nochmals: diese drei Perioden haben keine festen Grenzen -zwischen sich. So könnten zum Beispiel einzelne seiner Werke, die er in -der dritten geschrieben, sogar ganz zu Anfang entstanden sein, denn -Puschkin war immer ein ganzer, sagen wir ein abgeschlossener Organismus, -der von Hause aus alle Keime in sich trug und sie nicht etwa von außen -nach und nach in sich aufgenommen hat. Die äußeren Anregungen haben in -ihm nur die Keime zum Treiben gebracht, das Wachstum gefördert, oder -haben, wenn man will, nur das tief in ihm Schlummernde wachgerufen. Aber -dieser Organismus mußte sich naturgemäß entwickeln, und die Stufen oder, -wie ich sie nannte, Perioden dieser Entwicklung lassen sich in der Tat -unterscheiden, ja, es läßt sich sogar nachweisen, daß eine jede ihren -besonderen Charakter hat, und es läßt sich verfolgen, wie eine jede sich -allmählich aus der vorhergehenden entwickelt hat. So kann man zur -dritten Periode denjenigen Teil seiner Werke rechnen, in denen -vornehmlich universale Ideen ausgedrückt sind, in denen sich die -poetischen Gestalten anderer Völker finden und die den Geist dieser -Völker widerspiegeln. Von diesen Werken sind einige erst nach dem Tode -des Dichters veröffentlicht worden. In dieser Periode aber hat das -Schaffen Puschkins in seiner Art sogar etwas Wunderbares, es ist eine -Erscheinung, die außerhalb alles bisher Dagewesenen zu stehen scheint, -und es liegt etwas in ihr, dessen sich vor ihm noch niemand hat rühmen -können. - -Es ist wahr, die europäische Literatur hat Genies von ungeheurer Größe -aufzuweisen – hat Männer wie Shakespeare, Cervantes, Schiller. Aber man -nenne mir doch nur einen von diesen Großen, der eine solche Fähigkeit, -das Wesen fremder Nationalitäten wiederzugeben, besessen hätte, wie -unser Puschkin. Gerade diese Fähigkeit, diese Hauptfähigkeit unserer -Nationalität, teilt Puschkin mit unserem ganzen Volk, und gerade sie -macht ihn zu unserem nationalsten Dichter. - -Selbst die größten europäischen Genies haben niemals vermocht, den Geist -und das Wesen eines fremden Volkes, ja nicht einmal eines blutverwandten -Nachbarvolkes, seine Seele, die ganze verborgene Tiefe dieser Seele und -das Innerste dessen, wozu jedes Volk berufen ist, mit solcher -persönlichen Schöpferkraft aus sich selbst heraus zu gestalten, wie es -Puschkin gelang. Die europäischen Genies haben im Gegenteil, wenn sie -sich anderen Völkern zuwandten, die fremde Nationalität gewöhnlich in -ihre eigene verwandelt und nach den Begriffen ihrer Nation aufgefaßt. -Sogar bei Shakespeare sind zum Beispiel die Italiener fast ohne -Unterschied – Engländer. Nur Puschkin besitzt vor allen Dichtern der -Welt die Fähigkeit, sich vollständig in den Geist einer fremden Nation -zu versetzen. Nehmen Sie seine Faustszene, nehmen Sie sein Poem „Der -geizige Ritter“ und die Ballade „Einst lebte ein armer Ritter ...“ Lesen -Sie seinen „Don Juan“, und wenn Sie nicht wüßten, daß er von Puschkin -ist, würden Sie gewiß nicht erraten, daß ihn – kein Spanier gedichtet -hat. Und was sind das für tiefe, unheimliche Stellen in seinem Poem „Das -Fest während der Pest“! Aus diesen phantastischen Gestalten spricht das -Genie Englands. Dieses prachtvolle Pestlied des Helden, und dieses Lied -der Mary – das sind englische Lieder, das ist der Schauer des britischen -Genies, seine Klage, sein qualvolles Ahnen dessen, was seiner harrt. -Erinnern Sie sich der Verse: - - „Einst kam ich in ein ödes Tal –“ - -Es ist fast eine wörtliche Übertragung der drei ersten Seiten eines -seltsamen mystischen Buches, das ein alter englischer Sektierer vor -langer, langer Zeit in Prosa geschrieben hat, – aber ist es nun wirklich -nur eine Übertragung? Aus der traurigen und gleichsam geisterfüllten -Musik dieser Verse fühlt man förmlich die Seele des nordischen -Protestantismus in der Seele dieses keltischen Sektenstifters, dieses -uferlosen Mystikers mit dem stumpfen, finsteren und unbesiegbaren Wollen -in der unbegrenzten und geheimnisvollen Phantasie. Beim Lesen dieses -seltsamen Gedichts ist es einem, als spüre man den Geist der -Reformationszeit, dieses kriegerische Feuer des frühesten -Protestantismus, und begreiflich wird einem schließlich auch die -Geschichte selbst, und zwar nicht nur durch ein gedankliches Verstehen, -sondern es ist, als wäre man selber dabeigewesen, als wäre man soeben am -Lager der bewaffneten Sektierer vorübergegangen, als hätte man mit ihnen -Hymnen gesungen, mit ihnen Tränen der Begeisterung vergossen, mit ihnen -an das geglaubt, woran sie glaubten. Und neben diesem religiösen -Mystizismus stehen religiöse Verse aus dem Koran, die „Nachdichtungen -aus dem Koran“: spricht aus diesen nicht ein Mohammedaner, nicht der -Geist des Korans selber, und seines Schwertes, der in Einfalt erhabene -Glaube und seine grausig blutige Kraft? Dann wieder haben wir die antike -Welt in den „Ägyptischen Nächten“. Da verspüren wir die irdischen -Götzen, so wie sie waren, die Götzen, die sich über ihrem Volk als -Götter festgesetzt, die das Genie ihres Volkes und sein Streben bereits -verachten, die an ihr Volk nicht mehr glauben und darüber einsame Götter -geworden sind und in ihrer Einsamkeit, in ihrer dem Tode vorangehenden -Langweile und Geistesarmut sich mit fanatischen, tierischen Roheiten, -mit der Wollust niedriger Insekten, der Wollust eines Spinnenweibchens, -das sein Spinnenmännchen auffrißt, die Zeit vertreiben. Nein, ich sage -in allem Ernst: es hat noch keinen Dichter gegeben, der so wie Puschkin -die ganze Welt in sich aufgenommen hätte. Doch nicht die -Aufnahmefähigkeit im allgemeinen ist hier das Erstaunliche, sondern -seine ganz unglaubliche Tiefe, das vollständige Sichhineinversetzen -seines Geistes in den Geist fremder Völker, die fast vollkommene und -deshalb so erstaunliche „Verwandlung“, eine Erscheinung, die sich bei -keinem einzigen anderen Dichter wiederholt hat. In der Tat finden wir -sie nur bei Puschkin und in diesem Sinne ist er, wie ich bereits sagte, -eine noch nie dagewesene Erscheinung und unserer Meinung nach eine -prophetische, denn ... denn eben darin hat sich am stärksten seine -nationale russische Kraft geäußert, gerade die Volkstümlichkeit seiner -Dichtung, das nationale Moment in der gesamten weiteren Entwicklung, das -nationale Moment unserer Zukunft, das in der Gegenwart noch nicht an den -Tag getreten ist, und das sich, wie gesagt, hier zum ersten Male -prophetisch geäußert hat. Denn wo läge sonst die Kraft des russischen -Volksgeistes, wenn nicht in seinem Streben zur Universalität und nach -Allmenschlichkeit? Als Puschkin zum Dichter seines Volkes wurde, da -begann er, sobald er nur mit dem Volksgeist in Berührung kam, sofort die -große Bestimmung dieser Kraft zu ahnen. Hierin ist er ein Enträtsler und -hierin ist er auch ein Prophet. - -Denn, was bedeutet für uns die Reform Peters? nicht nur im Hinblick auf -unsere Zukunft, sondern auch in unserem Verhältnis zur Vergangenheit, zu -allem, was bereits geschehen ist, was sich vor unseren Augen vollzogen -hat? Was war sie uns? Sie war doch nicht nur eine Aneignung europäischer -Kleider, Sitten, Erfindungen und der europäischen Wissenschaft. Erfassen -wir recht, was sie war und wie sie war, betrachten wir sie aufmerksamer. -Ja, es ist sehr leicht möglich, daß Peter sie anfänglich nur in diesem -Sinne einführte, ich meine in eng utilitaristischem Sinne – aber in der -Folge, bei der weiteren Entwicklung seiner Idee, hat Peter sich fraglos -von einem gewissen unbewußten Instinkt leiten lassen: der aber zog ihn -zu zukünftigen und selbstverständlich zu großen Zielen. Ebenso hat auch -das russische Volk nicht etwa nur aus Utilitarismus die Reform -angenommen, sondern mit einer gewissen Vorahnung, ein viel weiteres, ein -unvergleichlich höheres Ziel zu erreichen, als es der nächstliegende -Utilitarismus je sein könnte, das hat es herausgefühlt – natürlich -gleichfalls unbewußt, aber doch unmittelbar und mit voller Lebenskraft. -Da setzte dann mit einemmal dieses Streben ein: zur lebendigen -Wiedervereinigung der Menschen, zu einer, sagen wir, universalen -Einigung! Nicht feindlich (wie man es hätte erwarten können), sondern -freundschaftlich, mit ganzer Liebe nahmen wir das Genie, den -Schöpfergeist der fremden Völker in unsere Seele auf, aller Völker, so -viel es ihrer nur gab, ohne Rassenunterschiede zu machen und die einen -den anderen vorzuziehen, da unser Instinkt fast schon vom ersten Schritt -an die Widersprüche zu unterscheiden, das Fremde einzuschätzen und die -Unterschiede zu entschuldigen verstand: allein damit haben wir unsere -Fähigkeit und Neigung (die uns selbst noch neu und unbewußt waren) zur -Wiedervereinigung aller Völker der großen arischen Rasse bezeugt. Ja, -die Bestimmung des russischen Menschen ist unstreitig eine universale. -Ein echter, ein ganzer Russe werden, heißt vielleicht nur (d. h. letzten -Endes, vergessen Sie das nicht) – ein Bruder aller Menschen werden, ein -_Allmensch_ wenn Sie wollen. Oh, unsere ganze Spaltung in Slawophile und -Westler ist ja nichts als ein einziges großes Mißverständnis, wenn auch -ein historisch notwendiges. Einem echten Russen ist Europa und das -Geschick der ganzen großen arischen Rasse ebenso teuer wie Rußland -selbst, wie das Geschick des eigenen Landes, eben weil unsere Bestimmung -die – wenn man sich so ausdrücken darf – die Verkörperung der -Einheitsidee auf Erden ist, und zwar nicht einer durch das Schwert -errungenen, sondern durch die Macht der brüderlichen Liebe und unseres -brüderlichen Strebens zur Wiedervereinigung der Menschen verwirklichten -Einheit. Verfolgen Sie unsere Entwicklungsgeschichte nach der Reform -Peters und Sie werden bereits Spuren und Andeutungen dieses Gedankens, -meines Traumes, wenn Sie wollen, in der Art unseres Umgangs mit den -europäischen Nationen, ja, sogar in unserer auswärtigen Politik finden. -Denn was hat Rußland in diesen ganzen zwei Jahrhunderten seit Peter mit -seiner Politik anders getan, als Europa gedient, und zwar vielleicht in -einem noch viel größeren Maße, als sich selbst? Ich glaube nicht, daß -dies nur infolge der Talentlosigkeit unserer Diplomaten geschehen ist. -Die Völker Europas wissen ja nicht einmal, wie teuer sie uns sind! Und -ich baue fest darauf, daß wir in Zukunft, d. h. natürlich nicht wir, -sondern die künftigen Russen, bereits alle ausnahmslos begreifen werden, -daß ein echter Russe sein nichts anderes bedeutet, als sich bemühen, die -europäischen Widersprüche in sich endgültig zu versöhnen, der -europäischen Sehnsucht in der russischen allmenschlichen und -allvereinenden Seele den Ausweg zu zeigen, in dieser Seele sie alle in -brüderlicher Liebe aufzunehmen und so vielleicht das letzte Wort der -großen, allgemeinen Harmonie, des brüderlichen Einvernehmens aller -Völker nach dem evangelischen Gesetz Christi auszusprechen. Ich weiß, -ich weiß, daß meine Worte, in der Begeisterung gesprochen, wie sie sind, -übertrieben und phantastisch erscheinen können. Nun wohl, mögen sie es -sein, aber ich bereue nicht, sie ausgesprochen zu haben. Sie mußten -einmal ausgesprochen werden und zwar gerade jetzt, im Augenblick unseres -Triumphes, in dem Augenblick, wo wir unseren großen genialen Toten -ehren, der gerade diesen Gedanken in seiner ganzen schöpferischen Kraft -verkörperte. - -Übrigens ist dieser Gedanke schon mehr als einmal geäußert worden. Ich -habe daher gar nichts Neues gesagt. – Am meisten wird man freilich daran -Anstoß nehmen, daß er allzu selbstbewußt scheinen könnte: „Was, uns, -unserem bettelarmen, unkultivierten Lande, fiele eine solche Aufgabe zu. -Uns wäre es bestimmt, der ganzen Welt ein neues Wort zu sagen?“ Ja, rede -ich denn von ökonomischen Erfolgen, von Erfolgen des Schwertes und der -Wissenschaft? Ich rede doch nur von der Brüderlichkeit der Menschen und -davon, daß zur universalen brüderlichen Einigung das russische Volk -vielleicht am meisten von allen anderen veranlagt und bestimmt ist, und -daß ich in unserer Geschichte, in unseren begabten Männern und im -schöpferischen Genie Puschkins die Beweise dafür sehe. Mag unser Land -arm sein, aber dieses arme Land „durchwandert Christus in -Bettlergestalt“. Ja, warum sollten wir nicht trotz unserer Armut sein -letztes Wort in uns tragen können? Hat nicht auch er im Stall in einer -Krippe geruht? - -So wiederhole ich: wir können wenigstens schon auf Puschkin, auf die -Universalität und Allmenschlichkeit seines Genies hinweisen. Vermochte -er doch das Genie jedes fremden Volkes wie ein ihm nahe verwandtes in -seine Seele aufzunehmen. Und in der Kunst, im künstlerischen Schaffen -hat er dieses Streben des russischen Geistes zur Universalität -unstreitig bewiesen, darin aber liegt schon ein großer Hinweis für uns. -Sollte unser Gedanke auch nur ein phantastischer Glaube sein, so haben -wir in Puschkin doch wenigstens etwas, woraus dieser Glaube entstehen, -worauf er fußen könnte. Wäre Puschkin nicht so jung gestorben, er hätte -uns vielleicht noch große und unsterbliche Gestalten der russischen -Seele offenbart, die unseren europäischen Brüdern bereits verständlicher -sein, die sie uns näher bringen würden, als sie uns jetzt stehen. Er -hätte ihnen vielleicht die ganze Wahrheit unserer Bestrebungen erklärt -und sie würden uns jetzt besser verstehen, hätten es leichter, unser -Wesen zu deuten und sie würden eher aufhören, so mißtrauisch und -hochmütig auf uns herabzusehen, wie sie es jetzt tun und noch lange tun -werden. Hätte Puschkin länger gelebt, dann gäbe es vielleicht auch -zwischen uns Russen weniger Mißverständnisse und Streitigkeiten, als es -ihrer jetzt zwischen uns gibt. Aber Gottes Ratschluß war anders. -Puschkin starb in der Blüte seiner Jahre und seines Könnens und hat -fraglos ein großes Geheimnis mit sich ins Grab genommen, so daß wir -jetzt versuchen müssen, dieses Geheimnis ohne ihn zu erfassen. - - - Bei gebotener Gelegenheit einige Vorlesungen über verschiedene - - Themata auf Grund einer Auseinandersetzung, die mir Herr A. - Gradowskij gehalten hat - - - I. - - Etwas von größter Bedeutung. - -Ich hatte die neue Nummer meines „Tagebuchs“ bereits beendet, indem ich -ihren Inhalt auf meine am 8. Juni in Moskau gehaltene „Rede“ und ein -Vorwort zu derselben beschränkte. Das Vorwort „Zur Puschkinrede“ schrieb -ich in der Vorahnung des Lärms, den man schlagen werde und der denn auch -richtig nach dem Erscheinen meiner Rede in den „Moskauer Nachrichten“ -nicht lange auf sich hat warten lassen. Als ich aber Ihre Kritik las, -Herr Gradowskij, ließ ich den Druck des „Tagebuchs“ bis auf weiteres -einstellen, um in derselben Nummer noch meine Antwort auf Ihre Angriffe -veröffentlichen zu können. - -Oh, meine Vorahnungen sind alle in Erfüllung gegangen, das Geschrei, das -sich erhoben hat, ist fürchterlich: stolz sei ich und feig sei ich, und -eingebildet und ein „Dichter“! und die Polizei hätte man requirieren -sollen, um die „Ausschreitungen“ des Publikums einzudämmen – das heißt, -natürlich, eine moralische Polizei, eine liberale Polizei. Aber warum -denn nicht die wirkliche? Ist doch auch diese bei uns jetzt liberal, -sogar durchaus nicht weniger liberal, als die liberalen Herren, die -dieses Geschrei über uns erhoben haben. Es fehlte ja auch nicht viel, -und die wirkliche hätte eingegriffen! Doch lassen wir dieses Thema -vorläufig, ich will lieber gleich zur Abwehr Ihrer Angriffe übergehen. -Vorher möchte ich nur noch bemerken, daß ich mit Ihnen persönlich weder -etwas zu schaffen noch mich über etwas auseinanderzusetzen habe, Herr -Gradowskij. Letzteres ist so ausgeschlossen, daß ich tatsächlich nicht -im geringsten die Absicht habe, Sie zu überzeugen oder gar von Ihrer -Ansicht abzubringen. Auch früher schon habe ich mich, wenn ich Ihre -Artikel las, stets über den Gedankengang derselben gewundert. Wenn ich -Ihnen jetzt antworte, so geschieht das ausschließlich um der – anderen -willen: ich meine unsere Leser, die dann über uns urteilen können. Für -diese schreibe ich. Ich fühle, ich ahne, ja ich sehe sogar, daß neue -Elemente erstanden sind und erstehen, die sich bis zur Verzweiflung nach -einem neuen Wort sehnen, die angewidert sind von dem alten liberalen -Gespött über Rußland, über jedes Wort der Hoffnung auf Rußland, die müde -sind des liberal-zahnlosen Skeptizismus der alten Leichen, die man zu -beerdigen vergessen hat, und die denn auch nur deshalb noch unter uns -wandeln, dabei freilich sich nach wie vor für die junge Generation -halten. Jawohl: müde der alten liberalen Führer und Retter Rußlands, die -sich in den ganzen fünfundzwanzig Jahren ihres Aufenthaltes bei uns nur -als „grundlose Marktschreier“ erwiesen haben. Kurz, ich möchte außer -meiner Antwort auf Ihre Bemerkungen noch _vieles_ sagen, so daß ich, -wenn ich antworte, eigentlich nur die gebotene Gelegenheit ergreife, um -mich auszusprechen. - -Zunächst stellen Sie die Frage – und machen mir damit sogar einen -Vorwurf –, warum ich nicht deutlicher erklärt habe, woher sich diese -Menschen ohne festen Verbleib, von denen ich in meiner „Rede“ sprach, -bei uns eingebürgert haben. Nun, die Geschichte ihrer Herkunft ist lang, -da müßte man weit ausholen. Überdies würden Sie mir ja doch nicht -beistimmen, gleichviel was ich Ihnen hierauf antworten wollte, denn Sie -haben schon eine eigene Antwort auf die Frage, wie sie unter uns möglich -geworden sind, in Bereitschaft, und die lautet ganz einfach: „Infolge -des Jammers, mit solchen rohen Leuten wie Skwosnik-Dmuchanowskij[23] -zusammenleben zu müssen, und außerdem natürlich vor Kummer über die -damals noch nicht befreiten Bauern“ – eine Folgerung, die im allgemeinen -eines zeitgenössischen russischen Liberalen wert ist, eines von diesen -Leuten, bei denen alles was Rußland betrifft, bereits längst – -ungeachtet unserer Probleme, die jetzt erst aufkommen – gelöst und -unterschrieben ist. Das geschieht nämlich bei ihnen mit einer -ungeheuren, nur dem russischen Liberalen möglichen Leichtigkeit. - -Nichtsdestoweniger ist diese Frage viel schwieriger und verwickelter, -als Sie denken; jawohl, bedeutend schwieriger und zwar trotz Ihrer -vermeintlich endgültigen Lösung des Problems. Was nun die Leute wie -Skwosnik-Dmuchanowskij und ihren Kummer wegen der Leibeigenschaft der -Bauern betrifft, so werde ich noch darauf zurückkommen. Doch zunächst -gestatten Sie, daß ich mich zu einem von Ihnen gebrauchten höchst -bezeichnenden Wort äußere, das Sie wiederum mit einer Leichtfertigkeit, -die fast an Mutwillen grenzt, ausgesprochen haben und das ich nicht -übergehen darf. - -Sie schreiben: - -„... Wie dem auch sei, jedenfalls befinden wir uns schon seit -zweihundert Jahren unter dem Einfluß der europäischen Aufklärung, die -auf uns überaus stark einwirkt – wohl dank des ‚universalen -Verständnisses‘ der Russen, welches Herr Dostojewski für unsere -nationale Eigentümlichkeit erklärt hat. Vor dieser Aufklärung können wir -nicht so einfach etwa irgendwohin flüchten – wir wüßten auch nicht -warum? Es ist das eine Tatsache, an der wir nichts zu ändern vermögen, -aus dem einfachen Grunde nicht, weil jeder Russe, dem es um seine -Aufklärung zu tun ist, diese Aufklärung unbedingt aus der europäischen -Quelle erhält, eben infolge des unbedingten Nichtvorhandenseins -russischer Quellen ...“ - -Dies ist gewiß sehr schwungvoll von Ihnen ausgedrückt. Aber Sie haben da -unter anderem ein großes Wort gebraucht: „Aufklärung“. Erlauben Sie, daß -ich Sie frage, was Sie unter diesem Wort verstehen: die Wissenschaft des -Westens, die Technik, die handwerklichen Fertigkeiten oder die – -Aufklärung des Geistes? Was die ersteren betrifft, d. h. die -Wissenschaften und die Techniken, so müssen wir die allerdings vom -Westen übernehmen, und uns in der Beziehung von Europa abzuwenden, dazu -haben wir gar keinen Grund, ganz abgesehen davon, daß es andere -Lehrmeister nicht gibt, außer den westeuropäischen, wofür Europa von uns -Dank und Preis sei ewiglich. Aber unter Aufklärung verstehe ich (und ich -denke, daß niemand sie anders auffassen kann), verstehe ich – das, was -das Wort buchstäblich besagt: „Erleuchtung“, also das geistige Licht, -das die Seele erhellt, das Herz durchleuchtet, den Verstand lenkt und -ihm den Lebensweg weist. Wenn das Wort aber dies bedeutet, so gestatten -Sie mir, zu erklären, daß wir durchaus keine Veranlassung haben, eine -solche Aufklärung aus den westeuropäischen Quellen zu beziehen, eben -infolge des vollkommenen Vorhandenseins (und keineswegs -Nichtvorhandenseins) russischer Quellen. Sie wundern sich? Ja, sehen -Sie: im Streit der Meinungen, da liebe ich es, gleich mit dem -Wesentlichen der Sache anzufangen, um die es sich handelt. - -Ich behaupte, daß unser Volk schon seit langem aufgeklärt ist, da es -Christus und die Lehre Christi in sein Wesen aufgenommen hat. Man wird -mir hierauf entgegnen, das Volk kenne die Lehre Christi nicht und -Predigten würden ihm nicht gehalten. Das ist aber nur ein leerer -Einwand: es kennt alles, alles das, was es wissen soll, obschon es ein -Examen in der Religion nicht bestehen würde. Gelernt aber hat es das, -was es weiß, in seinen Kirchen, wo es im Laufe von Jahrhunderten die -Gebete und Hymnen hört, die besser sind, als mittelmäßige Predigten. Es -hat sie für sich wiederholt und gesungen in den Wäldern, wenn es vor den -ins Land einfallenden Feinden flüchtete, und vielleicht hat es schon zu -Batyjs Zeiten, als die Tatarenhorden durchs Land zogen, gesungen: „Herr, -sei mit uns!“ Vielleicht ist diese Hymne damals entstanden, denn außer -Christus hatten die Horden uns alles geraubt, es blieb uns nichts als -Christus. In dieser Hymne aber ist bereits die ganze Wahrheit Christi -enthalten. Und was will es besagen, daß dem Volk keine langen Predigten -gehalten werden und daß die Diakone die Heilige Schrift in uns -unverständlicher Weise vortragen – die größte Anklage, die gegen unsere -Kirche erhoben wird, von unseren Liberalen natürlich, denselben, die -auch die Behauptung ersonnen haben, die kirchenslawische Sprache sei -schon als solche unbequem und dazu dem Volk unverständlich?! Dafür tritt -der Priester zu ihm hinaus und spricht das Gebet „Herr meines Lebens“ – -in diesem Gebet aber ist das ganze Wesen des Christentums enthalten, -sein ganzer Katechismus, und dieses Gebet kennt das Volk auswendig, so -wie es auch viele Lebensgeschichten der Heiligen kennt und nie müde -wird, andächtig zuzuhören, wenn jemand sie erzählt. Doch die Hauptschule -des Christentums, die das Volk durchgemacht hat, das sind die -Jahrhunderte der zahllosen Leiden und Heimsuchungen, von denen seine -Geschichte berichtet, die Jahrhunderte, in denen es von allen verlassen -und niedergetreten war, dabei für alle und alles arbeitete, in Christus -aber nur seinen Tröster behielt, den es denn auch auf ewig in sein Herz -schloß und der dafür seine Seele vor der Verzweiflung bewahrte. -Übrigens, wozu sage ich Ihnen dies alles? Will ich Sie denn etwa -überzeugen? Meine Worte werden Ihnen natürlich kindisch, wenn nicht ganz -überflüssig erscheinen. Doch ich wiederhole zum drittenmal: nicht um -Ihretwillen schreibe ich. Dies Thema ist von großer Wichtigkeit, darüber -muß noch vieles gesagt werden – und das werde ich auch, solange ich noch -die Feder in der Hand halte. Jetzt aber will ich meinen Gedanken nur als -These aussprechen: Wenn unser Volk schon seit langer Zeit aufgeklärt -ist, weil es in sein Wesen Christus und dessen Lehre aufgenommen, so hat -es mit ihm zugleich natürlich auch die _wahre_ Aufklärung angenommen. -Bei diesem eigenen Vorrat an Aufklärung können ihm die Wissenschaften -des Westens selbstverständlich zu einer unschätzbaren Wohltat werden, -und wir brauchen nicht zu befürchten, daß das Bild Christi durch die -Wissenschaften bei uns so getrübt werden könnte, wie im Westen selbst. -Übrigens ist das auch dort nicht durch die Wissenschaften geschehen, wie -es die Liberalen gleichfalls behaupten, sondern schon viel früher, als -die Kirche des Westens selbst die Erscheinung Christi entstellte, indem -sie sie von neuem in der Gestalt des Papsttums verkörperte und sich aus -einer Kirche in einen neuen römischen Staat verwandelte. Ja, im Westen -gibt es wahrlich kein Christentum mehr und ebensowenig eine christliche -Kirche, obschon es dort noch viele Christen gibt, die ja wohl nie ganz -aussterben werden. Der Katholizismus ist nicht mehr Christentum und geht -in Götzendienst über, der Protestantismus aber nähert sich mit -Riesenschritten dem Atheismus, und wird zu einer schwanken, -veränderlichen (und nicht ewig feststehenden) Sittenlehre. - -Oh, versteht sich, Sie werden mir hierauf sogleich erwidern, daß das -Christentum und die Verehrung Christi keineswegs den ganzen Zyklus der -Aufklärung enthielten, diese seien nur eine Stufe derselben, und zur -Aufklärung gehörten im Gegenteil die Wissenschaften, Staatsideen, die -allgemeine Entwicklung usw. usw. Darauf kann ich Ihnen freilich nichts -antworten und eine Antwort wäre wohl auch nicht angebracht, denn wenn -Sie zum Teil recht haben mögen, in betreff der Wissenschaften, zum -Beispiel, so werden Sie doch dafür niemals zugeben, daß das Christentum -unseres Volkes die hauptsächlichste und lebendigste Grundlage seiner -Aufklärung ist und _ewig bleiben muß_! In meiner Rede sagte ich, daß -Tatjana, indem sie sich weigerte, Onegin zu folgen, in russischem Geiste -gehandelt habe, nach der Auffassung des russischen Volkes von Ehre und -Gerechtigkeit. Einer meiner Kritiker jedoch, den es offenbar kränkt, daß -das russische Volk eine eigene wahre Anschauung haben soll, widerspricht -mir plötzlich mit der Frage: „Aber die Versündigung gegen das siebente -Gebot?“ Kann man solchen Kritikern überhaupt antworten? Hauptsächlich -kränkt sie ja doch, daß das russische Volk seine festen Begriffe von -Rechtschaffenheit haben und somit wirklich aufgeklärt sein könnte. Ja, -existiert denn der Ehebruch in unserem ganzen Volk, und existiert er -denn als Recht und in Rechtschaffenheit? Hält ihn denn das ganze Volk -für gut und richtig? Gewiß, unser Volk ist noch roh, wenn auch längst -nicht das ganze Volk, o nein, bei weitem nicht das ganze Volk, das -schwöre ich, und ich darf es schwören, denn ich kenne unser Volk, ich -habe mit ihm jahrelang zusammengelebt, habe mit ihm gegessen und -geschlafen und ward selbst „zu den Verbrechern gezählt“; ich habe -gemeinsam mit ihm im Schweiße des Angesichts die Arbeit schwieliger -Hände verrichtet, während die anderen, die ihre Hände „in Blut -getaucht“, die „Liberalen“ spielten und über das Volk spöttelten und in -Vorträgen und Aufsätzen zu dem Ergebnis kamen, daß unser Volk „von -Tiergestalt und auch geistig von Tierart“ sei. Also sagen Sie mir nicht, -daß ich das Volk nicht kenne! Ich kenne es: von ihm aus habe ich -Christus wieder in meine Seele aufgenommen, den ich als Kind im -Elternhause kennen gelernt, dann aber verloren hatte, als auch ich mich -in einen „europäischen Liberalen“ verwandelte. Doch gut, mag unser Volk -sündig und roh sein, und tierisch seine Gestalt und seine Art: „Der Sohn -ritt auf der Mutter“ usw. Sie kennen doch das Lied? – aus irgendeinem -Anlaß muß es ja entstanden sein! Alle russischen Lieder sind nach einem -Geschehnis entstanden, nach etwas wirklich Gewesenem – ist Ihnen das -noch nicht aufgefallen? Aber so seid doch wenigstens einmal gerecht, ihr -Liberalen: bedenkt, was das Volk in all den vergangenen Jahrhunderten -durchgemacht hat! Fragen Sie sich zunächst, wer an seiner Roheit am -meisten schuld ist, verurteilen Sie es nicht so blindlings! Es ist doch -mehr als lächerlich, einen Bauern deshalb zu verurteilen, weil er nicht -von einem französischen Coiffeur zurecht gestutzt ist, – denn darauf -laufen alle diese Beschuldigungen im Grunde hinaus, die unsere -europäischen Liberalen gegen unser Volk erheben, da sie sich nun einmal -darin so überaus gefallen, ihm alles abzusprechen: es soll weder eine -Persönlichkeit haben, noch eine Nationalität! Mein Gott, im Westen aber, -gleichviel bei welchem Volk – gibt es denn dort weniger Trunksucht und -Diebstahl, und etwa nicht ebensolche Roheit, dabei noch eine Verstockung -des Herzens und eine Erbitterung, die es in unserem Volk nicht gibt, das -dafür von wirklicher, echter, unwissender Roheit ist, das wahre -Gegenteil der Aufklärung, denn diese ist bisweilen mit einer solchen -Gottlosigkeit verbunden, wie man es nicht für möglich halten sollte, -wird aber dort nicht mehr für Sünde gehalten, sondern gerade für die -einzige Wahrheit. Mag immerhin unserm Volk Tierisches und Sündhaftes -anhaften, eines aber hat es zweifellos: das ist, daß es wenigstens, als -Ganzes genommen (und nicht nur im Ideal, sondern in der wirklichsten -Wirklichkeit) seine Sünde niemals für das Richtige gehalten hat, hält -oder halten wird, auch niemals den Wunsch empfinden wird, sie dafür zu -halten! Es sündigt, aber früher oder später sagt es doch: ich habe -gefehlt. Sagt es nicht der Sündige selbst, so sagt es ein anderer für -ihn, und die Wahrheit bleibt bestehen. Die Sünde ist wie stinkender, -stickiger Dunst, und der wird sich verflüchtigen, sobald die Sonne -vollends aufgeht. Die Sünde ist etwas Vorübergehendes, Vergängliches, -Christus aber ist ewig. Das Volk sündigt stündlich und treibt Unfug, -aber in besseren Stunden, in den Stunden Christi verwechselt es nie -Recht mit Unrecht. Das eben ist das Wichtige: woran ein Volk glaubt, -worin es die Wahrheit sieht, wie es sich dieselbe denkt, was sein -höchster Wunsch ist, was es liebt und um was es zu Gott betet. Dieses -Ideal ist in unserem Volk – Christus. Mit Christus aber besitzt es -natürlich auch Aufklärung, und in wichtigen, entscheidenden Augenblicken -hat denn auch unser Volk alles, was es volklich anging, stets im -christlichen Sinne entschieden. Sie werden spöttisch einwenden: „Weinen, -das ist wenig, seufzen gleichfalls, man muß auch handeln, man muß auch -verwirklichen.“ Aber unter Ihnen, meine Herren, die Sie doch aufgeklärte -Europäer zu sein glauben, gibt es denn unter Ihnen viele Gerechte? -Nennen Sie mir doch Ihre Gerechten, die Christus ersetzen könnten! In -dem Volk aber gibt es Gerechte. Es kommen unleugbar in ihm Charaktere -von unendlicher Schönheit und Stärke vor, die freilich von Ihnen noch -nicht bemerkt worden sind. Aber es gibt diese Gerechten und Märtyrer der -Wahrheit – gleichviel ob wir sie sehen oder nicht sehen. Ich weiß nicht -– wem es gegeben ist, sie zu sehen, der wird sie natürlich sehen -und begreifen, wer aber in ihnen nur Tiere sieht, der wird -selbstverständlich nichts sehen als das Tierische. Aber das Volk weiß, -daß es diese Gerechten unter ihm gibt, schenkt ihnen sein volles -Vertrauen, ist stark und gefestigt in diesem Gedanken und in der -Hoffnung, daß sie es immer im nötigen, alle bedrängenden Augenblick -retten werden. Und wie oft schon hat unser Volk das Vaterland gerettet! -Und noch vor kurzem hat es sich, als es vor Sünde, Trunksucht und -Sittenlosigkeit fast schon zu verfaulen schien, in neuer geistiger -Freude und Frische erhoben und den letzten Krieg für den Glauben -Christi, den die Muselmänner mit Füßen traten, ausgefochten. Es nahm den -Krieg an, es griff gleichsam nach ihm, wie nach einer Möglichkeit, sich -durch Opfer von den Sünden und Sittenlosigkeiten zu reinigen; und es -sandte seine Söhne hin, zu kämpfen und, wenn es sein müßte zu fallen für -die heilige Sache, und es schrie nicht, daß der Rubel sinke und der -Preis für Lebensmittel steige. Es hörte voll Spannung zu, wenn jemand -vom Kriege erzählte, es forschte gierig weiter und las selbst in den -Zeitungen, soviel es nur lesen konnte, dessen sind wir Zeugen und -solcher Zeugen gibt es viele. Ich weiß: die Erhebung des Volksgeistes -während des letzten Krieges, und um so mehr noch der Grund dieser -Erhebung, werden von unseren Liberalen nicht anerkannt, sie lachen über -diese „Idee“. „Wie, in diesen Knechten soll eine sie alle vereinende -Idee stecken, sie sollen staatsbürgerliches Gefühl, einen politischen -Gedanken haben! – darf man das auch nur annehmen?“ Und warum, warum ist -unser europäischer Liberaler so oft ein Feind des russischen Volkes? -Warum stehen in Europa diejenigen, die sich Demokraten nennen, immer für -das Volk ein oder stützen sich wenigstens auf das Volk, indes unser -Demokrat so oft den Aristokraten spielt und zu guter Letzt fast immer -dem dient, was die Volkskraft unterdrückt, um als richtiger -selbstherrlicher „Herr“ sein Leben zu beschließen? Oh, ich behaupte ja -nicht, daß sie bewußt Feinde des Volkes seien, aber gerade in der -Unbewußtheit liegt das Tragische. Sie sind ungehalten über meine Fragen? -Das ändert nichts an der Sache. Für mich sind das alles Axiome, und ganz -gewiß werde ich nicht aufhören, sie zu erklären und zu beweisen, solange -ich noch schreibe und spreche. - -Doch kommen wir zum Schluß: mit den Wissenschaften verhält es sich so -wie ich sagte, aber „Aufklärung“ brauchen wir nicht aus westeuropäischen -Quellen zu beziehen. Täten wir es, so könnten sich mit Leichtigkeit -solche landläufigen Phrasen einschleppen, wie zum Beispiel: _Chacun pour -soi et Dieu pour tous_, oder _après nous le déluge_. Oh, gewiß wird man -nun sogleich zetern: „Gibt es denn bei uns nicht auch solche Aussprüche, -sagt man nicht bei uns zum Beispiel: ‚Der verzehrten Gaben gedenkt man -nicht‘, und Hunderte von ähnlichen Sprichwörtern?“ Ja, der Sprichwörter -gibt es viele im Volk: der Verstand des Volks ist gar nicht so gering, -ebensowenig ist es ohne Humor, und die zunehmende Erkenntnis flüstert -immer allerlei pessimistische Betrachtungen ein – aber das sind bei uns -doch alles nur Redensarten, und dem Volk fällt es gar nicht ein, an ihre -moralische Wahrheit zu glauben, es scherzt über sie und verneint sie -selbst. Werden Sie es aber wagen, zu behaupten, daß „_Chacun pour soi et -Dieu pour tous_“ im Westen nur eine Redensart sei und nicht eine -gesellschaftliche Formel, die dort von allen angenommen ist und der alle -dienen und an deren Richtigkeit alle glauben? Wenigstens alle -diejenigen, die über dem Volk stehen und das Volk im Zaum halten, die -Land und Arbeiter besitzen und wie Schildwachen vor der „europäischen -Aufklärung“ aufgepflanzt sind. Wozu bedürften wir wohl einer solchen -Aufklärung? Was sollten wir mit einer solchen anfangen? Nein, suchen wir -lieber bei uns etwas anderes. Die Wissenschaften sind eine Sache für -sich und die Aufklärung ist gleichfalls eine Sache für sich. In der -Hoffnung auf das Volk und im Vertrauen auf seine Kräfte werden wir -vielleicht noch irgendeinmal diese unsere christliche Aufklärung in -vollem Glanz und in ihrer ganzen Schönheit entfalten. Sie werden mir nun -freilich sagen, das sei ein langes Hin und Her als Antwort auf Ihre -Kritik. Mag sein! Ich betrachte diese Ausführungen selbst nur als ein -Vorwort, jedoch als ein notwendiges. Ganz wie Sie in meiner „Rede“ -solche Punkte, in denen Sie nicht mit mir übereinstimmen, hervorheben -und diese für das Wichtigste halten, so habe auch ich jetzt einen -solchen Punkt aus Ihrer Kritik hervorgehoben, einen, in dem ich den Kern -unserer Meinungsverschiedenheit sehe und der uns am meisten hindert, zu -einer Übereinstimmung zu gelangen. Nun ist das Vorwort beendet, befassen -wir uns jetzt mit Ihrer Kritik und zwar von nun an ohne Abschweifungen. - - - II. - - Aleko und Dershimorda[24]. Alekos Kummer um den leibeigenen - Bauern. Einige Anekdoten. - -Sie schreiben in Ihrer Kritik meiner Rede: - - „... doch hat Puschkin, als er Aleko und Onegin in ihrer Verneinung - darstellte, nicht gezeigt, was sie denn eigentlich ‚verneinten‘, und - es dürfte sehr gewagt sein, zu behaupten, daß sie gerade die - ‚Volkswahrheit‘, diese Grundlage der russischen Weltanschauung, - verneint hätten. Das ist bei ihm nirgendwo gesagt.“ - -Nun, ob es von ihm gesagt oder nicht gesagt wurde, und wie groß das -Wagnis einer solchen Behauptung auch gewesen sei – darauf werden wir -sogleich zu sprechen kommen. Zunächst wenden wir uns dem Passus zu, in -dem Sie von Gogols Skwosnik-Dmuchanowskijs sprechen, bei denen Puschkins -Aleko es nicht ausgehalten haben soll, weshalb er das Weite suchte – -angeblich suchen mußte – und zu den Zigeunern lief. Sie schreiben: - - „In der Tat, die Welt des damaligen ‚Skitaletz‘ war eine Welt, die - eine andere Welt verneinte. Zur Erklärung dieser Typen sind die - anderen Typen erforderlich, die Puschkin niemals dargestellt hat, - obschon er sich hin und wieder in heftigem Unmut gegen sie wandte. - Die Natur seines Talents hinderte ihn daran, in diese Finsternis - hinabzusteigen und in die ‚Perle der Schöpfung‘ Eulen und - Fledermäuse mit aufzunehmen, dieses lichtscheue Nachtvolk, das die - Kellerräume in den unteren Stockwerken des russischen Gebäudes - bevölkert.“ (sollten es nicht die oberen Stockwerke sein?) „Das hat - erst Gogol getan, die große Kehrseite Puschkins. Er ist es denn - auch, der der Welt die Erklärung gibt, weshalb Aleko zu den - Zigeunern flüchtete, weshalb Onegin sich langweilte und quälte, - weshalb alle diese ‚überflüssigen Menschen‘[25] entstanden. - - Die Korobotschka[26], die Ssobakewitschs, die - Skwosnik-Dmuchanowskijs, die Dershimordas und Tjäpkin-Ljäpkins bei - Gogol, sind die Gegenstücke zu Puschkins Aleko, Rudin und den vielen - anderen: sie bilden den Hintergrund, ohne den diese Gestalten - unverständlich wären. Aber die Gogolschen Helden waren doch auch - Russen – Gott, und wie echte noch dazu! Die Korobotschka kannte - keinen Weltschmerz. Skwosnik-Dmuchanowskij verstand es vortrefflich - mit den Kaufleuten umzugehen. Ssobakewitsch durchschaute vollkommen - seine Bauern und sie durchschauten ihn gleichfalls. Aleko und Rudin - sahen das alles natürlich nicht und sie begriffen es auch nicht; sie - liefen einfach fort, wohin ein jeder nur konnte: Aleko zu den - Zigeunern, Rudin nach Paris, um dort auf den Barrikaden für eine - Sache zu sterben, die ihn gar nichts anging.“ - -Also sehen Sie mal, sie liefen _einfach_ fort. Oh, welch eine -Feuilletonistenleichtfertigkeit im Urteil! Und _wie_ einfach das alles -bei _Ihnen_ ist, wie klipp und klar und von vornherein schon -entschieden! Sie reden ja wahrlich in _fertigen Worten_, wie man zu -sagen pflegt. Übrigens, weshalb heben Sie es so nachdrücklich hervor, -daß Gogols Helden Russen waren – „und wie echte noch dazu!“ Das hat ja -nichts mit unserer Meinungsverschiedenheit zu schaffen! Wer weiß es denn -nicht, daß sie Russen waren? Auch Aleko und Onegin waren Russen, auch -wir, Sie und ich, sind Russen, und ein Russe, ein echter Russe, war doch -auch Rudin, der nach Paris „fortlief“, um dort für eine Sache zu -sterben, die ihn nach Ihrer Ansicht gar nichts anging. Aber gerade -deshalb ist er doch ein so echter Russe, eben weil diese Sache ihn -keineswegs so „gar nichts anging“, wie etwa einen Engländer oder -Deutschen, – denn eine europäische, eine universale, eine allmenschliche -Angelegenheit ist für einen Russen niemals gleichgültig. Und das ist -doch auch der Zug, der Rudin auszeichnet. Seine Tragödie bestand doch -hauptsächlich darin, daß er auf seinem Felde keine Arbeit fand und auf -ein anderes Feld ging und dort starb, nur war dieses Feld ihm durchaus -nicht so fremd, wie Sie annehmen. Um was es sich aber hierbei eigentlich -handelt, ist folgendes: alle diese Menschen Gogols, wie -Skwosnik-Dmuchanowskij und Ssobakewitsch, sind zwar Russen, das läßt -sich nicht leugnen, aber sie sind entartete, vom Volksboden getrennte -Russen, die, wenn sie das Volk auch von der einen Seite kennen, von der -anderen Seite des Volkes dagegen nichts ahnen, ja sie vermuten nicht -einmal, daß es eine solche andere Seite gibt – und das ist die ganze -Ursache des Unglücks dieser Menschen. Von der Seele des Volkes, von -allem dem, wonach das Volk sich sehnt, und um was es betet – von all dem -wußten sie nichts, denn sie verachteten das Volk über alle Maßen. Ja, -sie sprachen ihm die Seele einfach ab – außer im Moment der -‚Seelenrevision‘[27] natürlich. „Ssobakewitsch durchschaute vollkommen -seine Bauern,“ behaupten Sie. Das ist nicht möglich. Ssobakewitsch sah -in seinem Leibeigenen nur dessen Marktwert, den er an Tschitschikoff -verkaufen konnte. Sie behaupten, Skwosnik-Dmuchanowskij habe es -vortrefflich verstanden, mit den Kaufleuten umzugehen. Aber ich bitte -Sie! Lesen Sie doch nur die Rede dieses Skwosnik an die Kaufleute im -fünften Akt: so kann man allenfalls zu Hunden reden, aber nicht zu -Menschen – Sie jedoch nennen das „vortrefflich“ mit einem russischen -Menschen umgehen? Ist es möglich, daß Sie das wirklich „vortrefflich“ -finden? Da wär’s doch besser, einfach Ohrfeigen auszuteilen und die -Menschen an den Haaren über die Erde zu schleifen. - -In meiner Kindheit sah ich einmal auf der Landstraße einen Feldjäger -vorüberfahren – in einem prächtigen Uniformrock, einen Dreimaster mit -Federbesatz auf dem Kopf, – der den Postknecht während der rasenden -Fahrt unausgesetzt und ganz fürchterlich mit der Faust ins Genick und -auf den Rücken schlug, der Postknecht aber peitschte wiederum wie -wahnsinnig die in gestrecktem Galopp jagende Troika. Dieser Feldjäger -war natürlich von Geburt ein Russe, aber doch so verblendet und dem Volk -entfremdet, daß er sich anders nicht mit einem einfachen Russen -verständigen konnte, als mittels seiner riesigen Faust – anstatt aller -Worte. Und doch hat er sein Leben lang mit solchen Postknechten und -anderen Leuten aus dem Volk zu tun gehabt. Aber die Schöße seines -Uniformrocks und der Hut mit dem Federbesatz, sein Offiziersrang und -seine blankgeputzten Petersburger Stiefel waren ihm teurer, seelisch und -geistig teurer, nicht nur als der russische Bauer, sondern vielleicht -sogar teurer als ganz Rußland, das er kreuz und quer durchfahren und in -dem er doch aller Wahrscheinlichkeit nach so gut wie nichts -Bemerkenswertes gefunden hatte, nichts, das mehr wert gewesen wäre, als -einen Hieb seiner Faust oder einen Fußtritt mit seinem blankgeputzten -Stiefel. Seine Vorstellung von ganz Rußland beschränkte sich nur auf -seine Vorgesetzten, alles andere, was es außer dieser vorgesetzten -Behörde noch gab, schien ihm einer Existenz überhaupt nicht wert zu -sein. Wie könnte nun wohl ein solcher Mensch das Wesen des Volkes und -seine Seele begreifen! Er war zwar ein Russe, aber doch schon ein -„europäischer“ Russe, nur mit dem Unterschied, daß sein „Europäertum“ -nicht etwa mit der Aufklärung begonnen hatte, sondern mit der -Ausschweifung, wie das ja bei vielen, sehr vielen der Fall ist. Ja, -diese Verderbnis ist bei uns schon mehr als einmal für das richtigste -Mittel zur Verwandlung des Russen in einen Europäer gehalten worden. Der -Sohn eines solchen Feldjägers wird vielleicht ein Professor, d. h. -bereits ein patentierter Europäer geworden sein. Also reden Sie doch -nicht von ihrem Verständnis des Volkswesens! Da taten Männer not wie -Puschkin, Chomjäkoff, Ssamarin, Aksakoff[28], die als erste von dem -wirklichen Wesen des Volkes zu sprechen anfingen. (Vor ihnen war von -diesem Wesen allerdings schon manchmal die Rede gewesen, aber diese Rede -hatte immer irgendwie klassisch und theatralisch geklungen!) Als aber -diese Männer endlich von der „Volkswahrheit“ zu reden anfingen, da sah -man sie erstaunt an und hielt sie für Epileptiker und Idioten, und man -glaubte, ihr Ideal sei: „Rettich zu essen und Denunziationen zu -schreiben“. Ja, Denunziationen! Sie setzten eben durch ihr Erscheinen -und ihre Ansichten alle so in Erstaunen, daß die Liberalen schon -bedenklich wurden und zu fürchten anfingen: wie, wollten diese -sonderbaren Leute sie nicht am Ende denunzieren? Nun urteilen Sie -selbst: sind von den heutigen Liberalen wohl schon viele weit abgekommen -von einer so lächerlich dummen Auffassung der Slawophilen? - -Doch zur Sache! Sie sagen, Aleko sei von Dershimorda zu den Zigeunern -gelaufen. Gut, nehmen wir an, daß es sich so verhält. Aber das Schlimme -dabei ist, daß Sie selbst, Herr Gradowskij, mit vollkommener Überzeugung -Aleko das Recht auf diesen Widerwillen zusprechen. Sie sagen zwischen -den Zeilen ungefähr: „Es war ihm eben unmöglich, _nicht_ zu den -Zigeunern fortzulaufen, denn Dershimorda war doch gar zu gemein.“ Ich -aber behaupte, daß Aleko und Onegin in ihrer Art gleichfalls -Dershimordas waren, und in einer Beziehung sogar noch schlimmere. Nur -tue ich das mit dem Unterschied, daß ich nicht ihnen die Schuld daran -zuschreibe, da ich die Tragik ihres Schicksals vollkommen begreife, Sie -aber loben sie noch dafür, daß sie fortliefen: „So große und -interessante Menschen, wie sie waren, wie hätten sie sich mit solchen -Ungeheuern einleben sollen?“ meinen Sie, wenn Sie es auch nicht -aussprechen. Sie irren sich aber sehr. Da behaupten Sie auch gleich, -Aleko und Onegin wären durchaus nicht vom Boden losgerissen gewesen und -hätten durchaus nicht die Volkswahrheit verneint. Und nicht nur das: -„Sie waren auch durchaus nicht hochmütig“ – sogar das behaupten Sie. -Aber hier ist doch der Hochmut die gerade, logische und unvermeidliche -Folge ihrer Abstraktheit, ihrer Losgerissenheit vom Volksboden. Sie -können doch nicht leugnen, daß sie das Land nicht gekannt haben, da sie -in Instituten aufwuchsen und erzogen wurden, daß sie Rußland in -Petersburg, im Staatsdienst, kennen lernten und zum Volk immer im -Verhältnis des Herrn zum Leibeigenen standen. Und wenn sie auch auf -ihren Gütern in nächster Nähe der Bauern lebten, so kannten sie diese -doch nicht. Jener Feldjäger hatte auch sein Leben lang mit Postkutschern -zu tun gehabt und sah dennoch nichts anderes in ihnen, als Wesen, die -nur Schläge seiner Faust verdienten. Aleko und Onegin verhielten sich -Rußland gegenüber wie erhaben über alles, und waren hochmütig und -anmaßend und unduldsam, wie alle, die in einem vom Volk getrennten engen -Kreise leben, unter Bedingungen, die man mit „alles-frei“ bezeichnen -kann, nämlich frei sowohl von der Bauernarbeit wie auch von der -europäischen Kulturarbeit, von der sie gleichfalls die Nutznießung -gratis hatten. Gerade daraus aber – daß alle unsere intelligenten Leute -infolge einer gewissen historischen Entwicklung fast im Laufe der ganzen -letzten zwei Jahrhunderte unserer Geschichte sich in Müßiggänger, die -bloß ihre Hände pflegten, verwandelt haben, läßt sich ihre Abstraktion, -ihre Losgelöstheit vom Heimatboden erklären. Nicht an Dershimorda -scheiterte er, sondern an sich selbst, weil er sich Dershimorda und -dessen Herkunft nicht zu erklären verstand. Dazu war er viel zu stolz. -Aus diesem Grunde fand er auch keine Möglichkeit, auf dem eigenen Felde -zu arbeiten. Die anderen aber, die an diese Möglichkeit glaubten, hielt -er für Dummköpfe oder gleichfalls für Dershimordas. Und nicht nur in -seinem Verhalten zu Dershimorda war unser Skitaletz stolz, er war es -auch ganz Rußland gegenüber, denn nach seiner Überzeugung bestand -Rußland nur aus Sklaven und Dershimordas. Wenn es aber noch etwas -Edleres enthielt, so waren sie allein dieses Edlere, sie, Aleko und -Onegin, sonst aber niemand außer ihnen. Daraus folgte die Überhebung -ganz von selbst. Indem sie in ihrer Absonderung vom Volk verblieben, -mußten sie sich natürlich wundern, wie hoch sie in ihrer Bildung über -den gemeinen Dershimordas standen, selbstverständlich ohne auch nur das -Geringste von diesen zu begreifen. Wären sie nicht stolz gewesen, so -hätten sie begriffen, daß auch sie selbst Dershimordas waren, nach -dieser Einsicht aber hätten sie dann – und zwar gerade durch diese -Einsicht – vielleicht auch den Weg zur Versöhnung gefunden. Dem Volk -gegenüber aber empfanden sie eigentlich nicht einmal so sehr Stolz als -einfach Ekel, und zwar alle ausnahmslos. Sie werden das freilich nicht -glauben wollen, im Gegenteil, Sie geben nur oberflächlich zu, daß -einzelne Charakterzüge Alekos und Onegins allerdings nicht angenehm -sind, um mir gleich darauf den Text zu lesen und anmaßend zu behaupten, -ich hätte einen beschränkten Blick und es wäre wohl kaum vernünftig, -„die Symptome zu kurieren, die Wurzel der Krankheit aber unangerührt zu -lassen“. Sie glauben, daß ich, wenn ich sage: „Demütige dich, stolzer -Mensch“ – damit Aleko nur seine persönlichen Eigenschaften, seine -Privatfehler zum Vorwurf mache, den eigentlichen Grund des Übels jedoch -vollständig übersehe, „als läge das ganze Wesen der Sache nur in den -persönlichen Eigenschaften der Stolzen, die sich nicht demütigen -wollen“, wie Sie meinen. „Es ist ja noch gar nicht festgestellt,“ sagen -Sie, „wem gegenüber der Skitaletz denn nun eigentlich so stolz war, und -damit ist auch die Frage noch offen, wovor er sich denn hätte demütigen -sollen.“ Das ist mir denn doch ein gar zu hochmütiger Einwurf von Ihnen! -Ich glaube, ausdrücklich gesagt zu haben, daß der Skitaletz ein Produkt -der historischen Entstehung unserer Gesellschaft ist, folglich wälze ich -doch nicht die ganze Schuld nur auf seine Person, auf seine persönlichen -Eigenschaften. Sie haben das gelesen, denn ich habe es geschrieben und -es steht gedruckt, weshalb übergehen Sie es also? Sie zitieren meinen -ganzen Passus über das „Demütige dich“ und schreiben dann von sich aus: - - „Mit diesen Worten hat Herr Dostojewski das ‚Allerheiligste‘ seiner - Überzeugungen ausgesprochen, das, was zugleich die Stärke und - Schwäche des Autors der ‚Brüder Karamasoff‘ ausmacht. In diesen - Worten ist ein großes _religiöses_ Ideal enthalten, eine mächtige - Predigt _persönlicher_ Ethik, aber es fehlt jede Andeutung - _sozialer_ Ideale.“ - -Und darauf beginnen Sie sogleich, die Idee der „persönlichen -Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ zu kritisieren. Auf -Ihre diesbezügliche Meinung werde ich noch zu sprechen kommen, zunächst -will ich Ihnen Ihre ganze Unterlage, die Sie, wie es scheint, zu -verbergen wünschen, aufdecken und sie Ihnen zeigen, und zwar -folgendermaßen: Sie ärgern sich über mich nicht nur deshalb, weil ich -dem Skitaletz manches zum Vorwurf mache, sondern weil ich in ihm nicht -wie Sie die Idealgestalt sittlicher Vervollkommnung sehe und ihn nicht -für den gesunden Russen halte, wie er nur sein kann und sein soll. Daß -Sie trotzdem zugeben, Aleko und Onegin hätten freilich einige -„unsympathische Charakterzüge“, ist nur eine Finte von Ihnen. Ihrer -inneren Auffassung nach, die Sie aus irgendeinem Grunde nicht ganz -aussprechen wollen, ist der Skitaletz der Typ des normalen und -ästhetischen Menschen, letzteres schon deshalb, weil er von Dershimorda -fortläuft. Sie sind sogar höchst ungehalten, wenn jemand es wagt, in -diesem Typ auch nur einen Fehler zu finden. Sie sagten bereits -unumwunden: „Es ist doch sinnlos, zu behaupten, daß sie an ihrem Stolz -gescheitert seien und sich nicht vor der Volkswahrheit hätten demütigen -wollen.“ Und zum Schluß behaupten Sie noch mit Eifer, daß gerade diese -unsere Menschenklasse die Bauern befreit habe. Sie schreiben: - - „Sagen wir mehr: wenn in der Seele der besten dieser Skitaltzy aus - der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ein Gedanke lebte, so war das - gerade der Gedanke an das Volk, und ihr glühendster Haß galt gerade - der Sklaverei, die dieses Volk bedrückte. Gewiß haben sie auf ihre - Art das Volk geliebt und die Leibeigenschaft gehaßt, meinetwegen - ‚als Europäer‘, wenn man will. Aber wer war es denn, wenn nicht sie, - die unsere Gesellschaft zur Aufhebung der Leibeigenschaft - vorbereiteten? Wo sie konnten, haben auch sie dem ‚eigenen Acker‘ - gedient, anfangs als Verbreiter der Befreiungsidee, dann aber als - Vermittler, als welche sie in erster Reihe wirkten.“ - -Das ist es eben, daß die Skitaltzy die Leibeigenschaft in ihrer Art -haßten, eben „europäisch“ haßten, darin liegt ja der ganze Kern der -Sache. Das ist es eben, daß sie die Leibeigenschaft nicht um der -russischen Bauern willen haßten, um des Russen willen, der für sie -arbeitete, als ihr Leibeigener, dessen Arbeit sie ernährte und der -folglich auch von ihnen – wenn sie es auch in Gemeinschaft mit anderen -taten, so doch immerhin auch von ihnen – geknechtet wurde. Wer verbot -ihnen denn, wenn sie schon so sehr unter dieser Beleidigung ihres -staatsbürgerlichen Gefühls litten, daß sie zu den Zigeunern liefen oder -auf die Barrikaden nach Paris – wer hinderte sie denn, ganz einfach -wenigstens ihre eigenen Bauern zu befreien und einen Teil des eigenen -Landes unter ihnen zu verteilen, um damit wenigstens das eigene Gewissen -von diesem Unrecht und sich selbst von der persönlichen Verantwortung -freizumachen? Aber von solchen Befreiungen hat man seltsamerweise nicht -viel gehört, staatsbürgerliches Wehgeschrei dagegen ertönte doch genug -und allerorten. „Das Milieu“, heißt es ja wohl, „das Milieu war die -Fessel, und wie hätte er sich selbst seines Vermögens berauben sollen?“ -Aber weshalb denn nicht, wenn die Bauern ihm schon so leid taten, daß er -auf die Barrikaden lief? Ja, sehen Sie, das war es nun wieder, daß man -in diesem „Städtchen Paris“ nicht ohne Geld auskam, selbst wenn man an -den Barrikadenkämpfen teilnahm, die Leibeigenen aber – schickten den -Zins. Oder man machte es noch einfacher: man verpfändete oder verkaufte -die Bauern, oder tauschte sie ein (war das nicht ganz gleich?), und -hatte man das Kapital flüssig gemacht, dann fuhr man nach Paris, um dort -behilflich zu sein, französische radikale Journale und Revuen -herauszugeben, jetzt schon zum Heil der ganzen Menschheit, und nicht nur -des russischen Bauern. Sie versichern, Herr Gradowskij, daß der Kummer -um den leibeigenen Bauer sie alle gepeinigt habe? Nun, es war wohl nicht -gerade ein Kummer wegen der Leibeigenschaft der russischen Bauern, -sondern der ganz abstrakte Kummer wegen der Knechtschaft des -Menschengeschlechtes im allgemeinen: „Die sollte es doch überhaupt nicht -mehr geben, sie ist rückständig, sie verträgt sich nicht mit der -Aufklärung! _Liberté, Egalité et Fraternité!_“ – nur daran dachten sie. -Was jedoch den russischen Bauern persönlich anbelangt, so hat der Kummer -um ihn diese großen Herren ganz gewiß nicht allzu sehr geplagt. Ich habe -eine Menge vertraulicher Meinungsäußerungen sehr, sogar sehr -„gebildeter“ Herren der guten alten Zeit gehört und genau im Gedächtnis -behalten. Zum Beispiel: „Die Sklaverei ist ja freilich ein -fürchterliches Übel, das steht außer Frage,“ äußerten sie, wenn sie -unter sich waren, „aber wenn man es genau betrachtet, so ist doch unser -Volk – ja, ist denn das überhaupt ein Volk? Kann man es denn auch nur -entfernt z. B. mit dem Pariser Volk von siebzehnhundertdreiundneunzig -vergleichen? Es hat sich ja doch schon an die Sklaverei gewöhnt, sein -Gesicht, seine ganze Gestalt drückt schon den Sklaven aus, ja, und wenn -Sie wollen – die Rute zum Beispiel ist ja natürlich eine schreckliche -Gemeinheit, im allgemeinen gesprochen, aber beim russischen Bauern ist -sie doch, bei Gott, ganz unentbehrlich. Unser Bäuerlein muß die Rute zu -fühlen bekommen, sonst wird’s trübselig. Tja, nichts zu machen, aber so -ist es nun einmal, unser Volk!“ heißt es – das habe ich seinerzeit mit -eigenen Ohren gehört, ich schwöre es, und sogar von sehr gebildeten -Leuten. Das ist die sogenannte „nüchterne Wahrheit“. - -Onegin wird seine Leibeigenen wahrscheinlich nicht geprügelt haben, -obschon es schwerhält, hierüber mit Bestimmtheit etwas auszusagen; aber -Aleko – nun, was diesen betrifft, so bin ich überzeugt, daß er seine -Leibeigenen mitunter hat prügeln lassen, allerdings nicht aus -Herzenshärte, sondern fast sogar aus Mitleid, fast sogar um des Guten -willen, in dem Sinne etwa wie: „Das ist doch für ihn eine Notwendigkeit, -ohne sie kommt er doch nicht aus, er kommt ja selber und bittet: ‚Straf -mich, Herr, mach mich wieder zum Menschen, bin ganz aus der Zucht -geraten!‘ Was soll man denn mit solch einer Natur anfangen, sagen Sie -doch gefälligst? Nun, und so tut man ihm denn den Gefallen!“ - -Ich wiederhole es, ihr Gefühl für den Bauern grenzte oft an Ekel vor -ihm. Und wieviel schmutzige Anekdoten wurden unter ihnen vom Bauern, von -seiner Sklavenseele, seinem „Götzendienst“, seinem Popen und seinem -Weibe erzählt, und zwar ganz leichten Herzens, zuweilen von Leuten, -deren eigenes Familienleben fast einem Bordelleben glich. Oh, versteht -sich, das geschah ja nicht immer in irgendeiner bösen Absicht, sondern -nur aus übermäßigem Eifer bei der Aufnahme der letzten europäischen -Ideen, die nach unserer Art aufgefaßt wurden, und geschah gleich mit der -ganzen russischen Leidenschaftlichkeit. Sie waren eben in allem Russen! -Oh, die russischen sich grämenden „Skitaltzy“ waren bisweilen große -Schelme, Herr Gradowskij, und gerade diese kleinen Anekdoten vom -russischen Bauern und die Geringschätzung für ihn (wenn nicht -Verachtung) haben in den Herzen dieser Herren ihrem Kummer ob der -Leibeigenschaft immer die Spitze dadurch abgebrochen, daß er einen -gewissen abstrakt universalen Charakter annahm. Mit einem solchen Kummer -aber läßt es sich noch ganz gut, sogar sehr gut leben, namentlich wenn -man sich dabei geistig von der Betrachtung seiner eigenen moralischen -Schönheit und der Erhabenheit nährte, die man im Fluge seiner -staatsbürgerlichen Ideen entwickelte, und körperlich, nun – körperlich -immerhin vom Zins dieser selben Bauern, und sogar wie noch, sich nährte! -Da fällt mir soeben eine Geschichte ein, die vor kurzem ein alter Herr -im Journal zum besten gab. Es war im Sommer 1845 auf einem in der Nähe -von Moskau belegenen entzückenden Landgut, dessen Besitzer, nach den -Worten dieses alten Herrn, „grandiose Diners“ zu geben pflegte. So -hatten sich dort wieder einmal die humansten Professoren, die -seltsamsten Liebhaber und Kenner der schönen Künste und noch manches -anderen, die berühmtesten Demokraten, die sich in der Folge sogar als -Staatsmänner ausgezeichnet und fast einen Weltruf erworben haben, ferner -Kritiker, Schriftsteller und die reizendsten Damen, sie alle Menschen -von höchster geistiger Entwicklung, versammelt. Und plötzlich bricht die -ganze Gesellschaft auf, wahrscheinlich nach einem Diner mit Champagner, -getrüffelten Pasteten und meinetwegen Vogelmilch (es muß doch etwas -Besonderes gegeben haben, wenn man die Diners „grandios“ nennt), um -einen Spaziergang zu machen. Auf dem Felde im reifen Roggen treffen sie -eine Schnitterin. Nun, die Feldarbeit ist doch wohl nichts weniger als -leicht: die Bauern stehen um 4 Uhr morgens auf, um dann bis zum Abend -das Korn zu schneiden – zwölf Stunden gebückt unter sengenden -Sonnenstrahlen. Und dort im Roggen findet nun unsere Gesellschaft die -Schnitterin in – können Sie sich das vorstellen! – in „primitivem -Kostüm“ (das heißt wohl einfach im Hemde?)! Wie entsetzlich! Alle -Friedensgefühle und Humanitätsbegriffe sind vor den Kopf gestoßen, und -sogleich läßt sich eine beleidigte Stimme vernehmen: „Von allen Weibern -ist es nur das russische Weib, das sich vor keinem Menschen schämt!“ Und -darauf, versteht sich, sogleich die Folgerung: „Nur das russische Weib -ist von allen das einzige, vor dem sich niemand schämt“ (d. h. nicht zu -schämen braucht, etwa, als müsse es so sein!). Es kam zum Streit. -Einzelne verteidigten die Bäuerin, aber was waren das für Verteidiger -und mit welchen Entgegnungen hatten sie zu kämpfen! Und so etwas -war möglich in einer Gesellschaft von diesen meist aus dem -Gutsbesitzerstande hervorgegangenen „Skitaltzy“, die sich lukullisch -sattgegessen, Champagner und Austern geschlürft hatten – und zwar für -wessen Geld? Für ein Geld, das sie aus der Bauern Arbeit bezogen! Für -Sie, meine Herren Weltschmerzleidende, arbeitet diese Bäuerin doch, für -das aus ihrer Arbeit gewonnene Geld haben Sie sich doch sattgegessen! -Weil sie im hohen Roggen, wo niemand sie sehen konnte, gequält von Hitze -und Schweiß, ihren Rock ausgezogen und im Hemde arbeitet – deshalb soll -sie schamlos sein, soll sie Ihr Schamgefühl verletzt haben – „von allen -Weibern das schamloseste!“ – ach Sie Keuschheitspriester! Aber Ihre -Pariser Zerstreuungen und Ihre Erlebnisse im „Städtchen Paris“ und der -Cancan im Jardin Mabille, vor dem unsere russischen Herren wie Butter an -der Sonne zergehen – selbst wenn von ihm nur die Rede war, und das nette -Liedchen – - - „_Ma commère quand je danse_ - _Comment va mon cotillon?_“ - -mit dem graziösen Raffen des Röckchens und dem Ruck mit dem -Hinterteilchen dazu – das alles empört unsere schamhaften Herren -keineswegs, im Gegenteil, es zieht sie sogar ungeheuer an! - -„Aber ich bitte Sie, das ist bei ihnen doch alles so graziös, dieses -Cancanchen, dieses Röckchen und ... na ja – das sind doch in ihrer Art -die elegantesten _Articles de Paris_, hier aber – wie kann man das -überhaupt vergleichen: hier ist’s doch nur ein Weib, ein russisches -Bauernweib, ein Klotz, ein unbehauener Klotz!“ - -Nein, das war sogar nicht einmal bloßes Überzeugtsein von der Gemeinheit -unseres Bauern und Volkes, da war die Ansicht schon ins Gefühl -übergegangen, schon zum Gefühl geworden, da verriet sich bereits eine -physische Empfindung des Ekels vor unserem Bauern – oh, natürlich nur -eine unwillkürliche, fast unbewußte Empfindung, die sie selbst -vielleicht gar nicht bemerkten. Und ich muß gestehen, ich kann mit Ihrem -kapitalen Streitsatz keineswegs übereinstimmen, Herr Gradowskij: daß -diese „Skitaltzy“ es gewesen seien, die in unserer Gesellschaft für die -Befreiung der Leibeigenen vorgearbeitet hätten. Vielleicht mit -abstraktem Geschwätz, indem sie ihren bürgerlichen Kummer nach allen -Regeln überall hervorkehrten – oh, natürlich kam schließlich alles der -Sache zugute. Bewirkt aber haben die Befreiung der Bauern, geholfen -haben denen, die die Befreiung durchführen wollten, eher solche Männer -wie z. B. Ssamarin[29], nicht aber Ihre Skitaltzy. Jener anderen -dagegen, jener vom Schlage eines Ssamarin, die wohl in keiner Beziehung -den Alekos und Onegins glichen, gab es doch damals gar nicht so wenige, -und die halfen alle bei der großen Arbeit mit, Herr Gradowskij, von -ihnen aber reden Sie natürlich kein Wort. Ihren Leuten jedoch ist die -Geschichte, nach allen Anzeichen zu urteilen, sehr bald langweilig -geworden, und sie begannen wieder zu schmollen. Sie wären auch keine -„Skitaltzy“ gewesen, wenn sie sich anders verhalten hätten. Als sie dann -nach der Aufhebung der Leibeigenschaft erst das Geld für ihre -losgekauften Bauern erhalten hatten, da verkauften sie auch ihr übriges -Land an Aufkäufer zum Aussaugen und ihre Wälder zum Abholzen. Sie selbst -siedelten ins Ausland über und führten bei uns den Absentismus ein ... -Sie werden mit mir darin natürlich nicht übereinstimmen, Herr Professor, -aber was soll ich denn tun: es ist mir nun einmal absolut unmöglich, den -Ihnen so teuren, der oberen Schicht entstammenden liberalen Russen für -das Ideal des normalen echten Russen anzuerkennen, für den besten Typ, -der der Rasse angeblich jemals wirklich war, ist und sogar in Zukunft -sein soll. Ich sehe nur, daß dieser Typ in den letzten Dezennien wenig -auf dem Arbeitsfelde seines Volkes geleistet hat. Und diese Auffassung -halte ich für etwas richtiger und begründeter als Ihre Dithyrambe auf -jene Herren. - - - III. - - Zwei Hälften. - -Ich komme jetzt zu Ihrer Auffassung von der „persönlichen -Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ und Ihrer Behauptung, -daß dieselbe durchaus unzureichend sei im Vergleich mit „sozialen -Idealen“ und vor allem mit „sozialen Institutionen“. Ja, auch Sie -weisen darauf hin, daß dies der wichtigste Punkt in unserer -Meinungsverschiedenheit ist. Sie schreiben: - - „Indem Herr Dostojewski Demut vor der Volkswahrheit und den - Volksidealen verlangt, scheint er diese ‚Wahrheit‘ und diese Ideale - für etwas bereits Fertiges, Feststehendes und Ewiges zu halten. Wir - erlauben uns, dieser Annahme zu widersprechen. Die _sozialen_ Ideale - unseres Volkes sind noch im Stadium des _Entstehens_, Sie fangen - erst an sich zu entwickeln. Das Volk muß noch viel an sich arbeiten, - um den Namen eines großen Volkes zu verdienen.“ - -In betreff der „Wahrheit“ und der Ideale des Volkes habe ich Ihnen zum -Teil schon geantwortet. Diese Wahrheit und diese Ideale des Volkes -halten Sie direkt für ungenügend zur Entwicklung sozialer Ideale -Rußlands. Das heißt also: Religion ist ein Ding für sich und alles -Soziale, Gesellschaftliche ist etwas ganz anderes, d. h. wiederum ein -Ding für sich. Sie schneiden den lebendigen Organismus mit Ihrem -Gelehrtenmesser in zwei Hälften und behaupten, daß diese voneinander -ganz unabhängig sein müssen. Betrachten wir sie näher, untersuchen wir -jede dieser Hälften für sich, vielleicht können wir dann irgendwelche -Schlüsse ziehen. Betrachten wir zunächst die Hälfte der „persönlichen -Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“. - -Sie schreiben: - - „Herr Dostojewski ruft uns zur Arbeit auf, zur Arbeit an uns selbst. - Die persönliche Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe ist - natürlich die erste Voraussetzung jeder Tätigkeit, gleichviel, ob - sie groß oder klein ist! Aber daraus folgt noch nicht, daß Menschen, - die im _christlichen Sinne persönlich vollkommen_ sind, _unbedingt_ - einen vollendeten Staat bilden. Nehmen wir ein Beispiel: - - Der Apostel Paulus erklärt Sklaven und deren Herren ihr Verhältnis - zueinander. Sowohl diese wie jene konnten die Lehre des Apostels - befolgen und taten es meist auch wirklich, sie waren _persönlich_ - gute Christen, aber die _Sklaverei_ wurde damit nicht geheiligt und - blieb eine unmoralische Einrichtung. So wird auch Herr Dostojewski, - wie ein jeder von uns, vortreffliche Christen gekannt haben, sowohl - unter Gutsbesitzern wie unter Bauern. Aber die Leibeigenschaft blieb - trotzdem eine Schändlichkeit vor Gott, und der Zar-Befreier erfüllte - nicht nur die Forderungen der _persönlichen_, sondern auch der - _sozialen_ Sittlichkeit, von der man in der alten Zeit keine - richtige Vorstellung hatte, obschon es ‚gute Menschen‘ damals nicht - weniger gab, als heutzutage. Persönliche und soziale Sittlichkeit - ist nicht ein und dasselbe. Daraus folgt, daß eine _soziale_ - Vervollkommnung nicht _lediglich_ durch die Besserung der - persönlichen Eigenschaften der Menschen erreicht werden kann. Ein - Beispiel: - - Nehmen wir an, daß seit dem Jahre 1800 eine Reihe von Predigern der - christlichen Liebe und Demut sich vorgenommen hätten, die - Sittlichkeit solcher Menschen, wie Gogols Gutsbesitzerin Frau - Korobotschka und Ssobakewitsch, zu heben. Wäre es auch nur denkbar, - daß sie die Aufhebung der Leibeigenschaft durchgesetzt hätten und - daß es keines Machtwortes mehr bedurft hätte? Im Gegenteil, die - Korobotschka hätte zu beweisen angefangen, daß sie eine wahre - Christin und ‚Mutter‘ ihrer Bauern sei und wäre trotz aller - gegenteiligen Versicherungen des Missionars bei ihrer Ansicht - verblieben. - - Eine Verbesserung der Menschen in einem gesellschaftlichen Sinne - kann nicht lediglich durch Arbeit nur an der eigenen Person und - durch persönliche Demut erreicht werden. An sich selbst arbeiten und - sich zur Demut erziehen, das kann man auch in der Wüste oder auf - einer unbewohnten Insel. Aber als Angehörige einer Gesellschaft, - eines Staates, entwickeln und verbessern sich die Menschen erst in - der Arbeit _nebeneinander, füreinander und miteinander_. Das ist - auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit der Menschen in - einem so hohen Grade von der Vollkommenheit der _sozialen - Institutionen_ abhängt, die im Menschen wenn nicht christliche, so - doch bürgerliche Werte erziehen.“ - -Sehen Sie, wie viel ich aus Ihrem Artikel abgeschrieben habe! Das klingt -alles sehr selbstbewußt und die „persönliche Vervollkommnung im Geiste -der christlichen Liebe“ hat gründlich die Wahrheit zu hören bekommen. -Das heißt soviel wie: in staatlichen Dingen taugt sie zu nichts. Kurios, -fürwahr, fassen Sie demnach das Christentum auf! Allein schon die -Vorstellung, daß die Korobotschka und Ssobakewitsch wahre Christen -werden könnten, sogar vollkommene, und darauf die Frage: könnte man sie -dann dazu bringen, auf die Leibeigenschaft zu verzichten? ist -bemerkenswert. Mir scheint es eine recht verfängliche Frage zu sein, die -Sie da aufwerfen, und Ihre eigene Antwort lautet natürlich: „Nein, die -Korobotschka wäre selbst als wahre Christin nicht dazu zu bewegen.“ - -Darauf antworte ich ohne weiteres: wenn die Korobotschka überhaupt eine -wahre und vollkommene Christin hätte werden können oder geworden wäre, -so hätte die Leibeigenschaft auf ihrem Gut auch schon zu existieren -aufgehört, weshalb man sich dann um nichts weiter zu bemühen brauchte, -wenn auch alle Aktenstücke und Kaufbriefe in ihrem Besitz verblieben. - -Erlauben Sie: die Korobotschka war doch auch früher schon Christin, -schon von Geburt an, d. h. seit ihrer Taufe, nicht wahr? Folglich -verstehen Sie unter der Lehre der neuen Prediger des Christentums dem -Wesen nach wohl dasselbe alte Christentum, nur erhöht, gesteigert, also -ein vollendetes oder vollkommenes, das sozusagen schon sein Ideal -erreicht hat? Aber was kann es dann noch für Sklaven geben, ich bitte -Sie! Man muß doch das Christentum wenigstens annähernd begreifen! Und -was würde es dann die Korobotschka, die _wahre_ Christin, noch angehen, -ob ihre Bauern Leibeigene sind oder nicht? Sie wäre ihnen „Mutter“, eine -richtige Mutter, und die „Mutter“ in ihr hätte sogleich die frühere -„Herrin“ in ihr einfach ausgeschaltet, und das wäre ganz von selbst -geschehen. Das frühere Verhältnis – dasjenige der Herrin zum Sklaven – -wäre in dem Fall wie Nebel vor der Sonne verschwunden und die alten -Menschen wären von anderen verdrängt worden, die in einem ganz neuen, -vordem undenkbar gewesenen Verhältnis zueinander gestanden hätten. Und -überhaupt wäre damit etwas schier Unglaubliches geschehen: es wären eben -_überall_ vollkommene Christen entstanden, solche, wie es ihrer bisher -auch als einzelne freilich so wenige gegeben hat, daß man selbst diese -kaum zu entdecken vermöchte. Übrigens sind ja Sie es, Herr Gradowskij, -der diese phantastische Möglichkeit in Erwägung zieht, nicht ich, -folglich dürfen Sie sich auch nicht den Folgerungen entziehen. Ich -versichere Ihnen, Herr Gradowskij, daß die Bauern der Korobotschka dann -freiwillig bei ihr geblieben wären, und zwar aus dem einfachen Grunde, -weil ein jeder sieht, wo er es am besten hat. Oder meinen Sie, daß die -Bauern es mit Ihren Institutionen besser hätten, als bei der sie -liebenden, wie eine leibliche Mutter für sie sorgenden Gutsbesitzerin? -Desgleichen erlaube ich mir, Ihnen zu versichern, daß die Sklaverei zu -Lebzeiten des Apostels Paulus nur deshalb auch in christlichen Gemeinden -bestehen blieb, weil die damaligen, eben erst entstehenden Gemeinden -noch nicht in dem Maße christlich waren, daß sie ein vollkommenes -Christentum darstellten (was wir aus den Sendschreiben des Apostels -ersehen). Aber die einzelnen Mitglieder der Gemeinden, die damals -persönlich die Vollkommenheit erreichten, hatten auch keine Sklaven mehr -und konnten sie ja gar nicht mehr haben, denn diese wurden sogleich zu -ihren Brüdern, ein Bruder aber, ein wirklicher Bruder kann nicht seinen -Bruder als Sklaven unter sich haben. Nach Ihren Worten müßte man dagegen -annehmen, daß die Predigt der christlichen Lehre machtlos gewesen sei. -Wenigstens schreiben Sie, daß durch die Predigt des Apostels die -Sklaverei noch nicht geheiligt worden wäre. Andere Gelehrte aber, -namentlich europäische Professoren der Geschichte, haben schon unzählige -Male dem Christentum gerade das vorgeworfen, daß es angeblich die -Sklaverei heilige. Das heißt aber, das Wesen der Sache nicht begreifen. -Man stelle sich vor: die Madonna hätte Leibeigene und wollte diesen -nicht die Freiheit geben. Welch ein Absurdum! Im Christentum, im -wirklichen Christentum wird es Herren und Diener geben, aber ein Sklave -ist undenkbar. Ich rede vom wahren, vollkommenen Christentum. Diener -sind nicht Sklaven. Der Jünger Timotheus diente dem Apostel Paulus, als -sie gemeinsam umherzogen, aber lesen Sie doch die Briefe Pauli an -Timotheum: schreibt er an einen Sklaven, ja überhaupt an seinen Diener? -Ich bitte Sie! – Das sind doch Briefe an seinen „Sohn Timotheus“ – an -seinen „geliebten Sohn“! Ja, in einem solchen, gerade in einem solchen -Verhältnis werden die Herren zu den Dienern stehen, wenn diese wie jene -vollkommene Christen sind. Herren und Diener wird es geben, aber die -Herren werden nicht Tyrannen sein, und die ihnen Dienenden nicht von -ihnen Tyrannisierte. Stellen Sie sich vor, daß es in der zukünftigen -Gesellschaft einen Kepler, einen Kant, einen Shakespeare gibt: sie -leisten die große geistige Arbeit für alle, und alle wissen das und -verehren und schätzen sie. Natürlich hat Shakespeare keine Zeit, sagen -wir, sein Zimmer aufzuräumen. Glauben Sie mir, unter solchen -Voraussetzungen wird unbedingt ein anderer Bürger zu ihm kommen, um ihm -zu dienen, er wird es freiwillig tun, wird ungebeten die geringe Arbeit -bei Shakespeare verrichten: sein Zimmer aufräumen usw. Wird er deshalb -erniedrigt oder ein Sklave sein? Keineswegs. Er weiß, daß Shakespeare -unvergleichlich nützlicher ist als er und er sagt sich oder ihm: „Dafür -sei dir Ruhm und Ehre, und mir ist es eine Freude, dir dienen zu können. -Soviel ich’s kann, trage ich auch meinen Teil zur großen Tat bei, indem -ich dir Stunden des Schaffens erhalte, doch bin ich deshalb noch kein -Sklave. Gerade durch diese meine Erkenntnis, daß du, Shakespeare, dank -deinem Genie höher stehst als ich, habe ich bewiesen, indem ich zu dir -kam, um dir zu dienen, daß ich an sittlicher Menschenwürde dir -keineswegs nachstehe, sondern _als Mensch_ dir ebenbürtig bin.“ Oder -vielmehr, er wird das gar nicht sagen. Es wäre schon allzu -selbstverständlich. Solche Fragen sind ganz ausgeschlossen, ja -undenkbar. Denn die Menschen werden dann wirklich neue Menschen sein, -Kinder Christi, und werden das ehemalige Tier in sich überwunden haben. - -Sie werden freilich hierauf erwidern, dies sei eine phantastische -Zukunftsillusion. Aber mit dem Phantasieren habe ja nicht ich den Anfang -gemacht, sondern Sie, und Sie verstiegen sich sogar so weit, daß Sie -sich die Korobotschka als eine vollkommene Christin denken konnten, die -jedoch ihren „leibeigenen _Kindern_“ die Freiheit vorenthält. Das ist -wohl etwas phantastischer als alles von mir Geschriebene. - -Nun werden vielleicht die klugen Leute lachend einwenden: „Ja, wozu sich -dann noch um die Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe -bemühen, wenn wirkliches Christentum, wie aus alledem hervorgeht, auf -der Erde überhaupt nicht vorhanden ist, oder falls doch, dann nur so -selten, daß man diese vereinzelten Fälle kaum wahrnehmen kann, -anderenfalls (wie wiederum aus meinen eigenen Worten hervorgeht) wäre ja -sofort alles beigelegt, jegliche Sklaverei vernichtet, die Typen vom -Schlage der Korobotschka würden sich in lichte Genien verwandeln und den -Menschen bliebe nichts weiter übrig, als Gott dem Herrn eine Hymne zu -singen!“ Ja, natürlich, meine Herren Spötter, wirkliche Christen gibt es -noch entsetzlich wenige (aber immerhin gibt es doch schon einige!). -Woher aber wissen Sie, wievieler es bedarf, damit das Ideal des -Christentums im Herzen des Volkes nicht stirbt und mit diesem Ideal auch -seine große Hoffnung erhalten bleibt? Ins Weltliche übersetzt: wievieler -unverfälschter treuer Bürger bedarf es, damit in der Gemeinschaft der -Menschen die Idealgestalt eines Bürgers nicht vergessen wird? Auch diese -Frage werden Sie schwerlich beantworten können. Hier handelt es sich um -eine Sozialökonomie von eigener Art, von einer ganz besonderen Art, die -uns noch unbekannt ist und die sogar auch Sie, Herr Gradowskij, noch -nicht kennen. - -Wieder wird man einwenden: wenn die große Idee nur so wenige Anhänger -hat, von welchem Nutzen kann sie dann sein? Ja aber wer vermag denn -jetzt schon zu sagen, von welchem Nutzen sie schließlich sein, was sie -zu guter Letzt bewirken wird? Offenbar ist bisher nur das Eine nötig -gewesen: daß der große Gedanke nicht starb. Ganz etwas anderes ist es -dagegen jetzt, wo etwas Neues in der Welt herannaht und man bereit sein -muß ... Und übrigens handelt es sich hier gar nicht um den Nutzen, -sondern um die Wahrheit. Denn wenn ich felsenfest daran glaube, daß die -Wahrheit hierin liegt, gerade hierin, woran ich glaube, was geht es mich -dann an, daß die ganze Welt an meine Wahrheit nicht glaubt, mich -verspottet und einen anderen Weg geht? Gerade darin liegt doch die Macht -eines großen ethischen Gedankens, gerade dadurch vereint er die Menschen -zum stärksten Verband, daß er sich nicht nach seinem sofortigen Nutzen -bewerten läßt, sondern die Menschen in die Zukunft leitet, zu ewigen -Zielen, zu absoluter Freude. Wodurch wollten Sie sonst die Menschen zur -Verwirklichung Ihrer sozialen Ideale vereinigen, wenn Sie keine -Grundlage in einer uranfänglichen großen sittlichen Idee haben? Diese -sittlichen Ideen haben aber alle das eine gemeinsam: daß sie ausnahmslos -auf der Idee der persönlichen absoluten Vervollkommnung am letzten Ende, -d. h. als Ideale beruhen, denn diese Vervollkommnung enthält alles in -sich, alles Streben, alles unendliche Verlangen, und folglich ist sie, -gerade sie der Mutterschoß aller unserer sozialen, bürgerlichen Ideale. -Versuchen Sie es doch mal, die Menschen zu einer bürgerlichen -Gesellschaft zu vereinigen: zu dem einzigen Zweck, um für ihre -„Bäuchlein zu leben“! Die sittliche Antwort auf Ihren Versuch wäre die -Formel: „_Chacun pour soi et Dieu pour tous._“ Unter dieser Formel wird -aber keine einzige bürgerliche Gesellschaft lange bestehen, Herr -Gradowskij. - -Doch ich gehe noch weiter und beabsichtige, Sie in Erstaunen zu setzen. - -So hören Sie denn, Herr Professor, daß es speziell soziale Ideale, die -mit ethischen Idealen in keiner organischen Verbindung stehen, die -vielmehr für sich ganz allein bestehen, also vom Ganzen abgeteilte -Ideale, wie Sie sie mit Ihrem gelehrten Messerchen abteilen zu können -meinen, ferner, daß es solche soziale Ideale, die äußerlich übernommen -und an jeden beliebigen neuen Ort verpflanzt werden könnten und daselbst -zu gedeihen vermöchten, als „Institution“ wie Sie sich ausdrücken – daß -es solche Ideale, sage ich, überhaupt nicht gibt, noch je gegeben hat -und auch gar nicht geben kann! Ja, und was ist denn eigentlich ein -soziales Ideal, wie ist dieses Wort überhaupt zu verstehen? - -Sein Wesen liegt natürlich in dem Bestreben der Menschen, eine Formel -für ihre soziale Organisation zu finden, eine möglichst fehlerlose und -allen gerecht werdende Formel – nicht wahr? Aber diese Formel ist den -Menschen unbekannt, sie suchen sie schon seit Tausenden von Jahren, seit -dem Anfang ihrer geschichtlichen Entwicklung und können sie nicht -finden. Die Ameise kennt die Formel ihres Ameisenbaues, die Biene die -ihres Stockes (wenn sie sie auch nicht nach Menschenart kennen, so -kennen sie sie doch in ihrer eigenen Art und mehr ist ja nicht nötig), -aber der Mensch kennt seine Formel nicht. Wenn das aber der Fall ist, -woher sollte dann wohl das Ideal einer sozialen Organisation in die -menschliche Gesellschaft gekommen sein? Verfolgen Sie die Geschichte und -Sie werden sogleich sehen, woher das Ideal kommt. Sie werden sehen, daß -es einzig und allein ein Erzeugnis der sittlichen Vervollkommnung der -einzelnen Menschen ist: damit fängt es an, und so ist es von jeher -gewesen und wird ewig so bleiben. Als erstes sehen wir in der Geschichte -jedes Volkes, jeder Nationalität, daß die sittliche Idee der Entstehung -der betreffenden Nationalität immer vorangegangen ist, _denn gerade sie -ist das, was die nationale Besonderheit bildet_, sie erst erschafft die -Nationalität. Hervorgegangen aber ist diese sittliche Idee immer aus -mystischen Ideen, aus Überzeugungen, daß der Mensch ewig sei, -unsterblich, daß er nicht wie ein gewöhnliches Erdentier nur sein Leben -friste, sondern mit anderen Welten und der Ewigkeit verbunden sei. Diese -Überzeugungen sind immer und überall zur Religion geworden, zum -Bekenntnis der neuen Idee, und stets hat sich dann, kaum daß die neue -Religion entstanden war, sogleich auch staatlich eine neue Nation -gebildet. Nehmen Sie z. B. die Juden oder die Muselmänner: bei ersteren -bildete sich die Nation erst nach der Gesetzgebung durch Moses, obschon -sie bereits mit dem Gesetz Abrahams begonnen hatte, und ebenso sind die -mohammedanischen Nationen erst nach dem Koran entstanden. Um den -empfangenen geistigen Schatz zu erhalten, beginnen die Menschen -sogleich, sich zusammenzuschließen, und dann erst, in eifriger -gemeinsamer Arbeit „nebeneinander, füreinander und miteinander“ (wie Sie -sich beredt ausdrücken) – dann erst fangen die Menschen an, auch danach -zu suchen, wie sie sich wohl so einrichten könnten, daß von dem -erhaltenen Schatz nichts verloren gehe, dann suchen sie nach einer -sozialen Formel des gemeinschaftlichen Lebens, nach einer Staatsform, -die ihnen am ehesten helfen könnte, suchen jenen sittlichen Schatz, den -sie erhalten, wenn möglich über die ganze Welt hin zu seinem vollsten -Glanz zu entfalten und zu seinem größten Ruhme zu erheben. Und -wohlgemerkt, sobald nach Ablauf der Zeiten und Jahre (denn auch hierin -waltet ein Gesetz, das wir freilich nicht kennen) in der betreffenden -Nation das geistige Ideal zu verfallen begann, da begann zugleich auch -die Nation zu verfallen und mit ihr auch ihr ganzer Staatsbau, und es -verblich auch das soziale Ideal, das sich inzwischen in ihr gebildet -hatte. Von welcher Art der Charakter der Religion eines Volkes ist, von -dem Charakter sind auch die sozialen Formen dieses Volkes. Folglich sind -die sozialen Ideale mit den sittlichen Idealen stets unmittelbar und -organisch verbunden, doch die Hauptsache ist, daß sie einzig und allein -aus diesen hervorgehen. _Ganz für sich allein_ aber entstehen sie nie, -denn indem sie entstehen, ist ihr Zweck nur die Befriedigung des -sittlichen Strebens der betreffenden Nation, je nachdem wie und -inwieweit dieses sittliche Streben in ihr entstanden und vorhanden ist. -Folglich aber ist die „persönliche Vervollkommnung im religiösen -Geiste“, wie wir sehen, im Leben der Völker die Grundlage alles -weiteren, denn die persönliche Vervollkommnung ist _nichts anderes als -die Ausübung der empfangenen Religion_. Die „sozialen Ideale“ aber -entstehen nie ohne dieses Streben nach Selbstvervollkommnung und können -auch gar nicht ohne dasselbe entstehen. Sie werden vielleicht bemerken, -auch Sie hätten ja gesagt, daß die „persönliche Vervollkommnung der -Anfang alles weiteren“ sei und daß Sie nichts mit einem Messer geteilt -hätten. Das aber ist es ja gerade, daß Sie dies doch getan haben, daß -Sie einen lebendigen Organismus zerschnitten und somit in zwei einzelne -Hälften geteilt haben. Die persönliche Vervollkommnung ist nicht nur -„der _Anfang_ alles weiteren“, sondern auch die Fortsetzung des Ganzen -und sogar den Ausgang begreift sie in sich. Sie umfaßt, erschafft und -erhält den Organismus der Nation und zwar nur sie allein. Nur für sie -lebt die soziale Formel der Nation, da sie doch nur zu dem Zweck gesucht -wird, um den ursprünglichen ersten Schatz zu erhalten. Wenn aber in der -Nation das Bedürfnis nach allgemeiner einzelner Vervollkommnung _in dem -Geiste, der dies Bedürfnis hervorgerufen_, erlischt, dann verschwinden -allmählich auch alle „bürgerlichen Einrichtungen“, da es dann nichts -mehr zu erhalten gibt. Deshalb kann man unter keinen Umständen dem -zustimmen, was Sie in folgenden Worten ausdrücken: - - „Dies ist auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit der - Menschen in so hohem Maße von der Vollkommenheit der _sozialen - Institutionen_ abhängt, die im Menschen wenn nicht christliche, so - doch bürgerliche Werte heranbilden.“ - -„Wenn nicht christliche, so doch bürgerliche“! Sieht man hier nicht das -Messer des Gelehrten, das Unteilbares trennt, das den ganzen, in sich -abgeschlossenen lebendigen Organismus in zwei getrennte tote Hälften -teilt, in eine sittliche und eine bürgerliche? - -Sie werden vielleicht sagen, daß sowohl in den „sozialen Institutionen“ -wie in der Rolle des „Bürgers“ die größte sittliche Idee enthalten sein -kann, daß in bereits ausgereiften, entwickelten Nationen die -„bürgerliche Idee“ stets an die Stelle der anfänglichen religiösen Idee -tritt, die sich also gewissermaßen zu jener entwickle und der jene daher -durchaus rechtmäßig folge. - -Ja, das behaupten allerdings viele, wir aber können für die Richtigkeit -dieser Auffassung kein einziges historisches Beispiel finden. Wenn die -sittlich-religiöse Idee in der Nation sich überlebt hatte, so setzte -immer nur ein panisch ängstliches Vereinigungsbedürfnis ein, nämlich zu -dem Zweck, um für den Fall, daß etwas geschehen sollte, „die Bäuchlein -zu retten“ – andere Ziele kennt die bürgerliche Vereinigung dann nicht -mehr. Da vereinigt sich gerade jetzt die französische Bourgeoisie, und -vereinigt sich nur zu diesem Zweck: um die eigenen Bäuchlein vor dem -vierten Stand, der schon die Tür, die zu ihr führt, zu zertrümmern -droht, sicherzustellen. Aber das „Retten der eigenen Bäuchlein“ ist von -allen Ideen, die die Menschen zu vereinigen suchen, die schwächste und -letzte, in jeder Beziehung. Sie ist schon der Anfang vom Ende, ist die -Vorahnung des Endes. Sie vereinigen sich, und dabei spitzen doch alle -die Ohren und äugen ängstlich, um bei der ersten Gefahr möglichst -schnell auseinanderzustieben. Und was könnte dann die „Institution“ als -solche, als etwas für sich allein Genommenes, wohl noch retten? Gäbe es -Brüder, so gäbe es auch eine Brüderschaft. Wenn es aber keine Brüder -gibt, so können Sie durch keine einzige „Institution“ Brüderschaft -erzielen. Was für einen Sinn hat es, überhaupt eine „Institution“ zu -schaffen und mit der Aufschrift „_Liberté, Egalité, Fraternité_“ zu -versehen? Erreichen werden Sie mit einer solchen Institution entschieden -nichts, so daß man dann wohl – oder vielmehr unfehlbar, oder sogar -unbedingt – zu den drei Worten noch etwas als viertes hinzufügen müßte, -nämlich: „_ou la mort_“. „_Fraternité ou la mort_“ – und die Brüder -werden den Brüdern die Köpfe abschlagen, um durch eine „bürgerliche -Institution“ Brüderschaft einzuführen. Das ist nur ein Beispiel, aber -ein gutes. Sie, Herr Gradowskij, suchen, wie auch Aleko es tut, die -Rettung in Äußerlichkeiten. Sie meinen: Mag es auch bei uns in Rußland -auf Schritt und Tritt nur Dummköpfe und Spitzbuben geben (vielleicht hat -es auch wirklich den Anschein, natürlich je nach dem Standpunkt), aber -da brauchte man nur irgendeine europäische „Einrichtung“ aus Europa nach -Rußland zu verpflanzen und es wäre, Ihrer Ansicht nach, alles gerettet. -Die mechanische Übernahme europäischer Formen (Formen, die dort -vielleicht morgen schon zusammenbrechen werden), die unserem Volk fremd -und seiner Art nicht angepaßt sind, ist bekanntlich der Hauptgedanke der -russischen Westler. Übrigens belieben Sie, Herr Gradowskij, indem Sie -Rußland seine schlechte Organisation vorwerfen und ihm Europa vorhalten, -sich wörtlich auszudrücken: - - „Vorläufig aber können wir uns nicht einmal in jenen Fragen und - Widersprüchen zurechtfinden, die Europa bereits längst beantwortet - und überwunden hat.“ - -Wie, Europa und bereits überwunden? Wer hat Ihnen nur so etwas aufbinden -können? Dieses Europa ist doch schon am Vorabend seines Falles -angelangt, eines Falles, der ausnahmslos allgemein und furchtbar sein -wird. Der Ameisenbau ohne Kirche und ohne Christus (denn die Kirche, die -ihr Ideal getrübt hat, hat sich dort allerorten schon längst in einen -Staat verwandelt) mit seinem bis auf den Grund erschütterten sittlichen -Prinzip, dieser Ameisenbau, der alles Gemeinsame und alles Absolute -eingebüßt hat – dieser Ameisenbau ist, behaupte ich, bereits so gut wie -untergraben. Der vierte Stand fängt an sich zu erheben, schon pocht er -an die Tür und begehrt Einlaß, und wenn man ihm den nicht gewährt, wird -er die Tür zertrümmern. Er will nicht die früheren Ideale, er verwirft -jedes Gesetz, das bisher gegolten. Auf Kompromisse und Nachgeben läßt er -sich nicht mehr ein, mit schwachen Stützen und kleiner Hilfe werden Sie -da das Gebäude nicht retten. Nachgiebigkeit im Kleinen feuert nur an, -und der vierte Stand will alles haben. Es wird etwas einsetzen, was -bisher noch niemand für möglich gehalten hat. Alle diese -parlamentarischen Regierungsysteme, alle gegenwärtig herrschenden -sozialen Theorien, alle zusammengescharrten Reichtümer, alle Banken, -Wissenschaften und Juden, alles das wird im Nu zunichte werden – außer -den Juden natürlich, die auch dann den Kopf nicht verlieren und wieder -obenauf sein werden, so daß der Krach ihnen sogar zugute kommen dürfte. -Alles das „steht nahe vor der Tür“. Sie belieben zu lachen? Selig sind -die Lachenden. Gäbe Gott Ihnen langes Leben, damit Sie alles mit eigenen -Augen schauen. Dann werden Sie sich wundern. Oder Sie erwidern mir -hierauf lachend: „Da muß ja Ihre Liebe zu Europa von recht -absonderlicher Art sein, wenn Sie Europa einen solchen Ausgang -prophezeien!“ Ja, freue ich mich denn? Ich sage es ja nur in der -Vorahnung, daß die Summe schon so gut wie gezogen ist. Die endgültige -Abrechnung aber, das Quittieren jener Summe, kann sogar viel früher -erfolgen, als selbst die stärkste Phantasie es sich ausdenken könnte. -Die Symptome sind furchtbar. Allein schon die ewig alte unnatürliche -politische Lage der europäischen Staaten könnte den Anfang bilden. Aber -wie sollte sie auch natürlich sein, wenn die Unnatur schon in ihrer -Grundlage ruht und sich im Laufe von Jahrhunderten aufgehäuft hat. Es -kann nicht ein kleiner Teil der Menschheit die ganze übrige Menschheit -wie einen Sklaven beherrschen, einzig zu diesem Zweck aber sind bisher -alle bürgerlichen (schon lange nicht mehr christlichen) Einrichtungen im -jetzt vollkommen heidnischen Europa entstanden. Diese Unnatürlichkeit -und diese „unlösbaren“ politischen Probleme (die übrigens allen bekannt -sind) müssen unfehlbar zum großen, endgültigen, abrechnenden, -politischen Kriege führen, in den alle hineingezogen werden und der noch -in diesem Jahrhundert, vielleicht sogar schon in diesem Jahrzehnt, -ausbrechen wird. Was meinen Sie: vermag die Gesellschaft dort einem -langen politischen Krieg _jetzt_ noch standzuhalten? Der Fabrikant ist -ängstlich und leicht zu erschrecken, der Jude gleichfalls, sie würden, -sobald der Krieg sich etwas in die Länge zieht, oder nur droht, sich in -die Länge zu ziehen, sogleich alle ihre Fabriken und Banken schließen, -und die Millionen hungriger entlassener Proletarier werden auf die -Straße gesetzt sein. Oder hoffen Sie etwa auf die Vernunft der -Staatsmänner und darauf, daß diese es nicht zum Kriege kommen lassen -werden? Aber wann hat man denn jemals auf diese Vernunft bauen können? -Oder hoffen Sie vielleicht auf die Parlamente? – daß diese nicht die -Mittel zum Kriege bewilligen werden, weil sie etwa die Folgen -voraussähen? Ja, aber wann haben denn die Parlamente irgendwelche Folgen -vorausgesehen und einem auch nur ein wenig energischen oder wenigstens -beharrlichen Staatsmann die Mittel verweigert? Und so setzt der Krieg -den Proletarier auf die Straße. Was meinen Sie, wird er auch jetzt -wieder nach alter Art geduldig warten und hungern? – jetzt, nach den -Siegen des politischen Sozialismus, nach der „Internationale“, den -Kongressen der Sozialisten und der Pariser Kommune? Nein, jetzt wird es -anders sein: die Proletarier werden sich auf Europa stürzen und alles -Alte auf ewig zerstören. Erst an unserem russischen Ufer werden die -Wogen zerschellen, denn dann erst wird es sich allen sichtbarlich -offenbaren, in welchem Maße unser nationaler Organismus sich von den -europäischen Organismen unterscheidet. Dann werden auch Sie, meine -Herren Doktrinäre, sich vielleicht besinnen und bei uns die „volklichen -Grundelemente“ zu suchen anfangen, über die Sie jetzt nur zu lachen -verstehen. Und dabei, meine Herren, weisen Sie jetzt, gerade jetzt auf -dieses Europa hin und empfehlen es uns als Vorbild und fordern uns auf, -bei uns jene selben „Einrichtungen“ einzuführen, die dort morgen schon -stürzen werden, als das überlebte Absurdum, das sie sind, jene -„Einrichtungen“, an die auch in Europa klügere Leute schon längst nicht -mehr glauben, und die sich nur nach den Gesetzen des Beharrungsvermögens -bis jetzt noch erhalten haben. Ja, und wer könnte denn überhaupt – außer -einem Doktrinär – die Komödie dieser bourgeoisen Vereinigung, die wir in -Europa sich abspielen sehen, für die normale Formel menschlicher -Vereinigung auf Erden halten? Und diese Leute, sagen Sie, hätten bei -sich zu Hause ihre Probleme schon längst gelöst! Etwa nach den zwanzig -Konstitutionen binnen weniger als einem Jahrhundert und nach wenig -weniger als zehn Revolutionen? Oh, vielleicht, – nur werden wir uns -dann, für einen Augenblick von Europa befreit, bereits selbständig, ohne -europäische Vormundschaft, mit _unseren_ eigenen sozialen Idealen -befassen, die unbedingt in Christus und der Idee der persönlichen -Vervollkommnung wurzeln, Herr Gradowskij. Sie werden nun wieder fragen: -was für eigene, von Europa unabhängige soziale Ideale kann es denn bei -uns geben? Ja, soziale Ideale – bessere, als Ihre europäischen, stärkere -als Ihre europäischen, stärkere und sogar – o Entsetzen! – freisinnigere -als es die Ihrigen sind! Ja, freisinnigere, denn sie kommen unmittelbar -aus dem Organismus unseres Volkes und sind nicht lakaienhaft -unpersönliche Kopien europäischer Vorbilder. Hier kann ich natürlich -nicht näher darauf eingehen, wenn auch nur deshalb nicht, weil der -Artikel ohnehin lang geworden ist. Übrigens – erinnern Sie sich: was war -und was wollte die älteste christliche Kirche sein? Sie bildete sich -sogleich nach Christus, damals nur aus einigen wenigen Menschen, und -sogleich, fast schon in den ersten Tagen nach Christus, war sie -bestrebt, ihre „bürgerliche Formel“ zu finden, die restlos auf der -sittlichen Hoffnung und der Idee der Wiedergeburt und Erneuerung des -Geistes auf Grund der persönlichen Vervollkommnung beruht. Es entstanden -christliche Gemeinden, Kirchen, und dann begann schnell eine neue, bis -dahin noch nie gesehene Nationalität zu entstehen – eine allbrüderliche, -allmenschliche in der Form der allgemeinen ökumenischen Kirche. Aber sie -wurde verfolgt, ihr Ideal entwickelte sich gleichsam unterirdisch – über -ihm aber, auf der Erde, entstand gleichfalls etwas Großes, ein -riesenhaftes Gebäude, ein ungeheurer Ameisenbau: das römische Imperium, -das gleichfalls so etwas wie ein Ideal und eine Auslösung des sittlichen -Strebens in der ganzen alten Welt war. Es erschien der Menschgott, und -das Imperium nahm als religiöse Idee Gestalt an, es ward Gestalt einer -Idee, die in sich und durch sich allem sittlichen Streben der ganzen -alten Welt den Ausweg bot. Aber der Ameisenhaufen ward von der Kirche -untergraben. Es kam zum Zusammenstoß der beiden entgegengesetztesten -Ideen, die es überhaupt auf der Erde geben kann: der Menschgott stieß -auf den Gottmensch, Apollon auf Christus. Und es kam zum Kompromiß: das -Imperium nahm das Christentum an und die Kirche das römische Recht und -seine Staatsform. Ein kleiner Teil der Kirche ging in die Einsamkeit und -setzte in der Einsiedelei die frühere Arbeit fort: Es entstanden wieder -christliche Gemeinden, dann Klöster – alles freilich nur Versuche, sogar -bis zum heutigen Tage. Der andere riesengroße Teil der Kirche teilte -sich in der Folge, wie Sie wissen, in zwei Hälften. In der westlichen -Hälfte ging die Kirche zu guter Letzt vollständig in den Staat auf. Und -als das Imperium unterging, trat die Kirche an seine Stelle – sie hatte -sich endgültig verwandelt und war tatsächlich zum Staat geworden. Das -Papsttum war die Fortsetzung des alten römischen Staates, nur in seiner -neuen Form. - -In der östlichen Hälfte dagegen ward der Staat vom Schwerte Mohammeds -zerstört und so blieb ihr nur Christus, ein Christus, der vom Staat ganz -abgesondert war. Das Land aber, das dann von Byzanz aus diesen Christus -annahm und von neuem erhob, hat so grauenvoll unter Feinden, unter dem -Tatarenjoch, unter Unordnung im Reich, unter der Leibeigenschaft, unter -Europa und dem imitierten Europäertum zu leiden gehabt und erträgt auch -jetzt noch so unendlich viel Schweres, daß seine soziale Formel – im -Sinne des Geistes der Liebe und der christlichen Selbstvervollkommnung – -sich in ihm allerdings noch nicht hat ausarbeiten können. Nur haben Sie, -Herr Gradowskij, deshalb wohl noch nicht das Recht, diesem Volk daraus -einen Vorwurf zu machen. Vorläufig ist unser Volk meinetwegen erst nur -der Träger Christi, auf den allein es denn auch seine ganze Hoffnung -setzt. Es nennt sich, den Mann aus dem Volke, „Krestjanin“[30], d. h. -soviel wie „Christjanin“, und das ist nicht nur ein leeres Wort, sondern -hierin liegt eine Idee, die seine ganze Zukunft ausfüllen wird. - -Sie, Herr Gradowskij, machen Rußland seine Unordnung zum Vorwurf. Aber -wer hat denn in diesen ganzen letzten zwei Jahrhunderten und namentlich -in den letzten fünfzig Jahren eine bessere innere Einrichtung des Landes -am meisten verhindert? Das waren doch gerade immer nur die Leute Ihres -Schlages, Herr Gradowskij, die sogenannten russischen Europäer, die in -den ganzen zwei Jahrhunderten nicht ausstarben und sich jetzt noch ganz -besonders breit machen. Wer ist der größte Feind der organischen und -selbständigen Entwicklung Rußlands auf seinen eigenen volklichen -Grundlagen? Wer ist es, der spöttisch und hochmütig nicht einmal das -Vorhandensein dieser Grundlagen anerkennt und sie überhaupt nicht -bemerken will?! Wer ist es, der unser Volk – nach irgendwelchen -illusorischen Begriffen nennen sie es: „zu sich emporheben“ – umwandeln -will?! d. h. einfach alle zu solchen machen, wie diese Herren selber -sind, zu liberalen Pseudoeuropäern, indem sie von der Masse des Volkes -immer wieder je ein Menschlein abreißen und verführen und „entarten“, d. -h. verderben und zum Europäer wandeln, sei es auch nur insoweit, als man -das mit europäisch zugeschnittenen Rockschößen erreichen kann?! Damit -sage ich nicht, daß der Europäer verderbt sei; ich sage nur, daß einen -Russen auf diese Weise in einen Europäer verwandeln, wie unsere -Liberalen es tun, oft nichts anderes als einfach „verderben“ bedeutet. -Gerade das aber ist das Ideal, das Programm ihrer Tätigkeit: von Zeit zu -Zeit ein Menschlein von der ganzen Masse abzureißen – das ist ihr -Bestreben. Wie absurd! Und so wollten sie alle achtzig Millionen unseres -Volkes nach und nach umwandeln? Ja, glauben Sie denn wirklich im Ernst, -daß unser Volk als Ganzes, die einheitliche Masse des Volkes, jemals -einwilligen werde, etwas ebenso Unpersönliches zu werden, wie es diese -russischen Herren Europäer sind? - - - Der Byronismus - - (1877) - -Unsere beiden großen Dichter vom Anfang des Jahrhunderts, Puschkin und -Lermontoff, waren „Byronianer“. Dieses Wort wurde am Grabe Nekrassoffs -in einem Tone gesagt, als wäre es ein Scheltwort. Wer es aber in diesem -Sinne gebraucht, befindet sich in einem Irrtum. - -Der „Byronismus“ war allerdings nur eine vorübergehende, fast nur -momentane, aber, an sich betrachtet, doch große, notwendige und heilige -Erscheinung im Leben der europäischen Geister oder sogar im Leben der -ganzen Menschheit. Er entstand in einer Zeit der allgemeinen -Enttäuschung, wenn nicht gar Verzweiflung. Mit überschwenglicher -Begeisterung hatte man die neuen Ideale des neuen Glaubens, der gegen -Ende des achtzehnten Jahrhunderts von Frankreich verkündet wurde, -aufgenommen, – als plötzlich der Verlauf der Dinge in der führenden -Nation Europas eine Wendung nahm, die so wenig den großen Erwartungen -entsprach und die Menschen in ihrem hoffnungsvollen Glauben so tief -enttäuschte, daß gerade jene Zeit für die suchenden Geister vielleicht -die traurigste Zeit war, die die Geschichte Westeuropas kennt. Und nicht -nur aus äußeren (politischen) Gründen stürzten die für einen Augenblick -erhobenen Götzen, sondern ebenso infolge ihres inneren Bankrotts, was -denn auch alle führenden Geister und alle starken Herzen sofort -erkannten. Aber der neue _Ausweg_ war noch nicht zu finden, noch öffnete -sich keine neue Tür, und so rang man mit dem Ersticken, rang innerhalb -eines entsetzlich verkleinerten Horizonts und unter einem drückend tief -herabgesenkten Himmel. Die alten Götterbilder lagen in Trümmern, die -neuen aber blieben aus. Das war die Zeit, die ihren dichterischen -Ausdruck in einem großen Genie, einem leidenschaftlichen Dichter fand. -Aus seinen Strophen tönte die damalige Sehnsucht der Menschheit, sprach -zugleich ihre finstere Enttäuschung, ja ihr Irrewerden an ihrem -Lebenszweck und an ihren Idealen, von denen sie sich betrogen sah. -Byrons Muse war damals eine neue, noch völlig unbekannte Muse der -Vergeltung und Trauer, der Verwünschung und Verzweiflung. Und dieser -Geist, der aus Byron sprach, sprach plötzlich aus der ganzen Menschheit: -aus allen Ländern hörte man einen Widerhall seiner Stimme. Der -Byronismus – der war nun gleichsam die erste Tür, die sich öffnete; oder -wenigstens war in der allgemeinen traurigen Stimmung, die zum größten -Teil ganz unbewußt sein mochte, gerade Byrons Stimme jener mächtige -Schrei, in dem sich alles Gestöhn der Menschheit sammelte. Wie hätte er -da nicht auch bei uns ein Echo finden sollen, und noch dazu in einem so -großen, genialen und führenden Geist wie Puschkin? Denn dem Byronismus -konnte sich bei uns damals weder ein größerer Geist, noch ein großes -Herz verschließen, und das war durchaus natürlich und geschah nicht etwa -nur aus Mitgefühl mit Europa und der europäischen Menschheit, so aus der -Ferne, sondern weil auch bei uns in Rußland gerade zu jener Zeit gar zu -viele neue, gleichfalls noch ungelöste und quälende Probleme auftauchten -und auch noch gar zu viele alte Enttäuschungen zu verwinden waren ... -Aber die Größe Puschkins, als führendes Genie, bestand ja gerade darin, -daß er so schnell und als einziger in einer fast vollständig -verständnislosen Umgebung den festen Weg, _den großen und ersehnten -Ausweg für uns Russen fand und auf ihn hinwies_. Dieser Ausweg aus der -Verzweiflung, diese Rettung war – _das Volk, die Anerkennung des -russischen Volksgeistes_ und die Einsicht, daß wir uns seiner Wahrheit -unterwerfen müssen. - - - Über russische Literatur - - (1861) - -Jeder geschichtliche Zeitabschnitt hat von jeher neben seinen -herrschenden Anschauungen und Überzeugungen noch einige andere -Anschauungen, zu denen öffentlich sich zu bekennen, den Zeitgenossen -gleichsam der Mut fehlt. Die Menschen von heute können freilich eine -Menge guter Beweggründe zu einem solchen Verhalten haben, doch oft -genug, ja sogar meistens verschweigen wir unsere wahre Meinung aus einem -gewissen geheimen Jesuitismus, dessen größter Knebel unsere Eigenliebe -ist – eine bis zur eifersüchtigsten Eitelkeit, ja sogar bis zum -empfindlichsten Ehrgeiz gesteigerte Eigenliebe. Das Seltsamste an dieser -Eigenliebe ist nun wohl, daß sie alles ruhig hinnimmt, sogar -Bezeichnungen wie Schurke, Spitzbube, Dieb – d. h. sofern sie nicht -buchstäblich ausgesprochen werden – alles, außer einem Zweifel an ihrem -Verstande. Der Grund hierfür ist vielleicht darin zu suchen, daß man -gerade in unserer Zeit immer stärker und schmerzhafter zu fühlen und -sogar schon zu erkennen anfängt, daß jeder Mensch erstens seiner selbst -wert ist, und zweitens, als Mensch im Namen seiner Menschenwürde auch -jedes anderen Menschen wert sein sollte. Infolge dieser Erkenntnis -verlangt es den Menschen nach Achtung seines Ich. Da aber der überlegene -Verstand der einzige unverrückbare und unbestreitbare Vorrang des einen -Menschen vor dem anderen Menschen ist, so will eben keiner in der -Berechtigung auf den Vorrang hinter dem anderen zurückstehen. Darum ist -man denn auch heutzutage mitunter gar zu zaghaft, wenn es sich darum -handelt, eine Überzeugung zu äußern. Aber man ist es, weil man -befürchtet, die anderen könnten sie rückständig oder sogar beschränkt -nennen. Und doch müßte ein jeder, der aufrichtig überzeugt ist, seine -Überzeugungen heilig halten; wer aber seine Überzeugungen heilig hält, -müßte doch auch etwas für sie tun. Ja, jeder ehrliche Mensch ist es, -unserer Meinung nach, einfach sich selbst schuldig, für seine -Überzeugungen einzutreten, wofern er wirklich selbst an sie glaubt – -denn es gibt ja unter den Überzeugten auch solche, die selber an ihre -Überzeugungen nicht glauben. Ich habe sogar persönlich einen solchen -Herrn gekannt. Er gehörte zu jener Kategorie zweifellos kluger Leute, -die in ihrem ganzen Leben nichts anderes tun als Dummheiten. (Übrigens, -wie ist das zu erklären, daß beschränkte, stumpfe Menschen viel weniger -Dummheiten begehen als kluge Menschen?) Doch als ich jenen Herrn fragte, -weshalb er denn andere mit solchem Eifer zu überzeugen trachte und woher -er dieses Feuer, diese Leidenschaft der Überzeugung nehme, wenn er -selber an seinen Worten zweifle – da antwortete er, daß er sich eben -deshalb so ereifere, weil er sich selbst überzeugen wolle. Da sieht man, -was das heißt, eine Idee von außen lieben, nur aus Vorliebe für sie, und -ohne sie vorher wirklich geprüft zu haben (es ist sogar, als -_fürchteten_ sie sich davor), ob sie richtig ist oder falsch! Wer weiß, -vielleicht ist es nur zu wahr, daß manche leidenschaftlichen Eiferer ihr -Leben lang andere zu überzeugen suchen, nur um sich selbst zu -überzeugen, und dann doch unüberzeugt ins Grab gehen ... Doch genug -davon! ... Mag man nun von uns denken, daß auch wir uns von unserer Idee -hinreißen ließen, daß die Idee an sich falsch, unbegründet sei und von -uns übertrieben werde, daß wir aus all zu jugendlicher Leidenschaft oder -aus greisenhafter Geistesschwäche sprechen usw. usw. ... Nun, dann möge -man es denken! Wir aber sind überzeugt, daß wir damit keinem schaden, -wenn wir öffentlich aussprechen, woran wir glauben. Weshalb sollten wir -es also nicht wirklich tun? - - * * * * * - -Ja, wir glauben, daß die russische Nation eine außergewöhnliche -Erscheinung in der Geschichte der ganzen Menschheit ist. Der Charakter -des russischen Volkes ist den Charakteren aller anderen europäischen -Völker so unähnlich, daß die Europäer ihn bis heute noch nicht -verstehen; oder was noch schlimmer ist, sie verstehen ihn verkehrt. Die -europäischen Völker streben alle demselben Ziele zu, sie haben alle ein -und dasselbe Ideal; das wird niemand bestreiten können. Aber alle -entzweien sie sich in ihren Lokalinteressen. Ihre Exklusivität auch -unter sich geht bis zur Unversöhnlichkeit, und je weiter desto mehr -gehen sie auseinander und entfernen sich vom gemeinsamen Wege. Wie es -scheint, will jede Nation nur aus eigener Kraft und ganz allein in ihrem -Lande das allmenschliche Ideal finden, und so stören sie sich -gegenseitig und schaden damit nur ihrer Sache. Wir wiederholen jetzt im -Ernst, was wir einmal scherzend sagten: Der Engländer kann bis auf den -heutigen Tag in der Existenz des Franzosen noch keine Logik sehen, und -umgekehrt: der Franzose versteht den Engländer nicht um ein Atom besser, -und das gilt nicht nur vom Durchschnittsfranzosen, vom instinktiven -Empfinden des Volkes, sondern sogar von seinen ersten Männern, sogar von -den geistigen Repräsentanten beider Nationen. Der Engländer macht sich -bei jeder Gelegenheit über seinen Nachbarn lustig und blickt mit -unversöhnlicher Verachtung auf dessen nationale Eigenheiten. Ihre -Gegnerschaft raubt ihnen die Unvoreingenommenheit und macht sie -parteiisch. So hören sie auf, sich gegenseitig zu verstehen. Die -Franzosen sehen mit anderen Augen auf das Leben als die Engländer und -ebenso verschieden sind ihre Religionen – und darauf sind sie noch -stolz! Immer beharrlicher und eigensinniger entfernen sie sich -voneinander in ihren Gesetzen wie in ihrer Weltanschauung. Sowohl der -Franzose wie der Engländer sieht in der ganzen Welt nur sich allein und -in jedem anderen ein Hindernis auf seinem Wege; und ein jeder will nur -bei sich das vollbringen, was bloß alle Völker zusammen vollbringen -könnten, mit vereinten Kräften. Wie nun, sollte diese Gegnerschaft etwa -nur ein Überbleibsel der früheren Kämpfe sein? Muß man die Ursachen der -Entzweiung in der Zeit der Jeanne d’Arc oder in der der Kreuzzüge -suchen? Ist denn die Zivilisation wirklich so machtlos, daß sie diesen -alten Haß bis auf den heutigen Tag noch nicht hat überwinden können? -Oder sollte man die Ursachen nicht vielmehr im Boden selbst, im Blut, im -ganzen Geist der beiden Völker suchen? Auch die übrigen Europäer sind -größtenteils wie jene. Die Idee der Allmenschheit schwindet bei ihnen -mehr und mehr. Bei jedem Volk erhält sie ein anderes Aussehen, verblaßt -zunächst und nimmt dann im Bewußtsein der Menschen eine ganz andere -Gestalt an. Das Christentum, das sie bisher noch verband, verliert mit -jedem Tage an Kraft und Bedeutung. Selbst die Wissenschaft vermag die -immer mehr Auseinanderstrebenden nicht zu vereinen. Freilich haben sie -insofern recht, als eben diese ihre Exklusivität, diese Gegnerschaft -untereinander, diese ihre Abgeschlossenheit von anderen und dieses -stolze Vertrauen auf sich allein – als gerade das ihnen die Riesenkräfte -im Kampf mit den Hindernissen auf ihrem Wege gibt. Nur werden dadurch -diese Hindernisse immer größer und zahlreicher. Dieser große Gegensatz -ist es, der die Europäer hindert, die Russen zu verstehen, und so -nennen sie die größte Eigenart des russischen Charakters – -„Charakterlosigkeit“. Wir wissen, daß wir alles das vorläufig ohne -Beweise aussprechen, doch die Anführung von Beweisen würde zu weit -führen und über den Rahmen dieses Artikels hinausgehen. Aber auch so -wird man uns wenigstens beipflichten, daß der Charakter der russischen -Nation sich aufs schärfste von den Charakteren der europäischen Nationen -unterscheidet, denn wodurch er sich vornehmlich auszeichnet, ist seine -hohe synthetische Begabung. Und doch hat die russische Nation -jahrhundertelang feindlich auf Europa geblickt, hat eigensinnig nichts -mit Europa zu tun haben wollen und hat seine Zukunft nicht einmal -geahnt! Peter aber verspürte in sich gleichsam instinktiv die neue Kraft -und erriet die Notwendigkeit einer Erweiterung des geistigen Horizonts -und des Arbeitsfeldes für alle Russen. Ich sage „die Notwendigkeit“, -weil es ihr Bedürfnis war, das sie unbewußt in sich trugen und das -unbewußt aus ihnen hervorbrach, – das schon von Anbeginn, seitdem es -überhaupt Slawen gibt, in ihrem Blute lag. Man sagt, Peter habe aus -Rußland nur ein Holland machen wollen. Das wissen wir nicht. Die -Persönlichkeit Peters ist trotz aller historischen Erklärungen und -Forschungen der letzten Zeit für uns bis jetzt noch sehr rätselhaft. Wir -begreifen nur eins: daß er doch mehr als nur originell sein mußte, um -als Zar von Moskau in Holland Werftarbeiter zu werden. Jedenfalls sehen -wir in Peter ein Beispiel dafür, wozu ein Russe sich entschließen kann, -wenn er sich erst einmal voll und ganz überzeugt hat und fühlt, daß die -Zeit gekommen ist und in ihm selber die neuen Kräfte schon herangereift -sind. Schier unheimlich ist es, bis zu welchem Grade der Geist des -Russen frei ist und von welch ungeheurer Gewalt sein Wille sein kann! -Noch niemals hat sich jemand von seinem Boden so losgerissen, wie der -Russe, und ist von seinem Wege so jäh abgebogen, um seiner neuen -Überzeugung zu folgen! Und wer weiß, meine Herren Europäer, vielleicht -ist es gerade Rußlands Bestimmung, solange zu warten, bis Sie Ihre -Aufgabe beendet haben, inzwischen Ihre Ideen sich anzueignen, Ihre -Ideale, Ihre Ziele, den Charakter Ihrer Bestrebungen zu begreifen, dann -aber Ihre Ideen zu vereinen, sie zu allmenschlicher Bedeutung zu erheben -und schließlich freien Geistes, frei von allen nebensächlichen Kasten- -und Klasseninteressen, ein neues, großes, in der Geschichte noch -unbekanntes Wirken zu beginnen, dort einsetzend, wo Sie aufhören, und -Sie alle mitzureißen! Hat doch unser Dichter Lermontoff Rußland mit dem -Recken unserer Sagen Ilja von Murom verglichen, der dreißig Jahre lang -gelähmt in der Hütte saß, dann aber plötzlich aufstand und ging, als er -mit einemmal Reckenkraft in sich verspürte. Wozu sind denn so reiche und -eigenartige Fähigkeiten den Russen verliehen? Etwa nur zu dem Zweck, um -zu nichts nütze zu sein? - -Vielleicht wird man uns jetzt fragen, woher wir soviel Großtuerei, -soviel Anmaßung uns angeeignet und wo denn unsere Selbstkritik -geblieben, unser nüchterner Blick? Darauf entgegnen wir: wenn wir -solange so unnachsichtige Selbstverurteilung ertragen haben, dann werden -wir auch eine andere Wahrheit ertragen können, selbst wenn sie das -gerade Gegenteil jener ersten Selbsterkenntnis ist. Wir erinnern uns -noch sehr gut, wie wir uns ‚Slawen‘ schalten, weil wir uns nicht in -Europäer verwandeln konnten. Sollten wir nun wirklich nicht gestehen -dürfen, daß wir damals ohne Einsicht sprachen? Wir wollen deshalb die -Fähigkeit der Selbstverurteilung nicht abschütteln, wir lieben sie und -halten sie für eine der besten Seiten der russischen Natur, für ihre -Eigenart, für etwas, was die Europäer nicht haben. Wir wissen, daß wir -uns in unserer Selbstverurteilung noch lange werden üben müssen, ja -vielleicht sogar – je länger, desto besser. Aber versuchen Sie doch -einmal, meine Herren, dem Franzosen etwas Abfälliges zu sagen, nun z. B. -was seine Tapferkeit betrifft oder seine _légion d’honneur_. Oder rühren -Sie den Engländer in irgendeiner allergeringfügigsten seiner häuslichen -Gewohnheiten an, und Sie werden sehen, was er Ihnen antwortet. Weshalb -sollen wir nun nicht auch einmal eine unserer guten Seiten hervorheben – -daß wir Russen nämlich nicht so empfindlich und pedantisch sind -(ausgenommen vielleicht die sogenannten Generale unserer Literatur)! Wir -glauben an die Kraft des russischen Geistes nicht weniger als gleichviel -welche anderen Völker an ihren Geist. Sollten wir nun wirklich nicht das -bißchen Lob vertragen? Nein, meine Herren Europäer! Verlangen Sie von -uns vorläufig noch keine Beweise für die Richtigkeit unserer Äußerungen -über Sie und über uns, bemühen Sie sich lieber, uns etwas besser kennen -zu lernen, wenn Sie dazu nur die Muße finden. Da haben Sie sich Gott -weiß von wem sagen lassen, wir seien Fanatiker, und Sie glauben, die -Soldaten würden bei uns zum Fanatismus aufgestachelt. Mein Gott, wenn -Sie wüßten, wie lächerlich diese Ihre Annahme ist! Wenn es in der Welt -überhaupt ein Wesen gibt, das keinen Fanatismus kennt, so ist das gerade -der russische Soldat. Und wie schlecht kennen Sie auch unsere Offiziere! -Sie haben es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß es bei uns nur -zwei Stände gäbe: _les boyards et les serfs_, – und darauf sitzen Sie -nun, stolz auf Ihr Wissen. Wo sind denn hier die Bojaren? Freilich gibt -es bei uns verschiedene Stände, doch zwischen allen unseren Ständen gibt -es mehr Vereinigungs- als Entzweiungspunkte. Das ist die Hauptsache. Das -ist die Bürgschaft für den Frieden im Inneren, für die Ruhe im -allgemeinen, die brüderliche Liebe und jedes Gedeihen. Jeder Russe ist -vor allen Dingen Russe, erst in zweiter Reihe kommt in Frage, zu welch -einem Stande er gehört. Bei Ihnen dagegen ist es ganz anders, und wir -bedauern Sie deshalb. Ja bei Ihnen pflegt es gerade umgekehrt zu sein. -Bei Ihnen ist aus Standesinteresse mitunter sogar die ganze Nation zum -Opfer gebracht worden, und das noch sogar vor kurzem, das geschieht -selbst jetzt noch und wird gewiß noch mehrmals geschehen. Folglich sind -bei Ihnen die Stände noch sehr stark unterschieden, die Stände sowohl -wie alle Ihre Korporationen. - -Man wird uns nun vielleicht verwundert fragen wollen: „Aber worin -besteht denn Ihre gelobte Fähigkeit, Ihre Fortgeschrittenheit? Uns -deucht, zu sehen ist sie noch nirgends!