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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Sämtliche Werke 13: Politische Schriften - -Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski - -Editor: Arthur Moeller van den Bruck - -Translator: E. K. Rahsin - -Contributor: Dmitri Mereschkowski - -Release Date: January 24, 2022 [eBook #67241] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net. This book was produced from images - made available by the HathiTrust Digital Library. - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 13: -POLITISCHE SCHRIFTEN *** - - - F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke - - Unter Mitarbeiterschaft Dmitri Mereschkowskis - herausgegeben von Moeller van den Bruck - - Übertragen von E. K. Rahsin - - - Erste Abteilung: Dreizehnter Band - - - F. M. Dostojewski - - - - - Politische Schriften - - - Eingeleitet von den Herausgebern - - R. Piper & Co. Verlag, München - - - R. Piper & Co. Verlag, München, 1917 - Zweite Auflage - Drittes bis fünftes Tausend - - - Copyright 1917 by R. Piper & Co., G. m. b. H., - Verlag in München - - Herrosé & Ziemsen, G. m. b. H., Wittenberg. - - - - - Inhalt - - - Seite - Zur Einführung - Die politischen Voraussetzungen der Dostojewskischen Ideen. VII - Von Moeller van den Bruck - Die religiöse Revolution. Von Dmitri Mereschkowski XXIX - Vorwort LIII - - Erster Teil. Westeuropäisches - Gedanken über Europa - Republik oder Monarchie 3 - Parteimenschen 15 - Frankreich und Deutschland 24 - Frankreich und die Kultur 26 - Deutschland und Rom 32 - Frankreich, die Republik und der Sozialismus 39 - Katholizismus und Sozialismus 47 - Drei Ideen 55 - Die deutsche Weltfrage - Deutschland, die protestierende Macht 65 - Ein genial-mißtrauischer Mensch (Bismarck) 72 - Ärger und Macht (Papstmacht) 79 - Das schwarze Heer. Die Meinung der Legionen als neues 88 - Element der Zivilisation - Ein ziemlich unangenehmes Geheimnis (Ausblicke) 94 - Die Lage Frankreichs - Unselige Pechvögel (Französische Republikaner) 101 - Ein merkwürdiger Charakter (Mac-Mahon. Französische 109 - Reaktionäre) - Die katholische Verschwörung 116 - Österreichs gegenwärtige Gedanken 129 - - Zweiter Teil. Russisches - Vom russischen Volk - Davon, daß wir gute Menschen sind. Die Ähnlichkeit der 147 - russischen Gesellschaft mit dem Marschall Mac-Mahon - Von der Liebe zum Volke. Der unumgänglich notwendige Vertrag 153 - der Gesellschaft mit dem Volke - Der Bauer Marei 159 - Einiges über den Krieg 168 - Mein Paradox - Das Paradox 178 - Das Ergebnis des Paradoxons 187 - Utopische Geschichtsauffassung 190 - Foma Daniloff, der zu Tode gemarterte russische Held - Foma Daniloff 201 - Die Versöhnungsmöglichkeit außerhalb der Wissenschaft 210 - In Europa sind wir bloß Landstreicher 218 - Eine der wichtigsten gegenwärtigen Fragen - Was sollen wir denn tun? 225 - Die brennende Tagesfrage 233 - Die Tagesfrage in Europa 240 - Die russische Lösung des Problems 245 - Ehemalige Landwirte – zukünftige Diplomaten 252 - Die Diplomatie vor den Weltfragen 267 - Niemals ist Rußland so mächtig gewesen wie jetzt, – eine 272 - nicht-diplomatische Auffassung - Die römisch-klerikale Verschwörung in Rußland 282 - Russische Finanzen 293 - Die Meinung eines geistreichen Bureaukraten über unsere 324 - Liberalen und Westler - Die Judenfrage - Vorbemerkungen 334 - _Pro_ und _contra_ 340 - _Status in statu._ Vierzig Jahrhunderte geschichtliches 348 - Dasein - Doch es lebe die Brüderlichkeit! 358 - Die Beerdigung des Allmenschen 363 - Ein einzelner Fall 367 - - Dritter Teil. Balkan und Orient - Idealisten oder Zyniker 375 - Früher oder später muß Konstantinopel doch uns gehören - Unser Verhältnis zum Orient 383 - Gedanken unserer Zeit 390 - Der Krieg - Wir sind die Stärksten 400 - Nicht immer ist der Krieg eine Geißel, zuweilen ist er sogar 409 - die einzige Rettung - Rettet denn vergossenes Blut? 414 - Wie Rußlands „sanftester“ Zar die Orientfrage aufgefaßt hat 420 - Aus dem Buch der Weissagungen Johannes Lichtenbergers – aus 422 - dem Jahre 1528 - Lüge sucht sich durch Lüge zu erhalten - Don Quijote 429 - Mollusken, die man für Menschen hält. Was ist für uns 436 - vorteilhafter: wenn man über uns die Wahrheit weiß, oder - wenn man über uns Unsinn schwätzt? - Zur Orientfrage - Lakaientum oder Zartgefühl 445 - Der größte Beweis unseres Lakaientums 456 - Ein ganz persönliches Wort über die Slawen, das ich schon 463 - lange habe sagen wollen - Was man jetzt über den Frieden spricht. Muß Konstantinopel 471 - Rußland gehören, und ist das überhaupt möglich? - Verschiedene Meinungen - - Vierter Teil. Asien - Die Asienfrage - Was ist Asien für uns? 493 - Fragen und Antworten 501 - - - Wir Russen sind ein junges Volk, wir fangen erst an - zu leben, obgleich wir schon tausend Jahre alt - sind: aber ein großes Schiff braucht auch ein - tiefes Fahrwasser. - - Dostojewski. - - - - - Zur Einführung - - - Die politischen Voraussetzungen der Dostojewskischen Ideen - -Die russische Politik ist immer wieder auf ihre byzantinische Grundidee -zurückgekommen. Nur die Begründung dieser Idee hat durch die -Jahrhunderte gewechselt. Und fast unterscheiden sich die einzelnen -Zeitalter der russischen Geschichte wie die verschiedenen Formulierungen -des byzantinischen Gedankens. - -Diese Begründung war nacheinander machtpolitisch, kirchenpolitisch und -panslawistisch, sie war zwischendurch bald das eine, bald das andere, -oft mehreres zugleich – je nachdem, welche Persönlichkeiten und -Gesichtspunkte, welche Kreise und Stimmungen die Begründung bestimmten. -Macht verband sich freilich immer mit ihr. Es war für die Zaren eine -besonders lockende Vorstellung, Selbstherrscher in der Stadt desselben -Konstantin zu werden, der einst verkündet hatte, daß der Wille des -Kaisers Kanon für das Volk sei. Ebenso fühlte sich die Beamtenschaft, -die höfische und politische Bürokratie, schon durch ihre Gewaltneigungen -zu der Stätte hingezogen, wo der Zeremonialstaat, aber auch der -Polizeistaat entstanden war. In einem verwandten und nur geheiligteren -Drange sehnte sich die Orthodoxie danach, wieder in die Stadt des -ökumenischen Patriarchen einziehen zu können, in der vordem das erste -Kyrie eleison erklang. Byzanz gab dem Russischen Reiche seinen -theokratischen Stil. Wie die mittelalterlichen Deutschen aus Rom das -Romanische herüberholten, so nahmen die Russen in Byzanz das Griechische -auf. Während den Rumänen auf dem Balkan das freilich entartete und -verkümmerte Erbe des Lateinertums zufiel, übernahmen die Russen für das -Slawentum die reichere und stolzere Überlieferung des oströmischen -Hellenismus. Byzanz wurde nach Rußland übertragen: und nicht nur in den -Symbolen, sondern vor allem in den Instinkten und Prinzipien. Nach jener -symbolischen Vermählung mit der letzten Palaiologin, die man Sophia -hieß, wie die große Kathedrale von Ostrom, wurden Wappen und -Herrschertitel, byzantinische Etikette, aber auch byzantinisches -Patriarchat, Klerikalverfassung, Klosterleben, byzantinisches Recht, das -an die Stelle des normannischen trat, nach Rußland hinübergeführt. Und -so fest wuchs in Moskau die Autokratie mit der Orthodoxie zusammen, so -sehr wurde das Byzantinische zur Grundlage des Reichsgefüges wie -Volkstums, daß man es schließlich gar nicht mehr als Byzantinismus, -sondern als autochthones, altheiliges, echtrussisches Gut empfand. Und -schon diese kirchen- und machtpolitische Begründung begleitete ein -nationalistisches Empfinden: Kyrill und die Slawenapostel, die Schöpfer -des russischen Alphabets und der altslawischen Kirchensprache, -vereinigten Russentum und Byzantinertum in einer slawophilen Gesinnung, -die später, als Rußland in seine historischen Gegensätze zum -europäischen Westen wie zum islamitischen Orient geriet, als -panslawistisches Bewußtsein der russischen Politik ihr geschichtliches -Ziel geben sollte: mit dem Besitz von Byzanz diese ganze Entwicklung -abzuschließen. - -Die Eroberung von Byzanz ist früh versucht worden. Es waren noch -griechische Kaiser und bulgarische Zaren, die russische Großfürsten vom -Balkan zurückschlugen. Dann kam die Zeit, in der die Mongolen über -Rußland herrschten. Damals entschwand Byzanz völlig den russischen -Blicken. Auf die Mongolen aber folgten im Süden von Rußland die Tataren -und schoben sich trennend zwischen Moskau und den Balkan. Diesem -Tatarengürtel, dem Khanat der Krim, das seine Macht um den nördlichen -Rand des Schwarzen Meeres lagerte, verdanken die Balkanslawen heute, daß -ihre Nationalität sich erhielt, die ohne diese Trennung vom -Großslawentum in diesen Jahrhunderten der Russifizierung verfallen wäre. -Als aber Moskau, als das Großrussentum, das im Großslawentum die -politische Führung übernahm, wieder politische Bewegungsfreiheit erhielt -und von neuem den Blick nach Byzanz hinüberwandte, da waren hier -inzwischen große Veränderungen geschehen. Die Türken waren den Russen -zuvorgekommen: Byzanz war mohammedanisch geworden. Kaum ließ sich in -dieser Zeit das Schutzrecht über die Balkanslawen und Balkanchristen -aufrechterhalten und wenigstens andeuten, das erst Peter der Große -wieder gegen die Türkei ausgespielt hat, und das bis zum letzten -russisch-türkischen Kriege von der russischen Politik bald mehr -diplomatisch, bald mehr ideologisch ausgespielt worden ist. Es wurde -früh Prinzip dieser Politik, Prinzip von Instinkten der Rasse, die ihre -historischen Hemmnisse wie Möglichkeiten herauswitterte, sich immer auf -der Linie des geringeren Widerstandes vorwärts zu bewegen: sinkender -Staaten oder wilder, niederer, jedenfalls schwächerer Völkerschaften. -Und vorläufig lag diese Türkei, der gelungen war, was Rußland versäumt -oder verfehlt hatte, und die damals Ungarn, Polen, Wien bedrohte, -entschieden nicht auf dieser Linie des geringeren Widerstandes, auf der -die russische Politik ihre größten Erfolge erringen sollte. Vorläufig, -in einer Zeit, als Europa in den Wirren der Religionskriege und -Erbfolgestreite sich selber schwächte, als Österreich den Türkensturm -auszuhalten hatte, die schwedische Politik zwischen Rußland und Polen -als Gegner schwankte, Polen zerfiel, schien eher der Westen auf dieser -Linie zu liegen. Und so füllte denn die russische Politik diese Zeit, in -der sie vom Süden und Osten abgedrängt war, und in der abgewartet werden -mußte, bis die Türkei schwächer wurde und sich allmählich jenes Prinzip -des geringeren Widerstandes auch auf sie anwenden ließ, mit ihren -Vorstößen nach Europa aus, die dem Russentum allerdings nur die -Zwieschaften eines Westlertums in das Land und das Leben tragen sollten. -Über der Gründung von Petersburg wurde die Eroberung von Byzanz -vergessen. Doch blieb der Norden den Russen stets unheimlich, wie der -Westen ihnen peinlich war. Nur Peter konnte wagen, den Norden zu -zwingen. Peter war selbst ein nordischer Mensch, schon deshalb, weil er -sich auch auf die unrussische Linie des größeren Widerstandes vorwagte, -war ein letzter Waräger, im Temperamente vom Willensschlage und -Schaffensdrange des Großen Kurfürsten, im Charakter mit strindbergischen -Zügen grausamen Menschenmißtrauens. Aber sogar die Ostsee blieb den -Russen immer fremd. Früh fühlten sie, daß das baltische Meer nie ein -slawisches Meer werden würde, daß der Mensch der Steppe kein Mensch des -Ruders ist. Im Kampf um die Ostsee wurde das Russentum nur an die Grenze -des größeren Widerstandes abgedrängt, an der es schließlich Europa vor -sich hatte, eine kulturelle und, aus ihr sich immer wieder ergebend, -eine politische Überlegenheit, gegen die es nicht aufzukommen vermochte. -Zwar suchte es die Grenze immer wieder zu überschreiten, aber nur, um -neue Zwieschaften des Westlertums in sich aufzunehmen, die das Russentum -auf Nachahmung stellten, und damit vor die Gefahr, sich von sich selber -zu entfremden. Die Linie des geringeren Widerstandes konnte für Rußland -immer nur in den Grenzenlosigkeiten von Osten und Süden liegen, dort, wo -die slawische Welt sich einst mit der verfallenden antiken, jetzt mit -der heraufgekommenen islamitischen mischte. Die russische Politik blieb -daher, was sie war: eine Politik dieser Grenzenlosigkeit. Sie suchte die -russische Herrschaft mit der Schrankenlosigkeit von Instinkten -auszudehnen, die von der weiten Natur des russischen Landes in einem -besonderen Maße gerechtfertigt, ja, herausgefordert zu werden schienen. -Und ein einziges festeres, ein phantasmagorisches, freilich auch sehr -realpolitisches Ziel in dieser orientalischen Grenzenlosigkeit, in deren -Fernen die Wüste, Indien und Asien lag, war dann stets, bei europäischer -Nähe und russischer Erreichbarkeit, die Stadt des Konstantin, von der -aus Selbstherrschertum wie Rechtgläubigkeit einst in die slawische Welt -gekommen war. Immer wieder, langsam, auf einem asiatischen Umwege, auf -dem zuerst Kasan und Astrachan erobert, das Kaspische Meer erreicht -wurde, und der sich noch im Bogen um das Schwarze Meer bewegte, fühlte -deshalb das Russentum, zunächst im Kampf gegen das Krimtatarentum, in -der Richtung auf die Türkei und Konstantinopel vor, in der sich, als -Symbol seiner geistigen Selbständigkeit und geschichtlichen Sendung, der -Kuppelberg der Agia Sofia erhob. - - * * * * * - -Schon Iwan der Dritte steckte die Grenzenlosigkeiten der russischen -Ausdehnungsmöglichkeiten nach geopolitischen Prinzipien ab und wies der -russischen Politik das Ziel: „Die Grenzen des Moskowitischen Reiches bis -zu den von der Natur gewiesenen Marken hinauszurücken, das heißt, bis -zum Uralischen Bergrücken, den Gestaden des Kaspischen Meeres, dem -Kaukasus und dem Pontus.“ Und Iwan der Große, unter dem ohne sein Zutun -die ungeheure kosakische Erwerbung von Sibirien geschah, leitete dann -mit seiner persönlichen Politik die Umklammerung des Schwarzen Meeres -ein, die schließlich zum Kampf gegen die Türkei führen mußte. Sogar -Peter der Große, der durch die Geschichte mit dem Rufe des Westlers -geht, und dem die russische Geschichtsphilosophie der slawophilen und -panslawistischen Epoche später alle Zwiespälte vorwarf, die durch die -Hinüberwendung nach Europa und die Abwendung von Byzanz in den -russischen Volkskörper gekommen sind, hat den Ausgang zum Schwarzen -Meere früher gesucht als den zum Baltischen Meere. Die ganze -klimatische, rassengeographische und religionspolitische Einstellung -Rußlands, die Ausdehnungspolitik, die er vorfand, und übrigens auch -schon Verträge seiner Vorgänger mit Polen und Österreich, verwiesen ihn -auf den Kampf im Orient. Gerade weil er den Westen bewunderte, wollte er -nicht eher vor dessen Urteil treten, als bis er einen Ruhm mit seinem -Namen verbunden hatte: Und dieser Ruhm ließ sich von Rußland aus nur im -Osten erwerben. Die Eroberung von Asow und die Gründung von Taganrog im -damals türkischen Mündungsgebiet des Don wurde deshalb seine erste Tat. -Und dann erst beging er seinen genialen Fehler, der ihn in der -Geschichte so groß gemacht hat, diesen „petrinischen Fehler“, den schon -seine altrussischen Zeitgenossen erkannt, gegen den sie sich als das -Verhängnis Rußlands gewehrt und dessen Rückgängigmachung sie Slawophilie -und Panslawismus hinterlassen haben. Sein russischer Blick blieb nach -Süden und Osten gerichtet: nach Byzanz, orientwärts, asienwärts. Aber -daneben hatte Peter diesen kulturellen Blick, den er nicht wohl -anderswohin wenden konnte als dorthin, wo die nächste überlegene -Nachbarkultur war: nach Europa. Durch eine doppelte Politik, eine, die -orientalisch und europäisch zugleich sein sollte, legte er die weitere -Entwicklung des russischen Staatsgedankens in einer Zwieschaft fest, die -das russische Volkstum aus seiner Ruhe, Verwurzelung, gewohnten Lagerung -warf und den russischen Menschen an sich irre machte. Nun wurde, statt -daß Konstantinopel erobert worden wäre, an ähnlich schicksalsvoller -Stelle, gleichfalls zwischen Wasser und Land, aber ohne Heiligung durch -Überlieferung, zwischen fremden Völkern, Bekenntnissen und Gesittungen, -durch fremde Menschen und Arbeitsweisen, eine neue, eine künstliche, die -befohlene Hauptstadt Petersburg gegründet. Schon bei Peters Lebzeiten -wandte sich das Altrussentum von dem Geiste dieser Gründung ab: Peters -eigener Sohn Alexei sollte das Werkzeug werden, um der eindeutigen, -rechtgläubigen moskowitischen Partei wieder zum Siege zu verhelfen: der -schlaffe Prätendent einer ewigen Idee, der erste Panslawist auf einem -Throne, den er nie bestieg. Peter selbst wandte sich gegen Ausgang -seiner Regierung wieder dem Orient zu. Die Ausdehnung, die er im -Baltikum gegen die Schweden erreicht hatte, konnte ihn nicht für die -Enttäuschung entschädigen, die er am Pontus durch die Türken erlitt. -Asow, der Stolz seiner Jugend, war wieder verloren gegangen. Fast -scheint es, als ob er bereit gewesen ist, seine nordischen Eroberungen, -bis auf Petersburg, gegen Bezahlung wieder herauszugeben, wie dies unter -seinem Vater schon einmal geschehen war. Aber jetzt wollte Schweden -nicht und suchte eine Entscheidung, der es nicht mehr gewachsen war. -Peters letzte Gedanken gingen nach Asien, Persien, China, Sibirien -hinüber. Das machtpolitische Testament, das er hinterließ, geschrieben -oder ungeschrieben, forderte die Zertrümmerung der Türkei. Das -religionspolitische Testament forderte gar, in einer orthodoxen -Wiederaufnahme der katholischen Kreuzzugsgedanken des Mittelalters, den -Erwerb Jerusalems und der heiligen Stätte für Rußland. Und das beinahe -mystische Testament, das er hinterließ, ging noch weiter und forderte -die Eroberung Indiens, des weißen und heiligen Landes am Ganges, für das -Volk des weißen und heiligen Zaren. - -Nach Peters Tode schien zunächst das Altrussentum zu siegen, das im -Grunde weder Petersburg noch Konstantinopel, nur sich selbst will, -obwohl seine politischen Ideen noch am ehesten, schon aus religiösen -Motiven, mit byzantinischen Tendenzen in Übereinstimmung zu bringen -sind. Residenz wie Regierung wurden wieder nach Moskau verlegt, freilich -auch wieder nach Petersburg zurück, hin und her. Auch Katharina die -Große, dieser zweite universale Mensch auf dem russischen Throne, die zu -organisieren hatte, was unter Peter pionierhaft abgesteckt worden war, -sah sich in der europäisch-orientalischen Zwieschaft festgelegt, die er -ihr hinterlassen. Doch ihre größten Unternehmungen hat auch sie gegen -die Türkei gerichtet. Die Nordküste des Schwarzen Meeres wurde gewonnen. -Aus den baltischen Häfen lief eine erste Flotte aus, um die Einfahrt in -die Dardanellen, freilich schon damals vergeblich, zu erzwingen. Doch -der entscheidende Friede von Kainardschi, den sie abschloß, und der -Rußland sein Schutzrecht über die Balkanchristen und zugleich eine -Meistbegünstigung seines Handels bestätigte, legte den Grund zu der -ganzen künftigen russischen Orientpolitik. Und wie weitausschauend ihr -Blick war, auch noch über dieses Ergebnis hinaus, das zeigte ihr -Lieblingsplan, ein großes rumänisch-bulgarisches Schutzreich Dazien -zwischen Rußland, Österreich und der Türkei zu schaffen, aus dem -vielleicht einmal ein neubyzantinisches mit der Hauptstadt -Konstantinopel werden konnte, und für das sie bereits ihren Enkel -Konstantin taufen ließ. Und wie realpolitisch zugleich dieser Blick war, -das zeigte ihr Lieblingswunsch, Ägypten zu erobern und zum mindesten -schon Malta im Rücken der Türkei und an Stelle von Franzosen oder -Engländern zu besetzen. - -Doch erreicht wurde zunächst nur, unter den Nachfolgern Peters wie -Katharinas: daß Zeit verloren wurde, und daß der richtige Anschluß -verfehlt wurde. Rußland hat durch die petrinische Politik zwei -Jahrhunderte verloren und manche Gelegenheit verfehlt. Jener halbe und -eigentlich planlose Zustand kam auf, von dem Pozzo di Borgo als Minister -Alexanders I. gesagt hat, daß die ganze neuere Politik Rußlands fast -ausschließlich die Zerstückelung Polens zum Gegenstande gehabt habe; und -das war zu wenig für Rußland; war eine kleine Politik; eine unrussische -Politik. - -Dafür haben freilich diese zwei Jahrhunderte das russische Volk in die -unmittelbare Nachbarschaft und unter die nachhaltende Einwirkung des -europäischen Westens gebracht, dessen Beispiele es zu seiner Entwicklung -brauchte. Aber gerade dieses russische Westlertum, das sich bildete, -mußte das autochthone Russentum, nachdem es einmal seine byzantinische -Selbständigkeit in Moskau gefunden hatte, in seiner russischen -Selbständigkeit in Rußland gefährden. Schon in der Zeit des falschen -Demetrius hatte ein erstes Westlertum das Moskowitertum vorübergehend -mit der Gefahr der Polonisierung und Katholisierung bedroht. Später -wurden Deutsche, Holländer und Schweden die Lehrmeister, die Rußland -brauchte, um sich in seiner künstlichen europäischen Stellung zu -erhalten, und deren Einfluß es doch immer wieder zurückstieß, weil das -natürliche russische Leben ihn nicht vertrug. Auf den deutschen Einfluß -folgte dann der französische, und auf den französischen wieder der -deutsche, auf den Einfluß Voltaires derjenige Friedrichs des Großen, -selbst Josephs des Zweiten, später Herders, Schillers und Hegels. Aber -gerade auf diesem Umwege über das Westlertum hat die russische -Geschichtsphilosophie, die sich bildete, sich mit den volklichen -Gegenbewegung der Slawophilie und des Panslawismus verbunden und ist von -dem europäischen Gedanken auf den byzantinischen zurückgekommen. Die -Verbindung mit dem Westen, die stets mehr enthusiastische als kritische -Übernahme seiner Probleme, machte das Russentum schließlich selbst -problematisch, brachte es in Widersprüche und Gegensätze aller Art, in -Unvereinbarkeiten des Geistes wie des Staates. Es ist dabei durchaus -eine Sache und Seite für sich, daß diese Problematik das Russentum -zugleich schöpferisch machte: nicht nur in der Arbeit, die Peter und -Katharina für Rußland leisteten, sondern auch in der Selbsterkenntnis -aller der Mißverständnisse und Übertreibungen des Westlertums, die Gogol -zur grotesken Drastik erhob, und in derjenigen seiner schweren -seelischen Erregungen, Erschütterungen, Erkrankungen, die Dostojewski in -dem realistischen Schattenreich einer russischen Apokalypse umgehen -ließ. Dieses russische Schöpfertum verbindet uns heute mit der -russischen Geistigkeit, die, nicht ein Teil, doch eine östliche -Ergänzung unserer eigenen Geistigkeit ist – und zwar um so mehr, je -weniger westlich, je echter russisch, slawisch, byzantinisch, je weniger -liberal und je mehr konservativ sie ist. Politisch aber, ideologisch, -geschichtsphilosophisch, in dem geistigen Sinne, den der Dichter und -Menschenforscher wie der Politiker und Geschichtsdenker Dostojewski -vertritt, mußte das Russentum sich von dem Westlertume, das seine -Geschichte wie ein Verhängnis begleitete, frei zu machen suchen. - -Wie eine Erlösung wurde es in Rußland empfunden, als das neunzehnte -Jahrhundert wieder den Willen zu einer großen russischen und nunmehr -altrussischen Politik brachte und Petersburg sich erneut dem Orient -zuwandte: denn im Mittelpunkte des Orients stand Konstantinopel! Die -Befreiungskriege der Balkanslawen gaben den Anlaß, sich in die -türkischen Angelegenheiten einzumischen: und dieser Anlaß wurde der -ideologische Ausgangspunkt für die Slawophilie, als sie den -byzantinischen Gedanken zum panslawistischen erweiterte. Doch nun zeigte -sich politisch, daß der Besitz von Konstantinopel, nachdem die Türkei -allerdings genügend zersetzt und geschwächt sein mochte, um von Rußland -überrannt werden zu können, gar kein russisch-türkisches, vielmehr ein -durchaus europäisches Problem geworden war. Wie ein Spiel ging es -infolgedessen in den Kabinetten und auf den Kongressen um den einen -Stadtnamen: Konstantinopel! Schon Friedrich der Große hatte auf die -Frage geantwortet, warum er die Russen nicht nach Konstantinopel lassen -wolle: „Weil sie dann am anderen Tage in Königsberg stehen.“ Und -Alexander I. hatte Konstantinopel den „Hausschlüssel“ zu Rußland -genannt, worauf Napoleon antwortete, daß es zugleich der „Schlüssel zu -Toulon“ sei. Später schloß Skobeleff umgekehrt wie Friedrich der Große -und meinte, daß der Weg nach Konstantinopel über Berlin gehe. Und von -österreichischer Seite ist die schlagfertige Erwiderung auf die drohende -Bemerkung eines russischen Geschäftsträgers bekannt, daß der Weg nach -Konstantinopel über Wien führe: „Ja, und der nach Petersburg über -Warschau!“ Wahr war an allen diesen Beziehungen und Anspielungen: daß -für Rußland der Weg nach Konstantinopel allerdings nicht nur über die -Türkei, sondern über Europa führte. - -Immerhin wurde manches von Rußland erreicht. Nikolaus I. erlangte, was -zuletzt Katharina verlangt hatte: die freie Durchfahrt durch die -Dardanellen für russische Handelsschiffe und ihre Sperrung für fremde -Kriegsschiffe. Aber er erlangte dies Zugeständnis um den Preis eines -Bündnisses zwischen Rußland und der Türkei, durch das beide Staaten sich -unter anderem zum wechselseitigen Schutze ihrer Völker und Bekenntnisse -verpflichteten, der Mohammedaner hier, der Slawen dort. Und dieser Preis -bedeutete ebenso einen Verzicht auf die alten macht- und -kirchenpolitischen Ansprüche, wie eine Verleugnung der neuen -panslawistischen Gesichtspunkte. Immerhin war Rußland nunmehr -Selbstherrscher auf dem Schwarzen Meere geworden. Dafür warfen dann die -Ergebnisse das Russentum um so weiter zurück. Im Pariser Frieden mußte -Rußland auf seine Bewegungsfreiheit im Schwarzen Meere wie auf sein -Schutzrecht über die Balkanchristen verzichten. Der Russisch-Türkische -Krieg wiederholte dann den Versuch, nach Konstantinopel vorzudringen, -noch ein letztes Mal, und wiederholte ihn nun auf der Grundlage und vor -dem Hintergrunde eines großen und leidenschaftlichen Panslawismus, dem -sich der größte und leidenschaftlichste Russe Dostojewski nicht entzog. -Die „slawische Frage“ kam auf und drang, wie der große beschauliche -Russe Tolstoi diese Zeit schildert, nachdem sie bis dahin nur die -Gesellschaft beschäftigt hatte, mehr und mehr in das Volk ein. Fast wäre -es erreicht worden, das große Ziel: die Russen vor Konstantinopel! und -die Russen in Konstantinopel! Aber wie die Türken, nachdem sie vor Wien, -nicht in Wien erschienen waren, nie wieder Wien bedrohen konnten, so -mußten die Russen auf Konstantinopel verzichten. Nach dem Berliner -Kongreß blieb nur die eine Möglichkeit einer veränderten politischen -Taktik übrig: durch die autonom gewordenen Balkanslawen, durch Slawen -und Bulgaren, auf dem Balkan zu herrschen. Und auch diese Möglichkeit -sollte versagen. Schon Dostojewski mußte vertrösten: „Einmal wird -Konstantinopel doch unser werden!“ Ja, einmal! Aber wann? Und schon -Dostojewski wandte den Blick nach Asien hinüber, nahm die letzten -russischen Waffenerfolge, die er noch erlebte, die Siege Skobeleffs in -Mittelasien, zum Anlaß, um dem Prinzip von der Linie des geringeren -Widerstandes, das sich bei ihm zuerst formuliert findet, eine andere -Richtung zu geben, und beantwortete in einer sibirischen Übertragung und -Auflösung des alten Gegensatzes von Westlertum und Altrussentum die -Frage: „Was ist Asien für uns?“ mit einem: „Asien ist unser Amerika!“ -„In Europa sind wir Sklaven. Nach Asien kommen wir als Herren. In Europa -waren wir Tataren. Nach Asien kommen wir als Europäer!“ Byzanz blieb der -Mittelpunkt seines politischen Denkens. Aber Asien wurde zum letzten -Wort seiner russischen Hoffnung. - - * * * * * - -Byzanz war für Dostojewski mehr als ein Symbol, wie es für Rußland mehr -als ein Symbol ist. Das russische Selbstherrschertum war ursprünglich -eine barbarische Machtanmaßung, die zu ihrer Anerkennung der Heiligung -durch das Recht und durch die Überlieferung bedurfte: Byzanz gab ihr -beides. Durch Byzanz konnte das Zartum vertieft und vergeistigt, durch -Verchristlichung gerechtfertigt, durch Mystifizierung erhoben werden. -Ebenso sehnte sich der Panslawismus, den Dostojewski vertrat, nach Größe -und Reinheit und Überschwenglichkeit, die in den russischen -Volksgedanken kommen sollten. Dostojewski wollte die Macht in Gnade -verwandeln und mit ihr die Massen, die Balkanbrüder und zuletzt alle -Menschen beglücken. Ist nicht alle unsere Menschenmacht eine Anmaßung? -Bedürfen wir nicht alle der Gnade? In Byzanz sah er das Urchristentum -erhalten, während ihm der Katholizismus durch seine papale Verbindung -mit Staatlichkeit, der Protestantismus durch seine humanistische mit -Lehrhaftigkeit entartet erschien: ein Materialismus genau wie der -Sozialismus, und ein Ausdruck des Westlertums und Europäertums, gegen -das er sich in allen seinen Formen wandte. Dostojewski wollte die -russische Nationalkirche zur Allerweltskirche erheben, von der noch -einmal die Erlösung ausgehen sollte, die er persönlich, in der -Lauterkeit seiner Absichten, für möglich und kommend hielt, während sie -praktisch allerdings stets nur die Vergewaltigung der Völker und -Bekenntnisse bedeutet hat. In dieser Verbindung von Staat und Macht, -Volk und Kirche, Religion und Politik ist der Dichter Dostojewski mit -dem Politiker Dostojewski verbunden. Als Politiker mußte er werden, was -er als Dichter, als Volksfreund, als Mensch der Liebe zum Nächsten und -als Enträtseler des gemeinsamen Schicksals im einzelnen, des einzelnen -im gemeinsamen, war: der Slawophile, der Panslawist, der Konservative, -der sich auf den Boden des patriarchalisch geschichteten Russentums -stellte, um zu einem religiös gerichteten Menschentum zu gelangen. Der -Konservative in Dostojewski: das war der Boden, der Unterbau, war -Rußland mit seinem natürlichen, primitiven, altruistischen Sozialismus -bäuerlichen Lebens. Und der Nihilist in Dostojewski, den er in sich -überwand: das war der Mensch, der Europa und den Westen kannte, und der -das einzige russische und allmenschliche Hemmnis auf dem ewigen Wege zu -Gnade und Erlösung, in Europa im Liberalismus, in Rußland im Westlertum -erkannte: als den Träger von Egoismus und Individualismus, als den -Verbreiter jenes nur allzu russischen Nihilismus und den Bringer eines -ganz unrussischen Industrialismus, Kapitalismus, Materialismus. - - * * * * * - -Der byzantinische Gedanke im russischen Geschichtsdenken ist heute -entartet. Nachdem er durch die Jahrhunderte abwechselnd machtpolitisch, -kirchenpolitisch und panslawistisch begründet worden war, wurde er -wirtschaftlich. Im russischen Westlertum selbst folgte auf den -französischen und deutschen Einfluß des achtzehnten und neunzehnten -Jahrhunderts der englische des zwanzigsten, folgte nicht geistig, weil -er dies nicht wohl sein konnte, wohl aber gesellschaftlich und vor allem -handelspolitisch. Ein neuer Menschenschlag kam in Rußland herauf: -Industrielle und Großkaufleute, Liberale, die nunmehr auf russische -Weise eine britische Wirtschaftspolitik machen wollten. Oder war es ein -alter Schlag, der wieder durchbrach? War es der moskowitische Kaufmann, -der tatarische Unternehmer, der an Stelle des Petersburger -Verwaltungsbeamten in das Wirtschaftsleben des Russischen Reiches -eingriff und mehr und mehr auch die Politik des Staates in die -Richtlinie seiner Gesichtspunkte abdrängte? Eisenbahnen erschlossen die -Steppe und Fabrikanfänge entstanden um die Städte. Vor allem aber fand -die Aufhebung der Leibeigenschaft eine späte, doch breite Nachwirkung in -der Landwirtschaft, in den Massen des Landes und in den Massen der -Menschen. Die geplante Stolypin-Kriwoscheïnsche Agrarreform, die durch -Aufhebung des Mir dem russischen Bauern erst volle Arbeitsfähigkeit, der -russischen Erde erst volle Ertragfähigkeit geben wird, soll nun die -Entwicklung vollenden. Schon ist das Verhältnis von Ausfuhr und Einfuhr -zugunsten der ersteren völlig verschoben worden und hat Veränderungen -für den Staatshaushalt mit sich gebracht, deren Reichweite sich noch gar -nicht absehen läßt. Namentlich das südrussische Getreide, dessen -Verschiffung durch den Schwarzmeerhandel erfolgt, wurde als das -bequemste nationale Zahlungsmittel erkannt. Und wichtiger noch als die -Eroberung von Konstantinopel erschien mit einem Male der Erwerb der -Dardanellen, deren Öffnung dem russischen Handel den Anschluß an den -Weltverkehr sichern sollte. Die Türkenkämpfe, die von dem russischen -Staate bis dahin als Ausdehnungskampf betrieben, von dem russischen -Volke als Glaubenskampf empfunden worden waren, wurden zum -Wirtschaftskrieg. Es war das Neue der Zeit und das Neue in der -russischen Geschichte, das der europäische Krieg nicht gebracht, doch -offenbart hat: an Stelle einer autokratischen oder theokratischen, immer -slawokratischen Geschichtsanschauung griff jener selbe europäische -Materialismus, jene selbe westlerische Unheiligkeit, vor der Dostojewski -durch eine religiöse Erneuerung des byzantinischen Gedankens das -Russentum hatte bewahren wollen, auf Rußland über. - -Es fragt sich nur, wie das russische Volk sich mit dieser Entwicklung -abfinden wird, durch die der russische Konservatismus hinter einen -russischen Liberalismus zurücktritt, wenn es dem russischen Staate nicht -gelingt, diese unvermittelte Wendung mit dem Besitz von Konstantinopel -wie dem der Dardanellen machtpolitisch abzuschließen? wenn Rußland -vielmehr auf diesen Besitz verzichten muß? dauernd und endgültig? Für -die russische Ideologie kann die wirtschaftliche, diese ökonomische, -nicht mehr ökumenische Auffassung des byzantinischen Gedankens nur eine -Entweihung sein, seine positivistische Entartung, sein tiefster, -materialistischer Fall und Verfall. Die russischen Ideologen sind denn -auch bereits in eine Gegenbewegung eingetreten, die sie von dem -neurussischen Liberalismus, von Manchestertum, Opportunität und Skepsis -abrücken und sich wieder dem altrussischen Patriarchentum und der Mystik -annähern läßt. Aber sie selbst sind nur Epigonen großer Ideen eines -Zeitalters, das die geschichtliche Möglichkeit, Byzanz zu besetzen und -für Rußland zu besitzen, bereits verfehlt hat. Während die russischen -Liberalen diese Möglichkeit in letzter Stunde noch nachzuholen suchten, -nicht durch einen Kreuzzug, sondern durch einen Ausfuhrkrieg, gehen die -russischen Ideologen noch einmal auf Dostojewski zurück, ohne freilich -in den eigenen Ideen über ihn hinauskommen zu können. Die politischen -Ideen Dostojewskis sind auch heute noch die geistige Plattform, auf der -Rußland steht. Nur in den Formulierungen und Postulaten sind die -ideologischen Epigonen der Dostojewskischen Dogmatik weicher und -nervöser, aber auch einseitiger und extremer – schon weil sie in dem -neurussischen Liberalismus denn doch einen anderen wirklicheren -gefährlicheren Gegner haben, als es das flaue und faule kosmopolitische -Westlertum war, gegen das Dostojewski sich wandte. Sie befinden sich -dabei in der Zwangslage, heute, mitten im Kriege, diesen Gegner, das -neue englische Westlertum, noch nicht bekämpfen zu können. Im Gegenteil, -sie suchen, wenn auch rein dialektisch, mit allen Zeichen der Ausflucht -und inneren Unvereinbarkeit, ihre geistigen Probleme mit den politischen -des Krieges in eine Übereinstimmung zu bringen. Sie sprechen davon, daß -das Bündnis mit den Nationen des Westens dem russischen Volkstum erst -seine wahre Ausdehnung sichere, mit der staatlichen und wirtschaftlichen -auch die künftige seelische, sprechen von einer wichtigsten Aufgabe der -Weltgeschichte, die der Weltkrieg lösen und die in einem Zusammenfließen -von Osten und Westen bestehen soll, über Deutschland hinweg. Aber die -Gegnerschaft gegen Liberalismus und Westlertum im eigenen Lande ist da -und lebt in der Sehnsucht der Seelen, die nicht Wirtschaft wollen, -sondern Glauben, nicht europäische Ordnung, sondern russisches Chaos und -russische Universalität. Die religiöse Revolution, deren Auslegung schon -Mereschkowski gab, will Wirklichkeit werden. Der jüngere Ssolowjoff -verkündet jetzt die religiöse Kultivierung der Welt und deren -Ausbreitung durch die russische Kirche. Rosanoff verherrlicht die -russische Trägheit und bringt sie in einen ewigen Gegensatz zu der -modernen futuristischen Betriebsamkeit, die er in Deutschland zu -verhaßter Gegenwart geworden sieht. Der alte politische Nihilismus kehrt -als Mönchtum wieder, als Wunsch und Wille zu einer reinen und erneuerten -Kirchlichkeit, hinter der sich, noch von ferne und undeutlich, der alte -Gedanke einer russischen Allerweltskirche erhebt und zu neuen -politischen panslawistischen und byzantinischen Schlußfolgen und -Forderungen überleitet. Aber auch für Rußland selbst taucht in einer -Verbindung alter demokratischer Neigungen des russischen Kirchentums mit -der Abneigung des Liberalismus gegen die absolute Zarengewalt ein -Gedanke auf, der nun freilich die Rückgängigmachung einer der -wichtigsten staatsrechtlichen Errungenschaften Peters des Großen -bedeuten würde: die Idee, wieder einen Patriarchen, jenes geistliche -Oberhaupt, das Peter der Große abschaffte, weil es das politische -Selbstherrschertum der Zaren hinderte, an die Spitze einer kirchlichen -Hierarchie zu setzen. Im Patriarchentum lag einst ein erster russischer -Sozialismus. Boris Godunoff hatte das Patriarchat und die -Leibeigenschaft eingeführt. Dann hatte Peter das Patriarchat beseitigt -und die Leibeigenschaft verschärft. Und später war es der noch absolute -Zarenwille Alexanders des Zweiten, der die liberale Aufhebung der -Leibeigenschaft verfügte. Nun kehrt die Entwicklung im Kreise von -mannigfachen Abwandlungen und Umwegen zu ihren Ausgängen zurück und -sucht Demokratisches und Autokratisches auf eine neue und doch -alte russische Weise zu vereinen. Es sind geistespolitische -Auseinandersetzungen, die bis zu einem Grade nur das innere russische -Schicksal angehen, über diesen Grad aber auch uns, die wir in -Deutschland die mitteleuropäische Grenzscheide, nicht nur von Westen und -Osten, sondern auch von Atavismus und Modernität bilden und die -Gegensätze von Konservatismus und Liberalismus, Überlieferung und -Entwicklung, Ewigkeit und Zeitlichkeit in das Gleichgewicht einer neuen -Wirklichkeit zu bringen haben. Wohin diese Auseinandersetzungen in -Rußland führen werden, kann niemand voraussehen: sicherlich zu schweren -seelischen Konflikten und Dilemmen, zu Problemen, deren schwerstes immer -darin bestehen wird, daß Rußland durch Deutschland von Byzanz abgedrängt -worden ist – bis Rußland dann eines Tages zu der Erkenntnis kommt, daß -der innere Grund dieser Abdrängung im Russentum selbst liegt, in der -russischen Geschichte, die Byzanz zu einer neuen europäisch-asiatischen -Form längst in Rußland verwirklicht hat. - -Darüber mögen Jahrhunderte vergehen. Aber auch Städte und heilige -Stätten vergessen sich in der Erinnerung der Menschen. Schon heute hat -Byzanz diese neue Bedeutung für Rußland bekommen, daß aus dem -Machtproblem ein Wirtschaftsproblem geworden ist. Damit wird Rußland -sich abfinden müssen. Und darüber werden, wie die Nachfahren der -Kreuzritter längst Jerusalem, wie die Deutschen, die im Mittelalter das -Erbe von Westrom tatsächlich besaßen und verwalteten, heute längst Rom -vergessen haben, auch die Russen, die das Erbe von Ostrom antreten -wollten, schließlich Byzanz vergessen. - - Moeller van den Bruck. - - - Die religiöse Revolution - -Dostojewski starb am 28. Januar 1881. Es scheint eine ewige Vorbedeutung -darin zu liegen, daß er gewissermaßen am Vorabend des 1. März 1881[1] -starb, gerade vor dem ersten Donnerschlage jenes furchtbaren Gewitters, -das jetzt bereits seit einem Vierteljahrhundert heraufzieht und sich -immer dunkler über uns zusammenballt, – und daß die erste -Gedächtnisfeier seines Todestages, am 28. Januar 1906, unter dem Getöse -des endlich ausgebrochenen Sturmes stattfinden mußte. Dostojewski trug -selbst den Anfang dieses Sturmes in sich, den Anfang der endlosen -Bewegung, obgleich er die Schutzwehr der endlosen Unbeweglichkeit sein -oder scheinen wollte: er war die Revolution, die scheinbar Reaktion war. - -„Die zukünftige selbständige russische Idee ist bei uns noch nicht -geboren, doch die Erde ist unheimlich schwanger mit ihr, und schon -schickt sie sich an, sie unter furchtbaren Qualen zu gebären,“ schrieb -er kurz vor seinem Tode. Dostojewski aber war der erste Schrei dieser -Qualen. - -„Ganz Rußland steht gewissermaßen an einem Endpunkte und schwankt über -dem Abgrund,“ schrieb er im Jahre 1878. Immer wieder suchte Dostojewski -sich von diesem Abgrunde abzuwenden, und krampfhaft klammerte er sich an -den glatten Rand des Verderbens, an die vermeintlich festen Felsen der -Vergangenheit – an Orthodoxie, Autokratie und Nationalität. Doch wenn er -gesehen hätte, was wir heute sehen, würde er dann begriffen haben, daß -Orthodoxie, Autokratie und Nationalität, so wie er sie verstand, nicht -drei Felsen sind, sondern drei Abgründe auf den unvermeidlichen Wegen -des heutigen Rußlands zum zukünftigen? Rußland ging dorthin, wohin -Dostojewski es rief, ging zu dem, was Dostojewski für die Wahrheit -hielt. Doch da haben wir nun die Früchte dieser Wahrheit! Rußland -„schwankt“ heute nicht mehr über dem Abgrund, heute stürzt es bereits in -ihn hinab. Die Autokratie stürzt zusammen. Die Orthodoxie ist gelähmter -denn je. Und die russische Nationalität steht heute nicht mehr vor der -Frage, ob sie einmal die erste in Europa werden kann, sondern ob sie -sich überhaupt noch zu erhalten vermag. Auf welche Seite würde sich nun -Dostojewski stellen: auf die der Revolution oder die der Reaktion? Oder -würde er sich wirklich auch jetzt nicht um seiner großen Wahrheit willen -von seinem großen Irrtume lossagen? - -Dostojewski ist der Prophet der russischen Revolution. Doch, wie das -häufig mit Propheten geschieht, ihm selbst war der wahre Sinn seiner -Prophezeiungen verborgen. Ein unversöhnlicher Widerspruch klafft -zwischen der äußeren Schale und dem inneren Wesen Dostojewskis. Von -außen ist es die tote Schale zeitgebundenen Irrtums; von innen – der -lebendige Kern ewiger Wahrheit. Wir müssen die Schale zerschlagen, um -ihr den Kern entnehmen zu können. Als die russische Revolution vieles -von dem, was bis dahin unzerstörbar-fest erschien, zerschlug, -vernichtete sie auch den politischen Irrtum Dostojewskis. - -Nicht wir werden ihn richten; das wird die Geschichte tun. Wir aber, die -wir ihn liebten, die wir mit ihm untergingen, um uns mit ihm zu retten, -werden ihn vor diesem furchtbaren Gerichte nicht verlassen: mit ihm -werden wir verurteilt oder mit ihm freigesprochen werden. - - * * * * * - -Einmal in der Kindheit, als er an einem klaren Frühherbsttage ganz -allein im Gestrüpp am Waldrande stand, hörte er plötzlich inmitten der -tiefen Stille den lauten Schrei: „Ein Wolf kommt!“ – und außer sich vor -Schreck lief er schreiend auf das Feld hinaus, geradenwegs zum -pflügenden Bauer Marei; um im vollen Lauf nicht zu fallen, ergriff er -hastig mit einer Hand die Pflugstange und mit der anderen den Ärmel des -Bauern. Der beruhigte ihn: „... Geh doch! wo denn? Was für ’n Wolf soll -denn – ... Ist dir ja nur so vorgekommen! ... Ich werde dich schon nicht -vom Wolf rauben lassen ... Christus ist mit dir!“ Und „fast mütterlich -lächelnd“ bekreuzte der Bauer „mit seinen erdigen Fingern“ den Knaben. - -In dieser Erinnerung ist das ganze religiöse Leben Dostojewskis -enthalten. Der kleine Fedjä wuchs auf und wurde zu einem großen -Schriftsteller. Mit Fedjä wuchs auch der Bauer Marei zu einem großen -„Gotträger-Volk“. Doch die geheimnisvolle Verbindung zwischen ihnen -blieb. Seit der Zeit hörte Dostojewski oftmals den Schrei: Ein Wolf -kommt! Das Tier kommt! Der Antichrist kommt! – und jedesmal stürzte er -dann außer sich vor Schreck zum Bauer Marei, der ihn wieder beschützte -und „mit fast mütterlichem Lächeln“ beruhigte, der „ich werde dich schon -nicht von dem Wolf rauben lassen“ zu ihm sagte, ein „Christus ist mit -dir!“ zu ihm sprach und ihn bekreuzte. Das war die wahre Taufe -Dostojewskis – nicht in der Kirche, sondern auf freiem Felde, nicht mit -heiligem Wasser, sondern mit heiliger Erde. - -Worin liegt nun eigentlich die Kraft des Bauern Marei, der vor dem -„Wolf“, dem Tier-Antichrist beschützen kann? In der heiligen Erde Gottes -liegt sie, in der feuchten Muttererde, die sich dort, wo der Horizont -sich hinzieht, mit dem heiligen Himmel Gottes vereinigt. In dieser -letzten zukünftigen, noch nicht vollzogenen, jedoch möglichen -Vereinigung des Bauerntums mit dem Christentum, der Wahrheit der Erde -mit der Wahrheit des Himmels, liegt die religiöse Kraft des Bauern -Marei. Er ist, gleich dem Recken Mikula Sseljäninowitsch in unseren -alten Sagen, der Held der dunklen Tiefen unserer Erde, und zu gleicher -Zeit der neue Sswjätogor, der Held der Berges- und Sternenhöhen. Er ist -der heilige Georg, der „Besieger des Drachens, des uralten Wurmes“. Er -ist – das russische „Gotträger-Volk“ selbst. Bauerntum ist Christentum, -oder vielleicht ist es auch umgekehrt: Christentum ist Bauerntum. Doch -nicht das alte, staatliche, byzantinische, griechisch-russische, wohl -aber das junge, freie, volkliche Bauernchristentum ist – die -„Rechtgläubigkeit“. Dies ist der Grundgedanke Dostojewskis. „Das -russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit. Die ist alles, was es -hat. Doch mehr braucht es auch nicht, denn seine Rechtgläubigkeit ist – -alles. Wer die nicht versteht, der wird auch von unserem Volke nichts -verstehen; ja, der wird das russische Volk nicht einmal lieben können.“ - -In diesem Grundgedanken liegt zugleich der Grundirrtum Dostojewskis. Er -nimmt Zukünftiges für Gegenwärtiges, Mögliches für Wirkliches, sein -neues apokalyptisches Christentum für die alte historische Orthodoxie. - -Das Bauerntum will Christentum werden, doch ist es das noch nicht -geworden. Die Wahrheit der Erde will sich mit der Wahrheit des Himmels -vereinigen, doch noch hat sie sich nicht mit ihr vereinigt: für das -historische Christentum, die Orthodoxie, hat sich diese Vereinigung als -unmöglich erwiesen. Und noch niemals ist das Bauerntum dem Christentum -so entgegengesetzt gewesen wie in der jetzigen Zeit. Als das Christentum -sich in den Himmel zurückzog, verließ es die Erde; und das Bauerntum, -das an der Erdenwahrheit verzweifelte, ist jetzt bereit, auch an der -Himmelswahrheit zu verzweifeln. Die Erde ist ohne Himmel, der Himmel ist -ohne Erde; Erde und Himmel drohen, in ein uferloses Chaos -ineinanderzufließen. Und wer kann wissen, wo der Boden dieses Chaos ist, -dieses klaffenden Abgrunds, der sich zwischen Erde und Himmel, zwischen -Bauerntum und Christentum aufgetan hat? - -Aus diesem einen Grundirrtum ergeben sich auch alle übrigen Täuschungen -oder Selbsttäuschungen Dostojewskis. Derselbe Irrtum, der in seiner -Auffassung des russischen volkstümlichen Christentums liegt, liegt auch -in seiner Auffassung der Beziehung dieses Christentums zur allgemeinen -Aufklärung: er verwechselt das Zukünftige mit dem Gegenwärtigen, das -Mögliche mit dem bereits Vorhandenen, das Apokalyptische mit dem -Historischen. Worin besteht nun die Besonderheit der Orthodoxie oder, -wie Dostojewski sagt, des „russischen Christus“? - -Er gibt mehrere Definitionen der Rechtgläubigkeit, doch keine befriedigt -ihn vollkommen. - -„In der ganzen Welt gibt es keinen anderen Namen, denn seinen – den -Namen Christi –, der uns erlösen kann,“ das wäre, wie er meint, die -„Hauptidee der Rechtgläubigkeit“. Nur ist das eine viel zu allgemeine -Definition: sie umfaßt nicht nur das orthodoxe, sondern auch das -katholische und protestantische sowie überhaupt jedes christliche -Glaubensbekenntnis; denn sie alle erkennen, ganz wie die Orthodoxie, den -Namen Christi als den einzigen erlösenden an. - -Schließlich aber fand er eine für seine persönliche Religion allerdings -tiefere und genauere, für die Orthodoxie aber durchaus falsche -Definition. Die östliche Orthodoxie sei, wie er meint, die universale -_geistige_ Vereinigung der Menschen in Christo; das westliche, -römisch-katholische, päpstliche Christentum aber sei dem östlichen -gerade entgegengesetzt. Er sagt: „Das römische Papsttum verkündete, daß -das Christentum und seine Idee ohne die universale Beherrschung der -Länder und Völker – _nicht geistig, sondern staatlich_ – auf Erden nicht -zu verwirklichen sei. Auf diese Weise ist das östliche Ideal: zuerst die -geistige Vereinigung der Menschheit in Christo anstreben, und dann erst, -kraft dieser geistigen Vereinigung aller in Christo, die zweifellos sich -aus ihr ergebende rechte staatliche wie soziale Vereinigung zu -verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das Ideal dagegen das -Umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche Vereinigung in der -Form einer universalen Monarchie zu sichern und dann, nachher, -meinetwegen auch eine geistige Vereinigung zustande zu bringen unter der -Obrigkeit des Papstes, des Herrn dieser Welt.“ - -Hierbei fällt einem infolge des zweideutigen Gebrauchs des Wortes -„Staat“ oder „staatlich“ eine gewisse Unklarheit auf. Zuerst ist der -„Staat“ als Reich Gottes, als _Theokratie_ aufgefaßt, d. h. als durchaus -freies, nur auf Liebe begründetes Gemeinwesen, das jede äußere -vergewaltigende Macht verneint und folglich allen bis jetzt in der -Geschichte bekannten Staatsformen vollkommen unähnlich ist; im zweiten -Fall aber versteht Dostojewski darunter eine äußere, vergewaltigende -Macht, eine Herrschaft von dieser Welt, das Reich des Teufels – die -_Dämonokratie_. Hätte nun Dostojewski diese Zweideutigkeit nicht -zugelassen und die Entgegenstellung der brüderlichen, freien Vereinigung -gedanklich zu Ende geführt, so hätte sich auch für ihn ein völlig -unerwarteter, doch ganz unvermeidlicher Folgeschluß ergeben, und zwar: -die vollständige Verneinung jeder äußeren staatlichen Macht, jedes -Reiches, jeder Herrschaft auf Erden im Namen des Königs aller Könige, -des Herrschers aller Herrscher: die volle _Anarchie_, – natürlich nicht -die Anarchie im alten oberflächlichen, sozialpolitischen, sondern im -neuen, viel tieferen, religiösen Sinne, eine universale Monarchie als -Weg zur universalen Theokratie, die Herrschaftslosigkeit als Weg zur -Gottherrschaft. - -Es ist aber kaum anzunehmen, daß Dostojewski sich entschlossen haben -würde, zu behaupten, die theokratische Anarchie sei das Ideal des -östlichen und speziell des russischen Christentums, der -Rechtgläubigkeit. Was aber nicht im religiösen Ideal ist, das ist -natürlich auch nicht in der religiösen Wirklichkeit und kann es ja auch -gar nicht sein: unbedingter Gehorsam allen weltlichen Machthabern, -völliger Verzicht auf brüderliche und freie Gemeinsamkeit, vollständige -Unterjochung der Kirche durch den Staat – das ist die historische -Wirklichkeit der Orthodoxie. Im Westen kam es zum Kampf der geistlichen -Macht mit der weltlichen, des neuen christlichen Ideals einer -universalen Theokratie mit dem altrömischen, heidnischen Ideal einer -universalen Monarchie; das römische Kirchenoberhaupt mußte sein -anfängliches christliches Ideal verraten, um sich in einen römischen -Cäsar verwandeln zu können. Im Osten ging die Verzichtleistung auf die -christliche Freiheit im öffentlichen Leben, d. h. ging der Sieg des -heidnischen Staates über die christliche Kirche ohne jeden Kampf vor -sich und ohne jeden Verrat; denn es gab nichts, wogegen man hätte -kämpfen müssen, bzw. was man hätte verraten können – aus Mangel an einer -Idee einer allgemeinen Heiligkeit im Ideale der Rechtgläubigkeit selbst. -Die historische Wirklichkeit ist dem historischen Schema Dostojewskis -vollkommen entgegengesetzt: die Idee der universalen geistigen -Vereinigung der Menschheit in Christo hat nur in der westlichen Hälfte -des Christentums, im Katholizismus, existiert – wenn auch ihre -Realisierungsversuche schließlich erfolglos geblieben sind, während die -östliche Orthodoxie von dieser Idee sich nicht einmal hat träumen -lassen. Hier im Osten ist der römische Cäsar, der Selbstherrscher im -heidnischen Sinne, der „Erdengott“, der „Mensch-Gott“, auch im -Christentum das geblieben, was er vor dem Christentum war. Und keine -Vergewaltigung, keine Religionsspötterei, keine Willkür der -autokratischen Macht hat es hier gegeben, die die orthodoxe Kirche nicht -gesegnet hätte. Die letzte Grenze dieser Macht ist in der natürlichen -Fortsetzung und Vollendung des Oströmischen Reiches, in der russischen -Autokratie erreicht. Und wenn die staatliche Macht der Päpste -Dostojewski eine Lossagung von Christus erscheint, so müßte ihm die -russische Autokratie als der gerade und breite Weg zur Herrschaft des -Antichrist erscheinen. Die Autokratie aber dem Papsttum als geistige -christliche Freiheit der staatlichen heidnischen Vergewaltigung, als -Theokratie der Demokratie gegenüberstellen, heißt das Schwarze weiß -machen und das Weiße schwarz. - -Schließlich begriff Dostojewski aber doch, daß man, wenn man auf dem -Boden der Rechtgläubigkeit blieb, im „russischen Christ“ keine -universale Bedeutung finden konnte. Da verließ er denn die Kirche und -wandte sich der russischen Aufklärung, ihren zwei größten -Repräsentanten, zu – Peter und Puschkin. - -In den Reformen Peters findet Dostojewski „eine hervorragend -synthetische Begabung, die Fähigkeit zur Allversöhnung, zur -Allmenschheit“. „Der Russe kennt keine europäische Begrenztheit. Er lebt -sich mit allem ein und lebt sich in alles ein. Allem Menschlichen, wenn -es auch außerhalb seiner Nationalität, seines Blutes und Bodens steht, -kann er nachfühlen. Sein Instinkt errät sofort den allmenschlichen Zug -selbst in den schroffsten Sonderheiten anderer Völker: sofort -vergleicht, versöhnt er sie in seiner Idee, und nicht selten findet er -einen Einigungs- und Versöhnungspunkt in vollkommen entgegengesetzten -feindlichen Ideen zweier ganz verschiedener europäischer Nationen.“ - -„... Dort, in Europa, lebt jede nationale Persönlichkeit einzig für sich -und in sich; wir aber werden, wenn unsere Zeit anbricht, gerade damit -beginnen, daß wir die Diener aller werden, um der allgemeinen Versöhnung -willen. Und darin besteht unsere Größe, denn all das führt zur -endgültigen Vereinigung der Menschheit. Wer der Erste im Reiche Gottes -sein will – der werde der Diener aller. So verstehe ich die russische -Bestimmung in ihrem Ideal.“ - -Dieselbe russische Besonderheit sieht Dostojewski auch in Puschkin: „Wir -begriffen in ihm, daß das russische Ideal – Ganzheit, Allheit, -Allversöhnung, Allmenschheit ist.“ - -Peter gab die staatliche, Puschkin die ästhetische Form der russischen -„Allmenschheit“; Dostojewski war es vorbehalten, den religiösen Inhalt -in diese Form zu gießen. Die Allmenschheit, als Übergang zur -Gottmenschheit, die Vereinigung der Welt Christi mit der universalen -Aufklärung ist nur möglich, wenn in der letzteren die Grundlage der Welt -Christi enthalten ist: in der Allmenschheit – Gottmenschheit, die in -ihrer ganzen Größe zu offenbaren eben der christlichen Erkenntnis -bevorsteht. Doch braucht dabei das geringe Vorhandensein oder der -völlige Mangel dieser christlichen Erkenntnis in der heutigen -europäischen Kultur – in der Wissenschaft, Philosophie, Kunst, im -öffentlichen Leben überhaupt – nicht zu beunruhigen: der -Hauptunterschied der Allmenschheit, als Übergang und Mittel, von der -Gottmenschheit, als Ziel, besteht ja gerade darin, daß in der ersten, in -der Allmenschheit, das Menschliche mit dem Göttlichen noch nicht durch -die religiöse Erkenntnis verbunden ist, während im zweiten, in der -Gottmenschheit, die Vereinigung sich schon endgültig vollzogen hat. -Dostojewski stand nun vor der Aufgabe, das Unvereinbare zu vereinigen, -zu zeigen, daß die europäische Kultur außerhalb Christi und scheinbar -sogar gegen Christus, dennoch zu Christus geht, vom gekommenen Christ -zum kommenden Christ, und daß folglich die Wege Rußlands und Europas, -trotz aller scheinbaren zeitweiligen Abweichungen, ein und derselbe -ewige Weg sind. - - * * * * * - -In der politischen Tat fand Dostojewski, was er in der religiösen -Anschauung nicht finden konnte, – die Definition der Rechtgläubigkeit. - -Es könnte noch die Frage sein, ob Dostojewski selbst die Anschauungen -seines Helden in den „Dämonen“ teilt, wenn er sie nicht in dem „Tagebuch -eines Schriftstellers“ wiederholte: „Jedes große Volk glaubt und muß -glauben, daß in ihm und nur in ihm allein die Rettung der Welt liegt, -daß es bloß lebt, um an die Spitze aller Völker zu treten und sie zu dem -letzten Ziele, das ihnen allen vorbestimmt ist, zu führen ... Der große -Eigendünkel, der Glaube, daß man das letzte Wort der Welt sagen will und -kann, ist das Unterpfand des höchsten Lebens einer Nation.“ - -So ist denn die Rechtgläubigkeit, ist das wahre Christentum nach -Dostojewskis Meinung der „große Eigendünkel“ des russischen Volkes, der -Glaube an sich selbst, wie an Gott; denn er sagt doch, daß der russische -Gott, oder der „russische Christus“, nichts anderes sei als die -„synthetische Persönlichkeit“ des russischen Volkes. Folglich kann man -an die Stelle der früheren Formel: „das russische Volk ruht ganz in der -Rechtgläubigkeit“, die umgekehrte Formel setzen: „die ganze -Rechtgläubigkeit ruht im russischen Volke“. Nur dann, wenn Rußland mit -seinem Gott, mit seinem Christ „alle anderen Götter und Christusse -besiegt und aus der Welt vertrieben haben wird“, kann oder wird der -„russische Christus“ zum Christus der ganzen Welt werden. Wenn aber Gott -nur die „synthetische Persönlichkeit des Volkes“ ist, so ist nicht das -Volk der Leib Gottes, sondern Gott der Leib, die Fleischwerdung der -Volksseele; dann erhält nicht das Volk sein Dasein von Gott, sondern -erhält Gott sein Dasein vom Volk. Dann hat nicht Gott das Volk -geschaffen, sondern das Volk und überhaupt die Menschheit, d. h. der -Mensch, hat Gott geschaffen, nach seinem, des Menschen, Ebenbilde. Das -Volk ist absolut; Gott ist relativ. Folglich sind alle Religionen – nur -Mythologien, nur scheingöttliche Ebenbilder der menschlichen Wahrheit. -Also hat der Atheist Feuerbach recht, wenn er behauptet, daß der Mensch -in Gott sich selbst so lange verehrt, bis er erkennt, daß er, der -Mensch, selbst Gott ist und es einen anderen Gott außer ihm überhaupt -nicht gibt. - -Das schrecklichste ist ja, daß, wer an den „russischen Christus“, an den -„russischen Gott“, glaubt, nicht an das wahre Gotteswort, an den -universalen Christ glauben kann. Die vermeintliche Gottmenschheit, oder -„Volkgottheit“, ist, ebenso wie die wahre Menschgottheit, der sichere -Weg zur Gottlosigkeit. Die religiöse Tragödie Dostojewskis besteht -darin, daß er, dessen wahre Religion nicht die Orthodoxie war, glaubte, -ein Nicht-rechtgläubiger könne auch nicht Russe sein, aber aus Furcht -vor dem ewigen Schrei: „ein Wolf kommt!“ den Bauer Marei nicht auf einen -Augenblick zu verlassen wagte. Der kleine Fedjä täuschte sich: dieser -ewige Schrei ertönte nicht neben ihm, sondern in ihm; es war der erste -Schrei des letzten Entsetzens: „das Tier kommt, der Antichrist kommt!“ -Vor diesem Entsetzen konnte ihn der Bauer Marei (das russische Volk) -nicht retten; denn nachdem er der „russische Christ“ geworden ist, der -Doppelgänger Christi, hat er sich in ein Tier verwandelt, in den -Antichrist, denn der Antichrist ist der Doppelgänger Christi. - - * * * * * - -In der Autokratie vollendete sich für Dostojewski das, was bei ihm in -der Orthodoxie begonnen hatte: die Verwechslung der Menschgottheit mit -der Gottmenschheit. - -Der Zar sei unserem Volk der Vater und das Volk verhalte sich wie ein -Kind zu ihm. „Hierin liegt eine überaus tiefe, ursprüngliche Idee ... -Der Zar ist für das Volk nicht eine äußere Kraft, nicht die Macht -irgendeines Besiegers, sondern ist eine allvolkliche, allvereinende -Kraft, die das Volk selbst begehrt, die es in seinem Herzen großgezogen, -für die es gezittert hat; denn nur von ihr allein erwartete es seinen -Auszug aus Ägypten. Für das Volk ist der Zar die eigene Fleischwerdung, -die Inkarnation seiner Idee, seiner Hoffnungen und seines Glaubens. Das -Verhältnis des russischen Volkes zu seinem Zaren ist der ureigenste Zug, -der unser Volk von allen anderen Völkern Europas und der ganzen Welt -unterscheidet ... Diese Idee enthält eine so große Kraft, daß sie -natürlich unsere ganze weitere geschichtliche Entwicklung beeinflussen -wird ... Ja, genau genommen haben wir in Rußland überhaupt keine andere -Kraft, die uns erhält und leitet, als diese organische lebendige -Verbindung des Volkes mit seinem Zaren, und aus ihr allein entsteht bei -uns alles.“ - -Wie soll man nun die Behauptung Dostojewskis: „das russische Volk ruht -ganz in der Rechtgläubigkeit, außer ihr hat es nichts und braucht es -auch nichts, denn die Rechtgläubigkeit ist alles“, mit dieser neuen -Behauptung: „das russische Volk ruht ganz in der Autokratie, die ist -alles, was es hat, doch mehr braucht es auch nicht, denn die Autokratie -ist alles“, vereinigen? Entweder heben sich diese Behauptungen -gegenseitig auf, oder sie verbinden sich zu einer dritten: Autokratie -und Rechtgläubigkeit sind in ihrem letzten Wesen ein und dasselbe. Die -Autokratie ist der Leib und die Rechtgläubigkeit ist die Seele. Die -Autokratie ist ebenso eine absolute, ewige, göttliche Wahrheit, wie die -Rechtgläubigkeit. Und ebendies ist jenes „neue Wort“, das das russische -„Gottträger-Volk“ der Welt zu sagen berufen ist. - -Die Autokratie wie die Orthodoxie hat Rußland von Byzanz geerbt, vom -zweiten christlichen Rom, das sie seinerseits vom ersten, dem -heidnischen Rom, geerbt hatte. Auch im Heidentum war die Idee der -Autokratie in ihrer letzten Tiefe keine bloß politische, sondern -zugleich eine religiöse Idee. Die unumschränkte Macht des römischen -Kaisers über das Imperium, die Macht eines Menschen über die ganze -Menschheit, schien eine göttliche Macht, und der Mensch, der diese Macht -besaß, schien kein Mensch sondern ein Gott zu sein, ein Erdengott, der -dem Himmelsgott gleichkam. So ergab sich die Apotheose des römischen -Kaisers: Divus Cäsar, göttlicher Cäsar, Cäsar-Gott, Mensch-Gott. Doch -unter der Maske des Gottes verbarg sich das Gesicht des Tier-Nero, des -Tiberius, des Caligula. Und in dem Augenblick, als auf dem strahlenden -Gipfel des Imperiums in den Prunkgemächern der römischen Cäsaren der -Mensch zum Gott wurde, da geschah es, daß zu Bethlehem in einer dunklen -unterirdischen Höhle bei Hirten Gott zum Menschen ward – da ward -Christus geboren. Nach Dostojewskis Worten geschah „der Zusammenstoß -zweier denkbar entgegengesetzter Ideen, der entgegengesetztesten, die es -überhaupt auf der Erde geben konnte: der Menschgott stieß auf den -Gottmenschen, Apollo auf – Christus.“ - -Wodurch wurde dieser Zusammenstoß entschieden? Wer siegte? – Niemand. -„Es ergab sich ein Kompromiß,“ antwortet Dostojewski. Ein „Kompromiß“, -d. h. ein ungeheuerlicher Vertrag zwischen dem Gottmenschen und dem -Tier-Gott. Solange die Autokratie noch heidnisch blieb, starben die -christlichen Märtyrer lieber, als daß sie das Tier in der Person des -Kaisers anbeteten. Als jedoch die Autokratie das „Christentum“ annahm, -natürlich nur dem Namen nach, denn seinem Wesen nach kann die Herrschaft -des Tieres nicht die Herrschaft Christi sein, da nahm die Kirche -ihrerseits wiederum die Autokratie an, beugte sich vor dem römischen -Cäsar und segnete das Tier mit dem Namen Christi. Dostojewski behauptet, -dieses sei nur im Westen, im Katholizismus, geschehen, keineswegs aber -im Osten, in der Orthodoxie. Doch diese Behauptung ist ein Irrtum oder -ein Selbstbetrug Dostojewskis. Im Westen wie im Osten geschah ein und -dasselbe, wenn auch in zwei entgegengesetzten Richtungen: im Westen -verwandelte sich die Kirche in einen Staat, der Papst, der christliche -Erzpriester, wurde zum römischen Cäsar; im Osten verwandelte sich der -Staat in eine Kirche, die er verschlang, der russische Kaiser wurde zum -christlichen Erzpriester, wurde das Kirchenoberhaupt, „der oberste -Richter der Kirchenangelegenheiten“, nach den Worten Peters des Großen -in dem Reglement des Heiligen Synod. Doch hier wie dort geschah die -gleiche Verwechslung dessen, was des Kaisers ist, mit dem, was Gottes -ist, nur mit dem Unterschiede, daß im Westen durch den – wenn auch -mißlungenen – Versuch einer Theokratie, durch den Kampf der geistlichen -Macht mit der weltlichen, der Päpste mit den Kaisern, die religiöse Idee -des römischen Imperiums geschwächt wurde; während im Osten diese Idee, -da sie auf keine Hindernisse stieß, sich entwickelte, auswuchs und -schließlich ihre letzte universal-historische Vollendung in dem dritten -Rom, in der russischen „orthodoxen Autokratie“ erreichte. Die alte -heidnische Maske der Menschgottheit wurde durch die neue christliche -Maske der Gottmenschheit ersetzt; doch das wahre Gesicht blieb dasselbe -– die Fratze des Tieres. Und nirgendwo in der Welt ist die Herrschaft -des Tieres so grausam, so gottlos und glaubenslästerlich gewesen wie -gerade hier, in der russischen Autokratie. - -Die rechtgläubige Kirche weiß selbst nicht, was sie tut, wenn sie die -Nachfolger des römischen Tieres „Christen“, d. h. die „Gottgesalbten“, -nennt. Sollte sie es aber einmal erfahren und sich dann doch nicht von -der Autokratie lossagen, so könnte sie von sich dasselbe sagen, was der -Großinquisitor Dostojewskis zu Christus von der römischen Kirche sagt. - -„Wir sind nicht mit dir, sondern mit _ihm_ (mit dem Teufel), das ist -unser Geheimnis! ... Wir nahmen von ihm das, was du unwillig -verschmähtest, jenes Letzte, das er dir anbot, als er dir alle -Erdenreiche zeigte: wir nahmen von ihm Rom und das Schwert des Kaisers.“ - -Womit sonst, wenn nicht mit dem Schwert des Kaisers, muß nun die -orthodoxe Autokratie Konstantinopel erobern und das letzte dritte Rom -gründen – „die Erde mit Blut überschwemmend“? Daß in der auswärtigen -Politik das Angesicht der Autokratie das Gesicht des Tieres ist, daran -zweifelte, wie’s scheint, selbst Dostojewski nicht. Nur glaubte er -gleichzeitig, daß das Gesicht des Tieres in der inneren Politik, also -das zu Rußland gewandte, das Angesicht Gottes werden würde. Er -versichert, daß bei uns die allergrößte bürgerliche Freiheit sich -ausbilden könne, und zwar „gerade auf diesem selben unerschütterlichen -Boden (auf der Autokratie) wird sie sich aufbauen. Nicht durch ein -geschriebenes Gesetz wird sie sich bilden, sondern einzig auf Grund der -kindlichen Liebe des Volkes zum Zaren, als zu seinem Vater; denn Kindern -kann man vieles erlauben, was bei anderen Völkern, die nach Gesetzen -leben, undenkbar ist; Kindern kann man so viel anvertrauen, wie es noch -in keinem Staate erlebt worden ist, denn die Kinder werden ihren Vater -nicht verraten.“ „Ja, zu unserem Volke kann man Zutrauen haben, denn es -ist dessen würdig.“ - -Übrigens hat Dostojewski, wie es scheint, selbst gefühlt, daß etwas in -diesen Gedanken über das Zutrauen des Zaren zum Volke nicht stimmte, -etwas, das nicht so sehr jenem „unerschütterlichen Boden“ gleicht als -jenem Abgrund, über dem der „Eherne Reiter“[2] mit seinem Zügelruck -Rußland zum Aufbäumen gebracht hat. - -„Ich bin der Diener des Zaren. Ich werde noch mehr sein Diener sein, -wenn er wirklich glauben wollte, daß das Volk sich zu ihm wie ein Kind -verhält. Woran mag es nur liegen, daß er, wie es doch scheint, noch -immer nicht daran glaubt?“ schrieb er wenige Tage vor seinem Tode. - -Warum glaubte er denn nicht daran, und wird er vielleicht niemals daran -glauben? – das ist die Frage, die Dostojewski hätte beantworten müssen. -Aber er kam nicht dazu, – er starb. Und kaum war er gestorben, da rollte -auch schon der erste Donnerschlag der großen russischen Revolution durch -die Welt. Ein Vierteljahrhundert zog das Gewitter herauf, doch erst -jetzt, zur fünfundzwanzigjährigen Gedächtnisfeier Dostojewskis, beginnt -es, sich zu entladen. - - * * * * * - -Alle Irrtümer Dostojewskis ergeben sich daraus, daß er die -Widerstandskraft, die der Staat der Kirche entgegensetzt, überhaupt -nicht beachtet. Diese Widerstandskraft kommt der ganzen Lebenskraft des -Staates gleich: das Leben der Kirche – ist der Tod des Staates, das -Leben des Staates – ist der Tod der Kirche. - -„Glaubt mir, wir haben nicht nur einen absoluten Staat überhaupt noch -nicht gesehen, sondern nicht einmal einen mehr oder weniger vollendeten. -Alle blieben sie Embryos!“ Diese rätselhaften Worte, die Dostojewski -kurz vor seinem Tode niederschrieb, weisen auf einen tiefen und -verborgenen Gedankengang hin. Wenn es den einzelnen „Embryos“ bestimmt -ist, sich zu einem einzigen zukünftigen „vollendeten und absoluten“ -Staat zu entwickeln: ist dieser Staat dann nicht vielleicht das in der -Apokalypse geweissagte „Große Babylon, die Mutter aller irdischen -Greuel“ – jene universale Monarchie, die Pseudotheokratie, die -Herrschaft als Kirche, mit der sogar Dostojewski zuweilen die wahre -Theokratie, die Kirche als Herrschaft, verwechselt? - -Dann aber, wenn dieser „absolute Staat“ historische Wirklichkeit wird, -dann wird sich auch die „absolute Kirche“ verwirklichen, das absolute, -religiöse Gemeinwesen, die geliebte Stadt. Und zwischen diesen zwei -Herrschaften wird, wiederum hier auf Erden, zu Ende der universalen -Geschichte, doch bis zum Ende der Welt, der letzte Kampf vor sich gehen. - -„Der Antichrist wird kommen und sich auf die Anarchie stützen,“ sagt -Dostojewski gleichfalls kurz vor seinem Tode. Das ist nicht ganz -richtig. Der Antichrist wird kommen, wird aus der Anarchie hervorgehen, -doch sich nicht auf die Anarchie, sondern auf die Monarchie stützen, -nicht auf die Herrscherlosigkeit, sondern auf die Einherrschaft, die -Selbstherrschaft. Der Antichrist wird der letzte und größte -Selbstherrscher sein, der Namensusurpator Christi. Und in diesem Sinne -sind alle historischen Selbstherrschaften, alle historischen Staaten nur -kleine „Embryos“ des apokalyptischen Staates, der Selbstherrschaft des -Antichrists. - -Der Antichrist ist Usurpator, Pseudozar, denn der einzige wahre Zar ist -– Christus. Im letzten Kampf des Staates mit der Kirche wird dann jener -Kampf des Pseudozaren mit dem wahrhaften Zaren vor sich gehen, des -Tieres mit dem Lamm, von dem gesagt ist: „Sie (die Selbstherrscher, die -Diener des Antichrists) werden ihre Kraft und Macht dem Tiere geben. Sie -werden Kampf führen mit dem Lamm, und das Lamm wird sie besiegen, denn -Er ist der Herr der Herrschenden und der König der Könige.“ - -Entweder ist das theokratische Bewußtsein noch nicht geboren, und dann -ist das „Also geschehe es!“ des Mönches Sossima und Dostojewskis -vergeblich; denn es wird nur das sein, was gewesen ist – endlose -Verwechslung der Kirche mit dem Staate. Oder dieses Bewußtsein ist schon -geboren, und dann beginnt in ihm der letzte Kampf des Lammes mit dem -Tier. Und die Spitze des Schwertes Christi, das zu diesem Kampfe erhoben -ist, ist das erste prophetische Wort der großen russischen religiösen -Revolution, das Wort, das nicht umsonst gerade von uns, den Schülern -Dostojewskis, ausgeht: Selbstherrschaft ist vom Antichrist. - -Wie konnte Dostojewski dieses Wort nicht aussprechen, wie konnte er -seine größte Wahrheit unter dem größten Irrtum verbergen, seine -religiöse Revolution unter politischer Reaktion, das Antlitz des -heiligen Eiferers, des alten Sossima, unter der Maske des verfluchten -Vergewaltigers, des Großinquisitors? Wie konnte er die Selbstherrschaft, -die Herrschaft des Teufels, für die Herrschaft Gottes halten? - -„Der Staat verwandelt sich in Kirche“ – und „das ist die große -Bestimmung der Rechtgläubigkeit“, so führt der Bruder Païssij die -apokalyptische Verheißung – „Also geschehe es!“ – seines Lehrers zu -historischer Realität. - -Dies ist der große Irrtum Dostojewskis, die Quelle der unüberwindlichen -Furcht, die ihn veranlaßte, sein neues Gesicht unter alter Maske zu -verbergen, seinen neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Er glaubte -oder wollte glauben, seine Religion sei Orthodoxie. Doch seine wahre -Religion war, wenn auch noch nicht im Bewußtsein, so doch in den -tiefsten unbewußten Erlebnissen, keineswegs Orthodoxie, und auch nicht -das historische Christentum, ja, war nicht einmal Christentum überhaupt, -sondern das, was nach dem Christentum sein wird, nach dem Neuen -Testament – war Apokalypse, das nahende Dritte Testament, die -Offenbarung der dritten Person der Dreieinigkeit Gottes, war die -Religion des Heiligen Geistes. - -Das Christentum ist die Offenbarung der einzigen gottmenschlichen -Persönlichkeit; dies ist der Grund, warum die wahrhafte christliche -Heiligkeit eine vorzugsweise persönliche, innerliche, einsame, nicht -gemeinsame Heiligkeit ist; und dies ist auch der Grund, warum alle -Versuche, die Gemeinsamkeit in das Christentum einzuschließen, so -fruchtlos geblieben sind, denn die Gemeinsamkeit ist die Basis der -Vielheit und ihrem Wesen nach, wenn auch nicht ein Widerspruch, so doch -das Entgegengesetzte der Grundlage der Einheit, der Grundlage der -Persönlichkeit. Nicht in das Christentum, sondern nur in die Religion -der Dreieinigkeit, aller drei – der göttlichen Vielheit, die sich in der -göttlichen Einheit offenbart – schließt sich auch die menschliche -Vielheit, die Gesamtheit der Persönlichkeiten ein: die heilige -Gemeinsamkeit. Nur in die Religion der heiligen Erde schließt sich -natürlicherweise auch die universale Vereinigung und Einrichtung der -Menschen auf Erden ein – in die Kirche als Staat. Im Christentum ist die -Kirche ein himmlisches Reich – ein erdenloses, geistiges, körperloses. -In der Religion des Heiligen Geistes ist die Kirche das -himmlisch-irdische, geistig-körperhafte Reich, nicht nur unsichtbar -mystisch, sondern auch sichtbar, historisch-real. Das ist – die -Erfüllung des Dritten Testaments, die Inkarnation der Dritten Person, -der Dreieinigkeit Gottes. Denn ganz wie die Erste Person der -Dreieinigkeit, Gott-Vater, sich in der Naturwelt inkarniert, in der -vormenschlichen, – im Kosmos, und die Zweite, die des Sohnes – im -Gottmenschen, so wird sich die Dritte Person der Dreieinigkeit, der -Heilige Geist, – in der Gottmenschheit, in der Theokratie inkarnieren. - -Das ist es, was für uns jene Prophezeiung Dostojewskis bedeutet: „Die -Kirche ist in Wahrheit das Reich, und ihr ist bestimmt, zu herrschen, -und zum Schluß wird sie kommen müssen als Reich der ganzen Erde.“ - -Dies ist das Antlitz und derart war seine Maske; das Antlitz ist der -Maske entgegengesetzt. Die Maske ist: Orthodoxie, Autokratie, -Nationalität; das Antlitz ist: Überwindung der Nationalität in der -Allmenschlichkeit, Überwindung der Autokratie in der Theokratie, -Überwindung der Orthodoxie in der Religion des Heiligen Geistes. - -Zuweilen scheint es, daß derselbe Widerspruch zwischen Gesicht und -Maske, wie bei Dostojewski, auch in ganz Rußland existiert, und daß die -russische Revolution nichts anderes ist als das Abreißen der Maske vom -Gesicht. Von diesem unaufgedeckten Gesichte, von dieser ungeborenen Idee -spricht Dostojewski, wenn er sagt: - -„Die zukünftige selbständige russische Idee ist bei uns noch nicht -geboren, doch die Erde ist unheimlich schwanger mit ihr, und schon -schickt sie sich an, sie unter furchtbaren Qualen zu gebären.“ - - Dmitri Mereschkowski. - - - - - Vorwort - - -Dostojewski hat bereits sehr früh Politisches geschrieben. Schon das -Jahr 1861, das zweite nach seiner Rückkehr aus Sibirien, findet ihn in -publizistischer Tätigkeit: er gab damals zusammen mit seinem Bruder -Michail „Die Zeit“ heraus; und als diese von der Zensur infolge eines -Mißverständnisses unterdrückt wurde, „Die Epoche“. Doch politisch -bedeutend sind seine Leistungen erst später geworden. Und seine letzten -kritischen Schriften schließen sein Lebenswerk wie ein intellektueller -Rechenschaftsbericht ab. - -Für eine deutsche Ausgabe seiner politischen Schriften kamen daher nur -diese letzteren in Frage: 1. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem -Jahre 1873“; 2. „Politische Artikel: Ausländische Begebenheiten aus den -Jahren 1873 und 1874“; 3. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre -1876“; 4. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre 1877“ (mit einem -Schlußteil vom Januar 1881, den er kurz vor seinem Tode, am 28. Januar -1881, geschrieben). Auch zwischen ihnen mußte noch geschieden werden. -Die weit über tausendseitige Masse dieser Tagebücher, die Dostojewski in -der zweiten Hälfte seines Lebens zusammengetragen hat, einfach -abzudrucken, ging nicht an. Dostojewski hat nie nach einem bestimmten -Plane kritisch gearbeitet; er hat immer nur an sehr aktuellen -Ereignissen seine Ideen entwickelt; tagebuchartig trug er seinen Lesern -seine Meinungen vor; als der bedeutende russische Mensch, der er war, -nahm er Stellung zu den Tagesfragen, wie sie gerade auftauchten. Diese -unsystematische, rein menschliche Art seiner kritischen Tätigkeit -brachte von selbst mit sich, daß er sich, sobald er auf verwandte Fragen -stieß, oft wiederholen mußte. Diejenigen Stücke, die solche -Wiederholungen brachten, galt es daher auszusondern und im übrigen alle -diejenigen zusammenzustellen, in denen Dostojewski selbst seine Ideen am -reinsten herausgearbeitet hat. - -Vor allem war eine Teilung in „Politische Schriften“ und „Literarische -Schriften“ notwendig, wobei der Begriff „Literarischer Schriften“ im -weitesten Sinne des Wortes genommen ist. Die Teilung war nicht ganz -einfach, da Dostojewski, eben infolge seiner Abhängigkeit vom zufälligen -Stoff, nicht nur ständig vom Literarischen aufs Politische und vom -Politischen wieder aufs Literarische überspringt, sondern zwischendurch -auch noch alle möglichen religiösen oder ethischen oder -volkspsychologischen Fragen behandelt, bei denen es durchaus zweifelhaft -sein kann, welcher von den beiden großen Gruppen die betreffenden Stücke -angehören; finden sich doch sogar Novellen, die letzten, die er -geschrieben hat, in die Tagebücher aufgenommen. Doch ließ sich die -angegebene Teilung schließlich durchführen; nur einzelnes, so vor allem -die Novellen, wurde anderen Bänden der Ausgabe zugewiesen. Immerhin -schließt die Teilung, so wie sie geschehen ist, nicht aus, daß der -Kenner des russischen Originals in den „Politischen Schriften“ -vielleicht das eine oder andere vermissen wird, was er dann in den -„Literarischen Schriften“ findet. Eine eindeutige Scheidung vorzunehmen, -erlaubte das vorhandene Material nicht; und das einzige, was erreicht -werden konnte, war eine gewisse Geschlossenheit in der Gesamtwirkung -jedes einzelnen Bandes. - -Für den Band „Politische Schriften“ wurden herangezogen: 1. „Politische -Artikel: Ausländische Begebenheiten aus den Jahren 1873 und 1874“; 2. -„Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre 1876“ und 3. „Tagebuch -eines Schriftstellers aus dem Jahre 1877“ mit dem Schlußteil vom Januar -1881. Um dem deutschen Leser, der heute nicht mehr, wie einst der -russische, eine Zeitchronik lesen, sondern Dostojewskis Gesamtanschauung -kennen lernen will, dieses Material übersichtlich darzubieten, wurde es -noch einmal abgeteilt, und zwar nach den sachlichen Gesichtspunkten a) -Westeuropäisches; b) Russisches; c) Balkan und Orient; d) Asien. Aus dem -gleichen Grunde größerer Übersichtlichkeit wurde es hin und wieder -nötig, Untertitel anzubringen, die sich bei Dostojewski nicht finden. Es -sind das die ganz allgemein gehaltenen: Republik oder Monarchie; -Parteimenschen; Frankreich und Deutschland; Frankreich und die Kultur; -Deutschland und Rom; Frankreich, die Republik und der Sozialismus; -Katholizismus und Sozialismus; Bismarck; Papstwahl; Ausblicke; -Französische Republikaner; Französische Reaktionäre; Vorbemerkungen; -Unser Verhältnis zum Orient. - -Die Aufsatzreihe „Gedanken über Europa“ ist Aufsätzen Dostojewskis aus -den Jahren 1873/74 und 1876 entnommen. - -Die Aufsätze „Russische Finanzen“, „Die Meinung eines geistreichen -Bureaukraten“ und „Die Asiatische Frage“ stammen aus dem Jahre 1881. - -Der gesamte Rest der Aufsätze, also fast der ganze Band „Politische -Schriften“, stammt aus den Jahren 1876 und 1877. - - E. K. R. - - - - - Erster Teil. - - Westeuropäisches - - - Gedanken über Europa - - - Republik oder Monarchie - -In Frankreich erleben wir heute[3] den Kampf zwischen Republik und -Monarchie. - -Die republikanische Partei hat zwar die meisten Anhänger, doch trotzdem -glaube ich, daß das Ende der französischen Republik herannaht. Denn was -ist schließlich solch eine Republik wie die eines Thiers? Das ist doch -etwas durchaus Negatives. Thiers hat ja selbst von seiner Republik -gesagt, daß sie eigentlich nur notwendig sei, weil keine einzige der -anderen Regierungsformen, die die gegnerischen Parteien einführen -wollen, in Frankreich zurzeit möglich wäre. Solch ein negativer Vorzug -kann aber das müde Frankreich, das um jeden Preis Ordnung und eine sie -erhaltende Kraft haben will und haben muß, unmöglich befriedigen – um so -weniger als diese negative und, wie Thiers sagt, einzig mögliche -Regierungsform im gegenwärtigen Frankreich die anderen Parteien -keineswegs beseitigt, sondern sie durch ihre Negativität nur anspornt; -denn jede der anderen Parteien ist überzeugt, daß sie etwas Positives -bringen könnte. Die Republik so bezeichnen, wie es Thiers tut, heißt -selbst an sie nicht glauben. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, -warum alle Franzosen ihre Republik unwillkürlich als etwas -Vorübergehendes, fast als ein mehr oder weniger unvermeidliches Übel -betrachten. Solch eine schiefe Stellung ist auf die Dauer unerträglich, -und so wird sich die Republik in Frankreich wohl nicht sehr lange halten -können. - -Wie steht es aber mit der rechtmäßigen Monarchie? - -Nun, stellen wir uns vor, daß der Graf von Chambord[4] den Thron schon -bestiegen hat, daß die Partei der Republikaner schon aufgelöst worden -ist, daß das Land sich allmählich beruhigt, wenigstens dem Anscheine -nach, und alles schließlich in Ruhe seinen Verlauf nimmt. – Versichern -doch viele Legitimisten, daß der Graf von Chambord den Franzosen -„mindestens 18 Jahre Frieden und Ruhe“ geben würde; schön, wir glauben -ihnen gern, – wenn auch nicht gerade, daß es „mindestens“ 18 Jahre sein -würden –. Die Frage aber: was dann? bleibt nichtsdestoweniger bestehen. -Wodurch wird das Schicksal Frankreichs entschieden, selbst wenn der Graf -sich längere Zeit auf dem Throne behauptet? Wodurch werden Europa und -die Welt beruhigt? - -Louis Veuillot[5] sagt: „Die ganze Kraft des Prätendenten besteht in der -unbedingten Aufrechterhaltung seiner Prinzipien; denn nur, wenn er diese -nicht um ein Atom verändert, behält er die Möglichkeit, Frankreich zu -retten und zu beruhigen.“ Ja, aber was wird denn der neue König tun, um -Frankreich zu „retten“? Und was bedeutet eigentlich das Wort -„Möglichkeit“ in diesem Falle? - -Das Wesen der Prinzipien des Grafen besteht erstens und hauptsächlich -darin, daß seine Macht eine – rechtmäßige Macht ist; zweitens, ... ja, -was dann folgt, ist so phantastisch, daß man nicht begreift, wie es so -ideale Dinge in der Wirklichkeit überhaupt geben kann. Das heißt, wenn -die Triebfedern, die jetzt die ganze legitimistische Partei veranlassen, -die Monarchie zu proklamieren, auch äußerst verständlich und nichts -weniger als ideal sind, so sind doch der Graf von Chambord und alle, die -ebenso denken wie er – es gibt ja auch solche unter seinen Anhängern –, -vollkommen phantastische Erscheinungen. Die Hauptsache ist aber nicht, -daß der König von der Rechtmäßigkeit seiner Macht überzeugt ist, -sondern, daß alle Franzosen gleichfalls an die Rechtmäßigkeit seiner -Macht glauben; das aber ist doch in Frankreich ganz unmöglich. Sollte -dies dennoch einmal geschehen, so würde ja Frankreich nichts mehr zu -wünschen übrigbleiben: es würde dann wieder stark und zum erstenmal in -unserem Jahrhundert wirklich zu einem Ganzen vereinigt, es würde frei -und glücklich sein. - -Napoleon III. war während seiner ganzen Regierungszeit gezwungen, alle -seine Kräfte zur Befestigung seiner Dynastie zu verwenden. Wäre er von -dieser verhängnisvollen Sorge befreit gewesen, so würde er vielleicht -noch heute Kaiser sein, und Frankreich hätte vielleicht kein Sedan -erlebt. So jedoch mußte er vieles unternehmen, was Frankreich unmöglich -zum Vorteil gereichen konnte. Die Franzosen aber begriffen das sehr -bald, und zwar sehr gut. Wenigstens liegt hier der Grund, warum sie sich -während der ganzen Regierungszeit Napoleons III. trotz des Glanzes ihrer -damaligen Macht und ihres großen Ruhmes in einer zweideutigen, -unhaltbaren Lage fühlten. Wenn sogar der Kaiser nicht an die Sicherheit -seiner Macht glaubte, um wieviel weniger konnte das dann das Volk tun! -Sollte aber jetzt das Wunder geschehen, daß schließlich alle an die -Rechtmäßigkeit der Macht des Grafen von Chambord glauben, dann – ja dann -wäre doch alles erreicht. Weiß der König, daß sein Volk an ihn glaubt, -so muß auch er an sein Volk glauben. Erst wenn er keine Verschwörungen -oder sonst irgendwelche Anschläge gegen sich zu fürchten braucht, kann -er seinem Volke die größten Freiheiten geben, sagen wir: Preßfreiheit, -Freiheiten in der inneren Verwaltung und überhaupt im ganzen staatlichen -und bürgerlichen Leben, kann, wenn er will, sogar den Kommunismus -einführen, ... wenn diese Neuerungen nur nicht dem Ganzen schaden. Aber -solch ein allgemeines Einverständnis ist doch ein unrealisierbares -Ideal. Man denke doch nur an das in Frankreich eingewurzelte Vorurteil -gegen die alte Monarchie, an die hundertjährige Entwöhnung der Franzosen -von derselben und die schon hundertjährigen ganz neuen Gewohnheiten, an -die fünf oder sechs Generationen, die seit dem Sturze der alten -Monarchie aufgewachsen sind, – und schließlich an das Volk, an den -Pöbel, der die alte Monarchie gänzlich vergessen hat, sich von ihr -überhaupt keine genaue Vorstellung machen kann und heutzutage bestimmt -nicht begreift, warum er sich einem Grafen von Chambord unterwerfen -soll. Der Graf sagt, er könne sich nicht als König bloß einer Partei -denken; das bedeutet, daß er von _allen_ gewählt sein will. Darin aber -besteht ja die ganze Phantastik seiner Auffassung Frankreichs, daß er, -wie es scheint, von der Möglichkeit solch einer Wahl vollkommen -überzeugt ist. „Ohne die Zustimmung aller Franzosen und ohne die -rechtmäßige Macht des Königs kann Frankreich nicht glücklich werden,“ -sagen die Legitimisten. Schön; – wie aber diese allgemeine Zustimmung -erreichen? – wie diese hundert Jahre überspringen? Das ist doch eine -Illusion, die sie sich da machen! Ich wiederhole: alle diese -Monarchisten, die um jeden Preis die Monarchie proklamieren wollen, sind -durchaus verständlich, doch der Graf von Chambord, der ernstlich glaubt, -daß ihn _alle_ wählen könnten, und daß er nicht ein König bloß seiner -Partei sein würde, – dieser Graf von Chambord kommt einem denn doch, -gelinde gesagt, etwas wunderlich vor. - -Diejenigen Legitimisten, denen es nicht ausschließlich darum zu tun ist, -daß ein König den Thron einnimmt – der legitime Klerus hat natürlich -seine eigenen, besonderen Ziele im Auge –, die, meine ich, müssen doch -irgendeinen vernünftigen Plan haben; denn sie können doch schließlich -nicht auch an die allgemeine Zustimmung, die plötzlich fertig vom Himmel -fallen soll, glauben? Was kann aber das für ein Plan sein? Es wird doch -nicht genügen, nach Paris zu kommen, sich auf den Thron zu setzen, den -Mac-Mahons gehorsame Bajonette umringen würden, und König zu sein. Man -wird doch auch etwas tun müssen. Man wird irgendeine neue Idee bringen, -ein neues Wort sagen müssen, doch eines, das wirklich die Kraft hat, mit -dem bösen Geiste der Uneinigkeiten des ganzen Jahrhunderts, mit der -Anarchie und den zwecklosen Revolutionen, den Kampf aufzunehmen. Nicht -zu vergessen, daß dieser böse Geist einen leidenschaftlichen Glauben in -sich trägt – also wirkt er nicht durch Lähmung der Verneinung, sondern -durch die Verführung der positivsten Versprechungen: er trägt den neuen -antichristlichen Glauben in sich, also neue moralische Grundsätze für -die menschliche Gesellschaft. Er versichert, daß er fähig sei, die ganze -Welt von neuem aufzubauen, alle gleich und glücklich zu machen und -endgültig den ewigen babylonischen Turm zu vollenden. Diesem Glauben -gehören Menschen der höchsten Intelligenz an, sowie alle Geringen und -Verwaisten, alle Mühseligen und Beladenen, die da müde geworden, das -Reich Christi zu erwarten, alle der Erdengüter Beraubten, alle -Besitzlosen – und in Frankreich gibt es derer schon Millionen! Und diese -drohenden Scharen stehen bereits vor der Tür! Also muß doch der Graf von -Chambord etwas sagen und tun; denn sonst – warum kommt er denn -überhaupt? – Was aber wird nach seiner Krönung in Wirklichkeit -geschehen? Am wahrscheinlichsten ist, daß sich der Faubourg St. Germain -wieder bevölkern wird, daß die Priester sich bereichern und Vicomtes und -Marquis wieder große Rollen spielen werden, daß viele neue Moden -aufkommen, und mit ihnen eine Unmenge neuer Bonmots entstehen; daß man -in der Hofetikette etwas Besonderes einführt, das dann sofort eiligst an -allen anderen europäischen Höfen nachgeahmt wird; daß man sich etwas -Neues für die Bälle und Balletts ausdenkt, daß neue Horsd’oeuvres und -Konfitüren berühmt werden. Hinzu kommt dann vielleicht noch, daß in der -Kammer, der vielleicht eine kleine Macht zugestanden wird, von einer -Seite Doktrinäre, von der anderen die kleinen Helden der Linken sich -erheben werden, und die Linke in ihrer ungereimten Lage dann doch noch -dümmer sein wird als die Rechte. Darauf wird dann langsam eine dumpfe, -unbestimmte Unzufriedenheit im Volke aufsteigen. Der böse Geist, der -zunächst noch sehr jung ist, wird wachsen und wachsen und immer -drohender werden. Und dann, an einem wundervollen Morgen, wird der König -irgendeinen Befehl erlassen: – Paris braust auf! Das Militär greift zu -den Waffen und – der böse Geist klopft mit starker Hand an die Tür ... - -Nein, bestimmt gibt es unter den Legitimisten auch schon Männer, und zu -ihnen gehört sicherlich auch der Graf von Chambord – natürlich, der -unbedingt, – die da ganz anders vorzugehen gedenken, Männer, deren -Absichten viel tiefer und edler sind. Sie brennen geradezu darauf, mit -dem bösen Geist den Kampf aufzunehmen und ihn zu besiegen. Das ist ihr -Ziel, nur zu diesem Zweck tun sie alles, was sie tun. Doch Wunsch und -Tat sind zwei verschiedene Dinge. Nur fragt es sich: womit den Kampf mit -dem neuen, auflösenden Element beginnen? Mit klerikaler Gewalt und -Arglist ist dabei nichts mehr zu erreichen. Die Antwort kann natürlich -nur lauten: „Der erste Schritt zum Ziel – das ist die Wiederherstellung -der Weltmacht des Papstes.“ - -Oh, umsonst werden die aufgeklärten Legitimisten diese Idee ableugnen! -Umsonst wird der Graf versichern, so wie er bis jetzt versichert hat, -daß er des Papstes wegen keinen Krieg beginnen wird, daß er mit seiner -Regierung nicht zugleich das _Gouvernement der Patres_ bringen will. Nun -– diesen Weg einzuschlagen, werden sie nicht verfehlen können! Auf den -wird man sie gar bald gezogen haben! Manche Beobachter erraten denn auch -schon, daß diese ganze legitimistische Bewegung, die so plötzlich und -mit solch einer Anspannung aller Kräfte in Frankreich ausgebrochen ist, -vielleicht nichts anderes ist als eine klerikale Machenschaft, und daß -die Losung dazu in Rom gegeben und das Ziel des Ganzen – die -Wiederherstellung der Papstmacht ist. Die Klerikalen haben sich -natürlich weder Chambord noch die Legitimisten ausgedacht, dafür aber -haben sie sich – ihrer bemächtigt. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß -es sich so verhält. Die römische Bewegung hat im letzten halben Jahre -ganz Europa durchzogen. Zwei Prätendenten im äußersten Westen, der Graf -von Chambord und Don Carlos; die römisch-katholische Agitation in -Deutschland, die die Katholiken des Reiches mit gerechtem Unwillen gegen -das neue Kirchengesetz erfüllte; die Versuche, in Frankreich, -Deutschland und der Schweiz dem Volke mit einer neuen Erfindung – der -Veranstaltung von Volksgottesdiensten – näherzutreten; einige bis jetzt -unerhörte demokratische Ausfälle und Aufrufe der katholischen höheren -Geistlichkeit in Deutschland: all das bringt auf den Gedanken von einer -großen, überall gleichzeitig eingeleiteten Agitation des Klerus -zugunsten des unfehlbaren, doch besitzlosen Papstes. Diese ganze -klerikale Bewegung ist dadurch bedeutungsvoll, daß sie vielleicht der -_letzte_ Versuch des römischen Katholizismus sein wird, noch einmal, zum -_letzten_ Male, die Könige und Großen dieser Welt um Hilfe anzugehen. -Seine Hoffnungen werden aber nicht in Erfüllung gehen, und Rom wird zum -ersten Male in 1500 Jahren sich sagen, daß nun die Zeit gekommen ist, da -es mit den Großen dieser Welt brechen und die Hoffnung auf die Könige -fallen lassen muß! Man glaube mir – Rom wird es von da ab _verstehen_, -sich ans _Volk_ zu wenden, an dieses selbe Volk, das die römische Kirche -bis dahin immer nur hochmütig von sich gestoßen und dem sie sogar das -Evangelium Christi vorenthalten hat, indem sie verbot, es zu übersetzen. -Der Papst wird es verstehen, barfuß zum Volk zu kommen mit seiner Armee -von zwanzigtausend Jesuitenkämpfern, diesen alterfahrenen Seelenjägern. -Werden Karl Marx und Bakunin diesem Heer standhalten können? Wohl kaum! -Der Katholizismus versteht es zu gut, wenn es nötig ist, nachzugeben und -alles zu versöhnen. Was kostet es ihn, das dunkle und arme Volk zu -überzeugen, daß der Kommunismus dieses selbe Christentum sei, und daß -Christus überhaupt nur von ihm gesprochen habe! Es gibt ja selbst jetzt -schon kluge und geistreiche Sozialisten, die überzeugt sind, daß dieses -wie jenes – ein und dasselbe sei, und die im Ernst den Antichrist für -Christus nehmen. - -Heinrich V. wird schon allein deswegen den Krieg für den Papst nicht -vermeiden können, weil die nächsten Jahre vielleicht die einzige Zeit -sind, da ein Krieg für den Papst noch populär sein kann und das Volk -sich zu ihm noch sympathisch verhalten wird. Wäre Heinrich V. fähig, in -einem Kriege mit Deutschland die Milliarden und die Erniedrigung zu -rächen und ihm Elsaß und Lothringen wieder abzunehmen, so würde er sich -dadurch zweifellos den Thron auf Lebenszeit sichern. Wollte er aber, -wenn er König geworden, Deutschland ohne weiteres den Krieg erklären – -so würde ihm doch kein einziger folgen, ja man würde ihn den Krieg -einfach nicht erklären lassen: das wäre den Franzosen denn doch zu -unheimlich und ein viel zu großes Wagnis! Der Papst jedoch, der von -Deutschland Verfolgte, würde in kurzer Zeit Sympathie für die Idee zu -gewinnen verstehen. Wer aber ist jetzt sonst der Gegner des -„Unfehlbaren“, wenn nicht Deutschland? Die Wiederherstellung der Macht -des Papstes hält Deutschland für die schwerste Zukunftsdrohung und wird -deshalb mit allem Nachdruck für Italien einstehen. Allmählich geht es -dann von den Unterhandlungen zur Spannung über, und von der Spannung zur -Tat und – das Papstproblem wird, im Falle der Thronbesteigung des Grafen -von Chambord, seine Lösung in dem großen und _unfreiwilligen_ Kriege -zwischen Frankreich und Deutschland ganz von selbst finden. Unmittelbar -für das Elsaß gehen die Franzosen nicht in den Krieg; aber so nach und -nach, ohne es eigentlich zu wollen, werden sie sich, wenn sie einmal für -den Papst eintreten, gutmütig, wie sie nun einmal sind, hineinziehen -lassen, und es ist möglich, daß der Krieg dann sogar populär wird. Nein, -solch eine Gelegenheit wird der Graf von Chambord nicht unbenutzt -vorübergehen lassen können. - -Nun, nehmen wir selbst an, daß er als Sieger aus dem Kampf hervorgeht, -daß Frankreich sich wieder mit Ruhm bedeckt, die Provinzen -zurückerobert, und daß dann der Papst womöglich nach Paris zur -Grundsteinlegung irgendeines Domes fährt, worum man ihn schon kürzlich -gebeten hat. Was dann aber weiter geschieht? Nicht das ist wichtig, daß -Heinrich V. nach seiner Heldentat vielleicht glücklich seinen Thron bis -zu seinem Lebensende behält. Wichtig ist vielmehr einzig die Frage, ob -sich mit dem Grafen von Chambord die rechtmäßige Monarchie als solche in -Frankreich unangefochten für die nächsten Jahrhunderte festsetzen kann, -und was sie dem Lande geben wird? Welch ein Glück? Ob sie es beruhigen -wird? und den bösen Geist, der so nahe an der Tür steht, auf ewig -vertreiben kann? - -Was will es besagen, daß der Papst nach Paris kommt und der römische -Katholizismus wieder mit neuem, noch nie geschautem Glanze die -Herrschaft ergreift! Kann denn etwa der Papst, der triumphierende und -„unfehlbare“ und nicht der „barfüßige“, den bösen Geist verjagen? Können -das etwa seine Jesuiten, die so geschäftigen „Geistlichen“ mit ihrem -_status in statu_, diese geriebenen, schamlosen, abgefeimten? Nein, der -böse Geist ist stärker und _reiner_ als sie! Nicht mit diesem Heer kann -der Graf von Chambord sein _neues Wort_ sagen. Wenn aber nicht mit -diesem, – mit welchem dann? Unwillkürlich glaubt man ja jetzt, daß der -Graf tatsächlich ein höheres Wesen sei, so ein gebotener König mit dem -reinsten Herzen. Und sicherlich wird er in der Verzückung seiner Seele -begreifen, daß sein ganzes neues Wort – gerade dieser Kampf für Christus -mit dem furchtbaren emporsteigenden Antichrist ist, daß man Frankreich -retten muß, indem man seine Klugen, seine Denker zu Gott bekehrt und in -die Herzen der Millionen „Ungetaufter“ das Heil Christi gießt und sie -zum erstenmal mit seiner Lichtgestalt bekannt macht. Wodurch könnte denn -sonst der neue „allerchristlichste“ König sein Frankreich retten? Er -sagt doch selbst, daß er es retten will, und er glaubt doch an den -Erfolg. Er weiß doch, daß die erste der Schlachten zwischen der -zukünftigen neuen Gesellschaft und der alten Ordnung der Dinge auf -Frankreichs Boden stattzufinden hat. Er weiß aber auch, daß gerade davor -die ganze französische Gesellschaft zittert, alle Reichen und mit -Erdengütern Beschenkten, daß sie gerade deswegen so nach einer starken -Regierung verlangen und suchen, wo die Kraft ist, die sie nicht finden -können; daß sie einzig zur Abwehr dieses neuen emporsteigenden Feindes -auch Napoleon III. auf den Thron haben steigen lassen; und daß sie, wenn -sie sich jetzt für den Grafen von Chambord entscheiden, es nur in der -Hoffnung tun, daß er vielleicht irgendeine neue Kraft mit sich bringen -wird, die sie beschützen kann? Ist dem aber so, wo soll er dann die -Menschen zu diesem furchtbaren Kampf hernehmen? Ist er auch selbst schon -so weit und so reif, um ihn zu verstehen? Trotz seines guten Herzens – -bestimmt nicht. Wie soll er obendrein vor solch einer schrecklichen -Armut der Mittel, mit denen er handeln könnte, nicht zurückschrecken? -Schrickt er aber nicht zurück, – wie soll man ihn dann in solch einem -Falle nicht entweder für einen beschränkten, unwissenden Menschen halten -oder aber für einen, der nicht weit vom Irrsinn entfernt ist? Wo bleibt -nun die Antwort auf meine Frage? Zu guter Letzt also, wodurch, mit -welchen Kräften kann denn der Legitimismus Frankreich retten und heilen? -Da wäre doch selbst ein Prophet Gottes zu wenig, nicht nur ein Graf von -Chambord! Und sogar der Prophet würde gesteinigt werden! Der neue Geist -kommt, die neue Gesellschaft wird zweifellos triumphieren – als das -_einzige_, das eine neue, positive Idee bringt, als der _einzige_, ganz -Europa vorherbestimmte Ausweg, als das _einzige_ Heil. Darüber kann kein -Zweifel bestehen. Die Welt wird erst nach ihrer Heimsuchung durch den -bösen Geist gerettet werden. Der böse Geist aber ist nah. Unsere Kinder -vielleicht werden ihn schauen ... - -Im übrigen habe ich nur sagen wollen, daß der Legitimismus für -Frankreich nicht nur jetzt unmöglich, sondern überhaupt nicht nötig ist: -niemals nötig war, noch in der Zukunft sein wird; denn er hat die -geringsten Mittel, es zu _retten_. - -Aber in Frankreich heißt es jetzt nun einmal: entweder Monarchie oder -Republik, eine andere Regierungsform ist unmöglich. Mir jedoch will es -scheinen, daß man auch der Republik in Frankreich müde und überdrüssig -ist. Diese meine Worte zu rechtfertigen, damit man sie nicht etwa für -ein Wortspiel oder eine absichtliche Leichtfertigkeit halte, werde ich -in anderem Zusammenhange einmal versuchen. - - - Parteimenschen - -Vor einem Monat hat in Versailles, im Trianon, der Prozeß des Marschalls -Bazaine begonnen. Der Marschall ist des Verrates angeklagt. – Aber: des -Verrats an wem? Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf diese Frage. Sie -ist in Anbetracht der gegenwärtigen französischen Lage nicht -uninteressant. - -Zur Zeit der Regierung Napoleons III. zählte der Marschall Bazaine zu -den fähigsten Generälen der kaiserlichen Armee. Als man vor jetzt -anderthalb Jahren zuerst davon sprach, daß er vor ein Kriegsgericht -gestellt werden würde, rief ein Marschall, einer seiner Kameraden, aus: -„Wie? Einer der ehrlichsten Soldaten! Schade! _Il était pourtant le -moins incapable de nous tous!_“ Dieser „am wenigsten unfähige“ Marschall -hatte also das Kommando über die größere Hälfte der Armee in diesem -unheimlichen Kriege mit Preußen erhalten. Einen Generalfeldmarschall -hatten die Franzosen nicht; der Kaiser selbst nannte sich nicht einmal -so, sondern begnügte sich damit, in den Gang der Ereignisse oftmals -störend einzugreifen – doch das war schließlich noch nicht das -schlimmste! Alle diese alten Generäle wie Canrobert, Niel, Bourbaki, -Frossard, Ladmirault usw., die als Bazaines Zeugen vor Gericht geladen -sind, äußern sich über ihn mit großer Hochachtung. Für ihre Aussagen -interessiert sich das Auditorium am meisten. Hauptsächlich zeugen sie -von der außergewöhnlichen Tapferkeit Bazaines – zum Beispiel in der -Schlacht bei St. Privat, wo er persönlich, ungeachtet seiner Stellung -als Schlachtführer, sich in erster Reihe unter die Kämpfenden gemischt -hatte – „obgleich er die Bedeutung dieser Schlacht nicht begriff,“ fügte -einer von den Marschällen hinzu. Ob er sie nun begriff oder nicht -begriff: jedenfalls kam es in dieser Schlacht dazu, daß aus Mangel an -Patronen die Soldaten aus ihren modernen Chassepots nur alle zwei -Minuten eine Kugel abschießen konnten und der Hauptteil der Armee in den -Kampf eintrat, ohne seit vierundzwanzig Stunden etwas gegessen zu haben. -Aber nicht darin bestand das Unglück, obgleich, wie bekannt, die -schlechte und ordnungslose Versorgung der französischen Armee mit -Lebensmitteln und Gewehren ganz Europa in Erstaunen setzte. Der Kaiser -versäumte, zur rechten Zeit mit seinem ihm nach schweren -Schicksalsschlägen noch verbliebenen Heer nach Paris zurückzukehren, was -für ihn die einzige Rettung gewesen wäre, die beste Ausflucht aus seinem -damaligen Unglück. Aber mit ihm geschah das, was ich vorhin schon -erwähnte, als ich von den charakteristischen und verhängnisvollen Zügen -seiner Regierung sprach, daß er um der Befestigung und Verwurzelung -seiner Dynastie willen gezwungen war, während der ganzen Zeit seiner -Herrschaft ununterbrochen eine Menge Dinge zu unternehmen, die immer zum -Unglück Frankreichs und nie zu seinem Glück ausfielen. Auf diese Weise -war dieser mächtige Herrscher, im Grunde genommen, sogar auf seinem -Throne – kein Franzose, sondern nichts als der Mensch seiner Partei, ihr -Hauptführer sozusagen. Den Rückzug nach Paris, wenn auch mit einer -geschlagenem so doch immerhin noch mit einer Armee – diese Armee hat -Frankreich in der letzten Schlacht sehr große Dienste geleistet –, wagte -er nicht: er fürchtete die Unzufriedenheit des Landes, den Verlust der -Anhänglichkeit des Volkes, fürchtete Aufstand, Revolution, kurz, er -fürchtete Paris und zog es daher vor, sich in Sedan zu ergeben und sein -Schicksal und das seiner Dynastie der Großmut seines Feindes -anheimzustellen. Zweifellos ist auch jetzt noch nicht alles, was -zwischen ihm und dem preußischen König bei ihrer Zusammenkunft -verhandelt worden, der Geschichte bekannt. Viele Geheimnisse werden wohl -erst lange nachher aufgedeckt werden; aber es ist unmöglich, _nicht_ zu -dem Schluß zu kommen, daß Napoleon mit seiner Übergabe und der seiner -Armee darauf gerechnet hatte, daß er seinen Thron behalten werde. Damit, -daß er seine Armee übergab, damit gedachte er wohl die Kräfte seines -Feindes zu schwächen – ich meine die Kräfte der Revolutionäre ... denn -an Frankreich dachte dabei der Parteimensch in ihm nicht. - -Ebenso dachte auch der Marschall Bazaine nicht an Frankreich. -Eingeschlossen in Metz mit einer sehr bedeutenden Armee, ignorierte er -vollständig die Regierung der Nationalversammlung, die sich nach der -Gefangennahme des Kaisers in Paris gebildet hatte. Er zog es vor, sich -gleichfalls zu ergeben, und nahm damit Frankreich seine letzte Armee, -die, selbst wenn sie in Metz eingeschlossen war, dem Vaterlande doch -noch äußerst nützlich hätte sein können – wenn auch, wie gesagt, nur -dadurch, daß sie einen bedeutenden Teil der feindlichen Kräfte -festlegte. Es ist ganz unmöglich, sich vorzustellen, daß der Marschall, -als er sich in dieser Weise schnell und ohne rechten Grund ergab, nicht -irgendwelche geheimen Bedingungen mit dem Feinde abgeschlossen, -wenigstens nicht irgendwelche Versprechungen von ihm gefordert hatte ... -die dann später nicht erfüllt wurden. Aber, wenn dem auch nicht so -gewesen wäre, so ist es doch klar, daß der Marschall, ähnlich dem -Kaiser, es vorzog, seine Armee den Preußen zu überlassen, anstatt sie -für die Republik aufzusparen. - -Der Marschall – wenn er auch jetzt vor dem Gerichte lügt und -augenscheinlich die Absicht hat, bei diesem Verfahren zu bleiben – -verheimlicht doch zum Teil seine damaligen Eindrücke und Empfindungen -nicht. Er sagt geradeheraus, daß es in den Metzer Tagen eine gesetzliche -Regierung nicht mehr gab, und daß er das damalige Chaos von Regierung in -Paris als eine wirkliche Regierung nicht anerkennen konnte – das ist -ungefähr der Sinn seiner Worte vor Gericht. „Wenn es für Sie damals -keine Regierung gab – _la France existait_!“ rief darauf der Herzog -d’Aumale, der Vorsitzende des Kriegsgerichtes, aus. - -Und damit war der Punkt, von dem die Richter ausgehen werden, gefunden. -Diese Worte des Herzogs machten auf das Publikum, auf ganz Frankreich, -einen großen Eindruck. Dem schuldigen Marschall wurde damit klar zu -verstehen gegeben, daß ihn jetzt nicht eine Partei richte, keine -Republik, keine unrechtmäßige Regierung, die er, wenn er will, auch -jetzt nicht anzuerkennen braucht – sondern Frankreich, das er um einer -rechtmäßigen Regierung willen verkauft, das Vaterland, das er verraten -aus Parteiinteresse. - -Man kann einen Verräter seines Vaterlandes niemals entschuldigen. Sind -aber hier auch die im Recht, die über den Verräter zu Gerichte sitzen? -Das ist es, worauf ich hinweisen will. Sind nicht im Gegenteil Bazaines -Richter ein Teil jenes Grundübels, das den Organismus dieser großen -Nation zerstört und erschöpft hat; verkörpern nicht auch sie ein -Unglück, das wie eine schwarze Wolke ständig über ihr liegt? Und -verstehen sie dieses Unglück jetzt; sind sie fähig, es zu begreifen? Ist -der Marschall aber nicht ähnlich dem altjüdischen Opferlamm, auf das die -Sünden des ganzen Volkes gelegt wurden? - -In der Tat, was konnte er damals von Metz aus erwarten? Angenommen, der -Parteimensch in ihm habe dem Bürger in ihm einmal Platz gegeben beim -Anblick des ganzen großen nationalen Unglücks; angenommen, er habe -aufrichtig gewünscht, dem Vaterlande zu dienen: was konnte er aber in -dem damaligen Paris erblicken? Es ist wahr, die triumphierende -Revolution des 4. September nannte sich nicht Republik, sondern -„Regierung der Nationalverteidigung“. Diejenigen aber, die an der Spitze -dieser Volksregierung standen, konnten Bazaine, General und -Parteimensch, wie er war, einem tätigen und energischen Menschen -zugleich, nur Widerwillen einflößen. Dieser talentlose Maniak, der -General Trochu, alle diese Garnier-Pagès, Jules Favre, sind, wenn auch -als Menschen aller Hochachtung wert, doch schließlich erbärmliche, -talentlose Mumien, Phrasenhelden der ersten Tage einer Pariser -Revolution und – leider – immer noch nicht den Parisern langweilig genug -geworden. Wie mußte das dem Marschall und seinem scharfen beobachtenden -Menschenkennerblick in Metz erscheinen!? Aber – mögen sie auch talentlos -gewesen sein! Mag auch jegliche Aufgabe, der sie nicht gewachsen waren, -von ihnen verpfuscht worden sein, solange sie die Macht hatten! Sie -waren doch wenigstens treue Bürger, Leute mit reinem Herzen, wahre Söhne -des Vaterlandes! War dem nicht so? Aber nein, das waren ja wiederum auch -nur Republikaner! _La république avant tout, la république avant la -France_ – das war und ist auch jetzt noch ihre Devise! Und darum hätte -der Marschall, wenn er, um gleichfalls „Bürger zu werden“, sich von der -Partei des Kaisers losgesagt hätte – und wär’s auch nur zeitweilig und -scheinbar gewesen, zur „Rettung des Vaterlandes“ – sich doch nicht den -Rettern des Vaterlandes, sondern wieder nur Leuten einer anderen Partei -anschließen müssen. Aber diese Partei haßte er, und ihr zu helfen: dazu -konnte er sich nicht entschließen! Einige Zeit nachher kam aus dieser -lächerlichen Gruppe ein Mann, der im Luftballon Paris verließ, um in den -noch freien Teil Frankreichs zu gelangen: Gambetta. Er erklärte sich -selbstherrlich zum Kriegsminister, und die ganze Nation, die sich nach -irgendeiner Regierung sehnte, ernannte ihn sofort zu ihrem Diktator. Er -aber verlor darüber nicht den Kopf, sondern wurde in Wahrheit ihr -Diktator. Dieser Mensch zeigte eine große Energie, er regierte -Frankreich und stampfte ein neues Heer aus dem Boden. Einige -beschuldigen ihn jetzt unter anderem, daß er unnütz Geld verschwendet -hätte und mit diesem Geld fünfmal mehr für das Heer hätte tun können. -Gambetta könnte freilich seinen Anschuldigern mit Recht erwidern, daß -sie, wenn sie auch fünfmal mehr Geld gehabt hätten als er, doch nicht -einen einzigen Soldaten hätten aufstellen können. Und siehe da, dieser -kluge und energische Mensch, der wirklich viel für Frankreich getan hat, -und mit dem zu arbeiten Bazaine sich nicht hätte zu schämen brauchen – -besteht doch auch auf der Devise: „_la république avant la France!_“ -Jetzt sagt er das freilich nicht mehr laut, schlau und geduldig wartet -er, bis an ihn die Reihe kommt, und wenn es nötig ist, so unterstützt er -mit Eifer sogar Thiers, der ihn schon vor drei Jahren ersetzt hat. Aber -auch dessen Devise ist: „_la république avant tout_“, und auch er ist -vor allem und zuerst der Mensch seiner Partei! Diese seine Eigenschaft -ist den Republikanern offenbar die liebste. - -Und so ist alles in Frankreich Partei und sind alle Franzosen Menschen -einer Partei. Es ist wahr, in Frankreich tauchten zur Zeit des schwarzen -Jahres auch einige beruhigende Erscheinungen auf. Die Bretagner, -gebotene Legitimisten, erschienen mit ihren Führern, um für ihr -Vaterland zu kämpfen, und sie kämpften tapfer! Mit ihrem -Muttergottesbild auf der Fahne schlossen sie sich zeitweise der -Regierung der Republikaner und Atheisten an. Auch die Orleansschen -Herzöge kämpften in gleicher Reihe mit ihren Feinden in der -neugebildeten französischen Armee. Kämpften sie aber fürs Vaterland? Das -ist heute mehr als zweifelhaft. Wenn man zurzeit ihre Rolle in -Frankreich beobachtet, ihre Verschwörung gegen Frankreich zugunsten -eines „legitimen Königs“ – so ist es wohl erlaubt, daraus zu schließen, -daß sie vor drei Jahren nur deshalb mitgekämpft haben, weil sie darin -endlich eine Chance für ihre Partei, die schon so lange auf eine solche -gewartet hatte, erblickten. Und sie haben sich nicht in der Möglichkeit -einer derartigen Chance getäuscht: sie strömten in großer Anzahl bei den -ersten Wahlen zur Nationalversammlung herbei und brachten es auch -richtig zu einer Mehrheit. - -Überall Parteien! Freilich: wenn man alle diese Parteien zusammenlegt, -so ist die Gesamtzahl ihrer Anhänger – ausgenommen die Partei der -Kommunisten – sehr gering, im Vergleich zu der Anzahl aller Franzosen, -denn die übrigen Franzosen sind indifferent. Sie erwarten alle, geradeso -wie damals vor dem Erscheinen Gambettas im verhängnisvollen Jahr – einen -Diktator, damit er sie väterlich in seine Gewalt nehme und ihnen ihr -Leben und Gut behüte. Ihre Devise ist das bekannte Sprichwort: „_Chacun -pour soi et Dieu pour tous_“. Aber auch bei dieser Devise gehört der -Mensch seiner eigenen Partei an und – was kann für solch einen Menschen -das Wort Vaterland bedeuten? - -Das ist das Grundübel Frankreichs: der Verlust einer allen gemeinsamen -Idee der Einigung! Man sagt von den Legitimisten, daß sie diese Idee mit -Gewalt wiedererwecken wollten. Aber sogar die besten ihrer Partei denken -nicht an die Idee, sondern nur an den Triumph ihrer Partei. Die -Allerbegeistertsten von ihnen denken noch nicht einmal an den -Legitimismus. Der Triumph des Grafen Chambord ist für sie – der -zukünftige Triumph des Papstes und des Katholizismus. Das ist dann schon -wieder eine Partei in der Partei. - -Und so richten jetzt die Menschen der Partei den Marschall Bazaine -dafür, daß er – der Anhänger seiner Partei blieb! Ist er nicht wirklich -dem altjüdischen Opferlamm ähnlich, mit dem ich ihn verglich? ... Es -kommt in Frankreich noch so weit, daß jeder Verrat des Vaterlandes nicht -mit ruhigem Gewissen gerichtet werden kann – aus Mangel an Richtern; -denn alle sind sie Menschen bloß der Partei und nicht des Vaterlandes. – -Wenn die Franzosen Bazaine verurteilen, werden sie dann wissen, was sie -tun? - - - Frankreich und Deutschland - -In Deutschland wird die Nachricht von den gescheiterten Hoffnungen der -französischen Legitimisten[6] fast von der ganzen Presse, sogar -einschließlich der offiziösen preußischen Organe, mit unverhohlener -Freude aufgenommen. Die nächstliegendste Erklärung dieser Freude wäre -wohl in der Befürchtung zu suchen, daß die Thronbesteigung des Grafen -von Chambord den Versuch einer Wiederherstellung der Papstmacht von -seiten Frankreichs nach sich gezogen haben würde. Nun, und auf diesem -Wege wäre ein Zusammenstoß mit Deutschland unvermeidlich gewesen. -Erklärt man sich aber so die deutsche Zufriedenheit – um wieviel -auffallender ist es dann, daß in Deutschland selbst die ernsten Blätter -an die Dauerhaftigkeit dieser Restauration haben glauben können. Die -Deutschen vertrauen, scheint es, etwas zu sehr auf den Erfolg von „Blut -und Eisen“. Ich glaube, daß in der gegenwärtigen französischen Krise – -„der Gärung aller Geister und Wünsche“ – ein Staatsstreich in diesem -Lande beinahe unmöglich ist: sie haben dort keinen einzigen, der ihn -ausführen könnte! Das heißt, Liebhaber würden sich dazu schon finden, -und (was am interessantesten ist) vielleicht gleichfalls eine -außerordentlich große Anzahl Leute, die aufrichtig ihre eigene -Vergewaltigung wünschen, und zwar: um der endgültigen Herstellung der -Ruhe und Ordnung willen, sogar eine möglichst baldige Vergewaltigung -herbeiwünschen. In diesem Lande aber genügt zu einer erfolgreichen -Gewaltherrschaft nicht Kraft allein und selbst nicht einmal die -Zustimmung der zu Vergewaltigenden. Dort bedarf die Gewalt unbedingt der -Autorität: wenn es auch eine verhaßte und wenn es auch keine wahre -Autorität ist, so muß es doch eine Herrscherautorität sein, eine, der -man die Kraft der Macht wirklich zutrauen kann. Der Graf von Chambord -nun hat nichts von solch einer Autorität, und selbst von seinen -Anhängern werden wohl kaum alle glauben, daß er solch eine Kraft ist. -Darum aber – ich wiederhole bereits früher von mir Gesagtes – wäre er -zweifellos und sogar sehr bald wieder vertrieben worden. Doch selbst -solch eine Wendung der Sache wäre für Frankreich vielleicht -vorteilhafter gewesen als der jetzige chaotische Zustand – wenn auch nur -insofern vorteilhafter, als es dann eine Partei weniger gegeben hätte -und die Herrschaft der gemäßigten Republikaner somit wieder möglich -gewesen wäre. - -Nun aber will ein Teil der konservativen Presse Deutschlands der von der -liberalen deutschen Presse angegebenen Begründung ihrer Freude über den -Mißerfolg des Prätendenten nicht recht glauben; das heißt, will nicht -glauben, daß die Furcht, Frankreich hätte den gefährlichen Weg der -ultramontanen Politik einschlagen können, die Ursache dieser -gegenwärtigen Freude wäre. Die „Kreuzzeitung“, zum Beispiel, erklärt -unumwunden, daß die Liberalen der ganzen Welt sich solidarisch fühlten; -daß im Radikalismus die Nationalitäten verschwänden, und darum sich auch -die deutschen Radikalen für die französischen Radikalen freuten, wenn -sie, wie hier, ihren Erfolg sähen. Es ist das vielleicht so unrichtig -nicht. Merkwürdig nur, daß diese Bemerkung – die gewissermaßen wie ein -Vorwurf und eine Befürchtung klingt – in einem Reiche gemacht wird, wo -gerade in diesem Augenblick die nationalen Ideen so mächtigen Erfolg -haben, wo nach dem kürzlichen Triumph über Frankreich das Gefühl der -nationalen Selbstzufriedenheit sich bis zur Abgeschmacktheit gesteigert -hat, wo sogar die Wissenschaft chauvinistische Züge aufweist. Sollte es -wirklich wahr sein, daß der kosmopolitische Radikalismus auch in -Deutschland schon Wurzel gefaßt hat? Daß auch dort schon die -französische Lehre – der Kommunismus – an die Tür klopft? Wenn es fast -seit dem Anfang des Jahrhunderts bei den europäischen „Geistern“ gang -und gäbe ist, Rußland für einen „furchteinflößenden Koloß auf tönernen -Füßen“ zu halten – während in Wirklichkeit, wenn es bei uns etwas -besonders Gutes und Ganzes gibt, es gerade die Grundlage, das Volk ist, -auf dem Rußland von jeher gestanden hat und auch hinfort stehen wird – -so, sollte es dann, frage ich, vielleicht wirklich möglich sein, daß -solch eine Annahme, wenn auch nur teilweise, auch von dem neuen -germanischen Koloß zutreffend sein könnte? - - - Frankreich und die Kultur - -Ein Pariser Telegramm berichtete unlängst aller Welt, daß ein gewisser -Sir Henry Richard, eine ziemlich unbekannte Persönlichkeit, auf dem ihm -zu Ehren gegebenen Diner in einer Rede über seinen Plan einer -internationalen Vermittlerschaft unter anderem auch gesagt habe: „Keine -einzige Idee kann sich verwirklichen ohne die Protektion Frankreichs, -dem an Einfluß kein anderes Land gleichkommt, dessen Sprache und -Literatur universal sind!“ ... Worte, die in Paris gierig aufgefangen -und von den „erniedrigten“ Franzosen sofort allen sichtbar und hörbar -gemacht worden sind. So hat man sie denn auch schon in Deutschland -vernommen, doch haben sie dort, wie in Europa überhaupt, nur eine -gewisse fragende Stirnfalte und mißbilligendes Kopfschütteln -hervorgerufen. Nun, wir glauben natürlich an jedes Wort Sir Richards. -Nichtsdestoweniger aber, – ist es nicht auffallend, daß man jetzt sogar -in Paris solche Worte für ungewöhnlich hält? Wie lange ist es denn her, -daß ähnliche Worte in Frankreich niemand bemerkt hätte, da sie wie -schuldiger Tribut, wie etwas von der Art eines _sine qua non_, das zu -erwähnen überhaupt nicht der Mühe wert ist, aufgefaßt worden wären? - -Diese hochbegabte Nation, diese Erbin der Alten Welt, die 15 -Jahrhunderte an der Spitze der romanischen Völker Europas gestanden und -in den letzten Jahrhunderten fraglos erstrangigen Einfluß auf alle -Nationen Europas gehabt hat, verlor vor nun bald hundert Jahren jene -lebendige Kraft, die sie so lange bewegt und genährt hatte. Diese -lebendige Kraft bestand in der Repräsentation des europäischen -Katholizismus durch Frankreich – fast seit der allerersten Zeit des -Christentums. Als darauf Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts mit der -katholischen Idee vollkommen und bewußt brach, verkündete es sich laut -über die ganze Welt hin als Erneuerin der Menschheit durch _neue_ -Grundsätze, deren Hauptträgerin und Beschützerin es allein sei. „Komm -alle zu mir!“ rief es in pythischer Trunkenheit. Diese neuen und -selbständigen Grundsätze der zukünftigen menschlichen Gesellschaft waren -den Europäern bereits als die Grundsätze der von ihnen ausgearbeiteten -Zivilisation bekannt –: die Wissenschaft und der Staat waren bereits -einzig auf den Gesetzen der Vernunft begründet. Frankreich hat bloß die -Selbständigkeit dieser Grundsätze revolutionär verkündet – ich meine -ihre vollste Unabhängigkeit von der Religion. Dieses geschah zum -erstenmal im Leben der Menschheit, und darin hat, behaupte ich, das -eigentliche Wesen der Französischen Revolution bestanden. Über dieses -ungemein wichtige Thema habe ich in diesen flüchtigen Zeilen nicht etwa -deswegen einiges gesagt, um die vor hundert Jahren von Frankreich an der -Spitze Europas verkündeten revolutionären Grundsätze zu untersuchen und -sie ihrem Wesen nach zu beurteilen. Ich wollte nur bemerken, daß -Frankreich, das für sich und die Menschheit so viel auf seine Schultern -genommen – abgesehen davon, daß es diese Last, selbst wenn es gewollt, -überhaupt nicht hätte ablehnen können –, von dieser Last doch noch -niemals so zu Boden gedrückt gewesen ist wie in dem letzten, jetzt -allmählich auslaufenden Jahrhundert seiner Geschichte: sie hat sich als -viel zu groß erwiesen für die Kräfte des geistreichen Volkes. Die -Führerin der Menschheit war nach ihrem letzten Unglück gezwungen, durch -ihre besten Vertreter einzugestehen, daß sie die Grundlage des -lebendigen Lebens fast ganz verloren hat, daß ihr Lebensquell versiegt -und vertrocknet ist. Im gegenwärtigen Augenblick bietet das französische -Volk ein sonderbares Schauspiel dar – was es auch selbst vollkommen -begreift. Dieses Sonderbare besteht darin, daß der intelligente und -politisch herrschende Teil dieser Nation sich wissentlich und wehmütig -so gut wie von allen ihren einst so begeistert verkündeten Ideen -entfernt hat und nun ohne Glauben, doch mit jener Angst um das eigene -Sein, die Despotismus und Vergewaltigung nach sich zieht, wie eine -Polizei über den anderen Teil der Nation wacht. Dieser andere Teil aber -glaubt an seine Zukunft, glaubt, daß sie kommen wird mit der -Verwirklichung der neuen Grundsätze in einer künftigen Gesellschaft, -und, da er arm ist an Gütern des Lebens, da er lange gelitten hat, so -ist er bereit, sich wie ein hungriges Tier auf seine glücklicheren -Brüder zu stürzen und sie zu zerfleischen. Nachdem die Franzosen Baboeuf -guillotiniert hatten, den ersten, der schon vor 80 Jahren den -begeisterten Revolutionären gesagt, daß ihre ganze Revolution nicht die -Erneuerung der Gesellschaft nach neuen Grundsätzen wäre, sondern nur der -Sieg der einen mächtigen Gesellschaftsklasse über die anderen: nachdem -sie diesen ersten lästigen Kritiker der Revolution beseitigt hatten, -mußten die Führer der ganzen republikanischen und demokratischen -Bewegung im neuen Jahrhundert allmählich einsehen, daß das ganze Leben -Frankreichs sich mehr und mehr in eine erlogene Vorspiegelung -verwandelte, in irgendein phantastisches Gebilde, und daß es jede -Bedeutung eines lebendigen und notwendigen Lebens einbüßte. Alle diese -Perioden seiner letzten Entwicklungsgeschichte – das Erste Kaiserreich, -die Restauration, die Herrschaft der Bourgeoisie unter den Orleans, das -Zweite Kaiserreich usf. – könnte man jetzt eher für Luftspiegelungen -halten als für gewesene Wirklichkeit; jede dieser Erscheinungen hätte -gewissermaßen gerade so gut auch nicht sein können, und die große Nation -wäre vortrefflich auch ohne sie ausgekommem. Diese ganze vorübergehende -Phantasmagorie hat der Seele der Nation, die sich immer nach lebendigem -Leben gesehnt hat, nichts Wesentliches gegeben. Und darauf kam nun die -Katastrophe dieses furchtbaren Krieges – mit dessen Ausgang in -Frankreich alle diese Vorspiegelungen fast mit einem Schlage -verschwanden und sich aller Augen öffneten. Diese Katastrophe sagte -gleichsam jedem Franzosen: „Sieh, wie arm und blind, wie niedrig und -nackt und nichtig du in deiner ganzen, phantasmagorischen Existenz warst -– und das nun schon ein ganzes Jahrhundert lang!“ - -Wird nun die große Nation an der Aufgabe, die sie vor einem Jahrhundert -auf sich genommen hat, und die sie doch zu einem Abschluß wird bringen -müssen, mitsamt ihrem Genie zugrunde gehen, oder wird sie sich dieses -Genie doch noch erhalten? Das ist die Frage! Wird ihr Genie solche -Prüfung überstehen können? Oder wird vielleicht alles einstürzen und -irgendeine neue, geniale Nation von Gott auserwählt werden, die -westliche Menschheit zu führen? Das sind vom Standpunkt der vernünftigen -und geschäftigen Leute aus selbstverständlich nur müßige Fragen, doch -nichtsdestoweniger gab es und gibt es in ganz Europa viele Herzen und -Gedanken, die angstvoll vor ihnen standen und noch stehen. In dieser -verhängnisvollen Frage nach Leben oder Tod Frankreichs, nach -Auferstehung oder Erlöschen seines großen, der Menschheit sympathischen -Genies, liegt vielleicht die Entscheidung über Leben und Tod der -europäischen Menschheit, – was auch immer die jungen Besieger -Frankreichs, die Deutschen dazu sagen mögen. Wird denn Europa Frankreich -überhaupt vermissen können? Ein Europa ohne Frankreich ist für viele -sogar jetzt noch undenkbar, und nicht etwa nur für müßige Menschen, die -unseres tätigen Jahrhunderts unwürdig sind. Einstweilen aber, nachdem -ich die Frage gestellt habe, die natürlich ohne Antwort bleiben muß, -sage ich noch bei der Gelegenheit, – meinetwegen in der Eigenschaft -eines Reporters der Gegenwart, – daß es einige Anzeichen und -Erscheinungen gibt, die von dem heißen Wunsch der geistvollen Nation -zeugen, aus allen Kräften zu leben, und daß aus diesem Wunsch für Europa -sogar in kürzester Zeit sehr viele Sorgen erwachsen können. - -Vor einer Woche hat sich in Frankreich ein äußerst exzentrischer -Zwischenfall zugetragen, der gar manchen Europäer belustigt haben -dürfte. Als der Kriegsminister, General Dubarail, sein Budget der -Versammlung unterbreitete, fiel man sofort von allen Seiten mit -bitteren, heftigen Vorwürfen wegen der „Ärmlichkeit“ und „Nichtigkeit“ -desselben über ihn her –: weil er so wenig Geld für den Ausbau des -Heeres verlangte! Darauf soll man sogar die Regierung beschimpft und -schließlich ganz ungewöhnliche Veränderungen vorgeschlagen haben. Erst -nach einiger Zeit, sagt man, sei es dem General gelungen, die -Versammlung zu beruhigen, und zwar nur durch die Erklärung, daß das -Budget des nächsten Jahres sehr groß sein werde, daß allein die -Veränderung des Armeematerials nicht weniger als 1380000000 Franken -fordern würde. Diese Summe soll dann eine einigermaßen ernüchternde -Wirkung auf die Gemüter ausgeübt haben. - -Ich habe gesagt, daß diese große Nation _leben will_, – um jeden Preis! -Doch, – ist es andererseits nicht wieder im höchsten Grade phantastisch, -dieses „Leben der Vergeltung“, für das sie sich jetzt so einmütig -entschließt, obgleich sie erst kürzlich fünf Milliarden an Deutschland -gezahlt hat, indem sie sich einwandlos zu neuen Milliardenausgaben -bereit erklärt – wenn nur dem verhaßten Feinde für die militärische wie -moralische Erniedrigung heimgezahlt wird!? Also ist doch in dem -moralisch so zerspaltenen Lande, das schon seit so langer Zeit wehmütig -und skeptisch auf das Leben sieht, wo das allgemeine Gefühl bloß das -allerbeschränkteste Gefühl der Selbsterhaltung und das „_chacun pour -soi_“ die erste Regel ist, – also hat sich in diesem Lande doch -plötzlich und unerwartet etwas gefunden, das sogar die feindlichsten -Elemente vereinigen kann. Nein, der Quell des _unmittelbaren_ Lebens -versiegt in den Völkern doch nicht so leicht. - - - Deutschland und Rom - -Das päpstliche _Non possumus_ ist meiner Meinung nach so ernst zu -nehmen, daß man in ihm überhaupt die Existenzfrage der Religion in -Europa sehen kann. Lassen wir die protestantischen Glaubensbekenntnisse -dabei ganz aus dem Spiel; denn wenn der römische Katholizismus fallen -würde – wie sollten sich dann noch Glaubensbekenntnisse erhalten, deren -Wesen der Protest gegen den Katholizismus ausmacht? Wenn nichts mehr -vorhanden ist, wogegen es zu protestieren gilt, wozu dann noch ein -Protest? Andererseits kann aber die römische Kirche in ihrer -gegenwärtigen Form nicht weiterbestehen. Sie hat ja selbst erklärt, daß -ihr Reich von _dieser_ Welt sei, und daß ihr Christus sich „ohne -Erdenreich auf der Erde nicht erhalten kann“. Die römische Kirche hat -die Idee der römischen Weltherrschaft über die Wahrheit und über Gott -gesetzt; zu demselben Zweck hat sie auch die Unfehlbarkeit ihres -Oberhauptes als Dogma aufgestellt und hat das gerade in dem Augenblick -getan, da die weltliche Macht schon an die Pforten Roms klopfte, um -einzutreten: ein beachtenswertes Zusammentreffen, das vielleicht von dem -„letzten Ende“ zeugt. Bis zur Stunde des Sturzes Napoleons III. konnte -die römische Kirche noch auf den Schutz der Könige – und besonders der -Könige Frankreichs, mit deren Hilfe sie sich so viele Jahrhunderte -gehalten – rechnen. Kaum aber wurde sie von Frankreich verlassen – da -fiel auch ihre weltliche Macht. Nun aber wird die katholische Kirche -diese ihre weltliche Welt für keinen Preis, niemals und niemandem, -abtreten und würde eher damit einverstanden sein, daß das Christentum -vollkommen unterginge, als daß die weltliche Herrschaft der Kirche -aufhörte. Ich weiß: gar manche klugen Leute werden meine Behauptung mit -einem Lächeln aufnehmen, doch soll mich das nicht abhalten, sie mit -allem Nachdruck zu verteidigen. Und so sage ich denn nochmals: Es gibt -in Europa augenblicklich keine einzige Frage, die zu beantworten -schwieriger wäre, als die katholische, und gleichfalls keine einzige -politische, keine „soziale“ Schwierigkeit, mit der sich diese -römisch-katholische Frage nicht vereinigte. Mit einem Wort: Das -Schwerste, was Europa in Zukunft bevorsteht, ist die Lösung dieses -Problems, wenn auch neunundneunzig Prozent aller Europäer augenblicklich -vielleicht nicht einmal an dasselbe denken. - -Ich habe bereits im Laufe des vorigen Jahres meine Gedanken über diese -Frage mitgeteilt: – nach gewissen Anzeichen zu urteilen, kann man -wirklich glauben, daß die katholische Kirche zur Wiederherstellung ihrer -Macht bereit ist, sich mit dem niedrigen Volk zu verbinden und hinfort -den Königen den Rücken zu kehren. – Allerdings haben die Könige sie -zuerst verlassen. Doch ohne mich über diesen Punkt weitläufig zu -verbreiten, will ich einstweilen nur sagen, daß von den europäischen -politischen Begebenheiten des vorigen Jahres der Briefwechsel des -Papstes mit dem Deutschen Kaiser zweifellos eine der wichtigsten war. In -seiner Zuschrift erklärte ja der Papst, daß er der von Gott selbst -eingesetzte Vater und Beschützer aller Christen sei, – gleichviel welch -einem Bekenntnis sie angehören, und gleichviel, ob sie ihn für ihr Haupt -anerkennen oder nicht, – wenn sie nur getauft sind. - -Als die italienische Regierung dem Papst die Summe von drei Millionen -Franken jährlich aussetzte und sie ihm anbot, da glaubte und hoffte sie -natürlich doch, daß er dieses, übrigens sehr annehmbare Budget -akzeptieren werde. Hätte der Papst das getan, so würde er sich mit dem -_Statuts quo_ einverstanden erklärt haben und – _es wäre zu Ende gewesen -mit dem römischen Katholizismus_! An seiner Stelle aber hätte dann etwas -ganz anderes, noch Unbekanntes begonnen. Doch der Papst nahm sie nicht -an. Jetzt hoffen einige, der ihm folgende Papst werde es tun. Aber der -84jährige Greis weiß nur zu gut, daß auch sein Nachfolger, wer er auch -sei, gleichfalls kein einziges Budget annehmen kann und allen und jedem, -wie er es getan, erklären wird: „_Non possumus._“ - -Abgesehen davon, daß der Deutsche Kaiser dem Papst gemessen und von oben -herab geantwortet[7] hat, sieht man in Deutschland auf die gegenwärtige -Lage der römischen Kirche denn doch etwas ernster, als die italienische -Regierung es tut. Anderenfalls: womit könnte man sich sonst jene -sonderbare Verfolgung des römischen – ultramontanen – Katholizismus in -Deutschland erklären? Man könnte wirklich glauben, daß das kolossale -neue Reich, in dem es so viel andere Schwierigkeiten und neue Fragen -gibt, die römische Frage für die bedeutungsvollste von allen hält. Nun -und –: das scheint auch in der Tat der Fall zu sein! Es ist natürlich -kaum möglich, sich vorzustellen, daß solch ein mächtiges Reich und an -seiner Spitze so mächtige Herrscher und Lenker plötzlich irgendwelche -„lächerlichen“ ultramontanen Ansprüche eines „kraftlosen, armseligen -Mönches“ fürchten könnten, und das noch in welchem Jahrhundert? – im -_neunzehnten_, im Jahrhundert der Maschinen, der Philosophie und unserer -Aufklärung! Zudem wäre es ein äußerst grober Fehler, in dem allgemeinen -Indifferentismus durch die Verfolgung der Kirche den religiösen -Fanatismus zu erwecken, was doch für solche Staatsmänner, wie Graf -Bismarck einer ist, keinen Augenblick unklar bleiben dürfte. Wenn nun -Graf Bismarck gegen die Kirche vorgeht – wie u. a. durch das Gesetz über -die bürgerliche Ehe –, dann geht er scheinbar Hand in Hand mit den -Feinden der Kirche, – nicht nur mit den Feinden der katholischen Kirche, -sondern jeder christlichen Kirche überhaupt, – Hand in Hand mit den -Atheisten und Sozialisten!!! Auf diese Weise werden zwei sich -entgegengesetzte Fanatismen angefacht: der Fanatismus des Glaubens und -der der Verneinung. Ist das aber geschickt von einem so großen -Staatsmann, wie Graf Bismarck? Und folgt daraus nicht wiederum, daß die -römische Frage von so weitsichtigen Staatsleuten für eine der -wichtigsten zukünftigen Schicksalsfragen des Deutschen Reiches gehalten -wird? Sonst würde man doch nicht zu ihrer Bewältigung so wichtige -Interessen opfern! – Wie aber, wenn Graf Bismarck – oder, besser gesagt -– wenn Deutschland seinen zukünftigen und dann wohl endgültigen Kampf -mit Frankreich am ehesten für möglich hält – auf Grund der römischen -Frage? Bedenken wir bloß eines: mag der letzte deutsch-französische -Krieg auch als noch so „zufällig“ erscheinen, jetzt, nach seiner -Beendung, können doch weder Deutschland noch Frankreich auf ihren -stattgefundenen furchtbaren Kampf wie auf etwas Zufällig-Politisches, -sozusagen bloß Napoleonisches sehen. Deutschland, das so viele -Jahrhunderte hindurch alles gehabt: Reichtum, Zivilisation, -Wissenschaft, und das nur eines, das Ersehnteste, nicht hatte – die -politische Einheit –, mußte doch endlich begreifen, was es übrigens -schon seit Jahrhunderten tat, daß es seine politische Einheit nicht -erreichen konnte, solange an der Spitze Europas noch Frankreich stand; -nun aber weiß es, daß es sich mit einer zweitrangigen Rolle, wie -irgendein Italien, in Europa nicht begnügen kann, und daß doch wiederum -zwei führende Mächte in Europa zu gleicher Zeit nicht möglich sind; daß -es sich hier schließlich um die Frage des Geistes handelt, des Lebens -und der Ideale; daß die Ideale der westlich-katholischen und der -germanischen Kultur verschieden und unvereinbar sind – so daß denn der -Deutsch-Französische Krieg schließlich nichts anderes gewesen ist, als -der Zusammenstoß zweier europäischer Kulturen, der katholischen und der -protestantischen, oder der französischen und der germanischen, der -unvereinbaren und entgegengesetztem die sich schon seit Jahrhunderten zu -diesem Kampf vorbereitet hatten. Andererseits muß Frankreich, der -tausendjährige Repräsentant des westlichen Katholizismus, selbst jetzt -noch, einsehen, daß es dieser Führer der katholischen Welt, sogar bei -deren heutigem Zerfall, nur dann bleiben kann, wenn es dem Katholizismus -und seiner Idee tatsächlich treu bleibt. - -Ich will nur sagen, daß die Wiedererstehung des Katholizismus im Sinne -der _Grundidee der Nation_ in Frankreich vielleicht durchaus nicht so -unmöglich ist, wie es viele glauben. Alles, was in Frankreich im letzten -Jahrhundert, dem Jahrhundert der ununterbrochenen Schwankungen, vor sich -gegangen ist, könnte in mancher Beziehung zur Bekräftigung solch einer -Annahme dienen. In diesem letzten Jahrhundert haben alle die so -verschiedenen Regierungen Frankreichs – die Könige, die Republiken, -Napoleon III. – alle haben sie den Papst mit dem Schwert in der Hand -unterstützt oder sind bereit gewesen, ihn zu unterstützen, wenigstens -sind sie alle _für_ Rom und seine weltliche Macht gewesen. Graf Bismarck -aber muß doch vorausfühlen, wenn auch nur zum Teil, daß Frankreich sich -niemals mit einem zweitrangigen Platz in Europa und einer solchen -militärischen Niederlage zufrieden geben wird, daß dieses in seiner Art -für Frankreich vielmehr gleichfalls ein _Non possumus_ ist. Und warum -soll er nicht auch voraussehen, daß dieses Frankreich, das noch nicht -endgültig vernichtete, wohl aber so kürzlich noch vollkommen zu Boden -geschlagene, das so plötzlich die ganze Welt durch seinen Reichtum und – -vor allen Dingen – Kredit in Erstaunen gesetzt hat – was dem Grafen -Bismarck so unerwartet kam –, daß dieses Frankreich den Kampf noch -längst nicht aufgegeben hat, daß der Streit um die Vorherrschaft somit -unvermeidlich noch einmal ausbrechen und es dann aber wirklich um Leben -oder Tod der beiden Nationen gehen wird!? Wie sollte er es nicht -begreifen, daß dieser Kampf eigentlich überhaupt erst anfängt, – -geschweige denn, daß er beendet sei –? Und, da dieser Kampf schließlich -der entscheidende und abschließende Kampf zweier so verschiedener -europäischer Zivilisationen sein wird –, warum soll er da nicht -annehmen, daß auch der entscheidende Zusammenstoß gerade dort -stattfinden wird, wo das Wesen der beiden Zivilisationen liegt: auf dem -Boden der Kultur, dort, wo Katholizismus und Protestantismus einander -feindlich begegnen? - -Diese Idee zu entwickeln, würde zu weit führen; lassen wir es genug -sein, daß wir sie ausgesprochen haben. Ich wollte im übrigen bloß sagen, -daß Graf Bismarck, wenn er den Katholizismus in seinem Zentrum angreift, -vielleicht nur den jüngsten deutsch-französischen Krieg noch weiter -fortführt und – sich zu einem neuen vorbereitet. Handelt er nun -geschickt oder nicht – das mag vorläufig dahingestellt sein, jedenfalls -aber handelt er mit einem scharfen Blick. - - - Frankreich, die Republik und der Sozialismus - -Bei uns sprechen jetzt[8] alle über den Frieden. Alle glauben an einen -langandauernden Frieden, überall sieht man helle Horizonte, neue -Bündnisse, neue Kräfte. Daß in Paris die Republik wiederhergestellt ist, -darin sieht man eine Bürgschaft für den Frieden, und daß diese Republik -von Bismarck wiedereingesetzt wurde – sogar darin sieht man eine -Bürgschaft für den Frieden. Zweifellos sieht man sie auch in der -Übereinstimmung der großen östlichen Mächte – und vielleicht erblicken -nicht minder einige in den jetzigen Unruhen der Herzegowina -unzweifelhafte Zeichen für die Dauerhaftigkeit des europäischen Friedens -... vielleicht auch darum, weil der Schlüssel zu dieser Herzegowinafrage -sich in Berlin befindet, und wiederum in der Schatulle des Fürsten -Bismarck? Aber am meisten freut man sich bei uns über die Französische -Republik. Übrigens, warum ist Frankreich immer noch auf dem ersten Platz -in Europa, und nicht das siegreiche Deutschland? Das allerkleinste -Ereignis in Paris erweckt nach wie vor in Europa mehr Sympathie und -Aufmerksamkeit als manches schwerwiegende Berliner Ereignis. -Unbestreitbar deshalb, weil dieses Land immer das Land des ersten -Schrittes, der ersten Probe und der Anregung von neuen Ideen war! Darum -erwarten alle von dort den „Anfang vom Ende“. Und wer wird wohl auch von -allen zuerst diesen verhängnisvollen und endgültigen Schritt tun, wenn -nicht Frankreich? - -Darum vielleicht haben sich die unversöhnlichsten Parteibildungen gerade -in diesem, seit alters alle Neuerungen vermittelnden Lande entwickelt. -Ein Friede ist da überhaupt nicht eher möglich, als bis es einmal -wirklich zu jenem „Ende“, zu einem großen Zusammenbruch gekommen sein -wird. Diejenigen in Europa, die die Republik bewillkommnen, sagen, daß -sie schon deshalb für Frankreich und für Europa unumgänglich nötig sei, -weil nur in ihr ein Revanchekrieg mit Deutschland ausgeschlossen -scheint, und daß nur die republikanische Partei, von allen zur Stunde -Ansprüche erhebenden Parteien, ihn nicht wagen wird, noch überhaupt -unternehmen will. Indessen sind das nichts als Luftspiegelungen. Im -übrigen ist auch die Republik eines Kampfes wegen ausgerufen worden, -wenn auch nicht zu einem Kriege mit Deutschland, so doch mit einem viel -gefährlicheren Gegner: dem Feind und Gegner von ganz Europa – dem -Kommunismus und Sozialismus. Dieser Gegner erhebt sich viel leichter in -einer Republik als unter jeder anderen Regierung! Jede andere Regierung -würde sich mit ihm schließlich einigen, die Katastrophe vermeiden; nur -eine Republik wird ihm nichts abtreten wollen, sondern ihn selbst -herausfordern, ihn zum Kampfe zwingen. Und so mögen die guten Leute nur -behaupten, die „Republik sei der Friede“! In der Tat, wer hat dieses Mal -die Republik errichtet, wenn nicht die Bourgeoisie und die kleinen -Rentiers? Wenn diese Leute wohl auch schon seit langem Republikaner -waren, so fürchteten doch gerade sie im Grunde die Republik, sahen in -ihr nur Unordnung und den ersten Schritt zum Kommunismus. Der Konvent -der ersten Revolution teilte in Frankreich den großen Besitz der -Emigranten und der Kirche in kleine Teile und verkaufte sie in -Anbetracht der ununterbrochenen damaligen Geldkrisis. Dieses Verfahren -bereicherte einen großen Teil Franzosen und gab ihnen die Möglichkeit, -achtzig Jahre später fünf Milliarden Kontribution zu bezahlen, ohne mit -der Wimper zu zucken. Aber wenn dieses Verfahren zurzeit auch den -Wohlstand sehr hob, so paralysierte es doch die demokratischen -Bestrebungen, indem es die Zahl der Besitzenden vergrößerte und so -Frankreich dem grenzenlosen Besitz der Bourgeoisie in die Hände gab – -die aber ist der erste Feind des Demos, des eigentlichen Volkes. Ohne -dieses Verfahren hatte sich die Bourgeoisie in Frankreich nie so lange -an der Spitze des Staates und an Stelle des früheren Beherrschers von -Frankreich, des Adels, erhalten können. So jedoch erbitterte das Volk -und ward unversöhnlich: die Bourgeoisie verdarb selbst den natürlichen -Gang der demokratischen Bestrebungen und verwandelte ihn in einen -einzigen Haß und einen einzigen Neid. Die Scheidung der Parteien ging so -weit, daß der ganze Organismus des Landes endgültig zusammenbrach und -jegliche Wiederherstellung unmöglich wurde. Wenn sich Frankreich bis -jetzt im Ganzen noch immer aufrechthält, so tut es dies nur nach dem -Gesetz der Natur, nach dem sogar eine Handvoll Schnee nicht früher als -in einer bestimmten Zeit auftauen kann. Diesen Schein eines Ganzen -nehmen die unglücklichen Bourgeois und mit ihnen eine Menge gutmütiger -Menschen in Europa noch für eine lebendige Kraft des Organismus, -betrügen sich mit der Hoffnung, und zu gleicher Zeit zittern sie doch -vor Furcht. Im Grunde hat die Einheit sich bereits vollständig -aufgelöst. Die Aristokraten haben nur den eigenen Nutzen im Auge, die -Demokraten nur den der Armen. Um den allgemeinen Vorteil dagegen, den -Vorteil Aller und des zukünftigen Frankreichs, kümmert sich niemand, -außer den Schwärmern von Sozialisten und den Träumern von Positivisten, -die von der Wissenschaft alles erwarten, alles, d. h. eine neue Einigung -der Menschen und neue Grundsätze eines gesellschaftlichen Organismus. -Aber die Wissenschaft, auf die alle so große Hoffnungen setzen, wird -kaum imstande sein, sich mit der Angelegenheit gleich zu beschäftigen. -Es ist schwer, anzunehmen, daß sie schon so gut Bescheid um die -menschliche Natur wissen wird, um fehlerlos neue Gesetze des -gesellschaftlichen Organismus aufzustellen. Da man aber hier weder -schwanken noch warten kann, so stellt sich von selbst die Frage ein: Ist -die Wissenschaft sofort zu dieser Aufgabe bereit, und geht diese Aufgabe -nicht über die Kräfte ihrer zukünftigen Entwicklung? Ich bin sogar bis -jetzt geneigt, zu behaupten, daß diese Aufgabe allerdings über die -Kräfte der menschlichen Wissenschaft gehen wird, trotz ihrer, wie ich -zugebe, großen zukünftigen Entwicklungsmöglichkeit. Da also die -Wissenschaft diesem Anspruch an sie nicht gerecht werden wird, so ist es -klar, daß die ganze Bewegung des Volkes, des vierten Standes, in -Frankreich, wie überall in der ganzen Welt, von Schwärmern – und die -Schwärmer wieder von allen möglichen Spekulanten – geleitet werden wird. -Ja, und selbst in der Wissenschaft, gibt es denn da keine Träumer? In -der Tat, die Träumer haben jetzt mit Recht die Führung der Bewegung -ergriffen; denn sie allein kümmern sich in Frankreich um die sogenannte -Einigung aller, um das Zukünftige; und es scheint, daß moralisch ihnen -allein das Erbe Frankreichs zufallen wird, ungeachtet ihrer -augenscheinlichen Schwäche und Phantasterei – wie denn das so ziemlich -alle auch fühlen! Aber am furchtbarsten ist es, daß neben all dem -Phantastischen ein Bestreben sich kundtut, daß das grausamste und -unmenschlichste ist und schon nichts Phantastisches mehr an sich hat, -sondern real und historisch unvermeidlich erscheint. Es drückt sich in -folgenden Worten aus: „_Ôte-toi de là, que je m’y mette!_“ – Fort von -dem Platz, damit ich mich hinsetze! Bei den Millionen des unteren Volkes -– abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen vielleicht – kommt in der -ersten Linie und steht zu Anfang aller Wünsche: das Plündern der -Besitzenden. Man kann dabei die Besitzlosen nicht einmal verurteilen: -die Besitzenden selbst hielten sie bis zu dem Grade in der Dunkelheit, -daß all diese Millionen unglücklicher, elender und blinder Leute ohne -Zweifel und auf die naivste Weise glauben, daß sie durch diesen Raub -sich bereichern können, und daß darin die ganze soziale Idee besteht, -über die sich ihre Führer streiten. Ja, und wie können sie denn auch die -Träume der Führer oder irgendeine Prophezeiung der Wissenschaft -verstehen? Nichtsdestoweniger werden sie siegen, und wenn die Reichen -ihnen vor der Zeit nichts abtreten, so kann es noch zu furchtbaren -Ereignissen kommen. Aber keiner wird zur rechten Zeit etwas abtreten – -vielleicht auch deshalb nicht, weil schon heute die Zeit der Abtretung -überschritten ist. Ja, und die Besitzlosen wollen jetzt selbst nicht -mehr eine Verständigung mit ihnen, wenn man ihnen auch alles gewähren -würde: sie würden doch nur glauben, daß man sie wieder betrügt und -übervorteilt. Sie wollen selbst und allein bestimmen. - -Die beiden Bonaparte hielten sich dadurch, daß sie die Möglichkeit eines -Ausgleichs mit ihnen wenigstens versprachen; und sie machten auch -mikroskopische Versuche dazu, wenn auch immer nur hinterhältig und -unaufrichtig. Aber die Oligarchen fühlten sich enttäuscht durch sie, und -der Demos glaubte ihnen erst recht nicht. Was die royalistischen -Prätendenten (älterer Linie) anbetrifft, so können die dem Proletariat -als Rettung im Grunde nur den römisch-katholischen Glauben bieten, von -dem jedoch nicht nur das Volk, sondern auch die Mehrzahl der Intelligenz -in Frankreich schon lange nichts mehr wissen will. Man spricht davon, -daß unter dem Proletariat in letzter Zeit mit außerordentlicher Stärke -der Spiritismus sich entwickelt hat, vor allen Dingen in Paris. Die -jüngere Linie der Könige, die Linie Orleans, ist sogar der Bourgeoisie -verhaßt geworden, obgleich man eine Zeitlang gerade an diese Familie -glaubte und sie für den eigentlichen Führer in der französischen -besitzenden Klasse ansah. Aber ihre Unfähigkeit wurde bald von allen -erkannt. Nichtsdestoweniger mußte die Bourgeoisie sich retten, sie mußte -durchaus und so schnell wie möglich sich einen Führer suchen für die -große und letzte Schlacht mit dem furchtbaren, von unten heraufkommenden -Feind. Die Erkenntnis und der Instinkt ließen sie auf ein richtiges -Mittel verfallen, und sie wählten – die Republik. - -Es gibt ein politisches Gesetz und sogar ein Gesetz der Natur, nach dem -von zwei starken und einander nahestehenden Nachbarn, wie befreundet sie -auch miteinander sein mögen, doch der eine den anderen vernichten möchte -und früher oder später diesen Wunsch auch in die Tat umsetzt. „Von der -roten Republik gibt es einen Übergang zum Kommunismus,“ – dieser Gedanke -erschreckte bis jetzt die französischen Bourgeois, und es mußte viel -Zeit vergehen, bis plötzlich die Mehrzahl von ihnen erriet, daß diese -nächsten Nachbarn zu den erhärtetsten Feinden werden würden, schon -allein aus dem Prinzip der Selbsterhaltung. In der Tat, ungeachtet der -so engen Nachbarschaft der roten Republik mit dem Kommunismus – wer kann -in Wirklichkeit feindlicher und dem Kommunismus radikaler -entgegengesetzt sein als die Republik? sogar, wenn man will, als die -blutige Revolution der neunziger Jahre? In der Republik handelt es sich -vor allem um die republikanische Form: „_la république avant tout, avant -la France_“. In der Republik ist die ganze Hoffnung: die Staats_form_; -und ob der Mac-Mahonismus an die Stelle Frankreichs tritt – es bleibt -sich gleich, wenn er sich nur Republik nennt! Das ist das -Charakteristische der jetzigen „Siege“ der Republikaner in Frankreich. -So sucht man denn in der bloßen Form die Rettung. Von der anderen Seite -dagegen, was geht den Kommunismus die republikanische Staatsform an, da -er im Grunde jede Regierungsform verneint, und nicht nur jegliche Form -einer Regierung, sondern auch den Staat an sich und die ganze -zeitgenössische Gesellschaft? Dieses gerade Gegenteil, diese gemeinsame -Antithese zweier Kräfte vermochte die französische Masse erst in achtzig -Jahren zu erkennen, zuletzt erkannte sie sie aber doch und – errichtete -die Republik: dem Feinde stellte sie endlich den allergefährlichsten und -allernatürlichsten Gegner entgegen; denn um nichts in der Welt will die -Republik im Kommunismus und Sozialismus untergehen. Im Grunde ist die -Republik der natürlichste Ausdruck und die gegebene Staatsform der -Bourgeoisie, ja, die ganze französische Bourgeoisie ist doch das Kind -der Republik, für sie geschaffen und für sie organisiert in der ersten -Revolution. Auf diese Weise ist die Scheidung vollständig erreicht. Man -sagt, der Kampf der beiden sei noch weit. Ob er so weit ist? Vielleicht -ist es besser, die Katastrophe nicht noch hinauszuschieben. Schon jetzt -hat der Sozialismus Europa durchsetzt, und bis zu der Zeit wird er es -noch mehr durchsetzt haben. Fürst Bismarck weiß es, aber er baut nach -deutscher Art zu sehr auf Blut und Eisen. Was kann man aber da mit Blut -und Eisen ausrichten? - - - Katholizismus und Sozialismus - -Man wird sagen: Aber jetzt wenigstens, jetzt gleich hat man nicht den -geringsten Grund, sich aufzuregen; alles ist hell und klar: In -Frankreich ist der Mac-Mahonismus, im Osten die große Einigung der -Mächte, die Kriegsbudgets werden überall und außerordentlich vergrößert -– wie soll es da keinen Frieden geben! - -Aber der Papst? Wenn der heute oder morgen stirbt – was wird dann -werden? Wie sollte der römische Katholizismus einwilligen, gleichsam ihm -zur Gesellschaft mit ihm zu sterben? Oh, nie noch dürstete es ihn so, zu -leben – wie jetzt! Übrigens, unsere Propheten, wie sollten sie nicht -über den Papst lachen? „Eine Papstfrage gibt es bei uns ja überhaupt -nicht mehr!“ Indessen ist die Frage des Katholizismus zu -bedeutungsschwer und der Katholizismus selber so voll von grenzenlosen -Widersprüchen, daß er diese nie um des Friedens willen, nicht um der -ganzen Welt willen aufgeben würde. Ja, für wen denn auch, und zu wessen -Nutzen sie denn aufgeben? Um der Menschheit willen etwa? Der Papst hält -sich schon lange für höher als die Menschheit. Er hat bis jetzt nur um -die Starken der Erde gebuhlt und auf sie gehofft bis zum letzten -Augenblick. Dieser Augenblick ist heute gekommen, und nun scheint es, -daß der römische Katholizismus endlich sich von den Großen der Erde -abgewandt hat, die ihm ja doch schon lange untreu geworden waren und in -Europa jene Hetzjagd auf ihn geplant hatten, die wir in unseren Tagen -erlebten. Und haben wir von dem römischen Katholizismus nicht bereits -die unglaublichsten Überraschungen erlebt? Einmal, wenn es nötig war, -hat er Christus für weltlichen Besitz verkauft und das Dogma -aufgestellt, „daß das Christentum auf der Erde ohne die weltliche -Herrschaft des Papstes nicht bestehen könne“, und so einen neuen -Christus geschaffen, einen, der dem früheren in nichts mehr ähnlich ist, -der verführt war durch die dritte teuflische Versuchung, die weltliche -Herrschaft: „Alles das gebe ich dir, bete mich an!“ Oh, ich habe heftige -Ableugnungen dieses Gedankens gehört: man hat mir versichert, daß der -Glaube an Christus und sein Bild in den Herzen der meisten Katholiken -noch in alter Wahrheit und Reinheit weiterlebe. Das kann durchaus wahr -sein, aber ich behaupte trotzdem: die Hauptquelle ist trübe und auf ewig -verschüttet; denn nicht umsonst verfiel Rom dieser teuflischen -Versuchung, seine weltliche Herrschaft in der Form eines unerhörten -Dogmas zu verkünden – eine Tat, deren Folgen wir heute noch nicht -absehen können. Bemerkenswert ist nur, daß die Verkündung dieses Dogmas -gerade in dem Augenblick erfolgte, als das geeinte Italien vor den Toren -Roms stand. Viele von uns lachten und spotteten über den Papst: wüten -kann er, aber machtlos ist er doch, sagte man ... Wer weiß, ob er so -machtlos ist! Nein, solche Menschen, die fähig sind zu solchen -Entschlüssen, können nicht ohne Kampf sterben. Man wird mir erwidern, -daß es immer so im Katholizismus gewesen und daß in ihm überhaupt keine -Veränderung vor sich gegangen sei. Möglich, aber es hat in ihm doch -immer ein Geheimnis gegeben: es hatte viele Jahrhunderte das Aussehen, -als sei der Papst mit seinem kleinen Besitztum, mit dem Lande des -Kirchenstaates, durchaus zufrieden – ... aber alles das war dann doch -nur Allegorie. Die Hauptsache in dieser Allegorie, das Samenkorn des -Grundgedankens, war die immer gegenwärtige Hoffnung des Papsttums, daß -aus diesem Samenkorn dereinst ein prächtiger Baum werden würde, -bestimmt, die ganze Erde zu beschatten. Und siehe da, als man ihm die -letzte Quadratmeile seines westlichen Besitztums nimmt, da erhebt sich -der Beherrscher des Katholizismus, seinen Tod voraussehend, und erklärt -der ganzen Welt das Geheimnis: „Ihr glaubt wohl, daß ich nur dem Titel -nach Herrscher des Kirchenstaates bin? So wisset denn, daß ich mich -immer als den Herrscher der ganzen Welt, aller Herrscher der Erde, der -geistlichen wie der weltlichen, gefühlt habe, als ihren wirklichen Herrn -und Imperator. Ich – ich bin der Zar aller Zaren und der Herrscher aller -Herrscher, und mir allein auf der Erde gehören die Schicksale und die -Zeiten: und das erkläre ich aller Welt jetzt im Dogma meiner -Unfehlbarkeit.“ Nein, dort steckt noch eine Kraft, das ist erhaben, aber -nicht lächerlich; das ist eine Auferstehung der alten römischen Idee der -Weltherrschaft, die nie im römischen Katholizismus aussterben wird; das -ist das Rom Julian Apostatas, das nicht von Christus besiegte, sondern -das Christum besiegende, in einem neuen und letzten Kampf! Auf diese -Weise hat sich der Eintausch des wahrhaftigen Christus gegen ein -weltliches Reich vollzogen. Und im römischen Katholizismus vollzieht er -sich in der Tat! Ich wiederhole es, diese schreckliche Armee hat zu -scharfe Augen, um nicht endlich zu erblicken, wo jetzt die wirkliche -Kraft ist, auf die man sich stützen kann. In dem Augenblick, da er seine -verbündeten Großen verliert, wird er sich an das Volk klammern. Er hat -zu seiner Verfügung zehntausend Verführer, kluge, gewandte -Herzensbesieger und Psychologen, Dialektiker und Sophisten. Das Volk war -und ist überall redlich und gut. Außerdem – in Frankreich wie auch an -anderen Orten Europas – haßt das Volk den Glauben, verachtet ihn, ohne -das Evangelium zu kennen. Alle diese Herzenskundigen und Seelenkenner -werfen sich nun auf das Volk und bringen ihm den neuen Christus, einen -der in, alles einwilligt, einen, wie er auf dem letzten römischen Konzil -aufgestellt wurde. „Ja, unsere Freunde und Brüder,“ werden sie sagen, -„alles, was ihr euch wünscht – alles das steht schon längst in unseren -Büchern, und eure Führer haben es von uns gestohlen. Wenn wir euch -früher noch nichts davon gesagt haben, so ist es nur deshalb nicht -geschehen, weil ihr bis jetzt noch wie unreife Kinder waret, für die es -zu früh war, die ganze Wahrheit zu erfahren. Aber jetzt ist die Zeit der -Wahrheit für euch gekommen. Wisset, daß beim Papst die Schlüssel des -heiligen Petrus sind – und der Glaube an Gott ist nur der Glaube an den -Papst, der von Gott auf der Erde an Stelle Gottes eingesetzt worden ist. -Er ist unfehlbar, und ihm ist göttliche Macht gegeben, er ist der -Beherrscher der Schicksale und der Zeiten; er hat beschlossen, daß auch -eure Zeit jetzt gekommen sein soll. Früher lag die Hauptkraft des -Glaubens in der Ergebung, jetzt ist aber die Frist der Ergebung um, und -der Papst hat die Macht, sie aufzuheben, da ihm alle Macht auf Erden -gegeben ist. Ja, wir sind alle Brüder, und Christus selbst hat uns -befohlen, Brüder zu sein. Wenn eure älteren Brüder euch nicht als Brüder -anerkennen wollen, so nehmt Waffen, dringt in ihre Häuser ein und zwingt -sie mit Gewalt, eure Brüder zu sein. Christus hat lange gewartet, daß -eure älteren Brüder bereuen würden, aber jetzt hat er uns selbst -befohlen: ‚_Fraternité ou la mort!_‘ – Sei mir ein Bruder oder stirb! -Wenn dein Bruder zögert, sein Gut mit dir zu teilen, so nimm ihm alles; -denn Christus hat lange gewartet auf seine Reue und Buße, jetzt schlägt -die Stunde der Vergeltung und des Zornes. Wisset auch, daß ihr -unschuldig seid an allen euren vergangenen und zukünftigen Sünden; denn -eure Sünden kamen nur aus eurer Armut. Und wenn eure Führer und Lehrer -das schon früher gesagt, und wenn sie euch auch die Wahrheit gesagt -haben, so hatten sie nicht die Macht, es euch vor der Zeit zu -_verkünden_; denn die Macht dazu hat nur der Papst von Gott selbst -erhalten. Der Beweis dafür ist, daß diese Lehrer euch noch zu nichts -Gescheitem gebracht haben, und daß all ihr Beginnen an sich unfruchtbar -war; ja, und außerdem waren sie treulos; auf euch gestützt, erschienen -sie stark, um sich dann für einen höheren Preis euren Feinden zu -verkaufen. Aber der Papst wird euch nicht verkaufen, denn über ihm gibt -es keine höhere Gewalt, er ist der Erste aller Ersten; nur glaubt an -_ihn_, nicht an Gott, sondern nur an den Papst, und daran, daß er allein -der Herrscher auf Erden ist, und sonst niemand, und daß alle anderen, -wenn ihre Stunde kommt, verschwinden müssen. Freut euch jetzt, denn das -Paradies auf Erden hat begonnen, alle werdet ihr reich sein und durch -den Reichtum ehrlich und selig, weil alle eure Wünsche erfüllt sein -werden und jeglicher Grund zum Bösen euch genommen wird.“ Diese Worte -sind gleisnerisch, aber das Volk wird unbedingt den Vorschlag annehmen: -es sieht in dem unerwarteten Verbündeten eine große vereinigende Macht, -die auf alles eingeht, – eine reale, historische Macht an Stelle von -verschwärmten Führern und Spekulanten, an deren praktische Fähigkeiten -und auch an deren Ehrlichkeit die Menschen nicht mehr glauben. Dort ist -der Stützpunkt gefunden und der Hebel in die Hand gegeben, jetzt heißt -es, mit der ganzen Masse ihn umdrehen. Und zur Vervollständigung des -Ganzen gibt man ihm wieder den Glauben und beruhigt mit ihm viele -Herzen, denn viele von ihnen sehnen sich nach Gott ... - -Ich habe schon einmal in einem Roman darüber gesprochen. Möge man mir -meine feste Überzeugung verzeihen, aber ich bin sicher, daß alles sich -einmal im westlichen Europa so zutragen wird, in der einen oder anderen -Form, d. h. daß der Katholizismus sich der Demokratie zuwenden und die -Großen der Welt verlassen wird, weil sie ihn verließen. Alle Macht in -Europa verachtet ihn, denn er ist jetzt nach außen allzu arm und allzu -überwunden. Und doch erscheint er lange nicht in einer so tragikomischen -Lage, wie sich ihn gutmütigerweise unsere politischen Publizisten -vorstellen. Indessen würde ein Fürst Bismarck ihn nicht so verfolgen, -wenn er in ihm nicht seinen furchtbarsten und mächtigsten Feind der -Zukunft sähe. Fürst Bismarck ist ein zu großer Mensch, um seine Kräfte -an einen lächerlichen und machtlosen Feind zu verschwenden. Aber der -Papst ist stärker als er. Ich wiederhole, daß das Papsttum vielleicht am -stärksten den Weltfrieden bedroht. Und dem Frieden droht noch vieles -sonst. Noch wie war Europa so angefüllt von feindlichen Elementen, wie -in unserer Zeit: als wäre alles mit Dynamit unterlegt und wartete nur -auf den zündenden Funken ... - -„Ja, aber was geht das uns an? Das ist ja alles dort in Europa und nicht -bei uns in Rußland!“ Nun, bei uns wird Europa dann anklopfen und uns -anflehen, es zu retten, wenn die letzte Stunde seiner jetzigen Ordnung -der Dinge schlägt. Und es wird unsere Hilfe verlangen, als ob es ein -Recht darauf hätte: es wird uns sagen, daß auch wir Europa seien, daß -auch bei uns diese „Ordnung der Dinge“ sein müsse, da wir es doch nicht -umsonst zweihundert Jahre lang imitiert und uns gebrüstet hätten, -Europäer zu sein, und daß wir, wenn wir Europa retteten, im Grunde nur -uns selbst retten würden. Freilich wären wir vielleicht nicht sehr -geneigt, diese Angelegenheit nur zugunsten der einen Hälfte zu -entscheiden, denn diese Aufgabe wird auch über unsere Kraft gehen: und -haben wir uns nicht schon längst entwöhnt, darüber nachzudenken, worin -unser Unterschied von Europa als Nation und worin unsere wirkliche Rolle -in Europa besteht? Wir verstehen nicht nur nichts von diesen Dingen, -sondern wollen überhaupt solche Fragen nicht zulassen; und sie auch nur -anzuhören, halten wir für rückständig. Wenn aber wirklich Europa bei uns -anklopft und uns auffordert, hinzugehen und seine Ordnung zu retten, so -werden wir vielleicht zum erstenmal und plötzlich begreifen, bis zu -welchem Grade wir die ganze Zeit über Europa nicht ähnlich gewesen sind, -ungeachtet unseres zweihundertjährigen Wunsches und unserer Träume, -Europa gleich zu sein, wie sie sich manchmal bis zu den -leidenschaftlichsten Ausbrüchen versteigen konnten. Übrigens, vielleicht -werden wir das auch dann nicht einmal begreifen; denn es wird vielleicht -auch dann schon zu spät sein. Wenn dem so ist, so werden wir freilich -auch nicht verstehen, was Europa von uns haben will, und worin wir ihm -in der Tat helfen könnten. Und würden wir dann nicht den Feind Europas -und seiner Ordnung ebenso beruhigen wollen wie Fürst Bismarck –: mit -Eisen und Blut? Nun, im Falle es dazu kommen würde, könnten wir uns -allerdings als vollständige Europäer beglückwünschen. - -Aber all das steht uns erst noch bevor und ist reine Phantasie – denn -jetzt ist ja alles in Europa so klar, so klar, so klar! - - - Drei Ideen - -Ich habe unlängst folgenden Satz geschrieben: „Alle unsere russischen -Spaltungen und Sonderbestrebungen sind fast immer auf Grund von Zweifeln -und Bedenken entstanden, und zwar auf Grund von solchen, zu denen -eigentlich gar keine Veranlassung vorlag.“ Und heute[9] kann ich -wiederholen, daß in der Tat alle unsere Streitigkeiten und Zerwürfnisse -einzig aus dem Irrtum des Verstandes, nicht aber aus dem Irrtum des -Herzens entstehen. In dieser Definition liegt das ganze Wesen unserer -Uneinigkeiten und Zwiespälte – doch ist dieses Wesen an sich deshalb -noch nicht so unerfreulich. Irrtümer und Zweifel des Verstandes -verschwinden schneller und spurloser als die Irrtümer und Zweifel des -Herzens; aufgehoben aber werden sie nicht so sehr von gelehrten -Diskussionen und Disputen, als von der unabweisbaren Logik der -Ereignisse des lebendigen Lebens, die nichts weniger als selten den -richtigen Ausweg in sich tragen und auf den geraden Weg weisen, wenn -auch nicht plötzlich, nicht im ersten Augenblick, so doch jedenfalls in -sehr kurzer Frist, zuweilen sogar, ohne die nächste Generation -abzuwarten. Anders ist es mit den Irrtümern des Herzens. Der Irrtum des -Herzens wiegt schwerer: er bedeutet, daß der Geist, oft schon der Geist -der ganzen Nation, an irgend etwas erkrankt, von irgend etwas angesteckt -ist, und nicht selten führt diese Erkrankung, diese Ansteckung solch -einen Grad von Blindheit mit sich, daß die ganze Nation nicht mehr -geheilt werden kann – wieviel Rettungsversuche dem zunächst auch -widersprechen und auf den richtigen Weg weisen mögen. Im Gegenteil, -diese Blindheit entstellt die Tatsachen, wie es ihr gefällt, verändert -sie nach den Wahnbildern des kranken Geistes, und es kommt sogar vor, -daß eher die ganze Nation dem Untergange entgegengeht, im vollen -Bewußtsein dessen, was sie tut, d. h. sogar nachdem sie ihre Blindheit -eingesehen, als daß sie einwilligt, sich heilen zu lassen – denn nun -_will_ sie bereits nicht mehr geheilt werden. Möge man nicht im voraus -über mich lachen, daß ich umgekehrt die Irrungen des Verstandes für -leicht und schnell wieder gutzumachen halte. Und am lächerlichsten wäre -es wohl für einerlei wen, für jeden, nicht nur für mich allein, in -diesem Falle die Rolle des Ausgleichers zu spielen, der fest überzeugt -ist, mit Worten durchdringen und die Tagesüberzeugungen in der -Gesellschaft umkehren zu können. Alles das sehe ich vollkommen ein; doch -nichtsdestoweniger darf man sich nicht seiner Überzeugungen schämen, und -wer ein Wort zu sagen hat, der sage es. - -Es will mir scheinen, daß jetzt eine Zeit gekommen ist, in der sich -_alle_ möglichst offen aussprechen müssen, ohne sich der naiven -Nacktheit manches Gedankens zu schämen. Tatsächlich erwarten uns, d. h. -ganz Rußland, vielleicht ungewöhnliche und große Ereignisse. „Es können -plötzlich gewaltige Fakta dasein und unsere intelligenten Kräfte -überraschen, und dann, – wird es dann nicht zu spät sein?“ habe ich -damals gefragt. Ich dachte dabei nicht nur an die politischen Ereignisse -der nächsten Zukunft, wenn sie auch heute derart sind, daß sie die -Aufmerksamkeit selbst der kläglichsten, selbst der verjudetsten, d. h. -der sich sonst um nichts, als nur um sich selbst kümmernden Geister in -Anspruch nehmen. In der Tat, wer kann es wissen, was der Welt im -nächsten Vierteljahrhundert bevorsteht, oder vielleicht schon in diesem -Jahre? Europa ist unruhig. Aber ist es nicht vielleicht nur eine jähe -vorübergehende Unruhe? Keineswegs: man fühlt, es ist die Zeit für etwas -Tausendjähriges, für etwas Ewiges gekommen, für das, was sich auf der -Erde seit dem Anfang ihrer Zivilisation vorbereitet hat. - -Drei Ideen erheben sich vor der Welt und formulieren sich, scheint es, -endgültig. - -Von einer Seite – am Rande Europas – die Idee des Katholizismus, die, -schon längst verurteilt, nun in großen Qualen und Zweifeln nicht weiß, -was ihrer harrt: Sein oder Nichtsein, Leben oder schon – Sterben? Ich -spreche nicht nur von der katholischen Religion, sondern von der ganzen -_katholischen Idee_, und dem Los derjenigen Nationen, welche unter dem -Joch dieser Idee seit einem Jahrtausend gelebt haben und ganz von ihr -durchdrungen sind. In diesem Sinne ist Frankreich die vollkommenste -Verkörperung der katholischen Idee im Verlaufe von Jahrhunderten -gewesen, ist das Haupt dieser Idee, die es schon von den Römern und in -durchaus römischem Geiste übernommen hat. Dieses Frankreich, das jetzt -sogar jegliche Religion, man kann wohl sagen, verloren hat – Jesuiten -und Atheisten sind dort ein und dasselbe –, das schon mehrmals seine -Kirchen geschlossen und einmal sogar Gott selber der Ballotage einer -Versammlung unterworfen hat, dieses selbe Frankreich, das aus den Ideen -von 1789 seinen eigenen französischen Sozialismus entwickelt hat, d. h. -die Pazifizierung und Organisation der menschlichen Gesellschaft ohne -Christus und außerhalb Christi, ganz so wie sie der Katholizismus _in_ -Christus organisieren gewollt, doch nicht gekonnt hat: dieses selbe -Frankreich ist und fährt fort, wie in seinen Revolutionären des -Konvents, so auch in seinen Atheisten, seinen Sozialisten und seinen -modernen Kommunisten – immer noch im höchsten Grade eine katholische -Nation zu sein, bis ins Kleinste durchdrungen vom katholischen Geist und -Buchstaben. Durch den Mund seiner bekannten Atheisten verkündet es -„_Liberté, Egalité, Fraternité – ou la mort_,“ also auf ein Haar so, wie -es der Papst selbst ausrufen lassen würde, wenn er genötigt wäre, -_liberté, égalité, fraternité_ zu proklamieren – ganz in seinem Stil, -ganz in seinem Geist, in dem echtesten Geist und Stil der Päpste des -Mittelalters. Selbst der heutige Sozialismus – scheinbar ein heftiger, -verhängnisvoller Protest aller Nationen gegen die katholische Idee, -aller Menschen, die sie gequält und erstickt hat, und die um jeden Preis -leben wollen, aber leben ohne Katholizismus und ohne seine Götter, – -selbst dieser Protest, der offiziell am Ende des vorigen Jahrhunderts -begonnen hat, in Wirklichkeit aber viel früher, – ist in Frankreich -nichts anderes als die treueste und geradeste Fortsetzung der -katholischen Idee, ihre endgültige Vollendung, ihre verhängnisvolle -Folge, von Jahrhunderten ausgearbeitet! Denn der französische -Sozialismus ist nichts anderes als die _gewaltsame_ Vereinigung der -Menschen – eine Idee, die noch aus dem alten Rom stammt und sich -unversehrt im Katholizismus erhalten hat. Auf diese Weise hat sich die -Idee der Befreiung des Menschengeschlechtes vom Katholizismus gerade -hier in die allerengsten katholischen Formen gehüllt, in Formen, die dem -Herzen des katholischen Geistes, seinem Despotismus und wohl auch seiner -Moral entlehnt sind. - -Von der anderen Seite erhebt sich der alte Protestantismus, der nun -bereits neunzehn Jahrhunderte lang gegen Rom und die römische Idee -protestiert, gegen die alte heidnische, wie gegen die erneute -katholische Idee, gegen Roms Weltgedanken, den Menschen auf der ganzen -Erde zu beherrschen, moralisch wie materiell, gegen Roms ganze Kultur – -der bereits seit den Tagen Armins und des Teutoburger Waldes -protestiert, protestiert und immer wieder protestiert. Das ist der -Germane, der blind glaubt, daß nur in ihm die Erneuerung der Menschheit -liegt und nicht in jener katholischen Kultur. In seiner ganzen -geschichtlichen Entwicklung hat er ja von seiner Einheit nur geträumt, -hat er nach ihr gelechzt nur, um sie verwirklichen zu können, seine -stolze protestantische Idee! Sie aber hat sich schon im Luthertum selbst -stark ausgeprägt und in gewisser Weise auch bereits abgeschlossen. Und -jetzt nach dem Sturze Frankreichs, der ersten, wichtigsten und -„allerchristlichsten“ katholischen Nation – jetzt ist der Germane -überzeugt von seinem Triumph und gleichfalls davon, daß niemand an -seiner Stelle der Führer der Menschheit werden wird und ihr die -Wiedergeburt bringen kann. Daran glaubt er fest, er glaubt, daß es etwas -Höheres als germanischen Geist und Wort in der Welt nicht gebe, und daß -Deutschland allein fähig sei, der Welt dieses Höchste zu geben. Es kommt -ihm lächerlich vor, selbst nur anzunehmen, daß auch anderswo in der Welt -irgendeine besondere Idee – meinetwegen nur im Keime – leben solle, eine -Idee, die das zur Führung der Welt bestimmte Deutschland nicht -gleichfalls haben könnte. Währenddessen wäre es jedoch alles andere als -überflüssig, zu bemerken, daß Deutschland in all diesen neunzehn -Jahrhunderten seines Daseins nichts anderes getan hat, als eben nur -protestiert, und daß es selber sein eigenes _neues Wort_ überhaupt noch -nicht gesagt, sondern die ganze Zeit über nur der Verneinung seines -Feindes gelebt hat, so daß in Zukunft vielleicht etwas überaus Seltsames -geschehen kann: daß nämlich, wenn Deutschland dereinst alles zerstört -haben wird, wogegen es neunzehn Jahrhunderte lang protestiert, es -plötzlich geistig selbst wird sterben müssen, unmittelbar nach seinem -Feinde, einfach, weil es dann keinen Grund mehr haben wird, zu leben; -_denn es wird ja nichts mehr geben, wogegen es protestieren kann_! Doch -möge das bloß eine Schimäre von mir sein – dafür ist Luthers -Protestantismus um so mehr ein Faktum: der aber ist eben ein -kritisierender und damit bloß _verneinender_ Glaube, der dann, wenn der -Katholizismus von der Erde verschwindet, nach ihm bestimmt auch -verschwinden wird, da er, wenn er gegen nichts mehr zu protestieren hat, -sich eben in reinen Atheismus verwandeln und damit sich selbst aufheben -wird. Doch auch das ist vorläufig bloß eine Schimäre von mir. - -Die slawische Idee wird von dem Germanen ganz ebenso verachtet wie die -katholische, nur mit dem Unterschied, daß er die letztere immer als -starken und mächtigen Feind geschätzt hat, die slawische Idee dagegen -nicht nur für nichts wert hält, sondern sie sogar überhaupt nicht -anerkennt, überhaupt kaum kennt. Erst seit ganz kurzer Zeit fängt er an, -mißtrauisch zu den Slawen hinüberzusehen. Wenn es ihm auch jetzt noch -lächerlich erscheint, anzunehmen, daß auch die Slawen irgendein Ziel -oder eine Idee haben könnten, irgendeine Hoffnung, gleichfalls „der Welt -etwas zu sagen“, so hat sich einstweilen nach dem Sturze Frankreichs -sein mißtrauischer Verdacht doch verstärkt, und die Ereignisse des -vorigen Jahres[10] haben ihm dieses Mißtrauen natürlich nicht nehmen -können. Augenblicklich ist Deutschland sogar beinahe besorgt. In jedem -Fall, sagt es sich, und vor allen etwaigen Orientgedanken, muß es erst -seine Arbeit im Westen beenden! Wer aber kann da leugnen, daß Frankreich -in diesen fünf Jahren nach seinem Zusammenbruch den Deutschen gerade -dadurch beunruhigt, daß dieser es 1870/71 _nicht_ total zertrümmert, -zerstampft, vernichtet hat. 1875 erreichte diese Unruhe in Berlin einen -sehr hohen Grad, und Deutschland würde sich bestimmt von neuem auf -seinen uralten Feind gestürzt haben, um ihn, solange es noch Zeit ist, -endgültig zu erwürgen, wenn nicht einige äußerst wichtige Umstände es -daran gehindert hätten. Jetzt aber, in diesem Jahre, schreckt -Frankreich, das seine Position mit jedem Tage verstärkt hat, Deutschland -noch weit mehr als vor zwei Jahren. Deutschland weiß, daß sein Feind -nicht ohne Kampf sterben wird, daß er vielmehr, wenn er sich ganz erholt -hat, womöglich selbst zum Kampf rufen wird, so daß es nach drei, nach -fünf Jahren für Deutschland schon zu spät sein kann. Und nun, in -Anbetracht dessen, daß der slawische Osten Europas so ganz von einer -eigenen, plötzlich entstandenen Idee durchdrungen ist und jetzt genug -bei sich zu Hause zu tun hat, kann es sehr, sehr leicht geschehen, daß -Deutschland, sobald es seinen Rücken gesichert sieht, sich zum -letztenmal auf seinen westlichen Feind stürzt und sich von diesem -quälenden Alb befreit. Und das können wir schon in allernächster Zukunft -erleben. Im allgemeinen jedoch kann man sagen, daß, sobald die Dinge im -Osten ein wenig heikel oder gespannt sind, Deutschland in einer fast -noch unvorteilhafteren Lage ist. Beinahe muß es dann noch mehr -Befürchtungen und Sorgen haben, ganz abgesehen von seinem über die Maßen -stolzen Ton – das könnten wir doch wenigstens etwas mehr beachten. - -Währenddessen aber ist im Osten tatsächlich die dritte Weltidee -großartig aufgegangen, sie, die slawische Idee, die Idee von morgen – -vielleicht die dritte aufsteigende Möglichkeit einer Entscheidung über -das Schicksal der Menschheit und Europas. Es ist schon heute allen klar, -daß mit der Lösung des Orientproblems in die Menschheit ein neues -Element dringen wird, eine neue Macht, die bis jetzt passiv dagelegen -hat, und bei der es ganz ausgeschlossen ist, daß sie auf das Schicksal -der Welt _nicht_ stark und entscheidend wirken wird. Was aber ist das -für eine Idee, was wird die Vereinigung aller Slawen mit sich bringen? - -All das ist heute noch viel zu unbestimmt; doch daß wirklich etwas Neues -gesagt werden muß – daran zweifelt jetzt wohl niemand mehr. Und alle -diese drei mächtigen Weltideen drängen fast zur selben Zeit zu ihrer -Entscheidung. Das sind keine Launen mehr, kein Krieg um irgendeine -Thronfolge oder wegen der Zänkereien irgendwelcher hochgestellten Damen, -wie im vorigen Jahrhundert. Hier ist etwas Allgemeines und Endgültiges, -und wenn auch durchaus nicht alle Menschenschicksale Entscheidendes, so -doch zweifellos etwas, das den Anfang vom Ende der ganzen früheren -Geschichte Europas mit sich bringt, – den Anfang der Entscheidung über -unsere ganze Zukunft, die in Gottes Hand steht, und die der Mensch nicht -vorauswissen, wohl aber ahnen kann. - -Die Frage, die sich nun jedem denkenden Menschen unwillkürlich stellt, -ist: Können solche Ereignisse in ihrem Laufe stehen bleiben? Können sich -Ideen von solcher Größe kleinlichen, jüdischen, drittklassigen -Erwägungen unterordnen? Läßt sich ihre Entscheidung hinausschieben, und -wäre das überhaupt wünschenswert? Zweifellos muß die Weisheit die -Nationen beschützen und verteidigen und der Nächstenliebe und der -Menschheit dienen, doch gewisse Ideen haben ihre gewaltige, alles -fortreißende Macht. Die abgebrochene und fallende Spitze eines Felsens -hältst du mit der Hand nicht auf! Wir Russen haben dabei zweierlei für -uns, zwei Kräfte, die da allen anderen in der Welt zusammengenommen -gleichkommen, das sind: die Ganzheit, die geistige Unteilbarkeit der -Millionen unseres Volkes und dessen unlösbare Verbindung mit dem -Zarentum. Es ist das natürlich etwas ganz Unbestreitbares, doch unsere -„Klugen“ verstehen nicht nur nicht die russische Volksidee, sie _wollen_ -sie noch nicht einmal verstehen. - - - Die deutsche Weltfrage - - - Deutschland, die protestierende Macht - -Sprechen wir jetzt[11] einmal von Deutschland, über seine jetzige -Aufgabe, diese ganze verhängnisvolle und auch alle anderen Völker -angehende deutsche Weltfrage. - -Was ist das nun für eine Aufgabe? Und warum hat sich diese Aufgabe denn -erst jetzt für Deutschland in eine so schwierige Frage verwandelt, warum -nicht schon früher, warum nicht schon längst, sondern erst vor einem -Jahr, was sag’ ich, erst vor zwei Monaten? - -Diese Aufgabe Deutschlands, seine einzige, hat es auch früher schon -gegeben, hat es gegeben, solange es überhaupt ein Deutschland gibt. Das -ist sein _Protestantentum_: nicht allein jene Formel des -Protestantismus, die sich zu Luthers Zeiten entwickelte, sondern sein -_ewiges_ Protestantentum, sein ewiger _Protest_, wie er einsetzte einst -mit Armin gegen die römische Welt, gegen alles, was Rom und römische -Aufgabe war, und später gegen alles, was vom alten Rom aufs neue Rom und -auf all die Völker überging, die Roms Idee, seine Formel und sein Wesen -übernahmen, der Protest gegen die Erben Roms und gegen alles, was dieses -Erbe ausmacht. Ich bin überzeugt, daß viele Leser über das, was ich -soeben geschrieben, mit den Achseln zucken und lachen werden: „Wie kann -man nur im neunzehnten Jahrhundert, im Jahrhundert der freien Ideen und -der Wissenschaft, noch über Katholizismus und Protestantismus reden und -streiten, ganz so, als ob wir noch im Mittelalter wären! Es gibt ja -allerdings noch religiöse Leute und sogar Fanatiker, aber die haben sich -doch nur noch wie archäologische Raritäten erhalten, die verdammt und -verlacht und von allen verurteilt in weltfernen Winkeln sitzen, ein -armseliges, klägliches Häuschen rückständiger Leutchen. Wie kann man sie -bei einer so großen Frage, wie es die der Weltpolitik ist, überhaupt nur -erwähnen?“ - -Ich aber meine nicht den „Protestantismus“, noch denke ich dabei an die -zeitweiligen Formeln der altrömischen Idee, noch an den ewig gegen sie -gerichteten germanischen Protest. Ich nehme nur die Grundidee, die schon -vor zweitausend Jahren geboren wurde und seit der Zeit nicht gestorben -ist, obgleich sie sich fortlaufend in verschiedenen Formeln verkörpert -hat. Und heute ist es die Erbin Roms, die ganze westeuropäische Welt, -die sich in den Geburtswehen einer neuen Umgestaltung dieser übererbten -alten Idee windet und quält. Das ist für denjenigen, der zu schauen -versteht, schon dermaßen augenscheinlich, daß es für ihn weiter keiner -Erklärungen bedarf. - -Das alte Rom war die erste Macht, die die Idee einer universalen -Vereinigung der Menschen hervorbrachte, und die erste, die da _glaubte_ -und fest überzeugt war, sie praktisch in Gestalt einer Weltmonarchie -verwirklichen zu können. Diese Formel jedoch fiel vor dem Christentum, – -die Formel, aber nicht die Idee. Denn diese Idee ist die Idee der -europäischen Menschheit, aus ihr bildete sich deren Kultur, für sie -allein lebt sie überhaupt. Es fiel bloß die Idee der universalen -_römischen_ Monarchie, und sie wurde durch das neue Ideal einer wiederum -universalen _neuen_ Vereinigung in Christo ersetzt. Dieses neue Ideal -zerspaltete sich in das östliche, das Ideal der vollkommen geistigen -Vereinigung der Menschen, und das westeuropäische, römisch-katholische -des Papstes, das dem östlichen durchaus entgegengesetzt ist. Diese -westliche, römisch-katholische Verkörperung der Idee vollzog sich auf -ihre Art, ohne den christlichen, geistigen Ursprung der Idee ganz zu -verlieren, und indem sie diese Idee mit dem altrömischen Erbe verband. -Das römische Papsttum verkündete, daß das Christentum und seine Idee -ohne die universale Beherrschung der Länder und Völker, – nicht geistig, -sondern staatlich, mit anderen Worten: daß es ohne die irdische -Verwirklichung einer neuen universalen römischen Monarchie, deren Haupt -nicht der römische Imperator, sondern der Papst sein würde – nicht -verwirklichbar wäre. Und da begann dann wieder der Versuch einer -universalen Monarchie – ganz und gar im Geiste der altrömischen Welt, -aber doch schon in einer anderen Form. Auf diese Weise ist das östliche -Ideal: zuerst die geistige Vereinigung der Menschheit in Christo -anstreben und dann erst, kraft dieser geistigen Vereinigung aller in -Christo, die zweifellos sich aus ihr ergebende rechte staatliche wie -soziale Vereinigung verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das -Ideal dagegen das umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche -Vereinigung in der Form einer universalen Monarchie zu sichern und dann, -nachher, meinetwegen auch eine geistige Vereinigung zustande zu bringen -unter der Obrigkeit des Papstes, des Herrn dieser Welt. - -Seit der Zeit hat dieser Versuch in der römischen Welt immer -Fortschritte gemacht und sich ununterbrochen verändert. Mit der -Entwicklung dieses selben Versuchs ist dann der wesentlichste Teil der -christlichen Grundsätze gänzlich eingebüßt worden. Als aber die Erben -der altrömischen Welt schließlich das Christentum geistig verwarfen, da -verwarfen sie mit ihm auch das Papsttum. Das geschah in der -Französischen Revolution, die im Grunde nichts anderes war wie die -letzte Gestaltveränderung oder Umverkörperung dieser selben altrömischen -Formel der universalen Vereinigung. Doch die neue Formel erwies sich als -ungenügend, die neue Idee verwirklichte sich nicht. Es gab sogar einen -Augenblick, da alle Nationen, die die altrömische Bestimmung übernommen -hatten, fast verzweifelten. Oh, versteht sich, der Teil der menschlichen -Gesellschaft, der 1789 für sich die politische Suprematie gewonnen -hatte, – die Bourgeoisie – triumphierte natürlich und erklärte, daß -weiter zu gehen nun nicht mehr nötig sei. Dafür aber schlugen sich alle -die Geister, die nach den unvergänglichen Gesetzen der Natur zur ewigen -Beunruhigung der Welt bestimmt sind, zum Suchen neuer Formeln des Ideals -und des neuen Wortes, wie sie beide unentbehrlich sind, – sie alle -schlugen sich zu den Erniedrigten und Umgangenen, zu denen, die von der -neuen Formel der allmenschlichen Vereinigung, die von der Französischen -Revolution 1789 proklamiert worden war, _nichts_ erhalten hatten. Diese -Geister verkündeten nun _ihr_ neues Wort, gerade die Notwendigkeit der -Allvereinigung der Menschheit, und zwar nicht mehr in der Absicht, -Gleichheit der Lebensrechte für etwa einen vierten Teil der ganzen -Menschheit zu verschaffen und die übrigen bloß als Rohmaterial und -auszunutzendes Mittel zum Glück dieses Viertels bestehen zu lassen, -sondern im Gegenteil: um die Allvereinigung der Menschen auf den -Grundsätzen der _allgemeinen_ Gleichheit zustande zu bringen, mit der -Teilnahme aller und jedes einzelnen an der Nutznießung der Güter dieser -Welt, welcher Art sie auch sein mögen. Zur Verwirklichung dieser Lösung -aber beschlossen sie, sich _jedes_ Mittels zu bedienen, d. h. also -durchaus nicht nur mit den Mitteln der christlichen Kultur vorzugehen, -sondern vor nichts mehr zurückzuschrecken. - -Was hat nun das alles in diesen ganzen zweitausend Jahren mit -Deutschland und den Deutschen zu tun gehabt? Der charakteristischste, -wesentlichste Zug dieses großen, stolzen und besonderen Volkes bestand -schon seit dem ersten Augenblick seines Auftretens in der -geschichtlichen Welt darin, daß es sich niemals, weder in seiner -Bestimmung noch in seinen Grundsätzen, mit der äußersten westlichen -europäischen Welt hat vereinigen wollen, d. h. mit all den Erben der -altrömischen Bestimmung. Es protestierte gegen diese Welt diese ganzen -zweitausend Jahre hindurch, und wenn es auch sein eigenes Wort nicht -aussprach – und es überhaupt noch nie ausgesprochen hat, sein scharf -formuliertes eigenes Ideal, zum positiven Ersatz für die von ihm -zerstörte altrömische Idee – so, glaube ich, war es doch im Herzen immer -überzeugt, daß es noch einmal imstande sein werde, dieses neue Wort zu -sagen und mit ihm die Menschheit zu führen. Schon mit Armin begann es, -gegen die römische Welt zu kämpfen. Darauf, zur Zeit des römischen -Christentums, kämpfte es mit dem neuen Rom mehr denn jedes andere Volk -um die Vorherrschaft. Und endlich protestierte es in der mächtigsten -Weise, indem es die neue Formel des Protestes aus den geistigsten, -elementarsten Gründen der germanischen Welt zog. Die Stimme Gottes tönte -aus ihm und verkündete die Freiheit des Geistes. Die Spaltung war -furchtbar und allgemein, – die Formel des Protestes war gefunden und -ging in Erfüllung, – wenngleich es noch immer eine negative Formel -blieb, und das _positive_ Wort noch immer nicht gesagt wurde. - -Und siehe, nachdem der germanische Geist dieses neue Wort des Protestes -gesprochen – erstarb er geradezu für eine Zeitlang, und zwar geschah das -parallel mit einer ebensolchen Erschlaffung der früher scharf -formulierten Einheit der Kräfte seines Gegners. Die äußerste westliche -Welt suchte, unter dem Einfluß der Entdeckung Amerikas, der neuen -Wissenschaften und der neuen Grundsätze, sich in eine andere „neue -Wahrheit“ umzugebären, gleichfalls in eine neue Phase einzutreten. Als -der erste Versuch dieser Umgestaltung zur Zeit der Französischen -Revolution gemacht wurde, da war der germanische Geist in großer -Verwirrung und nahe daran, seine Individualität zu verlieren, mitsamt -dem Glauben an sich. Er konnte nichts gegen die neuen Ideen der -äußersten westlichen europäischen Welt sagen. Luthers Protestantismus -hatte seine Zeit schon längst hinter sich, die Idee aber des freien -Geistes, der freien Forschung war bereits von der Wissenschaft der -ganzen Welt angenommen worden. Der riesige Organismus Deutschlands -fühlte mehr denn je, daß er keinen, sagen wir, Körper und keine Form für -seinen Ausdruck hatte. Und damals war es denn, daß in ihm das dringende -Bedürfnis entstand, sich wenigstens äußerlich in einen einzigen festen -Organismus zusammenzufügen, in Anbetracht der neuen herannahenden Phasen -seines ewigen Kampfes mit der äußersten westlichen Welt Europas. Hierbei -ist nun ein interessantes Zusammentreffen bemerkenswert: beide -feindlichen Lager, beide Gegner, beide Kämpfer um die Hegemonie im alten -Europa ergreifen und erfüllen zu ein und derselben Zeit – oder ungefähr -ein und derselben – jeder eine Aufgabe, die der des anderen sehr ähnlich -sieht. Die neue, noch phantastische zukünftige Formel der äußersten -westlichen Welt – die Erneuerung der menschlichen Gesellschaft durch -neue soziale Grundsätze – diese Formel, die fast unser ganzes -Jahrhundert hindurch nur von Schwärmern und ihren halbwissenschaftlichen -Vertretern, von allen möglichen Idealisten und Phantasten gepredigt -worden ist, verändert plötzlich in den letzten Jahren ihr Aussehen und -den Gang ihrer Entwicklung und beschließt: vorläufig von der -theoretischen Definition und Propagandierung ihrer Aufgabe abzulassen -und sofort den ersten praktischen Schritt zu tun, das heißt so viel wie -sofort den Kampf zu beginnen, zu diesem Zweck aber die Vereinigung aller -zukünftigen Kämpfer für die neue Idee in einer einzigen Organisation -zustande zu bringen, also des ganzen _vierten_ 1789 umgangenen Standes, -aller Besitzlosen, aller Arbeitenden, aller Armen, und erst darauf die -rote Fahne der neuen unerhörten Weltrevolution zu erheben. Es bildete -sich die Internationale, die Vereinigung aller Armen dieser Welt, es gab -Zusammenkünfte, Kongresse, Beschlüsse, neue Ordnungen, – mit einem Wort, -_im ganzen alten Westeuropa_ wurde der Grundstein zu einem neuen _status -in statu_ gelegt, und die zukünftige Ordnung dieser Welt sollte die -alte, die dort im äußersten Westen Europas herrscht, verschlingen. Zu -derselben Zeit aber, da dieses beim Gegner vor sich ging, begriff der -deutsche Geist, daß auch die deutsche Aufgabe, vor allen anderen Dingen -und neuen Anfängen, vor jedem Versuch eines neuen Wortes gegen den aus -der alten katholischen Idee umgestalteten Gegner, zuerst nur eine war –: -die eigene politische Einheit herzustellen, die Schöpfung des eigenen -staatlichen Organismus zu vollenden und, erst nachdem das geschehen war, -sich Stirn gegen Stirn seinem alten Feinde entgegenzustellen. So geschah -es auch: nachdem Deutschland seine Vereinigung innerlich vollendet -hatte, warf es sich auf den Gegner und trat mit ihm in eine neue -Kampfperiode ein, die mit Eisen und Blut begann. Der Kampf mit dem Eisen -ist heute beendet, – jetzt steht nur noch bevor, ihn geistig zu beenden. - -Da taucht aber plötzlich für Deutschland eine neue Sorge auf, eine neue, -unerwartete Wendung der Sache, die die Aufgabe arg erschwert. Was ist -das nun für eine Aufgabe, und worin besteht diese neue Wendung der -Sache? - - - Ein genial-mißtrauischer Mensch - - (Bismarck) - -Diese Aufgabe, diese unvorhergesehene Sorge Deutschlands, hat sich, wenn -man will, schon längst erklären wollen, aber erst jetzt ist sie, -vielleicht etwas zu plötzlich, allen sichtbar geworden – und zwar -infolge der unvorhergesehenen klerikalen Umwälzung in Frankreich. Man -kann sie etwa in der Form folgenden Zweifels ausdrücken: Hat sich nun -der deutsche Organismus tatsächlich in ein einziges Ganzes vereinigt, -durch die genialen Anstrengungen der Führer Deutschlands in den letzten -fünfundzwanzig Jahren? Und überdies noch: Hat er sich denn wirklich -politisch vereinigt, ist nicht vielleicht auch das nur ein Trugbild, -ungeachtet des Deutsch-Französischen Krieges und des nach ihm -proklamierten, früher undenkbar gewesenen großen Deutschen Reiches? - -Die ganze Schwierigkeit dieser Frage besteht hauptsächlich darin, daß -man sie fast bis zur allerjüngsten Zeit als überhaupt nicht vorhanden -annahm – wenigstens, wenn man dabei an die große Mehrzahl der Deutschen -denkt. Begeisterung für sich selber, Stolz und unanfechtbarer Glaube an -ihre unumschränkte Macht haben ja alle Deutschen ohne Ausnahme nach dem -Kriege wie trunken gemacht. Dieses Volk, das ungewöhnlich selten gesiegt -hat, dafür aber bis zur Seltsamkeit oft besiegt worden ist, – dieses -Volk besiegte plötzlich einen Feind, der fast immer und überall Sieger -gewesen. Da es aber nun einmal klar war, daß es ihn nicht -_nicht-besiegen_ konnte, infolge der mustergültigen Organisation seiner -großen Armee und der eigenartigen Umgestaltung derselben nach völlig -neuen Grundsätzen, und außerdem, da es so geniale Führer an der Spitze -hatte, so war es für den Deutschen natürlich ganz unmöglich, darauf -_nicht_ bis zur Trunkenheit stolz zu werden. Hier braucht man gar nicht -den uralten Zug des deutschen Charakters, die selbstzufriedene Prahlerei -eines jeden Deutschen, in Betracht zu ziehen. Anderseits: aus dem so -kürzlich noch zerstückelten staatlichen Organismus entstand plötzlich -ein so festes Ganzes, daß der Deutsche nicht gut auch hierüber in -Zweifel geraten konnte und daher einwandlos glaubte, die Einigung sei -nun tatsächlich für immer vollbracht, und für den deutschen Organismus -bräche nun eine neue, glänzende und große Phase der Entwicklung an. Und -so wuchsen denn nicht nur Stolz und Chauvinismus, sondern es schoß sogar -richtiger Leichtsinn auf. Was konnte es noch für Fragen geben, – nicht -nur für irgendeinen kriegerischen Ladenjüngling oder Bäckergesellen, -sondern selbst für einen Professor oder Minister? Einstweilen aber blieb -doch noch ein kleiner Kreis von Deutschen übrig, der schon sehr bald, -fast sofort nach dem Deutsch-Französischen Kriege, zu zweifeln und -nachzudenken begann. - -Das Haupt dieses Kreises war zweifellos _Fürst Bismarck_. - -Noch hatten die deutschen Truppen Frankreich nicht verlassen, als er -schon einsah, daß mit „Blut und Eisen“ zu wenig getan worden war, daß -man, wenn man Ziele von solcher Größe vor sich hatte, wenigstens zweimal -mehr hätte tun müssen, da die Gelegenheit nun einmal so günstig war. -Allerdings, militärische Vorteile blieben immerhin unvergleichlich mehr -auf seiten Deutschlands, und das noch für lange. Frankreich ist nach der -Abtretung der beiden Provinzen Elsaß und Lothringen für eine Großmacht -an Landumfang so klein geworden, daß im Fall eines neuen Krieges nach -ein oder zwei für Deutschland erfolgreichen Schlachten die deutschen -Heere schon im Zentrum Frankreichs stehen würden und es somit in -strategischer Beziehung erobert hätten. Sind nun aber diese Siege so -gewiß, kann man sich wirklich auf diese zwei erfolgreichen Schlachten -mit solcher Sicherheit verlassen? 1870–71 haben ja die Deutschen -eigentlich nicht Frankreich besiegt, sondern nur Napoleon und seine -Institutionen. Nicht immer werden in Frankreich die Heere so schlecht -organisiert sein und kommandiert werden; nicht immer werden dort -Usurpatoren herrschen, die aus dynastischen Interessen gezwungen sind, -solche klägliche Fahrlässigkeit zu dulden, daß ein reguläres Heer sich -nicht ein paar Monate im Felde erhalten kann. Nicht immer wird sich auch -ein Sedan finden, denn Sedan war ja im Grunde nur ein einzelner Fall, -der sich aus dem Umstande ergab, daß Napoleon nach Paris nur durch die -Gnade des Königs von Preußen hätte zurückkehren können. Und nicht immer -werden dort so wenig begabte Generale wie Mac-Mahon oder solche -„Verräter“ wie Bazaine sein. Die Deutschen, trunken von einem bis dahin -noch nie erlebten Triumph, konnten natürlich alle bis auf den letzten -glauben, alles das hätten sie, und nur sie allein, einzig mit ihrem -kriegerischen Genie gemacht. In jenem zweifelnden Kreise jedoch dachte -man anders, ... besonders nachdem der besiegte Feind, noch eben so -zerrüttet und erschüttert, plötzlich mit einem Schlage fünf Milliarden -Kontribution bezahlte und dabei nicht mal die Miene verzog. Das, -versteht sich, betrübte sehr den Fürsten Bismarck. - -Von der anderen Seite stellte sich dem zweifelnden Kreise noch eine -zweite, vielleicht noch wichtigere Frage, und zwar: Hat sich nun -wirklich die staatliche und bürgerliche Vereinigung innerhalb des -Organismus vollzogen? Ich glaube, in ganz Europa, und besonders bei uns -in Rußland, hat bis jetzt noch niemand daran gezweifelt. Überhaupt haben -wir Russen alles, was in Deutschland in den letzten zehn, fünfzehn -Jahren geschehen ist, für etwas Endgültiges, im höchsten Grade nicht -Zufälliges, sondern durchaus Natürliches angesehen, für etwas, das sich -nun nicht mehr verändern kann. Die vollbrachten Taten flößten uns -außerordentliche Achtung ein. Währenddessen aber nahm wohl in den Augen -so genialer Menschen, wie Fürst Bismarck, kaum alles, so wie er es sich -innerlich wünschte, bereits die Gestalt endgültiger Dauerhaftigkeit an. -Das, was heute noch dauerhaft scheint, kann dies vielleicht nur in der -Phantasie sein. Es ist schwer, anzunehmen, daß eine so alte Gewöhnung -der Deutschen an politische Zerspaltung so schnell verschwunden sei wie -ein ausgetrunkenes Glas Wasser. Der Deutsche ist schon von Natur -starrsinnig. Zudem wurde die jetzige Generation der Deutschen von den -Erfolgen bestochen, trunken gemacht durch den Stolz und von der eisernen -Hand der Führer gelenkt. In Zukunft aber, wenn diese Führer in das -Jenseits abgerufen sein werden und ihren Platz im Diesseits anderen -überlassen haben, werden sich vielleicht doch die zeitweilig -unterdrückten Probleme und Instinkte wieder einstellen. Sehr -wahrscheinlich ist gleichfalls, daß dann die Energie der -Einheitsbewegung wieder erschlafft sein wird und im Gegenteil die alte -Energie der Opposition von neuem ersteht und das ins Wanken bringt, was -so mühsam aufgebaut wurde. Es wird sich das Bestreben, sich abzusondern, -sich zurückzuziehen, einstellen, und das gerade dann, wenn sich im -Westen der furchtbare Feind von dem Schlage ganz und gar erholt hat, -dieser Feind, der auch jetzt nicht schläft, nicht müßig ist, und von dem -man weiß, welches seine erste Aufgabe sein muß von allen, die er sich -gestellt hat. Und da kommt dann noch zum Überfluß, sagen wir, das -Naturgesetz selber hinzu: Deutschland ist doch in Europa immerhin das -Land, das in der _Mitte_ liegt: wie stark es also auch sein mag – auf -der einen Seite bleibt Frankreich, auf der anderen Rußland. Es ist ja -wahr, die Russen sind vorläufig noch höflich. Wie aber, wenn sie -plötzlich erraten, daß nicht _sie_ das Bündnis mit Deutschland brauchen, -wohl aber Deutschland das Bündnis mit Rußland; und überdies noch: _daß -die Abhängigkeit von dem Bündnis mit Rußland allem Anschein nach die -verhängnisvolle Bestimmung Deutschlands ist, und besonders seit dem -Deutsch-Französischen Kriege_ –?[12] Das ist es ja, warum an die allzu -große Ehrerbietung Rußlands selbst ein von seiner Kraft so überzeugter -Mensch, wie Fürst Bismarck, nicht imstande ist, zu glauben. Ja, bis zu -diesem letzten, unvorhergesehenen Zwischenfall in Frankreich, der -plötzlich die ganze Sachlage verändert hat, hoffte Fürst Bismarck immer -noch, daß die ungewöhnliche Höflichkeit Rußlands noch lange -unerschütterlich anhalten werde. Und nun plötzlich dieser Zwischenfall! -Ja, es ist in der Tat etwas Ungewöhnliches geschehen. - -Ungewöhnlich für alle, doch nicht für den Fürsten Bismarck! Jetzt -erweist es sich, daß sein genialer Blick dieses „Ereignis“ schon längst -vorausgesehen hat. Oder ist es nicht sein Genie, sein scharfes Auge, das -den Hauptfeind bereits vor so langer Zeit entdeckte? Warum haßte er denn -gerade so den Katholizismus, warum verfolgte er alles, was von Rom, – d. -h. vom Papste – ausging, nun schon so viele Jahre lang? Warum bemühte er -sich so weitsichtig, sich das _Bündnis_ – so kann man sich ausdrücken – -mit Italien zu sichern, wenn nicht, um mit Hilfe der italienischen -Regierung die Wurzel des Papsttums in der Hand zu haben, wenn die Zeit -kommen wird, da ein neuer Papst gewählt werden muß? Nicht den -katholischen Glauben verfolgte er, sondern den römischen Ursprung dieses -Glaubens. Zweifellos handelte er dabei als Deutscher, als Protestant; er -arbeitete gegen die Grundmacht der äußersten westlichen, Deutschland -immer feindlichen Welt – trotzdem sahen viele, sehr, sehr viele von den -intelligentesten und liberalsten Denkern Europas auf diesen Feldzug des -mächtigen Bismarck gegen den nichtssagenden Papst wie auf den Kampf -eines Elefanten mit einer Mücke. Manche erklärten sich das mit einer -Marotte oder einer Laune des genialen Mannes. Das wichtigste war aber, -daß der geniale Politiker, vielleicht als einziger von allen -Staatsmännern der Welt, einzuschätzen _verstand_, wie stark das römische -Element noch in sich selbst und inmitten der Feinde Deutschlands ist, -und was für einen furchtbaren Kitt es in Zukunft abgeben kann, wenn es -heißt, alle diese Feinde zu vereinigen. Er allein war fähig, zu erraten, -daß sich vielleicht einzig in der römischen Idee eine solche Fahne wird -finden lassen, unter der man in dem unheilvollen und in Bismarcks Augen -unabwendbaren Augenblick alle von ihm schon erdrückten Feinde -Deutschlands wieder zu einem furchtbaren Ganzen wird zusammenbringen -können. Und siehe, der geniale Argwohn hat sich plötzlich bewahrheitet: -alle Parteien im besiegten Frankreich, die eine Bewegung gegen -Deutschland hätten beginnen können, waren zersprengt, und keine einzige -konnte die anderen besiegen und die Macht in Frankreich an sich reißen. -Vereinigen konnten sie sich gleichfalls auf keine Weise, da jede ihre -besonderen, entgegengesetzten Ziele im Auge hatte. – Und nun vereint die -Fahne des Papstes und der Jesuiten mit einem Male alle! Der Feind erhebt -sich, und dieser Feind ist nicht mehr Frankreich, sondern der Papst -selbst. Es ist der Papst, der Führer aller, dem die römische Idee -vermacht ist, der da kommt, um sich auf Deutschland zu stürzen. - -Wie aber sieht es nun im Lager dieser Gegner Deutschlands aus? - - - Ärger und Macht - - (Papstmacht) - -Der Papst liegt im Sterben und wird bald gestorben sein. Die ganze -katholische Welt, die an Christus in der Gestalt der römischen Idee -glaubt, ist schon lange in ungewöhnlicher Aufregung: der unheilvolle -Augenblick rückt heran – da heißt es denn, Nichts versäumen und außer -acht lassen; denn sonst ist das Todesurteil der römischen Idee gefällt. -Es kann nämlich geschehen, daß der neue Papst unter dem Druck der -Regierungen ganz Europas, also nicht „frei“, gewählt wird, und daß er, -zum Papst ausgerufen, einwilligt, auf ewig und im Prinzip jedem -Landbesitz zu entsagen, wie auch natürlich dem Titel des weltlichen -Herrschers, auf den Pius IX. nicht verzichtete, vielmehr in demselben -verhängnisvollen Augenblick, da ihm Rom und das letzte Stück Land -genommen wurde und ihm nur noch der Vatikan blieb, wie zum Trotz seine -Unfehlbarkeit verkündete und zu gleicher Zeit die These vertrat, daß -ohne irdisches Reich das Christentum auf Erden nicht bestehen könne, – -also im Grunde sich für den Herrscher der Welt erklärte, und vor den -Katholizismus dogmatisch als einziges Ziel die universale Monarchie -hinstellte, nach deren Verwirklichung zu streben er zum Ruhme Gottes des -Vaters und des Sohnes auf Erden einfach befahl –! Selbstverständlich -belustigte er damit seinerzeit alle geistreichen Leute: „Er ärgert sich, -doch hilft ihm das nichts,“ sagte man damals. Und jetzt, plötzlich, wenn -der neugewählte Papst bestochen wird, wenn sogar das Konklave selber -unter dem Druck ganz Europas gezwungen wird, mit den Gegnern der -römischen Idee einen Kompromiß zu schließen, – nun, dann kann man sie ja -begraben! Denn, wenn einmal ein regelrecht gewählter, folglich also ein -„unfehlbarer“ Papst im Prinzip die Würde eines weltlichen Herrschers -ablehnt, so wird es auch weiterhin und auf ewig so bleiben. Anderseits: -tut der durch das Konklave neugewählte Papst fest und über die ganze -Welt hin kund, daß er nichts abzulehnen gedenke und ganz und gar in der -alten Idee verbleibe, und schleudert er das Anathema gegen alle Feinde -Roms und des römischen Katholizismus, so können ihn die Regierungen -Europas, wenn sie wollen, nicht anerkennen und somit eine so -verhängnisvolle Erschütterung der römischen Kirche heraufbeschwören, daß -die Folgen derselben unberechenbar und unabsehbar wären. - -Oh, für die Politiker und Diplomaten fast ganz Europas war der -gestürzte, im Vatikan gefangene Papst in den letzten Jahren solch eine -Nichtigkeit, daß sie sich schämten, ihn auch nur zu erwähnen, besonders -die geistreichen und liberalen unter ihnen. Der Papst, der Allokutionen -hielt und Syllabusse herausgab, Pilger empfing und verfluchend im -Sterben lag, glich in ihren Augen einem Narren, der bloß zu ihrer -Belustigung lebte. Daß die größte Idee der Welt, die Idee, die aus dem -Kopfe des Teufels entsprungen während seiner Versuchung Christi in der -Wüste, die Idee, die in der Welt schon zweitausend Jahre lebt, daß diese -Idee so einfach mir nichts dir nichts sich hinzulegen und sterben werde, -womöglich in einer kurzen Minute – das wurde als unbestreitbar -angenommen! Der Fehler lag hier natürlich in der Auffassung der -religiösen Bedeutung dieser Idee, lag darin, daß zwei Bedeutungen -verwechselt wurden: „Da heutzutage,“ hieß es, „selten jemand in der Welt -noch an Gott glaubt, von dem Gott der römischen Auslegung schon ganz zu -schweigen, in Frankreich aber selbst das Volk nicht mehr glaubt, -höchstens noch die höhere Gesellschaft – aber auch die nicht wirklich -mehr glaubt, sondern nur so tut – _ergo_, was können dann in unserem -Jahrhundert der Bildung der Papst und der römische Katholizismus noch -für eine Macht haben?“ – das ist es, wovon jetzt die geistreichen Leute -überzeugt sind. Doch die religiöse Idee und die Papstidee sind -grundverschieden. Und diese selbe Papstidee hat nun plötzlich in unseren -Tagen, im ganzen erst vor zwei Monaten, mit einemmal solch eine -Lebenszähigkeit bewiesen, solch eine Kraft, daß sie in Frankreich die -radikalste politische Umwälzung zustande gebracht, ganz Frankreich den -Zaum aufgelegt hat und es jetzt sklavisch nach sich zieht. - -In Frankreich bildete sich in den letzten Jahren die parlamentarische -Mehrheit aus Republikanern: und sie führten ihre Sachen ziemlich gut, -ehrlich, ruhig, ohne Aufregungen durch. Sie verbesserten die Armee, -bewilligten für sie ohne ein Wort des Streites riesige Summen, dachten -aber nicht einmal an den Krieg, und alle begriffen, in Frankreich wie in -Europa, daß, wenn es irgendwo eine friedliebende Partei gab, es -zweifellos diese republikanische in Frankreich war. Ihre Führer -zeichneten sich durch Mäßigung und eine an ihnen ganz ungewohnte -Vernunft aus. Einstweilen aber sind das in Wirklichkeit lauter abstrakte -Leute und Idealisten, Sänger eines schon längst verklungenen Liedes und -furchtbar kraftlose Menschen: liberale, ergraute, doch sich jünger -machende Greise, die sich einbilden, immer noch jung zu sein. Sie sind -bei den Ideen der ersten französischen Revolution stehen geblieben, d. -h. beim Triumph des dritten Standes, und sind im vollen Sinne des Wortes -die Verkörperung des Begriffes „Bourgeoisie“. Das ist ganz dieselbe -Julimonarchie, aber nur mit dem Unterschied, daß sie Republik heißt und -es keinen König in ihr gibt – versteht sich, letzteren im Sinne von -„Tyrann“. Alles, was sie Neues gebracht haben – das ist das Anno 48 -eingeführte allgemeine Stimmrecht, das von der königlichen Juliregierung -so gefürchtet wurde, und aus dem nicht nur nichts Gefährliches -entstanden ist, sondern umgekehrt, sogar sehr viel für die Bourgeoisie -Nützliches. Sehr zustatten kam diese Idee auch der Regierung Napoleons -III. Doch die alten Herren waren im höchsten Grade zufrieden mit ihr, -und es beruhigt und lullt sie ein wie kleine Kinder, daß sie -„Republikaner“ sind. Das Wort „Republik“ hat bei ihnen etwas -Komisch-Ideales. Man sollte meinen, daß diese unschuldige Partei -Frankreich und die Franzosen vollkommen zufriedenstellen könnte, das -heißt, die städtische Bourgeoisie und die Grundbesitzer. Doch siehe, in -Wirklichkeit ist es umgekehrt. In der Tat, warum erschien die Republik -in Frankreich immer als eine unzuverlässige Regierungsform? Und wenn die -Republikaner nicht immer gehaßt worden sind, so werden sie doch immer -von der großen Mehrzahl der Bourgeoisie wegen ihrer Kraftlosigkeit -verachtet, oder wenn auch nicht gleich verachtet, so doch immerhin nicht -wirklich geachtet. Auch das Volk hat ihnen fast nie getraut. Jedesmal, -wenn in Frankreich die Republik die Regierung antrat, verlor geradezu -alles im Lande seine Festigkeit und sein Selbstvertrauen. Bis jetzt ist -die Republik immer nur ein Übergangszustand gewesen – zwischen -revolutionären Versuchen allerschrecklichster Art und irgendeinem, -zuweilen allerdummdreistesten Usurpator. Und da sie fast immer ein -solches Ende genommen, hat sich auch die Gesellschaft gewöhnt, sie -danach zu beurteilen. Dieses Mal war es nicht anders: kaum daß die -Republik begann, fingen alle an, sich gleichsam in einem Interregnum zu -fühlen – und wie vernünftig die Republikaner auch regieren mögen, die -Bourgeoisie bleibt doch im stillen überzeugt, daß früher oder später der -rote Bund aufflammen oder wieder irgendeine Monarchie beginnen wird. Das -Ergebnis ist, daß der Bourgeoisie nun die monarchische Regierung viel -lieber geworden ist als die republikanische, sogar ungeachtet dessen, -daß die Monarchie, wie zum Beispiel die Napoleons III., gewissermaßen -Versuche einer Vereinbarung mit den Sozialisten gemacht hat, während -doch in der ganzen Welt niemand und nichts den Sozialisten feindlicher -sein kann als die echten Republikaner: für die ist ja nur das Wort -„Republik“ nötig, die Sozialisten aber suchen nicht Worte, sondern -Taten. Nach den Prinzipien der Sozialisten ist’s ihnen einerlei – bilden -sie eine Republik oder eine Monarchie, bleiben sie Franzosen oder werden -sie womöglich Deutsche, und, offen gestanden, selbst wenn sich die Sache -irgendwie so wenden sollte, daß ihnen der Papst zustatten käme, so -würden sie selbst den Papst wählen. Sie suchen vor allen anderen Dingen -zuerst _ihre Sache_ durchzuführen, das heißt, den Sieg des vierten -Standes sowie Gleichheit in der Verteilung der Rechte bei der -Nutznießung der Lebensgüter, unter welch einer Fahne jedoch – das ist -ihnen einerlei, meinetwegen unter der allerdespotischsten. - -Auffallend ist, daß Fürst Bismarck den Sozialismus nicht weniger als das -Papsttum haßt, und daß die deutsche Regierung, besonders in der -allerletzten Zeit, scheinbar schon etwas zu sehr die sozialistische -Propaganda zu fürchten anfängt. Zweifellos geschieht das nur, weil der -Sozialismus die nationale Grundlage aufhebt, überhaupt die Wurzel der -Nationalität untergräbt: das Prinzip der Nationalität aber ist die -Grundlage der ganzen deutschen Einheit, die Hauptidee alles dessen, was -in Deutschland in den letzten Jahren vollführt worden ist. Es kann -jedoch sehr leicht möglich sein, daß Fürst Bismarck noch tiefer sieht -und sich folgendes sagt: Der Sozialismus ist für ganz Westeuropa eine -zukünftige Macht oder doch Kraft, und wenn das Papsttum irgendeinmal von -den Mächten dieser Welt verlassen und verworfen sein wird, so kann es -sehr, sehr leicht geschehen, daß es sich in die Arme des Sozialismus -wirft und mit ihm zu einem Ganzen verschmilzt. Der Papst kommt mit -bloßen Füßen zu allen Armen und sagt, daß alles, was sie lehren, schon -längst in der Bibel geschrieben stehe, daß bisher bloß die Zeit für sie -noch nicht gekommen wäre, dieses zu wissen, jetzt aber sei sie endlich -angebrochen, und nun sei er, der Papst selber, bereit, ihnen Christus zu -opfern, und statt an Ihn, gleichfalls an den menschlichen Ameisenhaufen -zu glauben. Der römische Katholizismus – das liegt auf der Hand – bedarf -nicht Christi, sondern der Weltherrschaft: „Also ihr braucht eine -Vereinigung gegen den Feind? Vereinigt euch unter meiner Macht; denn ich -allein bin von allen Mächten und Machthabern der Welt _universal_, – -laßt uns zusammengehen!“ Dieses Zukunftsbild stellt sich wahrscheinlich -Fürst Bismarck vor; denn von allen Diplomaten hat er allein einen so -scharfen Blick gehabt, um die Lebenszähigkeit der römischen Idee und -diese ganze Energie zu erkennen, mit der sie bereit ist, sich zu -verteidigen, ohne jetzt noch die Mittel zu wählen. Leben will sie -höllisch gern, sie zu töten aber ist schwer, denn sie ist eine Schlange! -– Der einzige, der das erkennt, ist Bismarck – der größte Feind des -Papsttums und der römischen Idee! - -Doch siehe, die sich immer jünger machenden alten Herrchen, die -französischen Republikaner, sind nicht fähig, dies zu verstehen. Den -Klerus hassen sie schon aus bloßem Liberalismus, den Papst halten sie -für machtlos und verächtlich und die römische Idee für vollständig -überlebt. Sie verfallen nicht mal darauf, sich mit der furchtbaren -klerikalen Partei zu versöhnen, wenn auch nur politisch, um sich etwas -mehr Festigkeit zu verleihen. Wenigstens könnten sie es doch vorläufig -unterlassen, die Klerikalen zu reizen, sie mit einem so anmaßenden -Selbstvertrauen zu foppen, ja, sie könnten ihnen sogar einige -Unterstützung bei der so nah bevorstehenden Wahl des neuen Papstes -versprechen. Sie aber tun gerade das Gegenteil – entweder aus der -idealen Ehrlichkeit ihrer Überzeugungen, oder einfach aus Leichtsinn. In -der letzten Zeit haben sie noch zum Überfluß angefangen ganz besonders -den Klerus zu verfolgen, und zwar genau in dem Augenblick, da dem -Papsttum nur noch Frankreich als einzige Stütze verblieb. Denn wer -könnte wohl im Notfalle für die „Freiheit“ der Papstwahl und für die -Freiheit des gewählten Papstes das Schwert ziehen? Und dieses Schwert -muß zudem noch stark und mächtig sein. Es blieb keine andere Wahl als -Frankreich und seine große Armee. Und nun Frankreich an der Spitze der -Feinde! Freilich, Marschall Mac-Mahon ist gehorsam, doch ist er selber -in der Klemme und kann sich nicht mal selbst befreien: Die Mehrheit der -Kammer ist republikanisch und liberal, und keine einzige der anderen -Parteien vermag sie zu stürzen. Kurz, die republikanische Mehrheit zu -verdrängen ist unmöglich ... Und nun plötzlich befreit dieser Klerus – -dieser verachtete, machtlose Klerus! – den Marschall Mac-Mahon und -beweist der ganzen Welt eine Macht, wie sie niemand von ihm mehr -erwartet hätte. Die Pfaffen geben den Parteien zu verstehen, daß sie -sich nur unter der Fahne des Klerus vereinigen können, und die Parteien, -frappiert durch die Augenscheinlichkeit dieser Wahrheit, sind sofort mit -ihnen einverstanden. In der Tat: für die Legitimisten wie für die -Bonapartisten ist der größte und nächste Feind – diese selbe -republikanische Mehrheit. Wenn jede dieser Parteien einzeln für sich -arbeiten wollte, so würde sie nichts erreichen, zusammen aber, vereint, -können sie eine Macht bilden, die am Ende fähig wäre, alle zu besiegen -und selbst die Republikaner zu verjagen. Dann aber, wenn sie die -Republik erdrosselt haben, wird jede Partei sich um sich allein kümmern -können und, versteht sich, jede von ihnen wird dann um so größere -Aussichten auf Erfolg haben, je mehr sie dem Klerus Gefallen erweist. -Alles das hat der Klerus mathematisch berechnet und – – die Vereinigung -ist zustande gekommen: schon hat die klerikale Mehrheit des Senats den -Marschall Mac-Mahon ermächtigt, die Republikaner anzugreifen. - - - Das schwarze Heer. - - Die Meinung der Legionen als neues Element der Zivilisation - -Nachdem der Klerus plötzlich solch eine unerwartete Macht und -Gewandtheit bewiesen hat, wird er fraglos noch weiter gehen. Dieses -schwarze Heer wird einfach in der entscheidenden Stunde Deutschland den -Krieg erklären – und das ist es, was Fürst Bismarck alsbald durchschaut -hat! Das Wichtigste haben sie ja schon erreicht: Mac-Mahon hat -eingewilligt, Frankreich in die Abenteuerpolitik zu stürzen. Nun, und -die Klerikalen sind nicht derart, um vor dem Weiteren zurückzuschrecken. -Die haben kein Mitleid mit Frankreich. Wie alles in der Welt, brauchen -sie auch Frankreich nur so lange, wie sie aus ihm Nutzen ziehen können. -Dieses Land, das ihre einzige Hoffnung ist und ihnen so viele -Jahrhunderte lang treu gedient hat, könnten sie eigentlich wohl -verschonen! Aber ihre Stunde im Jahrtausend hebt schon an zum Schlage, -und wenn ihnen da gerade Frankreich in die Hände fällt: warum sollen sie -dann nicht aus ihm Kräfte herausquetschen, soviel sie eben nur können, -und wenn sie damit auch hundertmal seine Existenz, sein Leben aufs Spiel -setzen? Sie müssen alles nehmen, was es noch hergeben kann, und vor -allen Dingen dürfen sie keinen Augenblick versäumen: wollten sie nur ein -wenig später beginnen, so wäre es für sie schon zu spät. Darum heißt es -gerade jetzt versuchen, Bismarck zu schlagen; denn wenn jemand bei der -Wahl des Papstes stören wird, so ist es natürlich nur er. Und hinzu -kommt jetzt noch, daß Bismarck gerade in diesem Augenblick ganz allein -ist, ohne einen einzigen Verbündeten: Rußland – seine ganze Hoffnung – -ist durch den Krieg in Anspruch genommen. Und schließlich, wenn es -gelingt, Bismarck, wenn auch nur zeitweilig, zu besänftigen, so heißt es -für sie doch, so schnell wie nur möglich, das Zukünftige anbahnen: den -günstigen Augenblick benutzen und ein für allemal aus Frankreich einen -dauerhaften Bundesgenossen machen, einen, der zu allem bereit ist und -gehorsam bleibt, und der einwilligt, zu diesem Zweck daselbst eine -radikale, diesmal aber _ernstliche_, auf ewig geltende Umwälzung -zustande zu bringen. Zweifellos ist damit viel gewagt, doch schwanken -können wohl andere, nicht aber die Jesuiten. Die Sache liegt nämlich so, -daß sie gegenwärtig überhaupt keine andere Wahl haben, als riskieren und -riskieren und nochmals riskieren ... Sich mit der klerikalen Umwälzung -in Frankreich begnügen, – ohne Krieg mit Deutschland und ohne -_ernstliche_ Revolution in Frankreich, ist ihnen einfach unmöglich: -derart ist jetzt ihre Lage. Sie wollen alles haben – oder nichts –, und -da würde wenig nehmen, sich mit irgendeinem „Einfluß auf die Regierung“ -zufrieden geben, ihnen nicht den geringsten Nutzen bringen. Ihre -Bedürfnisse aber sind jetzt riesengroß! Und so bleibt ihnen nichts -anderes übrig, als _va banque_ zu spielen. Wenn ihnen aber, nehmen wir -an, der Coup in Frankreich nicht gelingt, wenn, sagen wir, die Deutschen -nochmals siegen und Frankreich den letzten Todesstoß geben, so kommt es -für sie doch auf eins heraus: sie, also der Klerus, werden es deswegen -nicht schlechter haben als jetzt, ich meine, als wenn sie jetzt artig -die Hände in den Schoß legten und keine Umwälzung beabsichtigten: sie -würden beim Alten bleiben, bei dem, wo sie vor den „Abenteuern“ waren, -das heißt soviel wie in der allerschlimmsten Lage, die nur einen Trost -hat, nämlich den, daß sie nicht mehr schlimmer werden kann. Eine andere -Sache ist es mit Frankreich: wird es nochmals besiegt, so ist es -unrettbar verloren. Doch nicht den Jesuiten steht es an, davor -zurückzuschrecken: sie wissen, daß sie, wenn Frankreich _siegt_, _alles_ -bekommen und sich dann endgültig einnisten können. Dazu aber haben sie -ihre besonderen Mittel, in Frankreich noch unerhörte Mittel! - -Alle anderen Revolutionäre, selbst die wildesten „rotesten“, verbinden -sich doch, wenn sie den Umsturz vollbracht, mit irgend etwas -Allgemeinem, vorher Gegebenem und sogar Gesetzmäßigem. Die -revolutionären Jesuiten jedoch können nicht gesetzmäßig, sondern nur -_ungewöhnlich_ handeln. Dieses schwarze Heer steht außerhalb der -Menschheit, außerhalb des Bürgertums, außerhalb der Zivilisation und -geht ganz von sich allein aus. Das ist ein _status in statu_, das ist -die Armee des Papstes, die braucht nur den Triumph _einzig ihrer_ Idee, -– das übrige mag untergehen, was ihr im Wege liegt, mag verderben, was -nicht mit ihnen übereinstimmt, mag sterben – Kultur, Gesellschaft, -Wissenschaft! Sicherlich wollen sie Frankreich zu einer neuen und -jedenfalls endgültigen Form umarbeiten, wenn bloß die Gelegenheit ihnen -günstig ist; und wollen aus dem Lande allen Kehricht hinausfegen, und -zwar mit einem Ofenbesen, wie ihn bis jetzt noch niemand gesehen hat, -auf daß nicht einmal ein Geruch von irgendeinem Widerstande im Lande -bleibe; und wollen dann dem Französischen Staat eine neue Verfassung -geben, die ewig unter der strengsten Vormundschaft der Jesuiten bleiben -muß. - -All das kann auf den ersten Blick lächerlich absurd erscheinen. In der -französischen Presse – und auch in der unsrigen – sind alle -wohlgesinnten Leute fest davon überzeugt, daß die klerikale Partei sich -bei den nächsten Wahlen unbedingt das Bein brechen werde. Die -französischen Republikaner sind in ihrer geistigen Unschuld gleichfalls -vollkommen überzeugt, daß „die ganze _activité dévorante_ der von neuem -ausgesandten Präfekten und Maires so gut wie nichts erreichen wird und -nur die früheren Republikaner gewählt werden, die dann wiederum die -frühere Mehrheit ausmachen und alsbald den Absichten Mac-Mahons ein Veto -entgegensetzen werden; darauf wird dann der ganze Klerus verjagt und mit -ihm vielleicht auch Mac-Mahon“. Doch diese Überzeugung ist leider nicht -sehr begründet, und sicher machen sich die Klerikalen in der Beziehung -die geringsten Sorgen. Die Sache ist nämlich eigentlich die, daß die -naiven, harmlosen Greise, wie es scheint, immer noch nicht, trotz der -vielen Erfahrungen, im ganzen Umfang begreifen können, mit was für -Leuten sie es zu tun haben. Denn so wie die Wahlen für die Klerikalen -nur ein wenig unvorteilhaft ausfallen, werden sie auch die neue Kammer -auflösen, ungeachtet aller konstitutionellen Rechte derselben. Man wird -vielleicht einwenden, dieses sei ungesetzmäßig, illegitim und darum -unmöglich? Das ist allerdings wahr, doch wann kümmert sich dieses -schwarze Heer um das Gesetz und die Rechte? Sie werden bestimmt – wir -haben ja schon Tatsachen, die davon zeugen – ihrem gehorsamen Marschall -den tollkühnen Gedanken eingehen, ein Mittel zu gebrauchen, das in -Frankreich noch nie angewandt worden ist, und zwar: den _militärischen -Despotismus_. Man wird natürlich sofort sagen, daß das ein altes Mittel -sei, daß es schon mehrmals angewandt worden wäre, zum Beispiel von den -Napoleonen! Und doch wage ich zu behaupten, daß es _in seiner ganzen -Gewaltsamkeit tatsächlich_ noch kein einziges Mal in Frankreich -gebraucht worden ist. Hat sich der Marschall Mac-Mahon der Armee -versichert, so kann er die ganze zukünftige Versammlung der -Landesvertreter, _wenn sie gegen ihn ist_, einfach mit dem Bajonett -auseinanderjagen und darauf dem Volke erklären, daß _die Armee es so -gewollt habe_. Wie ein römischer Imperator der Verfallszeit kann er -daraufhin ruhig kundtun, daß er sich hinfort „_nur noch nach der Meinung -der Armee richten werde_“. Dann kommt der allgemeine Belagerungszustand -und der militärische Despotismus, – und Sie werden sehen, meine -Herrschaften, das wird furchtbar vielen in Frankreich sogar ungemein -gefallen! Glauben Sie mir, wenn es not tut, werden auch die Abgeordneten -kommen und mit der _Stimmenmehrheit ganz Frankreich_ den Krieg gestatten -und die nötigen Gelder dazu hergeben. In seiner kürzlichen Rede an das -Heer hat sich der Marschall wenigstens in diesem Sinne ausgedrückt, und -seine Worte haben großen Anklang gefunden. Wir können also nicht mehr -zweifeln, daß das Heer mehr auf seiner Seite ist. Hinzu kommt noch, daß -er jetzt schon zu weit gegangen ist, um noch stehenbleiben zu können, -andernfalls würde er seinen Posten nicht mehr behalten, während doch -seine ganze Politik und seine ganze Person sich in dem einen Wort „_J’y -suis et j’y reste_“ ausdrückt. Über diese Phrase hinaus ist er -bekanntlich noch nicht gegangen, doch wird er selbstverständlich alles -für den Triumph derselben tun, wird, wenn’s drauf ankommt, selbst die -Existenz Frankreichs aufs Spiel setzen. Die Fähigkeit und -Bereitwilligkeit zu solch einem Wagnis hat er ja schon einmal im -Deutsch-Französischen Krieg bewiesen, als er sich unter dem Einfluß der -Bonapartisten entschloß, aus Treue zur Dynastie Napoleons, Frankreich -bewußt seiner Armee zu berauben. Die Klerikalen haben ihm bestimmt sein -„_J’y suis et j’y reste_“ sicher gestellt. Zweifellos haben sie es schon -verstanden, Mac-Mahon geschickt darauf _hinzuweisen_, daß man im -Notfalle – sind erst einmal die Parteien, die Bonapartisten und -Legitimisten, unter der Fahne vereinigt – daß man im Notfalle, wie -gesagt, auch ohne Chambord und ohne Bonaparte auskommen könne und man -sie durchaus nicht zu rufen brauche, ja, dieses sogar in keinem Fall, -sondern daß einfach der Marschall Mac-Mahon Diktator und unabsetzbarer -Regent – doch dann nicht nur auf sieben Jahre – werden könne. Auf diese -Weise würde sich also die These „_J’y suis et j’y reste_“ ohne Wunder -verwirklichen – wenn man nur erst das Einverständnis der Armee hätte! -Die Zustimmung Frankreichs kommt später ganz von selbst hinzu, denn eine -feste Diktatorenhand an der Spitze der Macht wird vielen, sehr vielen -gefallen. Solcher schmeichelhaften _Hinweise_ wird es, wie gesagt, -fraglos schon gegeben haben. Vielleicht wird man Bedenken tragen, ob ein -Mann wie Mac-Mahon so etwas unternehmen und auch ausführen kann? Nun, -erstens hat er schon die eine Hälfte ausgeführt, und zwar diejenige -Hälfte, die, was Entschlossenheit anbetrifft, keineswegs leichter ist -als die andere. Und zweitens, – gerade solche Leute, die an und für sich -nicht im geringsten unternehmend sind, können, wenn sie plötzlich unter -irgend jemandes höheren, energischen Einfluß kommen, eine ganz -unerwartete, verhängnisvolle Entschlossenheit bekunden – nicht etwa weil -sie Genies sind, sondern viel eher aus dem entgegengesetzten Grunde. -Hier handelt es sich nicht um Erwägung, sondern einfach um das -In-Bewegung-Setzen, darum daß man den Anstoß gibt; und hat man solche -Menschen erst einmal ordentlich vorwärtsgestoßen, so ziehen sie eben die -Karre so lange schnurgerade weiter, bis sie entweder mit dem Kopf die -Wand einrennen oder aber sich selbst die Hörner abstoßen. - - - Ein ziemlich unangenehmes Geheimnis - - (Ausblicke) - -All das begreift man in Deutschland nur zu gut. Wenigstens halten alle -offiziösen Organe der Presse, die vom Fürsten Bismarck beeinflußt -werden, den Krieg für unvermeidlich. Wer von den Gegnern sich zuerst auf -den anderen stürzen wird, und wann gerade, – das kann man natürlich -nicht voraussagen, doch kann der Krieg sehr, sehr leicht ausbrechen. -Selbstverständlich „kann“ das Gewitter auch vorüberziehen, nämlich wenn -Mac-Mahon plötzlich Angst befällt vor dem, was er auf sich genommen, und -er, wie einstmals Ajax, in Zweifeln befangen, auf halbem Wege -stehenbleibt. Dieser Zufall ist allerdings möglich, doch kann man wohl -kaum irgendwie auf ihn oder mit ihm rechnen. Vorläufig verfolgt Fürst -Bismarck mit fieberhafter Aufmerksamkeit alles, was in Frankreich vor -sich geht, und beobachtet und wartet. Für ihn besteht das -Verhängnisvolle gerade darin, daß die Sache nicht in dem Augenblick -angefangen hat, in dem er es erwartete. Jetzt jedoch sind ihm die Hände -gebunden. Am unangenehmsten aber ist, daß sich plötzlich die Wunden -aufgedeckt haben, die bis jetzt so sorgsam geheimgehalten wurden. Über -die größte von ihnen habe ich schon einmal gesprochen – das ist die -Befürchtung, Rußland könnte erraten, wie mächtig es ist, und welch eine -Bedeutung sein entscheidendes Wort jetzt, gerade in diesem Augenblick -haben kann, und – die Hauptsache – „_daß die Abhängigkeit vom Bündnis -mit Rußland allem Anschein nach die Schicksalsbestimmung Deutschlands -ist, besonders seit dem Deutsch-Französischen Kriege_“. Dieses deutsche -Geheimnis könnte jetzt plötzlich ans Licht kommen – und das wäre für die -Deutschen zum mindesten peinlich. Wie aufrichtig gewogen uns auch die -Politik Deutschlands in den letzten Jahren gewesen ist: dieses Geheimnis -ist von allen Deutschen streng bewahrt worden, niemals auch nur -angedeutet worden – auch nicht in der Presse. Bis jetzt hatten die -Deutschen immer eine ruhige und stolze Haltung, die natürlicherweise der -Macht, die niemandes Hilfe braucht, eigen ist; nun aber muß die schwache -Stelle leider herauskommen. Denn wenn das klerikale Frankreich sich zum -verhängnisvollen Kampf entschließt, so ist es damit nicht getan, daß man -seinen Angriff, falls es zuerst angreifen sollte, zurückschlägt, sondern -man muß es für immer entkräften, es einfach erdrücken und die -Gelegenheit ausnutzen – das ist die Aufgabe! Da aber Frankreich zudem -reichlich eine Million Soldaten hat, so muß es den Sieg, um des Endes -der Sache gewiß zu sein, unbedingt _sicher_ stellen; denn anders lohnt -es sich überhaupt nicht, anzufangen. Und die einzige Sicherstellung -wäre, sich des entscheidenden Wortes Rußlands zu vergewissern. Kurz, am -unangenehmsten ist, daß all das so plötzlich und unvorbereitet -herauskommt. Alle früheren Berechnungen sind umgeworfen, und jetzt sind -es schon die Ereignisse, die die Berechnungen lenken – nicht umgekehrt, -wie früher. Heute oder morgen kann Frankreich im Innern mit sich zur -Ruhe kommen. Es hat sich in eine Abenteuerpolitik gestürzt, und daher -kann man sich wohl fragen, wo diese Abenteuer aufhören werden, wo ihnen -eine Grenze gezogen sein wird? Das ist sehr unangenehm: noch vor so -kurzer Zeit zeigten die Deutschen ein so unabhängiges Auftreten, -besonders im letzten Jahre. Erinnern wir uns, daß in diesem Jahre auch -Rußland sich bemühte, in Europa zu erkennen, wer ihm freund war, und die -Deutschen kannten unsere Sorgen und machten ihre feierlich-festlichste -Miene, die wohl den Umständen am angemessensten war. Es ist ja -verständlich, wenn Deutschland sich über jede slawische Bewegung immer -ein wenig beunruhigt; doch kann man wohl sagen, daß die Kriegserklärung -Rußlands vor zwei Monaten für Deutschland vielleicht sogar nicht einmal -so ganz unangenehm war: „Nein, jetzt werden sie es schon bestimmt nicht -erraten,“ dachte man in Deutschland vor zwei Monaten, „daß wir es sind, -die ihrer bedürfen, jetzt werden die Russen, an der Donau, dem -‚deutschen Strom‘, stehend, vollkommen überzeugt sein, daß, umgekehrt, -mir sie allein uns furchtbar nötig haben und es am Ende des Krieges ohne -unser gewichtiges Wort unmöglich abgehen wird. Und es ist gut, daß die -Russen so denken, das kann uns später sehr zustatten kommen.“ Fraglos -hat es viele kluge Deutsche gegeben, die vor zwei Monaten so von uns -gedacht haben; ihre ganze Presse dachte und schrieb so und – nun -plötzlich hat diese klerikale Stimmung durch alles einen Strich gezogen -und alles umgestürzt! „Oh, jetzt werden sie es erraten, jetzt werden sie -alles erraten! Und außerdem ist es unbedingt nötig, daß Rußland so -schnell wie möglich diesen Krieg beendet und wieder frei wird! Doch wäre -es äußerst gefährlich, hierbei eine Beeinflussung zu versuchen. -Vielleicht wird es vor England und Österreich Angst bekommen – was aber -nicht anzunehmen ist. Uns aber England und Österreich zur Beeinflussung -Rußlands anzuschließen, daran ist nicht zu denken: die werden später -sowieso nicht helfen, und Rußland würden wir nur verärgern. Sonderbare -Lage! Oder sollte man Rußland womöglich helfen, damit es den Krieg -schneller los wird? Nun ... das könnte man auch ohne Waffen tun, einfach -mit politischem Druck, auf Österreich zum Beispiel ...“ So ungefähr -überlegen jetzt dieselben Politiker, und es kann sehr, sehr leicht -geschehen, daß all das in Wirklichkeit eintrifft. - -Um es kurz zu machen – ich wollte nur meine Überzeugung äußern, meinen -Glauben, daß Rußland nicht nur so stark und mächtig wie immer ist, -sondern jetzt, gerade jetzt, die stärkste aller europäischen Mächte ist, -und daß noch niemals sein entscheidendes Wort in Europa so geschätzt -werden konnte wie im gegenwärtigen Augenblick. Mag Rußland jetzt auch -mit den Türken beschäftigt sein, so kann doch schon seine Entscheidung -für diesen oder jenen die Wage der europäischen Politik je nach seinem -Wunsch und Willen in starkes Schwanken bringen. Sogar England selbst -sieht jetzt, wie es, in Anbetracht der _Möglichkeit_ äußerst -umständlicher neuer Ereignisse in Westeuropa, sogar in den Augen der -Russen zwei Drittel seines Prestige verliert, und wie doch endlich auch -die mißtrauischsten Russen begreifen, daß es ihm, England, nicht -einfällt, es auf einen Krieg ankommen zu lassen, wenn Rußland fest -entschlossen ist, seine Sache fortzuführen, und daß England weit mehr -auf eine Teilung des Erbes nach dem Tore des „kranken Mannes“ -spekuliert, als daß es sich entschlösse, _für_ denselben, in dieser -ohnehin schon ungemütlichen Zeit, noch einen offenen Krieg zu beginnen. -In der Tat, sollte es geschehen, daß etwas Unerwartetes, Unheilvolles in -Westeuropa ausbräche, so wird doch England sich nie und nimmer in eine -so heikle Sache gar zu sehr einmischen, die dem gewohnten Charakter -seiner Interessen so überaus unähnlich sieht, und wird, versteht sich, -bloß eine aufmerksam beobachtende Stellung einnehmen und nach seiner -alten Gewohnheit den günstigen Augenblick abwarten, in dem sich irgendwo -irgendeine Teilung der Beute ausschnüffeln läßt, um sich dann geschwind -mit seinen Forderungen einzufinden. Jetzt jedoch, das heißt, vor der -Klärung der Verhältnisse im Westen, wäre es keine Berechnung für -England, gegen Rußland irgend etwas Ernstes zu unternehmen. Anderseits: -was kann Österreich machen, wenn es _allein_ bleibt? Ist es doch -unwahrscheinlich, daß die klerikale Verwicklung der Sache in Westeuropa -nicht auch auf Österreich hinüberwirken wird. Und so harrt denn -natürlich auch Österreich, ganz wie alle anderen, der ferneren Dinge und -der Entscheidungen der Fragen, so daß auch ihm jetzt, ganz wie allen -anderen, die Hände teilweise gebunden sind. Ja, allen sind jetzt die -Hände irgendwie gebunden, nur Rußland hat die seinen noch frei. Nun, und -da hat denn auch schon etwas _Unvorhergesehenes_ zu unseren Gunsten -eingesetzt. Wie soll man auch nicht mit dem _Unvorhergesehenen_ rechnen, -wenn es sich um die Geschicksentscheidung der Menschheit handelt? - -Gott und seine Gesetze regieren die Welt, und wenn über Europa sich -wirklich etwas Neues mit Schicksalsmacht entladen soll, so ist es wohl -nötig, daß es früher oder später geschieht. Gebe Gott, daß ich mich -täusche. Gebe Gott, daß die heraufziehende Wolke sich verzieht und all -meine Vorahnungen sich nur als meine eigenen „hitzigen“ Phantasien -erweisen – als Phantasien eines Menschen, der von der Politik nichts -versteht. Die ganze Frage ist ja nur –: Haben die offiziösen Organe der -deutschen Presse, die den Krieg prophezeien und ihn erwarten, recht oder -unrecht? Anderseits versichern die Minister Mac-Mahons den Franzosen und -der ganzen Welt aus allen Kräften – übrigens ohne jegliche -beschuldigende Anspielungen –, daß „Frankreich den Krieg nicht beginnen -wird“. Nun, da wird man doch wohl zugeben müssen, daß all dieses zum -mindesten verdächtig ist, und daß die Lösung der Zweifel, schon nach dem -Gang der Sache selbst zu urteilen, in äußerst kurzer Zeit eintreffen -kann. Wie aber, wenn jetzt so viel von der „Meinung der Armee“ abhängt? -Schlimm, wenn es soweit kommt: dann ist es zu Ende mit Frankreich. -Übrigens kann das ja nur mit Frankreich allein geschehen und sonst mit -niemandem in der ganzen Welt. Doch gebe Gott, daß es auch mit ihm nicht -geschehe: Das würde ein schlimmer Anfang sein und ein noch schlimmeres -Beispiel. - - - Die Lage Frankreichs - - - Unselige Pechvögel - - (Französische Republikaner) - -Es ist schwer, sich etwas Unglückseligeres vorzustellen, als es die -französischen Republikaner und die Französische Republik sind.[13] Nun -ist es bald schon hundert Jahre her, daß diese Einrichtung auf die Welt -gekommen. Und seit der Zeit ist es immer wieder geschehen – jetzt zum -drittenmal –, daß, wenn gewandte Usurpatoren die Republik sozusagen -konfiszierten, sich niemand erhob, sie ernstlich zu verteidigen, außer -vielleicht irgendeinem kleinen Häufchen Machtloser. Eine allgemeine, -starke Unterstützung der Republik von seiten des ganzen Volkes hat es -noch nie gegeben. Und selbst in den Zeiten, da sie ein Recht hatte, zu -existieren, hat sie selten jemand für eine _nicht_ vorübergehende, für -die definitive politische Institution Frankreichs genommen. -Nichtsdestoweniger gibt es wohl kaum Leute, die von der Sympathie des -ganzen Landes für die Republikaner überzeugter wären als die -französischen Republikaner selbst. - -Übrigens, während der zwei ersten Versuche, in Frankreich die Republik -zu begründen, im vorigen Jahrhundert sowie 1848, konnten die damaligen -Republikaner noch einige Gründe haben, besonders zu Anfang ihrer -Versuche, auf die Sympathie des Landes zu rechnen. Die jetzigen -Republikaner jedoch, – diese selben, denen es bestimmt ist, in -allerkürzester Zeit samt ihrer Republik von irgend jemandem kurz und -bündig aufgehoben zu werden – die, sollte man meinen, hätten schon -wirklich keinen Grund mehr, sich Hoffnungen auf eine sichere Zukunft zu -machen, selbst wenn ihnen das Land auch einige Zuneigung -entgegenbrächte, eine Zuneigung, die, _nota bene_, in Frankreich nicht -allzu zuverlässig ist; denn das Volk sympathisiert jetzt ja nur negativ -mit ihnen, etwa nach dem Sprichwort: bei Fischmangel ist auch der Krebs -ein Fisch – mit anderen Worten: im Notfalle nimmt man mit allem fürlieb. -Währenddessen aber sind sie noch am Vorabend ihres sicheren Sturzes von -ihrem Siege fest überzeugt. Und doch: was waren das für unglückliche -Leute, was war das für eine Republik, diese dritte, die der selige -Thiers wohl anerkannte, doch eben nur wie den Krebs bei Fischmangel! Wir -brauchen uns ja nur der Geburt dieser dritten Republik zu erinnern: fast -zwanzig Jahre lang erwarteten diese Republikaner den „ruhmvollen“ -Augenblick, da der Usurpator gestürzt sein und „das Land sie -zurückrufen“ werde. Und was geschah? Als diese Pechvögel nach Sedan -glücklich die Herrschaft an sich gerissen hatten, waren sie gezwungen, -diesen furchtbaren Krieg auf ihre Schultern zu nehmen, diesen Krieg, den -sie niemals gewollt hätten, und den ihnen der Usurpator hinterließ, als -er Frankreich verließ, um in das schöne Schloß Wilhelmshöhe einzuziehen -und dort seine Zigarren weiterzurauchen. Und wenn dieser geriebene -Usurpator, als er dann durch die Alleen des deutschen Schloßparks -spazierte, sich auch über sie geärgert haben mag, die seine Macht an -sich gerissen hatten, so wird er zuweilen doch bestimmt auch boshaft -gelächelt haben, bei dem Gedanken, wie gut er sich an ihnen gerächt, -indem er seine Schuld auf ihr schwaches Haupt gewälzt hatte. Denn, wie -dem auch sein möge – später beschuldigte Frankreich doch eher sie als -ihn alles dessen, worüber es sich zu beklagen hatte: daß sie den -hoffnungslosen Krieg überhaupt weitergeführt und nicht verstanden -hatten, sofort Frieden zu schließen, daß sie zwei große Provinzen, fünf -Milliarden fortgegeben, das Land zugrunde gerichtet, sich schlecht -geschlagen und ihre Anordnungen aufs Geratewohl getroffen. Letzteres -wirft man noch heute dem damaligen Diktator Gambetta vor, der jedoch an -nichts schuld ist, im Gegenteil, alles getan hat, was unter jenen -Verhältnissen möglich war. Kurz, die Anklage gegen die Republikaner, daß -sie ungeschickt gewesen seien und das Land ins Verderben gestürzt -hätten, hielt sich und hält sich auch jetzt noch unangefochten aufrecht. -Was tut’s, wenn alle wissen, daß Napoleon die erste Ursache des Unglücks -war, es heißt trotzdem: „Warum haben sie denn die Sache nicht besser -gemacht, wenn sie sie einmal übernahmen? Und wenn’s nur das wäre – aber -sie haben sie ja noch so verschlimmert, wie man sie sich schlimmer gar -nicht vorstellen kann.“ – Ein schöner Vorwurf! Doch das ist noch nicht -alles: zusammen mit dieser Anschuldigung heftete sich ihnen auch noch -etwas Verächtliches und Lächerliches an, bei dem Gedanken, in welch eine -Klemme sie gleich zu Anfang ihrer Herrschaft geraten waren. Und doch – -was hätten sie anderes tun können? Den Krieg nicht weiterzuführen, -gleich nach Sedan Frieden zu schließen, war unmöglich: Die Deutschen -würden auch dann Land und Geld gefordert haben, und was wäre da aus den -Republikanern geworden, wenn sie auf diese Bedingungen eingegangen -wären? Man würde sie einfach Feiglinge oder „Traitres“ genannt haben, -wenn sie, „noch im Besitze einer Armee“, sich nicht verteidigt, sondern -schmählich ergeben hätten. Das wäre eine schöne Empfehlung für ihre neue -Republik gewesen! Da ihnen aber die Republik und deren Errichtung in -Frankreich viel mehr am Herzen lag als die Rettung des Landes, so waren -sie eben gezwungen, den Krieg weiterzuführen, trotz der Ahnung, daß nach -dem Kriege sie eine noch weit größere Schande erwartete! Also stand vor -ihnen Schande, und stand hinter ihnen Schande – eine Lage, die nicht nur -unglücklich, nicht nur tragisch, sondern in gewisser Beziehung sogar -komisch war; denn wahrlich nicht in _der_ Gestalt hatten sie sich den -Antritt ihrer Herrschaft nach dem Sturz des „Tyrannen“ erträumt! - -Diese Komik wurde noch durch den Umstand verstärkt, daß sie trotz allem -mit dem leichtesten Herzen die Herrschaft ergriffen, trotz allem ... das -heißt, Verzeihung, ich will keineswegs behaupten, sie hätten nicht um -Frankreich getrauert – oh, unter ihnen gibt es, was Gefühle anbelangt, -vortreffliche Leute und sogar wirkliche Diener des Vaterlandes, versteht -sich, im Falle es Republik heißt. Vielleicht gibt es sogar solche, einen -oder zwei, die selbst die Republik an die zweite Stelle setzen würden, -wenn nur Frankreich glücklich wäre – obgleich es kaum wahrscheinlich -ist, daß es solche gibt, höchstens, wie gesagt, einen oder zwei, -jedenfalls bestimmt nicht mehr. Die Sache war nun aber die: die -Republikaner bildeten sich nämlich sofort ein – kaum daß der Friede mit -Deutschland geschlossen war und sie sich angeschickt hatten, das Land in -Ruhe zu verwalten –, sie hätten schon die Liebe Frankreichs errungen, -und zwar gleich auf ewig, für alle kommenden Zeiten. Das war es, was so -komisch wirkte! Entschieden hat jeder französische Republikaner die -verhängnisvolle, verderbliche Überzeugung, es genüge das Wort -„Republik“, es genüge schon, das Land eine Republik zu nennen, und -sofort werde es für immer glücklich sein. Jedes Mißlingen der Republik -schreiben sie unentwegt stets einem äußeren störenden Umstand zu, wie -zum Beispiel dem, daß es auch Usurpatoren in der Welt gibt und überhaupt -böse Menschen; und kein einziges Mal denken sie an die ungemeine -Schwäche jener Wurzeln, die die Republik im Boden Frankreichs -geschlagen, und die in ganzen hundert Jahren nicht haben erstarken und -tiefer eindringen können. Überdies ist es den Republikanern in diesen -sechs Jahren noch nie eingefallen, daß ihre komische Lage, wie Napoleon -III. sie ihnen hinterlassen hat, auch jetzt noch besteht und daß, wenn -das alte Unglück vergangen ist, ein neues Unglück, ein dem alten -ähnliches, sich nähert, und zwar eines, das sie bestimmt in die -_aller_komischste Lage bringen wird, in eine so ungemein komische Lage, -daß sie sich vielleicht schon in allernächster Zukunft nicht mehr werden -halten können. Diese Komik besteht darin, daß dieses kommende Unglück, -erstens ganz so wie das vergangene, in ihrer Erfüllung der hohen Pflicht -liegt, dem Vaterlande _wissentlich_ zum Verderben dienen zu müssen; -zweitens, daß dieses Unglück wieder ganz so wie das erste vollkommen -unabwendbar ist; drittens, daß es sie in eine ebensolche Klemme zu -bringen droht, wie die, in der sie 1871 staken; und viertens, daß es, -zur Vollendung des Verdrusses, ihnen ganz so wie das erste Mal von -diesem selben Napoleon III., den sie so hassen und dessen Andenken sie -so verfluchen, vermacht worden ist. In der Tat: wer ist jetzt der -eifrigste Anhänger der Französischen Republik? Zweifellos Fürst -Bismarck. So lange, wie in Frankreich die Republik besteht, ist jeder -Revanchekrieg unmöglich. Man stelle sich nur vor: die Republikaner -entschlössen sich, den Deutschen den Krieg zu erklären!! Nun, Fürst -Bismarck begreift die Lage. Und währenddessen ist es doch sonnenklar, -daß der große Organismus Frankreichs – vierzig Millionen – nicht ewig -schmachvoll unter der Vormundschaft Deutschlands bleiben kann. Die -Wunden werden zuheilen, die Erschütterung wird allmählich in -Vergessenheit geraten, es werden sich neue Kräfte ansammeln, Mittel, -Heere ... Und _kann_ denn überhaupt eine Nation, die so lange politisch -die erste Rolle gespielt hat, nach ihrem alten Ansehen in Europa _nicht_ -verlangen? Der Augenblick, in dem das geschehen wird, ist vielleicht -nicht mehr gar so fern: die Fülle innerer Kraft muß unbedingt darnach -streben, die Vormundschaft Bismarcks abzuschütteln und ihre frühere -_Unabhängigkeit_ wiederzugewinnen; denn augenblicklich kann man -Frankreich unmöglich unabhängig nennen. In besagtem Falle aber würde -eben ganz Frankreich sofort beim ersten Schritt mit dem Kopf an seine -Republik stoßen. Wie kann man sich also, wiederhole ich, nur vorstellen, -daß die jetzigen Republikaner überhaupt wollen könnten, dem Fürsten -Bismarck in irgendeiner Angelegenheit „grob zu kommen“, und sogar in -solch einer Weise, daß sie einen Krieg mit ihm riskierten!? Erstens, -welch ein Franzose wird denn mit ihnen gehn, sogar in dem Falle, wenn -Frankreich den Krieg wollte? Und zweitens wird sich doch jeder Franzose -die unabweisbare, furchtbare Frage stellen: Was aber dann, wenn die -Deutschen uns wieder schlagen? Dann ist ja für die Republik in -Frankreich das letzte Ende gekommen: dann wird Frankreich ausschließlich -den Republikanern die Schuld an der Niederlage zuschreiben und sie dann -aber endgültig verjagen, wobei es natürlich ganz vergessen wird, daß es -selbst nach der „Vergeltung“ und der alten dominierenden Stellung -verlangt hatte ... Sollten aber anderseits die Republikaner festen Fuß -fassen, auf die neuen Stimmen und Schreiereien nicht hören, den Krieg -nicht erklären – so hieße das gegen den Wunsch des Landes gehen, das sie -dann wiederum absetzen und sich dem ersten besten gewandten Führer -anvertrauen würde. Mit einem Worte: – vorne Sedan und hinten Sedan! -Inzwischen haben die Republikaner aber bestimmt noch nicht einmal -angefangen an all das zu denken, obgleich der neue Ausbruch des Volkes -vielleicht nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Und gleichfalls -haben sie auch daran noch nicht gedacht, daß sie im Grunde nichts -anderes sind, als die Protégés des Fürsten Bismarck, daß Frankreich aber -diese Situation mit jedem Jahr mehr und mehr begreifen muß, und zwar im -genauen Verhältnis zur Wiedererstehung und Erstarkung seiner Kräfte, und -daß es folglich sie, die Republikaner, immer mehr verachten wird, -anfänglich im geheimen und noch nicht bewußt, allmählich jedoch immer -bewußter und schließlich offen und laut ... - -Doch die Republikaner erkennen ihre Komik nicht an – bewahre: das sind -pathetische Leute. Im Gegenteil, gerade jetzt haben sie neuen Mut -geschöpft, jetzt, nachdem Mac-Mahon, der Präsident der „Republik“, sie -nach Haus geschickt und die Kammer bis zu den nächsten Oktoberwahlen -vertagt hat. Jetzt sind _sie_ die „Verfolgten“ und fühlen sich deshalb -ungeheuer in ihrer Aureole. Sie erwarten, daß ganz Frankreich plötzlich -die Marseillaise anstimmen und der Ruf „_on assassine nos frères_!“ von -Mund zu Mund gehen werde; wie einst zur Zeit der Revolution. Jedenfalls -vertrauen sie auf den „Sieg der Gesetzmäßigkeit“ und erwarten, daß das -Land im Unwillen über den Maréchal Mac-Mahon, über dieses kaum an seine -Schale pickende Usurpatorenküchlein, wieder die ganze republikanische -Mehrheit in die Kammer wählen wird – und womöglich noch neue -republikanische Kandidaten dazu – und daß dann die neue versammelte -Kammer dem Maréchal ein strenges Veto sagen und dieser, erschreckt durch -die „Gesetzmäßigkeit“, sich von dannen machen wird. Von der Macht dieser -„Gesetzmäßigkeit“ sind sie felsenfest überzeugt, – und nicht vielleicht -aus Mangel an Intelligenz, sondern einfach, weil sie, diese guten Leute, -zu sehr Leute ihrer Partei sind und etwas zu lange in ihrer Ecke -gesessen haben. Sie haben zu lange um ihre geliebte Republik gelitten, -darum glauben sie so fest an die republikanische „Vergeltung“. -Sonderbarerweise glauben auch bei uns in Rußland viele unserer Zeitungen -an ihren bisherigen Triumph und den unfehlbaren Sieg ihrer -„Gesetzmäßigkeit“. Wodurch aber ist diese „Gesetzmäßigkeit“ gesichert, -wenn Mac-Mahon nicht geruht, sich ihr zu unterwerfen, wovon er übrigens -dem Lande schon in seinem bewunderungswürdigen Manifeste Mitteilung -gemacht hat? – Durch den Unwillen, den Zorn des Landes? Aber der -Marschall wird doch sofort in diesem selben Lande unzählige Anhänger -finden, wie das ja in ähnlichen Fällen in Frankreich immer gewesen ist. -Was soll man dann machen? Barrikaden bauen? Doch bei dem heutigen -Gewehr, der heutigen Artillerie sind die alten Barrikaden unmöglich! Ja, -und Frankreich wird sie ja gar nicht bauen wollen, selbst wenn es -wirklich die Republik wollte. Ermüdet und überdrüssig der -hundertjährigen politischen Unordnung wird es auf die allerprosaischste -Weise sich überlegen, auf welcher Seite die Kraft ist, und sich dann der -Kraft unterwerfen. Die Kraft aber liegt jetzt in der Armee, und das ahnt -das Land. Folglich kann die ganze Frage nur sein: Für wen steht die -Armee? - - - Ein merkwürdiger Charakter - - (Mac-Mahon. Französische Reaktionäre) - -Über die Legionen, als die neue Kraft, die da emporsteigt, um Frankreich -noch einmal zu einem ersten Platz in Europa zu verhelfen, habe ich schon -früher geschrieben, lange vor dem Manifest des Maréchal-Président – und -siehe, es ist alles so in Erfüllung gegangen, wie ich es damals erwartet -hatte. In diesem Manifest, das alle Welt nicht wenig Wunder genommen -hat, tut der Marschall unumwunden kund, – wenn er auch verspricht, der -„Gesetzmäßigkeit“ zu folgen, den Frieden aufrechtzuerhalten, usw. – daß -er, wenn das Land sich mit seiner Meinung nicht einverstanden erklären -und ihm in den bevorstehenden Wahlen wieder die ganze frühere -republikanische Mehrheit schicken sollte, gezwungen sein werde, sich -dann seinerseits mit der Meinung des Landes _nicht_ einverstanden zu -erklären und sich dem Willen desselben _nicht_ zu fügen. Solch ein -erstaunliches Manifest des Marschalls muß seine besonderen Gründe haben! -In solch einer Sprache und in solchem Tone hätte er nicht mit dem Lande -sprechen können – Frankreich ist doch nicht irgendein Dorf –, wenn er -nicht seiner Macht und des Erfolges sicher gewesen wäre! So dürfte es -wohl klar sein, daß er seine Hoffnungen auf die Armee setzt. Und -wirklich, als der Marschall im Sommer durch Frankreich reiste, wurde er -zwar in vielen, ich glaube, schon in allzu vielen Städten und Provinzen -recht zweideutig empfangen, das Heer jedoch und die Flotte bekundeten -überall volle Anhänglichkeit und begrüßten den Marschall mit -begeisterten Hurras. Fraglos darf man an den guten und, sagen wir, -unschuldigen Gefühlen des Marschalls nicht zweifeln. Hat er auch etwas -mehr als ungewöhnlich gehandelt, indem er im voraus zu verstehen gab, -daß er dem rechtmäßigen Willen des Landes nicht gehorchen werde, wenn -dieses nicht ihm gehorcht, so hat er das natürlich nur getan, weil er -auf seine Weise dem Lande Wohlergehen bringen will und überzeugt ist, -daß er dazu auch fähig sei. So braucht man denn wegen der moralischen -Eigenschaften des Marschalls weiter keine Bedenken zu tragen, wohl aber -vielleicht in Betreff irgendwelcher anderen ... Er scheint einer jener -Charaktere zu sein, die immer unter irgend jemandes Vormundschaft stehen -müssen: von dieser Seite betrachtet, bietet sein Charakter einzelne -bemerkenswerte Sonderheiten. Zum Beispiel fragt es sich, – für wen -arbeitet er jetzt? Für wen bemüht er sich so sehr, und für wen wagt er -so viel? Zweifellos ist er unter der strengsten Vormundschaft, doch bin -ich überzeugt – allerdings ist das nur meine persönliche Meinung: nur er -allein ist in ganz Europa bis jetzt noch überzeugt, daß er unter -niemandes Einfluß steht und daß er nur von sich aus handelt. Die -geschickten Leute, die sich seiner bemächtigt haben, werden ihn -wahrscheinlich, solange sie es für gut befinden, in diesem Glauben -bestärken – und ihn inzwischen dorthin lenken, wohin sie ihn haben -wollen. Das ist natürlich nur möglich, weil sie die Eigenschaften und -die Eigenliebe solcher Charaktere vorzüglich kennen. Doch solche -geschickten Leute kann man nur in einer einzigen Partei finden, -allerdings, der größten und stärksten: in der klerikalen. Alle anderen -politischen Parteien Frankreichs zeichnen sich nicht durch Gewandtheit -aus. In der Tat nun, unter wessen Vormundschaft steht eigentlich der -Marschall? Es ist jetzt wohl schon allgemein bekannt, daß die -Legitimisten in Bewegung sind, daß eine ganze Reihe von Kandidaten -vorhanden ist, ja – es heißt sogar, daß der Marschall sie protegiere –, -daß sie von ihrem Siege bei den Wahlen im voraus überzeugt sind, und -ferner, daß sie sich auf das Heer verlassen können, und daß im übrigen -der kaiserliche Prinz schon auf das Festland zurückgekehrt sein soll, -ja, man sagte sogar, er werde sich nach Paris begeben. Soll man nun -wirklich glauben, daß der Marschall Mac-Mahon, dieser so selbstbewußte -Präsident der „Republik“, so viel Arbeit und Gefahren auf sich nimmt, -einzig um den kaiserlichen Prinzen auf den Thron zu setzen? Ich glaube – -wiederum nur meine ganz persönliche Ansicht –, ich glaube, daß das nicht -der Fall ist. Ich nehme natürlich den anderen Fall aus, daß es -irgendwelche ganz besondere Kombinationen gibt, wie zum Beispiel, daß -der Prinz sich mit der Tochter des Marschalls verlobt habe, wie es vor -einem Monat verlautete: dann ist es natürlich etwas anderes. Gibt es -aber keine solchen besonderen Kombinationen oder geheimen Abmachungen, -so scheint mir, daß der Marschall eher geneigt wäre, das Land zu -_seinem_ Vorteil zu beglücken, als zum Vorteil eines anderen, und wenn -er die bonapartistischen Kandidaten protegiert, so tut er das wohl nur, -weil er sie für die verläßlichsten hält, später aber sie so, wie es -_ihm_ gefällt, zu lenken gedenkt. Gott mag wissen, was für Gedanken in -diesem Hirn entstanden sind. Nicht umsonst hat doch ein Bischof beim -Empfange des Marschalls in seiner Begrüßungsrede erwähnt, daß er, -Mac-Mahon, weiblicherseits von Karl dem Großen abstamme. Mit einem Wort, -ein paar Jahre Präsidentschaft haben vielleicht genügt, um in seine -Seele einige erregende und phantastische Gedanken zu pflanzen. Zudem ist -er Soldat! Übrigens sind alle diese Erwägungen nur abstrakte Versuche, -diesen wirtschaften Charakter zu erklären. Die Wahrheit beschränkt sich -vorläufig auf die Tatsache, daß der Marschall in den Händen der -Klerikalen ist, und daß diese ihn lenken, nicht aber er sie, wie er es -wohl glaubt. Das Schicksal Frankreichs hängt im gegenwärtigen Augenblick -entschieden nur von ihnen ab, ausschließlich von ihnen. Zweifellos geht -die furchtbare unterirdische Intrige immer noch weiter, und obgleich -ganz Europa schon von Anfang an weiß, daß die Klerikalen in der -gegenwärtigen westeuropäischen Bewegung eine große Rolle spielen, so ist -es diesen, glaube ich, denn doch gelungen, den _Umfang_ und die _Macht_ -dieser ihrer Rolle zu verheimlichen, sich hinter anderen zu verstecken, -hinter dem Marschall, zum Beispiel, hinter den Bonapartisten, und das -wird so fortdauern, bis sie das gewünschte Ziel erreicht haben. Im -Grunde ist es ihnen ganz gleich, wer da siegt, der Marschall oder der -Prinz. Persönliche Sympathien haben sie nicht und sollen sie auch nicht -haben. Sie haben bloß eine Aufgabe: daß Frankreich so schnell wie -möglich sein Schwert zieht und sich auf Deutschland stürzt. Nun, und zu -diesem Zweck haben sie denn auch die Republikaner, die unfähig waren, -für den Papst einzustehen, einfach beseitigt. Jetzt aber warten sie noch -ab: wer wird schließlich für ihre Absichten vorteilhafter sein? Sollte -der kaiserliche Prinz ihnen wirklich mehr Aussichten für den Krieg -bieten, so werden sie sich an ihn machen und ihn nach Paris bringen, -natürlich ohne dann noch an Mac-Mahon zu denken. Doch vorläufig scheinen -sie sich noch an den Marschall zu halten. Bei der Gelegenheit – vor -kurzem noch hieß es, der Marschall habe in einem Gespräch gesagt, -selbstverständlich so, daß alle es hören konnten: „Man sagt von mir, ich -hätte die Absicht, die republikanischen Einrichtungen zu annullieren, -und vergißt dabei natürlich, daß ich, als ich die Präsidentschaft der -Republik übernahm, mein Wort gegeben habe, sie zu erhalten.“ Diese Worte -bestätigen durchaus die Annahme von der moralischen Unschuld des -Marschalls, trotz aller Anschuldigungen der Republikaner. Als ehrlichem -Menschen und Offizier ist ihm sein Ehrenwort heilig und er wird es -selbstverständlich nicht brechen. Wenn er aber die Republik erhält und -zu gleicher Zeit die Republikaner verjagt, so heißt das wohl, daß er die -Republik ohne Republikaner fortzuführen gedenkt. Man sollte meinen, -dieses wäre tatsächlich sein politisches Programm, und man habe ihn -überzeugt, daß es wirklich durchführbar sei. Dieses Programm mit der -These: „_J’y suis et j’y reste_“ – „hab’ mich mal hier hingesetzt und -gehe nicht mehr fort“ – bildet augenscheinlich das A und O all seiner -politischen Überzeugungen und wird es noch rund bis zum Jahre 1880 -bilden, wann die Frist für seine Präsidentschaft und folglich auch die -für sein Ehrenwort abläuft. Dann jedoch beginnt schon der Traum ... Das -dankbare Land wird, wenn es sieht, daß er die Präsidentschaft -niederlegen will, ihm für die Rettung vor den Demagogen eine neue Würde -anbieten, nun, meinetwegen die Karls des Großen, und dann wird wieder -alles wie geölt gehen ... Selbstverständlich werden die ihn lenkenden -Schlauköpfe, im Falle er wirklich sein Ehrenwort halten und die -republikanischen Einrichtungen bestehen lassen wollte, ihn sofort gegen -Bonaparte eintauschen, wenn diese Republik ohne Republikaner ihren -weiteren Plänen unvorteilhaft sein sollte. In Anbetracht dessen haben -sie ihn denn auch, wie es scheint, veranlaßt, die bonapartischen -Kandidaturen zu unterstützen – natürlich mit der Versicherung, es sei -für ihn selbst vorteilhaft. Jedenfalls bleibt er unter so unbarmherziger -Vormundschaft, daß er auf keine Weise aus ihr heraus kann. Ja, -irgendwelche großen, noch nie dagewesenen Ereignisse erwarten die Welt, -man ahnt, daß die Armee in Tätigkeit treten wird, ahnt die mächtige -Bewegung des Katholizismus. Die Gesundheit des Papstes, schreibt man, -sei „befriedigend“. Doch wehe, wenn der Tod des Papstes mit den -französischen Wahlen zusammenfällt, oder wenn der Papst auch nur bald -nach ihnen stirbt. Dann kann sich die Orientfrage mit einem Schlage in -eine europäische verwandeln ... - - - Die katholische Verschwörung - -Den Gedanken einer katholischen Verschwörung[14] habe ich schon früher -einmal[15] recht ausführlich behandelt, doch scheint der Hauptpunkt -meiner Ausführungen, – daß der Kern der gegenwärtigen wie der -bevorstehenden Ereignisse ganz Europas _in der katholischen -Verschwörung_ und der baldigen, zweifellos mächtigen Bewegung des -Katholizismus, die mit dem Tode des alten und der Wahl des neuen Papstes -zusammenfallen wird, liegt, – dieser Hauptpunkt scheint übersehen worden -zu sein. Heute bin ich noch fester von meiner Ansicht überzeugt, als vor -zwei Monaten. Seit der Zeit ist so vieles geschehen, was mich in meiner -Lösung des Rätsels bestärkt hat, daß ich an ihrer Richtigkeit nicht mehr -zweifle. Seit der Zeit haben auch die Zeitungen, die unsrigen wie die -ausländischen, angefangen über dasselbe Thema zu schreiben, – wenn auch, -wie es scheint, immer noch nicht so recht entschlossen, die letzte -Folgerung zu ziehen. - -Ich will hier eine Stelle aus dem vorzüglichen Leitartikel der „Moskauer -Nachrichten“ anführen, die unter anderem auch die Meinungen der -Korrespondenten englischer Blätter zitiert: - - Die Korrespondenten der englischen Blätter ergehen sich in recht - aufrichtigen Erklärungen. Der Schlüssel der europäischen Politik ist - nach ihrer Meinung in den Händen Deutschlands. Deutschland aber wäre - aus sehr begreiflichen Gründen aufgelegt, gerade jetzt sich noch - fester als zuvor Rußland anzuschließen. – Erstens hat man in Berlin - bemerkt, daß die Mißerfolge der russischen Strategie Österreich - belebt und sogar ermuntert haben, also dasjenige Land, welches, wie - man annimmt, immer noch einigen Unwillen gegen Preußen nährt. - Zweitens, daß die Hauptfeinde Deutschlands, Frankreich und der - Katholizismus, ihre ganze Sympathie der Türkei entgegenbringen. Zu - Anfang der Balkanwirren allerdings, da liebäugelte Frankreich noch - mit Rußland, doch wenn es damals vielleicht noch einiges Wohlwollen - für uns dort gab, so hat sich dasselbe jetzt nicht nur vermindert, - es hat sich sogar mit dem ganzen Herzen den Türken zugewandt. Und - was den kriegerischen Katholizismus anbetrifft, so hat er nicht erst - jetzt, sondern von Anfang an, wie allen bekannt, leidenschaftlich - die „rechtgläubige“ Türkei gegen das schismatische Rußland unter - seinen Schutz genommen. Die Gesinnungslosigkeit des eifernden Klerus - ist sogar so weit gegangen, daß sich ein Vertreter dieser Partei mit - unmißverständlicher Zärtlichkeit über den Koran geäußert, so daß - selbst die ultramontane „Germania“ es für nötig befunden hat, - ähnliche Ausfälle durch die Bemerkung abzuschwächen, daß, wenn man - sich auch der Siege der Türken über die verhaßten Russen freuen - müsse, es doch nicht ganz angebracht sei, gleich Sympathie für den - Islam zu bekunden. Da nun das _mot d’ordre_ des Katholizismus - auffallend mit der Veränderung der öffentlichen Meinung Frankreichs - zugunsten der Türken zusammenfällt, und da die Interessen des - gleichfalls katholischen Österreichs den Interessen Rußlands - zuwiderlaufen, so fürchtet man natürlich in Berlin die Möglichkeit - solch einer katholischen und antideutschen Liga, in die vielleicht - später die ultramontanen Interessen sowie die separatistischen - Süddeutschlands und „sogar England“ hineingezogen werden könnten. So - schreiben nämlich die englischen Korrespondenten, doch kann hierüber - wohl kein Zweifel bestehen, daß es England ist, das die Hauptrolle - in diesen Intrigen spielt. Also bleiben wir wieder allein mit der - Türkei. - -Das ist ja alles ganz wunderschön, doch ist es einstweilen noch immer -nicht das erklärende und letzte Wort, das zu sagen sich offenbar niemand -getraut. Doch spricht man in diesem Leitartikel wenigstens auch von dem -_kriegerischen Katholizismus_ und der Bedeutung, die er in den Augen -Bismarcks hat, und von dem gegenwärtigen Einfluß des ersteren auf -Frankreich; und endlich sogar von der Liga: daß man in Berlin _natürlich -die Möglichkeit solch einer katholischen und antideutschen Liga fürchte, -in die vielleicht später die Ultramontanen und die separatistischen -Elemente Süddeutschlands und „sogar England“ hineingezogen werden -könnten_. Nun, von einer katholischen Liga, von einem katholischen -Komplott sprach ich ja gerade vor zwei Monaten, doch sagte ich damals -auch mein letztes abschließendes Wort darüber: nämlich, daß gerade in -der Verschwörung die ganze Sache bestände, daß von ihr jetzt alles in -Europa abhänge, und daß sogar der ganze Balkankrieg sich in kürzester -Zeit in einen alleuropäischen verwandeln könne – und dieses einzig nur -infolge dieser mächtigen Verschwörung des sterbenden Katholizismus. -Währenddessen wollen die englischen Korrespondenten und die „Moskauer -Nachrichten“ diesen Gedanken gewissermaßen noch nicht zugeben, und -letztere behaupten statt seiner sogar, daß „zweifellos England es ist, -das die Hauptrolle in diesen Intrigen spielt“, und daß „_wir mit der -Türkei wieder allein bleiben werden_“. – Wirklich? Steht es uns nicht -vielleicht schon in allernächster Zukunft bevor, daß wir uns plötzlich -nicht der Türkei, sondern ganz Europa allein gegenüber befinden? - -In der Tat, was ist denn das für ein „kriegerischer Katholizismus“, den -zu bemerken und in den gegenwärtigen Ereignissen zuzugestehen, sich alle -bequemen? Woher kommt dieser kriegerische Mut, der sogar „bis zur -Leidenschaft“ wird, mit dem der Katholizismus die „rechtgläubige“ Türkei -gegen das schismatische Rußland in seinen „Schutz“ nimmt? Sollte das -wirklich nur deshalb geschehen, „weil Rußland das abtrünnige Land ist“? -Der Katholizismus hat heutzutage so viel Scherereien und ernste Sorgen, -daß ihm an all diese alten Kirchenstreitigkeiten nicht mal zu denken -Zeit übrigbleibt. Doch vor allem eine Frage: Woher kommt denn diese -„katholische Liga“, die man in Berlin so fürchtet? Übrigens, eben davon -habe ich ja schon früher gesprochen, und meine Folgerung war damals, daß -diese Liga, die jetzt auch schon von anderen zugegeben wird, eine feste, -streng organisierte katholische _Verschwörung_ ist, mit der Absicht, die -römische Weltherrschaft wiederherzustellen, ferner, daß sie sich schon -heute über ganz Europa verbreitet hat, und daß infolgedessen der -Schlüssel der gegenwärtigen Intrigen weder hier noch dort und nicht nur -in England allein, sondern gerade in dieser universalen katholischen -Verschwörung liegt! - -Der kriegerische Katholizismus stellt sich eifrig und „leidenschaftlich“ -gegen uns auf die Seite der Türken. Selbst in England, selbst in Ungarn -gibt es augenblicklich keine so eifernden Hasser Rußlands, wie diese -kriegerischen Klerikalen. Nicht irgendein Prälat, sondern der Papst -selber hat in den Versammlungen im Vatikan freudig von den „türkischen -Siegen“ gesprochen und Rußland eine „furchtbare Zukunft“ prophezeit. -Dieser sterbende Greis, der sich noch dazu das „Haupt der Christenheit“ -nennt, hat sich nicht geschämt, öffentlich zu gestehen, daß er jedesmal -freudig erregt von den Niederlagen der Russen höre. Ein so furchtbarer -Haß wird sofort begreiflich, wenn man zugesteht, daß der römische -Katholizismus jetzt tatsächlich „Krieg führt“, daß er in Wirklichkeit -und mit dem Schwert in Europa gegen seine verhängnisvollen Feinde im -Felde steht. Doch wer ist denn in Europa augenblicklich der größte Feind -des römischen Katholizismus, das heißt, der Weltmonarchie des Papstes? -Fraglos Fürst Bismarck. Rom selber wurde dem Papst ausgerechnet in der -Stunde der Größe und Herrlichkeit Deutschlands und Bismarcks genommen, -in der Stunde, da Deutschland den ersten Verteidiger des Papsttums, -Frankreich, vernichtete, wodurch es bekanntlich dem italienischen König -die ersehnte Freiheit zum Handeln gab – der dann auch unverzüglich Rom -einnahm. Seit der Zeit hat Rom nur eine einzige Sorge gehabt, und zwar: -einen Feind und Gegner Deutschlands und des Fürsten Bismarck zu finden. -Fürst Bismarck wiederum begreift seinerseits schon längst und besser, -als man es sich denkt, daß der römische päpstliche Katholizismus – -abgesehen von seiner ewigen Feindschaft gegen das protestantische -Deutschland, das seinerseits wiederum so viele Jahrhunderte lang gegen -Rom und die römische Idee in allen ihren Gestalten und gegen alle -Verbündeten und Beschützer und Anhänger Roms protestiert hat –, daß der -Katholizismus namentlich _jetzt_, also in der für das geeinte -Deutschland gefährlichsten Zeit, das allerschädlichste aller diese -Vereinigung erschwerenden Elemente ist, mit anderen Worten, daß Rom die -Vollendung dieses Gebäudes verhindern will, das zu errichten das -mühevolle Lebenswerk Otto von Bismarcks gewesen ist. Außer dieser -„Möglichkeit“ einer katholischen, antideutschen Liga fürchtet man jetzt -in Berlin noch, was man eigentlich schon lange vorhergesehen hat: daß -der Katholizismus, sei es früher oder später, jedenfalls aber einmal, -die Ursache der nächsten Erhebung Frankreichs sein wird, um Rache an -Deutschland zu nehmen, von dem es erniedrigt und besiegt worden ist – -und daß die Veranlassung dazu der römische Katholizismus früher und -sicherer als alle anderen Feinde geben wird, und daß folglich er die -größte Gefahr für das geeinte Deutschland bleibt. Diese Berliner -Befürchtung hat sich aus der ganz natürlichen Kombination ergeben, daß -erstens das Papsttum in der Welt keinen anderen Verteidiger hat, als -immer noch dasselbe Frankreich, das sich einzig auf sein Schwert -verlassen kann, _wenn es ihm nur gelingt, dieses Schwert wieder fest mit -der Hand zu fassen_, und zweitens, daß der römische Katholizismus noch -längst kein toter Feind ist, daß er schon tausendjährig ist, daß er mit -wahrer Leidenschaft leben will und seine Lebensfähigkeit geradezu -großartig ist, daß er Kräfte hat in Überfülle, und daß eine so mächtige -Idee, wie die weltliche Papstmacht, nicht in einer Minute sterben kann. -Ja, in Berlin hat man nicht nur den Feind erkannt, sondern auch seine -Macht. In Berlin verachtet man seine Feinde nicht vor dem Kampf. - -Wenn nun aber der Katholizismus mit solchem Drange leben will und leben -muß, und wenn das Schwert, das ihn verteidigen könnte, sich nur in -Frankreichs Hand befindet, so ist es wohl klar, daß Rom Frankreich nicht -aus den Fingern lassen wird, besonders wenn es den günstigen Augenblick -abwartet. Dieser günstige Augenblick kam nun im Frühling – das war der -Russisch-Türkische Krieg, die Aufrollung der Balkanfrage. In der Tat: -wer ist der Hauptverbündete Deutschlands? Selbstverständlich Rußland. -Und das hat Rom vorzüglich eingesehen. Da haben wir nun den Grund, warum -sich der Papst über die russischen „Mißerfolge“ freut: durch sie ist der -größte Bundesgenosse des furchtbarsten Feindes der päpstlichen Macht von -seinem uralten und natürlichsten Verbündeten durch den Krieg abgelenkt -worden, und folglich ist Deutschland jetzt allein, – das heißt aber so -viel, daß jetzt der Augenblick gekommen ist, den der Katholizismus so -lange ersehnt hat. Wann sonst, wenn nicht jetzt, sollte es wohl am -besten sein, den alten Haß zu schüren und Frankreich in den Rachekrieg -zu treiben? - -Zudem nähern sich für den Katholizismus noch andere gefährliche Krisen, -so daß es jetzt wirklich für ihn heißt: keinen Augenblick verlieren. So -naht unaufhaltsam der Tod Pius’ IX. und damit die Wahl des neuen -Papstes. In Rom aber weiß man nur zu gut, daß Fürst Bismarck seine ganze -Genialität und seine ganze Kraft anwenden wird, um den letzten, -furchtbarsten Schlag gegen die päpstliche Macht auszuführen: daß er aus -allen Kräften die Wahl des neuen Papstes zu beeinflussen versuchen wird, -und zwar, um ihn aus einem weltlichen Herrscher und Machthaber in nichts -weiter als einen gewöhnlichen Patriarchen zu verwandeln, und das wenn -möglich noch mit seiner eigenen Zustimmung – um darauf, nachdem der -Katholizismus sich dann in zwei feindliche Lager gespalten hat, ihn -zerbröckeln und all seine Absichten, Ansprüche und Hoffnungen auf ewig -vernichten zu können. Wie soll sich da der Katholizismus nicht beeilen, -alle Maßregeln, die gegen Bismarck zu ergreifen sind, so schnell wie -möglich zu treffen! Und siehe, da kommt gerade zur rechten Zeit die -Orientfrage dazwischen! Oh, jetzt wird man für Frankreich schon -Verbündete, die es so lange vergeblich gesucht, mit Leichtigkeit finden -können! Jetzt wird sich sogar eine ganze Koalition zusammentreiben -lassen! Und wenn auch Europa von Blutströmen überschwemmt wird, – was -hat das zu sagen! Dafür wird der Papst triumphieren, – das aber ist für -die römischen Verkünder Christi alles! - -Nun, und da haben sie sich denn an die Arbeit gemacht. Als erstes, -versteht sich, mußte man erreichen, daß Frankreich für sie einsteht. Wie -das machen? Sie haben es verstanden! Jetzt wird es schon von allen -Staatsmännern und der ganzen Presse zugegeben, daß die Maiumwälzung in -Frankreich von den Klerikalen veranlaßt worden ist; nur, wiederhole ich, -scheinen sie alle dieser Tatsache noch nicht die volle Bedeutung -zugestehen zu wollen, die sie zweifellos in sich schließt. Man könnte -glauben, Europa hätte sich vor vier Monaten endgültig überzeugt, daß die -Klerikalen und der Klerus den Staatsstreich in Frankreich bloß deshalb -gemacht, um letzterem daselbst mehr Freiheit, gewisse Nutznießungen und -größere Rechte zu verschaffen, während es doch unmöglich ist, auch nur -anzunehmen, daß dieser Umsturz nicht mit den allerradikalsten Zielen -vorgenommen worden sei, um – in Anbetracht der baldigen Unruhen in der -römischen Kirche bei Gelegenheit der Papstwahl – den möglichst -sofortigen Ausbruch des nun nicht länger aufschiebbaren Krieges zwischen -Frankreich und Deutschland zu bewirken! Ja! gerade den Krieg wollen sie! -Womit die Sache auch enden mag: sie werden ihren Willen doch -durchsetzen, werden es doch zu dem Kriege bringen, durch den, falls -Frankreich siegen sollte, dann auch der Papst vielleicht wieder zu -seiner weltlichen Macht kommen kann. - -Sie haben es bewunderungswürdig gewandt begonnen: schon allein, daß sie -eine Zeit gewählt, in der alles zu ihrem Vorteil wie vorherbestimmt -zusammentraf. Beginnen mußten sie unbedingt damit, daß sie die -Republikaner, die den Papst um keinen Preis unterstützen, und die sich -niemals zu einem neuen Krieg gegen Deutschland entschließen würden, nach -Hause schickten. So haben sie es denn auch getan. Darauf hieß es, den -Marschall Mac-Mahon zwingen, einen unverbesserlichen Fehler zu begehen – -unbedingt einen unverbesserlichen –, um ihn auf einen Weg zu treiben, -auf dem es kein Zurück mehr gibt. Das ist gleichfalls glücklich -geschehen: er hat die Republikaner verjagt und verkündet, daß sie nicht -mehr zurückkehren würden. So ist jetzt schon ein guter Grundstein -gelegt, und die Klerikalen sind vorläufig zufrieden: sie wissen, daß, im -Falle das französische Volk wieder die republikanische Mehrheit schicken -sollte, der Marschall die Abgeordneten zurückschicken wird. Gambetta hat -allerdings erklärt, Mac-Mahon müsse sich entweder der Entscheidung des -Landes fügen oder seinen Posten verlassen. Dasselbe erklären nach ihm -auch alle Republikaner; doch vergessen sie bloß, daß die Devise des -Marschalls „_J’y suis et j’y reste_“ ist, und er sich von seinem Sessel -nicht erheben wird. Seine Hoffnung setzt der Marschall natürlich auf die -Ergebenheit der Armee. Dieser Ergebenheit der Armee – dem Marschall oder -sonst wem – wollen sich nun auch die Klerikalen bedienen. Wäre nur erst -die staatliche Umwälzung für sie vollzogen, dann könnten sie ja schon -steuern, wohin sie wollen! Am wahrscheinlichsten ist, daß es so auch -geschehen wird: sie werden den Usurpator einfach umringen und dann nach -Gutdünken lenken. Doch selbst, wenn sie nicht mehr da wären, würde die -Sache jetzt schon ohne sie ganz von selbst gehen: die gute Saat ist von -ihnen in den richtigen Boden gesät, – wenn nur die staatliche Umwälzung -sich vollziehen würde! Sie wissen, welch einen kolossalen Eindruck auf -den Fürsten Bismarck _jede staatliche Veränderung in Frankreich_ macht. -Schon 1875 wollte er Frankreich den Krieg erklären, da er fürchtete, der -Feind könne, wenn es mit seiner Erholung und Erstarkung immer so weiter -bergauf ginge, gar bald gefährlich werden. Die Republikaner freilich, -die er begünstigte, hätten es um nichts in der Welt gewagt, mit ihm -einen Krieg zu beginnen, und so war er denn bis jetzt zum Teil beruhigt, -da er sie an der Spitze des feindlichen Reiches wußte, sogar trotz der -von Jahr zu Jahr größeren Erstarkung desselben. Dafür aber regt ihn jede -neue Regierungsveränderung in Frankreich natürlich ungemein auf. Und in -welch einem Augenblick: da Deutschlands natürlicher Verbündeter durch -den Krieg gegen die Türkei in Anspruch genommen ist, da Österreich – der -alte Gegner Deutschlands –, in dem so viel Deutschland feindliche -katholische Elemente stecken, plötzlich seinen Wert so hoch schätzt, und -da England schon seit dem Ausbruch des Türkenkrieges mit einer so -gereizten Ungeduld sich in Europa einen Bundesgenossen sucht! Wie nun, -wird man in Berlin denken, wenn Frankreich mit seiner zukünftigen -Regierung an der Spitze, die von den Klerikalen beherrscht und gelenkt -wird, – wie nun, wenn Frankreich plötzlich errät, daß für den -Vergeltungskrieg, wenn er überhaupt einmal geführt werden soll, eine -bessere Gelegenheit, als die gegenwärtige, sich niemals mehr wird finden -lassen, und ebensowenig jemals wieder so bedeutende Verbündete, wie -jetzt? Und wie nun, wenn gerade zu der Zeit der Papst stirbt? Wie, wenn -die Klerikalen die neue französische Regierung zwingen, Bismarck zu -melden, daß seine Ansichten über die Wahl des neuen Papstes mit den -Ansichten Frankreichs nicht übereinstimmen, – was bestimmt geschehen -wird, wenn die Republikaner sich stürzen lassen – –? Wie, wenn auch die -neue französische Regierung zu gleicher Zeit errät, daß sie, wenn es ihr -gelänge – in Anbetracht der Möglichkeit, in Europa mächtige Verbündete -zu finden – wenigstens eine der 1871 verlorenen Provinzen -zurückzuerobern, dadurch ihre Macht und ihren Einfluß im Lande -mindestens auf zwanzig Jahre befestigen könnte? Nun, wie soll man sich -da nicht aufregen? - -Und dann gibt es hierbei noch einen kleinen Umstand: der Deutsche ist -hochmütig und stolz, der Deutsche wird Ungehorsam nicht ertragen. Bis -jetzt war Frankreich gehorsam unter voller Vormundschaft Deutschlands, -gab Rechenschaft auf seine Anfragen fast über jede Bewegung, die es tat, -mußte Entschuldigungen machen und Erklärungen schicken für jede dem -Heere neu hinzugefügte Division, für jede neue Batterie. Und plötzlich -erkühnt sich dieses selbe Frankreich, das Haupt zu erheben! So können -die Klerikalen eigentlich darauf rechnen, daß Fürst Bismarck womöglich -selber als erster den Krieg beginnen wird. Er hat es ja schon einmal tun -wollen, – 1875. Den Krieg jetzt nicht beginnen, heißt Frankreich auf -ewig aus den Händen lassen. Allerdings war 1875 die Situation nicht wie -heute, doch wenn Österreich zu Deutschland hält, so ... Mit einem Wort, -bei der kürzlichen Zusammenkunft der deutschen und österreichischen -„Premiers“ ist wahrscheinlich nicht nur über die Balkanfrage gesprochen -worden. Und wenn es jetzt irgendwo ein Reich gibt, das in der -vorteilhaftesten außenpolitischen Lage ist, so ist das zweifellos -Österreich! - - - Österreichs gegenwärtige Gedanken - -„Wieso?“ wird man fragen.[16] „In Österreich sind jetzt Unruhen; halb -Österreich will nicht, was seine Regierung will; in Ungarn kommt es zu -Manifestationen; Ungarn brennt vor Begierde, mit den Türken gegen die -Russen zu kämpfen; man hat sogar eine Verschwörung entdeckt, -tatsächlich: eine englisch-magyarisch-polnische! Anderseits sieht die -österreichische Regierung auch auf die slawischen Elemente, die ihr Land -bewohnen, mit einem gewissen Mißtrauen, obgleich diese bis jetzt noch -zur Regierung halten. Wie kann man also sagen, daß Österreich zurzeit in -der vorteilhaftesten politischen Lage sei, in der sich ein europäisches -Reich nur befinden kann?“ - -Ja, das ist wahr. Wahr, daß die katholische Tätigkeit sich fraglos auch -auf Österreich erstreckt. Die Klerikalen sind weitsichtige Leute: wie -sollten sie die augenblickliche Bedeutung dieses Landes nicht zu -schätzen wissen, wie sollten sie die Gelegenheit vorübergehen lassen! -Und schon, versteht sich, haben sie die Gelegenheit benutzt, um in -diesem katholischen „allerchristlichsten“ Lande alle möglichen Unruhen -unter den bis zur Unkenntlichkeit verschiedensten Vorwänden, Formen und -Ausartungen zustande zu bringen. Nun noch eines: wer weiß, vielleicht -ist man in Österreich, obgleich man sich natürlich den Anschein gibt, -als ärgere man sich sehr über diese Unruhen, in Wirklichkeit gar nicht -so ungehalten über sie. Ja, vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall: -man „bewahrt“ diese Unruhen _für alle Fälle_ auf, in Anbetracht dessen, -daß sie sich in nächster Zukunft vielleicht verwerten lassen ... Am -augenscheinlichsten ist übrigens, daß Österreich, wenn es sich auch, was -die laufenden Angelegenheiten betrifft, in der glücklichsten politischen -Lage fühlt, sich für eine _weitsichtige_ und sehr bestimmte Politik doch -noch nicht entschlossen hat, sondern erst überlegt und abwartet: was -wird ihm die _Vernunft_ zu tun raten? Sollte es sich aber doch zu irgend -etwas Bestimmtem entschlossen haben, so wäre das wohl höchstens in -betreff der nächstliegenden politischen Fragen der Fall – und selbst das -nur bedingt. Überhaupt ist es in der glücklichsten Gemütsverfassung: es -entschließt sich, ohne sich zu beeilen, es wartet ruhig, da es weiß, daß -es alle auf sich warten macht, und alle es brauchen, es lauert auf seine -Beute, die es selber auswählen wird, und leckt sich schon wonnig die -Lippen beim Gedanken an die nun bald ihm zufallenden, unentwischbaren -Bissen. - -Während der Zusammenkunft der Kanzler beider deutschen Reiche, die -kürzlich stattfand, ist vielleicht sehr viel „Bedingungsweise-Mögliches“ -berührt worden. Wenigstens hat die österreichische Regierung schon in -ihrem Lande kundgetan – doch so, daß alle Länder es hören mußten –, daß -am Balkan nichts geschehen noch entschieden wird, was den Interessen -Österreichs entgegen ist: ein ungemein schwerwiegender Gedanke. So ist -Österreich schon überzeugt, ohne noch die Hand an irgend etwas gelegt zu -haben, daß es bedeutenden Anteil an den russischen Erfolgen, falls es zu -solchen kommen sollte, haben wird, und vielleicht noch bedeutenderen -Anteil, falls es zu ihnen _nicht_ kommen sollte. Und das bloß mit der -„Augenblickspolitik“! Was wird es da erst mit der ferneren Politik -geben? – Schon jetzt brauchen alle dieses Österreich so notwendig, -horchen auf seine Meinung, suchen seine Neutralität, machen ihm -Versprechungen und womöglich Geschenke, und alles das dafür, daß es bloß -stillsitzt und den Mund hält! Wie kann nun diese Macht, die sich jetzt -so hoch schätzt, nicht auch auf die Aussichten ihrer ferneren Politik -rechnen, die, davon bin ich überzeugt, noch allen unbekannt ist, trotz -der freundschaftlichen Zusammenkunft der Kanzler!? Und überzeugt bin -ich gleichfalls, daß diese Politik bis zur allerletzten, -allerverhängnisvollsten Stunde allen unbekannt bleiben wird – was -durchaus den alten Traditionen der österreichischen Politik entsprechen -würde. Und habsüchtig, heißhungrig sitzt es jetzt da und lauert auf -Frankreich und erwartet dessen Schicksal, erwartet neue interessante -Fakta und tut’s – vor allem, vor allem nicht zu vergessen – in der -selbstzufriedensten Gemütsverfassung. Doch nicht lange wird es so -bleiben können: vielleicht wird es sich schon sehr bald zu einer viel -weiter reichenden Politik entschließen müssen – und das dann endgültig: -eine Aufregung, die in seiner Lage sogar angenehm sein mag, doch die -nichtsdestoweniger stark sein wird. Österreich begreift doch, und -vielleicht sogar sehr feinfühlig, daß mit jeder so leicht und so bald -möglichen Veränderung in Frankreich, daß mit jeder neuen Regierung -daselbst – nur nicht wieder der republikanischen – die Gefahr eines -Zusammenstoßes Frankreichs mit Deutschland _entschieden unvermeidlich_ -ist: und das sogar in dem Falle, wenn die neuen Regenten Frankreichs für -ihre Person den Krieg überhaupt nicht wollten und sich womöglich aus -allen Kräften bemühen würden, den alten Zustand zu erhalten. Oh, -Österreich ist vielleicht fähig, besser als alle anderen zu verstehen, -daß es im Leben der Nationen solche Momente gibt, in denen schon nicht -mehr Wille und Berechnung sie zu gewissen Taten treiben, sondern das -Schicksal selber. - -Ich werde mir jetzt erlauben, aus der Phantasie heraus ein Bild von dem -zu entwerfen, was – nach meiner Annahme – Österreich in der -gegenwärtigen unbestimmten Stunde über diese seine _fernere_ Politik, -für die es sich natürlich noch nicht entschieden hat, eigentlich denkt. -Einstweilen hört es jemanden schon an die Tür klopfen, es sieht, jemand -will unbedingt eintreten, sogar die Klinke ist schon einmal -niedergedrückt worden, doch die Tür hat sich noch nicht geöffnet ... und -wer eintreten wird – das weiß niemand. In Frankreich liegt das Rätsel, -dort muß es auch zuerst gelöst werden ... Vorläufig sitzt Österreich und -_denkt_. Ja, wie soll es da auch nicht nachdenklich werden! Wenn nun -Deutschland und Frankreich zum Entscheidungskampf die Schwerter ziehen -und sich aufeinander stürzen – für wen soll dann Österreich einstehen, -auf wessen Seite Österreich sich halten? Das ist die fernere Frage und -vielleicht – wird es sie schon sehr bald beantworten müssen! - -Wie soll es da nicht seinen Wert, seine Bedeutung zu schätzen wissen: zu -wem es sich hält, der wird siegen! Was die Kanzler der beiden deutschen -Reiche unter sich gesprochen, das kann niemand wissen, doch Andeutungen -wird es zwischen ihnen bestimmt gegeben haben. Wie hätte es auch anders -sein sollen! Vielleicht ist einiges auch deutlicher gesagt oder -_vorgeschlagen_ worden – wer kann es wissen? Kurz, Geschenke und -Belohnungen sind ihm in Mengen versprochen, und die sind so gut wie -sicher; so kann es vollkommen überzeugt sein, daß es, wenn es -Deutschland im Falle eines Krieges gegen Frankreich nicht verrät, dafür -... _viel_ bekommen wird. Und zwar für eine lumpige _Neutralität_, bloß -dafür, daß es etwa ein halbes Jahr lang stillsitzt, in Erwartung der -Belohnung für sein artiges Betragen. – Das ist doch wirklich nicht übel! -Denn zu einer aktiven Tätigkeit gegen Frankreich würde es, glaube ich, -kein einziger Kanzler bringen können: solch einen Fehler wird Österreich -nie und nimmer begehen! Nein, Österreich wird sich nicht verleiten -lassen, mitzuhelfen, wenn Deutschland Frankreich den Todesstoß gibt, o -nein! Vielleicht aber wird es umgekehrt in der letzten verhängnisvollen -Sekunde durch diplomatische Verwendung Frankreich vor allzu Bösem -beschützen und sich auf diese Weise auch von dort noch eine Belohnung -verdienen. Es kann doch nicht _ganz ohne Frankreich_ bleiben, besonders -nicht in der freundschaftlichen Umarmung solch eines Riesen, zu dem nach -einem zweiten Sieg über Frankreich das junge Deutschland heranwachsen -muß! Womöglich wird dieser Riese es dann plötzlich so umarmen und so an -sich pressen, daß er es, aus Versehen natürlich, wie eine Fliege -zerdrückt. Und zu der Zeit wird dann vielleicht noch ein anderer Gigant -erwachsen, im Osten, rechts vom lieben Österreich, und sich endlich von -seiner Lagerstätte, auf der er jahrhundertelang geschlafen hat, erheben -... - -„Gutes Betragen ist eine gute Sache,“ denkt Österreich jetzt -wahrscheinlich bei sich, „aber ...“ Es wäre nicht gut möglich, daß ihm -nicht auch noch ein anderer Gedanke käme, übrigens ein äußerst -phantastischer, – nämlich: - -„Die Umwälzung in Frankreich kann sogar schon in diesem Herbst beginnen -und vielleicht schnell, sehr schnell beendet sein. Stürzt die Republik, -oder bleibt sie bloß in einer nominellen, in irgendeiner absurden Form -bestehen, so wird man es vielleicht bis zum Winter mit Deutschland schon -zu Meinungsverschiedenheiten gebracht haben können. Jedenfalls werden -dafür die Klerikalen sorgen, um so mehr, als der Papst bis dahin -bestimmt gestorben sein wird und dann die Neuwahl sofort den gewünschten -Vorwand zu Mißverständnissen und Spannungen abgeben kann. Stirbt der -Papst jedoch nicht, so vermindern sich die Gelegenheiten, Spannungen zu -verursachen, deshalb noch nicht im geringsten. Ist also Deutschland nur -fest entschlossen, so kann im Frühling der Krieg ausbrechen. Am anderen -Ende Europas ist augenscheinlich die Winterkampagne gegen die Türkei -unvermeidlich, so daß Deutschlands Verbündeter im Frühjahr immer noch -gebunden sein wird. Ergo, entbrennt der Revanchekrieg, so findet -Frankreich sofort zwei Bundesgenossen: England und die Türkei. - -Deutschland wird folglich allein sein ... mit Italien, d. h. so gut wie -allein. Oh, natürlich, Deutschland ist mutig und mächtig. Aber auch -Frankreich hat Zeit gehabt, sich zu erholen: Frankreich hat eine Armee -von einer Million, und England ist immerhin doch auch eine gewisse -Hilfe: man wird die deutschen Häfen vor seiner Flotte beschützen müssen, -und das fordert Mannschaften, Artillerie, Gewehre, Vorräte. Das wird -Deutschland in irgend etwas doch ein wenig schwächen. Wie gesagt, -Aussichten, mit Erfolg diesen Krieg zu führen, hat Frankreich auch ohne -mich genügend, sagt sich Österreich, – wenigstens zweimal mehr als 1870, -da es jetzt sicherlich nicht seine Fehler von damals wiederholen wird. -Und dann, einerlei ob Frankreich besiegt wird, oder nicht, ich bekomme -das Meine im Osten sowieso, denn: Nichts wird im Osten vor sich gehen, -was den Interessen Österreichs zuwider ist! Das ist ja schon festgesetzt -und unterschrieben. Aber wie, wenn ich ... im letzten ... entscheidenden -Augenblick, ... nachdem ich vernünftigerweise die ganze Freiheit der -Entscheidung zurückbehalten, ... plötzlich einfach für Frankreich -eintrete und noch dazu die Klinge ziehe!?“ - -In der Tat, was dann? - -Dann befindet sich Österreich sofort zwischen drei Feinden: Italien, -Deutschland und Rußland. Rußland jedoch wird durch seinen Krieg so in -Anspruch genommen sein, daß es eine Offensive kaum würde ergreifen -können. Italien ist jedenfalls nicht allzusehr zu fürchten. Bleibt – -Deutschland. Muß Deutschland dann auch gegen Österreich ein Heer -schicken, so wird dieses doch nicht allzu groß sein, denn es braucht ja -alle seine Kräfte gegen Frankreich. In der Tat: wollte sich Österreich -zu einer Verbindung mit Frankreich entschließen, so würde Frankreich -vielleicht sogar Deutschland zuerst angreifen, selbst wenn Deutschland -den Krieg nicht einmal wollte. Frankreich, Österreich, England und die -Türkei gegen Deutschland und Italien – das ist ja eine furchtbare -Koalition! Erfolg wäre sehr, sehr leicht möglich. Nach einem Erfolg aber -kann Österreich all das wiedergewinnen, was es bei Sadowa verloren hat, -und vielleicht noch unendlich viel mehr als das. Außerdem können ihm -seine Vorteile im Osten und all das ihm schon Versprochene gleichfalls -nicht verloren gehen. Und die Hauptsache: es wird im katholischen -Deutschland zweifellos großen Einfluß gewinnen. Wird dagegen Deutschland -besiegt, oder nicht mal besiegt, sagen wir: kehrt Deutschland aus dem -Kriege nicht ganz glücklich zurück – so ist die Einheit des Deutschen -Reiches plötzlich stark erschüttert. Im katholischen Süden erhebt sich -dann der Separatismus – um den sich die Klerikalen aus allen Kräften -bemühen werden und dessen sich selbstverständlich auch Österreich -bedienen wird: erhebt sich vielleicht sogar in solch einem Maße, daß -zwei geeinte Deutsche Reiche entstehen, ein katholisches und ein -protestantisches. Und darauf könnte Österreich, nachdem es sich um so -viel Deutsche verstärkt hat, es ja auch auf seinen „Dualismus“ ankommen -lassen: Ungarn in das alte ehrerbietige Verhältnis zu sich zurückbringen -und, wenn das geschehen, versteht sich, auch über seine Slawen verfügen, -und zwar jetzt endgültig und unwandelbar. Mit einem Wort, der Vorteile -könnte es unzählige geben. Sogar in dem Fall, wenn Deutschland Sieger -bliebe, wäre Österreich nicht so schlimm daran, denn so _entscheidend_ -wie 1871 könnte Deutschland eine so mächtige Koalition schließlich doch -nicht besiegen: es würde auch als Sieger seine Wunden haben. So ließe -sich denn ohne besonders furchtbare Folgen der Friede schließen. „Also, -für wen soll ich mich entscheiden? Wie ist es besser, mit wem ist es -vorteilhafter?“ - -In Anbetracht der gegenwärtigen europäischen Verhältnisse, meine ich, -sind solche Gewissensfragen in Österreich ganz zweifellos vorhanden ... - - * * * * * - -Als ich das vorhergehende Kapitel schrieb, gab es noch nicht jene -Tatsachen und Meldungen, die jetzt so plötzlich die ganze europäische -Presse erfüllen, so daß alles, was ich damals noch mehr mutmaßlich -sagte, jetzt schon beinahe pünktlich eingetroffen ist. Mein Artikel wird -erst im nächsten Monat, am 7. Oktober, erscheinen, heute haben wir erst -den 29. September, und meine sogenannten „Prophezeiungen“, zu denen ich -mich nicht ohne Risiko hatte verleiten lassen, werden teilweise schon -als veraltete Tatsachen bekannt sein. Darum erlaube ich mir, meine Leser -an meine Ausführungen im Mai zu erinnern. Fast alles, was ich damals -über die nächste Zukunft Europas geschrieben, hat sich entweder schon -bestätigt oder beginnt gerade, sich zu bestätigen. Und doch hörte ich -damals strenge Urteile über diesen Artikel, allerdings von Privatleuten, -die ihn eine „phantastische Übertreibung“ und ein „verschrobenes -Hirngespinst“ nannten. Über die Macht und die Bedeutung der klerikalen -Verschwörung wurde einfach gelacht und eine „Verschwörung“ überhaupt -nicht anerkannt. Übrigens hatte ich vor zwei Wochen Gelegenheit, die -Meinung einer „kompetenten“ Persönlichkeit zu hören, die dahin lautete, -daß der Tod und die Neuwahl des Papstes an sich vollkommen bedeutungslos -seien und in Europa unbemerkt vorübergehen würden. Jedoch ist schon -jetzt bekannt, welch eine Bedeutung Fürst Bismarck ihnen beilegt, und -was in Berlin mit Crispi gesprochen worden ist. Ich habe in meinem -Maiartikel gesagt, Fürst Bismarck hätte sofort nach dem -Deutsch-Französischen Kriege begriffen, daß der furchtbarste Feind des -neugeeinten Deutschlands kein anderer ist als der römische -Katholizismus, der zu allererst den Vorwand abgeben werde zum großen -„Vergeltungskrieg“ und gesamteuropäischen Weltkrieg. Dieses fand man -unsinnig, ungereimt, usw., usw. Und das alles, weil ich es zu einer Zeit -geschrieben, da noch niemand, weder bei uns noch in der europäischen -Presse, sich wegen dieser Frage zu beunruhigen gedachte, – trotz des -Orientkrieges, der schon ausgebrochen war und alle Welt besorgt machte. -Alle glaubten damals, er würde auch dort fern im Orient enden, und auch -jetzt noch glaubt vielleicht niemand ernstlich an die Gewißheit eines -europäischen Krieges in nächster Zukunft. Im Gegenteil, man lenkte noch -kürzlich ernstlich die Aufmerksamkeit auf die Meinung jener Engländer, -die es ja wissen mußten, daß Rußland und die Türkei sehr wohl noch vor -dem Winter Frieden schließen könnten. So ist es denn vielleicht -überflüssig, daß ich mein Kapitel für überlebt halte: obgleich die -ersten Fakta sich schon gemeldet haben, obgleich über ganz Europa etwas -Unheilvolles heraufzieht, und der Ausbruch vielleicht eines Weltkrieges -nicht mehr fern ist, bin ich doch überzeugt, daß viele auch jetzt noch -meine Erklärungen dieser Fakta abermals für erdichtet, lächerlich, -phantastisch und übertrieben halten werden, denn alle halten sie ja das -Vorsichgehende für unvergleichlich bedeutungsloser, als es in -Wirklichkeit ist. Da nähern sich zum Beispiel die Wahlen in Frankreich, -und vielleicht schickt das Land wieder die frühere republikanische -Mehrheit in die Kammer, was sehr leicht geschehen kann, und dann – davon -bin ich so gut wie überzeugt – wird man sofort versichern, daß alles -glücklich beendet sei, daß der Himmel sich aufgeklärt und Mac-Mahon sich -gefügt habe, daß die _machtlosen_ Klerikalen schmählich abgezogen seien, -und in Europa wieder Friede und „Gesetzlichkeit“ oder „Rechtmäßigkeit“ -herrsche. Alle meine „Erfindungen“ werden sich dann wieder als „Produkte -müßiger Einbildungskraft“ erwiesen haben. Wieder wird man sagen, daß ich -Dingen, die womöglich schon geschehen sind, eine ungenaue Bedeutung -zugeschrieben, und vor allem eine, die ihnen sonst nirgendwo -zugeschrieben wird. Doch warten wir lieber die Ereignisse ab, bevor wir -urteilen, welche Deutung die richtige ist. Zur Übersicht aber werde ich -versuchen, zum Schluß noch einmal die Richtung und besondere Art dieses -vor allen sich öffnenden Weges zu zeigen – den zu betreten allen, ob sie -wollen oder nicht, bestimmt zu sein scheint. Ich tue es zur besseren -Übersicht, damit man später vergleichen und prüfen kann. Es ist zudem -nur eine einfache Zusammenfassung dieses selben Kapitels. - -1. Der Weg beginnt in Rom und führt aus dem Vatikan, wo der sterbende -Greis, das Haupt der ihn umringenden Jesuiten, diesen Weg schon längst -bezeichnet hat. Als die Orientfrage aufgeworfen wurde, begriffen die -Jesuiten gar bald, daß die günstigste Zeit angebrochen sei. Auf dem -vorgezeichneten Wege machten sie sich in Frankreich an ihr Werk und -brachten es in solch eine Lage, daß sein baldiger Krieg mit Deutschland -nun so gut wie sicher ist, selbst dann, wenn es ihn überhaupt nicht -will. All das ist vom Fürsten Bismarck schon lange, lange vorhergesehen -worden. Wenigstens scheint nur er allein, und vielleicht schon vor -mehreren Jahren, seinen größten Feind entdeckt und durchschaut zu haben -und damit auch die große Bedeutung jenes letzten Kampfes ums Dasein, den -der _päpstliche Katholizismus_, vor seinem Untergange, in allernächster -Zukunft mit der Welt aufnehmen wird. - -2. Dieser vom Schicksal bestimmte Kampf spitzt sich im gegenwärtigen -Augenblick schon zu, und die Notwendigkeit, die letzte Schlacht zu -schlagen, naht mit furchtbarer Schnelligkeit. Frankreich ward ausersehen -und bestimmt für den ungeheuren Kampf – und der Kampf wird stattfinden. -Der Kampf ist unvermeidlich, darüber besteht kein Zweifel. Allerdings -gibt es noch eine kleine, kleinste Möglichkeit, daß er aufgeschoben wird -– doch das dann gewiß nur auf die allerskürzeste Zeit. In jedem Fall ist -er _unvermeidlich_ und _nahe_. - -3. Sowie der Kampf beginnt, wird er sich sofort in einen alleuropäischen -verwandeln. Die Orientfrage und der Orientkampf werden durch die Macht -des Schicksals mit dem alleuropäischen Kampf zusammenfließen. Eine der -wichtigsten Episoden dieses Kampfes wird die definitive Entscheidung -Österreichs sein: zu welcher Partei soll es sich halten? Doch der -allerwesentlichste Teil dieses letzten Kampfes wird einerseits darin -bestehen, daß durch ihn die tausendjährige römisch-katholische Frage -gelöst wird, und daß das östliche Christentum durch den Willen der -Vorsehung seinen Platz einnehmen kann. Auf diese Weise erweitert sich -unsere russische Orientfrage zu einer universalen Frage mit -ungewöhnlicher vorbestimmter Bedeutung, wenn sich diese Bestimmung auch -vor blinden Augen vollzogen hat, die sie nicht anerkennen, und die fähig -sind, bis zur letzten Stunde das Sichtbare nicht zu sehen, und den Sinn -des Vorherbestimmten nicht zu begreifen. Endlich – - -4. – Möge man das für die phantastischste meiner Annahmen halten, ich -bin im voraus damit einverstanden –: Ich bin überzeugt, daß der Kampf -zugunsten des Ostens enden wird, zugunsten des östlichen Bundes, daß -Rußland nichts zu fürchten hat, wenn der orientalische Krieg mit dem -alleuropäischen zusammenfließt, und daß es sogar besser ist, wenn die -Sache derart entschieden wird. Es ist furchtbar, daß so viel wertvolles -Menschenblut fließen muß! Doch kann die Überzeugung, daß dieses -vergossene Blut Europa vor zehnfach größerem Blutvergießen bewahrt, wenn -sich die Sache hinausschieben und nochmals hinziehen würde, immerhin zum -Trost gereichen, um so mehr, als dieser große Kampf zweifellos schnell -enden wird. Dafür aber wird auf einmal so vieles endgültig entschieden – -die römisch-katholische Frage samt dem Schicksal Frankreichs, die -deutschen, die orientalischen und die mohammedanischen Fragen – so viel -Angelegenheiten werden in Ordnung gebracht, Probleme, die im alten Gang -der Dinge ganz unlösbar waren. Und dermaßen wird sich Europas Angesicht -verändern, so viel neues Zukünftiges wird in den Beziehungen der -Menschen einsetzen, daß es vielleicht unnütz ist, zu trauern und vor -diesem letzten Kampf des alten Europas am Vorabend seiner sicheren und -großen Erneuerung zurückzuschrecken. - -Zum Schluß füge ich noch eine Erwägung hinzu: wenn man es als Regel -annimmt, daß man über alle Weltereignisse (sogar über die, welche schon -auf den oberflächlichsten Blick von allergrößter Wichtigkeit zu sein -scheinen) unbedingt nach dem Prinzip: „heute so wie gestern, und morgen -so wie heute,“ urteilen muß, so wird es dann wohl augenscheinlich -werden, daß diese Regel entschieden der Geschichte der Nationen und der -Menschheit widerspricht. Währenddessen wird gerade dieses Prinzip von -der sogenannten realen, nüchternen „gesunden Vernunft“ vorgeschrieben, -so daß fast ein jeder, der sich erdreistet, anzunehmen, eine Sache -könnte am nächsten Tage vor aller Augen vielleicht anders erscheinen, -als am Tage vorher, verlacht und ausgepfiffen wird. Sogar jetzt, da doch -schon die Tatsachen sprechen, glauben noch sehr viele, daß die klerikale -Bewegung die kleinlichste Sache sei, daß Gambetta eine Rede halten, und -alles wieder so wie gestern seinen alten Gang nehmen werde, daß unser -Krieg mit der Türkei sehr, sehr leicht vor dem Winter beendet sein -könne, und dann wieder das Börsenspiel beginnen, der Rubel erheblich -steigen wird, wir wieder ins Ausland reisen werden usw. Die -Undenkbarkeit der Fortdauer der alten Verhältnisse war in Europa vor der -ersten Französischen Revolution für die führenden Geister eine auf der -Hand liegende Wahrheit. Währenddessen aber – wer konnte am Vorabend der -Einberufung der Etats Généraux die Form voraussehen, die die Situation -beinahe schon am zweiten Tage annahm? Und als die Situation sich -verändert hatte, wer hätte dann das Erscheinen Napoleons I. prophezeien -können, der doch im Grunde wie ein vorherbestimmter Vollender der ersten -historischen Phase derselben Tat, die 1879 begonnen worden war, -eingriff? Ja, selbst zur Zeit Napoleons I. schien es in Europa -vielleicht jedem einzelnen, daß sein Erscheinen ein vollkommener Zufall -war, der nicht im geringsten mit diesem selben Weltgesetz verbunden sein -konnte, nach dem sich zu verändern der Alten Welt seit dem Ende des -vorigen Jahrhunderts vorherbestimmt war. - -Ja, auch jetzt klopft jemand an die Tür, irgendwer, ein neuer Mensch, -mit einem neuen Wort. Er will die Tür öffnen und eintreten ... Wer aber -ist Er – das ist die Frage: ist es ein ganz neuer Mensch, oder einer, -der wieder uns allen, uns alten Menschen, gleicht!? - - - - - Zweiter Teil. - - Russisches - - - Vom russischen Volk - - - Davon, daß wir gute Menschen sind. - - Die Ähnlichkeit der russischen Gesellschaft mit dem Marschall - Mac-Mahon[17] - -Ja, in der Tat: sind wir nicht alle gute Menschen, – nun, versteht sich, -ausgenommen die schlechten? Ich füge sogar noch hinzu: es gibt bei uns -überhaupt keine schlechten Menschen, sondern nur untaugliche. An die -wirklich Schlechten reichen wir gar nicht hinan! Denken Sie nach, lachen -Sie nicht über mich: aus Mangel an schlechten Menschen waren wir -seinerzeit sehr bereit, verschiedene wirklich schlechte Menschen -hochzuschätzen, wie es gewisse Typen unserer Literatur beweisen, die -größtenteils der ausländischen entlehnt worden sind. Oh, nicht genug -damit, daß wir sie schätzten, nein, sklavisch versuchten wir, sie im -wirklichen Leben zu kopieren. Beinahe waren wir schon nicht mehr wir -selbst, nicht mehr Russen! Erinnern Sie sich nur dieser vielen -Petschorins, die es bei uns gab, die angeregt durch die Lektüre von -Lermontoffs „Helden unserer Zeit“ in Wirklichkeit Schlechtigkeiten -vollführten. Der Ahnherr all dieser schlechten Menschlein in unserer -Literatur ist wohl der Typ Silvio, den unser herrlicher Puschkin dem -Engländer Byron entlehnt hatte. - -Wenn wir diese schlechten Menschen so achteten, so geschah es nur -deshalb, weil diese Menschen eines andauernden Hasses fähig waren, im -Gegensatz zu uns Russen, die wir nun einmal nicht richtig hassen können -und uns darum damals nicht wenig selbst verachteten. Der russische -Mensch ist in der Tat nicht imstande, ernstlich und lange zu hassen, -weder Menschen noch Laster, weder Unwissenheit noch Despotismus, noch -tiefsten Obskurantismus. Bei uns ist man sofort bereit, sich zu -versöhnen, gleich bei der ersten Gelegenheit sogar. Oder ist das nicht -wahr? In der Tat, warum sollte einer den anderen hassen? Wegen -schlechter Handlungen etwa? Nun, lassen wir dieses Thema lieber, es ist -zu zweischneidig. Und der Haß der Überzeugung? An _den_ Haß glaube ich -schon gar nicht bei uns. Früher einmal, gewiß, gab es bei uns Slawophile -und Westler, und die haßten sich sehr – aber dann, als es mit der -Aufhebung der Leibeigenschaft auch mit der Reform Peters des Großen zu -Ende ging, und ein allgemeines „_sauve qui peut_“ eintrat, da waren -Slawophile und Westler einig in demselben Gedanken, daß man jetzt alles -vom Volke selbst erwarten müsse, daß es auferstehen werde, und daß nur -das Volk allein uns in allem das letzte Wort sagen könne. Darüber hätten -sich die Slawophilen und Westler ja nun versöhnen können, aber das ging -auch wieder nicht an, denn die Slawophilen glauben an das Volk, weil sie -das Eigene und Eigenartige seiner Anlagen anerkennen. Die Westler -dagegen lassen sich nur unter der Bedingung herbei, an das Volk zu -glauben, daß man ihm alles Eigene und Eigenartige nimmt. Und siehe da, -der Kampf dauert fort. Doch an diesen Haß: Kampf gegen Kampf und Haß -gegen Haß, an den glaube ich, wie gesagt, _nicht_. Warum können sich die -Streitenden nicht auch zu gleicher Zeit liebhaben? Das geschieht bei uns -nur zu oft in den Fällen, in denen sich gute, allzu gute Menschen -streiten. Und warum sollten wir nicht gute Menschen sein? Auch streiten -wir uns doch hauptsächlich nur, weil jetzt eine Zeit angebrochen ist, -die von uns nicht mehr Theorien und Kritik, sondern Taten und praktische -Entschlüsse verlangt. Plötzlich hatte man bei uns das Bedürfnis nach -grundlegenden Worten über Pädagogik, Eisenbahnen, Semstwo, Hygiene und -hundert andere Themata. Und alles wollte man _sofort_ wissen, möglichst -schnell, um nicht die Arbeit aufzuhalten. Da wir aber alle, nach -hundertjähriger Entwöhnung von jeglicher Arbeit, sogar von der -kleinsten, uns als dazu unfähig erwiesen, so war es nur natürlich, daß -wir uns gegenseitig in die Haare gerieten – und zwar stritt im -allgemeinen derjenige am meisten, der sich zu ihr am allerunfähigsten -erwies. Was ist dabei Schlechtes, frage ich Sie? Das ist doch bloß -rührend und weiter nichts. Sehen Sie die Kinder an: die streiten sich -nur dann, wenn sie noch nicht gelernt haben, ihre Gedanken auszudrücken: -genau so machen wir es. Und es ist auch gar nichts Unerfreuliches dabei, -im Gegenteil, es zeugt ja nur von unserer Frische und Unberührtheit und -Jugend. In unserer Literatur beispielsweise beschimpft man sich aus -Mangel an Gedanken buchstäblich mit allen Schimpfwörtern auf einmal: ein -äußerst naives Verfahren, das man sonst nur bei den Urvölkern findet. -Doch auch darin liegt beinahe etwas Rührendes, diese Unerfahrenheit, -dieses kindliche Unvermögen sogar – sich tüchtig auszuschimpfen. Ich -scherze durchaus nicht, und ich spotte über niemanden. Es ist aber bei -uns allerorten ein ehrliches Wünschen und Erwarten des Guten. Das ist -gewiß wahr. Der Wunsch nach allgemeiner Arbeit und allgemeinem -Wohlergehen steht über jeglichem Egoismus. Die naivsten Wünsche werden -wach, und alles ist voller Glauben bei uns. Es gibt bei uns keinen -Kastengeist, oder höchstens nur in ganz kleinen und seltenen -Erscheinungen, die kaum bemerkt werden. Das ist sehr wichtig! Doch genug -davon. Weshalb sollte also noch von einem wirklichen Haß die Rede sein? -Die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit unserer Gesellschaft unterliegt nicht -nur keinem Zweifel, sondern fällt geradezu auf. Beobachten Sie doch nur, -und Sie werden bemerken, daß der Glaube an die Idee, an das Ideal allem -persönlichen, materiellen Wohlergehen vorangeht. Oh, natürlich, den -schlechten Menschen gelingt es auch bei uns, ihre Geschäftchen -abzuwickeln, Geschäftchen gerade im eigennützigsten Sinne, und in -unserer Zeit, scheint es, mehr denn je. Doch dafür beherrschen diese -nichtsnutzigen Menschen niemals die Meinung, gehen nie der Gesellschaft -irgendwie voran, sondern sind selbst dann, wenn sie auf der sogenannten -Höhe des Lebens stehen, überhäuft mit allen Ehren – selbst dann sind sie -noch genötigt, sich dem Tone der Idealisten, der Jungen und Abstrakten, -diesen in ihren Augen nur lächerlichen Menschen, irgendwie anzupassen. -In diesem Sinne gleicht unsere Gesellschaft durchaus unserem einfachen -Volke, darin liegt der Hauptpunkt seiner Einheit mit dem Volke, das auch -seinen Glauben und seine Ideale höher schätzt als alles Materielle und -Vergängliche. Der Idealismus ist ihm lieb, hier wie dort: ist der -Idealismus _verloren_, so kann man ihn mit keinem Gelde zurückkaufen. -Wenn unser Volk auch von seinen Lastern geknechtet wird, jetzt -vielleicht mehr denn je, und wenn es auch noch in einer richtigen -Anarchie lebt, so hat doch selbst der letzte Schurke bei uns noch -niemals gesagt: „So wie ich es mache, ist es richtig.“ Im Gegenteil, -immer weiß er und seufzt selbst darüber, daß er schlecht ist, und daß es -ein Gutes in der Welt gibt, das besser ist als er und alles, was er tut. -Der Glaube an die Ideale ist in unserem Volke unerschütterlich. -Verbessert seine Lage, verringert die Lasterhaftigkeit, und das -Volk wird sich aufrichten! Die Ideale aber stehen dann noch -unerschütterlicher und heiliger da als je vorher. Unsere Jugend sucht -große Taten und bringt ihren Ideen alles zum Opfer. Unser -zeitgenössischer russischer Jüngling, von dem so viel in verschiedenem -Sinne gesprochen wird, vergöttert oft das allersimpelste Paradox und -weiht ihm sein Leben und sein Schicksal, nur, weil er das Paradox für -eine Wahrheit hält. Es fehlt ihm nur noch an Aufklärung, aber das Licht -wird sich schon verbreiten, und andere Anschauungen werden dann ganz von -selbst auftauchen, und die Paradoxe werden verschwinden. Die Reinheit -seines Herzens jedoch bleibt und damit auch der Durst in ihm nach Taten -und Opfer: das aber ist das Gute. Nichtsdestoweniger gibt es eine Frage, -die bei uns bis jetzt noch nicht beantwortet ist. Alle nämlich, die wir -das Wohl aller und die Besserung der allgemeinen Lage in unserem Lande -und unserem Volke wünschen – worin sehen wir nun die Mittel zu diesem -Wohl und zu dieser Besserung? Man muß leider gestehen, daß bei uns in -dieser Hinsicht noch wenig geschehen ist, und daß unsere Gesellschaft in -diesem Sinne – dem Marschall Mac-Mahon sehr ähnlich sieht. Auf einer -seiner Reisen durch Frankreich erklärte der ehrenwerte Marschall -unlängst in einer feierlichen Rede, als Antwort auf eine Ansprache -irgendeines Maires – die Franzosen sind ja solche Liebhaber von -feierlichen Reden und Ansprachen –, daß nach seiner Meinung die ganze -Politik in dem einen Worte enthalten sei: „Die Liebe zum Vaterlande“. -Ein sehr sinniger Ausspruch, meine ich, in einem Augenblicke, da ganz -Frankreich gespannt darauf wartet, was er sagen wird. Eine wichtige -Behauptung, unbestreitbar lobenswert, aber – sonderbar unbestimmt. Der -Maire hätte seiner Exzellenz antworten können, daß man mit derselben -Liebe auch das Vaterland zugrunde richten könnte. Aber der Maire -erwiderte nichts, vielleicht aus Angst, die Antwort zu erhalten: „_J’y -suis et j’y reste_“, eine Phrase, über die der ehrenwerte Marschall nun -einmal nicht hinauskommt. Nun, und gerade so steht es mit unserer -Gesellschaft: wir alle verstehen uns in der Liebe zum Vaterlande oder -zur „allgemeinen Sache“ – Worte tun’s nicht! Worin bestehen aber die -Mittel, und nicht nur die Mittel, sondern worin besteht die allgemeine -Sache selbst? Darüber herrscht bei uns, meines Erachtens, gerade solch -eine Unklarheit, wie bei dem Marschall Mac-Mahon. - - - Von der Liebe zum Volke. - - Der unumgänglich notwendige Vertrag der Gesellschaft mit dem - Volke - -Vor kurzem schrieb ich, daß unser Volk noch roh und unwissend sei und -dem Laster ergeben: „ein Barbar, der das Licht erwartet,“ wie ich mich -ausdrückte! Bald darauf habe ich in der „Hilfe“ einen Artikel Konstantin -Akssakoffs, unseres unvergeßlichen und allen Russen teuren Verstorbenen, -gelesen, nach welchem unser russisches Volk schon lange aufgeklärt und -gebildet sein soll. Ist nun dieser augenscheinliche Gegensatz meiner -Meinung und derjenigen Konstantin Akssakoffs ein Widerspruch? Nicht im -geringsten: ich teile seine Ansicht vollständig und fühle ihre Wahrheit -schon lange. Trotzdem aber bleibt doch der Widerspruch? Gewiß – darin -besteht gerade mein Geheimnis: während nach der Meinung anderer diese -beiden Behauptungen unvereinbar scheinen, behaupte ich das Gegenteil. In -dem russischen Menschen, in dem Volke muß man eben die Schönheit dieser -Barbarei zu sehen verstehen. Der ganzen russischen Geschichte nach war -unser Volk so dem Laster ergeben und dermaßen verdorben, verirrt und -ständig gequält und gepeinigt, daß es wunderbar ist, wie es überhaupt -noch sein menschliches Aussehen hat bewahren können, und nicht nur das -allein, sondern auch noch seine volkliche Schönheit. Die aber hat es -sich wirklich bewahrt! Wer ein aufrichtiger Freund des Volkes ist, wem -das Herz nur einmal für die Leiden des Volkes geschlagen hat, der -versteht es und wird auch den Schmutz entschuldigen, in den unser Volk -gesunken ist, und die Perlen trotzdem zu finden wissen. Ich wiederhole -es: Richtet nicht das russische Volk nach seinen Fehlern und Lastern, -sondern beurteilt es nach seinen großen und heiligen Idealen, nach denen -es in seinem Schmutze lechzt. Und es gibt in unserem Volke nicht nur -Schurken und Verbrecher, sondern auch Heilige, die uns voranleuchten und -unser Dunkel erhellen! Und ich glaube tief und fest, daß es bei uns -keinen Schurken gibt, der nicht wüßte, daß er schlecht und gemein ist. -Bei den anderen Völkern ist es anders: wenn dort jemand eine Gemeinheit -vollführt, so stellt er sie zum Prinzip auf, bejaht sie, behauptet, daß -in ihr die Ordnung und das Licht der Zivilisation läge – und der -Unglückliche kommt schließlich so weit, daß er daran blind und sogar -ehrlich glaubt. Nein, beurteilen Sie unser Volk nicht danach, wie es -ist, sondern danach, wie es sein möchte. Seine Ideale sind stark und -heilig, und sie retteten das Volk in all diesen Jahrhunderten vor dem -Elend und dem völligen Untergang. Sie wuchsen mit seiner Seele zusammen -und gaben ihr bis in alle Ewigkeit Einfachheit, Gutmütigkeit und -Aufrichtigkeit und einen weiten, offenen Verstand – und alles das in -einer anziehenden, zusammenklingenden, einer schönen Vereinigung. Und -wenn trotzdem so viel Schmutz in dem russischen Menschen ist, so leidet -er darunter selbst am meisten: er glaubt und hofft, daß das nur zeitlich -und eine teuflische Versuchung sei, daß die Dunkelheit, die ihn umgibt, -einmal aufhören und das ewige Licht dann auch auf ihn herniederscheinen -werde. Ich will noch nicht einmal von seinen historischen Idealgestalten -reden, von Feodossij Petscherski[18] oder Tichon Sadonski.[19] Übrigens: -wie viele von uns kennen denn überhaupt einen Tichon Sadonski? Warum -liest man nie etwas von ihm? Glauben Sie mir, Sie würden zu Ihrem -Erstaunen wunderbare Sachen erfahren. Und abgesehen von diesen -Volksheiligen: wie steht es mit unserer Literatur? Alles, was in ihr -wahrhaft schön ist, das ist aus dem Volke genommen. Der Typ Belkin von -Puschkin zum Beispiel! Bei uns ist alles von Puschkin. Seine Umkehr zum -Volke, schon in der frühesten Zeit seiner Tätigkeit, ist so beispiellos -und Erstaunen erregend und bedeutete einen für die damalige Zeit so -unerwarteten und neuen Schritt, daß sie sich, wenn nicht durch ein -Wunder, dann eben nur durch seine geniale Größe erklären läßt, die wir -nur, füge ich hinzu, bis jetzt noch nicht die Kraft hatten, richtig zu -werten. Erinnern Sie sich der „Oblomoffs“ von Gontscharoff, der „Väter -und Söhne“ von Turgenjeff. In denen ist freilich nicht vom Volke die -Rede, aber alles, was in den Typen Turgenjeffs und Gontscharoffs Ewiges -und Schönes ist, das liegt dort, wo sie sich mit dem Volke kreuzen. Nur -die Berührung mit dem Volke gibt ihnen diese ungewöhnliche Kraft. Diese -Typen haben seine Gutmütigkeit, Reinheit und Bescheidenheit, die Weite -seines Verstandes und seiner Güte, im Gegensatz zu allem Unnatürlichen -und Falschem angenommen. Wundern Sie sich bitte nicht, daß ich plötzlich -von unserer Literatur spreche; aber ihr gebührt das Verdienst, daß sie -in ihren besten Vertretern und früher als unsere ganze Intelligenz, -bemerken Sie das wohl, sich vor der Wahrheit des Volkes gebeugt und die -Ideale des Volkes als die wahrhaft schönen anerkannt hat. Es ist wahr, -daß unsere Dichter zum Teil dazu genötigt waren und es wohl mehr aus -künstlerischem Instinkt, als aus gutem vaterländischem Willen taten. -Doch genug von der Literatur – sprach ich von ihr doch nur im großen -Zusammenhange mit dem Volke und mit der allgemeinen Frage der russischen -Volklichkeit! - -Diese Frage und das richtige Verständnis derselben ist für uns jetzt das -Wichtigste: von ihr hängt unsere ganze, auch die praktische Zukunft ab. -Aber das Volk ist für uns alle noch immer Theorie und ein Rätsel. Wir -alle, wir Freunde des Volkes, sehen auf das Volk wie auf eine Theorie, -und niemand liebt daher dasselbe so, wie es in der Tat ist, sondern so, -wie er es sich vorstellt. Wenn das russische Volk in der Folge sich -nicht als dasjenige erweisen sollte, als das ein jeder von uns es sich -vorstellt, so würden wir, ungeachtet unserer vermeintlichen Liebe zu -ihm, uns sofort und ohne jegliches Bedauern von ihm abwenden. Ich -behaupte das von allen, die Slawophilen nicht ausgenommen: ja, die -würden es vielleicht sogar noch früher tun als alle anderen. Was mich -anbelangt, so verhehle ich nicht meine Überzeugung, und um -Mißverständnissen vorzubeugen, weise ich geradezu auf sie hin. Ich -glaube nämlich, daß wir Intellektuellen kaum so gut und vortrefflich -sind, um uns als Ideal vor das Volk hinstellen und von ihm ohne weiteres -verlangen zu können, daß es gerade so werde, wie wir sind. Wundern Sie -sich nicht über die Frage (man ist ihr noch nie bei uns begegnet): „Wer -ist besser – wir oder das Volk? Sollen wir uns nach dem Volke richten -oder das Volk sich nach uns?“ Das ist die Frage, die uns jetzt alle -beschäftigt, wenigstens diejenigen unter uns, die nicht aller Gedanken -bar sind und die Sache des russischen Volkes in ihrem Herzen tragen. -Denen kann ich auch aufrichtig antworten: daß wir uns vor dem Volke -beugen müssen und von ihm alles zu erwarten haben, unsere Gedanken und -Vorstellungen, daß wir uns vor der Wahrheit des Volkes beugen und sie -als _unsere_ Wahrheit anerkennen müssen, selbst in dem Falle, wenn sie -zum Teil aus dem Leben der Volksheiligen käme. Mit einem Wort, wir sind -die verirrten Kinder, die zweihundert Jahre nicht zu Hause waren, aber -doch als Russen zurückkehrten, – was unser einziges Verdienst ist. Aber -wir können uns nur unter einer Bedingung vor dem Volke beugen und das -_sine qua non_: daß das Volk auch das von _uns_ annimmt, was wir ihm -Gutes mitgebracht haben. Ganz vernichten und aufgeben können wir uns -doch nicht, selbst vor einerlei welcher Wahrheit des Volkes nicht; sonst -behalten wir lieber das Unserige für uns, und müßten wir auch im -äußersten Falle auf das Glück einer Vereinigung mit dem Volke -verzichten. Dann mögen wir eben beide untergehen. Aber zu diesem -Äußersten wird es nie kommen. Ich bin überzeugt, daß auch das Unserige, -das wir mitbringen, in der Tat etwas ist: nicht ein Hirngespinst etwa, -sondern daß es Bild, Form und Gewicht hat. Nichtsdestoweniger bleibt vor -uns das Rätsel bestehen, das uns auf seine Lösung warten läßt – und es -ist angstvoll, zu warten. Zweifel an der Zivilisation tauchen auf. Man -behauptet, daß die Zivilisation das Volk verderbe. Der Gang der Dinge -wäre danach der, daß neben der Erlösung und dem Lichte auch viel -Falsches und Unwahres und eine große Unruhe heraufzöge. Nur den -zukünftigen Geschlechtern würde ihr guter Samen aufgehen, aber uns und -unseren Kindern drohe Verderben. Ist das auch Eure Meinung, die Ihr -dieses lest? Ist es unserem Volke bestimmt, noch eine neue Phase von -Lüge und Verderbnis durchzumachen, wie wir sie mit dem europäischen -Pfropfreis von Zivilisation schon durchgemacht haben? Ich glaube, -niemand wird es bestreiten, daß bei uns die Zivilisation zunächst mit -der Sittenverderbnis anfing. Doch ich glaube auch, daß unser Volk von -einer so ungeheuren Größe und Tiefe ist, daß alle neuen trüben und -unreinen Ströme, die es aufnimmt, in ihm verschwinden werden, und es nur -reine und klare wiederausströmen wird. Lassen Sie uns zusammenwirken, -reichen Sie mir dazu die Hand, auf daß ein jeder mit seiner kleinen -Arbeit das Seine beisteuere, auf daß die Dinge sich gerade und immer -fehlerloser entwickeln! Wir selbst verstehen davon wenig: wir „lieben -nur unser Vaterland“. In den Mitteln, ihm zu helfen, stimmen wir nicht -überein und werden nicht aufhören, uns darüber zu streiten: aber nun ist -doch wenigstens schon einmal ausgemacht, daß wir gute Menschen sind, und -schließlich muß doch alles zu einer Ordnung kommen. Daran glaube ich, -und ich wiederhole es, daß es nur die zweihundertjährige Entwöhnung von -jeglicher Arbeit ist und weiter nichts. So, wie es jetzt ist, schließen -wir unsere „Kulturperiode“ damit ab, daß wir allgemein aufhören, uns -gegenseitig zu verstehen. Ich spreche nur von den aufrichtigen und -ernsten Menschen – nur sie allein wollen sich nicht mehr verstehen. -Spekulanten sind eine andere Sache: die haben sich bei uns immer und zu -jeder Zeit verstanden. - - - Der Bauer Marei - -Ich will, zur Abwechselung, einmal eine kleine Geschichte erzählen. Das -heißt: eigentlich kann man das nicht recht eine Geschichte nennen; es -ist nur eine alte Erinnerung. Ich war damals neun Jahre alt ... Doch -nein: ich werde lieber mit meinem neunundzwanzigsten Jahre beginnen. - -Es war am zweiten Osterfeiertag. Die Luft war warm, der Himmel hoch und -blau und die Sonne so hell und schön. In meiner Seele aber war es dunkel -und häßlich. Ich schlenderte hinter den Kasernen umher, betrachtete den -Palisadenzaun, der unser Gefängnis umgab, und zählte die einzelnen -Pfähle. Doch selbst das ewige Zählen wurde langweilig, wenn ich’s auch -nur ganz mechanisch, aus Gewohnheit, tat. Es war schon der zweite Tag, -daß im Gefängnis „gefeiert“ wurde: die Gefangenen brauchten nicht zu -arbeiten, und so waren denn fast alle betrunken. In jedem Augenblick -entstand ein neuer Streit, der mit Schimpfwörtern begann und mit -Schlägen endete. Gemeine Lieder, Spielhöllen unter den Pritschen, -mehrere für besonderen Unfug von den Kameraden halbtotgeprügelte -Sträflinge, die man mit Pelzen bedeckt hatte und ruhig liegen ließ, bis -sie wieder zu sich kommen und aufwachen würden; oft schon waren die -Messer gezogen worden: all das hatte mich in den zwei Feiertagen bis zum -Wahnsinn gequält. - -Niemals habe ich betrunkenes Volk ohne Ekel sehen können; hier aber, an -diesem Ort, war es mir ganz besonders widerlich. An solchen Feiertagen -kamen nicht einmal die Beamten ins Gefängnis, um zu inspizieren oder -nach dem verbotenen Branntwein zu suchen. Sie sahen wohl ein, daß man -auch diesen Verstoßenen doch wenigstens einmal im Jahr etwas Freiheit -lassen mußte, um Schlimmerem vorzubeugen. - -Plötzlich ertrug ich die Qual nicht mehr. Heiße Wut packte mich. Da kam -mir der Pole M...tzki, auch ein „politischer“ Zwangssarbeiter, entgegen; -er blieb vor mir stehen und sah mich zornig, mit zuckenden Lippen, an. -„_Je hais ces brigands!_“ stieß er halblaut durch die Zähne hervor und -ging an mir vorüber. Ich kehrte in die Kaserne zurück, obgleich ich erst -vor einer Viertelstunde halb wahnsinnig aus ihr hinausgelaufen war; denn -sechs Kerle, wahre Athleten, hatten sich zugleich auf den betrunkenen -Tataren Gasin gestürzt, um ihn mit den Fäusten zu „beruhigen“. Sie -schlugen ihn unsinnig (ein Kamel hätte solche Schläge nicht überlebt), -wußten aber, daß dieser tatarische Herkules viel aushalten konnte. Als -ich nun zurückkam, sah ich in einer Ecke den schändlich zugerichteten -Gasin, der ohne jedes Lebenszeichen auf seiner Pritsche lag. Man hatte -ihn mit einem Pelz zugedeckt. Die anderen umstanden ihn schweigend. Wenn -sie auch überzeugt waren, daß er am nächsten Tage wiedererwachen werde, -so kratzte sich doch einer von ihnen den Kopf und meinte etwas besorgt: -„Aber ... Weiß Gott doch ... Ist die Stunde vertrackt, so stirbt ’n -Mensch wie nichts von solchen Schlägen.“ Ich ging zu meiner Pritsche am -vergitterten Fenster, legte mich auf den Rücken, schob die Hände unter -den Kopf und schloß die Augen. So lag ich immer gern: die Schlafenden -werden gewöhnlich in Ruhe gelassen, und so kann man denken und träumen. -Diesmal wollte es jedoch mit dem Träumen nicht gehen: mein Herz schlug -unruhig, und in den Ohren klang mir noch das Wort: „_Je hais ces -brigands!_“ Jetzt noch träume ich in mancher Nacht von jener Zeit; ich -kenne keinen qualvolleren Traum. - -Allmählich vergaß ich die Gegenwart und verlor mich unmerklich in -Erinnerungen. In den langen Jahren, die ich dort verbrachte, erinnerte -ich mich meines ganzen früheren Lebens: ich glaube, ich habe es so von -Anfang an nochmals durchlebt. Diese Erinnerungen kamen, ohne daß ich -selbst wußte, wie; nur selten habe ich sie gerufen. Gewöhnlich fingen -sie mit irgendeinem Punkt, einem kleinen Zug an, dem sich dann immer -mehr Züge anfügten, bis das Vergangene zum großen Bilde wurde. Ich -analysierte dann die alten Eindrücke, fügte dem längst Erlebten neue -Seiten hinzu und (die Hauptsache) verbesserte, verbesserte -ununterbrochen: darin bestand ja mein einziger Zeitvertreib, meine -Unterhaltung und Zerstreuung. An jenem zweiten Osterfeiertag nun stand -mir plötzlich, ich weiß nicht warum, eine Stunde aus meiner Kindheit vor -der Seele, eine Begegnung des Neunjährigen, die ich schon längst -vergessen hatte; und ich liebte damals Erinnerungen aus meinen -Kinderjahren ganz besonders. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -Mir fiel der Augustmonat auf unserem Landgut ein. Ein trockenen klarer -Tag; ein wenig kühl und windig; der Sommer neigt sich dem Ende zu, und -bald muß man wieder nach Moskau fahren, wieder den ganzen Winter über in -französischen Stunden sich langweilen; und ich verlasse das Landgut so -ungern! Ich ging hinter die Tenne und weiter in die Schlucht, von der -sich auf der anderen Seite ein dichtes Gestrüpp bis zum Wald hinzog. -Weiter und immer weiter drang ich in das Buschwerk ein und höre noch, -wie, vielleicht dreißig Schritt vor mir, auf dem Neubruch einsam ein -Bauer pflügt. Ich weiß: er muß steil den Abhang heraufpflügen, das Pferd -hat es schwer, und manchmal tönt bis zu mir sein ermunternder Zuruf: -„Nu, nu!“ Ich kenne alle unsere Bauern, weiß aber nicht, welcher von -ihnen da gerade pflügt; ist mir auch einerlei. Ich bin ganz und gar in -meine eigene Arbeit vertieft; denn auch ich bin beschäftigt: von einem -Nußbaum breche ich mir eine gute Gerte, um mit ihr Frösche zu schlagen. -Die Gerten von Nußbäumen sind so hübsch, viel besser als Birkenruten. -Auch Käfer und andere Tierchen nehmen mich in Anspruch; ich habe sogar -eine große Käfersammlung. Viele sind so putzig! Auch liebe ich die -kleinen rotgelben Eidechsen mit den schwarzen Tüpfelchen; doch vor -Schlangen habe ich Angst. Aber Schlangen trifft man viel seltener als -Eidechsen. Pilze gibt’s hier wenig. Pilze muß man im Birkenwald suchen. -Und ich mache mich auf, weiter durch das Gestrüpp in den Wald zu gehen. -In meinem ganzen Leben habe ich nichts so geliebt, wie den Wald mit -seinen Pilzen und Beeren, mit seinen Käfern und Vögeln, Igeln und -Eichkätzchen, mit dem mich immer wieder entzückenden feuchten Duft -faulender Blätter. Und noch jetzt, während ich dieses schreibe, rieche -ich geradezu, atme ich den Duft unseres Birkenwaldes; solche Eindrücke -haften fürs ganze Leben. - -Da, plötzlich, inmitten der tiefen Stille, hörte ich laut und deutlich -den Ruf: „Ein Wolf kommt!“ Ich schrie auf vor Schreck und lief schreiend -auf die Wiese zu dem pflügenden Bauer. - -Es war unser Bauer Marei. Ich weiß nicht, ob es den Namen gibt; aber bei -uns nannten ihn alle Marei. Er war ein etwa fünfzigjähriger, stämmiger, -ziemlich großer Mann, mit langem, schon stark ergrautem dunkelblondem -Bart. Ich kannte ihn, hatte aber noch nie mit ihm gesprochen. Als er -jetzt meinen Schrei hörte, hielt er das Pferd an und blieb stehen. Ich -raste den Abhang hinab auf ihn zu und ergriff, um im vollen Lauf nicht -zu fallen, hastig mit einer Hand die Pflugstange und mit der anderen -seinen Ärmel: er beugte sich zu mir nieder; und da erst gewahrte er -meinen Schreck. - -„Ein Wolf kommt!“ keuchte ich atemlos. - -Er hob schnell den Kopf und blickte sich unwillig um; einen Augenblick -glaubte er mir. - -„Es schrie ... Jemand schrie: Ein Wolf kommt! ...“ stammelte ich -zitternd. - -„Geh doch! Wo denn? Was für ’n Wolf soll denn – ... Ist dir ja nur so -vorgekommen! Was kann denn hier für ’n Wolf sein!“ sprach er halblaut in -den Bart, wie um mich zu beruhigen. - -Ich aber zitterte noch immer am ganzen Leibe, klammerte mich noch fester -an seinen Bauernkittel und war, glaube ich, sehr bleich. Er betrachtete -mich mit besorgtem Lächeln; offenbar regte er sich meinetwegen auf. - -„Sieh mal an! Du hast dich aber verschreckt! Ei – ei!“ sagte er und -schüttelte den Kopf. „Genug schon, Kleinerchen, nun, laß gut sein!“ Er -streckte die Hand aus und streichelte plötzlich meine Wange. „Nun, schon -gut, Kleinerchen! Christus ist mit dir; mach ’n Kreuz!“ - -Doch ich bekreuzte mich nicht. Meine Mundwinkel zuckten. Das schien ihn -besonders zu wundern: langsam erhob er seinen dicken, mit Erde -beschmutzten Mittelfinger und berührte vorsichtig meine zitternden -Lippen. „Sieh mal an! So was! Ei – ei!“ sagte er lächelnd (es war ein -ganz besonderes, mütterlich zärtliches Lächeln). „Herrgott! Das ist doch -...“ - -Endlich begriff ich, daß der Schrei: „Ein Wolf kommt!“ in meiner -Phantasie entstanden war. Der Schrei hatte so hell und deutlich -geklungen, daß ein Zweifel ausgeschlossen schien; doch ich wußte, daß -ich schon früher manchmal irgendeinen Schrei zu hören geglaubt hatte, -während in Wirklichkeit alles still gewesen war. Später vergingen diese -Halluzinationen der Kinderjahre. - -„Jetzt werde ich gehen,“ sagte ich endlich, nachdem ich etwas Mut gefaßt -hatte; doch blickte ich Marei noch fragend und schüchtern an. - -„Nu, geh nur; und ich werde Dir nachsehen. Ich werde Dich schon nicht -vom Wolf nehmen lassen!“ fügte er mit demselben mütterlichen Lächeln -hinzu. „Nu, Christus ist mit dir, nu, geh nur“; und er bekreuzte mich -mit seinen erdigen Fingern und bekreuzte sich dann selbst. - -Ich ging. Doch jedesmal, wenn ich zehn Schritte gemacht hatte, blickte -ich mich nach ihm um. Marei stand mit seinem Pferdchen, während ich die -Schlucht hinunter- und wieder hinaufging, stand am Pflug und sah mir -nach; und so oft ich mich umkehrte, nickte er mir mit dem Kopf zu. Ich -schämte mich, offen gestanden, nicht wenig vor ihm: weil ich solche -Angst gehabt hatte. Trotzdem fürchtete ich mich immer noch vor dem Wolf, -bis ich glücklich auf der anderen Seite der Schlucht an der -Getreidedarre ankam: hier verließ mich die Angst; und plötzlich kam auch -noch, ich weiß nicht, woher, unser Hofhund Woltschok mir -entgegengelaufen. Erst in dessen Begleitung fühlte ich mich ganz sicher; -und so wandte ich mich denn zum letztenmal nach Marei um. Sein Gesicht -konnte ich nicht mehr unterscheiden; aber ich fühlte, daß er mir noch -ebenso freundlich zulächelte und mit dem Kopf zunickte. Ich winkte ihm -noch einmal mit der Hand zu und er winkte mir wieder. Dann wandte er -sich zum Pflug und trieb das Pferd an. „Nu, nu!“ Noch von fern her hörte -ich seinen Zuruf; und das Pferd zog wieder den Pflug. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -Ich weiß nicht, warum mir das alles mit einemmal einfiel, und warum noch -dazu alle Einzelheiten so deutlich vor mir standen. Ich wachte plötzlich -auf, setzte mich auf die Pritsche; und ich weiß: auf meinem Gesicht -fühlte ich noch das Lächeln der Erinnerung. Eine Weile dachte ich weiter -nach und suchte mich des Folgenden zu erinnern. - -Als ich damals von Marei nach Hause gekommen war, hatte ich keinem -Menschen von meinem „Erlebnis“ erzählt. Was war denn da auch zu -erzählen? Den Marei vergaß ich gar bald. Wenn ich ihn später traf, -sprach ich niemals mit ihm, nicht nur nicht über den Wolf, sondern -überhaupt nicht. Und nun, plötzlich, nach zwanzig Jahren, in Sibirien, -steht diese Begegnung so deutlich, bis in die kleinsten Einzelheiten, -vor mir. Also muß sie doch, mir unbewußt, in meiner Seele geblieben -sein, ganz von selbst und vielleicht sogar gegen meinen Willen; und sie -tauchte erst wieder auf, als die Zeit gekommen war. Mir fiel dieses -zärtliche, mütterliche Lächeln des armen Leibeigenen ein, seine -Bekreuzung und sein Kopfschütteln: „Ei – ei, du hast dich aber -verschreckt, Kleinerchen!“ Und besonders der dicke, von der Erde -beschmutzte Finger mit dem schwarzen Nagel, mit dem er vorsichtig, in so -schüchterner Zärtlichkeit, meine zuckenden Lippen berührte. Natürlich: -Ein jeder hätte ein erschrecktes Kind beruhigt; doch hier, bei dieser -einsamen Begegnung, geschah etwas ganz anderes. Und wenn ich sein -eigener Sohn gewesen wäre, hätte Marei mich nicht mit einer tieferen, -helleren Liebe anzublicken vermocht. Wer aber zwang ihn dazu? Er war -unser Leibeigener und ich immerhin sein Herrensohn. Niemand hätte jemals -erfahren, daß er mich gestreichelt, niemand ihn dafür belohnt. Liebte er -vielleicht kleine Kinder so sehr? Solche Leute gibt es allerdings. Die -Begegnung geschah auf einsamem Feld, und nur Gott wußte, mit welch einem -tiefen, heiligen menschlichen Gefühl, von welch einer weichen, fast -weiblichen Zärtlichkeit die Seele eines rohen, tierisch unwissenden -russischen Muschiks erfüllt sein kann. War es nicht dieses, was -Konstantin Akssakoff meinte, als er von der tiefen inneren Bildung des -russischen Volkes sprach? - -Ich weiß noch: als ich von der Pritsche aufstand und mich umblickte, -fühlte ich mit einemmal, daß ich diese Unglücklichen mit ganz anderen -Augen betrachten konnte, und daß plötzlich, wie durch ein Wunder, aller -Haß und alle Wut aus meinem Herzen verschwunden waren. Ich ging wieder -hinaus und schaute aufmerksam in die Gesichter der Gefangenen, die mir -begegneten. Dieser glattrasierte ehrlose Muschik mit dem gebrandmarkten -Verbrechergesicht, der mit heiserer Stimme sein rohes Lied gröhlt, ist -vielleicht auch so einer wie der Marei, der mich als Kind streichelte: -ich kann ja nicht in sein Herz sehen. - -Am selben Abend traf ich noch einmal den Polen M...tzki. Der Arme! Der -konnte keine Erinnerungen an irgendeinen Marei haben und für alle diese -Menschen nichts anderes empfinden als: „_Je hais ces brigands!_“ -Wahrhaftig: diese Polen haben dort doch mehr gelitten als unsereiner! - - - Einiges über den Krieg[20] - -Ich habe einen Freund, der sich durch sehr paradoxe Anschauungen -auszeichnet. Ich kenne ihn schon lange. Es ist ein ganz unbekannter -Mensch und ein höchst sonderbarer Charakter: er ist nämlich ein -_Denker_. Ich werde unbedingt noch ausführlicher von ihm sprechen – doch -später einmal. Jetzt ist mir nur zufällig eingefallen, wie er einmal, es -ist schon etliche Jahre her, mit mir über den Krieg stritt. Er -verteidigte den Krieg als solchen und vielleicht einzig um mit Paradoxen -zu spielen. Ich bemerke hier noch, daß er nicht etwa Offizier ist, -sondern der friedliebendste und gutmütigste Mensch, den es in der Welt -und bei uns in Petersburg überhaupt geben kann. - -„Toller Gedanke,“ sagte er unter anderem, „daß der Krieg eine Geißel für -die Menschheit sei! Im Gegenteil, er ist das Nützlichste, was man sich -überhaupt denken kann! Nur eine einzige Art Krieg ist verabscheuenswert -und wirklich verderblich: das ist der innere, der Bürgerkrieg. Er lähmt -und zerreißt den Staat, dauert immer viel zu lang und vertiert das Volk -auf ganze Jahrhunderte. Der politische Krieg aber, der zwischen -verschiedenen Völkern ausgekämpft wird, bringt einzig und allein Nutzen -– in jeder Beziehung. Und dann ist er auch vollkommen unentbehrlich.“ - -„Aber hören Sie mal! Ein Volk geht aufs andere los, Menschen schlagen -sich gegenseitig tot – was ist hier unentbehrlich?“ - -„Alles, und zwar im höchsten Grade. Doch erstens ist es nicht wahr, daß -die Menschen in den Krieg gehen, um sich gegenseitig totzuschlagen. Das -ist nie der Beweggrund gewesen, sondern sie gehen, um ihr eigenes Leben -zu opfern, – das aber ist denn doch etwas ganz anderes. Es gibt keine -höhere Idee als die, sein eigenes Leben zu opfern, indem man seine -Brüder und sein Vaterland beschützt oder einfach, indem man die -Interessen seines Vaterlandes verteidigt. Die Menschheit kann nicht ohne -hochherzige Ideen leben, und ich vermute sogar, daß die Menschheit -gerade deswegen den Krieg liebt, weil sie sich an einer hochherzigen -Idee beteiligen will. Es ist ein Bedürfnis.“ - -„Ja, liebt denn die Menschheit den Krieg?“ - -„Ja, zweifeln Sie denn daran? Wer ist zurzeit eines Krieges noch -kopfhängerisch? Alle sind sofort munter und ermutigt, und von der -gewöhnlichen Schlaffheit und Langeweile der Friedenszeiten ist nichts -mehr zu sehen und zu hören. Und nachher, wenn der Krieg beendet ist, mit -welcher Hingabe denken sie an ihn zurück, selbst wenn sie geschlagen -worden sind! Glauben Sie den Leuten nicht, wenn sie sich beim ersten -Wiedersehen nach der Kriegserklärung kopfschüttelnd sagen: ‚Ach, welch -ein Unglück! Ach, daß wir das noch erleben mußten!‘ sie tun es ja nur -aus Wohlerzogenheit. Glauben Sie mir, jeder hat dann hohen Feiertag im -Herzen. Wissen Sie, es ist furchtbar schwer, sich zu gewissen Ideen zu -bekennen: gleich ist das Geschrei groß. – Tier! Barbar! schreien sie -sofort und sind zum Verurteilen bereit. Das aber fürchtet man, und so -zieht man vor, den Krieg lieber nicht zu loben.“ - -„Aber Sie sprechen von hochherzigen Ideen, von Menschlicherwerden. -Lassen sich denn hochherzige Ideen nicht auch ohne Krieg finden? Ich -glaube vielmehr, daß sie sich in Friedenszeiten noch leichter entwickeln -können.“ - -„Ganz im Gegenteil, vollkommen umgekehrt! Die Hochherzigkeit verkommt in -der Zeit eines langen Friedens, und an ihre Stelle treten Zynismus, -Gleichgültigkeit, Langeweile und viel, viel boshafter Spott, und das -noch dazu nur zur leeren Zerstreuung und nicht mal um einer Sache -willen. Man kann geradezu behaupten, daß ein langer Friede die Menschen -gefühllos macht. Das soziale Übergewicht geht dann immer auf die Seite -alles dessen über, was in der Menschheit schlecht und roh ist – -hauptsächlich zum Reichtum, zum Kapital. Ehre, Nächstenliebe, -Selbstverleugnung werden in der ersten Zeit nach dem Kriege noch -geachtet, sie stehen noch hoch im Preis, doch je länger der Friede -dauert – desto mehr sieht man diese schönen und großen Tugenden -verbleichen, einschlafen, absterben, und den Reichtum, die Sucht nach -Erwerb alles ergreifen. Schließlich bleibt nur noch Heuchelei übrig – -geheuchelte Ehre, geheuchelte Selbstverleugnung um der Pflicht willen. -Und wenn man trotz des ganzen Zynismus auch noch fortfährt, diese großen -Begriffe zu achten, so geschieht es dann doch nur in schönen Worten und -bloß zum Anschein, aus Form. Die wirkliche Ehre ist nicht mehr, es -bleiben nur Formeln übrig. Formeln der Ehre aber – die sind der Tod der -Ehre. Ein langer Friede bringt Gleichgültigkeit hervor, niedrige -Gedanken, bringt Sittenverderbnis und Abstumpfung der Gefühle. Die -Vergnügungen werden nicht feiner, sondern wüster. Der plumpe Reichtum -kann sich nicht an Idealen erquicken und verlangt nach anspruchsloseren, -mehr ‚auf die Sache‘ gehenden Genüssen, d. h. nach unmittelbarster -Befriedigung des Fleisches. Die Vergnügungen werden rein sinnlich. -Sinnlichkeit ruft Wollust hervor, und Wollust immer Grausamkeit. Alles -das werden Sie unmöglich leugnen, denn Sie können die erste Tatsache -nicht verneinen: daß das soziale Übergewicht in der Zeit eines langen -Friedens sich zum Schluß immer auf die Seite des Reichtums neigt.“ - -„Aber die Wissenschaft, die Kunst – können die sich denn während des -Krieges entwickeln? Und das sind doch wirklich große und hochherzige -Ideen!“ - -„Warten Sie, gerade hiermit fange ich Sie! Die Wissenschaft und die -Kunst entwickeln sich immer und gerade in der ersten Periode nach dem -Kriege. Der Krieg erneut sie, erfrischt sie, ruft sie hervor, stärkt die -Gedanken und gibt ihnen gewissermaßen einen Stoß. In einem langen -Frieden dagegen verkommt auch die Wissenschaft. Zweifellos fordert die -Beschäftigung mit der Wissenschaft Mut und sogar Selbstaufopferung. Doch -wie viele Gelehrte widerstehen denn der Pest des Friedens? Die -geheuchelte Ehre, Selbstsucht und oberflächliche tierische -Vergnügungslust erfassen auch sie. Versuchen Sie es nur einmal, mit -solch einer Leidenschaft fertig zu werden, wie es beispielsweise der -Neid ist: er ist roh und gemein, aber er wird trotzdem auch in die -edelste Gelehrtenseele eindringen. Auch der Gelehrte will schließlich an -dem allgemeinen Prunk und Glanz teilhaben. Was bedeutet vor dem Triumph -des Reichtums der Triumph irgendeiner wissenschaftlichen Entdeckung, -wenn sie nicht gerade so effektvoll ist wie die Entdeckung etwa eines -neuen Planeten! Was meinen Sie wohl, ob unter solchen Umständen noch -viel wirkliche Arbeitssklaven für das Allgemeinwohl übrigbleiben? Im -Gegenteil, man sucht den Ruhm, und so kommt es dann zu Scharlatanerie, -zur Jagd nach dem Effekt und, vor allen Dingen, zum Utilitarismus – denn -man will doch zu gleicher Zeit auch reich werden! In der Kunst ist es -genau so wie in der Wissenschaft: dieselbe Jagd nach dem Effekt, nach -irgendeiner Verfeinerung. Einfache, klare, hochherzige und gesunde Ideen -sind dann schon viel zu unmodern, man braucht etwas viel Verboteneres, -Ungesünderes: die Künstlichkeit der Leidenschaften will man. Allmählich -verliert sich dann das Gefühl für das Maß und die Harmonie, und man -bekommt dafür die Entstellung der Gefühle und Leidenschaften, die -sogenannte ‚Differenzierung‘ der Gefühle, die in Wirklichkeit nur ihre -Verrohung ist. Sehen Sie, zu all dem entartet die Kunst in einem langen -Frieden. Wenn es in der Welt keinen Krieg gäbe, so würde die Kunst -einfach verkommen und verderben. Alle guten Ideen der Kunst ja ihre -besten, sind vom Kriege, vom Kampf geschaffen worden. Lesen Sie eine -Tragödie, sehen Sie sich die Statuen an, da haben Sie Horaz, und da -haben Sie den Apollo von Belvedere, der selbst einen Wilden in Erstaunen -setzen müßte ...“ - -„Aber die Madonnen, das Christentum?“ - -„Das Christentum erkennt das Faktum des Krieges vollkommen an und -weissagt bekanntlich, daß das Schwert nicht vergehen werde, solange die -Welt steht: das ist sehr bemerkenswert und sollte viele stutzig machen. -Oh, natürlich im höheren, im moralischen Sinne verwirft es den Krieg und -verlangt Nächstenliebe. Ich werde selbst der erste sein, der sich freut, -wenn man die Schwerter in Pflugscharen umschmiedet. Doch fragt es sich: -wann wird das möglich sein? Und lohnte es sich überhaupt, die Schwerter -jetzt in Pflüge zu verwandeln? Der jetzige Friede ist immer und überall -schlimmer als der Krieg, so unvergleichlich viel schlimmer, daß es zum -Schluß geradezu unmoralisch wird, ihn noch aufrechtzuerhalten. Es gibt -nichts mehr, was man schützen möchte, überhaupt nichts mehr, was wert -wäre, erhalten zu bleiben, es ist beinahe gewissenlos und eine Schande, -irgend etwas noch zu erhalten! Der Reichtum und die Roheit der -Vergnügungen gebären Faulheit, und die Faulheit gebiert Sklaven. Um die -Sklaven in der Sklaverei zu erhalten, muß man ihnen den freien Willen -und die Möglichkeit der Aufklärung nehmen. Wer Sie auch sein mögen, mein -Lieber, selbst wenn Sie der humanste Mensch sind: einen Sklaven werden -auch Sie immer nur als Sklaven behandeln können – nicht wahr? Ich -bemerke noch, daß in der Periode des Friedens Feigheit und Unehrlichkeit -gute Wurzeln schlagen. Der Mensch ist naturgemäß stark zu Feigheit und -Unehrlichkeit geneigt, und das weiß er selbst ganz genau. Deshalb -vielleicht sehnt er sich auch so nach dem Kriege, und darum liebt er ihn -so sehr: er ahnt in ihm das Heilmittel. Der Krieg entwickelt in ihm die -Nächstenliebe und nähert und befreundet die Völker.“ - -„Wieso, befreundet?“ - -„Indem er sie lehrt, einander zu achten. Der Krieg erfrischt die -Menschen. Die Menschenliebe entwickelt sich am meisten und fast -ausschließlich auf dem Schlachtfelde. Es ist eine scheinbar sonderbare -Tatsache, daß der Krieg weniger erbittert und aufreizt als der Friede. -Irgendeine politische Beleidigung in der Friedenszeit, irgendeine -herausfordernde Konvention, ein politischer Druck, anmaßende Forderungen -– in der Art etwa, wie Europa sie uns 1863 stellte – erbittern viel mehr -als ein offener Kampf. Erinnern Sie sich: haßten Sie etwa die Franzosen -oder Engländer zur Zeit des Krimkrieges? Im Gegenteil, man kam sich -näher, trat geradezu in Freundschaft miteinander. Wir interessierten uns -für unsere Feinde und pflegten unsere Gefangenen. Unsere Soldaten und -Offiziere gingen während des Waffenstillstands zu den feindlichen -Vorposten, verbrüderten sich fast mit ihnen, tranken Wodka zusammen, und -ganz Rußland las es schmunzelnd in den Zeitungen – was jedoch nicht -hinderte, daß man sich prächtig schlug. Es entwickelte sich der Geist -der Ritterlichkeit ... Und über die materiellen Schäden des Krieges -lohnt es sich nicht einmal zu sprechen: wer kennt nicht die alte -Erfahrung, daß nach einem Kriege alles wie mit neuen Kräften aufersteht? -Die ökonomischen Kräfte des Landes treten zehnmal mehr hervor, ganz als -ob eine Gewitterwolke Regen auf trockenen Boden niedergesandt hätte. -Denen, die durch den Krieg gelitten haben, wird sofort und von allen -Seiten geholfen, während in Friedenszeiten ganze Distrikte eher Hungers -sterben können, bevor wir uns zur Hilfe rühren oder drei Rubel spenden.“ - -„Ja, leidet denn das Volk nicht am meisten unter dem Kriege, muß es -nicht Verheerungen und Bürden ertragen, die unvergleichlich größer sind -als die der höheren Gesellschaftsschichten?“ - -„Vielleicht; – doch immer nur zeitweilig, dafür aber gewinnt das Volk -weit mehr, als es verliert. Gerade für das Volk hat der Krieg die besten -und schönsten Folgen. Selbst wenn Sie der humanste Mensch sind, werden -Sie sich doch für mehr als den Bauer halten. Wer mißt in unserer Zeit -noch Seele mit Seele – mit dem christlichen Maß? Man mißt mit dem -Geldbeutel, der Macht, der Kraft, – und der einfache Mann, der weiß das -nur zu genau. Nicht daß hierbei Neid wäre, – aber es entsteht das -unerträgliche Gefühl einer moralischen Ungleichheit, die viel -verletzender für ihn ist, als wir es ahnen. Wie Sie die Menschen auch -befreien oder welche Gesetze Sie ihnen auch geben mögen, diese -Ungleichheit der Menschen wird in der jetzigen Gesellschaft doch nicht -aufgehoben werden. Das einzige Heilmittel dagegen ist – der Krieg. Ein -Palliativmittel vielleicht, doch ein tröstendes für das Volk. Der Krieg -hebt den Geist des Volkes und die Erkenntnis des eigenen Wertes. Der -Krieg macht in der Stunde des Kampfes alle gleich und versöhnt den Herrn -mit dem Knecht in der allerhöchsten Erscheinung der menschlichen Würde, -– im Opfer des Lebens für die gemeinsame Sache, für alle, für das -Vaterland! Glauben Sie denn wirklich, daß die Masse, selbst die ganz -unwissende Masse der Bauern und Bettler, nicht auch der _aktiven_ -Offenbarung hochherziger Gefühle bedarf? Worin kann nun die Masse im -Frieden ihre Hochherzigkeit und ihre menschliche Würde beweisen? Auf die -einzelnen Durchbrüche derselben sehen wir, wenn wir sie überhaupt zu -beachten geruhen, mit verwundertem Lächeln, ja selbst mit ungläubigem -Lachen, und zuweilen sogar mit unverhülltem Mißtrauen. Glauben wir aber -einmal dem Heroismus eines einzelnen, so schlagen wir darob solch einen -Lärm, als ob es etwas schier Unmögliches wäre; und was kommt dabei -heraus? Unsere Verwunderung und unser Lob gleichen beinahe der -Verachtung. In Kriegszeiten verschwindet all das ganz von selbst und die -volle Gleichheit des Heroismus tritt an seine Stelle. Vergossenes Blut -ist eine wichtige Sache. Die gemeinsame Heldentat erzeugt die stärkste -Verbindung zwischen den verschiedenen Ständen. Der Gutsbesitzer und der -Muschik standen sich im Jahre 1812, als sie gemeinsam fürs Vaterland -kämpften, näher als in Friedenszeiten zu Haus auf dem Gute. Der Krieg -ist der Masse ein Anlaß, sich zu achten, und darum liebt das Volk den -Krieg: es dichtet über ihn Lieder und kann sich nicht satt hören an den -Geschichten und Erzählungen aus dem Kriege ... Noch einmal: Vergossenes -Blut ist eine wichtige Sache! Nein, der Krieg ist _in unserer Zeit_ -unentbehrlich; ohne Krieg würde die Welt untergehen oder wenigstens sich -in einen schmutzigen Schlamm verwandeln, in irgendeinen gemeinen Schmutz -mit faulenden Wunden ...“ - -Ich widersprach ihm natürlich nicht weiter. Mit Denkern kann man nicht -streiten. Aber es ist doch eine höchst sonderbare Tatsache: man fängt -jetzt an über Dinge nachzudenken und zu streiten, die, wie man doch -meinen sollte, schon längst allen klar und ins allgemeine Archiv des -Abgetanen gestapelt worden sind. Jetzt wird das alles wieder ausgegraben -... Das auffallendste aber ist, wie mir scheint, daß dieses heutzutage -überall geschieht. - - - Mein Paradox - - - Das Paradox - -Wieder ein Zusammenstoß mit Europa![21] Und noch kein Krieg? Vom Kriege, -sagt man, seien wir, d. h., sei Rußland noch weit entfernt ... Wieder -ist die endlose Orientfrage aufs Tapet gebracht, wieder blickt Europa -mißtrauisch auf uns Russen ... Doch was geht uns schließlich das -Vertrauen Europas an? Hat es denn jemals vertrauensvoll auf uns -geblickt? und kann es das überhaupt? Oh, versteht sich, _irgendeinmal_ -wird sich dieser Blick ändern, _einmal_ wird Europa auch uns besser -begreifen: und es lohnte sich wirklich, über dieses _irgendeinmal_ zu -sprechen. Einstweilen jedoch – einstweilen ist mir eine ganz -nebensächliche Frage eingefallen, eine, mit deren Beantwortung ich noch -kürzlich sehr beschäftigt gewesen bin. Wenn nun auch heute niemand mit -mir übereinstimmen wird, so scheint mir doch, daß ich nicht so ganz -unrecht habe. - -Ich sagte, daß man die Russen in Europa nicht liebe. Nun, das wird, -glaube ich, niemand bestreiten; aber unter anderem wirft uns Europa auch -vor, daß wir alle, ohne Ausnahme, furchtbar liberal, ja selbst -revolutionär seien, und immer, sogar mit einer gewissen Vorliebe, -geneigt, uns eher den zerstörenden als den konservativen Elementen -Europas anzuschließen. Zur Strafe dafür sehen viele Europäer spöttisch -und von oben auf uns herab, nicht selten geradezu gehässig: es ist ihnen -unbegreiflich, wie wir darauf kommen, in _fremden Angelegenheiten_ -Verneiner zu sein? Sie nehmen uns kurzerhand das Recht, nach -europäischer Art zu verneinen – und zwar deshalb, weil sie uns für ein -Volk halten, das nicht zur „Zivilisation“ gehört. Eher sehen sie in uns -Barbaren, die sich in Europa herumtreiben und sich freuen, irgendwo -irgend etwas zerstören zu können – zerstören bloß um der Zerstörung -willen, um das Vergnügen zu haben, zuzusehen, wie das alles -zusammenkracht – gleich den Hunnen, gleich einer Horde Wilder, die -bereit ist, Europa wie das alte Rom zu überschwemmen und alles Große, -Alte und Heilige zu zerstören, ohne auch nur zu ahnen, welch einen -Schatz sie der Vernichtung weiht. - -Daß die Russen tatsächlich in ihrer Mehrzahl sich in Europa als Liberale -erwiesen haben – das ist wahr und ist sogar, ich gestehe es, sonderbar. -Hat sich aber schon jemand die Frage gestellt, warum das der Fall ist? -Warum beinahe neun Zehntel von den Russen, die in diesem Jahrhundert in -Europa ihre Bildung erhalten hatten, sich immer derjenigen Partei der -Europäer angeschlossen haben, die liberal war, der Partei der „Linken“, -d. h. immer derjenigen Seite, die ihre eigene Zivilisation, ihre eigene -Kultur verneinte? Das, was Thiers an der Zivilisation verneint, und das, -was die Pariser Kommune an ihr 1871 verneinte, ist keineswegs dasselbe. -Ebenso „mehr oder weniger“ liberal und ebenso verschieden liberal sind -aber auch die Russen in Europa; doch immer sind sie, ich wiederhole es, -geneigter als die Europäer, sofort zur äußersten Linken überzutreten, -statt sich zunächst noch auf den unteren Stufen des Liberalismus -aufzuhalten. Mit einem Wort, man findet unter den Russen weit weniger -Thieristen als Kommunarden. Und man beachte wohl: das sind keineswegs -irgendwelche vom Wind verwehte Leute – Ausnahmen natürlich zugegeben –, -sondern Leute, die sogar sehr solid und zivilisiert aussehen, zuweilen -fast schon Minister sind. Doch die Europäer trauen diesem Scheine nicht: -„_Grattez le Russe et vous verrez le Tartare_,“ sagen sie. Das kann ja -alles stimmen, aber, frage ich mich, woher kommt das? Schließt sich der -Russe in seiner Gemeinschaft mit Europa der äußersten Linken an, weil er -Tatar ist und die Zerstörung liebt, also als Wilder, oder bewegen ihn -vielleicht andere Gründe dazu? – Das ist die Frage! ... Man wird mir -wohl zugeben, daß sie nicht so uninteressant ist. Petersburg spielt -jetzt nicht mehr die Rolle des Fensters, das uns aus Europa Licht -bringt. Es beginnt etwas Neues, es muß wenigstens etwas Neues beginnen: -das sieht jetzt ein jeder ein, der nur ein wenig nachzudenken gelernt -hat. Kurz, wir fangen an mehr und mehr zu fühlen, daß wir zu irgend -etwas bereit sein müssen, zu einem neuen Zusammenstoß mit Europa, und -vielleicht einem viel eigenartigeren, als es die bisherigen waren, – ob -es nun in der Orientfrage sein wird, oder sonstwo, wer kann das wissen! -... Darum aber sind ähnliche Fragen, Vermutungen, selbst Rätsel und -sogar Paradoxe interessant – und wäre es auch nur, weil sie vielleicht -auf einen richtigen Gedanken bringen können. Wie aber soll einem da -nicht eine so auffallende Erscheinung zu denken geben, wie die, daß -gerade diejenigen Russen, welche sich am meisten für Europäer halten und -bei uns allgemein die „Westler“ genannt werden, die auf diesen Namen -stolz sind und noch heute auf die anderen Russen wie auf Kwastrinker und -Bauernkittel herabsehen, – wie soll es da nicht interessant sein, frage -ich, daß gerade diese sich am schnellsten den Verneinern der -Zivilisation, den Zerstörern der Kultur, der „äußersten Linken“ -anschließen, und daß dieses in Rußland niemanden wundert, ja nicht -einmal zum Nachdenken bringt? Wie soll einem das nicht merkwürdig -erscheinen? - -Ich habe schon eine Antwort auf diese Frage gefunden, doch werde ich -meine Idee nicht beweisen, werde sie nur ein wenig zu erklären und die -Tatsache zu entwickeln versuchen. - -Mir scheint ... folgendes: Zeigt sich nicht in dieser Tatsache – d. h. -im Anschluß unserer eifrigsten Westler an jene äußerste Linke, in -Wirklichkeit an die verneinenden Elemente Europas, an die Verneiner -Europas geradezu, – zeigt sich darin nicht die protestierende russische -Seele, der die europäische Kultur von jeher, von Peter dem Großen an, -verhaßt gewesen ist, und ihr Protest gegen diese Kultur, die sich in -vielem, in allzu vielem, der russischen Seele als fremd erwiesen hat? -Geradeso scheint es mir zu sein. Oh, versteht sich, dieser Protest ist -fast die ganze Zeit nur unbewußt geschehen, doch wertvoll an ihm ist, -daß er zeigt, wie gerade der russische Instinkt nicht erstorben ist: die -russische Seele hat, wenn auch unbewußt, gerade im Namen ihres -Russentums protestiert, im Namen ihres echt russischen, ursprünglichen, -eigenen und dann unterdrückten Kulturversuchs. Natürlich wird man sagen, -es sei noch kein Grund vorhanden, sich zu freuen, wenn dem auch so wäre: -„Immerhin bist du ein Verneiner – Hunne, Barbar, Tatar –, der nicht im -Namen eines Höheren verneint, sondern im Namen seiner eigenen -Niedrigkeit, da er ja in ganzen zwei Jahrhunderten die europäische Höhe -noch nicht einmal hat begreifen können.“ - -Ich gebe zu, daß das eine offene Frage ist, doch werde ich nicht -versuchen, sie zu beantworten. Ich sage nur, daß ich diesen Einwand aus -allen Kräften verneine – eine Begründung würde zu weit führen. Oh, wer -wird jetzt noch von uns Russen, und besonders, nachdem das alles -vergangen ist – denn diese Periode ist jetzt tatsächlich vergangen –, -wer wird jetzt noch gegen die Tat Peters sein, sich gegen das -„durchbrochene“ Fenster auflehnen und vom alten Zarenreich Moskau -träumen? Doch nicht davon spreche ich jetzt; ich meine nur: wie schön -und gut auch alles gewesen sein mag, was wir durch das Fenster erblickt -haben, so war doch auch so viel Häßliches und Schädliches darunter, daß -der russische Instinkt nicht aufgehört hat, sich dagegen aufzulehnen und -zu protestieren, ... wenn er sich auch vielleicht so weit verloren haben -mag, daß er selbst nicht mehr wußte, was er mit diesem Protest -eigentlich tat. Und er hat nicht aus seinem Tatarentum heraus -protestiert, sondern in der Tat vielleicht deswegen, weil er in sich -etwas Höheres und Besseres fühlte als das, was er durch das Fenster -erblickte ... Versteht sich, der Instinkt hat ja nicht gleich gegen -alles protestiert: wir haben viel Gutes und Schönes bekommen, und wollen -nicht undankbar sein; nun, aber gegen die Hälfte zum mindesten hat er, -glaube ich, doch protestieren können. - -Ich wiederhole nochmals, daß dieses ungemein sonderbar vor sich gegangen -ist: gerade unsere feurigsten Westler, gerade unsere Kämpfer für die -Reform wurden zu gleicher Zeit zu Verneinern Europas und stellten sich -in die Reihen der äußersten Linken. Nun, und so geschah es, daß sie sich -selbst gerade dadurch zu den eifrigsten Russen machten, zu Kämpfern für -Rußland und den russischen Geist. Hätte man ihnen das seinerzeit -erklärt, so würden sie entweder – gelacht haben, oder sie wären entsetzt -gewesen. Es kann darüber kein Zweifel bestehen, daß sie nicht im -geringsten die Höhe und eigentliche Bedeutung ihres Protestes erkannt -haben. Im Gegenteil: sie haben ja die ganzen zwei Jahrhunderte hindurch -ihren eigensten Wert fortgesetzt verleugnet, und nicht nur den allein, -sondern sogar die Achtung vor sich selbst – solche gab es ja auch unter -ihnen! – und in einem Grade, der ganz Europa mit Recht wundergenommen -hat. Und nun stellt es sich heraus, daß gerade sie sich als die wahren -Russen erwiesen haben. Ebendiese meine Deutung aber nenne ich „mein -Paradox“. Belinski[22] zum Beispiel, ein von Natur leicht und -leidenschaftlich begeisterter Mensch, ist fast als erster direkt zu den -europäischen Sozialisten, die schon die ganze Form der europäischen -Zivilisation verneinten, übergetreten, und zu gleicher Zeit hat er bei -uns, in der russischen Literatur, bis zum Schluß gegen die Slawophilen -gekämpft – scheinbar für das ganz Entgegengesetzte. Wie erstaunt wäre er -gewesen, wenn ihm diese selben Slawophilen damals gesagt hätten, daß -gerade er der erste Kämpfer für das russische Recht, für den russischen -Geist und Anfang, gerade für all das, was er in Rußland an Europa -bekämpfte, wenn man ihm bewiesen hätte, daß in Wirklichkeit gerade er -der russische Konservative sei – und das ausschließlich, weil er in -Europa Sozialist und Revolutionär war? Und so war es ja beinahe auch -wirklich. Es wurde von beiden Seiten ein großer Fehler begangen, nämlich -der, daß alle damaligen Westler Rußland mit Europa verwechselten, im -Ernst für Europa hielten und, Europa samt seinen Formen verneinend, -ernstlich glaubten, dieselbe Verneinung gälte auch für Rußland, während -Rußland durchaus nicht Europa war, sondern nur in einem europäischen -Rock steckte, unter ihm aber ein vollkommen anderes Wesen barg. Davon -sich zu überzeugen, forderten die Slawophilen auf, indem sie direkt auf -die Tatsache hinwiesen, daß die Westler Unvergleichbares verglichen oder -gar für identisch hielten, und daß die Folgerung, die für Europa paßte, -sich keineswegs auch auf Rußland anwenden ließ: teilweise schon deshalb -nicht, weil all das, was sie in Europa wünschten, in Rußland schon -längst vorhanden war und ist, jedenfalls wenigstens im Keim und in der -Möglichkeit, und sogar sein Wesen ausmacht, nur nicht in revolutionärer -Form, sondern gerade in derjenigen, in welcher diese Ideen der -universalen Erneuerung der Menschheit erscheinen müssen: in der Gestalt -der Wahrheit Gottes, der Wahrhaftigkeit Christi, die sich irgendeinmal -auf der Erde doch verwirklichen wird, und die sich unversehrt allein in -unserem Glauben erhalten hat. Sie forderten auf, erst Rußland kennen zu -lernen und dann Folgerungen zu ziehen. Doch damals waren – um die -Wahrheit zu sagen – keine Möglichkeiten vorhanden, etwas von Rußland -kennen zu lernen. Und wer konnte denn damals etwas von Rußland wissen? -Die Slawophilen wußten, natürlich, hundertmal mehr als die Westler – und -das ist das Minimum –; doch auch sie handelten fast nur tastend und -tappend, apriorisch und abstrakt, indem sie sich mehr auf ihren bloßen -Instinkt verließen. Irgend etwas kennen zu lernen ist erst in den -letzten zwanzig Jahren möglich geworden, doch – wie viele wissen denn -selbst jetzt etwas von Rußland? Es ist viel, sehr viel, daß schon ein -Anfang damit gemacht worden ist. Trotzdem erhebt sich kaum eine wichtige -Frage, und alle sind sofort verschiedener Meinung bei uns. Nun, und -jetzt erhebt sich von neuem die Orientfrage: Hand aufs Herz, wie viele -sind ihrer und welche sind es, – die fähig wären, in dieser -Angelegenheit übereinzustimmen, und wenn es sich auch nur um einen -einzigen Entschluß handelt? Und das noch in einer so wichtigen, großen, -in einer so verhängnisvollen und nationalen Frage! Was Orientfrage! man -denke doch bloß an unsere hundert, unsere tausend inneren Tagesfragen: – -welch eine allgemeine Verwirrung, welche unbeständigen Anschauungen, -welch eine Ungewohntheit zu handeln! Rußland wird inzwischen entwaldet, -die Gutsbesitzer und Bauern fällen mit wahrer Wut ihre Bäume. Es ist -nicht übertrieben, wenn man sagt, daß der Holzpreis auf ein Zehntel des -früheren herabsinkt. Noch bevor unsere Kinder groß werden, wird schon -zehnmal weniger Holz auf dem Markt sein. Was daraus folgt, ist -vielleicht unser Verderben. Doch versucht man einmal, etwas von der -Einschränkung der Rechte des Waldfällens zu sagen, was bekommt man dann -zu hören? Von der einen Seite „staatliche und nationale Notwendigkeit“ -und von der anderen „Verletzung der Eigentumsrechte“: zwei -entgegengesetzte Begründungen. Sofort bilden sich zwei Lager, und noch -weiß man nicht, in welches die liberale, alles entscheidende Meinung -treten wird. Und sind es wirklich nur zwei Lager? So wird denn diese -Frage noch lange unentschieden bleiben. Einer der heutigen Liberalen hat -versucht, einen Witz zu reißen: jedes Übel, meinte er, habe auch sein -Gutes, und so müsse hinfort, wenn der ganze russische Wald abgeholzt -sei, wenigstens endgültig die Körperstrafe aufhören – denn woher wollen -die Landrichter Ruten nehmen, wenn keine Wälder mehr da sind? Natürlich -ist das eine kleine Beruhigung, doch traut man auch ihr nicht allzusehr: -sind keine Bäume mehr vorhanden, so bleiben doch noch Sträucher, oder -man kann ja Ruten aus dem Auslande beziehen. Neuerdings werden die Juden -Gutsbesitzer – und überall schreibt und schreit man, daß sie den Boden -Rußlands ruinieren, daß der Jude sofort, nachdem er das Gut gekauft, um -das Kapital mit den Prozenten zurückzugewinnen, alle Kräfte und -Reichtümer des gekauften Landes aussaugt. Versucht jemand, etwas dagegen -zu sagen – so wird sofort von allen Seiten losgeschrien, man verletze -das Prinzip der ökonomischen Freiheit und der staatsbürgerlichen -Gleichberechtigung! Möge man doch wenigstens hierbei die -Gleichberechtigung aus dem Spiel lassen, da es sich in erster Linie um -den ausgesprochensten Talmud-_status in statu_ handelt; wenn hier nicht -nur Aussaugung des Bodens, sondern auch die Aussaugung unseres Bauern -droht, der nun, befreit vom Gutsbesitzer, in die Sklaverei dieser neuen -„Herren“ gerät, derselben, die aus dem westrussischen Bauern schon alles -gezogen, was aus ihm noch zu ziehen war, die jetzt nicht nur Güter und -Bauern kaufen, sondern auch die liberale Meinung – und zwar mit gutem -Erfolg. Warum aber ist das alles so bei uns? Warum diese -Unentschlossenheit und diese Uneinigkeit bei jedem Entschluß? Meiner -Meinung nach kommt das durchaus nicht von irgendeiner Unbegabtheit und -Unfähigkeit zur Tat, sondern von unserer fortdauernden Unkenntnis -Rußlands, seines Wesens, Sinnes und Geistes, obgleich seit Belinski und -den Slawophilen schon zwanzig Jahre vergangen sind. Und es gibt sogar -noch einen anderen Grund: in diesen zwanzig Jahren ist die Kenntnis -Rußlands in Tatsachen und Einzelheiten weit, weit fortgeschritten, – der -russische Instinkt aber hat sich verringert im Verhältnis zu früher. Der -Grund hierfür? Wenn nun die Slawophilen durch ihren russischen Instinkt -gerettet worden sind, so muß doch dieser Instinkt auch in Belinski -gewesen sein und sogar so stark, daß die Slawophilen ihn für ihren -besten Freund gehalten haben! Hier lag aber ein großes Mißverständnis -von beiden Seiten vor. Nicht umsonst hat man einmal von Belinski gesagt: -„wenn er langer gelebt hätte, so wäre er bestimmt zu den Slawophilen -übergetreten“. In diesen Worten war ein Gedanke. - - - Das Ergebnis des Paradoxons - -„Sie behaupten also,“ wird man mir sagen, „daß jeder Russe, der sich in -einen europäischen Kommunarden verwandelt, allein schon dadurch sofort -zum russischen Konservativen wird?“ Nein, das zu _behaupten_, wäre denn -doch etwas zu gewagt. Ich wollte nur bemerken, daß in dieser Idee, -selbst wenn man sie wörtlich nimmt, etwas Wahres liegt. Es ist vor allen -Dingen viel Unbewußtes dabei und meinerseits vielleicht ein zu starker -Glaube an den unvergänglichen russischen Instinkt und an die -Lebenszähigkeit des russischen Geistes. Doch schön, schön, mag ich auch -selbst wissen, daß es ein Paradox ist, so will ich doch die Folgerung -aus ihm ziehen: das ist gleichfalls eine Tatsache, eine Folgerung aus -der Tatsache. Ich habe vorhin gesagt, daß die Russen sich in Europa -durch Liberalismus auszeichnen, und daß sich ihrer wenigstens neun -Zehntel der Linken und äußersten Linken anschließen, sobald sie nur mit -Europa in Berührung kommen ... vielleicht sind es auch nicht neun -Zehntel: auf der Zahl will ich nicht bestehen. Ich bestehe nur darauf, -daß es unvergleichlich mehr liberale Russen gibt, als unliberale. Doch -haben wir natürlich auch solche. Tatsächlich gibt es, und hat es immer -gegeben, Russen – die Namen einiger von ihnen sind weltberühmt –, die -nicht nur die europäische Kultur nicht verneint, sondern, im Gegenteil, -sie dermaßen angebetet haben, daß sie schon ihren letzten russischen -Instinkt verloren, ihre russische Persönlichkeit und ihre Muttersprache, -Russen, die ihre Heimat gewechselt und, wenn sie auch nicht zu fremden -Völkern übertraten, so doch ganze Generationen hindurch in Europa -blieben. Tatsache ist nun, daß alle diese Russen, im Gegensatz zu den -liberalen, im Gegensatz zu deren Atheismus und Kommunismus, sich alsbald -zur Rechten und äußersten Rechten geschlagen haben und echte europäische -Konservative geworden sind. - -Viele von ihnen haben ihren Glauben gewechselt und sind zum -Katholizismus übergetreten. Sind das nicht echte Konservative, ist das -nicht schon die äußerste Rechte? Sie sind Konservative in Europa und -umgekehrt – die vollkommensten Verneiner Rußlands geworden. Sie werden -zu Zerstörern, zu Feinden Rußlands! Da sieht man, was das heißt, sich -aus einem Russen in einen Europäer verwandeln, sich zum „wahren Sohn der -Zivilisation“ machen, – eine bemerkenswerte Tatsache, die zweihundert -Jahre Experiment uns gegeben haben. Daraus folgt, daß der Russe, der -wirklich Europäer wird, nicht anders kann, als zu gleicher Zeit auch der -natürliche Feind Rußlands werden: War es das, was die wollten, die „das -Fenster durchbrachen“? Hatten sie das im Auge? Und so bekamen wir zwei -Typen des zivilisierten Russen: den Europäer Belinski, der zu gleicher -Zeit Europa verneinte und sich im höchsten Grade als Russe erwies, und -den echten, altadligen russischen Fürsten Gagarin, der es, nachdem er -Europäer geworden, für notwendig befand, nicht nur zum Katholizismus -überzutreten, sondern auch noch gleich unter die Jesuiten zu gehen. Wer -ist von beiden der größere Feind Rußlands? Wer ist mehr Russe geblieben? -Und bekräftigt nicht dieses zweite Beispiel von der äußersten Rechten -mein voriges Paradox, daß die russischen europäischen Sozialisten und -Kommunarden – vor allen Dingen keine Europäer sind und zum Schluß echte, -prächtige Russen werden, sobald das Mißverständnis sich aufklärt und sie -ihr Land kennen lernen! Und zweitens, daß kein einziger Russe ernstlich -Europäer wird, wenn er nur noch ein bißchen, wenn auch nur verschwindend -wenig, Russe bleibt! Ist dem aber so, – dann muß folglich auch Rußland -etwas vollkommen Selbständiges und Besonderes sein, etwas, das Europa -nicht im geringsten gleicht. Ja, und Europa selbst ist vielleicht gar -nicht im Unrecht, wenn es die Russen tadelt und über ihr Revolutionärtum -lacht: „Wir sind also Revolutionäre nicht nur für die Zerstörung, dort, -wo nicht wir gebaut haben, nicht wie die Hunnen und Tataren, sondern für -irgend etwas anderes, das wir bis jetzt selbst noch nicht wissen – die -aber, die es wissen, behalten es für sich. Kurz, wir sind – -Revolutionäre aus irgendeiner eigenen Notwendigkeit heraus, sozusagen -Revolutionäre aus Konservativismus ...“ - -Doch all das sind Übergangsstadien, wie ich schon gesagt habe, all das -ist nebensächlich und liegt abseits – heute wenigstens, da sich die ewig -unbeantwortete Orientfrage wieder erhoben hat. - - - Utopische Geschichtsauffassung - -In diesen ganzen hundertfünfzig Jahren nach Peter dem Großen haben wir -nichts anderes getan, als die Gemeinschaft mit allen nur möglichen -menschlichen Zivilisationsformen zu erwerben versucht, durch die -Teilnahme an der Geschichte und durch die Bekanntschaft mit den Idealen -aller Völker. Zuerst haben wir uns gezwungen und dann haben wir uns -gewöhnt, die Franzosen zu lieben, die Deutschen und all die anderen -gleichfalls, als ob das unsere Brüder gewesen wären, ganz abgesehen -davon, daß sie uns nie geliebt haben und wohl auch willens sind, uns -hinfort nicht zu lieben. Doch darin bestand ja unsere Reform, die ganze -Tat Peters des Großen: sie hat in anderthalb Jahrhunderten unseren Blick -erweitert, – eine Tatsache, die vielleicht noch bei keinem Volk, weder -in der alten noch in der neuen Geschichte, vorgekommen ist. Das Rußland -vor Peter war tätig und festgefügt, wenn es sich auch politisch langsam -entwickelte. Es hatte sich zur Einheit herausgearbeitet und schickte -sich an, seine Grenzen zu befestigen, und bei sich wußte es, daß es -einen Schatz in sich trug, wie es keinen zweiten in der Welt mehr gibt – -die Rechtgläubigkeit; wußte, daß es der Hüter der Wahrheit Christi ist, -wirklich der gewißlichen Wahrheit, des wahrhaften Ebenbildes Christi, -das sich in allen anderen Glaubensformen und bei allen anderen Völkern -verdunkelt hat. Dieser Schatz, diese ewige, in Rußland gegenwärtige -Wahrheit, deren Aufbewahrung uns als Aufgabe zugefallen, befreite -geradezu das Gewissen der besten damaligen Russen (nach ihrer eigenen -Meinung) von der Pflicht, sich um das Wissen anderer Völker zu kümmern. -Ja, in Moskau kam man sogar zu der Überzeugung, daß jede engere -Berührung mit Europa schädlich und demoralisierend auf das russische -Gemüt und auf die russische _Idee_ wirken, die Rechtgläubigkeit selbst -entstellen und Rußland auf den Weg des Verderbens bringen könnte, „nach -dem Beispiel aller anderen Völker“. So schickte sich denn das alte -Rußland in seiner Abgeschlossenheit an, _Unrecht zu tun_, – Unrecht an -der Menschheit, indem es sich dafür entschied, ratlos seinen Schatz, -seine Rechtgläubigkeit bei sich zu behalten und sich von Europa, d. h. -von der Menschheit, abzuschließen, – in der Art unserer Sektierer, die -mit niemandem aus einer Schüssel essen, sondern es für eine heilige -Pflicht halten, daß ein jeder sich eine besondere Tasse und einen -besonderen Löffel anschafft. Dieser Vergleich stimmt buchstäblich, denn -vor Peter waren unsere politischen wie geistigen Beziehungen zu Europa -von derselben Art. Seit der Reform Peters jedoch gewannen wir die -beispiellose Erweiterung des Blicks, – und darin, wiederhole ich, -besteht die ganze Größe der Tat unseres „Ehernen Reiters“. Dieses ist -der Schatz, den wir, die obere kultivierte Schicht Russen, nach einer -anderthalb Jahrhunderte langen Abwesenheit aus unserem eigenen Lande dem -Volke bringen, und den das Volk, nachdem wir uns selber vor seiner -Wahrheit gebeugt, von uns annehmen muß, _sina qua non_, „widrigenfalls -die Vereinigung beider Schichten sich als unmöglich erweisen und alles -untergehen wird.“ - -Was ist das nun für eine „Erweiterung des Blicks“, worin besteht sie und -was für eine Bedeutung hat sie? - -Das ist nicht die Aufklärung oder Erleuchtung im eigentlichen Sinne des -Wortes, auch nicht die Wissenschaft, es ist auch kein Verrat an den -russischen moralischen Grundsätzen im Namen der europäischen Kultur. -Nein, das ist etwas, was einzig dem russischen Volke eigen ist: denn -eine ähnliche Reform hat es nirgends und noch niemals gegeben. Das ist -unsere wirklich und in der Tat fast brüderliche Liebe zu den anderen -Völkern, eine Liebe, die wir in anderthalb Jahrhunderten Berührung mit -ihnen uns erworben haben. Das ist unser Bedürfnis, der ganzen Menschheit -zu dienen, zuweilen sogar zum Nachteil der eigenen, wichtigsten und -nächsten Interessen; das ist unsere Aussöhnung mit ihren Kulturen, unser -Begreifen und _Verzeihen_ ihrer Ideale, selbst dann, wenn sie sich mit -den unsrigen nicht vertragen. Das ist unsere Fähigkeit, die wir uns -selbst anerzogen haben, in jeder der europäischen Kulturen, oder -richtiger, in jeder europäischen Persönlichkeit die in ihr enthaltene -Wahrheit zu entdecken, sogar ungeachtet alles dessen, womit wir -grundsätzlich nicht übereinstimmen können. Das ist endlich das -Bedürfnis, in erster Linie – gerecht zu sein und nur die Wahrheit zu -suchen. Mit einem Wort, das ist vielleicht gerade der Anfang, der erste -Schritt dieser aktiven Anwendung unseres Schatzes, unserer -Rechtgläubigkeit, zum Dienste der ganzen Menschheit – wozu sie ja -bestimmt ist und was ihr wirkliches Wesen ausmacht. Auf diese Weise hat -die Reform Peters die Erweiterung unserer _früheren Idee_ bewirkt, -unserer alten russisch-moskowitischen Idee: wir bekamen ein -vervielfachtes und verstärktes Verständnis für dieselbe: wir erkannten -unsere Weltbestimmung, unsere Persönlichkeit und unsere Rolle in der -Menschheit, übersahen aber, daß diese Bedeutung und diese Rolle -grundverschieden sind von denen der anderen Völker; denn dort lebt jede -nationale Persönlichkeit einzig für sich und in sich, wir aber werden, -wenn unsere Zeit kommt, gerade damit beginnen, daß wir die Diener Aller -werden, um der allgemeinen Versöhnung willen. Das ist durchaus nicht -schmählich für uns, im Gegenteil, es ist unsere Größe, denn es führt zur -endgültigen Vereinigung der Menschheit. Wer der Höchste im Reiche Gottes -sein will, – der werde der Diener Aller. So verstehe ich die russische -Prädestination _in ihrem Ideal_. - -Der erste Schritt unserer neuen Politik nach Peter spezifizierte sich -denn auch ganz von selbst: dieser erste Schritt lag in dem Plan, das -ganze Slawentum unter den Flügeln Rußlands zu vereinigen. Und diese -Vereinigung nicht etwa zur Aneignung fremden Besitzes, nicht zur -Vergewaltigung, nicht zur Vernichtung der einzelnen slawischen -Völkerpersönlichkeiten durch den russischen Koloß, sondern um sie zu -erneuen und in das ihnen zustehende Verhältnis zu Europa und zur -Menschheit zu bringen, ihnen endlich die Möglichkeit zu geben, friedlich -leben zu können und sich nach ihren unzähligen, jahrhundertelangen -Leiden zu erholen, um sich im gemeinsamen Geiste zu versammeln und, -nachdem man seine neue Kraft gefühlt, auch sein Scherflein in die -Schatzkammer des menschlichen Geistes zu bringen, auch sein Wort in der -Kultur zu sagen. Oh, natürlich, man kann ja über diese meine -„Illusionen“ von russischer Prädestination lachen soviel man will, doch -bitte ich wenigstens eines sagen zu dürfen: wünschen etwa nicht alle -Russen die Befreiung und Erhebung der Slawen gerade auf dieser Basis, -gerade für deren volle persönliche Freiheit und die Auferstehung ihres -Geistes, und durchaus _nicht_, um sie für Rußland _politisch_ zu -gewinnen und durch sie Rußland _politisch_ zu verstärken, wie es -einstweilen Europa argwöhnt? Das ist doch so, nicht wahr? Dann aber sind -doch meine „Illusionen“ zum Teil schon gerechtfertigt? Freilich versteht -es sich von selbst, daß zu diesem selben Zweck Konstantinopel – früher -oder später doch unser werden muß ... - -Herrgott, wie spöttisch ein Österreicher oder Engländer lächeln würde, -wenn er diese ausgedachten „Illusionen“ lesen könnte und plötzlich solch -eine _positive_ Folgerung fände! - -„Konstantinopel, das Goldene Horn, der erste politische Punkt der Welt! -– das soll keine politische Eroberung sein!?“ - -Ja, das Goldene Horn und Konstantinopel – all das wird dereinst unser -sein, doch nicht um der Eroberung und der Vergewaltigung willen, -antworte ich. Und vor allen Dingen: das wird ganz von selbst geschehen, -wenn die Zeit dazu kommt. Es ist der natürliche Ausgang der -Balkanfragen. Wenn es bis jetzt noch nicht geschehen ist, so war eben -die Zeit noch nicht gekommen. In Europa glaubt man an irgendein -„Testament Peters des Großen“. Das ist nichts weiter als ein von Polen -geschriebenes, untergeschobenes Papier. Doch wenn Peter auch der Gedanke -gekommen wäre, anstatt Petersburg zu gründen, Konstantinopel zu erobern, -so hätte er doch diesen Gedanken aufgegeben: selbst dann, wenn er die -Macht gehabt hätte, den Sultan zu vernichten – denn damals wäre das -unzeitgemäß gewesen und hätte sogar Rußlands Verderben sein können. - -Schon in dem finnischen Petersburg sind wir dem Einfluß der benachbarten -Deutschen nicht entronnen, – wenn er auch nützlich gewesen ist, so hat -er doch die russische Entwicklung, bevor sie ihren rechten Weg fand, -ungemein gelähmt, – wie hätten wir dann in Konstantinopel, der großen, -eigenartigen Stadt, mit den Resten der ältesten und mächtigsten Kultur, -dem Einfluß der Griechen entrinnen können, dieser unvergleichlich -„geschliffeneren“ Menschen, als es die rauhen, uns vollkommen -unähnlichen Deutschen sind, dem Einfluß dieser Menschen, die bedeutend -mehr Berührungspunkte mit uns haben, dieser zahlreichen höfischen -Griechen, die sofort den Thron umringt hätten und viel früher als die -Russen gelehrt und gebildet geworden wären, die unseren Peter selber, -nicht nur seine Nachfolger, bezaubert hätten, schon allein durch ihre -Kenntnis der Schiffahrt, – seiner schwachen Seite –?? Kurz, sie hätten -Rußland politisch erobert, hätten es, wieder auf irgendeinen neuen -asiatischen Weg gelockt, nun, und dem wäre natürlich das damalige -Rußland nicht gewachsen gewesen. Seine russische Kraft und Nationalität -wären in ihrer Entwicklung unterbrochen worden. Der mächtige Großrusse -wäre abseits in seinem dunklen schneeigen Norden geblieben und hätte nur -als Material für die Zarenstadt gedient, und vielleicht würde er es zum -Schluß sogar überflüssig gefunden haben, ihr noch weiter zu folgen. Der -Süden Rußlands aber wäre den Griechen anheimgefallen. Ja, vielleicht -hätte sich sogar die Rechtgläubigkeit selber in zwei Welten geteilt: in -die südlich-zaristische und die nördlich-altrussische ... Kurz, die -Sache wäre im höchsten Grade unzeitgemäß gewesen. Jetzt aber ist es -etwas ganz anderes. - -Jetzt ist Rußland schon in Europa gewesen und ist nicht mehr so -unwissend wie damals. Die Hauptsache aber – es hat seine ganze Kraft -erkannt und ist wirklich stark geworden; und außerdem weiß es jetzt, -wodurch es dereinst am stärksten sein wird. Jetzt weiß es, daß -Konstantinopel uns gehören kann, auch ohne dabei die Hauptstadt zu sein; -vor zweihundert Jahren aber, da hätte Peter nach der Eroberung von -Byzanz nicht umhingekonnt, dorthin seine Residenz zu verlegen, was das -Verderben Rußlands gewesen wäre – denn Byzanz ist nicht Rußland und kann -auch niemals Rußland werden. Angenommen aber, daß Peter diesen Fehler -nicht begangen hätte, so wären doch bestimmt seine Nachfolger dorthin -gezogen. Wenn aber Byzanz heute unser wird, so wird es deshalb noch -nicht Rußlands Hauptstadt und somit auch nicht die Hauptstadt des -Panslawismus, wie einige träumen. Der Panslawismus ohne Rußland wird -sich im Kampf mit den Griechen entkräften, selbst dann, wenn er aus -seinen Teilen irgend etwas politisch Ganzes bilden könnte. Daß aber die -Griechen allein Byzanz erben, ist jetzt schon unmöglich: einen so -wichtigen Punkt der Erde kann man ihnen nicht abtreten, das wäre denn -doch etwas zuviel für sie. Der Panslawismus aber mit Rußland an der -Spitze – oh, der ist natürlich etwas ganz anderes! Aber ist dieses -Andere auch etwas Gutes, fragt es sich? Und würde das nicht wie ein -Einstecken der Slawen aussehen, was wir durchaus nicht nötig haben? Also -im Namen wessen, im Namen welches _moralischen_ Rechtes könnte denn -Rußland Konstantinopel begehren? Auf welche höheren Ziele gestützt, -könnte es Byzanz von Europa fordern? Nur als Führer der -Rechtgläubigkeit, als ihr Beschützer und Erhalter – in der Rolle, die -ihm schon seit Iwan III.[23] zusteht: zum Zeichen dessen hat dieser den -zweiköpfigen byzantinischen Adler über das alte Wappen Rußlands -gestellt, wenn Rußland dieser Führer auch erst seit Peter dem Großen -wirklich geworden ist, als es die Kraft in sich fühlte, seine Bestimmung -zu erfüllen, und in der Tat der einzige wahrhafte Beschützer und -Erhalter der Rechtgläubigkeit, wie der ihr angehörigen Völker wurde. -Dieser Grund, dieses _Recht_ auf das alte Byzanz, wäre selbst den auf -ihre Unabhängigkeit eifersüchtigsten Slawen und sogar den Griechen -verständlich und hätte nichts Kränkendes für sie. Damit würde sich das -wirkliche Wesen dieser politischen Beziehungen selbst zu erkennen geben, -Beziehungen, die sich unfehlbar in Rußland zu allen übrigen -rechtgläubigen Völkern herstellen müssen – ob Slawen oder Griechen, -bleibt sich gleich. Rußland ist ihre Beschützerin und vielleicht sogar -ihre Führerin, doch nicht ihre Herrscherin. Sollte Rußland aber einmal -ihre Zarin werden, so wird das nur auf ihre eigene Wahl hin geschehen -können, mit der Aufrechterhaltung alles dessen, was sie selbst zur -Sicherung ihrer Unabhängigkeit und Selbständigkeit und Eigenart -bestimmen ... so daß zu solch einem Vaterlande auch die nicht -rechtgläubigen Slawen werden hinzutreten können, denn sie würden selbst -sehen, daß die Vereinigung unter dem Schutze Rußlands nur eine -Sicherstellung der unabhängigen Persönlichkeit eines jeden ist, da sie -ohne diese große, vereinende Kraft sich vielleicht wieder in -Streitigkeiten untereinander entkräften würden, selbst wenn sie einmal -von Muselmännern oder Europäern, denen sie jetzt gehören, politisch -unabhängig werden sollten. - -Wozu mit Worten spielen, wird man mir sagen: was ist das, diese -„Rechtgläubigkeit“? und worin liegt hier eine so besondere Idee, solch -ein besonderes Recht auf die Vereinigung der Völker? Ist das nicht ganz -ebensolch ein politischer Verband wie alle übrigen, wenn auch auf den -breitesten Grundlagen, in der Art der Vereinigten Staaten Amerikas -vielleicht, oder womöglich auf noch breiteren? - -Ich werde diese Frage sofort beantworten. - -Nein, es wird nicht dasselbe sein, und es ist auch kein Spiel mit -Worten, sondern hierdurch wird _wirklich_ etwas Besonderes und noch -nicht Dagewesenes geschehen. Es wird nicht nur eine politische -Vereinigung sein und noch weniger eine politische Aneignung oder -Vergewaltigung, – wie Europa es sich nicht anders denken kann; und nicht -im Namen eines Krämerwesens, oder persönlicher Vorteile und der ewigen, -immer gleichen vergötterten Laster unter dem Schein des offiziellen -Christentums, an das in Wirklichkeit niemand mehr außer dem _Pöbel_ -glaubt. Nein, hierdurch soll die Wahrheit Christi zur Wirklichkeit -werden, diese Wahrheit, die einzig im Osten noch erhalten wird, die -wirkliche, neue Herrschaft Christi und die Verkündung des endgültigen -Wortes der Rechtgläubigkeit, deren Haupt schon längst Rußland ist. Das -wird ja das Ärgernis sein für alle Starken dieser Welt, die bis jetzt -hienieden triumphiert haben, die immer auf ähnliche „Erwartungen“ mit -Verachtung und Spott herabgesehen und nicht einmal begreifen können, wie -man ernstlich an die Brüderlichkeit der Menschen, an die Allversöhnung -der Völkerschaften glauben kann, an einen Bund, der auf der Basis der -Alldienstbarkeit der Menschheit gegründet ist, und endlich selbst an die -Erneuerung der Menschen auf Grund der wahrhaften Lehre Christi. Ist aber -der Glaube an dieses „neue Wort“, das Rußland als Haupt der vereinten -Rechtgläubigkeit der Welt sagen kann, eine „Utopie“, die nur des Spottes -wert ist, so möge man auch mich zu diesen Utopisten rechnen, und den -Fluch der Lächerlichkeit will ich dann gerne tragen. - -„Schon das allein ist Utopie,“ wird man vielleicht noch einwenden, „daß -man Rußland irgendeinmal einfach _erlauben_ werde, an die Spitze der -Slawen zu treten und in Konstantinopel einzuziehen. Man kann ja nicht -verbieten, sich Illusionen zu machen, doch bleiben es immerhin -Illusionen.“ - -Ist das wirklich so? Doch abgesehen davon, daß Rußland stark ist und -vielleicht noch viel stärker, als es selbst ahnt, ganz abgesehen davon – -waren es nicht unsere eigenen Augen, die noch in den letzten Jahrzehnten -zwei riesige, Europa beherrschende Mächte sich aufrichten sahen, von -denen die eine in Staub und Schutt zusammenbrach, in einem Tage vom -Sturme Gottes hinweggefegt, und an deren Stelle sich ein neues Reich -erhob, dem ein an Kraft ähnliches, sollte man meinen, die Erde noch -nicht getragen hat? Und wer hätte das voraussehen können? Wenn aber -solche Veränderungen möglich sind, schon in unseren Tagen und vor -unseren Augen, wie kann dann der menschliche Verstand vollkommen und -buchstäblich das Schicksal des Ostens weissagen wollen? Wer hat wirklich -Ursache, in der Hoffnung auf die Auferstehung und Einigung der Slawen zu -verzagen? Unbekannt sind uns Menschen die Wege Gottes allzeit gewesen. - - - Foma Daniloff, der zu Tode gemarterte russische Held - - - Foma Daniloff - -Es ist jetzt[24] wohl ein Jahr her, daß die Zeitungen die Nachricht -brachten von dem Märtyrertode des Unteroffiziers des 2. Turkistanischen -Schützenbataillons, Foma Daniloff. Er war in die Gefangenschaft der -Kiptschaken geraten und von ihnen in Magelan nach vielen raffinierten -Foltern endlich am 21. November barbarisch umgebracht worden, weil er -nicht in ihren Dienst und zum Mohammedanismus hatte übertreten wollen. -Der Chan selber hat ihm Belohnungen, seine Gunst und alle möglichen -Ehren versprochen, wenn er eingewilligt hätte, Christus zu verleugnen. -Daniloff aber hat geantwortet, daß er das Kreuz nicht verraten könne und -als Untertan des Zaren, wenn auch in der Gefangenschaft, seine Pflicht -dem Zaren und dem Christentum gegenüber erfüllen müsse. Seine Peiniger -haben sich über die Kraft seiner Seele gewundert und ihn einen Helden -genannt. - -Damals rief diese Nachricht, wenn sie auch von allen Zeitungen -mitgeteilt wurde, doch kein besonderes Interesse in der Gesellschaft -hervor; ja, selbst die Blätter, die sie nur wie eine gewöhnliche -Tagesneuigkeit brachten, fanden es nicht für nötig, sich noch -_besonders_ darüber zu verbreiten. Darauf kamen die slawische Bewegung, -Tschernjäjeff[25], die Serben und manches andere. Es kamen Spenden und -Freiwillige, und der gefolterte Foma geriet in völlige Vergessenheit – -das heißt in den Zeitungen. Erst kürzlich hörten wir wieder etwas von -ihm, oder vielmehr von seiner Familie, nach der der Gouverneur von -Samara inzwischen geforscht hatte. Daniloff hat eine 27jährige Frau, -Jewrossinja, und eine sechsjährige Tochter, Ulita, in ärmlichen -Verhältnissen zurückgelassen. Eine Sammlung für sie ergab 1320 Rubel, -von denen 600 für die Tochter bis zu ihrer Mündigkeit verzinst werden -sollen, während den Rest die Mutter erhält; außerdem hat eine Schule die -kleine Ulita als Stipendiatin aufgenommen. Bald darauf benachrichtigte -dann der Chef des Generalstabes den Gouverneur von Samara, daß nach -Allerhöchster Bestimmung der Witwe eine lebenslängliche Pension von 120 -Rubel jährlich ausgezahlt werden solle. Und nun – wird die Sache -wahrscheinlich wieder vergessen werden, besonders in Anbetracht der -gegenwärtigen Aufregungen, politischen Befürchtungen, der schwebenden -Fragen, Krachs usw. - -Oh, ich will durchaus nicht behaupten, daß unsere Gesellschaft sich zu -dieser ungewöhnlichen Tat gleichgültig, wie zu einem nicht -beachtenswerten Geschehnis, verhalten hätte! Tatsache ist nur, daß -darüber wenig gesprochen worden ist, oder richtiger, daß niemand davon -als von etwas _Besonderem_ gesprochen hat. Übrigens, vielleicht hat man -es auch irgendwo getan, bei Kaufleuten, bei Geistlichen zum Beispiel, -nicht aber in der „Gesellschaft“, nicht in den Kreisen unserer -„Intelligenz“. Das Volk natürlich wird diesen großen Tod nicht -vergessen. Dieser Held hat Qualen für Christus erduldet und ist ein -großer Russe gewesen: das versteht das Volk zu schätzen, und solche -Taten vergißt es nie. Und doch ist es mir, als hörte ich schon einige -mir so wohlbekannte Stimmen sagen: „Tja, das ist allerdings Kraft, -Stärke, und wir erkennen sie ja auch an, aber – es ist doch immer eine -blinde, sagen wir wie das Volk: eine ‚dunkle‘ Kraft, die sich in etwas -allzu vorsintflutlicher Gestalt geoffenbart hat, und darum – was hätten -wir da als etwas _Besonderes_ besprechen sollen? Nicht von unserer Welt -ist das. Eine ganz andere Sache aber ist Kraft, die sich intellektuell, -die sich bewußt zeigt. Es gibt noch andere Dulder und andere Kräfte, es -gibt auch Ideen, die unvergleichlich höher sind – die kosmopolitische -Idee zum Beispiel ...“ - -Doch trotz dieser vernünftigen und „intellektuellen“ Stimmen scheint es -mir erlaubt und verzeihlich, etwas _Besonderes_ auch über Daniloff zu -sagen. Ja, ich glaube sogar, daß es selbst unsere Intelligenz nicht gar -so sehr erniedrigen würde, wenn sie sich etwas aufmerksamer zu dieser -Tat verhalten hätte. Mich, zum Beispiel, wundert am meisten, daß sich -damals nirgendwo Verwunderung geäußert hat, – gerade Verwunderung. Ich -rede nicht vom Volke: dort ist Verwunderung nicht nötig, und darum wird -es sich auch in diesem Falle nicht gewundert haben: die Tat Daniloffs -kann ihm nicht ungewöhnlich erscheinen, schon allein wegen des großen -Glaubens unseres Volkes an sich selber nicht. Seine Antwort auf diese -Heldentat wird nur ein mächtiges Gefühl und eine tiefe Rührung sein. -Sollte aber etwas Ähnliches in Europa geschehen, ich meine, ein solcher -Beweis von Mut und Größe, sei es bei den Engländern, bei den Franzosen -oder bei den Deutschen, so würde der Ruhm des betreffenden Helden über -die ganze Welt hin erschallen. Nein, hört mal, wißt ihr auch, wie mir -dieser „dunkle“, unbekannte Soldat des Turkistanischen Bataillons -vorkommt? Ja, der ist doch – der ist doch das Symbol ganz Rußlands, -unseres ganzen volklichen Rußlands, das wahrhafteste Abbild dieses -selben Rußlands, dem unsere Zyniker und Allwissenden jetzt schon jeden -Geist abstreiten, wie jede Möglichkeit der Erhebung und Offenbarung -eines großen Gedankens oder großen Gefühls. Hört mal, ihr -seid ja gar nicht diese Zyniker. Ihr seid ja im ganzen nur -intellektuell-europäisierte Russen, das heißt, im Grunde die -gutmütigsten Leute! Auch ihr, nicht wahr, leugnet doch nicht, daß unser -Volk im vergangenen Sommer stellenweis ungewöhnliche Geisteskraft -bewiesen hat: viele Bauern verließen bekanntlich ihre Häuser und Kinder -und gingen hin, um für den Glauben zu sterben, für die bedrückten -Brüder, – weiß Gott wohin und weiß Gott mit welchen Mitteln, ganz genau -so, wie einst vor neun Jahrhunderten in Europa die ersten Kreuzfahrer -auszogen, – diese selben Kreuzfahrer, deren Wiedererscheinen manch einer -unserer Intellektuellen für fast lächerlich und beleidigend halten -würde, „in unserem,“ wie er sagt, „Jahrhundert des Fortschritts, der -positiven Aufgaben usw.“ Schön, mag diese unsere Bewegung im vorigen -Sommer auch nach eurer Meinung blind und sogar „nicht recht gescheit“ -gewesen sein, sozusagen „kreuzfahrerisch“, so könnt ihr doch nicht -leugnen, wenn ihr nur ein wenig größer schaut, daß es eine -überzeugungsvolle und großmütige Bewegung gewesen ist. Eine mächtige -Idee erwachte und erweckte und zog vielleicht Hunderttausend, vielleicht -Millionen Seelen mit einem Schlage aus der Gleichgültigkeit, dem -Zynismus und dem Schmutz, in dem sie sich bis dahin gewälzt. Wie ihr -wißt, hält man unser Volk bis jetzt noch, wenn auch für gutmütig und -geistig sogar sehr begabt, doch für eine dunkle, elementare, -erkenntnislose Masse, die ohne Ausnahme Lastern und Vorurteilen ergeben -und fast durchweg sittenlos ist. Nun aber erdreiste ich mich, etwas -auszusprechen, das man, wenn man will, ein Axiom nennen kann, und zwar: -Um über die sittliche Kraft eines Volkes und darüber, zu was es in -Zukunft fähig sein kann, zu urteilen, muß man nicht den Grad der -Verderbnis, bis zu der es sich zeitweilig und womöglich in seiner -Mehrzahl selbst erniedrigt, in Betracht ziehen, sondern nur die -Geisteshöhe, bis zu der es sich wird emporschwingen können, wenn die -Zeit dazu gekommen sein wird. Denn Verderbnis ist nur ein temporäres -Unglück und hängt so gut wie immer von den vorhergehenden und -vorübergehenden Umständen ab, von der Sklaverei, der Unterdrückung, -Verrohung; die Gabe aber der Großmut ist ewig, elementar, ist eine Gabe, -die mit dem Volke geboren wird und um so höher zu ehren ist, wenn sie -durch Jahrhunderte der Sklaverei, des Unglücks und der Armut sich -trotzdem im Herzen dieses Volkes unverletzt erhalten hat. - -Foma Daniloff war dem Ansehen nach vielleicht eines der -allergewöhnlichsten und unauffälligsten Exemplare des russischen Bauern, -so unauffällig wie das russische Volk selber. – Oh, viele haben dieses -Volk überhaupt noch nicht bemerkt! – Möglich, daß er seinerzeit nicht -ungern ohne Arbeit war und ein Gläschen trank, möglich, daß er nicht -einmal viel betete, wenn er auch natürlich seinen Gott nie vergaß! Und -plötzlich befiehlt man ihm nun, seinen Glauben zu ändern, – unter -Androhung des Märtyrertodes! Dabei nicht zu vergessen, was das für eine -Folter ist, diese asiatische Folter! Vor ihm sitzt der Chan in eigener -Person und verheißt ihm seine Gnade und alles Schöne. Und Daniloff -begreift nur zu gut, daß seine Weigerung den Mächtigen unbedingt reizen -wird und es die Eigenliebe der Kiptschaken kränken muß, daß „ein -Christenhund es wagt, den Islam so zu verachten“. Doch trotz allem, was -ihn erwartet, nimmt dieser unansehnliche russische Mensch die grausamen -Qualen auf sich und stirbt, seine Peiniger in Erstaunen setzend. Wißt -ihr auch, daß von uns kein einziger das getan hätte? Vor aller Augen -leiden, mag zuweilen sogar angenehm sein, hier aber ging doch die Qual -ganz weltfern vor sich, in einem stummen Winkel: keiner sah ihn; und -Foma selber konnte nicht wissen, daß seine Tat über das ganze Land der -Russen hin bekannt werden würde. Ich glaube, gar manchen großen -Märtyrern, sogar solchen aus den ersten Jahrhunderten des Christentums, -gereichte es, wenn sie das Kreuz auf sich nahmen, nicht wenig zum Trost -und zur Erleichterung, sich sagen zu können, daß ihr Tod den Zaghaften -und Schwankenden ein Beispiel sei und noch mehr Jünger für Christus -werben werde. Foma Daniloff konnte selbst diesen großen Trost nicht -haben: er war allein unter seinen Henkern – niemand, mußte er sich -sagen, würde erfahren, was mit ihm geschah. Er war noch jung und hatte -Weib und Kind in der Heimat, – niemals würde er sie wiedersehen – doch -sei es! „Wo ich auch bin, gegen mein Gewissen kann ich nicht handeln; -ich wähle den Märtyrertod,“ – Wahrheit um der Wahrheit willen und nicht -zum Ruhme! Und weder Lug noch Trug noch sophistisches Spiel mit dem -eigenen Gewissen: „Werde den Islam einfach zum Schein annehmen, errege -lieber keinen Anstoß, es wird ja doch niemand sehen, später kann ich ja -Buße tun, das Leben ist lang, werde der Kirche spenden, Gutes tun ...“ -Nichts davon war in ihm, sondern nur wundernehmende, uranfängliche, -elementare Ehrlichkeit. Nein, ich glaube nicht, daß wir ebenso gehandelt -hätten! - -Doch das sind wir, – aber für unser Volk, wiederhole ich, hat die -Heldentat Daniloffs vielleicht sogar nicht das geringste Verwunderliche. -Das ist es ja, daß hier geradezu ein Symbol des russischen Volkes -geboten wird, eine ganze Darstellung unseres Volkes: deswegen berührt -dieser Tod mich so nah und auch euch, natürlich auch euch! Gerade so -liebt unser Volk die Wahrheit nur um der Wahrheit willen und nicht um -des Ruhmes willen. Möge es auch noch so roh und gemein und sündig und -unscheinbar sein; doch laßt nur seine Zeit kommen, laßt nur die Zeit der -Volkswahrheit anbrechen, so werdet auch ihr erstaunen über seine -Geistesfreiheit, die seine Größe dann vor dem Joch des Materialismus, -der Leidenschaften, der Geld- und Habgier, und sogar unter Androhung des -grausamsten Foltertodes, beweisen wird. Und all das wird es einfach, -ohne Phrasen und Gesten tun, nur fest in seiner Überzeugung, ohne -Belohnung oder Lob zu verlangen, ohne mit seiner Tat zu prahlen: „Woran -ich glaube, das bekenne ich auch.“ - -Wißt, man muß die Wahrheit nicht zu umgehen suchen: ich glaube, daß wir -solch ein Volk nichts mehr lehren können. Das ist ein Sophismus, -versteht sich, doch kommt er einem zuweilen unwillkürlich in den Sinn. -Oh, natürlich, wir sind gebildeter als das Volk, aber _was_ sollen wir -es denn lehren – fragt es sich! Ich rede hier nicht von den Handwerken, -nicht von der Technik, nicht von der Mathematik, – das werden ihm auch -die zugereisten Deutschen schon für Lohn beibringen, wenn wir es selbst -nicht tun. Nein, aber wir, was sollen wir es lehren? Wir sind doch -Russen, sind Brüder diesem Volke und folglich verpflichtet, es zu -_erleuchten_. Was können wir ihm Moralisches, welches Höhere können wir -ihm geben, was ihm erklären, und womit diese „dunklen“ Seelen -_erleuchten_? Volksaufklärung ist unser Recht und unsere Pflicht im -höchsten christlichen Sinne: wer das Gute weiß und das wahrhafte Wort -des Lebens kennt, der muß, der ist verpflichtet, es seinem -nichtwissenden, im Dunkel irrenden Bruder zu sagen, lehrt uns die Bibel. -Was sollen wir nun dem Irrenden sagen, was er selbst nicht besser wüßte -als wir? Zuerst natürlich, daß „lernen nützlich ist und man lernen muß“, -– nicht wahr? Aber das Volk hat schon vor uns gesagt: „lernen – ist -Licht, nicht lernen – ist Finsternis“. Besiegung der Vorurteile, zum -Beispiel, Vernichtung der Götzen? Aber in uns selber ist doch solch eine -Unmenge von Vorurteilen, und Götzen haben wir uns so viele zugelegt, daß -das Volk uns offen sagen wird: „Arzt, heile dich selber.“ – Und unsere -Götzen versteht es bereits ganz vorzüglich zu erkennen! Oder sollen wir -es Selbstachtung lehren, persönliche Würde? Aber unser Volk, als Ganzes -genommen, achtet sich selber viel mehr als wir uns, ehrt und begreift -seine Würde viel tiefer als wir. In der Tat, wir sind so furchtbar in -uns selbst verliebt, aber wir achten uns dabei doch nicht im geringsten, -und persönliche Würde, einerlei worin sie auch bestände, gibt es bei uns -überhaupt nicht. Oder sollen wir dem Volk etwa Achtung vor fremden -Überzeugungen beibringen? Unser Volk beweist schon seit Peters des -Großen Zeiten, daß es auch die Überzeugungen Fremder zu achten versteht, -wir aber verzeihen ja nicht einmal unter unseresgleichen die kleinste -Abweichung von unseren Überzeugungen, und wer mit uns nicht -übereinstimmt, den halten wir einfach für einen Dummkopf, wobei wir ganz -vergessen, daß, wer so leicht die Achtung für andere verliert, in erster -Linie sich selbst nicht achtet. Oder sollen wir etwa das Volk Glauben an -sich und seine Kräfte lehren? Das Volk hat Foma Daniloffs zu Tausenden, -wir aber glauben überhaupt nicht an russische Kräfte, ja, und halten -diesen Unglauben noch für höhere Bildung, und es fehlt nicht viel, auch -noch für Heldenhaftigkeit. Aber so sagt doch, was können wir das Volk -denn lehren? Wir verabscheuen, wir hassen sogar all das, was unser Volk -liebt und ehrt, und wonach sein Herz sich sehnt. Nun also: was sind wir -denn für Volksfreunde? Man wird vielleicht entgegnen, daß wir folglich -das Volk nur um so mehr lieben, wenn wir, ihm Besseres wünschend, seine -Unwissenheit verabscheuen. O nein, meine Herren, keineswegs: wenn wir -wahrhaft und in der Tat unser Volk liebten und nicht nur in Artikeln und -Broschüren, so würden wir etwas näher zu ihm hingehen und uns bemühen, -erst einmal das kennen zu lernen, was wir jetzt, wie es uns gerade -beliebt, nach europäischer Schablone in ihm vernichten wollen: dann -würden wir vielleicht selbst so viel Neues lernen, wie wir uns jetzt -noch nicht einmal träumen lassen. - -Übrigens haben wir einen Trost: unseren großen Stolz vor unserem Volke. -Darum verachten wir es ja auch so: verachten es, weil es national ist -und aus seiner ganzen Kraft auf dieser seiner Nationalität besteht, wir -aber – wir haben kosmopolitische Überzeugungen, haben uns als unser Ziel -die Allmenschheit gesetzt und uns über unser Volk somit selbst -hinausgehoben. Nun, und das ist ja unsere ganze Zwietracht, unser ganzer -Bruch mit dem Volk. Und so sage ich denn meine Meinung: versöhnen wir -uns mit ihm in diesem Punkte, so hört sofort auch unser Zwist mit ihm -auf. Dazu aber gibt es eine Möglichkeit, die außerdem sehr leicht zu -finden ist. Im übrigen wiederhole ich nochmals nachdrücklichst, daß -sogar unser allerschroffster Widerspruch im Grunde nur eine – -Selbsttäuschung ist. - -Doch was ist das nun für eine Versöhnungsmöglichkeit? - - - Die Versöhnungsmöglichkeit außerhalb der Wissenschaft - -Zuerst hebe ich das am meisten Bestrittene hervor und beginne ohne -weiteres damit: - -„Jedes große Volk glaubt und muß glauben, wenn es nur lange am Leben -bleiben will, daß in ihm, und nur in ihm allein, die Rettung der Welt -liegt, daß es bloß lebt, um an die Spitze aller Völker zu treten, sie -alle in das eigene Volk aufzunehmen und sie, in harmonischem Chor, zum -endgültigen, ihnen allen vorbestimmten Ziele zu führen.“ - -Ich behaupte, daß es so mit allen großen Völkern der Erde war, mit den -ältesten, wie mit den jüngsten, daß nur dieser Glaube allein sie zu der -Möglichkeit, jedes zu seiner Zeit einen großen Einfluß auf die -Schicksale dir Menschheit auszuüben, erhoben hat. So war es zweifellos -mit dem alten Rom, und so war es später mit dem zweiten Rom in der -katholischen Periode der Geschichte dieser Stadt. Als dann Frankreich -seine katholische Idee erbte, geschah ganz dasselbe auch mit Frankreich, -und im Zeitraum von fast zwei Jahrhunderten, bis zu seinem Sturz in -unserem Jahrhundert und seiner jetzigen Resignation, glaubte Frankreich -sich zweifellos die ganze Zeit über an der Spitze der Völker, hielt -sich, wenigstens moralisch, zeitweilig aber auch politisch, für ihren -Führer und Wegweiser zur Zukunft. Danach strebte freilich auch -Deutschland in seinen Träumen und stellte der katholischen Weltidee und -ihrer Autorität seinen Protestantismus und die unbegrenzte Freiheit des -Geistes und der Forschung gegenüber. Ich wiederhole, dasselbe geschieht -_mehr oder weniger_ mit allen großen Nationen auf der Höhe ihrer -Entwicklung. Man wird mir sagen, daß das nicht wahr sei, daß das ein -Irrtum von mir sei, und wird mich auf das _Bewußtsein_ dieser selben -Völker aufmerksam machen, auf die Erkenntnis ihrer Gelehrten und Denker, -die gerade auf die gemeinschaftliche, die vereinte Bedeutung der -europäischen Nationen hingewiesen haben, der Nationen, die vereint an -der Schöpfung und Vollendung der europäischen Zivilisation mitgewirkt -haben ... nun, und ich werde diesen Einwand selbstverständlich nicht -ohne weiteres abweisen. Doch abgesehen davon, daß solche -Vernunftschlüsse im allgemeinen gewissermaßen das Ende des lebendigen -Lebens eines Volkes bedeuten, will ich einstweilen nur auf eines -hinweisen: diese selben kosmopolitischen Denker haben, was sie da auch -von der Weltharmonie der Nationen geschrieben, immerhin zu gleicher Zeit -und meistenteils mit unmittelbarem, lebendigem und aufrichtigem Gefühl, -ganz so wie die Masse ihres Volkes, _fortgesetzt geglaubt_, daß in -diesem Chor der Nationen, die die Weltharmonie und die gemeinsame -Zivilisation ausmachen, _gerade sie_ (sagen wir, zum Beispiel, die -Franzosen) das Haupt dieser ganzen Vereinigung sind, _sie_ die -vordersten, _sie_ diejenigen, denen es vorherbestimmt ist, zu führen, -die anderen aber ihnen nur nachfolgen: daß sie (die Franzosen) von -diesen anderen Völkern nun, meinetwegen, vielleicht auch etwas -entlehnen, doch immerhin nur _etwas_, daß dafür aber jene anderen Völker -von ihnen _alles_ übernehmen, wenigstens alles Erstrangige, und nur von -ihrem Geist und von ihrer Idee zu leben vermögen, ja, und ihnen -überhaupt nichts übrigbleibe, als sich schließlich ihrem Geiste -anzuschließen und sich mit ihnen, den Franzosen, früher oder später zu -verschmelzen. Und auch in dem heutigen resignierten und innerlich -zerfallenen Frankreich lebt noch eine derartige Idee, die eine neue, -doch meiner Meinung nach vollkommen natürliche Phase gerade seiner -früheren katholischen Weltidee in ihrer Entwicklung ist; und nicht -weniger als die Hälfte aller Franzosen glaubt auch jetzt, daß in ihr und -nur in ihr allein die Rettung nicht nur Frankreichs, sondern der ganzen -Welt liegt: das ist ihr französischer Sozialismus. Diese Idee – das -heißt, dieser ihr Sozialismus – ist natürlich unwahr und aussichtslos; -doch jetzt handelt es sich nicht mehr um ihre Qualität, sondern darum, -daß sie jetzt vorhanden ist, ein lebendiges Leben lebt, und daß -diejenigen, die sich zu ihr bekennen, nicht von Wehmut und Zweifeln -befallen sind, wie alle übrigen Franzosen. Anderseits sehe man sich doch -den Engländer an, einerlei was für einen, den Lord oder den Arbeiter, -den Gelehrten oder den Ungebildeten, und man wird sich überzeugen, daß -jeder einzelne Engländer sich bemüht, vor allen Dingen Engländer zu -sein, in allen Lebenslagen Engländer zu bleiben, im öffentlichen wie im -Privatleben, in der Politik wie in der Gesellschaft und im Geschäft: und -sogar die Menschheit zu lieben, bemüht er sich nicht anders, denn nur -als Engländer. Und wenn dem auch so wäre, wird man mir entgegnen, so wie -ich es behaupte, dann würde doch solch ein Eigendünkel jedes großen -Volkes unwürdig sein: der Egoismus und unsinnige Chauvinismus würden -seine Bedeutung verringern oder gar sein nationales Leben schon gleich -zu Anfang schädigen und verderben, statt ihm Lebenskraft zu geben. Man -wird sagen, daß ähnliche sinnlose, stolze Ideen keiner Nachahmung wert -seien, sondern, im Gegenteil, von der Vernunft, die alle Vorurteile -vernichtet, ausgerottet werden müßten. Nun, wenn das von der einen Seite -auch sein Wahres hat, so muß man doch, denke ich, nichtsdestoweniger die -Frage auch von der anderen Seite nehmen: dann aber erscheint meine -Meinung durchaus nicht erniedrigend, sondern sogar umgekehrt – erhebend. -Was tut’s, daß der lebensfremde Jüngling träumt, dereinst ein Held zu -werden? Glaubt mir: stolze und hochmütige Träume können diesem Jüngling -viel nützlicher und lebenbringender sein als die „Vernünftigkeit“ eines -Knaben, der schon mit sechzehn Jahren an der weisen Regel festhält, daß -„Glück besser als Heldentum“ sei. Glaubt mir, das Leben jenes Jünglings -wird nach durchlebter Armut und mißglückten Versuchen als Ganzes doch -schöner sein als das behagliche Dahinvegetieren seines vernünftigen -Schulkameraden, der sein Leben unter allen nur denkbaren -Bequemlichkeiten verbringt. Solch ein Glaube an sich ist nicht -unmoralisch und keineswegs eine Selbstüberhebung. Und ebenso ist es auch -mit den Völkern: mag es auch vernünftige, friedliche und zufriedene -Völker geben, die ohne Überschwenglichkeiten ein gutes Leben führen, -Handel treiben, Schiffe bauen, und sich mit Behagen ihres Lebens freuen: -nun, Gott hab’ sie selig, weit werden sie es nicht bringen! Daraus wird -doch nur so eine echte Mittelmäßigkeit entstehen, von der die Menschheit -nichts, aber auch nichts hat: die große Energie, die mächtige -Selbstachtung fehlt ihnen! Jene Kraft ist nicht unter ihnen, die alle -großen Völker treibt. Der Glaube daran, daß du der Welt das letzte Wort -sagen willst und _kannst_, daß du die Welt mit dem Überfluß deiner -lebendigen Kraft erneuen wirst, der Glaube an die Heiligkeit der eigenen -Ideale, der Glaube an die Kraft der eigenen Liebe und des eigenen -Verlangens, der Menschheit zu dienen, – nein, solch ein Glaube ist das -Unterpfand für das allerhöchste Leben der Nationen, und nur mit ihm -bringen sie der Menschheit den ganzen Nutzen, den zu bringen ihnen -vorherbestimmt gewesen, jenen ganzen Teil ihrer Lebenskraft und -organischen Idee, die die Natur selber bei ihrer Schöpfung ihnen -vorausbestimmt hat, als Erbe der späteren Menschheit zu vermachen. Nur -die eines solchen Glaubens fähige Nation hat das Recht auf ein höheres -Leben. Der legendäre Ritter der alten Zeiten glaubte, daß er alle -Hindernisse, alle Gespenster und Ungeheuer besiegen, daß er alles -erreichen werde, wenn er nur treu sein Gelübde „Gerechtigkeit, -Keuschheit und Armut“ bewahrte. Ihr sagt: „Ach, das sind Legenden und -alte Lieder, an die nur ein Don Quijote noch glaubt! nicht derart sind -die Gesetze des wirklichen Lebens der Nationen.“ Nun, dann fange und -überführe ich euch zum Trotz und sage, daß auch ihr ganz solche Don -Quijotes seid, daß auch ihr selbst ebensolch eine Idee habt, an die ihr -glaubt und durch die ihr die Menschheit erneuen wollt! - -In der Tat, woran glaubt ihr denn? Ihr glaubt – ja, und ich mit euch – -an die Allmenschheit, das heißt, daran, daß dereinst vor dem Lichte der -Vernunft und Erkenntnis die natürlichen Schranken und Vorurteile, die -bis heute noch die freie Gemeinschaft der Nationen durch den Egoismus -der nationalen Forderungen vereiteln, fallen werden, und daß dann erst -die Völker beginnen können, in einem einheitlichen Geiste und einhellig -wie Brüder zu leben, vernünftig und mit Liebe zu allgemeiner Harmonie -strebend. Nun, meine Freunde, was kann es Höheres und Heiligeres geben, -als dieser euer Glaube es ist? Und die Hauptsache ist noch: diesen -Glauben werdet ihr nirgends in der ganzen Welt finden, bei keinem -einzigen Volk zum Beispiel in Europa, wo die Charaktere der Nationen -doch ungewöhnlich scharf umrissen sind, wo dieser Glaube, wenn er -überhaupt da ist, nicht anders sich findet, als in Gestalt irgendeiner -bloß apriorischen, einer vielleicht lebhaften und feurigen, aber doch -nicht mehr als bloß studierstubenhaften Erkenntnis. Bei euch aber, das -heißt nicht gerade bei euch, wohl aber bei uns, bei uns allen, uns -Russen, – ist dieser Glaube allgemein lebendig und überwiegt alle -anderen Ideen. Von uns glauben alle daran, sei es mit vollem Bewußtsein -in der intellektuellen Welt, sei es ganz einfach mit lebendigem Instinkt -im einfachen Volke, dem seine Religion schon befiehlt, an diesem selben -Glauben festzuhalten. Ihr dachtet wohl, ihr wäret die einzigen -„Allmenschen“ aus der ganzen russischen Intelligenz, die anderen aber -nur Slawophile oder Nationalisten? So ist es denn doch nicht: die -Slawophilen und Nationalisten glauben an ganz genau dasselbe, an was ihr -glaubt, ja, und tun das noch viel stärker als ihr! - -Ich nehme jetzt nur die Slawophilen: was war es denn, das sie durch ihre -ersten Führer von ihrer Lehre verkündeten? Sie erklärten in klaren, -treffenden Folgerungen: daß Rußland zusammen mit allen Slawen, und -selbst an ihrer Spitze, der ganzen Welt das größte Wort sagen werde, das -die Menschheit jemals vernommen hat, und daß dieses Wort gerade das -Gebot der allmenschlichen Vereinigung sein wird, und zwar nicht im -Geiste eines persönlichen Egoismus, in dem sich jetzt Menschen und -Nationen künstlich und unnatürlich in ihrer Zivilisation vereinigen, zum -„Kampf ums Dasein“, indem sie mittels positiver Wissenschaft dem freien -Geiste moralische Grenzen setzen und zu gleicher Zeit sich gegenseitig -Gruben graben, belügen, beschimpfen und verleumden. Das Ideal der -Slawophilen war vielmehr die Vereinigung im Geiste der wahren großen -Liebe, ohne Lüge und Materialismus, und auf Grund des persönlichen -großmütigen Beispiels, wie es bestimmt ist, vom russischen Volke an der -Spitze der freien panslawischen Vereinigung Europa gegeben zu werden. -Ihr sagt allerdings, daran glaubtet ihr keineswegs, und all das seien -nur Spekulationen der Gelehrtenstuben. Doch hier ist nicht das wichtig, -was irgend jemand glaubt, sondern wichtig ist, daß bei uns alle, trotz -ihrer ganzen Meinungsverschiedenheiten, in diesem einen endgültigen, -gemeinsamen Gedanken der allmenschlichen Vereinigung sich treffen und -übereinstimmen. Das ist eine Tatsache, die keinem Zweifel untersteht, -und die an sich schon erstaunlich ist; denn dieses Gefühl gibt es noch -nirgends, in keinem einzigen Volke, in einem solchen Grade: als ein so -lebendiges und hauptsächliches Bedürfnis. Ist dem aber so, dann haben -also auch wir, wir alle, eine feste und bestimmte Nationalidee: ja, -gerade eine _nationale_ Idee. Folglich wäre, wenn die nationale -russische Idee zu guter Letzt nur die universale allmenschliche -Vereinigung ist, das Ratsamste für uns, so schnell wie möglich unsere -Uneinigkeiten beizulegen und national, d. h. Russen, zu werden. Unsere -ganze Rettung liegt ja darin, daß wir nicht im voraus darüber streiten, -wie und wann sich diese Idee verwirklichen wird, ob nach eurer oder nach -unserer Annahme, sondern daß wir alle zusammen von der Betrachtung -geradeswegs zur Tat übergehen. Aber gerade hier liegt nun freilich der -wunde Punkt. - - - In Europa sind wir bloß Landstreicher - -Denn wie seid ihr eigentlich zur Tat übergegangen? Ihr habt doch schon -längst begonnen, schon vor langer, langer Zeit, aber was habt ihr denn -für die Allmenschheit, das heißt zur Verwirklichung eurer Idee getan? - -Ihr begannt mit ziellosem Umherstreichen durch Europa, mit dem heftigen -Verlangen, euch in „Europäer“ zu verwandeln, wenn auch nur dem Anscheine -nach. Das ganze achtzehnte Jahrhundert hindurch taten wir ja nichts -anderes, als den Schein eines Europäertums annehmen. Wir zwangen uns -europäischen Geschmack auf, aßen sogar allerhand ekelhaftes gepfeffertes -Zeug nach europäischem Beispiel und bemühten uns krampfhaft, dabei das -Gesicht nicht zu verziehen: „Seht, was ich für ein Engländer bin, kann -nichts mehr ohne Paprika essen!“ Ihr glaubt vielleicht, daß ich euch -verspotten will? Fällt mir nicht ein. Ich verstehe nur zu gut, daß man -anders überhaupt nicht hätte anfangen können, „Europäer“ zu werden. Wir -mußten gerade mit der Verachtung des Eigenen beginnen, und wenn wir -ganze zwei Jahrhunderte auf diesem Punkt geblieben sind, uns weder -vorwärts noch rückwärts bewegt haben, so wird das wohl die uns von der -Natur bestimmte Frist gewesen sein. Allerdings, so ganz regungslos sind -wir doch nicht geblieben: unsere Verachtung für das Eigene wuchs immer -mehr, und besonders als wir anfingen, Europa etwas gründlicher zu -verstehen. In Europa übrigens verwirrte uns die schroffe Absonderung der -Nationen, die scharfe Zeichnung der Typen nationaler Charaktere nicht im -geringsten. Unser Erstes war ja, daß wir „alles Entgegengesetzte -abwarfen“ und den kosmopolitischen Typus des „Europäers“ annahmen, das -heißt also, daß wir gleich am Anfang schon das Gemeinsame, was sie alle -verbindet, herauszufinden verstanden, – und das ist sehr bezeichnend. -Mit der Zeit noch klüger geworden, hielten wir uns darauf unmittelbar an -die Zivilisation und glaubten sofort blind und kritiklos, daß in ihr -allein das „Gemeinsame“, das berufen ist, die Menschheit zu vereinen, -enthalten sei. Sogar die Europäer wunderten sich, wenn sie uns, die -Fremdlinge, sahen, über diesen unseren begeisterten Glauben, um so mehr, -als _sie_ damals schon anfingen diesen selben Glauben bei sich zu -verlieren. Begeistert empfingen wir Rousseau und Voltaire, freuten uns -innigst mit dem reisenden Karamsin[26] über die Zusammenrufung der -„Nationalstaaten“ im Jahre 1789, und wenn wir auch später, nach dem -ersten Viertel unseres Jahrhunderts, mit den fortgeschrittensten -Europäern in Verzweiflung gerieten über die untergegangenen Träume und -zerschlagenen Ideale, so verloren wir doch nicht unseren Glauben und -trösteten sogar noch die Europäer. Selbst die im Vaterlande „weißesten“ -Russen wurden in Europa sofort „rot“ – gleichfalls ein außerordentlich -charakteristischer Zug. Darauf, schon in der Mitte dieses Jahrhunderts, -erachteten sich einige von uns bereits für würdig, zum französischen -Sozialismus überzutreten, und sie nahmen ihn ohne das geringste Bedenken -für die endgültige Lösung der allmenschlichen Vereinigung, also für die -Erreichung unserer ganzen Idee, die uns bis jetzt mit sich fortgerissen. -Auf diese Weise hielten wir für das realisierte Ziel das, was in -Wirklichkeit der größte Egoismus war, was den Gipfel der -Unmenschlichkeit, der ökonomischen Sinnlosigkeit und des politischen -Wirrwarrs, den Gipfel der Verleugnung aller menschlichen Natur, den -Gipfel der Vernichtung jeder menschlichen Freiheit ausmachte. Doch das, -wie gesagt, beunruhigte uns weiter nicht. Im Gegenteil: sahen wir -betrübtes Bedenken oder Nichtbegreifenkönnen mancher tiefen europäischen -Denker, so nannten wir sie ohne Bedenken dumm. Wir glaubten -widerspruchslos, und glauben ja auch jetzt noch, daß die positive -Wissenschaft durchaus fähig sei, die moralischen Grenzen zwischen den -Persönlichkeiten der einzelnen wie der Nationen zu bestimmen, – als ob -die Wissenschaft, selbst wenn ihr das möglich wäre, diese Geheimnisse -_vor_ der _Vollendung des Versuchs_, das heißt, vor der Vollendung aller -Schicksale des Menschen auf der Erde, entdecken könnte. Unsere -Gutsbesitzer verkauften ihre leibeigenen Bauern und fuhren nach Paris, -um dort sozialistische Blätter herauszugeben, und unsere Rudins[27] -starben auf den Barrikaden. Währenddessen hatten wir uns aber schon so -von unserer russischen Erde gelöst, daß wir jede Vorstellung davon -verloren, bis zu welchem Grade solch eine Lehre sich von der Seele des -russischen Volkes entfernt. Übrigens schätzten wir den russischen -Volkscharakter nicht nur nicht, sondern sprachen unserem Volk überhaupt -jeden Charakter ab. Wir vergaßen, an unser Volk auch nur zu denken, und -waren in unerschütterlicher Ruhe überzeugt – ohne überhaupt zu fragen –, -daß unser Volk sofort alles annehmen werde, worauf wir es hinweisen, -richtiger: was wir ihm befehlen würden. In dieser Hinsicht hat es bei -uns immer die komischsten Anekdoten über das Volk gegeben. Unsere -Allmenschen blieben im Verhältnis zu ihrem Volk durchaus Gutsherren und -Gutsbesitzer, und das sogar noch nach der Bauernreform. - -Was aber haben wir damit erreicht? Wirklich sonderbare Ergebnisse: vor -allem werden wir von ganz Europa spöttisch angesehen. Auf die -allerklügsten Russen blickt man im Westen nur mit hochmütiger -Herablassung. Davor hat sie nicht einmal die Emigration gerettet, auch -die politische nicht. Um keinen Preis wollen uns die Europäer für -ihresgleichen anerkennen, für keine Opfer und auf keinen Fall! „_Grattez -le Russe_,“ sagen die Franzosen, „_et vous verrez le Tartare_,“ und so -ist es noch heute. Unser Barbarentum ist bei ihnen zum Sprichwort -geworden. Und je mehr wir ihnen zu Gefallen unsere Nationalität -verachteten, um so mehr verachteten sie wiederum uns. Wir scharwenzelten -vor ihnen, bekannten ihnen knechtisch unsere „europäischen“ Anschauungen -und Überzeugungen; sie aber hörten uns herablassend kaum an und meinten -gewöhnlich mit, nun ja, höflichem Lächeln, um uns schneller los zu -werden, wir hätten das bei ihnen „nicht ganz richtig verstanden“. Es -wundert sie, daß wir, die wir solche Tataren sind, auf keinerlei Art und -Weise Russen werden können. Wir jedoch haben es ihnen niemals erklären -können, daß wir nicht Russen, sondern Allmenschen sein wollen. Es ist -wahr, in der letzten Zeit scheint ihnen doch irgend etwas aufgegangen zu -sein: sie haben begriffen, daß wir etwas wollen, etwas, das für sie -furchtbar und gefährlich ist; sie sagen sich, daß es unserer viele gibt, -achtzig Millionen, daß wir alle europäischen Ideen kennen und verstehen, -während sie von unseren russischen Ideen überhaupt nichts wissen, und -daß sie, wenn sie auch etwas von ihnen wüßten, sie doch nicht verstehen -könnten; daß wir alle Sprachen sprechen, sie aber nur die ihrigen – nun, -und noch vieles andere scheint ihnen mit der Zeit halbwegs aufgegangen -zu sein und ihren Verdacht erweckt zu haben. Kurz, die Folge davon war, -daß sie uns die Feinde und zukünftigen Zerstörer der europäischen -Zivilisation nannten. So haben sie unser leidenschaftliches Ideal, -Allmenschen zu werden, verstanden! - -Und doch können wir uns unmöglich von Europa lossagen. Europa ist uns -zum zweiten Vaterlande geworden – ich selbst bin der erste, der sich -leidenschaftlich zu Europa bekennt. Europa ist uns allen _fast_ ebenso -teuer wie Rußland. In ihm wohnt Japhets Stamm, und unsere Idee ist: die -Vereinigung aller Nationen dieses Stammes – und sogar noch weiter, viel -weiter, bis zu Sem und Ham. Was sollen wir da nun tun? - -Als erstes und vor allen Dingen – Russen werden. Ist die Allmenschheit -die russische Nationalidee, so muß vor allem ein jeder von uns erst -Russe werden, das bedeutet aber so viel wie: „er selbst“. Dann wird sich -vom ersten Schritt an alles verändern. Russe werden, heißt aufhören, -sein eigenes Volk zu verachten. Sobald der Europäer sieht, daß wir unser -Volk und unsere Nationalität achten, wird er sofort auch uns achten. In -der Tat, je stärker und selbständiger wir uns in unserem nationalen -Geiste entwickeln würden, desto stärkeren und tieferen Widerhall dürften -wir im Europäer finden und ihm sofort verständlicher werden. Dann würde -man uns auch nicht mehr hochmütig loswerden wollen, sondern würde uns -gern zuhören. Auch äußerlich würden wir dann anders werden. Sind wir -erst wir selbst geworden, so werden wir auch endlich Menschengestalt -annehmen, und nicht wie bisher nur Affengestalt haben. Wir werden wie -freie Wesen, nicht wie Sklaven oder Diener sein; und man wird uns dann -für Menschen halten, nicht für internationale Landstreicher, nicht für -die Elenden des Europäismus, Liberalismus und Sozialismus. Auch reden -werden wir mit ihnen klüger als jetzt; denn in unserem Volke und seinem -Geiste können wir neue Worte finden, die den Europäern bestimmt -verständlicher sein werden. Und wir selbst werden dann einsehen, daß -vieles von dem, was wir an unserem Volke verachtet haben, – nicht -Finsternis, sondern Licht ist, nicht Dummheit, sondern im Gegenteil – -Geist. Und haben wir erst das begriffen, dann werden wir Europa jenes -Wort sagen, das man dort noch niemals gehört hat. Dann werden wir uns -überzeugen, daß das wirkliche soziale Wort kein anderes Volk als unser -Volk in sich trügt; daß in seiner Idee, in seinem Geiste das lebendige -Bedürfnis nach der Allvereinigung der Menschheit liegt, nach einer -Vereinigung, die volle Achtung für die Persönlichkeit jeder einzelnen -Nation und für ihre Erhaltung, für die Erhaltung der Freiheit der -Menschen in sich schließt, und die nur den Hinweis darauf enthält, worin -diese Freiheit besteht: in der Vereinigung durch Liebe, _sichergestellt_ -bereits durch die Tat, durch das lebendige Beispiel, durch das Bedürfnis -nach der wahrhaften Brüderlichkeit in der Wirklichkeit, – nicht aber -durch die Guillotine, nicht durch Millionen gefällter Köpfe ... - -Hm ... habe ich etwa wirklich jemanden überzeugen wollen? Das war ja nur -ein Scherz. Doch – schwach ist nun einmal der Mensch: vielleicht liest -es einer von den Knaben ... einer von der jungen Generation ... - - - Eine der wichtigsten gegenwärtigen Fragen - - - Was sollen wir denn tun? - -... Ich habe mir eigentlich vorgenommen, niemals über unsere -Belletristik im rein kritischen Sinne zu schreiben, außer wenn es einmal -not tun sollte oder, sagen wir, bei einer besonderen „Veranlassung“. -Diese Veranlassung hat sich nun[28] ganz plötzlich gefunden: ich bin vor -ungefähr einem Monat auf eine dermaßen ernste und charakteristische -Stelle in unserer modernen Literatur gestoßen, daß ich sie sogar mit -Verwunderung gelesen habe. Der Schriftsteller Graf Leo Tolstoi – ein -Künstler im wahrsten Sinne des Wortes und vorzüglicher Erzähler – hat in -seinem Roman „Anna Karenina“ alles, was es Wichtiges in unseren -gegenwärtigen russischen politischen und sozialen Fragen gibt, in einen -Punkt zusammengefaßt. Und das Bemerkenswerteste: er hat es getan mit -allen charakteristischen Nüancen unserer gegenwärtigen Zeit, geradeso, -wie diese Frage sich uns heute stellt und – unbeantwortet bleibt ... - -Über den Roman selbst will ich nur das Notwendigste sagen. Wie wir alle, -las auch ich vor langer Zeit den Roman im „Russischen Boten“. Zuerst -gefiel er mir sehr; dann, als Ganzes, weniger, wenn auch die -Einzelheiten mich noch sehr interessierten. Es schien mir immer, daß ich -alles schon einmal irgendwo gelesen hatte, und zwar in „Kindheit und -Jugend“ und in „Krieg und Frieden“ desselben Grafen Tolstoi, und – daß -es dort frischer gewesen wäre. Immer dieselbe Geschichte einer -russischen Gutsbesitzersfamilie, wenn auch das jeweilige Sujet natürlich -ein anderes ist. Personen wie Wronski, zum Beispiel, – einer der Helden -des Romans –, die unter sich von nichts anderem als von Pferden -sprechen, ja, nicht einmal _fähig_ sind, von anderem als von Pferden zu -sprechen, waren natürlich interessant genug, um einmal ihren Typ kennen -zu lernen, doch sonst furchtbar einförmig und nur zu einer bestimmten -Menschen- und Gesellschaftsklasse gehörig. Es schien, daß die Liebe -dieses „Hengstes im Waffenrock“, wie ihn einer meiner Freunde nennt, -überhaupt nur in ironischem Tone geschildert werden könnte. Als aber der -Verfasser von der inneren Welt seines Helden nicht mehr ironisch, -sondern im Ernst zu erzählen begann, da erschien mir das sogar -langweilig. Doch plötzlich wurden alle meine Vorurteile verscheucht: es -kam die Sterbeszene der Heldin (später wurde sie wieder gesund), und ich -begriff die eigentlichen Ziele des Verfassers. Mitten in diesem flachen -und brutalen Leben tauchte die ewige, große Lebenswahrheit auf und -erhellte alles mit einem Schlages. Diese kleinlichen, leeren, verlogenen -Leute wurden plötzlich zu aufrichtigen und wahrhaften „Menschen“, die -wirklich wert waren dieses Namens – wurden es durch die natürliche Kraft -des Naturgesetzes, den Tod. Die Schale fiel ab, und es erschien einzig -die wahre Gestalt. Die Letzten wurden die Ersten, und die Ersten -(Wronski) wurden plötzlich die Letzten, verloren ihre ganze Aureole und -erniedrigten sich tief; doch wurden sie dadurch unvergleichlich besser, -würdiger und wahrer, als sie als Erste gewesen waren. Haß und Lüge -sprachen in Worten der Verzeihung und Liebe. An Stelle der stumpfen, -weltlichen Begriffe trat reine Nächstenliebe. Alle verziehen und gaben -den anderen recht. Die Sonderstellung und der Kastengeist verschwanden, -und diese „Papiermenschen“ wurden plötzlich wirklichen Menschen ähnlich! -Es gab keine Schuldigen: jeder beschuldigte sich selbst, und somit waren -sie alle gerechtfertigt. Der Leser fühlt, daß es eine Lebenswahrheit -gibt, die allerwirklichste und die allerunvermeidlichste, an die man -glauben muß, und daß unser ganzes Leben und alle unsere Erregungen, wie -die flachsten und schädlichsten, so auch die, welche wir oft für die -höchsten halten, meistens nur kleinliche, phantastische Eitelkeiten -sind, die vor dem Moment der Lebenswahrheit fallen und hinschwinden, -sogar ohne sich zu verteidigen. Die Hauptsache war der Hinweis, daß -dieses Moment wirklich ist, wenn es auch selten in seiner ganzen, -erhellenden Klarheit und in manchem Leben vielleicht überhaupt nicht -erscheint. Dieses Moment ist vom Dichter gefunden und uns in seiner -ganzen furchtbaren Wahrheit gezeigt. Er hat bewiesen, daß diese Wahrheit -wirklich vorhanden ist, nicht nur auf Treu und Glauben, nicht nur im -Ideal, sondern sichtbar, vor unserem Auge. Gerade dieses, glaube ich, -wollte uns der Dichter beweisen, als er sein Werk begann. Den russischen -Leser an diese ewige Wahrheit zu erinnern, tat ja nur zu sehr not: wie -viele hatten sie schon vergessen! Mit diesem Erinnern hat der Dichter -eine gute Tat vollbracht, ganz abgesehen davon, daß er sie als ein -Künstler von ungewöhnlicher Größe ausgeführt hat. - -Darauf zog sich der Roman wieder hin, und dann plötzlich fand ich zu -meinem Erstaunen eine Szene, die unsere „brennende Tagesfrage“ enthielt, -eine Szene, die vor allen Dingen nicht etwa tendenziös hineingesetzt -war, sondern die sich gerade aus dem ganzen künstlerischen Wesen des -Romans von selbst ergab. Nichtsdestoweniger war ich überrascht und nicht -wenig erstaunt: solch eine echte „Tagesfrage“ hatte ich denn doch nicht -erwartet. Aus irgendeinem Grunde hatte ich nicht geglaubt, daß der Autor -sich entschließen werde, seine Helden in ihrer Entwicklung bis zu -solchen Extremen zu bringen. In der Tat: in diesen Extremen des -Ergebnisses liegt ja gerade der Sinn der Wirklichkeit, und ohne den -würde der Roman von etwas unbestimmter Art sein, die nicht entfernt -weder den gegenwärtigen noch den wichtigsten russischen Interessen -entspricht: es würde irgendein Winkel des Lebens dargestellt sein, mit -beabsichtigter Ignorierung des Hauptsächlichsten und Aufregendsten in -diesem selben Leben. Übrigens, glaube ich, verfalle ich hier in Kritik. -Das aber ist, wie gesagt, nicht meine Absicht. Ich wollte nur auf eine -Szene hinweisen, in der zwei Personen sich von einer Seite zeigen, von -welcher sie für uns jetzt am charakteristischsten sind. Jener Typ -Menschen, zu dem diese beiden gehören, ist vom Autor in den für uns -interessantesten Gesichtskreis gestellt – ist in seiner gegenwärtigen -sozialen Bedeutung erfaßt worden. - -Beide sind Edelleute und echte Gutsbesitzer, und beide leben sie jetzt -in der Zeit nach der Bauernreform. Es ist noch nicht lange her, da waren -sie Herren leibeigener Gutsbauern. Und nun stellt sich die Frage: was -bleibt von diesen Edelleuten nach der Bauernreform noch übrig? Das ist -die Frage, die der Verfasser wenigstens teilweise zu beantworten -versucht hat. Der eine von ihnen, Stiwa Oblonski, ist Egoist, feiner -Epikureer, wohnt in Moskau und ist dort Mitglied des „Englischen Klubs“. -Solche Leute hält man gewöhnlich für unschuldige und liebenswürdige -Bonvivants, für Lebeleute, die niemanden stören, für geistreiche und -bloß zu ihrem Vergnügen lebende Menschen. Meistens haben sie eine -zahlreiche Familie; mit der Frau und den Kindern gehen sie freundlich -um, doch denken sie wenig an sie. Besonders gefallen ihnen leichte -Frauenzimmer, versteht sich – von der anständigen Sorte. Sie sind wenig -gebildet, doch lieben sie alles Schöne, Elegante und die Kunst -natürlich, und ganz besonders gern hören sie sich selbst reden und die -Unterhaltung beherrschen. - -Als die Bauernreform durchgeführt wurde, begriff Stiwa Oblonski sofort -die ganze Sachlage: er rechnete nach und überlegte, daß ihm immerhin -noch ein gewisses Einkommen verblieb, somit also kein Grund vorhanden -war, sein Leben zu verändern, und im übrigen: – _après moi le déluge_. -Sich mit Gedanken an die Zukunft seiner Frau und Kinder zu beunruhigen, -das fiel ihm im Traume nicht ein. Die Reste seines Vermögens und seine -Verbindungen bewahrten ihn vor dem Leben eines Hochstaplers; würden aber -seine „Einnahmen“ durch die Reform vollständig verloren gegangen sein, -und hätte er nicht länger, ohne selbst etwas zu tun, seine Einkünfte -einkassieren können, so würde er vielleicht auch ein raffinierter Dieb -geworden sein, selbstverständlich einer, der mit allen Anstrengungen des -Verstandes, zuweilen sogar eines sehr scharfen Verstandes, versuchte, -wenigstens ein möglichst anständiger und vornehmer Dieb zu bleiben. -Früher kam es natürlich vor, daß er, um eine Kartenschuld oder eine -Geliebte zu bezahlen, seine Leibeigenen als Soldaten verkaufte; doch -solche Erinnerungen peinigten ihn nie, ja, er vergaß sie einfach. Ist er -auch Aristokrat, so hat er doch selber seinen Adel niemals geschätzt. -Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft aber hat er für ihn überhaupt -aufgehört. Für ihn gab’s nur den „Zufallsmenschen“, dann den Beamten von -einem gewissen Range ab und ferner den Reichen. Der Eisenbahnaktionär -und der Bankier wurden eine Macht für ihn, und alsbald suchte er ihre -Bekanntschaft und Freundschaft. - -Das Gespräch entspinnt sich aus dem Vorwurf, den Lewin, sein Verwandter -(gleichfalls ein Gutsbesitzer, doch der vollkommen entgegengesetzte Typ: -der Herr, der auf seinem Gute wohnt und es sogar selbst bewirtschaftet) -Oblonski macht, weil dieser zu den „Eisenbahnleuten“ fährt, zu ihren -Diners und Festen, zu zweideutigen, nach Lewins Meinung, schädlichen und -schändlichen Menschen. Oblonski widerspricht ihm scharf. Überhaupt hat -sich ihr Verhältnis zueinander seit der Verheiratung Lewins mit -Oblonskis Schwägerin etwas zugespitzt. Hinzu kommt noch, daß in unserem -Jahrhundert der Spitzbube, der den Ehrenmann widerlegt, diesem immer -„über“ ist; denn er hat den Anschein der Würde, die in der gesunden -Vernunft liegt, während der Ehrenmann, der leicht einem Idealisten -gleicht, gewöhnlich den Anschein eines Narren hat. Die beiden Jäger sind -in einer Bauernscheune, wo sie im Heu übernachten. Oblonski erklärt, daß -es unsinnig wäre, die „Eisenbahnleute“, ihre Intrigen, ihren schnellen -Verdienst, das Konzessionen Erbitten und Wiederverkaufen, zu verachten; -daß sie ebensolche Leute seien wie die anderen, Leute, die mit Mühe und -Verstand arbeiteten, ganz so wie alle; und schließlich sei das Ergebnis -ihrer Arbeit ein viel bedeutenderes: sie geben uns die Eisenbahn. - - „Aber jeder Erwerb, der zu der geleisteten Arbeit in keinem - Verhältnis steht, ist unehrlich,“ sagte Lewin darauf. - - „Ja, wer bestimmt denn das Verhältnis?“ fuhr Oblonski fort ... „Du - hast die Grenze zwischen der ehrlichen und unehrlichen - Arbeitsleistung nicht festgesetzt. Daß ich ein größeres Gehalt - beziehe als mein Sekretär, obgleich er die Sache viel besser - versteht, als ich, – das ist also unehrlich?“ - - „Ich weiß nicht ...“ - - „Nun, dann werde ich es dir sagen: daß du von deinem Gute - überflüssige, sagen wir, fünf Tausend erhältst, dieser Bauer aber, - wie er auch arbeiten mag, nicht mehr als fünfzig Rubel bekommt, ist - genau so unehrlich wie das, daß ich ein größeres Gehalt als mein - Sekretär beziehe ...“ - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - „Nein, erlaube,“ unterbrach ihn Lewin. „Du sagst, es sei ungerecht, - daß ich fünf Tausend bekomme und dieser Bauer nur fünfzig: das ist - wahr. Das ist ungerecht, und ich fühle es auch, aber ...“ - - „Ja, du fühlst es, aber du gibst ihm nicht dein Gut,“ sagte - Oblonski, als ob er Lewin absichtlich reizen wollte. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - „Ich gebe es nicht, weil das niemand von mir verlangt, und selbst - wenn ich’s wollte, so darf ich es nicht fortgeben ... und es ist ja - auch niemand da, dem ich’s geben könnte.“ - - „Gib es diesem Bauer, er wird es nicht ablehnen.“ - - „Ja, aber wie geb’ ich es ihm denn? Soll ich etwa zu ihm gehen und - einen Kaufkontrakt mit ihm abschließen?“ - - „Das weiß ich nicht. Wenn du jedoch überzeugt bist, daß du kein - Recht hast ...“ - - „Ich bin durchaus nicht überzeugt! Im Gegenteil, ich fühle, daß ich - nicht das Recht habe, mein Gut fortzugeben, daß ich Pflichten meinem - Lande und meiner Familie gegenüber habe!“ - - „Nein, erlaube; wenn du aber diese Ungleichheit ungerecht findest, - warum handelst du dann nicht so ...“ - - „Ich handle doch so, aber nur negativ, in dem Sinne, daß ich mich - nicht bemühen werde, diesen Unterschied, der zwischen mir und ihm - besteht, noch zu vergrößern.“ - - „Nein, verzeih, aber das ist paradox ...“ - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - „Also, mein Freund: entweder anerkennen, daß die gegenwärtige - Einteilung der Gesellschaft gerecht ist, und dann seine Rechte - verteidigen, oder gestehen, daß man ungerechte Vorzüge genießt, _wie - zum Beispiel ich es tue, und sich ihrer mit Vergnügen - weiterbedienen_.“ - - „Nein, wenn das ungerecht wäre, so könntest du dich dieser Vorteile - nicht mit Vergnügen bedienen, _wenigstens ich könnte es nicht. Für - mich ist die Hauptsache: zu fühlen, daß ich nicht schuldig bin._“ - - - Die brennende Tagesfrage - -Man wird mir zugeben müssen, daß dieses Gespräch unsere „brennende -Tagesfrage“ aufwirft und sogar alles wiedergibt, was die letztere in -sich schließt. Und wie viel bezeichnende, rein russische Züge! Erstens: -vor vierzig Jahren fingen diese Gedanken kaum an sich in Europa zu -verbreiten, wohl nicht vielen waren Saint-Simon und Fourier – die ersten -„idealen“ Vertreter dieser Ideen – bekannt; bei uns aber, bei uns wußten -vielleicht nur ein halbes Hundert Leute von dieser neuen Bewegung im -Westen. Und heute streiten über diese „Fragen“ schon Gutsbesitzer auf -der Jagd, auf dem Nachtlager in einer Bauernscheune, und streiten sogar -in der charakteristischsten und kompetentesten Weise, so daß wenigstens -die negative Seite der Frage von ihnen schon entschieden und -unwiderruflich festgesetzt wird. Es sind allerdings Gutsbesitzer aus der -hohen Gesellschaft, die sich im Englischen Klub ernsthaft zu unterhalten -pflegen, die ihre Zeitungen lesen, alle Prozesse aus den Blättern und -noch anderen Quellen kennen. Doch nichtsdestoweniger bleibt schon allein -die Tatsache, daß so ein idealer Unsinn als das alltäglichste Gespräch -solcher Gesellschaftsmenschen anerkannt wird, wie die Oblonskis und -Lewins, die alles andere, nur keine Professoren oder Spezialisten sind, -– diese Tatsache, sage ich, ist eines der charakteristischsten Merkmale -des gegenwärtigen Zustandes der russischen Geister. Der zweite -charakteristische, gleichfalls gut beobachtete Zug in diesem Gespräch -ist, daß über die Gerechtigkeit dieser neuen Ideen ein Mensch urteilt, -der für sie, d. h. für das Glück des Proletariers, des Armen, selbst -nicht einen Pfennig geben, sondern ihm bei Gelegenheit noch das Letzte -abrupfen würde. Doch mit leichtem Herzen und der Heiterkeit -eines Witzbolds unterschreibt er sofort den Krach der ganzen -Menschheitsgeschichte, erklärt ihre jetzige Verfassung für die Krone des -Unsinns und sagt: „Ich bin damit vollkommen einverstanden.“ Wirklich -auffallend, wie diese Oblonskis immer als die ersten mit allem -einverstanden sind! Mit einem Satz verurteilt er die ganze christliche -Ordnung, die Persönlichkeit, die Familie – oh, das macht ihm weiter -nichts aus! Wir Russen haben keine Schulung in solchen Dingen; diese -Herren aber, die das mit voller Schamlosigkeit eingestehen, die selbst -erklären, daß auch sie erst seit gestern darüber nachdenken, entscheiden -trotzdem eine Frage von solcher Bedeutung ohne das geringste Bedenken. -Und hier haben wir gleich den dritten charakteristischen Zug, – dieser -selbe Herr sagt nämlich unumwunden: „Also, mein Freund: entweder -anerkennen, daß die gegenwärtige Einteilung der menschlichen -Gesellschaft gerecht ist, und dann seine Rechte verteidigen, oder -gestehen, _daß man ungerechte Vorzüge genießt, wie z. B. ich es tue, und -sich ihrer mit Vergnügen weiterbedienen_.“ D. h. genau genommen erklärt -er offen, indem er seine Meinung über ganz Rußland ausspricht – und es -verurteilt – und somit auch über seine Familie, über die Zukunft seiner -Kinder, daß dies alles ihn überhaupt nichts angeht: „Ich gebe zu, daß -ich ein Spitzbube bin, bleibe aber Spitzbube zu meinem Vergnügen. _Et -après moi le déluge._“ Er ist ja nur deswegen so ruhig, weil er noch -sein Vermögen hat; verlöre er es aber – warum sollte er da nicht -Spitzbube werden? – das wäre doch der geradeste Weg! Und gerade dieser -Staatsbürger, dieser Familienvater, dieser russische Mensch – welch ein -echt russischer Charakter! Vielleicht findet man, daß er doch immerhin -eine Ausnahme sei? Was kann er denn für eine Ausnahme sein!? Bitte sich -doch nur zu erinnern, wieviel Zynismus wir in den letzten zwanzig Jahren -gesehen haben, welch eine Leichtigkeit der Wendungen und Veränderungen, -welch einen Mangel an jeder tieferen Überzeugung und welch eine -Schnelligkeit in der Aneignung der ersten besten fremden Anschauung, -versteht sich, um sie am nächsten Tage für zwei Kopeken -wiederzuverkaufen! Nicht der geringste moralische Grund bei uns, außer – -_après nous le déluge_. - -Das Interessanteste aber ist, daß dicht neben diesem weit verbreiteten, -herrschenden Typ ein ganz anderer steht – der Typ des russischen -Edelmannes und Gutsbesitzers, der ein ausgeprägter Gegensatz jenes -ersten ist. Ich meine den Lewin. Und solcher Lewins gibt es in Rußland -Tausende, fast ebensoviel wie Oblonskis. Ich spreche hier nicht von -seinem blonden Haar, nicht von seiner großen starken Gestalt, die der -Künstler ihm im Roman verliehen hat; ich spreche nur von einem Zug -seines Wesens, der dafür aber der auffallendste und bedeutungsvollste -ist, und ich behaupte, daß dieser Zug sich bei uns in einer solchen -Verbreitung findet, daß es einen fast wundernehmen kann – inmitten -unseres Zynismus, unserer kalmückischen Stellung zur Arbeit! Seit -einiger Zeit tut sich dieser Zug allüberall bei uns kund; die Menschen -mit diesem Zug streben krampfhaft, fast krankhaft nach Antworten auf -ihre Fragen; sie hoffen und glauben leidenschaftlich, obgleich sie -beinahe noch nichts zu entscheiden verstehen. Dieser Zug ist vollständig -in der Antwort Lewins ausgedrückt: - -„Nein, wenn das ungerecht wäre, so könntest du dich dieser Vorteile -nicht mit Vergnügen bedienen, _wenigstens ich könnte es nicht. Für mich -ist die Hauptsache: zu fühlen, daß ich nicht schuldig bin._“ - -Und tatsächlich beruhigt er sich nicht eher, als bis er bei sich -entschieden hat, ob er schuldig ist oder nicht. Und bis zu welchem Grade -steigert sich vorher seine Unruhe? Er geht bis zum Äußersten, und wenn -es nötig ist, wenn es nur nötig ist, wenn er sich nur selbst beweist, -daß es nötig ist, so wird er – im Gegensatz zu Oblonski, der da sagt: -„Wenn auch als Spitzbube, so fahre ich doch fort, zu leben, zu meinem -Vergnügen“ – so wird er vielleicht zu einem zweiten „Wlas“[29] werden, -der in einem Anfall des Mitleids und der Angst sein Hab und Gut -verschenkte und für den Bau eines Gotteshauses sammeln ging. Oder wenn -er nicht für ein Gotteshaus sammeln geht, so wird er doch etwas -Ähnliches tun und mit demselben Eifer. Ich beeile mich, zu wiederholen, -daß ein Zug hier ganz besonders bemerkenswert ist: das ist diese Menge, -diese ganz ungewöhnliche Menge solcher neuen Menschen, solcher neuen -Wurzeln russischer Menschen, die der _Wahrheit bedürfen_, der Wahrheit -ohne konventionelle Lüge, und die, um diese Wahrheit zu erreichen, -alles, aber auch alles fortgeben. Diese Menschen tauchen gleichfalls -seit den letzten zwanzig Jahren bei uns auf, und mit jedem Jahr werden -ihrer mehr. Aber man hat sie auch schon früher, auch vor Peter, -überhaupt immer schon vorausahnen können. Das ist das anbrechende -zukünftige Rußland der ehrlichen Menschen, die einzig der Wahrheit -bedürfen! Oh, sie sind auch furchtbar unduldsam: aus Unerfahrenheit -verwerfen sie jeden Kompromiß, jede Erklärung sogar. Nur auf eines -möchte ich noch mit allem Nachdruck hinweisen, – daß es ein wahrhaftes -Gefühl ist, das sie treibt. Einer ihrer charakteristischsten Züge -besteht darin, daß sie unter sich auffallend wenig übereinstimmen und -vorläufig noch allen möglichen Parteien und Gruppen angehören: da gibt -es Aristokraten und Proletariers, Gläubige wie Ungläubige, Reiche und -Arme, Gelehrte und Laien, Greise und Backfische, Slawophile und Westler. -Ja, diese Uneinigkeit, diese Verschiedenheit in den Überzeugungen ist -sogar beispiellos, doch ihr Streben nach Ehrlichkeit und Wahrheit ist -unerschütterlich, unablenkbar, und für das Wort der Wahrheit gibt jeder -von ihnen sein Leben, Hab und Gut ... Vielleicht wird man behaupten, -dieses sei bloß wieder Phantasie von mir, es gäbe bei uns gar nicht so -viel Ehrlichkeit und solch ein _Dürsten nach Ehrlichkeit_. Ich aber -bleibe dabei, daß es da ist, dicht neben der schrecklichsten -Sittenverderbnis, daß ich sie sehe und fühle, diese emporsteigenden -Menschen, denen die Zukunft Rußlands gehört, daß man blind sein muß, um -sie nicht zu sehen, und daß der Künstler, der diesen abgelebten Zyniker -Oblonski und diesen neuen Menschen Lewin gegeneinander hält, gleichsam -diese aufgegebene, sittenlose, furchtbar vielköpfige russische -Gesellschaft, die sich durch ihren eigenen Urteilsspruch bereits selber -verurteilt hat, gegen die Gesellschaft der neuen Wahrheit hält, die -Gesellschaft, die in ihrem Herzen die Überzeugung, sie sei schuldig, -nicht ertragen kann, und die alles fortgibt, um ihr Herz von der Schuld -zu befreien. Auffallend ist hierbei, daß unsere Gesellschaft sich fast -nur in diese beiden Arten teilt – dermaßen groß sind sie und dermaßen -umfassen sie das ganze russische Leben – versteht sich, wenn man von der -Masse der völlig Gleichgültigen absieht. Doch der charakteristischste, -der russischste Zug dieser „brennenden Tagesfrage“, auf die der -Verfasser hinweist, besteht darin, daß sein neuer Mensch, sein Lewin, -_nicht versteht_, die ihn beunruhigende Frage zu beantworten. Das heißt, -in seinem Herzen hat er sie beinahe beantwortet – nicht zu seinem -Vorteil, denn er _argwöhnt_, daß er _schuldig_ ist: aber etwas Festes, -Gerades und Reales in seiner ganzen Natur lehnt sich dagegen auf und -hält ihn vorläufig noch von der letzten Entscheidung ab. Oblonski -dagegen, dem es völlig einerlei ist, ob er schuldig oder unschuldig ist, -entscheidet die Frage ohne das geringste Bedenken, vielmehr kann es ihm -gerade so recht sein: „Wenn also alles blödsinnig ist und es nichts -Heiliges mehr gibt, so kann man ja machen, was man will, für mich wird -die Zeit noch ausreichen, – das Jüngste Gericht kommt ja noch nicht -gleich.“ Bemerkenswert ist dabei, daß gerade die schwächste Seite der -Frage Lewin verwirrt und vor den Kopf stößt – das ist so echt russisch -und so richtig vom Verfasser beobachtet. Die Sache ist nämlich die, daß -alle diese Gedanken und Fragen in Rußland – einzig eine Theorie sind: -alle sind sie aus anderen Ländern mit anderen Verhältnissen zu uns -eingeführt, aus Europa natürlich, wo sie schon längst ihre historische -und praktische Seite haben. Unsere beiden Edelleute sind Europäer, und -es ist nicht leicht, sich von der europäischen Autorität zu befreien: -auch hier muß man Europa den Tribut zahlen. Und da verwechselt nun -Lewin, dieses russische Herz, die einzig mögliche rein russische Lösung -der Frage mit ihren europäischen Bedingungen: er verwechselt die -christliche Lösung mit dem historischen „Recht“. - -Stellen wir uns zur Übersicht folgendes vor: - -Lewin steht und denkt an sein Gespräch mit Oblonski und wünscht in -seiner ehrlichen Seele qualvoll, das ihn verwirrende Problem zu lösen. - -„Ja,“ sagt er sich, halb entscheidend, „ja, wenn man so bedenkt, weshalb -können denn wir, wie Weslowski vorhin sagte, essen, trinken, auf die -Jagd gehen und nichts tun, während der Arme immer und ewig arbeiten muß? -Ja, Oblonski hat recht, ich _muß_ mein Gut unter den Armen verteilen und -für sie arbeiten gehen.“ - -Steht da neben Lewin der Arme und spricht: - -„Ja, du mußt das tun, es ist deine Pflicht, den Armen dein Gut zu geben -und für uns zu arbeiten.“ - -So stellt sich denn heraus, daß Lewin vollkommen im Recht ist, der -„Arme“ aber im Unrecht, natürlich wenn man die Sache sozusagen im -höheren Sinne entscheidet. Aber darin liegt ja der ganze Unterschied der -Auffassung dieses Problems. Denn seine moralische Lösung darf man nicht -mit seiner historischen Lösung verwechseln; sonst gibt es eine heillose -Konfusion, – ähnlich der, die sich auch jetzt noch in theoretischen -russischen Köpfen fortsetzt, – in den Köpfen der Nichtswürdigen, gleich -Oblonski, wie in den Köpfen derer, die reinen Herzens sind, gleich -Lewin. In Europa haben das Leben und die Praxis schon die Frage gestellt -– wenn auch absurd im Ideal ihres Schlusses, so doch immerhin real im -Verlauf ihrer Entwicklung, und ohne zwei heterogene Auffassungen, die -moralische und die historische, zu verwechseln, soweit dies überhaupt -möglich ist. Vielleicht wird eine kurze Erklärung dieses Gedankens nicht -überflüssig sein. - - - Die Tagesfrage in Europa - -In Europa gab es einmal einen Feudalismus und gab es Ritter. Aber in -reichlich tausend Jahren erstarkte das Bürgertum, nahm schließlich den -Kampf mit den Rittern auf, besiegte sie und – setzte sich an deren -Stelle. „_Ôte-toi de là que je m’y mette._“ Indem nun die Bourgeoisie -den Platz ihrer früheren Herren einnahm, umging sie vollständig das -Volk, das Proletariat, und da sie dasselbe nicht als Bruder anerkannte, -machte sie es zu ihrer Arbeitskraft, indem sie dadurch sich zum -Wohlstand und ihm zu seinem täglichen Stück Brot verhalf. Unser -russischer Oblonski entscheidet bei sich, daß er im Unrecht ist, will -aber bewußt ein Nichtswürdiger bleiben, denn so hat er ein angenehmes -Leben. Der ausländische Oblonski ist anderer Meinung als der unsrige: er -hält sich für durchaus im Recht und ist selbstverständlich in seiner Art -logischer; denn nach seiner Ansicht kann hierbei überhaupt nicht von -_Recht_, sondern nur von „_Geschichte_“, von historischer Entwicklung -der Dinge die Rede sein. Er nimmt den Platz des Ritters ein, weil er den -Ritter mit roher Kraft besiegt hat, und er weiß nur zu gut, daß der -Proletarier, der während seines Kampfes mit dem Ritter noch schwach war, -leicht erstarken kann, ja, jetzt sogar schon mit jedem Tage stärker -wird. Und er sagt sich, daß dieser ihn dann, wenn er ganz stark -geworden, ebenso vom Platz verdrängen wird, wie er einst den Ritter -verdrängt hat, und ihm ganz ebenso sagen wird: „_Ôte-toi de là que je -m’y mette._“ Wo ist denn hier „Recht“, hier handelt es sich doch nur um -„Geschichte“! Oh, der Bourgeois würde zu einem Kompromiß gern bereit -sein, würde sich gern irgendwie mit dem Feinde vertragen, – und er hat -es ja auch schon versucht. Da er aber vorzüglich errät, ja, und auch die -Erfahrung ihn gelehrt hat, daß der Feind nichts weniger als geneigt ist, -sich mit ihm zu vertragen, sich in nichts teilen, sondern _alles_ haben -will, und daß außerdem Abtretungen seinerseits ihn, den Bourgeois, nur -schwächen würden, so hat er sich also entschlossen, _nichts_ abzutreten -und sich zum Kampf vorzubereiten. Diese Stellung ist vielleicht -hoffnungslos, doch ist es eine Eigenschaft der menschlichen Natur, sich -vor dem Kampf Mut zuzusprechen. So verzagt denn auch der Bourgeois -nicht, sondern verstärkt und verschanzt sich immer mehr, legt sich mit -allen Mitteln ins Zeug und strengt sich mit aller Kraft an – solange -noch Kraft vorhanden ist – und bemüht sich, den Gegner zu schwächen, wo -er nur kann ... und das ist alles, was er vorläufig tut. - -So steht die Sache heute in Europa. Allerdings, früher, vor nicht langer -Zeit sogar, gab es auch dort eine _moralische_ Auffassung der Frage, es -gab Fourieristen und Cabetisten, es gab Kongresse, Diskussionen und -Debatten über verschiedene äußerst feine, scharfsinnige Fragen. Jetzt -jedoch haben die Führer des Proletariats das alles bis zu gelegenerer -Zeit aufgeschoben. Sie wollen geradeswegs zum Kampf herausfordern; sie -organisieren eine wahre Armee, gründen Vereine, gründen Kassen und sind -von ihrem Sieg fest überzeugt: „Und dann, nach dem Siege, wird sich -alles von selbst praktisch ergeben, obgleich sehr leicht möglich ist, -daß es erst nach Strömen vergossenen Blutes dazu kommen wird.“ Der -Bourgeois begreift, daß die Führer der Proletarier diese einfach durch -die in Aussicht stehende Plünderung anlocken, und daß es sich folglich -nicht lohnt, noch die moralische Seite der Sache hervorzuheben. -Einstweilen aber gibt es auch unter den jetzigen Führern zuweilen noch -solche, die das moralische Recht der Armen predigen. Die höheren Führer -lassen diese Redner eigentlich nur zur „Verschönerung“ zu, um die Sache -etwas „auszuschmücken“ und ihr den Anschein einer höheren Gerechtigkeit -zu geben. Von diesen „moralischen“ Sozialisten sind viele nur -Intriganten, viele aber auch echte Idealisten. Sie erklären offen, daß -sie für sich nichts wollen und nur für die Menschheit arbeiten, nur nach -einer neuen Einrichtung der Dinge streben, um die Menschheit glücklicher -zu machen. Doch hier empfängt sie der Bourgeois schon auf ziemlich -festem Boden und hält ihnen sofort vor, daß sie ihn zwingen wollen, der -Bruder des Proletariers zu werden und mit ihm sein Hab und Gut zu -teilen. Abgesehen davon, daß dieses der Wahrheit ziemlich ähnlich sieht, -antworten ihnen die Führer, sie hielten ihn, den Bourgeois, überhaupt -nicht für fähig, dem Volke ein Bruder zu werden, und darum würden sie -einfach Gewalt anwenden, ihn aber von vornherein aus jeglicher -„Brüderschaft“ ausschließen. „Die Brüderschaft,“ sagen sie, „wird sich -später bilden, aus den Proletariern, ihr aber, – ihr seid hundert -Millionen zum Tode verurteilter Köpfe und weiter nichts! Es ist aus mit -euch, zum Glücke der Menschheit!“ Andere Führer sagen heute schon ganz -offen, sie brauchten keine Brüderschaft, das Christentum sei Faselei und -die zukünftige Menschheit werde sich nur auf wissenschaftlichen -Grundlagen aufbauen. Alles das kann natürlich den Bourgeois weder ins -Wanken bringen, noch überzeugen. Er wendet ein, daß diese „Gesellschaft -auf wissenschaftlichen Grundlagen“ bloße Phantasie ist, daß jene Führer -sich den Menschen anders vorstellen, als ihn die Natur geschaffen hat; -ferner, daß es dem Menschen schwer und unmöglich ist, dem unbedingten -Recht des Eigentums, der Familie und der Freiheit zu entsagen; daß sie -von ihrem zukünftigen Menschen zuviel Opfer als Persönlichkeit -verlangen, daß man den Menschen nur mit furchtbarem Zwang in dieser -Weise hinaufzüchten könnte, nur dann, wenn man ständige Spionage und -ununterbrochene Kontrolle der despotischsten Macht anwendete. Zum Schluß -fordert der Bourgeois noch auf, ihm doch diejenige Macht zu nennen, die -die zukünftigen Menschen zu einer freiwilligen, nicht gezwungenen -Gesellschaft zu vereinigen vermöchte. Darauf heben die Führer den -Vorteil und die Notwendigkeit hervor, die jeder Mensch anerkennen müsse, -und weisen darauf hin, daß er selbst, um der Zerstörung und dem Tode zu -entgehen, freiwillig alle verlangten Konzessionen machen werde. Ihnen -wird sofort entgegnet, daß der Gesichtspunkt des Vorteils allein niemals -die Kraft haben kann, eine volle und einmütige Vereinigung -hervorzubringen; daß kein einziger Nutzen imstande ist, den Eigenwillen -und die persönlichen Rechte zu ersetzen; daß diese Mächte und Motive -viel zu schwach sind und somit diese ganze zukünftige Vereinigung ewig -fraglich bleiben wird; daß der Proletarier, wenn die Führer mit nichts -als der moralischen Seite der Sache kämen, ihnen überhaupt nicht zuhören -würde, und daß er, wenn er es jetzt tut, wenn er ihnen zu folgen scheint -und sich zur Schlacht vorbereiten läßt, dies nur deshalb tut, weil er -durch die versprochene Plünderung der Reichen angelockt wird und von der -Fata morgana des allgemeinen Zusammenbruchs fieberhaft erregt ist. -Folglich muß man dann doch die moralische Seite der Frage ganz fallen -lassen, da sie nicht der geringsten Kritik standhält, und muß sich -einfach zum Kampf vorbereiten. - -Das ist die europäische Auffassung der Sache. Die eine wie die andere -Partei sind im Unrecht, und die einen wie die anderen werden an ihren -eigenen Sünden untergehen. Wiederholen wir es: Am schwersten ist für uns -Russen, daß bei uns sogar die Lewins über diese selben Fragen ins -Nachdenken geraten, während die einzig mögliche Lösung des Problems, und -gerade die russische Lösung, und diese nicht nur für die Russen allein, -sondern für die ganze Menschheit – die ethische Auffassung der Frage -ist, d. h. die christliche. In Europa ist diese Auffassung nicht -denkbar, obgleich man auch dort, früher oder später, nach Strömen von -Blut und hundert Millionen von Opfern, sie doch wird anerkennen müssen – -denn in ihr allein liegt das Heil. - - - Die russische Lösung des Problems - -Wenn ihr fühlt, daß es euer Gewissen drückt, dieses „Essen, Trinken, -Auf-die-Jagd-Gehen und Nichtstun“, und wenn ihr das wirklich fühlt, und -wenn es euch wirklich so leid tut um die „Armen“, deren es so viele -gibt, – so gebt ihnen euer Hab und Gut und gehet hin, um für sie alle zu -arbeiten, und „erwerbt den Schatz im Himmelreich, dort, wo man nicht -sammelt, noch nach Gütern trachtet –“. Geht wie „Wlas“, von dem es -heißt: - - „Groß war diese Kraft der Seele, - Die da auszog, Gott zu dienen.