“ – Ja, Sie sehen sie nicht, denn -Sie richten Ihren Blick auch gar nicht dorthin, wohin man ihn richten -muß. Es genügt, daß sie schon im Geist und im Verlangen des ganzen -Volkes ist; es genügt, daß eine, wenn auch noch so kleine Gruppe -anfängt, unter sich wenigstens im allgemeinen übereinzustimmen. Nennen -Sie uns nicht dünkelhafte, kurzsichtige, unreife Menschen. Nein, wir -haben schon lange den nötigen Einblick und suchen längst alles zu -analysieren; wir quälen uns mit dem Hin- und Herraten; wir sind uns über -dem Analysieren sogar selber zum Überdruß geworden. Wir haben doch auch -gelebt und vieles erlebt. Übrigens, sollten wir Ihnen nicht einmal die -Geschichte unserer Entwicklung, unseres Wachstums erzählen? Natürlich -werden wir nicht mit Peter dem Großen beginnen; wir beginnen mit der -jüngsten Zeit, eben mit der Zeit, als in unsere gebildete Schicht -plötzlich die Analyse eindrang. Nun also ... - -Es gab Augenblicke, wo wir, d. h. die Zivilisierten, an uns selbst nicht -glaubten. Damals lasen wir noch französische Romane, lehnten aber einen -Alexander Dumas und seine ganze Sippe mit Verachtung ab. Wir stürzten -uns damals auf George Sand, aus deren Romanen wir zuerst das erfuhren, -was die Zensur in anderen Werken nicht durchließ – oh, und mit welcher -Begeisterung lasen wir George Sand! Damals hörten wir Ihr europäisches -Urteil über uns demütig an und gaben Ihnen noch recht, meine Herren, im -übrigen aber wußten wir nicht, was tun. Und weil wir nichts anzufangen -wußten, begründeten wir die naturalistische Schule. Auch Byronianer gab -es bei uns. Die taten größtenteils nichts, saßen müßig und verfluchten -nicht einmal die Welt, was sie als Byronianer eigentlich doch hätten tun -müssen. Höchstens lächelten sie mal, wenn ihre Faulheit es der Mühe wert -fand. Ja sie spotteten sogar über Byron, weil er sich noch so geärgert -und geweint und geflucht hatte, was doch zu einem Lord ganz und gar -nicht paßte. Sie sagten, es lohne sich nicht, sich zu ärgern und zu -verfluchen, es sei alles ohnehin schon so widerlich, daß man nicht -einmal seinen Finger rühren wolle, und ein gutes Diner sei noch das -beste vom Leben. Und wir hörten ihnen in Ehrfurcht zu und glaubten, in -ihrem Ausspruch vom guten Diner irgendeine geheimnisvolle, allerfeinste -und geistreichste Ironie zu vernehmen. Sie aber wurden dick und dicker, -nicht nur mit jedem Tage, sondern fast mit jeder Stunde. Einige blieben -auch bei der Theorie vom guten Diner nicht stehen und gingen -folgerichtig weiter: sie fingen an, die eigenen Taschen auf Kosten -anderer Taschen zu füllen. Viele wurden später Falschspieler, wir aber -meinten: „Nun ja ... das tun sie doch auch aus Prinzip. Man muß doch vom -Leben alles nehmen, was zu nehmen ist“. Und wenn sie vor unseren Augen -Taschendiebstahl betrieben, so sahen wir auch darin nur eine besondere -Art angewandten Byronismus, eine weitere Entwicklung und Anwendung -desselben, die Byron noch unbekannt geblieben war. Wir seufzten und -schüttelten betrübt das Haupt und klagten: „Da sieht man, wozu die -Verzweiflung einen bringen kann: dieser Mensch ist erfüllt vom edelsten -Unmut über das Schlechte, er brennt vor Verlangen nach Betätigung, aber -man läßt ihn nichts tun, man gibt ihm kein Arbeitsfeld und da – und da -unterschlägt er nun mit dämonischem Lächeln Karten oder wird zum -Taschendieb.“ Und wie rein, wie kindlich unschuldig sind viele von uns -aus dieser schmachvollen Atmosphäre hervorgegangen! Unendlich viele! – -Fast sogar alle – außer den Byronianern, versteht sich. - -Aber wir hatten doch auch manche Hochherzige, denen es gelang, ein -überzeugendes, zündendes Wort zu sagen. Oh, die klagten nicht, daß man -sie nicht sprechen und nicht arbeiten lasse, oder wenn sie auch klagten, -dann doch nicht mit müßigen Händen, sondern sie taten, was und wie sie -konnten, sie _taten_ doch wenigstens etwas und ... haben viel, sehr viel -getan! Sie waren naiv wie Kinder, konnten die Byronianer ihr Lebtag -nicht begreifen und starben als Märtyrer. Friede ihrer Asche! Wir hatten -auch Dämonen, echte Dämonen; es waren ihrer zwei[31] und – oh, wie wir -sie liebten, wie wir sie auch heute noch lieben und schätzen! Der eine -von ihnen lachte, lachte sein Leben lang, lachte über sich und über sie, -und wir alle lachten mit ihm, lachten so lange, daß wir schließlich zu -weinen anfingen von unserem Lachen. Der eine von ihnen machte aus einem -Mantel, der einem Beamten abhanden kam, die furchtbarste Tragödie. Er -zeichnete uns in drei Zeilen den ganzen Leutnant Pirogoff – den ganzen, -bis auf das letzte Tüpfelchen. Er schilderte uns alle möglichen -Menschen, Spekulanten und Hochstapler, Geizhälse und Betrüger, Beamte -und Ehrenbürger. Er brauchte nur einmal mit dem Finger auf sie zu weisen -und sie waren auf ewig gestempelt, so daß wir schon auf den ersten Blick -wußten, wer sie sind und wie sie heißen. Oh, das war ein Dämon von so -kolossaler Gewalt, wie Europa noch nie einen gehabt und bei sich -vielleicht nicht einmal dulden würde. Und der zweite Dämon – doch diesen -zweiten Dämon haben wir vielleicht noch mehr geliebt als den ersten. Er -verfluchte und quälte sich, quälte sich wirklich; er rächte sich und -vergab, er weinte und lachte, lachte auch über uns, wenn er schrieb, er -war großmütig und ... lächerlich. Er erzählte uns sein Leben, seine -Liebesabenteuer, er litt und wir litten mit ihm, und dennoch: wer weiß, -ob wir von ihm nicht nur genasführt wurden? – Oft konnten wir nicht -unterscheiden, ob er im Ernst sprach, wie es den Anschein hatte, oder ob -er sich über uns lustig machte. Unsere Beamten kannten ihn auswendig und -ein jeder von ihnen spielte den Mephisto, sobald er die Kanzlei verließ. -Wir teilten niemals seine Ansichten, aber er bedrückte uns, machte uns -traurig und wir ärgerten uns und wir empfanden Mitleid mit irgend -jemandem, den wir nicht greifen, nicht nennen konnten, und sogar Wut -erfaßte uns. Zuletzt langweilten wir ihn und er verfluchte und verhöhnte -uns alle und verließ uns. Unsere Blicke folgten ihm lange – bis er -schließlich irgendwo umkam, zwecklos, aus Kaprice, und sogar, wie -gesagt, etwas lächerlich. Wir aber lachten nicht. Uns war damals -überhaupt nicht nach Lachen zu Sinn. Jetzt ist es etwas anderes. Jetzt -haben wir begriffen, daß wir diese ganze Mephistofelei, alle diese -dämonischen Anschauungen etwas zu Voreilig uns angelegt, daß es für uns -noch etwas zu früh war, uns selber zu verfluchen und an uns zu -verzweifeln. Ja, das waren unsere Dämonen. Doch es gab auch noch andere -Typen. - -Zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft gibt es eine sogenannte „goldene -Mittelmäßigkeit“, die auf die führende Rolle Anspruch erhebt. Diese -„Goldenen“ haben eine ungeheuere Eigenliebe. Mit geradezu vernichtender -Verachtung und unverschämter Anmaßung blicken sie auf alle herab, die -noch unbekannt und nicht so „bedeutend“ sind wie sie. Sie aber sind die -ersten, die auf jeden Neuerer Steine werfen. Und wie hämisch boshaft, -wie beschränkt sind sie in ihrer Verfolgung jeder Idee, die noch nicht -Zeit gehabt hat, in das Bewußtsein der Gesamtheit einzudringen. Dann -aber – was für Marktschreier sie dann sind, was für eifrige und dabei -doch stumpfe Anhänger derselben Idee, sobald diese erst einmal in der -Gesellschaft Bedeutung erlangt hat! Allerdings begreifen auch sie -schließlich den neuen Gedanken, nur begreifen sie ihn immer erst nach -allen anderen und immer gleichsam roh, beschränkt, stumpf, und niemals -lassen sie die Einsicht gelten, daß, wenn die Idee richtig ist, sie dann -auch entwicklungsfähig sein muß und folglich mit der Zeit unbedingt -einer anderen Idee weichen wird, die aus ihr selber hervorgeht und sie, -wiederum den neuen Anforderungen einer neuen Generation entsprechend, -vervollständigen muß. Aber die Goldenen verstehen nie die neuen -Anforderungen, und was die neue Generation betrifft, so hassen sie diese -stets und sehen stolz auf sie herab. Das ist sogar ihr bestes -Erkennungszeichen. Unter diesen Goldenen gibt es immer eine große Menge -Händler und Hausierer, deren Handelsobjekt die moderne Phrase ist. Sie -sind es, die jeden neuen Gedanken gemein machen, ihn in eine Modephrase -verwandeln. Alles was sie anfassen, machen sie gemein. Jede lebendige -Idee wird in ihrem Munde zu einem Leichnam. Sie aber sind die ersten, -die den Lohn für die neue Idee einheimsen: am Tage nach der Beerdigung -des genialen Menschen, der die Idee verkündet hat und der gerade von -ihnen zu seinen Lebzeiten verhöhnt und verachtet worden ist. Einige von -ihnen sind sogar dermaßen beschränkt, daß sie im Ernst glauben, der -geniale Mensch habe nichts getan – getan hätten alles sie allein. Ihr -Eigendünkel ist schier unermeßlich. Sie sind geistig stumpf und -unoriginell, ja sogar knechtisch sind sie, obschon sie der Menge klug -erscheinen. Mit ein paar Schlagworten machen sie Eindruck, mit einigen -gewagten scharfen Phrasen; dabei geraten sie gewöhnlich in Ekstasen, da -sie weder den Sinn noch den geistigen Bau der Idee verstehen, und so -schaden sie ihr selbst dann, wenn sie auch noch so aufrichtig die neue -Ansicht teilen. Ein kleines aktuelles Beispiel: Die Denker und -Philantropen beschäftigen sich mit der Lösung eines Problems, sagen wir -meinetwegen mit der Frauenfrage. Es handelt sich um die soziale Stellung -der Frau, um ihre Gleichberechtigung mit dem Mann, ihre bisherige -Abhängigkeit vom Mann, usw. usw. Die „Goldenen“ verstehen das nun -unbedingt in dem Sinne, daß die Ehe _von Stund’ an_ über den Haufen -geworfen werden soll – die Hauptsache ist für sie, daß es _von Stund’ -an_ geschehe. Ferner denken sie, daß jede Frau ihrem Manne nun nicht nur -untreu sein _kann_, sondern ihm sogar untreu _sein muß_, und daß eben -darin der ganze sittliche Wert und Sinn der Idee enthalten sei. - -Am komischsten wirken diese Herren, wenn die Gesellschaft in einer -zerfahrenen Übergangszeit sich in zwei Parteien teilt. Dann wissen sie -nämlich nie, welcher Partei, welcher Meinung sie sich anschließen -sollen, und dabei sind sie doch oft Autoritäten! Da heißt es nun für -sie, sich entscheiden, seine Meinung äußern. Was tun? Nach langem -Schwanken entscheidet sich der Goldene endlich und – jedesmal fürs -Falsche. Das ist schon so sein Gesetz. Das ist sogar der -charakteristische Zug der Goldenen. Ein Beispiel erleben wir jetzt in -der Volksschulfrage. Man stützt sich auf die Tatsache, daß das gebildete -Volk – d. h. das des Lesens und Schreibens kundige – die Gefängnisse -fülle, und daraus folgern die Goldenen, daß Bildung fürs Volk schädlich -sei. Die Tatsache, die sie als vermeintlichen Beweis dieser -Schädlichkeit anführen, gibt es nur deshalb, weil die Kenntnis des ABC -unter dem Volk noch so wenig verbreitet ist. Anstatt sie nun noch -weniger zu verbreiten, sollte man sie gerade soviel als irgend möglich -zum Allgemeingut machen. Erst dann, wenn der Bauer, der lesen und -schreiben kann, nicht mehr eine solche Ausnahme unter seinesgleichen -sein wird, erst dann wäre die eine Ursache aufgehoben, weshalb gerade -die Nichtanalphabeten die Gefängnisse bevölkern. Überdies sollten unsere -Goldenen doch nicht vergessen, daß das ABC der erste Schritt zur Bildung -ist. Oder vielleicht gehört es sogar zu ihrem Regierungssystem, das Volk -im Dunkeln zu halten? Freilich ... es gibt keinen Menschen, der -verstockter und kapriziöser und schädlicher wäre, als es manch einer der -Kabinettphilantropen ist. Doch genug davon. Wir sind überzeugt, daß -selbst die geringste Elementarbildung das Volk sittlich heben, dem -einzelnen mehr Selbstachtung verleihen und somit die Wurzel vieler -Laster ausrotten würde. Alles hängt von den Verhältnissen ab, alles -verändert sich nur entsprechend den Verhältnissen. Ist erst einmal das -dringende Bedürfnis nach einem Neuen vorhanden oder wenigstens die -Erkenntnis, daß die Gesamtheit zu ihrem Gedeihen einer Neueinführung -bedarf, so wird sie alsbald auch Mittel und Wege finden, um das -Notwendige auszuführen. Dagegen wird keine selbst wirklich gute Reform -von der Masse als Verbesserung empfunden, sondern viel eher als neue -Bedrückung, oder jedenfalls als etwas Lästiges, wenn ihr noch nicht die -Notwendigkeit dieser Verbesserung zum Bewußtsein gekommen ist, und wäre -es auch nur in einer noch so geringen Erkenntnis. Ebenso verhält es sich -mit unserer Elementarschulfrage. Doch trotz aller Goldenen und deren -Ansichten wissen wir, daß unsere Intelligenz, die sich vom _Volksboden -gelöst_ hat, das Volk – diese „unerratene Sphinx“, wie einer unserer -Dichter es nennt – zu guter Letzt doch verstehen lernen wird. Sie wird -den Geist des Volkes erfassen und ihn in sich aufnehmen, denn sie weiß -bereits, daß dies die Grundlage unserer zukünftigen Entwicklung ist. Und -sie hat schon erkannt, daß es an ihr ist, den ersten Schritt zu tun, um -die Versöhnung und Vereinigung zustande zu bringen, und sie wird auch -die Lösung finden, _wie_ das geschehen muß. - -Nun hängt alles vom ersten Schritt zur Annäherung ab: daß wir -herausbekommen, wie wir es anfangen sollen, damit das Volk uns sein -mißtrauisches Gesicht wieder zuwendet. Natürlich werden sich noch eine -Menge Herren finden, die über unsere Worte lachen können. Wir wissen, -daß es solcher Menschen eine Legion gibt, doch gehen sie uns nichts an. -Übrigens hat jemand, wie wir hören, versichert, wir, d. h. unsere -Zeitschrift, sähe ihre Aufgabe darin, eine Versöhnung zwischen der -europäischen Zivilisation und unserem Volksgeist zustande zu bringen. -Wir halten diese Äußerung nur für einen Scherz. Nicht ein einzelner -Mensch kann das noch unbekannte Wort der Versöhnung sagen und dieses -Problem lösen. Wir versuchen ja nur die Hauptidee, die uns leiten wird, -anzugeben. Wir werden gleich allen anderen die Lösung des Problems -suchen, werden unermüdlich wiederholen und beweisen, daß gesucht werden -_muß_; wir werden forschen, das Material verarbeiten, unsere Eindrücke -und Gedanken den Lesern mitteilen – darin wird unsere ganze Tätigkeit -bestehen. Ein Wort ist gleichfalls eine Tat, und bei uns noch mehr als -sonstwo. Ein Wort zur rechten Zeit kann von unschätzbarem Nutzen sein. -Deshalb haben wir die Hoffnung, daß auch wir nützlich sein werden. -Unsere Zeitschrift wendet sich an unsere gebildeten Kreise, nicht an das -Volk, denn noch immer ist das erste Wort und der erste Schritt die -Aufgabe der gebildeten Kreise gewesen. Dasselbe erwarten wir auch in -diesem Fall, um so mehr, als es die gebildete Schicht war, die sich vom -Volk entfernte. Die Annäherung wird noch viel Mühe kosten, das fühlen -wir alle, obschon wir noch nicht klar sehen, worin die Schwierigkeiten -bestehen werden. Die Hauptsache ist wohl die Beseitigung der -Mißverständnisse, und die sind immer durch Geradheit, Offenheit und -Liebe zu beseitigen. Wir haben bereits erkannt, daß die Interessen -unseres Standes im Volk ruhen und die des Volks in uns. Wenn diese -Erkenntnis allgemein wäre, so wäre der Erfolg gewiß. Aber obschon sie -noch nicht allgemein ist, so sind doch Anzeichen vorhanden, daß sie sich -bereits zu verbreiten anfängt, vorläufig aber genügt das auch. Es ist -möglich, daß diejenigen, die die Annäherung wünschen, in ihren Versuchen -tausend Fehler begehen werden, doch was tut das! – eine gerechte Sache -ist deshalb noch nicht verloren. Wenigstens bleibt die Idee -unerschüttert. Worauf es ankommt, ist – daß das Volk unseren Willen -sieht und ihn begreifen lernt. Und das zu erreichen, dazu wird uns die -Liebe am ehesten helfen, da sie verständlicher ist als alle Schlauheiten -und diplomatischen Finessen. Liebe ist leicht zu erkennen, das Volk ist -einsichtig und dankbar und fühlt sofort, von wem es geliebt wird. Ein -Vorbild der Annäherung hat uns der Zar gegeben, indem er das letzte -Hindernis auf dem Wege zur Vereinigung beseitigte: indem er die -Leibeigenschaft aufhob – und es gibt nichts Höheres, Heiligeres in der -ganzen tausendjährigen Geschichte Rußlands als es diese Tat des -Herrschers ist. Wohl haben wir in den letzten anderthalb Jahrhunderten -nichts getan, als das Volk zu Mißtrauen gegen uns zu erziehen, aber wenn -nur der Wille da ist, werden wir es doch erreichen, daß wir wieder sein -Zutrauen und seine Achtung erringen. Und welche Riesenkräfte werden wir -dadurch gewinnen! Wie wird alles wachsen, erstarken, sich erneuern! -Natürlich wird von der ganzen dazu erforderlichen Kraft nur ein Zehntel -von uns stammen, die übrigen neun Zehntel bringt das Volk selber auf. - -„Aber was wollen Sie denn mit Ihrer Bildung anfangen?“ hören wir fragen. - -„Sie wollen das Volk bilden, d. h. dem Volk dieselbe europäische -Zivilisation geben, die Sie selbst schon als nicht zu uns passend -erkannt haben. Sie wollen also einfach das Volk europäisieren?“ - -Hierauf entgegnen wir, daß es doch nicht gut möglich ist, von der -europäischen Idee auf einem ihr vollständig fremdem Boden dieselben -Früchte zu erwarten, die sie auf ihrem europäischen Boden gezeitigt hat. -Bei uns ist alles dermaßen anders, ist alles so unähnlich Europa, sowohl -innerlich wie äußerlich, wie überhaupt in jeder Beziehung, daß es ganz -ausgeschlossen ist, europäische Resultate von uns zu erwarten. Deshalb -wiederholen wir: was zu uns paßt, das wird bleiben, was nicht paßt, wird -von selbst wegfallen. Es ist ausgeschlossen, daß man unser Volk zu -Deutschen oder anderen Europäern machen könnte. Im Vergleich zum Volk -sind wir, die Intelligenz, nur ein verschwindend kleines Häuflein, und -folglich sind auch unsere selbständigen Kräfte um soviel geringer als -die der ganzen riesengroßen Volksmasse. Und doch haben wir uns ganze -anderthalb Jahrhunderte in Europa aufgehalten, ohne deshalb zu Deutschen -geworden zu sein. Folglich haben auch wir, ungeachtet unserer geringen -Zahl und Kräfte und unserer Losgelöstheit vom Volksboden, die großen -russischen Grundideale der Allmenschlichkeit und Allversöhnung in uns -getragen und sie auch in dieser Zeit nicht eingebüßt. Jetzt haben sie -sich in uns erhoben. Wir begriffen, daß wir nichts anderes werden -können, als das, was wir sind. Und es kam das Verlangen über uns, zu -unserem Volk zurückzukehren. Wir fingen an, uns unserer Untätigkeit, -unserer Unselbständigkeit inmitten der ungeheuren Tätigkeit der -europäischen Völker zu schämen – und wir begriffen, daß wir in Europa -nichts zu tun haben. Anderseits steht nicht zu befürchten, daß die -europäische Wissenschaft unserem Volk eine Fessel auflegen werde; sie -wird nur sein Arbeitsfeld vergrößern und ihm die Möglichkeit geben, auch -sein Wort in der Wissenschaft zu sagen. Bisher war die Wissenschaft bei -uns wie eine seltene Treibhauspflanze, und unsere Gesellschaft hat eine -besondere wissenschaftliche Betätigung weder in der Theorie noch in der -Praxis bewiesen, denn sie war vom Volk losgerissen und an und für sich -kraftlos. Nur die Krone hat Brücken und Wege gebaut und auch das meist -mit Hilfe fremder Ingenieure. Aber auch die Wissenschaft wird -schließlich bei uns Wurzel fassen – vielleicht erst in einer Zeit, wenn -wir nicht mehr sind. Wir können noch nicht einmal ahnen, was dann sein -wird, doch wir wissen, daß unsere Zukunft nicht schlecht sein kann. -Unserer Generation aber ward die Ehre zuteil, das erste Wort -auszusprechen und den ersten Schritt zu tun. - - - Über Tolstois Roman „Anna Karénina“ - - (1877) - - - Der Roman „Anna Karénina“, als eine Tatsache von besonderer - - Bedeutung - -In den Kreisen unserer Intelligenz pflegen jetzt viele, wenn man mit -ihnen vom Volk spricht, gegen ein Auseinanderhalten von Volk und -Intelligenz zu protestieren: „Was für ein Volk? Auch ich bin Volk!“ -heißt es. - -Im achten Teil des Romans „Anna Karenina“ sagt Lewin, der geliebte Held -des Autors, auch von sich, daß er Volk sei. Diesen Lewin habe ich früher -einmal einen Menschen mit reinem Herzen genannt. Obschon ich nun -unverändert fortfahre, an die Reinheit seines Herzens zu glauben, glaube -ich doch nicht, daß er – Volk sei. Im Gegenteil, ich sehe jetzt, daß -auch er sich mit Vorliebe absondert. Überzeugt habe ich mich davon, als -ich diesen achten und letzten Teil des Romans las. Lewin ist ja -allerdings keine gegenwärtige, keine lebende Persönlichkeit, sondern nur -die Phantasiegestalt eines Schriftstellers; aber dieser Schriftsteller, -der ein ungeheures Talent, ein bedeutender Geist und ein von der -Intelligenz Rußlands überaus geachteter Mensch ist, läßt diese -Phantasiegestalt auch seine, des Autors, persönlichen Ansichten -entwickeln, was besonders deutlich in diesem letzten Teil geschieht, -wobei er in scharfen Widerspruch mit der gegenwärtigen russischen -Wirklichkeit gerät. Das aber dürfte doch schon ein ernstes Thema für -eine Erörterung sein, selbst in unserer so bewegten Zeit, die voll ist -von großen, erschütternden, in schneller Reihenfolge sich entwickelnden -Ereignissen. Denn wenn wir von dem nicht existierenden Lewin reden, -reden wir ja in Wirklichkeit von den Ansichten eines der bedeutendsten -Russen unserer Zeit. Und diese Ansichten betreffen die gegenwärtige -russische Tat: den Balkankrieg. - -Das Wesentliche dieser Ansichten besteht, wenn ich den Autor richtig -verstanden habe, hauptsächlich darin, daß unsere ganze sogenannte -nationale Bewegung zugunsten der slawischen Brüder von unserem Volk -keineswegs geteilt und sogar überhaupt nicht verstanden werde. - -So sehen wir, daß auch Lewin, der Mensch mit dem reinen Herzen, sich von -der riesigen Mehrzahl der Russen lossagt und absondert. Seine Ansicht -ist übrigens gar nicht neu und originell. Sie wäre denen, die im letzten -Winter bei uns in Petersburg fast ebenso dachten – und das waren ihrer -sozialen Stellung nach durchaus nicht obskure Leute – sehr gelegen -gekommen, weshalb man es bedauern könnte, daß das Buch ein wenig zu spät -erschienen ist. Aus welchem Grunde diese finstere Absonderung Lewins -erfolgte, vermag ich nicht festzustellen. Allerdings ist er ein heißer, -„unruhiger“, alles analysierender Mensch, der streng genommen in keiner -Beziehung sich selber traut. Aber immerhin ist dieser Mensch „reinen -Herzens“, dabei bleibe ich, obschon es schwer zu erraten ist, auf -welchen geheimen und mitunter sogar lächerlichen Wegen das -widernatürlichste, künstlichste und sogar schändlichste Gefühl in manch -ein beispielhaft aufrichtiges und reines Herz eindringen kann. Übrigens -möchte ich noch vorausschicken, daß ich diesen Lewin doch nicht mit der -Person des Autors identifiziere, obwohl der Autor, wie sehr viele -behaupten und wie auch ich deutlich sehe, seine eigenen Überzeugungen -und Ansichten durch Lewin aussprechen läßt, ja sie ihm oft fast mit -Gewalt in den Mund legt, bisweilen sogar auf Kosten der künstlerischen -Geschlossenheit des gezeichneten Charakters. Ich sage das aus einer -gewissen bitteren Verwunderung heraus, denn wenn auch sehr vieles von -dem, was Lewin sagt, nur die Ansichten Lewins, des erdichteten Menschen, -des künstlerisch dargestellten Charakters sind, so kann ich doch nicht -leugnen, daß ich, was des Autors eigene Ansichten betrifft, nicht solche -Ansichten gerade von diesem Autor erwartet hätte! - -Hier sehe ich mich gezwungen, zunächst einzelne meiner Gefühle -darzulegen, trotz meines Vorsatzes mich nicht mit literarischer Kritik -zu befassen. Aber wenn ich diese Ansichten auch gelegentlich der Kritik -eines literarischen Werkes ausspreche, so haben sie doch nichts mit -denen eines Literaturkritikers zu schaffen. Tatsächlich schreibe ich in -diesem „Tagebuch“ alle meine Gedanken über meine Eindrücke nieder, -schreibe somit über alles, was mir von den laufenden Ereignissen und -Vorgängen bemerkenswert erscheint, und da habe ich es mir nun Gott weiß -weshalb zum Vorsatz gemacht, von meinen vielleicht stärksten Eindrücken -zu schweigen, bloß deshalb, weil sie die russische Literatur betreffen. -Natürlich lag diesem Vorsatz ein ganz richtiger Gedanke zugrunde, aber -eine buchstäbliche Befolgung des Vorsatzes ist dennoch nicht richtig, -das sehe ich jetzt ein, eben weil es eine Befolgung des Buchstabens -wäre. Zudem ist dieser Roman in meinen Augen nicht mehr ein einfaches -literarisches Werk, sondern schon eine ganze nationale _Tat_, ein Faktum -von bereits ganz anderer Bedeutung. Diese _Tat_, die die Schöpfung -dieses Romans zweifellos ist, fiel für mich in diesem Frühjahr mit der -enormen Tat der Kriegserklärung zusammen und in meinem Geist sah ich -beide Taten sofort in Verbindung miteinander, denn ich fand zwischen -ihnen einen mich selbst überraschenden bedeutungsvollen Zusammenhang. - -Im April begann unser großer Krieg für eine große hochherzige Idee: die -geknechteten und mißhandelten slawischen Völker zu befreien und ihnen -ein neues Leben zu ihrem und der Menschheit Wohl wiederzugeben. Dieser -Zweck des Krieges ist für Europa so unbegreiflich, daß es ihn nur für -einen listigen Vorwand hält und uns mit allen Mitteln zu schaden sucht. -So hat es sich schon mit unserem Feinde gegen uns verbündet – wenn auch -nicht in einem offiziellen Bündnis –, um wenigstens heimlich gegen uns -zu kämpfen, in Erwartung des offenen Kampfes. Doch davon ein anderes -Mal. Ich wollte hauptsächlich von dem Eindruck sprechen, den alle -diejenigen empfangen mußten, die an die große zukünftige universale -Bedeutung Rußlands glauben, als sie in diesem Frühjahr die -Kriegserklärung lasen. Dieser einzig dastehende Krieg, um Schwachen und -Bedrückten Leben und Freiheit zu geben, nicht ihnen zu nehmen, dieser in -der heutigen Welt gar nicht mehr glaubwürdig klingende Kriegszweck war -für alle, die an Rußlands Zukunft glauben, eine Tatsache, die feierlich -und bedeutungsvoll diesen ihren Glauben bestätigte. Das war nun nicht -mehr lediglich ein Traum, eine Vermutung bloß, sondern Wirklichkeit, war -Tatsache, durch die die Hoffnungen bereits _in Erfüllung zu gehen -begannen_. „Wenn aber der Anfang schon gemacht ist, dann wird auch alles -andere in Erfüllung gehen, auch das, daß Rußland an der Spitze aller -vereinigten Slawen sein großes neues Wort Europa sagen wird. Und selbst -dieses Wort hat sich bereits angekündigt, doch ist Europa noch weit -davon entfernt, dasselbe zu verstehen, und selbst wenn es versteht, wenn -es verstehen muß, wird Europa noch lange nicht an das neue Wort -glauben.“ So dachten damals die „Gläubigen“. Ja, der Eindruck war -feierlich und bedeutungsvoll, und selbstverständlich mußte der Glaube -der Gläubigen sich festigen und erstarken. Doch der begonnene Krieg ist -immerhin von unberechenbarer Tragweite, so daß auch für uns, die wir an -Rußland glauben, beunruhigende Fragen sich einstellten. Rußland und -Europa! Rußland hat das Schwert gegen die Türken gezogen, aber wer weiß, -vielleicht stößt es dabei mit Europa zusammen, und das – wäre das nicht -zu früh? Der Zusammenstoß mit Europa ist etwas anderes als der mit der -Türkei und wird nicht nur mit dem Schwert ausgefochten werden, so haben -es die Gläubigen von jeher aufgefaßt. Aber sind wir nun auch zu diesem -anderen Zusammenstoß bereit? Freilich, das Wort hat sich bereits -angekündigt, aber ganz abgesehen von den Europäern – wird es denn auch -bei uns von allen verstanden? Wir Gläubigen sagen z. B., daß Rußland -allein die Elemente in sich trage, die zu einer Lösung des -verhängnisvollen europäischen Problems des vierten Standes, und zwar -ohne Kampf und Blut, ohne Haß und Feindschaft, erforderlich sind, daß es -aber dieses Wort erst dann sagen werde, wenn Europa bereits im eigenen -Blute schwimmt, denn vorher würde ja doch niemand in Europa unser Wort -vernehmen, oder wenn auch vernehmen, so würde es doch niemand verstehen. -Ja, wir Gläubigen glauben daran, aber was antwortet man uns darauf -selbst hier in Rußland? Selbst hier sagen uns unsere Landsleute, dies -seien nur fanatische Illusionen, die Weissagungen sein wollen, seien nur -wilde Träume, und wir sollten ihnen doch Beweise geben, sichere -Anzeichen und bereits greifbare Tatsachen! Ja was könnten wir ihnen nun -zur Bekräftigung unserer _Weissagungen_ nennen? Etwa die Aufhebung der -Leibeigenschaft – ein Faktum, das bei uns noch so wenig begriffen worden -ist in seiner Bedeutung als Beweis russischer Geisteskraft? Oder die -angeborene Natürlichkeit unserer Nächstenliebe, die schon in unserer -Zeit immer deutlicher aus all dem hervorzutreten anfängt, was sie -jahrhundertelang fast bis zum Ersticken bedrückt hat? Doch gut, wir -weisen also darauf hin: da wird man uns denn entgegnen, daß all diese -Tatsachen wiederum nur von unseren tollen Illusionen zu solcher -Bedeutung aufgebauscht worden seien; überdies würden sie verschieden -gedeutet und somit könne man sie überhaupt nicht als irgendwelche -Beweise gelten lassen. Das würden uns fast alle antworten. Und nun -bedenke man: wir, die wir uns selber noch nicht verstehen und die wir so -wenig an uns glauben, wir – stoßen mit Europa zusammen! Europa aber – -das ist doch etwas Ungeheures, Heiliges! Uns ist es teuer, dieses Land, -teuer der zukünftige, der im Frieden errungene Sieg des großen -christlichen Geistes, der sich im Osten am reinsten erhalten hat ... Und -in der Erwägung der Möglichkeit eines Zusammenstoßes mit Europa im Laufe -unseres jetzigen Krieges fürchten wir am meisten, daß Europa uns -mißverstehen könnte und uns wie früher, wie gewöhnlich, mit Hochmut, mit -Verachtung und mit dem Schwert begegnen werde, als wären wir wilden -Barbaren nicht wert, vor Europa den Mund aufzutun. Ja aber, fragten wir -uns nun, was werden wir ihnen denn sagen oder zeigen, damit sie uns -richtig zu verstehen anfangen? Wir haben doch, scheint es, noch so wenig -von solchen Gütern, die ihnen _verständlich_ wären und um deretwillen -sie uns achten könnten? Denn unsere fundamentale, wichtigste Idee, unser -beginnendes „neues Wort“ werden sie noch lange, gar zu lange nicht -verstehen. Sie brauchen Fakta, die sie unmittelbar, die sie _heute_ -schon verstehen könnten, verstehen mit ihrem _heutigen_ Blick. Und mit -diesem Blick fragen sie uns: „Wo ist denn Ihre Zivilisation? – läßt sich -denn in dem Chaos, welches wir alle bei Ihnen sehen, eine Ordnung der -ökonomischen Kräfte wahrnehmen? Wo ist _Ihre_ Wissenschaft, _Ihre_ -Kunst, _Ihre_ Literatur?“ - - * * * * * - -Gerade in dieser Zeit, d. h. in diesem Frühjahr, traf es sich einmal, -daß ich auf der Straße einem unserer Schriftsteller begegnete, den ich -zu den am meisten von mir geliebten Autoren zähle. Wir sehen uns sehr -selten, alle paar Monate einmal, und auch dann immer zufällig und auf -der Straße. Er ist einer der hervorragendsten der fünf oder sechs -unserer Belletristen, die alle zusammen aus irgendeinem Grunde die -„Plejaden“ genannt werden[32]. Wenigstens hat die Kritik in -Übereinstimmung mit dem Publikum sie von allen anderen Schriftstellern -ihrer Art abgeteilt, und so ist es denn seit langem geblieben – der -Kreis der „Plejaden“ erweitert sich nicht. Es ist mir stets eine Freude, -mit diesem liebenswürdigen Romancier, den ich so überaus schätze, -zusammenzutreffen und ihm unter anderem zu beweisen, daß ich es nicht -glaube und auch gar nicht glauben könne, daß er, wie er sagt, alt -geworden sei und nichts mehr schreiben werde. Nach einem kurzen Gespräch -mit ihm trage ich immer eines seiner feinen und weitsichtigen Worte mit -mir fort. Bei jener letzten Begegnung gab es viel Stoff zu einer -Unterhaltung, denn der Krieg war schon erklärt. Doch er begann sofort -und ohne Umschweife von „Anna Karenina“ zu sprechen (auch ich hatte -gerade den siebenten Teil gelesen, mit welchem der Roman im „Russischen -Boten“ schloß), und da er anscheinend nicht zu den Leichtbegeisterten -gehört, war ich überrascht, als ich ihn mit leidenschaftlicher, -überzeugter Begeisterung über dieses Werk urteilen hörte. - -„Das ist etwas Beispielloses, das ist ein Werk von erstem Range! Wer -kann sich bei uns, von den Schriftstellern, damit messen? Und in Europa -– wer? Wer könnte dort etwas Ähnliches vorweisen? Haben sie dort in -allen ihren Literaturen jetzt oder in den letzten Jahren oder überhaupt -in neuerer Zeit ein Werk hervorgebracht, das sich neben dieses stellen -könnte?“ - -Hauptsächlich überraschte mich an diesem Urteil, das übrigens vollkommen -mit dem meinigen übereinstimmte, daß dieser Hinweis auf Europa geradezu -eine Antwort war auf die Fragen und Zweifel, die sich damals in so -vielen Herzen ganz von selbst erhoben. So erhielt dieses Buch in meinen -Augen die Bedeutung eines Faktums, auf das wir Europa als Antwort auf -jene Fragen hinweisen könnten. Natürlich wird man spöttisch einwenden, -das sei ja im ganzen nur Literatur, nur irgendein Roman, und es sei -lächerlich, die Bedeutung desselben so zu übertreiben und mit einem -Roman gegen Europa aufzutreten. Ich weiß, daß man lachen wird, doch -diese Aufregung ist überflüssig, denn ich übertreibe keineswegs und sehe -die Dinge ganz nüchtern. Ich weiß, daß es allerdings nur ein Roman ist, -nur ein Tropfen von dem, was nötig wäre. Für mich aber besteht die -Hauptsache darin, daß dieser Tropfen bereits vorhanden, bereits -Wirklichkeit ist, wenn aber der Anfang schon Tatsache ist, d. h. wenn -das Genie Rußlands schon dieses _Faktum_ hervorzubringen vermocht hat, -so ist es folglich nicht zur Unfruchtbarkeit verdammt, nicht der -Kraftlosigkeit geweiht, sondern _kann_ schöpferisch sein, kann etwas -_Eigenes_ geben, kann sein Wort anheben und es zu Ende sprechen, wenn -die Zeit gekommen sein wird. Und überdies ist jenes Werk doch weit mehr -als nur ein Tropfen. Oh, auch hierin mache ich mich nicht im geringsten -einer Übertreibung schuldig: ich weiß nur zu gut, daß nicht nur nicht in -einem einzelnen Schriftsteller der Plejaden, sondern auch in ihnen allen -zusammen nicht das zu finden ist, streng genommen, was man geniale -schöpferische Kraft nennt. Unstreitige Genies mit einem unstreitig -„neuen Wort“ hat es in unserer ganzen Literatur nur drei gegeben. -Lomonossoff, Puschkin und zum Teil Gogol. Diese ganze Plejadengruppe -dagegen (und der Autor der „Anna Karenina“ gehört gleichfalls zu ihr) -ist unmittelbar aus Puschkin hervorgegangen, aus einem der größten -Russen, den man aber fast überhaupt noch nicht verstehen gelernt hat. -Puschkin ist der Vertreter von Ideen, die gleichsam die -Veranschaulichung des Künftigen oder der Bestimmung ganz Rußlands und -seines Zieles, das heißt soviel wie unseres ganzen zukünftigen -Schicksals sind. - -Alle unsere jetzigen „Plejaden“ haben nur nach Puschkins Hinweisen -gearbeitet, etwas Neues aber haben sie nach ihm nicht gesagt. In ihm -lagen bereits alle die Keime, die die Plejaden später entwickelt haben. -Und dabei haben sie nur den kleinsten Teil der von ihm hinterlassenen -Aufgaben ausgearbeitet. Dafür ist freilich das, was sie getan haben, mit -solchem Reichtum an Kraft, mit solcher Tiefe und Deutlichkeit -ausgearbeitet worden, daß Puschkin sie selbstverständlich anerkannt -hätte. „Anna Karenina“ ist, was die Idee des Werkes betrifft, gewiß -nichts Neues, wenigstens bei uns nichts Neues. Statt dieses Werkes -könnten wir Europa natürlich ebensogut die Quelle selbst nennen, d. h. -Puschkin als schärfsten, stärksten und unerschütterlichsten Beweis für -die Selbständigkeit des russischen Genies und sein Recht auf die größte -universale, allmenschliche und allvereinende Bedeutung in der Zukunft. -Doch leider wissen wir, daß, wieviel wir auch reden und vorweisen -wollten, Europa unsere Schriftsteller noch lange nicht lesen wird, oder -selbst wenn man es dort täte, so würde man uns doch noch lange nicht -verstehen und nicht schätzen. Und die Europäer sind ja auch noch gar -nicht imstande, uns zu verstehen, nicht etwa aus Mangel an Geist, -sondern weil wir für sie eine ganz andere Welt sind, als wären wir vom -Monde auf die Erde versetzt, weshalb sie sogar die Tatsache, daß wir -doch immerhin existieren, gar nicht zugeben möchten. Das weiß ich besser -als mancher andere und rede deshalb von den Hinweisen, mit denen wir -Europa auf die bewußten Fragen antworten könnten, nur in dem Sinne -unserer eigenen Überzeugung von unserem Recht auf Selbständigkeit Europa -gegenüber. - -Nichtsdestoweniger ist „Anna Karenina“ als Kunstwerk etwas Vollkommenes -– ist ein Werk, dem die europäischen Literaturen der Gegenwart nichts -Gleichwertiges gegenüberstellen können; was aber die Idee dieses Werkes -betrifft, so ist sie bereits etwas ganz Nationales, ist gleichsam ein -Stück von uns, ist eben das, was unsere Besonderheit vor der ganzen -europäischen Welt ausmacht, und ist somit unser „neues Wort“ oder -wenigstens der Anfang desselben – ein Wort, das in Europa niemand zu -sagen versteht, dessen aber gerade Europa so dringend bedarf, trotz -seines ganzen Stolzes. Ich kann mich hier nicht in einer literarischen -Kritik ergehen, doch will ich immerhin ein paar Worte über dieses Buch -sagen. - -In diesem Werk ist eine Untersuchung der Schuld und des Verbrechens der -Menschen durchgeführt. Die geschilderten Menschen sind unter unnormalen -Bedingungen genommen. Das Böse besteht schon vor ihnen. In den Strudel -der Lüge hineingerissen, begehen diese Menschen ein Verbrechen und gehen -unrettbar ins Verderben. Wie Sie sehen, ein Gedanke, der das liebste und -älteste der europäischen Themen behandelt. Aber wie wird nun ein solches -Problem in Europa gelöst? Sehr einfach. Und zwar gibt es dort zwei Arten -von Lösungen. Die erste Lösung ist: das Gesetz ist gegeben, -niedergeschrieben, formuliert, ist in Jahrtausenden ausgearbeitet, Gut -und Böse festgestellt, aufgewogen, die Maße und Grade sind historisch -von den Führern der Menschheit in unermüdlicher Arbeit an der -Menschenseele und in höherer wissenschaftlicher Untersuchung der Gesetze -des menschlichen Zusammenlebens festgesetzt. Diesem ausgearbeiteten -Kodex ist ein jeder blinden Gehorsam schuldig. Wer das nicht tut und -jene Gesetze übertritt, der bezahlt das mit seiner Freiheit, seinem -Eigentum, seinem Leben, bezahlt buchstäblich und unmenschlich. - -„Ich weiß,“ sagt ihr anderen, „daß das sowohl blind wie mitleidlos und -unhaltbar ist, da ja die endgültige Formel der Menschheit auf ihrem -halben Wege noch nicht ausgearbeitet sein kann. Doch da es einen anderen -Ausweg nicht gibt, so muß man sich eben an das halten, was man hat, was -schwarz auf weiß gegeben ist, und zwar buchstäblich und rücksichtslos. -Täte man das nicht – so wäre man schlimmer daran. Somit kann man sagen, -daß wir, trotz der ganzen Unnatürlichkeit und Unsinnigkeit der Ordnung -dessen, was wir unsere große europäische Zivilisation nennen, -nichtsdestoweniger danach trachten müssen, daß die Kräfte des -Menschengeistes gesund und unbeschädigt bleiben, daß die Gesellschaft -nicht an dem Glauben, sie befinde sich auf dem Wege zur Vollkommenheit, -zu zweifeln anfängt und nicht zu denken wagt, es sei das Ideal des -Schönen und Erhabenen verdunkelt und der Begriff von Gut und Böse -entstellt und umgedeutet, das Normale werde mehr und mehr verdrängt, -Einfachheit und Natürlichkeit gingen unter dem Druck der unausgesetzten -anwachsenden Lüge verloren.“ - -Die zweite Lösung ist das Gegenteil der ersten: sie geht von der Annahme -aus, daß die menschliche Gesellschaft unnormal aufgebaut sei, weshalb -man den einzelnen für die Folgen dieser Unnormalität nicht -verantwortlich machen könne. Also ist der Verbrecher frei von jeder -Verantwortung und folglich gibt es vorläufig überhaupt kein Verbrechen. -Will man nun mit dem, was allgemein Verbrechen genannt wird, und mit der -Schuld der Menschen ein Ende machen, so muß man das zunächst mit der -Unnormalität der Gesellschaft und ihres sozialen Aufbaus tun. Da aber -eine Korrektur der bestehenden Ordnung der Dinge langwierig und -unzuverlässig, ja sogar aussichtslos wäre, und man übrigens auch keine -Mittel dazu hat, so muß man den ganzen bisherigen Bau der Gesellschaft -zerstören und die alte Ordnung gleichsam mit dem Besen auskehren. Dann -kann man alles von neuem beginnen, nach neuen Grundsätzen, die zwar noch -unbekannt sind, aber immerhin nicht schlechter sein können als die der -gegenwärtigen Ordnung; im Gegenteil, sie haben sogar viele Aussicht auf -vollen Erfolg, denn unser Vertrauen gehört der Wissenschaft. - -Das wäre die zweite Lösung. Man erwartet den zukünftigen Ameisenbau, -inzwischen aber überschwemmt man die Welt mit Blut. Andere Lösungen der -menschlichen Schuld und der Verbrechen kennt die westeuropäische Welt -nicht. - -In der Anschauung des russischen Autors – d. h. in seiner Auffassung von -Schuld und Verbrechen – tritt dagegen deutlich hervor, daß kein -Ameisenbau, kein Triumph des „vierten Standes“, keine Beseitigung der -Armut, keine Organisation der Arbeit die Menschheit vor der Unnormalität -bewahren wird oder würde, und folglich auch nicht vor Schuld und -Verbrechen. Ausgedrückt ist das in einer unvergleichlichen -psychologischen Ergründung der Menschenseele und mit furchtbarer Tiefe -und Kraft durch einen bei uns bisher nicht gekannten Realismus der -künstlerischen Darstellung. - -Es ist klar und verständlich bis zur leibhaftigen Sichtbarkeit gezeigt, -daß das Böse im Menschen tiefer sitzt als die Sozialisten annehmen, die -sich als Ärzte aufspielen, daß das Böse sich in keiner sozialen -Organisation, und wäre sie noch so vollkommen, vermeiden läßt, daß die -Seele des Menschen überall dieselbe bleibt, daß das Unnormale und die -Sünde aus ihr allein hervorgehen und daß schließlich die Gesetze des -Menschengeistes noch so unbekannt, von der Wissenschaft noch so -unerforscht, so unbestimmt und so geheimnisvoll sind, daß es bis jetzt -weder gründliche Ärzte noch selbst _endgültige_ Richter gibt und auch -nicht geben kann, außer dem einen, der da sagt: „Die Rache ist mein, ich -will vergelten.“ Nur er allein kennt das _ganze_ Geheimnis dieser Welt -und das definitive Schicksal des Menschen. Der Mensch aber kann sich -noch nicht unterfangen, mit dem Stolz eigener Unfehlbarkeit zu richten, -noch ist _die_ Zeit nicht gekommen. Der Mensch, der Richter ist über -andere, muß von sich wissen, daß er kein endgültiger Richter, vielmehr -selber ein Sünder ist, daß die Wage und das Maß in seiner Hand eine -Absurdität sind, _wenn er sich nicht selbst_ vor dem Gesetz des noch -unerforschlichen Geheimnisses beugt und nicht in dem einzigen Ausweg -seine Zuflucht sucht – in der Barmherzigkeit und in der Liebe. Auf daß -aber der Mensch nicht umkomme vor Verzweiflung und womöglich in der -Überzeugung untergehe, daß das Böse von geheimnisvoller und -verhängnisvoller Unvermeidlichkeit sei, ist dem Menschen eben ein Ausweg -gezeigt. Ihn hat der Dichter mit der Überzeugungskraft des Genies in der -genialen Szene offenbart, die im Krankenzimmer der Heldin des Romans -sich abspielt – wo die Verbrecher und Feinde sich plötzlich in höhere -Wesen verwandeln, in Brüder, die einander alles verzeihen und eben durch -dieses ihr gegenseitiges Verzeihen Lüge, Schuld und Verbrechen von sich -abstreifen und sich dadurch mit einem Schlage selbst rechtfertigen, im -vollen Bewußtsein dessen, daß sie das Recht dazu erhalten haben. Dann -aber, im Schlußteil des Romans, in der schrecklichen Schilderung des -Falles der Menschenseele, der Schritt für Schritt verfolgt wird, in der -Wiedergabe jenes unüberwindlichen Zustandes, wo das Böse sich der Seele -des Menschen bemächtigt und ihn fesselt, jede Bewegung, jede -Widerstandskraft, jeden Gedanken, jede Lust zum Kampf gegen das Böse -lähmt, im Kampf gegen die Finsternis, die sich auf die Seele senkt und -von ihr in der Leidenschaft des Rachedurstes bewußt statt des Lichtes -erwählt wird – in dieser Schilderung liegt für den Richter der Menschen, -der das Maß und die Wage hält, so viel offenbarte Wahrheit, daß er -natürlich erschrocken Bedenken tragen und ausrufen wird: „Nein, nicht -immer ist die Rache mein, nicht immer werde ich vergelten,“ und er wird -nicht unmenschlich dem in Verstocktheit gesunkenen Verbrecher als Schuld -anrechnen, daß er den vom Lichte ewig gewiesenen Ausweg verschmähte und -ihn geradezu _bewußt_ verwarf. Wenigstens wird er sich nicht an den -Buchstaben des Gesetzes halten ... - -Wenn wir nun in der Literatur Werke von solcher Gedanken- und -Darstellungskraft besitzen, weshalb sollten wir dann nicht _in der -Folge_ auch _unsere_ Wissenschaft haben können und unsere eigenen -Lösungen der ökonomischen, der sozialen Probleme; weshalb spricht Europa -uns die dazu erforderliche Selbständigkeit ab, die Möglichkeit, daß wir -_unser eigenes_ Wort sagen könnten? Man kann wirklich nicht den -lächerlichen Gedanken gelten lassen, daß die Natur uns Russen nur mit -literarischen Fähigkeiten versehen habe. Alles übrige ist doch eine -Frage der geschichtlichen Entwicklung, der Umstände, der Forderungen der -Zeit. Das könnten sich schließlich auch unsere russischen Europäer -sagen, solange sie noch auf das Urteil der europäischen Europäer über -uns warten müssen ... - - - Ein Gutsherr, der von einem Bauern den Glauben an Gott erhält - -Jetzt, nachdem ich mein eigenes Empfinden auseinandergesetzt, wird man -vielleicht verstehen, wie der Abfall eines solchen Autors, seine -Absonderung von der großen russischen Tat unserer Tage – dem Kriege für -die Unterdrückten und Verfolgten – und die paradoxe Unwahrheit des -Urteils, das er in diesem unseligen achten Teil des Romans über unser -Volk fällt, auf mich gewirkt haben. Er nimmt ja dem Volk alles, spricht -ihm das Wertvollste ab, raubt ihm den Sinn und Zweck seines Lebens. Ja, -es wäre dem Autor unvergleichlich angenehmer, wenn unser Volk sich nicht -in seinem Herzen für die um ihres Glaubens willen leidenden Brüder -erheben würde. Nur in diesem Sinne leugnet er auch die Beweise, -ungeachtet dessen, daß sie Tatsachen sind. Freilich wird das alles nur -von den imaginären Gestalten seines Romans ausgesprochen, aber, wie ich -schon sagte, hinter ihnen sieht man nur zu deutlich den Autor selbst. -Allerdings ist es ein aufrichtiges Buch: der Autor spricht aus der -Seele. Sogar die peinlichsten Sachen (und die gibt es in diesem Buch) -nehmen sich in ihm aus, als wären sie ganz unversehens hineingeraten, so -daß man sie trotz ihrer ganzen Peinlichkeit nur für ein -offenherziges Wort hält und nicht im geringsten etwa Tücke vermutet. -Nichtsdestoweniger halte ich dieses Buch durchaus nicht für so harmlos, -wie es manche Leute tun. Jetzt wird und kann es zum Glück keinen Einfluß -mehr haben, denn daß es vielleicht einer kleinen abgesonderten Gruppe -von Leuten beipflichtet, ist belanglos. Aber die Tatsache, daß ein -solcher Autor in diesem Sinne überhaupt schreiben kann, ist doch sehr -bedauerlich, bedauerlich und traurig für unsere Zukunft. Doch übrigens – -zur Sache: ich will widersprechen und werde darauf hinweisen, was mich -besonders überraschte. - -Zunächst muß ich ein paar Worte über Lewin sagen, der ersichtlich der -Hauptheld des Romans ist. In ihm ist alles Positive ausgedrückt und zwar -gewissermaßen als Gegensatz zu jenen Unnormalitäten, an denen andere -Gestalten des Romanes zugrunde gehen oder unter denen sie zu leiden -haben. Im übrigen ist Lewin offenbar der Erwählte, durch den der Autor -seine eigenen Gedanken ausdrückt. Aber dieser Lewin war immer noch nicht -vollkommen, immer fehlte ihm noch etwas, und so mußte der Autor sich -wieder mit dem Fehlenden befassen, damit Lewin keinerlei Zweifel oder -Fragen mehr verkörpere. – In der Folge wird der Leser begreifen, aus -welchem Grunde ich zunächst hierbei verweile und somit nicht direkt zur -Sache komme. - -Lewin ist glücklich, der Roman entwickelt sich zu seinem größten Ruhme, -aber – ihm fehlt noch der innere, der geistige Friede. Ihn quälen die -ewigen Fragen der Menschheit: Gott, das ewige Leben, Gut und Böse und -Ähnliches. Es quält ihn, daß er ein Ungläubiger ist und sich nicht damit -zufrieden geben kann, womit sich alle anderen zufrieden geben, indem sie -ihre Interessen auf Naheliegendes beschränken, als da sind Tagesfragen, -Verdienst, Vergötterung der eigenen Person oder anderer Götzen, -Eigenliebe usw. usw. Ein Anzeichen von Großherzigkeit, nicht wahr? Aber -von Lewin ist ja auch weniger nicht zu erwarten. Nebenbei zeigt es sich, -daß Lewin auch sehr viel gelesen hat. Er kennt sowohl die Werke der -Philosophen, der Positivisten, wie auch der gewöhnlichen Naturforscher, -doch nichts befriedigt ihn, sondern im Gegenteil, die Bücher verwirren -ihn noch mehr, so daß er in der freien Zeit, die ihm die Bewirtschaftung -seines Gutes läßt, in den Wald oder aufs Feld geht, sich ärgert, sogar -Kitty, seine junge Frau, nicht in dem Maße schätzt, wie sie es wohl -verdient hätte. Da führt ihm der Zufall einen seiner Bauern in den Weg, -der ihm gesprächsweise von zwei anderen Bauern, Mitjuscha und -Fokanytsch, zwei in sittlicher Beziehung entgegengesetzten Typen, -erzählt und sich dabei folgendermaßen ausdrückt: - -„Ja, Mitjuscha, warum nicht, der wird’s schon herauszuschlagen -verstehen! Der erpreßt es einfach und nimmt sich das Seine. Dem tut doch -kein Christenmensch leid. Onkel Fokanytsch aber, der wird doch nicht wie -Mitjuscha einem anderen Menschen das Fell über die Ohren ziehen. Der -wird auch so abgeben, daß man später zahlen kann, manchem wird er auch -billiger geben. Da kann er denn auch selber nicht soviel Pacht zahlen -...“ - -„Aber warum wird er denn manchem billiger geben?“ fragte Lewin. - -„Ja, das ist schon so, die Menschen sind eben verschieden. Der eine -Mensch lebt sozusagen nur für seine Bedürfnisse, wie beispielsweise -sagen wir meinethalben Mitjuscha, der sich nur den Wanst vollschlägt; -aber Fokanytsch, der Alte, – das ist ein Mensch mit Gewissen. Der lebt -für die Seele, der hat Gott nicht vergessen.“ - -„Wie das?! Wie – Gott nicht vergessen? wie lebt er für die Seele?“ rief -Lewin fast erschrocken vor Betroffenheit. - -„Nun, das weiß man doch, wie! Lebt in Rechtschaffenheit, in Gott. Die -Menschen sind nun mal verschieden. Beispielsweise Ihr selber, Herr, wenn -man so nimmt – Ihr werdet doch auch keinem Menschen unrecht tun.“ - -„Ja, ja, leb’ wohl!“ sagte Lewin hastig – die Aufregung verschlug ihm -den Atem – er griff nach seinem Stock und entfernte sich schnell in der -Richtung zum Hause ............ - -Doch statt nach Hause zu gehen, ging er wieder in den Wald, legte sich -unter einer Esche ins Gras und begann fast mit Begeisterung zu denken. -Das Wort war gefunden, alle ewigen Rätsel gelöst durch dieses eine -einfache Wort des Bauern: „Für die Seele leben, Gott nicht vergessen.“ -Der Bauer hat ihm natürlich nichts Neues gesagt: all das wußte er selber -schon lange; aber der Bauer hat ihn doch auf den Gedanken gebracht und -hat ihm die Lösung im verzwicktesten Augenblick zugeflüstert. Hierauf -folgt eine Reihe von Betrachtungen Lewins, die sehr gut und treffend -ausgedrückt sind. Lewins Gedankengang ist ungefähr folgender: wozu das -mit dem Verstande suchen, was vom Leben schon _gegeben_ ist, womit jeder -Mensch geboren wird und dem jeder Mensch (sogar unfreiwillig) folgen muß -und auch tatsächlich folgt. Jeder Mensch wird mit einem Gewissen, mit -dem Begriff von Gut und Böse geboren, folglich wird er auch unmittelbar -zu einem Lebensziel geboren: für das Gute zu leben und das Böse zu -vermeiden. Damit kommt der Bauer ebenso wie der Herr zur Welt, der -Franzose wie der Russe, wie der Türke – alle verehren das Gute (NB. -obschon viele das in einer höchst eigenartigen Weise tun). „Ich aber -wollte“, sagt sich Lewin, „alles das mathematisch, wissenschaftlich, mit -der Vernunft erfassen, oder ich erwartete ein Wunder, während mir das -alles schon ohne mein Dazutun gegeben, einfach mit mir geboren ist.“ Daß -es aber ohne unser Dazutun uns gegeben ist, dafür gibt es Beweise: alle -Menschen begreifen oder können es begreifen, daß _man seinen Nächsten -lieben muß wie sich selbst_. In diesem Wissen liegt denn auch, genau -genommen, das ganze _Gesetz_ der Menschen, wie es uns Christus erklärt -hat. Indessen ist uns diese Erkenntnis angeboren, folglich uns ohne -unser Dazutun geschenkt, denn der Verstand könnte uns um keinen Preis -dieses Wissen geben, – warum nicht? Nun ja, weil „den Nächsten lieben“ -nach dem Verstande beurteilt – unklug ist. - - „Woher habe ich das genommen?“ fragt sich Lewin. „Bin ich etwa durch - den Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll - und nicht ihn würgen? Man hat mir das in der Kindheit gesagt und - _ich habe es freudig geglaubt_, weil man mir nur gesagt hatte, was - schon in meiner Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand - jedenfalls nicht. Der Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und - das Gesetz, welches fordert, daß man alle, die uns an der - Befriedigung unserer Wünsche hindern, beseitige. Dies ist das - Ergebnis des Verstandes. Den Nächsten aber zu lieben konnte der - Verstand nicht lehren, da das unklug ist.“ - -Hierauf fällt Lewin eine Szene ein, die er kürzlich mit seiner -Schwägerin Dolly und deren Kindern erlebt hatte. Die Kinder brieten -Himbeeren in einer Tasse über einer Kerze und gossen sich die Milch im -Bogen wie eine Fontäne aus dem Kannenschnabel in den Mund. Die Mutter, -die sie bei dieser Betätigung ertappte, versuchte natürlich, ihnen klar -zu machen, daß sie, wenn sie die Gefäße zerschlügen und die Milch -verschütteten, dann weder ein Trinkgefäß noch Milch hätten. Aber die -Kinder glaubten ihr offenbar kein Wort von dem, was sie sagte, denn „sie -konnten sich den ganzen Umfang dessen, was sie genossen, gar nicht -vorstellen, und infolgedessen konnten sie sich auch nicht denken, daß -das, was sie verdarben, dasselbe sei, wovon sie lebten.“ - - „Das ist alles von selbst da,“ dachten sie, „Interessantes oder - Wichtiges gibt es dabei nicht, weil es stets so war und sein wird - und stets alles ein und dasselbe ist. Darüber brauchen wir gar nicht - nachzudenken, denn das ist das Gegebene; wir aber wollten uns etwas - Eigenes und ganz Neues ausdenken. Und so dachten wir uns denn aus, - die Himbeeren in die Tasse zu legen und sie über dem Licht zu braten - und uns die Milch direkt aus der Kanne wie eine Fontäne in den Mund - zu gießen. Das ist lustig und neu und gewiß nicht schlechter, als - aus Tassen zu trinken. - - „Tun wir nun nicht ganz dasselbe, tue ich es nicht, indem ich mit - dem Verstande die Bedeutung der Naturkräfte und den Sinn des - menschlichen Lebens zu erfassen trachte?“ fuhr Lewin fort zu denken. - „Und tun denn die philosophischen Theorien etwa nicht alle das - gleiche, indem sie auf einem seltsamen, dem Menschen nicht eigenen - Gedankenweg zu der Erkenntnis dessen führen, was der Mensch lange - schon weiß, und mit solcher Sicherheit weiß, daß er ohne es gar - nicht leben könnte? Ist es denn nicht aus der Entwicklung der - Theorie jedes Philosophen klar ersichtlich, daß er schon im voraus - ebenso sicher wie jener Bauer und auch nicht im geringsten klarer - als jener den Hauptsinn des Lebens kennt, und nur auf einem - unzuverlässigen Verstandeswege zu dem zurückkehren will, was allen - bekannt ist? - - Nun, wie, wenn man die Kinder allein ließe, wenn sie alles selbst - machen müßten, Tassen und Kannen, dazu Kühe melken usw. – würden sie - dann Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben. Nun, so versuche - man doch einmal, uns mit allen unseren Leidenschaften, unseren - Gedanken allein zu lassen, _ohne_ Vorstellung vom einzigen Gott und - Schöpfer! Oder ohne eine Vorstellung von dem, was Gut ist und was - Böse, ohne sittlichen Instinkt. - - Ich möchte bloß wissen, was ohne diese Begriffe aufgebaut werden - würde! - - Wir zerstören nur, weil wir geistig satt sind. Eben wie die Kinder!“ - -Mit einem Wort, die Zweifel haben aufgehört und Lewin hat endlich den -Glauben gefunden; er glaubt – doch an was? Das hat er noch nicht genau -formuliert! Er stellte sich nur freudig die Frage: „Sollte das wirklich -Glaube sein?“ Oder man muß annehmen, daß es nicht der Fall ist. Ja mehr -noch als das: es ist sogar kaum anzunehmen, daß solche Leute wie Lewin -überhaupt jemals einen endgültigen Glauben haben können. Lewin nennt -sich zwar „Volk“, aber er ist ein Edelmann, ein Moskauer Landedelmann -jener selben mittel-höheren Kreise, deren Historiker Graf L. Tolstoi ja -vornehmlich ist. - -Der Bauer hat Lewin freilich nichts Neues gesagt, aber immerhin hat er -ihn auf einen Gedanken gebracht, und mit diesem Gedanken begann sein -Glaube. Schon daraus allein könnte Lewin ersehen, daß er durchaus nicht -„Volk“ ist und kein Recht hat, von sich derlei zu sagen. Doch davon -später. Ich will hier nur erwähnen, daß gerade diese Herren, wie z. B. -Lewin, niemals vollkommen „Volk“ werden können, gleichviel wie lange sie -unter dem Volk oder neben dem Volk leben, ja – in vieler Hinsicht werden -sie es sogar überhaupt nicht verstehen und nie verstehen lernen. -Eigendünkel und bloßer Wunsch – dazu noch ein so wunderlicher – genügen -nicht, einen Menschen nun gleich zu dem zu machen, was er plötzlich sein -will. Mag er hundertmal Gutsbesitzer und sogar ein arbeitender -Gutsbesitzer sein, alle Bauernarbeit kennen, sogar zu mähen und einen -Wagen anzuspannen verstehen und wissen, daß zu Scheibenhonig frische -Gurken gereicht werden – in seiner Seele bleibt dennoch, trotz allen -guten Willens, ein Etwas zurück, das man, wie mich deucht, einfach -„Müßiggang“ nennen muß. Es ist das derselbe „Müßiggang“, sowohl in -physischer wie in geistiger Beziehung, der Lewin, wie sehr er sich auch -zusammennehmen wollte, doch nun einmal von seinen Vorfahren vererbt -worden ist und den das Volk in jedem Herrn sieht, obschon es nicht mit -unseren Augen schaut. Doch auch hiervon später. Was nun seinen Glauben -betrifft, so wird er ihn wieder zerstören, wird es selber tun, lange -wird er nicht bei uns verweilen: alsbald wird sich wieder irgendwo ein -Haken zeigen, und seinen ganzen Glauben zerreißen. Z. B. Kitty stolpert -beim Gehen – warum stolperte sie? Wenn sie stolperte, dann konnte sie -eben nicht ohne zu stolpern gehen; es läßt sich genau feststellen, daß -sie aus diesem und jenem Grunde stolpern mußte. Es ist klar, daß hierbei -alles von Gesetzen abhing, die sich aufs genaueste feststellen lassen. -Aber wenn dem so ist, so herrscht ja in allem die Wissenschaft. Wo -bleibt da die Vorsehung? wo ist dann ihre Rolle? und wo die -Verantwortung des Menschen? Wenn es aber keine Vorsehung gibt, wie kann -ich dann an Gott glauben, usw. usw. Das ist wie eine gerade Linie, die -sich in die Unendlichkeit fortsetzt. Mit einem Wort, dieser Lewin, diese -ehrliche Seele, ist zugleich eine chaotisch müßige Seele _par -excellence_, anderenfalls wäre er nicht das, was er ist: ein -zeitgenössischer Herrensohn der russischen Intelligenz und dazu noch aus -den mittelhohen Adelskreisen. - -Eine Stunde, nachdem der neue Glauben in ihm erweckt ist, wird das von -ihm auch schon glänzend bewiesen: er behauptet, das russische Volk -empfinde für die Balkanslawen nichts von dem, was Menschen im -allgemeinen empfinden können, er verleugnet die Seele des Volkes in der -eigenmächtigsten Weise, ja er erklärt sogar, daß er selber nicht das -geringste Mitleid mit den heimgesuchten Menschen habe. Er erklärt, daß -es ein „unmittelbares Gefühl für die bedrückten Balkanslawen nicht gäbe -und gar nicht geben könne“ – d. h. nicht nur nicht in ihm, sondern -überhaupt in keinem Russen, denn, wie er sagt: „ich bin selber Volk!“ -Fürwahr, diese Herren bewerten das russische Volk denn doch etwas gar zu -niedrig! Übrigens – nach Väterart. Kaum eine Stunde ist seit dem Erwerb -des neuen Glaubens vergangen, da werden schon wieder Himbeeren über dem -Licht gebraten. - - - Die Reizbarkeit der Eigenliebe - -Die Kinder kommen ihm entgegen gelaufen und berichten, daß Gäste -eingetroffen seien. Es sind Gäste aus Moskau. Man setzt sich in der Nähe -des Bienengartens unter Bäumen, Lewin bringt Scheibenhonig und frische -Gurken herbei und die ganze Gesellschaft macht sich sogleich an den -Honig und an die Orientfrage. Dies spielt nämlich im vorigen Jahr, – Sie -wissen doch: Tschernajeff[33], unsere Freiwilligen, die Spenden. Die -Unterhaltung wird bald sehr lebhaft, denn alle streben unaufhaltsam zur -Hauptsache. Die Gesellschaft besteht, abgesehen von den Damen, erstens -aus den beiden Gästen: einem Moskauer Professörchen, einem netten, aber -etwas dummen Menschen, und dem Stiefbruder Lewins, Ssergei Iwanowitsch -Kosnyscheff, der uns als ein Mensch von großem Verstande und großem -Wissen geschildert wird. Der Charakter Kosnyscheffs ist im Roman -künstlich aufgebaut und wird erst zum Schluß verständlich (ein Mensch -mit den Anschauungen der vierziger Jahre). Kosnyscheff hat sich in der -letzten Zeit mit Eifer und Hingabe der Hilfstätigkeit für die -Balkanslawen gewidmet und das Komitee hat ihm Berge von Arbeit -aufgeladen, so daß man sich kaum vorzustellen vermag, wenn man der -fieberhaften Tätigkeit dieser Komiteemitglieder im vorigen Jahre -gedenkt, wie er sich überhaupt hat freimachen können, und dazu noch auf -ganze zwei Wochen, die er auf dem Lande verbringen will. Freilich gäbe -es anderenfalls auch nicht diesen Disput im Bienengarten und somit auch -nicht den ganzen achten Teil des Romans, welcher nur um dieses Disputs -willen geschrieben ist. Ja sehen Sie, dieser Kosnyscheff hatte irgendein -gelehrtes Buch über Rußland geschrieben, das vor etwa zwei oder drei -Monaten in Moskau erschienen war, und obschon er lange daran gearbeitet -und große Hoffnungen in dieses Werk gesetzt, hatte es schmählich Fiasko -gemacht: von der Kritik war dem Werk überhaupt keine Beachtung geschenkt -worden. Darauf erst hatte Kosnyscheff sich der slawischen Tätigkeit -angeschlossen, und das mit einem Eifer, wie ihn niemand von ihm erwartet -hätte. Daraus folgt, daß er gewissermaßen nicht auf natürlichem Wege zu -dieser Betätigung gelangt und sein ganzer Eifer für die Balkanslawen nur -„_ambition rentrée_“ ist, nichts weiter, und man ahnt bereits, daß Lewin -im Disput mit ihm selbstverständlich Sieger bleiben muß. Kosnyscheff war -auch in den früheren Teilen des Romans sehr geschickt in komischem -Lichte dargestellt; aus dem achten Teil aber geht bereits klar hervor, -daß er überhaupt nur zu dem Zweck geschaffen ist, um im Schlußkapitel -als Piedestal zu Lewins Größe zu dienen. An sich freilich ist diese -Gestalt dem Autor sehr gut gelungen. - -Dafür ist eine der mißlungenen Gestalten der alte Fürst, Lewins -Schwiegervater, der gleichfalls dort unter den Bäumen im Bienengarten -sitzt und sich an dem Gespräch über die Orientfrage beteiligt. Die Figur -des alten Fürsten ist dem Autor sogar im ganzen Roman mißlungen, nicht -nur im Schlußkapitel. Der alte Fürst soll einer der positiven Charaktere -des Romans sein, selbstverständlich nicht auf Kosten des Realismus! So -hat auch er seine Schwächen und fast sogar seine komischen Seiten, aber -im allgemeinen ist er doch ein ehrwürdiger, höchst ehrwürdiger Mann. Er -ist der Gutherzige des Romans, ist sozusagen die gesunde Vernunft – -nicht die, die in den Stücken des achtzehnten Jahrhunderts wie ein -gelehrter Esel redete. Da gab’s nichts anderes als nur Vernunft und -abermals Vernunft. Der Fürst dagegen hat auch Humor und überhaupt -menschliche Züge. Das Ergötzliche besteht nur darin, daß dieser alte -Mensch die Aufgabe hat, geistreich sein zu müssen. Dabei hat er aber das -Unglück, daß ihm nichts wirklich Geistreiches zu sagen gelingt. Statt -dessen urteilt er in diesem Schlußkapitel über unser Volk und einen Teil -unserer Gesellschaft geradezu zynisch. Der „Gutherzige“ entpuppt sich -plötzlich als Verneiner des ganzen russischen Volkes wie alles dessen, -was in diesem Volk Gutes lebt. Man hört so recht die Aufgebrachtheit -eines alten Klubmitglieds und den greisenhaften Ärger. Übrigens ist -seine politische Theorie nichts weniger als neu. Sie besteht darin, daß -wir uns _nur_ für Rußland interessieren sollten, und deshalb ist er der -Meinung, daß die Balkanslawen uns nichts angehen – anderenfalls würde er -von uns nicht Interesse _nur_ für Rußland verlangen. Wir dagegen sind -der Meinung, daß die Hilfe, die wir den Slawen bringen, eine Handlung im -Interesse Rußlands, d. h. im Sinne der Bestimmung Rußlands ist. So -besteht denn der allgemeine Charakter seiner Ansichten in der Engheit -seiner Auffassung der russischen Interessen. Er sagt, er könne nicht -begreifen, weshalb man hier in Rußland plötzlich die Balkanslawen so -sehr liebe, während er, der Fürst, in seinem Herzen nicht die geringste -Liebe zu ihnen verspüre. Auch verstehe er nicht, gegen wen denn die -Russen in den Krieg ziehen, da doch die Regierung noch keiner anderen -Macht den Krieg erklärt habe. Katawassoff, der Professor aus Moskau, -sagt darauf, daß es Fälle geben könne, wo die Regierung den Willen des -Volkes nicht erfüllt, und dann äußere sich die öffentliche Meinung eben -in der Weise, wie es jetzt in Rußland geschehe. Hierauf heißt es von -Lewin, der mit dem alten Fürsten übereinstimmt: - - „... er wollte sagen, daß, wenn die öffentliche Meinung ein - unfehlbarer Richter wäre, die Revolution und Kommune doch ebenso - gesetzmäßig sein müßten, wie diese Bewegung zugunsten der Slawen.“ - -Es ist sonderbar, daß dieser Lewin und der alte Fürst sich durch -keinerlei Erwägungen in ihrem Denken aufhalten lassen. Doch schließlich -– wer sieht denn nicht, daß aus dem Fürsten gekränkte Eigenliebe spricht -(die Leute ziehen in den Krieg, ohne ihn vorher gefragt zu haben, ob ihm -das genehm ist!) und aus Lewin seine paradoxe Meinung. Nicht die -Wahrheit ist Lewin teuer, sondern das, was er sich ausgedacht hat. -Übrigens spricht vielleicht auch aus Lewin gekränkte Eigenliebe, denn es -ist ja kaum glaublich, was alles die Eigenliebe der Menschen kränken -kann. Das Volk und unsere Freiwilligen gegen die Verleumdungen Lewins -und des alten Fürsten zu verteidigen, hat meines Erachtens keinen Sinn, -ja es wäre für die Verteidigten sogar erniedrigend. Wenn Lewin zur -Erklärung der Tatsache, daß Hunderte von Freiwilligen aus Rußland -hinziehen, um mit den Balkanslawen gegen die Türken zu kämpfen, ohne -weiteres sagt, daß „in einem Volke von achtzig Millionen sich immer -nicht nur Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden -werden, die ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt haben, Tausende -von Müßiggängern, die stets bereit sind, sich der Räuberbande eines -Pugatschoff[34] anzuschließen oder nach China oder Serbien zu gehen“ – -so können wir nur darauf hinweisen, daß die Freiwilligen nicht heimlich -aufbrachen. Alle haben sie gesehen und ihnen das Geleit gegeben und es -war manch ein bekannter Name unter ihnen. Gewiß wird es neben der -größten Aufopferung auch Leute gegeben haben, die einfach aus -Abenteuerlust, aus Ruhmsucht oder aus anderen Gründen hinzogen. Aber -noch weiß man nicht, wie viele auch von diesen Abenteuerlustigen ihr -Leben dort hingegeben haben. Doch die Behauptung, daß unsere -Freiwilligen vom vorigen Jahr _alle_ nur Müßiggänger und verlorene Leute -gewesen seien, hat zum mindesten keinen Sinn, denn wie gesagt, wir haben -Hunderte von ihnen gekannt. Was nun die Spenden betrifft, die selbst von -den ärmsten Leuten aus dem Volk für die bedrängten und mißhandelten -Glaubensbrüder dargebracht wurden, so behauptet der Fürst, daß das -„Volk“ überhaupt nicht wisse, worum es sich dabei handelt. Er sagt: - - „... der Geistliche war verpflichtet, am Sonntag die ganze - Geschichte in der Kirche zu verlesen. Nun und das tat er denn auch. - Das Volk aber verstand davon nichts, es seufzte hin und wieder, wie - es bei jeder Predigt seufzt. Darauf sagte der Priester, daß man in - der Kirche zu einem heiligen Zweck sammle, und da holten sie jeder - eine Kopeke hervor und gaben sie, wozu aber, das wußten sie selbst - nicht.“ - -Diese Behauptung, die sich über alle Beweise einfach hinwegsetzt, ist -als Äußerung gerade des Fürsten unschwer zu erklären. Sie stammt von -einem der früheren Volksvormunde, dem ehemaligen Herrn leibeigener -Bauern, der, so gut er auch immer sein mag, für seine Sklaven doch -nichts anderes als Verachtung empfinden kann, während er sich selbst -unvergleichlich klüger dünkt als sie. Und diese Leibeigenen sollten -irgend etwas eben so gut verstehen wie er? – Das ist ausgeschlossen! - -„Sie haben geseufzt, wie bei jeder Predigt, aber verstanden haben sie -nichts!“ – Davon ist er überzeugt. Denselben Gedanken äußert auch Lewin, -und auf eine gereizte Entgegnung Kosnyscheffs, daß mit den dargebrachten -Spenden bereits das ganze Volk seinen Willen äußere, erwidert er: - - „Das Wort ‚Volk‘ ist so unbestimmt. Ja, die Bezirksschreiber und die - Volksschullehrer, und von den Bauern einer von Tausend, die wissen - vielleicht, um was es sich handelt. Die übrigen achtzig Millionen - äußern weder ihren Willen, noch haben sie überhaupt einen Begriff - davon, in welcher Angelegenheit sie ihren Willen äußern sollten. - Welches Recht haben wir nun da, von einem Volkswillen zu sprechen?“ - -Übrigens sei hier ein für allemal bemerkt, daß der Ausdruck „Wille des -Volkes“ für die Bewegung im Volk, die wir im vorigen Jahre erlebten, -durchaus nicht zutreffend ist. Es war nicht der „Wille“ des Volkes als -solcher, der sich kund tat, sondern es zeigte sich nur sein großes -Mitgefühl, sein christlicher Geist und schließlich sein Bedürfnis, -gewissermaßen Buße zu tun – ja, so könnte man es tatsächlich nennen. -Doch zunächst will ich zu erklären versuchen, wie es möglich war, daß -das Volk, das weder Geographie noch Geschichte gelernt hat, dennoch -_bewußt_ an der Bewegung für die bedrängten Balkanslawen teilnahm. - -So lange das russische Volk besteht, d. h. schon seit seiner Bekehrung -zum Christentum, sind immer Pilger aus Rußland nach Palästina, zum -Heiligen Grabe, oder nach Athos gewandert. Die Erzählungen dieser Pilger -von dem Erlebten und Gesehenen sind im Volk, wie alle Erzählungen vom -„Göttlichen“, ungemein beliebt; man hört fast andächtig zu und behält -das Gehörte beinahe Wort für Wort. Diese Erzählungen haben sich im Volk -durch Generationen vererbt und verbreitet. Deshalb wissen denn selbst -unsere Bauern auf dem Felde, auch wenn sie nie etwas von Serben, -Bulgaren oder Montenegrinern gehört haben, doch ganz genau und schon -seit Jahrhunderten, daß die heiligen Stätten und die christliche -Bevölkerung jener Gegenden von den heidnischen Türken erobert worden -sind, und daß diese Bevölkerung unter dem Joch der Ungläubigen ein -schweres Leben hat. Das wissen sie nicht nur, sondern es schmerzt sie -auch aufrichtig. Denn in seinem Herzen hat sich das russische Volk immer -zu den heiligen Stätten hingezogen gefühlt und in der Wallfahrt, wenn -nicht nach Jerusalem, dann zu einem unserer russischen Klöster, eine -gute Tat, etwas Seelenrettendes gesehen. Übrigens möchte ich bemerken, -daß ich, indem ich von diesem historischen Zug des russischen -Volkscharakters rede, ihn weder gutheiße, noch tadele, sondern nur eine -Tatsache feststelle, mit der man sich vieles erklären kann. Was sollen -wir denn tun, wenn wir nun einmal diesen historischen Zug haben! Ich -weiß nicht, wohin er uns führen wird, aber es ist doch möglich, daß er -uns zu etwas führt. Im Leben der Völker bildet sich das Wichtige immer -entsprechend den wichtigsten nationalen Sondereigenheiten aus. Vorläufig -hat z. B. der obenerwähnte Charakterzug unseres Volkes nur sein bewußt -nationales Verhalten zu _jedem_ Kriege Rußlands mit dem Sultan zur Folge -gehabt. Was jedoch den gegenwärtigen Krieg betrifft, so scheint noch der -Zeitpunkt von besonderer Bedeutung für die Volksbewegung des vorigen -Jahres gewesen zu sein. - -Es ist verhältnismäßig schon ziemlich lange her, schon sechzehn Jahre, -daß die Leibeigenschaft bei uns aufgehoben wurde. Es verging seitdem ein -Jahr ums andere, doch – in welcher Verfassung sah sich das Volk, wie -äußerte sich sein Dank für den Gnadenakt des Zaren? Es sah zunehmende -Trunksucht, sah unter seinen Standesgenossen gewissenlose Ausbeuter sich -vermehren, sah ringsum Armut, sah sich selbst oft bis zum Tierischen -gesunken – viele, oh, viele werden bei diesem Anblick schon Reue und -Kummer empfunden haben und das Verlangen nach Buße. Im Schmerz der -Selbstverurteilung begann ein Suchen nach dem Guten, Heiligen ... Und da -hörten sie plötzlich von Christen, die um ihres Glaubens willen -gemartert werden, die lieber ihr Leben hingeben, als daß sie zum Islam -übertreten, obwohl sie dafür belohnt werden sollten. Diesen ersten -Gerüchten von den Vorgängen am Balkan folgten die Aufrufe ans Volk, den -Bedrängten zu helfen, es wurden Spenden gesammelt; dann sprach man von -einem russischen General, der den Christen in ihren Kämpfen gegen die -Ungläubigen beistand, dann begannen Freiwillige aus Rußland hinzuziehen -– alles das erschütterte das Volk. Es war wie ein Aufruf, Buße zu tun. -Und da sahen und erlebten wir es: wer aus dem Volk nicht als -Freiwilliger hingehen konnte, der steuerte wenigstens ein Scherflein -bei; die Freiwilligen aber wurden von allen begleitet, ganz Rußland gab -ihnen das Geleit. - -Der alte Fürst hatte freilich in Karlsbad von all dem nichts gesehen, -und als er dann gerade während der Hochflut der Bewegung zurückkehrte, -verstand er von ihr so wenig, daß er über sie nur spötteln konnte. Doch -was konnte dieser Greis, dessen Anschauungen aus dem Klub stammen, von -Rußland oder dem russischen Bauern überhaupt verstehen? Der kluge Lewin -hätte freilich mehr verstehen können als der alte Fürst, doch ihn machte -die Erwägung stutzig, daß das Volk ja weder Geschichte noch Geographie -kennt, und überdies kränkte es ihn, daß sich dabei niemand um ihn und -seine Meinung kümmerte. Freilich weiß unser Volk nichts von Geschichte -und Geographie, doch das, worauf es ankommt, das weiß es. Allerdings -könnte man dem Volk inbetreff seiner alten historischen Neigung zu Buße -und Wallfahrt eine Menge sehr kluger und vernünftiger Dinge sagen, z. -B., daß seine Wallfahrten nur eine sehr enge und einseitige Auffassung -seiner Pflicht seien, und daß es besser täte, wenn es vom Trinken ließe -und seine Habe vermehrte und somit etwas dazu beitrüge, daß sein -Vaterland endlich den „aufgeklärten europäischen Staaten“ zu gleichen -anfange. Man könnte dem Pilger vorhalten, daß Gott seine Wallfahrt -durchaus nicht brauche, und zwar hauptsächlich deshalb nicht, weil sie -weder ihm, dem Pilger, noch seiner Familie Nutzen bringe, ja, daß seine -Wallfahrt sogar direkt schädlich sei, weil er auf lange Zeit sein Haus -und seine Heimat um eines im Grunde egoistischen Zweckes willen -verlassen müsse, nämlich um seine Seele zu retten, während es Gott -unvergleichlich angenehmer wäre, wenn er dieselbe Zeit in seinem -Gemüsegarten zubrächte oder Kälber hütete. Wie gesagt, es läßt sich sehr -viel Vernünftiges gegen das Wallfahren vorbringen, aber – was soll man -denn tun, wenn unser Volk so geartet ist, daß das Suchen des Guten in -ihm _fast ausschließlich diese Form_ angenommen hat, d. h. die Form des -Bußetuns, mittels einer Wallfahrt oder eines Opfers? Jedenfalls könnte -der kluge Lewin in Erwartung der „Aufklärung“ wenigstens diesen -historischen Charakterzug dem Volk anrechnen. Er könnte sich doch sagen, -daß viele Freiwillige und viele von denen, die sie begleiteten, einer -guten Regung folgten und in ihrer Handlungsweise eine gute Tat sahen -(das steht ganz außer Frage!), folglich aber waren es doch nicht -„verlorene Leute“, sondern vielleicht sogar die besten aus dem Volk, und -viele, sehr viele von ihnen werden diese Tat in der Tiefe ihres Herzens -eben als Buße und Sühne empfunden haben. Und vor seinem Zaren fühlte -sich deshalb keiner schuldig, im Gegenteil, er hoffte und wartete -darauf, daß sein Zarbefreier auch in dieser Frage als Befreier -eingreifen werde, wir aber, die wir in unseren Winkeln saßen, wir -freuten uns, daß das große russische Volk unsere Hoffnung und unser -großes ihm gehörendes Vertrauen rechtfertigte. So dürfte denn wohl -nichts so mangelhaft sein, wie der Vergleich dieser guten, opferwilligen -Bewegung mit der Bande Pugatschoffs, der Kommune usw.! Das konnte -wahrlich nur der gereizte Hypochonder Lewin sagen! Da sieht man, wozu -empfindliche Eigenliebe führen kann! - -Doch seine Gereiztheit geht noch weiter, er erklärt sogar unumwunden, -daß ein unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Slawen nicht -vorhanden sei und auch gar nicht sein könne. Auf die Entgegnung -Kosnyscheffs, daß es doch wohl nur für ihn nicht vorhanden sei, -antwortet er: - - „Vielleicht, aber ich sehe das nicht; ich bin selbst Volk und fühle - es doch nicht.“ - -Er hat also kein Mitgefühl mit den Mißhandelten? Übrigens wird der -Streit zwischen Lewin und Kosnyscheff in einer Weise geführt, die von -der Frage abweicht. Kosnyscheff sagt: - - „... Stelle dir vor, du gehst auf der Straße und siehst, daß - Trunkene ein Weib oder ein Kind schlagen. Ich denke, da würdest du - nicht erst fragen, ob jenen Betrunkenen der Krieg von der Regierung - deines Landes erklärt ist oder nicht, sondern würdest hineilen, und - die Bedrängten verteidigen.“ - -„Aber doch deshalb nicht töten.“ - -„Doch, du würdest töten,“ sagt Kosnyscheff, und sagt damit natürlich -etwas Unhaltbares, denn um ein Weib auf der Straße vor Betrunkenen zu -beschützen, braucht man doch wahrlich noch nicht zu töten. Aber sie -wissen es ja auch, daß es sich in dieser Frage nicht um eine zufällige -Rauferei auf der Straße handelt, sondern um ein systematisches -Niedermetzeln, um raffinierte Folterungen. Und auf eben jene Behauptung -Kosnyscheffs entgegnet Lewin: - - „Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe, würde ich mich meinem - unmittelbaren Gefühl hingeben, im voraus aber kann ich es nicht - sagen. Ein solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der - Slawen ist jedoch nicht vorhanden, und kann es auch gar nicht sein.“ - -Das ist psychologisch nicht uninteressant. Es gibt ja gewiß auch absolut -gefühllose Menschen, die einfach roh oder entartet sind; nur gehört -Lewin zweifellos nicht zu diesen, im Gegenteil, er ist sogar ein sehr -gefühlvoller Mensch. Deshalb fragt es sich, ob nicht bei gewissen, des -Mitgefühls sogar sehr fähigen Menschen die – Entfernung von -psychologischer Bedeutung sein kann. Vielleicht versagt ihr Mitgefühl, -wenn es heißt: „Die Greueltaten sind ja allerdings unerhört, man reißt -lebenden Menschen die Haut ab, wirft Kinder vor den Augen der Mütter in -die Luft und fängt sie mit dem Bajonett auf, vergewaltigt Frauen, -schneidet ihnen die Brüste ab, sticht Kindern die Augen aus und setzt -sie auf einen Spieß – aber das geschieht da irgendwo weit, irgendwo dort -auf der anderen Hälfte des Erdballs. Und da das so weit ist, empfinde -ich eben kein Mitgefühl!“ Wenn nun die Entfernung solchermaßen auf das -Mitempfinden einwirkt, so muß man sich unwillkürlich fragen: bis zu -welcher Entfernung reicht denn eigentlich die Menschenliebe? - -Doch Lewin ist, wie gesagt, zweifellos ein gefühlvoller Mensch, und -obschon er für die Slawen kein Mitgefühl hat, geht seine Menschenliebe -doch so weit, daß er einen ... Türken nicht töten könnte. Stellen wir -uns einmal eine solche Szene vor: Lewin steht, mit dem Gewehr in der -Hand und aufgepflanztem Bajonett – zwei Schritt von ihm steht ein Türke -mit einem Säugling im Arm, dem er mit einer Nadel die Augen auszustechen -sich anschickt. Die siebenjährige Schwester des kleinen Opfers schreit -wie wahnsinnig und sucht mit aller Gewalt dem Türken ihr Brüderchen zu -entreißen. Lewin aber steht nachdenklich und unentschlossen da und -spricht zu sich selbst: - - „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich empfinde nichts. Ich bin - selbst Volk. Ein unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der - Slawen ist nicht vorhanden und kann es auch gar nicht sein.“ - -In der Tat, was würde er in dem Fall tun – nach allem, was er gesagt -hat? Sollte er wirklich nicht das Kind befreien? Sollte er ihm wirklich -die Augen ausstechen lassen und es nicht sofort dem Türken entreißen? - - „Entreißen ist leicht gesagt, aber da wird man den Türken vielleicht - – stoßen müssen?“ - - „Nun, so stoße ihn!“ - - „Stoße ihn! Aber wenn er mir das Kind nicht geben will und den Säbel - zieht? Da wird man ihn womöglich totschlagen müssen?“ - - „Nun, so schlag’ ihn tot!“ - - „Nein, wie darf man denn das! Nein, totschlagen darf man den Türken - nicht. Dann mag er schon lieber dem Kinde die Augen ausstechen und - es umbringen. Ich gehe zu Kitty.“ - -Das wäre Lewins folgerichtige Handlungsweise. Er sagt doch, daß er -_nicht wisse_, ob er dem Weibe oder dem Kinde helfen würde, wenn er -dabei einen Türken töten müßte. Die Türken tun ihm eben gar so leid. - -„Vor zwanzig Jahren hätte die Presse noch geschwiegen,“ sagt -Kosnyscheff, „jetzt aber wird die Stimme des russischen Volkes gehört, -das bereit ist, sich zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich zu opfern -für die bedrängten Mitbrüder; das ist ein großer und wichtiger Schritt -und ein Beweis von Kraft.“ - - „Aber hier handelt es sich doch nicht nur darum, sich zu opfern, - sondern darum, die Türken zu erschlagen,“ sagte Lewin vorsichtig. - „Das Volk opfert und ist jederzeit bereit, für seine Seele zu - opfern, nicht aber für den Totschlag ...“ - -Also mit anderen Worten: „Liebes Mädchen, hier ist Geld, nimm es, wir -opfern es für unsere Seelen, aber deinem Brüderchen laß vom Türken die -Augen ausstechen. Denn das geht doch nicht, daß wir den Türken -totschlagen ...“ - -Und darauf schreibt der Autor ganz persönlich und von sich aus über -Lewin: - - „Er konnte sich nicht damit einverstanden erklären, daß eine - Handvoll Menschen, unter ihnen auch sein Stiefbruder, das Recht - haben sollten, auf Grund dessen, was ihnen die Hunderte der durch - die Hauptstädte reisenden schönredenden Freiwilligen erzählt hatten, - zu sagen, sie und die Presse drückten den Willen und das Empfinden - des Volkes aus, und dabei war das ein Wille, der _Rache_ und - _Totschlag_ verlangte.“ - -Das entspricht nicht der Wahrheit: von einem Verlangen nach _Rache_ kann -überhaupt nicht die Rede sein. Auch jetzt, wo wir mit diesem -blutdürstigen Volk Krieg führen, hört man über das Verhalten der Russen -zu ihren Feinden nur Dinge, die Beweise der größten Menschlichkeit sind. -Ja, man kann dreist behaupten, daß wenige der europäischen Armeen mit -einem solchen Feinde so umgehen würden, wie es jetzt unsere Armee tut. -Zwei oder drei unserer großen Tageszeitungen haben denn auch schon die -Frage erörtert, ob es nicht ratsam wäre, die unerhörten Grausamkeiten -der Türken zu vergelten: dieses Abschneiden der Nasen und anderer -Glieder der Verwundeten und Gefangenen, bevor sie getötet werden. Man -sollte meinen, daß mit dieser gesunkenen und verlogenen Nation kein -anderes Volk noch menschlich umgehen könne, doch bin auch ich dafür, daß -man von irgendwelchen Gegenmaßnahmen Abstand nimmt. Daß jedoch Kindern -die Augen ausgestochen werden, das dürfen wir nicht zulassen, und um ein -für allemal die Möglichkeit zu solchen Schändlichkeiten zu beseitigen, -muß man die Verfolgten befreien, dem Verfolger aber auf immer die Waffe -entreißen. Das aber ist nur möglich durch den Kampf. Kampf jedoch ist -nicht Rache, und Lewin braucht deshalb für die Türken nichts zu -befürchten. Auch im vorigen Jahr, noch vor der Kriegserklärung, als nur -unsere Freiwilligen hinzogen, hätte er in der Beziehung ruhig sein -können. Oder kennt er denn nicht den Russen und den russischen Soldaten? -Freilich wird unser Soldat den Feind im Kampf töten, aber mit dem -gefangenen Türken hat man ihn schon oft seine schmale Soldatenkost -teilen gesehen. Und ich versichere, jeder Soldat, der das tat, wußte nur -zu gut, daß dieser selbe Türke ihm, dem Russen, wenn er in türkische -Gefangenschaft geraten wäre, den Kopf abgeschnitten, daraus mit anderen -Köpfen einen Halbmond zusammengestellt hätte, und in der Mitte – einen -Stern aus anderen Körperteilen. Außerdem könnte Lewin sich sagen, daß -dieser russische Soldat, der den Türken im Kampf erschlägt, doch auch -sein eigenes Leben einsetzt, daß er ebensogut vom Türken erschlagen -werden kann und vielleicht auch wird, vorher aber noch Mühe und Pein und -vor dem Tode womöglich Folterqualen auszustehen hat. Um der „Rache“, um -des „Totschlags“ willen habe sich das russische Volk erhoben? Hat man -jemals gehört, daß die Verteidigung von Kindern und Frauen, die -aufgespießt, die vergewaltigt werden und die in der ganzen Welt keinen -Beschützer haben – für eine rohe Tat, für lächerlich, fast für -unsittlich, für Rachelust und Blutdurst gehalten worden ist? Und was ist -das für eine Gefühllosigkeit neben größter Sentimentalität! Dieser Lewin -hat doch auch ein Kind und er liebt doch seinen kleinen Knaben; wenn -dieser in der Wanne gebadet wird, ist es doch fürs ganze Haus ein -Ereignis. Blutet ihm denn da nicht das Herz, wenn er liest, daß sich -unter den Baschibosucken Spezialisten herausgebildet haben, die ein -Kind, das sie an den Beinchen packen, mit einem Ruck in zwei Hälften -zerreißen können, oder von den toten Kindern neben den Leichen ihrer -erschlagenen Mütter liest, denen die Brüste abgeschnitten sind? Doch -dieser Lewin, der das liest, denkt bei sich vermutlich: - -„Kitty ist gesund und hat mit Appetit gegessen; der Kleine wurde gebadet -und er fängt schon an, mich zu erkennen. Was geht es mich an, was sich -dort irgendwo fern von hier bei den Balkanslawen zuträgt; _ein -unmittelbares Gefühl für die Mißhandlung der Slawen ist nicht vorhanden -und kann es auch gar nicht sein_ – denn _ich_ empfinde _nichts_.“ - -Schließt damit Lewin seine Epopöe? Und ihn will uns der Autor als -Beispiel eines rechtschaffenen und ehrlichen Menschen hinstellen? - -Solche Menschen, wie der Autor der „Anna Karenina“, sind Erzieher der -Gesellschaft, sind unsere Lehrer und wir sind ihre Schüler. Was aber -lehren sie uns nun eigentlich? - - - - - Zweiter Teil. - - Der russische Nihilismus - - - Das Milieu - - (1873) - -Mir scheint, daß das vorherrschende Gefühl aller Richter der Welt, der -unseren aber im besonderen, das Gefühl der Macht sein muß, oder besser -gesagt, der Eigenmacht. Um so bemerkenswerter ist es, daß sie heutzutage -bei uns nie verurteilen, sondern ausnahmslos freisprechen. Freilich ist -auch das ein Beweis ihrer Macht, sogar der Beweis eines übermäßigen -Gebrauches ihrer Macht, jedoch nur in einer, weiß Gott, sentimentalen -Richtung, die aber leider von allen eingehalten wird. Das ist eben das -Auffallende, daß die Manie, um jeden Preis freizusprechen, nicht nur die -Bauern unter den Geschworenen, die gestern noch Leibeigene waren, -ergriffen hat, sondern sogar die Geschworenen aus den höchsten Ständen, -selbst Edelleute und Universitätsprofessoren. Gerade diese Allgemeinheit -der Manie kann einen auf seltsame Gedanken bringen. - -Viele erklären sich das damit, daß es ihnen leid täte, ein fremdes -Menschenleben zu vernichten. Das russische Volk sei mitleidig, sagen -sie. - -Sonderbar, ich habe immer geglaubt, daß zum Beispiel das englische Volk -auch Mitleid empfindet, und wenn in ihm auch nicht diese, sagen wir, -Weichherzigkeit zu finden ist, so hat es doch jedenfalls auch seine -Menschenliebe. Das Bewußtsein und das Gefühl der christlichen Pflicht -ist bei den Engländern in hohem Maße vorhanden, ist bis zur festen und -selbständigen Überzeugung ausgebildet, vielleicht sogar ausgesprochener -als bei uns, wenn man ihre alte Bildung und Selbständigkeit in Betracht -zieht. Dort ist den Geschworenen die Macht doch nicht so wie den -unsrigen plötzlich vom Himmel in den Schoß gefallen. Auch haben sie das -ganze Geschworenengericht selbst geschaffen, haben es von niemandem -entlehnt, sondern aus dem eigenen Leben in Jahrhunderten ausgearbeitet. -Deshalb weiß dort jeder Geschworene, daß er, sobald er seinen Platz im -Gerichtssaal eingenommen hat, nicht nur ein gefühlvoller Mensch mit -einem guten Herzen ist, sondern in erster Linie Staatsbürger. Er ist -sogar der Meinung (ob er recht hat, ist eine andere Frage), daß die -Erfüllung einer Bürgerpflicht wertvoller ist als die christliche -Herzenstat eines Menschen. Der englische Geschworene weiß, daß er im -Gerichtssaal aufhört, eine Privatperson zu sein, daß er dort nur der -Vertreter der öffentlichen Meinung seines Landes ist und die Fahne -Englands hochzuhalten hat. Die Fähigkeit, ein Staatsbürger zu sein, ist -doch nichts anderes, als die Fähigkeit, in sich den Vertreter seines -ganzen Landes zu sehen. Auch in England kennt man Nachsicht im Urteil, -auch dort berücksichtigt man das „zersetzende Milieu“ (das bei uns jetzt -so beliebte Schlagwort), aber es geschieht das doch nur bis zu einer -gewissen Grenze, nur soweit es die gesunde Vernunft des Landes zuläßt. -Deshalb wird im alten England das Laster nicht Tugend genannt, sondern -bleibt Laster und das Verbrechen – Verbrechen, und die sittliche -Grundlage des Landes bleibt deshalb nicht minder fest bestehen. - -Hier höre ich eine Stimme einwenden: „Aber woher soll es denn auch bei -uns Bürger geben? bedenken Sie doch nur, was wir noch gestern waren! -Unsere Bürgerrechte (und dazu noch was für welche!), die haben uns doch, -unvorbereitet wie wir waren, einfach überfallen und ruhen nun auf uns -wie eine Last, die uns fast erdrückt!“ - -„Freilich, in Ihrer Bemerkung liegt schon etwas Wahres, aber -andererseits, das russische Volk ...“ - -„Das russische Volk?“ unterbricht mich eine andere Stimme. „Aber, -erlauben Sie, wer kennt von uns denn das russische Volk? Ich glaube, daß -hier nicht nur Weichherzigkeit freispricht, sondern das Grauen vor der -Macht selbst! Diese plötzliche furchtbare Macht über ein -Menschenschicksal hat uns erschreckt, und bevor wir uns zu Ihren -englischen Bürgern ausbilden, sprechen wir eben vorläufig frei. Aus -Angst sprechen wir frei. Unsere Geschworenen denken vielleicht bei sich: -‚Sind wir denn besser als der Angeklagte? Wir sind reich und -sichergestellt, aber wenn wir in seiner Lage gewesen wären, wer weiß, ob -wir nicht noch Schlimmeres getan hätten als er?‘ – und deshalb sprechen -sie frei. Aber das ist vielleicht doch ein Wert, vielleicht ein -Unterpfand eines höheren Christentums der Zukunft, eines geistigen -Ausdrucks, wie die Welt bisher noch keinen ähnlichen gekannt hat!“ - -Dieser Gedanke wäre allerdings beruhigend, aber ... weshalb hat denn -unser Volk dieses Grauen vor der Macht? Spricht es frei, weil es sich -vor dem Mitleid mit dem Verurteilten, vor dem Schmerz des Mitleids -fürchtet? – Nun, so nehme man doch den Schmerz auf sich. Die Wahrheit -steht höher als Mitleid. - -Allerdings, wenn wir uns mitunter wirklich selbst für schlechter halten -als den Verbrecher, so geben wir doch damit zu, daß wir zur Hälfte an -seinem Verbrechen mit schuld sind. Denn wir sagen uns, wenn wir selbst -besser wären, so würde auch er besser sein und jetzt nicht als -Angeklagter vor uns stehen ... - -Aber muß man ihn deshalb freisprechen? - -Nein, im Gegenteil: gerade deshalb muß man die Wahrheit aussprechen und -das Böse – das Böse nennen, doch die Hälfte der Last des Urteils auf -sich nehmen. Wir müssen den Gerichtssaal mit dem Gedanken betreten, daß -auch uns Schuld trifft, und eben dieser Schmerz des Mitleids, den jetzt -alle so fürchten und mit dem wir den Saal nach einer Verurteilung -verlassen, wird unsere Strafe sein. Wenn dieser Schmerz echt und tief -ist, so wird er uns besser machen, und nur wenn wir selbst besser -werden, machen wir das Milieu besser. Das ist es ja, daß man überhaupt -nur auf diese Weise das Milieu verbessern kann. Aber so aus Angst vor -dem eigenen Mitgefühl freisprechen – das ist nicht schwer, nur käme man -auf diesem Wege bald zu der Folgerung, daß es Verbrechen überhaupt nicht -gebe, sondern an allem bloß das Milieu schuld sei, und schließlich – -wenn wir folgerichtig weitergehen –, daß Verbrechen sogar Pflicht sei, -oder doch ein edler Protest gegen die herrschende Ungerechtigkeit. Dazu -führt die Lehre vom Milieu, im Gegensatz zur christlichen Lehre, die, -obgleich sie den Einfluß des Milieus durchaus anerkennt und -Barmherzigkeit predigt, dennoch den Kampf gegen das Milieu als sittliche -Pflicht des Menschen aufstellt und dabei scharf abgrenzt, wo das Milieu -aufhört und die Pflicht anfängt. - -Indem das Christentum den Menschen verantwortlich macht, erkennt es -seine Freiheit an. Wenn man den Menschen von jedem Fehler der -gesellschaftlichen Einrichtung für abhängig erklärt, wie es die Lehre -vom Milieu tut, so führt man den Menschen zur vollständigen -Unpersönlichkeit und entbindet ihn von jeder persönlichen sittlichen -Pflicht, von jeder Selbständigkeit, und bringt ihn somit in die größte -Knechtschaft, die man sich nur denken kann. - -„Ja, aber,“ höre ich jemandes ironische Stimme einwenden, „glauben Sie -denn, daß diese freisprechenden zwölf Geschworenen, die mitunter -ausnahmslos Bauern sind, auch nur eine Ahnung von Ihrer neuesten -Milieutheorie haben, die Sie ihnen da unterschieben?“ - -„Hm, ja ... freilich, wie sollten sie dazu kommen, d. h. alle die Vielen -... Aber Ideen ... Ideen liegen doch in der Luft, Ideen sind doch -ansteckend ...“ - -„Na, das fehlte noch!“ lacht die ironische Stimme. - -„Aber wie ... wenn gerade unser Volk ganz besonders zur Lehre vom Milieu -neigte, schon seinem Wesen nach, sagen wir meinetwegen infolge seiner -slawischen Veranlagung? Wie, wenn gerade unser Volk das beste Material -für gewisse europäische Propaganda wäre?“ - -Die höhnische Stimme lacht noch lauter, aber das Lachen klingt etwas -gezwungen. - - * * * * * - -Nein, es scheint mir doch, daß es sich hier vorläufig nicht um eine -„Philosophie des Milieus“ handelt. - -Es ist wahr, schon seit Jahrhunderten nennt unser Volk die Verurteilten -„Unglückliche“. Was will es damit ausdrücken? – die christliche -Auffassung oder die Auffassung des Milieus? Hier liegt der springende -Punkt, gerade hier konnte die Propaganda mit Erfolg einsetzen! - -Es gibt unausgesprochene, unbewußte und nur intensiv gefühlte Ideen, die -mit der Menschenseele gleichsam verwachsen sind. Sie existieren sowohl -im einzelnen Volk, wie in der ganzen Menschheit. Solange diese Ideen -noch unbewußt dem Volksleben zugrunde liegen und erst nur stark und -sicher empfunden werden, nur so lange kann das Volk ein starkes und -lebendiges Leben führen. Im Bestreben, diese in sich verborgenen Ideen -zum Ausdruck zu bringen, liegt die ganze Energie seines Lebens. Je -unerschütterlicher das Volk seine Idee bewahrt, je weniger es fähig ist, -von seinem anfänglichen Gefühl abzuweichen, je weniger es geneigt ist, -sich falschen Deutungen dieser Idee hinzugeben, um so kraftvoller und -glücklicher wird es sein. - -Ein Teil der Idee des russischen Volkes kommt nun zweifellos in der -Tatsache zum Ausdruck, daß es die Verbrecher „Unglückliche“ nennt. Kein -europäisches Volk hat je etwas Ähnliches geäußert, erst jetzt beginnen -in Europa einzelne Philosophen für diese Auffassung einzutreten; unser -Volk aber hat sie schon vor Jahrhunderten ausgesprochen. Doch daraus -folgt noch nicht, daß es nicht durch eine falsche Auslegung dieser Idee -irregeführt werden könnte, wenigstens zeitweilig. - -Meiner Ansicht nach will das russische Volk mit der Bezeichnung -„Unglückliche“ den Verbrechern sagen: „Ihr habt gesündigt und büßt -dafür, aber auch wir sind Sünder. Wären wir besser, so würdet ihr -vielleicht nicht in den Gefängnissen sitzen. Mit der Strafe für eure -Verbrechen tragt ihr auch die Last der allgemeinen Ungerechtigkeit. -Betet für uns, wie wir für euch beten, und nehmt unser Almosen, das wir -euch geben, damit ihr seht und wißt, daß wir euer gedenken und unsere -brüderlichen Bande mit euch nicht zerrissen haben.“ Doch niemals hat das -Volk deshalb aufgehört, einen Verbrecher für schuldig zu halten. Es wäre -auch das größte Unglück für uns, wenn das Volk dem Verbrecher sagen -würde: „Du bist unschuldig, denn es gibt kein Verbrechen.“ Und daß das -Volk noch so denkt, das ist unsere Hoffnung, ist der Grund, weshalb wir -unseren Glauben an unsere Zukunft nicht aufzugeben brauchen. - -Ich habe im Zuchthaus unter vielen Verbrechern gelebt, doch habe ich -unter ihnen nicht einen gesehen, der sich nicht selbst für einen -Verbrecher gehalten hätte. Niemand sprach von seinem Verbrechen. Niemand -murrte wider seine Strafe. Wenn einmal ein Neuling mit seiner -verbrecherischen Tat prahlen wollte, so erteilten ihm alle Sträflinge -einstimmig einen barschen Verweis. Man sprach einfach nicht von seinem -Verbrechen. Doch sicherlich gab es nicht Einen unter ihnen, dem eine -lange Zeit seelischen Leidens, reinigender und aufrichtender Reue -erspart geblieben war. Ich habe sie einsam grübeln, habe sie in der -Kirche beten gesehn, habe manches vielverratende Wort gehört und -erinnere mich noch des Ausdrucks ihrer Gesichter, – oh, man glaube mir, -da war nicht einer unter ihnen, der sich in seiner Seele schuldlos -gefühlt hätte! - -Ich möchte nicht, daß meine Worte als Ausdruck von Grausamkeit aufgefaßt -werden, wenn ich behaupte, daß nur durch strenge Bestrafung, durch -Gefängnis und Zwangsarbeit die Hälfte aller Verbrecher gerettet werden -kann. Die Strafe bedrückt nicht, wie man meint, sondern erleichtert. -Selbstreinigung durch Leid ist leichter, leichter als das Los, welches -man ihnen bereitet, wenn man sie vollkommen freispricht. Man nimmt ihnen -damit nur die Möglichkeit, sich zu bessern, und pflanzt in ihre Seele -Zynismus, läßt in ihnen eine verfängliche Frage offen und ruft ihren -Spott über die Richter hervor. Man erreicht damit nur, daß der -Verbrecher selbst irre wird an den Dingen. „Freilich,“ wird er sich -sagen, „sie haben ja recht mit dem Freispruch; wenn ich in Not war, wie -sollte ich da nicht stehlen?“ Die Hauptsache aber ist, daß dadurch der -Glaube an die Gerechtigkeit und die Volkswahrheit erschüttert wird. - -In den letzten Jahren, die ich im Auslande verbrachte, hat mir oft das -Herz geschmerzt, wenn ich dort unsere Emigranten und Absentisten sah, -deren Kinder die Muttersprache kaum verstanden oder schon verlernt -hatten. Aber bisweilen, wenn ich den Lesesaal nach der Lektüre unserer -Zeitungen verließ, konnte ich – bei Gott, meine Herren – unsere -Absentisten verstehen. Mein Herz krampfte sich zusammen, wenn ich las, -wie das in Rußland neueingeführte Geschworenengericht sich „bewährte“! -Es wurde nur freigesprochen – eine Frau, die ihren Mann erschossen, ein -Jüngling, der die Kasse bestohlen, um seine Geliebte zu bezahlen, ein -Bauer, der sein Weib solange und so grausam mißhandelt hatte, bis das -Weib sich erhängte – kurz, sie wurden alle für unschuldig erklärt. Und -wenn das noch wenigstens Menschen gewesen wären, die ein besonderes -Mitleid oder Nachsicht verdient hätten! Aber nein!! Deshalb konnte ich -mir auch den Grund des Freispruchs nie erklären. Der Eindruck war -bedrückend, nahezu beleidigend. In diesen bösen Augenblicken erschien -mir Rußland bisweilen wie ein Sumpf, ein Moor, auf dem sich’s jemand hat -einfallen lassen, einen Palast zu bauen. Von oben gesehen ist der Boden -scheinbar fest und glatt, in Wirklichkeit aber ist er wie ein Brei. -Tritt man auf ihn, so versinkt man in eine bodenlose Tiefe. Ich machte -mir heftige Vorwürfe wegen meines Kleinmuts und tröstete mich damit, daß -ich mich als Kritiker aus der Ferne immerhin täuschen konnte. - -Doch jetzt bin ich wieder in Rußland ... - -„Ja, sprechen sie überhaupt aus Mitleid frei?“ – das ist nun die Frage! -Lachen sie nicht darüber, daß ich ihr eine solche Bedeutung zuschreibe. -„Mitleid“ ist doch immerhin noch irgendwie zu erklären, es läßt -wenigstens die eine oder andere Deutung zu. Wenn es aber nun nicht -Mitleid ist? - -Dann steht man wie vor einer Finsternis, in der irgendein Wahnsinniger -lebt. - - - Der Büßer - - (1873) - -In unseren russischen Klöstern gibt es, wie man weiß, auch jetzt noch -unter den Mönchen manche Asketen und Heilige, Beichtväter und Ratgeber. -Ob das nun gut oder schlecht ist, ob man der Mönche bedarf oder nicht – -diese Frage wollen wir hier nicht erörtern. Es soll zwar nicht zeitgemäß -sein, von Mönchen zu reden, doch können wir nicht umhin, es hier -trotzdem zu tun, da das Folgende ein Mönch erzählt hat. Diese -Beichtväter und Ratgeber sind bisweilen hochgebildete Menschen, Menschen -mit einem tiefen Verstande. Wenigstens wird so von ihnen berichtet, ich -kenne sie nicht. Einige von ihnen, sagt man, seien in ganz Rußland -bekannt, und aus den fernsten Gegenden kämen die Menschen zu ihnen, oft -sogar zu Fuß aus Archangelsk, aus Sibirien, aus dem Kaukasus. Wer zu -ihnen kommt, den treibt eine Verzweiflung, mit der die eigene Seele -nicht mehr kämpfen kann, oder auf dem Gewissen dieser Menschen ruht eine -so furchtbare Schuld, daß sie mit ihrem Geistlichen in der Heimat nicht -darüber sprechen mögen – nicht aus Angst oder Mißtrauen, sondern weil -die Verzweiflung ihnen jeden Glauben an eine Vergebung ihrer Sünde -genommen hat. Hören sie dann zufällig von einem solchen fernen, -trostspendenden Beichtvater, dann machen sie sich auf und pilgern zu -ihm. - -So hat nun einer von diesen Mönchen in einem Gespräch unter vier Augen -seinem Zuhörer folgendes erzählt: - -„Schon seit zwanzig Jahren höre ich Beichten, und, werden Sie es mir -glauben, in zwanzig Jahren lernt man so viele verborgene Krankheiten der -Menschenseele kennen, daß einen, wie man meinen sollte, nichts mehr -wunder nehmen könnte. Und dennoch kommt es vor, daß man selbst nach -zwanzig Jahren erschauert beim Anhören manch einer Schuld. Man verliert -die Gemütsruhe, die erforderlich ist, um dem Verzweifelten Trost geben -zu können, und man muß sich selber zu Demut und Vertrauen zwingen.“ - -Und hierauf hat er folgende unglaubliche Geschichte aus dem Volksleben -erzählt: - -... Ich sehe, ein Bauer kommt auf den Knien zu mir gekrochen. Ich hatte -schon vom Fenster her gesehen, wie er draußen auf der Erde kriechend -näher kam. Sein erstes Wort zu mir war: - -„Für mich gibt es keine Rettung mehr: bin verdammt! Was du auch sagst, -ich weiß: ich bin verdammt!“ - -Ich versuchte, ihn einigermaßen zu beruhigen. Ich sah, daß der Mensch -weither gekommen war, weil es ihn nach Strafe und Leiden für sein -Vergehen verlangte. - -„Wir kamen im Dorf mehrere Burschen zusammen,“ begann er, „und da fingen -wir an unter uns zu streiten, wer den anderen in Frechheit überbieten -könne. Ich prahlte, daß ich sie alle ausstechen würde. Da zog mich ein -anderer Bursche beiseite und sagte mir unter vier Augen: ‚Hör mal, das -kannst du nie und nimmer, was du da sagst. Du prahlst ja nur.‘“ - -„Ich wollte schon schwören, aber er unterbrach mich: ‚Nein, wart,‘ sagte -er, ‚nicht so. Du schwöre mir _bei deinem Seelenheil_ in jener Welt, daß -du alles tun wirst, was ich dir sagen werde.‘“ - -„Ich schwor.“ - -„‚Gut,‘ sagte er. ‚Bald haben wir Fasten. Bereite dich zum Abendmahl -vor. Die Hostie nimm, aber verschluck sie nicht. Wenn du dann aufstehst -– tritt zur Seite, nimm sie aus dem Munde und behalt sie in der Hand. -Das weitere werde ich dir dann sagen.