“ - -Und wollt ihr nicht wie Wlas für den Bau eines Gotteshauses sammeln, so -sorgt für die Aufklärung der Seele dieses Armen, erleuchtet ihn, belehrt -ihn. Selbst wenn alle Reichen ihre Reichtümer, wie ihr, unter alle Armen -austeilen würden, so wäre das doch nur wie ein Tropfen im Meer. Darum -aber muß man mehr für das Licht, die Aufklärung, die Wissenschaft und -für ein Mehr an Liebe sorgen. Dann erst wird der Reichtum in -Wirklichkeit wachsen, und zwar der wirkliche Reichtum; denn der liegt -nicht in herrlichen Kleidern, sondern in der Freude der allgemeinen -Vereinigung und der festen Hoffnung eines jeden, daß im Unglück ihm und -seinen Kindern von allen geholfen werden wird. Und sagt nicht: „Ich bin -bloß eine machtlose Eins,“ oder: „Wenn ich allein mein Vermögen verteile -und dienen gehe, so kann ich damit doch nichts verbessern“. Im -Gegenteil, wenn es nur einige wenige solcher gibt wie ihr, so ist die -Sache schon durchgeführt. Und im Grunde ist es nicht einmal _unbedingt_ -nötig, sein Gut zu verteilen, – jede _Unbedingtheit_ würde hier, in der -Tat der Liebe, nur einer Form gleichen, einer Rubrik, dem Buchstaben. -Die Überzeugung, daß man den Buchstaben erfüllt hat, führt nur zu Stolz -und Faulheit. Man soll nur das tun, was einem das Herz befiehlt: -gebietet es euch, eure Habe zu verteilen – so verteilt sie, gebietet es -euch, für die anderen arbeiten zu gehen, – so geht. Doch auch hier tut -nicht wie etliche Träumer, die sich sofort an die Schiebkarre machen, -was ungefähr heißen soll: „ich will kein Herr sein, ich will arbeiten -wie ein Bauer“. Die Schiebkarre ist wiederum – nur eine „Form“. - -Im Gegenteil, wenn du fühlst, daß du als Gelehrter allen nützlich sein -kannst, so gehe auf die Universität und behalte so viel von deinen -Mitteln, als du dafür nötig hast. Nicht die Verteilung des Gutes ist -notwendig und nicht das Anziehen des Bauernkittels: all das ist bloß -Buchstabe und Formalität. Notwendig und wichtig ist bloß _deine -Entschlossenheit, alles zu tun um der tätigen Liebe willen_, alles, was -dir möglich ist, was du selbst aufrichtig als in deiner Kraft stehend -anerkennst. Alle diese Bemühungen, sich zu „vereinfachen“ – sind ja doch -nur Verkleidungen, die das Volk vor uns herabsetzen und einen selbst -erniedrigen. Ihr seid alle zu „kompliziert“, um euch zu „vereinfachen“, -ganz abgesehen davon, daß schon eure Bildung allein euch hindert, zum -Bauern zu werden. Hebt lieber den Bauer bis zu eurer Bildung empor! Seid -nur aufrichtig und treuherzig; das ist besser als jede „Vereinfachung“. -Vor allen Dingen aber schreckt euch nicht selbst, sagt nicht: „einer ist -keiner“ und ähnliches. Jeder einzelne, der aufrichtig die Wahrheit -sucht, der ist schon furchtbar viel. Ahmt auch nicht jenen -Phrasenmachern nach, die da ununterbrochen sagen, damit man sie höre: -„Man läßt mich nichts machen, bindet mir die Hände, pflanzt mir in die -Seele Enttäuschung und Verzweiflung!“ Das sind Helden gewisser -Dichtungen schlechten Tones, posierende Faulenzer. Wer Nutzen bringen -will, der kann auch mit buchstäblich gebundenen Händen unendlich viel -tun. Ein echter Tatmensch sieht, wenn er auf den Weg tritt, sofort so -viel Arbeit vor sich, daß er nicht anfangen wird, zu klagen, man lasse -ihn nichts machen, sondern er wird sofort irgend etwas finden und wird -das, was er sich vornimmt, dann selbst mit gebundenen Händen -fertigzustellen verstehen. - -Und das wissen auch alle wirklichen Tatmenschen. Wieviel Zeit nimmt bei -uns schon allein das „Ergründen Rußlands“, denn nur äußerst, äußerst -selten kennt ein Mensch unser Rußland. Die Klagen über Blasiertheit sind -einfach dumm: die Freude an dem zu errichtenden Gebäude muß jede Seele -erfüllen, auch wenn ihr vorläufig nur ein Sandkörnchen zum Bau des -Gebäudes herbeibringt. Eure Belohnung aber sei – Liebe, wenn ihr sie -verdient. Solltet ihr aber keiner Liebe bedürfen, so tut ihr doch eine -Liebestat, also könnt ihr gar nicht umhin, euch um Liebe zu bewerben. -Doch möge es auch niemand sagen, daß ihr es auch ohne Liebe tun müßtet, -sozusagen zum eigenen Gewinn, und daß man euch anderenfalls mit Gewalt -dazu zwingen werde. Nein, bei uns in Rußland muß man andere -Überzeugungen wecken – und besonders was die Begriffe der Freiheit, -Gleichheit und Brüderlichkeit betrifft. In der heutigen Welt hält man -Zügellosigkeit für Freiheit, während die wirkliche Freiheit doch nur in -der Überwindung seiner selbst und seines Willens liegt, so daß man -zuletzt einen sittlichen Zustand erreicht, in dem man immer, in jedem -Augenblick, sein eigener Herr ist. Die Zügellosigkeit der Wünsche führt -nur zur Sklaverei. Das ist wohl der Grund, warum fast die ganze heutige -Welt die Freiheit in der pekuniären Sicherstellung sieht, und in den -Gesetzen, die diese pekuniäre Sicherstellung garantieren. „Hab’ ich -Geld,“ heißt es, „so kann ich alles machen, was mir gefällt; hab’ ich -Geld – so werd’ ich nicht untergehen, noch nötig haben, andere um Hilfe -zu bitten; niemanden aber um Hilfe bitten, ist die höchste Freiheit.“ -Und doch ist das in Wirklichkeit nicht Freiheit, sondern Knechtschaft, – -Knechtschaft durch das Geld. Im Gegenteil, die allerhöchste Freiheit ist -– nicht sparen und nicht sich mit Geld versorgen, sondern „unter alle -verteilen, was man hat, und hingehen, um allen zu dienen“. Ist der -Mensch dazu fähig, ist er fähig, sich bis zu solch einem Grade zu -überwinden – so, sagt doch, ist er dann nicht wahrhaft frei? Darin liegt -doch die höchste Offenbarung des Willens! Und dann, was ist in der -heutigen gebildeten Welt „Gleichheit“? Eifersüchtiges Aufpassen des -einen auf den anderen, Hochmut, Aufgeblasenheit und Neid: „Er ist klug, -er ist ein Shakespeare, er rühmt sich mit seinem Talent; also muß man -ihn erniedrigen, muß ihn vernichten.“ Währenddessen spricht die -wirkliche Gleichheit: „Was geht es mich an, daß du talentvoller bist als -ich, klüger und schöner als ich? Ich kann mich nur dessen freuen, denn -ich liebe dich. Bin ich auch unansehnlicher als du, so versage ich mir -doch als Mensch nicht die Achtung, und du weißt das wohl und achtest -mich gleichfalls – deine Achtung aber macht mich glücklich. Bringst du -mit deinen Begabungen mir und allen anderen hundertfach mehr Nutzen, als -ich dir, so segne ich dich dafür, bewundere dich und bin dir dankbar; -rechne ich doch meine Bewunderung für dich mir niemals zur Schande an: -daß ich dir dankbar bin, ist mein Glück, und wenn ich, so viel wie in -meinen schwachen Kräften steht, für dich und für alle arbeite, so -geschieht das keineswegs, um mit dir abzurechnen, Freund, sondern nur – -weil ich euch alle liebhabe.“ - -Wenn alle Menschen so sprechen werden, dann erst wird Brüderlichkeit auf -Erden herrschen, und zwar nicht um irgendeines ökonomischen Vorteils -willen, sondern aus der Fülle des freudigen Lebens heraus, aus der -Überfülle der Liebe. - -Man wird vielleicht entgegnen, daß das bloß eine Phantasie von mir sei, -daß diese „russische Lösung des Problems“ – das „Himmelreich“ ist und -selbiges höchstens im Himmel, nicht aber auf Erden möglich sei. -Allerdings, die Oblonskis würden sich nicht wenig ärgern, wenn das -Himmelreich anbräche. Doch muß man wenigstens in Betracht ziehen, daß in -dieser Phantasie einer „russischen Lösung des Problems“ unvergleichlich -weniger Phantastisches und unvergleichlich mehr Wahrscheinliches ist als -in der europäischen Lösung. Solche Menschen wie „Wlas“ haben wir schon -gesehen und sehen sie bei uns in allen Ständen und sogar recht oft; -dagegen hat man dort den „zukünftigen Menschen“ noch nirgends gesehen, -und selbst verspricht er ja auch, erst nach Vergießung ganzer Ströme von -Blut zu kommen. Ihr sagt, mit wenigen Menschen dieser Art sei es nicht -getan, man müsse nach gewissen allgemeinen Einrichtungen und Prinzipien -streben. Doch selbst, wenn es solche Einrichtungen und Prinzipien geben -würde, nach denen man fehlerlos die Gesellschaft bilden könnte, und -selbst wenn man sie _vor_ der Praxis erlangen könnte, einfach so _a -priori_, einzig aus den Träumen des Herzens und der „wissenschaftlichen“ -Zahlen, die zudem noch der früheren Einrichtung der Gesellschaft -entnommen sind, – so wird sich doch mit anfertigen, mit nicht dazu -eingedrillten Menschen keine einzige Regel durchführen, kein einziges -von all den schönen Prinzipien verwirklichen lassen; im Gegenteil, diese -würden nur lästig werden. Ich aber glaube schrankenlos an unsere -zukünftigen und schon heraufkommenden Menschen, an diese selben, von -denen ich vorhin gesagt, daß sie vorläufig noch nicht übereinstimmen, -daß sie in kleinen Lagern und Gruppen zerstreut sind, von denen jedes -und jede an eigenen Überzeugungen festhält, die aber dafür vor allen -Dingen die Wahrheit suchen, und die, wenn sie nur wissen würden, wo die -Wahrheit ist, bereit wären, für ihre Verwirklichung alles zu opfern, -selbst das Leben. Glaubt mir, wenn sie endlich den wahren Weg finden und -ihn betreten, so werden sie alle nach sich ziehen, und nicht gezwungen, -sondern freiwillig wird man ihnen folgen. Ja, das vermögen schon heute -die ganz wenigen zu tun. Und das ist dann der Pflug, mit dem man unseren -neuen Schatz heben kann. Bevor ihr den Menschen predigt, wie sie sein -sollen, zeigt es ihnen an euch selbst. Erfüllt selbst, was ihr -verkündigt, und alle werden euch folgen. Ich begreife nicht, was hierbei -Utopistisches, Unmögliches sein soll! Es ist wahr, wir sind sehr -verderbt, sind kleinmütig – und darum glauben wir nicht und lachen. Doch -jetzt liegt es fast nicht mehr an uns, sondern einzig an den -Emporsteigenden, den Künftig-Zukünftigen. Das Volk ist reinen Herzens, -es muß nur noch erleuchtet werden. Doch Menschen, die reinen Herzens -sind, erheben sich auch mitten aus unserer Schar – und das ist das -Allerwichtigste! Dies ist es, was man zuerst glauben muß, was zu sehen -man verstehen muß. Denen aber, die reinen Herzens sind, noch ein Rat: -Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung vor jedem ersten Schritt! -Erfülle zuerst selbst, statt daß du andere zwingst –: das ist das ganze -Geheimnis dieses ersten Schrittes. - - - Ehemalige Landwirte – zukünftige Diplomaten[30] - -... Ich bin wieder auf dem Lande und habe meine Freude daran ... Doch -vor allem freut es mich, nicht im Auslande zu sein, nicht unsere sich -dort herumtreibenden Russen vor Augen zu haben. Wahrlich, in unserer so -volklichen, so politischen Zeit, da man gerade überall bei sich zu Hause -Russen sucht, Russen erwartet, nur Russen will und fordert, in solch -einer Zeit ist es zu schwer, im Auslande der Demoralisierung unserer -expatriierten Intelligenz zusehen zu müssen, der Verwandlung echt -russischen, noch rohen und vielleicht prachtvollen Menschenmaterials in -erbärmliches, internationales Gesindel ohne Persönlichkeit, ohne -Charakter, ohne Nationalität und ohne Vaterland. Ich rede nicht von den -Vätern, – die Väter sind nun einmal nicht mehr anders zu machen. Nun, -und – Gott mit ihnen! Ich rede von den unglücklichen Kindern, die sie -dort im Auslande verderben. Die Väter werden jetzt sogar schon von -unseren verschriensten Westlern lächerlich gefunden. Herr Burenin, der -sich kürzlich als Berichterstatter auf den Kriegsschauplatz begeben hat, -erzählt in einem Brief eine amüsante Begegnung mit einem unserer -„Europäer“, der beständig im Auslande lebe, nur jetzt absichtlich auf -den Kriegsschauplatz gekommen sei, um sich das „Schauspiel so eines -Kampfes“ anzusehen, versteht sich, aus höflicher Entfernung, – und der -im Waggon überall Witzchen gemacht, worüber diese Herren nun schon -vierzig Jahre lang Witze machen: über den russischen Geist, die -Slawophilen, usw. Er lebe nur darum im Auslande, soll er gesagt haben, -weil es bei uns in Rußland „für einen ernsten und anständigen Menschen -noch immer nichts zu tun gäbe“ ... - -Vor zwanzig Jahren „emigrierten“ (ich bleibe bei diesem Wort) aus -Rußland vornehmlich Gutsbesitzer, und seit der Zeit setzt sich die -Emigration in jedem Jahre ungehindert fort. Natürlich emigrierten auch -viele andere Leute, alle möglichen Menschen; doch waren es in der großen -Mehrzahl, wenn nicht alle, Leute, die mehr oder weniger Rußland haßten; -die einen aus moralischen Gründen, infolge der Überzeugung, „daß es in -Rußland für so anständige und kluge Leute, wie sie, nichts zu tun gäbe“, -die anderen vielleicht ohne jede Überzeugung, wenn man will, einfach aus -physischem Haß: wegen des Klimas, wegen der Felder und Wälder, wegen der -Gesetze und Bräuche, wegen des befreiten Bauern, ja, wegen der ganzen -russischen Geschichte, mit einem Wort – wegen Rußland. Ich bemerke dazu, -daß solch ein Haß sehr passiv, sehr ruhig und bis zur Apathie -gleichmütig sein kann. Und dann kam noch die Befreiung der Bauern hinzu, -und überdies erleuchtete plötzlich ungemein viele die Überzeugung, daß -durch diese Befreiung alles verloren sei – das Land und die -Landwirtschaft und der Adel und ganz Rußland. Es ist ja wahr, daß nach -der Aufhebung der Leibeigenschaft die Landwirtschaft ohne genügende -Organisation und Sicherstellung blieb und die Grundbesitzer -infolgedessen den Kopf verloren und natürlicherweise eine solche Angst -bekamen, wie es nach keinem staatlichen Umsturz mehr der Fall hätte sein -können. Nun, und da fingen denn die Gutsbesitzer an ihre Güter zu -verkaufen, und ein Teil von ihnen – und nicht der kleinste – zog ins -Ausland. Was sie nun dort auch zu ihrer Rechtfertigung hervorheben mögen -– sie können doch nicht, weder vor ihren Mitbürgern noch vor ihren -eigenen Kindern verbergen, daß der Hauptgrund zu ihrer Emigration die -Verlockung zum „Nichtstun“ gewesen ist. Jedenfalls aber: seit der Zeit -wird das russische persönliche Landeigentum verkauft und gekauft, es -ändert seine Herren allaugenblicklich, verändert sogar sein Aussehen, -denn es wird eifrig entwaldet, – und in was es sich verwandeln, in -wessen Händen es endgültig bleiben, aus welchen Leuten sich schließlich -der neue russische Grundbesitzerstand zusammensetzen wird, all das ist -schwer vorauszusagen, und doch liegt gerade darin, wenn man will, die -wichtigste Frage der russischen Zukunft. Es scheint wirklich ein -Naturgesetz zu sein, nicht nur in Rußland, sondern in der ganzen Welt: -diejenigen, welche in einem Reiche das Land besitzen, die sind auch die -Herren dieses Landes – in jeder Beziehung. Bei uns jedoch, wird man -sagen, gibt es ja noch die Gemeinde, – die sei der „Herr“! Aber ... -gehört denn etwa das Problem unserer Gemeinde bei uns schon zu den -endgültig gelösten? Trat es denn nicht vor etwa fünfzehn Jahren -gleichfalls in eine neue Phase, wie alles andere? Doch darüber später – -vorläufig will ich, ohne sie weiter zu begründen, nur kurz meine -Überzeugung darlegen. Es ist diese: wenn in einem Reiche die Verwaltung -des Bodens eine _ernste_ ist, dann wird, meiner Meinung nach, auch alles -andere im Reich ernst sein, in allen Beziehungen, sowohl im großen -Ganzen wie in den kleinen Einzelheiten. Jetzt müht man sich bei uns, zum -Beispiel, um Bildung, müht sich um die Volksschulen. Ich aber glaube, -daß Schule und Unterricht nur dann bei uns ernst und gründlich werden -sein können, wenn unsere Landesverwaltung und Landwirtschaft ernstlich -und gründlich organisiert sind; glaube ferner, daß man nicht durch eine -Schule eine gute Landwirtschaft erzielt, sondern umgekehrt, nur durch -eine gute Landwirtschaft – d. h. durch eine richtige Bodenverwaltung – -eine gute Schule bilden kann, auf keinen Fall aber früher. Parallel -diesem Beispiele geht alles: die Einrichtungen und die Gesetze und die -Sittlichkeit und selbst die Verstandesentwicklung der Nation. Jede -richtige Verwaltung des nationalen Organismus organisiert sich bloß -dann, wenn im Lande gute Landwirtschaft getrieben wird. Dasselbe läßt -sich gleichfalls vom Charakter der Landwirtschaft sagen: ist er -aristokratisch, oder ist er demokratisch – immer wird so, wie er ist, -auch der ganze Charakter der Nation sein. - -Einstweilen aber spazieren unsere ehemaligen Gutsbesitzer im Auslande -umher, in allen Städten und Kurorten Europas, machen die Preise der -Restaurants steigen, und schleppen wie Millionäre Gouvernanten und -Bonnen für ihre Kinder mit sich herum und kleiden die Kleinen in Spitzen -und englische Kostüme mit kurzen Strümpfchen – Europa zur Schau. Europa -aber sieht zu und wundert sich: „Wieviel reiche Leute es doch in Rußland -gibt, und vor allen Dingen wie gebildete! Und wie sie nach europäischer -Bildung streben! Natürlich hat man ihnen nur aus Despotismus die -Auslandspässe vorenthalten! Und plötzlich zeigt es sich, daß es bei -ihnen so viele Grundbesitzer und Kapitalisten und so viele Rentiers -gibt, die sich von den Geschäften zurückgezogen haben, – ja sogar mehr -als selbst in Frankreich, das doch das Land der Rentiers ist!“ Wollte -man aber versuchen, Europa zu erklären, daß hier eine echt russische -Erscheinung vorliegt und keine Spur von eigentlichem Rentiertum sich -hierbei findet, sondern im Gegenteil die Verschwendung dieser Leute -meist nur das Brennen eines Lichtes von beiden Enden bedeutet, so würde -Europa an solch eine in Europa unmögliche Erscheinung selbstverständlich -nicht glauben, würde mich überhaupt nicht verstehen. Und das wichtigste -– diese Sybariten, die sich dort in den deutschen Kurorten und an den -Schweizer Seen herumtreiben, diese Lukullusse, die ihr Leben in Pariser -Restaurants zubringen, – sie wissen es ja selber und fühlen es sogar mit -einem gewissen Schmerz voraus, daß sie ihr Kapital doch schließlich -aufzehren, und daß ihre Kinder, diese selben kleinen Engelchen in -englischen Kostümchen, vielleicht noch einmal in Europa werden Almosen -erbitten müssen – und sie _werden_ Almosen erbitten! –, wenn sie sich -nicht in französische oder deutsche Arbeiter verwandeln wollen – und sie -_werden_ sich in französische und deutsche Arbeiter verwandeln! – „Aber -...“ denken sie, „_après nous le déluge_! Ja, und wer ist denn der -Schuldige? Das sind doch nur alle diese unsere russischen Einrichtungen, -unser ganzes plumpes Rußland, in dem ein anständiger Mensch immer noch -nichts anfangen kann.“ So denken diese Herren; und die liberalsten von -ihnen, die, welche man die höchsten und unverfälschtesten Westler der -vierziger Jahre nennen könnte, die fügen vielleicht noch heimlich hinzu: -„Nun, was tut’s, daß die Kinder ohne Vermögen bleiben, dafür erben sie -die Idee, den edlen Sauerteig der wahren und heiligen Denkungsart. Fern -von Rußland erzogen, werden sie weder die Popen kennen, noch das dumme -Wort ‚Vaterland‘. Sie werden einsehen, daß das ‚Vaterland‘ nur ein -Vorurteil ist und sogar das verderblichste der Welt. Aus ihnen werden -edle, universale Menschen werden. Wir, ausschließlich wir, legen den -Grund zu diesen neuen Menschen! Gerade dadurch, daß wir im Auslande den -Erlös für unser Gut verleben, legen wir den Grund zu dem neuen -internationalen Bürgertum, das früher oder später Europa erneuern wird, -und die ganze Ehre dafür gebührt uns, uns Russen, denn wir haben zuerst -angefangen.“ Übrigens, so reden bloß die „graulockigen“, das heißt -soviel wie sehr wenige – sind denn etwa viel Koryphäen unter ihnen zu -finden? Die praktischeren jedoch und _nicht so literarisch-moralischen_ -verlassen sich schließlich immer noch auf die „Verbindungen“. „Wir -verleben hier unser Geld, das ist ja wahr, aber etwas gewinnen wir dabei -doch, das sind: Bekanntschaften, Beziehungen, die dann im sogenannten -‚Vaterlande‘ uns gut zustatten kommen werden. Und zudem erziehen wir -unsere Kinderchen wenigstens in liberalem Geiste und immerhin als -Gentlemen – das aber sind doch lauter Hauptsachen. Verkehren werden sie -nur in den vornehmsten und höchsten Sphären; der Liberalismus aber hat -in diesen höchsten Sphären immer alles, was gentlemanlike war, -gekennzeichnet und begleitet, denn dieser Gentlemanliberalismus ist für -den höheren Konservatismus sozusagen sehr nützlich, was man bei uns -längst begriffen hat. Nun, und wenn wir unsere Kinder in dieser Weise im -Auslande aufwachsen lassen, so heißt das geradezu, daß wir sie zu -Diplomaten erziehen. Was sind das doch für prachtvolle Stellen hier an -den Gesandtschaften, Konsulaten, und dabei welch eine Unmenge solcher -entzückender Plätzchen, und wie brillant sie dotiert sind! Wirklich, wie -geschaffen für unsere Kinderchen: sind ruhig und gut und vorteilhaft und -dauerhaft, und dabei immer ein angesehenes Amt. Und der Dienst so -vornehm und die Arbeit – ach, die ist nicht der Rede wert, besteht ja -nur im Verkehr mit den Russen im Auslande, selbstverständlich bloß mit -denen, die anständiger aussehen; die anderen aber, die einem da auf den -Hals kriechen und noch um Schutz bitten, – die, na, die schüttelt man -einfach ab und behandelt sie, wie es Vorgesetzten geziemt: ohne sie -anzuhören und von oben herab: ‚Wir glauben euch nicht. Ihr seid selber -an allem schuld, worüber ihr klagt. Ihr glaubt wohl noch im lieben -Vaterlande zu sein? Euretwegen sollen wir uns Unannehmlichkeiten -zuziehen? Lohnt sich das denn überhaupt, und wie soll man eine fremde -Obrigkeit solcher Leute wegen, wie ihr, belästigen? Seht doch erst in -den Spiegel, wie ihr ausseht!‘ Und darin besteht der ganze Dienst. Oh, -unsere Kinderchen werden schon verstehen, es im Leben zu etwas zu -bringen. Ja, ja, wenn man nur so seine Verbindungen hat – das ist das -erste, wofür ein Vaterherz sorgen muß. Das übrige kommt dann je nach -Bedarf von selbst hinzu.“ - -Also, wie gesagt, in dieser Weise verlassen sich von den im Auslande -lebenden alle nicht gerade „literarischen“ Väter mehr oder weniger auf -Verbindungen. Aber – was sind denn Verbindungen? Nun, wenn sie auch ihre -Bedeutung haben, so sind sie doch nur eine unzuverlässige Quelle. Es -würde daher wirklich nicht schaden, wenn man sich noch mit etwas anderem -versorgen würde – nun, sagen wir, mit ein wenig Kenntnis Rußlands und -mit ein wenig eigenem Verstand, nur so auf alle Fälle, da man doch -niemals wissen kann ... Und gerade jetzt, in der Epoche der Reformen und -neuen Einrichtungen, wollen bei uns doch alle plötzlich nach eigenem -Verstande leben – zweifellos eine Idee, die durch die Aufklärung zu uns -gekommen ist. Das Unglück aber ist nur, daß bei uns noch nie so wenig -individueller Verstand zu finden gewesen ist, wie jetzt, da ihn ein -jeder haben will. Die Frage, warum das so ist, will ich lieber offen -lassen, es ist auch nicht leicht, sie zu beantworten. Doch eine der -Ursachen, warum unsere kleinen Püppchen einst, wenn sie große Puppen -sind, zweifellos leere Köpfe haben werden – kenne ich nur zu genau; und -obwohl sie alt ist, will ich doch noch auf sie hinweisen. Diese Ursache -... liegt in der russischen Sprache, d. h. in der mangelhaften Kenntnis -der russischen, vaterländischen Sprache, die durch die Erziehung im -Auslande, durch ausländische Gouvernanten und Bonnen bedingt wird. -Derlei ist bei uns ja auch schon früher üblich gewesen, aber wohl -niemals in dem Maße, wie jetzt, da soviel Püppchen im Auslande -heranwachsen. Nehmen wir den Fall an, eines dieser Herrensöhnchen soll -Diplomat werden: nun, die Diplomatensprache ist bekanntlich die -französische, „folglich genügt es, wenn man die russische nur -grammatisch kennt“. Ist dem nun wirklich so? Diese Frage ist wohl schon -so oft beredet worden, daß sie vielleicht abgeschmackt erscheinen wird. -Nichtsdestoweniger ist sie noch so unbeantwortet, daß sie sogar vor -kurzem wieder aufgeworfen werden konnte, wenn auch nur mittelbar, bei -Gelegenheit der Besprechungen der französischen Werke Turgenjeffs. Es -wurde sogar die Meinung geäußert: „Warum soll denn Turgenjeff nicht auch -Französisch schreiben, das kann ihm doch niemand verbieten?“ -Selbstverständlich ist hier nichts zu verbieten oder zu erlauben, und -besonders nicht einem so großen Schriftsteller und so vorzüglichen -Beherrscher der russischen Sprache, wie Turgenjeff. Darum über ihn kein -Wort weiter, aber ... Aber ich sehe, daß ich wieder auf mein altes Thema -zurückgekommen bin, auf dasselbe, über das ich schon im vorigen Jahre -geschrieben, nachdem ich mit einer unserer ausländisch-russischen Mamas -über den Nachteil, den das Erlernen der französischen Sprache für ihr -Püppchen haben kann, diskutiert hatte. Jetzt wird das Söhnchen zum -Diplomaten erzogen und ... Übrigens, wenn es auch nicht ratsam ist, sich -zu wiederholen, so will ich doch noch wagen, in bezug auf die Diplomatie -ein paar Worte zu sagen. - -„... Aber die Diplomatensprache ist doch Französisch!“ unterbricht mich -diesmal die Mama, ohne mich zu Wort kommen zu lassen. - -O weh, sie trägt mir meine Worte vom vorigen Jahr noch nach und -behandelt mich ungnädig. - -„Gewiß, gewiß, meine Gnädigste,“ antworte ich, „Ihr Einwand ist -unantastbar, und ich bin mit Ihnen widerspruchslos einverstanden. -Jedoch: was ich über die Kenntnis der russischen Sprache gesagt, gilt -auch für die Kenntnis der französischen – nicht wahr? Nun aber, um den -Reichtum seiner Gedanken in französischer Sprache ausdrücken zu können, -muß man sich diese Sprache auch ganz und gar zu eigen machen. Nun aber -bitte ich Sie, folgendes nicht zu vergessen: es gibt nämlich solch ein -Geheimnis der Natur, oder vielmehr solch ein Naturgesetz, nach dem man -nur diejenige Sprache vollkommen beherrschen kann, mit der man geboren -ist, wollte sagen, die dasjenige Volk spricht, zu dem man gehört. Das -scheint Ihnen nicht zu gefallen, meine Gnädigste. Sie belieben etwas -spöttisch zu lächeln? Gut, ich gebe nach – es ist ja übrigens auch kein -_Damen_thema. Ich stimme Ihnen also widerspruchslos bei, ich gebe zu, -daß auch ein Russe sich die französische Sprache bis zur Vollkommenheit -aneignen kann – aber nur unter einer riesengroßen Bedingung: nämlich in -Frankreich geboren zu sein, in Frankreich aufzuwachsen und seit der -allerersten Stunde seines Lebens sich in einen Franzosen zu verwandeln! -Oh, Sie lächeln wieder, wie ich sehe, ich habe Sie wohl nur belustigt? -Einstweilen aber beachten Sie, daß selbst Ihnen und Ihrem Söhnchen nicht -gut möglich sein wird, diese Bedingung zu erfüllen, trotz aller Pariser -Bonnen, trotz der Emigration, dem Erlös für das verkaufte Land usw. -Zudem müssen Sie noch die sogenannten angeborenen Gaben in Betracht -ziehen, denn man kann doch nicht Ihr Püppchen mit Turgenjeff vergleichen -– werden denn etwa viel Turgenjeffs geboren? ... Ach, Verzeihung, meine -Gnädigste, was sage ich da! Aus Ihrem Söhnchen wird bestimmt ein -Turgenjeff werden, oh, nicht nur einer, sondern bestimmt drei! Doch -lassen wir das, nur ...“ - -„Aber,“ unterbrechen Sie mich plötzlich, „aber die Diplomaten sind doch -sowieso klug, warum denn da noch um den Verstand so viel Sorge tragen? -Glauben Sie mir, hat man erst Verbindungen, _mon mari_ ...“ - -„Sie haben durchaus recht, meine Gnädigste,“ unterbreche ich schnell, -„hat man erst Verbindungen und läßt man Ihren Herrn Gemahl ganz -beiseite, so, sage ich, wäre es immerhin nicht übel, zu den Verbindungen -noch etwas, wenn auch nur ein wenig, Verstand hinzuzufügen. Und die -Diplomaten sind keineswegs deswegen klug, weil sie Diplomaten sind, -sondern einzig, weil sie von Geburt an kluge Leute waren. Und glauben -Sie mir, es gibt sogar viele, sehr viele Diplomaten, die wirklich -außerordentlich dumm sind.“ - -„Ach nein, verzeihen Sie,“ unterbrechen Sie mich ungeduldig, „Diplomaten -sind immer klug und alle bekleiden sie außerordentliche Posten: und -außerdem ist der Diplomatendienst der allervornehmste Dienst!“ - -„Meine Gnädigste, meine Gnädigste,“ rufe ich, „Sie sagen: Verbindungen -und Kenntnis vieler Sprachen! – aber Verbindungen _verschaffen_ doch -bloß einen Posten, dann aber ... Nun, stellen Sie sich vor: Ihr Söhnchen -wächst in europäischen Restaurants auf, geht in Gesellschaft -ausländischer Vicomtes und russischer Grafen mit jungen Kokotten durch, -dann aber ... Nun, er kann alle Sprachen und schon deswegen keine -einzige, ... hat er aber keine eigene Sprache, so ist es nur natürlich, -wenn er bloß Endchen von Gedanken und Gefühlen aller Nationen aufgreift -und sein Verstand sich sozusagen zu einem Mischmasch aller möglichen -Süppchen herausbildet. Er wird ein internationaler Bastard mit kurzen, -abgerissenen, kleinen Ideen und stumpfen Urteilen. Er ist Diplomat, aber -die Geschichte der Nationen setzt sich in seiner Vorstellung ganz -sonderbar-spaßhaft zusammen. Er sieht überhaupt nicht, ja er ahnt nicht -einmal das, wovon die Nationen und die Völker leben, welche Gesetze in -ihrem Organismus liegen, ob in diesen Gesetzen auch etwas Ganzes -verborgen ist und sich in ihnen ein allgemeines internationales Gesetz -wahrnehmen läßt. Er ist fähig, alle Geschehnisse der Welt nur daraus -abzuleiten, daß z. B. irgendeine Königin irgendeine Favoritin -irgendeines Königs geärgert hat, und infolgedessen der Krieg zwischen -zwei Königreichen ausgebrochen ist. Erlauben Sie, ich werde von Ihrem -Standpunkte aus urteilen. Schön, er hat Verbindungen ... Aber zum Erwerb -solcher Verbindungen ist doch Charakter erforderlich, ist, wie man zu -sagen pflegt, die Liebenswürdigkeit eines Charakters, sind Milde und -Güte und zu gleicher Zeit Beharrlichkeit und Festigkeit unbedingt nötig -... Ein Diplomat muß doch bezaubernd sein, muß zu besiegen verstehen, -nicht wahr? Nun, dann glauben Sie es mir oder nicht, wenn ich Ihnen -offen und im höchsten Grade bestimmt sage, daß man ohne Kenntnis seiner -Muttersprache, ohne ihre völlige Beherrschung nicht einmal seinen -Charakter ausarbeiten kann, und besonders dann nicht, wenn das Püppchen -noch von Natur reich und gut begabt ist. Mit der Zeit stellen sich bei -ihm dann Gedanken ein, Ideen und Gefühle werden ihn innerlich peinigen, -indem sie für sich Ausdrücke suchen und fordern; doch ohne reiche, von -Kindheit an erworbene, fertige Ausdrucksformen, d. h. ohne Sprache, ohne -ihre Entwicklung, ohne ihre Verfeinerung, ohne Beherrschung all ihrer -Nuancen – wird Ihr Sohn ewig unzufrieden mit sich sein. Die -aufgeschnappten Gedankenendchen hören bald auf, ihn zu befriedigen, das -im Verstande und im Herzen angesammelte Material fängt an, nach einem -großen, unbeengten Ausdruck zu verlangen ... Der junge Mann wird -besorgt, zerstreut, grundlos nachdenklich, darauf gereizt, unerträglich; -schließlich zerrüttet er womöglich seine Gesundheit, vielleicht sogar -den Magen, glauben Sie mir ...“ - -„Ach, Sie lachen? – Ich sehe schon, hab’ mich wieder fortreißen lassen, -– einverstanden! – Aber, Gott, wie wahr ist es doch, was ich sage! – -Gestatten Sie mir nur noch, zu beenden. Ich möchte Sie, meine Gnädigste, -daran erinnern, daß ich Ihnen vorhin nachgegeben, mich mit Ihnen -einverstanden erklärt habe, zum Schein, natürlich: daß die Diplomaten -immer kluge Leute wären. Jetzt aber haben Sie mich so weit gebracht, -meine Gnädigste, daß ich gezwungen bin, meine geheimste Ansicht über -diesen Gegenstand Ihnen nicht mehr zu verheimlichen. Meine Gnädigste: -nun ist mir aber wie zum Trotz in meinem Leben schon oft der Gedanke -gekommen, daß es in der Diplomatie, d. h. in der allgemeinen Diplomatie -aller Völker und des ganzen neunzehnten Jahrhunderts, wirklich -auffallend wenig kluge Männer gegeben hat – tatsächlich frappant, wie -wenige! Dagegen ist die Schwachköpfigkeit dieses Standes in der -Geschichte Europas in unserem Jahrhundert ... Das heißt, sehen Sie mal, -– alle sind sie klug, diese Diplomaten, mehr oder weniger, versteht -sich, das ist unbestreitbar, alle sind sie geistreich – aber ... was -sind denn das im Grunde für Geister! Ist denn auch nur einer dieser -Köpfe bis zum Wesen der Dinge durchgedrungen, hat auch nur einer von -ihnen diese geheimnisvollen Gesetze begriffen, oder sie auch nur geahnt, -diese Gesetze, die Europa zu etwas Unbekanntem führen, zu etwas -Sonderbarem, Furchtbarem – das aber jetzt schon offenbar ist, das sich -fast sichtbar vor den Augen derjenigen vollzieht, die nur ein klein -wenig vorauszufühlen verstehen? Nein, man kann positiv behaupten, daß es -keinen einzigen solchen Diplomaten und keinen einzigen so klugen Kopf in -diesem so gelehrten und ‚favorisierten‘ Stande gegeben hat! – Natürlich -schließe ich, wenn ich so rede, Rußland und alles Vaterländische aus, -weil wir unserem ganzen Wesen nach in solchen Dingen ‚eine ganz andere -Sache‘ sind. Im Gegenteil, im ganzen Jahrhundert waren die Diplomaten, -nun sagen wir, die allerschlauesten Intriganten, die sich dünkelhaft -einbildeten, das realste Verständnis der Dinge zu besitzen; -währenddessen aber hat keiner von ihnen weiter, als seine Nase reicht, -etwas sehen können, und nie über die Tagesinteressen hinaus – und selbst -diese waren dann noch immer nur die alleroberflächlichsten und -kurzsichtigsten. Dort zerrissene Fädchen zusammenknoten, hier ein -Flickchen auf ein kleines Loch legen, ‚den Preis steigern, vergolden, -für neu aussehen machen‘ – das ist ihre Aufgabe, das ist ihre Arbeit! -Und all das hat seine Gründe – der wichtigste aber liegt, meiner Meinung -nach, in der Entzweiung mit dem Volk, in der Absonderung der -diplomatischen Köpfe in eine allzu vornehme und von der übrigen -Menschheit allzu abstrahierte Sphäre ... Ein Fürst Metternich wurde für -einen der tiefsten und feinsten Diplomaten der Welt gehalten und hatte -zweifellos Einfluß auf ganz Europa. Worin aber, ja, worin bestand denn -eigentlich seine Idee? Wie verstand er sein Jahrhundert, das damals -gerade anbrach? Wie stellte er sich die Zukunft vor? Alle Grundideen des -beginnenden Jahrhunderts wollte er mit Polizeiordnungen besiegen und war -vollkommen überzeugt von dem Erfolg! Und nehmen Sie jetzt den Fürsten -Bismarck na, das ist doch schon fraglos ein Genie, aber ...“ - -„_Finissons, monsieur_,“ unterbricht mich streng die kleine Mama mit -tiefgekränkter Würde. - -Ich bin natürlich sehr erschrocken. Offenbar bin ich nicht verstanden -worden. Ja, mit kleinen Mamas darf man noch nicht über solche Themata -reden: habe daher einen furchtbaren _faux pas_ gemacht – aber mit wem -kann man denn jetzt überhaupt über Diplomatie sprechen? – das ist die -Frage! Und doch – welch ein interessantes Thema, und noch dazu in -unserer Zeit! Aber ... - - - Die Diplomatie vor den Weltfragen - -Und welch ein ernstes Thema! Denn was heißt jetzt: unsere Zeit? Alle, -die mit Verstand begabt sind, sagen, daß unsere Zeit im wahrsten Sinne -des Wortes eine diplomatische Zeit sei, eine Zeit der Entscheidung aller -Völkerschicksale einzig durch die Diplomatie. Man behauptet zum -Beispiel, daß irgendwo bei uns Krieg geführt werde; doch höre und lese -ich überall, daß, wenn auch dort irgendwo so etwas wie Krieg vor sich -geht, dieser Krieg doch bestimmt nicht als wirklicher Krieg aufgefaßt -werden darf ... Jedenfalls ist man übereingekommen, erstens, daß dieser -Krieg auch nicht einer einzigen von den gesunden Verrichtungen der -Nation hinderlich sein könnte, die, nach den neuesten Ansichten alles -dessen, was „Allwissenheit“ genannt wird, vornehmlich – was sage ich! – -_ausschließlich_ in der Diplomatie ruhen; und zweitens, daß diese -militärischen Spaziergänge, Manöver usw., die übrigens immer -unentbehrlich sind, im wahrhaften Sinne der Dinge nicht mehr als bloß -eine der Phasen der höheren Diplomatie ausmachen, und weiter nichts. Man -muß es glauben. Ich für meinen Teil bin nun sehr gern dazu bereit, denn -das ist doch tatsächlich beruhigend. Aber siehe, einstweilen ist da -etwas, was nicht uninteressant und dabei noch ungemein auffallend ist: -Bei uns entbrannte zum Beispiel die Orientfrage: und sofort flammte sie -auch in ganz Europa auf, ja dort sogar noch früher als bei uns – und das -ist nur zu verständlich. Alle, und selbst die Nicht-Diplomaten, – -natürlich die Nicht-Diplomaten ganz besonders –, alle wissen „schon -längst“, daß die Orientfrage sozusagen eine der Weltfragen ist, eines -der wichtigsten Kapitel unter den großen und nächstliegenden -Entscheidungen der Menschenschicksale, ja, daß sie die neue Phase -derselben bedeutet. Wie man weiß, geht diese Angelegenheit nicht nur -Osteuropa an, nicht nur die Slawen, Russen und Türken, oder vor allen -anderen irgendwelche Bulgaren, sondern auch den ganzen Westen Europas, -und zwar keineswegs nur wegen der Meere und Meerengen, der -beherrschenden Ein- und Ausgangspunkte, sondern aus viel tieferen, viel -fundamentaleren, elementareren, gegenwärtigeren, wesentlicheren, -grundsätzlicheren Gründen ... Darum ist es begreiflich, daß Europa sich -aufregt und die Diplomatie so viel zu tun hat. Aber was hat denn die -Diplomatie dabei zu tun? Was hat sie denn – besonders jetzt – in der -Orientfrage zu tun? Sache der Diplomatie ist doch jetzt (anderenfalls -würde sie überhaupt nicht Diplomatie sein), die Orientfrage zu -konfiszieren und allen, die es wissen wollen oder nicht wollen, dies -bleibt sich gleich, so schnell wie möglich zu versichern, daß es eine -„Orientfrage“ überhaupt nicht gibt; daß alles dieses „nur so“ geschehe, -nur Manöver sei mit Ausflügen zur Übung, und wenn es nur irgend möglich -ist, noch zu versichern, daß die Orientfrage nicht nur _jetzt nicht_ -vorhanden, sondern _überhaupt nie_ in der Welt dagewesen sei, daß man -vor hundert Jahren „nur so“ Dunst verbreitet habe aus bestimmten, -natürlich gleichfalls diplomatischen Gründen. Aufrichtig gestanden, dem -könnte man ja beinahe Glauben schenken, wenn sich nicht gerade hier ein -Rätsel auftun würde, jedoch schon kein diplomatisches (das ist ja der -Jammer!), denn die Diplomaten würden sich niemals dazu herablassen, sich -mit solchen Rätseln zu befassen. Oh, verachtend würden sie diesem Rätsel -den Rücken kehren, denn sie halten es für eine Illusion, die höherer -Gehirne unwürdig ist. Dieses Rätsel ließe sich folgendermaßen -formulieren: „Warum geschieht es immer, und besonders in der letzten -Zeit, d. h. seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, und je weiter, -desto anschaulicher und greifbarer, daß sich, kaum daß in der Welt -irgend etwas Allgemeines, Universales berührt wird, neben der einen -irgendwo erhobenen Weltfrage ihr parallel sofort auch _alle anderen_ -Weltfragen erheben?“ So hat zum Beispiel Europa jetzt an der einen, der -Orientfrage, noch nicht genug, und es erhebt sich unerwartet-unverhofft -plötzlich in Frankreich gleichfalls eine Weltfrage – die katholische. -Und diese katholische Frage erhebt sich nicht etwa nur deshalb, weil der -Papst bald sterben wird und Frankreich dann als Repräsentant des -Katholizismus dafür sorgen muß, daß nicht das Geringste verschwindet -oder sich verändert in der durch Jahrhunderte aufgebauten Organisation -des Katholizismus, sondern auch noch deswegen, weil der Katholizismus in -Frankreich augenscheinlich zur Fahne erwählt worden ist, unter der sich -alle alten Einrichtungen der ganzen neunzehn Jahrhunderte versammeln -sollen, – zur Verbündung gegen etwas Neues, Kommendes, schon -Gegenwärtiges und Verhängnisvolles, gegen die drohende Welterneuerung, -gegen den sozialen wie moralischen fundamentalen Umsturz im ganzen -westeuropäischen Leben, oder wenigstens, wenn diese Erneuerung auch -nicht in Erfüllung geht, so doch gegen die furchtbare Erschütterung und -ungeheuere Revolution, die da unheimlich droht, alle Reiche der -Bourgeosie in der ganzen Welt, überall, wo sie sich organisiert haben -und aufgebläht sind, nach der französischen Schablone von 1789 zu -verdrängen und sich auf ihren Platz zu setzen. Übrigens, ich sehe mich -gezwungen, hier ein notwendiges _Notabene_ einzufügen: ich fühle schon -voraus, daß es vielen Klugen und besonders den Liberalen lächerlich -erscheinen wird, daß ich noch im neunzehnten Jahrhundert Frankreich ein -„katholisches“ Reich nenne, und gar den Repräsentanten des -Katholizismus! Darum sage ich zur Rechtfertigung meiner Meinung, -vorläufig ohne sie weiter zu begründen, daß Frankreich gerade solch ein -Land ist, welches selbst dann, wenn in ihm kein einziger Mensch -übrigbliebe, der nicht nur nicht mehr an den Papst, sondern nicht einmal -mehr an Gott glaubte, trotzdem fortfahren würde, ein katholisches Land -_par excellence_ zu sein, gewissermaßen der Repräsentant des ganzen -katholischen Organismus – und das wird noch sehr lange so bleiben, ja -bis in die Unendlichkeit hinein, vielleicht bis zu der Zeit, da -Frankreich überhaupt aufhören wird, Frankreich zu sein, und sich in -irgend etwas anderes verwandelt. Doch das ist noch nicht alles: sogar -der Sozialismus hat in Frankreich nach der katholischen Schablone, mit -katholischer Organisation und ganz in seinem Geist eingesetzt: in -solchem Maße ist dieses Land katholisch! Den Beweis dafür werde ich -vorläufig noch schuldig bleiben. Nur auf eines will ich kurz hinweisen: -was veranlaßte den Marschall Mac-Mahon so plötzlich mir nichts, dir -nichts gerade die katholische Frage aufzuwerfen? Dieser tapfere General -– der, nebenbei bemerkt, fast überall geschlagen worden ist und in der -Diplomatie sich ausschließlich durch das kurze Sätzchen: „_j’y suis et -j’y reste_“ ausgezeichnet hat – dieser General scheint nicht gerade -solch ein Tatmensch zu sein, daß er fähig gewesen wäre, _mit vollem -Bewußtsein_ irgend etwas Derartiges zu vollführen. Aber siehe da, er hat -es doch fertiggebracht, die kapitalste der alteuropäischen Fragen zu -erheben, und zwar gerade in der Form, in welcher sie sich einmal -unbedingt erheben mußte. Doch das Wichtigste: warum überhaupt und warum -gerade in dem Augenblick diese Frage erheben, da sich am anderen Ende -der Welt eine andere Weltfrage erhoben hat? Warum reiht sich Frage an -Frage, warum ruft die eine die andere hervor, während doch, wie man -meinen sollte, keinerlei Beziehung zwischen ihnen besteht? Ja, und nicht -nur diese beiden Fragen haben sich zu gleicher Zeit erhoben: mit der -Orientfrage erhoben sich auch noch _andere_, und es werden sich _noch_ -andere erheben, wenn sich die erstere nur richtig entwickelt. Kurz, in -unserem Jahrhundert haben alle wichtigen Fragen Europas und der -Menschheit sich immer zu gleicher Zeit erhoben. Diese Gleichzeitigkeit -ist es nun, die mich frappiert. In dieser Gesetzmäßigkeit, mit der alle -Fragen unbedingt zusammen erscheinen, liegt für mich das Rätsel! Doch -weshalb sage ich das alles? – Nun, weil die Diplomatie gerade auf solche -Fragen mit Verachtung herabblickt. Sie erkennt solche Zusammentreffen -nicht nur nicht an, sie will nicht einmal an sie _denken_. Hirngespinste -nennt sie sie, Unsinn und Dummheiten: „Nein, davon ist nichts passiert; -nur der Marschall Mac-Mahon, oder richtiger, seine Frau Gemahlin, hat da -irgend etwas einfach gewollt, und infolgedessen ist dann alles so -gekommen, wie es gekommen ist.“ Und darum bin ich – ungeachtet dessen, -daß ich selbst es ausgesprochen habe, als ich diesen Aufsatz begann: daß -unsere Zeit eine diplomatische _par excellence_ und alles übrige nur -Phantasterei sei – bin ich selbst als erster gezwungen, daran nicht zu -glauben. Nein, hier gibt es ein Rätsel! Nein, hier entscheidet nicht die -Diplomatie allein, sondern noch irgend etwas anderes. Und ich muß -gestehen, dieses Ereignis verwirrt mich nicht wenig: ich war so gern -bereit, an die Diplomatie zu glauben ... aber diese neuen Fragen – die -sind ja nur neue Scherereien und sonst nichts ... - - - Niemals ist Rußland so mächtig gewesen wie jetzt, – eine - - nicht-diplomatische Auffassung - -In der Tat, da habe ich nun eine Frage gestellt und bin ihr vorläufig -ohne Begründungen nachgegangen. Doch schon lange vor dieser Frage – ich -meine die Erscheinung, daß alle Weltprobleme sich gleichzeitig -einstellen, kaum daß sich eines von ihnen erhebt – hat sich mir schon -eine andere unvergleichlich einfachere und natürlichere Frage gestellt, -der jedoch, eben weil sie so einfach und natürlich ist, die „Klugen des -Landes“ noch so gut wie überhaupt keine Aufmerksamkeit zu schenken -pflegen. Mag auch die Diplomatie zu allen Zeiten und in allen Ländern -die Schiedsrichterin aller wichtigen und fundamentalen Fragen der -Menschheit gewesen sein und es auch in Zukunft bleiben, – aber hängt -denn nun wirklich, frage ich, die endgültige Lösung der -Menschheitsfragen nur von ihr ab? Kommt nicht vielmehr in jeder Frage -eine Phase, ein Moment, da es mit den bekannten diplomatischen -Mittelchen, den Flickchen, nicht mehr geht? Und wenn auch alle -Weltfragen vom diplomatischen Standpunkt aus, das heißt soviel wie von -dem der gesunden Vernunft, ihre Erklärung einzig darin finden, daß diese -oder jene Macht einfach ihre Grenzen erweitern wollte, oder daß -irgendein tapferer General persönlich irgend etwas wollte, oder daß -einer bestimmten vornehmen Dame etwas nicht gefallen hat usw. (Möge das -alles unwiderruflich wahr sein, hier muß ich schon nachgeben, denn gegen -Allwissenheit bin ich machtlos) ... Aber trotzdem: kommt nicht doch -einmal ein gewisser Augenblick – gerade bei diesen allerrealsten -Ursachen und ihren Erklärungen –, ein Punkt im Verlaufe der Sache, eine -Phase, da mit einem Male irgendwelche ganz sonderbare, sagen wir, -unbegreifliche und rätselhafte Mächte plötzlich alles erobern, die ganze -Gesamtheit ergreifen und blind, unaufhaltsam nach sich ziehen, als ob es -einen Berg hinabginge, und ... ja und warum dann nicht auch in den -Abgrund mit ihnen stürzen? Eigentlich will ich ja nur wissen: verläßt -sich nun die Diplomatie immer so auf ihre Mittel, daß sie ähnliche -Mächte (oder Momente oder Phasen) überhaupt nicht fürchtet, oder glaubt -sie, daß sie einfach nicht vorhanden seien? Leider scheint es, daß sie -noch immer letzteres tut, und ebendeshalb frage ich: Wie soll ich ihr da -nun Glauben schenken und mich ihr anvertrauen? Und wie kann ich sie dann -für die endgültige Schiedsrichterin der Schicksale einer noch so -unvernünftigen, kindischen Menschheit ansehen!? - -Kaidanoff hat in seiner „Neuen Geschichte“ zu Anfang des Abschnittes, -der die Französische Revolution und Napoleon I. behandelt, folgenden -Satz geschrieben: „Eine tiefe Stille herrschte in ganz Europa, als -Friedrich der Große auf ewig seine Augen schloß; aber noch nie war eine -ähnliche Stille einem so großen Sturme vorhergegangen.“ Diese Einleitung -habe ich für mein ganzes Leben behalten. In der Tat, wer konnte damals, -als Friedrich der Große starb, auch nur entfernt ahnen, was mit den -Menschen und mit Europa in den folgendem dreißig Jahren geschehen -sollte? Ich rede nicht von irgendwelchen gebildeten Leuten, oder selbst -Schriftstellern, Journalisten, Professoren. Alle wurden sie bekanntlich -irre: Schiller, zum Beispiel, schrieb damals einen Dithyrambus auf die -Eröffnung der Nationalversammlung; der in Europa herumreisende junge -Karamsin[31] sah mit bebendem Herzen auf das gleiche Ereignis; in -Petersburg aber, bei uns in Rußland, glänzte noch immer die Marmorbüste -Voltaires. Nein, ich wende mich mit meiner Frage unmittelbar an die -höchste Allwissenheit, unmittelbar an die Entscheider der -Menschenschicksale – an die Herren _Diplomaten_: haben sie damals auch -nur etwas von dem vorausgesehen, was dann in den folgenden dreißig -Jahren geschehen ist? - -Könnte ich nun diese Frage den Diplomaten persönlich stellen und sollten -sie geruhen, mich anzuhören, so würden sie mir bestimmt mit hochmütigem -Lächeln antworten: „Zufälle lassen sich nicht voraussehen, und unsere -ganze Weisheit besteht bloß darin, daß man sich auf alle Zufälle -vorbereitet.“ - -Das ist die typische Antwort ... wenn ich sie mir auch selbst ausgedacht -habe, da ich doch keinen Diplomaten mit solchen Fragen belästigen darf, -– wie sollte ich denn! Doch mein ganzes Entsetzen liegt in meiner -Überzeugung, daß man mir gerade so und nicht anders geantwortet hätte, -und darum habe ich auch die Antwort eine „typische“ genannt. Denn was -waren diese Ereignisse des letzten Dezenniums des vorigen Jahrhunderts -in den Augen der Diplomaten anderes als – „_Zufälle_“? Waren es und sind -es noch heute! Und Napoleon erst gar – ach, der! – der ist schon ein -Erz-Zufall! Wäre Napoleon nicht gekommen, wäre er dort unten in Korsika -in seinem dritten Lebensjahre an den Masern gestorben, so würde -selbstverständlich auch der ganze dritte Stand der Menschheit, die -Bourgeosie, nicht heraufgekommen sein, um das ganze Antlitz Europas zu -verändern – was sich bis heute noch fortsetzt –, sondern wäre da in -Paris ruhig bei sich zu Hause geblieben! - -Es scheint mir nämlich, daß auch unser Jahrhundert im alten Europa mit -irgend etwas Kolossalem enden wird, das heißt, vielleicht nicht gerade -mit etwas, das buchstäblich dem gleicht, womit das achtzehnte -Jahrhundert endete, aber immerhin mit etwas ebenso Kolossalem, -Elementarem und Furchtbarem und gleichfalls mit einer totalen -Veränderung des Antlitzes dieser Welt – wenigstens im Westen des alten -Europa. Und nun, wenn unsere Allwissenden versichern werden, daß man -_Zufälle_ doch nicht voraussehen könne usw., ja, wenn ihnen in betreff -dieses Finales noch überhaupt nichts in den Kopf gekommen ist, so ... - -Mit einem Wort: Flickchen, Flickchen, Flickchen drauf! - -Nun, seien wir vernünftig, warten wir ab. Flickchen sind doch, je -nachdem wie man’s nimmt, auch eine notwendige und nützliche Sache und -obendrein noch eine vernünftige und praktische, um so mehr, als man mit -Flickchen z. B. den Feind hinter das Licht führen kann. Also: bei uns -gibt’s jetzt Krieg, und sollte es geschehen, daß Österreich sich -feindlich zu uns stellt, so kann man ihm mit einem „Flickchen“ gerade -prachtvoll die Augen verbinden, was es übrigens mit Vergnügen geschehen -lassen wird – denn was ist Österreich? Selbst ist es schon dem Tode -nahe, will auseinanderfallen, ist genau so ein „kranker Mann“ wie die -Türkei, ja, ist vielleicht noch schlimmer krank als diese. Es ist ein -Musterbeispiel von innerlich sich feindlichen Vereinigungen, allen -möglichen Dualismen, allen möglichen Völkern, Ideen, allen möglichen -Uneinigkeiten und entgegengesetzten Bestrebungen; da gibt es Ungarn, -Slawen, Deutsche und das Reich der Juden ... Jetzt aber, wo die -Diplomatie ihm dermaßen den Hof macht, kann es ja wahrhaftig von sich -denken, daß es – eine Macht sei, die tatsächlich viel zu bedeuten habe -und bei der Schicksalsentscheidung der Völker noch eine große Rolle -spielen könne. Eine solche Selbsttäuschung, die mittels besagter -Hofmacherei und Flickchen hervorgerufen wird, ist jedoch für die -Entscheidung der Schicksale der slawischen Völker sehr vorteilhaft, denn -sie kann den Feind eine Zeitlang einschläfern; im Augenblick der -Entscheidung aber, wenn die Binde von seinen Augen fällt und er -plötzlich sieht, daß ihn niemand fürchtet, daß er nichts weniger als -eine Macht ist, – kann er dann nur noch verwirrt stehen bleiben und -zusehen, wie er seinen Mut verliert. Eine andere Sache ist es mit -England: das ist etwas Ernsteres, – zumal es augenblicklich um seine -fundamentalsten Unternehmungen furchtbar besorgt ist. England kann man -mit Flickchen und Hofmacherei nicht einschläfern. Was man ihm da auch -erzählen wollte, es würde doch nie und nimmer glauben, daß die riesige, -heute die mächtigste Nation der Welt, die ihr Schwert gezogen und die -Fahne der großen Idee erhoben und schon die Donau überschritten hat, in -der Tat beabsichtige, die Aufgaben, die sie sich gestellt, sich selbst -zum Nachteil und nur England zum Vorteil zu lösen; denn jede -Verbesserung der Lage der slawischen Völker ist für England _in jedem -Falle_ ein offenbarer Nachteil, und mit Flickchen macht man ihm da kein -X mehr für ein U vor: England würde einfach keinem einzigen Worte -glauben. Ja, und mit welchen Argumenten könnte man es denn überzeugen? -Etwa mit: „ich werde nur ein bißchen _anfangen_, doch nicht beenden“? -Aber in der Politik ist ja der Anfang einer Sache so gut wie alles, denn -der Anfang führt ganz naturgemäß früher oder später doch zu einem Ende. -Was will es besagen, daß der Abschluß sich nicht gerade „heute“ -vollzieht, – dann wird er eben „morgen“ stattfinden. Wie gesagt, die -Engländer würden uns doch kein Wort glauben, und darum – sollten auch -wir England keinen Glauben schenken, oder höchstens so wenig wie irgend -möglich ... selbstverständlich brauchen wir ihm das nicht gleich zu -sagen. Auch wäre es nicht schlecht für uns, wenn wir unsererseits -dahinterkämen, daß England momentan in der kritischsten Lage ist, in der -es sich je befunden hat. Diese seine kritische Lage kann man mit dem -einzigen Wort „Isolierung“ bezeichnen, denn vielleicht ist England noch -niemals so furchtbar vereinsamt gewesen wie jetzt. Oh, wie froh wäre es, -könnte es irgendwo in Europa einen Freund finden – wie herzlich gern -würde es dann eine _entente cordiale_ schließen! Zu seinem Unglück aber -hat es in Europa wohl noch nie eine für neue _ententes cordiales_ -ungünstigere Zeit gegeben als die gegenwärtige; denn gerade jetzt hat -sich in Europa alles gleichzeitig erhoben, alle Weltfragen zugleich, und -mit ihnen auch alle Weltwidersprüche, so daß jedes Volk und jedes Reich -furchtbar viel bei sich zu Hause zu tun hat. Und da das englische -Interesse nicht universal ist, sondern sich schon längst von allem und -von allen isoliert hat und nur noch England allein angeht, so wird -dieses Land eben, wenigstens eine Zeitlang, vollkommen vereinsamt -bleiben. Versteht sich, es könnte sich ja sogar mit solchen Mächten -vereinigen, die bei gleichen Vorteilen andere Ziele verfolgen – „ich -verschaffe dir dieses, du mir aber dafür jenes!“ Doch bei dem besonderen -Charakter der gegenwärtigen Sorgen Europas ist es für England schwer, -einen derartigen Verbündeten zu finden, wenigstens in diesem Augenblick, -und es wird lange warten müssen, bis sich in der weiteren Entwicklung -ein Moment einstellt, in dem man auch ihm erlauben wird, sich mit seiner -Freundschaft wieder irgend jemandem aufzudrängen. Außerdem braucht -England vor allen Dingen ein für sich vorteilhaftes Bündnis, d. h. -eines, bei welchem es alles nimmt, selber aber nach Möglichkeit _nichts_ -wiederzugeben hat. Nun ist aber gerade ein so vorteilhaftes Bündnis -jetzt am schwersten zu schließen, und so muß denn England zunächst in -seiner Einsamkeit verbleiben. Ach, wenn wir Russen uns doch dieser -Vereinsamung geschickt bedienen könnten! Doch da höre ich noch einen -anderen Seufzer: „Ach, wenn wir doch weniger skeptisch wären und daran -glauben könnten, daß es wirklich Weltfragen gibt und sie nicht nur -Hirngespinste sind!“ Das Unglück ist ja, daß bei uns in Rußland ein sehr -großer Teil unserer Intelligenz Europa immer irgendwie _nicht richtig_ -sieht und einschätzt, nicht so, wie es jetzt ist, sondern stets -irgendwie veraltet. Man versteht nicht, _in die Zukunft_ zu sehen, das -ist es, und man urteilt nur nach dem Vergangenen, nach längst -Vergangenem! - -Währenddessen aber existieren die Weltfragen tatsächlich, – und wie soll -man denn nicht an sie glauben, und noch dazu wir? Zwei von ihnen haben -sich schon erhoben und werden nicht mehr von menschlicher Allwissenheit -gelenkt, sondern von ihrer elementaren Macht, ihrer organischen -Notwendigkeit, und können nicht ohne Lösung bleiben, trotz aller -Berechnungen der Diplomatie. Aber es gibt auch noch eine dritte Frage, -gleichfalls eine universale, eine, die sich gerade jetzt zu erheben -beginnt. Diese Frage kann man im speziellen „die deutsche“ nennen, aber -in Wirklichkeit und im ganzen ist sie mehr als jede andere eine -europäische; denn sie ist mit dem Schicksal ganz Europas und dem aller -übrigen Weltfragen so eng wie nur möglich verbunden ... Und doch sollte -man meinen, so dem Äußeren nach zu urteilen, daß es nichts Ruhigeres und -Ungestörteres geben könne, als das gegenwärtige Deutschland: im -Bewußtsein seiner Macht blickt es um sich, beobachtet und wartet ab. -Alle brauchen es mehr oder weniger, und mehr oder weniger hängen alle -von ihm ab. Und doch ... ist das Ganze eine Täuschung! Das ist es ja -eben, daß jetzt alle in Europa mit ihrer eigenen Sache beschäftigt sind: -bei jedem hat sich jetzt eine eigene allerwichtigste Frage eingestellt, -eine Frage von einer Wichtigkeit, wie die Existenz selber, wie Sein oder -Nichtsein. Und siehe, genau so eine Frage hat sich nun auch in -Deutschland eingefunden, und gerade in dem Augenblick, da sich auch die -anderen Weltfragen erhoben haben – und dieser Zustand Europas, füge ich -vorausgreifend hinzu, ist für Rußland augenblicklich von unschätzbarem -Vorteil! Denn noch niemals ist Rußland für Europa etwas so -Unentbehrliches und in seinen Augen so mächtig gewesen und zu gleicher -Zeit so entfernt von den wichtigsten und furchtbarsten Fragen, die sich -im alten Europa erheben, aber _nur_ das alte Europa und nicht Rußland -angehen. Und noch nie wäre ein Bündnis mit Rußland in Europa so hoch -eingeschätzt worden wie jetzt, und noch nie hätte Rußland sich mit -größerer Freude dazu Glück wünschen können, daß es nicht das alte Europa -ist, sondern das neue, daß es selbst, in sich, eine besondere, mächtige -Welt darstellt, für die gerade jetzt der Augenblick gekommen ist, in -eine neue und höhere Phase der Macht einzutreten und von den -verhängnisvollen Fragen, an die das alte, hinfällige Europa gefesselt -ist, unabhängiger denn je zu werden. - - - Die römisch-klerikale Verschwörung in Rußland - -Es ist nicht lange her,[32] daß ich in den „Moskauer Nachrichten“ -folgende Stelle im Leitartikel fand: - -„Vor drei Tagen lenkten wir in einem Leitartikel die Aufmerksamkeit -unserer Leser auf eine gewisse Partei, die innerhalb Rußlands im -Einverständnis mit unseren Feinden ihre häßliche Tätigkeit betreibt und -sogar bereit ist, den Türken zu helfen. Es ist eine Partei russischer -Anglo-Magyaren, denen jede Offenbarung unseres Volksgeistes, sowie jede -Handlung unserer Regierung in diesem Geiste verhaßt ist, und die der -russische Patriotismus auf eine Stufe mit dem Nihilismus und der -Revolution stellt, – eine Partei, die mit der denkbar schändlichsten -Korrespondenz die uns feindliche ausländische Presse nährt. Kaum war der -Artikel in Druck gegeben worden, als ein Telegramm unseres Petersburger -Korrespondenten uns von der im ‚Regierungsanzeiger‘ veröffentlichten -Aufdeckung neuer Taten dieser Partei benachrichtigte. Zur selben Zeit, -da unsere Armee zwischen Plewna und Orchanie glänzende Siege errang, -verbreitete man in Petersburg Gerüchte von Niederlagen, die diesen -selben siegreichen Truppen beigebracht sein sollten. Das Ziel dieser -Intrige ist natürlich, dem Volk auf diese Weise den Mut zu rauben, und -zwar fährt man auch jetzt noch fort, sich so eifrig darum zu bemühen, -daß die Regierung für nötig befunden hat, das Publikum vor ähnlichen -Gerüchten ein für allemal zu warnen.“ - -Die „Neue Zeit“ schrieb darauf am folgenden Tage, übrigens nur ganz -flüchtig, daß die „Moskauer Nachrichten“ wohl ein wenig zu weit -gegriffen hätten, und daß der „Regierungsanzeiger“ vielleicht einfach -irgendein bedeutungsloses Geschwätz gemeint haben werde. Möglich, daß es -sich so verhält und die Warnung des „Regierungsanzeigers“ in der Tat nur -durch ein „Geschwätz“ hervorgerufen worden ist. Nichtsdestoweniger hat -die Annahme der „Moskauer Nachrichten“ fraglos ihren Grund. Nur weiß ich -nicht, was das für Anglo-Magyaren sein sollen? Bei uns – meine ich -vielmehr –, besonders in unseren Grenzgebieten, aber auch im Innern, -ließen sich vielleicht nicht wenige „römische Klerikale“ finden, die in -verschiedenen Röcken stecken. Heute wissen und schreiben bereits alle -von der klerikalen Allerweltsverschwörung, und sogar unsere liberalsten -Blätter geben zu, daß dieser Bund seine Bedeutung hat. Wäre es nun, -meine ich, nicht sonderbar, wenn die vatikanische Verschwörung unsere -römischen Klerikalen außer acht lassen und sie nicht zu ihren Zwecken -gebrauchen würde? Unruhen im Rücken der russischen Armee kämen dem -Vatikan gerade recht, besonders im gegenwärtigen Augenblick. Doch ich -will noch einen Auszug aus der „Neuen Zeit“ anführen. Sie zitiert u. a. -die Meinung der „Stimme“ über verschiedene Artikel, die in der „Morning -Post“ und anderen ausländischen Zeitungen erschienen sind. - -„Die ‚Morning Post‘ vom 22. Oktober bringt einen interessanten Artikel, -in dem das turkophile Blatt von Unterhandlungen spricht, die -zwischen Rußland und Deutschland in betreff der Abtretung des -West-Weichselgebietes an Deutschland stattgefunden haben sollen. -Selbstverständlich handelt es sich hier in den Augen der ‚Morning Post‘ -um das Ergebnis einer Abmachung, derzufolge Deutschland sich -verpflichtet, Rußland ‚bei den Eroberungen am Balkan zu helfen‘. Das -Londoner Blatt fährt darauf fort, auf das bestimmteste zu behaupten, daß -die Polen des Weichselgebiets an einen Aufstand jetzt überhaupt nicht -dächten, ‚da sie nicht in noch bitterere Sklaverei fallen‘, d. h. nicht -an Preußen fallen wollten, und daß, wenn im ‚russischen Polen‘ -irgendwelche Unordnungen vorkommen sollten, diese einfach ‚die Folgen -der russisch-preußischen Intrigen‘ sein würden ... Es ist auffallend, -daß ein paar Tage vorher der ‚Dziennik Polski‘ über dasselbe Thema -gesprochen, wenn auch in etwas anderem Tone, indem er mitteilte, die -russische Regierung habe, als sie die Truppen aus dem Weichselgebiet -zurückzog, daselbst unter den Bauern Blätter verteilt, in denen sie die -Bauern aufforderte, von sich aus eine Art Dorfwacht zu bilden zur -Beaufsichtigung der Pane und zur Unterdrückung etwaiger Versuche eines -Aufstandes. Die ‚Stimme‘, die diese beiden Auszüge bringt, fragt -verwundert, wozu der ‚Dziennik Polski‘ und die ‚Morning Post‘ plötzlich -die unsinnige Fabel von dem russischen Aufruf an die Weichselbauern und -den russisch-preußischen _agents provocateurs_ erfunden haben – zu welch -einem Zweck? - -Irgendein Ziel müssen diese unerwarteten Ausfälle doch verfolgen. Die -genannten Zeitungen müssen wahrscheinlich Nachrichten erhalten haben, -die sie einen Ausbruch von Unruhen im Weichselgebiet befürchten lassen, -und so bemühen sie sich denn, den Sinn, die Ursache der Bewegung, deren -Folgen sie augenscheinlich fürchten, im voraus zu entstellen. Dieses -Verfahren ist nicht neu. Bekanntlich ist es auch 1863 von den Polen und -deren westlichen Freunden angewandt worden. Diese Erinnerung allein -zwingt schon, sich einzugestehen, daß die beiden Artikel nicht -bedeutungslos sind und eine gewisse geheime Verbindung mit den früheren -Artikeln der Magyarenpresse haben müssen: über die Neigung der Polen zu -den Türken und ihren geheimen Wunsch, Rußlands Lage durch revolutionäre -Agitation in unserem Westen zu verschlimmern. Auffallend ist dabei, daß -diese beiden Artikel mit der Nachricht von der Kandidatur des Kardinals -Ledochowski für den Papststuhl zusammentreffen. Wir gehören nicht, sagt -‚Die Stimme‘, zu jenen, die so gern eine übertriebene Bedeutung allen -phantastischen Kombinationen zuschreiben, an die sich die Feinde -Rußlands klammern, in der Hoffnung, einen für uns günstigen Ausgang des -jetzigen Krieges zu verhindern. In diesem Fall aber scheint uns die -Sache doch zu ernst zu sein, als daß man eine so bedeutsame Tatsache, -wie das unerwartete und scheinbar durch nichts veranlaßte Erscheinen der -Artikel des ‚Dziennik Polski‘ und der ‚Morning Post‘ zweifellos ist, -übersehen könnte.“ - -Also gibt es vielleicht auch bei uns etwas, das einem Zweig der -klerikalen Verschwörung ähnlich sieht. Man bedenke nur das Unsinnige der -Nachricht von der Kandidatur Ledochowskis, der natürlich Pole ist – denn -nur der leichtsinnige Kopf eines polnischen Agitators kann ernstlich -glauben, daß das Konklave, das sich aus so feinen Köpfen zusammensetzt, -fähig sein könnte, sich dermaßen zu verirren, d. h. Ledochowski zu -wählen, der sich als Papst doch nur mit der Wiederherstellung seines -Polens beschäftigen würde, nicht aber mit der römischen universalen -Herrschaft der Päpste! Aber abgesehen davon sind die Zweige der -klerikalen Verschwörung in Rußland doch nur zu ersichtlich. Die „Neue -Zeit“ fügt noch hinzu: - -„Die zurzeit so hartnäckige Polemik des ‚Journal de St.-Petersbourg‘ mit -den italienischen klerikalen Zeitungen wegen der vermeintlichen -Unterdrückung des Katholizismus in Polen zeigt gewissermaßen, daß doch -Anzeichen irgendeiner Agitation in unseren westlichen Grenzgebieten -vorhanden sein müssen.“ - -Nun, ich glaube, daß es durchaus nicht nur „Anzeichen“ sind! Das scheint -vielmehr jene Partei zu sein, von der die „Moskauer Nachrichten“ sagen, -daß sie im Einverständnis mit den Feinden Rußlands handelt ... und der -„jede Offenbarung unseres Volksgeistes, sowie _jede Handlung unserer -Regierung in diesem Geiste verhaßt ist_, und die der russische -Patriotismus auf eine Stufe mit dem Nihilismus und der Revolution -stellt, – die Partei, die mit der denkbar schändlichsten Korrespondenz -die uns feindliche ausländische Presse nährt ...“ - -Ja, gerade die europäische Korrespondenz aus Rußland kann leicht, sehr -leicht ihr Werk sein. Dieses Frohlocken über Rußlands Mißerfolge und -dieses leichtsinnige Freudengeheul darüber, daß Rußland sich plötzlich, -wie sie sagen, als „schwach erweist: ohne Geld, mit schlechtem Heer, mit -unzufriedenem und schon murrendem Volke, mit einer Gesellschaft, die der -Nihilismus zersetzt,“ – all diese Kleinigkeiten tragen nur zu deutlich -die Merkmale ihrer bekannten Herkunft. Wie wäre es möglich, daß sich -nicht auch russische Federn fänden, die bereit wären, _all’unisono_ mit -den Klerikalen zu schreiben! Aber diese Korrespondenz kann, glaube ich, -trotzdem nicht von Russen geschrieben worden sein: das wäre denn doch -schon zu niederträchtig, zu abscheulich. Trotzdem lenken die Klerikalen, -und vielleicht sogar ohne besondere Mühe, die russischen Federn nach -ihrem Willen. Vielleicht überreden sie sie weder, noch lassen sie sich -sonstwie auf mittelbare oder unmittelbare Unterhandlungen mit ihnen ein; -denn diese gewandten liberalen Federn gehören _zuweilen_ den ehrlichsten -Leuten an, die, wenn sie das nackte Angebot eines Klerikalen hörten, ihn -vielleicht ohne weiteres die Treppe hinunterbefördern würden. Dafür aber -weiß der Klerikale, wenigstens der, der sich bei uns ein wenig umgesehen -hat, daß er zu solchen Leuten überhaupt nicht zu gehen braucht, daß die -gewandte russische Feder ihm ganz umsonst alles schreiben wird, einzig, -weil sie denkt – o ihr meine Lieben! –, es sei ehrlich und es sei -liberal! Die gewandte Feder, zum Beispiel, empört sich über die -Klerikalen, die in Frankreich Mac-Mahon umgarnen, und schreibt drohende -Artikel gegen sie. Währenddessen aber bringt sie es fertig, den -russischen Römisch-Klerikalen bei uns nicht nur nicht zu bemerken, -sondern sie stimmt womöglich noch mit ihm in allem vollkommen überein. -Wahrhaftig, solche Russen gibt es! Und diese schlauen Römisch-Klerikalen -wundern sich gewiß nicht wenig über sie. „Was das ihnen doch für ein -Vergnügen macht, sich immer zwischen die Stühle zu setzen,“ denken sie -wohl kopfschüttelnd bei sich. „Und wie uneigennützig dabei! Ja, ja, man -muß in allem bis zum Schluß liberal sein. Da schreiben sie nun, daß -Rußland nicht einmal das _Recht_ habe, die Slawen zu befreien! Herrgott! -das wäre ja mit Hunderttausend noch zu wenig bezahlt! Und immer, immer -wieder zwischen die Stühle; allaugenblicklich, allaugenblicklich! Daß es -ihnen nicht endlich weh tut! ...“ - - * * * * * - -Zu Anfang des Sommers versuchten diese klerikalen Agitatoren sogar durch -die russischen Zeitungen eine Demonstration bei uns zu veranstalten. Die -Wölfe warfen sich in Schafspelze und begannen in einem Tone zu sprechen, -als ob sie Abgesandte der sämtlichen polnischen „Emigranten“ im Auslande -wären. Zuerst schlugen sie eine Aussöhnung vor: nehmt auch uns auf, hieß -es, wir sehen, daß die künftige Vereinigung aller Slawen keinem Zweifel -mehr unterliegt – und so wollen wir nicht zurückstehen. Sie sprachen -ungemein zärtlich und hoben ihre Gründe hervor: - -„Wir haben,“ sagten sie, „Ingenieure, Chemiker, Techniker, Handwerker -usw. Viele von ihnen sind emigriert. Laßt sie zu euch!“ „Habt ihr etwa,“ -fragt der Litauer, der in den „St. Petersburger Nachrichten“ einen -Artikel geschrieben hat, „keine Arbeit für jenen Kreis, der zuerst -Tengoborski für Rußland, Wolowski für Frankreich hervorgebracht hat? und -in den Künsten, die die Sitten und den Charakter veredeln, den -weltberühmten Bildhauer Brotzki und den Maler Mateiko? Solltet ihr -solche Leute wirklich nicht nötig haben? Und was ließe sich noch alles -von der Schar der Literaten, Publizisten, Fabrikanten und aller Art -Gewerbetreibender sagen! Könntet ihr die etwa auch nicht brauchen?“ -(„Neue Zeit.“ Aus dem Artikel Kostomaroffs.) - -Herr Kostomaroff hat darauf in der „Neuen Zeit“ als Russe geantwortet. -In klaren und treffenden Auseinandersetzungen weist er nach, daß dieser -ganze polnische Versöhnungsversuch für uns nur eine Falle ist, einzig zu -dem Zweck erdacht, uns nichts als Verräter zuzuführen, und daß der Pole -des Alten Polens Rußland und den Russen nun einmal instinktiv und -leidenschaftlich haßt. Kostomaroff gibt dabei durchaus zu, daß es auch -treffliche Polen gibt, Polen, die sogar mit einem Russen in Freundschaft -leben, ihm in der Not helfen, ja, ihn sogar retten können. Das ist -natürlich wahr. Doch sollte, wenn auch nach zwanzigjähriger -Freundschaft, dieser selbe Russe diesem selben trefflichen Polen -plötzlich in russischem Geiste seine politischen Überzeugungen in -betreff Alt-Polens darlegen, so würde dieser Pole sofort, im selben -Augenblick der offene oder geheime Feind seines russischen Freundes -werden, – und zwar fürs ganze Leben, bis übers Grab hinaus, würde -unversöhnlich und maßlos in seiner Feindschaft sein! Letzteres hat -Kostomaroff vergessen hinzuzufügen. - -Dieser ganze „Aussöhnungsversuch“ im Sommer, der sogar russische -Anhänger und in Kostomaroff einen so mächtigen Opponenten gefunden hat – -ist zweifellos auf klerikale Umtriebe zurückzuführen: er war einfach -eine Abzweigung der europäischen klerikalen Verschwörung. Oh, diese -Polen Alt-Polens versichern natürlich, daß sie keineswegs klerikal, noch -papistisch, noch römisch seien, und daß wir dieses schon längst von -ihnen wissen müßten. Man stelle sich jedoch nur einmal vor, daß -Alt-Polen, daß all diese polnischen Emigranten, sich _nicht_ an den -Papst halten sollten! Wie lächerlich die bloße Vorstellung schon ist! -Die Polen sollten nicht zum Vatikan halten, sie, die so genau seine -Macht zu schätzen verstehen und immer verstanden haben!? Der Vatikan ist -doch Alt-Polen niemals untreu geworden, sondern hat im Gegenteil immer -alle seine Pläne, mochten sie noch so phantastisch sein, aus allen -Kräften unterstützt, auch wenn die anderen Reiche längst nichts mehr von -ihnen wissen wollten! Dieser sommerliche Versöhnungsvorschlag ward -gerade in der Zeit gemacht, als die ganze polnische Emigration gegen -Rußland arbeitete, als die polnischen Legionen gegründet wurden, als die -emigrierten Aristokraten in Konstantinopel mit großen Geldsummen – -versteht sich, nicht ihren eigenen – erschienen. Dieser ganze -Versöhnungsvorschlag war nichts als eine einzige Hinterlist, wie -Kostomaroff sehr richtig bemerkt. Übrigens: sie bieten uns ihre -Gelehrten, Techniker, Künstler an und sagen: „Nehmt sie auf, habt ihr -sie denn etwa nicht nötig?“ Diese Polen halten uns wohl für ein wildes -Volk und scheinen nicht zu ahnen, daß wir alles, was sie uns da -anbieten, vielleicht selber besser haben. Doch nichts für ungut, und vor -allen Dingen: warum kommen sie denn nicht? Wir haben mehrere talentvolle -Polen gehabt, und Rußland hat sie geachtet und verehrt und sie nicht im -geringsten vor den Russen zurückgesetzt. So kommt doch! Wozu soll man -sich da noch besonders verabreden? Versöhnt euch und ergebt euch, doch -wißt, daß Alt-Polen niemals mehr aufleben wird. Es gibt ein neues Polen, -ein vom Zaren befreites, ein auferstehendes, eines, das fraglos dasselbe -Schicksal erwarten kann, das einmal allen slawischen Völkern gemeinsam -beschieden sein wird, wenn das Slawentum sich befreit und in Europa -aufersteht. Doch ein Alt-Polen wird es niemals mehr geben, kann es neben -Rußland nie mehr geben. Sein Ideal war, in der slawischen Welt an die -Stelle Rußlands zu treten. Sonderbar, daß der polnische Journalist nur -von den Gelehrten und Künstlern spricht. Aber die Führer der Emigranten, -die Aristokraten? Man stelle sich doch bloß das Bild vor: Rußland würde -den schmeichlerischen Worten Gehör geben und sich zur Versöhnung bereit -erklären, und da kämen diese dann und fragten hochmütig: „Wie lauten -eure Bedingungen?“ Denn wenn man uns vorschlägt, die Emigranten nach -Rußland kommen zu lassen, die nun aber zunächst nicht kommen, so heißt -das doch offenbar, daß sie _Bedingungen erwarten_. Und nun stelle man -sich vor, daß Rußland sie plötzlich als ein Etwas anerkennt und sich auf -derartige Unterhandlungen einläßt! Und da würden sie denn nach Rußland -zurückkehren, und die Magnaten würden sofort auftrotzen und bedeutende -Posten und Auszeichnungen verlangen; und darauf würde sich das Geschrei -erheben, daß wir sie betrogen hätten, und schließlich würde es zu einem -neuen polnischen Aufstande kommen ... Und in diese Falle sollte Rußland -hineingehen! Solch eine Dummheit sollte es begehen! - -Die Polen haben natürlich selber nicht geglaubt, daß sie mit diesem -ungeschickten Vorschlag Rußland fangen könnten; doch rechneten sie wohl -auf die russischen Parteigänger, die ja immer noch so gutmütig und -reinen Herzens sind. Daß hinter allem aber die Machenschaft des Klerus -steckt, daß das Ganze ein klerikaler Schritt nach Rußland ist – darüber -kann kein Zweifel mehr bestehen. Es fragt sich nur: wozu dieser Schritt? -– Nun, haben die Klerikalen es etwa nicht nötig, die Lage zu sondieren, -die Gedanken zu verwirren, ihre eigentlichen Unternehmungen und -Absichten zu verbergen, russische Parteigänger zu werben, Russisch-Polen -aufzuwiegeln usw.? Als ob diese Klerikalen nicht überall ihre -Berechnungen hätten! - - - Russische Finanzen[33] - -„Und die Finanzen? Wie steht es mit einem Artikel über die Finanzen?“ – -fragt man mich. Ja, bin ich denn ein Finanzmann? Wie sollte ich es -wagen, über die Finanzen zu schreiben. Wenn auch ich es bin, der hier -das Thema aufwirft, so wage ich das doch nur, weil ich im voraus -überzeugt bin, daß ich von den Finanzen alsbald auf etwas ganz anderes -übergehen werde. Das gibt mir dann andererseits freilich den Mut zu -einer solchen Überschrift; denn ich weiß es ja selbst, daß ich gar nicht -fähig bin, über unsere Finanzen zu schreiben, da ich auf unsere Finanzen -nicht vom europäischen Standpunkt aus sehe und auch überhaupt nicht -daran glaube, daß man diesen europäischen Standpunkt bei uns einnehmen -kann, aus dem einfachen Grunde, weil wir nun einmal nicht „Europa“ sind -und im Vergleich zu „Europa“ fast wie auf dem Monde leben. - -In Europa z. B. veränderten sich die Beziehungen der niederen Stände zu -den höheren, feudalen, im Laufe von Jahrhunderten, und zuletzt durch die -Revolution: alles vollzog sich mit einem Wort „historisch und -kulturell“. Bei uns dagegen wurde die Leibeigenschaft mit allen ihren -Folgen in einem einzigen Augenblick abgeschafft, und das geschah Gott -sei Dank ohne jegliche Revolution. Aber warum mußte das gleichwohl eine -so ungeheuere finanzielle Erschütterung verursachen? Wahr ist ja -allerdings, daß das, was plötzlich fällt, immer gefährlich fällt. -Versteht sich, nicht ich bedauere es, daß die Leibeigenschaft plötzlich -fiel, im Gegenteil, groß und gut war es, daß diese ganze schwere -geschichtliche Sünde durch das machtvolle Wort des Zar-Befreiers von uns -genommen wurde. Nichtsdestoweniger war das Naturgesetz nicht zu umgehen, -und die Erschütterung war groß. Nun gut: sie mußte ja groß sein, aber -warum war sie denn so ungeheuer? Jede politische Umwälzung hat ihre -historischen Gesetze, und ohne Zweifel wird es auch heute schon Menschen -geben, die bereits klar erkennen, warum die Folgen dieser Umwälzung so -groß waren. Leider kann ich dieses Thema nicht weiter entwickeln, denn -es ist zu gewaltig und umfangreich; erst ein Historiker des nächsten -Jahrhunderts wird ihm gewachsen sein. Ich will nur auf einzelne -Wirkungen, die von ihr ausgingen und die auffallen und beunruhigen, -hinweisen. Sehen wir uns die Sache näher an. Die Leibeigenschaft wurde -aufgehoben, denn sie behinderte alles, sogar die Entwicklung der -Landwirtschaft. Jetzt, so schien es, mußte der Bauer seine Lage -verbessern können! Doch nichts von alledem geschah: in der -Landwirtschaft kam der Bauer gerade auf das Minimum von dem, was ihm -sein Land geben konnte. Unser jetziges Unglück besteht hauptsächlich -darin, daß es uns unbekannt ist, ob sich in Zukunft solch eine Kraft -finden und worin sie bestehen wird, durch die der Bauer über das Minimum -hinauskommen und seine Erde zum Maximum des Ertrages zwingen kann. Die -Klugen im Lande werden behaupten, daß diese Frage längst beantwortet -sei, ich aber bin fest überzeugt, daß sie noch längst nicht beantwortet -sein kann, daß sie viel weiter reicht, viel tiefer greift und -unvergleichlich inhaltsvoller ist, als man von ihr voraussetzt. Die -ganze frühere herrschaftliche Landwirtschaft sank bis zur Kläglichkeit; -doch gleichzeitig begann eine Neuordnung des Besitzstandes, es schien -ein neues intelligentes Einheits- und Gesamtvolk zu entstehen. Nun, -Schöneres, Besseres hätte man sich nicht wünschen können, als eine -derartige Erneuerung, denn eine intelligente Führung hat das Volk nötig -und es sucht nach ihr. Aber bedauerlicherweise ist auch das bei uns erst -nur ein Ideal, ist wie ein schöner Vogel, der unter den Wolken -herumfliegt. Die Wirklichkeit ist von diesem Ideal weit entfernt! Ja, -will denn der grundherrschaftliche Stand, der frühere Gutsbesitzer, -überhaupt mit dem Volke zu einer klugen, einer intelligenten -Gesamtnation zusammenwachsen? Das ist die Frage, die allerwichtigste, -die allerbedeutendste, die es zurzeit bei uns überhaupt gibt, und von -der vielleicht unsere ganze Zukunft abhängt! - -Währenddessen aber wissen wir noch längst nicht, auf welchem Wege wir -sie beantworten können. Will nicht, im Gegenteil, der besitzende Stand -sich über das Volk erheben, und sucht er es nicht wieder mit Macht zu -beherrschen, zwar nicht mehr wie zur Zeit der Leibeigenschaft, versteht -sich, aber immerhin: will er nicht, statt eine Vereinigung mit dem Volk -zu erstreben, aus seiner Bildung eine neue und scheidende Macht -aufrichten und es mit einer Aristokratie der Intelligenz bevormunden? -Oder will er das Volk aufrichtig als seinen Bruder im Blute wie im -Geiste anerkennen, das achten, was unser Volk achtet, einwilligen zu -lieben, was unser Volk mehr liebt als sich selbst? Denn sonst wird er -sich nie mit ihm vereinigen können! Was das Volk achtet und liebt, das -hält es fest und gibt es nicht hin, auch für keine Intelligenz, selbst -dann nicht, wenn es auch noch so sehr nach dieser verlangt. Alles das -ist bei uns noch ganz unentschieden, ist eine Frage, die Zeit, -Geschichte, Kultur und Generationen verlangt, uns aber steht es wieder -bevor, sie in einem einzigen Augenblicke zu entscheiden. Das ist ja eben -der Unterschied zwischen uns und Europa, daß bei uns die Dinge nicht auf -„historischem und kulturellem“ Wege sich entwickeln können, sondern -schnell und ganz plötzlich sich entwickeln müssen, oft geradezu – wie in -diesem Falle – auf völlig unvorhergesehenen staatlichen Befehl und -Willen. Sie werden mir zugeben, daß Europa eine solche Geschichte nicht -kennt. Wie kann man da von uns „Europa“ verlangen, und gar Finanzen nach -„europäischem System“? Ich, zum Beispiel, glaube wie an ein ökonomisches -Axiom, daß in einem Staate nicht die Eisenbahnaktionäre, nicht die -Industriellen, nicht die Millionäre, nicht die Banken und nicht die -Juden das Land beherrschen, sondern allen voran und ganz allein die -Landwirte: denn wer das Land bearbeitet, der zieht alles andere mit -sich. Der Landmann ist die Quintessenz, der Kern, das Mark des Reiches. -Wie ist es aber bei uns, ist es hier nicht gerade umgekehrt? Beherrschen -uns nicht gerade die ökonomischen Kräfte, der Eisenbahnaktionär und der -Jude? Europa baute seine Eisenbahnen ein halbes Jahrhundert lang – und -das bei seinem Reichtum! Bei uns dagegen wurden die letzten fünfzehn- -bis sechzehntausend Werst Eisenbahn in zehn Jahren gebaut – und das bei -unserer Armut und in einer ökonomisch so zerrütteten Zeit: gleich nach -der Aufhebung der Leibeigenschaft! Alles Kapital wurde dorthin gezogen, -gerade als das Land es am meisten brauchte. Die Eisenbahn wurde -gleichsam auf die zerrüttete Landwirtschaft gebaut. Und ist denn die -Frage des privaten Landbesitzes bei uns überhaupt schon beantwortet? -Wird der Einzelbesitz sich neben dem Bauernland halten können und seine -bestimmte Arbeitskraft finden, aber eine gesunde und feste, und nicht -auf das Proletariat und die Schenke angewiesen sein? Was kann da Gutes -herauskommen, solange nicht eine vernünftige Lösung dieses Problems -gefunden ist? Wir haben gesunde Entschlüsse nötig, früher werden wir -nicht zur Ruhe kommen. Und nur die Ruhe ist die Quelle jeder großen -Kraft. Wie kann man bei uns jetzt europäische Budgets und geordnete -Finanzen verlangen, wo es doch noch ein Rätsel ist, wie wir überhaupt -all dem haben standhalten können, was auf uns einstürmte? – Nur mit der -großen, verbindenden Volkskraft haben wir standzuhalten vermocht! - -Ruhe haben wir wenig, besonders geistige Ruhe fehlt uns, und gerade -diese wäre die Hauptsache, denn ohne geistige Ruhe wird nichts. Dem -schenkt man aber bei uns gar keine Aufmerksamkeit, denn man strebt nur -nach zeitlichem materiellem Wohlergehen. Wenn wir keine geistige Ruhe -haben, so haben wir auch keine Festigkeit, weder in unseren -Überzeugungen, noch in unseren Ansichten, unseren Nerven, und zu guter -Letzt auch nicht in unserem Geschmack. Arbeit und die Erkenntnis, daß du -nur durch Arbeit „erlöst wirst“ – fehlt bei uns sogar ganz. Das -Pflichtgefühl geht uns völlig ab, ja, und woher sollten wir es auch -haben, da wir anderthalb Jahrhunderte lang eine falsche Kultur bei uns -hatten, oder, besser gesagt, gar keine?! „Warum soll ich mich bemühen, -wenn ich durch ebendiese meine Kultur dahin gekommen bin, alles um mich -herum zu verneinen? Und wenn es Dummköpfe gibt, die das Gebäude durch -irgendwelche europäische Formen zu retten glauben, so verneine ich die -Dummköpfe und behaupte: ‚je schlechter desto besser!‘ Das ist meine -ganze Philosophie!“ – Ich versichere Sie, daß bei uns viele so denken, -die einen laut, die anderen leise für sich. Die Leute mit solchen -Aphorismen sind indessen selbst durchaus von Fleisch und Bein. „Je -schlechter desto besser,“ sagen sie, aber wünschen tun sie dabei sicher -das „schlechter“ nur für die anderen, das „besser“ jedoch wohlweislich -für sich selbst; so wird man wohl ihre Philosophie verstehen müssen. -Denn er hat ja einen Wolfshunger, dieser Russe. Groß ist er wie ein Bär, -aber Nerven hat er wie eine Frau; verweichlicht und verwöhnt, grausam -und leidenschaftlich ist er, ertragen kann er nichts, „ja, und wozu sich -abmühen und aushalten?“ Ist es zu Ende mit den Diners im Restaurant, ist -es zu Ende mit den Kokotten, wozu lohnt’s sich dann noch zu leben, denkt -er und – krach, schießt er sich eine Kugel vor den Kopf! Und gut ist es -noch, wenn er sich eine Kugel vor den Kopf schießt, sonst geht er hin -und bestiehlt einen anderen auf irgendeinem mehr oder weniger -gesetzlichen Wege. Aber _arbeiten_? – nein, das wird er nicht! Und so -entsteht eine allgemeine Armut bei ständig wachsendem Appetit. - -Unter anderem möchte ich noch bemerken, daß der Gogolsche Typ des -„Hauptmann Kopeikin“ sich in zahllosen Varianten, bis zum -aufgeblasensten Weltmann hinauf, bei uns erschreckend vermehrt hat. Alle -fletschen sie nach dem Bargelde die Zähne, alle bilden sie sich, wenn -auch nicht zu Räubern auf der offenen Landstraße wie der wirkliche -„Kopeikin“, so doch zu Taschendieben aus, einige unter dem Deckmantel -des Staats, andere ohne ihn. Einige von ihnen behaupten sogar stolz: -„Ich handle darum so, weil ich alles verneine und jegliche Verneinung -fördere.“ Oh, es gibt sogar liberale Kopeikins! Die haben nur zu gut -verstanden, daß der Liberalismus in Mode ist, und daß man mit ihm gut -fährt. Wer hat sie nicht gesehen, diese Allerweltsliberalen und -billigen Atheisten, wie sie jetzt dem Volke gegenüber mit ihrer -Fünfkopekenweisheit großtun. Es ist der niedrigste Typ von all unseren -liberalen Erscheinungen, aber nichtsdestoweniger hat auch er jenen -ungeheueren Appetit. Er ist der erste, der an eine mechanische Heilung -der Wurzeln von außen glaubt. Diese Leute gruppieren sich und haben -einen Einfluß, der sich oft bis auf die ehrlichsten Leute erstreckt, die -eigentlich nicht schuld daran sind, daß sie solch ein Kontingent haben: -„Jegliche Veränderung ist gut, wenn sie nur ohne Mühe vor sich geht.“ -Der liberale Kopeikin fügt dann noch in Gedanken hinzu: „Bei jeder -Umwälzung fällt für mich immer etwas ab!“ Und gerade von dieser Seite -ist er am gefährlichsten, wenn er auch nur ein – Kopeikin ist. Aber mit -ihm wollen wir uns jetzt nicht weiter beschäftigen. Das bisher Gesagte -ist ja sowieso nur eine Ergänzung zu unserem Thema. Doch nun zu den -Finanzen, zu den Finanzen! - - * * * * * - -Es ist nun einmal meine Angewohnheit, immer gleich mit dem Ergebnis zu -beginnen, den Kern meiner ganzen Idee vorauszuschicken. Niemals habe ich -es verstanden, ihn allmählich herauszuschälen und ihn erst dann -bloßzulegen, wenn es mir gelungen ist, alles vorher klarzumachen und -nach Möglichkeit zu beweisen. Meine Geduld reicht dazu nicht aus, mein -Charakter verhindert es einfach; damit schade ich mir freilich sehr, -denn manch eine Idee setzt, geradeaus gesagt, ohne jegliche -Vorbereitung, ohne vorhergegangenen Beweis, nur in Erstaunen und -Verwunderung, wenn sie nicht Gelächter hervorruft. So komme ich denn -auch hier gleich wieder mit einer Behauptung, über die man – ich fühle -es schon im voraus – lachen wird, wenn man nicht auf sie vorbereitet -ist. Meine Behauptung ist folgende: „Wenn die Finanzen in einem Staate -gewisse Erschütterungen erlitten haben, so denke man nicht so sehr an -gegenwärtige Bedürfnisse, wie schreiend diese auch sein mögen, sondern -zuerst an die Gesundung der Wurzeln, und – die Finanzen werden sich von -selbst bessern.“ - -An sich ist das ja nichts Neues: welcher Finanzminister hätte sich nicht -schon darum bemüht, besonders unser jetziger, der gerade an so eine -Wurzel faßte, als er die Salzsteuer aufhob. Man erwartet sogar noch -andere Reformen, große, wirklich die Hauptwurzel erfassende. Freilich -wurden auch früher schon, bereits vor zehn Jahren, „zur Gesundung der -Wurzeln“ viele Mittel angewandt: Revisionen wurden eingeleitet, -Kommissionen berufen zur Untersuchung und Verbesserung der Lage unseres -russischen Bauern, seines Gewerbes, seiner Gerichte, Verwaltung, seiner -Krankheiten, Sitten und Gewohnheiten. Die Kommissionen teilten sich in -Unterkommissionen zur Sammlung statistischer Unterlagen, und die Sache -ging wie geölt, das heißt auf dem allerbesten administrativen Wege, den -es nur geben kann. Aber ich habe ja gar nicht davon sprechen wollen; -denn nicht nur die Unterkommissionen, sondern sogar so wesentliche -Reformen wie die Aufhebung der Salzsteuer oder das große noch zu -erwartende Steuersystem, sind meiner Meinung nach nur Palliativmittel, -etwas Äußeres, und noch keineswegs die Wurzel Heilendes. Das aber ist -es, worauf ich hinweisen möchte. Eine Heilung der Wurzel würde es -dagegen sein, wenn wir z. B. wenigstens zur Hälfte das Nur-Gegenwärtige -vergessen könnten: alle Tagesfragen, die schreienden Bedürfnisse unseres -Budgets, die Zinsen der ausländischen Anleihen, die Defizite, den Rubel, -den Staatsbankerott sogar, – der übrigens nie bei uns eintreten wird, -wie sehr ihn auch unsere schadenfrohen ausländischen Feinde prophezeien -mögen; mit einem Wort, wenn wir alles Nur-Gegenwärtige vergessen und so -lange für die Wurzel arbeiten würden, bis wir in Wirklichkeit eine -reiche und gesunde Frucht ernten können. Dann kann man ja wieder mit der -Gegenwart leben oder, besser gesagt, mit dem neuen Kommenden; denn in -diesem Zwischenraum, das muß man sich sagen, wird alles Frühere (d. h. -das jetzt Gegenwärtige) sich so radikal verändert und einen so neuen -Charakter angenommen haben, daß wir es nicht wiedererkennen werden. Ich -begreife natürlich, daß alles, was ich jetzt behaupte, allen sehr -sonderbar erscheinen muß: nicht an den Rubel zu denken, an das Bezahlen -der Schulden, an den Bankerott, an das Heer, kurz, an all das, was man -anscheinend zuerst bedenken und zufriedenstellen muß. Ich versichere -Sie, auch ich verstehe das und ich gestehe Ihnen, daß ich mit Absicht -meine Behauptung so scharf hingestellt und meine Wünsche bis zum -unerreichbaren Ideal gesteigert habe. Ich dachte dabei, fange ich beim -Absurden an, so werde ich später allen verständlicher, und so sagte ich -denn: wenn wir nur zur Hälfte das Gegenwärtige vergessen könnten und -unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenkten, in eine Tiefe, in die -bis jetzt in Wahrheit noch niemand geschaut hat – denn Tiefe suchte man -bisher doch nur an der Oberfläche. Ich will aber gleich auch diese meine -Formel noch abschwächen und statt ihrer vorschlagen: wenn nicht einmal -die Hälfte – auf die Hälfte will ich verzichten – wenn nur ein -zwanzigster Teil vom Gegenwärtigen zu vergessen möglich wäre, und wenn -man jedes folgende Jahr zu diesem zwanzigsten Teil noch einen -zwanzigsten Teil hinzufügen könnte und so weiter und so weiter bis zu -drei Vierteln des Ganzen! ... Nicht der Teil ist hierbei wichtig, -sondern wichtig wäre das Prinzip, das man damit aufstellt, und dem man -folgt. - -Aber wie soll man denn das Gegenwärtige lassen?! Man kann doch die -Wirklichkeit nicht einfach ausstreichen! Ich sage „nicht ausstreichen“, -weiß ich doch selbst, daß man die Wirklichkeit nicht unwirklich machen -kann ... Aber wissen Sie – manchmal kann man auch das! Wenn wir von -unserer krankhaft erregten Aufmerksamkeit jährlich nur einen zwanzigsten -Teil auf etwas anderes ablenkten! Dabei ist gar nicht zu befürchten, daß -sie der Gegenwart verloren ginge, nein, ich wiederhole es: wenn sie sich -nur auch etwas anderem zuwendete, sich einem neuen Prinzip unterwerfen -würde, einem, das die Gedanken und den Geist umbildet – zu etwas -Besserem, zu etwas viel Besserem! Man wird sagen, daß ich in Rätseln -spreche, aber dem ist nicht so. Doch gut, ich werde zunächst ein kleines -Beispiel anführen, um zu zeigen, auf welche Weise man den Übergang vom -Nur-Gegenwärtigen zur Heilung der Wurzeln sofort beginnen könnte. - - * * * * * - -Wie wäre es zum Beispiel, wenn Petersburg plötzlich – sagen wir, durch -irgendein Wunder – von seinem Hochmut dem übrigen Rußland gegenüber -abließe? Welch ein großer erster Schritt wäre das schon zur Gesundung -der Wurzeln! Denn wie steht es jetzt mit Petersburg? Es ist doch schon -so weit gekommen, daß Petersburg sich für ganz Rußland hält, und dieser -Irrtum steigert sich noch von Generation zu Generation. Es will in -gewissem Sinne dem Beispiel von Paris folgen, ungeachtet dessen, daß es -Paris gar nicht ähnlich ist. Für Paris hat es die historische -Entwicklung mit sich gebracht, daß es ganz Frankreich, sein politisches -wie soziales Leben, in sich aufsog. Nehmen Sie Frankreich Paris, was -würde ihm dann noch verbleiben? Nur seine geographische Lage. Nun, und -auch bei uns glauben einige schon, daß ganz Rußland in Petersburg -enthalten sei. Doch Petersburg ist längst nicht Rußland, für die größere -Hälfte des russischen Volkes hat Petersburg nur dadurch eine Bedeutung, -daß sein Zar dort lebt. Unsere Petersburger Intelligenz aber, das wissen -wir alle, versteht von Generation zu Generation Rußland immer weniger, -und das wohl darum, weil Petersburg, eingeschlossen in seinem finnischen -Sumpf, mehr und mehr eine falsche Vorstellung von Rußland bekommt. So -hat sich bei einigen von diesen Herren der Horizont bereits arg -verengert, ja, er ist fast schon so eng geworden wie der Horizont von -Karlsruhe.[34] Aber blicken Sie nur über Petersburg hinaus: und vor -Ihnen liegt ein ganzes weites Meer russischen Landes, ein uferloser -Ozean. Doch siehe, der Sohn der Petersburger Väter verneint auf die -gleichmütigste Weise dieses russische Volksmeer und verhält sich zu ihm -wie zu etwas Passivem und Unbewußtem, geistig Nichtigem und jedenfalls -im höchsten Grade Rückständigem. „Vielköpfig ist es, aber dumm, taugt -nur dazu, uns zu erhalten, wofür wir ihm Verstand beibringen und es an -eine staatliche Ordnung gewöhnen müssen.“ Tanzend und das Parkett -polierend, werden in Petersburg die zukünftigen Sohne des Vaterlandes -gebildet, und die Petersburger Beamten studieren ihr Vaterland in den -Kanzleien. Versteht sich: irgend etwas erlernen sie schließlich in -ihnen, nur ist das nicht Rußland, sondern etwas ganz anderes, etwas sehr -Besonderes. Und dieses ganz Andere und Besondere wird dann Rußland -aufgebunden. Doch währenddessen bewegt sich das Volksmeer nach seinem -eigenen Gesetze und sondert sich mehr und mehr von Petersburg ab. Und -sagen Sie nicht, daß es, wenn auch ein mächtiges, so doch unbewußtes -Leben führe, was nicht nur die Petersburger allein glauben, sondern auch -noch andere Russen, die Rußland besser kennen. Wenn man nur wüßte, -wieviel Erkenntnis sich schon im Volke angesammelt hat! Und das Erkennen -wächst noch von Tag zu Tag. Wie würden sich die Petersburger wundern, -wenn sie wüßten, wie vieles dem Volke schon zugänglich und verständlich -ist! Wenn sich das auch noch nicht im großen Ganzen äußert, so tut es -sich doch schon an allen Ecken und in allen Hütten kund, wofern man es -nur zu fühlen und zu sehen versteht. Wie sollte es sich auch schon im -Ganzen äußern können, das Ganze ist ja ein Meer! ein Ozean! Aber wenn es -sich einmal äußern wird, in welch maßloses Erstaunen wird es da den -intelligenten Petersburger versetzen! Freilich wird das europäische -Menschlein das Volk noch lange verneinen und wird sich dem Volke noch -immer nicht ergeben wollen. Ja, viele werden so hinsterben, ohne von ihm -überhaupt etwas zu ahnen. Wäre es da nicht besser, wiederhole ich, um -großen heraufkommenden Mißverständnissen vorzubeugen, er ließe, wenn -auch nur in seinen besten Vertretern, ein wenig ab, von seinem Hochmut -Rußland gegenüber? Nur ein wenig mehr Eingehen, Verständnis, nur ein -wenig mehr Demut im Herzen vor dieser großen russischen Erde, vor diesem -Volksmeer – das ist es, was uns nottut. Das wäre der erste Schritt, den -wir zur „Heilung der Wurzeln“ machen müßten. - -„Aber erlauben Sie, mein Herr,“ unterbricht man mich, „was Sie bis jetzt -gesagt haben, sind doch nur alte, verbrauchte, unrealisierbare -Phantastereien der Slawophilen. Und was wollen Sie damit sagen: zur -‚Heilung der Wurzeln‘? Welcher Wurzeln? Und was verstehen Sie darunter?“ - -„Sie haben recht, meine Herren, ich muß zunächst doch noch einiges über -die Wurzeln sagen.“ - - * * * * * - -Die Hauptwurzel, die einer Heilung zu allererst bedarf, ist ohne Zweifel -dieses große russische Volksmeer selbst, von dem soeben die Rede war. -Ich spreche jetzt von unserem einfachen Mann und Bauern, von der -bezahlten Kraft unserer schwieligen, abgearbeiteten Hände: von unserem -russischen Volksozean. Oh, wie sollte ich nicht wissen, was die -Regierung für ihn getan hat und noch ununterbrochen tut, von der -Aufhebung der Leibeigenschaft an? Sie sorgt für seine Bedürfnisse, seine -Aufklärung, für seine Gesundung, vergibt ihm sogar manches Mal seine -Rückständigkeit, mit einem Wort, sie tut viel für ihn, wer wollte das -leugnen! Aber nicht davon soll hier die Rede sein, sondern von der -seelischen Heilung dieser Hauptwurzel, die der Anfang zu allem sein -müßte. Unser Volk ist seelisch krank; noch ist das Innerste seiner Seele -gesund, aber die Krankheit ist trotzdem schwer. Welcher Art ist nun -diese Krankheit? Es ist unmöglich, sie in einem Worte auszudrücken. Man -könnte sie so formulieren: Es ist ein „unstillbarer Durst nach -Wahrheit“. Das Volk sucht und sucht die Wahrheit, kann aber den Weg zu -ihr nicht finden. Ich wollte meine Ansicht über diese Krankheit auf das -Finanzielle begrenzen, aber ich muß doch noch einmal auf anderes -zurückkommen. - -Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft tauchte im Volke das Bedürfnis -nach etwas Neuem, noch nicht Dagewesenem auf: es war ein Durst nach -Wahrheit, der ganzen vollen Wahrheit, und nach einer Auferstehung zu -einem neuen Leben. Das Volk verlangte nach neuen Anschauungen, neue -Gefühle stiegen in ihm auf, und es begann, mit ganzer Seele an die neue -Ordnung zu glauben. Aber etwas anderes trat ein, etwas, was es nicht -erwartet hatte. Die neue Ordnung, an die das Volk so gern geglaubt -hätte, die – verstand es nicht. Es begriff sie nicht, wurde irre an ihr -und verlor zuletzt seinen Glauben an sie. Sie erschien ihm als etwas -Fremdes, Äußerliches und nicht als sein Eigenes. Doch dieses Thema immer -wieder vorzubringen, das schon so oft besprochen worden ist, lohnt sich -nicht: andere wissen mehr davon als ich – lesen Sie unsere Zeitungen. Es -kam damals eine wilde Verzweiflung über unser Volk: wie ein trunkenes -Meer wogte es über Rußland hin, und wenn man auch versuchte, den Durst -nach Wahrheit in Strömen von Branntwein zu stillen, so wurde er doch -nicht befriedigt. Niemals war das Volk allen fremden Einflüssen mehr -preisgegeben als jetzt. Nehmen Sie als nur ein Beispiel etwa die -„Stunde“,[35] und sehen Sie, welch einen Erfolg sie im Volke hat: was -aber beweist das? Doch nur das Suchen nach Wahrheit und die innere -Unruhe unseres Volkes. Gerade die Unruhe ist es: das Volk ist seelisch -aufgewühlt, und ich bin überzeugt, wenn die nihilistische Propaganda bis -jetzt ihren Weg ins Volk noch nicht gefunden hat, so geschah das nur -dank der Unfähigkeit und Dummheit ihrer Führer, die das Volk nicht zu -nehmen verstehen. Aber sonst, bei der geringsten demagogischen Fähigkeit -wäre auch sie so ins Volk gedrungen, wie das Luthertum durch die -„Stunde“. Wie soll man das Volk vor Ähnlichem bewahren, denn es ist -gesagt: „Es werden Zeiten kommen, wo man euch sagen wird: weder hier ist -Christus, noch dort, glaubet nicht!“ So steht es auch jetzt bei uns, und -nicht nur mit unserem Volk, sondern auch mit unserer Intelligenz. - -Verschiedene ungewöhnliche Gerüchte dringen ins Volk, man spricht von -Veränderungen, Anweisungen eines Landanteils, von einer goldenen -Urkunde! Unlängst las man ihm in den Kirchen eine öffentliche Warnung -vor, daß es nicht daran glauben solle, daß nichts davon wahr wäre – und -was geschah? Gerade nach dieser Warnung befestigte sich das Gerücht nur -noch mehr im Volke. Ich weiß von einem Fall, wo Bauern sich bei einem -benachbarten Gutsbesitzer Land kaufen wollten und schon mit dem Preise -einig waren, nach dem Verlesen dieser Warnung sich aber vom Kaufe -zurückzogen. „Wir bekommen es noch ohne Geld,“ sagten sie und – warten. -Und was die Hauptsache ist: das Volk steht bei uns allein, ist nur -seinen eigenen Kräften überlassen, und niemand unterstützt es moralisch. -Es hat zwar sein „Semstwo“, aber das ist „Obrigkeit“. Sein Gericht, aber -– auch das ist „Obrigkeit“. Und seine „Gemeinde“ scheint sich -gleichfalls dazu entwickeln zu wollen. Die Zeitungen sind voll von -Beschreibungen, wie das Volk seine Vertreter wählt, natürlich immer in -Gegenwart der Obrigkeit, deren Mitglied der neu Erwählte denn auch meist -ist. Und was ergibt sich daraus? Da sieht solch ein armer einfältiger -Kerl um sich und kommt plötzlich zum Schluß, daß es nur den Ausbeutern -und Schmarotzern gut geht und alles nur für sie gemacht zu sein scheint: -„Also werde auch ich dasselbe tun!“ – Nun, und so tut er es denn auch. -Ein anderer betrinkt sich wieder, nicht etwa weil die Armut ihn drückt, -sondern weil ihn die Rechtlosigkeit so anwidert. Was läßt sich da -machen? Das ist Fatum! Man sollte meinen, da gibt es doch eine -Verwaltung und Vorgesetzte, da müßte doch alles wie am Schnürchen gehen -– doch gerade das Gegenteil ist der Fall. Es ist ausgerechnet worden, -daß für das Volk in unserer Zeit fast zwanzig Regierungsämter -eingerichtet worden sind, ausschließlich für das Volk, um es zu -beschützen und zu beraten. Nun sind aber für den armen Menschen ohnehin -schon alle und jeder „Obrigkeit“ – und jetzt hat er noch zwanzig solcher -„Obrigkeiten“ hinzubekommen! Seine Bewegungsfreiheit ist ja gleich der -einer Fliege, die in einen Teller mit Honig gefallen ist. Doch eine -solche Freiheit ist nicht nur vom moralischen Standpunkte aus schädlich, -sondern auch vom ökonomischen Standpunkte aus. So ist denn das Volk im -Grunde doch allein und ohne Ratgeber. Es hat niemanden außer Gott und -dem Zaren – mit diesen beiden moralischen Kräften, mit diesen beiden -großen Hoffnungen hält es sich aufrecht. Alle anderen Ratgeber gehen an -ihm vorüber, ohne es auch nur zu berühren. Die ganze fortschrittliche -Intelligenz, zum Beispiel, geht glatt an ihm vorüber, und das ist -schade; denn auch in unserer Intelligenz gibt es begabte Menschen – bloß -für das russische Volk haben sie wenig Verständnis. Bei uns verneint man -es nur; oder man beklagt sich ununterbrochen: warum sich die -Gesellschaft nicht zu dieser Idee einer Vereinigung mit dem Volke -„beleben“ läßt! und was das für sie für eine Aufgabe wäre! Man sollte -aber doch wissen, daß man sich zu ihr gar nicht „beleben“ kann, einfach, -weil das Volk der Gesellschaft fremd ist. Die letztere bildet nur eine -Schicht über dem Volke – mit der einzigen Beziehung zu ihm, daß das Volk -durch seine Arbeit _ihr dient_, _ihr_ die Möglichkeit verschafft, sich -europäische Bildung anzueignen. Doch in diesen zwei Jahrhunderten -europäischer Bildung hat das Volk sich nur noch mehr von ihr entfremdet. -Wenn die fortschrittliche Intelligenz jetzt behauptet: „Wir sind es, die -um das Volk leiden, wir, die so viel über dasselbe schreiben und es zu -uns emporziehen wollen,“ so ist doch das russische Volk instinktiv -überzeugt, daß es sich hier nur um ein imaginäres Volk handelt, ein in -den Köpfen der Intelligenz entstandenes, daß das _wirkliche_ Volk aber -von der Intelligenz nur verachtet wird. Ich gebe zu: das verächtliche -Verhalten zum Volk ist bei einigen von uns gar nicht bewußt, ja, man -kann ruhig sagen, unabsichtlich. Es ist ein Überbleibsel des -Leibeigenschaftsverhältnisses und stammt aus der Zeit, als das Volk um -unserer „europäischen Bildung“ willen staatlich erdrosselt wurde; und es -ist zweifellos auch jetzt noch in uns, obschon das Volk nun -„auferstanden“ ist. Deshalb wird es uns auch noch lange unmöglich sein, -uns mit dem Volke zu vereinigen, wenn nicht ein Wunder in russischen -Landen geschieht. Das Volk ist in seiner großen Masse rechtgläubig und -lebt nur der religiösen Idee, es braucht sich sogar dieser Idee gar -nicht bewußt zu sein. Im Grunde genommen hat es überhaupt keine andere -Idee außer dieser, aus ihr kommt alles bei ihm. Wenigstens will das Volk -mit seinem ganzen Herzen und aus seiner tiefsten Überzeugung, daß alles, -was bei ihm geschieht und was man ihm gibt, aus dieser „Idee“ heraus -geschehe, auch ungeachtet dessen, daß vieles beim Volke selbst nicht von -dieser Idee ausgeht, daß es oft willenlos von dunklen, verbrecherischen, -barbarischen Instinkten beherrscht ist. Aber jeder Verbrecher und -Barbar, mag er auch noch so sündig sein, betet doch zu Gott in den -besseren Minuten seines Seelenlebens und bittet ihn, seine Sünden -auszulöschen und ihn wieder seiner „Idee“ leben zu lassen. Diese Idee -will nun unsere Intelligenz nicht anerkennen. Unsere Intellektuellen -weisen auf seine Sünde und seinen Schmutz hin, an dem sie, die das Volk -zwei Jahrhunderte lang geknechtet haben, doch selbst Schuld tragen, -weisen auf seine Vorurteile und religiöse Gleichgültigkeit hin, und -einige behaupten sogar, daß das russische Volk geradezu „verkörperter -Atheismus“ sei. Ihr größter Irrtum besteht eben darin, daß sie im -russischen Volke keine Kirche anerkennen wollen. Ich spreche jetzt nicht -von der Herde Christi, sondern von unserem russischen „Sozialismus“, -dessen Ziel es ist, die „Kirche“ aller Völker zu werden, soweit die Erde -diese „Kirche“ überhaupt verwirklichen kann. Ich spreche ferner von dem -unstillbaren Durst nach der großen, allgemeinen, allbrüderlichen -Vereinigung im Namen Christi, einer Idee, die im russischen Volke immer -gegenwärtig ist. Und wenn diese Vereinigung auch erst im Wunsche und im -Gebet besteht, nicht in der Tat, so treibt doch der religiöse Instinkt -dieser millionenköpfigen Masse nicht zu mechanischen Formen: nicht im -Kommunismus liegt der Sozialismus des russischen Volkes, sondern es -glaubt, sein Seelenheil in der Vereinigung aller Völker im Namen Jesu -Christi zu finden. Das ist unser russischer Sozialismus! Über diese -höhere vereinigende kirchliche Idee im russischen Volke lachen unsere -Europäer. Oh, es gibt noch viele solcher „Ideen“ im Volke, mit denen die -Herren nicht übereinstimmen werden, und die sie aus ihrer europäischen -Weltanschauung heraus als „tatarisch“ verurteilen. Man kann daher ruhig -die Behauptung aufstellen: wer diese Hauptidee des Volkes, die Erwartung -des in ihm heraufkommenden Schöpferischen, das Gottesschicksal seiner -weltumfassenden Kirche nicht versteht, der wird auch nie das russische -Volk selbst verstehen und es auch nie lieben können. Bei manch einem von -unseren Europäern ist das Herz rein, gerecht und sehnt sich nach Liebe, -– aber lieben wird er nicht das Volk, sondern nur jene Vorstellung, die -er sich von ihm macht. Da das Volk aber Volk bleibt, d. h. es selbst -bleibt, so kann man für die Zukunft nur einen unvermeidlichen und -gefährlichen Zusammenstoß voraussehen. Denn meine Behauptung hat auch -eine umgekehrte Auslegung, nämlich die, daß das Volk solch einen -russischen Europäer niemals als zu sich gehörig betrachten wird: „Liebe -zuerst mein Heiligtum, achte, was ich achte, dann erst bist du wie ich, -bist mein Bruder, ungeachtet dessen, daß du nicht so angekleidet bist -wie ich, daß du ein Herr bist, daß du zur ‚Obrigkeit‘ gehörst, und daß -du dich manchmal nicht einmal in russischer Sprache richtig auszudrücken -verstehst.“ Das wird ihnen das Volk sagen, denn unser Volk hat einen -klugen und weiten Verstand. Es achtet und liebt auch gewiß jeden guten -und klugen Menschen, dankt ihm für seine Ratschläge und befolgt sie -gern, ohne daß jener an dasselbe zu glauben brauchte, woran das Volk -glaubt. Das russische Volk vermag mit einem jeden auszukommen, denn es -hat viele Typen gesehen, vieles beobachtet und behalten in seinem -langen, schweren Leben während der letzten zwei Jahrhunderte. Aber sich -einleben und sich mit einem Menschen eins fühlen – sind zwei -verschiedene Sachen. Doch ohne Zusammengehörigkeitsgefühl kann keine -Vereinigung stattfinden. - -So ist die Kluft zwischen der Intelligenz und dem Volke außergewöhnlich -groß, das Volk ist allein, sich selbst überlassen; außer in seinem -Zaren, an den es unerschütterlich glaubt, sieht es in nichts und -niemandem eine Stütze. Froh wäre es, eine zu erblicken – aber vergeblich -schaut es danach aus. Welch eine große, schöpferische, Segen bringende, -neue Kraft aber würde in Rußland erstehen, wenn bei uns eine geistige -Vereinigung der Intelligenz mit dem Volke erfolgte! Oh, meine Herren -Finanzminister, ganz andere jährliche Budgets werden Sie dann aufstellen -als die, welche sich jetzt ergeben! Milch und Honig würden in unserem -Reiche überfließen, und alle Ideale wären mit einem Schlage erreicht! – -„Ja, aber wie das anfangen, und ist es denn wirklich unsere europäische -Aufklärung, die uns daran hindert?“ Nein, nicht diese, denn im Grunde -gibt es diese Aufklärung bei uns überhaupt nicht, auch heute noch nicht. -Ich denke so: existierte bei uns eine _wirkliche_ Aufklärung, so wäre -eine Trennung zwischen Volk und Intelligenz nie erfolgt, denn auch das -Volk verlangt doch nach Aufklärung. Wir aber sind, „Aufklärung“ suchend, -auf den Mond geflogen und haben den Weg zum Volke verloren. Wie wäre es -nun uns verflogenen Menschen möglich, die Sorge um die Heilung des -Volkes auf uns zu nehmen? Was können wir tun, damit der beunruhigte -Volksgeist sich wieder stärkt und beruhigt? Seine Finanzen, sein Kapital -verlangt moralische Ruhe, denn sonst wird es versiegen. Was soll man -tun, damit der Geist des Volkes die Wahrheit findet und sich in ihr -beruhigt? Diese Wahrheit ist ja vielleicht schon da, aber was soll man -tun, damit das Volk an sie zu glauben lernt? Wie soll man es ihm in die -Seele pflanzen, daß die Wahrheit in der russischen Erde liegt? Was soll -man tun, damit das Volk an sein Gericht, an seine Obrigkeit zu glauben -anfängt und sie anerkennt als Fleisch von seinem Fleisch und Blut von -seinem Blut? Oh, wenn die Wahrheit wenigstens für die Zukunft im Volke -ungefährdet bliebe, damit es den Glauben nicht verlöre, daß sie einmal -doch bestimmt noch kommen wird! Wenn die Fliege sich nur ein wenig von -dem Teller mit Honigseim fortbewegen könnte, so wäre das schon eine -große, große Beruhigung. Und nochmals sage ich: das ganze Unglück kommt -von der Trennung der höheren intelligenten Stände vom unteren, -niedrigeren – von unserem Volke. Wie aber dieses Volksmeer mit unserer -Intelligenz aussöhnen, damit es nicht zu einem großen Aufruhr in ihm -kommt? - - * * * * * - -Dazu gibt es nur eine Möglichkeit, ein magisches Wort, das lautet: -„Vertrauen zeigen“! Zu unserem Volke kann man Vertrauen haben, denn es -ist dieses Vertrauens wert. Ruft die grauen Bauernkittel und fragt sie, -was ihnen fehlt, und was sie nötig haben, und sie werden euch die -Wahrheit sagen, und wir alle werden dann vielleicht zum ersten Male die -Wahrheit hören. Dazu sind keine großen Versammlungen nötig: das Volk -kann man an allen Orten und in jeder Hütte fragen, denn an jedem -einzelnen Ort sagt es Wort für Wort dasselbe; was die ganze Masse -zusammen auch sagen würde, das Volk ist überall eins. Auch die getrennte -Einheit würde nur das eine wiedergeben, denn der Geist ist derselbe. -Jede Ortschaft würde vielleicht eine kleine örtliche Besonderheit -hinzufügen, aber im ganzen, im allgemeinen würde alles in allem -übereinstimmen. Man muß sich nur in acht nehmen, daß es auch wirklich -der Bauer ist, der echte Bauer, nicht etwa der Schmarotzer oder -Ausbeuter. Aber schließlich, selbst der Freischlucker wird der Erde -nicht untreu und wird die Wahrheit sagen – das ist schon so eine -Eigenschaft unseres Volkes. Wie soll man aber diesen Vorschlag -ausführen? Oh, Menschen, die die Macht dazu haben, können das besser -bestimmen als ich; ich möchte nur behaupten, daß es dazu besonderer -Formeln nicht bedarf. Unser Volk jagt nicht nach Formeln, besonders -nicht nach fertigen, fremdländischen, die hat es nicht nötig und die -wird es auch nie nötig haben. Es hat etwas ganz anderes im Kopfe, hat -seine eigene Ansicht über die Sache; und in seinen Anschauungen ist ein -Volk wie das unsrige durchaus unseres Vertrauens würdig. Und wer der -Russen Liebe zum Zaren gesehen und gefühlt hat, der weiß, daß sie des -Zaren Kinder sind und der Zar ihr Vater ist. Wer daran nicht glaubt, -versteht nichts von Rußland. Nein, darin liegt eine tiefe und -ursprüngliche Idee: und sie bedingt einen lebendigen, mächtigen -Volksorganismus, der mit seinem Zaren in eins verschmilzt. Diese Idee -ist eine Kraft, und diese Kraft ist mit den Jahrhunderten noch -gewachsen, besonders in den letzten für das Volk so schrecklichen zwei -Jahrhunderten, die wir wegen unserer europäischen Aufklärung so preisen, -– wobei wir freilich ganz vergessen, daß diese Aufklärung uns nur durch -das Kreuzesleiden unseres Volkes ermöglicht wurde. Aber das Volk glaubte -an seinen Befreier, wartete auf ihn und – er kam! Wie sollen wir da -nicht seine Kinder sein? Der Zar ist für das Volk keine äußere Kraft, -nicht die Kraft irgendeines Besiegers – wie es z. B. die Dynastien der -früheren Könige in Frankreich waren –, sondern eine volkliche, -verbindende Kraft, die das Volk selbst wollte, die aus seinem Herzen -wuchs, die es liebte, für die es litt, von der allein es seinen Auszug -aus Ägypten erhoffte. Für das Volk ist der Zar die Verkörperung seines -Selbst, seiner Idee, seines Glaubens und seiner Hoffnungen. Und diese -Hoffnungen wurden ihm noch kürzlich so glänzend erfüllt, wie sollte es -da weitere Hoffnungen aufgeben? Im Gegenteil, sie bestärken und -befestigen sich, denn der Zar wurde nach der Aufhebung der -Leibeigenschaft nicht nur in der Idee oder in der Hoffnung, sondern in -der Tat zu seinem Vater. Diese Beziehung des Volkes zum Zaren als zu -einem Vater ist die einzige felsenfeste Grundlage, auf der jede Reform -bei uns geschaffen und aufgebaut werden kann. Wenn Sie wollen, so gibt -es bei uns gar keine andere schöpferische, erhaltende und führende Kraft -in Rußland als das organische und lebendige Bündnis des Volkes mit -seinem Zaren: nur ihm entspringt bei uns alles. Wer hätte auf diese -Bauernreform hoffen können, wenn er nicht im voraus geglaubt und gewußt -hätte, daß der Zar dem Volke ein Vater ist, und daß der Glaube an den -Zaren wie an seinen Vater das Volk retten und vor Unglück behüten werde. -Wahrlich, schlecht wäre ein Sozialökonom als Reformator, der die -wirklichen, lebendigen Kräfte des Volkes aus Vorurteil oder um fremder -Überzeugungen willen außer acht läßt. Ja: wir – die Intelligenz – sind -schon deshalb nicht eins mit dem Volke und können es nicht verstehen, -weil wir, auch wenn wir seine Beziehung zum Zaren einsehen, doch das -Wichtigste in seiner ganzen Tiefe und Bedeutung für unsere Zukunft nicht -erfassen können: daß gerade durch diese Beziehung zu seinem Zaren das -russische Volk sich von allen Völkern Europas und der ganzen Welt -unterscheidet; daß das nicht ein zeitlicher, ein vorübergehender -Zustand, nicht ein Zeichen von Volksjugend, wie manche klugen Köpfe -vielleicht schließen, sondern eine ewige, immerwährende und niemals oder -wenigstens lange noch nicht, sehr lange noch nicht sich verändernde -Kraft ist. Wie sollte sich da nicht schon deswegen unser Volk von allen -anderen Völkern unterscheiden, nicht seine eigene Idee in sich tragen? -Ist es nicht klar, im Gegenteil, daß unser Volk schon den organischen -Keim einer unterschiedlichen Idee in sich trägt? Diese Idee schließt -eine so große Kraft in sich, daß sie natürlich unsere ganze weitere -Geschichte beeinflussen wird, und da sie eine ausschließlich -russisch-eigenartige ist, so kann auch _unsere Geschichte nicht der -Geschichte anderer europäischer Völker ähnlich_ und noch viel weniger -ihre sklavische Kopie sein. Das ist es, was unsere klugen Köpfe nicht -verstehen wollen, die da glauben, bei uns könne sich alles ohne jegliche -Eigenart genau nach europäischem Muster verwandeln, und die sogar diese -unsere Eigenart hassen, so daß es vielleicht noch mit einem Unglück -enden kann. Daß aber bei uns alles anders und ursprünglich ist, dazu -diene folgendes Beispiel. In unserer Zukunft, wenn wir die Periode -unseres Pseudoeuropäismus überwunden haben werden, kann z. B. die -bürgerliche Freiheit sich nur bei uns in einem Grade entwickeln, wie -nirgends in Europa und nicht einmal in den Vereinigten Staaten von -Nordamerika. Auf dieser felsenfesten Grundlage, auf der Liebe des Volkes -zu seinem Zaren als seinem Vater, und nicht durch ein geschriebenes -Gesetz wird diese Entwicklung sich vollziehen – denn Kindern kann man -vieles erlauben, was bei anderen Völkern, die nach Kontrakten leben, -undenkbar ist, Kindern kann man ebenso vieles auch anvertrauen und -ebenso vieles verzeihen, denn Kinder werden ihren Vater nicht verraten -und wie Kinder von ihm jeden Verweis ihrer Fehler in Liebe -entgegennehmen. - -Und einem solchen Volke soll man nun nicht Vertrauen schenken? Mag es -deshalb selbst von seinen Bedürfnissen reden und nicht andere für sich -sprechen lassen: wir, die Intelligenz des Volkes, wir müssen erst hören, -was es sagt. Oh, nicht aus politischen Gründen schlage ich etwa vor, -zeitweise unsere Intelligenz aus dem Spiele zu lassen – schreiben Sie -mir bitte nicht politische Ziele zu –, nein, ich habe den Vorschlag _aus -rein pädagogischen_ Gründen gemacht. Ja, hören wir zu, wie klar und -vernünftig das Volk, ganz ohne unsere Hilfe, seine Wahrheit ausdrücken -und wie es in der Sache gerade den Nagel auf den Kopf treffen wird, und -ohne uns zu beleidigen, wenn auch von uns die Rede sein sollte. Mögen -wir vom Volke lernen, wie man die Wahrheit spricht. Von ihm können wir -Demut und Lebenserfahrung und Wirklichkeitssinn lernen. Sie werden mir -antworten: „Soeben sagten Sie, wie leicht das Volk allen unsinnigen -Gerüchten glaube, – welch eine Weisheit können wir da von ihm erwarten?“ -Nun, Gerüchte sind etwas ganz anderes, und nicht – die Einheit in der -allgemeinen Sache. Hier, im Volk, werden wir etwas Ganzes erblicken, und -das Ganze wirkt durch sich selbst und das Ganze bringt zur Vernunft. Ja, -für uns wird es in Wahrheit eine Schule sein, die fruchtbringendste -Schule. Wir werden erstaunt sein, beim Volke so viel Lebenserfahrung und -Ernst zu finden; freilich wird es auch solche geben, die ihren Augen -nicht trauen wollen, aber solcher sind wenige, denn alle wirklich -Aufrichtigen, die nach Wahrheit verlangt, und denen es um die allgemeine -Sache und den allgemeinen Nutzen zu tun ist – die werden sich an die -wahren Worte des Volkes halten. Alle diejenigen aber, die nicht -aufrichtig der Sache ergeben sind, werden mit ihrem Mißtrauen nur ihre -eigene Inhaltslosigkeit aufdecken. Und wenn es noch welche gibt, die dem -Volke nicht Glauben schenken, so sind das nur Altgläubige und Doktrinäre -der vierziger und fünfziger Jahre, alte, unverbesserliche Kinder, die -nur lächerlich und ganz unschädlich sein werden. Doch alle anderen außer -diesen werden sich die Augen reiben und endlich zu sehen anfangen. Das -kann außerordentlich wichtige Folgen haben, denn ... denn auf diese -Weise kann der Anfang, der erste Schritt zur Vereinigung unseres -Standes, der Intelligenz, die so hoch über dem Volke zu stehen meint, -mit dem Volke gemacht werden. Ich spreche nur von einer geistigen -Vereinigung, denn die nur haben wir nötig, die wird uns zu allem -verhelfen, wird alles umschaffen und eine neue Idee bringen. Unsere -helle und frische Jugend, denke ich, wird die erste sein, die ihr Herz -dem Volke schenken und es verstehen wird. Ich hoffe auch deshalb so sehr -gerade auf sie, weil sie selbst so leidet im „Suchen nach Wahrheit“: in -der Sehnsucht nach ihr wird sie sofort fühlen, daß auch das Volk nach -ihr sucht. Und wenn die Jugend der Seele des Volkes nahestehen wird, -dann wird sie auch diese Phantasien lassen, die jetzt so viele Jünglinge -beherrschen, alle jene, die sich einbilden, die Wahrheit in den -verstiegensten europäischen Lehren zu finden. Oh, ich glaube, daß ich -nicht phantasiere und die heilsamen Folgen vergrößere, die aus diesem -Ereignisse hervorgehen würden. Der Hochmut würde fallen und die -Ehrfurcht vor der mütterlichen Erde wiedergeboren werden. Eine ganz neue -Idee würde plötzlich in unsere Seele leuchten und alles erleuchten, was -bis jetzt im Dunkeln gelegen, und mit ihrem Lichte die Lüge ertöten. -Und, wer weiß, vielleicht wäre das der Anfang einer Reform, die durch -ihre Bedeutung hoch über der Reform der Leibeigenschaft stände: wäre sie -doch gleichfalls eine Befreiung – eine Befreiung unserer Geister und -Herzen von dem Leibeigenschaftsverhältnis zu Europa, in dem wir zwei -Jahrhunderte gestanden, ganz ähnlich unserem Bauern – unlängst noch ein -Sklave wie er. Und wenn diese zweite Reform sich verwirklichen könnte, -so wäre sie auch nur eine Folge der großen ersten Reform, der Aufhebung -der Leibeigenschaft zu Anfang der Regierung unseres Zar-Befreiers. Mit -der einen wäre die materielle Wand gefallen, die das Volk von der -Intelligenz trennte, mit der zweiten fiele diese Wand auch ideell. Was -könnte höher stehen, was wäre fruchtbringender für Rußland als dieser -geistige Bund aller Stände? Die, welche sich bis jetzt des Volkes -schämten, des angeblich barbarischen und jegliche Entwicklung hemmenden, -die werden sich dieses Schämens schämen und sich mit dem Volke aussöhnen -und vieles wieder achten können, was sie früher verachteten. Und wenn -das Volk ihnen geantwortet, seine Sache ihnen vorgelegt hat und sein -demütiger Mund verstummt – dann fragen Sie meinethalben auch unsere -Intelligenz, und wär’s auch nur nach ihrer Meinung über das Volk, und -sie werden sofort die Folgen bemerken. Oh, auch ihr Wort wird dann -fruchtbar werden, denn sie ist doch nun einmal die Intelligenz, und das -letzte Wort gehört ihr. Das uns alsdann vom Volke gegebene Beispiel -würde uns auf jeden Fall von Unüberlegtheiten und Dummheiten abhalten, -die von uns, wenn wir zuerst das Wort gehabt hätten, unfehlbar begangen -worden wären. Und Sie werden sehen: unsere Intelligenz würde dann nichts -mehr im Widerspruch zum Volke sagen, sondern würde dessen Wahrheit in -die ganze Breite seiner Bildung hineinentwickeln und sie -wissenschaftlich erläutern und begründen – denn auch das Volk hat die -Wissenschaft nötig. Ja, und wenn sich auch Widersprüche einstellen -würden, Widersprüche gegen gewisse Grundlagen unseres Volkes, so würden -sie es doch nicht wagen, sich so heftig gegen den Volksgeist -aufzulehnen, und das ist sogar sehr wichtig. - -Ja, es ist sogar sehr leicht möglich, daß unsere seelische Ruhe schon -bei dem ersten Schritt wiederkehrt. Es würde eine allgemeine, alle -vereinigende Hoffnung erstehen, und wir würden uns über unsere Ziele -klarer werden. Das aber wäre wichtig: denn unsere bewußte Kraft, unsere -Intelligenz, ahnt ja kaum, welchen Inhalts unsere nationalen und -staatlichen Ziele sind oder sein können. Gerade hier liegt heute die -Unsicherheit, und gerade die ist gewiß auch die Quelle unserer -Ruhelosigkeit und Verstimmtheit, und nicht nur dem Gegenwärtigen, -sondern noch viel mehr dem Zukünftigen gegenüber. Alles das könnte -aufgeklärt und erläutert werden, oder wir bekämen einen Hinweis auf -Mittel, mit denen man bei uns etwas erlangen könnte, wir würden auf neue -Gedanken kommen ... - -Doch genug! Ich habe gesprochen, wie ich es verstanden habe. Wenn man -nicht alles versteht, wenn ich mich unzureichend ausgedrückt, so nehme -ich die Schuld auf mich – aber das, was man versteht, möge man in einer -friedlichen und unverletzenden Weise verstehen. Ich wünschte nur, daß -man unparteiisch begriffe: daß ich zuerst und vor allen Dingen für das -Volk stehe, daß ich an seine Seele, an seine Kräfte, deren Größe noch -niemand von uns zu ahnen scheint, wie an ein Heiligtum glaube, -hauptsächlich aber an die errettende Bedeutung des großen, alles -erhaltenden und aufbauenden Volksgeistes. Mich verlangt nur nach einem: -daß alle ihn erschauten – denn wenn sie ihn nur einmal erschaut haben, -werden sie sofort auch alles Übrige verstehen. - - - Die Meinung eines geistreichen Bureaukraten über unsere Liberalen - und Westler - -... Ich will von einem geistvollen Bureaukraten erzählen, der mir vor -kurzem in einer Gesellschaft eine sehr interessante Sache -auseinandergesetzt hat – eine, die gerade jene Grundsätze berührt, die -für die Veränderung unserer gegenwärtigen[36] Lage in Frage kommen. - -Das Gespräch drehte sich um die Finanzen, um die allgemeine ökonomische -Situation, und zwar speziell in dem Sinne, daß wir Russen unsere Mittel -nicht verschwenden sollten, sondern vernünftig mit ihnen umzugehen -versuchen müßten, damit auch nicht eine einzige Kopeke für irgendeine -Phantasterei hinausflöge. - -Über diese Art Ökonomie wird jetzt bei uns überall gesprochen, und die -Regierung beschäftigt sich unausgesetzt mit diesem Problem. Es ist auch -tatsächlich so etwas wie eine Kontrolle eingeführt worden, und -alljährlich will man in den Etats eine bestimmte Summe zu streichen -suchen. In der letzten Zeit sprach man sogar von einer Verringerung der -Armeeausgaben. Manche meinten, man könne das stehende Heer auf die -Hälfte der Truppen herabsetzen. „Deswegen“, hieß es, „würde doch nichts -anders werden“. Das wäre ja alles ganz wunderbar, aber trotzdem gibt es -etwas, was sich einem dabei unwillkürlich in die Gedanken einschleicht: -Gut, wir reduzieren die Armee vorläufig um fünfzigtausend Mann, das Geld -aber geht uns doch wieder durch die Finger, für dieses und jenes, -natürlich nur für die Bedürfnisse des Staates, jedenfalls aber für -Bedürfnisse, die so radikaler Opfer nicht wert sind. Die abgeschafften -fünfzigtausend Mann jedoch werden wir dann niemals wieder einbringen -können, oder höchstens mit Mühe und Not; denn was man einmal abgeschafft -hat, ist schwer wieder anzuschaffen. Soldaten aber brauchen wir mehr als -je und besonders jetzt, da in Europa alle einen Stein für uns bereit -halten. Es ist gefährlich, diesen Weg zu betreten, doch nur in der -_gegenwärtigen_ Zeit. Wir würden nur dann uns überzeugen lassen, daß -dieses heilige Geld wirklich für etwas Notwendiges ausgegeben wird, wenn -wir, z. B. den Entschluß faßten, unerbittliche Ökonomie zu treiben, so -wie etwa Peter sie durchgeführt haben würde, wenn er sich vorgenommen -hätte, zu sparen. Sind wir nun aber dazu fähig, bei den „schreienden“ -Nöten unserer gegenwärtigen Lage, in der wir nun einmal stecken? Ich -bemerke hierbei, daß dieses einer der ersten Schritte wäre zu einer -Umkehr vom alten, phantastischen Gegenwärtigen zum neuen, wirklichen und -für uns notwendigen Zukünftigen. Wir reduzieren ziemlich oft die Etats, -das Beamtenpersonal usw., doch das Ergebnis ist immer dasselbe: daß die -Etats ganz von selbst sich wieder vergrößern und vermehren. Ja, sind wir -denn überhaupt fähig zu einer richtigen Reduzierung, fähig, zum -Beispiel, von vierzig Beamten mit einemmal auf vier herunterzugehen? Daß -vier Beamte ohne Ausnahme dasselbe leisten können, was jetzt vierzig -leisten, das wird natürlich niemand bezweifeln, besonders bei einer -Vereinfachung des Eingaben- und Verordnungswesens mit all seinen -Schreibereien, und überhaupt bei einer radikalen Veränderung der -jetzigen Formen der Beamtenarbeit. - -Auf dieses Thema kamen wir, wie gesagt, zufällig zu sprechen. Einige -bemerkten, daß eine derartige Reform jedenfalls ein großer Bruch mit dem -Alten wäre. Andere entgegneten, daß bei uns schon viel kapitalere -Reformen als diese durchgeführt worden seien. Die Dritten fügten hinzu, -daß man den neuen Beamten, also diesen vier, die die vierzig ersetzen -sollen, das Gehalt sogar verdreifachen könnte, und daß diese dann gewiß -treffliche Arbeiter abgeben würden. Und selbst wenn man das Gehalt auch -für diese vier verdreifachte, so würde ihr Gehalt doch nur dem der -jetzigen zwölf entsprechen; folglich wären die Ausgaben immer noch um -fast drei Viertel der heutigen vermindert. - -Hier aber geschah es, daß mich mein Bureaukrat unterbrach. Ich bemerke -noch, daß auch er zu meiner größten Verwunderung gegen die Möglichkeit, -durch vier vierzig zu ersetzen, nichts einzuwenden hatte: „Auch mit -vieren wird es sich machen lassen.“ Doch was er angriff, war etwas ganz -anderes: er wies auf das Grundsätzliche hin, auf die Fehlerhaftigkeit -und das Verbrecherische dieses neuen „Prinzips“. Ich kann seine -Entgegnung nicht wörtlich wiedergeben, und ich führe sie nur an, weil -mir seine Meinung in ihrer Art bemerkenswert erschien und so etwas wie -eine pikante Idee enthielt. Er hat sich natürlich nicht herabgelassen, -auf Einzelheiten einzugehen, da ich in dieser Sache nicht „Spezialist“ -bin: „verstehe wenig davon“, was vorauszuschicken ich mich beeile – aber -sein „Prinzip“, so hoffte er, würde mir doch einleuchten. - -„Die Reduzierung der Beamten von vierzig auf vier,“ begann er gemessen -und in eindringlichem Tone, „ist für die Sache nicht nur unnütz, sondern -allein schon ihrem Wesen nach direkt schädlich, trotz der tatsächlich -beträchtlichen Verringerung der Staatsausgaben. Unmöglich und schädlich -wäre nicht nur, von vierzig auf vier zu reduzieren, sondern selbst von -vierzig auf achtunddreißig. Und das aus folgendem Grunde: es wäre ein -verderblicher Anschlag auf das Grundprinzip. Jetzt sind es zweihundert -Jahre her, d h. seit Peter, daß wir, die Bureaukraten, im Reiche _alles_ -sind; ja, im Grunde genommen sind _wir_ das Reich und überhaupt _alles_; -– _das Übrige_ – ist nur Anhängsel. Wenigstens ist es bis vor kurzem, -bis zur Aufhebung der Leibeigenschaft, noch so gewesen. Alle früheren -Wahlämter, als da sind ... nun, da, die der Adligen zum Beispiel, haben -ganz von selbst, sozusagen infolge einer Anziehungskraft, unseren Geist -und Sinn angenommen. Und wir haben uns deswegen, als wir das einsahen, -keineswegs beunruhigt; denn das Prinzip, das vor zweihundert Jahren -aufgestellt worden ist, wurde dadurch nicht im geringsten angegriffen. -Nach der Bauernreform schien allerdings etwas Neues kommen zu wollen: es -kam die Selbstverwaltung, es kam das Semstwo usw. ... Jetzt hat es sich -deutlich erwiesen, daß auch all dieses Neue sofort und ganz von selbst -unsere Form, unsere Seele und unsere Gestalt annimmt, sich sozusagen in -unsere Form verwandelt. Und das ist nicht etwa durch Zwang geschehen – -das wäre eine total falsche Auffassung –, sondern gerade ganz von -selbst; denn es ist schwer, sich Jahrhunderte alter Gewohnheiten zu -entledigen, und wenn Sie wollen, ist das auch nicht nötig, besonders -nicht in einer so fundamentalen und großen Nationalfrage. Sie können mir -das, wenn Sie wollen, nicht glauben; doch wenn Sie tiefer nachdenken, so -werden Sie die Richtigkeit des Gesagten, dessen bin ich gewiß, -anerkennen. Denn – was sind wir? Wir sind _alles_, sind bis jetzt -_alles_ gewesen und werden fortfahren, alles zu sein, – und wiederum -ohne uns darum selber sonderlich zu bemühen, einfach nach dem -natürlichen Gang der Dinge, also unwillkürlich! Es ist schon lange her, -daß man sagt, unsere Arbeit sei tote, papierene Kanzleiarbeit, und -Rußland wäre all dem entwachsen. Vielleicht ist es dem entwachsen, aber -vorläufig sind wir immer noch die einzigen, die Rußland halten und es -davor bewahren, daß es auseinanderfällt! Denn das, was Sie erstarrtes -Kanzleitum nennen, – d. h. also wir, als Einrichtung, und dann auch -unsere ganze Tätigkeit – das ist, wenn man sich eines Beispiels bedienen -will, wie das Skelett, in einem lebendigen Organismus. Zerstören Sie das -Skelett, werfen Sie die Knochen durcheinander – und der ganze lebendige -Körper muß vergehen. Schön, mag die Sache auch noch so tot betrieben -werden, dafür aber geht es nach dem System, nach dem Prinzip, dem großen -Prinzip – erlauben Sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache. Mag es auch -auf Kanzleimanier geschehen, meinetwegen sogar schlecht, unvollkommen, -so wird es immerhin irgendwie doch gemacht und, die Hauptsache: Rußland -steht noch und fällt nicht! Das ist es ja, daß es noch immer nicht -fällt! Ich bin bereit, Ihnen zuzugeben, daß wir im Grunde meinetwegen -auch nicht gerade _alles_ sind, – oh, wir sind klug genug, um -einzusehen, daß wir nicht _ganz_ Rußland sind und besonders jetzt nicht; -dafür aber sind wir immerhin _etwas_, d. h. etwas bereits Wirkliches, -tatsächlich Vorhandenes, wenn auch vielleicht teilweise Körperloses. Nun -aber, was habt ihr, womit ihr uns ersetzen könntet? Woraufhin könnten -wir uns mit der Überzeugung zurückziehen, daß auch bei euch ein _Etwas_ -entstanden ist, das uns wirklich ersetzen kann, – ohne daß alles fallen -muß? All diese Selbstverwaltungen und Semstwos – das ist doch vorläufig -immer noch ein Vogel in den Wolken, meinetwegen ein prachtvoller Vogel, -einer, der unter dem Himmel herumfliegt, jedoch immerhin einer, der sich -noch niemals auf die Erde herabgelassen hat. Folglich ist er trotz -seiner Schönheit als Wert für uns eine Null, wir aber, wenn wir auch -durchaus nicht ‚prachtvoll‘ sind und man unser sogar sehr überdrüssig -geworden ist, wir aber _sind_ dafür wenigstens etwas, und zwar nichts -weniger als eine Null. Ihr nun werft uns vor und beschuldigt uns: wir -seien daran schuld, daß der Vogel sich bis jetzt noch nicht auf die Erde -herabgelassen hat, und wir bemühten uns, ihn, den prachtvollen Vogel, in -unsere Bureauform umzuwandeln, unserem Kanzleigeist anzupassen. Es wäre -natürlich sehr nett von uns, wenn das wirklich der Fall wäre; denn damit -würden wir beweisen, daß wir für das ewige, grundlegende und edelste -Prinzip einstehen, und eine nutzlose Null in ein nützliches Etwas -verwandeln. Doch glauben Sie mir, hierbei tragen wir nicht die geringste -Schuld, oder doch nur eine verschwindend geringe Schuld, und glauben Sie -mir, der herrliche Vogel ist selber im Zweifel: er weiß selbst nicht, -was er eigentlich werden soll – das, was wir sind? oder wirklich etwas -Selbständiges? Wie gesagt, er ist noch selber unschlüssig und hat -vielleicht sogar ein wenig den Kopf verloren. Ich versichere Sie, er ist -aus eigenen freien Stücken zu uns gekommen, und wir haben ihn nicht im -geringsten zu beeinflussen gesucht. So stellt es sich heraus, daß wir -sozusagen ein natürlicher Magnet sind, zu dem in Rußland bis heute noch -alles hingezogen wird – und das kann noch lange, lange so fortdauern. -Sie glauben mir noch immer nicht? Es erscheint Ihnen vielleicht -lächerlich? Und doch bin ich bereit, um einerlei was zu wetten: -versuchen Sie es, lösen Sie Ihrem herrlichen Vögelchen die Flügel, -gestatten Sie ihm alle Freiheiten, befehlen Sie zum Beispiel Ihrem -Semstwo mit aller Strenge: ‚Von jetzt ab mußt du ein selbständiger und -nicht mehr ein bureaukratischer Vogel sein!‘ – und, glauben Sie mir, daß -alle Vögel, wie sie da sind, ohne eine Ausnahme, sich von selbst noch -viel mehr zu uns drängen und schließlich damit enden werden, daß sie -sich in echte, rechte Beamte verwandeln, unseren Geist und unsere -Gestalt annehmen, alles von uns kopieren! Sogar der Bauer wird zu uns -kommen, denn es würde ihm doch gar zu schmeichelhaft sein, uns ähnlich -zu werden! Nicht umsonst hat sich der Gefallen, den sie an uns Beamten -gefunden haben, zweihundert Jahre lang entwickelt. Und Sie verlangen -nun, daß wir, das einzig Reale und Feststehende in Rußland, uns selber -gegen dieses Rätsel eintauschen sollen, gegen diese Scharade, gegen -diesen Ihren schönen Vogel in den Wolken? Nein, lieber behalten wir -unseren Sperling in der Hand. Lieber verbessern wir uns selber -irgendwie, nun, sagen wir, indem wir etwas Neues einführen, etwas mehr, -wie Sie es nennen, Fortschrittliches, dem Geiste der Zeit -Entsprechenderes: wir werden, sagen wir, etwas wohltätiger werden oder -sonst irgend etwas von der Art ... Aber gegen das Hirngespinst, den -plötzlich erschienenen Traum, tauschen wir nicht unser einziges reales -_Etwas_ ein; denn es ist klar, daß wir vorläufig niemanden haben, der -uns ersetzen könnte! Wir widersetzen uns der Vernichtung sozusagen durch -unseren mächtigen passiven Widerstand. Dieser Widerstand ist es gerade, -der an uns wertvoll bleibt, denn nur durch ihn allein hält sich noch -alles in unserer Zeit. Darum aber wäre der Versuch, uns von vierzig auf -achtunddreißig zu reduzieren (von einem ‚von vierzig auf vier‘ ganz zu -schweigen) grundschädlich, ja wäre sogar unmoralisch! Man würde Kopeken -sparen, dafür aber das Prinzip zerstören. Vernichten Sie, verändern Sie -jetzt noch unsere Formel, wenn Sie nur das Gewissen dazu haben: Es würde -ein Verrat an unserem ganzen russischen Europäismus, an unserer ganzen -Bildung sein! – wissen Sie das auch? Das wäre die Verneinung dessen, daß -auch wir ein Reich, auch wir Europäer sind, das wäre Verrat an Peter! -Und wissen Sie, Ihre Liberalen – übrigens die unserigen gleichfalls –, -die in den Zeitungen so heftig für die Semstwos gegen das Beamtentum -eintreten, widersprechen sich im Grunde genommen alle selbst. Denn diese -Semstwos, alle diese Neuheiten ‚im volklichen Geiste‘ – das sind doch -dieselben ‚Volksgrundsätze‘, oder die beginnende Formulierung dieser -Grundsätze, über die jene Partei, die unseren europäisierenden Russen so -verhaßt ist, eben die ‚russische Partei‘ zetert (vielleicht haben Sie -schon gehört, daß man sie in Berlin so benannt hat?); das sind diese -selben ‚Grundsätze‘, die unser russischer Liberalismus und Europäismus -so wütend leugnet, die er verlacht und sogar nicht einmal als vorhanden -anerkennen will! Oh, er fürchtet sie sehr: Nun, wie, wenn sie -tatsächlich vorhanden sind und sich verwirklichen – dann ist’s doch in -gewissem Sinne eine unangenehme Überraschung! Also sind alle Ihre -Europäer genau genommen mit uns und wir mit ihnen ... was sie eigentlich -schon längst hätten einsehen und sich merken sollen. Wenn Sie wollen, -sind wir nicht nur mit ihnen, sondern sogar _wir sind sie_, denn wir -sind ein und dasselbe: in ihnen, in ihnen selber ist unser Geist -enthalten und sogar unsere Gestalt, gerade in diesen Ihren Westlern. Ja, -das ist tatsächlich so! Und ich werde Ihnen noch etwas sagen: Europa, d. -h. das russische Europa oder Europa in Rußland – das sind ja nur wir -allein! Wir sind die Verkörperung der ganzen Formel des russischen -Europäismus und enthalten sie restlos in uns. Wir allein sind ihre -Ausleger. Ich begreife nicht, warum man diesen unseren Europäern nicht -für ihren Europäismus gewisse Kennzeichen verleiht, wenn wir mit ihnen -doch nun einmal so ohne weiteres zusammenfließen? Mit Vergnügen würden -sie sie tragen, und damit könnte man auch noch viele anlocken. Aber bei -uns versteht man’s nicht. Nichtsdestoweniger schimpfen sie auf uns – die -Eigenen erkennen die Eigenen nicht! Doch, um mit Ihren Semstwos und all -diesen Neuheiten endlich abzuschließen, sage ich Ihnen ein für allemal: -Nein! Denn dieses ist eine lange Sache und keineswegs so kurz, wie Sie -vielleicht annehmen. Dazu bedarf es einer eigenen vorhergehenden Kultur, -einer eigenen, neuen, vielleicht noch einmal zweihundertjährigen -Geschichte. Nun, sagen wir, einer hundertjährigen, oder meinetwegen auch -fünfzigjährigen, da wir ja jetzt das Jahrhundert der Telegraphen und -Eisenbahnen haben. Also immerhin doch eine fünfzigjährige Entwicklung: -also geht es nicht sofort. Augenblicklich jedenfalls wird nichts anderes -entstehen als unseresgleichen. Und so wird es noch lange bleiben.“ - -Damit verstummte mein Bureaukrat stolz und würdevoll, und, wissen Sie, -ich habe ihm auch nichts entgegnet, denn in seinen Worten war gerade -solch ein „Etwas“, irgendeine traurige Wahrheit, die wirklich, wirklich -da ist. Selbstverständlich war ich innerlich nicht mit ihm -einverstanden. Und zudem – in _solchem_ Ton sprechen nur Leute, die sich -überlebt haben. Aber trotzdem war in seinen Worten „etwas“ ... - - - Die Judenfrage[37] - - - Vorbemerkungen - -Oh, bitte nur nicht zu glauben, ich beabsichtigte hier wirklich, die -„Judenfrage“ aufzuwerfen! Diese Überschrift habe ich nur zum Scherz -hingeschrieben. Ein Problem von der Größe, wie es die Stellung der Juden -in Rußland und andererseits die Lage Rußlands ist, das unter seinen -Söhnen drei Millionen Juden zählt, – solch ein Problem zu lösen geht -über meine Kraft. Wohl aber kann ich darüber eine eigene Meinung haben, -und zudem hat sich jetzt herausgestellt, daß viele Juden sich plötzlich -für diese Meinung interessieren. Seit einiger Zeit schreiben sie mir -Briefe, in denen sie mir ernst, bitter und betrübt vorwerfen, ich fiele -über sie her, ich haßte den Juden, und zwar nicht wegen seiner „Mängel“, -„nicht als Ausbeuter“, sondern gerade als „Juden“, als Volk, also etwa -in dem Sinne von: „Judas hat Christus verkauft“. Das schreiben mir -„gebildete“ Juden, d. h. solche, die sich immer bemühen, einem zu -verstehen zu geben, daß sie bei ihrer Bildung schon längst nicht mehr -die „Vorurteile“ ihrer Nation teilen, noch deren religiöse Gebräuche -erfüllen, wie die anderen, einfachen Juden, denn sie hielten dies für -unvereinbar mit ihrer Bildung; und auch an Gott glaubten sie nicht mehr, -schreiben sie. Dazu will ich vorläufig nur bemerken, daß es von diesen -„höheren Israeliten“, die doch sonst so für ihre Nation einstehen, -einfach Sünde ist, ihren bereits vierzig Jahrhunderte lebenden Jehova zu -vergessen und zu verleugnen. Es ist nicht nur aus dem Gefühl der -Nationalität heraus Sünde, sondern auch noch aus anderen, tieferen -Gründen. Ist es nicht sonderbar, daß man sich einen Juden ohne Gott gar -nicht denken kann? Doch dieses Thema gehört schon zu den ganz großen, -daher müssen wir von ihm hier vorläufig absehen. Am meisten wundert mich -eines: wie und woher kommt es, daß man mich für einen Feind der Juden -als Volk, als Nation, ja, für einen Judenhasser hält? Den Juden als -Ausbeuter und für einzelne seiner Laster zu verurteilen, wird mir von -diesen Herren selbst teilweise sogar erlaubt, aber ... aber nur in -Worten: in Wirklichkeit kann man jedoch schwerlich einen reizbareren und -kleinlicheren Menschen als den gebildeten Israeliten finden, einen, der -sich leichter gekränkt fühlt als ein Jude als „Jude“. Doch wann und -wodurch habe ich Haß auf die Juden, als Volk, bewiesen? Da ich in meinem -Herzen nie so etwas gefühlt habe und alle Juden, mit denen ich in engere -oder auch nur flüchtige Berührung gekommen bin, dieses wissen, so weise -ich ein für allemal eine solche Beschuldigung, noch bevor ich auf die -Judenfrage näher eingehe, zurück, um es später nicht immer wieder tun zu -müssen. Beschuldigt man mich vielleicht deswegen des „Hasses“, weil ich -statt „Israelit“ „Jude“ sage? Erstens habe ich nicht geglaubt, daß -dieser Name kränken könnte, und zweitens habe ich mich seiner, soweit -ich mich erinnere, immer nur zur Bezeichnung einer bestimmten Idee -bedient: „Judentum, verjudet, jüdisch“ u. dgl. m. Es hat sich dabei -stets um einen gewissen Begriff, eine besondere Richtung, um die -Charakteristik irgendeiner Epoche gehandelt. Man könnte wohl über diese -Bezeichnung streiten und mit ihr nicht übereinstimmen, aber man kann -doch nicht das Wort als beabsichtigte Kränkung auffassen. - -Ich erlaube mir, einen Auszug aus dem sehr schönen Schreiben eines -äußerst gebildeten Israeliten anzuführen, das mich ungemein interessiert -hat: es enthält eine der charakteristischsten Anschuldigungen, die gegen -mich wegen meines „Hasses auf die Juden als Volk“ erhoben worden sind. - - ... nur Eines kann ich mir entschieden nicht erklären: das ist Ihr - Haß auf den „Juden“, der fast in jedem Heft Ihres „Tagebuches“ - durchbricht. - - Ich möchte gerne wissen, warum Sie sich nur gegen den Juden - auflehnen und nicht gegen den Ausbeuter im allgemeinen? Ich - verabscheue nicht weniger als Sie die Vorurteile meiner Nation – ich - habe nicht wenig unter ihnen gelitten –, doch niemals werde ich - zugeben, daß schon im Blute dieser Nation das gewissenlose Aussaugen - der anderen liege. - - Sollten _Sie_ denn wirklich nicht das Grundgesetz jedes sozialen - Lebens verstehen können: daß ohne Ausnahme _alle_ Bürger eines - Staates, wenn sie nur alle Pflichten ihm gegenüber erfüllen, auch an - _allen_ Rechten und an allen Vorteilen, die dieser Staat gewährt, - Anteil haben müssen, und daß für die Übertreter des Gesetzes, für - die schädlichen Mitglieder der Gesellschaft ein und dasselbe Gesetz - gelten muß? ... Warum müssen alle Israeliten in den Rechten - beschränkt werden, und warum werden sie nach besonderen - Strafgesetzen verurteilt? Wodurch ist die Ausbeutung durch die - Ausländer – die Juden sind doch immerhin russische Untertanen –: - durch die Deutschen, Engländer, Griechen, deren es in Rußland so - unzählige gibt, wodurch ist die besser als die jüdische Ausbeutung? - Wodurch sind die russischen rechtgläubigen Aufkäufer, Blutsauger, - Schmarotzer, Branntweinverkäufer, die betrügerischen Prozeßführer - für die Bauern, wie wir sie jetzt überall in Rußland finden können, - besser als dasselbe Handwerk betreibende Juden, die doch immer nur - ein begrenztes Feld der Tätigkeit haben? Warum ist dieser schlechter - als jener? - -Es folgt ein Vergleich zwischen bekannten berüchtigten Juden mit ähnlich -berüchtigten Russen, natürlich solchen, die ersteren in nichts -nachstehen. Was beweist das aber? Wir sind doch nicht stolz auf sie, -heben sie doch nicht als nachahmenswerte Beispiele hervor; im Gegenteil, -wir wissen ja alle, daß diese, wie jene, nicht ehrenwert sind. - - ... Solche Fragen könnte ich Ihnen zu Tausenden stellen. - Währenddessen verstehen Sie, wenn Sie vom „Juden“ sprechen, unter - diesem Begriff die ganze bettelarme Masse der drei Millionen - Israeliten Rußlands, von denen wenigstens zwei Millionen - neunhunderttausend einen verzweifelten Kampf um ihre elende Existenz - führen und doch sittlicher sind, ja, nicht nur sittlicher als die - anderen Völker, sondern auch sittlicher als das von Ihnen - vergötterte russische Volk. Ferner verstehen Sie unter diesem Namen - die ansehnliche Zahl derjenigen Israeliten, die eine höhere Bildung - genossen haben, die sich auf allen Gebieten des Staatswesens - auszeichnen, wie z. B. ... - -Hier folgen abermals mehrere Namen, die zu veröffentlichen ich nicht das -Recht zu haben glaube; denn mehreren von ihnen, außer Goldstein, könnte -es vielleicht unangenehm sein, zu erfahren, daß sie israelitischer -Herkunft sind. Dann fährt er fort: - - ... und Goldstein, der in Serbien für die slawische Idee den - Heldentod gefunden hat, und alle die anderen, die fürs Wohl der - Gesellschaft und der Menschheit arbeiten? Ihr Haß auf den „Juden“ - erstreckt sich sogar auf Disraeli, der wahrscheinlich selbst nicht - einmal weiß, daß er von spanischen Israeliten abstammt, und der die - englische konservative Politik selbstverständlich nicht vom - Standpunkt des „Juden“ leitet ... (?) - - Bedauerlicherweise kennen Sie nicht unser _Volk_, weder sein Leben, - noch seinen Geist, noch endlich seine vierzig Jahrhunderte alte - Geschichte. Bedauerlicherweise, sage ich, weil Sie jedenfalls ein - aufrichtiger, unbedingt ehrlicher Mensch sind, doch unbewußt der - riesigen Masse eines bettelarmen Volkes Schaden zufügen. Die - mächtigen „Juden“ jedoch, die die Mächtigen dieser Welt in ihren - Salons empfangen, fürchten natürlich weder die Presse noch selbst - die ohnmächtige Wut der Ausgebeuteten. Doch nun genug über dieses - Thema! Schwerlich werde ich Sie überzeugen können – wohl aber - wünschte ich sehr, daß Sie mich überzeugten ... - -Dieser Auszug dürfte genügen. Bevor ich jedoch etwas zu meiner -Verteidigung sage – denn solche Anschuldigungen kann ich nicht ruhig -hinnehmen – möchte ich noch auf die Wut des Angriffes und den Grad der -Empfindlichkeit hinweisen. Erstens, so lange wie mein „Tagebuch“ -erscheint, hat in ihm noch kein einziger Satz gegen den „Juden“ -gestanden, der einen so erbitterten Angriff rechtfertigen könnte. -Zweitens fällt es einem unwillkürlich auf, daß der verehrte Schreiber, -wenn er auf das russische Volk zu sprechen kommt, sich in seinen -Gefühlen nicht bezwingen kann und das arme russische Volk denn doch -etwas zu sehr von oben herab behandelt. Jedenfalls zeigt dieser Ingrimm -nur zu deutlich, mit welchen Augen die Juden selbst auf uns Russen -sehen. Der Schreiber dieses Briefes ist gewiß ein gebildeter und -begabter Mensch – nur glaube ich nicht, daß er auch ohne Vorurteile sei -–; was für Gefühle aber soll man nun noch von den zahllosen ungebildeten -Juden erwarten? Ich sage das nicht etwa als Beschuldigung: diese Gefühle -sind ja ganz natürlich. Ich will nur darauf hinweisen, daß an unserer -Unverschmelzbarkeit vielleicht nicht nur wir Russen die Schuld tragen, -sondern, daß es auf beiden Seiten Gründe gibt, die eine Vereinigung -ausschließen, – und noch fragt es sich, auf welcher Seite es solcher -Gründe _mehr_ gibt? - -Doch jetzt will ich einige Worte zu meiner Rechtfertigung sagen und -überhaupt klarlegen, wie ich mich zu diesem Problem stelle; natürlich – -es zu lösen, steht nicht in meiner Kraft, doch irgend etwas ausdrücken -werde auch ich vielleicht können. - - - _Pro_ und _contra_ - -Es mag vielleicht sehr schwer sein, hinter die vierzig Jahrhunderte alte -Geschichte eines Volkes, wie das der Juden, zu kommen – ich weiß es -nicht. Eines aber weiß ich bestimmt, nämlich, daß es in der ganzen Welt -kein zweites Volk gibt, das so über sein Schicksal klagt, so -ununterbrochen, bei jedem Schritt und jedem Wort, über seine -Erniedrigung, über sein Leiden, über sein Märtyrertum jammert, wie die -Juden. Man könnte ja wirklich denken, daß nicht sie in Europa herrschen. -Wenn sie es auch meinetwegen nur auf der Börse tun, so heißt das doch, -die Politik, die inneren Angelegenheiten, die Moral der Staaten -regieren. Mag auch der edle Goldstein für die slawische Idee gestorben -sein, – aber diese selbe „slawische“ Frage würde doch schon längst -zugunsten der Slawen und nicht zugunsten der Türken entschieden sein, -wenn die jüdische Idee in der Welt nicht so stark wäre. Ich bin bereit, -zu glauben, daß Lord Beaconsfield vielleicht selbst seine Herkunft von -einstmals spanischen Juden vergessen hat (oh, er wird sie bestimmt nicht -vergessen haben!); daß er aber im letzten Jahre die englische -„konservative“ Politik teilweise vom Standpunkt des Juden aus geleitet -hat, daran, glaube ich, kann man nicht mehr zweifeln. - -Doch nehmen wir an, daß alles bisher von mir über die Juden Gesagte noch -kein schwerwiegender Einwand ist – ich gebe es selbst zu. Trotzdem aber -kann ich dem Geschrei der Juden, daß sie so furchtbar erniedrigt und -gequält und verprügelt wären, doch nicht ganz widerspruchslos glauben. -Meiner Ansicht nach trägt der russische Bauer oder überhaupt das -niedrigere russische Volk noch viel größere Lasten, als die Juden sie zu -tragen haben. Im zweiten Brief schreibt mir derselbe Herr, aus dessen -erstem Schreiben ich vorhin schon einiges angeführt habe: - - ... Vor allen Dingen ist es _unbedingt notwendig_, uns Israeliten - alle Bürgerrechte zu gewähren (bedenken Sie doch bloß, daß uns jetzt - noch das allererste Recht verwehrt ist: die freie Wahl des - Aufenthaltsortes, woraus sich eine Menge furchtbarer Konsequenzen - für die große Masse der Israeliten ergeben), Bürgerrechte, wie sie - alle anderen fremden Völkerschaften in Rußland genießen, und dann - erst von uns die Erfüllung aller Pflichten dem Staate wie dem - russischen Volke gegenüber zu verlangen ... - -Doch nun bitte auch ich Sie, mein Herr, bloß zu bedenken, da Sie auf der -zweiten Seite dieses Briefes selbst schreiben, daß Sie „das schwer -arbeitende russische Volk unvergleichlich mehr lieben und bedauern als -das israelitische“ (was für einen Israeliten wohl etwas zuviel gesagt -ist), bedenken auch Sie doch, bitte, daß zur Zeit, da der Israelit -lediglich nicht das Recht hatte, sich seinen Aufenthaltsort frei zu -wählen, dreiundzwanzig Millionen des „schwer arbeitenden russischen -Volkes“ in der Leibeigenschaft zu leben und zu leiden hatten, was, wie -ich glaube, etwas schwerer war. Und wurden sie damals von den Israeliten -etwa bedauert? Ich glaube nicht: im Westen und Süden Rußlands wird man -Ihnen ausführlichst darauf Antwort geben. Auch damals schrien die Juden -ganz ebenso nach Rechten, die das russische Volk nicht einmal selbst -hatte, schrien und klagten, daß sie Märtyrer seien, und daß man erst -dann, wenn sie größere Rechte bekommen haben würden, von ihnen auch „die -Erfüllung aller Pflichten dem Staate wie dem russischen Volke gegenüber -verlangen“ könnte. Da kam nun der Befreier und befreite den russischen -Bauern, und – wer war der erste, der sich auf ihn wie auf sein Opfer -stürzte? – wer benutzte so vorzugsweise seine Schwächen und Fehler zu -eigenem Vorteil? – wer umspann ihn sofort mit seinem ewigen goldenen -Netz? – wer ersetzte im Augenblick, wo er nur konnte, die früheren -Herren, – nur mit dem Unterschied, daß die Gutsbesitzer, wenn sie die -Bauern auch stark ausbeuteten, doch darauf bedacht waren, ihre -Leibeigenen nicht, wie es der Jude tut, zugrunde zu richten, meinetwegen -aus Eigennutz, um ihre Arbeitskraft nicht zu erschöpfen! Was aber liegt -dem Juden an der Erschöpfung der russischen Kraft? Hat er das Seine, so -zieht er weiter. Ich weiß schon, die Juden werden, wenn sie dies lesen, -sofort losschreien, daß es nicht wahr, daß es eine Verleumdung sei, daß -ich löge, daß ich all diesen Klatschereien nur glaubte, weil ich ihre -„vierzig Jahrhunderte alte Geschichte“ nicht kenne, die Geschichte -dieser reinen Engel, die unvergleichlich „sittlicher sind, nicht nur als -die anderen Völker, sondern auch sittlicher als das von mir vergötterte -russische Volk“ – Zitat aus dem mir gesandten Briefe, siehe oben. Nun -schön, mögen sie hundertmal sittlicher sein als alle Völker der Erde, -vom russischen schon gar nicht zu reden, so habe ich doch vor kurzem -erst in der Märznummer des „Europäischen Boten“ die Nachricht gelesen, -daß in Nord-Amerika (in den südlichen Staaten) die Juden sich sofort auf -die befreiten Neger gestürzt haben und sie jetzt bereits ganz anders -beherrschen, als es die Plantagenbesitzer taten. Natürlich tun sie es -wieder auf ihre bekannte Art und Weise mit dem ewigen „goldenen Netz“, – -wobei sie sich wieder so trefflich der Unwissenheit und Laster des -auszubeutenden Volkes zu bedienen verstehen! Als ich das las, fiel mir -sogleich ein, daß ich diese Nachricht schon vor fünf Jahren erwartet -hatte: „Jetzt sind die Neger wohl von den Plantagenbesitzern befreit, -wie aber sollen sie in Zukunft unversehrt bleiben, denn dieses junge -Opferlamm werden doch die Juden, deren es ja so viele in der Welt gibt, -ganz zweifellos überfallen.“ Das dachte ich vor fünf Jahren, und ich -versichere Sie, ich habe mich nachher noch des öfteren gefragt: „Wie -kommt es nur, daß man aus Amerika nichts von den Juden hört, daß die -Zeitungen von den Negern nichts zu berichten haben? Diese Sklaven sind -doch ein wahrer Schatz für die Juden, sollten sie ihn wirklich ungehoben -lassen?“ Nun, er ist ihnen also glücklich nicht entgangen. Und vor zehn -Tagen las ich in der „Neuen Zeit“ einen Bericht aus Kowno, der auch -ungemein charakteristisch ist: „Die Juden,“ heißt es, „haben dort fast -die ganze litauische Bevölkerung durch den Branntwein zugrunde -gerichtet, und nur den katholischen Priestern ist es noch gelungen, die -Armen durch Hinweisung auf die Höllenqualen und durch Bildung von -Mäßigkeitsvereinen vor größerem Unglück zu bewahren.“ Der gebildete -Berichterstatter errötet zwar für sein Volk, das noch Priestern und an -Höllenqualen glaubt, und so fügt er denn hinzu, daß gleich nach den -Priestern sich auch die Reicheren zusammengetan haben, um Landbanken zu -gründen – um das Volk vom jüdischen Wucherer zu befreien –, und -Landmärkte, damit der „arme, schwerarbeitende Bauer“ die notwendigsten -Gegenstände zu angemessenem Preise kaufen könne, und nicht zu dem, den -der Jude bestimmt. Ich zitiere nur, was ich gelesen habe; doch weiß ich -schon im voraus, was man mir sofort zuschreien wird: „Alles das beweist -noch nichts und kommt nur daher, daß die Israeliten selbst arm und -unterdrückt sind; alles das ist bloß ‚Kampf ums Dasein‘ – was nur ein -beschränkter Zeitungsleser nicht einsehen kann – und die Israeliten -würden sich, wenn sie nicht selbst so arm, sondern im Gegenteil reich -wären, sofort von der humanen Seite zeigen, und zwar in solchem Maße, -daß die ganze Welt darüber in Erstaunen geriete.“ Aber, erstens, diese -Neger und Litauer sind doch noch ärmer als die Juden, von denen ihnen -das Letzte herausgepreßt wird, und doch verabscheuen sie – bitte, die -Zeitungskorrespondenz zu lesen – diese Art Handel, auf die der Jude so -erpicht ist. Zweitens ist es nicht schwer, human und moralisch zu sein, -wenn man selbst satt ist und im Warmen sitzt; zeigt sich aber ein wenig -„Kampf ums Dasein“, so „komm dem Juden nicht zu nah“! Meiner Meinung -nach ist das gerade kein Zug, der „wahren Engeln“ zusteht. Und drittens, -ich stelle ja diese beiden Nachrichten aus dem „Europäischen Boten“ und -der „Neuen Zeit“ keineswegs als kapitale und alles entscheidende -Tatsachen hin. Wollte man anfangen die Geschichte dieses Weltvolkes zu -schreiben, so könnte man sofort hunderttausend solcher und noch -wichtigerer Tatsachen finden, so daß zwei mehr oder weniger nichts zu -bedeuten hätten. Doch bei alledem ist eines auffallend: braucht jemand, -sei es im Streit oder sonst aus irgendeinem Grunde, eine Auskunft über -die Juden und ihre Taten, so gehe er nicht in die Bibliotheken, suche er -nicht in alten Büchern oder eigenen Notizen; nein, er strecke nur, ohne -sich vom Stuhl zu erheben, die Hand nach irgendeiner ersten besten -Zeitung, die neben ihm liegt, aus, und dann suche er auf der zweiten -oder dritten Seite: unbedingt wird er etwas finden, das von Juden -handelt, unbedingt gerade das, was ihn interessiert, unbedingt das -Allercharakteristischste und unbedingt immer dasselbe – d. h. immer die -gleichen Heldentaten! Man wird mir wohl zugeben: das hat doch irgend -etwas zu bedeuten, das weist doch auf etwas Bestimmtes hin, eröffnet -einem doch ein gewisses Etwas über dieses Volk, selbst wenn man ein -vollkommener Laie in der vierzig Jahrhunderte alten Geschichte dieses -Volkes ist!? Selbstverständlich wird man mir hierauf antworten, daß alle -vom Haß verblendet seien und infolgedessen lögen. Natürlich ist es sehr -leicht möglich, daß alle, bis auf den Letzten, lügen, doch erhebt sich -dann sofort eine andere Frage: wenn alle bis auf den Letzten von so -einem Haß beseelt sind, daß sie sogar lügen, so muß doch dieser Haß auch -einen Grund, eine Ursache haben, und irgend etwas muß doch dieser -allgemeine Haß bedeuten – „irgend etwas bedeutet doch das Wort -‚_Alle_‘!“, wie einstmals Belinski ausrief. - -„Freie Wahl des Aufenthaltsortes!“ Können sich denn die unbemittelten -Russen so vollkommen frei ihren Aufenthaltsort wählen? Leidet denn der -russische Bauer nicht heute noch unter den früheren, aus der Zeit der -Leibeigenschaft gebliebenen unerwünschten Freiheitsbeschränkungen in der -Wahl seines Aufenthaltsortes, so daß selbst die Regierung dem schon -längst ihre Aufmerksamkeit zugewendet hat? Und was die Juden betrifft, -so kann sich ein jeder davon überzeugen, daß ihre Rechte in dieser -Beziehung im Laufe der letzten zwanzig Jahre bedeutend vergrößert worden -sind. Wenigstens sieht man sie jetzt in Rußland in Gouvernements, wo man -sie früher nie gesehen hat. Aber die Juden klagen ja immer über Haß und -Verfolgungen. Wenn ich auch die jüdische Lebensweise nicht kenne, eines -jedoch weiß ich bestimmt und werde es daher allen gegenüber bezeugen: -daß in unserem einfachen Russen ein apriorischer, stumpfer, religiöser -Haß, in dem Sinne wie: „Judas hat Christus verkauft“, nicht vorhanden -ist. Hört man dies auch einmal vielleicht von Kindern oder Betrunkenen, -so sieht doch unser ganzes Volk, ich wiederhole es, ohne jeglichen -voreingenommenen Haß auf die Juden. Davon habe ich mich fünfzig Jahre -lang selbst überzeugen können. Ich habe mit dem Volk in ein und -denselben Kasernen gelebt, auf denselben Pritschen geschlafen. Es waren -dort auch einige Juden: niemand hat sie verachtet, niemand sie -ausgestoßen oder verfolgt. Wenn sie beteten – und die Juden beten mit -großem Geschrei und ziehen sich dazu besondere Kleider an – so hat -niemand das sonderbar gefunden, noch sie gestört oder über sie gelacht, -was man doch gerade von einem, nach unserer Meinung so „ungebildeten“ -Volke, wie das russische, erwarten könnte. Im Gegenteil, sie sagten, -wenn sie die Juden beten sahen: „Sie beten so, weil sie so einen Glauben -haben,“ und ruhig, ja fast billigend, gingen sie an ihnen vorüber. Und -diese selben Juden taten diesen selben Russen gegenüber fremd, wollten -nicht mit ihnen zusammen essen und sahen auf sie fast von oben herab; -und das an welch einem Ort? – im sibirischen Gefängnis! – Überhaupt -zeigten sie überall Widerwillen und Ekel vor dem russischen, dem -„eingeborenen“ Volke. Dasselbe geschieht auch in den Soldatenkasernen -und überall in ganz Rußland. Man erkundige sich doch, ob der Jude in der -Kaserne als „Jude“, seines Glaubens, seiner Sitten wegen beleidigt wird? -Ich kann versichern: in den Kasernen wie überhaupt im Leben sieht und -begreift der einfache Russe nur zu gut, daß der Jude mit ihm nicht essen -will, daß er ihn verabscheut und ihn meidet, soviel er nur kann (das -geben ja die Juden sogar selbst zu). Nun, und? – Anstatt sich durch -solches Benehmen gekränkt zu fühlen, sagt der einfache Russe ruhig und -vernünftig: „Das tut er, weil er solch einen Glauben hat,“ – d. h. nicht -etwa weil er böse ist. Und nachdem er diesen tieferen Grund eingesehen, -entschuldigt er ihn von ganzem Herzen. Nun habe ich mich aber zuweilen -gefragt: was würde wohl geschehen, wenn in Rußland 3 Millionen Russen -und, umgekehrt, 80 Millionen Juden wären, was würden dann die Letzteren -aus den Russen machen, wie würden sie dann diese behandeln? Würden sie -ihnen auch nur annähernd die gleichen Rechte geben? Würden sie ihnen -erlauben, so zu beten, wie sie wollen? Würden sie sie nicht einfach zu -Sklaven machen? Oder, noch schlimmer: würden sie ihnen dann nicht das -Fell mitsamt der Haut abziehen? Würden sie sie nicht vollständig -ausrotten, nicht ebenso vernichten, wie sie es früher in ihrer alten -Geschichte mit anderen Völkerschaften getan? Nein, ich versichere Sie, -im russischen Volk ist kein vorurteilsvoller Haß auf den Juden. Es ist -aber vielleicht eine Antipathie gegen ihn vorhanden, besonders in -gewissen Gegenden, und dort ist sie vielleicht sogar sehr stark. Ohne -sie scheint es nun einmal nicht zu gehen, doch beruht diese Abneigung -durchaus nicht auf irgendeinem Rassen- oder Religionshaß, sondern auf -gewissen Tatsachen, an denen aber nicht das russische Volk schuld ist, -sondern der Jude selbst. - - - _Status in statu._ - - Vierzig Jahrhunderte geschichtliches Dasein - -Die Juden beschuldigen uns des Hasses gegen sie und dazu noch eines -Hasses aus Vorurteilen. Da also von Vorurteilen die Rede ist, will ich -zuerst fragen: hat der Jude gegen den Russen etwa weniger Vorurteile als -der Russe gegen den Juden? – oder sollte er ihrer nicht doch noch mehr -haben? Ich habe Briefe von Juden erhalten, und zwar nicht von einfachen, -sondern von gebildeten Juden – und wieviel Haß gegen die „autochthone -Bevölkerung“ ist doch in diesen Briefen! Das auffallendste aber – sie -bemerken es selbst nicht einmal, daß sie gehässig schreiben. - -Ein Volk, das vierzig Jahrhunderte auf der Erde existiert, also fast -seit dem Anfang der historischen Zeitordnung, und noch dazu in einem so -festen und unzerstörbaren Zusammenhang, ein Volk, das so oft sein Land, -seine politische Unabhängigkeit, seine Gesetze, wenn nicht gar seinen -Glauben verloren hat, – und sich noch jedesmal wieder vereinigen, sich -in der _früheren Idee_ wiedergebären, sich Gesetze und fast auch den -Glauben von neuem hat schaffen können, – nein, ein so zähes Volk, ein so -ungewöhnlich starkes, energisches, solch ein in der ganzen Welt -beispielloses Volk hat nicht ohne _status in statu_ leben können. Und -diesen _status_ hat es überall und während der schrecklichsten -tausendjährigen Verfolgungen aufrechterhalten. Doch ich will hier -keineswegs, indem ich vom _status in statu_ rede, eine Anklage gegen die -Juden erheben. Ich frage nur: worin besteht denn dieser _status in -statu_, worin seine ewige, unveränderliche Idee, und worin das Wesen -dieser Idee? Allerdings lassen sich Fragen von solcher Größe nicht in -einem kurzen Artikel genügend auseinandersetzen, abgesehen davon, daß -dies auch aus einem anderen Grunde ganz unmöglich wäre: noch ist die -_Zeit_ für das endgültige Urteil über dieses Volk nicht gekommen, trotz -der verflossenen vierzig Jahrhunderte; noch steht das letzte Wort aus, -das die Menschheit über dieses mächtige Volk zu sagen hat. Aber auch -ohne in das Wesen der Sache einzudringen, kann man doch wenigstens -einige, wenn auch nur äußerliche Kennzeichen dieses _status in statu_ -angeben. Diese Kennzeichen sind: die bis zum religiösen Dogma erhobene -Absonderung und Abgeschlossenheit von allem, was nicht Judentum ist, und -die Unverschmelzbarkeit mit anderen Völkern, der Glaube, daß es in der -ganzen Welt nur ein einziges persönliches Volk gibt – die Juden –, und -die Überzeugung, die anderen Völker, wenn sie auch vorhanden sind, doch -so behandeln zu müssen, als ob sie nicht vorhanden wären. „Scheide dich -aus von den Völkern und bilde deine Besonderheit und wisse, daß du von -nun ab _allein bei Gott_ bist. Die anderen vernichte oder mache sie zu -deinen Sklaven oder beute sie aus. Glaube an deinen Sieg über die ganze -Welt, glaube, daß alles dir untertan sein wird. Alle anderen Völker -sollst du verabscheuen und mit keinem von ihnen Umgang pflegen. Und -selbst wenn du dein Land und deine politische Persönlichkeit verlierst, -selbst wenn du über die ganze Erde hin unter alle Völker verstreut sein -wirst – gleichviel: glaube an all das, was dir verheißen ist, ein für -allemal, glaube, daß es also geschehen werde, – inzwischen aber lebe, -verachte, beute aus und – erwarte, erwarte, erwarte ...“ Das ist die -Quintessenz dieses _status in statu_. Außerdem gibt es natürlich noch -innere und geheime Gesetze, die diese Idee lebendig erhalten. - -Sie sagen, meine gebildeten Herren Israeliten und Gegner, daß dieses -nichts als Unsinn sei, und: „... Wenn es auch einen _status in statu_ -gibt, – das heißt, selbstverständlich: früher einmal einen gegeben hat, -von dem jetzt vielleicht noch schwache Spuren vorhanden sein mögen, – so -haben einzig die Verfolgungen aller Zeiten und besonders des -Mittelalters zu ihm geführt; folglich ist dieser _status in statu_ -ausschließlich aus dem Trieb der Selbsterhaltung entstanden; setzt er -sich auch heute noch fort, besonders in Rußland, so geschieht das nur, -weil der Israelit hier noch nicht dieselben Rechte genießt wie der -Russe.“ Ich aber glaube, daß er, selbst wenn er die gleichen Rechte -hätte, doch auf keinen Fall seinem _status in statu_ entsagen würde. Den -_status in statu_ nur den Verfolgungen und dem Selbsterhaltungstrieb -zuzuschreiben, geht meiner Meinung nach nicht an. Die Widerstandskraft -zur Selbsterhaltung würde dann doch nie und nimmer für ganze vierzig -Jahrhunderte ausgereicht haben. Selbst die größten und stärksten -Kulturen haben sich nicht einmal durch die Hälfte von vierzig -Jahrhunderten erhalten können und haben ihre politische Kraft und -selbständiges Volkstum in noch kürzerer Zeit eingebüßt. Hier ist nicht -die Selbsterhaltung die erste Ursache, sondern eine Idee, die mit sich -fortreißt, die leitet und erhält; hier handelt es sich um etwas -Weltbeherrschendes und Ewiges, worüber das „letzte Wort“ zu sagen die -Menschheit vielleicht noch gar nicht fähig ist. Daß der religiöse -Charakter in dieser Idee das Übergewicht hat – darüber kann kein Zweifel -bestehen. Es ist doch klar, daß der Fürsorger dieses Volkes unter dem -Namen des früheren alten Jehova fortfährt, mit seinem Ideal und seiner -Verheißung sein Volk zum festen Ziele zu führen. Es ist ja ganz -unmöglich, wiederhole ich, sich einen Juden ohne Gott vorzustellen, oh, -und ich glaube auch nicht an gebildete jüdische Atheisten: alle sind sie -eines Wesens, und Gott weiß, was der Welt von der jüdischen Intelligenz -noch bevorsteht! Als Kind habe ich oft von den Juden sagen hören, daß -sie auch jetzt noch unverzagt ihren Messias erwarten, alle, wie der -niedrigste so der höchste von ihnen, der gelehrteste Philosoph wie der -kabbalistische Rabbiner; daß sie alle glauben, ihr Messias werde sie -wieder in Jerusalem versammeln und alle Völker mit seinem Schwerte zu -ihren Füßen legen; daß nur aus diesem Grunde die Juden – wenigstens in -ihrer übergroßen Mehrzahl – bloß eine einzige Arbeit allen anderen -vorzögen: den Handel mit Gold und mit allem, was sich schnell in Gold -verwandeln läßt –, und daß sie dies nur deshalb täten, hieß es, um -dereinst, wenn der Messias kommt, kein neues Vaterland zu haben, nicht -durch Besitz an das Land Fremder gebunden zu sein, sondern ihr Hab und -Gut in Gold und Wertsachen mit sich führen zu können – - - „Wenn erglänzt das Licht der Morgenröte - Und Cinellen, Cymbeln, Pauken und Schalmeien tönen – - Dann bringen wir nach Palästina - In den alten Tempel unsres Gottes - Alle Schätze, die wir haben: - Edelsteine, Gold und Silber“ ... - -Ich habe das als Legende gehört, doch bin ich fest überzeugt, daß dieser -Glaube unbedingt vorhanden ist, vielleicht nicht bewußt im einzelnen, -wohl aber in Gestalt eines instinktiven, unbezwingbaren Triebes in der -ganzen Masse der Juden. Damit aber ein solcher Glaube lebendig bleibe, -ist es natürlich erforderlich, daß der _status in statu_ aufs strengste -erhalten werde. Und so wird er denn erhalten. Folglich ist und war nicht -nur die Verfolgung die Ursache des _status in statu_, sondern – die -_Idee_ ... - -Haben aber die Juden wirklich solch ein besonderes inneres, strenges -Gesetz, das sie zu etwas Ganzem und Besonderem zusammenbindet, so kann -man ja noch über die Frage, ob man ihnen die volle Gleichberechtigung -mit dem eigenen Volke geben soll, nachdenken. Selbstverständlich muß -alles, was Menschlichkeit und Gerechtigkeit verlangen, für die Juden -getan werden. Doch wenn sie in ihrer vollen Rüstung und Eigenart, in -ihrer nationalen und religiösen Absonderung, im Schutze ihrer Regeln und -Prinzipien, die den Grundsätzen, nach denen sich bis jetzt die ganze -europäische Welt entwickelt hat, so durchaus entgegengesetzt sind, – -wenn sie bei alledem noch die vollständige Gleichberechtigung mit der -autochthonen Bevölkerung in _allen möglichen_ Rechten verlangen: bekämen -sie dann nicht, wenn man sie ihnen gewähren würde, bereits mehr als das, -was das autochthone Volk selbst hat, etwas, was sie _über_ letzteres -stellen würde? Hierauf wird man natürlich auf die anderen Fremdvölker in -Rußland hinweisen: „Die sind gleichberechtigt oder doch so gut wie -gleichberechtigt, wir Israeliten aber haben von allen Fremdvölkern die -geringsten Rechte, und das nur, weil man uns fürchtet, weil wir Juden, -wie es heißt, schädlicher als alle anderen Fremdvölker sein sollen. Doch -wodurch sind denn gerade wir Israeliten schädlich? Wenn unser Volk auch -einige schlechte Eigenschaften haben mag, so hat es sie doch nur, weil -das russische Volk selbst zur Entwicklung dieser Eigenschaften beiträgt, -und zwar einfach durch seine eigene Unwissenheit, durch seine Unbildung, -durch seine Unfähigkeit, selbständig zu sein, durch seine geringe -ökonomische Begabung. Das russische Volk verlangt ja selbst nach einem -Vermittler, einem Leiter, einem Vormund in den Geschäften, einem -Gläubiger, ruft ihn selbst und verkauft sich ihm freiwillig! Seht doch, -wie es in Europa ist: dort haben die Völker einen festen und -selbständigen Willen, eine starke nationale Entwicklung und Verständnis -für die Arbeit, an die sie von jeher gewöhnt sind – dort fürchtet man -sich auch nicht, den Israeliten dieselben Rechte zu geben! Hört man etwa -in Frankreich von einem Schaden, den der _status in statu_ der dortigen -Israeliten der französischen Nation verursachte?“ - -Allem Anschein nach ein starker Einwand; aber geht aus ihm nicht hervor, -daß die Juden es gerade dort gut haben, wo das Volk noch unwissend ist -oder unfrei oder wirtschaftlich wenig entwickelt, – daß es für sie also -gerade dort vorteilhaft ist, zu leben? Anstatt nun durch ihren Einfluß -das Niveau der Bildung zu heben, das Wissen zu verbreiten, die -wirtschaftlichen Fähigkeiten in der eingeborenen Bevölkerung zu -entwickeln, wie es die anderen Fremdvölker tun, haben die Juden überall, -wo sie sich niedergelassen, das Volk noch mehr erniedrigt und verdorben, -überall dort ist die Menschheit noch niedergebeugter, und ist das Niveau -der Bildung noch tiefer gesunken, hat sich noch schrecklicher -aussichtslose, unmenschliche Armut verbreitet, und mit ihr die -Verzweiflung. Man frage doch in unseren Grenzgebieten die eingeborene -Bevölkerung, was die Juden treibt, und was sie so viele Jahrhunderte -hindurch getrieben hat? Man wird nur eine einzige Antwort erhalten: „Die -_Unbarmherzigkeit_! ... Getrieben hat sie so viele Jahrhunderte bloß -ihre Gier, sich an unserem Schweiß und Blut zu sättigen.“ Die ganze -Tätigkeit der Juden in unseren Grenzgebieten hat bloß darin bestanden, -daß sie die eingeborene Bevölkerung in eine rettungslose -Abhängigkeit von sich gebracht haben, und zwar unter einer wirklich -bewunderungswürdigen Ausnutzung der Verhältnisse. Oh, in solchen -Angelegenheiten haben sie es immer verstanden, die Möglichkeit zu -finden, über _Rechte_ zu verfügen. Sie haben es immer verstanden, gut -Freund mit denen zu sein, von denen das Volk abhängt; in dieser -Beziehung wenigstens sollten sie doch über ihre _geringen Rechte im -Verhältnis zum russischen Volke_ nicht klagen. Sie haben ihrer bei uns -schon übergenug –, dieser Rechte über das russische Volk! Was in den -Jahrzehnten und Jahrhunderten aus dem russischen Volke dort geworden -ist, wo die Juden sich niedergelassen haben – davon zeugt die Geschichte -unserer russischen Grenzgebiete. Bitte jetzt irgendein anderes Volk von -den Fremdvölkern Rußlands zu nennen, das sich in dieser Beziehung mit -den Juden messen könnte? Man wird keines finden. In dieser Beziehung -behaupten die Juden ihre ganze Originalität, im Vergleich zu den anderen -Fremdvölkern Rußlands, und die Erklärung dieser Tatsache ist natürlich -in diesem ihrem _status in statu_ zu suchen, dessen Wesen gerade diese -Unbarmherzigkeit allem gegenüber, was nicht Jude ist, gerade diese -Verachtung jedes Volkes und jeder Rasse und jedes menschlichen Wesens, -das nicht Jude ist, ausmacht. Und was ist denn das für eine -Rechtfertigung, daß im Westen Europas die Völker sich nicht haben -besiegen lassen, und daß somit das russische Volk selbst die Schuld -daran trägt, wenn der Jude es knechtet? Weil das russische Volk in den -Grenzgebieten sich schwächer als die europäischen Völker erwiesen hat – -infolge seiner schrecklichen, viele Jahrhunderte langen politischen -Darniederlage –, nur deswegen soll man es also endgültig durch -Ausbeutung erwürgen, anstatt ihm zu helfen? - -Und im übrigen – da sie auf Europa, auf Frankreich z. B., hinweisen: -auch dort ist dieser _status in statu_ wohl kaum so unschädlich gewesen, -wie es anfänglich scheinen mag. Das Christentum und seine Idee sinken -dort natürlich nicht durch die Schuld der Juden, sondern durch jener -Völker eigene Schuld, doch nichtsdestoweniger kann man auch in Europa -auf einen großen Sieg des Judentums, das viele früheren Ideen schon -durch seine Idee verdrängt hat, hinweisen. Oh, selbstverständlich hat -der Mensch zu allen Zeiten den Materialismus vergöttert und ist immer -geneigt gewesen, die Freiheit bloß in der Sicherstellung seiner selbst -durch „aus allen Kräften angesammeltes und mit allen Mitteln erhaltenes -Geld“ zu sehen und zu verstehen. Doch noch niemals sind diese -Bestrebungen so offen und so dogmatisch zum höchsten Prinzip erhoben -worden, wie in unserem neunzehnten Jahrhundert. „Jeder für sich und nur -für sich und alle Gemeinschaft zwischen den Menschen einzig für mich“ – -das ist das moralische Prinzip der Mehrzahl der heutigen Menschen[38] -und nicht einmal schlechter, sondern arbeitender Menschen, die weder -morden noch stehlen. Und die Unbarmherzigkeit zu den niedrigeren Massen, -der Verfall der Brüderlichkeit, die Ausnutzung des Armen durch den -Reichen – oh, natürlich ist das auch früher schon und überhaupt immer -gewesen, aber – aber es ward doch nicht zu einer Wahrheit und -Weltanschauung, sondern ist vom Christentum stets bekämpft worden! Jetzt -aber wird es im Gegenteil zur Tugend erhoben! So darf man wohl annehmen, -es sei nicht einflußlos geblieben, daß an den Börsen dort allenthalben -Juden herrschen, daß nicht umsonst _sie_ die Kapitale lenken, nicht -umsonst _sie_ die Kreditgeber, und nicht umsonst, ich wiederhole es, -_sie_ die Beherrscher der ganzen internationalen Politik sind! - -Und das Ergebnis: ihr Reich nähert sich, ihr volles Reich! Es beginnt -der Triumph der Ideen, vor denen die Gefühle der Menschenliebe, der -Wahrheitsdurst, die christlichen und die nationalen Gefühle, und sogar -der Rassen_stolz_ der europäischen Völker sich beugen. Der Materialismus -triumphiert, die blinde, gefräßige Begierde nach _persönlicher_ -materieller Versorgung, die Gier nach persönlichem Zusammenscharren des -Geldes, und – der Zweck heiligt das Mittel –: all das wird als höchstes -Ziel anerkannt, als das Vernünftige, als Freiheit, an Stelle der -christlichen Idee der Rettung einzig durch engste ethische und -brüderliche Vereinigung der Menschen. Man wird hierauf vielleicht -lachend erwidern, daß das keineswegs durch die Juden so gekommen sei. -Natürlich nicht durch die Juden allein; doch wenn die Juden in Europa -gerade seit der Zeit – da diese neuen Grundsätze dort den Sieg -davongetragen – die Oberhand gewinnen und gedeihen, sogar in dem Maße, -daß ihre Grundsätze zum moralischen Prinzip erhoben werden, so kann man -doch wohl sagen, daß das Judentum einen großen Einfluß gehabt hat. Meine -Gegner weisen immer daran hin, daß die Juden im Gegenteil arm sind, und -zwar überall, in Rußland nur noch ganz besonders; daß nur der kleine -Wipfel dieses Volksbaumes reich ist, die Bankiers und die Könige der -Börsen, von den übrigen aber fast neun Zehntel buchstäblich Bettler -sind, die sich für ein Stück Brot zerreißen und Maklerdienste tun, um -eine Kopeke zu erhaschen. Ja, das ist wahr, doch was sagt das -schließlich? Sagt das nicht gerade, daß sogar in der Arbeit der Juden, -daß sogar in ihrer ausbeutenden Tätigkeit selbst etwas Unrechtes, -Unnormales, etwas Unnatürliches ist, das seine Strafe bereits in sich -trägt? Der Jude verdient durch Vermittlergeschäfte, er – handelt mit -fremder Arbeit. Ein Kapital ist angesammelte Arbeit; der Jude schlägt -sein Kapital aus fremder Arbeit! Doch all das ändert bis jetzt noch -nichts an dem Gesagten: dafür erobern die reichen Juden immer mehr die -Herrschaft über die Menschheit und streben immer eifriger darnach, der -Welt ihr jüdisches Antlitz aufzudrücken und ihr jüdisches Wesen zu -verleihen. Spricht man über diese Eigenschaft der Juden, so sagen sie -immer, auch unter ihnen gäbe es gute Menschen. Herrgott! Handelt es sich -denn hier etwa darum? Ich spreche doch in diesem Fall nicht von _guten_ -oder _schlechten_ Menschen. Und gibt es unter den Juden nicht -gleichfalls gute? War denn der verstorbene James Rothschild etwa ein -schlechter Mensch? Ich spreche doch nur im allgemeinen vom _Judentum_ -und von der _jüdischen Idee_, die die ganze Welt ergreift, an Stelle des -„mißlungenen“ Christentums. - - - Doch es lebe die Brüderlichkeit! - -Aber – was rede ich eigentlich, und wozu? Oder bin ich vielleicht -wirklich ein Judenhasser? Sollte es doch wahr sein, was mir eine -zweifellos gebildete und edle junge Israelitin schreibt – bin ich -wirklich, wie sie sagt, ein Feind dieses „unglücklichen“ Volkes, das ich -„bei jeder Gelegenheit grausam angreife“? „Ihre Verachtung für das -jüdische Volk, das an nichts anderes als an sich selbst denkt, wie Sie -sagen,“ schreibt sie mir, „ist nur zu augenscheinlich“. – Nein, gegen -diese Augenscheinlichkeit lehne ich mich auf und bestreite sie. Im -Gegenteil, ich sage und schreibe gerade, daß „alles, was Menschlichkeit -und Gerechtigkeit verlangen, alles, was die Gebote Christi von uns -fordern, für die Juden getan werden muß“. Diese Worte habe ich schon -einmal geschrieben und jetzt füge ich nur noch hinzu: ja, trotz aller -Bedenken, die von mir ausgesprochen worden sind, bin ich doch für die -größte Erweiterung der Rechte unserer Juden in der russischen -Gesetzgebung und, wenn es nur durchführbar ist, auch für die vollste -Gleichheit der Rechte mit denen der eingeborenen Bevölkerung – NB. -obgleich sie schon jetzt vielleicht mehr Rechte haben, oder richtiger, -mehr _Möglichkeiten, sich ihrer zu bedienen_, als das eingeborene Volk -selbst. Hier geht mir nun wieder etwas anderes durch den Sinn: wenn -unsere Dorfgemeinde, die unseren armen Bauern vor so viel Bösem -bewahrt[39] aus irgendeinem Grunde ins Wanken und Zerbröckeln käme – -wie, wenn dann diesen befreiten Bauer, der so unerfahren ist und so -wenig der Verführung zu widerstehen weiß, und den bis jetzt gerade die -Dorfgemeinde bevormundet hat, die Juden überfielen – was dann? Dann -würde es ja mit ihm einfach zu Ende sein, dann hätte er im Augenblick -alles verloren: sein ganzes Eigentum, seine ganze Kraft würde dann schon -am nächsten Tage in die Hände der Juden übergehen – und dann käme eine -Zeit, die man nicht nur mit der Zeit der Leibeigenschaft vergleichen -könnte, sondern eher mit der des Tatarenjoches. - -Doch abgesehen von allem, was mir in den Sinn kommt und was ich -geschrieben habe, bin ich für ihre vollständige Gleichstellung in den -Rechten, – denn also will es das Gebot Christi. Wozu aber habe ich dann -so viele Seiten geschrieben, was habe ich sagen wollen, wenn ich mir so -_widerspreche_? Gerade das habe ich sagen wollen, daß ich mir nicht -widerspreche, daß ich russischerseits kein Hindernis für die Erweiterung -der jüdischen Rechte sehe. Nur behaupte ich, daß es solcher Hindernisse -weit mehr auf der Seite der Juden selbst gibt; und wenn sie bis jetzt -noch nicht gleichberechtigt sind, so trägt der Russe weniger Schuld -daran als der Jude selbst. Denn gleichwie der einfache Jude mit Russen -weder zusammen essen noch mit ihnen verkehren will, und diese sich -darüber nicht nur nicht ärgern, sondern es sofort begreifen und -verzeihen („das tut er bloß, weil er solch einen Glauben hat“), ebenso -sehen wir auch im intelligenten, gebildeten Juden ungemein häufig -dasselbe maßlose und hochmütige Vorurteil gegen uns Russen. Oh, man höre -nur, wie sie schreien, daß sie die Russen liebten! Einer von ihnen -schrieb mir sogar, es bereite ihm großen Kummer, daß das russische Volk -„keine Religion hat und sich unter seinem Christentum nichts denkt“! Das -ist wohl etwas zu weit gegangen für einen Juden, und es erhebt sich da -nur die Frage: was versteht denn dieser hochgebildete Israelit selber -vom Christentum? Dieser Eigendünkel und Hochmut ist für uns Russen eine -der am schwersten zu ertragenden Eigenschaften des jüdischen Charakters. -Wer ist von uns unfähiger, den anderen zu verstehen: der Jude oder der -Russe? Ich rechtfertige eher den Russen: der Russe hat wenigstens keinen -religiösen Haß auf den Juden – entschieden nicht! Die anderen Vorurteile -aber – wer hat davon mehr? Da schreien nun die Juden, daß sie so viele -Jahrhunderte lang verfolgt und unterdrückt worden seien, es sogar jetzt -noch seien, und daß der Russe dies zum mindesten in Betracht ziehen -müsse, wenn er den jüdischen Charakter beurteilt. Gut, wir ziehen es -auch in Betracht, was wir sofort beweisen können: in der intelligenten -Schicht des russischen Volkes haben sich mehr als einmal Männer erhoben, -die für die Rechte der Juden eingetreten sind. Was aber tun die Juden? -Ziehen sie etwa die langen Jahrhunderte der Unterdrückung und -Verfolgung, die das russische Volk ertragen hat, in Betracht, wenn sie -die Russen anklagen? Wäre es möglich, zu behaupten, daß unser Volk -weniger Leid und Elend erfahren hätte als die Juden, gleichviel wann und -wo? Und wäre es möglich, gleichfalls zu behaupten, daß es _nicht_ der -Jude gewesen ist, der sich mehr als einmal mit den Unterdrückern des -russischen Volkes vereinigte – daß nicht er zur Zeit der Leibeigenschaft -den russischen Bauern aufkaufte und somit sein unmittelbarer Beherrscher -war? Das ist doch wahr, ist doch Geschichte, unbestreitbare Tatsache! -Doch noch nie haben wir gehört, daß das jüdische Volk darüber Reue -empfände; es klagt immer nur den russischen Bauern an und wirft ihm vor, -daß er den Juden wenig liebe. - -Einmal wird volle und geistige Einheit unter den Menschen herrschen, und -es wird kein Unterschied in den Rechten mehr bestehen. Darum bitte ich -meine Herren Israeliten-Gegner und -Korrespondenten vor allem, doch auch -uns Russen gegenüber nachsichtiger und gerechter zu sein. Ist der -Hochmut der Juden, ihr ewiger „mäkelnder Widerwille“ der russischen -Rasse gegenüber nur ein Vorurteil, ein „historischer Auswuchs“, und -_verbirgt sich darunter nicht irgendein viel tieferes Geheimnis ihrer -Gesetze oder ihres Wesens_ – so wird sich all das nur um so früher -zerstreuen, und wir werden uns einmütig in guter Brüderlichkeit -zusammentun zu gegenseitigem Beistand und für die große Sache: unserer -Erde, unserem Staate und unserem Vaterlande zu dienen! Die gegenseitigen -Anklagen werden allmählich aufhören, und damit wird auch die Ausnutzung -dieser Anklagen, die das klare Verständnis der Dinge verhindern, -verschwinden. Für das russische Volk kann man bürgen: oh, es wird dem -Juden die größte Freundschaft entgegenbringen, trotz des -Glaubensunterschiedes, und doch wird es volle Achtung für die -historische Tatsache dieses Unterschiedes bewahren. Trotzdem aber ist zu -einer vollständigen Brüderlichkeit – _Brüderlichkeit beiderseits -erforderlich_. Also möge doch der Jude wenigstens ein wenig brüderliche -Gefühle zeigen, um den Russen zu ermutigen. Ich weiß, daß es unter den -Juden auch jetzt schon viele gibt, die sich nach der Beseitigung der -Mißverständnisse sehnen und wirklich äußerst menschenfreundlich sind – -ich will die Wahrheit nicht verschweigen. Und eben damit diese -nützlichen und menschenfreundlichen Leute nicht den Mut verlieren, ihre -Vorurteile ein wenig abzuschwächen und damit den Anfang der Sache zu -erleichtern, wünschte ich die Erweiterung der Rechte des jüdischen -Volkes, wenigstens soweit sie möglich ist: eben soweit das jüdische Volk -die Fähigkeit beweist, sich dieser Rechte zu bedienen, _ohne daß die -eingeborene Bevölkerung darunter zu leiden hat_. Nur eines fragt sich -noch: werden diese tapferen und guten Israeliten auch viel erreichen, -und inwieweit sind sie selbst befähigt zu der neuen schönen Aufgabe der -_wirklichen_ brüderlichen Vereinigung mit Menschen, die ihnen dem -Glauben und dem Blute nach fremd sind? - - - Die Beerdigung des Allmenschen - -Ich hatte eigentlich die Absicht, mich über sehr vieles in dieser -Märznummer meines „Tagebuches“ auszusprechen; doch nun ist es wieder -geschehen, daß ich über ein einziges Thema, über das ich nur einige -Worte hatte sagen wollen, ganze Seiten geschrieben habe. So nehme ich -mir, zum Beispiel, immer vor, etwas über Kunst zu sagen! Auch wollte ich -über das neueste Bild Semiradskis sprechen – nur ein wenig –, und vor -allen Dingen über den Idealismus und den Realismus in der Kunst, über -Repin und Raphael; aber das werde ich noch aufschieben müssen. Und wie -lange nehme ich mir schon vor, über die Briefe, besonders die anonymen, -die ich so oft erhalte, zu schreiben! - -Nun aber will ich doch einen Brief anführen, keinen anonymen, sondern -einen von einer mir sehr gut bekannten Dame, Fräulein L., einer jungen -Jüdin, deren Bekanntschaft ich in Petersburg gemacht habe. -Sonderbarerweise haben wir kein einziges Mal über die „Judenfrage“ -gesprochen, obgleich sie eine strenge und ernste Israelitin zu sein -scheint. Wie ich sehe, hat ihr Brief eine Beziehung zu dem heute von mir -geschriebenen Kapitel über die Juden. Es wäre vielleicht zuviel über -dasselbe Thema, doch hier handelt es sich um etwas anderes: der Brief -zeigt eine ganz andere Seite der Frage, vielleicht die entgegengesetzte, -und außerdem enthält er geradezu einen Hinweis auf die Lösung des -Problems. Ich hoffe, Fräulein L. wird mir verzeihen, wenn ich hier jenen -Teil ihres Briefes wörtlich wiedergebe, der von der Beerdigung des -Doktors Hindenburg in M. handelt. Unter dem frischen Eindruck dieser -Beerdigung hat sie so aufrichtige und in ihrer Wahrheit so rührende -Worte gefunden. Ich will nochmals hervorheben, daß dieser Brief von -einer Jüdin geschrieben ist, daß diese Gefühle – Gefühle einer Jüdin -sind ... - - „Ich schreibe Ihnen unter dem tiefen Eindruck des Trauermarsches. - Der 84jährige Doktor Hindenburg ist heute beerdigt worden. Da er - Protestant war, wurde er zuerst in der lutherischen Kirche - aufgebahrt, und von dort aus erfolgte dann die Überführung auf den - Kirchhof. Solche Trauer, so von Herzen kommende Worte, so heiße - Tränen habe ich noch an keinem Grabe gesehen ... Er starb in der - größten Armut, so daß man zuerst nicht wußte, wie die - Beerdigungskosten bestritten werden sollten. - - 58 Jahre praktizierte er schon in M. ... Und wieviel Gutes hat er in - dieser langen Zeit getan! Wenn Sie wüßten, Fjodor Michailowitsch, - was das für ein Mensch war! Er war Doktor und Frauenarzt; sein Name - wird hier ewig weiterleben, es sind schon Legenden über ihn - entstanden. Alle Armen nannten ihn ‚Vater‘, liebten und vergötterten - ihn; doch erst seit seinem Tode begreifen sie ganz, wen sie in ihm - verloren haben. Als er noch in der Kirche aufgebahrt lag, gingen - alle, aber auch alle hin, um an seinem Sarge zu weinen und seine - Füße zu küssen; besonders die armen Jüdinnen, denen er soviel - geholfen hat, weinten und beteten für ihn, damit er geradeswegs in - den Himmel komme. Heute kam unsere frühere Köchin (sie ist furchtbar - arm) zu uns und erzählte, er habe bei der Geburt ihres letzten - Kindes, da er gesehen, daß keine Kopeke im Hause war, 30 Kopeken - gegeben, damit man ihr eine Suppe koche; und darauf sei er jeden Tag - gekommen und habe jedesmal 20 Kopeken hinterlassen; und als sie sich - ein wenig erholt hatte, habe er ihr zwei Feldhühner geschickt. So - hat er auch einmal bei einer furchtbar armen Wöchnerin (solche - wandten sich immer an ihn) sein Hemd ausgezogen und sein Kopftuch - abgenommen (sein Kopf war immer mit einem Tuch umwunden) und beides - zu Windeln zerrissen. Auch erzählt man sich hier, wie er einen armen - Juden, einen Holzfäller, und dessen ganze Familie kuriert hat. Jeden - Tag ist er zweimal zu ihnen gekommen und nachdem er alle wieder auf - die Füße gebracht, hat er den Mann gefragt: ‚Wie wirst du mir nun - alles bezahlen?‘ Der soll ihm geantwortet haben, daß er nichts habe, - außer der letzten Ziege, die er sofort verkaufen werde. Das hat er - denn auch getan, hat sie für 4 Rubel verkauft und diese dem Doktor - gebracht. Der Doktor hat darauf den Holzfäller nach Haus geschickt - und seinem Hausknecht 16 Rubel gegeben, damit er eine Kuh kaufe. - Nach einer Stunde wird dem Holzfäller eine Kuh gebracht und gesagt, - der Doktor habe die Ziegenmilch schädlich gefunden. - - So hat er sein ganzes Leben lang Gutes getan. Zuweilen hat er sogar - 30 bis 40 Rubel an Arme gegeben. Dafür ist er jetzt wie ein Heiliger - begraben worden. Alle Juden hatten ihre Läden geschlossen und - folgten dem Sarge. Bei unseren Beerdigungen singen gewöhnlich kleine - Knaben Psalmen, doch ist es ihnen verboten, auch zur Beerdigung - Andersgläubiger zu singen. Hier aber gingen während der ganzen - Prozession unsere kleinen Knaben vor dem Sarge her und sangen ihre - Psalmen mit lauter Stimme. In allen Synagogen wurde für seine Seele - gebetet, und ebenso läuteten die Glocken _aller_ Gotteshäuser - während der Prozession. Die Militärkapelle spielte Trauermärsche und - die jüdischen Musikanten waren zum Sohn des Verstorbenen gegangen, - um ihn um die Erlaubnis zu bitten, während der Prozession spielen zu - dürfen, was sie sich zur Ehre anrechnen würden. Alle armen - Israeliten haben 10 oder 5 Kopeken gebracht, um für ihn Kränze zu - kaufen; die reichen Israeliten aber haben viel gegeben und einen - großen prachtvollen Kranz gestiftet, aus frischen Blumen mit einer - schwarz-weißen Schleife, auf der in goldenen Lettern seine - Hauptverdienste standen, wie z. B. die Gründung des Krankenhauses - und ähnliches. Ich habe nicht alles entziffern können, und kann man - denn überhaupt seine Verdienste aufzählen? - - An seinem Grabe sprachen der Pastor und unser Rabbiner, und beide - weinten. Er aber lag in seinem alten, fadenscheinigen Rock, den Kopf - mit dem alten Tuch umwickelt, – dieser liebe Kopf! Es war, als ob er - schliefe ...“ - - - Ein einzelner Fall - -Das ist ein einzelner Fall, wird man sagen. Nun, dann ist es wieder -meine Schuld, wenn ich in einem einzelnen Fall den Anfang der Lösung -eines ganzen Problems sehe ... - -Die Stadt M. ist eine große Gouvernementsstadt im Westen, und es gibt -dort sehr viele Juden, Deutsche, Russen natürlich, Polen und Litauer, -und alle diese Nationalitäten liebten den Alten, als ob er zu ihrer -Nationalität gehört hätte. Selbst aber war er Protestant und Deutscher, -– gerade ein Deutscher: die Art und Weise, wie er dem armen Juden die -Kuh schenkte, ist ein echt deutscher Witz. Zuerst verblüfft er ihn: „Wie -wirst du mir nun alles bezahlen?“ Und natürlich hat der Arme, als er -hinging, um seine letzte Ziege zu verkaufen, um den „Wohltäter“ bezahlen -zu können, keineswegs gemurrt, sondern nur in tiefster Seele bedauert, -daß die Ziege im ganzen nicht mehr als 4 Rubel wert war. Was aber sind 4 -Rubel für alle von dem armen Doktor ihm und seiner Familie erwiesenen -Wohltaten? Und wie zufrieden muß der alte Doktor bei sich gelächelt -haben, als die Kuh zum Juden gebracht wurde. „Na, ich werde ihm mal -unseren deutschen Witz zeigen,“ sagt er sich und ist womöglich die ganze -Nacht, die er am Bette einer armen Wöchnerin verbringt, in froher -Stimmung. Wenn ich Maler wäre, würde ich bestimmt ein Bild in diesem -Genre malen, so eine Nacht in einer grauenvollen armen Hütte. Über alles -liebe ich den Realismus in der Kunst, doch in den meisten Bildern -unserer heutigen Realisten fehlt das „_sittliche Zentrum_“, wie sich vor -kurzem ein großer Dichter und feiner Künstler in seiner Kritik über -Semiradskis Bild ausgedrückt hat. Hier, in diesem von mir für ein -Genrebild vorgeschlagenen Stoff würde, glaube ich, solch ein sittliches -Zentrum sein. Und welch ein prachtvoller Stoff für einen Künstler! -Erstens, die ideale, die schier unmögliche, schmutzigste Armut der -jüdischen Hütte. Man kann sogar noch viel Humor hierbei verwenden; Humor -ist ja doch die Spitzfindigkeit eines tiefen Gefühls – diese Bezeichnung -gefällt mir ungemein. Mit feinem Gefühl und Verstand könnte der Künstler -viel aus dem alten Hausgerät der armen Hütte machen. Und prachtvoll -würde sich die Beleuchtung ausnehmen: ein brennendes Stümpfchen -Talglicht auf einem schiefen Tisch und durch das einzige bereifte -Fenster, durch die Eisblumen der Scheibe, das Morgengrauen des -anbrechenden Tages. Die Frau hat erst bei Tagesanbruch geboren, und nun -müht sich der alte Doktor um das Neugeborene. Keine Windeln, kein -einziger Lappen im Hause (es gibt solche Armut, meine Herrschaften, ich -versichere Sie, es ist der reinste Realismus – ein Realismus, der -sozusagen bis ans Phantastische reicht) – und da hat denn der Greis -schon seinen fadenscheinigen Rock ausgezogen und darauf das Hemd, das er -nun zu Windeln zerreißt. Sein Gesicht ist ernst und nachdenklich. Der -kleine neugeborene Judenbengel zappelt vor ihm auf dem Bett, und der -Christ nimmt das Jüdchen auf seinen Arm und wickelt es in das Hemd, das -er von seinen eigenen Schultern gezogen. Darin steckt die wahre Lösung -des Judenproblems, meine Herrschaften! Der achtzigjährige nackte und von -der Morgenkälte zitternde Körper des Doktors kann im Bilde im -Vordergrunde stehen. Viel läßt sich natürlich aus seinem -Gesichtsausdruck, sowie dem der jungen Mutter machen: sie sieht auf ihr -Neugeborenes und wundert sich über das, was der Doktor mit ihm anstellt. -„Dieser arme, kleine Jude wird groß werden und vielleicht auch einmal -sein Hemd abziehen, um es einem Christen zu geben, wenn er sich der -Geschichte seiner Geburt erinnert“ – denkt vielleicht in naivem und -edlem Glauben der Alte bei sich. Wird das je geschehen? Wahrscheinlich -nicht, aber es ist doch nicht ausgeschlossen, daß es geschieht. Das -Beste, was wir tun können, ist – glauben, daß es geschehen könne und -werde. Der Doktor aber hat schon ein Recht, daran zu glauben; denn in -ihm ist es ja schon geschehen: „Habe ich es getan, so wird es auch ein -anderer tun; bin ich denn besser als ein anderer?“ sagt er sich, um sich -zu stärken ... Ja, dieses Bild würde, glaube ich, ein „sittliches -Zentrum“ haben. - -Ein einzelner Fall! Vor zwei Jahren schrieb man aus dem Süden Rußlands – -ich habe vergessen, aus welch einer Stadt – von einem Doktor, der am -Morgen eines heißen Tages aus der Badeanstalt kam und gerade schnell -nach Hause eilte, um Kaffee zu trinken, und deshalb an einem beim Baden -Ertrunkenen keine Wiederbelebungsversuche machen wollte, trotz der Bitte -der Volksmenge. Ich glaube, er ist deswegen verurteilt worden. Aber das -war vielleicht ein gebildeter Mensch, ein Anhänger der neuen Ideen, -ein Fortschrittler, der bloß „im Prinzip“ neue Gesetze und -Gleichberechtigung verlangte, „einzelne“ Fälle jedoch nicht weiter -beachtete. Vielleicht glaubte er sogar, die einzelnen Fälle könnten eher -schaden, indem sie die allgemeine Entscheidung hinausschöben, und daß es -in betreff einzelner Fälle „je schlimmer, desto besser“ sei. Jener -„Allmensch“, wie ich den anderen Typ, jenen alten Doktor, nennen möchte, -hat doch, wenn er auch nur ein einzelner war, über seinem Grabe die -Bevölkerung einer ganzen Stadt vereinigt. Die russischen Weiber und die -armen Jüdinnen haben gemeinsam seine Füße geküßt, haben sich gemeinsam -an seinen Sarg gedrängt und zusammen geweint. Achtundfünfzig Jahre -Dienst für die Menschheit, achtundfünfzig Jahre unermüdlicher Liebe -haben alle wenigstens einmal um einen Sarg in gleicher Begeisterung und -in gemeinsamer Trauer vereinigt. Die ganze Stadt begleitet ihn, die -Glocken _aller_ Gotteshäuser läuten, und in allen Sprachen werden die -Gebete für ihn gesungen. Der Pastor und der Rabbiner reden an dem -offenen Grabe, jeder in seiner Sprache, jeder in seiner Art, und doch -mit den gleichen Gefühlen. In diesem Augenblick war doch die -„Judenfrage“ überwunden! Der Pastor und der Rabbiner haben sich an -diesem Grabe in gemeinsamer Liebe vor allen Christen und Juden -vereinigt. Was liegt daran, daß jeder, wenn er vom Kirchhof -zurückgekehrt ist, wieder in seine alten Vorurteile verfällt? Steter -Tropfen höhlt den Stein: diese „Allmenschen“ besiegen die Welt, indem -sie sie vereinigen. Die Vorurteile werden mit jedem „einzelnen“ Fall -mehr und mehr verblassen und endlich ganz verschwinden. „Über den Alten -haben sich Legenden gebildet,“ schreibt Fräulein L., gleichfalls eine -Jüdin. Die Legende aber ist der erste Schritt zur Sache; sie ist eine -lebendige Erinnerung und ein unermüdliches Erinnern an diese „Besieger -der Welt“, denen die Erde gehört. Hat man aber einmal den Glauben -gefaßt, daß das wirklich Besieger sind, und daß solchen Menschen -wirklich „die Erde gehören wird“, so hat man sich fast schon mit allem -ausgesöhnt. All das ist furchtbar einfach, – schwierig scheint nur eines -zu sein: nämlich, sich zu überzeugen, daß jede große Gesamtzahl sich aus -Einern zusammensetzt. Alles würde sonst auseinanderfallen, wenn diese -Einzelnen nicht wären. Diese Einzelnen geben den Gedanken, geben den -Glauben, geben das lebendige Beispiel, somit also auch den Beweis. Es -ist durchaus kein Grund vorhanden, so lange zu warten, bis alle oder -wenigstens sehr viele ebenso gut geworden sind wie sie: es sind nur sehr -wenige solcher Menschen erforderlich, um die Welt zu retten, dermaßen -stark und mächtig sind sie. Ist dem aber so, – wie soll man dann nicht -hoffen? - - - - - Dritter Teil. - - Balkan und Orient - - - Idealisten oder Zyniker - -Erinnert sich vielleicht noch jemand der Abhandlung über die -Orientfrage, die der unvergeßliche Professor und unvergleichliche Russe -Timofei Nikolajewitsch Granowski – wenn es wahr ist – im Jahre 1855 -geschrieben hat, also gerade zur Zeit unseres Krieges mit Europa, zu -Beginn der Belagerung von Sebastopol? Ich habe sie jetzt[40] in -Anbetracht der wieder akut gewordenen Orientfrage nach langen Jahren -nochmals durchgelesen: und dieses alte ehrwürdige Schriftstück -interessierte mich diesmal weit mehr als damals, da ich es zum erstenmal -las und mit ihm vollkommen übereinstimmte. Es fiel mir jetzt besonders -zweierlei auf: erstens – die Anschauung eines damaligen Westlers über -unser Volk; und zweitens, und hauptsächlich – die, sagen wir, -psychologische Bedeutung des Artikels. Ich kann es nicht unterlassen, -meine Eindrücke hier mitzuteilen. - -Granowski war ein beispiellos reiner, edler, guter Mensch: Idealist der -vierziger Jahre, dabei zweifellos eine ganz eigene, sonderbare und -äußerst originelle Erscheinung in der Reihe unserer damaligen -bekannteren führenden Geister. Er war unser ehrlichster Stepan -Trophimowitsch Werchowenski (in meinem Roman „Die Dämonen“ der Typ des -Idealisten der vierziger Jahre; ich liebe diesen Stepan Trophimowitsch -und achte ihn sehr), und vielleicht hatte Granowski nicht einmal den -geringsten komischen Zug, der doch sonst diesem Typ gewöhnlich anhaftet. -Übrigens sagte ich, daß mich die _psychologische_ Bedeutung dieses -Aufsatzes frappierte; und diese Bedeutung erschien mir sogar sehr -ergötzlich. Ich weiß nicht, ob man mir zugeben wird, daß unser -russischer Idealist, der sogenannte „patentierte“ Priester des „Schönen -und Erhabenen“, wenn er plötzlich bei irgendeiner Gelegenheit das -Bedürfnis empfindet, seine Meinung über eine Sache kundzutun – nicht -etwa über ein Gedicht, o nein, sondern über eine praktische, wichtige -und ernste Sache, sagen wir: über eine politische oder soziale -Angelegenheit, und wenn er sie nicht nur nebenbei bemerken, sondern ein -entscheidendes und richtendes Wort über diese Frage sagen und noch -obendrein mit diesem Worte einen Einfluß ausüben will –, sich plötzlich -wie durch ein Wunder nicht nur in einen fanatischen Realisten und -Prosaiker verwandelt, sondern sogar in einen Zyniker. Ja, und nicht nur -das: gerade auf diesen Zynismus, auf diese Prosaik ist er dann noch ganz -besonders stolz. Die Ideale läßt er dann ganz beiseite: Ideale sind -Unsinn, sind Poesie, sind Gedichte; an ihre Stelle aber setzt er die -„reale Wahrheit“. Doch aus ebendieser Wahrheit wird dann immer gleich -Zynismus: im Zynismus sucht er sie, im Zynismus allein scheint sie ihm -enthalten zu sein. Je gröber, je trockener, je herzloser – desto -„realer“ ist es seiner Meinung nach. Warum? Nun, weil unser Idealist im -gegebenen Falle sich seines Idealismus schämt. Außerdem fürchtet er, man -könnte ihm sagen: „Ach, Sie Idealist, was verstehen Sie denn von solchen -Dingen! Predigen Sie doch das Schöne, wenn’s Ihnen Spaß macht, uns aber -überlassen Sie die Geschäfte.“ Sogar Puschkin hatte diesen Zug: der -große Dichter schämte sich mehr als einmal, daß er „_nur_ Dichter“ war. -Vielleicht gibt es diese Charaktereigenschaft auch bei Dichtern anderer -Völker, doch ist es kaum anzunehmen, – wenigstens werden sie sie nicht -in dem Maße haben wie wir Russen. In Europa haben sich die Menschen dank -der uralten Gewöhnung aller und eines jeden an die Arbeit in den vielen -Jahrhunderten schon klassifizieren können, je nach ihrer Beschäftigung -und Stellung, und fast ein jeder von ihnen kennt, versteht und achtet -sich – wie in seiner Tätigkeit so auch in seiner Bedeutung. Bei uns aber -ist es nach zweihundertjähriger Entwöhnung von jeglicher Arbeit etwas -anderes. Die heimliche, tiefinnerliche Nichtachtung seiner selbst finden -wir sogar bei so großen Menschen wie Puschkin und Granowski. Da -letzterer, dieser unschuldige, aufrichtige Mensch, es plötzlich für -durchaus nötig fand, sich aus einem Professor der Geschichte in einen -Diplomaten zu verwandeln, verstieg er sich in seinen Urteilen sofort bis -zu den sonderbarsten Behauptungen – z. B., daß wir von Österreich für -die Hilfe, die wir ihm während seines Kampfes mit den Ungarn gebracht, -überhaupt keine Dankbarkeit erwarten dürften, und das nicht etwa, weil -Österreich undankbar und falsch wäre – keineswegs! Nein, er sieht in der -Haltung Österreichs nichts Schlechtes und behauptet sogar, daß es so, -wie es gehandelt hat, habe handeln _müssen_, und daß unsere Hoffnung auf -seine Dankbarkeit ein unverzeihlicher und lächerlicher Fehler unserer -Politik gewesen sei. Ein Privatmann, sagt er, ist einer für sich, ein -Staat aber – ist etwas anderes; ein Staat muß seine höheren Ziele, seine -eigenen Vorteile im Auge behalten; und daher wäre Dankbarkeit verlangen, -und zwar eine, die sogar bis zur Zurücksetzung der eigenen Interessen -ginge, – einfach lächerlich. „Bei uns ist die Undankbarkeit und -Falschheit Österreichs schon zu einem Gemeinplatz geworden,“ sagt -Granowski, „doch ist in politischen Dingen von Dankbarkeit oder -Undankbarkeit reden – nur ein Beweis der eigenen Naivität in der -Politik. Der Staat ist keine Privatperson; er kann nicht aus Dankbarkeit -seine Interessen opfern, um so weniger, als in politischen Dingen selbst -die Großmut _niemals uneigennützig zu sein pflegt_.“ Dem Sinne nach -heißt das etwa, daß sie es auch nicht sein soll. Mit einem Wort, der -ehrenwerte Idealist behauptet sehr viel Vernünftiges und, was die -Hauptsache ist, nur _Reales_: nicht immer also schreiben wir Gedichte! -... Seine Anschauung ist sehr klug, gewiß, sehr klug, – um so mehr, als -sie nichts Neues ist, sondern etwas, das so lange schon existiert, wie -es Diplomaten gibt. Doch trotzdem: die Haltung Österreichs mit solch -einem Feuer zu verteidigen, ja, nicht nur zu verteidigen, sondern sogar -zu behaupten, daß es so hat handeln _müssen_ ... Nun, man kann ja -niemandem das Wort verbieten; doch es ist dabei etwas, was man nicht -zugeben kann, und das einem verbietet, ihm recht zu geben, trotz der -außergewöhnlichen praktischen Klugheit, die unser Historiker, Dichter -und Priester des Schönen so unerwartet kundtut. Mit dieser Anerkennung -der Heiligkeit des jeweiligen Vorteils, des unmittelbaren und sofortigen -Gewinnes, mit dieser Anerkennung, daß es recht und billig sei, auf Ehre -und Gewissen zu spucken, wenn man einen Bissen an sich reißen will – -allerdings: damit kann man es sehr weit bringen! Damit kann man ja auch -die Politik Metternichs durch „höhere _reale_ Ziele des Staates“ -rechtfertigen! Aber machen denn nur die praktischen Vorteile, der -sofortige Gewinn den wirklichen Vorteil der Nation und ihre „höhere“ -Politik aus, im Gegensatz zum „Schillertum“ der Gefühle und Ideale? Das -ist doch noch die Frage! Ist nicht im Gegenteil gerade die Politik der -Ehre, Großmut und Gerechtigkeit, wenn auch scheinbar zum Nachteil der -eigenen Interessen, – in Wahrheit aber nie zum Nachteil – die -vorteilhaftere Politik für eine _große_ Nation? Sollte unser Historiker -wirklich nicht gewußt haben, daß es nur diese großen und ehrlichen Ideen -sind – nicht aber die kleinlichen der zeitweiligen Vorteile –, die zum -Schluß in den Völkern und Nationen triumphieren, trotz der ganzen, wie -es scheint, lächerlichen „Unvernünftigkeit“ dieser Ideen und ihres -ganzen Idealismus, der in den Augen der Diplomaten und Metterniche so -erniedrigend ist? Und daß diese Politik der Ehrlichkeit und -Uneigennützigkeit für eine große Nation nicht nur die „höhere“, sondern -vielleicht auch die „vorteilhaftere“ ist, eben weil sie großzügig ist? -Die Politik, die sich nach dem zeitweilig Praktischeren richtet, das -ununterbrochene Hin und Her der Jagd nach dem nächsten Vorteil, führt -die Nation ins Kleinliche und schließlich zur inneren Kraftlosigkeit des -Staates. Der diplomatische Geist, der Geist des „Praktischen“ und -Nächsten, des Tagesvorteils, hat sich stets als geringer denn Wahrheit, -Ehre und Anstand erwiesen, und Wahrheit, Ehre und Anstand haben zum -Schluß immer gesiegt; oder wenn sie noch nicht immer gesiegt _haben_, so -_werden_ sie siegen, denn also wollen es die Menschen. Als der -Negerhandel aufgehoben wurde, gab es da nicht hunderttausend -schwerwiegende Einwände, wie z. B., daß diese Aufhebung äußerst -unpraktisch sei und sogar den Interessen aller Völker schaden werde? Man -verstieg sich sogar bis zu der Behauptung, der Negerhandel sei moralisch -durchaus notwendig, und rechtfertigte diese Notwendigkeit dann noch mit -dem Rassenunterschied und schließlich mit der Folgerung, daß der Neger -eigentlich überhaupt kein Mensch sei ... Als die nordamerikanischen -Kolonien sich zum Kampf gegen England erhoben, schrie man da nicht im -praktischen England, daß die Befreiung der Kolonien von der Herrschaft -Englands der Untergang der englischen Interessen, eine Erschütterung, -ein Unglück sein werde? Und erhoben sich nicht auch bei uns solche -Stimmen, als unser leibeigener Bauer befreit werden sollte? Sagten da -nicht alle praktischen Geister, daß der Staat einen schlechten, -unbekannten, gefährlichen Weg einschlage, zum Unglück des ganzen Volkes, -und daß nicht darin die höhere Politik bestünde; daß der Staat vielmehr -reale Interessen verfolgen müsse, nicht aber Interessen, die bloß auf -modernen ökonomischen Erwägungen oder auf noch nicht erprobten Theorien -begründet sind, kurz, daß der Staat die Führung niemals dem „Sentiment“ -überlassen dürfte!? Doch wozu so weit zurückgreifen! Vor uns steht jetzt -die Slawenfrage: – rät man uns etwa nicht, sie auf immer auszuschalten!? -Zwar behauptet Granowski, daß wir uns durch die Balkanslawen nur -bereichern und im Westen befestigen wollen, doch glaube ich, daß er sich -auch hierin täuscht; denn welch einen Vorteil könnte uns der Besitz der -Balkanslawen einbringen (selbst in der Zukunft), und wodurch würden wir -uns denn bereichern? Durch das Mittelländische Meer etwa, oder gar durch -Konstantinopel, „das man uns nie und nimmer geben wird“? Das ist doch -nur ein schöner Vogel, der in den Wolken herumfliegt und uns, wenn wir -ihn fangen wollten, lediglich Ärger und Mühe bereiten würde – auf -tausend Jahre womöglich. Wäre das nun ein praktischer Vorteil? Die -Slawen werden uns nur Sorgen und viel Mühe bereiten; besonders jetzt, da -sie noch nicht zu uns gehören. Ihretwegen sieht Europa schon hundert -Jahre lang eifersüchtig auf uns Russen, und ihretwegen ist es auch jetzt -noch bereit, das Schwert zu ziehen und seine Kanonen auf uns zu richten. -Da ist es doch das Beste, die Slawen einfach Slawen bleiben zu lassen, -um Europa endlich zu beruhigen. Würden wir aber selbst dann das -Gewünschte erreichen? Europa würde uns doch bestimmt nicht mehr glauben, -daß wir auf den Besitz der Balkanslawen verzichten wollten; also würden -wir das Gegenteil erst zu beweisen haben: würden uns selbst auf die -Slawen stürzen, sie brüderlichst erwürgen und die Türkei gegen sie -unterstützen müssen. „Ja, ja, liebe Brüder, der Staat ist keine -Privatperson: er kann doch nicht aus Großmut seine Interessen opfern! -Wußtet ihr das wirklich noch nicht?“ Und wieviel praktische Vorteile – -reale, nicht nur erträumte – hätte dann Rußland mit einem Schlage! Die -Orientfrage würde sofort aufhören zu existieren, Europa würde uns, wenn -auch nur auf kurze Zeit, sein Vertrauen schenken, unser Kriegsbudget -würde entlastet werden, unser Kredit und der Wert unseres Rubels würden -wieder steigen – was will man mehr! Und überdies würde ja der Vogel -immer noch über unserem Haupte bleiben ... Aber die Frage muß doch -einmal beantwortet werden! Und da sollen wir nun Finten machen und -abwarten –: „Der Staat ist keine Privatperson, er darf nicht aus Großmut -seine Interessen opfern, – doch mit der Zeit ... wenn es den Slawen nun -einmal beschieden ist, ohne uns nicht auszukommen, so werden sie sich -uns von selbst anschließen. Nun, und dann werden wir uns wieder mit -unserer Liebe und Brüderlichkeit an sie heranschlängeln können.“ -Übrigens findet Granowski, daß unsere Politik das ganze letzte -Jahrhundert hindurch geradeso gehandelt habe (nämlich die Slawen -unterdrückt und sie den Türken ausgeliefert), daß unsere Balkanpolitik -immer eine Eroberungspolitik gewesen sei und anders überhaupt nicht -hätte sein können, – also nach seiner Meinung so hätte sein „_müssen_“. -Rechtfertigt er doch bei anderen Nationen dieselbe Politik, warum -verteidigt er sie dann nicht auch bei uns, wenn wir, wie er sagt, -dieselbe Politik treiben –? - -Wie ist es nur möglich, daß unsere Politik in der Slawenfrage noch immer -nicht allen klar geworden ist!? - - - Früher oder später muß Konstantinopel doch uns gehören - - - Unser Verhältnis zum Orient[41] - -Es war im vorigen Jahr im Juni, daß ich schrieb, früher oder später -müsse Konstantinopel doch uns gehören.[42] Es war damals eine heiße, -eine herrliche Zeit: der Geist und das Herz ganz Rußlands erhoben sich -und das Volk zog freiwillig aus, um Christus und die Rechtgläubigen zu -verteidigen, um für unsere dem Glauben und dem Blute nach slawischen -Brüder zu kämpfen. Wenn ich auch diesen meinen Artikel „Utopische -Geschichtsauffassung“ betitelte, so glaubte ich doch fest an meine Worte -und hielt sie keineswegs für utopisch. Die Gedanken, die ich in jenem -Artikel aussprach, stellte ich durchaus nicht als solche hin, die sofort -in Erfüllung gehen müssen, sondern als solche, die sich einmal in der -Zukunft, jedenfalls aber _bestimmt_ verwirklichen werden, dann nämlich, -wenn die historische Zeit dazu gekommen sein wird, – die Zeit, deren -Nähe oder Ferne man allerdings nicht voraussagen, wohl aber vorausfühlen -kann. - -Seit dem Erscheinen dieses Artikels sind neun Monate vergangen. Wir -erinnern uns noch alle dieser begeisterten Zeit, die anfänglich so voll -Hoffnungen war, dann aber so aufregend wurde, und die bis jetzt noch zu -nichts geführt hat, so daß nur Gott allein wissen mag – ich glaube, nur -so kann man sich ausdrücken –, womit sie enden wird: wird es zum Kriege -kommen, oder wird sich die Entscheidung wieder auf lange hinausschieben? -Doch was da auch kommen mag – aus irgendeinem Grunde drängt es mich, -gerade jetzt noch einige ergänzende und erklärende Worte meinen -Gedanken, die ich im Juni über das Schicksal Konstantinopels schrieb, -hinzuzufügen. Was jetzt auch kommen mag, sei es Friede, sei es wieder -ein Nachgeben von seiten Rußlands, früher oder später wird Byzanz doch -uns gehören! Das ist es, was ich nochmals betonen will, doch dieses Mal -noch von einem anderen, einem neuen Standpunkte aus. - -Ja, Byzanz muß unser werden, und nicht nur als berühmter Hafen, als -„Pforte“, als „Mittelpunkt der Welt“; nicht nur vom Standpunkt der -längst anerkannten Notwendigkeit für solch einen Riesen wie Rußland, -endlich aus seinem verschlossenen Zimmer, in dem er schon bis zur Decke -gewachsen ist, in die weite Welt hinaustreten und die freie Luft der -Meere und des Ozeans atmen zu können. Ich will nur eines hervorheben, -etwas, das gleichfalls von großer Wichtigkeit ist, und demzufolge -Konstantinopel Rußland nicht entgehen kann. - -Sollte es auch seltsam klingen, so ist es doch wahr, daß die -vierhundertjährige Bedrückung des Balkans durch die Türken dem -Christentum und der Rechtgläubigkeit der Slawen einerseits sogar -nützlich gewesen ist, natürlich nur negativ, aber immerhin hat sie den -Glauben befestigt. Dasselbe hat ja schließlich auch das -zweihundertjährige Tatarenjoch bei uns in Rußland bewirkt. Die -bedrängten und gequälten christlichen Balkanvölker sahen in Christus und -im Glauben an ihn ihren einzigen Trost, in der Kirche aber – den -einzigen und letzten Rest ihrer nationalen Persönlichkeit und volklichen -Sonderheit. Das war die letzte Hoffnung, das letzte Brett, das ihnen vom -zerschellten Schiff verblieb. Die Kirche erhielt diese Völker immerhin -als Nationalität, und der Glaube an Christus verhinderte sie, wenn auch -nicht alle, so doch einen großen Teil, sich mit den Besiegern zu -vermischen, ihren Stamm und ihre alte Geschichte zu vergessen. Die -bedrückten Völker fühlten und begriffen natürlich bald, was sie an ihrem -Glauben hatten, und so scharten sie sich denn noch enger um das Kreuz. -Andererseits wandte schon seit der Eroberung Konstantinopels (1453) die -ganze große christliche Bevölkerung des Ostens unwillkürlich ihren -flehenden Blick auf das ferne Rußland, das damals sich kaum erst vom -Tatarenjoche befreit hatte, und erriet geradezu in ihm das zukünftige -allvereinende Zentrum der Slawen, die Macht, die sie einst erlösen -werde. Und Rußland nahm, ohne zu zaudern, die Fahne des Ostens und -setzte den zweiköpfigen byzantinischen Adler über sein altes Wappen.[43] -Es nahm damit vor der ganzen Rechtgläubigkeit die Pflicht auf sich, -diesen Glauben zu schützen und alle Völker, die ihm angehören, vor dem -Untergang zu bewahren. Zu gleicher Zeit nahm auch das ganze russische -Volk diese neue Bestimmung Rußlands und die Aufgabe seines Zaren auf -sich. Seit der Zeit ist für das Volk der liebste und höchste Name seines -Rußlands und seines Zaren der, den es damals aussprach: „rechtgläubiges -Rußland“, „rechtgläubiger Zar“. Als es seinen Zaren so benannte, -erkannte es mit dieser Benennung gleichzeitig auch dessen Bestimmung an: -der Hüter, der Vereiniger und, wenn das Gebot Gottes ertönt, auch der -Befreier der Rechtgläubigkeit zu sein, – das ganze Christentum, das ihr -angehört, von dem muselmännischen Barbarentum und der westlichen -Ketzerei zu erretten. Vor zwei Jahrhunderten, und besonders seit der -Zeit Peters des Großen, begannen dieser Glaube und diese Hoffnungen der -Völker des Ostens schon in Erfüllung zu gehen und sich zu verwirklichen. -Und jetzt hat das Schwert Rußlands bereits mehrmals im Osten zu ihrer -Verteidigung gekämpft. So ist es nur selbstverständlich, daß die Völker -des Ostens in dem Zaren von Rußland nicht nur den Befreiers, sondern -auch _ihren_ zukünftigen Zaren sehen. In diesen zwei Jahrhunderten aber -drang europäische Bildung und europäischer Einfluß auch bis zu ihnen -vor. Die obere, gebildete Schicht des Volkes, seine Intelligenz, wurde -im Osten, wie ja auch bei uns, mit der Zeit gleichgültiger in ihrem -Verhalten zur Idee der Orthodoxie. Und heute hat sie sogar schon -angefangen, zu verneinen, daß in dieser Idee die Erneuerung und -Auferstehung zu einem neuen großen Leben für den Osten wie für Rußland -enthalten sei. In Rußland, zum Beispiel, hat ein großer Teil der -gebildeten oberen Schicht aufgehört, oder richtiger vielleicht, -gewissermaßen verlernt, in dieser Idee die Hauptbestimmung Rußlands und -dessen Lebenskraft zu sehen. – Im Gegensatz dazu glaubt unsere -Intelligenz jetzt, all das in den modernen Anschauungen Europas finden -zu können. In der Kirche sehen ja schon viele auf europäische Weise nur -toten Formalismus und sinnlose Zeremonie und seit dem Ende des vorigen -Jahrhunderts sogar einfach nur Vorurteil und Heuchelei. Den Geist, die -Idee, die lebendige Kraft vergaß man. Mit der Zeit aber kamen -ökonomische Ideen westlichen Charakters auf; es kamen neue politische -Lehren, es kam eine neue Moral, die sich bemühte, die frühere zu -verbessern und zu überflügeln. Endlich kam auch noch die Wissenschaft, -die natürlich nicht umhinkonnte, den Glauben an die alten Ideen zu -untergraben ... In den Völkern des Ostens begannen außerdem noch, und in -vorwiegender Weise, nationalistische Ideen aufzukommen: es überfiel sie -plötzlich die Angst, sie könnten womöglich, wenn sie vom türkischen Joch -befreit sein werden, unter das russische geraten. Doch in unserem -einfachen millionenköpfigen Volke und in seinem Zaren erlosch niemals -die Idee der Befreiung des Ostens und der christlichen Kirche. Die -Bewegung, die das russische Volk im vorigen Sommer ergriff, hat -bewiesen, daß das Volk von seiner alten Hoffnung und seinem alten -Glauben nicht abgelassen hat. Und dabei setzte diese Bewegung unsere -ganze Intelligenz so in Erstaunen, daß sie an diese „Bewegung“ einfach -nicht glauben wollte; sie verhielt sich skeptisch zu ihr und bemühte -sich, spöttisch allen zu versichern, diese „Bewegung“ sei von -unzuverlässigen Leuten, die von sich reden machen wollten, einfach -ausgedacht und vorgetäuscht worden. In der Tat, wer könnte denn in -unserer Zeit, von unserer Intelligenz, außer vielleicht einem kleinen, -von der allgemeinen Menge abgesonderten Teil derselben, zugeben, daß -unser Volk wirklich fähig ist, seine politische, soziale und sittliche -Bestimmung _bewußt_ zu verstehen? Wer von ihnen würde es zugeben, daß -diese rohe, unaufgeklärte Masse, die vor kurzem noch leibeigen war und -jetzt vom Branntwein trunken ist, wissen und überzeugt sein könnte, daß -ihre Bestimmung ist: Christus zu dienen? – und die ihres Zaren: den -christlichen Glauben zu bewahren und die Völker der Rechtgläubigkeit zu -befreien? „Mag diese Masse sich auch von jeher ‚christlich‘ genannt -haben, so hat sie doch weder von der Religion, noch selbst von Christus -einen Begriff, – sie kennt ja nicht einmal die einfachsten Gebete!“ sagt -man gewöhnlich von unserem Volke. Und wer sind es denn, die so sprechen? -Ist es vielleicht – der deutsche Pastor, der bei uns die Stundisten -bearbeitet, oder der angereiste Europäer, der Korrespondent einer -politischen Zeitung, oder irgendein gebildeter „höherer“ Jude (einer von -denen, die an Gott nicht mehr glauben) oder gar einer von den im -Auslande angesiedelten Russen, die sich Rußland und unser Volk nur in -Gestalt eines betrunkenen Weibes mit der Flasche in der Hand vorstellen? -Nein, – so denkt der größte Teil unserer russischen, unserer besten -Gesellschaft; und er läßt es sich nicht einmal träumen, daß in unserem -Volk, wenn es auch keine Gebete hersagen kann, sich doch das Wesen des -Christentums beispiellos erhalten hat, daß der Geist Christi und seine -Wahrheit es so durchdrungen haben, wie vielleicht kein einziges Volk -dieser Erde. Übrigens, der Atheist oder der in Glaubensdingen -gleichgültige russische Europäer kann den Glauben ja gar nicht anders -auffassen wie als Formalität und Heuchelei. Im Volke aber sehen diese -Leute nichts, was daran erinnern könnte, und darum folgern sie, daß das -Volk unter seinem Glauben nichts verstehe, daß es vorschriftsmäßig eine -bemalte Tafel anbete, im Grunde aber gleichgültig bleibe, da sein Geist -bereits von der kirchlichen Formalität ertötet sei. Den christlichen -Geist haben sie in ihm überhaupt nicht bemerkt, vielleicht weil sie -selbst diesen Geist schon längst verloren haben. Dieses lasterhafte -Volk, dieses dunkle, das heißt, unwissende Volk, liebt aber den -Demütigen, den, der „schlichten Geistes“ ist: in allen seinen Legenden -und Sagen hängt es an dem Glauben, daß der Schwache und ungerecht -Erniedrigte und der um Christi willen Duldende über den Vornehmen und -Mächtigen erhöht werden wird, wenn einst das Jüngste Gericht anbricht. -Auch liebt unser Volk von dem großen Leben seines tapferen und keuschen -Ilja von Murom[44] zu erzählen, von dem Kämpfer für die Wahrheit, dem -Befreier der Armen und Schwachen, von seinem sich nie überhebenden -Lieblingsrecken, dem großen, treuen, mit dem reinen Herzen. Und wenn es -so einen Helden schon hat, ihn achtet und so liebt, wie es _ihn_ liebt – -wie soll da unser Volk nicht an den Sieg seiner jetzt erniedrigten -Brüder glauben? Unser Volk ehrt das Andenken seiner großen, demütigen -Einsiedler und Helden und erzählt Kindern mit Vorliebe die Geschichten -der christlichen Märtyrer. Diese Legenden kennt es gut; ich selbst habe -sie zum erstenmal vom Volk gehört, und sie wurden so andächtig erzählt, -daß sie für mein ganzes Leben in meinem Herzen bleiben werden. Zudem -scheiden sich täglich aus dem Volk große Büßer aus, die da hingehen und -ihr Hab und Gut verteilen, für den großen Sieg der Wahrheit, der Arbeit -und Armut ... Doch übrigens, vom russischen Volke will ich später -sprechen, – einmal muß es doch erreichen, daß man es versteht. Einmal -wird man begreifen, daß auch das Volk etwas bedeutet. Man wird endlich -auch jenen wichtigen Umstand beachten, daß man noch niemals in großen -oder sogar nur einigermaßen wichtigeren Augenblicken der russischen -Geschichte _ohne_ dasselbe ausgekommen ist: daß Rußland _volklich_ ist, -das Rußland nicht Österreich ist! Man wird sich erinnern, daß in jedem -bedeutenden Moment unseres geschichtlichen Lebens die jeweilig -vorliegende Frage immer vom Volksgeist und von der Volksansicht -beantwortet worden ist, von den Zaren des _Volkes_, die stets in einer -höheren Verbindung mit ihm gestanden haben. Diese ungemein wichtige -historische Tatsache wird von unserer Intelligenz gewöhnlich vollkommen -übersehen, und nur dann erinnert man sich plötzlich des Volkes, wenn -wieder einmal eine große neue historische Entscheidung herannaht ... -Doch ich bin von meinem Thema abgekommen. - - - Gedanken unserer Zeit - -Die griechisch-katholische Kirche des Balkans, ihre Vertreter und der -ökumenische Patriarch haben in diesen vier Jahrhunderten der -Unterjochung ihrer Kirche mit Rußland und untereinander in Frieden -gelebt – wenigstens in Glaubensfragen. Es hat weder große Unruhen, noch -Ketzereien, noch Abtrünnigkeiten gegeben. Doch siehe, in unserem -Jahrhundert, und besonders in den letzten zwanzig Jahren nach dem großen -Kriege in Osteuropa,[45] fing es an von der Türkei gleichsam wie -Modergeruch einer verwesenden Leiche herzuwehen: die Vorahnung des -Todes, der Zersetzung des „kranken Mannes“, und die Ahnung vom Untergang -der Herrschaft desselben wurde zum vorwiegenden, fast körperhaften -Gefühl. Oh, natürlich: endgültig befreien kann die Balkanslawen trotzdem -ja nur Rußland allein, dieses selbe Rußland, das auch jetzt wieder, in -den allgemeinen Auseinandersetzungen mit Europa über den Osten, ganz -allein für sie einsteht, während alle anderen Völker und Reiche der -gebildeten europäischen Welt selbstverständlich froh wären, wenn es alle -diese bedrückten Völkerschaften des Ostens überhaupt nicht geben würde. -Ruft nun auch die ganze Intelligenz der Balkanslawen Rußland zu Hilfe, -so fürchtet sie uns leider vielleicht doch ebensosehr wie die Türken: -„Wenn uns Rußland auch von den Türken befreit, so wird es uns doch -verschlingen und unsere Nationalitäten nimmer sich entwickeln lassen“ – -das ist ihr Schreckgespenst, das alle ihre Hoffnungen vergiftet! Und -überdies bricht zwischen ihnen selbst mehr und mehr die nationale -Gegnerschaft durch. Der griechisch-bulgarische „Kirchenstreit“, den wir -unlängst erlebt haben, war ja schließlich nichts anderes als ein -nationaler Streit in dieser Verkleidung und kann gewissermaßen als ein -Omen für die Zukunft angesehen werden. Als der ökumenische Patriarch den -Ungehorsam der Bulgaren tadelte und sie, wie den eigenmächtig von ihnen -erwählten Exarchen, aus der Kirchengemeinschaft ausschloß, hob er -besonders hervor, daß man in Sachen des Glaubens weder das Ritual, noch -den der Kirche schuldigen Gehorsam dem „neuen und verderblichen Prinzip -der Nationalität“ opfern dürfe. Währenddessen aber hat er doch selbst, -als er, der Grieche, diesen Bann gegen die Bulgaren schleuderte, -zweifellos diesem selben Prinzip der Nationalität gedient, nur zugunsten -der Griechen _gegen_ die Slawen. Mit einem Wort, es läßt sich sogar mit -ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraussagen, daß, sobald der „kranke Mann“ -stirbt, am Balkan sofort überall Unruhen und Streitigkeiten bei der -ersten besten Gelegenheit ausbrechen werden, und zwar werden es -vornehmlich gerade Kirchenunruhen sein, die zweifellos auch Rußland -schaden können. Ja, selbst in dem Falle würden sie schaden, wenn Rußland -sich von allen Balkanfragen ganz zurückzöge oder gar zwangsweise von der -Teilnahme bei der Entscheidung der Orientfrage ausgeschlossen werden -sollte. Das ist es: diese Unruhen werden auf Rußland noch nachteiliger -wirken, wenn es sich von einem tätigen und führenden Anteil an der -Schicksalsentscheidung des Balkans ganz zurückzieht. Und da wird nun -plötzlich geschrieben – nicht nur in Europa, sondern auch bei uns von -vielen erstrangigen Politikern –, daß das Türkische Reich eben -untergehen und Konstantinopel nur eine „internationale“ Stadt werden -müsse, also irgendein Mittelding, etwas Allgemeines, Freies, auf daß es -um seinetwillen nur ja keine Streitigkeiten gäbe. Etwas Unsinnigeres -hätte man sich wahrlich nicht ausdenken können. - -Erstens schon aus dem einfachen Grunde nicht, weil man einen so -prachtvollen Punkt der Erde doch nicht als internationale Stadt, also -als keinem einzigen gehörig, sich selbst überlassen würde. Bestimmt -würden sofort die Engländer mit ihrer Flotte erscheinen, in der -Eigenschaft als Freunde natürlich, um diese selbe „Internationalität“ zu -beschützen und zu bewahren, in Wirklichkeit aber, um Konstantinopel sich -anzueignen. Die Engländer aber von einer Stelle zu verdrängen, wo sie -sich bereits niedergelassen haben, ist nichts weniger als leicht – sie -sind nun einmal ein schnell Fuß fassendes und zäh stehendes Volk! Und -überdies werden ja die Griechen, Slawen, Muselmänner Konstantinopels sie -selbst rufen, werden sich mit beiden Händen an sie klammern, sich an -ihre Rockschöße hängen und sie nicht fortlassen. Und der Grund dieser -Anhängigkeit? – Immer dieses selbe Rußland! „Sie werden uns vor Rußland -bewahren, vor unserem Befreier!“ Ja, wenn sie nicht wüßten, was die -Engländer für sie sind, und überhaupt ganz Europa! Aber sie wissen ja -auch jetzt schon besser als alle anderen, daß ihr Glück, d. h. das Glück -der ganzen christlichen Rajah, die Engländer (wie auch in ganz Europa -niemanden außer Rußland) überhaupt nichts angeht. Diese ganze Rajah weiß -es vorzüglich, daß die Engländer, wenn es nur möglich wäre, die -bulgarische Metzelei des vorigen Sommers irgendwie unauffällig und im -geheimen zu wiederholen (was, wie es scheint, sehr leicht möglich wäre), -die ersten sein würden, die die zehnmalige Wiederholung dieser -Metzeleien wünschten. Und das nicht etwa aus Blutdurst – oh bewahre! In -Europa sind doch die Völker human und aufgeklärt! Sondern einfach, weil -solche Metzeleien, zehnmal wiederholt, die Rajah endgültig ausrotten -würden und dann niemand mehr am Balkan gegen die Türken Aufstände machen -könnte – das aber ist doch die Hauptsache. Es würden nur noch die lieben -Türken übrigbleiben, und die türkischen Papiere würden dann mit einem -Schlage auf allen europäischen Börsen schwindelnd hoch steigen. Rußland -aber müßte alsdann mit seinem „Ehrgeiz und seinen Eroberungsplänen“ -einpacken, da es am Balkan niemanden mehr zu verteidigen hätte. Die -Rajah weiß, wie gesagt, nur zu gut, daß sie jetzt von Europa keine -anderen Gefühle erwarten darf. - -Ganz anders aber wäre die Sache sofort, wenn der „kranke Mann“ auf -irgendeine Weise, sei es durch sich selbst, oder sei es durch Rußlands -Schwert, endlich umgebracht werden würde. Dann würde sogleich ganz -Europa in zärtlichster Liebe zu den befreiten Völkern entbrennen und -sofort zu ihnen eilen, um sie „vor Rußland zu retten“. Anzunehmen ist, -daß Europa selbst die Idee von der „Internationalität“ in deren neue -Staatsordnung bringen werde: es wird zunächst voraussehen, daß über dem -Leichnam des „Kranken“ zwischen den befreiten Völkern alsbald Streit und -Hader und Eifersucht aufkommen müssen, – das aber ist es ja, was Europa -will. Somit wäre der Vorwand gefunden, sich in ihre Angelegenheiten -einzumischen, und vor allen Dingen der Vorwand, sie aufzuhetzen gegen -dieses Rußland, das ihnen bestimmt nicht wird erlauben wollen, um das -Erbe des „Kranken“ zu streiten. Und dann wird es keine Verleumdung mehr -geben, die gegen uns zu verbreiten Europa sich scheuen wird. „Nur der -Russen wegen haben wir euch nicht gegen die Türken helfen können,“ -werden ihnen sofort die Engländer zuflüstern. Die Völker des Ostens -wissen auch jetzt schon ganz genau, daß „England sich niemals an ihrer -Befreiung beteiligen und dazu auch anderen nie seine Zustimmung geben -wird; denn es haßt diese Christen wegen ihrer geistigen Verbindung mit -Rußland. England will, und hat es auch nötig, daß die orientalischen -Christen uns ebenso großen Haß, wie England selbst, entgegenbringen ...“ -schreiben die „Moskauer Nachrichten“. Das also ist es, was diese Völker -vorläufig wissen und was sie schon jetzt auf Rußlands zukünftige -Rechnung gesetzt haben. Wir aber glauben immer noch, daß sie uns -vergöttern! - -In der „internationalen“ Stadt werden aber trotz aller beschützenden -Engländer doch die Griechen die Herren sein – so wie sie dort von jeher -die Herren gewesen sind. Nun bitte ich, nicht zu vergessen, daß die -Griechen mit noch größerer Verachtung auf die Slawen blicken als die -Deutschen. Da aber die Griechen die Slawen auch noch werden fürchten -müssen, so wird sich die Verachtung in Haß verwandeln. Untereinander -Schlachten schlagen, sich gegenseitig den Krieg erklären, werden sie -natürlich nicht können; denn die Beschützer würden es so weit jedenfalls -nicht kommen lassen, wenigstens nicht zu einem Krieg im ernsten Sinne. -Nun und dann werden eben infolge der Unmöglichkeit eines offenen und -ehrlichen Kampfes alle möglichen kleinen Streitigkeiten zwischen ihnen -ausbrechen, Unruhen, die natürlich zuerst den Charakter von -Kirchenwirren annehmen – damit fängt es ja in solchen Fällen gewöhnlich -an, weil dieser doch der bequemste Vorwand ist. Das war es, worauf ich -hinweisen wollte! - -Ich kann ja darüber nur reden, weil das Programm doch schon aufgestellt -wurde: die Bulgaren, hieß es, sollten Konstantinopel bekommen. Dazu aber -sind wieder die Griechen zu stark, und das wissen sie selbst ganz -vorzüglich. Dabei kann es in Zukunft nichts Furchtbareres für den ganzen -Balkan und für Rußland geben als die Wiederholung eines solchen -Kirchenstreites, – die leider so leicht möglich ist, wenn Rußland nur -auf einen Augenblick mit seiner Protektion und der strengen Aufsicht -über die Balkanslawen beiseite geschoben werden sollte. Wenn das nun -auch alles noch in der Zukunft liegt und meine Ansichten nur Vermutungen -sind, so wäre es doch unverzeihlich, diese Konflikte aus dem Auge zu -lassen, und wär’s auch nur als Möglichkeiten. Oder sollen auch wir -wünschen, daß die Herrschaft der Türken noch lange dauere? Sollten auch -wir so weit gehen? Sollte es wirklich nicht klar sein, daß dann am -Balkan die ganze Kircheneinigung höchstwahrscheinlich ins Wanken geraten -wird und die Folgen dieser Erschütterung sich vielleicht noch weiter in -den Osten erstrecken werden? Ja, man könnte sogar folgendes sagen: ob es -nun diese Streitigkeiten geben wird oder nicht, – jedenfalls ist es -wahrscheinlich, daß ein großes Konzil zur Ordnung der Angelegenheiten -der neu erstehenden Kirche nicht zu umgehen sein wird. Warum das nicht -beizeiten erwägen? In diesen vier Jahrhunderten der Verfolgung und -Unterdrückung sind die Vertreter der östlichen Kirche immer den -Ratschlägen Rußlands gefolgt; doch werden sie morgen von den Türken -befreit und bietet ihnen noch außerdem Europa seinen Schutz an, so -werden sie sich zu Rußland sofort anders verhalten. Die Vertreter der -griechisch-katholischen Kirche, vorwiegend Griechen, würden, sobald -Rußland sich ein wenig auf die Seite der Slawen neigen wollte, ihm -vielleicht unverzüglich zu verstehen geben, daß sie weiterhin seiner -Ratschläge nicht mehr bedürfen. Gerade deswegen würden sie sich damit -beeilen, weil sie alle vier Jahrhunderte hindurch zu diesem Rußland nur -mit andächtig gefalteten Händen emporgesehen haben. Und wie wird dann -Rußlands Lage sein? Diese selben Bulgaren werden dann natürlich -losschreien, daß in Konstantinopel sich ein neuer Papst auf den Thron -gesetzt habe, und – wer weiß – vielleicht werden sie damit nicht einmal -eine Unwahrheit sagen. Das internationale Konstantinopel kann -tatsächlich einmal, wenn auch nur zeitweilig, einem neuen Papste zum -Piedestal dienen. Dann wird für Rußland „die Griechen verteidigen“ -gleichbedeutend sein mit „die Slawen verlieren“, und wiederum „für die -Slawen eintreten“ vielleicht gleichbedeutend mit „auch sich die -unangenehmsten und ernstesten Kirchensorgen zuziehen“. Augenscheinlich -kann all dieses nur durch die Standhaftigkeit Rußlands in der -Orientfrage, d. h. durch die energische Durchführung jener Politik, die -uns unsere ganze Geschichte zur Pflicht gemacht hat, vermieden werden. -In dieser Angelegenheit dürfen wir Europa keine einzige Konzession -machen, denn hier handelt es sich für uns um Leben oder Tod. -Konstantinopel muß unser werden, ob früher oder später bleibt sich -gleich, und wenn auch nur zur Vermeidung schwerer Kirchenunruhen, die so -leicht zwischen den jungen Völkern des Ostens ausbrechen können, da -ihnen doch schon einmal im Streite der Bulgaren mit dem ökumenischen -Patriarchen ein Beispiel geboten worden ist. Erobern wir aber -Konstantinopel, so kann von alledem nichts eintreten. Die Völker des -Westens, die so eifersüchtig jeden Schritt Rußlands beobachten, wissen -und ahnen im gegenwärtigen Augenblick nicht einmal alle diese noch -phantastischen und doch so leicht möglichen zukünftigen Konflikte. -Würden sie dieselben aber jetzt erfahren, so wären sie doch unfähig, sie -zu verstehen, oder sie würden ihnen keine besondere Wichtigkeit -zuschreiben – das werden sie erst später tun, dann, wenn es zu spät sein -wird. Das russische Volk, das die Orientfrage ausschließlich als -Befreiung der ganzen orthodoxen Christenheit versteht, und von der -großen Zukunft Rußlands die Vereinigung der ganzen Kirche erhofft, würde -durch neue Unruhen und neue Uneinigkeiten rein kirchlichen Charakters zu -sehr erschüttert werden, und fraglos würden diese in seinem ganzen Leben -einen tiefen Widerhall finden. Das ist der einzige Grund, warum wir für -keinen Preis und in keiner Weise unsere in die Jahrhunderte -zurückreichende Anteilnahme an dieser großen Frage weder ganz aufgeben -noch auch nur verringern können. Nicht nur der prachtvolle Hafen, nicht -nur die Pforte zu den Meeren und Ozeanen verbinden Rußland so eng mit -dieser verhängnisvollen Orientfrage, und nicht einmal die Vereinigung -und Auferstehung der Balkanslawen tun dies ... Unsere Aufgabe ist -tiefer, unendlich tiefer. Wir, Rußland, sind in der Tat unumgänglich -notwendig für die ganze orientalische Christenheit wie auch für die -Vereinigung der ganzen zukünftigen rechtgläubigen Menschheit. So haben -es immer das Volk und seine Herrscher verstanden ... Mit einem Wort, -diese furchtbare Orientfrage – das ist in Zukunft beinahe unser ganzes -Schicksal. In ihr liegen geradezu alle unsere Aufgaben und, vor allem, -unsere einzige Möglichkeit, in die große Geschichte der Menschheit -einzutreten. In ihr liegt auch unser endgültiger Zusammenstoß und unsere -endgültige Vereinigung mit Europa, und zwar auf neuer, mächtiger, -fruchtbarerer Grundlage. Wie sollte Europa diese ganze uns vom Schicksal -bestimmte Lebensbedeutung, die für uns in der Entscheidung dieser Frage -liegt, jetzt schon begreifen?! - -Nein: gleichviel, womit die gegenwärtigen, vielleicht notwendigen -diplomatischen Unterhandlungen und Verträge mit Europa enden, früher -oder später _muß Konstantinopel doch uns gehören_, und sei es auch erst -im nächsten Jahrhundert! Das müssen wir Russen immer im Auge behalten, -ein jeder von uns unverwandt und fest. Nur dies war es, was ich allen -Russen sagen und ans Herz legen wollte, besonders in unserer jetzigen -europäischen Zeit. - - - Der Krieg - - - Wir sind die Stärksten - -„Krieg!! der Krieg ist erklärt!“ rief man bei uns vor zwei Wochen.[46] -„Wird es auch zum Kriege kommen?“ fragten sofort die Zweifler. „Er ist -schon erklärt, ist erklärt!!“ antwortete man ihnen. „Wissen wir, – aber -wird es überhaupt zum Kriege kommen?“ fuhren jene fort zu fragen. - -Solche Fragen gab es damals und gibt es vielleicht noch jetzt. Und nicht -nur wegen der langen diplomatischen Unterhandlungen glaubt man nicht an -den Krieg; nein, hier ist noch etwas anderes mit im Spiel, das Grund zum -Zweifeln gibt: hier ist es einfach – der Instinkt. Alle fühlen, daß -etwas Entscheidendes beginnt, daß das Ende von etwas Früherem, -jahrhundertelang Gewesenem herannaht, und daß ein Schritt zu etwas ganz -Neuem getan wird, zu etwas, was das Frühere zersprengt und zu neuem -Leben auferweckt, und ... daß dieser Schritt von uns getan wird, von – -Rußland! Das ist es ja, was die „klugen“ Leute nicht glauben können. -Instinktives Vorgefühl ist vorhanden, doch der Zweifel währt noch immer: -„Rußland! Wie kann es denn, wie wagt es überhaupt? Ist es denn dazu -vorbereitet? – innerlich, moralisch, nicht nur materiell? Dort ist -Europa, das ist leicht gesagt – Europa! Aber Rußland, was ist denn -Rußland? Und nun solch ein Schritt!?“ - -Das Volk aber glaubt, daß es reif ist zu diesem neuen und großen -Schritt. Es ist das Volk, das sich mit seinem Zaren an der Spitze zum -Kriege erhoben hat. Als das Zarenwort sich über die russische Erde -verbreitete, da zog das Volk in die Kirchen, um zu Gott zu beten; als -die Bauern auf dem Lande das Manifest ihres Zaren lasen, bekreuzten sie -sich und _beglückwünschten_ einander zu diesem Kriege. Das haben wir -selbst hier in Petersburg gesehen und gehört. Und wieder geschieht -dasselbe, was im vorigen Jahr geschah. Die Dorfbauern geben je nach -ihrem Vermögen Geld oder den durchmarschierenden Truppen Lebensmittel, -Pferde und Wagen und plötzlich sagt dieses Volk: „Was sind Spenden, was -Vieh und Pferde, wir gehen selbst kämpfen!“ Hier in Petersburg werden -von einzelnen mehrere tausend Rubel für die Verwundeten gegeben – ihre -Namen kennt man nicht, denn sie wollen ungenannt bleiben. Solche -Tatsachen erleben wir jetzt in Unmengen und keinen nehmen sie wunder. -Sie bedeuten nur, daß das ganze Volk sich für die Wahrheit erhoben hat, -zum Kriege für die heilige Sache. Was unsere „Klugen“ anbetrifft, so -werden sie natürlich auch diese Tatsachen leugnen – ganz wie sie im -vorigen Sommer die Beweise der Sympathie unseres Volkes für die -Balkanslawen leugneten. Auch jetzt lachen sie über das Volk, doch sind -ihre Stimmen schon merklich leiser geworden. Warum aber lachen sie nur, -woher haben sie soviel Selbstvertrauen? Nun, weil sie sich immer noch -für eine Macht halten, immer noch für dieselbe Macht, ohne die man -nichts vollbringen kann. Indessen ist das Ende dieser ihrer Macht nicht -mehr fern und immer schneller nähern sie sich ihrem furchtbaren -Untergang. Wenn aber der Boden unter ihnen anfangen wird zu weichen, -dann werden sie sich beeilen, in einer anderen Sprache zu reden, doch -dann wird es zu spät sein: alle werden begreifen, daß sie fremde Worte -aufs Geratewohl zusammenstellen, und werden sich von ihnen abwenden und -ihre Zuversicht dorthin tragen, wo der Zar und mit ihm sein Volk ist. - -Wir haben diesen Krieg auch für uns selbst nötig: nicht nur für unsere -von den Türken gequälten „slawischen Brüder“ erheben wir uns, sondern -auch zur eigenen Rettung. Der Krieg wird die Luft, die wir atmen, -erfrischen, die Luft, in der wir in der Ohnmacht unserer Verwesung und -geistigen Beengtheit zu ersticken drohten. Die „Klugen“ und „Allweisen“ -prophezeien zwar, daß wir an unseren eigenen inneren Unordnungen -ersticken und verderben würden und darum an Stelle des Krieges lieber -einen langen Frieden wünschen sollten, damit wir uns aus Tieren und -Dummköpfen in Menschen verwandeln, zunächst Ordnung, Ehrlichkeit und -Ehre lernen können: „_Dann_ erst geht und helft euren slawischen -Brüdern,“ schließen sie übereinstimmend ihre Episteln. Es wäre wirklich -interessant zu erfahren, wie sie sich diesen Entwicklungsprozeß, durch -den sie es besser machen würden, eigentlich denken? Und auf welche Weise -sie sich durch evidente Unehre Ehre erwerben wollten? Interessant wäre -ferner, wie und wodurch sie ihre Feindschaft gegen das allgemeine, -allenthalben durchbrechende Gefühl ihres Volkes rechtfertigen wollen. -Nein, wie man sieht, läßt sich die Wahrheit nur durch Märtyrertum -erkaufen. Millionen von Menschen bewegen sich und leiden und -verschwinden dann spurlos, als ob es ihnen bestimmt gewesen wäre, -niemals die Wahrheit zu erkennen. Sie leben mit fremden Gedanken, sie -suchen das fertige Wort und Beispiel, klammern sich an die von anderen -ihnen suggerierte Tat. Sie prahlen, daß die Autoritäten, daß Europa -ihnen recht gebe. Alle anderen, die mit ihnen nicht übereinstimmen, die -die Gedankenknechtschaft verachten und an ihre eigene und ihres Volkes -Selbständigkeit glauben, pfeifen sie aus. Aber in der Wirklichkeit sind -diese Schwärme schreiender Menschen doch nur dazu bestimmt, ein passives -Mittel zu sein, auf daß nur wenige Einzelne von ihnen sich der Wahrheit -nähern oder von dieser wenigstens so etwas wie ein Vorgefühl bekommen. -Diese Einzelnen aber sind es, die dann alle nach sich ziehen, die -Führung ergreifen, die Idee gebären und sie als Vermächtnis den sich -quälenden Menschenmassen hinterlassen. Solche Einzelne haben wir schon -bei uns gehabt. Manche von uns verstehen sie schon, oder sogar viele. -Doch die „Klugen“ fahren noch fort, zu lachen und immer noch von sich zu -glauben, sie seien eine große Macht! „Die gehen ein wenig spazieren, -werden bald zurückkehren,“ sagen sie jetzt von unseren Truppen, die -schon die Grenze überschritten haben, sagen es sogar laut. „Wo soll’s -denn Krieg geben? Wie könnten wir denn Krieg führen? Es ist einfach ein -militärischer Spaziergang und einige Manöver mit Verschwendung Hunderter -von Millionen – zur Aufrechterhaltung der Ehre.“ Das ist ihre intime -Auffassung der Sache, oder richtiger, ihre nicht intime. - -Sollte es nun geschehen, daß wir besiegt werden, oder unter dem Druck -der Verhältnisse für Lappalien Frieden schließen, – oh, dann würden die -„Klugen“ natürlich triumphieren! Und welch ein Auspfeifen und Heidenlärm -und Zynismus wird dann wieder beginnen, welch ein Bacchanal von -Selbstbespeiung, Selbstbeschimpfung und Selbstverspottung wird dann -wieder anheben! – Und das nicht etwa, um ein neues Leben bei uns zu -erwecken, sondern gerade wegen des Triumphes der eigenen Ehrlosigkeit, -Unpersönlichkeit und Kraftlosigkeit. Und der neue Nihilismus wird ganz -genau so, wie der alte, mit der Verneinung des russischen Volkes und -seiner Selbständigkeit beginnen, und – das Wichtigste – wird solche -Macht ergreifen und so tief Wurzel treiben, daß er fraglos das Heiligste -Rußlands unterdrücken wird. Und wieder wird die Jugend ihre Familien und -ihr Elternhaus beschimpfen und vor der Weisheit der Greise davonlaufen, -weil diese doch nur ein und dasselbe wiederholen: immer die alten, allen -überdrüssig gewordenen Lieder von der europäischen Herrlichkeit und von -unserer Pflicht, möglichst unpersönlich zu sein. Das ist ja das -Schrecklichste, daß es dann wieder dieselben alten Lieder, dieselben -alten Worte geben wird und die Hoffnung auf etwas Neues dann auf lange, -lange hinausgeschoben werden muß!! Nein, wir brauchen Krieg und Siege! -Mit Krieg und Siegen wird das neue Wort kommen und wird das lebendige -Leben beginnen und nicht das ertötende Geschwätz von früher sich -fortsetzen ... was sag’ ich, „von früher“! – von _heute_, meine Herren. - -Nichtsdestoweniger muß man auf alles gefaßt sein: setzen wir den für uns -schlechtesten Ausgang des begonnenen Krieges voraus, so wird doch, -selbst wenn wir viel Schändliches, viel schon so zuwider gewordenes -altes Leid werden ertragen müssen, so wird doch der Koloß nicht ins -Wanken gebracht werden und früher oder später das Seine nehmen. Das ist -nicht nur meine Hoffnung – das ist meine volle Überzeugung. In dieser -Unmöglichkeit, den Koloß ins Wanken zu bringen, liegt unsere ganze Macht -Europa gegenüber. Dieser Koloß ist unser Volk. Und der jetzige -volkstümliche Krieg und all die ihm kurz vorhergegangenen Bewegungen -haben allen, die zu sehen verstehen, deutlich unsere volkliche Einheit -und Frische gezeigt, und bis zu welch einem Grade unsere Volkskräfte von -jener Zersetzung, die unsere „Klugen“ überfallen hat, bewahrt geblieben -sind. Und welch einen Dienst uns diese „Weisen“ in den Augen Europas -erwiesen haben! Noch vor kurzem schrien sie, so daß die ganze Welt es -hörte, wir seien arm und nichtig; sie versicherten spöttisch allen, -einen _Volksgeist_ hätten wir überhaupt nicht, einfach weil kein _Volk_ -vorhanden wäre; weil auch unser „Volk“ ganz so wie sein „Geist“ nur von -der Phantasie einheimischer, moskowitischer Denker erfunden worden sei; -daß die achtzig Millionen russischer Bauernkerle im ganzen nur Millionen -passiver, betrunkener, steuerpflichtiger Nummern wären; daß von einer -Verbindung des Zaren mit dem Volke überhaupt nicht die Rede sein könne – -letzteres stehe nur in alten Schriften; daß, im Gegenteil, alles -losgelöst und vom Nihilismus angefressen sei; daß unsere Soldaten die -Gewehre wegwerfen und wie die Lämmer zurücklaufen würden; daß wir weder -Munition noch Proviant hätten; und zu guter letzt, hieß es, sähen wir -selbst ein, daß wir uns zuviel zugemutet hätten, und warteten jetzt nur -auf einen Vorwand, um uns zurückziehen zu können, ohne gerade die -ganzschimpflichsten Ohrfeigen davontragen zu müssen, und beteten zu -Gott, daß Europa uns diesen Vorwand ausdächte! Das ist die Meinung -unserer „Weisen“ von uns ... Wahrlich, man kann sich schlechterdings -kaum über sie ärgern: das ist nun einmal ihre eingefleischte -Überzeugung. Und es ist ja auch wahr: ja, wir sind arm, ja, in vielem -sind wir sogar bedauernswert; ja, wir haben wirklich so viel Schlechtes, -daß der „Kluge“, und besonders wenn er noch _unser_ „Kluger“ ist, nichts -anderes tun kann, wenn er sich „treu“ bleiben will, als ausrufen: „Wozu -das Ende Rußlands noch bedauern!“ Und diese lieben Gedanken unserer -Klugen sind bereits durch ganz Europa geflattert, besonders mit Hilfe -der europäischen Korrespondenten, die schwarmweis seit dem Ausbruch des -Krieges zu uns kommen, um uns an Ort und Stelle zu studieren, uns mit -ihren europäischen Äuglein zu durchschauen und unsere Kräfte mit ihrem -europäischen Zentimetermaß zu messen. Selbstverständlich haben sie nur -unsere „Klugen, Allwissenden und Vernünftigen“ angehört. Die Volkskraft -und der Volksgeist sind ihnen allen entgangen. Und so ist denn auch -schon die Nachricht, daß Rußland untergeht, daß es nichts ist, nichts -war und nichts werden wird, nach Europa telegraphiert worden. Als diese -erste Botschaft noch vor dem Kriege hinauszog, da erbebten die Herzen -unserer uralten Feinde und Neider, denen wir schon zwei Jahrhunderte -lang Verdruß bereiten, vor Freude, und mit ihnen frohlockten die Herzen -vieler Tausende europäischer Juden und die Herzen vieler Millionen -verjudeter „Christen“. Es freute sich auch das Herz Beaconsfields: ihm -ward gesagt, Rußland werde eher alles ertragen, alles, bis zur -beleidigendsten letzten Ohrfeige, als daß es einen Krieg begönne – -dermaßen groß, hieß es, sei seine „Friedensliebe“. Gott jedoch schützte -uns und schlug sie alle mit Blindheit. Da sie fest an den Untergang und -die Nichtigkeit Rußlands glaubten, konnte ihnen das Wichtigste entgehen: -sie übersahen das ganze russische Volk als lebendige Kraft und übersahen -die kolossale Tatsache: das Einssein des Zaren mit seinem Volke! Ja, -_nur das_ ist ihnen entgangen! Außerdem konnten sie unmöglich begreifen -und glauben, daß unser Zar wirklich friedliebend sei und wirklich nicht -Menschenblut vergießen wolle; sie dachten, all das werde bei uns nur -„aus Politik“ gesagt. Und sogar jetzt noch sehen sie nichts von alledem: -sie schreiben, daß bei uns plötzlich nach dem Manifest des Zaren der -„Patriotismus“ ausgebrochen sei. Ist denn das Patriotismus, ist denn -diese Verbindung des Zaren mit dem Volk für die große Sache etwa _nur_ -Patriotismus? Darin besteht ja unser Talisman, daß sie nichts von -Rußland verstehen, nichts in Rußland sehen! Sie wissen nicht, daß wir -durch nichts in der Welt besiegt werden können, daß wir meinetwegen -Schlachten verlieren können, doch nichtsdestoweniger unbesiegbar -bleiben, gerade durch die Einheit des Volksgeistes in dem Bewußtsein: -daß wir nicht Frankreich sind, das ganz in Paris liegt, daß wir nicht -Europa sind, das ganz von den Börsen seiner Bourgeosie abhängt und von -der „Ruhe“ seiner Proletarier, die bereits durch die letzten -Anstrengungen der dortigen Regierungen erkauft wird – nur auf eine -Stunde. Sie begreifen es nicht und wissen es nicht, daß, wenn wir -_wollen_, uns alle Juden der Welt zusammengenommen nicht werden besiegen -können, nicht die Millionen ihres Goldes, nicht die Millionen ihrer -Armeen; daß, wenn wir _wollen_, man uns nicht wird zwingen können, etwas -gegen unseren Willen zu tun, daß es keine einzige irdische Macht gibt, -die dazu fähig wäre! Das Unglück ist nur, daß man über diese Worte nicht -nur in Europa lachen wird, sondern auch bei uns, und daß es hier nicht -bloß unsere „Weisen“ tun werden, nein, auch die wirklichen Russen -unserer intelligenten Schicht – dermaßen wenig kennen wir uns selbst und -unsere Urkraft, die sich, Gott sei Dank, bis jetzt noch ungeschwächt -erhalten hat. Die guten Leute begreifen es nicht, daß bei uns, in -unserem unabsehbaren und eigenartigen, Europa im höchsten Grade -ungleichen Lande sogar die Kriegstaktik – eine doch so allgemeine Sache! -– der europäischen vielleicht ganz unähnlich ist; daß die Grundlagen der -europäischen Taktik – Geld und wissenschaftliche Organisation -militärischer Einfälle in unser Land – über dieses Land straucheln und -hier bei uns auf eine neue, ihnen noch vollkommen unbekannte Kraft -stoßen können, auf die Kraft, deren Wurzeln in der Natur des -unabsehbaren Russenlandes und in der Natur des allvereinenden russischen -Geistes liegen. Doch mögen es _vorläufig_ auch noch so viele gute Leute -bei uns nicht wissen – nicht wissen und sich ängstigen –; dafür wissen -es unsere Zaren und fühlt es unser Volk. Alexander I. wußte um diese -unsere eigenartige Kraft Bescheid, als er sagte, er werde sich einen -langen Bart wachsen lassen und mit seinem Volke in die Wälder gehen, -doch könne er nicht das Schwert niederlegen und sich dem Willen -Napoleons fügen. An dieser Kraft wäre auch ganz Europa zerschellt; denn -zu solch einem Kriege reicht weder sein Geld noch die Einheitlichkeit -seiner Organisation aus. Wenn einst bei uns alle Russen wissen werden, -daß wir so stark sind, dann werden wir es auch erreichen, daß wir nicht -mehr Krieg zu führen brauchen; dann wird man an uns glauben und dann -wird uns Europa zum erstenmal _entdecken_, so wie es einst Amerika -entdeckte. Auf daß nun aber dies möglich werde, müssen wir uns selber, -und zwar vor ihnen, entdecken, und muß unsere Intelligenz endlich -begreifen, daß sie sich nicht mehr von unserem Volke absondern darf ... - - - Nicht immer ist der Krieg eine Geißel, zuweilen ist er sogar die - - einzige Rettung - -Doch unsere „Klugen“ haben sich auch an die andere Seite der Sache -gemacht: sie predigen Nächstenliebe und „Humanität“, sie trauern um -vergossenes Blut und sind tief unglücklich, daß wir zu unserer -Vertierung in den Krieg ziehen, uns somit noch weiter von dem inneren -Fortschritt, dem richtigen Wege, der Wissenschaft entfernen. Ja, der -Krieg ist schließlich ein Unglück, doch vieles ist auch kurzsichtig -gesehen in diesem Urteil der „Humanen“; vor allem aber haben wir -wirklich genug von ihren bourgeoisen Moralpredigten! Die Heldentat des -Selbstopfers für all das, was wir heilig halten, ist doch wohl ethischer -als der ganze bourgeoise Moralkatechismus. Der Aufschwung des Geistes -der Nationen für eine hochherzige Idee – ist ein Schritt nach vorn, aber -nicht „Vertierung“. Natürlich können wir uns ja irren in dem, was wir -eine hochherzige Idee nennen; ist aber das, was wir heilig halten, -schimpflich und lasterhaft, so werden wir der Strafe der Natur nicht -entgehen: das Schimpfliche und Lasterhafte trägt seinen Tod in sich und -richtet sich früher oder später doch selbst. Der Krieg, der zur -Eroberung fremder Reichtümer geführt wird, auf Wunsch der unersättlichen -Börse, – wenn er auch vielleicht im tiefsten Grunde auf dem allen -Völkern gemeinsamen Gesetz der Ausbreitung ihrer nationalen -Persönlichkeit beruhen mag, so gibt es doch eine Grenze, die bei dieser -Ausbreitung nicht überschritten werden darf, über die hinaus jede -Aneignung schon Überfluß ist –: solch ein Krieg zeugt bereits von der -Dekadenz der Nation und kann ihr nur den Tod bringen. So würde England, -wenn es in diesem Kriege für die Türken eintreten und aus Interesse für -seine handelspolitischen Vorteile die Leiden gequälter Menschen ganz und -gar vergessen wollte, zweifellos ein Schwert erheben, das früher oder -später auf sein eigenes Haupt zurückfallen würde. Und umgekehrt: welch -eine Tat könnte reiner und heiliger sein als dieser Krieg, den Rußland -jetzt unternommen hat? Man wird vielleicht sagen: „Auch Rußland will -sich doch in diesen Völkern, die es jetzt, nehmen wir an, aus -tatsächlich uneigennützigen Gründen zu befreien und selbständig zu -machen beabsichtigt, durch diese selbe Tat für die Zukunft Verbündete, -d. h. also, eine neue Kraft erwerben; – das aber geschieht natürlich -nach diesem selben Gesetz der Ausbreitung der nationalen Persönlichkeit, -dem zufolge auch England zu erobern strebt. Da aber das Ziel des -‚Panslawismus‘ durch seine Kolossalität Europa fraglos schrecken kann, -so hat Europa allein schon nach dem Gesetz des Selbsterhaltungstriebes -das Recht, uns aufzuhalten, ganz so wie wir das Recht haben, vorwärts zu -gehen, ohne uns durch seine Angst auch nur im geringsten aufhalten zu -lassen, und uns in unserem Gang nur nach dem zu richten, was uns die -eigene politische Umsicht und Klugheit rät. Auf diese Weise gibt es -hierbei weder Heiliges noch Schmähliches, sondern nur einen ewigen, -sagen wir, tierischen Instinkt der Völker, dem sich ausnahmslos alle -noch ungenügend und unvernünftig entwickelten Nationen der Welt -unterwerfen. Trotzdem aber müssen die erworbene Erkenntnis, die -Wissenschaft und Menschlichkeit endlich einmal, sei es wann es sei, den -ewigen tierischen Instinkt der unvernünftigen Nationen schwächen und in -ihnen allen den Wunsch nach Frieden, nach allvolklicher Vereinigung und -philanthropischem Fortschritt entfachen. Daraus folgt, daß man Frieden -und nicht Blut verkünden muß.“ - -Heilige Worte! Im gegenwärtigen Augenblick jedoch kann man sie nicht gut -auf Rußland anwenden, oder, um es besser auszudrücken –: in der jetzigen -historischen Epoche ganz Europas stellt Rußland gewissermaßen eine -Ausnahme dar. Sollte sich Rußland, das sich jetzt uneigennützig zur -Errettung der geknechteten Völker gerüstet hat, späterhin auch durch -dieselben verstärken, so würde es doch selbst dann ein Ausnahmebeispiel -bleiben, was natürlich Europa, das Rußland nur nach sich beurteilt, -vorläufig noch keineswegs für möglich hält. Rußland wird sich, selbst -wenn es sich durch das Bündnis mit den von ihm befreiten Völkern -ungemein verstärkt, doch nicht mit seinem Schwerte auf Europa stürzen, -nichts von ihm verlangen, nichts von ihm fortnehmen, wie es umgekehrt -Europa bestimmt tun würde, wenn es die Möglichkeit fände, sich wieder -als Ganzes gegen Rußland zu vereinigen, und wie es in Europa alle -Nationen von jeher tun – wenn sich nur eine Gelegenheit findet, sich auf -Kosten der lieben Nachbarin zu verstärken. Das geschieht dort seit den -ältesten Zeiten, und noch kürzlich ist es wieder geschehen: die -gelehrteste, aufgeklärteste aller Nationen stürzte sich auf die andere, -ebenso gelehrte und aufgeklärte Nation und packte sie wie ein grimmes -Tiers, sog ihr das Blut aus, preßte ihre Kräfte in Gestalt von -Milliarden heraus und hieb ihr eine ganze Seite – die beste – ab! Ist es -wirklich noch Europas Schuld, wenn es nach alledem Rußlands Bestimmung -nicht verstehen kann? Wie sollten sie, die Stolzen, Gelehrten, Starken, -sich auch nur träumen lassen, daß Rußland vielleicht gerade zu ihrer -Rettung bestimmt und geschaffen ist, und daß es vielleicht erst zum -Schluß sein erlösendes Wort aussprechen wird! – Oh, wahrlich wahrlich, -wir werden ihnen nichts wegnehmen! – Doch gerade durch den Umstand, daß -wir uns so ungemein verstärken – und zwar durch eine Vereinigung in -Liebe und Brüderlichkeit, und nicht durch Überfall, Eroberung und Gewalt -– gerade durch diese Tatsache wird es uns endlich möglich sein, das -Schwert ruhen zu lassen und in der Ruhe unserer Kraft das Beispiel des -wahren Friedens zu geben, der internationalen Allvereinigung und -Uneigennützigkeit. Wir werden die ersten sein, die der Welt kundtun, daß -wir nicht durch Unterdrückung der Persönlichkeit uns fremder -Nationalitäten das eigene Gedeihen erreichen wollen, sondern, im -Gegenteil, Letzteres nur in der freiesten und selbständigsten -Entwicklung aller anderen Nationen sehen und in der brüderlichen -Vereinigung mit ihnen, die einen die anderen ergänzend, indem wir uns -ihre organischen Besonderheiten einimpfen und ihnen auch von uns -Pfropfreiser geben, uns gegenseitig seelisch und geistig aufnehmen, von -ihnen lernen und wiederum sie lehren – bis die Menschheit dereinst sich -durch den universalen Umgang der Völker bis zur allgemeinen Einheit -vervollständigen und wie ein großer prachtvoller Baum die glückliche -Erde beschatten wird. Mögen sie doch lachen über diese „phantastischen“ -Worte, unsere jetzigen Kosmopoliten und Selbstbespeier! Wir aber fühlen -keine Schuld in uns, wenn wir mit unserem Volke, das daran glaubt, Hand -in Hand gehen. Fragt doch das Volk, fragt die Soldaten: warum erheben -sie sich, warum ziehen sie jetzt westwärts, und was ersehnen sie von -diesem begonnenen Kriege? Alle werden sie wie aus einem Munde antworten, -daß sie gehen, um Christus zu dienen, und um die bedrückten Brüder zu -befreien, – und keiner ist unter ihnen, sage ich euch, der da an -Eroberung dächte! Ja, jetzt, gerade in diesem Kriege werden wir den -Europäern unsere ganze Idee der zukünftigen Bestimmung Rußlands in -Europa beweisen, indem wir uns nach der Befreiung der slawischen Länder -von ihnen keine Scholle aneignen – was Österreich bereits heute -beabsichtigt, in Zukunft für sich zu tun –; sondern indem wir, im -Gegenteil, nur über ihr gegenseitiges Einverständnis wachen und ihre -Freiheit und Selbständigkeit, sollte es darauf ankommen, auch gegen ganz -Europa verteidigen. Ist dem aber so, dann ist unsere Idee heilig und -unser Krieg nicht „ewiger tierischer Instinkt unvernünftiger Nationen“, -wohl aber der erste Schritt zur Verwirklichung jenes ewigen Friedens, an -den zu glauben wir das große Glück haben, zur Verwirklichung der fürwahr -internationalen Vereinigung und des wahrhaften Gedeihens! Also sage ich -euch: nicht immer muß man den Frieden predigen, und nicht im Frieden -allein liegt einzig die Erlösung – die kann zuweilen auch der Krieg -bringen. - - - Rettet denn vergossenes Blut? - -„Aber es wird doch Blut dabei vergossen! – Menschenblut!“ rufen unsere -Klugen entsetzt, und wieder beginnen sie ihr altes Lied. Alle diese -Rumpelkammerphrasen von vergossenem Blut sind mitunter wirklich nichts -weiter als eine Häufung der allernichtigsten schönen Worte zu einem -bestimmten Zweck. Die Börsenspekulanten z. B. lieben es jetzt geradezu -auffallend, über die Humanität zu philosophieren, – doch für wie viele -von ihnen ist sie nur ein Geschäft! Indessen wäre ohne Krieg vielleicht -noch mehr Blut vergossen worden. Glaubt mir, in nicht wenigen Fällen, -wenn nicht in allen – abgesehen von Bürgerkriegen –, ist der Krieg ein -Mittel, durch das man mit dem geringsten Blutvergießen, dem geringsten -Weh und der geringsten Kraftverschwendung internationale Ruhe erreicht, -und durch die sich, wenn auch nur annähernd, einigermaßen normale -Beziehungen zwischen den Nationen herstellen. Selbstverständlich ist das -traurig, doch was tun, wenn es so ist! Lieber einmal mit dem Schwerte -dreinschlagen, als endlos Leid tragen. Und wodurch ist denn der jetzige -Friede zwischen zivilisierten Nationen besser als – Krieg? Im Gegenteil: -weit eher als der Kampf vertiert der Friede, besonders der lange Friede, -den Menschen und macht ihn grausam. Ein langer Friede züchtet stets -Gemeinheit, Feigheit und rohen, feisten Egoismus, vor allem aber – -geistigen Stillstand. In der Zeit eines langen Friedens werden nur die -Ausbeuter des Volkes fett. Man glaubt im allgemeinen, daß Friede -Reichtum erzeuge, – aber das trifft doch nur für ein Zehntel der -Menschheit zu! Und dieses Zehntel, das gar bald von den Krankheiten des -Reichtums angesteckt ist, überträgt dann diese Krankheiten natürlich -auch auf die übrigen neun Zehntel, versteht sich, ohne Reichtum. Krank -aber ist es durch Verderbnis und Zynismus. Durch die übermäßige -Anhäufung des Reichtums in den Händen Einzelner verrohen deren Gefühle -bis zur Stupidität. Das Gefühl für das Vornehme verwandelt sich in die -Gier launischen Übermutes und launischer Anormalitäten. Sinnenlust -gebiert Grausamkeit und Feigheit. Die betrunkene rohe Seele des -Wollüstlings ist grausamer als jede andere, selbst lasterhafte Seele. -Mancher Wollüstling, der beim Anblick eines abgeschnittenen Fingers in -Ohnmacht fällt, kann einem armen Schlucker nicht einmal eine lumpige -Schuld verzeihen und bringt ihn ruhig ins Gefängnis. Grausamkeit aber -erzeugt verstärkte, schon allzu feige Sorge um die Sicherstellung seiner -selbst, und diese verwandelt sich am Ende eines langen Friedens in eine -geradezu krankhafte Angst um die eigene Person, durchdringt schließlich -alle Schichten der Gesellschaft und bringt die furchtbarste Gier nach -Gelderwerb hervor. Der Glaube an die Solidarität der Menschen, an ihre -Brüderlichkeit, an die Hilfe der Gesellschaft, geht verloren und die -These: „Ein jeder für sich und nur für sich“ wird laut auf den Märkten -verkündet. Der Arme sieht nur zu gut, was der Reiche ist, und was er ihm -für ein „Bruder“ sein kann; und so sondern sich alle ab und vereinsamen. -Großmut und Hochherzigkeit werden vom Egoismus ertötet. Nur die Kunst -erhält in der Menschheit noch das höhere Leben: sie hält noch die Seelen -wach, die in den Perioden langen Friedens einzuschlafen drohen und auch -pflegen. Deswegen glaubt man auch, daß die Kunst nur zur Zeit eines -langen Friedens blühen könne – welch ein Irrtum! Die Kunst, d. h. die -_wirkliche_ Kunst, entwickelt sich im Frieden ja nur deshalb, weil sie -allen trunkenen, lasterhaften Einschläferungen der Seelen -entgegengesetzt ist und durch ihre Schöpfungen in diesen Perioden stets -zum Ideal ruft, Protest und Tadel aufwirbelt, die Gesellschaft bewegt -und oftmals Menschen leiden macht, die da lechzen nach der Errettung aus -der übelriechenden Grube. Und so erweist es sich, daß der lange -bourgeoise Friede zu guter Letzt selber das Bedürfnis nach Krieg -erzeugt, ihn wie eine traurige Folge gleichsam von selbst aus sich -hervorbringt. Doch leider kommt es dann nicht zu einem Kriege mit einem -großen, gerechten Ziele, das einer großen Nation würdig ist, sondern zu -einem aus irgendwelchen erbärmlichen Börseninteressen, zur Erwerbung -neuer Märkte für die Besitzer der Goldsäcke, mit einem Wort: zu einem -Kriege aus Gründen, die nicht einmal durch die Notwendigkeit der -Selbsterhaltung gerechtfertigt werden, sondern umgekehrt, nur von dem -launischen, krankhaften Zustande des Nationalorganismus zeugen. Diese -Interessen und die Kriege, die um ihretwillen geführt werden, verderben -die Völker, ja, richten sie völlig zugrunde; während der Krieg mit einem -hochherzigen Ziele – zur Befreiung Unterdrückter, für eine -uneigennützige und heilige Idee – nur die von giftigen Miasmen erfüllte -Luft reinigt, die Seele heilt, die schmähliche Feigheit und Faulheit -verjagt, ein festes Ziel setzt und schließlich eine Idee gibt und sie -verständlich macht, eine Idee, zu deren Verwirklichung diese oder jene -Nation berufen ist. Ein solcher Krieg stärkt jede Seele durch das -Bewußtsein des Selbstopfers und den Geist der ganzen Nation durch das -Bewußtsein der Solidarität und Vereinigung aller, die die Nation -ausmachen, vor allem aber durch das Bewußtsein der erfüllten Pflicht, -der vollbrachten guten Tat –: „so sind wir doch noch nicht ganz gefallen -und verderbt, so gibt es auch in uns noch Menschliches!“ Und womit -fingen denn diese unsere jüngsten Prediger des Friedens und der -„Menschlichkeit“ ihre Reden an? Mit der allerunmenschlichsten Härte. Sie -wollten selbst nicht helfen und ließen auch nicht zu, daß andere den -Gemarterten, die nach uns riefen, halfen. Sie, die scheinbar so „human“ -und gefühlvoll sind, leugneten kaltblütig und spöttisch die -Notwendigkeit des Selbstopfers und der geistigen Heldentat für uns. Sie -wollten Rußland auf den erbärmlichsten, einer großen Nation unwürdigsten -Weg stoßen, – ganz zu schweigen von ihrer Verachtung für das Volk, das -in den slawischen Märtyrern seine Brüder anerkannte, und ihrer -hochmütigen Abwendung vom Volkswillen, über den sie ihre falsche -„europäische“ Bildung stellten. Ihre Lieblingsthese war: „Arzt, heile -dich selbst.“ „Ihr drängt euch, andere zu heilen und zu retten, während -bei euch noch nicht einmal Schulen gebaut sind,“ hoben sie ganz -besonders hervor. „Nun gut, dann wollen wir uns heilen. Schulen sind -eine wichtige Sache, das wird niemand leugnen; doch Schulen brauchen -einen Geist und eine Richtung, – so gehen wir denn jetzt in den Krieg, -um uns mit Geist zu versehen und eine gesunde Richtung zu erlangen. Und -das werden wir auch erreichen, und werden es doppelt, wenn Gott uns Sieg -schickt. Mit dem Bewußtsein, daß wir eine uneigennützige Tat vollbracht, -daß wir mit unserem Blute ruhmvoll der Menschheit gedient, mit dem -Bewußtsein unserer erneuten Kraft und Energie werden wir dann -zurückkehren – und werden all das an die Stelle unseres jetzigen -kläglichen Wankelmutes setzen, an die Stelle unseres ertötenden -Stillstandes in dem sinnlos übernommenen Europäismus. Und wir schließen -uns dem Volke an und vereinigen uns fester mit ihm; denn nur in ihm -allein werden wir die Heilung von unserer Krankheit finden – von unserer -zwei Jahrhunderte langen unfruchtbaren Kraftlosigkeit.“ - -Im allgemeinen kann man sagen, daß, wenn die Menschheit ungesund und -voll Ansteckungsstoff ist, selbst eine so nützliche Sache, wie ein -langer Friede, der Gesellschaft anstatt Nutzen nur Schaden bringt. Das -ließe sich im allgemeinen auf ganz Europa anwenden. Nicht umsonst ist in -der europäischen Geschichte, wenigstens seit der Zeit, da wir uns ihrer -erinnern, noch keine einzige Generation ohne Krieg ausgekommen. So ist, -wie man sieht, wohl auch der Krieg zu irgend etwas nötig, kann auch der -Krieg die Menschheit heilen und ihr das Leben erleichtern. Es mag -empörend sein, wenn man es theoretisch überdenkt, doch in der Praxis -ergibt sich diese eine Tatsache gerade aus der anderen Tatsache, daß -nämlich für einen kranken Organismus auch der schöne Frieden nur Schaden -bringt. Wirklich nützlich erweist sich freilich nur der Krieg, der für -eine große Idee unternommen wird und nicht wegen materieller Interessen, -nicht zu gieriger Eroberung, nicht um hochmütiger Vergewaltigung willen. -Solche Kriege haben die Nationen bis jetzt nur auf falsche Wege -verschlagen und sie stets verdorben. Wenn nicht wir, so werden es unsere -Kinder erleben, wie England enden wird. Jetzt aber ist für alle in der -Welt bereits „die Stunde nah“. Und wahrlich, es ist auch die höchste -Zeit. - - - Wie Rußlands „sanftester“ Zar die Orientfrage aufgefaßt hat - -Man hat mir vor kurzem einen Auszug aus einem Buch zugesandt, das im -vorigen Jahr in Kiew erschienen ist. Es heißt: „Das Moskowitische Reich -zur Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch und des Patriarchen Nikon nach -den Aufzeichnungen des Archidiakonus Pawel Alepski.“ Herausgegeben ist -es von Iwan Obolenski. - -Ich will nun einen Teil dieses Auszuges hier in meinem „Tagebuch“ -anführen, da es vielleicht meine Leser interessieren wird, zu erfahren, -wie Rußlands „sanftester Zar“ Alexei Michailowitsch (1645–1676) die -Orientfrage aufgefaßt hat. Zugleich ersehen wir aus dieser -charakteristischen Aufzeichnung, welch einen Kummer es ihm bereitet hat, -nicht der „Zar-Befreier“ der unterdrückten Balkanslawen sein zu können: - - Und man sprach, daß der Zar zum heiligen Osterfest (1656), als er - mit den griechischen Kaufherren, die alsdann in Moskau weilten, den - Osterkuß tauschte, zu ihnen auch also gesprochen habe: „Wollt ihr - vielleicht und erwartet ihr, daß ich euch aus der Gefangenschaft - befreie und loskaufe?“ und als sie geantwortet: „Wie kann es anders - sein? wie sollen wir das nicht wollen?“ habe er weitergesagt: „So - bittet denn, wenn ihr heimkehrt in euer Land, alle Bischöfe und - Mönche, zu Gott für mich zu beten und Messen zu lesen, auf daß mir - durch ihre Gebete die Kraft zuteil werde, das Haupt ihres Feindes zu - fällen.“ Und nachdem er hierauf viele Tränen geweint, habe er sich - an die Edlen gewandt und also zu ihnen gesprochen: „Mein Herz ist - betrübt und verzehrt sich in Kummer um das Los dieser Armen, die von - den Feinden unseres Glaubens unterdrückt werden; am Tage des - Gerichtes wird Gott mich zu sich rufen und von mir Rechenschaft - fordern, _warum ich, wenn ich die Macht hatte, sie zu befreien, - selbiges zu tun unterlassen_ ... Ich weiß nicht, wie lang er währen - wird, dieser schlechte Zustand der Reichssachen, doch seit der Zeit - meines Vaters und meiner Väter Väter haben nicht aufgehört - Patriarchen, Bischöfe, Mönche und viel arme Leute mit Klagen über - ihre Bedrängung durch die Unterdrücker zu uns zu kommen, und keiner - von ihnen hatte anders die Heimat verlassen, als verfolgt von rauhem - Leid und auf daß er der Grausamkeit entginge. _Und Angst erfaßt mich - vor den Fragen des Schöpfers an jenem Tage! So habe ich denn - beschlossen in meinem Sinn, wenn es Gott gefällig ist, meine treuen - Heere und mein ganzes Gold dahinzugeben und mein Blut bis auf den - letzten Tropfen zu vergießen, auf daß ich sie befreie._“ Darauf - haben die Edlen geantwortet: „_Herr, tue also, wie dein Herz es dir - befiehlt._“ - - - Aus dem Buch der Weissagungen Johannes Lichtenbergers – aus dem - - Jahre 1528 - -Und man hat mir auch noch von einem sehr sonderbaren Dokument Mitteilung -gemacht. Es ist das eine alte, schleierhafte und allegorische Weissagung -der heutigen Ereignisse und des heutigen Krieges. Einer unserer jungen -Gelehrten hat in London, in der Königlichen Bibliothek, einen alten -Folianten gefunden: „Das Buch der Weissagungen“, „Prognosticationes“ von -Johannes Lichtenberger, eine Ausgabe in lateinischer Sprache aus dem -Jahre 1528. Jedenfalls ein seltenes Exemplar, – vielleicht das einzige -in der Welt. In nebelhaften Bildern wird in diesem Buch die Zukunft -Europas und der Menschheit geschildert. Ein sonderbar mystisches Buch. -Ich führe nur die Zeilen an, die für uns nicht ohne Interesse sind. - -Nach der Prophezeiung der Französischen Revolution (1789) und Napoleons -I., der _aquila grandis_ genannt wird, heißt es weiter von den -zukünftigen europäischen Ereignissen wie folgt: - - - _Post haec veniet altera aquila_ - - Hierauf wird ein anderer Adler kommen, - - _quae ignem fovebit in gremio sponsae Christi_ - - der im Schoße der Braut Christi Feuer erwecken wird, - - _et erunt tres adulteri unusque legitimus_ - - und es werden drei Uneheliche sein und ein Rechtmäßiger, - - _qui alios vorabit._ - - der die anderen verschlingen wird. - - - _Exsurget aquila grandis in_ - - Aufsteigen wird der große Adler - - _Oriente, aquicolae occidentales_ - - im Osten, die westlichen Inselbewohner - - _moerebunt. Tria regna_ - - werden anfangen zu weinen. Drei Reiche wird er - - _comportabit. Ispa est aquila grandis,_ - - verschlingen. Dieses ist der große Adler, - - _quae dormiet annis multis, refutata_ - - der viele Jahre schläft, der besiegte - - _resurget et contremiscere faciet aquicolas_ - - wird sich wieder erheben und die westlichen - - _occidentales in terra Virginis_ - - Wasserbewohner im jungfräulichen Lande - - _et alios montes Superbissimos; et volabit_ - - zittern machen und noch andere stolze Gipfel; und - - _ad meridiem recuperando amissa._ - - fliegen wird er gegen Süden, um das Verlorene - - _Et amore charitatis inflammabit Deus_ - - wiederzunehmen. Und mit der Liebe der Barmherzigkeit wird Gott den - östlichen - - _aquilam orientalem volando ad ardua_ - - Adler entflammen, der zu Großem fliegt - - _alis duabus fulgens in montibus christianitatis._ - - mit zwei leuchtenden Schwingen auf die Gipfel des Christentums. - -„Der große östliche Adler, der viele Jahre schläft, und der _besiegte_“ -(bezieht sich das nicht auf unseren Krieg mit Europa vor 22 Jahren?) -„wird sich wieder erheben und die westlichen Bewohner im jungfräulichen -Lande zittern machen,“ – sollte sich das nicht auf die Gegenwart -anwenden lassen, natürlich wenn man von unseren europäisierenden -„Weisen“ absieht, die immer noch gewissermaßen vor den Bewohnern des -Westens Angst zu haben scheinen, im Widerspruch zu dieser Weissagung, -und das in einer Zeit, in der sich der Adler „mit zwei leuchtenden -Schwingen“ schon erhoben hat. Doch es sind ja nur die „Weisen“, die da -zittern, nicht der Adler! Dann: „die Bewohner im jungfräulichen Lande“ -könnte sich, wenn man an die heutigen Verhältnisse denkt, auf England -beziehen. In dem Falle jedoch – warum das „jungfräuliche Land“? Im Jahre -1528 gab es noch keine Königin Elisabeth. Oder meint Lichtenberger mit -dieser Allegorie vielleicht Großbritannien in dem Sinne, wie sich einst -Napoleon über die europäischen Hauptstädte, in die er eingezogen war, -geäußert: „Eine Residenz, die sich vom Feinde hat einnehmen lassen, -gleicht einer Jungfrau, die ihre Jungfräulichkeit verloren hat“ –? Doch -der Adler wird nach der Weissagung auch andere „stolze Gipfel zittern -machen“, wird „gegen Süden fliegen, um das Verlorene wieder zu nehmen“, -und – was am auffallendsten ist – „mit der Liebe der Barmherzigkeit wird -Gott den östlichen Adler entflammen“. Nun, dieses könnte schon stimmen. -Hat sich nicht unser Adler aus Barmherzigkeit für die Unterdrückten und -Gequälten erhoben? War es nicht die christliche Liebe, die unser Volk -zur „schweren Tat“ zog, im vorigen wie in diesem Jahre? Wer will das -leugnen? Diese Bauern, diese Soldaten aus diesem unserem Volke, das die -„Gebete nicht auswendig kann“, haben einstweilen in der Krim, vor -Sebastopol, zuerst die verwundeten Franzosen aufgehoben und zum -Verbandsplatz getragen, und dann erst die Russen: „Lassen wir die noch -etwas liegen: einen Russen wird jeder aufheben, aber solch ein armes -Französchen ist hier doch ganz fremd und allein, für ihn muß man zuerst -sorgen.“ Ist nicht Christi Geist in diesen gutmütig gesagten Worten? Ist -nicht die Seele Christi in unserem Volke – in dem „dunklen“, doch guten, -unwissenden, aber niemals barbarischen Volke? Ja, Christus ist seine -Kraft, ist unsere russische Kraft, jetzt, da der Adler gegen Süden -fliegt! Was bedeutet da irgendeine Anekdote von den Sebastopoler -Soldaten gegenüber den Tausenden von Beweisen des christlichen Geistes -und der „barmherzigen Liebe“, die in unserer Zeit offenbar geworden -sind, wenn auch die „Weisen“ sich immer noch aus allen Kräften bemühen, -den Gedanken zu unterdrücken und die Tatsache zu begraben, daß unser -Volk mit Herz und Geist an dem heutigen Schicksal Rußlands und des -Balkans Anteil nimmt? Ihr „Gebildeten“, weist nicht auf die „Roheit und -Stumpfheit“ des Volkes hin, auf seine Unwissenheit und Rückständigkeit, -bei der es, wie es heißt, unmöglich begreifen könne, was jetzt vor sich -geht. Seid überzeugt, das Wesen der Sache versteht es vorzüglich – schon -seit vier Jahrhunderten. Nur die jetzigen Diplomaten würde es nicht -verstehen, wenn es sie kennen lernte; doch wer kann denn diese überhaupt -verstehen? Ja, unser großes Volk ist wie ein Tier auferzogen worden, hat -Qualen seit seinem ersten Tage und die ganzen tausend Jahre seiner -Geschichte erduldet, Marter, wie sie kein einziges Volk der Welt -ertragen hätte, sondern unter ihnen zerfallen und vergangen wäre. Unser -Volk aber ist in ihnen nur stärker und fester geworden. So werft ihm -doch, meine Herren Gelehrten, nicht „Roheit und Unwissenheit“ vor; denn -ihr, gerade ihr habt für euer Volk nichts getan. Ihr habt es vor -zweihundert Jahren verlassen und euch von ihm endgültig getrennt, habt -es in zinspflichtige Nummern verwandelt, in eine für euch arbeitende -Maschine; und so ist es aufgewachsen, meine europäisch gebildeten -Herren, von euch vergessen und verstoßen, von euch wie ein Tier in seine -Höhle verjagt. Doch mit ihm war Christus und mit dem allein hat es bis -zu dem großen Tage gelebt, da vor zwanzig Jahren der nordische Adler -sich erhob und seine Flügel ausbreitete und es segnete. Ja, es ist viel -Roheit in unserem Volke, doch weist nicht auf sie hin! Diese Roheit – -das ist der Schlamm der dunklen Jahrhunderte, von dem die Zeit das Volk -befreien wird. Doch nicht das ist schlimm, daß noch Roheit vorhanden -ist, schlimm ist es, wenn Roheit für Tugend angesehen wird. Ich habe -Verbrecher gesehen, die viel Tierisches getan und mit ihrem verderbten, -geschwächten Willen tiefer als tief gesunken waren; doch selbst diese -Tiere wußten wenigstens von sich, daß sie Tiere waren, sie fühlten, wie -tief sie gesunken, und in reinen, hellen Augenblicken, die Gott auch -solchen „Tieren“ schickt, verstanden sie, sich selber zu verurteilen, -wenn sie auch oftmals nicht mehr die Kraft hatten, sich wieder -aufzurichten. Etwas ganz anderes aber ist es, wenn die Roheit wie ein -Idol über alles erhoben wird und die Menschen es anbeten und gerade -deswegen glauben, Helden zu sein. Der Earl of Beaconsfield und nach ihm -alle anderen russischen wie europäischen Beaconsfields halten sich die -Ohren zu und schließen die Augen, um nicht die Marter zu sehen, die man -ganzen Völkern auflegt, und verraten Christus aus Liebe zu den -„Interessen der Zivilisation“, und weil die Gemarterten Slawen sind, -also etwas Neues in sich tragen und man sie folglich mit der Wurzel -ausrotten muß – und das gleichfalls für die Interessen der alten -angefaulten Zivilisation! _Das_ ist meiner Meinung nach Roheit, bloß -gebildete und zur Tugend erhobene. Und vor diesem Idol beugt man sich -nicht nur im Westen, sondern auch in Rußland! Und der „allerheiligste -Papst, der unfehlbare Stellvertreter Gottes“, – hat der nicht in seinen -letzten Tagen noch den Türken, den Quälern der Christenheit, Sieg -gewünscht über die Russen, die im Namen Christi für die Christenheit -auszogen? – Und warum? Weil nach seiner „_unfehlbaren_“ Definition die -Türken immerhin besser seien als die russischen Ketzer, die den Papst -nicht anerkennen! Ist das nicht Roheit, ist das etwa nicht barbarisch? -Die Weissagung Johannes Lichtenbergers scheint sich wirklich auf unsere -Zeit zu beziehen. Und ist nicht einer der „stolzen Gipfel“ – der Papst? -Übrigens, was mag Lichtenberger mit diesen Worten gemeint haben: -„Hierauf wird ein anderer Adler kommen, der im Schoße der Braut Christi -Feuer erwecken wird, und es werden drei Uneheliche sein und ein -Rechtmäßiger, der die anderen verschlingen wird“? In der religiösen, -mystischen Sprache hat man unter der „Braut Christi“ immer die „Kirche“ -im allgemeinen verstanden. Was oder wer sind nun die drei Illegitimen -und der eine Legitime? Man könnte annehmen, hiermit seien die drei -verschiedenen Kirchen gemeint: die katholische, die protestantische und -... welche ist nun die dritte illegitime? Und welche dann die legitime? - -Doch das ist ja nur eine mystische Allegorie. Jenes Buch ist im Jahre -1528 geschrieben und gedruckt, was immerhin sehr beachtenswert ist: in -jener Zeit sind wahrscheinlich des öfteren solche Bücher entstanden. -Obgleich die Zeit den Stürmen der großen protestantischen Reformation -voranging, gab es doch schon viele Protestanten, Reformatoren und -Propheten. Bekannt ist auch, daß später, besonders unter -protestantischem Kriegsvolk, verzückte „Propheten“ sich erhoben und -geweissagt haben. Diesen lateinischen Auszug aus dem alten Buch habe ich -nicht etwa als Wunder angeführt, sondern weil diese Weissagung doch eine -merkwürdige Tatsache bleibt. Und überhaupt: sind es denn nur die Wunder -allein, die ein Wunder sind? Das größte Wunder ist häufig das, was in -der Wirklichkeit geschieht. Wir sehen die Wirklichkeit immer nur so, wie -wir sie sehen wollen, wie wir sie uns selbst voreingenommen, -vorurteilsvoll erklären. Sehen wir aber dann plötzlich in dem Sichtbaren -nicht das, was wir sehen wollten, sondern das, was in Wirklichkeit ist, -so halten wir es sofort für ein Wunder. Oh, das geschieht keineswegs -selten! Bisweilen aber, wahrlich glauben wir eher an Wunder und -Unmöglichkeiten als an die Wirklichkeit, an die wir _nicht glauben -wollen_. Und so ist es immer in der Welt gewesen, darin besteht ja die -ganze Geschichte der Menschheit. - - - Lüge sucht sich durch Lüge zu erhalten - - - Don Quijote - -Als Don Quijote, der allbekannte Ritter von der traurigen Gestalt, der -hochherzigste aller Edlen, die je in der Welt gelebt, sich einst mit -seinem treuen Waffenträger Sancho auf der Jagd nach Abenteuern -herumtrieb, ward er plötzlich von einem Zweifel angefochten, der ihn -zwang, lange und tief nachzudenken.[47] Es kam ihm plötzlich in den -Sinn, daß schon seit _Adam de la Halle_ die alten Ritter, deren -Lebensgeschichten in den wahrheitsgetreuesten Büchern bis auf den -heutigen Tag erhalten sind – in den sogenannten Ritterromanen, zu deren -Erwerb Don Quijote sich nicht scheute, einige der besten Landstücke -seines sowieso nicht großen Besitztums zu verkaufen –, daß häufig diese -Ritter während ihrer ruhmreichen und aller Welt Nutzen bringenden -Streifzüge plötzlich ganze Heere von nicht weniger als hunderttausend -Kriegern antrafen! Diese furchtbaren Heere wurden ihnen gewöhnlich von -irgendeiner feindlichen Macht auf den Hals geschickt, oder auch von -bösen, neidischen Zauberern, die alles mögliche ersannen, um sie zu -verhindern, ihr großes Ziel zu erreichen und dann endlich zu ihren -holden Damen heimkehren zu können. Gewöhnlich geschah es dann, daß der -Ritter, wenn er so einem ungeheuerlichen feindlichen Heere begegnete, -sein Schwert zog, noch schnell zu seinem Schutz den Namen seiner Dame -anrief, sich darauf allein, wie er war, auf die hunderttausend Feinde -stürzte und sie natürlich alle bis auf den letzten niederhieb. Man -sollte meinen, daß diese Tatsache keinem Zweifel unterliegt. Doch Don -Quijote verfiel darob plötzlich in tiefes Nachdenken. Und worüber denn -eigentlich? Ja, es schien ihm mit einem Male unmöglich, daß ein einziger -Ritter, wie stark er auch sei, und selbst wenn er mit einem -siegbringenden Schwerte vierundzwanzig Stunden lang ohne jegliche -Ermüdung um sich schlüge, hunderttausend Feinde töten könnte, und zwar – -in einer einzigen Schlacht! Um _einen_ Menschen zu töten, braucht man -immerhin etwas Zeit; um _hunderttausend_ Menschen zu töten, braucht man -ungeheuer viel Zeit, und wie man da auch mit dem Schwerte fuchteln -wollte, – in irgendwelchen fünf, sechs Stunden und ohne jede Ruhepause -könnte das ein einzelner denn doch nicht fertigbringen, meinte weise Don -Quijote. Nun aber steht es in diesen wahrheitsgetreuesten Büchern -ausdrücklich, daß die Sache gerade in einer _einzigen_ Schlacht geschah. -Wie war das möglich? - -„Ich habe dieses Rätsel gelöst, mein Freund Sancho,“ sagte endlich Don -Quijote. „Da alle diese Riesen, alle diese bösen Zauberer unreine Mächte -waren, so waren ihre Heere gleichfalls von dieser unreinen Art. Ich -nehme an, daß sie nicht aus ganz solchen Menschen wie wir zum Beispiel -bestanden. Jene Menschen wurden durch Zauberei hervorgerufen, also waren -aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihre Leiber nicht den unsrigen -ähnlich, sondern eher denen der ... sagen wir, Mollusken, Weichtiere, -Würmer, Spinnen. Auf diese Weise konnte ein festes, scharfes Schwert, -von mächtiger Ritterhand geführt, alle diese Leiber in einem Augenblick -durchschlagen, fast ohne Widerstand zu finden, – es ging wie durch die -Luft! So konnte es denn tatsächlich mit einem Hieb durch drei oder vier -Leiber gehen, ja sogar durch zehn, wenn sie eng beieinander standen. -Jetzt erst wird es einem klar, wie sich die Sache für den Ritter so -ungemein vereinfachte, daß er wirklich in wenigen Stunden ganze Heere -dieser bösen Araber und anderer Ungeheuer vernichten konnte ...“ - -Hiemit hat der große Dichter und Menschenkenner eine der tiefsten, -geheimnisvollsten Saiten des Menschenherzens berührt. Oh, das ist ein -großes Buch: es gehört zu den ewigen, zu denen, die der Menschheit nur -in langen Abständen geschenkt werden. Und solche Beobachtungen des -Tiefsten in unserer menschlichen Natur findet man in diesem Buch auf -jeder Seite. Schon der eine Umstand, daß dieser Sancho, diese -Verkörperung der gesunden Vernunft, der Schlauheit und der goldenen -Mitte, des allerwahnsinnigsten Menschen Freund und Reisegefährte wurde, -gerade er und kein anderer! Die ganze Zeit über betrügt er ihn wie ein -kleines Kind, und doch ist er unerschütterlich von seines Herrn großem -Verstande überzeugt, ist er bis zur Rührung von dessen Herzensgröße -bezaubert, glaubt er felsenfest an alle phantastischen Träume des -Ritters, und kein einziges Mal bezweifelt er, daß dieser ihm endlich -doch noch eine Insel erobern werde! Wie wünschenswert wäre es, daß -unsere Jugend dieses große Werk kennen lernte. Ich weiß zwar nicht, was -man jetzt in den Schulen von der Literatur durchnimmt; doch weiß ich, -daß dieses größte und traurigste aller Bücher, die vom Genie des -Menschen geschaffen worden sind, die Seele gar manches Jünglings durch -einen großen Gedanken erhöhen würde, in sein Herz die Keime großer -Fragen säen und seinen Geist von der ewigen Anbetung des dummen Idols -der Mittelmäßigkeit, der selbstzufriedenen Eigenliebe und der gemeinen -„Lebensweisheit“ ablenken könnte. - -Dieses _traurigste_ der Bücher wird der Mensch nicht vergessen, zum -letzten Gericht Gottes mit sich zu nehmen. Er wird auf das im Buche -enthaltene tiefste, unheilvollste Geheimnis des Menschen und der -Menschheit hinweisen: daß die größte Schönheit des Menschen, seine -höchste Reinheit, Keuschheit, Treuherzigkeit, sein ganzer Mut und -endlich sein größter Verstand – leider nur zu oft ohne Nutzen für die -Menschheit vergehen und sich sogar in einen Gegenstand des Spottes -verwandeln, nur weil dem Menschen, dem diese reichen Gaben so häufig -zuteil werden, bloß die eine letzte Gabe fehlt: das _Genie_, den -Reichtum und die Macht dieser Gaben zu beherrschen, zu lenken und sie – -das ist das Wichtigste – nicht auf den phantastischen, wahnsinnigen, -sondern auf den _richtigen_ Weg zu leiten, sie zum Heile der Menschheit -zu gebrauchen. Doch leider wird den Rassen und Völkern so wenig, so -selten Genie geschenkt, daß wir häufig das Schauspiel dieser -Schicksalsironie sehen müssen: wie die Tätigkeit der edelsten und -glühendsten Menschheitsfreunde – dem Spottgelächter und der Steinigung -preisgegeben wird, weil sie es in der Schicksalsstunde nicht verstehen, -in den wahren Sinn der Dinge einzudringen und ihr _neues Wort_ zu -finden. Dieses Schauspiel aber des zwecklosen Unterganges so großer, -edler Kräfte kann in der Tat gar manchen Menschenfreund zur Verzweiflung -bringen, in ihm nicht mehr Gelächter, wohl aber heiße Tränen -hervorrufen, und sein bis dahin gläubiges Herz auf ewig mit Zweifeln -vergiften ... - -Übrigens habe ich ja nur auf einen einzigen Charakterzug Don Quijotes -hinweisen wollen, auf eine der unzähligen tiefen Beobachtungen, die -Cervantes am Menschenherzen gemacht und so meisterhaft dargestellt hat. - -Der phantastischste Mensch, der bis zum Wahnsinn von der -phantastischsten Illusion, die man sich nur denken kann, überzeugt ist, -wird plötzlich von Zweifeln befallen, die seinen ganzen Glauben zu -erschüttern drohen. Und merkwürdig ist, was diese Zweifel hervorruft: -nicht die Ungereimtheit seines anfänglichen Wahnes, noch die Schilderung -jener zum Wohle der Menschheit abenteuernden Ritter, noch der Unsinn der -Zauberwunder, von denen die „wahrheitsgetreuesten“ Bücher erzählen; -nein, es ist ein gänzlich nebensächlicher Umstand, der plötzlich Zweifel -in ihm erweckt. Der phantastische Mensch wird plötzlich von der -_Sehnsucht nach dem Realismus_ erfaßt! Nicht die Tatsache, daß plötzlich -Heere hervorgezaubert werden, verwirrt ihn: oh, das ist nicht dem -geringsten Zweifel unterworfen! Wie hätten denn sonst diese prächtigen -Ritter ihren Heldenmut beweisen können, wenn ihnen nicht solche -Prüfungen geschickt worden wären, wenn es nicht neidische Riesen und -böse Zauberer gegeben hätte? Das Ideal des fahrenden Ritters ist so -hoch, so schön und nützlich und hat das Herz des edlen Don Quijote so -bezaubert, daß der Verzicht auf den bedingungslosen Glauben an dasselbe -für ihn bereits unmöglich geworden ist, ja dem Verrat der Pflicht, dem -Verrat der Liebe zu Dulcinea und zur Menschheit gleichgekommen wäre. -(Als er aber auf alles verzichtet hatte, als er von seinem Wahn geheilt -und „_klüger_“ geworden war, – nach der Rückkehr von seiner zweiten -Ausfahrt, auf der er von dem Barbier Carasco, dem Verneiner und -Satiriker mit der „gesunden Vernunft“, geschlagen worden war – da starb -er alsbald, still und mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen, indem -er noch den weinenden Sancho tröstete, die ganze Welt liebte mit der -großen Kraft jener Liebe, die in seinem heiligen Herzen eingeschlossen -war, und doch noch einsah, daß er auf dieser Welt nichts mehr zu tun -hatte.) Nein, es verwirrte ihn nur – eine durchaus richtige, vollkommen -mathematische Erwägung: daß es, wie sehr der mächtige Ritter auch mit -dem Schwerte um sich schlagen und wie stark er auch sein mag, immerhin -unmöglich ist, ein Heer von hunderttausend Mann in wenigen Stunden, oder -sagen wir, selbst in einem Tage, zu besiegen, und zwar: bis auf den -letzten Mann! So aber steht es in den wahrheitsgetreuesten Büchern. -Folglich steht dort ein Lüge? Ist aber schon eines Lüge, dann ist auch -alles andere Lüge. Wie nun die _Wahrheit_ retten? Und siehe, da denkt er -sich denn zur Rettung der Wahrheit eine andere Illusion aus, eine, die -zweimal, dreimal phantastischer, einfältiger und unsinniger ist als die -erste, denkt sich hunderttausend hervorgezauberte Menschen mit -Molluskenleibern aus, durch die aber dafür das scharfe Schwert des -Ritters zehnmal leichter und schneller hindurchgehen kann als durch die -gewöhnlichen Menschenleiber! Der _Realismus_ ist also befriedigt, die -_Wahrheit gerettet_, und an die erste Hauptillusion kann er nun ruhig -weiterglauben; und das wiederum einzig dank der zweiten, viel -unsinnigeren Illusion, die er sich bloß zur Rettung des _Realismus_ der -ersten ausgedacht hat. - -Man gehe doch in sich und prüfe sich: ist nicht mit jedem von uns ganz -dasselbe schon hundertmal im Leben geschehen? Nehmen wir an, ihr habt -einen eurer Träume liebgewonnen, eine Illusion, eine Idee, eine -Überzeugung oder irgendeine äußere Tatsache, die euch erschüttert, oder -schließlich ein Weib, das euch bezaubert hat. Mit eurer ganzen Seele -gebt ihr euch dem Gegenstande eurer Liebe hin. Doch – seid ihr auch noch -so verblendet, noch so von eurem Herzen bestochen: ist in diesem -Gegenstand eurer Liebe eine Lüge, irgend etwas, das ihr selbst durch -eure Leidenschaft entstellt habt, das ihr in dem ersten Drang und -Aufschwung eurer Seele nicht sehen gewollt – nur um aus diesem -Gegenstande euer Idol machen und es dann anbeten zu können, – so wird -doch schon der Zweifel an euch herankriechen. Nur im geheimen natürlich, -nur im tiefsten Innersten werdet ihr es fühlen, werdet ihr es bangend -fühlen, wie der Zweifel an euch herankriecht, euch benagt, euren -Verstand zerrt, sich durch eure Seele windet und euch ewig hindert, mit -eurem liebgewonnenen Traume in Frieden zu leben. Nun, erinnert ihr euch -vielleicht, womit ihr euch dann beruhigt habt? Habt ihr euch dann nicht -einen neuen Traum ausgedacht, eine neue Lüge, vielleicht sogar eine -furchtbar unvollkommene, grobe Lüge, an die aber zu glauben ihr euch in -Liebe beeiltet, nur weil sie euch von eurem ersten Zweifel befreite? - - - Mollusken, die man für Menschen hält. - - Was ist für uns vorteilhafter: wenn man über uns die Wahrheit - weiß, oder wenn man über uns Unsinn schwätzt? - -Heutzutage hat sich Europa in die Türken verliebt, natürlich – mehr oder -weniger. Früher, zum Beispiel vor einem Jahr, da wußte man im Westen -wenigstens, daß es nur aus Haß gegen Rußland geschah, wenn man sich -bemühte, in den Türken irgendeine große nationale Kraft zu entdecken. -Wie hätten die klugen Europäer es auch nicht einsehen sollen, daß in der -Türkei die Kräfte eines regelrechten gesunden Nationalorganismus weder -sind noch sein können, ja, daß ein Organismus vielleicht überhaupt nicht -mehr vorhanden ist (dermaßen faul und zerfressen ist er), und daß die -Türken nur eine asiatische Horde, nicht aber einen regelrechten Staat -bilden. Jetzt jedoch, seit der Zeit, da die Türkei gegen Rußland Krieg -führt, hat sich allmählich an bestimmten Stätten Europas die tatsächlich -ernste Überzeugung festgesetzt, daß diese Nation nicht nur überhaupt -einen Organismus ausmache, sondern außerdem noch ein sehr starker -Organismus sei, sogar einer, dem man große Entwicklung und große -Fortschritte prophezeien könne. Dieser Gedanke bezaubert gar viele -europäische Geister immer mehr, und schließlich ist er auch zu uns -herübergekommen: auch hier in Rußland spricht man schon von Kräften, die -die Türkei plötzlich bewiesen haben soll. In Europa hat sich diese -Auffassung wiederum nur aus Haß gegen Rußland verbreitet, bei uns aber – -aus Kleinmut und der ungeheuren Eilfertigkeit zu pessimistischen -Schlüssen, die nun einmal eine charakteristische Eigenschaft der -intelligenten Klassen unserer Gesellschaft ist; eine Eigenschaft, die -sich immer wieder kundtut, sobald irgendwo unsere „Mißerfolge“ beginnen! - -So ist denn jetzt in Europa dasselbe vor sich gegangen, was einstmals im -armen Geiste Don Quijotes vor sich ging, nur in umgekehrter Form, doch -das Wesen der Sache ist hier wie dort dasselbe: jener dachte sich, um -die _Wahrheit_ zu retten, Menschen mit Molluskenleibern aus, die -Europäer dagegen haben jetzt, um ihre Illusion von der Nichtigkeit und -Schwäche Rußlands, die sie so wohlig beruhigt, zu retten, – eine echte -Molluske für einen Menschenorganismus erklärt und ihn mit Fleisch und -Blut, mit Kraft und Gesundheit ausgestattet. Über Rußland aber -verbreitet man jetzt selbst in den gebildetsten Staaten den größten -Unsinn. Auch früher kannte man uns in Europa wenig, sogar so wenig, daß -man sich immer nur wundern mußte, wie dermaßen aufgeklärte Völker so -wenig bestrebt sein konnten, jenes Volk kennen zu lernen, das sie doch -alle von jeher hassen und fürchten. Diese Unkenntnis unseres Wesens in -Europa und sogar die gewisse Unfähigkeit Europas, uns in manchen -Beziehungen zu verstehen, ist ja für uns Russen teilweise auch -vorteilhaft gewesen, und so wird sie uns schließlich auch fernerhin -nicht schaden. Mögen sie nur schwatzen von Rußlands „schmachvoller -Rückständigkeit als Militärmacht“, ungeachtet der Zeugnisse ihrer -eigenen Kriegsberichterstatter, die über die militärische Begabung, die -Festigkeit und Ausdauer und die Disziplin des russischen Soldaten wie -Offiziers erstaunt sind; mögen sie selbst die bedeutendsten Fehler des -russischen Generalstabes zu Anfang des Krieges nicht nur für -unverbesserlich halten, sondern auf organische Mängel unseres Heeres -zurückführen, – wobei sie natürlich vergessen, wie oft wir sie in diesen -letzten zwei Jahrhunderten geschlagen haben. Mögen schließlich die -_ernstesten_ ihrer politischen Blätter der Welt als wahr melden, daß es -bei uns zu einer riesigen Volksverschwörung auf der Wyborger Seite in -Petersburg gekommen sei, und daß die Regierung zwei Regimenter aus -Dünaburg zur Rettung Petersburgs herbeigerufen habe, – schön, mögen sie -das in ihrer blinden Wut von uns sagen! Ich wiederhole: für uns ist es -sogar vorteilhaft; denn sie ahnen ja nicht einmal, was sie anstiften! -Sie würden doch so gern in allen ihren Völkern Haß gegen uns erwecken, -gegen die „gefährlichen Gegner unserer europäischen Zivilisation“. Und -doch sind sie es dann selbst, die uns wiederum als verloren hinstellen, -uns in einer „bis zur Schmach lächerlichen Schwäche als Militärmacht und -Staatsorganismus“ schildern. Wer aber wirklich so schwach und nichtig -ist, der bringt doch wahrlich nicht in dieser Weise ganze Koalitionen -gegen sich zusammen! - -Man stelle sich nur vor, Europa sollte genaue Kenntnis von dieser Kraft -unseres Geistes, unseres Gefühls haben, von dem unerschütterlichen -Glauben unseres Volkes an die Gerechtigkeit der großen Tat, für die sein -Zar jetzt das Schwert gezogen hat, und an den unfehlbaren Sieg dieser -Idee, wenn auch nicht sofort, dann doch in der Zukunft! Man stelle sich -nur vor, Europa könnte endlich begreifen, was dieser im höchsten Grade -nationale Krieg für Rußland bedeutet, und daß unser Volk keineswegs eine -tote, seelenlose Masse ist, wie sie es sich dort immer vorstellen, -sondern ein mächtiger und sich seiner Macht bewußter Organismus, der als -Ganzes wie ein einziger Mann fest zusammengefügt dasteht und eines -Herzens und eines Willens mit seinem Heere ist. Welch einen Schreck und -welch eine Aufregung würde dieses Wissen dort überall hervorrufen! Und -das würde natürlich schon eher zu einer offenen Koalition Europas gegen -uns führen, als die so gern gelesenen Berichte über unsere -Kraftlosigkeit und Dekadenz. Nein, da ist es denn doch besser, wenn wir -sie ruhig an die „Volksverschwörung in der Wyborger Vorstadt“ glauben -lassen – ihnen zum Troste und uns zur Erheiterung. - -Daß man in Europa jetzt an die Türken glaubt, ist ja schließlich ganz -begreiflich; wir wissen doch, warum man es dort tut. Wie aber kann man -bei uns sich deswegen aufregen und sogar an irgendwelche neue, plötzlich -aufgetauchte Lebenskräfte der türkischen Nation glauben? Wodurch hat die -Türkei diese Kräfte bewiesen? Durch den Fanatismus? „Fanatismus ist -nicht Kraft“, haben bei uns schon hundertmal diese selben Leute -verkündet, die jetzt plötzlich an die türkischen Kräfte glauben. Man -spricht von den türkischen Siegen. Die Türken haben nur ein- oder -zweimal unsere Angriffe zurückgeworfen, und das sind, wie man weiß, nur -negative, nicht positive Siege. Als wir aber in Sebastopol einen Angriff -der Franzosen und Engländer mit furchtbaren Verlusten der letzteren -zurückschlugen, da sprach Europa kein Wort von einem russischen „Siege“. -Wir haben während der ganzen zwei letzten Monate bedeutend weniger -Truppen gehabt, als die Türken: warum haben sie das nicht ausgenutzt? -warum uns nicht über den Balkan zurückgedrängt, warum nicht über die -Donau zurückgeworfen? Dagegen haben wir überall unsere wichtigsten -Stellungen behauptet und überall die Türken zurückgeschlagen. Zuweilen -haben sieben oder acht unserer Bataillone zwanzig der ihrigen -geschlagen, wie z. B. noch vor kurzem bei Zerkownjä. Die von der Kraft -der Türken überzeugten Pessimisten weisen auf das Gewehr und die -Artillerie der Türken hin, die, wie es heißt, besser sein sollen, als -unser Gewehr und unsere Artillerie. Trotzdem wollen sie nicht zugeben, -daß wir im Grunde genommen nicht nur mit den Türken, sondern mit den -europäischen Mächten kämpfen, da unzählige fremde Offiziere im -türkischen Heere dienen und letzteres mit europäischem Gelde ausgerüstet -ist, da die europäische Diplomatie seit dem Ausbruch des Krieges uns -überall Stangen in die Räder schiebt, wie z. B., wenn sie uns der Hilfe -unserer natürlichen Verbündeten beraubt und uns sogar das Recht -entzieht, auf dem einzigen direkten Wege in die Türkei einzudringen. -Außerdem hat Europa durch seinen Haß auf uns zweifellos den Fanatismus -der Türken angefacht. (In Europa wurde ja noch kürzlich eine -Verschwörung ganzer Horden aufgedeckt, die, organisiert und mit Geld und -Gewehren versehen, uns plötzlich in den Rücken fallen sollten.) Und zum -Überfluß hat Europa den Türken auch noch eine riesige Anleihe gewährt – -zum großen Nachteil für den eigenen Beutel. Und all dieses Unmögliche -ist doch nur möglich gewesen, weil man in Europa die Illusion, daß die -Türkei kein Molluskenreich sei, sondern ein Organismus von Fleisch und -Blut wie alle anderen europäischen Reiche, so liebgewonnen hat! Dabei -geschah dies zu derselben Zeit, als in mehreren Provinzen der Türkei das -Blut in Strömen floß, als unter den Machthabern der Türkei eine -regelrechte Verschwörung aufgedeckt wurde, die die Bulgaren bis auf den -letzten Mann ausrotten wollte! Jetzt aber erhalten die Türken ihr Heer -in den bulgarischen Provinzen mit solchen Requisitionen von -Lebensmitteln, Pferden und Vieh, daß sie sicher sein können, ihr Ziel zu -erreichen, nämlich: ihre reichste Provinz von Grund aus zu verwüsten. -Und diesen Zerstörern des eigenen Landes leihen die gebildeten, -zivilisierten Engländer noch Geld und glauben sogar an die türkische -Zahlungsfähigkeit! Doch schön, schön, mag das alles in Europa geglaubt -werden, dort ist das doch immerhin verständlich. Aber bei uns, wie kann -man nur bei uns die Türken für eine Kraft halten!? Die Zerstörung ihres -eigenen Landes und die Ausrottung der ganzen christlichen Bevölkerung – -ist denn das eine Kraft? Die wird ja nicht einmal bis zum Ende des -Krieges ausreichen. Die erste Wendung zu unseren Gunsten: und dieses -ganze phantastische Gebäude ihrer Militärmacht und Nationalkraft wird im -Augenblick zusammenstürzen und zergehen, wie eine richtige Schimäre, – -sogar samt ihrem Fanatismus, der wie stickiger Rauch durch eine -geöffnete Tür entfliehen wird. - -Viele klugen Leute verwünschen jetzt einfach diese ganze Orientfrage. -„Wer hat uns eigentlich,“ fragen sie, „diese Slawen und dieses -Hirngespinst von einer Vereinigung aller blutsverwandten Stämme auf den -Hals geladen? und wozu überhaupt? Zu ewigem Streit mit Europa, zu ewigem -Mißtrauen uns gegenüber, damit nur ja der Haß des Westens auf uns nicht -abnehme! Daß sie der Teufel hole, diese Slawophilen!“ usw., usw. Diese -klugen Leute haben jedoch, wie es scheint, vollkommen falsche -Vorstellungen wie von den Slawophilen so auch von der Orientfrage. Ja, -wie sollte es auch anders sein! Haben sich doch viele von ihnen bis zur -jüngsten Zeit überhaupt nicht für diese Sache interessiert. Deshalb kann -man mit ihnen auch nicht streiten. Sie wissen es ja tatsächlich nicht, -daß diese Orientfrage – und mit ihr die Slawenfrage – keineswegs von den -Slawophilen heraufbeschworen oder ausgedacht worden ist (so etwas kann -man sich doch nicht ausdenken), sondern, daß diese Frage von selbst -entstanden ist, und das schon vor sehr langer Zeit: längst vor den -Slawophilen, längst vor uns, ja sogar vor Peter dem Großen und dem -russischen Staat. Entstanden ist sie mit der ersten Kristallisierung der -großrussischen Rasse zu einem einzigen russischen Reich, das heißt also, -zusammen mit dem Zarentum Moskau. - -Die Lösung des Orientproblems ist eine Aufgabe, die das moskowitische -Zarentum fast schon am Tage seiner Entstehung auf sich nahm, und die -Peter der Große durchaus anerkannte und deshalb auch, als er Moskau -verließ, keineswegs abschüttelte, sondern mit sich nach Petersburg -hinübernahm. Peter begriff die organische Verbindung dieser Idee mit dem -Russischen Reiche und der russischen Seele. Darum ist sie auch in -Petersburg nicht nur nicht untergegangen, sondern von allen Nachfolgern -Peters geradezu als _russische Bestimmung_ angesehen worden. Darum -können wir sie auch jetzt nicht aufgeben – das wäre ein Verrat an uns -selbst. Die slawische Idee nicht mehr tragen und das Problem einer -Schicksalsentscheidung des östlichen Christentums – das Wesen der -Orientfrage – ungelöst aufgeben, wäre dasselbe, wie ganz Rußland -zerbrechen, in Splitter zerhauen und an seiner Stelle sich irgend etwas -Anderes und Neues ausdenken, was dann aber nichts mehr mit Rußland zu -tun hätte. Das wäre sogar nicht einmal Revolution, sondern einfach -Vernichtung, und darum ganz undenkbar: denn wie sollte man solch ein -Ganzes vernichten und es in einen von Grund auf neuen Organismus -umgebären können? So sind es denn auch nur noch die auf beiden Augen -blinden russischen „Europäer“, die diese Idee nicht einsehen können -und sie daher verleugnen, und mit ihnen höchstens noch die -Börsenspekulanten, – so nenne ich nun einmal grundsätzlich alle Russen, -die keine andere Sorge haben als die um ihren Geldbeutel, und die -infolgedessen auf Rußland nur vom Standpunkt ihrer Tasche aus sehen. -Jetzt klagen sie alle im Chor über die Stockung des Handels, über die -Börsenkrisis und das Sinken des Rubels. Wären aber diese -Börsenspekulanten nur so weit aufgeklärt, daß sie irgend etwas auch -außerhalb ihrer Sphäre verstünden, dann würde ihnen wohl aufgehen, daß -sie weit schlimmer daran wären, wenn Rußland diesen Krieg nicht begonnen -hätte. Damit es ein „Steigen“ gibt – selbst ein Steigen des Rubels an -der Börse –, muß die Nation auch wirklich leben, muß sie ein lebendiges -Leben führen und ihre natürliche Bestimmung erfüllen, nicht aber wie -eine galvanisierte Leiche in den Händen der Juden und Börsenjobber -liegen. Wenn wir nach allen zynischen, beleidigenden Herausforderungen -unserer Feinde diesen Krieg nicht begonnen hätten und den erschöpften -Märtyrern nicht zu Hilfe gekommen wären, so würden wir uns jetzt selbst -verachten müssen. Selbstverachtung aber, moralisches Sinken, und nach -ihm Zynismus, – sind sogar für die Geschäfte der Börsenjobber nicht -günstig. Die Nationen leben durch große Gefühle, durch große, alle -vereinende und alles erhellende Gedanken, und endlich durch die Einheit -des ganzen Volkes, die dann entsteht, wenn das Volk unwillkürlich seine -führende Intelligenz als mit ihm übereinstimmend anerkennt, woraus dann -die stärkste Nationalkraft strömt. Das ist es, wodurch die Nationen -leben, nicht aber durch Börsenspekulationen und die Sorge um den Wert -des Rubels! Je geistig reicher eine Nation ist, desto materiell reicher -wird sie sein ... Übrigens, was sind das doch wieder für alte Worte, die -ich da rede! - - - Zur Orientfrage - - - Lakaientum oder Zartgefühl - -Bekanntlich sind alle intelligenten Russen außerordentlich taktvoll in -Fällen, in denen es sich um Europa handelt, oder wenn sie glauben, daß -Europa auf sie sehe – obgleich Europa sie im Grunde niemals -beachtet.[48] Zu Haus aber, da entschädigen sie sich dafür: zu Hause -wird der ganze Europäismus in den allermeisten Fällen beiseite geschoben -... Und wer von ihnen glaubt denn auch im Ernst an diese uns so lange -schon gepredigten „europäischen Ideen“? Freilich, manch ehrlicher und -guter Mensch glaubt einfach aus Herzensgüte an sie; aber gibt es denn -viele solcher Menschen bei uns? Um die Wahrheit zu sagen: genau -genommen, gibt es doch keinen einzigen Europäer unter uns; denn wir sind -ja überhaupt nicht fähig, Europäer zu sein. Unsere Börsengeister und -andere führende Geister haben die europäischen Ideen anscheinend bloß -gepachtet. Russen aber mit großen, gesunden Gedanken, die glauben -freilich nicht an diese „europäischen Ideen“; denn da ist auch wirklich -nichts, woran zu glauben sich lohnte. Nichts ist uns unklarer, -nebelhafter, unbestimmbarer als dieser Zyklus von Ideen, den wir in der -Periode unserer zweihundertjährigen europäischen Nachahmung uns -angeeignet haben, – in Wahrheit kein Zyklus, sondern ein Chaos -abgerissener Gefühle, fremder, unverstandener Gedanken, fremder Schlüsse -und fremder Gewohnheiten, – und alles in allem doch nur Worte und Worte, -europäische liberale Worte vielleicht, aber für uns doch nur Worte und -Worte. - -Mit Papageieninstinkten läßt sich das gerade auch nicht erklären, -ebensowenig mit einem Lakaientum russischer Gedanken Europa gegenüber. -Lakaiengedanken gibt es ja sonst sehr viele bei uns, aber der höhere -Grund unserer europäischen Knechtschaft ist doch wohl nicht ein -Lakaientum, sondern schon eher unser angeborenes Zartgefühl Europa -gegenüber. Man wird sagen, daß Zartgefühl und Lakaientum in dem Falle -ein und dasselbe sei. In vielen Fällen – vielleicht, aber nicht in -allen. Ich spreche hier selbstverständlich nicht von den Geistern, die -ich vorhin erwähnte; diesen „Europäern“ ist es niemals weder um Europa -noch um Rußland zu tun gewesen. Die hatten als kluge Menschen im Trüben -gut fischen, und das taten sie denn auch zwei Jahrhunderte lang. - -Da äußert sich, zum Beispiel, der Engländer Gladstone über den jetzigen -russischen Krieg mit den Türken folgendermaßen: - -„Was man auch sonst über einige Kapitel der russischen Geschichte sagen -könnte, durch die Befreiung vieler Millionen Menschen unterdrückter -Völker von einem harten und erniedrigenden Joch erweist Rußland der -Menschheit einen der größten Dienste, deren sich die Geschichte der -Menschheit erinnern wird.“ - -Was glauben sie wohl, würde solche Worte ein russischer Europäer je -auszusprechen wagen? Nie und nimmer! Eher würde er sich die Zunge -abbeißen, würde aus Zartgefühl über und über erröten, nicht nur vor -Europa, sondern auch vor sich selbst, wenn er Ähnliches nur hörte oder -es womöglich noch von einem Russen auf russisch geschrieben lesen müßte. -„Um Gottes willen! Wie sollten wir uns unterstehen ... _und noch dazu -für die ganze Menschheit_ ... wir Russen? Wir, die wir noch nicht einmal -mit der Nase an solche Aufgaben heranreichen, wir, mit unserem schiefen, -unausgeglichenen Gesicht, sollen ‚die Menschheit befreien‘! Welch -unliberaler Gedanke! _Rußland_ befreit die Völker!!“ - -Das wäre die aufrichtige Meinung des russischen Europäers, und er -schlüge sich eher die Finger ab, als daß er Gladstones Worten Ähnliches -niederschriebe. „Gladstone kann ja vieles zu irgendwelchen Zwecken -erfinden, aber von Rußland versteht er doch nichts,“ würde er behaupten. -Einige von unseren Europäern aber würden nicht ohne Stolz noch -hinzufügen: „Wir russischen Europäer sind vielleicht doch noch liberaler -als die europäischen Europäer; denn wer von unseren nüchternen Köpfen -würde jetzt auch nur mit einer Silbe von der Befreiung der Völker reden? -Welch ein Rückschritt! Und Gladstone schämt sich nicht einmal, so etwas -zu sagen!“ - -Wie soll man das nun nennen, meine Herren? Lakaientum oder Zartgefühl -Europa gegenüber? - -Ich bleibe doch bei der Ansicht, daß in der europäischen Periode unserer -Geschichte das Zartgefühl eine große Rolle gespielt hat. Viele von -unseren Europäern sind doch achtenswerte und tapfere Leute, Ehrenmänner -durch und durch – wenn auch nach den Begriffen einer fremden, -anerzogenen und von diesen unseren Rittern selbst nicht allemal -verstandenen Ehre –, aber immerhin irgendeiner Ehre; sind Leute, die es -nicht erlauben, daß man ihnen auf die Füße tritt. Wie kann man sie nur -so mir nichts, dir nichts Lakaien nennen? Nein, das Zartgefühl -beherrscht sie, nicht das Lakaientum! - -Unsere Damen, die begeistert den gefangenen Türken Konfekt und -Zigaretten bringen, tun das ja gleichfalls nur aus Zartgefühl. Jetzt -haben einige undelikate Leute diese Damen zur Vernunft gewiesen, aber -vorher ... Nehmen wir an, daß nach dem Eisenbahnzuge mit den gefangenen -Türken, denen unsere Damen Buketts und Konfekt verehrten, ein zweiter -Zug mit echten Baschi-Bozuks ankäme – mit dieser berühmten Landwehr, die -sich ganz besonders durch das Zerreißen von Säuglingen auszeichnet und -durch die Kunst, aus den Rücken der Mütter Riemen zu schneiden – ja, ich -glaube, unsere Damen würden diesen zweiten Zug mit einem Schrei des -Entzückens empfangen, würden die interessante Landwehr mit Süßigkeiten -überschütten und in ihren Komitees womöglich Stipendien am Gymnasium für -sie erwirken. O, man glaube mir, meine Voraussetzung ist durchaus nicht -so phantastisch: dieses Zartgefühl kann sich bei uns bis zum Äußersten -steigern. Wenn diese Damen sich im Spiegel betrachten, so denken sie -sicher ganz verliebt in sich selbst: „Wie human, wie liberal wir doch -sind!“ Ich glaube nicht, daß ich übertreibe! Dieser hochmütige Blick, -zum Beispiel, den der sogenannte russische Europäer für unser Volk nur -übrighat, und dieses Lächeln, mit dem er das Streben des Volkes -kritisiert und ihm jegliches Denken abspricht – „außer einigen schreiend -blöden Einfällen von einigen tausend Bauernköpfen und irgendeinem -Dummkopf“ –: kommt das nicht dem gleich, was ich von unseren Damen -gesagt habe? - -Dieses Zartgefühl, das wir Europa entgegenbringen, verläßt uns bei -keiner Gelegenheit. Die türkischen Gefangenen verlangten Weißbrot und -sie erhielten es sofort. Ja, die türkischen Gefangenen weigerten sich -sogar, zu arbeiten. Fürst Meschtscherski schreibt in seinem „Tagebuch“ -als Augenzeuge aus dem Kaukasus: - - Unsere Gefangenen verließen Tiflis. Man wollte sie in offenen Wagen - transportieren, sie aber revoltierten und erdreisteten sich, zu - erklären, daß sie in solchen Wagen nicht fahren würden. Daraufhin - gab man ihnen Postequipagen, jede Equipage mit sechs Pferden - bespannt. Darüber drückten sie ihre Zufriedenheit aus. Die Folge - davon aber war, daß aus Mangel an Pferden die Reisenden auf der - großen Grusinischen Heerstraße dreimal vierundzwanzig Stunden warten - mußten. Die russischen Offiziere aber, die die gefangenen Türken - begleiteten, und die nur 50 Kop. täglich erhielten, setzte man nicht - in die Equipage, sondern wie Bediente in einen Omnibus! Das nennt - man dann „Humanität“! (Moskauer Nachrichten.) - -Das ist freilich nicht Humanität, sondern eben jenes besagte Zartgefühl -der europäischen Meinung gegenüber. „Europa sieht auf uns, folglich muß -man in Galauniform den Paschas die besten Wagen anbieten.“ - -Die „Moskauer Nachrichten“ berichten unter anderem auch von dem -Erstaunen der Moskowiter bei der Ankunft der gefangenen Türken, als sie -sahen, wie man sie transportierte: - - Die gefangenen türkischen Soldaten waren bequem in Waggons dritter - Klasse untergebracht, die Offiziere in Waggons zweiter Klasse, und - der Pascha nahm einen ganzen Waggon erster Klasse ein. „Warum wird - ihnen so viel Luxus geboten?“ hörte man im Publikum fragen. „Unsere - Grenadiere wurden aus Moskau in Viehwaggons transportiert, diese - türkischen Gefangenen aber fahren in Luxuszügen.“ - - „Was, Grenadiere,“ rief darauf aus der Menge ein Kaufmann – „sogar - unsere verwundeten Soldaten wurden in Viehwaggons transportiert, und - dabei hatte man ihnen nicht einmal Stroh untergebreitet. Diesen - feisten Pascha da, diesen Aufgefütterten, den hätte man in den - Viehwagen einsperren sollen, damit er wenigstens etwas von seinem - Fett verliert!“ - - „Dort unten haben sie unsere Verwundeten zu Tode gequält, ihnen die - Sehnen herausgezogen, sie mit glühendem Eisen gebrannt, und jetzt - werden sie bei uns dafür verhätschelt ...“ - -Solche Stimmen, bemerkt die Moskauer Zeitung, waren nicht vereinzelt; in -ihnen tat sich die Volksmeinung kund: ist es doch schmerzlich zu sehen, -daß diese Baschi-Bozuks, dieser ganze türkische Abschaum besser -behandelt wird als unsere eigenen Soldaten. - -Wir, die Intelligenz, sehen nichts Besonderes darin: es ist eben -Zartgefühl oder richtiger die äußere Form eines Zartgefühls der -europäischen Meinung gegenüber – und weiter nichts. Das ist doch schon -zweihundert Jahre lang bei uns so Sitte gewesen – es wäre Zeit, sich -daran zu gewöhnen! - -Da ich einmal auf diese Dinge zu sprechen gekommen bin, will ich noch -ein kennzeichnendes Beispiel wiedergeben. Ich las diese Geschichte vor -kurzem in der Petersburger Zeitung, die sie einem Briefe entnommen -hatte. - - In seinem Bericht vom Kriegsschauplatz erzählt Herr Krestowski unter - anderem von einem spaßigen Fall. „In der Suite des Großfürsten - erschien ein sonderbarer Engländer: er trug einen Korkhelm und einen - Mantel von erbsgrüner Farbe. Es heißt, er sei Mitglied des - Parlaments und benutze seine freie Zeit, um vom Kriegsschauplatz an - eine der großen Londoner Zeitungen (Times) Bericht zu erstatten. - Andere versichern, er sei nur ein ‚reisender Engländer‘, wiederum - andere, er sei einfach ein Russenfreund. Doch wie dem nun auch sei, - jedenfalls führt sich dieser Herr etwas exzentrisch auf. In - Gegenwart des Großfürsten, wenn alle stehen, Seine Hoheit nicht - ausgenommen, bleibt er z. B. ruhig sitzen, und bei Tisch erhebt er - sich, wann es ihm gefällt. Vor kurzem wandte er sich an einen - bekannten Offizier mit der Bitte, ihm seinen erbsfarbenen Mantel zu - halten. Der Offizier maß ihn mit etwas erstauntem Blick, lächelte - darauf ein wenig ironisch, zuckte die Achsel und half ihm - schließlich widerspruchslos in den Mantel. Freilich, es blieb ihm - auch nichts anderes übrig. Der Engländer aber berührte nur flüchtig - mit der Hand den Schirm seines Korkhelms ...“ - -Die Petersburger Zeitung findet diesen Fall spaßig. Zu meinem Bedauern -kann ich wirklich nichts Spaßiges in ihm entdecken, sondern nur sehr -viel Ärgerliches. Bei uns hat sich aus Romanen und französischen -Vaudevilles der Glaube ein für allemal festgesetzt, daß jeder Engländer -ein Sonderling sei. Aber was ist denn ein Sonderling? Nicht immer -braucht so ein Sonderling gleich dermaßen naiv zu sein, nicht einmal -erraten zu können, daß in der Welt nicht überall dieselben Sitten und -Gebräuche herrschen, die irgendwo dort in England allgemein angenommen -sein mögen. Die Engländer sind, im Gegenteil, ein kluges Volk; als -Seefahrer, und zudem noch als gebildete Seefahrer, haben sie mit ihrem -scharfen Blick besser als alle Europäer die Völker aller Erdteile und -ihre Sitten zu beobachten verstanden; sie sind ganz ungewöhnlich begabte -Beobachter. Solch ein Engländer nun, und noch dazu einer, der Mitglied -des Parlaments ist, sollte nicht wissen, wo und wann er stehen, wo und -wann er sitzen muß!? Es gibt ja kein einziges Land, in dem die Etikette -eine so große Rolle spielt wie gerade in England. Die englische -Hofetikette ist die komplizierteste der ganzen Welt. Wenn dieser -Engländer Parlamentarier ist, so muß er als solcher doch wenigstens -wissen, wie sich die Mitglieder des Unterhauses zu denen des Oberhauses -zu verhalten haben, und zwar gerade in dem Sinne: wer vor wem sitzen -bleiben, und wer vor wem aufstehen muß. Und wenn er noch gar zur höheren -Gesellschaft gehört – wo geht es denn zeremonieller zu als bei den -Diners und auf den Bällen oder in den Empfangssälen der Londoner -Aristokratie? Nein, dieser Engländer scheint mir keineswegs ein -Sonderling zu sein – soweit man ihn nach dieser Beschreibung beurteilen -kann. Nein, das ist englischer Stolz, und nicht nur Stolz, sondern ist -einfach Anmaßung, Herausforderung. Dieser „Russenfreund“ kann doch kein -großer Freund von uns sein. Er bleibt ruhig sitzen und denkt bei sich -über die russischen Offiziere: „Meine Herren, ich weiß, daß Sie ein -Löwenherz haben! ... Sie unternehmen ja fast Unmögliches und führen es -auch aus. Furcht vor dem Feinde kennen Sie nicht; jeder einzelne von -Ihnen ist ein Held, und was Ehre ist, wissen Sie alle nur zu gut. Ich -kann nicht abstreiten, was ich mit meinen eigenen Augen sehe. Doch -nichtsdestoweniger bin ich Engländer, Sie aber sind nur Russen; ich bin -Europäer, und Europa gegenüber sind Sie verpflichtet, zartfühlend und -aufmerksam zu sein. Welche Löwenherzen Sie auch haben mögen – im -Vergleich mit Ihnen bin ich doch ... nun eben ein höherer Typ Mensch. Es -ist mir sehr angenehm, sehr angenehm, Ihr Zartgefühl mir gegenüber zu -beobachten ... Sie denken, daß das alles nur Kleinigkeiten sind, aber -gerade diese Kleinigkeiten sind es, die mich amüsieren. Ich habe diese -Vergnügungsreise gemacht, weil ich hörte, daß Sie Helden seien; ich bin -hergekommen, um Sie mir näher anzusehen, aber ich werde wieder einmal -mit der Überzeugung heimkehren, daß ich als Sohn Old-Englands“ – sein -Herz erbebt vor Stolz – „auf der Welt doch ein Mensch ersten Ranges bin -und bleibe: Sie aber, meine Herren, sind als Russen doch nur -zweitrangige Kreaturen ...“ - -Am interessantesten sind in dem Briefe zweifellos die letzten Zeilen: -„Der Offizier maß ihn mit etwas erstauntem Blick, lächelte darauf ein -wenig ironisch, zuckte die Achsel und half ihm schließlich -widerspruchslos in seinen Mantel. _Freilich, es blieb ihm auch nichts -anderes übrig._“ - -Wieso: „freilich“? Warum blieb ihm nichts anderes übrig? Im Gegenteil, -da hätte man gerade das Entgegengesetzte tun sollen: man hätte ihn vom -Kopf bis zu den Füßen mit nicht mißzuverstehendem Blick messen, ironisch -lächeln, mit den Schultern zucken und vorübergehen sollen, ohne den -Mantel anzurühren. Hatte man denn wirklich nicht bemerkt, daß der -aufgeklärte Seefahrer bloß seine Stückchen machte, daß der feinste -Kenner der Etikette den Augenblick benutzte, um seinen kleinlichen Stolz -zu befriedigen? Das ist es ja, daß man in dem Augenblick nicht darauf -verfallen konnte, denn unser „Zartgefühl“ verhinderte es. Doch, das war -nicht etwa Zartgefühl _diesem_ Engländer gegenüber – weder als Mitglied -des Parlaments, noch als Besitzer jenes Korkhelms –, sondern unser -Zartgefühl Europa, der europäischen Aufklärung gegenüber, unser -Zartgefühl, in dem wir aufgewachsen sind, und das uns bis zum Verlust -unserer eigenen Selbständigkeit und Persönlichkeit beherrscht, und von -dem wir uns noch lange nicht werden befreien können. Die Lieferung von -Patronen an die Türkei, die England und Amerika besorgen, soll wirklich -enorm sein. Wir wissen ja ganz genau, daß der türkische Soldat bei -Plewna bisweilen an 500 Patronen täglich verbraucht: die Türkei aber hat -weder so viel Geld, noch solch einen Kredit, um ihre Armee dermaßen mit -Munition versehen zu können. Daß die Engländer ihnen in jeder Beziehung -helfen, liegt auf der Hand; ihre Schiffe bringen den Türken alles, was -zum Kriege nötig ist. Bei uns aber schweigen die Zeitungen darüber – aus -„Zartgefühl“ natürlich: „Ach, sprechen Sie nicht davon, werfen Sie doch -nur nicht solche Fragen auf, wir wollen nichts davon sehen, nichts -hören, sonst würden wir die gebildeten Seefahrer womöglich erzürnen und -dann ...“ - -Nun, und was dann? Warum fürchtet ihr euch? Wahrlich, über dieses Thema -„Zartgefühl“ könnte man noch vieles hinzufügen. - -Selbst wenn es diese gewissen Wechsel und Wechselchen gibt, die wir -Europa in Gestalt verschiedener Versprechungen eingehändigt haben -sollen, so ist doch auch das nur aus Zartgefühl Europa gegenüber und aus -Verehrung für seine Kultur geschehen. Doch vorläufig will ich dieses -Thema fallen lassen. Ich erinnere mich, zu Anfang dieses Kapitels noch -hinzugefügt zu haben, all das geschehe ja nur Europa gegenüber, bei uns -zu Hause kämen wir schon auf unsere Rechnung. Ich möchte nun die -Gelegenheit benutzen, zu zeigen, wie wir es verstehen, uns dafür zu -entschädigen. - - - Der größte Beweis unseres Lakaientums - -Erinnern Sie sich noch, meine Herren, wie wir im Sommer, als wir kurz -vor Plewna in Bulgarien eindrangen, plötzlich vor Unwillen einfach -erstarrten? Übrigens waren nicht alle so ungehalten, das muß ich -vorausschicken. Doch die Stimmen der Herren Kriegsberichterstatter -fanden in unseren Petersburger Zeitungen einen lebhaften Widerhall. - -Es handelte sich um folgendes: Uns, wie der ganzen Welt, ist es bekannt, -daß wir auszogen, um die unterdrückten, erniedrigten und gequälten -Balkanslawen zu befreien. Ich erinnere mich noch, ganz zu Anfang des -Krieges in einer unserer besten Zeitungen gelesen zu haben: „Wenn wir in -Bulgarien einziehen, werden wir nicht nur unsere Armee zu ernähren -haben, sondern auch die bulgarische Bevölkerung, die bereits dem -Hungertode nahe ist.“ Und siehe da, nachdem wir uns eine solche -Vorstellung gemacht hatten – von den Bedrückten, Gepeinigten und -Hungernden, und von allen Flüssen und aus allen Gauen Rußlands hinzogen, -um uns für sie aufzuopfern –, stehen wir plötzlich vor reizenden -Bulgarenhäuschen, die, umgeben von Blumen und Obstgärten, weidenden -Viehherden und Ackerland, keineswegs unseren Erwartungen entsprechen. -Und zur Vollendung des Ganzen gibt es gleich im ersten bulgarischen -Städtchen drei orthodoxe Kirchen und nur eine Moschee. Das war im Lande -der Bulgaren, der des Glaubens wegen Unterdrückten! „Wie wagen sie es -nur!“ ereiferten sich gleich die beleidigten Herzen der Befreier, und -das Blut stieg ihnen zu Kopf. „Wir sind doch hergekommen, um sie zu -befreien! – Auf den Knien müßten sie uns empfangen! Und statt über unser -Kommen froh zu sein, sehen sie uns noch mißtrauisch an! Uns! ... -Allerdings, sie bringen uns Salz und Brot, das ist schließlich wahr, -aber von der Seite sehen sie uns doch mißtrauisch an! ...“ Was meinen -Sie, meine Herren, wenn Sie plötzlich ein Telegramm bekämen mit der -Nachricht, daß ein Ihnen nahestehender Mensch, ein Freund oder Bruder, -im Sterben liegt oder verunglückt ist, oder daß man ihn beraubt hat, so -werden Sie sich doch so schnell wie möglich zu ihrem unglücklichen -Bruder begeben, nicht wahr? Und siehe da: plötzlich ist nichts von -alledem geschehen: Sie treffen den Menschen bei vorzüglichster -Gesundheit beim Mittagstisch an! Freudig lädt er sie ein, mit ihm zu -speisen, und er lacht von ganzem Herzen über das Mißverständnis, über -das qui pro quo. Ob Sie nun diesen Menschen lieben oder nicht lieben: es -wird Ihnen doch niemals einfallen; es ihm zu verübeln, daß er nicht in -Lebensgefahr schwebt, daß man ihn nicht beraubt hat, oder daß ihm nicht -sonst ein Unglück zugestoßen ist? Oder gar, daß er so gesund aussieht, -zu Mittag speist und dazu Wein trinkt? Ich glaube, doch nicht! Im -Gegenteil, Sie würden sich freuen, daß er lebt und womöglich noch wohler -aussieht als Sie selbst. Nun, freilich wäre es menschlich, sich ein -bißchen zu ärgern – aber doch nicht etwa darüber, daß man ihm, sagen -wir, nicht die Beine abgefahren hat? Sie werden doch nicht gleich vom -Tische aufstehen und über ihn Bericht erstatten, Anekdoten von ihm -erzählen, seine schlechten Charaktereigenschaften hervorheben ...? Bei -den Bulgaren hat man es aber getan. „Bei uns kann sich ein wohlhabender -Bauer nicht so gut ernähren wie dieser unterdrückte Bulgare,“ hieß es. -Andere kamen sogar zu der Überzeugung, daß nur die Russen die Ursache -des Unglücks der Bulgaren seien: „Wenn wir nicht den Türken gedroht -hätten und nicht hingezogen wären, um diese angeblich geplünderten und -unterdrückten Bulgaren zu ‚befreien‘, so lebten sie noch heute wie im -Wollkorbe.“ Das kann man auch jetzt noch hören. - -Und so mußten wir uns denn für unser Zartgefühl Europa gegenüber und für -unseren aufgeklärten Europäismus zu Hause entschädigen, mußten, wo -Europa nicht auf uns sieht, unser Herz erleichtern können. Und in -Bulgarien waren wir ja so gut wie zu Hause. „Wir sind gekommen, um sie -zu befreien, folglich gehören sie ja fast zu uns. Besitzt der Bulgare -einen Garten oder ein Gut, so hat er es jetzt gleichsam geschenkt von -uns wiedererhalten: wir nehmen dafür nichts von ihm und genau genommen -haben wir ja auch nicht das Recht dazu, aber er muß es doch _empfinden_ -und uns ewig dafür dankbar sein, daß wir ihm zu Hilfe gekommen sind, ihn -und sein Hab und Gut von dem Türken, seinem Unterdrücker, befreit haben. -Das müßte er doch begreifen!“ Und da sehen wir plötzlich, daß ihn -niemand unterdrückt! Welch eine beleidigende Situation, nicht wahr? - -Und welch ein Lakaientum im Grunde, statt wirklichen Zartgefühls! Und -welch eine Komik! Es ist schlechthin die komischste aller -Entschädigungen „bei uns zu Haus“ für die unbequeme Uniform des -europäischen Zartgefühls, in der wir uns Europa zu präsentieren lieben! -Welch ein Lakaientum in den Gedanken dieser leicht erregbaren Herren! -Die Situation überraschte viele von unseren Tapferen dermaßen, daß sie -einfach ihre Geistesgegenwart verloren; und diese Verblüffung ist schon -etwas ernster zu nehmen als jene Überrumpelung unseres Offiziers durch -den Engländer mit dem erbsgrünen Mantel. - -Später klärte sich natürlich alles auf, die Wahrheit enthüllte sich den -Entrüsteten. Es stellte sich heraus, daß der Bulgare arbeitsam und sein -Land sehr fruchtbar ist. Und wenn er auch mißtrauisch auf die russischen -Truppen sieht, so muß man doch bedenken, daß er schon vier Jahrhunderte -lang Sklave ist und infolgedessen, wenn er seinem neuen Herrn -entgegentritt, nicht gut glauben kann, daß der ihm ein Bruder sein -wolle. Außerdem muß er doch noch seinen früheren Herrn fürchten und sich -unwillkürlich sagen: „Wenn der nun wiederkommt und es erfährt, daß ich -diesem hier Salz und Brot gereicht habe, – was dann?“ Und der Arme hatte -durchaus recht. Nachdem wir unseren ersten tapferen Angriff jenseits des -Balkan gemacht hatten, traten wir den Rückzug an. Zu den Bulgaren aber -kamen wieder die Türken – und wie sie von diesen behandelt wurden, wird -die Weltgeschichte erzählen! Ihre hübschen Häuschen, diese Aussaaten, -Gärten und Viehherden, alles wurde geplündert, in Staub und Asche -verwandelt, dem Erdboden gleichgemacht. Nicht zu Hunderten, sondern zu -Tausenden und Zehntausenden wurden die Bulgaren durch Feuer und Schwert -vernichtet, ihre Kinder wurden in Stücke gerissen und sie starben unter -den schrecklichsten Qualen, ihre Frauen und Töchter wurden geschändet, -zum Verkauf fortgeschleppt oder totgeschlagen. Die Männer, die, welche -die Russen mit Salz und Brot begrüßt hatten und obendrein auch noch -jene, die die Russen nicht begrüßt hatten, mußten alle auf dem -Scheiterhaufen oder am Galgen dafür büßen. Man nagelte sie am Abend mit -den Ohren an die Zäune, und am anderen Morgen mußte einer von den -Verurteilten alle seine Gefährten aufhängen, zum Schluß aber wurde er -selbst aufgeknüpft – unter dem Gelächter dieser wollüstigen Bestien, die -sich eine türkische Nation nennen. - -Auf diese Weise kamen die über das gute Leben der Bulgaren so -entrüsteten Herren bald zu der Erkenntnis, daß dieses Leben im Grunde -genommen nur eine Dekoration gewesen war, daß alle diese Häuser und -Gärten und die Frauen und Kinder, die unmündigen Knaben und Mädchen in -diesen Häusern, dem Türken gehörten. Und der nahm sie, wann es ihm -gefiel: auch in friedlichen Zeiten überfiel er sie, nahm ihnen Geld und -Vieh, Frauen und Mädchen. - -Doch jetzt, da sie in Wut geraten sind, plündern und zerstören sie die -unglücklichen bulgarischen Provinzen bis auf den nackten Erdboden. Wenn -wir lange vor Plewna liegen müssen und nur langsam vorrücken, so werden -die Türken, wenn sie sehen, daß sie Bulgarien vielleicht auf immer -verlieren, das Land ganz und gar in Asche verwandeln, solange sie noch -Zeit dazu haben. Jedenfalls aber sind die Ansichten unserer Klugen -darüber wirklich bemerkenswert; sie behaupten: wenn wir uns nicht in -türkische Angelegenheiten eingemischt hätten, würden die Bulgaren noch -heute gleichsam im Wollkorbe leben, und wir Russen allein seien an ihrem -Unglück schuld. Der bekannte Korrespondent der „Daily News“, Mr. Forbes, -sagt uns darüber in einem seiner vorzüglichen Berichte vom -Kriegsschauplatz seine ganze englische Wahrheit. Er gesteht den Türken -aufrichtig zu, daß sie das volle Recht gehabt hätten, alle Bulgaren, die -nördlich vom Balkan lebten, in der Zeit zu vernichten, als die russische -Armee sich über die Donau zurückzog. Mr. Forbes bedauert fast – -natürlich nur politisch –, daß dies nicht geschehen ist, und kommt zu -dem Schluß, daß die Bulgaren den Türken zu ewiger Dankbarkeit -verpflichtet seien, weil diese sie nicht wie eine Herde Schafe -geschlachtet haben. Wenn man jetzt an die russische Auffassung denkt, an -die „Bulgaren im Wollkorbe“, und sie dem Ausspruch Forbes’ -gegenüberstellt, könnte man sich ja mit folgenden Worten an den Bulgaren -wenden: „Wie solltest du nicht im Wollkorbe leben, da man dich nicht -einfach geschlachtet hat?“ Sonderbar ist dabei nur eines: Wie ist es -möglich, daß ein solches Recht den Türken kaltherzig zugesprochen werden -kann, und noch dazu von einem so gebildeten Menschen wie Mr. Forbes, der -doch einer so aufgeklärten und großen Nation angehört? Sind das die -letzten Blüten und Früchte der englischen Zivilisation? -Selbstverständlich hätte er sich anders ausgedrückt, wenn es sich, -anstatt um Bulgaren, um Franzosen oder Italiener gehandelt hätte. Es -handelte sich hier aber nur um Slawen, um Bulgaren! In Europa scheint -man eine geradezu blutliche und ererbte Verachtung für die Slawen, für -die slawische Rasse überhaupt zu haben. Man zählt sie dort zu den -Hunnen. Europa würde es ruhig zulassen, daß man sie alle, mit Weibern -und Kindern bis auf den Letzten vernichtete. Und bitte vor allen Dingen -nicht zu vergessen, daß es nicht ein Earl of Beaconsfield ist, der jenen -Ausspruch getan – der könnte solche Überzeugungen noch aus Rücksicht auf -die „englischen Interessen“ haben –, sondern Mr. Forbes, ein Privatmann, -der doch keineswegs verpflichtet ist, die Interessen Englands um jeden -Preis, _und was es auch koste_, zu wahren, ein ehrlicher, talentvoller, -„wahrhaft humaner Mensch“, wie er uns in seinen ersten Briefen erschien. -Nein, diesem Urteil liegt eine westeuropäische Antipathie gegen alles, -was Slawe heißt, zugrunde. Diese Bulgaren kann man mit siedendem Wasser -übergießen, wie ein Wanzennest in einem alten Holzbett. Ist es bei den -Europäern vielleicht ein Instinkt, eine Vorahnung, daß die östlichen -Slawenstämme, wenn sie einmal befreit sein werden, eine große Rolle in -der neu heraufkommenden Menschheit spielen und den Platz der alten, vom -Wege abgekommenen Kulturträger einnehmen könnten? Bewußte Westler können -das natürlich weder zulassen, noch sich vorstellen, daß dieses -Wanzennest sich wirklich zu etwas Höherem zu entwickeln vermöchte. Aber -da ist ja noch Rußland, das augenscheinlich der Träger einer neuen Idee -ist und die Fahne der Zukunft, zum Ärger und Erstaunen aller, hochhebt. -Da Rußland aber kein Wanzennest ist, sondern ein Gigant und eine Kraft, -die man nicht leugnen kann, und da Rußland gleichfalls aus einer -slawischen Nation besteht, – wie müssen diese Europäer da Rußland in -ihrem Herzen hassen, wie müssen sie sich unwillkürlich und vielleicht -noch ganz unbewußt über unsere Mißerfolge freuen, wie über jegliches -Unglück, das uns trifft! Sollte das nicht aus Instinkt, aus Vorgefühl -geschehen? - - - Ein ganz persönliches Wort über die Slawen, das ich schon lange habe - - sagen wollen - -Da ich nun einmal darauf zu sprechen gekommen bin, will ich noch ein -ganz persönliches Wort über die Slawen und die Slawenfrage sagen. Wer -diskutiert heutzutage bei uns nicht über die Möglichkeit eines baldigen -Friedens, über die Möglichkeit irgendeiner Entscheidung in der -Slawenfrage? Geben wir also unserer Phantasie einmal volle Freiheit und -stellen wir uns vor, daß Rußland durch sein Blut die Slawen bereits -befreit habe, daß das Türkische Reich überhaupt nicht mehr existiere und -die Balkanvölker nun ein neues, freies Leben führen können. Es ist -natürlich schwer vorauszusagen, welche Form diese Freiheit der Slawen -annehmen, ob es zu einer Föderation der befreiten kleineren Völker -kommen wird, oder ob sich die einzelnen Völker zu selbständigen kleinen -Reichen emporschwingen werden, mit Herrschern, die man natürlich aus den -verschiedenen regierenden Häusern Europas wählen würde. Und schließlich: -werden alle diese Länder und Ländchen vollständig unabhängig sein, oder -werden sie unter dem Schutze und der Aufsicht eines „europäischen Bundes -der Mächte“, zu dem auch Rußland gehören wird, stehen? Ich glaube, alle -diese kleinen Völker werden sich auf jeden Fall einen „europäischen Bund -der Mächte“ ausbitten, auch wenn Rußland in diesen einbegriffen sein -wird. Denn was sollten sie sonst zum Schutz vor Rußlands Herrschsucht -tun? - -Alles das läßt sich heute noch nicht im einzelnen voraussagen, doch zwei -Dinge kann man auch jetzt schon mit Bestimmtheit wissen: erstens, daß -bald, oder vielleicht auch noch nicht so bald, alle slawischen Stämme -sich vom Türkenjoch befreien und ein neues, und vielleicht sogar -unabhängiges Leben führen werden; und zweitens ... Doch gerade über -diesen zweiten Punkt wollte ich schon seit langer Zeit meine persönliche -Meinung sagen. - -Es ist meine feste Überzeugung, daß Rußland noch nie solche Neider, -Verleumder und sogar so bittere Feinde gehabt hat, wie es alle diese -Slawen sein werden, wenn Rußland sie befreit haben wird und Europa sie -als Befreite wird anerkennen müssen. Möge man deswegen nicht glauben, -daß ich die Slawen hasse! Im Gegenteil, ich liebe die Slawen sehr und -werde mich deshalb nicht lange verteidigen; weiß ich doch, daß alles, -was ich jetzt behaupte, in Erfüllung gehen wird, und daß diese -Feindschaft nicht etwa einer besonderen slawischen Charakterlosigkeit -oder Undankbarkeit entspringen wird – in dieser Beziehung sind die -Slawen wie alle anderen Völker –, sondern es wird geschehen, weil solche -Dinge in der Welt nun einmal keinen anderen Lauf nehmen können. Doch ich -werde mich nicht weiter dabei aufhalten; ich will nur sagen, daß wir -jetzt keine Dankbarkeit von den Slawen verlangen können, uns vielmehr -darauf gefaßt machen müssen, daß sie uns keine entgegenbringen werden. -Nach der Befreiung werden sie ihr neues Leben sicherlich damit beginnen, -daß sie Europa, wahrscheinlich England und Deutschland, um die -Sicherstellung ihrer Freiheit bitten. Sie werden sich die größte Mühe -geben, sich selbst davon zu überzeugen, daß sie Rußland nicht die -geringste Dankbarkeit schuldig, sondern gezwungen seien, beim -Friedensschluß Europas Schutz zu erflehen, auf daß Rußland, nachdem es -sie von den Türken befreit, sie nicht etwa selber verschlinge – „zur -Erweiterung seiner Grenzen und Gründung des großen allslawischen Reiches -durch die Unterwerfung der Slawen unter den gierigen, schlauen, -barbarischen Staat der Großrussen“. Lange, oh, lange noch werden sie -nicht imstande sein, weder die Uneigennützigkeit Rußlands, noch seine -große heilige Idee anzuerkennen: eine jener mächtigen Ideen, durch die -die Menschheit lebt, ohne die aber die Menschheit, wenn sie aufhören -sollte, in ihr zu leben – erstarren, verkrüppeln und sterben würde an -ihren Seuchen und ihrer Kraftlosigkeit. Nehmen wir zum Beispiel den -gegenwärtigen Krieg, diesen volkstümlichen russischen Krieg, der ein -Kampf gegen die türkischen Ungeheuer zur Befreiung unglücklicher Völker -ist, – haben die Slawen diesen Krieg etwa verstanden? Jetzt haben sie -uns noch nötig, wir kämpfen ja noch für sie. Wenn aber der Krieg beendet -sein wird, werden sie ihn dann auch noch für eine große Tat ansehen, für -die sie uns Dankbarkeit schuldig sind? Nie und nimmer werden sie das -tun! - -Im Gegenteil, sie werden es als politische und womöglich gar -wissenschaftliche Wahrheit aufstellen, daß sie sich, wenn nicht Rußland -dagewesen wäre, schon längst allein, durch eigenen Heldenmut, oder mit -Hilfe Europas zu befreien verstanden hätten. Europa hätte, wenn wieder -dieses Rußland nicht auf der Welt gewesen wäre, nichts gegen ihre -Freiheit einzuwenden gehabt, sondern sie womöglich selber von den Türken -befreit. Diese schlaue Lehre hat ja schon jetzt viele Anhänger unter -ihnen und wird sich in der Folge noch zu einem wissenschaftlichen und -politischen Axiom entwickeln. Sogar von den Türken werden diese -Balkanslawen mit größerer Ehrfurcht sprechen als von uns. Vielleicht -werden sie ein ganzes Jahrhundert oder noch länger für ihre Freiheit -bangen und vor der Herrschsucht Rußlands zittern; sie werden sich bei -den europäischen Mächten einschmeicheln, werden Rußland verleumden und -überall gegen uns intrigieren. O, ich spreche nicht von einzelnen -Personen: gewiß wird es auch unter ihnen Menschen geben, die wissen -werden, was Rußland für sie war und immer sein wird. Diese Menschen -verstehen auch sicher die ganze Größe und Heiligkeit der Tat Rußlands -und seiner großen Idee, die es hochhält vor der ganzen Menschheit. Aber -dieser Menschen wird es zuerst so wenige geben, daß man sie auslachen -oder sogar politisch verfolgen wird. Besonders gern werden die befreiten -Slawen aller Welt verkünden, daß sie gebildete Völker seien, sogar -höchst kulturfähig, im europäischen Sinne, während Rußland ein -barbarisches Land, ein dunkler nordischer Koloß, dabei längst nicht vom -reinsten slawischen Blute, ein Unterdrücker und Feind der europäischen -Zivilisation sei und bleibe. Sie werden natürlich eine konstitutionelle -Regierung haben, ein Parlament, verantwortliche Minister, Redner und -Reden. Das wird sie außerordentlich beruhigen und entzücken. Es wird -ihnen ungeheuer schmeicheln, in den Pariser und Londoner Blättern -Telegramme zu lesen, die durch die ganze Welt gehen und allen melden, -daß z. B. nach langem Parlamentssturm endlich das bulgarische -Ministerium gefallen sei und eine neue liberale Mehrheit sich gebildet -habe, daß ein Bulgare namens Iwan Tschiftlik endlich eingewilligt, das -Portefeuille des Ministerpräsidenten anzunehmen ... Ja, in Rußland muß -man sich jetzt ernsthaft darauf vorbereiten, daß alle diese von uns -befreiten Slawen sich zunächst begeistert auf Europa stürzen, bis zum -Verlust der eigenen Persönlichkeit europäische Formen, politische wie -soziale, annehmen und auf die Weise erst eine lange Periode des -Europäismus durchleben werden, ehe sie etwas von ihrer slawischen -Bedeutung und ihrer eigenen Berufung unter den Völkern werden begreifen -lernen. Übrigens werden sie sich ewig untereinander streiten, ewig sich -gegenseitig beneiden und gegen einander intrigieren. Sollte ihnen aber -Gefahr drohen, so würden sie alle natürlich wieder Rußland um Hilfe -bitten. Denn wie sie uns in Europa auch verleumden, wie sie mit Europa -auch liebäugeln mögen, sie werden doch immer instinktiv fühlen -(selbstverständlich erst im Augenblick der Gefahr, nicht früher), daß -Europa der einzige Feind ihrer Selbständigkeit ist, war und immer sein -wird. Sie werden begreifen, daß sie auf der Welt nur noch existieren, -weil der große feststehende Magnet Rußland unwiderstehlich sie alle an -sich zieht und so ihre Nationalität und Einheit erhält. Es wird auch -Minuten geben, da sie imstande sein werden, beinahe bewußt -einzugestehen, daß, wenn sie nicht Rußland hätten, das große östliche -Zentrum der großen aufkommenden Ideen, ihre volkliche Einheit und -Selbständigkeit im Augenblick auseinanderfallen, ihre ganze Nationalität -sich auflösen und im europäischen Ozean wie einzelne Wassertropfen im -Meere verschwinden würde. Noch auf lange aber wird Rußland die Sorge -verbleiben, sie zu versöhnen, ihnen Vernunft beizubringen und vielleicht -sogar noch das Schwert für sie zu ziehen. Natürlich wirft sich dabei die -Frage auf, welch einen Vorteil Rußland denn für sich erwartet, warum -Rußland sich so oft für sie geschlagen, sein Blut, seine Kräfte, sein -Geld für sie hingegeben? Doch nicht etwa, um so viel kleinlichen Haß und -so häßliche Undankbarkeit zu ernten? Freilich hat Rußland immer gewußt, -daß es das Zentrum der slawischen Einheit ist, daß, wenn die Slawen in -Zukunft ein freies, nationales Leben führen werden, Rußland das gewollt -und durchgesetzt haben wird. Welch einen Vorteil bringt uns nun dieses -Bewußtsein, außer Arbeit, Ärger und Sorgen? - -Die Antwort darauf ist schwer, und vielleicht werden nicht alle sie -verstehen können. Wir wissen ja, daß Rußland niemals auch nur auf den -Gedanken kommen wird, sein Territorium auf Kosten der Slawen erweitern, -sie politisch an sich ketten oder gar ihre Länder zu russischen -Gouvernements machen zu wollen. Alle Slawen verdächtigen jetzt Rußland -dieser Absicht, und Europa wird noch weitere hundert Jahre diesen -Argwohn gegen uns hegen. Möge Gott Rußland vor solchen Absichten -bewahren! Denn je mehr es seine politische Uneigennützigkeit den Slawen -gegenüber aufrechterhält, desto sicherer wird es eine volle Einigung der -Slawen unter einander erreichen, vielleicht schon im Verlauf von einem -Jahrhundert. Wenn es den Slawen von Anfang an politische Freiheit gibt -und sich jeder Vormundschaft enthält, doch zu jeder Zeit bereit ist, -sein Schwert für die Freiheit ihres Glaubens und ihrer Nationalität zu -ziehen, so wird Rußland zu seinem und zu ihrem Wohl mehr erreichen, als -wenn es mit Gewalt seinen politischen Einfluß auf die Slawen -aufrechtzuerhalten strebte. Ja, gerade ... wenn Rußland seine -vollständige Uneigennützigkeit ihnen gegenüber bewahrt, wird es sie -besiegen und ihr Vertrauen gewinnen. Zuerst werden sie vielleicht nur im -Notfalle zu uns kommen, dann aber werden sie sich mit dem vollen -Vertrauen eines Kindes an uns schmiegen. Alle werden sie in das -heimatliche Nest, zu Rußland, zurückkehren. Oh, viele Russen, Gelehrte -wie auch Dichter, setzen schon große Hoffnungen auf diese Vereinigung. -Sie erwarten, daß die befreiten und auferstandenen slawischen -Völkerschaften viele neue und noch nie dagewesene Elemente ins russische -Leben bringen, das Slawentum Rußlands erweitern und auf die Seele -Rußlands einen großen Einfluß ausüben werden; ja, sogar die russische -Sprache, die russische Literatur, das russische Schaffen überhaupt -sollen sie geistig bereichern und ihm neue Horizonte eröffnen. Ich muß -gestehen, daß mir diese Begeisterung immer etwas literarisch erschienen -ist. Vielleicht wird Ähnliches einmal wirklich geschehen, aber wohl -nicht früher als in hundert Jahren; für dieses ganze Jahrhundert dagegen -wird Rußland von den Slawen nichts zu nehmen brauchen, weder von ihren -Ideen, noch von ihrer Literatur, denn was könnten sie uns jetzt geben? -Rußland wird dieses ganze Jahrhundert hindurch nur gegen ihre -Beschränktheit und ihren Eigensinn zu kämpfen haben, desgleichen gegen -ihre schlechten Angewohnheiten und ihren Verrat am Slawentum, ihren -Verrat um europäischer Formen willen in politischen wie sozialen Dingen. -Nach der Slawenfrage steht Rußland noch die Orientfrage bevor. Die -Slawen werden heute überhaupt nicht verstehen, was diese Orientfrage -eigentlich bedeutet! Ganz so, wie sie auch die slawische Einigung zu -einer allgemeinen Brüderschaft noch lange nicht verstehen werden. Ihnen -diese durch die Tat und das Beispiel zu erklären, wird in Zukunft die -Aufgabe Rußlands sein. Wieder wird man fragen, wozu und warum soll -Rußland eine solche Arbeit auf sich nehmen? Wozu? um ein höheres Leben -zu führen, um die Welt mit einer großen uneigennützigen Idee zu -durchleuchten, um einen großen, mächtigen Organismus brüderlicher -Einigung von Völkerstämmen zu schaffen, – nicht durch politische Gewalt, -nicht mit Feuer und Schwert, sondern durch Überzeugung, Liebe, -Uneigennützigkeit und Aufklärung: um endlich alle Kleinen um sich zu -scharen und ihnen die mütterliche Aufgabe Rußlands zu beweisen. Das ist -unser Ziel und das ist meinetwegen auch unser Vorteil. Denn wenn eine -Nation für keine höheren Ideen, nicht mit höheren Zielen zum Wohle der -Menschheit, sondern nur ihren eigenen „Interessen“ lebt, so wird diese -Nation untergehen. Höhere Ziele für Rußland kann es aber nicht geben, -als uneigennützig den Slawen zu dienen, ohne von ihnen Dankbarkeit zu -erwarten, nach ihrer sittlichen und geistigen, nicht nur nach ihrer -politischen Einigung zu streben. Nur durch diese Tat würde das Slawentum -der Menschheit eine neue, wertvolle Idee geben ... Höhere Ziele als -solche gibt es nicht auf dieser Welt, und es kann für Rußland nichts -„vorteilhafter“ sein, als solche Ziele zu haben, sie sich mehr und mehr -klarzumachen, um die eigene Seele zu heben in dieser ewigen, -unermüdlichen, heldenhaften Arbeit für die Menschheit. Darum aber ist -eines gewiß: füllt dieser Krieg für Rußland günstig aus, so tritt -Rußland in eine neue und höhere Phase seines Seins ... - - - Was man jetzt über den Frieden spricht. - - Muß Konstantinopel Rußland gehören, und ist das überhaupt - möglich? Verschiedene Meinungen - -Vor einiger Zeit fing man bei uns an, über die baldige Beendigung des -Krieges zu sprechen, und heute spricht bereits alle Welt von möglichen -und unmöglichen Friedensbedingungen. Es freut mich sehr, daß große -politische Zeitungen Rußlands unsere Mühen und Opfer hochschätzen und -Friedensbedingungen vorschlagen, die diesen gebrachten Opfern angemessen -sind. Auch ist es beruhigend zu hören, daß die Mehrzahl der Urteile die -selbständige Entscheidung Rußlands beim Friedensschluß verlangt, das -Recht, einen persönlichen, separaten Frieden zu schließen, ohne Europa -herbeizurufen, und wenn möglich, ohne sich um die europäischen Meinungen -überhaupt zu kümmern. Das Los der Slawen wird gleichfalls in Betracht -gezogen. Man streitet über die Kriegsentschädigungen und verlangt in der -Begeisterung sogar die türkischen Panzerschiffe. Das Recht, uns Kars und -Erserum einzuverleiben, gestehen uns fast alle zu. Natürlich gibt es -auch wieder Leute, die schon bei der bloßen Annahme, wir könnten es -wagen, Kars zu annektieren, beleidigt sind. Und wiederum gibt es andere, -die nicht nur über Kars, sondern selbst über Konstantinopel verfügen und -sogar behaupten, daß Konstantinopel einmal uns gehören _müsse_! Diese -Debatten über den Frieden werden sich natürlich nach jeder größeren -Aktion unseres Heeres wiederholen. Ich will hier nur darauf hinweisen, -daß in den Urteilen unserer großen Blätter ein Irrtum sich bemerkbar -macht. Alle halten sie das Europa von heute noch für das Europa von -früher – das heißt, man nimmt bei uns an, daß die europäischen -Großmächte immer noch dieselben sind, man setzt immer noch das alte -„europäische Gleichgewicht“ voraus. Indessen verändert sich Europa jetzt -von Stunde zu Stunde: was vor einem halben Jahr war, wird vielleicht -schon nach drei Monaten nicht mehr sein – so sehr kann sich bis zum -nächsten Frühling Europas früheres Aussehen verändert haben. Die -ungeheuren und verhängnisvollen Gegenwartsprobleme, die sich erst noch -herausarbeiten müssen, und die vielleicht sehr bald eine Entscheidung -heischen werden, zieht man noch immer nicht in dem Umfange in Betracht, -den sie tatsächlich in der Welt einnehmen. Sogar der Bestand jenes -Europas, das sich beim Friedensschluß einmischen könnte, ist schwer -schon jetzt festzustellen. Deshalb aber kann man, meiner Meinung nach, -auf Grund der früheren Verhältnisse die Friedensbedingungen unmöglich im -voraus bestimmen, ohne zu berücksichtigen, daß Europa selber von der -Stelle rückt und selber neuer Bestimmungen harrt. Übrigens, davon -später. Jetzt will ich, da schon einmal von Konstantinopel die Rede ist, -noch eine sehr sonderbare Meinung Nicolai Jakowlewitsch Danilewskis[49] -über das „nächste Schicksal Konstantinopels“ vermerken. - -Ich werde sie übrigens nicht in allen Einzelheiten wiedergeben können. - -Nach vielen durchaus richtigen Bemerkungen – wie zum Beispiel, daß -Konstantinopel nach der Vertreibung der Türken nicht eine freie Stadt -werden kann, wie es etwa Krakau einmal war, ohne zu riskieren, ein -Sammelplatz und Zufluchtsort von Verbrechern und Verschwörern der ganzen -Welt, eine Beute der Juden, Spekulanten und Intriganten zu werden – -fordert N. J. Danilewski, daß Konstantinopel in den „gemeinsamen Besitz -aller östlichen Völker“ übergehe. Allen Völkern sollen die gleichen -Rechte über diese Stadt zugestanden werden: Russen, Slawen, Griechen, -Bulgaren sollen _alle zusammen_ Konstantinopel besitzen. Eine solche -Ansicht ist meiner Meinung nach denn doch etwas sonderbar. Wie kann -Rußland den Besitz dieser Stadt mit anderen Völkern teilen, wenn Rußland -ihnen in jeder Beziehung weit überlegen ist, nicht nur jedem einzelnen -kleinen Balkanvolk, sondern auch allen diesen Völkern zusammen genommen? -Der Riese Gulliver könnte, wenn er wollte, den Liliputanern hundertmal -versichern, daß er ihnen in jeder Beziehung gleich sei, es würde ihm -doch niemals geglaubt werden. Wie kann man nur eine solche -Geschmacklosigkeit behaupten und dazu noch selbst mit aller Gewalt an so -etwas glauben? Nein, Konstantinopel muß uns gehören, muß von uns Russen -erobert werden und muß bis in alle Ewigkeiten in unserem Besitz -verbleiben. Uns allein soll die Stadt gehören; wir aber können dann, -wenn wir sie beherrschen, alle Slawen und meinetwegen auch noch alle -anderen Völker der Welt mit der Gewährung der größten Freiheiten in ihr -aufnehmen – aber keine Föderation zusammen mit den Slawen! Man bedenke -doch nur, daß eine solche Föderation kaum in einem Jahrhundert -durchgesetzt werden kann! Nur Rußland ist der Aufgabe gewachsen, -Konstantinopel zu beherrschen, denn wir dürfen nicht die dazu gehörige -Umgebung, den Bosporus und die Dardanellen vergessen. Nur Rußland kann -dort ein Heer und eine Flotte halten. O, natürlich wird es jetzt sofort -heißen: „Also ist die Hilfe, die die Russen den Slawen bringen, doch -nicht so uneigennützig!“ – Darauf können wir antworten: Rußland wird nie -aufhören, den Slawen zu dienen und wird sie durch seine große zentrale -Kraft ewig am Leben erhalten; solch ein Dienst läßt sich aber mit nichts -entgelten, und wenn Rußland jetzt auch Konstantinopel einnehmen sollte, -so würde das doch nur geschehen, weil zu seinen Aufgaben, außer der -Lösung der slawischen Frage, noch die Lösung einer viel größeren, der -Orientfrage, gehört. Diese Aufgabe aber kann nur durch die Eroberung -Konstantinopels erfüllt werden. Eine föderative Verwaltung -Konstantinopels durch verschiedene Völker könnte die Orientfrage einfach -vernichten, während wir doch, im Gegenteil, eine baldige Lösung -derselben vor allem wünschen müssen, da sie mit dem Schicksal und der -Bestimmung Rußlands so eng verbunden ist. Ganz abgesehen davon, daß alle -diese Völkchen sich um den Einfluß und die Vorherrschaft in der Stadt -nur streiten würden ... Mit einem Wort, Konstantinopel wäre nur ein -Stein des Anstoßes für die ganze östliche Welt, würde nur die Einigung -der Slawen verhindern und ihre gesunde Lebensentwicklung aufhalten. Die -einzige Rettung ist, daß Rußland allein und auf eigene Rechnung -Konstantinopel nimmt; denn nur Rußland kann ruhig sagen, daß es ganz -allein dieser Aufgabe gewachsen sein wird. Und ist das denn nicht wahr? -Rußland ist das geistige Zentrum, das Haupt des Ostens, Konstantinopel -aber ist die Stadt, das Zentrum der östlichen Welt. Rußland hat es nötig -– und es wäre ihm sogar nützlich –, sich jetzt dem Orient zuzuwenden und -auf einige Zeit Petersburg, wenn auch nur ein wenig, zu vergessen – in -Anbetracht der baldigen Veränderung seines Schicksals, sowie der -Schicksale ganz Europas. Doch wozu schon jetzt alle Mißstände erörtern, -die durch einen gemeinsamen Besitz der Stadt unter den Slawen entstehen -würden! Wenden wir uns lieber dem Schicksal der Griechen und der -rechtgläubigen Bevölkerung Konstantinopels zu – dem Schicksal, dem sie -bestimmt nicht werden entgehen können, wenn Byzanz „Gemeingut“ wird. - -Die Griechen werden eifersüchtig auf die neue slawische Basis in -Konstantinopel sehen und werden die Slawen sogar noch mehr hassen und -noch mehr fürchten, als vorher die Mohammedaner. Der jüngste Streit -zwischen den Bulgaren und dem ökumenischen Patriarchen kann für die -Zukunft als Beispiel dienen. Die Repräsentanten der Rechtgläubigkeit in -Konstantinopel werden sich bis zu Intrigen und kleinlichen -Verschwörungen, bis zu gegenseitigen Exkommunikationen und weiß Gott -wozu noch erniedrigen, werden vielleicht sogar Ketzer werden – und alles -das aus nationalen Gründen, aus nationaler Empfindlichkeit. „Warum -stehen die Slawen über uns?“ werden die Griechen fragen, „warum wird -ihnen ein unumschränktes Recht auf Konstantinopel zugesprochen, ... wenn -auch mit uns zusammen?“ Beherrscht aber Rußland allein Konstantinopel, -hat Rußland allein die Autorität in der Stadt, so fällt selbst die -Möglichkeit solcher Fragen fort. Sogar die Griechen würden dann Rußland -nicht um den Besitz Konstantinopels beneiden und sich nicht gekränkt -fühlen. Rußland würde in Konstantinopel gleichsam auf der Wacht stehen -für alle Slawen und alle Balkanvölker, ohne etwa letztere den Slawen -nachzustellen. Die Herrschaft der Mohammedaner war in diesen -Jahrhunderten für die Balkanvölker keine vereinigende, sondern eine -unterdrückende Macht, unter der sie sich nicht zu rühren, nicht einmal -wie Menschen zu leben wagten. Nach der Vernichtung der mohammedanischen -Herrschaft kann aus diesen Völkern, die aus der Knechtschaft zur -Herrschaft kommen, ein Chaos entstehen; so daß nicht nur eine -regelrechte Föderation, sondern selbst eine Übereinstimmung unter ihnen -höchstens in ferner Zukunft möglich sein wird. Dagegen würde Rußland -zweifellos die alle Balkanvölker vereinigende Kraft sein, wenn es sich -in Konstantinopel festsetzte ... Auch ist doch nur Rußland allein fähig, -die Fahne der neuen Idee des Ostens zu erheben und der ganzen östlichen -Welt ihre neue Bestimmung zu erklären. Denn was ist die Orientfrage im -Grunde anderes als die Schicksalsfrage der Rechtgläubigkeit überhaupt? -Das Schicksal der Rechtgläubigkeit aber ist wiederum untrennbar mit der -Bestimmung Rußlands verbunden. „Was ist denn das für ein Schicksal?“ -wird man fragen. - -Der römische Katholizismus, der Christus für weltlichen Besitz -verkaufte, was die Menschheit veranlaßte, sich von ihm abzuwenden, und -was zur Hauptursache der Verbreitung des europäischen Materialismus und -Atheismus wurde, – dieser Katholizismus erzeugte in Europa naturgemäß -auch den Sozialismus. Denn die Aufgabe des Sozialismus ist, das -Schicksal der Menschheit nicht durch Christus, sondern außerhalb von -Gott und Christus zu bestimmen. Er hat sich in Europa auf ganz -natürliche Weise bilden müssen zum Ersatz für das dort gefallene -christliche Prinzip. Doch die im Westen entstellte Lehre Christi hat -sich in ihrer ganzen Reinheit in der Rechtgläubigkeit erhalten. Aus dem -Osten wird das neue Wort an die Welt ausgehen, wird dem Sozialismus -entgegenziehen und von neuem die europäische Menschheit erlösen. Das ist -die Bestimmung des Ostens, das ist die Bedeutung der Orientfrage für -Rußland! Ich weiß, sehr viele nennen eine solche Überzeugung -„Besessenheit“; doch Herr N. J. Danilewski wird verstehen, was ich sagen -will. Infolge dieser Bestimmung hat Rußland Konstantinopel nötig, denn -Konstantinopel ist, wie ich schon sagte, das Zentrum der östlichen Welt. -Rußland – ich meine das Volk zusammen mit seinem Zaren – erkennt und -fühlt, daß es allein der Träger der Christenidee ist, und daß das Wort -der Rechtgläubigkeit sich in ihm zu einer großen Tat gestaltet, daß -diese Tat schon mit dem jetzigen Kriege begonnen hat, und daß uns noch -Jahrhunderte der Arbeit und Selbstverleugnung bevorstehen, um die -Brüderschaft der Völker zu verwirklichen, jener Völker, denen wir mit -heißer Mutterliebe wie teuren Kindern dienen wollen. - -Diese große christliche Tat, diese neue Tätigkeit des Christentums und -der Rechtgläubigkeit, hat schon mit dem jetzigen Kriege begonnen, mit -der bloßen Tatsache, daß wir diesen Krieg führen ... Doch Herr N. J. -Danilewski glaubt noch immer nicht daran. Augenscheinlich glaubt er -nicht daran, weil er Rußland nicht für würdig hält, Konstantinopel zu -beherrschen. Sollten die Russen wirklich dem nicht gewachsen sein – oder -was will er sonst damit sagen? Natürlich ist es schwer, eine Herrschaft -in dieser Stadt zu errichten; aber Herr Danilewski gibt doch zu, daß -Rußland Konstantinopel vorläufig allein beherrschen könnte, d. h. -natürlich nur, um die Stadt später den Völkern als Gemeingut zu -übergeben. Es fragt sich bloß, warum und wozu übergeben? Wie es scheint, -glaubt Herr Danilewski, daß der Besitz Konstantinopels für Rußland -verderblich sein würde, in ihm schlechte, eroberungsgierige Instinkte -wachrufen könnte. Aber es wäre doch Zeit, endlich an Rußland zu glauben, -besonders nach der Heldentat dieses Krieges, denn es ist dieser Aufgabe -doch tatsächlich gewachsen ... - -Und plötzlich kann sich der Autor nicht einmal entschließen, diese Stadt -auch nur zeitweilig diesem Rußland anzuvertrauen! Und – man stelle sich -nur vor, womit er schließt: man müsse vorläufig die Existenz der Türkei -noch verlängern, ihr zwar alle Slawen und den Balkan nehmen, -Konstantinopel jedoch ihr noch auf einige Zeit überlassen – und das sei -für Rußland jetzt sogar das Vorteilhafteste, sei sozusagen ein -Fingerzeig Gottes! Warum ein Fingerzeig Gottes, warum? Herr Danilewski -setzt natürlich voraus, daß die Türkei in ihrer neuen Existenz ganz -unter dem Einfluß Rußlands, d. h. von Rußland abhängig sein werde. Aber -wozu denn diese Maskerade? Bedenken wir bloß, daß Europa in eine solche -Konstellation erst recht nicht einwilligen würde. Europa wäre eine -vollständige Besiegung der Türkei, wäre die vollendete Tatsache lieber, -als einen neuen Orientkrieg in der allernächsten Zukunft befürchten zu -müssen. Somit stimmt ja Herr Danilewski zum Schluß mit der politischen -Meinung Lord Beaconsfields überein, nach der die Existenz der Türkei -durchaus nötig sei und sie nicht vernichtet werden dürfe. - -„Von der Türkei wird nur ein Schatten übrigbleiben,“ sagt Herr -Danilewski – „dieser Schatten aber _muß_ (?) vorläufig noch die Ufer des -Bosporus und der Dardanellen verdunkeln; denn ihn schon jetzt durch -einen lebendigen und dazu gesunden Organismus zu ersetzen, ist noch -nicht möglich (!?) ...“ - -Also wäre Rußland ein so ungesunder und toter Organismus, daß es die -Hauptstadt der Rechtgläubigkeit an Stelle der in Fäulnis übergegangenen -Türkei nicht besetzen dürfte? Das scheint mir doch sonderbar! Oder will -Herr Danilewski damit vielleicht sagen, daß Rußland Konstantinopel nicht -besetzen dürfe, weil Europa es ihm nicht gestatten würde? Er sagt an -einer Stelle seines Aufsatzes: „Der Besetzung Konstantinopels durch die -Russen werden die meisten europäischen Mächte den größten Widerstand -entgegensetzen.“ Freilich, wenn er die Unmöglichkeit darin sieht, so -wird seine Behauptung – bezüglich der Notwendigkeit, den Türken -vorläufig noch Konstantinopel zu überlassen – verständlicher. -Nichtsdestoweniger kann man in betreff des „Widerstandes der meisten -europäischen Mächte“ eines positiv behaupten: erstens, daß Europa, wie -ich schon gesagt habe, eher die Besetzung Konstantinopels durch uns -wünschen würde als ein Fortbestehen der Türkei „unter voller -Vormundschaft Rußlands, ohne den Balkan, ohne Slawen, ohne Flotte“ – mit -einem Wort, als ein „Schatten“ der früheren Türkei, wie sich Herr -Danilewski ausdrückt. Wen würden wir mit diesem Gespenst betrügen -können? Die Europäer würden sich doch sagen: „Wenn die Russen nicht -heute in Konstantinopel einziehen, so werden sie es morgen tun.“ Und -deshalb würden sie auch eine endgültige Form einem zeitweiligen Schatten -vorziehen. Und zweitens: wir müssen doch einsehen, daß es niemals eine -für uns so günstige Zeit geben wird – in Anbetracht der gegenwärtigen -politischen Lage Europas. - -Zum letztenmal noch eine „Prophezeiung“. Man sagt: „Die Mehrzahl der -europäischen Mächte wird es nicht erlauben.“ Aber aus welchen Reichen -besteht denn jetzt diese „Mehrzahl der europäischen Mächte“? Ich -wiederhole hier schon einmal von mir Gesagtes: „Europa verändert sich -von Stunde zu Stunde: was noch vor einem halben Jahr war, wird -vielleicht in drei Monaten nicht mehr sein!“ Wir befinden uns am -Vorabend der allergrößten und erschütterndsten Ereignisse und -Umwälzungen in Europa. Augenblicklich, also jetzt im November, besteht -„diese Mehrzahl der europäischen Mächte“, die uns beim Friedensschluß -ihr drohendes Veto entgegenstellen könnten, nur aus England und kaum -noch aus Österreich, obgleich England alles tut, um Österreich zu einem -Bündnis gegen uns zu zwingen und nebenbei noch eines mit Frankreich zu -schließen. Doch wir werden nicht allein sein: soviel ist jetzt schon -klar. In Europa gibt es ja noch Deutschland, und Deutschland wird zu uns -halten. - -Europa stehen große Umwälzungen so sonderbarer Art bevor, daß der -Verstand des Menschen sich sträubt, an sie zu glauben, und ihre -Verwirklichung für unmöglich hält, weil sie ihm viel zu phantastisch -erscheinen. Doch vieles, was man in diesem Sommer noch für phantastisch, -unmöglich und für übertrieben hielt, ereignete sich zu Ende des Jahres -in Europa buchstäblich, und die Meinung, zum Beispiel, daß die -katholische Verschwörung eine Macht habe – eine Meinung, über die _alle_ -noch im Sommer zu lachen bereit waren, oder im äußersten Falle zog man -es vor, sich einer Kritik über sie zu enthalten – wird jetzt von allen -geteilt und durch Tatsachen als keineswegs übertrieben bestätigt. Ich -erwähne dies nur, damit die Leser auch meiner jetzigen „Prophezeiung“ -mehr Glauben schenken und sie nicht für ein phantastisches und -übertriebenes Hirngespinst erklären. - -Der einzige Politiker Europas, der mit seinem genialen Blick bis in die -Tiefe der Erscheinungen dringt, ist – Fürst Bismarck. Den -schrecklichsten Feind Deutschlands, seiner Einheit und seiner erneuten -Zukunft hat er schon vor langer Zeit, früher als alle anderen erkannt: -im römischen Katholizismus und in dem vom Katholizismus erzeugten -Ungeheuer – dem Sozialismus. Deutschland ist durchsetzt von Sozialismus. -Bismarck hält es für unumgänglich nötig, dem Katholizismus im Augenblick -der Wahl des neuen Papstes den Todesstoß zu versetzen. Oh, er weiß, daß -er den Papst nicht endgültig wird vernichten können, und daß er ihn -höchstens in eine neue Phase des Kampfes drängen wird. Denn der Kampf -des Katholizismus wird so lange fortdauern, wie Frankreich lebt. Solange -Frankreich noch lebt, hat der Katholizismus ein starkes Schwert in der -Hand und die Möglichkeit, eine europäische Koalition gegen Deutschland -zustande zu bringen. Was Frankreich anbetrifft, so ist dieses Land in -den Augen des Fürsten Bismarck freilich schon seinem Schicksal -verfallen. Für Bismarck gibt es jetzt nur noch eine Frage: Frankreich – -_oder_ Deutschland? Fällt aber Frankreich, so tritt der Katholizismus -zusammen mit dem Sozialismus in eine neue Phase seines Daseins. Während -nun die europäischen Politiker den sich hinziehenden Kampf Mac-Mahons -mit den Republikanern verfolgen und von ganzem Herzen den Republikanern -den Sieg wünschen, da sie glauben, die Republik sei in Frankreich eine -volkliche Regierung und fähig, Frankreich zu einigen, – weiß Fürst -Bismarck, daß Frankreich seine Zeit bereits überlebt hat und die -französische Nation innerlich auf ewig zerstückt ist, daß es in ihr -niemals mehr eine alle vereinende, starke und gesunde nationale -Regierung geben wird. Nun könnte allein schon diese Schwäche Frankreichs -in Deutschland große Hoffnungen erwecken; doch Fürst Bismarck weiß, ich -wiederhole es: solange Frankreich lebt, wird auch der römische -Katholizismus noch lebendig sein, – ganz abgesehen davon, daß der -Katholizismus noch einmal, und wenn auch nur auf kurze Zeit, wenn auch -nur außenpolitisch, diesem zersetzten Lande als vereinigende Idee dienen -kann. Denn anders kann es ja gar nicht kommen: _früher oder später_ wird -Frankreich – selbst wenn es Republik bleiben sollte – sein Schwert doch -für den Papst und den Katholizismus ziehen. Die Republikaner werden es -noch selbst einsehen, daß ihre Stellung in Frankreich unhaltbar werden -würde, wenn sie den Papst und den Katholizismus fallen ließen. Oder -vielleicht werden sie zu dieser Einsicht nicht fähig sein und so bis zu -ihrem Ende die Protégés des Fürsten Bismarck bleiben, – Protégés, die er -im geheimen schon zum Tode verurteilt hat, obschon sie immer noch den -Anspruch auf die Fähigkeit haben, Frankreich von neuem zu einem festen -Ganzen zu vereinigen. Ja, die französischen Republikaner sind nicht nur -Bismarcks Schützlinge, sondern auch Deutschlands Sklaven, die ganz -Frankreich an Deutschland nicht bloß zu politischer, sondern auch zu -innerer, geistiger Sklaverei ausliefern, und zwar tun sie dies, indem -sie Frankreich gerade seiner _selbständigsten_ politischen und -historischen Idee berauben, wenn sie ihrem Vaterlande jene Fahne aus der -Hand reißen, die es so viele Jahrhunderte hindurch als Vertreter des -romanischen Elements in der europäischen Menschheit hochgehalten hat. -Dafür aber werden sich diejenigen, welche die unbegabten, unnützen -Republikaner gerade deswegen stürzen wollen, unbedingt sofort bemühen – -Bismarck weiß das bereits –, zum letztenmal die katholische Fahne gegen -Deutschland zu erheben, die Fahne, an die Frankreich nicht mehr glaubt, -die _fast_ schon von der _ganzen_ Nation verneint wird, doch den -Franzosen _politisch_ noch zum letzten Vereinungs- und Stützpunkt dienen -kann gegen den verhängnisvollen (und gleichfalls letzten) Angriff des -protestantischen Deutschland, das ewig gegen die vom alten Rom geerbten -Grundsätze der ganzen westlichen Hälfte der europäischen Menschheit -protestiert und protestieren wird. - -Deshalb aber hat Fürst Bismarck Frankreichs Schicksal wahrscheinlich -schon bestimmt. Das Schicksal Polens erwartet auch Frankreich, und -politisch wird es tot sein oder Deutschland müßte aufhören zu sein. Wenn -Bismarck das erreicht haben wird, dann wird er auch den kämpfenden -römischen Katholizismus – der bestimmt bis zum Ende der Welt kämpfen -wird – zwingen, in eine neue Phase des Daseins und des Kampfes um das -Dasein einzutreten, – in die Phase des unterirdischen, reptilhaften -Verschwörerkrieges. Bismarck aber erwartet ihn schon in dieser neuen -Phase. Und je früher dies geschehen wird, desto besser für ihn, denn -hier erwartet er bereits die Vereinigung beider Feinde Deutschlands und -der Menschheit, die Vereinigung des Katholizismus mit dem Sozialismus, -und hofft, sie gerade so leichter vernichten zu können, beide auf einmal -... - -Man muß den Augenblick benutzen. Diese Vereinigung der beiden Feinde -wird zweifellos stattfinden, sobald Frankreich politisch gefallen ist, -denn diese beiden Feinde haben in Frankreich immer einen organischen -Zusammenhang gehabt. Der Katholizismus war fast bis zur jüngsten Zeit -Frankreichs vereinigende und wesentlichste Idee. Und aus ihr heraus ist -in Frankreich der Sozialismus entstanden. So hofft denn Fürst Bismarck, -auch dem Sozialismus einen starken Schlag zu versetzen, wenn er -Frankreichs politisches Leben vernichtet. Der Sozialismus aber als -Fortsetzung des Katholizismus und als Ausdruck Frankreichs – ist für den -echten Germanen das Verhaßteste von allem Verhaßten, und so ist es wohl -verzeihlich, daß die führenden Männer Deutschlands glauben, leicht mit -ihm fertig werden zu können, wenn sie Frankreich als seine Quelle und -Basis politisch vernichten. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach wird -etwas ganz anderes geschehen, wenn Frankreich politisch fällt. Der -Katholizismus, der mit dem Sturze Frankreichs sein Schwert verliert, -wird sich dann zum erstenmal an das von ihm so lange verachtete Volk -wenden. Früher hatte er noch die Könige und Kaiser dieser Welt, jetzt -jedoch hat er niemanden mehr, außer dem Volk. Und so wird er sich denn -an die beweglichsten, unruhigsten Elemente desselben wenden – an die -Sozialisten. Dem Volke wird Rom sagen, daß alles, was die Sozialisten -den Menschen verkünden, schon von Christus gepredigt worden sei. Noch -einmal wird Rom Christus entstellen und diesmal an das Volk verkaufen, -so wie es ihn früher schon so oft für weltliche Herrschaft verkauft hat, -wie z. B. damals, als es für das Recht der Inquisition eintrat. -Vergessen wir nicht, daß diese Inquisition die Menschen für ihre -Gewissensfreiheit im Namen Christi folterte, – Christi, dem nur ein -freiwilliger Jünger lieb war, nicht aber ein abgekaufter oder durch -Furcht gezwungener. Und der Katholizismus verkaufte Christus, als er die -Jesuiten segnete und ihren Wahlspruch „Der Zweck heiligt das Mittel“ -guthieß. Die ganze christliche Lehre hat er ja nur zum Erwerb irdischen -Gutes und zur Erlangung der erträumten Herrschaft über die ganze Welt -benutzt. Als die katholische Menschheit sich von jenem Ungeheuer, als -das ihnen Christus zu guter Letzt gezeigt wurde, abwandte, da tauchen -denn – nach einer Reihe von Jahrhunderten der Proteste und Reformationen -– zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts Versuche auf, sich ohne Gott und -Christus einzurichten. Doch ohne den Instinkt der Bienen und Ameisen zu -haben, die sich fehlerlos ihre Stöcke und Ameisenhaufen schaffen, -wollten auch die Menschen sich in der Art der Ameisen von neuem -einrichten. Sie verstießen die von Gott herkommende und durch die -Offenbarung dem Menschen verkündete einzige Formel seiner Rettung: -„Liebe deinen Nächsten als dich selbst“, und ersetzten sie durch -praktische Folgerungen von der Art des „_Chacun pour soi et Dieu pour -tous_“, oder durch wissenschaftliche Axiome von der Art des „Kampf ums -Dasein“. Da die Menschen den Instinkt der Tiere, der diese lehrt, ihren -Staat fehlerlos einzurichten, nicht haben, verließen sie sich stolz auf -die Wissenschaft, – wobei sie natürlich ganz vergaßen, daß die -Wissenschaft einer solchen Tat, wie es die Schaffung der Gleichheit -wäre, noch längst nicht gewachsen ist, ja, im Verhältnis zu ihr -gleichsam noch in den Windeln liegt. Man baute Luftschlösser. Der -zukünftige Turm von Babel wurde einerseits zum Ideal und andererseits -zum Schreckgespenst der Menschheit. Doch nach den Träumern kamen bald -andere Lehrer, die einfach und allen verständlich ungefähr folgendes -predigten: „Zuerst die Reichen plündern, die Welt mit Blut -überschwemmen, dann aber _wird alles schon von selbst irgendwie von -neuem entstehen_!“ Schließlich ging man noch weiter: es kam die Lehre -vom Anarchismus. Wenn dieser sich einmal verwirklichen könnte, dann -würde bestimmt wieder eine Periode der Menschenfresserei eintreten, und -die Menschen wären gezwungen, alles von neuem zu beginnen, wie vor -zehntausend Jahren. Der Katholizismus begreift das alles vorzüglich und -wird es verstehen, die Führer des unterirdischen Kampfes für sich zu -gewinnen. Er wird ihnen sagen: „Ihr habt kein Zentrum, keine Ordnung in -der Führung eurer Sache, ihr seid eine über die ganze Welt verbreitete, -aber zerstückelte Kraft und seid jetzt durch den Fall Frankreichs sogar -völlig haltlos. Ich werde euch vereinigen und euch auch alle diejenigen -noch zuführen, die an mich glauben.“ Wie es auch kommen mag: eine -Einigung wird jedenfalls stattfinden. Der Katholizismus will nicht -sterben; eine soziale Revolution jedoch, eine neue soziale Periode, -stehen Europa sicher bevor: diese zwei, wenn auch verschiedenen, Kräfte -werden sich unbedingt vereinigen, die zwei Strömungen werden -ineinanderfließen müssen. Selbstverständlich wäre für den Katholizismus -Zerstörung, Blutvergießen, Plünderung, ja selbst die Menschenfresserei -sehr vorteilhaft. Kann er doch hoffen, gerade dann im trüben Wasser noch -einmal seinen Fisch zu fangen: im rechten Augenblick, wenn die gequälte -Menschheit sich ihm wieder in die Arme wirft, von neuem der -„unumschränkte Alleinherrscher und die einzige Autorität dieser Welt“ zu -werden und somit endgültig sein Ziel zu erreichen. Dieses Zukunftsbild -ist leider – keine Phantasie. Ich bin fest überzeugt, daß es im Westen -schon von vielen gesehen wird, und wahrscheinlich sieht man es auch in -Deutschland. Doch die Führer des deutschen Volkes täuschen sich bloß in -einem: in der Leichtigkeit, die beiden furchtbaren und dann bereits -vereinten Feinde zu besiegen. Sie hoffen auf die Kraft des erneuten -Deutschland, auf seinen protestantischen, gegen das alte und neue Rom, -gegen Roms Grundsätze und deren _Folgen_ protestierenden Geist. Doch -nicht sie werden das Ungeheuer zum Stehen bringen: stellen und besiegen -wird es nur der wiedervereinte Osten durch das neue Wort, das er der -Menschheit bringen wird. - -In _jedem Fall_ aber ist eines klar: Deutschland hat uns sogar weit -_nötiger_, als wir denken. Denn Deutschland braucht uns nicht zu einem -zeitweiligen politischen, sondern zu einem _ewigen_ Bündnis. Die Idee -des wiedervereinten Deutschland ist groß und stolz und reicht hinab bis -in die Tiefe der Jahrhunderte. Doch was will denn Deutschland mit uns -teilen? Die ganze westliche Menschheit ist sein Objekt, die ganze -westliche Welt Europas hat es für sich bestimmt: statt der römischen und -romanischen Idee soll hier die germanische die Führung übernehmen. Uns -aber, Rußland, überläßt es den Osten. Zwei großen Völkern, uns und ihm, -ist es bestimmt, das Angesicht der ganzen Welt zu verändern. Das ist -kein menschliches Hirngespinst, das ist kein menschlicher Ehrgeiz, der -sich das erdacht: so setzt sich die Welt selbst auseinander. Neue und -sonderbare Fakta tauchen auf und bestätigen es von Tag zu Tag. Als man -bei uns vom Besitze Konstantinopels noch nicht einmal zu träumen wagte, -sprachen die deutschen Zeitungen von der Besetzung Konstantinopels durch -uns Russen schon wie von einer ganz selbstverständlichen Sache. Das ist -beinahe sonderbar im Vergleich zu den früheren Beziehungen Deutschlands -zu uns. Man kann annehmen, daß die Freundschaft Rußlands zu Deutschland -aufrichtig und stark ist, und daß diese Freundschaft mehr und mehr im -Volksbewußtsein beider Nationen erstarken wird. Infolgedessen aber ist -für Rußland noch keine Zeit zur endgültigen Entscheidung der Orientfrage -so günstig gewesen wie gerade die gegenwärtige. In Deutschland wartet -man auf die Beendung des Krieges vielleicht noch ungeduldiger als bei -uns. Und doch kann man jetzt noch nichts voraussagen, und wäre es auch -nur auf drei Monate. Werden wir den Krieg noch vor den letzten und -schicksalsschweren Umwälzungen in Europa beenden? Alles dies ist noch -ungewiß. Doch ob wir Deutschland noch werden zu Hilfe eilen können oder -nicht, jedenfalls rechnet Deutschland auf uns nicht als zeitweiligen, -sondern als _ewigen_ Bundesgenossen. Was aber die Gegenwart anbetrifft, -so kann man nur sagen, daß der Schlüssel zur Katastrophe in Frankreich -und in der Wahl des neuen Papstes liegt. So kann denn der jetzt schon so -gut wie sichere Zusammenstoß Deutschlands mit Frankreich bald erfolgen, -besonders da England sich die größte Mühe gibt, sie aufeinander zu -hetzen, und dann auch Österreich das Seine dazu beitragen wird ... - -Auf jeden Fall muß Rußland diesen günstigen Augenblick benutzen, denn -wir wissen nicht, wie lange er noch währen wird. Solange die jetzigen -großen Führer Deutschlands noch am Ruder sind, ist die Zeit für uns -wahrscheinlich am günstigsten ... - - - - - Vierter Teil. - - Asien - - - Die Asienfrage - - - Was ist Asien für uns? - -Geok-Tepe, die Festung der Achal Teke, ist erstürmt! Die Tekinzen sind -geschlagen, und wenn sie sich uns auch noch nicht ganz unterworfen -haben, so ist doch unser Sieg gewiß![50] - -Die Gesellschaft und die Presse sind wieder einmal stolz ... Doch wie -lange ist es denn her, daß sich diese wie jene noch vollkommen -gleichgültig zu unseren transkaspischen Angelegenheiten verhielten? War -das nicht, wenn ich mich recht erinnere, noch vor kurzem, noch nach dem -ersten Mißerfolge General Lomakins, und sogar noch zu Anfang der -Vorbereitungen zum zweiten Angriff? - -„Was suchen wir dort, was schert uns dieses Asien?“ hieß es damals. -„Wieviel Geld ist dafür verschwendet worden, während bei uns Hungersnot -und Diphtheritis herrschen und Schulen gebaut werden müssen!“ - -Natürlich waren längst nicht alle derselben Meinung – o nein! Doch -trotzdem laßt es sich nicht leugnen, daß es eine Zeit gab, in der sich -sogar sehr viele zu unserer Offensivpolitik in Asien feindselig -verhielten. Allerdings trug die Ungewißheit der unternommenen Expedition -manches zu dieser Feindseligkeit bei. Aber trotz alledem kann man nicht -sagen, daß unsere Gesellschaft sich unserer Mission in Asien klar bewußt -sei, noch dessen, was Asien überhaupt für uns bedeutet oder in Zukunft -bedeuten wird. Die meisten europäischen Russen sehen auf unser -russisches Asien – auch Sibirien einbegriffen – immer noch wie auf -irgendein Anhängsel, an das man am liebsten überhaupt nicht denkt. „Wir -sind Europäer,“ heißt es, „was sollen wir in Asien machen?“ oder: „Ach, -dieses ewige Asien! Wir können ja nicht einmal in Europa Ordnung -schaffen, da lädt man uns nun zum Überfluß auch noch Asien auf den Hals! -Ach was, – schütteln wir es einfach ab!“ Diese Auffassung wird selbst -jetzt noch von unseren „Klugen“ geteilt (die haben sie natürlich nur von -ihrem allzu großen Verstande) ... - -Der Sieg Skobeleffs wird in ganz Asien, selbst in seinen weltfernsten -Winkeln, Widerhall finden. „Also hat sich wieder ein wildes und stolzes -mohammedanisches Volk dem weißen Zaren unterworfen,“ werden jetzt die -asiatischen Völker denken. Möge das Echo unseres Sieges über ganz Asien -hallen, bis nach Indien hin! Möge es in diesen Millionen von Menschen -den Glauben an die Unbesiegbarkeit des weißen Zaren verstärken! Auf -diesem Wege können wir nicht mehr stehenbleiben. Diese Völker können -ihre Chans und Emire behalten, in ihrer Phantasie mag England, dessen -Macht sie in Erstaunen setzt, als drohende Wolke fortbestehen, – doch -der Name des weißen Zaren muß über den Chans und Emiren stehen, muß über -dem der Kaiserin von Indien leuchten, ja sogar über dem des Kalifen. Der -weiße Zar ist Zar auch des Kalifen. Diese und keine andere Überzeugung -muß dort Wurzel schlagen! Und das geschieht ja auch schon von Jahr zu -Jahr immer mehr, und das ist es, was not tut, denn es bereitet die -Zukunft vor und gewöhnt jene Völker an das Unvermeidliche. - -„Was für eine Zukunft? Worin besteht die Notwendigkeit, Asien uns -einzuverleiben? Was sollen wir denn in Asien tun?“ - -„Es ist eine Notwendigkeit, weil Rußland nicht nur in Europa liegt, -sondern auch in Asien, weil der Russe nicht nur Europäer, sondern auch -Asiate ist. Weil in Asien vielleicht noch mehr unserer Hoffnungen liegen -als in Europa. Und das ist noch nicht alles: in unserem zukünftigen -Schicksal wird gerade Asien unser Ausweg sein!“ - -Ich fühle schon im voraus den Unwillen, mit dem viele meine rückständige -Anschauung lesen werden; – für mich aber ist das Gesagte bereits ein -Axiom. Ja, wenn es eine wichtige kranke Wurzel bei uns gibt, eine, die -man um jeden Preis heilen muß, so ist das gerade unsre Auffassung von -Asien. Wir müssen die knechtische Furcht, Europa könnte uns asiatische -Barbaren nennen und von uns sagen, wir seien überhaupt noch nicht -Europäer geworden, doch endlich einmal überwinden. Diese Angst vor der -„Schande“, Europa könnte uns vielleicht doch für Asiaten halten, -verfolgt uns ja fast schon zweihundert Jahre lang. Doch in diesem -neunzehnten Jahrhundert hat diese Scham sich in uns noch ganz besonders -verstärkt: sie ist beinahe schon in Panik ausgeartet. Diese falsche -Scham und falsche Selbstbeurteilung, wenn wir uns ausschließlich für -Europäer halten und nicht auch für Asiaten (die zu sein wir nie -aufgehört haben), sind uns in diesen letzten zwei Jahrhunderten teuer, -sehr teuer zu stehen gekommen: wir haben ihretwegen unsere geistige -Selbständigkeit eingebüßt und sie mit unserer mißlungenen europäischen -Politik bezahlt, und schließlich noch mit Geld, und Geld, und Geld, das, -Gott weiß wieviel, dafür verschwendet worden ist, nur um Europa zu -beweisen, daß wir ausschließlich Europäer seien und keineswegs Asiaten -... Aber der Vorstoß Peters nach Europa ist denn doch zu stark gewesen, -wenn er am Anfang auch notwendig und erlösend war, und so tragen -eigentlich nicht wir die Schuld an unserer schiefen Stellung. Was haben -wir nicht alles getan, damit Europa uns als die _Seinigen_ anerkenne, -als Europäer, als _Nur_-Europäer und _Nicht-Tataren_! Allstündlich und -unermüdlich sind wir hingelaufen und haben uns immer wieder aufdringlich -angeboten. Bald haben wir Europa durch unsere Kraft erschreckt, unsere -Heere hingeschickt, um die „Könige zu retten“; bald wiederum haben wir -uns vor ihm gebeugt und geschworen, unsere einzige Aufgabe sei, nur ihm, -Europa, zu dienen und es glücklich zu machen! Als wir 1812 Napoleon -vertrieben hatten, versöhnten wir uns nachher nicht mit ihm, wie es -damals einige kluge und einsichtsvolle Russen rieten und wünschten, -sondern rückten in geschlossenen Reihen weiter, um Europa zu beglücken, -da wir es nun einmal von dem großen Thronräuber befreit hatten. Das gab -natürlich ein schönes Bild ab: auf der einen Seite stand der Despot und -Räuber, auf der anderen – der Friedensstifter und Befreier. Doch unser -politisches Glück lag damals durchaus nicht in diesem Bilde, sondern -wäre anderswo zu finden gewesen. Dieser Räuber war nämlich gerade zu der -Zeit, zum ersten Male während seiner ganzen Laufbahn, in einer solchen -Lage, daß er sich aufrichtig und fest mit uns verbündet haben würde. -Unter der Bedingung, ihn in Europa nicht zu stören, hätte er uns den -Orient überlassen, und unsere heutige Orientfrage – das Unglück und das -drohende Gewitter unserer Gegenwart und Zukunft – wäre jetzt schon -längst abgetan. Der Usurpator hat es später selbst gesagt und hat -bestimmt nicht nachträglich gelogen; denn er hätte wahrlich nichts -Klügeres tun können, als auch hinfort mit uns verbündet zu bleiben, – -unter der Bedingung, wie gesagt, daß wir für den Osten ihm den Westen -überließen. Die europäischen Völker waren damals noch viel zu schwach, -um uns im Orient zu stören; selbst England hätte es nicht gekonnt. -Napoleon wäre später vielleicht gestürzt oder, wenn nicht er, dann nach -seinem Tode seine Dynastie; der Orient aber wäre uns verblieben, und wir -hätten jetzt das Meer und könnten England auch zur See entgegentreten. -Wir aber gaben alles hin für dieses schöne lebende Bild! Und was war die -Folge? Alle diese von uns befreiten Völker blickten sofort, noch bevor -sie Napoleon gänzlich geschlagen hatten, mißgünstig und mit den -gehässigsten Verdächtigungen auf uns. Auf den Kongressen verbündeten sie -sich alle gegen uns und nahmen alles für sich, uns aber ließen sie -nichts, und außerdem zwangen sie uns noch zu Versprechungen, die für -Rußland selbst nur nachteilig waren. Und trotz dieser erhaltenen Lehre, -– was haben wir in all den folgenden Jahren des Jahrhunderts und noch -bis auf den heutigen Tag getan? Haben wir nicht zur Verstärkung der -deutschen Mächte noch beigetragen? Haben wir nicht ihre Kraft so -anwachsen lassen, daß sie jetzt vielleicht mächtiger sind als wir -selbst? Es ist wirklich nicht übertrieben, wenn man sagt, daß wir ihr -Wachstum und ihre Stärke gefördert haben. Sind wir nicht auf ihren Ruf -hingegangen, um ihre Zwietracht beizulegen, haben wir nicht ihren Rücken -geschützt, wenn ihnen Gefahr drohte? Und siehe – waren es nicht gerade -sie, die uns in den Rücken fielen, als _uns_ Gefahr drohte, und wollten -sie uns nicht in den Rücken fallen, als eine andere Gefahr sich uns -näherte? Und die Folge ist, daß jetzt jeder in Europa, jede Rasse, jede -Nation einen Stein für uns in der Tasche bereit hält und nur auf den -ersten Anlaß wartet, um ihn auf uns zu schleudern. Was haben wir also -von den Europäern dadurch erworben, daß wir ihnen so oft gedient? – Nur -ihren Haß! - -Warum nur haßt uns Europa so sehr, warum können die Menschen dort nicht -ein für allemal Zutrauen zu uns fassen und uns glauben, daß wir ihre -Freunde und Diener sind, ihre guten, treuen Diener? Und daß sogar unsere -ganze europäische Bestimmung nur ist: Europa und seiner Wohlfahrt zu -dienen. Oder wenn das vielleicht auch nicht ganz stimmen sollte, so -haben wir doch das ganze Jahrhundert hindurch danach gehandelt. Haben -wir denn etwas für uns getan, etwas für uns erstrebt? Alles doch nur für -Europa, immer nur für Europa! ... Nein, sie können kein Zutrauen zu uns -fassen! Warum nicht? – Weil es ihnen unmöglich ist, uns als -_Ihresgleichen_ anzuerkennen. - -Niemals und für keinen Preis werden sie es glauben, daß wir fähig sind, -zusammen mit ihnen und auf ihrer Höhe an der ferneren Entwicklung der -Kultur mitzuwirken. Sie sagen, wir seien unfähig, ihre Kultur zu -begreifen, seien Fremdlinge in Europa, Namensusurpatoren. Sie nennen uns -Diebe, die ihre Bildung stehlen und sich mit ihren Kleidern schmücken. -Türken und Semiten stehen ihrem Herzen näher als wir Arier. All dieses -hat nun natürlich einen gewichtigen Grund: wir tragen eine ganz -besondere Idee, eine andere als sie, in die Menschheit – das ist die -Ursache! Und das tun wir – trotz der krampfhaften Versicherungen unserer -„russischen Europäer“ in Europa, daß es bei uns überhaupt keine -besondere Idee gebe, und es auch weiterhin keine geben werde, daß -Rußland überhaupt nicht fähig sei, eine eigene Idee zu haben, sondern -höchstens nachahmen könne, und es dabei auch bleiben werde, also beim -Nachahmen, und daß wir keineswegs Asiaten oder Barbaren seien, sondern -durchaus ganz so wie sie – „Europäer“. Europa jedoch glaubt unseren -„russischen Europäern“ _wenigstens dieses eine nicht_. Was dies -anbetrifft, so stimmt es in seinen Schlüssen eher mit den Slawophilen -überein, obgleich es die letzteren höchstens vom Hörensagen kennt, oder -selbst das nicht einmal. Diese Übereinstimmung besteht in folgendem: -Europa glaubt, ganz wie die Slawophilen, daß wir eine „Idee“ haben, eine -eigene, besondere und nicht europäische Idee, und daß Rußland fähig sei, -eine Idee zu haben. Vom Wesen dieser Idee weiß Europa natürlich noch -nichts, – denn wenn es etwas von ihm wüßte, würde es sich sofort -beruhigen, ja sogar freuen. Doch einmal wird es unsere Idee bestimmt -kennen lernen, und zwar gerade in dem Augenblick, wenn seine kritische -Zeit anbricht. Jetzt jedoch traut uns Europa noch nicht; indem es uns -überhaupt eine Idee zugesteht, fürchtet es sie bereits. Und schließlich: -wir erregen in den Europäern doch nur Ekel, sogar persönlichen Ekel, -obgleich man dort zuweilen auch höflich gegen uns ist. Man gibt dort -gerne zu, daß die russische Wissenschaft, so jung sie sei, doch schon -mehrere bemerkenswerte Vertreter aufzuweisen hat, sowie mehrere gute -Arbeiten, die sogar ihrer europäischen Wissenschaft zustatten gekommen -sind. Doch um nichts in der Welt würde uns Europa jetzt glauben, daß bei -uns in Rußland nicht nur Arbeiter in der Wissenschaft – sogar sehr -begabte – geboren werden können, sondern auch Genies, Führer der -Menschheit, von der Art der europäischen! Daran werden die Europäer -niemals glauben, denn sie können doch nicht _uns_ Kulturfähigkeit -zugestehen, und von unserer aufsteigenden Idee wissen sie ja noch -nichts. Nach den Tatsachen zu urteilen, haben sie ja schließlich auch -recht; denn ganz gewiß werden wir weder einen Bacon, noch einen Newton, -noch einen Kant hervorbringen, so lange wir uns nicht „gerade“ auf den -Weg stellen und geistig selbständig werden. Was das übrige betrifft, so -ist es dasselbe – in der Kunst, wie im Gewerbe: Europa ist bereit, uns -zu loben, uns wie einem braven Jungen den Kopf zu streicheln, doch als -die Seinigen erkennt es uns nicht an, o nein! Dazu verachtet es uns -innerlich und äußerlich viel zu sehr! Es hält uns für niedriger als -Menschen, niedriger als Rasse, und zuweilen flößen wir ihm sogar Ekel -ein, Ekel im allgemeinen – und Ekel im besonderen, wenn wir uns mit -brüderlichen Küssen ihm an den Hals werfen. - -Es ist schwer, sich von dem Fenster nach Europa, das Peter für uns -durchbrochen hat, abzuwenden – das ist nun einmal unser Verhängnis. -Indessen ist aber Asien ... – Ja, das kann doch tatsächlich unsere -Rettung sein! Wenn sich bei uns nur ein etwas richtigeres Verständnis -für Asien, für diese Idee „Asien“ durchsetzen würde, welch eine große -nationale Wurzel würde dann gesunden! Asien, unser asiatisches Rußland -–, das ist ja gleichfalls eine unserer kranken Wurzeln, eine, die man -nicht nur pflegen, nein, die man ganz ausgraben und von neuem pflanzen -muß! Ein Prinzip, ein neues Prinzip, eine neue Anschauung – das ist es, -was uns not tut! - - - Fragen und Antworten - -„Ja, aber warum denn, wozu?“ höre ich gereizte Stimmen fragen. „Asien -kostet uns sowieso schon viel verlorenes Geld und ununterbrochen -Militär. Und wo ist denn dort Industrie? Und wo findet man dort Abnehmer -für unsere Waren? Und da verlangen Sie nun, aus unbekannten Gründen, wir -sollen uns auf ewig von Europa abwenden!“ - -„Nicht auf ewig, nur zeitweilig und auch nicht ganz; wir würden uns doch -nicht losreißen können, selbst wenn wir es wollten. Wir dürfen Europa -nicht ganz verlassen. Aber das ist auch durchaus nicht nötig. Europa ist -und bleibt ‚das Land der heiligen Wunder‘ – wie es der eifrigste -Slawophile benannt hat. Europa ist uns gleichfalls eine Mutter, wir -haben viel von ihr genommen und werden noch vieles von ihr nehmen, und -wir wollen doch nicht undankbar sein. Ich habe einmal über die; große -zukünftige Bedeutung des russischen Volkes für Europa – meine -Überzeugung – einige Worte im vorigen Jahr zur Puschkinfeier in Moskau -gesagt, und man hat mich dafür später mit Schmutz und Schimpf beworfen, -und sogar diejenigen haben es getan, die mich damals für meine Worte -umarmten – ganz, als ob ich etwas Schmutziges, Gemeines begangen hätte, -als ich mein Wort sagte. - -Doch vielleicht wird man dieses Wort nicht vergessen. Übrigens, lassen -wir das ruhen. Wir haben nichtsdestoweniger das Recht, für unseren -Auszug aus Ägypten Sorge zu tragen; denn wir selbst haben uns aus Europa -gewissermaßen ein geistiges Ägypten gemacht.“ - -„Erlauben Sie mal! Wodurch kann uns denn Asien selbständig machen? Wir -können dort höchstens asiatisch einschlafen, nicht aber selbständig -werden!“ - -„Sehen Sie, durch die Wendung nach Asien und durch unsere neue -Auffassung dieses Landes kann mit uns vielleicht dasselbe geschehen, was -zum Beispiel mit Europa geschah, als Amerika entdeckt wurde. Denn genau -genommen ist Asien für uns dieses selbe von uns bisher noch nicht -entdeckte damalige Amerika. Mit der Strömung nach Asien wird sich unser -Geist wieder erheben und werden sich unsere Kräfte wieder stärken. Sind -wir erst selbständiger geworden, so werden wir auch sofort wissen, was -wir zu tun haben; in und mit Europa aber haben wir uns in zweihundert -Jahren nur von jeglicher Arbeit entwöhnt und sind zu Schwätzern und -Faulenzern geworden.“ - -„Na, wie wollen Sie uns dann bis nach Asien bringen, wenn wir Faulenzer -sind? Und wer wird denn von uns hingehen, selbst wenn man es so sicher -wie zweimal zwei beweisen könnte, daß dort unser Glück liegt?“ - -„In Europa waren wir aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen, waren wir -Sklaven; nach Asien aber kommen wir als Herren. In Europa waren wir -Tataren, in Asien aber sind auch wir Europäer. Unsere Mission, unsere -zivilisatorische Mission in Asien, wird unseren Geist verlocken und uns -dorthin ziehen, wenn nur erst einmal die Bewegung angefangen hat. Baut -nur zwei Eisenbahnen, beginnt nur mit dem Bau, – eine nach Sibirien und -die andere nach Mittelasien, und ihr werdet euch von den Folgen -überzeugen können.“ - -„Haha, Sie wollen wirklich wenig!“ ist die Antwort, und man lacht mich -aus. „Woher die Mittel dazu nehmen, und was bringt uns das ein: Unkosten -und Verlust und weiter nichts.“ - -„Wenn wir in den letzten fünfundzwanzig Jahren im ganzen nur drei -Millionen jährlich für diese Bahnen zurückgelegt hätten – und drei -Millionen jährlich gleiten uns so manches Mal für nichts und wieder -nichts aus den Fingern –, so wäre jetzt schon für fünfundsiebzig -Millionen Eisenbahn in Asien gebaut, also ungefähr tausend Werst – -mindestens! Sie sprechen von Verlust. Oh, wenn in Rußland an unserer -Stelle Engländer oder Amerikaner lebten: die würden Ihnen diesen -‚Verlust‘ schon beweisen! Die hätten schon längst unser Amerika -entdeckt! Wissen Sie auch, daß es dort Länder gibt, die uns weniger -bekannt sind als das Innere Afrikas? Und wissen wir denn, was für -Reichtümer im Schoße dieser unermeßlichen Länder verborgen liegen? Oh, -die Engländer und Amerikaner, die würden schon alles hervorkratzen, -Metalle und Mineralien und unzählige Steinkohlenlager, – alles würden -sie finden, alles aufsuchen! Und die würden auch schon wissen, wie das -Material zu gebrauchen ist, und wozu es sich verwenden läßt. Sie würden -die Wissenschaft hinrufen und die Erde zwingen, fünfzigmal zu gebären, – -diese selbe Erde, von der wir hier glauben, daß sie eine wie unsere -Handfläche nackte Steppe sei. Zu dem erworbenen Brote würden die -Menschen hinziehen und Gewerbe und Industrie mitbringen. Und um Abnehmer -und den Weg zu ihnen braucht man sich nicht zu beunruhigen! – die würden -sie auch dort in den Eingeweiden Asiens, wo sie jetzt noch zu Millionen -schlafen, finden – und sie würden neue Wege zu ihnen bauen!“ - -„Wie, Sie singen das Lob der Wissenschaft und bereden uns doch zur -Abwendung von der Wissenschaft und Bildung, indem Sie uns auffordern, -Asiaten zu werden!?“ - -„Aber dort wird ja noch mehr Wissenschaft nötig sein! – Was sind wir -jetzt in der Wissenschaft anderes als Laien und Dilettanten? Dort aber -werden wir Schöpfer sein. Die Not wird uns zwingen zu schaffen und wird -uns zu allem geschickt machen, sobald sich erst nur ein wenig -selbständiger, unternehmender Geist erhebt! – So werden wir auch in der -Wissenschaft Meister sein und nicht nur ewig verehrende Jünger, wie wir -es bis jetzt sind. Doch das Wichtigste: unsere zivilisatorische Mission -in Asien wird – das unterliegt keinem Zweifel – vom ersten Schritte an -von uns verstanden werden, und sie wird uns begeistern. Sie wird unseren -Mut erheben, sie wird uns Würde und Selbstbewußtsein geben – die aber -hat jetzt keiner von uns, oder höchstens wenige nur ein wenig. Der Zug -nach Asien würde außerdem, wenn er bei uns erst einmal anfangen wollte, -für unzählige unruhige Geister ein Ausweg sein, für alle Sehnsüchtigen, -alle Gelangweilten, alle grundlos Faulen, alle grundlos Müden. Baut nur -einen Abzug für das Wasser, und der Schimmel und Gestank werden von -selbst verschwinden. Ist aber die Sache erst einmal im Gange, dann wird -sich schon niemand mehr langweilen, alle werden sich verändern. Sogar -mancher Unfähige mit verwundetem, quälendem Stolz würde dort seine -Erlösung finden. Wie oft haben wir es erlebt – besonders in den -europäischen Kolonien –, daß Menschen, die an einem Ort die Unfähigkeit -selber waren, am anderen sich womöglich als Genies erwiesen ... Rußland -wird deshalb nicht zur Wüste werden, das braucht ihr wahrlich nicht zu -fürchten. Zuerst werden nur wenige hingehen, doch bald werden -Nachrichten von ihnen zurückkommen und wieder neue Menschen hinziehen. -Und doch wird es in dem russischen Meere unbemerkbar sein. Zieht die -Fliege auf dem Honigseim und richtet ihr ein wenig die Flügel zurecht! -Es wird ja nur ein ganz geringer Prozentsatz der Bevölkerung hinziehen; -man wird es hier nicht einmal merken, daß wir Asien bevölkern. Dort -aber, – Gott, wie man es dort merken wird! Wo sich in Asien ein Russe -niederläßt, dort wird auch das Land gleich russisch. Es würde ein neues -Rußland entstehen, ein Rußland, das mit der Zeit das alte erneuen und -ihm seinen Weg weisen und erklären könnte. Zu all dem gehört aber ein -neues Prinzip und der Entschluß zur Umkehr. Und am allerwenigsten -braucht es dazu großen Lärmes und großer Erschütterungen. Möge man nur -ein wenig begreifen – aber auch wirklich begreifen –, daß in Zukunft -Asien unser Ausweg sein wird, daß dort unsere Reichtümer liegen, daß wir -dort den Ozean haben. Wenn in Europa der erniedrigende Kommunismus -eingeführt sein wird, wenn sie sich dort alle zuhauf um einen Herd -versammeln und mit der Zeit die einzelnen Haushaltungen auflösen und -alle in Kommunen leben, wenn dort die Kinder in Erziehungsanstalten -aufwachsen – drei Viertel von ihnen als Ausgesetzte –, dann wird bei uns -noch überall Weite und Licht sein, Wiesen und Wälder und weiter -Horizont; und unsere Kinder werden von den eigenen Vätern erzogen -werden, nicht in steinernen Massen, sondern zwischen Gärten und -Saatfeldern, und werden über sich noch den klaren Himmel schauen. Ja, -viele unserer Hoffnungen liegen dort, und unbegrenzte Möglichkeiten, von -denen wir uns hier überhaupt noch keinen Begriff machen können! Nicht -nur Gold allein liegt dort verborgen. Doch zuerst tut ein neues Prinzip -not! Haben wir erst das, dann werden wir auch das zur Sache nötige Geld -haben. Wozu sollen wir, und besonders jetzt, in Europa, sagen wir, so -viel Gesandtschaften mit so teuerem Aufwand, mit ihrem feinen Esprit und -ihren noch feineren Diners, mit so zahlreichem, überflüssigem Personal -unterhalten? Und was gehen uns denn – besonders jetzt – alle Gambettas -an und der Papst samt dem ihn erwartenden Schicksal, und ob er auch noch -so sehr von Bismarck bedrängt wird!? Wäre es nicht besser, zeitweilig -sich diesem Europa ärmer zu zeigen, sich an den Weg zu setzen und die -Kopeken in die Mütze zu sammeln? – ‚_La Russie se recueille_‘ würde es -dann heißen – und währenddessen sich zu Hause zu sammeln, sich innerlich -vorzubereiten? ...“ - -„Wozu sich denn erniedrigen?“ wird man fragen. - -„Das täten wir ja gar nicht, ich habe das mit der Mütze doch nur -allegorisch gemeint. Nein, wir würden uns nicht erniedrigen, sondern uns -mit einem Schlage erhöhen, ja, so würde es sein! Europa ist schlau und -klug und würde uns sofort durchschauen und, glaubt mir, würde uns sofort -auch achten! Unsere Selbständigkeit würde zuerst natürlich stutzig -machen, doch würde sie teilweise auch gefallen. Wenn Europa jedoch -sieht, daß wir uns entschlossen haben, uns nach der Decke zu strecken, -und daß auch wir sparsam zu sein verstehen und unseren Rubel selbst -hüten und schätzen und ihn nicht mehr aus Papier machen, so wird auch -Europa unseren Rubel auf seinen Märkten sofort höher bewerten. Und wenn -die Europäer gar sehen, daß wir selbst Defizite und Bankerotte nicht -fürchten, vielmehr unentwegt auf unser festes Ziel zuschreiten, so -werden sie von selbst zu uns kommen, um uns ihr Geld anzubieten, – und -sie werden es dann wie ernsten Menschen anbieten, wie Leuten, die ihre -Sache gelernt haben und schon wissen, wie man etwas anfassen muß ...“ - -„Erlauben Sie ...“ unterbricht mich eine Stimme, „Sie sprachen da von -Gambetta. Wir können doch unmöglich dort alles im Stich lassen! Nehmen -wir allein die Orientfrage: die bleibt doch bestehen, und wie sollen wir -sie denn nun plötzlich aufgeben?“ - -„In betreff der Orientfrage würde ich jetzt, in unserer Zeit, folgendes -sagen: so, wie die Dinge heute nun einmal liegen, findet sich in den -politischen Sphären vielleicht kein einziger, der es als -selbstverständlich zugeben würde, daß Konstantinopel unser werden muß – -außer vielleicht in ferner, dunkler Zukunft einmal. Worauf sollen wir -also noch warten? Das ganze Wesen der Orientfrage ist augenblicklich im -Bündnis Deutschlands mit Österreich enthalten, und außerdem noch in der -türkischen Beute, die Österreich mit Bismarcks Genehmigung einstecken -will. Wir können und werden natürlich dagegen protestieren, in -irgendeinem, sagen wir, äußersten Fall; doch so lange, wie diese beiden -Nationen zusammen sind, – was können wir da ohne große Gefahr für uns -tun? Und eines nicht zu vergessen: die Verbündeten warten vielleicht nur -darauf, daß wir endlich in Zorn geraten. Die slawischen Völker können -wir wie immer beschützen und lieben, und wenn es nottut, können wir -ihnen auch, so viel wie in unseren Kräften steht, helfen. Zudem werden -sie in nächster Zeit wohl nicht allzu große Gefahr laufen, unterzugehen. -Und wer weiß, ob diesem Zustande nicht sowieso bald ein Ende bereitet -wird? Wenn wir zeigen, daß wir nicht mehr Lust haben, uns wie früher in -Europa einzumischen, so werden sie sich dort, ohne uns, alle -wahrscheinlich noch früher in den Haaren liegen. Denn nie und nimmer -wird Österreich glauben, daß Deutschland es einzig wegen seiner schönen -Augen dermaßen liebgewonnen habe. Es weiß sogar ganz genau, daß -Deutschland zu guter Letzt doch die österreichischen Deutschen sich -einstecken will. Österreich jedoch wird um nichts in der Welt auf seine -Deutschen verzichten wollen, bewahre! – selbst dann nicht, wenn man ihm -als Ersatz für sie Konstantinopel geben würde, – dermaßen hoch schätzt -es sie! Somit wäre Grund zum Streit bereits genügend vorhanden. Und dann -haben unsere Nachbarn immer noch diese unentschiedene französische Frage -zu bewältigen, die jetzt für Deutschland vielleicht schon zur ‚ewigen‘ -geworden ist. Und dann kann es noch geschehen, daß sich plötzlich selbst -die ganze Einigung Deutschlands als nicht nur unvollendet erweist, -sondern tatsächlich ins Wanken gerät. Und dann könnte es sich womöglich -noch erweisen, daß der europäische Sozialismus immer drohender wird. -Kurz, wir brauchen nur abzuwarten und uns nicht einzumischen, auch -nicht, wenn sie uns rufen, und dann – wenn dort der Streit ausbricht und -ihr ‚politisches Gleichgewicht‘ erzittert – dann mit einem Schlage auch -unsere ganze Orientfrage erledigen, den richtigen Augenblick wählen und -einfach erklären: ‚Wir wollen die österreichischen Aneignungen in der -Türkei nicht anerkennen‘, und die Aneignungen werden verschwinden, -vielleicht sogar mit Österreich zusammen ... - -Nun, und dann werden wir schon wieder einholen, was wir zeitweilig -scheinbar versäumt haben ...“ - -„Aber England? Sie vergessen England? Unser Zug nach Asien würde es -fraglos sofort beunruhigen.“ - -„‚Wer England fürchtet, – der bleibe zu Haus‘ könnte auch ein Sprichwort -sein. Und was würde denn England so besonders beunruhigen? Was unsere -Absichten für die Zukunft betrifft, so erwartet es von uns doch sowieso -das Allerschlimmste. Wenn es dagegen den wahren Charakter unserer -Absichten in Asien begriffe, würde es wahrscheinlich viele seiner -Befürchtungen aufgeben ... Übrigens, ich gebe zu, daß es sie nicht -aufgeben würde. Doch wie gesagt: ‚wer England fürchtet, – der bleibe zu -Haus!‘ Und darum nochmals: Es lebe der Sieg von Geok-Tepe! Hoch -Skobeleff und seine Soldaten! Und ewiger Ruhm den Helden, die dort -gefallen sind!“ - - - - - Fußnoten - - -[1] Tag des Attentats auf den Zaren Alexander II. E. K. R. - -[2] Peter der Große. Ausdruck Puschkins. E. K. R. - -[3] Von Dostojewski veröffentlicht im September 1873. E. K. R. - -[4] Henri von Bourbon, Graf von Chambord, letzter Sproß der älteren -bourbonischen Linie, geb. 1820, gest. 1883, Prätendent auf den -französischen Thron nach dem Sturz Napoleons III. E. K. R. - -[5] Französischer klerikaler Schriftsteller, seit 1848 Chefredakteur des -„Univers“, dem obiges Zitat entnommen ist. E. K. R. - -[6] Der Graf von Chambord hatte dadurch, daß er die Gewährleistung einer -Verfassung ablehnte, selbst seine Thronbesteigung unmöglich gemacht. E. -K. R. - -[7] Auf das Schreiben Pius’ IX. an Wilhelm I., in dem der erstere in den -Kulturkampf eingreifen wollte und die ganze Christenheit für sich in -Anspruch nahm, hatte letzterer bekanntlich geantwortet, er lehne als -Protestant im Namen seiner Vorfahren und dem des größten Teiles seiner -Untertanen jegliche Einmischung des Papstes als Anmaßung ab. E. K. R. - -[8] Von Dostojewski veröffentlicht im März 1876. E. K. R. - -[9] Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1877. E. K. R. - -[10] Gemeint sind die Kämpfe der Balkanslawen gegen die Türkei im Jahre -1876, die unter begeisterter Anteilnahme des ganzen russischen Volkes -geschahen und im Jahre 1877 dann auch um Eingreifen Rußlands und zum -Ausbruch des Russisch-Türkischen Krieges führten. E. K. R. - -[11] Von Dostojewski veröffentlicht im Mai 1877. E. K. R. - -[12] Im Original gesperrt gedruckt. E. K. R. - -[13] Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. E. K. R. - -[14] Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. E. K. R. - -[15] vgl. S. 88 Forts. „Das schwarze Heer.“ E. K. R. - -[16] Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. E. K. R. - -[17] Von Dostojewski veröffentlicht im Februar 1876. E. K. R. - -[18] Russischer Mönch, lebte im 12. Jahrhundert in Kiew, Begründer des -russischen Mönchtums, Verfasser von Predigten. E. K. R. - -[19] Russischer Bischof, Zeitgenosse Peters des Großen, dessen Reformen -er billigte, gleichfalls Verfasser von Predigten, die im russischen -Volke sehr beliebt sind. E. K. R. - -[20] Von Dostojewski im April 1876 veröffentlicht, als die Möglichkeit -eines neuen russisch-türkischen Krieges zum ersten Male festere Gestalt -annahm. E. K. R. - -[21] Von Dostojewski veröffentlicht im Juni 1876. E. K. R. - -[22] Kritiker (1811 bis 1848). Bahnbrecher einer westeuropäisch, -atheistisch und sozialistisch gefärbten russischen Literatur- und -Gesellschaftsauffassung. E. K. R. - -[23] Großfürst von Moskau (von 1462 bis 1505), heiratete 1472 Sophie -Paläolog, die letzte byzantinische Prinzessin. E. K. R. - -[24] Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1877. E. K. R. - -[25] Russischer General, kämpfte 1876 mit den Serben unglücklich gegen -die Türken. E. K. R. - -[26] 1675–1826, Historiker und Schriftsteller. E. K. R. - -[27] Held eines sehr bekannten Romanes von Turgenjeff. E. K. R. - -[28] Von Dostojewski veröffentlicht im Februar 1877. E. K. R. - -[29] Gestalt in einem Gedicht von Nekrassoff. E. K. R. - -[30] Von Dostojewski veröffentlicht im Mai 1877. E. K. R. - -[31] Karamsin schrieb damals seine „Briefe eines russischen Reisenden“. -E. K. R. - -[32] Von Dostojewski veröffentlicht im Oktober 1877. E. K. R. - -[33] Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1881. E. K. R. - -[34] Anspielung auf die russischen Westler und einen ihrer damaligen -Lieblingsaufenthaltsorte. E. K. R. - -[35] Stundisten = lutheranisierende Sekte im Süden Rußlands, wo die -protestantischen Pastoren der deutschen Kolonisten für die russischen -Bauern „Bibelstunden“ eingeführt hatten. Daher die Benennung -„Stundisten“. E. K. R. - -[36] Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1881. E. K. R. - -[37] Von Dostojewski veröffentlicht im März 1877. E. K. R. - -[38] Die Grundidee der Bourgeoisie, die am Ende des vorigen Jahrhunderts -die frühere Weltanschauung ersetzt hat und jetzt zur Hauptidee unseres -Jahrhunderts in der ganzen europäischen Welt geworden ist. Anmerkung von -F. M. Dostojewski. - -[39] In Rußland wird das zu einem Dorf gehörige Land von der -Dorfbewohnerschaft gemeinsam zu gemeinsamem Nutzen bearbeitet. E. K. R. - -[40] Von Dostojewski veröffentlicht im Juli 1876. E. K. R. - -[41] Von Dostojewski veröffentlicht im März 1877. E. K. R. - -[42] Siehe den Aufsatz „Utopische Geschichtsauffassung“. Seite 191. E. -K. R. - -[43] Im Jahre 1483 durch Iwan III., Großfürsten von Moskau. E. K. R. - -[44] Die Lichtgestalt unter den Helden der russischen Volkssagen. E. K. -R. - -[45] Gemeint ist der Krimkrieg (1853–1856), dessen Veranlassung die -Weigerung des Sultans war, Rußland als Protektor der griechischen Kirche -in der Türkei anzuerkennen. E. K. R. - -[46] Von Dostojewski veröffentlicht im April 1877. E. K. R. - -[47] Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. E. K. R. - -[48] Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. E. K. R. - -[49] 1822–1885. Slawophiler Schriftsteller. E. K. R. - -[50] Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1881 gelegentlich der -Siege Skobeleffs in Mittelasien. E. K. R. - - - Anmerkungen zur Transkription - -Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen -Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und -Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert -nach: - - F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. - Zweite Abteilung: Dreizehnter Band - Politische Schriften - R. Piper & Co. Verlag, München, 1917. - Zweite Auflage - 3. bis 5. Tausend - -Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen -Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den -ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, -Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt -nach der Titelseite eingefügt. - -Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. - -Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Bandes verschoben. -Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert. - -Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen -(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von -Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen. - -Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der -Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben -„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht -(nicht verwendete Varianten in Klammern): - - Mac-Mahon (Mac Mahon) - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des -russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 435]: - ... in diesem Gegenstand eurer Liebe ein Lüge, irgend ... - ... in diesem Gegenstand eurer Liebe eine Lüge, irgend ... - - [S. 451]: - ... Blick, lächte darauf ein wenig ironisch, zuckte die ... - ... Blick, lächelte darauf ein wenig ironisch, zuckte die ... - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 13: POLITISCHE -SCHRIFTEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/67241-0.zip b/old/67241-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 07b9bb2..0000000 --- a/old/67241-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/67241-h.zip b/old/67241-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index db52426..0000000 --- a/old/67241-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/67241-h/67241-h.htm b/old/67241-h/67241-h.htm deleted file mode 100644 index 3b92ca5..0000000 --- a/old/67241-h/67241-h.htm +++ /dev/null @@ -1,20558 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" -"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> -<title>The Project Gutenberg eBook of Sämtliche Werke 13: Politische Schriften, by Fjodor Dostojewski</title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <!-- TITLE="Sämtliche Werke 13: Politische Schriften" --> - <!-- AUTHOR="Fjodor Dostojewski" --> - <!-- TRANSLATOR="E. K. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> -</div> - -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Sämtliche Werke 13: Politische Schriften</span></p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski</p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Editor: Arthur Moeller van den Bruck</p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Translator: E. K. Rahsin</p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Contributor: Dmitri Mereschkowski</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: January 24, 2022 [eBook #67241]</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p> - <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.</p> -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SÄMTLICHE WERKE 13: POLITISCHE SCHRIFTEN</span> ***</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="ser"> -F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke -</p> - -<p class="ed"> -<span class="line1">Unter Mitarbeiterschaft Dmitri Mereschkowskis</span><br /> -<span class="line2">herausgegeben von Moeller van den Bruck</span> -</p> - -<p class="trn"> -Übertragen von E. K. Rahsin -</p> - -<p class="division"> -Erste Abteilung: Dreizehnter Band -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="aut"> -F. M. Dostojewski -</p> - -<h1 class="title"> -Politische Schriften -</h1> - -<p class="subt"> -Eingeleitet von den Herausgebern -</p> - -<div class="centerpic logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -<p class="pub"> -<span class="line1">R. Piper & Co. Verlag, München</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="impr"> -R. Piper & Co. Verlag, München, 1917<br /> -Zweite Auflage<br /> -Drittes bis fünftes Tausend -</p> - -<p class="cop"> -Copyright 1917 by R. Piper & Co., G. m. b. H.,<br /> -Verlag in München -</p> - -<p class="printer"> -Herrosé & Ziemsen, G. m. b. H., Wittenberg. -</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="toc" id="part-1"> -Inhalt -</h2> - -</div> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary=""> -<tbody> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col_page">Seite</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Zur Einführung</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Die politischen Voraussetzungen der Dostojewskischen Ideen. Von Moeller van den Bruck</td> - <td class="col_page"><a href="#page-VII">VII</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Die religiöse Revolution. Von Dmitri Mereschkowski</td> - <td class="col_page"><a href="#page-XXIX">XXIX</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Vorwort</em></td> - <td class="col_page"><a href="#page-LIII">LIII</a></td> - </tr> - <tr class="p br"> - <td class="col1" colspan="2">Erster Teil. Westeuropäisches</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Gedanken über Europa</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Republik oder Monarchie</td> - <td class="col_page"><a href="#page-3">3</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Parteimenschen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-15">15</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Frankreich und Deutschland</td> - <td class="col_page"><a href="#page-24">24</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Frankreich und die Kultur</td> - <td class="col_page"><a href="#page-26">26</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Deutschland und Rom</td> - <td class="col_page"><a href="#page-32">32</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Frankreich, die Republik und der Sozialismus</td> - <td class="col_page"><a href="#page-39">39</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Katholizismus und Sozialismus</td> - <td class="col_page"><a href="#page-47">47</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Drei Ideen</em></td> - <td class="col_page"><a href="#page-55">55</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Die deutsche Weltfrage</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Deutschland, die protestierende Macht</td> - <td class="col_page"><a href="#page-65">65</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Ein genial-mißtrauischer Mensch (Bismarck)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-72">72</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Ärger und Macht (Papstmacht)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-79">79</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Das schwarze Heer. Die Meinung der Legionen als neues Element der Zivilisation</td> - <td class="col_page"><a href="#page-88">88</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Ein ziemlich unangenehmes Geheimnis (Ausblicke)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-94">94</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Die Lage Frankreichs</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Unselige Pechvögel (Französische Republikaner)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-101">101</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Ein merkwürdiger Charakter (Mac-Mahon. Französische Reaktionäre)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-109">109</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Die katholische Verschwörung</em></td> - <td class="col_page"><a href="#page-116">116</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Österreichs gegenwärtige Gedanken</em></td> - <td class="col_page"><a href="#page-129">129</a></td> - </tr> - <tr class="p br"> - <td class="col1" colspan="2">Zweiter Teil. Russisches</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Vom russischen Volk</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Davon, daß wir gute Menschen sind. Die Ähnlichkeit der russischen Gesellschaft mit dem Marschall Mac-Mahon</td> - <td class="col_page"><a href="#page-147">147</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Von der Liebe zum Volke. Der unumgänglich notwendige Vertrag der Gesellschaft mit dem Volke</td> - <td class="col_page"><a href="#page-153">153</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Der Bauer Marei</td> - <td class="col_page"><a href="#page-159">159</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Einiges über den Krieg</em></td> - <td class="col_page"><a href="#page-168">168</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Mein Paradox</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Das Paradox</td> - <td class="col_page"><a href="#page-178">178</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Das Ergebnis des Paradoxons</td> - <td class="col_page"><a href="#page-187">187</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Utopische Geschichtsauffassung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-190">190</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Foma Daniloff, der zu Tode gemarterte russische Held</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Foma Daniloff</td> - <td class="col_page"><a href="#page-201">201</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Die Versöhnungsmöglichkeit außerhalb der Wissenschaft</td> - <td class="col_page"><a href="#page-210">210</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">In Europa sind wir bloß Landstreicher</td> - <td class="col_page"><a href="#page-218">218</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Eine der wichtigsten gegenwärtigen Fragen</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Was sollen wir denn tun?</td> - <td class="col_page"><a href="#page-225">225</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Die brennende Tagesfrage</td> - <td class="col_page"><a href="#page-233">233</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Die Tagesfrage in Europa</td> - <td class="col_page"><a href="#page-240">240</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Die russische Lösung des Problems</td> - <td class="col_page"><a href="#page-245">245</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Ehemalige Landwirte – zukünftige Diplomaten</em></td> - <td class="col_page"><a href="#page-252">252</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Die Diplomatie vor den Weltfragen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-267">267</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Niemals ist Rußland so mächtig gewesen wie jetzt, – eine nicht-diplomatische Auffassung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-272">272</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Die römisch-klerikale Verschwörung in Rußland</em></td> - <td class="col_page"><a href="#page-282">282</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Russische Finanzen</em></td> - <td class="col_page"><a href="#page-293">293</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Die Meinung eines geistreichen Bureaukraten über unsere Liberalen und Westler</em></td> - <td class="col_page"><a href="#page-324">324</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Die Judenfrage</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Vorbemerkungen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-334">334</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"><span class="antiqua">Pro</span> und <span class="antiqua">contra</span></td> - <td class="col_page"><a href="#page-340">340</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"><span class="antiqua">Status in statu.</span> Vierzig Jahrhunderte geschichtliches Dasein</td> - <td class="col_page"><a href="#page-348">348</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Doch es lebe die Brüderlichkeit!</td> - <td class="col_page"><a href="#page-358">358</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Die Beerdigung des Allmenschen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-363">363</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Ein einzelner Fall</td> - <td class="col_page"><a href="#page-367">367</a></td> - </tr> - <tr class="p br"> - <td class="col1" colspan="2">Dritter Teil. Balkan und Orient</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Idealisten oder Zyniker</em></td> - <td class="col_page"><a href="#page-375">375</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Früher oder später muß Konstantinopel doch uns gehören</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Unser Verhältnis zum Orient</td> - <td class="col_page"><a href="#page-383">383</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Gedanken unserer Zeit</td> - <td class="col_page"><a href="#page-390">390</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Der Krieg</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Wir sind die Stärksten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-400">400</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Nicht immer ist der Krieg eine Geißel, zuweilen ist er sogar die einzige Rettung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-409">409</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Rettet denn vergossenes Blut?</td> - <td class="col_page"><a href="#page-414">414</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Wie Rußlands „sanftester“ Zar die Orientfrage aufgefaßt hat</td> - <td class="col_page"><a href="#page-420">420</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Aus dem Buch der Weissagungen Johannes Lichtenbergers – aus dem Jahre 1528</td> - <td class="col_page"><a href="#page-422">422</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Lüge sucht sich durch Lüge zu erhalten</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Don Quijote</td> - <td class="col_page"><a href="#page-429">429</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Mollusken, die man für Menschen hält. Was ist für uns vorteilhafter: wenn man über uns die Wahrheit weiß, oder wenn man über uns Unsinn schwätzt?</td> - <td class="col_page"><a href="#page-436">436</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Zur Orientfrage</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Lakaientum oder Zartgefühl</td> - <td class="col_page"><a href="#page-445">445</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Der größte Beweis unseres Lakaientums</td> - <td class="col_page"><a href="#page-456">456</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Ein ganz persönliches Wort über die Slawen, das ich schon lange habe sagen wollen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-463">463</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Was man jetzt über den Frieden spricht. Muß Konstantinopel Rußland gehören, und ist das überhaupt möglich? Verschiedene Meinungen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-471">471</a></td> - </tr> - <tr class="p br"> - <td class="col1" colspan="2">Vierter Teil. Asien</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><em>Die Asienfrage</em></td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Was ist Asien für uns?</td> - <td class="col_page"><a href="#page-493">493</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1">Fragen und Antworten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-501">501</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<a id="page-V" class="pagenum" title="V"></a> - <div class="epi"> -<p> -Wir Russen sind ein junges Volk, wir fangen erst -an zu leben, obgleich wir schon tausend Jahre alt sind: -aber ein großes Schiff braucht auch ein tiefes Fahrwasser. -</p> - -<p class="attr"> -Dostojewski. -</p> - - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="intro" id="part-2"> -<a id="page-VII" class="pagenum" title="VII"></a> -Zur Einführung -</h2> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="intro" id="chapter-2-1"> -Die politischen Voraussetzungen der -Dostojewskischen Ideen -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> russische Politik ist immer wieder auf ihre byzantinische -Grundidee zurückgekommen. Nur die Begründung -dieser Idee hat durch die Jahrhunderte gewechselt. -Und fast unterscheiden sich die einzelnen -Zeitalter der russischen Geschichte wie die verschiedenen -Formulierungen des byzantinischen Gedankens. -</p> - -<p> -Diese Begründung war nacheinander machtpolitisch, -kirchenpolitisch und panslawistisch, sie war zwischendurch -bald das eine, bald das andere, oft mehreres zugleich -– je nachdem, welche Persönlichkeiten und Gesichtspunkte, -welche Kreise und Stimmungen die Begründung -bestimmten. Macht verband sich freilich immer -mit ihr. Es war für die Zaren eine besonders lockende -Vorstellung, Selbstherrscher in der Stadt desselben -Konstantin zu werden, der einst verkündet hatte, daß -der Wille des Kaisers Kanon für das Volk sei. Ebenso -fühlte sich die Beamtenschaft, die höfische und politische -Bürokratie, schon durch ihre Gewaltneigungen -zu der Stätte hingezogen, wo der Zeremonialstaat, aber -auch der Polizeistaat entstanden war. In einem verwandten -und nur geheiligteren Drange sehnte sich die -Orthodoxie danach, wieder in die Stadt des ökumenischen -Patriarchen einziehen zu können, in der vordem -das erste Kyrie eleison erklang. Byzanz gab dem -Russischen Reiche seinen theokratischen Stil. Wie die -mittelalterlichen Deutschen aus Rom das Romanische -herüberholten, so nahmen die Russen in Byzanz das -<a id="page-VIII" class="pagenum" title="VIII"></a> -Griechische auf. Während den Rumänen auf dem -Balkan das freilich entartete und verkümmerte Erbe -des Lateinertums zufiel, übernahmen die Russen für -das Slawentum die reichere und stolzere Überlieferung -des oströmischen Hellenismus. Byzanz wurde nach -Rußland übertragen: und nicht nur in den Symbolen, -sondern vor allem in den Instinkten und Prinzipien. -Nach jener symbolischen Vermählung mit der letzten -Palaiologin, die man Sophia hieß, wie die große -Kathedrale von Ostrom, wurden Wappen und -Herrschertitel, byzantinische Etikette, aber auch byzantinisches -Patriarchat, Klerikalverfassung, Klosterleben, -byzantinisches Recht, das an die Stelle des normannischen -trat, nach Rußland hinübergeführt. Und so -fest wuchs in Moskau die Autokratie mit der Orthodoxie -zusammen, so sehr wurde das Byzantinische zur -Grundlage des Reichsgefüges wie Volkstums, daß -man es schließlich gar nicht mehr als Byzantinismus, -sondern als autochthones, altheiliges, echtrussisches Gut -empfand. Und schon diese kirchen- und machtpolitische -Begründung begleitete ein nationalistisches Empfinden: -Kyrill und die Slawenapostel, die Schöpfer des russischen -Alphabets und der altslawischen Kirchensprache, -vereinigten Russentum und Byzantinertum in einer -slawophilen Gesinnung, die später, als Rußland in seine -historischen Gegensätze zum europäischen Westen wie -zum islamitischen Orient geriet, als panslawistisches -Bewußtsein der russischen Politik ihr geschichtliches -Ziel geben sollte: mit dem Besitz von Byzanz diese -ganze Entwicklung abzuschließen. -</p> - -<p> -Die Eroberung von Byzanz ist früh versucht -<a id="page-IX" class="pagenum" title="IX"></a> -worden. Es waren noch griechische Kaiser und bulgarische -Zaren, die russische Großfürsten vom Balkan -zurückschlugen. Dann kam die Zeit, in der die Mongolen -über Rußland herrschten. Damals entschwand -Byzanz völlig den russischen Blicken. Auf die Mongolen -aber folgten im Süden von Rußland die -Tataren und schoben sich trennend zwischen Moskau -und den Balkan. Diesem Tatarengürtel, dem Khanat -der Krim, das seine Macht um den nördlichen Rand -des Schwarzen Meeres lagerte, verdanken die Balkanslawen -heute, daß ihre Nationalität sich erhielt, die -ohne diese Trennung vom Großslawentum in diesen -Jahrhunderten der Russifizierung verfallen wäre. Als -aber Moskau, als das Großrussentum, das im Großslawentum -die politische Führung übernahm, wieder -politische Bewegungsfreiheit erhielt und von neuem -den Blick nach Byzanz hinüberwandte, da waren hier -inzwischen große Veränderungen geschehen. Die Türken -waren den Russen zuvorgekommen: Byzanz war mohammedanisch -geworden. Kaum ließ sich in dieser Zeit -das Schutzrecht über die Balkanslawen und Balkanchristen -aufrechterhalten und wenigstens andeuten, -das erst Peter der Große wieder gegen die Türkei ausgespielt -hat, und das bis zum letzten russisch-türkischen -Kriege von der russischen Politik bald mehr diplomatisch, -bald mehr ideologisch ausgespielt worden ist. -Es wurde früh Prinzip dieser Politik, Prinzip von -Instinkten der Rasse, die ihre historischen Hemmnisse -wie Möglichkeiten herauswitterte, sich immer auf der -Linie des geringeren Widerstandes vorwärts zu bewegen: -sinkender Staaten oder wilder, niederer, jedenfalls -<a id="page-X" class="pagenum" title="X"></a> -schwächerer Völkerschaften. Und vorläufig lag -diese Türkei, der gelungen war, was Rußland versäumt -oder verfehlt hatte, und die damals Ungarn, -Polen, Wien bedrohte, entschieden nicht auf dieser Linie -des geringeren Widerstandes, auf der die russische -Politik ihre größten Erfolge erringen sollte. Vorläufig, -in einer Zeit, als Europa in den Wirren der -Religionskriege und Erbfolgestreite sich selber schwächte, -als Österreich den Türkensturm auszuhalten hatte, die -schwedische Politik zwischen Rußland und Polen als -Gegner schwankte, Polen zerfiel, schien eher der -Westen auf dieser Linie zu liegen. Und so füllte denn -die russische Politik diese Zeit, in der sie vom Süden -und Osten abgedrängt war, und in der abgewartet -werden mußte, bis die Türkei schwächer wurde und -sich allmählich jenes Prinzip des geringeren Widerstandes -auch auf sie anwenden ließ, mit ihren Vorstößen -nach Europa aus, die dem Russentum allerdings -nur die Zwieschaften eines Westlertums in das -Land und das Leben tragen sollten. Über der Gründung -von Petersburg wurde die Eroberung von Byzanz -vergessen. Doch blieb der Norden den Russen -stets unheimlich, wie der Westen ihnen peinlich war. -Nur Peter konnte wagen, den Norden zu zwingen. -Peter war selbst ein nordischer Mensch, schon deshalb, -weil er sich auch auf die unrussische Linie des größeren -Widerstandes vorwagte, war ein letzter Waräger, im -Temperamente vom Willensschlage und Schaffensdrange -des Großen Kurfürsten, im Charakter mit strindbergischen -Zügen grausamen Menschenmißtrauens. -Aber sogar die Ostsee blieb den Russen immer fremd. -<a id="page-XI" class="pagenum" title="XI"></a> -Früh fühlten sie, daß das baltische Meer nie ein -slawisches Meer werden würde, daß der Mensch der -Steppe kein Mensch des Ruders ist. Im Kampf um -die Ostsee wurde das Russentum nur an die Grenze -des größeren Widerstandes abgedrängt, an der es schließlich -Europa vor sich hatte, eine kulturelle und, aus -ihr sich immer wieder ergebend, eine politische Überlegenheit, -gegen die es nicht aufzukommen vermochte. -Zwar suchte es die Grenze immer wieder zu überschreiten, -aber nur, um neue Zwieschaften des Westlertums -in sich aufzunehmen, die das Russentum auf -Nachahmung stellten, und damit vor die Gefahr, -sich von sich selber zu entfremden. Die Linie des -geringeren Widerstandes konnte für Rußland immer -nur in den Grenzenlosigkeiten von Osten und Süden -liegen, dort, wo die slawische Welt sich einst mit der verfallenden -antiken, jetzt mit der heraufgekommenen islamitischen -mischte. Die russische Politik blieb daher, was -sie war: eine Politik dieser Grenzenlosigkeit. Sie suchte -die russische Herrschaft mit der Schrankenlosigkeit von -Instinkten auszudehnen, die von der weiten Natur des -russischen Landes in einem besonderen Maße gerechtfertigt, -ja, herausgefordert zu werden schienen. Und -ein einziges festeres, ein phantasmagorisches, freilich -auch sehr realpolitisches Ziel in dieser orientalischen -Grenzenlosigkeit, in deren Fernen die Wüste, Indien -und Asien lag, war dann stets, bei europäischer Nähe -und russischer Erreichbarkeit, die Stadt des Konstantin, -von der aus Selbstherrschertum wie Rechtgläubigkeit -einst in die slawische Welt gekommen war. Immer -wieder, langsam, auf einem asiatischen Umwege, auf dem -<a id="page-XII" class="pagenum" title="XII"></a> -zuerst Kasan und Astrachan erobert, das Kaspische Meer -erreicht wurde, und der sich noch im Bogen um das -Schwarze Meer bewegte, fühlte deshalb das Russentum, -zunächst im Kampf gegen das Krimtatarentum, -in der Richtung auf die Türkei und Konstantinopel -vor, in der sich, als Symbol seiner geistigen Selbständigkeit -und geschichtlichen Sendung, der Kuppelberg -der Agia Sofia erhob. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Schon Iwan der Dritte steckte die Grenzenlosigkeiten -der russischen Ausdehnungsmöglichkeiten nach -geopolitischen Prinzipien ab und wies der russischen -Politik das Ziel: „Die Grenzen des Moskowitischen -Reiches bis zu den von der Natur gewiesenen Marken -hinauszurücken, das heißt, bis zum Uralischen Bergrücken, -den Gestaden des Kaspischen Meeres, dem -Kaukasus und dem Pontus.“ Und Iwan der Große, -unter dem ohne sein Zutun die ungeheure kosakische -Erwerbung von Sibirien geschah, leitete dann mit -seiner persönlichen Politik die Umklammerung des -Schwarzen Meeres ein, die schließlich zum Kampf -gegen die Türkei führen mußte. Sogar Peter der -Große, der durch die Geschichte mit dem Rufe des -Westlers geht, und dem die russische Geschichtsphilosophie -der slawophilen und panslawistischen Epoche -später alle Zwiespälte vorwarf, die durch die Hinüberwendung -nach Europa und die Abwendung von Byzanz -<a id="page-XIII" class="pagenum" title="XIII"></a> -in den russischen Volkskörper gekommen sind, hat -den Ausgang zum Schwarzen Meere früher gesucht -als den zum Baltischen Meere. Die ganze klimatische, -rassengeographische und religionspolitische Einstellung -Rußlands, die Ausdehnungspolitik, die er vorfand, -und übrigens auch schon Verträge seiner Vorgänger -mit Polen und Österreich, verwiesen ihn auf den -Kampf im Orient. Gerade weil er den Westen bewunderte, -wollte er nicht eher vor dessen Urteil treten, -als bis er einen Ruhm mit seinem Namen verbunden -hatte: Und dieser Ruhm ließ sich von Rußland aus -nur im Osten erwerben. Die Eroberung von Asow -und die Gründung von Taganrog im damals türkischen -Mündungsgebiet des Don wurde deshalb seine erste -Tat. Und dann erst beging er seinen genialen Fehler, -der ihn in der Geschichte so groß gemacht hat, diesen -„petrinischen Fehler“, den schon seine altrussischen -Zeitgenossen erkannt, gegen den sie sich als das Verhängnis -Rußlands gewehrt und dessen Rückgängigmachung -sie Slawophilie und Panslawismus hinterlassen -haben. Sein russischer Blick blieb nach Süden -und Osten gerichtet: nach Byzanz, orientwärts, asienwärts. -Aber daneben hatte Peter diesen kulturellen -Blick, den er nicht wohl anderswohin wenden konnte -als dorthin, wo die nächste überlegene Nachbarkultur -war: nach Europa. Durch eine doppelte Politik, eine, -die orientalisch und europäisch zugleich sein sollte, legte -er die weitere Entwicklung des russischen Staatsgedankens -in einer Zwieschaft fest, die das russische -Volkstum aus seiner Ruhe, Verwurzelung, gewohnten -Lagerung warf und den russischen Menschen an sich -<a id="page-XIV" class="pagenum" title="XIV"></a> -irre machte. Nun wurde, statt daß Konstantinopel -erobert worden wäre, an ähnlich schicksalsvoller Stelle, -gleichfalls zwischen Wasser und Land, aber ohne -Heiligung durch Überlieferung, zwischen fremden -Völkern, Bekenntnissen und Gesittungen, durch fremde -Menschen und Arbeitsweisen, eine neue, eine künstliche, -die befohlene Hauptstadt Petersburg gegründet. -Schon bei Peters Lebzeiten wandte sich das Altrussentum -von dem Geiste dieser Gründung ab: Peters eigener -Sohn Alexei sollte das Werkzeug werden, um der eindeutigen, -rechtgläubigen moskowitischen Partei wieder -zum Siege zu verhelfen: der schlaffe Prätendent einer -ewigen Idee, der erste Panslawist auf einem Throne, -den er nie bestieg. Peter selbst wandte sich gegen Ausgang -seiner Regierung wieder dem Orient zu. Die -Ausdehnung, die er im Baltikum gegen die Schweden -erreicht hatte, konnte ihn nicht für die Enttäuschung -entschädigen, die er am Pontus durch die Türken erlitt. -Asow, der Stolz seiner Jugend, war wieder verloren -gegangen. Fast scheint es, als ob er bereit gewesen -ist, seine nordischen Eroberungen, bis auf -Petersburg, gegen Bezahlung wieder herauszugeben, -wie dies unter seinem Vater schon einmal geschehen -war. Aber jetzt wollte Schweden nicht und suchte eine -Entscheidung, der es nicht mehr gewachsen war. -Peters letzte Gedanken gingen nach Asien, Persien, -China, Sibirien hinüber. Das machtpolitische Testament, -das er hinterließ, geschrieben oder ungeschrieben, -forderte die Zertrümmerung der Türkei. Das religionspolitische -Testament forderte gar, in einer orthodoxen -Wiederaufnahme der katholischen Kreuzzugsgedanken -<a id="page-XV" class="pagenum" title="XV"></a> -des Mittelalters, den Erwerb Jerusalems und der -heiligen Stätte für Rußland. Und das beinahe mystische -Testament, das er hinterließ, ging noch weiter und -forderte die Eroberung Indiens, des weißen und -heiligen Landes am Ganges, für das Volk des weißen -und heiligen Zaren. -</p> - -<p> -Nach Peters Tode schien zunächst das Altrussentum -zu siegen, das im Grunde weder Petersburg noch -Konstantinopel, nur sich selbst will, obwohl seine politischen -Ideen noch am ehesten, schon aus religiösen -Motiven, mit byzantinischen Tendenzen in Übereinstimmung -zu bringen sind. Residenz wie Regierung -wurden wieder nach Moskau verlegt, freilich auch -wieder nach Petersburg zurück, hin und her. Auch -Katharina die Große, dieser zweite universale Mensch -auf dem russischen Throne, die zu organisieren hatte, -was unter Peter pionierhaft abgesteckt worden war, -sah sich in der europäisch-orientalischen Zwieschaft festgelegt, -die er ihr hinterlassen. Doch ihre größten -Unternehmungen hat auch sie gegen die Türkei gerichtet. -Die Nordküste des Schwarzen Meeres wurde -gewonnen. Aus den baltischen Häfen lief eine erste -Flotte aus, um die Einfahrt in die Dardanellen, freilich -schon damals vergeblich, zu erzwingen. Doch der -entscheidende Friede von Kainardschi, den sie abschloß, -und der Rußland sein Schutzrecht über die Balkanchristen -und zugleich eine Meistbegünstigung seines -Handels bestätigte, legte den Grund zu der ganzen -künftigen russischen Orientpolitik. Und wie weitausschauend -ihr Blick war, auch noch über dieses Ergebnis -hinaus, das zeigte ihr Lieblingsplan, ein großes rumänisch-bulgarisches -<a id="page-XVI" class="pagenum" title="XVI"></a> -Schutzreich Dazien zwischen Rußland, -Österreich und der Türkei zu schaffen, aus dem -vielleicht einmal ein neubyzantinisches mit der Hauptstadt -Konstantinopel werden konnte, und für das sie -bereits ihren Enkel Konstantin taufen ließ. Und wie -realpolitisch zugleich dieser Blick war, das zeigte ihr -Lieblingswunsch, Ägypten zu erobern und zum mindesten -schon Malta im Rücken der Türkei und an -Stelle von Franzosen oder Engländern zu besetzen. -</p> - -<p> -Doch erreicht wurde zunächst nur, unter den Nachfolgern -Peters wie Katharinas: daß Zeit verloren -wurde, und daß der richtige Anschluß verfehlt wurde. -Rußland hat durch die petrinische Politik zwei Jahrhunderte -verloren und manche Gelegenheit verfehlt. -Jener halbe und eigentlich planlose Zustand kam auf, -von dem Pozzo di Borgo als Minister Alexanders I. -gesagt hat, daß die ganze neuere Politik Rußlands -fast ausschließlich die Zerstückelung Polens zum Gegenstande -gehabt habe; und das war zu wenig für -Rußland; war eine kleine Politik; eine unrussische -Politik. -</p> - -<p> -Dafür haben freilich diese zwei Jahrhunderte das -russische Volk in die unmittelbare Nachbarschaft und -unter die nachhaltende Einwirkung des europäischen -Westens gebracht, dessen Beispiele es zu seiner Entwicklung -brauchte. Aber gerade dieses russische Westlertum, -das sich bildete, mußte das autochthone Russentum, -nachdem es einmal seine byzantinische Selbständigkeit -in Moskau gefunden hatte, in seiner russischen -Selbständigkeit in Rußland gefährden. Schon -in der Zeit des falschen Demetrius hatte ein erstes -<a id="page-XVII" class="pagenum" title="XVII"></a> -Westlertum das Moskowitertum vorübergehend mit -der Gefahr der Polonisierung und Katholisierung bedroht. -Später wurden Deutsche, Holländer und -Schweden die Lehrmeister, die Rußland brauchte, um -sich in seiner künstlichen europäischen Stellung zu erhalten, -und deren Einfluß es doch immer wieder zurückstieß, -weil das natürliche russische Leben ihn nicht -vertrug. Auf den deutschen Einfluß folgte dann der -französische, und auf den französischen wieder der -deutsche, auf den Einfluß Voltaires derjenige Friedrichs -des Großen, selbst Josephs des Zweiten, später -Herders, Schillers und Hegels. Aber gerade auf -diesem Umwege über das Westlertum hat die russische -Geschichtsphilosophie, die sich bildete, sich mit den -volklichen Gegenbewegung der Slawophilie und des -Panslawismus verbunden und ist von dem europäischen -Gedanken auf den byzantinischen zurückgekommen. Die -Verbindung mit dem Westen, die stets mehr enthusiastische -als kritische Übernahme seiner Probleme, -machte das Russentum schließlich selbst problematisch, -brachte es in Widersprüche und Gegensätze aller Art, -in Unvereinbarkeiten des Geistes wie des Staates. Es -ist dabei durchaus eine Sache und Seite für sich, daß -diese Problematik das Russentum zugleich schöpferisch -machte: nicht nur in der Arbeit, die Peter und Katharina -für Rußland leisteten, sondern auch in der Selbsterkenntnis -aller der Mißverständnisse und Übertreibungen -des Westlertums, die Gogol zur grotesken -Drastik erhob, und in derjenigen seiner schweren seelischen -Erregungen, Erschütterungen, Erkrankungen, -die Dostojewski in dem realistischen Schattenreich einer -<a id="page-XVIII" class="pagenum" title="XVIII"></a> -russischen Apokalypse umgehen ließ. Dieses russische -Schöpfertum verbindet uns heute mit der russischen -Geistigkeit, die, nicht ein Teil, doch eine östliche Ergänzung -unserer eigenen Geistigkeit ist – und zwar -um so mehr, je weniger westlich, je echter russisch, slawisch, -byzantinisch, je weniger liberal und je mehr konservativ -sie ist. Politisch aber, ideologisch, geschichtsphilosophisch, -in dem geistigen Sinne, den der Dichter -und Menschenforscher wie der Politiker und Geschichtsdenker -Dostojewski vertritt, mußte das Russentum sich -von dem Westlertume, das seine Geschichte wie ein -Verhängnis begleitete, frei zu machen suchen. -</p> - -<p> -Wie eine Erlösung wurde es in Rußland empfunden, -als das neunzehnte Jahrhundert wieder den -Willen zu einer großen russischen und nunmehr altrussischen -Politik brachte und Petersburg sich erneut dem -Orient zuwandte: denn im Mittelpunkte des Orients -stand Konstantinopel! Die Befreiungskriege der -Balkanslawen gaben den Anlaß, sich in die türkischen -Angelegenheiten einzumischen: und dieser Anlaß wurde -der ideologische Ausgangspunkt für die Slawophilie, als -sie den byzantinischen Gedanken zum panslawistischen erweiterte. -Doch nun zeigte sich politisch, daß der Besitz -von Konstantinopel, nachdem die Türkei allerdings -genügend zersetzt und geschwächt sein mochte, um von -Rußland überrannt werden zu können, gar kein russisch-türkisches, -vielmehr ein durchaus europäisches Problem -geworden war. Wie ein Spiel ging es infolgedessen -in den Kabinetten und auf den Kongressen um den -einen Stadtnamen: Konstantinopel! Schon Friedrich -der Große hatte auf die Frage geantwortet, warum -<a id="page-XIX" class="pagenum" title="XIX"></a> -er die Russen nicht nach Konstantinopel lassen wolle: -„Weil sie dann am anderen Tage in Königsberg -stehen.“ Und Alexander I. hatte Konstantinopel den -„Hausschlüssel“ zu Rußland genannt, worauf Napoleon -antwortete, daß es zugleich der „Schlüssel zu Toulon“ -sei. Später schloß Skobeleff umgekehrt wie Friedrich -der Große und meinte, daß der Weg nach Konstantinopel -über Berlin gehe. Und von österreichischer -Seite ist die schlagfertige Erwiderung auf die drohende -Bemerkung eines russischen Geschäftsträgers bekannt, -daß der Weg nach Konstantinopel über Wien führe: -„Ja, und der nach Petersburg über Warschau!“ Wahr -war an allen diesen Beziehungen und Anspielungen: -daß für Rußland der Weg nach Konstantinopel allerdings -nicht nur über die Türkei, sondern über Europa -führte. -</p> - -<p> -Immerhin wurde manches von Rußland erreicht. -Nikolaus I. erlangte, was zuletzt Katharina verlangt -hatte: die freie Durchfahrt durch die Dardanellen für -russische Handelsschiffe und ihre Sperrung für fremde -Kriegsschiffe. Aber er erlangte dies Zugeständnis um -den Preis eines Bündnisses zwischen Rußland und -der Türkei, durch das beide Staaten sich unter anderem -zum wechselseitigen Schutze ihrer Völker und Bekenntnisse -verpflichteten, der Mohammedaner hier, der Slawen -dort. Und dieser Preis bedeutete ebenso einen Verzicht -auf die alten macht- und kirchenpolitischen Ansprüche, -wie eine Verleugnung der neuen panslawistischen -Gesichtspunkte. Immerhin war Rußland -nunmehr Selbstherrscher auf dem Schwarzen Meere -geworden. Dafür warfen dann die Ergebnisse das -<a id="page-XX" class="pagenum" title="XX"></a> -Russentum um so weiter zurück. Im Pariser Frieden -mußte Rußland auf seine Bewegungsfreiheit im -Schwarzen Meere wie auf sein Schutzrecht über die -Balkanchristen verzichten. Der Russisch-Türkische Krieg -wiederholte dann den Versuch, nach Konstantinopel -vorzudringen, noch ein letztes Mal, und wiederholte -ihn nun auf der Grundlage und vor dem Hintergrunde -eines großen und leidenschaftlichen Panslawismus, dem -sich der größte und leidenschaftlichste Russe Dostojewski -nicht entzog. Die „slawische Frage“ kam auf -und drang, wie der große beschauliche Russe Tolstoi -diese Zeit schildert, nachdem sie bis dahin nur die Gesellschaft -beschäftigt hatte, mehr und mehr in das Volk -ein. Fast wäre es erreicht worden, das große Ziel: -die Russen vor Konstantinopel! und die Russen in -Konstantinopel! Aber wie die Türken, nachdem sie -vor Wien, nicht in Wien erschienen waren, nie wieder -Wien bedrohen konnten, so mußten die Russen auf -Konstantinopel verzichten. Nach dem Berliner Kongreß -blieb nur die eine Möglichkeit einer veränderten -politischen Taktik übrig: durch die autonom gewordenen -Balkanslawen, durch Slawen und Bulgaren, -auf dem Balkan zu herrschen. Und auch diese Möglichkeit -sollte versagen. Schon Dostojewski mußte vertrösten: -„Einmal wird Konstantinopel doch unser -werden!