‘“ - -„So tat ich auch. Aus der Küche führte er mich geradewegs in den -Gemüsegarten. Nahm einen Pflock, stieß ihn in die Erde und sagte: ‚Leg’ -hin!‘ Ich legte die Hostie auf den Pflock. ‚Jetzt geh und hol eine -Flinte,‘ sagte er. Ich ging und holte sie. ‚Lad’ sie,‘ sagte er. Ich -lud. ‚Ziele und schieß.‘ Ich erhob die Hand und zielte. Und da – wie der -Schuß fiel, stand plötzlich vor mir das Kreuz mit dem Gekreuzigten. Da -fiel ich bewußtlos hin ...“ - -Zugetragen hatte sich das schon mehrere Jahre vor der Beichte. Den Namen -dieses Pilgers wie auch die Strafe, die er ihm auferlegt, hat der Pater -natürlich nicht gesagt. Wahrscheinlich hat er die Seele dieses Menschen -mit einer furchtbaren Buße belastet, vielleicht sogar mit einer, die -fast über menschliche Kraft ging, in der Erwägung, daß, je schwerer die -Strafe, sie um so eher das Gewissen erleichtern werde. „... weil es ihn -doch nach Strafe und Leiden für sein Vergehen verlangte ...“ - -Dieser Fall verdient es entschieden, näher betrachtet zu werden, ja er -ist sogar äußerst charakteristisch. Ich bin immer der Meinung gewesen, -daß das letzte Wort gerade diese Menschen aussprechen werden, diese -reuigen oder auch nicht reuigen, bußfertigen oder unbußfertigen; sie -werden es sagen und uns den neuen Weg weisen, den neuen Weg ins Freie -aus allen unseren anscheinend vollkommen unlösbaren Problemen. Es wird -doch nicht Petersburg unser russisches Schicksal endgültig entscheiden. -Deshalb aber ist jeder, ja sogar jeder geringste _neue_ Zug dieser -„neuen Menschen“ unserer Aufmerksamkeit wert. - -Erstens, was mich am meisten wundert, das ist der Anfang des Ganzen, die -Möglichkeit eines solchen Streites und Wettkampfes in einem russischen -Dorf: wer den anderen in Frechheit überbieten könne. Es ist das eine -Tatsache, die auf furchtbar vieles hindeutet, und ich muß sagen, daß sie -für mich eine sogar ganz unerwartete Erscheinung ist – ich habe doch -genug Menschen aus dem Volk gesehen, sogar die charakteristischsten -Verbrecher und Sträflinge. - -Ferner ist die, sagen wir, krankhafte Seite des Vorfalls bemerkenswert. -Halluzinationen sind eine vornehmlich krankhafte Erscheinung und -zugleich hört man von dieser Krankheit nur sehr, sehr selten. Die -Möglichkeit einer plötzlichen Halluzination bei einem, wenn auch sehr -erregten, aber immerhin ganz gesunden Menschen ist an sich bisher -vielleicht noch nicht vorgekommen. Doch das ist eine medizinische Frage, -von der ich wenig verstehe. - -Etwas ganz anderes ist es mit der psychologischen Seite des Falles. Da -erscheinen vor uns zwei Charaktere, die in hohem Maße für das ganze -russische Volk typisch sind! Da ist vor allen Dingen dieses Vergessen -eines jeden Maßes bezeichnend (doch ist das, wohlgemerkt, fast immer nur -eine zeitweilige Erscheinung, gleichsam eine vorübergehende Anfechtung). -Da ist dieses Bedürfnis, über das Maß hinauszugreifen, das Bedürfnis -nach herzbeklemmenden Empfindungen, das Verlangen, an einen Abgrund -heranzugehen, sich mit dem halben Körper schon über den Rand zu beugen, -in die schaudervolle Tiefe zu blicken und – sehr oft oder wenigstens in -nicht seltenen Fällen – sich wie ein Wahnsinniger mit dem Kopf voran in -die Tiefe zu stürzen. Das ist das Verneinungsbedürfnis im russischen -Menschen, bisweilen sogar in einem durchaus nicht verneinenden, sondern -in einem ehrfürchtig alles bejahenden Menschen – die Verneinung von -allem, selbst des größten Heiligtums des eigenen Herzens, seines -höchsten Ideals, des ganzen Volksheiligtums, vor dem er soeben noch -ehrfurchtsvoll gekniet, das aber dann plötzlich gleichsam zu einer -unerträglichen Last für ihn wird. Auffallend ist dabei namentlich jene -Hast, jener unbezwingbare Drang, in dem der Russe sich in manchen -Augenblicken seines eigenen oder des ganzen Volkslebens zu äußern -beeilt, wenn der Augenblick einer von jenen ist, die den Charakter des -Menschen herausfordern – gleichviel ob es in einer guten oder in einer -unflätigen Tat geschieht. Mitunter gibt es für ihn dann überhaupt keine -Schranken mehr. Was es auch sei, Liebe, Wein, Eigenliebe, Neid oder die -tolle Stimmung eines Gelages – da gibt sich mancher Russe rückhaltlos -dem Augenblick hin, ist imstande, alles zu zerreißen, zu vernichten, von -allem sich loszusagen, von der Familie, von den Sitten, von Gott. Manch -ein herzensguter Mensch kann plötzlich zum Tier und Verbrecher werden, -wenn er einmal in diesen Wirbel hineingerät – in diesen für uns -verhängnisvollen Wirbel momentaner, konvulsivischer Selbstverneinung und -Selbstzerstörung, die dem russischen Volkscharakter seit jeher zu seinem -Verhängnis eigen sind. Aber mit ebensolcher Kraft, mit ebenso großem -Ungestüm im Verlangen nach Selbsterhaltung und Buße versteht es das -ganze Volk, wie auch der einzelne Russe, sich selber wieder zu retten, -und er rettet sich gewöhnlich gerade in dem Augenblick, wenn er schon -bei der letzten Grenze angelangt ist, d. h. wenn er nirgendwohin mehr -weitergehen kann. Doch besonders bezeichnend ist es, daß der Rückschlag -– der die Wiederherstellung, die Rettung zur Folge hat – immer ernster -ist als der erste Stoß, der ihn zur Verneinung und Selbstvernichtung -treibt. Jene erste Anwandlung ist eben immer eine Art Kleinmut oder eine -Laune, während der Rückschlag mit der Wiederherstellung und Rettung aus -eigener Kraft immer etwas Großes ist: und ihm gibt sich der russische -Mensch mit der größten, gewaltigsten und ernstesten Anstrengung hin und -blickt dann auf seine frühere Verneinung mit Selbstverachtung zurück. - -Ich glaube, das hauptsächlichste, das ursprünglichste geistige Bedürfnis -des russischen Volkes ist das Bedürfnis zu leiden, ewig und -unersättlich, überall und in allem. Dies Lechzen nach Leid hat es, wie -mir scheint, schon von jeher in sich gehabt. Wie ein leidtragender Strom -zieht es durch seine ganze Geschichte, und zwar nicht nur in Gestalt -äußeren Unglücks und verschiedener Heimsuchungen, vielmehr entspringt -seine Quelle dem lebendigen Herzen des Volkes. Sogar im Glück des -Russen, sowohl des einzelnen wie des ganzen Volkes, ist unbedingt ein -Teil Leid enthalten, anderenfalls ist für ihn das Glück nicht -vollständig. Niemals, nicht einmal in den Stunden der größten Triumphe, -die seine Geschichte kennt, hat das russische Volk ein stolzes oder -triumphierendes Aussehen, sondern nur ein, bis zum Leid ergriffenes; es -atmet wohl auf, aber den Ruhm schreibt es der Gnade Gottes zu. Im Leid -findet das russische Volk gleichsam einen Genuß. Und was vom ganzen Volk -gilt, gilt auch vom einzelnen Russen, natürlich nur im allgemeinen -gesprochen. Man betrachte z. B. die zahlreichen Typen des randalierenden -Russen. Es ist bei ihm nicht nur übermäßige Ausgelassenheit, deren -Schrankenlosigkeit oder Frechheit einen wundernimmt oder einen durch die -Tiefe des Falles einer Menschenseele anwidert. Dieser widerliche Mensch -ist in erster Linie selber ein Märtyrer. Eine naiv triumphierende -Selbstzufriedenheit, eine satte Gespreiztheit ist einem Russen nie -eigen, nicht einmal einem dummen. Man vergleiche einen russischen -Betrunkenen mit – nun, meinetwegen mit einem deutschen: der betrunkene -Russe ist vielleicht gemeiner als der betrunkene Deutsche, doch ist -dieser zweifellos dümmer und komischer als der Russe. Die Deutschen sind -ein vornehmlich selbstzufriedenes, auf sich stolzes Volk. Im betrunkenen -Deutschen pflegen nun diese Grundzüge des Volkscharakters an -Ausgeprägtheit proportional dem Quantum des getrunkenen Bieres -zuzunehmen. Der betrunkene Deutsche ist ein zweifellos glücklicher -Mensch und denkt nicht daran, zu weinen; statt dessen singt er -selbstgefällige Lieder und ist stolz. Er kommt stocksteif besoffen nach -Haus, aber er ist dabei stolz! Der russische Trinker dagegen trinkt -gewöhnlich aus Leid und weint nachher. Oder wenn er auch großtut, so ist -das doch kein Triumphieren, sondern nur ein Randalieren. In der Regel -fällt ihm dann irgendeine ihm widerfahrene Kränkung ein und er fängt an, -dem Beleidiger, gleichviel, ob dieser zugegen ist oder nicht, bittere -Vorwürfe zu machen. Schließlich beweist er ihm mit Nachdruck, daß er -womöglich ein General sei, schimpft dabei aufrichtig, wenn man ihm nicht -glaubt, bis er zu guter Letzt, um alle zu überzeugen, unbedingt nach der -Polizei schreit. Aber er ist ja nur deshalb so, ruft auch nur deshalb -nach der Polizei, weil er in den geheimsten Tiefen seiner betrunkenen -Seele nur zu gut weiß, daß er ganz und gar kein General, sondern nur ein -ekelhafter Säufer und tiefer gesunken ist als das niedrigste Vieh. Was -wir hier im mikroskopischen Beispiel sehen, sehen wir auch im großen -Ganzen. Selbst der größte Schandkerl, der fast schön ist in seiner -Frechheit, in seiner eleganten Lasterhaftigkeit, so daß ihn die -Dummköpfe sogar nachäffen, selbst dieser fühlt in den verborgensten -Tiefen seiner verderbten Seele, daß er doch nur ein Nichtswürdiger ist. -Er ist unzufrieden mit sich, die bittere Selbsterkenntnis nagt an seinem -Herzen, und dafür rächt er sich an den anderen. Er martert sich, er tobt -gegen sich und alles Gute in ihm und um ihn, bis er, unter ständigem -Kampf gegen den in seinem Herzen sich ansammelnden Schmerz und doch -zugleich sich wie daran berauschend, diese letzte Grenze erreicht. Wenn -er aber dann, schon über dem Abgrund hängend, sich doch noch -aufzurichten vermag, so straft er sich selbst am grausamsten, straft er -sich mehr als andere es je könnten. - -Was trieb diese Burschen in den Streit: „Wer den anderen an Frechheit -überbieten könne?“ Und warum wählte der Bursche gerade diese Tat zur -Prüfung der Vermessenheit des anderen? Er hätte doch auch eine andere -Tat wählen können, etwa die Ermordung einer hochgestellten -Persönlichkeit oder sonst einen ganz besonderen Mord, denn der Bursche -hatte doch geschworen, daß er „_zu allem_“ bereit sei, und sein -Versucher wußte, daß er tatsächlich „alles“ tun werde, was er von ihm -als Beweis seiner Vermessenheit verlangte. Doch nein! Selbst die -schrecklichsten Verbrechen scheinen dem Versucher nicht schrecklich -genug zu sein. Er denkt sich etwas noch nie Dagewesenes, etwas -Unerhörtes aus, woran noch nie jemand gedacht hat! Doch das, daß er -gerade in dieser Tat das Unerhörteste, das Vermessenste sah, gerade das -verrät die ganze Weltanschauung unseres Volkes! - -Ich sagte – „woran noch nie jemand gedacht hat“. Ist es so? Nein, denn -alles beweist, daß er sich schon lange mit diesem Gedanken beschäftigt -haben muß. Vielleicht war schon in seiner Kindheit dieser Traum in seine -Seele gekrochen, hatte sie mit Schrecken erfüllt und gequält – und diese -Qual war für ihn vielleicht zum Genuß geworden. Er hatte sich das alles -vielleicht schon lange zuvor ausgedacht – die Flinte, die Hostie – und -nur als tiefstes Geheimnis in sich bewahrt. Selbst hätte er es -vielleicht nicht zu tun gewagt, er spielte nur mit dieser Vorstellung, -die ihm gefiel, die ihn verführte, der er nachgab. Eine Sekunde lang -unerhörteste Vermessenheit – und wenn’s die Seele kostet! – doch dafür -eine Sekunde über diesem Abgrund! Natürlich glaubte der Bursche, daß er -für diese Tat ewig verdammt sein werde, aber – das Wagnis war doch zu -verführerisch. - -Man kann vieles unbewußt wissen, indem man es nur fühlt, aber nicht -weiß. Jedenfalls ist dieser Verführer ein interessantes Seelenproblem, -und dabei nicht zu vergessen, daß er ein Bauer war, unter Bauern lebte! -Gerade das ist es, was einen am meisten überrascht. Auch wäre es -interessant, zu erfahren, ob er, der Verführer, sich für schuldiger -hielt als sein Opfer. Es ist anzunehmen, daß er es tat, oder wenigstens -wird er sich für ebenso schuldig betrachtet haben – so daß er, als er -den anderen Burschen herausforderte, zugleich sich selbst -herausforderte. - -Man sagt, das russische Volk kenne kaum das Evangelium, kenne nicht -einmal die Grundlehren seines Glaubens. Mag sein, doch dafür kennt es -Christus und trägt ihn seit jeher im Herzen. Das ist über jeden Zweifel -erhaben! Wie aber eine richtige Auffassung von Christus ohne -vorhergegangenen Religionsunterricht möglich ist, das ist eine andere -Frage?! Jedenfalls hat das Volk dieses Gefühl für Christus von -Generation zu Generation vererbt, und so ist es gleichsam eins geworden -mit seinem Herzen. Vielleicht ist Christus die einzige Liebe des -russischen Volkes, das ihn eben auf seine Art liebt, d. h. bis zur Qual. -Deshalb ist ihm auch die liebste seiner Benennungen „das rechtgläubige -Volk“, wie es sich denn vor allen anderen Völkern auf die richtigste -Weise zu Christus bekennt. Es ist zugleich das einzige, worauf unser -Volk stolz ist. Ich wiederhole – man kann vieles unbewußt wissen. - -Und nun: gerade an diesem Volksheiligtum sich zu versündigen, mit der -ganzen Überlieferung, mit der ganzen Umgebung, mit der Erde selbst, mit -allen und allem zu brechen und sich selbst unrettbar, auf ewig ins -Verderben zu stürzen _für diesen einen Augenblick des Triumphes und -Stolzes_ – nein, eine größere Versuchung hätte der russische Mephisto -wahrlich nicht ersinnen können! Schon die bloße Möglichkeit so dunkler, -geheimnisvoller und vielverschlungener Regungen in der Seele eines -einfachen Bauern macht einen stutzig! Und dabei nicht zu vergessen, daß -sich das alles in diesem Burschen doch fast bis zur bewußten Idee -entwickelt hatte. - -Ein anderes ist folgendes. Menschen können freilich bis zum Tierischen -gefühllos sein, doch hier handelt es sich nicht um Gefühllosigkeit, -sondern um etwas ganz Besonderes: um den mystischen Schrecken, der die -größte Macht über die Menschenseele hat. Daß es sich in diesem Fall -tatsächlich um eine mystische Angst gehandelt hat, steht nach dem ganzen -Verlauf der Begebenheit wohl außer Frage. Die starke Seele des Burschen -konnte zunächst noch gegen diese Angst ankämpfen. Übrigens – war das ein -Beweis von Stärke oder von ängstlichem Kleinmut? Vermutlich wird es -sowohl das eine wie das andere gewesen sein: eine Mischung der -Gegensätze. Diese mystische Angst hat dann den Kampf noch verlängert, -indem sie vom Herzen des Sünders das natürliche Empfinden fernhielt. Das -Gefühl der Angst ist grausam, es verhärtet das Herz und panzert es gegen -jede weiche oder hochherzige Regung. So konnte der Bursch die Tat -vollbringen. Doch warum erschlug der Gepeinigte nicht seinen Peiniger? - -Das ist es eben, daß sowohl bei diesem wie bei jenem in der Tiefe der -Seele dasselbe Gefühl gewesen sein muß, so daß sie beide eine gewisse -höllische Lust am eigenen Verderben empfunden haben werden – als sie dem -atemraubenden Verlangen nachgaben, sich über diesen Abgrund zu beugen – -und einen gewissen erschütternden Genuß von ihrer eigenen Vermessenheit. - -Und da – im Augenblick, als die Tat geschehen war – steht plötzlich die -Erscheinung des Gekreuzigten vor ihm! - -Sein Herz hatte ihn gerichtet. Warum nicht sein Bewußtsein, warum zeigte -ihm nicht sein Verstand die ganze Kleinlichkeit der Tat, die er für -Kühnheit gehalten hatte, warum erblickte er das Gericht in der Gestalt -einer Erscheinung, die doch wie von außen vor ihn hintrat, gleichsam -unabhängig von seinem Geist und Gewissen? Das zu erklären, wäre eine -große psychologische Aufgabe. Doch für ihn, den Verbrecher, war es -natürlich ein Wunder des Herrn. Als Büßer kroch er über die Erde im -Verlangen nach Strafe. - -Der andere aber, der Versucher? Von ihm hatte der Büßer nichts gesagt -und wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist. Vielleicht kroch auch er -auf den Knien, vielleicht aber ... blieb er im Dorf und lebt dort noch -heute, trinkt und lacht und spottet an den Feiertagen nach wie vor. Die -Erscheinung war ja nicht ihm erschienen! Oder? ... Es wäre doch sehr -wesentlich, näheres auch über ihn zu erfahren, so – als Studienmaterial. - -Ja, es wäre wesentlich. Denn man fragt sich doch unwillkürlich: wie -aber, wenn dieser nun der unverfälschte Dorfnihilist war? der -einheimische Verneiner und Denker, der an nichts glaubt, der sich mit -hochmütigem Lächeln ein Versuchsobjekt aussucht, einer, der mit seinem -Opfer weder Mitleid hat noch bei der Ausführung der Tat zittert, sondern -mit kalter Beobachtungslust das Beben und Zittern seines Opfers -verfolgt? einzig aus dem Verlangen heraus, fremde Qualen zu sehen, oder -Menschen in der Erniedrigung, weiß der Teufel – vielleicht sogar zu -einer Art von wissenschaftlicher Erforschung? - -Wenn solche Züge sogar schon in unserem Volkscharakter vorhanden sind, -unter den Landleuten – so ist das allerdings eine etwas überraschende -Entdeckung. Früher hat man nie ähnliches vernommen. - -Die Bedeutung dieses ganzen Vorfalls liegt darin, daß er nicht von einem -Dichter erdacht ist, sondern daß sich tatsächlich alles so zugetragen -hat: es dürfte wahrlich nicht müßig sein, einmal in die Seele unseres -zeitgenössischen Büßers zu schauen. Unsere Büßer verändern sich schnell. -Dort unten im Volk gärt es seit der Aufhebung der Leibeigenschaft ebenso -wie oben in der Gesellschaft. Der Riese erwacht und dehnt seine Glieder; -vielleicht will er zu toben anfangen, will schrankenlos sich ausleben -... Man sagt, er tue es bereits; man spricht von Räubern und -Verbrechern, von Trunksucht, von betrunkenen Kindern, betrunkenen -Müttern, von Zynismus, von Armut, Unredlichkeit, von Gottlosigkeit ... -Doch erinnern wir uns dieses Büßers und seien wir voll Zuversicht: im -letzten Augenblick wird sich die ganze Lüge – wenn hier wirklich Lüge -ist – aus dem Herzen des Volkes herausreißen, und vor sich wird es eine -überirdische Erscheinung sehen. Dann wird das Volk zu sich kommen und -sich auf seine göttlichen Aufgaben besinnen. Jedenfalls wird es sich -selbst retten, wenn es wirklich bis zum Rande des Verderbens mit ihm -kommen sollte. Sich selbst und auch uns wird es retten, denn wieder sei -es gesagt: das Licht und die Rettung werden von unten kommen. - -Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft ist in der Tat die Periode Peters -in der Geschichte Rußlands abgeschlossen: nun leben wir in der größten -Ungewißheit ... - - - Selbstmord und Unsterblichkeit - - (1876) - -„... In der Tat: welch ein Recht hatte diese Natur, mich in die Welt zu -setzen, infolge dort irgendwelcher ewigen Naturgesetze? Ich bin mit -Erkenntnisfähigkeit erschaffen und habe diese Natur _erkannt_: welches -Recht hatte sie, mich ohne meinen Wunsch und Willen erkenntnisfähig zu -erschaffen? Erkennend, folglich leidend, ich aber will nicht leiden – -denn warum sollte ich einwilligen zu leiden? Die Natur spricht zu mir -durch meine Erkenntnis von einer gewissen Harmonie innerhalb des Ganzen. -Die menschliche Erkenntnis hat aus dieser Verkündung Religionen gemacht. -Sie sagt mir, daß ich – obschon ich genau weiß, daß ich an der ‚Harmonie -des Ganzen‘ nicht mitwirken kann und auch niemals mitwirken werde, ja -überhaupt nicht begreifen werde, was sie denn nun eigentlich ist und -bedeutet – sagt mir, daß ich mich aber dennoch dieser Verkündung -unterwerfen, mich bescheiden, das Leid im Hinblick auf die Harmonie des -Ganzen auf mich nehmen und zu leben einwilligen soll. Wenn man dagegen -selbst und bewußt wählen könnte, so würde ich doch selbstverständlich -lieber nur in dem kurzen Augenblick, den mein Leben währt, d. h. solange -_ich_ existiere, glücklich sein wollen, da doch das Ganze und seine -Harmonie mich absolut nichts angehen, sobald ich aufhöre zu sein – -gleichviel ob dieses Ganze nach meinem Tode mit seiner Harmonie erhalten -bleibt oder ob es gleichzeitig mit mir zu existieren aufhört. Und wozu -sollte ich mich so um seine Erhaltung nach meinem Tode sorgen? – das ist -die Frage! Da wäre es doch besser, ich wäre wie alle Tiere erschaffen, -d. h. lebend, jedoch ohne vernunftgemäße Erkenntnis – meine Erkenntnis -ist ja nicht Harmonie, sondern ist Disharmonie, denn ich bin mit ihr -unglücklich. Man betrachte nur einmal daraufhin die Menschen: wer ist -denn glücklich in der Welt und was für Leute sind es denn, die -_widerspruchslos_ leben? – Gerade diejenigen, die den Tieren ähneln, die -infolge der geringen Entwicklung ihres Bewußtseins dem Tier am nächsten -stehen. Sie willigen gern ein, zu leben, aber gerade unter der -Bedingung, wie Tiere zu leben, nämlich fürs Essen, Trinken, Schlafen, -Nesterbauen und Kinder-in-die-Welt-Setzen. Essen, Trinken und Schlafen -nach Menschenart heißt im allgemeinen erwerben und rauben, ein Nest -einrichten aber schon unbedingt rauben. Man wird vielleicht einwenden, -daß man sein Nest auch auf vernünftigen, wissenschaftlich einwandfreien -sozialen Prinzipien aufbauen könne und durchaus nicht zu rauben brauche, -wie es bisher der Fall war. Möglich, aber ich frage: ‚wozu? Wozu -erwerben und bauen und sich soviel Mühe geben, um sich in der -Gesellschaft der Menschen richtig, um sich vernünftig und sittlich, kurz -– gerecht einzurichten?‘ Darauf vermag mir natürlich niemand eine -Antwort zu geben. Alles, was man mir darauf antworten könnte, wäre: ‚um -sich Genuß zu verschaffen.‘ Ja, wenn ich eine Blume oder eine Kuh wäre, -dann gäbe es für mich vielleicht auch einen Genuß. Indem ich mir aber, -wie jetzt, unaufhörlich Fragen vorlege, kann ich nicht glücklich sein, -nicht einmal im höchsten und _unmittelbarsten_ Glück der Liebe zum -Nächsten und der Liebe der Menschheit zu mir, denn ich weiß, daß morgen -schon alles dieses nicht mehr sein wird, sowohl ich wie dieses ganze -Glück und die ganze Liebe und die ganze Menschheit – daß wir uns in ein -Nichts verwandeln werden oder wieder in das anfängliche Urchaos. Unter -einer solchen Bedingung aber kann ich um keinen Preis ein Glück annehmen -– nicht aus Unlust, es anzunehmen, nicht aus Eigensinn um eines Prinzips -willen, sondern einfach deshalb, weil ich weder glücklich sein kann noch -werde, solange ich weiß, daß mich morgen das Nichtsein erwartet. Das ist -eben eine Gefühlssache, ein ganz unmittelbares Gefühl, das ich nicht -bewältigen kann. Nun gut, wenn ich allein sterben, und wenn dafür die -Menschheit an meiner Statt ewig weiterleben würde, dann wäre ich -vielleicht immerhin getröstet. Aber unser Planet ist doch nicht ewig und -die Lebensdauer der ganzen Menschheit ist im Verhältnis zur Ewigkeit -genau solch ein Augenblick wie mein Einzelleben. Und wie vernünftig, wie -herrlich, wie gerecht und heilig die Menschheit auf Erden sich auch -immer einrichtete – es wird morgen doch alles dieselbe Null sein. Und -wenn das auch alles da aus irgendeinem Grunde notwendig ist, infolge -irgendwelcher allmächtiger, ewiger und toter Naturgesetze, so ist doch, -ich versichere Sie, in diesem Gedanken eine gewisse allertiefste -Nichtachtung der Menschheit enthalten, die für mich tief beleidigend und -um so unerträglicher ist, als es hier keinen Schuldigen gibt. - -„Und schließlich, wenn man dieses Märchen von der endlich mal nach -vernünftigen und wissenschaftlichen Grundsätzen eingerichteten -Menschheit auf Erden als möglich annimmt und an seine dereinstige -Verwirklichung glaubt, d. h. an das zukünftige Menschenglück auf Erden -glaubt – so ist doch schon der bloße Gedanke, daß die Natur infolge -irgendwelcher ihrer trägen Gesetze es nötig hatte, den Menschen -Jahrtausende zu quälen, bevor sie ihn zu diesem Glück brachte, schon -unerträglich und empörend. Jetzt füge man noch hinzu, daß dieselbe -Natur, die dem Menschen endlich einmal ein Glück gewährt, all das morgen -schon aus irgendeinem Grunde in eine Null verwandeln muß, ungeachtet -aller Leiden, mit denen die Menschheit für dieses Glück gezahlt hat, und -ohne mir und meiner Erkenntnis das zu verbergen, wie sie es einer Kuh -verbirgt, – so kommt einem unwillkürlich ein äußerst spaßiger, aber auch -unerträglich trauriger Gedanke: ‚Nun, wie, wenn der Mensch nur als ein -unverschämter Versuch in die Welt gesetzt worden ist, nur um zu sehen, -ob sich ein solches Wesen auf der Erde einleben kann oder nicht?‘ Das -Traurige dieses Gedankens besteht hauptsächlich darin, daß es wiederum -keinen Schuldigen gibt, es ist niemand da, der den Versuch anstellt, -somit kann man niemanden verfluchen, denn es ist alles infolge toter -Naturgesetze entstanden, die für mich vollkommen unbegreiflich sind und -mit denen sich meine Erkenntnis unter keinen Umständen abfinden kann. -_Ergo:_ - -„Da ich auf meine Fragen nach dem Glück durch meine eigene Erkenntnis -von der Natur nur die Antwort erhalte, daß ich nicht anders als einzig -in der Harmonie des Ganzen glücklich sein kann, ich aber diese Harmonie -nicht verstehe und offenbar niemals zu verstehen imstande sein werde – - -„Da die Natur mir nicht nur nicht das Recht abspricht, von ihr -Rechenschaft zu fordern, sondern mir sogar überhaupt nicht antwortet – -und das nicht deshalb, weil sie etwa nicht antworten will, sondern -deshalb, weil sie nicht antworten kann – - -„Da ich mich überzeugt habe, daß die Natur mir zum Beantworten meiner -Fragen (mir unbewußt) _mich selber_ bestimmt hat, und mir auf meine -Fragen durch eine eigene Erkenntnis antwortet (denn ich sage mir das -doch alles selbst) – - -„Da ich bei einer solchen Einrichtung die Rolle sowohl des Klägers wie -des Beklagten, des Richters wie des Angeklagten gleichzeitig auf mich -nehme, diese Komödie von seiten der Natur aber so dumm finde und diese -Komödie zu ertragen meinerseits sogar für erniedrigend halte – - -„So verurteile ich in meiner fraglosen Eigenschaft als Richter und -Kläger und Beklagter diese Natur, die mich so zeremonielos und -unverschämt zum Leiden erschaffen hat – mit mir zusammen zur Vernichtung -... Da ich aber die Natur nicht vernichten kann, so vernichte ich mich -allein, einzig weil es mich langweilt, eine Tyrannei zu ertragen, bei -der es keinen Schuldigen gibt.“ - - * * * * * - -Die Oktober-Nummer meines „Tagebuchs“ enthielt diese Beichte eines -Selbstmörders, sein letztes Wort vor dem Tode, das er zur Rechtfertigung -seiner Tat und vielleicht auch zur „Erbauung“ niedergeschrieben hatte. -Einige meiner Freunde, deren Kritik ich sehr schätze, äußerten sich -durchaus beifällig über diesen kleinen Aufsatz und meinten, es sei in -ihm tatsächlich die Formel für diese Art Selbstmörder gefunden, ihr -Wesen, ihr Gedankengang sei vollkommen klar ausgedrückt ... Nur eines -flößte ihnen Bedenken ein: ob auch jeder Leser den Aufsatz richtig -verstehen werde, oder ob man nicht eher das Gegenteil herauslesen könne? -Auch ich hatte das schon während des Schreibens befürchtet, aber ich -schämte mich, offen gestanden, in meinem Leser so viel Naivität -vorauszusetzen, daß er die Absicht des Aufsatzes nicht durchschauen -könne, da sie meines Erachtens doch so greifbar ersichtlich war. Leider -war das ein Irrtum von mir. Denn kaum war diese Nummer des Tagebuchs -erschienen, als ich sowohl schriftlich wie mündlich von Fremden und von -Bekannten gefragt wurde, was dieser Aufsatz eigentlich zu bedeuten habe? -„Was wollen Sie damit gesagt haben? Ist es möglich, daß Sie den -Selbstmord verteidigen?“ lauteten die Fragen. Und nun erhielt ich noch -aus Moskau die letzte Nummer einer Wochenschrift zugesandt, die eine mit -„N. P.“ unterzeichnete, man kann sagen, „höflich schmähende“ Kritik -meines kleinen Aufsatzes enthielt. - -Als ich diese Kritik gelesen hatte, verlor ich nahezu allen Mut. Mein -Gott, habe ich denn viele solcher Leser, und glaubt denn dieser Herr N. -P., der da behauptet, mein Selbstmörder verdiene nicht das geringste -Mitleid, daß ich ihm diesen Selbstmörder zum „bemitleiden“ vorgestellt -habe? Die persönliche Auffassung des Herrn N. P. ist für mich natürlich -nicht von solcher Bedeutung, daß ich sie widerlegen müßte, obschon Herr -N. P. ein Typ zu sein scheint und wohl eine ganze Schar Gleichgesinnter -hinter ihm steht – er ist nämlich der Typ einer ganz besonderen -„unverfrorenen“ und radikalen Menschensorte, ist der Vertreter eben der -„gußeisernen Begriffe“, von denen er in seiner Kritik ausgeht. Wenn ich -trotzdem meinem vor zwei Monaten erschienenen Aufsatz eine Erklärung -folgen lasse, so geschieht dies nicht wegen der Kritik des Herrn N. P., -sondern weil ich schon vorher beschlossen hatte, es zu tun, – ich war ja -bereits, und nur zu bald belehrt worden, daß ich meinen Gedanken noch -erläutern und sogar breittreten mußte. - - * * * * * - -Meine Studie über den Selbstmörder bezieht sich auf die älteste und -höchste Idee des Menschen: auf die Notwendigkeit des Glaubens an die -Unsterblichkeit der Seele. Der Folgeschluß aus der Beichte dieses -Selbstmörders, der durch „logischen Selbstmord“ umkommt, sollte sein: -daß das Leben des Menschen ohne Glauben an seine Seele und ihre -Unsterblichkeit unnatürlich, undenkbar und unerträglich ist. Und es -schien mir allerdings, daß ich die Formel des logischen Selbstmörders -gefunden und klar ausgedrückt hatte. - -Der Glaube an die Unsterblichkeit ist für diesen Selbstmörder nicht -vorhanden, was er gleich zu Anfang vorausschickt. Die Überzeugung von -der Zwecklosigkeit seines Lebens und die Empörung über die Stummheit des -ihn umgebenden Weltalls führen ihn allmählich und unvermeidlich zu der -Überzeugung von der vollständigen Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins -auf Erden. Es ist für ihn hiernach sonnenklar, daß nur diejenigen -Menschen, die den Tieren am nächsten stehen, infolge der geringen -Entwicklung ihres Bewußtseins und der großen Entwicklung ihrer rein -physischen Bedürfnisse, _einwilligen_ können, dieses Leben anzunehmen. -Oh, er weiß, daß dieses rein körperliche Leben, essen, trinken, -schlafen, Kinderzeugen und im Warmen sitzen, den Menschen noch lange an -die Erde fesseln wird, wenn auch nicht in seinen höheren Typen. Dabei -sind es aber gerade diese höheren Typen, die auf Erden herrschen und -immer geherrscht haben, und denen, wenn die Zeit erfüllt war, die -Millionen der anderen Menschen zu folgen pflegten. Was ist das nun, -dieses höhere Wort und der höhere Gedanke? Dieses Wort, dieser Gedanke -(ohne die das Leben der Menschheit undenkbar ist) wird sehr oft von ganz -armen, unbeachteten, und sogar sehr oft verfolgten, in der Verbannung -umgekommenen oder in Unbekanntheit dahingehenden Menschen zum erstenmal -ausgesprochen. Doch der Gedanke selbst, das einmal von ihnen -ausgesprochene Wort – die sterben nicht mit ihnen, sie verschwinden -niemals spurlos und können auch gar nicht verschwinden, sobald sie -einmal ausgesprochen sind ... Das aber ist fast das Erstaunlichste an -der Menschheit! Der Gedanke eines Genies hat schon in der folgenden -Generation oder in zwei bis drei Jahrzehnten alle und alles erfaßt und -reißt alle und alles mit sich fort – und das Ergebnis ist, daß nicht die -Millionen Menschen und nicht die anscheinend so unerschütterlichen und -mächtigen materiellen Kräfte, nicht das Geld, nicht das Schwert, nicht -die Gewalt, sondern der anfangs so unbeachtete Gedanke irgendeines -äußerlich oft ganz unansehnlichen Menschen bleibt und herrscht. Herr N. -P. schreibt in seiner Kritik, die Veröffentlichung einer solchen -„Beichte“ in meinem Tagebuch sei ein „lächerlicher und bedauernswerter -Anachronismus“ ... denn heute lebten wir „im Jahrhundert der gußeisernen -Begriffe, im Jahrhundert der positiven Anschauungen, in einem -Jahrhundert, dessen Parole lautet: leben um jeden Preis! ...“ (Sehr -möglich! Das ist dann wohl auch der Grund, weshalb heutzutage die -Selbstmorde unter den Intelligenten so häufig sind.) Ich kann aber dem -verehrten Herrn N. P. und allen seinesgleichen versichern, daß dieses -„Gußeisen“ sich vor mancher Idee, wie belanglos diese den Herren der -„gußeisernen Begriffe“ anfangs auch erscheinen mag, wenn die Zeit kommt, -in Staub verwandelt! Für mich persönlich ist eine der größten -Befürchtungen für unsere Zukunft, und zwar schon für unsere nächste -Zukunft, die Tatsache, daß einer besonderen, seltsamen ... nun sagen -wir, Vorherbestimmung zufolge in einem großen, allzu großen Teil der -russischen Intelligenz sich vollständiger Unglaube an die eigene Seele -und ihre Unsterblichkeit zu verbreiten scheint, und zwar, wie mich -dünkt, mit einer progressiv zunehmenden Schnelligkeit. Und nicht nur, -daß dieser Unglaube sich aus Überzeugung ausbreiten wird (Überzeugung -ist bei uns noch sehr wenig vorhanden), er äußert sich vielmehr, und -zwar schon heute, in einem gewissen Indifferentismus zu der höchsten -Idee des Menschseins, – in einem (bisweilen fast spöttischen und weiß -Gott woher und nach welchen Gesetzen sich bei uns entwickelnden) -Indifferentismus nicht nur zu dieser Idee, sondern überhaupt zu allem, -was Leben ist, zur ganzen Lebenswahrheit, zu allem, was Leben gibt und -nährt, was das Leben gesund erhält und der Fäulnis und Auflösung -entgegenwirkt. Dieser Indifferentismus ist in unserer Zeit fast zu einer -russischen Besonderheit geworden – im Vergleich mit den anderen -europäischen Nationen. Er ist längst in die Familien der russischen -Intelligenz eingedrungen und hat sie fast vollständig zerstört. Ohne -eine höhere Idee aber kann weder ein Mensch noch eine Nation in der Welt -bestehen. Auf Erden jedoch gibt es _nur eine_ höhere Idee, und die ist: -die Idee der Unsterblichkeit der Menschenseele – denn die übrigen -„höheren“ Lebensideen haben alle ihren Ursprung _nur in dieser einzigen -Idee_. Hierüber kann man mit mir streiten (d. h. über diese Einheit der -Quelle alles Höheren auf Erden), doch ich übergehe das vorläufig und -spreche meine Idee aus, ohne sie zu begründen. In kurzen Worten läßt -sich nicht alles sagen, nach und nach kann man es besser erklären. Wir -haben ja noch Zeit vor uns. - -Mein Selbstmörder nun ist ein leidenschaftlicher Verfechter seiner Idee, -d. h. der Notwendigkeit des Selbstmords, und nicht etwa ein -indifferenter, nicht etwa ein „gußeiserner“ Herr. Er leidet, er quält -sich tatsächlich, – wie mir scheint, habe ich das unmißverständlich -ausgedrückt! Es ist für ihn nur zu ersichtlich, daß er nicht leben kann, -und er weiß nur zu gut, daß er recht hat und daß es unmöglich ist, ihn -zu widerlegen. Vor ihm stehen unbesiegbar die höchsten, die ersten -Fragen: wozu soll der Mensch noch leben, wenn er bereits erkannt hat, -daß tierisch zu leben für einen Menschen widerlich ist? unnatürlich, so -zwecklos wie unzureichend? Was könnte ihn in solchem Fall da noch an die -Erde fesseln? – Auf diese Fragen kann er keine Antwort erhalten, und das -weiß er, denn wenn er auch erkannt hat, daß es, wie er sich ausdrückt, -„eine Harmonie des Ganzen“ gibt, so sagt er sich doch, daß er sie nicht -verstehen kann und niemals imstande sein wird, sie zu verstehen, und daß -er nie an ihr teilnehmen werde. Gerade diese Klarheit ist es, die ihn -umbringt. Wo liegt nun der Fehler, worin hat er sich geirrt? Der Fehler, -meine ich, liegt einzig in dem Verlust des Glaubens an die -Unsterblichkeit. - -Doch er sucht ja selbst glühend (d. h. er suchte, als er noch lebte, und -suchte mit Pein) nach Versöhnung. Er wollte sie in der Liebe zur ganzen -Menschheit finden. „Wenn nicht ich, so könnte doch die Menschheit -glücklich sein und irgendeinmal die Harmonie erreichen: dieser Gedanke -könnte mich auf Erden zurückhalten,“ sagt er, und verrät sich. Denn dies -ist doch wohl kein kleinlicher Gedanke, sondern verrät Großmut und -Opferbereitschaft. Aber die unwiderlegbare Überzeugung, daß das Leben -der ganzen Menschheit im Grunde genau solch ein Augenblick ist wie sein -eigenes, und daß schon am nächsten Tage nach dem Eintritt der „Harmonie“ -(wenn man an die Möglichkeit der Verwirklichung dieses Traumes überhaupt -glaubt) die Menschheit sich genau so wie er in ein Nichts auflösen -werde, kraft träger Naturgesetze, und noch dazu nach soviel Leid und -Qual, die die Menschheit zur Verwirklichung dieses Traumes ausgestanden -hat – dieser Gedanke bringt ihn um die letzte Versöhnungsmöglichkeit, -denn sein Geist empört sich dagegen, empört sich gerade aus Liebe zur -Menschheit. Er fühlt sich gekränkt für die ganze Menschheit, und dem -Gesetz der Reflexion der Ideen zufolge – tötet das in ihm diese seine -Liebe zur Menschheit. So geschieht es in Familien, die vor dem -Hungertode stehn, daß die Eltern ihre Kinder, diese von ihnen am meisten -geliebten Wesen, zu hassen anfangen, wenn die Qual dieser Kinder zu -unerträglich wird – eben wegen der _Unerträglichkeit_ ihrer Qualen. Ja -ich behaupte sogar, daß die Erkenntnis ihrer vollkommenen -Machtlosigkeit, ihrer Unfähigkeit, der leidenden Menschheit zu helfen, -ihre Schmerzen, wenn auch nur ein wenig, zu lindern, während sie doch -gleichzeitig von ihrem Leiden überzeugt sind, _im Herzen der Menschen -die Liebe zur Menschheit in Haß verwandeln kann_. Die Herren der -„gußeisernen Ideen“ werden das natürlich nicht glauben und natürlich -auch gar nicht verstehen: für sie ist die Liebe zur Menschheit und deren -Glück etwas so Wohlfeiles, da ist alles so billig und so bequem -eingerichtet, so althergebracht, schon zu Urväterzeiten eingeführt und -niedergeschrieben, daß es sich ihrer Meinung nach überhaupt nicht lohnt, -darüber besonders nachzudenken. Doch ich hätte Lust, diese Herren noch -ein wenig zu erheitern: daher behaupte ich denn (_vorläufig_ wieder ohne -zu begründen), daß die Liebe zur Menschheit sogar vollkommen undenkbar, -unverständlich und _unmöglich_ ist, _ohne den Glauben an die -Unsterblichkeit der Menschenseele_. Diejenigen aber, die dem Menschen -den Glauben an seine Unsterblichkeit nehmen und diesen Glauben durch die -„Liebe zur Menschheit“ – im Sinne eines höheren Lebenszweckes – ersetzen -wollen, die, sage ich, erheben ihre Hand gegen sich selbst; denn anstatt -der Liebe zur Menschheit pflanzen sie in das Herz dessen, der den -Glauben verloren hat, nur den Keim des Menschenhasses. Mögen die Weisen -der gußeisernen Ideen über meine Behauptung meinetwegen die Achsel -zucken! Dieser Gedanke ist weiser als ihre Weisheit, und ich glaube ohne -zu zweifeln, daß er in der Menschheit einmal zu einer Aktion werden -wird, obschon ich auch dieses ohne Begründungen ausspreche. - -Ja ich behaupte sogar und wage auszusprechen: daß die Liebe zur -Menschheit im _allgemeinen_ und _als Idee_ eine der für den -Menschenverstand unfaßlichsten Ideen ist. Gerade _als Idee_! Nur das -Gefühl kann sie rechtfertigen. Doch dieses Gefühl ist eben nur mit der -gleichzeitigen Überzeugung von der Unsterblichkeit der Menschenseele -möglich. (Auch dies ohne Begründungen.) - -Das Ergebnis ist klar: daß der Selbstmord nach dem Verlust der -Unsterblichkeitsidee zur unvermeidlichen, bedingungslosen Notwendigkeit -für jeden Menschen wird, der in seiner Entwicklung auch nur ein wenig -über dem Tier steht. Die Unsterblichkeit dagegen, die ein ewiges Leben -verheißt, verbindet den Menschen um so mehr, um so fester mit der Erde. -Hierin liegt scheinbar ein Widerspruch: wenn das Leben so lang ist, wenn -es außer dem Leben hier auf Erden noch ein ewiges gibt, weshalb sollte -einem dies Erdenleben dann noch so teuer sein? Das Ergebnis jedenfalls -ist, daß der Mensch nur durch den Glauben an seine Unsterblichkeit -seinen vernünftigen Zweck auf Erden erfaßt. Ohne Überzeugung von seiner -Unsterblichkeit, lösen sich die den Menschen mit der Erde verbindenden -Fäden, sie werden dünner und fangen an zu faulen, und der Verlust eines -höheren Lebenssinnes (mag dieser auch nur in der Form einer ganz -unbewußten Sehnsucht sich äußern) zieht zweifellos den Selbstmord nach -sich. Hieraus folgt umgekehrt die Moral meines Aufsatzes: „Wenn die -Überzeugung von der Unsterblichkeit für das Menschenleben so -unentbehrlich ist, so ist sie folglich auch der normale Zustand der -Menschheit ... Wenn dem aber so ist, dann muß diese Unsterblichkeit der -Menschenseele _zweifellos auch vorhanden sein_.“ - -Mit einem Wort, die Unsterblichkeitsidee – das ist das Leben selbst, das -lebendige Leben, seine endgültige Formel und der Hauptquell der Wahrheit -und der richtigen Erkenntnis für die Menschheit. Das war und das ist der -Sinn meines Aufsatzes, und ich nahm an, daß ein jeder, der ihn gelesen, -sich über diesen seinen Sinn auch im klaren sein werde[35]. - - - - - Dritter Teil. - - Notierte Gedanken (1880) - - - Notierte Gedanken - - (1880) - - - Nur das ist stark ... - -„Nur das ist stark, wofür Blut vergossen wird“ – bloß vergessen die -Nichtswürdigen, daß es sich nicht bei denen als stark erweist, die das -Blut vergießen, sondern bei denen, deren Blut vergossen wird. Und das, -gerade das ist das Gesetz des Blutes auf Erden. - - - Kirche und Staat ... - -Als Staat konnte der Staat M. und N. nicht begnadigen (der Wille des -Monarchen ausgenommen). Denn was ist eine Hinrichtung? – Im Staat: ein -Opfer für eine Idee. Stünde aber an Stelle des Staates die Kirche – dann -gäbe es keine Hinrichtungen. Kirche und Staat darf man nicht -verwechseln. Daß man sie noch verwechselt, ist ein gutes Zeichen, denn -daraus folgt, daß bei uns eine Neigung zur Kirche vorhanden ist. In -England und Frankreich hätte man kein Bedenken getragen, sie zu -erhängen. - - - Die Frauenfrage. - -Der ganze Fehler der „Frauenfrage“ besteht darin, daß man Unteilbares -teilt, Mann und Weib einzeln betrachtet, während sie doch ein einziger -geschlossener Organismus sind. („Und er schuf sie, Mann und Weib ...“) -Ja sogar mit den Kindern, mit den Nachfahren und Vorfahren und mit der -ganzen Menschheit ist der Mensch ein einziger unteilbarer Organismus. -Die Gesetze aber teilen immer und lösen alles womöglich in die -Urbestandteile auf. Die Kirche dagegen teilt nicht. - -In der Natur ist alles für das Normale berechnet, alles nach dem Muster -des Heiligen und Sündlosen zugeschnitten. (Der Mann 30 Jahre alt, die -Frau 30 Jahre.) Die Schönheit ist dem Weibe zu Anfang gegeben, um den -Mann zu fesseln, denn das sittliche Band ist noch schwach. Später ist -die Schönheit nicht mehr nötig, man liebt das Weib, weil man seelisch -zusammenwächst (organische Verbindung). - - - Unsere öffentliche Meinung ... - -Unsere öffentliche Meinung ist deshalb nicht viel wert, weil sie bisher -erst im Entstehen begriffen war, sich erst zu bilden begann. Bilden aber -kann sie sich nur im langen Lauf der Geschichte, durch viele -Generationen. - - - Liberalismus und Tat. - -Unsere ganze liberale Partei steht abseits vom tätigen Leben, sie nimmt -an der Tat nicht teil, sie ist mit ihr überhaupt nicht in Berührung -gekommen. Sie hat nur verneint und gespöttelt. - - - Sozialismus und Christentum. - -Man versuche doch zu teilen, versuche doch einmal festzusetzen, wo die -eigene Persönlichkeit aufhört und die andere anfängt! Das stelle man -einmal durch die Wissenschaft fest! Die Wissenschaft macht sich eben -daran. Und der Sozialismus stützt sich ja gerade auf die Wissenschaft. -Im Christentum ist schon die Frage undenkbar. Welches sind die Chancen -dieser und jener Lösung? – Es wird ein neuer unvorhergesehener Geist -aufkommen. - - - Reichtum. - -Reichtum ist eine Stärkung des einzelnen, eine mechanische und geistige -Befriedigung, folglich eine Loslösung des Einzelnen vom Ganzen. - - - Das Volk. - -Im Volk ist das Bedürfnis nach etwas _Neuem_, einem neuen Wort, einem -neuen Gefühl vorhanden, das Bedürfnis nach einer neuen Ordnung. Die -sorglose Zeit der Trunkenheit nach der Bauernbefreiung geht vorüber. -Noch nie ist das Volk für gewisse Einflüsse so empfänglich gewesen (und -schutzlos ihnen preisgegeben) wie gerade jetzt. Z. B. die Sekte der -Stundisten[36]. Sogar die nihilistische Propaganda wird ihren Weg -finden. Hat es bisher nur wegen der Dummheit, Unerfahrenheit und -Naivität der Propaganda noch nicht getan. Man muß auf der Hut sein. Man -muß das Volk beschützen. Unsere Kirche aber verharrt seit Peter dem -Großen in einem Zustande der Lähmung. Es ist eine furchtbare Zeit, und -dazu nun noch diese Trunksucht. Und die Stundisten. Währenddessen ist -unser Volk fast ganz sich selbst überlassen, nur auf die eigenen Kräfte -angewiesen. Unsere Intelligenz – alles geht vorüber. - - - Rußland und die Korporationen. - -Deutsche, Polen, Juden – lauter Korporationen, und helfen sich -gegenseitig. Nur in Rußland gibt es keine Korporationen, nur Rußland -allein ist geteilt. Und außer diesen Korporationen noch die mächtigste: -die alte administrative Routine. Man sagt: unsere Gesellschaft sei nicht -konservativ. Allerdings; die historische Entwicklung der Dinge (seit -Peter) hat sie ja selber dazu gemacht. Und vor allem: sie sieht nicht, -was es zu konservieren, zu erhalten gäbe. Alles ist ihr genommen, sogar -die gesetzliche Initiative. Alle Rechte des russischen Menschen sind -negativ. Gebt ihm etwas Positives und ihr werdet sehen, daß er -gleichfalls konservativ sein wird. Dann hätte er doch etwas, was zu -erhalten wäre. _Nicht konservativ ist er bloß deshalb, weil es bei uns -nichts zu erhalten gibt._ „Je schlimmer, desto besser“ – das ist doch -bei uns nicht etwa eine leere Redensart, sondern zum Unglück – die Sache -selbst. - - - Frankreich. - -„Nowoje Wremja“, Nr. 1667, 28. Oktober 1880. Baron Hübner prophezeit die -nächsten sozialistischen Bewegungen in Frankreich und in Europa. Rußland -wird zum Bündnis aufgefordert. (_Rußland soll nicht darauf eingehen!_ Es -soll seine eigenen Vorteile wahrnehmen! Der Sozialismus wird an Rußland -zerschellen.) In Frankreich werden sich den Sozialisten unfehlbar die -Jesuiten anschließen und überhaupt alle Katholiken, die dank Gambettas -Dummheit aus Paris ausgewiesen sind, alle Legitimisten und Bonapartisten -werden sich dem Sozialismus zuwenden. Freilich ist das konservative -Frankreich noch stark, trotz der Dummheit der Regierenden und der -Dummheit der Republik. Aber das ist der Anfang vom Ende. Das Ende der -Welt naht. Das Ende des Jahrhunderts wird sich in einer Erschütterung -kundtun, wie noch nie zuvor. Rußland muß bereit sein, soll sich nicht -bewegen, soll aufpassen und warten. Wenn es sich nur nicht zu einem -Bündnis verleiten läßt! Das wäre furchtbar! Dann ist es aus mit Rußland, -endgültig aus. Bei uns gibt es keinen Sozialismus, absolut keinen. Der -ganze gesunde Teil des russischen Volkes aber wird sich nicht rühren, -und der ist unzählbar groß. - - - Die Juden. - -Und wenn auch alle Juden _in corpore_, wenn das ganze Kahal wie eine -Verschwörung über Rußland steht und den russischen Bauern aussaugt – oh, -wir haben nichts dawider, wir sagen kein Wort, kein Wort! Sonst könnten -wir ja am Ende gar den Vorwurf der „_Unliberalität_“ einheimsen: man -würde schließlich von uns denken, wir hielten unsere Religion für besser -als die jüdische und bedrängten die Juden aus „religiöser Unduldsamkeit“ -– um Himmels willen, was dann! Man denke nur und frage sich – was dann! - - - Die besseren Menschen. - -Wer sind bei uns die besseren Menschen? Der Adel ist zerstört. In -Frankreich ward er gleichfalls zerstört. Die Ehrenlegion wurde -aufgepfropft, aber sie hat ihre Aufgabe nicht gelöst. (In Europa werden -die besseren Menschen von der Obrigkeit bestimmt.) Bei uns führte Peter -der Große, um die Aristokratie der Bojaren zu unterdrücken, vierzehn -Rangklassen ein. Eine Analogie mit der Ehrenlegion. Sie wurden -aufgepfropft, aber sie haben nicht einmal angefangen, die Aufgabe zu -lösen, sind vor allem vom Volksgeist nicht anerkannt, und selbst bei den -Beamten gehen sie dem Bankrott entgegen. (Beamte für Sold, die -Affäristen, Advokaten, Banken werden die Aristokratie überwältigen.) -Indessen geht es doch nicht ohne bessere Menschen. Peter handelte im -europäischen Geiste, als er die vierzehn Klassen schuf, denn die -„Besseren“ wurden nun gleichfalls von der Obrigkeit geschaffen und -gingen nicht aus dem Volksgeist hervor. Die Besseren müssen aber vom -Volk bezeichnet werden und werden es auch. Diese neue Einteilung wird -sich bei uns eher als sonstwo verwirklichen. Noch ist das Volk stumm, -das ist wahr, doch nennt es schon außer Alexei, dem Gottesknecht, z. B. -Suworoff, Kutusoff. Aber es hat ja noch keine Stimme. Die Stimme der -Intelligenz ist zu unklar und dem Volk zu unverständlich, übrigens auch -gar nicht vernehmbar. Gott weiß, wen die Intelligenz für die Besseren -erklärt. Die Pariser Kommune und der westliche Sozialismus wollen keine -Besseren, sie wollen Gleichheit und würden Shakespeare enthaupten. -Unserem Volk ist Neid vollkommen fremd. Vollbringt für das Volk eine -gute Tat und es wird euch als seine Helden verehren. (Nur müßt ihr das -Volk lieben, nicht indem ihr es zu euch emporzuheben trachtet, sondern -indem ihr euch selber vor ihm beugt ...) - - - Ehrfurcht. - -Die Höhe einer Menschenseele ist zum Teil danach zu ermessen, wie weit -und vor wem sie fähig ist, Ehrfurcht und Verehrung zu bezeugen (oder -Andacht zu empfinden). - - - Der Jude. - -Alle die Bismarck, Beaconsfield, die Französische Republik und Gambetta -usw. – alle die sind, als Macht, für mich eine Vorspiegelung. Und je -länger, desto mehr. Ihr Herr, wie der Herr aller, der Herr ganz Europas -ist doch nur der Jude und seine Bank. Wir werden es ja erleben, daß er -plötzlich sein Veto einlegt und Bismarck wie ein Stäubchen von seinem -Platze gefegt wird. Der Jude und die Bank beherrschen jetzt alles: -sowohl Europa wie die Aufklärung, die ganze Zivilisation und den -Sozialismus – besonders den Sozialismus, denn durch ihn wird er das -Christentum mit der Wurzel ausrotten und die christliche Kultur -zerstören. Und wenn dann nichts als Anarchie übrigbleibt, da wird dann -der Jude an der Spitze des Ganzen stehen. Denn indem er den Sozialismus -predigt, bleibt er als Jude mit seinen Stammgenossen doch außerhalb, und -wenn der ganze Reichtum Europas vertan ist, bleibt die Bank des Juden. -Dann mag der Antichrist kommen und die Anarchie herrschen. - - - Das Ideal ... - -Das Ideal menschlicher Schönheit – ist das russische Volk. Ich muß -unbedingt auf diese Schönheit aufmerksam machen, den aristokratischen -Typus zeigen usw. Unwillkürlich fühlst du, daß er menschlich nicht unter -dir steht; und bald werdet ihr fühlen, daß er höher steht als ihr. - - - Katerina Iwanowna („_Brüder Karamasoff_“). - -Ein Mensch, der in seinem ganzen Leben nicht lebt, sondern sich selbst -ausdenkt. - - - Eine Konstitution. - -Unsere Intellektuellen werden vom Volk doch nichts Vernünftiges zu sagen -verstehen. Sie werden das Volk nur in Erstaunen setzen und es zu guter -Letzt, und zwar sehr bald, um seine Geduld bringen – und damit wird die -Sache enden. - - - Väter und Söhne ... - -„Väter und Söhne“ – die Eigenen erkennen die Eigenen nicht. - - - Volk ... - -Die Behörden und alle diese Beamten, die sind doch in ihrem Verhalten -zum Volk ungefähr: „_A quelle sauce voulez vous qu’on vous mange, mais -nous ne voulons pas_“, usw. Dumpfe Verzweiflung. - -Das Volk – dort ist alles. Das ist doch ein Meer, das wir bloß nicht -sehen, da wir uns vom Volk im finnischen Sumpf abgesondert haben. - - „Ich liebe dich, Schöpfung Peters ...“ - Pardon, nein, ich liebe sie nicht. - Fenster, Löcher – und Monumente. - -Niemand traut uns, alle hassen uns, – warum? Weil Europa instinktiv -etwas Neues, ihm nicht im geringsten Ähnliches in uns spürt. In diesem -Punkt stimmt Europa ganz mit unseren Westlern überein: die hassen -Rußland gleichfalls, weil sie in ihm etwas Neues, noch nie Dagewesenes -wittern. - -Der Osten, Asien, Eisenbahnen! Wir aber leben für Europa. Sparen sollten -wir, 4 statt 40 ausgeben – Peter der Große hätte es getan – und nicht -vergessen: Rußland liegt zwar in Europa, aber in der Hauptsache doch in -Asien. Nach Asien! nach Asien! - - - Formel. - -Das russische Volk lebt ganz in der Rechtgläubigkeit und in ihrer Idee. -Außer der Rechtgläubigkeit ist in ihm nichts und hat es nichts – und -braucht es auch nichts, denn die Rechtgläubigkeit ist alles; sie ist – -Kirche, und Kirche ist die Krönung des Gebäudes, und zwar auf ewig. Sie -denken, ich werde das jetzt zu erklären anfangen? – keineswegs! Alles -später und unermüdlich. Vorläufig aber stelle ich nur die Formel auf und -füge noch eine andere hinzu: Wer die Rechtgläubigkeit nicht versteht – -der wird auch nie und nimmer das russische Volk verstehen. Ja nicht nur -das: der kann das russische Volk nicht einmal lieben, sondern wird -höchstens ein imaginäres Volk lieben, wie er das russische Volk in -Wirklichkeit zu sehen wünschte. Und andererseits wird auch das Volk -einen solchen Menschen nicht als zu ihm gehörig anerkennen: liebst du -nicht das, was ich liebe, glaubst du nicht daran, woran ich glaube und -achtest du nicht mein Heiligtum, so bist du nicht mein Bruder. Oh, das -Volk wird ihm deshalb nicht zu nahe treten, wird ihn weder überfallen, -noch berauben, noch verprügeln, es wird ihm nicht einmal ein böses Wort -sagen. Es ist zu großzügig dazu, es kann viel aushalten und ist in -Glaubenssachen duldsam. Das Volk wird den, der es anders sehen wollte, -ruhig anhören – wenn er gescheit ist und zu reden versteht –, wird ihm -für Ratschläge sogar danken, für die Wissenschaft, die man ihm bringt, -wird sogar manchen Rat befolgen, denn das russische Volk ist großzügig -und versteht die Dinge auseinanderzuhalten. Aber als seinesgleichen wird -es ihn doch nicht ansehen, seine Hand wird es ihm nicht geben und sein -Herz ebensowenig. Unsere Intelligenz aber im finnischen Sumpf sieht an -ihm vorbei, und ärgert sich, wenn man ihr sagt, daß sie das Volk nicht -kenne. - - - Die Lage des Bauern. - -Grund genug zum Verzweifeln. Wozu soll er sich ausnutzen lassen, auch er -wird zum Exploiteur. _Höchstens ein Heiliger_ bleibt standhaft. - - - Konstitutionelle, Reaktionäre. - -Sie werden doch nur die Interessen Ihrer Gesellschaft vertreten, nicht -aber die des Volkes. Das Volk werden Sie wieder zu Leibeigenen machen -wollen. Kanonen werden Sie gegen das Volk verlangen! Und die Presse – -die Presse werden Sie nach Sibirien verbannen, sobald sie nur im -geringsten Ihr Mißfallen erregt. Nicht nur gegen Sie etwas zu sagen wird -verboten sein – nicht einmal atmen wird man in Ihrer Gegenwart dürfen. - - - Grundbesitz. - -Der Hauptgrund, weshalb unsere Gutsbesitzer sich mit dem Volk nicht -verstehen und keine Arbeiter finden können, ist der, daß sie selber -nicht Russen, sondern vom Boden losgelöste Europäer sind. - - - Klassischer Unterricht. - -... Wenn man ihn allmählich einführt, nicht plötzlich in -unverhältnismäßiger Weise die Bildung erweitert, sondern vorläufig nur -den Boden vorbereitet – dann bekämen wir nach und nach ein Kontingent -junger Leute mit klassischer Bildung. Und diese würden den Grundstock, -den Anfang des weiteren bilden. Ferner könnte man etwa alle fünf Jahre, -oder alle vier Jahre einmal die Unterrichtsstunden der klassischen -Sprachen vermehren ... Das dauerte länger, aber es wäre richtiger. Bei -uns aber hat man eine Vorliebe fürs Plötzliche (_sic_) – zwanzigtausend -Werst Eisenbahn wurden bei uns in zehn Jahren gebaut, obschon das alles -freie Kapital von der Landwirtschaft und der Industrie fortzog. So -berief man die tschechischen Lehrer der alten Sprachen, – diese kalten, -teilnahmslosen, der Jugend feindlich Gesinnten, die die russische -Sprache nicht verstehen und als minderwertig erachten. Sie wurden -gehaßt, verachtet, verspottet. Mitunter war sogar das Nationalgefühl im -Schüler verletzt – bei uns aber ist davon ohnehin schon erschreckend -wenig übriggeblieben ... - - - Wie man ... - -Wie man bei uns glaubt, alles Unglück Rußlands würde durch eine -Konstitution beseitigt werden, so ist man in Europa übereingekommen – -bewußt und unbewußt –, daß man zunächst mit Rußland ein Ende machen -müsse, denn Rußland halte die Völker Europas von der inneren Arbeit ab, -zwinge sie, ihre großen Heere zu erhalten und den Sultan zu beschützen, -so daß sie ihn nicht aus Europa hinausjagen und seinen Besitz unter sich -teilen können! An allem, heißt es, ist Rußland schuld ... - -Wir können uns ihrem Haß nicht entziehen und einmal werden sie sich auf -uns stürzen und uns zerreißen. - - - Ein Projekt. - -Nein, wir wissen noch nicht einmal, wie sie uns hassen. Nein, es ist -nicht nur das, daß es nicht ihre Zivilisation ist und wir nicht Europäer -sind. Nein, sie wittern die Idee, die zukünftige, selbständige, -russische, obschon sie bei uns noch nicht geboren, nur die Erde -unheimlich schwanger von ihr ist und sich schon anschickt, sie unter -furchtbaren Qualen zu gebären. Wir glauben es bloß nicht und lachen. -Nun, die Europäer aber ahnen sie schon. Sie ahnen mehr als wir selbst, -d. h. als die russische Intelligenz. Was soll uns die Idee, wir bringen -sie selber um. Wir leben für Europa, heißt es doch, alle nur zum -Zeitvertreib für Europa, alle und alles – und für unsere Unschuld. - -Dann wird man’s glauben. - - - Staat ist Kirche. Virchow. (_Sehr wichtig._) - - Der Unterschied zwischen uns und Europa. - -Der Staat ist eine vorwiegend christliche Gesellschaft und hat die -Tendenz, Kirche zu werden. _In Europa ist es umgekehrt_ (einer der -tiefen Unterschiede zwischen uns und Europa). Siehe die Rede Virchows -(„Nowoje Wremja“, Nr. 1745, 6. Januar 1881). Virchow erklärt, der Staat -sei vorwiegend eine von Religion und Christentum freie Gesellschaft. So -ist es in Frankreich (Gambetta). Unsere kleinen Dummköpfe haben die -Formel des Westens sogleich aufgegriffen und in ihren Katechismus -eingetragen. Bei _uns_ aber, im russischen Volk, – uns ist sie bis ins -Herz hinein fremd. Virchow fürchtet ganz einfach, die Christen könnten -die Nichtchristen sogleich zu vernichten suchen. Im Gegenteil: der Geist -des wahren Christentums ist – vollständige Glaubensfreiheit. _Glaube -freiwillig_ – das ist unsere Formel. Der Heiland ist vom Kreuz nicht -herabgestiegen, weil er nicht _gewaltsam_ durch ein äußeres Wunder -bekehren, sondern gerade die _Glaubensfreiheit_ wollte. Das ist der -Geist des Christentums und auch unseres Volkes! Wenn es aber -Abweichungen gibt, so bedauern wir es. - - - Meinen Kritikern. - -Ich suche keine Ehren und werde nichts annehmen, und wahrlich ist es -nicht meine Absicht, für meine Richtung mir Sterne zu erraffen. - - - Ich. - -Ich bin wie Puschkin ein Diener des Zaren, weil seine Kinder, sein Volk, -des Zaren Diener nicht verachten werden. Ich werde noch mehr sein Diener -sein, wenn er wirklich glauben lernt, daß das Volk sich als seine Kinder -fühlt. Ich weiß nicht, weshalb er es noch immer nicht recht glauben zu -wollen scheint. - - - Volksschulen. - -Zwei Kategorien von Volksschulen, in der ersten nur lesen; _so gut es -geht_, auch schreiben (erlernen sie es – können sie Schreiber werden, -sehr wenige werden es ganz verlernen) und die drei Gebete. Und dann die -zweite Kategorie – gleichfalls für die Bauern – mit etwas höherem -Lehrplan. Von dieser zweiten Kategorie vorläufig nur sehr wenige -Schulen, denn wenn wir wenigstens die von der ersten ins Leben riefen, -so wäre schon eine _Kraft erzeugt_. Wer lesen und schreiben kann – der -vermag sich schon zu bewegen, der kann schon vorwärtskommen, der ist -schon ausgerüstet und bewaffnet. Und Sie werden sehen, wie dann nach -wenigen Jahren ganz von selbst die höheren Volksschulen entstehen -werden: zunächst gilt es, die Lust zum Lernen hervorzurufen, dann wird -das Verlangen nach weiterem Lernen und das Entstehen höherer Schulen -nicht auf sich warten lassen. Bei uns aber soll alles plötzlich -entstehen. - -Der deutsche Junge (Pflicht), der russische Junge (zerfallene Familie). - -Geschichte würde bei uns geistige Ideen wachrufen. Die geistigen Ideen -des deutschen Jungen sind andere: seine Ordnung, seine Lebensweise, -seine Nationalität. Bei uns aber, in unseren Familien ist nichts als -Fäulnis. Hier könnte der Geschichtsunterricht rettend eingreifen und den -Sinn des Jünglings wenigstens auf die historische Welt richten und somit -von den abstrakten Phantastereien und dem ideellen Mischmasch, der die -geistige Welt unserer Gesellschaft ausmacht, ablenken. Mit einem Wort, -man hat nicht in nationalem Sinn gehandelt (der russische Junge ist -entwicklungsfähiger als der Deutsche). Nur die Lehrer der Literatur -könnte man kontrollieren, damit sie nicht liberale Absurditäten -predigen. - - - Entwicklung der Kinder. - -Zwei Bälle werden über dem Kinderbett angebracht, ein roter und ein -blauer, und zwar zur Beschleunigung der Entwicklung, um Gedanken zu -erwecken. Als wolle man die Natur beseitigen! Der Eindruck der Harmonie -des Ganzen in der Natur wird dadurch aufgehoben. Die werden ihr Lebtag -im _Ganzen_ Details, grelle Punkte, Ecken, Einzelheiten suchen. - - - Erziehung. - -Der unkultivierte russische Vater hat entweder seine Beamtenwelt und -sein Kartenspiel, oder wenn er sich mit irgend etwas befaßt – geht er in -Abstraktheit auf, in Weltfragen, in Sehnsucht nach der äußeren Form -einer Konstitution oder im Materialismus. Bei der geringsten praktischen -Betätigung quält er sich mit ewiger Unentschiedenheit über das, was Ehre -und Gewissen ist (was seinem Sohn doch nicht entgehen kann) und das -Auffallendste an ihm ist sein vollständiges Nichtverstehen alles dessen, -was vor seiner Nase ist, der Widerwille gegen alles, was vor ihm liegt. -Und dasselbe findet sich beim Sohn. Schade, daß ich mich kurz fassen -muß und nicht das ganze Thema entwickeln kann. Aber der -Geschichtsunterricht, die allgemeine Geschichte würde wenigstens Achtung -vor den historischen Formen des Menschenlebens einflößen, würde -wenigstens in den Erscheinungen einen Sinn zu sehen lehren. „Ideen sind -nicht nötig,“ heißt es. – Dann werden sie eben selber Ideen erfinden. - -Von den Vorzügen der Naturwissenschaften haben doch nur diejenigen so -viel geredet, die nichts von ihnen verstehen. Wie viele von unseren -Redakteuren und Zeitungsverlegern wissen denn etwas von ihnen? Um die -Wahrheit zu sagen, unsere Gelehrten sind (und mancher ist sogar in -Europa als Fachmann bekannt) – sind größtenteils vortreffliche -Spezialisten, sagen wir meinetwegen sogar große Spezialisten, nur sind -sie nichtsdestoweniger größtenteils ungebildete Leute, die über das -klassische Unterrichtssystem natürlich kein Urteil haben können. Und -über diesen stehen dann die Ausführenden, die von ihnen sich Rat holen, -an und für sich zumeist die unschuldigsten Leute (mit einem Schimmer von -Europäertum), die sich in ihrer Unschuld für glänzende Europäer halten, -aus Unschuld, wie gesagt, und die auch aus purer Unschuld meist so gut -wie überhaupt nichts von Rußland wissen – nun, und was kommt dabei -heraus? Nichts, ganz wie bisher noch nichts herausgekommen ist ... Eine -Kultur fehlt. - - - An die „Vaterländischen Annalen“. - -Die ganze Literatur zittert vor Ihnen, besonders vor dem „Satirischen -Alten“. Niemand wagt es, gegen ihn aufzutreten. Er ist doch ein -Liberaler, ist durch und durch liberal! – Nein, meine Herren, seien Sie -erst einmal liberal, _wenn das unvorteilhaft ist_, dann würde ich Sie -gern sehen wollen! - -Mit abgedroschenen alten Gedanken schlagen Sie sich durch. - - - Die Presse. - -Die Presse sichert jedem Schurken das Wort, wenn er auf dem Papier zu -schimpfen versteht, jedem, den man in anständiger Gesellschaft unter -keinen Umständen reden ließe. In der Presse finden alle diese Menschen -ihr Asyl, – komm, schimpf soviel du willst, – – sogar mit Ehrerbietung -wird er aufgenommen. - - - Die Brüder Karamasoff. - -Die Schurken foppen mich mit meinem angeblich _ungebildeten_ und -rückständigen Glauben an Gott. Diese Tölpel haben sich eine solche -Gottesleugnung noch nicht einmal träumen lassen, wie sie in meinem -„Großinquisitor“ und dem vorhergehenden Kapitel ausgedrückt ist und auf -die das _ganze Buch_ die Antwort gibt. Wenn ich an Gott glaube, so tue -ich es doch nicht wie ein Dummkopf (wie ein Fanatiker). Diese da wollen -mich belehren und lachen über meine Beschränktheit! Ihre dumme Kreatur -hat sich ja nicht einmal träumen lassen von einer solchen Gewalt der -Verneinung, wie ich sie durchgemacht habe. Und die wollen mich -unterrichten! - - - Der Teufel. - -(Eine psychologische und _ausführliche_ kritische Erklärung Iwan -Karamasoffs und der Erscheinung des Teufels.) Iwan ist tief, ist nicht -einer der zeitgenössischen Atheisten, die mit ihrem Unglauben nur die -Beschränktheit ihrer Weltanschauung und die Stumpfheit ihres kleinen -Gehirns beweisen. - - - Bjelinski. - -Ein ungewöhnlicher Eifer in der Aufnahme neuer Ideen, mit dem größten -Verlangen, jedesmal bei der Aufnahme von etwas Neuem, alles Alte zu -zertrampeln, mit Haß und Schimpf und Spott zu vernichten. Eine Art -Rachegelüst ... „und ich verbrannte alles, was ich einst anbetete“. - - - Das Geschimpfe meiner Feinde. - -Wenn physische Verrichtungen auf der Straße verboten sind, ebenso nackt -einherspazierende Menschen, warum dann nicht auch dieses verbieten? – -Ist es doch dieselbe physische Verrichtung, schädlich und gemein! Die -Staatsanwaltschaft müßte sie ohne weiteres wegen Unmäßigkeit zur -Rechenschaft ziehen. - -Leontjeff[37]. („Es lohnt nicht, der Welt Gutes zu wünschen, denn es -steht geschrieben, daß sie vergehen werde“.) - -In dieser Auffassung liegt etwas Unvernünftiges und Ruchloses. - -Überdies ist es eine ungemein bequeme Anschauung, so für den -Hausgebrauch: denn wenn es schon geschrieben steht, daß alle verurteilt -sind, wozu soll man sich dann noch anstrengen, wozu anderen Gutes tun? -Lebe für dich! Lebe hinfort ein jeder ruhig für seinen Wanst. - - - Nach dem Erscheinen der Augustnummer meines „Tagebuchs“ und meiner - - Rede in Moskau. - -Hier sprach außer der Meinungsverschiedenheit mit mir noch eine Art Neid -mit. Ja vielleicht war es überhaupt nur Neid, der da sprach. Natürlich -kann man von Herrn Leontjeff nicht verlangen, daß er das schriftlich -eingesteht. Aber möge dieser Publizist seinem Gewissen die Frage -vorlegen und sich selbst die Wahrheit gestehen; auch das würde genügen. -(Für einen anständigen Menschen genügt auch das.) - - - Gelehrtheit. - -Es gibt gewisse Dinge, lebendige Dinge, die zu begreifen vor übermäßiger -Gelehrtheit sehr schwer ist. Die Gelehrtheit, die ja auch selbst im -Übermaß immer noch eine schöne Sache ist, kann sich aber bei der -Berührung mit manchen _lebendigen_ Dingen sogar in eine äußerst -schädliche Sache verwandeln. Es sind eben nicht alle lebendigen Dinge -leicht zu begreifen. Das ist ein Axiom. Übermäßige Gelehrtheit hat -bisweilen etwas Ertötendes in sich. Gelehrtheit ist ein Material, dem -manche nicht gewachsen sind. - -Auch ist die übermäßige Gelehrtheit nicht immer die wahre oder richtige -Gelehrtheit. Die wahre Gelehrtheit ist nicht nur nicht feindlich dem -Leben gegenüber, sondern stimmt schließlich mit dem Leben immer überein, -dem sie _neue Offenbarungen_ gibt, die sie im Leben selbst entdeckt. Das -ist das wesentliche und großartige Kennzeichen der wahren Gelehrtheit. -Die unwahre Gelehrtheit dagegen ist, und mag sie auch noch so groß sein, -dem Leben doch immer irgendwie feindlich und geht womöglich bis zur -Verneinung des Lebens. – Bei uns ist von Gelehrten der ersten Kategorie -seltsamerweise wenig zu hören, dafür aber genug von solchen der zweiten -Art, ja wie es scheint sogar nur von dieser. Es kann selbst die -übermäßigste Gelehrtheit keine Gewähr dafür bieten, daß der Gelehrte -nicht doch nur zur zweiten Kategorie gehört. Doch brauchen wir die -Zuversicht nicht aufzugeben, daß es bei uns auch solche von der ersten -geben wird. Irgend einmal werden wir sie doch haben. Wozu denn jede -Hoffnung verlieren? - -Wie viele Menschen denken nicht selbst, sondern leben mit Gedanken, die -andere bereits fertiggedacht haben! Bei uns aber lebt man nicht nur mit -fertigen Gedanken, sondern lebt sogar mit fertigem Leid (und dabei ohne -Kultur). - - - Der Nihilismus ... - -Der Nihilismus ist bei uns aufgetreten, weil _wir alle Nihilisten sind_. -Uns hat nur die neue, originelle Form seiner Erscheinung erschreckt. -(Alle sind ohne Ausnahme Fjodor Pawlowitsch Karamasoff.) - -Komisch war die Bestürzung und die Sorge unserer Klugen, die zu -erforschen suchten, woher die Nihilisten kämen. Sie sind eben -nirgendwoher gekommen, sondern sind die ganze Zeit mit uns, in uns und -bei uns gewesen. (Die Dämonen.) „Aber nein, wie denn das, wir sind nicht -Nihilisten,“ behaupteten die Klugen, „wir wollen nur durch die -Verneinung Rußlands Rußland retten (d. h. indem wir in der Art einer -besonderen Sphäre, etwa als Aristokraten, über dem Volke stehen, das wir -zu unserer Nichtigkeit emporheben wollen).“ Der Nihilismus ließe sich -mit unserer Kirchenspaltung vergleichen. Ja aber die Kirchenspaltung war -für uns von großem Nutzen. - - - Religion ... - -Nicht aus Ekel vor der Welt haben sich die Heiligen in die Einsamkeit -zurückgezogen, sondern zu ihrer sittlichen Vervollkommnung. Unsere -früheren Mönche lebten sogar fast auf dem Marktplatz. Z. B. der Mönch -Parfeni. Allein schon das Verlangen nach geistiger Erleuchtung ist – -geistige Erleuchtung. - -Gewissen ohne Gott ist etwas Entsetzliches, es kann sich bis zur größten -Unsittlichkeit verirren. - -Es ist unzureichend, Sittlichkeit als Überzeugungstreue zu definieren. -Man muß sich auch noch fortwährend fragen: sind meine Überzeugungen -richtig? Ihr Prüfstein aber ist – Christus. Doch hier kommt nicht mehr -Philosophie in Frage, sondern Glaube. Glaube jedoch ist wie eine Farbe. - -Tatmenschen seien nur Leute von fragwürdiger Sittlichkeit. – Wie man -wohl auf diesen Gedanken gekommen sein mag? - -Einen Menschen, der Ketzer verbrennt, kann ich nicht für sittlich -erklären, denn ich erkenne eure These nicht an, nach welcher -Sittlichkeit Übereinstimmung mit den inneren Überzeugungen sei. Das ist -nur Ehrlichkeit, nicht aber Sittlichkeit. Für mich ist das Beispiel und -Ideal der Sittlichkeit Christus. Ich frage: hätte er Ketzer verbrannt? – -nein. Also ist es eine unsittliche Handlung. - -Der Großinquisitor ist allein schon deshalb unsittlich, weil sich in -seinem Herzen und Gewissen die Idee festsetzen konnte, Menschen zu -verbrennen sei notwendig. - -Gut – das Nützliche. Schlecht – das Nichtnützliche. Nein, gut ist das, -was wir lieben. Alle Ideen Christi sind vom Menschenverstande verdorben -worden und scheinen unerfüllbar zu sein. Die linke Backe ... mehr als -sich selbst lieben ... Aber ich bitte, wozu das, wozu? Ich bin hier für -einen Augenblick, Unsterblichkeit gibt es nicht, da lebe ich lieber wie -ich will. Das sei keine Berechnung (sagt ein englischer Priester). -Erlauben Sie mir, selber zu wissen, was für mich eine Berechnung oder -keine Berechnung ist. - - - Der Staat ... - -Der Staat wurde für die Mittelmäßigen geschaffen. – Wann hat denn der -Staat bei seinem Entstehen gesagt: ich erschaffe mich für die -Mittelmäßigen? Sie sagen, so habe es die Geschichte gemacht. Nein, immer -haben Auserwählte geführt! Aber nach diesen, das ist allerdings wahr, -hat sogleich die Mittelmäßigkeit auf den Ideen der höheren Menschen -ihren kleinen mittelmäßigen Kodex aufgebaut. Bis dann wieder ein großer -oder ursprünglicher Mensch kam und den Kodex zerstörte. Sie halten, -scheint es, den Staat für etwas Absolutes? Glauben Sie mir, wir haben -nicht nur keinen absoluten, sondern noch nicht einmal einen mehr oder -weniger vollendeten Staat gesehen. Alles Embryonen. - -Die Gesellschaften seien entstanden aus dem Bedürfnis, sich -einzurichten? – Das ist nicht wahr, sondern immer infolge einer großen -Idee. - - - Ethik ... - -Die andere Backe hinhalten, den Nächsten mehr lieben, als sich selbst – -nicht deshalb, weil es vorteilhaft ist, sondern weil es einem gefällt, -bis zum brennenden Gefühl, bis zur Leidenschaft. Christus habe sich -geirrt – das sei erwiesen! Doch dieses brennende Gefühl sagt: lieber -bleibe ich bei meinem Irrtum mit Christus als mit euch. - -Sie sagen: Europa habe doch viel Christliches auch ohne den Papst und -den Protestantismus getan. Oh, selbstverständlich, das Christentum ist -dort doch nicht in einem Augenblick gestorben, es brauchte doch zum -Sterben eine lange Zeit, es hinterließ doch Spuren. Es gibt dort auch -jetzt noch Christen, aber auch schrecklich viel falsche Auffassung vom -Christentum. - -Ihre Handlung ist sittlich, aber nicht ihre Idee. - -_Sittlich_ ist nur das, was mit unserem Schönheitsgefühl übereinstimmt -und mit dem Ideal, in welchem dasselbe sich verkörpert. - -Sein Verhalten mag ehrlich sein, aber seine Handlung ist nicht sittlich. -Denn, wenn die Handlung eines Menschen bloß mit seinen Überzeugungen -übereinstimmt, so braucht sie deshalb noch nicht sittlich zu sein. Es -ist bisweilen sittlicher, nicht nach seiner Überzeugung zu handeln, wie -es mancher tut, der dabei seiner Überzeugung durchaus treu bleibt, doch -infolge eines Gefühls die Handlung nicht ausführt. Mit seinem Verstande -schilt und verachtet er sich deshalb, aber sein Gefühl, d. h. sein -Gewissen läßt ihn doch nicht die Tat ausführen (und schließlich weiß er -auch, daß er sie nicht aus Feigheit unterläßt). Er unterläßt die -Befolgung seiner Überzeugung nur deshalb, weil er dies als sittlicher -erkannt hat, denn eine Befolgung wäre. - - - Rußland ... - -Es gibt bei uns allerdings Kulturmenschen, aber sie entstanden, indem -sie das Ganze verneinten und nur der kleinste Teil kehrte zum Volk -zurück. Die übrigen sind alle negativ kultiviert. (Übrigens: weshalb -mußte Peter das Volk zu Leibeigenen machen, um einen gebildeten Stand zu -erhalten?!) Die Befreiung der Bauern geschah ganz abstrakt, ohne -Verständnis für den russischen Bauern und sogar: indem man ihn -verneinte; man bemitleidete ihn als Sklaven, aber man sprach ihm seine -Persönlichkeit, seine Selbständigkeit, seinen ganzen Geist dabei ab. - - - Ich ... - -Bei vollständigem Realismus im Menschen den Menschen finden. Das ist ein -durchaus russischer Zug, und in diesem Sinne bin ich natürlich volklich -(denn meine Richtung entspringt der Tiefe des christlichen -Volksgeistes), obschon ich dem Gegenwärtigen russischen Volk unbekannt -bin – doch das Zukünftige wird mich kennen. - -Man nennt mich einen Psychologen. Das ist nicht richtig. Ich bin nur ein -Realist im höheren Sinne, d. h. ich zeige alle Tiefen der Menschenseele. - - - Christus ... - -... Ich frage: weshalb ist es unsittlich, Blut zu vergießen? Wenn ich -das Gegenteil behaupte, werden Sie meine Behauptung natürlich auf keine -Weise widerlegen können. - -Wenn wir nicht im Glauben und in Christus eine Autorität hätten, würden -wir uns in allem verirren. - -Es gibt sittliche Ideen. Sie erwachsen aus dem religiösen Gefühl, aber -mit der Logik allein sind sie niemals zu rechtfertigen. - -Es wäre nicht mehr möglich, zu leben. - -Ein Beispiel: Der Jesuit lügt und ist überzeugt, daß lügen um eines -guten Zweckes willen nützlich und gut sei. Sie loben es, daß er seiner -Überzeugung gemäß handelt, d. h. er lügt und das ist schlecht, da er -aber aus Überzeugung lügt, so ist das gut. Also einerseits ist lügen -gut, andererseits schlecht. Wunderbar! - -Auf dem Boden, auf dem Sie stehen, werden Sie immer geschlagen werden. -Das werden Sie nur dann nicht, wenn Sie anerkennen, daß es sittliche -Ideen _gibt_ (aus dem Gefühl, von Christus), beweisen aber, daß sie -sittlich sind, ist unmöglich (Berührung mit anderen Welten). - -... Natürlich ist das nicht wissenschaftlich, obschon – warum -schließlich nicht? Die gewaltige Tatsache der Erscheinung Christi auf -Erden und alles dessen, was darauf folgte, verlangt meiner Ansicht nach -auch wissenschaftliche Ausarbeitung. Die Wissenschaft kann es doch nicht -für unter ihrer Würde halten, die Bedeutung der Religion in der -Menschheit zu untersuchen, und wäre es auch nur im Hinblick auf die -historische Tatsache, die durch ihre Ununterbrochenheit und -Beharrlichkeit frappiert. Die Überzeugung aber der Menschheit von der -_Berührung mit anderen Welten_ – diese unausrottbare Überzeugung ist -doch gleichfalls sehr bedeutsam. So etwas läßt sich doch nicht mit einem -Federstrich lösen. - -_Der Großinquisitor und das Kapitel von den Kindern._ Angesichts dieser -beiden Kapitel hätten Sie über mich, vielleicht wissenschaftlich, aber -nicht in philosophischer Hinsicht so geringschätzig zu urteilen -brauchen, obschon Philosophie nicht meine Spezialität ist. Auch in -Europa gibt es keinen atheistischen _Ausdruck_ von solcher Gewalt und -hat es _nie gegeben_. Folglich glaube ich an Christus und bekenne ich -mich zu diesem Glauben nicht wie ein Kind, sondern mein Hosianna ist -durch das große _Fegefeuer der Zweifel_ hindurchgegangen, wie in meinem -letzten Roman der Teufel von sich sagt. - - - - - Fußnoten - - -[1] Fjodor Michailowitsch hätte sich natürlich gern auch als offiziellen -Redakteur der Zeitschrift gesehen, doch stand er damals noch unter -polizeilicher Aufsicht, weshalb er erst 1873 als Redakteur des „Bürger“ -bestätigt werden konnte. Da aber die beiden Brüder in größtem -Einvernehmen lebten, so ergab sich daraus die beste Arbeitsteilung: M. -M. übernahm alles Geschäftliche, während F. M. sich nur mit der -geistigen Leitung der Zeitschrift befaßte. N. N. Strachoff. - -[2] Russischer Publizist von Ruf, geboren 1845. E. K. R. - -[3] Alexander Herzen, Sohn eines russischen Aristokraten und einer -Württembergerin (geb. 1812 in Moskau, gest. 1870 in Paris). Er war -Schriftsteller und Politiker, wurde schon als Student verbannt, gab in -London von 1856–65 die Zeitschrift „Die Glocke“ heraus. Seinem -ungeheueren Einfluß auf die Intelligenz jener Zeit, sowie seinem offenen -Brief an Kaiser Alexander II. wird der Anstoß zur Verwirklichung der -Bauernbefreiung zugeschrieben. E. K. R. - -[4] Professor der Geschichte. Näheres Bd. XI, S. 311. E. K. R. - -[5] Der Held der „Aufzeichnungen eines Irrsinnigen“ von Gogol. E. K. R. - -[6] Publizist, Politiker, Panslawist. E. K. R. - -[7] Führer der slawophilen Partei in Moskau. E. K. R. - -[8] Russischer Philosoph. E. K. R. - -[9] Herausgeber der Werke Puschkins. E. K. R. - -[10] Der Held in Puschkins Poem „Die Zigeuner“. E. K. R. - -[11] Petschorin, die Hauptperson in Lermontoffs Roman „Der Held unserer -Zeit“; Tschitschikoff, die Hauptperson in Gogols Roman „Die toten -Seelen“; Rudin und Lawretzkij, ersterer im Roman gleichen Namens und -letzterer im Roman „Eine adlige Familie“ von Turgenjeff. E. K. R. - -[12] Fürst Andrej Bolkonskij, der Vertreter desselben Typs in Tolstois -Roman „Krieg und Frieden“. E. K. R. - -[13] In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, unter Batyj, dem Enkel -Dschingis-Chans. E. K. R. - -[14] Seit dem Tode des letzten Nachkommen Ruriks, Feodors I., 1598 -(nachdem Boris Godunoff den Thronfolger Dmitri 1591 hatte ermorden -lassen) – bis Michail Romanoff 1613 den Thron bestieg. E. K. R. - -[15] Russisches Nationalgetränk aus gesäuertem Brot. E. K. R. - -[16] Rechtgläubigkeit. E. K. R. - -[17] Geb. 1799, fiel 1837 im Duell. E. K. R. - -[18] Geb. 1672, seit 1689, nach Ausschluß seines Bruders und seiner -Halbschwester von der Regierung, Alleinherrscher; begann mit der Reform -Rußlands nach seiner Reise ins Ausland 1697 und starb 1725. E. K. R. - -[19] Ein Mensch, der keinen Verbleib hat. E. K. R. - -[20] Aleko ersticht die Geliebte und einen jungen Zigeuner, die er bei -einem Stelldichein überrascht. E. K. R. - -[21] Ein junger Gutsbesitzer und Dichter, Onegins Nachbar und Bräutigam -der Olga Larina, der jüngeren Schwester Tatjanas. Onegin, der auf seinem -Gut wie ein blasierter Einsiedler lebt, wird von Lenskij überredet, mit -ihm zu einem Familienfest in Larins, den Gutsnachbarn, zu reiten. -Nachträglich ärgert sich Onegin über seine Einwilligung, und um nun -seinerseits Lenskij zu ärgern, tanzt er auf dem Fest ausschließlich mit -dessen Braut. Lenskij wird eifersüchtig, fordert den Freund und fällt im -Duell. E. K. R. - -[22] Der alte Mönch in Puschkins Drama „Boris Godunoff“. E. K. R. - -[23] Das Stadthaupt (der Bürgermeister) in Gogols Komödie „Der Revisor“. -E. K. R. - -[24] Der Obergorodowoi (Schutzmann) in Gogols Komödie „Der Revisor“. E. -K. R. - - [25] Diese Bezeichnung rührt von Turgenjeff her, dessen Romanhelden - fast ausnahmslos „überflüssige Menschen“ sind, die im Vaterlande - keine Arbeit zu finden verstehen, sich mit Vorliebe im Auslande – in - Paris oder in süddeutschen Kurorten – aufhalten und sich im Grunde - nur selbst zur Last fallen. E. K. R. - - [26] Frau Korobotschka ist eine Gutsbesitzerin, Ssobakewitsch ein - Gutsbesitzer oder vielmehr „Besitzer von Leibeigenen“ in Gogols - „Toten Seelen“, Tjäpkin-Ljäpkin ist der Friedensrichter in Gogols - „Revisor“. Die Namen der Gestalten Gogols enthalten gewöhnlich - bereits die ganze Charakteristik der Personen: Frau Korobotschka = - Frau Kästchen, ist ein beschränktes, geiziges Frauenzimmer. - Ssobakewitsch, – etwa Herr Hundemann –, behandelt seine Bauern, als - wären sie Hunde. Dershimorda – Haltsmaul – hält vornehmlich mit - diesem Befehl die Ordnung aufrecht. Skwosnik bedeutet - „durchtriebener Schelm“, während Dmuchanowskij an die - kirchenslawische Bezeichnung für „Aufgeblasenheit“ erinnert. Der - Name Tjäpkin-Ljäpkin ist gebildet aus „Tjäp-da-ljäp,“ dem vulgären - Ausdruck für „obenhin“ oder „irgendwie“. „Tjäp-da-ljäp, da i kletka“ - heißt: eins, zwei, drei mit etwas fertig sein – ganz wie der - Friedensrichter Tjäpkin-Ljäpkin mit den Gerichtssachen eins, zwei, - drei fertig ist. E. K. R. - -[27] Da die Leibeigenen im Plural meist einfach „Seelen“ genannt wurden, -so nannte man eine Volkszählung oder eine gerichtliche bezw. notarielle -Feststellung des Besitzes der Gutsherrn „Seelenrevision“. E. K. R. - -[28] Die bedeutendsten Slawophilen. E. K. R. - -[29] Publizist und Slawophile. E. K. R. - -[30] Das russische Wort für „Bauer“: es ist die ältere Form von -„Christjanin“, d. h. „Christ“, und hat somit nichts – wie die -Bezeichnung des Bauern in anderen Sprachen – mit „Land“ (Landmann) oder -bauen, bebauen gemein. E. K. R. - -[31] Gogol und Lermontoff. E. K. R. - -[32] Tolstoi, Dostojewski, Turgenjeff, Gontscharoff, Grigorowitsch. E. -K. R. - -[33] Russischer General, der 1876 in Serbien gegen die Türken kämpfte. -E. K. R. - -[34] Usurpator, Führer im großen Bauernaufstand unter Katharina II., gab -sich für (den ermordeten) Peter III. aus, wurde 1775 in Moskau -hingerichtet. E. K. R. - -[35] Dostojewski hat den Seite 321–325 wiedergegebenen Entwurf in -demselben Oktoberheft seiner Monatsschrift „_Das Verdikt_“ genannt und -„die Überlegung eines Selbstmörders _aus Langeweile_, selbstredend eines -Materialisten.“ E. K. R. - -[36] Anhänger einer lutheranisierenden Sekte in Südrußland, von der -Regierung verfolgt. Sie verwerfen die Sakramente und alle -gottesdienstlichen Gebräuche und haben keine Priester. E. K. R. - -[37] Verfasser einer kleinen Broschüre: „Unsere neuen Christen – Graf L. -N. Tolstoi und F. M. Dostojewski“. E. K. R. - - - Anmerkungen zur Transkription - -Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen -Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und -Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert -nach: - - F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. - Zweite Abteilung: Zwölfter Band - Literarische Schriften - R. Piper & Co. Verlag, München, 1921. - 5. bis 9. Tausend - -Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen -Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den -ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, -Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt -nach der Titelseite eingefügt. - -Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. - -Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert. - -Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen -(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von -Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen. - -Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der -Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben -„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde -vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern): - - Gradowskij (Gradowski) - Lewin (Levin) - Ostrowski (Ostrowsky) - Pugatschoff (Pugatscheff) - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des -russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 63]: - ... sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten Standpunkten ... - ... sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten Standpunkte ... - - [S. 171]: - ... um den leibeigenen Bauer. Einige ... - ... um den leibeigenen Bauern. Einige ... - - [S. 224]: - ... nationalen Eigenheiten. Ihre Gegnerschaft raubt ihnen ... - ... nationale Eigenheiten. Ihre Gegnerschaft raubt ihnen ... - - [S. 251]: - ... als wären wir wilde Barbaren nicht wert, vor Europa ... - ... als wären wir wilden Barbaren nicht wert, vor Europa ... - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 12: -LITERARISCHE SCHRIFTEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> -</div> - -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Sämtliche Werke 12: Literarische Schriften</span></p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski</p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Editor: Arthur Moeller van den Bruck</p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Translator: E. K. Rahsin</p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Contributors: Dmitri Mereschkowski</p> -<p style='display:block; margin-top:0; margin-bottom:0; margin-left:2em;'>Nikolai Nikolajewitsch Strachow</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: January 24, 2022 [eBook #67240]</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p> - <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.</p> -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SÄMTLICHE WERKE 12: LITERARISCHE SCHRIFTEN</span> ***</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="ser"> -F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke -</p> - -<p class="ed"> -<span class="line1">Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski</span><br /> -<span class="line2">herausgegeben von Moeller van den Bruck</span> -</p> - -<p class="trn"> -Übertragen von E. K. Rahsin -</p> - -<p class="division"> -Zweite Abteilung: Zwölfter Band -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="aut"> -F. M. Dostojewski -</p> - -<h1 class="title"> -Literarische Schriften -</h1> - -<div class="centerpic logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -<p class="pub"> -<span class="line1">R. Piper & Co. Verlag, München</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="impr"> -R. Piper & Co. Verlag, München, 1921<br /> -5. bis 9. Tausend -</p> - -<p class="cop"> -Copyright 1921 by R. Piper & Co., G. m. b. H.,<br /> -Verlag in München. -</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="toc" id="part-1"> -Inhalt. -</h2> - -</div> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary=""> -<tbody> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col_page">Seite</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Zur Einführung.</em> Über Dostojewskis Leben und literarische Tätigkeit. Von N. N. Strachoff (1882)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-3">3</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Vorbemerkung</em></td> - <td class="col_page"><a href="#page-101">101</a></td> - </tr> - <tr class="p br"> - <td class="col1" colspan="2">Erster Teil. Die russische Literatur</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Puschkinrede</em> (August 1880)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-105">105</a></td> - </tr> - <tr class="r"> - <td class="col1">(Zur Puschkinrede <a href="#page-105">S. 105.</a> Puschkin <a href="#page-124">S. 124</a>)</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Bei gebotener Gelegenheit</em> einige Vorlesungen über verschiedene Themata auf Grund einer Auseinandersetzung, die mir Herr A. Gradowskij gehalten hat</td> - <td class="col_page"><a href="#page-155">155</a></td> - </tr> - <tr class="r"> - <td class="col1">(Dostojewskis Erläuterungen der Puschkinrede)</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Der Byronismus</em> (Dezember 1877)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-213">213</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Über russische Literatur</em> (Januar 1861)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-219">219</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Über Tolstois Roman „Anna Karénina“</em> (August 1877)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-243">243</a></td> - </tr> - <tr class="p br"> - <td class="col1" colspan="2">Zweiter Teil. Der russische Nihilismus</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Das Milieu</em> (1873)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-291">291</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Der Büßer</em> (1873)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-303">303</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Selbstmord und Unsterblichkeit</em> (1876)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-319">319</a></td> - </tr> - <tr class="p br"> - <td class="col1" colspan="2">Dritter Teil. Notierte Gedanken</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Notierte Gedanken</em> (1880)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-337">337</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<div class="centerpic facsimile"> -<img src="images/facsimile.jpg" alt="" /> -<p class="cap"> -Tagebuchblatt Dostojewskis -</p> - -</div> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> - <div class="transcript"> -<p class="date"> -24. XII. 77. -</p> - -<p class="hdr"> -Memento für das ganze Leben. -</p> - - <div class="table"> -<table class="list" summary=""> -<tbody> - <tr> - <td class="col1">1)</td> - <td class="col2">Den russischen Candide schreiben.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">2)</td> - <td class="col2">Ein Buch über Jesus Christus schreiben.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">3)</td> - <td class="col2">Meine Memoiren schreiben.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">4)</td> - <td class="col2">Ein Poem „Die Ssorokowin’s“ schreiben.</td> - </tr> -</tbody> -</table> - </div> -<p class="note"> -NB. (Dies alles außer dem letzten Roman und der beabsichtigten -Ausgabe des „Tagebuchs“ erfordert minimum -10 Jahre Arbeit, ich bin jetzt aber 56 Jahre alt.) -</p> - - </div> -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> - <div class="epi"> -<p class="center nowrap"> -Ein Wort ist gleichfalls eine Tat, und bei uns<br /> -noch mehr als sonstwo. -</p> - -<p class="attr"> -Dostojewski. -</p> - - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="intro" id="part-2"> -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -<span class="firstline">Zur Einführung</span> -</h2> - -</div> - -<h3 class="section" id="chapter-2-1"> -<span class="firstline">Über Dostojewskis Leben und literarische Tätigkeit</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> halte es für meine Pflicht, alles Bedeutungsvolle, -das sich in meiner Erinnerung an Fjodor Michailowitsch -Dostojewski erhalten hat, ferner alle seine -Gedanken und Gefühlsäußerungen, so gut ich kann -und wie ich sie verstehe, für die Öffentlichkeit niederzuschreiben. -Ich stand ihm vor Jahren sehr nahe, namentlich -während meiner Mitarbeiterschaft an den -Zeitschriften, die er leitete, weshalb ich nicht nur seine -Anschauungen und deren Entwicklungsgeschichte, sondern -auch die Entwicklungsgeschichte dieser Zeitschriften -selbst von allen noch Lebenden am besten -zu kennen glaube. Gleichzeitig will ich mich bemühen, -mit aller Aufrichtigkeit und Genauigkeit wiederzugeben, -was ich von seinen persönlichen Eigenschaften -und seinen Beziehungen zu anderen Menschen -kennen zu lernen oder zu hören Gelegenheit hatte. -Doch mein Hauptthema wird seine literarische und -journalistische Tätigkeit sein. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Die journalistischen Arbeiten F. M. Dostojewskis -sind, alles in allem genommen, recht umfangreich. Er -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -hatte die größte Vorliebe gerade für diese Art Tätigkeit. -Die letzten Zeilen, die er schrieb, sind die Artikel -der letzten Nummer seines „Tagebuchs“. -</p> - -<p> -Die Zeitschriften, an denen er als Journalist, d. -h. als Redakteur, Publizist und Kritiker arbeitete, waren -folgende: -</p> - -<p> -1. „<em>Die Zeit</em>“ – eine umfangreiche Monatsschrift, -die unter der Redaktion seines älteren Bruders, -Michail Michailowitsch Dostojewski, vom Januar -1861 bis zum April 1863 erschien<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>. -</p> - -<p> -2. „<em>Die Epoche</em>“ – eine Monatsschrift wie -die vorhergehende, die seit dem Anfang des Jahres -1864 bis zum Februar 1865 erschien, in den ersten -Monaten gleichfalls unter der Redaktion Michail Michailowitschs, -später, nach seinem Tode am 4. Juni, -unter der Redaktion A. U. Porezkis. -</p> - -<p> -3. „<em>Der Bürger</em>“ – eine Wochenschrift, die -im Jahre 1872 vom Fürsten W. P. Meschtscherski<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> -gegründet wurde. Im ersten Jahr war G. K. Gradowskij -ihr Redakteur, im zweiten, 1873, F. M. Dostojewski. -In dieser Wochenschrift begann er bereits, -Feuilletons unter dem Titel „Tagebuch eines Schriftstellers“ -zu veröffentlichen, die somit der Anfang der folgenden -Zeitschrift sind. -</p> - -<p> -4. „<em>Tagebuch eines Schriftstellers.</em>“ -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -Dasselbe erschien einmal monatlich in den Jahren -1876 und 1877. Im Jahre 1880 erschien nur eine -Nummer im August, und 1881 das letzte Heft kurz -nach dem Tode Dostojewskis. -</p> - -<p> -Der Geist und die Richtung dieser Zeitschriften verfolgten -einen besonderen Weg, im Gegensatz zu allen -anderen Petersburger Zeitschriften, die sich ja bekanntlich -in ihren Zielen durch große Gleichartigkeit -auszeichnen, vermutlich infolge der gleichen Bedingungen, -unter denen sie sich entwickeln. Die Tätigkeit -F. M. Dostojewskis war dieser allgemeinen Petersburger -Geistesart gerade entgegengesetzt, und so -war vornehmlich er derjenige, der durch die Kraft -seines Talentes und den Eifer seiner Überzeugungen -der anderen Richtung, nicht der Petersburger, sondern -der breiteren, sagen wir, der <em>russischen</em>, einen -so bedeutenden Erfolg verschaffte. -</p> - -<p> -Meine Bekanntschaft mit F. M. Dostojewski begann -auf journalistischem Gebiet und noch bevor die -erste Dostojewskische Zeitschrift herausgegeben wurde. -Der Hauptmitarbeiter einer neuen Zeitschrift, A. P. -Miljukoff, damals mein Kollege an einem der Petersburger -Unterrichtsinstitute, hatte meinen ersten -größeren Artikel angenommen und mich gleichzeitig zu -seinen Dienstagen eingeladen, an welchen Tagen -sich bei ihm ein bestimmter Literatenkreis zu versammeln -pflegte. Seit dem ersten Abend, den ich in dem -Kreise verbrachte, betrachtete ich mich gewissermaßen -als in diese Gesellschaft aufgenommen und alles interessierte -mich sehr. Die hervorragendsten unter den -Gästen A. P. Miljukoffs waren die beiden alten -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -Freunde des Hausherrn – die Brüder Dostojewski, -die man gewöhnlich zusammen sah. Außer ihnen erschienen -noch die Dichter Maikoff, Krestoffski, Minajeff -und andere. Den ersten Platz in diesem Kreise -nahm natürlich F. M. Dostojewski ein. Alle sahen -in ihm bereits einen hervorragenden Schriftsteller, -doch beherrschte er den Kreis nicht etwa infolge seiner -Berühmtheit, sondern auf eine ganz natürliche Weise: -durch seinen Gedankenreichtum und die Lebhaftigkeit, -mit der er seine Gedanken aussprach. Der Kreis -war nicht groß und seine Mitglieder standen einander -sehr nahe, so daß von einer Gezwungenheit, wie sie -sonst in russischen Gesellschaften so oft herrscht, hier -nicht die Rede sein konnte. Schon damals hatte Dostojewski -eine besondere Art zu sprechen. Oft unterhielt -er sich längere Zeit nur halblaut, fast nur flüsternd -mit einem von uns, bis ihn dann irgend etwas erregte -und hinriß und er plötzlich die Stimme erhob. -Übrigens konnte man ihn zu jener Zeit, was seine -Gemütsverfassung betrifft, ziemlich heiter nennen; es -war in ihm damals noch sehr viel Weichheit, im Gegensatz -zu den letzten Lebensjahren, wo er sie nach allem -Ausgestandenen langsam eingebüßt hatte. Seines -Äußeren erinnere ich mich noch lebhaft: er trug damals -nur einen Schnurrbart und hatte, ungeachtet -der mächtigen Stirn und der prachtvollen Augen, ein -ganz soldatisches Aussehen, d. h. Gesichtszüge, wie man -sie unter dem einfachen Volke findet. Auch erinnere -ich mich seiner ersten Frau, die ich nur einmal ganz -flüchtig sah. Sie machte auf mich einen sehr angenehmen -Eindruck durch ihre bleichen, zarten Züge, obgleich -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -dieselben unregelmäßig waren; überdies konnte -man ihr die Neigung zu der Krankheit, die sie ins Grab -brachte, schon ansehen. Sie starb an der Schwindsucht. -</p> - -<p> -Die Gespräche in diesem literarischen Kreise interessierten -mich außerordentlich. Das war für mich -eine neue Schule, in die ich hier geriet, eine Schule, -die in vieler Hinsicht meinen Ansichten und meiner -Geschmacksrichtung widersprach. Ich hatte bis dahin -einem anderen Kreise angehört, einem Kreise, in dem -man die Wissenschaft sehr hoch hielt, Dichtkunst und -Musik, Puschkin und den Komponisten Glinka verehrte. -</p> - -<p> -Damals beschäftigte ich mich viel mit Naturwissenschaft -und Philosophie und so studierte ich natürlich -fleißig die Deutschen, in denen ich die Führer der -Aufklärung sah. Bei den Literaten verhielt es sich anders: -die lasen alle sehr eifrig die französischen Schriftsteller, -während die deutschen ihnen gleichgültig waren. -Alle wußten, daß der ältere der Brüder Dostojewski, -Michail Michailowitsch, eine Ausnahme bildete, -da er die deutsche Sprache so weit beherrschte, -daß er deutsche Bücher lesen und aus dem Deutschen -übersetzen konnte. Fjodor Michailowitsch hatte zwar -gleichfalls Deutsch gelernt, doch ganz wie die anderen -das Gelernte vergessen, und so las er bis an sein -Lebensende von fremden Sprachen nur Französisch. -Während seiner Verbannung in Sibirien hat er zwar -einmal, wie aus einem Brief hervorgeht, den Vorsatz -gefaßt, sich ernstlich an die Arbeit zu machen. Er bat -den Bruder, ihm Hegels Geschichte der Philosophie -in deutscher Sprache zu senden; aber das Buch blieb -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -ungelesen und bald nachdem er mich kennen gelernt -hatte, schenkte er es mir. -</p> - -<p> -So hatten sich denn die Anschauungen dieses Literatenkreises -unter dem Einfluß der französischen Literatur -entwickelt. Politische und soziale Fragen spielten -hier die erste Rolle und verdrängten die ausschließlich -künstlerischen Interessen. Ein Künstler mußte -nach ihrer Auffassung die Entwicklung gewisser sozialer -Ideale verfolgen und verfechten, in die Tagesfragen -eingreifen, das entstehende Gute oder Schlechte -der Gesellschaft zu Bewußtsein bringen, überhaupt -Leiter und Erläuterer, d. h. im Grunde genommen -ein Politiker und Publizist sein. So wurde fast unumwunden -verlangt, daß der Künstler die ewigen und -allgemeinen Interessen den zeitweiligen und gewissermaßen -parteilichen unterordnen solle. Von der Notwendigkeit -dieser publizistischen Tätigkeit war Fjodor Michailowitsch -unerschütterlich überzeugt und blieb es bis -zu seinem Tode. -</p> - -<p> -Die Aufgabe des Schriftstellers und Künstlers sah -man hauptsächlich in der Beobachtung und Schilderung -verschiedener Menschentypen, vornehmlich geringer -und mitleiderregender, und in der Auslegung, wie -sie unter dem Einfluß ihres Milieus, ihrer Verhältnisse, -sich zu dem entwickelt hatten, was sie schließlich geworden -waren. Deshalb war es bei den Literaten Sitte, gelegentlich -in die schmutzigsten und verrufensten Lokale -zu gehen und dort freundschaftliche Gespräche mit -Leuten anzuknüpfen, die selbst der Krämer und niedrigste -Subalternbeamte verabscheut hätte, und auch das -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -Abstoßendste wurde von ihnen mit Mitleid und Nachsicht -beurteilt. -</p> - -<p> -Ich sage offen, daß dieses Prinzip schädlich war. -Schädlich nicht etwa, weil es falsch ist, sondern weil die -Ergebnisse nicht vollständig sind und mit Zusätzen vervollständigt -werden müssen, die wichtiger sind als das -Prinzip selbst. Man sollte meinen, was kann es besseres -geben, als Humanität? Oder was könnte interessanter -sein als ein Kunstwerk, das den gegenwärtigen Augenblick -wiederspiegelt? Indessen führt Humanität ohne -leitende Grundsätze zum Verfall der Sitten, wie das -unter den Cäsaren und im achtzehnten Jahrhundert -der Fall war. Denn Nachsicht und bloßes Mitleid mit -den Leiden der Menschen besagt wenig, man muß auch -noch wissen, wofür man die Menschen liebt, und muß -verstehen, worin die Schönheit und Würde der Menschenseele -besteht. Deshalb vermag ein Künstler nur -dann dem Augenblick zu dienen, wenn seinem Geiste -Anschauungen zugrunde liegen, denen die Zeit nichts -anhaben kann. Andernfalls wird er, wie wir das schon -oft gesehen haben, nicht der Beherrscher, sondern der -Sklave des Augenblicks sein. -</p> - -<p> -Waren die Literaten dieses Kreises unter sich, so -kam das Gespräch beständig auf das Thema der verschiedenen -Typen jener Art, und man bewies viel Geist -und Beobachtungsgabe bei Gelegenheit dieser <em>physiologischen</em> -Erörterungen. Anfangs wunderte -ich mich sehr, wenn das Urteil über menschliche Eigenschaften -oder Handlungen nicht von der Höhe des sittlichen -Standpunktes und seiner feststehenden Anforderungen -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -gefällt wurde, sondern unter dem Gesichtswinkel -der unvermeidlichen Übermacht der verschiedenen -Einflüsse und der unvermeidlichen Unterlegenheit -der menschlichen Natur. Die besondere Art, wie Fjodor -Michailowitsch über diese Dinge dachte, die <em>über</em> -dieser Physiologie stand, offenbarte sich mir erst in der -Folge mit ganzer Klarheit. In der ersten Zeit aber gewahrte -ich sie gar nicht in dem allgemeinen Strom -der mir ganz neuen Ansichten. -</p> - -<p> -Diese Gedankenrichtung, die man zweifellos auf -den Einfluß der französischen Literatur zurückführen -muß, war eine der Richtungen der <em>vierziger -Jahre</em>, jener fruchtbaren Zeit, als Europa mit seinem -ganz besonders regen geistigen Leben auf uns -Russen einen großen Einfluß ausübte und in Rußland -eine Saat säte, die erst lange nachher aufging. Diese -bei uns fortwährend sich wiederholende Erscheinung, daß -wir hinter Europa zurückbleiben, hat mir oft zu denken -gegeben und erst spät habe ich mich mit ihr ausgesöhnt. -Offenbar stehen wir Europa immer deshalb -nach, weil wir nicht sein Leben leben, sondern von ihm -nur seine Gedanken nehmen, die wir dann auf immer -behalten, während wir für andere neue Lehren unserer -Lehrerin taub und stumm bleiben. Nach dem -Jahre 1848 trat in Westeuropa ein Umschwung in -der allgemeinen Stimmung ein: die frohen Hoffnungen -verblaßten, das sittliche Niveau sank, es brach -gleichsam eine furchtbare Krankheit aus und überall -verbreitete sich Schwermut und begann Pessimismus -zu herrschen. Der feinfühlige Alexander Herzen<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a>, der -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -dies alles mit eigenen Augen sah, äußerte sich darüber -in wahrer Verzweiflung. 1859 war Europa schon -längst wieder in seine unschöpferische Periode eingetreten, -während bei uns gerade damals die erste Saat -aufzugehen begann. Es hat wohl kaum jemals in unserer -Literatur eine so frohe und belebte Stimmung -geherrscht wie in der Zeit von 1856 bis zu den Petersburger -Brandstiftungen im Jahre 1862. Wir waren -noch in keiner Beziehung enttäuscht und ein jeder -gab sich unbehindert seinen Lieblingsgedanken hin -und predigte das, was in Europa seinen Wert schon -verloren oder bereits eine ganz andere Bedeutung erhalten -hatte. Was mich betrifft, so gehörte ich in literarischer -Beziehung gleichfalls zu einer der Richtungen -der vierziger Jahre, jedoch zu einer noch älteren, -als es diejenige war, zu der sich der Literatenkreis, von -dem hier die Rede ist, bekannte – nämlich zu der -Richtung, für die der Gipfel der Bildung nichts anderes -bedeutete, als Hegel zu verstehen und Goethe -<em>auswendig</em> zu kennen. Deshalb, und noch -aus Gründen bestimmter Meinungsverschiedenheiten, -fiel mir die so ganz andere Stimmung des Literatenkreises -besonders auf. -</p> - -<p> -Dieser Stimmung lag, wie bereits erwähnt, ein an -sich gewiß herrliches Gefühl zugrunde: Humanität, -Mitleid mit Menschen, die in einer schwierigen Lage -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -sind, und ein Verzeihen ihrer Schwäche. In der Tat, -man kann sich leicht einer gewissen Grausamkeit -schuldig machen, wenn man seinen Mitmenschen die -unerfüllte Pflicht vorhält – selbst wenn es sich dabei -um eine sittliche Pflicht handelt. So war denn der literarische -Kreis, in den ich eintrat, für mich in vieler -Hinsicht eine Schule der Humanität. Doch ein -anderer Zug, der mich besonders frappierte, stellte an -sich eine weit größere Abweichung von meinen Ansichten -dar. Zu meiner größten Verwunderung bemerkte -ich, daß man in diesem Kreise Ausartungen, ja -Ausschweifungen im Sinnlichen gar keine Bedeutung -beimaß. Dieselben Menschen, die in -sittlicher Beziehung von so ungeheurer Feinfühligkeit -waren, die den höchsten Gedankenflug hatten und -selber sogar größtenteils jeder physischen Ausschweifung -fernstanden, dieselben Menschen sahen indessen -mit vollkommenem Gleichmut auf alle Extravaganzen, -sprachen von ihnen wie von spaßigen Narreteien oder -nichtssagenden Lappalien, denen sich in einer freien -Minute hinzugeben durchaus statthaft sei. Geistige Unanständigkeit -wurde streng und scharf gerügt, fleischliche -Unanständigkeit dagegen überhaupt nicht beachtet. -Diese sonderbare <em>Emanzipation des -Fleisches</em> wirkte geradezu verführerisch, und in -einigen Fällen hatte sie Folgen, an die zu denken -schmerzlich und furchtbar ist. Von denen, die ich während -meiner literarischen Mitarbeiterschaft, namentlich -in den sechziger Jahren, kennen lernte, habe ich -einige infolge dieser physischen Sünden, die sie für so -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -belanglos hielten, sterben und wahnsinnig werden gesehen. -</p> - -<p> -Fjodor Michailowitsch suchte stets den letzten und -neuesten Charakterzug des Lebens zu erhaschen, aber -ungeachtet dessen, daß er sich beständig in die Zeiterscheinungen -hineindachte und stolz war auf ihre richtige -Wiedergabe in seinen Werken, stellte er doch -gleichzeitig als Künstler die strengen Forderungen der -Kunst über alles andere. Zwar suchte er in der Kunst -immer irgendeine zeitliche oder nationale Bedeutung, -aber die Kunst an sich entzückte ihn auch ohne alle Bedingungen -und in der letzten Zeit begann er sogar, unumwunden -die berühmte Formel „die Kunst für die -Kunst“ zu verteidigen. Dieser Widerspruch lebte beständig -in ihm, gleich vielen anderen Widersprüchen -in seinen Gedanken und Handlungen, die aber in der -Tiefe seiner Seele ihren natürlichen Ausgleich fanden -und ihn in vielen Fällen vor falschen und unnormalen -Wegen zurückhielten. Indem er sich über diese -Widersprüche stellte, erhob er sich auf die Höhen, die -seiner ganzen Tätigkeit ihre so wunderbare Stimmung -geben. -</p> - -<p> -Diese seine Tätigkeit läßt sich in zwei deutlich zu -unterscheidende Hälften teilen: die erste Hälfte (von -seinem ersten Werk „Arme Leute“ bis zu „Rodion Raskolnikoff“) -verrät, was das Milieu und die Aufgaben -betrifft, den Einfluß Gogols; die zweite Hälfte, die -selbständigere (von Rodion Raskolnikoff bis zum -Schluß) widmet sich ausnahmslos der damals in unserer -Gesellschaft auftretenden Erscheinung, unserer größten -inneren Krankheit – dem Nihilismus. -</p> - -<p> -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -Hier dürfte die Bemerkung erforderlich sein, daß -in diesen meinen Aufzeichnungen nicht etwa Versuche, -den verstorbenen Schriftsteller vollkommen zu erklären, -zu sehen sind. Das lehne ich mit aller Entschiedenheit -ab. Dazu ist er mir viel zu nah und unverständlich. -Wenn ich an ihn denke, so frappiert mich -zunächst die unermüdliche Beweglichkeit seines Geistes -und die unerschöpfliche Fruchtbarkeit seiner Seele. Es -war in ihm gleichsam noch nichts endgültig Ausgebildetes, -in solchem Überfluß entstanden in ihm Gedanken -und Gefühle, soviel Unbekanntes und Unausgesprochenes -blieb noch hinter dem verborgen, was ihm -auszusprechen gelang. Deshalb wuchs und erweiterte -sich auch seine literarische Tätigkeit wie in Ausbrüchen, -jedenfalls auf eine der gewöhnlichen Entwicklungsart -ganz fremde Weise. Nach einer gleichmäßigen -Fortdauer und sogar einem scheinbaren Schwächerwerden -seines Talentes offenbarte er plötzlich neue -Kräfte, zeigte er sich wieder von einer neuen Seite. -Natürlich ist er überall derselbe Dostojewski. Nur -kann man leider nicht sagen, daß er sich ganz ausgesprochen -habe; der Tod verhinderte ihn, sich in neuem -und letztem Aufschwunge zu erheben, und hat uns gewiß -vieles vorenthalten. -</p> - -<p> -Mit ganz ungewöhnlicher Deutlichkeit zeigte sich in -ihm eine besondere Art von Dualismus, der darin -bestand, daß der Mensch, selbst wenn er sich äußerst -lebhaft gewissen Gedanken und Gefühlen hingibt, in -seiner Seele dennoch ein ununterjochbares und unerschütterliches -Bewußtsein behält, von dem aus er auf -sich selber, auf seine Gedanken und Gefühle sieht. Ich -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -habe ihn mehrmals über diese seine Eigenschaft sprechen -hören, und er nannte sie „Reflexion“. Die Folge -eines solchen Dualismus ist, daß der Mensch immer -die Möglichkeit behält, darüber zu urteilen, was seine -Seele erfüllt, daß die verschiedenen Gefühle und -Stimmungen sich nie restlos seiner Seele bemächtigen -können, und daß aus diesem tiefen seelischen Zentrum -eine Energie hervorgeht, die die ganze Tätigkeit und -den ganzen Geist und Inhalt des Schaffens belebt und -gestaltet. -</p> - -<p> -Doch wie dem auch sei, jedenfalls überraschte mich -Fjodor Michailowitsch immer durch die Ungebundenheit -seines Denkens, durch seine Fähigkeit, verschiedene -und sogar entgegengesetzte Auffassungen zu verstehen. -Als ich ihn kennen lernte, zeigte er sich als größter -Verehrer Gogols und Puschkins und war von ihrer -Kunst über alle Maßen entzückt. Ich erinnere mich -noch heute, wie ich ihn zum erstenmal Puschkins Gedichte -lesen hörte. Er wurde von Michail Michailowitsch -dazu aufgefordert, der ihn mit Genugtuung lesen -hörte und offenbar mit größter Bewunderung zum -Bruder aussah. Fjodor Michailowitsch las allerdings -sehr gut, aber mit jener etwas unfreien, klanglosen -Stimme, mit der in der Regel Ungeübte ein Gedicht -vortragen. Ich erwähne dies nur deshalb, weil er -in den letzten Lebensjahren tatsächlich wundervoll vortrug -und das Publikum durch seine Kunst mit Recht -begeisterte. -</p> - -<p> -Gogol war gegen Ende der fünfziger Jahre bei allen -noch in frischer Erinnerung, besonders bei den -Literaten, die in ihren Gesprächen fortwährend seine -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -Ausdrücke und Redewendungen zu gebrauchen pflegten. -Ich erinnere mich, wie Fjodor Michailowitsch sehr feine -Bemerkungen über die richtig zu Ende gezeichneten Charaktere -und die Lebenswahrheit aller Gestalten Gogols -machte. Überhaupt hatte die Literatur zu jener -Zeit noch eine Bedeutung, die sie heutzutage nicht -mehr hat. Fjodor Michailowitsch war ihr mit ganzem -Herzen ergeben, und Puschkin und Gogol hatten ihn -nicht nur erzogen, er schöpfte auch später noch beständig -aus ihnen. Als seine Rede zur Puschkinfeier alle -anderen Reden in den Schatten stellte und ihm einen -Triumph eintrug, wie sich schwerlich jemand einen -ähnlichen vorstellen kann, wenn er diesen nicht miterlebt -hat, da sagte ich mir, daß dieser Lohn ihm allein -in Wahrheit gebührte, denn von der ganzen Schar der -Lobredner und Verehrer hatte wahrlich niemand Puschkin -so geliebt wie Dostojewski. -</p> - -<h3 class="section" id="chapter-2-2"> -<span class="firstline">Seine Krankheit und seine schriftstellerische Arbeit</span> -</h3> - -<p class="noindent"> -Seine literarische Arbeit kam ihm teuer zu stehn. -Einmal sagte er mir, die Ärzte hätten von ihm als -erste Bedingung einer Heilung seiner Krankheit -verlangt, daß er das Schreiben ganz und gar aufgäbe. -Das war ihm natürlich nicht möglich, selbst wenn er -sich zu einem solchen Leben hätte entschließen können -– zu einem Leben ohne die Erfüllung dessen, wozu -er sich berufen fühlte. Aber er hatte noch nicht einmal -die Möglichkeit, sich ein bis zwei Jahre wenigstens -gut zu erholen. Erst kurz vor seinem Tode gestalteten -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -sich seine Verhältnisse – hauptsächlich dank der Sorge -Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Frau – soweit -günstig, daß er sich eine zeitweilige Erholung hin und -wieder gestatten konnte; doch andererseits war er gerade -vor seinem Tode weniger denn je zu einem Ausspannen -und Stehenbleiben auf seinem Wege geneigt. -</p> - -<p> -Die epileptischen Anfälle wiederholten sich ungefähr -einmal in jedem Monat; das war der gewöhnliche -Verlauf der Krankheit. Bisweilen aber, wenn -auch nur sehr selten, kamen die Anfälle öfter, sogar -zweimal wöchentlich. Im Auslande, wo er mehr Ruhe -hatte und wohl auch infolge des milderen Klimas sich -besser fühlte, sollen manchmal ganze vier Monate in -Ruhe vergangen sein. Er hatte stets ein Vorgefühl des -Anfalls, doch es konnte auch täuschen. -</p> - -<p> -Einmal – es war, wenn ich nicht irre, im Jahre -1863 am Ostersonnabend – kam er ziemlich spät, etwa -gegen elf Uhr, zu mir und wir gerieten in ein lebhaftes -Gespräch. Ich erinnere mich nicht mehr, über welchen -Gegenstand wir gerade sprachen, aber jedenfalls -war es ein sehr wichtiges abstraktes Thema. Fjodor -Michailowitsch war sehr angeregt und begann im -Zimmer auf und ab zu gehen, während ich am Tische -saß. Er sagte irgend etwas Großartiges, Frohes, und -als ich seinem Gedanken mit einer Bemerkung beistimmte, -da wandte er sich mit begeistertem Gesicht zu -mir, mit einem Ausdruck, der deutlich verriet, daß -seine Begeisterung ihren höchsten Grad erreicht hatte. -Für einen Augenblick blieb er stehen, als suche er nach -Worten für seinen Gedanken, und öffnete schon -den Mund. Ich sah ihn mit Spannung an, denn ich -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -fühlte, daß er etwas Außergewöhnliches sagen, daß -ich vielleicht eine Offenbarung hören würde. Plötzlich -drang aus seinem offenen Munde ein seltsamer, -gezogener, sinnloser Schrei, und er fiel bewußtlos mitten -im Zimmer hin. -</p> - -<p> -Der Anfall war nur von mittlerer Stärke. Infolge -der Krämpfe streckte sich der ganze Körper und an den -Mundwinkeln trat Schaum hervor. Nach Verlauf einer -halben Stunde kam er wieder zu sich, und ich begleitete -ihn zu Fuß nach Haus, da er sehr nah wohnte. -</p> - -<p> -Ich habe mehrmals von Fjodor Michailowitsch gehört, -daß er vor dem Anfall Augenblicke der größten -Verzückung und Begeisterung erlebe. „In diesen wenigen -Augenblicken,“ sagte er, „empfinde ich ein -Glück, wie man es in normalem Zustande niemals -empfindet, und von dem die anderen Menschen sich -gar keine Vorstellung machen können. Ich fühle vollständige -Harmonie in mir und mit der ganzen Welt, -und dieses Gefühl ist so stark und süß, daß man für -die wenigen Sekunden einer solchen Seligkeit zehn -Jahre seines Lebens, ja sogar das ganze Leben hingeben -könnte.