“ Ja, einmal! Aber wann? Und schon -Dostojewski wandte den Blick nach Asien hinüber, -nahm die letzten russischen Waffenerfolge, die er noch -erlebte, die Siege Skobeleffs in Mittelasien, zum Anlaß, -um dem Prinzip von der Linie des geringeren -Widerstandes, das sich bei ihm zuerst formuliert findet, -<a id="page-XXI" class="pagenum" title="XXI"></a> -eine andere Richtung zu geben, und beantwortete in -einer sibirischen Übertragung und Auflösung des alten -Gegensatzes von Westlertum und Altrussentum die -Frage: „Was ist Asien für uns?“ mit einem: „Asien -ist unser Amerika!“ „In Europa sind wir Sklaven. -Nach Asien kommen wir als Herren. In Europa -waren wir Tataren. Nach Asien kommen wir als -Europäer!“ Byzanz blieb der Mittelpunkt seines politischen -Denkens. Aber Asien wurde zum letzten Wort -seiner russischen Hoffnung. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Byzanz war für Dostojewski mehr als ein Symbol, -wie es für Rußland mehr als ein Symbol ist. -Das russische Selbstherrschertum war ursprünglich eine -barbarische Machtanmaßung, die zu ihrer Anerkennung -der Heiligung durch das Recht und durch die Überlieferung -bedurfte: Byzanz gab ihr beides. Durch -Byzanz konnte das Zartum vertieft und vergeistigt, -durch Verchristlichung gerechtfertigt, durch Mystifizierung -erhoben werden. Ebenso sehnte sich der Panslawismus, -den Dostojewski vertrat, nach Größe und -Reinheit und Überschwenglichkeit, die in den russischen -Volksgedanken kommen sollten. Dostojewski wollte die -Macht in Gnade verwandeln und mit ihr die Massen, -die Balkanbrüder und zuletzt alle Menschen beglücken. -Ist nicht alle unsere Menschenmacht eine Anmaßung? -Bedürfen wir nicht alle der Gnade? In Byzanz sah er -das Urchristentum erhalten, während ihm der Katholizismus -<a id="page-XXII" class="pagenum" title="XXII"></a> -durch seine papale Verbindung mit Staatlichkeit, -der Protestantismus durch seine humanistische -mit Lehrhaftigkeit entartet erschien: ein Materialismus -genau wie der Sozialismus, und ein Ausdruck des -Westlertums und Europäertums, gegen das er sich in -allen seinen Formen wandte. Dostojewski wollte die -russische Nationalkirche zur Allerweltskirche erheben, von -der noch einmal die Erlösung ausgehen sollte, die er persönlich, -in der Lauterkeit seiner Absichten, für möglich -und kommend hielt, während sie praktisch allerdings -stets nur die Vergewaltigung der Völker und Bekenntnisse -bedeutet hat. In dieser Verbindung von Staat -und Macht, Volk und Kirche, Religion und Politik ist -der Dichter Dostojewski mit dem Politiker Dostojewski -verbunden. Als Politiker mußte er werden, was -er als Dichter, als Volksfreund, als Mensch der Liebe -zum Nächsten und als Enträtseler des gemeinsamen -Schicksals im einzelnen, des einzelnen im gemeinsamen, -war: der Slawophile, der Panslawist, der -Konservative, der sich auf den Boden des patriarchalisch -geschichteten Russentums stellte, um zu einem -religiös gerichteten Menschentum zu gelangen. Der -Konservative in Dostojewski: das war der Boden, -der Unterbau, war Rußland mit seinem natürlichen, -primitiven, altruistischen Sozialismus bäuerlichen -Lebens. Und der Nihilist in Dostojewski, den er in -sich überwand: das war der Mensch, der Europa und -den Westen kannte, und der das einzige russische -und allmenschliche Hemmnis auf dem ewigen Wege -zu Gnade und Erlösung, in Europa im Liberalismus, -in Rußland im Westlertum erkannte: als den Träger -<a id="page-XXIII" class="pagenum" title="XXIII"></a> -von Egoismus und Individualismus, als den Verbreiter -jenes nur allzu russischen Nihilismus und den -Bringer eines ganz unrussischen Industrialismus, Kapitalismus, -Materialismus. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Der byzantinische Gedanke im russischen Geschichtsdenken -ist heute entartet. Nachdem er durch die Jahrhunderte -abwechselnd machtpolitisch, kirchenpolitisch -und panslawistisch begründet worden war, wurde er -wirtschaftlich. Im russischen Westlertum selbst folgte -auf den französischen und deutschen Einfluß des achtzehnten -und neunzehnten Jahrhunderts der englische -des zwanzigsten, folgte nicht geistig, weil er dies nicht -wohl sein konnte, wohl aber gesellschaftlich und vor -allem handelspolitisch. Ein neuer Menschenschlag kam -in Rußland herauf: Industrielle und Großkaufleute, Liberale, -die nunmehr auf russische Weise eine britische -Wirtschaftspolitik machen wollten. Oder war es ein -alter Schlag, der wieder durchbrach? War es der -moskowitische Kaufmann, der tatarische Unternehmer, -der an Stelle des Petersburger Verwaltungsbeamten -in das Wirtschaftsleben des Russischen Reiches eingriff -und mehr und mehr auch die Politik des Staates -in die Richtlinie seiner Gesichtspunkte abdrängte? -Eisenbahnen erschlossen die Steppe und Fabrikanfänge -entstanden um die Städte. Vor allem aber fand die -Aufhebung der Leibeigenschaft eine späte, doch breite -Nachwirkung in der Landwirtschaft, in den Massen -<a id="page-XXIV" class="pagenum" title="XXIV"></a> -des Landes und in den Massen der Menschen. Die -geplante Stolypin-Kriwoscheïnsche Agrarreform, die -durch Aufhebung des Mir dem russischen Bauern erst -volle Arbeitsfähigkeit, der russischen Erde erst volle -Ertragfähigkeit geben wird, soll nun die Entwicklung -vollenden. Schon ist das Verhältnis von Ausfuhr und -Einfuhr zugunsten der ersteren völlig verschoben worden -und hat Veränderungen für den Staatshaushalt mit -sich gebracht, deren Reichweite sich noch gar nicht absehen -läßt. Namentlich das südrussische Getreide, dessen -Verschiffung durch den Schwarzmeerhandel erfolgt, -wurde als das bequemste nationale Zahlungsmittel -erkannt. Und wichtiger noch als die Eroberung von -Konstantinopel erschien mit einem Male der Erwerb -der Dardanellen, deren Öffnung dem russischen Handel -den Anschluß an den Weltverkehr sichern sollte. Die -Türkenkämpfe, die von dem russischen Staate bis dahin -als Ausdehnungskampf betrieben, von dem -russischen Volke als Glaubenskampf empfunden worden -waren, wurden zum Wirtschaftskrieg. Es war das -Neue der Zeit und das Neue in der russischen Geschichte, -das der europäische Krieg nicht gebracht, doch -offenbart hat: an Stelle einer autokratischen oder -theokratischen, immer slawokratischen Geschichtsanschauung -griff jener selbe europäische Materialismus, -jene selbe westlerische Unheiligkeit, vor der Dostojewski -durch eine religiöse Erneuerung des byzantinischen Gedankens -das Russentum hatte bewahren wollen, auf -Rußland über. -</p> - -<p> -Es fragt sich nur, wie das russische Volk sich mit -dieser Entwicklung abfinden wird, durch die der -<a id="page-XXV" class="pagenum" title="XXV"></a> -russische Konservatismus hinter einen russischen Liberalismus -zurücktritt, wenn es dem russischen Staate -nicht gelingt, diese unvermittelte Wendung mit dem -Besitz von Konstantinopel wie dem der Dardanellen -machtpolitisch abzuschließen? wenn Rußland vielmehr -auf diesen Besitz verzichten muß? dauernd und endgültig? -Für die russische Ideologie kann die wirtschaftliche, -diese ökonomische, nicht mehr ökumenische -Auffassung des byzantinischen Gedankens nur eine -Entweihung sein, seine positivistische Entartung, sein -tiefster, materialistischer Fall und Verfall. Die russischen -Ideologen sind denn auch bereits in eine Gegenbewegung -eingetreten, die sie von dem neurussischen -Liberalismus, von Manchestertum, Opportunität und -Skepsis abrücken und sich wieder dem altrussischen -Patriarchentum und der Mystik annähern läßt. Aber -sie selbst sind nur Epigonen großer Ideen eines Zeitalters, -das die geschichtliche Möglichkeit, Byzanz zu -besetzen und für Rußland zu besitzen, bereits verfehlt -hat. Während die russischen Liberalen diese Möglichkeit -in letzter Stunde noch nachzuholen suchten, nicht -durch einen Kreuzzug, sondern durch einen Ausfuhrkrieg, -gehen die russischen Ideologen noch einmal auf -Dostojewski zurück, ohne freilich in den eigenen Ideen -über ihn hinauskommen zu können. Die politischen -Ideen Dostojewskis sind auch heute noch die geistige -Plattform, auf der Rußland steht. Nur in den Formulierungen -und Postulaten sind die ideologischen -Epigonen der Dostojewskischen Dogmatik weicher und -nervöser, aber auch einseitiger und extremer – schon -weil sie in dem neurussischen Liberalismus denn doch -<a id="page-XXVI" class="pagenum" title="XXVI"></a> -einen anderen wirklicheren gefährlicheren Gegner -haben, als es das flaue und faule kosmopolitische -Westlertum war, gegen das Dostojewski sich wandte. -Sie befinden sich dabei in der Zwangslage, heute, mitten -im Kriege, diesen Gegner, das neue englische Westlertum, -noch nicht bekämpfen zu können. Im Gegenteil, -sie suchen, wenn auch rein dialektisch, mit allen Zeichen -der Ausflucht und inneren Unvereinbarkeit, ihre -geistigen Probleme mit den politischen des Krieges in -eine Übereinstimmung zu bringen. Sie sprechen davon, -daß das Bündnis mit den Nationen des Westens -dem russischen Volkstum erst seine wahre Ausdehnung -sichere, mit der staatlichen und wirtschaftlichen auch -die künftige seelische, sprechen von einer wichtigsten -Aufgabe der Weltgeschichte, die der Weltkrieg lösen -und die in einem Zusammenfließen von Osten und -Westen bestehen soll, über Deutschland hinweg. Aber -die Gegnerschaft gegen Liberalismus und Westlertum -im eigenen Lande ist da und lebt in der Sehnsucht der -Seelen, die nicht Wirtschaft wollen, sondern Glauben, -nicht europäische Ordnung, sondern russisches Chaos -und russische Universalität. Die religiöse Revolution, -deren Auslegung schon Mereschkowski gab, will -Wirklichkeit werden. Der jüngere Ssolowjoff verkündet -jetzt die religiöse Kultivierung der Welt und -deren Ausbreitung durch die russische Kirche. Rosanoff -verherrlicht die russische Trägheit und bringt sie in -einen ewigen Gegensatz zu der modernen futuristischen -Betriebsamkeit, die er in Deutschland zu verhaßter -Gegenwart geworden sieht. Der alte politische Nihilismus -kehrt als Mönchtum wieder, als Wunsch und -<a id="page-XXVII" class="pagenum" title="XXVII"></a> -Wille zu einer reinen und erneuerten Kirchlichkeit, -hinter der sich, noch von ferne und undeutlich, der alte -Gedanke einer russischen Allerweltskirche erhebt und zu -neuen politischen panslawistischen und byzantinischen -Schlußfolgen und Forderungen überleitet. Aber auch -für Rußland selbst taucht in einer Verbindung alter -demokratischer Neigungen des russischen Kirchentums -mit der Abneigung des Liberalismus gegen die absolute -Zarengewalt ein Gedanke auf, der nun freilich die -Rückgängigmachung einer der wichtigsten staatsrechtlichen -Errungenschaften Peters des Großen bedeuten -würde: die Idee, wieder einen Patriarchen, jenes -geistliche Oberhaupt, das Peter der Große abschaffte, -weil es das politische Selbstherrschertum der Zaren -hinderte, an die Spitze einer kirchlichen Hierarchie zu -setzen. Im Patriarchentum lag einst ein erster -russischer Sozialismus. Boris Godunoff hatte das -Patriarchat und die Leibeigenschaft eingeführt. Dann -hatte Peter das Patriarchat beseitigt und die Leibeigenschaft -verschärft. Und später war es der noch -absolute Zarenwille Alexanders des Zweiten, der die -liberale Aufhebung der Leibeigenschaft verfügte. Nun -kehrt die Entwicklung im Kreise von mannigfachen -Abwandlungen und Umwegen zu ihren Ausgängen zurück -und sucht Demokratisches und Autokratisches auf -eine neue und doch alte russische Weise zu vereinen. -Es sind geistespolitische Auseinandersetzungen, die bis -zu einem Grade nur das innere russische Schicksal angehen, -über diesen Grad aber auch uns, die wir in -Deutschland die mitteleuropäische Grenzscheide, nicht -nur von Westen und Osten, sondern auch von Atavismus -<a id="page-XXVIII" class="pagenum" title="XXVIII"></a> -und Modernität bilden und die Gegensätze von -Konservatismus und Liberalismus, Überlieferung und -Entwicklung, Ewigkeit und Zeitlichkeit in das Gleichgewicht -einer neuen Wirklichkeit zu bringen haben. -Wohin diese Auseinandersetzungen in Rußland führen -werden, kann niemand voraussehen: sicherlich zu -schweren seelischen Konflikten und Dilemmen, zu -Problemen, deren schwerstes immer darin bestehen -wird, daß Rußland durch Deutschland von Byzanz abgedrängt -worden ist – bis Rußland dann eines Tages -zu der Erkenntnis kommt, daß der innere Grund dieser -Abdrängung im Russentum selbst liegt, in der russischen -Geschichte, die Byzanz zu einer neuen europäisch-asiatischen -Form längst in Rußland verwirklicht hat. -</p> - -<p> -Darüber mögen Jahrhunderte vergehen. Aber -auch Städte und heilige Stätten vergessen sich in der -Erinnerung der Menschen. Schon heute hat Byzanz -diese neue Bedeutung für Rußland bekommen, daß aus -dem Machtproblem ein Wirtschaftsproblem geworden -ist. Damit wird Rußland sich abfinden müssen. Und -darüber werden, wie die Nachfahren der Kreuzritter -längst Jerusalem, wie die Deutschen, die im Mittelalter -das Erbe von Westrom tatsächlich besaßen und -verwalteten, heute längst Rom vergessen haben, auch -die Russen, die das Erbe von Ostrom antreten wollten, -schließlich Byzanz vergessen. -</p> - -<p class="sign"> -Moeller van den Bruck. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="intro" id="chapter-2-2"> -<a id="page-XXIX" class="pagenum" title="XXIX"></a> -Die religiöse Revolution -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ostojewski</span> starb am 28. Januar 1881. Es -scheint eine ewige Vorbedeutung darin zu liegen, daß -er gewissermaßen am Vorabend des 1. März 1881<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> -starb, gerade vor dem ersten Donnerschlage jenes -furchtbaren Gewitters, das jetzt bereits seit einem -Vierteljahrhundert heraufzieht und sich immer dunkler -über uns zusammenballt, – und daß die erste Gedächtnisfeier -seines Todestages, am 28. Januar 1906, -unter dem Getöse des endlich ausgebrochenen Sturmes -stattfinden mußte. Dostojewski trug selbst den Anfang -dieses Sturmes in sich, den Anfang der endlosen -Bewegung, obgleich er die Schutzwehr der endlosen -Unbeweglichkeit sein oder scheinen wollte: er war die -Revolution, die scheinbar Reaktion war. -</p> - -<p> -„Die zukünftige selbständige russische Idee ist bei uns -noch nicht geboren, doch die Erde ist unheimlich -schwanger mit ihr, und schon schickt sie sich an, sie unter -furchtbaren Qualen zu gebären,“ schrieb er kurz vor -seinem Tode. Dostojewski aber war der erste Schrei -dieser Qualen. -</p> - -<p> -„Ganz Rußland steht gewissermaßen an einem -Endpunkte und schwankt über dem Abgrund,“ schrieb -er im Jahre 1878. Immer wieder suchte Dostojewski -sich von diesem Abgrunde abzuwenden, und krampfhaft -klammerte er sich an den glatten Rand des Verderbens, -an die vermeintlich festen Felsen der Vergangenheit – -an Orthodoxie, Autokratie und Nationalität. Doch -<a id="page-XXX" class="pagenum" title="XXX"></a> -wenn er gesehen hätte, was wir heute sehen, würde er -dann begriffen haben, daß Orthodoxie, Autokratie und -Nationalität, so wie er sie verstand, nicht drei Felsen -sind, sondern drei Abgründe auf den unvermeidlichen -Wegen des heutigen Rußlands zum zukünftigen? Rußland -ging dorthin, wohin Dostojewski es rief, ging zu -dem, was Dostojewski für die Wahrheit hielt. Doch -da haben wir nun die Früchte dieser Wahrheit! Rußland -„schwankt“ heute nicht mehr über dem Abgrund, -heute stürzt es bereits in ihn hinab. Die Autokratie -stürzt zusammen. Die Orthodoxie ist gelähmter denn -je. Und die russische Nationalität steht heute nicht -mehr vor der Frage, ob sie einmal die erste in Europa -werden kann, sondern ob sie sich überhaupt noch zu erhalten -vermag. Auf welche Seite würde sich nun -Dostojewski stellen: auf die der Revolution oder die -der Reaktion? Oder würde er sich wirklich auch jetzt -nicht um seiner großen Wahrheit willen von seinem -großen Irrtume lossagen? -</p> - -<p> -Dostojewski ist der Prophet der russischen Revolution. -Doch, wie das häufig mit Propheten geschieht, -ihm selbst war der wahre Sinn seiner Prophezeiungen -verborgen. Ein unversöhnlicher Widerspruch klafft -zwischen der äußeren Schale und dem inneren Wesen -Dostojewskis. Von außen ist es die tote Schale zeitgebundenen -Irrtums; von innen – der lebendige Kern -ewiger Wahrheit. Wir müssen die Schale zerschlagen, -um ihr den Kern entnehmen zu können. Als die russische -Revolution vieles von dem, was bis dahin unzerstörbar-fest -erschien, zerschlug, vernichtete sie auch den -politischen Irrtum Dostojewskis. -</p> - -<p> -<a id="page-XXXI" class="pagenum" title="XXXI"></a> -Nicht wir werden ihn richten; das wird die Geschichte -tun. Wir aber, die wir ihn liebten, die wir -mit ihm untergingen, um uns mit ihm zu retten, -werden ihn vor diesem furchtbaren Gerichte nicht verlassen: -mit ihm werden wir verurteilt oder mit ihm -freigesprochen werden. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Einmal in der Kindheit, als er an einem klaren -Frühherbsttage ganz allein im Gestrüpp am Waldrande -stand, hörte er plötzlich inmitten der tiefen Stille -den lauten Schrei: „Ein Wolf kommt!“ – und außer -sich vor Schreck lief er schreiend auf das Feld hinaus, -geradenwegs zum pflügenden Bauer Marei; um im -vollen Lauf nicht zu fallen, ergriff er hastig mit einer -Hand die Pflugstange und mit der anderen den Ärmel -des Bauern. Der beruhigte ihn: „... Geh doch! wo -denn? Was für ’n Wolf soll denn – ... Ist dir ja -nur so vorgekommen! ... Ich werde dich schon nicht -vom Wolf rauben lassen ... Christus ist mit dir!“ -Und „fast mütterlich lächelnd“ bekreuzte der Bauer -„mit seinen erdigen Fingern“ den Knaben. -</p> - -<p> -In dieser Erinnerung ist das ganze religiöse Leben -Dostojewskis enthalten. Der kleine Fedjä wuchs auf -und wurde zu einem großen Schriftsteller. Mit Fedjä -wuchs auch der Bauer Marei zu einem großen „Gotträger-Volk“. -Doch die geheimnisvolle Verbindung -zwischen ihnen blieb. Seit der Zeit hörte Dostojewski -oftmals den Schrei: Ein Wolf kommt! Das Tier -<a id="page-XXXII" class="pagenum" title="XXXII"></a> -kommt! Der Antichrist kommt! – und jedesmal stürzte -er dann außer sich vor Schreck zum Bauer Marei, der -ihn wieder beschützte und „mit fast mütterlichem -Lächeln“ beruhigte, der „ich werde dich schon nicht -von dem Wolf rauben lassen“ zu ihm sagte, ein -„Christus ist mit dir!“ zu ihm sprach und ihn bekreuzte. -Das war die wahre Taufe Dostojewskis – nicht in -der Kirche, sondern auf freiem Felde, nicht mit heiligem -Wasser, sondern mit heiliger Erde. -</p> - -<p> -Worin liegt nun eigentlich die Kraft des Bauern -Marei, der vor dem „Wolf“, dem Tier-Antichrist beschützen -kann? In der heiligen Erde Gottes liegt sie, -in der feuchten Muttererde, die sich dort, wo der Horizont -sich hinzieht, mit dem heiligen Himmel Gottes -vereinigt. In dieser letzten zukünftigen, noch nicht vollzogenen, -jedoch möglichen Vereinigung des Bauerntums -mit dem Christentum, der Wahrheit der Erde mit -der Wahrheit des Himmels, liegt die religiöse Kraft -des Bauern Marei. Er ist, gleich dem Recken Mikula -Sseljäninowitsch in unseren alten Sagen, der Held -der dunklen Tiefen unserer Erde, und zu gleicher Zeit -der neue Sswjätogor, der Held der Berges- und -Sternenhöhen. Er ist der heilige Georg, der „Besieger -des Drachens, des uralten Wurmes“. Er ist – das russische -„Gotträger-Volk“ selbst. Bauerntum ist Christentum, -oder vielleicht ist es auch umgekehrt: Christentum -ist Bauerntum. Doch nicht das alte, staatliche, -byzantinische, griechisch-russische, wohl aber das junge, -freie, volkliche Bauernchristentum ist – die „Rechtgläubigkeit“. -Dies ist der Grundgedanke Dostojewskis. -„Das russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit. -<a id="page-XXXIII" class="pagenum" title="XXXIII"></a> -Die ist alles, was es hat. Doch mehr braucht es auch -nicht, denn seine Rechtgläubigkeit ist – alles. Wer -die nicht versteht, der wird auch von unserem Volke -nichts verstehen; ja, der wird das russische Volk nicht -einmal lieben können.“ -</p> - -<p> -In diesem Grundgedanken liegt zugleich der Grundirrtum -Dostojewskis. Er nimmt Zukünftiges für Gegenwärtiges, -Mögliches für Wirkliches, sein neues apokalyptisches -Christentum für die alte historische Orthodoxie. -</p> - -<p> -Das Bauerntum will Christentum werden, doch ist -es das noch nicht geworden. Die Wahrheit der Erde -will sich mit der Wahrheit des Himmels vereinigen, -doch noch hat sie sich nicht mit ihr vereinigt: für das -historische Christentum, die Orthodoxie, hat sich diese -Vereinigung als unmöglich erwiesen. Und noch niemals -ist das Bauerntum dem Christentum so entgegengesetzt -gewesen wie in der jetzigen Zeit. Als das -Christentum sich in den Himmel zurückzog, verließ es -die Erde; und das Bauerntum, das an der Erdenwahrheit -verzweifelte, ist jetzt bereit, auch an der -Himmelswahrheit zu verzweifeln. Die Erde ist ohne -Himmel, der Himmel ist ohne Erde; Erde und Himmel -drohen, in ein uferloses Chaos ineinanderzufließen. -Und wer kann wissen, wo der Boden dieses Chaos -ist, dieses klaffenden Abgrunds, der sich zwischen Erde -und Himmel, zwischen Bauerntum und Christentum -aufgetan hat? -</p> - -<p> -Aus diesem einen Grundirrtum ergeben sich auch -alle übrigen Täuschungen oder Selbsttäuschungen -Dostojewskis. Derselbe Irrtum, der in seiner Auffassung -<a id="page-XXXIV" class="pagenum" title="XXXIV"></a> -des russischen volkstümlichen Christentums liegt, -liegt auch in seiner Auffassung der Beziehung dieses -Christentums zur allgemeinen Aufklärung: er verwechselt -das Zukünftige mit dem Gegenwärtigen, das -Mögliche mit dem bereits Vorhandenen, das Apokalyptische -mit dem Historischen. Worin besteht nun die -Besonderheit der Orthodoxie oder, wie Dostojewski -sagt, des „russischen Christus“? -</p> - -<p> -Er gibt mehrere Definitionen der Rechtgläubigkeit, -doch keine befriedigt ihn vollkommen. -</p> - -<p> -„In der ganzen Welt gibt es keinen anderen -Namen, denn seinen – den Namen Christi –, der -uns erlösen kann,“ das wäre, wie er meint, die „Hauptidee -der Rechtgläubigkeit“. Nur ist das eine viel zu -allgemeine Definition: sie umfaßt nicht nur das orthodoxe, -sondern auch das katholische und protestantische -sowie überhaupt jedes christliche Glaubensbekenntnis; -denn sie alle erkennen, ganz wie die Orthodoxie, den -Namen Christi als den einzigen erlösenden an. -</p> - -<p> -Schließlich aber fand er eine für seine persönliche -Religion allerdings tiefere und genauere, für die -Orthodoxie aber durchaus falsche Definition. Die -östliche Orthodoxie sei, wie er meint, die universale -<em>geistige</em> Vereinigung der Menschen in Christo; das -westliche, römisch-katholische, päpstliche Christentum -aber sei dem östlichen gerade entgegengesetzt. Er sagt: -„Das römische Papsttum verkündete, daß das Christentum -und seine Idee ohne die universale Beherrschung -der Länder und Völker – <em>nicht geistig, sondern -staatlich</em> – auf Erden nicht zu verwirklichen -sei. Auf diese Weise ist das östliche Ideal: zuerst die -<a id="page-XXXV" class="pagenum" title="XXXV"></a> -geistige Vereinigung der Menschheit in Christo anstreben, -und dann erst, kraft dieser geistigen Vereinigung -aller in Christo, die zweifellos sich aus ihr ergebende -rechte staatliche wie soziale Vereinigung zu verwirklichen. -Nach der römischen Auffassung ist das Ideal dagegen -das Umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche -Vereinigung in der Form einer universalen Monarchie -zu sichern und dann, nachher, meinetwegen auch eine -geistige Vereinigung zustande zu bringen unter der -Obrigkeit des Papstes, des Herrn dieser Welt.“ -</p> - -<p> -Hierbei fällt einem infolge des zweideutigen Gebrauchs -des Wortes „Staat“ oder „staatlich“ eine -gewisse Unklarheit auf. Zuerst ist der „Staat“ als -Reich Gottes, als <em>Theokratie</em> aufgefaßt, d. h. als -durchaus freies, nur auf Liebe begründetes Gemeinwesen, -das jede äußere vergewaltigende Macht verneint -und folglich allen bis jetzt in der Geschichte bekannten -Staatsformen vollkommen unähnlich ist; im -zweiten Fall aber versteht Dostojewski darunter eine -äußere, vergewaltigende Macht, eine Herrschaft von -dieser Welt, das Reich des Teufels – die <em>Dämonokratie</em>. -Hätte nun Dostojewski diese Zweideutigkeit -nicht zugelassen und die Entgegenstellung der -brüderlichen, freien Vereinigung gedanklich zu Ende -geführt, so hätte sich auch für ihn ein völlig unerwarteter, -doch ganz unvermeidlicher Folgeschluß ergeben, -und zwar: die vollständige Verneinung jeder -äußeren staatlichen Macht, jedes Reiches, jeder Herrschaft -auf Erden im Namen des Königs aller Könige, -des Herrschers aller Herrscher: die volle <em>Anarchie</em>, -– natürlich nicht die Anarchie im alten oberflächlichen, -<a id="page-XXXVI" class="pagenum" title="XXXVI"></a> -sozialpolitischen, sondern im neuen, viel tieferen, -religiösen Sinne, eine universale Monarchie als Weg -zur universalen Theokratie, die Herrschaftslosigkeit als -Weg zur Gottherrschaft. -</p> - -<p> -Es ist aber kaum anzunehmen, daß Dostojewski sich -entschlossen haben würde, zu behaupten, die theokratische -Anarchie sei das Ideal des östlichen und speziell -des russischen Christentums, der Rechtgläubigkeit. Was -aber nicht im religiösen Ideal ist, das ist natürlich -auch nicht in der religiösen Wirklichkeit und kann es -ja auch gar nicht sein: unbedingter Gehorsam allen -weltlichen Machthabern, völliger Verzicht auf brüderliche -und freie Gemeinsamkeit, vollständige Unterjochung -der Kirche durch den Staat – das ist die historische -Wirklichkeit der Orthodoxie. Im Westen kam es zum -Kampf der geistlichen Macht mit der weltlichen, des -neuen christlichen Ideals einer universalen Theokratie -mit dem altrömischen, heidnischen Ideal einer universalen -Monarchie; das römische Kirchenoberhaupt mußte -sein anfängliches christliches Ideal verraten, um sich in -einen römischen Cäsar verwandeln zu können. Im -Osten ging die Verzichtleistung auf die christliche Freiheit -im öffentlichen Leben, d. h. ging der Sieg des -heidnischen Staates über die christliche Kirche ohne -jeden Kampf vor sich und ohne jeden Verrat; denn es -gab nichts, wogegen man hätte kämpfen müssen, bzw. -was man hätte verraten können – aus Mangel an -einer Idee einer allgemeinen Heiligkeit im Ideale der -Rechtgläubigkeit selbst. Die historische Wirklichkeit ist -dem historischen Schema Dostojewskis vollkommen -entgegengesetzt: die Idee der universalen geistigen Vereinigung -<a id="page-XXXVII" class="pagenum" title="XXXVII"></a> -der Menschheit in Christo hat nur in der westlichen -Hälfte des Christentums, im Katholizismus, -existiert – wenn auch ihre Realisierungsversuche -schließlich erfolglos geblieben sind, während die östliche -Orthodoxie von dieser Idee sich nicht einmal hat -träumen lassen. Hier im Osten ist der römische Cäsar, -der Selbstherrscher im heidnischen Sinne, der „Erdengott“, -der „Mensch-Gott“, auch im Christentum das -geblieben, was er vor dem Christentum war. Und -keine Vergewaltigung, keine Religionsspötterei, keine -Willkür der autokratischen Macht hat es hier gegeben, -die die orthodoxe Kirche nicht gesegnet hätte. Die -letzte Grenze dieser Macht ist in der natürlichen Fortsetzung -und Vollendung des Oströmischen Reiches, in -der russischen Autokratie erreicht. Und wenn die staatliche -Macht der Päpste Dostojewski eine Lossagung -von Christus erscheint, so müßte ihm die russische -Autokratie als der gerade und breite Weg zur Herrschaft -des Antichrist erscheinen. Die Autokratie aber -dem Papsttum als geistige christliche Freiheit der staatlichen -heidnischen Vergewaltigung, als Theokratie der -Demokratie gegenüberstellen, heißt das Schwarze weiß -machen und das Weiße schwarz. -</p> - -<p> -Schließlich begriff Dostojewski aber doch, daß man, -wenn man auf dem Boden der Rechtgläubigkeit blieb, -im „russischen Christ“ keine universale Bedeutung finden -konnte. Da verließ er denn die Kirche und wandte -sich der russischen Aufklärung, ihren zwei größten -Repräsentanten, zu – Peter und Puschkin. -</p> - -<p> -In den Reformen Peters findet Dostojewski „eine -hervorragend synthetische Begabung, die Fähigkeit zur -<a id="page-XXXVIII" class="pagenum" title="XXXVIII"></a> -Allversöhnung, zur Allmenschheit“. „Der Russe kennt -keine europäische Begrenztheit. Er lebt sich mit allem -ein und lebt sich in alles ein. Allem Menschlichen, -wenn es auch außerhalb seiner Nationalität, seines -Blutes und Bodens steht, kann er nachfühlen. Sein -Instinkt errät sofort den allmenschlichen Zug selbst in -den schroffsten Sonderheiten anderer Völker: sofort -vergleicht, versöhnt er sie in seiner Idee, und nicht selten -findet er einen Einigungs- und Versöhnungspunkt in -vollkommen entgegengesetzten feindlichen Ideen zweier -ganz verschiedener europäischer Nationen.“ -</p> - -<p> -„... Dort, in Europa, lebt jede nationale Persönlichkeit -einzig für sich und in sich; wir aber werden, -wenn unsere Zeit anbricht, gerade damit beginnen, daß -wir die Diener aller werden, um der allgemeinen Versöhnung -willen. Und darin besteht unsere Größe, denn -all das führt zur endgültigen Vereinigung der Menschheit. -Wer der Erste im Reiche Gottes sein will – -der werde der Diener aller. So verstehe ich die -russische Bestimmung in ihrem Ideal.“ -</p> - -<p> -Dieselbe russische Besonderheit sieht Dostojewski -auch in Puschkin: „Wir begriffen in ihm, daß das -russische Ideal – Ganzheit, Allheit, Allversöhnung, -Allmenschheit ist.“ -</p> - -<p> -Peter gab die staatliche, Puschkin die ästhetische -Form der russischen „Allmenschheit“; Dostojewski war -es vorbehalten, den religiösen Inhalt in diese Form zu -gießen. Die Allmenschheit, als Übergang zur Gottmenschheit, -die Vereinigung der Welt Christi mit der -universalen Aufklärung ist nur möglich, wenn in der -letzteren die Grundlage der Welt Christi enthalten ist: -<a id="page-XXXIX" class="pagenum" title="XXXIX"></a> -in der Allmenschheit – Gottmenschheit, die in ihrer -ganzen Größe zu offenbaren eben der christlichen Erkenntnis -bevorsteht. Doch braucht dabei das geringe -Vorhandensein oder der völlige Mangel dieser christlichen -Erkenntnis in der heutigen europäischen Kultur -– in der Wissenschaft, Philosophie, Kunst, im öffentlichen -Leben überhaupt – nicht zu beunruhigen: der -Hauptunterschied der Allmenschheit, als Übergang und -Mittel, von der Gottmenschheit, als Ziel, besteht ja -gerade darin, daß in der ersten, in der Allmenschheit, -das Menschliche mit dem Göttlichen noch nicht durch -die religiöse Erkenntnis verbunden ist, während im -zweiten, in der Gottmenschheit, die Vereinigung sich -schon endgültig vollzogen hat. Dostojewski stand nun -vor der Aufgabe, das Unvereinbare zu vereinigen, zu -zeigen, daß die europäische Kultur außerhalb Christi -und scheinbar sogar gegen Christus, dennoch zu Christus -geht, vom gekommenen Christ zum kommenden Christ, -und daß folglich die Wege Rußlands und Europas, -trotz aller scheinbaren zeitweiligen Abweichungen, ein -und derselbe ewige Weg sind. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -In der politischen Tat fand Dostojewski, was er -in der religiösen Anschauung nicht finden konnte, – -die Definition der Rechtgläubigkeit. -</p> - -<p> -Es könnte noch die Frage sein, ob Dostojewski selbst -die Anschauungen seines Helden in den „Dämonen“ -teilt, wenn er sie nicht in dem „Tagebuch eines Schriftstellers“ -<a id="page-XXXX" class="pagenum" title="XXXX"></a> -wiederholte: „Jedes große Volk glaubt und -muß glauben, daß in ihm und nur in ihm allein die -Rettung der Welt liegt, daß es bloß lebt, um an die -Spitze aller Völker zu treten und sie zu dem letzten -Ziele, das ihnen allen vorbestimmt ist, zu führen ... -Der große Eigendünkel, der Glaube, daß man das letzte -Wort der Welt sagen will und kann, ist das Unterpfand -des höchsten Lebens einer Nation.“ -</p> - -<p> -So ist denn die Rechtgläubigkeit, ist das wahre -Christentum nach Dostojewskis Meinung der „große -Eigendünkel“ des russischen Volkes, der Glaube an sich -selbst, wie an Gott; denn er sagt doch, daß der russische -Gott, oder der „russische Christus“, nichts anderes sei -als die „synthetische Persönlichkeit“ des russischen -Volkes. Folglich kann man an die Stelle der früheren -Formel: „das russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit“, -die umgekehrte Formel setzen: „die ganze -Rechtgläubigkeit ruht im russischen Volke“. Nur dann, -wenn Rußland mit seinem Gott, mit seinem Christ „alle -anderen Götter und Christusse besiegt und aus der Welt -vertrieben haben wird“, kann oder wird der „russische -Christus“ zum Christus der ganzen Welt werden. Wenn -aber Gott nur die „synthetische Persönlichkeit des -Volkes“ ist, so ist nicht das Volk der Leib Gottes, -sondern Gott der Leib, die Fleischwerdung der Volksseele; -dann erhält nicht das Volk sein Dasein von Gott, -sondern erhält Gott sein Dasein vom Volk. Dann -hat nicht Gott das Volk geschaffen, sondern das Volk -und überhaupt die Menschheit, d. h. der Mensch, hat -Gott geschaffen, nach seinem, des Menschen, Ebenbilde. -Das Volk ist absolut; Gott ist relativ. Folglich sind -<a id="page-XXXXI" class="pagenum" title="XXXXI"></a> -alle Religionen – nur Mythologien, nur scheingöttliche -Ebenbilder der menschlichen Wahrheit. Also hat der -Atheist Feuerbach recht, wenn er behauptet, daß der -Mensch in Gott sich selbst so lange verehrt, bis er erkennt, -daß er, der Mensch, selbst Gott ist und es einen -anderen Gott außer ihm überhaupt nicht gibt. -</p> - -<p> -Das schrecklichste ist ja, daß, wer an den „russischen -Christus“, an den „russischen Gott“, glaubt, nicht an -das wahre Gotteswort, an den universalen Christ -glauben kann. Die vermeintliche Gottmenschheit, oder -„Volkgottheit“, ist, ebenso wie die wahre Menschgottheit, -der sichere Weg zur Gottlosigkeit. Die religiöse Tragödie -Dostojewskis besteht darin, daß er, dessen wahre -Religion nicht die Orthodoxie war, glaubte, ein -Nicht-rechtgläubiger könne auch nicht Russe sein, aber -aus Furcht vor dem ewigen Schrei: „ein Wolf kommt!“ -den Bauer Marei nicht auf einen Augenblick zu verlassen -wagte. Der kleine Fedjä täuschte sich: dieser -ewige Schrei ertönte nicht neben ihm, sondern in ihm; -es war der erste Schrei des letzten Entsetzens: „das -Tier kommt, der Antichrist kommt!“ Vor diesem Entsetzen -konnte ihn der Bauer Marei (das russische Volk) -nicht retten; denn nachdem er der „russische Christ“ -geworden ist, der Doppelgänger Christi, hat er sich in -ein Tier verwandelt, in den Antichrist, denn der Antichrist -ist der Doppelgänger Christi. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -In der Autokratie vollendete sich für Dostojewski -das, was bei ihm in der Orthodoxie begonnen hatte: -<a id="page-XXXXII" class="pagenum" title="XXXXII"></a> -die Verwechslung der Menschgottheit mit der Gottmenschheit. -</p> - -<p> -Der Zar sei unserem Volk der Vater und das Volk -verhalte sich wie ein Kind zu ihm. „Hierin liegt eine -überaus tiefe, ursprüngliche Idee ... Der Zar ist für -das Volk nicht eine äußere Kraft, nicht die Macht -irgendeines Besiegers, sondern ist eine allvolkliche, -allvereinende Kraft, die das Volk selbst begehrt, die es -in seinem Herzen großgezogen, für die es gezittert hat; -denn nur von ihr allein erwartete es seinen Auszug -aus Ägypten. Für das Volk ist der Zar die eigene -Fleischwerdung, die Inkarnation seiner Idee, seiner -Hoffnungen und seines Glaubens. Das Verhältnis -des russischen Volkes zu seinem Zaren ist der ureigenste -Zug, der unser Volk von allen anderen Völkern Europas -und der ganzen Welt unterscheidet ... Diese Idee -enthält eine so große Kraft, daß sie natürlich unsere -ganze weitere geschichtliche Entwicklung beeinflussen -wird ... Ja, genau genommen haben wir in Rußland -überhaupt keine andere Kraft, die uns erhält und leitet, -als diese organische lebendige Verbindung des Volkes -mit seinem Zaren, und aus ihr allein entsteht bei -uns alles.“ -</p> - -<p> -Wie soll man nun die Behauptung Dostojewskis: -„das russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit, -außer ihr hat es nichts und braucht es auch nichts, denn -die Rechtgläubigkeit ist alles“, mit dieser neuen Behauptung: -„das russische Volk ruht ganz in der Autokratie, -die ist alles, was es hat, doch mehr braucht es -auch nicht, denn die Autokratie ist alles“, vereinigen? -Entweder heben sich diese Behauptungen gegenseitig -<a id="page-XXXXIII" class="pagenum" title="XXXXIII"></a> -auf, oder sie verbinden sich zu einer dritten: Autokratie -und Rechtgläubigkeit sind in ihrem letzten Wesen ein -und dasselbe. Die Autokratie ist der Leib und die -Rechtgläubigkeit ist die Seele. Die Autokratie ist -ebenso eine absolute, ewige, göttliche Wahrheit, wie die -Rechtgläubigkeit. Und ebendies ist jenes „neue -Wort“, das das russische „Gottträger-Volk“ der Welt -zu sagen berufen ist. -</p> - -<p> -Die Autokratie wie die Orthodoxie hat Rußland -von Byzanz geerbt, vom zweiten christlichen Rom, das -sie seinerseits vom ersten, dem heidnischen Rom, geerbt -hatte. Auch im Heidentum war die Idee der -Autokratie in ihrer letzten Tiefe keine bloß politische, -sondern zugleich eine religiöse Idee. Die unumschränkte -Macht des römischen Kaisers über das Imperium, -die Macht eines Menschen über die ganze -Menschheit, schien eine göttliche Macht, und der -Mensch, der diese Macht besaß, schien kein Mensch -sondern ein Gott zu sein, ein Erdengott, der dem -Himmelsgott gleichkam. So ergab sich die Apotheose -des römischen Kaisers: Divus Cäsar, göttlicher Cäsar, -Cäsar-Gott, Mensch-Gott. Doch unter der Maske des -Gottes verbarg sich das Gesicht des Tier-Nero, des -Tiberius, des Caligula. Und in dem Augenblick, als -auf dem strahlenden Gipfel des Imperiums in den -Prunkgemächern der römischen Cäsaren der Mensch -zum Gott wurde, da geschah es, daß zu Bethlehem in -einer dunklen unterirdischen Höhle bei Hirten Gott -zum Menschen ward – da ward Christus geboren. -Nach Dostojewskis Worten geschah „der Zusammenstoß -zweier denkbar entgegengesetzter Ideen, der entgegengesetztesten, -<a id="page-XXXXIV" class="pagenum" title="XXXXIV"></a> -die es überhaupt auf der Erde geben -konnte: der Menschgott stieß auf den Gottmenschen, -Apollo auf – Christus.“ -</p> - -<p> -Wodurch wurde dieser Zusammenstoß entschieden? -Wer siegte? – Niemand. „Es ergab sich ein Kompromiß,“ -antwortet Dostojewski. Ein „Kompromiß“, -d. h. ein ungeheuerlicher Vertrag zwischen dem Gottmenschen -und dem Tier-Gott. Solange die Autokratie -noch heidnisch blieb, starben die christlichen Märtyrer -lieber, als daß sie das Tier in der Person des Kaisers -anbeteten. Als jedoch die Autokratie das „Christentum“ -annahm, natürlich nur dem Namen nach, denn -seinem Wesen nach kann die Herrschaft des Tieres -nicht die Herrschaft Christi sein, da nahm die Kirche -ihrerseits wiederum die Autokratie an, beugte sich vor -dem römischen Cäsar und segnete das Tier mit dem -Namen Christi. Dostojewski behauptet, dieses sei nur -im Westen, im Katholizismus, geschehen, keineswegs -aber im Osten, in der Orthodoxie. Doch diese Behauptung -ist ein Irrtum oder ein Selbstbetrug Dostojewskis. -Im Westen wie im Osten geschah ein und -dasselbe, wenn auch in zwei entgegengesetzten Richtungen: -im Westen verwandelte sich die Kirche in einen -Staat, der Papst, der christliche Erzpriester, wurde zum -römischen Cäsar; im Osten verwandelte sich der Staat -in eine Kirche, die er verschlang, der russische Kaiser -wurde zum christlichen Erzpriester, wurde das Kirchenoberhaupt, -„der oberste Richter der Kirchenangelegenheiten“, -nach den Worten Peters des Großen in dem -Reglement des Heiligen Synod. Doch hier wie dort -geschah die gleiche Verwechslung dessen, was des -<a id="page-XXXXV" class="pagenum" title="XXXXV"></a> -Kaisers ist, mit dem, was Gottes ist, nur mit dem -Unterschiede, daß im Westen durch den – wenn auch -mißlungenen – Versuch einer Theokratie, durch den -Kampf der geistlichen Macht mit der weltlichen, der -Päpste mit den Kaisern, die religiöse Idee des römischen -Imperiums geschwächt wurde; während im -Osten diese Idee, da sie auf keine Hindernisse stieß, -sich entwickelte, auswuchs und schließlich ihre letzte -universal-historische Vollendung in dem dritten Rom, -in der russischen „orthodoxen Autokratie“ erreichte. -Die alte heidnische Maske der Menschgottheit wurde -durch die neue christliche Maske der Gottmenschheit -ersetzt; doch das wahre Gesicht blieb dasselbe – die -Fratze des Tieres. Und nirgendwo in der Welt ist -die Herrschaft des Tieres so grausam, so gottlos und -glaubenslästerlich gewesen wie gerade hier, in der -russischen Autokratie. -</p> - -<p> -Die rechtgläubige Kirche weiß selbst nicht, was sie -tut, wenn sie die Nachfolger des römischen Tieres -„Christen“, d. h. die „Gottgesalbten“, nennt. Sollte -sie es aber einmal erfahren und sich dann doch nicht -von der Autokratie lossagen, so könnte sie von sich dasselbe -sagen, was der Großinquisitor Dostojewskis zu -Christus von der römischen Kirche sagt. -</p> - -<p> -„Wir sind nicht mit dir, sondern mit <em>ihm</em> (mit -dem Teufel), das ist unser Geheimnis! ... Wir -nahmen von ihm das, was du unwillig verschmähtest, -jenes Letzte, das er dir anbot, als er dir alle Erdenreiche -zeigte: wir nahmen von ihm Rom und das -Schwert des Kaisers.“ -</p> - -<p> -Womit sonst, wenn nicht mit dem Schwert des -<a id="page-XXXXVI" class="pagenum" title="XXXXVI"></a> -Kaisers, muß nun die orthodoxe Autokratie Konstantinopel -erobern und das letzte dritte Rom gründen – -„die Erde mit Blut überschwemmend“? Daß in der -auswärtigen Politik das Angesicht der Autokratie das -Gesicht des Tieres ist, daran zweifelte, wie’s scheint, -selbst Dostojewski nicht. Nur glaubte er gleichzeitig, -daß das Gesicht des Tieres in der inneren Politik, also -das zu Rußland gewandte, das Angesicht Gottes werden -würde. Er versichert, daß bei uns die allergrößte -bürgerliche Freiheit sich ausbilden könne, und zwar -„gerade auf diesem selben unerschütterlichen Boden -(auf der Autokratie) wird sie sich aufbauen. Nicht -durch ein geschriebenes Gesetz wird sie sich bilden, -sondern einzig auf Grund der kindlichen Liebe des -Volkes zum Zaren, als zu seinem Vater; denn Kindern -kann man vieles erlauben, was bei anderen Völkern, -die nach Gesetzen leben, undenkbar ist; Kindern kann -man so viel anvertrauen, wie es noch in keinem Staate -erlebt worden ist, denn die Kinder werden ihren Vater -nicht verraten.“ „Ja, zu unserem Volke kann man -Zutrauen haben, denn es ist dessen würdig.“ -</p> - -<p> -Übrigens hat Dostojewski, wie es scheint, selbst -gefühlt, daß etwas in diesen Gedanken über das Zutrauen -des Zaren zum Volke nicht stimmte, etwas, das -nicht so sehr jenem „unerschütterlichen Boden“ gleicht -als jenem Abgrund, über dem der „Eherne Reiter“<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> -mit seinem Zügelruck Rußland zum Aufbäumen gebracht -hat. -</p> - -<p> -„Ich bin der Diener des Zaren. Ich werde noch -<a id="page-XXXXVII" class="pagenum" title="XXXXVII"></a> -mehr sein Diener sein, wenn er wirklich glauben wollte, -daß das Volk sich zu ihm wie ein Kind verhält. Woran -mag es nur liegen, daß er, wie es doch scheint, noch -immer nicht daran glaubt?“ schrieb er wenige Tage -vor seinem Tode. -</p> - -<p> -Warum glaubte er denn nicht daran, und wird er -vielleicht niemals daran glauben? – das ist die Frage, -die Dostojewski hätte beantworten müssen. Aber er -kam nicht dazu, – er starb. Und kaum war er gestorben, -da rollte auch schon der erste Donnerschlag der -großen russischen Revolution durch die Welt. Ein -Vierteljahrhundert zog das Gewitter herauf, doch erst -jetzt, zur fünfundzwanzigjährigen Gedächtnisfeier Dostojewskis, -beginnt es, sich zu entladen. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Alle Irrtümer Dostojewskis ergeben sich daraus, -daß er die Widerstandskraft, die der Staat der Kirche -entgegensetzt, überhaupt nicht beachtet. Diese Widerstandskraft -kommt der ganzen Lebenskraft des Staates -gleich: das Leben der Kirche – ist der Tod des Staates, -das Leben des Staates – ist der Tod der Kirche. -</p> - -<p> -„Glaubt mir, wir haben nicht nur einen absoluten -Staat überhaupt noch nicht gesehen, sondern nicht einmal -einen mehr oder weniger vollendeten. Alle blieben -sie Embryos!“ Diese rätselhaften Worte, die Dostojewski -kurz vor seinem Tode niederschrieb, weisen auf -einen tiefen und verborgenen Gedankengang hin. Wenn -es den einzelnen „Embryos“ bestimmt ist, sich zu einem -<a id="page-XXXXVIII" class="pagenum" title="XXXXVIII"></a> -einzigen zukünftigen „vollendeten und absoluten“ Staat -zu entwickeln: ist dieser Staat dann nicht vielleicht das -in der Apokalypse geweissagte „Große Babylon, die -Mutter aller irdischen Greuel“ – jene universale Monarchie, -die Pseudotheokratie, die Herrschaft als Kirche, -mit der sogar Dostojewski zuweilen die wahre Theokratie, -die Kirche als Herrschaft, verwechselt? -</p> - -<p> -Dann aber, wenn dieser „absolute Staat“ historische -Wirklichkeit wird, dann wird sich auch die „absolute -Kirche“ verwirklichen, das absolute, religiöse -Gemeinwesen, die geliebte Stadt. Und zwischen diesen -zwei Herrschaften wird, wiederum hier auf Erden, zu -Ende der universalen Geschichte, doch bis zum Ende -der Welt, der letzte Kampf vor sich gehen. -</p> - -<p> -„Der Antichrist wird kommen und sich auf die -Anarchie stützen,“ sagt Dostojewski gleichfalls kurz vor -seinem Tode. Das ist nicht ganz richtig. Der Antichrist -wird kommen, wird aus der Anarchie hervorgehen, -doch sich nicht auf die Anarchie, sondern auf die -Monarchie stützen, nicht auf die Herrscherlosigkeit, -sondern auf die Einherrschaft, die Selbstherrschaft. -Der Antichrist wird der letzte und größte Selbstherrscher -sein, der Namensusurpator Christi. Und in diesem -Sinne sind alle historischen Selbstherrschaften, alle -historischen Staaten nur kleine „Embryos“ des apokalyptischen -Staates, der Selbstherrschaft des Antichrists. -</p> - -<p> -Der Antichrist ist Usurpator, Pseudozar, denn der -einzige wahre Zar ist – Christus. Im letzten Kampf -des Staates mit der Kirche wird dann jener Kampf des -Pseudozaren mit dem wahrhaften Zaren vor sich gehen, -des Tieres mit dem Lamm, von dem gesagt ist: „Sie (die -<a id="page-XXXXIX" class="pagenum" title="XXXXIX"></a> -Selbstherrscher, die Diener des Antichrists) werden ihre -Kraft und Macht dem Tiere geben. Sie werden Kampf -führen mit dem Lamm, und das Lamm wird sie besiegen, -denn Er ist der Herr der Herrschenden und der -König der Könige.“ -</p> - -<p> -Entweder ist das theokratische Bewußtsein noch -nicht geboren, und dann ist das „Also geschehe es!“ des -Mönches Sossima und Dostojewskis vergeblich; denn -es wird nur das sein, was gewesen ist – endlose -Verwechslung der Kirche mit dem Staate. Oder -dieses Bewußtsein ist schon geboren, und dann beginnt -in ihm der letzte Kampf des Lammes mit dem Tier. -Und die Spitze des Schwertes Christi, das zu diesem -Kampfe erhoben ist, ist das erste prophetische Wort der -großen russischen religiösen Revolution, das Wort, das -nicht umsonst gerade von uns, den Schülern Dostojewskis, -ausgeht: Selbstherrschaft ist vom Antichrist. -</p> - -<p> -Wie konnte Dostojewski dieses Wort nicht aussprechen, -wie konnte er seine größte Wahrheit unter -dem größten Irrtum verbergen, seine religiöse Revolution -unter politischer Reaktion, das Antlitz des -heiligen Eiferers, des alten Sossima, unter der Maske -des verfluchten Vergewaltigers, des Großinquisitors? -Wie konnte er die Selbstherrschaft, die Herrschaft des -Teufels, für die Herrschaft Gottes halten? -</p> - -<p> -„Der Staat verwandelt sich in Kirche“ – und -„das ist die große Bestimmung der Rechtgläubigkeit“, -so führt der Bruder Païssij die apokalyptische Verheißung -– „Also geschehe es!“ – seines Lehrers zu -historischer Realität. -</p> - -<p> -Dies ist der große Irrtum Dostojewskis, die Quelle -<a id="page-L" class="pagenum" title="L"></a> -der unüberwindlichen Furcht, die ihn veranlaßte, sein -neues Gesicht unter alter Maske zu verbergen, seinen -neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Er glaubte -oder wollte glauben, seine Religion sei Orthodoxie. -Doch seine wahre Religion war, wenn auch noch nicht -im Bewußtsein, so doch in den tiefsten unbewußten -Erlebnissen, keineswegs Orthodoxie, und auch nicht das -historische Christentum, ja, war nicht einmal Christentum -überhaupt, sondern das, was nach dem Christentum -sein wird, nach dem Neuen Testament – war -Apokalypse, das nahende Dritte Testament, die Offenbarung -der dritten Person der Dreieinigkeit Gottes, war -die Religion des Heiligen Geistes. -</p> - -<p> -Das Christentum ist die Offenbarung der einzigen -gottmenschlichen Persönlichkeit; dies ist der Grund, -warum die wahrhafte christliche Heiligkeit eine vorzugsweise -persönliche, innerliche, einsame, nicht gemeinsame -Heiligkeit ist; und dies ist auch der Grund, warum -alle Versuche, die Gemeinsamkeit in das Christentum -einzuschließen, so fruchtlos geblieben sind, denn die Gemeinsamkeit -ist die Basis der Vielheit und ihrem Wesen -nach, wenn auch nicht ein Widerspruch, so doch das -Entgegengesetzte der Grundlage der Einheit, der Grundlage -der Persönlichkeit. Nicht in das Christentum, -sondern nur in die Religion der Dreieinigkeit, aller -drei – der göttlichen Vielheit, die sich in der göttlichen -Einheit offenbart – schließt sich auch die menschliche -Vielheit, die Gesamtheit der Persönlichkeiten ein: -die heilige Gemeinsamkeit. Nur in die Religion der -heiligen Erde schließt sich natürlicherweise auch die -universale Vereinigung und Einrichtung der Menschen -<a id="page-LI" class="pagenum" title="LI"></a> -auf Erden ein – in die Kirche als Staat. Im Christentum -ist die Kirche ein himmlisches Reich – ein erdenloses, -geistiges, körperloses. In der Religion des -Heiligen Geistes ist die Kirche das himmlisch-irdische, -geistig-körperhafte Reich, nicht nur unsichtbar mystisch, -sondern auch sichtbar, historisch-real. Das ist – die -Erfüllung des Dritten Testaments, die Inkarnation der -Dritten Person, der Dreieinigkeit Gottes. Denn ganz -wie die Erste Person der Dreieinigkeit, Gott-Vater, -sich in der Naturwelt inkarniert, in der vormenschlichen, -– im Kosmos, und die Zweite, die des Sohnes -– im Gottmenschen, so wird sich die Dritte Person der -Dreieinigkeit, der Heilige Geist, – in der Gottmenschheit, -in der Theokratie inkarnieren. -</p> - -<p> -Das ist es, was für uns jene Prophezeiung Dostojewskis -bedeutet: „Die Kirche ist in Wahrheit das -Reich, und ihr ist bestimmt, zu herrschen, und zum -Schluß wird sie kommen müssen als Reich der ganzen -Erde.“ -</p> - -<p> -Dies ist das Antlitz und derart war seine Maske; -das Antlitz ist der Maske entgegengesetzt. Die Maske -ist: Orthodoxie, Autokratie, Nationalität; das Antlitz -ist: Überwindung der Nationalität in der Allmenschlichkeit, -Überwindung der Autokratie in der Theokratie, -Überwindung der Orthodoxie in der Religion des -Heiligen Geistes. -</p> - -<p> -Zuweilen scheint es, daß derselbe Widerspruch -zwischen Gesicht und Maske, wie bei Dostojewski, auch -in ganz Rußland existiert, und daß die russische Revolution -nichts anderes ist als das Abreißen der Maske -vom Gesicht. Von diesem unaufgedeckten Gesichte, von -<a id="page-LII" class="pagenum" title="LII"></a> -dieser ungeborenen Idee spricht Dostojewski, wenn -er sagt: -</p> - -<p> -„Die zukünftige selbständige russische Idee ist bei -uns noch nicht geboren, doch die Erde ist unheimlich -schwanger mit ihr, und schon schickt sie sich an, sie unter -furchtbaren Qualen zu gebären.“ -</p> - -<p class="sign"> -Dmitri Mereschkowski. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="intro" id="part-3"> -<a id="page-LIII" class="pagenum" title="LIII"></a> -Vorwort -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ostojewski</span> hat bereits sehr früh Politisches geschrieben. -Schon das Jahr 1861, das zweite nach -seiner Rückkehr aus Sibirien, findet ihn in publizistischer -Tätigkeit: er gab damals zusammen mit seinem -Bruder Michail „Die Zeit“ heraus; und als diese von -der Zensur infolge eines Mißverständnisses unterdrückt -wurde, „Die Epoche“. Doch politisch bedeutend sind -seine Leistungen erst später geworden. Und seine letzten -kritischen Schriften schließen sein Lebenswerk wie ein -intellektueller Rechenschaftsbericht ab. -</p> - -<p> -Für eine deutsche Ausgabe seiner politischen Schriften -kamen daher nur diese letzteren in Frage: 1. „Tagebuch -eines Schriftstellers aus dem Jahre 1873“; -2. „Politische Artikel: Ausländische Begebenheiten aus -den Jahren 1873 und 1874“; 3. „Tagebuch eines -Schriftstellers aus dem Jahre 1876“; 4. „Tagebuch -eines Schriftstellers aus dem Jahre 1877“ (mit einem -Schlußteil vom Januar 1881, den er kurz vor seinem -Tode, am 28. Januar 1881, geschrieben). Auch -zwischen ihnen mußte noch geschieden werden. Die -weit über tausendseitige Masse dieser Tagebücher, die -Dostojewski in der zweiten Hälfte seines Lebens zusammengetragen -hat, einfach abzudrucken, ging nicht -an. Dostojewski hat nie nach einem bestimmten Plane -kritisch gearbeitet; er hat immer nur an sehr aktuellen -Ereignissen seine Ideen entwickelt; tagebuchartig trug -er seinen Lesern seine Meinungen vor; als der bedeutende -russische Mensch, der er war, nahm er -Stellung zu den Tagesfragen, wie sie gerade auftauchten. -<a id="page-LIV" class="pagenum" title="LIV"></a> -Diese unsystematische, rein menschliche Art -seiner kritischen Tätigkeit brachte von selbst mit sich, -daß er sich, sobald er auf verwandte Fragen stieß, oft -wiederholen mußte. Diejenigen Stücke, die solche -Wiederholungen brachten, galt es daher auszusondern -und im übrigen alle diejenigen zusammenzustellen, in -denen Dostojewski selbst seine Ideen am reinsten -herausgearbeitet hat. -</p> - -<p> -Vor allem war eine Teilung in „Politische -Schriften“ und „Literarische Schriften“ notwendig, -wobei der Begriff „Literarischer Schriften“ im weitesten -Sinne des Wortes genommen ist. Die Teilung war -nicht ganz einfach, da Dostojewski, eben infolge seiner -Abhängigkeit vom zufälligen Stoff, nicht nur ständig -vom Literarischen aufs Politische und vom Politischen -wieder aufs Literarische überspringt, sondern zwischendurch -auch noch alle möglichen religiösen oder ethischen -oder volkspsychologischen Fragen behandelt, bei denen -es durchaus zweifelhaft sein kann, welcher von den -beiden großen Gruppen die betreffenden Stücke angehören; -finden sich doch sogar Novellen, die letzten, -die er geschrieben hat, in die Tagebücher aufgenommen. -Doch ließ sich die angegebene Teilung schließlich durchführen; -nur einzelnes, so vor allem die Novellen, wurde -anderen Bänden der Ausgabe zugewiesen. Immerhin -schließt die Teilung, so wie sie geschehen ist, nicht aus, -daß der Kenner des russischen Originals in den „Politischen -Schriften“ vielleicht das eine oder andere vermissen -wird, was er dann in den „Literarischen -Schriften“ findet. Eine eindeutige Scheidung vorzunehmen, -erlaubte das vorhandene Material nicht; und -<a id="page-LV" class="pagenum" title="LV"></a> -das einzige, was erreicht werden konnte, war eine -gewisse Geschlossenheit in der Gesamtwirkung jedes -einzelnen Bandes. -</p> - -<p> -Für den Band „Politische Schriften“ wurden -herangezogen: 1. „Politische Artikel: Ausländische Begebenheiten -aus den Jahren 1873 und 1874“; 2. „Tagebuch -eines Schriftstellers aus dem Jahre 1876“ und -3. „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre -1877“ mit dem Schlußteil vom Januar 1881. Um -dem deutschen Leser, der heute nicht mehr, wie einst -der russische, eine Zeitchronik lesen, sondern Dostojewskis -Gesamtanschauung kennen lernen will, dieses -Material übersichtlich darzubieten, wurde es noch einmal -abgeteilt, und zwar nach den sachlichen Gesichtspunkten -a) Westeuropäisches; b) Russisches; c) Balkan -und Orient; d) Asien. Aus dem gleichen Grunde -größerer Übersichtlichkeit wurde es hin und wieder -nötig, Untertitel anzubringen, die sich bei Dostojewski -nicht finden. Es sind das die ganz allgemein gehaltenen: -Republik oder Monarchie; Parteimenschen; Frankreich -und Deutschland; Frankreich und die Kultur; -Deutschland und Rom; Frankreich, die Republik und -der Sozialismus; Katholizismus und Sozialismus; -Bismarck; Papstwahl; Ausblicke; Französische Republikaner; -Französische Reaktionäre; Vorbemerkungen; -Unser Verhältnis zum Orient. -</p> - -<p> -Die Aufsatzreihe „Gedanken über Europa“ ist -Aufsätzen Dostojewskis aus den Jahren 1873/74 und -1876 entnommen. -</p> - -<p> -Die Aufsätze „Russische Finanzen“, „Die Meinung -<a id="page-LVI" class="pagenum" title="LVI"></a> -eines geistreichen Bureaukraten“ und „Die Asiatische -Frage“ stammen aus dem Jahre 1881. -</p> - -<p> -Der gesamte Rest der Aufsätze, also fast der ganze -Band „Politische Schriften“, stammt aus den Jahren -1876 und 1877. -</p> - -<p class="sign"> -E. K. R. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="part-4"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -<span class="firstline">Erster Teil.</span><br /> -Westeuropäisches -</h2> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-1"> -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -Gedanken über Europa -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-4-1-1"> -<span class="firstline">Republik oder Monarchie</span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> Frankreich erleben wir heute<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a> den Kampf -zwischen Republik und Monarchie. -</p> - -<p> -Die republikanische Partei hat zwar die meisten -Anhänger, doch trotzdem glaube ich, daß das Ende der -französischen Republik herannaht. Denn was ist -schließlich solch eine Republik wie die eines Thiers? -Das ist doch etwas durchaus Negatives. Thiers hat -ja selbst von seiner Republik gesagt, daß sie eigentlich -nur notwendig sei, weil keine einzige der anderen Regierungsformen, -die die gegnerischen Parteien einführen -wollen, in Frankreich zurzeit möglich wäre. Solch ein -negativer Vorzug kann aber das müde Frankreich, das -um jeden Preis Ordnung und eine sie erhaltende Kraft -haben will und haben muß, unmöglich befriedigen – -um so weniger als diese negative und, wie Thiers sagt, -einzig mögliche Regierungsform im gegenwärtigen -Frankreich die anderen Parteien keineswegs beseitigt, -sondern sie durch ihre Negativität nur anspornt; denn -jede der anderen Parteien ist überzeugt, daß sie etwas -Positives bringen könnte. Die Republik so bezeichnen, -wie es Thiers tut, heißt selbst an sie nicht glauben. -Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum alle -Franzosen ihre Republik unwillkürlich als etwas Vorübergehendes, -fast als ein mehr oder weniger unvermeidliches -Übel betrachten. Solch eine schiefe Stellung -ist auf die Dauer unerträglich, und so wird sich die -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -Republik in Frankreich wohl nicht sehr lange halten -können. -</p> - -<p> -Wie steht es aber mit der rechtmäßigen Monarchie? -</p> - -<p> -Nun, stellen wir uns vor, daß der Graf von Chambord<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> -den Thron schon bestiegen hat, daß die Partei -der Republikaner schon aufgelöst worden ist, daß das -Land sich allmählich beruhigt, wenigstens dem Anscheine -nach, und alles schließlich in Ruhe seinen Verlauf -nimmt. – Versichern doch viele Legitimisten, daß der -Graf von Chambord den Franzosen „mindestens -18 Jahre Frieden und Ruhe“ geben würde; schön, wir -glauben ihnen gern, – wenn auch nicht gerade, daß es -„mindestens“ 18 Jahre sein würden –. Die Frage -aber: was dann? bleibt nichtsdestoweniger bestehen. -Wodurch wird das Schicksal Frankreichs entschieden, -selbst wenn der Graf sich längere Zeit auf dem Throne -behauptet? Wodurch werden Europa und die Welt -beruhigt? -</p> - -<p> -Louis Veuillot<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> sagt: „Die ganze Kraft des Prätendenten -besteht in der unbedingten Aufrechterhaltung -seiner Prinzipien; denn nur, wenn er diese nicht um ein -Atom verändert, behält er die Möglichkeit, Frankreich -zu retten und zu beruhigen.“ Ja, aber was wird denn -der neue König tun, um Frankreich zu „retten“? Und -was bedeutet eigentlich das Wort „Möglichkeit“ in -diesem Falle? -</p> - -<p> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -Das Wesen der Prinzipien des Grafen besteht -erstens und hauptsächlich darin, daß seine Macht eine -– rechtmäßige Macht ist; zweitens, ... ja, was dann -folgt, ist so phantastisch, daß man nicht begreift, wie es -so ideale Dinge in der Wirklichkeit überhaupt geben -kann. Das heißt, wenn die Triebfedern, die jetzt die -ganze legitimistische Partei veranlassen, die Monarchie -zu proklamieren, auch äußerst verständlich und nichts -weniger als ideal sind, so sind doch der Graf von Chambord -und alle, die ebenso denken wie er – es gibt ja -auch solche unter seinen Anhängern –, vollkommen -phantastische Erscheinungen. Die Hauptsache ist aber -nicht, daß der König von der Rechtmäßigkeit seiner -Macht überzeugt ist, sondern, daß alle Franzosen gleichfalls -an die Rechtmäßigkeit seiner Macht glauben; das -aber ist doch in Frankreich ganz unmöglich. Sollte -dies dennoch einmal geschehen, so würde ja Frankreich -nichts mehr zu wünschen übrigbleiben: es würde dann -wieder stark und zum erstenmal in unserem Jahrhundert -wirklich zu einem Ganzen vereinigt, es würde frei und -glücklich sein. -</p> - -<p> -Napoleon III. war während seiner ganzen Regierungszeit -gezwungen, alle seine Kräfte zur Befestigung -seiner Dynastie zu verwenden. Wäre er von dieser verhängnisvollen -Sorge befreit gewesen, so würde er vielleicht -noch heute Kaiser sein, und Frankreich hätte -vielleicht kein Sedan erlebt. So jedoch mußte er vieles -unternehmen, was Frankreich unmöglich zum Vorteil -gereichen konnte. Die Franzosen aber begriffen das -sehr bald, und zwar sehr gut. Wenigstens liegt hier der -Grund, warum sie sich während der ganzen Regierungszeit -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -Napoleons III. trotz des Glanzes ihrer damaligen -Macht und ihres großen Ruhmes in einer zweideutigen, -unhaltbaren Lage fühlten. Wenn sogar der Kaiser nicht -an die Sicherheit seiner Macht glaubte, um wieviel weniger -konnte das dann das Volk tun! Sollte aber jetzt -das Wunder geschehen, daß schließlich alle an die Rechtmäßigkeit -der Macht des Grafen von Chambord glauben, -dann – ja dann wäre doch alles erreicht. Weiß -der König, daß sein Volk an ihn glaubt, so muß auch er -an sein Volk glauben. Erst wenn er keine Verschwörungen -oder sonst irgendwelche Anschläge gegen sich zu -fürchten braucht, kann er seinem Volke die größten -Freiheiten geben, sagen wir: Preßfreiheit, Freiheiten -in der inneren Verwaltung und überhaupt im ganzen -staatlichen und bürgerlichen Leben, kann, wenn er will, -sogar den Kommunismus einführen, ... wenn diese -Neuerungen nur nicht dem Ganzen schaden. Aber solch -ein allgemeines Einverständnis ist doch ein unrealisierbares -Ideal. Man denke doch nur an das in Frankreich -eingewurzelte Vorurteil gegen die alte Monarchie, an -die hundertjährige Entwöhnung der Franzosen von derselben -und die schon hundertjährigen ganz neuen Gewohnheiten, -an die fünf oder sechs Generationen, die -seit dem Sturze der alten Monarchie aufgewachsen sind, -– und schließlich an das Volk, an den Pöbel, der die -alte Monarchie gänzlich vergessen hat, sich von ihr -überhaupt keine genaue Vorstellung machen kann und -heutzutage bestimmt nicht begreift, warum er sich einem -Grafen von Chambord unterwerfen soll. Der Graf -sagt, er könne sich nicht als König bloß einer Partei -denken; das bedeutet, daß er von <em>allen</em> gewählt -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -sein will. Darin aber besteht ja die ganze Phantastik -seiner Auffassung Frankreichs, daß er, wie es scheint, -von der Möglichkeit solch einer Wahl vollkommen überzeugt -ist. „Ohne die Zustimmung aller Franzosen und -ohne die rechtmäßige Macht des Königs kann Frankreich -nicht glücklich werden,“ sagen die Legitimisten. -Schön; – wie aber diese allgemeine Zustimmung erreichen? -– wie diese hundert Jahre überspringen? -Das ist doch eine Illusion, die sie sich da machen! Ich -wiederhole: alle diese Monarchisten, die um jeden -Preis die Monarchie proklamieren wollen, sind durchaus -verständlich, doch der Graf von Chambord, der -ernstlich glaubt, daß ihn <em>alle</em> wählen könnten, und daß -er nicht ein König bloß seiner Partei sein würde, – -dieser Graf von Chambord kommt einem denn doch, -gelinde gesagt, etwas wunderlich vor. -</p> - -<p> -Diejenigen Legitimisten, denen es nicht ausschließlich -darum zu tun ist, daß ein König den Thron einnimmt -– der legitime Klerus hat natürlich seine eigenen, -besonderen Ziele im Auge –, die, meine ich, müssen -doch irgendeinen vernünftigen Plan haben; denn sie -können doch schließlich nicht auch an die allgemeine -Zustimmung, die plötzlich fertig vom Himmel fallen soll, -glauben? Was kann aber das für ein Plan sein? Es -wird doch nicht genügen, nach Paris zu kommen, sich -auf den Thron zu setzen, den Mac-Mahons gehorsame -Bajonette umringen würden, und König zu sein. Man -wird doch auch etwas tun müssen. Man wird irgendeine -neue Idee bringen, ein neues Wort sagen müssen, -doch eines, das wirklich die Kraft hat, mit dem bösen -Geiste der Uneinigkeiten des ganzen Jahrhunderts, mit -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -der Anarchie und den zwecklosen Revolutionen, den -Kampf aufzunehmen. Nicht zu vergessen, daß dieser -böse Geist einen leidenschaftlichen Glauben in sich trägt -– also wirkt er nicht durch Lähmung der Verneinung, -sondern durch die Verführung der positivsten Versprechungen: -er trägt den neuen antichristlichen Glauben -in sich, also neue moralische Grundsätze für die -menschliche Gesellschaft. Er versichert, daß er fähig -sei, die ganze Welt von neuem aufzubauen, alle gleich -und glücklich zu machen und endgültig den ewigen -babylonischen Turm zu vollenden. Diesem Glauben -gehören Menschen der höchsten Intelligenz an, sowie -alle Geringen und Verwaisten, alle Mühseligen und -Beladenen, die da müde geworden, das Reich Christi -zu erwarten, alle der Erdengüter Beraubten, alle Besitzlosen -– und in Frankreich gibt es derer schon -Millionen! Und diese drohenden Scharen stehen bereits -vor der Tür! Also muß doch der Graf von Chambord -etwas sagen und tun; denn sonst – warum kommt er -denn überhaupt? – Was aber wird nach seiner Krönung -in Wirklichkeit geschehen? Am wahrscheinlichsten -ist, daß sich der Faubourg St. Germain wieder bevölkern -wird, daß die Priester sich bereichern und Vicomtes -und Marquis wieder große Rollen spielen werden, -daß viele neue Moden aufkommen, und mit ihnen -eine Unmenge neuer Bonmots entstehen; daß man in -der Hofetikette etwas Besonderes einführt, das dann -sofort eiligst an allen anderen europäischen Höfen nachgeahmt -wird; daß man sich etwas Neues für die Bälle -und Balletts ausdenkt, daß neue Horsd’oeuvres und -Konfitüren berühmt werden. Hinzu kommt dann vielleicht -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -noch, daß in der Kammer, der vielleicht eine kleine -Macht zugestanden wird, von einer Seite Doktrinäre, -von der anderen die kleinen Helden der Linken sich erheben -werden, und die Linke in ihrer ungereimten Lage -dann doch noch dümmer sein wird als die Rechte. Darauf -wird dann langsam eine dumpfe, unbestimmte Unzufriedenheit -im Volke aufsteigen. Der böse Geist, der -zunächst noch sehr jung ist, wird wachsen und wachsen -und immer drohender werden. Und dann, an einem -wundervollen Morgen, wird der König irgendeinen Befehl -erlassen: – Paris braust auf! Das Militär greift -zu den Waffen und – der böse Geist klopft mit starker -Hand an die Tür ... -</p> - -<p> -Nein, bestimmt gibt es unter den Legitimisten auch -schon Männer, und zu ihnen gehört sicherlich auch der -Graf von Chambord – natürlich, der unbedingt, – die -da ganz anders vorzugehen gedenken, Männer, deren -Absichten viel tiefer und edler sind. Sie brennen -geradezu darauf, mit dem bösen Geist den Kampf aufzunehmen -und ihn zu besiegen. Das ist ihr Ziel, nur zu -diesem Zweck tun sie alles, was sie tun. Doch Wunsch -und Tat sind zwei verschiedene Dinge. Nur fragt es -sich: womit den Kampf mit dem neuen, auflösenden -Element beginnen? Mit klerikaler Gewalt und Arglist -ist dabei nichts mehr zu erreichen. Die Antwort kann -natürlich nur lauten: „Der erste Schritt zum Ziel – -das ist die Wiederherstellung der Weltmacht des -Papstes.“ -</p> - -<p> -Oh, umsonst werden die aufgeklärten Legitimisten -diese Idee ableugnen! Umsonst wird der Graf versichern, -so wie er bis jetzt versichert hat, daß er des -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Papstes wegen keinen Krieg beginnen wird, daß er mit -seiner Regierung nicht zugleich das <em>Gouvernement -der Patres</em> bringen will. Nun – diesen -Weg einzuschlagen, werden sie nicht verfehlen können! -Auf den wird man sie gar bald gezogen haben! Manche -Beobachter erraten denn auch schon, daß diese ganze -legitimistische Bewegung, die so plötzlich und mit solch -einer Anspannung aller Kräfte in Frankreich ausgebrochen -ist, vielleicht nichts anderes ist als eine klerikale -Machenschaft, und daß die Losung dazu in Rom gegeben -und das Ziel des Ganzen – die Wiederherstellung -der Papstmacht ist. Die Klerikalen haben sich natürlich -weder Chambord noch die Legitimisten ausgedacht, dafür -aber haben sie sich – ihrer bemächtigt. Viele Anzeichen -sprechen dafür, daß es sich so verhält. Die -römische Bewegung hat im letzten halben Jahre ganz -Europa durchzogen. Zwei Prätendenten im äußersten -Westen, der Graf von Chambord und Don Carlos; die -römisch-katholische Agitation in Deutschland, die die -Katholiken des Reiches mit gerechtem Unwillen gegen -das neue Kirchengesetz erfüllte; die Versuche, in Frankreich, -Deutschland und der Schweiz dem Volke mit einer -neuen Erfindung – der Veranstaltung von Volksgottesdiensten -– näherzutreten; einige bis jetzt unerhörte -demokratische Ausfälle und Aufrufe der katholischen -höheren Geistlichkeit in Deutschland: all das -bringt auf den Gedanken von einer großen, überall -gleichzeitig eingeleiteten Agitation des Klerus zugunsten -des unfehlbaren, doch besitzlosen Papstes. Diese ganze -klerikale Bewegung ist dadurch bedeutungsvoll, daß sie -vielleicht der <em>letzte</em> Versuch des römischen Katholizismus -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -sein wird, noch einmal, zum <em>letzten</em> Male, die -Könige und Großen dieser Welt um Hilfe anzugehen. -Seine Hoffnungen werden aber nicht in Erfüllung -gehen, und Rom wird zum ersten Male in 1500 Jahren -sich sagen, daß nun die Zeit gekommen ist, da es mit -den Großen dieser Welt brechen und die Hoffnung auf -die Könige fallen lassen muß! Man glaube mir – -Rom wird es von da ab <em>verstehen</em>, sich ans <em>Volk</em> -zu wenden, an dieses selbe Volk, das die römische Kirche -bis dahin immer nur hochmütig von sich gestoßen und -dem sie sogar das Evangelium Christi vorenthalten hat, -indem sie verbot, es zu übersetzen. Der Papst wird es -verstehen, barfuß zum Volk zu kommen mit seiner Armee -von zwanzigtausend Jesuitenkämpfern, diesen alterfahrenen -Seelenjägern. Werden Karl Marx und Bakunin -diesem Heer standhalten können? Wohl kaum! Der -Katholizismus versteht es zu gut, wenn es nötig ist, -nachzugeben und alles zu versöhnen. Was kostet es -ihn, das dunkle und arme Volk zu überzeugen, daß der -Kommunismus dieses selbe Christentum sei, und daß -Christus überhaupt nur von ihm gesprochen habe! Es -gibt ja selbst jetzt schon kluge und geistreiche Sozialisten, -die überzeugt sind, daß dieses wie jenes – ein und -dasselbe sei, und die im Ernst den Antichrist für Christus -nehmen. -</p> - -<p> -Heinrich V. wird schon allein deswegen den Krieg -für den Papst nicht vermeiden können, weil die nächsten -Jahre vielleicht die einzige Zeit sind, da ein Krieg für -den Papst noch populär sein kann und das Volk sich -zu ihm noch sympathisch verhalten wird. Wäre Heinrich -V. fähig, in einem Kriege mit Deutschland die -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -Milliarden und die Erniedrigung zu rächen und ihm -Elsaß und Lothringen wieder abzunehmen, so würde -er sich dadurch zweifellos den Thron auf Lebenszeit -sichern. Wollte er aber, wenn er König geworden, -Deutschland ohne weiteres den Krieg erklären – so -würde ihm doch kein einziger folgen, ja man würde -ihn den Krieg einfach nicht erklären lassen: das wäre -den Franzosen denn doch zu unheimlich und ein viel -zu großes Wagnis! Der Papst jedoch, der von Deutschland -Verfolgte, würde in kurzer Zeit Sympathie für -die Idee zu gewinnen verstehen. Wer aber ist jetzt -sonst der Gegner des „Unfehlbaren“, wenn nicht -Deutschland? Die Wiederherstellung der Macht des -Papstes hält Deutschland für die schwerste Zukunftsdrohung -und wird deshalb mit allem Nachdruck für -Italien einstehen. Allmählich geht es dann von den -Unterhandlungen zur Spannung über, und von der -Spannung zur Tat und – das Papstproblem wird, im -Falle der Thronbesteigung des Grafen von Chambord, -seine Lösung in dem großen und <em>unfreiwilligen</em> -Kriege zwischen Frankreich und Deutschland ganz von -selbst finden. Unmittelbar für das Elsaß gehen die -Franzosen nicht in den Krieg; aber so nach und nach, -ohne es eigentlich zu wollen, werden sie sich, wenn sie -einmal für den Papst eintreten, gutmütig, wie sie nun -einmal sind, hineinziehen lassen, und es ist möglich, daß -der Krieg dann sogar populär wird. Nein, solch eine -Gelegenheit wird der Graf von Chambord nicht unbenutzt -vorübergehen lassen können. -</p> - -<p> -Nun, nehmen wir selbst an, daß er als Sieger aus -dem Kampf hervorgeht, daß Frankreich sich wieder mit -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -Ruhm bedeckt, die Provinzen zurückerobert, und daß -dann der Papst womöglich nach Paris zur Grundsteinlegung -irgendeines Domes fährt, worum man ihn schon -kürzlich gebeten hat. Was dann aber weiter geschieht? -Nicht das ist wichtig, daß Heinrich V. nach seiner -Heldentat vielleicht glücklich seinen Thron bis zu -seinem Lebensende behält. Wichtig ist vielmehr einzig -die Frage, ob sich mit dem Grafen von Chambord die -rechtmäßige Monarchie als solche in Frankreich unangefochten -für die nächsten Jahrhunderte festsetzen kann, -und was sie dem Lande geben wird? Welch ein Glück? -Ob sie es beruhigen wird? und den bösen Geist, der so -nahe an der Tür steht, auf ewig vertreiben kann? -</p> - -<p> -Was will es besagen, daß der Papst nach Paris -kommt und der römische Katholizismus wieder mit -neuem, noch nie geschautem Glanze die Herrschaft ergreift! -Kann denn etwa der Papst, der triumphierende -und „unfehlbare“ und nicht der „barfüßige“, den bösen -Geist verjagen? Können das etwa seine Jesuiten, die -so geschäftigen „Geistlichen“ mit ihrem <span class="antiqua">status in statu</span>, -diese geriebenen, schamlosen, abgefeimten? Nein, der -böse Geist ist stärker und <em>reiner</em> als sie! Nicht mit -diesem Heer kann der Graf von Chambord sein <em>neues -Wort</em> sagen. Wenn aber nicht mit diesem, – mit -welchem dann? Unwillkürlich glaubt man ja jetzt, daß -der Graf tatsächlich ein höheres Wesen sei, so ein gebotener -König mit dem reinsten Herzen. Und sicherlich -wird er in der Verzückung seiner Seele begreifen, daß -sein ganzes neues Wort – gerade dieser Kampf für -Christus mit dem furchtbaren emporsteigenden Antichrist -ist, daß man Frankreich retten muß, indem man -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -seine Klugen, seine Denker zu Gott bekehrt und in die -Herzen der Millionen „Ungetaufter“ das Heil Christi -gießt und sie zum erstenmal mit seiner Lichtgestalt bekannt -macht. Wodurch könnte denn sonst der neue -„allerchristlichste“ König sein Frankreich retten? Er -sagt doch selbst, daß er es retten will, und er glaubt -doch an den Erfolg. Er weiß doch, daß die erste der -Schlachten zwischen der zukünftigen neuen Gesellschaft -und der alten Ordnung der Dinge auf Frankreichs -Boden stattzufinden hat. Er weiß aber auch, daß gerade -davor die ganze französische Gesellschaft zittert, alle -Reichen und mit Erdengütern Beschenkten, daß sie -gerade deswegen so nach einer starken Regierung verlangen -und suchen, wo die Kraft ist, die sie nicht finden -können; daß sie einzig zur Abwehr dieses neuen emporsteigenden -Feindes auch Napoleon III. auf den Thron -haben steigen lassen; und daß sie, wenn sie sich jetzt für -den Grafen von Chambord entscheiden, es nur in der -Hoffnung tun, daß er vielleicht irgendeine neue Kraft -mit sich bringen wird, die sie beschützen kann? Ist dem -aber so, wo soll er dann die Menschen zu diesem furchtbaren -Kampf hernehmen? Ist er auch selbst schon so -weit und so reif, um ihn zu verstehen? Trotz seines -guten Herzens – bestimmt nicht. Wie soll er obendrein -vor solch einer schrecklichen Armut der Mittel, -mit denen er handeln könnte, nicht zurückschrecken? -Schrickt er aber nicht zurück, – wie soll man ihn dann -in solch einem Falle nicht entweder für einen beschränkten, -unwissenden Menschen halten oder aber für einen, -der nicht weit vom Irrsinn entfernt ist? Wo bleibt -nun die Antwort auf meine Frage? Zu guter Letzt -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -also, wodurch, mit welchen Kräften kann denn der -Legitimismus Frankreich retten und heilen? Da wäre -doch selbst ein Prophet Gottes zu wenig, nicht nur ein -Graf von Chambord! Und sogar der Prophet würde -gesteinigt werden! Der neue Geist kommt, die neue -Gesellschaft wird zweifellos triumphieren – als das -<em>einzige</em>, das eine neue, positive Idee bringt, als der -<em>einzige</em>, ganz Europa vorherbestimmte Ausweg, als -das <em>einzige</em> Heil. Darüber kann kein Zweifel bestehen. -Die Welt wird erst nach ihrer Heimsuchung durch -den bösen Geist gerettet werden. Der böse Geist aber -ist nah. Unsere Kinder vielleicht werden ihn schauen ... -</p> - -<p> -Im übrigen habe ich nur sagen wollen, daß der -Legitimismus für Frankreich nicht nur jetzt unmöglich, -sondern überhaupt nicht nötig ist: niemals nötig war, -noch in der Zukunft sein wird; denn er hat die geringsten -Mittel, es zu <em>retten</em>. -</p> - -<p> -Aber in Frankreich heißt es jetzt nun einmal: entweder -Monarchie oder Republik, eine andere Regierungsform -ist unmöglich. Mir jedoch will es scheinen, -daß man auch der Republik in Frankreich müde und -überdrüssig ist. Diese meine Worte zu rechtfertigen, -damit man sie nicht etwa für ein Wortspiel oder eine -absichtliche Leichtfertigkeit halte, werde ich in anderem -Zusammenhange einmal versuchen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-1-2"> -<span class="firstline">Parteimenschen</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Vor einem Monat hat in Versailles, im Trianon, -der Prozeß des Marschalls Bazaine begonnen. Der -Marschall ist des Verrates angeklagt. – Aber: des -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -Verrats an wem? Richten wir unsere Aufmerksamkeit -auf diese Frage. Sie ist in Anbetracht der gegenwärtigen -französischen Lage nicht uninteressant. -</p> - -<p> -Zur Zeit der Regierung Napoleons III. zählte der -Marschall Bazaine zu den fähigsten Generälen der -kaiserlichen Armee. Als man vor jetzt anderthalb -Jahren zuerst davon sprach, daß er vor ein Kriegsgericht -gestellt werden würde, rief ein Marschall, einer -seiner Kameraden, aus: „Wie? Einer der ehrlichsten -Soldaten! Schade! <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Il était pourtant le moins -incapable de nous tous!</span>“ Dieser „am wenigsten unfähige“ -Marschall hatte also das Kommando über die -größere Hälfte der Armee in diesem unheimlichen Kriege -mit Preußen erhalten. Einen Generalfeldmarschall -hatten die Franzosen nicht; der Kaiser selbst nannte -sich nicht einmal so, sondern begnügte sich damit, in -den Gang der Ereignisse oftmals störend einzugreifen -– doch das war schließlich noch nicht das schlimmste! -Alle diese alten Generäle wie Canrobert, Niel, Bourbaki, -Frossard, Ladmirault usw., die als Bazaines Zeugen -vor Gericht geladen sind, äußern sich über ihn mit -großer Hochachtung. Für ihre Aussagen interessiert -sich das Auditorium am meisten. Hauptsächlich zeugen -sie von der außergewöhnlichen Tapferkeit Bazaines – -zum Beispiel in der Schlacht bei St. Privat, wo er -persönlich, ungeachtet seiner Stellung als Schlachtführer, -sich in erster Reihe unter die Kämpfenden gemischt -hatte – „obgleich er die Bedeutung dieser -Schlacht nicht begriff,“ fügte einer von den Marschällen -hinzu. Ob er sie nun begriff oder nicht begriff: jedenfalls -kam es in dieser Schlacht dazu, daß aus Mangel -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -an Patronen die Soldaten aus ihren modernen Chassepots -nur alle zwei Minuten eine Kugel abschießen -konnten und der Hauptteil der Armee in den Kampf -eintrat, ohne seit vierundzwanzig Stunden etwas gegessen -zu haben. Aber nicht darin bestand das Unglück, -obgleich, wie bekannt, die schlechte und ordnungslose -Versorgung der französischen Armee mit Lebensmitteln -und Gewehren ganz Europa in Erstaunen setzte. Der -Kaiser versäumte, zur rechten Zeit mit seinem ihm nach -schweren Schicksalsschlägen noch verbliebenen Heer nach -Paris zurückzukehren, was für ihn die einzige Rettung -gewesen wäre, die beste Ausflucht aus seinem damaligen -Unglück. Aber mit ihm geschah das, was ich vorhin -schon erwähnte, als ich von den charakteristischen und -verhängnisvollen Zügen seiner Regierung sprach, -daß er um der Befestigung und Verwurzelung -seiner Dynastie willen gezwungen war, während der -ganzen Zeit seiner Herrschaft ununterbrochen eine -Menge Dinge zu unternehmen, die immer zum Unglück -Frankreichs und nie zu seinem Glück ausfielen. Auf -diese Weise war dieser mächtige Herrscher, im Grunde -genommen, sogar auf seinem Throne – kein Franzose, -sondern nichts als der Mensch seiner Partei, ihr Hauptführer -sozusagen. Den Rückzug nach Paris, wenn -auch mit einer geschlagenem so doch immerhin noch mit -einer Armee – diese Armee hat Frankreich in der letzten -Schlacht sehr große Dienste geleistet –, wagte er nicht: -er fürchtete die Unzufriedenheit des Landes, den Verlust -der Anhänglichkeit des Volkes, fürchtete Aufstand, Revolution, -kurz, er fürchtete Paris und zog es daher vor, -sich in Sedan zu ergeben und sein Schicksal und das -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -seiner Dynastie der Großmut seines Feindes anheimzustellen. -Zweifellos ist auch jetzt noch nicht alles, was -zwischen ihm und dem preußischen König bei ihrer Zusammenkunft -verhandelt worden, der Geschichte bekannt. -Viele Geheimnisse werden wohl erst lange nachher aufgedeckt -werden; aber es ist unmöglich, <em>nicht</em> zu dem -Schluß zu kommen, daß Napoleon mit seiner Übergabe -und der seiner Armee darauf gerechnet hatte, daß er -seinen Thron behalten werde. Damit, daß er seine -Armee übergab, damit gedachte er wohl die Kräfte -seines Feindes zu schwächen – ich meine die Kräfte -der Revolutionäre ... denn an Frankreich dachte dabei -der Parteimensch in ihm nicht. -</p> - -<p> -Ebenso dachte auch der Marschall Bazaine nicht an -Frankreich. Eingeschlossen in Metz mit einer sehr bedeutenden -Armee, ignorierte er vollständig die Regierung -der Nationalversammlung, die sich nach der Gefangennahme -des Kaisers in Paris gebildet hatte. Er -zog es vor, sich gleichfalls zu ergeben, und nahm damit -Frankreich seine letzte Armee, die, selbst wenn sie in -Metz eingeschlossen war, dem Vaterlande doch noch -äußerst nützlich hätte sein können – wenn auch, wie -gesagt, nur dadurch, daß sie einen bedeutenden Teil der -feindlichen Kräfte festlegte. Es ist ganz unmöglich, -sich vorzustellen, daß der Marschall, als er sich in dieser -Weise schnell und ohne rechten Grund ergab, nicht -irgendwelche geheimen Bedingungen mit dem Feinde -abgeschlossen, wenigstens nicht irgendwelche Versprechungen -von ihm gefordert hatte ... die dann -später nicht erfüllt wurden. Aber, wenn dem auch -nicht so gewesen wäre, so ist es doch klar, daß der Marschall, -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -ähnlich dem Kaiser, es vorzog, seine Armee den -Preußen zu überlassen, anstatt sie für die Republik aufzusparen. -</p> - -<p> -Der Marschall – wenn er auch jetzt vor dem Gerichte -lügt und augenscheinlich die Absicht hat, bei -diesem Verfahren zu bleiben – verheimlicht doch zum -Teil seine damaligen Eindrücke und Empfindungen -nicht. Er sagt geradeheraus, daß es in den Metzer -Tagen eine gesetzliche Regierung nicht mehr gab, und -daß er das damalige Chaos von Regierung in Paris -als eine wirkliche Regierung nicht anerkennen konnte – -das ist ungefähr der Sinn seiner Worte vor Gericht. -„Wenn es für Sie damals keine Regierung gab – -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la France existait</span>!“ rief darauf der Herzog d’Aumale, -der Vorsitzende des Kriegsgerichtes, aus. -</p> - -<p> -Und damit war der Punkt, von dem die Richter -ausgehen werden, gefunden. Diese Worte des Herzogs -machten auf das Publikum, auf ganz Frankreich, einen -großen Eindruck. Dem schuldigen Marschall wurde -damit klar zu verstehen gegeben, daß ihn jetzt nicht eine -Partei richte, keine Republik, keine unrechtmäßige -Regierung, die er, wenn er will, auch jetzt nicht anzuerkennen -braucht – sondern Frankreich, das er um einer -rechtmäßigen Regierung willen verkauft, das Vaterland, -das er verraten aus Parteiinteresse. -</p> - -<p> -Man kann einen Verräter seines Vaterlandes niemals -entschuldigen. Sind aber hier auch die im Recht, -die über den Verräter zu Gerichte sitzen? Das ist es, -worauf ich hinweisen will. Sind nicht im Gegenteil -Bazaines Richter ein Teil jenes Grundübels, das den -Organismus dieser großen Nation zerstört und erschöpft -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -hat; verkörpern nicht auch sie ein Unglück, das wie eine -schwarze Wolke ständig über ihr liegt? Und verstehen -sie dieses Unglück jetzt; sind sie fähig, es zu begreifen? -Ist der Marschall aber nicht ähnlich dem altjüdischen -Opferlamm, auf das die Sünden des ganzen Volkes -gelegt wurden? -</p> - -<p> -In der Tat, was konnte er damals von Metz aus -erwarten? Angenommen, der Parteimensch in ihm habe -dem Bürger in ihm einmal Platz gegeben beim Anblick -des ganzen großen nationalen Unglücks; angenommen, -er habe aufrichtig gewünscht, dem Vaterlande zu dienen: -was konnte er aber in dem damaligen Paris erblicken? -Es ist wahr, die triumphierende Revolution des 4. September -nannte sich nicht Republik, sondern „Regierung -der Nationalverteidigung“. Diejenigen aber, die an -der Spitze dieser Volksregierung standen, konnten Bazaine, -General und Parteimensch, wie er war, einem -tätigen und energischen Menschen zugleich, nur Widerwillen -einflößen. Dieser talentlose Maniak, der General -Trochu, alle diese Garnier-Pagès, Jules Favre, -sind, wenn auch als Menschen aller Hochachtung wert, -doch schließlich erbärmliche, talentlose Mumien, Phrasenhelden -der ersten Tage einer Pariser Revolution und -– leider – immer noch nicht den Parisern langweilig -genug geworden. Wie mußte das dem Marschall und -seinem scharfen beobachtenden Menschenkennerblick in -Metz erscheinen!? Aber – mögen sie auch talentlos -gewesen sein! Mag auch jegliche Aufgabe, der sie nicht -gewachsen waren, von ihnen verpfuscht worden sein, -solange sie die Macht hatten! Sie waren doch wenigstens -treue Bürger, Leute mit reinem Herzen, wahre -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -Söhne des Vaterlandes! War dem nicht so? Aber -nein, das waren ja wiederum auch nur Republikaner! -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">La république avant tout, la république avant la -France</span> – das war und ist auch jetzt noch ihre Devise! -Und darum hätte der Marschall, wenn er, um gleichfalls -„Bürger zu werden“, sich von der Partei des Kaisers -losgesagt hätte – und wär’s auch nur zeitweilig und -scheinbar gewesen, zur „Rettung des Vaterlandes“ – -sich doch nicht den Rettern des Vaterlandes, sondern -wieder nur Leuten einer anderen Partei anschließen -müssen. Aber diese Partei haßte er, und ihr zu helfen: -dazu konnte er sich nicht entschließen! Einige Zeit nachher -kam aus dieser lächerlichen Gruppe ein Mann, der -im Luftballon Paris verließ, um in den noch freien Teil -Frankreichs zu gelangen: Gambetta. Er erklärte sich -selbstherrlich zum Kriegsminister, und die ganze Nation, -die sich nach irgendeiner Regierung sehnte, ernannte ihn -sofort zu ihrem Diktator. Er aber verlor darüber nicht -den Kopf, sondern wurde in Wahrheit ihr Diktator. -Dieser Mensch zeigte eine große Energie, er regierte -Frankreich und stampfte ein neues Heer aus dem Boden. -Einige beschuldigen ihn jetzt unter anderem, daß er unnütz -Geld verschwendet hätte und mit diesem Geld fünfmal -mehr für das Heer hätte tun können. Gambetta -könnte freilich seinen Anschuldigern mit Recht erwidern, -daß sie, wenn sie auch fünfmal mehr Geld gehabt hätten -als er, doch nicht einen einzigen Soldaten hätten aufstellen -können. Und siehe da, dieser kluge und energische -Mensch, der wirklich viel für Frankreich getan hat, und -mit dem zu arbeiten Bazaine sich nicht hätte zu schämen -brauchen – besteht doch auch auf der Devise: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la république -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -avant la France!</span>“ Jetzt sagt er das freilich nicht -mehr laut, schlau und geduldig wartet er, bis an ihn die -Reihe kommt, und wenn es nötig ist, so unterstützt er -mit Eifer sogar Thiers, der ihn schon vor drei Jahren -ersetzt hat. Aber auch dessen Devise ist: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la république -avant tout</span>“, und auch er ist vor allem und zuerst -der Mensch seiner Partei! Diese seine Eigenschaft ist -den Republikanern offenbar die liebste. -</p> - -<p> -Und so ist alles in Frankreich Partei und sind alle -Franzosen Menschen einer Partei. Es ist wahr, in -Frankreich tauchten zur Zeit des schwarzen Jahres auch -einige beruhigende Erscheinungen auf. Die Bretagner, -gebotene Legitimisten, erschienen mit ihren Führern, -um für ihr Vaterland zu kämpfen, und sie kämpften -tapfer! Mit ihrem Muttergottesbild auf der Fahne -schlossen sie sich zeitweise der Regierung der Republikaner -und Atheisten an. Auch die Orleansschen Herzöge -kämpften in gleicher Reihe mit ihren Feinden in der neugebildeten -französischen Armee. Kämpften sie aber fürs -Vaterland? Das ist heute mehr als zweifelhaft. Wenn -man zurzeit ihre Rolle in Frankreich beobachtet, ihre -Verschwörung gegen Frankreich zugunsten eines „legitimen -Königs“ – so ist es wohl erlaubt, daraus zu -schließen, daß sie vor drei Jahren nur deshalb mitgekämpft -haben, weil sie darin endlich eine Chance für ihre -Partei, die schon so lange auf eine solche gewartet hatte, -erblickten. Und sie haben sich nicht in der Möglichkeit -einer derartigen Chance getäuscht: sie strömten in großer -Anzahl bei den ersten Wahlen zur Nationalversammlung -herbei und brachten es auch richtig zu einer -Mehrheit. -</p> - -<p> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Überall Parteien! Freilich: wenn man alle diese -Parteien zusammenlegt, so ist die Gesamtzahl ihrer Anhänger -– ausgenommen die Partei der Kommunisten – -sehr gering, im Vergleich zu der Anzahl aller Franzosen, -denn die übrigen Franzosen sind indifferent. Sie erwarten -alle, geradeso wie damals vor dem Erscheinen -Gambettas im verhängnisvollen Jahr – einen Diktator, -damit er sie väterlich in seine Gewalt nehme und -ihnen ihr Leben und Gut behüte. Ihre Devise ist das -bekannte Sprichwort: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Chacun pour soi et Dieu pour -tous</span>“. Aber auch bei dieser Devise gehört der Mensch -seiner eigenen Partei an und – was kann für solch einen -Menschen das Wort Vaterland bedeuten? -</p> - -<p> -Das ist das Grundübel Frankreichs: der Verlust -einer allen gemeinsamen Idee der Einigung! Man sagt -von den Legitimisten, daß sie diese Idee mit Gewalt wiedererwecken -wollten. Aber sogar die besten ihrer Partei -denken nicht an die Idee, sondern nur an den Triumph -ihrer Partei. Die Allerbegeistertsten von ihnen -denken noch nicht einmal an den Legitimismus. Der -Triumph des Grafen Chambord ist für sie – der zukünftige -Triumph des Papstes und des Katholizismus. -Das ist dann schon wieder eine Partei in der Partei. -</p> - -<p> -Und so richten jetzt die Menschen der Partei den -Marschall Bazaine dafür, daß er – der Anhänger seiner -Partei blieb! Ist er nicht wirklich dem altjüdischen -Opferlamm ähnlich, mit dem ich ihn verglich? ... Es -kommt in Frankreich noch so weit, daß jeder Verrat des -Vaterlandes nicht mit ruhigem Gewissen gerichtet werden -kann – aus Mangel an Richtern; denn alle sind -sie Menschen bloß der Partei und nicht des Vaterlandes. -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -– Wenn die Franzosen Bazaine verurteilen, werden -sie dann wissen, was sie tun? -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-1-3"> -<span class="firstline">Frankreich und Deutschland</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -In Deutschland wird die Nachricht von den gescheiterten -Hoffnungen der französischen Legitimisten<a class="fnote" href="#footnote-6" id="fnote-6">[6]</a> fast -von der ganzen Presse, sogar einschließlich der offiziösen -preußischen Organe, mit unverhohlener Freude aufgenommen. -Die nächstliegendste Erklärung dieser Freude -wäre wohl in der Befürchtung zu suchen, daß die Thronbesteigung -des Grafen von Chambord den Versuch einer -Wiederherstellung der Papstmacht von seiten Frankreichs -nach sich gezogen haben würde. Nun, und auf -diesem Wege wäre ein Zusammenstoß mit Deutschland -unvermeidlich gewesen. Erklärt man sich aber so die -deutsche Zufriedenheit – um wieviel auffallender ist es -dann, daß in Deutschland selbst die ernsten Blätter an -die Dauerhaftigkeit dieser Restauration haben glauben -können. Die Deutschen vertrauen, scheint es, etwas zu -sehr auf den Erfolg von „Blut und Eisen“. Ich glaube, -daß in der gegenwärtigen französischen Krise – „der -Gärung aller Geister und Wünsche“ – ein Staatsstreich -in diesem Lande beinahe unmöglich ist: sie haben -dort keinen einzigen, der ihn ausführen könnte! Das -heißt, Liebhaber würden sich dazu schon finden, und -(was am interessantesten ist) vielleicht gleichfalls eine -außerordentlich große Anzahl Leute, die aufrichtig ihre -eigene Vergewaltigung wünschen, und zwar: um der -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -endgültigen Herstellung der Ruhe und Ordnung willen, -sogar eine möglichst baldige Vergewaltigung herbeiwünschen. -In diesem Lande aber genügt zu einer erfolgreichen -Gewaltherrschaft nicht Kraft allein und -selbst nicht einmal die Zustimmung der zu Vergewaltigenden. -Dort bedarf die Gewalt unbedingt der Autorität: -wenn es auch eine verhaßte und wenn es auch -keine wahre Autorität ist, so muß es doch eine Herrscherautorität -sein, eine, der man die Kraft der Macht wirklich -zutrauen kann. Der Graf von Chambord nun hat -nichts von solch einer Autorität, und selbst von seinen -Anhängern werden wohl kaum alle glauben, daß er solch -eine Kraft ist. Darum aber – ich wiederhole bereits -früher von mir Gesagtes – wäre er zweifellos und -sogar sehr bald wieder vertrieben worden. Doch selbst -solch eine Wendung der Sache wäre für Frankreich -vielleicht vorteilhafter gewesen als der jetzige chaotische -Zustand – wenn auch nur insofern vorteilhafter, als -es dann eine Partei weniger gegeben hätte und die -Herrschaft der gemäßigten Republikaner somit wieder -möglich gewesen wäre. -</p> - -<p> -Nun aber will ein Teil der konservativen Presse -Deutschlands der von der liberalen deutschen Presse angegebenen -Begründung ihrer Freude über den Mißerfolg -des Prätendenten nicht recht glauben; das heißt, -will nicht glauben, daß die Furcht, Frankreich hätte den -gefährlichen Weg der ultramontanen Politik einschlagen -können, die Ursache dieser gegenwärtigen Freude wäre. -Die „Kreuzzeitung“, zum Beispiel, erklärt unumwunden, -daß die Liberalen der ganzen Welt sich solidarisch fühlten; -daß im Radikalismus die Nationalitäten verschwänden, -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -und darum sich auch die deutschen Radikalen -für die französischen Radikalen freuten, wenn sie, wie -hier, ihren Erfolg sähen. Es ist das vielleicht so unrichtig -nicht. Merkwürdig nur, daß diese Bemerkung -– die gewissermaßen wie ein Vorwurf und eine Befürchtung -klingt – in einem Reiche gemacht wird, wo -gerade in diesem Augenblick die nationalen Ideen so -mächtigen Erfolg haben, wo nach dem kürzlichen -Triumph über Frankreich das Gefühl der nationalen -Selbstzufriedenheit sich bis zur Abgeschmacktheit gesteigert -hat, wo sogar die Wissenschaft chauvinistische Züge -aufweist. Sollte es wirklich wahr sein, daß der kosmopolitische -Radikalismus auch in Deutschland schon -Wurzel gefaßt hat? Daß auch dort schon die französische -Lehre – der Kommunismus – an die Tür klopft? -Wenn es fast seit dem Anfang des Jahrhunderts bei -den europäischen „Geistern“ gang und gäbe ist, Rußland -für einen „furchteinflößenden Koloß auf tönernen -Füßen“ zu halten – während in Wirklichkeit, wenn es -bei uns etwas besonders Gutes und Ganzes gibt, es -gerade die Grundlage, das Volk ist, auf dem Rußland -von jeher gestanden hat und auch hinfort stehen wird -– so, sollte es dann, frage ich, vielleicht wirklich möglich -sein, daß solch eine Annahme, wenn auch nur teilweise, -auch von dem neuen germanischen Koloß zutreffend -sein könnte? -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-1-4"> -<span class="firstline">Frankreich und die Kultur</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Ein Pariser Telegramm berichtete unlängst aller -Welt, daß ein gewisser Sir Henry Richard, eine ziemlich -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -unbekannte Persönlichkeit, auf dem ihm zu Ehren -gegebenen Diner in einer Rede über seinen Plan einer -internationalen Vermittlerschaft unter anderem auch gesagt -habe: „Keine einzige Idee kann sich verwirklichen -ohne die Protektion Frankreichs, dem an Einfluß kein -anderes Land gleichkommt, dessen Sprache und Literatur -universal sind!“ ... Worte, die in Paris gierig -aufgefangen und von den „erniedrigten“ Franzosen sofort -allen sichtbar und hörbar gemacht worden sind. So -hat man sie denn auch schon in Deutschland vernommen, -doch haben sie dort, wie in Europa überhaupt, nur eine -gewisse fragende Stirnfalte und mißbilligendes Kopfschütteln -hervorgerufen. Nun, wir glauben natürlich -an jedes Wort Sir Richards. Nichtsdestoweniger aber, -– ist es nicht auffallend, daß man jetzt sogar in Paris -solche Worte für ungewöhnlich hält? Wie lange ist es -denn her, daß ähnliche Worte in Frankreich niemand -bemerkt hätte, da sie wie schuldiger Tribut, wie etwas -von der Art eines <span class="antiqua">sine qua non</span>, das zu erwähnen -überhaupt nicht der Mühe wert ist, aufgefaßt worden -wären? -</p> - -<p> -Diese hochbegabte Nation, diese Erbin der Alten -Welt, die 15 Jahrhunderte an der Spitze der romanischen -Völker Europas gestanden und in den letzten Jahrhunderten -fraglos erstrangigen Einfluß auf alle Nationen -Europas gehabt hat, verlor vor nun bald hundert -Jahren jene lebendige Kraft, die sie so lange bewegt -und genährt hatte. Diese lebendige Kraft bestand in -der Repräsentation des europäischen Katholizismus -durch Frankreich – fast seit der allerersten Zeit des -Christentums. Als darauf Frankreich am Ende des -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -18. Jahrhunderts mit der katholischen Idee vollkommen -und bewußt brach, verkündete es sich laut über die ganze -Welt hin als Erneuerin der Menschheit durch <em>neue</em> -Grundsätze, deren Hauptträgerin und Beschützerin es -allein sei. „Komm alle zu mir!“ rief es in pythischer -Trunkenheit. Diese neuen und selbständigen Grundsätze -der zukünftigen menschlichen Gesellschaft waren den -Europäern bereits als die Grundsätze der von ihnen -ausgearbeiteten Zivilisation bekannt –: die Wissenschaft -und der Staat waren bereits einzig auf den Gesetzen -der Vernunft begründet. Frankreich hat bloß die -Selbständigkeit dieser Grundsätze revolutionär verkündet -– ich meine ihre vollste Unabhängigkeit von der Religion. -Dieses geschah zum erstenmal im Leben der -Menschheit, und darin hat, behaupte ich, das eigentliche -Wesen der Französischen Revolution bestanden. Über -dieses ungemein wichtige Thema habe ich in diesen -flüchtigen Zeilen nicht etwa deswegen einiges gesagt, -um die vor hundert Jahren von Frankreich an der -Spitze Europas verkündeten revolutionären Grundsätze -zu untersuchen und sie ihrem Wesen nach zu beurteilen. -Ich wollte nur bemerken, daß Frankreich, das für sich -und die Menschheit so viel auf seine Schultern genommen -– abgesehen davon, daß es diese Last, selbst wenn -es gewollt, überhaupt nicht hätte ablehnen können –, -von dieser Last doch noch niemals so zu Boden gedrückt -gewesen ist wie in dem letzten, jetzt allmählich auslaufenden -Jahrhundert seiner Geschichte: sie hat sich als -viel zu groß erwiesen für die Kräfte des geistreichen -Volkes. Die Führerin der Menschheit war nach ihrem -letzten Unglück gezwungen, durch ihre besten Vertreter -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -einzugestehen, daß sie die Grundlage des lebendigen -Lebens fast ganz verloren hat, daß ihr Lebensquell versiegt -und vertrocknet ist. Im gegenwärtigen Augenblick -bietet das französische Volk ein sonderbares Schauspiel -dar – was es auch selbst vollkommen begreift. Dieses -Sonderbare besteht darin, daß der intelligente und politisch -herrschende Teil dieser Nation sich wissentlich und -wehmütig so gut wie von allen ihren einst so begeistert -verkündeten Ideen entfernt hat und nun ohne Glauben, -doch mit jener Angst um das eigene Sein, die Despotismus -und Vergewaltigung nach sich zieht, wie eine -Polizei über den anderen Teil der Nation wacht. Dieser -andere Teil aber glaubt an seine Zukunft, glaubt, daß -sie kommen wird mit der Verwirklichung der neuen -Grundsätze in einer künftigen Gesellschaft, und, da er -arm ist an Gütern des Lebens, da er lange gelitten hat, -so ist er bereit, sich wie ein hungriges Tier auf seine -glücklicheren Brüder zu stürzen und sie zu zerfleischen. -Nachdem die Franzosen Baboeuf guillotiniert hatten, -den ersten, der schon vor 80 Jahren den begeisterten -Revolutionären gesagt, daß ihre ganze Revolution nicht -die Erneuerung der Gesellschaft nach neuen Grundsätzen -wäre, sondern nur der Sieg der einen mächtigen Gesellschaftsklasse -über die anderen: nachdem sie diesen ersten -lästigen Kritiker der Revolution beseitigt hatten, mußten -die Führer der ganzen republikanischen und demokratischen -Bewegung im neuen Jahrhundert allmählich einsehen, -daß das ganze Leben Frankreichs sich mehr und -mehr in eine erlogene Vorspiegelung verwandelte, in -irgendein phantastisches Gebilde, und daß es jede Bedeutung -eines lebendigen und notwendigen Lebens einbüßte. -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -Alle diese Perioden seiner letzten Entwicklungsgeschichte -– das Erste Kaiserreich, die Restauration, die -Herrschaft der Bourgeoisie unter den Orleans, das -Zweite Kaiserreich usf. – könnte man jetzt eher für -Luftspiegelungen halten als für gewesene Wirklichkeit; -jede dieser Erscheinungen hätte gewissermaßen gerade -so gut auch nicht sein können, und die große Nation -wäre vortrefflich auch ohne sie ausgekommem. Diese -ganze vorübergehende Phantasmagorie hat der Seele -der Nation, die sich immer nach lebendigem Leben gesehnt -hat, nichts Wesentliches gegeben. Und darauf -kam nun die Katastrophe dieses furchtbaren Krieges – -mit dessen Ausgang in Frankreich alle diese Vorspiegelungen -fast mit einem Schlage verschwanden und sich -aller Augen öffneten. Diese Katastrophe sagte gleichsam -jedem Franzosen: „Sieh, wie arm und blind, wie -niedrig und nackt und nichtig du in deiner ganzen, phantasmagorischen -Existenz warst – und das nun schon -ein ganzes Jahrhundert lang!“ -</p> - -<p> -Wird nun die große Nation an der Aufgabe, die -sie vor einem Jahrhundert auf sich genommen hat, und -die sie doch zu einem Abschluß wird bringen müssen, -mitsamt ihrem Genie zugrunde gehen, oder wird sie sich -dieses Genie doch noch erhalten? Das ist die Frage! -Wird ihr Genie solche Prüfung überstehen können? -Oder wird vielleicht alles einstürzen und irgendeine -neue, geniale Nation von Gott auserwählt werden, die -westliche Menschheit zu führen? Das sind vom Standpunkt -der vernünftigen und geschäftigen Leute aus -selbstverständlich nur müßige Fragen, doch nichtsdestoweniger -gab es und gibt es in ganz Europa viele Herzen -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -und Gedanken, die angstvoll vor ihnen standen und noch -stehen. In dieser verhängnisvollen Frage nach Leben -oder Tod Frankreichs, nach Auferstehung oder Erlöschen -seines großen, der Menschheit sympathischen Genies, -liegt vielleicht die Entscheidung über Leben und Tod der -europäischen Menschheit, – was auch immer die jungen -Besieger Frankreichs, die Deutschen dazu sagen mögen. -Wird denn Europa Frankreich überhaupt vermissen -können? Ein Europa ohne Frankreich ist für viele -sogar jetzt noch undenkbar, und nicht etwa nur für -müßige Menschen, die unseres tätigen Jahrhunderts -unwürdig sind. Einstweilen aber, nachdem ich die Frage -gestellt habe, die natürlich ohne Antwort bleiben muß, -sage ich noch bei der Gelegenheit, – meinetwegen in -der Eigenschaft eines Reporters der Gegenwart, – daß -es einige Anzeichen und Erscheinungen gibt, die von dem -heißen Wunsch der geistvollen Nation zeugen, aus allen -Kräften zu leben, und daß aus diesem Wunsch für -Europa sogar in kürzester Zeit sehr viele Sorgen erwachsen -können. -</p> - -<p> -Vor einer Woche hat sich in Frankreich ein äußerst -exzentrischer Zwischenfall zugetragen, der gar manchen -Europäer belustigt haben dürfte. Als der Kriegsminister, -General Dubarail, sein Budget der Versammlung -unterbreitete, fiel man sofort von allen Seiten mit -bitteren, heftigen Vorwürfen wegen der „Ärmlichkeit“ -und „Nichtigkeit“ desselben über ihn her –: weil er -so wenig Geld für den Ausbau des Heeres verlangte! -Darauf soll man sogar die Regierung beschimpft und -schließlich ganz ungewöhnliche Veränderungen vorgeschlagen -haben. Erst nach einiger Zeit, sagt man, sei -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -es dem General gelungen, die Versammlung zu beruhigen, -und zwar nur durch die Erklärung, daß das -Budget des nächsten Jahres sehr groß sein werde, daß -allein die Veränderung des Armeematerials nicht -weniger als 1380000000 Franken fordern würde. -Diese Summe soll dann eine einigermaßen ernüchternde -Wirkung auf die Gemüter ausgeübt haben. -</p> - -<p> -Ich habe gesagt, daß diese große Nation <em>leben -will</em>, – um jeden Preis! Doch, – ist es andererseits -nicht wieder im höchsten Grade phantastisch, dieses -„Leben der Vergeltung“, für das sie sich jetzt so einmütig -entschließt, obgleich sie erst kürzlich fünf Milliarden -an Deutschland gezahlt hat, indem sie sich einwandlos -zu neuen Milliardenausgaben bereit erklärt – wenn -nur dem verhaßten Feinde für die militärische wie moralische -Erniedrigung heimgezahlt wird!? Also ist doch -in dem moralisch so zerspaltenen Lande, das schon seit -so langer Zeit wehmütig und skeptisch auf das Leben -sieht, wo das allgemeine Gefühl bloß das allerbeschränkteste -Gefühl der Selbsterhaltung und das „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">chacun -pour soi</span>“ die erste Regel ist, – also hat sich in diesem -Lande doch plötzlich und unerwartet etwas gefunden, -das sogar die feindlichsten Elemente vereinigen kann. -Nein, der Quell des <em>unmittelbaren</em> Lebens versiegt -in den Völkern doch nicht so leicht. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-1-5"> -<span class="firstline">Deutschland und Rom</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Das päpstliche <span class="antiqua">Non possumus</span> ist meiner Meinung -nach so ernst zu nehmen, daß man in ihm überhaupt die -Existenzfrage der Religion in Europa sehen kann. Lassen -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -wir die protestantischen Glaubensbekenntnisse dabei -ganz aus dem Spiel; denn wenn der römische Katholizismus -fallen würde – wie sollten sich dann noch -Glaubensbekenntnisse erhalten, deren Wesen der Protest -gegen den Katholizismus ausmacht? Wenn nichts mehr -vorhanden ist, wogegen es zu protestieren gilt, wozu -dann noch ein Protest? Andererseits kann aber die -römische Kirche in ihrer gegenwärtigen Form nicht -weiterbestehen. Sie hat ja selbst erklärt, daß ihr Reich -von <em>dieser</em> Welt sei, und daß ihr Christus sich „ohne -Erdenreich auf der Erde nicht erhalten kann“. Die -römische Kirche hat die Idee der römischen Weltherrschaft -über die Wahrheit und über Gott gesetzt; zu demselben -Zweck hat sie auch die Unfehlbarkeit ihres Oberhauptes -als Dogma aufgestellt und hat das gerade in -dem Augenblick getan, da die weltliche Macht schon an -die Pforten Roms klopfte, um einzutreten: ein beachtenswertes -Zusammentreffen, das vielleicht von dem -„letzten Ende“ zeugt. Bis zur Stunde des Sturzes -Napoleons III. konnte die römische Kirche noch auf -den Schutz der Könige – und besonders der Könige -Frankreichs, mit deren Hilfe sie sich so viele Jahrhunderte -gehalten – rechnen. Kaum aber wurde sie von -Frankreich verlassen – da fiel auch ihre weltliche -Macht. Nun aber wird die katholische Kirche diese ihre -weltliche Welt für keinen Preis, niemals und niemandem, -abtreten und würde eher damit einverstanden sein, -daß das Christentum vollkommen unterginge, als daß -die weltliche Herrschaft der Kirche aufhörte. Ich weiß: -gar manche klugen Leute werden meine Behauptung mit -einem Lächeln aufnehmen, doch soll mich das nicht abhalten, -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -sie mit allem Nachdruck zu verteidigen. Und so -sage ich denn nochmals: Es gibt in Europa augenblicklich -keine einzige Frage, die zu beantworten schwieriger -wäre, als die katholische, und gleichfalls keine einzige -politische, keine „soziale“ Schwierigkeit, mit der sich -diese römisch-katholische Frage nicht vereinigte. Mit -einem Wort: Das Schwerste, was Europa in Zukunft -bevorsteht, ist die Lösung dieses Problems, wenn auch -neunundneunzig Prozent aller Europäer augenblicklich -vielleicht nicht einmal an dasselbe denken. -</p> - -<p> -Ich habe bereits im Laufe des vorigen Jahres meine -Gedanken über diese Frage mitgeteilt: – nach gewissen -Anzeichen zu urteilen, kann man wirklich glauben, daß -die katholische Kirche zur Wiederherstellung ihrer Macht -bereit ist, sich mit dem niedrigen Volk zu verbinden und -hinfort den Königen den Rücken zu kehren. – Allerdings -haben die Könige sie zuerst verlassen. Doch ohne -mich über diesen Punkt weitläufig zu verbreiten, will -ich einstweilen nur sagen, daß von den europäischen -politischen Begebenheiten des vorigen Jahres der Briefwechsel -des Papstes mit dem Deutschen Kaiser zweifellos -eine der wichtigsten war. In seiner Zuschrift erklärte -ja der Papst, daß er der von Gott selbst eingesetzte -Vater und Beschützer aller Christen sei, – gleichviel -welch einem Bekenntnis sie angehören, und gleichviel, -ob sie ihn für ihr Haupt anerkennen oder nicht, – -wenn sie nur getauft sind. -</p> - -<p> -Als die italienische Regierung dem Papst die -Summe von drei Millionen Franken jährlich aussetzte -und sie ihm anbot, da glaubte und hoffte sie natürlich -doch, daß er dieses, übrigens sehr annehmbare Budget -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -akzeptieren werde. Hätte der Papst das getan, so würde -er sich mit dem <span class="antiqua">Statuts quo</span> einverstanden erklärt haben -und – <em>es wäre zu Ende gewesen mit dem -römischen Katholizismus</em>! An seiner Stelle -aber hätte dann etwas ganz anderes, noch Unbekanntes -begonnen. Doch der Papst nahm sie nicht an. Jetzt -hoffen einige, der ihm folgende Papst werde es tun. -Aber der 84jährige Greis weiß nur zu gut, daß auch -sein Nachfolger, wer er auch sei, gleichfalls kein einziges -Budget annehmen kann und allen und jedem, wie er -es getan, erklären wird: „<span class="antiqua">Non possumus.</span>“ -</p> - -<p> -Abgesehen davon, daß der Deutsche Kaiser dem -Papst gemessen und von oben herab geantwortet<a class="fnote" href="#footnote-7" id="fnote-7">[7]</a> hat, -sieht man in Deutschland auf die gegenwärtige Lage -der römischen Kirche denn doch etwas ernster, als die -italienische Regierung es tut. Anderenfalls: womit -könnte man sich sonst jene sonderbare Verfolgung des -römischen – ultramontanen – Katholizismus in -Deutschland erklären? Man könnte wirklich glauben, -daß das kolossale neue Reich, in dem es so viel andere -Schwierigkeiten und neue Fragen gibt, die römische -Frage für die bedeutungsvollste von allen hält. Nun -und –: das scheint auch in der Tat der Fall zu sein! -Es ist natürlich kaum möglich, sich vorzustellen, daß solch -ein mächtiges Reich und an seiner Spitze so mächtige -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -Herrscher und Lenker plötzlich irgendwelche „lächerlichen“ -ultramontanen Ansprüche eines „kraftlosen, armseligen -Mönches“ fürchten könnten, und das noch in -welchem Jahrhundert? – im <em>neunzehnten</em>, im -Jahrhundert der Maschinen, der Philosophie und unserer -Aufklärung! Zudem wäre es ein äußerst grober Fehler, -in dem allgemeinen Indifferentismus durch die -Verfolgung der Kirche den religiösen Fanatismus zu -erwecken, was doch für solche Staatsmänner, wie Graf -Bismarck einer ist, keinen Augenblick unklar bleiben -dürfte. Wenn nun Graf Bismarck gegen die Kirche vorgeht -– wie u. a. durch das Gesetz über die bürgerliche -Ehe –, dann geht er scheinbar Hand in Hand mit den -Feinden der Kirche, – nicht nur mit den Feinden der -katholischen Kirche, sondern jeder christlichen Kirche -überhaupt, – Hand in Hand mit den Atheisten und -Sozialisten!!! Auf diese Weise werden zwei sich entgegengesetzte -Fanatismen angefacht: der Fanatismus -des Glaubens und der der Verneinung. Ist das aber -geschickt von einem so großen Staatsmann, wie Graf -Bismarck? Und folgt daraus nicht wiederum, daß die -römische Frage von so weitsichtigen Staatsleuten für -eine der wichtigsten zukünftigen Schicksalsfragen des -Deutschen Reiches gehalten wird? Sonst würde man -doch nicht zu ihrer Bewältigung so wichtige Interessen -opfern! – Wie aber, wenn Graf Bismarck – oder, -besser gesagt – wenn Deutschland seinen zukünftigen -und dann wohl endgültigen Kampf mit Frankreich -am ehesten für möglich hält – auf Grund der römischen -Frage? Bedenken wir bloß eines: mag der letzte deutsch-französische -Krieg auch als noch so „zufällig“ erscheinen, -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -jetzt, nach seiner Beendung, können doch weder -Deutschland noch Frankreich auf ihren stattgefundenen -furchtbaren Kampf wie auf etwas Zufällig-Politisches, -sozusagen bloß Napoleonisches sehen. Deutschland, das so -viele Jahrhunderte hindurch alles gehabt: Reichtum, -Zivilisation, Wissenschaft, und das nur eines, das Ersehnteste, -nicht hatte – die politische Einheit –, mußte -doch endlich begreifen, was es übrigens schon seit Jahrhunderten -tat, daß es seine politische Einheit nicht erreichen -konnte, solange an der Spitze Europas noch -Frankreich stand; nun aber weiß es, daß es sich mit -einer zweitrangigen Rolle, wie irgendein Italien, in -Europa nicht begnügen kann, und daß doch wiederum -zwei führende Mächte in Europa zu gleicher Zeit nicht -möglich sind; daß es sich hier schließlich um die Frage des -Geistes handelt, des Lebens und der Ideale; daß die -Ideale der westlich-katholischen und der germanischen -Kultur verschieden und unvereinbar sind – so daß denn -der Deutsch-Französische Krieg schließlich nichts anderes -gewesen ist, als der Zusammenstoß zweier europäischer -Kulturen, der katholischen und der protestantischen, -oder der französischen und der germanischen, der unvereinbaren -und entgegengesetztem die sich schon seit Jahrhunderten -zu diesem Kampf vorbereitet hatten. Andererseits -muß Frankreich, der tausendjährige Repräsentant -des westlichen Katholizismus, selbst jetzt noch, einsehen, -daß es dieser Führer der katholischen Welt, sogar bei -deren heutigem Zerfall, nur dann bleiben kann, wenn -es dem Katholizismus und seiner Idee tatsächlich treu -bleibt. -</p> - -<p> -Ich will nur sagen, daß die Wiedererstehung des -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -Katholizismus im Sinne der <em>Grundidee der Nation</em> -in Frankreich vielleicht durchaus nicht so unmöglich -ist, wie es viele glauben. Alles, was in Frankreich -im letzten Jahrhundert, dem Jahrhundert der ununterbrochenen -Schwankungen, vor sich gegangen ist, könnte -in mancher Beziehung zur Bekräftigung solch einer Annahme -dienen. In diesem letzten Jahrhundert haben alle -die so verschiedenen Regierungen Frankreichs – die -Könige, die Republiken, Napoleon III. – alle haben -sie den Papst mit dem Schwert in der Hand unterstützt -oder sind bereit gewesen, ihn zu unterstützen, wenigstens -sind sie alle <em>für</em> Rom und seine weltliche Macht gewesen. -Graf Bismarck aber muß doch vorausfühlen, wenn -auch nur zum Teil, daß Frankreich sich niemals mit -einem zweitrangigen Platz in Europa und einer solchen -militärischen Niederlage zufrieden geben wird, daß dieses -in seiner Art für Frankreich vielmehr gleichfalls ein -<span class="antiqua">Non possumus</span> ist. Und warum soll er nicht auch voraussehen, -daß dieses Frankreich, das noch nicht endgültig -vernichtete, wohl aber so kürzlich noch vollkommen -zu Boden geschlagene, das so plötzlich die ganze Welt -durch seinen Reichtum und – vor allen Dingen – -Kredit in Erstaunen gesetzt hat – was dem Grafen -Bismarck so unerwartet kam –, daß dieses Frankreich -den Kampf noch längst nicht aufgegeben hat, daß der -Streit um die Vorherrschaft somit unvermeidlich noch -einmal ausbrechen und es dann aber wirklich um Leben -oder Tod der beiden Nationen gehen wird!? Wie sollte -er es nicht begreifen, daß dieser Kampf eigentlich überhaupt -erst anfängt, – geschweige denn, daß er beendet -sei –? Und, da dieser Kampf schließlich der entscheidende -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -und abschließende Kampf zweier so verschiedener -europäischer Zivilisationen sein wird –, warum soll er -da nicht annehmen, daß auch der entscheidende Zusammenstoß -gerade dort stattfinden wird, wo das Wesen -der beiden Zivilisationen liegt: auf dem Boden der Kultur, -dort, wo Katholizismus und Protestantismus einander -feindlich begegnen? -</p> - -<p> -Diese Idee zu entwickeln, würde zu weit führen; -lassen wir es genug sein, daß wir sie ausgesprochen haben. -Ich wollte im übrigen bloß sagen, daß Graf Bismarck, -wenn er den Katholizismus in seinem Zentrum -angreift, vielleicht nur den jüngsten deutsch-französischen -Krieg noch weiter fortführt und – sich zu einem -neuen vorbereitet. Handelt er nun geschickt oder nicht – -das mag vorläufig dahingestellt sein, jedenfalls aber -handelt er mit einem scharfen Blick. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-1-6"> -<span class="firstline">Frankreich, die Republik und der Sozialismus</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Bei uns sprechen jetzt<a class="fnote" href="#footnote-8" id="fnote-8">[8]</a> alle über den Frieden. Alle -glauben an einen langandauernden Frieden, überall -sieht man helle Horizonte, neue Bündnisse, neue Kräfte. -Daß in Paris die Republik wiederhergestellt ist, darin -sieht man eine Bürgschaft für den Frieden, und daß -diese Republik von Bismarck wiedereingesetzt wurde – -sogar darin sieht man eine Bürgschaft für den Frieden. -Zweifellos sieht man sie auch in der Übereinstimmung -der großen östlichen Mächte – und vielleicht erblicken -nicht minder einige in den jetzigen Unruhen der Herzegowina -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -unzweifelhafte Zeichen für die Dauerhaftigkeit -des europäischen Friedens ... vielleicht auch darum, -weil der Schlüssel zu dieser Herzegowinafrage sich in -Berlin befindet, und wiederum in der Schatulle des -Fürsten Bismarck? Aber am meisten freut man sich bei -uns über die Französische Republik. Übrigens, warum ist -Frankreich immer noch auf dem ersten Platz in Europa, -und nicht das siegreiche Deutschland? Das allerkleinste -Ereignis in Paris erweckt nach wie vor in Europa mehr -Sympathie und Aufmerksamkeit als manches schwerwiegende -Berliner Ereignis. Unbestreitbar deshalb, weil -dieses Land immer das Land des ersten Schrittes, der -ersten Probe und der Anregung von neuen Ideen war! -Darum erwarten alle von dort den „Anfang vom Ende“. -Und wer wird wohl auch von allen zuerst diesen verhängnisvollen -und endgültigen Schritt tun, wenn nicht -Frankreich? -</p> - -<p> -Darum vielleicht haben sich die unversöhnlichsten -Parteibildungen gerade in diesem, seit alters alle Neuerungen -vermittelnden Lande entwickelt. Ein Friede ist -da überhaupt nicht eher möglich, als bis es einmal wirklich -zu jenem „Ende“, zu einem großen Zusammenbruch -gekommen sein wird. Diejenigen in Europa, die die Republik -bewillkommnen, sagen, daß sie schon deshalb für -Frankreich und für Europa unumgänglich nötig sei, -weil nur in ihr ein Revanchekrieg mit Deutschland ausgeschlossen -scheint, und daß nur die republikanische Partei, -von allen zur Stunde Ansprüche erhebenden Parteien, -ihn nicht wagen wird, noch überhaupt unternehmen -will. Indessen sind das nichts als Luftspiegelungen. -Im übrigen ist auch die Republik eines Kampfes wegen -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -ausgerufen worden, wenn auch nicht zu einem Kriege -mit Deutschland, so doch mit einem viel gefährlicheren -Gegner: dem Feind und Gegner von ganz Europa – -dem Kommunismus und Sozialismus. Dieser Gegner -erhebt sich viel leichter in einer Republik als unter jeder -anderen Regierung! Jede andere Regierung würde sich -mit ihm schließlich einigen, die Katastrophe vermeiden; -nur eine Republik wird ihm nichts abtreten wollen, sondern -ihn selbst herausfordern, ihn zum Kampfe zwingen. -Und so mögen die guten Leute nur behaupten, die „Republik -sei der Friede“! In der Tat, wer hat dieses Mal -die Republik errichtet, wenn nicht die Bourgeoisie und -die kleinen Rentiers? Wenn diese Leute wohl auch schon -seit langem Republikaner waren, so fürchteten doch gerade -sie im Grunde die Republik, sahen in ihr nur Unordnung -und den ersten Schritt zum Kommunismus. -Der Konvent der ersten Revolution teilte in Frankreich -den großen Besitz der Emigranten und der Kirche in -kleine Teile und verkaufte sie in Anbetracht der ununterbrochenen -damaligen Geldkrisis. Dieses Verfahren -bereicherte einen großen Teil Franzosen und gab ihnen -die Möglichkeit, achtzig Jahre später fünf Milliarden -Kontribution zu bezahlen, ohne mit der Wimper zu -zucken. Aber wenn dieses Verfahren zurzeit auch den -Wohlstand sehr hob, so paralysierte es doch die demokratischen -Bestrebungen, indem es die Zahl der Besitzenden -vergrößerte und so Frankreich dem grenzenlosen -Besitz der Bourgeoisie in die Hände gab – die aber -ist der erste Feind des Demos, des eigentlichen Volkes. -Ohne dieses Verfahren hatte sich die Bourgeoisie in -Frankreich nie so lange an der Spitze des Staates und -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -an Stelle des früheren Beherrschers von Frankreich, des -Adels, erhalten können. So jedoch erbitterte das Volk -und ward unversöhnlich: die Bourgeoisie verdarb selbst -den natürlichen Gang der demokratischen Bestrebungen -und verwandelte ihn in einen einzigen Haß und einen -einzigen Neid. Die Scheidung der Parteien ging so -weit, daß der ganze Organismus des Landes endgültig -zusammenbrach und jegliche Wiederherstellung unmöglich -wurde. Wenn sich Frankreich bis jetzt im Ganzen -noch immer aufrechthält, so tut es dies nur nach dem -Gesetz der Natur, nach dem sogar eine Handvoll Schnee -nicht früher als in einer bestimmten Zeit auftauen kann. -Diesen Schein eines Ganzen nehmen die unglücklichen -Bourgeois und mit ihnen eine Menge gutmütiger Menschen -in Europa noch für eine lebendige Kraft des Organismus, -betrügen sich mit der Hoffnung, und zu gleicher -Zeit zittern sie doch vor Furcht. Im Grunde hat die -Einheit sich bereits vollständig aufgelöst. Die Aristokraten -haben nur den eigenen Nutzen im Auge, die Demokraten -nur den der Armen. Um den allgemeinen Vorteil -dagegen, den Vorteil Aller und des zukünftigen Frankreichs, -kümmert sich niemand, außer den Schwärmern -von Sozialisten und den Träumern von Positivisten, -die von der Wissenschaft alles erwarten, alles, d. h. -eine neue Einigung der Menschen und neue Grundsätze -eines gesellschaftlichen Organismus. Aber die Wissenschaft, -auf die alle so große Hoffnungen setzen, wird -kaum imstande sein, sich mit der Angelegenheit gleich -zu beschäftigen. Es ist schwer, anzunehmen, daß sie -schon so gut Bescheid um die menschliche Natur wissen -wird, um fehlerlos neue Gesetze des gesellschaftlichen -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Organismus aufzustellen. Da man aber hier weder -schwanken noch warten kann, so stellt sich von selbst die -Frage ein: Ist die Wissenschaft sofort zu dieser Aufgabe -bereit, und geht diese Aufgabe nicht über die Kräfte -ihrer zukünftigen Entwicklung? Ich bin sogar bis jetzt -geneigt, zu behaupten, daß diese Aufgabe allerdings -über die Kräfte der menschlichen Wissenschaft gehen -wird, trotz ihrer, wie ich zugebe, großen zukünftigen -Entwicklungsmöglichkeit. Da also die Wissenschaft -diesem Anspruch an sie nicht gerecht werden wird, so ist -es klar, daß die ganze Bewegung des Volkes, des vierten -Standes, in Frankreich, wie überall in der ganzen Welt, -von Schwärmern – und die Schwärmer wieder von -allen möglichen Spekulanten – geleitet werden wird. -Ja, und selbst in der Wissenschaft, gibt es denn da keine -Träumer? In der Tat, die Träumer haben jetzt mit -Recht die Führung der Bewegung ergriffen; denn sie -allein kümmern sich in Frankreich um die sogenannte -Einigung aller, um das Zukünftige; und es scheint, -daß moralisch ihnen allein das Erbe Frankreichs zufallen -wird, ungeachtet ihrer augenscheinlichen Schwäche -und Phantasterei – wie denn das so ziemlich alle auch -fühlen! Aber am furchtbarsten ist es, daß neben all -dem Phantastischen ein Bestreben sich kundtut, daß das -grausamste und unmenschlichste ist und schon nichts -Phantastisches mehr an sich hat, sondern real und -historisch unvermeidlich erscheint. Es drückt sich in folgenden -Worten aus: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ôte-toi de là, que je m’y -mette!</span>“ – Fort von dem Platz, damit ich mich hinsetze! -Bei den Millionen des unteren Volkes – abgesehen -von einigen wenigen Ausnahmen vielleicht – -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -kommt in der ersten Linie und steht zu Anfang aller -Wünsche: das Plündern der Besitzenden. Man kann -dabei die Besitzlosen nicht einmal verurteilen: die Besitzenden -selbst hielten sie bis zu dem Grade in der -Dunkelheit, daß all diese Millionen unglücklicher, elender -und blinder Leute ohne Zweifel und auf die naivste -Weise glauben, daß sie durch diesen Raub sich bereichern -können, und daß darin die ganze soziale Idee besteht, -über die sich ihre Führer streiten. Ja, und wie können -sie denn auch die Träume der Führer oder irgendeine -Prophezeiung der Wissenschaft verstehen? Nichtsdestoweniger -werden sie siegen, und wenn die Reichen ihnen -vor der Zeit nichts abtreten, so kann es noch zu furchtbaren -Ereignissen kommen. Aber keiner wird zur rechten -Zeit etwas abtreten – vielleicht auch deshalb nicht, -weil schon heute die Zeit der Abtretung überschritten -ist. Ja, und die Besitzlosen wollen jetzt selbst nicht mehr -eine Verständigung mit ihnen, wenn man ihnen auch -alles gewähren würde: sie würden doch nur glauben, -daß man sie wieder betrügt und übervorteilt. Sie -wollen selbst und allein bestimmen. -</p> - -<p> -Die beiden Bonaparte hielten sich dadurch, daß sie -die Möglichkeit eines Ausgleichs mit ihnen wenigstens -versprachen; und sie machten auch mikroskopische Versuche -dazu, wenn auch immer nur hinterhältig und unaufrichtig. -Aber die Oligarchen fühlten sich enttäuscht -durch sie, und der Demos glaubte ihnen erst recht nicht. -Was die royalistischen Prätendenten (älterer Linie) anbetrifft, -so können die dem Proletariat als Rettung im -Grunde nur den römisch-katholischen Glauben bieten, -von dem jedoch nicht nur das Volk, sondern auch die -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Mehrzahl der Intelligenz in Frankreich schon lange -nichts mehr wissen will. Man spricht davon, daß unter -dem Proletariat in letzter Zeit mit außerordentlicher -Stärke der Spiritismus sich entwickelt hat, vor allen -Dingen in Paris. Die jüngere Linie der Könige, die -Linie Orleans, ist sogar der Bourgeoisie verhaßt geworden, -obgleich man eine Zeitlang gerade an diese -Familie glaubte und sie für den eigentlichen Führer in -der französischen besitzenden Klasse ansah. Aber ihre -Unfähigkeit wurde bald von allen erkannt. Nichtsdestoweniger -mußte die Bourgeoisie sich retten, sie mußte -durchaus und so schnell wie möglich sich einen Führer -suchen für die große und letzte Schlacht mit dem furchtbaren, -von unten heraufkommenden Feind. Die Erkenntnis -und der Instinkt ließen sie auf ein richtiges -Mittel verfallen, und sie wählten – die Republik. -</p> - -<p> -Es gibt ein politisches Gesetz und sogar ein Gesetz -der Natur, nach dem von zwei starken und einander -nahestehenden Nachbarn, wie befreundet sie auch miteinander -sein mögen, doch der eine den anderen vernichten -möchte und früher oder später diesen Wunsch -auch in die Tat umsetzt. „Von der roten Republik gibt -es einen Übergang zum Kommunismus,“ – dieser Gedanke -erschreckte bis jetzt die französischen Bourgeois, -und es mußte viel Zeit vergehen, bis plötzlich die Mehrzahl -von ihnen erriet, daß diese nächsten Nachbarn zu -den erhärtetsten Feinden werden würden, schon allein -aus dem Prinzip der Selbsterhaltung. In der Tat, -ungeachtet der so engen Nachbarschaft der roten Republik -mit dem Kommunismus – wer kann in Wirklichkeit -feindlicher und dem Kommunismus radikaler entgegengesetzt -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -sein als die Republik? sogar, wenn man -will, als die blutige Revolution der neunziger Jahre? -In der Republik handelt es sich vor allem um die republikanische -Form: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la république avant tout, avant -la France</span>“. In der Republik ist die ganze Hoffnung: -die Staats<em>form</em>; und ob der Mac-Mahonismus an -die Stelle Frankreichs tritt – es bleibt sich gleich, wenn -er sich nur Republik nennt! Das ist das Charakteristische -der jetzigen „Siege“ der Republikaner in Frankreich. -So sucht man denn in der bloßen Form die Rettung. -Von der anderen Seite dagegen, was geht den -Kommunismus die republikanische Staatsform an, da -er im Grunde jede Regierungsform verneint, und nicht -nur jegliche Form einer Regierung, sondern auch den -Staat an sich und die ganze zeitgenössische Gesellschaft? -Dieses gerade Gegenteil, diese gemeinsame Antithese -zweier Kräfte vermochte die französische Masse erst in -achtzig Jahren zu erkennen, zuletzt erkannte sie sie aber -doch und – errichtete die Republik: dem Feinde stellte -sie endlich den allergefährlichsten und allernatürlichsten -Gegner entgegen; denn um nichts in der Welt will die -Republik im Kommunismus und Sozialismus untergehen. -Im Grunde ist die Republik der natürlichste Ausdruck -und die gegebene Staatsform der Bourgeoisie, -ja, die ganze französische Bourgeoisie ist doch das Kind -der Republik, für sie geschaffen und für sie organisiert -in der ersten Revolution. Auf diese Weise ist die Scheidung -vollständig erreicht. Man sagt, der Kampf der -beiden sei noch weit. Ob er so weit ist? Vielleicht ist es -besser, die Katastrophe nicht noch hinauszuschieben. -Schon jetzt hat der Sozialismus Europa durchsetzt, und -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -bis zu der Zeit wird er es noch mehr durchsetzt haben. -Fürst Bismarck weiß es, aber er baut nach deutscher Art -zu sehr auf Blut und Eisen. Was kann man aber da -mit Blut und Eisen ausrichten? -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-1-7"> -<span class="firstline">Katholizismus und Sozialismus</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Man wird sagen: Aber jetzt wenigstens, jetzt gleich -hat man nicht den geringsten Grund, sich aufzuregen; -alles ist hell und klar: In Frankreich ist der Mac-Mahonismus, -im Osten die große Einigung der Mächte, -die Kriegsbudgets werden überall und außerordentlich -vergrößert – wie soll es da keinen Frieden geben! -</p> - -<p> -Aber der Papst? Wenn der heute oder morgen stirbt -– was wird dann werden? Wie sollte der römische -Katholizismus einwilligen, gleichsam ihm zur Gesellschaft -mit ihm zu sterben? Oh, nie noch dürstete es -ihn so, zu leben – wie jetzt! Übrigens, unsere Propheten, -wie sollten sie nicht über den Papst lachen? „Eine -Papstfrage gibt es bei uns ja überhaupt nicht mehr!“ -Indessen ist die Frage des Katholizismus zu bedeutungsschwer -und der Katholizismus selber so voll von grenzenlosen -Widersprüchen, daß er diese nie um des Friedens -willen, nicht um der ganzen Welt willen aufgeben -würde. Ja, für wen denn auch, und zu wessen Nutzen -sie denn aufgeben? Um der Menschheit willen etwa? -Der Papst hält sich schon lange für höher als die -Menschheit. Er hat bis jetzt nur um die Starken der Erde -gebuhlt und auf sie gehofft bis zum letzten Augenblick. -Dieser Augenblick ist heute gekommen, und nun scheint -es, daß der römische Katholizismus endlich sich von den -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Großen der Erde abgewandt hat, die ihm ja doch schon -lange untreu geworden waren und in Europa jene Hetzjagd -auf ihn geplant hatten, die wir in unseren Tagen -erlebten. Und haben wir von dem römischen Katholizismus -nicht bereits die unglaublichsten Überraschungen -erlebt? Einmal, wenn es nötig war, hat er Christus für -weltlichen Besitz verkauft und das Dogma aufgestellt, -„daß das Christentum auf der Erde ohne die weltliche -Herrschaft des Papstes nicht bestehen könne“, und so -einen neuen Christus geschaffen, einen, der dem früheren -in nichts mehr ähnlich ist, der verführt war durch die -dritte teuflische Versuchung, die weltliche Herrschaft: -„Alles das gebe ich dir, bete mich an!“ Oh, ich habe -heftige Ableugnungen dieses Gedankens gehört: man -hat mir versichert, daß der Glaube an Christus und sein -Bild in den Herzen der meisten Katholiken noch in alter -Wahrheit und Reinheit weiterlebe. Das kann durchaus -wahr sein, aber ich behaupte trotzdem: die Hauptquelle -ist trübe und auf ewig verschüttet; denn nicht umsonst -verfiel Rom dieser teuflischen Versuchung, seine weltliche -Herrschaft in der Form eines unerhörten Dogmas -zu verkünden – eine Tat, deren Folgen wir heute noch -nicht absehen können. Bemerkenswert ist nur, daß die -Verkündung dieses Dogmas gerade in dem Augenblick -erfolgte, als das geeinte Italien vor den Toren Roms -stand. Viele von uns lachten und spotteten über den -Papst: wüten kann er, aber machtlos ist er doch, sagte -man ... Wer weiß, ob er so machtlos ist! Nein, solche -Menschen, die fähig sind zu solchen Entschlüssen, können -nicht ohne Kampf sterben. Man wird mir erwidern, daß -es immer so im Katholizismus gewesen und daß in ihm -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -überhaupt keine Veränderung vor sich gegangen sei. -Möglich, aber es hat in ihm doch immer ein Geheimnis -gegeben: es hatte viele Jahrhunderte das Aussehen, als -sei der Papst mit seinem kleinen Besitztum, mit dem -Lande des Kirchenstaates, durchaus zufrieden – ... aber -alles das war dann doch nur Allegorie. Die Hauptsache -in dieser Allegorie, das Samenkorn des Grundgedankens, -war die immer gegenwärtige Hoffnung des Papsttums, -daß aus diesem Samenkorn dereinst ein prächtiger -Baum werden würde, bestimmt, die ganze Erde zu -beschatten. Und siehe da, als man ihm die letzte Quadratmeile -seines westlichen Besitztums nimmt, da erhebt -sich der Beherrscher des Katholizismus, seinen Tod voraussehend, -und erklärt der ganzen Welt das Geheimnis: -„Ihr glaubt wohl, daß ich nur dem Titel nach Herrscher -des Kirchenstaates bin? So wisset denn, daß ich -mich immer als den Herrscher der ganzen Welt, aller -Herrscher der Erde, der geistlichen wie der weltlichen, -gefühlt habe, als ihren wirklichen Herrn und Imperator. -Ich – ich bin der Zar aller Zaren und der Herrscher -aller Herrscher, und mir allein auf der Erde gehören -die Schicksale und die Zeiten: und das erkläre ich -aller Welt jetzt im Dogma meiner Unfehlbarkeit.“ Nein, -dort steckt noch eine Kraft, das ist erhaben, aber nicht -lächerlich; das ist eine Auferstehung der alten römischen -Idee der Weltherrschaft, die nie im römischen Katholizismus -aussterben wird; das ist das Rom Julian Apostatas, -das nicht von Christus besiegte, sondern das -Christum besiegende, in einem neuen und letzten -Kampf! Auf diese Weise hat sich der Eintausch des -wahrhaftigen Christus gegen ein weltliches Reich vollzogen. -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -Und im römischen Katholizismus vollzieht er sich -in der Tat! Ich wiederhole es, diese schreckliche Armee -hat zu scharfe Augen, um nicht endlich zu erblicken, wo -jetzt die wirkliche Kraft ist, auf die man sich stützen kann. -In dem Augenblick, da er seine verbündeten Großen -verliert, wird er sich an das Volk klammern. Er hat zu -seiner Verfügung zehntausend Verführer, kluge, gewandte -Herzensbesieger und Psychologen, Dialektiker und -Sophisten. Das Volk war und ist überall redlich und -gut. Außerdem – in Frankreich wie auch an anderen -Orten Europas – haßt das Volk den Glauben, verachtet -ihn, ohne das Evangelium zu kennen. Alle diese Herzenskundigen -und Seelenkenner werfen sich nun auf -das Volk und bringen ihm den neuen Christus, einen der -in, alles einwilligt, einen, wie er auf dem letzten römischen -Konzil aufgestellt wurde. „Ja, unsere Freunde und -Brüder,“ werden sie sagen, „alles, was ihr euch wünscht -– alles das steht schon längst in unseren Büchern, und -eure Führer haben es von uns gestohlen. Wenn wir euch -früher noch nichts davon gesagt haben, so ist es nur -deshalb nicht geschehen, weil ihr bis jetzt noch wie unreife -Kinder waret, für die es zu früh war, die ganze -Wahrheit zu erfahren. Aber jetzt ist die Zeit der Wahrheit -für euch gekommen. Wisset, daß beim Papst die -Schlüssel des heiligen Petrus sind – und der Glaube -an Gott ist nur der Glaube an den Papst, der von Gott -auf der Erde an Stelle Gottes eingesetzt worden ist. Er -ist unfehlbar, und ihm ist göttliche Macht gegeben, er -ist der Beherrscher der Schicksale und der Zeiten; er hat -beschlossen, daß auch eure Zeit jetzt gekommen sein soll. -Früher lag die Hauptkraft des Glaubens in der Ergebung, -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -jetzt ist aber die Frist der Ergebung um, und der -Papst hat die Macht, sie aufzuheben, da ihm alle Macht -auf Erden gegeben ist. Ja, wir sind alle Brüder, und -Christus selbst hat uns befohlen, Brüder zu sein. Wenn -eure älteren Brüder euch nicht als Brüder anerkennen -wollen, so nehmt Waffen, dringt in ihre Häuser ein und -zwingt sie mit Gewalt, eure Brüder zu sein. Christus -hat lange gewartet, daß eure älteren Brüder bereuen -würden, aber jetzt hat er uns selbst befohlen: ‚<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Fraternité -ou la mort!</span>‘ – Sei mir ein Bruder oder stirb! -Wenn dein Bruder zögert, sein Gut mit dir zu teilen, -so nimm ihm alles; denn Christus hat lange gewartet -auf seine Reue und Buße, jetzt schlägt die Stunde der -Vergeltung und des Zornes. Wisset auch, daß ihr unschuldig -seid an allen euren vergangenen und zukünftigen -Sünden; denn eure Sünden kamen nur aus eurer -Armut. Und wenn eure Führer und Lehrer das schon -früher gesagt, und wenn sie euch auch die Wahrheit -gesagt haben, so hatten sie nicht die Macht, es euch vor -der Zeit zu <em>verkünden</em>; denn die Macht dazu hat -nur der Papst von Gott selbst erhalten. Der Beweis -dafür ist, daß diese Lehrer euch noch zu nichts Gescheitem -gebracht haben, und daß all ihr Beginnen an sich -unfruchtbar war; ja, und außerdem waren sie treulos; -auf euch gestützt, erschienen sie stark, um sich dann für -einen höheren Preis euren Feinden zu verkaufen. Aber -der Papst wird euch nicht verkaufen, denn über ihm gibt -es keine höhere Gewalt, er ist der Erste aller Ersten; -nur glaubt an <em>ihn</em>, nicht an Gott, sondern nur an den -Papst, und daran, daß er allein der Herrscher auf Erden -ist, und sonst niemand, und daß alle anderen, wenn ihre -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -Stunde kommt, verschwinden müssen. Freut euch jetzt, -denn das Paradies auf Erden hat begonnen, alle werdet -ihr reich sein und durch den Reichtum ehrlich und selig, -weil alle eure Wünsche erfüllt sein werden und jeglicher -Grund zum Bösen euch genommen wird.“ Diese Worte -sind gleisnerisch, aber das Volk wird unbedingt den -Vorschlag annehmen: es sieht in dem unerwarteten -Verbündeten eine große vereinigende Macht, die auf -alles eingeht, – eine reale, historische Macht an Stelle -von verschwärmten Führern und Spekulanten, an deren -praktische Fähigkeiten und auch an deren Ehrlichkeit die -Menschen nicht mehr glauben. Dort ist der Stützpunkt -gefunden und der Hebel in die Hand gegeben, jetzt heißt -es, mit der ganzen Masse ihn umdrehen. Und zur Vervollständigung -des Ganzen gibt man ihm wieder den -Glauben und beruhigt mit ihm viele Herzen, denn viele -von ihnen sehnen sich nach Gott ... -</p> - -<p> -Ich habe schon einmal in einem Roman darüber gesprochen. -Möge man mir meine feste Überzeugung verzeihen, -aber ich bin sicher, daß alles sich einmal im westlichen -Europa so zutragen wird, in der einen oder anderen -Form, d. h. daß der Katholizismus sich der Demokratie -zuwenden und die Großen der Welt verlassen -wird, weil sie ihn verließen. Alle Macht in Europa verachtet -ihn, denn er ist jetzt nach außen allzu arm und -allzu überwunden. Und doch erscheint er lange nicht in -einer so tragikomischen Lage, wie sich ihn gutmütigerweise -unsere politischen Publizisten vorstellen. Indessen -würde ein Fürst Bismarck ihn nicht so verfolgen, wenn -er in ihm nicht seinen furchtbarsten und mächtigsten -Feind der Zukunft sähe. Fürst Bismarck ist ein zu -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -großer Mensch, um seine Kräfte an einen lächerlichen -und machtlosen Feind zu verschwenden. Aber der Papst -ist stärker als er. Ich wiederhole, daß das Papsttum -vielleicht am stärksten den Weltfrieden bedroht. Und -dem Frieden droht noch vieles sonst. Noch wie war Europa -so angefüllt von feindlichen Elementen, wie in -unserer Zeit: als wäre alles mit Dynamit unterlegt und -wartete nur auf den zündenden Funken ... -</p> - -<p> -„Ja, aber was geht das uns an? Das ist ja alles -dort in Europa und nicht bei uns in Rußland!“ Nun, -bei uns wird Europa dann anklopfen und uns anflehen, -es zu retten, wenn die letzte Stunde seiner jetzigen Ordnung -der Dinge schlägt. Und es wird unsere Hilfe verlangen, -als ob es ein Recht darauf hätte: es wird uns -sagen, daß auch wir Europa seien, daß auch bei uns -diese „Ordnung der Dinge“ sein müsse, da wir es doch -nicht umsonst zweihundert Jahre lang imitiert und uns -gebrüstet hätten, Europäer zu sein, und daß wir, wenn -wir Europa retteten, im Grunde nur uns selbst retten -würden. Freilich wären wir vielleicht nicht sehr geneigt, -diese Angelegenheit nur zugunsten der einen -Hälfte zu entscheiden, denn diese Aufgabe wird auch -über unsere Kraft gehen: und haben wir uns nicht -schon längst entwöhnt, darüber nachzudenken, worin -unser Unterschied von Europa als Nation und worin -unsere wirkliche Rolle in Europa besteht? Wir verstehen -nicht nur nichts von diesen Dingen, sondern -wollen überhaupt solche Fragen nicht zulassen; und sie -auch nur anzuhören, halten wir für rückständig. Wenn -aber wirklich Europa bei uns anklopft und uns auffordert, -hinzugehen und seine Ordnung zu retten, so -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -werden wir vielleicht zum erstenmal und plötzlich begreifen, -bis zu welchem Grade wir die ganze Zeit über -Europa nicht ähnlich gewesen sind, ungeachtet unseres -zweihundertjährigen Wunsches und unserer Träume, -Europa gleich zu sein, wie sie sich manchmal bis zu -den leidenschaftlichsten Ausbrüchen versteigen konnten. -Übrigens, vielleicht werden wir das auch dann nicht -einmal begreifen; denn es wird vielleicht auch dann -schon zu spät sein. Wenn dem so ist, so werden wir -freilich auch nicht verstehen, was Europa von uns haben -will, und worin wir ihm in der Tat helfen könnten. -Und würden wir dann nicht den Feind Europas und -seiner Ordnung ebenso beruhigen wollen wie Fürst -Bismarck –: mit Eisen und Blut? Nun, im Falle es -dazu kommen würde, könnten wir uns allerdings als -vollständige Europäer beglückwünschen. -</p> - -<p> -Aber all das steht uns erst noch bevor und ist reine -Phantasie – denn jetzt ist ja alles in Europa so klar, -so klar, so klar! -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-2"> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -Drei Ideen -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> habe unlängst folgenden Satz geschrieben: -„Alle unsere russischen Spaltungen und Sonderbestrebungen -sind fast immer auf Grund von Zweifeln -und Bedenken entstanden, und zwar auf Grund von -solchen, zu denen eigentlich gar keine Veranlassung vorlag.“ -Und heute<a class="fnote" href="#footnote-9" id="fnote-9">[9]</a> kann ich wiederholen, daß in der Tat -alle unsere Streitigkeiten und Zerwürfnisse einzig aus -dem Irrtum des Verstandes, nicht aber aus dem Irrtum -des Herzens entstehen. In dieser Definition liegt das -ganze Wesen unserer Uneinigkeiten und Zwiespälte – -doch ist dieses Wesen an sich deshalb noch nicht so unerfreulich. -Irrtümer und Zweifel des Verstandes verschwinden -schneller und spurloser als die Irrtümer und -Zweifel des Herzens; aufgehoben aber werden sie nicht -so sehr von gelehrten Diskussionen und Disputen, als -von der unabweisbaren Logik der Ereignisse des lebendigen -Lebens, die nichts weniger als selten den richtigen -Ausweg in sich tragen und auf den geraden Weg -weisen, wenn auch nicht plötzlich, nicht im ersten Augenblick, -so doch jedenfalls in sehr kurzer Frist, zuweilen -sogar, ohne die nächste Generation abzuwarten. Anders -ist es mit den Irrtümern des Herzens. Der Irrtum des -Herzens wiegt schwerer: er bedeutet, daß der Geist, oft -schon der Geist der ganzen Nation, an irgend etwas erkrankt, -von irgend etwas angesteckt ist, und nicht selten -führt diese Erkrankung, diese Ansteckung solch einen -Grad von Blindheit mit sich, daß die ganze Nation nicht -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -mehr geheilt werden kann – wieviel Rettungsversuche -dem zunächst auch widersprechen und auf den richtigen -Weg weisen mögen. Im Gegenteil, diese Blindheit -entstellt die Tatsachen, wie es ihr gefällt, verändert sie -nach den Wahnbildern des kranken Geistes, und es -kommt sogar vor, daß eher die ganze Nation dem Untergange -entgegengeht, im vollen Bewußtsein dessen, was -sie tut, d. h. sogar nachdem sie ihre Blindheit eingesehen, -als daß sie einwilligt, sich heilen zu lassen – denn -nun <em>will</em> sie bereits nicht mehr geheilt werden. Möge -man nicht im voraus über mich lachen, daß ich umgekehrt -die Irrungen des Verstandes für leicht und schnell -wieder gutzumachen halte. Und am lächerlichsten wäre -es wohl für einerlei wen, für jeden, nicht nur für mich -allein, in diesem Falle die Rolle des Ausgleichers zu -spielen, der fest überzeugt ist, mit Worten durchdringen -und die Tagesüberzeugungen in der Gesellschaft umkehren -zu können. Alles das sehe ich vollkommen ein; -doch nichtsdestoweniger darf man sich nicht seiner Überzeugungen -schämen, und wer ein Wort zu sagen hat, -der sage es. -</p> - -<p> -Es will mir scheinen, daß jetzt eine Zeit gekommen -ist, in der sich <em>alle</em> möglichst offen aussprechen müssen, -ohne sich der naiven Nacktheit manches Gedankens zu -schämen. Tatsächlich erwarten uns, d. h. ganz Rußland, -vielleicht ungewöhnliche und große Ereignisse. „Es -können plötzlich gewaltige Fakta dasein und unsere -intelligenten Kräfte überraschen, und dann, – wird -es dann nicht zu spät sein?“ habe ich damals gefragt. -Ich dachte dabei nicht nur an die politischen Ereignisse -der nächsten Zukunft, wenn sie auch heute derart sind, -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -daß sie die Aufmerksamkeit selbst der kläglichsten, selbst -der verjudetsten, d. h. der sich sonst um nichts, als nur -um sich selbst kümmernden Geister in Anspruch nehmen. -In der Tat, wer kann es wissen, was der Welt im nächsten -Vierteljahrhundert bevorsteht, oder vielleicht schon -in diesem Jahre? Europa ist unruhig. Aber ist es nicht -vielleicht nur eine jähe vorübergehende Unruhe? Keineswegs: -man fühlt, es ist die Zeit für etwas Tausendjähriges, -für etwas Ewiges gekommen, für das, was sich -auf der Erde seit dem Anfang ihrer Zivilisation vorbereitet -hat. -</p> - -<p> -Drei Ideen erheben sich vor der Welt und formulieren -sich, scheint es, endgültig. -</p> - -<p> -Von einer Seite – am Rande Europas – die Idee -des Katholizismus, die, schon längst verurteilt, nun in -großen Qualen und Zweifeln nicht weiß, was ihrer -harrt: Sein oder Nichtsein, Leben oder schon – Sterben? -Ich spreche nicht nur von der katholischen Religion, sondern -von der ganzen <em>katholischen Idee</em>, und dem -Los derjenigen Nationen, welche unter dem Joch dieser -Idee seit einem Jahrtausend gelebt haben und ganz von -ihr durchdrungen sind. In diesem Sinne ist Frankreich -die vollkommenste Verkörperung der katholischen Idee -im Verlaufe von Jahrhunderten gewesen, ist das Haupt -dieser Idee, die es schon von den Römern und in durchaus -römischem Geiste übernommen hat. Dieses Frankreich, -das jetzt sogar jegliche Religion, man kann wohl -sagen, verloren hat – Jesuiten und Atheisten sind dort -ein und dasselbe –, das schon mehrmals seine Kirchen -geschlossen und einmal sogar Gott selber der Ballotage -einer Versammlung unterworfen hat, dieses selbe Frankreich, -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -das aus den Ideen von 1789 seinen eigenen -französischen Sozialismus entwickelt hat, d. h. die Pazifizierung -und Organisation der menschlichen Gesellschaft -ohne Christus und außerhalb Christi, ganz so -wie sie der Katholizismus <em>in</em> Christus organisieren -gewollt, doch nicht gekonnt hat: dieses selbe Frankreich -ist und fährt fort, wie in seinen Revolutionären des -Konvents, so auch in seinen Atheisten, seinen Sozialisten -und seinen modernen Kommunisten – immer -noch im höchsten Grade eine katholische Nation zu sein, -bis ins Kleinste durchdrungen vom katholischen Geist -und Buchstaben. Durch den Mund seiner bekannten -Atheisten verkündet es „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Liberté, Egalité, Fraternité -– ou la mort</span>,“ also auf ein Haar so, wie es der Papst -selbst ausrufen lassen würde, wenn er genötigt wäre, -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">liberté, égalité, fraternité</span> zu proklamieren – ganz -in seinem Stil, ganz in seinem Geist, in dem echtesten -Geist und Stil der Päpste des Mittelalters. Selbst der -heutige Sozialismus – scheinbar ein heftiger, verhängnisvoller -Protest aller Nationen gegen die katholische -Idee, aller Menschen, die sie gequält und erstickt hat, -und die um jeden Preis leben wollen, aber leben ohne -Katholizismus und ohne seine Götter, – selbst dieser -Protest, der offiziell am Ende des vorigen Jahrhunderts -begonnen hat, in Wirklichkeit aber viel früher, – ist -in Frankreich nichts anderes als die treueste und geradeste -Fortsetzung der katholischen Idee, ihre endgültige -Vollendung, ihre verhängnisvolle Folge, von Jahrhunderten -ausgearbeitet! Denn der französische Sozialismus -ist nichts anderes als die <em>gewaltsame</em> Vereinigung -der Menschen – eine Idee, die noch aus dem -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -alten Rom stammt und sich unversehrt im Katholizismus -erhalten hat. Auf diese Weise hat sich die Idee der -Befreiung des Menschengeschlechtes vom Katholizismus -gerade hier in die allerengsten katholischen Formen -gehüllt, in Formen, die dem Herzen des katholischen -Geistes, seinem Despotismus und wohl auch seiner -Moral entlehnt sind. -</p> - -<p> -Von der anderen Seite erhebt sich der alte Protestantismus, -der nun bereits neunzehn Jahrhunderte -lang gegen Rom und die römische Idee protestiert, gegen -die alte heidnische, wie gegen die erneute katholische -Idee, gegen Roms Weltgedanken, den Menschen -auf der ganzen Erde zu beherrschen, moralisch wie materiell, -gegen Roms ganze Kultur – der bereits seit den -Tagen Armins und des Teutoburger Waldes protestiert, -protestiert und immer wieder protestiert. Das ist der -Germane, der blind glaubt, daß nur in ihm die Erneuerung -der Menschheit liegt und nicht in jener katholischen -Kultur. In seiner ganzen geschichtlichen Entwicklung -hat er ja von seiner Einheit nur geträumt, hat er nach -ihr gelechzt nur, um sie verwirklichen zu können, seine -stolze protestantische Idee! Sie aber hat sich schon im -Luthertum selbst stark ausgeprägt und in gewisser Weise -auch bereits abgeschlossen. Und jetzt nach dem Sturze -Frankreichs, der ersten, wichtigsten und „allerchristlichsten“ -katholischen Nation – jetzt ist der Germane überzeugt -von seinem Triumph und gleichfalls davon, daß -niemand an seiner Stelle der Führer der Menschheit -werden wird und ihr die Wiedergeburt bringen kann. -Daran glaubt er fest, er glaubt, daß es etwas Höheres -als germanischen Geist und Wort in der Welt nicht gebe, -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -und daß Deutschland allein fähig sei, der Welt dieses -Höchste zu geben. Es kommt ihm lächerlich vor, selbst -nur anzunehmen, daß auch anderswo in der Welt irgendeine -besondere Idee – meinetwegen nur im Keime – -leben solle, eine Idee, die das zur Führung der Welt -bestimmte Deutschland nicht gleichfalls haben könnte. -Währenddessen wäre es jedoch alles andere als überflüssig, -zu bemerken, daß Deutschland in all diesen neunzehn -Jahrhunderten seines Daseins nichts anderes -getan hat, als eben nur protestiert, und daß es selber -sein eigenes <em>neues Wort</em> überhaupt noch nicht gesagt, -sondern die ganze Zeit über nur der Verneinung -seines Feindes gelebt hat, so daß in Zukunft vielleicht -etwas überaus Seltsames geschehen kann: daß nämlich, -wenn Deutschland dereinst alles zerstört haben wird, -wogegen es neunzehn Jahrhunderte lang protestiert, -es plötzlich geistig selbst wird sterben müssen, unmittelbar -nach seinem Feinde, einfach, weil es dann keinen -Grund mehr haben wird, zu leben; <em>denn es wird -ja nichts mehr geben, wogegen es protestieren -kann</em>! Doch möge das bloß eine Schimäre -von mir sein – dafür ist Luthers Protestantismus um -so mehr ein Faktum: der aber ist eben ein kritisierender -und damit bloß <em>verneinender</em> Glaube, der dann, -wenn der Katholizismus von der Erde verschwindet, -nach ihm bestimmt auch verschwinden wird, da er, wenn -er gegen nichts mehr zu protestieren hat, sich eben in -reinen Atheismus verwandeln und damit sich selbst aufheben -wird. Doch auch das ist vorläufig bloß eine -Schimäre von mir. -</p> - -<p> -Die slawische Idee wird von dem Germanen ganz -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -ebenso verachtet wie die katholische, nur mit dem Unterschied, -daß er die letztere immer als starken und mächtigen -Feind geschätzt hat, die slawische Idee dagegen -nicht nur für nichts wert hält, sondern sie sogar überhaupt -nicht anerkennt, überhaupt kaum kennt. Erst seit -ganz kurzer Zeit fängt er an, mißtrauisch zu den Slawen -hinüberzusehen. Wenn es ihm auch jetzt noch lächerlich -erscheint, anzunehmen, daß auch die Slawen irgendein -Ziel oder eine Idee haben könnten, irgendeine Hoffnung, -gleichfalls „der Welt etwas zu sagen“, so hat sich -einstweilen nach dem Sturze Frankreichs sein mißtrauischer -Verdacht doch verstärkt, und die Ereignisse des -vorigen Jahres<a class="fnote" href="#footnote-10" id="fnote-10">[10]</a> haben ihm dieses Mißtrauen natürlich -nicht nehmen können. Augenblicklich ist Deutschland -sogar beinahe besorgt. In jedem Fall, sagt es sich, -und vor allen etwaigen Orientgedanken, muß es erst -seine Arbeit im Westen beenden! Wer aber kann da -leugnen, daß Frankreich in diesen fünf Jahren nach -seinem Zusammenbruch den Deutschen gerade dadurch -beunruhigt, daß dieser es 1870/71 <em>nicht</em> total zertrümmert, -zerstampft, vernichtet hat. 1875 erreichte -diese Unruhe in Berlin einen sehr hohen Grad, und -Deutschland würde sich bestimmt von neuem auf seinen -uralten Feind gestürzt haben, um ihn, solange es noch -Zeit ist, endgültig zu erwürgen, wenn nicht einige -äußerst wichtige Umstände es daran gehindert hätten. -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -Jetzt aber, in diesem Jahre, schreckt Frankreich, das seine -Position mit jedem Tage verstärkt hat, Deutschland -noch weit mehr als vor zwei Jahren. Deutschland weiß, -daß sein Feind nicht ohne Kampf sterben wird, daß er -vielmehr, wenn er sich ganz erholt hat, womöglich selbst -zum Kampf rufen wird, so daß es nach drei, nach fünf -Jahren für Deutschland schon zu spät sein kann. Und -nun, in Anbetracht dessen, daß der slawische Osten Europas -so ganz von einer eigenen, plötzlich entstandenen -Idee durchdrungen ist und jetzt genug bei sich zu Hause -zu tun hat, kann es sehr, sehr leicht geschehen, daß -Deutschland, sobald es seinen Rücken gesichert sieht, sich -zum letztenmal auf seinen westlichen Feind stürzt und -sich von diesem quälenden Alb befreit. Und das können -wir schon in allernächster Zukunft erleben. Im allgemeinen -jedoch kann man sagen, daß, sobald die Dinge im Osten -ein wenig heikel oder gespannt sind, Deutschland in -einer fast noch unvorteilhafteren Lage ist. Beinahe muß -es dann noch mehr Befürchtungen und Sorgen haben, -ganz abgesehen von seinem über die Maßen stolzen Ton -– das könnten wir doch wenigstens etwas mehr -beachten. -</p> - -<p> -Währenddessen aber ist im Osten tatsächlich die -dritte Weltidee großartig aufgegangen, sie, die slawische -Idee, die Idee von morgen – vielleicht die dritte -aufsteigende Möglichkeit einer Entscheidung über das -Schicksal der Menschheit und Europas. Es ist schon -heute allen klar, daß mit der Lösung des Orientproblems -in die Menschheit ein neues Element dringen wird, -eine neue Macht, die bis jetzt passiv dagelegen hat, und -bei der es ganz ausgeschlossen ist, daß sie auf das Schicksal -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -der Welt <em>nicht</em> stark und entscheidend wirken wird. -Was aber ist das für eine Idee, was wird die Vereinigung -aller Slawen mit sich bringen? -</p> - -<p> -All das ist heute noch viel zu unbestimmt; doch daß -wirklich etwas Neues gesagt werden muß – daran -zweifelt jetzt wohl niemand mehr. Und alle diese drei -mächtigen Weltideen drängen fast zur selben Zeit zu -ihrer Entscheidung. Das sind keine Launen mehr, kein -Krieg um irgendeine Thronfolge oder wegen der Zänkereien -irgendwelcher hochgestellten Damen, wie im -vorigen Jahrhundert. Hier ist etwas Allgemeines und -Endgültiges, und wenn auch durchaus nicht alle -Menschenschicksale Entscheidendes, so doch zweifellos -etwas, das den Anfang vom Ende der ganzen früheren -Geschichte Europas mit sich bringt, – den Anfang der -Entscheidung über unsere ganze Zukunft, die in Gottes -Hand steht, und die der Mensch nicht vorauswissen, -wohl aber ahnen kann. -</p> - -<p> -Die Frage, die sich nun jedem denkenden Menschen -unwillkürlich stellt, ist: Können solche Ereignisse in -ihrem Laufe stehen bleiben? Können sich Ideen von -solcher Größe kleinlichen, jüdischen, drittklassigen Erwägungen -unterordnen? Läßt sich ihre Entscheidung -hinausschieben, und wäre das überhaupt wünschenswert? -Zweifellos muß die Weisheit die Nationen beschützen -und verteidigen und der Nächstenliebe und der -Menschheit dienen, doch gewisse Ideen haben ihre gewaltige, -alles fortreißende Macht. Die abgebrochene -und fallende Spitze eines Felsens hältst du mit der -Hand nicht auf! Wir Russen haben dabei zweierlei für -uns, zwei Kräfte, die da allen anderen in der Welt zusammengenommen -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -gleichkommen, das sind: die Ganzheit, -die geistige Unteilbarkeit der Millionen unseres -Volkes und dessen unlösbare Verbindung mit dem Zarentum. -Es ist das natürlich etwas ganz Unbestreitbares, -doch unsere „Klugen“ verstehen nicht nur nicht -die russische Volksidee, sie <em>wollen</em> sie noch nicht einmal -verstehen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-3"> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -Die deutsche Weltfrage -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-4-3-1"> -<span class="firstline">Deutschland, die protestierende Macht</span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">prechen</span> wir jetzt<a class="fnote" href="#footnote-11" id="fnote-11">[11]</a> einmal von Deutschland, über -seine jetzige Aufgabe, diese ganze verhängnisvolle und -auch alle anderen Völker angehende deutsche Weltfrage. -</p> - -<p> -Was ist das nun für eine Aufgabe? Und warum -hat sich diese Aufgabe denn erst jetzt für Deutschland in -eine so schwierige Frage verwandelt, warum nicht schon -früher, warum nicht schon längst, sondern erst vor einem -Jahr, was sag’ ich, erst vor zwei Monaten? -</p> - -<p> -Diese Aufgabe Deutschlands, seine einzige, hat es -auch früher schon gegeben, hat es gegeben, solange es -überhaupt ein Deutschland gibt. Das ist sein <em>Protestantentum</em>: -nicht allein jene Formel des Protestantismus, -die sich zu Luthers Zeiten entwickelte, sondern -sein <em>ewiges</em> Protestantentum, sein ewiger <em>Protest</em>, -wie er einsetzte einst mit Armin gegen die römische -Welt, gegen alles, was Rom und römische Aufgabe -war, und später gegen alles, was vom alten Rom -aufs neue Rom und auf all die Völker überging, die -Roms Idee, seine Formel und sein Wesen übernahmen, -der Protest gegen die Erben Roms und gegen alles, -was dieses Erbe ausmacht. Ich bin überzeugt, daß viele -Leser über das, was ich soeben geschrieben, mit den Achseln -zucken und lachen werden: „Wie kann man nur -im neunzehnten Jahrhundert, im Jahrhundert der freien -Ideen und der Wissenschaft, noch über Katholizismus -und Protestantismus reden und streiten, ganz so, als -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -ob wir noch im Mittelalter wären! Es gibt ja allerdings -noch religiöse Leute und sogar Fanatiker, aber die haben -sich doch nur noch wie archäologische Raritäten -erhalten, die verdammt und verlacht und von allen verurteilt -in weltfernen Winkeln sitzen, ein armseliges, -klägliches Häuschen rückständiger Leutchen. Wie kann -man sie bei einer so großen Frage, wie es die der Weltpolitik -ist, überhaupt nur erwähnen?“ -</p> - -<p> -Ich aber meine nicht den „Protestantismus“, noch -denke ich dabei an die zeitweiligen Formeln der altrömischen -Idee, noch an den ewig gegen sie gerichteten -germanischen Protest. Ich nehme nur die Grundidee, -die schon vor zweitausend Jahren geboren wurde und -seit der Zeit nicht gestorben ist, obgleich sie sich fortlaufend -in verschiedenen Formeln verkörpert hat. Und -heute ist es die Erbin Roms, die ganze westeuropäische -Welt, die sich in den Geburtswehen einer neuen Umgestaltung -dieser übererbten alten Idee windet und -quält. Das ist für denjenigen, der zu schauen versteht, -schon dermaßen augenscheinlich, daß es für ihn weiter -keiner Erklärungen bedarf. -</p> - -<p> -Das alte Rom war die erste Macht, die die Idee -einer universalen Vereinigung der Menschen hervorbrachte, -und die erste, die da <em>glaubte</em> und fest überzeugt -war, sie praktisch in Gestalt einer Weltmonarchie -verwirklichen zu können. Diese Formel jedoch fiel vor -dem Christentum, – die Formel, aber nicht die Idee. -Denn diese Idee ist die Idee der europäischen Menschheit, -aus ihr bildete sich deren Kultur, für sie allein -lebt sie überhaupt. Es fiel bloß die Idee der universalen -<em>römischen</em> Monarchie, und sie wurde durch das neue -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Ideal einer wiederum universalen <em>neuen</em> Vereinigung -in Christo ersetzt. Dieses neue Ideal zerspaltete -sich in das östliche, das Ideal der vollkommen geistigen -Vereinigung der Menschen, und das westeuropäische, -römisch-katholische des Papstes, das dem östlichen durchaus -entgegengesetzt ist. Diese westliche, römisch-katholische -Verkörperung der Idee vollzog sich auf ihre Art, -ohne den christlichen, geistigen Ursprung der Idee ganz -zu verlieren, und indem sie diese Idee mit dem altrömischen -Erbe verband. Das römische Papsttum verkündete, -daß das Christentum und seine Idee ohne die universale -Beherrschung der Länder und Völker, – nicht -geistig, sondern staatlich, mit anderen Worten: daß es -ohne die irdische Verwirklichung einer neuen universalen -römischen Monarchie, deren Haupt nicht der römische -Imperator, sondern der Papst sein würde – -nicht verwirklichbar wäre. Und da begann dann wieder -der Versuch einer universalen Monarchie – ganz und -gar im Geiste der altrömischen Welt, aber doch schon -in einer anderen Form. Auf diese Weise ist das östliche -Ideal: zuerst die geistige Vereinigung der Menschheit in -Christo anstreben und dann erst, kraft dieser geistigen -Vereinigung aller in Christo, die zweifellos sich aus ihr -ergebende rechte staatliche wie soziale Vereinigung verwirklichen. -Nach der römischen Auffassung ist das Ideal -dagegen das umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte -staatliche Vereinigung in der Form einer universalen -Monarchie zu sichern und dann, nachher, meinetwegen -auch eine geistige Vereinigung zustande zu -bringen unter der Obrigkeit des Papstes, des Herrn -dieser Welt. -</p> - -<p> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -Seit der Zeit hat dieser Versuch in der römischen -Welt immer Fortschritte gemacht und sich ununterbrochen -verändert. Mit der Entwicklung dieses selben Versuchs -ist dann der wesentlichste Teil der christlichen -Grundsätze gänzlich eingebüßt worden. Als aber die -Erben der altrömischen Welt schließlich das Christentum -geistig verwarfen, da verwarfen sie mit ihm auch -das Papsttum. Das geschah in der Französischen Revolution, -die im Grunde nichts anderes war wie die letzte -Gestaltveränderung oder Umverkörperung dieser selben -altrömischen Formel der universalen Vereinigung. Doch -die neue Formel erwies sich als ungenügend, die neue -Idee verwirklichte sich nicht. Es gab sogar einen Augenblick, -da alle Nationen, die die altrömische Bestimmung -übernommen hatten, fast verzweifelten. Oh, versteht -sich, der Teil der menschlichen Gesellschaft, der -1789 für sich die politische Suprematie gewonnen hatte, -– die Bourgeoisie – triumphierte natürlich und erklärte, -daß weiter zu gehen nun nicht mehr nötig sei. -Dafür aber schlugen sich alle die Geister, die nach den -unvergänglichen Gesetzen der Natur zur ewigen Beunruhigung -der Welt bestimmt sind, zum Suchen neuer -Formeln des Ideals und des neuen Wortes, wie sie beide -unentbehrlich sind, – sie alle schlugen sich zu den Erniedrigten -und Umgangenen, zu denen, die von der -neuen Formel der allmenschlichen Vereinigung, die von -der Französischen Revolution 1789 proklamiert worden -war, <em>nichts</em> erhalten hatten. Diese Geister verkündeten -nun <em>ihr</em> neues Wort, gerade die Notwendigkeit -der Allvereinigung der Menschheit, und zwar nicht -mehr in der Absicht, Gleichheit der Lebensrechte für -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -etwa einen vierten Teil der ganzen Menschheit zu verschaffen -und die übrigen bloß als Rohmaterial und auszunutzendes -Mittel zum Glück dieses Viertels bestehen -zu lassen, sondern im Gegenteil: um die Allvereinigung -der Menschen auf den Grundsätzen der <em>allgemeinen</em> -Gleichheit zustande zu bringen, mit der Teilnahme -aller und jedes einzelnen an der Nutznießung der Güter -dieser Welt, welcher Art sie auch sein mögen. Zur Verwirklichung -dieser Lösung aber beschlossen sie, sich <em>jedes</em> -Mittels zu bedienen, d. h. also durchaus nicht nur -mit den Mitteln der christlichen Kultur vorzugehen, sondern -vor nichts mehr zurückzuschrecken. -</p> - -<p> -Was hat nun das alles in diesen ganzen zweitausend -Jahren mit Deutschland und den Deutschen zu tun gehabt? -Der charakteristischste, wesentlichste Zug dieses -großen, stolzen und besonderen Volkes bestand schon seit -dem ersten Augenblick seines Auftretens in der geschichtlichen -Welt darin, daß es sich niemals, weder in seiner -Bestimmung noch in seinen Grundsätzen, mit der äußersten -westlichen europäischen Welt hat vereinigen wollen, -d. h. mit all den Erben der altrömischen Bestimmung. -Es protestierte gegen diese Welt diese ganzen zweitausend -Jahre hindurch, und wenn es auch sein eigenes -Wort nicht aussprach – und es überhaupt noch nie -ausgesprochen hat, sein scharf formuliertes eigenes -Ideal, zum positiven Ersatz für die von ihm zerstörte -altrömische Idee – so, glaube ich, war es doch im Herzen -immer überzeugt, daß es noch einmal imstande -sein werde, dieses neue Wort zu sagen und mit ihm die -Menschheit zu führen. Schon mit Armin begann es, -gegen die römische Welt zu kämpfen. Darauf, zur Zeit -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -des römischen Christentums, kämpfte es mit dem neuen -Rom mehr denn jedes andere Volk um die Vorherrschaft. -Und endlich protestierte es in der mächtigsten Weise, -indem es die neue Formel des Protestes aus den geistigsten, -elementarsten Gründen der germanischen Welt -zog. Die Stimme Gottes tönte aus ihm und verkündete -die Freiheit des Geistes. Die Spaltung war furchtbar -und allgemein, – die Formel des Protestes war gefunden -und ging in Erfüllung, – wenngleich es noch -immer eine negative Formel blieb, und das <em>positive</em> -Wort noch immer nicht gesagt wurde. -</p> - -<p> -Und siehe, nachdem der germanische Geist dieses -neue Wort des Protestes gesprochen – erstarb er geradezu -für eine Zeitlang, und zwar geschah das parallel -mit einer ebensolchen Erschlaffung der früher scharf -formulierten Einheit der Kräfte seines Gegners. Die -äußerste westliche Welt suchte, unter dem Einfluß der -Entdeckung Amerikas, der neuen Wissenschaften und der -neuen Grundsätze, sich in eine andere „neue Wahrheit“ -umzugebären, gleichfalls in eine neue Phase einzutreten. -Als der erste Versuch dieser Umgestaltung zur Zeit der -Französischen Revolution gemacht wurde, da war der -germanische Geist in großer Verwirrung und nahe -daran, seine Individualität zu verlieren, mitsamt dem -Glauben an sich. Er konnte nichts gegen die neuen -Ideen der äußersten westlichen europäischen Welt sagen. -Luthers Protestantismus hatte seine Zeit schon längst -hinter sich, die Idee aber des freien Geistes, der freien -Forschung war bereits von der Wissenschaft der ganzen -Welt angenommen worden. Der riesige Organismus -Deutschlands fühlte mehr denn je, daß er keinen, sagen -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -wir, Körper und keine Form für seinen Ausdruck hatte. -Und damals war es denn, daß in ihm das dringende -Bedürfnis entstand, sich wenigstens äußerlich in einen -einzigen festen Organismus zusammenzufügen, in Anbetracht -der neuen herannahenden Phasen seines ewigen -Kampfes mit der äußersten westlichen Welt Europas. -Hierbei ist nun ein interessantes Zusammentreffen bemerkenswert: -beide feindlichen Lager, beide Gegner, -beide Kämpfer um die Hegemonie im alten Europa -ergreifen und erfüllen zu ein und derselben Zeit – oder -ungefähr ein und derselben – jeder eine Aufgabe, die -der des anderen sehr ähnlich sieht. Die neue, noch phantastische -zukünftige Formel der äußersten westlichen -Welt – die Erneuerung der menschlichen Gesellschaft -durch neue soziale Grundsätze – diese Formel, die fast -unser ganzes Jahrhundert hindurch nur von Schwärmern -und ihren halbwissenschaftlichen Vertretern, von -allen möglichen Idealisten und Phantasten gepredigt -worden ist, verändert plötzlich in den letzten Jahren ihr -Aussehen und den Gang ihrer Entwicklung und beschließt: -vorläufig von der theoretischen Definition -und Propagandierung ihrer Aufgabe abzulassen und -sofort den ersten praktischen Schritt zu tun, das heißt -so viel wie sofort den Kampf zu beginnen, zu diesem -Zweck aber die Vereinigung aller zukünftigen Kämpfer -für die neue Idee in einer einzigen Organisation -zustande zu bringen, also des ganzen <em>vierten</em> 1789 -umgangenen Standes, aller Besitzlosen, aller Arbeitenden, -aller Armen, und erst darauf die rote Fahne der -neuen unerhörten Weltrevolution zu erheben. Es bildete -sich die Internationale, die Vereinigung aller Armen -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -dieser Welt, es gab Zusammenkünfte, Kongresse, Beschlüsse, -neue Ordnungen, – mit einem Wort, <em>im -ganzen alten Westeuropa</em> wurde der Grundstein -zu einem neuen <span class="antiqua">status in statu</span> gelegt, und die -zukünftige Ordnung dieser Welt sollte die alte, die dort -im äußersten Westen Europas herrscht, verschlingen. Zu -derselben Zeit aber, da dieses beim Gegner vor sich ging, -begriff der deutsche Geist, daß auch die deutsche Aufgabe, -vor allen anderen Dingen und neuen Anfängen, vor -jedem Versuch eines neuen Wortes gegen den aus der -alten katholischen Idee umgestalteten Gegner, zuerst nur -eine war –: die eigene politische Einheit herzustellen, -die Schöpfung des eigenen staatlichen Organismus zu -vollenden und, erst nachdem das geschehen war, sich -Stirn gegen Stirn seinem alten Feinde entgegenzustellen. -So geschah es auch: nachdem Deutschland seine -Vereinigung innerlich vollendet hatte, warf es sich auf -den Gegner und trat mit ihm in eine neue Kampfperiode -ein, die mit Eisen und Blut begann. Der Kampf mit -dem Eisen ist heute beendet, – jetzt steht nur noch bevor, -ihn geistig zu beenden. -</p> - -<p> -Da taucht aber plötzlich für Deutschland eine neue -Sorge auf, eine neue, unerwartete Wendung der Sache, -die die Aufgabe arg erschwert. Was ist das nun für -eine Aufgabe, und worin besteht diese neue Wendung -der Sache? -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-3-2"> -<span class="firstline">Ein genial-mißtrauischer Mensch</span><br /> -(Bismarck) -</h4> - -<p class="noindent"> -Diese Aufgabe, diese unvorhergesehene Sorge -Deutschlands, hat sich, wenn man will, schon längst erklären -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -wollen, aber erst jetzt ist sie, vielleicht etwas zu -plötzlich, allen sichtbar geworden – und zwar infolge -der unvorhergesehenen klerikalen Umwälzung in Frankreich. -Man kann sie etwa in der Form folgenden Zweifels -ausdrücken: Hat sich nun der deutsche Organismus -tatsächlich in ein einziges Ganzes vereinigt, durch die -genialen Anstrengungen der Führer Deutschlands in -den letzten fünfundzwanzig Jahren? Und überdies noch: -Hat er sich denn wirklich politisch vereinigt, ist nicht -vielleicht auch das nur ein Trugbild, ungeachtet des -Deutsch-Französischen Krieges und des nach ihm proklamierten, -früher undenkbar gewesenen großen -Deutschen Reiches? -</p> - -<p> -Die ganze Schwierigkeit dieser Frage besteht hauptsächlich -darin, daß man sie fast bis zur allerjüngsten -Zeit als überhaupt nicht vorhanden annahm – wenigstens, -wenn man dabei an die große Mehrzahl der -Deutschen denkt. Begeisterung für sich selber, Stolz und -unanfechtbarer Glaube an ihre unumschränkte Macht -haben ja alle Deutschen ohne Ausnahme nach dem -Kriege wie trunken gemacht. Dieses Volk, das ungewöhnlich -selten gesiegt hat, dafür aber bis zur Seltsamkeit -oft besiegt worden ist, – dieses Volk besiegte plötzlich -einen Feind, der fast immer und überall Sieger -gewesen. Da es aber nun einmal klar war, daß es ihn -nicht <em>nicht-besiegen</em> konnte, infolge der mustergültigen -Organisation seiner großen Armee und der eigenartigen -Umgestaltung derselben nach völlig neuen -Grundsätzen, und außerdem, da es so geniale Führer -an der Spitze hatte, so war es für den Deutschen natürlich -ganz unmöglich, darauf <em>nicht</em> bis zur Trunkenheit -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -stolz zu werden. Hier braucht man gar nicht den -uralten Zug des deutschen Charakters, die selbstzufriedene -Prahlerei eines jeden Deutschen, in Betracht zu -ziehen. Anderseits: aus dem so kürzlich noch zerstückelten -staatlichen Organismus entstand plötzlich ein so -festes Ganzes, daß der Deutsche nicht gut auch hierüber -in Zweifel geraten konnte und daher einwandlos -glaubte, die Einigung sei nun tatsächlich für immer -vollbracht, und für den deutschen Organismus bräche -nun eine neue, glänzende und große Phase der Entwicklung -an. Und so wuchsen denn nicht nur Stolz -und Chauvinismus, sondern es schoß sogar richtiger -Leichtsinn auf. Was konnte es noch für Fragen geben, -– nicht nur für irgendeinen kriegerischen Ladenjüngling -oder Bäckergesellen, sondern selbst für einen Professor -oder Minister? Einstweilen aber blieb doch noch -ein kleiner Kreis von Deutschen übrig, der schon sehr -bald, fast sofort nach dem Deutsch-Französischen Kriege, -zu zweifeln und nachzudenken begann. -</p> - -<p> -Das Haupt dieses Kreises war zweifellos <em>Fürst -Bismarck</em>. -</p> - -<p> -Noch hatten die deutschen Truppen Frankreich nicht -verlassen, als er schon einsah, daß mit „Blut und Eisen“ -zu wenig getan worden war, daß man, wenn man Ziele -von solcher Größe vor sich hatte, wenigstens zweimal -mehr hätte tun müssen, da die Gelegenheit nun einmal -so günstig war. Allerdings, militärische Vorteile blieben -immerhin unvergleichlich mehr auf seiten Deutschlands, -und das noch für lange. Frankreich ist nach der -Abtretung der beiden Provinzen Elsaß und Lothringen -für eine Großmacht an Landumfang so klein geworden, -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -daß im Fall eines neuen Krieges nach ein oder zwei -für Deutschland erfolgreichen Schlachten die deutschen -Heere schon im Zentrum Frankreichs stehen würden und -es somit in strategischer Beziehung erobert hätten. Sind -nun aber diese Siege so gewiß, kann man sich wirklich -auf diese zwei erfolgreichen Schlachten mit solcher -Sicherheit verlassen? 1870–71 haben ja die Deutschen -eigentlich nicht Frankreich besiegt, sondern nur Napoleon -und seine Institutionen. Nicht immer werden in -Frankreich die Heere so schlecht organisiert sein und kommandiert -werden; nicht immer werden dort Usurpatoren -herrschen, die aus dynastischen Interessen gezwungen -sind, solche klägliche Fahrlässigkeit zu dulden, daß ein -reguläres Heer sich nicht ein paar Monate im Felde -erhalten kann. Nicht immer wird sich auch ein Sedan -finden, denn Sedan war ja im Grunde nur ein einzelner -Fall, der sich aus dem Umstande ergab, daß Napoleon -nach Paris nur durch die Gnade des Königs von -Preußen hätte zurückkehren können. Und nicht immer -werden dort so wenig begabte Generale wie Mac-Mahon -oder solche „Verräter“ wie Bazaine sein. Die -Deutschen, trunken von einem bis dahin noch nie erlebten -Triumph, konnten natürlich alle bis auf den letzten -glauben, alles das hätten sie, und nur sie allein, einzig mit -ihrem kriegerischen Genie gemacht. In jenem zweifelnden -Kreise jedoch dachte man anders, ... besonders -nachdem der besiegte Feind, noch eben so zerrüttet und -erschüttert, plötzlich mit einem Schlage fünf Milliarden -Kontribution bezahlte und dabei nicht mal die -Miene verzog. Das, versteht sich, betrübte sehr den -Fürsten Bismarck. -</p> - -<p> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Von der anderen Seite stellte sich dem zweifelnden -Kreise noch eine zweite, vielleicht noch wichtigere Frage, -und zwar: Hat sich nun wirklich die staatliche und -bürgerliche Vereinigung innerhalb des Organismus -vollzogen? Ich glaube, in ganz Europa, und besonders -bei uns in Rußland, hat bis jetzt noch niemand daran -gezweifelt. Überhaupt haben wir Russen alles, was in -Deutschland in den letzten zehn, fünfzehn Jahren geschehen -ist, für etwas Endgültiges, im höchsten Grade -nicht Zufälliges, sondern durchaus Natürliches angesehen, -für etwas, das sich nun nicht mehr verändern kann. -Die vollbrachten Taten flößten uns außerordentliche -Achtung ein. Währenddessen aber nahm wohl in den -Augen so genialer Menschen, wie Fürst Bismarck, kaum -alles, so wie er es sich innerlich wünschte, bereits die Gestalt -endgültiger Dauerhaftigkeit an. Das, was heute noch -dauerhaft scheint, kann dies vielleicht nur in der Phantasie -sein. Es ist schwer, anzunehmen, daß eine so alte -Gewöhnung der Deutschen an politische Zerspaltung so -schnell verschwunden sei wie ein ausgetrunkenes Glas -Wasser. Der Deutsche ist schon von Natur starrsinnig. -Zudem wurde die jetzige Generation der Deutschen von -den Erfolgen bestochen, trunken gemacht durch den -Stolz und von der eisernen Hand der Führer gelenkt. -In Zukunft aber, wenn diese Führer in das Jenseits -abgerufen sein werden und ihren Platz im Diesseits -anderen überlassen haben, werden sich vielleicht doch -die zeitweilig unterdrückten Probleme und Instinkte -wieder einstellen. Sehr wahrscheinlich ist gleichfalls, -daß dann die Energie der Einheitsbewegung wieder -erschlafft sein wird und im Gegenteil die alte Energie -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -der Opposition von neuem ersteht und das ins Wanken -bringt, was so mühsam aufgebaut wurde. Es wird sich -das Bestreben, sich abzusondern, sich zurückzuziehen, -einstellen, und das gerade dann, wenn sich im Westen -der furchtbare Feind von dem Schlage ganz und gar -erholt hat, dieser Feind, der auch jetzt nicht schläft, nicht -müßig ist, und von dem man weiß, welches seine erste -Aufgabe sein muß von allen, die er sich gestellt hat. Und -da kommt dann noch zum Überfluß, sagen wir, das -Naturgesetz selber hinzu: Deutschland ist doch in Europa -immerhin das Land, das in der <em>Mitte</em> liegt: wie stark -es also auch sein mag – auf der einen Seite bleibt -Frankreich, auf der anderen Rußland. Es ist ja wahr, -die Russen sind vorläufig noch höflich. Wie aber, wenn -sie plötzlich erraten, daß nicht <em>sie</em> das Bündnis mit -Deutschland brauchen, wohl aber Deutschland das -Bündnis mit Rußland; und überdies noch: <em>daß -die Abhängigkeit von dem Bündnis -mit Rußland allem Anschein nach die -verhängnisvolle Bestimmung Deutschlands -ist, und besonders seit dem Deutsch-Französischen -Kriege</em> –?<a class="fnote" href="#footnote-12" id="fnote-12">[12]</a> Das ist es ja, -warum an die allzu große Ehrerbietung Rußlands -selbst ein von seiner Kraft so überzeugter Mensch, wie -Fürst Bismarck, nicht imstande ist, zu glauben. Ja, bis zu -diesem letzten, unvorhergesehenen Zwischenfall in Frankreich, -der plötzlich die ganze Sachlage verändert hat, -hoffte Fürst Bismarck immer noch, daß die ungewöhnliche -Höflichkeit Rußlands noch lange unerschütterlich -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -anhalten werde. Und nun plötzlich dieser Zwischenfall! -Ja, es ist in der Tat etwas Ungewöhnliches geschehen. -</p> - -<p> -Ungewöhnlich für alle, doch nicht für den Fürsten -Bismarck! Jetzt erweist es sich, daß sein genialer Blick -dieses „Ereignis“ schon längst vorausgesehen hat. Oder -ist es nicht sein Genie, sein scharfes Auge, das den -Hauptfeind bereits vor so langer Zeit entdeckte? Warum -haßte er denn gerade so den Katholizismus, warum -verfolgte er alles, was von Rom, – d. h. vom Papste -– ausging, nun schon so viele Jahre lang? Warum -bemühte er sich so weitsichtig, sich das <em>Bündnis</em> – -so kann man sich ausdrücken – mit Italien zu sichern, -wenn nicht, um mit Hilfe der italienischen Regierung -die Wurzel des Papsttums in der Hand zu haben, wenn -die Zeit kommen wird, da ein neuer Papst gewählt werden -muß? Nicht den katholischen Glauben verfolgte er, -sondern den römischen Ursprung dieses Glaubens. -Zweifellos handelte er dabei als Deutscher, als Protestant; -er arbeitete gegen die Grundmacht der äußersten -westlichen, Deutschland immer feindlichen Welt – -trotzdem sahen viele, sehr, sehr viele von den intelligentesten -und liberalsten Denkern Europas auf diesen Feldzug -des mächtigen Bismarck gegen den nichtssagenden -Papst wie auf den Kampf eines Elefanten mit einer -Mücke. Manche erklärten sich das mit einer Marotte -oder einer Laune des genialen Mannes. Das wichtigste -war aber, daß der geniale Politiker, vielleicht als einziger -von allen Staatsmännern der Welt, einzuschätzen -<em>verstand</em>, wie stark das römische Element noch in -sich selbst und inmitten der Feinde Deutschlands ist, und -was für einen furchtbaren Kitt es in Zukunft abgeben -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -kann, wenn es heißt, alle diese Feinde zu vereinigen. -Er allein war fähig, zu erraten, daß sich vielleicht einzig -in der römischen Idee eine solche Fahne wird finden -lassen, unter der man in dem unheilvollen und in Bismarcks -Augen unabwendbaren Augenblick alle von ihm -schon erdrückten Feinde Deutschlands wieder zu einem -furchtbaren Ganzen wird zusammenbringen können. -Und siehe, der geniale Argwohn hat sich plötzlich bewahrheitet: -alle Parteien im besiegten Frankreich, die -eine Bewegung gegen Deutschland hätten beginnen -können, waren zersprengt, und keine einzige konnte die -anderen besiegen und die Macht in Frankreich an sich -reißen. Vereinigen konnten sie sich gleichfalls auf keine -Weise, da jede ihre besonderen, entgegengesetzten Ziele -im Auge hatte. – Und nun vereint die Fahne des -Papstes und der Jesuiten mit einem Male alle! Der -Feind erhebt sich, und dieser Feind ist nicht mehr Frankreich, -sondern der Papst selbst. Es ist der Papst, der -Führer aller, dem die römische Idee vermacht ist, der -da kommt, um sich auf Deutschland zu stürzen. -</p> - -<p> -Wie aber sieht es nun im Lager dieser Gegner -Deutschlands aus? -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-3-3"> -<span class="firstline">Ärger und Macht</span><br /> -(Papstmacht) -</h4> - -<p class="noindent"> -Der Papst liegt im Sterben und wird bald gestorben -sein. Die ganze katholische Welt, die an Christus -in der Gestalt der römischen Idee glaubt, ist schon lange -in ungewöhnlicher Aufregung: der unheilvolle Augenblick -rückt heran – da heißt es denn, Nichts versäumen -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -und außer acht lassen; denn sonst ist das Todesurteil -der römischen Idee gefällt. Es kann nämlich -geschehen, daß der neue Papst unter dem Druck der Regierungen -ganz Europas, also nicht „frei“, gewählt -wird, und daß er, zum Papst ausgerufen, einwilligt, -auf ewig und im Prinzip jedem Landbesitz zu entsagen, -wie auch natürlich dem Titel des weltlichen Herrschers, -auf den Pius IX. nicht verzichtete, vielmehr in demselben -verhängnisvollen Augenblick, da ihm Rom und -das letzte Stück Land genommen wurde und ihm nur noch -der Vatikan blieb, wie zum Trotz seine Unfehlbarkeit -verkündete und zu gleicher Zeit die These vertrat, daß -ohne irdisches Reich das Christentum auf Erden nicht -bestehen könne, – also im Grunde sich für den Herrscher -der Welt erklärte, und vor den Katholizismus -dogmatisch als einziges Ziel die universale Monarchie -hinstellte, nach deren Verwirklichung zu streben er zum -Ruhme Gottes des Vaters und des Sohnes auf Erden -einfach befahl –! Selbstverständlich belustigte er damit -seinerzeit alle geistreichen Leute: „Er ärgert sich, doch -hilft ihm das nichts,“ sagte man damals. Und jetzt, -plötzlich, wenn der neugewählte Papst bestochen wird, -wenn sogar das Konklave selber unter dem Druck ganz -Europas gezwungen wird, mit den Gegnern der römischen -Idee einen Kompromiß zu schließen, – nun, -dann kann man sie ja begraben! Denn, wenn einmal -ein regelrecht gewählter, folglich also ein „unfehlbarer“ -Papst im Prinzip die Würde eines weltlichen Herrschers -ablehnt, so wird es auch weiterhin und auf ewig so -bleiben. Anderseits: tut der durch das Konklave neugewählte -Papst fest und über die ganze Welt hin kund, -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -daß er nichts abzulehnen gedenke und ganz und gar in -der alten Idee verbleibe, und schleudert er das Anathema -gegen alle Feinde Roms und des römischen Katholizismus, -so können ihn die Regierungen Europas, -wenn sie wollen, nicht anerkennen und somit eine so -verhängnisvolle Erschütterung der römischen Kirche -heraufbeschwören, daß die Folgen derselben unberechenbar -und unabsehbar wären. -</p> - -<p> -Oh, für die Politiker und Diplomaten fast ganz -Europas war der gestürzte, im Vatikan gefangene -Papst in den letzten Jahren solch eine Nichtigkeit, daß -sie sich schämten, ihn auch nur zu erwähnen, besonders -die geistreichen und liberalen unter ihnen. Der Papst, -der Allokutionen hielt und Syllabusse herausgab, Pilger -empfing und verfluchend im Sterben lag, glich in ihren -Augen einem Narren, der bloß zu ihrer Belustigung -lebte. Daß die größte Idee der Welt, die Idee, die aus -dem Kopfe des Teufels entsprungen während seiner -Versuchung Christi in der Wüste, die Idee, die in der -Welt schon zweitausend Jahre lebt, daß diese Idee so -einfach mir nichts dir nichts sich hinzulegen und sterben -werde, womöglich in einer kurzen Minute – das wurde -als unbestreitbar angenommen! Der Fehler lag hier -natürlich in der Auffassung der religiösen Bedeutung -dieser Idee, lag darin, daß zwei Bedeutungen verwechselt -wurden: „Da heutzutage,“ hieß es, „selten jemand -in der Welt noch an Gott glaubt, von dem Gott der -römischen Auslegung schon ganz zu schweigen, in Frankreich -aber selbst das Volk nicht mehr glaubt, höchstens -noch die höhere Gesellschaft – aber auch die nicht wirklich -mehr glaubt, sondern nur so tut – <span class="antiqua">ergo</span>, was -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -können dann in unserem Jahrhundert der Bildung der -Papst und der römische Katholizismus noch für eine -Macht haben?“ – das ist es, wovon jetzt die geistreichen -Leute überzeugt sind. Doch die religiöse Idee -und die Papstidee sind grundverschieden. Und diese -selbe Papstidee hat nun plötzlich in unseren Tagen, im -ganzen erst vor zwei Monaten, mit einemmal solch -eine Lebenszähigkeit bewiesen, solch eine Kraft, daß sie -in Frankreich die radikalste politische Umwälzung zustande -gebracht, ganz Frankreich den Zaum aufgelegt -hat und es jetzt sklavisch nach sich zieht. -</p> - -<p> -In Frankreich bildete sich in den letzten Jahren die -parlamentarische Mehrheit aus Republikanern: und sie -führten ihre Sachen ziemlich gut, ehrlich, ruhig, ohne -Aufregungen durch. Sie verbesserten die Armee, bewilligten -für sie ohne ein Wort des Streites riesige -Summen, dachten aber nicht einmal an den Krieg, -und alle begriffen, in Frankreich wie in Europa, daß, -wenn es irgendwo eine friedliebende Partei gab, es -zweifellos diese republikanische in Frankreich war. Ihre -Führer zeichneten sich durch Mäßigung und eine an -ihnen ganz ungewohnte Vernunft aus. Einstweilen -aber sind das in Wirklichkeit lauter abstrakte Leute und -Idealisten, Sänger eines schon längst verklungenen -Liedes und furchtbar kraftlose Menschen: liberale, -ergraute, doch sich jünger machende Greise, die sich einbilden, -immer noch jung zu sein. Sie sind bei den Ideen -der ersten französischen Revolution stehen geblieben, -d. h. beim Triumph des dritten Standes, und sind im -vollen Sinne des Wortes die Verkörperung des Begriffes -„Bourgeoisie“. Das ist ganz dieselbe Julimonarchie, -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -aber nur mit dem Unterschied, daß sie Republik -heißt und es keinen König in ihr gibt – versteht sich, -letzteren im Sinne von „Tyrann“. Alles, was sie -Neues gebracht haben – das ist das Anno 48 eingeführte -allgemeine Stimmrecht, das von der königlichen -Juliregierung so gefürchtet wurde, und aus -dem nicht nur nichts Gefährliches entstanden ist, sondern -umgekehrt, sogar sehr viel für die Bourgeoisie -Nützliches. Sehr zustatten kam diese Idee auch der -Regierung Napoleons III. Doch die alten Herren -waren im höchsten Grade zufrieden mit ihr, und es beruhigt -und lullt sie ein wie kleine Kinder, daß sie -„Republikaner“ sind. Das Wort „Republik“ hat bei -ihnen etwas Komisch-Ideales. Man sollte meinen, daß -diese unschuldige Partei Frankreich und die Franzosen -vollkommen zufriedenstellen könnte, das heißt, die -städtische Bourgeoisie und die Grundbesitzer. Doch siehe, -in Wirklichkeit ist es umgekehrt. In der Tat, warum erschien -die Republik in Frankreich immer als eine unzuverlässige -Regierungsform? Und wenn die Republikaner -nicht immer gehaßt worden sind, so werden sie doch -immer von der großen Mehrzahl der Bourgeoisie wegen -ihrer Kraftlosigkeit verachtet, oder wenn auch nicht gleich -verachtet, so doch immerhin nicht wirklich geachtet. -Auch das Volk hat ihnen fast nie getraut. Jedesmal, -wenn in Frankreich die Republik die Regierung antrat, -verlor geradezu alles im Lande seine Festigkeit und sein -Selbstvertrauen. Bis jetzt ist die Republik immer nur -ein Übergangszustand gewesen – zwischen revolutionären -Versuchen allerschrecklichster Art und irgendeinem, -zuweilen allerdummdreistesten Usurpator. Und -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -da sie fast immer ein solches Ende genommen, hat sich -auch die Gesellschaft gewöhnt, sie danach zu beurteilen. -Dieses Mal war es nicht anders: kaum daß die Republik -begann, fingen alle an, sich gleichsam in einem Interregnum -zu fühlen – und wie vernünftig die Republikaner -auch regieren mögen, die Bourgeoisie bleibt -doch im stillen überzeugt, daß früher oder später der -rote Bund aufflammen oder wieder irgendeine Monarchie -beginnen wird. Das Ergebnis ist, daß der Bourgeoisie -nun die monarchische Regierung viel lieber geworden -ist als die republikanische, sogar ungeachtet -dessen, daß die Monarchie, wie zum Beispiel die Napoleons -III., gewissermaßen Versuche einer Vereinbarung -mit den Sozialisten gemacht hat, während doch -in der ganzen Welt niemand und nichts den Sozialisten -feindlicher sein kann als die echten Republikaner: für -die ist ja nur das Wort „Republik“ nötig, die Sozialisten -aber suchen nicht Worte, sondern Taten. Nach den -Prinzipien der Sozialisten ist’s ihnen einerlei – bilden -sie eine Republik oder eine Monarchie, bleiben sie Franzosen -oder werden sie womöglich Deutsche, und, offen -gestanden, selbst wenn sich die Sache irgendwie so -wenden sollte, daß ihnen der Papst zustatten käme, so -würden sie selbst den Papst wählen. Sie suchen vor -allen anderen Dingen zuerst <em>ihre Sache</em> durchzuführen, -das heißt, den Sieg des vierten Standes sowie -Gleichheit in der Verteilung der Rechte bei der Nutznießung -der Lebensgüter, unter welch einer Fahne jedoch -– das ist ihnen einerlei, meinetwegen unter der allerdespotischsten. -</p> - -<p> -Auffallend ist, daß Fürst Bismarck den Sozialismus -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -nicht weniger als das Papsttum haßt, und daß die deutsche -Regierung, besonders in der allerletzten Zeit, -scheinbar schon etwas zu sehr die sozialistische Propaganda -zu fürchten anfängt. Zweifellos geschieht das -nur, weil der Sozialismus die nationale Grundlage -aufhebt, überhaupt die Wurzel der Nationalität untergräbt: -das Prinzip der Nationalität aber ist die Grundlage -der ganzen deutschen Einheit, die Hauptidee alles -dessen, was in Deutschland in den letzten Jahren vollführt -worden ist. Es kann jedoch sehr leicht möglich sein, -daß Fürst Bismarck noch tiefer sieht und sich folgendes -sagt: Der Sozialismus ist für ganz Westeuropa eine -zukünftige Macht oder doch Kraft, und wenn das -Papsttum irgendeinmal von den Mächten dieser Welt -verlassen und verworfen sein wird, so kann es sehr, sehr -leicht geschehen, daß es sich in die Arme des Sozialismus -wirft und mit ihm zu einem Ganzen verschmilzt. Der -Papst kommt mit bloßen Füßen zu allen Armen und sagt, -daß alles, was sie lehren, schon längst in der Bibel -geschrieben stehe, daß bisher bloß die Zeit für sie noch -nicht gekommen wäre, dieses zu wissen, jetzt aber sei sie -endlich angebrochen, und nun sei er, der Papst selber, -bereit, ihnen Christus zu opfern, und statt an Ihn, gleichfalls -an den menschlichen Ameisenhaufen zu glauben. -Der römische Katholizismus – das liegt auf der Hand -– bedarf nicht Christi, sondern der Weltherrschaft: -„Also ihr braucht eine Vereinigung gegen den Feind? -Vereinigt euch unter meiner Macht; denn ich allein -bin von allen Mächten und Machthabern der Welt -<em>universal</em>, – laßt uns zusammengehen!“ Dieses -Zukunftsbild stellt sich wahrscheinlich Fürst Bismarck -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -vor; denn von allen Diplomaten hat er allein einen so -scharfen Blick gehabt, um die Lebenszähigkeit der römischen -Idee und diese ganze Energie zu erkennen, mit -der sie bereit ist, sich zu verteidigen, ohne jetzt noch die -Mittel zu wählen. Leben will sie höllisch gern, sie zu -töten aber ist schwer, denn sie ist eine Schlange! – Der -einzige, der das erkennt, ist Bismarck – der größte -Feind des Papsttums und der römischen Idee! -</p> - -<p> -Doch siehe, die sich immer jünger machenden alten -Herrchen, die französischen Republikaner, sind nicht -fähig, dies zu verstehen. Den Klerus hassen sie schon -aus bloßem Liberalismus, den Papst halten sie für -machtlos und verächtlich und die römische Idee für vollständig -überlebt. Sie verfallen nicht mal darauf, sich -mit der furchtbaren klerikalen Partei zu versöhnen, wenn -auch nur politisch, um sich etwas mehr Festigkeit zu verleihen. -Wenigstens könnten sie es doch vorläufig unterlassen, -die Klerikalen zu reizen, sie mit einem so anmaßenden -Selbstvertrauen zu foppen, ja, sie könnten -ihnen sogar einige Unterstützung bei der so nah bevorstehenden -Wahl des neuen Papstes versprechen. Sie aber -tun gerade das Gegenteil – entweder aus der idealen -Ehrlichkeit ihrer Überzeugungen, oder einfach aus Leichtsinn. -In der letzten Zeit haben sie noch zum Überfluß -angefangen ganz besonders den Klerus zu verfolgen, -und zwar genau in dem Augenblick, da dem Papsttum -nur noch Frankreich als einzige Stütze verblieb. Denn -wer könnte wohl im Notfalle für die „Freiheit“ der -Papstwahl und für die Freiheit des gewählten Papstes -das Schwert ziehen? Und dieses Schwert muß zudem -noch stark und mächtig sein. Es blieb keine andere Wahl -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -als Frankreich und seine große Armee. Und nun Frankreich -an der Spitze der Feinde! Freilich, Marschall Mac-Mahon -ist gehorsam, doch ist er selber in der Klemme -und kann sich nicht mal selbst befreien: Die Mehrheit der -Kammer ist republikanisch und liberal, und keine einzige -der anderen Parteien vermag sie zu stürzen. Kurz, die -republikanische Mehrheit zu verdrängen ist unmöglich ... -Und nun plötzlich befreit dieser Klerus – dieser verachtete, -machtlose Klerus! – den Marschall Mac-Mahon und -beweist der ganzen Welt eine Macht, wie sie niemand -von ihm mehr erwartet hätte. Die Pfaffen geben den -Parteien zu verstehen, daß sie sich nur unter der Fahne -des Klerus vereinigen können, und die Parteien, frappiert -durch die Augenscheinlichkeit dieser Wahrheit, sind -sofort mit ihnen einverstanden. In der Tat: für die -Legitimisten wie für die Bonapartisten ist der größte -und nächste Feind – diese selbe republikanische Mehrheit. -Wenn jede dieser Parteien einzeln für sich arbeiten -wollte, so würde sie nichts erreichen, zusammen aber, -vereint, können sie eine Macht bilden, die am Ende fähig -wäre, alle zu besiegen und selbst die Republikaner zu -verjagen. Dann aber, wenn sie die Republik erdrosselt -haben, wird jede Partei sich um sich allein kümmern -können und, versteht sich, jede von ihnen wird dann um -so größere Aussichten auf Erfolg haben, je mehr sie dem -Klerus Gefallen erweist. Alles das hat der Klerus mathematisch -berechnet und – – die Vereinigung ist zustande -gekommen: schon hat die klerikale Mehrheit des -Senats den Marschall Mac-Mahon ermächtigt, die -Republikaner anzugreifen. -</p> - -<h4 class="section" id="HEER"> -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -<span class="firstline">Das schwarze Heer.</span><br /> -Die Meinung der Legionen als neues -Element der Zivilisation -</h4> - -<p class="noindent"> -Nachdem der Klerus plötzlich solch eine unerwartete -Macht und Gewandtheit bewiesen hat, wird er fraglos -noch weiter gehen. Dieses schwarze Heer wird einfach -in der entscheidenden Stunde Deutschland den Krieg -erklären – und das ist es, was Fürst Bismarck alsbald -durchschaut hat! Das Wichtigste haben sie ja schon -erreicht: Mac-Mahon hat eingewilligt, Frankreich in -die Abenteuerpolitik zu stürzen. Nun, und die Klerikalen -sind nicht derart, um vor dem Weiteren zurückzuschrecken. -Die haben kein Mitleid mit Frankreich. Wie alles in -der Welt, brauchen sie auch Frankreich nur so lange, wie -sie aus ihm Nutzen ziehen können. Dieses Land, das -ihre einzige Hoffnung ist und ihnen so viele Jahrhunderte -lang treu gedient hat, könnten sie eigentlich wohl -verschonen! Aber ihre Stunde im Jahrtausend hebt schon -an zum Schlage, und wenn ihnen da gerade Frankreich in -die Hände fällt: warum sollen sie dann nicht aus ihm -Kräfte herausquetschen, soviel sie eben nur können, und -wenn sie damit auch hundertmal seine Existenz, sein -Leben aufs Spiel setzen? Sie müssen alles nehmen, was -es noch hergeben kann, und vor allen Dingen dürfen sie -keinen Augenblick versäumen: wollten sie nur ein wenig -später beginnen, so wäre es für sie schon zu spät. Darum -heißt es gerade jetzt versuchen, Bismarck zu schlagen; -denn wenn jemand bei der Wahl des Papstes stören -wird, so ist es natürlich nur er. Und hinzu kommt jetzt -noch, daß Bismarck gerade in diesem Augenblick ganz -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -allein ist, ohne einen einzigen Verbündeten: Rußland – -seine ganze Hoffnung – ist durch den Krieg in Anspruch -genommen. Und schließlich, wenn es gelingt, Bismarck, -wenn auch nur zeitweilig, zu besänftigen, so heißt es -für sie doch, so schnell wie nur möglich, das Zukünftige -anbahnen: den günstigen Augenblick benutzen und ein -für allemal aus Frankreich einen dauerhaften Bundesgenossen -machen, einen, der zu allem bereit ist und gehorsam -bleibt, und der einwilligt, zu diesem Zweck -daselbst eine radikale, diesmal aber <em>ernstliche</em>, auf -ewig geltende Umwälzung zustande zu bringen. Zweifellos -ist damit viel gewagt, doch schwanken können wohl -andere, nicht aber die Jesuiten. Die Sache liegt nämlich -so, daß sie gegenwärtig überhaupt keine andere Wahl -haben, als riskieren und riskieren und nochmals riskieren -... Sich mit der klerikalen Umwälzung in Frankreich -begnügen, – ohne Krieg mit Deutschland und -ohne <em>ernstliche</em> Revolution in Frankreich, ist ihnen -einfach unmöglich: derart ist jetzt ihre Lage. Sie wollen -alles haben – oder nichts –, und da würde wenig -nehmen, sich mit irgendeinem „Einfluß auf die Regierung“ -zufrieden geben, ihnen nicht den geringsten -Nutzen bringen. Ihre Bedürfnisse aber sind jetzt riesengroß! -Und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">va banque</span> zu spielen. Wenn ihnen aber, nehmen wir -an, der Coup in Frankreich nicht gelingt, wenn, sagen -wir, die Deutschen nochmals siegen und Frankreich den -letzten Todesstoß geben, so kommt es für sie doch auf -eins heraus: sie, also der Klerus, werden es deswegen -nicht schlechter haben als jetzt, ich meine, als wenn sie -jetzt artig die Hände in den Schoß legten und keine Umwälzung -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -beabsichtigten: sie würden beim Alten bleiben, -bei dem, wo sie vor den „Abenteuern“ waren, das heißt -soviel wie in der allerschlimmsten Lage, die nur einen -Trost hat, nämlich den, daß sie nicht mehr schlimmer -werden kann. Eine andere Sache ist es mit Frankreich: -wird es nochmals besiegt, so ist es unrettbar verloren. -Doch nicht den Jesuiten steht es an, davor zurückzuschrecken: -sie wissen, daß sie, wenn Frankreich <em>siegt</em>, -<em>alles</em> bekommen und sich dann endgültig einnisten -können. Dazu aber haben sie ihre besonderen Mittel, -in Frankreich noch unerhörte Mittel! -</p> - -<p> -Alle anderen Revolutionäre, selbst die wildesten -„rotesten“, verbinden sich doch, wenn sie den Umsturz -vollbracht, mit irgend etwas Allgemeinem, vorher -Gegebenem und sogar Gesetzmäßigem. Die revolutionären -Jesuiten jedoch können nicht gesetzmäßig, sondern -nur <em>ungewöhnlich</em> handeln. Dieses schwarze Heer -steht außerhalb der Menschheit, außerhalb des Bürgertums, -außerhalb der Zivilisation und geht ganz von sich -allein aus. Das ist ein <span class="antiqua">status in statu</span>, das ist die Armee -des Papstes, die braucht nur den Triumph <em>einzig -ihrer</em> Idee, – das übrige mag untergehen, was ihr -im Wege liegt, mag verderben, was nicht mit ihnen -übereinstimmt, mag sterben – Kultur, Gesellschaft, -Wissenschaft! Sicherlich wollen sie Frankreich zu einer -neuen und jedenfalls endgültigen Form umarbeiten, -wenn bloß die Gelegenheit ihnen günstig ist; und wollen -aus dem Lande allen Kehricht hinausfegen, und zwar -mit einem Ofenbesen, wie ihn bis jetzt noch niemand -gesehen hat, auf daß nicht einmal ein Geruch von -irgendeinem Widerstande im Lande bleibe; und wollen -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -dann dem Französischen Staat eine neue Verfassung -geben, die ewig unter der strengsten Vormundschaft der -Jesuiten bleiben muß. -</p> - -<p> -All das kann auf den ersten Blick lächerlich absurd -erscheinen. In der französischen Presse – und auch -in der unsrigen – sind alle wohlgesinnten Leute fest -davon überzeugt, daß die klerikale Partei sich bei den -nächsten Wahlen unbedingt das Bein brechen werde. -Die französischen Republikaner sind in ihrer geistigen -Unschuld gleichfalls vollkommen überzeugt, daß „die -ganze <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">activité dévorante</span> der von neuem ausgesandten -Präfekten und Maires so gut wie nichts erreichen wird -und nur die früheren Republikaner gewählt werden, die -dann wiederum die frühere Mehrheit ausmachen und -alsbald den Absichten Mac-Mahons ein Veto entgegensetzen -werden; darauf wird dann der ganze Klerus -verjagt und mit ihm vielleicht auch Mac-Mahon“. -Doch diese Überzeugung ist leider nicht sehr begründet, -und sicher machen sich die Klerikalen in der Beziehung -die geringsten Sorgen. Die Sache ist nämlich eigentlich -die, daß die naiven, harmlosen Greise, wie es scheint, -immer noch nicht, trotz der vielen Erfahrungen, im -ganzen Umfang begreifen können, mit was für Leuten -sie es zu tun haben. Denn so wie die Wahlen für die -Klerikalen nur ein wenig unvorteilhaft ausfallen, -werden sie auch die neue Kammer auflösen, ungeachtet -aller konstitutionellen Rechte derselben. Man wird vielleicht -einwenden, dieses sei ungesetzmäßig, illegitim und -darum unmöglich? Das ist allerdings wahr, doch wann -kümmert sich dieses schwarze Heer um das Gesetz und die -Rechte? Sie werden bestimmt – wir haben ja schon -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -Tatsachen, die davon zeugen – ihrem gehorsamen Marschall -den tollkühnen Gedanken eingehen, ein Mittel zu -gebrauchen, das in Frankreich noch nie angewandt -worden ist, und zwar: den <em>militärischen Despotismus</em>. -Man wird natürlich sofort sagen, daß -das ein altes Mittel sei, daß es schon mehrmals angewandt -worden wäre, zum Beispiel von den Napoleonen! -Und doch wage ich zu behaupten, daß es <em>in -seiner ganzen Gewaltsamkeit tatsächlich</em> -noch kein einziges Mal in Frankreich gebraucht -worden ist. Hat sich der Marschall Mac-Mahon -der Armee versichert, so kann er die ganze zukünftige -Versammlung der Landesvertreter, <em>wenn sie gegen -ihn ist</em>, einfach mit dem Bajonett auseinanderjagen -und darauf dem Volke erklären, daß <em>die Armee es -so gewollt habe</em>. Wie ein römischer Imperator der -Verfallszeit kann er daraufhin ruhig kundtun, daß er -sich hinfort „<em>nur noch nach der Meinung der -Armee richten werde</em>“. Dann kommt der allgemeine -Belagerungszustand und der militärische -Despotismus, – und Sie werden sehen, meine Herrschaften, -das wird furchtbar vielen in Frankreich sogar -ungemein gefallen! Glauben Sie mir, wenn es not tut, -werden auch die Abgeordneten kommen und mit der -<em>Stimmenmehrheit ganz Frankreich</em> den -Krieg gestatten und die nötigen Gelder dazu hergeben. -In seiner kürzlichen Rede an das Heer hat sich der -Marschall wenigstens in diesem Sinne ausgedrückt, und -seine Worte haben großen Anklang gefunden. Wir -können also nicht mehr zweifeln, daß das Heer mehr auf -seiner Seite ist. Hinzu kommt noch, daß er jetzt schon zu -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -weit gegangen ist, um noch stehenbleiben zu können, -andernfalls würde er seinen Posten nicht mehr behalten, -während doch seine ganze Politik und seine ganze Person -sich in dem einen Wort „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">J’y suis et j’y reste</span>“ ausdrückt. -Über diese Phrase hinaus ist er bekanntlich -noch nicht gegangen, doch wird er selbstverständlich -alles für den Triumph derselben tun, wird, wenn’s drauf -ankommt, selbst die Existenz Frankreichs aufs Spiel -setzen. Die Fähigkeit und Bereitwilligkeit zu solch einem -Wagnis hat er ja schon einmal im Deutsch-Französischen -Krieg bewiesen, als er sich unter dem Einfluß der Bonapartisten -entschloß, aus Treue zur Dynastie Napoleons, -Frankreich bewußt seiner Armee zu berauben. Die Klerikalen -haben ihm bestimmt sein „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">J’y suis et j’y reste</span>“ -sicher gestellt. Zweifellos haben sie es schon verstanden, -Mac-Mahon geschickt darauf <em>hinzuweisen</em>, daß -man im Notfalle – sind erst einmal die Parteien, die -Bonapartisten und Legitimisten, unter der Fahne vereinigt -– daß man im Notfalle, wie gesagt, auch ohne -Chambord und ohne Bonaparte auskommen könne und -man sie durchaus nicht zu rufen brauche, ja, dieses sogar -in keinem Fall, sondern daß einfach der Marschall Mac-Mahon -Diktator und unabsetzbarer Regent – doch dann -nicht nur auf sieben Jahre – werden könne. Auf diese -Weise würde sich also die These „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">J’y suis et j’y reste</span>“ -ohne Wunder verwirklichen – wenn man nur erst das -Einverständnis der Armee hätte! Die Zustimmung -Frankreichs kommt später ganz von selbst hinzu, denn -eine feste Diktatorenhand an der Spitze der Macht wird -vielen, sehr vielen gefallen. Solcher schmeichelhaften -<em>Hinweise</em> wird es, wie gesagt, fraglos schon gegeben -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -haben. Vielleicht wird man Bedenken tragen, ob ein -Mann wie Mac-Mahon so etwas unternehmen und auch -ausführen kann? Nun, erstens hat er schon die eine -Hälfte ausgeführt, und zwar diejenige Hälfte, die, was -Entschlossenheit anbetrifft, keineswegs leichter ist als -die andere. Und zweitens, – gerade solche Leute, die -an und für sich nicht im geringsten unternehmend sind, -können, wenn sie plötzlich unter irgend jemandes höheren, -energischen Einfluß kommen, eine ganz unerwartete, -verhängnisvolle Entschlossenheit bekunden – nicht etwa -weil sie Genies sind, sondern viel eher aus dem entgegengesetzten -Grunde. Hier handelt es sich nicht um Erwägung, -sondern einfach um das In-Bewegung-Setzen, darum -daß man den Anstoß gibt; und hat man solche -Menschen erst einmal ordentlich vorwärtsgestoßen, so -ziehen sie eben die Karre so lange schnurgerade weiter, -bis sie entweder mit dem Kopf die Wand einrennen -oder aber sich selbst die Hörner abstoßen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-3-4"> -<span class="firstline">Ein ziemlich unangenehmes Geheimnis</span><br /> -(Ausblicke) -</h4> - -<p class="noindent"> -All das begreift man in Deutschland nur zu gut. -Wenigstens halten alle offiziösen Organe der Presse, die -vom Fürsten Bismarck beeinflußt werden, den Krieg für -unvermeidlich. Wer von den Gegnern sich zuerst auf -den anderen stürzen wird, und wann gerade, – das kann -man natürlich nicht voraussagen, doch kann der Krieg -sehr, sehr leicht ausbrechen. Selbstverständlich „kann“ -das Gewitter auch vorüberziehen, nämlich wenn Mac-Mahon -plötzlich Angst befällt vor dem, was er auf sich -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -genommen, und er, wie einstmals Ajax, in Zweifeln -befangen, auf halbem Wege stehenbleibt. Dieser Zufall -ist allerdings möglich, doch kann man wohl kaum irgendwie -auf ihn oder mit ihm rechnen. Vorläufig verfolgt -Fürst Bismarck mit fieberhafter Aufmerksamkeit alles, -was in Frankreich vor sich geht, und beobachtet und -wartet. Für ihn besteht das Verhängnisvolle gerade -darin, daß die Sache nicht in dem Augenblick angefangen -hat, in dem er es erwartete. Jetzt jedoch sind -ihm die Hände gebunden. Am unangenehmsten aber ist, -daß sich plötzlich die Wunden aufgedeckt haben, die bis -jetzt so sorgsam geheimgehalten wurden. Über die größte -von ihnen habe ich schon einmal gesprochen – das ist die -Befürchtung, Rußland könnte erraten, wie mächtig es -ist, und welch eine Bedeutung sein entscheidendes Wort -jetzt, gerade in diesem Augenblick haben kann, und – -die Hauptsache – „<em>daß die Abhängigkeit vom -Bündnis mit Rußland allem Anschein -nach die Schicksalsbestimmung Deutschlands -ist, besonders seit dem Deutsch-Französischen -Kriege</em>“. Dieses deutsche -Geheimnis könnte jetzt plötzlich ans Licht kommen – -und das wäre für die Deutschen zum mindesten peinlich. -Wie aufrichtig gewogen uns auch die Politik Deutschlands -in den letzten Jahren gewesen ist: dieses Geheimnis -ist von allen Deutschen streng bewahrt worden, -niemals auch nur angedeutet worden – auch nicht in -der Presse. Bis jetzt hatten die Deutschen immer eine -ruhige und stolze Haltung, die natürlicherweise der -Macht, die niemandes Hilfe braucht, eigen ist; nun aber -muß die schwache Stelle leider herauskommen. Denn -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -wenn das klerikale Frankreich sich zum verhängnisvollen -Kampf entschließt, so ist es damit nicht getan, daß man -seinen Angriff, falls es zuerst angreifen sollte, zurückschlägt, -sondern man muß es für immer entkräften, es -einfach erdrücken und die Gelegenheit ausnutzen – das -ist die Aufgabe! Da aber Frankreich zudem reichlich eine -Million Soldaten hat, so muß es den Sieg, um des -Endes der Sache gewiß zu sein, unbedingt <em>sicher</em> -stellen; denn anders lohnt es sich überhaupt nicht, anzufangen. -Und die einzige Sicherstellung wäre, sich des -entscheidenden Wortes Rußlands zu vergewissern. Kurz, -am unangenehmsten ist, daß all das so plötzlich und unvorbereitet -herauskommt. Alle früheren Berechnungen -sind umgeworfen, und jetzt sind es schon die Ereignisse, -die die Berechnungen lenken – nicht umgekehrt, wie -früher. Heute oder morgen kann Frankreich im Innern -mit sich zur Ruhe kommen. Es hat sich in eine Abenteuerpolitik -gestürzt, und daher kann man sich wohl -fragen, wo diese Abenteuer aufhören werden, wo ihnen -eine Grenze gezogen sein wird? Das ist sehr unangenehm: -noch vor so kurzer Zeit zeigten die Deutschen -ein so unabhängiges Auftreten, besonders im letzten -Jahre. Erinnern wir uns, daß in diesem Jahre auch -Rußland sich bemühte, in Europa zu erkennen, wer ihm -freund war, und die Deutschen kannten unsere Sorgen -und machten ihre feierlich-festlichste Miene, die wohl -den Umständen am angemessensten war. Es ist ja verständlich, -wenn Deutschland sich über jede slawische -Bewegung immer ein wenig beunruhigt; doch kann man -wohl sagen, daß die Kriegserklärung Rußlands vor zwei -Monaten für Deutschland vielleicht sogar nicht einmal -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -so ganz unangenehm war: „Nein, jetzt werden sie es -schon bestimmt nicht erraten,“ dachte man in Deutschland -vor zwei Monaten, „daß wir es sind, die ihrer -bedürfen, jetzt werden die Russen, an der Donau, dem -‚deutschen Strom‘, stehend, vollkommen überzeugt sein, -daß, umgekehrt, mir sie allein uns furchtbar nötig haben -und es am Ende des Krieges ohne unser gewichtiges -Wort unmöglich abgehen wird. Und es ist gut, daß die -Russen so denken, das kann uns später sehr zustatten -kommen.“ Fraglos hat es viele kluge Deutsche gegeben, -die vor zwei Monaten so von uns gedacht haben; ihre -ganze Presse dachte und schrieb so und – nun plötzlich -hat diese klerikale Stimmung durch alles einen Strich -gezogen und alles umgestürzt! „Oh, jetzt werden sie es -erraten, jetzt werden sie alles erraten! Und außerdem -ist es unbedingt nötig, daß Rußland so schnell wie möglich -diesen Krieg beendet und wieder frei wird! Doch -wäre es äußerst gefährlich, hierbei eine Beeinflussung -zu versuchen. Vielleicht wird es vor England und -Österreich Angst bekommen – was aber nicht anzunehmen -ist. Uns aber England und Österreich zur Beeinflussung -Rußlands anzuschließen, daran ist nicht zu -denken: die werden später sowieso nicht helfen, und -Rußland würden wir nur verärgern. Sonderbare Lage! -Oder sollte man Rußland womöglich helfen, damit es -den Krieg schneller los wird? Nun ... das könnte man -auch ohne Waffen tun, einfach mit politischem Druck, auf -Österreich zum Beispiel ...“ So ungefähr überlegen -jetzt dieselben Politiker, und es kann sehr, sehr leicht -geschehen, daß all das in Wirklichkeit eintrifft. -</p> - -<p> -Um es kurz zu machen – ich wollte nur meine -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -Überzeugung äußern, meinen Glauben, daß Rußland -nicht nur so stark und mächtig wie immer ist, sondern -jetzt, gerade jetzt, die stärkste aller europäischen Mächte -ist, und daß noch niemals sein entscheidendes Wort in -Europa so geschätzt werden konnte wie im gegenwärtigen -Augenblick. Mag Rußland jetzt auch mit den -Türken beschäftigt sein, so kann doch schon seine Entscheidung -für diesen oder jenen die Wage der europäischen -Politik je nach seinem Wunsch und Willen in -starkes Schwanken bringen. Sogar England selbst sieht -jetzt, wie es, in Anbetracht der <em>Möglichkeit</em> äußerst -umständlicher neuer Ereignisse in Westeuropa, sogar -in den Augen der Russen zwei Drittel seines Prestige -verliert, und wie doch endlich auch die mißtrauischsten -Russen begreifen, daß es ihm, England, nicht einfällt, -es auf einen Krieg ankommen zu lassen, wenn Rußland -fest entschlossen ist, seine Sache fortzuführen, und daß -England weit mehr auf eine Teilung des Erbes nach -dem Tore des „kranken Mannes“ spekuliert, als daß es -sich entschlösse, <em>für</em> denselben, in dieser ohnehin schon -ungemütlichen Zeit, noch einen offenen Krieg zu beginnen. -In der Tat, sollte es geschehen, daß etwas Unerwartetes, -Unheilvolles in Westeuropa ausbräche, so -wird doch England sich nie und nimmer in eine so -heikle Sache gar zu sehr einmischen, die dem gewohnten -Charakter seiner Interessen so überaus unähnlich sieht, -und wird, versteht sich, bloß eine aufmerksam beobachtende -Stellung einnehmen und nach seiner alten Gewohnheit -den günstigen Augenblick abwarten, in dem -sich irgendwo irgendeine Teilung der Beute ausschnüffeln -läßt, um sich dann geschwind mit seinen -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -Forderungen einzufinden. Jetzt jedoch, das heißt, vor -der Klärung der Verhältnisse im Westen, wäre es keine -Berechnung für England, gegen Rußland irgend etwas -Ernstes zu unternehmen. Anderseits: was kann Österreich -machen, wenn es <em>allein</em> bleibt? Ist es doch -unwahrscheinlich, daß die klerikale Verwicklung der -Sache in Westeuropa nicht auch auf Österreich hinüberwirken -wird. Und so harrt denn natürlich auch -Österreich, ganz wie alle anderen, der ferneren Dinge -und der Entscheidungen der Fragen, so daß auch ihm -jetzt, ganz wie allen anderen, die Hände teilweise gebunden -sind. Ja, allen sind jetzt die Hände irgendwie -gebunden, nur Rußland hat die seinen noch frei. Nun, -und da hat denn auch schon etwas <em>Unvorhergesehenes</em> -zu unseren Gunsten eingesetzt. Wie soll -man auch nicht mit dem <em>Unvorhergesehenen</em> -rechnen, wenn es sich um die Geschicksentscheidung der -Menschheit handelt? -</p> - -<p> -Gott und seine Gesetze regieren die Welt, und wenn -über Europa sich wirklich etwas Neues mit Schicksalsmacht -entladen soll, so ist es wohl nötig, daß es früher -oder später geschieht. Gebe Gott, daß ich mich täusche. -Gebe Gott, daß die heraufziehende Wolke sich verzieht -und all meine Vorahnungen sich nur als meine eigenen -„hitzigen“ Phantasien erweisen – als Phantasien eines -Menschen, der von der Politik nichts versteht. Die ganze -Frage ist ja nur –: Haben die offiziösen Organe der -deutschen Presse, die den Krieg prophezeien und ihn -erwarten, recht oder unrecht? Anderseits versichern die -Minister Mac-Mahons den Franzosen und der ganzen -Welt aus allen Kräften – übrigens ohne jegliche beschuldigende -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Anspielungen –, daß „Frankreich den -Krieg nicht beginnen wird“. Nun, da wird man doch -wohl zugeben müssen, daß all dieses zum mindesten verdächtig -ist, und daß die Lösung der Zweifel, schon nach -dem Gang der Sache selbst zu urteilen, in äußerst kurzer -Zeit eintreffen kann. Wie aber, wenn jetzt so viel von -der „Meinung der Armee“ abhängt? Schlimm, wenn -es soweit kommt: dann ist es zu Ende mit Frankreich. -Übrigens kann das ja nur mit Frankreich allein geschehen -und sonst mit niemandem in der ganzen Welt. -Doch gebe Gott, daß es auch mit ihm nicht geschehe: -Das würde ein schlimmer Anfang sein und ein noch -schlimmeres Beispiel. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-4"> -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -Die Lage Frankreichs -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-4-4-1"> -<span class="firstline">Unselige Pechvögel</span><br /> -(Französische Republikaner) -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> ist schwer, sich etwas Unglückseligeres vorzustellen, -als es die französischen Republikaner und die -Französische Republik sind.<a class="fnote" href="#footnote-13" id="fnote-13">[13]</a> Nun ist es bald schon -hundert Jahre her, daß diese Einrichtung auf die Welt -gekommen. Und seit der Zeit ist es immer wieder geschehen -– jetzt zum drittenmal –, daß, wenn -gewandte Usurpatoren die Republik sozusagen konfiszierten, -sich niemand erhob, sie ernstlich zu verteidigen, -außer vielleicht irgendeinem kleinen Häufchen Machtloser. -Eine allgemeine, starke Unterstützung der Republik -von seiten des ganzen Volkes hat es noch nie -gegeben. Und selbst in den Zeiten, da sie ein Recht -hatte, zu existieren, hat sie selten jemand für eine <em>nicht</em> -vorübergehende, für die definitive politische Institution -Frankreichs genommen. Nichtsdestoweniger gibt es -wohl kaum Leute, die von der Sympathie des ganzen -Landes für die Republikaner überzeugter wären als die -französischen Republikaner selbst. -</p> - -<p> -Übrigens, während der zwei ersten Versuche, in -Frankreich die Republik zu begründen, im vorigen Jahrhundert -sowie 1848, konnten die damaligen Republikaner -noch einige Gründe haben, besonders zu Anfang -ihrer Versuche, auf die Sympathie des Landes zu -rechnen. Die jetzigen Republikaner jedoch, – diese -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -selben, denen es bestimmt ist, in allerkürzester Zeit samt -ihrer Republik von irgend jemandem kurz und bündig -aufgehoben zu werden – die, sollte man meinen, hätten -schon wirklich keinen Grund mehr, sich Hoffnungen auf -eine sichere Zukunft zu machen, selbst wenn ihnen das -Land auch einige Zuneigung entgegenbrächte, eine Zuneigung, -die, <span class="antiqua">nota bene</span>, in Frankreich nicht allzu zuverlässig -ist; denn das Volk sympathisiert jetzt ja nur -negativ mit ihnen, etwa nach dem Sprichwort: bei -Fischmangel ist auch der Krebs ein Fisch – mit anderen -Worten: im Notfalle nimmt man mit allem fürlieb. -Währenddessen aber sind sie noch am Vorabend ihres -sicheren Sturzes von ihrem Siege fest überzeugt. Und -doch: was waren das für unglückliche Leute, was war -das für eine Republik, diese dritte, die der selige Thiers -wohl anerkannte, doch eben nur wie den Krebs bei Fischmangel! -Wir brauchen uns ja nur der Geburt dieser -dritten Republik zu erinnern: fast zwanzig Jahre lang -erwarteten diese Republikaner den „ruhmvollen“ Augenblick, -da der Usurpator gestürzt sein und „das Land sie -zurückrufen“ werde. Und was geschah? Als diese Pechvögel -nach Sedan glücklich die Herrschaft an sich gerissen -hatten, waren sie gezwungen, diesen furchtbaren Krieg -auf ihre Schultern zu nehmen, diesen Krieg, den sie -niemals gewollt hätten, und den ihnen der Usurpator -hinterließ, als er Frankreich verließ, um in das schöne -Schloß Wilhelmshöhe einzuziehen und dort seine Zigarren -weiterzurauchen. Und wenn dieser geriebene -Usurpator, als er dann durch die Alleen des deutschen -Schloßparks spazierte, sich auch über sie geärgert haben -mag, die seine Macht an sich gerissen hatten, so wird er -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -zuweilen doch bestimmt auch boshaft gelächelt haben, -bei dem Gedanken, wie gut er sich an ihnen gerächt, -indem er seine Schuld auf ihr schwaches Haupt gewälzt -hatte. Denn, wie dem auch sein möge – später beschuldigte -Frankreich doch eher sie als ihn alles dessen, -worüber es sich zu beklagen hatte: daß sie den hoffnungslosen -Krieg überhaupt weitergeführt und nicht verstanden -hatten, sofort Frieden zu schließen, daß sie -zwei große Provinzen, fünf Milliarden fortgegeben, -das Land zugrunde gerichtet, sich schlecht geschlagen -und ihre Anordnungen aufs Geratewohl getroffen. -Letzteres wirft man noch heute dem damaligen Diktator -Gambetta vor, der jedoch an nichts schuld ist, im -Gegenteil, alles getan hat, was unter jenen Verhältnissen -möglich war. Kurz, die Anklage gegen die Republikaner, -daß sie ungeschickt gewesen seien und das -Land ins Verderben gestürzt hätten, hielt sich und hält -sich auch jetzt noch unangefochten aufrecht. Was tut’s, -wenn alle wissen, daß Napoleon die erste Ursache des -Unglücks war, es heißt trotzdem: „Warum haben sie -denn die Sache nicht besser gemacht, wenn sie sie einmal -übernahmen? Und wenn’s nur das wäre – aber sie -haben sie ja noch so verschlimmert, wie man sie sich -schlimmer gar nicht vorstellen kann.