“ -</p> - -<p> -Als Folge der Krämpfe stellten sich bei ihm nach -einem Anfalle Schmerzen in den Muskeln ein, abgesehen -von den Schmerzen der Verletzungen, die er sich -manchmal beim Fall zuzog. Bisweilen zeigte das Gesicht -eine auffallende Röte oder auch nur rote Flecke. -Doch das Schlimmste war, daß der Kranke die Erinnerung -verlor und für zwei bis drei Tage sich wie -zerschlagen fühlte. Sein Gemütszustand war dann ein -sehr bedrückter, – er konnte seinen Kummer und eine -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -gewisse gesteigerte Sensibilität kaum überwinden. Das -Wesen dieses Kummers bestand nach seinen Worten darin, -daß er sich als Verbrecher empfand und den Wahn -nicht abschütteln konnte, eine unbekannte Schuld, ein -ungeheures Verbrechen laste auf ihm. -</p> - -<p> -Es läßt sich hiernach leicht denken, wie schädlich -für ihn alles war, was einen Blutandrang in den -Kopf hervorruft, also besonders das Schreiben. Dies -ist übrigens nur eine der vielen Qualen, die die -Schriftsteller im allgemeinen zu ertragen haben. Ich -glaube, man kann diejenigen unter ihnen Ausnahmen -nennen, bei denen die schriftstellerische Arbeit nicht -mit einer Aufhebung des Gleichgewichts in ihrem Organismus, -nicht mit einer Empfindsamkeit und Anspannung -verbunden ist, die an Krankheit grenzen und deshalb -unvermeidlich Qual verursachen. Die Freuden -des Schaffens, der geistigen Befriedigung haben -gleichfalls ihre Schattenseiten. Eine feine Sensibilität -wird oft nur durch qualvolle Verhältnisse ausgebildet, -jedenfalls aber werden durch sie sogar gewöhnliche -Verhältnisse qualvoll. -</p> - -<p> -Auch über seine Art, zu schreiben, sei hier einiges -gesagt. Gewöhnlich mußte er sich sehr beeilen, mußte -zu einem Termin soundsoviel Druckbogen liefern, weshalb -er sich in der Arbeit überhastete und nicht selten -dennoch nicht fertig wurde. Da er nur von dem Honorar -seiner literarischen Arbeiten lebte und fast bis -zu seinem Lebensende, oder doch wenigstens bis zu den -letzten drei oder vier Jahren sich immer irgendwie -durchschlagen mußte, war er gezwungen, beständig um -Vorschuß zu bitten und auf Bedingungen einzugehen, -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -denen er nur schwer nachkommen oder die er überhaupt -nicht erfüllen konnte. Hinzu kam, daß er im Geldausgeben -weder Einteilung noch Vorsicht in demjenigen Maße -besaß, wie sie vonnöten sind für einen, der ausschließlich -von literarischer Arbeit lebt, die ja doch -nichts Regelmäßiges und Bestimmtes einbringt. So -kam es denn, daß er sein Leben lang in seinen Schulden -und Verpflichtungen wie in einem Netz gefangen -saß und sein Leben lang gehetzt und überanstrengt -arbeitete. Diese Mißstände hatten noch einen anderen -Grund, der sogar viel schwerwiegender war. -</p> - -<p> -Fjodor Michailowitsch schob das Arbeiten immer -bis zur letzten Möglichkeit auf; erst wenn ihm nur -noch knapp so viel Zeit bis zum Termin übrigblieb, -daß er, wenn er eifrig schrieb, das Manuskript fertigstellen -konnte – erst dann machte er sich an die Arbeit. -Das war eine gewisse Faulheit, die sogar sehr -groß sein konnte; doch war es immerhin keine gewöhnliche, -sondern eine besondere, eben eine <em>Künstlerfaulheit</em>. -Die tiefere Ursache freilich war, -daß in ihm eine ununterbrochene Arbeit, eine -rastlose Bewegung und ein Anwachsen der Gedanken -vor sich ging, weshalb es ihm immer sehr schwer fiel, -sich von dieser inneren Arbeit loszureißen und mit der -äußeren, dem Schreiben, zu beginnen. Während er -scheinbar müßig war, arbeitete er in Wirklichkeit unaufhörlich. -Menschen, in denen diese innere Arbeit -sich nicht vollzieht, oder nur in geringem Maße, langweilen -sich gewöhnlich ohne eine äußere Beschäftigung, -der sie sich darum auch meist mit Freuden widmen. -</p> - -<p> -Fjodor Michailowitsch dagegen langweilte sich infolge -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -dieses Überflusses von Gedanken und Gefühlen, -die in ihm wogten, niemals, und schätzte den äußeren -Müßiggang über alles. Man kann sagen, daß in seinem -Geist fortwährend neue Gestalten, Pläne neuer -Werke entstanden, indes die alten Pläne reiften und -sich entwickelten. -</p> - -<p> -Er schrieb nahezu ausnahmslos in der Nacht. -Nach elf Uhr, wenn alles im Hause zur Ruhe ging, -blieb er allein mit dem Samowar in seinem Zimmer -und schrieb bis fünf oder sechs Uhr morgens, wobei -er zwischendurch nicht sehr starken und fast kalten Tee -trank. Infolgedessen stand er dann auch erst um zwei, -ja sogar erst um drei Uhr nachmittags auf, und der -Tag verging für ihn mit Empfang von Gästen und, -nach einem Spaziergang, mit Besuchen bei Bekannten. -</p> - -<p> -Gerade an Fjodor Michailowitsch konnte man -deutlich beobachten, welch eine Riesenarbeit das -Schreiben für Schriftsteller von seinem Inhaltsreichtum -ist. -</p> - -<p> -Was die Flüchtigkeit und Unfertigkeit seiner Werke -betrifft, so war sich Fjodor Michailowitsch ihrer -Mängel durchaus bewußt und gab sie auch ohne alle -Beschönigungen zu. Und nicht nur das. Es tat ihm -zwar leid um diese „unvollendeten Werke“, aber er -bereute nicht nur nicht seine Eile in der Arbeit, sondern -hielt sie sogar für notwendig und nützlich. Für -ihn war die Hauptsache nicht das Werk an sich, sondern -der Augenblick und der Eindruck, wenn auch -letzterer nicht vollständig fehlerfrei sein mochte. In -diesem Sinne war er ganz Journalist und ein Verleugner -der Theorie der reinen Kunst. Seine Pläne -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -und Absichten waren zahllos und so trug er sich immer -mit mehreren Themen, die er alle bis zur Vollendung -auszuarbeiten gedachte – jedoch später irgend -einmal, wenn er mehr Muße haben werde, wenn die -Zeiten ruhiger geworden seien! Vorläufig aber schrieb -und schrieb er halb ausgearbeitete Sachen – einerseits, um -sich die Mittel zum Lebensunterhalt zu verdienen, andererseits, -um fortwährend seine Stimme durchzusetzen, -in der öffentlichen Meinung, in den Debatten und -Erörterungen der Tagesfragen, und um das Publikum -nicht in Ruhe zu lassen, sondern immer wieder mit seinen -Gedanken aufzurütteln. -</p> - -<p> -Eine große und bedeutungsvolle Eigenheit unserer Literatur -sind von jeher die Zeitschriften, deren Kennzeichen -Eile und Flüchtigkeit zu sein pflegen. Die Mitarbeiter -haben sich selbst und auch die Leser an ein inhaltleeres -Wortgepräge gewöhnt, an seichte Räsonnaden und formlose -Betrachtungen, die gedanklich höchstens einen Anfang, -doch weder ein Ende noch eine Mitte haben, und -die fast ausnahmslos den Inhalt der Zeitschriften bilden. -Die Tatsache, daß die Literatur von dieser Art ist, -hängt natürlich damit zusammen, daß das Publikum -nur Neues, nur eben Geschehenes liest, im Neuen aber -nicht Befriedigung seiner Wißbegier oder seiner ästhetischen -Neigungen sucht, sondern nur Angaben der im -Augenblick gerade neuesten Anschauungen des Westens -oder wenigstens unserer tonangebenden Literatenkreise. -Unsere Leser sind nicht Richter, sondern nur -Schüler, nicht Menschen, die bereits ihre festen Anschauungen -haben, sondern Menschen, die anderen, die -in ihren Anschauungen fortgeschrittener sind, nicht nachstehen -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -wollen. Sie bedürfen einer Autorität, und sie -verlangen nach einer leichten Lektüre, die ihnen gleichzeitig -die beruhigende Gewißheit gibt, daß sie den Geist -und die Richtung der allerneuesten, allerletzten Erscheinungen -in der Weltliteratur kennen. So hat sich denn -diese riesige Zeitschriftenliteratur entwickelt, deren -Schreibmethode bis zur größten Nachlässigkeit sinken -kann. Da die Literatur nur eine dienende Rolle spielte -und folglich der Selbständigkeit entbehrte, mußte sie -natürlich verflachen und die Strenge sowohl in der -Ausdrucksform wie im Gedankeninhalt einbüßen. -</p> - -<p> -Nichtsdestoweniger war diese Literatur weder unnütz -noch unwürdig. Immerhin verstand sie es, die Leser -zu erziehen, und größtenteils war sie sogar von ehrlichem -Eifer für ihre Ziele erfüllt. Deshalb ist es auch -begreiflich, daß Fjodor Michailowitsch die Journalistik -liebte und ihr gern diente, wobei er sich selbstverständlich -vollkommen dessen bewußt war, was er tat und -worin er von der strengen Form des Gedankens und der -Kunst abwich. Von Jugend auf an die Journalistik gewöhnt, -von ihr halbwegs sogar erzogen, blieb er ihr -bis zuletzt treu, ja er schloß sich ganz rückhaltlos, schloß -sich vollkommen dieser Literatur an, die ihn umgab, -und stellte sich niemals abseits von ihr. -</p> - -<p> -Seine regelmäßige Lektüre bildeten russische Zeitschriften -und Zeitungen, und seine Aufmerksamkeit war -beständig auf seine Kollegen in der schönen Literatur, -auf alle Kritiker seiner eigenen wie auch fremder Werke -gerichtet. Es lag ihm sehr viel an jedem Erfolg, an jedem -Lob, während ihn Angriffe äußerst betrübten. -Im Literarischen lagen nun einmal seine hauptsächlichsten -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -geistigen Interessen – doch übrigens auch seine -materiellen. Er lebte, wie gesagt, ausschließlich von -seiner literarischen Arbeit und dachte nicht einmal an -eine andere Beschäftigung, ja er verfiel überhaupt nicht -auf den Gedanken, sich durch einen Staatsdienst oder -Privatdienst materiell sicherzustellen. War er in Geldverlegenheit, -so wandte er sich ganz ungeniert an die betreffenden -Redaktionen oder Verleger. So traf es sich -bisweilen, daß ich während seines Aufenthalts im Auslande -auf seine Bitte hin mit verschiedenen Verlegern -zu unterhandeln hatte, gewöhnlich wegen einer Summe, -die er für eine noch <em>ungeschriebene</em> Novelle -zu erhalten wünschte. Oft endeten die Unterhandlungen -mit einer Weigerung des Verlegers, und mir tat es -bisweilen sehr weh, zu denken, <em>wem</em> er diese Vorschläge -machte und dazu noch vergeblich. Er aber betrachtete -diese Fälle als unvermeidliche Unbequemlichkeit seines -Berufes, denn er begriff nur zu gut, daß man -ihm deshalb keineswegs etwa Vorwürfe machen konnte. -Die Abhängigkeit von Redaktionen und Verlegern -sind wie jedes Angebot mit Unterhandlungen ein gütlicher -Vertrag, eine Abmachung unter Gleichgestellten, -und können deshalb niemals so peinlich sein wie andere -Beziehungen. -</p> - -<p> -So waren auch die Schattenseiten der Literatur für -ihn nichts Fremdes; er hatte sie nun einmal zu seinem -Beruf erwählt und äußerte sich nicht selten in dem Sinne, -daß er stolz auf ihn sei. Denn er liebte die -Literatur, namentlich in der ersten Zeit, als jener Unterschied, -der ihn später zur Opposition gegen die allgemeine -Petersburger Journalistik veranlaßte, noch -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -nicht scharf hervortrat. Und diese Liebe war der wichtigste -Grund, weshalb er nicht sogleich zu den Slawophilen -überging. Er empfand doch lebhaft die Feindseligkeit, -mit der sich diese von jeher ihren Prinzipien -gemäß zur zeitgenössischen Literatur verhielten. -</p> - -<p> -Der Vollständigkeit halber muß ich auch meine -Stellungnahme ein wenig erläutern. Da ich mich für -die wissenschaftliche Laufbahn vorbereitet hatte und -erst spät in den Literatenkreis geriet, verhielt ich mich -zur Journalistik mit einer gewissen Skepsis und Geringschätzung. -Nach Möglichkeit vermied ich Vielschreiberei -und bemühte mich, meine Artikel auch wirklich -auszuarbeiten. Diese Sorgfalt meinerseits rief gewöhnlich -Fjodor Michailowitschs Spott hervor. „Sie arbeiten -immer für die Gesamtausgabe Ihrer Werke!“ -sagte er. „Die wird es nie geben,“ sagte ich. Bald aber -hatte ich mich doch so in die Literatur hineinziehen lassen, -daß ich ihre Interessen viel mehr zu Herzen zu nehmen -begann. An die Stelle der früheren Geringschätzung -der Journalistik trat ein ernsteres Verhältnis zu -ihr, als sich zeigte, daß auf der Unterlage dieser -Räsonnaden solche Erscheinungen wachsen konnten -wie der Nihilismus. Die Feindschaft, die ich gegen -diesen empfand, bemühte ich mich auch Fjodor Michailowitsch -einzuimpfen. -</p> - -<p> -Seine Vorliebe für den Feuilletonstil hat Dostojewski -nie ganz verlassen. Ja er zwang sich selbst -oft zu diesem Stil, um seine Gedanken allgemeinverständlich -auszudrücken, auf eine dem Leser vertraute -Weise. Dennoch wurde seine Schreibart mit den Jahren -immer strenger, und auch in seinen früheren Feuilletonartikeln -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -finden sich manche Seiten von einer -künstlerischen Kraft und Strenge, die die Aufgaben -eines Feuilletons weit überragen. -</p> - -<h3 class="section" id="chapter-2-3"> -<span class="firstline">Die neue Richtung. Die Bodenständigen</span> -</h3> - -<p class="noindent"> -Die Geistesrichtung Fjodor Michailowitschs war -eine besondere Art Slawophilismus. Das geht bereits -deutlich aus dem Prospekt hervor, der im September -1860 das Erscheinen der „Zeit“ für das folgende -Jahr ankündigte und den zweifellos Fjodor Michailowitsch -ganz allein ausgearbeitet hat. So enthält dieser -Prospekt bereits einzelne Gedanken und Bestrebungen, -die für seine ganze fernere Tätigkeit charakteristisch -sind. Es ist, wie gesagt, eine Art Slawophilismus, denn -Fjodor Michailowitsch fußt geradezu auf der Erkenntnis, -daß es zwischen dem Volk und der Intelligenz -einen durch die Reform Peters hervorgerufenen Zwiespalt -gibt. Und aus diesem Grunde behauptet er – zum -erstenmal 1860 in der Rede zur Puschkinfeier –, daß -uns Russen eine eigene, selbständige Entwicklung bevorstehe, -weshalb er eine Rückkehr zum Nationalen, -zum Volklichen verlangt. Doch wem die Ansichten unserer -literarischen Parteien bekannt sind, für den dürfte -es unschwer zu erkennen sein, daß dies noch nicht der -echte Slawophilismus ist. -</p> - -<p> -Erstens ist der Ausgangspunkt offenbar ein -anderer. Der Gedanke Dostojewskis besteht darin, -daß man die gebildeten Kreise mit dem Volk -derart aussöhnen und vereinigen müsse, daß dabei -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -weder die ersteren sich von ihrer Bildung und der -Wissenschaft, noch die letzteren sich von ihrem Grundwesen -loszusagen brauchen. Es wäre also eine gewisse -Synthese erforderlich, die sowohl die einen wie die anderen -Prinzipien in sich aufnimmt. An der Möglichkeit dieser -Synthese hat Dostojewski nie gezweifelt. Ja er ging -sogar noch weiter, denn er glaubte, daß dem russischen -Volk geistige Kräfte gegeben seien, mit denen es eine -<em>universale Synthese</em>, d. h. die Auflösung und -Versöhnung aller Widersprüche, die sich in der historischen -Menschheit gezeigt, zustande bringen könne. Der -Gedanke, daß das russische Volk diese Eigenschaft habe -und zur Verwirklichung dieser Aufgabe ausersehen sei, -bildet den Inhalt der Rede Fjodor Michailowitschs -zur Puschkinfeier, somit hat er diesen Glauben bis zuletzt -gehabt. -</p> - -<p> -Diese Auffassung ist für ihn äußerst charakteristisch. -Sie ist vor allem ein Beweis der Breite der Basis seiner -Sympathien. Er hätte zwar seine verschiedenen, oft -entgegengesetzten Sympathien logisch nicht in Einklang -zu bringen vermocht, wie er auch die Widersprüche, zu -denen sie in weiteren Folgerungen führen, nicht entdeckte -und wie er auch die Formel nicht gefunden hat, -die diese Widersprüche beseitigen könnte; aber er versöhnte -sie psychologisch und ästhetisch in seinem Inneren. -Diese Veranlagung spielte in seinem ganzen Schaffen -eine große Rolle und wurde für ihn sehr fruchtbar. -Der auffallendste Zug war dabei wohl das vollständige -Fehlen von Haß und Verachtung in seinem Verhalten -zu unserem großen Streit zwischen der westlichen -und der russischen Idee. Dieser Zug war die Ursache -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -der geradezu elektrischen Wirkung seiner Rede -zur Puschkinfeier. Und derselbe Zug charakterisiert auch -seine Romane und sein „Tagebuch“. -</p> - -<p> -Der zweite charakteristische Zug in diesem Prospekt -wie in der Puschkinrede, ist die <em>Unbestimmtheit</em> -der Prinzipien, auf die er sich stützt. Das war -aber bei dem Ausgangspunkt und der gedanklichen -Richtung Dostojewskis auch nicht anders zu erwarten. -Er sah seinen Gedanken vorläufig nur in den Umrissen. -Während die Slawophilen von vornherein gewisse -sehr bestimmte religiöse, philosophische und politische -Auffassungen vertraten, <em>suchte</em> Dostojewski erst die -Prinzipien, die zu der erwünschten Versöhnung führen -sollten. Nichtsdestoweniger sprach er aber von diesen -noch gesuchten Prinzipien mit großer Bestimmtheit und -Beharrlichkeit. Das ist gleichfalls eine seiner charakteristischen -Eigenschaften. Die abstraktesten Gedanken, -ganz im allgemeinen ausgesprochen, wirkten überaus -stark auf ihn und er ließ sich nicht selten von ihnen einfach -hinreißen. Überhaupt war er ein in hohem Maße -begeisterungsfähiger und empfindsamer Mensch. Manch -ein einfacher Gedanke, ja mitunter sogar irgendein -schon allen bekannter, ganz gewöhnlicher Gedanke -konnte ihn plötzlich ungeheuer begeistern, wenn er ihm -einmal in seiner ganzen Bedeutung aufging. Der -Grund hierfür war wohl der, daß er, man kann sagen, -ungemein lebhaft die <em>Gedanken fühlte</em>. Darum -sprach er <em>seinen</em> Gedanken in verschiedenen Formen -aus, gab ihm bisweilen einen sehr scharfen plastischen -Ausdruck, obschon er ihn nicht logisch erklärte, nicht -seinen Inhalt auseinandersetzte. Denn in erster Linie -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -war er doch Künstler, dachte in Bildern und ließ sich -von Gefühlen leiten. -</p> - -<p> -Der dritte bemerkenswerte Zug ist natürlich seine -lebhafte Zuversicht, mit der er auf die Schnelligkeit -und Möglichkeit der Verwirklichung jener Aufgaben -vertraute, der Glaube, daß jene Ziele mit -Leichtigkeit zu erreichen seien. Das ist gleichfalls -auf die Lebhaftigkeit des Gefühls, das ihn erfüllte, -zurückzuführen. Während die Slawophilen, -die die Aufgabe in ihrer ganzen Tiefe erkannt hatten, -die ganze Schwierigkeit ihrer Ausführung begriffen -und, je lauter der Lärm der literarischen und gesellschaftlichen -Bewegung war, um so klarer sahen, daß -die Verwirklichung ihrer geliebten Wünsche durch ebendiese -Bewegung hinausgeschoben wurde – erhob Dostojewski, -indem er sich von der herrschenden Erregung -hinreißen ließ, und da er in ihr nicht die Elemente -sah, die seinem Ideal vollkommen feindlich waren, kühn -die Fahne seiner Idee in dem festen Glauben, die erregte -Masse mitreißen zu können. Diese Fähigkeit, glühend -zu glauben und zu hoffen, verblieb ihm bis zu -seinem Tode. Er ließ sich stets von der Gewalt seiner -Gedanken hinreißen und war nahezu fest überzeugt, -daß das, was sein geistiger Blick schon so klar sah, -unfehlbar und bald sich auch verwirklichen werde. -</p> - -<p> -Übrigens konnte damals, zu Anfang der sechziger -Jahre, kaum jemand der allgemeinen Begeisterung widerstehen. -Es war eine Zeit so voll von Hoffnung und -Unternehmungslust. Alle Geister waren angeregt, alles -war im Brodeln, so daß man in der Tat glauben -konnte, das Unglaublichste werde geschehen. Das Gefühl -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -für die Wirklichkeit war uns abhanden gekommen -und man dachte: was wir wollen, das können -wir auch vollbringen ... -</p> - -<p> -Um diese Stimmung, in der wir uns alle befanden -und unter deren Einfluß die Ansichten der Brüder -Dostojewski sich entwickelten, zu verstehen, muß man -sich den Geist jener Zeit vergegenwärtigen. Es war -im Jahre der Bauernbefreiung, 1861, in der lichtesten -Zeit der Regierung Alexanders II. Es hatte den Anschein, -als müsse in ganz Rußland ein neues Leben beginnen, -etwas ganz Außergewöhnliches müsse kommen! -Wenigstens fiel uns der Glaube an die baldige Verwirklichung -selbst der kühnsten Hoffnungen leicht und erschien -uns nur natürlich. Alle wußten, daß die vorbereitenden -Arbeiten zur Aufhebung der Leibeigenschaft sich -bereits ihrem Ende näherten, und schon die dritte Nummer -der „Zeit“ enthielt den Wortlaut des Manifestes -vom 19. Februar, das am 5. März offiziell bekanntgegeben -wurde. -</p> - -<p> -Leider folgten dieser frohen Zeit bald schwere -Stunden, gegen Ende desselben Jahres die Studentenunruhen, -im folgenden Jahre die unzähligen Brandstiftungen -in Petersburg, zu Anfang 1863 der polnische -Aufstand. Im Gegensatz zu dieser schweren Zeit -hatte sich bis dahin, vom Jahre 1855 an, die frohe -Erwartung in der Gesellschaft und in der Literatur -unausgesetzt gesteigert. Nach dem Regierungswechsel -waren fortwährend verschiedene Erleichterungen, Befreiungen -und Reformen eingeführt worden, die Zensur -wurde mit jedem Jahre nachsichtiger, die Zahl der -Zeitschriften und neuen Bücher wuchs schnell. In dieser -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -Zeit wurden nun die Meinungen und Stimmungen, die -in der Periode des Schweigens bis 1855 entstanden -und erstarkt waren, ausgesprochen. Jetzt, in der Freiheit -und inmitten der allgemeinen Belebung erging -man sich kühn in der Anwendung und Entwicklung -seiner Prinzipien, doch die alte Gewöhnung an die -Zensur und der immerhin nicht ganz aufgehobene Einfluß -derselben, verliehen allem ein sowohl sehr gediegenes -wie auch recht verführerisches Aussehen. So bildeten -sich denn in diesen sieben Jahren die Richtungen -aus, die heute noch herrschen. Die letzte Erscheinung -dieser Art war die Richtung der „Zeit“, die Fjodor -Michailowitsch angab. -</p> - -<p> -Es war das seiner Ansicht nach eine absolut neue, -besondere Richtung, die dem neuen Leben, das nun -augenscheinlich in ganz Rußland einsetzte, entsprechen -und die Richtungen der alten Parteien, der Westler -und der Slawophilen, ersetzen oder verdrängen sollte. Die -Unbestimmtheit des Gedankens an sich machte ihm -weiter keine Sorgen, da er an der Entwicklung desselben -nicht den geringsten Zweifel hegte. Hinzu kam, -daß die damalige Literatur einen Charakter hatte, der -ihm zu glauben erlaubte, daß die zwei alten literarischen -Parteien, die Westler und die Slawophilen, -ausgestorben oder im Aussterben begriffen seien und -daß etwas Neues zu erstehen beginne. Dieser Charakter -beruhte darauf, daß die Parteien damals nicht -schroff hervortraten und die gesamte Literatur wie ein -einiges Ganzes zusammenhing. Ich erinnere mich noch -gut jenes fast freundschaftlichen Gefühls, das damals -unter den Schriftstellern herrschte. Man hatte erst -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -kurz zuvor die Möglichkeit erhalten, seine Gedanken -auszusprechen, mußte immer noch den allgemeinen -Aufseher, die einst so strenge Zensur, im Auge behalten: -so sahen denn die Literaten es für ihre Pflicht an, -sich gegenseitig zu schützen und zu unterstützen. Überhaupt -war man der Ansicht, daß die Literatur eine gewisse -gemeinsame Sache sei, vor der die einzelnen -Meinungsverschiedenheiten zurücktreten müßten. In -der Tat, alle standen in gleichem Maße für die Aufklärung -ein, für die Freiheit des Wortes, die Aufhebung -mannigfacher Bedrückungen und Belästigungen -usw., mit einem Wort, für die ersten liberalen Forderungen, -die man in einer Weise abstrakt auffaßte, -daß sie sich mit den verschiedensten, ja sogar mit entgegengesetzten -Anschauungen vereinen ließen. Natürlich -kannten die Anhänger der verschiedenen Richtungen -die Grenzen zwischen sich und den anderen. Aber für -die gewöhnlichen Leser und selbst für die Mehrzahl der -Schreibenden war die Literatur ein ungeteiltes Ganzes. -Im Grunde aber war sie ein Chaos, ein formloses -und doch vielgestaltiges, und deshalb konnte leicht der -Wunsch entstehen, diesem Chaos eine Form zu geben, -oder wenigstens einen gewissen bestimmteren Weg einzuschlagen. -Der Träger dieses Wunsches war Fjodor -Michailowitsch, und von ihm persönlich kann man bezüglich -seiner ganzen journalistischen Tätigkeit sagen, -daß er erreicht hat, was er wollte. Inmitten der Petersburger -Literatur ertönte seine Stimme oft laut -und machtvoll, namentlich in den letzten Jahren seines -Lebens, wo sie sogar alle anderen Stimmen übertönte, -wenn sie protestierte und den neuen Weg wies. -</p> - -<p> -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Außer in Fjodor Michailowitsch fand dieser Gedanke -in Apollon Grigorjeff einen überzeugten Anhänger, -der nach dem Erscheinen der ersten Nummer der -„Zeit“ ihr eifriger Mitarbeiter wurde. Ich erinnere -mich noch, wie es zum Teil durch meine Vermittlung -dazu kam. Man wünschte damals von mir literarische -Kritiken; ich weigerte mich, solche zu schreiben und -empfahl dringend Grigorjeff, in dem ich unseren besten -Kritiker sah und auch jetzt noch sehe. Zu meiner -Freude erklärte Fjodor Michailowitsch, daß Grigorjeff -ihm sehr gefalle und seine Mitarbeiterschaft ihm sehr -erwünscht wäre. Seit der Zeit sahen wir alle in Grigorjeff -unseren Führer auf dem Gebiet literarischer -Kritik. Leider verloren wir ihn bald. Er starb 1864. -</p> - -<p> -Der erste Artikel Grigorjeffs, den er für die zweite -Nummer der „Zeit“ schrieb, begann mit der kategorischen -Erklärung, daß es die beiden Richtungen, die sich -vor zehn Jahren feindlich gegenüberstanden, die westliche -und die östliche, bereits nicht mehr gäbe. Und diese -Tatsache zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, sei jetzt -die höchste Zeit, „denn für die Erkenntnis der einzelnen, -für die Erkenntnis eines jeden von uns schreibenden -und denkenden Menschen ist sie schon längst erwiesen.“ -</p> - -<p> -Eine so feste Überzeugung, daß die zwei Hauptrichtungen -unserer Literatur endgültig abgetan -seien, wurde dem Verfasser natürlich nur durch -den <em>Wunsch</em>, daß es sich so verhalten möge, eingegeben. -Zum besseren Verständnis der Situation sei hier -ein wenig an Grigorjeffs literarische Herkunft erinnert. -Er gehörte zur sogenannten <em>jungen Redaktion</em> -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -des „Moskwitjänin“, den Pogodin<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> in Moskau herausgab -und zu dem ein ganzer Kreis bekannter Namen gehörte. -Dieser Kreis, wie auch Pogodin selbst, hielt sich -im Grunde zu den Slawophilen, war aber in seinen -Sympathien doch sehr frei und entfernte sich denn auch -allmählich vom reinen Slawophilismus. Pogodin, der -seinerzeit auf Puschkin und die ersten Slawophilen Einfluß -gehabt, wurde auch von der „jungen Redaktion“ -wegen seines glühenden Patriotismus und seiner lebhaften, -echt russischen Sympathien überaus geachtet, obschon -er seinen früheren Überzeugungen treublieb und -sich die <em>alte Redaktion</em> nannte. Dennoch räumte -er in seiner Zeitschrift „Moskwitjänin“ dem jungen -Kreise volle Freiheit ein. Das Charakteristische dieses -Kreises war eine begeisterte Verehrung der poetischen -Literatur; in ihr sahen sie den besten Ausdruck -des Volksgeistes und des Zeitgeistes zugleich, und in -ihr suchten sie Offenbarungen und Gesetze. In diesem -Kreise wurde Ostrowski verehrt, wurde von ihm -gesagt, er bringe ein „neues Wort“; hier wurden Gogol -und Puschkin verehrt und hier kämpfte man gegen -die „realistische Schule“ und die Petersburger. -</p> - -<p> -Zu dieser Partei der „jungen Redaktion“ gehörte -nun Apollon Grigorjeff, und mit seinem Wunsch, sich -von den Slawophilen abzusondern, unterstützte er in -bedeutendem Maße Fjodor Michailowitschs Gedanken, -eine neue Richtung zu gründen. Die Autorität Apollon -Grigorjeffs war für uns alle in dieser Frage von -entscheidender Bedeutung. So entstand dann jene Partei, -die in der Petersburger Literatur lange Zeit unter -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -einem besonderen Namen bekannt war: man nannte -sie die Partei der „<em>Bodenständigen</em>“. Ausdrücke, -wie z. B. „wir sind von unserem Boden getrennt“ oder -„wir müssen unseren Boden suchen“ waren geradezu -Lieblingsausdrücke Fjodor Michailowitschs, und finden -sich schon in seinem Einführungsartikel. Dieser -Ausdruck, der übrigens sehr plastisch und lebendig ist, -hatte auch noch den Vorteil, daß er zugleich sehr allgemein -war und kein bestimmtes Prinzip aussprach. Unter -ihm konnte man natürlich auch Slawophilismus -verstehen, aber die „Zeit“ ließ doch beständig durchblicken, -namentlich anfangs, daß sie damit eine andere, -wenn auch verwandte Richtung meinte. -</p> - -<p> -Das Verhältnis zu den Slawophilen war ungefähr -folgendes. Apollon Grigorjeff sprach von ihnen sowohl -mündlich wie schriftlich stets mit der größten -Hochachtung. Von ihm lernten auch wir diese Hochachtung, -die aus der Petersburger Literatur unmöglich -zu lernen gewesen wäre, da diese die Slawophilen nie -ohne Spott und Verachtung erwähnte. Auch heute noch -verhält es sich nicht viel anders. Die Brüder Dostojewski -aber waren unmittelbar aus der Petersburger -Literatur hervorgegangen – das muß man bei einer -Beurteilung ihrer literarischen Art und ihrer Ansichten -immer im Auge behalten. Michail Michailowitsch -stand natürlich mehr unter ihrem Einfluß und verhielt -sich den Slawophilen gegenüber kühl oder sogar voreingenommen. -Fjodor Michailowitsch dagegen, der -zwar damals die Slawophilen fast noch gar nicht -kannte, war doch nicht geneigt, Grigorjeff zu widersprechen, -und überdies fühlte er bereits, wer von ihnen -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -recht hatte. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls -schloß sich die Richtung der „Zeit“, eben durch -Apollon Grigorjeff, an den einen Zweig des Pogodinschen -Slawophilismus an, und Grigorjeff gebührt -das Verdienst, daß er die große, wesentliche Bedeutung -des reinen Slawophilismus in unserem geistigen -Leben erkannte. -</p> - -<p> -Dennoch spielte die größte und fruchtbarste Rolle -in dieser ganzen Angelegenheit Fjodor Michailowitsch. -Er war es, der bewußt und ohne zu zögern anfangs -A. Grigorjeff und später den Slawophilen entgegenkam. -Bei der Schnelligkeit und Geschmeidigkeit seines -Auffassungsvermögens begriff er leicht diese Anschauungen -in ihren Grundlagen; doch das Entscheidende -wird hierbei wohl gewesen sein, daß er schon infolge -der ganzen Art seiner Ansichten, seiner Annäherung -an das Volk und der dadurch hervorgerufenen inneren -Wandlung seiner Gedanken, ein unbewußter Slawophile -war. Der Slawophilismus ist doch nicht eine vom -Leben losgelöste Theorie; er ist eine vollkommen natürliche -Erscheinung, sowohl von seiner positiven Seite -– als Konservatismus – wie von seiner negativen -Seite – als Reaktion, d. h. als Wunsch, das geistige -wie moralische Joch des Westens abzuwerfen. So ist -es denn erklärlich, daß sich in Fjodor Michailowitsch -eine ganze Reihe von Ansichten und viele Sympathien -entwickelt hatten, die vollkommen slawophil waren, und -daß er mit ihnen hervortrat, ohne zunächst seine Übereinstimmung -mit der schon längst existierenden Partei -zu bemerken, um dann später unmittelbar und offen sich -zu ihr zu bekennen. Gerade solche Parteigänger sind aber -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -die wertvollsten. Sie sind nicht Schüler, die sklavisch -die Worte der Lehrer wiederholen, sondern selbständige -Träger der Idee, die sie auch weiter zu entwickeln fähig -sind. Mit größter Feinfühligkeit erriet Fjodor -Michailowitsch die richtige Anwendung seiner Prinzipien -und entdeckte ihre verschiedenen Seiten. -</p> - -<p> -Zur Vervollständigung des Bildes füge ich noch -ein paar Worte über mich hinzu. Der Gedanke, eine -neue Richtung zu gründen, interessierte mich anfänglich -nicht wenig, was ich dem Einfluß Grigorjeffs zuschreibe. -Bald jedoch gewann ich die Überzeugung – -vielleicht infolge meiner Abneigung gegen alles Unbestimmte -–, daß man sich einfach für einen Slawophilen -ausgeben mußte, auch wenn man nur die Grundprinzipien -dieser Lehre teilte. Deshalb stimmte ich eine -Zeitlang mit der Richtung der „Zeit“ nicht überein, -doch kann ich nicht sagen, daß ich diese Differenz jemals -besonders betont hätte. -</p> - -<p> -Anders verhielt es sich mit den jüngeren Mitarbeitern -der Zeitschrift, die sich alle eng um A. Grigorjeff -scharten, der sie sowohl durch seinen Verstand, wie -durch seine kindliche Schlichtheit und Gutmütigkeit anzog. -Diese jungen Menschen trugen sich lange mit dem -Gedanken, eine neue Richtung zu gründen. Es handelte -sich dabei natürlich vor allem darum, der slawophilen -Anschauung größere Freiheit zu geben, in ihren Horizont -auch die Erscheinungen einzubeziehen, die sie konsequent -mied und verneinte, wie z. B. die zeitgenössische -Literatur oder die verschiedenen westlichen Einflüsse. -Hierbei gab es endlose Dispute und es wurde täglich -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -versucht, die eigene Weltanschauung zu verbessern, -oder womöglich von Grund aus umzubauen. -</p> - -<p> -So hatte denn die Richtung der „Bodenständigen“ -ihre eifrigsten Anhänger und auch eine gewisse Existenzberechtigung. -Wenigstens war sie eine russische, -patriotische Richtung, die vorläufig ihre Formulierung -suchte und, wie das die Logik verlangte, sich zuletzt doch -dem Slawophilismus anschloß. In der ersten Zeit aber -hatte die Redaktion der Zeitschrift doppelte Ursache, -sich ihm nicht anzuschließen: erstens vertraute sie auf -die eigenen Kräfte und wollte selbständig sein und -zweitens wollte sie ihre Ideen möglichst schnell verbreiten, -das Publikum interessieren, fesseln und vor allem -Zusammenstöße mit den Vorurteilen der Leser vermeiden. -Deshalb wäre eine offizielle Berufung auf die -Slawophilen unklug gewesen, selbst wenn die Redaktion -sich zu einer solchen bereit gefunden hätte. -</p> - -<p> -„Die Zeit“ hatte einen entschiedenen und schnellen -Erfolg. Die Abonnentenzahl, die für uns alle von so -großer Wichtigkeit war, stieg in den zweieinhalb Jahren -von 2300 auf 4302. Die Ursache dieses schnellen -und großen Erfolges lag erstens im Namen Fjodor -Michailowitschs, der bereits sehr bekannt war – von -seinen Sträflingsjahren in Sibirien wußte ein jeder; -– zweitens war der Roman „Erniedrigte und Beleidigte“, -der in der ersten Nummer begann, trotz all -seiner Mängel ein Werk, das die durch den Namen -Dostojewski gewonnenen Abonnenten in würdiger -Weise belohnte; drittens spielte hierbei wohl auch noch -die allgemeine Stimmung des Publikums eine Rolle, -denn weder vorher noch nachher hat es eine Zeit gegeben, -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -wo man mit solchem Interesse nach literarischen -Neuerscheinungen griff, wie damals. Mit dem schnellen -Erfolg wuchs unser Selbstvertrauen, was unter -günstigen Verhältnissen der Sache sehr dienlich war, -dagegen unter ungünstigen ihr sehr schadete. -</p> - -<p> -Damals, 1861, waren wir nach diesem schnellen -Erfolge sehr optimistisch und machten uns eifrig an die -Arbeit. Ich gab meine Lehrtätigkeit auf und Michail -Michailowitsch Dostojewski wollte seine Tabakfabrik -schließen, von der er in der Zeit nach 1849 gelebt hatte, -als der Literatur jede Freiheit genommen war. -</p> - -<p> -Die Mitarbeiter der „Zeit“ teilten sich in zwei -Gruppen: die eine hatte zum Mittelpunkt Apollon Grigorjeff, -um den sich, wie gesagt, die Jugend scharte, -die andere bildeten Fjodor Michailowitsch und ich. -Wir hatten eine ganz besondere Freundschaft geschlossen -und kamen an jedem Tage mindestens einmal zusammen. -Im Sommer des Jahres 1861 zog ich aus -dem Universitätsviertel auf dem Wassili Ostroff in die -Nähe der Kleinen Meschtschanskaja, wo sich die Redaktion -und die Wohnung Michail Michailowitschs -befanden. Fjodor Michailowitsch wohnte an der Mittleren -Meschtschanskaja und Apollon Grigorjeff, sowie -die ganze junge Kompagnie wohnte am Wosnessenski -Prospekt in möblierten Zimmern. Ich erwähne das -nur, um zu sagen, wie nah beieinander und in welcher -Gegend wir lebten. Ich erinnere mich noch gut -des damaligen Charakters dieser ziemlich schmutzigen -Straßen mit den zum Teil niedrigen Häusern, die alle -dicht bevölkert waren von Petersburger kleinen Leuten -dritter Kategorie. Fjodor Michailowitsch hat in mehreren -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -Erzählungen und Romanen, vor allem in „Rodion -Raskolnikoff“, die Physiognomie dieser Straßen -und ihrer Bewohner bewunderungswürdig erfaßt und -wiedergegeben. -</p> - -<p> -Inmitten dieser Umgebung, die die Seele bedrückt -und Ekel einflößt, verlebten wir sehr glückliche -Jahre. Es gibt nichts Interessanteres und Anregenderes -als journalistische Arbeit – wenn die Sache gut -geht. Hierbei vereint sich die ganze Anregung eines -Lebens in der Öffentlichkeit mit der ganzen Schönheit -einsamen Nachdenkens und stiller Arbeit. Seiten, -die man in der Stille sorgfältig durchdacht hat, treten -plötzlich vor das Publikum, werden von zahllosen -Menschen gelesen und werden zum Gegenstand der -Dispute und Kritiken, von denen viele sogleich, wie Antworten -auf Fragen, zu einem zurückkehren. Gerade damals -war es üblich, daß jede Zeitschrift von allen anderen -Zeitschriften sprach, so daß der Eindruck eines Artikels -sich sehr bald feststellen ließ. Dostojewski, Grigorjeff und -ich konnten überzeugt sein, daß wir in jeder neuen -Nummer der literarischen Zeitschriften unsere Namen -finden würden. Der Wettkampf der verschiedenen Redaktionen, -die Spannung, mit der man die verschiedenen -Richtungen, ihre Ideen, die Polemik, verfolgte – all -das machte die journalistische Tätigkeit zu einem so -fesselnden Spiel, daß, wer einmal an ihm teilgenommen -hat, dem Wunsch nicht widerstehen kann, wieder -an ihm teilzunehmen. -</p> - -<p> -Gewöhnlich trafen wir uns gegen drei Uhr nachmittags -in der Redaktion, Fjodor Michailowitsch nach -seinem Morgentee, ich nach meiner Morgenarbeit. -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -Hier sahen wir die Zeitungen und Zeitschriften durch, -nahmen Kenntnis von allen Neuigkeiten, und -machten dann meist zusammen einen Spaziergang -bis zum Mittagessen um fünf, worauf er nicht selten -– etwa gegen sieben Uhr – wieder zu mir zum Tee -kam und die Zeit bis zum Abendessen bei mir verbrachte. -Überhaupt war er häufiger bei mir als ich -bei ihm, denn ich war Junggeselle, folglich konnte man -mich zu jeder Zeit besuchen, ohne befürchten zu müssen, -daß man andere störe. Hatte ich einen Artikel beendet -oder auch nur einen Teil eines Artikels geschrieben, so -bestand er gewöhnlich darauf, daß ich das Geschriebene -vorlas. Es ist mir, als hörte ich noch seine Stimme, die -dann aus dem Stimmengewirr der anderen ungeduldig -drängend und bittend erklang: -</p> - -<p> -„Lesen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, lesen Sie!“ -Damals begriff ich übrigens noch nicht ganz, wieviel -Schmeichelhaftes für mich in dieser Ungeduld lag. Er -widersprach mir nie. Ich erinnere mich eigentlich nur -eines einzigen Streites zwischen uns, zu dem es infolge -eines Artikels von mir kam. Aber er sagte mir -ebensowenig ein Wort des Lobes und äußerte nie eine -besondere Anerkennung. -</p> - -<p> -Unsere damalige Freundschaft hatte zwar einen -vornehmlich geistigen Charakter, aber wir standen uns -auch als Menschen sehr nahe. Das Einander-Nahestehen -hängt bei den Menschen von ihrer Natur ab und -überschreitet oft auch unter den günstigsten Verhältnissen -nicht eine gewisse Grenze. Ein jeder von uns -zieht gleichsam einen Strich um sich herum, den er niemanden -überschreiten läßt, oder richtiger – nicht überschreiten -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -lassen kann. So fand auch unsere Annäherung -ein Hindernis in unseren persönlichen Veranlagungen, -doch will ich durchaus nicht sagen, daß der <em>kleinere</em> -Teil dieses Widerstandes auf meiner Seite war. Fjodor -Michailowitsch hatte bisweilen Augenblicke argwöhnischer -Vermutungen. Dann sagte er mißtrauisch: -„Strachoff hat keinen, mit dem er sprechen kann, deshalb -hält er sich an mich.“ Aber dieser flüchtige Zweifel -zeigt ja nur, wie fest wir an die Gegenseitigkeit -unserer Zuneigung glaubten. In den ersten Jahren -war es ein Gefühl, das zu einem unbeschränkten Zutrauen -wurde. Wenn Fjodor Michailowitsch einen -epileptischen Anfall gehabt hatte, so befand er sich nach -der Bewußtlosigkeit anfangs in einer unerträglich -schweren Stimmung. Alles reizte oder schreckte ihn -und selbst durch die Anwesenheit der Nächsten fühlte -er sich bedrückt. Dann schickte sein Bruder oder seine -Frau nach mir; in meiner Gegenwart fühlte er sich -leichter, und es wurde ihm allmählich besser. Indem ich -mich dieser Vergangenheit erinnere, leben in meinem -Gedächtnis einige meiner besten Gefühle wieder auf -und ich denke, daß ich damals wohl ein besserer Mensch -gewesen sein muß, als ich es jetzt bin. -</p> - -<p> -Unsere Gespräche waren endlos, und es waren -die schönsten Gespräche, die mir in meinem Leben beschieden -gewesen sind. Er sprach in jener schlichten, lebendigen, -anspruchslosen Art, die den Reiz und die -Schönheit der russischen Gespräche ausmacht. Dazwischen -scherzte er oft, namentlich in jener Zeit, aber sein -Witz gefiel mir nicht sonderlich; es war häufig nur ein -äußerlicher Humor, ähnlich dem französischen, also ein -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Spiel mehr mit Worten und Bildern, als mit Gedanken. -Beispiele dieser Witzchen finden sich zumeist in -seinen kritischen und polemischen Artikeln. Doch was -mich in der Hauptsache fesselte und sogar frappierte, -das war sein ungewöhnlicher Verstand, die Schnelligkeit, -mit der er jeden Gedanken, schon nach dem ersten -Wort, der ersten Andeutung, erfaßte. In dieser Leichtigkeit -des Verstehens liegt der größte Reiz eines Gesprächs, -wenn man sich unbehindert dem eigenen Gedankengang -hingeben kann, nicht zu wiederholen und -zu erklären braucht, wenn man auf eine Frage sofort -die richtige Antwort erhält und wenn die Entgegnung -gerade auf den zentralen Gedanken erfolgt, die Zustimmung -gerade zu dem Gedanken gegeben wird, zu welchem -man sie hören möchte, und es keine Mißverständnisse -und Unklarheiten gibt. So sind mir unsere damaligen -Gespräche in der Erinnerung geblieben, die Gespräche, -die für mich eine große Freude und mein Stolz waren. -Der Gesprächsstoff stand natürlich zumeist mit -der Zeitschrift in Zusammenhang, doch außerdem sprachen -wir noch über alle nur möglichen Themen, sehr -oft über die abstraktesten Fragen. Fjodor Michailowitsch -liebte diese Fragen nach dem Wesen der Dinge -und den Grenzen des Wissens, und ich weiß noch, wie -es ihn amüsierte, wenn ich seine Anschauungen nach -den Lehren der verschiedenen Philosophen, die die Weltgeschichte -kennt, klassifizierte. Es zeigte sich, daß es -schwer hielt, sich etwas Neues auszudenken und er tröstete -sich scherzend damit, daß er in seinen Anschauungen -wenigstens mit dem einen oder anderen der großen -Denker übereinstimmte. -</p> - -<h3 class="section" id="chapter-2-4"> -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -<span class="firstline">Fjodor Michailowitsch als Journalist</span> -</h3> - -<p class="noindent"> -Ich will mich hier nicht über seine Ansichten, nicht -über seine eigene Stellung zu seiner Arbeit und die Dinge, -mit denen er sich abgab, ausführlich verbreiten. Den besten -Teil seiner Seele hat er uns in seinen Werken offenbart. -Ich will nur sagen – was vielleicht manche unerfahrene -Leser nicht vermuten: daß er einer der aufrichtigsten -Schriftsteller war, daß alles, was er geschrieben, -von ihm selbst erlebt und empfunden worden ist, und -zwar mit großer Leidenschaft und Hingabe. Ja, Dostojewski -ist der subjektivste aller Schriftsteller, er hat -in den Personen seiner Romane fast ausnahmslos sich -selbst geschildert. Nur selten hat er volle Objektivität -erreicht. Für mich, der ich ihm so lange nahe stand, -war die Subjektivität seiner Darstellungen nur zu erkennbar, -und deshalb ging mir immer die Hälfte des -Eindrucks verloren, des Eindrucks der Werke, die auf -andere Leser verblüffend wirkten, da sie in seinen Gestalten -vollkommen objektive Schilderungen sahen. -</p> - -<p> -Sehr oft wurde mir für ihn bange, wenn ich las, -wie er gewisse dunkle, krankhafte Stimmungen wiedergab. -So schilderte er z. B. im „Idiot“ ausführlich die -Stimmung vor einem epileptischen Anfall, obgleich die -Ärzte Epileptikern stets vorschreiben, sich nicht diesen -Erinnerungen hinzugeben, da sie unter Umständen -ebenso einen Anfall herbeiführen können, wie der Anblick -eines epileptischen Anfalls bei einem anderen. -Doch Dostojewski schreckte vor nichts zurück, und was -er auch schilderte, er blieb fest überzeugt, daß er seinen -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Gegenstand in voller Objektivität gebe. Häufig -habe ich von ihm gehört, daß er sich für einen vollständigen -Realisten halte, daß jene Verbrechen, Selbstmorde -und alle anderen Ausschreitungen und Entartungen, -die in der Regel das Thema seiner Romane -bilden, in der Wirklichkeit häufige und gewöhnliche -Erscheinungen seien, denen wir bloß keine Beachtung -schenken. Auf Grund dieser Überzeugung schilderte er -dann dreist das Dunkelste und Schmutzigste; niemand -ist in der Schilderung der verschiedenen Verkommenheiten -der Menschenseele so weit gegangen wie er. Und -er erreichte, was er wollte: es gelang ihm, seinen Geschöpfen -so viel Realität und Objektivität zu verleihen, -daß die Leser aus anfänglicher Betroffenheit in Entzücken -gerieten. In seinen Bildern war so viel Wahrheit, -psychologische Richtigkeit und Tiefe, daß sie selbst -solchen Leuten, denen die Sujets vollkommen fremd -waren, verständlich wurden. Oft ging es mir durch -den Sinn, daß er, wenn er erkennen würde, wie stark -subjektiv seine Bilder gefärbt sind, sich im Schreiben -beengt fühlen müßte, und wenn er die Art seines -Schaffens bemerkte, nicht mehr schaffen könnte. So -war für ihn eine gewisse Dosis Selbstbetrug erforderlich, -wie fast für jeden Schriftsteller. -</p> - -<p> -Doch jeder Mensch hat bekanntlich nicht -nur die Mängel seiner Vorzüge, sondern mitunter -auch den Vorzug seiner Mängel. Dostojewski schildert -seine elenden und bedauernswerten, gemeinen und -furchtbaren Menschen, alle die seelischen Krankheiten -und Pestbeulen, weil er über sie das höhere Urteil zu -fällen verstand oder zu verstehen glaubte. Er sah den -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -göttlichen Funken selbst im verkommensten Menschen; -er verfolgte und beobachtete das geringste Aufblitzen -dieses Funkens und erspähte Züge seelischer Schönheit -in Menschen, zu denen wir mit Verachtung, Spott -oder Abscheu uns zu verhalten gewöhnt sind. Wegen -dieser Schönheit, die Dostojewski unter der scheußlichen -und abstoßenden Äußerlichkeit durchschimmernd entdeckte, -verzieh er den Menschen und liebte er sie. Eine -feine und hohe Menschenliebe könnte man seine Muse -nennen; und sie war es auch, die für ihn das Maß -bildete, nach dem er Gut und Böse abwog, das Maß, -mit dem er in die tiefsten und schrecklichsten Abgründe -der Menschenseele hinabstieg. Sein Glaube an sich -und den Menschen war unerschütterlich, und deshalb -war er auch so aufrichtig und nahm er so ohne weiteres -sogar seine Subjektivität für vollkommen objektiven -Realismus. – Unter dem Wort „Muse“ verstehe ich -jenen idealistischen Charakter, jene Art des Verstandes -und Herzens, die der Mensch annimmt, wenn er zu -schreiben und Gestalten zu schaffen anfängt. Die Muse -und der Mensch selbst sind zwei verschiedene Wesen, -obschon sie aus einer Wurzel hervorgehen und enger -als die siamesischen Zwillinge zusammengewachsen -sind. Aus dem Gesagten geht hervor, daß der Mensch -Dostojewski und seine „Muse“ ungemein eng miteinander -verbunden waren. -</p> - -<p> -Von seinen persönlichen, rein menschlichen Zügen -wäre noch zu sagen, daß an ihm nicht die geringste -Spur einer Verbitterung oder Kränkung durch die von -ihm ausgestandenen Leiden zu bemerken war und nie -auch nur der Schatten des Wunsches, die Rolle eines -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -Märtyrers zu spielen. Er war absolut frei von jedem -gehässigen Gefühl der Regierung gegenüber und tat -so, als sei in seiner Vergangenheit nichts Besonderes -vorgefallen, zeigte sich weder enttäuscht noch irgendwie -seelisch getroffen, sondern war heiter und guter -Dinge, wenn die Gesundheit es ihm erlaubte. Ich -erinnere mich, wie ihm einmal eine Dame, die ihn mit -großer Aufmerksamkeit betrachtet hatte, plötzlich sagte: -„Wenn ich Sie betrachte, glaube ich, in Ihrem Gesicht -die Leiden zu sehen, die Sie zu ertragen hatten ...“ -Diese Bemerkung war ihm sichtlich unangenehm. „Was -für Leiden!“ ... unterbrach er sie fast schroff, um -dann sofort über ganz nebensächliche Dinge zu scherzen. -Desgleichen erinnere ich mich noch eines anderen -ähnlichen Falles. Er sollte sich an einem literarischen -Vortragsabend, wie sie damals sehr in Mode waren, -beteiligen und irgend etwas aus seinen Werken vorlesen. -Die Wahl fiel ihm schwer. „Es muß etwas Neues, -Interessantes sein,“ sagte er zu mir. – „Aus dem ‚Totenhause‘ -vielleicht?“ schlug ich vor. – „Daraus habe -ich schon oft vorgelesen, und ich möchte eigentlich -nicht ... Es scheint mir dann immer, daß ich vor dem -Publikum klage, mich immer beklage ... Das ist nicht -gut.“ -</p> - -<p> -Überhaupt kehrte er nicht gern zu der Vergangenheit -zurück, als habe er sie ganz und gar abgetan, oder -wenn er sich einmal Erinnerungen hingab, dann gedachte -er irgendwelcher froher Erlebnisse, auf die er -gleichsam stolz war. Deshalb hätte ein Uneingeweihter -schwerlich vermuten können, wenn er ihn so sah und -hörte, was in seinem früheren Leben vorgefallen war. -</p> - -<p> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -In seinem Verhältnis zur Regierung stand er fest -auf dem Standpunkt, der für alle echten Russen so -selbstverständlich ist. Jeder Gedanke an Auflehnung -war ihm fern, obschon er sich bisweilen tief bekümmert -oder mit ehrlichem Unwillen über manche Leute und -Maßregeln äußerte. Er selbst ertrug die unbequemen -herrschenden Zustände nicht nur stillschweigend, sondern -sogar mit vollkommenster Ruhe, wie etwa eine -allgemeine Lebensbedingung, die keineswegs ihn persönlich -anging. So entsinne ich mich nicht, ihn jemals -über die Zensoren aufgebracht gesehen zu haben, obgleich -diese Herren – im allgemeinen sehr liebenswürdige -Leute, die sich zumeist mit Respekt zur Literatur -verhielten – nicht selten ein Überflüssiges taten, -und, wenn sie nicht viel Verfängliches fanden, wenigstens -kleine Korrekturen anbrachten, um doch nicht -ganz umsonst gelesen zu haben. Übrigens gehörte Fjodor -Michailowitsch zu den Schriftstellern, die, ohne an -die Zensur zu denken, unwillkürlich in den Grenzen -bleiben, einfach weil sie viel zu ernst sind, um sich -Schroffheiten und persönliche Ausfälle zu erlauben. -</p> - -<p> -Im Grunde waren wir sehr abstrakte Politiker, -sprachen nur von allgemeinen Fragen und Auffassungen, -in der Praxis aber blieben wir beim „reinen Liberalismus“, -also bei dem Glauben, daß man in der -inneren Organisation eines Staates ohne Zwangsmaßregeln -am weitesten komme, daß die verschiedenen -Interessen sich dann am deutlichsten äußern und am -besten ausgleichen könnten. Mit einem Wort, es waren -die Grundsätze, an die sich alle Anhänger der Gedanken-, -Preß- und Handelsfreiheit usw. halten, Grundsätze, -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -die natürlich längst nicht die ganze Frage erschöpfen, -an die man sich aber in all den Fällen halten -muß, wo zu anderen Grundsätzen keine Veranlassung -vorliegt. In der Wirklichkeit freilich erwiesen sich gerade -die liberalen Grundsätze als unfähig, unsere Gesellschaft -zu regieren, eben als zu schwerverständlich und -noch zu unerfüllbar, und überdies als durchaus ungeeignet, -die Entwicklung anderer, ihnen entgegengesetzter -Grundsätze zu paralysieren. So kam es unter den -Anhängern des „reinen Liberalismus“ zu einer schnellen -und entsetzlichen Ernüchterung, und das Ende der -liberalen Epoche war, daß plötzlich Proklamationen -auftauchten, die zum Aufstand, zur Revolution aufforderten. -Den Proklamationen folgten die Brandstiftungen, -diesen der polnische Aufstand und drei Jahre -später das erste Attentat auf das Leben des Zaren. -</p> - -<p> -Ich führe dies hier an, um den Liberalismus unserer -Zeitschrift und folglich denjenigen, zu dem sich -Fjodor Michailowitsch bekannte, zu kennzeichnen. Leider -herrschen bei uns trotz aller historischen Erfahrungen -und Debatten, sowohl schriftlicher wie mündlicher, -noch die größten Mißverständnisse in den Begriffen: -und die wahre Bedeutung des Liberalismus ist fast -vergessen. Denn daß ein Liberaler dem Wesen der -Sache nach in der Mehrzahl der Fälle ein Konservativer -und nicht ein Progressist sein muß und schon in -keinem Fall ein Revolutionär – das wissen oder begreifen -jetzt wohl nur sehr wenige. Diesem wahren Liberalismus -ist Fjodor Michailowitsch denn auch bis -zu seinem Tode treu geblieben. Wir standen keiner -von den Parteien nahe, die praktische Aufgaben und -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -praktische Interessen hatten; wir sahen ein, daß wir -in der Sphäre allgemeiner abstrakter Fragen bleiben -mußten, und da wir glühende Patrioten und Russophile -waren, so sahen wir auch unter diesen Umständen -eine Menge Arbeit vor uns, sowohl auf dem Gebiet -der literarischen Kritik wie auf dem der Auslegung -der russischen Geschichte und des russischen Lebens; -ferner galt es, über den Westen zu schreiben, über die -europäischen geistigen und politischen Ereignisse, die -bei uns von so großem Einfluß sind. In allen diesen -Beziehungen ist nicht zu leugnen, daß die „Zeit“ eifrig -arbeitete und in keiner Hinsicht von der Verfolgung -ihrer allgemeinen Aufgabe abwich. -</p> - -<p> -Ein nicht zu umgehender Teil dieser Aufgabe war -die Polemik, da die übergroße Mehrzahl der Literaten -zur Partei der Westler gehörte und der entscheidende -Einfluß von Zeitschriften ausging, die direkt -zum Nihilismus neigten. So wurde der Kampf mit -dem Nihilismus gewissermaßen eine Spezialität der -„Zeit“, wenigstens ließ sie ihn nie aus dem Auge -und analysierte ihn von allen Seiten. In dem Zeitraum -bis zum Erscheinen des Romans „Väter und -Söhne“ von Turgenjeff (1862) hatte sie seine wesentlichen -Züge bereits festgestellt, dieselben Züge, die Turgenjeff -in lebendigen Bildern so treffend darstellte. -</p> - -<p> -Den Kampf gegen die nihilistische Richtung eröffnete -Fjodor Michailowitsch, indem er gegen die -grobmaterialistische Auffassung der Kunst schrieb, nur -begnügte er sich mit recht schwachem, nachsichtigem Widerspruch. -Da hielt ich es nicht aus und verfocht bei -der ersten Gelegenheit offen und kategorisch eine den -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -nihilistischen Lehren entgegengesetzte Richtung. Ich -kann wohl sagen, daß in mir beständig eine gewisse organische -Abneigung vor dem Nihilismus vorhanden war -und daß ich seit dem Jahre 1855, als er zuerst sich bemerkbar -zu machen begann, mit wachsendem Unwillen -sein Hervortreten in der Literatur wahrgenommen hatte. -Schon in den Jahren 1859 und 60 hatte ich gegen -die Absurditäten, die da so unzweideutig und ungeniert -ausgesprochen wurden, geschrieben, doch selbst befreundete -Redakteure wiesen mich mit aller Entschiedenheit -ab und nahmen mir sogar alle Hoffnung, jemals -meine Artikel veröffentlicht zu sehen. Damals begriff -ich, welch eine Autorität die Blätter dieser Richtung -hatten. Um so größer war meine Freude, als die Redaktion -der „Zeit“, natürlich nur dank Fjodor Michailowitsch, -meinen Artikel „Über die Petersburger -Literatur“ für die Juninummer 1861 annahm. Daraufhin -schrieb ich fast für jede Nummer in diesem -Geiste. Ich erzähle dies alles nur zur Charakteristik -der Literatur jener Zeit. -</p> - -<p> -Ich bemühte mich um die größte Gewissenhaftigkeit, -suchte meine Angriffe durch ein wirkliches Urteil zu -begründen und scheute in der Beziehung keine Mühe; um -so mehr interessierte Fjodor Michailowitsch die in ihnen -enthaltene Klarlegung der Frage. Ich erwähne das -deshalb, weil dieselbe so überaus wichtige Folgen -hatte: sie führte zunächst zum vollständigen Bruch der -„Zeit“ mit dem „Zeitgenossen“, dem angesehensten -Petersburger Journal, und später zur allgemeinen -Feindschaft fast des gesamten Petersburger Literatentums -gegen die „Zeit“. -</p> - -<p> -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -Das Problem der bei uns in Rußland sich äußernden -Verneinung wurde für unsere Literatur, für das -öffentliche Bewußtsein erst durch den Roman Turgenjeffs -„Väter und Söhne“ klargestellt, durch denselben -Roman, in dem zum erstenmal das Wort „Nihilist“ -vorkam, mit dem die Debatten über die „neuen Menschen“ -begannen und, kurz, das Ganze seine Formulierung -und Popularität erhielt. Turgenjeff verfolgte beständig -mit größter Aufmerksamkeit die Veränderungen -der bei uns herrschenden Stimmungen und der Ideale -des „Helden der Zeit“, weshalb er unsere führenden -literarischen Kreise nie aus dem Auge verlor. In -dem erwähnten Roman hatte er nun einen Typ geschildert, -der entschieden wie eine Offenbarung wirkte, -da ihn vorher niemand bemerkt hatte, doch den jetzt -plötzlich ein jeder in seiner Umgebung häufig vertreten -sah. Die Verwunderung war ungeheuer; -man verlor geradezu den Kopf, da die Überraschung -für die Dargestellten gar so unerwartet kam und sie -sich im Spiegelbilde des Romans nicht erkennen wollten, -– obschon der Autor sich keineswegs mit entschiedener -Ablehnung zu dem Helden des Romans verhielt. -Doch der jungen Generation war das zu wenig; -sie erklärte deshalb mit einem Riesenlärm, Turgenjeff, -damals der erste Name in unserer Literatur, sei -geistig zurückgeblieben und ein Gegner der allgemeinen -Sache. In den damaligen endlosen Gesprächen und -Disputen hatte ich häufig Gelegenheit, unterschiedlichen -Nihilisten zu beweisen, daß sie, wenn sie folgerichtig -dächten, sich zu denselben Anschauungen bekennen müßten, -die der Nihilist Basaroff im Turgenjeffschen Roman -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -vertritt. Die Mehrzahl des Publikums ereiferte -sich, wie gewöhnlich, sehr, hatte aber von der ganzen -Sache nur ungenaue, meist recht bunte Vorstellungen. -Die eifrigsten Anhänger der nihilistischen Richtung -vermuteten nicht einmal, daß z. B. die Wissenschaft -und die Kunst gleichfalls ihrem Götzen geopfert werden -müßten. Im April 1862 erschien in der „Zeit“ -ein Artikel von mir, der Turgenjeff als streng objektiven -Künstler scharf verteidigte, und der die Lebenswahrheit -des von ihm geschilderten Typus bewies. -Turgenjeff, der kurz nach dem Erscheinen des Artikels -in Petersburg eintraf und auf der Redaktion der -„Zeit“ erschien, wo er die Brüder Dostojewski und -mich antraf, und uns alle drei zu einem Diner im -Hotel einlud, war durch den Sturm, der sich gegen -ihn erhoben hatte, offenbar sehr beunruhigt. In den -folgenden Jahren wurde Turgenjeff mit einem ganzen -Regen von Vorwürfen und Schimpf überschüttet, so -daß er bis 1867 nichts Ähnliches veröffentlichte. -</p> - -<p> -Inzwischen erschien im Jahre 1866 der Roman -„Rodion Raskolnikoff“, in dem mit bewunderungswürdiger -Kraft ein gewisser extremer und charakteristischer -Ausdruck des Nihilismus dargestellt ist, und von diesem -Roman bis zu der kurz vor dem Tode geschriebenen -„Legende vom Großinquisitor“ zieht sich in den -Werken Dostojewskis ununterbrochen eine vielgestaltige -und tiefe Analyse unserer sittlichen und geistigen -Problematik. Betrachtet man das Ganze von diesem -Standpunkt aus, so muß man Dostojewski noch ein -ungeheures Verdienst um die Literatur und die Gesellschaft -zusprechen. Er allein hat die Aufgabe in ihrer -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -ganzen Tiefe und Breite erfaßt hat, alle Arten und Äußerungen -dieser Dummheit und Sittenlosigkeit gezeigt, -die sich in russischen Menschen entwickeln, wenn sie den -Heimatboden verlassen, d. h. wenn sie sich von der -Treue zu Rußland und vom christlichen Geist lossagen. -Er blickte in die Seelen dieser Menschen und schilderte -den Kampf ihrer Irrtümer mit dem guten Element, -das noch in ihrer Seele lebt. Dabei tritt bei ihm das -religiöse Element, wie auch die Sittlichkeit und Vaterlandsliebe -des Volkes deutlich als Gegengewicht hervor, -als Zuflucht und Rettung vor dem Chaos und der -Albernheit der verweichlichten oberen Gesellschaftsschicht. -Das Ganze ist groß, feinsinnig und tief angefaßt, -dazu mit beständigen Hinwendungen zu den ewigen -Aufgaben der Menschenseele, mit künstlerischen -Versuchen, die erhabensten, wie die anrüchigsten Geheimnisse -der Menschenherzen zu erspähen. Es ist kein -Wunder, daß solch ein Schriftsteller die Leser schließlich -außerordentlich zu interessieren begann. -</p> - -<p> -In dieser kurzen Skizze der Stellungnahme unserer -Literatur zum Nihilismus muß ich aus Sachlichkeit -auch auf meine kleine Rolle hinweisen. -</p> - -<p> -Auf Grund meines Artikels über Turgenjeff erschien -in der nächsten Nummer des „Zeitgenossen“ ein -überaus scharfer, ausschließlich gegen mich gerichteter -Artikel. Diese Ehre hatte ich hauptsächlich meiner -Analyse der nihilistischen Richtung zu verdanken. Und -mehr noch dieser meiner Richtung als einigen meiner -positiven Anschauungen schreibe ich die Bemerkung -Fjodor Michailowitschs zu, die er – viel später einmal, -als unsere Freundschaft kühler war – mir gegenüber -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -machte. Es war im Jahre 1873, als er die -Redaktion des „Bürger“ übernommen hatte. Da verlangte -er von mir, ich solle mehr schreiben; als ich darauf -sagte, ich hätte zu wenig Gedanken, um so viel zu -schreiben, fiel er mir ins Wort: „Wieso zu wenig -Gedanken? Die Hälfte meiner Anschauungen sind Ihre -Anschauungen!“ Man wird es verstehen, daß diese in -geärgertem Tone gesagte Bemerkung sich als großes -Kompliment in meinem Gedächtnis erhalten hat, und -ich schreibe sie, wie gesagt, meinem hartnäckigen Einstehen -für meinen Standpunkt gegen den Nihilismus -zu. Menschen mit künstlerischer Verstandesart sehen oft -ein großes Verdienst in der logischen Entwicklung -eines Gedankens, wozu sie selbst wenig geneigt sind, -und wenn man dann im Kern der Sache eine Übereinstimmung -findet, wie es bei Fjodor Michailowitsch und -mir größtenteils der Fall war, so ist den Künstlern die -abstrakte Formulierung ihrer Ideen und Gefühle sehr -angenehm. -</p> - -<p> -Auf den erwähnten Angriff des „Zeitgenossen“ -antwortete ich in unserer Mainummer. Doch unsere -Polemik wurde durch äußere Verhältnisse unterbrochen. -Durch irgendeine Beziehung oder eine Anzeige fiel auf -unseren Gegner der Verdacht, mit den revolutionären -Proklamationen – nach denen die Brandstiftungen in -Petersburg begannen – in Verbindung zu stehen, und -der „Zeitgenosse“ wurde auf acht Monate verboten. -Wir waren darüber aufrichtig betrübt, denn damit -war uns der Gegner genommen, während wir gerade -dem Kampf gegen ihn eine große Bedeutung beimaßen. -Wir wußten sehr gut, daß seine Richtung trotz -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -seines Schweigens oder sogar noch mehr dank diesem -unfreiwilligen Schweigen fortfuhr, sich im Publikum -zu entwickeln und zu erstarken. Uns aber fehlte jetzt der -allgemein anerkannte Repräsentant der Richtung. -Doch ganz abgesehen von diesem sozusagen internen -Kummer, war schon die allgemeine Lage -sehr schwer und traurig. Die Feuersbrünste flößten -ein Grauen ein, das sich schwer beschreiben läßt. Ich -entsinne mich noch, wie ich einmal mit Fjodor Michailowitsch -nach den Inseln hinausfuhr. Vom Schiff aus -sah man in der Ferne Rauchwolken, die sich an drei -oder vier Stellen über der Stadt erhoben. Wir kamen -in einen der Vergnügungsparks, wo eine Musikkapelle -spielte und Zigeuner sangen. Aber wie gern wir uns -auch zerstreut und amüsiert hätten, die schwere Stimmung -ließ sich doch nicht verscheuchen, und es zog mich -bald nach Haus. Daß bei diesen Feuersbrünsten Brandstiftung -vorlag, war kaum zu bezweifeln, nur sind sowohl -diese wie auch noch andere traurige Vorfälle jener -Zeit aus irgendwelchen Gründen vollkommen unaufgeklärt -geblieben. -</p> - -<p> -Im Juni dieses Jahres (1862) trat Fjodor Michailowitsch -seine erste Reise ins Ausland an. Er fuhr -u. a. nach Paris und London, wo er mit Alexander -Herzen zusammentraf, den er damals noch sehr milde -beurteilte. Seine „Winteraufzeichnungen“ verraten sogar -ein wenig den Einfluß Herzens. Später aber, in -den letzten Jahren, äußerte er oft seinen Unwillen über -die Unfähigkeit Herzens, das russische Volk zu verstehen -und seine volkliche Eigenart zu schätzen. Mißachtung -der einfachsten und gutmütigen Sitten, Stolz auf den -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Besitz der Aufklärung – diese Züge Herzens ärgerten -Fjodor Michailowitsch sehr; übrigens verurteilte er dieselben -auch an Gribojedoff, nicht nur an unseren Revolutionären -und kleinen Anklägern. -</p> - -<p> -Aus Paris erhielt ich von Fjodor Michailowitsch -einen Brief, in dem er mir genau angab, wie und wo -wir uns in Genf treffen könnten, wohin er von Köln -aus, den Rhein hinauf, fahren wollte. Die Fortsetzung -des Briefes führe ich hier an, da sie viel für ihn Bezeichnendes -wiedergibt. -</p> - -<p> -„... Liebster Nikolai Nikolajewitsch, es ist jetzt -eine schlimme Zeit, wie Sie schreiben – eine Zeit ungewisser -und quälender Erwartung. Aber eine Zeitschrift -ist doch eine große Sache ... Herrgott, wenn -man bedenkt, wieviel noch nicht getan und noch -nicht gesagt ist! Und ich sitze hier in der sogenannten -schönen Fremde und brenne doch schon darauf, wenn -auch nicht körperlich, so doch geistig, wieder nach Rußland -zurückzukehren. Ein jeder, ein jeder muß jetzt mithelfen -und vor allem danach trachten, auf den richtigen -Weg zu kommen! Gar zu sehr haben sich die Begriffe -in unserer Gesellschaft verwirrt. Ein allgemeines -Zweifeln und Nicht-Wissen hat begonnen ... Ach, Nikolai -Nikolajewitsch, Paris ist die langweiligste Stadt, -und wenn es hier nicht sehr viel wirklich gar zu bemerkenswerte -Dinge gäbe, so könnte man wahrlich -sterben vor Langweile. Die Franzosen sind, bei Gott, -ein Volk, von dem einem übel wird. Sie sprachen einmal -von den selbstzufrieden-frechen und gemeinen Gesichtern, -die auf unseren Petersburger mondänen Promenaden -florieren. Aber ich schwöre Ihnen, die hiesigen -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -wiegen die unsrigen auf. Bei uns sind es einfach -fleischfressende Lumpen, und zwar wissen sie das größtenteils -selber. Hier aber ist der Kerl vollkommen überzeugt, -daß es gerade so sein müsse. Der Franzose ist -still, ehrlich, höflich, aber falsch und das Geld ist bei -ihm alles. Von Idealen keine Spur. Nicht nur keine -Überzeugungen, sogar eigenes Nachdenken dürfen Sie -nicht verlangen. Das Niveau der allgemeinen Bildung -ist bis zum Äußersten niedrig (ich spreche nicht von den -staatlich angestellten Gelehrten, dieser gibt es doch -nicht viele, und schließlich, ist denn Gelehrtheit Bildung -in dem Sinne, wie wir dieses Wort zu verstehen -gewöhnt sind?) ... Es gibt gewisse Dinge, die zu bemerken -und zu verstehen eine halbe Stunde genügt, -und die doch ganze Seiten der Nation deutlich bezeichnen, -eben durch den Beweis, daß solche Tatsachen möglich -sind, daß es so etwas wirklich gibt ... Und noch -etwas, Nikolai Nikolajewitsch: Sie ahnen nicht, wie -die Einsamkeit einem hier die Seele bedrückt. Man -kommt in eine ganz sehnsüchtige und schwermütige -Stimmung. Freilich, Sie sind ein einsamer Mensch -und haben keinen Grund, mich deshalb besonders zu -bedauern. Aber nichtsdestoweniger: man fühlt sich gewissermaßen -losgelöst vom Erdboden und zurückgeblieben -hinter der wichtigen, von uns verrichteten Arbeit -und den laufenden Fragen im eigenen Vaterlande. -Allerdings habe ich es bisher ungünstig getroffen im -Auslande; scheußliches Wetter und zudem treibe ich -mich immer noch in Nordeuropa umher und habe von -den Naturwundern nur den Rhein mit seinen Ufern -gesehen. (Nikolai Nikolajewitsch! Das ist wirklich ein -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -Wunder!) Was wird es erst weiterhin geben, wenn -ich von den Alpen in die Täler Italiens hinabsteige. -Ach, wenn wir’s doch zusammen könnten! Wir sehen -uns dann Neapel an, gehen in Rom spazieren, ja vielleicht -liebkosen wir sogar eine junge Venezianerin in -der Gondel (– Was meinen Sie? Nikolai Nikolajewitsch?) -Doch – ‚kein Wort, kein Wort, ich schweige -schon‘, – wie Poprischtschin<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> in einem ähnlichen Falle -sagt ... Leben Sie wohl. Übrigens richtiger: auf -Wiedersehen. Es ist doch nicht möglich, daß wir uns -hier im Auslande <em>nicht</em> treffen! Das würde ich mir -niemals verzeihen. Ich drücke Ihnen kräftig die Hand. -Grüßen Sie von mir alle unsere gemeinsamen Bekannten. -Wie benimmt sich Ihr unerzogener Kater? Addio! -</p> - -<p class="sign"> -Ihr Dostojewski.“ -</p> - -<p class="noindent"> -In meiner Antwort auf diesen Brief versprach ich, -zur rechten Zeit in Genf einzutreffen, was ich denn -auch tat. Um ihn dort zu finden, versuchte ich es mit -einem bewährten Mittel: ich begab mich auf die -Hauptpromenade, den Kai, und suchte dort die besten -Cafés auf. Wenn ich nicht irre, traf ich ihn gleich -im ersten. Unsere Freude war natürlich groß, zumal wir -uns beide lange Zeit in der Umgebung von ausschließlich -Fremden vereinsamt gefühlt hatten, und unsere -Begrüßung war denn auch so lebhaft und unsere Freude -so laut, daß wir die anderen Cafébesucher, die würdig -und schweigsam an ihren Tischchen vor den Zeitungen -saßen, belästigten. Wir beeilten uns deshalb, -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -hinauszukommen und waren von nun an selbstverständlich -unzertrennlich. Fjodor Michailowitsch war kein -Meister im Reisen; ihn interessierte weder die Natur -besonders, noch historische Sehenswürdigkeiten, noch -Kunstwerke, außer vielleicht die allergrößten. Seine -ganze Aufmerksamkeit war auf die Menschen gerichtet: -und nur ihre Natur, ihren Charakter suchte er zu erfassen -und vielleicht noch so den Gesamteindruck des -Straßenlebens. Er begann mir auch sogleich mit Eifer -auseinanderzusetzen, daß er die übliche Manier der -Reisenden verachte – nach dem Führer alles Berühmte -sich anzusehen. Und tatsächlich, wir sahen uns nichts -an, sondern spazierten nur, wo es mehr Menschen gab, -und unterhielten uns. Genf fand er im allgemeinen -düster und langweilig. Auf meinen Vorschlag machten -wir an einem schönen Tage einen Ausflug nach Luzern. -Dann wollte ich unbedingt nach Florenz, von -welcher Stadt Apollon Grigorjeff so begeistert geschrieben -und erzählt hatte. Wir fuhren über Turin, Genua, -Livorno. Von Turin, der Stadt mit den geraden, ebenen -Straßen, sagte Fjodor Michailowitsch, daß es ihn -an Petersburg erinnere. In Florenz verbrachten wir -eine Woche in einem bescheidenen Hotel „Pension Suisse“ -(Via Tornabuoni). Wir hatten es dort gut, denn -das Hotel war nicht nur bequem und solid eingerichtet, -es zeichnete sich auch noch durch gewisse patriarchalische -Sitten aus und nicht durch jene widerlichen Ansprüche -auf Luxus und andere Hotelunsitten, die sich in -ihm schon ziemlich eingebürgert hatten, als ich 1875 -wieder dort einkehrte. Auch in Florenz taten wir nichts -von alledem, was Touristen zu tun pflegen. Wir brachten -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -die Tage zu in Spaziergängen und bei der Lektüre -von Victor Hugos Roman „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Les misérables</span>“, -der damals erschien und den Fjodor Michailowitsch -Teil für Teil kaufte und von denen wir drei oder -vier in dieser Woche durchlasen. Aber ich wollte doch -nicht die Gelegenheit versäumen, die großen Kunstschätze -kennen zu lernen, und wollte in ruhiger, aufmerksamer -Betrachtung versuchen, den geistigen Überschwang, -der diese Schönheit geschaffen hatte, zu erfassen -und nachzuempfinden. So besuchte ich denn mehreremal -die <span class="antiqua">galleria degli Uffizii</span>. Einmal gingen -wir auch zusammen hin. Da wir aber keinen bestimmten -Vorsatz hatten und unvorbereitet waren, so begann -Fjodor Michailowitsch sich alsbald zu langweilen und -wir verließen die Galerie, ich glaube, noch bevor wir -zur Venus von Medici gekommen waren. Dafür waren -unsere Spaziergänge in der Stadt sehr unterhaltsam, obschon -Fjodor Michailowitsch manchmal fand, daß der -Arno an die Fontanka, einen Petersburger Kanal, erinnere, -und obgleich wir kein einziges Mal in den -Cascinen waren. Am schönsten aber waren unsere Gespräche -abends vor dem Schlafengehen bei einem Glase -roten Landweins. Da ich auf den Wein zu sprechen gekommen -bin, möchte ich bemerken, daß Fjodor Michailowitsch -in dieser Beziehung äußerst mäßig war. Ich -erinnere mich nicht eines einzigen Falles in den ganzen -zwanzig Jahren, wo ich an ihm auch nur die geringste -Wirkung getrunkenen Weines bemerkt hätte. -Eher bekundete er eine kleine Vorliebe für Süßigkeiten. -Sonst war er im Essen sehr mäßig. -</p> - -<p> -Aus den „Winteraufzeichnungen“ werden die Leser -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -am besten ersehen, worauf seine Aufmerksamkeit im -Auslande wie überall gerichtet war: ihn interessierten -die Menschen, ausschließlich die Menschen mit ihrer -Seelenart, ihrer Lebensweise, ihren Gefühlen und Gedanken. -</p> - -<p> -In Florenz trennten wir uns. Er wollte nach Rom -reisen (wozu es jedoch nicht kam) und ich wollte noch -auf eine Woche nach Paris. -</p> - -<p> -Im September war unsere ganze Redaktion wieder -vollzählig in Petersburg versammelt. Apollon Grigorjeff -war schon im Sommer aus Orenburg zurückgekehrt. -Wir machten uns alle mit Lust an die Arbeit -und es ging so gut, daß es eine Freude war. -</p> - -<p> -Das folgende Jahr, 1863, war eine bedeutungsvolle -Zeit in unserer allgemeinen Entwicklung. Im Januar -brach der polnische Aufstand aus und rief in unserer -Gesellschaft eine große Bestürzung hervor, die -eine schroffe Wandlung einzelner Ansichten zur Folge -hatte. Bei der liberalen Stimmung nicht nur der Gesellschaft, -sondern auch der regierenden Kreise, hatte -man die polnische Frage anfangs überhaupt nicht richtig -aufzufassen verstanden. Polen, der Selbständigkeit -beraubt, erwies sich als Ausgangspunkt unvermeidlicher -Erschütterungen. Nicht wenige Patrioten sagten -schon lange, daß wir Polen, indem wir es Rußland -einverleibten, <em>in unseren Körper</em> wie irgendeine -schädlich wirkende Medizin aufgenommen hätten. -Deshalb vertraten der „Tag“ und die „Moskauer -Nachrichten“ zunächst den Standpunkt, daß die beste -Lösung des Problems vielleicht wäre, Polen abzuschütteln -und seinem eignen Schicksal zu überlassen. Da -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -kamen aber die Ansprüche der Polen auf das Westgebiet, -und diese warfen einerseits ein ganz neues Problem auf, -andererseits verwirrten sie die Mehrzahl der gebildeten -Leute so weit, daß sie in ihrer tiefen Unkenntnis der -Sache mit der Erfüllung dieser neuen Forderungen einverstanden -gewesen wären. Da waren es die beiden genannten -Moskauer Blätter, die viel zu einer richtigen -Beurteilung der Sachlage beitrugen. In der Gesellschaft -kam es zu einem krassen Umschwung der Anschauungen: -der Patriotismus loderte auf, die nicht bodenständigen -Liberalen verloren ihre Bedeutung und Alexander -Herzen, der es sich einfallen ließ, für die Polen -einzutreten, verlor auf immer sein Ansehen bei den -Lesern. -</p> - -<p> -Die Petersburger Literatur hatte zu diesen Vorgängen -von Anfang an fast ausnahmslos geschwiegen, -vielleicht deshalb, weil sie nicht wußte, was sie sagen -sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten <a id="corr-3"></a>Standpunkte -aus urteilte und den Anmaßungen der Aufständischen -sogar beistimmte. Dieses Schweigen reizte die -Moskauer Patrioten und die patriotisch Gesinnten der -Regierungskreise. Sie fühlten, daß in der Gesellschaft -eine den Staatsinteressen in diesem Augenblick feindliche -Stimmung oder Richtung vorhanden war und -waren darüber mit Recht empört. Und diese Empörung -wartete nur auf die erste Kundgebung der geheimen -Stimmung, die sich vorläufig nur durch Schweigen -ausdrückte, um sie dann als Feind im Innern niederzuschlagen. -Und so geschah es denn auch, nur daß die -Strafe infolge eines Mißverstehens nicht die Schuldigen -traf, sondern die „Zeit“. -</p> - -<p> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -Es muß eingestanden werden, daß unsere Zeitschrift -den Aufgaben, die zu erfüllen die Pflicht eines jeden -Blattes, besonders eines patriotischen gewesen wäre, nur -mangelhaft nachkam. Die „Zeit“ war in diesem Jahr -in literarischer Hinsicht allerdings interessant, aber zur -Polnischen Frage hatte sie sich überhaupt noch nicht -geäußert. Ihr erster Artikel über dieses Problem war -ein Aufsatz von mir in der Aprilnummer: „Eine verhängnisvolle -Frage.“ Und eben dieser Aufsatz wurde -mißverstanden und veranlaßte das Verbot der Zeitschrift. -</p> - -<p> -Selbstverständlich war weder bei den Brüdern Dostojewski -noch bei mir auch nur eine Spur von Polonophilismus -vorhanden. Der Sinn meines Artikels -war der, daß wir mit den Polen nicht nur materiell, -sondern auch geistig kämpfen müßten und die endgültige -Lösung des Problems erst dann eintreten würde, -wenn wir die Polen geistig besiegt hätten. Die Polnische -Frage erfordert mehr als jede andere die Mitwirkung auch -aller unserer inneren Kräfte, sie erinnert uns an unseren -Unterschied von Europa und verheißt Klärung -und Entwicklung unserer selbständigen Elemente. In -Wirklichkeit, im Leben, übertreffen wir die Polen unendlich; -doch diese unsere Stärke muß man zu Bewußtsein -bringen und aus ihr klare Formen geistiger -und kultureller Entwicklung schöpfen. Beide Dostojewskis -waren mit meinem Artikel sehr zufrieden und stolz -darauf, daß sie ihn brachten. Im Grunde war es eine -Umprägung der politischen Frage in eine abstrakte -Formel. Aber das Leben mit seinen konkreten Gefühlen -und Taten ging so glühend vorwärts, daß es diesmal -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -die Abstraktheit nicht ertrug. Insofern war dieser -unselige Artikel natürlich schlecht geschrieben. Nachher -machte mir Fjodor Michailowitsch einen leisen -Vorwurf eben wegen der trockenen Abstraktheit meiner -Ausführungen, was mich damals ein wenig kränkte; -doch jetzt gebe ich gern zu, daß er recht hatte. Es -tut mir weh, an den Kummer zu denken, den ich unfreiwillig -vielen Patrioten zufügte. Aber eine noch viel -größere Strafe war es, daß andere wiederum mich -für einen Polonophilen hielten und mir gegenüber -gerade aus diesem Grunde eine besondere Hochachtung -bezeugten. Das schmerzte mich mehr als alle verächtlichen -Blicke, deren ich so viele zu ertragen hatte, und -alle betonte Kühlheit sogar meiner nahen Bekannten, -weil ich in ihren Augen ein Konservativer und Rückschrittler -war. Dieses unklare Denken, diese kurzsichtige -und enge Auffassung aller Fragen, diese verblüffende -Armut an Logik und Kritik findet man in jeder -Gesellschaft, in der unsrigen aber hat sie einen besonderen -Einfluß. Das ist natürlich von großem Übel, -denn es stört die Entwicklung des Denkens und somit -auch die der Literatur. Doch um den unangenehmen -Eindruck zu erklären, den der Ton meiner Schrift hervorrief, -muß ich noch ein paar Worte über mich sagen. -</p> - -<p> -Grenzenloser Patriotismus – das war die Gefühlswelt, -in der ich fern von den Hauptstädten aufgewachsen -und erzogen worden war. Rußland erschien -mir als ein Land von ungeheuren Kräften, mit unvergleichlichem -Ruhm bedeckt, als erstes Land der Welt, -so daß ich im buchstäblichen Sinn des Wortes Gott dafür -dankte, daß ich als Russe zur Welt gekommen war. -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Deshalb konnte ich es lange Zeit überhaupt nicht fassen, -daß es Menschen gab, die in der Beziehung anders -fühlten und dachten, und ebenso schwer war mir, Anschauungen -zu verstehen, die diesem meinem Gefühl -widersprachen. Als ich mich aber schließlich überzeugte, -daß Europa uns verachtet, daß es in uns ein -halbbarbarisches Volk sieht und daß es für uns nicht nur -schwierig, sondern einfach unmöglich ist, die europäischen -Völker zu einer anderen Auffassung von uns zu -bekehren, da war diese Entdeckung unsäglich schmerzlich -für mich, und diesen Schmerz empfinde ich auch -jetzt noch. Aber ich habe nie auch nur daran gedacht, -mich von meinem Patriotismus loszusagen oder meinem -Vaterlande und seinem Geist den Geist gleichviel -welch eines anderen Landes vorzuziehen. Wenn es mir -auch häufig schien, daß Rußland, wie der Dichter Tjutscheff -sagt, „nicht mit dem Verstande zu erfassen“ sei -und man an Rußland „nur glauben“ könne, so begann -ich doch mit der Zeit immer besser zu erkennen, wie -es kam, daß „der stolze Blick der andren Völker -nicht verstehen und nicht erkennen kann, was in Rußlands -demütiger Nacktheit glüht und voll Geheimnis -leuchtet“. Die Verachtung der Europäer war nur der -beständige Stachel, der sowohl meine Treue zum Geist -meines Volkes verstärkte, wie er das Verstehn dieses -Geistes förderte. Eben diese Treue und dieses Verstehen -wollte ich auch in anderen erwecken, und deshalb -hatte ich von der Anmaßung der Polen geschrieben und -darauf hingewiesen, daß wir uns nur durch unerschütterlichen -Glauben an uns selbst und die Erkenntnis -des Geistes, den wir in uns tragen, über ihre Anmaßung -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -stellen können. Unser Unglück besteht vorläufig -nur in der Schwierigkeit und Unklarheit dieser Erkenntnis. -Doch dieses Unglück lastet nur auf denen, die -sich vom Boden losgerissen haben. Wer aber von uns -bestehen will, der suche diesen Geist und richte seinen -Verstand darauf, sein Wesen zu erkennen. -</p> - -<p> -Der polnische Aristokratismus ist schon im allgemeinen, -besonders aber in seinem Gegensatz zu dem -angrenzenden russischen Gebiet, für jeden Russen -etwas Widerliches; er hat auch am meisten zum -Untergang Polens beigetragen. Er selbst hat sich durch -die traditionelle Aneignung der europäischen Bildung -entwickelt, auf der er auch jetzt noch beruht. Daraus -folgt, daß es zuweilen besser ist, in der Kultur zurückzubleiben, -dafür aber seinen eigenen Geist zu behalten -und nicht in diesen rettungslosen Zwiespalt der Ziele -und Gefühle zu geraten, in dem sich jetzt die Polen befinden. -In diesem Sinne hatte ich meinen Artikel „Eine -verhängnisvolle Frage“ genannt. Ich war bereit, unumwunden -zu sagen, daß es für die Polen keine Rettung -mehr gibt, daß die Geschichte sie zum Untergang -verurteilt hat. Doch der Artikel entsprach in seiner zu -abstrakten Form nicht den landläufigen Begriffen und -man verstand ihn falsch. Als sich das Gerücht verbreitete, -der „Zeit“ drohe Gefahr, wollten wir es zunächst -nicht glauben, denn unser Gewissen war rein. Bald -aber war es zu spät zu einer Erklärung: man hatte -uns für schuldig befunden und erlaubte uns nicht einmal -mehr einen Rechtfertigungsversuch. Die Zeitschrift -wurde bedingungslos untersagt und zwar für -immer. Ich hatte natürlich alles getan, was ich konnte -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -und wozu man mir riet, doch selbst Persönlichkeiten -wie Katkoff<a class="fnote" href="#footnote-6" id="fnote-6">[6]</a> und Aksakoff<a class="fnote" href="#footnote-7" id="fnote-7">[7]</a> vermochten nicht das -Geringste auszurichten. -</p> - -<p> -Unsere Lage war nicht nur ärgerlich, sie war sogar -ziemlich schwierig. Mir drohte Ausweisung aus Petersburg, -wir alle verloren den Abnehmer für unsere Arbeiten, -und noch schlimmer wurden durch den Schlag -die Redakteure getroffen, die nun alle ihre Hoffnungen -vernichtet sahen. Dennoch kann ich nicht behaupten, -daß wir den Kopf hängen ließen. Wir trösteten -uns damit, daß der ganze unangenehme Zwiespalt immerhin -eine glänzende Reklame für uns sei, zumal der -wahre Sachverhalt in den literarischen Kreisen und -im Publikum schon bekannt wurde. -</p> - -<p> -Doch unseren neuen Hoffnungen war es nicht bestimmt, -in Erfüllung zu gehen. Michail Michailowitsch -erhielt nach acht Monaten allerdings die Erlaubnis, -ein neues Blatt zu gründen, die „Epoche“, doch begann -sie nach mehrfachen Verzögerungen unter sehr -ungünstigen Verhältnissen zu erscheinen. Fjodor Michailowitsch -war gegen Ende des Sommers ins Ausland -gereist und hatte dort wieder gespielt, aber diesmal -verloren. Kennen gelernt hatte er das Roulette -schon auf der ersten Reise und dabei über 1000 Francs -gewonnen. Im Spiel sah er übrigens für sich nichts -Schlimmes, da er sich sagte, als Schriftsteller müsse -er auch diese Leidenschaft und die Sitten der Spielorte -kennen lernen. Soweit ich mich erinnere, hatte er -genügend Geld zur Reise mitgenommen, doch infolge -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -der Spielverluste erhielt ich Ende September einen -Brief von ihm, in dem er mich dringend bat, zum -Verleger Boborykin zu gehen und für einen noch ungeschriebenen -Roman dreihundert Rubel als Vorschuß -zu erbitten. „Mag Boborykin erfahren,“ schrieb er, -„wie es der ‚Zeitgenosse‘ und die ‚Vaterländischen -Annalen‘ erfahren haben, daß ich, abgesehen von meinem -ersten Roman ‚Arme Leute‘, in meinem Leben noch -niemals etwas geschrieben habe, ohne das Honorar -im voraus fordern zu müssen. Ich bin als Literat ein -Proletarier und wenn jemand meine Arbeit wünscht, -so muß er mir vorher meinen Lebensunterhalt sichern. -Diese Methode verwünsche ich selbst. Aber es ist einmal -so und wird sich wahrscheinlich nie ändern ...“ -Aus dem Auslande kehrte er im Spätherbst zurück. Als -jedoch die „Epoche“ zu erscheinen begann, war er in -Moskau, wo seine Frau im Sterben lag, und, selber -krank, konnte er nichts schreiben. Mein Leitartikel „Der -Umschwung“ wurde von der Zensur gestrichen, da sie -mich für sehr gefährlich hielt, obgleich ich nur den -einen Wunsch hatte, meine patriotische Gesinnung zu -beweisen. Die anderen Mitarbeiter hielten nicht mehr -so zusammen wie früher. Doch vor allem hatte sich das -Verhalten des Publikums zur Literatur geändert. Es hatte -sich im Jahre 1863 allerdings ein mächtiger „Umschwung“ -der Meinungen vollzogen. Das gutgläubige Publikum -hatte zum erstenmal wahrgenommen, wohin die gewisse -Literaturpartei es führte, und wandte sich nicht -nur von ihr, sondern von der Literatur überhaupt ab. -Ganz Russland wurde von Patriotismus erfaßt, und -da die Literatur nicht sehr patriotisch war, so verlor -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -man den Geschmack an ihr. Unter solchen Umständen -hätte es von seiten des Redakteurs einer besonderen -Energie bedurft, um die Sache durchzuführen, diese -aber fehlte Michail Michailowitsch. Auch Fjodor Michailowitsch -konnte nach dem Tode des Bruders trotz -aller Energie den Fall der Zeitschrift nicht abwenden. -Als die „Epoche“ mit dem Februarheft 1865 zu Ende -ging, war außer den Einnahmen auch noch das Kapital -verloren, das eine reiche Moskauer Verwandte -den beiden Brüdern vermacht und auf deren Bitte im -voraus ausgezahlt hatte (jedem zehntausend Rubel), -und überdies lastete auf Fjodor Michailowitsch noch -eine Schuld von fünfzehntausend Rubeln. Wenn wir -jedoch in Erwägung ziehen, daß nach dem Abbruch der -journalistischen Tätigkeit schon im nächsten Jahre -(1866) der Roman „Rodion Raskolnikoff“, 1868 der -„Idiot“, 1870 die „Dämonen“ erschienen, so muß man -den Bankerott der „Epoche“ für ein Glück ansehen, -denn hätte die Zeitschrift weiterbestanden, so wäre Fjodor -Michailowitschs Arbeitskraft von ihr absorbiert -worden. -</p> - -<p> -Im Juli 1865 trat Fjodor Michailowitsch wieder -eine Auslandsreise an, von der er im November nach -Petersburg zurückkehrte, wo er das ganze nächste Jahr -blieb. Diese beiden Jahre waren für ihn eine sehr -schwere Zeit. Krank, einsam, von Gläubigern bedrängt, -hatte er noch für die zahlreiche Familie des verstorbenen -Bruders zu sorgen. Man kann nicht umhin, die -Energie zu bewundern, mit der er alles überwindet -und in derselben Zeit noch sein erstes großes Werk „Rodion -Raskolnikoff“ schreibt. Im Oktober 1866 begann -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -er den kleinen Roman „Der Spieler“ niederzuschreiben, -doch als er sah, daß er zum Termin nicht fertig -werden konnte, erkundigte er sich bei einem Lehrer der -Stenographie nach einer Stenographin. Der Lehrer -empfahl ihm seine beste Schülerin, Anna Grigorjewna -Ssnitkina, ein junges Mädchen, das kurz vorher das -Mariengymnasium beendet und in demselben Jahre -seinen Vater verloren hatte. Sie war mit Freuden bereit, -der Aufforderung Dostojewskis, des von ihrem -Vater bevorzugten Schriftstellers, nachzukommen, um so -mehr, als er auch von ihr wie von ihrer ganzen Verwandtschaft -mit Spannung gelesen wurde. Dieses -junge Mädchen sollte später seine Frau werden. Auch -in der Ehe half ihm Anna Grigorjewna beständig bei -der Arbeit. Er diktierte ihr nach seinen Entwürfen, -die er ins unreine mit vielen Korrekturen, Einschaltungen -usw. niedergeschrieben hatte, worauf sie ihre -stenographische Niederschrift umschrieb. Ihre Trauung -fand am 15. Februar 1867 statt. Der Ehe entsprossen -vier Kinder: Ssofja, geb. am 28. Februar -1868 in Genf und gest. am 12. Mai; Ljubow, geb. -am 14. September 1869 in Dresden; Fjodor, geb. -am 16. Juli 1871 in Petersburg; und Alexei, der am -12. August 1875 in Staraja Russa zur Welt kam und -am 16. Mai 1878 in Petersburg starb. -</p> - -<p> -Im zweiten Monat nach der Hochzeit reisten sie -ins Ausland, wo sie viel länger verblieben, als sie beabsichtigt -hatten und wünschten. Von Berlin fuhren -sie nach Dresden, wo sie sich zwei Monate aufhielten, -von dort nach Baden-Baden, wo Fjodor Michailowitsch -wieder spielte, zuerst gewann, später aber alles -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -verlor, so daß er nur dank dem von Katkoff nachgeschickten -Vorschuß Baden-Baden verlassen konnte. In -Genf trafen sie mit nur dreißig Franken ein. Dort -verlebten sie den Winter 1867–68, in welcher Zeit -Fjodor Michailowitsch den „Idiot“ schrieb. Sie führten -ein einsames, einförmiges Leben, hatten keine Bekannten, -außer einem Landsmann, der sie zuweilen besuchte -und ihnen manchmal aus der größten Verlegenheit -half, indem er ihnen fünf oder zehn Franken -lieh. Die Geburt des ersten Töchterchens war eine große -Freude. Fjodor Michailowitsch lebte förmlich auf und -verbrachte jeden freien Augenblick am Kinderwagen und -freute sich über jede Bewegung der Kleinen. Ihren Tod -hat er nie verschmerzen können. Den Sommer 1868 -verbrachten sie in Vevey am Genfer See. Im September -reisten sie nach Italien; zwei Monate verlebten -sie in Mailand, darauf den Winter 1868/69 in -Florenz, wo er den „Idiot“ beendete. Das Leben in -Florenz verlief für sie ebenso eintönig wie in der -Schweiz, doch konnten sie hier wenigstens die Gemäldegalerien -besuchen, was besonders Anna Grigorjewna -sehr oft tat. Zu den Kunstwerken, die Fjodor -Michailowitsch am meisten gefielen, gehörte der Turm -des Florentiner Domes von Giotto und die Türen -des Battistero von Lorenzo Ghiberti. Zu den Italienern -verhielt er sich übrigens immer mit großer -Sympathie, fand sie schlicht und gutmütig – -die Menschen aus dem einfachen Volk erinnerten ihn -an russische Bauern. Zuweilen besuchten Dostojewskis -auch das Theater, doch das geschah immerhin sehr selten, -da bei ihnen ständig Geldmangel herrschte. -</p> - -<p> -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Im Juli 1869 kehrten sie über Venedig, Triest, -Wien und Prag nach Dresden zurück. In den letzten -Monaten des Jahres 1869 schrieb er die Novelle -„Der Gatte“ und das ganze folgende Jahr die „Dämonen“. -In Dresden, wo ihnen wieder ein Töchterchen -geboren wurde, mußten sie fast volle zwei Jahre -bleiben, was Fjodor Michailowitsch sehr schwer fiel, -da ihn beständig Heimweh und der Gedanke quälte, -daß er Rußland fremd werde, Rußland nicht mehr -kenne. Die Rückkehr war ihnen jedoch unmöglich, da -sie dazu einer größeren Summe bedurften. Das Geld -aber, das sie erhielten, reichte trotz ihres bescheidenen -Lebens nicht aus: einen bedeutenden Teil desselben -verbrauchte der Unterhalt der Witwe des Bruders -und seines Stiefsohnes aus erster Ehe, und außerdem -mußten noch Prozente für die bei der Abreise -versetzten Sachen bezahlt werden; trotzdem verfielen -sie zu guter Letzt. Schließlich wurde ihnen der Aufenthalt -im Auslande doch zu unerträglich, und sie beschlossen, -alle schweren Folgen auf sich zu nehmen -– es galt, noch die Schulden zu bezahlen – -und am 8. Juli 1871 trafen sie in Petersburg ein. -</p> - -<p> -Das letzte Jahrzehnt seines Lebens brachte Fjodor -Michailowitsch in Petersburg zu, abgesehen von -kürzeren Reisen nach Ems zu Kurzwecken und dem -Sommeraufenthalt in Staraja Russa, wo sie seit 1872 -nicht nur jeden Sommer, sondern auch den einen -Winter verlebten, als Fjodor Michailowitsch seinen -vierten großen Roman schrieb (1874/75). Im Frühling -des Jahres 1876 kauften sie sich in Staraja Russa -(im Gouvernement Novgorod, südlich vom Ilmen-See) -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -ein Haus mit einem großen alten Garten. Im -Juni des Jahres 1879 machte er mit Wladimir Ssolowjoff<a class="fnote" href="#footnote-8" id="fnote-8">[8]</a> -eine Reise nach einem Kloster in der Nähe -von Koselsk (im Gouvernement Kaluga), der Koselskaja -Optina, wo er sich fast eine Woche aufhielt. Die -Eindrücke dieser Reise sind in den „Brüdern Karamasoff“ -wiedergegeben. So sehen wir denn, daß das -Leben Fjodor Michailowitschs zu guter Letzt in vollkommen -geregelten Verhältnissen verlief und aus einem -mehr oder weniger unsteten ein seßhaftes wurde. Diese -Besserung der Verhältnisse, die ihm eine gesündere -Lebensweise und Freiheit in der Wahl seines Aufenthaltsortes -gestattete, war hauptsächlich darauf zurückzuführen, -daß Anna Grigorjewna es auf sich nahm, -im Selbstverlage Neuausgaben seiner früheren Werke -zu machen, was sie im Jahre 1873 mit den „Dämonen“ -begann. Fjodor Michailowitsch war nicht nur -auf den geistigen Erfolg seines Schaffens aufrichtig -stolz, er war auch stolz auf den materiellen Erfolg und -freute sich, daß er seine Schulden bezahlen konnte und -sich nicht mehr mit dem Gedanken zu quälen brauchte, -daß seine Familie einst in Armut zurückbleiben werde. -1878 wandte er sich zum letztenmal mit der Bitte um -Vorschuß an die Redaktion des „Russischen Boten“, -die ihren Mitarbeiter so lange und bereitwillig mit -großen und kleinen Vorschüssen unterstützt hatte. Später -hatte er es nicht mehr nötig und konnte sogar ein -kleines Kapital beiseite legen. Die Redaktion der -„Vaterländischen Annalen“, in denen seine zwei letzten -Romane erschienen, zahlte allein für den ersten -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -Abdruck der „Jugend“ 250 Rubel pro Druckbogen, -für den Abdruck der „Brüder Karamasoff“ 300 Rubel -pro Druckbogen. -</p> - -<p> -Im letzten Jahrzehnt seines Lebens trat er als -Publizist nur in den Jahren 1873 und 1876/77 hervor. -Die Redaktion des „Bürgers“ war ihm vom -Fürsten W. Meschtscherski angeboten worden. Er -erhielt für seine Tätigkeit 250 Rubel monatlich, -außer dem Honorar für seine Artikel. Fürst -Meschtscherski war ihm überaus zugetan und ließ sich -gern von ihm beeinflussen. Wer diesen Jahrgang des -„Bürger“ liest, wird sich alsbald überzeugen, wieviel -Arbeit und Sorgfalt vom Redakteur auf ihn verwandt -worden ist. Leider ist es mir nicht bekannt, aus welchen -Gründen und Erwägungen Fjodor Michailowitsch -die Redaktion später niederlegte. -</p> - -<p> -„Das Tagebuch eines Schriftstellers“ erschien seit -1876. Es hatte einen Riesenerfolg und war tatsächlich -ein glücklicher Gedanke, da es dem Bedürfnis und -der Schreibweise Fjodor Michailowitschs durchaus -entsprach. Jede Nummer enthielt eigentlich nur eine -Reihe von Feuilletons, wenn man sich so ausdrücken -kann, in denen er über die verschiedensten Tagesfragen, -vornehmlich jedoch über politische, soziale und literarische -Fragen schrieb. Ja man kann sagen, daß -er in seinem „Tagebuch“ gewissermaßen seine eigene -Biographie dieser Zeit geschrieben hat, denn er hat -in ihm alles zur Sprache gebracht und erklärt, was -ihn in jedem der zwölf Monate dieser Jahre beschäftigt, -was er gedacht und gefühlt hat. Und nirgends, scheint -es mir, drückt sich seine Energie und sein Mut so -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -deutlich aus wie in diesem „Tagebuch“. Besonders -setzte die Richtung dieser Zeitschrift die Leser in Erstaunen -und riß sie schließlich mit. Diese Richtung -widersprach aufs schärfste den Meinungen und Neigungen -des Petersburger Publikums und war ein offensichtlicher -Protest gegen die herrschende geistige -Strömung. Es läßt sich denken, wie sehr sich alle diejenigen -freuten, die mit den herrschenden Anschauungen -unzufrieden waren und nirgends einen Protest -oder die Vertretung der von ihnen geliebten Ideen -fanden. Solcher gibt es viele bei uns, doch gehören sie -nicht zu denen, die sich mit der Literatur befassen. -</p> - -<p> -In den Jahren 1878, 79 und 80 unterließ Dostojewski -aus Rücksicht auf seine Gesundheit und die -Arbeit an seinem letzten Werk die Fortführung des -„Tagebuchs“, obgleich zuletzt von jeder Nummer sechstausend -Exemplare gedruckt worden waren und einzelne -Nummern noch eine zweite und dritte Auflage -erforderten. -</p> - -<h3 class="section" id="chapter-2-5"> -<span class="firstline">Die Puschkinfeier</span><br /> -(vom 6. bis 8. Juni 1880) -</h3> - -<p class="noindent"> -Als Zeuge des Sieges, den Fjodor Michailowitsch -auf der Puschkinfeier in Moskau davontrug, will ich -versuchen, den ganzen Vorgang, an dem ich leidenschaftlichen -Anteil nahm, so gut ich kann, wiederzugeben. Da -ich nur Zuschauer war, konnte ich das innere Drama, -das sich während dieser Feier abspielte und dessen Hauptrolle -Fjodor Michailowitsch zufiel, um so besser erkennen. -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -Er war aus Staraja Russa, wo er den Sommer -mit seiner Familie verbrachte, als einer der offiziellen -Vertreter des slawischen Wohltätigkeitsvereins kurz -vor der Hauptfeier, also bereits vor mir, in Moskau -eingetroffen und hatte, wie ich später erfuhr, schon -an einem Bankett teilgenommen, das von seinen Verehrern -ihm zu Ehren gegeben worden war. -</p> - -<p> -Als ich mich zur Feier aufmachte, erwartete ich, -offen gestanden, nichts Gutes. Ich fürchtete viel -Lärm, viel leeren Enthusiasmus, und es war sehr möglich, -daß sich dabei nichts von Bedeutung ereignen würde. -Zum Glück hatte ich mich diesmal getäuscht. Die Rede Dostojewskis -gab der Feier einen Inhalt, der nach dem -vergänglichen Feuerwerk des ganzen Festes wie ein -harter glänzender Kristall bestehen blieb. -</p> - -<p> -Nach der Enthüllung des Puschkindenkmals am -6. Juni, den Festlichkeiten der Moskauer Duma und -der Universität, begann am 7. Juni im Adelssaal der -literarische Teil der Puschkinfeier mit einer öffentlichen -Versammlung der „Gesellschaft der Liebhaber -russischer Literatur“. An diesem Tage sollten Turgenjeff -und nach ihm Aksakoff ihre Reden halten, also -zwei Vertreter der entgegengesetzten Richtungen. Doch -da sich die Eröffnung mit allen Ansprachen usw. sehr -lange hinzog, so konnte nur Turgenjeff noch zu Wort -kommen. Seine Rede wurde selbstverständlich mit großem -Beifall aufgenommen. Unter den Literaten aber -entspann sich nachher ein lebhafter Streit über den -Inhalt dieser Rede, und man äußerte den Wunsch, sie -zu widerlegen oder wenigstens zu ergänzen. Anders -war es auch nicht zu erwarten von einer „Gesellschaft“, -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -zu der so viele Slawophile gehörten. Besonders war es -aufgefallen, auf welche Stufe Turgenjeff Puschkin stellte. -Er erkannte ihn zwar als volklichen, d. h. als selbständigen -Dichter an, doch stellte er darauf noch die -Frage: war Puschkin deshalb ein nationaler Dichter? -Denn national könne man nach der Meinung des Redners -nur den großen und universalen Dichter nennen. -Erst wenn ein Dichter den Geist seines Volkes -vollkommen ausdrückt, erst dann ist er der „große“ -und zugleich der universale Dichter, der der Schatzkammer -der Menschheit einen Beitrag zuträgt. Die -Antwort aber auf diese Frage verweigerte der Redner. -„Ich behaupte nicht,“ sagte er, „daß Puschkin -diese Bedeutung zukomme, aber ich wage auch nicht, -sie ihm abzusprechen.“ -</p> - -<p> -Das alles und noch manches andere erregte große -Unzufriedenheit. In der Gruppe der aktiven Teilnehmer -an der Feier hinterließ die Rede ein Gefühl des -Unbefriedigtseins und der Unklarheit. Man zerpflückte -kritisch die Worte Turgenjeffs und einige Literaten, -die am nächsten Tage zu reden hatten, wollten sich zu -seiner Stellungnahme äußern und Puschkin gewissermaßen -verteidigen. Aber das, was am nächsten Tage, -am 8. Juni zur Verteidigung Puschkins geschah, überstieg -doch alle Erwartungen und Absichten. Zuerst -sollte Aksakoff seine Rede halten, dann Dostojewski, -doch weiß ich nicht, aus welchem Grunde beschlossen -wurde, daß Dostojewski beginnen sollte. Zwar las er -seine Rede vor, aber das war kein Lesen; das waren -Worte, die unmittelbar aus dem Herzen kamen und -jedes Herz ergriffen. Der ganze Enthusiasmus und -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -die ganze Natürlichkeit, die dem Stil Dostojewskis -eigen sind, kamen durch seinen meisterhaften Vortrag -noch mehr zur Geltung. Ich spreche noch nicht einmal -vom Inhalt der Rede, obgleich er es war, der die Kraft -des Vortrags ausmachte. Ist es mir doch, als hörte -ich in diesem Augenblick wie über der atemlosen Stille -der ganzen großen Versammlung seine Stimme sich -erhob: „Demütige dich, stolzer Mensch, arbeite, müßiger -Mensch!“ -</p> - -<p> -Schon nach den ersten Worten, mit denen Dostojewski -begann, horchte alles auf und verstummte. Man -hörte zu, als sei vorher nichts von Puschkin gesagt -worden, – bis die Spannung sich im ersten Beifallssturm -löste. Dann aber war im Publikum jede Zurückhaltung -vergessen und schrankenlos gab es sich seiner -Begeisterung hin. Sah man doch einen Menschen -vor sich, der selbst ganz erfüllt war von Begeisterung, -und von diesem Menschen vernahm man eine Deutung, -die diese Begeisterung wahrlich auch verdiente. -</p> - -<p> -Von dem Sturm, der sich nach dem Schluß der -Rede im Saal erhob, kann sich wohl kaum jemand, -der ihn nicht selbst erlebt hat, eine Vorstellung machen. -Man erstürmte förmlich die Estrade; ein Jüngling, -der sich bis zu Dostojewskis durchgedrängt hatte, fiel -in Ohnmacht. Dostojewski wurde umarmt, geküßt. Ich -erinnere mich nicht mehr aller Ausrufe der Begeisterten. -Aksakoff wandte sich mit den Worten an ihn: -„Turgenjeff und ich, er als Vertreter der Westler und -ich als Vertreter der Slawophilen, wir sind Ihnen -beide unsere volle Zustimmung und unseren tiefsten -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -Dank schuldig!“ Und Annenkoff<a class="fnote" href="#footnote-9" id="fnote-9">[9]</a> kam auf mich zu und -sagte ganz begeistert: „Was doch eine wirklich geniale -Charakteristik bedeutet! – sie hat mit einem Schlage -die ganze Sache entschieden!