“ – Ein schöner -Vorwurf! Doch das ist noch nicht alles: zusammen mit -dieser Anschuldigung heftete sich ihnen auch noch etwas -Verächtliches und Lächerliches an, bei dem Gedanken, -in welch eine Klemme sie gleich zu Anfang ihrer Herrschaft -geraten waren. Und doch – was hätten sie anderes -tun können? Den Krieg nicht weiterzuführen, -gleich nach Sedan Frieden zu schließen, war unmöglich: -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -Die Deutschen würden auch dann Land und Geld gefordert -haben, und was wäre da aus den Republikanern -geworden, wenn sie auf diese Bedingungen eingegangen -wären? Man würde sie einfach Feiglinge oder -„Traitres“ genannt haben, wenn sie, „noch im Besitze -einer Armee“, sich nicht verteidigt, sondern schmählich -ergeben hätten. Das wäre eine schöne Empfehlung für -ihre neue Republik gewesen! Da ihnen aber die Republik -und deren Errichtung in Frankreich viel mehr am -Herzen lag als die Rettung des Landes, so waren sie -eben gezwungen, den Krieg weiterzuführen, trotz der -Ahnung, daß nach dem Kriege sie eine noch weit größere -Schande erwartete! Also stand vor ihnen Schande, und -stand hinter ihnen Schande – eine Lage, die nicht nur -unglücklich, nicht nur tragisch, sondern in gewisser Beziehung -sogar komisch war; denn wahrlich nicht in <em>der</em> -Gestalt hatten sie sich den Antritt ihrer Herrschaft nach -dem Sturz des „Tyrannen“ erträumt! -</p> - -<p> -Diese Komik wurde noch durch den Umstand verstärkt, -daß sie trotz allem mit dem leichtesten Herzen die -Herrschaft ergriffen, trotz allem ... das heißt, Verzeihung, -ich will keineswegs behaupten, sie hätten nicht -um Frankreich getrauert – oh, unter ihnen gibt es, was -Gefühle anbelangt, vortreffliche Leute und sogar wirkliche -Diener des Vaterlandes, versteht sich, im Falle es -Republik heißt. Vielleicht gibt es sogar solche, einen -oder zwei, die selbst die Republik an die zweite Stelle -setzen würden, wenn nur Frankreich glücklich wäre – -obgleich es kaum wahrscheinlich ist, daß es solche gibt, -höchstens, wie gesagt, einen oder zwei, jedenfalls -bestimmt nicht mehr. Die Sache war nun aber die: die -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -Republikaner bildeten sich nämlich sofort ein – kaum -daß der Friede mit Deutschland geschlossen war und sie -sich angeschickt hatten, das Land in Ruhe zu verwalten –, -sie hätten schon die Liebe Frankreichs errungen, und -zwar gleich auf ewig, für alle kommenden Zeiten. Das -war es, was so komisch wirkte! Entschieden hat jeder -französische Republikaner die verhängnisvolle, verderbliche -Überzeugung, es genüge das Wort „Republik“, -es genüge schon, das Land eine Republik zu nennen, -und sofort werde es für immer glücklich sein. Jedes -Mißlingen der Republik schreiben sie unentwegt stets -einem äußeren störenden Umstand zu, wie zum Beispiel -dem, daß es auch Usurpatoren in der Welt gibt und -überhaupt böse Menschen; und kein einziges Mal denken -sie an die ungemeine Schwäche jener Wurzeln, die die -Republik im Boden Frankreichs geschlagen, und die in -ganzen hundert Jahren nicht haben erstarken und tiefer -eindringen können. Überdies ist es den Republikanern -in diesen sechs Jahren noch nie eingefallen, daß ihre -komische Lage, wie Napoleon III. sie ihnen hinterlassen -hat, auch jetzt noch besteht und daß, wenn das alte Unglück -vergangen ist, ein neues Unglück, ein dem alten -ähnliches, sich nähert, und zwar eines, das sie bestimmt -in die <em>aller</em>komischste Lage bringen wird, in eine so -ungemein komische Lage, daß sie sich vielleicht schon in -allernächster Zukunft nicht mehr werden halten können. -Diese Komik besteht darin, daß dieses kommende Unglück, -erstens ganz so wie das vergangene, in ihrer Erfüllung -der hohen Pflicht liegt, dem Vaterlande <em>wissentlich</em> -zum Verderben dienen zu müssen; zweitens, daß dieses -Unglück wieder ganz so wie das erste vollkommen unabwendbar -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -ist; drittens, daß es sie in eine ebensolche -Klemme zu bringen droht, wie die, in der sie 1871 -staken; und viertens, daß es, zur Vollendung des Verdrusses, -ihnen ganz so wie das erste Mal von diesem -selben Napoleon III., den sie so hassen und dessen Andenken -sie so verfluchen, vermacht worden ist. In der -Tat: wer ist jetzt der eifrigste Anhänger der Französischen -Republik? Zweifellos Fürst Bismarck. So lange, -wie in Frankreich die Republik besteht, ist jeder -Revanchekrieg unmöglich. Man stelle sich nur vor: die -Republikaner entschlössen sich, den Deutschen den Krieg -zu erklären!! Nun, Fürst Bismarck begreift die Lage. -Und währenddessen ist es doch sonnenklar, daß der große -Organismus Frankreichs – vierzig Millionen – nicht -ewig schmachvoll unter der Vormundschaft Deutschlands -bleiben kann. Die Wunden werden zuheilen, die Erschütterung -wird allmählich in Vergessenheit geraten, -es werden sich neue Kräfte ansammeln, Mittel, Heere ... -Und <em>kann</em> denn überhaupt eine Nation, die so lange -politisch die erste Rolle gespielt hat, nach ihrem alten -Ansehen in Europa <em>nicht</em> verlangen? Der Augenblick, -in dem das geschehen wird, ist vielleicht nicht mehr gar -so fern: die Fülle innerer Kraft muß unbedingt darnach -streben, die Vormundschaft Bismarcks abzuschütteln -und ihre frühere <em>Unabhängigkeit</em> wiederzugewinnen; -denn augenblicklich kann man Frankreich -unmöglich unabhängig nennen. In besagtem Falle aber -würde eben ganz Frankreich sofort beim ersten Schritt -mit dem Kopf an seine Republik stoßen. Wie kann man -sich also, wiederhole ich, nur vorstellen, daß die jetzigen -Republikaner überhaupt wollen könnten, dem Fürsten -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -Bismarck in irgendeiner Angelegenheit „grob zu -kommen“, und sogar in solch einer Weise, daß sie einen -Krieg mit ihm riskierten!? Erstens, welch ein Franzose -wird denn mit ihnen gehn, sogar in dem Falle, wenn -Frankreich den Krieg wollte? Und zweitens wird -sich doch jeder Franzose die unabweisbare, furchtbare -Frage stellen: Was aber dann, wenn die Deutschen uns -wieder schlagen? Dann ist ja für die Republik in Frankreich -das letzte Ende gekommen: dann wird Frankreich -ausschließlich den Republikanern die Schuld an der -Niederlage zuschreiben und sie dann aber endgültig verjagen, -wobei es natürlich ganz vergessen wird, daß es -selbst nach der „Vergeltung“ und der alten dominierenden -Stellung verlangt hatte ... Sollten aber anderseits -die Republikaner festen Fuß fassen, auf die neuen -Stimmen und Schreiereien nicht hören, den Krieg nicht -erklären – so hieße das gegen den Wunsch des Landes -gehen, das sie dann wiederum absetzen und sich dem -ersten besten gewandten Führer anvertrauen würde. -Mit einem Worte: – vorne Sedan und hinten Sedan! -Inzwischen haben die Republikaner aber bestimmt noch -nicht einmal angefangen an all das zu denken, obgleich -der neue Ausbruch des Volkes vielleicht nicht mehr -lange auf sich warten lassen wird. Und gleichfalls haben -sie auch daran noch nicht gedacht, daß sie im Grunde -nichts anderes sind, als die Protégés des Fürsten Bismarck, -daß Frankreich aber diese Situation mit jedem -Jahr mehr und mehr begreifen muß, und zwar im genauen -Verhältnis zur Wiedererstehung und Erstarkung -seiner Kräfte, und daß es folglich sie, die Republikaner, -immer mehr verachten wird, anfänglich im geheimen -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -und noch nicht bewußt, allmählich jedoch immer bewußter -und schließlich offen und laut ... -</p> - -<p> -Doch die Republikaner erkennen ihre Komik nicht -an – bewahre: das sind pathetische Leute. Im Gegenteil, -gerade jetzt haben sie neuen Mut geschöpft, jetzt, -nachdem Mac-Mahon, der Präsident der „Republik“, -sie nach Haus geschickt und die Kammer bis zu den nächsten -Oktoberwahlen vertagt hat. Jetzt sind <em>sie</em> die -„Verfolgten“ und fühlen sich deshalb ungeheuer in ihrer -Aureole. Sie erwarten, daß ganz Frankreich plötzlich -die Marseillaise anstimmen und der Ruf „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">on assassine -nos frères</span>!“ von Mund zu Mund gehen werde; wie einst -zur Zeit der Revolution. Jedenfalls vertrauen sie auf -den „Sieg der Gesetzmäßigkeit“ und erwarten, daß das -Land im Unwillen über den Maréchal Mac-Mahon, -über dieses kaum an seine Schale pickende Usurpatorenküchlein, -wieder die ganze republikanische Mehrheit in -die Kammer wählen wird – und womöglich noch neue -republikanische Kandidaten dazu – und daß dann die -neue versammelte Kammer dem Maréchal ein strenges -Veto sagen und dieser, erschreckt durch die „Gesetzmäßigkeit“, -sich von dannen machen wird. Von der -Macht dieser „Gesetzmäßigkeit“ sind sie felsenfest überzeugt, -– und nicht vielleicht aus Mangel an Intelligenz, -sondern einfach, weil sie, diese guten Leute, zu sehr -Leute ihrer Partei sind und etwas zu lange in ihrer Ecke -gesessen haben. Sie haben zu lange um ihre geliebte -Republik gelitten, darum glauben sie so fest an die republikanische -„Vergeltung“. Sonderbarerweise glauben -auch bei uns in Rußland viele unserer Zeitungen an -ihren bisherigen Triumph und den unfehlbaren Sieg -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -ihrer „Gesetzmäßigkeit“. Wodurch aber ist diese „Gesetzmäßigkeit“ -gesichert, wenn Mac-Mahon nicht geruht, -sich ihr zu unterwerfen, wovon er übrigens dem Lande -schon in seinem bewunderungswürdigen Manifeste Mitteilung -gemacht hat? – Durch den Unwillen, den Zorn -des Landes? Aber der Marschall wird doch sofort in -diesem selben Lande unzählige Anhänger finden, wie -das ja in ähnlichen Fällen in Frankreich immer gewesen -ist. Was soll man dann machen? Barrikaden bauen? -Doch bei dem heutigen Gewehr, der heutigen Artillerie -sind die alten Barrikaden unmöglich! Ja, und Frankreich -wird sie ja gar nicht bauen wollen, selbst wenn es wirklich -die Republik wollte. Ermüdet und überdrüssig der -hundertjährigen politischen Unordnung wird es auf die -allerprosaischste Weise sich überlegen, auf welcher Seite -die Kraft ist, und sich dann der Kraft unterwerfen. Die -Kraft aber liegt jetzt in der Armee, und das ahnt das -Land. Folglich kann die ganze Frage nur sein: Für -wen steht die Armee? -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-4-4-2"> -<span class="firstline">Ein merkwürdiger Charakter</span><br /> -(Mac-Mahon. Französische Reaktionäre) -</h4> - -<p class="noindent"> -Über die Legionen, als die neue Kraft, die da emporsteigt, -um Frankreich noch einmal zu einem ersten Platz -in Europa zu verhelfen, habe ich schon früher geschrieben, -lange vor dem Manifest des Maréchal-Président -– und siehe, es ist alles so in Erfüllung -gegangen, wie ich es damals erwartet hatte. In -diesem Manifest, das alle Welt nicht wenig Wunder -genommen hat, tut der Marschall unumwunden kund, -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -– wenn er auch verspricht, der „Gesetzmäßigkeit“ -zu folgen, den Frieden aufrechtzuerhalten, usw. – -daß er, wenn das Land sich mit seiner Meinung nicht -einverstanden erklären und ihm in den bevorstehenden -Wahlen wieder die ganze frühere republikanische -Mehrheit schicken sollte, gezwungen sein werde, sich -dann seinerseits mit der Meinung des Landes <em>nicht</em> -einverstanden zu erklären und sich dem Willen desselben -<em>nicht</em> zu fügen. Solch ein erstaunliches Manifest -des Marschalls muß seine besonderen Gründe -haben! In solch einer Sprache und in solchem Tone -hätte er nicht mit dem Lande sprechen können – -Frankreich ist doch nicht irgendein Dorf –, wenn er -nicht seiner Macht und des Erfolges sicher gewesen -wäre! So dürfte es wohl klar sein, daß er seine Hoffnungen -auf die Armee setzt. Und wirklich, als der -Marschall im Sommer durch Frankreich reiste, wurde -er zwar in vielen, ich glaube, schon in allzu vielen -Städten und Provinzen recht zweideutig empfangen, -das Heer jedoch und die Flotte bekundeten überall volle -Anhänglichkeit und begrüßten den Marschall mit begeisterten -Hurras. Fraglos darf man an den guten -und, sagen wir, unschuldigen Gefühlen des Marschalls -nicht zweifeln. Hat er auch etwas mehr als ungewöhnlich -gehandelt, indem er im voraus zu verstehen gab, -daß er dem rechtmäßigen Willen des Landes nicht -gehorchen werde, wenn dieses nicht ihm gehorcht, so hat -er das natürlich nur getan, weil er auf seine Weise -dem Lande Wohlergehen bringen will und überzeugt ist, -daß er dazu auch fähig sei. So braucht man denn -wegen der moralischen Eigenschaften des Marschalls -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -weiter keine Bedenken zu tragen, wohl aber vielleicht -in Betreff irgendwelcher anderen ... Er scheint -einer jener Charaktere zu sein, die immer unter irgend -jemandes Vormundschaft stehen müssen: von dieser -Seite betrachtet, bietet sein Charakter einzelne bemerkenswerte -Sonderheiten. Zum Beispiel fragt es -sich, – für wen arbeitet er jetzt? Für wen bemüht er -sich so sehr, und für wen wagt er so viel? Zweifellos -ist er unter der strengsten Vormundschaft, doch bin ich -überzeugt – allerdings ist das nur meine persönliche -Meinung: nur er allein ist in ganz Europa bis jetzt -noch überzeugt, daß er unter niemandes Einfluß steht -und daß er nur von sich aus handelt. Die geschickten -Leute, die sich seiner bemächtigt haben, werden ihn -wahrscheinlich, solange sie es für gut befinden, in -diesem Glauben bestärken – und ihn inzwischen dorthin -lenken, wohin sie ihn haben wollen. Das ist natürlich -nur möglich, weil sie die Eigenschaften und die Eigenliebe -solcher Charaktere vorzüglich kennen. Doch solche -geschickten Leute kann man nur in einer einzigen Partei -finden, allerdings, der größten und stärksten: in der -klerikalen. Alle anderen politischen Parteien Frankreichs -zeichnen sich nicht durch Gewandtheit aus. In -der Tat nun, unter wessen Vormundschaft steht eigentlich -der Marschall? Es ist jetzt wohl schon allgemein -bekannt, daß die Legitimisten in Bewegung sind, daß -eine ganze Reihe von Kandidaten vorhanden ist, ja – -es heißt sogar, daß der Marschall sie protegiere –, -daß sie von ihrem Siege bei den Wahlen im voraus -überzeugt sind, und ferner, daß sie sich auf das Heer -verlassen können, und daß im übrigen der kaiserliche -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -Prinz schon auf das Festland zurückgekehrt sein soll, -ja, man sagte sogar, er werde sich nach Paris begeben. -Soll man nun wirklich glauben, daß der Marschall -Mac-Mahon, dieser so selbstbewußte Präsident der „Republik“, -so viel Arbeit und Gefahren auf sich nimmt, -einzig um den kaiserlichen Prinzen auf den Thron zu -setzen? Ich glaube – wiederum nur meine ganz persönliche -Ansicht –, ich glaube, daß das nicht der Fall -ist. Ich nehme natürlich den anderen Fall aus, daß es -irgendwelche ganz besondere Kombinationen gibt, wie -zum Beispiel, daß der Prinz sich mit der Tochter des -Marschalls verlobt habe, wie es vor einem Monat verlautete: -dann ist es natürlich etwas anderes. Gibt es aber -keine solchen besonderen Kombinationen oder geheimen -Abmachungen, so scheint mir, daß der Marschall eher -geneigt wäre, das Land zu <em>seinem</em> Vorteil zu -beglücken, als zum Vorteil eines anderen, und wenn -er die bonapartistischen Kandidaten protegiert, so tut -er das wohl nur, weil er sie für die verläßlichsten hält, -später aber sie so, wie es <em>ihm</em> gefällt, zu lenken gedenkt. -Gott mag wissen, was für Gedanken in diesem Hirn -entstanden sind. Nicht umsonst hat doch ein Bischof -beim Empfange des Marschalls in seiner Begrüßungsrede -erwähnt, daß er, Mac-Mahon, weiblicherseits von -Karl dem Großen abstamme. Mit einem Wort, ein paar -Jahre Präsidentschaft haben vielleicht genügt, um in -seine Seele einige erregende und phantastische Gedanken -zu pflanzen. Zudem ist er Soldat! Übrigens sind -alle diese Erwägungen nur abstrakte Versuche, diesen -wirtschaften Charakter zu erklären. Die Wahrheit beschränkt -sich vorläufig auf die Tatsache, daß der Marschall -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -in den Händen der Klerikalen ist, und daß diese -ihn lenken, nicht aber er sie, wie er es wohl glaubt. -Das Schicksal Frankreichs hängt im gegenwärtigen -Augenblick entschieden nur von ihnen ab, ausschließlich -von ihnen. Zweifellos geht die furchtbare unterirdische -Intrige immer noch weiter, und obgleich ganz Europa -schon von Anfang an weiß, daß die Klerikalen in der -gegenwärtigen westeuropäischen Bewegung eine große -Rolle spielen, so ist es diesen, glaube ich, denn doch -gelungen, den <em>Umfang</em> und die <em>Macht</em> dieser ihrer -Rolle zu verheimlichen, sich hinter anderen zu verstecken, -hinter dem Marschall, zum Beispiel, hinter den Bonapartisten, -und das wird so fortdauern, bis sie das -gewünschte Ziel erreicht haben. Im Grunde ist es ihnen -ganz gleich, wer da siegt, der Marschall oder der Prinz. -Persönliche Sympathien haben sie nicht und sollen sie -auch nicht haben. Sie haben bloß eine Aufgabe: daß -Frankreich so schnell wie möglich sein Schwert zieht -und sich auf Deutschland stürzt. Nun, und zu diesem -Zweck haben sie denn auch die Republikaner, die unfähig -waren, für den Papst einzustehen, einfach beseitigt. -Jetzt aber warten sie noch ab: wer wird schließlich für -ihre Absichten vorteilhafter sein? Sollte der kaiserliche -Prinz ihnen wirklich mehr Aussichten für den Krieg -bieten, so werden sie sich an ihn machen und ihn nach -Paris bringen, natürlich ohne dann noch an Mac-Mahon -zu denken. Doch vorläufig scheinen sie sich noch -an den Marschall zu halten. Bei der Gelegenheit – vor -kurzem noch hieß es, der Marschall habe in einem -Gespräch gesagt, selbstverständlich so, daß alle es hören -konnten: „Man sagt von mir, ich hätte die Absicht, -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -die republikanischen Einrichtungen zu annullieren, und -vergißt dabei natürlich, daß ich, als ich die Präsidentschaft -der Republik übernahm, mein Wort gegeben -habe, sie zu erhalten.“ Diese Worte bestätigen durchaus -die Annahme von der moralischen Unschuld des -Marschalls, trotz aller Anschuldigungen der Republikaner. -Als ehrlichem Menschen und Offizier ist ihm -sein Ehrenwort heilig und er wird es selbstverständlich -nicht brechen. Wenn er aber die Republik erhält und zu -gleicher Zeit die Republikaner verjagt, so heißt das wohl, -daß er die Republik ohne Republikaner fortzuführen -gedenkt. Man sollte meinen, dieses wäre tatsächlich sein -politisches Programm, und man habe ihn überzeugt, -daß es wirklich durchführbar sei. Dieses Programm -mit der These: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">J’y suis et j’y reste</span>“ – „hab’ mich -mal hier hingesetzt und gehe nicht mehr fort“ – bildet -augenscheinlich das A und O all seiner politischen Überzeugungen -und wird es noch rund bis zum Jahre 1880 -bilden, wann die Frist für seine Präsidentschaft und -folglich auch die für sein Ehrenwort abläuft. Dann -jedoch beginnt schon der Traum ... Das dankbare -Land wird, wenn es sieht, daß er die Präsidentschaft -niederlegen will, ihm für die Rettung vor den Demagogen -eine neue Würde anbieten, nun, meinetwegen -die Karls des Großen, und dann wird wieder alles -wie geölt gehen ... Selbstverständlich werden die ihn -lenkenden Schlauköpfe, im Falle er wirklich sein Ehrenwort -halten und die republikanischen Einrichtungen -bestehen lassen wollte, ihn sofort gegen Bonaparte eintauschen, -wenn diese Republik ohne Republikaner ihren -weiteren Plänen unvorteilhaft sein sollte. In Anbetracht -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -dessen haben sie ihn denn auch, wie es scheint, veranlaßt, -die bonapartischen Kandidaturen zu unterstützen – -natürlich mit der Versicherung, es sei für ihn selbst vorteilhaft. -Jedenfalls bleibt er unter so unbarmherziger -Vormundschaft, daß er auf keine Weise aus ihr heraus -kann. Ja, irgendwelche großen, noch nie dagewesenen -Ereignisse erwarten die Welt, man ahnt, daß die Armee -in Tätigkeit treten wird, ahnt die mächtige Bewegung -des Katholizismus. Die Gesundheit des Papstes, schreibt -man, sei „befriedigend“. Doch wehe, wenn der Tod des -Papstes mit den französischen Wahlen zusammenfällt, -oder wenn der Papst auch nur bald nach ihnen stirbt. -Dann kann sich die Orientfrage mit einem Schlage -in eine europäische verwandeln ... -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-5"> -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -Die katholische Verschwörung -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">en</span> Gedanken einer katholischen Verschwörung<a class="fnote" href="#footnote-14" id="fnote-14">[14]</a> -habe ich schon früher einmal<a class="fnote" href="#footnote-15" id="fnote-15">[15]</a> recht ausführlich -behandelt, doch scheint der Hauptpunkt meiner Ausführungen, -– daß der Kern der gegenwärtigen wie -der bevorstehenden Ereignisse ganz Europas <em>in der -katholischen Verschwörung</em> und der baldigen, -zweifellos mächtigen Bewegung des Katholizismus, die -mit dem Tode des alten und der Wahl des neuen Papstes -zusammenfallen wird, liegt, – dieser Hauptpunkt scheint -übersehen worden zu sein. Heute bin ich noch fester von -meiner Ansicht überzeugt, als vor zwei Monaten. Seit -der Zeit ist so vieles geschehen, was mich in meiner -Lösung des Rätsels bestärkt hat, daß ich an ihrer -Richtigkeit nicht mehr zweifle. Seit der Zeit haben -auch die Zeitungen, die unsrigen wie die ausländischen, -angefangen über dasselbe Thema zu schreiben, – wenn -auch, wie es scheint, immer noch nicht so recht entschlossen, -die letzte Folgerung zu ziehen. -</p> - -<p> -Ich will hier eine Stelle aus dem vorzüglichen Leitartikel -der „Moskauer Nachrichten“ anführen, die unter -anderem auch die Meinungen der Korrespondenten englischer -Blätter zitiert: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -Die Korrespondenten der englischen Blätter ergehen -sich in recht aufrichtigen Erklärungen. Der -Schlüssel der europäischen Politik ist nach ihrer Meinung -in den Händen Deutschlands. Deutschland -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -aber wäre aus sehr begreiflichen Gründen aufgelegt, -gerade jetzt sich noch fester als zuvor Rußland anzuschließen. -– Erstens hat man in Berlin bemerkt, daß -die Mißerfolge der russischen Strategie Österreich belebt -und sogar ermuntert haben, also dasjenige Land, -welches, wie man annimmt, immer noch einigen Unwillen -gegen Preußen nährt. Zweitens, daß die -Hauptfeinde Deutschlands, Frankreich und der -Katholizismus, ihre ganze Sympathie der Türkei -entgegenbringen. Zu Anfang der Balkanwirren -allerdings, da liebäugelte Frankreich noch mit Rußland, -doch wenn es damals vielleicht noch einiges -Wohlwollen für uns dort gab, so hat sich dasselbe -jetzt nicht nur vermindert, es hat sich sogar mit dem -ganzen Herzen den Türken zugewandt. Und was den -kriegerischen Katholizismus anbetrifft, so hat er nicht -erst jetzt, sondern von Anfang an, wie allen bekannt, -leidenschaftlich die „rechtgläubige“ Türkei gegen das -schismatische Rußland unter seinen Schutz genommen. -Die Gesinnungslosigkeit des eifernden Klerus ist sogar -so weit gegangen, daß sich ein Vertreter dieser -Partei mit unmißverständlicher Zärtlichkeit über den -Koran geäußert, so daß selbst die ultramontane „Germania“ -es für nötig befunden hat, ähnliche Ausfälle -durch die Bemerkung abzuschwächen, daß, wenn man -sich auch der Siege der Türken über die verhaßten -Russen freuen müsse, es doch nicht ganz angebracht -sei, gleich Sympathie für den Islam zu bekunden. -Da nun das <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">mot d’ordre</span> des Katholizismus auffallend -mit der Veränderung der öffentlichen Meinung -Frankreichs zugunsten der Türken zusammenfällt, -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -und da die Interessen des gleichfalls katholischen -Österreichs den Interessen Rußlands zuwiderlaufen, -so fürchtet man natürlich in Berlin die Möglichkeit -solch einer katholischen und antideutschen Liga, -in die vielleicht später die ultramontanen Interessen -sowie die separatistischen Süddeutschlands und „sogar -England“ hineingezogen werden könnten. So -schreiben nämlich die englischen Korrespondenten, -doch kann hierüber wohl kein Zweifel bestehen, daß -es England ist, das die Hauptrolle in diesen -Intrigen spielt. Also bleiben wir wieder allein mit -der Türkei. -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Das ist ja alles ganz wunderschön, doch ist es einstweilen -noch immer nicht das erklärende und letzte Wort, -das zu sagen sich offenbar niemand getraut. Doch -spricht man in diesem Leitartikel wenigstens auch von -dem <em>kriegerischen Katholizismus</em> und der -Bedeutung, die er in den Augen Bismarcks hat, und von -dem gegenwärtigen Einfluß des ersteren auf Frankreich; -und endlich sogar von der Liga: daß man in Berlin -<em>natürlich die Möglichkeit solch einer katholischen -und antideutschen Liga fürchte, -in die vielleicht später die Ultramontanen -und die separatistischen Elemente -Süddeutschlands und „sogar England“ -hineingezogen werden könnten</em>. Nun, -von einer katholischen Liga, von einem katholischen -Komplott sprach ich ja gerade vor zwei Monaten, doch -sagte ich damals auch mein letztes abschließendes -Wort darüber: nämlich, daß gerade in der Verschwörung -die ganze Sache bestände, daß von ihr jetzt alles in -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -Europa abhänge, und daß sogar der ganze Balkankrieg -sich in kürzester Zeit in einen alleuropäischen verwandeln -könne – und dieses einzig nur infolge dieser mächtigen -Verschwörung des sterbenden Katholizismus. Währenddessen -wollen die englischen Korrespondenten und die -„Moskauer Nachrichten“ diesen Gedanken gewissermaßen -noch nicht zugeben, und letztere behaupten statt -seiner sogar, daß „zweifellos England es ist, das die -Hauptrolle in diesen Intrigen spielt“, und daß „<em>wir -mit der Türkei wieder allein bleiben -werden</em>“. – Wirklich? Steht es uns nicht vielleicht -schon in allernächster Zukunft bevor, daß wir uns plötzlich -nicht der Türkei, sondern ganz Europa allein gegenüber -befinden? -</p> - -<p> -In der Tat, was ist denn das für ein „kriegerischer -Katholizismus“, den zu bemerken und in den gegenwärtigen -Ereignissen zuzugestehen, sich alle bequemen? -Woher kommt dieser kriegerische Mut, der sogar „bis -zur Leidenschaft“ wird, mit dem der Katholizismus die -„rechtgläubige“ Türkei gegen das schismatische Rußland -in seinen „Schutz“ nimmt? Sollte das wirklich nur deshalb -geschehen, „weil Rußland das abtrünnige Land -ist“? Der Katholizismus hat heutzutage so viel Scherereien -und ernste Sorgen, daß ihm an all diese alten -Kirchenstreitigkeiten nicht mal zu denken Zeit übrigbleibt. -Doch vor allem eine Frage: Woher kommt denn -diese „katholische Liga“, die man in Berlin so fürchtet? -Übrigens, eben davon habe ich ja schon früher gesprochen, -und meine Folgerung war damals, daß diese Liga, die -jetzt auch schon von anderen zugegeben wird, eine feste, -streng organisierte katholische <em>Verschwörung</em> ist, -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -mit der Absicht, die römische Weltherrschaft wiederherzustellen, -ferner, daß sie sich schon heute über ganz -Europa verbreitet hat, und daß infolgedessen der -Schlüssel der gegenwärtigen Intrigen weder hier -noch dort und nicht nur in England allein, sondern -gerade in dieser universalen katholischen Verschwörung -liegt! -</p> - -<p> -Der kriegerische Katholizismus stellt sich eifrig und -„leidenschaftlich“ gegen uns auf die Seite der Türken. -Selbst in England, selbst in Ungarn gibt es augenblicklich -keine so eifernden Hasser Rußlands, wie -diese kriegerischen Klerikalen. Nicht irgendein Prälat, -sondern der Papst selber hat in den Versammlungen im -Vatikan freudig von den „türkischen Siegen“ gesprochen -und Rußland eine „furchtbare Zukunft“ prophezeit. -Dieser sterbende Greis, der sich noch dazu das „Haupt -der Christenheit“ nennt, hat sich nicht geschämt, öffentlich -zu gestehen, daß er jedesmal freudig erregt von den -Niederlagen der Russen höre. Ein so furchtbarer Haß -wird sofort begreiflich, wenn man zugesteht, daß der -römische Katholizismus jetzt tatsächlich „Krieg führt“, -daß er in Wirklichkeit und mit dem Schwert in Europa -gegen seine verhängnisvollen Feinde im Felde steht. -Doch wer ist denn in Europa augenblicklich der größte -Feind des römischen Katholizismus, das heißt, der Weltmonarchie -des Papstes? Fraglos Fürst Bismarck. Rom -selber wurde dem Papst ausgerechnet in der Stunde der -Größe und Herrlichkeit Deutschlands und Bismarcks -genommen, in der Stunde, da Deutschland den ersten -Verteidiger des Papsttums, Frankreich, vernichtete, wodurch -es bekanntlich dem italienischen König die ersehnte -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -Freiheit zum Handeln gab – der dann auch -unverzüglich Rom einnahm. Seit der Zeit hat Rom nur -eine einzige Sorge gehabt, und zwar: einen Feind und -Gegner Deutschlands und des Fürsten Bismarck zu -finden. Fürst Bismarck wiederum begreift seinerseits -schon längst und besser, als man es sich denkt, daß der -römische päpstliche Katholizismus – abgesehen von -seiner ewigen Feindschaft gegen das protestantische -Deutschland, das seinerseits wiederum so viele Jahrhunderte -lang gegen Rom und die römische Idee in -allen ihren Gestalten und gegen alle Verbündeten und -Beschützer und Anhänger Roms protestiert hat –, daß -der Katholizismus namentlich <em>jetzt</em>, also in der für -das geeinte Deutschland gefährlichsten Zeit, das allerschädlichste -aller diese Vereinigung erschwerenden -Elemente ist, mit anderen Worten, daß Rom die Vollendung -dieses Gebäudes verhindern will, das zu -errichten das mühevolle Lebenswerk Otto von Bismarcks -gewesen ist. Außer dieser „Möglichkeit“ einer katholischen, -antideutschen Liga fürchtet man jetzt in Berlin -noch, was man eigentlich schon lange vorhergesehen -hat: daß der Katholizismus, sei es früher oder später, -jedenfalls aber einmal, die Ursache der nächsten Erhebung -Frankreichs sein wird, um Rache an Deutschland -zu nehmen, von dem es erniedrigt und besiegt -worden ist – und daß die Veranlassung dazu der römische -Katholizismus früher und sicherer als alle anderen -Feinde geben wird, und daß folglich er die größte -Gefahr für das geeinte Deutschland bleibt. Diese -Berliner Befürchtung hat sich aus der ganz natürlichen -Kombination ergeben, daß erstens das Papsttum -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -in der Welt keinen anderen Verteidiger hat, als immer -noch dasselbe Frankreich, das sich einzig auf sein -Schwert verlassen kann, <em>wenn es ihm nur -gelingt, dieses Schwert wieder fest -mit der Hand zu fassen</em>, und zweitens, daß der -römische Katholizismus noch längst kein toter Feind ist, -daß er schon tausendjährig ist, daß er mit wahrer -Leidenschaft leben will und seine Lebensfähigkeit geradezu -großartig ist, daß er Kräfte hat in Überfülle, -und daß eine so mächtige Idee, wie die weltliche Papstmacht, -nicht in einer Minute sterben kann. Ja, in -Berlin hat man nicht nur den Feind erkannt, sondern -auch seine Macht. In Berlin verachtet man seine -Feinde nicht vor dem Kampf. -</p> - -<p> -Wenn nun aber der Katholizismus mit solchem -Drange leben will und leben muß, und wenn das -Schwert, das ihn verteidigen könnte, sich nur in Frankreichs -Hand befindet, so ist es wohl klar, daß Rom -Frankreich nicht aus den Fingern lassen wird, besonders -wenn es den günstigen Augenblick abwartet. Dieser -günstige Augenblick kam nun im Frühling – das war -der Russisch-Türkische Krieg, die Aufrollung der Balkanfrage. -In der Tat: wer ist der Hauptverbündete -Deutschlands? Selbstverständlich Rußland. Und das -hat Rom vorzüglich eingesehen. Da haben wir nun den -Grund, warum sich der Papst über die russischen „Mißerfolge“ -freut: durch sie ist der größte Bundesgenosse -des furchtbarsten Feindes der päpstlichen Macht von -seinem uralten und natürlichsten Verbündeten durch den -Krieg abgelenkt worden, und folglich ist Deutschland -jetzt allein, – das heißt aber so viel, daß jetzt -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -der Augenblick gekommen ist, den der Katholizismus -so lange ersehnt hat. Wann sonst, wenn nicht -jetzt, sollte es wohl am besten sein, den alten Haß -zu schüren und Frankreich in den Rachekrieg zu -treiben? -</p> - -<p> -Zudem nähern sich für den Katholizismus noch -andere gefährliche Krisen, so daß es jetzt wirklich für -ihn heißt: keinen Augenblick verlieren. So naht unaufhaltsam -der Tod Pius’ IX. und damit die Wahl des -neuen Papstes. In Rom aber weiß man nur zu gut, daß -Fürst Bismarck seine ganze Genialität und seine ganze -Kraft anwenden wird, um den letzten, furchtbarsten -Schlag gegen die päpstliche Macht auszuführen: daß er -aus allen Kräften die Wahl des neuen Papstes zu beeinflussen -versuchen wird, und zwar, um ihn aus einem -weltlichen Herrscher und Machthaber in nichts weiter -als einen gewöhnlichen Patriarchen zu verwandeln, -und das wenn möglich noch mit seiner eigenen Zustimmung -– um darauf, nachdem der Katholizismus -sich dann in zwei feindliche Lager gespalten hat, ihn -zerbröckeln und all seine Absichten, Ansprüche und -Hoffnungen auf ewig vernichten zu können. Wie soll -sich da der Katholizismus nicht beeilen, alle Maßregeln, -die gegen Bismarck zu ergreifen sind, so schnell wie -möglich zu treffen! Und siehe, da kommt gerade zur -rechten Zeit die Orientfrage dazwischen! Oh, jetzt wird -man für Frankreich schon Verbündete, die es so lange -vergeblich gesucht, mit Leichtigkeit finden können! Jetzt -wird sich sogar eine ganze Koalition zusammentreiben -lassen! Und wenn auch Europa von Blutströmen überschwemmt -wird, – was hat das zu sagen! Dafür -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -wird der Papst triumphieren, – das aber ist für die -römischen Verkünder Christi alles! -</p> - -<p> -Nun, und da haben sie sich denn an die Arbeit gemacht. -Als erstes, versteht sich, mußte man erreichen, -daß Frankreich für sie einsteht. Wie das machen? Sie -haben es verstanden! Jetzt wird es schon von allen -Staatsmännern und der ganzen Presse zugegeben, daß -die Maiumwälzung in Frankreich von den Klerikalen -veranlaßt worden ist; nur, wiederhole ich, scheinen sie -alle dieser Tatsache noch nicht die volle Bedeutung zugestehen -zu wollen, die sie zweifellos in sich schließt. -Man könnte glauben, Europa hätte sich vor vier Monaten -endgültig überzeugt, daß die Klerikalen und der -Klerus den Staatsstreich in Frankreich bloß deshalb -gemacht, um letzterem daselbst mehr Freiheit, gewisse -Nutznießungen und größere Rechte zu verschaffen, -während es doch unmöglich ist, auch nur anzunehmen, -daß dieser Umsturz nicht mit den allerradikalsten Zielen -vorgenommen worden sei, um – in Anbetracht der -baldigen Unruhen in der römischen Kirche bei Gelegenheit -der Papstwahl – den möglichst sofortigen Ausbruch -des nun nicht länger aufschiebbaren Krieges zwischen -Frankreich und Deutschland zu bewirken! Ja! gerade -den Krieg wollen sie! Womit die Sache auch enden -mag: sie werden ihren Willen doch durchsetzen, werden -es doch zu dem Kriege bringen, durch den, falls Frankreich -siegen sollte, dann auch der Papst vielleicht wieder -zu seiner weltlichen Macht kommen kann. -</p> - -<p> -Sie haben es bewunderungswürdig gewandt begonnen: -schon allein, daß sie eine Zeit gewählt, in der alles -zu ihrem Vorteil wie vorherbestimmt zusammentraf. -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -Beginnen mußten sie unbedingt damit, daß sie die -Republikaner, die den Papst um keinen Preis unterstützen, -und die sich niemals zu einem neuen Krieg gegen -Deutschland entschließen würden, nach Hause schickten. -So haben sie es denn auch getan. Darauf hieß es, den -Marschall Mac-Mahon zwingen, einen unverbesserlichen -Fehler zu begehen – unbedingt einen unverbesserlichen -–, um ihn auf einen Weg zu treiben, auf dem es -kein Zurück mehr gibt. Das ist gleichfalls glücklich geschehen: -er hat die Republikaner verjagt und verkündet, -daß sie nicht mehr zurückkehren würden. So ist jetzt -schon ein guter Grundstein gelegt, und die Klerikalen -sind vorläufig zufrieden: sie wissen, daß, im Falle das -französische Volk wieder die republikanische Mehrheit -schicken sollte, der Marschall die Abgeordneten zurückschicken -wird. Gambetta hat allerdings erklärt, Mac-Mahon -müsse sich entweder der Entscheidung des -Landes fügen oder seinen Posten verlassen. Dasselbe -erklären nach ihm auch alle Republikaner; doch vergessen -sie bloß, daß die Devise des Marschalls „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">J’y suis et j’y -reste</span>“ ist, und er sich von seinem Sessel nicht erheben -wird. Seine Hoffnung setzt der Marschall natürlich -auf die Ergebenheit der Armee. Dieser Ergebenheit der -Armee – dem Marschall oder sonst wem – wollen -sich nun auch die Klerikalen bedienen. Wäre nur erst -die staatliche Umwälzung für sie vollzogen, dann könnten -sie ja schon steuern, wohin sie wollen! Am wahrscheinlichsten -ist, daß es so auch geschehen wird: sie werden -den Usurpator einfach umringen und dann nach Gutdünken -lenken. Doch selbst, wenn sie nicht mehr da -wären, würde die Sache jetzt schon ohne sie ganz von -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -selbst gehen: die gute Saat ist von ihnen in den richtigen -Boden gesät, – wenn nur die staatliche Umwälzung -sich vollziehen würde! Sie wissen, welch einen -kolossalen Eindruck auf den Fürsten Bismarck <em>jede -staatliche Veränderung in Frankreich</em> -macht. Schon 1875 wollte er Frankreich den Krieg erklären, -da er fürchtete, der Feind könne, wenn es mit -seiner Erholung und Erstarkung immer so weiter bergauf -ginge, gar bald gefährlich werden. Die Republikaner -freilich, die er begünstigte, hätten es um nichts -in der Welt gewagt, mit ihm einen Krieg zu beginnen, -und so war er denn bis jetzt zum Teil beruhigt, da er -sie an der Spitze des feindlichen Reiches wußte, sogar -trotz der von Jahr zu Jahr größeren Erstarkung desselben. -Dafür aber regt ihn jede neue Regierungsveränderung -in Frankreich natürlich ungemein auf. -Und in welch einem Augenblick: da Deutschlands natürlicher -Verbündeter durch den Krieg gegen die Türkei in -Anspruch genommen ist, da Österreich – der alte Gegner -Deutschlands –, in dem so viel Deutschland feindliche -katholische Elemente stecken, plötzlich seinen Wert -so hoch schätzt, und da England schon seit dem Ausbruch -des Türkenkrieges mit einer so gereizten Ungeduld sich -in Europa einen Bundesgenossen sucht! Wie nun, wird -man in Berlin denken, wenn Frankreich mit seiner zukünftigen -Regierung an der Spitze, die von den Klerikalen -beherrscht und gelenkt wird, – wie nun, wenn -Frankreich plötzlich errät, daß für den Vergeltungskrieg, -wenn er überhaupt einmal geführt werden soll, eine -bessere Gelegenheit, als die gegenwärtige, sich niemals -mehr wird finden lassen, und ebensowenig jemals -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -wieder so bedeutende Verbündete, wie jetzt? Und wie -nun, wenn gerade zu der Zeit der Papst stirbt? Wie, -wenn die Klerikalen die neue französische Regierung -zwingen, Bismarck zu melden, daß seine Ansichten über -die Wahl des neuen Papstes mit den Ansichten Frankreichs -nicht übereinstimmen, – was bestimmt geschehen -wird, wenn die Republikaner sich stürzen lassen – –? -Wie, wenn auch die neue französische Regierung zu -gleicher Zeit errät, daß sie, wenn es ihr gelänge – in -Anbetracht der Möglichkeit, in Europa mächtige Verbündete -zu finden – wenigstens eine der 1871 verlorenen -Provinzen zurückzuerobern, dadurch ihre Macht -und ihren Einfluß im Lande mindestens auf zwanzig -Jahre befestigen könnte? Nun, wie soll man sich da -nicht aufregen? -</p> - -<p> -Und dann gibt es hierbei noch einen kleinen Umstand: -der Deutsche ist hochmütig und stolz, der Deutsche -wird Ungehorsam nicht ertragen. Bis jetzt war Frankreich -gehorsam unter voller Vormundschaft Deutschlands, -gab Rechenschaft auf seine Anfragen fast über -jede Bewegung, die es tat, mußte Entschuldigungen -machen und Erklärungen schicken für jede dem Heere -neu hinzugefügte Division, für jede neue Batterie. Und -plötzlich erkühnt sich dieses selbe Frankreich, das Haupt -zu erheben! So können die Klerikalen eigentlich darauf -rechnen, daß Fürst Bismarck womöglich selber als erster -den Krieg beginnen wird. Er hat es ja schon einmal -tun wollen, – 1875. Den Krieg jetzt nicht beginnen, -heißt Frankreich auf ewig aus den Händen lassen. -Allerdings war 1875 die Situation nicht wie heute, -doch wenn Österreich zu Deutschland hält, so ... Mit -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -einem Wort, bei der kürzlichen Zusammenkunft der -deutschen und österreichischen „Premiers“ ist wahrscheinlich -nicht nur über die Balkanfrage gesprochen -worden. Und wenn es jetzt irgendwo ein Reich gibt, -das in der vorteilhaftesten außenpolitischen Lage ist, so -ist das zweifellos Österreich! -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-6"> -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -Österreichs gegenwärtige Gedanken -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>W</span><span class="postfirstchar">ieso?“</span> wird man fragen.<a class="fnote" href="#footnote-16" id="fnote-16">[16]</a> „In Österreich sind -jetzt Unruhen; halb Österreich will nicht, was seine -Regierung will; in Ungarn kommt es zu Manifestationen; -Ungarn brennt vor Begierde, mit den Türken -gegen die Russen zu kämpfen; man hat sogar eine Verschwörung -entdeckt, tatsächlich: eine englisch-magyarisch-polnische! -Anderseits sieht die österreichische Regierung -auch auf die slawischen Elemente, die ihr Land bewohnen, -mit einem gewissen Mißtrauen, obgleich diese bis -jetzt noch zur Regierung halten. Wie kann man also -sagen, daß Österreich zurzeit in der vorteilhaftesten -politischen Lage sei, in der sich ein europäisches Reich -nur befinden kann?“ -</p> - -<p> -Ja, das ist wahr. Wahr, daß die katholische Tätigkeit -sich fraglos auch auf Österreich erstreckt. Die -Klerikalen sind weitsichtige Leute: wie sollten sie die -augenblickliche Bedeutung dieses Landes nicht zu schätzen -wissen, wie sollten sie die Gelegenheit vorübergehen -lassen! Und schon, versteht sich, haben sie die Gelegenheit -benutzt, um in diesem katholischen „allerchristlichsten“ -Lande alle möglichen Unruhen unter den bis zur -Unkenntlichkeit verschiedensten Vorwänden, Formen und -Ausartungen zustande zu bringen. Nun noch eines: wer -weiß, vielleicht ist man in Österreich, obgleich man sich -natürlich den Anschein gibt, als ärgere man sich sehr -über diese Unruhen, in Wirklichkeit gar nicht so ungehalten -über sie. Ja, vielleicht ist sogar das Gegenteil -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -der Fall: man „bewahrt“ diese Unruhen <em>für alle -Fälle</em> auf, in Anbetracht dessen, daß sie sich in nächster -Zukunft vielleicht verwerten lassen ... Am augenscheinlichsten -ist übrigens, daß Österreich, wenn es sich -auch, was die laufenden Angelegenheiten betrifft, in -der glücklichsten politischen Lage fühlt, sich für eine -<em>weitsichtige</em> und sehr bestimmte Politik doch noch -nicht entschlossen hat, sondern erst überlegt und abwartet: -was wird ihm die <em>Vernunft</em> zu tun raten? -Sollte es sich aber doch zu irgend etwas Bestimmtem -entschlossen haben, so wäre das wohl höchstens in betreff -der nächstliegenden politischen Fragen der Fall – -und selbst das nur bedingt. Überhaupt ist es in der -glücklichsten Gemütsverfassung: es entschließt sich, ohne -sich zu beeilen, es wartet ruhig, da es weiß, daß es alle -auf sich warten macht, und alle es brauchen, es lauert -auf seine Beute, die es selber auswählen wird, und -leckt sich schon wonnig die Lippen beim Gedanken -an die nun bald ihm zufallenden, unentwischbaren -Bissen. -</p> - -<p> -Während der Zusammenkunft der Kanzler beider -deutschen Reiche, die kürzlich stattfand, ist vielleicht sehr -viel „Bedingungsweise-Mögliches“ berührt worden. -Wenigstens hat die österreichische Regierung schon in -ihrem Lande kundgetan – doch so, daß alle Länder -es hören mußten –, daß am Balkan nichts geschehen -noch entschieden wird, was den Interessen Österreichs -entgegen ist: ein ungemein schwerwiegender Gedanke. -So ist Österreich schon überzeugt, ohne noch die Hand -an irgend etwas gelegt zu haben, daß es bedeutenden -Anteil an den russischen Erfolgen, falls es zu solchen -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -kommen sollte, haben wird, und vielleicht noch bedeutenderen -Anteil, falls es zu ihnen <em>nicht</em> kommen sollte. -Und das bloß mit der „Augenblickspolitik“! Was wird -es da erst mit der ferneren Politik geben? – Schon jetzt -brauchen alle dieses Österreich so notwendig, horchen auf -seine Meinung, suchen seine Neutralität, machen ihm -Versprechungen und womöglich Geschenke, und alles -das dafür, daß es bloß stillsitzt und den Mund hält! -Wie kann nun diese Macht, die sich jetzt so hoch schätzt, -nicht auch auf die Aussichten ihrer ferneren Politik -rechnen, die, davon bin ich überzeugt, noch allen unbekannt -ist, trotz der freundschaftlichen Zusammenkunft -der Kanzler!? Und überzeugt bin ich gleichfalls, daß -diese Politik bis zur allerletzten, allerverhängnisvollsten -Stunde allen unbekannt bleiben wird – was durchaus -den alten Traditionen der österreichischen Politik entsprechen -würde. Und habsüchtig, heißhungrig sitzt es -jetzt da und lauert auf Frankreich und erwartet dessen -Schicksal, erwartet neue interessante Fakta und tut’s -– vor allem, vor allem nicht zu vergessen – in der -selbstzufriedensten Gemütsverfassung. Doch nicht lange -wird es so bleiben können: vielleicht wird es sich schon -sehr bald zu einer viel weiter reichenden Politik entschließen -müssen – und das dann endgültig: eine Aufregung, -die in seiner Lage sogar angenehm sein mag, -doch die nichtsdestoweniger stark sein wird. Österreich -begreift doch, und vielleicht sogar sehr feinfühlig, daß -mit jeder so leicht und so bald möglichen Veränderung -in Frankreich, daß mit jeder neuen Regierung daselbst -– nur nicht wieder der republikanischen – die Gefahr -eines Zusammenstoßes Frankreichs mit Deutschland -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -<em>entschieden unvermeidlich</em> ist: und das sogar -in dem Falle, wenn die neuen Regenten Frankreichs -für ihre Person den Krieg überhaupt nicht wollten und -sich womöglich aus allen Kräften bemühen würden, -den alten Zustand zu erhalten. Oh, Österreich ist vielleicht -fähig, besser als alle anderen zu verstehen, daß es -im Leben der Nationen solche Momente gibt, in denen -schon nicht mehr Wille und Berechnung sie zu gewissen -Taten treiben, sondern das Schicksal selber. -</p> - -<p> -Ich werde mir jetzt erlauben, aus der Phantasie -heraus ein Bild von dem zu entwerfen, was – nach -meiner Annahme – Österreich in der gegenwärtigen -unbestimmten Stunde über diese seine <em>fernere</em> -Politik, für die es sich natürlich noch nicht entschieden -hat, eigentlich denkt. Einstweilen hört es jemanden -schon an die Tür klopfen, es sieht, jemand will unbedingt -eintreten, sogar die Klinke ist schon einmal niedergedrückt -worden, doch die Tür hat sich noch nicht geöffnet -... und wer eintreten wird – das weiß niemand. -In Frankreich liegt das Rätsel, dort muß es auch zuerst -gelöst werden ... Vorläufig sitzt Österreich und -<em>denkt</em>. Ja, wie soll es da auch nicht nachdenklich -werden! Wenn nun Deutschland und Frankreich zum -Entscheidungskampf die Schwerter ziehen und sich aufeinander -stürzen – für wen soll dann Österreich einstehen, -auf wessen Seite Österreich sich halten? Das -ist die fernere Frage und vielleicht – wird es sie schon -sehr bald beantworten müssen! -</p> - -<p> -Wie soll es da nicht seinen Wert, seine Bedeutung -zu schätzen wissen: zu wem es sich hält, der wird siegen! -Was die Kanzler der beiden deutschen Reiche unter sich -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -gesprochen, das kann niemand wissen, doch Andeutungen -wird es zwischen ihnen bestimmt gegeben haben. Wie -hätte es auch anders sein sollen! Vielleicht ist einiges -auch deutlicher gesagt oder <em>vorgeschlagen</em> worden -– wer kann es wissen? Kurz, Geschenke und Belohnungen -sind ihm in Mengen versprochen, und die sind so -gut wie sicher; so kann es vollkommen überzeugt sein, -daß es, wenn es Deutschland im Falle eines Krieges -gegen Frankreich nicht verrät, dafür ... <em>viel</em> bekommen -wird. Und zwar für eine lumpige <em>Neutralität</em>, -bloß dafür, daß es etwa ein halbes Jahr lang -stillsitzt, in Erwartung der Belohnung für sein artiges -Betragen. – Das ist doch wirklich nicht übel! Denn -zu einer aktiven Tätigkeit gegen Frankreich würde es, -glaube ich, kein einziger Kanzler bringen können: solch -einen Fehler wird Österreich nie und nimmer begehen! -Nein, Österreich wird sich nicht verleiten lassen, mitzuhelfen, -wenn Deutschland Frankreich den Todesstoß -gibt, o nein! Vielleicht aber wird es umgekehrt in der -letzten verhängnisvollen Sekunde durch diplomatische -Verwendung Frankreich vor allzu Bösem beschützen und -sich auf diese Weise auch von dort noch eine Belohnung -verdienen. Es kann doch nicht <em>ganz ohne Frankreich</em> -bleiben, besonders nicht in der freundschaftlichen -Umarmung solch eines Riesen, zu dem nach einem -zweiten Sieg über Frankreich das junge Deutschland -heranwachsen muß! Womöglich wird dieser Riese es -dann plötzlich so umarmen und so an sich pressen, daß er -es, aus Versehen natürlich, wie eine Fliege zerdrückt. -Und zu der Zeit wird dann vielleicht noch ein anderer -Gigant erwachsen, im Osten, rechts vom lieben Österreich, -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -und sich endlich von seiner Lagerstätte, auf der er -jahrhundertelang geschlafen hat, erheben ... -</p> - -<p> -„Gutes Betragen ist eine gute Sache,“ denkt Österreich -jetzt wahrscheinlich bei sich, „aber ...“ Es wäre -nicht gut möglich, daß ihm nicht auch noch ein anderer -Gedanke käme, übrigens ein äußerst phantastischer, – -nämlich: -</p> - -<p> -„Die Umwälzung in Frankreich kann sogar schon in -diesem Herbst beginnen und vielleicht schnell, sehr schnell -beendet sein. Stürzt die Republik, oder bleibt sie bloß -in einer nominellen, in irgendeiner absurden Form bestehen, -so wird man es vielleicht bis zum Winter mit -Deutschland schon zu Meinungsverschiedenheiten gebracht -haben können. Jedenfalls werden dafür die -Klerikalen sorgen, um so mehr, als der Papst bis dahin -bestimmt gestorben sein wird und dann die Neuwahl sofort -den gewünschten Vorwand zu Mißverständnissen -und Spannungen abgeben kann. Stirbt der Papst jedoch -nicht, so vermindern sich die Gelegenheiten, Spannungen -zu verursachen, deshalb noch nicht im geringsten. -Ist also Deutschland nur fest entschlossen, so kann im -Frühling der Krieg ausbrechen. Am anderen Ende -Europas ist augenscheinlich die Winterkampagne gegen -die Türkei unvermeidlich, so daß Deutschlands Verbündeter -im Frühjahr immer noch gebunden sein wird. -Ergo, entbrennt der Revanchekrieg, so findet Frankreich -sofort zwei Bundesgenossen: England und die Türkei. -</p> - -<p> -Deutschland wird folglich allein sein ... mit Italien, -d. h. so gut wie allein. Oh, natürlich, Deutschland -ist mutig und mächtig. Aber auch Frankreich hat -Zeit gehabt, sich zu erholen: Frankreich hat eine Armee -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -von einer Million, und England ist immerhin doch auch -eine gewisse Hilfe: man wird die deutschen Häfen vor -seiner Flotte beschützen müssen, und das fordert Mannschaften, -Artillerie, Gewehre, Vorräte. Das wird -Deutschland in irgend etwas doch ein wenig schwächen. -Wie gesagt, Aussichten, mit Erfolg diesen Krieg zu -führen, hat Frankreich auch ohne mich genügend, sagt -sich Österreich, – wenigstens zweimal mehr als 1870, -da es jetzt sicherlich nicht seine Fehler von damals -wiederholen wird. Und dann, einerlei ob Frankreich -besiegt wird, oder nicht, ich bekomme das Meine im -Osten sowieso, denn: Nichts wird im Osten vor sich -gehen, was den Interessen Österreichs zuwider ist! Das -ist ja schon festgesetzt und unterschrieben. Aber wie, -wenn ich ... im letzten ... entscheidenden Augenblick, -... nachdem ich vernünftigerweise die ganze Freiheit -der Entscheidung zurückbehalten, ... plötzlich einfach -für Frankreich eintrete und noch dazu die Klinge -ziehe!?“ -</p> - -<p> -In der Tat, was dann? -</p> - -<p> -Dann befindet sich Österreich sofort zwischen drei -Feinden: Italien, Deutschland und Rußland. Rußland -jedoch wird durch seinen Krieg so in Anspruch genommen -sein, daß es eine Offensive kaum würde ergreifen -können. Italien ist jedenfalls nicht allzusehr zu -fürchten. Bleibt – Deutschland. Muß Deutschland -dann auch gegen Österreich ein Heer schicken, so wird -dieses doch nicht allzu groß sein, denn es braucht ja alle -seine Kräfte gegen Frankreich. In der Tat: wollte sich -Österreich zu einer Verbindung mit Frankreich entschließen, -so würde Frankreich vielleicht sogar Deutschland -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -zuerst angreifen, selbst wenn Deutschland den Krieg -nicht einmal wollte. Frankreich, Österreich, England -und die Türkei gegen Deutschland und Italien – das -ist ja eine furchtbare Koalition! Erfolg wäre sehr, sehr -leicht möglich. Nach einem Erfolg aber kann Österreich -all das wiedergewinnen, was es bei Sadowa verloren -hat, und vielleicht noch unendlich viel mehr als -das. Außerdem können ihm seine Vorteile im Osten -und all das ihm schon Versprochene gleichfalls nicht verloren -gehen. Und die Hauptsache: es wird im katholischen -Deutschland zweifellos großen Einfluß gewinnen. -Wird dagegen Deutschland besiegt, oder nicht mal besiegt, -sagen wir: kehrt Deutschland aus dem Kriege -nicht ganz glücklich zurück – so ist die Einheit des -Deutschen Reiches plötzlich stark erschüttert. Im katholischen -Süden erhebt sich dann der Separatismus – -um den sich die Klerikalen aus allen Kräften bemühen -werden und dessen sich selbstverständlich auch Österreich -bedienen wird: erhebt sich vielleicht sogar in solch einem -Maße, daß zwei geeinte Deutsche Reiche entstehen, ein -katholisches und ein protestantisches. Und darauf -könnte Österreich, nachdem es sich um so viel Deutsche -verstärkt hat, es ja auch auf seinen „Dualismus“ ankommen -lassen: Ungarn in das alte ehrerbietige Verhältnis -zu sich zurückbringen und, wenn das geschehen, versteht -sich, auch über seine Slawen verfügen, und zwar jetzt -endgültig und unwandelbar. Mit einem Wort, der -Vorteile könnte es unzählige geben. Sogar in dem Fall, -wenn Deutschland Sieger bliebe, wäre Österreich nicht -so schlimm daran, denn so <em>entscheidend</em> wie 1871 -könnte Deutschland eine so mächtige Koalition schließlich -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -doch nicht besiegen: es würde auch als Sieger seine -Wunden haben. So ließe sich denn ohne besonders -furchtbare Folgen der Friede schließen. „Also, für wen -soll ich mich entscheiden? Wie ist es besser, mit wem -ist es vorteilhafter?“ -</p> - -<p> -In Anbetracht der gegenwärtigen europäischen Verhältnisse, -meine ich, sind solche Gewissensfragen in -Österreich ganz zweifellos vorhanden ... -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Als ich das vorhergehende Kapitel schrieb, gab es -noch nicht jene Tatsachen und Meldungen, die jetzt so -plötzlich die ganze europäische Presse erfüllen, so daß -alles, was ich damals noch mehr mutmaßlich sagte, jetzt -schon beinahe pünktlich eingetroffen ist. Mein Artikel -wird erst im nächsten Monat, am 7. Oktober, erscheinen, -heute haben wir erst den 29. September, und meine -sogenannten „Prophezeiungen“, zu denen ich mich nicht -ohne Risiko hatte verleiten lassen, werden teilweise -schon als veraltete Tatsachen bekannt sein. Darum erlaube -ich mir, meine Leser an meine Ausführungen im -Mai zu erinnern. Fast alles, was ich damals über -die nächste Zukunft Europas geschrieben, hat sich entweder -schon bestätigt oder beginnt gerade, sich zu bestätigen. -Und doch hörte ich damals strenge Urteile über -diesen Artikel, allerdings von Privatleuten, die ihn eine -„phantastische Übertreibung“ und ein „verschrobenes -Hirngespinst“ nannten. Über die Macht und die Bedeutung -der klerikalen Verschwörung wurde einfach gelacht -und eine „Verschwörung“ überhaupt nicht anerkannt. -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Übrigens hatte ich vor zwei Wochen Gelegenheit, -die Meinung einer „kompetenten“ Persönlichkeit -zu hören, die dahin lautete, daß der Tod und die Neuwahl -des Papstes an sich vollkommen bedeutungslos -seien und in Europa unbemerkt vorübergehen würden. -Jedoch ist schon jetzt bekannt, welch eine Bedeutung -Fürst Bismarck ihnen beilegt, und was in Berlin mit -Crispi gesprochen worden ist. Ich habe in meinem -Maiartikel gesagt, Fürst Bismarck hätte sofort nach -dem Deutsch-Französischen Kriege begriffen, daß der -furchtbarste Feind des neugeeinten Deutschlands kein -anderer ist als der römische Katholizismus, der zu allererst -den Vorwand abgeben werde zum großen „Vergeltungskrieg“ -und gesamteuropäischen Weltkrieg. Dieses -fand man unsinnig, ungereimt, usw., usw. Und das -alles, weil ich es zu einer Zeit geschrieben, da noch niemand, -weder bei uns noch in der europäischen Presse, -sich wegen dieser Frage zu beunruhigen gedachte, – -trotz des Orientkrieges, der schon ausgebrochen war und -alle Welt besorgt machte. Alle glaubten damals, er -würde auch dort fern im Orient enden, und auch jetzt -noch glaubt vielleicht niemand ernstlich an die Gewißheit -eines europäischen Krieges in nächster Zukunft. Im -Gegenteil, man lenkte noch kürzlich ernstlich die Aufmerksamkeit -auf die Meinung jener Engländer, die es -ja wissen mußten, daß Rußland und die Türkei sehr -wohl noch vor dem Winter Frieden schließen könnten. -So ist es denn vielleicht überflüssig, daß ich mein -Kapitel für überlebt halte: obgleich die ersten Fakta -sich schon gemeldet haben, obgleich über ganz Europa -etwas Unheilvolles heraufzieht, und der Ausbruch vielleicht -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -eines Weltkrieges nicht mehr fern ist, bin ich doch -überzeugt, daß viele auch jetzt noch meine Erklärungen -dieser Fakta abermals für erdichtet, lächerlich, phantastisch -und übertrieben halten werden, denn alle halten -sie ja das Vorsichgehende für unvergleichlich bedeutungsloser, -als es in Wirklichkeit ist. Da nähern sich zum -Beispiel die Wahlen in Frankreich, und vielleicht schickt -das Land wieder die frühere republikanische Mehrheit -in die Kammer, was sehr leicht geschehen kann, und -dann – davon bin ich so gut wie überzeugt – wird -man sofort versichern, daß alles glücklich beendet sei, daß -der Himmel sich aufgeklärt und Mac-Mahon sich gefügt -habe, daß die <em>machtlosen</em> Klerikalen schmählich abgezogen -seien, und in Europa wieder Friede und „Gesetzlichkeit“ -oder „Rechtmäßigkeit“ herrsche. Alle meine -„Erfindungen“ werden sich dann wieder als „Produkte -müßiger Einbildungskraft“ erwiesen haben. Wieder -wird man sagen, daß ich Dingen, die womöglich schon -geschehen sind, eine ungenaue Bedeutung zugeschrieben, -und vor allem eine, die ihnen sonst nirgendwo zugeschrieben -wird. Doch warten wir lieber die Ereignisse -ab, bevor wir urteilen, welche Deutung die richtige ist. -Zur Übersicht aber werde ich versuchen, zum Schluß -noch einmal die Richtung und besondere Art dieses vor -allen sich öffnenden Weges zu zeigen – den zu betreten -allen, ob sie wollen oder nicht, bestimmt zu sein scheint. -Ich tue es zur besseren Übersicht, damit man später vergleichen -und prüfen kann. Es ist zudem nur eine einfache -Zusammenfassung dieses selben Kapitels. -</p> - -<p> -1. Der Weg beginnt in Rom und führt aus dem -Vatikan, wo der sterbende Greis, das Haupt der ihn umringenden -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -Jesuiten, diesen Weg schon längst bezeichnet -hat. Als die Orientfrage aufgeworfen wurde, begriffen -die Jesuiten gar bald, daß die günstigste Zeit -angebrochen sei. Auf dem vorgezeichneten Wege -machten sie sich in Frankreich an ihr Werk und brachten -es in solch eine Lage, daß sein baldiger Krieg mit -Deutschland nun so gut wie sicher ist, selbst dann, wenn -es ihn überhaupt nicht will. All das ist vom Fürsten -Bismarck schon lange, lange vorhergesehen worden. -Wenigstens scheint nur er allein, und vielleicht schon -vor mehreren Jahren, seinen größten Feind entdeckt und -durchschaut zu haben und damit auch die große Bedeutung -jenes letzten Kampfes ums Dasein, den der -<em>päpstliche Katholizismus</em>, vor seinem Untergange, -in allernächster Zukunft mit der Welt aufnehmen -wird. -</p> - -<p> -2. Dieser vom Schicksal bestimmte Kampf spitzt sich -im gegenwärtigen Augenblick schon zu, und die Notwendigkeit, -die letzte Schlacht zu schlagen, naht mit -furchtbarer Schnelligkeit. Frankreich ward ausersehen -und bestimmt für den ungeheuren Kampf – und der -Kampf wird stattfinden. Der Kampf ist unvermeidlich, -darüber besteht kein Zweifel. Allerdings gibt es noch -eine kleine, kleinste Möglichkeit, daß er aufgeschoben -wird – doch das dann gewiß nur auf die allerskürzeste -Zeit. In jedem Fall ist er <em>unvermeidlich</em> und -<em>nahe</em>. -</p> - -<p> -3. Sowie der Kampf beginnt, wird er sich sofort -in einen alleuropäischen verwandeln. Die Orientfrage -und der Orientkampf werden durch die Macht des -Schicksals mit dem alleuropäischen Kampf zusammenfließen. -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -Eine der wichtigsten Episoden dieses Kampfes -wird die definitive Entscheidung Österreichs sein: zu -welcher Partei soll es sich halten? Doch der allerwesentlichste -Teil dieses letzten Kampfes wird einerseits darin -bestehen, daß durch ihn die tausendjährige römisch-katholische -Frage gelöst wird, und daß das östliche Christentum -durch den Willen der Vorsehung seinen Platz einnehmen -kann. Auf diese Weise erweitert sich unsere -russische Orientfrage zu einer universalen Frage mit -ungewöhnlicher vorbestimmter Bedeutung, wenn sich -diese Bestimmung auch vor blinden Augen vollzogen -hat, die sie nicht anerkennen, und die fähig sind, bis zur -letzten Stunde das Sichtbare nicht zu sehen, und den -Sinn des Vorherbestimmten nicht zu begreifen. Endlich -– -</p> - -<p> -4. – Möge man das für die phantastischste meiner -Annahmen halten, ich bin im voraus damit einverstanden -–: Ich bin überzeugt, daß der Kampf zugunsten -des Ostens enden wird, zugunsten des östlichen -Bundes, daß Rußland nichts zu fürchten hat, -wenn der orientalische Krieg mit dem alleuropäischen -zusammenfließt, und daß es sogar besser ist, wenn die -Sache derart entschieden wird. Es ist furchtbar, daß -so viel wertvolles Menschenblut fließen muß! Doch kann -die Überzeugung, daß dieses vergossene Blut Europa -vor zehnfach größerem Blutvergießen bewahrt, wenn -sich die Sache hinausschieben und nochmals hinziehen -würde, immerhin zum Trost gereichen, um so mehr, als -dieser große Kampf zweifellos schnell enden wird. Dafür -aber wird auf einmal so vieles endgültig entschieden -– die römisch-katholische Frage samt dem Schicksal -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -Frankreichs, die deutschen, die orientalischen und die -mohammedanischen Fragen – so viel Angelegenheiten -werden in Ordnung gebracht, Probleme, die im alten -Gang der Dinge ganz unlösbar waren. Und dermaßen -wird sich Europas Angesicht verändern, so viel neues -Zukünftiges wird in den Beziehungen der Menschen einsetzen, -daß es vielleicht unnütz ist, zu trauern und vor -diesem letzten Kampf des alten Europas am Vorabend -seiner sicheren und großen Erneuerung zurückzuschrecken. -</p> - -<p> -Zum Schluß füge ich noch eine Erwägung hinzu: -wenn man es als Regel annimmt, daß man über alle -Weltereignisse (sogar über die, welche schon auf den -oberflächlichsten Blick von allergrößter Wichtigkeit -zu sein scheinen) unbedingt nach dem Prinzip: -„heute so wie gestern, und morgen so wie heute,“ -urteilen muß, so wird es dann wohl augenscheinlich -werden, daß diese Regel entschieden der Geschichte der -Nationen und der Menschheit widerspricht. Währenddessen -wird gerade dieses Prinzip von der sogenannten -realen, nüchternen „gesunden Vernunft“ vorgeschrieben, -so daß fast ein jeder, der sich erdreistet, anzunehmen, -eine Sache könnte am nächsten Tage vor aller Augen -vielleicht anders erscheinen, als am Tage vorher, verlacht -und ausgepfiffen wird. Sogar jetzt, da doch schon -die Tatsachen sprechen, glauben noch sehr viele, daß die -klerikale Bewegung die kleinlichste Sache sei, daß Gambetta -eine Rede halten, und alles wieder so wie gestern -seinen alten Gang nehmen werde, daß unser Krieg mit -der Türkei sehr, sehr leicht vor dem Winter beendet sein -könne, und dann wieder das Börsenspiel beginnen, der -Rubel erheblich steigen wird, wir wieder ins Ausland -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -reisen werden usw. Die Undenkbarkeit der Fortdauer -der alten Verhältnisse war in Europa vor der ersten -Französischen Revolution für die führenden Geister eine -auf der Hand liegende Wahrheit. Währenddessen -aber – wer konnte am Vorabend der Einberufung der -Etats Généraux die Form voraussehen, die die Situation -beinahe schon am zweiten Tage annahm? Und -als die Situation sich verändert hatte, wer hätte dann -das Erscheinen Napoleons I. prophezeien können, der -doch im Grunde wie ein vorherbestimmter Vollender -der ersten historischen Phase derselben Tat, die 1879 begonnen -worden war, eingriff? Ja, selbst zur Zeit -Napoleons I. schien es in Europa vielleicht jedem einzelnen, -daß sein Erscheinen ein vollkommener Zufall -war, der nicht im geringsten mit diesem selben Weltgesetz -verbunden sein konnte, nach dem sich zu verändern -der Alten Welt seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts -vorherbestimmt war. -</p> - -<p> -Ja, auch jetzt klopft jemand an die Tür, irgendwer, -ein neuer Mensch, mit einem neuen Wort. Er will -die Tür öffnen und eintreten ... Wer aber ist Er – -das ist die Frage: ist es ein ganz neuer Mensch, oder -einer, der wieder uns allen, uns alten Menschen, -gleicht!? -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="part-5"> -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -<span class="firstline">Zweiter Teil.</span><br /> -Russisches -</h2> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-1"> -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -Vom russischen Volk -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-5-1-1"> -<span class="firstline">Davon, daß wir gute Menschen sind.</span><br /> -Die Ähnlichkeit der russischen Gesellschaft -mit dem Marschall Mac-Mahon<a class="fnote" href="#footnote-17" id="fnote-17">[17]</a> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">a,</span> in der Tat: sind wir nicht alle gute Menschen, -– nun, versteht sich, ausgenommen die schlechten? Ich -füge sogar noch hinzu: es gibt bei uns überhaupt keine -schlechten Menschen, sondern nur untaugliche. An die -wirklich Schlechten reichen wir gar nicht hinan! Denken -Sie nach, lachen Sie nicht über mich: aus Mangel -an schlechten Menschen waren wir seinerzeit sehr bereit, -verschiedene wirklich schlechte Menschen hochzuschätzen, -wie es gewisse Typen unserer Literatur beweisen, die -größtenteils der ausländischen entlehnt worden sind. -Oh, nicht genug damit, daß wir sie schätzten, nein, sklavisch -versuchten wir, sie im wirklichen Leben zu kopieren. -Beinahe waren wir schon nicht mehr wir selbst, nicht -mehr Russen! Erinnern Sie sich nur dieser vielen Petschorins, -die es bei uns gab, die angeregt durch die -Lektüre von Lermontoffs „Helden unserer Zeit“ in Wirklichkeit -Schlechtigkeiten vollführten. Der Ahnherr all -dieser schlechten Menschlein in unserer Literatur ist wohl -der Typ Silvio, den unser herrlicher Puschkin dem -Engländer Byron entlehnt hatte. -</p> - -<p> -Wenn wir diese schlechten Menschen so achteten, so -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -geschah es nur deshalb, weil diese Menschen eines andauernden -Hasses fähig waren, im Gegensatz zu uns -Russen, die wir nun einmal nicht richtig hassen können -und uns darum damals nicht wenig selbst verachteten. -Der russische Mensch ist in der Tat nicht imstande, -ernstlich und lange zu hassen, weder Menschen noch -Laster, weder Unwissenheit noch Despotismus, noch tiefsten -Obskurantismus. Bei uns ist man sofort bereit, -sich zu versöhnen, gleich bei der ersten Gelegenheit sogar. -Oder ist das nicht wahr? In der Tat, warum sollte -einer den anderen hassen? Wegen schlechter Handlungen -etwa? Nun, lassen wir dieses Thema lieber, es ist -zu zweischneidig. Und der Haß der Überzeugung? An -<em>den</em> Haß glaube ich schon gar nicht bei uns. Früher -einmal, gewiß, gab es bei uns Slawophile und Westler, -und die haßten sich sehr – aber dann, als es mit der -Aufhebung der Leibeigenschaft auch mit der Reform -Peters des Großen zu Ende ging, und ein allgemeines -„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">sauve qui peut</span>“ eintrat, da waren Slawophile und -Westler einig in demselben Gedanken, daß man jetzt -alles vom Volke selbst erwarten müsse, daß es auferstehen -werde, und daß nur das Volk allein uns in -allem das letzte Wort sagen könne. Darüber hätten -sich die Slawophilen und Westler ja nun versöhnen -können, aber das ging auch wieder nicht an, denn die -Slawophilen glauben an das Volk, weil sie das Eigene -und Eigenartige seiner Anlagen anerkennen. Die -Westler dagegen lassen sich nur unter der Bedingung -herbei, an das Volk zu glauben, daß man ihm alles -Eigene und Eigenartige nimmt. Und siehe da, der -Kampf dauert fort. Doch an diesen Haß: Kampf gegen -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -Kampf und Haß gegen Haß, an den glaube ich, wie -gesagt, <em>nicht</em>. Warum können sich die Streitenden -nicht auch zu gleicher Zeit liebhaben? Das geschieht -bei uns nur zu oft in den Fällen, in denen sich gute, -allzu gute Menschen streiten. Und warum sollten wir -nicht gute Menschen sein? Auch streiten wir uns doch -hauptsächlich nur, weil jetzt eine Zeit angebrochen ist, -die von uns nicht mehr Theorien und Kritik, sondern -Taten und praktische Entschlüsse verlangt. Plötzlich -hatte man bei uns das Bedürfnis nach grundlegenden -Worten über Pädagogik, Eisenbahnen, Semstwo, -Hygiene und hundert andere Themata. Und alles wollte -man <em>sofort</em> wissen, möglichst schnell, um nicht die -Arbeit aufzuhalten. Da wir aber alle, nach hundertjähriger -Entwöhnung von jeglicher Arbeit, sogar von -der kleinsten, uns als dazu unfähig erwiesen, so war es -nur natürlich, daß wir uns gegenseitig in die Haare -gerieten – und zwar stritt im allgemeinen derjenige am -meisten, der sich zu ihr am allerunfähigsten erwies. -Was ist dabei Schlechtes, frage ich Sie? Das ist doch -bloß rührend und weiter nichts. Sehen Sie die Kinder -an: die streiten sich nur dann, wenn sie noch nicht gelernt -haben, ihre Gedanken auszudrücken: genau so -machen wir es. Und es ist auch gar nichts Unerfreuliches -dabei, im Gegenteil, es zeugt ja nur von unserer -Frische und Unberührtheit und Jugend. In unserer -Literatur beispielsweise beschimpft man sich aus Mangel -an Gedanken buchstäblich mit allen Schimpfwörtern auf -einmal: ein äußerst naives Verfahren, das man sonst -nur bei den Urvölkern findet. Doch auch darin liegt -beinahe etwas Rührendes, diese Unerfahrenheit, dieses -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -kindliche Unvermögen sogar – sich tüchtig auszuschimpfen. -Ich scherze durchaus nicht, und ich spotte -über niemanden. Es ist aber bei uns allerorten ein -ehrliches Wünschen und Erwarten des Guten. Das ist -gewiß wahr. Der Wunsch nach allgemeiner Arbeit und -allgemeinem Wohlergehen steht über jeglichem Egoismus. -Die naivsten Wünsche werden wach, und alles ist -voller Glauben bei uns. Es gibt bei uns keinen Kastengeist, -oder höchstens nur in ganz kleinen und seltenen -Erscheinungen, die kaum bemerkt werden. Das ist sehr -wichtig! Doch genug davon. Weshalb sollte also noch -von einem wirklichen Haß die Rede sein? Die Ehrlichkeit -und Aufrichtigkeit unserer Gesellschaft unterliegt -nicht nur keinem Zweifel, sondern fällt geradezu auf. -Beobachten Sie doch nur, und Sie werden bemerken, -daß der Glaube an die Idee, an das Ideal allem persönlichen, -materiellen Wohlergehen vorangeht. Oh, -natürlich, den schlechten Menschen gelingt es auch bei -uns, ihre Geschäftchen abzuwickeln, Geschäftchen gerade -im eigennützigsten Sinne, und in unserer Zeit, scheint -es, mehr denn je. Doch dafür beherrschen diese nichtsnutzigen -Menschen niemals die Meinung, gehen nie der -Gesellschaft irgendwie voran, sondern sind selbst dann, -wenn sie auf der sogenannten Höhe des Lebens stehen, -überhäuft mit allen Ehren – selbst dann sind sie noch -genötigt, sich dem Tone der Idealisten, der Jungen und -Abstrakten, diesen in ihren Augen nur lächerlichen -Menschen, irgendwie anzupassen. In diesem Sinne -gleicht unsere Gesellschaft durchaus unserem einfachen -Volke, darin liegt der Hauptpunkt seiner Einheit mit -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -dem Volke, das auch seinen Glauben und seine Ideale -höher schätzt als alles Materielle und Vergängliche. -Der Idealismus ist ihm lieb, hier wie dort: ist der -Idealismus <em>verloren</em>, so kann man ihn mit keinem -Gelde zurückkaufen. Wenn unser Volk auch von seinen -Lastern geknechtet wird, jetzt vielleicht mehr denn je, -und wenn es auch noch in einer richtigen Anarchie lebt, -so hat doch selbst der letzte Schurke bei uns noch niemals -gesagt: „So wie ich es mache, ist es richtig.“ Im -Gegenteil, immer weiß er und seufzt selbst darüber, -daß er schlecht ist, und daß es ein Gutes in der Welt -gibt, das besser ist als er und alles, was er tut. Der -Glaube an die Ideale ist in unserem Volke unerschütterlich. -Verbessert seine Lage, verringert die Lasterhaftigkeit, -und das Volk wird sich aufrichten! Die Ideale -aber stehen dann noch unerschütterlicher und heiliger -da als je vorher. Unsere Jugend sucht große Taten -und bringt ihren Ideen alles zum Opfer. Unser zeitgenössischer -russischer Jüngling, von dem so viel in verschiedenem -Sinne gesprochen wird, vergöttert oft das -allersimpelste Paradox und weiht ihm sein Leben und -sein Schicksal, nur, weil er das Paradox für eine Wahrheit -hält. Es fehlt ihm nur noch an Aufklärung, aber -das Licht wird sich schon verbreiten, und andere Anschauungen -werden dann ganz von selbst auftauchen, -und die Paradoxe werden verschwinden. Die Reinheit -seines Herzens jedoch bleibt und damit auch der Durst -in ihm nach Taten und Opfer: das aber ist das Gute. -Nichtsdestoweniger gibt es eine Frage, die bei uns bis -jetzt noch nicht beantwortet ist. Alle nämlich, die wir -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -das Wohl aller und die Besserung der allgemeinen -Lage in unserem Lande und unserem Volke wünschen – -worin sehen wir nun die Mittel zu diesem Wohl und -zu dieser Besserung? Man muß leider gestehen, daß bei -uns in dieser Hinsicht noch wenig geschehen ist, und daß -unsere Gesellschaft in diesem Sinne – dem Marschall -Mac-Mahon sehr ähnlich sieht. Auf einer seiner Reisen -durch Frankreich erklärte der ehrenwerte Marschall unlängst -in einer feierlichen Rede, als Antwort auf eine -Ansprache irgendeines Maires – die Franzosen sind -ja solche Liebhaber von feierlichen Reden und Ansprachen -–, daß nach seiner Meinung die ganze Politik -in dem einen Worte enthalten sei: „Die Liebe zum -Vaterlande“. Ein sehr sinniger Ausspruch, meine ich, -in einem Augenblicke, da ganz Frankreich gespannt darauf -wartet, was er sagen wird. Eine wichtige Behauptung, -unbestreitbar lobenswert, aber – sonderbar -unbestimmt. Der Maire hätte seiner Exzellenz antworten -können, daß man mit derselben Liebe auch das -Vaterland zugrunde richten könnte. Aber der Maire -erwiderte nichts, vielleicht aus Angst, die Antwort zu -erhalten: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">J’y suis et j’y reste</span>“, eine Phrase, über -die der ehrenwerte Marschall nun einmal nicht hinauskommt. -Nun, und gerade so steht es mit unserer Gesellschaft: -wir alle verstehen uns in der Liebe zum Vaterlande -oder zur „allgemeinen Sache“ – Worte tun’s -nicht! Worin bestehen aber die Mittel, und nicht nur -die Mittel, sondern worin besteht die allgemeine Sache -selbst? Darüber herrscht bei uns, meines Erachtens, -gerade solch eine Unklarheit, wie bei dem Marschall -Mac-Mahon. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-5-1-2"> -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -<span class="firstline">Von der Liebe zum Volke.</span><br /> -Der unumgänglich -notwendige Vertrag der -Gesellschaft mit dem Volke -</h4> - -<p class="noindent"> -Vor kurzem schrieb ich, daß unser Volk noch roh und -unwissend sei und dem Laster ergeben: „ein Barbar, -der das Licht erwartet,“ wie ich mich ausdrückte! Bald -darauf habe ich in der „Hilfe“ einen Artikel Konstantin -Akssakoffs, unseres unvergeßlichen und allen Russen -teuren Verstorbenen, gelesen, nach welchem unser russisches -Volk schon lange aufgeklärt und gebildet sein soll. -Ist nun dieser augenscheinliche Gegensatz meiner Meinung -und derjenigen Konstantin Akssakoffs ein Widerspruch? -Nicht im geringsten: ich teile seine Ansicht -vollständig und fühle ihre Wahrheit schon lange. Trotzdem -aber bleibt doch der Widerspruch? Gewiß – darin -besteht gerade mein Geheimnis: während nach der -Meinung anderer diese beiden Behauptungen unvereinbar -scheinen, behaupte ich das Gegenteil. In dem -russischen Menschen, in dem Volke muß man eben die -Schönheit dieser Barbarei zu sehen verstehen. Der -ganzen russischen Geschichte nach war unser Volk so -dem Laster ergeben und dermaßen verdorben, verirrt -und ständig gequält und gepeinigt, daß es wunderbar -ist, wie es überhaupt noch sein menschliches Aussehen -hat bewahren können, und nicht nur das allein, sondern -auch noch seine volkliche Schönheit. Die aber hat es -sich wirklich bewahrt! Wer ein aufrichtiger Freund -des Volkes ist, wem das Herz nur einmal für die Leiden -des Volkes geschlagen hat, der versteht es und wird -auch den Schmutz entschuldigen, in den unser Volk gesunken -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -ist, und die Perlen trotzdem zu finden wissen. -Ich wiederhole es: Richtet nicht das russische Volk nach -seinen Fehlern und Lastern, sondern beurteilt es nach -seinen großen und heiligen Idealen, nach denen es in -seinem Schmutze lechzt. Und es gibt in unserem Volke -nicht nur Schurken und Verbrecher, sondern auch Heilige, -die uns voranleuchten und unser Dunkel erhellen! -Und ich glaube tief und fest, daß es bei uns keinen -Schurken gibt, der nicht wüßte, daß er schlecht und gemein -ist. Bei den anderen Völkern ist es anders: wenn -dort jemand eine Gemeinheit vollführt, so stellt er sie -zum Prinzip auf, bejaht sie, behauptet, daß in ihr die -Ordnung und das Licht der Zivilisation läge – und -der Unglückliche kommt schließlich so weit, daß er daran -blind und sogar ehrlich glaubt. Nein, beurteilen Sie -unser Volk nicht danach, wie es ist, sondern danach, -wie es sein möchte. Seine Ideale sind stark und heilig, -und sie retteten das Volk in all diesen Jahrhunderten -vor dem Elend und dem völligen Untergang. Sie -wuchsen mit seiner Seele zusammen und gaben ihr bis -in alle Ewigkeit Einfachheit, Gutmütigkeit und Aufrichtigkeit -und einen weiten, offenen Verstand – und -alles das in einer anziehenden, zusammenklingenden, -einer schönen Vereinigung. Und wenn trotzdem so viel -Schmutz in dem russischen Menschen ist, so leidet er darunter -selbst am meisten: er glaubt und hofft, daß das -nur zeitlich und eine teuflische Versuchung sei, daß die -Dunkelheit, die ihn umgibt, einmal aufhören und das -ewige Licht dann auch auf ihn herniederscheinen werde. -Ich will noch nicht einmal von seinen historischen Idealgestalten -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -reden, von Feodossij Petscherski<a class="fnote" href="#footnote-18" id="fnote-18">[18]</a> oder Tichon -Sadonski.<a class="fnote" href="#footnote-19" id="fnote-19">[19]</a> Übrigens: wie viele von uns kennen -denn überhaupt einen Tichon Sadonski? Warum liest -man nie etwas von ihm? Glauben Sie mir, Sie würden -zu Ihrem Erstaunen wunderbare Sachen erfahren. Und -abgesehen von diesen Volksheiligen: wie steht es mit -unserer Literatur? Alles, was in ihr wahrhaft schön -ist, das ist aus dem Volke genommen. Der Typ Belkin -von Puschkin zum Beispiel! Bei uns ist alles von -Puschkin. Seine Umkehr zum Volke, schon in der -frühesten Zeit seiner Tätigkeit, ist so beispiellos und Erstaunen -erregend und bedeutete einen für die damalige -Zeit so unerwarteten und neuen Schritt, daß sie sich, -wenn nicht durch ein Wunder, dann eben nur durch seine -geniale Größe erklären läßt, die wir nur, füge ich hinzu, -bis jetzt noch nicht die Kraft hatten, richtig zu -werten. Erinnern Sie sich der „Oblomoffs“ von Gontscharoff, -der „Väter und Söhne“ von Turgenjeff. In -denen ist freilich nicht vom Volke die Rede, aber alles, -was in den Typen Turgenjeffs und Gontscharoffs -Ewiges und Schönes ist, das liegt dort, wo sie sich mit -dem Volke kreuzen. Nur die Berührung mit dem Volke -gibt ihnen diese ungewöhnliche Kraft. Diese Typen -haben seine Gutmütigkeit, Reinheit und Bescheidenheit, -die Weite seines Verstandes und seiner Güte, im Gegensatz -zu allem Unnatürlichen und Falschem angenommen. -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -Wundern Sie sich bitte nicht, daß ich plötzlich von -unserer Literatur spreche; aber ihr gebührt das Verdienst, -daß sie in ihren besten Vertretern und früher als -unsere ganze Intelligenz, bemerken Sie das wohl, sich -vor der Wahrheit des Volkes gebeugt und die Ideale -des Volkes als die wahrhaft schönen anerkannt hat. Es -ist wahr, daß unsere Dichter zum Teil dazu genötigt -waren und es wohl mehr aus künstlerischem Instinkt, -als aus gutem vaterländischem Willen taten. Doch -genug von der Literatur – sprach ich von ihr doch nur -im großen Zusammenhange mit dem Volke und mit der -allgemeinen Frage der russischen Volklichkeit! -</p> - -<p> -Diese Frage und das richtige Verständnis derselben -ist für uns jetzt das Wichtigste: von ihr hängt unsere -ganze, auch die praktische Zukunft ab. Aber das Volk -ist für uns alle noch immer Theorie und ein Rätsel. -Wir alle, wir Freunde des Volkes, sehen auf das Volk -wie auf eine Theorie, und niemand liebt daher dasselbe -so, wie es in der Tat ist, sondern so, wie er es sich vorstellt. -Wenn das russische Volk in der Folge sich nicht -als dasjenige erweisen sollte, als das ein jeder von uns -es sich vorstellt, so würden wir, ungeachtet unserer vermeintlichen -Liebe zu ihm, uns sofort und ohne jegliches -Bedauern von ihm abwenden. Ich behaupte das von -allen, die Slawophilen nicht ausgenommen: ja, die -würden es vielleicht sogar noch früher tun als alle -anderen. Was mich anbelangt, so verhehle ich nicht -meine Überzeugung, und um Mißverständnissen vorzubeugen, -weise ich geradezu auf sie hin. Ich glaube nämlich, -daß wir Intellektuellen kaum so gut und vortrefflich -sind, um uns als Ideal vor das Volk hinstellen und -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -von ihm ohne weiteres verlangen zu können, daß es -gerade so werde, wie wir sind. Wundern Sie sich nicht -über die Frage (man ist ihr noch nie bei uns begegnet): -„Wer ist besser – wir oder das Volk? Sollen wir uns -nach dem Volke richten oder das Volk sich nach uns?“ -Das ist die Frage, die uns jetzt alle beschäftigt, wenigstens -diejenigen unter uns, die nicht aller Gedanken bar -sind und die Sache des russischen Volkes in ihrem -Herzen tragen. Denen kann ich auch aufrichtig antworten: -daß wir uns vor dem Volke beugen müssen und -von ihm alles zu erwarten haben, unsere Gedanken und -Vorstellungen, daß wir uns vor der Wahrheit des Volkes -beugen und sie als <em>unsere</em> Wahrheit anerkennen -müssen, selbst in dem Falle, wenn sie zum Teil aus dem -Leben der Volksheiligen käme. Mit einem Wort, wir -sind die verirrten Kinder, die zweihundert Jahre nicht -zu Hause waren, aber doch als Russen zurückkehrten, – -was unser einziges Verdienst ist. Aber wir können -uns nur unter einer Bedingung vor dem Volke beugen -und das <span class="antiqua">sine qua non</span>: daß das Volk auch das von -<em>uns</em> annimmt, was wir ihm Gutes mitgebracht haben. -Ganz vernichten und aufgeben können wir uns doch -nicht, selbst vor einerlei welcher Wahrheit des Volkes -nicht; sonst behalten wir lieber das Unserige für uns, -und müßten wir auch im äußersten Falle auf das -Glück einer Vereinigung mit dem Volke verzichten. -Dann mögen wir eben beide untergehen. Aber zu -diesem Äußersten wird es nie kommen. Ich bin überzeugt, -daß auch das Unserige, das wir mitbringen, in -der Tat etwas ist: nicht ein Hirngespinst etwa, sondern -daß es Bild, Form und Gewicht hat. Nichtsdestoweniger -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -bleibt vor uns das Rätsel bestehen, das uns -auf seine Lösung warten läßt – und es ist angstvoll, zu -warten. Zweifel an der Zivilisation tauchen auf. Man -behauptet, daß die Zivilisation das Volk verderbe. Der -Gang der Dinge wäre danach der, daß neben der Erlösung -und dem Lichte auch viel Falsches und Unwahres -und eine große Unruhe heraufzöge. Nur den zukünftigen -Geschlechtern würde ihr guter Samen aufgehen, -aber uns und unseren Kindern drohe Verderben. Ist -das auch Eure Meinung, die Ihr dieses lest? Ist es -unserem Volke bestimmt, noch eine neue Phase von Lüge -und Verderbnis durchzumachen, wie wir sie mit dem -europäischen Pfropfreis von Zivilisation schon durchgemacht -haben? Ich glaube, niemand wird es bestreiten, -daß bei uns die Zivilisation zunächst mit der Sittenverderbnis -anfing. Doch ich glaube auch, daß unser -Volk von einer so ungeheuren Größe und Tiefe ist, daß -alle neuen trüben und unreinen Ströme, die es aufnimmt, -in ihm verschwinden werden, und es nur reine -und klare wiederausströmen wird. Lassen Sie uns zusammenwirken, -reichen Sie mir dazu die Hand, auf daß -ein jeder mit seiner kleinen Arbeit das Seine beisteuere, -auf daß die Dinge sich gerade und immer fehlerloser -entwickeln! Wir selbst verstehen davon wenig: wir -„lieben nur unser Vaterland“. In den Mitteln, ihm -zu helfen, stimmen wir nicht überein und werden nicht -aufhören, uns darüber zu streiten: aber nun ist doch -wenigstens schon einmal ausgemacht, daß wir gute -Menschen sind, und schließlich muß doch alles zu einer -Ordnung kommen. Daran glaube ich, und ich wiederhole -es, daß es nur die zweihundertjährige Entwöhnung -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -von jeglicher Arbeit ist und weiter nichts. So, wie -es jetzt ist, schließen wir unsere „Kulturperiode“ damit -ab, daß wir allgemein aufhören, uns gegenseitig zu verstehen. -Ich spreche nur von den aufrichtigen und ernsten -Menschen – nur sie allein wollen sich nicht mehr verstehen. -Spekulanten sind eine andere Sache: die haben -sich bei uns immer und zu jeder Zeit verstanden. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-5-1-3"> -<span class="firstline">Der Bauer Marei</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Ich will, zur Abwechselung, einmal eine kleine Geschichte -erzählen. Das heißt: eigentlich kann man das -nicht recht eine Geschichte nennen; es ist nur eine alte -Erinnerung. Ich war damals neun Jahre alt ... -Doch nein: ich werde lieber mit meinem neunundzwanzigsten -Jahre beginnen. -</p> - -<p> -Es war am zweiten Osterfeiertag. Die Luft war -warm, der Himmel hoch und blau und die Sonne so -hell und schön. In meiner Seele aber war es dunkel -und häßlich. Ich schlenderte hinter den Kasernen umher, -betrachtete den Palisadenzaun, der unser Gefängnis -umgab, und zählte die einzelnen Pfähle. Doch -selbst das ewige Zählen wurde langweilig, wenn ich’s -auch nur ganz mechanisch, aus Gewohnheit, tat. Es -war schon der zweite Tag, daß im Gefängnis „gefeiert“ -wurde: die Gefangenen brauchten nicht zu arbeiten, -und so waren denn fast alle betrunken. In jedem -Augenblick entstand ein neuer Streit, der mit Schimpfwörtern -begann und mit Schlägen endete. Gemeine -Lieder, Spielhöllen unter den Pritschen, mehrere für -besonderen Unfug von den Kameraden halbtotgeprügelte -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -Sträflinge, die man mit Pelzen bedeckt hatte -und ruhig liegen ließ, bis sie wieder zu sich kommen und -aufwachen würden; oft schon waren die Messer gezogen -worden: all das hatte mich in den zwei Feiertagen bis -zum Wahnsinn gequält. -</p> - -<p> -Niemals habe ich betrunkenes Volk ohne Ekel sehen -können; hier aber, an diesem Ort, war es mir ganz -besonders widerlich. An solchen Feiertagen kamen -nicht einmal die Beamten ins Gefängnis, um zu inspizieren -oder nach dem verbotenen Branntwein zu suchen. -Sie sahen wohl ein, daß man auch diesen Verstoßenen -doch wenigstens einmal im Jahr etwas Freiheit lassen -mußte, um Schlimmerem vorzubeugen. -</p> - -<p> -Plötzlich ertrug ich die Qual nicht mehr. Heiße -Wut packte mich. Da kam mir der Pole M...tzki, auch -ein „politischer“ Zwangssarbeiter, entgegen; er blieb -vor mir stehen und sah mich zornig, mit zuckenden -Lippen, an. „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Je hais ces brigands!</span>“ stieß er halblaut -durch die Zähne hervor und ging an mir vorüber. -Ich kehrte in die Kaserne zurück, obgleich ich erst vor -einer Viertelstunde halb wahnsinnig aus ihr hinausgelaufen -war; denn sechs Kerle, wahre Athleten, hatten -sich zugleich auf den betrunkenen Tataren Gasin gestürzt, -um ihn mit den Fäusten zu „beruhigen“. Sie schlugen -ihn unsinnig (ein Kamel hätte solche Schläge nicht überlebt), -wußten aber, daß dieser tatarische Herkules viel -aushalten konnte. Als ich nun zurückkam, sah ich in -einer Ecke den schändlich zugerichteten Gasin, der ohne -jedes Lebenszeichen auf seiner Pritsche lag. Man hatte -ihn mit einem Pelz zugedeckt. Die anderen umstanden -ihn schweigend. Wenn sie auch überzeugt waren, daß -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -er am nächsten Tage wiedererwachen werde, so kratzte -sich doch einer von ihnen den Kopf und meinte etwas -besorgt: „Aber ... Weiß Gott doch ... Ist die -Stunde vertrackt, so stirbt ’n Mensch wie nichts von -solchen Schlägen.“ Ich ging zu meiner Pritsche am -vergitterten Fenster, legte mich auf den Rücken, schob -die Hände unter den Kopf und schloß die Augen. So -lag ich immer gern: die Schlafenden werden gewöhnlich -in Ruhe gelassen, und so kann man denken und -träumen. Diesmal wollte es jedoch mit dem Träumen -nicht gehen: mein Herz schlug unruhig, und in den -Ohren klang mir noch das Wort: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Je hais ces brigands!</span>“ -Jetzt noch träume ich in mancher Nacht von -jener Zeit; ich kenne keinen qualvolleren Traum. -</p> - -<p> -Allmählich vergaß ich die Gegenwart und verlor -mich unmerklich in Erinnerungen. In den langen -Jahren, die ich dort verbrachte, erinnerte ich mich meines -ganzen früheren Lebens: ich glaube, ich habe es so von -Anfang an nochmals durchlebt. Diese Erinnerungen -kamen, ohne daß ich selbst wußte, wie; nur selten habe -ich sie gerufen. Gewöhnlich fingen sie mit irgendeinem -Punkt, einem kleinen Zug an, dem sich dann immer mehr -Züge anfügten, bis das Vergangene zum großen Bilde -wurde. Ich analysierte dann die alten Eindrücke, fügte -dem längst Erlebten neue Seiten hinzu und (die Hauptsache) -verbesserte, verbesserte ununterbrochen: darin bestand -ja mein einziger Zeitvertreib, meine Unterhaltung -und Zerstreuung. An jenem zweiten Osterfeiertag nun -stand mir plötzlich, ich weiß nicht warum, eine Stunde -aus meiner Kindheit vor der Seele, eine Begegnung -des Neunjährigen, die ich schon längst vergessen hatte; -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -und ich liebte damals Erinnerungen aus meinen Kinderjahren -ganz besonders. -</p> - -<p class="dashes"> -- - - - - - - - - - - - - - - - - -</p> - -<p class="noindent"> -Mir fiel der Augustmonat auf unserem Landgut -ein. Ein trockenen klarer Tag; ein wenig kühl und -windig; der Sommer neigt sich dem Ende zu, und bald -muß man wieder nach Moskau fahren, wieder den -ganzen Winter über in französischen Stunden sich langweilen; -und ich verlasse das Landgut so ungern! Ich -ging hinter die Tenne und weiter in die Schlucht, von -der sich auf der anderen Seite ein dichtes Gestrüpp bis -zum Wald hinzog. Weiter und immer weiter drang ich -in das Buschwerk ein und höre noch, wie, vielleicht -dreißig Schritt vor mir, auf dem Neubruch einsam ein -Bauer pflügt. Ich weiß: er muß steil den Abhang -heraufpflügen, das Pferd hat es schwer, und manchmal -tönt bis zu mir sein ermunternder Zuruf: „Nu, nu!“ -Ich kenne alle unsere Bauern, weiß aber nicht, welcher -von ihnen da gerade pflügt; ist mir auch einerlei. Ich -bin ganz und gar in meine eigene Arbeit vertieft; denn -auch ich bin beschäftigt: von einem Nußbaum breche -ich mir eine gute Gerte, um mit ihr Frösche zu schlagen. -Die Gerten von Nußbäumen sind so hübsch, viel besser -als Birkenruten. Auch Käfer und andere Tierchen -nehmen mich in Anspruch; ich habe sogar eine große -Käfersammlung. Viele sind so putzig! Auch liebe ich -die kleinen rotgelben Eidechsen mit den schwarzen -Tüpfelchen; doch vor Schlangen habe ich Angst. Aber -Schlangen trifft man viel seltener als Eidechsen. Pilze -gibt’s hier wenig. Pilze muß man im Birkenwald -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -suchen. Und ich mache mich auf, weiter durch das Gestrüpp -in den Wald zu gehen. In meinem ganzen -Leben habe ich nichts so geliebt, wie den Wald mit -seinen Pilzen und Beeren, mit seinen Käfern und -Vögeln, Igeln und Eichkätzchen, mit dem mich immer -wieder entzückenden feuchten Duft faulender Blätter. -Und noch jetzt, während ich dieses schreibe, rieche ich -geradezu, atme ich den Duft unseres Birkenwaldes; -solche Eindrücke haften fürs ganze Leben. -</p> - -<p> -Da, plötzlich, inmitten der tiefen Stille, hörte ich -laut und deutlich den Ruf: „Ein Wolf kommt!“ Ich -schrie auf vor Schreck und lief schreiend auf die Wiese -zu dem pflügenden Bauer. -</p> - -<p> -Es war unser Bauer Marei. Ich weiß nicht, ob -es den Namen gibt; aber bei uns nannten ihn alle -Marei. Er war ein etwa fünfzigjähriger, stämmiger, -ziemlich großer Mann, mit langem, schon stark ergrautem -dunkelblondem Bart. Ich kannte ihn, hatte aber noch -nie mit ihm gesprochen. Als er jetzt meinen Schrei -hörte, hielt er das Pferd an und blieb stehen. Ich raste -den Abhang hinab auf ihn zu und ergriff, um im vollen -Lauf nicht zu fallen, hastig mit einer Hand die Pflugstange -und mit der anderen seinen Ärmel: er beugte sich -zu mir nieder; und da erst gewahrte er meinen Schreck. -</p> - -<p> -„Ein Wolf kommt!“ keuchte ich atemlos. -</p> - -<p> -Er hob schnell den Kopf und blickte sich unwillig um; -einen Augenblick glaubte er mir. -</p> - -<p> -„Es schrie ... Jemand schrie: Ein Wolf kommt! ...“ -stammelte ich zitternd. -</p> - -<p> -„Geh doch! Wo denn? Was für ’n Wolf soll -denn – ... Ist dir ja nur so vorgekommen! Was kann -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -denn hier für ’n Wolf sein!“ sprach er halblaut in den -Bart, wie um mich zu beruhigen. -</p> - -<p> -Ich aber zitterte noch immer am ganzen Leibe, klammerte -mich noch fester an seinen Bauernkittel und war, -glaube ich, sehr bleich. Er betrachtete mich mit besorgtem -Lächeln; offenbar regte er sich meinetwegen auf. -</p> - -<p> -„Sieh mal an! Du hast dich aber verschreckt! Ei – -ei!“ sagte er und schüttelte den Kopf. „Genug schon, -Kleinerchen, nun, laß gut sein!“ Er streckte die Hand -aus und streichelte plötzlich meine Wange. „Nun, schon -gut, Kleinerchen! Christus ist mit dir; mach ’n -Kreuz!“ -</p> - -<p> -Doch ich bekreuzte mich nicht. Meine Mundwinkel -zuckten. Das schien ihn besonders zu wundern: langsam -erhob er seinen dicken, mit Erde beschmutzten Mittelfinger -und berührte vorsichtig meine zitternden Lippen. -„Sieh mal an! So was! Ei – ei!“ sagte er lächelnd -(es war ein ganz besonderes, mütterlich zärtliches -Lächeln). „Herrgott! Das ist doch ...“ -</p> - -<p> -Endlich begriff ich, daß der Schrei: „Ein Wolf -kommt!“ in meiner Phantasie entstanden war. Der -Schrei hatte so hell und deutlich geklungen, daß ein -Zweifel ausgeschlossen schien; doch ich wußte, daß ich -schon früher manchmal irgendeinen Schrei zu hören -geglaubt hatte, während in Wirklichkeit alles still gewesen -war. Später vergingen diese Halluzinationen der -Kinderjahre. -</p> - -<p> -„Jetzt werde ich gehen,“ sagte ich endlich, nachdem -ich etwas Mut gefaßt hatte; doch blickte ich Marei noch -fragend und schüchtern an. -</p> - -<p> -„Nu, geh nur; und ich werde Dir nachsehen. Ich -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -werde Dich schon nicht vom Wolf nehmen lassen!“ -fügte er mit demselben mütterlichen Lächeln hinzu. „Nu, -Christus ist mit dir, nu, geh nur“; und er bekreuzte mich -mit seinen erdigen Fingern und bekreuzte sich dann selbst. -</p> - -<p> -Ich ging. Doch jedesmal, wenn ich zehn Schritte -gemacht hatte, blickte ich mich nach ihm um. Marei -stand mit seinem Pferdchen, während ich die Schlucht -hinunter- und wieder hinaufging, stand am Pflug und -sah mir nach; und so oft ich mich umkehrte, nickte er mir -mit dem Kopf zu. Ich schämte mich, offen gestanden, -nicht wenig vor ihm: weil ich solche Angst gehabt hatte. -Trotzdem fürchtete ich mich immer noch vor dem Wolf, -bis ich glücklich auf der anderen Seite der Schlucht an -der Getreidedarre ankam: hier verließ mich die Angst; -und plötzlich kam auch noch, ich weiß nicht, woher, unser -Hofhund Woltschok mir entgegengelaufen. Erst in -dessen Begleitung fühlte ich mich ganz sicher; und so -wandte ich mich denn zum letztenmal nach Marei um. -Sein Gesicht konnte ich nicht mehr unterscheiden; aber -ich fühlte, daß er mir noch ebenso freundlich zulächelte -und mit dem Kopf zunickte. Ich winkte ihm noch einmal -mit der Hand zu und er winkte mir wieder. Dann -wandte er sich zum Pflug und trieb das Pferd an. „Nu, -nu!“ Noch von fern her hörte ich seinen Zuruf; und das -Pferd zog wieder den Pflug. -</p> - -<p class="dashes"> -- - - - - - - - - - - - - - - - - -</p> - -<p class="noindent"> -Ich weiß nicht, warum mir das alles mit einemmal -einfiel, und warum noch dazu alle Einzelheiten so deutlich -vor mir standen. Ich wachte plötzlich auf, setzte mich -auf die Pritsche; und ich weiß: auf meinem Gesicht fühlte -ich noch das Lächeln der Erinnerung. Eine Weile dachte -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -ich weiter nach und suchte mich des Folgenden zu erinnern. -</p> - -<p> -Als ich damals von Marei nach Hause gekommen -war, hatte ich keinem Menschen von meinem „Erlebnis“ -erzählt. Was war denn da auch zu erzählen? Den -Marei vergaß ich gar bald. Wenn ich ihn später traf, -sprach ich niemals mit ihm, nicht nur nicht über den -Wolf, sondern überhaupt nicht. Und nun, plötzlich, -nach zwanzig Jahren, in Sibirien, steht diese Begegnung -so deutlich, bis in die kleinsten Einzelheiten, vor -mir. Also muß sie doch, mir unbewußt, in meiner Seele -geblieben sein, ganz von selbst und vielleicht sogar gegen -meinen Willen; und sie tauchte erst wieder auf, als die -Zeit gekommen war. Mir fiel dieses zärtliche, mütterliche -Lächeln des armen Leibeigenen ein, seine Bekreuzung -und sein Kopfschütteln: „Ei – ei, du hast dich aber -verschreckt, Kleinerchen!“ Und besonders der dicke, von -der Erde beschmutzte Finger mit dem schwarzen Nagel, -mit dem er vorsichtig, in so schüchterner Zärtlichkeit, -meine zuckenden Lippen berührte. Natürlich: Ein jeder -hätte ein erschrecktes Kind beruhigt; doch hier, bei dieser -einsamen Begegnung, geschah etwas ganz anderes. Und -wenn ich sein eigener Sohn gewesen wäre, hätte Marei -mich nicht mit einer tieferen, helleren Liebe anzublicken -vermocht. Wer aber zwang ihn dazu? Er war unser -Leibeigener und ich immerhin sein Herrensohn. Niemand -hätte jemals erfahren, daß er mich gestreichelt, -niemand ihn dafür belohnt. Liebte er vielleicht kleine -Kinder so sehr? Solche Leute gibt es allerdings. Die -Begegnung geschah auf einsamem Feld, und nur Gott -wußte, mit welch einem tiefen, heiligen menschlichen Gefühl, -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -von welch einer weichen, fast weiblichen Zärtlichkeit -die Seele eines rohen, tierisch unwissenden russischen -Muschiks erfüllt sein kann. War es nicht dieses, was -Konstantin Akssakoff meinte, als er von der tiefen inneren -Bildung des russischen Volkes sprach? -</p> - -<p> -Ich weiß noch: als ich von der Pritsche aufstand -und mich umblickte, fühlte ich mit einemmal, daß ich -diese Unglücklichen mit ganz anderen Augen betrachten -konnte, und daß plötzlich, wie durch ein Wunder, aller -Haß und alle Wut aus meinem Herzen verschwunden -waren. Ich ging wieder hinaus und schaute aufmerksam -in die Gesichter der Gefangenen, die mir begegneten. -Dieser glattrasierte ehrlose Muschik mit dem gebrandmarkten -Verbrechergesicht, der mit heiserer Stimme sein -rohes Lied gröhlt, ist vielleicht auch so einer wie der -Marei, der mich als Kind streichelte: ich kann ja nicht -in sein Herz sehen. -</p> - -<p> -Am selben Abend traf ich noch einmal den Polen -M...tzki. Der Arme! Der konnte keine Erinnerungen -an irgendeinen Marei haben und für alle diese Menschen -nichts anderes empfinden als: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Je hais ces brigands!</span>“ -Wahrhaftig: diese Polen haben dort doch mehr gelitten -als unsereiner! -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-2"> -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -Einiges über den Krieg<a class="fnote" href="#footnote-20" id="fnote-20">[20]</a> -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> habe einen Freund, der sich durch sehr paradoxe -Anschauungen auszeichnet. Ich kenne ihn schon lange. -Es ist ein ganz unbekannter Mensch und ein höchst -sonderbarer Charakter: er ist nämlich ein <em>Denker</em>. -Ich werde unbedingt noch ausführlicher von ihm -sprechen – doch später einmal. Jetzt ist mir nur zufällig -eingefallen, wie er einmal, es ist schon etliche Jahre her, -mit mir über den Krieg stritt. Er verteidigte den Krieg -als solchen und vielleicht einzig um mit Paradoxen zu -spielen. Ich bemerke hier noch, daß er nicht etwa Offizier -ist, sondern der friedliebendste und gutmütigste -Mensch, den es in der Welt und bei uns in Petersburg -überhaupt geben kann. -</p> - -<p> -„Toller Gedanke,“ sagte er unter anderem, „daß der -Krieg eine Geißel für die Menschheit sei! Im Gegenteil, -er ist das Nützlichste, was man sich überhaupt denken -kann! Nur eine einzige Art Krieg ist verabscheuenswert -und wirklich verderblich: das ist der innere, der -Bürgerkrieg. Er lähmt und zerreißt den Staat, dauert -immer viel zu lang und vertiert das Volk auf ganze -Jahrhunderte. Der politische Krieg aber, der zwischen -verschiedenen Völkern ausgekämpft wird, bringt einzig -und allein Nutzen – in jeder Beziehung. Und dann ist -er auch vollkommen unentbehrlich.“ -</p> - -<p> -„Aber hören Sie mal! Ein Volk geht aufs andere -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -los, Menschen schlagen sich gegenseitig tot – was ist -hier unentbehrlich?“ -</p> - -<p> -„Alles, und zwar im höchsten Grade. Doch erstens -ist es nicht wahr, daß die Menschen in den Krieg gehen, -um sich gegenseitig totzuschlagen. Das ist nie der Beweggrund -gewesen, sondern sie gehen, um ihr eigenes -Leben zu opfern, – das aber ist denn doch etwas ganz -anderes. Es gibt keine höhere Idee als die, sein eigenes -Leben zu opfern, indem man seine Brüder und sein -Vaterland beschützt oder einfach, indem man die Interessen -seines Vaterlandes verteidigt. Die Menschheit -kann nicht ohne hochherzige Ideen leben, und ich vermute -sogar, daß die Menschheit gerade deswegen den Krieg -liebt, weil sie sich an einer hochherzigen Idee beteiligen -will. Es ist ein Bedürfnis.“ -</p> - -<p> -„Ja, liebt denn die Menschheit den Krieg?“ -</p> - -<p> -„Ja, zweifeln Sie denn daran? Wer ist zurzeit eines -Krieges noch kopfhängerisch? Alle sind sofort munter -und ermutigt, und von der gewöhnlichen Schlaffheit und -Langeweile der Friedenszeiten ist nichts mehr zu sehen -und zu hören. Und nachher, wenn der Krieg beendet -ist, mit welcher Hingabe denken sie an ihn zurück, selbst -wenn sie geschlagen worden sind! Glauben Sie den -Leuten nicht, wenn sie sich beim ersten Wiedersehen nach -der Kriegserklärung kopfschüttelnd sagen: ‚Ach, welch -ein Unglück! Ach, daß wir das noch erleben mußten!‘ -sie tun es ja nur aus Wohlerzogenheit. Glauben Sie -mir, jeder hat dann hohen Feiertag im Herzen. Wissen -Sie, es ist furchtbar schwer, sich zu gewissen Ideen zu -bekennen: gleich ist das Geschrei groß. – Tier! Barbar! -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -schreien sie sofort und sind zum Verurteilen bereit. -Das aber fürchtet man, und so zieht man vor, den Krieg -lieber nicht zu loben.“ -</p> - -<p> -„Aber Sie sprechen von hochherzigen Ideen, von -Menschlicherwerden. Lassen sich denn hochherzige Ideen -nicht auch ohne Krieg finden? Ich glaube vielmehr, -daß sie sich in Friedenszeiten noch leichter entwickeln -können.“ -</p> - -<p> -„Ganz im Gegenteil, vollkommen umgekehrt! Die -Hochherzigkeit verkommt in der Zeit eines langen Friedens, -und an ihre Stelle treten Zynismus, Gleichgültigkeit, -Langeweile und viel, viel boshafter Spott, und das -noch dazu nur zur leeren Zerstreuung und nicht mal um -einer Sache willen. Man kann geradezu behaupten, daß -ein langer Friede die Menschen gefühllos macht. Das -soziale Übergewicht geht dann immer auf die Seite alles -dessen über, was in der Menschheit schlecht und roh ist – -hauptsächlich zum Reichtum, zum Kapital. Ehre, -Nächstenliebe, Selbstverleugnung werden in der ersten -Zeit nach dem Kriege noch geachtet, sie stehen noch hoch -im Preis, doch je länger der Friede dauert – desto mehr -sieht man diese schönen und großen Tugenden verbleichen, -einschlafen, absterben, und den Reichtum, die Sucht nach -Erwerb alles ergreifen. Schließlich bleibt nur noch -Heuchelei übrig – geheuchelte Ehre, geheuchelte Selbstverleugnung -um der Pflicht willen. Und wenn man trotz -des ganzen Zynismus auch noch fortfährt, diese großen -Begriffe zu achten, so geschieht es dann doch nur in -schönen Worten und bloß zum Anschein, aus Form. Die -wirkliche Ehre ist nicht mehr, es bleiben nur Formeln -übrig. Formeln der Ehre aber – die sind der Tod der -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -Ehre. Ein langer Friede bringt Gleichgültigkeit hervor, -niedrige Gedanken, bringt Sittenverderbnis und Abstumpfung -der Gefühle. Die Vergnügungen werden nicht -feiner, sondern wüster. Der plumpe Reichtum kann sich -nicht an Idealen erquicken und verlangt nach anspruchsloseren, -mehr ‚auf die Sache‘ gehenden Genüssen, d. h. -nach unmittelbarster Befriedigung des Fleisches. Die -Vergnügungen werden rein sinnlich. Sinnlichkeit ruft -Wollust hervor, und Wollust immer Grausamkeit. Alles -das werden Sie unmöglich leugnen, denn Sie können -die erste Tatsache nicht verneinen: daß das soziale -Übergewicht in der Zeit eines langen Friedens -sich zum Schluß immer auf die Seite des Reichtums -neigt.“ -</p> - -<p> -„Aber die Wissenschaft, die Kunst – können -die sich denn während des Krieges entwickeln? -Und das sind doch wirklich große und hochherzige -Ideen!“ -</p> - -<p> -„Warten Sie, gerade hiermit fange ich Sie! Die -Wissenschaft und die Kunst entwickeln sich immer und -gerade in der ersten Periode nach dem Kriege. Der -Krieg erneut sie, erfrischt sie, ruft sie hervor, stärkt die -Gedanken und gibt ihnen gewissermaßen einen Stoß. -In einem langen Frieden dagegen verkommt auch die -Wissenschaft. Zweifellos fordert die Beschäftigung mit -der Wissenschaft Mut und sogar Selbstaufopferung. -Doch wie viele Gelehrte widerstehen denn der Pest des -Friedens? Die geheuchelte Ehre, Selbstsucht und oberflächliche -tierische Vergnügungslust erfassen auch sie. -Versuchen Sie es nur einmal, mit solch einer Leidenschaft -fertig zu werden, wie es beispielsweise der Neid ist: er -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -ist roh und gemein, aber er wird trotzdem auch in die -edelste Gelehrtenseele eindringen. Auch der Gelehrte -will schließlich an dem allgemeinen Prunk und Glanz -teilhaben. Was bedeutet vor dem Triumph des Reichtums -der Triumph irgendeiner wissenschaftlichen Entdeckung, -wenn sie nicht gerade so effektvoll ist wie die -Entdeckung etwa eines neuen Planeten! Was meinen -Sie wohl, ob unter solchen Umständen noch viel wirkliche -Arbeitssklaven für das Allgemeinwohl übrigbleiben? -Im Gegenteil, man sucht den Ruhm, und so kommt es -dann zu Scharlatanerie, zur Jagd nach dem Effekt und, -vor allen Dingen, zum Utilitarismus – denn man will -doch zu gleicher Zeit auch reich werden! In der Kunst -ist es genau so wie in der Wissenschaft: dieselbe Jagd -nach dem Effekt, nach irgendeiner Verfeinerung. Einfache, -klare, hochherzige und gesunde Ideen sind dann -schon viel zu unmodern, man braucht etwas viel Verboteneres, -Ungesünderes: die Künstlichkeit der Leidenschaften -will man. Allmählich verliert sich dann das -Gefühl für das Maß und die Harmonie, und man bekommt -dafür die Entstellung der Gefühle und Leidenschaften, -die sogenannte ‚Differenzierung‘ der Gefühle, -die in Wirklichkeit nur ihre Verrohung ist. Sehen Sie, -zu all dem entartet die Kunst in einem langen Frieden. -Wenn es in der Welt keinen Krieg gäbe, so würde die -Kunst einfach verkommen und verderben. Alle guten -Ideen der Kunst ja ihre besten, sind vom Kriege, vom -Kampf geschaffen worden. Lesen Sie eine Tragödie, -sehen Sie sich die Statuen an, da haben Sie Horaz, und -da haben Sie den Apollo von Belvedere, der selbst einen -Wilden in Erstaunen setzen müßte ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -„Aber die Madonnen, das Christentum?“ -</p> - -<p> -„Das Christentum erkennt das Faktum des Krieges -vollkommen an und weissagt bekanntlich, daß das -Schwert nicht vergehen werde, solange die Welt steht: -das ist sehr bemerkenswert und sollte viele stutzig machen. -Oh, natürlich im höheren, im moralischen Sinne verwirft -es den Krieg und verlangt Nächstenliebe. Ich -werde selbst der erste sein, der sich freut, wenn man die -Schwerter in Pflugscharen umschmiedet. Doch fragt -es sich: wann wird das möglich sein? Und lohnte es sich -überhaupt, die Schwerter jetzt in Pflüge zu verwandeln? -Der jetzige Friede ist immer und überall schlimmer als -der Krieg, so unvergleichlich viel schlimmer, daß es zum -Schluß geradezu unmoralisch wird, ihn noch aufrechtzuerhalten. -Es gibt nichts mehr, was man schützen möchte, -überhaupt nichts mehr, was wert wäre, erhalten zu -bleiben, es ist beinahe gewissenlos und eine Schande, -irgend etwas noch zu erhalten! Der Reichtum und die -Roheit der Vergnügungen gebären Faulheit, und die -Faulheit gebiert Sklaven. Um die Sklaven in der -Sklaverei zu erhalten, muß man ihnen den freien Willen -und die Möglichkeit der Aufklärung nehmen. Wer Sie -auch sein mögen, mein Lieber, selbst wenn Sie der -humanste Mensch sind: einen Sklaven werden auch Sie -immer nur als Sklaven behandeln können – nicht wahr? -Ich bemerke noch, daß in der Periode des Friedens Feigheit -und Unehrlichkeit gute Wurzeln schlagen. Der -Mensch ist naturgemäß stark zu Feigheit und Unehrlichkeit -geneigt, und das weiß er selbst ganz genau. Deshalb -vielleicht sehnt er sich auch so nach dem Kriege, und -darum liebt er ihn so sehr: er ahnt in ihm das Heilmittel. -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -Der Krieg entwickelt in ihm die Nächstenliebe und nähert -und befreundet die Völker.“ -</p> - -<p> -„Wieso, befreundet?“ -</p> - -<p> -„Indem er sie lehrt, einander zu achten. Der Krieg -erfrischt die Menschen. Die Menschenliebe entwickelt -sich am meisten und fast ausschließlich auf dem Schlachtfelde. -Es ist eine scheinbar sonderbare Tatsache, daß -der Krieg weniger erbittert und aufreizt als der Friede. -Irgendeine politische Beleidigung in der Friedenszeit, -irgendeine herausfordernde Konvention, ein politischer -Druck, anmaßende Forderungen – in der Art etwa, wie -Europa sie uns 1863 stellte – erbittern viel mehr als ein -offener Kampf. Erinnern Sie sich: haßten Sie etwa -die Franzosen oder Engländer zur Zeit des Krimkrieges? -Im Gegenteil, man kam sich näher, trat geradezu in -Freundschaft miteinander. Wir interessierten uns für -unsere Feinde und pflegten unsere Gefangenen. Unsere -Soldaten und Offiziere gingen während des Waffenstillstands -zu den feindlichen Vorposten, verbrüderten -sich fast mit ihnen, tranken Wodka zusammen, und ganz -Rußland las es schmunzelnd in den Zeitungen – was -jedoch nicht hinderte, daß man sich prächtig schlug. Es -entwickelte sich der Geist der Ritterlichkeit ... Und über -die materiellen Schäden des Krieges lohnt es sich nicht -einmal zu sprechen: wer kennt nicht die alte Erfahrung, -daß nach einem Kriege alles wie mit neuen Kräften aufersteht? -Die ökonomischen Kräfte des Landes treten -zehnmal mehr hervor, ganz als ob eine Gewitterwolke -Regen auf trockenen Boden niedergesandt hätte. Denen, -die durch den Krieg gelitten haben, wird sofort und von -allen Seiten geholfen, während in Friedenszeiten ganze -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -Distrikte eher Hungers sterben können, bevor wir uns -zur Hilfe rühren oder drei Rubel spenden.“ -</p> - -<p> -„Ja, leidet denn das Volk nicht am meisten unter -dem Kriege, muß es nicht Verheerungen und Bürden -ertragen, die unvergleichlich größer sind als die der -höheren Gesellschaftsschichten?“ -</p> - -<p> -„Vielleicht; – doch immer nur zeitweilig, dafür aber -gewinnt das Volk weit mehr, als es verliert. Gerade -für das Volk hat der Krieg die besten und schönsten -Folgen. Selbst wenn Sie der humanste Mensch sind, -werden Sie sich doch für mehr als den Bauer halten. -Wer mißt in unserer Zeit noch Seele mit Seele – mit -dem christlichen Maß? Man mißt mit dem Geldbeutel, -der Macht, der Kraft, – und der einfache Mann, der -weiß das nur zu genau. Nicht daß hierbei Neid wäre, – -aber es entsteht das unerträgliche Gefühl einer moralischen -Ungleichheit, die viel verletzender für ihn ist, als -wir es ahnen. Wie Sie die Menschen auch befreien -oder welche Gesetze Sie ihnen auch geben mögen, diese -Ungleichheit der Menschen wird in der jetzigen Gesellschaft -doch nicht aufgehoben werden. Das einzige Heilmittel -dagegen ist – der Krieg. Ein Palliativmittel -vielleicht, doch ein tröstendes für das Volk. Der Krieg -hebt den Geist des Volkes und die Erkenntnis des eigenen -Wertes. Der Krieg macht in der Stunde des Kampfes -alle gleich und versöhnt den Herrn mit dem Knecht in -der allerhöchsten Erscheinung der menschlichen Würde, – -im Opfer des Lebens für die gemeinsame Sache, für alle, -für das Vaterland! Glauben Sie denn wirklich, daß die -Masse, selbst die ganz unwissende Masse der Bauern und -Bettler, nicht auch der <em>aktiven</em> Offenbarung hochherziger -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -Gefühle bedarf? Worin kann nun die Masse im -Frieden ihre Hochherzigkeit und ihre menschliche Würde -beweisen? Auf die einzelnen Durchbrüche derselben sehen -wir, wenn wir sie überhaupt zu beachten geruhen, mit -verwundertem Lächeln, ja selbst mit ungläubigem Lachen, -und zuweilen sogar mit unverhülltem Mißtrauen. Glauben -wir aber einmal dem Heroismus eines einzelnen, -so schlagen wir darob solch einen Lärm, als ob es etwas -schier Unmögliches wäre; und was kommt dabei heraus? -Unsere Verwunderung und unser Lob gleichen beinahe -der Verachtung. In Kriegszeiten verschwindet all das -ganz von selbst und die volle Gleichheit des Heroismus -tritt an seine Stelle. Vergossenes Blut ist eine wichtige -Sache. Die gemeinsame Heldentat erzeugt die stärkste -Verbindung zwischen den verschiedenen Ständen. Der -Gutsbesitzer und der Muschik standen sich im Jahre 1812, -als sie gemeinsam fürs Vaterland kämpften, näher als -in Friedenszeiten zu Haus auf dem Gute. Der Krieg -ist der Masse ein Anlaß, sich zu achten, und darum liebt -das Volk den Krieg: es dichtet über ihn Lieder und -kann sich nicht satt hören an den Geschichten und -Erzählungen aus dem Kriege ... Noch einmal: Vergossenes -Blut ist eine wichtige Sache! Nein, der -Krieg ist <em>in unserer Zeit</em> unentbehrlich; ohne -Krieg würde die Welt untergehen oder wenigstens -sich in einen schmutzigen Schlamm verwandeln, in -irgendeinen gemeinen Schmutz mit faulenden Wunden -...“ -</p> - -<p> -Ich widersprach ihm natürlich nicht weiter. Mit -Denkern kann man nicht streiten. Aber es ist doch eine -höchst sonderbare Tatsache: man fängt jetzt an über -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -Dinge nachzudenken und zu streiten, die, wie man doch -meinen sollte, schon längst allen klar und ins allgemeine -Archiv des Abgetanen gestapelt worden sind. Jetzt wird -das alles wieder ausgegraben ... Das auffallendste -aber ist, wie mir scheint, daß dieses heutzutage überall -geschieht. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-3"> -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -Mein Paradox -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-5-3-1"> -<span class="firstline">Das Paradox</span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ieder</span> ein Zusammenstoß mit Europa!<a class="fnote" href="#footnote-21" id="fnote-21">[21]</a> Und noch -kein Krieg? Vom Kriege, sagt man, seien wir, d. h., sei -Rußland noch weit entfernt ... Wieder ist die endlose -Orientfrage aufs Tapet gebracht, wieder blickt Europa -mißtrauisch auf uns Russen ... Doch was geht uns -schließlich das Vertrauen Europas an? Hat es denn -jemals vertrauensvoll auf uns geblickt? und kann es das -überhaupt? Oh, versteht sich, <em>irgendeinmal</em> wird -sich dieser Blick ändern, <em>einmal</em> wird Europa auch -uns besser begreifen: und es lohnte sich wirklich, über -dieses <em>irgendeinmal</em> zu sprechen. Einstweilen -jedoch – einstweilen ist mir eine ganz nebensächliche -Frage eingefallen, eine, mit deren Beantwortung ich -noch kürzlich sehr beschäftigt gewesen bin. Wenn nun -auch heute niemand mit mir übereinstimmen wird, so -scheint mir doch, daß ich nicht so ganz unrecht habe. -</p> - -<p> -Ich sagte, daß man die Russen in Europa nicht liebe. -Nun, das wird, glaube ich, niemand bestreiten; aber -unter anderem wirft uns Europa auch vor, daß wir alle, -ohne Ausnahme, furchtbar liberal, ja selbst revolutionär -seien, und immer, sogar mit einer gewissen Vorliebe, geneigt, -uns eher den zerstörenden als den konservativen -Elementen Europas anzuschließen. Zur Strafe dafür -sehen viele Europäer spöttisch und von oben auf uns -herab, nicht selten geradezu gehässig: es ist ihnen unbegreiflich, -wie wir darauf kommen, in <em>fremden -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -Angelegenheiten</em> Verneiner zu sein? Sie nehmen -uns kurzerhand das Recht, nach europäischer Art zu verneinen -– und zwar deshalb, weil sie uns für ein Volk -halten, das nicht zur „Zivilisation“ gehört. Eher sehen -sie in uns Barbaren, die sich in Europa herumtreiben -und sich freuen, irgendwo irgend etwas zerstören zu -können – zerstören bloß um der Zerstörung willen, um -das Vergnügen zu haben, zuzusehen, wie das alles zusammenkracht -– gleich den Hunnen, gleich einer Horde -Wilder, die bereit ist, Europa wie das alte Rom zu überschwemmen -und alles Große, Alte und Heilige zu zerstören, -ohne auch nur zu ahnen, welch einen Schatz sie -der Vernichtung weiht. -</p> - -<p> -Daß die Russen tatsächlich in ihrer Mehrzahl sich -in Europa als Liberale erwiesen haben – das ist wahr -und ist sogar, ich gestehe es, sonderbar. Hat sich aber -schon jemand die Frage gestellt, warum das der Fall ist? -Warum beinahe neun Zehntel von den Russen, die in -diesem Jahrhundert in Europa ihre Bildung erhalten -hatten, sich immer derjenigen Partei der Europäer angeschlossen -haben, die liberal war, der Partei der „Linken“, -d. h. immer derjenigen Seite, die ihre eigene Zivilisation, -ihre eigene Kultur verneinte? Das, was Thiers an der -Zivilisation verneint, und das, was die Pariser Kommune -an ihr 1871 verneinte, ist keineswegs dasselbe. -Ebenso „mehr oder weniger“ liberal und ebenso verschieden -liberal sind aber auch die Russen in Europa; -doch immer sind sie, ich wiederhole es, geneigter als die -Europäer, sofort zur äußersten Linken überzutreten, statt -sich zunächst noch auf den unteren Stufen des Liberalismus -aufzuhalten. Mit einem Wort, man findet unter -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -den Russen weit weniger Thieristen als Kommunarden. -Und man beachte wohl: das sind keineswegs irgendwelche -vom Wind verwehte Leute – Ausnahmen natürlich zugegeben -–, sondern Leute, die sogar sehr solid und zivilisiert -aussehen, zuweilen fast schon Minister sind. Doch -die Europäer trauen diesem Scheine nicht: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Grattez le -Russe et vous verrez le Tartare</span>,“ sagen sie. Das -kann ja alles stimmen, aber, frage ich mich, woher kommt -das? Schließt sich der Russe in seiner Gemeinschaft mit -Europa der äußersten Linken an, weil er Tatar ist und -die Zerstörung liebt, also als Wilder, oder bewegen ihn -vielleicht andere Gründe dazu? – Das ist die Frage! ... -Man wird mir wohl zugeben, daß sie nicht so uninteressant -ist. Petersburg spielt jetzt nicht mehr die Rolle -des Fensters, das uns aus Europa Licht bringt. Es beginnt -etwas Neues, es muß wenigstens etwas Neues beginnen: -das sieht jetzt ein jeder ein, der nur ein wenig -nachzudenken gelernt hat. Kurz, wir fangen an mehr -und mehr zu fühlen, daß wir zu irgend etwas bereit sein -müssen, zu einem neuen Zusammenstoß mit Europa, und -vielleicht einem viel eigenartigeren, als es die bisherigen -waren, – ob es nun in der Orientfrage sein wird, oder -sonstwo, wer kann das wissen! ... Darum aber sind -ähnliche Fragen, Vermutungen, selbst Rätsel und sogar -Paradoxe interessant – und wäre es auch nur, weil sie -vielleicht auf einen richtigen Gedanken bringen können. -Wie aber soll einem da nicht eine so auffallende Erscheinung -zu denken geben, wie die, daß gerade diejenigen -Russen, welche sich am meisten für Europäer halten und -bei uns allgemein die „Westler“ genannt werden, die -auf diesen Namen stolz sind und noch heute auf die -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -anderen Russen wie auf Kwastrinker und Bauernkittel -herabsehen, – wie soll es da nicht interessant sein, frage -ich, daß gerade diese sich am schnellsten den Verneinern -der Zivilisation, den Zerstörern der Kultur, der „äußersten -Linken“ anschließen, und daß dieses in Rußland niemanden -wundert, ja nicht einmal zum Nachdenken -bringt? Wie soll einem das nicht merkwürdig erscheinen? -</p> - -<p> -Ich habe schon eine Antwort auf diese Frage gefunden, -doch werde ich meine Idee nicht beweisen, werde -sie nur ein wenig zu erklären und die Tatsache zu entwickeln -versuchen. -</p> - -<p> -Mir scheint ... folgendes: Zeigt sich nicht in dieser -Tatsache – d. h. im Anschluß unserer eifrigsten Westler -an jene äußerste Linke, in Wirklichkeit an die verneinenden -Elemente Europas, an die Verneiner Europas geradezu, -– zeigt sich darin nicht die protestierende russische -Seele, der die europäische Kultur von jeher, von Peter -dem Großen an, verhaßt gewesen ist, und ihr Protest -gegen diese Kultur, die sich in vielem, in allzu vielem, -der russischen Seele als fremd erwiesen hat? Geradeso -scheint es mir zu sein. Oh, versteht sich, dieser Protest -ist fast die ganze Zeit nur unbewußt geschehen, doch wertvoll -an ihm ist, daß er zeigt, wie gerade der russische Instinkt -nicht erstorben ist: die russische Seele hat, wenn -auch unbewußt, gerade im Namen ihres Russentums -protestiert, im Namen ihres echt russischen, ursprünglichen, -eigenen und dann unterdrückten Kulturversuchs. -Natürlich wird man sagen, es sei noch kein Grund vorhanden, -sich zu freuen, wenn dem auch so wäre: „Immerhin -bist du ein Verneiner – Hunne, Barbar, Tatar –, -der nicht im Namen eines Höheren verneint, sondern im -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -Namen seiner eigenen Niedrigkeit, da er ja in ganzen -zwei Jahrhunderten die europäische Höhe noch nicht einmal -hat begreifen können.“ -</p> - -<p> -Ich gebe zu, daß das eine offene Frage ist, doch -werde ich nicht versuchen, sie zu beantworten. Ich sage -nur, daß ich diesen Einwand aus allen Kräften verneine -– eine Begründung würde zu weit führen. Oh, -wer wird jetzt noch von uns Russen, und besonders, nachdem -das alles vergangen ist – denn diese Periode ist jetzt -tatsächlich vergangen –, wer wird jetzt noch gegen die -Tat Peters sein, sich gegen das „durchbrochene“ Fenster -auflehnen und vom alten Zarenreich Moskau träumen? -Doch nicht davon spreche ich jetzt; ich meine nur: wie -schön und gut auch alles gewesen sein mag, was wir -durch das Fenster erblickt haben, so war doch auch so -viel Häßliches und Schädliches darunter, daß der russische -Instinkt nicht aufgehört hat, sich dagegen aufzulehnen -und zu protestieren, ... wenn er sich auch vielleicht -so weit verloren haben mag, daß er selbst nicht -mehr wußte, was er mit diesem Protest eigentlich tat. -Und er hat nicht aus seinem Tatarentum heraus protestiert, -sondern in der Tat vielleicht deswegen, weil er -in sich etwas Höheres und Besseres fühlte als das, was -er durch das Fenster erblickte ... Versteht sich, der Instinkt -hat ja nicht gleich gegen alles protestiert: wir haben -viel Gutes und Schönes bekommen, und wollen nicht -undankbar sein; nun, aber gegen die Hälfte zum mindesten -hat er, glaube ich, doch protestieren können. -</p> - -<p> -Ich wiederhole nochmals, daß dieses ungemein -sonderbar vor sich gegangen ist: gerade unsere feurigsten -Westler, gerade unsere Kämpfer für die Reform wurden -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -zu gleicher Zeit zu Verneinern Europas und stellten sich -in die Reihen der äußersten Linken. Nun, und so geschah -es, daß sie sich selbst gerade dadurch zu den eifrigsten -Russen machten, zu Kämpfern für Rußland und -den russischen Geist. Hätte man ihnen das seinerzeit erklärt, -so würden sie entweder – gelacht haben, oder sie -wären entsetzt gewesen. Es kann darüber kein Zweifel -bestehen, daß sie nicht im geringsten die Höhe und eigentliche -Bedeutung ihres Protestes erkannt haben. Im -Gegenteil: sie haben ja die ganzen zwei Jahrhunderte -hindurch ihren eigensten Wert fortgesetzt verleugnet, und -nicht nur den allein, sondern sogar die Achtung vor sich -selbst – solche gab es ja auch unter ihnen! – und in -einem Grade, der ganz Europa mit Recht wundergenommen -hat. Und nun stellt es sich heraus, daß gerade -sie sich als die wahren Russen erwiesen haben. Ebendiese -meine Deutung aber nenne ich „mein Paradox“. -Belinski<a class="fnote" href="#footnote-22" id="fnote-22">[22]</a> zum Beispiel, ein von Natur leicht und leidenschaftlich -begeisterter Mensch, ist fast als erster direkt zu -den europäischen Sozialisten, die schon die ganze Form -der europäischen Zivilisation verneinten, übergetreten, -und zu gleicher Zeit hat er bei uns, in der russischen -Literatur, bis zum Schluß gegen die Slawophilen gekämpft -– scheinbar für das ganz Entgegengesetzte. Wie -erstaunt wäre er gewesen, wenn ihm diese selben Slawophilen -damals gesagt hätten, daß gerade er der erste -Kämpfer für das russische Recht, für den russischen Geist -und Anfang, gerade für all das, was er in Rußland an -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -Europa bekämpfte, wenn man ihm bewiesen hätte, daß -in Wirklichkeit gerade er der russische Konservative sei – -und das ausschließlich, weil er in Europa Sozialist und -Revolutionär war? Und so war es ja beinahe auch -wirklich. Es wurde von beiden Seiten ein großer Fehler -begangen, nämlich der, daß alle damaligen Westler -Rußland mit Europa verwechselten, im Ernst für Europa -hielten und, Europa samt seinen Formen verneinend, -ernstlich glaubten, dieselbe Verneinung gälte auch für -Rußland, während Rußland durchaus nicht Europa war, -sondern nur in einem europäischen Rock steckte, unter ihm -aber ein vollkommen anderes Wesen barg. Davon sich -zu überzeugen, forderten die Slawophilen auf, indem sie -direkt auf die Tatsache hinwiesen, daß die Westler Unvergleichbares -verglichen oder gar für identisch hielten, -und daß die Folgerung, die für Europa paßte, sich keineswegs -auch auf Rußland anwenden ließ: teilweise schon -deshalb nicht, weil all das, was sie in Europa wünschten, -in Rußland schon längst vorhanden war und ist, jedenfalls -wenigstens im Keim und in der Möglichkeit, und -sogar sein Wesen ausmacht, nur nicht in revolutionärer -Form, sondern gerade in derjenigen, in welcher diese -Ideen der universalen Erneuerung der Menschheit erscheinen -müssen: in der Gestalt der Wahrheit Gottes, -der Wahrhaftigkeit Christi, die sich irgendeinmal auf -der Erde doch verwirklichen wird, und die sich unversehrt -allein in unserem Glauben erhalten hat. Sie forderten -auf, erst Rußland kennen zu lernen und dann Folgerungen -zu ziehen. Doch damals waren – um die -Wahrheit zu sagen – keine Möglichkeiten vorhanden, -etwas von Rußland kennen zu lernen. Und wer konnte -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -denn damals etwas von Rußland wissen? Die Slawophilen -wußten, natürlich, hundertmal mehr als die -Westler – und das ist das Minimum –; doch auch sie -handelten fast nur tastend und tappend, apriorisch und -abstrakt, indem sie sich mehr auf ihren bloßen Instinkt -verließen. Irgend etwas kennen zu lernen ist erst in -den letzten zwanzig Jahren möglich geworden, doch – -wie viele wissen denn selbst jetzt etwas von Rußland? Es -ist viel, sehr viel, daß schon ein Anfang damit gemacht -worden ist. Trotzdem erhebt sich kaum eine wichtige -Frage, und alle sind sofort verschiedener Meinung bei -uns. Nun, und jetzt erhebt sich von neuem die Orientfrage: -Hand aufs Herz, wie viele sind ihrer und welche -sind es, – die fähig wären, in dieser Angelegenheit übereinzustimmen, -und wenn es sich auch nur um einen einzigen -Entschluß handelt? Und das noch in einer so wichtigen, -großen, in einer so verhängnisvollen und nationalen -Frage! Was Orientfrage! man denke doch bloß -an unsere hundert, unsere tausend inneren Tagesfragen: -– welch eine allgemeine Verwirrung, welche -unbeständigen Anschauungen, welch eine Ungewohntheit -zu handeln! Rußland wird inzwischen entwaldet, die -Gutsbesitzer und Bauern fällen mit wahrer Wut ihre -Bäume. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß -der Holzpreis auf ein Zehntel des früheren herabsinkt. -Noch bevor unsere Kinder groß werden, wird schon zehnmal -weniger Holz auf dem Markt sein. Was daraus -folgt, ist vielleicht unser Verderben. Doch versucht man -einmal, etwas von der Einschränkung der Rechte des -Waldfällens zu sagen, was bekommt man dann zu -hören? Von der einen Seite „staatliche und nationale -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -Notwendigkeit“ und von der anderen „Verletzung der -Eigentumsrechte“: zwei entgegengesetzte Begründungen. -Sofort bilden sich zwei Lager, und noch weiß man nicht, -in welches die liberale, alles entscheidende Meinung -treten wird. Und sind es wirklich nur zwei Lager? So -wird denn diese Frage noch lange unentschieden bleiben. -Einer der heutigen Liberalen hat versucht, einen Witz zu -reißen: jedes Übel, meinte er, habe auch sein Gutes, und -so müsse hinfort, wenn der ganze russische Wald abgeholzt -sei, wenigstens endgültig die Körperstrafe aufhören -– denn woher wollen die Landrichter Ruten -nehmen, wenn keine Wälder mehr da sind? Natürlich -ist das eine kleine Beruhigung, doch traut man auch ihr -nicht allzusehr: sind keine Bäume mehr vorhanden, so -bleiben doch noch Sträucher, oder man kann ja Ruten -aus dem Auslande beziehen. Neuerdings werden die -Juden Gutsbesitzer – und überall schreibt und schreit -man, daß sie den Boden Rußlands ruinieren, daß der -Jude sofort, nachdem er das Gut gekauft, um das Kapital -mit den Prozenten zurückzugewinnen, alle Kräfte und -Reichtümer des gekauften Landes aussaugt. Versucht -jemand, etwas dagegen zu sagen – so wird sofort von -allen Seiten losgeschrien, man verletze das Prinzip der -ökonomischen Freiheit und der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung! -Möge man doch wenigstens hierbei die -Gleichberechtigung aus dem Spiel lassen, da es sich in -erster Linie um den ausgesprochensten Talmud-<span class="antiqua">status -in statu</span> handelt; wenn hier nicht nur Aussaugung des -Bodens, sondern auch die Aussaugung unseres Bauern -droht, der nun, befreit vom Gutsbesitzer, in die Sklaverei -dieser neuen „Herren“ gerät, derselben, die aus dem -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -westrussischen Bauern schon alles gezogen, was aus ihm -noch zu ziehen war, die jetzt nicht nur Güter und Bauern -kaufen, sondern auch die liberale Meinung – und zwar -mit gutem Erfolg. Warum aber ist das alles so bei uns? -Warum diese Unentschlossenheit und diese Uneinigkeit -bei jedem Entschluß? Meiner Meinung nach kommt das -durchaus nicht von irgendeiner Unbegabtheit und Unfähigkeit -zur Tat, sondern von unserer fortdauernden -Unkenntnis Rußlands, seines Wesens, Sinnes und -Geistes, obgleich seit Belinski und den Slawophilen schon -zwanzig Jahre vergangen sind. Und es gibt sogar noch -einen anderen Grund: in diesen zwanzig Jahren ist die -Kenntnis Rußlands in Tatsachen und Einzelheiten weit, -weit fortgeschritten, – der russische Instinkt aber hat -sich verringert im Verhältnis zu früher. Der Grund -hierfür? Wenn nun die Slawophilen durch ihren russischen -Instinkt gerettet worden sind, so muß doch dieser -Instinkt auch in Belinski gewesen sein und sogar so stark, -daß die Slawophilen ihn für ihren besten Freund gehalten -haben! Hier lag aber ein großes Mißverständnis -von beiden Seiten vor. Nicht umsonst hat man einmal -von Belinski gesagt: „wenn er langer gelebt hätte, so -wäre er bestimmt zu den Slawophilen übergetreten“. -In diesen Worten war ein Gedanke. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-5-3-2"> -<span class="firstline">Das Ergebnis des Paradoxons</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -„Sie behaupten also,“ wird man mir sagen, „daß -jeder Russe, der sich in einen europäischen Kommunarden -verwandelt, allein schon dadurch sofort zum -russischen Konservativen wird?“ Nein, das zu <em>behaupten</em>, -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -wäre denn doch etwas zu gewagt. Ich -wollte nur bemerken, daß in dieser Idee, selbst wenn man -sie wörtlich nimmt, etwas Wahres liegt. Es ist vor -allen Dingen viel Unbewußtes dabei und meinerseits -vielleicht ein zu starker Glaube an den unvergänglichen -russischen Instinkt und an die Lebenszähigkeit des russischen -Geistes. Doch schön, schön, mag ich auch selbst -wissen, daß es ein Paradox ist, so will ich doch die -Folgerung aus ihm ziehen: das ist gleichfalls eine Tatsache, -eine Folgerung aus der Tatsache. Ich habe vorhin -gesagt, daß die Russen sich in Europa durch Liberalismus -auszeichnen, und daß sich ihrer wenigstens neun -Zehntel der Linken und äußersten Linken anschließen, sobald -sie nur mit Europa in Berührung kommen ... vielleicht -sind es auch nicht neun Zehntel: auf der Zahl will -ich nicht bestehen. Ich bestehe nur darauf, daß es unvergleichlich -mehr liberale Russen gibt, als unliberale. Doch -haben wir natürlich auch solche. Tatsächlich gibt es, und -hat es immer gegeben, Russen – die Namen einiger von -ihnen sind weltberühmt –, die nicht nur die europäische -Kultur nicht verneint, sondern, im Gegenteil, sie dermaßen -angebetet haben, daß sie schon ihren letzten -russischen Instinkt verloren, ihre russische Persönlichkeit -und ihre Muttersprache, Russen, die ihre Heimat gewechselt -und, wenn sie auch nicht zu fremden Völkern -übertraten, so doch ganze Generationen hindurch in -Europa blieben. Tatsache ist nun, daß alle diese Russen, -im Gegensatz zu den liberalen, im Gegensatz zu deren -Atheismus und Kommunismus, sich alsbald zur Rechten -und äußersten Rechten geschlagen haben und echte -europäische Konservative geworden sind. -</p> - -<p> -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -Viele von ihnen haben ihren Glauben gewechselt und -sind zum Katholizismus übergetreten. Sind das nicht -echte Konservative, ist das nicht schon die äußerste -Rechte? Sie sind Konservative in Europa und umgekehrt -– die vollkommensten Verneiner Rußlands geworden. -Sie werden zu Zerstörern, zu Feinden Rußlands! -Da sieht man, was das heißt, sich aus einem -Russen in einen Europäer verwandeln, sich zum „wahren -Sohn der Zivilisation“ machen, – eine bemerkenswerte -Tatsache, die zweihundert Jahre Experiment uns gegeben -haben. Daraus folgt, daß der Russe, der wirklich -Europäer wird, nicht anders kann, als zu gleicher Zeit -auch der natürliche Feind Rußlands werden: War es -das, was die wollten, die „das Fenster durchbrachen“? -Hatten sie das im Auge? Und so bekamen wir zwei -Typen des zivilisierten Russen: den Europäer Belinski, -der zu gleicher Zeit Europa verneinte und sich im höchsten -Grade als Russe erwies, und den echten, altadligen -russischen Fürsten Gagarin, der es, nachdem er Europäer -geworden, für notwendig befand, nicht nur zum Katholizismus -überzutreten, sondern auch noch gleich unter die -Jesuiten zu gehen. Wer ist von beiden der größere -Feind Rußlands? Wer ist mehr Russe geblieben? Und -bekräftigt nicht dieses zweite Beispiel von der äußersten -Rechten mein voriges Paradox, daß die russischen europäischen -Sozialisten und Kommunarden – vor allen -Dingen keine Europäer sind und zum Schluß echte, -prächtige Russen werden, sobald das Mißverständnis -sich aufklärt und sie ihr Land kennen lernen! Und -zweitens, daß kein einziger Russe ernstlich Europäer -wird, wenn er nur noch ein bißchen, wenn auch nur verschwindend -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -wenig, Russe bleibt! Ist dem aber so, – -dann muß folglich auch Rußland etwas vollkommen -Selbständiges und Besonderes sein, etwas, das Europa -nicht im geringsten gleicht. Ja, und Europa selbst ist -vielleicht gar nicht im Unrecht, wenn es die Russen -tadelt und über ihr Revolutionärtum lacht: „Wir sind -also Revolutionäre nicht nur für die Zerstörung, dort, -wo nicht wir gebaut haben, nicht wie die Hunnen und -Tataren, sondern für irgend etwas anderes, das wir -bis jetzt selbst noch nicht wissen – die aber, die es wissen, -behalten es für sich. Kurz, wir sind – Revolutionäre -aus irgendeiner eigenen Notwendigkeit heraus, sozusagen -Revolutionäre aus Konservativismus ...“ -</p> - -<p> -Doch all das sind Übergangsstadien, wie ich schon -gesagt habe, all das ist nebensächlich und liegt abseits – -heute wenigstens, da sich die ewig unbeantwortete -Orientfrage wieder erhoben hat. -</p> - -<h4 class="section" id="UTOPISCHE"> -<span class="firstline">Utopische Geschichtsauffassung</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -In diesen ganzen hundertfünfzig Jahren nach Peter -dem Großen haben wir nichts anderes getan, als die -Gemeinschaft mit allen nur möglichen menschlichen -Zivilisationsformen zu erwerben versucht, durch die -Teilnahme an der Geschichte und durch die Bekanntschaft -mit den Idealen aller Völker. Zuerst haben wir uns gezwungen -und dann haben wir uns gewöhnt, die Franzosen -zu lieben, die Deutschen und all die anderen gleichfalls, -als ob das unsere Brüder gewesen wären, ganz -abgesehen davon, daß sie uns nie geliebt haben und wohl -auch willens sind, uns hinfort nicht zu lieben. Doch -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -darin bestand ja unsere Reform, die ganze Tat Peters -des Großen: sie hat in anderthalb Jahrhunderten unseren -Blick erweitert, – eine Tatsache, die vielleicht noch bei -keinem Volk, weder in der alten noch in der neuen Geschichte, -vorgekommen ist. Das Rußland vor Peter war -tätig und festgefügt, wenn es sich auch politisch langsam -entwickelte. Es hatte sich zur Einheit herausgearbeitet -und schickte sich an, seine Grenzen zu befestigen, und bei -sich wußte es, daß es einen Schatz in sich trug, wie es -keinen zweiten in der Welt mehr gibt – die Rechtgläubigkeit; -wußte, daß es der Hüter der Wahrheit -Christi ist, wirklich der gewißlichen Wahrheit, des wahrhaften -Ebenbildes Christi, das sich in allen anderen -Glaubensformen und bei allen anderen Völkern verdunkelt -hat. Dieser Schatz, diese ewige, in Rußland -gegenwärtige Wahrheit, deren Aufbewahrung uns als -Aufgabe zugefallen, befreite geradezu das Gewissen der -besten damaligen Russen (nach ihrer eigenen Meinung) -von der Pflicht, sich um das Wissen anderer Völker zu -kümmern. Ja, in Moskau kam man sogar zu der Überzeugung, -daß jede engere Berührung mit Europa schädlich -und demoralisierend auf das russische Gemüt und auf -die russische <em>Idee</em> wirken, die Rechtgläubigkeit selbst -entstellen und Rußland auf den Weg des Verderbens -bringen könnte, „nach dem Beispiel aller anderen -Völker“. So schickte sich denn das alte Rußland in seiner -Abgeschlossenheit an, <em>Unrecht zu tun</em>, – Unrecht -an der Menschheit, indem es sich dafür entschied, ratlos -seinen Schatz, seine Rechtgläubigkeit bei sich zu behalten -und sich von Europa, d. h. von der Menschheit, abzuschließen, -– in der Art unserer Sektierer, die mit niemandem -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -aus einer Schüssel essen, sondern es für eine heilige -Pflicht halten, daß ein jeder sich eine besondere Tasse -und einen besonderen Löffel anschafft. Dieser Vergleich -stimmt buchstäblich, denn vor Peter waren unsere politischen -wie geistigen Beziehungen zu Europa von derselben -Art. Seit der Reform Peters jedoch gewannen -wir die beispiellose Erweiterung des Blicks, – und -darin, wiederhole ich, besteht die ganze Größe der Tat -unseres „Ehernen Reiters“. Dieses ist der Schatz, den -wir, die obere kultivierte Schicht Russen, nach einer -anderthalb Jahrhunderte langen Abwesenheit aus -unserem eigenen Lande dem Volke bringen, und den das -Volk, nachdem wir uns selber vor seiner Wahrheit gebeugt, -von uns annehmen muß, <span class="antiqua">sina qua non</span>, -„widrigenfalls die Vereinigung beider Schichten sich als -unmöglich erweisen und alles untergehen wird.“ -</p> - -<p> -Was ist das nun für eine „Erweiterung des Blicks“, -worin besteht sie und was für eine Bedeutung hat sie? -</p> - -<p> -Das ist nicht die Aufklärung oder Erleuchtung im -eigentlichen Sinne des Wortes, auch nicht die Wissenschaft, -es ist auch kein Verrat an den russischen moralischen -Grundsätzen im Namen der europäischen Kultur. -Nein, das ist etwas, was einzig dem russischen Volke -eigen ist: denn eine ähnliche Reform hat es nirgends und -noch niemals gegeben. Das ist unsere wirklich und in -der Tat fast brüderliche Liebe zu den anderen Völkern, -eine Liebe, die wir in anderthalb Jahrhunderten Berührung -mit ihnen uns erworben haben. Das ist unser -Bedürfnis, der ganzen Menschheit zu dienen, zuweilen -sogar zum Nachteil der eigenen, wichtigsten und nächsten -Interessen; das ist unsere Aussöhnung mit ihren Kulturen, -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -unser Begreifen und <em>Verzeihen</em> ihrer Ideale, -selbst dann, wenn sie sich mit den unsrigen nicht vertragen. -Das ist unsere Fähigkeit, die wir uns selbst anerzogen -haben, in jeder der europäischen Kulturen, oder -richtiger, in jeder europäischen Persönlichkeit die in ihr -enthaltene Wahrheit zu entdecken, sogar ungeachtet alles -dessen, womit wir grundsätzlich nicht übereinstimmen -können. Das ist endlich das Bedürfnis, in erster Linie – -gerecht zu sein und nur die Wahrheit zu suchen. Mit -einem Wort, das ist vielleicht gerade der Anfang, der -erste Schritt dieser aktiven Anwendung unseres Schatzes, -unserer Rechtgläubigkeit, zum Dienste der ganzen -Menschheit – wozu sie ja bestimmt ist und was ihr wirkliches -Wesen ausmacht. Auf diese Weise hat die Reform -Peters die Erweiterung unserer <em>früheren Idee</em> -bewirkt, unserer alten russisch-moskowitischen Idee: wir -bekamen ein vervielfachtes und verstärktes Verständnis -für dieselbe: wir erkannten unsere Weltbestimmung, -unsere Persönlichkeit und unsere Rolle in der Menschheit, -übersahen aber, daß diese Bedeutung und diese Rolle -grundverschieden sind von denen der anderen Völker; -denn dort lebt jede nationale Persönlichkeit einzig für -sich und in sich, wir aber werden, wenn unsere Zeit -kommt, gerade damit beginnen, daß wir die Diener Aller -werden, um der allgemeinen Versöhnung willen. Das -ist durchaus nicht schmählich für uns, im Gegenteil, es -ist unsere Größe, denn es führt zur endgültigen Vereinigung -der Menschheit. Wer der Höchste im Reiche -Gottes sein will, – der werde der Diener Aller. So -verstehe ich die russische Prädestination <em>in ihrem -Ideal</em>. -</p> - -<p> -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -Der erste Schritt unserer neuen Politik nach Peter -spezifizierte sich denn auch ganz von selbst: dieser erste -Schritt lag in dem Plan, das ganze Slawentum unter -den Flügeln Rußlands zu vereinigen. Und diese Vereinigung -nicht etwa zur Aneignung fremden Besitzes, -nicht zur Vergewaltigung, nicht zur Vernichtung der einzelnen -slawischen Völkerpersönlichkeiten durch den russischen -Koloß, sondern um sie zu erneuen und in das -ihnen zustehende Verhältnis zu Europa und zur Menschheit -zu bringen, ihnen endlich die Möglichkeit zu geben, -friedlich leben zu können und sich nach ihren unzähligen, -jahrhundertelangen Leiden zu erholen, um sich im gemeinsamen -Geiste zu versammeln und, nachdem man -seine neue Kraft gefühlt, auch sein Scherflein in die -Schatzkammer des menschlichen Geistes zu bringen, auch -sein Wort in der Kultur zu sagen. Oh, natürlich, man -kann ja über diese meine „Illusionen“ von russischer Prädestination -lachen soviel man will, doch bitte ich wenigstens -eines sagen zu dürfen: wünschen etwa nicht alle -Russen die Befreiung und Erhebung der Slawen gerade -auf dieser Basis, gerade für deren volle persönliche Freiheit -und die Auferstehung ihres Geistes, und durchaus -<em>nicht</em>, um sie für Rußland <em>politisch</em> zu gewinnen -und durch sie Rußland <em>politisch</em> zu verstärken, wie -es einstweilen Europa argwöhnt? Das ist doch so, nicht -wahr? Dann aber sind doch meine „Illusionen“ zum -Teil schon gerechtfertigt? Freilich versteht es sich von -selbst, daß zu diesem selben Zweck Konstantinopel – -früher oder später doch unser werden muß ... -</p> - -<p> -Herrgott, wie spöttisch ein Österreicher oder Engländer -lächeln würde, wenn er diese ausgedachten „Illusionen“ -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -lesen könnte und plötzlich solch eine <em>positive</em> -Folgerung fände! -</p> - -<p> -„Konstantinopel, das Goldene Horn, der erste politische -Punkt der Welt! – das soll keine politische Eroberung -sein!?“ -</p> - -<p> -Ja, das Goldene Horn und Konstantinopel – all -das wird dereinst unser sein, doch nicht um der Eroberung -und der Vergewaltigung willen, antworte ich. -Und vor allen Dingen: das wird ganz von selbst geschehen, -wenn die Zeit dazu kommt. Es ist der natürliche -Ausgang der Balkanfragen. Wenn es bis jetzt -noch nicht geschehen ist, so war eben die Zeit noch nicht -gekommen. In Europa glaubt man an irgendein „Testament -Peters des Großen“. Das ist nichts weiter als -ein von Polen geschriebenes, untergeschobenes Papier. -Doch wenn Peter auch der Gedanke gekommen wäre, anstatt -Petersburg zu gründen, Konstantinopel zu erobern, -so hätte er doch diesen Gedanken aufgegeben: selbst dann, -wenn er die Macht gehabt hätte, den Sultan zu vernichten -– denn damals wäre das unzeitgemäß gewesen -und hätte sogar Rußlands Verderben sein können. -</p> - -<p> -Schon in dem finnischen Petersburg sind wir dem -Einfluß der benachbarten Deutschen nicht entronnen, -– wenn er auch nützlich gewesen ist, so hat er doch die -russische Entwicklung, bevor sie ihren rechten Weg fand, -ungemein gelähmt, – wie hätten wir dann in Konstantinopel, -der großen, eigenartigen Stadt, mit den Resten -der ältesten und mächtigsten Kultur, dem Einfluß der -Griechen entrinnen können, dieser unvergleichlich „geschliffeneren“ -Menschen, als es die rauhen, uns vollkommen -unähnlichen Deutschen sind, dem Einfluß dieser -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -Menschen, die bedeutend mehr Berührungspunkte mit -uns haben, dieser zahlreichen höfischen Griechen, die sofort -den Thron umringt hätten und viel früher als die -Russen gelehrt und gebildet geworden wären, die unseren -Peter selber, nicht nur seine Nachfolger, bezaubert -hätten, schon allein durch ihre Kenntnis der Schiffahrt, -– seiner schwachen Seite –?? Kurz, sie hätten -Rußland politisch erobert, hätten es, wieder auf irgendeinen -neuen asiatischen Weg gelockt, nun, und dem wäre -natürlich das damalige Rußland nicht gewachsen gewesen. -Seine russische Kraft und Nationalität wären -in ihrer Entwicklung unterbrochen worden. Der mächtige -Großrusse wäre abseits in seinem dunklen schneeigen -Norden geblieben und hätte nur als Material für -die Zarenstadt gedient, und vielleicht würde er es zum -Schluß sogar überflüssig gefunden haben, ihr noch weiter -zu folgen. Der Süden Rußlands aber wäre den Griechen -anheimgefallen. Ja, vielleicht hätte sich sogar die -Rechtgläubigkeit selber in zwei Welten geteilt: in die -südlich-zaristische und die nördlich-altrussische ... Kurz, -die Sache wäre im höchsten Grade unzeitgemäß gewesen. -Jetzt aber ist es etwas ganz anderes. -</p> - -<p> -Jetzt ist Rußland schon in Europa gewesen und ist -nicht mehr so unwissend wie damals. Die Hauptsache -aber – es hat seine ganze Kraft erkannt und ist wirklich -stark geworden; und außerdem weiß es jetzt, wodurch -es dereinst am stärksten sein wird. Jetzt weiß -es, daß Konstantinopel uns gehören kann, auch ohne dabei -die Hauptstadt zu sein; vor zweihundert Jahren aber, -da hätte Peter nach der Eroberung von Byzanz nicht umhingekonnt, -dorthin seine Residenz zu verlegen, was das -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -Verderben Rußlands gewesen wäre – denn Byzanz ist -nicht Rußland und kann auch niemals Rußland werden. -Angenommen aber, daß Peter diesen Fehler nicht begangen -hätte, so wären doch bestimmt seine Nachfolger -dorthin gezogen. Wenn aber Byzanz heute unser wird, -so wird es deshalb noch nicht Rußlands Hauptstadt und -somit auch nicht die Hauptstadt des Panslawismus, wie -einige träumen. Der Panslawismus ohne Rußland -wird sich im Kampf mit den Griechen entkräften, selbst -dann, wenn er aus seinen Teilen irgend etwas politisch -Ganzes bilden könnte. Daß aber die Griechen allein -Byzanz erben, ist jetzt schon unmöglich: einen so wichtigen -Punkt der Erde kann man ihnen nicht abtreten, -das wäre denn doch etwas zuviel für sie. Der Panslawismus -aber mit Rußland an der Spitze – oh, -der ist natürlich etwas ganz anderes! Aber ist dieses -Andere auch etwas Gutes, fragt es sich? Und würde das -nicht wie ein Einstecken der Slawen aussehen, was wir -durchaus nicht nötig haben? Also im Namen wessen, -im Namen welches <em>moralischen</em> Rechtes könnte -denn Rußland Konstantinopel begehren? Auf welche -höheren Ziele gestützt, könnte es Byzanz von Europa -fordern? Nur als Führer der Rechtgläubigkeit, als ihr -Beschützer und Erhalter – in der Rolle, die ihm schon -seit Iwan III.<a class="fnote" href="#footnote-23" id="fnote-23">[23]</a> zusteht: zum Zeichen dessen hat dieser -den zweiköpfigen byzantinischen Adler über das alte -Wappen Rußlands gestellt, wenn Rußland dieser Führer -auch erst seit Peter dem Großen wirklich geworden ist, -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -als es die Kraft in sich fühlte, seine Bestimmung zu erfüllen, -und in der Tat der einzige wahrhafte Beschützer -und Erhalter der Rechtgläubigkeit, wie der ihr angehörigen -Völker wurde. Dieser Grund, dieses <em>Recht</em> -auf das alte Byzanz, wäre selbst den auf ihre Unabhängigkeit -eifersüchtigsten Slawen und sogar den Griechen -verständlich und hätte nichts Kränkendes für sie. -Damit würde sich das wirkliche Wesen dieser politischen -Beziehungen selbst zu erkennen geben, Beziehungen, die -sich unfehlbar in Rußland zu allen übrigen rechtgläubigen -Völkern herstellen müssen – ob Slawen oder Griechen, -bleibt sich gleich. Rußland ist ihre Beschützerin und -vielleicht sogar ihre Führerin, doch nicht ihre Herrscherin. -Sollte Rußland aber einmal ihre Zarin werden, so wird -das nur auf ihre eigene Wahl hin geschehen können, mit -der Aufrechterhaltung alles dessen, was sie selbst zur -Sicherung ihrer Unabhängigkeit und Selbständigkeit -und Eigenart bestimmen ... so daß zu solch einem Vaterlande -auch die nicht rechtgläubigen Slawen werden hinzutreten -können, denn sie würden selbst sehen, daß die -Vereinigung unter dem Schutze Rußlands nur eine -Sicherstellung der unabhängigen Persönlichkeit eines -jeden ist, da sie ohne diese große, vereinende Kraft sich -vielleicht wieder in Streitigkeiten untereinander entkräften -würden, selbst wenn sie einmal von Muselmännern -oder Europäern, denen sie jetzt gehören, politisch unabhängig -werden sollten. -</p> - -<p> -Wozu mit Worten spielen, wird man mir sagen: -was ist das, diese „Rechtgläubigkeit“? und worin liegt -hier eine so besondere Idee, solch ein besonderes Recht -auf die Vereinigung der Völker? Ist das nicht ganz -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -ebensolch ein politischer Verband wie alle übrigen, -wenn auch auf den breitesten Grundlagen, in der Art -der Vereinigten Staaten Amerikas vielleicht, oder womöglich -auf noch breiteren? -</p> - -<p> -Ich werde diese Frage sofort beantworten. -</p> - -<p> -Nein, es wird nicht dasselbe sein, und es ist auch -kein Spiel mit Worten, sondern hierdurch wird <em>wirklich</em> -etwas Besonderes und noch nicht Dagewesenes geschehen. -Es wird nicht nur eine politische Vereinigung -sein und noch weniger eine politische Aneignung oder -Vergewaltigung, – wie Europa es sich nicht anders -denken kann; und nicht im Namen eines Krämerwesens, -oder persönlicher Vorteile und der ewigen, immer gleichen -vergötterten Laster unter dem Schein des offiziellen -Christentums, an das in Wirklichkeit niemand mehr -außer dem <em>Pöbel</em> glaubt. Nein, hierdurch soll die -Wahrheit Christi zur Wirklichkeit werden, diese Wahrheit, -die einzig im Osten noch erhalten wird, die wirkliche, -neue Herrschaft Christi und die Verkündung des -endgültigen Wortes der Rechtgläubigkeit, deren Haupt -schon längst Rußland ist. Das wird ja das Ärgernis -sein für alle Starken dieser Welt, die bis jetzt hienieden -triumphiert haben, die immer auf ähnliche „Erwartungen“ -mit Verachtung und Spott herabgesehen und -nicht einmal begreifen können, wie man ernstlich an die -Brüderlichkeit der Menschen, an die Allversöhnung der -Völkerschaften glauben kann, an einen Bund, der auf der -Basis der Alldienstbarkeit der Menschheit gegründet ist, -und endlich selbst an die Erneuerung der Menschen auf -Grund der wahrhaften Lehre Christi. Ist aber der -Glaube an dieses „neue Wort“, das Rußland als -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -Haupt der vereinten Rechtgläubigkeit der Welt sagen -kann, eine „Utopie“, die nur des Spottes wert ist, -so möge man auch mich zu diesen Utopisten rechnen, -und den Fluch der Lächerlichkeit will ich dann gerne -tragen. -</p> - -<p> -„Schon das allein ist Utopie,“ wird man vielleicht -noch einwenden, „daß man Rußland irgendeinmal einfach -<em>erlauben</em> werde, an die Spitze der Slawen zu -treten und in Konstantinopel einzuziehen. Man kann ja -nicht verbieten, sich Illusionen zu machen, doch bleiben -es immerhin Illusionen.“ -</p> - -<p> -Ist das wirklich so? Doch abgesehen davon, daß -Rußland stark ist und vielleicht noch viel stärker, als -es selbst ahnt, ganz abgesehen davon – waren es nicht -unsere eigenen Augen, die noch in den letzten Jahrzehnten -zwei riesige, Europa beherrschende Mächte sich aufrichten -sahen, von denen die eine in Staub und Schutt -zusammenbrach, in einem Tage vom Sturme Gottes -hinweggefegt, und an deren Stelle sich ein neues Reich -erhob, dem ein an Kraft ähnliches, sollte man meinen, -die Erde noch nicht getragen hat? Und wer hätte das -voraussehen können? Wenn aber solche Veränderungen -möglich sind, schon in unseren Tagen und vor unseren -Augen, wie kann dann der menschliche Verstand vollkommen -und buchstäblich das Schicksal des Ostens weissagen -wollen? Wer hat wirklich Ursache, in der Hoffnung -auf die Auferstehung und Einigung der Slawen -zu verzagen? Unbekannt sind uns Menschen die Wege -Gottes allzeit gewesen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-4"> -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -Foma Daniloff, der zu Tode gemarterte -russische Held -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-5-4-1"> -<span class="firstline">Foma Daniloff</span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> ist jetzt<a class="fnote" href="#footnote-24" id="fnote-24">[24]</a> wohl ein Jahr her, daß die Zeitungen -die Nachricht brachten von dem Märtyrertode des Unteroffiziers -des 2. Turkistanischen Schützenbataillons, -Foma Daniloff. Er war in die Gefangenschaft der -Kiptschaken geraten und von ihnen in Magelan nach -vielen raffinierten Foltern endlich am 21. November -barbarisch umgebracht worden, weil er nicht in ihren -Dienst und zum Mohammedanismus hatte übertreten -wollen. Der Chan selber hat ihm Belohnungen, seine -Gunst und alle möglichen Ehren versprochen, wenn er -eingewilligt hätte, Christus zu verleugnen. Daniloff -aber hat geantwortet, daß er das Kreuz nicht verraten -könne und als Untertan des Zaren, wenn auch in der -Gefangenschaft, seine Pflicht dem Zaren und dem -Christentum gegenüber erfüllen müsse. Seine Peiniger -haben sich über die Kraft seiner Seele gewundert und ihn -einen Helden genannt. -</p> - -<p> -Damals rief diese Nachricht, wenn sie auch von -allen Zeitungen mitgeteilt wurde, doch kein besonderes -Interesse in der Gesellschaft hervor; ja, selbst die Blätter, -die sie nur wie eine gewöhnliche Tagesneuigkeit brachten, -fanden es nicht für nötig, sich noch <em>besonders</em> darüber -zu verbreiten. Darauf kamen die slawische Bewegung, -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -Tschernjäjeff<a class="fnote" href="#footnote-25" id="fnote-25">[25]</a>, die Serben und manches andere. -Es kamen Spenden und Freiwillige, und der gefolterte -Foma geriet in völlige Vergessenheit – das -heißt in den Zeitungen. Erst kürzlich hörten wir wieder -etwas von ihm, oder vielmehr von seiner Familie, nach -der der Gouverneur von Samara inzwischen geforscht -hatte. Daniloff hat eine 27jährige Frau, Jewrossinja, -und eine sechsjährige Tochter, Ulita, in ärmlichen Verhältnissen -zurückgelassen. Eine Sammlung für sie ergab -1320 Rubel, von denen 600 für die Tochter bis zu ihrer -Mündigkeit verzinst werden sollen, während den Rest -die Mutter erhält; außerdem hat eine Schule die kleine -Ulita als Stipendiatin aufgenommen. Bald darauf benachrichtigte -dann der Chef des Generalstabes den Gouverneur -von Samara, daß nach Allerhöchster Bestimmung -der Witwe eine lebenslängliche Pension von -120 Rubel jährlich ausgezahlt werden solle. Und nun – -wird die Sache wahrscheinlich wieder vergessen werden, -besonders in Anbetracht der gegenwärtigen Aufregungen, -politischen Befürchtungen, der schwebenden Fragen, -Krachs usw. -</p> - -<p> -Oh, ich will durchaus nicht behaupten, daß unsere -Gesellschaft sich zu dieser ungewöhnlichen Tat gleichgültig, -wie zu einem nicht beachtenswerten Geschehnis, -verhalten hätte! Tatsache ist nur, daß darüber wenig -gesprochen worden ist, oder richtiger, daß niemand davon -als von etwas <em>Besonderem</em> gesprochen hat. -Übrigens, vielleicht hat man es auch irgendwo getan, -bei Kaufleuten, bei Geistlichen zum Beispiel, nicht aber -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -in der „Gesellschaft“, nicht in den Kreisen unserer „Intelligenz“. -Das Volk natürlich wird diesen großen Tod -nicht vergessen. Dieser Held hat Qualen für Christus -erduldet und ist ein großer Russe gewesen: das versteht -das Volk zu schätzen, und solche Taten vergißt es nie. -Und doch ist es mir, als hörte ich schon einige mir so -wohlbekannte Stimmen sagen: „Tja, das ist allerdings -Kraft, Stärke, und wir erkennen sie ja auch an, aber – -es ist doch immer eine blinde, sagen wir wie das Volk: -eine ‚dunkle‘ Kraft, die sich in etwas allzu vorsintflutlicher -Gestalt geoffenbart hat, und darum – was hätten -wir da als etwas <em>Besonderes</em> besprechen sollen? -Nicht von unserer Welt ist das. Eine ganz andere Sache -aber ist Kraft, die sich intellektuell, die sich bewußt zeigt. -Es gibt noch andere Dulder und andere Kräfte, es gibt -auch Ideen, die unvergleichlich höher sind – die kosmopolitische -Idee zum Beispiel ...“ -</p> - -<p> -Doch trotz dieser vernünftigen und „intellektuellen“ -Stimmen scheint es mir erlaubt und verzeihlich, etwas -<em>Besonderes</em> auch über Daniloff zu sagen. Ja, ich -glaube sogar, daß es selbst unsere Intelligenz nicht gar -so sehr erniedrigen würde, wenn sie sich etwas aufmerksamer -zu dieser Tat verhalten hätte. Mich, zum Beispiel, -wundert am meisten, daß sich damals nirgendwo -Verwunderung geäußert hat, – gerade Verwunderung. -Ich rede nicht vom Volke: dort ist Verwunderung nicht -nötig, und darum wird es sich auch in diesem Falle nicht -gewundert haben: die Tat Daniloffs kann ihm nicht ungewöhnlich -erscheinen, schon allein wegen des großen -Glaubens unseres Volkes an sich selber nicht. Seine -Antwort auf diese Heldentat wird nur ein mächtiges -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -Gefühl und eine tiefe Rührung sein. Sollte aber etwas -Ähnliches in Europa geschehen, ich meine, ein solcher Beweis -von Mut und Größe, sei es bei den Engländern, -bei den Franzosen oder bei den Deutschen, so würde der -Ruhm des betreffenden Helden über die ganze Welt hin -erschallen. Nein, hört mal, wißt ihr auch, wie mir -dieser „dunkle“, unbekannte Soldat des Turkistanischen -Bataillons vorkommt? Ja, der ist doch – der ist doch -das Symbol ganz Rußlands, unseres ganzen volklichen -Rußlands, das wahrhafteste Abbild dieses selben Rußlands, -dem unsere Zyniker und Allwissenden jetzt schon -jeden Geist abstreiten, wie jede Möglichkeit der Erhebung -und Offenbarung eines großen Gedankens oder -großen Gefühls. Hört mal, ihr seid ja gar nicht diese -Zyniker. Ihr seid ja im ganzen nur intellektuell-europäisierte -Russen, das heißt, im Grunde die gutmütigsten -Leute! Auch ihr, nicht wahr, leugnet doch nicht, daß -unser Volk im vergangenen Sommer stellenweis ungewöhnliche -Geisteskraft bewiesen hat: viele Bauern verließen -bekanntlich ihre Häuser und Kinder und gingen -hin, um für den Glauben zu sterben, für die bedrückten -Brüder, – weiß Gott wohin und weiß Gott mit welchen -Mitteln, ganz genau so, wie einst vor neun Jahrhunderten -in Europa die ersten Kreuzfahrer auszogen, – diese -selben Kreuzfahrer, deren Wiedererscheinen manch einer -unserer Intellektuellen für fast lächerlich und beleidigend -halten würde, „in unserem,“ wie er sagt, „Jahrhundert -des Fortschritts, der positiven Aufgaben usw.“ Schön, -mag diese unsere Bewegung im vorigen Sommer auch -nach eurer Meinung blind und sogar „nicht recht gescheit“ -gewesen sein, sozusagen „kreuzfahrerisch“, so könnt -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -ihr doch nicht leugnen, wenn ihr nur ein wenig größer -schaut, daß es eine überzeugungsvolle und großmütige -Bewegung gewesen ist. Eine mächtige Idee erwachte -und erweckte und zog vielleicht Hunderttausend, vielleicht -Millionen Seelen mit einem Schlage aus der Gleichgültigkeit, -dem Zynismus und dem Schmutz, in dem sie -sich bis dahin gewälzt. Wie ihr wißt, hält man unser -Volk bis jetzt noch, wenn auch für gutmütig und geistig -sogar sehr begabt, doch für eine dunkle, elementare, -erkenntnislose Masse, die ohne Ausnahme Lastern und -Vorurteilen ergeben und fast durchweg sittenlos ist. -Nun aber erdreiste ich mich, etwas auszusprechen, das -man, wenn man will, ein Axiom nennen kann, und zwar: -Um über die sittliche Kraft eines Volkes und darüber, -zu was es in Zukunft fähig sein kann, zu urteilen, muß -man nicht den Grad der Verderbnis, bis zu der es -sich zeitweilig und womöglich in seiner Mehrzahl -selbst erniedrigt, in Betracht ziehen, sondern nur die -Geisteshöhe, bis zu der es sich wird emporschwingen -können, wenn die Zeit dazu gekommen sein wird. Denn -Verderbnis ist nur ein temporäres Unglück und hängt -so gut wie immer von den vorhergehenden und vorübergehenden -Umständen ab, von der Sklaverei, der Unterdrückung, -Verrohung; die Gabe aber der Großmut ist -ewig, elementar, ist eine Gabe, die mit dem Volke -geboren wird und um so höher zu ehren ist, wenn sie -durch Jahrhunderte der Sklaverei, des Unglücks und der -Armut sich trotzdem im Herzen dieses Volkes unverletzt -erhalten hat. -</p> - -<p> -Foma Daniloff war dem Ansehen nach vielleicht -eines der allergewöhnlichsten und unauffälligsten Exemplare -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -des russischen Bauern, so unauffällig wie das russische -Volk selber. – Oh, viele haben dieses Volk überhaupt -noch nicht bemerkt! – Möglich, daß er seinerzeit -nicht ungern ohne Arbeit war und ein Gläschen trank, -möglich, daß er nicht einmal viel betete, wenn er auch -natürlich seinen Gott nie vergaß! Und plötzlich befiehlt -man ihm nun, seinen Glauben zu ändern, – unter Androhung -des Märtyrertodes! Dabei nicht zu vergessen, -was das für eine Folter ist, diese asiatische Folter! Vor -ihm sitzt der Chan in eigener Person und verheißt ihm -seine Gnade und alles Schöne. Und Daniloff begreift -nur zu gut, daß seine Weigerung den Mächtigen unbedingt -reizen wird und es die Eigenliebe der Kiptschaken -kränken muß, daß „ein Christenhund es wagt, den Islam -so zu verachten“. Doch trotz allem, was ihn erwartet, -nimmt dieser unansehnliche russische Mensch die grausamen -Qualen auf sich und stirbt, seine Peiniger in Erstaunen -setzend. Wißt ihr auch, daß von uns kein einziger -das getan hätte? Vor aller Augen leiden, mag zuweilen -sogar angenehm sein, hier aber ging doch die -Qual ganz weltfern vor sich, in einem stummen Winkel: -keiner sah ihn; und Foma selber konnte nicht wissen, daß -seine Tat über das ganze Land der Russen hin bekannt -werden würde. Ich glaube, gar manchen großen Märtyrern, -sogar solchen aus den ersten Jahrhunderten des -Christentums, gereichte es, wenn sie das Kreuz auf sich -nahmen, nicht wenig zum Trost und zur Erleichterung, -sich sagen zu können, daß ihr Tod den Zaghaften und -Schwankenden ein Beispiel sei und noch mehr Jünger -für Christus werben werde. Foma Daniloff konnte -selbst diesen großen Trost nicht haben: er war allein -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -unter seinen Henkern – niemand, mußte er sich sagen, -würde erfahren, was mit ihm geschah. Er war noch -jung und hatte Weib und Kind in der Heimat, – niemals -würde er sie wiedersehen – doch sei es! „Wo ich -auch bin, gegen mein Gewissen kann ich nicht handeln; -ich wähle den Märtyrertod,“ – Wahrheit um der Wahrheit -willen und nicht zum Ruhme! Und weder Lug noch -Trug noch sophistisches Spiel mit dem eigenen Gewissen: -„Werde den Islam einfach zum Schein annehmen, errege -lieber keinen Anstoß, es wird ja doch niemand sehen, -später kann ich ja Buße tun, das Leben ist lang, werde -der Kirche spenden, Gutes tun ...“ Nichts davon war -in ihm, sondern nur wundernehmende, uranfängliche, -elementare Ehrlichkeit. Nein, ich glaube nicht, daß -wir ebenso gehandelt hätten! -</p> - -<p> -Doch das sind wir, – aber für unser Volk, wiederhole -ich, hat die Heldentat Daniloffs vielleicht sogar -nicht das geringste Verwunderliche. Das ist es ja, daß -hier geradezu ein Symbol des russischen Volkes geboten -wird, eine ganze Darstellung unseres Volkes: deswegen -berührt dieser Tod mich so nah und auch euch, natürlich -auch euch! Gerade so liebt unser Volk die Wahrheit -nur um der Wahrheit willen und nicht um des Ruhmes -willen. Möge es auch noch so roh und gemein und -sündig und unscheinbar sein; doch laßt nur seine Zeit -kommen, laßt nur die Zeit der Volkswahrheit anbrechen, -so werdet auch ihr erstaunen über seine Geistesfreiheit, -die seine Größe dann vor dem Joch des Materialismus, -der Leidenschaften, der Geld- und Habgier, und sogar -unter Androhung des grausamsten Foltertodes, beweisen -wird. Und all das wird es einfach, ohne Phrasen und -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -Gesten tun, nur fest in seiner Überzeugung, ohne Belohnung -oder Lob zu verlangen, ohne mit seiner Tat zu -prahlen: „Woran ich glaube, das bekenne ich auch.“ -</p> - -<p> -Wißt, man muß die Wahrheit nicht zu umgehen -suchen: ich glaube, daß wir solch ein Volk nichts mehr -lehren können. Das ist ein Sophismus, versteht sich, -doch kommt er einem zuweilen unwillkürlich in den Sinn. -Oh, natürlich, wir sind gebildeter als das Volk, aber -<em>was</em> sollen wir es denn lehren – fragt es sich! Ich -rede hier nicht von den Handwerken, nicht von der Technik, -nicht von der Mathematik, – das werden ihm auch -die zugereisten Deutschen schon für Lohn beibringen, -wenn wir es selbst nicht tun. Nein, aber wir, was sollen -wir es lehren? Wir sind doch Russen, sind Brüder diesem -Volke und folglich verpflichtet, es zu <em>erleuchten</em>. -Was können wir ihm Moralisches, welches Höhere -können wir ihm geben, was ihm erklären, und womit -diese „dunklen“ Seelen <em>erleuchten</em>? Volksaufklärung -ist unser Recht und unsere Pflicht im höchsten -christlichen Sinne: wer das Gute weiß und das wahrhafte -Wort des Lebens kennt, der muß, der ist verpflichtet, -es seinem nichtwissenden, im Dunkel irrenden Bruder -zu sagen, lehrt uns die Bibel. Was sollen wir nun dem -Irrenden sagen, was er selbst nicht besser wüßte als -wir? Zuerst natürlich, daß „lernen nützlich ist und man -lernen muß“, – nicht wahr? Aber das Volk hat schon -vor uns gesagt: „lernen – ist Licht, nicht lernen – ist -Finsternis“. Besiegung der Vorurteile, zum Beispiel, -Vernichtung der Götzen? Aber in uns selber ist doch -solch eine Unmenge von Vorurteilen, und Götzen haben -wir uns so viele zugelegt, daß das Volk uns offen sagen -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -wird: „Arzt, heile dich selber.“ – Und unsere Götzen -versteht es bereits ganz vorzüglich zu erkennen! Oder -sollen wir es Selbstachtung lehren, persönliche Würde? -Aber unser Volk, als Ganzes genommen, achtet sich selber -viel mehr als wir uns, ehrt und begreift seine Würde -viel tiefer als wir. In der Tat, wir sind so furchtbar -in uns selbst verliebt, aber wir achten uns dabei doch -nicht im geringsten, und persönliche Würde, einerlei -worin sie auch bestände, gibt es bei uns überhaupt nicht. -Oder sollen wir dem Volk etwa Achtung vor fremden -Überzeugungen beibringen? Unser Volk beweist schon -seit Peters des Großen Zeiten, daß es auch die Überzeugungen -Fremder zu achten versteht, wir aber verzeihen -ja nicht einmal unter unseresgleichen die kleinste -Abweichung von unseren Überzeugungen, und wer mit -uns nicht übereinstimmt, den halten wir einfach für einen -Dummkopf, wobei wir ganz vergessen, daß, wer so leicht -die Achtung für andere verliert, in erster Linie sich selbst -nicht achtet. Oder sollen wir etwa das Volk Glauben -an sich und seine Kräfte lehren? Das Volk hat Foma -Daniloffs zu Tausenden, wir aber glauben überhaupt -nicht an russische Kräfte, ja, und halten diesen Unglauben -noch für höhere Bildung, und es fehlt nicht viel, auch -noch für Heldenhaftigkeit. Aber so sagt doch, was -können wir das Volk denn lehren? Wir verabscheuen, -wir hassen sogar all das, was unser Volk liebt und ehrt, -und wonach sein Herz sich sehnt. Nun also: was sind -wir denn für Volksfreunde? Man wird vielleicht entgegnen, -daß wir folglich das Volk nur um so mehr lieben, -wenn wir, ihm Besseres wünschend, seine Unwissenheit -verabscheuen. O nein, meine Herren, keineswegs: wenn -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -wir wahrhaft und in der Tat unser Volk liebten und -nicht nur in Artikeln und Broschüren, so würden wir -etwas näher zu ihm hingehen und uns bemühen, -erst einmal das kennen zu lernen, was wir jetzt, wie es -uns gerade beliebt, nach europäischer Schablone in ihm -vernichten wollen: dann würden wir vielleicht selbst so -viel Neues lernen, wie wir uns jetzt noch nicht einmal -träumen lassen. -</p> - -<p> -Übrigens haben wir einen Trost: unseren großen -Stolz vor unserem Volke. Darum verachten wir es ja -auch so: verachten es, weil es national ist und aus seiner -ganzen Kraft auf dieser seiner Nationalität besteht, wir -aber – wir haben kosmopolitische Überzeugungen, -haben uns als unser Ziel die Allmenschheit gesetzt und -uns über unser Volk somit selbst hinausgehoben. Nun, -und das ist ja unsere ganze Zwietracht, unser ganzer -Bruch mit dem Volk. Und so sage ich denn meine -Meinung: versöhnen wir uns mit ihm in diesem Punkte, -so hört sofort auch unser Zwist mit ihm auf. Dazu aber -gibt es eine Möglichkeit, die außerdem sehr leicht zu -finden ist. Im übrigen wiederhole ich nochmals nachdrücklichst, -daß sogar unser allerschroffster Widerspruch -im Grunde nur eine – Selbsttäuschung ist. -</p> - -<p> -Doch was ist das nun für eine Versöhnungsmöglichkeit? -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-5-4-2"> -<span class="firstline">Die Versöhnungsmöglichkeit außerhalb der Wissenschaft</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Zuerst hebe ich das am meisten Bestrittene hervor -und beginne ohne weiteres damit: -</p> - -<p> -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -„Jedes große Volk glaubt und muß glauben, wenn -es nur lange am Leben bleiben will, daß in ihm, und nur -in ihm allein, die Rettung der Welt liegt, daß es bloß -lebt, um an die Spitze aller Völker zu treten, sie alle in -das eigene Volk aufzunehmen und sie, in harmonischem -Chor, zum endgültigen, ihnen allen vorbestimmten Ziele -zu führen.“ -</p> - -<p> -Ich behaupte, daß es so mit allen großen Völkern -der Erde war, mit den ältesten, wie mit den jüngsten, -daß nur dieser Glaube allein sie zu der Möglichkeit, jedes -zu seiner Zeit einen großen Einfluß auf die Schicksale -dir Menschheit auszuüben, erhoben hat. So war es -zweifellos mit dem alten Rom, und so war es später mit -dem zweiten Rom in der katholischen Periode der Geschichte -dieser Stadt. Als dann Frankreich seine katholische -Idee erbte, geschah ganz dasselbe auch mit Frankreich, -und im Zeitraum von fast zwei Jahrhunderten, bis -zu seinem Sturz in unserem Jahrhundert und seiner -jetzigen Resignation, glaubte Frankreich sich zweifellos -die ganze Zeit über an der Spitze der Völker, hielt sich, -wenigstens moralisch, zeitweilig aber auch politisch, für -ihren Führer und Wegweiser zur Zukunft. Danach -strebte freilich auch Deutschland in seinen Träumen und -stellte der katholischen Weltidee und ihrer Autorität -seinen Protestantismus und die unbegrenzte Freiheit des -Geistes und der Forschung gegenüber. Ich wiederhole, -dasselbe geschieht <em>mehr oder weniger</em> mit allen -großen Nationen auf der Höhe ihrer Entwicklung. Man -wird mir sagen, daß das nicht wahr sei, daß das ein -Irrtum von mir sei, und wird mich auf das <em>Bewußtsein</em> -dieser selben Völker aufmerksam machen, auf die -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -Erkenntnis ihrer Gelehrten und Denker, die gerade auf -die gemeinschaftliche, die vereinte Bedeutung der europäischen -Nationen hingewiesen haben, der Nationen, die -vereint an der Schöpfung und Vollendung der europäischen -Zivilisation mitgewirkt haben ... nun, und ich -werde diesen Einwand selbstverständlich nicht ohne -weiteres abweisen. Doch abgesehen davon, daß solche -Vernunftschlüsse im allgemeinen gewissermaßen das Ende -des lebendigen Lebens eines Volkes bedeuten, will ich -einstweilen nur auf eines hinweisen: diese selben kosmopolitischen -Denker haben, was sie da auch von der Weltharmonie -der Nationen geschrieben, immerhin zu gleicher -Zeit und meistenteils mit unmittelbarem, lebendigem und -aufrichtigem Gefühl, ganz so wie die Masse ihres Volkes, -<em>fortgesetzt geglaubt</em>, daß in diesem Chor der -Nationen, die die Weltharmonie und die gemeinsame -Zivilisation ausmachen, <em>gerade sie</em> (sagen wir, zum -Beispiel, die Franzosen) das Haupt dieser ganzen Vereinigung -sind, <em>sie</em> die vordersten, <em>sie</em> diejenigen, denen -es vorherbestimmt ist, zu führen, die anderen aber ihnen -nur nachfolgen: daß sie (die Franzosen) von diesen -anderen Völkern nun, meinetwegen, vielleicht auch etwas -entlehnen, doch immerhin nur <em>etwas</em>, daß dafür aber -jene anderen Völker von ihnen <em>alles</em> übernehmen, -wenigstens alles Erstrangige, und nur von ihrem Geist -und von ihrer Idee zu leben vermögen, ja, und ihnen -überhaupt nichts übrigbleibe, als sich schließlich ihrem -Geiste anzuschließen und sich mit ihnen, den Franzosen, -früher oder später zu verschmelzen. Und auch in dem -heutigen resignierten und innerlich zerfallenen Frankreich -lebt noch eine derartige Idee, die eine neue, doch meiner -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -Meinung nach vollkommen natürliche Phase gerade -seiner früheren katholischen Weltidee in ihrer Entwicklung -ist; und nicht weniger als die Hälfte aller Franzosen -glaubt auch jetzt, daß in ihr und nur in ihr allein -die Rettung nicht nur Frankreichs, sondern der ganzen -Welt liegt: das ist ihr französischer Sozialismus. Diese -Idee – das heißt, dieser ihr Sozialismus – ist natürlich -unwahr und aussichtslos; doch jetzt handelt es sich -nicht mehr um ihre Qualität, sondern darum, daß sie jetzt -vorhanden ist, ein lebendiges Leben lebt, und daß diejenigen, -die sich zu ihr bekennen, nicht von Wehmut und -Zweifeln befallen sind, wie alle übrigen Franzosen. Anderseits -sehe man sich doch den Engländer an, einerlei -was für einen, den Lord oder den Arbeiter, den Gelehrten -oder den Ungebildeten, und man wird sich überzeugen, -daß jeder einzelne Engländer sich bemüht, vor allen -Dingen Engländer zu sein, in allen Lebenslagen Engländer -zu bleiben, im öffentlichen wie im Privatleben, -in der Politik wie in der Gesellschaft und im Geschäft: -und sogar die Menschheit zu lieben, bemüht er sich nicht -anders, denn nur als Engländer. Und wenn dem auch -so wäre, wird man mir entgegnen, so wie ich es behaupte, -dann würde doch solch ein Eigendünkel jedes großen -Volkes unwürdig sein: der Egoismus und unsinnige -Chauvinismus würden seine Bedeutung verringern oder -gar sein nationales Leben schon gleich zu Anfang schädigen -und verderben, statt ihm Lebenskraft zu geben. -Man wird sagen, daß ähnliche sinnlose, stolze Ideen keiner -Nachahmung wert seien, sondern, im Gegenteil, von der -Vernunft, die alle Vorurteile vernichtet, ausgerottet -werden müßten. Nun, wenn das von der einen Seite -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -auch sein Wahres hat, so muß man doch, denke ich, nichtsdestoweniger -die Frage auch von der anderen Seite -nehmen: dann aber erscheint meine Meinung durchaus -nicht erniedrigend, sondern sogar umgekehrt – erhebend. -Was tut’s, daß der lebensfremde Jüngling träumt, -dereinst ein Held zu werden? Glaubt mir: stolze und -hochmütige Träume können diesem Jüngling viel nützlicher -und lebenbringender sein als die „Vernünftigkeit“ -eines Knaben, der schon mit sechzehn Jahren an der -weisen Regel festhält, daß „Glück besser als Heldentum“ -sei. Glaubt mir, das Leben jenes Jünglings wird nach -durchlebter Armut und mißglückten Versuchen als Ganzes -doch schöner sein als das behagliche Dahinvegetieren -seines vernünftigen Schulkameraden, der sein Leben -unter allen nur denkbaren Bequemlichkeiten verbringt. -Solch ein Glaube an sich ist nicht unmoralisch und keineswegs -eine Selbstüberhebung. Und ebenso ist es auch -mit den Völkern: mag es auch vernünftige, friedliche -und zufriedene Völker geben, die ohne Überschwenglichkeiten -ein gutes Leben führen, Handel treiben, Schiffe -bauen, und sich mit Behagen ihres Lebens freuen: nun, -Gott hab’ sie selig, weit werden sie es nicht bringen! -Daraus wird doch nur so eine echte Mittelmäßigkeit entstehen, -von der die Menschheit nichts, aber auch nichts -hat: die große Energie, die mächtige Selbstachtung fehlt -ihnen! Jene Kraft ist nicht unter ihnen, die alle großen -Völker treibt. Der Glaube daran, daß du der Welt -das letzte Wort sagen willst und <em>kannst</em>, daß du die -Welt mit dem Überfluß deiner lebendigen Kraft erneuen -wirst, der Glaube an die Heiligkeit der eigenen -Ideale, der Glaube an die Kraft der eigenen Liebe und -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -des eigenen Verlangens, der Menschheit zu dienen, – -nein, solch ein Glaube ist das Unterpfand für das allerhöchste -Leben der Nationen, und nur mit ihm bringen -sie der Menschheit den ganzen Nutzen, den zu bringen -ihnen vorherbestimmt gewesen, jenen ganzen Teil ihrer -Lebenskraft und organischen Idee, die die Natur selber -bei ihrer Schöpfung ihnen vorausbestimmt hat, als -Erbe der späteren Menschheit zu vermachen. Nur die -eines solchen Glaubens fähige Nation hat das Recht auf -ein höheres Leben. Der legendäre Ritter der alten Zeiten -glaubte, daß er alle Hindernisse, alle Gespenster und Ungeheuer -besiegen, daß er alles erreichen werde, wenn er -nur treu sein Gelübde „Gerechtigkeit, Keuschheit und -Armut“ bewahrte. Ihr sagt: „Ach, das sind Legenden -und alte Lieder, an die nur ein Don Quijote noch -glaubt! nicht derart sind die Gesetze des wirklichen -Lebens der Nationen.“ Nun, dann fange und überführe -ich euch zum Trotz und sage, daß auch ihr ganz -solche Don Quijotes seid, daß auch ihr selbst ebensolch -eine Idee habt, an die ihr glaubt und durch die ihr die -Menschheit erneuen wollt! -</p> - -<p> -In der Tat, woran glaubt ihr denn? Ihr glaubt – -ja, und ich mit euch – an die Allmenschheit, das heißt, -daran, daß dereinst vor dem Lichte der Vernunft und Erkenntnis -die natürlichen Schranken und Vorurteile, die -bis heute noch die freie Gemeinschaft der Nationen durch -den Egoismus der nationalen Forderungen vereiteln, -fallen werden, und daß dann erst die Völker beginnen -können, in einem einheitlichen Geiste und einhellig wie -Brüder zu leben, vernünftig und mit Liebe zu allgemeiner -Harmonie strebend. Nun, meine Freunde, was kann -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -es Höheres und Heiligeres geben, als dieser euer Glaube -es ist? Und die Hauptsache ist noch: diesen Glauben -werdet ihr nirgends in der ganzen Welt finden, bei -keinem einzigen Volk zum Beispiel in Europa, wo die -Charaktere der Nationen doch ungewöhnlich scharf umrissen -sind, wo dieser Glaube, wenn er überhaupt da ist, -nicht anders sich findet, als in Gestalt irgendeiner bloß -apriorischen, einer vielleicht lebhaften und feurigen, -aber doch nicht mehr als bloß studierstubenhaften Erkenntnis. -Bei euch aber, das heißt nicht gerade bei euch, -wohl aber bei uns, bei uns allen, uns Russen, – ist -dieser Glaube allgemein lebendig und überwiegt alle -anderen Ideen. Von uns glauben alle daran, sei es mit -vollem Bewußtsein in der intellektuellen Welt, sei es ganz -einfach mit lebendigem Instinkt im einfachen Volke, dem -seine Religion schon befiehlt, an diesem selben Glauben -festzuhalten. Ihr dachtet wohl, ihr wäret die einzigen -„Allmenschen“ aus der ganzen russischen Intelligenz, die -anderen aber nur Slawophile oder Nationalisten? So -ist es denn doch nicht: die Slawophilen und Nationalisten -glauben an ganz genau dasselbe, an was ihr -glaubt, ja, und tun das noch viel stärker als ihr! -</p> - -<p> -Ich nehme jetzt nur die Slawophilen: was war es -denn, das sie durch ihre ersten Führer von ihrer Lehre -verkündeten? Sie erklärten in klaren, treffenden Folgerungen: -daß Rußland zusammen mit allen Slawen, -und selbst an ihrer Spitze, der ganzen Welt das größte -Wort sagen werde, das die Menschheit jemals vernommen -hat, und daß dieses Wort gerade das Gebot der allmenschlichen -Vereinigung sein wird, und zwar nicht im -Geiste eines persönlichen Egoismus, in dem sich jetzt -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -Menschen und Nationen künstlich und unnatürlich in -ihrer Zivilisation vereinigen, zum „Kampf ums Dasein“, -indem sie mittels positiver Wissenschaft dem freien Geiste -moralische Grenzen setzen und zu gleicher Zeit sich gegenseitig -Gruben graben, belügen, beschimpfen und verleumden. -Das Ideal der Slawophilen war vielmehr die -Vereinigung im Geiste der wahren großen Liebe, ohne -Lüge und Materialismus, und auf Grund des persönlichen -großmütigen Beispiels, wie es bestimmt ist, vom -russischen Volke an der Spitze der freien panslawischen -Vereinigung Europa gegeben zu werden. Ihr sagt allerdings, -daran glaubtet ihr keineswegs, und all das seien -nur Spekulationen der Gelehrtenstuben. Doch hier ist -nicht das wichtig, was irgend jemand glaubt, sondern -wichtig ist, daß bei uns alle, trotz ihrer ganzen Meinungsverschiedenheiten, -in diesem einen endgültigen, gemeinsamen -Gedanken der allmenschlichen Vereinigung sich -treffen und übereinstimmen. Das ist eine Tatsache, die -keinem Zweifel untersteht, und die an sich schon erstaunlich -ist; denn dieses Gefühl gibt es noch nirgends, in -keinem einzigen Volke, in einem solchen Grade: als ein -so lebendiges und hauptsächliches Bedürfnis. Ist dem -aber so, dann haben also auch wir, wir alle, eine feste -und bestimmte Nationalidee: ja, gerade eine <em>nationale</em> -Idee. Folglich wäre, wenn die nationale russische -Idee zu guter Letzt nur die universale allmenschliche Vereinigung -ist, das Ratsamste für uns, so schnell wie möglich -unsere Uneinigkeiten beizulegen und national, d. h. -Russen, zu werden. Unsere ganze Rettung liegt ja darin, -daß wir nicht im voraus darüber streiten, wie und wann -sich diese Idee verwirklichen wird, ob nach eurer oder -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -nach unserer Annahme, sondern daß wir alle zusammen -von der Betrachtung geradeswegs zur Tat übergehen. -Aber gerade hier liegt nun freilich der wunde Punkt. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-5-4-3"> -<span class="firstline">In Europa sind wir bloß Landstreicher</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Denn wie seid ihr eigentlich zur Tat übergegangen? -Ihr habt doch schon längst begonnen, schon vor langer, -langer Zeit, aber was habt ihr denn für die Allmenschheit, -das heißt zur Verwirklichung eurer Idee getan? -</p> - -<p> -Ihr begannt mit ziellosem Umherstreichen durch -Europa, mit dem heftigen Verlangen, euch in „Europäer“ -zu verwandeln, wenn auch nur dem Anscheine -nach. Das ganze achtzehnte Jahrhundert hindurch -taten wir ja nichts anderes, als den Schein eines -Europäertums annehmen. Wir zwangen uns europäischen -Geschmack auf, aßen sogar allerhand ekelhaftes -gepfeffertes Zeug nach europäischem Beispiel und bemühten -uns krampfhaft, dabei das Gesicht nicht zu verziehen: -„Seht, was ich für ein Engländer bin, kann -nichts mehr ohne Paprika essen!“ Ihr glaubt vielleicht, -daß ich euch verspotten will? Fällt mir nicht ein. Ich -verstehe nur zu gut, daß man anders überhaupt nicht -hätte anfangen können, „Europäer“ zu werden. Wir -mußten gerade mit der Verachtung des Eigenen beginnen, -und wenn wir ganze zwei Jahrhunderte auf -diesem Punkt geblieben sind, uns weder vorwärts noch -rückwärts bewegt haben, so wird das wohl die uns von -der Natur bestimmte Frist gewesen sein. Allerdings, so -ganz regungslos sind wir doch nicht geblieben: unsere -Verachtung für das Eigene wuchs immer mehr, und besonders -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -als wir anfingen, Europa etwas gründlicher zu -verstehen. In Europa übrigens verwirrte uns die -schroffe Absonderung der Nationen, die scharfe Zeichnung -der Typen nationaler Charaktere nicht im geringsten. -Unser Erstes war ja, daß wir „alles Entgegengesetzte -abwarfen“ und den kosmopolitischen Typus des -„Europäers“ annahmen, das heißt also, daß wir gleich -am Anfang schon das Gemeinsame, was sie alle verbindet, -herauszufinden verstanden, – und das ist sehr -bezeichnend. Mit der Zeit noch klüger geworden, hielten -wir uns darauf unmittelbar an die Zivilisation und -glaubten sofort blind und kritiklos, daß in ihr allein das -„Gemeinsame“, das berufen ist, die Menschheit zu vereinen, -enthalten sei. Sogar die Europäer wunderten -sich, wenn sie uns, die Fremdlinge, sahen, über diesen -unseren begeisterten Glauben, um so mehr, als <em>sie</em> damals -schon anfingen diesen selben Glauben bei sich zu -verlieren. Begeistert empfingen wir Rousseau und Voltaire, -freuten uns innigst mit dem reisenden Karamsin<a class="fnote" href="#footnote-26" id="fnote-26">[26]</a> -über die Zusammenrufung der „Nationalstaaten“ im -Jahre 1789, und wenn wir auch später, nach dem ersten -Viertel unseres Jahrhunderts, mit den fortgeschrittensten -Europäern in Verzweiflung gerieten über die untergegangenen -Träume und zerschlagenen Ideale, so verloren -wir doch nicht unseren Glauben und trösteten sogar -noch die Europäer. Selbst die im Vaterlande -„weißesten“ Russen wurden in Europa sofort „rot“ – -gleichfalls ein außerordentlich charakteristischer Zug. -Darauf, schon in der Mitte dieses Jahrhunderts, erachteten -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -sich einige von uns bereits für würdig, zum -französischen Sozialismus überzutreten, und sie nahmen -ihn ohne das geringste Bedenken für die endgültige -Lösung der allmenschlichen Vereinigung, also für die Erreichung -unserer ganzen Idee, die uns bis jetzt mit sich -fortgerissen. Auf diese Weise hielten wir für das realisierte -Ziel das, was in Wirklichkeit der größte Egoismus -war, was den Gipfel der Unmenschlichkeit, der -ökonomischen Sinnlosigkeit und des politischen Wirrwarrs, -den Gipfel der Verleugnung aller menschlichen -Natur, den Gipfel der Vernichtung jeder menschlichen -Freiheit ausmachte. Doch das, wie gesagt, beunruhigte -uns weiter nicht. Im Gegenteil: sahen wir betrübtes -Bedenken oder Nichtbegreifenkönnen mancher tiefen -europäischen Denker, so nannten wir sie ohne Bedenken -dumm. Wir glaubten widerspruchslos, und glauben -ja auch jetzt noch, daß die positive Wissenschaft durchaus -fähig sei, die moralischen Grenzen zwischen den Persönlichkeiten -der einzelnen wie der Nationen zu bestimmen, -– als ob die Wissenschaft, selbst wenn ihr das -möglich wäre, diese Geheimnisse <em>vor</em> der <em>Vollendung -des Versuchs</em>, das heißt, vor der Vollendung -aller Schicksale des Menschen auf der Erde, entdecken -könnte. Unsere Gutsbesitzer verkauften ihre leibeigenen -Bauern und fuhren nach Paris, um dort sozialistische -Blätter herauszugeben, und unsere Rudins<a class="fnote" href="#footnote-27" id="fnote-27">[27]</a> starben -auf den Barrikaden. Währenddessen hatten wir uns -aber schon so von unserer russischen Erde gelöst, daß wir -jede Vorstellung davon verloren, bis zu welchem Grade -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -solch eine Lehre sich von der Seele des russischen Volkes -entfernt. Übrigens schätzten wir den russischen Volkscharakter -nicht nur nicht, sondern sprachen unserem Volk -überhaupt jeden Charakter ab. Wir vergaßen, an unser -Volk auch nur zu denken, und waren in unerschütterlicher -Ruhe überzeugt – ohne überhaupt zu fragen –, daß -unser Volk sofort alles annehmen werde, worauf wir es -hinweisen, richtiger: was wir ihm befehlen würden. In -dieser Hinsicht hat es bei uns immer die komischsten -Anekdoten über das Volk gegeben. Unsere Allmenschen -blieben im Verhältnis zu ihrem Volk durchaus Gutsherren -und Gutsbesitzer, und das sogar noch nach der -Bauernreform. -</p> - -<p> -Was aber haben wir damit erreicht? Wirklich -sonderbare Ergebnisse: vor allem werden wir von ganz -Europa spöttisch angesehen. Auf die allerklügsten -Russen blickt man im Westen nur mit hochmütiger Herablassung. -Davor hat sie nicht einmal die Emigration -gerettet, auch die politische nicht. Um keinen Preis -wollen uns die Europäer für ihresgleichen anerkennen, -für keine Opfer und auf keinen Fall! „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Grattez le -Russe</span>,“ sagen die Franzosen, „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">et vous verrez le Tartare</span>,“ -und so ist es noch heute. Unser Barbarentum ist -bei ihnen zum Sprichwort geworden. Und je mehr wir -ihnen zu Gefallen unsere Nationalität verachteten, um -so mehr verachteten sie wiederum uns. Wir scharwenzelten -vor ihnen, bekannten ihnen knechtisch unsere „europäischen“ -Anschauungen und Überzeugungen; sie aber -hörten uns herablassend kaum an und meinten gewöhnlich -mit, nun ja, höflichem Lächeln, um uns schneller los -zu werden, wir hätten das bei ihnen „nicht ganz richtig -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -verstanden“. Es wundert sie, daß wir, die wir solche -Tataren sind, auf keinerlei Art und Weise Russen werden -können. Wir jedoch haben es ihnen niemals erklären -können, daß wir nicht Russen, sondern Allmenschen sein -wollen. Es ist wahr, in der letzten Zeit scheint ihnen -doch irgend etwas aufgegangen zu sein: sie haben begriffen, -daß wir etwas wollen, etwas, das für sie furchtbar -und gefährlich ist; sie sagen sich, daß es unserer viele -gibt, achtzig Millionen, daß wir alle europäischen Ideen -kennen und verstehen, während sie von unseren russischen -Ideen überhaupt nichts wissen, und daß sie, wenn sie auch -etwas von ihnen wüßten, sie doch nicht verstehen könnten; -daß wir alle Sprachen sprechen, sie aber nur die ihrigen -– nun, und noch vieles andere scheint ihnen mit der -Zeit halbwegs aufgegangen zu sein und ihren Verdacht -erweckt zu haben. Kurz, die Folge davon war, daß sie -uns die Feinde und zukünftigen Zerstörer der europäischen -Zivilisation nannten. So haben sie unser leidenschaftliches -Ideal, Allmenschen zu werden, verstanden! -</p> - -<p> -Und doch können wir uns unmöglich von Europa -lossagen. Europa ist uns zum zweiten Vaterlande geworden -– ich selbst bin der erste, der sich leidenschaftlich -zu Europa bekennt. Europa ist uns allen <em>fast</em> ebenso -teuer wie Rußland. In ihm wohnt Japhets Stamm, -und unsere Idee ist: die Vereinigung aller Nationen -dieses Stammes – und sogar noch weiter, viel weiter, -bis zu Sem und Ham. Was sollen wir da nun tun? -</p> - -<p> -Als erstes und vor allen Dingen – Russen werden. -Ist die Allmenschheit die russische Nationalidee, so muß -vor allem ein jeder von uns erst Russe werden, das bedeutet -aber so viel wie: „er selbst“. Dann wird sich vom -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -ersten Schritt an alles verändern. Russe werden, heißt -aufhören, sein eigenes Volk zu verachten. Sobald der -Europäer sieht, daß wir unser Volk und unsere Nationalität -achten, wird er sofort auch uns achten. In der -Tat, je stärker und selbständiger wir uns in unserem -nationalen Geiste entwickeln würden, desto stärkeren und -tieferen Widerhall dürften wir im Europäer finden und -ihm sofort verständlicher werden. Dann würde man uns -auch nicht mehr hochmütig loswerden wollen, sondern -würde uns gern zuhören. Auch äußerlich würden wir -dann anders werden. Sind wir erst wir selbst geworden, -so werden wir auch endlich Menschengestalt annehmen, -und nicht wie bisher nur Affengestalt haben. Wir -werden wie freie Wesen, nicht wie Sklaven oder Diener -sein; und man wird uns dann für Menschen halten, nicht -für internationale Landstreicher, nicht für die Elenden -des Europäismus, Liberalismus und Sozialismus. Auch -reden werden wir mit ihnen klüger als jetzt; denn in -unserem Volke und seinem Geiste können wir neue -Worte finden, die den Europäern bestimmt verständlicher -sein werden. Und wir selbst werden dann einsehen, -daß vieles von dem, was wir an unserem Volke verachtet -haben, – nicht Finsternis, sondern Licht ist, nicht -Dummheit, sondern im Gegenteil – Geist. Und haben -wir erst das begriffen, dann werden wir Europa jenes -Wort sagen, das man dort noch niemals gehört hat. -Dann werden wir uns überzeugen, daß das wirkliche -soziale Wort kein anderes Volk als unser Volk in sich -trügt; daß in seiner Idee, in seinem Geiste das lebendige -Bedürfnis nach der Allvereinigung der Menschheit liegt, -nach einer Vereinigung, die volle Achtung für die Persönlichkeit -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -jeder einzelnen Nation und für ihre Erhaltung, -für die Erhaltung der Freiheit der Menschen in -sich schließt, und die nur den Hinweis darauf enthält, -worin diese Freiheit besteht: in der Vereinigung durch -Liebe, <em>sichergestellt</em> bereits durch die Tat, durch -das lebendige Beispiel, durch das Bedürfnis nach der -wahrhaften Brüderlichkeit in der Wirklichkeit, – nicht -aber durch die Guillotine, nicht durch Millionen gefällter -Köpfe ... -</p> - -<p> -Hm ... habe ich etwa wirklich jemanden überzeugen -wollen? Das war ja nur ein Scherz. Doch – schwach -ist nun einmal der Mensch: vielleicht liest es einer von -den Knaben ... einer von der jungen Generation ... -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-5"> -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -Eine der wichtigsten gegenwärtigen Fragen -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-5-5-1"> -<span class="firstline">Was sollen wir denn tun?</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -... Ich habe mir eigentlich vorgenommen, niemals -über unsere Belletristik im rein kritischen Sinne zu -schreiben, außer wenn es einmal not tun sollte oder, -sagen wir, bei einer besonderen „Veranlassung“. Diese -Veranlassung hat sich nun<a class="fnote" href="#footnote-28" id="fnote-28">[28]</a> ganz plötzlich gefunden: ich -bin vor ungefähr einem Monat auf eine dermaßen ernste -und charakteristische Stelle in unserer modernen Literatur -gestoßen, daß ich sie sogar mit Verwunderung gelesen -habe. Der Schriftsteller Graf Leo Tolstoi – ein Künstler -im wahrsten Sinne des Wortes und vorzüglicher Erzähler -– hat in seinem Roman „Anna Karenina“ alles, -was es Wichtiges in unseren gegenwärtigen russischen -politischen und sozialen Fragen gibt, in einen Punkt zusammengefaßt. -Und das Bemerkenswerteste: er hat es -getan mit allen charakteristischen Nüancen unserer gegenwärtigen -Zeit, geradeso, wie diese Frage sich uns heute -stellt und – unbeantwortet bleibt ... -</p> - -<p> -Über den Roman selbst will ich nur das Notwendigste -sagen. Wie wir alle, las auch ich vor langer Zeit -den Roman im „Russischen Boten“. Zuerst gefiel er -mir sehr; dann, als Ganzes, weniger, wenn auch die -Einzelheiten mich noch sehr interessierten. Es schien mir -immer, daß ich alles schon einmal irgendwo gelesen hatte, -und zwar in „Kindheit und Jugend“ und in „Krieg -und Frieden“ desselben Grafen Tolstoi, und – daß es -dort frischer gewesen wäre. Immer dieselbe Geschichte -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -einer russischen Gutsbesitzersfamilie, wenn auch das jeweilige -Sujet natürlich ein anderes ist. Personen wie -Wronski, zum Beispiel, – einer der Helden des Romans -–, die unter sich von nichts anderem als von -Pferden sprechen, ja, nicht einmal <em>fähig</em> sind, von anderem -als von Pferden zu sprechen, waren natürlich interessant -genug, um einmal ihren Typ kennen zu lernen, -doch sonst furchtbar einförmig und nur zu einer bestimmten -Menschen- und Gesellschaftsklasse gehörig. Es -schien, daß die Liebe dieses „Hengstes im Waffenrock“, -wie ihn einer meiner Freunde nennt, überhaupt nur in -ironischem Tone geschildert werden könnte. Als aber der -Verfasser von der inneren Welt seines Helden nicht mehr -ironisch, sondern im Ernst zu erzählen begann, da erschien -mir das sogar langweilig. Doch plötzlich wurden -alle meine Vorurteile verscheucht: es kam die Sterbeszene -der Heldin (später wurde sie wieder gesund), und ich -begriff die eigentlichen Ziele des Verfassers. Mitten in -diesem flachen und brutalen Leben tauchte die ewige, -große Lebenswahrheit auf und erhellte alles mit einem -Schlages. Diese kleinlichen, leeren, verlogenen Leute -wurden plötzlich zu aufrichtigen und wahrhaften „Menschen“, -die wirklich wert waren dieses Namens – -wurden es durch die natürliche Kraft des Naturgesetzes, -den Tod. Die Schale fiel ab, und es erschien einzig -die wahre Gestalt. Die Letzten wurden die Ersten, und -die Ersten (Wronski) wurden plötzlich die Letzten, verloren -ihre ganze Aureole und erniedrigten sich tief; doch -wurden sie dadurch unvergleichlich besser, würdiger und -wahrer, als sie als Erste gewesen waren. Haß und -Lüge sprachen in Worten der Verzeihung und Liebe. An -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -Stelle der stumpfen, weltlichen Begriffe trat reine Nächstenliebe. -Alle verziehen und gaben den anderen recht. -Die Sonderstellung und der Kastengeist verschwanden, -und diese „Papiermenschen“ wurden plötzlich wirklichen -Menschen ähnlich! Es gab keine Schuldigen: jeder beschuldigte -sich selbst, und somit waren sie alle gerechtfertigt. -Der Leser fühlt, daß es eine Lebenswahrheit -gibt, die allerwirklichste und die allerunvermeidlichste, an -die man glauben muß, und daß unser ganzes Leben und -alle unsere Erregungen, wie die flachsten und schädlichsten, -so auch die, welche wir oft für die höchsten halten, -meistens nur kleinliche, phantastische Eitelkeiten sind, die -vor dem Moment der Lebenswahrheit fallen und hinschwinden, -sogar ohne sich zu verteidigen. Die Hauptsache -war der Hinweis, daß dieses Moment wirklich ist, -wenn es auch selten in seiner ganzen, erhellenden Klarheit -und in manchem Leben vielleicht überhaupt nicht erscheint. -Dieses Moment ist vom Dichter gefunden und -uns in seiner ganzen furchtbaren Wahrheit gezeigt. Er -hat bewiesen, daß diese Wahrheit wirklich vorhanden ist, -nicht nur auf Treu und Glauben, nicht nur im Ideal, -sondern sichtbar, vor unserem Auge. Gerade dieses, -glaube ich, wollte uns der Dichter beweisen, als er sein -Werk begann. Den russischen Leser an diese ewige -Wahrheit zu erinnern, tat ja nur zu sehr not: wie viele -hatten sie schon vergessen! Mit diesem Erinnern hat der -Dichter eine gute Tat vollbracht, ganz abgesehen davon, -daß er sie als ein Künstler von ungewöhnlicher Größe -ausgeführt hat. -</p> - -<p> -Darauf zog sich der Roman wieder hin, und dann -plötzlich fand ich zu meinem Erstaunen eine Szene, die -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -unsere „brennende Tagesfrage“ enthielt, eine Szene, -die vor allen Dingen nicht etwa tendenziös hineingesetzt -war, sondern die sich gerade aus dem ganzen künstlerischen -Wesen des Romans von selbst ergab. Nichtsdestoweniger -war ich überrascht und nicht wenig erstaunt: -solch eine echte „Tagesfrage“ hatte ich denn doch -nicht erwartet. Aus irgendeinem Grunde hatte ich nicht -geglaubt, daß der Autor sich entschließen werde, seine -Helden in ihrer Entwicklung bis zu solchen Extremen zu -bringen. In der Tat: in diesen Extremen des Ergebnisses -liegt ja gerade der Sinn der Wirklichkeit, und -ohne den würde der Roman von etwas unbestimmter Art -sein, die nicht entfernt weder den gegenwärtigen noch -den wichtigsten russischen Interessen entspricht: es -würde irgendein Winkel des Lebens dargestellt sein, mit -beabsichtigter Ignorierung des Hauptsächlichsten und -Aufregendsten in diesem selben Leben. Übrigens, glaube -ich, verfalle ich hier in Kritik. Das aber ist, wie gesagt, -nicht meine Absicht. Ich wollte nur auf eine Szene hinweisen, -in der zwei Personen sich von einer Seite zeigen, -von welcher sie für uns jetzt am charakteristischsten sind. -Jener Typ Menschen, zu dem diese beiden gehören, ist -vom Autor in den für uns interessantesten Gesichtskreis -gestellt – ist in seiner gegenwärtigen sozialen Bedeutung -erfaßt worden. -</p> - -<p> -Beide sind Edelleute und echte Gutsbesitzer, und -beide leben sie jetzt in der Zeit nach der Bauernreform. -Es ist noch nicht lange her, da waren sie Herren leibeigener -Gutsbauern. Und nun stellt sich die Frage: -was bleibt von diesen Edelleuten nach der Bauernreform -noch übrig? Das ist die Frage, die der Verfasser wenigstens -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -teilweise zu beantworten versucht hat. Der eine -von ihnen, Stiwa Oblonski, ist Egoist, feiner Epikureer, -wohnt in Moskau und ist dort Mitglied des „Englischen -Klubs“. Solche Leute hält man gewöhnlich für unschuldige -und liebenswürdige Bonvivants, für Lebeleute, die -niemanden stören, für geistreiche und bloß zu ihrem Vergnügen -lebende Menschen. Meistens haben sie eine zahlreiche -Familie; mit der Frau und den Kindern gehen sie -freundlich um, doch denken sie wenig an sie. Besonders -gefallen ihnen leichte Frauenzimmer, versteht sich – von -der anständigen Sorte. Sie sind wenig gebildet, doch -lieben sie alles Schöne, Elegante und die Kunst natürlich, -und ganz besonders gern hören sie sich selbst reden -und die Unterhaltung beherrschen. -</p> - -<p> -Als die Bauernreform durchgeführt wurde, begriff -Stiwa Oblonski sofort die ganze Sachlage: er rechnete -nach und überlegte, daß ihm immerhin noch ein gewisses -Einkommen verblieb, somit also kein Grund vorhanden -war, sein Leben zu verändern, und im übrigen: – <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">après -moi le déluge</span>. Sich mit Gedanken an die Zukunft -seiner Frau und Kinder zu beunruhigen, das fiel ihm im -Traume nicht ein. Die Reste seines Vermögens und -seine Verbindungen bewahrten ihn vor dem Leben eines -Hochstaplers; würden aber seine „Einnahmen“ durch die -Reform vollständig verloren gegangen sein, und hätte er -nicht länger, ohne selbst etwas zu tun, seine Einkünfte -einkassieren können, so würde er vielleicht auch ein raffinierter -Dieb geworden sein, selbstverständlich einer, -der mit allen Anstrengungen des Verstandes, zuweilen -sogar eines sehr scharfen Verstandes, versuchte, wenigstens -ein möglichst anständiger und vornehmer Dieb zu -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -bleiben. Früher kam es natürlich vor, daß er, um eine -Kartenschuld oder eine Geliebte zu bezahlen, seine Leibeigenen -als Soldaten verkaufte; doch solche Erinnerungen -peinigten ihn nie, ja, er vergaß sie einfach. Ist -er auch Aristokrat, so hat er doch selber seinen Adel niemals -geschätzt. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft -aber hat er für ihn überhaupt aufgehört. Für ihn gab’s -nur den „Zufallsmenschen“, dann den Beamten von -einem gewissen Range ab und ferner den Reichen. Der -Eisenbahnaktionär und der Bankier wurden eine Macht -für ihn, und alsbald suchte er ihre Bekanntschaft und -Freundschaft. -</p> - -<p> -Das Gespräch entspinnt sich aus dem Vorwurf, den -Lewin, sein Verwandter (gleichfalls ein Gutsbesitzer, -doch der vollkommen entgegengesetzte Typ: der Herr, der -auf seinem Gute wohnt und es sogar selbst bewirtschaftet) -Oblonski macht, weil dieser zu den „Eisenbahnleuten“ -fährt, zu ihren Diners und Festen, zu zweideutigen, -nach Lewins Meinung, schädlichen und schändlichen -Menschen. Oblonski widerspricht ihm scharf. -Überhaupt hat sich ihr Verhältnis zueinander seit der -Verheiratung Lewins mit Oblonskis Schwägerin etwas -zugespitzt. Hinzu kommt noch, daß in unserem Jahrhundert -der Spitzbube, der den Ehrenmann widerlegt, -diesem immer „über“ ist; denn er hat den Anschein der -Würde, die in der gesunden Vernunft liegt, während der -Ehrenmann, der leicht einem Idealisten gleicht, gewöhnlich -den Anschein eines Narren hat. Die beiden Jäger -sind in einer Bauernscheune, wo sie im Heu übernachten. -Oblonski erklärt, daß es unsinnig wäre, die „Eisenbahnleute“, -ihre Intrigen, ihren schnellen Verdienst, das Konzessionen -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -Erbitten und Wiederverkaufen, zu verachten; -daß sie ebensolche Leute seien wie die anderen, Leute, -die mit Mühe und Verstand arbeiteten, ganz so wie alle; -und schließlich sei das Ergebnis ihrer Arbeit ein viel bedeutenderes: -sie geben uns die Eisenbahn. -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Aber jeder Erwerb, der zu der geleisteten Arbeit -in keinem Verhältnis steht, ist unehrlich,“ sagte Lewin -darauf. -</p> - -<p> -„Ja, wer bestimmt denn das Verhältnis?“ fuhr -Oblonski fort ... „Du hast die Grenze zwischen der -ehrlichen und unehrlichen Arbeitsleistung nicht festgesetzt. -Daß ich ein größeres Gehalt beziehe als mein -Sekretär, obgleich er die Sache viel besser versteht, -als ich, – das ist also unehrlich?“ -</p> - -<p> -„Ich weiß nicht ...“ -</p> - -<p> -„Nun, dann werde ich es dir sagen: daß du von -deinem Gute überflüssige, sagen wir, fünf Tausend -erhältst, dieser Bauer aber, wie er auch arbeiten mag, -nicht mehr als fünfzig Rubel bekommt, ist genau so -unehrlich wie das, daß ich ein größeres Gehalt als -mein Sekretär beziehe ...“ -</p> - -<p class="dashes"> -- - - - - - - - - - - - - - - - - -</p> - -<p class="noindent"> -„Nein, erlaube,“ unterbrach ihn Lewin. „Du -sagst, es sei ungerecht, daß ich fünf Tausend bekomme -und dieser Bauer nur fünfzig: das ist wahr. Das ist -ungerecht, und ich fühle es auch, aber ...“ -</p> - -<p> -„Ja, du fühlst es, aber du gibst ihm nicht dein -Gut,“ sagte Oblonski, als ob er Lewin absichtlich -reizen wollte. -</p> - -<p class="dashes"> -- - - - - - - - - - - - - - - - - -</p> - -<p class="noindent"> -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -„Ich gebe es nicht, weil das niemand von mir verlangt, -und selbst wenn ich’s wollte, so darf ich es nicht -fortgeben ... und es ist ja auch niemand da, dem -ich’s geben könnte.“ -</p> - -<p> -„Gib es diesem Bauer, er wird es nicht ablehnen.“ -</p> - -<p> -„Ja, aber wie geb’ ich es ihm denn? Soll ich -etwa zu ihm gehen und einen Kaufkontrakt mit ihm -abschließen?“ -</p> - -<p> -„Das weiß ich nicht. Wenn du jedoch überzeugt -bist, daß du kein Recht hast ...“ -</p> - -<p> -„Ich bin durchaus nicht überzeugt! Im Gegenteil, -ich fühle, daß ich nicht das Recht habe, mein Gut -fortzugeben, daß ich Pflichten meinem Lande und -meiner Familie gegenüber habe!“ -</p> - -<p> -„Nein, erlaube; wenn du aber diese Ungleichheit -ungerecht findest, warum handelst du dann nicht -so ...“ -</p> - -<p> -„Ich handle doch so, aber nur negativ, in dem -Sinne, daß ich mich nicht bemühen werde, diesen -Unterschied, der zwischen mir und ihm besteht, noch zu -vergrößern.“ -</p> - -<p> -„Nein, verzeih, aber das ist paradox ...“ -</p> - -<p class="dashes"> -- - - - - - - - - - - - - - - - - -</p> - -<p class="noindent"> -„Also, mein Freund: entweder anerkennen, daß -die gegenwärtige Einteilung der Gesellschaft gerecht -ist, und dann seine Rechte verteidigen, oder gestehen, -daß man ungerechte Vorzüge genießt, <em>wie zum -Beispiel ich es tue, und sich ihrer mit -Vergnügen weiterbedienen</em>.“ -</p> - -<p> -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -„Nein, wenn das ungerecht wäre, so könntest du -dich dieser Vorteile nicht mit Vergnügen bedienen, -<em>wenigstens ich könnte es nicht. Für -mich ist die Hauptsache: zu fühlen, -daß ich nicht schuldig bin.</em>“ -</p> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-5-5-2"> -<span class="firstline">Die brennende Tagesfrage</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Man wird mir zugeben müssen, daß dieses Gespräch -unsere „brennende Tagesfrage“ aufwirft und sogar -alles wiedergibt, was die letztere in sich schließt. Und -wie viel bezeichnende, rein russische Züge! Erstens: vor -vierzig Jahren fingen diese Gedanken kaum an sich in -Europa zu verbreiten, wohl nicht vielen waren Saint-Simon -und Fourier – die ersten „idealen“ Vertreter -dieser Ideen – bekannt; bei uns aber, bei uns wußten -vielleicht nur ein halbes Hundert Leute von dieser neuen -Bewegung im Westen. Und heute streiten über diese -„Fragen“ schon Gutsbesitzer auf der Jagd, auf dem -Nachtlager in einer Bauernscheune, und streiten sogar -in der charakteristischsten und kompetentesten Weise, so -daß wenigstens die negative Seite der Frage von ihnen -schon entschieden und unwiderruflich festgesetzt wird. -Es sind allerdings Gutsbesitzer aus der hohen Gesellschaft, -die sich im Englischen Klub ernsthaft zu unterhalten -pflegen, die ihre Zeitungen lesen, alle Prozesse -aus den Blättern und noch anderen Quellen kennen. -Doch nichtsdestoweniger bleibt schon allein die Tatsache, -daß so ein idealer Unsinn als das alltäglichste Gespräch -solcher Gesellschaftsmenschen anerkannt wird, wie die -Oblonskis und Lewins, die alles andere, nur keine Professoren -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -oder Spezialisten sind, – diese Tatsache, sage -ich, ist eines der charakteristischsten Merkmale des gegenwärtigen -Zustandes der russischen Geister. Der zweite -charakteristische, gleichfalls gut beobachtete Zug in -diesem Gespräch ist, daß über die Gerechtigkeit dieser -neuen Ideen ein Mensch urteilt, der für sie, d. h. für das -Glück des Proletariers, des Armen, selbst nicht einen -Pfennig geben, sondern ihm bei Gelegenheit noch das -Letzte abrupfen würde. Doch mit leichtem Herzen und -der Heiterkeit eines Witzbolds unterschreibt er sofort den -Krach der ganzen Menschheitsgeschichte, erklärt ihre -jetzige Verfassung für die Krone des Unsinns und sagt: -„Ich bin damit vollkommen einverstanden.“ Wirklich -auffallend, wie diese Oblonskis immer als die ersten mit -allem einverstanden sind! Mit einem Satz verurteilt er -die ganze christliche Ordnung, die Persönlichkeit, die -Familie – oh, das macht ihm weiter nichts aus! Wir -Russen haben keine Schulung in solchen Dingen; diese -Herren aber, die das mit voller Schamlosigkeit eingestehen, -die selbst erklären, daß auch sie erst seit gestern -darüber nachdenken, entscheiden trotzdem eine Frage von -solcher Bedeutung ohne das geringste Bedenken. Und -hier haben wir gleich den dritten charakteristischen Zug, -– dieser selbe Herr sagt nämlich unumwunden: „Also, -mein Freund: entweder anerkennen, daß die gegenwärtige -Einteilung der menschlichen Gesellschaft gerecht ist, -und dann seine Rechte verteidigen, oder gestehen, <em>daß -man ungerechte Vorzüge genießt, wie -z. B. ich es tue, und sich ihrer mit Vergnügen -weiterbedienen</em>.“ D. h. genau genommen -erklärt er offen, indem er seine Meinung über -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -ganz Rußland ausspricht – und es verurteilt – und somit -auch über seine Familie, über die Zukunft seiner -Kinder, daß dies alles ihn überhaupt nichts angeht: -„Ich gebe zu, daß ich ein Spitzbube bin, bleibe aber -Spitzbube zu meinem Vergnügen. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Et après moi le -déluge.</span>“ Er ist ja nur deswegen so ruhig, weil er noch -sein Vermögen hat; verlöre er es aber – warum sollte -er da nicht Spitzbube werden? – das wäre doch der -geradeste Weg! Und gerade dieser Staatsbürger, dieser -Familienvater, dieser russische Mensch – welch ein echt -russischer Charakter! Vielleicht findet man, daß er doch -immerhin eine Ausnahme sei? Was kann er denn für -eine Ausnahme sein!? Bitte sich doch nur zu erinnern, -wieviel Zynismus wir in den letzten zwanzig Jahren -gesehen haben, welch eine Leichtigkeit der Wendungen -und Veränderungen, welch einen Mangel an jeder -tieferen Überzeugung und welch eine Schnelligkeit in der -Aneignung der ersten besten fremden Anschauung, versteht -sich, um sie am nächsten Tage für zwei Kopeken -wiederzuverkaufen! Nicht der geringste moralische -Grund bei uns, außer – <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">après nous le déluge</span>. -</p> - -<p> -Das Interessanteste aber ist, daß dicht neben diesem -weit verbreiteten, herrschenden Typ ein ganz anderer -steht – der Typ des russischen Edelmannes und Gutsbesitzers, -der ein ausgeprägter Gegensatz jenes ersten ist. -Ich meine den Lewin. Und solcher Lewins gibt es in -Rußland Tausende, fast ebensoviel wie Oblonskis. Ich -spreche hier nicht von seinem blonden Haar, nicht von -seiner großen starken Gestalt, die der Künstler ihm im -Roman verliehen hat; ich spreche nur von einem Zug -seines Wesens, der dafür aber der auffallendste und bedeutungsvollste -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -ist, und ich behaupte, daß dieser Zug sich -bei uns in einer solchen Verbreitung findet, daß es einen -fast wundernehmen kann – inmitten unseres Zynismus, -unserer kalmückischen Stellung zur Arbeit! Seit -einiger Zeit tut sich dieser Zug allüberall bei uns kund; -die Menschen mit diesem Zug streben krampfhaft, fast -krankhaft nach Antworten auf ihre Fragen; sie hoffen -und glauben leidenschaftlich, obgleich sie beinahe noch -nichts zu entscheiden verstehen. Dieser Zug ist vollständig -in der Antwort Lewins ausgedrückt: -</p> - -<p> -„Nein, wenn das ungerecht wäre, so könntest du dich -dieser Vorteile nicht mit Vergnügen bedienen, <em>wenigstens -ich könnte es nicht. Für mich ist die -Hauptsache: zu fühlen, daß ich nicht -schuldig bin.</em>“ -</p> - -<p> -Und tatsächlich beruhigt er sich nicht eher, als bis er -bei sich entschieden hat, ob er schuldig ist oder nicht. Und -bis zu welchem Grade steigert sich vorher seine Unruhe? -Er geht bis zum Äußersten, und wenn es nötig ist, wenn -es nur nötig ist, wenn er sich nur selbst beweist, daß es -nötig ist, so wird er – im Gegensatz zu Oblonski, der -da sagt: „Wenn auch als Spitzbube, so fahre ich doch -fort, zu leben, zu meinem Vergnügen“ – so wird er -vielleicht zu einem zweiten „Wlas“<a class="fnote" href="#footnote-29" id="fnote-29">[29]</a> werden, der in -einem Anfall des Mitleids und der Angst sein Hab und -Gut verschenkte und für den Bau eines Gotteshauses -sammeln ging. Oder wenn er nicht für ein Gotteshaus -sammeln geht, so wird er doch etwas Ähnliches tun und -mit demselben Eifer. Ich beeile mich, zu wiederholen, -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -daß ein Zug hier ganz besonders bemerkenswert ist: das -ist diese Menge, diese ganz ungewöhnliche Menge solcher -neuen Menschen, solcher neuen Wurzeln russischer Menschen, -die der <em>Wahrheit bedürfen</em>, der Wahrheit -ohne konventionelle Lüge, und die, um diese Wahrheit -zu erreichen, alles, aber auch alles fortgeben. Diese -Menschen tauchen gleichfalls seit den letzten zwanzig -Jahren bei uns auf, und mit jedem Jahr werden ihrer -mehr. Aber man hat sie auch schon früher, auch vor -Peter, überhaupt immer schon vorausahnen können. -Das ist das anbrechende zukünftige Rußland der ehrlichen -Menschen, die einzig der Wahrheit bedürfen! Oh, -sie sind auch furchtbar unduldsam: aus Unerfahrenheit -verwerfen sie jeden Kompromiß, jede Erklärung sogar. -Nur auf eines möchte ich noch mit allem Nachdruck hinweisen, -– daß es ein wahrhaftes Gefühl ist, das sie -treibt. Einer ihrer charakteristischsten Züge besteht darin, -daß sie unter sich auffallend wenig übereinstimmen -und vorläufig noch allen möglichen Parteien und Gruppen -angehören: da gibt es Aristokraten und Proletariers, -Gläubige wie Ungläubige, Reiche und Arme, Gelehrte -und Laien, Greise und Backfische, Slawophile und Westler. -Ja, diese Uneinigkeit, diese Verschiedenheit in den -Überzeugungen ist sogar beispiellos, doch ihr Streben -nach Ehrlichkeit und Wahrheit ist unerschütterlich, unablenkbar, -und für das Wort der Wahrheit gibt jeder von -ihnen sein Leben, Hab und Gut ... Vielleicht wird man -behaupten, dieses sei bloß wieder Phantasie von mir, es -gäbe bei uns gar nicht so viel Ehrlichkeit und solch ein -<em>Dürsten nach Ehrlichkeit</em>. Ich aber bleibe dabei, -daß es da ist, dicht neben der schrecklichsten Sittenverderbnis, -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -daß ich sie sehe und fühle, diese emporsteigenden -Menschen, denen die Zukunft Rußlands gehört, daß -man blind sein muß, um sie nicht zu sehen, und daß der -Künstler, der diesen abgelebten Zyniker Oblonski und -diesen neuen Menschen Lewin gegeneinander hält, gleichsam -diese aufgegebene, sittenlose, furchtbar vielköpfige -russische Gesellschaft, die sich durch ihren eigenen Urteilsspruch -bereits selber verurteilt hat, gegen die Gesellschaft -der neuen Wahrheit hält, die Gesellschaft, die in ihrem -Herzen die Überzeugung, sie sei schuldig, nicht ertragen -kann, und die alles fortgibt, um ihr Herz von der Schuld -zu befreien. Auffallend ist hierbei, daß unsere Gesellschaft -sich fast nur in diese beiden Arten teilt – dermaßen -groß sind sie und dermaßen umfassen sie das ganze russische -Leben – versteht sich, wenn man von der Masse -der völlig Gleichgültigen absieht. Doch der charakteristischste, -der russischste Zug dieser „brennenden Tagesfrage“, -auf die der Verfasser hinweist, besteht darin, daß -sein neuer Mensch, sein Lewin, <em>nicht versteht</em>, die -ihn beunruhigende Frage zu beantworten. Das heißt, -in seinem Herzen hat er sie beinahe beantwortet – nicht -zu seinem Vorteil, denn er <em>argwöhnt</em>, daß er -<em>schuldig</em> ist: aber etwas Festes, Gerades und Reales -in seiner ganzen Natur lehnt sich dagegen auf und hält -ihn vorläufig noch von der letzten Entscheidung ab. -Oblonski dagegen, dem es völlig einerlei ist, ob er schuldig -oder unschuldig ist, entscheidet die Frage ohne das -geringste Bedenken, vielmehr kann es ihm gerade so recht -sein: „Wenn also alles blödsinnig ist und es nichts -Heiliges mehr gibt, so kann man ja machen, was man -will, für mich wird die Zeit noch ausreichen, – das -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -Jüngste Gericht kommt ja noch nicht gleich.“ Bemerkenswert -ist dabei, daß gerade die schwächste Seite der Frage -Lewin verwirrt und vor den Kopf stößt – das ist so echt -russisch und so richtig vom Verfasser beobachtet. Die -Sache ist nämlich die, daß alle diese Gedanken und -Fragen in Rußland – einzig eine Theorie sind: alle sind -sie aus anderen Ländern mit anderen Verhältnissen zu -uns eingeführt, aus Europa natürlich, wo sie schon längst -ihre historische und praktische Seite haben. Unsere -beiden Edelleute sind Europäer, und es ist nicht leicht, -sich von der europäischen Autorität zu befreien: auch hier -muß man Europa den Tribut zahlen. Und da verwechselt -nun Lewin, dieses russische Herz, die einzig mögliche -rein russische Lösung der Frage mit ihren europäischen -Bedingungen: er verwechselt die christliche Lösung mit -dem historischen „Recht“. -</p> - -<p> -Stellen wir uns zur Übersicht folgendes vor: -</p> - -<p> -Lewin steht und denkt an sein Gespräch mit Oblonski -und wünscht in seiner ehrlichen Seele qualvoll, -das ihn verwirrende Problem zu lösen. -</p> - -<p> -„Ja,“ sagt er sich, halb entscheidend, „ja, wenn man -so bedenkt, weshalb können denn wir, wie Weslowski -vorhin sagte, essen, trinken, auf die Jagd gehen und -nichts tun, während der Arme immer und ewig arbeiten -muß? Ja, Oblonski hat recht, ich <em>muß</em> mein Gut unter -den Armen verteilen und für sie arbeiten gehen.“ -</p> - -<p> -Steht da neben Lewin der Arme und spricht: -</p> - -<p> -„Ja, du mußt das tun, es ist deine Pflicht, den -Armen dein Gut zu geben und für uns zu arbeiten.“ -</p> - -<p> -So stellt sich denn heraus, daß Lewin vollkommen im -Recht ist, der „Arme“ aber im Unrecht, natürlich wenn -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -man die Sache sozusagen im höheren Sinne entscheidet. -Aber darin liegt ja der ganze Unterschied der Auffassung -dieses Problems. Denn seine moralische Lösung darf -man nicht mit seiner historischen Lösung verwechseln; -sonst gibt es eine heillose Konfusion, – ähnlich der, -die sich auch jetzt noch in theoretischen russischen Köpfen -fortsetzt, – in den Köpfen der Nichtswürdigen, gleich -Oblonski, wie in den Köpfen derer, die reinen Herzens -sind, gleich Lewin. In Europa haben das Leben und die -Praxis schon die Frage gestellt – wenn auch absurd im -Ideal ihres Schlusses, so doch immerhin real im Verlauf -ihrer Entwicklung, und ohne zwei heterogene Auffassungen, -die moralische und die historische, zu verwechseln, -soweit dies überhaupt möglich ist. Vielleicht wird -eine kurze Erklärung dieses Gedankens nicht überflüssig -sein. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-5-5-3"> -<span class="firstline">Die Tagesfrage in Europa</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -In Europa gab es einmal einen Feudalismus und -gab es Ritter. Aber in reichlich tausend Jahren erstarkte -das Bürgertum, nahm schließlich den Kampf mit -den Rittern auf, besiegte sie und – setzte sich an deren -Stelle. „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ôte-toi de là que je m’y mette.</span>“ Indem -nun die Bourgeoisie den Platz ihrer früheren Herren -einnahm, umging sie vollständig das Volk, das Proletariat, -und da sie dasselbe nicht als Bruder anerkannte, -machte sie es zu ihrer Arbeitskraft, indem sie dadurch sich -zum Wohlstand und ihm zu seinem täglichen Stück Brot -verhalf. Unser russischer Oblonski entscheidet bei sich, -daß er im Unrecht ist, will aber bewußt ein Nichtswürdiger -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -bleiben, denn so hat er ein angenehmes Leben. -Der ausländische Oblonski ist anderer Meinung als -der unsrige: er hält sich für durchaus im Recht und ist -selbstverständlich in seiner Art logischer; denn nach -seiner Ansicht kann hierbei überhaupt nicht von <em>Recht</em>, -sondern nur von „<em>Geschichte</em>“, von historischer Entwicklung -der Dinge die Rede sein. Er nimmt den Platz -des Ritters ein, weil er den Ritter mit roher Kraft besiegt -hat, und er weiß nur zu gut, daß der Proletarier, -der während seines Kampfes mit dem Ritter noch -schwach war, leicht erstarken kann, ja, jetzt sogar schon -mit jedem Tage stärker wird. Und er sagt sich, daß dieser -ihn dann, wenn er ganz stark geworden, ebenso vom -Platz verdrängen wird, wie er einst den Ritter verdrängt -hat, und ihm ganz ebenso sagen wird: „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ôte-toi de là -que je m’y mette.</span>“ Wo ist denn hier „Recht“, hier -handelt es sich doch nur um „Geschichte“! Oh, der -Bourgeois würde zu einem Kompromiß gern bereit sein, -würde sich gern irgendwie mit dem Feinde vertragen, – -und er hat es ja auch schon versucht. Da er aber vorzüglich -errät, ja, und auch die Erfahrung ihn gelehrt -hat, daß der Feind nichts weniger als geneigt ist, sich -mit ihm zu vertragen, sich in nichts teilen, sondern -<em>alles</em> haben will, und daß außerdem Abtretungen -seinerseits ihn, den Bourgeois, nur schwächen würden, -so hat er sich also entschlossen, <em>nichts</em> abzutreten und -sich zum Kampf vorzubereiten. Diese Stellung ist vielleicht -hoffnungslos, doch ist es eine Eigenschaft der -menschlichen Natur, sich vor dem Kampf Mut zuzusprechen. -So verzagt denn auch der Bourgeois nicht, -sondern verstärkt und verschanzt sich immer mehr, legt -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -sich mit allen Mitteln ins Zeug und strengt sich mit aller -Kraft an – solange noch Kraft vorhanden ist – und -bemüht sich, den Gegner zu schwächen, wo er nur -kann ... und das ist alles, was er vorläufig tut. -</p> - -<p> -So steht die Sache heute in Europa. Allerdings, -früher, vor nicht langer Zeit sogar, gab es auch dort -eine <em>moralische</em> Auffassung der Frage, es gab Fourieristen -und Cabetisten, es gab Kongresse, Diskussionen -und Debatten über verschiedene äußerst feine, scharfsinnige -Fragen. Jetzt jedoch haben die Führer des Proletariats -das alles bis zu gelegenerer Zeit aufgeschoben. -Sie wollen geradeswegs zum Kampf herausfordern; sie -organisieren eine wahre Armee, gründen Vereine, gründen -Kassen und sind von ihrem Sieg fest überzeugt: -„Und dann, nach dem Siege, wird sich alles von selbst -praktisch ergeben, obgleich sehr leicht möglich ist, daß -es erst nach Strömen vergossenen Blutes dazu kommen -wird.