“ -</p> - -<p> -Als Aksakoff, der alte Liebling der Moskowiter, -später seine Rede halten sollte und das Publikum mit -lebhaftem Applaus sein Erscheinen auf der Estrade begrüßte, -sagte er nur kurz, daß er nach der Rede Dostojewskis -nichts mehr zu sagen habe, denn alles, was -er zu sagen beabsichtigt und niedergeschrieben, sei nur -eine schwache Variation bloß einiger Themen dieser -„<em>genialen Rede</em>“. Diese Worte riefen wieder -stürmischen Applaus hervor. „Ich betrachte“, fuhr -Aksakoff fort, „die Rede Dostojewskis als ein <em>Ereignis</em> -in unserer Literatur. Gestern konnte man -noch darüber streiten, ob sie es sei oder nicht; heute ist -diese Frage bereits abgetan. Wir kennen jetzt die wahre -Bedeutung Puschkins und somit ist alles weitere Reden -überflüssig.“ Mit diesen Worten verließ Aksakoff -die Rednerbühne. Und wieder wollten die Ovationen -der Begeisterten kein Ende nehmen, doch diesmal galt -der Beifall auch der Handlungsweise Aksakoffs wie -seinem Urteil über die Rede Dostojewskis. -</p> - -<p> -So feierte man in Dostojewski den Helden dieses -Tages, der der ganzen Feier Inhalt und Farbe gegeben, -der alle Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern -sogar weit übertroffen hatte, und man war ihm dankbar -für die Befreiung von der zuletzt qualvollen Spannung. -Das Publikum verlor ihn von nun an nicht -mehr aus den Augen und überschüttete ihn bei jeder -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -Gelegenheit mit den lautesten Beifallsbezeugungen. -Dasselbe geschah schon am Abend dieses Tages, an -dem die dreitägige Puschkinfeier mit einer literarisch-musikalischen -Ausführung ihren Abschluß fand und -Dostojewski auf allgemeines Bitten hin Puschkins Gedicht -„Der Prophet“ zweimal mit bewunderungswürdiger -Meisterschaft vortrug. -</p> - -<p> -So endete diese herrliche Feier. Der letzte Applaus -war verstummt, und müde und befriedigt löste -sich die Versammlung auf. Der Eindruck, den ich davontrug, -war nicht allein stark, er war mir auch vollkommen -klar. Ich gedachte jener literarischen Bewegung, -in der ich einst mit solchem Interesse mitgewirkt -hatte, unseres ganzen Literatenkreises, der zuerst (1859) -für das „Russische Wort“ geschrieben hatte, dann für -die „Zeit“, die „Epoche“, die „Morgenröte“, den -„Bürger“ ... Das waren Gruppen von Menschen, -die der Literatur immer eine große Bedeutung -beigemessen hatten und ihr am treuesten dienten. -In Puschkin sahen sie <em>ihren</em> Dichter, wie denn auch -niemand besser über Puschkin geschrieben hat als Apollon -Grigorjeff. Ihnen hatte sich Dostojewski angeschlossen, -war für einige von ihnen der Führer -geworden und hatte ihrer Richtung den Namen gegeben, -indem er sie die Richtung der „<em>Bodenständigen</em>“ -nannte. Und diese Richtung war es, die hier -gesiegt hatte. -</p> - -<p> -Zugleich hatte Dostojewski uns in zweierlei Hinsicht -ein großes Beispiel gegeben: das Beispiel eines -echten Konservativen und ein Beispiel, wie wir uns -zu allem uns National-Feindlichen zu verhalten haben. -</p> - -<p> -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Konservatismus und Patriotismus hält man oft -für geistige Beschränktheit, für Dummheit und -Stumpfheit, was sie freilich auch oft genug sind, da -sie von einer Menge Menschen geteilt werden, der -Verstand der Menschen aber im allgemeinen schwach -und begrenzt ist. Doch das berührt noch nicht die Sache -selbst. Was kann im Grunde natürlicher und richtiger -sein, als die Liebe zu unserer Umgebung und -der Wunsch, das zu erhalten, was wir lieben? Und -selbst lieben lernen wir doch von Menschen, die uns -nahestehen, und lernen verstehen auf Grund des geistigen -Inhalts, der uns zuerst gegeben wird. Ein feinfühliges -Herz und ein feiner Geist entdecken allmählich -die positive Seite des sie umgebenden Lebens und -eignen sie sich an, ebenso wie seine Geistesart -und Schönheit, die den Hauptnerv jedes Menschendaseins -ausmachen und ohne die das Leben -unmöglich ist. Was aber von einem Menschen einmal -liebgewonnen, einmal begriffen ist, wird eine tiefe Natur -ganz gewiß nicht mehr vergessen, das kann sie nicht -mehr wie etwas Überflüssiges und Gleichgültiges fortwerfen. -So kann der einfachste und gewöhnlichste Vorgang -in begabten Menschen die größte Bedeutung erlangen. -Menschen, die für den Konservatismus wenig -Sinn haben, die mit Leichtigkeit die Gefühle und Gedanken, -die einst in ihnen gelebt, abschütteln können, -beweisen damit doch zweifellos nur ihre geringe Feinfühligkeit, -die Schwäche ihres Herzensgedächtnisses. Sie -lassen sich gewöhnlich von ihrer Energie fortreißen, und -darin liegt ihre Rechtfertigung; doch das Schädliche -des Nichtverstehens, der Verachtung, der Vergewaltigung -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -drängt sich unvermeidlich in ihre Tätigkeit und -entstellt oft eine Tat, die für den edelsten Zweck ausgeführt -wird. -</p> - -<p> -Dostojewski war von Natur konservativ. In ihm -vollzog sich mächtig, doch schnell der Prozeß, der fast -unterschiedslos die Entwicklung aller bedeutenden russischen -Schriftsteller charakterisiert. Zuerst begeistern -sie sich für abstrakte Gedanken, für Ideale, die sie vom -Westen übernehmen, dann kommt es zum inneren -Kampf und zur Enttäuschung, bis schließlich die zeitweilig -unterdrückten Gefühle, die Liebe zu dem Heiligtum, -das Rußlands Leben und Stärke ausmacht, -erwachen. Auch Dostojewski gab es auf, nach höheren, -führenden Ideen im Westen zu suchen, doch bewahrte -er trotzdem Liebe und Verehrung für das europäische -Geistesleben. Anderseits vermochte gerade er in der Ausbreitung -des extremen Westlertums, das sich Nihilismus -nennt, die Wurzel dieser entarteten Bestrebungen -zu entdecken, und er verstand und bedauerte -auch diese verirrten Seelen. Sein Blick, der nicht -nur alle Gegensätze, sondern auch die Möglichkeit eines -Ausgleichs der Gegensätze sah, diese feine und tiefe -Sympathie, mit der er die beiden Pole unseres geistigen -Lebens umfaßte und sie zu einem höheren Lebensprinzip -und durch die Tat zu vereinigen suchte – das -war der charakteristische Zug Dostojewskis. Seine -Feindschaft gegen etwas bedeutete bei ihm nie eine -bedingungslose Verneinung des Feindlichen. -</p> - -<p> -Und gerade diese seine Fähigkeit des versöhnenden -Verstehens und Mitempfindens war es, die in seiner -Rede zur Puschkinfeier zum Ausdruck kam und die Bestrebungen -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -der Westler und der Slawophilen als auf -ein und dasselbe höhere Ziel gerichtet zu deuten verstand. -Da war es kein Wunder, daß Begeisterung die -alten Gegner erfaßte und sie sich in diesem Augenblick -versöhnt die Hände reichten. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Nach der Puschkinfeier, die ihm den größten und -schönsten seiner literarischen Erfolge verschaffte, blieb -ihm nicht mehr viel Zeit zum Leben – kaum acht Monate. -Doch gerade diese letzte Zeit verbrachte er in der -größten Tätigkeit. Außer der Erläuterung und Verteidigung -seiner Moskauer Rede schrieb er in dieser -zweiten Hälfte des Jahres 1880 den Schluß der -„Brüder Karamasoff“, und noch bevor dieser im „Russischen -Boten“ veröffentlicht war, lasen wir bereits -die Anzeige, daß im nächsten Jahr das „Tagebuch“ -wieder in jedem Monat erscheinen werde. Der Druck -der Januarnummer war fast schon beendet, als der -Tod seiner fieberhaften Tätigkeit ein Ende setzte. -</p> - -<p> -Für diejenigen, die ihn näher kannten, kam sein -Tod eigentlich nicht überraschend. Er lebte augenscheinlich -nur noch von den Nerven, denn sein Körper hatte -schon einen solchen Grad von Abgezehrtheit erreicht, -daß ihn der erste, geringste Stoß zerbrechen konnte. -Am erstaunlichsten war dabei seine Unermüdlichkeit in -der geistigen Arbeit, obgleich ihm das Arbeiten, wie -er mir selbst einmal sagte, schwer fiel und er zum -Schreiben eines Druckbogens zweimal oder dreimal -mehr Zeit brauchte als früher. Außerdem wurde er in -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -den letzten Jahren, besonders seit der Herausgabe des -„Tagebuchs“, mit Briefen überschüttet und von Besuchern -zu Tode erschöpft. Aus allen Ecken und Enden -von Petersburg kam man zu ihm, oft mit Bitten um -Unterstützung, da er Armen stets half und für fremdes -Unglück immer Teilnahme hatte. Doch ebensooft -kam man zu ihm mit Gewissensfragen, oder um seine -Ansichten zu widerlegen, oder um ihm Verehrung zu -bezeugen. Von derselben Art waren auch die Briefe, -die er aus allen Gegenden Rußlands erhielt. Seine -Popularität freute ihn. Er sah darin Beweise, daß -seine Worte nicht ungehört verklangen. Das freute -ihn sehr, denn er hielt es für seine Pflicht, Menschen -zu ermutigen und zum Guten zu lenken. Besonders -aufmerksam verhielt er sich zur Jugend, zu Studenten -und Studentinnen. War doch der „bekehrte Nihilist“ -sein Thema, das er liebte, und nicht nur in „Rodion -Raskolnikoff“ hat er es ausgearbeitet, wir finden es -auch in allen seinen folgenden Werken wieder. Deshalb -ist es verständlich, daß die Jugend sich so zu ihm -hingezogen fühlte. -</p> - -<p> -Er war sehr streng gegen sich selbst und von nahezu -übertriebener Gewissenhaftigkeit. Er erlaubte sich nicht -nur keine häßliche oder böse Handlung, sondern -verzieh sich nicht einmal eine häßliche oder böse Empfindung. -Man kann sagen, daß er sich in seinem Leben -wie in der Arbeit beständig selbst erzog, nur die -besten Gefühle in sich entwickelte und in seinen Handlungen -nicht nur tadellos und uneigennützig war, sondern -sogar bis zur Selbstverleugnung ging. Obgleich -er von seiner Begabung eine sehr hohe Meinung hatte -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -– und wohl mit Recht –, so hat er sich doch nie abseits -von der ganzen großen Menge der Schreibenden -gestellt, nie hochmütig auf die Tagesliteratur herabgesehen. -Dieses Fehlen selbst des geringsten <em>literarischen -Aristokratismus</em> war sogar rührend. -Er wußte, daß er, wenn er in die Öffentlichkeit -trat, wie es jeder Schriftsteller tut, damit auf den -Markt, auf die Straße hinaustrat, doch es fiel ihm nicht -ein, sich seines Handwerks oder seiner Handwerksgenossen -zu schämen, denn er wußte nur zu gut, daß das, -was er auf den Markt hinaustrug und den Lesern anbot, -unermeßlich höher war als Geld und Geldeswert. -Er war stolz auf sein Handwerk, es war für ihn etwas -Großes, Heiliges – und diese Auffassung kann -uns vieles in seinem Verhalten erklären. Denn er -wußte, was er tat, wenn er seine Seele auf die Straße -trug. -</p> - -<h3 class="section" id="chapter-2-6"> -<span class="firstline">Sein Tod</span> -</h3> - -<p class="noindent"> -In den letzten neun Jahren seines Lebens litt Fjodor -Michailowitsch an einem Emphysem, das er sich -durch eine Erkältung zugezogen hatte. Der tödliche Ausgang -dieser Krankheit trat durch das Zerreißen einer -Lungenarterie ein. Es begann in der Nacht vom 25. auf -den 26. Januar mit einem Nasenbluten, dem er weiter -keine Beachtung schenkte. Am 26. fühlte er sich -offenbar ganz wohl, bis um vier Uhr nachmittags -plötzlich ein Blutsturz erfolgte und anderthalb Stunden -darauf ein zweiter, wobei der Kranke das Bewußtsein -verlor. Als er wieder zu sich kam, äußerte -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -er sofort den Wunsch, zu beichten und das Abendmahl -zu nehmen. In Erwartung des Priesters nahm er Abschied -von seiner Frau und seinen Kindern und segnete -sie. Nach dem Abendmahl fühlte er sich vollkommen -wohl. Am 28. Januar hatte er um zwölf Uhr -mittags wieder einen Blutsturz, worauf seine Kräfte -schnell abnahmen. -</p> - -<p> -In entscheidenden Augenblicken seines Lebens -pflegte Fjodor Michailowitsch die Bibel, die er in -seiner Sträflingszeit bei sich gehabt, aufs Geratewohl -aufzuschlagen und die ersten Zeilen der aufgeschlagenen -Seite zu lesen. So tat er es auch jetzt: er schlug -die Bibel auf und bat seine Frau, ihm die aufgeschlagene -Stelle vorzulesen. Es war das der vierzehnte Vers -aus dem dritten Kapitel Matthäi: „Johannes wehrete -ihm und sprach: Ich bedarf wohl, daß ich von -dir getauft werde; und du kommst zu mir? Jesus aber -antwortete und sprach zu ihm: Halte mich nicht auf; -also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ -Als er diese Worte hörte, sagte er zu seiner Frau: -</p> - -<p> -„Hörst du? – ‚halte mich nicht auf‘ – also werde -ich sterben.“ Und er schloß das Buch. -</p> - -<p> -Sein Vorgefühl sollte recht behalten. Er verschied -am 29. Januar um acht Uhr achtunddreißig Minuten -abends. -</p> - -<h3 class="section" id="chapter-2-7"> -<span class="firstline">Die Beerdigung</span> -</h3> - -<p class="noindent"> -Die Beerdigung Dostojewskis wurde zum Anlaß -einer Kundgebung, die alle in Erstaunen setzte. Einen -solchen Andrang von Menschen, so zahllose Beweise -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -von Trauer und Verehrung hatten selbst die leidenschaftlichsten -Anhänger des Toten nicht erwartet. Man -kann wohl behaupten, daß es eine solche Beerdigung -in Rußland noch nie gegeben hat. Dabei muß man -nicht vergessen, daß Dostojewski ganz unerwartet starb, -daß viele von seinem Ableben erst spät erfuhren, so -daß in der kurzen Zeit bis zu seiner Beerdigung irgendwelche -Verabredungen nicht möglich waren. So -handelte jeder Verein, jede Schule aus eigenem Antrieb -und jede der zweiundsiebzig Deputationen, jeder -der fünfzehn Sängerchöre unabhängig von den anderen. -</p> - -<p> -Und so einfach, so selbstverständlich, so ruhig und -feierlich vollzog sich alles. In der Kirche des Heiligen -Geistes war nicht nur der Sarg auf dem hohen Katafalk -mit Blumen und Kränzen vollständig bedeckt, es -standen auch noch ringsum und hingen sogar an den -Wänden riesige Kränze, die der Kirche eine ganz besondere, -eigenartige, weihevolle Stimmung verliehen. -Das Gedränge war groß, doch nichtsdestoweniger -herrschte vollkommene Stille. Durch die Ehrung, die -man dem toten Schriftsteller erwies – und an der sich -alle beteiligten, so daß neben dem Riesenkranz der -Petersburger Studenten, den Kränzen der Großfürsten -und Großfürstinnen, die bescheidenen Blümchen -der Bettler und der ärmsten Kinder lagen –, wurde es -erst sichtbar, wie ungeheuer groß der Kreis seiner Anhänger -war, und sowohl seine Nächsten wie seine Anhänger -selbst waren überrascht, als sie sahen, daß die -Zahl seiner Verehrer so unübersehbar war. In der ganzen -Stadt begannen später erregte Debatten über die Bedeutung -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -und die Ursache dieser Kundgebung. Personen, -die zu Mißtrauen neigten und zur Literatur sich gleichgültig -verhielten, behaupteten, diese ungeheuere Menschenmenge -habe nur den Wunsch gehabt, den ehemaligen -Sträfling zu ehren und dabei ihren Protest gegen -die Regierung auszudrücken; andere jedoch, die mit der -Literatur besser bekannt und selbst Anhänger fortschrittlicher -Ideen waren, kamen der Wahrheit schon näher, -wenn sie zu ihrem Leidwesen feststellten, daß diese -Liebe und Hingebung dem „Patrioten“ gegolten, was -ihrer Meinung nach ein Beweis von Rückständigkeit -war. Und schließlich gab es noch eine dritte sonderbare -Auslegung, die alles darauf zurückführte, daß -Dostojewski, wie sie sagten, der Darsteller alles Dunkeln -und aller Schrecken des russischen Lebens gewesen -sei, jedoch nicht wie Gogol darüber gelacht, sondern -geweint habe. -</p> - -<p> -Unter den Tausenden, die dem Toten das letzte -Geleit gaben, werden natürlich Vertreter der verschiedensten -Anschauungen gewesen sein, doch die Hauptmasse -war entschieden von ganz anderen Gefühlen beherrscht: -die beerdigte in Dostojewski ihren Erzieher, -ihren Lehrer, den, der zu ihr gesagt hatte: „Demütige dich, -stolzer Mensch! Arbeite, müßiger Mensch!“ Alle, die -nach einer sittlichen Stütze suchten, sahen in ihm einen -Führer, der ihnen die Wege zeigte, auf denen man die -Rettung suchen kann und muß. Man achtete und liebte -in ihm nicht nur den Patrioten und Konservativen; -für viele war er auch ein Trost und eine Hoffnung, und -das nicht nur deshalb, weil er die revolutionären Umtriebe -gegeißelt und bekämpft hatte, sondern weil er -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -die höchsten, rein geistigen Interessen der russischen -Menschen verstand, weil in seinen Worten sich nicht -nur religiöse Stimmung, aufrichtige Liebe zum Volk -offenbarte, sondern vor allem deshalb, weil ihm unsere -staatliche Macht teuer war, teuer unsere volkliche -Einheit und unsere politische Aufgabe, für die wir seit -jeher soviel geopfert haben und noch jederzeit zu opfern -bereit sind. -</p> - -<p> -Gewiß wird es in der ungeheuren Menge, die -ihm zum Grabe folgte und in der so viel Jugend vertreten -war, auch viele bekehrte und unbekehrte Nihilisten -gegeben haben. Denn Dostojewski, der ihre -Verirrungen so scharf rügte, verstand die Verirrten -doch so tief wie kein anderer, und er war es auch, der -ihnen wieder den richtigen Weg wies. Aber zweifellos -gab es unter ihnen auch solche, die uns die Hoffnung -geben, daß wir dieses große Übel überwinden -werden. In dem großen Toten hatte diese Hoffnung -wie ein Feuer gebrannt und er hatte in dem Glauben -gelebt, daß er für diese rettenden Ansätze arbeitete. -</p> - -<p> -Sein Tod war nicht der Tod eines verdienten -Künstlers, der in Ruhe seine Tage zu Ende gelebt, -sondern der Tod eines politischen Kämpfers am Vorabend -seiner letzten glühenden Rede, die am Tage vor -seiner Beerdigung erschien. -</p> - -<h3 class="section" id="chapter-2-8"> -<span class="firstline">Seine Bedeutung</span> -</h3> - -<p class="noindent"> -Wenn wir die Entwicklung Dostojewskis verfolgen, -so sehen wir, daß mit ihm dasselbe geschah, was -nun schon seit dem achtzehnten Jahrhundert mit allen -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -unseren großen Schriftstellern geschehen ist: alle begannen -sie damit, daß sie sich für das <em>Fremde</em> begeisterten, -und alle kehrten sie später zum <em>Eigenen</em> -zurück. So war es zum Teil mit Vonwisin und so -geschah es sehr ausgesprochen bei Karamsin, Gribojedoff, -Puschkin und Gogol. Dostojewski ist in dieser -Beziehung ein neues Ärgernis für unsere Westler, -ein neuer und wichtiger Grund für sie, über unsere -russische Literatur aufgebracht zu sein. -</p> - -<p> -Diese innere Umkehr, die sich in den Besten von -uns vollzieht, wird oft Verrat und Abtrünnigkeit genannt; -doch gerade bei Dostojewski ist am deutlichsten -zu sehen, daß es sich hierbei nur um Entwicklung -handelt, um die Aufdeckung der Anlagen, die in der -Natur des Menschen liegen, nicht aber um einen -Eintausch fremder Gedanken gegen andere fremde -Gedanken. Dostojewski ist von seinem ersten bis zu -seinem letzten Werk ein und derselbe; er konnte sich -nicht verändern, denn schon in seinem ersten Werk -ist seine ganze Seele zu erkennen, die ganze Art seiner -Lebensauffassung. Von der Natur dieser Seele -hing es ab, welche Einflüsse auf sie einwirkten. Und -diese Einflüsse waren: die russische Literatur und das -russische einfache Volk. -</p> - -<p> -Als ich Dostojewski kennen lernte, war er ein glühender -Verehrer Puschkins und Gogols. Diese beiden -Riesen unserer Literatur spiegeln sich schon in seinem -ersten Werk „Arme Leute“ in bemerkenswerter Weise -wieder. Hier finden wir es unmißverständlich ausgedrückt, -daß der Autor mit Gogol nicht ganz zufrieden -ist und nur in Puschkin seinen unmittelbaren Führer -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -sieht. Der kleine Beamte Makar Djewuschkin, der -Held in „Arme Leute“, der auffallend an Gogols Held -im „Mantel“ und in den „Aufzeichnungen eines Irrsinnigen“ -erinnert, ist sehr eingenommen von Puschkins -„Stationsaufseher“. Er kann die Novelle nicht -genug loben und bedauert sehr den armen Helden der -Erzählung. Bald darauf liest er aber Gogols Novelle -„Der Mantel“, und die macht auf ihn einen geradezu -niederschmetternden Eindruck. Er ist aufs tiefste -verletzt, da er in dieser schonungslosen Darstellung -sich selbst erkennt, er betrinkt sich vor Leid und es -widerfährt ihm infolgedessen ein Unglück nach dem -anderen. So wird denn die schonungslose Ironie Gogols -als gar zu grausame und herzlose Darstellung der -Menschen vom Autor verurteilt. Und noch mehr wird -sie verurteilt durch die Art, wie Djewuschkin selbst geschildert -ist. Während in den Gestalten Gogols nur -grauenvolle Leere und Gemeinheit zu sehen ist, besitzt -dieser Makar Djewuschkin Schätze an Zartheit und -Selbstverleugnung, und Herzenszüge, deren Schönheit -er selbst nicht einmal ahnt. Während niemand -Gogols Akakij Akakijewitsch oder Poprischtschin sein -wollte, muß jeder Leser mit Neid auf den unglücklichen -Makar Djewuschkin blicken und sich gestehen, daß -zwischen dieser seelischen Schönheit und seiner eigenen -Seele ein weiter Abstand ist. -</p> - -<p> -Das war Dostojewskis erster Schritt, im Jahre -1846 – eine kühne und entschlossene Korrektur Gogols. -Es war das zugleich eine entscheidende Wendung -in unserer Literatur. Ihre Bedeutung lag darin, daß -die Korrektur Gogols unentbehrlich war, daß unsere -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -Literatur sie unbedingt ausführen <em>mußte</em> und sie -auch noch bis zum heutigen Tage ausführt, daß man in -gewissem Sinne auch alle unsere anderen großen -Schriftsteller, Ostrowski, wie L. N. Tolstoi, eine Korrektur -Gogols nennen und darin ihre größte Originalität -sehen kann. Dostojewski aber begann sie als erster. -</p> - -<p> -Gogol hat sich nicht grundlos gequält, nicht grundlos -alle seine Kräfte angespannt, um etwas Neues zu -schaffen. Diese gespannt feinfühlige Stimmung, in der -sich die Gemeinheit des Seienden so deutlich Gogol -offenbarte, war am Ende unerträglich. Ein unüberwindlicher -Ekel erhob sich in ihm bei der Betrachtung -des russischen Lebens, dieses Lebens, in dem alles -Gute sich schamhaft und hartnäckig in der Tiefe verbirgt, -während das Gemeine und Schmutzige auf der -Oberfläche paradiert und allen in die Augen springt. -Gewiß hat Gogol die „heimlichen Tränen“ vergossen, -von denen er spricht; aber das waren Tränen des Mitleids -eines ekstatischen Idealisten, nicht aber Tränen -der Liebe. Und je mehr wir in den Sinn der ganzen -Literatur nach Gogol, die mit Dostojewski beginnt, -eindringen, um so klarer erkennen wir Gogols Grundfehler -und die ganze dringende Notwendigkeit, die unsere -neueren Schriftsteller empfanden – die Einseitigkeit -zu vermeiden und einen neuen Weg einzuschlagen. -</p> - -<p> -Zweifellos wird man Dostojewskis Werke einmal -anders auslegen; man wird aus ihnen Schlüsse ziehen -und mit ihnen Gefühle nähren, die Dostojewskis wahren -Gedanken und Gefühlen aufs tiefste widersprechen. -Unsere Intelligenz hat sich gar zu sehr daran gewöhnt, -in gewissen Geleisen zu denken. Es gibt zwei -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -Gefühle, die für das Seelenleben unserer gebildeten -Leute außer den täglichen Lebensinteressen gewöhnlich -bestimmend sind: das eine davon ist das Gefühl des Unwillens, -des sogenannten edlen Unwillens über jegliches -Böse und Gemeine in Rußland; das andere -ist das Gefühl des Mitleids mit Rußland, ein mitleidvolles -Erkennen seiner Armseligkeit und seines tragischen -Loses. Beide Gefühle sind sehr gut, jedoch zum -Unglück nur durch einen gar zu dünnen Strich von -schlechten Gefühlen getrennt: der Unwille grenzt an -Erbitterung und das Mitleid an Selbstüberhebung, so -daß oft Menschen, die sich anscheinend beständig edelster -Stimmung hingeben, im Grunde nur ihre schlechten -Eigenschaften nähren und nur aus ihnen ihren ganzen -Edelsinn schöpfen. Von Dostojewski kann ich dagegen -mit aller Bestimmtheit bezeugen, daß ihn niemals auch -nur entfernt die Achtung vor seinem großen Vaterlande -verlassen hat und der Unwille bei ihm niemals zur Erbitterung -geworden ist. In dieser Hinsicht ist er für -uns alle ein Beispiel. Man bedenke doch nur, wieviel er -unter den bestehenden Verhältnissen zu leiden hatte! -Und dennoch war nach allem, was er ausgestanden, nicht -die leiseste Erbitterung in ihm und ebensowenig maßte -er sich ein Recht auf die Autorität an, die die Gesellschaft -bei uns so gern denen zuspricht, die gelitten haben, -oder die die Märtyrer sich oft eigenmächtig beimessen. -Überhaupt war an ihm die Entwicklung der -Persönlichkeit, die ungewöhnliche seelische Energie auffallend. -Ich habe ihn in den schwersten Stunden gesehen, -doch niemals ließ er den Mut sinken, ja ich glaube -sogar, daß man solche Umstände gar nicht ersinnen -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -könnte, unter denen er wirklich zusammengebrochen -wäre. So spricht er denn aus seiner eigenen Seele, -wenn er einen seiner Helden, Dmitri Karamasoff, sagen -läßt: „... ich habe soviel Kraft in mir, daß ich -alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles -Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich -bin! Unter tausend Qualen – ich bin! Wenn ich mich -auch auf der Folterbank krümme – aber ich bin!“ Es -war in ihm ein unerschöpflicher Kräftevorrat, der nach -jedem Nachlassen und sogar Sinken seines Schaffens -sich immer wieder von neuem zu noch höheren Schöpfungen -emporschwang. Es war dabei etwas Rätselhaftes -in ihm. Neue Gestalten, neue Pläne tauchten beständig -vor ihm auf, belagerten ihn geradezu und störten ihn -bei der Arbeit. Deshalb sind auch einzelne seiner Romane -ganze Knäule durcheinandergeflochtener, verwickelter -Themen. -</p> - -<p> -Und so schildert er denn unermüdlich seine Gestalten, -macht sie aber nicht wie Viktor Hugo zu Theaterhelden, -läßt sie weder Wunder, noch Heldentaten vollbringen. -Er hält sich unentwegt an den strengen Realismus, -der das Vermächtnis Gogols war, aber selbst -unter der größten Verkommenheit versteht er noch -menschliche Züge zu entdecken. Dabei ist in jeder -Schilderung Dostojewskis soviel Wahrheit, eine solche -Tiefe seelischer Wahrheit enthalten, daß man den unmittelbaren -Eindruck der Wirklichkeit selbst zu erleben -glaubt. Der Fieberzustand seines Idioten, die Qualen -eines Verbrechers oder eines Selbstmörders, Fieberträume, -Hallucinationen – alles ist verständlich und -klar wiedergegeben. Der Leser verfolgt mit Spannung -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -die Gedanken und Gefühle von Personen, von denen er -früher überhaupt keine Vorstellung hatte, und sieht mit -Verwunderung, daß diese Gedanken und Gefühle in -der eigenen Seele einen Widerhall finden. -</p> - -<p> -Leid, Verzweiflung, Verbrechen, Krankheit – das -sind die stets wiederkehrenden Themen Dostojewskis. -Aber was ist denn ihr Sinn, welches ist ihr Ergebnis? -Etwa wieder Mutlosigkeit und Bitterkeit? O nein, -sondern <em>Verzeihen</em> und <em>Liebe</em>. Das ist der herrschende -Gedanke, den er so glühend und unerschrocken in -seinem letzten Roman („Die Brüder Karamasoff“) -offen ausspricht. In diesem Ideal Christi fand er die -Rechtfertigung seiner beständigen Liebe zum einfachen -russischen Volk und fand er den höheren Sinn seiner -ganzen, großen, heißen Vaterlandsliebe. Die Liebe zum -einfachen Volk, zum <em>Erdboden</em>, wie er es nannte, -ist eine bedeutungsvolle Erscheinung in unserer Literatur -überhaupt. Die Erkenntnis der geistigen Schönheit -und geistigen Gesundheit, die das Volk sich erhalten hat, -während wir sie eingebüßt haben, hat bei uns schon -lange begonnen und wächst mit jedem Tage. Einem -Menschen aber wie Dostojewski, der mit solcher Liebe -Volkstypen geschildert hat (bereits in seinen „Aufzeichnungen -aus einem Totenhause“) – einem solchen Menschen -konnte der Hauptnerv des Volkslebens natürlich -nicht verborgen bleiben: Das hohe Ideal der Heiligkeit. -Zu diesem Ideal streben sowohl unsere einfältigsten -Seelen, wie unsere größten Geister, die bisweilen -lange auf anderen Wegen umherirren, bevor sie diesen -Weg finden. Wir wissen bereits, daß das Ideal Christi -zum höchsten Ideal auch unseres anderen großen Dichters -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -geworden ist – des Grafen L. N. Tolstoi. Die Zusammenhänge -sind bei ihm dieselben wie bei Dostojewski. -Auch er hat mit dem ganzen volklichen Verstehen -seines großen künstlerischen Gefühls in langer, -liebevoller Beobachtung des Volkes dessen Ideal erkannt. -Diese Übereinstimmung mit Dostojewski ist -auffallend. Persönlich kannten sie sich nicht, doch hatten -sie in der letzten Zeit immer die Absicht, sich kennen zu -lernen. Ich erlaube mir, einige Zeilen aus einem Brief -Tolstois, den ich im September des vorigen Jahres -von ihm erhielt, hier anzuführen. Er schreibt: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Ich verstehe nicht das Leben derjenigen Menschen -in Moskau, die es selbst nicht verstehen. -Aber das Leben der Mehrzahl – der Bauern, -der Pilger und noch mancher Leute, die selbst -ihr Leben verstehen – verstehe auch ich und liebe -es über alles. Ich fahre fort, dafür zu arbeiten und -wie mir scheint, nicht fruchtlos. Unlängst fühlte ich -mich nicht wohl und da nahm ich ‚das Totenhaus‘ -zur Hand. Ich hatte vieles vergessen, da las ich es nun -wieder, und ich muß sagen, ich kenne kein besseres -Buch in der ganzen neuen Literatur, Puschkin nicht -ausgenommen. Nicht der Ton, sondern der Standpunkt -ist ein so natürlicher, wahrer und christlicher. Es -ist ein gutes, belehrendes Buch. Ich hatte gestern den -ganzen Tag eine Freude daran, wie ich mich lange -nicht gefreut habe. Wenn Sie Dostojewski sehen, so -sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe.“ -</p> - -<p class="date"> -(26. Sept. 1880). -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Ich brachte diesen Brief Fjodor Michailowitsch, und -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -das war einer der schönsten Augenblicke für ihn, und -auch für mich als Zeugen. -</p> - -<p> -So findet denn in der Liebe zum Volk, aus der sich -eine treue Ergebenheit zum Volksideal entwickelt, das -Schaffen unserer zwei besten Künstler des Wortes seine -Vollendung. -</p> - -<p> -Hieraus offenbart sich uns am deutlichsten der Sinn -der Schöpfungen Dostojewskis. Außer seiner allgemeinen -Sympathie zu allen „Erniedrigten und Beleidigten“, -hatte er, besonders in der zweiten Hälfte seines -Schaffens, noch eine bestimmte Aufgabe: die kranken -Seiten unserer vom Volk losgerissenen Gesellschaft aufzudecken. -Er zeigt uns zwei Arten von Typen: die „Nihilisten“, -die sich in den letzten Jahrzehnten bei uns entwickelt -haben, und die älteren Typen der „vierziger -Jahre“. So spielt in seinem letzten Roman das Drama -zwischen dem alten Karamasoff, der die Anschauungen -der vierziger Jahre teilt, und seinen Söhnen, Iwan und -Ssmerdjäkoff, dem Nihilisten. Mit unvergleichlicher -Tiefe und Feinheit zeichnet Dostojewski die Entartung -dieser Seelen durch unsere sogenannte Aufklärung. Sowohl -hier wie in seinen anderen Romanen gehört sein -größeres Mitgefühl der jungen Generation, eben -Iwan, in dem die ernste, aufrichtige Überzeugungstreue -– wenn auch die Überzeugungen falsch sind – -so dargestellt ist, daß sie zu Dichtung und Großartigkeit -wird. Am wenigsten schonte Dostojewski -die Menschen der „vierziger Jahre“, was aus -seinen Werken nur zu deutlich hervorgeht; es -ist geradezu, als könne er ihnen nicht mehr vergeben, -und so machte er sie entweder lächerlich, wie -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -z. B. Stepan Trofimowitsch in den „Dämonen“, oder -ekelhaft abstoßend, wie Fjodor Pawlowitsch Karamasoff, -der gleichsam aus dem Leben ausgeschnitten erscheint. -Zu den Nihilisten aber verhielt er sich, man -kann sagen, mit väterlichem Kummer, mit väterlichem -Mitgefühl. Und unsere junge Generation begriff allmählich, -mit welch einem Herzen er sich zu ihr wandte -und antwortete ihm mit Bezeugungen ihres Herzens. -</p> - -<p> -In seinem letzten großen Roman hat Dostojewski -klarer als in allen anderen Romanen auch die positive -Seite Rußlands gezeigt. Rußland besteht doch nicht -nur aus entarteten Westlern, wie der alte Karamasoff -einer ist, – und aus gedanklich so maßlos vermessenen -Nihilisten wie sein Sohn Iwan. Durch den unglücklichen -Diener Ssmerdjäkoff ist der Vatermord geschehen, -dessen Schuld zu gleichen Teilen auf den Vater dieses -Dieners wie auf seinen Halbbruder Iwan fallen muß, -der diese bedauernswerte Kreatur irregeführt hat. -Doch außer ihnen gibt es noch Dmitri Karamasoff, -den gewöhnlichen Russen, den barbarischen Recken, in -dem viel Böses, aber auch viel Gutes ist, und der bereit -ist, für die Schuld der anderen zu büßen. Auch hat -uns Dostojewski noch im jungen Aljoscha Hinweise gegeben, -die wie Verheißungen für die Zukunft sind. Und -der Liebling des Dichters, Iwan Karamasoff, der in -der Seele, im Geiste den Vater erschlagen hat, wie die -Nihilisten im Geiste Rußland erschlagen wollen, Iwan -wird von seinem Gewissen wie vom Donner gerührt, -und wenn er die Krankheit übersteht, wird er zur Besinnung -kommen und ein anderer Mensch werden. Das -sollten wir nicht vergessen und auch uns danach richten. -</p> - -<p> -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -So seien wir denn stark und mutig wie Dmitri Karamasoff, -der sich durch kein Unglück brechen läßt; lernen -wir es, fremde Schuld zu tragen und zu verzeihen, -denn es ist wahr, was er sagt: „Alle sind für alle schuldig.“ -Das sind Züge des wahren russischen Geistes, des -Geistes, in dem das ganze Rußland lebt und wächst -und stark ist. Lernen wir es, Rußland mit dieser Liebe -zu lieben, die in den „Brüdern Karamasoff“ atmet, -und auf unsere Heimat nicht wie ihre Sklaven mit -einem Gefühl der Erniedrigung zu blicken, und auch -nicht mit Überhebung wie ihre Herren und Lehrer, -sondern mit dem Gefühl, mit welchem Söhne auf ihre -Mutter sehen. Versuchen wir, „aufzuerstehen“, wie -Dmitri Karamasoff träumt, und, wie er sagt, einen -„neuen Menschen“ in uns zu erziehen, um ein Recht -auf die Stellung des Sohnes zu unserer Mutter zu -haben: auf daß das Ideal der Christlichkeit, das die Seele -unseres großen Landes erfüllt, auch zu unserem Ideale -werde. Ich denke, dies ist es, was Dostojewskis großes -Vermächtnis uns gebietet. -</p> - -<p class="sign"> -<em>N. N. Strachoff.</em> -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="intro" id="part-3"> -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -<span class="firstline">Vorbemerkung</span> -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">Ü</span><span class="postfirstchar">ber</span> die literarische Tätigkeit Dostojewskis, soweit -sie als Material für Band 12 der Ausgabe in -Betracht kam, über die Beteiligung und Herausgeberschaft -des Dichters an den verschiedenen Zeitschriften, -in denen er seine kritischen Arbeiten veröffentlichte, -gibt die Einleitung von N. N. Strachoff die nähere -Auskunft. Strachoff (geboren im Jahre 1828 zu Belgorod -im Gouvernement Kursk, Literaturhistoriker, -Naturwissenschaftler und Philosoph) war Dostojewskis -Freund. Seine Arbeit über den Dichter, die -den vollen Reiz der persönlichen Anteilnahme an Dostojewskis -Entwicklung wie Lebensgang hat, wurde -dem Bande in Übersetzung beigegeben, weil sie unmittelbarer, -als es jede geschichtliche Rückschau heute -könnte, in das literarische Milieu des jungen Rußland -einführt, dem Dostojewski angehörte und über -das er sich schließlich führend erhob. Die Nähe, in der -Strachoff zu der Welt des Nihilismus, aber auch des -Antinihilismus und hier zu der politischen Partei der -Slawophilen stand, zeigt die Welt, aus der Dostojewski -hervorging und macht sie, die zunächst so überaus -ideologisch erscheint, mit einer Fülle von biographischen -und psychologischen Einzelzügen erst menschlich-begreiflich -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -und darüber hinaus für unser modern-politisches -Verständnis Dostojewskis ungemein wertvoll. -</p> - -<p> -Die Lebensgeschichte Dostojewskis von seiner Kindheit -bis zu seiner Rückkehr aus Sibirien und dem Beginn -seiner publizistischen Tätigkeit (1821–1860), die der -ihm gleichfalls befreundet gewesene Literaturhistoriker -Orest Miller sogleich nach dem Tode Dostojewskis verfaßt -hat, wurde dem vorhergehenden Bande der Deutschen -Gesamtausgabe, Bd. XI, zugewiesen. Strachoffs Überblick -über die letzten zwei Jahrzehnte Dostojewskis -(1860–1881) ist von ihm als Fortsetzung jener Biographie -der ersten Lebenshälfte Dostojewskis von Miller -gedacht und in einem von ihnen gemeinsam herausgegebenen -Bande 1883 erschienen. -</p> - -<p> -Die Entstehung der im vorliegenden Bande vereinigten -Aufsätze Dostojewskis fällt in die Jahre 1861–1880. -Die Aufsätze von 1861 sind in der von seinem Bruder -und ihm damals herausgegebenen Monatsschrift „Die -Zeit“ erschienen; die von 1873 in der Zeitschrift „Der -Bürger“, deren Redakteur er ein Jahr lang war; die von -1876–1880 in den von ihm allein herausgegebenen -Monatsheften „Das Tagebuch eines Schriftstellers“. -Die Gedanken aus seinem Notizbuch stammen aus seinem -letzten Lebensjahr. -</p> - -<p> -Der Text wurde in Auswahl und – soweit es -die Notwendigkeit mit sich brachte, Dostojewskis Wiederholungen -zu vermeiden – in Kürzung vorgelegt. -</p> - -<p class="sign"> -E. K. R. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="part-4"> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -<span class="firstline">Erster Teil.</span><br /> -Die russische Literatur -</h2> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-1"> -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -<span class="firstline">Zur Puschkinrede</span> -</h3> - -</div> - -<p class="note"> -Die Rede zur Puschkinfeier ist mit diesem Vorwort und einer -Antwort auf die Angriffe eines Westlers im August 1880 in -einem einzelnen Heft veröffentlicht worden. Vgl. <a href="#page-5">Seite 5</a>. -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">eine</span> Rede über Puschkin und seine Bedeutung -habe ich am 8. Juni dieses Jahres in einer feierlichen -Versammlung der „Freunde russischer Dichtung“ vor -zahlreicher Zuhörerschaft gehalten und sie hat einen -nicht geringen Eindruck gemacht. Iwan Ssergejewitsch -Aksakoff, der bei dieser Gelegenheit von sich sagte, daß -ihn alle gewissermaßen für den Führer der Slawophilen -hielten, meinte in seiner Ansprache, daß meine Rede -geradezu „ein Ereignis“ gewesen sei. Ich erwähne -dies nicht, um mich etwa selbst zu loben, sondern einzig -und allein um folgendes zu erklären: Wenn meine -Rede tatsächlich ein Ereignis gewesen ist, so war sie -das nur von dem einen Gesichtspunkte aus, den ich -hier in einem besonderen Vorwort klarlegen möchte, -denn nur aus diesem Grunde habe ich das Vorwort zu -schreiben unternommen. Was jedoch meine Rede selbst -anbetrifft, so wollte ich in ihr lediglich die vier folgenden -Punkte der Bedeutung Puschkins für Rußland auseinandersetzen: -</p> - -<p> -1. Daß Puschkin der erste gewesen ist, der mit seinem -tiefen, durchschauenden und hochbegnadeten Geiste -und aus seinem echt russischen Herzen heraus die -bedeutungsvolle krankhafte Erscheinung in unserer Intelligenz, -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -unserer vom Boden losgerissenen Gesellschaft, -die sich hoch über dem Volk stehend dünkt, entdeckt und -als das erkannt hat, was sie ist. Er hat sie erkannt -und hat es vermocht, den Typ unseres negativen -russischen Menschen plastisch vor unsere Augen -zu stellen: den Menschen, der keine Ruhe hat und -der sich mit nichts Bestehendem zufrieden geben kann, -der an seinen Heimatboden und an die Kräfte dieses -Heimatbodens nicht glaubt, der Rußland und sich -selbst (oder richtiger seine Gesellschaftsklasse, die ganze -Schicht der Intelligenz, zu der auch er gehört, und -die sich von unserem Volksboden gelöst hat) im letzten -Grunde verneint, der mit seinen Volksgenossen -nichts gemein haben will und der unter all dem -doch aufrichtig leidet. Puschkins Aleko<a class="fnote" href="#footnote-10" id="fnote-10">[10]</a> und Onegin -haben eine Menge solcher Gestalten, wie sie selbst sind, -in unserer Literatur hervorgerufen. Ihnen folgten Petschorin<a class="fnote" href="#footnote-11" id="fnote-11">[11]</a>, -Tschitschikoff, Rudin, Lawretzkij und Bolkonskij<a class="fnote" href="#footnote-12" id="fnote-12">[12]</a> -und unzählige andere, die allein schon durch -ihr Erscheinen die Richtigkeit der von Puschkin erfaßten -Tatsache bezeugten. Ihm, Puschkin, und seiner großen -Einsicht wie Genialität, gebührt daher die Ehre -und der Ruhm, die allergefährlichste Wunde der bei -uns nach Peters folgenschwerer Reform entstandenen -Gesellschaft, unserer sogenannten Intelligenz, aufgedeckt -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -zu haben. Seiner intuitiven Diagnose verdanken -wir die Erkenntnis und Feststellung unserer Krankheit. -Und nicht zuletzt ist er es auch gewesen, der uns als -erster einen Trost gegeben hat: denn von ihm ist uns -gleichzeitig diese große Hoffnung gekommen, daß unsere -Krankheit nicht tödlich zu sein braucht, daß vielmehr -die russische Gesellschaft sehr wohl noch einmal -gesunden kann und daß sie noch immer die Möglichkeit -hat, sich zu erneuern und aufzuerstehen, wofern es ihr -nur gelingt, sich dem Volksgeist wieder anzuschließen, -denn -</p> - -<p> -2. er, Puschkin, hat uns als erster (gerade als erster, -und vor ihm niemand) die künstlerischen Typen -einer russischen Schönheit gegeben, dieser Schönheit, -die unmittelbar aus der russischen Seele hervorgegangen -ist, die sich in unserem Volksgeist offenbart, überall -in unserem Boden, und die er, Puschkin, dort denn -auch gesucht und gefunden hat. Das bezeugt die Gestalt -der Tatjana in „Eugen Onegin“, diese echt russische -Frau, die sich vor all der eingeschleppten Lüge zu -bewahren gewußt hat, das bezeugen ferner seine historischen -Gestalten, wie der Mönch Pimen und andere in -seinem Drama „Boris Godunoff“, diese unmittelbar -aus dem Leben genommenen und so überaus wahren -Gestalten in dem Roman „Die Hauptmannstochter“ -und noch viele, viele andere Typen, die von ihm -in seinen Balladen, Gedichten, Erzählungen, Aufzeichnungen -und sogar in seiner „Geschichte des Pugatschoffschen -Aufstandes“ unsterblich gemacht worden -sind. Die Hauptsache aber, die man besonders unterstreichen -muß, ist, daß alle diese Typen in ihrer unleugbar -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -vorhandenen Schönheit des russischen Menschen -und seiner Seele – ganz und ausschließlich unserem -Volksgeist entnommen sind. Hier muß man schon die -ganze Wahrheit sagen: nicht in unserer gegenwärtigen -Zivilisation, nicht in unserer sogenannten „europäischen“ -Bildung (die es bei uns, nebenbei bemerkt, noch -niemals wirklich gegeben hat), nicht in den Ungeheuerlichkeiten -äußerlich angeeigneter europäischer Ideen und -Formen hat Puschkin uns diese Schönheit gezeigt, sondern -einzig im russischen Volksgeiste hat sie sich ihm offenbart -und zwar, wie gesagt, <em>in ihm allein</em>. Deshalb -hat er uns denn – ich wiederhole es – mit seiner -Feststellung der Krankheit auch die große Zuversicht -geben dürfen, wie man sie in die Worte zusammenfassen -kann: „Glaubt an den Volksgeist, von ihm -allein erwartet eure Rettung und sie wird euch werden!“ -Puschkin verstehen wollen – und nicht diesen -Schluß aus ihm ziehen – nein, das ist unmöglich. -</p> - -<p> -Der dritte Punkt, den ich in der Bedeutung Puschkins -feststellen wollte, ist jene besondere, allercharakteristischste -und bei keinem anderen Genie außer ihm -vorhandene Eigenart des künstlerischen Schöpfertums: -ich meine die Fähigkeit, sich in den Geist einer jeden -fremden Nation vollkommen hineinzuversetzen, ja sogar -sich selbst in einen geistigen Vertreter jeder Nation -zu verwandeln und im Geiste der Fremden schöpferisch -zu werden. Ich sagte in meiner Rede, daß es in Europa -die größten künstlerischen Weltgenies gegeben hat, -wie Shakespeare, Cervantes, Schiller, doch kann man -bei keinem einzigen von ihnen diese Fähigkeit wahrnehmen -– wir sehen sie nur bei Puschkin. Und nicht -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -etwa nur das Sichhineinversetzen, das bloße Verstehen -der anderen ist hier das Bedeutungsvolle, sondern -gerade die erstaunliche Vollkommenheit der Verwandlung. -Diese Fähigkeit konnte ich in meiner Rede -über die Bedeutung Puschkins natürlich nicht außer -acht lassen, denn sie ist nun einmal die charakteristische -Eigenheit seines Genies, eine Eigenart, die von allen -Künstlern der Welt nur er allein hat, und durch die -er sich denn auch von ihnen allen unterscheidet. Wenn -ich dies sage, dann geschieht es natürlich nicht, um -solche Größen unter den europäischen Genies, wie -Shakespeare und Schiller, herabzusetzen: einen so lächerlich -dummen Schluß könnte aus meiner Rede wirklich -nur ein Dummkopf ziehen. Der <em>Universalismus</em>, -die <em>Allgemeinverständlichkeit</em> -und die unerforschliche Tiefe der Welttypen -des Menschen arischer Rasse, die Shakespeare für alle -Zeiten gegeben hat, sind von mir nicht einen Augenblick -in Frage gestellt worden. Und wenn Shakespeare -in seinem Othello wirklich einen <em>venezianischen -Mohr</em> und nicht einen Engländer dargestellt hätte, -dann würde er ihm nur den Nimbus einer örtlichen -nationalen Charakteristik verliehen haben, die Weltbedeutung -dieses Typus jedoch wäre ganz dieselbe geblieben, -denn auch im Italiener hätte er das, was er -ausdrücken wollte, ebenso und mit derselben Kraft ausgedrückt. -Wie gesagt: nicht die Weltbedeutung Shakespeares -und Schillers habe ich herabziehen wollen, indem -ich die geniale Fähigkeit Puschkins, sich in den -Geist fremder Nationen zu versetzen, hervorhob, sondern -ich tat es bloß in dem Wunsch, den gerade in -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -dieser Fähigkeit und in ihrer Vollkommenheit enthaltenen -großen und prophetischen Hinweis für uns Russen -klarzulegen – denn -</p> - -<p> -4) diese Fähigkeit ist ganz entschieden eine russische -Nationaleigenschaft: Puschkin teilt sie mit unserem -ganzen Volk und er ist als vollendeter Künstler -zugleich derjenige, der am vollendetsten diese Fähigkeit -zum Ausdruck bringt, wenigstens in seinem Werk, -seinem künstlerischen Schaffen. Unser ganzes Volk trägt -diese Neigung, sich in den Geist anderer Völker zu versetzen, -und somit die Neigung zur Allversöhnung, in -seiner Seele und hat das in den zwei Jahrhunderten -nach der Reform Peters auch schon mehr als einmal -bewiesen. Da ich nun aber auf diese Fähigkeit unseres -Volkes hinwies – wie sollte ich da nicht auch auf -die in ihr enthaltene große Beruhigung hinweisen, die sie -uns auf unsere Frage nach unserer Zukunft als Antwort -gibt, auf diese große und vielleicht größte aller Volkshoffnungen, -die leuchtend vor uns steht! So sprach ich denn -aus, daß unser Streben nach Europa, mit allen seinen -Übertreibungen und Ausartungen, <em>in seinem letzten -Grunde</em> nicht nur berechtigt, sondern auch -volkstümlich ist, und daß es sich mit dem Trieb des -Volksgeistes vollkommen deckt und zweifellos auch -etwas in sich birgt, das einen höheren Zweck verfolgt. -In meiner kurzen, leider gar zu kurzen Rede -konnte ich diesen Gedanken natürlich nicht genügend -entwickeln, doch glaube ich trotzdem, daß das, was ich -gesagt habe, nicht mißzuverstehen ist. Und wozu, ja: -wozu sich darüber empören, daß, wie ich sagte, „unser -bettelarmes Land vielleicht zu guter Letzt der ganzen Welt -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -ein neues Wort sagen wird?“ Und wie lächerlich, darauf -hinzuweisen, daß wir uns, bevor wir der Welt ein -neues Wort sagen könnten, doch „erst ökonomisch, wissenschaftlich -und staatlich entwickeln müssen“, und daß -wir erst dann daran denken könnten, „neue Worte“ so -(angeblich) vollendeten Organismen, wie es die Völker -Europas sind, von uns aus zu sagen. Ich habe -es ja in meiner Rede ausdrücklich betont, daß mir -nichts ferner liegt, als das russische Volk in Dingen -seiner ökonomischen oder wissenschaftlichen Errungenschaften -mit den Völkern des Westens auch nur vergleichen -zu wollen. Ich sage ganz einfach, daß von allen -Völkern Europas das russische Volk am fähigsten -ist, die Idee der allmenschlichen Einigung, -der Nächstenliebe, der unparteiischen Beurteilung, -die das Feindliche verzeiht, das Ungleiche unterscheidet -und entschuldigt, die Widersprüche aufhebt, -in sich aufzunehmen. Das ist kein „ökonomischer“, -sondern ein rein <em>ethischer</em> Zug, und wer könnte -bezweifeln oder verneinen, daß er im russischen Volk -vorhanden ist? Oder wer dürfte sagen, daß das -russische Volk nur eine immerfort duldende träge -Masse sei, dazu bestimmt, nur „ökonomisch“ dem Gedeihen -und der Entwicklung unserer Intelligenz zu -dienen, die sich da hoch über dem Volk erhebt, daß -aber dieses Volk selbst in sich nur tote duldsame Tatlosigkeit -trüge, von der man nichts zu erwarten habe, -weshalb denn auch gar kein Grund vorhanden sei, irgendwelche -Hoffnungen auf dieses Volk der Menge zu -setzen? Es ist traurig genug, sagen zu müssen, daß sogar -sehr viele in Rußland einer solchen Ansicht sind -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -und daß sie ihren Standpunkt noch dazu mit Eifer -verfechten. Und nun habe ich gewagt, etwas ganz anderes -auszusprechen. -</p> - -<p> -Ich wiederhole, daß ich „diese meine Phantasie“, wie -ich mich ausdrückte, nicht eingehender, nicht mit der -notwendigen Ausführlichkeit habe erklären und ihre -Richtigkeit beweisen können – und doch konnte ich -nicht unterlassen, auf sie hinzuweisen. So ohne weiteres -zu behaupten, daß unser armes und unschönes -Land nichts von derartig hohen Trieben in sich schließen -könne, bevor es nicht „ökonomisch“ und „staatlich“ -dem Westen ähnlich geworden sei – das ist einfach -unsinnig. Die fundamentalen ethischen Geistesgüter -hängen – wenigstens in ihrem Wesensgrunde -– nicht von der ökonomischen Leistungsfähigkeit eines -Volkes ab. Unser ganzes armes und unansehnliches -Land steht da, immer abgesehen von seiner oberen -Schicht, einmütig wie <em>ein</em> Mann! Alle achtzig Millionen -seiner Bevölkerung stellen eine geistige Einheit -dar, wie sie in Europa nirgends zu finden ist und -auch gar nicht zu finden sein kann: folglich ist es schon -aus diesem Grunde unmöglich, zu sagen, unser Land -sei unbedeutend, ja, im strengen Sinne des Wortes, -noch nicht einmal arm vermag man es zu nennen. -Im Gegenteil, in Europa, in diesem Europa, wo soviel -Reichtümer zusammengescharrt sind – in Frankreich -z. B., in England! – ist der ganze Staatsbau -bei allen diesen Nationen untergraben und wird vielleicht -morgen einstürzen, um dann etwas beispiellos -Neuem, das an nichts Dagewesenes gemahnt, Platz -zu machen. Und alle diese Reichtümer, die Europa -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -aufgehäuft hat, werden es nicht vor dem Sturz bewahren -können, denn „in einem Augenblick wird aller -Reichtum verschwunden und vernichtet sein“. Und dieser, -gerade dieser untergrabene Staatsbau, diese infizierte -Bourgeoisie wird unserem Volk nun als einzig -zu erstrebendes Ideal vor Augen gehalten, und erst -wenn dies Ideal einmal von ihm erreicht sein sollte, sagt -man, dürfe es wagen, daran zu denken, den Europäern -irgendein Wort zu stammeln. Dagegen behaupten wir, -daß dieses Volk eine in Liebe allversöhnende und allvereinende -Geisteskraft auch unter den gegenwärtigen -ökonomischen Verhältnissen besitzen und in seinem Innersten -erhalten kann, ja, es kann das sogar in Zeiten, -die noch weit schlimmer als die jetzigen der Armut -sind: es hat das sogar in der Zeit nach dem Einfall -der Tataren ins Land<a class="fnote" href="#footnote-13" id="fnote-13">[13]</a> und in der wüsten Zeit des -Interregnums<a class="fnote" href="#footnote-14" id="fnote-14">[14]</a> gekonnt, bis Rußland ausschließlich -vom eigenen und einigen Volksgeist gerettet -wurde. Und schließlich: selbst wenn es wirklich so unbedingt -notwendig sein sollte zur Erlangung des -Rechtes, die Menschheit zu lieben, eine alles vereinende -Seele und die Fähigkeit zu besitzen, nicht -fremde Völker deshalb zu hassen, weil sie nicht so sind, -wie wir, und den Wunsch zu haben, nicht sich in der -eigenen Nationalität von allen anderen abzuschließen -und sich gegen sie zu verschanzen, damit nur das eigene -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -Volk alles bekäme, während man die anderen Völker -für so etwas wie Zitronen hält, aus denen sich Saft -herauspressen läßt (und Völker von diesem Nationalcharakter -gibt es doch in Europa!) – wenn es auch -wirklich, sage ich, zur Erlangung alles dessen notwendig -sein sollte, zunächst ein reiches Volk zu werden und -die Verfassung europäischer Staaten bei uns einzuführen, -muß dann deshalb, so fragt es sich, alles unbedingt -sklavisch nachgeahmt und, sogar einschließlich der -Bourgeoisie (die dort, wie gesagt, vielleicht morgen -schon stürzen wird), bei uns eingeführt werden? Wird -man denn wirklich auch hierin dem russischen Organismus -nicht gestatten, sich national zu entwickeln, -durch die eigene organische Kraft? oder muß es wirklich -unbedingt ein ganz unpersönliches und lakaienhaftes -Kopieren Europas sein? Ja, aber: was soll man -denn mit dem russischen Organismus anfangen? Begreifen -diese Herren überhaupt, was ein Organismus -ist? Und dabei reden sie doch so klug über die Naturwissenschaften! -– „Das wird das Volk nicht zulassen“, -sagte vor etwa zwei Jahren jemand im Gespräch -zu einem überzeugten Westler. – „Dann muß -man es beseitigen!“ versetzte darauf der Westler gelassen -und erhaben. Und das war nicht „irgendeiner“, -das war vielmehr ein – Repräsentant unserer Intelligenz. -Diese Geschichte ist nicht erfunden, denn sie -ist leider – von mir erlebt. -</p> - -<p> -Mit den angeführten vier Punkten wollte ich Puschkins -Bedeutung für uns feststellen, und meine Rede -hat also, wie bereits erwähnt, Eindruck gemacht. Nicht -durch irgendwelche besonderen Vorzüge (ich betone das -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -ausdrücklich) und nicht durch talentvollen Vortrag -(darin gebe ich allen meinen Gegnern vollkommen -recht, denn wirklich, ich will mich nicht loben), sondern -durch ihre Aufrichtigkeit hat sie den Eindruck gemacht -und – ich sage es dreist – durch die Richtigkeit -der von mir hervorgehobenen Tatsachen, die eben -überzeugen mußten, ungeachtet der Kürze und Unvollkommenheit -meiner Rede. Aber worin, fragt es sich, -bestand denn das „Ereignis“, wie Iwan Ssergejewitsch -Aksakoff es nannte? -</p> - -<p> -Das „Ereignis“ war die Tatsache, daß von den -Slawophilen oder der sogenannten russischen Partei -(Gott, es gibt bei uns eine „russische Partei“!) ein -großer und vielleicht entscheidender Schritt zur Versöhnung -mit den Westlern gemacht wurde, denn die -Slawophilen haben damit die Berechtigung anerkannt, -die in dem Streben der Westler nach Europa liegen -könnte; haben sogar die Berechtigung aller Übertreibungen -und ihrer unsinnigsten theoretischen Folgerungen -anerkannt, haben sich für diese Berechtigung mit dem -echt russischen, unserem Volk so eigentümlichen Trieb -erklärt, der unsrer ganzen geistigen Veranlagung nur -zu sehr entspricht, die Übertreibungen selbst aber haben -sie als historische Notwendigkeiten angesehen und -als ein Fatum gerechtfertigt, so daß, wenn man einmal -die Summe ziehen sollte, es sich herausstellen -würde, daß die Westler in demselben Maße ihrem Vaterlande -und der Richtung seines Geistes gedient haben, -wie alle jene echt russischen Leute, die aufrichtig -ihre Heimat lieben und sie vielleicht nur gar zu -eifersüchtig vor der Europa-Begeisterung aller „russischen -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -Ausländer“ zu bewahren suchen. Und zum -Schluß wurde in dieser Rede erklärt, daß alle Gegensätze, -aller Widerstreit und alle Feindseligkeiten zwischen -den beiden Parteien bisher überhaupt nur ein -großes Mißverständnis gewesen sind. Diese Erklärungen -in ihrer Gesamtheit dürften nun wohl das -gewesen sein, was man meinetwegen ein „Ereignis“ -nennen kann, denn die Repräsentanten der Slawophilenpartei -waren nach meiner Rede mit allen ihren Folgerungen -durchaus einverstanden. Ich möchte jetzt nur -noch darauf hinweisen – was übrigens auch schon in -meiner Rede geschehen ist –, daß die Ehre, diesen ersten -Schritt getan zu haben (wenn der aufrichtige -Wunsch, eine Versöhnung herbeizuführen, zur Ehre -gereicht), daß das Verdienst, dieses neue Wort, wenn -man es so bezeichnen will, verkündet zu haben, durchaus -nicht mir allein zukommt, sondern dem ganzen -Slawophilentum, dem Geist und der Richtung unserer -ganzen „Partei“, daß ferner das Gesagte von jeher -allen jenen klar gewesen ist, die unparteiisch das -Slawophilentum zu erfassen suchten, und daß der Gedanke, -den ich ausgesprochen, von ihnen schon früher, -wenn auch nicht gerade wörtlich, in dieser Weise ausgedrückt, -so doch dem Sinne nach angedeutet worden -ist. Ich aber habe nichts weiter getan, als daß ich ihn -im richtigen Moment aussprach. -</p> - -<p> -Und nun die Folge: sollten jetzt die Westler unsere -Folgerung annehmen und sich mit ihr einverstanden -erklären, so würden ja allerdings wirklich alle -Mißverständnisse zwischen den beiden Parteien beseitigt -sein, und die Westler und Slawophilen hätten -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -tatsächlich „keinen Stoff mehr zum Streit“, wie I. S. -Aksakoff sich ausdrückte, „da jetzt alles erklärt ist“. -Unter diesem Gesichtspunkt wäre meine Rede freilich -„ein Ereignis“ gewesen. Aber das Wort „Ereignis“ ist -doch wohl nur in der ersten Begeisterung von der einen -Partei ausgesprochen, ob aber auch die andere Partei -es anerkennen oder ob die Forderung nur ein Ideal bleiben -wird, das ist eine ganz andere Frage. Neben den -Slawophilen, die mich dort in ihre Arme schlossen -und mir die Hände schüttelten, kaum daß ich die Rednertribüne -verlassen hatte, kamen auch Westler auf -mich zu, um mir auch ihrerseits fest die Hand zu drücken, -und zwar waren es nicht so irgendwelche, sondern -gerade die Führer der Parteien, oder doch diejenigen, -welche gerade jetzt die beinahe entscheidende Rolle -in ihr spielen. Und ihr Händedruck war ebenso heiß -und sprach von ebenso aufrichtigem Beifall wie der -der Slawophilen, und sie nannten meine Rede genial, -und taten das mehr als einmal und hoben immer -wieder ihre Bedeutung hervor. Aber ich fürchte, ich -fürchte aufrichtig: geschah das nicht alles nur im ersten -Augenblick des Mitgerissenseins?! Oh, nicht das -fürchte ich, daß sie nachträglich ihre Meinung, meine -Rede sei genial gewesen, ändern könnten! Ich weiß -es ja selbst, daß sie nicht genial war, und fühlte mich -auch durch ihr Lob keineswegs geschmeichelt, weshalb -ich ihnen von ganzem Herzen ihre Meinungsänderung -bezüglich meiner Genialität verzeihen würde. Es ist -etwas anderes, was ich befürchte. Es wäre nämlich -möglich, daß die Westler (ich meine nicht jene, die mir -die Hand schüttelten, sondern die Westler im allgemeinen, -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -was vorausgeschickt sei), daß die Westler also, -wenn sie erst einmal über das dort Ausgesprochene -nachdenken, ungefähr folgendes sagen könnten: -„Aha!“ werden sie vielleicht sagen (übrigens sage ich -ausdrücklich „vielleicht“, nichts Bestimmteres), „da haben -sie nun nach langem Streit und Hader endlich -doch zugegeben, daß unser Streben nach Europa berechtigt -und natürlich ist! Sie haben eingesehen, daß -auf unserer Seite dasselbe Recht besteht, das sie bis jetzt -nur für sich in Anspruch nahmen, und haben nun -ihre Fahnen endlich vor uns gesenkt. Nun, wir nehmen -Ihre Anerkennung mit Vergnügen an, meine Herren, -und beeilen uns, Ihnen zu erklären, daß das von -Ihrer Seite sogar sehr nett ist: es verrät wenigstens -einen gewissen Verstand, den wir Ihnen übrigens auch -nie abgesprochen haben, mit Ausnahme vielleicht der -Stumpfsinnigsten unter unseren Parteigängern, für die -alle wir nicht wohl einstehen können – aber ... Sehen -Sie mal, hier sitzt nun wieder ein gewisser neuer -Haken, weshalb man denn diesen Punkt möglichst -schnell klarlegen müßte. Die Sache ist nämlich die, -daß Ihre These, unser Zug nach Europa stimme durchaus -mit dem Volksgeist überein, ja, sei sogar metaphysisch -als sein unmittelbarer Ausdruck zu erklären -– daß diese Ihre Behauptung also für uns doch -von mehr als fragwürdiger Richtigkeit bleibt, womit -dann die Möglichkeit einer Versöhnung zwischen uns -wiederum ausgeschlossen ist. Lassen Sie es sich gesagt -sein, daß wir uns allerdings von Europa, von der -europäischen Wissenschaft und von der Reform Peters -haben lenken lassen, keineswegs aber vom Geist unseres -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -Volkes, sintemal wir diesen Geist noch nicht zu entdecken -vermocht haben und er uns auf unserem Wege -auch noch nie begegnet ist – was etwa von ihm irgendwo -vorhanden sein sollte, das haben wir hinter -uns liegen lassen und sind schleunigst von ihm fortgeeilt. -Wir sind von Anfang an selbständig unseren -Weg gegangen und haben uns durchaus nicht von -irgendeinem angeblichen Trieb des russischen Volkes, -seiner universalen Aufnahmefähigkeit oder seiner Neigung -zur Versöhnung aller nationalen Gegensätze treiben -lassen – kurz, es ist nichts von dem geschehen, -worüber Sie jetzt so viele Worte verloren haben. Im -russischen Volk – da es nun einmal zur Sprache gekommen -ist, wollen wir es ganz aufrichtig aussprechen -– sehen wir nach wie vor nur eine passive -Masse, von der wir nichts zu lernen haben, die vielmehr -nur die Entwicklung Rußlands – im fortschrittlichen -Sinne – hemmt und die man umgestalten -und umschaffen muß: wenn nicht organisch, was -leider nicht möglich ist, so doch wenigstens mechanisch, -d. h. indem man sie einfach zwingt, ein für allemal -zwingt, uns zu gehorchen. Um aber diesen Gehorsam -zu erreichen, ist es eben erforderlich, bei uns genau -dieselbe bürgerliche Organisation einzuführen, wie sie -in den europäischen Staaten bereits vorhanden ist. -An und für sich ist unser Volk arm und gemein, wie -es das von jeher gewesen, und kann weder ein Ansehen -noch eine Idee haben. Die ganze Geschichte unseres -Volkes ist eine Ungereimtheit, aus der Sie aber -bisher weiß der Teufel was für Schlüsse gezogen haben. -Nur wir allein haben uns den nüchternen Blick -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -bewahrt und das Volk richtig eingeschätzt. Ein Volk, -wie das unsrige, darf keine Geschichte haben, und das, -was es bis jetzt für seine Geschichte hält, muß von -ihm mit Abscheu vergessen werden, jawohl, restlos vergessen -werden. Eine Geschichte haben – das dürfen -nur wir, die Intelligenz, der das Volk einzig mit seiner -Arbeit und Kraft zu dienen hat.“ -</p> - -<p> -„Übrigens erlauben Sie, regen Sie sich wegen -unserer Einwände nicht auf und unterbrechen Sie -uns nicht: nicht zu unseren Leibeigenen wollen wir unser -Volk machen, wenn wir von seinem Gehorsam -sprechen, o nein, natürlich nicht! Ziehen Sie, bitte, -nicht so falsche Schlüsse! Wir sind human, wir -sind Europäer: das wissen Sie ja nur zu gut. Im Gegenteil, -wir wollen unser Volk allmählich bilden, regelrecht -bilden, und unser Werk damit krönen, daß -wir das Volk allmählich bis zu uns erheben und seine -Nationalität in eine andere verwandeln, in irgendeine, -die sich dann schon von selbst einstellen wird, wenn -die Nation nur erst einmal richtig gebildet ist. Seine -Bildung aber werden wir darauf gründen und damit -beginnen, womit wir selber begonnen haben: mit -der Verleugnung unserer Vergangenheit und einem -Fluch auf unsere ganze Geschichte. Haben wir einem -Mann aus dem Volke erst das Lesen und Schreiben -beigebracht, so geben wir ihm gleich darauf Europa zu -riechen, und dann umstricken wir ihn vollends mit – -nun, sagen wir, mit den feinen Sitten, den Kleidern, -Getränken und französischen Tänzen. Mit einem -Wort, wir zwingen ihn, sich seines früheren Bastschuhs -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -und seines selbstgebrauten ‚Kwas‘<a class="fnote" href="#footnote-15" id="fnote-15">[15]</a> zu schämen, desgleichen -seiner alten Lieder – und wenn es auch unter -letzteren einzelne musikalisch sehr schöne geben mag, -was wir ja gar nicht in Abrede stellen wollen, dann -werden wir ihn doch zwingen, Couplets zu singen, wie -sehr Sie sich darüber auch ärgern sollten. Kurz, um -den guten Zweck zu erreichen, werden wir mit allen nur -möglichen Mitteln zunächst die schwachen Seiten seines -Charakters beeinflussen, ganz wie das ja auch mit -uns geschehen ist, und schließlich wird dann das Volk -– unser sein. Es wird sich seiner Vergangenheit selbst -schämen und sie verfluchen. Wer das hinter ihm Liegende -verflucht, der gehört bereits zu uns. Das ist -unsere Formel! Und nach dieser Formel werden wir -vorgehen, wenn wir uns daran machen, das Volk zu -uns zu erheben. Sollte das Volk sich aber als unfähig -zur Bildung erweisen, dann ja, dann muß man -es beseitigen. In dem Fall wäre eben der Beweis dafür -erbracht, daß unser Volk nur eine unwürdige, -barbarische Herde ist, mit der man wirklich nichts anderes -anfangen kann, als daß man sie zum Gehorsam -zwingt. Denn was sollte man sonst mit ihm anfangen? -– ist doch nur bei unserer Intelligenz und in -Europa die Wahrheit! Wenn es bei uns auch achtzig -Millionen Volk gibt (womit Sie übrigens dem Anscheine -nach ein wenig zu prahlen belieben), so haben -alle diese Millionen doch nur dann einen Lebenszweck, -wenn sie dieser europäischen Wahrheit dienen, -außer der es eine andere Wahrheit nun einmal nicht -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -gibt und auch gar nicht geben kann. Mit der Menge -aber, mit diesen achtzig Millionen, werden Sie uns -nicht einschüchtern. So: und damit hätten wir Ihnen -einmal gründlich unsere Meinung gesagt, diesmal in -ganzer Nacktheit. Wir aber bleiben bei dem, was wir -gesagt haben. Wir können doch nicht, wenn wir Ihre -Folgerung annehmen, mit Ihnen – nun, zum Beispiel -über so seltsame Dinge philosophieren, wie die -Pravoslavie<a class="fnote" href="#footnote-16" id="fnote-16">[16]</a> und ihre angebliche und besondere Bedeutung! -Wir hoffen vielmehr, daß Sie uns wenigstens -dies nicht zumuten werden, namentlich nicht jetzt, -in einem Augenblick, in dem das letzte Wort Europas, -und das allgemeine Ergebnis der europäischen Wissenschaft, -doch der Atheismus ist, ein aufgeklärter und -humaner Atheismus! Wir aber – wir können doch -nicht Europa etwa <em>nicht</em> folgen!! So sind wir denn -meinetwegen bereit, jene Hälfte der bewußten Rede, -in der Sie uns Beifall zollen, mit gewissen Einschränkungen -gelten zu lassen – also sei’s drum, erweisen -wir Ihnen diese Liebenswürdigkeit. Was aber die -andere Hälfte betrifft, die, auf die Sie sich und alle -diese Ihre ‚Grundlagen‘ beziehen – ja: da verzeihen -Sie, da können wir nun nichts mehr annehmen und -billigen!“ -</p> - -<p> -Eine so traurige Antwort auf meine Rede ist durchaus -möglich. Doch wie gesagt: ich wage sie nicht nur -nicht in den Mund jener Westler zu legen, die mir die -Hand drückten, sondern nicht einmal in den Mund -der vielen, sehr vielen Aufgeklärten, die trotz ihrer -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -Theorien prächtige Russen sind und für ihr Vaterland -arbeiten und als russische Bürger alle Achtung verdienen. -Dafür aber wird die Masse, die Masse der -Abtrünnigen, der von ihrem Erdboden Losgerissenen, -die Masse der Westler, der Durchschnitt, die Straße, -auf der man die Idee weiterschleift, – dieser ganze -Pöbel der „Richtung“ (und der ist zahlreich wie Sand -am Meer) oh, dieser Schlag Menschen wird unbedingt -in ähnlicher Weise antworten, wenn er es nicht -schon getan hat! (Notabene: In betreff des Glaubens -zum Beispiel ist schon in einer Broschüre mit dem -ganzen ihnen eigenen Scharfsinn erklärt worden, das -Ziel der Slawophilen sei – ganz Europa zur Orthodoxie -zu bekehren.) Doch verscheuchen wir diese schwarzen -Gedanken und hoffen wir zunächst auf die Führer -dieses „Europäertums“. Wenn sie auch nur die Hälfte -unserer Ansichten und in sie gesetzten Hoffnungen zu -den ihrigen machen, so sei ihnen auch hierfür Ehre -und Ruhm, und wir werden sie mit Begeisterung begrüßen. -Selbst wenn sie nur die eine Hälfte annehmen, d. h. -wenn sie wenigstens die Selbständigkeit und Eigenart -des russischen Geistes anerkennen, so wie die Rechtmäßigkeit -seines Daseins und seine menschenfreundliche -allversöhnende Neigung, so wird es auch fast -nichts mehr geben, worüber wir noch zu streiten hätten, -wenigstens nichts Grundsätzliches. Dann würde meine -Rede allerdings so etwas wie den Grund zu einem -neuen Ereignis gelegt haben. Nicht sie selbst – ich -wiederhole es noch zum letztenmal – wäre das Ereignis -gewesen (sie ist eine solche Bezeichnung nicht -wert), sondern der große Triumph Puschkins, der die -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -Veranlassung zu unserer Einigung gewesen wäre – -einer Einigung aller wahrhaft gebildeten und aufrichtigen -Russen für ein großes allumfassendes Zukunftsziel. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-2"> -<span class="firstline">Puschkin<a class="fnote" href="#footnote-17" id="fnote-17">[17]</a></span> -</h3> - -</div> - -<p class="note"> -Vorgetragen am 8. Juni 1880 in der Versammlung -des Vereins der „Freunde russischer Dichtung“. -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>P</span><span class="postfirstchar">uschkin</span> ist eine außergewöhnliche Erscheinung -und vielleicht der bisher einzige Ausdruck des -russischen Geistes“, sagt Gogol. Ich füge von mir aus -hinzu: und zwar ein prophetischer Ausdruck. Ja, in -Puschkins Erscheinen liegt für uns alle, uns Russen, -etwas zweifellos Prophetisches. Puschkin kam uns in -einer Zeit, als sich zum ersten Male so etwas wie -Selbsterkenntnis in unserer Gesellschaft hervorzuwagen -begann, ein ganzes Jahrhundert nach der Reform -Peters<a class="fnote" href="#footnote-18" id="fnote-18">[18]</a>, und sein Erscheinen wirkte wie eine Überleuchtung -unseres dunklen Weges mit neuem und bahnweisendem -Licht. In diesem Sinne ist Puschkin in der -Tat eine Prophezeiung und ein Programm zugleich. -</p> - -<p> -Das Schaffen dieses großen Dichters teile ich in -drei Perioden. Ich sage das nicht als Literaturkritiker: -wenn ich von der schöpferischen Tätigkeit Puschkins -rede, will ich nur meinen Satz von seiner prophetischen -Bedeutung für Rußland klarlegen, und was ich unter -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -diesem Ausdruck verstehe. Übrigens möchte ich hier -vorausschicken, daß zwischen besagten drei Abschnitten -seiner Entwicklung, wie mir scheint, keine festen Grenzen -bestehen. Der Anfang des „Onegin“ zum Beispiel -gehört meiner Ansicht nach noch in die erste Periode -seines Schaffens, das Ende dagegen in die zweite, in -der Puschkin seine Ideale in seinem eigenen Lande -bereits gefunden, liebgewonnen und in seine große, -weit ausschauende Seele aufgenommen hatte. Ferner: -es ist üblich, zu sagen, daß Puschkin in der ersten Periode -seines Schaffens europäische Dichter nachgeahmt -habe, wie Parny, André Chénier und besonders Byron. -Und es ist wahr: diese und andere Dichter Europas -haben zweifellos einen großen Einfluß auf die Entwicklung -seines Genies gehabt und haben diesen Einfluß -wohl auch zeit seines Lebens behalten. Nichtsdestoweniger -waren schon die ersten Dichtungen Puschkins -keineswegs nur Nachahmungen, vielmehr verrät -sich auch in ihnen schon die ungewöhnliche Selbständigkeit -seines Genies. Aus Nachahmungen spricht nie -ein so echter Schmerz, nie eine so tiefe Selbsterkenntnis, -wie Puschkin sie z. B. in den „Zigeunern“ hat – -in einem Poem, das ich durchaus noch zu seiner -ersten Schaffensperiode rechne. Von seiner schöpferischen -Kraft und von der mitreißenden Gewalt seiner -Sprache ganz zu schweigen – nein, die hätte er wahrlich -nicht gehabt, wenn er nur ein Nachahmer gewesen -wäre. Die Gestalt des Aleko, des Helden dieses Poems, -vertritt bereits einen großen und tiefen und echt russischen -Gedanken, denselben, der später in so einheitlicher -Vollendung im „Onegin“ ausgedrückt ist, wo uns -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -fast derselbe Aleko entgegentritt, nur mit dem Unterschied, -daß er dort nicht mehr in einer phantastischen -Umgebung und in phantastischem Licht erscheint, sondern -greifbar wirklich, wahrheitsgetreu und verständlich -vor uns steht. Schon in Aleko hat Puschkin jenen -Unglücklichen, der in seinem ganzen großen Vaterlande -keinen festen Verbleib hat, jenen historischen russischen -Märtyrer, dessen Erscheinen in unserer, vom Volk losgerissenen -Gesellschaft – eben historisch betrachtet – -so unvermeidlich war, in einer genialen Skizze festgehalten. -Entdeckt aber hat er ihn wahrlich nicht nur -in Byrons Werken! Dieser Typ ist fehlerlos erfaßt, ist -eine von unseren stehenden Figuren und hat sich bei -uns, in unserem russischen Vaterlande, seit langem und -auf lange Zeit eingebürgert. Dieser russische „Skitáletz“<a class="fnote" href="#footnote-19" id="fnote-19">[19]</a> -aus den höheren Gesellschaftskreisen setzt auch -heute noch sein Leben fort, und ich glaube, er wird so -bald nicht aussterben. Und wenn diese Naturen heutzutage -nicht mehr Zigeunerlager aufsuchen, um in der -wilden eigenartigen Lebensweise der Nomaden ihr -Weltideal und im Schoße der Natur Ruhe und Erlösung -von dem sinnlosen, verwirrenden Leben unserer -russischen Gesellschaft zu finden, so werfen sie sich -dafür dem Sozialismus in die Arme, den es zu Alekos -Lebzeiten noch nicht gab – das heißt: sie gehen mit -ihrem neuen Glauben nur auf einen fremden Acker, um -dort mit Eifer auf ihre Weise zu arbeiten, geradeso -überzeugt, wie Aleko es war, daß sie auf diesem ihrem -phantastischen Arbeitsfeld das Glück nicht nur für sich -selbst, sondern zugleich für die ganze Welt erlangen -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -werden. Denn dieser russische Heimatlose bedarf nun -einmal des allmenschlichen Glücks, um mit sich zur Ruhe -kommen zu können: sonst, o nein, sonst gibt er -sich nicht zufrieden – d. h. so lange tut er es nicht, -wie es sich in der Sache nur um die Theorie handelt. -Der „Skitaletz“ von heute wie der von damals sind -noch ganz dieselben Russen, nur daß sie zu verschiedenen -Zeiten geboren wurden. Dieser Menschenschlag ist, -ich wiederhole es, gerade zu Anfang des zweiten Jahrhunderts -nach der großen Reform Peters in unserer -vom Volk und von der Volkskraft losgelösten Gesellschaft -entstanden. Gewiß, eine riesige Mehrzahl der gebildeten -Russen haben damals, zu Puschkins Zeiten, -ebenso ihr Leben im Staatsdienst zugebracht, wie sie -in unserer Zeit friedlich als Beamte weiter dienen, in -den Renteien, auf den Eisenbahnen und in den Banken -– oder sie verdienen sich ihr Geld durch andere Mittel, -sie beschäftigen sich sogar mit Wissenschaft, geben -Stunden, halten Vorträge und verrichten alles regelmäßig, -faul, friedlich, leben von monatlichem Gehalt -und kleinen Kartenpartien, ohne jede innere Anfechtung -oder Neigung zur Flucht in ein Zigeunerlager, -oder gleichviel wohin und welches Lager sich in unserer -Zeit eben mehr dazu eignen würde. Viel, sehr viel ist -es schon, wenn sie ein wenig die Liberalen spielen, -„mit einem Schimmer von westeuropäischem Sozialismus“, -dem aber ein gewisser russisch gutmütiger Charakter -verliehen wird. Doch alles das ist nur ein Zeitunterschied. -Was liegt daran, daß der eine noch nicht -angefangen hat, sich zu beunruhigen, während der andere -schon bei der verschlossenen Tür angelangt ist und -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -sie mit dem Kopf auch bereits einzurennen versucht hat -– natürlich vergeblich. Dasselbe erwartet sie alle – -jeden zu seiner Zeit, wenn sie nicht den rettenden Weg -betreten und sich bescheiden mit dem Volk vereinigen. -Oder nicht einmal alle mag dasselbe erwarten: es genügen -auch die „Auserwählten“, es genügt auch der -zehnte Teil der aus der Ruhe Gekommenen, und die -übrige große Mehrheit wird ebenfalls dank ihrer Unruhe -keine Ruhe mehr finden. Aleko freilich versteht es -noch nicht, seine Sehnsucht richtig auszudrücken: bei -ihm ist alles gleichsam noch abstrakt. Er sehnt sich nach -der Natur und klagt über die Gesellschaft, verspürt -einen Drang, der sich irgendwie auf die ganze Welt bezieht, -und trauert ob der vermeintlich irgendwo, irgendwann, -durch irgendwen verlorenen Wahrheit, die -er nun nirgends zu finden vermag. Hier ist, ersichtlich, -ein bißchen Jean Jacques Rousseau zu spüren. Worin -diese Wahrheit bestanden, wo und wie man sie wiederfinden -könnte und wann sie verloren gegangen, das -weiß er allerdings nicht zu sagen, aber er leidet aufrichtig. -Vorläufig sehnt sich denn auch der phantastische -unduldsame Mensch nur nach Erlösung von vornehmlich -äußeren Erscheinungen. So muß es ja auch sein! -Die Wahrheit ist für ihn irgendwo außerhalb seiner -Person, vielleicht irgendwo in anderen Ländern, zum -Beispiel in den europäischen, die alle ihren geschichtlich -festgefügten Bau und eine bestimmte Ordnung in -ihrem staatlichen wie gesellschaftlichen Leben besitzen. -Und niemals wird er begreifen, daß die Wahrheit vor -allen Dingen in ihm selbst sein muß, ganz innerlich, -nur in ihm selbst – wie sollte er das auch anders verstehen? -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -Er ist doch in seinem eigenen Lande ein Fremder, -schon seit einem ganzen Jahrhundert hat er das -Arbeiten verlernt, besitzt er nichts mehr von lebendiger -Kultur, ist er wie ein Pensionsmädchen zwischen geschlossenen -Wänden aufgewachsen. Die Pflichten, die -er erfüllte, waren seltsam und willkürlich, je nach seiner -Zugehörigkeit zu einer der vierzehn Rangklassen, in -die unsere gebildete russische Gesellschaft eingeteilt ist. -Er ist vorläufig nur ein losgerissenes und in der Luft -schwebendes Stäubchen. Er fühlt das auch und leidet -darunter oft sogar qualvoll! Nun, und schließlich – -was hat es auch auf sich, daß er, der vielleicht zum russischen -Geburtsadel gehört und sogar, was höchst -wahrscheinlich ist, Leibeigene besitzt, mit der ganzen -Freiheit seines Standes sich den kleinen phantastischen -Einfall gestattet, an Menschen Gefallen zu finden, die -„ohne Gesetz“ leben, um zeitweilig, wenn es sein soll, -im Zigeunerlager einen Bären zu führen und ihn tanzen -zu lassen? Am ehesten konnte ihm noch das Weib, -„das Naturweib“, wie ein Dichter sich ausdrückt, die -Hoffnung auf eine Erlösung von seiner Lebensqual -verheißen: nichts ist infolgedessen selbstverständlicher, -als daß er sich in leichtsinnigem, jedoch leidenschaftlichem -Glauben in eine junge Zigeunerin verliebt. Es -hieß das soviel wie: „Hier, nur hier finde ich den Ausweg, -hier werde ich auch mein Glück finden, hier im -Schoße der Natur, fern von aller Welt, hier unter diesen -Menschen, die keine Zivilisation und keine Gesetze -haben!“ Und was ist das Ergebnis? – schon bei seinem -ersten Zusammenstoß mit den Bedingungen dieses -freien Lebens hält er nicht stand und befleckt seine Hände -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -mit Blut<a class="fnote" href="#footnote-20" id="fnote-20">[20]</a>. Nicht nur nicht zu einer allgemeinen -Weltharmonie, nein, nicht einmal zum Leben in einer -Zigeunerbande taugt der Unselige, und so jagen sie ihn -denn fort – ohne Rache, ohne Bosheit, schlicht und -nicht ohne Vornehmheit in ihrer einfachen Art. Der -Alte sagt nur: „Verlaß uns, stolzer Mensch. Wir sind -Zigeuner, haben kein Gesetz, wir richten nicht und lieben -nicht, zu strafen.“ -</p> - -<p> -Das ist natürlich alles recht phantastisch, aber der -„stolze Mensch“ ist Wahrheit und von dem Dichter ist -er treffend geschildert. Denn: so erfaßt und dargestellt -wurde er bei uns zum erstenmal von – Puschkin. Das -dürfen wir nicht vergessen. Es ist ja alles so echt an -ihm ... kaum geht ihm etwas wider den Strich, da -bringt er auch schon in Wut zwei Menschen um und -rächt sich sofort für die Kränkung. Noch bequemer freilich -wäre es gewesen, sich seiner Zugehörigkeit zu einer -der vierzehn Rangklassen zu erinnern und selber das -richtende und marternde Gesetz anzurufen (denn auch -das ist vorgekommen), damit nur ja seine persönliche -Kränkung gerächt werde. Nein, diese wahrheitsgetreue -Dichtung ist nicht eine Nachahmung, in ihr ist schon die -russische Beantwortung unserer „Frage“, dieser „verfluchten -Frage“ im Sinne des russischen Volksglaubens -und der russischen Volkswahrheit angedeutet: „Beuge -dich, stolzer Mensch, und brich vor allen Dingen erst -deinen Hochmut. Beuge dich, müßiger Mensch und arbeite -erst einmal auf deinem Acker!“ Denn das wäre -in der Tat die Lösung des Problems nach der Rechtsauffassung -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -des Volkes und der Volksvernunft. „Nicht -außerhalb deiner ist die Wahrheit, sondern in dir selber, -suche sie in dir, unterwirf <em>dich dir</em>, bemächtige -dich deiner und du wirst die Wahrheit erkennen! Nicht -in den äußeren Dingen ist die Wahrheit und nicht irgendwo -fern hinter Bergen und Meeren, sondern vor allem -in deiner Arbeit an dir selbst! Besiege dich, bezähme dich -– und du wirst frei sein, wie du es dir noch nie erträumt -hast. Beginnst du aber ein großes Werk, so -machst du auch andere frei und wirst das Glück schauen. -Dein Leben wird sich mit Inhalt füllen und du -wirst endlich dein Volk und seine heilige Wahrheit begreifen. -Weder bei Zigeunern noch sonstwo ist die -Weltharmonie zu finden, wenn du selbst ihrer nicht -wert bist, wenn du Bosheit und Hochmut in dir hast -und das Leben umsonst haben willst, ohne auch nur zu -ahnen, daß man für sein Leben zahlen muß.“ -</p> - -<p> -Diese Lösung des Problems ist in jener Dichtung -Puschkins bereits angedeutet und beinahe vorgezeichnet. -Viel klarer aber ist sie im „Eugen Onegin“ ausgedrückt, -in diesem Roman, der nicht nur nicht phantastisch -ist, sondern geradezu fühlbare Wirklichkeit, in dem -das russische Leben mit so schöpferischer Kraft dargestellt -ist und in einer so vollendeten Kunst, wie es sie -vor Puschkin nicht gegeben hat und vielleicht nach ihm -nicht wieder geben wird. -</p> - -<p> -Onegin kommt aus Petersburg – unbedingt aus -Petersburg, das ist zweifellos die erste Bedingung. -Einen so wichtigen Umstand in der Lebensgeschichte -seines Helden konnte Puschkin natürlich nicht übergehen. -Und ich wiederhole, dieser Held ist derselbe Aleko, -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -namentlich später, wenn er ausruft: „Warum lieg ich -nicht gelähmt, wie in Tula der Assessor?“ Vorläufig -jedoch, zu Anfang des Romans, ist er ein halber Geck -und Gesellschaftsmensch und hat noch viel zu wenig gelebt, -um vom Leben schon ganz und gar enttäuscht zu -sein. Aber auch ihn beginnt bereits heimzusuchen und -zu beunruhigen jener „vornehme Dämon heimlicher -Qual“. In der Einsamkeit auf seinem Gut, im Herzen -seiner Heimat ist er natürlich nicht „bei sich zu Hause“. -Er fühlt sich da nicht heimisch. Er weiß nicht, was er -dort anfangen soll und es kommt ihm vor, als wäre er -bei sich selbst zu Gaste. Später, wenn er in seiner Langweile -und Unzufriedenheit und inneren Unruhe im Vaterlande -und in fremden Ländern von Ort zu Ort reist, -fühlt er sich – als fraglos kluger und fraglos aufrichtiger -Mensch, der er ist – auch unter den Fremden -sich selber fremd. Freilich liebt auch er sein Land, -aber er traut ihm nicht. Natürlich hat er von den einheimischen -Idealen gehört, aber er glaubt nicht an diese -Ideale. Er glaubt nur an die vollkommene Unmöglichkeit -gleichviel welch einer Arbeit auf dem Heimatboden -und blickt auf die, die an diese Möglichkeit glauben -– deren es damals, wie auch jetzt, nur wenige -gab – mit einem traurigen Spottlächeln herab. Lenskij<a class="fnote" href="#footnote-21" id="fnote-21">[21]</a>, -sein junger Freund, wird von ihm einfach aus -Hypochondrie erschossen, vielleicht gerade infolge seiner -Sehnsucht nach dem Friedensideal –, das wäre uns -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -nur zu ähnlich, weshalb diese Erklärung denn auch die -wahrscheinlich richtige ist. Wie anders dagegen Tatjana! -Die ist ein starker Mensch, die steht fest und sicher -auf ihrem Boden. Sie ist tiefer als Onegin, und natürlich -auch klüger als er. Sie ahnt schon allein durch ihren -feinen Sinn, wo die Wahrheit ist und worin sie besteht, -was dann der Schluß des Romans bezeugt. Vielleicht -wäre es besser gewesen, Puschkin hätte seinen -Roman nach ihr „Tatjana Larina“ genannt, und nicht -nach ihm „Jewgenij Onegin“, denn sie, nicht er, ist der -Held. Sie ist ein bejahender Typ, nicht ein verneinender, -wie er, sie ist ein Typ wahrhafter Schönheit, ist -die Verherrlichung der russischen Frau – und sie ist es -denn auch, die der Dichter den Grundgedanken seiner -Dichtung in der berühmten Szene der letzten Begegnung -Tatjanas mit Onegin aussprechen läßt. Ja, man kann -sogar sagen, daß ein solches Urbild der russischen Frau, -eine Heldin von solcher Schönheit, in unserem ganzen -Schrifttum nicht wieder geschaffen worden ist – ausgenommen -höchstens die Gestalt der Lisa in Turgenjeffs „Adelsnest“. -– Nur die Angewohnheit, auf alles hochmütig herabzusehen, -bringt Onegin dazu, daß er bei der ersten Begegnung -auf dem weltfernen Gut ihrer Eltern überhaupt nicht sieht, -wen er in der schüchternen Gestalt des reinen unschuldigen -Mädchens vor sich hat, während sie sich schon bei dem -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -ersten Blick auf ihn seltsam befangen fühlt. Er verstand -eben nicht, in dem armen Mädchen die geistige Feinheit, -die ganze Vollendung und Vollkommenheit ihres -inneren Menschen zu erkennen und hielt sie vielleicht -wirklich nur für einen „moralischen Embryo“. Sie – -ein Embryo! und das noch nach ihrem Liebesbrief -an ihn! Wenn jemand in diesem Roman ein moralischer -Embryo ist, dann ist das wahrhaftig niemand -anderes als er selbst, Onegin! Freilich, er konnte sie -gar nicht erkennen: kennt er denn überhaupt die Menschenseele? -Er ist ein abstrakter Mensch, ein unruhiger -Träumer und bleibt es sein Leben lang. Auch später in -Petersburg, wo er sie als vornehme Dame wiedersieht, -begreift er sie nicht, obschon er ihr schreibt, daß seine -Seele ihre ganze Schönheit fühle. Doch das sind nur -Worte: sie geht an ihm und seinem Leben vorüber, von -ihm unerkannt, unbegriffen! Darin besteht eben die -Tragödie ihres Romans. Wäre dagegen damals, bei der -ersten Begegnung mit ihr, Childe Harold, oder gar Lord -Byron in eigener Person geradenwegs aus England auf -dem Gut eingetroffen und hätte ihn auf den eigenartigen -Reiz des schüchternen, jungen Mädchens aufmerksam -gemacht – oh, da wäre Onegin sogleich von ihr -betroffen und entzückt gewesen! Soviel geistiges -Lakaientum steckt zuweilen in diesen Weltschmerzmärtyrern! -Doch es geschah nicht, und Onegin, der die Weltharmonie -sucht, begibt sich, infolgedessen, nachdem er -Tatjana als Antwort auf ihren Brief eine Predigt gehalten -und sich dabei immerhin noch sehr anständig benommen -hat, mitsamt seinem Weltschmerz und dem -aus kleinlich dummem Ärger vergossenen Blut auf -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -dem Gewissen, auf Reisen – zunächst im eigenen -Lande, doch offenbar ohne überhaupt zu bemerken, wo -er sich befindet. Im Überschwang seiner vermeintlichen -Gesundheit und Kraft ruft er unter Flüchen aus: -„Jung bin ich, stark ist in mir das Leben!“ und doch -weiß er nicht, worauf er wartet, was auf ihn wartet, -und so bleibt ihm nichts als sein Weltschmerz. -</p> - -<p> -Das begriff Tatjana. In den unsterblichen Versen -des Romans erzählt der Dichter, wie sie das Haus dieses -ihr so wunderbaren und rätselhaften Menschen besucht. -Ich will hier nicht weiter von der unnachahmlichen -Schönheit und Tiefe dieser Strophen reden. Sie -betritt sein Zimmer, sie betrachtet seine Bücher, die -Sachen, alle Gegenstände, bemüht sich, aus ihnen seine -Seele zu erraten, ihre Rätsel zu lösen – und der „moralische -Embryo“ bleibt schließlich mit einem seltsamen -Lächeln nachdenklich stehen, wie in einer Vorahnung -der Lösung des Problems, und ihre Lippen fragen leise: -</p> - -<p> -„Oder sollte er – eine Parodie sein?“ -</p> - -<p> -Ja, sie mußte darauf verfallen, sie hatte das Geheimnis -erraten. In Petersburg – lange Zeit nachher, -nach der neuen Begegnung –, da kennt sie ihn -bereits vollkommen. Übrigens, nebenbei hat jemand -gesagt, daß das gesellschaftliche Leben bei Hofe verderblich -ihre Seele beeinflußt habe und daß gerade die -Würde der hochgestellten Dame und die neuen gesellschaftlichen -Begriffe zum Teil die Ursache ihrer Absage -an Onegin gewesen seien. Nein, so verhielt es sich -nicht. Nein, sie ist auch als Fürstin dieselbe Tanjä, -dieselbe, die sie dort auf dem Lande war! Sie ist nicht -verdorben, im Gegenteil, sie fühlt sich bedrückt durch -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -dieses prunkvolle Petersburger Leben; es ist für sie eine -Last und ein Zwang, unter dem sie leidet; sie verabscheut -ihre gesellschaftliche Stellung, und wer sie anders -beurteilt, der begreift überhaupt nicht, was Puschkin -ausdrücken wollte. Fest und ruhig sagt sie zu Onegin: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„... Doch bin ich einem andren angetraut</p> - <p class="verse">Und werd’ ihm ewig treu sein.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Das sagt sie gerade als russische Frau, darin -besteht die Verherrlichung derselben, die uns Puschkin -mit ihrer Gestalt gegeben hat. Sie spricht die -innere Wahrheit dieser Dichtung aus. Oh, ich -sage kein Wort über ihre religiösen Ansichten, -über ihre Auffassung der Heiligkeit der Ehe -– nein, das werde ich nicht berühren. Aber wie denn: -weigert sie sich deshalb, ihm zu folgen, obgleich sie ihm -sagt: „Ich liebe Sie“ – deshalb etwa, weil sie „als -russische Frau“ (und nicht als Südländerin oder irgendeine -Französin) unfähig wäre zu einem mutigen -Schritt, etwa weil sie nicht die Kraft hätte, ihre Fesseln -zu zerreißen, und nicht stark genug wäre, das -Gefeiertwerden, ihre gesellschaftliche Rolle, ihren -Reichtum, den Ruf der Tugend zu opfern? -Nein, die russische Frau ist mutig. Die russische Frau -handelt furchtlos nach dem, was sie für richtig hält: -das hat sie bewiesen. Aber Tatjana ist „einem anderen -angetraut“, und diesem, dem sie nun einmal gehört, -wird sie „ewig treu sein“. Aber wem denn, wem denn -treu? Welchen Pflichten? Treu diesem alten General, -den sie doch nicht lieben kann, da sie ja Onegin liebt, -und den sie nur genommen, weil „die Mutter sie unter -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -Tränen beschworen“? In ihrer verletzten, wunden -Seele war damals weder Hoffnung noch Freude, sondern -nichts als Verzweiflung. Also treu diesem alten -General? Ja, treu diesem alten General, ihrem Mann, -dem ehrlichen Menschen, der sie liebt, der sie achtet und -stolz auf sie ist. Mag auch die Mutter sie beschworen -und angefleht haben, aber sie, Tatjana selbst und keine -andere hat das Jawort gegeben, sie, sie selbst hat ihm -Treue geschworen. Mag sie ihn auch aus Verzweiflung -genommen haben, jetzt ist er ihr Gatte, und ihr Treubruch -würde ihn mit Schimpf und Schande bedecken, -würde ihn vernichten. Und kann denn ein Mensch sein -Glück auf dem Unglück eines anderen aufbauen? Das -Glück liegt nicht allein in den Genüssen der Liebe, sondern -auch in der höheren Harmonie des Geistes. Womit -sollte man aber den Geist beruhigen, wenn hinter -einem ein unehrenhafter, mitleidloser, fast unmenschlicher -Schritt liegt? Sollte sie nur deshalb von -ihm fliehen, weil es sich um ihr Glück handelte? Aber -was kann denn das für ein Glück sein, das auf fremdem -Unglück beruht? Nehmen wir an, daß Sie den -Bau der Geschicke des Menschengeschlechts aufzuführen -hätten, mit dem Ziel, die Menschen zu beglücken, -ihnen zum Schluß Frieden und Ruhe zu geben. Nehmen -Sie an, zu dem Zweck wäre es unbedingt erforderlich, -im ganzen nur ein einziges menschliches Wesen zu -Tode zu quälen – ja sagen wir, nicht einmal ein gar -so wertvolles, meinetwegen sogar irgendein ganz lächerliches -Wesen, also nicht etwa eine Figur aus Shakespeare, -sondern – nun, sagen wir, einfach nur einen -ehrenwerten alten Mann, den Gatten einer jungen -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Frau, an deren Liebe er in blinder Überzeugung -glaubt, obgleich er ihr Herz gar nicht kennt, der sie aber -ehrt und achtet, stolz auf sie ist, glücklich durch sie und -ruhig. Und nur dieser eine Mensch muß entehrt und geschmäht -und gequält werden, um auf den Tränen dieses -Mannes den Glücksbau aufzuführen! Würden Sie da -wohl einwilligen, der Baumeister dieses Gebäudes unter -dieser einen Bedingung zu sein? Das ist die Frage. -Vermöchten Sie auch nur einen Augenblick die Ansicht -zu vertreten, daß die Menschen, für die Sie diesen -Bau aufführen, einwilligen würden, dieses Glück von -Ihnen anzunehmen, wenn Sie in das Fundament den -Schmerz eines, zwar unbedeutenden, doch unverdientermaßen -unbarmherzig zu Tode gequälten -Menschen einmauerten, und daß die Menschen in diesem -Glück ewig zufrieden sein könnten? Deshalb frage -ich: konnte Tatjana in ihrer Reinheit und Vornehmheit -und mit ihrem von eigenem Leid wehen Herzen -sich überhaupt anders entschließen? Nein; denn eine -reine russische Seele sagt sich in diesem Fall: „Mag -ich allein das Glück entbehren, mag auch mein Unglück -unvergleichlich größer sein als das Unglück dieses alten -Mannes, mag auch niemand jemals erfahren, auch -mein Mann nicht, daß ich mich geopfert habe, mag -auch niemand mein Opfer schätzen, ich will doch nicht -auf Kosten eines anderen glücklich sein!“ Das ist der -Kern der Tragödie. Hier handelt es sich um ein Entweder -– Oder, für ein Drittes ist es zu spät, und danach -fällt denn die Antwort aus, die sie Onegin gibt. -Nun wird man vielleicht einwenden: „Ja, aber auch -Onegin ist doch unglücklich, den einen macht sie glücklich, -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -den alten Mann, an den anderen aber, den jungen, -und sein Unglück denkt sie nicht!“ Erlauben Sie, -hier handelt es sich noch um eine andere Frage, vielleicht -sogar um die wichtigste im Roman. Übrigens -hat die Frage, warum Tatjana nicht Onegin folgt, bei -uns, oder wenigstens in unserer Literaturkritik, eine besondere -Geschichte, die sogar recht charakteristisch ist, deshalb -habe ich mir auch nur erlaubt, mich über diese Frage -so ausführlich zu verbreiten. Das Charakteristischste -dürfte wohl sein, daß die moralische Lösung dieser Frage -bei uns so lange allen Zweifeln ausgesetzt gewesen ist. -Ich denke: selbst wenn Tatjana frei gewesen, wenn ihr -Mann schon gestorben wäre, daß sie auch dann nicht -Onegins Werben angenommen hätte. Man muß doch -das ganze innere Wesen dieser Frau erfassen. Sie sieht -doch, wer er ist: er, der ewig unstete Mensch, findet plötzlich -die Frau, die er als junges Mädchen verschmäht -hat, findet sie in einer neuen glänzenden Umgebung, -– und diese Umgebung ist für ihn auch das Ausschlaggebende, -ihre gesellschaftliche Rolle ist es, die ihn bestrickt. -Vor diesem ehemaligen kleinen Mädchen, auf -das er beinahe mit Verachtung herabsah oder doch mit -Geringschätzung, beugt sich jetzt die Gesellschaft – die -Gesellschaft, diese ungeheure Autorität in den Augen -Onegins, ungeachtet aller seiner Weltschmerzen und -Weltideale. Deshalb also, nur deshalb wirft er sich -wie geblendet ihr zu Füßen! Endlich glaubt er, sein -Ideal gefunden zu haben, seine Rettung, seine Erlösung -von seiner Sehnsucht, die er früher nicht zu erkennen -verstanden, und „das Glück war doch so möglich, -so nah!“ ruft er aus. Wie Aleko zur jungen Zigeunerin, -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -so strebt Onegin jetzt zu Tatjana, indem er -in seinem neuen absonderlichen Einfall alle Lösungen -seiner Probleme sucht. Und das sieht doch Tatjana, sie -hat ihn doch schon längst durchschaut?! Sie weiß doch -ganz genau, daß er im Grunde nur seine neue Einbildung -liebt, und nicht sie, die ja dieselbe Tatjana geblieben -ist, die sie früher war! Sie weiß, daß er sie für -etwas ganz anderes hält als das, was sie ist, daß er -sie nicht nur nicht liebt, sondern daß er sogar überhaupt -nicht fähig ist, gleichviel wen, zu lieben, wenn er auch -noch so sehr leidet! Er liebt seinen Einfall, sein Trugbild, -aber er selbst ist auch nur ein Trugbild. Würde er -doch, wenn sie ihm folgte, schon am nächsten Tage wieder -gleichgültig werden und an seinen Überschwang -mit spöttischem Lächeln zurückdenken. Er hat keinen Boden -unter sich, auf dem er stehen könnte, er ist ein -Stäubchen, das vom Winde getragen wird. Wie anders -dagegen Tatjana! Sie hat sogar in der Verzweiflung -und in dem Bewußtsein, daß ihr Leben verfehlt ist, -etwas Festes und Unerschütterliches, auf das ihre Seele -sich stützen, woran sie sich aufrichten kann. Das sind -ihre Erinnerungen an ihre Kindheit, an ihre Heimat, -an die Landeinsamkeit, in der ihr stilles, reines Leben -begann, und wäre es auch nur „das Kreuz und der -Schatten der Bäume auf dem Grabe ihrer alten Kinderfrau“. -Oh, diese Erinnerungen an ihre Jugend sind -ihr jetzt das Teuerste, was sie hat, diese Erinnerungen -allein sind ihr geblieben, aber sie genügen, um ihre -Seele vor der letzten Verzweiflung zu bewahren. Und -das ist nicht wenig, nein, das ist schon viel, sehr viel, -denn das ist ein fester Boden, ist etwas, worauf man -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -bauen kann. Hierin liegt die Berührung mit dem eigenen -Volk, mit seinen Heiligtümern, liegt das, was das -Vaterland zur wahren Heimatscholle macht. Was aber -hat er, Onegin, und was ist er überhaupt? Doch nicht -aus Mitleid konnte sie ihm folgen, nur um ihm eine -Abwechslung zu bieten, um ihm nur für einige Zeit -aus unendlicher liebevoller Barmherzigkeit das Phantom -eines Glückes zu schenken, während sie mit Sicherheit -wußte, daß er schon am nächsten Tage sich skeptisch -und spöttisch zu diesem seinem neuen Glück verhalten -werde! Nein, es gibt tiefe und starke Seelen, die ihr -Heiligtum nicht bewußt der Schmähung preisgeben -können, und wär’s auch nur aus unendlicher Barmherzigkeit. -Nein, Tatjana konnte nicht Onegin folgen! -</p> - -<p> -In diesem seinem unsterblichen Roman „Onegin“ erscheint -also Puschkin als ein großer Volksdichter, wie -wir vor ihm keinen gehabt haben. Er hat darin mit -einem einzigen Griff, in der treffendsten Weise, mit -dem scharfsichtigsten Blick, den Kern unseres Wesens, -unserer ganzen über dem Volk stehenden Gesellschaft erfaßt -und dargestellt. In derselben Schaffensperiode -aber, in der er uns den Typ des russischen Skitaletz -schuf, den es heute noch ganz so wie damals gibt und -der für unser zukünftiges Schicksal von größter Bedeutung -ist, während er neben ihn die wahre Vertreterin -unendlicher Schönheit in der russischen Frau stellte, -prägte er gleichzeitig – und wiederum als erster – -in anderen Werken eine ganze Reihe der prächtigsten -russischen Volkstypen. Die Schönheit auch dieser Typen -besteht vor allem in ihrer Echtheit, die so groß ist, -daß man sie ordentlich wie lebende Menschen vor sich zu -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -sehen meint: so unverkennbar sind sie, so wahr und -leibhaft stehen sie vor einem: wie gemeißelt. Ich möchte -nochmals betonen, daß ich nicht als Literaturkritiker -rede, deshalb werde ich meinen Gedanken auch nicht -durch eingehende Untersuchungen der genialen Werke -unseres Dichters zu erklären versuchen. Über seinen -russischen Chronisten<a class="fnote" href="#footnote-22" id="fnote-22">[22]</a> zum Beispiel müßte man allein -schon ein ganzes Buch schreiben, wollte man die volle -Bedeutung dieser Gestalt erfassen und wiedergeben, -die Puschkin uns in ihrer ruhigen Geistesgröße wie ein -Wahrzeichen und einen ewigen Zeugen unseres kraftvollen -Volksgeistes vor Augen gestellt hat. Diesen -Typ gibt es wirklich, von dem kann niemand sagen, er -sei vom Dichter frei erfunden, sei bloß eine Idealgestalt. -Wenn man aber zugesteht (und das muß man), -daß es solche Menschen im russischen Volk gibt, dann -muß man auch zugeben, daß es notwendig einen Volksgeist, -der sie hervorbringt, geben muß, und weiter, -daß dieser Geist auch die erforderliche Lebenskraft haben -wird. Überall tritt bei Puschkin der Glaube an -den russischen Charakter hervor, der Glaube an eine -geistige Kraft des Volkes: wo aber Glaube ist, da ist -Zuversicht, und die besitzt er denn auch – eine große Hoffnung -und ein großes Vertrauen auf den russischen -Menschen. Daß er in der Hoffnung auf den Sieg des -Guten furchtlos der Zukunft entgegenschaue, sagt -Puschkin einmal bei einem anderen Anlaß, doch könnte -sich dieser Ausspruch auf seine ganze in nationalem -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -Geiste schöpferische Tätigkeit beziehen. Und niemals, -weder vor noch nach ihm, hat ein russischer Schriftsteller -sich so herzlich und so vertraut mit seinem Volk verbunden, -wie Puschkin. Gewiß, wir haben unter unseren -Schriftstellern viele Kenner des einfachen Volkes, die -es treffend und sogar liebevoll zu schildern verstehen. -Vergleicht man sie aber mit Puschkin, so muß man sich -gestehen, daß bis jetzt, außer einem, höchstens zweien -von seinen jüngsten Nachfolgern, alle diese Schriftsteller -nur „das Volk schildernde <em>Herren</em>“ sind. Selbst -bei den begabtesten von ihnen, ja, sogar bei diesen zwei -Ausnahmen, die ich soeben erwähnte, bricht doch – -bricht irgendwo ein gewisses Herabsehen auf dieses -Volk hervor, so etwas, das wie aus einem ganz anderen -Leben, einer anderen Welt kommt, so etwas wie ein -Wunsch, dieses Volk zu sich emporzuziehen und dadurch -dann glücklich zu machen. In Puschkin dagegen hat sich -eine wirkliche Vereinigung mit dem Volke vollzogen, -die in ihm selbst fast so etwas wie eine echte und innige -Rührung auslöst. Man denke nur an seine Geschichte -vom Bären, dessen Bärenfrau der Bauer erschlagen, -oder an sein Gedicht: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Freund Iwan, wenn wir jetzt trinken,</p> - <p class="verse">Müssen wir vorerst einmal ...“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -und Sie werden ohne weiteres verstehen, was ich -meine. -</p> - -<p> -Alle diese Schätze des schöpferischen Erfassens sind -von Puschkin, unserem größten Dichter, gleichsam in -der Art eines Hinweises für alle nach ihm kommenden -russischen Künstler, für alle nachfolgenden Schöpfer -auf diesem Gebiete, hinterlassen worden. Man kann -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -sogar ohne Zögern behaupten: ohne Puschkin wären -alle nach ihm gekommenen Begabungen überhaupt nicht -möglich gewesen; wenigstens hätten sie sich nicht mit -solcher Kraft und Deutlichkeit zu äußern vermocht, ungeachtet -ihrer unzweifelhaften Veranlagung, wie ihnen -das nach Puschkin in unserer Zeit tatsächlich gelungen -ist. Doch gilt dies nicht bloß von der Dichtung, vom -künstlerischen Schaffen: ohne Puschkin hätte sich vielleicht -auch unser Glaube an unsere russische Selbständigkeit, -unsere uns jetzt bereits bewußt gewordene Hoffnung -auf unsere Volkskräfte und damit auch der Glaube -an unsere Zukunft und Bestimmung, an unsere selbständige -Rolle in der Reihenfolge der europäischen Völker -nicht so nachdrücklich und unverrückbar festgesetzt, -wie das nach Puschkin geschehen ist (wenn auch freilich -noch immer nicht bei allen, vielmehr erst bei verhältnismäßig -wenigen)! -</p> - -<p> -Diese Tat Puschkins nun tritt eigentlich erst dann -plastisch hervor, wenn man voll und ganz erfaßt, was -ich unter der dritten Periode seines Schaffens verstehe. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Ich sage nochmals: diese drei Perioden haben keine -festen Grenzen zwischen sich. So könnten zum Beispiel -einzelne seiner Werke, die er in der dritten geschrieben, -sogar ganz zu Anfang entstanden sein, denn -Puschkin war immer ein ganzer, sagen wir ein abgeschlossener -Organismus, der von Hause aus alle Keime -in sich trug und sie nicht etwa von außen nach und -nach in sich aufgenommen hat. Die äußeren Anregungen -haben in ihm nur die Keime zum Treiben gebracht, -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -das Wachstum gefördert, oder haben, wenn man will, -nur das tief in ihm Schlummernde wachgerufen. Aber -dieser Organismus mußte sich naturgemäß entwickeln, -und die Stufen oder, wie ich sie nannte, Perioden dieser -Entwicklung lassen sich in der Tat unterscheiden, -ja, es läßt sich sogar nachweisen, daß eine jede ihren -besonderen Charakter hat, und es läßt sich verfolgen, -wie eine jede sich allmählich aus der vorhergehenden -entwickelt hat. So kann man zur dritten Periode denjenigen -Teil seiner Werke rechnen, in denen vornehmlich -universale Ideen ausgedrückt sind, in denen sich die -poetischen Gestalten anderer Völker finden und die den -Geist dieser Völker widerspiegeln. Von diesen Werken -sind einige erst nach dem Tode des Dichters veröffentlicht -worden. In dieser Periode aber hat das -Schaffen Puschkins in seiner Art sogar etwas Wunderbares, -es ist eine Erscheinung, die außerhalb alles -bisher Dagewesenen zu stehen scheint, und es liegt etwas -in ihr, dessen sich vor ihm noch niemand hat rühmen -können. -</p> - -<p> -Es ist wahr, die europäische Literatur hat Genies -von ungeheurer Größe aufzuweisen – hat Männer -wie Shakespeare, Cervantes, Schiller. Aber man nenne -mir doch nur einen von diesen Großen, der eine solche -Fähigkeit, das Wesen fremder Nationalitäten wiederzugeben, -besessen hätte, wie unser Puschkin. Gerade -diese Fähigkeit, diese Hauptfähigkeit unserer Nationalität, -teilt Puschkin mit unserem ganzen Volk, und -gerade sie macht ihn zu unserem nationalsten Dichter. -</p> - -<p> -Selbst die größten europäischen Genies haben niemals -vermocht, den Geist und das Wesen eines fremden -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -Volkes, ja nicht einmal eines blutverwandten -Nachbarvolkes, seine Seele, die ganze verborgene Tiefe -dieser Seele und das Innerste dessen, wozu jedes Volk -berufen ist, mit solcher persönlichen Schöpferkraft aus -sich selbst heraus zu gestalten, wie es Puschkin gelang. -Die europäischen Genies haben im Gegenteil, wenn -sie sich anderen Völkern zuwandten, die fremde Nationalität -gewöhnlich in ihre eigene verwandelt und -nach den Begriffen ihrer Nation aufgefaßt. Sogar -bei Shakespeare sind zum Beispiel die Italiener fast -ohne Unterschied – Engländer. Nur Puschkin besitzt -vor allen Dichtern der Welt die Fähigkeit, sich vollständig -in den Geist einer fremden Nation zu versetzen. -Nehmen Sie seine Faustszene, nehmen Sie sein Poem -„Der geizige Ritter“ und die Ballade „Einst lebte ein -armer Ritter ...“ Lesen Sie seinen „Don Juan“, und -wenn Sie nicht wüßten, daß er von Puschkin ist, würden -Sie gewiß nicht erraten, daß ihn – kein Spanier -gedichtet hat. Und was sind das für tiefe, unheimliche -Stellen in seinem Poem „Das Fest während der Pest“! -Aus diesen phantastischen Gestalten spricht das Genie -Englands. Dieses prachtvolle Pestlied des Helden, und -dieses Lied der Mary – das sind englische Lieder, das -ist der Schauer des britischen Genies, seine Klage, sein -qualvolles Ahnen dessen, was seiner harrt. Erinnern -Sie sich der Verse: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Einst kam ich in ein ödes Tal –“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Es ist fast eine wörtliche Übertragung der drei ersten -Seiten eines seltsamen mystischen Buches, das ein alter -englischer Sektierer vor langer, langer Zeit in Prosa -geschrieben hat, – aber ist es nun wirklich nur eine -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -Übertragung? Aus der traurigen und gleichsam geisterfüllten -Musik dieser Verse fühlt man förmlich die -Seele des nordischen Protestantismus in der Seele -dieses keltischen Sektenstifters, dieses uferlosen Mystikers -mit dem stumpfen, finsteren und unbesiegbaren -Wollen in der unbegrenzten und geheimnisvollen Phantasie. -Beim Lesen dieses seltsamen Gedichts ist es einem, -als spüre man den Geist der Reformationszeit, dieses -kriegerische Feuer des frühesten Protestantismus, und -begreiflich wird einem schließlich auch die Geschichte -selbst, und zwar nicht nur durch ein gedankliches Verstehen, -sondern es ist, als wäre man selber dabeigewesen, -als wäre man soeben am Lager der bewaffneten -Sektierer vorübergegangen, als hätte man mit -ihnen Hymnen gesungen, mit ihnen Tränen der Begeisterung -vergossen, mit ihnen an das geglaubt, woran -sie glaubten. Und neben diesem religiösen Mystizismus -stehen religiöse Verse aus dem Koran, die „Nachdichtungen -aus dem Koran“: spricht aus diesen nicht -ein Mohammedaner, nicht der Geist des Korans selber, -und seines Schwertes, der in Einfalt erhabene Glaube -und seine grausig blutige Kraft? Dann wieder haben -wir die antike Welt in den „Ägyptischen Nächten“. -Da verspüren wir die irdischen Götzen, so wie sie waren, -die Götzen, die sich über ihrem Volk als Götter -festgesetzt, die das Genie ihres Volkes und sein Streben -bereits verachten, die an ihr Volk nicht mehr glauben -und darüber einsame Götter geworden sind und -in ihrer Einsamkeit, in ihrer dem Tode vorangehenden -Langweile und Geistesarmut sich mit fanatischen, tierischen -Roheiten, mit der Wollust niedriger Insekten, -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -der Wollust eines Spinnenweibchens, das sein Spinnenmännchen -auffrißt, die Zeit vertreiben. Nein, ich -sage in allem Ernst: es hat noch keinen Dichter gegeben, -der so wie Puschkin die ganze Welt in sich aufgenommen -hätte. Doch nicht die Aufnahmefähigkeit im -allgemeinen ist hier das Erstaunliche, sondern seine -ganz unglaubliche Tiefe, das vollständige Sichhineinversetzen -seines Geistes in den Geist fremder Völker, -die fast vollkommene und deshalb so erstaunliche „Verwandlung“, -eine Erscheinung, die sich bei keinem einzigen -anderen Dichter wiederholt hat. In der Tat finden -wir sie nur bei Puschkin und in diesem Sinne ist -er, wie ich bereits sagte, eine noch nie dagewesene Erscheinung -und unserer Meinung nach eine prophetische, -denn ... denn eben darin hat sich am stärksten seine -nationale russische Kraft geäußert, gerade die Volkstümlichkeit -seiner Dichtung, das nationale Moment in -der gesamten weiteren Entwicklung, das nationale Moment -unserer Zukunft, das in der Gegenwart noch nicht -an den Tag getreten ist, und das sich, wie gesagt, hier -zum ersten Male prophetisch geäußert hat. Denn -wo läge sonst die Kraft des russischen Volksgeistes, -wenn nicht in seinem Streben zur Universalität und -nach Allmenschlichkeit? Als Puschkin zum Dichter seines -Volkes wurde, da begann er, sobald er nur mit -dem Volksgeist in Berührung kam, sofort die große -Bestimmung dieser Kraft zu ahnen. Hierin ist er ein -Enträtsler und hierin ist er auch ein Prophet. -</p> - -<p> -Denn, was bedeutet für uns die Reform Peters? -nicht nur im Hinblick auf unsere Zukunft, sondern auch -in unserem Verhältnis zur Vergangenheit, zu allem, -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -was bereits geschehen ist, was sich vor unseren Augen -vollzogen hat? Was war sie uns? Sie war doch nicht -nur eine Aneignung europäischer Kleider, Sitten, Erfindungen -und der europäischen Wissenschaft. Erfassen -wir recht, was sie war und wie sie war, betrachten wir -sie aufmerksamer. Ja, es ist sehr leicht möglich, daß -Peter sie anfänglich nur in diesem Sinne einführte, ich -meine in eng utilitaristischem Sinne – aber in der Folge, -bei der weiteren Entwicklung seiner Idee, hat Peter sich -fraglos von einem gewissen unbewußten Instinkt leiten -lassen: der aber zog ihn zu zukünftigen und selbstverständlich -zu großen Zielen. Ebenso hat auch das -russische Volk nicht etwa nur aus Utilitarismus die Reform -angenommen, sondern mit einer gewissen Vorahnung, -ein viel weiteres, ein unvergleichlich höheres -Ziel zu erreichen, als es der nächstliegende Utilitarismus -je sein könnte, das hat es herausgefühlt – natürlich -gleichfalls unbewußt, aber doch unmittelbar -und mit voller Lebenskraft. Da setzte dann mit einemmal -dieses Streben ein: zur lebendigen Wiedervereinigung -der Menschen, zu einer, sagen wir, universalen -Einigung! Nicht feindlich (wie man es hätte erwarten -können), sondern freundschaftlich, mit ganzer Liebe -nahmen wir das Genie, den Schöpfergeist der fremden -Völker in unsere Seele auf, aller Völker, so viel es -ihrer nur gab, ohne Rassenunterschiede zu machen und -die einen den anderen vorzuziehen, da unser Instinkt -fast schon vom ersten Schritt an die Widersprüche zu -unterscheiden, das Fremde einzuschätzen und die Unterschiede -zu entschuldigen verstand: allein damit haben -wir unsere Fähigkeit und Neigung (die uns selbst noch -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -neu und unbewußt waren) zur Wiedervereinigung aller -Völker der großen arischen Rasse bezeugt. Ja, die -Bestimmung des russischen Menschen ist unstreitig eine -universale. Ein echter, ein ganzer Russe werden, heißt -vielleicht nur (d. h. letzten Endes, vergessen Sie das -nicht) – ein Bruder aller Menschen werden, ein <em>Allmensch</em> -wenn Sie wollen. Oh, unsere ganze Spaltung -in Slawophile und Westler ist ja nichts als ein -einziges großes Mißverständnis, wenn auch ein historisch -notwendiges. Einem echten Russen ist Europa -und das Geschick der ganzen großen arischen Rasse -ebenso teuer wie Rußland selbst, wie das Geschick des -eigenen Landes, eben weil unsere Bestimmung die – -wenn man sich so ausdrücken darf – die Verkörperung -der Einheitsidee auf Erden ist, und zwar nicht einer -durch das Schwert errungenen, sondern durch die -Macht der brüderlichen Liebe und unseres brüderlichen -Strebens zur Wiedervereinigung der Menschen verwirklichten -Einheit. Verfolgen Sie unsere Entwicklungsgeschichte -nach der Reform Peters und Sie werden -bereits Spuren und Andeutungen dieses Gedankens, -meines Traumes, wenn Sie wollen, in der Art -unseres Umgangs mit den europäischen Nationen, ja, -sogar in unserer auswärtigen Politik finden. Denn was -hat Rußland in diesen ganzen zwei Jahrhunderten seit -Peter mit seiner Politik anders getan, als Europa gedient, -und zwar vielleicht in einem noch viel größeren -Maße, als sich selbst? Ich glaube nicht, daß dies nur -infolge der Talentlosigkeit unserer Diplomaten geschehen -ist. Die Völker Europas wissen ja nicht einmal, -wie teuer sie uns sind! Und ich baue fest -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -darauf, daß wir in Zukunft, d. h. natürlich nicht wir, -sondern die künftigen Russen, bereits alle ausnahmslos -begreifen werden, daß ein echter Russe sein nichts -anderes bedeutet, als sich bemühen, die europäischen -Widersprüche in sich endgültig zu versöhnen, der europäischen -Sehnsucht in der russischen allmenschlichen -und allvereinenden Seele den Ausweg zu zeigen, in -dieser Seele sie alle in brüderlicher Liebe aufzunehmen -und so vielleicht das letzte Wort der großen, allgemeinen -Harmonie, des brüderlichen Einvernehmens -aller Völker nach dem evangelischen Gesetz Christi auszusprechen. -Ich weiß, ich weiß, daß meine Worte, in -der Begeisterung gesprochen, wie sie sind, übertrieben -und phantastisch erscheinen können. Nun wohl, -mögen sie es sein, aber ich bereue nicht, sie ausgesprochen -zu haben. Sie mußten einmal ausgesprochen werden -und zwar gerade jetzt, im Augenblick unseres Triumphes, -in dem Augenblick, wo wir unseren großen -genialen Toten ehren, der gerade diesen Gedanken in -seiner ganzen schöpferischen Kraft verkörperte. -</p> - -<p> -Übrigens ist dieser Gedanke schon mehr als einmal -geäußert worden. Ich habe daher gar nichts Neues gesagt. -– Am meisten wird man freilich daran Anstoß nehmen, -daß er allzu selbstbewußt scheinen könnte: „Was, -uns, unserem bettelarmen, unkultivierten Lande, fiele -eine solche Aufgabe zu. Uns wäre es bestimmt, der -ganzen Welt ein neues Wort zu sagen?“ Ja, rede ich -denn von ökonomischen Erfolgen, von Erfolgen des -Schwertes und der Wissenschaft? Ich rede doch nur -von der Brüderlichkeit der Menschen und davon, daß -zur universalen brüderlichen Einigung das russische -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -Volk vielleicht am meisten von allen anderen veranlagt -und bestimmt ist, und daß ich in unserer Geschichte, in -unseren begabten Männern und im schöpferischen Genie -Puschkins die Beweise dafür sehe. Mag unser Land -arm sein, aber dieses arme Land „durchwandert Christus -in Bettlergestalt“. Ja, warum sollten wir nicht -trotz unserer Armut sein letztes Wort in uns tragen -können? Hat nicht auch er im Stall in einer Krippe -geruht? -</p> - -<p> -So wiederhole ich: wir können wenigstens schon -auf Puschkin, auf die Universalität und Allmenschlichkeit -seines Genies hinweisen. Vermochte er doch das -Genie jedes fremden Volkes wie ein ihm nahe verwandtes -in seine Seele aufzunehmen. Und in der -Kunst, im künstlerischen Schaffen hat er dieses Streben -des russischen Geistes zur Universalität unstreitig -bewiesen, darin aber liegt schon ein großer Hinweis -für uns. Sollte unser Gedanke auch nur ein phantastischer -Glaube sein, so haben wir in Puschkin doch wenigstens -etwas, woraus dieser Glaube entstehen, -worauf er fußen könnte. Wäre Puschkin nicht so jung -gestorben, er hätte uns vielleicht noch große und unsterbliche -Gestalten der russischen Seele offenbart, die -unseren europäischen Brüdern bereits verständlicher -sein, die sie uns näher bringen würden, als sie uns -jetzt stehen. Er hätte ihnen vielleicht die ganze Wahrheit -unserer Bestrebungen erklärt und sie würden uns -jetzt besser verstehen, hätten es leichter, unser Wesen -zu deuten und sie würden eher aufhören, so mißtrauisch -und hochmütig auf uns herabzusehen, wie sie es -jetzt tun und noch lange tun werden. Hätte Puschkin -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -länger gelebt, dann gäbe es vielleicht auch zwischen uns -Russen weniger Mißverständnisse und Streitigkeiten, -als es ihrer jetzt zwischen uns gibt. Aber Gottes Ratschluß -war anders. Puschkin starb in der Blüte seiner -Jahre und seines Könnens und hat fraglos ein großes -Geheimnis mit sich ins Grab genommen, so daß wir -jetzt versuchen müssen, dieses Geheimnis ohne ihn zu -erfassen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-3"> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -<span class="firstline">Bei gebotener Gelegenheit einige Vorlesungen über verschiedene Themata auf Grund einer Auseinandersetzung, die mir Herr A. Gradowskij gehalten hat</span> -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-4-3-1"> -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -<span class="firstline">I.</span><br /> -Etwas von größter Bedeutung. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> hatte die neue Nummer meines „Tagebuchs“ -bereits beendet, indem ich ihren Inhalt auf -meine am 8. Juni in Moskau gehaltene „Rede“ und -ein Vorwort zu derselben beschränkte. Das Vorwort -„Zur Puschkinrede“ schrieb ich in der Vorahnung des -Lärms, den man schlagen werde und der denn auch -richtig nach dem Erscheinen meiner Rede in den „Moskauer -Nachrichten“ nicht lange auf sich hat warten lassen. -Als ich aber Ihre Kritik las, Herr Gradowskij, -ließ ich den Druck des „Tagebuchs“ bis auf weiteres -einstellen, um in derselben Nummer noch meine Antwort -auf Ihre Angriffe veröffentlichen zu können. -</p> - -<p> -Oh, meine Vorahnungen sind alle in Erfüllung -gegangen, das Geschrei, das sich erhoben hat, ist fürchterlich: -stolz sei ich und feig sei ich, und eingebildet -und ein „Dichter“! und die Polizei hätte man requirieren -sollen, um die „Ausschreitungen“ des Publikums -einzudämmen – das heißt, natürlich, eine moralische -Polizei, eine liberale Polizei. Aber warum denn nicht -die wirkliche? Ist doch auch diese bei uns jetzt liberal, -sogar durchaus nicht weniger liberal, als die liberalen -Herren, die dieses Geschrei über uns erhoben haben. Es -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -fehlte ja auch nicht viel, und die wirkliche hätte eingegriffen! -Doch lassen wir dieses Thema vorläufig, ich -will lieber gleich zur Abwehr Ihrer Angriffe -übergehen. Vorher möchte ich nur noch bemerken, daß -ich mit Ihnen persönlich weder etwas zu schaffen noch -mich über etwas auseinanderzusetzen habe, Herr Gradowskij. -Letzteres ist so ausgeschlossen, daß ich tatsächlich -nicht im geringsten die Absicht habe, Sie zu überzeugen -oder gar von Ihrer Ansicht abzubringen. Auch -früher schon habe ich mich, wenn ich Ihre Artikel las, -stets über den Gedankengang derselben gewundert. -Wenn ich Ihnen jetzt antworte, so geschieht das ausschließlich -um der – anderen willen: ich meine unsere -Leser, die dann über uns urteilen können. Für diese -schreibe ich. Ich fühle, ich ahne, ja ich sehe sogar, daß -neue Elemente erstanden sind und erstehen, die sich bis -zur Verzweiflung nach einem neuen Wort sehnen, die -angewidert sind von dem alten liberalen Gespött über -Rußland, über jedes Wort der Hoffnung auf Rußland, -die müde sind des liberal-zahnlosen Skeptizismus der -alten Leichen, die man zu beerdigen vergessen hat, und -die denn auch nur deshalb noch unter uns wandeln, -dabei freilich sich nach wie vor für die junge Generation -halten. Jawohl: müde der alten liberalen Führer -und Retter Rußlands, die sich in den ganzen fünfundzwanzig -Jahren ihres Aufenthaltes bei uns nur -als „grundlose Marktschreier“ erwiesen haben. Kurz, -ich möchte außer meiner Antwort auf Ihre Bemerkungen -noch <em>vieles</em> sagen, so daß ich, wenn ich antworte, -eigentlich nur die gebotene Gelegenheit ergreife, -um mich auszusprechen. -</p> - -<p> -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -Zunächst stellen Sie die Frage – und machen mir -damit sogar einen Vorwurf –, warum ich nicht deutlicher -erklärt habe, woher sich diese Menschen ohne festen -Verbleib, von denen ich in meiner „Rede“ sprach, -bei uns eingebürgert haben. Nun, die Geschichte ihrer -Herkunft ist lang, da müßte man weit ausholen. Überdies -würden Sie mir ja doch nicht beistimmen, gleichviel -was ich Ihnen hierauf antworten wollte, denn Sie -haben schon eine eigene Antwort auf die Frage, wie sie -unter uns möglich geworden sind, in Bereitschaft, und -die lautet ganz einfach: „Infolge des Jammers, mit -solchen rohen Leuten wie Skwosnik-Dmuchanowskij<a class="fnote" href="#footnote-23" id="fnote-23">[23]</a> -zusammenleben zu müssen, und außerdem natürlich vor -Kummer über die damals noch nicht befreiten Bauern“ -– eine Folgerung, die im allgemeinen eines zeitgenössischen -russischen Liberalen wert ist, eines von diesen -Leuten, bei denen alles was Rußland betrifft, bereits -längst – ungeachtet unserer Probleme, die jetzt -erst aufkommen – gelöst und unterschrieben ist. -Das geschieht nämlich bei ihnen mit einer ungeheuren, -nur dem russischen Liberalen möglichen Leichtigkeit. -</p> - -<p> -Nichtsdestoweniger ist diese Frage viel schwieriger -und verwickelter, als Sie denken; jawohl, bedeutend -schwieriger und zwar trotz Ihrer vermeintlich -endgültigen Lösung des Problems. Was nun die Leute -wie Skwosnik-Dmuchanowskij und ihren Kummer wegen -der Leibeigenschaft der Bauern betrifft, so werde -ich noch darauf zurückkommen. Doch zunächst gestatten -Sie, daß ich mich zu einem von Ihnen gebrauchten -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -höchst bezeichnenden Wort äußere, das Sie wiederum -mit einer Leichtfertigkeit, die fast an Mutwillen grenzt, -ausgesprochen haben und das ich nicht übergehen darf. -</p> - -<p> -Sie schreiben: -</p> - -<p> -„... Wie dem auch sei, jedenfalls befinden wir -uns schon seit zweihundert Jahren unter dem Einfluß -der europäischen Aufklärung, die auf uns überaus stark -einwirkt – wohl dank des ‚universalen Verständnisses‘ -der Russen, welches Herr Dostojewski für unsere nationale -Eigentümlichkeit erklärt hat. Vor dieser Aufklärung -können wir nicht so einfach etwa irgendwohin -flüchten – wir wüßten auch nicht warum? Es ist -das eine Tatsache, an der wir nichts zu ändern vermögen, -aus dem einfachen Grunde nicht, weil jeder -Russe, dem es um seine Aufklärung zu tun ist, diese -Aufklärung unbedingt aus der europäischen Quelle erhält, -eben infolge des unbedingten Nichtvorhandenseins -russischer Quellen ...“ -</p> - -<p> -Dies ist gewiß sehr schwungvoll von Ihnen ausgedrückt. -Aber Sie haben da unter anderem ein großes -Wort gebraucht: „Aufklärung“. Erlauben Sie, daß -ich Sie frage, was Sie unter diesem Wort verstehen: -die Wissenschaft des Westens, die Technik, die handwerklichen -Fertigkeiten oder die – Aufklärung des -Geistes? Was die ersteren betrifft, d. h. die Wissenschaften -und die Techniken, so müssen wir die allerdings -vom Westen übernehmen, und uns in der Beziehung -von Europa abzuwenden, dazu haben wir gar keinen -Grund, ganz abgesehen davon, daß es andere Lehrmeister -nicht gibt, außer den westeuropäischen, wofür Europa -von uns Dank und Preis sei ewiglich. Aber unter -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -Aufklärung verstehe ich (und ich denke, daß niemand -sie anders auffassen kann), verstehe ich – das, -was das Wort buchstäblich besagt: „Erleuchtung“, also -das geistige Licht, das die Seele erhellt, das Herz -durchleuchtet, den Verstand lenkt und ihm den Lebensweg -weist. Wenn das Wort aber dies bedeutet, so gestatten -Sie mir, zu erklären, daß wir durchaus keine -Veranlassung haben, eine solche Aufklärung aus den -westeuropäischen Quellen zu beziehen, eben infolge des -vollkommenen Vorhandenseins (und keineswegs Nichtvorhandenseins) -russischer Quellen. Sie wundern sich? -Ja, sehen Sie: im Streit der Meinungen, da liebe ich -es, gleich mit dem Wesentlichen der Sache anzufangen, -um die es sich handelt. -</p> - -<p> -Ich behaupte, daß unser Volk schon seit langem -aufgeklärt ist, da es Christus und die Lehre Christi in -sein Wesen aufgenommen hat. Man wird mir hierauf -entgegnen, das Volk kenne die Lehre Christi nicht und -Predigten würden ihm nicht gehalten. Das ist aber nur -ein leerer Einwand: es kennt alles, alles das, was es -wissen soll, obschon es ein Examen in der Religion -nicht bestehen würde. Gelernt aber hat es das, was es -weiß, in seinen Kirchen, wo es im Laufe von Jahrhunderten -die Gebete und Hymnen hört, die besser sind, als -mittelmäßige Predigten. Es hat sie für sich wiederholt -und gesungen in den Wäldern, wenn es vor den ins -Land einfallenden Feinden flüchtete, und vielleicht hat -es schon zu Batyjs Zeiten, als die Tatarenhorden -durchs Land zogen, gesungen: „Herr, sei mit uns!“ -Vielleicht ist diese Hymne damals entstanden, denn außer -Christus hatten die Horden uns alles geraubt, es -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -blieb uns nichts als Christus. In dieser Hymne aber ist -bereits die ganze Wahrheit Christi enthalten. Und was -will es besagen, daß dem Volk keine langen Predigten -gehalten werden und daß die Diakone die Heilige Schrift -in uns unverständlicher Weise vortragen – die größte -Anklage, die gegen unsere Kirche erhoben wird, von -unseren Liberalen natürlich, denselben, die auch die Behauptung -ersonnen haben, die kirchenslawische Sprache sei -schon als solche unbequem und dazu dem Volk unverständlich?! -Dafür tritt der Priester zu ihm hinaus und -spricht das Gebet „Herr meines Lebens“ – in diesem -Gebet aber ist das ganze Wesen des Christentums enthalten, -sein ganzer Katechismus, und dieses Gebet -kennt das Volk auswendig, so wie es auch viele Lebensgeschichten -der Heiligen kennt und nie müde wird, andächtig -zuzuhören, wenn jemand sie erzählt. Doch die -Hauptschule des Christentums, die das Volk durchgemacht -hat, das sind die Jahrhunderte der zahllosen Leiden -und Heimsuchungen, von denen seine Geschichte -berichtet, die Jahrhunderte, in denen es von allen verlassen -und niedergetreten war, dabei für alle und alles -arbeitete, in Christus aber nur seinen Tröster behielt, -den es denn auch auf ewig in sein Herz schloß und der -dafür seine Seele vor der Verzweiflung bewahrte. -Übrigens, wozu sage ich Ihnen dies alles? Will ich -Sie denn etwa überzeugen? Meine Worte werden Ihnen -natürlich kindisch, wenn nicht ganz überflüssig erscheinen. -Doch ich wiederhole zum drittenmal: nicht -um Ihretwillen schreibe ich. Dies Thema ist von großer -Wichtigkeit, darüber muß noch vieles gesagt werden -– und das werde ich auch, solange ich noch die -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -Feder in der Hand halte. Jetzt aber will ich meinen -Gedanken nur als These aussprechen: Wenn unser -Volk schon seit langer Zeit aufgeklärt ist, weil es in -sein Wesen Christus und dessen Lehre aufgenommen, so -hat es mit ihm zugleich natürlich auch die <em>wahre</em> -Aufklärung angenommen. Bei diesem eigenen Vorrat -an Aufklärung können ihm die Wissenschaften des Westens -selbstverständlich zu einer unschätzbaren Wohltat -werden, und wir brauchen nicht zu befürchten, daß das -Bild Christi durch die Wissenschaften bei uns so getrübt -werden könnte, wie im Westen selbst. Übrigens -ist das auch dort nicht durch die Wissenschaften geschehen, -wie es die Liberalen gleichfalls behaupten, sondern -schon viel früher, als die Kirche des Westens selbst -die Erscheinung Christi entstellte, indem sie sie von neuem -in der Gestalt des Papsttums verkörperte und sich -aus einer Kirche in einen neuen römischen Staat verwandelte. -Ja, im Westen gibt es wahrlich kein Christentum -mehr und ebensowenig eine christliche Kirche, -obschon es dort noch viele Christen gibt, die ja wohl -nie ganz aussterben werden. Der Katholizismus ist nicht -mehr Christentum und geht in Götzendienst über, -der Protestantismus aber nähert sich mit Riesenschritten -dem Atheismus, und wird zu einer schwanken, veränderlichen -(und nicht ewig feststehenden) Sittenlehre. -</p> - -<p> -Oh, versteht sich, Sie werden mir hierauf sogleich -erwidern, daß das Christentum und die Verehrung -Christi keineswegs den ganzen Zyklus der Aufklärung -enthielten, diese seien nur eine Stufe derselben, -und zur Aufklärung gehörten im Gegenteil die Wissenschaften, -Staatsideen, die allgemeine Entwicklung usw. -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -usw. Darauf kann ich Ihnen freilich nichts antworten -und eine Antwort wäre wohl auch nicht angebracht, -denn wenn Sie zum Teil recht haben mögen, in betreff -der Wissenschaften, zum Beispiel, so werden Sie -doch dafür niemals zugeben, daß das Christentum unseres -Volkes die hauptsächlichste und lebendigste Grundlage -seiner Aufklärung ist und <em>ewig bleiben muß</em>! -In meiner Rede sagte ich, daß Tatjana, indem sie sich -weigerte, Onegin zu folgen, in russischem Geiste gehandelt -habe, nach der Auffassung des russischen Volkes -von Ehre und Gerechtigkeit. Einer meiner Kritiker -jedoch, den es offenbar kränkt, daß das russische Volk -eine eigene wahre Anschauung haben soll, widerspricht -mir plötzlich mit der Frage: „Aber die Versündigung -gegen das siebente Gebot?“ Kann man solchen -Kritikern überhaupt antworten? Hauptsächlich kränkt -sie ja doch, daß das russische Volk seine festen Begriffe -von Rechtschaffenheit haben und somit wirklich -aufgeklärt sein könnte. Ja, existiert denn der Ehebruch -in unserem ganzen Volk, und existiert er denn als Recht -und in Rechtschaffenheit? Hält ihn denn das ganze -Volk für gut und richtig? Gewiß, unser Volk ist noch -roh, wenn auch längst nicht das ganze Volk, o nein, -bei weitem nicht das ganze Volk, das schwöre ich, und -ich darf es schwören, denn ich kenne unser Volk, ich habe -mit ihm jahrelang zusammengelebt, habe mit ihm -gegessen und geschlafen und ward selbst „zu den Verbrechern -gezählt“; ich habe gemeinsam mit ihm im -Schweiße des Angesichts die Arbeit schwieliger Hände -verrichtet, während die anderen, die ihre Hände „in -Blut getaucht“, die „Liberalen“ spielten und über das -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -Volk spöttelten und in Vorträgen und Aufsätzen zu dem -Ergebnis kamen, daß unser Volk „von Tiergestalt und -auch geistig von Tierart“ sei. Also sagen Sie mir nicht, -daß ich das Volk nicht kenne! Ich kenne es: von ihm -aus habe ich Christus wieder in meine Seele aufgenommen, -den ich als Kind im Elternhause kennen gelernt, -dann aber verloren hatte, als auch ich mich in -einen „europäischen Liberalen“ verwandelte. Doch gut, -mag unser Volk sündig und roh sein, und tierisch seine -Gestalt und seine Art: „Der Sohn ritt auf der Mutter“ -usw. Sie kennen doch das Lied? – aus irgendeinem -Anlaß muß es ja entstanden sein! Alle russischen Lieder -sind nach einem Geschehnis entstanden, nach etwas -wirklich Gewesenem – ist Ihnen das noch nicht aufgefallen? -Aber so seid doch wenigstens einmal gerecht, -ihr Liberalen: bedenkt, was das Volk in all den vergangenen -Jahrhunderten durchgemacht hat! Fragen Sie -sich zunächst, wer an seiner Roheit am meisten schuld -ist, verurteilen Sie es nicht so blindlings! Es ist doch -mehr als lächerlich, einen Bauern deshalb zu verurteilen, -weil er nicht von einem französischen Coiffeur zurecht -gestutzt ist, – denn darauf laufen alle diese Beschuldigungen -im Grunde hinaus, die unsere europäischen -Liberalen gegen unser Volk erheben, da sie sich nun -einmal darin so überaus gefallen, ihm alles abzusprechen: -es soll weder eine Persönlichkeit haben, noch eine -Nationalität! Mein Gott, im Westen aber, gleichviel -bei welchem Volk – gibt es denn dort weniger Trunksucht -und Diebstahl, und etwa nicht ebensolche Roheit, -dabei noch eine Verstockung des Herzens und eine Erbitterung, -die es in unserem Volk nicht gibt, das dafür -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -von wirklicher, echter, unwissender Roheit ist, das -wahre Gegenteil der Aufklärung, denn diese ist bisweilen -mit einer solchen Gottlosigkeit verbunden, wie -man es nicht für möglich halten sollte, wird aber dort -nicht mehr für Sünde gehalten, sondern gerade für die -einzige Wahrheit. Mag immerhin unserm Volk Tierisches -und Sündhaftes anhaften, eines aber hat es zweifellos: -das ist, daß es wenigstens, als Ganzes genommen -(und nicht nur im Ideal, sondern in der wirklichsten -Wirklichkeit) seine Sünde niemals für das Richtige -gehalten hat, hält oder halten wird, auch niemals -den Wunsch empfinden wird, sie dafür zu halten! Es -sündigt, aber früher oder später sagt es doch: ich habe -gefehlt. Sagt es nicht der Sündige selbst, so sagt es -ein anderer für ihn, und die Wahrheit bleibt bestehen. -Die Sünde ist wie stinkender, stickiger Dunst, und der -wird sich verflüchtigen, sobald die Sonne vollends aufgeht. -Die Sünde ist etwas Vorübergehendes, Vergängliches, -Christus aber ist ewig. Das Volk sündigt stündlich -und treibt Unfug, aber in besseren Stunden, in -den Stunden Christi verwechselt es nie Recht mit Unrecht. -Das eben ist das Wichtige: woran ein Volk -glaubt, worin es die Wahrheit sieht, wie es sich dieselbe -denkt, was sein höchster Wunsch ist, was es liebt -und um was es zu Gott betet. Dieses Ideal ist in unserem -Volk – Christus. Mit Christus aber besitzt es natürlich -auch Aufklärung, und in wichtigen, entscheidenden -Augenblicken hat denn auch unser Volk alles, was -es volklich anging, stets im christlichen Sinne entschieden. -Sie werden spöttisch einwenden: „Weinen, das ist -wenig, seufzen gleichfalls, man muß auch handeln, man -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -muß auch verwirklichen.“ Aber unter Ihnen, meine Herren, -die Sie doch aufgeklärte Europäer zu sein glauben, -gibt es denn unter Ihnen viele Gerechte? Nennen -Sie mir doch Ihre Gerechten, die Christus ersetzen -könnten! In dem Volk aber gibt es Gerechte. Es kommen -unleugbar in ihm Charaktere von unendlicher -Schönheit und Stärke vor, die freilich von Ihnen noch -nicht bemerkt worden sind. Aber es gibt diese Gerechten -und Märtyrer der Wahrheit – gleichviel ob wir -sie sehen oder nicht sehen. Ich weiß nicht – wem es -gegeben ist, sie zu sehen, der wird sie natürlich sehen -und begreifen, wer aber in ihnen nur Tiere sieht, der -wird selbstverständlich nichts sehen als das Tierische. -Aber das Volk weiß, daß es diese Gerechten unter ihm gibt, -schenkt ihnen sein volles Vertrauen, ist stark und gefestigt -in diesem Gedanken und in der Hoffnung, daß sie es -immer im nötigen, alle bedrängenden Augenblick retten -werden. Und wie oft schon hat unser Volk das Vaterland -gerettet! Und noch vor kurzem hat es sich, als es -vor Sünde, Trunksucht und Sittenlosigkeit fast schon -zu verfaulen schien, in neuer geistiger Freude und Frische -erhoben und den letzten Krieg für den Glauben -Christi, den die Muselmänner mit Füßen traten, ausgefochten. -Es nahm den Krieg an, es griff gleichsam -nach ihm, wie nach einer Möglichkeit, sich durch Opfer -von den Sünden und Sittenlosigkeiten zu reinigen; und -es sandte seine Söhne hin, zu kämpfen und, wenn es -sein müßte zu fallen für die heilige Sache, und es -schrie nicht, daß der Rubel sinke und der Preis für Lebensmittel -steige. Es hörte voll Spannung zu, wenn jemand -vom Kriege erzählte, es forschte gierig weiter -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -und las selbst in den Zeitungen, soviel es nur lesen -konnte, dessen sind wir Zeugen und solcher Zeugen gibt -es viele. Ich weiß: die Erhebung des Volksgeistes während -des letzten Krieges, und um so mehr noch der -Grund dieser Erhebung, werden von unseren Liberalen -nicht anerkannt, sie lachen über diese „Idee“. -„Wie, in diesen Knechten soll eine sie alle vereinende -Idee stecken, sie sollen staatsbürgerliches Gefühl, einen -politischen Gedanken haben! – darf man das auch nur -annehmen?“ Und warum, warum ist unser europäischer -Liberaler so oft ein Feind des russischen Volkes? -Warum stehen in Europa diejenigen, die sich Demokraten -nennen, immer für das Volk ein oder stützen sich -wenigstens auf das Volk, indes unser Demokrat so -oft den Aristokraten spielt und zu guter Letzt fast immer -dem dient, was die Volkskraft unterdrückt, um als -richtiger selbstherrlicher „Herr“ sein Leben zu beschließen? -Oh, ich behaupte ja nicht, daß sie bewußt Feinde -des Volkes seien, aber gerade in der Unbewußtheit liegt -das Tragische. Sie sind ungehalten über meine Fragen? -Das ändert nichts an der Sache. Für mich sind -das alles Axiome, und ganz gewiß werde ich nicht aufhören, -sie zu erklären und zu beweisen, solange ich -noch schreibe und spreche. -</p> - -<p> -Doch kommen wir zum Schluß: mit den Wissenschaften -verhält es sich so wie ich sagte, aber „Aufklärung“ -brauchen wir nicht aus westeuropäischen Quellen -zu beziehen. Täten wir es, so könnten sich mit Leichtigkeit -solche landläufigen Phrasen einschleppen, wie -zum Beispiel: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Chacun pour soi et Dieu pour tous</span>, -oder <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">après nous le déluge</span>. Oh, gewiß wird man -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -nun sogleich zetern: „Gibt es denn bei uns nicht auch -solche Aussprüche, sagt man nicht bei uns zum Beispiel: -‚Der verzehrten Gaben gedenkt man nicht‘, und -Hunderte von ähnlichen Sprichwörtern?“ Ja, der -Sprichwörter gibt es viele im Volk: der Verstand des -Volks ist gar nicht so gering, ebensowenig ist es ohne Humor, -und die zunehmende Erkenntnis flüstert immer allerlei -pessimistische Betrachtungen ein – aber das sind -bei uns doch alles nur Redensarten, und dem Volk -fällt es gar nicht ein, an ihre moralische Wahrheit zu -glauben, es scherzt über sie und verneint sie selbst. Werden -Sie es aber wagen, zu behaupten, daß „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Chacun -pour soi et Dieu pour tous</span>“ im Westen nur eine -Redensart sei und nicht eine gesellschaftliche Formel, die -dort von allen angenommen ist und der alle dienen und -an deren Richtigkeit alle glauben? Wenigstens alle -diejenigen, die über dem Volk stehen und das Volk im -Zaum halten, die Land und Arbeiter besitzen und wie -Schildwachen vor der „europäischen Aufklärung“ aufgepflanzt -sind. Wozu bedürften wir wohl einer solchen -Aufklärung? Was sollten wir mit einer solchen anfangen? -Nein, suchen wir lieber bei uns etwas anderes. -Die Wissenschaften sind eine Sache für sich und die Aufklärung -ist gleichfalls eine Sache für sich. In der Hoffnung -auf das Volk und im Vertrauen auf seine Kräfte -werden wir vielleicht noch irgendeinmal diese unsere -christliche Aufklärung in vollem Glanz und in ihrer -ganzen Schönheit entfalten. Sie werden mir nun freilich -sagen, das sei ein langes Hin und Her als Antwort -auf Ihre Kritik. Mag sein! Ich betrachte diese -Ausführungen selbst nur als ein Vorwort, jedoch als -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -ein notwendiges. Ganz wie Sie in meiner „Rede“ solche -Punkte, in denen Sie nicht mit mir übereinstimmen, -hervorheben und diese für das Wichtigste halten, -so habe auch ich jetzt einen solchen Punkt aus Ihrer -Kritik hervorgehoben, einen, in dem ich den Kern unserer -Meinungsverschiedenheit sehe und der uns am meisten -hindert, zu einer Übereinstimmung zu gelangen. -Nun ist das Vorwort beendet, befassen wir uns jetzt mit -Ihrer Kritik und zwar von nun an ohne Abschweifungen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-3-2"> -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -<span class="firstline">II.</span><br /> -Aleko und Dershimorda<a class="fnote" href="#footnote-24" id="fnote-24">[24]</a>. Alekos Kummer -um den leibeigenen <a id="corr-11"></a>Bauern. Einige -Anekdoten. -</h4> - -<p class="noindent"> -Sie schreiben in Ihrer Kritik meiner Rede: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„... doch hat Puschkin, als er Aleko und Onegin -in ihrer Verneinung darstellte, nicht gezeigt, was -sie denn eigentlich ‚verneinten‘, und es dürfte sehr -gewagt sein, zu behaupten, daß sie gerade die -‚Volkswahrheit‘, diese Grundlage der russischen -Weltanschauung, verneint hätten. Das ist bei ihm -nirgendwo gesagt.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Nun, ob es von ihm gesagt oder nicht gesagt wurde, -und wie groß das Wagnis einer solchen Behauptung -auch gewesen sei – darauf werden wir sogleich -zu sprechen kommen. Zunächst wenden wir uns dem -Passus zu, in dem Sie von Gogols Skwosnik-Dmuchanowskijs -sprechen, bei denen Puschkins Aleko -es nicht ausgehalten haben soll, weshalb er das Weite -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -suchte – angeblich suchen mußte – und zu den Zigeunern -lief. Sie schreiben: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„In der Tat, die Welt des damaligen ‚Skitaletz‘ -war eine Welt, die eine andere Welt verneinte. -Zur Erklärung dieser Typen sind die anderen -Typen erforderlich, die Puschkin niemals -dargestellt hat, obschon er sich hin und wieder in -heftigem Unmut gegen sie wandte. Die Natur seines -Talents hinderte ihn daran, in diese Finsternis -hinabzusteigen und in die ‚Perle der Schöpfung‘ -Eulen und Fledermäuse mit aufzunehmen, -dieses lichtscheue Nachtvolk, das die Kellerräume -in den unteren Stockwerken des russischen Gebäudes -bevölkert.“ (sollten es nicht die oberen Stockwerke -sein?) „Das hat erst Gogol getan, die -große Kehrseite Puschkins. Er ist es denn auch, der -der Welt die Erklärung gibt, weshalb Aleko zu -den Zigeunern flüchtete, weshalb Onegin sich -langweilte und quälte, weshalb alle diese ‚überflüssigen -Menschen‘<a class="fnote" href="#footnote-25" id="fnote-25">[25]</a> entstanden. -</p> - -<p> -Die Korobotschka<a class="fnote" href="#footnote-26" id="fnote-26">[26]</a>, die Ssobakewitschs, die -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -Skwosnik-Dmuchanowskijs, die Dershimordas und -Tjäpkin-Ljäpkins bei Gogol, sind die Gegenstücke -zu Puschkins Aleko, Rudin und den vielen anderen: -sie bilden den Hintergrund, ohne den diese -Gestalten unverständlich wären. Aber die Gogolschen -Helden waren doch auch Russen – Gott, -und wie echte noch dazu! Die Korobotschka kannte -keinen Weltschmerz. Skwosnik-Dmuchanowskij -verstand es vortrefflich mit den Kaufleuten umzugehen. -Ssobakewitsch durchschaute vollkommen seine -Bauern und sie durchschauten ihn gleichfalls. Aleko -und Rudin sahen das alles natürlich nicht und -sie begriffen es auch nicht; sie liefen einfach fort, -wohin ein jeder nur konnte: Aleko zu den Zigeunern, -Rudin nach Paris, um dort auf den Barrikaden -für eine Sache zu sterben, die ihn gar nichts -anging.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Also sehen Sie mal, sie liefen <em>einfach</em> fort. Oh, -welch eine Feuilletonistenleichtfertigkeit im Urteil! Und -<em>wie</em> einfach das alles bei <em>Ihnen</em> ist, wie klipp und -klar und von vornherein schon entschieden! Sie reden -ja wahrlich in <em>fertigen Worten</em>, wie man zu -sagen pflegt. Übrigens, weshalb heben Sie es so -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -nachdrücklich hervor, daß Gogols Helden Russen waren -– „und wie echte noch dazu!“ Das hat ja nichts -mit unserer Meinungsverschiedenheit zu schaffen! Wer -weiß es denn nicht, daß sie Russen waren? Auch Aleko -und Onegin waren Russen, auch wir, Sie und ich, -sind Russen, und ein Russe, ein echter Russe, war doch -auch Rudin, der nach Paris „fortlief“, um dort für -eine Sache zu sterben, die ihn nach Ihrer Ansicht gar -nichts anging. Aber gerade deshalb ist er doch ein so -echter Russe, eben weil diese Sache ihn keineswegs -so „gar nichts anging“, wie etwa einen Engländer -oder Deutschen, – denn eine europäische, eine -universale, eine allmenschliche Angelegenheit ist für -einen Russen niemals gleichgültig. Und das ist doch -auch der Zug, der Rudin auszeichnet. Seine Tragödie -bestand doch hauptsächlich darin, daß er auf seinem -Felde keine Arbeit fand und auf ein anderes -Feld ging und dort starb, nur war dieses Feld ihm -durchaus nicht so fremd, wie Sie annehmen. Um was -es sich aber hierbei eigentlich handelt, ist folgendes: -alle diese Menschen Gogols, wie Skwosnik-Dmuchanowskij -und Ssobakewitsch, sind zwar Russen, das -läßt sich nicht leugnen, aber sie sind entartete, vom -Volksboden getrennte Russen, die, wenn sie das -Volk auch von der einen Seite kennen, von der anderen -Seite des Volkes dagegen nichts ahnen, ja sie vermuten -nicht einmal, daß es eine solche andere Seite -gibt – und das ist die ganze Ursache des Unglücks -dieser Menschen. Von der Seele des Volkes, von allem -dem, wonach das Volk sich sehnt, und um was es betet -– von all dem wußten sie nichts, denn sie verachteten -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -das Volk über alle Maßen. Ja, sie sprachen ihm -die Seele einfach ab – außer im Moment der ‚Seelenrevision‘<a class="fnote" href="#footnote-27" id="fnote-27">[27]</a> -natürlich. „Ssobakewitsch durchschaute -vollkommen seine Bauern,“ behaupten Sie. Das ist -nicht möglich. Ssobakewitsch sah in seinem Leibeigenen -nur dessen Marktwert, den er an Tschitschikoff -verkaufen konnte. Sie behaupten, Skwosnik-Dmuchanowskij -habe es vortrefflich verstanden, mit den Kaufleuten -umzugehen. Aber ich bitte Sie! Lesen Sie doch -nur die Rede dieses Skwosnik an die Kaufleute im -fünften Akt: so kann man allenfalls zu Hunden reden, -aber nicht zu Menschen – Sie jedoch nennen das „vortrefflich“ -mit einem russischen Menschen umgehen? -Ist es möglich, daß Sie das wirklich „vortrefflich“ -finden? Da wär’s doch besser, einfach Ohrfeigen auszuteilen -und die Menschen an den Haaren über die Erde -zu schleifen. -</p> - -<p> -In meiner Kindheit sah ich einmal auf der Landstraße -einen Feldjäger vorüberfahren – in einem -prächtigen Uniformrock, einen Dreimaster mit Federbesatz -auf dem Kopf, – der den Postknecht während -der rasenden Fahrt unausgesetzt und ganz fürchterlich -mit der Faust ins Genick und auf den Rücken -schlug, der Postknecht aber peitschte wiederum wie -wahnsinnig die in gestrecktem Galopp jagende Troika. -Dieser Feldjäger war natürlich von Geburt ein Russe, -aber doch so verblendet und dem Volk entfremdet, daß -er sich anders nicht mit einem einfachen Russen verständigen -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -konnte, als mittels seiner riesigen Faust – -anstatt aller Worte. Und doch hat er sein Leben lang -mit solchen Postknechten und anderen Leuten aus dem -Volk zu tun gehabt. Aber die Schöße seines Uniformrocks -und der Hut mit dem Federbesatz, sein Offiziersrang -und seine blankgeputzten Petersburger Stiefel -waren ihm teurer, seelisch und geistig teurer, nicht nur -als der russische Bauer, sondern vielleicht sogar teurer -als ganz Rußland, das er kreuz und quer durchfahren -und in dem er doch aller Wahrscheinlichkeit -nach so gut wie nichts Bemerkenswertes gefunden hatte, -nichts, das mehr wert gewesen wäre, als einen Hieb -seiner Faust oder einen Fußtritt mit seinem blankgeputzten -Stiefel. Seine Vorstellung von ganz Rußland -beschränkte sich nur auf seine Vorgesetzten, alles andere, -was es außer dieser vorgesetzten Behörde noch -gab, schien ihm einer Existenz überhaupt nicht wert -zu sein. Wie könnte nun wohl ein solcher Mensch das -Wesen des Volkes und seine Seele begreifen! Er war -zwar ein Russe, aber doch schon ein „europäischer“ -Russe, nur mit dem Unterschied, daß sein „Europäertum“ -nicht etwa mit der Aufklärung begonnen hatte, -sondern mit der Ausschweifung, wie das ja bei vielen, -sehr vielen der Fall ist. Ja, diese Verderbnis ist bei -uns schon mehr als einmal für das richtigste Mittel -zur Verwandlung des Russen in einen Europäer gehalten -worden. Der Sohn eines solchen Feldjägers -wird vielleicht ein Professor, d. h. bereits ein patentierter -Europäer geworden sein. Also reden Sie doch -nicht von ihrem Verständnis des Volkswesens! Da taten -Männer not wie Puschkin, Chomjäkoff, Ssamarin, -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -Aksakoff<a class="fnote" href="#footnote-28" id="fnote-28">[28]</a>, die als erste von dem wirklichen Wesen -des Volkes zu sprechen anfingen. (Vor ihnen war -von diesem Wesen allerdings schon manchmal die Rede -gewesen, aber diese Rede hatte immer irgendwie -klassisch und theatralisch geklungen!) -Als aber diese Männer endlich von der „Volkswahrheit“ -zu reden anfingen, da sah man sie -erstaunt an und hielt sie für Epileptiker und Idioten, -und man glaubte, ihr Ideal sei: „Rettich zu essen und -Denunziationen zu schreiben“. Ja, Denunziationen! -Sie setzten eben durch ihr Erscheinen und ihre Ansichten -alle so in Erstaunen, daß die Liberalen schon bedenklich -wurden und zu fürchten anfingen: wie, wollten -diese sonderbaren Leute sie nicht am Ende denunzieren? -Nun urteilen Sie selbst: sind von den heutigen -Liberalen wohl schon viele weit abgekommen von -einer so lächerlich dummen Auffassung der Slawophilen? -</p> - -<p> -Doch zur Sache! Sie sagen, Aleko sei von Dershimorda -zu den Zigeunern gelaufen. Gut, nehmen -wir an, daß es sich so verhält. Aber das Schlimme dabei -ist, daß Sie selbst, Herr Gradowskij, mit vollkommener -Überzeugung Aleko das Recht auf diesen Widerwillen -zusprechen. Sie sagen zwischen den Zeilen -ungefähr: „Es war ihm eben unmöglich, <em>nicht</em> zu -den Zigeunern fortzulaufen, denn Dershimorda war -doch gar zu gemein.“ Ich aber behaupte, daß Aleko -und Onegin in ihrer Art gleichfalls Dershimordas waren, -und in einer Beziehung sogar noch schlimmere. -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -Nur tue ich das mit dem Unterschied, daß ich nicht -ihnen die Schuld daran zuschreibe, da ich die Tragik -ihres Schicksals vollkommen begreife, Sie aber loben -sie noch dafür, daß sie fortliefen: „So große und interessante -Menschen, wie sie waren, wie hätten sie sich -mit solchen Ungeheuern einleben sollen?“ meinen Sie, -wenn Sie es auch nicht aussprechen. Sie irren sich aber -sehr. Da behaupten Sie auch gleich, Aleko und Onegin -wären durchaus nicht vom Boden losgerissen gewesen -und hätten durchaus nicht die Volkswahrheit -verneint. Und nicht nur das: „Sie waren auch durchaus -nicht hochmütig“ – sogar das behaupten Sie. -Aber hier ist doch der Hochmut die gerade, logische -und unvermeidliche Folge ihrer Abstraktheit, ihrer -Losgerissenheit vom Volksboden. Sie können doch nicht -leugnen, daß sie das Land nicht gekannt haben, da sie -in Instituten aufwuchsen und erzogen wurden, daß -sie Rußland in Petersburg, im Staatsdienst, kennen -lernten und zum Volk immer im Verhältnis des Herrn -zum Leibeigenen standen. Und wenn sie auch auf ihren -Gütern in nächster Nähe der Bauern lebten, so kannten -sie diese doch nicht. Jener Feldjäger hatte auch sein -Leben lang mit Postkutschern zu tun gehabt und sah -dennoch nichts anderes in ihnen, als Wesen, die nur -Schläge seiner Faust verdienten. Aleko und Onegin verhielten -sich Rußland gegenüber wie erhaben über alles, -und waren hochmütig und anmaßend und unduldsam, -wie alle, die in einem vom Volk getrennten engen Kreise -leben, unter Bedingungen, die man mit „alles-frei“ -bezeichnen kann, nämlich frei sowohl von der Bauernarbeit -wie auch von der europäischen Kulturarbeit, von der -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -sie gleichfalls die Nutznießung gratis hatten. Gerade -daraus aber – daß alle unsere intelligenten Leute infolge -einer gewissen historischen Entwicklung fast im -Laufe der ganzen letzten zwei Jahrhunderte unserer -Geschichte sich in Müßiggänger, die bloß ihre Hände -pflegten, verwandelt haben, läßt sich ihre Abstraktion, -ihre Losgelöstheit vom Heimatboden erklären. Nicht -an Dershimorda scheiterte er, sondern an sich selbst, -weil er sich Dershimorda und dessen Herkunft nicht zu -erklären verstand. Dazu war er viel zu stolz. Aus diesem -Grunde fand er auch keine Möglichkeit, auf dem -eigenen Felde zu arbeiten. Die anderen aber, die an -diese Möglichkeit glaubten, hielt er für Dummköpfe -oder gleichfalls für Dershimordas. Und nicht nur in -seinem Verhalten zu Dershimorda war unser Skitaletz -stolz, er war es auch ganz Rußland gegenüber, denn -nach seiner Überzeugung bestand Rußland nur aus -Sklaven und Dershimordas. Wenn es aber noch etwas -Edleres enthielt, so waren sie allein dieses Edlere, -sie, Aleko und Onegin, sonst aber niemand außer ihnen. -Daraus folgte die Überhebung ganz von selbst. Indem -sie in ihrer Absonderung vom Volk verblieben, mußten -sie sich natürlich wundern, wie hoch sie in ihrer -Bildung über den gemeinen Dershimordas standen, -selbstverständlich ohne auch nur das Geringste von diesen -zu begreifen. Wären sie nicht stolz gewesen, so -hätten sie begriffen, daß auch sie selbst Dershimordas -waren, nach dieser Einsicht aber hätten sie dann – -und zwar gerade durch diese Einsicht – vielleicht auch -den Weg zur Versöhnung gefunden. Dem Volk gegenüber -aber empfanden sie eigentlich nicht einmal so -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -sehr Stolz als einfach Ekel, und zwar alle ausnahmslos. -Sie werden das freilich nicht glauben wollen, im -Gegenteil, Sie geben nur oberflächlich zu, daß einzelne -Charakterzüge Alekos und Onegins allerdings nicht -angenehm sind, um mir gleich darauf den Text zu lesen -und anmaßend zu behaupten, ich hätte einen beschränkten -Blick und es wäre wohl kaum vernünftig, „die -Symptome zu kurieren, die Wurzel der Krankheit aber -unangerührt zu lassen“. Sie glauben, daß ich, wenn -ich sage: „Demütige dich, stolzer Mensch“ – damit -Aleko nur seine persönlichen Eigenschaften, seine -Privatfehler zum Vorwurf mache, den eigentlichen -Grund des Übels jedoch vollständig übersehe, „als -läge das ganze Wesen der Sache nur in den persönlichen -Eigenschaften der Stolzen, die sich nicht demütigen -wollen“, wie Sie meinen. „Es ist ja noch gar nicht -festgestellt,“ sagen Sie, „wem gegenüber der Skitaletz -denn nun eigentlich so stolz war, und damit ist auch die -Frage noch offen, wovor er sich denn hätte demütigen -sollen.“ Das ist mir denn doch ein gar zu hochmütiger -Einwurf von Ihnen! Ich glaube, ausdrücklich gesagt zu -haben, daß der Skitaletz ein Produkt der historischen -Entstehung unserer Gesellschaft ist, folglich wälze ich -doch nicht die ganze Schuld nur auf seine Person, auf -seine persönlichen Eigenschaften. Sie haben das gelesen, -denn ich habe es geschrieben und es steht gedruckt, -weshalb übergehen Sie es also? Sie zitieren -meinen ganzen Passus über das „Demütige dich“ und -schreiben dann von sich aus: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Mit diesen Worten hat Herr Dostojewski -das ‚Allerheiligste‘ seiner Überzeugungen ausgesprochen, -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -das, was zugleich die Stärke und Schwäche -des Autors der ‚Brüder Karamasoff‘ ausmacht. -In diesen Worten ist ein großes <em>religiöses</em> -Ideal enthalten, eine mächtige Predigt <em>persönlicher</em> -Ethik, aber es fehlt jede Andeutung <em>sozialer</em> -Ideale.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Und darauf beginnen Sie sogleich, die Idee der -„persönlichen Vervollkommnung im Geiste der christlichen -Liebe“ zu kritisieren. Auf Ihre diesbezügliche -Meinung werde ich noch zu sprechen kommen, zunächst -will ich Ihnen Ihre ganze Unterlage, die Sie, wie -es scheint, zu verbergen wünschen, aufdecken und sie -Ihnen zeigen, und zwar folgendermaßen: Sie ärgern -sich über mich nicht nur deshalb, weil ich dem Skitaletz -manches zum Vorwurf mache, sondern weil ich in -ihm nicht wie Sie die Idealgestalt sittlicher Vervollkommnung -sehe und ihn nicht für den gesunden -Russen halte, wie er nur sein kann und sein -soll. Daß Sie trotzdem zugeben, Aleko und Onegin -hätten freilich einige „unsympathische Charakterzüge“, -ist nur eine Finte von Ihnen. Ihrer inneren Auffassung -nach, die Sie aus irgendeinem Grunde nicht ganz -aussprechen wollen, ist der Skitaletz der Typ des normalen -und ästhetischen Menschen, letzteres schon deshalb, -weil er von Dershimorda fortläuft. Sie sind sogar höchst -ungehalten, wenn jemand es wagt, in diesem Typ auch -nur einen Fehler zu finden. Sie sagten bereits unumwunden: -„Es ist doch sinnlos, zu behaupten, daß sie an -ihrem Stolz gescheitert seien und sich nicht vor der -Volkswahrheit hätten demütigen wollen.“ Und zum -Schluß behaupten Sie noch mit Eifer, daß gerade -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -diese unsere Menschenklasse die Bauern befreit habe. -Sie schreiben: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Sagen wir mehr: wenn in der Seele der besten -dieser Skitaltzy aus der ersten Hälfte unseres -Jahrhunderts ein Gedanke lebte, so war das gerade -der Gedanke an das Volk, und ihr glühendster Haß -galt gerade der Sklaverei, die dieses Volk bedrückte. -Gewiß haben sie auf ihre Art das Volk geliebt -und die Leibeigenschaft gehaßt, meinetwegen -‚als Europäer‘, wenn man will. Aber wer war es -denn, wenn nicht sie, die unsere Gesellschaft zur -Aufhebung der Leibeigenschaft vorbereiteten? Wo -sie konnten, haben auch sie dem ‚eigenen Acker‘ gedient, -anfangs als Verbreiter der Befreiungsidee, -dann aber als Vermittler, als welche sie in erster -Reihe wirkten.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Das ist es eben, daß die Skitaltzy die Leibeigenschaft -in ihrer Art haßten, eben „europäisch“ haßten, -darin liegt ja der ganze Kern der Sache. Das ist es -eben, daß sie die Leibeigenschaft nicht um der russischen -Bauern willen haßten, um des Russen willen, -der für sie arbeitete, als ihr Leibeigener, dessen Arbeit -sie ernährte und der folglich auch von ihnen – -wenn sie es auch in Gemeinschaft mit anderen taten, -so doch immerhin auch von ihnen – geknechtet wurde. -Wer verbot ihnen denn, wenn sie schon so sehr unter -dieser Beleidigung ihres staatsbürgerlichen Gefühls -litten, daß sie zu den Zigeunern liefen oder auf die -Barrikaden nach Paris – wer hinderte sie denn, ganz -einfach wenigstens ihre eigenen Bauern zu befreien -und einen Teil des eigenen Landes unter ihnen zu -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -verteilen, um damit wenigstens das eigene Gewissen -von diesem Unrecht und sich selbst von der persönlichen -Verantwortung freizumachen? Aber von solchen -Befreiungen hat man seltsamerweise nicht viel -gehört, staatsbürgerliches Wehgeschrei dagegen ertönte -doch genug und allerorten. „Das Milieu“, heißt es ja -wohl, „das Milieu war die Fessel, und wie hätte er -sich selbst seines Vermögens berauben sollen?“ Aber -weshalb denn nicht, wenn die Bauern ihm schon so -leid taten, daß er auf die Barrikaden lief? Ja, sehen -Sie, das war es nun wieder, daß man in diesem -„Städtchen Paris“ nicht ohne Geld auskam, selbst -wenn man an den Barrikadenkämpfen teilnahm, die -Leibeigenen aber – schickten den Zins. Oder man -machte es noch einfacher: man verpfändete oder verkaufte -die Bauern, oder tauschte sie ein (war das nicht -ganz gleich?), und hatte man das Kapital flüssig gemacht, -dann fuhr man nach Paris, um dort behilflich -zu sein, französische radikale Journale und Revuen -herauszugeben, jetzt schon zum Heil der ganzen Menschheit, -und nicht nur des russischen Bauern. Sie versichern, -Herr Gradowskij, daß der Kummer um den -leibeigenen Bauer sie alle gepeinigt habe? Nun, es -war wohl nicht gerade ein Kummer wegen der Leibeigenschaft -der russischen Bauern, sondern der ganz -abstrakte Kummer wegen der Knechtschaft des Menschengeschlechtes -im allgemeinen: „Die sollte es -doch überhaupt nicht mehr geben, sie ist rückständig, -sie verträgt sich nicht mit der Aufklärung! <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Liberté, -Egalité et Fraternité!</span>“ – nur daran dachten sie. Was -jedoch den russischen Bauern persönlich anbelangt, so -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -hat der Kummer um ihn diese großen Herren ganz -gewiß nicht allzu sehr geplagt. Ich habe eine Menge -vertraulicher Meinungsäußerungen sehr, sogar sehr -„gebildeter“ Herren der guten alten Zeit gehört und -genau im Gedächtnis behalten. Zum Beispiel: „Die -Sklaverei ist ja freilich ein fürchterliches Übel, das -steht außer Frage,“ äußerten sie, wenn sie unter sich -waren, „aber wenn man es genau betrachtet, so ist -doch unser Volk – ja, ist denn das überhaupt ein -Volk? Kann man es denn auch nur entfernt z. B. mit -dem Pariser Volk von siebzehnhundertdreiundneunzig -vergleichen? Es hat sich ja doch schon an die Sklaverei -gewöhnt, sein Gesicht, seine ganze Gestalt drückt -schon den Sklaven aus, ja, und wenn Sie wollen – -die Rute zum Beispiel ist ja natürlich eine schreckliche -Gemeinheit, im allgemeinen gesprochen, aber beim russischen -Bauern ist sie doch, bei Gott, ganz unentbehrlich. -Unser Bäuerlein muß die Rute zu fühlen bekommen, -sonst wird’s trübselig. Tja, nichts zu machen, -aber so ist es nun einmal, unser Volk!“ heißt es -– das habe ich seinerzeit mit eigenen Ohren gehört, -ich schwöre es, und sogar von sehr gebildeten Leuten. -Das ist die sogenannte „nüchterne Wahrheit“. -</p> - -<p> -Onegin wird seine Leibeigenen wahrscheinlich nicht -geprügelt haben, obschon es schwerhält, hierüber mit -Bestimmtheit etwas auszusagen; aber Aleko – nun, -was diesen betrifft, so bin ich überzeugt, daß er seine -Leibeigenen mitunter hat prügeln lassen, allerdings -nicht aus Herzenshärte, sondern fast sogar aus Mitleid, -fast sogar um des Guten willen, in dem Sinne -etwa wie: „Das ist doch für ihn eine Notwendigkeit, -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -ohne sie kommt er doch nicht aus, er kommt ja selber -und bittet: ‚Straf mich, Herr, mach mich wieder zum -Menschen, bin ganz aus der Zucht geraten!‘ Was soll -man denn mit solch einer Natur anfangen, sagen Sie -doch gefälligst? Nun, und so tut man ihm denn den -Gefallen!“ -</p> - -<p> -Ich wiederhole es, ihr Gefühl für den Bauern -grenzte oft an Ekel vor ihm. Und wieviel schmutzige -Anekdoten wurden unter ihnen vom Bauern, von seiner -Sklavenseele, seinem „Götzendienst“, seinem Popen -und seinem Weibe erzählt, und zwar ganz leichten -Herzens, zuweilen von Leuten, deren eigenes Familienleben -fast einem Bordelleben glich. Oh, versteht -sich, das geschah ja nicht immer in irgendeiner bösen -Absicht, sondern nur aus übermäßigem Eifer bei der Aufnahme -der letzten europäischen Ideen, die nach unserer -Art aufgefaßt wurden, und geschah gleich mit der ganzen -russischen Leidenschaftlichkeit. Sie waren eben in allem -Russen! Oh, die russischen sich grämenden „Skitaltzy“ -waren bisweilen große Schelme, Herr Gradowskij, -und gerade diese kleinen Anekdoten vom russischen -Bauern und die Geringschätzung für ihn (wenn -nicht Verachtung) haben in den Herzen dieser Herren -ihrem Kummer ob der Leibeigenschaft immer die Spitze -dadurch abgebrochen, daß er einen gewissen abstrakt -universalen Charakter annahm. Mit einem solchen Kummer -aber läßt es sich noch ganz gut, sogar sehr gut leben, -namentlich wenn man sich dabei geistig von der Betrachtung -seiner eigenen moralischen Schönheit und -der Erhabenheit nährte, die man im Fluge seiner staatsbürgerlichen -Ideen entwickelte, und körperlich, nun – -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -körperlich immerhin vom Zins dieser selben Bauern, -und sogar wie noch, sich nährte! Da fällt mir soeben -eine Geschichte ein, die vor kurzem ein alter Herr im -Journal zum besten gab. Es war im Sommer 1845 -auf einem in der Nähe von Moskau belegenen entzückenden -Landgut, dessen Besitzer, nach den Worten -dieses alten Herrn, „grandiose Diners“ zu geben -pflegte. So hatten sich dort wieder einmal die humansten -Professoren, die seltsamsten Liebhaber und Kenner -der schönen Künste und noch manches anderen, die -berühmtesten Demokraten, die sich in der Folge sogar -als Staatsmänner ausgezeichnet und fast einen Weltruf -erworben haben, ferner Kritiker, Schriftsteller -und die reizendsten Damen, sie alle Menschen -von höchster geistiger Entwicklung, versammelt. Und -plötzlich bricht die ganze Gesellschaft auf, wahrscheinlich -nach einem Diner mit Champagner, getrüffelten -Pasteten und meinetwegen Vogelmilch (es muß doch -etwas Besonderes gegeben haben, wenn man die Diners -„grandios“ nennt), um einen Spaziergang zu -machen. Auf dem Felde im reifen Roggen treffen sie -eine Schnitterin. Nun, die Feldarbeit ist doch wohl -nichts weniger als leicht: die Bauern stehen um 4 Uhr -morgens auf, um dann bis zum Abend das Korn zu -schneiden – zwölf Stunden gebückt unter sengenden -Sonnenstrahlen. Und dort im Roggen findet nun unsere -Gesellschaft die Schnitterin in – können -Sie sich das vorstellen! – in „primitivem -Kostüm“ (das heißt wohl einfach im Hemde?)! -Wie entsetzlich! Alle Friedensgefühle und Humanitätsbegriffe -sind vor den Kopf gestoßen, -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -und sogleich läßt sich eine beleidigte Stimme vernehmen: -„Von allen Weibern ist es nur das russische -Weib, das sich vor keinem Menschen schämt!“ Und -darauf, versteht sich, sogleich die Folgerung: „Nur das -russische Weib ist von allen das einzige, vor dem sich -niemand schämt“ (d. h. nicht zu schämen braucht, etwa, -als müsse es so sein!). Es kam zum Streit. Einzelne -verteidigten die Bäuerin, aber was waren das für -Verteidiger und mit welchen Entgegnungen hatten sie -zu kämpfen! Und so etwas war möglich in einer Gesellschaft -von diesen meist aus dem Gutsbesitzerstande -hervorgegangenen „Skitaltzy“, die sich lukullisch sattgegessen, -Champagner und Austern geschlürft hatten – und -zwar für wessen Geld? Für ein Geld, das sie aus der -Bauern Arbeit bezogen! Für Sie, meine Herren Weltschmerzleidende, -arbeitet diese Bäuerin doch, für das -aus ihrer Arbeit gewonnene Geld haben Sie sich doch -sattgegessen! Weil sie im hohen Roggen, wo niemand -sie sehen konnte, gequält von Hitze und Schweiß, ihren -Rock ausgezogen und im Hemde arbeitet – deshalb -soll sie schamlos sein, soll sie Ihr Schamgefühl verletzt -haben – „von allen Weibern das schamloseste!“ -– ach Sie Keuschheitspriester! Aber Ihre Pariser Zerstreuungen -und Ihre Erlebnisse im „Städtchen Paris“ -und der Cancan im Jardin Mabille, vor dem -unsere russischen Herren wie Butter an der Sonne -zergehen – selbst wenn von ihm nur die Rede war, -und das nette Liedchen – -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ma commère quand je danse</span></p> - <p class="verse"><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Comment va mon cotillon?</span>“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -mit dem graziösen Raffen des Röckchens und dem -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -Ruck mit dem Hinterteilchen dazu – das alles empört -unsere schamhaften Herren keineswegs, im Gegenteil, -es zieht sie sogar ungeheuer an! -</p> - -<p> -„Aber ich bitte Sie, das ist bei ihnen doch -alles so graziös, dieses Cancanchen, dieses Röckchen -und ... na ja – das sind doch in ihrer Art die elegantesten -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Articles de Paris</span>, hier aber – wie kann -man das überhaupt vergleichen: hier ist’s doch nur -ein Weib, ein russisches Bauernweib, ein Klotz, ein -unbehauener Klotz!“ -</p> - -<p> -Nein, das war sogar nicht einmal bloßes Überzeugtsein -von der Gemeinheit unseres Bauern und -Volkes, da war die Ansicht schon ins Gefühl übergegangen, -schon zum Gefühl geworden, da verriet sich -bereits eine physische Empfindung des Ekels vor unserem -Bauern – oh, natürlich nur eine unwillkürliche, -fast unbewußte Empfindung, die sie selbst vielleicht -gar nicht bemerkten. Und ich muß gestehen, ich kann -mit Ihrem kapitalen Streitsatz keineswegs übereinstimmen, -Herr Gradowskij: daß diese „Skitaltzy“ es gewesen -seien, die in unserer Gesellschaft für die Befreiung -der Leibeigenen vorgearbeitet hätten. Vielleicht -mit abstraktem Geschwätz, indem sie ihren bürgerlichen -Kummer nach allen Regeln überall hervorkehrten -– oh, natürlich kam schließlich alles der Sache zugute. -Bewirkt aber haben die Befreiung der Bauern, -geholfen haben denen, die die Befreiung durchführen -wollten, eher solche Männer wie z. B. Ssamarin<a class="fnote" href="#footnote-29" id="fnote-29">[29]</a>, -nicht aber Ihre Skitaltzy. Jener anderen dagegen, jener -vom Schlage eines Ssamarin, die wohl in keiner Beziehung -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -den Alekos und Onegins glichen, gab es doch -damals gar nicht so wenige, und die halfen alle bei der -großen Arbeit mit, Herr Gradowskij, von ihnen aber -reden Sie natürlich kein Wort. Ihren Leuten jedoch -ist die Geschichte, nach allen Anzeichen zu urteilen, sehr -bald langweilig geworden, und sie begannen wieder -zu schmollen. Sie wären auch keine „Skitaltzy“ gewesen, -wenn sie sich anders verhalten hätten. Als sie dann -nach der Aufhebung der Leibeigenschaft erst das Geld -für ihre losgekauften Bauern erhalten hatten, da verkauften -sie auch ihr übriges Land an Aufkäufer zum -Aussaugen und ihre Wälder zum Abholzen. Sie selbst -siedelten ins Ausland über und führten bei uns den Absentismus -ein ... Sie werden mit mir darin natürlich -nicht übereinstimmen, Herr Professor, aber was soll -ich denn tun: es ist mir nun einmal absolut unmöglich, -den Ihnen so teuren, der oberen Schicht entstammenden -liberalen Russen für das Ideal des normalen -echten Russen anzuerkennen, für den besten Typ, der -der Rasse angeblich jemals wirklich war, ist und sogar -in Zukunft sein soll. Ich sehe nur, daß dieser Typ -in den letzten Dezennien wenig auf dem Arbeitsfelde -seines Volkes geleistet hat. Und diese Auffassung halte -ich für etwas richtiger und begründeter als Ihre Dithyrambe -auf jene Herren. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-3-3"> -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -<span class="firstline">III.</span><br /> -Zwei Hälften. -</h4> - -<p class="noindent"> -Ich komme jetzt zu Ihrer Auffassung von der „persönlichen -Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ -und Ihrer Behauptung, daß dieselbe durchaus unzureichend -sei im Vergleich mit „sozialen Idealen“ und -vor allem mit „sozialen Institutionen“. Ja, auch Sie -weisen darauf hin, daß dies der wichtigste Punkt in -unserer Meinungsverschiedenheit ist. Sie schreiben: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Indem Herr Dostojewski Demut vor der -Volkswahrheit und den Volksidealen verlangt, -scheint er diese ‚Wahrheit‘ und diese Ideale für -etwas bereits Fertiges, Feststehendes und Ewiges -zu halten. Wir erlauben uns, dieser Annahme zu -widersprechen. Die <em>sozialen</em> Ideale unseres -Volkes sind noch im Stadium des <em>Entstehens</em>, -Sie fangen erst an sich zu entwickeln. Das Volk -muß noch viel an sich arbeiten, um den Namen eines -großen Volkes zu verdienen.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -In betreff der „Wahrheit“ und der Ideale des -Volkes habe ich Ihnen zum Teil schon geantwortet. -Diese Wahrheit und diese Ideale des Volkes halten -Sie direkt für ungenügend zur Entwicklung sozialer -Ideale Rußlands. Das heißt also: Religion ist ein -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -Ding für sich und alles Soziale, Gesellschaftliche ist -etwas ganz anderes, d. h. wiederum ein Ding für sich. -Sie schneiden den lebendigen Organismus mit -Ihrem Gelehrtenmesser in zwei Hälften und behaupten, -daß diese voneinander ganz unabhängig sein müssen. -Betrachten wir sie näher, untersuchen wir jede dieser -Hälften für sich, vielleicht können wir dann irgendwelche -Schlüsse ziehen. Betrachten wir zunächst die -Hälfte der „persönlichen Vervollkommnung im Geiste -der christlichen Liebe“. -</p> - -<p> -Sie schreiben: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Herr Dostojewski ruft uns zur Arbeit auf, -zur Arbeit an uns selbst. Die persönliche Vervollkommnung -im Geiste der christlichen Liebe ist natürlich -die erste Voraussetzung jeder Tätigkeit, -gleichviel, ob sie groß oder klein ist! Aber daraus -folgt noch nicht, daß Menschen, die im <em>christlichen -Sinne persönlich vollkommen</em> -sind, <em>unbedingt</em> einen vollendeten Staat -bilden. Nehmen wir ein Beispiel: -</p> - -<p> -Der Apostel Paulus erklärt Sklaven und deren -Herren ihr Verhältnis zueinander. Sowohl diese -wie jene konnten die Lehre des Apostels befolgen -und taten es meist auch wirklich, sie waren <em>persönlich</em> -gute Christen, aber die <em>Sklaverei</em> -wurde damit nicht geheiligt und blieb eine unmoralische -Einrichtung. So wird auch Herr Dostojewski, -wie ein jeder von uns, vortreffliche Christen -gekannt haben, sowohl unter Gutsbesitzern -wie unter Bauern. Aber die Leibeigenschaft blieb -trotzdem eine Schändlichkeit vor Gott, und der -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -Zar-Befreier erfüllte nicht nur die Forderungen -der <em>persönlichen</em>, sondern auch der <em>sozialen</em> -Sittlichkeit, von der man in der alten Zeit -keine richtige Vorstellung hatte, obschon es ‚gute -Menschen‘ damals nicht weniger gab, als heutzutage. -Persönliche und soziale Sittlichkeit ist nicht -ein und dasselbe. Daraus folgt, daß eine <em>soziale</em> -Vervollkommnung nicht <em>lediglich</em> durch -die Besserung der persönlichen Eigenschaften der -Menschen erreicht werden kann. Ein Beispiel: -</p> - -<p> -Nehmen wir an, daß seit dem Jahre 1800 eine -Reihe von Predigern der christlichen Liebe und Demut -sich vorgenommen hätten, die Sittlichkeit solcher -Menschen, wie Gogols Gutsbesitzerin Frau -Korobotschka und Ssobakewitsch, zu heben. Wäre -es auch nur denkbar, daß sie die Aufhebung der Leibeigenschaft -durchgesetzt hätten und daß es keines -Machtwortes mehr bedurft hätte? Im Gegenteil, -die Korobotschka hätte zu beweisen angefangen, -daß sie eine wahre Christin und ‚Mutter‘ ihrer -Bauern sei und wäre trotz aller gegenteiligen Versicherungen -des Missionars bei ihrer Ansicht verblieben. -</p> - -<p> -Eine Verbesserung der Menschen in einem gesellschaftlichen -Sinne kann nicht lediglich durch -Arbeit nur an der eigenen Person und durch persönliche -Demut erreicht werden. An sich selbst arbeiten -und sich zur Demut erziehen, das kann man auch -in der Wüste oder auf einer unbewohnten Insel. -Aber als Angehörige einer Gesellschaft, eines Staates, -entwickeln und verbessern sich die Menschen -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -erst in der Arbeit <em>nebeneinander, füreinander -und miteinander</em>. Das ist -auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit -der Menschen in einem so hohen Grade von -der Vollkommenheit der <em>sozialen Institutionen</em> -abhängt, die im Menschen wenn nicht -christliche, so doch bürgerliche Werte erziehen.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Sehen Sie, wie viel ich aus Ihrem Artikel abgeschrieben -habe! Das klingt alles sehr selbstbewußt und -die „persönliche Vervollkommnung im Geiste der christlichen -Liebe“ hat gründlich die Wahrheit zu hören bekommen. -Das heißt soviel wie: in staatlichen Dingen -taugt sie zu nichts. Kurios, fürwahr, fassen Sie demnach -das Christentum auf! Allein schon die Vorstellung, -daß die Korobotschka und Ssobakewitsch wahre Christen -werden könnten, sogar vollkommene, und darauf -die Frage: könnte man sie dann dazu bringen, auf die -Leibeigenschaft zu verzichten? ist bemerkenswert. Mir -scheint es eine recht verfängliche Frage zu sein, die Sie -da aufwerfen, und Ihre eigene Antwort lautet natürlich: -„Nein, die Korobotschka wäre selbst als wahre -Christin nicht dazu zu bewegen.“ -</p> - -<p> -Darauf antworte ich ohne weiteres: wenn die -Korobotschka überhaupt eine wahre und vollkommene -Christin hätte werden können oder geworden wäre, so -hätte die Leibeigenschaft auf ihrem Gut auch schon zu -existieren aufgehört, weshalb man sich dann um nichts -weiter zu bemühen brauchte, wenn auch alle Aktenstücke -und Kaufbriefe in ihrem Besitz verblieben. -</p> - -<p> -Erlauben Sie: die Korobotschka war doch auch -früher schon Christin, schon von Geburt an, d. h. seit -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -ihrer Taufe, nicht wahr? Folglich verstehen Sie unter -der Lehre der neuen Prediger des Christentums dem -Wesen nach wohl dasselbe alte Christentum, nur erhöht, -gesteigert, also ein vollendetes oder vollkommenes, -das sozusagen schon sein Ideal erreicht hat? Aber was -kann es dann noch für Sklaven geben, ich bitte Sie! -Man muß doch das Christentum wenigstens annähernd -begreifen! Und was würde es dann die Korobotschka, -die <em>wahre</em> Christin, noch angehen, ob ihre Bauern -Leibeigene sind oder nicht? Sie wäre ihnen „Mutter“, -eine richtige Mutter, und die „Mutter“ in ihr hätte -sogleich die frühere „Herrin“ in ihr einfach ausgeschaltet, -und das wäre ganz von selbst geschehen. Das frühere -Verhältnis – dasjenige der Herrin zum Sklaven -– wäre in dem Fall wie Nebel vor der Sonne -verschwunden und die alten Menschen wären von anderen -verdrängt worden, die in einem ganz neuen, vordem -undenkbar gewesenen Verhältnis zueinander gestanden -hätten. Und überhaupt wäre damit etwas schier -Unglaubliches geschehen: es wären eben <em>überall</em> -vollkommene Christen entstanden, solche, wie es ihrer -bisher auch als einzelne freilich so wenige gegeben hat, -daß man selbst diese kaum zu entdecken vermöchte. Übrigens -sind ja Sie es, Herr Gradowskij, der diese -phantastische Möglichkeit in Erwägung zieht, nicht ich, -folglich dürfen Sie sich auch nicht den Folgerungen -entziehen. Ich versichere Ihnen, Herr Gradowskij, daß -die Bauern der Korobotschka dann freiwillig bei ihr -geblieben wären, und zwar aus dem einfachen Grunde, -weil ein jeder sieht, wo er es am besten hat. Oder -meinen Sie, daß die Bauern es mit Ihren Institutionen -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -besser hätten, als bei der sie liebenden, wie eine -leibliche Mutter für sie sorgenden Gutsbesitzerin? Desgleichen -erlaube ich mir, Ihnen zu versichern, daß die -Sklaverei zu Lebzeiten des Apostels Paulus nur deshalb -auch in christlichen Gemeinden bestehen blieb, weil -die damaligen, eben erst entstehenden Gemeinden noch -nicht in dem Maße christlich waren, daß sie ein vollkommenes -Christentum darstellten (was wir aus den Sendschreiben -des Apostels ersehen). Aber die einzelnen -Mitglieder der Gemeinden, die damals persönlich die -Vollkommenheit erreichten, hatten auch keine Sklaven -mehr und konnten sie ja gar nicht mehr haben, denn -diese wurden sogleich zu ihren Brüdern, ein Bruder -aber, ein wirklicher Bruder kann nicht seinen Bruder -als Sklaven unter sich haben. Nach Ihren Worten müßte -man dagegen annehmen, daß die Predigt der christlichen -Lehre machtlos gewesen sei. Wenigstens schreiben -Sie, daß durch die Predigt des Apostels die Sklaverei -noch nicht geheiligt worden wäre. Andere Gelehrte -aber, namentlich europäische Professoren der -Geschichte, haben schon unzählige Male dem Christentum -gerade das vorgeworfen, daß es angeblich die -Sklaverei heilige. Das heißt aber, das Wesen der Sache -nicht begreifen. Man stelle sich vor: die Madonna -hätte Leibeigene und wollte diesen nicht die Freiheit -geben. Welch ein Absurdum! Im Christentum, im wirklichen -Christentum wird es Herren und Diener geben, -aber ein Sklave ist undenkbar. Ich rede vom wahren, -vollkommenen Christentum. Diener sind nicht Sklaven. -Der Jünger Timotheus diente dem Apostel Paulus, als -sie gemeinsam umherzogen, aber lesen Sie doch die Briefe -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -Pauli an Timotheum: schreibt er an einen Sklaven, -ja überhaupt an seinen Diener? Ich bitte Sie! – Das -sind doch Briefe an seinen „Sohn Timotheus“ – an -seinen „geliebten Sohn“! Ja, in einem solchen, gerade in -einem solchen Verhältnis werden die Herren zu den Dienern -stehen, wenn diese wie jene vollkommene Christen -sind. Herren und Diener wird es geben, aber die Herren -werden nicht Tyrannen sein, und die ihnen Dienenden -nicht von ihnen Tyrannisierte. Stellen Sie sich vor, -daß es in der zukünftigen Gesellschaft einen Kepler, -einen Kant, einen Shakespeare gibt: sie leisten die große -geistige Arbeit für alle, und alle wissen das und -verehren und schätzen sie. Natürlich hat Shakespeare -keine Zeit, sagen wir, sein Zimmer aufzuräumen. Glauben -Sie mir, unter solchen Voraussetzungen wird unbedingt -ein anderer Bürger zu ihm kommen, um ihm zu -dienen, er wird es freiwillig tun, wird ungebeten die -geringe Arbeit bei Shakespeare verrichten: sein Zimmer -aufräumen usw. Wird er deshalb erniedrigt -oder ein Sklave sein? Keineswegs. Er weiß, daß Shakespeare -unvergleichlich nützlicher ist als er und er sagt -sich oder ihm: „Dafür sei dir Ruhm und Ehre, und -mir ist es eine Freude, dir dienen zu können. Soviel -ich’s kann, trage ich auch meinen Teil zur großen Tat -bei, indem ich dir Stunden des Schaffens erhalte, doch -bin ich deshalb noch kein Sklave. Gerade durch diese -meine Erkenntnis, daß du, Shakespeare, dank deinem -Genie höher stehst als ich, habe ich bewiesen, indem ich -zu dir kam, um dir zu dienen, daß ich an sittlicher -Menschenwürde dir keineswegs nachstehe, sondern -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -<em>als Mensch</em> dir ebenbürtig bin.“ Oder vielmehr, -er wird das gar nicht sagen. Es wäre schon allzu -selbstverständlich. Solche Fragen sind ganz ausgeschlossen, -ja undenkbar. Denn die Menschen werden dann -wirklich neue Menschen sein, Kinder Christi, und werden -das ehemalige Tier in sich überwunden haben. -</p> - -<p> -Sie werden freilich hierauf erwidern, dies sei eine -phantastische Zukunftsillusion. Aber mit dem Phantasieren -habe ja nicht ich den Anfang gemacht, sondern -Sie, und Sie verstiegen sich sogar so weit, daß Sie sich -die Korobotschka als eine vollkommene Christin denken -konnten, die jedoch ihren „leibeigenen <em>Kindern</em>“ die -Freiheit vorenthält. Das ist wohl etwas phantastischer -als alles von mir Geschriebene. -</p> - -<p> -Nun werden vielleicht die klugen Leute lachend -einwenden: „Ja, wozu sich dann noch um die Vervollkommnung -im Geiste der christlichen Liebe bemühen, -wenn wirkliches Christentum, wie aus alledem hervorgeht, -auf der Erde überhaupt nicht vorhanden ist, oder -falls doch, dann nur so selten, daß man diese vereinzelten -Fälle kaum wahrnehmen kann, anderenfalls (wie -wiederum aus meinen eigenen Worten hervorgeht) -wäre ja sofort alles beigelegt, jegliche Sklaverei vernichtet, -die Typen vom Schlage der Korobotschka würden -sich in lichte Genien verwandeln und den Menschen -bliebe nichts weiter übrig, als Gott dem Herrn eine -Hymne zu singen!“ Ja, natürlich, meine Herren Spötter, -wirkliche Christen gibt es noch entsetzlich wenige (aber -immerhin gibt es doch schon einige!). Woher aber wissen -Sie, wievieler es bedarf, damit das Ideal des -Christentums im Herzen des Volkes nicht stirbt und mit -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -diesem Ideal auch seine große Hoffnung erhalten -bleibt? Ins Weltliche übersetzt: wievieler unverfälschter -treuer Bürger bedarf es, damit in der Gemeinschaft -der Menschen die Idealgestalt eines Bürgers nicht vergessen -wird? Auch diese Frage werden Sie schwerlich -beantworten können. Hier handelt es sich um eine Sozialökonomie -von eigener Art, von einer ganz besonderen -Art, die uns noch unbekannt ist und die sogar auch -Sie, Herr Gradowskij, noch nicht kennen. -</p> - -<p> -Wieder wird man einwenden: wenn die große Idee -nur so wenige Anhänger hat, von welchem Nutzen kann -sie dann sein? Ja aber wer vermag denn jetzt schon zu -sagen, von welchem Nutzen sie schließlich sein, was sie -zu guter Letzt bewirken wird? Offenbar ist bisher nur -das Eine nötig gewesen: daß der große Gedanke nicht -starb. Ganz etwas anderes ist es dagegen jetzt, wo etwas -Neues in der Welt herannaht und man bereit sein -muß ... Und übrigens handelt es sich hier gar nicht -um den Nutzen, sondern um die Wahrheit. Denn wenn -ich felsenfest daran glaube, daß die Wahrheit hierin -liegt, gerade hierin, woran ich glaube, was geht es mich -dann an, daß die ganze Welt an meine Wahrheit nicht -glaubt, mich verspottet und einen anderen Weg geht? -Gerade darin liegt doch die Macht eines großen ethischen -Gedankens, gerade dadurch vereint er die Menschen -zum stärksten Verband, daß er sich nicht nach seinem -sofortigen Nutzen bewerten läßt, sondern die Menschen -in die Zukunft leitet, zu ewigen Zielen, zu absoluter -Freude. Wodurch wollten Sie sonst die Menschen -zur Verwirklichung Ihrer sozialen Ideale vereinigen, -wenn Sie keine Grundlage in einer uranfänglichen -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -großen sittlichen Idee haben? Diese sittlichen -Ideen haben aber alle das eine gemeinsam: daß sie ausnahmslos -auf der Idee der persönlichen absoluten Vervollkommnung -am letzten Ende, d. h. als Ideale beruhen, -denn diese Vervollkommnung enthält alles in sich, alles -Streben, alles unendliche Verlangen, und folglich ist -sie, gerade sie der Mutterschoß aller unserer sozialen, -bürgerlichen Ideale. Versuchen Sie es doch mal, die -Menschen zu einer bürgerlichen Gesellschaft zu vereinigen: -zu dem einzigen Zweck, um für ihre „Bäuchlein -zu leben“! Die sittliche Antwort auf Ihren Versuch -wäre die Formel: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Chacun pour soi et Dieu pour -tous.</span>“ Unter dieser Formel wird aber keine einzige -bürgerliche Gesellschaft lange bestehen, Herr Gradowskij. -</p> - -<p> -Doch ich gehe noch weiter und beabsichtige, Sie in -Erstaunen zu setzen. -</p> - -<p> -So hören Sie denn, Herr Professor, daß es speziell -soziale Ideale, die mit ethischen Idealen in keiner -organischen Verbindung stehen, die vielmehr für sich -ganz allein bestehen, also vom Ganzen abgeteilte Ideale, -wie Sie sie mit Ihrem gelehrten Messerchen abteilen -zu können meinen, ferner, daß es solche soziale -Ideale, die äußerlich übernommen und an jeden beliebigen -neuen Ort verpflanzt werden könnten und daselbst -zu gedeihen vermöchten, als „Institution“ wie -Sie sich ausdrücken – daß es solche Ideale, sage ich, -überhaupt nicht gibt, noch je gegeben hat und auch -gar nicht geben kann! Ja, und was ist denn eigentlich -ein soziales Ideal, wie ist dieses Wort überhaupt zu -verstehen? -</p> - -<p> -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -Sein Wesen liegt natürlich in dem Bestreben der -Menschen, eine Formel für ihre soziale Organisation -zu finden, eine möglichst fehlerlose und allen gerecht -werdende Formel – nicht wahr? Aber diese Formel ist -den Menschen unbekannt, sie suchen sie schon seit Tausenden -von Jahren, seit dem Anfang ihrer geschichtlichen -Entwicklung und können sie nicht finden. Die Ameise -kennt die Formel ihres Ameisenbaues, die Biene die -ihres Stockes (wenn sie sie auch nicht nach Menschenart -kennen, so kennen sie sie doch in ihrer eigenen Art -und mehr ist ja nicht nötig), aber der Mensch kennt -seine Formel nicht. Wenn das aber der Fall ist, woher -sollte dann wohl das Ideal einer sozialen Organisation -in die menschliche Gesellschaft gekommen sein? -Verfolgen Sie die Geschichte und Sie werden sogleich -sehen, woher das Ideal kommt. Sie werden sehen, daß -es einzig und allein ein Erzeugnis der sittlichen Vervollkommnung -der einzelnen Menschen ist: damit fängt -es an, und so ist es von jeher gewesen und wird ewig -so bleiben. Als erstes sehen wir in der Geschichte jedes -Volkes, jeder Nationalität, daß die sittliche Idee der -Entstehung der betreffenden Nationalität immer vorangegangen -ist, <em>denn gerade sie ist das, was -die nationale Besonderheit bildet</em>, sie -erst erschafft die Nationalität. Hervorgegangen aber ist -diese sittliche Idee immer aus mystischen Ideen, aus Überzeugungen, -daß der Mensch ewig sei, unsterblich, daß -er nicht wie ein gewöhnliches Erdentier nur sein Leben -friste, sondern mit anderen Welten und der Ewigkeit -verbunden sei. Diese Überzeugungen sind immer und -überall zur Religion geworden, zum Bekenntnis der -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -neuen Idee, und stets hat sich dann, kaum daß die -neue Religion entstanden war, sogleich auch staatlich -eine neue Nation gebildet. Nehmen Sie z. B. die Juden -oder die Muselmänner: bei ersteren bildete sich -die Nation erst nach der Gesetzgebung durch Moses, -obschon sie bereits mit dem Gesetz Abrahams begonnen -hatte, und ebenso sind die mohammedanischen Nationen -erst nach dem Koran entstanden. Um den empfangenen -geistigen Schatz zu erhalten, beginnen die Menschen sogleich, -sich zusammenzuschließen, und dann erst, in eifriger -gemeinsamer Arbeit „nebeneinander, füreinander -und miteinander“ (wie Sie sich beredt ausdrücken) – -dann erst fangen die Menschen an, auch danach zu suchen, -wie sie sich wohl so einrichten könnten, daß von -dem erhaltenen Schatz nichts verloren gehe, dann suchen -sie nach einer sozialen Formel des gemeinschaftlichen -Lebens, nach einer Staatsform, die ihnen am ehesten -helfen könnte, suchen jenen sittlichen Schatz, den -sie erhalten, wenn möglich über die ganze Welt hin -zu seinem vollsten Glanz zu entfalten und zu seinem -größten Ruhme zu erheben. Und wohlgemerkt, sobald -nach Ablauf der Zeiten und Jahre (denn auch hierin -waltet ein Gesetz, das wir freilich nicht kennen) in der -betreffenden Nation das geistige Ideal zu verfallen -begann, da begann zugleich auch die Nation zu verfallen -und mit ihr auch ihr ganzer Staatsbau, und es verblich -auch das soziale Ideal, das sich inzwischen in ihr -gebildet hatte. Von welcher Art der Charakter der Religion -eines Volkes ist, von dem Charakter sind auch -die sozialen Formen dieses Volkes. Folglich sind die -sozialen Ideale mit den sittlichen Idealen stets unmittelbar -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -und organisch verbunden, doch die Hauptsache -ist, daß sie einzig und allein aus diesen hervorgehen. -<em>Ganz für sich allein</em> aber entstehen sie nie, -denn indem sie entstehen, ist ihr Zweck nur die Befriedigung -des sittlichen Strebens der betreffenden Nation, -je nachdem wie und inwieweit dieses sittliche Streben -in ihr entstanden und vorhanden ist. Folglich aber -ist die „persönliche Vervollkommnung im religiösen Geiste“, -wie wir sehen, im Leben der Völker die Grundlage -alles weiteren, denn die persönliche Vervollkommnung -ist <em>nichts anderes als die Ausübung -der empfangenen Religion</em>. Die -„sozialen Ideale“ aber entstehen nie ohne dieses Streben -nach Selbstvervollkommnung und können auch gar -nicht ohne dasselbe entstehen. Sie werden vielleicht -bemerken, auch Sie hätten ja gesagt, daß die „persönliche -Vervollkommnung der Anfang alles weiteren“ sei -und daß Sie nichts mit einem Messer geteilt hätten. -Das aber ist es ja gerade, daß Sie dies doch getan haben, -daß Sie einen lebendigen Organismus zerschnitten -und somit in zwei einzelne Hälften geteilt haben. -Die persönliche Vervollkommnung ist nicht nur „der -<em>Anfang</em> alles weiteren“, sondern auch die Fortsetzung -des Ganzen und sogar den Ausgang begreift sie -in sich. Sie umfaßt, erschafft und erhält den Organismus -der Nation und zwar nur sie allein. Nur für sie -lebt die soziale Formel der Nation, da sie doch nur zu -dem Zweck gesucht wird, um den ursprünglichen ersten -Schatz zu erhalten. Wenn aber in der Nation das Bedürfnis -nach allgemeiner einzelner Vervollkommnung -<em>in dem Geiste, der dies Bedürfnis hervorgerufen</em>, -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -erlischt, dann verschwinden allmählich -auch alle „bürgerlichen Einrichtungen“, da es dann -nichts mehr zu erhalten gibt. Deshalb kann man unter -keinen Umständen dem zustimmen, was Sie in folgenden -Worten ausdrücken: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Dies ist auch der Grund, weshalb die soziale -Vollkommenheit der Menschen in so hohem Maße -von der Vollkommenheit der <em>sozialen Institutionen</em> -abhängt, die im Menschen wenn nicht -christliche, so doch bürgerliche Werte heranbilden.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -„Wenn nicht christliche, so doch bürgerliche“! Sieht -man hier nicht das Messer des Gelehrten, das Unteilbares -trennt, das den ganzen, in sich abgeschlossenen -lebendigen Organismus in zwei getrennte tote Hälften -teilt, in eine sittliche und eine bürgerliche? -</p> - -<p> -Sie werden vielleicht sagen, daß sowohl in den -„sozialen Institutionen“ wie in der Rolle des „Bürgers“ -die größte sittliche Idee enthalten sein kann, daß -in bereits ausgereiften, entwickelten Nationen die -„bürgerliche Idee“ stets an die Stelle der anfänglichen -religiösen Idee tritt, die sich also gewissermaßen zu -jener entwickle und der jene daher durchaus rechtmäßig -folge. -</p> - -<p> -Ja, das behaupten allerdings viele, wir aber können -für die Richtigkeit dieser Auffassung kein einziges -historisches Beispiel finden. Wenn die sittlich-religiöse -Idee in der Nation sich überlebt hatte, so setzte immer -nur ein panisch ängstliches Vereinigungsbedürfnis -ein, nämlich zu dem Zweck, um für den Fall, daß etwas -geschehen sollte, „die Bäuchlein zu retten“ – andere -Ziele kennt die bürgerliche Vereinigung dann nicht -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -mehr. Da vereinigt sich gerade jetzt die französische -Bourgeoisie, und vereinigt sich nur zu diesem Zweck: -um die eigenen Bäuchlein vor dem vierten Stand, der -schon die Tür, die zu ihr führt, zu zertrümmern droht, -sicherzustellen. Aber das „Retten der eigenen Bäuchlein“ -ist von allen Ideen, die die Menschen zu vereinigen -suchen, die schwächste und letzte, in jeder Beziehung. -Sie ist schon der Anfang vom Ende, ist die Vorahnung -des Endes. Sie vereinigen sich, und dabei spitzen -doch alle die Ohren und äugen ängstlich, um bei -der ersten Gefahr möglichst schnell auseinanderzustieben. -Und was könnte dann die „Institution“ als solche, -als etwas für sich allein Genommenes, wohl noch -retten? Gäbe es Brüder, so gäbe es auch eine Brüderschaft. -Wenn es aber keine Brüder gibt, so können -Sie durch keine einzige „Institution“ Brüderschaft erzielen. -Was für einen Sinn hat es, überhaupt eine -„Institution“ zu schaffen und mit der Aufschrift -„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Liberté, Egalité, Fraternité</span>“ zu versehen? Erreichen -werden Sie mit einer solchen Institution entschieden -nichts, so daß man dann wohl – oder vielmehr -unfehlbar, oder sogar unbedingt – zu den drei -Worten noch etwas als viertes hinzufügen müßte, -nämlich: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">ou la mort</span>“. „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Fraternité ou la mort</span>“ -– und die Brüder werden den Brüdern die Köpfe abschlagen, -um durch eine „bürgerliche Institution“ Brüderschaft -einzuführen. Das ist nur ein Beispiel, aber -ein gutes. Sie, Herr Gradowskij, suchen, wie auch -Aleko es tut, die Rettung in Äußerlichkeiten. Sie meinen: -Mag es auch bei uns in Rußland auf Schritt -und Tritt nur Dummköpfe und Spitzbuben geben -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -(vielleicht hat es auch wirklich den Anschein, natürlich -je nach dem Standpunkt), aber da brauchte man nur -irgendeine europäische „Einrichtung“ aus Europa nach -Rußland zu verpflanzen und es wäre, Ihrer Ansicht -nach, alles gerettet. Die mechanische Übernahme europäischer -Formen (Formen, die dort vielleicht morgen -schon zusammenbrechen werden), die unserem Volk -fremd und seiner Art nicht angepaßt sind, ist bekanntlich -der Hauptgedanke der russischen Westler. Übrigens -belieben Sie, Herr Gradowskij, indem Sie Rußland -seine schlechte Organisation vorwerfen und ihm -Europa vorhalten, sich wörtlich auszudrücken: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Vorläufig aber können wir uns nicht einmal -in jenen Fragen und Widersprüchen zurechtfinden, -die Europa bereits längst beantwortet und überwunden -hat.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Wie, Europa und bereits überwunden? Wer hat -Ihnen nur so etwas aufbinden können? Dieses Europa -ist doch schon am Vorabend seines Falles angelangt, -eines Falles, der ausnahmslos allgemein und furchtbar -sein wird. Der Ameisenbau ohne Kirche und ohne Christus -(denn die Kirche, die ihr Ideal getrübt hat, hat -sich dort allerorten schon längst in einen Staat verwandelt) -mit seinem bis auf den Grund erschütterten -sittlichen Prinzip, dieser Ameisenbau, der alles Gemeinsame -und alles Absolute eingebüßt hat – dieser Ameisenbau -ist, behaupte ich, bereits so gut wie untergraben. -Der vierte Stand fängt an sich zu erheben, schon -pocht er an die Tür und begehrt Einlaß, und wenn -man ihm den nicht gewährt, wird er die Tür zertrümmern. -Er will nicht die früheren Ideale, er verwirft -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -jedes Gesetz, das bisher gegolten. Auf Kompromisse und -Nachgeben läßt er sich nicht mehr ein, mit schwachen -Stützen und kleiner Hilfe werden Sie da das Gebäude -nicht retten. Nachgiebigkeit im Kleinen feuert nur an, -und der vierte Stand will alles haben. Es wird etwas -einsetzen, was bisher noch niemand für möglich gehalten -hat. Alle diese parlamentarischen Regierungsysteme, -alle gegenwärtig herrschenden sozialen Theorien, -alle zusammengescharrten Reichtümer, alle Banken, -Wissenschaften und Juden, alles das wird im Nu zunichte -werden – außer den Juden natürlich, die auch -dann den Kopf nicht verlieren und wieder obenauf sein -werden, so daß der Krach ihnen sogar zugute kommen -dürfte. Alles das „steht nahe vor der Tür“. Sie belieben -zu lachen? Selig sind die Lachenden. Gäbe Gott -Ihnen langes Leben, damit Sie alles mit eigenen Augen -schauen. Dann werden Sie sich wundern. Oder Sie -erwidern mir hierauf lachend: „Da muß ja Ihre Liebe -zu Europa von recht absonderlicher Art sein, wenn -Sie Europa einen solchen Ausgang prophezeien!“ Ja, -freue ich mich denn? Ich sage es ja nur in der Vorahnung, -daß die Summe schon so gut wie gezogen ist. Die -endgültige Abrechnung aber, das Quittieren jener -Summe, kann sogar viel früher erfolgen, als selbst -die stärkste Phantasie es sich ausdenken könnte. Die -Symptome sind furchtbar. Allein schon die ewig alte -unnatürliche politische Lage der europäischen Staaten -könnte den Anfang bilden. Aber wie sollte sie auch natürlich -sein, wenn die Unnatur schon in ihrer Grundlage -ruht und sich im Laufe von Jahrhunderten aufgehäuft -hat. Es kann nicht ein kleiner Teil der Menschheit die -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -ganze übrige Menschheit wie einen Sklaven beherrschen, -einzig zu diesem Zweck aber sind bisher alle bürgerlichen -(schon lange nicht mehr christlichen) Einrichtungen -im jetzt vollkommen heidnischen Europa entstanden. -Diese Unnatürlichkeit und diese „unlösbaren“ -politischen Probleme (die übrigens allen bekannt sind) -müssen unfehlbar zum großen, endgültigen, abrechnenden, -politischen Kriege führen, in den alle hineingezogen -werden und der noch in diesem Jahrhundert, vielleicht -sogar schon in diesem Jahrzehnt, ausbrechen wird. -Was meinen Sie: vermag die Gesellschaft dort einem -langen politischen Krieg <em>jetzt</em> noch standzuhalten? -Der Fabrikant ist ängstlich und leicht zu erschrecken, der -Jude gleichfalls, sie würden, sobald der Krieg sich etwas -in die Länge zieht, oder nur droht, sich in die -Länge zu ziehen, sogleich alle ihre Fabriken und Banken -schließen, und die Millionen hungriger entlassener -Proletarier werden auf die Straße gesetzt sein. Oder -hoffen Sie etwa auf die Vernunft der Staatsmänner -und darauf, daß diese es nicht zum Kriege kommen -lassen werden? Aber wann hat man denn jemals -auf diese Vernunft bauen können? Oder hoffen Sie -vielleicht auf die Parlamente? – daß diese nicht die -Mittel zum Kriege bewilligen werden, weil sie etwa -die Folgen voraussähen? Ja, aber wann haben denn -die Parlamente irgendwelche Folgen vorausgesehen und -einem auch nur ein wenig energischen oder wenigstens -beharrlichen Staatsmann die Mittel verweigert? Und -so setzt der Krieg den Proletarier auf die Straße. Was -meinen Sie, wird er auch jetzt wieder nach alter Art -geduldig warten und hungern? – jetzt, nach den -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -Siegen des politischen Sozialismus, nach der „Internationale“, -den Kongressen der Sozialisten und der -Pariser Kommune? Nein, jetzt wird es anders sein: -die Proletarier werden sich auf Europa stürzen und -alles Alte auf ewig zerstören. Erst an unserem -russischen Ufer werden die Wogen zerschellen, denn -dann erst wird es sich allen sichtbarlich offenbaren, -in welchem Maße unser nationaler Organismus -sich von den europäischen Organismen -unterscheidet. Dann werden auch Sie, meine Herren -Doktrinäre, sich vielleicht besinnen und bei uns die -„volklichen Grundelemente“ zu suchen anfangen, über -die Sie jetzt nur zu lachen verstehen. Und dabei, meine -Herren, weisen Sie jetzt, gerade jetzt auf dieses Europa -hin und empfehlen es uns als Vorbild und fordern -uns auf, bei uns jene selben „Einrichtungen“ einzuführen, -die dort morgen schon stürzen werden, als das -überlebte Absurdum, das sie sind, jene „Einrichtungen“, -an die auch in Europa klügere Leute schon längst nicht -mehr glauben, und die sich nur nach den Gesetzen des -Beharrungsvermögens bis jetzt noch erhalten haben. -Ja, und wer könnte denn überhaupt – außer einem -Doktrinär – die Komödie dieser bourgeoisen Vereinigung, -die wir in Europa sich abspielen sehen, für die -normale Formel menschlicher Vereinigung auf Erden -halten? Und diese Leute, sagen Sie, hätten bei sich zu -Hause ihre Probleme schon längst gelöst! Etwa nach -den zwanzig Konstitutionen binnen weniger als einem -Jahrhundert und nach wenig weniger als zehn Revolutionen? -Oh, vielleicht, – nur werden wir uns -dann, für einen Augenblick von Europa befreit, bereits -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -selbständig, ohne europäische Vormundschaft, mit -<em>unseren</em> eigenen sozialen Idealen befassen, die unbedingt -in Christus und der Idee der persönlichen Vervollkommnung -wurzeln, Herr Gradowskij. Sie werden -nun wieder fragen: was für eigene, von Europa -unabhängige soziale Ideale kann es denn bei uns -geben? Ja, soziale Ideale – bessere, als Ihre europäischen, -stärkere als Ihre europäischen, stärkere und sogar -– o Entsetzen! – freisinnigere als es die Ihrigen -sind! Ja, freisinnigere, denn sie kommen unmittelbar -aus dem Organismus unseres Volkes und sind nicht -lakaienhaft unpersönliche Kopien europäischer Vorbilder. -Hier kann ich natürlich nicht näher darauf eingehen, -wenn auch nur deshalb nicht, weil der Artikel -ohnehin lang geworden ist. Übrigens – erinnern Sie -sich: was war und was wollte die älteste christliche Kirche -sein? Sie bildete sich sogleich nach Christus, damals -nur aus einigen wenigen Menschen, und sogleich, -fast schon in den ersten Tagen nach Christus, war sie -bestrebt, ihre „bürgerliche Formel“ zu finden, die restlos -auf der sittlichen Hoffnung und der Idee der Wiedergeburt -und Erneuerung des Geistes auf Grund der -persönlichen Vervollkommnung beruht. Es entstanden -christliche Gemeinden, Kirchen, und dann begann schnell -eine neue, bis dahin noch nie gesehene Nationalität -zu entstehen – eine allbrüderliche, allmenschliche -in der Form der allgemeinen ökumenischen -Kirche. Aber sie wurde verfolgt, ihr Ideal entwickelte -sich gleichsam unterirdisch – über ihm aber, -auf der Erde, entstand gleichfalls etwas Großes, ein -riesenhaftes Gebäude, ein ungeheurer Ameisenbau: das -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -römische Imperium, das gleichfalls so etwas wie ein -Ideal und eine Auslösung des sittlichen Strebens -in der ganzen alten Welt war. Es erschien der Menschgott, -und das Imperium nahm als religiöse Idee Gestalt -an, es ward Gestalt einer Idee, die in sich und -durch sich allem sittlichen Streben der ganzen alten -Welt den Ausweg bot. Aber der Ameisenhaufen ward -von der Kirche untergraben. Es kam zum Zusammenstoß -der beiden entgegengesetztesten Ideen, die es überhaupt -auf der Erde geben kann: der Menschgott stieß -auf den Gottmensch, Apollon auf Christus. Und es kam -zum Kompromiß: das Imperium nahm das Christentum -an und die Kirche das römische Recht und seine -Staatsform. Ein kleiner Teil der Kirche ging in die -Einsamkeit und setzte in der Einsiedelei die frühere Arbeit -fort: Es entstanden wieder christliche Gemeinden, -dann Klöster – alles freilich nur Versuche, sogar bis -zum heutigen Tage. Der andere riesengroße Teil der -Kirche teilte sich in der Folge, wie Sie wissen, in zwei -Hälften. In der westlichen Hälfte ging die Kirche zu -guter Letzt vollständig in den Staat auf. Und als das -Imperium unterging, trat die Kirche an seine Stelle -– sie hatte sich endgültig verwandelt und war tatsächlich -zum Staat geworden. Das Papsttum war die -Fortsetzung des alten römischen Staates, nur in seiner -neuen Form. -</p> - -<p> -In der östlichen Hälfte dagegen ward der Staat -vom Schwerte Mohammeds zerstört und so blieb ihr -nur Christus, ein Christus, der vom Staat ganz abgesondert -war. Das Land aber, das dann von Byzanz -aus diesen Christus annahm und von neuem erhob, -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -hat so grauenvoll unter Feinden, unter dem Tatarenjoch, -unter Unordnung im Reich, unter der Leibeigenschaft, -unter Europa und dem imitierten Europäertum -zu leiden gehabt und erträgt auch jetzt noch so unendlich -viel Schweres, daß seine soziale Formel – im -Sinne des Geistes der Liebe und der christlichen Selbstvervollkommnung -– sich in ihm allerdings noch nicht -hat ausarbeiten können. Nur haben Sie, Herr Gradowskij, -deshalb wohl noch nicht das Recht, diesem -Volk daraus einen Vorwurf zu machen. Vorläufig ist -unser Volk meinetwegen erst nur der Träger Christi, -auf den allein es denn auch seine ganze Hoffnung setzt. -Es nennt sich, den Mann aus dem Volke, „Krestjanin“<a class="fnote" href="#footnote-30" id="fnote-30">[30]</a>, -d. h. soviel wie „Christjanin“, und das ist nicht -nur ein leeres Wort, sondern hierin liegt eine Idee, -die seine ganze Zukunft ausfüllen wird. -</p> - -<p> -Sie, Herr Gradowskij, machen Rußland seine Unordnung -zum Vorwurf. Aber wer hat denn in diesen -ganzen letzten zwei Jahrhunderten und namentlich in -den letzten fünfzig Jahren eine bessere innere Einrichtung -des Landes am meisten verhindert? Das waren -doch gerade immer nur die Leute Ihres Schlages, Herr -Gradowskij, die sogenannten russischen Europäer, die -in den ganzen zwei Jahrhunderten nicht ausstarben -und sich jetzt noch ganz besonders breit machen. Wer ist -der größte Feind der organischen und selbständigen -Entwicklung Rußlands auf seinen eigenen volklichen -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -Grundlagen? Wer ist es, der spöttisch und hochmütig -nicht einmal das Vorhandensein dieser Grundlagen anerkennt -und sie überhaupt nicht bemerken will?! Wer -ist es, der unser Volk – nach irgendwelchen illusorischen -Begriffen nennen sie es: „zu sich emporheben“ – umwandeln -will?! d. h. einfach alle zu solchen machen, wie -diese Herren selber sind, zu liberalen Pseudoeuropäern, -indem sie von der Masse des Volkes immer wieder je -ein Menschlein abreißen und verführen und „entarten“, -d. h. verderben und zum Europäer wandeln, sei es auch -nur insoweit, als man das mit europäisch zugeschnittenen -Rockschößen erreichen kann?! Damit sage ich -nicht, daß der Europäer verderbt sei; ich sage nur, daß -einen Russen auf diese Weise in einen Europäer verwandeln, -wie unsere Liberalen es tun, oft nichts anderes -als einfach „verderben“ bedeutet. Gerade das -aber ist das Ideal, das Programm ihrer Tätigkeit: von -Zeit zu Zeit ein Menschlein von der ganzen Masse abzureißen -– das ist ihr Bestreben. Wie absurd! Und so wollten -sie alle achtzig Millionen unseres Volkes nach und -nach umwandeln? Ja, glauben Sie denn wirklich im -Ernst, daß unser Volk als Ganzes, die einheitliche -Masse des Volkes, jemals einwilligen werde, etwas -ebenso Unpersönliches zu werden, wie es diese russischen -Herren Europäer sind? -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-4"> -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -<span class="firstline">Der Byronismus</span><br /> -(1877) -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nsere</span> beiden großen Dichter vom Anfang des -Jahrhunderts, Puschkin und Lermontoff, waren „Byronianer“. -Dieses Wort wurde am Grabe Nekrassoffs -in einem Tone gesagt, als wäre es ein Scheltwort. -Wer es aber in diesem Sinne gebraucht, befindet sich -in einem Irrtum. -</p> - -<p> -Der „Byronismus“ war allerdings nur eine vorübergehende, -fast nur momentane, aber, an sich betrachtet, -doch große, notwendige und heilige Erscheinung -im Leben der europäischen Geister oder sogar im Leben -der ganzen Menschheit. Er entstand in einer Zeit der -allgemeinen Enttäuschung, wenn nicht gar Verzweiflung. -Mit überschwenglicher Begeisterung hatte man -die neuen Ideale des neuen Glaubens, der gegen Ende -des achtzehnten Jahrhunderts von Frankreich verkündet -wurde, aufgenommen, – als plötzlich der Verlauf -der Dinge in der führenden Nation Europas eine Wendung -nahm, die so wenig den großen Erwartungen -entsprach und die Menschen in ihrem hoffnungsvollen -Glauben so tief enttäuschte, daß gerade jene Zeit für -die suchenden Geister vielleicht die traurigste Zeit war, -die die Geschichte Westeuropas kennt. Und nicht nur -aus äußeren (politischen) Gründen stürzten die für einen -Augenblick erhobenen Götzen, sondern ebenso infolge -ihres inneren Bankrotts, was denn auch alle führenden -Geister und alle starken Herzen sofort erkannten. -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -Aber der neue <em>Ausweg</em> war noch nicht zu finden, -noch öffnete sich keine neue Tür, und so rang man -mit dem Ersticken, rang innerhalb eines entsetzlich verkleinerten -Horizonts und unter einem drückend tief herabgesenkten -Himmel. Die alten Götterbilder lagen in -Trümmern, die neuen aber blieben aus. Das war die -Zeit, die ihren dichterischen Ausdruck in einem großen -Genie, einem leidenschaftlichen Dichter fand. Aus seinen -Strophen tönte die damalige Sehnsucht der -Menschheit, sprach zugleich ihre finstere Enttäuschung, -ja ihr Irrewerden an ihrem Lebenszweck und an ihren -Idealen, von denen sie sich betrogen sah. Byrons Muse -war damals eine neue, noch völlig unbekannte Muse -der Vergeltung und Trauer, der Verwünschung und -Verzweiflung. Und dieser Geist, der aus Byron sprach, -sprach plötzlich aus der ganzen Menschheit: aus allen -Ländern hörte man einen Widerhall seiner Stimme. -Der Byronismus – der war nun gleichsam die erste -Tür, die sich öffnete; oder wenigstens war in der allgemeinen -traurigen Stimmung, die zum größten Teil -ganz unbewußt sein mochte, gerade Byrons Stimme -jener mächtige Schrei, in dem sich alles Gestöhn der -Menschheit sammelte. Wie hätte er da nicht auch bei -uns ein Echo finden sollen, und noch dazu in einem so -großen, genialen und führenden Geist wie Puschkin? -Denn dem Byronismus konnte sich bei uns damals -weder ein größerer Geist, noch ein großes Herz verschließen, -und das war durchaus natürlich und geschah -nicht etwa nur aus Mitgefühl mit Europa und der -europäischen Menschheit, so aus der Ferne, sondern -weil auch bei uns in Rußland gerade zu jener Zeit -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -gar zu viele neue, gleichfalls noch ungelöste und quälende -Probleme auftauchten und auch noch gar zu viele -alte Enttäuschungen zu verwinden waren ... Aber die -Größe Puschkins, als führendes Genie, bestand ja gerade -darin, daß er so schnell und als einziger in einer -fast vollständig verständnislosen Umgebung den festen -Weg, <em>den großen und ersehnten Ausweg -für uns Russen fand und auf ihn hinwies</em>. -Dieser Ausweg aus der Verzweiflung, diese -Rettung war – <em>das Volk, die Anerkennung -des russischen Volksgeistes</em> und die Einsicht, -daß wir uns seiner Wahrheit unterwerfen müssen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-5"> -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -<span class="firstline">Über russische Literatur</span><br /> -(1861) -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">eder</span> geschichtliche Zeitabschnitt hat von jeher neben -seinen herrschenden Anschauungen und Überzeugungen -noch einige andere Anschauungen, zu denen öffentlich -sich zu bekennen, den Zeitgenossen gleichsam der -Mut fehlt. Die Menschen von heute können freilich -eine Menge guter Beweggründe zu einem solchen Verhalten -haben, doch oft genug, ja sogar meistens verschweigen -wir unsere wahre Meinung aus einem gewissen -geheimen Jesuitismus, dessen größter Knebel -unsere Eigenliebe ist – eine bis zur eifersüchtigsten -Eitelkeit, ja sogar bis zum empfindlichsten Ehrgeiz gesteigerte -Eigenliebe. Das Seltsamste an dieser Eigenliebe -ist nun wohl, daß sie alles ruhig hinnimmt, sogar -Bezeichnungen wie Schurke, Spitzbube, Dieb – d. h. -sofern sie nicht buchstäblich ausgesprochen werden – -alles, außer einem Zweifel an ihrem Verstande. Der -Grund hierfür ist vielleicht darin zu suchen, daß man -gerade in unserer Zeit immer stärker und schmerzhafter -zu fühlen und sogar schon zu erkennen anfängt, daß jeder -Mensch erstens seiner selbst wert ist, und zweitens, -als Mensch im Namen seiner Menschenwürde auch jedes -anderen Menschen wert sein sollte. Infolge dieser -Erkenntnis verlangt es den Menschen nach Achtung -seines Ich. Da aber der überlegene Verstand der einzige -unverrückbare und unbestreitbare Vorrang des -einen Menschen vor dem anderen Menschen ist, so -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -will eben keiner in der Berechtigung auf den Vorrang -hinter dem anderen zurückstehen. Darum ist man denn -auch heutzutage mitunter gar zu zaghaft, wenn es sich -darum handelt, eine Überzeugung zu äußern. Aber -man ist es, weil man befürchtet, die anderen könnten -sie rückständig oder sogar beschränkt nennen. Und -doch müßte ein jeder, der aufrichtig überzeugt ist, seine -Überzeugungen heilig halten; wer aber seine Überzeugungen -heilig hält, müßte doch auch etwas für sie -tun. Ja, jeder ehrliche Mensch ist es, unserer Meinung -nach, einfach sich selbst schuldig, für seine Überzeugungen -einzutreten, wofern er wirklich selbst an sie -glaubt – denn es gibt ja unter den Überzeugten auch -solche, die selber an ihre Überzeugungen nicht glauben. -Ich habe sogar persönlich einen solchen Herrn gekannt. -Er gehörte zu jener Kategorie zweifellos kluger -Leute, die in ihrem ganzen Leben nichts anderes tun -als Dummheiten. (Übrigens, wie ist das zu erklären, -daß beschränkte, stumpfe Menschen viel weniger -Dummheiten begehen als kluge Menschen?) Doch als -ich jenen Herrn fragte, weshalb er denn andere mit -solchem Eifer zu überzeugen trachte und woher er dieses -Feuer, diese Leidenschaft der Überzeugung nehme, -wenn er selber an seinen Worten zweifle – da -antwortete er, daß er sich eben deshalb so ereifere, weil -er sich selbst überzeugen wolle. Da sieht man, was das -heißt, eine Idee von außen lieben, nur aus Vorliebe -für sie, und ohne sie vorher wirklich geprüft zu haben -(es ist sogar, als <em>fürchteten</em> sie sich davor), -ob sie richtig ist oder falsch! Wer weiß, vielleicht ist es -nur zu wahr, daß manche leidenschaftlichen Eiferer ihr -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -Leben lang andere zu überzeugen suchen, nur um sich selbst -zu überzeugen, und dann doch unüberzeugt ins Grab -gehen ... Doch genug davon! ... Mag man nun -von uns denken, daß auch wir uns von unserer Idee -hinreißen ließen, daß die Idee an sich falsch, unbegründet -sei und von uns übertrieben werde, daß wir aus all -zu jugendlicher Leidenschaft oder aus greisenhafter -Geistesschwäche sprechen usw. usw. ... Nun, dann -möge man es denken! Wir aber sind überzeugt, daß -wir damit keinem schaden, wenn wir öffentlich aussprechen, -woran wir glauben. Weshalb sollten wir es -also nicht wirklich tun? -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Ja, wir glauben, daß die russische Nation eine -außergewöhnliche Erscheinung in der Geschichte der -ganzen Menschheit ist. Der Charakter des russischen -Volkes ist den Charakteren aller anderen europäischen -Völker so unähnlich, daß die Europäer ihn bis heute -noch nicht verstehen; oder was noch schlimmer ist, sie -verstehen ihn verkehrt. Die europäischen Völker streben -alle demselben Ziele zu, sie haben alle ein und dasselbe -Ideal; das wird niemand bestreiten können. Aber alle -entzweien sie sich in ihren Lokalinteressen. Ihre Exklusivität -auch unter sich geht bis zur Unversöhnlichkeit, -und je weiter desto mehr gehen sie auseinander und entfernen -sich vom gemeinsamen Wege. Wie es scheint, -will jede Nation nur aus eigener Kraft und ganz allein -in ihrem Lande das allmenschliche Ideal finden, -und so stören sie sich gegenseitig und schaden damit -nur ihrer Sache. Wir wiederholen jetzt im Ernst, was -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -wir einmal scherzend sagten: Der Engländer kann bis -auf den heutigen Tag in der Existenz des Franzosen -noch keine Logik sehen, und umgekehrt: der Franzose -versteht den Engländer nicht um ein Atom besser, und -das gilt nicht nur vom Durchschnittsfranzosen, vom instinktiven -Empfinden des Volkes, sondern sogar von -seinen ersten Männern, sogar von den geistigen Repräsentanten -beider Nationen. Der Engländer macht -sich bei jeder Gelegenheit über seinen Nachbarn lustig -und blickt mit unversöhnlicher Verachtung auf dessen -<a id="corr-14"></a>nationale Eigenheiten. Ihre Gegnerschaft raubt ihnen -die Unvoreingenommenheit und macht sie parteiisch. So -hören sie auf, sich gegenseitig zu verstehen. Die Franzosen -sehen mit anderen Augen auf das Leben als die -Engländer und ebenso verschieden sind ihre Religionen -– und darauf sind sie noch stolz! Immer beharrlicher -und eigensinniger entfernen sie sich voneinander in -ihren Gesetzen wie in ihrer Weltanschauung. Sowohl -der Franzose wie der Engländer sieht in der ganzen -Welt nur sich allein und in jedem anderen ein Hindernis -auf seinem Wege; und ein jeder will nur bei sich -das vollbringen, was bloß alle Völker zusammen vollbringen -könnten, mit vereinten Kräften. Wie nun, -sollte diese Gegnerschaft etwa nur ein Überbleibsel der -früheren Kämpfe sein? Muß man die Ursachen der -Entzweiung in der Zeit der Jeanne d’Arc oder in der -der Kreuzzüge suchen? Ist denn die Zivilisation wirklich -so machtlos, daß sie diesen alten Haß bis auf den -heutigen Tag noch nicht hat überwinden können? Oder -sollte man die Ursachen nicht vielmehr im Boden selbst, -im Blut, im ganzen Geist der beiden Völker suchen? -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -Auch die übrigen Europäer sind größtenteils wie jene. -Die Idee der Allmenschheit schwindet bei ihnen mehr -und mehr. Bei jedem Volk erhält sie ein anderes Aussehen, -verblaßt zunächst und nimmt dann im Bewußtsein -der Menschen eine ganz andere Gestalt an. Das -Christentum, das sie bisher noch verband, verliert mit -jedem Tage an Kraft und Bedeutung. Selbst die Wissenschaft -vermag die immer mehr Auseinanderstrebenden -nicht zu vereinen. Freilich haben sie insofern -recht, als eben diese ihre Exklusivität, diese Gegnerschaft -untereinander, diese ihre Abgeschlossenheit von -anderen und dieses stolze Vertrauen auf sich allein – -als gerade das ihnen die Riesenkräfte im Kampf mit -den Hindernissen auf ihrem Wege gibt. Nur werden -dadurch diese Hindernisse immer größer und -zahlreicher. Dieser große Gegensatz ist es, der die Europäer -hindert, die Russen zu verstehen, und so nennen -sie die größte Eigenart des russischen Charakters -– „Charakterlosigkeit“. Wir wissen, daß wir alles das -vorläufig ohne Beweise aussprechen, doch die Anführung -von Beweisen würde zu weit führen und über -den Rahmen dieses Artikels hinausgehen. Aber auch -so wird man uns wenigstens beipflichten, daß der Charakter -der russischen Nation sich aufs schärfste von den -Charakteren der europäischen Nationen unterscheidet, -denn wodurch er sich vornehmlich auszeichnet, ist seine -hohe synthetische Begabung. Und doch hat die russische -Nation jahrhundertelang feindlich auf Europa geblickt, -hat eigensinnig nichts mit Europa zu tun haben -wollen und hat seine Zukunft nicht einmal geahnt! -Peter aber verspürte in sich gleichsam instinktiv die neue -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -Kraft und erriet die Notwendigkeit einer Erweiterung -des geistigen Horizonts und des Arbeitsfeldes für -alle Russen. Ich sage „die Notwendigkeit“, weil es ihr -Bedürfnis war, das sie unbewußt in sich trugen und -das unbewußt aus ihnen hervorbrach, – das schon -von Anbeginn, seitdem es überhaupt Slawen gibt, in -ihrem Blute lag. Man sagt, Peter habe aus Rußland -nur ein Holland machen wollen. Das wissen wir nicht. -Die Persönlichkeit Peters ist trotz aller historischen Erklärungen -und Forschungen der letzten Zeit für uns -bis jetzt noch sehr rätselhaft. Wir begreifen nur eins: -daß er doch mehr als nur originell sein mußte, um als -Zar von Moskau in Holland Werftarbeiter zu werden. -Jedenfalls sehen wir in Peter ein Beispiel dafür, -wozu ein Russe sich entschließen kann, wenn er sich erst -einmal voll und ganz überzeugt hat und fühlt, daß die -Zeit gekommen ist und in ihm selber die neuen Kräfte -schon herangereift sind. Schier unheimlich ist es, bis -zu welchem Grade der Geist des Russen frei ist und -von welch ungeheurer Gewalt sein Wille sein kann! -Noch niemals hat sich jemand von seinem Boden so -losgerissen, wie der Russe, und ist von seinem Wege -so jäh abgebogen, um seiner neuen Überzeugung zu -folgen! Und wer weiß, meine Herren Europäer, vielleicht -ist es gerade Rußlands Bestimmung, solange zu -warten, bis Sie Ihre Aufgabe beendet haben, inzwischen -Ihre Ideen sich anzueignen, Ihre Ideale, Ihre -Ziele, den Charakter Ihrer Bestrebungen zu begreifen, -dann aber Ihre Ideen zu vereinen, sie zu allmenschlicher -Bedeutung zu erheben und schließlich freien Geistes, -frei von allen nebensächlichen Kasten- und Klasseninteressen, -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -ein neues, großes, in der Geschichte noch -unbekanntes Wirken zu beginnen, dort einsetzend, wo -Sie aufhören, und Sie alle mitzureißen! Hat doch unser -Dichter Lermontoff Rußland mit dem Recken unserer -Sagen Ilja von Murom verglichen, der dreißig -Jahre lang gelähmt in der Hütte saß, dann aber plötzlich -aufstand und ging, als er mit einemmal Reckenkraft -in sich verspürte. Wozu sind denn so reiche und eigenartige -Fähigkeiten den Russen verliehen? Etwa nur zu -dem Zweck, um zu nichts nütze zu sein? -</p> - -<p> -Vielleicht wird man uns jetzt fragen, woher wir soviel -Großtuerei, soviel Anmaßung uns angeeignet und -wo denn unsere Selbstkritik geblieben, unser nüchterner -Blick? Darauf entgegnen wir: wenn wir solange so -unnachsichtige Selbstverurteilung ertragen haben, dann -werden wir auch eine andere Wahrheit ertragen können, -selbst wenn sie das gerade Gegenteil jener ersten -Selbsterkenntnis ist. Wir erinnern uns noch sehr gut, -wie wir uns ‚Slawen‘ schalten, weil wir uns nicht -in Europäer verwandeln konnten. Sollten wir nun -wirklich nicht gestehen dürfen, daß wir damals ohne -Einsicht sprachen? Wir wollen deshalb die Fähigkeit -der Selbstverurteilung nicht abschütteln, wir lieben sie -und halten sie für eine der besten Seiten der russischen -Natur, für ihre Eigenart, für etwas, was die Europäer -nicht haben. Wir wissen, daß wir uns in unserer -Selbstverurteilung noch lange werden üben müssen, ja -vielleicht sogar – je länger, desto besser. Aber versuchen -Sie doch einmal, meine Herren, dem Franzosen etwas -Abfälliges zu sagen, nun z. B. was seine Tapferkeit betrifft -oder seine <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">légion d’honneur</span>. Oder rühren Sie -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -den Engländer in irgendeiner allergeringfügigsten seiner -häuslichen Gewohnheiten an, und Sie werden sehen, -was er Ihnen antwortet. Weshalb sollen wir -nun nicht auch einmal eine unserer guten Seiten hervorheben -– daß wir Russen nämlich nicht so empfindlich -und pedantisch sind (ausgenommen vielleicht die sogenannten -Generale unserer Literatur)! Wir glauben an -die Kraft des russischen Geistes nicht weniger als -gleichviel welche anderen Völker an ihren Geist. Sollten -wir nun wirklich nicht das bißchen Lob vertragen? -Nein, meine Herren Europäer! Verlangen Sie von uns -vorläufig noch keine Beweise für die Richtigkeit unserer -Äußerungen über Sie und über uns, bemühen -Sie sich lieber, uns etwas besser kennen zu lernen, -wenn Sie dazu nur die Muße finden. Da haben Sie -sich Gott weiß von wem sagen lassen, wir seien Fanatiker, -und Sie glauben, die Soldaten würden bei uns -zum Fanatismus aufgestachelt. Mein Gott, wenn Sie -wüßten, wie lächerlich diese Ihre Annahme ist! Wenn -es in der Welt überhaupt ein Wesen gibt, das keinen -Fanatismus kennt, so ist das gerade der russische Soldat. -Und wie schlecht kennen Sie auch unsere Offiziere! -Sie haben es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, -daß es bei uns nur zwei Stände gäbe: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">les -boyards et les serfs</span>, – und darauf sitzen Sie nun, -stolz auf Ihr Wissen. Wo sind denn hier die Bojaren? -Freilich gibt es bei uns verschiedene Stände, doch zwischen -allen unseren Ständen gibt es mehr Vereinigungs- -als Entzweiungspunkte. Das ist die Hauptsache. -Das ist die Bürgschaft für den Frieden im Inneren, für -die Ruhe im allgemeinen, die brüderliche Liebe und jedes -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -Gedeihen. Jeder Russe ist vor allen Dingen Russe, -erst in zweiter Reihe kommt in Frage, zu welch einem -Stande er gehört. Bei Ihnen dagegen ist es ganz anders, -und wir bedauern Sie deshalb. Ja bei Ihnen -pflegt es gerade umgekehrt zu sein. Bei Ihnen ist aus -Standesinteresse mitunter sogar die ganze Nation zum -Opfer gebracht worden, und das noch sogar vor kurzem, -das geschieht selbst jetzt noch und wird gewiß noch -mehrmals geschehen. Folglich sind bei Ihnen die Stände -noch sehr stark unterschieden, die Stände sowohl wie -alle Ihre Korporationen. -</p> - -<p> -Man wird uns nun vielleicht verwundert fragen -wollen: „Aber worin besteht denn Ihre gelobte Fähigkeit, -Ihre Fortgeschrittenheit? Uns deucht, zu sehen ist -sie noch nirgends!