“ Der Bourgeois begreift, daß die Führer der -Proletarier diese einfach durch die in Aussicht stehende -Plünderung anlocken, und daß es sich folglich nicht lohnt, -noch die moralische Seite der Sache hervorzuheben. -Einstweilen aber gibt es auch unter den jetzigen Führern -zuweilen noch solche, die das moralische Recht der -Armen predigen. Die höheren Führer lassen diese Redner -eigentlich nur zur „Verschönerung“ zu, um die Sache -etwas „auszuschmücken“ und ihr den Anschein einer -höheren Gerechtigkeit zu geben. Von diesen „moralischen“ -Sozialisten sind viele nur Intriganten, viele -aber auch echte Idealisten. Sie erklären offen, daß sie -für sich nichts wollen und nur für die Menschheit -arbeiten, nur nach einer neuen Einrichtung der Dinge -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -streben, um die Menschheit glücklicher zu machen. Doch -hier empfängt sie der Bourgeois schon auf ziemlich -festem Boden und hält ihnen sofort vor, daß sie ihn -zwingen wollen, der Bruder des Proletariers zu werden -und mit ihm sein Hab und Gut zu teilen. Abgesehen -davon, daß dieses der Wahrheit ziemlich ähnlich sieht, -antworten ihnen die Führer, sie hielten ihn, den Bourgeois, -überhaupt nicht für fähig, dem Volke ein Bruder -zu werden, und darum würden sie einfach Gewalt anwenden, -ihn aber von vornherein aus jeglicher „Brüderschaft“ -ausschließen. „Die Brüderschaft,“ sagen sie, -„wird sich später bilden, aus den Proletariern, ihr -aber, – ihr seid hundert Millionen zum Tode verurteilter -Köpfe und weiter nichts! Es ist aus mit euch, zum Glücke -der Menschheit!“ Andere Führer sagen heute schon ganz -offen, sie brauchten keine Brüderschaft, das Christentum -sei Faselei und die zukünftige Menschheit werde sich nur -auf wissenschaftlichen Grundlagen aufbauen. Alles das -kann natürlich den Bourgeois weder ins Wanken bringen, -noch überzeugen. Er wendet ein, daß diese „Gesellschaft -auf wissenschaftlichen Grundlagen“ bloße Phantasie -ist, daß jene Führer sich den Menschen anders vorstellen, -als ihn die Natur geschaffen hat; ferner, daß es -dem Menschen schwer und unmöglich ist, dem unbedingten -Recht des Eigentums, der Familie und der Freiheit zu -entsagen; daß sie von ihrem zukünftigen Menschen zuviel -Opfer als Persönlichkeit verlangen, daß man den -Menschen nur mit furchtbarem Zwang in dieser Weise -hinaufzüchten könnte, nur dann, wenn man ständige -Spionage und ununterbrochene Kontrolle der despotischsten -Macht anwendete. Zum Schluß fordert der Bourgeois -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -noch auf, ihm doch diejenige Macht zu nennen, die -die zukünftigen Menschen zu einer freiwilligen, nicht gezwungenen -Gesellschaft zu vereinigen vermöchte. Darauf -heben die Führer den Vorteil und die Notwendigkeit -hervor, die jeder Mensch anerkennen müsse, und -weisen darauf hin, daß er selbst, um der Zerstörung und -dem Tode zu entgehen, freiwillig alle verlangten Konzessionen -machen werde. Ihnen wird sofort entgegnet, -daß der Gesichtspunkt des Vorteils allein niemals die -Kraft haben kann, eine volle und einmütige Vereinigung -hervorzubringen; daß kein einziger Nutzen imstande ist, -den Eigenwillen und die persönlichen Rechte zu ersetzen; -daß diese Mächte und Motive viel zu schwach sind und -somit diese ganze zukünftige Vereinigung ewig fraglich -bleiben wird; daß der Proletarier, wenn die Führer mit -nichts als der moralischen Seite der Sache kämen, ihnen -überhaupt nicht zuhören würde, und daß er, wenn er -es jetzt tut, wenn er ihnen zu folgen scheint und sich zur -Schlacht vorbereiten läßt, dies nur deshalb tut, weil er -durch die versprochene Plünderung der Reichen angelockt -wird und von der Fata morgana des allgemeinen Zusammenbruchs -fieberhaft erregt ist. Folglich muß man -dann doch die moralische Seite der Frage ganz fallen -lassen, da sie nicht der geringsten Kritik standhält, und -muß sich einfach zum Kampf vorbereiten. -</p> - -<p> -Das ist die europäische Auffassung der Sache. Die -eine wie die andere Partei sind im Unrecht, und die -einen wie die anderen werden an ihren eigenen Sünden -untergehen. Wiederholen wir es: Am schwersten ist für -uns Russen, daß bei uns sogar die Lewins über diese -selben Fragen ins Nachdenken geraten, während die -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -einzig mögliche Lösung des Problems, und gerade die -russische Lösung, und diese nicht nur für die Russen -allein, sondern für die ganze Menschheit – die ethische -Auffassung der Frage ist, d. h. die christliche. In Europa -ist diese Auffassung nicht denkbar, obgleich man auch -dort, früher oder später, nach Strömen von Blut und -hundert Millionen von Opfern, sie doch wird anerkennen -müssen – denn in ihr allein liegt das Heil. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-5-5-4"> -<span class="firstline">Die russische Lösung des Problems</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Wenn ihr fühlt, daß es euer Gewissen drückt, dieses -„Essen, Trinken, Auf-die-Jagd-Gehen und Nichtstun“, -und wenn ihr das wirklich fühlt, und wenn es euch wirklich -so leid tut um die „Armen“, deren es so viele gibt, – so -gebt ihnen euer Hab und Gut und gehet hin, um für -sie alle zu arbeiten, und „erwerbt den Schatz im Himmelreich, -dort, wo man nicht sammelt, noch nach Gütern -trachtet –“. Geht wie „Wlas“, von dem es heißt: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Groß war diese Kraft der Seele,</p> - <p class="verse">Die da auszog, Gott zu dienen.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Und wollt ihr nicht wie Wlas für den Bau eines -Gotteshauses sammeln, so sorgt für die Aufklärung der -Seele dieses Armen, erleuchtet ihn, belehrt ihn. Selbst -wenn alle Reichen ihre Reichtümer, wie ihr, unter alle -Armen austeilen würden, so wäre das doch nur wie ein -Tropfen im Meer. Darum aber muß man mehr für das -Licht, die Aufklärung, die Wissenschaft und für ein -Mehr an Liebe sorgen. Dann erst wird der Reichtum in -Wirklichkeit wachsen, und zwar der wirkliche Reichtum; -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -denn der liegt nicht in herrlichen Kleidern, sondern in -der Freude der allgemeinen Vereinigung und der festen -Hoffnung eines jeden, daß im Unglück ihm und seinen -Kindern von allen geholfen werden wird. Und sagt -nicht: „Ich bin bloß eine machtlose Eins,“ oder: „Wenn -ich allein mein Vermögen verteile und dienen gehe, so -kann ich damit doch nichts verbessern“. Im Gegenteil, -wenn es nur einige wenige solcher gibt wie ihr, so ist -die Sache schon durchgeführt. Und im Grunde ist es -nicht einmal <em>unbedingt</em> nötig, sein Gut zu verteilen, -– jede <em>Unbedingtheit</em> würde hier, in der -Tat der Liebe, nur einer Form gleichen, einer Rubrik, -dem Buchstaben. Die Überzeugung, daß man den Buchstaben -erfüllt hat, führt nur zu Stolz und Faulheit. Man -soll nur das tun, was einem das Herz befiehlt: gebietet -es euch, eure Habe zu verteilen – so verteilt sie, gebietet -es euch, für die anderen arbeiten zu gehen, – so geht. -Doch auch hier tut nicht wie etliche Träumer, die sich sofort -an die Schiebkarre machen, was ungefähr heißen soll: -„ich will kein Herr sein, ich will arbeiten wie ein Bauer“. -Die Schiebkarre ist wiederum – nur eine „Form“. -</p> - -<p> -Im Gegenteil, wenn du fühlst, daß du als Gelehrter -allen nützlich sein kannst, so gehe auf die Universität und -behalte so viel von deinen Mitteln, als du dafür nötig -hast. Nicht die Verteilung des Gutes ist notwendig und -nicht das Anziehen des Bauernkittels: all das ist bloß -Buchstabe und Formalität. Notwendig und wichtig ist -bloß <em>deine Entschlossenheit, alles zu -tun um der tätigen Liebe willen</em>, alles, was -dir möglich ist, was du selbst aufrichtig als in deiner -Kraft stehend anerkennst. Alle diese Bemühungen, sich -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -zu „vereinfachen“ – sind ja doch nur Verkleidungen, die -das Volk vor uns herabsetzen und einen selbst erniedrigen. -Ihr seid alle zu „kompliziert“, um euch zu -„vereinfachen“, ganz abgesehen davon, daß schon eure -Bildung allein euch hindert, zum Bauern zu werden. -Hebt lieber den Bauer bis zu eurer Bildung empor! -Seid nur aufrichtig und treuherzig; das ist besser als -jede „Vereinfachung“. Vor allen Dingen aber schreckt -euch nicht selbst, sagt nicht: „einer ist keiner“ und ähnliches. -Jeder einzelne, der aufrichtig die Wahrheit sucht, -der ist schon furchtbar viel. Ahmt auch nicht jenen -Phrasenmachern nach, die da ununterbrochen sagen, damit -man sie höre: „Man läßt mich nichts machen, bindet -mir die Hände, pflanzt mir in die Seele Enttäuschung -und Verzweiflung!“ Das sind Helden gewisser Dichtungen -schlechten Tones, posierende Faulenzer. Wer -Nutzen bringen will, der kann auch mit buchstäblich gebundenen -Händen unendlich viel tun. Ein echter Tatmensch -sieht, wenn er auf den Weg tritt, sofort so viel -Arbeit vor sich, daß er nicht anfangen wird, zu klagen, -man lasse ihn nichts machen, sondern er wird sofort -irgend etwas finden und wird das, was er sich vornimmt, -dann selbst mit gebundenen Händen fertigzustellen -verstehen. -</p> - -<p> -Und das wissen auch alle wirklichen Tatmenschen. -Wieviel Zeit nimmt bei uns schon allein das „Ergründen -Rußlands“, denn nur äußerst, äußerst selten kennt -ein Mensch unser Rußland. Die Klagen über Blasiertheit -sind einfach dumm: die Freude an dem zu errichtenden -Gebäude muß jede Seele erfüllen, auch wenn ihr -vorläufig nur ein Sandkörnchen zum Bau des Gebäudes -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> -herbeibringt. Eure Belohnung aber sei – Liebe, wenn -ihr sie verdient. Solltet ihr aber keiner Liebe bedürfen, -so tut ihr doch eine Liebestat, also könnt ihr gar nicht -umhin, euch um Liebe zu bewerben. Doch möge es auch -niemand sagen, daß ihr es auch ohne Liebe tun müßtet, -sozusagen zum eigenen Gewinn, und daß man euch -anderenfalls mit Gewalt dazu zwingen werde. Nein, -bei uns in Rußland muß man andere Überzeugungen -wecken – und besonders was die Begriffe der Freiheit, -Gleichheit und Brüderlichkeit betrifft. In der -heutigen Welt hält man Zügellosigkeit für Freiheit, während -die wirkliche Freiheit doch nur in der Überwindung -seiner selbst und seines Willens liegt, so daß man zuletzt -einen sittlichen Zustand erreicht, in dem man immer, in -jedem Augenblick, sein eigener Herr ist. Die Zügellosigkeit -der Wünsche führt nur zur Sklaverei. Das ist -wohl der Grund, warum fast die ganze heutige Welt die -Freiheit in der pekuniären Sicherstellung sieht, und in -den Gesetzen, die diese pekuniäre Sicherstellung garantieren. -„Hab’ ich Geld,“ heißt es, „so kann ich alles -machen, was mir gefällt; hab’ ich Geld – so werd’ ich -nicht untergehen, noch nötig haben, andere um Hilfe -zu bitten; niemanden aber um Hilfe bitten, ist die -höchste Freiheit.“ Und doch ist das in Wirklichkeit -nicht Freiheit, sondern Knechtschaft, – Knechtschaft -durch das Geld. Im Gegenteil, die allerhöchste Freiheit -ist – nicht sparen und nicht sich mit Geld versorgen, -sondern „unter alle verteilen, was man hat, -und hingehen, um allen zu dienen“. Ist der Mensch -dazu fähig, ist er fähig, sich bis zu solch einem Grade -zu überwinden – so, sagt doch, ist er dann nicht wahrhaft -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -frei? Darin liegt doch die höchste Offenbarung -des Willens! Und dann, was ist in der heutigen gebildeten -Welt „Gleichheit“? Eifersüchtiges Aufpassen -des einen auf den anderen, Hochmut, Aufgeblasenheit -und Neid: „Er ist klug, er ist ein Shakespeare, er -rühmt sich mit seinem Talent; also muß man ihn erniedrigen, -muß ihn vernichten.“ Währenddessen spricht -die wirkliche Gleichheit: „Was geht es mich an, daß -du talentvoller bist als ich, klüger und schöner als ich? -Ich kann mich nur dessen freuen, denn ich liebe dich. -Bin ich auch unansehnlicher als du, so versage ich mir -doch als Mensch nicht die Achtung, und du weißt das -wohl und achtest mich gleichfalls – deine Achtung aber -macht mich glücklich. Bringst du mit deinen Begabungen -mir und allen anderen hundertfach mehr -Nutzen, als ich dir, so segne ich dich dafür, bewundere -dich und bin dir dankbar; rechne ich doch meine Bewunderung -für dich mir niemals zur Schande an: daß -ich dir dankbar bin, ist mein Glück, und wenn ich, so -viel wie in meinen schwachen Kräften steht, für dich -und für alle arbeite, so geschieht das keineswegs, um -mit dir abzurechnen, Freund, sondern nur – weil ich -euch alle liebhabe.“ -</p> - -<p> -Wenn alle Menschen so sprechen werden, dann erst -wird Brüderlichkeit auf Erden herrschen, und zwar -nicht um irgendeines ökonomischen Vorteils willen, -sondern aus der Fülle des freudigen Lebens heraus, -aus der Überfülle der Liebe. -</p> - -<p> -Man wird vielleicht entgegnen, daß das bloß eine -Phantasie von mir sei, daß diese „russische Lösung des -Problems“ – das „Himmelreich“ ist und selbiges -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -höchstens im Himmel, nicht aber auf Erden möglich -sei. Allerdings, die Oblonskis würden sich nicht wenig -ärgern, wenn das Himmelreich anbräche. Doch muß -man wenigstens in Betracht ziehen, daß in dieser Phantasie -einer „russischen Lösung des Problems“ unvergleichlich -weniger Phantastisches und unvergleichlich -mehr Wahrscheinliches ist als in der europäischen -Lösung. Solche Menschen wie „Wlas“ haben wir -schon gesehen und sehen sie bei uns in allen Ständen -und sogar recht oft; dagegen hat man dort den „zukünftigen -Menschen“ noch nirgends gesehen, und selbst -verspricht er ja auch, erst nach Vergießung ganzer -Ströme von Blut zu kommen. Ihr sagt, mit wenigen -Menschen dieser Art sei es nicht getan, man müsse nach -gewissen allgemeinen Einrichtungen und Prinzipien -streben. Doch selbst, wenn es solche Einrichtungen -und Prinzipien geben würde, nach denen man fehlerlos -die Gesellschaft bilden könnte, und selbst wenn man sie -<em>vor</em> der Praxis erlangen könnte, einfach so <span class="antiqua">a priori</span>, -einzig aus den Träumen des Herzens und der „wissenschaftlichen“ -Zahlen, die zudem noch der früheren Einrichtung -der Gesellschaft entnommen sind, – so wird -sich doch mit anfertigen, mit nicht dazu eingedrillten -Menschen keine einzige Regel durchführen, kein einziges -von all den schönen Prinzipien verwirklichen lassen; -im Gegenteil, diese würden nur lästig werden. Ich -aber glaube schrankenlos an unsere zukünftigen und -schon heraufkommenden Menschen, an diese selben, von -denen ich vorhin gesagt, daß sie vorläufig noch nicht -übereinstimmen, daß sie in kleinen Lagern und Gruppen -zerstreut sind, von denen jedes und jede an eigenen -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -Überzeugungen festhält, die aber dafür vor allen -Dingen die Wahrheit suchen, und die, wenn sie nur -wissen würden, wo die Wahrheit ist, bereit wären, für -ihre Verwirklichung alles zu opfern, selbst das Leben. -Glaubt mir, wenn sie endlich den wahren Weg finden -und ihn betreten, so werden sie alle nach sich ziehen, -und nicht gezwungen, sondern freiwillig wird man -ihnen folgen. Ja, das vermögen schon heute die ganz -wenigen zu tun. Und das ist dann der Pflug, mit dem -man unseren neuen Schatz heben kann. Bevor ihr den -Menschen predigt, wie sie sein sollen, zeigt es ihnen an -euch selbst. Erfüllt selbst, was ihr verkündigt, und alle -werden euch folgen. Ich begreife nicht, was hierbei -Utopistisches, Unmögliches sein soll! Es ist wahr, wir -sind sehr verderbt, sind kleinmütig – und darum glauben -wir nicht und lachen. Doch jetzt liegt es fast nicht -mehr an uns, sondern einzig an den Emporsteigenden, -den Künftig-Zukünftigen. Das Volk ist reinen Herzens, -es muß nur noch erleuchtet werden. Doch Menschen, -die reinen Herzens sind, erheben sich auch mitten aus -unserer Schar – und das ist das Allerwichtigste! Dies -ist es, was man zuerst glauben muß, was zu sehen man -verstehen muß. Denen aber, die reinen Herzens sind, -noch ein Rat: Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung -vor jedem ersten Schritt! Erfülle zuerst selbst, -statt daß du andere zwingst –: das ist das ganze Geheimnis -dieses ersten Schrittes. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-6"> -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -Ehemalige Landwirte – zukünftige -Diplomaten<a class="fnote" href="#footnote-30" id="fnote-30">[30]</a> -</h3> - -</div> - -<p class="noindent"> -... Ich bin wieder auf dem Lande und habe meine -Freude daran ... Doch vor allem freut es mich, nicht -im Auslande zu sein, nicht unsere sich dort herumtreibenden -Russen vor Augen zu haben. Wahrlich, in -unserer so volklichen, so politischen Zeit, da man gerade -überall bei sich zu Hause Russen sucht, Russen erwartet, -nur Russen will und fordert, in solch einer Zeit -ist es zu schwer, im Auslande der Demoralisierung -unserer expatriierten Intelligenz zusehen zu müssen, der -Verwandlung echt russischen, noch rohen und vielleicht -prachtvollen Menschenmaterials in erbärmliches, internationales -Gesindel ohne Persönlichkeit, ohne Charakter, -ohne Nationalität und ohne Vaterland. Ich rede -nicht von den Vätern, – die Väter sind nun einmal -nicht mehr anders zu machen. Nun, und – Gott mit -ihnen! Ich rede von den unglücklichen Kindern, die -sie dort im Auslande verderben. Die Väter werden -jetzt sogar schon von unseren verschriensten Westlern -lächerlich gefunden. Herr Burenin, der sich kürzlich -als Berichterstatter auf den Kriegsschauplatz begeben -hat, erzählt in einem Brief eine amüsante Begegnung -mit einem unserer „Europäer“, der beständig im Auslande -lebe, nur jetzt absichtlich auf den Kriegsschauplatz -gekommen sei, um sich das „Schauspiel so eines -Kampfes“ anzusehen, versteht sich, aus höflicher Entfernung, -– und der im Waggon überall Witzchen -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -gemacht, worüber diese Herren nun schon vierzig Jahre -lang Witze machen: über den russischen Geist, die -Slawophilen, usw. Er lebe nur darum im Auslande, -soll er gesagt haben, weil es bei uns in Rußland „für -einen ernsten und anständigen Menschen noch immer -nichts zu tun gäbe“ ... -</p> - -<p> -Vor zwanzig Jahren „emigrierten“ (ich bleibe bei -diesem Wort) aus Rußland vornehmlich Gutsbesitzer, -und seit der Zeit setzt sich die Emigration in jedem -Jahre ungehindert fort. Natürlich emigrierten auch -viele andere Leute, alle möglichen Menschen; doch -waren es in der großen Mehrzahl, wenn nicht alle, -Leute, die mehr oder weniger Rußland haßten; die einen -aus moralischen Gründen, infolge der Überzeugung, -„daß es in Rußland für so anständige und kluge Leute, -wie sie, nichts zu tun gäbe“, die anderen vielleicht ohne -jede Überzeugung, wenn man will, einfach aus physischem -Haß: wegen des Klimas, wegen der Felder und -Wälder, wegen der Gesetze und Bräuche, wegen des -befreiten Bauern, ja, wegen der ganzen russischen Geschichte, -mit einem Wort – wegen Rußland. Ich bemerke -dazu, daß solch ein Haß sehr passiv, sehr ruhig -und bis zur Apathie gleichmütig sein kann. Und dann -kam noch die Befreiung der Bauern hinzu, und überdies -erleuchtete plötzlich ungemein viele die Überzeugung, -daß durch diese Befreiung alles verloren -sei – das Land und die Landwirtschaft und der Adel -und ganz Rußland. Es ist ja wahr, daß nach der Aufhebung -der Leibeigenschaft die Landwirtschaft ohne genügende -Organisation und Sicherstellung blieb und die -Grundbesitzer infolgedessen den Kopf verloren und -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -natürlicherweise eine solche Angst bekamen, wie es nach -keinem staatlichen Umsturz mehr der Fall hätte sein -können. Nun, und da fingen denn die Gutsbesitzer -an ihre Güter zu verkaufen, und ein Teil von ihnen -– und nicht der kleinste – zog ins Ausland. Was -sie nun dort auch zu ihrer Rechtfertigung hervorheben -mögen – sie können doch nicht, weder vor ihren -Mitbürgern noch vor ihren eigenen Kindern verbergen, -daß der Hauptgrund zu ihrer Emigration die Verlockung -zum „Nichtstun“ gewesen ist. Jedenfalls -aber: seit der Zeit wird das russische persönliche Landeigentum -verkauft und gekauft, es ändert seine Herren -allaugenblicklich, verändert sogar sein Aussehen, denn -es wird eifrig entwaldet, – und in was es sich verwandeln, -in wessen Händen es endgültig bleiben, aus -welchen Leuten sich schließlich der neue russische Grundbesitzerstand -zusammensetzen wird, all das ist schwer -vorauszusagen, und doch liegt gerade darin, wenn man -will, die wichtigste Frage der russischen Zukunft. Es -scheint wirklich ein Naturgesetz zu sein, nicht nur in -Rußland, sondern in der ganzen Welt: diejenigen, -welche in einem Reiche das Land besitzen, die sind auch -die Herren dieses Landes – in jeder Beziehung. Bei -uns jedoch, wird man sagen, gibt es ja noch die Gemeinde, -– die sei der „Herr“! Aber ... gehört denn -etwa das Problem unserer Gemeinde bei uns schon zu -den endgültig gelösten? Trat es denn nicht vor etwa -fünfzehn Jahren gleichfalls in eine neue Phase, wie -alles andere? Doch darüber später – vorläufig will -ich, ohne sie weiter zu begründen, nur kurz meine Überzeugung -darlegen. Es ist diese: wenn in einem Reiche -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -die Verwaltung des Bodens eine <em>ernste</em> ist, dann -wird, meiner Meinung nach, auch alles andere im -Reich ernst sein, in allen Beziehungen, sowohl im -großen Ganzen wie in den kleinen Einzelheiten. Jetzt -müht man sich bei uns, zum Beispiel, um Bildung, -müht sich um die Volksschulen. Ich aber glaube, daß -Schule und Unterricht nur dann bei uns ernst und -gründlich werden sein können, wenn unsere Landesverwaltung -und Landwirtschaft ernstlich und gründlich -organisiert sind; glaube ferner, daß man nicht durch -eine Schule eine gute Landwirtschaft erzielt, sondern -umgekehrt, nur durch eine gute Landwirtschaft – d. h. -durch eine richtige Bodenverwaltung – eine gute -Schule bilden kann, auf keinen Fall aber früher. Parallel -diesem Beispiele geht alles: die Einrichtungen -und die Gesetze und die Sittlichkeit und selbst die Verstandesentwicklung -der Nation. Jede richtige Verwaltung -des nationalen Organismus organisiert sich bloß -dann, wenn im Lande gute Landwirtschaft getrieben -wird. Dasselbe läßt sich gleichfalls vom Charakter der -Landwirtschaft sagen: ist er aristokratisch, oder ist er -demokratisch – immer wird so, wie er ist, auch der -ganze Charakter der Nation sein. -</p> - -<p> -Einstweilen aber spazieren unsere ehemaligen Gutsbesitzer -im Auslande umher, in allen Städten und Kurorten -Europas, machen die Preise der Restaurants -steigen, und schleppen wie Millionäre Gouvernanten -und Bonnen für ihre Kinder mit sich herum und -kleiden die Kleinen in Spitzen und englische Kostüme -mit kurzen Strümpfchen – Europa zur Schau. Europa -aber sieht zu und wundert sich: „Wieviel reiche Leute -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -es doch in Rußland gibt, und vor allen Dingen wie -gebildete! Und wie sie nach europäischer Bildung -streben! Natürlich hat man ihnen nur aus Despotismus -die Auslandspässe vorenthalten! Und plötzlich -zeigt es sich, daß es bei ihnen so viele Grundbesitzer -und Kapitalisten und so viele Rentiers gibt, die sich -von den Geschäften zurückgezogen haben, – ja sogar -mehr als selbst in Frankreich, das doch das Land der -Rentiers ist!“ Wollte man aber versuchen, Europa zu -erklären, daß hier eine echt russische Erscheinung vorliegt -und keine Spur von eigentlichem Rentiertum sich -hierbei findet, sondern im Gegenteil die Verschwendung -dieser Leute meist nur das Brennen eines Lichtes von -beiden Enden bedeutet, so würde Europa an solch eine -in Europa unmögliche Erscheinung selbstverständlich -nicht glauben, würde mich überhaupt nicht verstehen. -Und das wichtigste – diese Sybariten, die sich dort in -den deutschen Kurorten und an den Schweizer Seen -herumtreiben, diese Lukullusse, die ihr Leben in Pariser -Restaurants zubringen, – sie wissen es ja selber und -fühlen es sogar mit einem gewissen Schmerz voraus, -daß sie ihr Kapital doch schließlich aufzehren, und daß -ihre Kinder, diese selben kleinen Engelchen in englischen -Kostümchen, vielleicht noch einmal in Europa werden -Almosen erbitten müssen – und sie <em>werden</em> Almosen -erbitten! –, wenn sie sich nicht in französische oder -deutsche Arbeiter verwandeln wollen – und sie -<em>werden</em> sich in französische und deutsche Arbeiter verwandeln! -– „Aber ...“ denken sie, „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">après nous le -déluge</span>! Ja, und wer ist denn der Schuldige? Das -sind doch nur alle diese unsere russischen Einrichtungen, -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -unser ganzes plumpes Rußland, in dem ein anständiger -Mensch immer noch nichts anfangen kann.“ So denken -diese Herren; und die liberalsten von ihnen, die, welche -man die höchsten und unverfälschtesten Westler der vierziger -Jahre nennen könnte, die fügen vielleicht noch -heimlich hinzu: „Nun, was tut’s, daß die Kinder ohne -Vermögen bleiben, dafür erben sie die Idee, den edlen -Sauerteig der wahren und heiligen Denkungsart. Fern -von Rußland erzogen, werden sie weder die Popen -kennen, noch das dumme Wort ‚Vaterland‘. Sie werden -einsehen, daß das ‚Vaterland‘ nur ein Vorurteil ist und -sogar das verderblichste der Welt. Aus ihnen werden -edle, universale Menschen werden. Wir, ausschließlich -wir, legen den Grund zu diesen neuen Menschen! -Gerade dadurch, daß wir im Auslande den Erlös für -unser Gut verleben, legen wir den Grund zu dem neuen -internationalen Bürgertum, das früher oder später -Europa erneuern wird, und die ganze Ehre dafür gebührt -uns, uns Russen, denn wir haben zuerst angefangen.“ -Übrigens, so reden bloß die „graulockigen“, -das heißt soviel wie sehr wenige – sind denn etwa viel -Koryphäen unter ihnen zu finden? Die praktischeren -jedoch und <em>nicht so literarisch-moralischen</em> -verlassen sich schließlich immer noch auf die „Verbindungen“. -„Wir verleben hier unser Geld, das ist ja -wahr, aber etwas gewinnen wir dabei doch, das sind: -Bekanntschaften, Beziehungen, die dann im sogenannten -‚Vaterlande‘ uns gut zustatten kommen werden. Und -zudem erziehen wir unsere Kinderchen wenigstens in -liberalem Geiste und immerhin als Gentlemen – das -aber sind doch lauter Hauptsachen. Verkehren werden -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -sie nur in den vornehmsten und höchsten Sphären; der -Liberalismus aber hat in diesen höchsten Sphären immer -alles, was gentlemanlike war, gekennzeichnet und begleitet, -denn dieser Gentlemanliberalismus ist für den höheren -Konservatismus sozusagen sehr nützlich, was man bei -uns längst begriffen hat. Nun, und wenn wir -unsere Kinder in dieser Weise im Auslande aufwachsen -lassen, so heißt das geradezu, daß wir sie zu Diplomaten -erziehen. Was sind das doch für prachtvolle Stellen -hier an den Gesandtschaften, Konsulaten, und dabei -welch eine Unmenge solcher entzückender Plätzchen, und -wie brillant sie dotiert sind! Wirklich, wie geschaffen -für unsere Kinderchen: sind ruhig und gut und vorteilhaft -und dauerhaft, und dabei immer ein angesehenes -Amt. Und der Dienst so vornehm und die Arbeit – -ach, die ist nicht der Rede wert, besteht ja nur im Verkehr -mit den Russen im Auslande, selbstverständlich bloß -mit denen, die anständiger aussehen; die anderen aber, -die einem da auf den Hals kriechen und noch um Schutz -bitten, – die, na, die schüttelt man einfach ab und -behandelt sie, wie es Vorgesetzten geziemt: ohne sie anzuhören -und von oben herab: ‚Wir glauben euch nicht. -Ihr seid selber an allem schuld, worüber ihr klagt. Ihr -glaubt wohl noch im lieben Vaterlande zu sein? Euretwegen -sollen wir uns Unannehmlichkeiten zuziehen? -Lohnt sich das denn überhaupt, und wie soll man eine -fremde Obrigkeit solcher Leute wegen, wie ihr, belästigen? -Seht doch erst in den Spiegel, wie ihr ausseht!‘ -Und darin besteht der ganze Dienst. Oh, unsere -Kinderchen werden schon verstehen, es im Leben zu -etwas zu bringen. Ja, ja, wenn man nur so seine Verbindungen -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -hat – das ist das erste, wofür ein Vaterherz -sorgen muß. Das übrige kommt dann je nach Bedarf -von selbst hinzu.“ -</p> - -<p> -Also, wie gesagt, in dieser Weise verlassen sich von -den im Auslande lebenden alle nicht gerade „literarischen“ -Väter mehr oder weniger auf Verbindungen. -Aber – was sind denn Verbindungen? Nun, wenn sie -auch ihre Bedeutung haben, so sind sie doch nur eine -unzuverlässige Quelle. Es würde daher wirklich nicht -schaden, wenn man sich noch mit etwas anderem versorgen -würde – nun, sagen wir, mit ein wenig Kenntnis -Rußlands und mit ein wenig eigenem Verstand, -nur so auf alle Fälle, da man doch niemals wissen -kann ... Und gerade jetzt, in der Epoche der Reformen -und neuen Einrichtungen, wollen bei uns doch alle -plötzlich nach eigenem Verstande leben – zweifellos eine -Idee, die durch die Aufklärung zu uns gekommen ist. -Das Unglück aber ist nur, daß bei uns noch nie so -wenig individueller Verstand zu finden gewesen ist, wie -jetzt, da ihn ein jeder haben will. Die Frage, warum -das so ist, will ich lieber offen lassen, es ist auch nicht -leicht, sie zu beantworten. Doch eine der Ursachen, -warum unsere kleinen Püppchen einst, wenn sie große -Puppen sind, zweifellos leere Köpfe haben werden – -kenne ich nur zu genau; und obwohl sie alt ist, will ich -doch noch auf sie hinweisen. Diese Ursache ... liegt -in der russischen Sprache, d. h. in der mangelhaften -Kenntnis der russischen, vaterländischen Sprache, die -durch die Erziehung im Auslande, durch ausländische -Gouvernanten und Bonnen bedingt wird. Derlei ist -bei uns ja auch schon früher üblich gewesen, aber wohl -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -niemals in dem Maße, wie jetzt, da soviel Püppchen im -Auslande heranwachsen. Nehmen wir den Fall an, -eines dieser Herrensöhnchen soll Diplomat werden: nun, -die Diplomatensprache ist bekanntlich die französische, -„folglich genügt es, wenn man die russische nur grammatisch -kennt“. Ist dem nun wirklich so? Diese Frage -ist wohl schon so oft beredet worden, daß sie vielleicht -abgeschmackt erscheinen wird. Nichtsdestoweniger ist -sie noch so unbeantwortet, daß sie sogar vor kurzem -wieder aufgeworfen werden konnte, wenn auch nur -mittelbar, bei Gelegenheit der Besprechungen der französischen -Werke Turgenjeffs. Es wurde sogar die -Meinung geäußert: „Warum soll denn Turgenjeff nicht -auch Französisch schreiben, das kann ihm doch niemand -verbieten?“ Selbstverständlich ist hier nichts zu verbieten -oder zu erlauben, und besonders nicht einem so -großen Schriftsteller und so vorzüglichen Beherrscher der -russischen Sprache, wie Turgenjeff. Darum über ihn -kein Wort weiter, aber ... Aber ich sehe, daß ich -wieder auf mein altes Thema zurückgekommen bin, auf -dasselbe, über das ich schon im vorigen Jahre geschrieben, -nachdem ich mit einer unserer ausländisch-russischen -Mamas über den Nachteil, den das Erlernen der -französischen Sprache für ihr Püppchen haben kann, -diskutiert hatte. Jetzt wird das Söhnchen zum Diplomaten -erzogen und ... Übrigens, wenn es auch nicht -ratsam ist, sich zu wiederholen, so will ich doch noch wagen, -in bezug auf die Diplomatie ein paar Worte zu sagen. -</p> - -<p> -„... Aber die Diplomatensprache ist doch Französisch!“ -unterbricht mich diesmal die Mama, ohne mich -zu Wort kommen zu lassen. -</p> - -<p> -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -O weh, sie trägt mir meine Worte vom vorigen Jahr -noch nach und behandelt mich ungnädig. -</p> - -<p> -„Gewiß, gewiß, meine Gnädigste,“ antworte ich, -„Ihr Einwand ist unantastbar, und ich bin mit Ihnen -widerspruchslos einverstanden. Jedoch: was ich über -die Kenntnis der russischen Sprache gesagt, gilt auch -für die Kenntnis der französischen – nicht wahr? Nun -aber, um den Reichtum seiner Gedanken in französischer -Sprache ausdrücken zu können, muß man sich diese -Sprache auch ganz und gar zu eigen machen. -Nun aber bitte ich Sie, folgendes nicht zu vergessen: -es gibt nämlich solch ein Geheimnis der Natur, oder -vielmehr solch ein Naturgesetz, nach dem man nur diejenige -Sprache vollkommen beherrschen kann, mit der -man geboren ist, wollte sagen, die dasjenige Volk spricht, -zu dem man gehört. Das scheint Ihnen nicht zu gefallen, -meine Gnädigste. Sie belieben etwas spöttisch -zu lächeln? Gut, ich gebe nach – es ist ja übrigens -auch kein <em>Damen</em>thema. Ich stimme Ihnen also -widerspruchslos bei, ich gebe zu, daß auch ein Russe -sich die französische Sprache bis zur Vollkommenheit -aneignen kann – aber nur unter einer riesengroßen -Bedingung: nämlich in Frankreich geboren zu sein, in -Frankreich aufzuwachsen und seit der allerersten Stunde -seines Lebens sich in einen Franzosen zu verwandeln! -Oh, Sie lächeln wieder, wie ich sehe, ich habe Sie wohl -nur belustigt? Einstweilen aber beachten Sie, daß selbst -Ihnen und Ihrem Söhnchen nicht gut möglich sein -wird, diese Bedingung zu erfüllen, trotz aller Pariser -Bonnen, trotz der Emigration, dem Erlös für das verkaufte -Land usw. Zudem müssen Sie noch die sogenannten -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -angeborenen Gaben in Betracht ziehen, denn -man kann doch nicht Ihr Püppchen mit Turgenjeff vergleichen -– werden denn etwa viel Turgenjeffs geboren? -... Ach, Verzeihung, meine Gnädigste, was -sage ich da! Aus Ihrem Söhnchen wird bestimmt ein -Turgenjeff werden, oh, nicht nur einer, sondern bestimmt -drei! Doch lassen wir das, nur ...“ -</p> - -<p> -„Aber,“ unterbrechen Sie mich plötzlich, „aber -die Diplomaten sind doch sowieso klug, warum -denn da noch um den Verstand so viel Sorge tragen? -Glauben Sie mir, hat man erst Verbindungen, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">mon -mari</span> ...“ -</p> - -<p> -„Sie haben durchaus recht, meine Gnädigste,“ -unterbreche ich schnell, „hat man erst Verbindungen und -läßt man Ihren Herrn Gemahl ganz beiseite, so, sage -ich, wäre es immerhin nicht übel, zu den Verbindungen -noch etwas, wenn auch nur ein wenig, Verstand hinzuzufügen. -Und die Diplomaten sind keineswegs deswegen -klug, weil sie Diplomaten sind, sondern einzig, -weil sie von Geburt an kluge Leute waren. Und glauben -Sie mir, es gibt sogar viele, sehr viele Diplomaten, -die wirklich außerordentlich dumm sind.“ -</p> - -<p> -„Ach nein, verzeihen Sie,“ unterbrechen Sie -mich ungeduldig, „Diplomaten sind immer klug -und alle bekleiden sie außerordentliche Posten: und -außerdem ist der Diplomatendienst der allervornehmste -Dienst!“ -</p> - -<p> -„Meine Gnädigste, meine Gnädigste,“ rufe ich, „Sie -sagen: Verbindungen und Kenntnis vieler Sprachen! -– aber Verbindungen <em>verschaffen</em> doch bloß -einen Posten, dann aber ... Nun, stellen Sie sich -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -vor: Ihr Söhnchen wächst in europäischen Restaurants -auf, geht in Gesellschaft ausländischer Vicomtes und -russischer Grafen mit jungen Kokotten durch, dann -aber ... Nun, er kann alle Sprachen und schon deswegen -keine einzige, ... hat er aber keine eigene -Sprache, so ist es nur natürlich, wenn er bloß Endchen -von Gedanken und Gefühlen aller Nationen aufgreift -und sein Verstand sich sozusagen zu einem Mischmasch -aller möglichen Süppchen herausbildet. Er wird ein -internationaler Bastard mit kurzen, abgerissenen, kleinen -Ideen und stumpfen Urteilen. Er ist Diplomat, aber -die Geschichte der Nationen setzt sich in seiner Vorstellung -ganz sonderbar-spaßhaft zusammen. Er sieht -überhaupt nicht, ja er ahnt nicht einmal das, wovon die -Nationen und die Völker leben, welche Gesetze in ihrem -Organismus liegen, ob in diesen Gesetzen auch etwas -Ganzes verborgen ist und sich in ihnen ein allgemeines -internationales Gesetz wahrnehmen läßt. Er ist fähig, -alle Geschehnisse der Welt nur daraus abzuleiten, daß -z. B. irgendeine Königin irgendeine Favoritin irgendeines -Königs geärgert hat, und infolgedessen der Krieg -zwischen zwei Königreichen ausgebrochen ist. Erlauben -Sie, ich werde von Ihrem Standpunkte aus urteilen. -Schön, er hat Verbindungen ... Aber zum Erwerb -solcher Verbindungen ist doch Charakter erforderlich, ist, -wie man zu sagen pflegt, die Liebenswürdigkeit eines -Charakters, sind Milde und Güte und zu gleicher Zeit -Beharrlichkeit und Festigkeit unbedingt nötig ... Ein -Diplomat muß doch bezaubernd sein, muß zu besiegen -verstehen, nicht wahr? Nun, dann glauben Sie es mir -oder nicht, wenn ich Ihnen offen und im höchsten Grade -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -bestimmt sage, daß man ohne Kenntnis seiner Muttersprache, -ohne ihre völlige Beherrschung nicht einmal -seinen Charakter ausarbeiten kann, und besonders dann -nicht, wenn das Püppchen noch von Natur reich und -gut begabt ist. Mit der Zeit stellen sich bei ihm dann -Gedanken ein, Ideen und Gefühle werden ihn innerlich -peinigen, indem sie für sich Ausdrücke suchen und fordern; -doch ohne reiche, von Kindheit an erworbene, -fertige Ausdrucksformen, d. h. ohne Sprache, ohne ihre -Entwicklung, ohne ihre Verfeinerung, ohne Beherrschung -all ihrer Nuancen – wird Ihr Sohn ewig unzufrieden -mit sich sein. Die aufgeschnappten Gedankenendchen -hören bald auf, ihn zu befriedigen, das im Verstande -und im Herzen angesammelte Material fängt -an, nach einem großen, unbeengten Ausdruck zu verlangen -... Der junge Mann wird besorgt, zerstreut, -grundlos nachdenklich, darauf gereizt, unerträglich; -schließlich zerrüttet er womöglich seine Gesundheit, vielleicht -sogar den Magen, glauben Sie mir ...“ -</p> - -<p> -„Ach, Sie lachen? – Ich sehe schon, hab’ mich -wieder fortreißen lassen, – einverstanden! – Aber, -Gott, wie wahr ist es doch, was ich sage! – Gestatten -Sie mir nur noch, zu beenden. Ich möchte Sie, meine -Gnädigste, daran erinnern, daß ich Ihnen vorhin nachgegeben, -mich mit Ihnen einverstanden erklärt habe, -zum Schein, natürlich: daß die Diplomaten immer -kluge Leute wären. Jetzt aber haben Sie mich so weit -gebracht, meine Gnädigste, daß ich gezwungen bin, meine -geheimste Ansicht über diesen Gegenstand Ihnen nicht -mehr zu verheimlichen. Meine Gnädigste: nun ist mir -aber wie zum Trotz in meinem Leben schon oft der Gedanke -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -gekommen, daß es in der Diplomatie, d. h. in der -allgemeinen Diplomatie aller Völker und des ganzen -neunzehnten Jahrhunderts, wirklich auffallend wenig -kluge Männer gegeben hat – tatsächlich frappant, wie -wenige! Dagegen ist die Schwachköpfigkeit dieses -Standes in der Geschichte Europas in unserem Jahrhundert -... Das heißt, sehen Sie mal, – alle sind -sie klug, diese Diplomaten, mehr oder weniger, versteht -sich, das ist unbestreitbar, alle sind sie geistreich – -aber ... was sind denn das im Grunde für Geister! -Ist denn auch nur einer dieser Köpfe bis zum Wesen -der Dinge durchgedrungen, hat auch nur einer von ihnen -diese geheimnisvollen Gesetze begriffen, oder sie auch -nur geahnt, diese Gesetze, die Europa zu etwas Unbekanntem -führen, zu etwas Sonderbarem, Furchtbarem -– das aber jetzt schon offenbar ist, das sich fast sichtbar -vor den Augen derjenigen vollzieht, die nur ein -klein wenig vorauszufühlen verstehen? Nein, man -kann positiv behaupten, daß es keinen einzigen solchen -Diplomaten und keinen einzigen so klugen Kopf in -diesem so gelehrten und ‚favorisierten‘ Stande gegeben -hat! – Natürlich schließe ich, wenn ich so rede, Rußland -und alles Vaterländische aus, weil wir unserem -ganzen Wesen nach in solchen Dingen ‚eine ganz -andere Sache‘ sind. Im Gegenteil, im ganzen Jahrhundert -waren die Diplomaten, nun sagen wir, die -allerschlauesten Intriganten, die sich dünkelhaft einbildeten, -das realste Verständnis der Dinge zu besitzen; -währenddessen aber hat keiner von ihnen weiter, als -seine Nase reicht, etwas sehen können, und nie über -die Tagesinteressen hinaus – und selbst diese waren -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -dann noch immer nur die alleroberflächlichsten und kurzsichtigsten. -Dort zerrissene Fädchen zusammenknoten, -hier ein Flickchen auf ein kleines Loch legen, ‚den Preis -steigern, vergolden, für neu aussehen machen‘ – das -ist ihre Aufgabe, das ist ihre Arbeit! Und all das hat -seine Gründe – der wichtigste aber liegt, meiner Meinung -nach, in der Entzweiung mit dem Volk, in -der Absonderung der diplomatischen Köpfe in eine allzu -vornehme und von der übrigen Menschheit allzu abstrahierte -Sphäre ... Ein Fürst Metternich wurde -für einen der tiefsten und feinsten Diplomaten der Welt -gehalten und hatte zweifellos Einfluß auf ganz Europa. -Worin aber, ja, worin bestand denn eigentlich seine -Idee? Wie verstand er sein Jahrhundert, das damals -gerade anbrach? Wie stellte er sich die Zukunft vor? -Alle Grundideen des beginnenden Jahrhunderts wollte -er mit Polizeiordnungen besiegen und war vollkommen -überzeugt von dem Erfolg! Und nehmen Sie jetzt den -Fürsten Bismarck na, das ist doch schon fraglos ein -Genie, aber ...“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Finissons, monsieur</span>,“ unterbricht mich streng die -kleine Mama mit tiefgekränkter Würde. -</p> - -<p> -Ich bin natürlich sehr erschrocken. Offenbar bin ich -nicht verstanden worden. Ja, mit kleinen Mamas darf -man noch nicht über solche Themata reden: habe daher -einen furchtbaren <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">faux pas</span> gemacht – aber mit wem -kann man denn jetzt überhaupt über Diplomatie -sprechen? – das ist die Frage! Und doch – welch -ein interessantes Thema, und noch dazu in unserer Zeit! -Aber ... -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-5-6-1"> -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -<span class="firstline">Die Diplomatie vor den Weltfragen</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Und welch ein ernstes Thema! Denn was heißt jetzt: -unsere Zeit? Alle, die mit Verstand begabt sind, sagen, -daß unsere Zeit im wahrsten Sinne des Wortes eine -diplomatische Zeit sei, eine Zeit der Entscheidung aller -Völkerschicksale einzig durch die Diplomatie. Man behauptet -zum Beispiel, daß irgendwo bei uns Krieg geführt -werde; doch höre und lese ich überall, daß, wenn -auch dort irgendwo so etwas wie Krieg vor sich geht, -dieser Krieg doch bestimmt nicht als wirklicher Krieg -aufgefaßt werden darf ... Jedenfalls ist man übereingekommen, -erstens, daß dieser Krieg auch nicht einer -einzigen von den gesunden Verrichtungen der Nation -hinderlich sein könnte, die, nach den neuesten Ansichten -alles dessen, was „Allwissenheit“ genannt wird, vornehmlich -– was sage ich! – <em>ausschließlich</em> in der -Diplomatie ruhen; und zweitens, daß diese militärischen -Spaziergänge, Manöver usw., die übrigens immer unentbehrlich -sind, im wahrhaften Sinne der Dinge nicht -mehr als bloß eine der Phasen der höheren Diplomatie -ausmachen, und weiter nichts. Man muß es glauben. -Ich für meinen Teil bin nun sehr gern dazu bereit, denn -das ist doch tatsächlich beruhigend. Aber siehe, einstweilen -ist da etwas, was nicht uninteressant und dabei -noch ungemein auffallend ist: Bei uns entbrannte zum -Beispiel die Orientfrage: und sofort flammte sie auch in -ganz Europa auf, ja dort sogar noch früher als bei -uns – und das ist nur zu verständlich. Alle, und selbst -die Nicht-Diplomaten, – natürlich die Nicht-Diplomaten -ganz besonders –, alle wissen „schon längst“, -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -daß die Orientfrage sozusagen eine der Weltfragen ist, -eines der wichtigsten Kapitel unter den großen und -nächstliegenden Entscheidungen der Menschenschicksale, -ja, daß sie die neue Phase derselben bedeutet. Wie man -weiß, geht diese Angelegenheit nicht nur Osteuropa -an, nicht nur die Slawen, Russen und Türken, oder -vor allen anderen irgendwelche Bulgaren, sondern auch -den ganzen Westen Europas, und zwar keineswegs nur -wegen der Meere und Meerengen, der beherrschenden -Ein- und Ausgangspunkte, sondern aus viel tieferen, -viel fundamentaleren, elementareren, gegenwärtigeren, -wesentlicheren, grundsätzlicheren Gründen ... Darum -ist es begreiflich, daß Europa sich aufregt und -die Diplomatie so viel zu tun hat. Aber was hat denn -die Diplomatie dabei zu tun? Was hat sie denn – besonders -jetzt – in der Orientfrage zu tun? Sache der -Diplomatie ist doch jetzt (anderenfalls würde sie überhaupt -nicht Diplomatie sein), die Orientfrage zu konfiszieren -und allen, die es wissen wollen oder nicht -wollen, dies bleibt sich gleich, so schnell wie möglich zu -versichern, daß es eine „Orientfrage“ überhaupt nicht -gibt; daß alles dieses „nur so“ geschehe, nur Manöver -sei mit Ausflügen zur Übung, und wenn es nur irgend -möglich ist, noch zu versichern, daß die Orientfrage nicht -nur <em>jetzt nicht</em> vorhanden, sondern <em>überhaupt -nie</em> in der Welt dagewesen sei, daß man vor hundert -Jahren „nur so“ Dunst verbreitet habe aus bestimmten, -natürlich gleichfalls diplomatischen Gründen. Aufrichtig -gestanden, dem könnte man ja beinahe Glauben -schenken, wenn sich nicht gerade hier ein Rätsel auftun -würde, jedoch schon kein diplomatisches (das ist ja der -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -Jammer!), denn die Diplomaten würden sich niemals -dazu herablassen, sich mit solchen Rätseln zu befassen. -Oh, verachtend würden sie diesem Rätsel den Rücken -kehren, denn sie halten es für eine Illusion, die höherer -Gehirne unwürdig ist. Dieses Rätsel ließe sich folgendermaßen -formulieren: „Warum geschieht es immer, -und besonders in der letzten Zeit, d. h. seit der Mitte -des neunzehnten Jahrhunderts, und je weiter, desto anschaulicher -und greifbarer, daß sich, kaum daß in der -Welt irgend etwas Allgemeines, Universales berührt -wird, neben der einen irgendwo erhobenen Weltfrage -ihr parallel sofort auch <em>alle anderen</em> Weltfragen -erheben?“ So hat zum Beispiel Europa jetzt an der -einen, der Orientfrage, noch nicht genug, und es erhebt -sich unerwartet-unverhofft plötzlich in Frankreich gleichfalls -eine Weltfrage – die katholische. Und diese -katholische Frage erhebt sich nicht etwa nur deshalb, -weil der Papst bald sterben wird und Frankreich dann -als Repräsentant des Katholizismus dafür sorgen muß, -daß nicht das Geringste verschwindet oder sich verändert -in der durch Jahrhunderte aufgebauten Organisation -des Katholizismus, sondern auch noch deswegen, -weil der Katholizismus in Frankreich augenscheinlich -zur Fahne erwählt worden ist, unter der sich -alle alten Einrichtungen der ganzen neunzehn Jahrhunderte -versammeln sollen, – zur Verbündung gegen -etwas Neues, Kommendes, schon Gegenwärtiges und -Verhängnisvolles, gegen die drohende Welterneuerung, -gegen den sozialen wie moralischen fundamentalen Umsturz -im ganzen westeuropäischen Leben, oder wenigstens, -wenn diese Erneuerung auch nicht in Erfüllung -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -geht, so doch gegen die furchtbare Erschütterung und -ungeheuere Revolution, die da unheimlich droht, alle -Reiche der Bourgeosie in der ganzen Welt, überall, wo -sie sich organisiert haben und aufgebläht sind, nach der -französischen Schablone von 1789 zu verdrängen und -sich auf ihren Platz zu setzen. Übrigens, ich sehe mich -gezwungen, hier ein notwendiges <span class="antiqua">Notabene</span> einzufügen: -ich fühle schon voraus, daß es vielen Klugen und besonders -den Liberalen lächerlich erscheinen wird, daß -ich noch im neunzehnten Jahrhundert Frankreich ein -„katholisches“ Reich nenne, und gar den Repräsentanten -des Katholizismus! Darum sage ich zur Rechtfertigung -meiner Meinung, vorläufig ohne sie weiter zu begründen, -daß Frankreich gerade solch ein Land ist, welches -selbst dann, wenn in ihm kein einziger Mensch übrigbliebe, -der nicht nur nicht mehr an den Papst, sondern -nicht einmal mehr an Gott glaubte, trotzdem fortfahren -würde, ein katholisches Land <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par excellence</span> zu sein, -gewissermaßen der Repräsentant des ganzen katholischen -Organismus – und das wird noch sehr lange so -bleiben, ja bis in die Unendlichkeit hinein, vielleicht bis -zu der Zeit, da Frankreich überhaupt aufhören wird, -Frankreich zu sein, und sich in irgend etwas anderes -verwandelt. Doch das ist noch nicht alles: sogar der -Sozialismus hat in Frankreich nach der katholischen -Schablone, mit katholischer Organisation und ganz in -seinem Geist eingesetzt: in solchem Maße ist dieses Land -katholisch! Den Beweis dafür werde ich vorläufig noch -schuldig bleiben. Nur auf eines will ich kurz hinweisen: -was veranlaßte den Marschall Mac-Mahon so plötzlich -mir nichts, dir nichts gerade die katholische Frage aufzuwerfen? -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -Dieser tapfere General – der, nebenbei bemerkt, -fast überall geschlagen worden ist und in der -Diplomatie sich ausschließlich durch das kurze Sätzchen: -„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">j’y suis et j’y reste</span>“ ausgezeichnet hat – dieser -General scheint nicht gerade solch ein Tatmensch zu sein, -daß er fähig gewesen wäre, <em>mit vollem Bewußtsein</em> -irgend etwas Derartiges zu vollführen. -Aber siehe da, er hat es doch fertiggebracht, die kapitalste -der alteuropäischen Fragen zu erheben, und zwar -gerade in der Form, in welcher sie sich einmal unbedingt -erheben mußte. Doch das Wichtigste: warum überhaupt -und warum gerade in dem Augenblick diese Frage -erheben, da sich am anderen Ende der Welt eine andere -Weltfrage erhoben hat? Warum reiht sich Frage an -Frage, warum ruft die eine die andere hervor, während -doch, wie man meinen sollte, keinerlei Beziehung -zwischen ihnen besteht? Ja, und nicht nur diese beiden -Fragen haben sich zu gleicher Zeit erhoben: mit der -Orientfrage erhoben sich auch noch <em>andere</em>, und es -werden sich <em>noch</em> andere erheben, wenn sich die erstere -nur richtig entwickelt. Kurz, in unserem Jahrhundert -haben alle wichtigen Fragen Europas und der Menschheit -sich immer zu gleicher Zeit erhoben. Diese Gleichzeitigkeit -ist es nun, die mich frappiert. In dieser Gesetzmäßigkeit, -mit der alle Fragen unbedingt zusammen -erscheinen, liegt für mich das Rätsel! Doch weshalb -sage ich das alles? – Nun, weil die Diplomatie gerade -auf solche Fragen mit Verachtung herabblickt. Sie erkennt -solche Zusammentreffen nicht nur nicht an, sie will -nicht einmal an sie <em>denken</em>. Hirngespinste nennt sie -sie, Unsinn und Dummheiten: „Nein, davon ist nichts -<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> -passiert; nur der Marschall Mac-Mahon, oder richtiger, -seine Frau Gemahlin, hat da irgend etwas einfach gewollt, -und infolgedessen ist dann alles so gekommen, -wie es gekommen ist.“ Und darum bin ich – ungeachtet -dessen, daß ich selbst es ausgesprochen habe, als -ich diesen Aufsatz begann: daß unsere Zeit eine diplomatische -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par excellence</span> und alles übrige nur Phantasterei -sei – bin ich selbst als erster gezwungen, daran -nicht zu glauben. Nein, hier gibt es ein Rätsel! Nein, -hier entscheidet nicht die Diplomatie allein, sondern -noch irgend etwas anderes. Und ich muß gestehen, -dieses Ereignis verwirrt mich nicht wenig: ich war so -gern bereit, an die Diplomatie zu glauben ... aber -diese neuen Fragen – die sind ja nur neue Scherereien -und sonst nichts ... -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-5-6-2"> -<span class="firstline">Niemals ist Rußland so mächtig gewesen wie jetzt, – eine nicht-diplomatische Auffassung</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -In der Tat, da habe ich nun eine Frage gestellt und -bin ihr vorläufig ohne Begründungen nachgegangen. -Doch schon lange vor dieser Frage – ich meine die Erscheinung, -daß alle Weltprobleme sich gleichzeitig einstellen, -kaum daß sich eines von ihnen erhebt – hat sich -mir schon eine andere unvergleichlich einfachere und -natürlichere Frage gestellt, der jedoch, eben weil sie so -einfach und natürlich ist, die „Klugen des Landes“ noch -so gut wie überhaupt keine Aufmerksamkeit zu schenken -pflegen. Mag auch die Diplomatie zu allen Zeiten und -in allen Ländern die Schiedsrichterin aller wichtigen -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -und fundamentalen Fragen der Menschheit gewesen -sein und es auch in Zukunft bleiben, – aber hängt denn -nun wirklich, frage ich, die endgültige Lösung der -Menschheitsfragen nur von ihr ab? Kommt nicht vielmehr -in jeder Frage eine Phase, ein Moment, da es -mit den bekannten diplomatischen Mittelchen, den Flickchen, -nicht mehr geht? Und wenn auch alle Weltfragen -vom diplomatischen Standpunkt aus, das heißt soviel -wie von dem der gesunden Vernunft, ihre Erklärung -einzig darin finden, daß diese oder jene Macht einfach -ihre Grenzen erweitern wollte, oder daß irgendein -tapferer General persönlich irgend etwas wollte, oder -daß einer bestimmten vornehmen Dame etwas nicht gefallen -hat usw. (Möge das alles unwiderruflich wahr -sein, hier muß ich schon nachgeben, denn gegen Allwissenheit -bin ich machtlos) ... Aber trotzdem: kommt -nicht doch einmal ein gewisser Augenblick – gerade -bei diesen allerrealsten Ursachen und ihren Erklärungen -–, ein Punkt im Verlaufe der Sache, eine -Phase, da mit einem Male irgendwelche ganz sonderbare, -sagen wir, unbegreifliche und rätselhafte -Mächte plötzlich alles erobern, die ganze Gesamtheit ergreifen -und blind, unaufhaltsam nach sich ziehen, als -ob es einen Berg hinabginge, und ... ja und warum -dann nicht auch in den Abgrund mit ihnen stürzen? -Eigentlich will ich ja nur wissen: verläßt sich nun die -Diplomatie immer so auf ihre Mittel, daß sie ähnliche -Mächte (oder Momente oder Phasen) überhaupt -nicht fürchtet, oder glaubt sie, daß sie einfach nicht vorhanden -seien? Leider scheint es, daß sie noch immer -letzteres tut, und ebendeshalb frage ich: Wie soll ich -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -ihr da nun Glauben schenken und mich ihr anvertrauen? -Und wie kann ich sie dann für die endgültige Schiedsrichterin -der Schicksale einer noch so unvernünftigen, -kindischen Menschheit ansehen!? -</p> - -<p> -Kaidanoff hat in seiner „Neuen Geschichte“ zu Anfang -des Abschnittes, der die Französische Revolution -und Napoleon I. behandelt, folgenden Satz geschrieben: -„Eine tiefe Stille herrschte in ganz Europa, als Friedrich -der Große auf ewig seine Augen schloß; aber -noch nie war eine ähnliche Stille einem so großen -Sturme vorhergegangen.“ Diese Einleitung habe ich -für mein ganzes Leben behalten. In der Tat, wer -konnte damals, als Friedrich der Große starb, auch -nur entfernt ahnen, was mit den Menschen und mit -Europa in den folgendem dreißig Jahren geschehen -sollte? Ich rede nicht von irgendwelchen gebildeten -Leuten, oder selbst Schriftstellern, Journalisten, Professoren. -Alle wurden sie bekanntlich irre: Schiller, -zum Beispiel, schrieb damals einen Dithyrambus auf -die Eröffnung der Nationalversammlung; der in Europa -herumreisende junge Karamsin<a class="fnote" href="#footnote-31" id="fnote-31">[31]</a> sah mit bebendem -Herzen auf das gleiche Ereignis; in Petersburg -aber, bei uns in Rußland, glänzte noch immer die -Marmorbüste Voltaires. Nein, ich wende mich mit -meiner Frage unmittelbar an die höchste Allwissenheit, -unmittelbar an die Entscheider der Menschenschicksale -– an die Herren <em>Diplomaten</em>: haben sie damals -auch nur etwas von dem vorausgesehen, was dann in -den folgenden dreißig Jahren geschehen ist? -</p> - -<p> -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -Könnte ich nun diese Frage den Diplomaten persönlich -stellen und sollten sie geruhen, mich anzuhören, so -würden sie mir bestimmt mit hochmütigem Lächeln antworten: -„Zufälle lassen sich nicht voraussehen, und -unsere ganze Weisheit besteht bloß darin, daß man sich -auf alle Zufälle vorbereitet.“ -</p> - -<p> -Das ist die typische Antwort ... wenn ich sie mir -auch selbst ausgedacht habe, da ich doch keinen Diplomaten -mit solchen Fragen belästigen darf, – wie sollte -ich denn! Doch mein ganzes Entsetzen liegt in meiner -Überzeugung, daß man mir gerade so und nicht anders -geantwortet hätte, und darum habe ich auch die Antwort -eine „typische“ genannt. Denn was waren diese -Ereignisse des letzten Dezenniums des vorigen Jahrhunderts -in den Augen der Diplomaten anderes als – -„<em>Zufälle</em>“? Waren es und sind es noch heute! Und -Napoleon erst gar – ach, der! – der ist schon ein Erz-Zufall! -Wäre Napoleon nicht gekommen, wäre er dort -unten in Korsika in seinem dritten Lebensjahre an den -Masern gestorben, so würde selbstverständlich auch der -ganze dritte Stand der Menschheit, die Bourgeosie, nicht -heraufgekommen sein, um das ganze Antlitz Europas zu -verändern – was sich bis heute noch fortsetzt –, -sondern wäre da in Paris ruhig bei sich zu Hause geblieben! -</p> - -<p> -Es scheint mir nämlich, daß auch unser Jahrhundert -im alten Europa mit irgend etwas Kolossalem enden -wird, das heißt, vielleicht nicht gerade mit etwas, das -buchstäblich dem gleicht, womit das achtzehnte Jahrhundert -endete, aber immerhin mit etwas ebenso Kolossalem, -Elementarem und Furchtbarem und gleichfalls -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -mit einer totalen Veränderung des Antlitzes dieser -Welt – wenigstens im Westen des alten Europa. Und -nun, wenn unsere Allwissenden versichern werden, daß -man <em>Zufälle</em> doch nicht voraussehen könne usw., ja, -wenn ihnen in betreff dieses Finales noch überhaupt -nichts in den Kopf gekommen ist, so ... -</p> - -<p> -Mit einem Wort: Flickchen, Flickchen, Flickchen -drauf! -</p> - -<p> -Nun, seien wir vernünftig, warten wir ab. Flickchen -sind doch, je nachdem wie man’s nimmt, auch -eine notwendige und nützliche Sache und obendrein noch -eine vernünftige und praktische, um so mehr, als man -mit Flickchen z. B. den Feind hinter das Licht führen -kann. Also: bei uns gibt’s jetzt Krieg, und sollte es -geschehen, daß Österreich sich feindlich zu uns stellt, so -kann man ihm mit einem „Flickchen“ gerade prachtvoll -die Augen verbinden, was es übrigens mit Vergnügen -geschehen lassen wird – denn was ist Österreich? -Selbst ist es schon dem Tode nahe, will auseinanderfallen, -ist genau so ein „kranker Mann“ wie -die Türkei, ja, ist vielleicht noch schlimmer krank als -diese. Es ist ein Musterbeispiel von innerlich sich feindlichen -Vereinigungen, allen möglichen Dualismen, allen -möglichen Völkern, Ideen, allen möglichen Uneinigkeiten -und entgegengesetzten Bestrebungen; da gibt es -Ungarn, Slawen, Deutsche und das Reich der Juden ... -Jetzt aber, wo die Diplomatie ihm dermaßen den Hof -macht, kann es ja wahrhaftig von sich denken, daß -es – eine Macht sei, die tatsächlich viel zu bedeuten -habe und bei der Schicksalsentscheidung der Völker noch -eine große Rolle spielen könne. Eine solche Selbsttäuschung, -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -die mittels besagter Hofmacherei und Flickchen -hervorgerufen wird, ist jedoch für die Entscheidung -der Schicksale der slawischen Völker sehr vorteilhaft, -denn sie kann den Feind eine Zeitlang einschläfern; im -Augenblick der Entscheidung aber, wenn die Binde von -seinen Augen fällt und er plötzlich sieht, daß ihn niemand -fürchtet, daß er nichts weniger als eine Macht -ist, – kann er dann nur noch verwirrt stehen bleiben -und zusehen, wie er seinen Mut verliert. Eine andere -Sache ist es mit England: das ist etwas Ernsteres, – -zumal es augenblicklich um seine fundamentalsten Unternehmungen -furchtbar besorgt ist. England kann man -mit Flickchen und Hofmacherei nicht einschläfern. Was -man ihm da auch erzählen wollte, es würde doch nie -und nimmer glauben, daß die riesige, heute die mächtigste -Nation der Welt, die ihr Schwert gezogen und -die Fahne der großen Idee erhoben und schon die Donau -überschritten hat, in der Tat beabsichtige, die Aufgaben, -die sie sich gestellt, sich selbst zum Nachteil und nur -England zum Vorteil zu lösen; denn jede Verbesserung -der Lage der slawischen Völker ist für England <em>in -jedem Falle</em> ein offenbarer Nachteil, und mit -Flickchen macht man ihm da kein X mehr für ein U -vor: England würde einfach keinem einzigen Worte -glauben. Ja, und mit welchen Argumenten könnte man -es denn überzeugen? Etwa mit: „ich werde nur ein -bißchen <em>anfangen</em>, doch nicht beenden“? Aber in -der Politik ist ja der Anfang einer Sache so gut wie -alles, denn der Anfang führt ganz naturgemäß früher -oder später doch zu einem Ende. Was will es besagen, -daß der Abschluß sich nicht gerade „heute“ vollzieht, – -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -dann wird er eben „morgen“ stattfinden. Wie gesagt, -die Engländer würden uns doch kein Wort glauben, -und darum – sollten auch wir England keinen Glauben -schenken, oder höchstens so wenig wie irgend möglich ... -selbstverständlich brauchen wir ihm das nicht gleich zu -sagen. Auch wäre es nicht schlecht für uns, wenn wir -unsererseits dahinterkämen, daß England momentan -in der kritischsten Lage ist, in der es sich je befunden -hat. Diese seine kritische Lage kann man mit dem einzigen -Wort „Isolierung“ bezeichnen, denn vielleicht ist -England noch niemals so furchtbar vereinsamt gewesen -wie jetzt. Oh, wie froh wäre es, könnte es irgendwo -in Europa einen Freund finden – wie herzlich gern -würde es dann eine <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">entente cordiale</span> schließen! Zu -seinem Unglück aber hat es in Europa wohl noch nie -eine für neue <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">ententes cordiales</span> ungünstigere Zeit -gegeben als die gegenwärtige; denn gerade jetzt hat -sich in Europa alles gleichzeitig erhoben, alle Weltfragen -zugleich, und mit ihnen auch alle Weltwidersprüche, -so daß jedes Volk und jedes Reich furchtbar -viel bei sich zu Hause zu tun hat. Und da das englische -Interesse nicht universal ist, sondern sich schon längst -von allem und von allen isoliert hat und nur noch -England allein angeht, so wird dieses Land eben, wenigstens -eine Zeitlang, vollkommen vereinsamt bleiben. -Versteht sich, es könnte sich ja sogar mit solchen Mächten -vereinigen, die bei gleichen Vorteilen andere Ziele verfolgen -– „ich verschaffe dir dieses, du mir aber dafür -jenes!“ Doch bei dem besonderen Charakter der gegenwärtigen -Sorgen Europas ist es für England schwer, -einen derartigen Verbündeten zu finden, wenigstens in -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -diesem Augenblick, und es wird lange warten müssen, -bis sich in der weiteren Entwicklung ein Moment einstellt, -in dem man auch ihm erlauben wird, sich mit -seiner Freundschaft wieder irgend jemandem aufzudrängen. -Außerdem braucht England vor allen Dingen -ein für sich vorteilhaftes Bündnis, d. h. eines, bei -welchem es alles nimmt, selber aber nach Möglichkeit -<em>nichts</em> wiederzugeben hat. Nun ist aber gerade ein -so vorteilhaftes Bündnis jetzt am schwersten zu schließen, -und so muß denn England zunächst in seiner Einsamkeit -verbleiben. Ach, wenn wir Russen uns doch dieser -Vereinsamung geschickt bedienen könnten! Doch da höre -ich noch einen anderen Seufzer: „Ach, wenn wir doch -weniger skeptisch wären und daran glauben könnten, -daß es wirklich Weltfragen gibt und sie nicht nur Hirngespinste -sind!“ Das Unglück ist ja, daß bei uns in -Rußland ein sehr großer Teil unserer Intelligenz Europa -immer irgendwie <em>nicht richtig</em> sieht und einschätzt, -nicht so, wie es jetzt ist, sondern stets irgendwie -veraltet. Man versteht nicht, <em>in die Zukunft</em> zu -sehen, das ist es, und man urteilt nur nach dem Vergangenen, -nach längst Vergangenem! -</p> - -<p> -Währenddessen aber existieren die Weltfragen tatsächlich, -– und wie soll man denn nicht an sie glauben, -und noch dazu wir? Zwei von ihnen haben sich schon -erhoben und werden nicht mehr von menschlicher Allwissenheit -gelenkt, sondern von ihrer elementaren -Macht, ihrer organischen Notwendigkeit, und können -nicht ohne Lösung bleiben, trotz aller Berechnungen der -Diplomatie. Aber es gibt auch noch eine dritte Frage, -gleichfalls eine universale, eine, die sich gerade jetzt zu -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -erheben beginnt. Diese Frage kann man im speziellen -„die deutsche“ nennen, aber in Wirklichkeit und im -ganzen ist sie mehr als jede andere eine europäische; -denn sie ist mit dem Schicksal ganz Europas und dem -aller übrigen Weltfragen so eng wie nur möglich verbunden -... Und doch sollte man meinen, so dem -Äußeren nach zu urteilen, daß es nichts Ruhigeres und -Ungestörteres geben könne, als das gegenwärtige -Deutschland: im Bewußtsein seiner Macht blickt es um -sich, beobachtet und wartet ab. Alle brauchen es mehr -oder weniger, und mehr oder weniger hängen alle von -ihm ab. Und doch ... ist das Ganze eine Täuschung! -Das ist es ja eben, daß jetzt alle in Europa mit ihrer -eigenen Sache beschäftigt sind: bei jedem hat sich jetzt -eine eigene allerwichtigste Frage eingestellt, eine Frage -von einer Wichtigkeit, wie die Existenz selber, wie Sein -oder Nichtsein. Und siehe, genau so eine Frage hat sich -nun auch in Deutschland eingefunden, und gerade in -dem Augenblick, da sich auch die anderen Weltfragen -erhoben haben – und dieser Zustand Europas, füge -ich vorausgreifend hinzu, ist für Rußland augenblicklich -von unschätzbarem Vorteil! Denn noch niemals ist -Rußland für Europa etwas so Unentbehrliches und in -seinen Augen so mächtig gewesen und zu gleicher Zeit -so entfernt von den wichtigsten und furchtbarsten -Fragen, die sich im alten Europa erheben, aber <em>nur</em> -das alte Europa und nicht Rußland angehen. Und -noch nie wäre ein Bündnis mit Rußland in Europa -so hoch eingeschätzt worden wie jetzt, und noch nie hätte -Rußland sich mit größerer Freude dazu Glück wünschen -können, daß es nicht das alte Europa ist, sondern das -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -neue, daß es selbst, in sich, eine besondere, mächtige -Welt darstellt, für die gerade jetzt der Augenblick gekommen -ist, in eine neue und höhere Phase der Macht -einzutreten und von den verhängnisvollen Fragen, an -die das alte, hinfällige Europa gefesselt ist, unabhängiger -denn je zu werden. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-7"> -<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> -Die römisch-klerikale Verschwörung -in Rußland -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> ist nicht lange her,<a class="fnote" href="#footnote-32" id="fnote-32">[32]</a> daß ich in den „Moskauer -Nachrichten“ folgende Stelle im Leitartikel fand: -</p> - -<p> -„Vor drei Tagen lenkten wir in einem Leitartikel -die Aufmerksamkeit unserer Leser auf eine gewisse Partei, -die innerhalb Rußlands im Einverständnis mit -unseren Feinden ihre häßliche Tätigkeit betreibt und sogar -bereit ist, den Türken zu helfen. Es ist eine Partei -russischer Anglo-Magyaren, denen jede Offenbarung -unseres Volksgeistes, sowie jede Handlung unserer Regierung -in diesem Geiste verhaßt ist, und die der russische -Patriotismus auf eine Stufe mit dem Nihilismus -und der Revolution stellt, – eine Partei, die mit der -denkbar schändlichsten Korrespondenz die uns feindliche -ausländische Presse nährt. Kaum war der Artikel in -Druck gegeben worden, als ein Telegramm unseres -Petersburger Korrespondenten uns von der im ‚Regierungsanzeiger‘ -veröffentlichten Aufdeckung neuer Taten -dieser Partei benachrichtigte. Zur selben Zeit, da unsere -Armee zwischen Plewna und Orchanie glänzende Siege -errang, verbreitete man in Petersburg Gerüchte von -Niederlagen, die diesen selben siegreichen Truppen beigebracht -sein sollten. Das Ziel dieser Intrige ist natürlich, -dem Volk auf diese Weise den Mut zu rauben, und -zwar fährt man auch jetzt noch fort, sich so eifrig darum -zu bemühen, daß die Regierung für nötig befunden -<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -hat, das Publikum vor ähnlichen Gerüchten ein für -allemal zu warnen.“ -</p> - -<p> -Die „Neue Zeit“ schrieb darauf am folgenden Tage, -übrigens nur ganz flüchtig, daß die „Moskauer Nachrichten“ -wohl ein wenig zu weit gegriffen hätten, und -daß der „Regierungsanzeiger“ vielleicht einfach irgendein -bedeutungsloses Geschwätz gemeint haben werde. -Möglich, daß es sich so verhält und die Warnung des -„Regierungsanzeigers“ in der Tat nur durch ein „Geschwätz“ -hervorgerufen worden ist. Nichtsdestoweniger -hat die Annahme der „Moskauer Nachrichten“ fraglos -ihren Grund. Nur weiß ich nicht, was das für Anglo-Magyaren -sein sollen? Bei uns – meine ich vielmehr -–, besonders in unseren Grenzgebieten, aber auch -im Innern, ließen sich vielleicht nicht wenige „römische -Klerikale“ finden, die in verschiedenen Röcken stecken. -Heute wissen und schreiben bereits alle von der klerikalen -Allerweltsverschwörung, und sogar unsere liberalsten -Blätter geben zu, daß dieser Bund seine Bedeutung -hat. Wäre es nun, meine ich, nicht sonderbar, -wenn die vatikanische Verschwörung unsere römischen -Klerikalen außer acht lassen und sie nicht zu ihren -Zwecken gebrauchen würde? Unruhen im Rücken der -russischen Armee kämen dem Vatikan gerade recht, besonders -im gegenwärtigen Augenblick. Doch ich will -noch einen Auszug aus der „Neuen Zeit“ anführen. -Sie zitiert u. a. die Meinung der „Stimme“ über verschiedene -Artikel, die in der „Morning Post“ und anderen -ausländischen Zeitungen erschienen sind. -</p> - -<p> -„Die ‚Morning Post‘ vom 22. Oktober bringt einen -interessanten Artikel, in dem das turkophile Blatt von -<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> -Unterhandlungen spricht, die zwischen Rußland und -Deutschland in betreff der Abtretung des West-Weichselgebietes -an Deutschland stattgefunden haben sollen. -Selbstverständlich handelt es sich hier in den Augen der -‚Morning Post‘ um das Ergebnis einer Abmachung, -derzufolge Deutschland sich verpflichtet, Rußland ‚bei -den Eroberungen am Balkan zu helfen‘. Das Londoner -Blatt fährt darauf fort, auf das bestimmteste zu behaupten, -daß die Polen des Weichselgebiets an einen -Aufstand jetzt überhaupt nicht dächten, ‚da sie nicht in -noch bitterere Sklaverei fallen‘, d. h. nicht an Preußen -fallen wollten, und daß, wenn im ‚russischen Polen‘ -irgendwelche Unordnungen vorkommen sollten, diese -einfach ‚die Folgen der russisch-preußischen Intrigen‘ -sein würden ... Es ist auffallend, daß ein paar Tage -vorher der ‚Dziennik Polski‘ über dasselbe Thema gesprochen, -wenn auch in etwas anderem Tone, indem er -mitteilte, die russische Regierung habe, als sie die -Truppen aus dem Weichselgebiet zurückzog, daselbst -unter den Bauern Blätter verteilt, in denen sie die -Bauern aufforderte, von sich aus eine Art Dorfwacht -zu bilden zur Beaufsichtigung der Pane und zur Unterdrückung -etwaiger Versuche eines Aufstandes. Die -‚Stimme‘, die diese beiden Auszüge bringt, fragt verwundert, -wozu der ‚Dziennik Polski‘ und die ‚Morning -Post‘ plötzlich die unsinnige Fabel von dem russischen -Aufruf an die Weichselbauern und den russisch-preußischen -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">agents provocateurs</span> erfunden haben – zu welch -einem Zweck? -</p> - -<p> -Irgendein Ziel müssen diese unerwarteten Ausfälle -doch verfolgen. Die genannten Zeitungen müssen wahrscheinlich -<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -Nachrichten erhalten haben, die sie einen Ausbruch -von Unruhen im Weichselgebiet befürchten lassen, -und so bemühen sie sich denn, den Sinn, die Ursache der -Bewegung, deren Folgen sie augenscheinlich fürchten, -im voraus zu entstellen. Dieses Verfahren ist nicht neu. -Bekanntlich ist es auch 1863 von den Polen und deren -westlichen Freunden angewandt worden. Diese Erinnerung -allein zwingt schon, sich einzugestehen, daß die beiden -Artikel nicht bedeutungslos sind und eine gewisse -geheime Verbindung mit den früheren Artikeln der Magyarenpresse -haben müssen: über die Neigung der Polen -zu den Türken und ihren geheimen Wunsch, Rußlands -Lage durch revolutionäre Agitation in unserem Westen -zu verschlimmern. Auffallend ist dabei, daß diese beiden -Artikel mit der Nachricht von der Kandidatur des Kardinals -Ledochowski für den Papststuhl zusammentreffen. -Wir gehören nicht, sagt ‚Die Stimme‘, zu jenen, die so -gern eine übertriebene Bedeutung allen phantastischen -Kombinationen zuschreiben, an die sich die Feinde Rußlands -klammern, in der Hoffnung, einen für uns günstigen -Ausgang des jetzigen Krieges zu verhindern. In -diesem Fall aber scheint uns die Sache doch zu ernst zu -sein, als daß man eine so bedeutsame Tatsache, wie das -unerwartete und scheinbar durch nichts veranlaßte Erscheinen -der Artikel des ‚Dziennik Polski‘ und der -‚Morning Post‘ zweifellos ist, übersehen könnte.“ -</p> - -<p> -Also gibt es vielleicht auch bei uns etwas, das -einem Zweig der klerikalen Verschwörung ähnlich sieht. -Man bedenke nur das Unsinnige der Nachricht von der -Kandidatur Ledochowskis, der natürlich Pole ist – -denn nur der leichtsinnige Kopf eines polnischen Agitators -<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> -kann ernstlich glauben, daß das Konklave, das sich -aus so feinen Köpfen zusammensetzt, fähig sein könnte, -sich dermaßen zu verirren, d. h. Ledochowski zu wählen, -der sich als Papst doch nur mit der Wiederherstellung -seines Polens beschäftigen würde, nicht aber mit der -römischen universalen Herrschaft der Päpste! Aber abgesehen -davon sind die Zweige der klerikalen Verschwörung -in Rußland doch nur zu ersichtlich. Die -„Neue Zeit“ fügt noch hinzu: -</p> - -<p> -„Die zurzeit so hartnäckige Polemik des ‚Journal -de St.-Petersbourg‘ mit den italienischen klerikalen -Zeitungen wegen der vermeintlichen Unterdrückung -des Katholizismus in Polen zeigt gewissermaßen, -daß doch Anzeichen irgendeiner Agitation in -unseren westlichen Grenzgebieten vorhanden sein -müssen.“ -</p> - -<p> -Nun, ich glaube, daß es durchaus nicht nur „Anzeichen“ -sind! Das scheint vielmehr jene Partei zu sein, -von der die „Moskauer Nachrichten“ sagen, daß sie im -Einverständnis mit den Feinden Rußlands handelt ... -und der „jede Offenbarung unseres Volksgeistes, sowie -<em>jede Handlung unserer Regierung in -diesem Geiste verhaßt ist</em>, und die der russische -Patriotismus auf eine Stufe mit dem Nihilismus -und der Revolution stellt, – die Partei, die mit der -denkbar schändlichsten Korrespondenz die uns feindliche -ausländische Presse nährt ...“ -</p> - -<p> -Ja, gerade die europäische Korrespondenz aus -Rußland kann leicht, sehr leicht ihr Werk sein. Dieses -Frohlocken über Rußlands Mißerfolge und dieses leichtsinnige -Freudengeheul darüber, daß Rußland sich plötzlich, -<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -wie sie sagen, als „schwach erweist: ohne Geld, -mit schlechtem Heer, mit unzufriedenem und schon murrendem -Volke, mit einer Gesellschaft, die der Nihilismus -zersetzt,“ – all diese Kleinigkeiten tragen nur zu -deutlich die Merkmale ihrer bekannten Herkunft. Wie -wäre es möglich, daß sich nicht auch russische Federn -fänden, die bereit wären, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">all’unisono</span> mit den Klerikalen -zu schreiben! Aber diese Korrespondenz kann, -glaube ich, trotzdem nicht von Russen geschrieben worden -sein: das wäre denn doch schon zu niederträchtig, zu -abscheulich. Trotzdem lenken die Klerikalen, und vielleicht -sogar ohne besondere Mühe, die russischen Federn -nach ihrem Willen. Vielleicht überreden sie sie weder, -noch lassen sie sich sonstwie auf mittelbare oder unmittelbare -Unterhandlungen mit ihnen ein; denn diese gewandten -liberalen Federn gehören <em>zuweilen</em> den -ehrlichsten Leuten an, die, wenn sie das nackte Angebot -eines Klerikalen hörten, ihn vielleicht ohne weiteres die -Treppe hinunterbefördern würden. Dafür aber weiß -der Klerikale, wenigstens der, der sich bei uns ein wenig -umgesehen hat, daß er zu solchen Leuten überhaupt nicht -zu gehen braucht, daß die gewandte russische Feder ihm -ganz umsonst alles schreiben wird, einzig, weil sie -denkt – o ihr meine Lieben! –, es sei ehrlich und -es sei liberal! Die gewandte Feder, zum Beispiel, -empört sich über die Klerikalen, die in Frankreich Mac-Mahon -umgarnen, und schreibt drohende Artikel gegen -sie. Währenddessen aber bringt sie es fertig, den russischen -Römisch-Klerikalen bei uns nicht nur nicht zu -bemerken, sondern sie stimmt womöglich noch mit ihm -in allem vollkommen überein. Wahrhaftig, solche Russen -<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> -gibt es! Und diese schlauen Römisch-Klerikalen wundern -sich gewiß nicht wenig über sie. „Was das ihnen -doch für ein Vergnügen macht, sich immer zwischen die -Stühle zu setzen,“ denken sie wohl kopfschüttelnd bei sich. -„Und wie uneigennützig dabei! Ja, ja, man muß in -allem bis zum Schluß liberal sein. Da schreiben sie -nun, daß Rußland nicht einmal das <em>Recht</em> habe, die -Slawen zu befreien! Herrgott! das wäre ja mit -Hunderttausend noch zu wenig bezahlt! Und immer, -immer wieder zwischen die Stühle; allaugenblicklich, -allaugenblicklich! Daß es ihnen nicht endlich weh -tut! ...“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Zu Anfang des Sommers versuchten diese klerikalen -Agitatoren sogar durch die russischen Zeitungen eine -Demonstration bei uns zu veranstalten. Die Wölfe -warfen sich in Schafspelze und begannen in einem Tone -zu sprechen, als ob sie Abgesandte der sämtlichen polnischen -„Emigranten“ im Auslande wären. Zuerst -schlugen sie eine Aussöhnung vor: nehmt auch uns auf, -hieß es, wir sehen, daß die künftige Vereinigung aller -Slawen keinem Zweifel mehr unterliegt – und so -wollen wir nicht zurückstehen. Sie sprachen ungemein -zärtlich und hoben ihre Gründe hervor: -</p> - -<p> -„Wir haben,“ sagten sie, „Ingenieure, Chemiker, -Techniker, Handwerker usw. Viele von ihnen sind -emigriert. Laßt sie zu euch!“ „Habt ihr etwa,“ fragt -der Litauer, der in den „St. Petersburger Nachrichten“ -einen Artikel geschrieben hat, „keine Arbeit für -<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -jenen Kreis, der zuerst Tengoborski für Rußland, Wolowski -für Frankreich hervorgebracht hat? und in den -Künsten, die die Sitten und den Charakter veredeln, -den weltberühmten Bildhauer Brotzki und den Maler -Mateiko? Solltet ihr solche Leute wirklich nicht nötig -haben? Und was ließe sich noch alles von der Schar -der Literaten, Publizisten, Fabrikanten und aller Art -Gewerbetreibender sagen! Könntet ihr die etwa auch -nicht brauchen?“ („Neue Zeit.“ Aus dem Artikel -Kostomaroffs.) -</p> - -<p> -Herr Kostomaroff hat darauf in der „Neuen Zeit“ -als Russe geantwortet. In klaren und treffenden Auseinandersetzungen -weist er nach, daß dieser ganze polnische -Versöhnungsversuch für uns nur eine Falle ist, -einzig zu dem Zweck erdacht, uns nichts als Verräter -zuzuführen, und daß der Pole des Alten Polens Rußland -und den Russen nun einmal instinktiv und leidenschaftlich -haßt. Kostomaroff gibt dabei durchaus zu, -daß es auch treffliche Polen gibt, Polen, die sogar mit -einem Russen in Freundschaft leben, ihm in der Not -helfen, ja, ihn sogar retten können. Das ist natürlich -wahr. Doch sollte, wenn auch nach zwanzigjähriger -Freundschaft, dieser selbe Russe diesem selben trefflichen -Polen plötzlich in russischem Geiste seine politischen -Überzeugungen in betreff Alt-Polens darlegen, so würde -dieser Pole sofort, im selben Augenblick der offene oder -geheime Feind seines russischen Freundes werden, – -und zwar fürs ganze Leben, bis übers Grab hinaus, -würde unversöhnlich und maßlos in seiner Feindschaft -sein! Letzteres hat Kostomaroff vergessen hinzuzufügen. -</p> - -<p> -Dieser ganze „Aussöhnungsversuch“ im Sommer, -<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> -der sogar russische Anhänger und in Kostomaroff einen -so mächtigen Opponenten gefunden hat – ist zweifellos -auf klerikale Umtriebe zurückzuführen: er war einfach -eine Abzweigung der europäischen klerikalen Verschwörung. -Oh, diese Polen Alt-Polens versichern -natürlich, daß sie keineswegs klerikal, noch papistisch, -noch römisch seien, und daß wir dieses schon längst von -ihnen wissen müßten. Man stelle sich jedoch nur einmal -vor, daß Alt-Polen, daß all diese polnischen Emigranten, -sich <em>nicht</em> an den Papst halten sollten! Wie lächerlich -die bloße Vorstellung schon ist! Die Polen sollten nicht -zum Vatikan halten, sie, die so genau seine Macht zu -schätzen verstehen und immer verstanden haben!? Der -Vatikan ist doch Alt-Polen niemals untreu geworden, -sondern hat im Gegenteil immer alle seine Pläne, -mochten sie noch so phantastisch sein, aus allen Kräften -unterstützt, auch wenn die anderen Reiche längst nichts -mehr von ihnen wissen wollten! Dieser sommerliche -Versöhnungsvorschlag ward gerade in der Zeit gemacht, -als die ganze polnische Emigration gegen Rußland -arbeitete, als die polnischen Legionen gegründet wurden, -als die emigrierten Aristokraten in Konstantinopel mit -großen Geldsummen – versteht sich, nicht ihren eigenen -– erschienen. Dieser ganze Versöhnungsvorschlag war -nichts als eine einzige Hinterlist, wie Kostomaroff sehr -richtig bemerkt. Übrigens: sie bieten uns ihre Gelehrten, -Techniker, Künstler an und sagen: „Nehmt sie auf, -habt ihr sie denn etwa nicht nötig?“ Diese Polen halten -uns wohl für ein wildes Volk und scheinen nicht zu -ahnen, daß wir alles, was sie uns da anbieten, vielleicht -selber besser haben. Doch nichts für ungut, und -<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -vor allen Dingen: warum kommen sie denn nicht? Wir -haben mehrere talentvolle Polen gehabt, und Rußland -hat sie geachtet und verehrt und sie nicht im geringsten -vor den Russen zurückgesetzt. So kommt doch! Wozu -soll man sich da noch besonders verabreden? Versöhnt -euch und ergebt euch, doch wißt, daß Alt-Polen niemals -mehr aufleben wird. Es gibt ein neues Polen, -ein vom Zaren befreites, ein auferstehendes, eines, das -fraglos dasselbe Schicksal erwarten kann, das einmal -allen slawischen Völkern gemeinsam beschieden sein wird, -wenn das Slawentum sich befreit und in Europa aufersteht. -Doch ein Alt-Polen wird es niemals mehr -geben, kann es neben Rußland nie mehr geben. Sein -Ideal war, in der slawischen Welt an die Stelle Rußlands -zu treten. Sonderbar, daß der polnische Journalist -nur von den Gelehrten und Künstlern spricht. -Aber die Führer der Emigranten, die Aristokraten? Man -stelle sich doch bloß das Bild vor: Rußland würde den -schmeichlerischen Worten Gehör geben und sich zur Versöhnung -bereit erklären, und da kämen diese dann und -fragten hochmütig: „Wie lauten eure Bedingungen?“ -Denn wenn man uns vorschlägt, die Emigranten nach -Rußland kommen zu lassen, die nun aber zunächst nicht -kommen, so heißt das doch offenbar, daß sie <em>Bedingungen -erwarten</em>. Und nun stelle man sich vor, -daß Rußland sie plötzlich als ein Etwas anerkennt und -sich auf derartige Unterhandlungen einläßt! Und da -würden sie denn nach Rußland zurückkehren, und die -Magnaten würden sofort auftrotzen und bedeutende -Posten und Auszeichnungen verlangen; und darauf -würde sich das Geschrei erheben, daß wir sie betrogen -<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> -hätten, und schließlich würde es zu einem neuen polnischen -Aufstande kommen ... Und in diese Falle sollte -Rußland hineingehen! Solch eine Dummheit sollte es -begehen! -</p> - -<p> -Die Polen haben natürlich selber nicht geglaubt, -daß sie mit diesem ungeschickten Vorschlag Rußland -fangen könnten; doch rechneten sie wohl auf die russischen -Parteigänger, die ja immer noch so gutmütig und -reinen Herzens sind. Daß hinter allem aber die Machenschaft -des Klerus steckt, daß das Ganze ein klerikaler -Schritt nach Rußland ist – darüber kann kein Zweifel -mehr bestehen. Es fragt sich nur: wozu dieser Schritt? -– Nun, haben die Klerikalen es etwa nicht nötig, die -Lage zu sondieren, die Gedanken zu verwirren, ihre -eigentlichen Unternehmungen und Absichten zu verbergen, -russische Parteigänger zu werben, Russisch-Polen -aufzuwiegeln usw.? Als ob diese Klerikalen nicht -überall ihre Berechnungen hätten! -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-8"> -<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -Russische Finanzen<a class="fnote" href="#footnote-33" id="fnote-33">[33]</a> -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>U</span><span class="postfirstchar">nd</span> die Finanzen? Wie steht es mit einem Artikel -über die Finanzen?“ – fragt man mich. Ja, bin ich -denn ein Finanzmann? Wie sollte ich es wagen, über -die Finanzen zu schreiben. Wenn auch ich es bin, der -hier das Thema aufwirft, so wage ich das doch nur, -weil ich im voraus überzeugt bin, daß ich von den -Finanzen alsbald auf etwas ganz anderes übergehen -werde. Das gibt mir dann andererseits freilich den -Mut zu einer solchen Überschrift; denn ich weiß es ja -selbst, daß ich gar nicht fähig bin, über unsere Finanzen -zu schreiben, da ich auf unsere Finanzen nicht vom -europäischen Standpunkt aus sehe und auch überhaupt -nicht daran glaube, daß man diesen europäischen Standpunkt -bei uns einnehmen kann, aus dem einfachen -Grunde, weil wir nun einmal nicht „Europa“ sind und -im Vergleich zu „Europa“ fast wie auf dem Monde leben. -</p> - -<p> -In Europa z. B. veränderten sich die Beziehungen -der niederen Stände zu den höheren, feudalen, im Laufe -von Jahrhunderten, und zuletzt durch die Revolution: -alles vollzog sich mit einem Wort „historisch und kulturell“. -Bei uns dagegen wurde die Leibeigenschaft -mit allen ihren Folgen in einem einzigen Augenblick -abgeschafft, und das geschah Gott sei Dank ohne jegliche -Revolution. Aber warum mußte das gleichwohl -eine so ungeheuere finanzielle Erschütterung verursachen? -Wahr ist ja allerdings, daß das, was plötzlich -fällt, immer gefährlich fällt. Versteht sich, nicht ich -bedauere es, daß die Leibeigenschaft plötzlich fiel, im -<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> -Gegenteil, groß und gut war es, daß diese ganze schwere -geschichtliche Sünde durch das machtvolle Wort des -Zar-Befreiers von uns genommen wurde. Nichtsdestoweniger -war das Naturgesetz nicht zu umgehen, und -die Erschütterung war groß. Nun gut: sie mußte ja -groß sein, aber warum war sie denn so ungeheuer? Jede -politische Umwälzung hat ihre historischen Gesetze, und -ohne Zweifel wird es auch heute schon Menschen geben, -die bereits klar erkennen, warum die Folgen dieser Umwälzung -so groß waren. Leider kann ich dieses Thema -nicht weiter entwickeln, denn es ist zu gewaltig und -umfangreich; erst ein Historiker des nächsten Jahrhunderts -wird ihm gewachsen sein. Ich will nur auf -einzelne Wirkungen, die von ihr ausgingen und die -auffallen und beunruhigen, hinweisen. Sehen wir uns -die Sache näher an. Die Leibeigenschaft wurde aufgehoben, -denn sie behinderte alles, sogar die Entwicklung -der Landwirtschaft. Jetzt, so schien es, mußte der -Bauer seine Lage verbessern können! Doch nichts von -alledem geschah: in der Landwirtschaft kam der Bauer -gerade auf das Minimum von dem, was ihm sein Land -geben konnte. Unser jetziges Unglück besteht hauptsächlich -darin, daß es uns unbekannt ist, ob sich in Zukunft -solch eine Kraft finden und worin sie bestehen wird, -durch die der Bauer über das Minimum hinauskommen -und seine Erde zum Maximum des Ertrages zwingen -kann. Die Klugen im Lande werden behaupten, daß -diese Frage längst beantwortet sei, ich aber bin fest -überzeugt, daß sie noch längst nicht beantwortet sein -kann, daß sie viel weiter reicht, viel tiefer greift und -unvergleichlich inhaltsvoller ist, als man von ihr voraussetzt. -<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -Die ganze frühere herrschaftliche Landwirtschaft -sank bis zur Kläglichkeit; doch gleichzeitig begann -eine Neuordnung des Besitzstandes, es schien ein neues -intelligentes Einheits- und Gesamtvolk zu entstehen. -Nun, Schöneres, Besseres hätte man sich nicht wünschen -können, als eine derartige Erneuerung, denn eine intelligente -Führung hat das Volk nötig und es sucht nach -ihr. Aber bedauerlicherweise ist auch das bei uns erst -nur ein Ideal, ist wie ein schöner Vogel, der unter den -Wolken herumfliegt. Die Wirklichkeit ist von diesem -Ideal weit entfernt! Ja, will denn der grundherrschaftliche -Stand, der frühere Gutsbesitzer, überhaupt mit -dem Volke zu einer klugen, einer intelligenten Gesamtnation -zusammenwachsen? Das ist die Frage, die allerwichtigste, -die allerbedeutendste, die es zurzeit bei uns -überhaupt gibt, und von der vielleicht unsere ganze Zukunft -abhängt! -</p> - -<p> -Währenddessen aber wissen wir noch längst nicht, -auf welchem Wege wir sie beantworten können. Will -nicht, im Gegenteil, der besitzende Stand sich über das -Volk erheben, und sucht er es nicht wieder mit Macht zu -beherrschen, zwar nicht mehr wie zur Zeit der Leibeigenschaft, -versteht sich, aber immerhin: will er nicht, statt -eine Vereinigung mit dem Volk zu erstreben, aus seiner -Bildung eine neue und scheidende Macht aufrichten und -es mit einer Aristokratie der Intelligenz bevormunden? -Oder will er das Volk aufrichtig als seinen Bruder im -Blute wie im Geiste anerkennen, das achten, was unser -Volk achtet, einwilligen zu lieben, was unser Volk mehr -liebt als sich selbst? Denn sonst wird er sich nie mit ihm -vereinigen können! Was das Volk achtet und liebt, das -<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> -hält es fest und gibt es nicht hin, auch für keine Intelligenz, -selbst dann nicht, wenn es auch noch so sehr nach -dieser verlangt. Alles das ist bei uns noch ganz unentschieden, -ist eine Frage, die Zeit, Geschichte, Kultur und -Generationen verlangt, uns aber steht es wieder bevor, -sie in einem einzigen Augenblicke zu entscheiden. Das -ist ja eben der Unterschied zwischen uns und Europa, -daß bei uns die Dinge nicht auf „historischem und kulturellem“ -Wege sich entwickeln können, sondern schnell -und ganz plötzlich sich entwickeln müssen, oft geradezu -– wie in diesem Falle – auf völlig unvorhergesehenen -staatlichen Befehl und Willen. Sie werden -mir zugeben, daß Europa eine solche Geschichte nicht -kennt. Wie kann man da von uns „Europa“ verlangen, -und gar Finanzen nach „europäischem System“? Ich, -zum Beispiel, glaube wie an ein ökonomisches Axiom, -daß in einem Staate nicht die Eisenbahnaktionäre, nicht -die Industriellen, nicht die Millionäre, nicht die Banken -und nicht die Juden das Land beherrschen, sondern allen -voran und ganz allein die Landwirte: denn wer das -Land bearbeitet, der zieht alles andere mit sich. Der -Landmann ist die Quintessenz, der Kern, das Mark des -Reiches. Wie ist es aber bei uns, ist es hier nicht gerade -umgekehrt? Beherrschen uns nicht gerade die ökonomischen -Kräfte, der Eisenbahnaktionär und der Jude? -Europa baute seine Eisenbahnen ein halbes Jahrhundert -lang – und das bei seinem Reichtum! Bei uns -dagegen wurden die letzten fünfzehn- bis sechzehntausend -Werst Eisenbahn in zehn Jahren gebaut – und das -bei unserer Armut und in einer ökonomisch so zerrütteten -Zeit: gleich nach der Aufhebung der Leibeigenschaft! -<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> -Alles Kapital wurde dorthin gezogen, gerade als das -Land es am meisten brauchte. Die Eisenbahn wurde -gleichsam auf die zerrüttete Landwirtschaft gebaut. Und -ist denn die Frage des privaten Landbesitzes bei uns -überhaupt schon beantwortet? Wird der Einzelbesitz -sich neben dem Bauernland halten können und seine -bestimmte Arbeitskraft finden, aber eine gesunde und -feste, und nicht auf das Proletariat und die Schenke -angewiesen sein? Was kann da Gutes herauskommen, -solange nicht eine vernünftige Lösung dieses Problems -gefunden ist? Wir haben gesunde Entschlüsse nötig, -früher werden wir nicht zur Ruhe kommen. Und nur -die Ruhe ist die Quelle jeder großen Kraft. Wie kann -man bei uns jetzt europäische Budgets und geordnete -Finanzen verlangen, wo es doch noch ein Rätsel ist, wie -wir überhaupt all dem haben standhalten können, was -auf uns einstürmte? – Nur mit der großen, verbindenden -Volkskraft haben wir standzuhalten vermocht! -</p> - -<p> -Ruhe haben wir wenig, besonders geistige Ruhe -fehlt uns, und gerade diese wäre die Hauptsache, denn -ohne geistige Ruhe wird nichts. Dem schenkt man aber -bei uns gar keine Aufmerksamkeit, denn man strebt nur -nach zeitlichem materiellem Wohlergehen. Wenn wir -keine geistige Ruhe haben, so haben wir auch keine -Festigkeit, weder in unseren Überzeugungen, noch in -unseren Ansichten, unseren Nerven, und zu guter Letzt -auch nicht in unserem Geschmack. Arbeit und die Erkenntnis, -daß du nur durch Arbeit „erlöst wirst“ – -fehlt bei uns sogar ganz. Das Pflichtgefühl geht uns -völlig ab, ja, und woher sollten wir es auch haben, da -wir anderthalb Jahrhunderte lang eine falsche Kultur -<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -bei uns hatten, oder, besser gesagt, gar keine?! „Warum -soll ich mich bemühen, wenn ich durch ebendiese meine -Kultur dahin gekommen bin, alles um mich herum zu -verneinen? Und wenn es Dummköpfe gibt, die das -Gebäude durch irgendwelche europäische Formen zu -retten glauben, so verneine ich die Dummköpfe und behaupte: -‚je schlechter desto besser!‘ Das ist meine ganze -Philosophie!“ – Ich versichere Sie, daß bei uns viele -so denken, die einen laut, die anderen leise für sich. Die -Leute mit solchen Aphorismen sind indessen selbst durchaus -von Fleisch und Bein. „Je schlechter desto besser,“ -sagen sie, aber wünschen tun sie dabei sicher das -„schlechter“ nur für die anderen, das „besser“ jedoch -wohlweislich für sich selbst; so wird man wohl ihre -Philosophie verstehen müssen. Denn er hat ja einen -Wolfshunger, dieser Russe. Groß ist er wie ein Bär, -aber Nerven hat er wie eine Frau; verweichlicht und -verwöhnt, grausam und leidenschaftlich ist er, ertragen -kann er nichts, „ja, und wozu sich abmühen und aushalten?“ -Ist es zu Ende mit den Diners im Restaurant, -ist es zu Ende mit den Kokotten, wozu lohnt’s -sich dann noch zu leben, denkt er und – krach, schießt -er sich eine Kugel vor den Kopf! Und gut ist es noch, -wenn er sich eine Kugel vor den Kopf schießt, sonst geht -er hin und bestiehlt einen anderen auf irgendeinem mehr -oder weniger gesetzlichen Wege. Aber <em>arbeiten</em>? – -nein, das wird er nicht! Und so entsteht eine allgemeine -Armut bei ständig wachsendem Appetit. -</p> - -<p> -Unter anderem möchte ich noch bemerken, daß der -Gogolsche Typ des „Hauptmann Kopeikin“ sich in zahllosen -Varianten, bis zum aufgeblasensten Weltmann -<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> -hinauf, bei uns erschreckend vermehrt hat. Alle fletschen -sie nach dem Bargelde die Zähne, alle bilden sie sich, -wenn auch nicht zu Räubern auf der offenen Landstraße -wie der wirkliche „Kopeikin“, so doch zu Taschendieben -aus, einige unter dem Deckmantel des Staats, andere -ohne ihn. Einige von ihnen behaupten sogar stolz: -„Ich handle darum so, weil ich alles verneine und -jegliche Verneinung fördere.“ Oh, es gibt sogar liberale -Kopeikins! Die haben nur zu gut verstanden, daß -der Liberalismus in Mode ist, und daß man mit ihm -gut fährt. Wer hat sie nicht gesehen, diese Allerweltsliberalen -und billigen Atheisten, wie sie jetzt dem Volke -gegenüber mit ihrer Fünfkopekenweisheit großtun. Es -ist der niedrigste Typ von all unseren liberalen Erscheinungen, -aber nichtsdestoweniger hat auch er jenen -ungeheueren Appetit. Er ist der erste, der an eine -mechanische Heilung der Wurzeln von außen glaubt. -Diese Leute gruppieren sich und haben einen Einfluß, -der sich oft bis auf die ehrlichsten Leute erstreckt, die -eigentlich nicht schuld daran sind, daß sie solch ein Kontingent -haben: „Jegliche Veränderung ist gut, wenn -sie nur ohne Mühe vor sich geht.“ Der liberale Kopeikin -fügt dann noch in Gedanken hinzu: „Bei jeder Umwälzung -fällt für mich immer etwas ab!“ Und gerade -von dieser Seite ist er am gefährlichsten, wenn er auch -nur ein – Kopeikin ist. Aber mit ihm wollen wir uns -jetzt nicht weiter beschäftigen. Das bisher Gesagte ist -ja sowieso nur eine Ergänzung zu unserem Thema. -Doch nun zu den Finanzen, zu den Finanzen! -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> -Es ist nun einmal meine Angewohnheit, immer -gleich mit dem Ergebnis zu beginnen, den Kern meiner -ganzen Idee vorauszuschicken. Niemals habe ich es -verstanden, ihn allmählich herauszuschälen und ihn erst -dann bloßzulegen, wenn es mir gelungen ist, alles vorher -klarzumachen und nach Möglichkeit zu beweisen. -Meine Geduld reicht dazu nicht aus, mein Charakter -verhindert es einfach; damit schade ich mir freilich sehr, -denn manch eine Idee setzt, geradeaus gesagt, ohne jegliche -Vorbereitung, ohne vorhergegangenen Beweis, -nur in Erstaunen und Verwunderung, wenn sie nicht -Gelächter hervorruft. So komme ich denn auch hier -gleich wieder mit einer Behauptung, über die man – -ich fühle es schon im voraus – lachen wird, wenn man -nicht auf sie vorbereitet ist. Meine Behauptung ist -folgende: „Wenn die Finanzen in einem Staate gewisse -Erschütterungen erlitten haben, so denke man nicht -so sehr an gegenwärtige Bedürfnisse, wie schreiend diese -auch sein mögen, sondern zuerst an die Gesundung der -Wurzeln, und – die Finanzen werden sich von selbst -bessern.“ -</p> - -<p> -An sich ist das ja nichts Neues: welcher Finanzminister -hätte sich nicht schon darum bemüht, besonders -unser jetziger, der gerade an so eine Wurzel faßte, als -er die Salzsteuer aufhob. Man erwartet sogar noch -andere Reformen, große, wirklich die Hauptwurzel erfassende. -Freilich wurden auch früher schon, bereits -vor zehn Jahren, „zur Gesundung der Wurzeln“ viele -Mittel angewandt: Revisionen wurden eingeleitet, -Kommissionen berufen zur Untersuchung und Verbesserung -der Lage unseres russischen Bauern, seines Gewerbes, -<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> -seiner Gerichte, Verwaltung, seiner Krankheiten, -Sitten und Gewohnheiten. Die Kommissionen -teilten sich in Unterkommissionen zur Sammlung statistischer -Unterlagen, und die Sache ging wie geölt, das -heißt auf dem allerbesten administrativen Wege, den -es nur geben kann. Aber ich habe ja gar nicht davon -sprechen wollen; denn nicht nur die Unterkommissionen, -sondern sogar so wesentliche Reformen wie die Aufhebung -der Salzsteuer oder das große noch zu erwartende -Steuersystem, sind meiner Meinung nach nur -Palliativmittel, etwas Äußeres, und noch keineswegs -die Wurzel Heilendes. Das aber ist es, worauf ich -hinweisen möchte. Eine Heilung der Wurzel würde es -dagegen sein, wenn wir z. B. wenigstens zur Hälfte -das Nur-Gegenwärtige vergessen könnten: alle Tagesfragen, -die schreienden Bedürfnisse unseres Budgets, -die Zinsen der ausländischen Anleihen, die Defizite, -den Rubel, den Staatsbankerott sogar, – der übrigens -nie bei uns eintreten wird, wie sehr ihn auch unsere -schadenfrohen ausländischen Feinde prophezeien mögen; -mit einem Wort, wenn wir alles Nur-Gegenwärtige -vergessen und so lange für die Wurzel arbeiten würden, -bis wir in Wirklichkeit eine reiche und gesunde Frucht -ernten können. Dann kann man ja wieder mit der -Gegenwart leben oder, besser gesagt, mit dem neuen -Kommenden; denn in diesem Zwischenraum, das muß -man sich sagen, wird alles Frühere (d. h. das jetzt Gegenwärtige) -sich so radikal verändert und einen so neuen -Charakter angenommen haben, daß wir es nicht wiedererkennen -werden. Ich begreife natürlich, daß alles, -was ich jetzt behaupte, allen sehr sonderbar erscheinen -<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> -muß: nicht an den Rubel zu denken, an das Bezahlen -der Schulden, an den Bankerott, an das Heer, kurz, an -all das, was man anscheinend zuerst bedenken und zufriedenstellen -muß. Ich versichere Sie, auch ich verstehe -das und ich gestehe Ihnen, daß ich mit Absicht meine -Behauptung so scharf hingestellt und meine Wünsche -bis zum unerreichbaren Ideal gesteigert habe. Ich -dachte dabei, fange ich beim Absurden an, so werde ich -später allen verständlicher, und so sagte ich denn: wenn -wir nur zur Hälfte das Gegenwärtige vergessen könnten -und unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenkten, -in eine Tiefe, in die bis jetzt in Wahrheit noch niemand -geschaut hat – denn Tiefe suchte man bisher doch nur -an der Oberfläche. Ich will aber gleich auch diese -meine Formel noch abschwächen und statt ihrer vorschlagen: -wenn nicht einmal die Hälfte – auf die -Hälfte will ich verzichten – wenn nur ein zwanzigster -Teil vom Gegenwärtigen zu vergessen möglich wäre, und -wenn man jedes folgende Jahr zu diesem zwanzigsten -Teil noch einen zwanzigsten Teil hinzufügen könnte und -so weiter und so weiter bis zu drei Vierteln des Ganzen! -... Nicht der Teil ist hierbei wichtig, sondern -wichtig wäre das Prinzip, das man damit aufstellt, und -dem man folgt. -</p> - -<p> -Aber wie soll man denn das Gegenwärtige lassen?! -Man kann doch die Wirklichkeit nicht einfach ausstreichen! -Ich sage „nicht ausstreichen“, weiß ich doch -selbst, daß man die Wirklichkeit nicht unwirklich machen -kann ... Aber wissen Sie – manchmal kann man auch -das! Wenn wir von unserer krankhaft erregten Aufmerksamkeit -jährlich nur einen zwanzigsten Teil auf -<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -etwas anderes ablenkten! Dabei ist gar nicht zu befürchten, -daß sie der Gegenwart verloren ginge, nein, -ich wiederhole es: wenn sie sich nur auch etwas anderem -zuwendete, sich einem neuen Prinzip unterwerfen würde, -einem, das die Gedanken und den Geist umbildet – -zu etwas Besserem, zu etwas viel Besserem! Man wird -sagen, daß ich in Rätseln spreche, aber dem ist nicht -so. Doch gut, ich werde zunächst ein kleines Beispiel -anführen, um zu zeigen, auf welche Weise man den -Übergang vom Nur-Gegenwärtigen zur Heilung der -Wurzeln sofort beginnen könnte. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Wie wäre es zum Beispiel, wenn Petersburg plötzlich -– sagen wir, durch irgendein Wunder – von -seinem Hochmut dem übrigen Rußland gegenüber abließe? -Welch ein großer erster Schritt wäre das schon -zur Gesundung der Wurzeln! Denn wie steht es jetzt -mit Petersburg? Es ist doch schon so weit gekommen, -daß Petersburg sich für ganz Rußland hält, und dieser -Irrtum steigert sich noch von Generation zu Generation. -Es will in gewissem Sinne dem Beispiel von Paris -folgen, ungeachtet dessen, daß es Paris gar nicht ähnlich -ist. Für Paris hat es die historische Entwicklung mit -sich gebracht, daß es ganz Frankreich, sein politisches -wie soziales Leben, in sich aufsog. Nehmen Sie Frankreich -Paris, was würde ihm dann noch verbleiben? -Nur seine geographische Lage. Nun, und auch bei uns -glauben einige schon, daß ganz Rußland in Petersburg -enthalten sei. Doch Petersburg ist längst nicht Rußland, -<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> -für die größere Hälfte des russischen Volkes hat -Petersburg nur dadurch eine Bedeutung, daß sein Zar -dort lebt. Unsere Petersburger Intelligenz aber, das -wissen wir alle, versteht von Generation zu Generation -Rußland immer weniger, und das wohl darum, weil -Petersburg, eingeschlossen in seinem finnischen Sumpf, -mehr und mehr eine falsche Vorstellung von Rußland -bekommt. So hat sich bei einigen von diesen Herren -der Horizont bereits arg verengert, ja, er ist fast schon -so eng geworden wie der Horizont von Karlsruhe.<a class="fnote" href="#footnote-34" id="fnote-34">[34]</a> -Aber blicken Sie nur über Petersburg hinaus: und -vor Ihnen liegt ein ganzes weites Meer russischen -Landes, ein uferloser Ozean. Doch siehe, der Sohn der -Petersburger Väter verneint auf die gleichmütigste -Weise dieses russische Volksmeer und verhält sich zu ihm -wie zu etwas Passivem und Unbewußtem, geistig Nichtigem -und jedenfalls im höchsten Grade Rückständigem. -„Vielköpfig ist es, aber dumm, taugt nur dazu, uns zu -erhalten, wofür wir ihm Verstand beibringen und es -an eine staatliche Ordnung gewöhnen müssen.“ Tanzend -und das Parkett polierend, werden in Petersburg die -zukünftigen Sohne des Vaterlandes gebildet, und die -Petersburger Beamten studieren ihr Vaterland in den -Kanzleien. Versteht sich: irgend etwas erlernen sie -schließlich in ihnen, nur ist das nicht Rußland, sondern -etwas ganz anderes, etwas sehr Besonderes. Und dieses -ganz Andere und Besondere wird dann Rußland aufgebunden. -Doch währenddessen bewegt sich das Volksmeer -<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -nach seinem eigenen Gesetze und sondert sich mehr -und mehr von Petersburg ab. Und sagen Sie nicht, -daß es, wenn auch ein mächtiges, so doch unbewußtes -Leben führe, was nicht nur die Petersburger allein -glauben, sondern auch noch andere Russen, die Rußland -besser kennen. Wenn man nur wüßte, wieviel Erkenntnis -sich schon im Volke angesammelt hat! Und das Erkennen -wächst noch von Tag zu Tag. Wie würden sich -die Petersburger wundern, wenn sie wüßten, wie vieles -dem Volke schon zugänglich und verständlich ist! Wenn -sich das auch noch nicht im großen Ganzen äußert, so -tut es sich doch schon an allen Ecken und in allen Hütten -kund, wofern man es nur zu fühlen und zu sehen versteht. -Wie sollte es sich auch schon im Ganzen äußern -können, das Ganze ist ja ein Meer! ein Ozean! Aber -wenn es sich einmal äußern wird, in welch maßloses -Erstaunen wird es da den intelligenten Petersburger -versetzen! Freilich wird das europäische Menschlein -das Volk noch lange verneinen und wird sich dem Volke -noch immer nicht ergeben wollen. Ja, viele werden -so hinsterben, ohne von ihm überhaupt etwas zu ahnen. -Wäre es da nicht besser, wiederhole ich, um großen -heraufkommenden Mißverständnissen vorzubeugen, er -ließe, wenn auch nur in seinen besten Vertretern, ein -wenig ab, von seinem Hochmut Rußland gegenüber? -Nur ein wenig mehr Eingehen, Verständnis, nur ein -wenig mehr Demut im Herzen vor dieser großen russischen -Erde, vor diesem Volksmeer – das ist es, was -uns nottut. Das wäre der erste Schritt, den wir zur -„Heilung der Wurzeln“ machen müßten. -</p> - -<p> -„Aber erlauben Sie, mein Herr,“ unterbricht man -<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> -mich, „was Sie bis jetzt gesagt haben, sind doch nur -alte, verbrauchte, unrealisierbare Phantastereien der -Slawophilen. Und was wollen Sie damit sagen: zur -‚Heilung der Wurzeln‘? Welcher Wurzeln? Und was -verstehen Sie darunter?“ -</p> - -<p> -„Sie haben recht, meine Herren, ich muß zunächst -doch noch einiges über die Wurzeln sagen.“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Die Hauptwurzel, die einer Heilung zu allererst bedarf, -ist ohne Zweifel dieses große russische Volksmeer -selbst, von dem soeben die Rede war. Ich spreche jetzt -von unserem einfachen Mann und Bauern, von der bezahlten -Kraft unserer schwieligen, abgearbeiteten -Hände: von unserem russischen Volksozean. Oh, wie -sollte ich nicht wissen, was die Regierung für ihn getan -hat und noch ununterbrochen tut, von der Aufhebung -der Leibeigenschaft an? Sie sorgt für seine Bedürfnisse, -seine Aufklärung, für seine Gesundung, vergibt -ihm sogar manches Mal seine Rückständigkeit, mit einem -Wort, sie tut viel für ihn, wer wollte das leugnen! Aber -nicht davon soll hier die Rede sein, sondern von der seelischen -Heilung dieser Hauptwurzel, die der Anfang zu -allem sein müßte. Unser Volk ist seelisch krank; noch -ist das Innerste seiner Seele gesund, aber die Krankheit -ist trotzdem schwer. Welcher Art ist nun diese Krankheit? -Es ist unmöglich, sie in einem Worte auszudrücken. -Man könnte sie so formulieren: Es ist ein -„unstillbarer Durst nach Wahrheit“. Das Volk sucht -und sucht die Wahrheit, kann aber den Weg zu ihr -<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> -nicht finden. Ich wollte meine Ansicht über diese Krankheit -auf das Finanzielle begrenzen, aber ich muß doch -noch einmal auf anderes zurückkommen. -</p> - -<p> -Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft tauchte im -Volke das Bedürfnis nach etwas Neuem, noch nicht -Dagewesenem auf: es war ein Durst nach Wahrheit, -der ganzen vollen Wahrheit, und nach einer Auferstehung -zu einem neuen Leben. Das Volk verlangte -nach neuen Anschauungen, neue Gefühle stiegen in ihm -auf, und es begann, mit ganzer Seele an die neue Ordnung -zu glauben. Aber etwas anderes trat ein, etwas, -was es nicht erwartet hatte. Die neue Ordnung, an -die das Volk so gern geglaubt hätte, die – verstand es -nicht. Es begriff sie nicht, wurde irre an ihr und verlor -zuletzt seinen Glauben an sie. Sie erschien ihm -als etwas Fremdes, Äußerliches und nicht als sein -Eigenes. Doch dieses Thema immer wieder vorzubringen, -das schon so oft besprochen worden ist, lohnt -sich nicht: andere wissen mehr davon als ich – lesen -Sie unsere Zeitungen. Es kam damals eine wilde Verzweiflung -über unser Volk: wie ein trunkenes Meer -wogte es über Rußland hin, und wenn man auch versuchte, -den Durst nach Wahrheit in Strömen von -Branntwein zu stillen, so wurde er doch nicht befriedigt. -Niemals war das Volk allen fremden Einflüssen mehr -preisgegeben als jetzt. Nehmen Sie als nur ein Beispiel -etwa die „Stunde“,<a class="fnote" href="#footnote-35" id="fnote-35">[35]</a> und sehen Sie, welch einen -<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> -Erfolg sie im Volke hat: was aber beweist das? Doch -nur das Suchen nach Wahrheit und die innere Unruhe -unseres Volkes. Gerade die Unruhe ist es: das Volk -ist seelisch aufgewühlt, und ich bin überzeugt, wenn die -nihilistische Propaganda bis jetzt ihren Weg ins Volk -noch nicht gefunden hat, so geschah das nur dank der -Unfähigkeit und Dummheit ihrer Führer, die das Volk -nicht zu nehmen verstehen. Aber sonst, bei der geringsten -demagogischen Fähigkeit wäre auch sie so ins Volk -gedrungen, wie das Luthertum durch die „Stunde“. -Wie soll man das Volk vor Ähnlichem bewahren, denn -es ist gesagt: „Es werden Zeiten kommen, wo man -euch sagen wird: weder hier ist Christus, noch dort, -glaubet nicht!“ So steht es auch jetzt bei uns, und -nicht nur mit unserem Volk, sondern auch mit unserer -Intelligenz. -</p> - -<p> -Verschiedene ungewöhnliche Gerüchte dringen ins -Volk, man spricht von Veränderungen, Anweisungen -eines Landanteils, von einer goldenen Urkunde! Unlängst -las man ihm in den Kirchen eine öffentliche -Warnung vor, daß es nicht daran glauben solle, daß -nichts davon wahr wäre – und was geschah? Gerade -nach dieser Warnung befestigte sich das Gerücht nur -noch mehr im Volke. Ich weiß von einem Fall, wo -Bauern sich bei einem benachbarten Gutsbesitzer Land -kaufen wollten und schon mit dem Preise einig waren, -nach dem Verlesen dieser Warnung sich aber vom Kaufe -zurückzogen. „Wir bekommen es noch ohne Geld,“ -sagten sie und – warten. Und was die Hauptsache ist: -das Volk steht bei uns allein, ist nur seinen eigenen -Kräften überlassen, und niemand unterstützt es moralisch. -<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> -Es hat zwar sein „Semstwo“, aber das ist -„Obrigkeit“. Sein Gericht, aber – auch das ist -„Obrigkeit“. Und seine „Gemeinde“ scheint sich gleichfalls -dazu entwickeln zu wollen. Die Zeitungen sind -voll von Beschreibungen, wie das Volk seine Vertreter -wählt, natürlich immer in Gegenwart der Obrigkeit, -deren Mitglied der neu Erwählte denn auch meist ist. -Und was ergibt sich daraus? Da sieht solch ein armer -einfältiger Kerl um sich und kommt plötzlich zum Schluß, -daß es nur den Ausbeutern und Schmarotzern gut geht -und alles nur für sie gemacht zu sein scheint: „Also -werde auch ich dasselbe tun!“ – Nun, und so tut er -es denn auch. Ein anderer betrinkt sich wieder, nicht -etwa weil die Armut ihn drückt, sondern weil ihn die -Rechtlosigkeit so anwidert. Was läßt sich da machen? -Das ist Fatum! Man sollte meinen, da gibt es doch -eine Verwaltung und Vorgesetzte, da müßte doch alles -wie am Schnürchen gehen – doch gerade das Gegenteil -ist der Fall. Es ist ausgerechnet worden, daß für -das Volk in unserer Zeit fast zwanzig Regierungsämter -eingerichtet worden sind, ausschließlich für das Volk, -um es zu beschützen und zu beraten. Nun sind aber für -den armen Menschen ohnehin schon alle und jeder -„Obrigkeit“ – und jetzt hat er noch zwanzig solcher -„Obrigkeiten“ hinzubekommen! Seine Bewegungsfreiheit -ist ja gleich der einer Fliege, die in einen Teller -mit Honig gefallen ist. Doch eine solche Freiheit ist -nicht nur vom moralischen Standpunkte aus schädlich, -sondern auch vom ökonomischen Standpunkte aus. So -ist denn das Volk im Grunde doch allein und ohne Ratgeber. -Es hat niemanden außer Gott und dem Zaren -<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> -– mit diesen beiden moralischen Kräften, mit diesen -beiden großen Hoffnungen hält es sich aufrecht. Alle -anderen Ratgeber gehen an ihm vorüber, ohne es auch -nur zu berühren. Die ganze fortschrittliche Intelligenz, -zum Beispiel, geht glatt an ihm vorüber, und das ist -schade; denn auch in unserer Intelligenz gibt es begabte -Menschen – bloß für das russische Volk haben sie wenig -Verständnis. Bei uns verneint man es nur; oder man -beklagt sich ununterbrochen: warum sich die Gesellschaft -nicht zu dieser Idee einer Vereinigung mit dem Volke -„beleben“ läßt! und was das für sie für eine Aufgabe -wäre! Man sollte aber doch wissen, daß man sich zu -ihr gar nicht „beleben“ kann, einfach, weil das Volk -der Gesellschaft fremd ist. Die letztere bildet nur eine -Schicht über dem Volke – mit der einzigen Beziehung -zu ihm, daß das Volk durch seine Arbeit <em>ihr dient</em>, -<em>ihr</em> die Möglichkeit verschafft, sich europäische Bildung -anzueignen. Doch in diesen zwei Jahrhunderten europäischer -Bildung hat das Volk sich nur noch mehr von -ihr entfremdet. Wenn die fortschrittliche Intelligenz -jetzt behauptet: „Wir sind es, die um das Volk leiden, -wir, die so viel über dasselbe schreiben und es zu uns -emporziehen wollen,“ so ist doch das russische Volk instinktiv -überzeugt, daß es sich hier nur um ein imaginäres -Volk handelt, ein in den Köpfen der Intelligenz -entstandenes, daß das <em>wirkliche</em> Volk aber von der -Intelligenz nur verachtet wird. Ich gebe zu: das verächtliche -Verhalten zum Volk ist bei einigen von uns -gar nicht bewußt, ja, man kann ruhig sagen, unabsichtlich. -Es ist ein Überbleibsel des Leibeigenschaftsverhältnisses -und stammt aus der Zeit, als das Volk um -<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> -unserer „europäischen Bildung“ willen staatlich erdrosselt -wurde; und es ist zweifellos auch jetzt noch in -uns, obschon das Volk nun „auferstanden“ ist. Deshalb -wird es uns auch noch lange unmöglich sein, uns -mit dem Volke zu vereinigen, wenn nicht ein Wunder -in russischen Landen geschieht. Das Volk ist in seiner -großen Masse rechtgläubig und lebt nur der religiösen -Idee, es braucht sich sogar dieser Idee gar nicht bewußt -zu sein. Im Grunde genommen hat es überhaupt keine -andere Idee außer dieser, aus ihr kommt alles bei ihm. -Wenigstens will das Volk mit seinem ganzen Herzen -und aus seiner tiefsten Überzeugung, daß alles, was bei -ihm geschieht und was man ihm gibt, aus dieser „Idee“ -heraus geschehe, auch ungeachtet dessen, daß vieles beim -Volke selbst nicht von dieser Idee ausgeht, daß es oft -willenlos von dunklen, verbrecherischen, barbarischen -Instinkten beherrscht ist. Aber jeder Verbrecher und -Barbar, mag er auch noch so sündig sein, betet doch zu -Gott in den besseren Minuten seines Seelenlebens und -bittet ihn, seine Sünden auszulöschen und ihn wieder -seiner „Idee“ leben zu lassen. Diese Idee will nun -unsere Intelligenz nicht anerkennen. Unsere Intellektuellen -weisen auf seine Sünde und seinen Schmutz -hin, an dem sie, die das Volk zwei Jahrhunderte lang -geknechtet haben, doch selbst Schuld tragen, weisen auf -seine Vorurteile und religiöse Gleichgültigkeit hin, und -einige behaupten sogar, daß das russische Volk geradezu -„verkörperter Atheismus“ sei. Ihr größter Irrtum besteht -eben darin, daß sie im russischen Volke keine Kirche -anerkennen wollen. Ich spreche jetzt nicht von der Herde -Christi, sondern von unserem russischen „Sozialismus“, -<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> -dessen Ziel es ist, die „Kirche“ aller Völker zu werden, -soweit die Erde diese „Kirche“ überhaupt verwirklichen -kann. Ich spreche ferner von dem unstillbaren Durst -nach der großen, allgemeinen, allbrüderlichen Vereinigung -im Namen Christi, einer Idee, die im russischen -Volke immer gegenwärtig ist. Und wenn diese Vereinigung -auch erst im Wunsche und im Gebet besteht, -nicht in der Tat, so treibt doch der religiöse Instinkt -dieser millionenköpfigen Masse nicht zu mechanischen -Formen: nicht im Kommunismus liegt der Sozialismus -des russischen Volkes, sondern es glaubt, sein Seelenheil -in der Vereinigung aller Völker im Namen Jesu Christi -zu finden. Das ist unser russischer Sozialismus! Über -diese höhere vereinigende kirchliche Idee im russischen -Volke lachen unsere Europäer. Oh, es gibt noch viele -solcher „Ideen“ im Volke, mit denen die Herren nicht -übereinstimmen werden, und die sie aus ihrer europäischen -Weltanschauung heraus als „tatarisch“ verurteilen. -Man kann daher ruhig die Behauptung aufstellen: -wer diese Hauptidee des Volkes, die Erwartung -des in ihm heraufkommenden Schöpferischen, das -Gottesschicksal seiner weltumfassenden Kirche nicht versteht, -der wird auch nie das russische Volk selbst verstehen -und es auch nie lieben können. Bei manch einem -von unseren Europäern ist das Herz rein, gerecht und -sehnt sich nach Liebe, – aber lieben wird er nicht das -Volk, sondern nur jene Vorstellung, die er sich von ihm -macht. Da das Volk aber Volk bleibt, d. h. es selbst -bleibt, so kann man für die Zukunft nur einen unvermeidlichen -und gefährlichen Zusammenstoß voraussehen. -Denn meine Behauptung hat auch eine umgekehrte Auslegung, -<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -nämlich die, daß das Volk solch einen russischen -Europäer niemals als zu sich gehörig betrachten wird: -„Liebe zuerst mein Heiligtum, achte, was ich achte, dann -erst bist du wie ich, bist mein Bruder, ungeachtet dessen, -daß du nicht so angekleidet bist wie ich, daß du ein -Herr bist, daß du zur ‚Obrigkeit‘ gehörst, und daß du -dich manchmal nicht einmal in russischer Sprache richtig -auszudrücken verstehst.“ Das wird ihnen das Volk -sagen, denn unser Volk hat einen klugen und weiten -Verstand. Es achtet und liebt auch gewiß jeden guten -und klugen Menschen, dankt ihm für seine Ratschläge -und befolgt sie gern, ohne daß jener an dasselbe zu -glauben brauchte, woran das Volk glaubt. Das russische -Volk vermag mit einem jeden auszukommen, denn es hat -viele Typen gesehen, vieles beobachtet und behalten in -seinem langen, schweren Leben während der letzten zwei -Jahrhunderte. Aber sich einleben und sich mit einem -Menschen eins fühlen – sind zwei verschiedene Sachen. -Doch ohne Zusammengehörigkeitsgefühl kann keine Vereinigung -stattfinden. -</p> - -<p> -So ist die Kluft zwischen der Intelligenz und dem -Volke außergewöhnlich groß, das Volk ist allein, sich -selbst überlassen; außer in seinem Zaren, an den es -unerschütterlich glaubt, sieht es in nichts und niemandem -eine Stütze. Froh wäre es, eine zu erblicken – -aber vergeblich schaut es danach aus. Welch eine große, -schöpferische, Segen bringende, neue Kraft aber würde -in Rußland erstehen, wenn bei uns eine geistige Vereinigung -der Intelligenz mit dem Volke erfolgte! Oh, -meine Herren Finanzminister, ganz andere jährliche -Budgets werden Sie dann aufstellen als die, welche sich -<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -jetzt ergeben! Milch und Honig würden in unserem Reiche -überfließen, und alle Ideale wären mit einem Schlage -erreicht! – „Ja, aber wie das anfangen, und ist es -denn wirklich unsere europäische Aufklärung, die uns -daran hindert?“ Nein, nicht diese, denn im Grunde gibt -es diese Aufklärung bei uns überhaupt nicht, auch heute -noch nicht. Ich denke so: existierte bei uns eine <em>wirkliche</em> -Aufklärung, so wäre eine Trennung zwischen -Volk und Intelligenz nie erfolgt, denn auch das Volk -verlangt doch nach Aufklärung. Wir aber sind, „Aufklärung“ -suchend, auf den Mond geflogen und haben -den Weg zum Volke verloren. Wie wäre es nun uns -verflogenen Menschen möglich, die Sorge um die Heilung -des Volkes auf uns zu nehmen? Was können -wir tun, damit der beunruhigte Volksgeist sich wieder -stärkt und beruhigt? Seine Finanzen, sein Kapital verlangt -moralische Ruhe, denn sonst wird es versiegen. -Was soll man tun, damit der Geist des Volkes die -Wahrheit findet und sich in ihr beruhigt? Diese Wahrheit -ist ja vielleicht schon da, aber was soll man tun, -damit das Volk an sie zu glauben lernt? Wie soll man -es ihm in die Seele pflanzen, daß die Wahrheit in der -russischen Erde liegt? Was soll man tun, damit das -Volk an sein Gericht, an seine Obrigkeit zu glauben anfängt -und sie anerkennt als Fleisch von seinem Fleisch -und Blut von seinem Blut? Oh, wenn die Wahrheit -wenigstens für die Zukunft im Volke ungefährdet bliebe, -damit es den Glauben nicht verlöre, daß sie einmal doch -bestimmt noch kommen wird! Wenn die Fliege sich nur -ein wenig von dem Teller mit Honigseim fortbewegen -könnte, so wäre das schon eine große, große Beruhigung. -<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> -Und nochmals sage ich: das ganze Unglück kommt von -der Trennung der höheren intelligenten Stände vom -unteren, niedrigeren – von unserem Volke. Wie aber -dieses Volksmeer mit unserer Intelligenz aussöhnen, -damit es nicht zu einem großen Aufruhr in ihm kommt? -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Dazu gibt es nur eine Möglichkeit, ein magisches -Wort, das lautet: „Vertrauen zeigen“! Zu unserem -Volke kann man Vertrauen haben, denn es ist dieses -Vertrauens wert. Ruft die grauen Bauernkittel und -fragt sie, was ihnen fehlt, und was sie nötig haben, und -sie werden euch die Wahrheit sagen, und wir alle -werden dann vielleicht zum ersten Male die Wahrheit -hören. Dazu sind keine großen Versammlungen nötig: -das Volk kann man an allen Orten und in jeder Hütte -fragen, denn an jedem einzelnen Ort sagt es Wort für -Wort dasselbe; was die ganze Masse zusammen auch -sagen würde, das Volk ist überall eins. Auch die getrennte -Einheit würde nur das eine wiedergeben, denn -der Geist ist derselbe. Jede Ortschaft würde vielleicht -eine kleine örtliche Besonderheit hinzufügen, aber im -ganzen, im allgemeinen würde alles in allem übereinstimmen. -Man muß sich nur in acht nehmen, daß es -auch wirklich der Bauer ist, der echte Bauer, nicht etwa -der Schmarotzer oder Ausbeuter. Aber schließlich, selbst -der Freischlucker wird der Erde nicht untreu und wird -die Wahrheit sagen – das ist schon so eine Eigenschaft -unseres Volkes. Wie soll man aber diesen Vorschlag -<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> -ausführen? Oh, Menschen, die die Macht dazu haben, -können das besser bestimmen als ich; ich möchte nur behaupten, -daß es dazu besonderer Formeln nicht bedarf. -Unser Volk jagt nicht nach Formeln, besonders nicht -nach fertigen, fremdländischen, die hat es nicht nötig -und die wird es auch nie nötig haben. Es hat etwas -ganz anderes im Kopfe, hat seine eigene Ansicht über -die Sache; und in seinen Anschauungen ist ein Volk wie -das unsrige durchaus unseres Vertrauens würdig. Und -wer der Russen Liebe zum Zaren gesehen und gefühlt -hat, der weiß, daß sie des Zaren Kinder sind und der -Zar ihr Vater ist. Wer daran nicht glaubt, versteht -nichts von Rußland. Nein, darin liegt eine tiefe und -ursprüngliche Idee: und sie bedingt einen lebendigen, -mächtigen Volksorganismus, der mit seinem Zaren in -eins verschmilzt. Diese Idee ist eine Kraft, und diese -Kraft ist mit den Jahrhunderten noch gewachsen, besonders -in den letzten für das Volk so schrecklichen zwei -Jahrhunderten, die wir wegen unserer europäischen -Aufklärung so preisen, – wobei wir freilich ganz vergessen, -daß diese Aufklärung uns nur durch das Kreuzesleiden -unseres Volkes ermöglicht wurde. Aber das Volk -glaubte an seinen Befreier, wartete auf ihn und – er -kam! Wie sollen wir da nicht seine Kinder sein? Der -Zar ist für das Volk keine äußere Kraft, nicht die Kraft -irgendeines Besiegers – wie es z. B. die Dynastien der -früheren Könige in Frankreich waren –, sondern eine -volkliche, verbindende Kraft, die das Volk selbst wollte, -die aus seinem Herzen wuchs, die es liebte, für die es -litt, von der allein es seinen Auszug aus Ägypten erhoffte. -Für das Volk ist der Zar die Verkörperung -<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> -seines Selbst, seiner Idee, seines Glaubens und seiner -Hoffnungen. Und diese Hoffnungen wurden ihm noch -kürzlich so glänzend erfüllt, wie sollte es da weitere -Hoffnungen aufgeben? Im Gegenteil, sie bestärken -und befestigen sich, denn der Zar wurde nach der Aufhebung -der Leibeigenschaft nicht nur in der Idee oder -in der Hoffnung, sondern in der Tat zu seinem Vater. -Diese Beziehung des Volkes zum Zaren als zu einem -Vater ist die einzige felsenfeste Grundlage, auf der jede -Reform bei uns geschaffen und aufgebaut werden kann. -Wenn Sie wollen, so gibt es bei uns gar keine andere -schöpferische, erhaltende und führende Kraft in Rußland -als das organische und lebendige Bündnis des -Volkes mit seinem Zaren: nur ihm entspringt bei uns -alles. Wer hätte auf diese Bauernreform hoffen können, -wenn er nicht im voraus geglaubt und gewußt hätte, -daß der Zar dem Volke ein Vater ist, und daß der Glaube -an den Zaren wie an seinen Vater das Volk retten und -vor Unglück behüten werde. Wahrlich, schlecht wäre -ein Sozialökonom als Reformator, der die wirklichen, -lebendigen Kräfte des Volkes aus Vorurteil oder um -fremder Überzeugungen willen außer acht läßt. Ja: -wir – die Intelligenz – sind schon deshalb nicht eins -mit dem Volke und können es nicht verstehen, weil wir, -auch wenn wir seine Beziehung zum Zaren einsehen, -doch das Wichtigste in seiner ganzen Tiefe und Bedeutung -für unsere Zukunft nicht erfassen können: daß gerade -durch diese Beziehung zu seinem Zaren das russische -Volk sich von allen Völkern Europas und der ganzen -Welt unterscheidet; daß das nicht ein zeitlicher, ein -vorübergehender Zustand, nicht ein Zeichen von Volksjugend, -<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> -wie manche klugen Köpfe vielleicht schließen, -sondern eine ewige, immerwährende und niemals oder -wenigstens lange noch nicht, sehr lange noch nicht sich -verändernde Kraft ist. Wie sollte sich da nicht schon -deswegen unser Volk von allen anderen Völkern unterscheiden, -nicht seine eigene Idee in sich tragen? Ist es -nicht klar, im Gegenteil, daß unser Volk schon den organischen -Keim einer unterschiedlichen Idee in sich trägt? -Diese Idee schließt eine so große Kraft in sich, daß sie -natürlich unsere ganze weitere Geschichte beeinflussen -wird, und da sie eine ausschließlich russisch-eigenartige -ist, so kann auch <em>unsere Geschichte nicht der -Geschichte anderer europäischer Völker -ähnlich</em> und noch viel weniger ihre sklavische Kopie -sein. Das ist es, was unsere klugen Köpfe nicht verstehen -wollen, die da glauben, bei uns könne sich alles -ohne jegliche Eigenart genau nach europäischem Muster -verwandeln, und die sogar diese unsere Eigenart hassen, -so daß es vielleicht noch mit einem Unglück enden kann. -Daß aber bei uns alles anders und ursprünglich ist, dazu -diene folgendes Beispiel. In unserer Zukunft, wenn -wir die Periode unseres Pseudoeuropäismus überwunden -haben werden, kann z. B. die bürgerliche Freiheit -sich nur bei uns in einem Grade entwickeln, wie -nirgends in Europa und nicht einmal in den Vereinigten -Staaten von Nordamerika. Auf dieser felsenfesten -Grundlage, auf der Liebe des Volkes zu seinem Zaren -als seinem Vater, und nicht durch ein geschriebenes Gesetz -wird diese Entwicklung sich vollziehen – denn -Kindern kann man vieles erlauben, was bei anderen -Völkern, die nach Kontrakten leben, undenkbar ist, -<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> -Kindern kann man ebenso vieles auch anvertrauen und -ebenso vieles verzeihen, denn Kinder werden ihren -Vater nicht verraten und wie Kinder von ihm jeden -Verweis ihrer Fehler in Liebe entgegennehmen. -</p> - -<p> -Und einem solchen Volke soll man nun nicht Vertrauen -schenken? Mag es deshalb selbst von seinen Bedürfnissen -reden und nicht andere für sich sprechen -lassen: wir, die Intelligenz des Volkes, wir müssen erst -hören, was es sagt. Oh, nicht aus politischen Gründen -schlage ich etwa vor, zeitweise unsere Intelligenz aus -dem Spiele zu lassen – schreiben Sie mir bitte nicht -politische Ziele zu –, nein, ich habe den Vorschlag -<em>aus rein pädagogischen</em> Gründen gemacht. -Ja, hören wir zu, wie klar und vernünftig das Volk, -ganz ohne unsere Hilfe, seine Wahrheit ausdrücken und -wie es in der Sache gerade den Nagel auf den Kopf -treffen wird, und ohne uns zu beleidigen, wenn auch -von uns die Rede sein sollte. Mögen wir vom Volke -lernen, wie man die Wahrheit spricht. Von ihm können -wir Demut und Lebenserfahrung und Wirklichkeitssinn -lernen. Sie werden mir antworten: „Soeben sagten -Sie, wie leicht das Volk allen unsinnigen Gerüchten -glaube, – welch eine Weisheit können wir da von ihm -erwarten?“ Nun, Gerüchte sind etwas ganz anderes, -und nicht – die Einheit in der allgemeinen Sache. -Hier, im Volk, werden wir etwas Ganzes erblicken, und -das Ganze wirkt durch sich selbst und das Ganze bringt -zur Vernunft. Ja, für uns wird es in Wahrheit eine -Schule sein, die fruchtbringendste Schule. Wir werden -erstaunt sein, beim Volke so viel Lebenserfahrung und -Ernst zu finden; freilich wird es auch solche geben, die -<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> -ihren Augen nicht trauen wollen, aber solcher sind -wenige, denn alle wirklich Aufrichtigen, die nach Wahrheit -verlangt, und denen es um die allgemeine Sache -und den allgemeinen Nutzen zu tun ist – die werden -sich an die wahren Worte des Volkes halten. Alle diejenigen -aber, die nicht aufrichtig der Sache ergeben -sind, werden mit ihrem Mißtrauen nur ihre eigene -Inhaltslosigkeit aufdecken. Und wenn es noch welche -gibt, die dem Volke nicht Glauben schenken, so sind das -nur Altgläubige und Doktrinäre der vierziger und fünfziger -Jahre, alte, unverbesserliche Kinder, die nur -lächerlich und ganz unschädlich sein werden. Doch alle -anderen außer diesen werden sich die Augen reiben und -endlich zu sehen anfangen. Das kann außerordentlich -wichtige Folgen haben, denn ... denn auf diese Weise -kann der Anfang, der erste Schritt zur Vereinigung -unseres Standes, der Intelligenz, die so hoch über dem -Volke zu stehen meint, mit dem Volke gemacht werden. -Ich spreche nur von einer geistigen Vereinigung, denn -die nur haben wir nötig, die wird uns zu allem verhelfen, -wird alles umschaffen und eine neue Idee -bringen. Unsere helle und frische Jugend, denke ich, -wird die erste sein, die ihr Herz dem Volke schenken -und es verstehen wird. Ich hoffe auch deshalb so sehr -gerade auf sie, weil sie selbst so leidet im „Suchen -nach Wahrheit“: in der Sehnsucht nach ihr wird sie -sofort fühlen, daß auch das Volk nach ihr sucht. Und -wenn die Jugend der Seele des Volkes nahestehen wird, -dann wird sie auch diese Phantasien lassen, die jetzt so -viele Jünglinge beherrschen, alle jene, die sich einbilden, -die Wahrheit in den verstiegensten europäischen Lehren -<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -zu finden. Oh, ich glaube, daß ich nicht phantasiere -und die heilsamen Folgen vergrößere, die aus diesem -Ereignisse hervorgehen würden. Der Hochmut würde -fallen und die Ehrfurcht vor der mütterlichen Erde -wiedergeboren werden. Eine ganz neue Idee würde -plötzlich in unsere Seele leuchten und alles erleuchten, -was bis jetzt im Dunkeln gelegen, und mit ihrem Lichte -die Lüge ertöten. Und, wer weiß, vielleicht wäre das -der Anfang einer Reform, die durch ihre Bedeutung -hoch über der Reform der Leibeigenschaft stände: wäre -sie doch gleichfalls eine Befreiung – eine Befreiung -unserer Geister und Herzen von dem Leibeigenschaftsverhältnis -zu Europa, in dem wir zwei Jahrhunderte -gestanden, ganz ähnlich unserem Bauern – unlängst -noch ein Sklave wie er. Und wenn diese zweite Reform -sich verwirklichen könnte, so wäre sie auch nur eine -Folge der großen ersten Reform, der Aufhebung der -Leibeigenschaft zu Anfang der Regierung unseres Zar-Befreiers. -Mit der einen wäre die materielle Wand -gefallen, die das Volk von der Intelligenz trennte, mit -der zweiten fiele diese Wand auch ideell. Was könnte -höher stehen, was wäre fruchtbringender für Rußland -als dieser geistige Bund aller Stände? Die, welche -sich bis jetzt des Volkes schämten, des angeblich barbarischen -und jegliche Entwicklung hemmenden, die -werden sich dieses Schämens schämen und sich mit dem -Volke aussöhnen und vieles wieder achten können, was -sie früher verachteten. Und wenn das Volk ihnen geantwortet, -seine Sache ihnen vorgelegt hat und sein -demütiger Mund verstummt – dann fragen Sie meinethalben -auch unsere Intelligenz, und wär’s auch nur -<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> -nach ihrer Meinung über das Volk, und sie werden -sofort die Folgen bemerken. Oh, auch ihr Wort wird -dann fruchtbar werden, denn sie ist doch nun einmal -die Intelligenz, und das letzte Wort gehört ihr. Das -uns alsdann vom Volke gegebene Beispiel würde -uns auf jeden Fall von Unüberlegtheiten und Dummheiten -abhalten, die von uns, wenn wir zuerst das -Wort gehabt hätten, unfehlbar begangen worden wären. -Und Sie werden sehen: unsere Intelligenz würde dann -nichts mehr im Widerspruch zum Volke sagen, sondern -würde dessen Wahrheit in die ganze Breite seiner Bildung -hineinentwickeln und sie wissenschaftlich erläutern -und begründen – denn auch das Volk hat die Wissenschaft -nötig. Ja, und wenn sich auch Widersprüche einstellen -würden, Widersprüche gegen gewisse Grundlagen -unseres Volkes, so würden sie es doch nicht wagen, -sich so heftig gegen den Volksgeist aufzulehnen, und das -ist sogar sehr wichtig. -</p> - -<p> -Ja, es ist sogar sehr leicht möglich, daß unsere seelische -Ruhe schon bei dem ersten Schritt wiederkehrt. -Es würde eine allgemeine, alle vereinigende Hoffnung -erstehen, und wir würden uns über unsere Ziele klarer -werden. Das aber wäre wichtig: denn unsere bewußte -Kraft, unsere Intelligenz, ahnt ja kaum, welchen Inhalts -unsere nationalen und staatlichen Ziele sind oder -sein können. Gerade hier liegt heute die Unsicherheit, -und gerade die ist gewiß auch die Quelle unserer Ruhelosigkeit -und Verstimmtheit, und nicht nur dem Gegenwärtigen, -sondern noch viel mehr dem Zukünftigen -gegenüber. Alles das könnte aufgeklärt und erläutert -werden, oder wir bekämen einen Hinweis auf Mittel, -<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -mit denen man bei uns etwas erlangen könnte, wir -würden auf neue Gedanken kommen ... -</p> - -<p> -Doch genug! Ich habe gesprochen, wie ich es verstanden -habe. Wenn man nicht alles versteht, wenn -ich mich unzureichend ausgedrückt, so nehme ich die -Schuld auf mich – aber das, was man versteht, möge -man in einer friedlichen und unverletzenden Weise verstehen. -Ich wünschte nur, daß man unparteiisch begriffe: -daß ich zuerst und vor allen Dingen für das Volk -stehe, daß ich an seine Seele, an seine Kräfte, deren -Größe noch niemand von uns zu ahnen scheint, wie an -ein Heiligtum glaube, hauptsächlich aber an die errettende -Bedeutung des großen, alles erhaltenden und -aufbauenden Volksgeistes. Mich verlangt nur nach -einem: daß alle ihn erschauten – denn wenn sie ihn -nur einmal erschaut haben, werden sie sofort auch alles -Übrige verstehen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-9"> -<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> -Die Meinung eines geistreichen Bureaukraten -über unsere Liberalen und Westler -</h3> - -</div> - -<p class="noindent"> -... Ich will von einem geistvollen Bureaukraten -erzählen, der mir vor kurzem in einer Gesellschaft eine -sehr interessante Sache auseinandergesetzt hat – eine, -die gerade jene Grundsätze berührt, die für die Veränderung -unserer gegenwärtigen<a class="fnote" href="#footnote-36" id="fnote-36">[36]</a> Lage in Frage -kommen. -</p> - -<p> -Das Gespräch drehte sich um die Finanzen, um die -allgemeine ökonomische Situation, und zwar speziell in -dem Sinne, daß wir Russen unsere Mittel nicht verschwenden -sollten, sondern vernünftig mit ihnen umzugehen -versuchen müßten, damit auch nicht eine einzige -Kopeke für irgendeine Phantasterei hinausflöge. -</p> - -<p> -Über diese Art Ökonomie wird jetzt bei uns überall -gesprochen, und die Regierung beschäftigt sich unausgesetzt -mit diesem Problem. Es ist auch tatsächlich -so etwas wie eine Kontrolle eingeführt worden, und -alljährlich will man in den Etats eine bestimmte Summe -zu streichen suchen. In der letzten Zeit sprach man sogar -von einer Verringerung der Armeeausgaben. -Manche meinten, man könne das stehende Heer auf die -Hälfte der Truppen herabsetzen. „Deswegen“, hieß es, -„würde doch nichts anders werden“. Das wäre ja -alles ganz wunderbar, aber trotzdem gibt es etwas, was -sich einem dabei unwillkürlich in die Gedanken einschleicht: -Gut, wir reduzieren die Armee vorläufig um -<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -fünfzigtausend Mann, das Geld aber geht uns doch -wieder durch die Finger, für dieses und jenes, natürlich -nur für die Bedürfnisse des Staates, jedenfalls aber -für Bedürfnisse, die so radikaler Opfer nicht wert sind. -Die abgeschafften fünfzigtausend Mann jedoch werden -wir dann niemals wieder einbringen können, oder -höchstens mit Mühe und Not; denn was man einmal -abgeschafft hat, ist schwer wieder anzuschaffen. Soldaten -aber brauchen wir mehr als je und besonders jetzt, -da in Europa alle einen Stein für uns bereit halten. -Es ist gefährlich, diesen Weg zu betreten, doch nur in -der <em>gegenwärtigen</em> Zeit. Wir würden nur dann -uns überzeugen lassen, daß dieses heilige Geld wirklich -für etwas Notwendiges ausgegeben wird, wenn wir, -z. B. den Entschluß faßten, unerbittliche Ökonomie zu -treiben, so wie etwa Peter sie durchgeführt haben würde, -wenn er sich vorgenommen hätte, zu sparen. Sind wir -nun aber dazu fähig, bei den „schreienden“ Nöten -unserer gegenwärtigen Lage, in der wir nun einmal -stecken? Ich bemerke hierbei, daß dieses einer der ersten -Schritte wäre zu einer Umkehr vom alten, phantastischen -Gegenwärtigen zum neuen, wirklichen und für uns notwendigen -Zukünftigen. Wir reduzieren ziemlich oft die -Etats, das Beamtenpersonal usw., doch das Ergebnis -ist immer dasselbe: daß die Etats ganz von selbst sich -wieder vergrößern und vermehren. Ja, sind wir denn -überhaupt fähig zu einer richtigen Reduzierung, fähig, -zum Beispiel, von vierzig Beamten mit einemmal auf -vier herunterzugehen? Daß vier Beamte ohne Ausnahme -dasselbe leisten können, was jetzt vierzig leisten, -das wird natürlich niemand bezweifeln, besonders bei -<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> -einer Vereinfachung des Eingaben- und Verordnungswesens -mit all seinen Schreibereien, und überhaupt bei -einer radikalen Veränderung der jetzigen Formen der -Beamtenarbeit. -</p> - -<p> -Auf dieses Thema kamen wir, wie gesagt, zufällig -zu sprechen. Einige bemerkten, daß eine derartige Reform -jedenfalls ein großer Bruch mit dem Alten wäre. -Andere entgegneten, daß bei uns schon viel kapitalere -Reformen als diese durchgeführt worden seien. Die -Dritten fügten hinzu, daß man den neuen Beamten, also -diesen vier, die die vierzig ersetzen sollen, das Gehalt -sogar verdreifachen könnte, und daß diese dann gewiß -treffliche Arbeiter abgeben würden. Und selbst wenn -man das Gehalt auch für diese vier verdreifachte, so -würde ihr Gehalt doch nur dem der jetzigen zwölf entsprechen; -folglich wären die Ausgaben immer noch um -fast drei Viertel der heutigen vermindert. -</p> - -<p> -Hier aber geschah es, daß mich mein Bureaukrat -unterbrach. Ich bemerke noch, daß auch er zu meiner -größten Verwunderung gegen die Möglichkeit, durch vier -vierzig zu ersetzen, nichts einzuwenden hatte: „Auch mit -vieren wird es sich machen lassen.“ Doch was er angriff, -war etwas ganz anderes: er wies auf das Grundsätzliche -hin, auf die Fehlerhaftigkeit und das Verbrecherische -dieses neuen „Prinzips“. Ich kann seine -Entgegnung nicht wörtlich wiedergeben, und ich führe -sie nur an, weil mir seine Meinung in ihrer Art bemerkenswert -erschien und so etwas wie eine pikante -Idee enthielt. Er hat sich natürlich nicht herabgelassen, -auf Einzelheiten einzugehen, da ich in dieser Sache nicht -„Spezialist“ bin: „verstehe wenig davon“, was vorauszuschicken -<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -ich mich beeile – aber sein „Prinzip“, so -hoffte er, würde mir doch einleuchten. -</p> - -<p> -„Die Reduzierung der Beamten von vierzig auf -vier,“ begann er gemessen und in eindringlichem Tone, -„ist für die Sache nicht nur unnütz, sondern allein schon -ihrem Wesen nach direkt schädlich, trotz der tatsächlich -beträchtlichen Verringerung der Staatsausgaben. Unmöglich -und schädlich wäre nicht nur, von vierzig auf -vier zu reduzieren, sondern selbst von vierzig auf achtunddreißig. -Und das aus folgendem Grunde: es wäre -ein verderblicher Anschlag auf das Grundprinzip. Jetzt -sind es zweihundert Jahre her, d h. seit Peter, daß wir, -die Bureaukraten, im Reiche <em>alles</em> sind; ja, im -Grunde genommen sind <em>wir</em> das Reich und überhaupt -<em>alles</em>; – <em>das Übrige</em> – ist nur Anhängsel. -Wenigstens ist es bis vor kurzem, bis zur Aufhebung -der Leibeigenschaft, noch so gewesen. Alle früheren -Wahlämter, als da sind ... nun, da, die der Adligen zum -Beispiel, haben ganz von selbst, sozusagen infolge einer -Anziehungskraft, unseren Geist und Sinn angenommen. -Und wir haben uns deswegen, als wir das einsahen, -keineswegs beunruhigt; denn das Prinzip, das vor zweihundert -Jahren aufgestellt worden ist, wurde dadurch -nicht im geringsten angegriffen. Nach der Bauernreform -schien allerdings etwas Neues kommen zu -wollen: es kam die Selbstverwaltung, es kam das -Semstwo usw. ... Jetzt hat es sich deutlich erwiesen, -daß auch all dieses Neue sofort und ganz von selbst -unsere Form, unsere Seele und unsere Gestalt annimmt, -sich sozusagen in unsere Form verwandelt. Und das -ist nicht etwa durch Zwang geschehen – das wäre eine -<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> -total falsche Auffassung –, sondern gerade ganz von -selbst; denn es ist schwer, sich Jahrhunderte alter Gewohnheiten -zu entledigen, und wenn Sie wollen, ist das -auch nicht nötig, besonders nicht in einer so fundamentalen -und großen Nationalfrage. Sie können mir das, -wenn Sie wollen, nicht glauben; doch wenn Sie tiefer -nachdenken, so werden Sie die Richtigkeit des Gesagten, -dessen bin ich gewiß, anerkennen. Denn – was sind -wir? Wir sind <em>alles</em>, sind bis jetzt <em>alles</em> gewesen -und werden fortfahren, alles zu sein, – und wiederum -ohne uns darum selber sonderlich zu bemühen, einfach -nach dem natürlichen Gang der Dinge, also unwillkürlich! -Es ist schon lange her, daß man sagt, unsere -Arbeit sei tote, papierene Kanzleiarbeit, und Rußland -wäre all dem entwachsen. Vielleicht ist es dem entwachsen, -aber vorläufig sind wir immer noch die -einzigen, die Rußland halten und es davor bewahren, -daß es auseinanderfällt! Denn das, was Sie erstarrtes -Kanzleitum nennen, – d. h. also wir, als Einrichtung, -und dann auch unsere ganze Tätigkeit – das ist, wenn -man sich eines Beispiels bedienen will, wie das Skelett, -in einem lebendigen Organismus. Zerstören Sie das -Skelett, werfen Sie die Knochen durcheinander – und der -ganze lebendige Körper muß vergehen. Schön, mag die -Sache auch noch so tot betrieben werden, dafür aber geht -es nach dem System, nach dem Prinzip, dem großen -Prinzip – erlauben Sie, daß ich Sie darauf aufmerksam -mache. Mag es auch auf Kanzleimanier geschehen, -meinetwegen sogar schlecht, unvollkommen, so wird es -immerhin irgendwie doch gemacht und, die Hauptsache: -Rußland steht noch und fällt nicht! Das ist es ja, daß -<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -es noch immer nicht fällt! Ich bin bereit, Ihnen zuzugeben, -daß wir im Grunde meinetwegen auch nicht gerade -<em>alles</em> sind, – oh, wir sind klug genug, um einzusehen, -daß wir nicht <em>ganz</em> Rußland sind und besonders -jetzt nicht; dafür aber sind wir immerhin -<em>etwas</em>, d. h. etwas bereits Wirkliches, tatsächlich -Vorhandenes, wenn auch vielleicht teilweise Körperloses. -Nun aber, was habt ihr, womit ihr uns ersetzen -könntet? Woraufhin könnten wir uns mit der Überzeugung -zurückziehen, daß auch bei euch ein <em>Etwas</em> -entstanden ist, das uns wirklich ersetzen kann, – ohne -daß alles fallen muß? All diese Selbstverwaltungen -und Semstwos – das ist doch vorläufig immer noch -ein Vogel in den Wolken, meinetwegen ein prachtvoller -Vogel, einer, der unter dem Himmel herumfliegt, jedoch -immerhin einer, der sich noch niemals auf die Erde -herabgelassen hat. Folglich ist er trotz seiner Schönheit -als Wert für uns eine Null, wir aber, wenn wir -auch durchaus nicht ‚prachtvoll‘ sind und man unser -sogar sehr überdrüssig geworden ist, wir aber <em>sind</em> dafür -wenigstens etwas, und zwar nichts weniger als eine -Null. Ihr nun werft uns vor und beschuldigt uns: -wir seien daran schuld, daß der Vogel sich bis jetzt noch -nicht auf die Erde herabgelassen hat, und wir bemühten -uns, ihn, den prachtvollen Vogel, in unsere Bureauform -umzuwandeln, unserem Kanzleigeist anzupassen. Es -wäre natürlich sehr nett von uns, wenn das wirklich -der Fall wäre; denn damit würden wir beweisen, daß -wir für das ewige, grundlegende und edelste Prinzip -einstehen, und eine nutzlose Null in ein nützliches Etwas -verwandeln. Doch glauben Sie mir, hierbei tragen -<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> -wir nicht die geringste Schuld, oder doch nur eine verschwindend -geringe Schuld, und glauben Sie mir, der -herrliche Vogel ist selber im Zweifel: er weiß selbst -nicht, was er eigentlich werden soll – das, was wir -sind? oder wirklich etwas Selbständiges? Wie gesagt, -er ist noch selber unschlüssig und hat vielleicht sogar ein -wenig den Kopf verloren. Ich versichere Sie, er ist aus -eigenen freien Stücken zu uns gekommen, und wir haben -ihn nicht im geringsten zu beeinflussen gesucht. So -stellt es sich heraus, daß wir sozusagen ein natürlicher -Magnet sind, zu dem in Rußland bis heute noch alles -hingezogen wird – und das kann noch lange, lange so -fortdauern. Sie glauben mir noch immer nicht? Es -erscheint Ihnen vielleicht lächerlich? Und doch bin ich -bereit, um einerlei was zu wetten: versuchen Sie es, -lösen Sie Ihrem herrlichen Vögelchen die Flügel, gestatten -Sie ihm alle Freiheiten, befehlen Sie zum Beispiel -Ihrem Semstwo mit aller Strenge: ‚Von jetzt ab -mußt du ein selbständiger und nicht mehr ein bureaukratischer -Vogel sein!‘ – und, glauben Sie mir, daß -alle Vögel, wie sie da sind, ohne eine Ausnahme, sich -von selbst noch viel mehr zu uns drängen und schließlich -damit enden werden, daß sie sich in echte, rechte -Beamte verwandeln, unseren Geist und unsere Gestalt -annehmen, alles von uns kopieren! Sogar der Bauer -wird zu uns kommen, denn es würde ihm doch gar zu -schmeichelhaft sein, uns ähnlich zu werden! Nicht umsonst -hat sich der Gefallen, den sie an uns Beamten -gefunden haben, zweihundert Jahre lang entwickelt. Und -Sie verlangen nun, daß wir, das einzig Reale und Feststehende -in Rußland, uns selber gegen dieses Rätsel eintauschen -<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> -sollen, gegen diese Scharade, gegen diesen -Ihren schönen Vogel in den Wolken? Nein, lieber behalten -wir unseren Sperling in der Hand. Lieber verbessern -wir uns selber irgendwie, nun, sagen wir, indem -wir etwas Neues einführen, etwas mehr, wie Sie -es nennen, Fortschrittliches, dem Geiste der Zeit Entsprechenderes: -wir werden, sagen wir, etwas wohltätiger -werden oder sonst irgend etwas von der Art ... -Aber gegen das Hirngespinst, den plötzlich erschienenen -Traum, tauschen wir nicht unser einziges reales <em>Etwas</em> -ein; denn es ist klar, daß wir vorläufig niemanden -haben, der uns ersetzen könnte! Wir widersetzen -uns der Vernichtung sozusagen durch unseren mächtigen -passiven Widerstand. Dieser Widerstand ist es gerade, -der an uns wertvoll bleibt, denn nur durch ihn allein -hält sich noch alles in unserer Zeit. Darum aber wäre der -Versuch, uns von vierzig auf achtunddreißig zu reduzieren -(von einem ‚von vierzig auf vier‘ ganz zu schweigen) -grundschädlich, ja wäre sogar unmoralisch! Man würde -Kopeken sparen, dafür aber das Prinzip zerstören. Vernichten -Sie, verändern Sie jetzt noch unsere Formel, -wenn Sie nur das Gewissen dazu haben: Es würde -ein Verrat an unserem ganzen russischen Europäismus, -an unserer ganzen Bildung sein! – wissen Sie das -auch? Das wäre die Verneinung dessen, daß auch wir -ein Reich, auch wir Europäer sind, das wäre Verrat -an Peter! Und wissen Sie, Ihre Liberalen – übrigens -die unserigen gleichfalls –, die in den Zeitungen so -heftig für die Semstwos gegen das Beamtentum eintreten, -widersprechen sich im Grunde genommen alle -selbst. Denn diese Semstwos, alle diese Neuheiten -<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -‚im volklichen Geiste‘ – das sind doch dieselben ‚Volksgrundsätze‘, -oder die beginnende Formulierung dieser -Grundsätze, über die jene Partei, die unseren europäisierenden -Russen so verhaßt ist, eben die ‚russische Partei‘ -zetert (vielleicht haben Sie schon gehört, daß man sie -in Berlin so benannt hat?); das sind diese selben -‚Grundsätze‘, die unser russischer Liberalismus und -Europäismus so wütend leugnet, die er verlacht und -sogar nicht einmal als vorhanden anerkennen will! Oh, -er fürchtet sie sehr: Nun, wie, wenn sie tatsächlich vorhanden -sind und sich verwirklichen – dann ist’s doch in -gewissem Sinne eine unangenehme Überraschung! Also -sind alle Ihre Europäer genau genommen mit uns und -wir mit ihnen ... was sie eigentlich schon längst hätten -einsehen und sich merken sollen. Wenn Sie wollen, sind -wir nicht nur mit ihnen, sondern sogar <em>wir sind -sie</em>, denn wir sind ein und dasselbe: in ihnen, in -ihnen selber ist unser Geist enthalten und sogar unsere -Gestalt, gerade in diesen Ihren Westlern. Ja, das ist -tatsächlich so! Und ich werde Ihnen noch etwas sagen: -Europa, d. h. das russische Europa oder Europa in -Rußland – das sind ja nur wir allein! Wir sind die -Verkörperung der ganzen Formel des russischen Europäismus -und enthalten sie restlos in uns. Wir allein -sind ihre Ausleger. Ich begreife nicht, warum man -diesen unseren Europäern nicht für ihren Europäismus -gewisse Kennzeichen verleiht, wenn wir mit ihnen doch -nun einmal so ohne weiteres zusammenfließen? Mit -Vergnügen würden sie sie tragen, und damit könnte -man auch noch viele anlocken. Aber bei uns versteht -man’s nicht. Nichtsdestoweniger schimpfen sie auf -<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -uns – die Eigenen erkennen die Eigenen nicht! Doch, -um mit Ihren Semstwos und all diesen Neuheiten endlich -abzuschließen, sage ich Ihnen ein für allemal: -Nein! Denn dieses ist eine lange Sache und keineswegs -so kurz, wie Sie vielleicht annehmen. Dazu bedarf -es einer eigenen vorhergehenden Kultur, einer -eigenen, neuen, vielleicht noch einmal zweihundertjährigen -Geschichte. Nun, sagen wir, einer hundertjährigen, -oder meinetwegen auch fünfzigjährigen, da wir -ja jetzt das Jahrhundert der Telegraphen und -Eisenbahnen haben. Also immerhin doch eine fünfzigjährige -Entwicklung: also geht es nicht sofort. Augenblicklich -jedenfalls wird nichts anderes entstehen als -unseresgleichen. Und so wird es noch lange bleiben.“ -</p> - -<p> -Damit verstummte mein Bureaukrat stolz und würdevoll, -und, wissen Sie, ich habe ihm auch nichts entgegnet, -denn in seinen Worten war gerade solch ein -„Etwas“, irgendeine traurige Wahrheit, die wirklich, -wirklich da ist. Selbstverständlich war ich innerlich -nicht mit ihm einverstanden. Und zudem – in -<em>solchem</em> Ton sprechen nur Leute, die sich überlebt -haben. Aber trotzdem war in seinen Worten -„etwas“ ... -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-10"> -<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -Die Judenfrage<a class="fnote" href="#footnote-37" id="fnote-37">[37]</a> -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-5-10-1"> -<span class="firstline">Vorbemerkungen</span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">O</span><span class="postfirstchar">h,</span> bitte nur nicht zu glauben, ich beabsichtigte hier -wirklich, die „Judenfrage“ aufzuwerfen! Diese Überschrift -habe ich nur zum Scherz hingeschrieben. Ein -Problem von der Größe, wie es die Stellung der Juden -in Rußland und andererseits die Lage Rußlands ist, -das unter seinen Söhnen drei Millionen Juden zählt, – -solch ein Problem zu lösen geht über meine Kraft. -Wohl aber kann ich darüber eine eigene Meinung -haben, und zudem hat sich jetzt herausgestellt, daß viele -Juden sich plötzlich für diese Meinung interessieren. -Seit einiger Zeit schreiben sie mir Briefe, in denen sie -mir ernst, bitter und betrübt vorwerfen, ich fiele über -sie her, ich haßte den Juden, und zwar nicht wegen -seiner „Mängel“, „nicht als Ausbeuter“, sondern gerade -als „Juden“, als Volk, also etwa in dem Sinne -von: „Judas hat Christus verkauft“. Das schreiben -mir „gebildete“ Juden, d. h. solche, die sich immer bemühen, -einem zu verstehen zu geben, daß sie bei ihrer -Bildung schon längst nicht mehr die „Vorurteile“ ihrer -Nation teilen, noch deren religiöse Gebräuche erfüllen, -wie die anderen, einfachen Juden, denn sie hielten dies -für unvereinbar mit ihrer Bildung; und auch an Gott -glaubten sie nicht mehr, schreiben sie. Dazu will ich -vorläufig nur bemerken, daß es von diesen „höheren -Israeliten“, die doch sonst so für ihre Nation einstehen, -einfach Sünde ist, ihren bereits vierzig Jahrhunderte -<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> -lebenden Jehova zu vergessen und zu verleugnen. Es -ist nicht nur aus dem Gefühl der Nationalität heraus -Sünde, sondern auch noch aus anderen, tieferen Gründen. -Ist es nicht sonderbar, daß man sich einen Juden -ohne Gott gar nicht denken kann? Doch dieses Thema -gehört schon zu den ganz großen, daher müssen wir von -ihm hier vorläufig absehen. Am meisten wundert mich -eines: wie und woher kommt es, daß man mich für -einen Feind der Juden als Volk, als Nation, ja, für -einen Judenhasser hält? Den Juden als Ausbeuter und -für einzelne seiner Laster zu verurteilen, wird mir von -diesen Herren selbst teilweise sogar erlaubt, aber ... -aber nur in Worten: in Wirklichkeit kann man jedoch -schwerlich einen reizbareren und kleinlicheren Menschen -als den gebildeten Israeliten finden, einen, der sich -leichter gekränkt fühlt als ein Jude als „Jude“. Doch -wann und wodurch habe ich Haß auf die Juden, als -Volk, bewiesen? Da ich in meinem Herzen nie so etwas -gefühlt habe und alle Juden, mit denen ich in engere -oder auch nur flüchtige Berührung gekommen bin, -dieses wissen, so weise ich ein für allemal eine solche -Beschuldigung, noch bevor ich auf die Judenfrage näher -eingehe, zurück, um es später nicht immer wieder tun -zu müssen. Beschuldigt man mich vielleicht deswegen -des „Hasses“, weil ich statt „Israelit“ „Jude“ sage? -Erstens habe ich nicht geglaubt, daß dieser Name kränken -könnte, und zweitens habe ich mich seiner, soweit ich -mich erinnere, immer nur zur Bezeichnung einer bestimmten -Idee bedient: „Judentum, verjudet, jüdisch“ -u. dgl. m. Es hat sich dabei stets um einen gewissen Begriff, -eine besondere Richtung, um die Charakteristik -<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> -irgendeiner Epoche gehandelt. Man könnte wohl über -diese Bezeichnung streiten und mit ihr nicht übereinstimmen, -aber man kann doch nicht das Wort als beabsichtigte -Kränkung auffassen. -</p> - -<p> -Ich erlaube mir, einen Auszug aus dem sehr schönen -Schreiben eines äußerst gebildeten Israeliten anzuführen, -das mich ungemein interessiert hat: es enthält eine -der charakteristischsten Anschuldigungen, die gegen mich -wegen meines „Hasses auf die Juden als Volk“ erhoben -worden sind. -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -... nur Eines kann ich mir entschieden nicht erklären: -das ist Ihr Haß auf den „Juden“, der fast in -jedem Heft Ihres „Tagebuches“ durchbricht. -</p> - -<p> -Ich möchte gerne wissen, warum Sie sich nur -gegen den Juden auflehnen und nicht gegen den Ausbeuter -im allgemeinen? Ich verabscheue nicht weniger -als Sie die Vorurteile meiner Nation – ich habe -nicht wenig unter ihnen gelitten –, doch niemals -werde ich zugeben, daß schon im Blute dieser Nation -das gewissenlose Aussaugen der anderen liege. -</p> - -<p> -Sollten <em>Sie</em> denn wirklich nicht das Grundgesetz -jedes sozialen Lebens verstehen können: daß ohne Ausnahme -<em>alle</em> Bürger eines Staates, wenn sie nur -alle Pflichten ihm gegenüber erfüllen, auch an <em>allen</em> -Rechten und an allen Vorteilen, die dieser Staat -gewährt, Anteil haben müssen, und daß für die Übertreter -des Gesetzes, für die schädlichen Mitglieder der -Gesellschaft ein und dasselbe Gesetz gelten muß? ... -Warum müssen alle Israeliten in den Rechten beschränkt -werden, und warum werden sie nach besonderen -Strafgesetzen verurteilt? Wodurch ist die -<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> -Ausbeutung durch die Ausländer – die Juden sind doch -immerhin russische Untertanen –: durch die Deutschen, -Engländer, Griechen, deren es in Rußland so unzählige -gibt, wodurch ist die besser als die jüdische Ausbeutung? -Wodurch sind die russischen rechtgläubigen -Aufkäufer, Blutsauger, Schmarotzer, Branntweinverkäufer, -die betrügerischen Prozeßführer für die -Bauern, wie wir sie jetzt überall in Rußland finden -können, besser als dasselbe Handwerk betreibende -Juden, die doch immer nur ein begrenztes Feld der -Tätigkeit haben? Warum ist dieser schlechter als -jener? -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Es folgt ein Vergleich zwischen bekannten berüchtigten -Juden mit ähnlich berüchtigten Russen, natürlich -solchen, die ersteren in nichts nachstehen. Was beweist -das aber? Wir sind doch nicht stolz auf sie, heben sie -doch nicht als nachahmenswerte Beispiele hervor; im -Gegenteil, wir wissen ja alle, daß diese, wie jene, nicht -ehrenwert sind. -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -... Solche Fragen könnte ich Ihnen zu Tausenden -stellen. Währenddessen verstehen Sie, wenn -Sie vom „Juden“ sprechen, unter diesem Begriff -die ganze bettelarme Masse der drei Millionen Israeliten -Rußlands, von denen wenigstens zwei Millionen -neunhunderttausend einen verzweifelten Kampf -um ihre elende Existenz führen und doch sittlicher -sind, ja, nicht nur sittlicher als die anderen Völker, -sondern auch sittlicher als das von Ihnen vergötterte -russische Volk. Ferner verstehen Sie unter diesem -Namen die ansehnliche Zahl derjenigen Israeliten, -<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> -die eine höhere Bildung genossen haben, die sich auf -allen Gebieten des Staatswesens auszeichnen, wie -z. B. ... -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Hier folgen abermals mehrere Namen, die zu veröffentlichen -ich nicht das Recht zu haben glaube; denn -mehreren von ihnen, außer Goldstein, könnte es vielleicht -unangenehm sein, zu erfahren, daß sie israelitischer Herkunft -sind. Dann fährt er fort: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -... und Goldstein, der in Serbien für die slawische -Idee den Heldentod gefunden hat, und alle die -anderen, die fürs Wohl der Gesellschaft und der -Menschheit arbeiten? Ihr Haß auf den „Juden“ -erstreckt sich sogar auf Disraeli, der wahrscheinlich -selbst nicht einmal weiß, daß er von spanischen Israeliten -abstammt, und der die englische konservative -Politik selbstverständlich nicht vom Standpunkt des -„Juden“ leitet ... (?) -</p> - -<p> -Bedauerlicherweise kennen Sie nicht unser -<em>Volk</em>, weder sein Leben, noch seinen Geist, noch -endlich seine vierzig Jahrhunderte alte Geschichte. -Bedauerlicherweise, sage ich, weil Sie jedenfalls ein -aufrichtiger, unbedingt ehrlicher Mensch sind, doch -unbewußt der riesigen Masse eines bettelarmen Volkes -Schaden zufügen. Die mächtigen „Juden“ jedoch, -die die Mächtigen dieser Welt in ihren Salons empfangen, -fürchten natürlich weder die Presse noch -selbst die ohnmächtige Wut der Ausgebeuteten. Doch -nun genug über dieses Thema! Schwerlich werde -ich Sie überzeugen können – wohl aber wünschte -ich sehr, daß Sie mich überzeugten ... -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -Dieser Auszug dürfte genügen. Bevor ich jedoch -etwas zu meiner Verteidigung sage – denn solche Anschuldigungen -kann ich nicht ruhig hinnehmen – möchte -ich noch auf die Wut des Angriffes und den Grad der -Empfindlichkeit hinweisen. Erstens, so lange wie mein -„Tagebuch“ erscheint, hat in ihm noch kein einziger Satz -gegen den „Juden“ gestanden, der einen so erbitterten -Angriff rechtfertigen könnte. Zweitens fällt es einem -unwillkürlich auf, daß der verehrte Schreiber, wenn er -auf das russische Volk zu sprechen kommt, sich in seinen -Gefühlen nicht bezwingen kann und das arme russische -Volk denn doch etwas zu sehr von oben herab behandelt. -Jedenfalls zeigt dieser Ingrimm nur zu deutlich, mit -welchen Augen die Juden selbst auf uns Russen sehen. -Der Schreiber dieses Briefes ist gewiß ein gebildeter und -begabter Mensch – nur glaube ich nicht, daß er auch -ohne Vorurteile sei –; was für Gefühle aber soll man -nun noch von den zahllosen ungebildeten Juden erwarten? -Ich sage das nicht etwa als Beschuldigung: -diese Gefühle sind ja ganz natürlich. Ich will nur darauf -hinweisen, daß an unserer Unverschmelzbarkeit vielleicht -nicht nur wir Russen die Schuld tragen, sondern, -daß es auf beiden Seiten Gründe gibt, die eine Vereinigung -ausschließen, – und noch fragt es sich, auf welcher -Seite es solcher Gründe <em>mehr</em> gibt? -</p> - -<p> -Doch jetzt will ich einige Worte zu meiner Rechtfertigung -sagen und überhaupt klarlegen, wie ich mich -zu diesem Problem stelle; natürlich – es zu lösen, steht -nicht in meiner Kraft, doch irgend etwas ausdrücken -werde auch ich vielleicht können. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-5-10-2"> -<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> -<span class="firstline"><span class="antiqua">Pro</span> und <span class="antiqua">contra</span></span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Es mag vielleicht sehr schwer sein, hinter die vierzig -Jahrhunderte alte Geschichte eines Volkes, wie das -der Juden, zu kommen – ich weiß es nicht. Eines aber -weiß ich bestimmt, nämlich, daß es in der ganzen Welt -kein zweites Volk gibt, das so über sein Schicksal klagt, -so ununterbrochen, bei jedem Schritt und jedem Wort, -über seine Erniedrigung, über sein Leiden, über sein -Märtyrertum jammert, wie die Juden. Man könnte -ja wirklich denken, daß nicht sie in Europa herrschen. -Wenn sie es auch meinetwegen nur auf der Börse tun, -so heißt das doch, die Politik, die inneren Angelegenheiten, -die Moral der Staaten regieren. Mag auch der -edle Goldstein für die slawische Idee gestorben sein, – -aber diese selbe „slawische“ Frage würde doch schon -längst zugunsten der Slawen und nicht zugunsten der -Türken entschieden sein, wenn die jüdische Idee in der -Welt nicht so stark wäre. Ich bin bereit, zu glauben, -daß Lord Beaconsfield vielleicht selbst seine Herkunft -von einstmals spanischen Juden vergessen hat (oh, er -wird sie bestimmt nicht vergessen haben!); daß er aber -im letzten Jahre die englische „konservative“ Politik -teilweise vom Standpunkt des Juden aus geleitet hat, -daran, glaube ich, kann man nicht mehr zweifeln. -</p> - -<p> -Doch nehmen wir an, daß alles bisher von mir über -die Juden Gesagte noch kein schwerwiegender Einwand -ist – ich gebe es selbst zu. Trotzdem aber kann ich dem -Geschrei der Juden, daß sie so furchtbar erniedrigt und -gequält und verprügelt wären, doch nicht ganz widerspruchslos -glauben. Meiner Ansicht nach trägt der -<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> -russische Bauer oder überhaupt das niedrigere russische -Volk noch viel größere Lasten, als die Juden sie zu -tragen haben. Im zweiten Brief schreibt mir derselbe -Herr, aus dessen erstem Schreiben ich vorhin schon einiges -angeführt habe: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -... Vor allen Dingen ist es <em>unbedingt -notwendig</em>, uns Israeliten alle Bürgerrechte zu -gewähren (bedenken Sie doch bloß, daß uns jetzt noch -das allererste Recht verwehrt ist: die freie Wahl -des Aufenthaltsortes, woraus sich eine Menge furchtbarer -Konsequenzen für die große Masse der Israeliten -ergeben), Bürgerrechte, wie sie alle anderen fremden -Völkerschaften in Rußland genießen, und dann -erst von uns die Erfüllung aller Pflichten dem Staate -wie dem russischen Volke gegenüber zu verlangen ... -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Doch nun bitte auch ich Sie, mein Herr, bloß zu bedenken, -da Sie auf der zweiten Seite dieses Briefes -selbst schreiben, daß Sie „das schwer arbeitende russische -Volk unvergleichlich mehr lieben und bedauern als das -israelitische“ (was für einen Israeliten wohl etwas -zuviel gesagt ist), bedenken auch Sie doch, bitte, daß zur -Zeit, da der Israelit lediglich nicht das Recht hatte, sich -seinen Aufenthaltsort frei zu wählen, dreiundzwanzig -Millionen des „schwer arbeitenden russischen Volkes“ -in der Leibeigenschaft zu leben und zu leiden hatten, -was, wie ich glaube, etwas schwerer war. Und wurden -sie damals von den Israeliten etwa bedauert? Ich glaube -nicht: im Westen und Süden Rußlands wird man -Ihnen ausführlichst darauf Antwort geben. Auch damals -schrien die Juden ganz ebenso nach Rechten, die -das russische Volk nicht einmal selbst hatte, schrien und -<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> -klagten, daß sie Märtyrer seien, und daß man erst dann, -wenn sie größere Rechte bekommen haben würden, von -ihnen auch „die Erfüllung aller Pflichten dem Staate -wie dem russischen Volke gegenüber verlangen“ könnte. -Da kam nun der Befreier und befreite den russischen -Bauern, und – wer war der erste, der sich auf ihn wie -auf sein Opfer stürzte? – wer benutzte so vorzugsweise -seine Schwächen und Fehler zu eigenem Vorteil? – -wer umspann ihn sofort mit seinem ewigen goldenen -Netz? – wer ersetzte im Augenblick, wo er nur konnte, -die früheren Herren, – nur mit dem Unterschied, daß -die Gutsbesitzer, wenn sie die Bauern auch stark ausbeuteten, -doch darauf bedacht waren, ihre Leibeigenen -nicht, wie es der Jude tut, zugrunde zu richten, meinetwegen -aus Eigennutz, um ihre Arbeitskraft nicht zu erschöpfen! -Was aber liegt dem Juden an der Erschöpfung -der russischen Kraft? Hat er das Seine, so -zieht er weiter. Ich weiß schon, die Juden werden, -wenn sie dies lesen, sofort losschreien, daß es nicht wahr, -daß es eine Verleumdung sei, daß ich löge, daß ich all -diesen Klatschereien nur glaubte, weil ich ihre „vierzig -Jahrhunderte alte Geschichte“ nicht kenne, die Geschichte -dieser reinen Engel, die unvergleichlich „sittlicher sind, -nicht nur als die anderen Völker, sondern auch sittlicher -als das von mir vergötterte russische Volk“ – Zitat -aus dem mir gesandten Briefe, siehe oben. Nun schön, -mögen sie hundertmal sittlicher sein als alle Völker der -Erde, vom russischen schon gar nicht zu reden, so habe -ich doch vor kurzem erst in der Märznummer des „Europäischen -Boten“ die Nachricht gelesen, daß in Nord-Amerika -(in den südlichen Staaten) die Juden sich sofort -<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> -auf die befreiten Neger gestürzt haben und sie jetzt -bereits ganz anders beherrschen, als es die Plantagenbesitzer -taten. Natürlich tun sie es wieder auf ihre bekannte -Art und Weise mit dem ewigen „goldenen Netz“, – wobei -sie sich wieder so trefflich der Unwissenheit und Laster -des auszubeutenden Volkes zu bedienen verstehen! Als -ich das las, fiel mir sogleich ein, daß ich diese Nachricht -schon vor fünf Jahren erwartet hatte: „Jetzt sind die -Neger wohl von den Plantagenbesitzern befreit, wie aber -sollen sie in Zukunft unversehrt bleiben, denn dieses -junge Opferlamm werden doch die Juden, deren es ja -so viele in der Welt gibt, ganz zweifellos überfallen.“ -Das dachte ich vor fünf Jahren, und ich versichere Sie, -ich habe mich nachher noch des öfteren gefragt: „Wie -kommt es nur, daß man aus Amerika nichts von den -Juden hört, daß die Zeitungen von den Negern nichts zu -berichten haben? Diese Sklaven sind doch ein wahrer -Schatz für die Juden, sollten sie ihn wirklich ungehoben -lassen?“ Nun, er ist ihnen also glücklich nicht entgangen. -Und vor zehn Tagen las ich in der „Neuen -Zeit“ einen Bericht aus Kowno, der auch ungemein -charakteristisch ist: „Die Juden,“ heißt es, „haben dort -fast die ganze litauische Bevölkerung durch den Branntwein -zugrunde gerichtet, und nur den katholischen -Priestern ist es noch gelungen, die Armen durch Hinweisung -auf die Höllenqualen und durch Bildung von -Mäßigkeitsvereinen vor größerem Unglück zu bewahren.“ -Der gebildete Berichterstatter errötet zwar für sein -Volk, das noch Priestern und an Höllenqualen glaubt, -und so fügt er denn hinzu, daß gleich nach den Priestern -sich auch die Reicheren zusammengetan haben, um Landbanken -<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -zu gründen – um das Volk vom jüdischen -Wucherer zu befreien –, und Landmärkte, damit der -„arme, schwerarbeitende Bauer“ die notwendigsten -Gegenstände zu angemessenem Preise kaufen könne, und -nicht zu dem, den der Jude bestimmt. Ich zitiere nur, -was ich gelesen habe; doch weiß ich schon im voraus, -was man mir sofort zuschreien wird: „Alles das beweist -noch nichts und kommt nur daher, daß die Israeliten -selbst arm und unterdrückt sind; alles das ist bloß -‚Kampf ums Dasein‘ – was nur ein beschränkter -Zeitungsleser nicht einsehen kann – und die Israeliten -würden sich, wenn sie nicht selbst so arm, sondern im -Gegenteil reich wären, sofort von der humanen Seite -zeigen, und zwar in solchem Maße, daß die ganze Welt -darüber in Erstaunen geriete.“ Aber, erstens, diese -Neger und Litauer sind doch noch ärmer als die Juden, -von denen ihnen das Letzte herausgepreßt wird, und doch -verabscheuen sie – bitte, die Zeitungskorrespondenz -zu lesen – diese Art Handel, auf die der Jude so erpicht -ist. Zweitens ist es nicht schwer, human und moralisch -zu sein, wenn man selbst satt ist und im Warmen sitzt; -zeigt sich aber ein wenig „Kampf ums Dasein“, so -„komm dem Juden nicht zu nah“! Meiner Meinung -nach ist das gerade kein Zug, der „wahren Engeln“ zusteht. -Und drittens, ich stelle ja diese beiden Nachrichten -aus dem „Europäischen Boten“ und der „Neuen Zeit“ -keineswegs als kapitale und alles entscheidende Tatsachen -hin. Wollte man anfangen die Geschichte dieses -Weltvolkes zu schreiben, so könnte man sofort -hunderttausend solcher und noch wichtigerer Tatsachen -finden, so daß zwei mehr oder weniger nichts zu bedeuten -<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> -hätten. Doch bei alledem ist eines auffallend: braucht -jemand, sei es im Streit oder sonst aus irgendeinem -Grunde, eine Auskunft über die Juden und ihre Taten, -so gehe er nicht in die Bibliotheken, suche er nicht in -alten Büchern oder eigenen Notizen; nein, er strecke -nur, ohne sich vom Stuhl zu erheben, die Hand nach -irgendeiner ersten besten Zeitung, die neben ihm liegt, -aus, und dann suche er auf der zweiten oder dritten -Seite: unbedingt wird er etwas finden, das von Juden -handelt, unbedingt gerade das, was ihn interessiert, unbedingt -das Allercharakteristischste und unbedingt immer -dasselbe – d. h. immer die gleichen Heldentaten! -Man wird mir wohl zugeben: das hat doch irgend etwas -zu bedeuten, das weist doch auf etwas Bestimmtes -hin, eröffnet einem doch ein gewisses Etwas über dieses -Volk, selbst wenn man ein vollkommener Laie in der -vierzig Jahrhunderte alten Geschichte dieses Volkes ist!? -Selbstverständlich wird man mir hierauf antworten, -daß alle vom Haß verblendet seien und infolgedessen -lögen. Natürlich ist es sehr leicht möglich, daß alle, bis -auf den Letzten, lügen, doch erhebt sich dann sofort eine -andere Frage: wenn alle bis auf den Letzten von so einem -Haß beseelt sind, daß sie sogar lügen, so muß doch dieser -Haß auch einen Grund, eine Ursache haben, und irgend -etwas muß doch dieser allgemeine Haß bedeuten – -„irgend etwas bedeutet doch das Wort ‚<em>Alle</em>‘!“, wie -einstmals Belinski ausrief. -</p> - -<p> -„Freie Wahl des Aufenthaltsortes!“ Können sich -denn die unbemittelten Russen so vollkommen frei ihren -Aufenthaltsort wählen? Leidet denn der russische -Bauer nicht heute noch unter den früheren, aus der Zeit -<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> -der Leibeigenschaft gebliebenen unerwünschten Freiheitsbeschränkungen -in der Wahl seines Aufenthaltsortes, -so daß selbst die Regierung dem schon längst ihre Aufmerksamkeit -zugewendet hat? Und was die Juden betrifft, -so kann sich ein jeder davon überzeugen, daß ihre -Rechte in dieser Beziehung im Laufe der letzten zwanzig -Jahre bedeutend vergrößert worden sind. Wenigstens -sieht man sie jetzt in Rußland in Gouvernements, wo -man sie früher nie gesehen hat. Aber die Juden klagen -ja immer über Haß und Verfolgungen. Wenn ich auch -die jüdische Lebensweise nicht kenne, eines jedoch weiß -ich bestimmt und werde es daher allen gegenüber bezeugen: -daß in unserem einfachen Russen ein apriorischer, -stumpfer, religiöser Haß, in dem Sinne wie: -„Judas hat Christus verkauft“, nicht vorhanden ist. -Hört man dies auch einmal vielleicht von Kindern oder -Betrunkenen, so sieht doch unser ganzes Volk, ich wiederhole -es, ohne jeglichen voreingenommenen Haß auf die -Juden. Davon habe ich mich fünfzig Jahre lang selbst -überzeugen können. Ich habe mit dem Volk in ein und -denselben Kasernen gelebt, auf denselben Pritschen geschlafen. -Es waren dort auch einige Juden: niemand -hat sie verachtet, niemand sie ausgestoßen oder verfolgt. -Wenn sie beteten – und die Juden beten mit großem -Geschrei und ziehen sich dazu besondere Kleider an – so -hat niemand das sonderbar gefunden, noch sie gestört -oder über sie gelacht, was man doch gerade von einem, -nach unserer Meinung so „ungebildeten“ Volke, wie das -russische, erwarten könnte. Im Gegenteil, sie sagten, -wenn sie die Juden beten sahen: „Sie beten so, weil sie -so einen Glauben haben,“ und ruhig, ja fast billigend, -<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> -gingen sie an ihnen vorüber. Und diese selben Juden -taten diesen selben Russen gegenüber fremd, wollten -nicht mit ihnen zusammen essen und sahen auf sie fast -von oben herab; und das an welch einem Ort? – im -sibirischen Gefängnis! – Überhaupt zeigten sie überall -Widerwillen und Ekel vor dem russischen, dem „eingeborenen“ -Volke. Dasselbe geschieht auch in den Soldatenkasernen -und überall in ganz Rußland. Man erkundige -sich doch, ob der Jude in der Kaserne als -„Jude“, seines Glaubens, seiner Sitten wegen beleidigt -wird? Ich kann versichern: in den Kasernen wie überhaupt -im Leben sieht und begreift der einfache Russe nur -zu gut, daß der Jude mit ihm nicht essen will, daß er ihn -verabscheut und ihn meidet, soviel er nur kann (das -geben ja die Juden sogar selbst zu). Nun, und? – Anstatt -sich durch solches Benehmen gekränkt zu fühlen, -sagt der einfache Russe ruhig und vernünftig: „Das tut -er, weil er solch einen Glauben hat,“ – d. h. nicht -etwa weil er böse ist. Und nachdem er diesen tieferen -Grund eingesehen, entschuldigt er ihn von ganzem -Herzen. Nun habe ich mich aber zuweilen gefragt: was -würde wohl geschehen, wenn in Rußland 3 Millionen -Russen und, umgekehrt, 80 Millionen Juden wären, -was würden dann die Letzteren aus den Russen machen, -wie würden sie dann diese behandeln? Würden -sie ihnen auch nur annähernd die gleichen Rechte geben? -Würden sie ihnen erlauben, so zu beten, wie sie wollen? -Würden sie sie nicht einfach zu Sklaven machen? Oder, -noch schlimmer: würden sie ihnen dann nicht das Fell -mitsamt der Haut abziehen? Würden sie sie nicht vollständig -ausrotten, nicht ebenso vernichten, wie sie es -<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -früher in ihrer alten Geschichte mit anderen Völkerschaften -getan? Nein, ich versichere Sie, im russischen -Volk ist kein vorurteilsvoller Haß auf den Juden. Es -ist aber vielleicht eine Antipathie gegen ihn vorhanden, -besonders in gewissen Gegenden, und dort ist sie vielleicht -sogar sehr stark. Ohne sie scheint es nun einmal -nicht zu gehen, doch beruht diese Abneigung durchaus -nicht auf irgendeinem Rassen- oder Religionshaß, -sondern auf gewissen Tatsachen, an denen aber nicht das -russische Volk schuld ist, sondern der Jude selbst. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-5-10-3"> -<span class="firstline"><span class="antiqua">Status in statu.</span></span><br /> -Vierzig Jahrhunderte -geschichtliches Dasein -</h4> - -<p class="noindent"> -Die Juden beschuldigen uns des Hasses gegen sie -und dazu noch eines Hasses aus Vorurteilen. Da also -von Vorurteilen die Rede ist, will ich zuerst fragen: hat -der Jude gegen den Russen etwa weniger Vorurteile -als der Russe gegen den Juden? – oder sollte er ihrer -nicht doch noch mehr haben? Ich habe Briefe von -Juden erhalten, und zwar nicht von einfachen, sondern -von gebildeten Juden – und wieviel Haß gegen die -„autochthone Bevölkerung“ ist doch in diesen Briefen! -Das auffallendste aber – sie bemerken es selbst nicht -einmal, daß sie gehässig schreiben. -</p> - -<p> -Ein Volk, das vierzig Jahrhunderte auf der Erde -existiert, also fast seit dem Anfang der historischen Zeitordnung, -und noch dazu in einem so festen und unzerstörbaren -Zusammenhang, ein Volk, das so oft sein Land, -seine politische Unabhängigkeit, seine Gesetze, wenn nicht -gar seinen Glauben verloren hat, – und sich noch jedesmal -<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -wieder vereinigen, sich in der <em>früheren Idee</em> -wiedergebären, sich Gesetze und fast auch den Glauben -von neuem hat schaffen können, – nein, ein so zähes -Volk, ein so ungewöhnlich starkes, energisches, solch ein -in der ganzen Welt beispielloses Volk hat nicht ohne -<span class="antiqua">status in statu</span> leben können. Und diesen <span class="antiqua">status</span> hat -es überall und während der schrecklichsten tausendjährigen -Verfolgungen aufrechterhalten. Doch ich will -hier keineswegs, indem ich vom <span class="antiqua">status in statu</span> rede, -eine Anklage gegen die Juden erheben. Ich frage nur: -worin besteht denn dieser <span class="antiqua">status in statu</span>, worin seine -ewige, unveränderliche Idee, und worin das Wesen -dieser Idee? Allerdings lassen sich Fragen von solcher -Größe nicht in einem kurzen Artikel genügend auseinandersetzen, -abgesehen davon, daß dies auch aus einem -anderen Grunde ganz unmöglich wäre: noch ist die -<em>Zeit</em> für das endgültige Urteil über dieses Volk nicht -gekommen, trotz der verflossenen vierzig Jahrhunderte; -noch steht das letzte Wort aus, das die Menschheit über -dieses mächtige Volk zu sagen hat. Aber auch ohne in -das Wesen der Sache einzudringen, kann man doch -wenigstens einige, wenn auch nur äußerliche Kennzeichen -dieses <span class="antiqua">status in statu</span> angeben. Diese Kennzeichen sind: -die bis zum religiösen Dogma erhobene Absonderung -und Abgeschlossenheit von allem, was nicht Judentum -ist, und die Unverschmelzbarkeit mit anderen Völkern, -der Glaube, daß es in der ganzen Welt nur ein einziges -persönliches Volk gibt – die Juden –, und die Überzeugung, -die anderen Völker, wenn sie auch vorhanden -sind, doch so behandeln zu müssen, als ob sie nicht vorhanden -wären. „Scheide dich aus von den Völkern und -<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> -bilde deine Besonderheit und wisse, daß du von nun ab -<em>allein bei Gott</em> bist. Die anderen vernichte oder -mache sie zu deinen Sklaven oder beute sie aus. Glaube -an deinen Sieg über die ganze Welt, glaube, daß alles -dir untertan sein wird. Alle anderen Völker sollst du -verabscheuen und mit keinem von ihnen Umgang pflegen. -Und selbst wenn du dein Land und deine politische Persönlichkeit -verlierst, selbst wenn du über die ganze Erde -hin unter alle Völker verstreut sein wirst – gleichviel: -glaube an all das, was dir verheißen ist, ein für allemal, -glaube, daß es also geschehen werde, – inzwischen aber -lebe, verachte, beute aus und – erwarte, erwarte, erwarte -...“ Das ist die Quintessenz dieses <span class="antiqua">status in -statu</span>. Außerdem gibt es natürlich noch innere und geheime -Gesetze, die diese Idee lebendig erhalten. -</p> - -<p> -Sie sagen, meine gebildeten Herren Israeliten und -Gegner, daß dieses nichts als Unsinn sei, und: -„... Wenn es auch einen <span class="antiqua">status in statu</span> gibt, – das -heißt, selbstverständlich: früher einmal einen gegeben -hat, von dem jetzt vielleicht noch schwache Spuren vorhanden -sein mögen, – so haben einzig die Verfolgungen -aller Zeiten und besonders des Mittelalters zu ihm geführt; -folglich ist dieser <span class="antiqua">status in statu</span> ausschließlich -aus dem Trieb der Selbsterhaltung entstanden; setzt er -sich auch heute noch fort, besonders in Rußland, so geschieht -das nur, weil der Israelit hier noch nicht dieselben -Rechte genießt wie der Russe.“ Ich aber glaube, -daß er, selbst wenn er die gleichen Rechte hätte, doch auf -keinen Fall seinem <span class="antiqua">status in statu</span> entsagen würde. -Den <span class="antiqua">status in statu</span> nur den Verfolgungen und -dem Selbsterhaltungstrieb zuzuschreiben, geht meiner -<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> -Meinung nach nicht an. Die Widerstandskraft zur -Selbsterhaltung würde dann doch nie und nimmer für -ganze vierzig Jahrhunderte ausgereicht haben. Selbst -die größten und stärksten Kulturen haben sich nicht einmal -durch die Hälfte von vierzig Jahrhunderten erhalten -können und haben ihre politische Kraft und selbständiges -Volkstum in noch kürzerer Zeit eingebüßt. Hier ist nicht -die Selbsterhaltung die erste Ursache, sondern eine Idee, -die mit sich fortreißt, die leitet und erhält; hier handelt -es sich um etwas Weltbeherrschendes und Ewiges, worüber -das „letzte Wort“ zu sagen die Menschheit vielleicht -noch gar nicht fähig ist. Daß der religiöse Charakter -in dieser Idee das Übergewicht hat – darüber -kann kein Zweifel bestehen. Es ist doch klar, daß der -Fürsorger dieses Volkes unter dem Namen des früheren -alten Jehova fortfährt, mit seinem Ideal und seiner Verheißung -sein Volk zum festen Ziele zu führen. Es ist -ja ganz unmöglich, wiederhole ich, sich einen Juden ohne -Gott vorzustellen, oh, und ich glaube auch nicht an gebildete -jüdische Atheisten: alle sind sie eines Wesens, und -Gott weiß, was der Welt von der jüdischen Intelligenz -noch bevorsteht! Als Kind habe ich oft von den Juden -sagen hören, daß sie auch jetzt noch unverzagt ihren -Messias erwarten, alle, wie der niedrigste so der höchste -von ihnen, der gelehrteste Philosoph wie der kabbalistische -Rabbiner; daß sie alle glauben, ihr Messias werde sie -wieder in Jerusalem versammeln und alle Völker mit -seinem Schwerte zu ihren Füßen legen; daß nur aus -diesem Grunde die Juden – wenigstens in ihrer übergroßen -Mehrzahl – bloß eine einzige Arbeit allen -anderen vorzögen: den Handel mit Gold und mit allem, -<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> -was sich schnell in Gold verwandeln läßt –, und daß sie -dies nur deshalb täten, hieß es, um dereinst, wenn der -Messias kommt, kein neues Vaterland zu haben, nicht -durch Besitz an das Land Fremder gebunden zu sein, -sondern ihr Hab und Gut in Gold und Wertsachen mit -sich führen zu können – -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Wenn erglänzt das Licht der Morgenröte</p> - <p class="verse">Und Cinellen, Cymbeln, Pauken und Schalmeien tönen –</p> - <p class="verse">Dann bringen wir nach Palästina</p> - <p class="verse">In den alten Tempel unsres Gottes</p> - <p class="verse">Alle Schätze, die wir haben:</p> - <p class="verse">Edelsteine, Gold und Silber“ ...</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Ich habe das als Legende gehört, doch bin ich fest -überzeugt, daß dieser Glaube unbedingt vorhanden ist, -vielleicht nicht bewußt im einzelnen, wohl aber in Gestalt -eines instinktiven, unbezwingbaren Triebes in der -ganzen Masse der Juden. Damit aber ein solcher -Glaube lebendig bleibe, ist es natürlich erforderlich, -daß der <span class="antiqua">status in statu</span> aufs strengste erhalten werde. -Und so wird er denn erhalten. Folglich ist und war -nicht nur die Verfolgung die Ursache des <span class="antiqua">status in -statu</span>, sondern – die <em>Idee</em> ... -</p> - -<p> -Haben aber die Juden wirklich solch ein besonderes -inneres, strenges Gesetz, das sie zu etwas Ganzem und -Besonderem zusammenbindet, so kann man ja noch über -die Frage, ob man ihnen die volle Gleichberechtigung -mit dem eigenen Volke geben soll, nachdenken. Selbstverständlich -muß alles, was Menschlichkeit und Gerechtigkeit -verlangen, für die Juden getan werden. Doch -wenn sie in ihrer vollen Rüstung und Eigenart, in -<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> -ihrer nationalen und religiösen Absonderung, im -Schutze ihrer Regeln und Prinzipien, die den Grundsätzen, -nach denen sich bis jetzt die ganze europäische -Welt entwickelt hat, so durchaus entgegengesetzt sind, – -wenn sie bei alledem noch die vollständige Gleichberechtigung -mit der autochthonen Bevölkerung in <em>allen -möglichen</em> Rechten verlangen: bekämen sie dann -nicht, wenn man sie ihnen gewähren würde, bereits -mehr als das, was das autochthone Volk selbst hat, etwas, -was sie <em>über</em> letzteres stellen würde? Hierauf -wird man natürlich auf die anderen Fremdvölker in -Rußland hinweisen: „Die sind gleichberechtigt oder doch -so gut wie gleichberechtigt, wir Israeliten aber haben -von allen Fremdvölkern die geringsten Rechte, und das -nur, weil man uns fürchtet, weil wir Juden, wie es -heißt, schädlicher als alle anderen Fremdvölker sein -sollen. Doch wodurch sind denn gerade wir Israeliten -schädlich? Wenn unser Volk auch einige schlechte Eigenschaften -haben mag, so hat es sie doch nur, weil das -russische Volk selbst zur Entwicklung dieser Eigenschaften -beiträgt, und zwar einfach durch seine eigene Unwissenheit, -durch seine Unbildung, durch seine Unfähigkeit, -selbständig zu sein, durch seine geringe ökonomische Begabung. -Das russische Volk verlangt ja selbst nach -einem Vermittler, einem Leiter, einem Vormund in den -Geschäften, einem Gläubiger, ruft ihn selbst und verkauft -sich ihm freiwillig! Seht doch, wie es in Europa ist: -dort haben die Völker einen festen und selbständigen -Willen, eine starke nationale Entwicklung und Verständnis -für die Arbeit, an die sie von jeher gewöhnt sind – -dort fürchtet man sich auch nicht, den Israeliten dieselben -<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> -Rechte zu geben! Hört man etwa in Frankreich von -einem Schaden, den der <span class="antiqua">status in statu</span> der dortigen -Israeliten der französischen Nation verursachte?“ -</p> - -<p> -Allem Anschein nach ein starker Einwand; aber geht -aus ihm nicht hervor, daß die Juden es gerade dort gut -haben, wo das Volk noch unwissend ist oder unfrei oder -wirtschaftlich wenig entwickelt, – daß es für sie also -gerade dort vorteilhaft ist, zu leben? Anstatt nun durch -ihren Einfluß das Niveau der Bildung zu heben, das -Wissen zu verbreiten, die wirtschaftlichen Fähigkeiten in -der eingeborenen Bevölkerung zu entwickeln, wie es die -anderen Fremdvölker tun, haben die Juden überall, wo -sie sich niedergelassen, das Volk noch mehr erniedrigt und -verdorben, überall dort ist die Menschheit noch niedergebeugter, -und ist das Niveau der Bildung noch tiefer -gesunken, hat sich noch schrecklicher aussichtslose, unmenschliche -Armut verbreitet, und mit ihr die Verzweiflung. -Man frage doch in unseren Grenzgebieten die -eingeborene Bevölkerung, was die Juden treibt, und was -sie so viele Jahrhunderte hindurch getrieben hat? Man -wird nur eine einzige Antwort erhalten: „Die <em>Unbarmherzigkeit</em>! -... Getrieben hat sie so viele -Jahrhunderte bloß ihre Gier, sich an unserem Schweiß -und Blut zu sättigen.“ Die ganze Tätigkeit der Juden -in unseren Grenzgebieten hat bloß darin bestanden, daß -sie die eingeborene Bevölkerung in eine rettungslose Abhängigkeit -von sich gebracht haben, und zwar unter einer -wirklich bewunderungswürdigen Ausnutzung der Verhältnisse. -Oh, in solchen Angelegenheiten haben sie es -immer verstanden, die Möglichkeit zu finden, über -<em>Rechte</em> zu verfügen. Sie haben es immer verstanden, -<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> -gut Freund mit denen zu sein, von denen das Volk abhängt; -in dieser Beziehung wenigstens sollten sie doch -über ihre <em>geringen Rechte im Verhältnis -zum russischen Volke</em> nicht klagen. Sie haben -ihrer bei uns schon übergenug –, dieser Rechte über das -russische Volk! Was in den Jahrzehnten und Jahrhunderten -aus dem russischen Volke dort geworden ist, -wo die Juden sich niedergelassen haben – davon zeugt -die Geschichte unserer russischen Grenzgebiete. Bitte -jetzt irgendein anderes Volk von den Fremdvölkern Rußlands -zu nennen, das sich in dieser Beziehung mit den -Juden messen könnte? Man wird keines finden. In -dieser Beziehung behaupten die Juden ihre ganze Originalität, -im Vergleich zu den anderen Fremdvölkern -Rußlands, und die Erklärung dieser Tatsache ist natürlich -in diesem ihrem <span class="antiqua">status in statu</span> zu suchen, dessen -Wesen gerade diese Unbarmherzigkeit allem gegenüber, -was nicht Jude ist, gerade diese Verachtung jedes Volkes -und jeder Rasse und jedes menschlichen Wesens, das -nicht Jude ist, ausmacht. Und was ist denn das für eine -Rechtfertigung, daß im Westen Europas die Völker sich -nicht haben besiegen lassen, und daß somit das russische -Volk selbst die Schuld daran trägt, wenn der Jude es -knechtet? Weil das russische Volk in den Grenzgebieten -sich schwächer als die europäischen Völker erwiesen hat -– infolge seiner schrecklichen, viele Jahrhunderte langen -politischen Darniederlage –, nur deswegen soll man es -also endgültig durch Ausbeutung erwürgen, anstatt ihm -zu helfen? -</p> - -<p> -Und im übrigen – da sie auf Europa, auf Frankreich -z. B., hinweisen: auch dort ist dieser <span class="antiqua">status in statu</span> -<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> -wohl kaum so unschädlich gewesen, wie es anfänglich -scheinen mag. Das Christentum und seine Idee sinken -dort natürlich nicht durch die Schuld der Juden, sondern -durch jener Völker eigene Schuld, doch nichtsdestoweniger -kann man auch in Europa auf einen großen -Sieg des Judentums, das viele früheren Ideen schon -durch seine Idee verdrängt hat, hinweisen. Oh, selbstverständlich -hat der Mensch zu allen Zeiten den Materialismus -vergöttert und ist immer geneigt gewesen, die -Freiheit bloß in der Sicherstellung seiner selbst durch -„aus allen Kräften angesammeltes und mit allen Mitteln -erhaltenes Geld“ zu sehen und zu verstehen. Doch noch -niemals sind diese Bestrebungen so offen und so dogmatisch -zum höchsten Prinzip erhoben worden, wie in -unserem neunzehnten Jahrhundert. „Jeder für sich und -nur für sich und alle Gemeinschaft zwischen den Menschen -einzig für mich“ – das ist das moralische Prinzip der -Mehrzahl der heutigen Menschen<a class="fnote" href="#footnote-38" id="fnote-38">[38]</a> und nicht einmal -schlechter, sondern arbeitender Menschen, die weder -morden noch stehlen. Und die Unbarmherzigkeit zu den -niedrigeren Massen, der Verfall der Brüderlichkeit, die -Ausnutzung des Armen durch den Reichen – oh, natürlich -ist das auch früher schon und überhaupt immer gewesen, -aber – aber es ward doch nicht zu einer Wahrheit -und Weltanschauung, sondern ist vom Christentum -stets bekämpft worden! Jetzt aber wird es im Gegenteil -zur Tugend erhoben! So darf man wohl annehmen, es -<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> -sei nicht einflußlos geblieben, daß an den Börsen dort -allenthalben Juden herrschen, daß nicht umsonst <em>sie</em> die -Kapitale lenken, nicht umsonst <em>sie</em> die Kreditgeber, -und nicht umsonst, ich wiederhole es, <em>sie</em> die Beherrscher -der ganzen internationalen Politik sind! -</p> - -<p> -Und das Ergebnis: ihr Reich nähert sich, ihr volles -Reich! Es beginnt der Triumph der Ideen, vor denen -die Gefühle der Menschenliebe, der Wahrheitsdurst, die -christlichen und die nationalen Gefühle, und sogar der -Rassen<em>stolz</em> der europäischen Völker sich beugen. Der -Materialismus triumphiert, die blinde, gefräßige Begierde -nach <em>persönlicher</em> materieller Versorgung, -die Gier nach persönlichem Zusammenscharren des -Geldes, und – der Zweck heiligt das Mittel –: all das -wird als höchstes Ziel anerkannt, als das Vernünftige, -als Freiheit, an Stelle der christlichen Idee der Rettung -einzig durch engste ethische und brüderliche Vereinigung -der Menschen. Man wird hierauf vielleicht lachend erwidern, -daß das keineswegs durch die Juden so gekommen -sei. Natürlich nicht durch die Juden allein; -doch wenn die Juden in Europa gerade seit der Zeit – -da diese neuen Grundsätze dort den Sieg davongetragen -– die Oberhand gewinnen und gedeihen, sogar in dem -Maße, daß ihre Grundsätze zum moralischen Prinzip -erhoben werden, so kann man doch wohl sagen, daß das -Judentum einen großen Einfluß gehabt hat. Meine -Gegner weisen immer daran hin, daß die Juden im -Gegenteil arm sind, und zwar überall, in Rußland nur -noch ganz besonders; daß nur der kleine Wipfel dieses -Volksbaumes reich ist, die Bankiers und die Könige der -Börsen, von den übrigen aber fast neun Zehntel buchstäblich -<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> -Bettler sind, die sich für ein Stück Brot zerreißen -und Maklerdienste tun, um eine Kopeke zu erhaschen. -Ja, das ist wahr, doch was sagt das schließlich? -Sagt das nicht gerade, daß sogar in der Arbeit der -Juden, daß sogar in ihrer ausbeutenden Tätigkeit selbst -etwas Unrechtes, Unnormales, etwas Unnatürliches ist, -das seine Strafe bereits in sich trägt? Der Jude verdient -durch Vermittlergeschäfte, er – handelt mit fremder Arbeit. -Ein Kapital ist angesammelte Arbeit; der Jude -schlägt sein Kapital aus fremder Arbeit! Doch all das -ändert bis jetzt noch nichts an dem Gesagten: dafür erobern -die reichen Juden immer mehr die Herrschaft über -die Menschheit und streben immer eifriger darnach, -der Welt ihr jüdisches Antlitz aufzudrücken und ihr -jüdisches Wesen zu verleihen. Spricht man über diese -Eigenschaft der Juden, so sagen sie immer, auch unter -ihnen gäbe es gute Menschen. Herrgott! Handelt es -sich denn hier etwa darum? Ich spreche doch in diesem -Fall nicht von <em>guten</em> oder <em>schlechten</em> Menschen. -Und gibt es unter den Juden nicht gleichfalls gute? War -denn der verstorbene James Rothschild etwa ein schlechter -Mensch? Ich spreche doch nur im allgemeinen vom -<em>Judentum</em> und von der <em>jüdischen Idee</em>, die -die ganze Welt ergreift, an Stelle des „mißlungenen“ -Christentums. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-5-10-4"> -<span class="firstline">Doch es lebe die Brüderlichkeit!</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Aber – was rede ich eigentlich, und wozu? Oder -bin ich vielleicht wirklich ein Judenhasser? Sollte es -doch wahr sein, was mir eine zweifellos gebildete und -<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> -edle junge Israelitin schreibt – bin ich wirklich, wie -sie sagt, ein Feind dieses „unglücklichen“ Volkes, das -ich „bei jeder Gelegenheit grausam angreife“? „Ihre -Verachtung für das jüdische Volk, das an nichts anderes -als an sich selbst denkt, wie Sie sagen,“ schreibt sie mir, -„ist nur zu augenscheinlich“. – Nein, gegen diese Augenscheinlichkeit -lehne ich mich auf und bestreite sie. Im -Gegenteil, ich sage und schreibe gerade, daß „alles, was -Menschlichkeit und Gerechtigkeit verlangen, alles, was -die Gebote Christi von uns fordern, für die Juden getan -werden muß“. Diese Worte habe ich schon einmal geschrieben -und jetzt füge ich nur noch hinzu: ja, trotz -aller Bedenken, die von mir ausgesprochen worden sind, -bin ich doch für die größte Erweiterung der Rechte -unserer Juden in der russischen Gesetzgebung und, wenn -es nur durchführbar ist, auch für die vollste Gleichheit -der Rechte mit denen der eingeborenen Bevölkerung – -NB. obgleich sie schon jetzt vielleicht mehr Rechte haben, -oder richtiger, mehr <em>Möglichkeiten, sich ihrer -zu bedienen</em>, als das eingeborene Volk selbst. Hier -geht mir nun wieder etwas anderes durch den Sinn: -wenn unsere Dorfgemeinde, die unseren armen Bauern -vor so viel Bösem bewahrt<a class="fnote" href="#footnote-39" id="fnote-39">[39]</a> aus irgendeinem Grunde -ins Wanken und Zerbröckeln käme – wie, wenn dann -diesen befreiten Bauer, der so unerfahren ist und so -wenig der Verführung zu widerstehen weiß, und den bis -jetzt gerade die Dorfgemeinde bevormundet hat, die -Juden überfielen – was dann? Dann würde es ja -<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> -mit ihm einfach zu Ende sein, dann hätte er im Augenblick -alles verloren: sein ganzes Eigentum, seine ganze -Kraft würde dann schon am nächsten Tage in die Hände -der Juden übergehen – und dann käme eine Zeit, die -man nicht nur mit der Zeit der Leibeigenschaft vergleichen -könnte, sondern eher mit der des Tatarenjoches. -</p> - -<p> -Doch abgesehen von allem, was mir in den Sinn -kommt und was ich geschrieben habe, bin ich für ihre -vollständige Gleichstellung in den Rechten, – denn also -will es das Gebot Christi. Wozu aber habe ich dann so -viele Seiten geschrieben, was habe ich sagen wollen, -wenn ich mir so <em>widerspreche</em>? Gerade das -habe ich sagen wollen, daß ich mir nicht widerspreche, -daß ich russischerseits kein Hindernis für die Erweiterung -der jüdischen Rechte sehe. Nur behaupte ich, daß es -solcher Hindernisse weit mehr auf der Seite der Juden -selbst gibt; und wenn sie bis jetzt noch nicht gleichberechtigt -sind, so trägt der Russe weniger Schuld daran -als der Jude selbst. Denn gleichwie der einfache Jude -mit Russen weder zusammen essen noch mit ihnen verkehren -will, und diese sich darüber nicht nur nicht ärgern, -sondern es sofort begreifen und verzeihen („das tut er -bloß, weil er solch einen Glauben hat“), ebenso sehen -wir auch im intelligenten, gebildeten Juden ungemein -häufig dasselbe maßlose und hochmütige Vorurteil gegen -uns Russen. Oh, man höre nur, wie sie schreien, daß -sie die Russen liebten! Einer von ihnen schrieb mir sogar, -es bereite ihm großen Kummer, daß das russische -Volk „keine Religion hat und sich unter seinem Christentum -nichts denkt“! Das ist wohl etwas zu weit gegangen -für einen Juden, und es erhebt sich da nur die -<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> -Frage: was versteht denn dieser hochgebildete Israelit -selber vom Christentum? Dieser Eigendünkel und Hochmut -ist für uns Russen eine der am schwersten zu ertragenden -Eigenschaften des jüdischen Charakters. Wer -ist von uns unfähiger, den anderen zu verstehen: der -Jude oder der Russe? Ich rechtfertige eher den Russen: -der Russe hat wenigstens keinen religiösen Haß auf den -Juden – entschieden nicht! Die anderen Vorurteile -aber – wer hat davon mehr? Da schreien nun die -Juden, daß sie so viele Jahrhunderte lang verfolgt und -unterdrückt worden seien, es sogar jetzt noch seien, und -daß der Russe dies zum mindesten in Betracht ziehen -müsse, wenn er den jüdischen Charakter beurteilt. Gut, -wir ziehen es auch in Betracht, was wir sofort beweisen -können: in der intelligenten Schicht des russischen Volkes -haben sich mehr als einmal Männer erhoben, die für -die Rechte der Juden eingetreten sind. Was aber tun -die Juden? Ziehen sie etwa die langen Jahrhunderte -der Unterdrückung und Verfolgung, die das russische -Volk ertragen hat, in Betracht, wenn sie die Russen anklagen? -Wäre es möglich, zu behaupten, daß unser -Volk weniger Leid und Elend erfahren hätte als die -Juden, gleichviel wann und wo? Und wäre es möglich, -gleichfalls zu behaupten, daß es <em>nicht</em> der Jude gewesen -ist, der sich mehr als einmal mit den Unterdrückern -des russischen Volkes vereinigte – daß nicht -er zur Zeit der Leibeigenschaft den russischen Bauern -aufkaufte und somit sein unmittelbarer Beherrscher -war? Das ist doch wahr, ist doch Geschichte, unbestreitbare -Tatsache! Doch noch nie haben wir gehört, daß -das jüdische Volk darüber Reue empfände; es klagt -<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> -immer nur den russischen Bauern an und wirft ihm vor, -daß er den Juden wenig liebe. -</p> - -<p> -Einmal wird volle und geistige Einheit unter den -Menschen herrschen, und es wird kein Unterschied in den -Rechten mehr bestehen. Darum bitte ich meine Herren -Israeliten-Gegner und -Korrespondenten vor allem, -doch auch uns Russen gegenüber nachsichtiger und gerechter -zu sein. Ist der Hochmut der Juden, ihr ewiger -„mäkelnder Widerwille“ der russischen Rasse gegenüber -nur ein Vorurteil, ein „historischer Auswuchs“, und -<em>verbirgt sich darunter nicht irgendein -viel tieferes Geheimnis ihrer Gesetze -oder ihres Wesens</em> – so wird sich all das nur -um so früher zerstreuen, und wir werden uns einmütig -in guter Brüderlichkeit zusammentun zu gegenseitigem -Beistand und für die große Sache: unserer Erde, -unserem Staate und unserem Vaterlande zu dienen! -Die gegenseitigen Anklagen werden allmählich aufhören, -und damit wird auch die Ausnutzung dieser Anklagen, -die das klare Verständnis der Dinge verhindern, -verschwinden. Für das russische Volk kann man bürgen: -oh, es wird dem Juden die größte Freundschaft entgegenbringen, -trotz des Glaubensunterschiedes, und doch -wird es volle Achtung für die historische Tatsache dieses -Unterschiedes bewahren. Trotzdem aber ist zu einer vollständigen -Brüderlichkeit – <em>Brüderlichkeit beiderseits -erforderlich</em>. Also möge doch der -Jude wenigstens ein wenig brüderliche Gefühle zeigen, -um den Russen zu ermutigen. Ich weiß, daß es unter -den Juden auch jetzt schon viele gibt, die sich nach der -Beseitigung der Mißverständnisse sehnen und wirklich -<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> -äußerst menschenfreundlich sind – ich will die Wahrheit -nicht verschweigen. Und eben damit diese nützlichen -und menschenfreundlichen Leute nicht den Mut verlieren, -ihre Vorurteile ein wenig abzuschwächen und -damit den Anfang der Sache zu erleichtern, wünschte -ich die Erweiterung der Rechte des jüdischen Volkes, -wenigstens soweit sie möglich ist: eben soweit das -jüdische Volk die Fähigkeit beweist, sich dieser Rechte zu -bedienen, <em>ohne daß die eingeborene Bevölkerung -darunter zu leiden hat</em>. Nur -eines fragt sich noch: werden diese tapferen und guten -Israeliten auch viel erreichen, und inwieweit sind sie -selbst befähigt zu der neuen schönen Aufgabe der -<em>wirklichen</em> brüderlichen Vereinigung mit Menschen, -die ihnen dem Glauben und dem Blute nach fremd sind? -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-5-10-5"> -<span class="firstline">Die Beerdigung des Allmenschen</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Ich hatte eigentlich die Absicht, mich über sehr vieles -in dieser Märznummer meines „Tagebuches“ auszusprechen; -doch nun ist es wieder geschehen, daß ich über -ein einziges Thema, über das ich nur einige Worte hatte -sagen wollen, ganze Seiten geschrieben habe. So -nehme ich mir, zum Beispiel, immer vor, etwas über -Kunst zu sagen! Auch wollte ich über das neueste Bild -Semiradskis sprechen – nur ein wenig –, und vor -allen Dingen über den Idealismus und den Realismus -in der Kunst, über Repin und Raphael; aber das -werde ich noch aufschieben müssen. Und wie lange -nehme ich mir schon vor, über die Briefe, besonders -die anonymen, die ich so oft erhalte, zu schreiben! -</p> - -<p> -<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> -Nun aber will ich doch einen Brief anführen, keinen -anonymen, sondern einen von einer mir sehr gut bekannten -Dame, Fräulein L., einer jungen Jüdin, deren -Bekanntschaft ich in Petersburg gemacht habe. Sonderbarerweise -haben wir kein einziges Mal über die -„Judenfrage“ gesprochen, obgleich sie eine strenge und -ernste Israelitin zu sein scheint. Wie ich sehe, hat ihr -Brief eine Beziehung zu dem heute von mir geschriebenen -Kapitel über die Juden. Es wäre vielleicht zuviel -über dasselbe Thema, doch hier handelt es sich um etwas -anderes: der Brief zeigt eine ganz andere Seite der -Frage, vielleicht die entgegengesetzte, und außerdem -enthält er geradezu einen Hinweis auf die Lösung des -Problems. Ich hoffe, Fräulein L. wird mir verzeihen, -wenn ich hier jenen Teil ihres Briefes wörtlich wiedergebe, -der von der Beerdigung des Doktors Hindenburg -in M. handelt. Unter dem frischen Eindruck dieser Beerdigung -hat sie so aufrichtige und in ihrer Wahrheit -so rührende Worte gefunden. Ich will nochmals hervorheben, -daß dieser Brief von einer Jüdin geschrieben -ist, daß diese Gefühle – Gefühle einer Jüdin sind ... -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -„Ich schreibe Ihnen unter dem tiefen Eindruck -des Trauermarsches. Der 84jährige Doktor Hindenburg -ist heute beerdigt worden. Da er Protestant -war, wurde er zuerst in der lutherischen Kirche aufgebahrt, -und von dort aus erfolgte dann die Überführung -auf den Kirchhof. Solche Trauer, so von -Herzen kommende Worte, so heiße Tränen habe ich -noch an keinem Grabe gesehen ... Er starb in der -größten Armut, so daß man zuerst nicht wußte, wie -die Beerdigungskosten bestritten werden sollten. -</p> - -<p> -<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> -58 Jahre praktizierte er schon in M. ... Und -wieviel Gutes hat er in dieser langen Zeit getan! -Wenn Sie wüßten, Fjodor Michailowitsch, was das -für ein Mensch war! Er war Doktor und Frauenarzt; -sein Name wird hier ewig weiterleben, es sind -schon Legenden über ihn entstanden. Alle Armen -nannten ihn ‚Vater‘, liebten und vergötterten ihn; -doch erst seit seinem Tode begreifen sie ganz, wen sie -in ihm verloren haben. Als er noch in der Kirche -aufgebahrt lag, gingen alle, aber auch alle hin, um an -seinem Sarge zu weinen und seine Füße zu küssen; -besonders die armen Jüdinnen, denen er soviel geholfen -hat, weinten und beteten für ihn, damit er -geradeswegs in den Himmel komme. Heute kam -unsere frühere Köchin (sie ist furchtbar arm) zu uns -und erzählte, er habe bei der Geburt ihres letzten -Kindes, da er gesehen, daß keine Kopeke im Hause -war, 30 Kopeken gegeben, damit man ihr eine Suppe -koche; und darauf sei er jeden Tag gekommen und -habe jedesmal 20 Kopeken hinterlassen; und als sie -sich ein wenig erholt hatte, habe er ihr zwei Feldhühner -geschickt. So hat er auch einmal bei einer -furchtbar armen Wöchnerin (solche wandten sich -immer an ihn) sein Hemd ausgezogen und sein Kopftuch -abgenommen (sein Kopf war immer mit einem -Tuch umwunden) und beides zu Windeln zerrissen. -Auch erzählt man sich hier, wie er einen armen Juden, -einen Holzfäller, und dessen ganze Familie kuriert -hat. Jeden Tag ist er zweimal zu ihnen gekommen -und nachdem er alle wieder auf die Füße gebracht, -hat er den Mann gefragt: ‚Wie wirst du mir nun -<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> -alles bezahlen?‘ Der soll ihm geantwortet haben, -daß er nichts habe, außer der letzten Ziege, die er sofort -verkaufen werde. Das hat er denn auch getan, -hat sie für 4 Rubel verkauft und diese dem Doktor gebracht. -Der Doktor hat darauf den Holzfäller nach -Haus geschickt und seinem Hausknecht 16 Rubel gegeben, -damit er eine Kuh kaufe. Nach einer Stunde -wird dem Holzfäller eine Kuh gebracht und gesagt, -der Doktor habe die Ziegenmilch schädlich gefunden. -</p> - -<p> -So hat er sein ganzes Leben lang Gutes getan. -Zuweilen hat er sogar 30 bis 40 Rubel an Arme gegeben. -Dafür ist er jetzt wie ein Heiliger begraben -worden. Alle Juden hatten ihre Läden geschlossen -und folgten dem Sarge. Bei unseren Beerdigungen -singen gewöhnlich kleine Knaben Psalmen, doch ist -es ihnen verboten, auch zur Beerdigung Andersgläubiger -zu singen. Hier aber gingen während der -ganzen Prozession unsere kleinen Knaben vor dem -Sarge her und sangen ihre Psalmen mit lauter -Stimme. In allen Synagogen wurde für seine -Seele gebetet, und ebenso läuteten die Glocken <em>aller</em> -Gotteshäuser während der Prozession. Die Militärkapelle -spielte Trauermärsche und die jüdischen -Musikanten waren zum Sohn des Verstorbenen gegangen, -um ihn um die Erlaubnis zu bitten, während -der Prozession spielen zu dürfen, was sie sich zur Ehre -anrechnen würden. Alle armen Israeliten haben -10 oder 5 Kopeken gebracht, um für ihn Kränze zu -kaufen; die reichen Israeliten aber haben viel gegeben -und einen großen prachtvollen Kranz gestiftet, aus -frischen Blumen mit einer schwarz-weißen Schleife, -<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> -auf der in goldenen Lettern seine Hauptverdienste -standen, wie z. B. die Gründung des Krankenhauses -und ähnliches. Ich habe nicht alles entziffern können, -und kann man denn überhaupt seine Verdienste aufzählen? -</p> - -<p> -An seinem Grabe sprachen der Pastor und unser -Rabbiner, und beide weinten. Er aber lag in -seinem alten, fadenscheinigen Rock, den Kopf mit dem -alten Tuch umwickelt, – dieser liebe Kopf! Es war, -als ob er schliefe ...“ -</p> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-5-10-6"> -<span class="firstline">Ein einzelner Fall</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Das ist ein einzelner Fall, wird man sagen. Nun, -dann ist es wieder meine Schuld, wenn ich in einem -einzelnen Fall den Anfang der Lösung eines ganzen -Problems sehe ... -</p> - -<p> -Die Stadt M. ist eine große Gouvernementsstadt -im Westen, und es gibt dort sehr viele Juden, Deutsche, -Russen natürlich, Polen und Litauer, und alle diese -Nationalitäten liebten den Alten, als ob er zu ihrer -Nationalität gehört hätte. Selbst aber war er Protestant -und Deutscher, – gerade ein Deutscher: die Art -und Weise, wie er dem armen Juden die Kuh schenkte, -ist ein echt deutscher Witz. Zuerst verblüfft er ihn: -„Wie wirst du mir nun alles bezahlen?“ Und natürlich -hat der Arme, als er hinging, um seine letzte Ziege -zu verkaufen, um den „Wohltäter“ bezahlen zu können, -keineswegs gemurrt, sondern nur in tiefster Seele bedauert, -daß die Ziege im ganzen nicht mehr als 4 Rubel -wert war. Was aber sind 4 Rubel für alle von dem -<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> -armen Doktor ihm und seiner Familie erwiesenen Wohltaten? -Und wie zufrieden muß der alte Doktor bei sich -gelächelt haben, als die Kuh zum Juden gebracht wurde. -„Na, ich werde ihm mal unseren deutschen Witz zeigen,“ -sagt er sich und ist womöglich die ganze Nacht, die er -am Bette einer armen Wöchnerin verbringt, in froher -Stimmung. Wenn ich Maler wäre, würde ich bestimmt -ein Bild in diesem Genre malen, so eine Nacht -in einer grauenvollen armen Hütte. Über alles liebe -ich den Realismus in der Kunst, doch in den meisten -Bildern unserer heutigen Realisten fehlt das „<em>sittliche -Zentrum</em>“, wie sich vor kurzem ein großer -Dichter und feiner Künstler in seiner Kritik über -Semiradskis Bild ausgedrückt hat. Hier, in diesem -von mir für ein Genrebild vorgeschlagenen Stoff -würde, glaube ich, solch ein sittliches Zentrum sein. -Und welch ein prachtvoller Stoff für einen Künstler! -Erstens, die ideale, die schier unmögliche, schmutzigste -Armut der jüdischen Hütte. Man kann sogar noch viel -Humor hierbei verwenden; Humor ist ja doch die Spitzfindigkeit -eines tiefen Gefühls – diese Bezeichnung -gefällt mir ungemein. Mit feinem Gefühl und -Verstand könnte der Künstler viel aus dem alten Hausgerät -der armen Hütte machen. Und prachtvoll würde -sich die Beleuchtung ausnehmen: ein brennendes -Stümpfchen Talglicht auf einem schiefen Tisch und -durch das einzige bereifte Fenster, durch die Eisblumen -der Scheibe, das Morgengrauen des anbrechenden -Tages. Die Frau hat erst bei Tagesanbruch -geboren, und nun müht sich der alte Doktor um das -Neugeborene. Keine Windeln, kein einziger Lappen -<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> -im Hause (es gibt solche Armut, meine Herrschaften, -ich versichere Sie, es ist der reinste Realismus – ein -Realismus, der sozusagen bis ans Phantastische reicht) – -und da hat denn der Greis schon seinen fadenscheinigen -Rock ausgezogen und darauf das Hemd, das er nun -zu Windeln zerreißt. Sein Gesicht ist ernst und nachdenklich. -Der kleine neugeborene Judenbengel zappelt -vor ihm auf dem Bett, und der Christ nimmt das Jüdchen -auf seinen Arm und wickelt es in das Hemd, das -er von seinen eigenen Schultern gezogen. Darin steckt die -wahre Lösung des Judenproblems, meine Herrschaften! -Der achtzigjährige nackte und von der Morgenkälte -zitternde Körper des Doktors kann im Bilde im Vordergrunde -stehen. Viel läßt sich natürlich aus seinem Gesichtsausdruck, -sowie dem der jungen Mutter machen: sie sieht -auf ihr Neugeborenes und wundert sich über das, was -der Doktor mit ihm anstellt. „Dieser arme, kleine Jude -wird groß werden und vielleicht auch einmal sein Hemd -abziehen, um es einem Christen zu geben, wenn er sich -der Geschichte seiner Geburt erinnert“ – denkt vielleicht -in naivem und edlem Glauben der Alte bei sich. Wird -das je geschehen? Wahrscheinlich nicht, aber es ist -doch nicht ausgeschlossen, daß es geschieht. Das Beste, -was wir tun können, ist – glauben, daß es geschehen -könne und werde. Der Doktor aber hat schon ein -Recht, daran zu glauben; denn in ihm ist es ja schon geschehen: -„Habe ich es getan, so wird es auch ein anderer -tun; bin ich denn besser als ein anderer?“ sagt er sich, -um sich zu stärken ... Ja, dieses Bild würde, glaube -ich, ein „sittliches Zentrum“ haben. -</p> - -<p> -Ein einzelner Fall! Vor zwei Jahren schrieb man -<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> -aus dem Süden Rußlands – ich habe vergessen, aus -welch einer Stadt – von einem Doktor, der am Morgen -eines heißen Tages aus der Badeanstalt kam und -gerade schnell nach Hause eilte, um Kaffee zu trinken, -und deshalb an einem beim Baden Ertrunkenen keine -Wiederbelebungsversuche machen wollte, trotz der Bitte -der Volksmenge. Ich glaube, er ist deswegen verurteilt -worden. Aber das war vielleicht ein gebildeter -Mensch, ein Anhänger der neuen Ideen, ein Fortschrittler, -der bloß „im Prinzip“ neue Gesetze und Gleichberechtigung -verlangte, „einzelne“ Fälle jedoch nicht -weiter beachtete. Vielleicht glaubte er sogar, die einzelnen -Fälle könnten eher schaden, indem sie die allgemeine -Entscheidung hinausschöben, und daß es -in betreff einzelner Fälle „je schlimmer, desto besser“ -sei. Jener „Allmensch“, wie ich den anderen Typ, -jenen alten Doktor, nennen möchte, hat doch, -wenn er auch nur ein einzelner war, über seinem -Grabe die Bevölkerung einer ganzen Stadt vereinigt. -Die russischen Weiber und die armen Jüdinnen haben -gemeinsam seine Füße geküßt, haben sich gemeinsam an -seinen Sarg gedrängt und zusammen geweint. Achtundfünfzig -Jahre Dienst für die Menschheit, achtundfünfzig -Jahre unermüdlicher Liebe haben alle wenigstens -einmal um einen Sarg in gleicher Begeisterung und in -gemeinsamer Trauer vereinigt. Die ganze Stadt begleitet -ihn, die Glocken <em>aller</em> Gotteshäuser läuten, -und in allen Sprachen werden die Gebete für ihn gesungen. -Der Pastor und der Rabbiner reden an dem -offenen Grabe, jeder in seiner Sprache, jeder in seiner -Art, und doch mit den gleichen Gefühlen. In diesem -<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> -Augenblick war doch die „Judenfrage“ überwunden! -Der Pastor und der Rabbiner haben sich an diesem -Grabe in gemeinsamer Liebe vor allen Christen und -Juden vereinigt. Was liegt daran, daß jeder, wenn er -vom Kirchhof zurückgekehrt ist, wieder in seine alten -Vorurteile verfällt? Steter Tropfen höhlt den Stein: -diese „Allmenschen“ besiegen die Welt, indem sie sie -vereinigen. Die Vorurteile werden mit jedem „einzelnen“ -Fall mehr und mehr verblassen und endlich ganz -verschwinden. „Über den Alten haben sich Legenden gebildet,“ -schreibt Fräulein L., gleichfalls eine Jüdin. -Die Legende aber ist der erste Schritt zur Sache; sie -ist eine lebendige Erinnerung und ein unermüdliches -Erinnern an diese „Besieger der Welt“, denen die Erde -gehört. Hat man aber einmal den Glauben gefaßt, -daß das wirklich Besieger sind, und daß solchen Menschen -wirklich „die Erde gehören wird“, so hat man -sich fast schon mit allem ausgesöhnt. All das ist furchtbar -einfach, – schwierig scheint nur eines zu sein: -nämlich, sich zu überzeugen, daß jede große Gesamtzahl -sich aus Einern zusammensetzt. Alles würde sonst auseinanderfallen, -wenn diese Einzelnen nicht wären. Diese -Einzelnen geben den Gedanken, geben den Glauben, -geben das lebendige Beispiel, somit also auch den Beweis. -Es ist durchaus kein Grund vorhanden, so lange zu -warten, bis alle oder wenigstens sehr viele ebenso gut -geworden sind wie sie: es sind nur sehr wenige solcher -Menschen erforderlich, um die Welt zu retten, dermaßen -stark und mächtig sind sie. Ist dem aber so, – wie -soll man dann nicht hoffen? -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="part-6"> -<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> -<span class="firstline">Dritter Teil.</span><br /> -Balkan und Orient -</h2> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-1"> -<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> -Idealisten oder Zyniker -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">rinnert</span> sich vielleicht noch jemand der Abhandlung -über die Orientfrage, die der unvergeßliche Professor und -unvergleichliche Russe Timofei Nikolajewitsch Granowski -– wenn es wahr ist – im Jahre 1855 geschrieben hat, -also gerade zur Zeit unseres Krieges mit Europa, zu -Beginn der Belagerung von Sebastopol? Ich habe -sie jetzt<a class="fnote" href="#footnote-40" id="fnote-40">[40]</a> in Anbetracht der wieder akut gewordenen -Orientfrage nach langen Jahren nochmals durchgelesen: -und dieses alte ehrwürdige Schriftstück interessierte -mich diesmal weit mehr als damals, da ich es zum -erstenmal las und mit ihm vollkommen übereinstimmte. -Es fiel mir jetzt besonders zweierlei auf: -erstens – die Anschauung eines damaligen Westlers -über unser Volk; und zweitens, und hauptsächlich – -die, sagen wir, psychologische Bedeutung des Artikels. -Ich kann es nicht unterlassen, meine Eindrücke hier -mitzuteilen. -</p> - -<p> -Granowski war ein beispiellos reiner, edler, guter -Mensch: Idealist der vierziger Jahre, dabei zweifellos -eine ganz eigene, sonderbare und äußerst originelle -Erscheinung in der Reihe unserer damaligen bekannteren -führenden Geister. Er war unser ehrlichster -Stepan Trophimowitsch Werchowenski (in meinem -Roman „Die Dämonen“ der Typ des Idealisten der -vierziger Jahre; ich liebe diesen Stepan Trophimowitsch -und achte ihn sehr), und vielleicht hatte Granowski -nicht einmal den geringsten komischen Zug, der -<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> -doch sonst diesem Typ gewöhnlich anhaftet. Übrigens -sagte ich, daß mich die <em>psychologische</em> Bedeutung -dieses Aufsatzes frappierte; und diese Bedeutung erschien -mir sogar sehr ergötzlich. Ich weiß nicht, ob -man mir zugeben wird, daß unser russischer Idealist, -der sogenannte „patentierte“ Priester des „Schönen und -Erhabenen“, wenn er plötzlich bei irgendeiner Gelegenheit -das Bedürfnis empfindet, seine Meinung über -eine Sache kundzutun – nicht etwa über ein Gedicht, -o nein, sondern über eine praktische, wichtige -und ernste Sache, sagen wir: über eine politische oder -soziale Angelegenheit, und wenn er sie nicht nur nebenbei -bemerken, sondern ein entscheidendes und richtendes -Wort über diese Frage sagen und noch obendrein mit -diesem Worte einen Einfluß ausüben will –, sich -plötzlich wie durch ein Wunder nicht nur in einen -fanatischen Realisten und Prosaiker verwandelt, sondern -sogar in einen Zyniker. Ja, und nicht nur das: gerade -auf diesen Zynismus, auf diese Prosaik ist er dann noch -ganz besonders stolz. Die Ideale läßt er dann ganz -beiseite: Ideale sind Unsinn, sind Poesie, sind Gedichte; -an ihre Stelle aber setzt er die „reale Wahrheit“. Doch -aus ebendieser Wahrheit wird dann immer gleich -Zynismus: im Zynismus sucht er sie, im Zynismus -allein scheint sie ihm enthalten zu sein. Je -gröber, je trockener, je herzloser – desto „realer“ ist -es seiner Meinung nach. Warum? Nun, weil unser -Idealist im gegebenen Falle sich seines Idealismus -schämt. Außerdem fürchtet er, man könnte ihm sagen: -„Ach, Sie Idealist, was verstehen Sie denn von solchen -Dingen! Predigen Sie doch das Schöne, wenn’s Ihnen -<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> -Spaß macht, uns aber überlassen Sie die Geschäfte.“ -Sogar Puschkin hatte diesen Zug: der große Dichter -schämte sich mehr als einmal, daß er „<em>nur</em> Dichter“ -war. Vielleicht gibt es diese Charaktereigenschaft auch -bei Dichtern anderer Völker, doch ist es kaum anzunehmen, -– wenigstens werden sie sie nicht in dem Maße -haben wie wir Russen. In Europa haben sich die -Menschen dank der uralten Gewöhnung aller und eines -jeden an die Arbeit in den vielen Jahrhunderten schon -klassifizieren können, je nach ihrer Beschäftigung und -Stellung, und fast ein jeder von ihnen kennt, versteht -und achtet sich – wie in seiner Tätigkeit so auch in -seiner Bedeutung. Bei uns aber ist es nach zweihundertjähriger -Entwöhnung von jeglicher Arbeit etwas -anderes. Die heimliche, tiefinnerliche Nichtachtung -seiner selbst finden wir sogar bei so großen Menschen -wie Puschkin und Granowski. Da letzterer, dieser unschuldige, -aufrichtige Mensch, es plötzlich für durchaus -nötig fand, sich aus einem Professor der Geschichte in -einen Diplomaten zu verwandeln, verstieg er sich in -seinen Urteilen sofort bis zu den sonderbarsten Behauptungen -– z. B., daß wir von Österreich für die -Hilfe, die wir ihm während seines Kampfes mit den -Ungarn gebracht, überhaupt keine Dankbarkeit erwarten -dürften, und das nicht etwa, weil Österreich undankbar -und falsch wäre – keineswegs! Nein, er sieht in der -Haltung Österreichs nichts Schlechtes und behauptet -sogar, daß es so, wie es gehandelt hat, habe handeln -<em>müssen</em>, und daß unsere Hoffnung auf seine Dankbarkeit -ein unverzeihlicher und lächerlicher Fehler -unserer Politik gewesen sei. Ein Privatmann, sagt er, -<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> -ist einer für sich, ein Staat aber – ist etwas anderes; -ein Staat muß seine höheren Ziele, seine eigenen Vorteile -im Auge behalten; und daher wäre Dankbarkeit -verlangen, und zwar eine, die sogar bis zur Zurücksetzung -der eigenen Interessen ginge, – einfach lächerlich. -„Bei uns ist die Undankbarkeit und Falschheit -Österreichs schon zu einem Gemeinplatz geworden,“ -sagt Granowski, „doch ist in politischen Dingen von -Dankbarkeit oder Undankbarkeit reden – nur ein -Beweis der eigenen Naivität in der Politik. Der -Staat ist keine Privatperson; er kann nicht aus Dankbarkeit -seine Interessen opfern, um so weniger, als in -politischen Dingen selbst die Großmut <em>niemals uneigennützig -zu sein pflegt</em>.“ Dem Sinne -nach heißt das etwa, daß sie es auch nicht sein soll. Mit -einem Wort, der ehrenwerte Idealist behauptet sehr viel -Vernünftiges und, was die Hauptsache ist, nur <em>Reales</em>: -nicht immer also schreiben wir Gedichte! ... -Seine Anschauung ist sehr klug, gewiß, sehr klug, – um -so mehr, als sie nichts Neues ist, sondern etwas, das so -lange schon existiert, wie es Diplomaten gibt. Doch -trotzdem: die Haltung Österreichs mit solch einem Feuer -zu verteidigen, ja, nicht nur zu verteidigen, sondern -sogar zu behaupten, daß es so hat handeln <em>müssen</em> ... -Nun, man kann ja niemandem das Wort verbieten; doch -es ist dabei etwas, was man nicht zugeben kann, und -das einem verbietet, ihm recht zu geben, trotz der außergewöhnlichen -praktischen Klugheit, die unser Historiker, -Dichter und Priester des Schönen so unerwartet kundtut. -Mit dieser Anerkennung der Heiligkeit des jeweiligen -Vorteils, des unmittelbaren und sofortigen -<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> -Gewinnes, mit dieser Anerkennung, daß es recht und -billig sei, auf Ehre und Gewissen zu spucken, wenn man -einen Bissen an sich reißen will – allerdings: damit -kann man es sehr weit bringen! Damit kann man -ja auch die Politik Metternichs durch „höhere <em>reale</em> -Ziele des Staates“ rechtfertigen! Aber machen denn -nur die praktischen Vorteile, der sofortige Gewinn den -wirklichen Vorteil der Nation und ihre „höhere“ Politik -aus, im Gegensatz zum „Schillertum“ der Gefühle und -Ideale? Das ist doch noch die Frage! Ist nicht im -Gegenteil gerade die Politik der Ehre, Großmut und -Gerechtigkeit, wenn auch scheinbar zum Nachteil der -eigenen Interessen, – in Wahrheit aber nie zum Nachteil -– die vorteilhaftere Politik für eine <em>große</em> -Nation? Sollte unser Historiker wirklich nicht gewußt -haben, daß es nur diese großen und ehrlichen Ideen -sind – nicht aber die kleinlichen der zeitweiligen Vorteile -–, die zum Schluß in den Völkern und Nationen -triumphieren, trotz der ganzen, wie es scheint, lächerlichen -„Unvernünftigkeit“ dieser Ideen und ihres ganzen -Idealismus, der in den Augen der Diplomaten und -Metterniche so erniedrigend ist? Und daß diese Politik -der Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit für eine große -Nation nicht nur die „höhere“, sondern vielleicht auch -die „vorteilhaftere“ ist, eben weil sie großzügig ist? Die -Politik, die sich nach dem zeitweilig Praktischeren -richtet, das ununterbrochene Hin und Her der Jagd -nach dem nächsten Vorteil, führt die Nation ins Kleinliche -und schließlich zur inneren Kraftlosigkeit des -Staates. Der diplomatische Geist, der Geist des „Praktischen“ -und Nächsten, des Tagesvorteils, hat sich stets -<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> -als geringer denn Wahrheit, Ehre und Anstand erwiesen, -und Wahrheit, Ehre und Anstand haben zum -Schluß immer gesiegt; oder wenn sie noch nicht immer -gesiegt <em>haben</em>, so <em>werden</em> sie siegen, denn also -wollen es die Menschen. Als der Negerhandel aufgehoben -wurde, gab es da nicht hunderttausend schwerwiegende -Einwände, wie z. B., daß diese Aufhebung -äußerst unpraktisch sei und sogar den Interessen aller -Völker schaden werde? Man verstieg sich sogar bis -zu der Behauptung, der Negerhandel sei moralisch -durchaus notwendig, und rechtfertigte diese Notwendigkeit -dann noch mit dem Rassenunterschied und schließlich -mit der Folgerung, daß der Neger eigentlich überhaupt -kein Mensch sei ... Als die nordamerikanischen -Kolonien sich zum Kampf gegen England erhoben, -schrie man da nicht im praktischen England, daß die -Befreiung der Kolonien von der Herrschaft Englands -der Untergang der englischen Interessen, eine Erschütterung, -ein Unglück sein werde? Und erhoben sich -nicht auch bei uns solche Stimmen, als unser leibeigener -Bauer befreit werden sollte? Sagten da nicht -alle praktischen Geister, daß der Staat einen schlechten, -unbekannten, gefährlichen Weg einschlage, zum Unglück -des ganzen Volkes, und daß nicht darin die höhere -Politik bestünde; daß der Staat vielmehr reale Interessen -verfolgen müsse, nicht aber Interessen, die bloß -auf modernen ökonomischen Erwägungen oder auf noch -nicht erprobten Theorien begründet sind, kurz, daß der -Staat die Führung niemals dem „Sentiment“ überlassen -dürfte!? Doch wozu so weit zurückgreifen! -Vor uns steht jetzt die Slawenfrage: – rät man uns -<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> -etwa nicht, sie auf immer auszuschalten!? Zwar behauptet -Granowski, daß wir uns durch die Balkanslawen -nur bereichern und im Westen befestigen wollen, -doch glaube ich, daß er sich auch hierin täuscht; denn -welch einen Vorteil könnte uns der Besitz der Balkanslawen -einbringen (selbst in der Zukunft), und wodurch -würden wir uns denn bereichern? Durch das Mittelländische -Meer etwa, oder gar durch Konstantinopel, -„das man uns nie und nimmer geben wird“? Das ist -doch nur ein schöner Vogel, der in den Wolken herumfliegt -und uns, wenn wir ihn fangen wollten, lediglich -Ärger und Mühe bereiten würde – auf tausend Jahre -womöglich. Wäre das nun ein praktischer Vorteil? -Die Slawen werden uns nur Sorgen und viel Mühe -bereiten; besonders jetzt, da sie noch nicht zu uns gehören. -Ihretwegen sieht Europa schon hundert Jahre -lang eifersüchtig auf uns Russen, und ihretwegen ist -es auch jetzt noch bereit, das Schwert zu ziehen und -seine Kanonen auf uns zu richten. Da ist es doch das -Beste, die Slawen einfach Slawen bleiben zu lassen, -um Europa endlich zu beruhigen. Würden wir aber -selbst dann das Gewünschte erreichen? Europa würde -uns doch bestimmt nicht mehr glauben, daß wir auf den -Besitz der Balkanslawen verzichten wollten; also würden -wir das Gegenteil erst zu beweisen haben: würden -uns selbst auf die Slawen stürzen, sie brüderlichst erwürgen -und die Türkei gegen sie unterstützen müssen. -„Ja, ja, liebe Brüder, der Staat ist keine Privatperson: -er kann doch nicht aus Großmut seine Interessen opfern! -Wußtet ihr das wirklich noch nicht?