“ – Ja, Sie sehen sie nicht, denn -Sie richten Ihren Blick auch gar nicht dorthin, wohin -man ihn richten muß. Es genügt, daß sie schon im Geist -und im Verlangen des ganzen Volkes ist; es genügt, -daß eine, wenn auch noch so kleine Gruppe anfängt, unter -sich wenigstens im allgemeinen übereinzustimmen. -Nennen Sie uns nicht dünkelhafte, kurzsichtige, unreife -Menschen. Nein, wir haben schon lange den nötigen -Einblick und suchen längst alles zu analysieren; wir -quälen uns mit dem Hin- und Herraten; wir sind uns -über dem Analysieren sogar selber zum Überdruß geworden. -Wir haben doch auch gelebt und vieles erlebt. -Übrigens, sollten wir Ihnen nicht einmal die Geschichte -unserer Entwicklung, unseres Wachstums erzählen? -Natürlich werden wir nicht mit Peter dem Großen beginnen; -wir beginnen mit der jüngsten Zeit, eben mit -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -der Zeit, als in unsere gebildete Schicht plötzlich die -Analyse eindrang. Nun also ... -</p> - -<p> -Es gab Augenblicke, wo wir, d. h. die Zivilisierten, -an uns selbst nicht glaubten. Damals lasen wir noch -französische Romane, lehnten aber einen Alexander Dumas -und seine ganze Sippe mit Verachtung ab. Wir -stürzten uns damals auf George Sand, aus deren Romanen -wir zuerst das erfuhren, was die Zensur in anderen -Werken nicht durchließ – oh, und mit welcher -Begeisterung lasen wir George Sand! Damals hörten -wir Ihr europäisches Urteil über uns demütig an und -gaben Ihnen noch recht, meine Herren, im übrigen aber -wußten wir nicht, was tun. Und weil wir nichts anzufangen -wußten, begründeten wir die naturalistische Schule. -Auch Byronianer gab es bei uns. Die taten größtenteils -nichts, saßen müßig und verfluchten nicht einmal -die Welt, was sie als Byronianer eigentlich doch hätten -tun müssen. Höchstens lächelten sie mal, wenn ihre Faulheit -es der Mühe wert fand. Ja sie spotteten sogar über -Byron, weil er sich noch so geärgert und geweint -und geflucht hatte, was doch zu einem Lord ganz und -gar nicht paßte. Sie sagten, es lohne sich nicht, sich zu -ärgern und zu verfluchen, es sei alles ohnehin schon so -widerlich, daß man nicht einmal seinen Finger rühren -wolle, und ein gutes Diner sei noch das beste vom Leben. -Und wir hörten ihnen in Ehrfurcht zu und glaubten, -in ihrem Ausspruch vom guten Diner irgendeine -geheimnisvolle, allerfeinste und geistreichste Ironie zu -vernehmen. Sie aber wurden dick und dicker, nicht -nur mit jedem Tage, sondern fast mit jeder Stunde. -Einige blieben auch bei der Theorie vom guten Diner -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -nicht stehen und gingen folgerichtig weiter: sie fingen -an, die eigenen Taschen auf Kosten anderer Taschen -zu füllen. Viele wurden später Falschspieler, wir aber -meinten: „Nun ja ... das tun sie doch auch aus Prinzip. -Man muß doch vom Leben alles nehmen, was zu -nehmen ist“. Und wenn sie vor unseren Augen Taschendiebstahl -betrieben, so sahen wir auch darin nur eine besondere -Art angewandten Byronismus, eine weitere -Entwicklung und Anwendung desselben, die Byron noch -unbekannt geblieben war. Wir seufzten und schüttelten -betrübt das Haupt und klagten: „Da sieht man, wozu -die Verzweiflung einen bringen kann: dieser Mensch -ist erfüllt vom edelsten Unmut über das Schlechte, er -brennt vor Verlangen nach Betätigung, aber man -läßt ihn nichts tun, man gibt ihm kein Arbeitsfeld und -da – und da unterschlägt er nun mit dämonischem Lächeln -Karten oder wird zum Taschendieb.“ Und wie -rein, wie kindlich unschuldig sind viele von uns aus dieser -schmachvollen Atmosphäre hervorgegangen! Unendlich -viele! – Fast sogar alle – außer den Byronianern, -versteht sich. -</p> - -<p> -Aber wir hatten doch auch manche Hochherzige, denen -es gelang, ein überzeugendes, zündendes Wort zu sagen. -Oh, die klagten nicht, daß man sie nicht sprechen und -nicht arbeiten lasse, oder wenn sie auch klagten, dann -doch nicht mit müßigen Händen, sondern sie taten, was -und wie sie konnten, sie <em>taten</em> doch wenigstens etwas -und ... haben viel, sehr viel getan! Sie -waren naiv wie Kinder, konnten die Byronianer -ihr Lebtag nicht begreifen und starben als -Märtyrer. Friede ihrer Asche! Wir hatten auch -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -Dämonen, echte Dämonen; es waren ihrer zwei<a class="fnote" href="#footnote-31" id="fnote-31">[31]</a> -und – oh, wie wir sie liebten, wie wir sie auch heute -noch lieben und schätzen! Der eine von ihnen lachte, -lachte sein Leben lang, lachte über sich und über sie, und -wir alle lachten mit ihm, lachten so lange, daß wir -schließlich zu weinen anfingen von unserem Lachen. -Der eine von ihnen machte aus einem Mantel, der -einem Beamten abhanden kam, die furchtbarste Tragödie. -Er zeichnete uns in drei Zeilen den ganzen Leutnant -Pirogoff – den ganzen, bis auf das letzte Tüpfelchen. -Er schilderte uns alle möglichen Menschen, -Spekulanten und Hochstapler, Geizhälse und Betrüger, -Beamte und Ehrenbürger. Er brauchte nur einmal mit -dem Finger auf sie zu weisen und sie waren auf ewig -gestempelt, so daß wir schon auf den ersten Blick wußten, -wer sie sind und wie sie heißen. Oh, das war ein -Dämon von so kolossaler Gewalt, wie Europa noch nie -einen gehabt und bei sich vielleicht nicht einmal dulden -würde. Und der zweite Dämon – doch diesen zweiten -Dämon haben wir vielleicht noch mehr geliebt als den -ersten. Er verfluchte und quälte sich, quälte sich wirklich; -er rächte sich und vergab, er weinte und lachte, lachte -auch über uns, wenn er schrieb, er war großmütig und -... lächerlich. Er erzählte uns sein Leben, seine Liebesabenteuer, -er litt und wir litten mit ihm, und dennoch: -wer weiß, ob wir von ihm nicht nur genasführt -wurden? – Oft konnten wir nicht unterscheiden, ob -er im Ernst sprach, wie es den Anschein hatte, oder ob -er sich über uns lustig machte. Unsere Beamten kannten -ihn auswendig und ein jeder von ihnen spielte den -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -Mephisto, sobald er die Kanzlei verließ. Wir teilten -niemals seine Ansichten, aber er bedrückte uns, machte -uns traurig und wir ärgerten uns und wir empfanden -Mitleid mit irgend jemandem, den wir nicht greifen, -nicht nennen konnten, und sogar Wut erfaßte uns. Zuletzt -langweilten wir ihn und er verfluchte und verhöhnte -uns alle und verließ uns. Unsere Blicke folgten -ihm lange – bis er schließlich irgendwo umkam, zwecklos, -aus Kaprice, und sogar, wie gesagt, etwas lächerlich. -Wir aber lachten nicht. Uns war damals überhaupt -nicht nach Lachen zu Sinn. Jetzt ist es etwas anderes. -Jetzt haben wir begriffen, daß wir diese ganze Mephistofelei, -alle diese dämonischen Anschauungen etwas zu -Voreilig uns angelegt, daß es für uns noch etwas zu -früh war, uns selber zu verfluchen und an uns zu verzweifeln. -Ja, das waren unsere Dämonen. Doch es gab -auch noch andere Typen. -</p> - -<p> -Zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft gibt es eine -sogenannte „goldene Mittelmäßigkeit“, die auf die -führende Rolle Anspruch erhebt. Diese „Goldenen“ haben -eine ungeheuere Eigenliebe. Mit geradezu vernichtender -Verachtung und unverschämter Anmaßung blicken -sie auf alle herab, die noch unbekannt und nicht so -„bedeutend“ sind wie sie. Sie aber sind die ersten, die -auf jeden Neuerer Steine werfen. Und wie hämisch -boshaft, wie beschränkt sind sie in ihrer Verfolgung jeder -Idee, die noch nicht Zeit gehabt hat, in das Bewußtsein -der Gesamtheit einzudringen. Dann aber – -was für Marktschreier sie dann sind, was für eifrige -und dabei doch stumpfe Anhänger derselben Idee, sobald -diese erst einmal in der Gesellschaft Bedeutung erlangt -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -hat! Allerdings begreifen auch sie schließlich den -neuen Gedanken, nur begreifen sie ihn immer erst nach -allen anderen und immer gleichsam roh, beschränkt, -stumpf, und niemals lassen sie die Einsicht gelten, daß, -wenn die Idee richtig ist, sie dann auch entwicklungsfähig -sein muß und folglich mit der Zeit unbedingt einer -anderen Idee weichen wird, die aus ihr selber -hervorgeht und sie, wiederum den neuen Anforderungen -einer neuen Generation entsprechend, vervollständigen -muß. Aber die Goldenen verstehen nie die neuen -Anforderungen, und was die neue Generation betrifft, -so hassen sie diese stets und sehen stolz auf sie herab. Das -ist sogar ihr bestes Erkennungszeichen. Unter diesen -Goldenen gibt es immer eine große Menge Händler -und Hausierer, deren Handelsobjekt die moderne -Phrase ist. Sie sind es, die jeden neuen Gedanken gemein -machen, ihn in eine Modephrase verwandeln. -Alles was sie anfassen, machen sie gemein. Jede lebendige -Idee wird in ihrem Munde zu einem Leichnam. -Sie aber sind die ersten, die den Lohn für die neue -Idee einheimsen: am Tage nach der Beerdigung des genialen -Menschen, der die Idee verkündet hat und der gerade -von ihnen zu seinen Lebzeiten verhöhnt und verachtet -worden ist. Einige von ihnen sind sogar dermaßen -beschränkt, daß sie im Ernst glauben, der geniale -Mensch habe nichts getan – getan hätten alles sie allein. -Ihr Eigendünkel ist schier unermeßlich. Sie sind -geistig stumpf und unoriginell, ja sogar knechtisch sind -sie, obschon sie der Menge klug erscheinen. Mit ein -paar Schlagworten machen sie Eindruck, mit einigen -gewagten scharfen Phrasen; dabei geraten sie gewöhnlich -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -in Ekstasen, da sie weder den Sinn noch den geistigen -Bau der Idee verstehen, und so schaden sie ihr -selbst dann, wenn sie auch noch so aufrichtig die neue -Ansicht teilen. Ein kleines aktuelles Beispiel: Die Denker -und Philantropen beschäftigen sich mit der Lösung -eines Problems, sagen wir meinetwegen mit der -Frauenfrage. Es handelt sich um die soziale Stellung -der Frau, um ihre Gleichberechtigung mit dem Mann, -ihre bisherige Abhängigkeit vom Mann, usw. usw. -Die „Goldenen“ verstehen das nun unbedingt in dem -Sinne, daß die Ehe <em>von Stund’ an</em> über den Haufen -geworfen werden soll – die Hauptsache ist für sie, -daß es <em>von Stund’ an</em> geschehe. Ferner denken -sie, daß jede Frau ihrem Manne nun nicht nur untreu -sein <em>kann</em>, sondern ihm sogar untreu <em>sein muß</em>, -und daß eben darin der ganze sittliche Wert und Sinn -der Idee enthalten sei. -</p> - -<p> -Am komischsten wirken diese Herren, wenn die Gesellschaft -in einer zerfahrenen Übergangszeit sich in -zwei Parteien teilt. Dann wissen sie nämlich nie, welcher -Partei, welcher Meinung sie sich anschließen sollen, -und dabei sind sie doch oft Autoritäten! Da heißt -es nun für sie, sich entscheiden, seine Meinung äußern. -Was tun? Nach langem Schwanken entscheidet sich der -Goldene endlich und – jedesmal fürs Falsche. Das -ist schon so sein Gesetz. Das ist sogar der charakteristische -Zug der Goldenen. Ein Beispiel erleben wir -jetzt in der Volksschulfrage. Man stützt sich auf die -Tatsache, daß das gebildete Volk – d. h. das des Lesens -und Schreibens kundige – die Gefängnisse fülle, -und daraus folgern die Goldenen, daß Bildung fürs -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -Volk schädlich sei. Die Tatsache, die sie als vermeintlichen -Beweis dieser Schädlichkeit anführen, gibt es -nur deshalb, weil die Kenntnis des ABC unter dem -Volk noch so wenig verbreitet ist. Anstatt sie nun noch -weniger zu verbreiten, sollte man sie gerade soviel als -irgend möglich zum Allgemeingut machen. Erst dann, -wenn der Bauer, der lesen und schreiben kann, -nicht mehr eine solche Ausnahme unter seinesgleichen -sein wird, erst dann wäre die eine Ursache aufgehoben, -weshalb gerade die Nichtanalphabeten die Gefängnisse -bevölkern. Überdies sollten unsere Goldenen doch nicht -vergessen, daß das ABC der erste Schritt zur Bildung -ist. Oder vielleicht gehört es sogar zu ihrem Regierungssystem, -das Volk im Dunkeln zu halten? Freilich -... es gibt keinen Menschen, der verstockter und kapriziöser -und schädlicher wäre, als es manch einer der Kabinettphilantropen -ist. Doch genug davon. Wir sind -überzeugt, daß selbst die geringste Elementarbildung -das Volk sittlich heben, dem einzelnen mehr Selbstachtung -verleihen und somit die Wurzel vieler Laster ausrotten -würde. Alles hängt von den Verhältnissen ab, -alles verändert sich nur entsprechend den Verhältnissen. -Ist erst einmal das dringende Bedürfnis nach einem Neuen -vorhanden oder wenigstens die Erkenntnis, daß die -Gesamtheit zu ihrem Gedeihen einer Neueinführung bedarf, -so wird sie alsbald auch Mittel und Wege finden, -um das Notwendige auszuführen. Dagegen wird -keine selbst wirklich gute Reform von der Masse als -Verbesserung empfunden, sondern viel eher als neue -Bedrückung, oder jedenfalls als etwas Lästiges, wenn -ihr noch nicht die Notwendigkeit dieser Verbesserung -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -zum Bewußtsein gekommen ist, und wäre es auch -nur in einer noch so geringen Erkenntnis. Ebenso verhält -es sich mit unserer Elementarschulfrage. Doch -trotz aller Goldenen und deren Ansichten wissen wir, -daß unsere Intelligenz, die sich vom <em>Volksboden -gelöst</em> hat, das Volk – diese „unerratene Sphinx“, -wie einer unserer Dichter es nennt – zu guter Letzt -doch verstehen lernen wird. Sie wird den Geist des -Volkes erfassen und ihn in sich aufnehmen, denn sie -weiß bereits, daß dies die Grundlage unserer zukünftigen -Entwicklung ist. Und sie hat schon erkannt, daß -es an ihr ist, den ersten Schritt zu tun, um die Versöhnung -und Vereinigung zustande zu bringen, und -sie wird auch die Lösung finden, <em>wie</em> das geschehen -muß. -</p> - -<p> -Nun hängt alles vom ersten Schritt zur Annäherung -ab: daß wir herausbekommen, wie wir es anfangen sollen, -damit das Volk uns sein mißtrauisches Gesicht wieder -zuwendet. Natürlich werden sich noch eine Menge -Herren finden, die über unsere Worte lachen können. -Wir wissen, daß es solcher Menschen eine Legion gibt, -doch gehen sie uns nichts an. Übrigens hat jemand, wie -wir hören, versichert, wir, d. h. unsere Zeitschrift, sähe -ihre Aufgabe darin, eine Versöhnung zwischen der europäischen -Zivilisation und unserem Volksgeist zustande zu -bringen. Wir halten diese Äußerung nur für einen -Scherz. Nicht ein einzelner Mensch kann das noch -unbekannte Wort der Versöhnung sagen und -dieses Problem lösen. Wir versuchen ja nur -die Hauptidee, die uns leiten wird, anzugeben. -Wir werden gleich allen anderen die Lösung des Problems -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -suchen, werden unermüdlich wiederholen und beweisen, -daß gesucht werden <em>muß</em>; wir werden forschen, -das Material verarbeiten, unsere Eindrücke und -Gedanken den Lesern mitteilen – darin wird unsere -ganze Tätigkeit bestehen. Ein Wort ist gleichfalls eine -Tat, und bei uns noch mehr als sonstwo. Ein Wort -zur rechten Zeit kann von unschätzbarem Nutzen sein. -Deshalb haben wir die Hoffnung, daß auch wir -nützlich sein werden. Unsere Zeitschrift wendet sich an -unsere gebildeten Kreise, nicht an das Volk, denn noch -immer ist das erste Wort und der erste -Schritt die Aufgabe der gebildeten Kreise gewesen. -Dasselbe erwarten wir auch in diesem Fall, um so -mehr, als es die gebildete Schicht war, die sich vom -Volk entfernte. Die Annäherung wird noch viel Mühe -kosten, das fühlen wir alle, obschon wir noch nicht klar -sehen, worin die Schwierigkeiten bestehen werden. Die -Hauptsache ist wohl die Beseitigung der Mißverständnisse, -und die sind immer durch Geradheit, Offenheit -und Liebe zu beseitigen. Wir haben bereits erkannt, daß -die Interessen unseres Standes im Volk ruhen und die -des Volks in uns. Wenn diese Erkenntnis allgemein -wäre, so wäre der Erfolg gewiß. Aber obschon sie noch -nicht allgemein ist, so sind doch Anzeichen vorhanden, -daß sie sich bereits zu verbreiten anfängt, vorläufig -aber genügt das auch. Es ist möglich, daß diejenigen, -die die Annäherung wünschen, in ihren Versuchen tausend -Fehler begehen werden, doch was tut das! – eine -gerechte Sache ist deshalb noch nicht verloren. Wenigstens -bleibt die Idee unerschüttert. Worauf es ankommt, -ist – daß das Volk unseren Willen sieht und -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -ihn begreifen lernt. Und das zu erreichen, dazu wird -uns die Liebe am ehesten helfen, da sie verständlicher -ist als alle Schlauheiten und diplomatischen Finessen. -Liebe ist leicht zu erkennen, das Volk ist einsichtig und -dankbar und fühlt sofort, von wem es geliebt wird. -Ein Vorbild der Annäherung hat uns der Zar gegeben, -indem er das letzte Hindernis auf dem Wege zur -Vereinigung beseitigte: indem er die Leibeigenschaft -aufhob – und es gibt nichts Höheres, Heiligeres in -der ganzen tausendjährigen Geschichte Rußlands als -es diese Tat des Herrschers ist. Wohl haben wir in den -letzten anderthalb Jahrhunderten nichts getan, als das -Volk zu Mißtrauen gegen uns zu erziehen, aber wenn -nur der Wille da ist, werden wir es doch erreichen, daß -wir wieder sein Zutrauen und seine Achtung erringen. -Und welche Riesenkräfte werden wir dadurch gewinnen! -Wie wird alles wachsen, erstarken, sich erneuern! -Natürlich wird von der ganzen dazu erforderlichen -Kraft nur ein Zehntel von uns stammen, die übrigen -neun Zehntel bringt das Volk selber auf. -</p> - -<p> -„Aber was wollen Sie denn mit Ihrer Bildung -anfangen?“ hören wir fragen. -</p> - -<p> -„Sie wollen das Volk bilden, d. h. dem Volk dieselbe -europäische Zivilisation geben, die Sie selbst schon -als nicht zu uns passend erkannt haben. Sie wollen -also einfach das Volk europäisieren?“ -</p> - -<p> -Hierauf entgegnen wir, daß es doch nicht gut möglich -ist, von der europäischen Idee auf einem ihr vollständig -fremdem Boden dieselben Früchte zu erwarten, -die sie auf ihrem europäischen Boden gezeitigt hat. Bei -uns ist alles dermaßen anders, ist alles so unähnlich -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -Europa, sowohl innerlich wie äußerlich, wie überhaupt -in jeder Beziehung, daß es ganz ausgeschlossen ist, europäische -Resultate von uns zu erwarten. Deshalb wiederholen -wir: was zu uns paßt, das wird bleiben, was -nicht paßt, wird von selbst wegfallen. Es ist ausgeschlossen, -daß man unser Volk zu Deutschen oder anderen -Europäern machen könnte. Im Vergleich zum -Volk sind wir, die Intelligenz, nur ein verschwindend -kleines Häuflein, und folglich sind auch unsere selbständigen -Kräfte um soviel geringer als die der ganzen -riesengroßen Volksmasse. Und doch haben wir uns -ganze anderthalb Jahrhunderte in Europa aufgehalten, -ohne deshalb zu Deutschen geworden zu sein. Folglich -haben auch wir, ungeachtet unserer geringen Zahl und -Kräfte und unserer Losgelöstheit vom Volksboden, -die großen russischen Grundideale der Allmenschlichkeit -und Allversöhnung in uns getragen und sie auch in -dieser Zeit nicht eingebüßt. Jetzt haben sie sich in uns -erhoben. Wir begriffen, daß wir nichts anderes werden -können, als das, was wir sind. Und es kam -das Verlangen über uns, zu unserem Volk zurückzukehren. -Wir fingen an, uns unserer Untätigkeit, unserer -Unselbständigkeit inmitten der ungeheuren Tätigkeit der -europäischen Völker zu schämen – und wir begriffen, -daß wir in Europa nichts zu tun haben. Anderseits steht -nicht zu befürchten, daß die europäische Wissenschaft -unserem Volk eine Fessel auflegen werde; sie wird nur -sein Arbeitsfeld vergrößern und ihm die Möglichkeit -geben, auch sein Wort in der Wissenschaft zu sagen. -Bisher war die Wissenschaft bei uns wie eine seltene -Treibhauspflanze, und unsere Gesellschaft hat eine besondere -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -wissenschaftliche Betätigung weder in der -Theorie noch in der Praxis bewiesen, denn sie war vom -Volk losgerissen und an und für sich kraftlos. Nur die -Krone hat Brücken und Wege gebaut und auch das -meist mit Hilfe fremder Ingenieure. Aber auch die -Wissenschaft wird schließlich bei uns Wurzel fassen -– vielleicht erst in einer Zeit, wenn wir nicht -mehr sind. Wir können noch nicht einmal ahnen, -was dann sein wird, doch wir wissen, daß unsere Zukunft -nicht schlecht sein kann. Unserer Generation aber -ward die Ehre zuteil, das erste Wort auszusprechen -und den ersten Schritt zu tun. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-6"> -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -<span class="firstline">Über Tolstois Roman „Anna Karénina“</span><br /> -(1877) -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-4-6-1"> -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -<span class="firstline">Der Roman „Anna Karénina“, als eine Tatsache von besonderer Bedeutung</span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> den Kreisen unserer Intelligenz pflegen jetzt -viele, wenn man mit ihnen vom Volk spricht, gegen -ein Auseinanderhalten von Volk und Intelligenz zu -protestieren: „Was für ein Volk? Auch ich bin Volk!“ -heißt es. -</p> - -<p> -Im achten Teil des Romans „Anna Karenina“ -sagt Lewin, der geliebte Held des Autors, auch von -sich, daß er Volk sei. Diesen Lewin habe ich früher einmal -einen Menschen mit reinem Herzen genannt. Obschon -ich nun unverändert fortfahre, an die Reinheit -seines Herzens zu glauben, glaube ich doch nicht, daß -er – Volk sei. Im Gegenteil, ich sehe jetzt, daß auch -er sich mit Vorliebe absondert. Überzeugt habe ich -mich davon, als ich diesen achten und letzten Teil des -Romans las. Lewin ist ja allerdings keine gegenwärtige, -keine lebende Persönlichkeit, sondern nur die Phantasiegestalt -eines Schriftstellers; aber dieser Schriftsteller, -der ein ungeheures Talent, ein bedeutender Geist -und ein von der Intelligenz Rußlands überaus geachteter -Mensch ist, läßt diese Phantasiegestalt auch -seine, des Autors, persönlichen Ansichten entwickeln, -was besonders deutlich in diesem letzten Teil geschieht, -wobei er in scharfen Widerspruch mit der gegenwärtigen -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -russischen Wirklichkeit gerät. Das aber dürfte -doch schon ein ernstes Thema für eine Erörterung sein, -selbst in unserer so bewegten Zeit, die voll ist von großen, -erschütternden, in schneller Reihenfolge sich entwickelnden -Ereignissen. Denn wenn wir von dem nicht -existierenden Lewin reden, reden wir ja in Wirklichkeit -von den Ansichten eines der bedeutendsten Russen unserer -Zeit. Und diese Ansichten betreffen die gegenwärtige -russische Tat: den Balkankrieg. -</p> - -<p> -Das Wesentliche dieser Ansichten besteht, wenn -ich den Autor richtig verstanden habe, hauptsächlich -darin, daß unsere ganze sogenannte nationale Bewegung -zugunsten der slawischen Brüder von unserem -Volk keineswegs geteilt und sogar überhaupt nicht -verstanden werde. -</p> - -<p> -So sehen wir, daß auch Lewin, der Mensch mit -dem reinen Herzen, sich von der riesigen Mehrzahl der -Russen lossagt und absondert. Seine Ansicht ist übrigens -gar nicht neu und originell. Sie wäre denen, die -im letzten Winter bei uns in Petersburg fast ebenso -dachten – und das waren ihrer sozialen Stellung -nach durchaus nicht obskure Leute – sehr gelegen gekommen, -weshalb man es bedauern könnte, daß das -Buch ein wenig zu spät erschienen ist. Aus welchem -Grunde diese finstere Absonderung Lewins erfolgte, -vermag ich nicht festzustellen. Allerdings ist er ein heißer, -„unruhiger“, alles analysierender Mensch, der -streng genommen in keiner Beziehung sich selber traut. -Aber immerhin ist dieser Mensch „reinen Herzens“, -dabei bleibe ich, obschon es schwer zu erraten ist, auf -welchen geheimen und mitunter sogar lächerlichen Wegen -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -das widernatürlichste, künstlichste und sogar -schändlichste Gefühl in manch ein beispielhaft aufrichtiges -und reines Herz eindringen kann. Übrigens -möchte ich noch vorausschicken, daß ich diesen Lewin -doch nicht mit der Person des Autors identifiziere, obwohl -der Autor, wie sehr viele behaupten und wie auch -ich deutlich sehe, seine eigenen Überzeugungen und -Ansichten durch Lewin aussprechen läßt, ja sie ihm -oft fast mit Gewalt in den Mund legt, bisweilen sogar -auf Kosten der künstlerischen Geschlossenheit des -gezeichneten Charakters. Ich sage das aus einer gewissen -bitteren Verwunderung heraus, denn wenn -auch sehr vieles von dem, was Lewin sagt, nur die -Ansichten Lewins, des erdichteten Menschen, des künstlerisch -dargestellten Charakters sind, so kann ich doch -nicht leugnen, daß ich, was des Autors eigene Ansichten -betrifft, nicht solche Ansichten gerade von diesem -Autor erwartet hätte! -</p> - -<p> -Hier sehe ich mich gezwungen, zunächst einzelne -meiner Gefühle darzulegen, trotz meines Vorsatzes -mich nicht mit literarischer Kritik zu befassen. Aber -wenn ich diese Ansichten auch gelegentlich der Kritik -eines literarischen Werkes ausspreche, so haben sie doch -nichts mit denen eines Literaturkritikers zu schaffen. -Tatsächlich schreibe ich in diesem „Tagebuch“ alle meine -Gedanken über meine Eindrücke nieder, schreibe somit -über alles, was mir von den laufenden Ereignissen -und Vorgängen bemerkenswert erscheint, und da -habe ich es mir nun Gott weiß weshalb zum Vorsatz -gemacht, von meinen vielleicht stärksten Eindrücken zu -schweigen, bloß deshalb, weil sie die russische Literatur -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> -betreffen. Natürlich lag diesem Vorsatz ein ganz -richtiger Gedanke zugrunde, aber eine buchstäbliche -Befolgung des Vorsatzes ist dennoch nicht richtig, das -sehe ich jetzt ein, eben weil es eine Befolgung des Buchstabens -wäre. Zudem ist dieser Roman in meinen Augen -nicht mehr ein einfaches literarisches Werk, sondern -schon eine ganze nationale <em>Tat</em>, ein Faktum -von bereits ganz anderer Bedeutung. Diese <em>Tat</em>, die -die Schöpfung dieses Romans zweifellos ist, fiel für -mich in diesem Frühjahr mit der enormen Tat der -Kriegserklärung zusammen und in meinem Geist sah -ich beide Taten sofort in Verbindung miteinander, denn -ich fand zwischen ihnen einen mich selbst überraschenden -bedeutungsvollen Zusammenhang. -</p> - -<p> -Im April begann unser großer Krieg für eine große -hochherzige Idee: die geknechteten und mißhandelten -slawischen Völker zu befreien und ihnen ein neues -Leben zu ihrem und der Menschheit Wohl wiederzugeben. -Dieser Zweck des Krieges ist für Europa so -unbegreiflich, daß es ihn nur für einen listigen Vorwand -hält und uns mit allen Mitteln zu schaden sucht. -So hat es sich schon mit unserem Feinde gegen uns -verbündet – wenn auch nicht in einem offiziellen -Bündnis –, um wenigstens heimlich gegen uns zu -kämpfen, in Erwartung des offenen Kampfes. Doch -davon ein anderes Mal. Ich wollte hauptsächlich von -dem Eindruck sprechen, den alle diejenigen empfangen -mußten, die an die große zukünftige universale Bedeutung -Rußlands glauben, als sie in diesem Frühjahr -die Kriegserklärung lasen. Dieser einzig dastehende -Krieg, um Schwachen und Bedrückten Leben und Freiheit -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -zu geben, nicht ihnen zu nehmen, dieser in der heutigen -Welt gar nicht mehr glaubwürdig klingende -Kriegszweck war für alle, die an Rußlands Zukunft -glauben, eine Tatsache, die feierlich und bedeutungsvoll -diesen ihren Glauben bestätigte. Das war nun nicht -mehr lediglich ein Traum, eine Vermutung bloß, sondern -Wirklichkeit, war Tatsache, durch die die Hoffnungen -bereits <em>in Erfüllung zu gehen begannen</em>. -„Wenn aber der Anfang schon gemacht ist, dann -wird auch alles andere in Erfüllung gehen, auch das, -daß Rußland an der Spitze aller vereinigten Slawen -sein großes neues Wort Europa sagen wird. Und selbst -dieses Wort hat sich bereits angekündigt, doch ist -Europa noch weit davon entfernt, dasselbe zu verstehen, -und selbst wenn es versteht, wenn es verstehen -muß, wird Europa noch lange nicht an -das neue Wort glauben.“ So dachten damals die -„Gläubigen“. Ja, der Eindruck war feierlich und bedeutungsvoll, -und selbstverständlich mußte der Glaube -der Gläubigen sich festigen und erstarken. Doch der -begonnene Krieg ist immerhin von unberechenbarer -Tragweite, so daß auch für uns, die wir an Rußland -glauben, beunruhigende Fragen sich einstellten. Rußland -und Europa! Rußland hat das Schwert gegen -die Türken gezogen, aber wer weiß, vielleicht stößt es -dabei mit Europa zusammen, und das – wäre das -nicht zu früh? Der Zusammenstoß mit Europa ist etwas -anderes als der mit der Türkei und wird nicht nur -mit dem Schwert ausgefochten werden, so haben es -die Gläubigen von jeher aufgefaßt. Aber sind wir nun -auch zu diesem anderen Zusammenstoß bereit? Freilich, -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -das Wort hat sich bereits angekündigt, aber ganz -abgesehen von den Europäern – wird es denn -auch bei uns von allen verstanden? Wir Gläubigen -sagen z. B., daß Rußland allein die Elemente in sich -trage, die zu einer Lösung des verhängnisvollen europäischen -Problems des vierten Standes, und zwar ohne -Kampf und Blut, ohne Haß und Feindschaft, erforderlich -sind, daß es aber dieses Wort erst dann sagen -werde, wenn Europa bereits im eigenen Blute -schwimmt, denn vorher würde ja doch niemand in Europa -unser Wort vernehmen, oder wenn auch vernehmen, -so würde es doch niemand verstehen. Ja, wir -Gläubigen glauben daran, aber was antwortet man -uns darauf selbst hier in Rußland? Selbst hier sagen -uns unsere Landsleute, dies seien nur fanatische Illusionen, -die Weissagungen sein wollen, seien nur -wilde Träume, und wir sollten ihnen doch Beweise -geben, sichere Anzeichen und bereits greifbare Tatsachen! -Ja was könnten wir ihnen nun zur Bekräftigung -unserer <em>Weissagungen</em> nennen? Etwa die -Aufhebung der Leibeigenschaft – ein Faktum, das bei -uns noch so wenig begriffen worden ist in seiner Bedeutung -als Beweis russischer Geisteskraft? Oder die -angeborene Natürlichkeit unserer Nächstenliebe, die -schon in unserer Zeit immer deutlicher aus all dem -hervorzutreten anfängt, was sie jahrhundertelang fast -bis zum Ersticken bedrückt hat? Doch gut, wir weisen -also darauf hin: da wird man uns denn entgegnen, -daß all diese Tatsachen wiederum nur von unseren tollen -Illusionen zu solcher Bedeutung aufgebauscht worden -seien; überdies würden sie verschieden gedeutet -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -und somit könne man sie überhaupt nicht als irgendwelche -Beweise gelten lassen. Das würden uns fast -alle antworten. Und nun bedenke man: wir, die wir -uns selber noch nicht verstehen und die wir so wenig -an uns glauben, wir – stoßen mit Europa zusammen! -Europa aber – das ist doch etwas Ungeheures, -Heiliges! Uns ist es teuer, dieses Land, teuer der zukünftige, -der im Frieden errungene Sieg des großen -christlichen Geistes, der sich im Osten am reinsten erhalten -hat ... Und in der Erwägung der Möglichkeit -eines Zusammenstoßes mit Europa im Laufe -unseres jetzigen Krieges fürchten wir am meisten, -daß Europa uns mißverstehen könnte und uns wie -früher, wie gewöhnlich, mit Hochmut, mit Verachtung -und mit dem Schwert begegnen werde, -als wären wir <a id="corr-17"></a>wilden Barbaren nicht wert, vor Europa -den Mund aufzutun. Ja aber, fragten wir uns -nun, was werden wir ihnen denn sagen oder zeigen, -damit sie uns richtig zu verstehen anfangen? Wir haben -doch, scheint es, noch so wenig von solchen Gütern, -die ihnen <em>verständlich</em> wären und um deretwillen -sie uns achten könnten? Denn unsere fundamentale, -wichtigste Idee, unser beginnendes „neues -Wort“ werden sie noch lange, gar zu lange nicht verstehen. -Sie brauchen Fakta, die sie unmittelbar, die sie -<em>heute</em> schon verstehen könnten, verstehen mit ihrem -<em>heutigen</em> Blick. Und mit diesem Blick fragen sie -uns: „Wo ist denn Ihre Zivilisation? – läßt sich -denn in dem Chaos, welches wir alle bei Ihnen sehen, -eine Ordnung der ökonomischen Kräfte wahrnehmen? -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -Wo ist <em>Ihre</em> Wissenschaft, <em>Ihre</em> Kunst, <em>Ihre</em> Literatur?“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Gerade in dieser Zeit, d. h. in diesem Frühjahr, -traf es sich einmal, daß ich auf der Straße einem unserer -Schriftsteller begegnete, den ich zu den am meisten -von mir geliebten Autoren zähle. Wir sehen uns -sehr selten, alle paar Monate einmal, und auch -dann immer zufällig und auf der Straße. Er ist einer -der hervorragendsten der fünf oder sechs unserer Belletristen, -die alle zusammen aus irgendeinem Grunde -die „Plejaden“ genannt werden<a class="fnote" href="#footnote-32" id="fnote-32">[32]</a>. Wenigstens hat die -Kritik in Übereinstimmung mit dem Publikum sie -von allen anderen Schriftstellern ihrer Art abgeteilt, -und so ist es denn seit langem geblieben – -der Kreis der „Plejaden“ erweitert sich nicht. Es ist -mir stets eine Freude, mit diesem liebenswürdigen -Romancier, den ich so überaus schätze, zusammenzutreffen -und ihm unter anderem zu beweisen, daß ich es -nicht glaube und auch gar nicht glauben könne, daß -er, wie er sagt, alt geworden sei und nichts mehr -schreiben werde. Nach einem kurzen Gespräch mit ihm -trage ich immer eines seiner feinen und weitsichtigen -Worte mit mir fort. Bei jener letzten Begegnung gab -es viel Stoff zu einer Unterhaltung, denn der Krieg -war schon erklärt. Doch er begann sofort und ohne -Umschweife von „Anna Karenina“ zu sprechen (auch -ich hatte gerade den siebenten Teil gelesen, mit welchem -der Roman im „Russischen Boten“ schloß), und -da er anscheinend nicht zu den Leichtbegeisterten gehört, -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -war ich überrascht, als ich ihn mit leidenschaftlicher, -überzeugter Begeisterung über dieses Werk urteilen -hörte. -</p> - -<p> -„Das ist etwas Beispielloses, das ist ein Werk -von erstem Range! Wer kann sich bei uns, von den -Schriftstellern, damit messen? Und in Europa – wer? -Wer könnte dort etwas Ähnliches vorweisen? Haben -sie dort in allen ihren Literaturen jetzt oder in den letzten -Jahren oder überhaupt in neuerer Zeit ein Werk -hervorgebracht, das sich neben dieses stellen könnte?“ -</p> - -<p> -Hauptsächlich überraschte mich an diesem Urteil, -das übrigens vollkommen mit dem meinigen übereinstimmte, -daß dieser Hinweis auf Europa geradezu eine -Antwort war auf die Fragen und Zweifel, die sich -damals in so vielen Herzen ganz von selbst erhoben. -So erhielt dieses Buch in meinen Augen die Bedeutung -eines Faktums, auf das wir Europa als Antwort -auf jene Fragen hinweisen könnten. Natürlich -wird man spöttisch einwenden, das sei ja im ganzen -nur Literatur, nur irgendein Roman, und es sei lächerlich, -die Bedeutung desselben so zu übertreiben und -mit einem Roman gegen Europa aufzutreten. Ich weiß, -daß man lachen wird, doch diese Aufregung ist überflüssig, -denn ich übertreibe keineswegs und sehe die -Dinge ganz nüchtern. Ich weiß, daß es allerdings -nur ein Roman ist, nur ein Tropfen von dem, -was nötig wäre. Für mich aber besteht die Hauptsache -darin, daß dieser Tropfen bereits vorhanden, bereits -Wirklichkeit ist, wenn aber der Anfang schon Tatsache -ist, d. h. wenn das Genie Rußlands schon dieses <em>Faktum</em> -hervorzubringen vermocht hat, so ist es folglich -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -nicht zur Unfruchtbarkeit verdammt, nicht der Kraftlosigkeit -geweiht, sondern <em>kann</em> schöpferisch sein, kann -etwas <em>Eigenes</em> geben, kann sein Wort anheben -und es zu Ende sprechen, wenn die Zeit gekommen sein -wird. Und überdies ist jenes Werk doch weit mehr als -nur ein Tropfen. Oh, auch hierin mache ich mich nicht -im geringsten einer Übertreibung schuldig: ich weiß -nur zu gut, daß nicht nur nicht in einem einzelnen -Schriftsteller der Plejaden, sondern auch in ihnen allen -zusammen nicht das zu finden ist, streng genommen, -was man geniale schöpferische Kraft nennt. Unstreitige -Genies mit einem unstreitig „neuen Wort“ -hat es in unserer ganzen Literatur nur drei gegeben. -Lomonossoff, Puschkin und zum Teil Gogol. Diese ganze -Plejadengruppe dagegen (und der Autor der „Anna -Karenina“ gehört gleichfalls zu ihr) ist unmittelbar -aus Puschkin hervorgegangen, aus einem der größten -Russen, den man aber fast überhaupt noch nicht verstehen -gelernt hat. Puschkin ist der Vertreter von -Ideen, die gleichsam die Veranschaulichung des Künftigen -oder der Bestimmung ganz Rußlands und seines -Zieles, das heißt soviel wie unseres ganzen zukünftigen -Schicksals sind. -</p> - -<p> -Alle unsere jetzigen „Plejaden“ haben nur nach -Puschkins Hinweisen gearbeitet, etwas Neues aber -haben sie nach ihm nicht gesagt. In ihm lagen bereits -alle die Keime, die die Plejaden später entwickelt haben. -Und dabei haben sie nur den kleinsten Teil der -von ihm hinterlassenen Aufgaben ausgearbeitet. Dafür -ist freilich das, was sie getan haben, mit solchem Reichtum -an Kraft, mit solcher Tiefe und Deutlichkeit ausgearbeitet -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -worden, daß Puschkin sie selbstverständlich -anerkannt hätte. „Anna Karenina“ ist, was die Idee -des Werkes betrifft, gewiß nichts Neues, wenigstens -bei uns nichts Neues. Statt dieses Werkes könnten wir -Europa natürlich ebensogut die Quelle selbst nennen, -d. h. Puschkin als schärfsten, stärksten und unerschütterlichsten -Beweis für die Selbständigkeit des russischen -Genies und sein Recht auf die größte universale, allmenschliche -und allvereinende Bedeutung in der Zukunft. -Doch leider wissen wir, daß, wieviel wir auch -reden und vorweisen wollten, Europa unsere Schriftsteller -noch lange nicht lesen wird, oder selbst wenn -man es dort täte, so würde man uns doch noch lange -nicht verstehen und nicht schätzen. Und die Europäer -sind ja auch noch gar nicht imstande, uns zu verstehen, -nicht etwa aus Mangel an Geist, sondern weil wir -für sie eine ganz andere Welt sind, als wären wir -vom Monde auf die Erde versetzt, weshalb sie sogar -die Tatsache, daß wir doch immerhin existieren, gar nicht -zugeben möchten. Das weiß ich besser als mancher andere -und rede deshalb von den Hinweisen, mit denen -wir Europa auf die bewußten Fragen antworten könnten, -nur in dem Sinne unserer eigenen Überzeugung -von unserem Recht auf Selbständigkeit Europa gegenüber. -</p> - -<p> -Nichtsdestoweniger ist „Anna Karenina“ als -Kunstwerk etwas Vollkommenes – ist ein Werk, dem -die europäischen Literaturen der Gegenwart nichts -Gleichwertiges gegenüberstellen können; was aber die -Idee dieses Werkes betrifft, so ist sie bereits etwas -ganz Nationales, ist gleichsam ein Stück von uns, ist -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -eben das, was unsere Besonderheit vor der ganzen -europäischen Welt ausmacht, und ist somit unser -„neues Wort“ oder wenigstens der Anfang desselben -– ein Wort, das in Europa niemand zu sagen -versteht, dessen aber gerade Europa so dringend bedarf, -trotz seines ganzen Stolzes. Ich kann mich hier nicht -in einer literarischen Kritik ergehen, doch will ich immerhin -ein paar Worte über dieses Buch sagen. -</p> - -<p> -In diesem Werk ist eine Untersuchung der Schuld -und des Verbrechens der Menschen durchgeführt. Die -geschilderten Menschen sind unter unnormalen Bedingungen -genommen. Das Böse besteht schon vor ihnen. -In den Strudel der Lüge hineingerissen, begehen -diese Menschen ein Verbrechen und gehen unrettbar -ins Verderben. Wie Sie sehen, ein Gedanke, der das -liebste und älteste der europäischen Themen behandelt. -Aber wie wird nun ein solches Problem in Europa gelöst? -Sehr einfach. Und zwar gibt es dort zwei Arten -von Lösungen. Die erste Lösung ist: das Gesetz ist -gegeben, niedergeschrieben, formuliert, ist in Jahrtausenden -ausgearbeitet, Gut und Böse festgestellt, aufgewogen, -die Maße und Grade sind historisch von den -Führern der Menschheit in unermüdlicher Arbeit an -der Menschenseele und in höherer wissenschaftlicher -Untersuchung der Gesetze des menschlichen Zusammenlebens -festgesetzt. Diesem ausgearbeiteten Kodex ist -ein jeder blinden Gehorsam schuldig. Wer das nicht -tut und jene Gesetze übertritt, der bezahlt das mit seiner -Freiheit, seinem Eigentum, seinem Leben, bezahlt -buchstäblich und unmenschlich. -</p> - -<p> -„Ich weiß,“ sagt ihr anderen, „daß das sowohl -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -blind wie mitleidlos und unhaltbar ist, da ja die -endgültige Formel der Menschheit auf ihrem halben -Wege noch nicht ausgearbeitet sein kann. Doch da es -einen anderen Ausweg nicht gibt, so muß man sich -eben an das halten, was man hat, was schwarz auf -weiß gegeben ist, und zwar buchstäblich und rücksichtslos. -Täte man das nicht – so wäre man schlimmer -daran. Somit kann man sagen, daß wir, trotz der ganzen -Unnatürlichkeit und Unsinnigkeit der Ordnung dessen, -was wir unsere große europäische Zivilisation -nennen, nichtsdestoweniger danach trachten müssen, daß -die Kräfte des Menschengeistes gesund und unbeschädigt -bleiben, daß die Gesellschaft nicht an dem Glauben, -sie befinde sich auf dem Wege zur Vollkommenheit, -zu zweifeln anfängt und nicht zu denken wagt, es sei das -Ideal des Schönen und Erhabenen verdunkelt und der -Begriff von Gut und Böse entstellt und umgedeutet, -das Normale werde mehr und mehr verdrängt, Einfachheit -und Natürlichkeit gingen unter dem Druck der -unausgesetzten anwachsenden Lüge verloren.“ -</p> - -<p> -Die zweite Lösung ist das Gegenteil der ersten: sie -geht von der Annahme aus, daß die menschliche Gesellschaft -unnormal aufgebaut sei, weshalb man den -einzelnen für die Folgen dieser Unnormalität nicht verantwortlich -machen könne. Also ist der Verbrecher -frei von jeder Verantwortung und folglich gibt es vorläufig -überhaupt kein Verbrechen. Will man nun mit -dem, was allgemein Verbrechen genannt wird, und -mit der Schuld der Menschen ein Ende machen, so -muß man das zunächst mit der Unnormalität der Gesellschaft -und ihres sozialen Aufbaus tun. Da aber eine -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -Korrektur der bestehenden Ordnung der Dinge langwierig -und unzuverlässig, ja sogar aussichtslos wäre, -und man übrigens auch keine Mittel dazu hat, so -muß man den ganzen bisherigen Bau der Gesellschaft -zerstören und die alte Ordnung gleichsam mit dem Besen -auskehren. Dann kann man alles von neuem beginnen, -nach neuen Grundsätzen, die zwar noch unbekannt -sind, aber immerhin nicht schlechter sein können -als die der gegenwärtigen Ordnung; im Gegenteil, sie -haben sogar viele Aussicht auf vollen Erfolg, denn unser -Vertrauen gehört der Wissenschaft. -</p> - -<p> -Das wäre die zweite Lösung. Man erwartet den -zukünftigen Ameisenbau, inzwischen aber überschwemmt -man die Welt mit Blut. Andere Lösungen der menschlichen -Schuld und der Verbrechen kennt die westeuropäische -Welt nicht. -</p> - -<p> -In der Anschauung des russischen Autors – d. h. -in seiner Auffassung von Schuld und Verbrechen – -tritt dagegen deutlich hervor, daß kein Ameisenbau, -kein Triumph des „vierten Standes“, keine Beseitigung -der Armut, keine Organisation der Arbeit die -Menschheit vor der Unnormalität bewahren wird oder -würde, und folglich auch nicht vor Schuld und Verbrechen. -Ausgedrückt ist das in einer unvergleichlichen psychologischen -Ergründung der Menschenseele und mit furchtbarer -Tiefe und Kraft durch einen bei uns bisher nicht gekannten -Realismus der künstlerischen Darstellung. -</p> - -<p> -Es ist klar und verständlich bis zur leibhaftigen -Sichtbarkeit gezeigt, daß das Böse im Menschen tiefer -sitzt als die Sozialisten annehmen, die sich als Ärzte -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -aufspielen, daß das Böse sich in keiner sozialen Organisation, -und wäre sie noch so vollkommen, vermeiden -läßt, daß die Seele des Menschen überall dieselbe -bleibt, daß das Unnormale und die Sünde aus ihr -allein hervorgehen und daß schließlich die Gesetze des -Menschengeistes noch so unbekannt, von der Wissenschaft -noch so unerforscht, so unbestimmt und so geheimnisvoll -sind, daß es bis jetzt weder gründliche Ärzte noch -selbst <em>endgültige</em> Richter gibt und auch nicht geben -kann, außer dem einen, der da sagt: „Die Rache -ist mein, ich will vergelten.“ Nur er allein kennt das -<em>ganze</em> Geheimnis dieser Welt und das definitive -Schicksal des Menschen. Der Mensch aber kann sich -noch nicht unterfangen, mit dem Stolz eigener Unfehlbarkeit -zu richten, noch ist <em>die</em> Zeit nicht gekommen. -Der Mensch, der Richter ist über andere, muß von -sich wissen, daß er kein endgültiger Richter, vielmehr -selber ein Sünder ist, daß die Wage und das Maß in -seiner Hand eine Absurdität sind, <em>wenn er sich -nicht selbst</em> vor dem Gesetz des noch unerforschlichen -Geheimnisses beugt und nicht in dem einzigen -Ausweg seine Zuflucht sucht – in der Barmherzigkeit -und in der Liebe. Auf daß aber der Mensch nicht umkomme -vor Verzweiflung und womöglich in der Überzeugung -untergehe, daß das Böse von geheimnisvoller -und verhängnisvoller Unvermeidlichkeit sei, ist dem -Menschen eben ein Ausweg gezeigt. Ihn hat der Dichter -mit der Überzeugungskraft des Genies in der genialen -Szene offenbart, die im Krankenzimmer der -Heldin des Romans sich abspielt – wo die Verbrecher -und Feinde sich plötzlich in höhere Wesen verwandeln, -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -in Brüder, die einander alles verzeihen und eben -durch dieses ihr gegenseitiges Verzeihen Lüge, Schuld -und Verbrechen von sich abstreifen und sich dadurch -mit einem Schlage selbst rechtfertigen, im vollen Bewußtsein -dessen, daß sie das Recht dazu erhalten haben. -Dann aber, im Schlußteil des Romans, in der schrecklichen -Schilderung des Falles der Menschenseele, der -Schritt für Schritt verfolgt wird, in der Wiedergabe jenes -unüberwindlichen Zustandes, wo das Böse sich -der Seele des Menschen bemächtigt und ihn fesselt, jede -Bewegung, jede Widerstandskraft, jeden Gedanken, -jede Lust zum Kampf gegen das Böse lähmt, im -Kampf gegen die Finsternis, die sich auf die Seele -senkt und von ihr in der Leidenschaft des Rachedurstes -bewußt statt des Lichtes erwählt wird – in dieser -Schilderung liegt für den Richter der Menschen, der -das Maß und die Wage hält, so viel offenbarte Wahrheit, -daß er natürlich erschrocken Bedenken tragen und -ausrufen wird: „Nein, nicht immer ist die Rache mein, -nicht immer werde ich vergelten,“ und er wird nicht -unmenschlich dem in Verstocktheit gesunkenen Verbrecher -als Schuld anrechnen, daß er den vom Lichte -ewig gewiesenen Ausweg verschmähte und ihn geradezu -<em>bewußt</em> verwarf. Wenigstens wird er sich nicht an -den Buchstaben des Gesetzes halten ... -</p> - -<p> -Wenn wir nun in der Literatur Werke von solcher -Gedanken- und Darstellungskraft besitzen, weshalb -sollten wir dann nicht <em>in der Folge</em> auch <em>unsere</em> -Wissenschaft haben können und unsere eigenen -Lösungen der ökonomischen, der sozialen Probleme; weshalb -spricht Europa uns die dazu erforderliche Selbständigkeit -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -ab, die Möglichkeit, daß wir <em>unser -eigenes</em> Wort sagen könnten? Man kann wirklich -nicht den lächerlichen Gedanken gelten lassen, -daß die Natur uns Russen nur mit literarischen Fähigkeiten -versehen habe. Alles übrige ist doch eine Frage der -geschichtlichen Entwicklung, der Umstände, der Forderungen -der Zeit. Das könnten sich schließlich auch -unsere russischen Europäer sagen, solange sie noch auf -das Urteil der europäischen Europäer über uns warten -müssen ... -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-6-2"> -<span class="firstline">Ein Gutsherr, der von einem Bauern den Glauben an Gott erhält</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Jetzt, nachdem ich mein eigenes Empfinden auseinandergesetzt, -wird man vielleicht verstehen, wie der Abfall -eines solchen Autors, seine Absonderung von der -großen russischen Tat unserer Tage – dem Kriege für die -Unterdrückten und Verfolgten – und die paradoxe Unwahrheit -des Urteils, das er in diesem unseligen achten -Teil des Romans über unser Volk fällt, auf mich gewirkt -haben. Er nimmt ja dem Volk alles, spricht ihm das Wertvollste -ab, raubt ihm den Sinn und Zweck seines Lebens. -Ja, es wäre dem Autor unvergleichlich angenehmer, wenn -unser Volk sich nicht in seinem Herzen für die um ihres -Glaubens willen leidenden Brüder erheben würde. Nur -in diesem Sinne leugnet er auch die Beweise, ungeachtet -dessen, daß sie Tatsachen sind. Freilich wird das -alles nur von den imaginären Gestalten seines Romans -ausgesprochen, aber, wie ich schon sagte, hinter ihnen -sieht man nur zu deutlich den Autor selbst. Allerdings -ist es ein aufrichtiges Buch: der Autor spricht aus der -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -Seele. Sogar die peinlichsten Sachen (und die gibt es -in diesem Buch) nehmen sich in ihm aus, als wären -sie ganz unversehens hineingeraten, so daß man sie trotz -ihrer ganzen Peinlichkeit nur für ein offenherziges -Wort hält und nicht im geringsten etwa Tücke vermutet. -Nichtsdestoweniger halte ich dieses Buch durchaus nicht -für so harmlos, wie es manche Leute tun. Jetzt wird -und kann es zum Glück keinen Einfluß mehr haben, -denn daß es vielleicht einer kleinen abgesonderten -Gruppe von Leuten beipflichtet, ist belanglos. Aber die -Tatsache, daß ein solcher Autor in diesem Sinne -überhaupt schreiben kann, ist doch sehr bedauerlich, bedauerlich -und traurig für unsere Zukunft. Doch übrigens -– zur Sache: ich will widersprechen und werde -darauf hinweisen, was mich besonders überraschte. -</p> - -<p> -Zunächst muß ich ein paar Worte über Lewin sagen, -der ersichtlich der Hauptheld des Romans ist. In ihm -ist alles Positive ausgedrückt und zwar gewissermaßen -als Gegensatz zu jenen Unnormalitäten, an denen -andere Gestalten des Romanes zugrunde gehen oder -unter denen sie zu leiden haben. Im übrigen ist Lewin -offenbar der Erwählte, durch den der Autor seine -eigenen Gedanken ausdrückt. Aber dieser Lewin war -immer noch nicht vollkommen, immer fehlte ihm noch -etwas, und so mußte der Autor sich wieder mit dem -Fehlenden befassen, damit Lewin keinerlei Zweifel oder -Fragen mehr verkörpere. – In der Folge wird der -Leser begreifen, aus welchem Grunde ich zunächst hierbei -verweile und somit nicht direkt zur Sache komme. -</p> - -<p> -Lewin ist glücklich, der Roman entwickelt sich zu -seinem größten Ruhme, aber – ihm fehlt noch der innere, -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -der geistige Friede. Ihn quälen die ewigen Fragen -der Menschheit: Gott, das ewige Leben, Gut und -Böse und Ähnliches. Es quält ihn, daß er ein Ungläubiger -ist und sich nicht damit zufrieden geben kann, -womit sich alle anderen zufrieden geben, indem sie ihre -Interessen auf Naheliegendes beschränken, als da sind -Tagesfragen, Verdienst, Vergötterung der eigenen Person -oder anderer Götzen, Eigenliebe usw. usw. Ein Anzeichen -von Großherzigkeit, nicht wahr? Aber von Lewin -ist ja auch weniger nicht zu erwarten. Nebenbei -zeigt es sich, daß Lewin auch sehr viel gelesen hat. Er -kennt sowohl die Werke der Philosophen, der Positivisten, -wie auch der gewöhnlichen Naturforscher, doch -nichts befriedigt ihn, sondern im Gegenteil, die Bücher -verwirren ihn noch mehr, so daß er in der freien -Zeit, die ihm die Bewirtschaftung seines Gutes läßt, -in den Wald oder aufs Feld geht, sich ärgert, sogar -Kitty, seine junge Frau, nicht in dem Maße schätzt, -wie sie es wohl verdient hätte. Da führt ihm der Zufall -einen seiner Bauern in den Weg, der ihm gesprächsweise -von zwei anderen Bauern, Mitjuscha und -Fokanytsch, zwei in sittlicher Beziehung entgegengesetzten -Typen, erzählt und sich dabei folgendermaßen ausdrückt: -</p> - -<p> -„Ja, Mitjuscha, warum nicht, der wird’s schon herauszuschlagen -verstehen! Der erpreßt es einfach und -nimmt sich das Seine. Dem tut doch kein Christenmensch -leid. Onkel Fokanytsch aber, der wird doch nicht -wie Mitjuscha einem anderen Menschen das Fell über -die Ohren ziehen. Der wird auch so abgeben, daß man -später zahlen kann, manchem wird er auch billiger geben. -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -Da kann er denn auch selber nicht soviel Pacht -zahlen ...“ -</p> - -<p> -„Aber warum wird er denn manchem billiger geben?“ -fragte Lewin. -</p> - -<p> -„Ja, das ist schon so, die Menschen sind eben verschieden. -Der eine Mensch lebt sozusagen nur für seine -Bedürfnisse, wie beispielsweise sagen wir meinethalben -Mitjuscha, der sich nur den Wanst vollschlägt; aber -Fokanytsch, der Alte, – das ist ein Mensch mit Gewissen. -Der lebt für die Seele, der hat Gott nicht vergessen.“ -</p> - -<p> -„Wie das?! Wie – Gott nicht vergessen? wie -lebt er für die Seele?“ rief Lewin fast erschrocken vor -Betroffenheit. -</p> - -<p> -„Nun, das weiß man doch, wie! Lebt in Rechtschaffenheit, -in Gott. Die Menschen sind nun mal verschieden. -Beispielsweise Ihr selber, Herr, wenn man so -nimmt – Ihr werdet doch auch keinem Menschen unrecht -tun.“ -</p> - -<p> -„Ja, ja, leb’ wohl!“ sagte Lewin hastig – die Aufregung -verschlug ihm den Atem – er griff nach seinem -Stock und entfernte sich schnell in der Richtung zum -Hause ............ -</p> - -<p> -Doch statt nach Hause zu gehen, ging er wieder in -den Wald, legte sich unter einer Esche ins Gras und -begann fast mit Begeisterung zu denken. Das Wort -war gefunden, alle ewigen Rätsel gelöst durch dieses -eine einfache Wort des Bauern: „Für die Seele leben, -Gott nicht vergessen.“ Der Bauer hat ihm natürlich -nichts Neues gesagt: all das wußte er selber schon lange; -aber der Bauer hat ihn doch auf den Gedanken gebracht -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -und hat ihm die Lösung im verzwicktesten Augenblick -zugeflüstert. Hierauf folgt eine Reihe von Betrachtungen -Lewins, die sehr gut und treffend ausgedrückt -sind. Lewins Gedankengang ist ungefähr folgender: -wozu das mit dem Verstande suchen, was vom -Leben schon <em>gegeben</em> ist, womit jeder Mensch geboren -wird und dem jeder Mensch (sogar unfreiwillig) -folgen muß und auch tatsächlich folgt. Jeder Mensch -wird mit einem Gewissen, mit dem Begriff von Gut -und Böse geboren, folglich wird er auch unmittelbar -zu einem Lebensziel geboren: für das Gute zu leben -und das Böse zu vermeiden. Damit kommt der Bauer -ebenso wie der Herr zur Welt, der Franzose wie der -Russe, wie der Türke – alle verehren das Gute (NB. -obschon viele das in einer höchst eigenartigen Weise -tun). „Ich aber wollte“, sagt sich Lewin, „alles das -mathematisch, wissenschaftlich, mit der Vernunft erfassen, -oder ich erwartete ein Wunder, während mir das -alles schon ohne mein Dazutun gegeben, einfach mit -mir geboren ist.“ Daß es aber ohne unser Dazutun -uns gegeben ist, dafür gibt es Beweise: alle Menschen -begreifen oder können es begreifen, daß <em>man seinen -Nächsten lieben muß wie sich selbst</em>. -In diesem Wissen liegt denn auch, genau genommen, -das ganze <em>Gesetz</em> der Menschen, wie es uns -Christus erklärt hat. Indessen ist uns diese Erkenntnis -angeboren, folglich uns ohne unser Dazutun geschenkt, -denn der Verstand könnte uns um keinen Preis dieses -Wissen geben, – warum nicht? Nun ja, weil „den -Nächsten lieben“ nach dem Verstande beurteilt – unklug -ist. -</p> - -<div class="excerpt"> -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -<p class="noindent"> -„Woher habe ich das genommen?“ fragt sich -Lewin. „Bin ich etwa durch den Verstand darauf -gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll und -nicht ihn würgen? Man hat mir das in der Kindheit -gesagt und <em>ich habe es freudig geglaubt</em>, -weil man mir nur gesagt hatte, was -schon in meiner Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? -Der Verstand jedenfalls nicht. Der Verstand -hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, -welches fordert, daß man alle, die uns an der Befriedigung -unserer Wünsche hindern, beseitige. Dies -ist das Ergebnis des Verstandes. Den Nächsten aber -zu lieben konnte der Verstand nicht lehren, da das -unklug ist.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Hierauf fällt Lewin eine Szene ein, die er kürzlich -mit seiner Schwägerin Dolly und deren Kindern erlebt -hatte. Die Kinder brieten Himbeeren in einer Tasse -über einer Kerze und gossen sich die Milch im Bogen -wie eine Fontäne aus dem Kannenschnabel -in den Mund. Die Mutter, die sie bei dieser -Betätigung ertappte, versuchte natürlich, ihnen klar zu -machen, daß sie, wenn sie die Gefäße zerschlügen und -die Milch verschütteten, dann weder ein Trinkgefäß -noch Milch hätten. Aber die Kinder glaubten ihr offenbar -kein Wort von dem, was sie sagte, denn „sie konnten -sich den ganzen Umfang dessen, was sie genossen, -gar nicht vorstellen, und infolgedessen konnten sie sich -auch nicht denken, daß das, was sie verdarben, dasselbe -sei, wovon sie lebten.“ -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Das ist alles von selbst da,“ dachten sie, „Interessantes -oder Wichtiges gibt es dabei nicht, weil es -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -stets so war und sein wird und stets alles ein und -dasselbe ist. Darüber brauchen wir gar nicht nachzudenken, -denn das ist das Gegebene; wir aber wollten -uns etwas Eigenes und ganz Neues ausdenken. -Und so dachten wir uns denn aus, die Himbeeren -in die Tasse zu legen und sie über dem Licht -zu braten und uns die Milch direkt aus der Kanne -wie eine Fontäne in den Mund zu gießen. Das -ist lustig und neu und gewiß nicht schlechter, als aus -Tassen zu trinken. -</p> - -<p> -„Tun wir nun nicht ganz dasselbe, tue ich es -nicht, indem ich mit dem Verstande die Bedeutung -der Naturkräfte und den Sinn des menschlichen Lebens -zu erfassen trachte?“ fuhr Lewin fort zu denken. -„Und tun denn die philosophischen Theorien etwa -nicht alle das gleiche, indem sie auf einem seltsamen, -dem Menschen nicht eigenen Gedankenweg -zu der Erkenntnis dessen führen, was der Mensch -lange schon weiß, und mit solcher Sicherheit weiß, -daß er ohne es gar nicht leben könnte? Ist es denn -nicht aus der Entwicklung der Theorie jedes Philosophen -klar ersichtlich, daß er schon im voraus ebenso -sicher wie jener Bauer und auch nicht im geringsten -klarer als jener den Hauptsinn des Lebens -kennt, und nur auf einem unzuverlässigen Verstandeswege -zu dem zurückkehren will, was allen bekannt -ist? -</p> - -<p> -Nun, wie, wenn man die Kinder allein ließe, -wenn sie alles selbst machen müßten, Tassen und -Kannen, dazu Kühe melken usw. – würden sie dann -Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben. -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -Nun, so versuche man doch einmal, uns mit allen -unseren Leidenschaften, unseren Gedanken allein zu -lassen, <em>ohne</em> Vorstellung vom einzigen Gott und -Schöpfer! Oder ohne eine Vorstellung von dem, was -Gut ist und was Böse, ohne sittlichen Instinkt. -</p> - -<p> -Ich möchte bloß wissen, was ohne diese Begriffe -aufgebaut werden würde! -</p> - -<p> -Wir zerstören nur, weil wir geistig satt sind. -Eben wie die Kinder!“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Mit einem Wort, die Zweifel haben aufgehört und -Lewin hat endlich den Glauben gefunden; er glaubt – -doch an was? Das hat er noch nicht genau formuliert! -Er stellte sich nur freudig die Frage: „Sollte das wirklich -Glaube sein?“ Oder man muß annehmen, daß es -nicht der Fall ist. Ja mehr noch als das: es ist sogar -kaum anzunehmen, daß solche Leute wie Lewin überhaupt -jemals einen endgültigen Glauben haben können. -Lewin nennt sich zwar „Volk“, aber er ist ein -Edelmann, ein Moskauer Landedelmann jener selben -mittel-höheren Kreise, deren Historiker Graf L. Tolstoi -ja vornehmlich ist. -</p> - -<p> -Der Bauer hat Lewin freilich nichts Neues gesagt, -aber immerhin hat er ihn auf einen Gedanken gebracht, -und mit diesem Gedanken begann sein Glaube. Schon -daraus allein könnte Lewin ersehen, daß er durchaus -nicht „Volk“ ist und kein Recht hat, von sich derlei zu sagen. -Doch davon später. Ich will hier nur erwähnen, -daß gerade diese Herren, wie z. B. Lewin, niemals vollkommen -„Volk“ werden können, gleichviel wie lange sie -unter dem Volk oder neben dem Volk leben, ja – in -vieler Hinsicht werden sie es sogar überhaupt nicht -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -verstehen und nie verstehen lernen. Eigendünkel und -bloßer Wunsch – dazu noch ein so wunderlicher – genügen -nicht, einen Menschen nun gleich zu dem zu machen, -was er plötzlich sein will. Mag er hundertmal -Gutsbesitzer und sogar ein arbeitender Gutsbesitzer -sein, alle Bauernarbeit kennen, sogar zu mähen und -einen Wagen anzuspannen verstehen und wissen, daß -zu Scheibenhonig frische Gurken gereicht werden – in -seiner Seele bleibt dennoch, trotz allen guten Willens, -ein Etwas zurück, das man, wie mich deucht, einfach -„Müßiggang“ nennen muß. Es ist das derselbe „Müßiggang“, -sowohl in physischer wie in geistiger Beziehung, -der Lewin, wie sehr er sich auch zusammennehmen -wollte, doch nun einmal von seinen Vorfahren -vererbt worden ist und den das Volk in jedem Herrn -sieht, obschon es nicht mit unseren Augen schaut. Doch -auch hiervon später. Was nun seinen Glauben betrifft, -so wird er ihn wieder zerstören, wird es selber -tun, lange wird er nicht bei uns verweilen: alsbald -wird sich wieder irgendwo ein Haken zeigen, und seinen -ganzen Glauben zerreißen. Z. B. Kitty stolpert -beim Gehen – warum stolperte sie? Wenn sie stolperte, -dann konnte sie eben nicht ohne zu stolpern gehen; -es läßt sich genau feststellen, daß sie aus diesem und jenem -Grunde stolpern mußte. Es ist klar, daß hierbei -alles von Gesetzen abhing, die sich aufs genaueste feststellen -lassen. Aber wenn dem so ist, so herrscht ja in -allem die Wissenschaft. Wo bleibt da die Vorsehung? -wo ist dann ihre Rolle? und wo die Verantwortung des -Menschen? Wenn es aber keine Vorsehung gibt, wie -kann ich dann an Gott glauben, usw. usw. Das ist -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -wie eine gerade Linie, die sich in die Unendlichkeit fortsetzt. -Mit einem Wort, dieser Lewin, diese ehrliche Seele, -ist zugleich eine chaotisch müßige Seele <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par excellence</span>, -anderenfalls wäre er nicht das, was er ist: ein zeitgenössischer -Herrensohn der russischen Intelligenz und -dazu noch aus den mittelhohen Adelskreisen. -</p> - -<p> -Eine Stunde, nachdem der neue Glauben in ihm erweckt -ist, wird das von ihm auch schon glänzend bewiesen: er -behauptet, das russische Volk empfinde für die Balkanslawen -nichts von dem, was Menschen im allgemeinen -empfinden können, er verleugnet die Seele des -Volkes in der eigenmächtigsten Weise, ja er erklärt sogar, -daß er selber nicht das geringste Mitleid mit den -heimgesuchten Menschen habe. Er erklärt, daß es ein -„unmittelbares Gefühl für die bedrückten Balkanslawen -nicht gäbe und gar nicht geben könne“ – d. h. nicht -nur nicht in ihm, sondern überhaupt in keinem Russen, -denn, wie er sagt: „ich bin selber Volk!“ Fürwahr, diese -Herren bewerten das russische Volk denn doch etwas -gar zu niedrig! Übrigens – nach Väterart. Kaum eine -Stunde ist seit dem Erwerb des neuen Glaubens -vergangen, da werden schon wieder Himbeeren über -dem Licht gebraten. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-6-3"> -<span class="firstline">Die Reizbarkeit der Eigenliebe</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Die Kinder kommen ihm entgegen gelaufen und berichten, -daß Gäste eingetroffen seien. Es sind Gäste -aus Moskau. Man setzt sich in der Nähe des Bienengartens -unter Bäumen, Lewin bringt Scheibenhonig -und frische Gurken herbei und die ganze Gesellschaft -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -macht sich sogleich an den Honig und an die Orientfrage. -Dies spielt nämlich im vorigen Jahr, – Sie -wissen doch: Tschernajeff<a class="fnote" href="#footnote-33" id="fnote-33">[33]</a>, unsere Freiwilligen, die -Spenden. Die Unterhaltung wird bald sehr lebhaft, -denn alle streben unaufhaltsam zur Hauptsache. Die -Gesellschaft besteht, abgesehen von den Damen, erstens -aus den beiden Gästen: einem Moskauer Professörchen, -einem netten, aber etwas dummen Menschen, und -dem Stiefbruder Lewins, Ssergei Iwanowitsch Kosnyscheff, -der uns als ein Mensch von großem Verstande -und großem Wissen geschildert wird. Der Charakter -Kosnyscheffs ist im Roman künstlich aufgebaut und -wird erst zum Schluß verständlich (ein Mensch mit den -Anschauungen der vierziger Jahre). Kosnyscheff hat -sich in der letzten Zeit mit Eifer und Hingabe der Hilfstätigkeit -für die Balkanslawen gewidmet und das Komitee -hat ihm Berge von Arbeit aufgeladen, so daß -man sich kaum vorzustellen vermag, wenn man der fieberhaften -Tätigkeit dieser Komiteemitglieder im vorigen -Jahre gedenkt, wie er sich überhaupt hat freimachen -können, und dazu noch auf ganze zwei Wochen, die er -auf dem Lande verbringen will. Freilich gäbe es anderenfalls -auch nicht diesen Disput im Bienengarten -und somit auch nicht den ganzen achten Teil des Romans, -welcher nur um dieses Disputs willen geschrieben -ist. Ja sehen Sie, dieser Kosnyscheff hatte irgendein -gelehrtes Buch über Rußland geschrieben, das vor -etwa zwei oder drei Monaten in Moskau erschienen -war, und obschon er lange daran gearbeitet und große -<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> -Hoffnungen in dieses Werk gesetzt, hatte es schmählich -Fiasko gemacht: von der Kritik war dem Werk überhaupt -keine Beachtung geschenkt worden. Darauf erst -hatte Kosnyscheff sich der slawischen Tätigkeit angeschlossen, -und das mit einem Eifer, wie ihn niemand -von ihm erwartet hätte. Daraus folgt, daß er gewissermaßen -nicht auf natürlichem Wege zu dieser Betätigung -gelangt und sein ganzer Eifer für die Balkanslawen -nur „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">ambition rentrée</span>“ ist, nichts weiter, und -man ahnt bereits, daß Lewin im Disput mit ihm selbstverständlich -Sieger bleiben muß. Kosnyscheff war auch -in den früheren Teilen des Romans sehr geschickt in -komischem Lichte dargestellt; aus dem achten Teil aber -geht bereits klar hervor, daß er überhaupt nur zu dem -Zweck geschaffen ist, um im Schlußkapitel als Piedestal -zu Lewins Größe zu dienen. An sich freilich ist diese -Gestalt dem Autor sehr gut gelungen. -</p> - -<p> -Dafür ist eine der mißlungenen Gestalten der alte -Fürst, Lewins Schwiegervater, der gleichfalls dort unter -den Bäumen im Bienengarten sitzt und sich an dem -Gespräch über die Orientfrage beteiligt. Die Figur des -alten Fürsten ist dem Autor sogar im ganzen Roman -mißlungen, nicht nur im Schlußkapitel. Der alte Fürst -soll einer der positiven Charaktere des Romans sein, -selbstverständlich nicht auf Kosten des Realismus! So -hat auch er seine Schwächen und fast sogar seine komischen -Seiten, aber im allgemeinen ist er doch ein ehrwürdiger, -höchst ehrwürdiger Mann. Er ist der Gutherzige -des Romans, ist sozusagen die gesunde Vernunft – -nicht die, die in den Stücken des achtzehnten Jahrhunderts -wie ein gelehrter Esel redete. Da gab’s nichts -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -anderes als nur Vernunft und abermals Vernunft. Der -Fürst dagegen hat auch Humor und überhaupt menschliche -Züge. Das Ergötzliche besteht nur darin, daß dieser -alte Mensch die Aufgabe hat, geistreich sein zu müssen. -Dabei hat er aber das Unglück, daß ihm nichts -wirklich Geistreiches zu sagen gelingt. Statt dessen urteilt -er in diesem Schlußkapitel über unser Volk und -einen Teil unserer Gesellschaft geradezu zynisch. Der -„Gutherzige“ entpuppt sich plötzlich als Verneiner des -ganzen russischen Volkes wie alles dessen, was in diesem -Volk Gutes lebt. Man hört so recht die Aufgebrachtheit -eines alten Klubmitglieds und den greisenhaften -Ärger. Übrigens ist seine politische Theorie -nichts weniger als neu. Sie besteht darin, daß wir uns -<em>nur</em> für Rußland interessieren sollten, und deshalb -ist er der Meinung, daß die Balkanslawen uns nichts -angehen – anderenfalls würde er von uns nicht Interesse -<em>nur</em> für Rußland verlangen. Wir dagegen sind -der Meinung, daß die Hilfe, die wir den Slawen -bringen, eine Handlung im Interesse Rußlands, -d. h. im Sinne der Bestimmung Rußlands ist. -So besteht denn der allgemeine Charakter seiner -Ansichten in der Engheit seiner Auffassung der -russischen Interessen. Er sagt, er könne nicht begreifen, -weshalb man hier in Rußland plötzlich -die Balkanslawen so sehr liebe, während er, der Fürst, -in seinem Herzen nicht die geringste Liebe zu ihnen verspüre. -Auch verstehe er nicht, gegen wen denn die -Russen in den Krieg ziehen, da doch die Regierung noch -keiner anderen Macht den Krieg erklärt habe. Katawassoff, -der Professor aus Moskau, sagt darauf, daß -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -es Fälle geben könne, wo die Regierung den Willen des -Volkes nicht erfüllt, und dann äußere sich die öffentliche -Meinung eben in der Weise, wie es jetzt in Rußland -geschehe. Hierauf heißt es von Lewin, der mit -dem alten Fürsten übereinstimmt: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„... er wollte sagen, daß, wenn die öffentliche -Meinung ein unfehlbarer Richter wäre, die Revolution -und Kommune doch ebenso gesetzmäßig sein -müßten, wie diese Bewegung zugunsten der Slawen.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Es ist sonderbar, daß dieser Lewin und der alte Fürst -sich durch keinerlei Erwägungen in ihrem Denken aufhalten -lassen. Doch schließlich – wer sieht denn nicht, -daß aus dem Fürsten gekränkte Eigenliebe spricht (die -Leute ziehen in den Krieg, ohne ihn vorher gefragt zu -haben, ob ihm das genehm ist!) und aus Lewin seine paradoxe -Meinung. Nicht die Wahrheit ist Lewin teuer, -sondern das, was er sich ausgedacht hat. Übrigens -spricht vielleicht auch aus Lewin gekränkte Eigenliebe, -denn es ist ja kaum glaublich, was alles die Eigenliebe -der Menschen kränken kann. Das Volk und unsere Freiwilligen -gegen die Verleumdungen Lewins und des alten -Fürsten zu verteidigen, hat meines Erachtens keinen Sinn, -ja es wäre für die Verteidigten sogar erniedrigend. -Wenn Lewin zur Erklärung der Tatsache, daß Hunderte -von Freiwilligen aus Rußland hinziehen, um mit den -Balkanslawen gegen die Türken zu kämpfen, ohne weiteres -sagt, daß „in einem Volke von achtzig Millionen -sich immer nicht nur Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende -von Menschen finden werden, die ihre gesellschaftliche -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -Stellung eingebüßt haben, Tausende von -Müßiggängern, die stets bereit sind, sich der Räuberbande -eines Pugatschoff<a class="fnote" href="#footnote-34" id="fnote-34">[34]</a> anzuschließen oder nach China -oder Serbien zu gehen“ – so können wir nur darauf -hinweisen, daß die Freiwilligen nicht heimlich aufbrachen. -Alle haben sie gesehen und ihnen das Geleit gegeben -und es war manch ein bekannter Name unter -ihnen. Gewiß wird es neben der größten Aufopferung -auch Leute gegeben haben, die einfach aus Abenteuerlust, -aus Ruhmsucht oder aus anderen Gründen hinzogen. -Aber noch weiß man nicht, wie viele auch von -diesen Abenteuerlustigen ihr Leben dort hingegeben haben. -Doch die Behauptung, daß unsere Freiwilligen -vom vorigen Jahr <em>alle</em> nur Müßiggänger und verlorene -Leute gewesen seien, hat zum mindesten keinen -Sinn, denn wie gesagt, wir haben Hunderte von ihnen -gekannt. Was nun die Spenden betrifft, die selbst -von den ärmsten Leuten aus dem Volk für die bedrängten -und mißhandelten Glaubensbrüder dargebracht -wurden, so behauptet der Fürst, daß das „Volk“ überhaupt -nicht wisse, worum es sich dabei handelt. Er -sagt: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„... der Geistliche war verpflichtet, am Sonntag -die ganze Geschichte in der Kirche zu verlesen. Nun -und das tat er denn auch. Das Volk aber verstand -davon nichts, es seufzte hin und wieder, wie es bei -jeder Predigt seufzt. Darauf sagte der Priester, daß -man in der Kirche zu einem heiligen Zweck sammle, -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -und da holten sie jeder eine Kopeke hervor und gaben -sie, wozu aber, das wußten sie selbst nicht.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Diese Behauptung, die sich über alle Beweise einfach -hinwegsetzt, ist als Äußerung gerade des Fürsten -unschwer zu erklären. Sie stammt von einem der -früheren Volksvormunde, dem ehemaligen Herrn leibeigener -Bauern, der, so gut er auch immer sein mag, -für seine Sklaven doch nichts anderes als Verachtung -empfinden kann, während er sich selbst unvergleichlich -klüger dünkt als sie. Und diese Leibeigenen sollten -irgend etwas eben so gut verstehen wie er? – Das ist -ausgeschlossen! -</p> - -<p> -„Sie haben geseufzt, wie bei jeder Predigt, aber -verstanden haben sie nichts!“ – Davon ist er überzeugt. -Denselben Gedanken äußert auch Lewin, und auf -eine gereizte Entgegnung Kosnyscheffs, daß mit den -dargebrachten Spenden bereits das ganze Volk seinen -Willen äußere, erwidert er: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Das Wort ‚Volk‘ ist so unbestimmt. Ja, die Bezirksschreiber -und die Volksschullehrer, und von den -Bauern einer von Tausend, die wissen vielleicht, um -was es sich handelt. Die übrigen achtzig Millionen äußern -weder ihren Willen, noch haben sie überhaupt -einen Begriff davon, in welcher Angelegenheit sie -ihren Willen äußern sollten. Welches Recht haben -wir nun da, von einem Volkswillen zu sprechen?“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Übrigens sei hier ein für allemal bemerkt, daß -der Ausdruck „Wille des Volkes“ für die Bewegung -im Volk, die wir im vorigen Jahre erlebten, durchaus -nicht zutreffend ist. Es war nicht der „Wille“ des Volkes -als solcher, der sich kund tat, sondern es zeigte sich -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -nur sein großes Mitgefühl, sein christlicher Geist und -schließlich sein Bedürfnis, gewissermaßen Buße zu tun -– ja, so könnte man es tatsächlich nennen. Doch zunächst -will ich zu erklären versuchen, wie es möglich -war, daß das Volk, das weder Geographie noch Geschichte -gelernt hat, dennoch <em>bewußt</em> an der Bewegung -für die bedrängten Balkanslawen teilnahm. -</p> - -<p> -So lange das russische Volk besteht, d. h. schon -seit seiner Bekehrung zum Christentum, sind immer -Pilger aus Rußland nach Palästina, zum Heiligen -Grabe, oder nach Athos gewandert. Die Erzählungen -dieser Pilger von dem Erlebten und Gesehenen sind -im Volk, wie alle Erzählungen vom „Göttlichen“, ungemein -beliebt; man hört fast andächtig zu und behält -das Gehörte beinahe Wort für Wort. Diese Erzählungen -haben sich im Volk durch Generationen vererbt -und verbreitet. Deshalb wissen denn selbst unsere -Bauern auf dem Felde, auch wenn sie nie etwas von -Serben, Bulgaren oder Montenegrinern gehört haben, -doch ganz genau und schon seit Jahrhunderten, daß -die heiligen Stätten und die christliche Bevölkerung -jener Gegenden von den heidnischen Türken erobert -worden sind, und daß diese Bevölkerung unter dem -Joch der Ungläubigen ein schweres Leben hat. Das -wissen sie nicht nur, sondern es schmerzt sie auch aufrichtig. -Denn in seinem Herzen hat sich das russische -Volk immer zu den heiligen Stätten hingezogen gefühlt -und in der Wallfahrt, wenn nicht nach Jerusalem, -dann zu einem unserer russischen Klöster, eine -gute Tat, etwas Seelenrettendes gesehen. Übrigens -möchte ich bemerken, daß ich, indem ich von diesem -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -historischen Zug des russischen Volkscharakters rede, -ihn weder gutheiße, noch tadele, sondern nur eine Tatsache -feststelle, mit der man sich vieles erklären kann. -Was sollen wir denn tun, wenn wir nun einmal diesen -historischen Zug haben! Ich weiß nicht, wohin er -uns führen wird, aber es ist doch möglich, daß er uns -zu etwas führt. Im Leben der Völker bildet sich das -Wichtige immer entsprechend den wichtigsten nationalen -Sondereigenheiten aus. Vorläufig hat z. B. der -obenerwähnte Charakterzug unseres Volkes nur sein -bewußt nationales Verhalten zu <em>jedem</em> Kriege Rußlands -mit dem Sultan zur Folge gehabt. Was jedoch -den gegenwärtigen Krieg betrifft, so scheint noch der -Zeitpunkt von besonderer Bedeutung für die Volksbewegung -des vorigen Jahres gewesen zu sein. -</p> - -<p> -Es ist verhältnismäßig schon ziemlich lange her, -schon sechzehn Jahre, daß die Leibeigenschaft bei uns -aufgehoben wurde. Es verging seitdem ein Jahr ums -andere, doch – in welcher Verfassung sah sich das -Volk, wie äußerte sich sein Dank für den Gnadenakt -des Zaren? Es sah zunehmende Trunksucht, sah unter -seinen Standesgenossen gewissenlose Ausbeuter sich -vermehren, sah ringsum Armut, sah sich selbst oft bis -zum Tierischen gesunken – viele, oh, viele werden -bei diesem Anblick schon Reue und Kummer empfunden -haben und das Verlangen nach Buße. Im Schmerz -der Selbstverurteilung begann ein Suchen nach dem -Guten, Heiligen ... Und da hörten sie plötzlich von -Christen, die um ihres Glaubens willen gemartert werden, -die lieber ihr Leben hingeben, als daß sie zum -Islam übertreten, obwohl sie dafür belohnt werden sollten. -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -Diesen ersten Gerüchten von den Vorgängen am -Balkan folgten die Aufrufe ans Volk, den Bedrängten -zu helfen, es wurden Spenden gesammelt; dann -sprach man von einem russischen General, der den -Christen in ihren Kämpfen gegen die Ungläubigen beistand, -dann begannen Freiwillige aus Rußland hinzuziehen -– alles das erschütterte das Volk. Es war -wie ein Aufruf, Buße zu tun. Und da sahen und erlebten -wir es: wer aus dem Volk nicht als Freiwilliger -hingehen konnte, der steuerte wenigstens ein Scherflein -bei; die Freiwilligen aber wurden von allen begleitet, -ganz Rußland gab ihnen das Geleit. -</p> - -<p> -Der alte Fürst hatte freilich in Karlsbad von all -dem nichts gesehen, und als er dann gerade während -der Hochflut der Bewegung zurückkehrte, verstand er -von ihr so wenig, daß er über sie nur spötteln konnte. -Doch was konnte dieser Greis, dessen Anschauungen -aus dem Klub stammen, von Rußland oder dem russischen -Bauern überhaupt verstehen? Der kluge Lewin -hätte freilich mehr verstehen können als der alte -Fürst, doch ihn machte die Erwägung stutzig, daß das -Volk ja weder Geschichte noch Geographie kennt, -und überdies kränkte es ihn, daß sich dabei niemand -um ihn und seine Meinung kümmerte. Freilich weiß -unser Volk nichts von Geschichte und Geographie, doch -das, worauf es ankommt, das weiß es. Allerdings -könnte man dem Volk inbetreff seiner alten historischen -Neigung zu Buße und Wallfahrt eine Menge -sehr kluger und vernünftiger Dinge sagen, z. B., daß -seine Wallfahrten nur eine sehr enge und einseitige -Auffassung seiner Pflicht seien, und daß es besser täte, -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -wenn es vom Trinken ließe und seine Habe vermehrte -und somit etwas dazu beitrüge, daß sein Vaterland -endlich den „aufgeklärten europäischen Staaten“ zu -gleichen anfange. Man könnte dem Pilger vorhalten, -daß Gott seine Wallfahrt durchaus nicht brauche, und -zwar hauptsächlich deshalb nicht, weil sie weder ihm, -dem Pilger, noch seiner Familie Nutzen bringe, ja, -daß seine Wallfahrt sogar direkt schädlich sei, weil -er auf lange Zeit sein Haus und seine Heimat -um eines im Grunde egoistischen Zweckes willen verlassen -müsse, nämlich um seine Seele zu retten, während -es Gott unvergleichlich angenehmer wäre, wenn er dieselbe -Zeit in seinem Gemüsegarten zubrächte oder -Kälber hütete. Wie gesagt, es läßt sich sehr viel Vernünftiges -gegen das Wallfahren vorbringen, aber -– was soll man denn tun, wenn unser Volk -so geartet ist, daß das Suchen des Guten in ihm <em>fast -ausschließlich diese Form</em> angenommen -hat, d. h. die Form des Bußetuns, mittels einer Wallfahrt -oder eines Opfers? Jedenfalls könnte der kluge -Lewin in Erwartung der „Aufklärung“ wenigstens -diesen historischen Charakterzug dem Volk anrechnen. -Er könnte sich doch sagen, daß viele Freiwillige und -viele von denen, die sie begleiteten, einer guten Regung -folgten und in ihrer Handlungsweise eine gute -Tat sahen (das steht ganz außer Frage!), folglich aber -waren es doch nicht „verlorene Leute“, sondern vielleicht -sogar die besten aus dem Volk, und viele, sehr -viele von ihnen werden diese Tat in der Tiefe ihres -Herzens eben als Buße und Sühne empfunden haben. -Und vor seinem Zaren fühlte sich deshalb keiner schuldig, -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -im Gegenteil, er hoffte und wartete darauf, daß -sein Zarbefreier auch in dieser Frage als Befreier eingreifen -werde, wir aber, die wir in unseren Winkeln -saßen, wir freuten uns, daß das große russische Volk -unsere Hoffnung und unser großes ihm gehörendes -Vertrauen rechtfertigte. So dürfte denn wohl nichts -so mangelhaft sein, wie der Vergleich dieser guten, -opferwilligen Bewegung mit der Bande Pugatschoffs, -der Kommune usw.! Das konnte wahrlich nur der gereizte -Hypochonder Lewin sagen! Da sieht man, wozu -empfindliche Eigenliebe führen kann! -</p> - -<p> -Doch seine Gereiztheit geht noch weiter, er erklärt -sogar unumwunden, daß ein unmittelbares Gefühl -für die Unterdrückung der Slawen nicht vorhanden -sei und auch gar nicht sein könne. Auf die Entgegnung -Kosnyscheffs, daß es doch wohl nur für ihn -nicht vorhanden sei, antwortet er: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Vielleicht, aber ich sehe das nicht; ich bin selbst -Volk und fühle es doch nicht.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Er hat also kein Mitgefühl mit den Mißhandelten? -Übrigens wird der Streit zwischen Lewin und -Kosnyscheff in einer Weise geführt, die von der Frage -abweicht. Kosnyscheff sagt: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„... Stelle dir vor, du gehst auf der Straße und -siehst, daß Trunkene ein Weib oder ein Kind schlagen. -Ich denke, da würdest du nicht erst fragen, ob -jenen Betrunkenen der Krieg von der Regierung -deines Landes erklärt ist oder nicht, sondern würdest -hineilen, und die Bedrängten verteidigen.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -„Aber doch deshalb nicht töten.“ -</p> - -<p> -„Doch, du würdest töten,“ sagt Kosnyscheff, und -<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> -sagt damit natürlich etwas Unhaltbares, denn um ein -Weib auf der Straße vor Betrunkenen zu beschützen, -braucht man doch wahrlich noch nicht zu töten. Aber -sie wissen es ja auch, daß es sich in dieser Frage nicht -um eine zufällige Rauferei auf der Straße handelt, -sondern um ein systematisches Niedermetzeln, um raffinierte -Folterungen. Und auf eben jene Behauptung -Kosnyscheffs entgegnet Lewin: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe, -würde ich mich meinem unmittelbaren Gefühl hingeben, -im voraus aber kann ich es nicht sagen. Ein -solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung -der Slawen ist jedoch nicht vorhanden, und kann es -auch gar nicht sein.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Das ist psychologisch nicht uninteressant. Es gibt -ja gewiß auch absolut gefühllose Menschen, die einfach -roh oder entartet sind; nur gehört Lewin zweifellos -nicht zu diesen, im Gegenteil, er ist sogar ein -sehr gefühlvoller Mensch. Deshalb fragt es sich, ob -nicht bei gewissen, des Mitgefühls sogar sehr fähigen -Menschen die – Entfernung von psychologischer Bedeutung -sein kann. Vielleicht versagt ihr Mitgefühl, wenn -es heißt: „Die Greueltaten sind ja allerdings unerhört, -man reißt lebenden Menschen die Haut ab, wirft -Kinder vor den Augen der Mütter in die Luft und -fängt sie mit dem Bajonett auf, vergewaltigt Frauen, -schneidet ihnen die Brüste ab, sticht Kindern die Augen -aus und setzt sie auf einen Spieß – aber das geschieht -da irgendwo weit, irgendwo dort auf der anderen -Hälfte des Erdballs. Und da das so weit ist, -empfinde ich eben kein Mitgefühl!“ Wenn nun die -<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -Entfernung solchermaßen auf das Mitempfinden einwirkt, -so muß man sich unwillkürlich fragen: bis zu -welcher Entfernung reicht denn eigentlich die Menschenliebe? -</p> - -<p> -Doch Lewin ist, wie gesagt, zweifellos ein gefühlvoller -Mensch, und obschon er für die Slawen kein -Mitgefühl hat, geht seine Menschenliebe doch so weit, -daß er einen ... Türken nicht töten könnte. Stellen -wir uns einmal eine solche Szene vor: Lewin steht, mit -dem Gewehr in der Hand und aufgepflanztem Bajonett -– zwei Schritt von ihm steht ein Türke mit einem -Säugling im Arm, dem er mit einer Nadel die Augen -auszustechen sich anschickt. Die siebenjährige Schwester -des kleinen Opfers schreit wie wahnsinnig und sucht -mit aller Gewalt dem Türken ihr Brüderchen zu entreißen. -Lewin aber steht nachdenklich und unentschlossen -da und spricht zu sich selbst: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich empfinde -nichts. Ich bin selbst Volk. Ein unmittelbares Gefühl -für die Unterdrückung der Slawen ist nicht vorhanden -und kann es auch gar nicht sein.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -In der Tat, was würde er in dem Fall tun – nach -allem, was er gesagt hat? Sollte er wirklich nicht das -Kind befreien? Sollte er ihm wirklich die Augen ausstechen -lassen und es nicht sofort dem Türken entreißen? -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Entreißen ist leicht gesagt, aber da wird man -den Türken vielleicht – stoßen müssen?“ -</p> - -<p> -„Nun, so stoße ihn!“ -</p> - -<p> -„Stoße ihn! Aber wenn er mir das Kind nicht -<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> -geben will und den Säbel zieht? Da wird man ihn -womöglich totschlagen müssen?“ -</p> - -<p> -„Nun, so schlag’ ihn tot!“ -</p> - -<p> -„Nein, wie darf man denn das! Nein, totschlagen -darf man den Türken nicht. Dann mag er schon -lieber dem Kinde die Augen ausstechen und es umbringen. -Ich gehe zu Kitty.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Das wäre Lewins folgerichtige Handlungsweise. Er -sagt doch, daß er <em>nicht wisse</em>, ob er dem Weibe -oder dem Kinde helfen würde, wenn er dabei einen -Türken töten müßte. Die Türken tun ihm eben gar so -leid. -</p> - -<p> -„Vor zwanzig Jahren hätte die Presse noch geschwiegen,“ -sagt Kosnyscheff, „jetzt aber wird die -Stimme des russischen Volkes gehört, das bereit ist, -sich zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich zu opfern -für die bedrängten Mitbrüder; das ist ein großer und -wichtiger Schritt und ein Beweis von Kraft.“ -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Aber hier handelt es sich doch nicht nur darum, -sich zu opfern, sondern darum, die Türken zu erschlagen,“ -sagte Lewin vorsichtig. „Das Volk opfert und -ist jederzeit bereit, für seine Seele zu opfern, nicht -aber für den Totschlag ...“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Also mit anderen Worten: „Liebes Mädchen, hier -ist Geld, nimm es, wir opfern es für unsere Seelen, -aber deinem Brüderchen laß vom Türken die Augen -ausstechen. Denn das geht doch nicht, daß wir den -Türken totschlagen ...“ -</p> - -<p> -Und darauf schreibt der Autor ganz persönlich und -von sich aus über Lewin: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Er konnte sich nicht damit einverstanden erklären, -<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -daß eine Handvoll Menschen, unter ihnen auch -sein Stiefbruder, das Recht haben sollten, auf -Grund dessen, was ihnen die Hunderte der durch die -Hauptstädte reisenden schönredenden Freiwilligen -erzählt hatten, zu sagen, sie und die Presse drückten -den Willen und das Empfinden des Volkes aus, -und dabei war das ein Wille, der <em>Rache</em> und -<em>Totschlag</em> verlangte.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Das entspricht nicht der Wahrheit: von einem Verlangen -nach <em>Rache</em> kann überhaupt nicht die Rede -sein. Auch jetzt, wo wir mit diesem blutdürstigen Volk -Krieg führen, hört man über das Verhalten der Russen -zu ihren Feinden nur Dinge, die Beweise der größten -Menschlichkeit sind. Ja, man kann dreist behaupten, -daß wenige der europäischen Armeen mit einem solchen -Feinde so umgehen würden, wie es jetzt unsere Armee -tut. Zwei oder drei unserer großen Tageszeitungen haben -denn auch schon die Frage erörtert, ob es nicht ratsam -wäre, die unerhörten Grausamkeiten der Türken -zu vergelten: dieses Abschneiden der Nasen und anderer -Glieder der Verwundeten und Gefangenen, bevor -sie getötet werden. Man sollte meinen, daß -mit dieser gesunkenen und verlogenen Nation kein -anderes Volk noch menschlich umgehen könne, doch -bin auch ich dafür, daß man von irgendwelchen -Gegenmaßnahmen Abstand nimmt. Daß jedoch -Kindern die Augen ausgestochen werden, das dürfen -wir nicht zulassen, und um ein für allemal die -Möglichkeit zu solchen Schändlichkeiten zu beseitigen, -muß man die Verfolgten befreien, dem Verfolger aber -auf immer die Waffe entreißen. Das aber ist nur möglich -<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> -durch den Kampf. Kampf jedoch ist nicht Rache, und -Lewin braucht deshalb für die Türken nichts zu befürchten. -Auch im vorigen Jahr, noch vor der Kriegserklärung, -als nur unsere Freiwilligen hinzogen, hätte -er in der Beziehung ruhig sein können. Oder kennt er -denn nicht den Russen und den russischen Soldaten? -Freilich wird unser Soldat den Feind im Kampf töten, -aber mit dem gefangenen Türken hat man ihn -schon oft seine schmale Soldatenkost teilen gesehen. -Und ich versichere, jeder Soldat, der das tat, wußte -nur zu gut, daß dieser selbe Türke ihm, dem Russen, -wenn er in türkische Gefangenschaft geraten wäre, den -Kopf abgeschnitten, daraus mit anderen Köpfen einen -Halbmond zusammengestellt hätte, und in der Mitte -– einen Stern aus anderen Körperteilen. Außerdem -könnte Lewin sich sagen, daß dieser russische Soldat, -der den Türken im Kampf erschlägt, doch auch sein -eigenes Leben einsetzt, daß er ebensogut vom Türken -erschlagen werden kann und vielleicht auch wird, vorher -aber noch Mühe und Pein und vor dem Tode womöglich -Folterqualen auszustehen hat. Um der „Rache“, -um des „Totschlags“ willen habe sich das russische -Volk erhoben? Hat man jemals gehört, daß die -Verteidigung von Kindern und Frauen, die aufgespießt, -die vergewaltigt werden und die in der ganzen -Welt keinen Beschützer haben – für eine rohe Tat, -für lächerlich, fast für unsittlich, für Rachelust und -Blutdurst gehalten worden ist? Und was ist das für -eine Gefühllosigkeit neben größter Sentimentalität! -Dieser Lewin hat doch auch ein Kind und er liebt doch -seinen kleinen Knaben; wenn dieser in der Wanne -<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -gebadet wird, ist es doch fürs ganze Haus ein Ereignis. -Blutet ihm denn da nicht das Herz, wenn er liest, -daß sich unter den Baschibosucken Spezialisten herausgebildet -haben, die ein Kind, das sie an den Beinchen -packen, mit einem Ruck in zwei Hälften zerreißen können, -oder von den toten Kindern neben den Leichen -ihrer erschlagenen Mütter liest, denen die Brüste abgeschnitten -sind? Doch dieser Lewin, der das liest, denkt -bei sich vermutlich: -</p> - -<p> -„Kitty ist gesund und hat mit Appetit gegessen; -der Kleine wurde gebadet und er fängt schon an, mich -zu erkennen. Was geht es mich an, was sich dort irgendwo -fern von hier bei den Balkanslawen zuträgt; -<em>ein unmittelbares Gefühl für die Mißhandlung -der Slawen ist nicht vorhanden -und kann es auch gar nicht sein</em> – -denn <em>ich</em> empfinde <em>nichts</em>.“ -</p> - -<p> -Schließt damit Lewin seine Epopöe? Und ihn will -uns der Autor als Beispiel eines rechtschaffenen und ehrlichen -Menschen hinstellen? -</p> - -<p> -Solche Menschen, wie der Autor der „Anna Karenina“, -sind Erzieher der Gesellschaft, sind unsere Lehrer -und wir sind ihre Schüler. Was aber lehren sie uns -nun eigentlich? -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="part-5"> -<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -<span class="firstline">Zweiter Teil.</span><br /> -Der russische Nihilismus -</h2> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-1"> -<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -<span class="firstline">Das Milieu</span><br /> -(1873) -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ir</span> scheint, daß das vorherrschende Gefühl aller -Richter der Welt, der unseren aber im besonderen, das -Gefühl der Macht sein muß, oder besser gesagt, der -Eigenmacht. Um so bemerkenswerter ist es, daß sie -heutzutage bei uns nie verurteilen, sondern ausnahmslos -freisprechen. Freilich ist auch das ein Beweis ihrer -Macht, sogar der Beweis eines übermäßigen Gebrauches -ihrer Macht, jedoch nur in einer, weiß Gott, -sentimentalen Richtung, die aber leider von allen -eingehalten wird. Das ist eben das Auffallende, -daß die Manie, um jeden Preis freizusprechen, nicht -nur die Bauern unter den Geschworenen, die gestern -noch Leibeigene waren, ergriffen hat, sondern sogar -die Geschworenen aus den höchsten Ständen, selbst -Edelleute und Universitätsprofessoren. Gerade diese Allgemeinheit -der Manie kann einen auf seltsame Gedanken -bringen. -</p> - -<p> -Viele erklären sich das damit, daß es ihnen leid -täte, ein fremdes Menschenleben zu vernichten. Das -russische Volk sei mitleidig, sagen sie. -</p> - -<p> -Sonderbar, ich habe immer geglaubt, daß zum -Beispiel das englische Volk auch Mitleid empfindet, -und wenn in ihm auch nicht diese, sagen wir, Weichherzigkeit -zu finden ist, so hat es doch jedenfalls auch -seine Menschenliebe. Das Bewußtsein und das Gefühl -der christlichen Pflicht ist bei den Engländern in hohem -<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> -Maße vorhanden, ist bis zur festen und selbständigen -Überzeugung ausgebildet, vielleicht sogar ausgesprochener -als bei uns, wenn man ihre alte Bildung und Selbständigkeit -in Betracht zieht. Dort ist den Geschworenen -die Macht doch nicht so wie den unsrigen plötzlich -vom Himmel in den Schoß gefallen. Auch haben sie das -ganze Geschworenengericht selbst geschaffen, haben -es von niemandem entlehnt, sondern aus dem eigenen -Leben in Jahrhunderten ausgearbeitet. Deshalb weiß -dort jeder Geschworene, daß er, sobald er seinen Platz -im Gerichtssaal eingenommen hat, nicht nur ein gefühlvoller -Mensch mit einem guten Herzen ist, sondern in erster -Linie Staatsbürger. Er ist sogar der Meinung (ob -er recht hat, ist eine andere Frage), daß die Erfüllung -einer Bürgerpflicht wertvoller ist als die christliche -Herzenstat eines Menschen. Der englische Geschworene -weiß, daß er im Gerichtssaal aufhört, eine Privatperson -zu sein, daß er dort nur der Vertreter der -öffentlichen Meinung seines Landes ist und die Fahne -Englands hochzuhalten hat. Die Fähigkeit, ein Staatsbürger -zu sein, ist doch nichts anderes, als die Fähigkeit, -in sich den Vertreter seines ganzen Landes zu sehen. -Auch in England kennt man Nachsicht im Urteil, -auch dort berücksichtigt man das „zersetzende Milieu“ -(das bei uns jetzt so beliebte Schlagwort), aber es geschieht -das doch nur bis zu einer gewissen Grenze, nur -soweit es die gesunde Vernunft des Landes zuläßt. -Deshalb wird im alten England das Laster nicht Tugend -genannt, sondern bleibt Laster und das Verbrechen -– Verbrechen, und die sittliche Grundlage des -Landes bleibt deshalb nicht minder fest bestehen. -</p> - -<p> -<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -Hier höre ich eine Stimme einwenden: „Aber woher -soll es denn auch bei uns Bürger geben? bedenken -Sie doch nur, was wir noch gestern waren! Unsere Bürgerrechte -(und dazu noch was für welche!), die haben -uns doch, unvorbereitet wie wir waren, einfach überfallen -und ruhen nun auf uns wie eine Last, die uns fast -erdrückt!“ -</p> - -<p> -„Freilich, in Ihrer Bemerkung liegt schon etwas -Wahres, aber andererseits, das russische Volk ...“ -</p> - -<p> -„Das russische Volk?“ unterbricht mich eine andere -Stimme. „Aber, erlauben Sie, wer kennt von uns -denn das russische Volk? Ich glaube, daß hier nicht -nur Weichherzigkeit freispricht, sondern das Grauen -vor der Macht selbst! Diese plötzliche furchtbare Macht -über ein Menschenschicksal hat uns erschreckt, und bevor -wir uns zu Ihren englischen Bürgern ausbilden, -sprechen wir eben vorläufig frei. Aus Angst sprechen -wir frei. Unsere Geschworenen denken vielleicht bei -sich: ‚Sind wir denn besser als der Angeklagte? Wir -sind reich und sichergestellt, aber wenn wir in seiner -Lage gewesen wären, wer weiß, ob wir nicht noch -Schlimmeres getan hätten als er?‘ – und deshalb -sprechen sie frei. Aber das ist vielleicht doch ein Wert, -vielleicht ein Unterpfand eines höheren Christentums -der Zukunft, eines geistigen Ausdrucks, wie die Welt -bisher noch keinen ähnlichen gekannt hat!“ -</p> - -<p> -Dieser Gedanke wäre allerdings beruhigend, aber -... weshalb hat denn unser Volk dieses Grauen vor -der Macht? Spricht es frei, weil es sich vor dem Mitleid -mit dem Verurteilten, vor dem Schmerz des Mitleids -fürchtet? – Nun, so nehme man doch den -<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> -Schmerz auf sich. Die Wahrheit steht höher als Mitleid. -</p> - -<p> -Allerdings, wenn wir uns mitunter wirklich selbst -für schlechter halten als den Verbrecher, so geben wir -doch damit zu, daß wir zur Hälfte an seinem Verbrechen -mit schuld sind. Denn wir sagen uns, wenn wir -selbst besser wären, so würde auch er besser sein und -jetzt nicht als Angeklagter vor uns stehen ... -</p> - -<p> -Aber muß man ihn deshalb freisprechen? -</p> - -<p> -Nein, im Gegenteil: gerade deshalb muß man die -Wahrheit aussprechen und das Böse – das Böse nennen, -doch die Hälfte der Last des Urteils auf sich nehmen. -Wir müssen den Gerichtssaal mit dem Gedanken -betreten, daß auch uns Schuld trifft, und eben dieser -Schmerz des Mitleids, den jetzt alle so fürchten und -mit dem wir den Saal nach einer Verurteilung verlassen, -wird unsere Strafe sein. Wenn dieser Schmerz -echt und tief ist, so wird er uns besser machen, und -nur wenn wir selbst besser werden, machen wir das -Milieu besser. Das ist es ja, daß man überhaupt nur -auf diese Weise das Milieu verbessern kann. Aber so -aus Angst vor dem eigenen Mitgefühl freisprechen – -das ist nicht schwer, nur käme man auf diesem Wege -bald zu der Folgerung, daß es Verbrechen überhaupt -nicht gebe, sondern an allem bloß das Milieu schuld -sei, und schließlich – wenn wir folgerichtig weitergehen -–, daß Verbrechen sogar Pflicht sei, oder doch ein -edler Protest gegen die herrschende Ungerechtigkeit. Dazu -führt die Lehre vom Milieu, im Gegensatz zur christlichen -Lehre, die, obgleich sie den Einfluß des Milieus -durchaus anerkennt und Barmherzigkeit predigt, dennoch -<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> -den Kampf gegen das Milieu als sittliche Pflicht -des Menschen aufstellt und dabei scharf abgrenzt, wo -das Milieu aufhört und die Pflicht anfängt. -</p> - -<p> -Indem das Christentum den Menschen verantwortlich -macht, erkennt es seine Freiheit an. Wenn man -den Menschen von jedem Fehler der gesellschaftlichen -Einrichtung für abhängig erklärt, wie es die Lehre -vom Milieu tut, so führt man den Menschen zur vollständigen -Unpersönlichkeit und entbindet ihn von jeder -persönlichen sittlichen Pflicht, von jeder Selbständigkeit, -und bringt ihn somit in die größte Knechtschaft, -die man sich nur denken kann. -</p> - -<p> -„Ja, aber,“ höre ich jemandes ironische Stimme -einwenden, „glauben Sie denn, daß diese freisprechenden -zwölf Geschworenen, die mitunter ausnahmslos -Bauern sind, auch nur eine Ahnung von Ihrer neuesten -Milieutheorie haben, die Sie ihnen da unterschieben?“ -</p> - -<p> -„Hm, ja ... freilich, wie sollten sie dazu kommen, -d. h. alle die Vielen ... Aber Ideen ... Ideen liegen -doch in der Luft, Ideen sind doch ansteckend ...“ -</p> - -<p> -„Na, das fehlte noch!“ lacht die ironische Stimme. -</p> - -<p> -„Aber wie ... wenn gerade unser Volk ganz besonders -zur Lehre vom Milieu neigte, schon seinem -Wesen nach, sagen wir meinetwegen infolge seiner slawischen -Veranlagung? Wie, wenn gerade unser Volk -das beste Material für gewisse europäische Propaganda -wäre?“ -</p> - -<p> -Die höhnische Stimme lacht noch lauter, aber das -Lachen klingt etwas gezwungen. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -Nein, es scheint mir doch, daß es sich hier vorläufig -nicht um eine „Philosophie des Milieus“ handelt. -</p> - -<p> -Es ist wahr, schon seit Jahrhunderten nennt unser -Volk die Verurteilten „Unglückliche“. Was will -es damit ausdrücken? – die christliche Auffassung oder -die Auffassung des Milieus? Hier liegt der springende -Punkt, gerade hier konnte die Propaganda mit Erfolg -einsetzen! -</p> - -<p> -Es gibt unausgesprochene, unbewußte und nur intensiv -gefühlte Ideen, die mit der Menschenseele gleichsam -verwachsen sind. Sie existieren sowohl im -einzelnen Volk, wie in der ganzen Menschheit. Solange -diese Ideen noch unbewußt dem Volksleben zugrunde -liegen und erst nur stark und sicher empfunden werden, -nur so lange kann das Volk ein starkes und lebendiges -Leben führen. Im Bestreben, diese in sich verborgenen -Ideen zum Ausdruck zu bringen, liegt die ganze Energie -seines Lebens. Je unerschütterlicher das Volk seine -Idee bewahrt, je weniger es fähig ist, von seinem -anfänglichen Gefühl abzuweichen, je weniger es geneigt -ist, sich falschen Deutungen dieser Idee hinzugeben, -um so kraftvoller und glücklicher wird es sein. -</p> - -<p> -Ein Teil der Idee des russischen Volkes kommt -nun zweifellos in der Tatsache zum Ausdruck, daß es -die Verbrecher „Unglückliche“ nennt. Kein europäisches -Volk hat je etwas Ähnliches geäußert, erst jetzt beginnen -in Europa einzelne Philosophen für diese Auffassung -einzutreten; unser Volk aber hat sie schon vor -Jahrhunderten ausgesprochen. Doch daraus folgt noch -nicht, daß es nicht durch eine falsche Auslegung dieser -Idee irregeführt werden könnte, wenigstens zeitweilig. -</p> - -<p> -<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> -Meiner Ansicht nach will das russische Volk mit -der Bezeichnung „Unglückliche“ den Verbrechern sagen: -„Ihr habt gesündigt und büßt dafür, aber auch -wir sind Sünder. Wären wir besser, so würdet ihr vielleicht -nicht in den Gefängnissen sitzen. Mit der Strafe -für eure Verbrechen tragt ihr auch die Last der allgemeinen -Ungerechtigkeit. Betet für uns, wie wir für -euch beten, und nehmt unser Almosen, das wir euch -geben, damit ihr seht und wißt, daß wir euer gedenken -und unsere brüderlichen Bande mit euch nicht zerrissen -haben.“ Doch niemals hat das Volk deshalb aufgehört, -einen Verbrecher für schuldig zu halten. Es wäre -auch das größte Unglück für uns, wenn das Volk dem -Verbrecher sagen würde: „Du bist unschuldig, denn es -gibt kein Verbrechen.“ Und daß das Volk noch so denkt, -das ist unsere Hoffnung, ist der Grund, weshalb wir -unseren Glauben an unsere Zukunft nicht aufzugeben -brauchen. -</p> - -<p> -Ich habe im Zuchthaus unter vielen Verbrechern -gelebt, doch habe ich unter ihnen nicht einen gesehen, -der sich nicht selbst für einen Verbrecher gehalten hätte. -Niemand sprach von seinem Verbrechen. Niemand -murrte wider seine Strafe. Wenn einmal ein Neuling -mit seiner verbrecherischen Tat prahlen wollte, so erteilten -ihm alle Sträflinge einstimmig einen barschen -Verweis. Man sprach einfach nicht von seinem Verbrechen. -Doch sicherlich gab es nicht Einen unter -ihnen, dem eine lange Zeit seelischen Leidens, reinigender -und aufrichtender Reue erspart geblieben war. -Ich habe sie einsam grübeln, habe sie in der Kirche -beten gesehn, habe manches vielverratende Wort gehört -<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> -und erinnere mich noch des Ausdrucks ihrer Gesichter, -– oh, man glaube mir, da war nicht einer unter -ihnen, der sich in seiner Seele schuldlos gefühlt -hätte! -</p> - -<p> -Ich möchte nicht, daß meine Worte als Ausdruck -von Grausamkeit aufgefaßt werden, wenn ich behaupte, -daß nur durch strenge Bestrafung, durch Gefängnis -und Zwangsarbeit die Hälfte aller Verbrecher -gerettet werden kann. Die Strafe bedrückt nicht, wie -man meint, sondern erleichtert. Selbstreinigung durch -Leid ist leichter, leichter als das Los, welches man -ihnen bereitet, wenn man sie vollkommen freispricht. -Man nimmt ihnen damit nur die Möglichkeit, sich zu -bessern, und pflanzt in ihre Seele Zynismus, läßt -in ihnen eine verfängliche Frage offen und ruft ihren -Spott über die Richter hervor. Man erreicht damit -nur, daß der Verbrecher selbst irre wird an den Dingen. -„Freilich,“ wird er sich sagen, „sie haben ja recht -mit dem Freispruch; wenn ich in Not war, wie sollte -ich da nicht stehlen?“ Die Hauptsache aber ist, daß dadurch -der Glaube an die Gerechtigkeit und die Volkswahrheit -erschüttert wird. -</p> - -<p> -In den letzten Jahren, die ich im Auslande verbrachte, -hat mir oft das Herz geschmerzt, wenn ich dort -unsere Emigranten und Absentisten sah, deren Kinder -die Muttersprache kaum verstanden oder schon verlernt -hatten. Aber bisweilen, wenn ich den Lesesaal nach der -Lektüre unserer Zeitungen verließ, konnte ich – bei -Gott, meine Herren – unsere Absentisten verstehen. -Mein Herz krampfte sich zusammen, wenn ich las, wie -das in Rußland neueingeführte Geschworenengericht -<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> -sich „bewährte“! Es wurde nur freigesprochen – eine -Frau, die ihren Mann erschossen, ein Jüngling, der -die Kasse bestohlen, um seine Geliebte zu bezahlen, ein -Bauer, der sein Weib solange und so grausam mißhandelt -hatte, bis das Weib sich erhängte – kurz, sie wurden -alle für unschuldig erklärt. Und wenn das noch -wenigstens Menschen gewesen wären, die ein besonderes -Mitleid oder Nachsicht verdient hätten! Aber nein!! -Deshalb konnte ich mir auch den Grund des Freispruchs -nie erklären. Der Eindruck war bedrückend, nahezu -beleidigend. In diesen bösen Augenblicken erschien -mir Rußland bisweilen wie ein Sumpf, ein Moor, -auf dem sich’s jemand hat einfallen lassen, einen Palast -zu bauen. Von oben gesehen ist der Boden scheinbar -fest und glatt, in Wirklichkeit aber ist er wie ein -Brei. Tritt man auf ihn, so versinkt man in eine bodenlose -Tiefe. Ich machte mir heftige Vorwürfe wegen -meines Kleinmuts und tröstete mich damit, daß ich -mich als Kritiker aus der Ferne immerhin täuschen -konnte. -</p> - -<p> -Doch jetzt bin ich wieder in Rußland ... -</p> - -<p> -„Ja, sprechen sie überhaupt aus Mitleid frei?“ – -das ist nun die Frage! Lachen sie nicht darüber, daß -ich ihr eine solche Bedeutung zuschreibe. „Mitleid“ ist -doch immerhin noch irgendwie zu erklären, es läßt wenigstens -die eine oder andere Deutung zu. Wenn es -aber nun nicht Mitleid ist? -</p> - -<p> -Dann steht man wie vor einer Finsternis, in der -irgendein Wahnsinniger lebt. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-2"> -<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -<span class="firstline">Der Büßer</span><br /> -(1873) -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> unseren russischen Klöstern gibt es, wie man -weiß, auch jetzt noch unter den Mönchen manche Asketen -und Heilige, Beichtväter und Ratgeber. Ob das -nun gut oder schlecht ist, ob man der Mönche bedarf -oder nicht – diese Frage wollen wir hier nicht erörtern. -Es soll zwar nicht zeitgemäß sein, von Mönchen -zu reden, doch können wir nicht umhin, es hier trotzdem -zu tun, da das Folgende ein Mönch erzählt hat. Diese -Beichtväter und Ratgeber sind bisweilen hochgebildete -Menschen, Menschen mit einem tiefen Verstande. Wenigstens -wird so von ihnen berichtet, ich kenne sie nicht. -Einige von ihnen, sagt man, seien in ganz Rußland -bekannt, und aus den fernsten Gegenden kämen die -Menschen zu ihnen, oft sogar zu Fuß aus Archangelsk, -aus Sibirien, aus dem Kaukasus. Wer zu ihnen kommt, -den treibt eine Verzweiflung, mit der die eigene Seele -nicht mehr kämpfen kann, oder auf dem Gewissen dieser -Menschen ruht eine so furchtbare Schuld, daß sie mit -ihrem Geistlichen in der Heimat nicht darüber sprechen -mögen – nicht aus Angst oder Mißtrauen, sondern -weil die Verzweiflung ihnen jeden Glauben an eine -Vergebung ihrer Sünde genommen hat. Hören sie dann -zufällig von einem solchen fernen, trostspendenden -Beichtvater, dann machen sie sich auf und pilgern zu -ihm. -</p> - -<p> -So hat nun einer von diesen Mönchen in einem -<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> -Gespräch unter vier Augen seinem Zuhörer folgendes -erzählt: -</p> - -<p> -„Schon seit zwanzig Jahren höre ich Beichten, und, -werden Sie es mir glauben, in zwanzig Jahren lernt -man so viele verborgene Krankheiten der Menschenseele -kennen, daß einen, wie man meinen sollte, nichts -mehr wunder nehmen könnte. Und dennoch kommt es -vor, daß man selbst nach zwanzig Jahren erschauert -beim Anhören manch einer Schuld. Man verliert die -Gemütsruhe, die erforderlich ist, um dem Verzweifelten -Trost geben zu können, und man muß sich selber zu Demut -und Vertrauen zwingen.“ -</p> - -<p> -Und hierauf hat er folgende unglaubliche Geschichte -aus dem Volksleben erzählt: -</p> - -<p> -... Ich sehe, ein Bauer kommt auf den Knien zu -mir gekrochen. Ich hatte schon vom Fenster her gesehen, -wie er draußen auf der Erde kriechend näher kam. -Sein erstes Wort zu mir war: -</p> - -<p> -„Für mich gibt es keine Rettung mehr: bin verdammt! -Was du auch sagst, ich weiß: ich bin verdammt!“ -</p> - -<p> -Ich versuchte, ihn einigermaßen zu beruhigen. Ich -sah, daß der Mensch weither gekommen war, weil es -ihn nach Strafe und Leiden für sein Vergehen verlangte. -</p> - -<p> -„Wir kamen im Dorf mehrere Burschen zusammen,“ -begann er, „und da fingen wir an unter uns zu streiten, -wer den anderen in Frechheit überbieten könne. -Ich prahlte, daß ich sie alle ausstechen würde. Da zog -mich ein anderer Bursche beiseite und sagte mir unter -<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> -vier Augen: ‚Hör mal, das kannst du nie und nimmer, -was du da sagst. Du prahlst ja nur.‘“ -</p> - -<p> -„Ich wollte schon schwören, aber er unterbrach -mich: ‚Nein, wart,‘ sagte er, ‚nicht so. Du schwöre mir -<em>bei deinem Seelenheil</em> in jener Welt, daß du -alles tun wirst, was ich dir sagen werde.‘“ -</p> - -<p> -„Ich schwor.“ -</p> - -<p> -„‚Gut,‘ sagte er. ‚Bald haben wir Fasten. Bereite -dich zum Abendmahl vor. Die Hostie nimm, aber verschluck -sie nicht. Wenn du dann aufstehst – tritt zur -Seite, nimm sie aus dem Munde und behalt sie in der -Hand. Das weitere werde ich dir dann sagen.‘“ -</p> - -<p> -„So tat ich auch. Aus der Küche führte er mich -geradewegs in den Gemüsegarten. Nahm einen Pflock, -stieß ihn in die Erde und sagte: ‚Leg’ hin!‘ Ich legte -die Hostie auf den Pflock. ‚Jetzt geh und hol eine -Flinte,‘ sagte er. Ich ging und holte sie. ‚Lad’ sie,‘ sagte -er. Ich lud. ‚Ziele und schieß.‘ Ich erhob die Hand und -zielte. Und da – wie der Schuß fiel, stand plötzlich vor -mir das Kreuz mit dem Gekreuzigten. Da fiel ich bewußtlos -hin ...“ -</p> - -<p> -Zugetragen hatte sich das schon mehrere Jahre vor -der Beichte. Den Namen dieses Pilgers wie auch die -Strafe, die er ihm auferlegt, hat der Pater natürlich -nicht gesagt. Wahrscheinlich hat er die Seele dieses -Menschen mit einer furchtbaren Buße belastet, vielleicht -sogar mit einer, die fast über menschliche Kraft -ging, in der Erwägung, daß, je schwerer die Strafe, -sie um so eher das Gewissen erleichtern werde. „... weil -es ihn doch nach Strafe und Leiden für sein Vergehen -verlangte ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> -Dieser Fall verdient es entschieden, näher betrachtet -zu werden, ja er ist sogar äußerst charakteristisch. -Ich bin immer der Meinung gewesen, daß das letzte -Wort gerade diese Menschen aussprechen werden, diese -reuigen oder auch nicht reuigen, bußfertigen oder unbußfertigen; -sie werden es sagen und uns den neuen -Weg weisen, den neuen Weg ins Freie aus allen unseren -anscheinend vollkommen unlösbaren Problemen. -Es wird doch nicht Petersburg unser russisches Schicksal -endgültig entscheiden. Deshalb aber ist jeder, ja -sogar jeder geringste <em>neue</em> Zug dieser „neuen Menschen“ -unserer Aufmerksamkeit wert. -</p> - -<p> -Erstens, was mich am meisten wundert, das ist der -Anfang des Ganzen, die Möglichkeit eines solchen -Streites und Wettkampfes in einem russischen Dorf: -wer den anderen in Frechheit überbieten könne. Es ist -das eine Tatsache, die auf furchtbar vieles hindeutet, -und ich muß sagen, daß sie für mich eine sogar ganz -unerwartete Erscheinung ist – ich habe doch genug -Menschen aus dem Volk gesehen, sogar die charakteristischsten -Verbrecher und Sträflinge. -</p> - -<p> -Ferner ist die, sagen wir, krankhafte Seite des Vorfalls -bemerkenswert. Halluzinationen sind eine vornehmlich -krankhafte Erscheinung und zugleich hört man -von dieser Krankheit nur sehr, sehr selten. Die Möglichkeit -einer plötzlichen Halluzination bei einem, wenn -auch sehr erregten, aber immerhin ganz gesunden Menschen -ist an sich bisher vielleicht noch nicht vorgekommen. -Doch das ist eine medizinische Frage, von der ich -wenig verstehe. -</p> - -<p> -Etwas ganz anderes ist es mit der psychologischen -<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> -Seite des Falles. Da erscheinen vor uns zwei Charaktere, -die in hohem Maße für das ganze russische -Volk typisch sind! Da ist vor allen Dingen dieses Vergessen -eines jeden Maßes bezeichnend (doch ist das, wohlgemerkt, -fast immer nur eine zeitweilige Erscheinung, -gleichsam eine vorübergehende Anfechtung). Da ist dieses -Bedürfnis, über das Maß hinauszugreifen, das Bedürfnis -nach herzbeklemmenden Empfindungen, das Verlangen, -an einen Abgrund heranzugehen, sich mit dem -halben Körper schon über den Rand zu beugen, in die -schaudervolle Tiefe zu blicken und – sehr oft oder wenigstens -in nicht seltenen Fällen – sich wie ein Wahnsinniger -mit dem Kopf voran in die Tiefe zu stürzen. -Das ist das Verneinungsbedürfnis im russischen Menschen, -bisweilen sogar in einem durchaus nicht verneinenden, -sondern in einem ehrfürchtig alles bejahenden -Menschen – die Verneinung von allem, selbst des -größten Heiligtums des eigenen Herzens, seines höchsten -Ideals, des ganzen Volksheiligtums, vor dem er -soeben noch ehrfurchtsvoll gekniet, das aber dann plötzlich -gleichsam zu einer unerträglichen Last für ihn wird. -Auffallend ist dabei namentlich jene Hast, jener unbezwingbare -Drang, in dem der Russe sich in manchen -Augenblicken seines eigenen oder des ganzen Volkslebens -zu äußern beeilt, wenn der Augenblick einer -von jenen ist, die den Charakter des Menschen herausfordern -– gleichviel ob es in einer guten oder in einer -unflätigen Tat geschieht. Mitunter gibt es für ihn -dann überhaupt keine Schranken mehr. Was es auch -sei, Liebe, Wein, Eigenliebe, Neid oder die tolle Stimmung -eines Gelages – da gibt sich mancher Russe -<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> -rückhaltlos dem Augenblick hin, ist imstande, alles zu -zerreißen, zu vernichten, von allem sich loszusagen, von -der Familie, von den Sitten, von Gott. Manch ein -herzensguter Mensch kann plötzlich zum Tier und -Verbrecher werden, wenn er einmal in diesen Wirbel -hineingerät – in diesen für uns verhängnisvollen -Wirbel momentaner, konvulsivischer Selbstverneinung -und Selbstzerstörung, die dem russischen Volkscharakter -seit jeher zu seinem Verhängnis eigen sind. -Aber mit ebensolcher Kraft, mit ebenso großem Ungestüm -im Verlangen nach Selbsterhaltung und Buße -versteht es das ganze Volk, wie auch der einzelne Russe, -sich selber wieder zu retten, und er rettet sich gewöhnlich -gerade in dem Augenblick, wenn er schon bei der -letzten Grenze angelangt ist, d. h. wenn er nirgendwohin -mehr weitergehen kann. Doch besonders bezeichnend ist -es, daß der Rückschlag – der die Wiederherstellung, -die Rettung zur Folge hat – immer ernster ist als der -erste Stoß, der ihn zur Verneinung und Selbstvernichtung -treibt. Jene erste Anwandlung ist eben immer -eine Art Kleinmut oder eine Laune, während der Rückschlag -mit der Wiederherstellung und Rettung aus -eigener Kraft immer etwas Großes ist: und ihm gibt -sich der russische Mensch mit der größten, gewaltigsten -und ernstesten Anstrengung hin und blickt dann -auf seine frühere Verneinung mit Selbstverachtung -zurück. -</p> - -<p> -Ich glaube, das hauptsächlichste, das ursprünglichste -geistige Bedürfnis des russischen Volkes ist das Bedürfnis -zu leiden, ewig und unersättlich, überall und -in allem. Dies Lechzen nach Leid hat es, wie mir -<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> -scheint, schon von jeher in sich gehabt. Wie ein leidtragender -Strom zieht es durch seine ganze Geschichte, -und zwar nicht nur in Gestalt äußeren Unglücks und -verschiedener Heimsuchungen, vielmehr entspringt seine -Quelle dem lebendigen Herzen des Volkes. Sogar im -Glück des Russen, sowohl des einzelnen wie des ganzen -Volkes, ist unbedingt ein Teil Leid enthalten, anderenfalls -ist für ihn das Glück nicht vollständig. Niemals, -nicht einmal in den Stunden der größten Triumphe, -die seine Geschichte kennt, hat das russische Volk -ein stolzes oder triumphierendes Aussehen, sondern -nur ein, bis zum Leid ergriffenes; es atmet wohl auf, -aber den Ruhm schreibt es der Gnade Gottes zu. Im -Leid findet das russische Volk gleichsam einen Genuß. -Und was vom ganzen Volk gilt, gilt auch vom einzelnen -Russen, natürlich nur im allgemeinen gesprochen. -Man betrachte z. B. die zahlreichen Typen des randalierenden -Russen. Es ist bei ihm nicht nur übermäßige -Ausgelassenheit, deren Schrankenlosigkeit oder Frechheit -einen wundernimmt oder einen durch die Tiefe -des Falles einer Menschenseele anwidert. Dieser -widerliche Mensch ist in erster Linie selber ein Märtyrer. -Eine naiv triumphierende Selbstzufriedenheit, -eine satte Gespreiztheit ist einem Russen nie eigen, nicht -einmal einem dummen. Man vergleiche einen russischen -Betrunkenen mit – nun, meinetwegen mit einem deutschen: -der betrunkene Russe ist vielleicht gemeiner als -der betrunkene Deutsche, doch ist dieser zweifellos dümmer -und komischer als der Russe. Die Deutschen sind -ein vornehmlich selbstzufriedenes, auf sich stolzes Volk. -Im betrunkenen Deutschen pflegen nun diese Grundzüge -<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> -des Volkscharakters an Ausgeprägtheit proportional -dem Quantum des getrunkenen Bieres zuzunehmen. -Der betrunkene Deutsche ist ein zweifellos -glücklicher Mensch und denkt nicht daran, zu weinen; -statt dessen singt er selbstgefällige Lieder und ist stolz. -Er kommt stocksteif besoffen nach Haus, aber er ist dabei -stolz! Der russische Trinker dagegen trinkt gewöhnlich -aus Leid und weint nachher. Oder wenn er auch -großtut, so ist das doch kein Triumphieren, sondern nur -ein Randalieren. In der Regel fällt ihm dann irgendeine -ihm widerfahrene Kränkung ein und er fängt an, -dem Beleidiger, gleichviel, ob dieser zugegen ist oder -nicht, bittere Vorwürfe zu machen. Schließlich beweist -er ihm mit Nachdruck, daß er womöglich ein General sei, -schimpft dabei aufrichtig, wenn man ihm nicht glaubt, -bis er zu guter Letzt, um alle zu überzeugen, unbedingt -nach der Polizei schreit. Aber er ist ja nur deshalb -so, ruft auch nur deshalb nach der Polizei, weil -er in den geheimsten Tiefen seiner betrunkenen Seele -nur zu gut weiß, daß er ganz und gar kein -General, sondern nur ein ekelhafter Säufer und -tiefer gesunken ist als das niedrigste Vieh. -Was wir hier im mikroskopischen Beispiel sehen, -sehen wir auch im großen Ganzen. Selbst der -größte Schandkerl, der fast schön ist in seiner -Frechheit, in seiner eleganten Lasterhaftigkeit, so daß -ihn die Dummköpfe sogar nachäffen, selbst dieser fühlt -in den verborgensten Tiefen seiner verderbten Seele, daß -er doch nur ein Nichtswürdiger ist. Er ist unzufrieden -mit sich, die bittere Selbsterkenntnis nagt an seinem -Herzen, und dafür rächt er sich an den anderen. Er -<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -martert sich, er tobt gegen sich und alles Gute in ihm -und um ihn, bis er, unter ständigem Kampf gegen den -in seinem Herzen sich ansammelnden Schmerz und doch -zugleich sich wie daran berauschend, diese letzte Grenze -erreicht. Wenn er aber dann, schon über dem Abgrund -hängend, sich doch noch aufzurichten vermag, so -straft er sich selbst am grausamsten, straft er sich mehr -als andere es je könnten. -</p> - -<p> -Was trieb diese Burschen in den Streit: „Wer -den anderen an Frechheit überbieten könne?“ Und -warum wählte der Bursche gerade diese Tat zur Prüfung -der Vermessenheit des anderen? Er hätte doch auch -eine andere Tat wählen können, etwa die Ermordung -einer hochgestellten Persönlichkeit oder sonst einen ganz -besonderen Mord, denn der Bursche hatte doch geschworen, -daß er „<em>zu allem</em>“ bereit sei, und sein Versucher -wußte, daß er tatsächlich „alles“ tun werde, was er -von ihm als Beweis seiner Vermessenheit verlangte. -Doch nein! Selbst die schrecklichsten Verbrechen scheinen -dem Versucher nicht schrecklich genug zu sein. Er -denkt sich etwas noch nie Dagewesenes, etwas Unerhörtes -aus, woran noch nie jemand gedacht hat! Doch das, -daß er gerade in dieser Tat das Unerhörteste, das Vermessenste -sah, gerade das verrät die ganze Weltanschauung -unseres Volkes! -</p> - -<p> -Ich sagte – „woran noch nie jemand gedacht hat“. -Ist es so? Nein, denn alles beweist, daß er sich schon -lange mit diesem Gedanken beschäftigt haben muß. -Vielleicht war schon in seiner Kindheit dieser Traum -in seine Seele gekrochen, hatte sie mit Schrecken erfüllt -und gequält – und diese Qual war für ihn vielleicht -<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -zum Genuß geworden. Er hatte sich das alles -vielleicht schon lange zuvor ausgedacht – die Flinte, -die Hostie – und nur als tiefstes Geheimnis in sich -bewahrt. Selbst hätte er es vielleicht nicht zu tun gewagt, -er spielte nur mit dieser Vorstellung, die ihm gefiel, -die ihn verführte, der er nachgab. Eine Sekunde -lang unerhörteste Vermessenheit – und wenn’s die -Seele kostet! – doch dafür eine Sekunde über diesem -Abgrund! Natürlich glaubte der Bursche, daß er -für diese Tat ewig verdammt sein werde, aber – das -Wagnis war doch zu verführerisch. -</p> - -<p> -Man kann vieles unbewußt wissen, indem man es -nur fühlt, aber nicht weiß. Jedenfalls ist dieser Verführer -ein interessantes Seelenproblem, und dabei nicht -zu vergessen, daß er ein Bauer war, unter Bauern -lebte! Gerade das ist es, was einen am meisten überrascht. -Auch wäre es interessant, zu erfahren, ob er, -der Verführer, sich für schuldiger hielt als sein Opfer. -Es ist anzunehmen, daß er es tat, oder wenigstens -wird er sich für ebenso schuldig betrachtet haben – so -daß er, als er den anderen Burschen herausforderte, -zugleich sich selbst herausforderte. -</p> - -<p> -Man sagt, das russische Volk kenne kaum das Evangelium, -kenne nicht einmal die Grundlehren seines -Glaubens. Mag sein, doch dafür kennt es Christus und -trägt ihn seit jeher im Herzen. Das ist über jeden -Zweifel erhaben! Wie aber eine richtige Auffassung -von Christus ohne vorhergegangenen Religionsunterricht -möglich ist, das ist eine andere Frage?! Jedenfalls -hat das Volk dieses Gefühl für Christus von Generation -zu Generation vererbt, und so ist es gleichsam -<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> -eins geworden mit seinem Herzen. Vielleicht ist -Christus die einzige Liebe des russischen Volkes, das -ihn eben auf seine Art liebt, d. h. bis zur Qual. Deshalb -ist ihm auch die liebste seiner Benennungen „das -rechtgläubige Volk“, wie es sich denn vor allen anderen -Völkern auf die richtigste Weise zu Christus bekennt. -Es ist zugleich das einzige, worauf unser Volk -stolz ist. Ich wiederhole – man kann vieles unbewußt -wissen. -</p> - -<p> -Und nun: gerade an diesem Volksheiligtum sich zu -versündigen, mit der ganzen Überlieferung, mit der -ganzen Umgebung, mit der Erde selbst, mit allen und -allem zu brechen und sich selbst unrettbar, auf ewig -ins Verderben zu stürzen <em>für diesen einen Augenblick -des Triumphes und Stolzes</em> – -nein, eine größere Versuchung hätte der russische Mephisto -wahrlich nicht ersinnen können! Schon die bloße -Möglichkeit so dunkler, geheimnisvoller und vielverschlungener -Regungen in der Seele eines einfachen -Bauern macht einen stutzig! Und dabei nicht zu vergessen, -daß sich das alles in diesem Burschen doch fast -bis zur bewußten Idee entwickelt hatte. -</p> - -<p> -Ein anderes ist folgendes. Menschen können freilich -bis zum Tierischen gefühllos sein, doch hier handelt -es sich nicht um Gefühllosigkeit, sondern um etwas -ganz Besonderes: um den mystischen Schrecken, der die -größte Macht über die Menschenseele hat. Daß es sich -in diesem Fall tatsächlich um eine mystische Angst gehandelt -hat, steht nach dem ganzen Verlauf der Begebenheit -wohl außer Frage. Die starke Seele des -Burschen konnte zunächst noch gegen diese Angst ankämpfen. -<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> -Übrigens – war das ein Beweis von -Stärke oder von ängstlichem Kleinmut? Vermutlich -wird es sowohl das eine wie das andere gewesen sein: -eine Mischung der Gegensätze. Diese mystische Angst -hat dann den Kampf noch verlängert, indem sie vom -Herzen des Sünders das natürliche Empfinden fernhielt. -Das Gefühl der Angst ist grausam, es verhärtet -das Herz und panzert es gegen jede weiche oder hochherzige -Regung. So konnte der Bursch die Tat vollbringen. -Doch warum erschlug der Gepeinigte nicht -seinen Peiniger? -</p> - -<p> -Das ist es eben, daß sowohl bei diesem wie bei jenem -in der Tiefe der Seele dasselbe Gefühl gewesen -sein muß, so daß sie beide eine gewisse höllische Lust -am eigenen Verderben empfunden haben werden – als -sie dem atemraubenden Verlangen nachgaben, sich über -diesen Abgrund zu beugen – und einen gewissen erschütternden -Genuß von ihrer eigenen Vermessenheit. -</p> - -<p> -Und da – im Augenblick, als die Tat geschehen -war – steht plötzlich die Erscheinung des Gekreuzigten -vor ihm! -</p> - -<p> -Sein Herz hatte ihn gerichtet. Warum nicht sein -Bewußtsein, warum zeigte ihm nicht sein Verstand die -ganze Kleinlichkeit der Tat, die er für Kühnheit gehalten -hatte, warum erblickte er das Gericht in der -Gestalt einer Erscheinung, die doch wie von außen vor -ihn hintrat, gleichsam unabhängig von seinem Geist -und Gewissen? Das zu erklären, wäre eine große psychologische -Aufgabe. Doch für ihn, den Verbrecher, war -es natürlich ein Wunder des Herrn. Als Büßer kroch -er über die Erde im Verlangen nach Strafe. -</p> - -<p> -<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> -Der andere aber, der Versucher? Von ihm hatte der -Büßer nichts gesagt und wir wissen nicht, was aus -ihm geworden ist. Vielleicht kroch auch er auf den Knien, -vielleicht aber ... blieb er im Dorf und lebt dort noch -heute, trinkt und lacht und spottet an den Feiertagen -nach wie vor. Die Erscheinung war ja nicht ihm erschienen! -Oder? ... Es wäre doch sehr wesentlich, näheres -auch über ihn zu erfahren, so – als Studienmaterial. -</p> - -<p> -Ja, es wäre wesentlich. Denn man fragt sich doch -unwillkürlich: wie aber, wenn dieser nun der unverfälschte -Dorfnihilist war? der einheimische Verneiner -und Denker, der an nichts glaubt, der sich mit hochmütigem -Lächeln ein Versuchsobjekt aussucht, einer, der -mit seinem Opfer weder Mitleid hat noch bei der Ausführung -der Tat zittert, sondern mit kalter Beobachtungslust -das Beben und Zittern seines Opfers verfolgt? -einzig aus dem Verlangen heraus, fremde Qualen -zu sehen, oder Menschen in der Erniedrigung, weiß -der Teufel – vielleicht sogar zu einer Art von wissenschaftlicher -Erforschung? -</p> - -<p> -Wenn solche Züge sogar schon in unserem Volkscharakter -vorhanden sind, unter den Landleuten – so -ist das allerdings eine etwas überraschende Entdeckung. -Früher hat man nie ähnliches vernommen. -</p> - -<p> -Die Bedeutung dieses ganzen Vorfalls liegt darin, -daß er nicht von einem Dichter erdacht ist, sondern daß -sich tatsächlich alles so zugetragen hat: es dürfte -wahrlich nicht müßig sein, einmal in die Seele unseres -zeitgenössischen Büßers zu schauen. Unsere Büßer -verändern sich schnell. Dort unten im Volk gärt es seit -der Aufhebung der Leibeigenschaft ebenso wie oben in -<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> -der Gesellschaft. Der Riese erwacht und dehnt seine -Glieder; vielleicht will er zu toben anfangen, will -schrankenlos sich ausleben ... Man sagt, er tue es bereits; -man spricht von Räubern und Verbrechern, von -Trunksucht, von betrunkenen Kindern, betrunkenen -Müttern, von Zynismus, von Armut, Unredlichkeit, -von Gottlosigkeit ... Doch erinnern wir uns dieses -Büßers und seien wir voll Zuversicht: im letzten Augenblick -wird sich die ganze Lüge – wenn hier wirklich -Lüge ist – aus dem Herzen des Volkes herausreißen, -und vor sich wird es eine überirdische Erscheinung sehen. -Dann wird das Volk zu sich kommen und sich auf -seine göttlichen Aufgaben besinnen. Jedenfalls wird -es sich selbst retten, wenn es wirklich bis zum Rande -des Verderbens mit ihm kommen sollte. Sich selbst und -auch uns wird es retten, denn wieder sei es gesagt: das -Licht und die Rettung werden von unten kommen. -</p> - -<p> -Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft ist in der -Tat die Periode Peters in der Geschichte Rußlands abgeschlossen: -nun leben wir in der größten Ungewißheit -... -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-3"> -<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> -<span class="firstline">Selbstmord und Unsterblichkeit</span><br /> -(1876) -</h3> - -</div> - -<p class="pre2 first"> -<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„...</span></span> <span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> der Tat: welch ein Recht hatte diese Natur, -mich in die Welt zu setzen, infolge dort irgendwelcher -ewigen Naturgesetze? Ich bin mit Erkenntnisfähigkeit -erschaffen und habe diese Natur <em>erkannt</em>: welches -Recht hatte sie, mich ohne meinen Wunsch und Willen -erkenntnisfähig zu erschaffen? Erkennend, folglich -leidend, ich aber will nicht leiden – denn warum sollte -ich einwilligen zu leiden? Die Natur spricht zu mir durch -meine Erkenntnis von einer gewissen Harmonie -innerhalb des Ganzen. Die menschliche Erkenntnis hat aus -dieser Verkündung Religionen gemacht. Sie sagt mir, daß -ich – obschon ich genau weiß, daß ich an der ‚Harmonie -des Ganzen‘ nicht mitwirken kann und auch niemals -mitwirken werde, ja überhaupt nicht begreifen werde, -was sie denn nun eigentlich ist und bedeutet – sagt mir, -daß ich mich aber dennoch dieser Verkündung unterwerfen, -mich bescheiden, das Leid im Hinblick auf die Harmonie -des Ganzen auf mich nehmen und zu leben einwilligen -soll. Wenn man dagegen selbst und bewußt wählen -könnte, so würde ich doch selbstverständlich lieber -nur in dem kurzen Augenblick, den mein Leben währt, -d. h. solange <em>ich</em> existiere, glücklich sein wollen, da doch -das Ganze und seine Harmonie mich absolut nichts -angehen, sobald ich aufhöre zu sein – gleichviel ob -dieses Ganze nach meinem Tode mit seiner Harmonie -erhalten bleibt oder ob es gleichzeitig mit mir zu existieren -<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> -aufhört. Und wozu sollte ich mich so um seine Erhaltung -nach meinem Tode sorgen? – das ist die -Frage! Da wäre es doch besser, ich wäre wie alle Tiere -erschaffen, d. h. lebend, jedoch ohne vernunftgemäße -Erkenntnis – meine Erkenntnis ist ja nicht Harmonie, -sondern ist Disharmonie, denn ich bin mit ihr unglücklich. -Man betrachte nur einmal daraufhin die -Menschen: wer ist denn glücklich in der Welt und was -für Leute sind es denn, die <em>widerspruchslos</em> leben? -– Gerade diejenigen, die den Tieren ähneln, die -infolge der geringen Entwicklung ihres Bewußtseins -dem Tier am nächsten stehen. Sie willigen gern ein, zu -leben, aber gerade unter der Bedingung, wie Tiere zu -leben, nämlich fürs Essen, Trinken, Schlafen, Nesterbauen -und Kinder-in-die-Welt-Setzen. Essen, Trinken -und Schlafen nach Menschenart heißt im allgemeinen -erwerben und rauben, ein Nest einrichten aber schon -unbedingt rauben. Man wird vielleicht einwenden, daß -man sein Nest auch auf vernünftigen, wissenschaftlich -einwandfreien sozialen Prinzipien aufbauen könne und -durchaus nicht zu rauben brauche, wie es bisher der -Fall war. Möglich, aber ich frage: ‚wozu? Wozu -erwerben und bauen und sich soviel Mühe geben, um -sich in der Gesellschaft der Menschen richtig, um sich vernünftig -und sittlich, kurz – gerecht einzurichten?‘ Darauf -vermag mir natürlich niemand eine Antwort zu geben. -Alles, was man mir darauf antworten könnte, -wäre: ‚um sich Genuß zu verschaffen.‘ Ja, wenn ich -eine Blume oder eine Kuh wäre, dann gäbe es für mich -vielleicht auch einen Genuß. Indem ich mir aber, wie -jetzt, unaufhörlich Fragen vorlege, kann ich nicht glücklich -<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -sein, nicht einmal im höchsten und <em>unmittelbarsten</em> -Glück der Liebe zum Nächsten und der Liebe -der Menschheit zu mir, denn ich weiß, daß morgen -schon alles dieses nicht mehr sein wird, sowohl ich wie -dieses ganze Glück und die ganze Liebe und die ganze -Menschheit – daß wir uns in ein Nichts verwandeln -werden oder wieder in das anfängliche Urchaos. Unter -einer solchen Bedingung aber kann ich um keinen -Preis ein Glück annehmen – nicht aus Unlust, es anzunehmen, -nicht aus Eigensinn um eines Prinzips willen, -sondern einfach deshalb, weil ich weder glücklich -sein kann noch werde, solange ich weiß, daß mich morgen -das Nichtsein erwartet. Das ist eben eine Gefühlssache, -ein ganz unmittelbares Gefühl, das ich -nicht bewältigen kann. Nun gut, wenn ich allein sterben, -und wenn dafür die Menschheit an meiner Statt -ewig weiterleben würde, dann wäre ich vielleicht immerhin -getröstet. Aber unser Planet ist doch nicht ewig -und die Lebensdauer der ganzen Menschheit ist im Verhältnis -zur Ewigkeit genau solch ein Augenblick wie mein -Einzelleben. Und wie vernünftig, wie herrlich, wie gerecht -und heilig die Menschheit auf Erden sich auch -immer einrichtete – es wird morgen doch alles dieselbe -Null sein. Und wenn das auch alles da aus irgendeinem -Grunde notwendig ist, infolge irgendwelcher -allmächtiger, ewiger und toter Naturgesetze, so ist doch, -ich versichere Sie, in diesem Gedanken eine gewisse allertiefste -Nichtachtung der Menschheit enthalten, die -für mich tief beleidigend und um so unerträglicher ist, -als es hier keinen Schuldigen gibt. -</p> - -<p> -„Und schließlich, wenn man dieses Märchen von -<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> -der endlich mal nach vernünftigen und wissenschaftlichen -Grundsätzen eingerichteten Menschheit auf Erden -als möglich annimmt und an seine dereinstige Verwirklichung -glaubt, d. h. an das zukünftige Menschenglück -auf Erden glaubt – so ist doch schon -der bloße Gedanke, daß die Natur infolge irgendwelcher -ihrer trägen Gesetze es nötig hatte, den -Menschen Jahrtausende zu quälen, bevor sie ihn -zu diesem Glück brachte, schon unerträglich und empörend. -Jetzt füge man noch hinzu, daß dieselbe Natur, -die dem Menschen endlich einmal ein Glück gewährt, -all das morgen schon aus irgendeinem Grunde in eine -Null verwandeln muß, ungeachtet aller Leiden, mit denen -die Menschheit für dieses Glück gezahlt hat, und -ohne mir und meiner Erkenntnis das zu verbergen, wie -sie es einer Kuh verbirgt, – so kommt einem unwillkürlich -ein äußerst spaßiger, aber auch unerträglich trauriger Gedanke: -‚Nun, wie, wenn der Mensch nur als ein unverschämter -Versuch in die Welt gesetzt worden ist, nur -um zu sehen, ob sich ein solches Wesen auf der Erde -einleben kann oder nicht?‘ Das Traurige dieses Gedankens -besteht hauptsächlich darin, daß es wiederum -keinen Schuldigen gibt, es ist niemand da, der den -Versuch anstellt, somit kann man niemanden verfluchen, -denn es ist alles infolge toter Naturgesetze entstanden, -die für mich vollkommen unbegreiflich sind -und mit denen sich meine Erkenntnis unter keinen Umständen -abfinden kann. <span class="antiqua">Ergo:</span> -</p> - -<p> -„Da ich auf meine Fragen nach dem Glück durch -meine eigene Erkenntnis von der Natur nur die Antwort -erhalte, daß ich nicht anders als einzig in der -<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -Harmonie des Ganzen glücklich sein kann, ich aber -diese Harmonie nicht verstehe und offenbar niemals zu -verstehen imstande sein werde – -</p> - -<p> -„Da die Natur mir nicht nur nicht das Recht abspricht, -von ihr Rechenschaft zu fordern, sondern mir -sogar überhaupt nicht antwortet – und das nicht deshalb, -weil sie etwa nicht antworten will, sondern deshalb, -weil sie nicht antworten kann – -</p> - -<p> -„Da ich mich überzeugt habe, daß die Natur mir -zum Beantworten meiner Fragen (mir unbewußt) -<em>mich selber</em> bestimmt hat, und mir auf meine Fragen -durch eine eigene Erkenntnis antwortet (denn ich -sage mir das doch alles selbst) – -</p> - -<p> -„Da ich bei einer solchen Einrichtung die Rolle sowohl -des Klägers wie des Beklagten, des Richters wie -des Angeklagten gleichzeitig auf mich nehme, diese Komödie -von seiten der Natur aber so dumm finde und -diese Komödie zu ertragen meinerseits sogar für erniedrigend -halte – -</p> - -<p> -„So verurteile ich in meiner fraglosen Eigenschaft -als Richter und Kläger und Beklagter diese Natur, die mich -so zeremonielos und unverschämt zum Leiden erschaffen -hat – mit mir zusammen zur Vernichtung ... Da ich aber -die Natur nicht vernichten kann, so vernichte ich mich allein, -einzig weil es mich langweilt, eine Tyrannei zu ertragen, -bei der es keinen Schuldigen gibt.“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Die Oktober-Nummer meines „Tagebuchs“ enthielt -diese Beichte eines Selbstmörders, sein letztes Wort -<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> -vor dem Tode, das er zur Rechtfertigung seiner Tat -und vielleicht auch zur „Erbauung“ niedergeschrieben -hatte. Einige meiner Freunde, deren Kritik ich sehr -schätze, äußerten sich durchaus beifällig über diesen -kleinen Aufsatz und meinten, es sei in ihm tatsächlich -die Formel für diese Art Selbstmörder gefunden, ihr -Wesen, ihr Gedankengang sei vollkommen klar ausgedrückt -... Nur eines flößte ihnen Bedenken ein: -ob auch jeder Leser den Aufsatz richtig verstehen werde, -oder ob man nicht eher das Gegenteil herauslesen -könne? Auch ich hatte das schon während des Schreibens -befürchtet, aber ich schämte mich, offen gestanden, -in meinem Leser so viel Naivität vorauszusetzen, -daß er die Absicht des Aufsatzes nicht durchschauen -könne, da sie meines Erachtens doch so greifbar ersichtlich -war. Leider war das ein Irrtum von mir. Denn -kaum war diese Nummer des Tagebuchs erschienen, als -ich sowohl schriftlich wie mündlich von Fremden und -von Bekannten gefragt wurde, was dieser Aufsatz -eigentlich zu bedeuten habe? „Was wollen Sie damit -gesagt haben? Ist es möglich, daß Sie den Selbstmord -verteidigen?“ lauteten die Fragen. Und nun erhielt ich -noch aus Moskau die letzte Nummer einer Wochenschrift -zugesandt, die eine mit „N. P.“ unterzeichnete, -man kann sagen, „höflich schmähende“ Kritik meines -kleinen Aufsatzes enthielt. -</p> - -<p> -Als ich diese Kritik gelesen hatte, verlor ich nahezu -allen Mut. Mein Gott, habe ich denn viele solcher Leser, -und glaubt denn dieser Herr N. P., der da behauptet, -mein Selbstmörder verdiene nicht das geringste -Mitleid, daß ich ihm diesen Selbstmörder zum „bemitleiden“ -<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -vorgestellt habe? Die persönliche Auffassung -des Herrn N. P. ist für mich natürlich nicht von solcher -Bedeutung, daß ich sie widerlegen müßte, obschon -Herr N. P. ein Typ zu sein scheint und wohl eine ganze -Schar Gleichgesinnter hinter ihm steht – er ist nämlich -der Typ einer ganz besonderen „unverfrorenen“ und -radikalen Menschensorte, ist der Vertreter eben der -„gußeisernen Begriffe“, von denen er in seiner Kritik -ausgeht. Wenn ich trotzdem meinem vor zwei Monaten -erschienenen Aufsatz eine Erklärung folgen lasse, so geschieht -dies nicht wegen der Kritik des Herrn N. P., -sondern weil ich schon vorher beschlossen hatte, es zu -tun, – ich war ja bereits, und nur zu bald belehrt -worden, daß ich meinen Gedanken noch erläutern und -sogar breittreten mußte. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Meine Studie über den Selbstmörder bezieht sich auf -die älteste und höchste Idee des Menschen: auf die -Notwendigkeit des Glaubens an die Unsterblichkeit der -Seele. Der Folgeschluß aus der Beichte dieses Selbstmörders, -der durch „logischen Selbstmord“ umkommt, -sollte sein: daß das Leben des Menschen ohne Glauben an -seine Seele und ihre Unsterblichkeit unnatürlich, undenkbar -und unerträglich ist. Und es schien mir allerdings, -daß ich die Formel des logischen Selbstmörders -gefunden und klar ausgedrückt hatte. -</p> - -<p> -Der Glaube an die Unsterblichkeit ist für diesen -Selbstmörder nicht vorhanden, was er gleich zu Anfang -vorausschickt. Die Überzeugung von der Zwecklosigkeit -seines Lebens und die Empörung über die Stummheit -<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> -des ihn umgebenden Weltalls führen ihn allmählich -und unvermeidlich zu der Überzeugung von der -vollständigen Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins -auf Erden. Es ist für ihn hiernach sonnenklar, daß nur -diejenigen Menschen, die den Tieren am nächsten stehen, -infolge der geringen Entwicklung ihres Bewußtseins -und der großen Entwicklung ihrer rein physischen -Bedürfnisse, <em>einwilligen</em> können, dieses Leben -anzunehmen. Oh, er weiß, daß dieses rein körperliche -Leben, essen, trinken, schlafen, Kinderzeugen und im -Warmen sitzen, den Menschen noch lange an die Erde -fesseln wird, wenn auch nicht in seinen höheren Typen. -Dabei sind es aber gerade diese höheren Typen, -die auf Erden herrschen und immer geherrscht haben, -und denen, wenn die Zeit erfüllt war, die Millionen -der anderen Menschen zu folgen pflegten. Was ist -das nun, dieses höhere Wort und der höhere Gedanke? Dieses -Wort, dieser Gedanke (ohne die das Leben der Menschheit -undenkbar ist) wird sehr oft von ganz armen, unbeachteten, -und sogar sehr oft verfolgten, in der Verbannung -umgekommenen oder in Unbekanntheit dahingehenden -Menschen zum erstenmal ausgesprochen. Doch -der Gedanke selbst, das einmal von ihnen ausgesprochene -Wort – die sterben nicht mit ihnen, sie verschwinden -niemals spurlos und können auch gar nicht verschwinden, -sobald sie einmal ausgesprochen sind ... Das -aber ist fast das Erstaunlichste an der Menschheit! Der -Gedanke eines Genies hat schon in der folgenden Generation -oder in zwei bis drei Jahrzehnten alle und -alles erfaßt und reißt alle und alles mit sich fort – -und das Ergebnis ist, daß nicht die Millionen Menschen -<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -und nicht die anscheinend so unerschütterlichen -und mächtigen materiellen Kräfte, nicht das Geld, nicht -das Schwert, nicht die Gewalt, sondern der anfangs so -unbeachtete Gedanke irgendeines äußerlich oft ganz unansehnlichen -Menschen bleibt und herrscht. Herr N. P. -schreibt in seiner Kritik, die Veröffentlichung einer solchen -„Beichte“ in meinem Tagebuch sei ein „lächerlicher -und bedauernswerter Anachronismus“ ... denn -heute lebten wir „im Jahrhundert der gußeisernen Begriffe, -im Jahrhundert der positiven Anschauungen, in -einem Jahrhundert, dessen Parole lautet: leben um jeden -Preis! ...“ (Sehr möglich! Das ist dann wohl -auch der Grund, weshalb heutzutage die Selbstmorde -unter den Intelligenten so häufig sind.) Ich kann aber -dem verehrten Herrn N. P. und allen seinesgleichen versichern, -daß dieses „Gußeisen“ sich vor mancher Idee, -wie belanglos diese den Herren der „gußeisernen Begriffe“ -anfangs auch erscheinen mag, wenn die Zeit -kommt, in Staub verwandelt! Für mich persönlich ist -eine der größten Befürchtungen für unsere Zukunft, -und zwar schon für unsere nächste Zukunft, die Tatsache, -daß einer besonderen, seltsamen ... nun sagen -wir, Vorherbestimmung zufolge in einem großen, allzu -großen Teil der russischen Intelligenz sich vollständiger -Unglaube an die eigene Seele und ihre Unsterblichkeit -zu verbreiten scheint, und zwar, wie mich dünkt, -mit einer progressiv zunehmenden Schnelligkeit. Und -nicht nur, daß dieser Unglaube sich aus Überzeugung -ausbreiten wird (Überzeugung ist bei uns noch sehr -wenig vorhanden), er äußert sich vielmehr, und zwar -schon heute, in einem gewissen Indifferentismus zu der -<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> -höchsten Idee des Menschseins, – in einem (bisweilen -fast spöttischen und weiß Gott woher und nach welchen -Gesetzen sich bei uns entwickelnden) Indifferentismus -nicht nur zu dieser Idee, sondern überhaupt zu -allem, was Leben ist, zur ganzen Lebenswahrheit, zu -allem, was Leben gibt und nährt, was das Leben gesund -erhält und der Fäulnis und Auflösung entgegenwirkt. -Dieser Indifferentismus ist in unserer Zeit fast -zu einer russischen Besonderheit geworden – im Vergleich -mit den anderen europäischen Nationen. Er ist -längst in die Familien der russischen Intelligenz eingedrungen -und hat sie fast vollständig zerstört. Ohne -eine höhere Idee aber kann weder ein Mensch noch eine -Nation in der Welt bestehen. Auf Erden jedoch gibt es -<em>nur eine</em> höhere Idee, und die ist: die Idee der Unsterblichkeit -der Menschenseele – denn die übrigen „höheren“ -Lebensideen haben alle ihren Ursprung <em>nur in -dieser einzigen Idee</em>. Hierüber kann man mit -mir streiten (d. h. über diese Einheit der Quelle alles -Höheren auf Erden), doch ich übergehe das vorläufig -und spreche meine Idee aus, ohne sie zu begründen. -In kurzen Worten läßt sich nicht alles sagen, nach und -nach kann man es besser erklären. Wir haben ja noch -Zeit vor uns. -</p> - -<p> -Mein Selbstmörder nun ist ein leidenschaftlicher -Verfechter seiner Idee, d. h. der Notwendigkeit des -Selbstmords, und nicht etwa ein indifferenter, nicht etwa -ein „gußeiserner“ Herr. Er leidet, er quält sich tatsächlich, -– wie mir scheint, habe ich das unmißverständlich -ausgedrückt! Es ist für ihn nur zu ersichtlich, -daß er nicht leben kann, und er weiß nur zu gut, daß -<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> -er recht hat und daß es unmöglich ist, ihn zu widerlegen. -Vor ihm stehen unbesiegbar die höchsten, die ersten -Fragen: wozu soll der Mensch noch leben, wenn -er bereits erkannt hat, daß tierisch zu leben für einen -Menschen widerlich ist? unnatürlich, so zwecklos wie -unzureichend? Was könnte ihn in solchem Fall da noch -an die Erde fesseln? – Auf diese Fragen kann er keine -Antwort erhalten, und das weiß er, denn wenn er auch -erkannt hat, daß es, wie er sich ausdrückt, „eine Harmonie -des Ganzen“ gibt, so sagt er sich doch, daß er -sie nicht verstehen kann und niemals imstande sein wird, -sie zu verstehen, und daß er nie an ihr teilnehmen -werde. Gerade diese Klarheit ist es, die ihn umbringt. -Wo liegt nun der Fehler, worin hat er sich geirrt? Der -Fehler, meine ich, liegt einzig in dem Verlust des Glaubens -an die Unsterblichkeit. -</p> - -<p> -Doch er sucht ja selbst glühend (d. h. er suchte, als -er noch lebte, und suchte mit Pein) nach Versöhnung. -Er wollte sie in der Liebe zur ganzen Menschheit -finden. „Wenn nicht ich, so könnte doch die Menschheit -glücklich sein und irgendeinmal die Harmonie erreichen: -dieser Gedanke könnte mich auf Erden zurückhalten,“ -sagt er, und verrät sich. Denn dies ist doch -wohl kein kleinlicher Gedanke, sondern verrät Großmut -und Opferbereitschaft. Aber die unwiderlegbare -Überzeugung, daß das Leben der ganzen Menschheit -im Grunde genau solch ein Augenblick ist wie sein eigenes, -und daß schon am nächsten Tage nach dem Eintritt -der „Harmonie“ (wenn man an die Möglichkeit der -Verwirklichung dieses Traumes überhaupt glaubt) die -Menschheit sich genau so wie er in ein Nichts auflösen -<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -werde, kraft träger Naturgesetze, und noch dazu nach -soviel Leid und Qual, die die Menschheit zur Verwirklichung -dieses Traumes ausgestanden hat – dieser Gedanke -bringt ihn um die letzte Versöhnungsmöglichkeit, -denn sein Geist empört sich dagegen, empört sich gerade -aus Liebe zur Menschheit. Er fühlt sich gekränkt für die -ganze Menschheit, und dem Gesetz der Reflexion der -Ideen zufolge – tötet das in ihm diese seine Liebe zur -Menschheit. So geschieht es in Familien, die vor dem -Hungertode stehn, daß die Eltern ihre Kinder, diese -von ihnen am meisten geliebten Wesen, zu hassen anfangen, -wenn die Qual dieser Kinder zu unerträglich -wird – eben wegen der <em>Unerträglichkeit</em> ihrer -Qualen. Ja ich behaupte sogar, daß die Erkenntnis -ihrer vollkommenen Machtlosigkeit, ihrer Unfähigkeit, -der leidenden Menschheit zu helfen, ihre Schmerzen, -wenn auch nur ein wenig, zu lindern, während sie doch -gleichzeitig von ihrem Leiden überzeugt sind, <em>im Herzen -der Menschen die Liebe zur Menschheit -in Haß verwandeln kann</em>. Die Herren -der „gußeisernen Ideen“ werden das natürlich nicht -glauben und natürlich auch gar nicht verstehen: -für sie ist die Liebe zur Menschheit und -deren Glück etwas so Wohlfeiles, da ist alles so -billig und so bequem eingerichtet, so althergebracht, -schon zu Urväterzeiten eingeführt und niedergeschrieben, -daß es sich ihrer Meinung nach überhaupt nicht -lohnt, darüber besonders nachzudenken. Doch ich hätte -Lust, diese Herren noch ein wenig zu erheitern: daher -behaupte ich denn (<em>vorläufig</em> wieder ohne zu begründen), -daß die Liebe zur Menschheit sogar vollkommen -<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -undenkbar, unverständlich und <em>unmöglich</em> ist, -<em>ohne den Glauben an die Unsterblichkeit -der Menschenseele</em>. Diejenigen aber, die -dem Menschen den Glauben an seine Unsterblichkeit -nehmen und diesen Glauben durch die „Liebe zur -Menschheit“ – im Sinne eines höheren Lebenszweckes -– ersetzen wollen, die, sage ich, erheben ihre -Hand gegen sich selbst; denn anstatt der Liebe zur -Menschheit pflanzen sie in das Herz dessen, der den -Glauben verloren hat, nur den Keim des Menschenhasses. -Mögen die Weisen der gußeisernen Ideen über -meine Behauptung meinetwegen die Achsel zucken! Dieser -Gedanke ist weiser als ihre Weisheit, und ich glaube -ohne zu zweifeln, daß er in der Menschheit einmal zu -einer Aktion werden wird, obschon ich auch dieses ohne -Begründungen ausspreche. -</p> - -<p> -Ja ich behaupte sogar und wage auszusprechen: daß -die Liebe zur Menschheit im <em>allgemeinen</em> und -<em>als Idee</em> eine der für den Menschenverstand unfaßlichsten -Ideen ist. Gerade <em>als Idee</em>! Nur das Gefühl -kann sie rechtfertigen. Doch dieses Gefühl ist eben -nur mit der gleichzeitigen Überzeugung von der Unsterblichkeit -der Menschenseele möglich. (Auch dies ohne -Begründungen.) -</p> - -<p> -Das Ergebnis ist klar: daß der Selbstmord nach -dem Verlust der Unsterblichkeitsidee zur unvermeidlichen, -bedingungslosen Notwendigkeit für jeden Menschen -wird, der in seiner Entwicklung auch nur ein -wenig über dem Tier steht. Die Unsterblichkeit dagegen, -die ein ewiges Leben verheißt, verbindet den Menschen -um so mehr, um so fester mit der Erde. Hierin -<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -liegt scheinbar ein Widerspruch: wenn das Leben so -lang ist, wenn es außer dem Leben hier auf Erden noch -ein ewiges gibt, weshalb sollte einem dies Erdenleben -dann noch so teuer sein? Das Ergebnis jedenfalls ist, -daß der Mensch nur durch den Glauben an seine Unsterblichkeit -seinen vernünftigen Zweck auf Erden erfaßt. -Ohne Überzeugung von seiner Unsterblichkeit, lösen -sich die den Menschen mit der Erde verbindenden -Fäden, sie werden dünner und fangen an zu faulen, -und der Verlust eines höheren Lebenssinnes (mag dieser -auch nur in der Form einer ganz unbewußten Sehnsucht -sich äußern) zieht zweifellos den Selbstmord nach -sich. Hieraus folgt umgekehrt die Moral meines Aufsatzes: -„Wenn die Überzeugung von der Unsterblichkeit -für das Menschenleben so unentbehrlich ist, so ist -sie folglich auch der normale Zustand der Menschheit ... -Wenn dem aber so ist, dann muß diese Unsterblichkeit -der Menschenseele <em>zweifellos auch vorhanden -sein</em>.“ -</p> - -<p> -Mit einem Wort, die Unsterblichkeitsidee – das ist -das Leben selbst, das lebendige Leben, seine endgültige -Formel und der Hauptquell der Wahrheit und der richtigen -Erkenntnis für die Menschheit. Das war und -das ist der Sinn meines Aufsatzes, und ich nahm an, -daß ein jeder, der ihn gelesen, sich über diesen seinen -Sinn auch im klaren sein werde<a class="fnote" href="#footnote-35" id="fnote-35">[35]</a>. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="part-6"> -<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> -<span class="firstline">Dritter Teil.</span><br /> -Notierte Gedanken -(1880) -</h2> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-1"> -<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> -<span class="firstline">Notierte Gedanken</span><br /> -(1880) -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-1"> -<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -<span class="firstline">Nur das ist stark ...</span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>N</span><span class="postfirstchar">ur</span> das ist stark, wofür Blut vergossen wird“ – -bloß vergessen die Nichtswürdigen, daß es sich nicht -bei denen als stark erweist, die das Blut vergießen, sondern -bei denen, deren Blut vergossen wird. Und das, -gerade das ist das Gesetz des Blutes auf Erden. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-2"> -<span class="firstline">Kirche und Staat ...</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Als Staat konnte der Staat M. und N. nicht begnadigen -(der Wille des Monarchen ausgenommen). -Denn was ist eine Hinrichtung? – Im Staat: ein -Opfer für eine Idee. Stünde aber an Stelle des Staates -die Kirche – dann gäbe es keine Hinrichtungen. -Kirche und Staat darf man nicht verwechseln. Daß -man sie noch verwechselt, ist ein gutes Zeichen, denn -daraus folgt, daß bei uns eine Neigung zur Kirche -vorhanden ist. In England und Frankreich hätte man -kein Bedenken getragen, sie zu erhängen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-3"> -<span class="firstline">Die Frauenfrage.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Der ganze Fehler der „Frauenfrage“ besteht darin, -daß man Unteilbares teilt, Mann und Weib einzeln -betrachtet, während sie doch ein einziger geschlossener -Organismus sind. („Und er schuf sie, Mann und -<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> -Weib ...“) Ja sogar mit den Kindern, mit den Nachfahren -und Vorfahren und mit der ganzen Menschheit -ist der Mensch ein einziger unteilbarer Organismus. -Die Gesetze aber teilen immer und lösen alles womöglich -in die Urbestandteile auf. Die Kirche dagegen teilt -nicht. -</p> - -<p> -In der Natur ist alles für das Normale berechnet, -alles nach dem Muster des Heiligen und Sündlosen zugeschnitten. -(Der Mann 30 Jahre alt, die Frau 30 -Jahre.) Die Schönheit ist dem Weibe zu Anfang gegeben, -um den Mann zu fesseln, denn das sittliche Band -ist noch schwach. Später ist die Schönheit nicht mehr -nötig, man liebt das Weib, weil man seelisch zusammenwächst -(organische Verbindung). -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-4"> -<span class="firstline">Unsere öffentliche Meinung ...</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Unsere öffentliche Meinung ist deshalb nicht viel -wert, weil sie bisher erst im Entstehen begriffen war, -sich erst zu bilden begann. Bilden aber kann sie sich nur -im langen Lauf der Geschichte, durch viele Generationen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-5"> -<span class="firstline">Liberalismus und Tat.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Unsere ganze liberale Partei steht abseits vom tätigen -Leben, sie nimmt an der Tat nicht teil, sie ist mit -ihr überhaupt nicht in Berührung gekommen. Sie hat -nur verneint und gespöttelt. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-6"> -<span class="firstline">Sozialismus und Christentum.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Man versuche doch zu teilen, versuche doch einmal -<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> -festzusetzen, wo die eigene Persönlichkeit aufhört und -die andere anfängt! Das stelle man einmal durch die -Wissenschaft fest! Die Wissenschaft macht sich eben daran. -Und der Sozialismus stützt sich ja gerade auf die -Wissenschaft. Im Christentum ist schon die Frage -undenkbar. Welches sind die Chancen dieser und jener -Lösung? – Es wird ein neuer unvorhergesehener Geist -aufkommen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-7"> -<span class="firstline">Reichtum.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Reichtum ist eine Stärkung des einzelnen, eine mechanische -und geistige Befriedigung, folglich eine Loslösung -des Einzelnen vom Ganzen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-8"> -<span class="firstline">Das Volk.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Im Volk ist das Bedürfnis nach etwas <em>Neuem</em>, -einem neuen Wort, einem neuen Gefühl vorhanden, -das Bedürfnis nach einer neuen Ordnung. Die sorglose -Zeit der Trunkenheit nach der Bauernbefreiung -geht vorüber. Noch nie ist das Volk für gewisse Einflüsse -so empfänglich gewesen (und schutzlos ihnen -preisgegeben) wie gerade jetzt. Z. B. die Sekte der -Stundisten<a class="fnote" href="#footnote-36" id="fnote-36">[36]</a>. Sogar die nihilistische Propaganda wird -ihren Weg finden. Hat es bisher nur wegen der Dummheit, -Unerfahrenheit und Naivität der Propaganda -noch nicht getan. Man muß auf der Hut sein. Man -muß das Volk beschützen. Unsere Kirche aber verharrt -<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> -seit Peter dem Großen in einem Zustande der Lähmung. -Es ist eine furchtbare Zeit, und dazu nun noch -diese Trunksucht. Und die Stundisten. Währenddessen -ist unser Volk fast ganz sich selbst überlassen, nur auf -die eigenen Kräfte angewiesen. Unsere Intelligenz – -alles geht vorüber. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-9"> -<span class="firstline">Rußland und die Korporationen.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Deutsche, Polen, Juden – lauter Korporationen, -und helfen sich gegenseitig. Nur in Rußland gibt es -keine Korporationen, nur Rußland allein ist geteilt. -Und außer diesen Korporationen noch die mächtigste: -die alte administrative Routine. Man sagt: unsere Gesellschaft -sei nicht konservativ. Allerdings; die historische -Entwicklung der Dinge (seit Peter) hat sie ja selber -dazu gemacht. Und vor allem: sie sieht nicht, was -es zu konservieren, zu erhalten gäbe. Alles ist ihr genommen, -sogar die gesetzliche Initiative. Alle Rechte -des russischen Menschen sind negativ. Gebt ihm etwas -Positives und ihr werdet sehen, daß er gleichfalls konservativ -sein wird. Dann hätte er doch etwas, was zu -erhalten wäre. <em>Nicht konservativ ist er -bloß deshalb, weil es bei uns nichts zu -erhalten gibt.</em> „Je schlimmer, desto besser“ – -das ist doch bei uns nicht etwa eine leere Redensart, -sondern zum Unglück – die Sache selbst. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-10"> -<span class="firstline">Frankreich.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -„Nowoje Wremja“, Nr. 1667, 28. Oktober 1880. -Baron Hübner prophezeit die nächsten sozialistischen Bewegungen -<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> -in Frankreich und in Europa. Rußland wird -zum Bündnis aufgefordert. (<em>Rußland soll -nicht darauf eingehen!</em> Es soll seine eigenen -Vorteile wahrnehmen! Der Sozialismus wird an Rußland -zerschellen.) In Frankreich werden sich den Sozialisten -unfehlbar die Jesuiten anschließen und überhaupt -alle Katholiken, die dank Gambettas Dummheit -aus Paris ausgewiesen sind, alle Legitimisten und Bonapartisten -werden sich dem Sozialismus zuwenden. -Freilich ist das konservative Frankreich noch stark, trotz -der Dummheit der Regierenden und der Dummheit -der Republik. Aber das ist der Anfang vom Ende. Das -Ende der Welt naht. Das Ende des Jahrhunderts -wird sich in einer Erschütterung kundtun, wie noch -nie zuvor. Rußland muß bereit sein, soll sich nicht bewegen, -soll aufpassen und warten. Wenn es sich nur -nicht zu einem Bündnis verleiten läßt! Das wäre -furchtbar! Dann ist es aus mit Rußland, endgültig -aus. Bei uns gibt es keinen Sozialismus, absolut keinen. -Der ganze gesunde Teil des russischen Volkes aber -wird sich nicht rühren, und der ist unzählbar groß. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-11"> -<span class="firstline">Die Juden.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Und wenn auch alle Juden <span class="antiqua">in corpore</span>, wenn das -ganze Kahal wie eine Verschwörung über Rußland -steht und den russischen Bauern aussaugt – oh, wir -haben nichts dawider, wir sagen kein Wort, kein -Wort! Sonst könnten wir ja am Ende gar den Vorwurf -der „<em>Unliberalität</em>“ einheimsen: man -würde schließlich von uns denken, wir hielten unsere -Religion für besser als die jüdische und bedrängten die -<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -Juden aus „religiöser Unduldsamkeit“ – um Himmels -willen, was dann! Man denke nur und frage sich -– was dann! -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-12"> -<span class="firstline">Die besseren Menschen.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Wer sind bei uns die besseren Menschen? Der Adel -ist zerstört. In Frankreich ward er gleichfalls zerstört. -Die Ehrenlegion wurde aufgepfropft, aber sie hat ihre -Aufgabe nicht gelöst. (In Europa werden die besseren -Menschen von der Obrigkeit bestimmt.) Bei uns führte -Peter der Große, um die Aristokratie der Bojaren zu -unterdrücken, vierzehn Rangklassen ein. Eine Analogie -mit der Ehrenlegion. Sie wurden aufgepfropft, -aber sie haben nicht einmal angefangen, die Aufgabe -zu lösen, sind vor allem vom Volksgeist nicht anerkannt, -und selbst bei den Beamten gehen sie dem Bankrott -entgegen. (Beamte für Sold, die Affäristen, Advokaten, -Banken werden die Aristokratie überwältigen.) -Indessen geht es doch nicht ohne bessere Menschen. -Peter handelte im europäischen Geiste, als er -die vierzehn Klassen schuf, denn die „Besseren“ wurden -nun gleichfalls von der Obrigkeit geschaffen und -gingen nicht aus dem Volksgeist hervor. Die Besseren -müssen aber vom Volk bezeichnet werden und werden es -auch. Diese neue Einteilung wird sich bei uns eher als -sonstwo verwirklichen. Noch ist das Volk stumm, das -ist wahr, doch nennt es schon außer Alexei, dem Gottesknecht, -z. B. Suworoff, Kutusoff. Aber es hat ja -noch keine Stimme. Die Stimme der Intelligenz ist zu -unklar und dem Volk zu unverständlich, übrigens -auch gar nicht vernehmbar. Gott weiß, wen die Intelligenz -<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> -für die Besseren erklärt. Die Pariser Kommune -und der westliche Sozialismus wollen keine Besseren, -sie wollen Gleichheit und würden Shakespeare -enthaupten. Unserem Volk ist Neid vollkommen fremd. -Vollbringt für das Volk eine gute Tat und es wird -euch als seine Helden verehren. (Nur müßt ihr das -Volk lieben, nicht indem ihr es zu euch emporzuheben -trachtet, sondern indem ihr euch selber vor ihm -beugt ...) -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-13"> -<span class="firstline">Ehrfurcht.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Die Höhe einer Menschenseele ist zum Teil danach -zu ermessen, wie weit und vor wem sie fähig ist, Ehrfurcht -und Verehrung zu bezeugen (oder Andacht zu -empfinden). -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-14"> -<span class="firstline">Der Jude.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Alle die Bismarck, Beaconsfield, die Französische -Republik und Gambetta usw. – alle die sind, als -Macht, für mich eine Vorspiegelung. Und je länger, desto -mehr. Ihr Herr, wie der Herr aller, der Herr ganz -Europas ist doch nur der Jude und seine Bank. Wir -werden es ja erleben, daß er plötzlich sein Veto einlegt -und Bismarck wie ein Stäubchen von seinem Platze -gefegt wird. Der Jude und die Bank beherrschen jetzt -alles: sowohl Europa wie die Aufklärung, die ganze -Zivilisation und den Sozialismus – besonders den -Sozialismus, denn durch ihn wird er das Christentum -mit der Wurzel ausrotten und die christliche Kultur -zerstören. Und wenn dann nichts als Anarchie übrigbleibt, -da wird dann der Jude an der Spitze des Ganzen -<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> -stehen. Denn indem er den Sozialismus predigt, -bleibt er als Jude mit seinen Stammgenossen doch -außerhalb, und wenn der ganze Reichtum Europas -vertan ist, bleibt die Bank des Juden. Dann mag der -Antichrist kommen und die Anarchie herrschen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-15"> -<span class="firstline">Das Ideal ...</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Das Ideal menschlicher Schönheit – ist das russische -Volk. Ich muß unbedingt auf diese Schönheit -aufmerksam machen, den aristokratischen Typus zeigen -usw. Unwillkürlich fühlst du, daß er menschlich -nicht unter dir steht; und bald werdet ihr fühlen, daß -er höher steht als ihr. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-16"> -<span class="firstline">Katerina Iwanowna („<em>Brüder Karamasoff</em>“).</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Ein Mensch, der in seinem ganzen Leben nicht lebt, -sondern sich selbst ausdenkt. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-17"> -<span class="firstline">Eine Konstitution.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Unsere Intellektuellen werden vom Volk doch nichts -Vernünftiges zu sagen verstehen. Sie werden das Volk -nur in Erstaunen setzen und es zu guter Letzt, und zwar -sehr bald, um seine Geduld bringen – und damit wird -die Sache enden. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-18"> -<span class="firstline">Väter und Söhne ...</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -„Väter und Söhne“ – die Eigenen erkennen die -Eigenen nicht. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-19"> -<span class="firstline">Volk ...</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Die Behörden und alle diese Beamten, die sind doch -in ihrem Verhalten zum Volk ungefähr: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">A quelle -<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> -sauce voulez vous qu’on vous mange, mais -nous ne voulons pas</span>“, usw. Dumpfe Verzweiflung. -</p> - -<p> -Das Volk – dort ist alles. Das ist doch ein Meer, -das wir bloß nicht sehen, da wir uns vom Volk im -finnischen Sumpf abgesondert haben. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse1">„Ich liebe dich, Schöpfung Peters ...“</p> - <p class="verse">Pardon, nein, ich liebe sie nicht.</p> - <p class="verse">Fenster, Löcher – und Monumente.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Niemand traut uns, alle hassen uns, – warum? -Weil Europa instinktiv etwas Neues, ihm nicht im geringsten -Ähnliches in uns spürt. In diesem Punkt -stimmt Europa ganz mit unseren Westlern überein: die -hassen Rußland gleichfalls, weil sie in ihm etwas -Neues, noch nie Dagewesenes wittern. -</p> - -<p> -Der Osten, Asien, Eisenbahnen! Wir aber leben -für Europa. Sparen sollten wir, 4 statt 40 ausgeben -– Peter der Große hätte es getan – und nicht vergessen: -Rußland liegt zwar in Europa, aber in der -Hauptsache doch in Asien. Nach Asien! nach Asien! -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-20"> -<span class="firstline">Formel.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Das russische Volk lebt ganz in der Rechtgläubigkeit -und in ihrer Idee. Außer der Rechtgläubigkeit ist -in ihm nichts und hat es nichts – und braucht es -auch nichts, denn die Rechtgläubigkeit ist alles; sie ist -– Kirche, und Kirche ist die Krönung des Gebäudes, -und zwar auf ewig. Sie denken, ich werde das jetzt zu -erklären anfangen? – keineswegs! Alles später und -unermüdlich. Vorläufig aber stelle ich nur die Formel -auf und füge noch eine andere hinzu: Wer die Rechtgläubigkeit -<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -nicht versteht – der wird auch nie und -nimmer das russische Volk verstehen. Ja nicht nur das: -der kann das russische Volk nicht einmal lieben, sondern -wird höchstens ein imaginäres Volk lieben, wie er das -russische Volk in Wirklichkeit zu sehen wünschte. Und -andererseits wird auch das Volk einen solchen Menschen -nicht als zu ihm gehörig anerkennen: liebst du nicht das, -was ich liebe, glaubst du nicht daran, woran ich glaube -und achtest du nicht mein Heiligtum, so bist du nicht -mein Bruder. Oh, das Volk wird ihm deshalb nicht -zu nahe treten, wird ihn weder überfallen, noch berauben, -noch verprügeln, es wird ihm nicht einmal ein -böses Wort sagen. Es ist zu großzügig dazu, es kann -viel aushalten und ist in Glaubenssachen duldsam. Das -Volk wird den, der es anders sehen wollte, ruhig anhören -– wenn er gescheit ist und zu reden versteht –, -wird ihm für Ratschläge sogar danken, für die Wissenschaft, -die man ihm bringt, wird sogar manchen Rat -befolgen, denn das russische Volk ist großzügig und versteht -die Dinge auseinanderzuhalten. Aber als seinesgleichen -wird es ihn doch nicht ansehen, seine Hand wird -es ihm nicht geben und sein Herz ebensowenig. Unsere -Intelligenz aber im finnischen Sumpf sieht an ihm vorbei, -und ärgert sich, wenn man ihr sagt, daß sie das -Volk nicht kenne. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-21"> -<span class="firstline">Die Lage des Bauern.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Grund genug zum Verzweifeln. Wozu soll er sich -ausnutzen lassen, auch er wird zum Exploiteur. <em>Höchstens -ein Heiliger</em> bleibt standhaft. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-22"> -<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -<span class="firstline">Konstitutionelle, Reaktionäre.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Sie werden doch nur die Interessen Ihrer Gesellschaft -vertreten, nicht aber die des Volkes. Das Volk -werden Sie wieder zu Leibeigenen machen wollen. -Kanonen werden Sie gegen das Volk verlangen! Und -die Presse – die Presse werden Sie nach Sibirien verbannen, -sobald sie nur im geringsten Ihr Mißfallen -erregt. Nicht nur gegen Sie etwas zu sagen wird verboten -sein – nicht einmal atmen wird man in Ihrer -Gegenwart dürfen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-23"> -<span class="firstline">Grundbesitz.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Der Hauptgrund, weshalb unsere Gutsbesitzer sich -mit dem Volk nicht verstehen und keine Arbeiter finden -können, ist der, daß sie selber nicht Russen, sondern -vom Boden losgelöste Europäer sind. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-24"> -<span class="firstline">Klassischer Unterricht.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -... Wenn man ihn allmählich einführt, nicht plötzlich -in unverhältnismäßiger Weise die Bildung erweitert, -sondern vorläufig nur den Boden vorbereitet – -dann bekämen wir nach und nach ein Kontingent junger -Leute mit klassischer Bildung. Und diese würden -den Grundstock, den Anfang des weiteren bilden. Ferner -könnte man etwa alle fünf Jahre, oder alle vier -Jahre einmal die Unterrichtsstunden der klassischen -Sprachen vermehren ... Das dauerte länger, aber es -wäre richtiger. Bei uns aber hat man eine Vorliebe fürs -Plötzliche (<span class="antiqua">sic</span>) – zwanzigtausend Werst Eisenbahn -wurden bei uns in zehn Jahren gebaut, obschon das -<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> -alles freie Kapital von der Landwirtschaft und der Industrie -fortzog. So berief man die tschechischen Lehrer -der alten Sprachen, – diese kalten, teilnahmslosen, -der Jugend feindlich Gesinnten, die die russische Sprache -nicht verstehen und als minderwertig erachten. Sie -wurden gehaßt, verachtet, verspottet. Mitunter war sogar -das Nationalgefühl im Schüler verletzt – bei uns -aber ist davon ohnehin schon erschreckend wenig übriggeblieben -... -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-25"> -<span class="firstline">Wie man ...</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Wie man bei uns glaubt, alles Unglück Rußlands -würde durch eine Konstitution beseitigt werden, so ist -man in Europa übereingekommen – bewußt und unbewußt -–, daß man zunächst mit Rußland ein Ende machen -müsse, denn Rußland halte die Völker Europas -von der inneren Arbeit ab, zwinge sie, ihre großen -Heere zu erhalten und den Sultan zu beschützen, so daß -sie ihn nicht aus Europa hinausjagen und seinen Besitz -unter sich teilen können! An allem, heißt es, ist Rußland -schuld ... -</p> - -<p> -Wir können uns ihrem Haß nicht entziehen und einmal -werden sie sich auf uns stürzen und uns zerreißen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-26"> -<span class="firstline">Ein Projekt.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Nein, wir wissen noch nicht einmal, wie sie uns hassen. -Nein, es ist nicht nur das, daß es nicht ihre Zivilisation -ist und wir nicht Europäer sind. Nein, sie wittern -die Idee, die zukünftige, selbständige, russische, obschon -sie bei uns noch nicht geboren, nur die Erde unheimlich -schwanger von ihr ist und sich schon anschickt, -<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> -sie unter furchtbaren Qualen zu gebären. Wir glauben -es bloß nicht und lachen. Nun, die Europäer aber -ahnen sie schon. Sie ahnen mehr als wir selbst, d. h. -als die russische Intelligenz. Was soll uns die Idee, -wir bringen sie selber um. Wir leben für Europa, heißt -es doch, alle nur zum Zeitvertreib für Europa, alle und -alles – und für unsere Unschuld. -</p> - -<p> -Dann wird man’s glauben. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-27"> -<span class="firstline">Staat ist Kirche. Virchow. (<em>Sehr wichtig.</em>)</span><br /> -Der Unterschied zwischen uns und Europa. -</h4> - -<p class="noindent"> -Der Staat ist eine vorwiegend christliche Gesellschaft -und hat die Tendenz, Kirche zu werden. <em>In Europa -ist es umgekehrt</em> (einer der tiefen Unterschiede -zwischen uns und Europa). Siehe die Rede Virchows -(„Nowoje Wremja“, Nr. 1745, 6. Januar 1881). -Virchow erklärt, der Staat sei vorwiegend eine von Religion -und Christentum freie Gesellschaft. So ist es in -Frankreich (Gambetta). Unsere kleinen Dummköpfe haben -die Formel des Westens sogleich aufgegriffen -und in ihren Katechismus eingetragen. Bei <em>uns</em> aber, -im russischen Volk, – uns ist sie bis ins Herz hinein -fremd. Virchow fürchtet ganz einfach, die Christen -könnten die Nichtchristen sogleich zu vernichten suchen. -Im Gegenteil: der Geist des wahren Christentums ist -– vollständige Glaubensfreiheit. <em>Glaube freiwillig</em> -– das ist unsere Formel. Der Heiland ist -vom Kreuz nicht herabgestiegen, weil er nicht <em>gewaltsam</em> -durch ein äußeres Wunder bekehren, sondern -gerade die <em>Glaubensfreiheit</em> wollte. Das -<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> -ist der Geist des Christentums und auch unseres Volkes! -Wenn es aber Abweichungen gibt, so bedauern wir es. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-28"> -<span class="firstline">Meinen Kritikern.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Ich suche keine Ehren und werde nichts annehmen, -und wahrlich ist es nicht meine Absicht, für meine Richtung -mir Sterne zu erraffen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-29"> -<span class="firstline">Ich.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Ich bin wie Puschkin ein Diener des Zaren, weil -seine Kinder, sein Volk, des Zaren Diener nicht verachten -werden. Ich werde noch mehr sein Diener sein, -wenn er wirklich glauben lernt, daß das Volk sich als -seine Kinder fühlt. Ich weiß nicht, weshalb er es noch -immer nicht recht glauben zu wollen scheint. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-30"> -<span class="firstline">Volksschulen.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Zwei Kategorien von Volksschulen, in der ersten nur -lesen; <em>so gut es geht</em>, auch schreiben (erlernen sie es -– können sie Schreiber werden, sehr wenige werden es -ganz verlernen) und die drei Gebete. Und dann die -zweite Kategorie – gleichfalls für die Bauern – mit -etwas höherem Lehrplan. Von dieser zweiten Kategorie -vorläufig nur sehr wenige Schulen, denn wenn wir wenigstens -die von der ersten ins Leben riefen, so wäre -schon eine <em>Kraft erzeugt</em>. Wer lesen und schreiben -kann – der vermag sich schon zu bewegen, der kann -schon vorwärtskommen, der ist schon ausgerüstet und bewaffnet. -Und Sie werden sehen, wie dann nach wenigen -<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> -Jahren ganz von selbst die höheren Volksschulen -entstehen werden: zunächst gilt es, die Lust zum -Lernen hervorzurufen, dann wird das Verlangen nach -weiterem Lernen und das Entstehen höherer Schulen -nicht auf sich warten lassen. Bei uns aber soll alles -plötzlich entstehen. -</p> - -<p> -Der deutsche Junge (Pflicht), der russische Junge -(zerfallene Familie). -</p> - -<p> -Geschichte würde bei uns geistige Ideen wachrufen. -Die geistigen Ideen des deutschen Jungen sind andere: -seine Ordnung, seine Lebensweise, seine Nationalität. -Bei uns aber, in unseren Familien ist nichts als Fäulnis. -Hier könnte der Geschichtsunterricht rettend eingreifen -und den Sinn des Jünglings wenigstens auf -die historische Welt richten und somit von den abstrakten -Phantastereien und dem ideellen Mischmasch, der -die geistige Welt unserer Gesellschaft ausmacht, ablenken. -Mit einem Wort, man hat nicht in nationalem -Sinn gehandelt (der russische Junge ist entwicklungsfähiger -als der Deutsche). Nur die Lehrer der Literatur -könnte man kontrollieren, damit sie nicht liberale Absurditäten -predigen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-31"> -<span class="firstline">Entwicklung der Kinder.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Zwei Bälle werden über dem Kinderbett angebracht, -ein roter und ein blauer, und zwar zur Beschleunigung -der Entwicklung, um Gedanken zu erwecken. Als wolle -man die Natur beseitigen! Der Eindruck der Harmonie -des Ganzen in der Natur wird dadurch aufgehoben. -Die werden ihr Lebtag im <em>Ganzen</em> Details, grelle -Punkte, Ecken, Einzelheiten suchen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-32"> -<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> -<span class="firstline">Erziehung.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Der unkultivierte russische Vater hat entweder seine -Beamtenwelt und sein Kartenspiel, oder wenn er -sich mit irgend etwas befaßt – geht er in Abstraktheit -auf, in Weltfragen, in Sehnsucht nach der äußeren -Form einer Konstitution oder im Materialismus. Bei -der geringsten praktischen Betätigung quält er sich mit -ewiger Unentschiedenheit über das, was Ehre und -Gewissen ist (was seinem Sohn doch nicht entgehen -kann) und das Auffallendste an ihm ist sein vollständiges -Nichtverstehen alles dessen, was vor seiner Nase -ist, der Widerwille gegen alles, was vor ihm liegt. -Und dasselbe findet sich beim Sohn. Schade, daß ich -mich kurz fassen muß und nicht das ganze Thema entwickeln -kann. Aber der Geschichtsunterricht, die allgemeine -Geschichte würde wenigstens Achtung vor den -historischen Formen des Menschenlebens einflößen, -würde wenigstens in den Erscheinungen einen Sinn -zu sehen lehren. „Ideen sind nicht nötig,“ heißt es. – -Dann werden sie eben selber Ideen erfinden. -</p> - -<p> -Von den Vorzügen der Naturwissenschaften haben -doch nur diejenigen so viel geredet, die nichts von ihnen -verstehen. Wie viele von unseren Redakteuren und -Zeitungsverlegern wissen denn etwas von ihnen? Um -die Wahrheit zu sagen, unsere Gelehrten sind (und -mancher ist sogar in Europa als Fachmann bekannt) -– sind größtenteils vortreffliche Spezialisten, sagen -wir meinetwegen sogar große Spezialisten, nur sind -sie nichtsdestoweniger größtenteils ungebildete Leute, -die über das klassische Unterrichtssystem natürlich kein -<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> -Urteil haben können. Und über diesen stehen dann die -Ausführenden, die von ihnen sich Rat holen, an und -für sich zumeist die unschuldigsten Leute (mit einem -Schimmer von Europäertum), die sich in ihrer Unschuld -für glänzende Europäer halten, aus Unschuld, wie gesagt, -und die auch aus purer Unschuld meist so gut -wie überhaupt nichts von Rußland wissen – nun, -und was kommt dabei heraus? Nichts, ganz wie bisher -noch nichts herausgekommen ist ... Eine Kultur -fehlt. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-33"> -<span class="firstline">An die „Vaterländischen Annalen“.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Die ganze Literatur zittert vor Ihnen, besonders -vor dem „Satirischen Alten“. Niemand wagt es, gegen -ihn aufzutreten. Er ist doch ein Liberaler, ist durch und -durch liberal! – Nein, meine Herren, seien Sie erst -einmal liberal, <em>wenn das unvorteilhaft ist</em>, -dann würde ich Sie gern sehen wollen! -</p> - -<p> -Mit abgedroschenen alten Gedanken schlagen Sie -sich durch. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-34"> -<span class="firstline">Die Presse.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Die Presse sichert jedem Schurken das Wort, wenn -er auf dem Papier zu schimpfen versteht, jedem, den -man in anständiger Gesellschaft unter keinen Umständen -reden ließe. In der Presse finden alle diese Menschen -ihr Asyl, – komm, schimpf soviel du willst, – -– sogar mit Ehrerbietung wird er aufgenommen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-35"> -<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> -<span class="firstline">Die Brüder Karamasoff.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Die Schurken foppen mich mit meinem angeblich -<em>ungebildeten</em> und rückständigen Glauben an -Gott. Diese Tölpel haben sich eine solche Gottesleugnung -noch nicht einmal träumen lassen, wie sie in meinem -„Großinquisitor“ und dem vorhergehenden Kapitel -ausgedrückt ist und auf die das <em>ganze Buch</em> -die Antwort gibt. Wenn ich an Gott glaube, so tue ich -es doch nicht wie ein Dummkopf (wie ein Fanatiker). -Diese da wollen mich belehren und lachen über meine -Beschränktheit! Ihre dumme Kreatur hat sich ja nicht -einmal träumen lassen von einer solchen Gewalt der -Verneinung, wie ich sie durchgemacht habe. Und die -wollen mich unterrichten! -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-36"> -<span class="firstline">Der Teufel.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -(Eine psychologische und <em>ausführliche</em> kritische -Erklärung Iwan Karamasoffs und der Erscheinung -des Teufels.) Iwan ist tief, ist nicht einer der -zeitgenössischen Atheisten, die mit ihrem Unglauben nur -die Beschränktheit ihrer Weltanschauung und die -Stumpfheit ihres kleinen Gehirns beweisen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-37"> -<span class="firstline">Bjelinski.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Ein ungewöhnlicher Eifer in der Aufnahme neuer -Ideen, mit dem größten Verlangen, jedesmal bei der -Aufnahme von etwas Neuem, alles Alte zu zertrampeln, -mit Haß und Schimpf und Spott zu vernichten. Eine -Art Rachegelüst ... „und ich verbrannte alles, was -ich einst anbetete“. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-38"> -<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> -<span class="firstline">Das Geschimpfe meiner Feinde.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Wenn physische Verrichtungen auf der Straße verboten -sind, ebenso nackt einherspazierende Menschen, -warum dann nicht auch dieses verbieten? – Ist es doch -dieselbe physische Verrichtung, schädlich und gemein! -Die Staatsanwaltschaft müßte sie ohne weiteres wegen -Unmäßigkeit zur Rechenschaft ziehen. -</p> - -<p> -Leontjeff<a class="fnote" href="#footnote-37" id="fnote-37">[37]</a>. („Es lohnt nicht, der Welt Gutes zu -wünschen, denn es steht geschrieben, daß sie vergehen -werde“.) -</p> - -<p> -In dieser Auffassung liegt etwas Unvernünftiges -und Ruchloses. -</p> - -<p> -Überdies ist es eine ungemein bequeme Anschauung, -so für den Hausgebrauch: denn wenn es schon geschrieben -steht, daß alle verurteilt sind, wozu soll man -sich dann noch anstrengen, wozu anderen Gutes tun? -Lebe für dich! Lebe hinfort ein jeder ruhig für seinen -Wanst. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-39"> -<span class="firstline">Nach dem Erscheinen der Augustnummer meines „Tagebuchs“ und meiner Rede in Moskau.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Hier sprach außer der Meinungsverschiedenheit -mit mir noch eine Art Neid mit. Ja vielleicht war es -überhaupt nur Neid, der da sprach. Natürlich kann man -von Herrn Leontjeff nicht verlangen, daß er das schriftlich -eingesteht. Aber möge dieser Publizist seinem Gewissen -die Frage vorlegen und sich selbst die Wahrheit -<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> -gestehen; auch das würde genügen. (Für einen anständigen -Menschen genügt auch das.) -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-40"> -<span class="firstline">Gelehrtheit.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Es gibt gewisse Dinge, lebendige Dinge, die zu -begreifen vor übermäßiger Gelehrtheit sehr schwer ist. -Die Gelehrtheit, die ja auch selbst im Übermaß immer -noch eine schöne Sache ist, kann sich aber bei der Berührung -mit manchen <em>lebendigen</em> Dingen sogar -in eine äußerst schädliche Sache verwandeln. Es sind -eben nicht alle lebendigen Dinge leicht zu begreifen. -Das ist ein Axiom. Übermäßige Gelehrtheit hat -bisweilen etwas Ertötendes in sich. Gelehrtheit ist -ein Material, dem manche nicht gewachsen sind. -</p> - -<p> -Auch ist die übermäßige Gelehrtheit nicht immer die -wahre oder richtige Gelehrtheit. Die wahre Gelehrtheit -ist nicht nur nicht feindlich dem Leben gegenüber, sondern -stimmt schließlich mit dem Leben immer überein, -dem sie <em>neue Offenbarungen</em> gibt, die sie im -Leben selbst entdeckt. Das ist das wesentliche und großartige -Kennzeichen der wahren Gelehrtheit. Die unwahre -Gelehrtheit dagegen ist, und mag sie auch noch so -groß sein, dem Leben doch immer irgendwie feindlich -und geht womöglich bis zur Verneinung des Lebens. – -Bei uns ist von Gelehrten der ersten Kategorie seltsamerweise -wenig zu hören, dafür aber genug von solchen -der zweiten Art, ja wie es scheint sogar nur von -dieser. Es kann selbst die übermäßigste Gelehrtheit -keine Gewähr dafür bieten, daß der Gelehrte nicht doch -nur zur zweiten Kategorie gehört. Doch brauchen wir -<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> -die Zuversicht nicht aufzugeben, daß es bei uns auch -solche von der ersten geben wird. Irgend einmal werden -wir sie doch haben. Wozu denn jede Hoffnung verlieren? -</p> - -<p> -Wie viele Menschen denken nicht selbst, sondern -leben mit Gedanken, die andere bereits fertiggedacht -haben! Bei uns aber lebt man nicht nur mit fertigen -Gedanken, sondern lebt sogar mit fertigem Leid (und dabei -ohne Kultur). -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-41"> -<span class="firstline">Der Nihilismus ...</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Der Nihilismus ist bei uns aufgetreten, weil <em>wir -alle Nihilisten sind</em>. Uns hat nur die neue, -originelle Form seiner Erscheinung erschreckt. (Alle sind -ohne Ausnahme Fjodor Pawlowitsch Karamasoff.) -</p> - -<p> -Komisch war die Bestürzung und die Sorge unserer -Klugen, die zu erforschen suchten, woher die Nihilisten -kämen. Sie sind eben nirgendwoher gekommen, -sondern sind die ganze Zeit mit uns, in uns und bei -uns gewesen. (Die Dämonen.) „Aber nein, wie denn -das, wir sind nicht Nihilisten,“ behaupteten die Klugen, -„wir wollen nur durch die Verneinung Rußlands -Rußland retten (d. h. indem wir in der Art einer besonderen -Sphäre, etwa als Aristokraten, über dem -Volke stehen, das wir zu unserer Nichtigkeit emporheben -wollen).“ Der Nihilismus ließe sich mit unserer -Kirchenspaltung vergleichen. Ja aber die Kirchenspaltung -war für uns von großem Nutzen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-42"> -<span class="firstline">Religion ...</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Nicht aus Ekel vor der Welt haben sich die Heiligen -<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> -in die Einsamkeit zurückgezogen, sondern zu ihrer sittlichen -Vervollkommnung. Unsere früheren Mönche lebten -sogar fast auf dem Marktplatz. Z. B. der Mönch -Parfeni. Allein schon das Verlangen nach geistiger -Erleuchtung ist – geistige Erleuchtung. -</p> - -<p> -Gewissen ohne Gott ist etwas Entsetzliches, es kann -sich bis zur größten Unsittlichkeit verirren. -</p> - -<p> -Es ist unzureichend, Sittlichkeit als Überzeugungstreue -zu definieren. Man muß sich auch noch fortwährend -fragen: sind meine Überzeugungen richtig? Ihr -Prüfstein aber ist – Christus. Doch hier kommt nicht -mehr Philosophie in Frage, sondern Glaube. Glaube -jedoch ist wie eine Farbe. -</p> - -<p> -Tatmenschen seien nur Leute von fragwürdiger -Sittlichkeit. – Wie man wohl auf diesen Gedanken gekommen -sein mag? -</p> - -<p> -Einen Menschen, der Ketzer verbrennt, kann ich -nicht für sittlich erklären, denn ich erkenne eure These -nicht an, nach welcher Sittlichkeit Übereinstimmung -mit den inneren Überzeugungen sei. Das ist nur Ehrlichkeit, -nicht aber Sittlichkeit. Für mich ist das Beispiel -und Ideal der Sittlichkeit Christus. Ich frage: -hätte er Ketzer verbrannt? – nein. Also ist es eine -unsittliche Handlung. -</p> - -<p> -Der Großinquisitor ist allein schon deshalb unsittlich, -weil sich in seinem Herzen und Gewissen die Idee -festsetzen konnte, Menschen zu verbrennen sei notwendig. -</p> - -<p> -Gut – das Nützliche. Schlecht – das Nichtnützliche. -Nein, gut ist das, was wir lieben. Alle Ideen Christi -sind vom Menschenverstande verdorben worden und -<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> -scheinen unerfüllbar zu sein. Die linke Backe ... mehr als -sich selbst lieben ... Aber ich bitte, wozu das, wozu? -Ich bin hier für einen Augenblick, Unsterblichkeit gibt -es nicht, da lebe ich lieber wie ich will. Das sei keine -Berechnung (sagt ein englischer Priester). Erlauben -Sie mir, selber zu wissen, was für mich eine Berechnung -oder keine Berechnung ist. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-43"> -<span class="firstline">Der Staat ...</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Der Staat wurde für die Mittelmäßigen geschaffen. -– Wann hat denn der Staat bei seinem Entstehen gesagt: -ich erschaffe mich für die Mittelmäßigen? Sie -sagen, so habe es die Geschichte gemacht. Nein, immer -haben Auserwählte geführt! Aber nach diesen, das ist -allerdings wahr, hat sogleich die Mittelmäßigkeit auf -den Ideen der höheren Menschen ihren kleinen mittelmäßigen -Kodex aufgebaut. Bis dann wieder ein großer -oder ursprünglicher Mensch kam und den Kodex -zerstörte. Sie halten, scheint es, den Staat für etwas -Absolutes? Glauben Sie mir, wir haben nicht nur -keinen absoluten, sondern noch nicht einmal einen mehr -oder weniger vollendeten Staat gesehen. Alles Embryonen. -</p> - -<p> -Die Gesellschaften seien entstanden aus dem Bedürfnis, -sich einzurichten? – Das ist nicht wahr, sondern -immer infolge einer großen Idee. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-44"> -<span class="firstline">Ethik ...</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Die andere Backe hinhalten, den Nächsten mehr lieben, -als sich selbst – nicht deshalb, weil es vorteilhaft -<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> -ist, sondern weil es einem gefällt, bis zum brennenden -Gefühl, bis zur Leidenschaft. Christus habe sich geirrt -– das sei erwiesen! Doch dieses brennende Gefühl -sagt: lieber bleibe ich bei meinem Irrtum mit Christus -als mit euch. -</p> - -<p> -Sie sagen: Europa habe doch viel Christliches auch -ohne den Papst und den Protestantismus getan. Oh, -selbstverständlich, das Christentum ist dort doch nicht -in einem Augenblick gestorben, es brauchte doch zum -Sterben eine lange Zeit, es hinterließ doch Spuren. Es -gibt dort auch jetzt noch Christen, aber auch schrecklich -viel falsche Auffassung vom Christentum. -</p> - -<p> -Ihre Handlung ist sittlich, aber nicht ihre Idee. -</p> - -<p> -<em>Sittlich</em> ist nur das, was mit unserem Schönheitsgefühl -übereinstimmt und mit dem Ideal, in welchem -dasselbe sich verkörpert. -</p> - -<p> -Sein Verhalten mag ehrlich sein, aber seine Handlung -ist nicht sittlich. Denn, wenn die Handlung eines -Menschen bloß mit seinen Überzeugungen übereinstimmt, -so braucht sie deshalb noch nicht sittlich zu sein. -Es ist bisweilen sittlicher, nicht nach seiner Überzeugung -zu handeln, wie es mancher tut, der dabei seiner -Überzeugung durchaus treu bleibt, doch infolge eines -Gefühls die Handlung nicht ausführt. Mit seinem -Verstande schilt und verachtet er sich deshalb, aber sein -Gefühl, d. h. sein Gewissen läßt ihn doch nicht die Tat -ausführen (und schließlich weiß er auch, daß er sie -nicht aus Feigheit unterläßt). Er unterläßt die Befolgung -seiner Überzeugung nur deshalb, weil er dies -als sittlicher erkannt hat, denn eine Befolgung wäre. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-45"> -<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> -<span class="firstline">Rußland ...</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Es gibt bei uns allerdings Kulturmenschen, aber sie -entstanden, indem sie das Ganze verneinten und nur der -kleinste Teil kehrte zum Volk zurück. Die übrigen sind -alle negativ kultiviert. (Übrigens: weshalb mußte Peter -das Volk zu Leibeigenen machen, um einen gebildeten -Stand zu erhalten?!) Die Befreiung der Bauern -geschah ganz abstrakt, ohne Verständnis für den russischen -Bauern und sogar: indem man ihn verneinte; -man bemitleidete ihn als Sklaven, aber man sprach -ihm seine Persönlichkeit, seine Selbständigkeit, seinen -ganzen Geist dabei ab. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-46"> -<span class="firstline">Ich ...</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Bei vollständigem Realismus im Menschen den -Menschen finden. Das ist ein durchaus russischer Zug, -und in diesem Sinne bin ich natürlich volklich (denn -meine Richtung entspringt der Tiefe des christlichen -Volksgeistes), obschon ich dem Gegenwärtigen russischen -Volk unbekannt bin – doch das Zukünftige wird -mich kennen. -</p> - -<p> -Man nennt mich einen Psychologen. Das ist nicht -richtig. Ich bin nur ein Realist im höheren Sinne, d. -h. ich zeige alle Tiefen der Menschenseele. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-1-47"> -<span class="firstline">Christus ...</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -... Ich frage: weshalb ist es unsittlich, Blut zu -vergießen? Wenn ich das Gegenteil behaupte, werden -Sie meine Behauptung natürlich auf keine Weise widerlegen -können. -</p> - -<p> -<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> -Wenn wir nicht im Glauben und in Christus eine -Autorität hätten, würden wir uns in allem verirren. -</p> - -<p> -Es gibt sittliche Ideen. Sie erwachsen aus dem religiösen -Gefühl, aber mit der Logik allein sind sie niemals -zu rechtfertigen. -</p> - -<p> -Es wäre nicht mehr möglich, zu leben. -</p> - -<p> -Ein Beispiel: Der Jesuit lügt und ist überzeugt, -daß lügen um eines guten Zweckes willen nützlich und -gut sei. Sie loben es, daß er seiner Überzeugung gemäß -handelt, d. h. er lügt und das ist schlecht, da er aber -aus Überzeugung lügt, so ist das gut. Also einerseits -ist lügen gut, andererseits schlecht. Wunderbar! -</p> - -<p> -Auf dem Boden, auf dem Sie stehen, werden Sie -immer geschlagen werden. Das werden Sie nur dann -nicht, wenn Sie anerkennen, daß es sittliche Ideen -<em>gibt</em> (aus dem Gefühl, von Christus), beweisen aber, -daß sie sittlich sind, ist unmöglich (Berührung mit anderen -Welten). -</p> - -<p> -... Natürlich ist das nicht wissenschaftlich, obschon -– warum schließlich nicht? Die gewaltige Tatsache -der Erscheinung Christi auf Erden und alles dessen, -was darauf folgte, verlangt meiner Ansicht nach -auch wissenschaftliche Ausarbeitung. Die Wissenschaft -kann es doch nicht für unter ihrer Würde halten, die -Bedeutung der Religion in der Menschheit zu untersuchen, -und wäre es auch nur im Hinblick auf die historische -Tatsache, die durch ihre Ununterbrochenheit -und Beharrlichkeit frappiert. Die Überzeugung aber -der Menschheit von der <em>Berührung mit anderen -Welten</em> – diese unausrottbare Überzeugung -<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> -ist doch gleichfalls sehr bedeutsam. So etwas läßt sich -doch nicht mit einem Federstrich lösen. -</p> - -<p> -<em>Der Großinquisitor und das Kapitel -von den Kindern.</em> Angesichts dieser beiden -Kapitel hätten Sie über mich, vielleicht wissenschaftlich, -aber nicht in philosophischer Hinsicht so geringschätzig -zu urteilen brauchen, obschon Philosophie nicht -meine Spezialität ist. Auch in Europa gibt es keinen -atheistischen <em>Ausdruck</em> von solcher Gewalt und hat es -<em>nie gegeben</em>. Folglich glaube ich an Christus und -bekenne ich mich zu diesem Glauben nicht wie ein Kind, -sondern mein Hosianna ist durch das große <em>Fegefeuer -der Zweifel</em> hindurchgegangen, wie in -meinem letzten Roman der Teufel von sich sagt. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="footnotes" id="part-7"> -Fußnoten -</h2> - -</div> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Fjodor Michailowitsch hätte sich natürlich gern auch als offiziellen -Redakteur der Zeitschrift gesehen, doch stand er damals noch -unter polizeilicher Aufsicht, weshalb er erst 1873 als Redakteur -des „Bürger“ bestätigt werden konnte. Da aber die beiden Brüder -in größtem Einvernehmen lebten, so ergab sich daraus die beste -Arbeitsteilung: M. M. übernahm alles Geschäftliche, während -F. M. sich nur mit der geistigen Leitung der Zeitschrift befaßte. -<span class="ekr">N. N. Strachoff.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Russischer Publizist von Ruf, geboren 1845. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Alexander Herzen, Sohn eines russischen Aristokraten und -einer Württembergerin (geb. 1812 in Moskau, gest. 1870 in Paris). -Er war Schriftsteller und Politiker, wurde schon als Student verbannt, -gab in London von 1856–65 die Zeitschrift „Die Glocke“ -heraus. Seinem ungeheueren Einfluß auf die Intelligenz jener -Zeit, sowie seinem offenen Brief an Kaiser Alexander II. wird -der Anstoß zur Verwirklichung der Bauernbefreiung zugeschrieben. -<span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Professor der Geschichte. Näheres Bd. XI, S. 311. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Der Held der „Aufzeichnungen eines Irrsinnigen“ von Gogol. -<span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-6" id="footnote-6">[6]</a> Publizist, Politiker, Panslawist. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-7" id="footnote-7">[7]</a> Führer der slawophilen Partei in Moskau. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-8" id="footnote-8">[8]</a> Russischer Philosoph. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-9" id="footnote-9">[9]</a> Herausgeber der Werke Puschkins. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-10" id="footnote-10">[10]</a> Der Held in Puschkins Poem „Die Zigeuner“. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-11" id="footnote-11">[11]</a> Petschorin, die Hauptperson in Lermontoffs Roman „Der -Held unserer Zeit“; Tschitschikoff, die Hauptperson in Gogols Roman -„Die toten Seelen“; Rudin und Lawretzkij, ersterer im Roman -gleichen Namens und letzterer im Roman „Eine adlige Familie“ -von Turgenjeff. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-12" id="footnote-12">[12]</a> Fürst Andrej Bolkonskij, der Vertreter desselben Typs in -Tolstois Roman „Krieg und Frieden“. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-13" id="footnote-13">[13]</a> In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, unter Batyj, -dem Enkel Dschingis-Chans. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-14" id="footnote-14">[14]</a> Seit dem Tode des letzten Nachkommen Ruriks, Feodors I., -1598 (nachdem Boris Godunoff den Thronfolger Dmitri 1591 -hatte ermorden lassen) – bis Michail Romanoff 1613 den Thron -bestieg. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-15" id="footnote-15">[15]</a> Russisches Nationalgetränk aus gesäuertem Brot. -<span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-16" id="footnote-16">[16]</a> Rechtgläubigkeit. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-17" id="footnote-17">[17]</a> Geb. 1799, fiel 1837 im Duell. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-18" id="footnote-18">[18]</a> Geb. 1672, seit 1689, nach Ausschluß seines Bruders und -seiner Halbschwester von der Regierung, Alleinherrscher; begann -mit der Reform Rußlands nach seiner Reise ins Ausland 1697 -und starb 1725. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-19" id="footnote-19">[19]</a> Ein Mensch, der keinen Verbleib hat. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-20" id="footnote-20">[20]</a> Aleko ersticht die Geliebte und einen jungen Zigeuner, die -er bei einem Stelldichein überrascht. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-21" id="footnote-21">[21]</a> Ein junger Gutsbesitzer und Dichter, Onegins Nachbar und -Bräutigam der Olga Larina, der jüngeren Schwester Tatjanas. -Onegin, der auf seinem Gut wie ein blasierter Einsiedler lebt, -wird von Lenskij überredet, mit ihm zu einem Familienfest in -Larins, den Gutsnachbarn, zu reiten. Nachträglich ärgert sich -Onegin über seine Einwilligung, und um nun seinerseits Lenskij -zu ärgern, tanzt er auf dem Fest ausschließlich mit dessen Braut. -Lenskij wird eifersüchtig, fordert den Freund und fällt im Duell. -<span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-22" id="footnote-22">[22]</a> Der alte Mönch in Puschkins Drama „Boris Godunoff“. -<span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-23" id="footnote-23">[23]</a> Das Stadthaupt (der Bürgermeister) in Gogols Komödie -„Der Revisor“. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-24" id="footnote-24">[24]</a> Der Obergorodowoi (Schutzmann) in Gogols Komödie „Der -Revisor“. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-25" id="footnote-25">[25]</a> Diese Bezeichnung rührt von Turgenjeff her, dessen Romanhelden -fast ausnahmslos „überflüssige Menschen“ sind, die im -Vaterlande keine Arbeit zu finden verstehen, sich mit Vorliebe im -Auslande – in Paris oder in süddeutschen Kurorten – aufhalten -und sich im Grunde nur selbst zur Last fallen. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-26" id="footnote-26">[26]</a> Frau Korobotschka ist eine Gutsbesitzerin, Ssobakewitsch ein -Gutsbesitzer oder vielmehr „Besitzer von Leibeigenen“ in Gogols -„Toten Seelen“, Tjäpkin-Ljäpkin ist der Friedensrichter in Gogols -„Revisor“. Die Namen der Gestalten Gogols enthalten gewöhnlich -bereits die ganze Charakteristik der Personen: Frau Korobotschka -= Frau Kästchen, ist ein beschränktes, geiziges Frauenzimmer. -Ssobakewitsch, – etwa Herr Hundemann –, behandelt seine -Bauern, als wären sie Hunde. Dershimorda – Haltsmaul – -hält vornehmlich mit diesem Befehl die Ordnung aufrecht. -Skwosnik bedeutet „durchtriebener Schelm“, während Dmuchanowskij -an die kirchenslawische Bezeichnung für „Aufgeblasenheit“ -erinnert. Der Name Tjäpkin-Ljäpkin ist gebildet aus „Tjäp-da-ljäp,“ -dem vulgären Ausdruck für „obenhin“ oder „irgendwie“. -„Tjäp-da-ljäp, da i kletka“ heißt: eins, zwei, drei mit etwas fertig -sein – ganz wie der Friedensrichter Tjäpkin-Ljäpkin mit den -Gerichtssachen eins, zwei, drei fertig ist. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-27" id="footnote-27">[27]</a> Da die Leibeigenen im Plural meist einfach „Seelen“ genannt -wurden, so nannte man eine Volkszählung oder eine gerichtliche -bezw. notarielle Feststellung des Besitzes der Gutsherrn -„Seelenrevision“. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-28" id="footnote-28">[28]</a> Die bedeutendsten Slawophilen. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-29" id="footnote-29">[29]</a> Publizist und Slawophile. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-30" id="footnote-30">[30]</a> Das russische Wort für „Bauer“: es ist die ältere Form -von „Christjanin“, d. h. „Christ“, und hat somit nichts – wie -die Bezeichnung des Bauern in anderen Sprachen – mit „Land“ -(Landmann) oder bauen, bebauen gemein. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-31" id="footnote-31">[31]</a> Gogol und Lermontoff. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-32" id="footnote-32">[32]</a> Tolstoi, Dostojewski, Turgenjeff, Gontscharoff, Grigorowitsch. -<span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-33" id="footnote-33">[33]</a> Russischer General, der 1876 in Serbien gegen die Türken -kämpfte. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-34" id="footnote-34">[34]</a> Usurpator, Führer im großen Bauernaufstand unter Katharina -II., gab sich für (den ermordeten) Peter III. aus, wurde -1775 in Moskau hingerichtet. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-35" id="footnote-35">[35]</a> Dostojewski hat den <a href="#page-321">Seite 321</a>–<a href="#page-325">325</a> wiedergegebenen Entwurf -in demselben Oktoberheft seiner Monatsschrift „<em>Das Verdikt</em>“ -genannt und „die Überlegung eines Selbstmörders <em>aus Langeweile</em>, -selbstredend eines Materialisten.“ <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-36" id="footnote-36">[36]</a> Anhänger einer lutheranisierenden Sekte in Südrußland, -von der Regierung verfolgt. Sie verwerfen die Sakramente und -alle gottesdienstlichen Gebräuche und haben keine Priester. -<span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-37" id="footnote-37">[37]</a> Verfasser einer kleinen Broschüre: „Unsere neuen Christen – -Graf L. N. Tolstoi und F. M. Dostojewski“. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<div class="trnote chapter"> -<p class="transnote"> -Anmerkungen zur Transkription -</p> - -<p> -Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung -der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren -Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde -transkribiert nach: -</p> - -<p class="nowrap center"> -F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.<br /> -Zweite Abteilung: Zwölfter Band<br /> -Literarische Schriften<br /> -R. Piper & Co. Verlag, München, 1921.<br /> -5. bis 9. Tausend -</p> - -<p class="skip_in_txt"> -Das Cover wurde von den Bearbeitern den ursprünglichen -Bucheinbänden nachempfunden und der <em>public domain</em> zur Verfügung gestellt. -</p> - -<p> -Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ -vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen -Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. -sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt. -</p> - -<p> -Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. -</p> - -<p> -Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert. -</p> - -<p> -Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“) -eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen -wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen. -</p> - -<p> -Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: -Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. -Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen -wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern): -</p> - -<p class="list"> -Gradowskij (Gradowski)<br /> -Lewin (Levin)<br /> -Ostrowski (Ostrowsky)<br /> -Pugatschoff (Pugatscheff) -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des -russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - - - -<ul> - -<li> -... sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten <span class="underline">Standpunkten</span> ...<br /> -... sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten <a href="#corr-3"><span class="underline">Standpunkte</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... um den leibeigenen <span class="underline">Bauer</span>. Einige ...<br /> -... um den leibeigenen <a href="#corr-11"><span class="underline">Bauern</span></a>. Einige ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">nationalen</span> Eigenheiten. Ihre Gegnerschaft raubt ihnen ...<br /> -... <a href="#corr-14"><span class="underline">nationale</span></a> Eigenheiten. Ihre Gegnerschaft raubt ihnen ...<br /> -</li> - -<li> -... als wären wir <span class="underline">wilde</span> Barbaren nicht wert, vor Europa ...<br /> -... als wären wir <a href="#corr-17"><span class="underline">wilden</span></a> Barbaren nicht wert, vor Europa ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SÄMTLICHE WERKE 12: LITERARISCHE SCHRIFTEN</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. 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Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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