“ Und wieviel -praktische Vorteile – reale, nicht nur erträumte – -<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> -hätte dann Rußland mit einem Schlage! Die Orientfrage -würde sofort aufhören zu existieren, Europa -würde uns, wenn auch nur auf kurze Zeit, sein Vertrauen -schenken, unser Kriegsbudget würde entlastet -werden, unser Kredit und der Wert unseres Rubels -würden wieder steigen – was will man mehr! Und -überdies würde ja der Vogel immer noch über unserem -Haupte bleiben ... Aber die Frage muß doch einmal -beantwortet werden! Und da sollen wir nun Finten -machen und abwarten –: „Der Staat ist keine Privatperson, -er darf nicht aus Großmut seine Interessen -opfern, – doch mit der Zeit ... wenn es den Slawen -nun einmal beschieden ist, ohne uns nicht auszukommen, -so werden sie sich uns von selbst anschließen. Nun, und -dann werden wir uns wieder mit unserer Liebe und -Brüderlichkeit an sie heranschlängeln können.“ Übrigens -findet Granowski, daß unsere Politik das ganze letzte -Jahrhundert hindurch geradeso gehandelt habe (nämlich -die Slawen unterdrückt und sie den Türken ausgeliefert), -daß unsere Balkanpolitik immer eine Eroberungspolitik -gewesen sei und anders überhaupt nicht hätte sein -können, – also nach seiner Meinung so hätte sein -„<em>müssen</em>“. Rechtfertigt er doch bei anderen -Nationen dieselbe Politik, warum verteidigt er sie dann -nicht auch bei uns, wenn wir, wie er sagt, dieselbe -Politik treiben –? -</p> - -<p> -Wie ist es nur möglich, daß unsere Politik in der -Slawenfrage noch immer nicht allen klar geworden ist!? -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-2"> -<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> -Früher oder später muß Konstantinopel -doch uns gehören -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-6-2-1"> -<span class="firstline">Unser Verhältnis zum Orient<a class="fnote" href="#footnote-41" id="fnote-41">[41]</a></span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war im vorigen Jahr im Juni, daß ich schrieb, -früher oder später müsse Konstantinopel doch uns gehören.<a class="fnote" href="#footnote-42" id="fnote-42">[42]</a> -Es war damals eine heiße, eine herrliche -Zeit: der Geist und das Herz ganz Rußlands erhoben -sich und das Volk zog freiwillig aus, um Christus und -die Rechtgläubigen zu verteidigen, um für unsere dem -Glauben und dem Blute nach slawischen Brüder zu -kämpfen. Wenn ich auch diesen meinen Artikel -„Utopische Geschichtsauffassung“ betitelte, so glaubte ich -doch fest an meine Worte und hielt sie keineswegs für -utopisch. Die Gedanken, die ich in jenem Artikel aussprach, -stellte ich durchaus nicht als solche hin, die -sofort in Erfüllung gehen müssen, sondern als solche, -die sich einmal in der Zukunft, jedenfalls aber <em>bestimmt</em> -verwirklichen werden, dann nämlich, wenn die -historische Zeit dazu gekommen sein wird, – die Zeit, -deren Nähe oder Ferne man allerdings nicht voraussagen, -wohl aber vorausfühlen kann. -</p> - -<p> -Seit dem Erscheinen dieses Artikels sind neun -Monate vergangen. Wir erinnern uns noch alle dieser -begeisterten Zeit, die anfänglich so voll Hoffnungen -war, dann aber so aufregend wurde, und die bis jetzt -noch zu nichts geführt hat, so daß nur Gott allein -<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> -wissen mag – ich glaube, nur so kann man sich ausdrücken -–, womit sie enden wird: wird es zum Kriege -kommen, oder wird sich die Entscheidung wieder auf -lange hinausschieben? Doch was da auch kommen mag -– aus irgendeinem Grunde drängt es mich, gerade -jetzt noch einige ergänzende und erklärende Worte -meinen Gedanken, die ich im Juni über das Schicksal -Konstantinopels schrieb, hinzuzufügen. Was jetzt auch -kommen mag, sei es Friede, sei es wieder ein Nachgeben -von seiten Rußlands, früher oder später wird -Byzanz doch uns gehören! Das ist es, was ich nochmals -betonen will, doch dieses Mal noch von einem anderen, -einem neuen Standpunkte aus. -</p> - -<p> -Ja, Byzanz muß unser werden, und nicht nur als -berühmter Hafen, als „Pforte“, als „Mittelpunkt der -Welt“; nicht nur vom Standpunkt der längst anerkannten -Notwendigkeit für solch einen Riesen wie Rußland, -endlich aus seinem verschlossenen Zimmer, in -dem er schon bis zur Decke gewachsen ist, in die weite -Welt hinaustreten und die freie Luft der Meere und -des Ozeans atmen zu können. Ich will nur eines -hervorheben, etwas, das gleichfalls von großer Wichtigkeit -ist, und demzufolge Konstantinopel Rußland nicht -entgehen kann. -</p> - -<p> -Sollte es auch seltsam klingen, so ist es doch wahr, -daß die vierhundertjährige Bedrückung des Balkans -durch die Türken dem Christentum und der Rechtgläubigkeit -der Slawen einerseits sogar nützlich gewesen -ist, natürlich nur negativ, aber immerhin hat sie den -Glauben befestigt. Dasselbe hat ja schließlich auch das -zweihundertjährige Tatarenjoch bei uns in Rußland bewirkt. -<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> -Die bedrängten und gequälten christlichen Balkanvölker -sahen in Christus und im Glauben an ihn -ihren einzigen Trost, in der Kirche aber – den einzigen -und letzten Rest ihrer nationalen Persönlichkeit und -volklichen Sonderheit. Das war die letzte Hoffnung, -das letzte Brett, das ihnen vom zerschellten Schiff verblieb. -Die Kirche erhielt diese Völker immerhin als -Nationalität, und der Glaube an Christus verhinderte -sie, wenn auch nicht alle, so doch einen großen Teil, sich -mit den Besiegern zu vermischen, ihren Stamm und -ihre alte Geschichte zu vergessen. Die bedrückten Völker -fühlten und begriffen natürlich bald, was sie an ihrem -Glauben hatten, und so scharten sie sich denn noch enger -um das Kreuz. Andererseits wandte schon seit der -Eroberung Konstantinopels (1453) die ganze große -christliche Bevölkerung des Ostens unwillkürlich ihren -flehenden Blick auf das ferne Rußland, das damals -sich kaum erst vom Tatarenjoche befreit hatte, und erriet -geradezu in ihm das zukünftige allvereinende Zentrum -der Slawen, die Macht, die sie einst erlösen werde. -Und Rußland nahm, ohne zu zaudern, die Fahne des -Ostens und setzte den zweiköpfigen byzantinischen Adler -über sein altes Wappen.<a class="fnote" href="#footnote-43" id="fnote-43">[43]</a> Es nahm damit vor der -ganzen Rechtgläubigkeit die Pflicht auf sich, diesen -Glauben zu schützen und alle Völker, die ihm angehören, -vor dem Untergang zu bewahren. Zu gleicher Zeit -nahm auch das ganze russische Volk diese neue Bestimmung -Rußlands und die Aufgabe seines Zaren auf -sich. Seit der Zeit ist für das Volk der liebste und -<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> -höchste Name seines Rußlands und seines Zaren der, -den es damals aussprach: „rechtgläubiges Rußland“, -„rechtgläubiger Zar“. Als es seinen Zaren so benannte, -erkannte es mit dieser Benennung gleichzeitig auch dessen -Bestimmung an: der Hüter, der Vereiniger und, wenn -das Gebot Gottes ertönt, auch der Befreier der Rechtgläubigkeit -zu sein, – das ganze Christentum, das ihr -angehört, von dem muselmännischen Barbarentum und -der westlichen Ketzerei zu erretten. Vor zwei Jahrhunderten, -und besonders seit der Zeit Peters des -Großen, begannen dieser Glaube und diese Hoffnungen -der Völker des Ostens schon in Erfüllung zu gehen und -sich zu verwirklichen. Und jetzt hat das Schwert Rußlands -bereits mehrmals im Osten zu ihrer Verteidigung -gekämpft. So ist es nur selbstverständlich, daß die -Völker des Ostens in dem Zaren von Rußland nicht nur -den Befreiers, sondern auch <em>ihren</em> zukünftigen Zaren -sehen. In diesen zwei Jahrhunderten aber drang -europäische Bildung und europäischer Einfluß auch bis -zu ihnen vor. Die obere, gebildete Schicht des Volkes, -seine Intelligenz, wurde im Osten, wie ja auch bei uns, -mit der Zeit gleichgültiger in ihrem Verhalten zur -Idee der Orthodoxie. Und heute hat sie sogar schon -angefangen, zu verneinen, daß in dieser Idee die Erneuerung -und Auferstehung zu einem neuen großen -Leben für den Osten wie für Rußland enthalten sei. -In Rußland, zum Beispiel, hat ein großer Teil der gebildeten -oberen Schicht aufgehört, oder richtiger vielleicht, -gewissermaßen verlernt, in dieser Idee die Hauptbestimmung -Rußlands und dessen Lebenskraft zu sehen. -– Im Gegensatz dazu glaubt unsere Intelligenz jetzt, -<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> -all das in den modernen Anschauungen Europas finden -zu können. In der Kirche sehen ja schon viele auf -europäische Weise nur toten Formalismus und sinnlose -Zeremonie und seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts -sogar einfach nur Vorurteil und Heuchelei. -Den Geist, die Idee, die lebendige Kraft vergaß man. -Mit der Zeit aber kamen ökonomische Ideen westlichen -Charakters auf; es kamen neue politische Lehren, es -kam eine neue Moral, die sich bemühte, die frühere zu -verbessern und zu überflügeln. Endlich kam auch noch -die Wissenschaft, die natürlich nicht umhinkonnte, den -Glauben an die alten Ideen zu untergraben ... In -den Völkern des Ostens begannen außerdem noch, und -in vorwiegender Weise, nationalistische Ideen aufzukommen: -es überfiel sie plötzlich die Angst, sie könnten -womöglich, wenn sie vom türkischen Joch befreit sein -werden, unter das russische geraten. Doch in unserem -einfachen millionenköpfigen Volke und in seinem Zaren -erlosch niemals die Idee der Befreiung des Ostens und -der christlichen Kirche. Die Bewegung, die das russische -Volk im vorigen Sommer ergriff, hat bewiesen, daß -das Volk von seiner alten Hoffnung und seinem alten -Glauben nicht abgelassen hat. Und dabei setzte diese -Bewegung unsere ganze Intelligenz so in Erstaunen, -daß sie an diese „Bewegung“ einfach nicht glauben -wollte; sie verhielt sich skeptisch zu ihr und bemühte sich, -spöttisch allen zu versichern, diese „Bewegung“ sei von -unzuverlässigen Leuten, die von sich reden machen -wollten, einfach ausgedacht und vorgetäuscht worden. -In der Tat, wer könnte denn in unserer Zeit, von -unserer Intelligenz, außer vielleicht einem kleinen, von -<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> -der allgemeinen Menge abgesonderten Teil derselben, zugeben, -daß unser Volk wirklich fähig ist, seine politische, -soziale und sittliche Bestimmung <em>bewußt</em> zu verstehen? -Wer von ihnen würde es zugeben, daß diese -rohe, unaufgeklärte Masse, die vor kurzem noch leibeigen -war und jetzt vom Branntwein trunken ist, wissen und -überzeugt sein könnte, daß ihre Bestimmung ist: -Christus zu dienen? – und die ihres Zaren: den christlichen -Glauben zu bewahren und die Völker der Rechtgläubigkeit -zu befreien? „Mag diese Masse sich auch -von jeher ‚christlich‘ genannt haben, so hat sie doch -weder von der Religion, noch selbst von Christus einen -Begriff, – sie kennt ja nicht einmal die einfachsten -Gebete!“ sagt man gewöhnlich von unserem Volke. Und -wer sind es denn, die so sprechen? Ist es vielleicht -– der deutsche Pastor, der bei uns die Stundisten bearbeitet, -oder der angereiste Europäer, der Korrespondent -einer politischen Zeitung, oder irgendein gebildeter -„höherer“ Jude (einer von denen, die an Gott nicht -mehr glauben) oder gar einer von den im Auslande -angesiedelten Russen, die sich Rußland und unser -Volk nur in Gestalt eines betrunkenen Weibes mit der -Flasche in der Hand vorstellen? Nein, – so denkt der -größte Teil unserer russischen, unserer besten Gesellschaft; -und er läßt es sich nicht einmal träumen, daß -in unserem Volk, wenn es auch keine Gebete hersagen -kann, sich doch das Wesen des Christentums beispiellos -erhalten hat, daß der Geist Christi und seine Wahrheit -es so durchdrungen haben, wie vielleicht kein einziges -Volk dieser Erde. Übrigens, der Atheist oder der in -Glaubensdingen gleichgültige russische Europäer kann -<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> -den Glauben ja gar nicht anders auffassen wie als -Formalität und Heuchelei. Im Volke aber sehen diese -Leute nichts, was daran erinnern könnte, und darum -folgern sie, daß das Volk unter seinem Glauben nichts -verstehe, daß es vorschriftsmäßig eine bemalte Tafel -anbete, im Grunde aber gleichgültig bleibe, da sein -Geist bereits von der kirchlichen Formalität ertötet sei. -Den christlichen Geist haben sie in ihm überhaupt nicht -bemerkt, vielleicht weil sie selbst diesen Geist schon längst -verloren haben. Dieses lasterhafte Volk, dieses -dunkle, das heißt, unwissende Volk, liebt aber den -Demütigen, den, der „schlichten Geistes“ ist: in allen -seinen Legenden und Sagen hängt es an dem Glauben, -daß der Schwache und ungerecht Erniedrigte und der -um Christi willen Duldende über den Vornehmen und -Mächtigen erhöht werden wird, wenn einst das Jüngste -Gericht anbricht. Auch liebt unser Volk von dem großen -Leben seines tapferen und keuschen Ilja von Murom<a class="fnote" href="#footnote-44" id="fnote-44">[44]</a> -zu erzählen, von dem Kämpfer für die Wahrheit, dem -Befreier der Armen und Schwachen, von seinem sich -nie überhebenden Lieblingsrecken, dem großen, treuen, -mit dem reinen Herzen. Und wenn es so einen Helden -schon hat, ihn achtet und so liebt, wie es <em>ihn</em> liebt – -wie soll da unser Volk nicht an den Sieg seiner jetzt -erniedrigten Brüder glauben? Unser Volk ehrt das Andenken -seiner großen, demütigen Einsiedler und Helden -und erzählt Kindern mit Vorliebe die Geschichten der -christlichen Märtyrer. Diese Legenden kennt es gut; ich -selbst habe sie zum erstenmal vom Volk gehört, und sie -<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> -wurden so andächtig erzählt, daß sie für mein ganzes -Leben in meinem Herzen bleiben werden. Zudem -scheiden sich täglich aus dem Volk große Büßer aus, die -da hingehen und ihr Hab und Gut verteilen, für den -großen Sieg der Wahrheit, der Arbeit und Armut ... -Doch übrigens, vom russischen Volke will ich später -sprechen, – einmal muß es doch erreichen, daß man -es versteht. Einmal wird man begreifen, daß auch das -Volk etwas bedeutet. Man wird endlich auch jenen -wichtigen Umstand beachten, daß man noch niemals in -großen oder sogar nur einigermaßen wichtigeren Augenblicken -der russischen Geschichte <em>ohne</em> dasselbe ausgekommen -ist: daß Rußland <em>volklich</em> ist, das Rußland -nicht Österreich ist! Man wird sich erinnern, daß -in jedem bedeutenden Moment unseres geschichtlichen -Lebens die jeweilig vorliegende Frage immer vom -Volksgeist und von der Volksansicht beantwortet -worden ist, von den Zaren des <em>Volkes</em>, die stets in -einer höheren Verbindung mit ihm gestanden haben. -Diese ungemein wichtige historische Tatsache wird von -unserer Intelligenz gewöhnlich vollkommen übersehen, -und nur dann erinnert man sich plötzlich des Volkes, -wenn wieder einmal eine große neue historische Entscheidung -herannaht ... Doch ich bin von meinem -Thema abgekommen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-2-2"> -<span class="firstline">Gedanken unserer Zeit</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Die griechisch-katholische Kirche des Balkans, ihre -Vertreter und der ökumenische Patriarch haben in diesen -vier Jahrhunderten der Unterjochung ihrer Kirche mit -<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> -Rußland und untereinander in Frieden gelebt – -wenigstens in Glaubensfragen. Es hat weder große -Unruhen, noch Ketzereien, noch Abtrünnigkeiten gegeben. -Doch siehe, in unserem Jahrhundert, und besonders -in den letzten zwanzig Jahren nach dem großen -Kriege in Osteuropa,<a class="fnote" href="#footnote-45" id="fnote-45">[45]</a> fing es an von der Türkei gleichsam -wie Modergeruch einer verwesenden Leiche herzuwehen: -die Vorahnung des Todes, der Zersetzung des -„kranken Mannes“, und die Ahnung vom Untergang -der Herrschaft desselben wurde zum vorwiegenden, fast -körperhaften Gefühl. Oh, natürlich: endgültig befreien -kann die Balkanslawen trotzdem ja nur Rußland allein, -dieses selbe Rußland, das auch jetzt wieder, in den -allgemeinen Auseinandersetzungen mit Europa über den -Osten, ganz allein für sie einsteht, während alle anderen -Völker und Reiche der gebildeten europäischen Welt -selbstverständlich froh wären, wenn es alle diese bedrückten -Völkerschaften des Ostens überhaupt nicht -geben würde. Ruft nun auch die ganze Intelligenz -der Balkanslawen Rußland zu Hilfe, so fürchtet sie uns -leider vielleicht doch ebensosehr wie die Türken: -„Wenn uns Rußland auch von den Türken befreit, so -wird es uns doch verschlingen und unsere Nationalitäten -nimmer sich entwickeln lassen“ – das ist ihr -Schreckgespenst, das alle ihre Hoffnungen vergiftet! -Und überdies bricht zwischen ihnen selbst mehr und mehr -die nationale Gegnerschaft durch. Der griechisch-bulgarische -„Kirchenstreit“, den wir unlängst erlebt haben, -<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> -war ja schließlich nichts anderes als ein nationaler -Streit in dieser Verkleidung und kann gewissermaßen -als ein Omen für die Zukunft angesehen werden. Als -der ökumenische Patriarch den Ungehorsam der Bulgaren -tadelte und sie, wie den eigenmächtig von ihnen -erwählten Exarchen, aus der Kirchengemeinschaft ausschloß, -hob er besonders hervor, daß man in Sachen des -Glaubens weder das Ritual, noch den der Kirche schuldigen -Gehorsam dem „neuen und verderblichen Prinzip -der Nationalität“ opfern dürfe. Währenddessen aber -hat er doch selbst, als er, der Grieche, diesen Bann -gegen die Bulgaren schleuderte, zweifellos diesem -selben Prinzip der Nationalität gedient, nur zugunsten -der Griechen <em>gegen</em> die Slawen. Mit einem Wort, -es läßt sich sogar mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraussagen, -daß, sobald der „kranke Mann“ stirbt, am -Balkan sofort überall Unruhen und Streitigkeiten bei -der ersten besten Gelegenheit ausbrechen werden, und -zwar werden es vornehmlich gerade Kirchenunruhen -sein, die zweifellos auch Rußland schaden können. Ja, -selbst in dem Falle würden sie schaden, wenn Rußland -sich von allen Balkanfragen ganz zurückzöge oder gar -zwangsweise von der Teilnahme bei der Entscheidung -der Orientfrage ausgeschlossen werden sollte. Das ist -es: diese Unruhen werden auf Rußland noch nachteiliger -wirken, wenn es sich von einem tätigen und -führenden Anteil an der Schicksalsentscheidung des -Balkans ganz zurückzieht. Und da wird nun plötzlich -geschrieben – nicht nur in Europa, sondern auch bei -uns von vielen erstrangigen Politikern –, daß das -Türkische Reich eben untergehen und Konstantinopel -<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> -nur eine „internationale“ Stadt werden müsse, also -irgendein Mittelding, etwas Allgemeines, Freies, auf -daß es um seinetwillen nur ja keine Streitigkeiten gäbe. -Etwas Unsinnigeres hätte man sich wahrlich nicht ausdenken -können. -</p> - -<p> -Erstens schon aus dem einfachen Grunde nicht, weil -man einen so prachtvollen Punkt der Erde doch nicht -als internationale Stadt, also als keinem einzigen gehörig, -sich selbst überlassen würde. Bestimmt würden -sofort die Engländer mit ihrer Flotte erscheinen, in -der Eigenschaft als Freunde natürlich, um diese selbe -„Internationalität“ zu beschützen und zu bewahren, in -Wirklichkeit aber, um Konstantinopel sich anzueignen. -Die Engländer aber von einer Stelle zu verdrängen, -wo sie sich bereits niedergelassen haben, ist nichts -weniger als leicht – sie sind nun einmal ein schnell -Fuß fassendes und zäh stehendes Volk! Und überdies -werden ja die Griechen, Slawen, Muselmänner Konstantinopels -sie selbst rufen, werden sich mit beiden Händen -an sie klammern, sich an ihre Rockschöße hängen und -sie nicht fortlassen. Und der Grund dieser Anhängigkeit? -– Immer dieses selbe Rußland! „Sie werden -uns vor Rußland bewahren, vor unserem Befreier!“ -Ja, wenn sie nicht wüßten, was die Engländer für -sie sind, und überhaupt ganz Europa! Aber sie wissen -ja auch jetzt schon besser als alle anderen, daß ihr -Glück, d. h. das Glück der ganzen christlichen Rajah, -die Engländer (wie auch in ganz Europa niemanden -außer Rußland) überhaupt nichts angeht. Diese ganze -Rajah weiß es vorzüglich, daß die Engländer, wenn -es nur möglich wäre, die bulgarische Metzelei des vorigen -<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> -Sommers irgendwie unauffällig und im geheimen -zu wiederholen (was, wie es scheint, sehr leicht möglich -wäre), die ersten sein würden, die die zehnmalige Wiederholung -dieser Metzeleien wünschten. Und das nicht etwa -aus Blutdurst – oh bewahre! In Europa sind doch die -Völker human und aufgeklärt! Sondern einfach, weil -solche Metzeleien, zehnmal wiederholt, die Rajah endgültig -ausrotten würden und dann niemand mehr am -Balkan gegen die Türken Aufstände machen könnte – -das aber ist doch die Hauptsache. Es würden nur noch -die lieben Türken übrigbleiben, und die türkischen -Papiere würden dann mit einem Schlage auf allen -europäischen Börsen schwindelnd hoch steigen. Rußland -aber müßte alsdann mit seinem „Ehrgeiz und -seinen Eroberungsplänen“ einpacken, da es am Balkan -niemanden mehr zu verteidigen hätte. Die Rajah weiß, -wie gesagt, nur zu gut, daß sie jetzt von Europa keine -anderen Gefühle erwarten darf. -</p> - -<p> -Ganz anders aber wäre die Sache sofort, wenn -der „kranke Mann“ auf irgendeine Weise, sei es durch -sich selbst, oder sei es durch Rußlands Schwert, endlich -umgebracht werden würde. Dann würde sogleich ganz -Europa in zärtlichster Liebe zu den befreiten Völkern -entbrennen und sofort zu ihnen eilen, um sie „vor Rußland -zu retten“. Anzunehmen ist, daß Europa selbst -die Idee von der „Internationalität“ in deren neue -Staatsordnung bringen werde: es wird zunächst voraussehen, -daß über dem Leichnam des „Kranken“ -zwischen den befreiten Völkern alsbald Streit und -Hader und Eifersucht aufkommen müssen, – das aber -ist es ja, was Europa will. Somit wäre der Vorwand -<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> -gefunden, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen, und -vor allen Dingen der Vorwand, sie aufzuhetzen gegen -dieses Rußland, das ihnen bestimmt nicht wird erlauben -wollen, um das Erbe des „Kranken“ zu streiten. Und -dann wird es keine Verleumdung mehr geben, die gegen -uns zu verbreiten Europa sich scheuen wird. „Nur der -Russen wegen haben wir euch nicht gegen die Türken -helfen können,“ werden ihnen sofort die Engländer zuflüstern. -Die Völker des Ostens wissen auch jetzt schon -ganz genau, daß „England sich niemals an ihrer Befreiung -beteiligen und dazu auch anderen nie seine Zustimmung -geben wird; denn es haßt diese Christen -wegen ihrer geistigen Verbindung mit Rußland. England -will, und hat es auch nötig, daß die orientalischen -Christen uns ebenso großen Haß, wie England selbst, -entgegenbringen ...“ schreiben die „Moskauer Nachrichten“. -Das also ist es, was diese Völker vorläufig -wissen und was sie schon jetzt auf Rußlands zukünftige -Rechnung gesetzt haben. Wir aber glauben immer noch, -daß sie uns vergöttern! -</p> - -<p> -In der „internationalen“ Stadt werden aber trotz -aller beschützenden Engländer doch die Griechen die -Herren sein – so wie sie dort von jeher die Herren -gewesen sind. Nun bitte ich, nicht zu vergessen, daß die -Griechen mit noch größerer Verachtung auf die Slawen -blicken als die Deutschen. Da aber die Griechen die -Slawen auch noch werden fürchten müssen, so wird -sich die Verachtung in Haß verwandeln. Untereinander -Schlachten schlagen, sich gegenseitig den Krieg -erklären, werden sie natürlich nicht können; denn die -Beschützer würden es so weit jedenfalls nicht kommen -<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> -lassen, wenigstens nicht zu einem Krieg im ernsten -Sinne. Nun und dann werden eben infolge der Unmöglichkeit -eines offenen und ehrlichen Kampfes alle -möglichen kleinen Streitigkeiten zwischen ihnen ausbrechen, -Unruhen, die natürlich zuerst den Charakter -von Kirchenwirren annehmen – damit fängt es ja -in solchen Fällen gewöhnlich an, weil dieser doch der bequemste -Vorwand ist. Das war es, worauf ich hinweisen -wollte! -</p> - -<p> -Ich kann ja darüber nur reden, weil das Programm -doch schon aufgestellt wurde: die Bulgaren, hieß es, -sollten Konstantinopel bekommen. Dazu aber sind wieder -die Griechen zu stark, und das wissen sie selbst ganz -vorzüglich. Dabei kann es in Zukunft nichts Furchtbareres -für den ganzen Balkan und für Rußland geben -als die Wiederholung eines solchen Kirchenstreites, -– die leider so leicht möglich ist, wenn Rußland nur -auf einen Augenblick mit seiner Protektion und der -strengen Aufsicht über die Balkanslawen beiseite geschoben -werden sollte. Wenn das nun auch alles noch -in der Zukunft liegt und meine Ansichten nur Vermutungen -sind, so wäre es doch unverzeihlich, diese -Konflikte aus dem Auge zu lassen, und wär’s auch nur -als Möglichkeiten. Oder sollen auch wir wünschen, daß -die Herrschaft der Türken noch lange dauere? Sollten -auch wir so weit gehen? Sollte es wirklich nicht klar -sein, daß dann am Balkan die ganze Kircheneinigung -höchstwahrscheinlich ins Wanken geraten wird und die -Folgen dieser Erschütterung sich vielleicht noch weiter -in den Osten erstrecken werden? Ja, man könnte sogar -folgendes sagen: ob es nun diese Streitigkeiten geben -<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> -wird oder nicht, – jedenfalls ist es wahrscheinlich, daß -ein großes Konzil zur Ordnung der Angelegenheiten -der neu erstehenden Kirche nicht zu umgehen sein wird. -Warum das nicht beizeiten erwägen? In diesen vier -Jahrhunderten der Verfolgung und Unterdrückung sind -die Vertreter der östlichen Kirche immer den Ratschlägen -Rußlands gefolgt; doch werden sie morgen von den -Türken befreit und bietet ihnen noch außerdem Europa -seinen Schutz an, so werden sie sich zu Rußland sofort -anders verhalten. Die Vertreter der griechisch-katholischen -Kirche, vorwiegend Griechen, würden, sobald -Rußland sich ein wenig auf die Seite der Slawen neigen -wollte, ihm vielleicht unverzüglich zu verstehen geben, -daß sie weiterhin seiner Ratschläge nicht mehr bedürfen. -Gerade deswegen würden sie sich damit beeilen, weil sie -alle vier Jahrhunderte hindurch zu diesem Rußland nur -mit andächtig gefalteten Händen emporgesehen haben. -Und wie wird dann Rußlands Lage sein? Diese selben -Bulgaren werden dann natürlich losschreien, daß in -Konstantinopel sich ein neuer Papst auf den Thron -gesetzt habe, und – wer weiß – vielleicht werden sie -damit nicht einmal eine Unwahrheit sagen. Das -internationale Konstantinopel kann tatsächlich einmal, -wenn auch nur zeitweilig, einem neuen Papste zum -Piedestal dienen. Dann wird für Rußland „die -Griechen verteidigen“ gleichbedeutend sein mit „die -Slawen verlieren“, und wiederum „für die Slawen -eintreten“ vielleicht gleichbedeutend mit „auch sich die -unangenehmsten und ernstesten Kirchensorgen zuziehen“. -Augenscheinlich kann all dieses nur durch die Standhaftigkeit -Rußlands in der Orientfrage, d. h. durch -<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> -die energische Durchführung jener Politik, die uns -unsere ganze Geschichte zur Pflicht gemacht hat, vermieden -werden. In dieser Angelegenheit dürfen wir -Europa keine einzige Konzession machen, denn hier -handelt es sich für uns um Leben oder Tod. Konstantinopel -muß unser werden, ob früher oder später -bleibt sich gleich, und wenn auch nur zur Vermeidung -schwerer Kirchenunruhen, die so leicht zwischen den -jungen Völkern des Ostens ausbrechen können, da -ihnen doch schon einmal im Streite der Bulgaren mit -dem ökumenischen Patriarchen ein Beispiel geboten -worden ist. Erobern wir aber Konstantinopel, so kann -von alledem nichts eintreten. Die Völker des Westens, -die so eifersüchtig jeden Schritt Rußlands beobachten, -wissen und ahnen im gegenwärtigen Augenblick nicht -einmal alle diese noch phantastischen und doch so leicht -möglichen zukünftigen Konflikte. Würden sie dieselben -aber jetzt erfahren, so wären sie doch unfähig, sie zu -verstehen, oder sie würden ihnen keine besondere -Wichtigkeit zuschreiben – das werden sie erst später -tun, dann, wenn es zu spät sein wird. Das russische -Volk, das die Orientfrage ausschließlich als Befreiung -der ganzen orthodoxen Christenheit versteht, und von -der großen Zukunft Rußlands die Vereinigung der -ganzen Kirche erhofft, würde durch neue Unruhen und -neue Uneinigkeiten rein kirchlichen Charakters zu sehr -erschüttert werden, und fraglos würden diese in seinem -ganzen Leben einen tiefen Widerhall finden. Das ist -der einzige Grund, warum wir für keinen Preis und in -keiner Weise unsere in die Jahrhunderte zurückreichende -Anteilnahme an dieser großen Frage weder ganz aufgeben -<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> -noch auch nur verringern können. Nicht nur -der prachtvolle Hafen, nicht nur die Pforte zu den -Meeren und Ozeanen verbinden Rußland so eng mit -dieser verhängnisvollen Orientfrage, und nicht einmal -die Vereinigung und Auferstehung der Balkanslawen -tun dies ... Unsere Aufgabe ist tiefer, unendlich -tiefer. Wir, Rußland, sind in der Tat unumgänglich -notwendig für die ganze orientalische Christenheit wie -auch für die Vereinigung der ganzen zukünftigen rechtgläubigen -Menschheit. So haben es immer das Volk -und seine Herrscher verstanden ... Mit einem Wort, -diese furchtbare Orientfrage – das ist in Zukunft beinahe -unser ganzes Schicksal. In ihr liegen geradezu -alle unsere Aufgaben und, vor allem, unsere einzige -Möglichkeit, in die große Geschichte der Menschheit einzutreten. -In ihr liegt auch unser endgültiger Zusammenstoß -und unsere endgültige Vereinigung mit -Europa, und zwar auf neuer, mächtiger, fruchtbarerer -Grundlage. Wie sollte Europa diese ganze uns vom -Schicksal bestimmte Lebensbedeutung, die für uns in -der Entscheidung dieser Frage liegt, jetzt schon begreifen?! -</p> - -<p> -Nein: gleichviel, womit die gegenwärtigen, vielleicht -notwendigen diplomatischen Unterhandlungen -und Verträge mit Europa enden, früher oder später -<em>muß Konstantinopel doch uns gehören</em>, -und sei es auch erst im nächsten Jahrhundert! Das -müssen wir Russen immer im Auge behalten, ein jeder -von uns unverwandt und fest. Nur dies war es, was -ich allen Russen sagen und ans Herz legen wollte, besonders -in unserer jetzigen europäischen Zeit. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-3"> -<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> -Der Krieg -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-6-3-1"> -<span class="firstline">Wir sind die Stärksten</span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>K</span><span class="postfirstchar">rieg!!</span> der Krieg ist erklärt!“ rief man bei uns -vor zwei Wochen.<a class="fnote" href="#footnote-46" id="fnote-46">[46]</a> „Wird es auch zum Kriege -kommen?“ fragten sofort die Zweifler. „Er ist schon -erklärt, ist erklärt!!“ antwortete man ihnen. „Wissen -wir, – aber wird es überhaupt zum Kriege kommen?“ -fuhren jene fort zu fragen. -</p> - -<p> -Solche Fragen gab es damals und gibt es vielleicht -noch jetzt. Und nicht nur wegen der langen diplomatischen -Unterhandlungen glaubt man nicht an den -Krieg; nein, hier ist noch etwas anderes mit im Spiel, -das Grund zum Zweifeln gibt: hier ist es einfach – -der Instinkt. Alle fühlen, daß etwas Entscheidendes -beginnt, daß das Ende von etwas Früherem, jahrhundertelang -Gewesenem herannaht, und daß ein Schritt -zu etwas ganz Neuem getan wird, zu etwas, was das -Frühere zersprengt und zu neuem Leben auferweckt, -und ... daß dieser Schritt von uns getan wird, von – -Rußland! Das ist es ja, was die „klugen“ Leute nicht -glauben können. Instinktives Vorgefühl ist vorhanden, -doch der Zweifel währt noch immer: „Rußland! Wie -kann es denn, wie wagt es überhaupt? Ist es denn -dazu vorbereitet? – innerlich, moralisch, nicht nur -materiell? Dort ist Europa, das ist leicht gesagt – -Europa! Aber Rußland, was ist denn Rußland? Und -nun solch ein Schritt!?“ -</p> - -<p> -Das Volk aber glaubt, daß es reif ist zu diesem -<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> -neuen und großen Schritt. Es ist das Volk, das sich -mit seinem Zaren an der Spitze zum Kriege erhoben -hat. Als das Zarenwort sich über die russische Erde -verbreitete, da zog das Volk in die Kirchen, um zu -Gott zu beten; als die Bauern auf dem Lande das -Manifest ihres Zaren lasen, bekreuzten sie sich und -<em>beglückwünschten</em> einander zu diesem Kriege. -Das haben wir selbst hier in Petersburg gesehen und -gehört. Und wieder geschieht dasselbe, was im vorigen -Jahr geschah. Die Dorfbauern geben je nach ihrem -Vermögen Geld oder den durchmarschierenden Truppen -Lebensmittel, Pferde und Wagen und plötzlich sagt -dieses Volk: „Was sind Spenden, was Vieh und Pferde, -wir gehen selbst kämpfen!“ Hier in Petersburg werden -von einzelnen mehrere tausend Rubel für die Verwundeten -gegeben – ihre Namen kennt man nicht, -denn sie wollen ungenannt bleiben. Solche Tatsachen -erleben wir jetzt in Unmengen und keinen nehmen -sie wunder. Sie bedeuten nur, daß das ganze Volk -sich für die Wahrheit erhoben hat, zum Kriege für die -heilige Sache. Was unsere „Klugen“ anbetrifft, so -werden sie natürlich auch diese Tatsachen leugnen – -ganz wie sie im vorigen Sommer die Beweise der -Sympathie unseres Volkes für die Balkanslawen -leugneten. Auch jetzt lachen sie über das Volk, doch -sind ihre Stimmen schon merklich leiser geworden. -Warum aber lachen sie nur, woher haben sie soviel -Selbstvertrauen? Nun, weil sie sich immer noch für -eine Macht halten, immer noch für dieselbe Macht, -ohne die man nichts vollbringen kann. Indessen ist das -Ende dieser ihrer Macht nicht mehr fern und immer -<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> -schneller nähern sie sich ihrem furchtbaren Untergang. -Wenn aber der Boden unter ihnen anfangen wird -zu weichen, dann werden sie sich beeilen, in einer -anderen Sprache zu reden, doch dann wird es zu spät -sein: alle werden begreifen, daß sie fremde Worte aufs -Geratewohl zusammenstellen, und werden sich von ihnen -abwenden und ihre Zuversicht dorthin tragen, wo der -Zar und mit ihm sein Volk ist. -</p> - -<p> -Wir haben diesen Krieg auch für uns selbst nötig: -nicht nur für unsere von den Türken gequälten -„slawischen Brüder“ erheben wir uns, sondern auch -zur eigenen Rettung. Der Krieg wird die Luft, die -wir atmen, erfrischen, die Luft, in der wir in der Ohnmacht -unserer Verwesung und geistigen Beengtheit zu -ersticken drohten. Die „Klugen“ und „Allweisen“ -prophezeien zwar, daß wir an unseren eigenen inneren -Unordnungen ersticken und verderben würden und darum -an Stelle des Krieges lieber einen langen Frieden -wünschen sollten, damit wir uns aus Tieren und -Dummköpfen in Menschen verwandeln, zunächst Ordnung, -Ehrlichkeit und Ehre lernen können: „<em>Dann</em> -erst geht und helft euren slawischen Brüdern,“ schließen -sie übereinstimmend ihre Episteln. Es wäre wirklich -interessant zu erfahren, wie sie sich diesen Entwicklungsprozeß, -durch den sie es besser machen würden, eigentlich -denken? Und auf welche Weise sie sich durch -evidente Unehre Ehre erwerben wollten? Interessant -wäre ferner, wie und wodurch sie ihre Feindschaft -gegen das allgemeine, allenthalben durchbrechende -Gefühl ihres Volkes rechtfertigen wollen. Nein, wie -man sieht, läßt sich die Wahrheit nur durch Märtyrertum -<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> -erkaufen. Millionen von Menschen bewegen sich -und leiden und verschwinden dann spurlos, als ob es -ihnen bestimmt gewesen wäre, niemals die Wahrheit -zu erkennen. Sie leben mit fremden Gedanken, sie -suchen das fertige Wort und Beispiel, klammern sich -an die von anderen ihnen suggerierte Tat. Sie prahlen, -daß die Autoritäten, daß Europa ihnen recht gebe. -Alle anderen, die mit ihnen nicht übereinstimmen, die -die Gedankenknechtschaft verachten und an ihre eigene -und ihres Volkes Selbständigkeit glauben, pfeifen sie -aus. Aber in der Wirklichkeit sind diese Schwärme -schreiender Menschen doch nur dazu bestimmt, ein passives -Mittel zu sein, auf daß nur wenige Einzelne -von ihnen sich der Wahrheit nähern oder von dieser -wenigstens so etwas wie ein Vorgefühl bekommen. -Diese Einzelnen aber sind es, die dann alle nach sich -ziehen, die Führung ergreifen, die Idee gebären und -sie als Vermächtnis den sich quälenden Menschenmassen -hinterlassen. Solche Einzelne haben wir schon bei uns -gehabt. Manche von uns verstehen sie schon, oder sogar -viele. Doch die „Klugen“ fahren noch fort, zu -lachen und immer noch von sich zu glauben, sie seien -eine große Macht! „Die gehen ein wenig spazieren, -werden bald zurückkehren,“ sagen sie jetzt von unseren -Truppen, die schon die Grenze überschritten haben, -sagen es sogar laut. „Wo soll’s denn Krieg geben? -Wie könnten wir denn Krieg führen? Es ist einfach -ein militärischer Spaziergang und einige Manöver mit -Verschwendung Hunderter von Millionen – zur Aufrechterhaltung -der Ehre.“ Das ist ihre intime Auffassung -der Sache, oder richtiger, ihre nicht intime. -</p> - -<p> -<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> -Sollte es nun geschehen, daß wir besiegt werden, -oder unter dem Druck der Verhältnisse für Lappalien -Frieden schließen, – oh, dann würden die „Klugen“ -natürlich triumphieren! Und welch ein Auspfeifen und -Heidenlärm und Zynismus wird dann wieder beginnen, -welch ein Bacchanal von Selbstbespeiung, Selbstbeschimpfung -und Selbstverspottung wird dann wieder -anheben! – Und das nicht etwa, um ein neues Leben -bei uns zu erwecken, sondern gerade wegen des -Triumphes der eigenen Ehrlosigkeit, Unpersönlichkeit -und Kraftlosigkeit. Und der neue Nihilismus wird ganz -genau so, wie der alte, mit der Verneinung des russischen -Volkes und seiner Selbständigkeit beginnen, und -– das Wichtigste – wird solche Macht ergreifen und -so tief Wurzel treiben, daß er fraglos das Heiligste -Rußlands unterdrücken wird. Und wieder wird die -Jugend ihre Familien und ihr Elternhaus beschimpfen -und vor der Weisheit der Greise davonlaufen, weil -diese doch nur ein und dasselbe wiederholen: immer -die alten, allen überdrüssig gewordenen Lieder von der -europäischen Herrlichkeit und von unserer Pflicht, möglichst -unpersönlich zu sein. Das ist ja das Schrecklichste, -daß es dann wieder dieselben alten Lieder, -dieselben alten Worte geben wird und die Hoffnung auf -etwas Neues dann auf lange, lange hinausgeschoben -werden muß!! Nein, wir brauchen Krieg und Siege! -Mit Krieg und Siegen wird das neue Wort kommen -und wird das lebendige Leben beginnen und nicht das -ertötende Geschwätz von früher sich fortsetzen ... was -sag’ ich, „von früher“! – von <em>heute</em>, meine -Herren. -</p> - -<p> -<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> -Nichtsdestoweniger muß man auf alles gefaßt sein: -setzen wir den für uns schlechtesten Ausgang des begonnenen -Krieges voraus, so wird doch, selbst wenn wir -viel Schändliches, viel schon so zuwider gewordenes altes -Leid werden ertragen müssen, so wird doch der Koloß -nicht ins Wanken gebracht werden und früher oder -später das Seine nehmen. Das ist nicht nur meine -Hoffnung – das ist meine volle Überzeugung. In -dieser Unmöglichkeit, den Koloß ins Wanken zu -bringen, liegt unsere ganze Macht Europa gegenüber. -Dieser Koloß ist unser Volk. Und der jetzige volkstümliche -Krieg und all die ihm kurz vorhergegangenen -Bewegungen haben allen, die zu sehen verstehen, -deutlich unsere volkliche Einheit und Frische -gezeigt, und bis zu welch einem Grade unsere Volkskräfte -von jener Zersetzung, die unsere „Klugen“ überfallen -hat, bewahrt geblieben sind. Und welch einen -Dienst uns diese „Weisen“ in den Augen Europas -erwiesen haben! Noch vor kurzem schrien sie, so daß -die ganze Welt es hörte, wir seien arm und nichtig; -sie versicherten spöttisch allen, einen <em>Volksgeist</em> -hätten wir überhaupt nicht, einfach weil kein <em>Volk</em> -vorhanden wäre; weil auch unser „Volk“ ganz so wie -sein „Geist“ nur von der Phantasie einheimischer, moskowitischer -Denker erfunden worden sei; daß die achtzig -Millionen russischer Bauernkerle im ganzen nur -Millionen passiver, betrunkener, steuerpflichtiger Nummern -wären; daß von einer Verbindung des Zaren mit -dem Volke überhaupt nicht die Rede sein könne – -letzteres stehe nur in alten Schriften; daß, im Gegenteil, -alles losgelöst und vom Nihilismus angefressen sei; -<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> -daß unsere Soldaten die Gewehre wegwerfen und wie -die Lämmer zurücklaufen würden; daß wir weder -Munition noch Proviant hätten; und zu guter letzt, -hieß es, sähen wir selbst ein, daß wir uns zuviel zugemutet -hätten, und warteten jetzt nur auf einen Vorwand, -um uns zurückziehen zu können, ohne gerade die -ganzschimpflichsten Ohrfeigen davontragen zu müssen, -und beteten zu Gott, daß Europa uns diesen Vorwand -ausdächte! Das ist die Meinung unserer „Weisen“ -von uns ... Wahrlich, man kann sich schlechterdings -kaum über sie ärgern: das ist nun einmal ihre eingefleischte -Überzeugung. Und es ist ja auch wahr: ja, -wir sind arm, ja, in vielem sind wir sogar bedauernswert; -ja, wir haben wirklich so viel Schlechtes, daß -der „Kluge“, und besonders wenn er noch <em>unser</em> -„Kluger“ ist, nichts anderes tun kann, wenn er sich -„treu“ bleiben will, als ausrufen: „Wozu das Ende -Rußlands noch bedauern!“ Und diese lieben Gedanken -unserer Klugen sind bereits durch ganz Europa geflattert, -besonders mit Hilfe der europäischen Korrespondenten, -die schwarmweis seit dem Ausbruch des -Krieges zu uns kommen, um uns an Ort und Stelle -zu studieren, uns mit ihren europäischen Äuglein zu -durchschauen und unsere Kräfte mit ihrem europäischen -Zentimetermaß zu messen. Selbstverständlich haben sie -nur unsere „Klugen, Allwissenden und Vernünftigen“ -angehört. Die Volkskraft und der Volksgeist sind ihnen -allen entgangen. Und so ist denn auch schon die Nachricht, -daß Rußland untergeht, daß es nichts ist, nichts -war und nichts werden wird, nach Europa telegraphiert -worden. Als diese erste Botschaft noch vor dem Kriege -<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> -hinauszog, da erbebten die Herzen unserer uralten -Feinde und Neider, denen wir schon zwei Jahrhunderte -lang Verdruß bereiten, vor Freude, und mit ihnen frohlockten -die Herzen vieler Tausende europäischer Juden -und die Herzen vieler Millionen verjudeter „Christen“. -Es freute sich auch das Herz Beaconsfields: ihm ward -gesagt, Rußland werde eher alles ertragen, alles, bis -zur beleidigendsten letzten Ohrfeige, als daß es einen -Krieg begönne – dermaßen groß, hieß es, sei seine -„Friedensliebe“. Gott jedoch schützte uns und schlug -sie alle mit Blindheit. Da sie fest an den Untergang -und die Nichtigkeit Rußlands glaubten, konnte ihnen -das Wichtigste entgehen: sie übersahen das ganze russische -Volk als lebendige Kraft und übersahen die kolossale -Tatsache: das Einssein des Zaren mit seinem Volke! Ja, -<em>nur das</em> ist ihnen entgangen! Außerdem konnten -sie unmöglich begreifen und glauben, daß unser Zar -wirklich friedliebend sei und wirklich nicht Menschenblut -vergießen wolle; sie dachten, all das werde bei -uns nur „aus Politik“ gesagt. Und sogar jetzt noch -sehen sie nichts von alledem: sie schreiben, daß bei uns -plötzlich nach dem Manifest des Zaren der „Patriotismus“ -ausgebrochen sei. Ist denn das Patriotismus, -ist denn diese Verbindung des Zaren mit dem Volk für -die große Sache etwa <em>nur</em> Patriotismus? Darin -besteht ja unser Talisman, daß sie nichts von Rußland -verstehen, nichts in Rußland sehen! Sie wissen nicht, -daß wir durch nichts in der Welt besiegt werden können, -daß wir meinetwegen Schlachten verlieren können, doch -nichtsdestoweniger unbesiegbar bleiben, gerade durch die -Einheit des Volksgeistes in dem Bewußtsein: daß -<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> -wir nicht Frankreich sind, das ganz in Paris liegt, -daß wir nicht Europa sind, das ganz von den Börsen -seiner Bourgeosie abhängt und von der „Ruhe“ seiner -Proletarier, die bereits durch die letzten Anstrengungen -der dortigen Regierungen erkauft wird – nur auf -eine Stunde. Sie begreifen es nicht und wissen es -nicht, daß, wenn wir <em>wollen</em>, uns alle Juden der -Welt zusammengenommen nicht werden besiegen -können, nicht die Millionen ihres Goldes, nicht die -Millionen ihrer Armeen; daß, wenn wir <em>wollen</em>, -man uns nicht wird zwingen können, etwas gegen -unseren Willen zu tun, daß es keine einzige irdische -Macht gibt, die dazu fähig wäre! Das Unglück ist nur, -daß man über diese Worte nicht nur in Europa lachen -wird, sondern auch bei uns, und daß es hier nicht -bloß unsere „Weisen“ tun werden, nein, auch die -wirklichen Russen unserer intelligenten Schicht – dermaßen -wenig kennen wir uns selbst und unsere Urkraft, -die sich, Gott sei Dank, bis jetzt noch ungeschwächt -erhalten hat. Die guten Leute begreifen es nicht, daß -bei uns, in unserem unabsehbaren und eigenartigen, -Europa im höchsten Grade ungleichen Lande sogar die -Kriegstaktik – eine doch so allgemeine Sache! – der -europäischen vielleicht ganz unähnlich ist; daß die -Grundlagen der europäischen Taktik – Geld und -wissenschaftliche Organisation militärischer Einfälle in -unser Land – über dieses Land straucheln und hier -bei uns auf eine neue, ihnen noch vollkommen unbekannte -Kraft stoßen können, auf die Kraft, deren Wurzeln -in der Natur des unabsehbaren Russenlandes und in -der Natur des allvereinenden russischen Geistes liegen. -<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> -Doch mögen es <em>vorläufig</em> auch noch so viele gute -Leute bei uns nicht wissen – nicht wissen und sich -ängstigen –; dafür wissen es unsere Zaren und fühlt -es unser Volk. Alexander I. wußte um diese unsere -eigenartige Kraft Bescheid, als er sagte, er werde sich -einen langen Bart wachsen lassen und mit seinem Volke -in die Wälder gehen, doch könne er nicht das Schwert -niederlegen und sich dem Willen Napoleons fügen. -An dieser Kraft wäre auch ganz Europa zerschellt; -denn zu solch einem Kriege reicht weder sein Geld noch -die Einheitlichkeit seiner Organisation aus. Wenn -einst bei uns alle Russen wissen werden, daß wir so -stark sind, dann werden wir es auch erreichen, daß -wir nicht mehr Krieg zu führen brauchen; dann wird -man an uns glauben und dann wird uns Europa zum -erstenmal <em>entdecken</em>, so wie es einst Amerika entdeckte. -Auf daß nun aber dies möglich werde, müssen -wir uns selber, und zwar vor ihnen, entdecken, und -muß unsere Intelligenz endlich begreifen, daß sie sich -nicht mehr von unserem Volke absondern darf ... -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-3-2"> -<span class="firstline">Nicht immer ist der Krieg eine Geißel, zuweilen ist er sogar die einzige Rettung</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Doch unsere „Klugen“ haben sich auch an die -andere Seite der Sache gemacht: sie predigen Nächstenliebe -und „Humanität“, sie trauern um vergossenes -Blut und sind tief unglücklich, daß wir zu unserer -Vertierung in den Krieg ziehen, uns somit noch weiter -<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> -von dem inneren Fortschritt, dem richtigen Wege, der -Wissenschaft entfernen. Ja, der Krieg ist schließlich -ein Unglück, doch vieles ist auch kurzsichtig gesehen in -diesem Urteil der „Humanen“; vor allem aber haben -wir wirklich genug von ihren bourgeoisen Moralpredigten! -Die Heldentat des Selbstopfers für all das, -was wir heilig halten, ist doch wohl ethischer als der -ganze bourgeoise Moralkatechismus. Der Aufschwung -des Geistes der Nationen für eine hochherzige Idee – ist -ein Schritt nach vorn, aber nicht „Vertierung“. -Natürlich können wir uns ja irren in dem, was wir -eine hochherzige Idee nennen; ist aber das, was wir -heilig halten, schimpflich und lasterhaft, so werden wir -der Strafe der Natur nicht entgehen: das Schimpfliche -und Lasterhafte trägt seinen Tod in sich und richtet -sich früher oder später doch selbst. Der Krieg, der -zur Eroberung fremder Reichtümer geführt wird, auf -Wunsch der unersättlichen Börse, – wenn er auch -vielleicht im tiefsten Grunde auf dem allen Völkern -gemeinsamen Gesetz der Ausbreitung ihrer nationalen -Persönlichkeit beruhen mag, so gibt es doch eine Grenze, -die bei dieser Ausbreitung nicht überschritten werden -darf, über die hinaus jede Aneignung schon Überfluß -ist –: solch ein Krieg zeugt bereits von der -Dekadenz der Nation und kann ihr nur den Tod -bringen. So würde England, wenn es in diesem -Kriege für die Türken eintreten und aus Interesse -für seine handelspolitischen Vorteile die Leiden gequälter -Menschen ganz und gar vergessen wollte, -zweifellos ein Schwert erheben, das früher oder später -auf sein eigenes Haupt zurückfallen würde. Und umgekehrt: -<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> -welch eine Tat könnte reiner und heiliger sein -als dieser Krieg, den Rußland jetzt unternommen hat? -Man wird vielleicht sagen: „Auch Rußland will sich -doch in diesen Völkern, die es jetzt, nehmen wir an, -aus tatsächlich uneigennützigen Gründen zu befreien -und selbständig zu machen beabsichtigt, durch diese -selbe Tat für die Zukunft Verbündete, d. h. also, eine -neue Kraft erwerben; – das aber geschieht natürlich -nach diesem selben Gesetz der Ausbreitung der nationalen -Persönlichkeit, dem zufolge auch England zu -erobern strebt. Da aber das Ziel des ‚Panslawismus‘ -durch seine Kolossalität Europa fraglos schrecken kann, -so hat Europa allein schon nach dem Gesetz des Selbsterhaltungstriebes -das Recht, uns aufzuhalten, ganz -so wie wir das Recht haben, vorwärts zu gehen, ohne -uns durch seine Angst auch nur im geringsten aufhalten -zu lassen, und uns in unserem Gang nur nach -dem zu richten, was uns die eigene politische Umsicht -und Klugheit rät. Auf diese Weise gibt es hierbei -weder Heiliges noch Schmähliches, sondern nur einen -ewigen, sagen wir, tierischen Instinkt der Völker, dem -sich ausnahmslos alle noch ungenügend und unvernünftig -entwickelten Nationen der Welt unterwerfen. -Trotzdem aber müssen die erworbene Erkenntnis, die -Wissenschaft und Menschlichkeit endlich einmal, sei es -wann es sei, den ewigen tierischen Instinkt der unvernünftigen -Nationen schwächen und in ihnen allen -den Wunsch nach Frieden, nach allvolklicher Vereinigung -und philanthropischem Fortschritt entfachen. -Daraus folgt, daß man Frieden und nicht Blut verkünden -muß.“ -</p> - -<p> -<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> -Heilige Worte! Im gegenwärtigen Augenblick jedoch -kann man sie nicht gut auf Rußland anwenden, -oder, um es besser auszudrücken –: in der jetzigen -historischen Epoche ganz Europas stellt Rußland gewissermaßen -eine Ausnahme dar. Sollte sich Rußland, -das sich jetzt uneigennützig zur Errettung der -geknechteten Völker gerüstet hat, späterhin auch durch -dieselben verstärken, so würde es doch selbst dann ein -Ausnahmebeispiel bleiben, was natürlich Europa, das -Rußland nur nach sich beurteilt, vorläufig noch keineswegs -für möglich hält. Rußland wird sich, selbst wenn -es sich durch das Bündnis mit den von ihm befreiten -Völkern ungemein verstärkt, doch nicht mit seinem -Schwerte auf Europa stürzen, nichts von ihm verlangen, -nichts von ihm fortnehmen, wie es umgekehrt Europa -bestimmt tun würde, wenn es die Möglichkeit fände, -sich wieder als Ganzes gegen Rußland zu vereinigen, -und wie es in Europa alle Nationen von jeher tun – -wenn sich nur eine Gelegenheit findet, sich auf Kosten -der lieben Nachbarin zu verstärken. Das geschieht dort -seit den ältesten Zeiten, und noch kürzlich ist es wieder -geschehen: die gelehrteste, aufgeklärteste aller Nationen -stürzte sich auf die andere, ebenso gelehrte und aufgeklärte -Nation und packte sie wie ein grimmes Tiers, -sog ihr das Blut aus, preßte ihre Kräfte in Gestalt -von Milliarden heraus und hieb ihr eine ganze Seite -– die beste – ab! Ist es wirklich noch Europas -Schuld, wenn es nach alledem Rußlands Bestimmung -nicht verstehen kann? Wie sollten sie, die Stolzen, -Gelehrten, Starken, sich auch nur träumen lassen, daß -Rußland vielleicht gerade zu ihrer Rettung bestimmt -<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> -und geschaffen ist, und daß es vielleicht erst zum Schluß -sein erlösendes Wort aussprechen wird! – Oh, wahrlich -wahrlich, wir werden ihnen nichts wegnehmen! – Doch -gerade durch den Umstand, daß wir uns so ungemein -verstärken – und zwar durch eine Vereinigung in -Liebe und Brüderlichkeit, und nicht durch Überfall, -Eroberung und Gewalt – gerade durch diese Tatsache -wird es uns endlich möglich sein, das Schwert ruhen -zu lassen und in der Ruhe unserer Kraft das Beispiel -des wahren Friedens zu geben, der internationalen -Allvereinigung und Uneigennützigkeit. Wir werden -die ersten sein, die der Welt kundtun, daß wir nicht -durch Unterdrückung der Persönlichkeit uns fremder -Nationalitäten das eigene Gedeihen erreichen wollen, -sondern, im Gegenteil, Letzteres nur in der freiesten -und selbständigsten Entwicklung aller anderen Nationen -sehen und in der brüderlichen Vereinigung mit ihnen, -die einen die anderen ergänzend, indem wir uns ihre -organischen Besonderheiten einimpfen und ihnen auch -von uns Pfropfreiser geben, uns gegenseitig seelisch -und geistig aufnehmen, von ihnen lernen und wiederum -sie lehren – bis die Menschheit dereinst sich durch -den universalen Umgang der Völker bis zur allgemeinen -Einheit vervollständigen und wie ein großer prachtvoller -Baum die glückliche Erde beschatten wird. Mögen -sie doch lachen über diese „phantastischen“ Worte, -unsere jetzigen Kosmopoliten und Selbstbespeier! Wir -aber fühlen keine Schuld in uns, wenn wir mit unserem -Volke, das daran glaubt, Hand in Hand gehen. Fragt -doch das Volk, fragt die Soldaten: warum erheben sie -sich, warum ziehen sie jetzt westwärts, und was ersehnen -<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> -sie von diesem begonnenen Kriege? Alle werden sie wie -aus einem Munde antworten, daß sie gehen, um -Christus zu dienen, und um die bedrückten Brüder zu -befreien, – und keiner ist unter ihnen, sage ich euch, -der da an Eroberung dächte! Ja, jetzt, gerade in diesem -Kriege werden wir den Europäern unsere ganze Idee -der zukünftigen Bestimmung Rußlands in Europa beweisen, -indem wir uns nach der Befreiung der slawischen -Länder von ihnen keine Scholle aneignen – -was Österreich bereits heute beabsichtigt, in Zukunft -für sich zu tun –; sondern indem wir, im Gegenteil, -nur über ihr gegenseitiges Einverständnis wachen -und ihre Freiheit und Selbständigkeit, sollte es darauf -ankommen, auch gegen ganz Europa verteidigen. Ist -dem aber so, dann ist unsere Idee heilig und unser -Krieg nicht „ewiger tierischer Instinkt unvernünftiger -Nationen“, wohl aber der erste Schritt zur Verwirklichung -jenes ewigen Friedens, an den zu glauben wir -das große Glück haben, zur Verwirklichung der fürwahr -internationalen Vereinigung und des wahrhaften -Gedeihens! Also sage ich euch: nicht immer muß man -den Frieden predigen, und nicht im Frieden allein liegt -einzig die Erlösung – die kann zuweilen auch der Krieg -bringen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-3-3"> -<span class="firstline">Rettet denn vergossenes Blut?</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -„Aber es wird doch Blut dabei vergossen! – -Menschenblut!“ rufen unsere Klugen entsetzt, und -wieder beginnen sie ihr altes Lied. Alle diese Rumpelkammerphrasen -von vergossenem Blut sind mitunter -<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> -wirklich nichts weiter als eine Häufung der allernichtigsten -schönen Worte zu einem bestimmten Zweck. -Die Börsenspekulanten z. B. lieben es jetzt geradezu -auffallend, über die Humanität zu philosophieren, – -doch für wie viele von ihnen ist sie nur ein Geschäft! -Indessen wäre ohne Krieg vielleicht noch mehr Blut vergossen -worden. Glaubt mir, in nicht wenigen Fällen, -wenn nicht in allen – abgesehen von Bürgerkriegen –, -ist der Krieg ein Mittel, durch das man mit dem -geringsten Blutvergießen, dem geringsten Weh und der -geringsten Kraftverschwendung internationale Ruhe -erreicht, und durch die sich, wenn auch nur annähernd, -einigermaßen normale Beziehungen zwischen den -Nationen herstellen. Selbstverständlich ist das traurig, -doch was tun, wenn es so ist! Lieber einmal mit dem -Schwerte dreinschlagen, als endlos Leid tragen. Und -wodurch ist denn der jetzige Friede zwischen zivilisierten -Nationen besser als – Krieg? Im Gegenteil: weit -eher als der Kampf vertiert der Friede, besonders der -lange Friede, den Menschen und macht ihn grausam. -Ein langer Friede züchtet stets Gemeinheit, Feigheit -und rohen, feisten Egoismus, vor allem aber – -geistigen Stillstand. In der Zeit eines langen -Friedens werden nur die Ausbeuter des Volkes fett. -Man glaubt im allgemeinen, daß Friede Reichtum erzeuge, -– aber das trifft doch nur für ein Zehntel der -Menschheit zu! Und dieses Zehntel, das gar bald von -den Krankheiten des Reichtums angesteckt ist, überträgt -dann diese Krankheiten natürlich auch auf die übrigen -neun Zehntel, versteht sich, ohne Reichtum. Krank aber -ist es durch Verderbnis und Zynismus. Durch die übermäßige -<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> -Anhäufung des Reichtums in den Händen Einzelner -verrohen deren Gefühle bis zur Stupidität. Das -Gefühl für das Vornehme verwandelt sich in die Gier -launischen Übermutes und launischer Anormalitäten. -Sinnenlust gebiert Grausamkeit und Feigheit. Die betrunkene -rohe Seele des Wollüstlings ist grausamer -als jede andere, selbst lasterhafte Seele. Mancher -Wollüstling, der beim Anblick eines abgeschnittenen -Fingers in Ohnmacht fällt, kann einem armen Schlucker -nicht einmal eine lumpige Schuld verzeihen und bringt -ihn ruhig ins Gefängnis. Grausamkeit aber erzeugt -verstärkte, schon allzu feige Sorge um die Sicherstellung -seiner selbst, und diese verwandelt sich am Ende eines -langen Friedens in eine geradezu krankhafte Angst um -die eigene Person, durchdringt schließlich alle Schichten -der Gesellschaft und bringt die furchtbarste Gier nach -Gelderwerb hervor. Der Glaube an die Solidarität -der Menschen, an ihre Brüderlichkeit, an die Hilfe der -Gesellschaft, geht verloren und die These: „Ein jeder -für sich und nur für sich“ wird laut auf den Märkten -verkündet. Der Arme sieht nur zu gut, was der Reiche -ist, und was er ihm für ein „Bruder“ sein kann; und -so sondern sich alle ab und vereinsamen. Großmut -und Hochherzigkeit werden vom Egoismus ertötet. Nur -die Kunst erhält in der Menschheit noch das höhere -Leben: sie hält noch die Seelen wach, die in den -Perioden langen Friedens einzuschlafen drohen und -auch pflegen. Deswegen glaubt man auch, daß die -Kunst nur zur Zeit eines langen Friedens blühen -könne – welch ein Irrtum! Die Kunst, d. h. die -<em>wirkliche</em> Kunst, entwickelt sich im Frieden ja nur -<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> -deshalb, weil sie allen trunkenen, lasterhaften Einschläferungen -der Seelen entgegengesetzt ist und durch -ihre Schöpfungen in diesen Perioden stets zum Ideal -ruft, Protest und Tadel aufwirbelt, die Gesellschaft bewegt -und oftmals Menschen leiden macht, die da -lechzen nach der Errettung aus der übelriechenden -Grube. Und so erweist es sich, daß der lange bourgeoise -Friede zu guter Letzt selber das Bedürfnis nach Krieg -erzeugt, ihn wie eine traurige Folge gleichsam von -selbst aus sich hervorbringt. Doch leider kommt es dann -nicht zu einem Kriege mit einem großen, gerechten Ziele, -das einer großen Nation würdig ist, sondern zu einem -aus irgendwelchen erbärmlichen Börseninteressen, zur -Erwerbung neuer Märkte für die Besitzer der Goldsäcke, -mit einem Wort: zu einem Kriege aus Gründen, -die nicht einmal durch die Notwendigkeit der Selbsterhaltung -gerechtfertigt werden, sondern umgekehrt, nur -von dem launischen, krankhaften Zustande des Nationalorganismus -zeugen. Diese Interessen und die Kriege, -die um ihretwillen geführt werden, verderben die Völker, -ja, richten sie völlig zugrunde; während der Krieg mit -einem hochherzigen Ziele – zur Befreiung Unterdrückter, -für eine uneigennützige und heilige Idee – -nur die von giftigen Miasmen erfüllte Luft reinigt, -die Seele heilt, die schmähliche Feigheit und Faulheit -verjagt, ein festes Ziel setzt und schließlich eine Idee -gibt und sie verständlich macht, eine Idee, zu deren -Verwirklichung diese oder jene Nation berufen ist. Ein -solcher Krieg stärkt jede Seele durch das Bewußtsein -des Selbstopfers und den Geist der ganzen Nation -durch das Bewußtsein der Solidarität und Vereinigung -<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> -aller, die die Nation ausmachen, vor allem aber durch -das Bewußtsein der erfüllten Pflicht, der vollbrachten -guten Tat –: „so sind wir doch noch nicht ganz gefallen -und verderbt, so gibt es auch in uns noch Menschliches!“ -Und womit fingen denn diese unsere jüngsten -Prediger des Friedens und der „Menschlichkeit“ ihre -Reden an? Mit der allerunmenschlichsten Härte. Sie -wollten selbst nicht helfen und ließen auch nicht zu, -daß andere den Gemarterten, die nach uns riefen, -halfen. Sie, die scheinbar so „human“ und gefühlvoll -sind, leugneten kaltblütig und spöttisch die Notwendigkeit -des Selbstopfers und der geistigen Heldentat für -uns. Sie wollten Rußland auf den erbärmlichsten, -einer großen Nation unwürdigsten Weg stoßen, – ganz -zu schweigen von ihrer Verachtung für das Volk, das -in den slawischen Märtyrern seine Brüder anerkannte, -und ihrer hochmütigen Abwendung vom Volkswillen, -über den sie ihre falsche „europäische“ Bildung stellten. -Ihre Lieblingsthese war: „Arzt, heile dich selbst.“ „Ihr -drängt euch, andere zu heilen und zu retten, während -bei euch noch nicht einmal Schulen gebaut sind,“ hoben -sie ganz besonders hervor. „Nun gut, dann wollen wir -uns heilen. Schulen sind eine wichtige Sache, das -wird niemand leugnen; doch Schulen brauchen einen -Geist und eine Richtung, – so gehen wir denn jetzt in -den Krieg, um uns mit Geist zu versehen und eine -gesunde Richtung zu erlangen. Und das werden wir -auch erreichen, und werden es doppelt, wenn Gott uns -Sieg schickt. Mit dem Bewußtsein, daß wir eine uneigennützige -Tat vollbracht, daß wir mit unserem Blute -ruhmvoll der Menschheit gedient, mit dem Bewußtsein -<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> -unserer erneuten Kraft und Energie werden wir dann -zurückkehren – und werden all das an die Stelle -unseres jetzigen kläglichen Wankelmutes setzen, an die -Stelle unseres ertötenden Stillstandes in dem sinnlos -übernommenen Europäismus. Und wir schließen uns -dem Volke an und vereinigen uns fester mit ihm; denn -nur in ihm allein werden wir die Heilung von unserer -Krankheit finden – von unserer zwei Jahrhunderte -langen unfruchtbaren Kraftlosigkeit.“ -</p> - -<p> -Im allgemeinen kann man sagen, daß, wenn die -Menschheit ungesund und voll Ansteckungsstoff ist, selbst -eine so nützliche Sache, wie ein langer Friede, der Gesellschaft -anstatt Nutzen nur Schaden bringt. Das -ließe sich im allgemeinen auf ganz Europa anwenden. -Nicht umsonst ist in der europäischen Geschichte, -wenigstens seit der Zeit, da wir uns ihrer erinnern, -noch keine einzige Generation ohne Krieg ausgekommen. -So ist, wie man sieht, wohl auch der Krieg zu irgend -etwas nötig, kann auch der Krieg die Menschheit heilen -und ihr das Leben erleichtern. Es mag empörend sein, -wenn man es theoretisch überdenkt, doch in der Praxis -ergibt sich diese eine Tatsache gerade aus der anderen -Tatsache, daß nämlich für einen kranken Organismus -auch der schöne Frieden nur Schaden bringt. Wirklich -nützlich erweist sich freilich nur der Krieg, der für eine -große Idee unternommen wird und nicht wegen -materieller Interessen, nicht zu gieriger Eroberung, nicht -um hochmütiger Vergewaltigung willen. Solche Kriege -haben die Nationen bis jetzt nur auf falsche Wege verschlagen -und sie stets verdorben. Wenn nicht wir, so -werden es unsere Kinder erleben, wie England enden -<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> -wird. Jetzt aber ist für alle in der Welt bereits „die -Stunde nah“. Und wahrlich, es ist auch die höchste Zeit. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-3-4"> -<span class="firstline">Wie Rußlands „sanftester“ Zar die Orientfrage aufgefaßt hat</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Man hat mir vor kurzem einen Auszug aus einem -Buch zugesandt, das im vorigen Jahr in Kiew erschienen -ist. Es heißt: „Das Moskowitische Reich zur -Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch und des Patriarchen -Nikon nach den Aufzeichnungen des Archidiakonus -Pawel Alepski.“ Herausgegeben ist es von -Iwan Obolenski. -</p> - -<p> -Ich will nun einen Teil dieses Auszuges hier in -meinem „Tagebuch“ anführen, da es vielleicht meine -Leser interessieren wird, zu erfahren, wie Rußlands -„sanftester Zar“ Alexei Michailowitsch (1645–1676) -die Orientfrage aufgefaßt hat. Zugleich ersehen wir -aus dieser charakteristischen Aufzeichnung, welch einen -Kummer es ihm bereitet hat, nicht der „Zar-Befreier“ -der unterdrückten Balkanslawen sein zu können: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -Und man sprach, daß der Zar zum heiligen Osterfest -(1656), als er mit den griechischen Kaufherren, -die alsdann in Moskau weilten, den Osterkuß -tauschte, zu ihnen auch also gesprochen habe: „Wollt -ihr vielleicht und erwartet ihr, daß ich euch aus -der Gefangenschaft befreie und loskaufe?“ und als -sie geantwortet: „Wie kann es anders sein? wie -sollen wir das nicht wollen?“ habe er weitergesagt: -„So bittet denn, wenn ihr heimkehrt in euer Land, -<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> -alle Bischöfe und Mönche, zu Gott für mich zu beten -und Messen zu lesen, auf daß mir durch ihre Gebete -die Kraft zuteil werde, das Haupt ihres Feindes -zu fällen.“ Und nachdem er hierauf viele Tränen -geweint, habe er sich an die Edlen gewandt und -also zu ihnen gesprochen: „Mein Herz ist betrübt -und verzehrt sich in Kummer um das Los dieser -Armen, die von den Feinden unseres Glaubens unterdrückt -werden; am Tage des Gerichtes wird Gott -mich zu sich rufen und von mir Rechenschaft fordern, -<em>warum ich, wenn ich die Macht hatte, -sie zu befreien, selbiges zu tun -unterlassen</em> ... Ich weiß nicht, wie lang er -währen wird, dieser schlechte Zustand der Reichssachen, -doch seit der Zeit meines Vaters und meiner -Väter Väter haben nicht aufgehört Patriarchen, -Bischöfe, Mönche und viel arme Leute mit Klagen -über ihre Bedrängung durch die Unterdrücker zu uns -zu kommen, und keiner von ihnen hatte anders die -Heimat verlassen, als verfolgt von rauhem Leid und -auf daß er der Grausamkeit entginge. <em>Und Angst -erfaßt mich vor den Fragen des -Schöpfers an jenem Tage! So habe -ich denn beschlossen in meinem Sinn, -wenn es Gott gefällig ist, meine -treuen Heere und mein ganzes Gold -dahinzugeben und mein Blut bis -auf den letzten Tropfen zu vergießen, -auf daß ich sie befreie.</em>“ Darauf haben die -Edlen geantwortet: „<em>Herr, tue also, wie -dein Herz es dir befiehlt.</em>“ -</p> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-6-3-5"> -<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> -<span class="firstline">Aus dem Buch der Weissagungen Johannes Lichtenbergers – aus dem Jahre 1528</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Und man hat mir auch noch von einem sehr sonderbaren -Dokument Mitteilung gemacht. Es ist das eine -alte, schleierhafte und allegorische Weissagung der heutigen -Ereignisse und des heutigen Krieges. Einer unserer -jungen Gelehrten hat in London, in der Königlichen -Bibliothek, einen alten Folianten gefunden: „Das Buch -der Weissagungen“, „Prognosticationes“ von Johannes -Lichtenberger, eine Ausgabe in lateinischer -Sprache aus dem Jahre 1528. Jedenfalls ein seltenes -Exemplar, – vielleicht das einzige in der Welt. In -nebelhaften Bildern wird in diesem Buch die Zukunft -Europas und der Menschheit geschildert. Ein sonderbar -mystisches Buch. Ich führe nur die Zeilen an, die -für uns nicht ohne Interesse sind. -</p> - -<p> -Nach der Prophezeiung der Französischen Revolution -(1789) und Napoleons I., der <span class="antiqua">aquila grandis</span> genannt -wird, heißt es weiter von den zukünftigen europäischen -Ereignissen wie folgt: -</p> - -<div class="alternate"> -<p class="i1 l1"> -<span class="antiqua">Post haec veniet altera aquila</span> -</p> - -<p class="i1"> -Hierauf wird ein anderer Adler kommen, -</p> - -<p> -<span class="antiqua">quae ignem fovebit in gremio sponsae Christi</span> -</p> - -<p> -der im Schoße der Braut Christi Feuer erwecken wird, -</p> - -<p> -<span class="antiqua">et erunt tres adulteri unusque legitimus</span> -</p> - -<p> -und es werden drei Uneheliche sein und ein Rechtmäßiger, -</p> - -<p> -<span class="antiqua">qui alios vorabit.</span> -</p> - -<p> -der die anderen verschlingen wird. -</p> - -<p class="i1 l1"> -<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> -<span class="antiqua">Exsurget aquila grandis in</span> -</p> - -<p class="i1"> -Aufsteigen wird der große Adler -</p> - -<p> -<span class="antiqua">Oriente, aquicolae occidentales</span> -</p> - -<p> -im Osten, die westlichen Inselbewohner -</p> - -<p> -<span class="antiqua">moerebunt. Tria regna</span> -</p> - -<p> -werden anfangen zu weinen. Drei Reiche wird er -</p> - -<p> -<span class="antiqua">comportabit. Ispa est aquila grandis,</span> -</p> - -<p> -verschlingen. Dieses ist der große Adler, -</p> - -<p> -<span class="antiqua">quae dormiet annis multis, refutata</span> -</p> - -<p> -der viele Jahre schläft, der besiegte -</p> - -<p> -<span class="antiqua">resurget et contremiscere faciet aquicolas</span> -</p> - -<p> -wird sich wieder erheben und die westlichen -</p> - -<p> -<span class="antiqua">occidentales in terra Virginis</span> -</p> - -<p> -Wasserbewohner im jungfräulichen Lande -</p> - -<p> -<span class="antiqua">et alios montes Superbissimos; et volabit</span> -</p> - -<p> -zittern machen und noch andere stolze Gipfel; und -</p> - -<p> -<span class="antiqua">ad meridiem recuperando amissa.</span> -</p> - -<p> -fliegen wird er gegen Süden, um das Verlorene -</p> - -<p> -<span class="antiqua">Et amore charitatis inflammabit Deus</span> -</p> - -<p> -wiederzunehmen. Und mit der Liebe -der Barmherzigkeit wird Gott den östlichen -</p> - -<p> -<span class="antiqua">aquilam orientalem volando ad ardua</span> -</p> - -<p> -Adler entflammen, der zu Großem fliegt -</p> - -<p> -<span class="antiqua">alis duabus fulgens in montibus christianitatis.</span> -</p> - -<p> -mit zwei leuchtenden Schwingen auf die Gipfel des -Christentums. -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -„Der große östliche Adler, der viele Jahre schläft, -und der <em>besiegte</em>“ (bezieht sich das nicht auf unseren -Krieg mit Europa vor 22 Jahren?) „wird sich wieder -erheben und die westlichen Bewohner im jungfräulichen -<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> -Lande zittern machen,“ – sollte sich das nicht auf die -Gegenwart anwenden lassen, natürlich wenn man von -unseren europäisierenden „Weisen“ absieht, die immer -noch gewissermaßen vor den Bewohnern des Westens -Angst zu haben scheinen, im Widerspruch zu dieser -Weissagung, und das in einer Zeit, in der sich der -Adler „mit zwei leuchtenden Schwingen“ schon erhoben -hat. Doch es sind ja nur die „Weisen“, die da zittern, -nicht der Adler! Dann: „die Bewohner im jungfräulichen -Lande“ könnte sich, wenn man an die heutigen -Verhältnisse denkt, auf England beziehen. In dem -Falle jedoch – warum das „jungfräuliche Land“? -Im Jahre 1528 gab es noch keine Königin Elisabeth. -Oder meint Lichtenberger mit dieser Allegorie vielleicht -Großbritannien in dem Sinne, wie sich einst Napoleon -über die europäischen Hauptstädte, in die er eingezogen -war, geäußert: „Eine Residenz, die sich vom Feinde -hat einnehmen lassen, gleicht einer Jungfrau, die ihre -Jungfräulichkeit verloren hat“ –? Doch der Adler -wird nach der Weissagung auch andere „stolze Gipfel -zittern machen“, wird „gegen Süden fliegen, um das -Verlorene wieder zu nehmen“, und – was am auffallendsten -ist – „mit der Liebe der Barmherzigkeit wird -Gott den östlichen Adler entflammen“. Nun, dieses -könnte schon stimmen. Hat sich nicht unser Adler aus -Barmherzigkeit für die Unterdrückten und Gequälten erhoben? -War es nicht die christliche Liebe, die unser -Volk zur „schweren Tat“ zog, im vorigen wie in diesem -Jahre? Wer will das leugnen? Diese Bauern, diese -Soldaten aus diesem unserem Volke, das die „Gebete -nicht auswendig kann“, haben einstweilen in der Krim, -<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> -vor Sebastopol, zuerst die verwundeten Franzosen aufgehoben -und zum Verbandsplatz getragen, und dann -erst die Russen: „Lassen wir die noch etwas liegen: -einen Russen wird jeder aufheben, aber solch ein armes -Französchen ist hier doch ganz fremd und allein, für -ihn muß man zuerst sorgen.“ Ist nicht Christi Geist -in diesen gutmütig gesagten Worten? Ist nicht die -Seele Christi in unserem Volke – in dem „dunklen“, -doch guten, unwissenden, aber niemals barbarischen -Volke? Ja, Christus ist seine Kraft, ist unsere russische -Kraft, jetzt, da der Adler gegen Süden fliegt! Was -bedeutet da irgendeine Anekdote von den Sebastopoler -Soldaten gegenüber den Tausenden von Beweisen des -christlichen Geistes und der „barmherzigen Liebe“, die -in unserer Zeit offenbar geworden sind, wenn auch die -„Weisen“ sich immer noch aus allen Kräften bemühen, -den Gedanken zu unterdrücken und die Tatsache zu begraben, -daß unser Volk mit Herz und Geist an dem -heutigen Schicksal Rußlands und des Balkans Anteil -nimmt? Ihr „Gebildeten“, weist nicht auf die „Roheit -und Stumpfheit“ des Volkes hin, auf seine Unwissenheit -und Rückständigkeit, bei der es, wie es heißt, -unmöglich begreifen könne, was jetzt vor sich geht. -Seid überzeugt, das Wesen der Sache versteht es vorzüglich -– schon seit vier Jahrhunderten. Nur die -jetzigen Diplomaten würde es nicht verstehen, wenn -es sie kennen lernte; doch wer kann denn diese überhaupt -verstehen? Ja, unser großes Volk ist wie ein -Tier auferzogen worden, hat Qualen seit seinem ersten -Tage und die ganzen tausend Jahre seiner Geschichte -erduldet, Marter, wie sie kein einziges Volk der Welt -<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> -ertragen hätte, sondern unter ihnen zerfallen und vergangen -wäre. Unser Volk aber ist in ihnen nur stärker -und fester geworden. So werft ihm doch, meine Herren -Gelehrten, nicht „Roheit und Unwissenheit“ vor; denn -ihr, gerade ihr habt für euer Volk nichts getan. -Ihr habt es vor zweihundert Jahren verlassen und -euch von ihm endgültig getrennt, habt es in zinspflichtige -Nummern verwandelt, in eine für euch -arbeitende Maschine; und so ist es aufgewachsen, meine -europäisch gebildeten Herren, von euch vergessen und -verstoßen, von euch wie ein Tier in seine Höhle verjagt. -Doch mit ihm war Christus und mit dem allein -hat es bis zu dem großen Tage gelebt, da vor zwanzig -Jahren der nordische Adler sich erhob und seine Flügel -ausbreitete und es segnete. Ja, es ist viel Roheit in -unserem Volke, doch weist nicht auf sie hin! Diese -Roheit – das ist der Schlamm der dunklen Jahrhunderte, -von dem die Zeit das Volk befreien wird. -Doch nicht das ist schlimm, daß noch Roheit vorhanden -ist, schlimm ist es, wenn Roheit für Tugend angesehen -wird. Ich habe Verbrecher gesehen, die viel Tierisches -getan und mit ihrem verderbten, geschwächten Willen -tiefer als tief gesunken waren; doch selbst diese Tiere -wußten wenigstens von sich, daß sie Tiere waren, sie -fühlten, wie tief sie gesunken, und in reinen, hellen -Augenblicken, die Gott auch solchen „Tieren“ schickt, -verstanden sie, sich selber zu verurteilen, wenn sie auch -oftmals nicht mehr die Kraft hatten, sich wieder aufzurichten. -Etwas ganz anderes aber ist es, wenn die -Roheit wie ein Idol über alles erhoben wird und die -Menschen es anbeten und gerade deswegen glauben, -<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> -Helden zu sein. Der Earl of Beaconsfield und nach -ihm alle anderen russischen wie europäischen Beaconsfields -halten sich die Ohren zu und schließen die Augen, -um nicht die Marter zu sehen, die man ganzen Völkern -auflegt, und verraten Christus aus Liebe zu den „Interessen -der Zivilisation“, und weil die Gemarterten -Slawen sind, also etwas Neues in sich tragen und man -sie folglich mit der Wurzel ausrotten muß – und das -gleichfalls für die Interessen der alten angefaulten -Zivilisation! <em>Das</em> ist meiner Meinung nach Roheit, -bloß gebildete und zur Tugend erhobene. Und vor -diesem Idol beugt man sich nicht nur im Westen, -sondern auch in Rußland! Und der „allerheiligste -Papst, der unfehlbare Stellvertreter Gottes“, – hat -der nicht in seinen letzten Tagen noch den Türken, den -Quälern der Christenheit, Sieg gewünscht über die -Russen, die im Namen Christi für die Christenheit auszogen? -– Und warum? Weil nach seiner „<em>unfehlbaren</em>“ -Definition die Türken immerhin besser seien -als die russischen Ketzer, die den Papst nicht anerkennen! -Ist das nicht Roheit, ist das etwa nicht barbarisch? -Die Weissagung Johannes Lichtenbergers -scheint sich wirklich auf unsere Zeit zu beziehen. Und -ist nicht einer der „stolzen Gipfel“ – der Papst? -Übrigens, was mag Lichtenberger mit diesen Worten -gemeint haben: „Hierauf wird ein anderer Adler -kommen, der im Schoße der Braut Christi Feuer erwecken -wird, und es werden drei Uneheliche sein und -ein Rechtmäßiger, der die anderen verschlingen wird“? -In der religiösen, mystischen Sprache hat man unter -der „Braut Christi“ immer die „Kirche“ im allgemeinen -<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> -verstanden. Was oder wer sind nun die drei Illegitimen -und der eine Legitime? Man könnte annehmen, hiermit -seien die drei verschiedenen Kirchen gemeint: die -katholische, die protestantische und ... welche ist nun -die dritte illegitime? Und welche dann die legitime? -</p> - -<p> -Doch das ist ja nur eine mystische Allegorie. Jenes -Buch ist im Jahre 1528 geschrieben und gedruckt, was -immerhin sehr beachtenswert ist: in jener Zeit sind wahrscheinlich -des öfteren solche Bücher entstanden. Obgleich -die Zeit den Stürmen der großen protestantischen -Reformation voranging, gab es doch schon viele -Protestanten, Reformatoren und Propheten. Bekannt -ist auch, daß später, besonders unter protestantischem -Kriegsvolk, verzückte „Propheten“ sich erhoben -und geweissagt haben. Diesen lateinischen Auszug -aus dem alten Buch habe ich nicht etwa als Wunder -angeführt, sondern weil diese Weissagung doch eine -merkwürdige Tatsache bleibt. Und überhaupt: sind es -denn nur die Wunder allein, die ein Wunder sind? -Das größte Wunder ist häufig das, was in der Wirklichkeit -geschieht. Wir sehen die Wirklichkeit immer -nur so, wie wir sie sehen wollen, wie wir sie uns selbst -voreingenommen, vorurteilsvoll erklären. Sehen wir -aber dann plötzlich in dem Sichtbaren nicht das, was -wir sehen wollten, sondern das, was in Wirklichkeit -ist, so halten wir es sofort für ein Wunder. Oh, -das geschieht keineswegs selten! Bisweilen aber, wahrlich -glauben wir eher an Wunder und Unmöglichkeiten -als an die Wirklichkeit, an die wir <em>nicht glauben -wollen</em>. Und so ist es immer in der Welt gewesen, -darin besteht ja die ganze Geschichte der Menschheit. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-4"> -<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> -Lüge sucht sich durch Lüge zu erhalten -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-6-4-1"> -<span class="firstline">Don Quijote</span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Don Quijote, der allbekannte Ritter von der -traurigen Gestalt, der hochherzigste aller Edlen, die je in -der Welt gelebt, sich einst mit seinem treuen Waffenträger -Sancho auf der Jagd nach Abenteuern herumtrieb, -ward er plötzlich von einem Zweifel angefochten, der -ihn zwang, lange und tief nachzudenken.<a class="fnote" href="#footnote-47" id="fnote-47">[47]</a> Es kam -ihm plötzlich in den Sinn, daß schon seit <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Adam de la -Halle</span> die alten Ritter, deren Lebensgeschichten in den -wahrheitsgetreuesten Büchern bis auf den heutigen -Tag erhalten sind – in den sogenannten Ritterromanen, -zu deren Erwerb Don Quijote sich nicht -scheute, einige der besten Landstücke seines sowieso nicht -großen Besitztums zu verkaufen –, daß häufig diese -Ritter während ihrer ruhmreichen und aller Welt -Nutzen bringenden Streifzüge plötzlich ganze Heere -von nicht weniger als hunderttausend Kriegern antrafen! -Diese furchtbaren Heere wurden ihnen gewöhnlich -von irgendeiner feindlichen Macht auf den Hals -geschickt, oder auch von bösen, neidischen Zauberern, -die alles mögliche ersannen, um sie zu verhindern, ihr -großes Ziel zu erreichen und dann endlich zu ihren -holden Damen heimkehren zu können. Gewöhnlich -geschah es dann, daß der Ritter, wenn er so einem -ungeheuerlichen feindlichen Heere begegnete, sein -Schwert zog, noch schnell zu seinem Schutz den Namen -<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> -seiner Dame anrief, sich darauf allein, wie er war, auf -die hunderttausend Feinde stürzte und sie natürlich alle -bis auf den letzten niederhieb. Man sollte meinen, -daß diese Tatsache keinem Zweifel unterliegt. Doch -Don Quijote verfiel darob plötzlich in tiefes Nachdenken. -Und worüber denn eigentlich? Ja, es schien -ihm mit einem Male unmöglich, daß ein einziger Ritter, -wie stark er auch sei, und selbst wenn er mit einem siegbringenden -Schwerte vierundzwanzig Stunden lang -ohne jegliche Ermüdung um sich schlüge, hunderttausend -Feinde töten könnte, und zwar – in einer einzigen -Schlacht! Um <em>einen</em> Menschen zu töten, braucht man -immerhin etwas Zeit; um <em>hunderttausend</em> -Menschen zu töten, braucht man ungeheuer viel Zeit, -und wie man da auch mit dem Schwerte fuchteln -wollte, – in irgendwelchen fünf, sechs Stunden und -ohne jede Ruhepause könnte das ein einzelner denn doch -nicht fertigbringen, meinte weise Don Quijote. Nun -aber steht es in diesen wahrheitsgetreuesten Büchern -ausdrücklich, daß die Sache gerade in einer <em>einzigen</em> -Schlacht geschah. Wie war das möglich? -</p> - -<p> -„Ich habe dieses Rätsel gelöst, mein Freund -Sancho,“ sagte endlich Don Quijote. „Da alle diese -Riesen, alle diese bösen Zauberer unreine Mächte waren, -so waren ihre Heere gleichfalls von dieser unreinen -Art. Ich nehme an, daß sie nicht aus ganz solchen -Menschen wie wir zum Beispiel bestanden. Jene Menschen -wurden durch Zauberei hervorgerufen, also waren -aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihre Leiber nicht den -unsrigen ähnlich, sondern eher denen der ... sagen wir, -Mollusken, Weichtiere, Würmer, Spinnen. Auf diese -<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> -Weise konnte ein festes, scharfes Schwert, von mächtiger -Ritterhand geführt, alle diese Leiber in einem Augenblick -durchschlagen, fast ohne Widerstand zu finden, – -es ging wie durch die Luft! So konnte es denn tatsächlich -mit einem Hieb durch drei oder vier Leiber gehen, ja -sogar durch zehn, wenn sie eng beieinander standen. -Jetzt erst wird es einem klar, wie sich die Sache für -den Ritter so ungemein vereinfachte, daß er wirklich in -wenigen Stunden ganze Heere dieser bösen Araber und -anderer Ungeheuer vernichten konnte ...“ -</p> - -<p> -Hiemit hat der große Dichter und Menschenkenner -eine der tiefsten, geheimnisvollsten Saiten des Menschenherzens -berührt. Oh, das ist ein großes Buch: es gehört -zu den ewigen, zu denen, die der Menschheit nur -in langen Abständen geschenkt werden. Und solche -Beobachtungen des Tiefsten in unserer menschlichen -Natur findet man in diesem Buch auf jeder Seite. -Schon der eine Umstand, daß dieser Sancho, diese Verkörperung -der gesunden Vernunft, der Schlauheit und -der goldenen Mitte, des allerwahnsinnigsten Menschen -Freund und Reisegefährte wurde, gerade er und kein -anderer! Die ganze Zeit über betrügt er ihn wie ein -kleines Kind, und doch ist er unerschütterlich von seines -Herrn großem Verstande überzeugt, ist er bis zur -Rührung von dessen Herzensgröße bezaubert, glaubt -er felsenfest an alle phantastischen Träume des Ritters, -und kein einziges Mal bezweifelt er, daß dieser ihm -endlich doch noch eine Insel erobern werde! Wie -wünschenswert wäre es, daß unsere Jugend dieses -große Werk kennen lernte. Ich weiß zwar nicht, was -man jetzt in den Schulen von der Literatur durchnimmt; -<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> -doch weiß ich, daß dieses größte und traurigste aller -Bücher, die vom Genie des Menschen geschaffen worden -sind, die Seele gar manches Jünglings durch einen -großen Gedanken erhöhen würde, in sein Herz die -Keime großer Fragen säen und seinen Geist von der -ewigen Anbetung des dummen Idols der Mittelmäßigkeit, -der selbstzufriedenen Eigenliebe und der gemeinen -„Lebensweisheit“ ablenken könnte. -</p> - -<p> -Dieses <em>traurigste</em> der Bücher wird der -Mensch nicht vergessen, zum letzten Gericht Gottes -mit sich zu nehmen. Er wird auf das im Buche -enthaltene tiefste, unheilvollste Geheimnis des Menschen -und der Menschheit hinweisen: daß die größte -Schönheit des Menschen, seine höchste Reinheit, -Keuschheit, Treuherzigkeit, sein ganzer Mut und -endlich sein größter Verstand – leider nur zu oft -ohne Nutzen für die Menschheit vergehen und sich -sogar in einen Gegenstand des Spottes verwandeln, -nur weil dem Menschen, dem diese reichen Gaben so -häufig zuteil werden, bloß die eine letzte Gabe fehlt: -das <em>Genie</em>, den Reichtum und die Macht dieser Gaben -zu beherrschen, zu lenken und sie – das ist das -Wichtigste – nicht auf den phantastischen, wahnsinnigen, -sondern auf den <em>richtigen</em> Weg zu leiten, -sie zum Heile der Menschheit zu gebrauchen. Doch -leider wird den Rassen und Völkern so wenig, so selten -Genie geschenkt, daß wir häufig das Schauspiel dieser -Schicksalsironie sehen müssen: wie die Tätigkeit der -edelsten und glühendsten Menschheitsfreunde – dem -Spottgelächter und der Steinigung preisgegeben wird, -weil sie es in der Schicksalsstunde nicht verstehen, in -<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> -den wahren Sinn der Dinge einzudringen und ihr -<em>neues Wort</em> zu finden. Dieses Schauspiel aber -des zwecklosen Unterganges so großer, edler Kräfte kann -in der Tat gar manchen Menschenfreund zur Verzweiflung -bringen, in ihm nicht mehr Gelächter, wohl -aber heiße Tränen hervorrufen, und sein bis dahin -gläubiges Herz auf ewig mit Zweifeln vergiften ... -</p> - -<p> -Übrigens habe ich ja nur auf einen einzigen Charakterzug -Don Quijotes hinweisen wollen, auf eine -der unzähligen tiefen Beobachtungen, die Cervantes -am Menschenherzen gemacht und so meisterhaft dargestellt -hat. -</p> - -<p> -Der phantastischste Mensch, der bis zum Wahnsinn -von der phantastischsten Illusion, die man sich nur -denken kann, überzeugt ist, wird plötzlich von Zweifeln -befallen, die seinen ganzen Glauben zu erschüttern -drohen. Und merkwürdig ist, was diese Zweifel hervorruft: -nicht die Ungereimtheit seines anfänglichen -Wahnes, noch die Schilderung jener zum Wohle der -Menschheit abenteuernden Ritter, noch der Unsinn der -Zauberwunder, von denen die „wahrheitsgetreuesten“ -Bücher erzählen; nein, es ist ein gänzlich nebensächlicher -Umstand, der plötzlich Zweifel in ihm erweckt. Der -phantastische Mensch wird plötzlich von der <em>Sehnsucht -nach dem Realismus</em> erfaßt! Nicht die -Tatsache, daß plötzlich Heere hervorgezaubert werden, -verwirrt ihn: oh, das ist nicht dem geringsten Zweifel -unterworfen! Wie hätten denn sonst diese prächtigen -Ritter ihren Heldenmut beweisen können, wenn ihnen -nicht solche Prüfungen geschickt worden wären, wenn -es nicht neidische Riesen und böse Zauberer gegeben -<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a> -hätte? Das Ideal des fahrenden Ritters ist so hoch, -so schön und nützlich und hat das Herz des edlen Don -Quijote so bezaubert, daß der Verzicht auf den bedingungslosen -Glauben an dasselbe für ihn bereits -unmöglich geworden ist, ja dem Verrat der Pflicht, dem -Verrat der Liebe zu Dulcinea und zur Menschheit gleichgekommen -wäre. (Als er aber auf alles verzichtet -hatte, als er von seinem Wahn geheilt und „<em>klüger</em>“ -geworden war, – nach der Rückkehr von seiner zweiten -Ausfahrt, auf der er von dem Barbier Carasco, dem -Verneiner und Satiriker mit der „gesunden Vernunft“, -geschlagen worden war – da starb er alsbald, still und -mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen, indem er -noch den weinenden Sancho tröstete, die ganze Welt -liebte mit der großen Kraft jener Liebe, die in seinem -heiligen Herzen eingeschlossen war, und doch noch einsah, -daß er auf dieser Welt nichts mehr zu tun hatte.) -Nein, es verwirrte ihn nur – eine durchaus richtige, -vollkommen mathematische Erwägung: daß es, wie sehr -der mächtige Ritter auch mit dem Schwerte um sich -schlagen und wie stark er auch sein mag, immerhin -unmöglich ist, ein Heer von hunderttausend Mann in -wenigen Stunden, oder sagen wir, selbst in einem Tage, -zu besiegen, und zwar: bis auf den letzten Mann! -So aber steht es in den wahrheitsgetreuesten Büchern. -Folglich steht dort ein Lüge? Ist aber schon eines Lüge, -dann ist auch alles andere Lüge. Wie nun die <em>Wahrheit</em> -retten? Und siehe, da denkt er sich denn zur -Rettung der Wahrheit eine andere Illusion aus, eine, -die zweimal, dreimal phantastischer, einfältiger und -unsinniger ist als die erste, denkt sich hunderttausend -<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> -hervorgezauberte Menschen mit Molluskenleibern aus, -durch die aber dafür das scharfe Schwert des Ritters -zehnmal leichter und schneller hindurchgehen kann -als durch die gewöhnlichen Menschenleiber! Der -<em>Realismus</em> ist also befriedigt, die <em>Wahrheit -gerettet</em>, und an die erste Hauptillusion kann er -nun ruhig weiterglauben; und das wiederum einzig -dank der zweiten, viel unsinnigeren Illusion, die er -sich bloß zur Rettung des <em>Realismus</em> der ersten -ausgedacht hat. -</p> - -<p> -Man gehe doch in sich und prüfe sich: ist nicht -mit jedem von uns ganz dasselbe schon hundertmal im -Leben geschehen? Nehmen wir an, ihr habt einen eurer -Träume liebgewonnen, eine Illusion, eine Idee, eine -Überzeugung oder irgendeine äußere Tatsache, die euch -erschüttert, oder schließlich ein Weib, das euch bezaubert -hat. Mit eurer ganzen Seele gebt ihr euch dem Gegenstande -eurer Liebe hin. Doch – seid ihr auch noch so -verblendet, noch so von eurem Herzen bestochen: ist -in diesem Gegenstand eurer Liebe <a id="corr-12"></a>eine Lüge, irgend -etwas, das ihr selbst durch eure Leidenschaft entstellt -habt, das ihr in dem ersten Drang und Aufschwung -eurer Seele nicht sehen gewollt – nur um aus diesem -Gegenstande euer Idol machen und es dann anbeten -zu können, – so wird doch schon der Zweifel an euch -herankriechen. Nur im geheimen natürlich, nur im -tiefsten Innersten werdet ihr es fühlen, werdet ihr es -bangend fühlen, wie der Zweifel an euch herankriecht, -euch benagt, euren Verstand zerrt, sich durch eure Seele -windet und euch ewig hindert, mit eurem liebgewonnenen -Traume in Frieden zu leben. Nun, erinnert -<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> -ihr euch vielleicht, womit ihr euch dann beruhigt habt? -Habt ihr euch dann nicht einen neuen Traum ausgedacht, -eine neue Lüge, vielleicht sogar eine furchtbar -unvollkommene, grobe Lüge, an die aber zu glauben ihr -euch in Liebe beeiltet, nur weil sie euch von eurem -ersten Zweifel befreite? -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-4-2"> -<span class="firstline">Mollusken, die man für Menschen hält.</span><br /> -Was ist für uns vorteilhafter: wenn -man über uns die Wahrheit weiß, oder -wenn man über uns Unsinn schwätzt? -</h4> - -<p class="noindent"> -Heutzutage hat sich Europa in die Türken verliebt, -natürlich – mehr oder weniger. Früher, zum Beispiel -vor einem Jahr, da wußte man im Westen wenigstens, -daß es nur aus Haß gegen Rußland geschah, -wenn man sich bemühte, in den Türken irgendeine große -nationale Kraft zu entdecken. Wie hätten die klugen -Europäer es auch nicht einsehen sollen, daß in der -Türkei die Kräfte eines regelrechten gesunden Nationalorganismus -weder sind noch sein können, ja, daß ein -Organismus vielleicht überhaupt nicht mehr vorhanden -ist (dermaßen faul und zerfressen ist er), und daß die -Türken nur eine asiatische Horde, nicht aber einen -regelrechten Staat bilden. Jetzt jedoch, seit der Zeit, -da die Türkei gegen Rußland Krieg führt, hat sich allmählich -an bestimmten Stätten Europas die tatsächlich -ernste Überzeugung festgesetzt, daß diese Nation nicht -nur überhaupt einen Organismus ausmache, sondern -außerdem noch ein sehr starker Organismus sei, sogar -einer, dem man große Entwicklung und große Fortschritte -<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> -prophezeien könne. Dieser Gedanke bezaubert -gar viele europäische Geister immer mehr, und schließlich -ist er auch zu uns herübergekommen: auch hier in -Rußland spricht man schon von Kräften, die die Türkei -plötzlich bewiesen haben soll. In Europa hat sich diese -Auffassung wiederum nur aus Haß gegen Rußland verbreitet, -bei uns aber – aus Kleinmut und der ungeheuren -Eilfertigkeit zu pessimistischen Schlüssen, die -nun einmal eine charakteristische Eigenschaft der intelligenten -Klassen unserer Gesellschaft ist; eine Eigenschaft, -die sich immer wieder kundtut, sobald irgendwo -unsere „Mißerfolge“ beginnen! -</p> - -<p> -So ist denn jetzt in Europa dasselbe vor sich gegangen, -was einstmals im armen Geiste Don Quijotes vor sich -ging, nur in umgekehrter Form, doch das Wesen der -Sache ist hier wie dort dasselbe: jener dachte sich, um -die <em>Wahrheit</em> zu retten, Menschen mit Molluskenleibern -aus, die Europäer dagegen haben jetzt, um ihre -Illusion von der Nichtigkeit und Schwäche Rußlands, -die sie so wohlig beruhigt, zu retten, – eine echte -Molluske für einen Menschenorganismus erklärt und ihn -mit Fleisch und Blut, mit Kraft und Gesundheit ausgestattet. -Über Rußland aber verbreitet man jetzt selbst -in den gebildetsten Staaten den größten Unsinn. Auch -früher kannte man uns in Europa wenig, sogar so -wenig, daß man sich immer nur wundern mußte, wie -dermaßen aufgeklärte Völker so wenig bestrebt sein -konnten, jenes Volk kennen zu lernen, das sie doch -alle von jeher hassen und fürchten. Diese Unkenntnis -unseres Wesens in Europa und sogar die gewisse Unfähigkeit -Europas, uns in manchen Beziehungen zu verstehen, -<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a> -ist ja für uns Russen teilweise auch vorteilhaft -gewesen, und so wird sie uns schließlich auch fernerhin -nicht schaden. Mögen sie nur schwatzen von Rußlands -„schmachvoller Rückständigkeit als Militärmacht“, ungeachtet -der Zeugnisse ihrer eigenen Kriegsberichterstatter, -die über die militärische Begabung, die Festigkeit -und Ausdauer und die Disziplin des russischen -Soldaten wie Offiziers erstaunt sind; mögen sie selbst -die bedeutendsten Fehler des russischen Generalstabes -zu Anfang des Krieges nicht nur für unverbesserlich -halten, sondern auf organische Mängel unseres Heeres -zurückführen, – wobei sie natürlich vergessen, wie oft -wir sie in diesen letzten zwei Jahrhunderten geschlagen -haben. Mögen schließlich die <em>ernstesten</em> ihrer -politischen Blätter der Welt als wahr melden, daß es -bei uns zu einer riesigen Volksverschwörung auf der -Wyborger Seite in Petersburg gekommen sei, und daß -die Regierung zwei Regimenter aus Dünaburg zur -Rettung Petersburgs herbeigerufen habe, – schön, -mögen sie das in ihrer blinden Wut von uns sagen! -Ich wiederhole: für uns ist es sogar vorteilhaft; denn -sie ahnen ja nicht einmal, was sie anstiften! Sie würden -doch so gern in allen ihren Völkern Haß gegen uns -erwecken, gegen die „gefährlichen Gegner unserer europäischen -Zivilisation“. Und doch sind sie es dann -selbst, die uns wiederum als verloren hinstellen, uns -in einer „bis zur Schmach lächerlichen Schwäche als -Militärmacht und Staatsorganismus“ schildern. Wer -aber wirklich so schwach und nichtig ist, der bringt doch -wahrlich nicht in dieser Weise ganze Koalitionen gegen -sich zusammen! -</p> - -<p> -<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a> -Man stelle sich nur vor, Europa sollte genaue Kenntnis -von dieser Kraft unseres Geistes, unseres Gefühls -haben, von dem unerschütterlichen Glauben unseres -Volkes an die Gerechtigkeit der großen Tat, für die -sein Zar jetzt das Schwert gezogen hat, und an den -unfehlbaren Sieg dieser Idee, wenn auch nicht sofort, -dann doch in der Zukunft! Man stelle sich nur vor, -Europa könnte endlich begreifen, was dieser im höchsten -Grade nationale Krieg für Rußland bedeutet, und daß -unser Volk keineswegs eine tote, seelenlose Masse ist, wie -sie es sich dort immer vorstellen, sondern ein mächtiger -und sich seiner Macht bewußter Organismus, der als -Ganzes wie ein einziger Mann fest zusammengefügt -dasteht und eines Herzens und eines Willens mit seinem -Heere ist. Welch einen Schreck und welch eine Aufregung -würde dieses Wissen dort überall hervorrufen! -Und das würde natürlich schon eher zu einer offenen -Koalition Europas gegen uns führen, als die so gern -gelesenen Berichte über unsere Kraftlosigkeit und -Dekadenz. Nein, da ist es denn doch besser, wenn wir -sie ruhig an die „Volksverschwörung in der Wyborger -Vorstadt“ glauben lassen – ihnen zum Troste und uns -zur Erheiterung. -</p> - -<p> -Daß man in Europa jetzt an die Türken glaubt, -ist ja schließlich ganz begreiflich; wir wissen doch, warum -man es dort tut. Wie aber kann man bei uns sich deswegen -aufregen und sogar an irgendwelche neue, plötzlich -aufgetauchte Lebenskräfte der türkischen Nation -glauben? Wodurch hat die Türkei diese Kräfte bewiesen? -Durch den Fanatismus? „Fanatismus ist -nicht Kraft“, haben bei uns schon hundertmal diese -<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a> -selben Leute verkündet, die jetzt plötzlich an die türkischen -Kräfte glauben. Man spricht von den türkischen -Siegen. Die Türken haben nur ein- oder zweimal -unsere Angriffe zurückgeworfen, und das sind, wie man -weiß, nur negative, nicht positive Siege. Als wir aber -in Sebastopol einen Angriff der Franzosen und Engländer -mit furchtbaren Verlusten der letzteren zurückschlugen, -da sprach Europa kein Wort von einem -russischen „Siege“. Wir haben während der ganzen -zwei letzten Monate bedeutend weniger Truppen gehabt, -als die Türken: warum haben sie das nicht ausgenutzt? -warum uns nicht über den Balkan zurückgedrängt, -warum nicht über die Donau zurückgeworfen? Dagegen -haben wir überall unsere wichtigsten Stellungen behauptet -und überall die Türken zurückgeschlagen. Zuweilen -haben sieben oder acht unserer Bataillone -zwanzig der ihrigen geschlagen, wie z. B. noch vor -kurzem bei Zerkownjä. Die von der Kraft der Türken -überzeugten Pessimisten weisen auf das Gewehr und die -Artillerie der Türken hin, die, wie es heißt, besser sein -sollen, als unser Gewehr und unsere Artillerie. Trotzdem -wollen sie nicht zugeben, daß wir im Grunde genommen -nicht nur mit den Türken, sondern mit den -europäischen Mächten kämpfen, da unzählige fremde -Offiziere im türkischen Heere dienen und letzteres mit -europäischem Gelde ausgerüstet ist, da die europäische -Diplomatie seit dem Ausbruch des Krieges uns überall -Stangen in die Räder schiebt, wie z. B., wenn sie -uns der Hilfe unserer natürlichen Verbündeten beraubt -und uns sogar das Recht entzieht, auf dem einzigen -direkten Wege in die Türkei einzudringen. Außerdem -<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a> -hat Europa durch seinen Haß auf uns zweifellos den -Fanatismus der Türken angefacht. (In Europa wurde -ja noch kürzlich eine Verschwörung ganzer Horden aufgedeckt, -die, organisiert und mit Geld und Gewehren -versehen, uns plötzlich in den Rücken fallen sollten.) -Und zum Überfluß hat Europa den Türken auch noch -eine riesige Anleihe gewährt – zum großen Nachteil -für den eigenen Beutel. Und all dieses Unmögliche -ist doch nur möglich gewesen, weil man in Europa die -Illusion, daß die Türkei kein Molluskenreich sei, sondern -ein Organismus von Fleisch und Blut wie alle anderen -europäischen Reiche, so liebgewonnen hat! Dabei geschah -dies zu derselben Zeit, als in mehreren Provinzen -der Türkei das Blut in Strömen floß, als unter den -Machthabern der Türkei eine regelrechte Verschwörung -aufgedeckt wurde, die die Bulgaren bis auf den letzten -Mann ausrotten wollte! Jetzt aber erhalten die Türken -ihr Heer in den bulgarischen Provinzen mit solchen -Requisitionen von Lebensmitteln, Pferden und Vieh, -daß sie sicher sein können, ihr Ziel zu erreichen, nämlich: -ihre reichste Provinz von Grund aus zu verwüsten. Und -diesen Zerstörern des eigenen Landes leihen die gebildeten, -zivilisierten Engländer noch Geld und glauben -sogar an die türkische Zahlungsfähigkeit! Doch schön, -schön, mag das alles in Europa geglaubt werden, dort -ist das doch immerhin verständlich. Aber bei uns, -wie kann man nur bei uns die Türken für eine Kraft -halten!? Die Zerstörung ihres eigenen Landes und die -Ausrottung der ganzen christlichen Bevölkerung – ist -denn das eine Kraft? Die wird ja nicht einmal bis -zum Ende des Krieges ausreichen. Die erste Wendung -<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a> -zu unseren Gunsten: und dieses ganze phantastische Gebäude -ihrer Militärmacht und Nationalkraft wird im -Augenblick zusammenstürzen und zergehen, wie eine -richtige Schimäre, – sogar samt ihrem Fanatismus, -der wie stickiger Rauch durch eine geöffnete Tür entfliehen -wird. -</p> - -<p> -Viele klugen Leute verwünschen jetzt einfach diese -ganze Orientfrage. „Wer hat uns eigentlich,“ fragen -sie, „diese Slawen und dieses Hirngespinst von einer -Vereinigung aller blutsverwandten Stämme auf den -Hals geladen? und wozu überhaupt? Zu ewigem -Streit mit Europa, zu ewigem Mißtrauen uns gegenüber, -damit nur ja der Haß des Westens auf uns nicht -abnehme! Daß sie der Teufel hole, diese Slawophilen!“ -usw., usw. Diese klugen Leute haben jedoch, -wie es scheint, vollkommen falsche Vorstellungen wie -von den Slawophilen so auch von der Orientfrage. -Ja, wie sollte es auch anders sein! Haben sich doch -viele von ihnen bis zur jüngsten Zeit überhaupt nicht -für diese Sache interessiert. Deshalb kann man mit -ihnen auch nicht streiten. Sie wissen es ja tatsächlich -nicht, daß diese Orientfrage – und mit ihr die Slawenfrage -– keineswegs von den Slawophilen heraufbeschworen -oder ausgedacht worden ist (so etwas kann -man sich doch nicht ausdenken), sondern, daß diese Frage -von selbst entstanden ist, und das schon vor sehr langer -Zeit: längst vor den Slawophilen, längst vor uns, ja -sogar vor Peter dem Großen und dem russischen Staat. -Entstanden ist sie mit der ersten Kristallisierung der -großrussischen Rasse zu einem einzigen russischen Reich, -das heißt also, zusammen mit dem Zarentum Moskau. -</p> - -<p> -<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a> -Die Lösung des Orientproblems ist eine Aufgabe, -die das moskowitische Zarentum fast schon am Tage -seiner Entstehung auf sich nahm, und die Peter der -Große durchaus anerkannte und deshalb auch, als er -Moskau verließ, keineswegs abschüttelte, sondern mit -sich nach Petersburg hinübernahm. Peter begriff die -organische Verbindung dieser Idee mit dem Russischen -Reiche und der russischen Seele. Darum ist sie auch in -Petersburg nicht nur nicht untergegangen, sondern von -allen Nachfolgern Peters geradezu als <em>russische -Bestimmung</em> angesehen worden. Darum können -wir sie auch jetzt nicht aufgeben – das wäre ein Verrat -an uns selbst. Die slawische Idee nicht mehr -tragen und das Problem einer Schicksalsentscheidung -des östlichen Christentums – das Wesen der Orientfrage -– ungelöst aufgeben, wäre dasselbe, wie ganz -Rußland zerbrechen, in Splitter zerhauen und an seiner -Stelle sich irgend etwas Anderes und Neues ausdenken, -was dann aber nichts mehr mit Rußland zu tun hätte. -Das wäre sogar nicht einmal Revolution, sondern einfach -Vernichtung, und darum ganz undenkbar: denn -wie sollte man solch ein Ganzes vernichten und es in -einen von Grund auf neuen Organismus umgebären -können? So sind es denn auch nur noch die auf beiden -Augen blinden russischen „Europäer“, die diese Idee -nicht einsehen können und sie daher verleugnen, und -mit ihnen höchstens noch die Börsenspekulanten, – so -nenne ich nun einmal grundsätzlich alle Russen, die -keine andere Sorge haben als die um ihren Geldbeutel, -und die infolgedessen auf Rußland nur vom Standpunkt -ihrer Tasche aus sehen. Jetzt klagen sie alle im Chor -<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a> -über die Stockung des Handels, über die Börsenkrisis -und das Sinken des Rubels. Wären aber diese Börsenspekulanten -nur so weit aufgeklärt, daß sie irgend etwas -auch außerhalb ihrer Sphäre verstünden, dann würde -ihnen wohl aufgehen, daß sie weit schlimmer daran -wären, wenn Rußland diesen Krieg nicht begonnen -hätte. Damit es ein „Steigen“ gibt – selbst ein -Steigen des Rubels an der Börse –, muß die Nation -auch wirklich leben, muß sie ein lebendiges Leben -führen und ihre natürliche Bestimmung erfüllen, nicht -aber wie eine galvanisierte Leiche in den Händen der -Juden und Börsenjobber liegen. Wenn wir nach allen -zynischen, beleidigenden Herausforderungen unserer -Feinde diesen Krieg nicht begonnen hätten und den -erschöpften Märtyrern nicht zu Hilfe gekommen wären, -so würden wir uns jetzt selbst verachten müssen. Selbstverachtung -aber, moralisches Sinken, und nach ihm -Zynismus, – sind sogar für die Geschäfte der Börsenjobber -nicht günstig. Die Nationen leben durch große -Gefühle, durch große, alle vereinende und alles erhellende -Gedanken, und endlich durch die Einheit des -ganzen Volkes, die dann entsteht, wenn das Volk unwillkürlich -seine führende Intelligenz als mit ihm übereinstimmend -anerkennt, woraus dann die stärkste -Nationalkraft strömt. Das ist es, wodurch die Nationen -leben, nicht aber durch Börsenspekulationen und die -Sorge um den Wert des Rubels! Je geistig reicher -eine Nation ist, desto materiell reicher wird sie sein ... -Übrigens, was sind das doch wieder für alte Worte, -die ich da rede! -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-5"> -<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a> -Zur Orientfrage -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-6-5-1"> -<span class="firstline">Lakaientum oder Zartgefühl</span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">ekanntlich</span> sind alle intelligenten Russen außerordentlich -taktvoll in Fällen, in denen es sich um Europa -handelt, oder wenn sie glauben, daß Europa auf -sie sehe – obgleich Europa sie im Grunde niemals beachtet.<a class="fnote" href="#footnote-48" id="fnote-48">[48]</a> -Zu Haus aber, da entschädigen sie sich dafür: -zu Hause wird der ganze Europäismus in den allermeisten -Fällen beiseite geschoben ... Und wer von -ihnen glaubt denn auch im Ernst an diese uns so lange -schon gepredigten „europäischen Ideen“? Freilich, -manch ehrlicher und guter Mensch glaubt einfach aus -Herzensgüte an sie; aber gibt es denn viele solcher -Menschen bei uns? Um die Wahrheit zu sagen: genau -genommen, gibt es doch keinen einzigen Europäer unter -uns; denn wir sind ja überhaupt nicht fähig, Europäer -zu sein. Unsere Börsengeister und andere führende -Geister haben die europäischen Ideen anscheinend bloß -gepachtet. Russen aber mit großen, gesunden Gedanken, -die glauben freilich nicht an diese „europäischen Ideen“; -denn da ist auch wirklich nichts, woran zu glauben -sich lohnte. Nichts ist uns unklarer, nebelhafter, unbestimmbarer -als dieser Zyklus von Ideen, den wir in -der Periode unserer zweihundertjährigen europäischen -Nachahmung uns angeeignet haben, – in Wahrheit -kein Zyklus, sondern ein Chaos abgerissener Gefühle, -fremder, unverstandener Gedanken, fremder Schlüsse -und fremder Gewohnheiten, – und alles in allem -<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a> -doch nur Worte und Worte, europäische liberale Worte -vielleicht, aber für uns doch nur Worte und Worte. -</p> - -<p> -Mit Papageieninstinkten läßt sich das gerade auch -nicht erklären, ebensowenig mit einem Lakaientum -russischer Gedanken Europa gegenüber. Lakaiengedanken -gibt es ja sonst sehr viele bei uns, aber der -höhere Grund unserer europäischen Knechtschaft ist doch -wohl nicht ein Lakaientum, sondern schon eher unser angeborenes -Zartgefühl Europa gegenüber. Man wird -sagen, daß Zartgefühl und Lakaientum in dem Falle -ein und dasselbe sei. In vielen Fällen – vielleicht, -aber nicht in allen. Ich spreche hier selbstverständlich -nicht von den Geistern, die ich vorhin erwähnte; diesen -„Europäern“ ist es niemals weder um Europa noch um -Rußland zu tun gewesen. Die hatten als kluge Menschen -im Trüben gut fischen, und das taten sie denn -auch zwei Jahrhunderte lang. -</p> - -<p> -Da äußert sich, zum Beispiel, der Engländer Gladstone -über den jetzigen russischen Krieg mit den Türken -folgendermaßen: -</p> - -<p> -„Was man auch sonst über einige Kapitel der -russischen Geschichte sagen könnte, durch die Befreiung -vieler Millionen Menschen unterdrückter Völker von -einem harten und erniedrigenden Joch erweist Rußland -der Menschheit einen der größten Dienste, deren sich -die Geschichte der Menschheit erinnern wird.“ -</p> - -<p> -Was glauben sie wohl, würde solche Worte ein -russischer Europäer je auszusprechen wagen? Nie und -nimmer! Eher würde er sich die Zunge abbeißen, würde -aus Zartgefühl über und über erröten, nicht nur vor -Europa, sondern auch vor sich selbst, wenn er Ähnliches -<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a> -nur hörte oder es womöglich noch von einem Russen -auf russisch geschrieben lesen müßte. „Um Gottes willen! -Wie sollten wir uns unterstehen ... <em>und noch -dazu für die ganze Menschheit</em> ... wir -Russen? Wir, die wir noch nicht einmal mit der Nase -an solche Aufgaben heranreichen, wir, mit unserem -schiefen, unausgeglichenen Gesicht, sollen ‚die Menschheit -befreien‘! Welch unliberaler Gedanke! <em>Rußland</em> -befreit die Völker!!“ -</p> - -<p> -Das wäre die aufrichtige Meinung des russischen -Europäers, und er schlüge sich eher die Finger ab, als -daß er Gladstones Worten Ähnliches niederschriebe. -„Gladstone kann ja vieles zu irgendwelchen Zwecken -erfinden, aber von Rußland versteht er doch nichts,“ -würde er behaupten. Einige von unseren Europäern -aber würden nicht ohne Stolz noch hinzufügen: „Wir -russischen Europäer sind vielleicht doch noch liberaler -als die europäischen Europäer; denn wer von unseren -nüchternen Köpfen würde jetzt auch nur mit einer Silbe -von der Befreiung der Völker reden? Welch ein Rückschritt! -Und Gladstone schämt sich nicht einmal, so -etwas zu sagen!“ -</p> - -<p> -Wie soll man das nun nennen, meine Herren? -Lakaientum oder Zartgefühl Europa gegenüber? -</p> - -<p> -Ich bleibe doch bei der Ansicht, daß in der europäischen -Periode unserer Geschichte das Zartgefühl eine -große Rolle gespielt hat. Viele von unseren Europäern -sind doch achtenswerte und tapfere Leute, Ehrenmänner -durch und durch – wenn auch nach den Begriffen einer -fremden, anerzogenen und von diesen unseren Rittern -selbst nicht allemal verstandenen Ehre –, aber immerhin -<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a> -irgendeiner Ehre; sind Leute, die es nicht erlauben, -daß man ihnen auf die Füße tritt. Wie kann man sie -nur so mir nichts, dir nichts Lakaien nennen? Nein, -das Zartgefühl beherrscht sie, nicht das Lakaientum! -</p> - -<p> -Unsere Damen, die begeistert den gefangenen Türken -Konfekt und Zigaretten bringen, tun das ja gleichfalls -nur aus Zartgefühl. Jetzt haben einige undelikate -Leute diese Damen zur Vernunft gewiesen, aber vorher -... Nehmen wir an, daß nach dem Eisenbahnzuge -mit den gefangenen Türken, denen unsere Damen -Buketts und Konfekt verehrten, ein zweiter Zug mit -echten Baschi-Bozuks ankäme – mit dieser berühmten -Landwehr, die sich ganz besonders durch das Zerreißen -von Säuglingen auszeichnet und durch die Kunst, aus -den Rücken der Mütter Riemen zu schneiden – ja, ich -glaube, unsere Damen würden diesen zweiten Zug mit -einem Schrei des Entzückens empfangen, würden die -interessante Landwehr mit Süßigkeiten überschütten und -in ihren Komitees womöglich Stipendien am Gymnasium -für sie erwirken. O, man glaube mir, meine -Voraussetzung ist durchaus nicht so phantastisch: dieses -Zartgefühl kann sich bei uns bis zum Äußersten steigern. -Wenn diese Damen sich im Spiegel betrachten, so denken -sie sicher ganz verliebt in sich selbst: „Wie human, wie -liberal wir doch sind!“ Ich glaube nicht, daß ich übertreibe! -Dieser hochmütige Blick, zum Beispiel, den der -sogenannte russische Europäer für unser Volk nur übrighat, -und dieses Lächeln, mit dem er das Streben des -Volkes kritisiert und ihm jegliches Denken abspricht – -„außer einigen schreiend blöden Einfällen von einigen -tausend Bauernköpfen und irgendeinem Dummkopf“ –: -<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a> -kommt das nicht dem gleich, was ich von unseren Damen -gesagt habe? -</p> - -<p> -Dieses Zartgefühl, das wir Europa entgegenbringen, -verläßt uns bei keiner Gelegenheit. Die -türkischen Gefangenen verlangten Weißbrot und sie erhielten -es sofort. Ja, die türkischen Gefangenen -weigerten sich sogar, zu arbeiten. Fürst Meschtscherski -schreibt in seinem „Tagebuch“ als Augenzeuge aus dem -Kaukasus: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -Unsere Gefangenen verließen Tiflis. Man wollte -sie in offenen Wagen transportieren, sie aber revoltierten -und erdreisteten sich, zu erklären, daß sie in -solchen Wagen nicht fahren würden. Daraufhin gab -man ihnen Postequipagen, jede Equipage mit sechs -Pferden bespannt. Darüber drückten sie ihre Zufriedenheit -aus. Die Folge davon aber war, daß -aus Mangel an Pferden die Reisenden auf der -großen Grusinischen Heerstraße dreimal vierundzwanzig -Stunden warten mußten. Die russischen -Offiziere aber, die die gefangenen Türken begleiteten, -und die nur 50 Kop. täglich erhielten, setzte man -nicht in die Equipage, sondern wie Bediente in einen -Omnibus! Das nennt man dann „Humanität“! -(Moskauer Nachrichten.) -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Das ist freilich nicht Humanität, sondern eben -jenes besagte Zartgefühl der europäischen Meinung -gegenüber. „Europa sieht auf uns, folglich muß man -in Galauniform den Paschas die besten Wagen anbieten.“ -</p> - -<p> -<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a> -Die „Moskauer Nachrichten“ berichten unter anderem -auch von dem Erstaunen der Moskowiter bei der -Ankunft der gefangenen Türken, als sie sahen, wie man -sie transportierte: -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -Die gefangenen türkischen Soldaten waren bequem -in Waggons dritter Klasse untergebracht, die -Offiziere in Waggons zweiter Klasse, und der Pascha -nahm einen ganzen Waggon erster Klasse ein. -„Warum wird ihnen so viel Luxus geboten?“ hörte -man im Publikum fragen. „Unsere Grenadiere -wurden aus Moskau in Viehwaggons transportiert, -diese türkischen Gefangenen aber fahren in Luxuszügen.“ -</p> - -<p> -„Was, Grenadiere,“ rief darauf aus der Menge -ein Kaufmann – „sogar unsere verwundeten Soldaten -wurden in Viehwaggons transportiert, und -dabei hatte man ihnen nicht einmal Stroh untergebreitet. -Diesen feisten Pascha da, diesen Aufgefütterten, -den hätte man in den Viehwagen einsperren -sollen, damit er wenigstens etwas von seinem Fett -verliert!“ -</p> - -<p> -„Dort unten haben sie unsere Verwundeten zu -Tode gequält, ihnen die Sehnen herausgezogen, sie -mit glühendem Eisen gebrannt, und jetzt werden sie -bei uns dafür verhätschelt ...“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Solche Stimmen, bemerkt die Moskauer Zeitung, -waren nicht vereinzelt; in ihnen tat sich die Volksmeinung -kund: ist es doch schmerzlich zu sehen, daß -diese Baschi-Bozuks, dieser ganze türkische Abschaum -besser behandelt wird als unsere eigenen Soldaten. -</p> - -<p> -<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a> -Wir, die Intelligenz, sehen nichts Besonderes darin: -es ist eben Zartgefühl oder richtiger die äußere Form -eines Zartgefühls der europäischen Meinung gegenüber -– und weiter nichts. Das ist doch schon zweihundert -Jahre lang bei uns so Sitte gewesen – es wäre Zeit, -sich daran zu gewöhnen! -</p> - -<p> -Da ich einmal auf diese Dinge zu sprechen gekommen -bin, will ich noch ein kennzeichnendes Beispiel wiedergeben. -Ich las diese Geschichte vor kurzem in der -Petersburger Zeitung, die sie einem Briefe entnommen -hatte. -</p> - -<div class="excerpt"> -<p class="noindent"> -In seinem Bericht vom Kriegsschauplatz erzählt -Herr Krestowski unter anderem von einem spaßigen -Fall. „In der Suite des Großfürsten erschien ein -sonderbarer Engländer: er trug einen Korkhelm und -einen Mantel von erbsgrüner Farbe. Es heißt, er -sei Mitglied des Parlaments und benutze seine freie -Zeit, um vom Kriegsschauplatz an eine der großen -Londoner Zeitungen (Times) Bericht zu erstatten. -Andere versichern, er sei nur ein ‚reisender Engländer‘, -wiederum andere, er sei einfach ein Russenfreund. -Doch wie dem nun auch sei, jedenfalls führt -sich dieser Herr etwas exzentrisch auf. In Gegenwart -des Großfürsten, wenn alle stehen, Seine Hoheit -nicht ausgenommen, bleibt er z. B. ruhig sitzen, und -bei Tisch erhebt er sich, wann es ihm gefällt. Vor -kurzem wandte er sich an einen bekannten Offizier -mit der Bitte, ihm seinen erbsfarbenen Mantel zu -halten. Der Offizier maß ihn mit etwas erstauntem -Blick, <a id="corr-14"></a>lächelte darauf ein wenig ironisch, zuckte die -<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a> -Achsel und half ihm schließlich widerspruchslos in -den Mantel. Freilich, es blieb ihm auch nichts -anderes übrig. Der Engländer aber berührte nur -flüchtig mit der Hand den Schirm seines Korkhelms -...“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Die Petersburger Zeitung findet diesen Fall spaßig. -Zu meinem Bedauern kann ich wirklich nichts Spaßiges -in ihm entdecken, sondern nur sehr viel Ärgerliches. -Bei uns hat sich aus Romanen und französischen Vaudevilles -der Glaube ein für allemal festgesetzt, daß jeder -Engländer ein Sonderling sei. Aber was ist denn -ein Sonderling? Nicht immer braucht so ein Sonderling -gleich dermaßen naiv zu sein, nicht einmal erraten -zu können, daß in der Welt nicht überall dieselben -Sitten und Gebräuche herrschen, die irgendwo dort in -England allgemein angenommen sein mögen. Die -Engländer sind, im Gegenteil, ein kluges Volk; als -Seefahrer, und zudem noch als gebildete Seefahrer, -haben sie mit ihrem scharfen Blick besser als alle -Europäer die Völker aller Erdteile und ihre Sitten zu -beobachten verstanden; sie sind ganz ungewöhnlich begabte -Beobachter. Solch ein Engländer nun, und noch -dazu einer, der Mitglied des Parlaments ist, sollte nicht -wissen, wo und wann er stehen, wo und wann er sitzen -muß!? Es gibt ja kein einziges Land, in dem die Etikette -eine so große Rolle spielt wie gerade in England. -Die englische Hofetikette ist die komplizierteste -der ganzen Welt. Wenn dieser Engländer Parlamentarier -ist, so muß er als solcher doch wenigstens wissen, -wie sich die Mitglieder des Unterhauses zu denen des -<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a> -Oberhauses zu verhalten haben, und zwar gerade in -dem Sinne: wer vor wem sitzen bleiben, und wer vor -wem aufstehen muß. Und wenn er noch gar zur höheren -Gesellschaft gehört – wo geht es denn zeremonieller zu -als bei den Diners und auf den Bällen oder in den -Empfangssälen der Londoner Aristokratie? Nein, -dieser Engländer scheint mir keineswegs ein Sonderling -zu sein – soweit man ihn nach dieser Beschreibung -beurteilen kann. Nein, das ist englischer Stolz, und -nicht nur Stolz, sondern ist einfach Anmaßung, Herausforderung. -Dieser „Russenfreund“ kann doch kein -großer Freund von uns sein. Er bleibt ruhig sitzen und -denkt bei sich über die russischen Offiziere: „Meine -Herren, ich weiß, daß Sie ein Löwenherz haben! ... Sie -unternehmen ja fast Unmögliches und führen es auch -aus. Furcht vor dem Feinde kennen Sie nicht; jeder -einzelne von Ihnen ist ein Held, und was Ehre ist, -wissen Sie alle nur zu gut. Ich kann nicht abstreiten, -was ich mit meinen eigenen Augen sehe. Doch nichtsdestoweniger -bin ich Engländer, Sie aber sind nur -Russen; ich bin Europäer, und Europa gegenüber -sind Sie verpflichtet, zartfühlend und aufmerksam zu -sein. Welche Löwenherzen Sie auch haben mögen – -im Vergleich mit Ihnen bin ich doch ... nun eben -ein höherer Typ Mensch. Es ist mir sehr angenehm, -sehr angenehm, Ihr Zartgefühl mir gegenüber zu beobachten -... Sie denken, daß das alles nur Kleinigkeiten -sind, aber gerade diese Kleinigkeiten sind es, -die mich amüsieren. Ich habe diese Vergnügungsreise -gemacht, weil ich hörte, daß Sie Helden seien; ich bin -hergekommen, um Sie mir näher anzusehen, aber ich -<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a> -werde wieder einmal mit der Überzeugung heimkehren, -daß ich als Sohn Old-Englands“ – sein Herz erbebt -vor Stolz – „auf der Welt doch ein Mensch ersten -Ranges bin und bleibe: Sie aber, meine Herren, sind -als Russen doch nur zweitrangige Kreaturen ...“ -</p> - -<p> -Am interessantesten sind in dem Briefe zweifellos -die letzten Zeilen: „Der Offizier maß ihn mit etwas -erstauntem Blick, lächelte darauf ein wenig ironisch, -zuckte die Achsel und half ihm schließlich widerspruchslos -in seinen Mantel. <em>Freilich, es blieb ihm -auch nichts anderes übrig.</em>“ -</p> - -<p> -Wieso: „freilich“? Warum blieb ihm nichts anderes -übrig? Im Gegenteil, da hätte man gerade das -Entgegengesetzte tun sollen: man hätte ihn vom Kopf -bis zu den Füßen mit nicht mißzuverstehendem Blick -messen, ironisch lächeln, mit den Schultern zucken und -vorübergehen sollen, ohne den Mantel anzurühren. -Hatte man denn wirklich nicht bemerkt, daß der aufgeklärte -Seefahrer bloß seine Stückchen machte, daß -der feinste Kenner der Etikette den Augenblick benutzte, -um seinen kleinlichen Stolz zu befriedigen? Das -ist es ja, daß man in dem Augenblick nicht darauf verfallen -konnte, denn unser „Zartgefühl“ verhinderte es. -Doch, das war nicht etwa Zartgefühl <em>diesem</em> Engländer -gegenüber – weder als Mitglied des Parlaments, -noch als Besitzer jenes Korkhelms –, sondern -unser Zartgefühl Europa, der europäischen Aufklärung -gegenüber, unser Zartgefühl, in dem wir aufgewachsen -sind, und das uns bis zum Verlust unserer eigenen -Selbständigkeit und Persönlichkeit beherrscht, und von -dem wir uns noch lange nicht werden befreien können. -<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a> -Die Lieferung von Patronen an die Türkei, die England -und Amerika besorgen, soll wirklich enorm sein. -Wir wissen ja ganz genau, daß der türkische Soldat bei -Plewna bisweilen an 500 Patronen täglich verbraucht: -die Türkei aber hat weder so viel Geld, noch solch einen -Kredit, um ihre Armee dermaßen mit Munition versehen -zu können. Daß die Engländer ihnen in jeder -Beziehung helfen, liegt auf der Hand; ihre Schiffe -bringen den Türken alles, was zum Kriege nötig ist. -Bei uns aber schweigen die Zeitungen darüber – aus -„Zartgefühl“ natürlich: „Ach, sprechen Sie nicht davon, -werfen Sie doch nur nicht solche Fragen auf, wir wollen -nichts davon sehen, nichts hören, sonst würden wir -die gebildeten Seefahrer womöglich erzürnen und -dann ...“ -</p> - -<p> -Nun, und was dann? Warum fürchtet ihr euch? -Wahrlich, über dieses Thema „Zartgefühl“ könnte -man noch vieles hinzufügen. -</p> - -<p> -Selbst wenn es diese gewissen Wechsel und Wechselchen -gibt, die wir Europa in Gestalt verschiedener -Versprechungen eingehändigt haben sollen, so ist doch -auch das nur aus Zartgefühl Europa gegenüber und -aus Verehrung für seine Kultur geschehen. Doch vorläufig -will ich dieses Thema fallen lassen. Ich erinnere -mich, zu Anfang dieses Kapitels noch hinzugefügt -zu haben, all das geschehe ja nur Europa gegenüber, -bei uns zu Hause kämen wir schon auf unsere Rechnung. -Ich möchte nun die Gelegenheit benutzen, zu zeigen, -wie wir es verstehen, uns dafür zu entschädigen. -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-5-2"> -<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a> -<span class="firstline">Der größte Beweis unseres Lakaientums</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Erinnern Sie sich noch, meine Herren, wie wir im -Sommer, als wir kurz vor Plewna in Bulgarien eindrangen, -plötzlich vor Unwillen einfach erstarrten? -Übrigens waren nicht alle so ungehalten, das muß ich -vorausschicken. Doch die Stimmen der Herren Kriegsberichterstatter -fanden in unseren Petersburger Zeitungen -einen lebhaften Widerhall. -</p> - -<p> -Es handelte sich um folgendes: Uns, wie der ganzen -Welt, ist es bekannt, daß wir auszogen, um die unterdrückten, -erniedrigten und gequälten Balkanslawen zu -befreien. Ich erinnere mich noch, ganz zu Anfang des -Krieges in einer unserer besten Zeitungen gelesen -zu haben: „Wenn wir in Bulgarien einziehen, werden -wir nicht nur unsere Armee zu ernähren haben, sondern -auch die bulgarische Bevölkerung, die bereits dem -Hungertode nahe ist.“ Und siehe da, nachdem wir uns -eine solche Vorstellung gemacht hatten – von den Bedrückten, -Gepeinigten und Hungernden, und von allen -Flüssen und aus allen Gauen Rußlands hinzogen, -um uns für sie aufzuopfern –, stehen wir plötzlich vor -reizenden Bulgarenhäuschen, die, umgeben von Blumen -und Obstgärten, weidenden Viehherden und Ackerland, -keineswegs unseren Erwartungen entsprechen. Und -zur Vollendung des Ganzen gibt es gleich im ersten -bulgarischen Städtchen drei orthodoxe Kirchen und nur -eine Moschee. Das war im Lande der Bulgaren, der -des Glaubens wegen Unterdrückten! „Wie wagen sie -es nur!“ ereiferten sich gleich die beleidigten Herzen -<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a> -der Befreier, und das Blut stieg ihnen zu Kopf. „Wir -sind doch hergekommen, um sie zu befreien! – Auf den -Knien müßten sie uns empfangen! Und statt über -unser Kommen froh zu sein, sehen sie uns noch mißtrauisch -an! Uns! ... Allerdings, sie bringen uns -Salz und Brot, das ist schließlich wahr, aber von der -Seite sehen sie uns doch mißtrauisch an! ...“ Was -meinen Sie, meine Herren, wenn Sie plötzlich ein -Telegramm bekämen mit der Nachricht, daß ein Ihnen -nahestehender Mensch, ein Freund oder Bruder, im -Sterben liegt oder verunglückt ist, oder daß man ihn -beraubt hat, so werden Sie sich doch so schnell wie -möglich zu ihrem unglücklichen Bruder begeben, nicht -wahr? Und siehe da: plötzlich ist nichts von alledem -geschehen: Sie treffen den Menschen bei vorzüglichster -Gesundheit beim Mittagstisch an! Freudig lädt er sie -ein, mit ihm zu speisen, und er lacht von ganzem -Herzen über das Mißverständnis, über das qui pro quo. -Ob Sie nun diesen Menschen lieben oder nicht lieben: -es wird Ihnen doch niemals einfallen; es ihm zu verübeln, -daß er nicht in Lebensgefahr schwebt, daß man -ihn nicht beraubt hat, oder daß ihm nicht sonst ein -Unglück zugestoßen ist? Oder gar, daß er so gesund -aussieht, zu Mittag speist und dazu Wein trinkt? Ich -glaube, doch nicht! Im Gegenteil, Sie würden sich -freuen, daß er lebt und womöglich noch wohler aussieht -als Sie selbst. Nun, freilich wäre es menschlich, -sich ein bißchen zu ärgern – aber doch nicht etwa -darüber, daß man ihm, sagen wir, nicht die Beine -abgefahren hat? Sie werden doch nicht gleich vom -Tische aufstehen und über ihn Bericht erstatten, Anekdoten -<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a> -von ihm erzählen, seine schlechten Charaktereigenschaften -hervorheben ...? Bei den Bulgaren hat -man es aber getan. „Bei uns kann sich ein wohlhabender -Bauer nicht so gut ernähren wie dieser unterdrückte -Bulgare,“ hieß es. Andere kamen sogar zu der -Überzeugung, daß nur die Russen die Ursache des Unglücks -der Bulgaren seien: „Wenn wir nicht den Türken -gedroht hätten und nicht hingezogen wären, um diese -angeblich geplünderten und unterdrückten Bulgaren zu -‚befreien‘, so lebten sie noch heute wie im Wollkorbe.“ -Das kann man auch jetzt noch hören. -</p> - -<p> -Und so mußten wir uns denn für unser Zartgefühl -Europa gegenüber und für unseren aufgeklärten Europäismus -zu Hause entschädigen, mußten, wo Europa -nicht auf uns sieht, unser Herz erleichtern können. Und -in Bulgarien waren wir ja so gut wie zu Hause. -„Wir sind gekommen, um sie zu befreien, folglich gehören -sie ja fast zu uns. Besitzt der Bulgare einen -Garten oder ein Gut, so hat er es jetzt gleichsam geschenkt -von uns wiedererhalten: wir nehmen dafür -nichts von ihm und genau genommen haben wir ja -auch nicht das Recht dazu, aber er muß es doch <em>empfinden</em> -und uns ewig dafür dankbar sein, daß wir -ihm zu Hilfe gekommen sind, ihn und sein Hab und -Gut von dem Türken, seinem Unterdrücker, befreit -haben. Das müßte er doch begreifen!“ Und da sehen -wir plötzlich, daß ihn niemand unterdrückt! Welch eine -beleidigende Situation, nicht wahr? -</p> - -<p> -Und welch ein Lakaientum im Grunde, statt wirklichen -Zartgefühls! Und welch eine Komik! Es ist -schlechthin die komischste aller Entschädigungen „bei -<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a> -uns zu Haus“ für die unbequeme Uniform des europäischen -Zartgefühls, in der wir uns Europa zu -präsentieren lieben! Welch ein Lakaientum in den Gedanken -dieser leicht erregbaren Herren! Die Situation -überraschte viele von unseren Tapferen dermaßen, daß -sie einfach ihre Geistesgegenwart verloren; und diese -Verblüffung ist schon etwas ernster zu nehmen als -jene Überrumpelung unseres Offiziers durch den Engländer -mit dem erbsgrünen Mantel. -</p> - -<p> -Später klärte sich natürlich alles auf, die Wahrheit -enthüllte sich den Entrüsteten. Es stellte sich heraus, -daß der Bulgare arbeitsam und sein Land sehr fruchtbar -ist. Und wenn er auch mißtrauisch auf die -russischen Truppen sieht, so muß man doch bedenken, -daß er schon vier Jahrhunderte lang Sklave ist und -infolgedessen, wenn er seinem neuen Herrn entgegentritt, -nicht gut glauben kann, daß der ihm ein Bruder -sein wolle. Außerdem muß er doch noch seinen früheren -Herrn fürchten und sich unwillkürlich sagen: „Wenn -der nun wiederkommt und es erfährt, daß ich diesem -hier Salz und Brot gereicht habe, – was dann?“ Und -der Arme hatte durchaus recht. Nachdem wir unseren -ersten tapferen Angriff jenseits des Balkan gemacht -hatten, traten wir den Rückzug an. Zu den Bulgaren -aber kamen wieder die Türken – und wie sie von diesen -behandelt wurden, wird die Weltgeschichte erzählen! -Ihre hübschen Häuschen, diese Aussaaten, Gärten und -Viehherden, alles wurde geplündert, in Staub und -Asche verwandelt, dem Erdboden gleichgemacht. Nicht -zu Hunderten, sondern zu Tausenden und Zehntausenden -wurden die Bulgaren durch Feuer und Schwert vernichtet, -<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a> -ihre Kinder wurden in Stücke gerissen und sie -starben unter den schrecklichsten Qualen, ihre Frauen -und Töchter wurden geschändet, zum Verkauf fortgeschleppt -oder totgeschlagen. Die Männer, die, welche -die Russen mit Salz und Brot begrüßt hatten und -obendrein auch noch jene, die die Russen nicht begrüßt -hatten, mußten alle auf dem Scheiterhaufen oder am -Galgen dafür büßen. Man nagelte sie am Abend mit -den Ohren an die Zäune, und am anderen Morgen -mußte einer von den Verurteilten alle seine Gefährten -aufhängen, zum Schluß aber wurde er selbst aufgeknüpft -– unter dem Gelächter dieser wollüstigen -Bestien, die sich eine türkische Nation nennen. -</p> - -<p> -Auf diese Weise kamen die über das gute Leben -der Bulgaren so entrüsteten Herren bald zu der Erkenntnis, -daß dieses Leben im Grunde genommen nur -eine Dekoration gewesen war, daß alle diese Häuser -und Gärten und die Frauen und Kinder, die unmündigen -Knaben und Mädchen in diesen Häusern, dem -Türken gehörten. Und der nahm sie, wann es ihm -gefiel: auch in friedlichen Zeiten überfiel er sie, nahm -ihnen Geld und Vieh, Frauen und Mädchen. -</p> - -<p> -Doch jetzt, da sie in Wut geraten sind, plündern -und zerstören sie die unglücklichen bulgarischen Provinzen -bis auf den nackten Erdboden. Wenn wir lange -vor Plewna liegen müssen und nur langsam vorrücken, -so werden die Türken, wenn sie sehen, daß sie Bulgarien -vielleicht auf immer verlieren, das Land ganz -und gar in Asche verwandeln, solange sie noch Zeit -dazu haben. Jedenfalls aber sind die Ansichten unserer -Klugen darüber wirklich bemerkenswert; sie behaupten: -<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a> -wenn wir uns nicht in türkische Angelegenheiten eingemischt -hätten, würden die Bulgaren noch heute -gleichsam im Wollkorbe leben, und wir Russen allein -seien an ihrem Unglück schuld. Der bekannte Korrespondent -der „Daily News“, Mr. Forbes, sagt uns -darüber in einem seiner vorzüglichen Berichte vom -Kriegsschauplatz seine ganze englische Wahrheit. Er -gesteht den Türken aufrichtig zu, daß sie das volle Recht -gehabt hätten, alle Bulgaren, die nördlich vom Balkan -lebten, in der Zeit zu vernichten, als die russische Armee -sich über die Donau zurückzog. Mr. Forbes bedauert -fast – natürlich nur politisch –, daß dies nicht geschehen -ist, und kommt zu dem Schluß, daß die Bulgaren -den Türken zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet -seien, weil diese sie nicht wie eine Herde Schafe geschlachtet -haben. Wenn man jetzt an die russische Auffassung -denkt, an die „Bulgaren im Wollkorbe“, und -sie dem Ausspruch Forbes’ gegenüberstellt, könnte man -sich ja mit folgenden Worten an den Bulgaren wenden: -„Wie solltest du nicht im Wollkorbe leben, da man -dich nicht einfach geschlachtet hat?“ Sonderbar ist -dabei nur eines: Wie ist es möglich, daß ein solches -Recht den Türken kaltherzig zugesprochen werden kann, -und noch dazu von einem so gebildeten Menschen wie -Mr. Forbes, der doch einer so aufgeklärten und großen -Nation angehört? Sind das die letzten Blüten und -Früchte der englischen Zivilisation? Selbstverständlich -hätte er sich anders ausgedrückt, wenn es sich, anstatt -um Bulgaren, um Franzosen oder Italiener gehandelt -hätte. Es handelte sich hier aber nur um Slawen, um -Bulgaren! In Europa scheint man eine geradezu -<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a> -blutliche und ererbte Verachtung für die Slawen, für -die slawische Rasse überhaupt zu haben. Man zählt -sie dort zu den Hunnen. Europa würde es ruhig zulassen, -daß man sie alle, mit Weibern und Kindern -bis auf den Letzten vernichtete. Und bitte vor allen -Dingen nicht zu vergessen, daß es nicht ein Earl of -Beaconsfield ist, der jenen Ausspruch getan – der -könnte solche Überzeugungen noch aus Rücksicht auf -die „englischen Interessen“ haben –, sondern Mr. -Forbes, ein Privatmann, der doch keineswegs verpflichtet -ist, die Interessen Englands um jeden Preis, -<em>und was es auch koste</em>, zu wahren, ein ehrlicher, -talentvoller, „wahrhaft humaner Mensch“, wie er uns -in seinen ersten Briefen erschien. Nein, diesem Urteil -liegt eine westeuropäische Antipathie gegen alles, was -Slawe heißt, zugrunde. Diese Bulgaren kann man -mit siedendem Wasser übergießen, wie ein Wanzennest -in einem alten Holzbett. Ist es bei den Europäern -vielleicht ein Instinkt, eine Vorahnung, daß die östlichen -Slawenstämme, wenn sie einmal befreit sein -werden, eine große Rolle in der neu heraufkommenden -Menschheit spielen und den Platz der alten, vom Wege -abgekommenen Kulturträger einnehmen könnten? Bewußte -Westler können das natürlich weder zulassen, -noch sich vorstellen, daß dieses Wanzennest sich wirklich -zu etwas Höherem zu entwickeln vermöchte. Aber da -ist ja noch Rußland, das augenscheinlich der Träger -einer neuen Idee ist und die Fahne der Zukunft, zum -Ärger und Erstaunen aller, hochhebt. Da Rußland -aber kein Wanzennest ist, sondern ein Gigant und eine -Kraft, die man nicht leugnen kann, und da Rußland -<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a> -gleichfalls aus einer slawischen Nation besteht, – wie -müssen diese Europäer da Rußland in ihrem Herzen -hassen, wie müssen sie sich unwillkürlich und vielleicht -noch ganz unbewußt über unsere Mißerfolge freuen, -wie über jegliches Unglück, das uns trifft! Sollte das -nicht aus Instinkt, aus Vorgefühl geschehen? -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-5-3"> -<span class="firstline">Ein ganz persönliches Wort über die Slawen, das ich schon lange habe sagen wollen</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Da ich nun einmal darauf zu sprechen gekommen -bin, will ich noch ein ganz persönliches Wort über die -Slawen und die Slawenfrage sagen. Wer diskutiert -heutzutage bei uns nicht über die Möglichkeit eines -baldigen Friedens, über die Möglichkeit irgendeiner -Entscheidung in der Slawenfrage? Geben wir also -unserer Phantasie einmal volle Freiheit und stellen wir -uns vor, daß Rußland durch sein Blut die Slawen -bereits befreit habe, daß das Türkische Reich überhaupt -nicht mehr existiere und die Balkanvölker nun ein neues, -freies Leben führen können. Es ist natürlich schwer -vorauszusagen, welche Form diese Freiheit der Slawen -annehmen, ob es zu einer Föderation der befreiten -kleineren Völker kommen wird, oder ob sich die einzelnen -Völker zu selbständigen kleinen Reichen emporschwingen -werden, mit Herrschern, die man natürlich aus den -verschiedenen regierenden Häusern Europas wählen -würde. Und schließlich: werden alle diese Länder und -Ländchen vollständig unabhängig sein, oder werden sie -unter dem Schutze und der Aufsicht eines „europäischen -<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a> -Bundes der Mächte“, zu dem auch Rußland gehören -wird, stehen? Ich glaube, alle diese kleinen Völker -werden sich auf jeden Fall einen „europäischen Bund -der Mächte“ ausbitten, auch wenn Rußland in diesen -einbegriffen sein wird. Denn was sollten sie sonst zum -Schutz vor Rußlands Herrschsucht tun? -</p> - -<p> -Alles das läßt sich heute noch nicht im einzelnen -voraussagen, doch zwei Dinge kann man auch jetzt -schon mit Bestimmtheit wissen: erstens, daß bald, oder -vielleicht auch noch nicht so bald, alle slawischen -Stämme sich vom Türkenjoch befreien und ein neues, -und vielleicht sogar unabhängiges Leben führen werden; -und zweitens ... Doch gerade über diesen zweiten -Punkt wollte ich schon seit langer Zeit meine persönliche -Meinung sagen. -</p> - -<p> -Es ist meine feste Überzeugung, daß Rußland noch -nie solche Neider, Verleumder und sogar so bittere -Feinde gehabt hat, wie es alle diese Slawen sein -werden, wenn Rußland sie befreit haben wird und -Europa sie als Befreite wird anerkennen müssen. Möge -man deswegen nicht glauben, daß ich die Slawen hasse! -Im Gegenteil, ich liebe die Slawen sehr und werde -mich deshalb nicht lange verteidigen; weiß ich doch, -daß alles, was ich jetzt behaupte, in Erfüllung gehen -wird, und daß diese Feindschaft nicht etwa einer besonderen -slawischen Charakterlosigkeit oder Undankbarkeit -entspringen wird – in dieser Beziehung sind -die Slawen wie alle anderen Völker –, sondern es -wird geschehen, weil solche Dinge in der Welt nun einmal -keinen anderen Lauf nehmen können. Doch ich -werde mich nicht weiter dabei aufhalten; ich will nur -<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a> -sagen, daß wir jetzt keine Dankbarkeit von den Slawen -verlangen können, uns vielmehr darauf gefaßt machen -müssen, daß sie uns keine entgegenbringen werden. -Nach der Befreiung werden sie ihr neues Leben sicherlich -damit beginnen, daß sie Europa, wahrscheinlich -England und Deutschland, um die Sicherstellung ihrer -Freiheit bitten. Sie werden sich die größte Mühe -geben, sich selbst davon zu überzeugen, daß sie Rußland -nicht die geringste Dankbarkeit schuldig, sondern gezwungen -seien, beim Friedensschluß Europas Schutz -zu erflehen, auf daß Rußland, nachdem es sie von den -Türken befreit, sie nicht etwa selber verschlinge – „zur -Erweiterung seiner Grenzen und Gründung des großen -allslawischen Reiches durch die Unterwerfung der -Slawen unter den gierigen, schlauen, barbarischen -Staat der Großrussen“. Lange, oh, lange noch -werden sie nicht imstande sein, weder die Uneigennützigkeit -Rußlands, noch seine große heilige -Idee anzuerkennen: eine jener mächtigen Ideen, durch -die die Menschheit lebt, ohne die aber die Menschheit, -wenn sie aufhören sollte, in ihr zu leben – erstarren, -verkrüppeln und sterben würde an ihren Seuchen und -ihrer Kraftlosigkeit. Nehmen wir zum Beispiel den -gegenwärtigen Krieg, diesen volkstümlichen russischen -Krieg, der ein Kampf gegen die türkischen Ungeheuer -zur Befreiung unglücklicher Völker ist, – haben die -Slawen diesen Krieg etwa verstanden? Jetzt haben sie -uns noch nötig, wir kämpfen ja noch für sie. Wenn -aber der Krieg beendet sein wird, werden sie ihn dann -auch noch für eine große Tat ansehen, für die sie uns -<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a> -Dankbarkeit schuldig sind? Nie und nimmer werden -sie das tun! -</p> - -<p> -Im Gegenteil, sie werden es als politische und womöglich -gar wissenschaftliche Wahrheit aufstellen, daß -sie sich, wenn nicht Rußland dagewesen wäre, schon -längst allein, durch eigenen Heldenmut, oder mit Hilfe -Europas zu befreien verstanden hätten. Europa hätte, -wenn wieder dieses Rußland nicht auf der Welt gewesen -wäre, nichts gegen ihre Freiheit einzuwenden -gehabt, sondern sie womöglich selber von den Türken -befreit. Diese schlaue Lehre hat ja schon jetzt viele -Anhänger unter ihnen und wird sich in der Folge noch -zu einem wissenschaftlichen und politischen Axiom entwickeln. -Sogar von den Türken werden diese Balkanslawen -mit größerer Ehrfurcht sprechen als von uns. -Vielleicht werden sie ein ganzes Jahrhundert oder noch -länger für ihre Freiheit bangen und vor der Herrschsucht -Rußlands zittern; sie werden sich bei den europäischen -Mächten einschmeicheln, werden Rußland verleumden -und überall gegen uns intrigieren. O, ich -spreche nicht von einzelnen Personen: gewiß wird es -auch unter ihnen Menschen geben, die wissen werden, -was Rußland für sie war und immer sein wird. Diese -Menschen verstehen auch sicher die ganze Größe und -Heiligkeit der Tat Rußlands und seiner großen Idee, -die es hochhält vor der ganzen Menschheit. Aber dieser -Menschen wird es zuerst so wenige geben, daß man sie -auslachen oder sogar politisch verfolgen wird. Besonders -gern werden die befreiten Slawen aller Welt -verkünden, daß sie gebildete Völker seien, sogar höchst -kulturfähig, im europäischen Sinne, während Rußland -<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a> -ein barbarisches Land, ein dunkler nordischer Koloß, -dabei längst nicht vom reinsten slawischen Blute, ein -Unterdrücker und Feind der europäischen Zivilisation -sei und bleibe. Sie werden natürlich eine konstitutionelle -Regierung haben, ein Parlament, verantwortliche -Minister, Redner und Reden. Das wird sie außerordentlich -beruhigen und entzücken. Es wird ihnen -ungeheuer schmeicheln, in den Pariser und Londoner -Blättern Telegramme zu lesen, die durch die ganze -Welt gehen und allen melden, daß z. B. nach langem -Parlamentssturm endlich das bulgarische Ministerium -gefallen sei und eine neue liberale Mehrheit sich gebildet -habe, daß ein Bulgare namens Iwan Tschiftlik -endlich eingewilligt, das Portefeuille des Ministerpräsidenten -anzunehmen ... Ja, in Rußland muß man -sich jetzt ernsthaft darauf vorbereiten, daß alle diese -von uns befreiten Slawen sich zunächst begeistert auf -Europa stürzen, bis zum Verlust der eigenen Persönlichkeit -europäische Formen, politische wie soziale, annehmen -und auf die Weise erst eine lange Periode des -Europäismus durchleben werden, ehe sie etwas von -ihrer slawischen Bedeutung und ihrer eigenen Berufung -unter den Völkern werden begreifen lernen. -Übrigens werden sie sich ewig untereinander streiten, -ewig sich gegenseitig beneiden und gegen einander intrigieren. -Sollte ihnen aber Gefahr drohen, so würden -sie alle natürlich wieder Rußland um Hilfe bitten. -Denn wie sie uns in Europa auch verleumden, wie sie -mit Europa auch liebäugeln mögen, sie werden doch -immer instinktiv fühlen (selbstverständlich erst im -Augenblick der Gefahr, nicht früher), daß Europa der -<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a> -einzige Feind ihrer Selbständigkeit ist, war und immer -sein wird. Sie werden begreifen, daß sie auf der -Welt nur noch existieren, weil der große feststehende -Magnet Rußland unwiderstehlich sie alle an sich zieht -und so ihre Nationalität und Einheit erhält. Es wird -auch Minuten geben, da sie imstande sein werden, beinahe -bewußt einzugestehen, daß, wenn sie nicht Rußland -hätten, das große östliche Zentrum der großen -aufkommenden Ideen, ihre volkliche Einheit und Selbständigkeit -im Augenblick auseinanderfallen, ihre ganze -Nationalität sich auflösen und im europäischen Ozean -wie einzelne Wassertropfen im Meere verschwinden -würde. Noch auf lange aber wird Rußland die Sorge -verbleiben, sie zu versöhnen, ihnen Vernunft beizubringen -und vielleicht sogar noch das Schwert für sie -zu ziehen. Natürlich wirft sich dabei die Frage auf, -welch einen Vorteil Rußland denn für sich erwartet, -warum Rußland sich so oft für sie geschlagen, sein Blut, -seine Kräfte, sein Geld für sie hingegeben? Doch nicht -etwa, um so viel kleinlichen Haß und so häßliche Undankbarkeit -zu ernten? Freilich hat Rußland immer -gewußt, daß es das Zentrum der slawischen Einheit -ist, daß, wenn die Slawen in Zukunft ein freies, nationales -Leben führen werden, Rußland das gewollt -und durchgesetzt haben wird. Welch einen Vorteil -bringt uns nun dieses Bewußtsein, außer Arbeit, Ärger -und Sorgen? -</p> - -<p> -Die Antwort darauf ist schwer, und vielleicht -werden nicht alle sie verstehen können. Wir wissen -ja, daß Rußland niemals auch nur auf den Gedanken -kommen wird, sein Territorium auf Kosten der Slawen -<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a> -erweitern, sie politisch an sich ketten oder gar ihre -Länder zu russischen Gouvernements machen zu wollen. -Alle Slawen verdächtigen jetzt Rußland dieser Absicht, -und Europa wird noch weitere hundert Jahre diesen -Argwohn gegen uns hegen. Möge Gott Rußland vor -solchen Absichten bewahren! Denn je mehr es seine -politische Uneigennützigkeit den Slawen gegenüber -aufrechterhält, desto sicherer wird es eine volle Einigung -der Slawen unter einander erreichen, vielleicht -schon im Verlauf von einem Jahrhundert. Wenn es -den Slawen von Anfang an politische Freiheit gibt -und sich jeder Vormundschaft enthält, doch zu jeder -Zeit bereit ist, sein Schwert für die Freiheit ihres -Glaubens und ihrer Nationalität zu ziehen, so wird -Rußland zu seinem und zu ihrem Wohl mehr erreichen, -als wenn es mit Gewalt seinen politischen Einfluß -auf die Slawen aufrechtzuerhalten strebte. Ja, -gerade ... wenn Rußland seine vollständige Uneigennützigkeit -ihnen gegenüber bewahrt, wird es sie besiegen -und ihr Vertrauen gewinnen. Zuerst werden -sie vielleicht nur im Notfalle zu uns kommen, dann -aber werden sie sich mit dem vollen Vertrauen eines -Kindes an uns schmiegen. Alle werden sie in das -heimatliche Nest, zu Rußland, zurückkehren. Oh, viele -Russen, Gelehrte wie auch Dichter, setzen schon große -Hoffnungen auf diese Vereinigung. Sie erwarten, -daß die befreiten und auferstandenen slawischen Völkerschaften -viele neue und noch nie dagewesene Elemente -ins russische Leben bringen, das Slawentum Rußlands -erweitern und auf die Seele Rußlands einen großen -Einfluß ausüben werden; ja, sogar die russische -<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a> -Sprache, die russische Literatur, das russische Schaffen -überhaupt sollen sie geistig bereichern und ihm neue -Horizonte eröffnen. Ich muß gestehen, daß mir diese -Begeisterung immer etwas literarisch erschienen ist. -Vielleicht wird Ähnliches einmal wirklich geschehen, -aber wohl nicht früher als in hundert Jahren; für -dieses ganze Jahrhundert dagegen wird Rußland von -den Slawen nichts zu nehmen brauchen, weder von -ihren Ideen, noch von ihrer Literatur, denn was -könnten sie uns jetzt geben? Rußland wird dieses -ganze Jahrhundert hindurch nur gegen ihre Beschränktheit -und ihren Eigensinn zu kämpfen haben, desgleichen -gegen ihre schlechten Angewohnheiten und ihren Verrat -am Slawentum, ihren Verrat um europäischer -Formen willen in politischen wie sozialen Dingen. -Nach der Slawenfrage steht Rußland noch die Orientfrage -bevor. Die Slawen werden heute überhaupt -nicht verstehen, was diese Orientfrage eigentlich bedeutet! -Ganz so, wie sie auch die slawische Einigung -zu einer allgemeinen Brüderschaft noch lange nicht verstehen -werden. Ihnen diese durch die Tat und das -Beispiel zu erklären, wird in Zukunft die Aufgabe -Rußlands sein. Wieder wird man fragen, wozu und -warum soll Rußland eine solche Arbeit auf sich nehmen? -Wozu? um ein höheres Leben zu führen, um die Welt -mit einer großen uneigennützigen Idee zu durchleuchten, -um einen großen, mächtigen Organismus brüderlicher -Einigung von Völkerstämmen zu schaffen, – nicht -durch politische Gewalt, nicht mit Feuer und Schwert, -sondern durch Überzeugung, Liebe, Uneigennützigkeit -und Aufklärung: um endlich alle Kleinen um sich zu -<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a> -scharen und ihnen die mütterliche Aufgabe Rußlands -zu beweisen. Das ist unser Ziel und das ist meinetwegen -auch unser Vorteil. Denn wenn eine Nation -für keine höheren Ideen, nicht mit höheren Zielen zum -Wohle der Menschheit, sondern nur ihren eigenen „Interessen“ -lebt, so wird diese Nation untergehen. Höhere -Ziele für Rußland kann es aber nicht geben, als uneigennützig -den Slawen zu dienen, ohne von ihnen Dankbarkeit -zu erwarten, nach ihrer sittlichen und geistigen, -nicht nur nach ihrer politischen Einigung zu streben. -Nur durch diese Tat würde das Slawentum der -Menschheit eine neue, wertvolle Idee geben ... Höhere -Ziele als solche gibt es nicht auf dieser Welt, und es -kann für Rußland nichts „vorteilhafter“ sein, als -solche Ziele zu haben, sie sich mehr und mehr klarzumachen, -um die eigene Seele zu heben in dieser ewigen, -unermüdlichen, heldenhaften Arbeit für die Menschheit. -Darum aber ist eines gewiß: füllt dieser Krieg für -Rußland günstig aus, so tritt Rußland in eine neue -und höhere Phase seines Seins ... -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-6-5-4"> -<span class="firstline">Was man jetzt über den Frieden spricht.</span><br /> -Muß Konstantinopel Rußland gehören, -und ist das überhaupt möglich? Verschiedene -Meinungen -</h4> - -<p class="noindent"> -Vor einiger Zeit fing man bei uns an, über die -baldige Beendigung des Krieges zu sprechen, und -heute spricht bereits alle Welt von möglichen und unmöglichen -Friedensbedingungen. Es freut mich sehr, -daß große politische Zeitungen Rußlands unsere Mühen -<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a> -und Opfer hochschätzen und Friedensbedingungen vorschlagen, -die diesen gebrachten Opfern angemessen sind. -Auch ist es beruhigend zu hören, daß die Mehrzahl der -Urteile die selbständige Entscheidung Rußlands beim -Friedensschluß verlangt, das Recht, einen persönlichen, -separaten Frieden zu schließen, ohne Europa herbeizurufen, -und wenn möglich, ohne sich um die europäischen -Meinungen überhaupt zu kümmern. Das Los -der Slawen wird gleichfalls in Betracht gezogen. Man -streitet über die Kriegsentschädigungen und verlangt -in der Begeisterung sogar die türkischen Panzerschiffe. -Das Recht, uns Kars und Erserum einzuverleiben, -gestehen uns fast alle zu. Natürlich gibt es auch wieder -Leute, die schon bei der bloßen Annahme, wir könnten -es wagen, Kars zu annektieren, beleidigt sind. Und -wiederum gibt es andere, die nicht nur über Kars, -sondern selbst über Konstantinopel verfügen und sogar -behaupten, daß Konstantinopel einmal uns gehören -<em>müsse</em>! Diese Debatten über den Frieden -werden sich natürlich nach jeder größeren Aktion -unseres Heeres wiederholen. Ich will hier nur darauf -hinweisen, daß in den Urteilen unserer großen Blätter -ein Irrtum sich bemerkbar macht. Alle halten sie das -Europa von heute noch für das Europa von früher – -das heißt, man nimmt bei uns an, daß die europäischen -Großmächte immer noch dieselben sind, man setzt immer -noch das alte „europäische Gleichgewicht“ voraus. -Indessen verändert sich Europa jetzt von Stunde zu -Stunde: was vor einem halben Jahr war, wird vielleicht -schon nach drei Monaten nicht mehr sein – so -sehr kann sich bis zum nächsten Frühling Europas -<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a> -früheres Aussehen verändert haben. Die ungeheuren -und verhängnisvollen Gegenwartsprobleme, die sich -erst noch herausarbeiten müssen, und die vielleicht sehr -bald eine Entscheidung heischen werden, zieht man -noch immer nicht in dem Umfange in Betracht, den -sie tatsächlich in der Welt einnehmen. Sogar der -Bestand jenes Europas, das sich beim Friedensschluß -einmischen könnte, ist schwer schon jetzt festzustellen. -Deshalb aber kann man, meiner Meinung nach, auf -Grund der früheren Verhältnisse die Friedensbedingungen -unmöglich im voraus bestimmen, ohne zu berücksichtigen, -daß Europa selber von der Stelle rückt -und selber neuer Bestimmungen harrt. Übrigens, davon -später. Jetzt will ich, da schon einmal von Konstantinopel -die Rede ist, noch eine sehr sonderbare -Meinung Nicolai Jakowlewitsch Danilewskis<a class="fnote" href="#footnote-49" id="fnote-49">[49]</a> über -das „nächste Schicksal Konstantinopels“ vermerken. -</p> - -<p> -Ich werde sie übrigens nicht in allen Einzelheiten -wiedergeben können. -</p> - -<p> -Nach vielen durchaus richtigen Bemerkungen – -wie zum Beispiel, daß Konstantinopel nach der Vertreibung -der Türken nicht eine freie Stadt werden kann, -wie es etwa Krakau einmal war, ohne zu riskieren, -ein Sammelplatz und Zufluchtsort von Verbrechern -und Verschwörern der ganzen Welt, eine Beute der -Juden, Spekulanten und Intriganten zu werden – -fordert N. J. Danilewski, daß Konstantinopel in den -„gemeinsamen Besitz aller östlichen Völker“ übergehe. -Allen Völkern sollen die gleichen Rechte über diese -<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a> -Stadt zugestanden werden: Russen, Slawen, Griechen, -Bulgaren sollen <em>alle zusammen</em> Konstantinopel -besitzen. Eine solche Ansicht ist meiner Meinung nach -denn doch etwas sonderbar. Wie kann Rußland den -Besitz dieser Stadt mit anderen Völkern teilen, wenn -Rußland ihnen in jeder Beziehung weit überlegen ist, -nicht nur jedem einzelnen kleinen Balkanvolk, sondern -auch allen diesen Völkern zusammen genommen? Der -Riese Gulliver könnte, wenn er wollte, den Liliputanern -hundertmal versichern, daß er ihnen in jeder Beziehung -gleich sei, es würde ihm doch niemals geglaubt werden. -Wie kann man nur eine solche Geschmacklosigkeit behaupten -und dazu noch selbst mit aller Gewalt an so -etwas glauben? Nein, Konstantinopel muß uns gehören, -muß von uns Russen erobert werden und muß bis in -alle Ewigkeiten in unserem Besitz verbleiben. Uns -allein soll die Stadt gehören; wir aber können dann, -wenn wir sie beherrschen, alle Slawen und meinetwegen -auch noch alle anderen Völker der Welt mit der Gewährung -der größten Freiheiten in ihr aufnehmen – -aber keine Föderation zusammen mit den Slawen! -Man bedenke doch nur, daß eine solche Föderation -kaum in einem Jahrhundert durchgesetzt werden kann! -Nur Rußland ist der Aufgabe gewachsen, Konstantinopel -zu beherrschen, denn wir dürfen nicht die dazu -gehörige Umgebung, den Bosporus und die Dardanellen -vergessen. Nur Rußland kann dort ein Heer -und eine Flotte halten. O, natürlich wird es jetzt sofort -heißen: „Also ist die Hilfe, die die Russen den -Slawen bringen, doch nicht so uneigennützig!“ – -Darauf können wir antworten: Rußland wird nie -<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a> -aufhören, den Slawen zu dienen und wird sie durch -seine große zentrale Kraft ewig am Leben erhalten; -solch ein Dienst läßt sich aber mit nichts entgelten, -und wenn Rußland jetzt auch Konstantinopel einnehmen -sollte, so würde das doch nur geschehen, weil -zu seinen Aufgaben, außer der Lösung der slawischen -Frage, noch die Lösung einer viel größeren, der Orientfrage, -gehört. Diese Aufgabe aber kann nur durch -die Eroberung Konstantinopels erfüllt werden. Eine -föderative Verwaltung Konstantinopels durch verschiedene -Völker könnte die Orientfrage einfach vernichten, -während wir doch, im Gegenteil, eine baldige -Lösung derselben vor allem wünschen müssen, da sie mit -dem Schicksal und der Bestimmung Rußlands so eng -verbunden ist. Ganz abgesehen davon, daß alle diese -Völkchen sich um den Einfluß und die Vorherrschaft -in der Stadt nur streiten würden ... Mit einem Wort, -Konstantinopel wäre nur ein Stein des Anstoßes für -die ganze östliche Welt, würde nur die Einigung der -Slawen verhindern und ihre gesunde Lebensentwicklung -aufhalten. Die einzige Rettung ist, daß Rußland allein -und auf eigene Rechnung Konstantinopel nimmt; denn -nur Rußland kann ruhig sagen, daß es ganz allein -dieser Aufgabe gewachsen sein wird. Und ist das denn -nicht wahr? Rußland ist das geistige Zentrum, das -Haupt des Ostens, Konstantinopel aber ist die Stadt, -das Zentrum der östlichen Welt. Rußland hat es nötig -– und es wäre ihm sogar nützlich –, sich jetzt dem -Orient zuzuwenden und auf einige Zeit Petersburg, -wenn auch nur ein wenig, zu vergessen – in Anbetracht -der baldigen Veränderung seines Schicksals, sowie der -<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a> -Schicksale ganz Europas. Doch wozu schon jetzt alle -Mißstände erörtern, die durch einen gemeinsamen Besitz -der Stadt unter den Slawen entstehen würden! -Wenden wir uns lieber dem Schicksal der Griechen -und der rechtgläubigen Bevölkerung Konstantinopels -zu – dem Schicksal, dem sie bestimmt nicht werden -entgehen können, wenn Byzanz „Gemeingut“ wird. -</p> - -<p> -Die Griechen werden eifersüchtig auf die neue -slawische Basis in Konstantinopel sehen und werden -die Slawen sogar noch mehr hassen und noch mehr -fürchten, als vorher die Mohammedaner. Der jüngste -Streit zwischen den Bulgaren und dem ökumenischen -Patriarchen kann für die Zukunft als Beispiel dienen. -Die Repräsentanten der Rechtgläubigkeit in Konstantinopel -werden sich bis zu Intrigen und kleinlichen -Verschwörungen, bis zu gegenseitigen Exkommunikationen -und weiß Gott wozu noch erniedrigen, werden -vielleicht sogar Ketzer werden – und alles das aus -nationalen Gründen, aus nationaler Empfindlichkeit. -„Warum stehen die Slawen über uns?“ werden die -Griechen fragen, „warum wird ihnen ein unumschränktes -Recht auf Konstantinopel zugesprochen, ... -wenn auch mit uns zusammen?“ Beherrscht aber -Rußland allein Konstantinopel, hat Rußland allein die -Autorität in der Stadt, so fällt selbst die Möglichkeit -solcher Fragen fort. Sogar die Griechen würden dann -Rußland nicht um den Besitz Konstantinopels beneiden -und sich nicht gekränkt fühlen. Rußland würde in -Konstantinopel gleichsam auf der Wacht stehen für alle -Slawen und alle Balkanvölker, ohne etwa letztere den -Slawen nachzustellen. Die Herrschaft der Mohammedaner -<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a> -war in diesen Jahrhunderten für die Balkanvölker -keine vereinigende, sondern eine unterdrückende -Macht, unter der sie sich nicht zu rühren, nicht einmal -wie Menschen zu leben wagten. Nach der Vernichtung -der mohammedanischen Herrschaft kann aus diesen -Völkern, die aus der Knechtschaft zur Herrschaft -kommen, ein Chaos entstehen; so daß nicht nur eine -regelrechte Föderation, sondern selbst eine Übereinstimmung -unter ihnen höchstens in ferner Zukunft -möglich sein wird. Dagegen würde Rußland zweifellos -die alle Balkanvölker vereinigende Kraft sein, -wenn es sich in Konstantinopel festsetzte ... Auch ist -doch nur Rußland allein fähig, die Fahne der neuen -Idee des Ostens zu erheben und der ganzen östlichen -Welt ihre neue Bestimmung zu erklären. Denn was -ist die Orientfrage im Grunde anderes als die Schicksalsfrage -der Rechtgläubigkeit überhaupt? Das Schicksal -der Rechtgläubigkeit aber ist wiederum untrennbar -mit der Bestimmung Rußlands verbunden. „Was ist -denn das für ein Schicksal?“ wird man fragen. -</p> - -<p> -Der römische Katholizismus, der Christus für -weltlichen Besitz verkaufte, was die Menschheit veranlaßte, -sich von ihm abzuwenden, und was zur Hauptursache -der Verbreitung des europäischen Materialismus -und Atheismus wurde, – dieser Katholizismus -erzeugte in Europa naturgemäß auch den Sozialismus. -Denn die Aufgabe des Sozialismus ist, das Schicksal -der Menschheit nicht durch Christus, sondern außerhalb -von Gott und Christus zu bestimmen. Er hat -sich in Europa auf ganz natürliche Weise bilden -müssen zum Ersatz für das dort gefallene christliche -<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a> -Prinzip. Doch die im Westen entstellte Lehre Christi -hat sich in ihrer ganzen Reinheit in der Rechtgläubigkeit -erhalten. Aus dem Osten wird das neue Wort an die -Welt ausgehen, wird dem Sozialismus entgegenziehen -und von neuem die europäische Menschheit erlösen. -Das ist die Bestimmung des Ostens, das ist die Bedeutung -der Orientfrage für Rußland! Ich weiß, sehr -viele nennen eine solche Überzeugung „Besessenheit“; -doch Herr N. J. Danilewski wird verstehen, was ich -sagen will. Infolge dieser Bestimmung hat Rußland -Konstantinopel nötig, denn Konstantinopel ist, wie ich -schon sagte, das Zentrum der östlichen Welt. Rußland -– ich meine das Volk zusammen mit seinem Zaren – -erkennt und fühlt, daß es allein der Träger der -Christenidee ist, und daß das Wort der Rechtgläubigkeit -sich in ihm zu einer großen Tat gestaltet, daß diese Tat -schon mit dem jetzigen Kriege begonnen hat, und daß -uns noch Jahrhunderte der Arbeit und Selbstverleugnung -bevorstehen, um die Brüderschaft der Völker zu -verwirklichen, jener Völker, denen wir mit heißer -Mutterliebe wie teuren Kindern dienen wollen. -</p> - -<p> -Diese große christliche Tat, diese neue Tätigkeit des -Christentums und der Rechtgläubigkeit, hat schon mit -dem jetzigen Kriege begonnen, mit der bloßen Tatsache, -daß wir diesen Krieg führen ... Doch Herr N. J. -Danilewski glaubt noch immer nicht daran. Augenscheinlich -glaubt er nicht daran, weil er Rußland nicht -für würdig hält, Konstantinopel zu beherrschen. Sollten -die Russen wirklich dem nicht gewachsen sein – oder -was will er sonst damit sagen? Natürlich ist es schwer, -eine Herrschaft in dieser Stadt zu errichten; aber Herr -<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a> -Danilewski gibt doch zu, daß Rußland Konstantinopel -vorläufig allein beherrschen könnte, d. h. natürlich -nur, um die Stadt später den Völkern als Gemeingut -zu übergeben. Es fragt sich bloß, warum und -wozu übergeben? Wie es scheint, glaubt Herr Danilewski, -daß der Besitz Konstantinopels für Rußland -verderblich sein würde, in ihm schlechte, eroberungsgierige -Instinkte wachrufen könnte. Aber es wäre doch -Zeit, endlich an Rußland zu glauben, besonders nach -der Heldentat dieses Krieges, denn es ist dieser Aufgabe -doch tatsächlich gewachsen ... -</p> - -<p> -Und plötzlich kann sich der Autor nicht einmal entschließen, -diese Stadt auch nur zeitweilig diesem Rußland -anzuvertrauen! Und – man stelle sich nur vor, -womit er schließt: man müsse vorläufig die Existenz -der Türkei noch verlängern, ihr zwar alle Slawen und -den Balkan nehmen, Konstantinopel jedoch ihr noch -auf einige Zeit überlassen – und das sei für Rußland -jetzt sogar das Vorteilhafteste, sei sozusagen ein Fingerzeig -Gottes! Warum ein Fingerzeig Gottes, warum? -Herr Danilewski setzt natürlich voraus, daß die Türkei -in ihrer neuen Existenz ganz unter dem Einfluß Rußlands, -d. h. von Rußland abhängig sein werde. Aber -wozu denn diese Maskerade? Bedenken wir bloß, daß -Europa in eine solche Konstellation erst recht nicht -einwilligen würde. Europa wäre eine vollständige -Besiegung der Türkei, wäre die vollendete Tatsache -lieber, als einen neuen Orientkrieg in der allernächsten -Zukunft befürchten zu müssen. Somit stimmt ja Herr -Danilewski zum Schluß mit der politischen Meinung -Lord Beaconsfields überein, nach der die Existenz der -<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a> -Türkei durchaus nötig sei und sie nicht vernichtet -werden dürfe. -</p> - -<p> -„Von der Türkei wird nur ein Schatten übrigbleiben,“ -sagt Herr Danilewski – „dieser Schatten -aber <em>muß</em> (?) vorläufig noch die Ufer des Bosporus -und der Dardanellen verdunkeln; denn ihn schon jetzt -durch einen lebendigen und dazu gesunden Organismus -zu ersetzen, ist noch nicht möglich (!?) ...“ -</p> - -<p> -Also wäre Rußland ein so ungesunder und toter -Organismus, daß es die Hauptstadt der Rechtgläubigkeit -an Stelle der in Fäulnis übergegangenen Türkei -nicht besetzen dürfte? Das scheint mir doch sonderbar! -Oder will Herr Danilewski damit vielleicht sagen, daß -Rußland Konstantinopel nicht besetzen dürfe, weil -Europa es ihm nicht gestatten würde? Er sagt an -einer Stelle seines Aufsatzes: „Der Besetzung Konstantinopels -durch die Russen werden die meisten europäischen -Mächte den größten Widerstand entgegensetzen.“ -Freilich, wenn er die Unmöglichkeit darin -sieht, so wird seine Behauptung – bezüglich der Notwendigkeit, -den Türken vorläufig noch Konstantinopel -zu überlassen – verständlicher. Nichtsdestoweniger -kann man in betreff des „Widerstandes der meisten -europäischen Mächte“ eines positiv behaupten: erstens, -daß Europa, wie ich schon gesagt habe, eher die Besetzung -Konstantinopels durch uns wünschen würde -als ein Fortbestehen der Türkei „unter voller Vormundschaft -Rußlands, ohne den Balkan, ohne Slawen, -ohne Flotte“ – mit einem Wort, als ein „Schatten“ -der früheren Türkei, wie sich Herr Danilewski ausdrückt. -Wen würden wir mit diesem Gespenst betrügen -<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a> -können? Die Europäer würden sich doch sagen: -„Wenn die Russen nicht heute in Konstantinopel einziehen, -so werden sie es morgen tun.“ Und deshalb -würden sie auch eine endgültige Form einem zeitweiligen -Schatten vorziehen. Und zweitens: wir -müssen doch einsehen, daß es niemals eine für uns -so günstige Zeit geben wird – in Anbetracht der -gegenwärtigen politischen Lage Europas. -</p> - -<p> -Zum letztenmal noch eine „Prophezeiung“. Man -sagt: „Die Mehrzahl der europäischen Mächte wird es -nicht erlauben.“ Aber aus welchen Reichen besteht -denn jetzt diese „Mehrzahl der europäischen Mächte“? -Ich wiederhole hier schon einmal von mir Gesagtes: -„Europa verändert sich von Stunde zu Stunde: was -noch vor einem halben Jahr war, wird vielleicht in -drei Monaten nicht mehr sein!“ Wir befinden uns -am Vorabend der allergrößten und erschütterndsten -Ereignisse und Umwälzungen in Europa. Augenblicklich, -also jetzt im November, besteht „diese Mehrzahl -der europäischen Mächte“, die uns beim Friedensschluß -ihr drohendes Veto entgegenstellen könnten, nur -aus England und kaum noch aus Österreich, obgleich -England alles tut, um Österreich zu einem Bündnis -gegen uns zu zwingen und nebenbei noch eines mit -Frankreich zu schließen. Doch wir werden nicht allein -sein: soviel ist jetzt schon klar. In Europa gibt es ja -noch Deutschland, und Deutschland wird zu uns halten. -</p> - -<p> -Europa stehen große Umwälzungen so sonderbarer -Art bevor, daß der Verstand des Menschen sich sträubt, -an sie zu glauben, und ihre Verwirklichung für unmöglich -hält, weil sie ihm viel zu phantastisch erscheinen. -<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a> -Doch vieles, was man in diesem Sommer noch für -phantastisch, unmöglich und für übertrieben hielt, ereignete -sich zu Ende des Jahres in Europa buchstäblich, -und die Meinung, zum Beispiel, daß die katholische -Verschwörung eine Macht habe – eine Meinung, -über die <em>alle</em> noch im Sommer zu lachen bereit waren, -oder im äußersten Falle zog man es vor, sich einer -Kritik über sie zu enthalten – wird jetzt von allen -geteilt und durch Tatsachen als keineswegs übertrieben -bestätigt. Ich erwähne dies nur, damit die Leser auch -meiner jetzigen „Prophezeiung“ mehr Glauben schenken -und sie nicht für ein phantastisches und übertriebenes -Hirngespinst erklären. -</p> - -<p> -Der einzige Politiker Europas, der mit seinem genialen -Blick bis in die Tiefe der Erscheinungen dringt, -ist – Fürst Bismarck. Den schrecklichsten Feind -Deutschlands, seiner Einheit und seiner erneuten Zukunft -hat er schon vor langer Zeit, früher als alle -anderen erkannt: im römischen Katholizismus und in -dem vom Katholizismus erzeugten Ungeheuer – dem -Sozialismus. Deutschland ist durchsetzt von Sozialismus. -Bismarck hält es für unumgänglich nötig, -dem Katholizismus im Augenblick der Wahl des neuen -Papstes den Todesstoß zu versetzen. Oh, er weiß, daß -er den Papst nicht endgültig wird vernichten können, -und daß er ihn höchstens in eine neue Phase des -Kampfes drängen wird. Denn der Kampf des Katholizismus -wird so lange fortdauern, wie Frankreich -lebt. Solange Frankreich noch lebt, hat der Katholizismus -ein starkes Schwert in der Hand und die -Möglichkeit, eine europäische Koalition gegen Deutschland -<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a> -zustande zu bringen. Was Frankreich anbetrifft, -so ist dieses Land in den Augen des Fürsten Bismarck -freilich schon seinem Schicksal verfallen. Für Bismarck -gibt es jetzt nur noch eine Frage: Frankreich – -<em>oder</em> Deutschland? Fällt aber Frankreich, so tritt -der Katholizismus zusammen mit dem Sozialismus in -eine neue Phase seines Daseins. Während nun die -europäischen Politiker den sich hinziehenden Kampf -Mac-Mahons mit den Republikanern verfolgen und von -ganzem Herzen den Republikanern den Sieg wünschen, -da sie glauben, die Republik sei in Frankreich eine volkliche -Regierung und fähig, Frankreich zu einigen, – -weiß Fürst Bismarck, daß Frankreich seine Zeit bereits -überlebt hat und die französische Nation innerlich auf -ewig zerstückt ist, daß es in ihr niemals mehr eine -alle vereinende, starke und gesunde nationale Regierung -geben wird. Nun könnte allein schon diese Schwäche -Frankreichs in Deutschland große Hoffnungen erwecken; -doch Fürst Bismarck weiß, ich wiederhole es: -solange Frankreich lebt, wird auch der römische Katholizismus -noch lebendig sein, – ganz abgesehen davon, -daß der Katholizismus noch einmal, und wenn auch -nur auf kurze Zeit, wenn auch nur außenpolitisch, -diesem zersetzten Lande als vereinigende Idee dienen -kann. Denn anders kann es ja gar nicht kommen: -<em>früher oder später</em> wird Frankreich – selbst -wenn es Republik bleiben sollte – sein Schwert doch -für den Papst und den Katholizismus ziehen. Die -Republikaner werden es noch selbst einsehen, daß ihre -Stellung in Frankreich unhaltbar werden würde, wenn -sie den Papst und den Katholizismus fallen ließen. -<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a> -Oder vielleicht werden sie zu dieser Einsicht nicht fähig -sein und so bis zu ihrem Ende die Protégés des Fürsten -Bismarck bleiben, – Protégés, die er im geheimen -schon zum Tode verurteilt hat, obschon sie immer noch -den Anspruch auf die Fähigkeit haben, Frankreich -von neuem zu einem festen Ganzen zu vereinigen. Ja, -die französischen Republikaner sind nicht nur Bismarcks -Schützlinge, sondern auch Deutschlands Sklaven, -die ganz Frankreich an Deutschland nicht bloß zu politischer, -sondern auch zu innerer, geistiger Sklaverei -ausliefern, und zwar tun sie dies, indem sie Frankreich -gerade seiner <em>selbständigsten</em> politischen -und historischen Idee berauben, wenn sie ihrem Vaterlande -jene Fahne aus der Hand reißen, die es so viele -Jahrhunderte hindurch als Vertreter des romanischen -Elements in der europäischen Menschheit hochgehalten -hat. Dafür aber werden sich diejenigen, welche die -unbegabten, unnützen Republikaner gerade deswegen -stürzen wollen, unbedingt sofort bemühen – Bismarck -weiß das bereits –, zum letztenmal die katholische -Fahne gegen Deutschland zu erheben, die Fahne, an -die Frankreich nicht mehr glaubt, die <em>fast</em> schon von -der <em>ganzen</em> Nation verneint wird, doch den Franzosen -<em>politisch</em> noch zum letzten Vereinungs- und -Stützpunkt dienen kann gegen den verhängnisvollen -(und gleichfalls letzten) Angriff des protestantischen -Deutschland, das ewig gegen die vom alten Rom geerbten -Grundsätze der ganzen westlichen Hälfte der europäischen -Menschheit protestiert und protestieren wird. -</p> - -<p> -Deshalb aber hat Fürst Bismarck Frankreichs -Schicksal wahrscheinlich schon bestimmt. Das Schicksal -<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a> -Polens erwartet auch Frankreich, und politisch wird -es tot sein oder Deutschland müßte aufhören zu sein. -Wenn Bismarck das erreicht haben wird, dann wird -er auch den kämpfenden römischen Katholizismus – -der bestimmt bis zum Ende der Welt kämpfen wird – -zwingen, in eine neue Phase des Daseins und des -Kampfes um das Dasein einzutreten, – in die Phase -des unterirdischen, reptilhaften Verschwörerkrieges. -Bismarck aber erwartet ihn schon in dieser neuen -Phase. Und je früher dies geschehen wird, desto besser -für ihn, denn hier erwartet er bereits die Vereinigung -beider Feinde Deutschlands und der Menschheit, die -Vereinigung des Katholizismus mit dem Sozialismus, -und hofft, sie gerade so leichter vernichten zu können, -beide auf einmal ... -</p> - -<p> -Man muß den Augenblick benutzen. Diese Vereinigung -der beiden Feinde wird zweifellos stattfinden, -sobald Frankreich politisch gefallen ist, denn diese beiden -Feinde haben in Frankreich immer einen organischen -Zusammenhang gehabt. Der Katholizismus war fast -bis zur jüngsten Zeit Frankreichs vereinigende und -wesentlichste Idee. Und aus ihr heraus ist in Frankreich -der Sozialismus entstanden. So hofft denn -Fürst Bismarck, auch dem Sozialismus einen starken -Schlag zu versetzen, wenn er Frankreichs politisches -Leben vernichtet. Der Sozialismus aber als Fortsetzung -des Katholizismus und als Ausdruck Frankreichs – -ist für den echten Germanen das Verhaßteste von allem -Verhaßten, und so ist es wohl verzeihlich, daß die -führenden Männer Deutschlands glauben, leicht mit -ihm fertig werden zu können, wenn sie Frankreich als -<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a> -seine Quelle und Basis politisch vernichten. Doch aller -Wahrscheinlichkeit nach wird etwas ganz anderes geschehen, -wenn Frankreich politisch fällt. Der Katholizismus, -der mit dem Sturze Frankreichs sein Schwert -verliert, wird sich dann zum erstenmal an das von ihm -so lange verachtete Volk wenden. Früher hatte er -noch die Könige und Kaiser dieser Welt, jetzt jedoch -hat er niemanden mehr, außer dem Volk. Und so wird -er sich denn an die beweglichsten, unruhigsten Elemente -desselben wenden – an die Sozialisten. Dem Volke -wird Rom sagen, daß alles, was die Sozialisten den -Menschen verkünden, schon von Christus gepredigt -worden sei. Noch einmal wird Rom Christus entstellen -und diesmal an das Volk verkaufen, so wie es -ihn früher schon so oft für weltliche Herrschaft verkauft -hat, wie z. B. damals, als es für das Recht der -Inquisition eintrat. Vergessen wir nicht, daß diese -Inquisition die Menschen für ihre Gewissensfreiheit -im Namen Christi folterte, – Christi, dem nur ein -freiwilliger Jünger lieb war, nicht aber ein abgekaufter -oder durch Furcht gezwungener. Und der Katholizismus -verkaufte Christus, als er die Jesuiten segnete -und ihren Wahlspruch „Der Zweck heiligt das Mittel“ -guthieß. Die ganze christliche Lehre hat er ja nur zum -Erwerb irdischen Gutes und zur Erlangung der erträumten -Herrschaft über die ganze Welt benutzt. Als -die katholische Menschheit sich von jenem Ungeheuer, -als das ihnen Christus zu guter Letzt gezeigt wurde, -abwandte, da tauchen denn – nach einer Reihe von -Jahrhunderten der Proteste und Reformationen – zu -Anfang des jetzigen Jahrhunderts Versuche auf, sich -<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a> -ohne Gott und Christus einzurichten. Doch ohne den -Instinkt der Bienen und Ameisen zu haben, die sich -fehlerlos ihre Stöcke und Ameisenhaufen schaffen, -wollten auch die Menschen sich in der Art der Ameisen -von neuem einrichten. Sie verstießen die von Gott -herkommende und durch die Offenbarung dem Menschen -verkündete einzige Formel seiner Rettung: „Liebe -deinen Nächsten als dich selbst“, und ersetzten sie durch -praktische Folgerungen von der Art des „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Chacun pour -soi et Dieu pour tous</span>“, oder durch wissenschaftliche -Axiome von der Art des „Kampf ums Dasein“. Da -die Menschen den Instinkt der Tiere, der diese lehrt, -ihren Staat fehlerlos einzurichten, nicht haben, verließen -sie sich stolz auf die Wissenschaft, – wobei sie natürlich -ganz vergaßen, daß die Wissenschaft einer solchen Tat, -wie es die Schaffung der Gleichheit wäre, noch -längst nicht gewachsen ist, ja, im Verhältnis zu ihr -gleichsam noch in den Windeln liegt. Man baute -Luftschlösser. Der zukünftige Turm von Babel wurde -einerseits zum Ideal und andererseits zum Schreckgespenst -der Menschheit. Doch nach den Träumern -kamen bald andere Lehrer, die einfach und allen verständlich -ungefähr folgendes predigten: „Zuerst die -Reichen plündern, die Welt mit Blut überschwemmen, -dann aber <em>wird alles schon von selbst -irgendwie von neuem entstehen</em>!“ Schließlich -ging man noch weiter: es kam die Lehre vom -Anarchismus. Wenn dieser sich einmal verwirklichen -könnte, dann würde bestimmt wieder eine Periode der -Menschenfresserei eintreten, und die Menschen wären -gezwungen, alles von neuem zu beginnen, wie vor zehntausend -<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a> -Jahren. Der Katholizismus begreift das -alles vorzüglich und wird es verstehen, die Führer des -unterirdischen Kampfes für sich zu gewinnen. Er -wird ihnen sagen: „Ihr habt kein Zentrum, keine -Ordnung in der Führung eurer Sache, ihr seid eine -über die ganze Welt verbreitete, aber zerstückelte Kraft -und seid jetzt durch den Fall Frankreichs sogar völlig -haltlos. Ich werde euch vereinigen und euch auch -alle diejenigen noch zuführen, die an mich glauben.“ -Wie es auch kommen mag: eine Einigung wird jedenfalls -stattfinden. Der Katholizismus will nicht sterben; -eine soziale Revolution jedoch, eine neue soziale -Periode, stehen Europa sicher bevor: diese zwei, wenn -auch verschiedenen, Kräfte werden sich unbedingt vereinigen, -die zwei Strömungen werden ineinanderfließen -müssen. Selbstverständlich wäre für den Katholizismus -Zerstörung, Blutvergießen, Plünderung, ja selbst die -Menschenfresserei sehr vorteilhaft. Kann er doch -hoffen, gerade dann im trüben Wasser noch einmal -seinen Fisch zu fangen: im rechten Augenblick, wenn -die gequälte Menschheit sich ihm wieder in die Arme -wirft, von neuem der „unumschränkte Alleinherrscher -und die einzige Autorität dieser Welt“ zu werden und -somit endgültig sein Ziel zu erreichen. Dieses Zukunftsbild -ist leider – keine Phantasie. Ich bin fest -überzeugt, daß es im Westen schon von vielen gesehen -wird, und wahrscheinlich sieht man es auch in Deutschland. -Doch die Führer des deutschen Volkes täuschen -sich bloß in einem: in der Leichtigkeit, die beiden furchtbaren -und dann bereits vereinten Feinde zu besiegen. -Sie hoffen auf die Kraft des erneuten Deutschland, -<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a> -auf seinen protestantischen, gegen das alte und neue -Rom, gegen Roms Grundsätze und deren <em>Folgen</em> -protestierenden Geist. Doch nicht sie werden das Ungeheuer -zum Stehen bringen: stellen und besiegen wird -es nur der wiedervereinte Osten durch das neue Wort, -das er der Menschheit bringen wird. -</p> - -<p> -In <em>jedem Fall</em> aber ist eines klar: Deutschland -hat uns sogar weit <em>nötiger</em>, als wir denken. -Denn Deutschland braucht uns nicht zu einem zeitweiligen -politischen, sondern zu einem <em>ewigen</em> Bündnis. -Die Idee des wiedervereinten Deutschland ist -groß und stolz und reicht hinab bis in die Tiefe der -Jahrhunderte. Doch was will denn Deutschland mit -uns teilen? Die ganze westliche Menschheit ist sein -Objekt, die ganze westliche Welt Europas hat es für -sich bestimmt: statt der römischen und romanischen Idee -soll hier die germanische die Führung übernehmen. -Uns aber, Rußland, überläßt es den Osten. Zwei -großen Völkern, uns und ihm, ist es bestimmt, das -Angesicht der ganzen Welt zu verändern. Das ist kein -menschliches Hirngespinst, das ist kein menschlicher -Ehrgeiz, der sich das erdacht: so setzt sich die Welt -selbst auseinander. Neue und sonderbare Fakta tauchen -auf und bestätigen es von Tag zu Tag. Als man bei -uns vom Besitze Konstantinopels noch nicht einmal zu -träumen wagte, sprachen die deutschen Zeitungen von -der Besetzung Konstantinopels durch uns Russen schon -wie von einer ganz selbstverständlichen Sache. Das -ist beinahe sonderbar im Vergleich zu den früheren Beziehungen -Deutschlands zu uns. Man kann annehmen, -daß die Freundschaft Rußlands zu Deutschland aufrichtig -<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a> -und stark ist, und daß diese Freundschaft mehr -und mehr im Volksbewußtsein beider Nationen erstarken -wird. Infolgedessen aber ist für Rußland noch -keine Zeit zur endgültigen Entscheidung der Orientfrage -so günstig gewesen wie gerade die gegenwärtige. -In Deutschland wartet man auf die Beendung des -Krieges vielleicht noch ungeduldiger als bei uns. Und -doch kann man jetzt noch nichts voraussagen, und wäre -es auch nur auf drei Monate. Werden wir den Krieg -noch vor den letzten und schicksalsschweren Umwälzungen -in Europa beenden? Alles dies ist noch ungewiß. -Doch ob wir Deutschland noch werden zu Hilfe -eilen können oder nicht, jedenfalls rechnet Deutschland -auf uns nicht als zeitweiligen, sondern als <em>ewigen</em> -Bundesgenossen. Was aber die Gegenwart anbetrifft, -so kann man nur sagen, daß der Schlüssel zur Katastrophe -in Frankreich und in der Wahl des neuen -Papstes liegt. So kann denn der jetzt schon so gut -wie sichere Zusammenstoß Deutschlands mit Frankreich -bald erfolgen, besonders da England sich die größte -Mühe gibt, sie aufeinander zu hetzen, und dann auch -Österreich das Seine dazu beitragen wird ... -</p> - -<p> -Auf jeden Fall muß Rußland diesen günstigen -Augenblick benutzen, denn wir wissen nicht, wie lange -er noch währen wird. Solange die jetzigen großen -Führer Deutschlands noch am Ruder sind, ist die Zeit -für uns wahrscheinlich am günstigsten ... -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="part-7"> -<a id="page-491" class="pagenum" title="491"></a> -<span class="firstline">Vierter Teil.</span><br /> -Asien -</h2> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="chapter-7-1"> -<a id="page-493" class="pagenum" title="493"></a> -Die Asienfrage -</h3> - -</div> - -<h4 class="section" id="subchap-7-1-1"> -<span class="firstline">Was ist Asien für uns?</span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">eok-Tepe,</span> die Festung der Achal Teke, ist erstürmt! -Die Tekinzen sind geschlagen, und wenn sie sich uns -auch noch nicht ganz unterworfen haben, so ist doch -unser Sieg gewiß!<a class="fnote" href="#footnote-50" id="fnote-50">[50]</a> -</p> - -<p> -Die Gesellschaft und die Presse sind wieder einmal -stolz ... Doch wie lange ist es denn her, daß sich -diese wie jene noch vollkommen gleichgültig zu unseren -transkaspischen Angelegenheiten verhielten? War das -nicht, wenn ich mich recht erinnere, noch vor kurzem, -noch nach dem ersten Mißerfolge General Lomakins, -und sogar noch zu Anfang der Vorbereitungen zum -zweiten Angriff? -</p> - -<p> -„Was suchen wir dort, was schert uns dieses -Asien?“ hieß es damals. „Wieviel Geld ist dafür verschwendet -worden, während bei uns Hungersnot und -Diphtheritis herrschen und Schulen gebaut werden -müssen!“ -</p> - -<p> -Natürlich waren längst nicht alle derselben Meinung -– o nein! Doch trotzdem laßt es sich nicht -leugnen, daß es eine Zeit gab, in der sich sogar sehr -viele zu unserer Offensivpolitik in Asien feindselig verhielten. -Allerdings trug die Ungewißheit der unternommenen -Expedition manches zu dieser Feindseligkeit -bei. Aber trotz alledem kann man nicht sagen, daß -<a id="page-494" class="pagenum" title="494"></a> -unsere Gesellschaft sich unserer Mission in Asien klar -bewußt sei, noch dessen, was Asien überhaupt für uns -bedeutet oder in Zukunft bedeuten wird. Die meisten -europäischen Russen sehen auf unser russisches Asien -– auch Sibirien einbegriffen – immer noch wie auf -irgendein Anhängsel, an das man am liebsten überhaupt -nicht denkt. „Wir sind Europäer,“ heißt es, -„was sollen wir in Asien machen?“ oder: „Ach, dieses -ewige Asien! Wir können ja nicht einmal in Europa -Ordnung schaffen, da lädt man uns nun zum Überfluß -auch noch Asien auf den Hals! Ach was, – -schütteln wir es einfach ab!“ Diese Auffassung wird -selbst jetzt noch von unseren „Klugen“ geteilt (die haben -sie natürlich nur von ihrem allzu großen Verstande) ... -</p> - -<p> -Der Sieg Skobeleffs wird in ganz Asien, selbst in -seinen weltfernsten Winkeln, Widerhall finden. „Also -hat sich wieder ein wildes und stolzes mohammedanisches -Volk dem weißen Zaren unterworfen,“ werden -jetzt die asiatischen Völker denken. Möge das Echo -unseres Sieges über ganz Asien hallen, bis nach Indien -hin! Möge es in diesen Millionen von Menschen den -Glauben an die Unbesiegbarkeit des weißen Zaren verstärken! -Auf diesem Wege können wir nicht mehr -stehenbleiben. Diese Völker können ihre Chans und -Emire behalten, in ihrer Phantasie mag England, -dessen Macht sie in Erstaunen setzt, als drohende Wolke -fortbestehen, – doch der Name des weißen Zaren muß -über den Chans und Emiren stehen, muß über dem -der Kaiserin von Indien leuchten, ja sogar über dem -des Kalifen. Der weiße Zar ist Zar auch des Kalifen. -Diese und keine andere Überzeugung muß dort Wurzel -<a id="page-495" class="pagenum" title="495"></a> -schlagen! Und das geschieht ja auch schon von Jahr -zu Jahr immer mehr, und das ist es, was not tut, -denn es bereitet die Zukunft vor und gewöhnt jene -Völker an das Unvermeidliche. -</p> - -<p> -„Was für eine Zukunft? Worin besteht die Notwendigkeit, -Asien uns einzuverleiben? Was sollen wir -denn in Asien tun?“ -</p> - -<p> -„Es ist eine Notwendigkeit, weil Rußland nicht -nur in Europa liegt, sondern auch in Asien, weil der -Russe nicht nur Europäer, sondern auch Asiate ist. Weil -in Asien vielleicht noch mehr unserer Hoffnungen -liegen als in Europa. Und das ist noch nicht alles: -in unserem zukünftigen Schicksal wird gerade Asien -unser Ausweg sein!“ -</p> - -<p> -Ich fühle schon im voraus den Unwillen, mit dem -viele meine rückständige Anschauung lesen werden; – -für mich aber ist das Gesagte bereits ein Axiom. Ja, -wenn es eine wichtige kranke Wurzel bei uns gibt, eine, -die man um jeden Preis heilen muß, so ist das gerade -unsre Auffassung von Asien. Wir müssen die knechtische -Furcht, Europa könnte uns asiatische Barbaren nennen -und von uns sagen, wir seien überhaupt noch nicht -Europäer geworden, doch endlich einmal überwinden. -Diese Angst vor der „Schande“, Europa könnte uns -vielleicht doch für Asiaten halten, verfolgt uns ja fast -schon zweihundert Jahre lang. Doch in diesem neunzehnten -Jahrhundert hat diese Scham sich in uns noch -ganz besonders verstärkt: sie ist beinahe schon in Panik -ausgeartet. Diese falsche Scham und falsche Selbstbeurteilung, -wenn wir uns ausschließlich für Europäer halten -und nicht auch für Asiaten (die zu sein wir nie -<a id="page-496" class="pagenum" title="496"></a> -aufgehört haben), sind uns in diesen letzten zwei Jahrhunderten -teuer, sehr teuer zu stehen gekommen: wir -haben ihretwegen unsere geistige Selbständigkeit eingebüßt -und sie mit unserer mißlungenen europäischen -Politik bezahlt, und schließlich noch mit Geld, und -Geld, und Geld, das, Gott weiß wieviel, dafür verschwendet -worden ist, nur um Europa zu beweisen, daß -wir ausschließlich Europäer seien und keineswegs -Asiaten ... Aber der Vorstoß Peters nach Europa ist -denn doch zu stark gewesen, wenn er am Anfang auch -notwendig und erlösend war, und so tragen eigentlich -nicht wir die Schuld an unserer schiefen Stellung. -Was haben wir nicht alles getan, damit Europa uns -als die <em>Seinigen</em> anerkenne, als Europäer, als -<em>Nur</em>-Europäer und <em>Nicht-Tataren</em>! Allstündlich -und unermüdlich sind wir hingelaufen und -haben uns immer wieder aufdringlich angeboten. Bald -haben wir Europa durch unsere Kraft erschreckt, unsere -Heere hingeschickt, um die „Könige zu retten“; bald -wiederum haben wir uns vor ihm gebeugt und geschworen, -unsere einzige Aufgabe sei, nur ihm, Europa, -zu dienen und es glücklich zu machen! Als wir 1812 -Napoleon vertrieben hatten, versöhnten wir uns nachher -nicht mit ihm, wie es damals einige kluge und -einsichtsvolle Russen rieten und wünschten, sondern -rückten in geschlossenen Reihen weiter, um Europa zu -beglücken, da wir es nun einmal von dem großen -Thronräuber befreit hatten. Das gab natürlich ein -schönes Bild ab: auf der einen Seite stand der Despot -und Räuber, auf der anderen – der Friedensstifter -und Befreier. Doch unser politisches Glück lag damals -<a id="page-497" class="pagenum" title="497"></a> -durchaus nicht in diesem Bilde, sondern wäre -anderswo zu finden gewesen. Dieser Räuber war -nämlich gerade zu der Zeit, zum ersten Male während -seiner ganzen Laufbahn, in einer solchen Lage, daß er -sich aufrichtig und fest mit uns verbündet haben würde. -Unter der Bedingung, ihn in Europa nicht zu stören, -hätte er uns den Orient überlassen, und unsere heutige -Orientfrage – das Unglück und das drohende Gewitter -unserer Gegenwart und Zukunft – wäre jetzt -schon längst abgetan. Der Usurpator hat es später -selbst gesagt und hat bestimmt nicht nachträglich gelogen; -denn er hätte wahrlich nichts Klügeres tun -können, als auch hinfort mit uns verbündet zu bleiben, -– unter der Bedingung, wie gesagt, daß wir für den -Osten ihm den Westen überließen. Die europäischen -Völker waren damals noch viel zu schwach, um uns -im Orient zu stören; selbst England hätte es nicht gekonnt. -Napoleon wäre später vielleicht gestürzt oder, -wenn nicht er, dann nach seinem Tode seine Dynastie; -der Orient aber wäre uns verblieben, und wir hätten -jetzt das Meer und könnten England auch zur See -entgegentreten. Wir aber gaben alles hin für dieses -schöne lebende Bild! Und was war die Folge? Alle -diese von uns befreiten Völker blickten sofort, noch bevor -sie Napoleon gänzlich geschlagen hatten, mißgünstig -und mit den gehässigsten Verdächtigungen auf -uns. Auf den Kongressen verbündeten sie sich alle -gegen uns und nahmen alles für sich, uns aber ließen -sie nichts, und außerdem zwangen sie uns noch zu Versprechungen, -die für Rußland selbst nur nachteilig -waren. Und trotz dieser erhaltenen Lehre, – was -<a id="page-498" class="pagenum" title="498"></a> -haben wir in all den folgenden Jahren des Jahrhunderts -und noch bis auf den heutigen Tag getan? -Haben wir nicht zur Verstärkung der deutschen Mächte -noch beigetragen? Haben wir nicht ihre Kraft so anwachsen -lassen, daß sie jetzt vielleicht mächtiger sind -als wir selbst? Es ist wirklich nicht übertrieben, wenn -man sagt, daß wir ihr Wachstum und ihre Stärke gefördert -haben. Sind wir nicht auf ihren Ruf hingegangen, -um ihre Zwietracht beizulegen, haben wir -nicht ihren Rücken geschützt, wenn ihnen Gefahr drohte? -Und siehe – waren es nicht gerade sie, die uns in den -Rücken fielen, als <em>uns</em> Gefahr drohte, und wollten sie -uns nicht in den Rücken fallen, als eine andere Gefahr -sich uns näherte? Und die Folge ist, daß jetzt jeder -in Europa, jede Rasse, jede Nation einen Stein für -uns in der Tasche bereit hält und nur auf den ersten -Anlaß wartet, um ihn auf uns zu schleudern. Was -haben wir also von den Europäern dadurch erworben, -daß wir ihnen so oft gedient? – Nur ihren Haß! -</p> - -<p> -Warum nur haßt uns Europa so sehr, warum -können die Menschen dort nicht ein für allemal Zutrauen -zu uns fassen und uns glauben, daß wir ihre -Freunde und Diener sind, ihre guten, treuen Diener? -Und daß sogar unsere ganze europäische Bestimmung -nur ist: Europa und seiner Wohlfahrt zu dienen. Oder -wenn das vielleicht auch nicht ganz stimmen sollte, so -haben wir doch das ganze Jahrhundert hindurch danach -gehandelt. Haben wir denn etwas für uns getan, -etwas für uns erstrebt? Alles doch nur für Europa, -immer nur für Europa! ... Nein, sie können -kein Zutrauen zu uns fassen! Warum nicht? – Weil -<a id="page-499" class="pagenum" title="499"></a> -es ihnen unmöglich ist, uns als <em>Ihresgleichen</em> -anzuerkennen. -</p> - -<p> -Niemals und für keinen Preis werden sie es -glauben, daß wir fähig sind, zusammen mit ihnen und -auf ihrer Höhe an der ferneren Entwicklung der Kultur -mitzuwirken. Sie sagen, wir seien unfähig, ihre -Kultur zu begreifen, seien Fremdlinge in Europa, -Namensusurpatoren. Sie nennen uns Diebe, die ihre -Bildung stehlen und sich mit ihren Kleidern schmücken. -Türken und Semiten stehen ihrem Herzen näher als -wir Arier. All dieses hat nun natürlich einen gewichtigen -Grund: wir tragen eine ganz besondere -Idee, eine andere als sie, in die Menschheit – das -ist die Ursache! Und das tun wir – trotz der krampfhaften -Versicherungen unserer „russischen Europäer“ -in Europa, daß es bei uns überhaupt keine besondere -Idee gebe, und es auch weiterhin keine geben werde, -daß Rußland überhaupt nicht fähig sei, eine eigene -Idee zu haben, sondern höchstens nachahmen könne, -und es dabei auch bleiben werde, also beim Nachahmen, -und daß wir keineswegs Asiaten oder Barbaren seien, -sondern durchaus ganz so wie sie – „Europäer“. -Europa jedoch glaubt unseren „russischen Europäern“ -<em>wenigstens dieses eine nicht</em>. Was dies -anbetrifft, so stimmt es in seinen Schlüssen eher mit den -Slawophilen überein, obgleich es die letzteren höchstens -vom Hörensagen kennt, oder selbst das nicht einmal. Diese -Übereinstimmung besteht in folgendem: Europa glaubt, -ganz wie die Slawophilen, daß wir eine „Idee“ haben, -eine eigene, besondere und nicht europäische Idee, und -daß Rußland fähig sei, eine Idee zu haben. Vom -<a id="page-500" class="pagenum" title="500"></a> -Wesen dieser Idee weiß Europa natürlich noch nichts, -– denn wenn es etwas von ihm wüßte, würde es sich -sofort beruhigen, ja sogar freuen. Doch einmal wird -es unsere Idee bestimmt kennen lernen, und zwar -gerade in dem Augenblick, wenn seine kritische Zeit anbricht. -Jetzt jedoch traut uns Europa noch nicht; indem -es uns überhaupt eine Idee zugesteht, fürchtet es -sie bereits. Und schließlich: wir erregen in den Europäern -doch nur Ekel, sogar persönlichen Ekel, obgleich -man dort zuweilen auch höflich gegen uns ist. Man gibt -dort gerne zu, daß die russische Wissenschaft, so jung -sie sei, doch schon mehrere bemerkenswerte Vertreter -aufzuweisen hat, sowie mehrere gute Arbeiten, die sogar -ihrer europäischen Wissenschaft zustatten gekommen -sind. Doch um nichts in der Welt würde uns Europa -jetzt glauben, daß bei uns in Rußland nicht nur -Arbeiter in der Wissenschaft – sogar sehr begabte -– geboren werden können, sondern auch Genies, -Führer der Menschheit, von der Art der europäischen! -Daran werden die Europäer niemals glauben, denn -sie können doch nicht <em>uns</em> Kulturfähigkeit zugestehen, -und von unserer aufsteigenden Idee wissen sie ja noch -nichts. Nach den Tatsachen zu urteilen, haben sie ja -schließlich auch recht; denn ganz gewiß werden wir -weder einen Bacon, noch einen Newton, noch einen Kant -hervorbringen, so lange wir uns nicht „gerade“ auf -den Weg stellen und geistig selbständig werden. Was -das übrige betrifft, so ist es dasselbe – in der Kunst, -wie im Gewerbe: Europa ist bereit, uns zu loben, uns -wie einem braven Jungen den Kopf zu streicheln, doch -als die Seinigen erkennt es uns nicht an, o nein! -<a id="page-501" class="pagenum" title="501"></a> -Dazu verachtet es uns innerlich und äußerlich viel zu -sehr! Es hält uns für niedriger als Menschen, -niedriger als Rasse, und zuweilen flößen wir ihm sogar -Ekel ein, Ekel im allgemeinen – und Ekel im besonderen, -wenn wir uns mit brüderlichen Küssen ihm -an den Hals werfen. -</p> - -<p> -Es ist schwer, sich von dem Fenster nach Europa, -das Peter für uns durchbrochen hat, abzuwenden – das -ist nun einmal unser Verhängnis. Indessen ist aber -Asien ... – Ja, das kann doch tatsächlich unsere -Rettung sein! Wenn sich bei uns nur ein etwas -richtigeres Verständnis für Asien, für diese Idee -„Asien“ durchsetzen würde, welch eine große nationale -Wurzel würde dann gesunden! Asien, unser asiatisches -Rußland –, das ist ja gleichfalls eine unserer kranken -Wurzeln, eine, die man nicht nur pflegen, nein, die -man ganz ausgraben und von neuem pflanzen muß! -Ein Prinzip, ein neues Prinzip, eine neue Anschauung -– das ist es, was uns not tut! -</p> - -<h4 class="section" id="subchap-7-1-2"> -<span class="firstline">Fragen und Antworten</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -„Ja, aber warum denn, wozu?“ höre ich gereizte -Stimmen fragen. „Asien kostet uns sowieso schon viel -verlorenes Geld und ununterbrochen Militär. Und -wo ist denn dort Industrie? Und wo findet man dort -Abnehmer für unsere Waren? Und da verlangen Sie -nun, aus unbekannten Gründen, wir sollen uns auf -ewig von Europa abwenden!“ -</p> - -<p> -„Nicht auf ewig, nur zeitweilig und auch nicht -ganz; wir würden uns doch nicht losreißen können, -<a id="page-502" class="pagenum" title="502"></a> -selbst wenn wir es wollten. Wir dürfen Europa nicht -ganz verlassen. Aber das ist auch durchaus nicht nötig. -Europa ist und bleibt ‚das Land der heiligen Wunder‘ -– wie es der eifrigste Slawophile benannt hat. -Europa ist uns gleichfalls eine Mutter, wir haben viel -von ihr genommen und werden noch vieles von ihr -nehmen, und wir wollen doch nicht undankbar sein. -Ich habe einmal über die; große zukünftige Bedeutung -des russischen Volkes für Europa – meine Überzeugung -– einige Worte im vorigen Jahr zur Puschkinfeier -in Moskau gesagt, und man hat mich dafür -später mit Schmutz und Schimpf beworfen, und sogar -diejenigen haben es getan, die mich damals für meine -Worte umarmten – ganz, als ob ich etwas Schmutziges, -Gemeines begangen hätte, als ich mein Wort sagte. -</p> - -<p> -Doch vielleicht wird man dieses Wort nicht vergessen. -Übrigens, lassen wir das ruhen. Wir haben -nichtsdestoweniger das Recht, für unseren Auszug aus -Ägypten Sorge zu tragen; denn wir selbst haben uns -aus Europa gewissermaßen ein geistiges Ägypten gemacht.“ -</p> - -<p> -„Erlauben Sie mal! Wodurch kann uns denn -Asien selbständig machen? Wir können dort höchstens -asiatisch einschlafen, nicht aber selbständig werden!“ -</p> - -<p> -„Sehen Sie, durch die Wendung nach Asien und -durch unsere neue Auffassung dieses Landes kann mit -uns vielleicht dasselbe geschehen, was zum Beispiel -mit Europa geschah, als Amerika entdeckt wurde. -Denn genau genommen ist Asien für uns dieses selbe -von uns bisher noch nicht entdeckte damalige Amerika. -Mit der Strömung nach Asien wird sich unser Geist -<a id="page-503" class="pagenum" title="503"></a> -wieder erheben und werden sich unsere Kräfte wieder -stärken. Sind wir erst selbständiger geworden, so -werden wir auch sofort wissen, was wir zu tun haben; -in und mit Europa aber haben wir uns in zweihundert -Jahren nur von jeglicher Arbeit entwöhnt und sind zu -Schwätzern und Faulenzern geworden.“ -</p> - -<p> -„Na, wie wollen Sie uns dann bis nach Asien -bringen, wenn wir Faulenzer sind? Und wer wird -denn von uns hingehen, selbst wenn man es so -sicher wie zweimal zwei beweisen könnte, daß dort -unser Glück liegt?“ -</p> - -<p> -„In Europa waren wir aus Gnade und Barmherzigkeit -aufgenommen, waren wir Sklaven; nach -Asien aber kommen wir als Herren. In Europa waren -wir Tataren, in Asien aber sind auch wir Europäer. -Unsere Mission, unsere zivilisatorische Mission in Asien, -wird unseren Geist verlocken und uns dorthin ziehen, -wenn nur erst einmal die Bewegung angefangen hat. -Baut nur zwei Eisenbahnen, beginnt nur mit dem -Bau, – eine nach Sibirien und die andere nach -Mittelasien, und ihr werdet euch von den Folgen -überzeugen können.“ -</p> - -<p> -„Haha, Sie wollen wirklich wenig!“ ist die Antwort, -und man lacht mich aus. „Woher die Mittel -dazu nehmen, und was bringt uns das ein: Unkosten -und Verlust und weiter nichts.“ -</p> - -<p> -„Wenn wir in den letzten fünfundzwanzig Jahren -im ganzen nur drei Millionen jährlich für diese Bahnen -zurückgelegt hätten – und drei Millionen jährlich -gleiten uns so manches Mal für nichts und wieder -nichts aus den Fingern –, so wäre jetzt schon für fünfundsiebzig -<a id="page-504" class="pagenum" title="504"></a> -Millionen Eisenbahn in Asien gebaut, also -ungefähr tausend Werst – mindestens! Sie sprechen -von Verlust. Oh, wenn in Rußland an unserer Stelle -Engländer oder Amerikaner lebten: die würden Ihnen -diesen ‚Verlust‘ schon beweisen! Die hätten schon längst -unser Amerika entdeckt! Wissen Sie auch, daß es dort -Länder gibt, die uns weniger bekannt sind als das -Innere Afrikas? Und wissen wir denn, was für -Reichtümer im Schoße dieser unermeßlichen Länder -verborgen liegen? Oh, die Engländer und Amerikaner, -die würden schon alles hervorkratzen, Metalle und -Mineralien und unzählige Steinkohlenlager, – alles -würden sie finden, alles aufsuchen! Und die würden -auch schon wissen, wie das Material zu gebrauchen -ist, und wozu es sich verwenden läßt. Sie würden die -Wissenschaft hinrufen und die Erde zwingen, fünfzigmal -zu gebären, – diese selbe Erde, von der wir hier -glauben, daß sie eine wie unsere Handfläche nackte -Steppe sei. Zu dem erworbenen Brote würden die -Menschen hinziehen und Gewerbe und Industrie mitbringen. -Und um Abnehmer und den Weg zu ihnen -braucht man sich nicht zu beunruhigen! – die würden -sie auch dort in den Eingeweiden Asiens, wo sie jetzt -noch zu Millionen schlafen, finden – und sie würden -neue Wege zu ihnen bauen!“ -</p> - -<p> -„Wie, Sie singen das Lob der Wissenschaft und -bereden uns doch zur Abwendung von der Wissenschaft -und Bildung, indem Sie uns auffordern, Asiaten zu -werden!?“ -</p> - -<p> -„Aber dort wird ja noch mehr Wissenschaft nötig -sein! – Was sind wir jetzt in der Wissenschaft anderes -<a id="page-505" class="pagenum" title="505"></a> -als Laien und Dilettanten? Dort aber werden wir -Schöpfer sein. Die Not wird uns zwingen zu schaffen -und wird uns zu allem geschickt machen, sobald sich -erst nur ein wenig selbständiger, unternehmender Geist -erhebt! – So werden wir auch in der Wissenschaft -Meister sein und nicht nur ewig verehrende Jünger, -wie wir es bis jetzt sind. Doch das Wichtigste: unsere -zivilisatorische Mission in Asien wird – das unterliegt -keinem Zweifel – vom ersten Schritte an von uns -verstanden werden, und sie wird uns begeistern. Sie -wird unseren Mut erheben, sie wird uns Würde und -Selbstbewußtsein geben – die aber hat jetzt keiner von -uns, oder höchstens wenige nur ein wenig. Der Zug -nach Asien würde außerdem, wenn er bei uns erst einmal -anfangen wollte, für unzählige unruhige Geister -ein Ausweg sein, für alle Sehnsüchtigen, alle Gelangweilten, -alle grundlos Faulen, alle grundlos Müden. -Baut nur einen Abzug für das Wasser, und der -Schimmel und Gestank werden von selbst verschwinden. -Ist aber die Sache erst einmal im Gange, dann wird -sich schon niemand mehr langweilen, alle werden sich -verändern. Sogar mancher Unfähige mit verwundetem, -quälendem Stolz würde dort seine Erlösung finden. -Wie oft haben wir es erlebt – besonders in den europäischen -Kolonien –, daß Menschen, die an einem -Ort die Unfähigkeit selber waren, am anderen sich womöglich -als Genies erwiesen ... Rußland wird deshalb -nicht zur Wüste werden, das braucht ihr wahrlich -nicht zu fürchten. Zuerst werden nur wenige hingehen, -doch bald werden Nachrichten von ihnen zurückkommen -und wieder neue Menschen hinziehen. Und -<a id="page-506" class="pagenum" title="506"></a> -doch wird es in dem russischen Meere unbemerkbar sein. -Zieht die Fliege auf dem Honigseim und richtet ihr ein -wenig die Flügel zurecht! Es wird ja nur ein ganz -geringer Prozentsatz der Bevölkerung hinziehen; man -wird es hier nicht einmal merken, daß wir Asien bevölkern. -Dort aber, – Gott, wie man es dort merken -wird! Wo sich in Asien ein Russe niederläßt, dort -wird auch das Land gleich russisch. Es würde ein -neues Rußland entstehen, ein Rußland, das mit der -Zeit das alte erneuen und ihm seinen Weg weisen und -erklären könnte. Zu all dem gehört aber ein neues -Prinzip und der Entschluß zur Umkehr. Und am allerwenigsten -braucht es dazu großen Lärmes und großer -Erschütterungen. Möge man nur ein wenig begreifen -– aber auch wirklich begreifen –, daß in Zukunft -Asien unser Ausweg sein wird, daß dort unsere Reichtümer -liegen, daß wir dort den Ozean haben. Wenn -in Europa der erniedrigende Kommunismus eingeführt -sein wird, wenn sie sich dort alle zuhauf um einen -Herd versammeln und mit der Zeit die einzelnen Haushaltungen -auflösen und alle in Kommunen leben, wenn -dort die Kinder in Erziehungsanstalten aufwachsen – -drei Viertel von ihnen als Ausgesetzte –, dann wird -bei uns noch überall Weite und Licht sein, Wiesen -und Wälder und weiter Horizont; und unsere Kinder -werden von den eigenen Vätern erzogen werden, nicht -in steinernen Massen, sondern zwischen Gärten und -Saatfeldern, und werden über sich noch den klaren -Himmel schauen. Ja, viele unserer Hoffnungen liegen -dort, und unbegrenzte Möglichkeiten, von denen wir -uns hier überhaupt noch keinen Begriff machen -<a id="page-507" class="pagenum" title="507"></a> -können! Nicht nur Gold allein liegt dort verborgen. -Doch zuerst tut ein neues Prinzip not! Haben wir -erst das, dann werden wir auch das zur Sache nötige -Geld haben. Wozu sollen wir, und besonders jetzt, in -Europa, sagen wir, so viel Gesandtschaften mit so -teuerem Aufwand, mit ihrem feinen Esprit und ihren -noch feineren Diners, mit so zahlreichem, überflüssigem -Personal unterhalten? Und was gehen uns denn – -besonders jetzt – alle Gambettas an und der Papst -samt dem ihn erwartenden Schicksal, und ob er auch -noch so sehr von Bismarck bedrängt wird!? Wäre es -nicht besser, zeitweilig sich diesem Europa ärmer zu -zeigen, sich an den Weg zu setzen und die Kopeken in -die Mütze zu sammeln? – ‚<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">La Russie se recueille</span>‘ -würde es dann heißen – und währenddessen sich zu -Hause zu sammeln, sich innerlich vorzubereiten? ...“ -</p> - -<p> -„Wozu sich denn erniedrigen?“ wird man fragen. -</p> - -<p> -„Das täten wir ja gar nicht, ich habe das mit der -Mütze doch nur allegorisch gemeint. Nein, wir würden -uns nicht erniedrigen, sondern uns mit einem Schlage -erhöhen, ja, so würde es sein! Europa ist schlau und -klug und würde uns sofort durchschauen und, glaubt -mir, würde uns sofort auch achten! Unsere Selbständigkeit -würde zuerst natürlich stutzig machen, doch -würde sie teilweise auch gefallen. Wenn Europa jedoch -sieht, daß wir uns entschlossen haben, uns nach -der Decke zu strecken, und daß auch wir sparsam zu sein -verstehen und unseren Rubel selbst hüten und schätzen -und ihn nicht mehr aus Papier machen, so wird auch -Europa unseren Rubel auf seinen Märkten sofort -höher bewerten. Und wenn die Europäer gar sehen, -<a id="page-508" class="pagenum" title="508"></a> -daß wir selbst Defizite und Bankerotte nicht fürchten, -vielmehr unentwegt auf unser festes Ziel zuschreiten, -so werden sie von selbst zu uns kommen, um uns ihr -Geld anzubieten, – und sie werden es dann wie ernsten -Menschen anbieten, wie Leuten, die ihre Sache gelernt -haben und schon wissen, wie man etwas anfassen -muß ...“ -</p> - -<p> -„Erlauben Sie ...“ unterbricht mich eine Stimme, -„Sie sprachen da von Gambetta. Wir können doch -unmöglich dort alles im Stich lassen! Nehmen wir -allein die Orientfrage: die bleibt doch bestehen, und -wie sollen wir sie denn nun plötzlich aufgeben?“ -</p> - -<p> -„In betreff der Orientfrage würde ich jetzt, in -unserer Zeit, folgendes sagen: so, wie die Dinge heute -nun einmal liegen, findet sich in den politischen -Sphären vielleicht kein einziger, der es als selbstverständlich -zugeben würde, daß Konstantinopel unser -werden muß – außer vielleicht in ferner, dunkler Zukunft -einmal. Worauf sollen wir also noch warten? -Das ganze Wesen der Orientfrage ist augenblicklich -im Bündnis Deutschlands mit Österreich enthalten, -und außerdem noch in der türkischen Beute, die Österreich -mit Bismarcks Genehmigung einstecken will. -Wir können und werden natürlich dagegen protestieren, -in irgendeinem, sagen wir, äußersten Fall; doch so -lange, wie diese beiden Nationen zusammen sind, – -was können wir da ohne große Gefahr für uns tun? -Und eines nicht zu vergessen: die Verbündeten warten -vielleicht nur darauf, daß wir endlich in Zorn geraten. -Die slawischen Völker können wir wie immer beschützen -und lieben, und wenn es nottut, können wir ihnen auch, -<a id="page-509" class="pagenum" title="509"></a> -so viel wie in unseren Kräften steht, helfen. Zudem -werden sie in nächster Zeit wohl nicht allzu große Gefahr -laufen, unterzugehen. Und wer weiß, ob diesem -Zustande nicht sowieso bald ein Ende bereitet wird? -Wenn wir zeigen, daß wir nicht mehr Lust haben, uns -wie früher in Europa einzumischen, so werden sie sich -dort, ohne uns, alle wahrscheinlich noch früher in den -Haaren liegen. Denn nie und nimmer wird Österreich -glauben, daß Deutschland es einzig wegen seiner -schönen Augen dermaßen liebgewonnen habe. Es weiß -sogar ganz genau, daß Deutschland zu guter Letzt doch -die österreichischen Deutschen sich einstecken will. Österreich -jedoch wird um nichts in der Welt auf seine -Deutschen verzichten wollen, bewahre! – selbst dann -nicht, wenn man ihm als Ersatz für sie Konstantinopel -geben würde, – dermaßen hoch schätzt es sie! Somit -wäre Grund zum Streit bereits genügend vorhanden. -Und dann haben unsere Nachbarn immer noch diese -unentschiedene französische Frage zu bewältigen, die -jetzt für Deutschland vielleicht schon zur ‚ewigen‘ geworden -ist. Und dann kann es noch geschehen, daß -sich plötzlich selbst die ganze Einigung Deutschlands -als nicht nur unvollendet erweist, sondern tatsächlich -ins Wanken gerät. Und dann könnte es sich womöglich -noch erweisen, daß der europäische Sozialismus immer -drohender wird. Kurz, wir brauchen nur abzuwarten -und uns nicht einzumischen, auch nicht, wenn sie uns -rufen, und dann – wenn dort der Streit ausbricht -und ihr ‚politisches Gleichgewicht‘ erzittert – dann -mit einem Schlage auch unsere ganze Orientfrage -erledigen, den richtigen Augenblick wählen und einfach -<a id="page-510" class="pagenum" title="510"></a> -erklären: ‚Wir wollen die österreichischen Aneignungen -in der Türkei nicht anerkennen‘, und die -Aneignungen werden verschwinden, vielleicht sogar -mit Österreich zusammen ... -</p> - -<p> -Nun, und dann werden wir schon wieder einholen, -was wir zeitweilig scheinbar versäumt haben ...“ -</p> - -<p> -„Aber England? Sie vergessen England? Unser -Zug nach Asien würde es fraglos sofort beunruhigen.“ -</p> - -<p> -„‚Wer England fürchtet, – der bleibe zu Haus‘ -könnte auch ein Sprichwort sein. Und was würde denn -England so besonders beunruhigen? Was unsere Absichten -für die Zukunft betrifft, so erwartet es von uns -doch sowieso das Allerschlimmste. Wenn es dagegen -den wahren Charakter unserer Absichten in Asien begriffe, -würde es wahrscheinlich viele seiner Befürchtungen -aufgeben ... Übrigens, ich gebe zu, daß es sie -nicht aufgeben würde. Doch wie gesagt: ‚wer England -fürchtet, – der bleibe zu Haus!‘ Und darum -nochmals: Es lebe der Sieg von Geok-Tepe! Hoch -Skobeleff und seine Soldaten! Und ewiger Ruhm den -Helden, die dort gefallen sind!“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="footnotes" id="part-8"> -Fußnoten -</h2> - -</div> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Tag des Attentats auf den Zaren Alexander II. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Peter der Große. Ausdruck Puschkins. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im September 1873. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Henri von Bourbon, Graf von Chambord, letzter Sproß -der älteren bourbonischen Linie, geb. 1820, gest. 1883, Prätendent -auf den französischen Thron nach dem Sturz Napoleons III. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Französischer klerikaler Schriftsteller, seit 1848 Chefredakteur -des „Univers“, dem obiges Zitat entnommen ist. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-6" id="footnote-6">[6]</a> Der Graf von Chambord hatte dadurch, daß er die Gewährleistung -einer Verfassung ablehnte, selbst seine Thronbesteigung -unmöglich gemacht. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-7" id="footnote-7">[7]</a> Auf das Schreiben Pius’ IX. an Wilhelm I., in dem der -erstere in den Kulturkampf eingreifen wollte und die ganze Christenheit -für sich in Anspruch nahm, hatte letzterer bekanntlich geantwortet, -er lehne als Protestant im Namen seiner Vorfahren und dem des -größten Teiles seiner Untertanen jegliche Einmischung des Papstes -als Anmaßung ab. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-8" id="footnote-8">[8]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im März 1876. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-9" id="footnote-9">[9]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1877. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-10" id="footnote-10">[10]</a> Gemeint sind die Kämpfe der Balkanslawen gegen die Türkei -im Jahre 1876, die unter begeisterter Anteilnahme des ganzen -russischen Volkes geschahen und im Jahre 1877 dann auch um -Eingreifen Rußlands und zum Ausbruch des Russisch-Türkischen Krieges -führten. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-11" id="footnote-11">[11]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im Mai 1877. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-12" id="footnote-12">[12]</a> Im Original gesperrt gedruckt. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-13" id="footnote-13">[13]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-14" id="footnote-14">[14]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-15" id="footnote-15">[15]</a> vgl. <a href="#page-88">S. 88</a> Forts. „<a href="#HEER">Das schwarze Heer.</a>“ <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-16" id="footnote-16">[16]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-17" id="footnote-17">[17]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im Februar 1876. -<span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-18" id="footnote-18">[18]</a> Russischer Mönch, lebte im 12. Jahrhundert in Kiew, Begründer -des russischen Mönchtums, Verfasser von Predigten. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-19" id="footnote-19">[19]</a> Russischer Bischof, Zeitgenosse Peters des Großen, dessen -Reformen er billigte, gleichfalls Verfasser von Predigten, die im -russischen Volke sehr beliebt sind. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-20" id="footnote-20">[20]</a> Von Dostojewski im April 1876 veröffentlicht, als die -Möglichkeit eines neuen russisch-türkischen Krieges zum ersten Male -festere Gestalt annahm. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-21" id="footnote-21">[21]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im Juni 1876. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-22" id="footnote-22">[22]</a> Kritiker (1811 bis 1848). Bahnbrecher einer westeuropäisch, -atheistisch und sozialistisch gefärbten russischen Literatur- und Gesellschaftsauffassung. -<span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-23" id="footnote-23">[23]</a> Großfürst von Moskau (von 1462 bis 1505), heiratete 1472 -Sophie Paläolog, die letzte byzantinische Prinzessin. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-24" id="footnote-24">[24]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1877. -<span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-25" id="footnote-25">[25]</a> Russischer General, kämpfte 1876 mit den Serben unglücklich -gegen die Türken. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-26" id="footnote-26">[26]</a> 1675–1826, Historiker und Schriftsteller. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-27" id="footnote-27">[27]</a> Held eines sehr bekannten Romanes von Turgenjeff. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-28" id="footnote-28">[28]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im Februar 1877. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-29" id="footnote-29">[29]</a> Gestalt in einem Gedicht von Nekrassoff. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-30" id="footnote-30">[30]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im Mai 1877. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-31" id="footnote-31">[31]</a> Karamsin schrieb damals seine „Briefe eines russischen -Reisenden“. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-32" id="footnote-32">[32]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im Oktober 1877. -<span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-33" id="footnote-33">[33]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1881. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-34" id="footnote-34">[34]</a> Anspielung auf die russischen Westler und einen ihrer -damaligen Lieblingsaufenthaltsorte. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-35" id="footnote-35">[35]</a> Stundisten = lutheranisierende Sekte im Süden Rußlands, -wo die protestantischen Pastoren der deutschen Kolonisten für die -russischen Bauern „Bibelstunden“ eingeführt hatten. Daher die -Benennung „Stundisten“. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-36" id="footnote-36">[36]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1881. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-37" id="footnote-37">[37]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im März 1877. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-38" id="footnote-38">[38]</a> Die Grundidee der Bourgeoisie, die am Ende des vorigen -Jahrhunderts die frühere Weltanschauung ersetzt hat und jetzt zur -Hauptidee unseres Jahrhunderts in der ganzen europäischen Welt -geworden ist. <span class="ekr">Anmerkung von F. M. Dostojewski.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-39" id="footnote-39">[39]</a> In Rußland wird das zu einem Dorf gehörige Land von -der Dorfbewohnerschaft gemeinsam zu gemeinsamem Nutzen bearbeitet. -<span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-40" id="footnote-40">[40]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im Juli 1876. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-41" id="footnote-41">[41]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im März 1877. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-42" id="footnote-42">[42]</a> Siehe den Aufsatz „<a href="#UTOPISCHE">Utopische Geschichtsauffassung</a>“. <a href="#page-191">Seite 191</a>. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-43" id="footnote-43">[43]</a> Im Jahre 1483 durch Iwan III., Großfürsten von Moskau. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-44" id="footnote-44">[44]</a> Die Lichtgestalt unter den Helden der russischen Volkssagen. -<span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-45" id="footnote-45">[45]</a> Gemeint ist der Krimkrieg (1853–1856), dessen Veranlassung -die Weigerung des Sultans war, Rußland als Protektor -der griechischen Kirche in der Türkei anzuerkennen. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-46" id="footnote-46">[46]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im April 1877. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-47" id="footnote-47">[47]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-48" id="footnote-48">[48]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im September 1877. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-49" id="footnote-49">[49]</a> 1822–1885. Slawophiler Schriftsteller. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-50" id="footnote-50">[50]</a> Von Dostojewski veröffentlicht im Januar 1881 gelegentlich -der Siege Skobeleffs in Mittelasien. <span class="ekr">E. K. R.</span> -</p> - -<div class="trnote chapter"> -<p class="transnote"> -Anmerkungen zur Transkription -</p> - -<p> -Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung -der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren -Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde -transkribiert nach: -</p> - -<p class="nowrap center"> -F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.<br /> -Zweite Abteilung: Dreizehnter Band<br /> -Politische Schriften<br /> -R. Piper & Co. Verlag, München, 1917.<br /> -Zweite Auflage<br /> -3. bis 5. Tausend -</p> - -<p class="skip_in_txt"> -Das Cover wurde von den Bearbeitern den ursprünglichen -Bucheinbänden nachempfunden und der <em>public domain</em> zur Verfügung gestellt. -</p> - -<p> -Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ -vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen -Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. -sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt. -</p> - -<p> -Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. -</p> - -<p> -Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Bandes verschoben. -Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert. -</p> - -<p> -Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“) -eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen -wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen. -</p> - -<p> -Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: -Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. -Die Schreibweise häufig vorkommender Namen -wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern): -</p> - -<p class="list"> -Mac-Mahon (Mac Mahon) -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des -russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - - - -<ul> - -<li> -... in diesem Gegenstand eurer Liebe <span class="underline">ein</span> Lüge, irgend ...<br /> -... in diesem Gegenstand eurer Liebe <a href="#corr-12"><span class="underline">eine</span></a> Lüge, irgend ...<br /> -</li> - -<li> -... Blick, <span class="underline">lächte</span> darauf ein wenig ironisch, zuckte die ...<br /> -... Blick, <a href="#corr-14"><span class="underline">lächelte</span></a> darauf ein wenig ironisch, zuckte die ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SÄMTLICHE WERKE 13: POLITISCHE SCHRIFTEN</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for -copies of this eBook, complying with the trademark license is very -easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation -of derivative works, reports, performances and research. Project -Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may -do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected -by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™ -electronic works. See paragraph 1.E below. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the -Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. 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The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg™ License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg™ work (any work -on which the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the -phrase “Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: -</div> - -<blockquote> - <div style='display:block; margin:1em 0'> - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most - other parts of the world at no cost and with almost no restrictions - whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms - of the Project Gutenberg License included with this eBook or online - at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/67241-h/images/cover.jpg b/old/67241-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1a52e54..0000000 --- a/old/67241-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67241-h/images/logo.jpg b/old/67241-h/images/logo.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e569b5e..0000000 --- a/old/67241-h/images/logo.jpg +++ /dev/null |
